Worte des Verfassers
Vor etwa anderthalb Jahrzehnten wurde mir die Aufgabe übertragen, eine Geschichte der Muslime Bengalens zu schreiben. Vorgesehen war, die Geschichte dieser langen Epoche vom ersten Auftreten der Muslime in Bengalen bis zur Teilung Indiens im Jahr 1947 zu verfassen. Insbesondere wurde mir aufgetragen, anhand zuverlässiger Informationen in der Geschichte darzulegen, wie sich die britische Regierung und die Hindus gegenüber den Muslimen verhielten, nachdem die Briten die Herrschaft übernommen hatten. Nachdem ich die Geschichte bis zum Government of India Act von 1935 geschrieben hatte, fand ich überhaupt keine Muße mehr, die Feder erneut zu ergreifen. Da ich kürzlich die Arbeit an der Geschichte, in die ich mehrere Jahre Mühe und Anstrengung investiert habe, abschließen konnte, spreche ich Allah, dem Erhabenen, unzähligen Dank aus.
In dieser Geschichte habe ich an keiner Stelle auch nur die geringste Unwahrheit, selbst erdachte Behauptung oder Übertreibung geäußert. Sie mag für viele bitter sein, doch ich habe mich von Anfang bis Ende bemüht, ausschließlich wahre Ereignisse niederzuschreiben.
Da ich ein hingebungsvoller Geschichtsstudent war, entwickelte sich schon damals in mir der Drang, die wahre Geschichte zu erfahren und niederzuschreiben. Als Student im vierten Jahr des B.A. am Carmichael College in Rangpur verfasste ich auf Englisch einen Forschungsaufsatz über Akbar und Aurangzeb. Trotz einiger Widerstände und Hindernisse wurde der Aufsatz in der Hochschulzeitschrift veröffentlicht.
Nach Abschluss meines Studiums vergingen fünfundzwanzig Jahre meines Lebens im Staats- und Privatdienst. Jede Möglichkeit, eine Forschungsarbeit zur Geschichte zu verfassen, blieb mir vollständig versagt. Stattdessen begann ich sogar, die Geschichte zu vergessen. Bei der Erfüllung der mir vor anderthalb Jahrzehnten übertragenen Aufgabe erhielt ich die Gelegenheit, mich erneut mit Geschichte zu beschäftigen.
Die Geschichte verleiht einer Nation Lebenskraft. Will man eine Nation vernichten, muss man sie ihre Geschichte vergessen lassen oder diese entstellen und verfälscht darstellen. Wenn ein sogenannter Muslim keine Gelegenheit erhält, ein richtiges Verständnis des Islam zu erlangen, und über die Vergangenheit seiner Nation unwissend ist, werden aus seinem Mund muslim- und islamfeindliche Äußerungen hervorgehen, bei denen ein Nichtmuslim lange zögern würde, sie auszusprechen. Die Zahl solcher maßlos unwissenden Muslime nimmt ständig zu, und die Erzfeinde der Muslime empfangen sie mit Blumengirlanden.
Um die Existenz der muslimischen nationalen Identität zu bewahren, ist es unbedingt erforderlich, umfassende Anstrengungen zu unternehmen, um der neuen Generation neben der richtigen Geschichte ihrer Vergangenheit auch ein richtiges Wissen und Verständnis des Islam zu vermitteln. In der Geschichte der Muslime Bengalens werden bei passender Gelegenheit die Grundprinzipien des Islam kurz erörtert. Um die kulturelle Aggression seitens hegemonialer und expansionistischer Kräfte abzuwehren, müssen die Erkenntnisse der Geschichtsbetrachtung und der Wesenskern der islamischen Kultur auf allen Ebenen vermittelt werden.
Das muslimische Leben ist ein durch und durch kämpferisches Leben. Für die Abkehr vom Kampf gibt es im Islam keinen Platz. Daher muss im Kampf gegen die islam- und muslimfeindlichen Kräfte eine Vorreiterrolle übernommen werden. Andernfalls wird die Nation unter dem Joch der Unterdrückung durch ihre Feinde zermalmt und langsam dahinsiechen und sterben.
In „Der Geschichte der Muslime Bengalens“ wird die Geschichte der Unterdrückung und Ungerechtigkeit geschildert, denen die Muslime durch die Hindus etwa zweihundert Jahre lang ausgesetzt waren. Manche mögen die Ereignisse der Vergangenheit als erfunden abtun. Sehen sie denn nicht, was gegenwärtig in Indien geschieht? Fällt ihnen denn nicht auf, dass dort Muslime in den ständig stattfindenden grauenhaften Massakern ausgelöscht werden? Der Bericht der gerichtlichen Untersuchungskommission zu den jüngst in Bombay verübten Unruhen ist veröffentlicht worden. In ihrem Bericht wurde die Polizei dafür verantwortlich gemacht, die Unruhestifter unterstützt zu haben. Auch das diskriminierende Verhalten der Landesregierung und des Ministerpräsidenten wurde kritisiert. Wo gibt es danach im Land der fanatischen Muslimhasser in Indien noch Sicherheit für Leben und Eigentum der Muslime? Vielleicht wird in Zukunft eine wahrheitsgetreue Geschichte dieser Ereignisse verfasst werden.
Es ist zutiefst bedauerlich, dass die neue Generation der Nation als Teil einer Verschwörung völlig unwissend über ihre Geschichte gehalten wurde. Der Geist dieser Verschwörung hatte sich auch den pakistanischen Herrschern der Zeit nach der Teilung fest auf den Nacken gesetzt. Der neuen Generation wurde nichts darüber vermittelt, warum Pakistan entstand, welchen ideologischen Hintergrund es hatte, warum sieben lange Jahre unermüdlich und kompromisslos für die Pakistan-Bewegung gekämpft wurde und warum Millionen von Frauen, Männern und Kindern durch ein Meer von Blut schwimmend in Pakistan Zuflucht gesucht hatten.
Von 1952 bis 1962 musste ich das Amt des Schulleiters einer höheren Schule ausüben. In den damaligen Geschichtsschulbüchern fand sich keinerlei Erwähnung der Geschichte der Pakistan-Bewegung. Dadurch wurde das Fundament Pakistans aus weiteren Gründen zunehmend geschwächt. Die Unzufriedenheit und der Unmut der Bevölkerung gegenüber Pakistan und seinen Herrschern nahmen zu; als Folge davon löste sich der östliche Teil Pakistans ab und trat unter dem Namen unabhängiges Bangladesch in Erscheinung.
In diesem Geschichtswerk wird die neue Generation auf die ruhmreiche Vergangenheit der muslimischen Nation aufmerksam gemacht. Die Geschichte der muslimischen Nation begann nicht zu irgendeinem bestimmten Zeitpunkt und endete auch nicht zu irgendeinem bestimmten Zeitpunkt. Diese Geschichte nahm ihren Anfang mit dem Erscheinen des ersten Menschen auf der Welt, des Propheten Adam (Friede sei mit ihm). Seit jener Zeit ist sie bis heute ununterbrochen weitergegangen, indem sie die Höhen und Tiefen von Zeit, Zeitalter und den jeweiligen Umwelt- und Lebensumständen durchschritten hat, und sie wird weitergehen, solange die Welt besteht. Die Muslime müssen voranschreiten, indem sie aus der Geschichte der Vergangenheit Lehren ziehen.
Für die Abfassung dieser Geschichte habe ich aus den Werken vieler namhafter Historiker Material zusammengetragen. Dafür werde ich ihnen allen auf ewig dankbar bleiben. Da anschließend das Bangladesh Islamic Center die Verantwortung für die Veröffentlichung dieses Buches übernommen hat, spreche ich seinem Direktor, meinem zutiefst verehrten Freund Professor A. K. M. Nazir Ahmad, meinen unendlichen aufrichtigen Dank aus.
Verehrte Leserinnen und Leser, wenn Sie aus diesem Buch etwas an Lehre und islamischer Inspiration gewinnen können, werde ich meine mehrjährigen Bemühungen und Mühen als lohnend betrachten. Möge Allah, der Erhabene, dieses Buch annehmen – Amin.
Dhaka, 15. Dschumādā al-awwal
17. Kartik
1. November 1993.
Der Verfasser
Die Geschichte der Muslime Bengalens
Erstes Kapitel
Die Ankunft der Muslime in Bengalen
Wann die Muslime erstmals nach Bengalen kamen, lässt sich nur äußerst schwer datieren. Zweifellos ist es eine äußerst schwierige Aufgabe, dies aus den verstreuten Schichten der alten Geschichte herauszuarbeiten. Dennoch halte ich es für wünschenswert, dass sich die Geschichtsforscher dieser Aufgabe widmen.
Die Muslime, die damals aus der Außenwelt auf den indischen Subkontinent kamen, lassen sich in zwei Gruppen einteilen. Angehörige der einen Gruppe kamen im Rahmen von Handel und Gewerbe in verschiedene Regionen Indiens und verkündeten dort die erhabene Botschaft des Islam. Einige Awliya, Derwische und Faqih kamen ausschließlich zur Daʿwa und zum Tabligh; sie verbrachten ihr ganzes Leben in diesem großen Werk und starben hier.
Eine weitere Gruppe von Muslimen kam als Eroberer, um das Land im Feldzug zu erobern. Durch ihre Siege erlangten die Muslime dieses Landes politische Etablierung. Bekanntlich kam Muhammad ibn Qasim im Jahr 712 n. Chr. als Eroberer erstmals in die indische Provinz Sindh, und dies war ein großer politischer Sieg des Islam. Sein Sieg blieb nicht auf Sindh beschränkt, sondern breitete sich bis Multan im Punjab aus. Wir werden seine Geschichte an geeigneter Stelle einfügen.
Andererseits mag die Ankunft der Muslime in Bengalen irgendwann in ferner Vergangenheit zu einem glückverheißenden Zeitpunkt erfolgt sein; ihre politische Etablierung jedoch fand im Jahre 600 der Hidschra, also 1203 n. Chr., statt. Zur Zeit des damaligen indischen Kaisers Qutbuddin Aibak errang Muhammad bin Bakhtiyar Khalji, geradezu auf wundersame Weise, seine politische Herrschaft in Bengalen. Die ausführliche Darstellung dieser beiden politischen Siege der Muslime ist auf den Seiten der Geschichte festgehalten. Doch ebenso unbestreitbar ist, dass der Same des Islam in diesem Land schon lange zuvor ausgesät worden war und dass dieser gesäte Same keimte und später die Gestalt eines mächtigen Baumes annahm. Die eigentliche Aufgabe besteht jedoch darin, den Zeitraum dafür zu bestimmen – eine Aufgabe, die jedem forschenden Geschichtsstudenten besonders am Herzen liegen sollte. Versuchen wir einmal, am historischen Horizont nach einem Wegweiser zu suchen.
Vor dem Erscheinen des Islam waren die Araber nicht nur ein barbarisches, streitsüchtiges und blutdürstiges Volk. Vielmehr trieben diejenigen unter ihnen, die vornehm und wohlhabend waren, zum Lebensunterhalt Handel und Gewerbe. Um in ihrem Wüstenland Nahrung und andere alltäglich notwendige Dinge zum Leben zu beschaffen, mussten sie seit jeher Handel treiben. Die Kaufleute, die den Propheten Yusuf (a.s.) aus dem Brunnen retteten und ihn an einen vornehmen königlichen Beamten Ägyptens verkauften, waren Araber. Folglich war der Handelsberuf der Araber überaus alt und bis in ferne Länder verbreitet.
Die Araber betrieben ihren Handel sowohl auf dem Landweg als auch auf dem Seeweg. Mit Kamelen auf dem Landweg und mit Schiffen reisten sie zu Handelszwecken von Land zu Land. Schon in vorislamischer Zeit hatten sie ihr Handelsgebiet einerseits auf dem Seeweg bis nach Abessinien und andererseits bis ins ferne Ostasien, nach China, ausgedehnt. Auf halbem Weg zwischen Arabien und dem fernen China lag einer ihrer mehreren Küstenbezirke. Geografisch wird die gesamte Halbinsel Malabar genannt. In den Aufzeichnungen arabischer Geografen wird sie Malibar(Arabisch****)genannt.
Maulana Akram Khan schreibt in seinem Werk „Die Sozialgeschichte des muslimischen Bengalen“:
„Im Wort Moli (MALI) der modernen Griechen findet sich ein Hinweis auf den heutigen Namen Malabar. Die Schlussfolgerung des Herausgebers der Enzyklopädie, dass der vollständige Name ‚Malabar‘ von den Arabern verliehen wurde, ist jedoch sehr schlüssig. Unserer Ansicht nach ist Malabar ein Wort der arabischen Sprache – Malay + abar = Malabar. In arabischer Umschrift(Arabisch***) Malay + abar. Malay ist ursprünglich der Name eines Berges, abar bedeutet Ansammlung, Gewässer. Auch die Araber bezeichneten dieses Land als Maʿbar(Arabisch*****). Das bedeutet eine Stelle zum Überschreiten, eine Furt. In der heutigen Geografie sind dies die Ostghats und die Westghats. Da die arabischen Kaufleute und Seefahrer diese beiden Ghats überquerten und nach Madras sowie in die Provinz Hedschas reisten und von Ägypten nach China sowie zu anderen Städten und Häfen entlang des Weges unterwegs waren. Aus diesen beiden Namen lässt sich auch erkennen, dass ihre Bekanntschaft mit diesem Land sehr alt und ihre Verbindung mit ihm äußerst eng war.“ (Die Sozialgeschichte des muslimischen Bengalen, S. 47–48).
Viele arabische Kaufleute waren lange vor dem Erscheinen des Propheten Muhammad Mustafa (s.a.) auf der Welt in dieses Land, nach Malabar, gekommen. Sie reisten ständig auf diesem Weg, das heißt über Malabar, nach Chittagong und von dort über Sylhet und Kamrup nach China. Auf diese Weise dienten Chittagong in Bengalen und Sylhet im damaligen Assam ebenfalls als Stützpunkte ihrer Reisen. Daraus geht deutlich hervor, dass sich bereits in vorislamischer Zeit an Orten wie Malabar, Chittagong und Sylhet arabische Siedlungen gebildet hatten.
Gegen Ende des sechsten Jahrhunderts n. Chr. wurde der Prophet Mustafa (s.a.) in der arabischen Stadt Mekka geboren und begann im Alter von vierzig Jahren, also zu Beginn des siebten Jahrhunderts, mit der Verkündigung der Religion des Islam. Seine Verkündigungsbewegung war äußerst revolutionär. Dass die Wellen dieser Revolution durch arabische Kaufleute auch Malabar, Chittagong, Sylhet und China erreichten, versteht sich von selbst. So wie eine Gruppe die revolutionäre Bewegung des Propheten Muhammad (s.a.) aufs Äußerste bekämpfte, nahm eine andere Gruppe sie von ganzem Herzen an. Die Araber Malabars nahmen den Islam sehr wahrscheinlich bereits zu Beginn der Hidschra-Zeit an. Es ist ebenfalls eine historische Tatsache, dass die Botschaft des Islam bis zum siebten Jahrhundert in Asien und Afrika ausschließlich durch arabische Kaufleute verbreitet wurde.
Die arabischen Auswanderer, die sich nach ihrer Annahme des Islam dauerhaft in Malabar niederließen, sind unter dem Namen Mopla bekannt. Das Fischen mit kleinen und großen Booten sowie der Transport von Waren und Passagieren waren ihre wichtigsten Erwerbsquellen. Oft mussten sie zur Sicherung ihres Lebensunterhalts und zur Erfüllung anderer Bedürfnisse den Indischen Ozean überqueren und zwischen Arabien und diesem Land verkehren. Auf diese Weise kamen sie mit dem revolutionären Aufruf des Islam in Berührung.
In einem späteren Kapitel möchte ich über die Moplahs sprechen. Hier möchte ich über sie nur so viel festhalten, dass sie äußerst fleißig und beharrlich waren. Sie besaßen schöne und kräftige Körper. Für ihren Mut waren sie seit jeher berühmt. Sie ließen sich Bärte wachsen und trugen Mützen auf dem Kopf; viele von ihnen gehörten der Fischerbevölkerung an, und ihre wichtigste Aufgabe bestand darin, unter den Fischern die Botschaft des Islam zu verbreiten.
Auch unter den nichtarabischen Bewohnern Malabars wurde allmählich der Einfluss des Islam sichtbar. Damals wurden in Indien die Anhänger des Buddhismus und des Jainismus von der grausamen und unmenschlichen Hindu-Brahmanenherrschaft verfolgt. Angesichts dieser Verfolgungen und Bedrückungen wurden sie durch die Gesellschaft und Nähe muslimischer frommer Männer zum Islam hingezogen.
Der Hauptgrund für die rasche Ausbreitung des Islam unter den nichtarabischen Bewohnern Malabars war die Annahme des Islam durch den örtlichen König von Malabar. Es wird eine erstaunliche Geschichte über die Konversion des Königs von Malabar erzählt.
Maulana Akram Khan sagt in seinem bereits erwähnten Werk:
„In den alten Schriften und der Literatur der hinduistischen Gesellschaft finden sich einige Hinweise auf Malabar. Der Herausgeber der Enzyklopädie hat viele davon angeführt. Die meisten davon sind jedoch nichts weiter als einige wunderliche Legenden über die Taten Parasuramas, die den Büchern des Mahabharata und den Puranas entnommen sind, aus den Büchern des Mahabharata und den Puranas über die Taten Parasuramas entnommen sind. Dieser Enzyklopädist selbst hat jedoch ein besonderes Ereignis im Zusammenhang mit dem hinduistischen König Malabars erwähnt. Er sagt: Der alten Überlieferung zufolge gab Cherumal Perumal, der letzte König des Reiches Chera, freiwillig den Thron auf und reiste in dem Wunsch, die muslimische Religion anzunehmen, nach Mekka – (Enzyklopädie 14:234).“
Auch in dem von Scheich Zainuddin verfassten Werk Tuhfat al-Mujahidin wird über die Reise eines Königs nach Mekka, seine Vorstellung beim ehrwürdigen Gesandten und seine freiwillige Annahme des Islam berichtet. Aus dieser Darstellung ist ersichtlich, dass es unter den örtlichen Muslimen als allgemein bekannt galt, dass der König von Malabar nach Mekka gereist war, beim ehrwürdigen Gesandten erschienen war und von ihm die Baiʿa zum Islam empfangen hatte.“
Maulana bemerkt in dem genannten Werk weiter:
„Auch wenn hinsichtlich der Einzelheiten von Ort und Zeit Meinungsverschiedenheiten bestehen und diese als unglaubwürdig betrachtet werden sollten, gibt es keinen Grund, den Bericht über die Reise des Königs nach Mekka, sein Erscheinen beim ehrwürdigen Gesandten, seinen dortigen Aufenthalt für einige Zeit und seine anschließende Rückkehr in die Heimat als haltlos zurückzuweisen. Es kann keineswegs als vertretbar gelten, die Überlieferung, welche alle Bewohner eines Landes, Muslime wie Nichtmuslime gleichermaßen, seit unvordenklicher Zeit gemeinsam überliefert haben, als unhistorisch und grundlos zurückzuweisen. In diesem Zusammenhang ist insbesondere der Bericht der Enzyklopädie zu beachten. Der Enzyklopädist sagt: ‚Der alten Überlieferung zufolge gab Cherumal Perumal, der letzte König des Reiches Chera (Malabar), freiwillig den Thron auf und reiste nach Mekka, um die muslimische Religion anzunehmen.‘ Daher kann es keineswegs gerechtfertigt sein, den Bericht, dass der König des Reiches Malabar aus eigenem Antrieb den Thron aufgab, beim ehrwürdigen Gesandten erschien und den Islam annahm, als haltlos zurückzuweisen.“ (Sozialgeschichte des muslimischen Bengalen)
Nach den Darstellungen in dem von Scheich Zainuddin verfassten Werk Tohfat-ul-Mudschahidin und in der Enzyklopädie sowie gemäß der seit jeher überlieferten Tradition aller Bewohner Malabars, gleich ob Muslime oder Nichtmuslime, besteht kein Grund, zögerlich daran festzuhalten, dass die Annahme des Islams durch den König eine Tatsache ist. Dennoch bleibt eine Frage im Herzen bestehen: Warum wird ein so großes Ereignis in keinem Hadith-Werk erwähnt? Gewiss erwähnt Scheich Zainuddin in seiner Darstellung einige Überlieferer. Doch nach Ansicht der Hadith-Gelehrten wird darauf hingewiesen, dass diese „nicht frei von Zweifel“ seien. Wie verhielt es sich also tatsächlich? Wenn man das Ereignis als völlig grundlos betrachtet, stellt sich überhaupt nicht die Frage nach seiner Erwähnung in den Hadith-Werken. Es wäre jedoch auch nicht verwunderlich, wenn der König von Malabar, ebenso wie die arabischen Auswanderer in Malabar, die im ersten Hidschra-Jahr in Scharen den Islam annahmen, möglicherweise nach seiner Abdankung gemeinsam mit diesen arabischen Auswanderern den Islam angenommen hätte. Es ist keineswegs unmöglich, dass er nach seiner Abdankung seine Identität geheim hielt – und vielleicht erregte gerade deshalb seine Annahme des Islams unter den Sahaba keinerlei Aufmerksamkeit. Der Verfasser des Tohfat-ul-Mudschahidin erwähnt jedoch einige Hadithe und Überlieferer.
Nach der Annahme des Islams durch die arabischen Auswanderer in Malabar und den dortigen König wurden auch die einheimischen Bewohner Malabars vom Islam angezogen und nahmen ihn in Scharen an. Danach wurden in Malabar nacheinander zehn Moscheen errichtet. Die erste Moschee ließ Malik ibn Dinar in Karnakror (Kodungallur) beziehungsweise Cranganore, der Hauptstadt Perumals, errichten. Auf diese Weise wurden auch in Kurkbe im Gebiet von Travancore, in der Stadt Meilor, in der Stadt Dharmapattanam, in der Stadt Chaliyam, in Surukundapuram, in Pantharini und in Kanjarakot Moscheen errichtet.
„Der Verfasser der Enzyklopädie sagt: Es besteht kein Zweifel daran, dass sich der muslimische Einfluss in diesem Land unmittelbar mit der Errichtung der Moscheen ausbreitete. Zur Deckung der Kosten dieser Moscheen wurden auch zahlreiche Besitztümer gestiftet. Zu jener Zeit nahm die Zahl der an der Küste lebenden Muslime und der einheimischen Bewohner, die den Islam angenommen hatten, beträchtlich zu. Allmählich gewannen sie im Königreich Einfluss.“ (Sozialgeschichte des muslimischen Bengalen)
Aus der vorstehenden Erörterung wird deutlich, dass sich bereits im siebten Jahrhundert der christlichen Zeitrechnung in Malabar, Indien, ein starkes Zentrum der Muslime herausgebildet hatte. Sie hatten kein politisches Ziel. Handel und Gewerbe sowie die Verkündigung und Verbreitung des Islams waren ihr einziger Zweck.
Nach Malabar sind als weitere Stationen auf dem Handelsweg der muslimischen arabischen Auswanderer Chittagong und Sylhet zu nennen. Nach der dauerhaften Ansiedlung der arabischen Auswanderer in Malabar entstanden dort nach und nach kleinere Siedlungen. Das war durchaus natürlich. Nun stellt sich die Frage, ob sich der Islam in Chittagong, ebenso wie in Malabar, bereits im ersten Jahrhundert der Hidschra herausbildete oder erst viel später verbreitet wurde. Verlässliche Informationen hierzu lassen sich nicht vorlegen. Doch kann ohne Bedenken gesagt werden, dass im achten und neunten Jahrhundert der christlichen Zeitrechnung enge Beziehungen zwischen den muslimischen Kaufleuten Arabiens und Chittagong bestanden.
Dr. Abdul Karim, sein „Beziehungen zwischen Chittagong und den arabisch-muslimischen Kaufleuten bestanden. Später finden sich weitere Belege für das Kommen und Gehen arabischer Händler in Chittagong. Obwohl die arabischen Händler in Chittagong keinen unabhängigen Staat gründeten, ist ihr Einfluss auf die Kultur Chittagongs infolge der Kontakte mit den Arabern noch heute festzustellen. In der Sprache von Chittagong werden zahlreiche arabische Wörter verwendet. Auch die Verwendung des verneinenden Wortes „na“ vor dem Verb in der Sprache von Chittagong ist eine Folge des Einflusses der arabischen Sprache. Viele Familien in Chittagong behaupten, arabischer Abstammung zu sein. Manche meinen auch, die Gesichtszüge der Bewohner Chittagongs ähnelten denen der Araber. Außerdem tragen einige Gebiete Chittagongs, etwa Alkaran, Suluk Bahar (Suluk-ul-Bahr), Bakalia und andere, noch immer arabische Namen. Wie bereits erwähnt, sind einige Gelehrte der Ansicht, dass arabische Wörter schat District Gazetteer, Chittagong, S. 1).
Obwohl Muslime seit mehreren Jahrhunderten in Chittagong lebten, erlangten sie dort keine politische Stellung. Ihre Aufgabe bestand in Handel und Gewerbe sowie in der Verkündigung des Islams. Lange nachdem Muhammad ibn Bakhtiyar Khalji in Bengalen die muslimische Herrschaft begründet hatte, eroberte der unabhängige Sultan von Sonargaon, Fakhruddin Mubarak Schah (1338–1349 n. Chr.), als Erster Chittagong und gliederte es in die muslimische Herrschaft ein.
Zweites Kapitel
Muslime im Gewand des Siegers
Allgemein ist weithin bekannt, dass Muhammad ibn Qasim im Krieg gegen den Sindh-Herrscher Dahir das Siegesbanner des Islam in der Provinz Sindh hisste. Tatsächlich jedoch hatte man schon lange zuvor mit der Durchführung militärischer Feldzüge bis in die Provinz Sindh begonnen. In der Mitte des ersten Jahrhunderts der Hidschra nahm der Sindh-Feldzug seinen Anfang. Vor der Eroberung Sindhs durch Muhammad ibn Qasim kam es mehrmals zu Kriegen der Muslime gegen die Provinz Sindh. Doch vor Muhammad ibn Qasim unternahmen die Muslime keinen Versuch, dort einen dauerhaften Einfluss zu begründen. Da muslimische Händler mit Unterstützung des Sindh-Herrschers wiederholt von Piraten beraubt wurden, mussten die Muslime gegen diese vorgehen. Nachdem sie sie im Krieg besiegt, die geraubten Güter zurückgewonnen und die gefangenen Händler befreit hatten, kehrten die Muslime in ihre Heimat zurück.
Im fünfzehnten Jahr der Hidschra, während der Amtszeit des Kalifen Umar (r.a.), wurde Uthman ibn Abu al-As-Saqafi zum Gouverneur von Bahrain und Oman ernannt. Uthman ließ seinen Bruder Hakam in Bahrain zurück und begab sich selbst nach Oman. Von dort aus entsandte er ein Heer an die indische Grenze. Nach diesem Feldzug schickte er erneut seinen Bruder Mugheira mit einem Heer in Richtung Debal (dem heutigen Karatschi). Mugheira besiegte die Piraten von Sindh und deren Unterstützer und kehrte in die Heimat zurück.
Zu Beginn des Jahres 39 nach der Hidschra, während der Amtszeit des Kalifen Ali (r.a.), führte Harith ibn Murra al-Abdi einen Feldzug an der Grenze von Sindh und blieb siegreich. Er nahm zahlreiche feindliche Soldaten gefangen und erbeutete umfangreiche Kriegsbeute.
Während der Herrschaft Amirs Muawiyas (r.a.) griff Muhallab ibn Abu Sufra die Grenze von Sindh an und rückte bis Banna und Ahwaz vor, die zwischen Multan und Kabul liegen.
Als Hajjaj ibn Yusuf während der Herrschaft des Kalifen Walid zum Gouverneur des Irak ernannt wurde, entsandte er nacheinander Muhammad ibn Harun Nasiri, Ubaidullah ibn Nabhan und Budayl ibn Tuhfa Bajali mit dem Ziel, einen Feldzug nach Sindh zu unternehmen. Schließlich eroberte Muhammad ibn Qasim im Jahr 93 nach der Hidschra Sindh, indem er sowohl zu Wasser als auch zu Land einen Feldzug führte.
Lange bevor Muhammad ibn Qasim die Provinz Sindh endgültig eroberte, war in den damaligen westlichen Gebieten Indiens bereits der Islam verbreitet und gefestigt worden. Der Beweis dafür ist, dass nach dem Tod König Dahirs im Krieg die gesamte Provinz Sindh in die Hände der Muslime fiel. Nachdem er dort die staatliche Ordnung hergestellt hatte und weiter vorrückte, musste Muhammad ibn Qasim den Bewohnern von Sawandar gegenübertreten. Erstaunlicherweise waren die Bewohner der angegriffenen Ortschaft Muslime. Daher schloss er selbstverständlich mit ihnen eine Vereinbarung und eroberte anschließend viele weitere Orte, bis Muhammad ibn Qasim Multan im Punjab erreichte. Auch Multan fiel in seine Hände.
Die politische Etablierung der Muslime in Bengalen
Durch die Eroberung Bengalens durch Malik Ikhtiyaruddin Muhammad Bakhtiyar erlangten die Muslime in diesem Land erstmals politische Macht. Von dieser Zeit an kamen ununterbrochen zahlreiche Muslime aus dem westlichen Teil Indiens, Afghanistan, Iran, Arabien und der Türkei nach Bengalen. Die meisten kamen als Soldaten, die übrigen zum Zweck des Handels, der Verbreitung des Islam und der Suche nach Zuflucht. Auf diese Weise nahm die Zahl der Muslime in Bengalen ständig zu.
Muhammad bin Bakhtiyars Eroberung Bengalens war ein äußerst erstaunliches Ereignis. Genau genommen war dieser Mann selbst eine historische Sensation. Er stammte aus dem Khalj-Stamm Turkistans. Daher wurden seinem Namen zur Bezeichnung seiner Abstammung die Wörter Khalji oder Khilji angefügt. Die Heimat seiner Vorfahren lag an der östlichen Grenze des Grenzgebiets, in Garamsir oder Dasht-e Margô. Ikhtiyaruddin Muhammad Bakhtiyar Khalji verließ seine Heimat, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, und kam nach Ghazni und anschließend nach Badaun in Indien. Er war von kleiner Statur, und seine beiden Arme waren ungewöhnlich lang. Vermutlich wurde sein Antrag auf Dienst in den Armeen von Ghazni und Delhi gerade deshalb abgelehnt. Als jedoch der Sipahsalar von Badaun seine außerordentliche Tapferkeit und seine Fähigkeit zu waghalsigen Feldzügen erkannte, nahm er ihn in die Armee auf. Von hier an begann sein Aufstieg. Nach der Schlacht von Tirouri oder Tarain erhielt Bakhtiyars Onkel von Ali Nagauri, dem Statthalter von Muhammad-i-Mahmud Nagauri, die Herrschaft über Kashmandi oder Kashtamandi. Nach dem Tod seines Onkels erlangte Bakhtiyar diese Herrschaft. Einige Zeit später begab er sich zu Muazzam Hisabuddin, dem Malik von Ayodhya. In dieser Zeit beschaffte er Pferde und Waffen. Die beiden Dörfer waren nach Ansicht einiger Bhagwat und Doili, nach Ansicht anderer Sahaland und Sahili oder Kampila und Patiyali. In Ghulam Husain Salimis „Riyaz-us-Salatin“ werden die Namen der beiden Dörfer als Kambala und Betali angegeben.
Von dort zog Muhammad Bakhtiyar in Richtung Bihar weiter, besiegte die Grundherren oder Anführer mehrerer Orte und erbeutete große Mengen an Kriegsbeute. Mit deren Hilfe beschaffte er sich fortwährend zahlreiche Pferde und Waffen. Der Ruhm seiner Tapferkeit verbreitete sich ebenfalls nach allen Seiten. Da es sich in den Gebieten Ghor, Ghazni, Khorasan und anderen Regionen immer wieder Aufstände, Kriege und Blutvergießen ereigneten, verließen zahlreiche Einwohner jene Gegenden, kamen nach Indien und zogen auf der Suche nach ihrem Glück umher. Als sie Bakhtiyars guten Ruf und Ruhm vernahmen, schlossen sie sich in Scharen seiner Armee an. Auf diese Weise wurde Bakhtiyar außerordentlich mächtig.
Als der damalige Sultan von Delhi, Qutbuddin Aibak, von Bakhtiyars außerordentlicher Tapferkeit erfuhr, sandte er ihm zu dessen Ehre ein Khilat; dadurch wuchsen Bakhtiyars Macht und Mut um ein Vielfaches. Danach gelang es ihm, seine Herrschaft über die gesamte Provinz Bihar auszudehnen. Anschließend richtete er seinen Feldzug gegen Bengalen und eroberte 1203 die Regionen Rarh und Varendra in Bengalen.
Zur Zeit des Angriffs auf Bengalen war Rai Lakshman Sen dessen Herrscher. Die Hauptstadt war Nadia. Diese Region einschließlich der Hauptstadt wurde Lakshmanavati genannt. In der „Tabaqat-i Nasiri“ wird hierzu eine bemerkenswerte Geschichte erzählt.
Eine Gruppe von Brahmanen, die als Astrologen am Königshof dienten, verkündete eine Prophezeiung: Dieses Land werde schon bald in die Hände türkischer Muslime fallen. Wenn das Land angegriffen werde, müsse der König sich unterwerfen. Andernfalls würden die Bewohner des Landes großem Blutvergießen und großer Demütigung ausgesetzt sein.
Der König fragte die Brahmanengelehrten, ob in den alten religiösen Schriften irgendein Kennzeichen eines solchen muslimischen Eroberers beschrieben werde, an dem man ihn rechtzeitig erkennen könne. Sie sagten, dass die beiden Arme eines türkischen Soldaten, wenn er aufrecht stehe, bis zu den Knien herabhängen würden. König Rai Lakshman Sen beauftragte eine Gruppe zuverlässiger Männer, dies zu untersuchen. Nach ihrer Untersuchung teilten sie dem König mit, dass Muhammad Bakhtiyar das genannte Kennzeichen besitze. Unterdessen waren Bakhtiyars waghalsige Feldzüge und seine Siegeszüge niemandem unbekannt. Die Brahmanengelehrten, angesehene und gelehrte Männer sowie Grundherren und andere führende Persönlichkeiten verließen das Land und suchten in Jagannath, Kamarupa und anderen sicheren Orten Zuflucht. Der König hielt es noch immer nicht für ratsam, seine Hauptstadt zu verlassen. Als Muhammad Bakhtiyar eines Tages plötzlich Nadia angriff und in die Hauptstadt eindrang, floh der König durch das Hintertor des königlichen Palastes und suchte in Vikrampur Zuflucht. So geriet ganz Lakshmanavati in Bakhtiyars Hand. Das Erstaunliche daran ist, dass Muhammad Bakhtiyar Nadia mit nur siebzehn Reitern angriff und eroberte.
Danach weitete sich sein Feldzug aus, und Nabadwip und Gaur gerieten in seine Hand. Im „Tarikh-i Firishta“ wird berichtet, dass Muhammad Bakhtiyar in Bangladesch eine neue Hauptstadt namens Rangpur errichtete. Daraus lässt sich erkennen, dass mit Ausnahme des östlichen Teils Bengalens die gesamte Region Rarh und Varendra, also West- und Nordbengalen, seiner Herrschaft unterstand. Obwohl Rai Lakshman Sen in Vikrampur Zuflucht gesucht hatte, verfolgte Bakhtiyar ihn nicht. Daher blieb der östliche Teil Bengalens außerhalb seiner Herrschaft. Ein Jahrhundert später, im Jahr 1330, eroberte Muhammad Tughluq Schah den Osten und errichtete in Satgaon beziehungsweise Sonargaon seine Hauptstädte.
Wie dem auch sei: Infolge der Eroberung Bengalens durch Muhammad Bakhtiyar ließen sich auswärtige Muslime scharenweise in diesem Land nieder. Unzählige Muslime kamen zum Zweck des Lebensunterhalts durch Handel und Gewerbe, durch den Dienst im Heer und auf vielerlei andere Weise in dieses Land; dieser Zustrom hielt ununterbrochen bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts an.
Von der Eroberung Bengalens durch Muhammad Bakhtiyar Khilji bis zum Untergang des muslimischen Reiches auf dem Schlachtfeld von Palashi im Jahr 1757 regierten in einem Zeitraum von fünfhundertvierundfünfzig Jahren einhunderteins oder mehr Herrscher über Bengalen.
Die muslimische Herrschaft in Bengalen lässt sich in mehrere Zeitabschnitte unterteilen:
Bengalen – unter den Khiljis – 1230–1227 n. Chr.
Bengalen – unter der Herrschaft von Delhi – 1227–1341 n. Chr.
Bengalen – unter der Ilyas-Shahi-Dynastie (erste Periode) – 1342–1413 n. Chr.
Bengalen – unter Ganesh Jalaluddin – 1414–1441 n. Chr.
Bengalen – unter der Ilyas-Shahi-Dynastie (zweite Periode) – 1442–1487 n. Chr.
Bengalen unter habschischer Herrschaft – 1487–1493 n. Chr.
Bengalen unter der Herrschaft der Husain-Schahi-Dynastie – 1493–1583 n. Chr.
Bengalen unter den Pathanen (Sher Schah und die Sur-Dynastie) – 1538–1564 n. Chr.
Bengalen unter der Herrschaft der Karrani-Dynastie – 1565–1576 n. Chr.
Bengalen unter der Mogulherrschaft – 1576–1757 n. Chr.
Unter denjenigen, die mehr als fünfeinhalb Jahrhunderte lang auf dem Thron Bengalens saßen, gab es einige, die aus eigener Kraft den Thron Bengalens bestiegen und die Anerkennung des Kaisers von Delhi erlangten. Einige Herrscher waren völlig unabhängig. Die übrigen regierten Bengalen als Gouverneure oder Nazims, nachdem sie vom Hof von Delhi ihre Ernennungsurkunden erhalten hatten.
Nachdem die Muslime als Eroberer in dieses Land gekommen waren, liebten sie es von ganzem Herzen, nahmen es als dauerhafte Heimat an und wollten mit den nichtmuslimischen Bewohnern dieses Landes in Eintracht zusammenleben. Als Herrscher begingen sie gegenüber den Beherrschten kein Unrecht und keine Ungerechtigkeit. Auch die Bevölkerung nahm ihre Herrschaft an. Nach der Eroberung Bengalens stellte Muhammad Bakhtiyar die innere Rechtsordnung wieder her. Obwohl er für die Muslime an verschiedenen Orten des Landes Moscheen und Madrasas errichtete, verfolgte er gegenüber den Nichtmuslimen eine liberale Politik. Wenn er gewollt hätte, hätte er den flüchtigen Lakshmansen verfolgen und besiegen können. Doch dieser Gedanke kam ihm überhaupt nicht in den Sinn. Jadunath Sarkar sagt in seiner „Geschichte Bengalens“:
„…aber er war nicht blutdürstig. Er billigte weder das Töten von Menschen noch die Unterdrückung der Untertanen. Durch die Errichtung einer Art Jagir-System oder einer feudalen Regierung im Land stellte er die innere Verwaltung sicher und gewann die Zufriedenheit der militärischen Befehlshaber.“…
-(Geschichte Bengalens, Bd. 2, muslimische Periode, S. 9)
Die Herrscher BengalensZeitgenössischer Kaiser von Delhi
1203–1206 n. Chr. Muhammad Bakhtiyar Khalji Qutbuddin Aibak
1206–1208 n. Chr. Malik Izzuddin Muhammad Shirīn Khalji Ebd.
1208–1210 n. Chr. Husamuddin Iwaz Ebd.
1210–1213 n. Chr. Ali Mardan (Sultan Alauddin Khalji) Ebd.
1213–1227 n. Chr. Sultan Ghiyasuddin-Iwaz Khalji Aram Shah (Sohn Qutbuddin Aibaks)
Die unabhängigen Sultane Bengalens
Der erste unabhängige Sultan von ganz Bengalen war Shamsuddin Iliyas Shah. Zwar zog der Kaiser von Delhi, Firoz Shah Tughluq, gegen ihn zu Felde, kehrte jedoch enttäuscht zurück. Im Jahr 1358 n. Chr. bestieg Sikandar Shah, der Sohn Iliyas Shahs, als unabhängiger Sultan von Bengalen den Thron und sandte fünfzig Elefanten als Geschenk nach Delhi, um die Gunst des Kaisers von Delhi zu gewinnen. Von dieser Zeit bis 1409 n. Chr. saßen folgende Herrscher auf dem Thron von Bengalen:
Sikandar Shah (I.) 1358–1391 n. Chr.
Ghiyasuddin Azam Shah 1391–1396 n. Chr.
Saifuddin Hamza Shah 1396–1406 n. Chr.
Shamsuddin 1406–1409 n. Chr.
König Ganesh
Zu Beginn des fünfzehnten Jahrhunderts setzte in Bengalen eine Bewegung zur Wiedererhebung der Hindus ein. Von der Eroberung Bengalens durch Muhammad Bakhtiyar bis zum Ende des vierzehnten Jahrhunderts regierten muslimische Herrscher Bengalen bald als von den Sultanen von Delhi eingesetzte Gouverneure, bald als unabhängige Sultane und bald, indem sie durch Geschenke und Ähnliches den Hof von Delhi wohlwollend und zufrieden stimmten. Betrachtet man die Geschichte dieser beiden Jahrhunderte, so zeigt sich, dass die Muslime nicht unangefochten und friedlich regieren konnten. Der Grund für die Störung dieses Friedens war vor allem der innere Streit unter ihnen und ihr starkes Verlangen, die Macht mit Gewalt an sich zu reißen. Dennoch kam es seitens der muslimischen Herrscher niemals zu einer Unterdrückung der Hindus oder zu einer Bedrückung der Untertanen. Daher genossen die Untertanen unabhängig von Volkszugehörigkeit und Religion Glück, Frieden sowie vollständige Sicherheit für Leben und Eigentum. Vor Bakhtiyar Khilji lebten in diesem Land zahlreiche unabhängige hinduistische Könige. Auch wenn sie die Errichtung der muslimischen Herrschaft nicht von ganzem Herzen akzeptierten, hielten sie es nicht für ratsam, mit den Muslimen in Konflikt zu geraten. Dafür kann es nur zwei Gründe gegeben haben. Der erste Grund war, dass die politische Macht Bengalens in den Händen der Muslime lag und seit Bakhtiyar fortwährend zahlreiche Muslime aus dem Ausland nach Bengalen kamen. Muslimische Religionsverkünder, Heilige und Derwische kamen in dieses Land und begannen, die erhabene Botschaft des Islam sowie die Gleichheit und Brüderlichkeit des Islam zu verkünden. Infolgedessen fühlte sich die vom Brahmanismus unterdrückte hinduistische Bevölkerung zunehmend zum Islam hingezogen. Dennoch hätten die Angehörigen der höheren Hindu-Kasten hier die innere Schwäche und die gegenseitigen Streitigkeiten der muslimischen Herrscher ausnutzen und einen Aufstand ausrufen können. Doch sie taten es nicht. Auch dafür gibt es einen Grund.
„Der zweite Grund war, dass sie auf der Grundlage eines langfristigen Plans vorgingen. Dieser bestand darin, ohne sich den Unwillen der muslimischen Herrscher zuzuziehen, vielmehr auf den verschiedenen Ebenen der Verwaltung ihre Stellung zu sichern und sich in einem bestimmten Augenblick offen zu zeigen. In der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts hatten sie mit diesem Plan vollständigen Erfolg. Damals erlangten sie jedoch nicht selbst die Macht, sondern waren damit zufrieden, die muslimische Herrschaft zu beseitigen und die Macht den Engländern zu übergeben. Auch wenn ihr Erfolg zu Beginn des fünfzehnten Jahrhunderts nicht von Dauer war, so war dies doch die erste Verwirklichung ihres langfristigen Plans.“
Zu dieser Zeit gelangte ein hinduistischer Zamindar in Bengalen zu großer Macht. In den auf Persisch verfassten Geschichtswerken wird sein Name als „Kans“ angegeben. Kans war in Wirklichkeit „Kংস“ oder Ganesh. Während der Herrschaft von Ghiyasuddin Azam Shah wurde er zum Vorsteher der Finanz- und Verwaltungsabteilung. Nach dem Bericht des „Riyaz-us-Salatin“ tötete Ganesh Ghiyasuddin Azam Shah, den Enkel Shamsuddins. Danach tötete er auch Ghiyasuddins Enkel Shamsuddin und bestieg den Thron von Gaur und Bengalen.
Die Ilyas-Shahi-Dynastie
Shamsuddin Ilyas Shah (1339–1358 n. Chr.)
Sikandar Shah (1358–1389 n. Chr.)
Ghiyasuddin Azam Shah (1389–1396 n. Chr.)
Saifuddin Hamza Shah (1396–1406 n. Chr.)
Shamsuddin (1406–1409 n. Chr.) Shahabuddin Bayezid Shah (1409–1414 n. Chr.)
Blockman sagt, dass Ganesh selbst nicht den Thron bestieg. Nachdem er jedoch Shamsuddin getötet hatte, setzte er dessen Bruder Shahabuddin Bayezid Shah gleichsam als Marionette ein und führte selbst die Herrschaft. Rakhaldas Bandyopadhyay erwähnt in seiner „Geschichte Bengalens“, Band zwei, für den Zeitraum von 1409 bis 1414 n. Chr. die Namen zweier Herrscher auf dem Thron Bengalens, nämlich Shahabuddin Bayezid Shah und Ganesh.
Raja Ganesh war ein bengalischer Varendra-Brahmane. Der mächtige König Ganesh aus dem Pargana Bhaturia in Nordbengalen (Dinajpur) unterhielt eine eigene Armee. Seine Soldaten rekrutierte er aus dem furchterregenden Stamm der Sangal. Aufgrund seines Einflusses und seiner Macht wurde er in den Dienst des Sultans von Bengalen aufgenommen, und allmählich wurde er zum alleinigen Verfügungsberechtigten über die Schatzkammer des Reiches, zum Mukhtar (Sahib-i-Ikhtiyar-i-Mulk-o-Mal). Aus Dankbarkeit für diese hohe Stellung ließ er zunächst durch eine tiefgehende Verschwörung Ghiyasuddin Azam Schah ermorden und bestieg einige Jahre später, nachdem er Schamsuddin Schah getötet hatte, den Thron Bengalens.
Ganeshas Besteigung des Thrones von Bengalen war das Ergebnis langjähriger Planung und einer tiefgehenden Verschwörung. Ganesh und die ihm gleichgesinnten hinduistischen Feudalherren konnten die Herrschaft der Muslime in Bengalen von Herzen nicht akzeptieren. Obwohl die Geschichte der vergangenen zwei Jahrhunderte keinerlei Beispiel für eine Unterdrückung der Nichtmuslime durch muslimische Herrscher erkennen lässt, betrachteten sie die muslimische Herrschaft als äußerste Erniedrigung für die Hindus. Daher widmete sich Ganesh nach seiner Thronbesteigung der Unterwerfung der Muslime. Auf diese Weise kam sein seit Langem angestauter Groll gegen die Muslime zum Ausdruck.
Im von Buchanan Hamilton verfassten Bericht über Dinajpur heißt es, dass er einen gewissen Scheich Badr-e Islam und dessen Sohn Fayz-e Islam tötete, weil sie Ganesh nicht mit gesenktem Haupt grüßten. Nicht nur das: Ganesh ließ zahlreiche muslimische Heilige, Derwische, Gelehrte, Pandits und Kenner der religiösen Schriften grausam töten. Eines Tages geriet er in heftigen Zorn, weil Scheich Badrul Islam, der Vater von Scheich Muinuddin Abbas, dem ungläubigen König Ganesh nicht die Ehrerbietung erwiesen hatte. Daraufhin ließ er den genannten Scheich eines Tages an den Hof rufen. Die Tür zu seinem Gemach war so eng und niedrig angelegt, dass jeder Eintretende auf allen vieren hineinkriechen musste. Der Scheich erkannte die Absicht des Königs, stellte zunächst beide Füße in das Gemach und trat ein, ohne den Kopf zu senken. Denn nach den Geboten des Islam darf kein Muslim vor irgendjemandem außer Allah sein Haupt beugen. König Ganesh ließ ihn sofort töten und die übrigen Gelehrten, die man in ein Boot gesetzt hatte, im Fluss versenken.
Als Scheich Nur-e Qutb-e Alam diese erschütternde Geschichte von der Vernichtung der Muslime hörte, war er zutiefst betroffen und ersuchte Sultan Ibrahim Scharki, den Statthalter von Jaunpur, nach Bengalen zu kommen, um die islamische Religion zu schützen. Sultan Ibrahim marschierte mit einem gewaltigen Heer nach Bengalen und schlug in Sarai Firuzpur sein Lager auf. Als König Ganesh davon erfuhr, geriet er voller Angst und Schrecken zu Qutb-e Alam in Zuflucht. Qutb-e Alam erklärte, er könne Sultan Ibrahim nur unter der Bedingung zur Rückkehr raten, dass Ganesh den Islam annehme. Ganesh stimmte zu, doch seine Frau widersetzte sich ihm. Schließlich wurde vorgeschlagen, seinen Sohn Yadu zum Islam zu bekehren und ihm anstelle Ganeshas den Thron zu überlassen. Ganesh erklärte sich damit einverstanden. Yadu erhielt den muslimischen Namen Jalaluddin und wurde zum Sultan von Bengalen ausgerufen. Sultan Ibrahim kehrte tief gekränkt zurück. Sobald Ganesh von seiner Rückkehr erfuhr, nahm er Jalaluddin den Thron wieder ab. Der arglose Qutb-e Alam durchschaute Ganeshas List nicht. Als Ganesh seinen Sohn zum Islam bekehren lassen wollte, vergab er daher dem Vater das Verbrechen des Mordes an Menschen.
Nachdem Ganesh den Thron zurückerobert hatte, vollzog er durch das Suvarṇadhenu-Ritual die Reinigung des vom Glauben abgefallenen Yadu. Dabei bestand das Reinigungsverfahren darin, durch das Maul einer angefertigten goldenen Kuh einzutreten und durch deren After nach einer besonderen religiösen Vorschrift der hinduistischen Schriften wieder herauszukommen.
Nach diesem Reinigungsritual begann Ganesh damit, die Muslime aus dem Land auszurotten. Mit noch größerer Grausamkeit als zuvor setzte er die Vernichtung der Muslime fort. Er ließ den Sohn Qutb-e Alams, Scheich Anwar, und dessen Enkel, Scheich Zahid, in gefesseltem Zustand nach Sonargaon bringen. Danach wurden sie verschiedenen Arten von Folter unterworfen, damit sie den Aufenthaltsort des Reichtums ihres Vaters beziehungsweise Großvaters preisgaben. Später wurde Scheich Anwar getötet. Auf diese Weise errichtete Ganesh sieben Jahre lang in Bengalen eine Herrschaft des Schreckens und machte den Muslimen das Leben unerträglich.
Nach Ganeshas Tod bestieg Jalaluddin (Yadu) erneut den Thron.
Das Wiederaufleben der Hindus
Rakhhaldas Bandyopadhyay schrieb im zweiten Band seiner „Geschichte Bengalens“: „Er hatte versucht, im neu gegründeten Reich die Vorherrschaft der hinduistischen Religion zu etablieren. Die durch das Subarṇadhenu-Vrata vollzogene Sühne Yadus ist lediglich ein schwacher Anschein eines Beweises dafür. Seit der Zeit Raja Ganeshs begann man in Gauda und Bengalen, Sanskrit zu studieren. Auch das Verfassen von Werken in Sanskrit begann, und der Aufstieg der bengalischen Sprache nahm seinen Anfang. Aus all diesen Gründen erlangte Ganesh einen hohen Rang in der Geschichte Bengalens, in der Geschichte Indiens und in der Geschichte der indischen Literatur.“ (Ebenda, S. 135–136)
Der älteste Sohn Ganeshs war Muslim geworden; was der wahre Grund für seine Konversion zum Islam war, lässt sich freilich nur schwer sagen. Ein mächtiger Brahmane jedoch, der dies als äußerste Demütigung für die Hindu-Nation empfand, ersann zahlreiche erfundene Geschichten.
Rakhhaldas sagt in seiner erwähnten Geschichte: „Der Überlieferung zufolge, die im Land von Varendra verbreitet ist, hatte sich Yadu, vom Anblick einer vornehmen muslimischen Frau aus dem Geschlecht Ilyas Shahs bezaubert, von seiner eigenen Religion losgesagt.“
Rakhhaldas schiebt die Schande seiner eigenen Volksgemeinschaft Angehörigen einer anderen Religion zu und sagt:
„Der Historiker Stewart vermutet, dass Yadu oder Jalaluddin der Sohn einer muslimischen Konkubine Ganems gewesen sei.“
Die obige Darstellung ist ein brennendes Beispiel dafür, wie die Geschichte des muslimischen Volkes beschmutzt worden ist.
Es ist eine unbestreitbare Tatsache, dass der moralische Verfall der Muslime zu jener Zeit noch nicht so weit fortgeschritten war, dass muslimische Frauen damals begonnen hätten, Prostitution zu betreiben oder die Ehe mit einem Nichtmuslimen einzugehen. Ebenso wenig bewegten sich muslimische Frauen damals, wie in der heutigen Zeit, unverschleiert vor fremden Männern, sodass Yadu, der Sohn Ganeshs, sich in ein schönes muslimisches Mädchen verliebt und um ihre Hand zu erlangen Muslim geworden wäre. Die Geschichte bezeugt, dass zu jener Zeit Scharen muslimischer Fakire und Derwische in diesem Land die erhabene Botschaft des Islam verkündeten und viele von ihnen auch an der Regierung teilnahmen. Auf die Herrscher übten sie einen gewaltigen Einfluss aus.
Betrachten wir nur die Zeit Ganeshs. Der berühmte Heilige Nur Qutb-i Alam und sein Sohn Scheich Anwar waren Zeitgenossen Ganeshs. Ihr Einfluss beschränkte sich nicht nur auf die Muslime und Herrscher Bengalens, sondern erstreckte sich auch auf Sultan Ibrahim Sharqi, den Gouverneur von Ayodhya, der oben erwähnt wurde. Viele Hindus nahmen, nachdem sie ihre Lebensführung, ihren makellosen Charakter und die ihren Mündern entströmende süße Botschaft des Islam gehört hatten, freiwillig und aus innerer Überzeugung den Islam an – darunter auch Yadu, Ganeshs Sohn. Trotz ihres derart großen Einflusses in der Gesellschaft ist es völlig undenkbar, dass eine muslimische Frau Prostitution betrieben, also die Konkubine irgendeines Mannes geworden wäre, oder sich ungezügelt bewegt und dadurch einen Hindu in Liebe zu sich entflammt hätte. Daher sind sowohl Ganeshs Haltung einer muslimischen Konkubine als auch Yadus Verliebtheit in eine muslimische Frau völlig frei erfunden und von böser Absicht getragen. Es handelt sich lediglich um den lächerlichen Versuch, die eigene Schande auf andere abzuwälzen.
Ein weiterer Punkt ist besonders hervorzuheben. Nämlich, dass die Muslime in dieses Land als Eroberer kamen. Daher herrschte unter den von außerhalb stammenden muslimischen Eroberern naturgemäß ein Gefühl der Überlegenheit (Superiority Complex). Mit vornehmen Muslimen waren ausschließlich die von außerhalb stammenden Muslime gemeint. Dass eine ihrer Frauen die Ehe mit einem Hindu eingehen würde – das war jenseits jeder Vorstellung.
Ferner bleibt festzuhalten, dass es ebenfalls unrealistisch war, dass eine Frau aus einer niederen hinduistischen Kaste nach deren Übertritt zum Islam Ganesh zum Ehemann genommen hätte. Denn Ganesh war ein Brahmane und ein überzeugter und entschiedener Träger des orthodoxen Brahmanismus. Für Ganesh wäre es undenkbar gewesen, in die Familie eines Hindus einzuheiraten, der nach seinem Übertritt zum Islam zum Yavana und Mleccha geworden war. Daher besteht kein Zweifel daran, dass diese Geschichten lediglich auf unwirklichen Erfindungen beruhen.
Manche sagen, Yadu sei aus Gier nach dem Königreich Muslim geworden. Auch das ist nicht wahr. Allerdings übergab Ganesh seinen Sohn zum Übertritt zum Islam in die Hände von Nur Qutb-e Alam, um ihn vor dem Angriff Sultan Ibrahim Sharqis zu schützen. Nachdem Yadu den Islam angenommen und zum Sultan ausgerufen worden war, kehrte Sultan Ibrahim Sharqi zurück, ohne Bengalen anzugreifen. Unmittelbar danach setzte Ganesh Yadu erneut ab und bestieg selbst wieder den Thron. Danach wurde Yadu nach hinduistischem Brauch Buße auferlegt. Ganesh herrschte sieben Jahre lang mit großer Macht. Unter keinen Umständen konnte er vom Thron verdrängt werden. Wenn Yadu nur um des Königreichs willen den Islam angenommen hätte, hätte er nach seiner Buße und der Reinigung durch die goldene Kuh ungehindert als Hindu den Thron seines Vaters besteigen können. Doch Yadu gab den Islam nicht auf.
Außerdem besitzt der Mensch ein Gewissen, durch das er Wahrheit und Lüge erkennen kann. Zugleich verfügt der Mensch über ein moralisches Empfinden. Aufgrund von Ganeshs Fähigkeiten und Tatkraft ernannte der Sultan von Bengalen ihn zum höchsten Amt des Reiches.
Doch durch Verschwörung und Mord bemächtigte er sich des Thrones von Bengalen. Zunächst erwies er seinem Herrn Verrat und begann anschließend ein Massaker an unschuldigen Muslimen. Trotzdem vergab Nur Qutb-e Alam ihm all seine Verbrechen, weil sein Sohn den Islam angenommen hatte. Yadu wird zweifellos von dem Verhalten Scheich Nur Qutb-e Alams sowie von der Toleranz und Großzügigkeit des Islam beeindruckt gewesen sein. Der Verrat, die Undankbarkeit und die Grausamkeit seines Vaters müssen sich zweifellos tief in Yadusenas Seele eingeprägt haben. Darüber hinaus war Yadu durch den Kontakt mit einem vollkommenen Heiligen ganz gewiss vom Licht des Islam erleuchtet worden. Das ist unsere Auffassung. Sie ist keineswegs unvernünftig und auch keineswegs unmöglich.
Nach Ansicht der muslimfeindlichen Historiker muss Yadu nun auf jede erdenkliche Weise verleumdet werden, da er dem Islam treu blieb. Zunächst wurde behauptet, er sei der Sohn einer muslimischen Konkubine gewesen. Mit anderen Worten lautet ihre Behauptung, dass er in Wirklichkeit kein Hindu, sondern ein uneheliches (?) Kind gewesen sei.
Rakhaldas Bandyopadhyay hat in seiner Geschichte eine bemerkenswerte Begebenheit aus dieser Zeit geschildert. Auf Seite 137 seiner Geschichte (Geschichte Bengalens, Band 2) sagt er: „Was Ganesh oder Yadu nicht tun konnten oder sich nicht zu tun getrauten, wurde von einem anderen bengalischen Hindu-König ohne Weiteres vollbracht.
Sein Name war Danujamardan Dev.“
Danach wiederholt er auf Seite 139 desselben Werkes seine Aussage und sagt: „Die Namen von Danujmardan Dev und Mahendra Dev werden in der Geschichte für immer unvergessen bleiben, weil sie eben das vollbracht hatten, was weder Ganesh noch Yadu und kein hinduistischer König in Aryavarta zu vollbringen vermocht hatten.“
Das Merkwürdige ist, dass in seinem Werk keinerlei Hinweis darauf zu finden ist, was Danujmardan Dev getan haben soll, obwohl dort erwähnt wird, was Ganesh und Yadu nicht tun konnten.
Sir Jadunath Sarkar sagt hierzu:
„In eben diesem Jahr finden wir in Pandua und Chatgaon ausgegebene Münzen mit bengalischer Schrift, die von einem König namens Mahendra Dev stammen und genau den Münzen Danujmardan Devs gleichen. Höchstwahrscheinlich war er Ganeshs jüngerer Sohn, der Hindu geblieben war und dem sein älterer Bruder Jadusen Jalaluddin angeboten hatte, den väterlichen Thron zu überlassen, falls man ihm nicht gestatten sollte, den Islam anzunehmen. Mahendra wurde offenbar unmittelbar nach Ganeshs Tod von hinduistischen Ministern auf den Thron gesetzt. Ich glaube, dass Mahendra, der damals nicht älter als zwölf Jahre war, lediglich eine Marionette in den Händen einer selbstsüchtigen Ministerfraktion war … Der Versuch der Königsmacher war kurzlebig und endete mit ihrer raschen Niederlage, denn nach diesem einen Jahr, 1418 n. Chr., wurde keine Münze mehr im Namen Mahendras geprägt.“
„Genau in diesem Jahr finden wir in Pandua und Chatgaon Münzen mit bengalischer Schrift, die den Namen Mahendra Devs tragen. Sie sehen den Münzen Danujmardan Devs vollkommen ähnlich. Höchstwahrscheinlich war er Ganeshs jüngerer Sohn. Er war Hindu geblieben, und Jadusen Jalaluddin hatte ihm gesagt, er solle den väterlichen Thron aufgeben, falls man ihm nicht gestatte, Muslim zu werden. Unmittelbar nach Ganeshs Tod setzten die hinduistischen Minister Mahendra auf den Thron. Meiner Ansicht nach war Mahendra, der nicht älter als zwölf Jahre war, lediglich eine Marionette in den Händen einer selbstsüchtigen Ministerclique. Der Versuch dieser Minister, ihn zum König zu machen, konnte nicht lange andauern, und schon bald wurden sie besiegt. Denn nach diesem einen Jahr, dem Jahr 1418 n. Chr., wurde keine weitere Münze im Namen Mahendras geprägt.“
Jadunath Sarkar sagt ferner:
„Ganesh stellte seinen gerade einmal zwölf Jahre alten Sohn unter seinem Harem unter Schutzbewachung und regierte selbständig unter dem stolzen Titel Danujmardan Dev.“
„Ganesh ließ seinen zwölf Jahre alten Sohn im Harem unter Schutzbewachung halten und regierte selbst nach eigenem Ermessen, wobei er den ruhmreichen Titel ‚Danujmardan Dev‘ führte.“
Daraus wurde klar, dass Ganesh in Wirklichkeit Danujamardan Deva war. Oder Danujamardan war sein Beiname, den er für sich selbst und für die gesamte Hindu-Nation als ruhmreich betrachtete.
Rakhaldas hat sich gerade hierin geirrt. Er hielt Danujamardan für eine andere Person und sang sein grenzenloses Lob.
Nun wollen wir sehen, was das Wort Danujamardan bedeutet. Das Wort Danujamardan bedeutet „Dämonenbezwinger“. Ganesh, der einen militanten Hinduismus begründen wollte, konnte weder die Muslime noch die muslimische Herrschaft dulden. Sein innigster Wunsch war es, die Muslime aus Bengalen vollständig zu vertreiben und eine fanatische Hindu-Herrschaft zu errichten. Wie Ganesh betrachteten die Hindus die von außerhalb stammenden Muslime als „Yavana-Mleccha“. Doch die Muslime waren den Hindus an Körperbau und Tapferkeit überlegen. Daher wurden sie als Dämonen, als Yavanas und Mlecchas, angesehen. Die Bezwingung und Vernichtung dieser dämonengleichen Yavanas und Mlecchas war Ganeshas Lebensaufgabe. Nach Ibrahims Scharkis Rückkehr in seine Heimat betrieb Ganesh diese Bezwingung und Vernichtung hundertmal intensiver als zuvor. In überschwänglichem Lob von Danujamardans Vernichtung der Muslime sagte Rakhaldas: „Weil er vollbracht hatte, was kein hinduistischer König in Aryavarta hatte vollbringen können, werden die Namen Danujamardan Deva und Mahendra Deva in der Geschichte ewig unvergessen bleiben.“
Unmittelbar nach Ganeshas Tod setzten die von ihm eingesetzten hinduistischen Minister seinen zwölfjährigen Sohn Mahendra auf den Thron und führten, in Ganeshas Fußstapfen, die Unterwerfung der Muslime fort. Daher pries Herr Rakhal sie überschwänglich und war angesichts der Taten von Danujamardan Ganesh und dessen Sohn Mahendra vor Freude außer sich. Doch Mahendras Herrschaft dauerte nur kurze Zeit.
Ganeshas Dynastie
Ganesh – Danujamardan
Yadusen, auch Jalaluddin Muhammad Shah genannt (1414–1431 n. Chr.) Mahendra
Shamsuddin Ahmad Shah (1413–1442 n. Chr.)
Die Wiederauferstehung der Ilyas-Shahi-Dynastie
Wie oben erwähnt, tötete Ganesha zwei Sultane der Ilyas-Shahi-Dynastie und bemächtigte sich des Thrones. Nachdem Ganesha seinen Enkel, Schamsuddin Ahmad Schah, getötet hatte, wurde die Ilyas-Shahi-Dynastie erneut auf dem Thron von Bengalen eingesetzt.
Nasiruddin Mahmud Schah (1442–1459 n. Chr.)
Ruknuddin Barak Schah (1459–1474 n. Chr.)
Schamsuddin Yusuf Schah (1474–1482 n. Chr.)
Sikandar Schah II. (1482 n. Chr.)
Jalaluddin Fateh Schah (1482–1486 n. Chr.)
Habschi-Sultane auf dem Thron von Bengalen
Seit einiger Zeit begannen Abyssinier nach Bengalen zu kommen. Barrak Shah und Yusuf Shah ernannten sie zu verschiedenen wichtigen Ämtern. Als Fateh Shah, über ihr Verhalten erzürnt, versuchte, sie zu unterdrücken, wurde er getötet, und ein gewisser Sultan Shahzada bestieg unter dem Namen Barrak den Thron.
Sultan Shahzada Barrak (1486–1487 n. Chr.)
Saifuddin Firuz Shah (1487–1490 n. Chr.)
Nasiruddin Mahmud Shah (1490–1491 n. Chr.)
Shamsuddin Muzaffar Mah (1491–1493 n. Chr.)
Alauddin Husain Shah (1493–1519 n. Chr.)
Der oben erwähnte vierte abyssinische Sultan, Shamsuddin Muzaffar Mah, nahm einen unbekannten Mann von edler Herkunft namens Husain in den Dienst seiner Regierung auf. Allmählich stieg er in seinem Rang auf und bemächtigte sich schließlich des Thrones von Bengalen, nachdem er seinen eigenen Herrn, Muzaffar Shah, getötet hatte. In der Geschichte Bengalens ist er unter dem Namen Alauddin Husain Shah Sharif Makki bekannt. Später nahm er auch den Titel „Khalifatullah“ an.
Husain Shah
Hosen Schah ist ein höchst erstaunliches Phänomen der Geschichte. Zu seinem überschwänglichen Lob sind gewaltige Werke verfasst worden. Doch heutzutage stellen sich dem nach Erkenntnis suchenden Geschichtsstudenten verschiedene Fragen über ihn. Die Antworten darauf müssen in der Geschichte gefunden werden.
Maulana Akram Khan sagt in seinem Werk „Die Sozialgeschichte des muslimischen Bengalen“ bei seiner Erörterung Hosen Schahs:
„Trotz eingehender Nachforschungen haben wir bis heute keinen zuverlässigen Beweis über die Volkszugehörigkeit, die Religion, die Herkunft und den Titel dieses als Sultan Hosen Schah bekannten Edelmannes finden können.“
Tatsächlich hat sich über ihn ein Mischmasch aus etwas Geschichte, einigen Legenden und etlichen märchenhaften Erzählungen gebildet.
Sir Jadunath Sarkar sagt in seiner „Geschichte Bengalens“:
„In fast allen historischen Darstellungen wird er als Araber bezeichnet. Er kam gemeinsam mit seinem Vater nach Bengalen und ließ sich dort nieder. Die Ereignisse seines frühen Lebens wurden zum Gegenstand zahlreicher Volkserzählungen und Geschichten. Der Schauplatz der meisten dieser Ereignisse ist ein Dorf im Unterbezirk Jangipur des Distrikts Murshidabad, das – so heißt es – , in einem Rarh-Dorf namens Ekanni Chandpara im Haus eines einheimischen muslimischen Qazi gastlich aufgenommen wurde. Als der Qazi die Herkunft seines Gastes erfuhr, verheiratete er ihn mit seiner eigenen Tochter, der jüngeren Schwester seines Sohnes Hosen. Nachdem Hosen seine Ausbildung abgeschlossen hatte, nahm er in Gaur unter dem habschischen Sultan Muzaffar Schah eine unbedeutende Anstellung an. Eine solche Geschichte überliefert Salim unter Berufung auf eine anonyme Schrift.“
Über ihn ist auch folgende Geschichte verbreitet: In seiner Kindheit diente Hosen einem örtlichen Brahmanen. Als dieser in ihm wundersame Anzeichen dafür erkannte, dass der Knabe künftig eine bedeutende Persönlichkeit werden würde, nahm der Brahmane ihn nach Gaur mit.
Als Hosen später Sultan von Bengalen wurde, schenkte er jenem Brahmanen das Dorf Chandpara gegen eine Abgabe von lediglich einer Ana. Diese Geschichte entspricht genau der Erzählung aus der Kindheit Hasan Gangu Bahmanis. Dennoch kann man sie nicht ungeprüft als wahr annehmen. Wenn ein unbedeutender Mann plötzlich zum selbstständigen Herrscher eines Reiches wird, werden über ihn allerlei abenteuerliche Geschichten erfunden. Unserer Ansicht nach war dies auch bei Hosen Schah der Fall.
Einige Historiker sagen, dass Husains Vater, Sayyid Aschraf, ein Scharif von Mekka gewesen sei. Er habe jedoch lange Zeit in Termiz gelebt. Buchanan Hamilton sagt, es gebe auch die Überlieferung, Husain habe im Distrikt Rangpur gelebt. Er sei im Dorf Debnagar geboren worden, das sechzehn Meilen von Gobindaganj entfernt liegt. Einige Historiker haben ihn wiederum als Urenkel des Sultans Ibrahim Schah von Gaur bezeichnet. Es zeigt sich also, dass selbst unter den Historikern erhebliche Uneinigkeit über seine Abstammung und seinen Geburtsort besteht.
Einige Historiker sagen, er sei nicht nur Araber, sondern auch ein Sayyid gewesen. Dann wurde mit einer gewissen Ausschmückung durch die Fantasie versucht, Husains Abstammung zu adeln; so heißt es, sein Vater Sayyid Aschraf sei ein Scharif von Mekka gewesen. Auf der Suche nach seinem Glück sei er mit seinen beiden Söhnen nach Bengalen gekommen.
Nun drängt sich völlig zu Recht die Frage auf, ob Husains Vater überhaupt Araber war, ganz zu schweigen davon, dass er ein Scharif von Mekka gewesen sein soll. Es gibt hinreichenden Grund zu der Annahme, dass nicht nur Husains Sayyid-Abstammung, sondern sogar sein Muslimsein keineswegs zweifelsfrei ist. Sein Verhalten und seine Taten nach der Machtübernahme legen davon Zeugnis ab.
Nehmen wir zunächst seine Abstammung unter die Lupe. In der Geschichte findet sich kein zuverlässiger Beweis dafür, dass sein Vater Sayyid Aschraf in Mekka ansässig und ein Scharif war. Darüber hinaus ist die Behauptung, der Scharif von Mekka sei mit seinen beiden Söhnen auf der Suche nach seinem Glück nach Bengalen gekommen, nichts weiter als eine phantastische Erfindung. Aus welchem Grund war er vom Rang eines Scharifs abgesetzt und seines beweglichen wie unbeweglichen Vermögens beraubt worden, sodass er nach Bengalen kommen musste, um Nahrung und Kleidung zu suchen? Einige haben ihn wiederum als Einwohner von Termiz bezeichnet. Was soll man also als wahr annehmen? Es sei darauf hingewiesen, dass der Scharif von Mekka damals der unumschränkte Herrscher des Hedschas, ein allgewaltiger König, Besitzer ungeheuren Reichtums und Bewohner eines unvergleichlichen Königspalastes war. In der Geschichte findet sich kein Hinweis darauf, dass irgendein Scharif von Mekka jemals seinen Thron verlassen hätte, um mit Frau und Kindern zur Verbesserung seiner Lage nach Bengalen zu kommen und dort die Hilfe anderer zu suchen. Wahrscheinlich zog der äußerst gerissene und betrügerische Husain die Verehrung und den Respekt der Muslime auf sich, indem er sich als Angehöriger der Sayyid-Familie und als Sohn eines Scharifs ausgab.
Dann ist es besonders bemerkenswert, dass Husain nach seiner Thronbesteigung dem Qadi des Dorfes Chandpara (seinem Schwiegervater), beziehungsweise nach einer anderen Auffassung einem Brahmanen namens Thakur, der in seiner Kindheit sein Herr gewesen war, das gesamte Dorf gegen eine Grundsteuer von nur einer Ana schenkte; später wurde dieses Dorf beziehungsweise diese Gemeinde „Ekani Chandpara“ genannt. Doch ob Husain für den Lebensunterhalt seines unglücklichen Vaters und seines älteren Bruders irgendeine Vorsorge getroffen hat, darüber findet sich nirgends in der Geschichte ein Bericht.
Beachten Sie ferner, dass Husains angeblicher Vater Sayyid Aschraf im Haus eines Qadis im Dorf Chandpur, im Unterbezirk Jangipur des Distrikts Murshidabad, Zuflucht gesucht haben soll. Als der Qadi erfuhr, dass er einem Sayyid-Geschlecht angehörte, gab er ihm unverzüglich seine Tochter zur Frau. Ebenso weit verbreitet ist jedoch die Aussage, dass Husain im Dorf Chandpara als Hirte im Dienst eines Brahmanen stand. Eines Tages soll der Brahmane ihn wegen eines schweren Vergehens erbarmungslos mit einem Stock geschlagen haben. Wiederum heißt es bisweilen, Husain sei ein Einwohner des Dorfes Debnagar im Distrikt Rangpur gewesen. Aus diesen widersprüchlichen Berichten wird ganz deutlich, dass Husain in Wirklichkeit von unbekannter Herkunft war. Es ist nicht verwunderlich, wenn jemand unbekannter Herkunft aus eigenem Interesse bei passender Gelegenheit behauptet, Muslim zu sein, selbst wenn er keiner ist. Kurz gesagt: Nachdem er sich durch Verschwörung und Betrug auf den Thron Bengalens gesetzt hatte, wurden über seine Abstammung und seine Kindheit allerlei erfundene Geschichten verbreitet. Die fantasievollen Geschichtenerzähler hätten vielleicht das Grab seines angeblichen Vaters entdecken und erwähnen können, dass Husain daneben eine gewaltige Moschee und eine Madrasa errichtet habe; doch sie waren so sehr damit beschäftigt, die Geschichte des überaus mächtigen Königs Husain von Bengalen zu schreiben, dass sie den unglücklichen Vater und den Bruder völlig vergessen haben.
Lassen Sie uns nun ausführlich untersuchen, wie Husain die Macht erlangte und wie er sich nach der Machtübernahme verhielt.
Der habschische Herrscher Muzaffar Schah stellte Husain zunächst in einem unbedeutenden Amt an. Danach gewann Husain durch seinen scharfen Verstand die Gunst und Zufriedenheit seines Herrn und erlangte schließlich das Amt des Ministerpräsidenten. Der äußerst gerissene Husain hatte erkannt, dass die habschischen Herrscher bei der Bevölkerung Bengalens unerwünscht waren. Daher begann Husain, eine Verschwörung zur eigenen Machtergreifung zu schmieden, indem er seinen Herrn beim Heer, bei den Würdenträgern und beim Volk noch unbeliebter machte. Seinem Herrn Muzaffar Schah erteilte er fortwährend auf vielerlei Weise schlechten Rat.
Rakhaldas Bandyopadhyay sagt: „Sayyid Husain wurde zum Wesir und obersten Beamten von Sharif Makki Muzaffar Shah ernannt. Auf seinen Rat hin ließ Muzaffar Shah die Besoldung der Soldaten kürzen und widmete sich der Ansammlung von Geld.“ (Geschichte Bengalens, Bd. 2, S. 187).
In Riyāḍ as-Salāṭīn und in Tarikh-i Firishta wird berichtet, dass Husain, nachdem er Wesir geworden war, begann, sich gegenüber der Bevölkerung wohlwollend zu verhalten. Zugleich sagte er ihnen immer wieder, Muzaffar Shah sei ein Mensch von äußerst niederem Charakter und völlig ungeeignet, König zu werden. Auf Husain Shahs Rat hin beging Muzaffar Shah unerwünschte Handlungen. Dadurch erhielt Husain Gelegenheit, ihn in den Augen der Bevölkerung schuldig und verachtenswert erscheinen zu lassen. Auf diese Weise hetzte er das Heer, die Amīre und Würdenträger sowie das Volk gegen Muzaffar Shah auf. Schließlich trat unter seiner Führung ein gewaltiges Heer gegen Muzaffar Shah in den Krieg. Die Historiker berichten, dass in der Schlacht auf beiden Seiten einhundertzwanzigtausend Soldaten getötet wurden. Es ist nicht bekannt, dass es damals irgendwo sonst auf der Welt einen derart blutigen Krieg gegeben hätte.
Muzaffar Shah kam in der Schlacht ums Leben. Manche sagen, Husain habe, nachdem er die Palastwache auf seine Seite gebracht hatte, den Palast betreten und eigenhändig seinen eigenen Herrn getötet.
Maulana Akram Khan sagt in seinem Werk „Die Sozialgeschichte des muslimischen Bengalen“ unter Berufung auf die Enzyklopädie:
„Die muslimischen Feudalherren aller Klassen und die hinduistischen Könige hielten gerade ihn (Sayyid Husain) für den geeigneten Anwärter auf den Königsthron und setzten ihn als Herrscher ein. Um ihnen zu gefallen, befahl auch er zu festgesetzter Zeit die Plünderung der Hauptstadt Gaur. Damals wurden viele wohlhabende hinduistische Einwohner der Stadt Gaur ihres gesamten Besitzes beraubt.“
Das Bemerkenswerte ist, dass diejenigen, deren Besitz auf Husains eigenen Befehl geplündert worden war, ebenfalls auf Husains Befehl getötet wurden. Ihre Zahl betrug mehr als zwölftausend. Um seine eigenen niedrigen Interessen zu befriedigen, befleckte Husain seine Hände mit dem Blut von Hunderttausenden Menschen. Vielleicht war der Befehl zur Plünderung lediglich ein Vorwand, um eine Anzahl von Muslimen zu töten.
Nach diesem Massenmord, unter dessen Opfern sich Soldaten, Amīre und Würdenträger, Beamte, Gelehrte und andere befanden, blieb niemand mehr übrig, der auch nur ein Wort gegen Husain zu sagen wagte. So wurde er zum unumschränkten Herrscher des Landes.
Welche Rolle Sayyid Husain Makki (?) nach der Erlangung des Throns spielte, muss unweigerlich die Neugier der Leser wecken. Nachdem er den Herrscherthron bestiegen hatte, gestaltete er seinen Ministerrat völlig neu. Sein Wesir und oberster Beamter wurde Gopinath Basu, auch Purandar Khan genannt; sein königlicher Arzt war Mukunda Das, sein oberster Leibwächter Keshav Chhatri und der Leiter der Münzstätte Anup. Auch Srīrūpa und Sanātana, Kenner verschiedener Schriften und herausragende Vaishnavas, wurden seine Minister. Sir Jadunath Sarkar sagt unter Berufung auf Vaishnava-Schriftsteller, Husain Shah habe aus tiefstem Herzen geglaubt, dass Sri Chaitanya ein Avatar gewesen sei. Als Chaitanya in die Stadt Gaur kam, erwies Husain ihm besondere Hochachtung und erließ an die königlichen Beamten einen Firman, dem Herrn Chaitanya Ehrfurcht zu erweisen und ihm nach seinem Wunsch die Möglichkeit und die nötigen Vorkehrungen für Reisen an jeden beliebigen Ort zu gewähren.
Der verehrte Akram Khan sagt auf Seite 98 seines oben genannten Werkes:
„Nach Ansicht hinduistischer Schriftsteller begann im Gauḍa-Land seit Husain Shahs Thronbesteigung das ‚Ramrajya‘. Der hochgeehrte Dineshchandra Sen sagt hierzu einleitend: Ganz gleich, ob die Muslime aus Iran, Turan oder anderen Ländern kamen – nachdem sie in dieses Land gelangt waren, wurden sie vollständig zu Bengalen. Neben den Moscheen begannen Durga-, Rama- und Dol-Feste stattzufinden … In einer solchen Situation trat Sultan Husain hervor. Nachdem er von den königlichen Wirren befreit worden war, begab er sich vermutlich als Erster in den Dienst Chaitanyadevas und wurde zu einem seiner Anhänger. Im ‚Chaitanya Charitamrita‘ steht geschrieben, dass er (Husain) ein Anhänger Shri Chaitanyas geworden war.“
Sultan Husain und Shri Chaitanya waren Zeitgenossen, und Husains enge Beziehung zu Chaitanya ist eine historische Tatsache. Daher ist eine kurze Erörterung Shri Chaitanyas an dieser Stelle gewiss nicht unangebracht.
Shri Chaitanya
Die Vaishnava-Gemeinschaft glaubt von ganzem Herzen, dass Shri Chaitanya eine Inkarnation Shri Krishnas, ja sogar Shri Krishna selbst, war. In der gesamten hinduistischen Gesellschaft löste Shri Chaitanya eine neue Erweckung aus.
Sir Jadunath Sarkar sagt:
„Dies war eine Zeit, in der sich der Geist Bengalens in der Gestalt des Sinnbilds von Prabhu Gauranga vollständig entfaltete. Seine Botschaft der Liebe und Vergebung bezauberte ganz Indien. Herz und Gemüt Bengalens lösten sich von allen Fesseln und wurden durch die Lieder von Radhas und Krishnas göttlichem Spiel verzaubert. Der geistige Überschwang des Vaishnavismus – in Empfindung, Dichtung und Gesang, in gesellschaftlicher Toleranz und religiöser Hingabe – setzte sich während der folgenden anderthalb Jahrhunderte ununterbrochen fort. Diese hinduistische Renaissance ist eng mit der Husain-Shahi-Dynastie verbunden. Wenn man den Fortschritt des Vaishnavismus und der bengalischen Literatur in jener Epoche verstehen will, erinnert man sich unweigerlich an die liberale und kultivierte Herrschaft der muslimischen Herren von Gauḍa.“
‘Jadunath Sarkar, The History of Bengal, Band 2, S. 147)
Was nun tatsächlich der Zweck von Chaitanyas Erscheinen war, können wir aus seinen eigenen Worten ganz eindeutig erfahren. Im Adi-lila des Chaitanya Charitamrita sagt er auf Seite 120 unmissverständlich:
„Diese meine Inkarnation dient der Vernichtung der Ketzer.
Nachdem ich die Ketzer vernichtet habe, werde ich die Bhakti verkünden.“
Nun ist klar geworden, dass die Vernichtung der Ketzer das eigentliche Ziel seines Lebens war. Aus der Erörterung der Geschichte geht hervor, dass die buddhistische Lehre bereits aus dem Land verschwunden war, als die Muslime Bengalen eroberten. Die Brahmanen weigerten sich, die große Zahl der Angehörigen der unteren hinduistischen Schichten, die in diesem Land lebten, unter den Schutz der Religion aufzunehmen. Infolgedessen begannen sie, in die Vaishnava-Gesellschaft einzutreten. Demnach gab es damals in diesem Land außer den Hindus, der Vaishnava-Gesellschaft und den Muslimen keine Anhänger einer anderen Religion. Wer waren also die Ketzer, zu deren Vernichtung Chaitanya erschienen war?
Maulana Akram Khan sagt in dem oben erwähnten Werk:
„Nach Manus Auffassung gehört jeder Nicht-Hindu, der einer anderen Religion angehört, zu dieser Kategorie (Saral Bangla Abhidhan). Der Lexikograf Subal Chandra Mitra erklärt in seinem Beng-Eng Dictionary die Bedeutung des Wortes Ketzer folgendermaßen: „Nicht den Lehren der Veden entsprechend: atheistisch. Jainistisch oder buddhistisch. Ein Nicht-Hindu – jemand, der die Veden nicht anerkennt, das Zeichen einer anderen Kaste trägt und ein Nicht-Hindu ist – diese drei Auslegungen des Begriffs Ketzer sind allgemein vertreten worden.“
Nun bleibt kein Raum mehr für Zweifel daran, dass mit Ketzern ausschließlich die Muslime gemeint sind.
Nun stellt sich die Frage: Konnte Chaitanya die Ketzer, also die Muslime, tatsächlich aus diesem Land vertreiben? Auf den ersten Blick scheint es, dass auch nach dem mit Chaitanya zeitgenössischen Sultan Hussain Shah noch mehrere Jahrhunderte lang eine muslimische Herrschaft in diesem Land bestand. Doch durch Hussain Shahs Annahme der Jüngerschaft Chaitanyas sowie durch seine Hilfe und Unterstützung bei der Errichtung der Vaishnava-Gesellschaft sammelte sich in der Aqida und im Glauben der Muslime jener Unrat aus Schirk und Bid’a an, der in späteren Zeiten zum Grund für den Niedergang der muslimischen Gesellschaft wurde.
Der Verfasser des Werkes „Die Sozialgeschichte der Muslime Bengalens“ sagt:
„In Wahrheit war es so, dass sie, nachdem sie die buddhistische Gesellschaft und die buddhistische Religion aus ihrer Heimat vollständig verdrängt hatten, ihre wohlwollende Aufmerksamkeit der muslimischen Gesellschaft zuwandten. Daher begannen sie gleichzeitig, die ‚Yavana‘-Herrscher durch politische Ränke zu Fall zu bringen und ins Verderben zu stürzen. Andererseits wollten sie im Namen der Religion ein Blendwerk errichten, um die muslimische Gesellschaft in Selbstvergessenheit und Betäubung zu halten. Wie ich bereits sagte, war dies das äußerste und höchste Ziel des damaligen Avatars sowie seiner Anhänger und Helfer.“
In den hinduistischen Puranas wird die Verehrungsweise des Satya Narayan erwähnt. In nahezu jedem hinduistischen Haushalt wird diese Verehrung vollzogen. Für Muslime war es jedoch keineswegs möglich, Satya Narayan zu verehren. Daher gründete Sultan Hosen mit dem großen (?) Ziel, die Kluft zwischen Hindus und Muslimen zu beseitigen, den Satya Pir und führte dessen Verehrungsweise ein. Tatsächlich waren die Errichtung eines Schreins des Satya Pir, die Gelübde und die Verteilung von Shirni in seinem Namen sowie die mit Trommeln und anderen Instrumenten begangenen Zeremonien an seinem Schrein nichts anderes als eine muslimische Variante der Verehrung des Satya Narayan, deren Urheber Hosen Shah war. Aus all diesen Gründen verehrt die hinduistische Gesellschaft Hosen Shah als Avatar.
Als König Hosen Shah wurde er zum großen Weisen,
dessen Ruhm im fünften Gaur überaus groß war.
In den Waffen bewandert, war seine Größe grenzenlos.
Im Kali-Zeitalter wurde er gleichsam zum Avatar Krishnas.
(„Bengalische Sprache und Literatur“, Dinesh Chandra Sen).
Dinesh Chandra Sen sagt in seinem Werk „Bongabhasha o Sahitye“:
„Kavindra Parameshwar hat ihn (Hussain Shah) als Inkarnation Krishnas beschrieben. Aus dem Chaitanya-Charitamrita und dem Chaitanya-Bhagavata geht hervor, dass er Chaitanyaprabhu als Inkarnation Gottes anerkannt hatte. Durch jene Eigenschaften, aufgrund derer Akbar in der Geschichte Indiens als glänzendes Juwel gilt, wird auch Hussain Shah in der Geschichte Bengalens als strahlendes Juwel gelten.“
Nach dem allgemeinen religiösen Glauben der Hindus ist Chaitanya eine Inkarnation Shri Krishnas oder Shri Krishna selbst. Deshalb wurden seine Anhänger in äußerst verhängnisvoller Weise von Krishnas Liebesspielen angezogen. Die vollständige Nachahmung der äußerst verführerischen Liebesspiele zwischen Vaishnavas und Vaishnavis im Namen der Religion – eine ausführliche Darstellung davon findet sich in vielen hinduistischen Schriften. Die denkenden Menschen der hinduistischen Gesellschaft erkennen an, welches Unheil infolge der Verbreitung und Ausbreitung der Vaishnava-Religion durch sexuelle Ausschweifungen über die hinduistische Gesellschaft gebracht worden ist. Äußerst bedauerlich ist, dass ein mächtiger Muslim Bengalens auch Millionen von Menschen in Bengalen dazu gebracht hat, all diese schmutzigen und obszönen Bräuche und Rituale als Lebensideal anzunehmen, und dadurch die muslimische Gesellschaft verflucht und ins Verderben gestürzt hat. Es wäre nicht übertrieben zu sagen, dass Shri Chaitanya auf diese Weise bei der Vernichtung der Ketzer vollständigen Erfolg errungen hat.
Hier möchten wir die Aussage Rakhaldas Bandopadhyays wiederholen und sie mit einigen Korrekturen wie folgt wiedergeben:
„Der Name Sultan Hussain Shahs wird in der Geschichte für immer unvergessen bleiben, weil er vollbracht habe, was Danujamardana Deva-Ganesha nicht vollbringen konnte und kein hinduistischer König Aryavartas vollbringen konnte.“
Nach all diesen Erörterungen verdichten sich nun die Zweifel an Hussain Shahs Abstammung und Religionszugehörigkeit noch weiter. Es ist möglich, dass Hussain Shah überhaupt kein Muslim war. Vielleicht gelangte er, indem er sich als Muslim aus einer Sayyid-Familie ausgab, die Verehrung und Achtung der Muslime gewann und sie durch Täuschung allmählich an die höchste Machtposition. Oder ein Brahmane aus dem Dorf Chandpara bei Murshidabad nahm einen schutzlosen Jungen unbekannter Herkunft – sei er Hindu oder Muslim – auf und stellte ihn als Hirten an. Dieser Brahmane erkannte in dem Jungen ein gewaltiges Talent, ließ ihn „zur Vernichtung der Ketzer“ ausbilden und führte ihn am Hof Muzaffar Shahs ein. Durch Muzaffar Shahs Gunst begann sich sein Schicksal rasch zu wenden. Wenn man sein ganzes Leben, die einander widersprechenden Berichte der Historiker über ihn, seine späteren religiösen Überzeugungen, seine Handlungen und sein Verhalten sowie die Tatsache betrachtet, dass er nach der Ermordung zahlreicher talentierter Muslime seinen Ministerrat und Hof mit Angehörigen der hinduistischen und vaishnavischen Gesellschaft schmückte – wäre es dann falsch, die oben dargelegte Auffassung über seine Herkunft und Religionszugehörigkeit zu vertreten?
Kurz gesagt: Ob Hussain Shah nun Muslim war oder was auch immer – hatte er überhaupt Gelegenheit, darüber nachzudenken, welches Unheil er der muslimischen Gesellschaft zufügte, nachdem er unzählige muslimische Soldaten, Amire, Würdenträger und angesehene Muslime getötet und die mächtigen hinduistischen Feudalherren zufriedengestellt hatte? Zu verschiedenen Zeiten der Geschichte haben die Feinde des Islam ihre Ziele erreicht, indem sie jeweils einen Muslim als Marionette aufstellten. Deshalb sehen wir nichtmuslimische Historiker und Literaten Hussain Shah voll des Lobes.
Während seiner Herrschaft wurde die Renaissancebewegung der hinduistischen Nation durch die bengalische Sprache verstärkt. Die bengalischen Schriftsteller Maladhar Basu, Bipradas, Vijayagupta und Yashoraj Khan bekundeten in ihren Werken neben überschwänglichem Lob für Hussain Shah auch ihre Dankbarkeit. Maladhar Basu übersetzte den zehnten und elften Skandha des Bhagavata ins Bengalische. Er verfasste ein bengalisches Epos mit dem Titel „Shrikrishna Vijaya“ über die Liebesspiele Shri Krishnas. Hussain war ihm wohlgesinnt und verlieh ihm den Titel „Gunaraj Khan“. Er sagt:
„Ich, tugendlos und gering, besitze keinerlei Vorzug
Gaureshwar gab mir den Namen Gunraj Khan.“
Gopinath Basu, der Bruder von Maladhar Basu, auch bekannt als Purandar Khan, verfasste über die Liebesspiele Sri Krishnas ein Mahākāvya mit dem Titel Krishnamangal. Der Brahmane Bipradas verfasste das Gedicht Manasamangal. Hussein schenkte Paragal Khan in Chittagong umfangreiche Ländereien.
Diese Schriften und das verfasste Mahākāvya Manasamangal übten einen so starken Einfluss auf den religiösen Glauben der Muslime aus, dass später im muslimischen Gemeinwesen die Verehrung Manasas Eingang fand. Zur Kenntnis der Leser füge ich hier einen kurzen Auszug aus dem Werk von Maulana Akram Khan ein.
„Im Mahabharata und im Devi-Bhagavata finden wir eine teilweise Darstellung Manasas. Obwohl hinsichtlich ihrer Herkunft unterschiedliche Auffassungen bestehen, können wir sie als Tochter Shivas ansehen. Es ist nicht möglich, die Geschichte Manasas unter Wahrung der sprachlichen Schicklichkeit zu schildern. Kurz gesagt: Unmittelbar nach ihrer Geburt wurde sie zu einer voll erblühten jungen Frau, und Shiva oder Mahadeva nahm sie in sein eigenes Haus auf. Chandī oder Durga, die Gemahlin Shivas, geriet, aus welchem Grund auch immer, beim bloßen Anblick ihrer in heftigen Zorn. In dem Konflikt, der daraufhin zwischen den beiden Göttinnen entstand, verlor Manasa eines ihrer Augen. Manasa geriet in Zorn über Durga. Auch Shiva blieb von ihrem Zorn nicht verschont. (Die Darstellung des Schlangentanzes lassen wir hier aus – Manasa wird jedoch als Göttin der Schlangen verehrt.) Manasa gelobte, dass sie nicht eher ruhen würde, als bis sie diese Demütigung gerächt hätte. Nach Beratung mit ihrer Gefährtin Netravati beschloss sie, die Verehrer Shivas und Durgas zur Verehrung Manasas zu zwingen. Zu diesem Zweck erschien sie in Bengalen in einer besonderen Gestalt und vermochte es ohne große Mühe, nach und nach Hirten, Fischer und arme Muslime zur Verehrung ihrer Person zu bewegen. (Aus: Die Geschichte der bengalischen Literatur, S. 16)“
Die Frau des Kaufmanns Chand war eine Verehrerin Manasas. Ihr Ehemann jedoch war unter keinen Umständen bereit, Manasa zu verehren. Aus Zorn begann Manasa, ihn allerlei Gefahren und Verlusten auszusetzen. Doch selbst nachdem seine gesamte Flotte mitsamt seinen sieben Kindern und seinem reichen Besitz im Meer versunken war, blieb der Kaufmann bei seiner Haltung. Schließlich wurde trotz strenger Warnungen sein einziger noch lebender Sohn Lakhindar durch einen Schlangenbiss getötet, und Behula, Lakhindars Ehefrau, vermochte ihn durch ihre tiefe Hingabe und dank Manasas Gnade wieder zum Leben zu erwecken. Alle verlorenen Söhne sowie der Reichtum und Besitz des Kaufmanns Chand wurden ihm zurückgegeben. Diese Verehrung Manasas und das damit verbundene Bhasan-Fest der Behula waren bis zum ersten Viertel des 20. Jahrhunderts unter den Muslimen in Gebieten wie Jessore, Khulna und den Batschish-Par ganas verbreitet.“ (Sozialgeschichte des muslimischen Bengalen, S. 78–79)
Nicht nur im Süden Bengalens, sondern in nahezu allen Regionen Bengalens veranstaltete eine Gruppe von Muslimen, die die oben erwähnten Vorstellungen von Schirk und Kufr vertrat, in den Dörfern mit Begeisterung und Eifer das Bhasan der Behula oder den Bhasan-Umzug.
Nun sehen wir deutlich, wie durch die Unterstützung Hussain Shahs und seiner Nachkommen der giftige Dunst des Götzendienstes den religiösen Glauben der Muslime angesteckt hatte. Infolgedessen kam es später zu dem lächerlichen Versuch, die Gesellschaft und Kultur von Hindus und Muslimen zu einer einzigen und untrennbaren Einheit zu machen.
Husain-Shahi-Dynastie
Alauddin Husain Shah (1493–1519 n. Chr.)
Danial Nasiruddin Nasrat Shah Ghiyasuddin Mahmud Shah
(1519–32 n. Chr. (1532–38 n. Chr.)
Alauddin Firuz Shah (1532 n. Chr.)
Wenn man die Geschichte Bengalens betrachtet, wird deutlich, dass während der Herrschaft der Husain Shahis erstmals heidnische Elemente in die Bräuche, das Verhalten und den religiösen Glauben der Muslime eindrangen. Es besteht kein Zweifel daran, dass der gewaltige Einfluss Shri Chaitanyas und der Vaishnava-Gesellschaft den religiösen Glauben der Muslime verdarb. Da Husain Shah Hunderttausende vornehmer muslimischer Amire und Omras, frommer Männer sowie Pire und Walis töten ließ und selbst Schüler Shri Chaitanyas wurde, war das Eindringen heidnischer Denkweisen in die muslimische Gesellschaft erleichtert.
M. R. Tarafdar sagt in seinem Werk Husain Shahi Bengal:
„Einige einflussreiche Muslime pflegten die Schlangengöttin Manasa zu verehren – aus Angst vor Schlangenbissen. Dies ist wahrscheinlich das Ergebnis des hinduistischen Einflusses auf die Muslime. Nasrat Shah errichtete ein Gebäude zu Ehren des Propheten. Doch die Bewahrung des Fußabdrucks des Propheten findet im orthodoxen Islam keine Unterstützung.“
(Husain Shahi Bengal, M. R. Tarafdar, S. 164, 166, 167, 89–91)
„Einige einflussreiche Muslime verehrten aus Angst vor Schlangenbissen den Altar der Manasa. Dies war wahrscheinlich eine Folge des hinduistischen Einflusses auf die Muslime. Nasrat Shah errichtete Prunkbauten. Die Verehrung der Fußspuren des Propheten wird vom wahren Islam nicht unterstützt.“
Dr. James Wise sagt, dass die Brahmanen von Gaya viel Geld verdienen, indem sie den Pilgern den Vishnupad (die Fußspur Vishnus) zeigen. Ihrem Beispiel folgend, begann in der muslimischen Gesellschaft Bengalens unter der Husain-Shahi-Herrschaft die Verehrung des Kadam Rasul.
Nachdem die Husain-Shahi-Dynastie fünfundvierzig Jahre lang Bengalen regiert hatte, verlor sich jede Spur von ihr. Danach saßen Scher Schah sowie die Dynastien der Sur und der Karrani bis 1575 auf dem Thron von Bengalen. Anschließend übernahmen von dem Mogulreich in Delhi eingesetzte Gouverneure die Verwaltung Bengalens. Doch eine friedliche Regierung Bengalens war nicht möglich, bis Jahangir nach dem Tod Kaiser Akbars im Jahr 1605 Man Singh zum zweiten Mal zum Gouverneur von Bengalen ernannte. Die Mogulherrschaft über Bengalen wurde wiederholt zurückgedrängt und geriet in Gefahr. Nach Man Singh ernannte Jahangir Qutbuddin Khan Koka zum Subahdar von Bengalen. 1607 regierte Jahangir Quli Khan, und bis 1639 verwalteten weitere neun Personen Bengalen als Subahdare und Gouverneure. Nachdem Prinz Suja 1639 zum Gouverneur von Bengalen ernannt worden war, kamen die Engländer erstmals als Kaufleute verkleidet nach Bengalen; 1757 rotteten sie die muslimische Herrschaft endgültig aus und wurden zu den Herren über Bengalen und Bihar.
Nach Prinz Muhammad Suja waren bis 1757 diejenigen, die auf dem Thron von Bengalen saßen:
Prinz Muhammad Suja – 1639–1660 n. Chr.
Muazzam Khan Mir Jumla – 1660–1663 n. Chr.
Dilir Khan–Daud Khan – 1663–1664 n. Chr.
Shaista Khan (Bruder von Mumtaz Mahal) – 1664–1678 n. Chr.
Fida Khan Ajan Khan Koka – 1678 n. Chr.
Prinz Muhammad Azam – 1678–1679 n. Chr.
Shaista Khan – 1679–1688 n. Chr.
Khan-i Jahan – 1688–1689 n. Chr.
Ibrahim Khan – 1689–1698 n. Chr.
Prinz Azimuddin – 1698–1717 n. Chr.
Murshid Quli Khan – 1717–1727 n. Chr.
Sujāʾuddīn Muhammad Khan – 1727–39 n. Chr.
Sarfaraz Khan – 1739–40 n. Chr.
ʿAlīvardī Khan – 1740–56 n. Chr.
Sirādsch ud-Daulah – 1756–57 n. Chr.
Drittes Kapitel
Das Eintreffen der Ostindien-Kompanie in Bengalen
Es ist notwendig, dass wir das Eintreffen jener Ostindien-Kompanie in diesem Land und ihre späteren Aktivitäten genau kennen, unter deren Herrschaft die Engländer sich durch mehr als hundert Jahre unermüdlicher Anstrengungen und größter Bemühungen von Kaufleuten zu Herrschern entwickelten, die seit fünfeinhalb Jahrhunderten bestehende muslimische Herrschaft an der Wurzel ausrotteten und die Bewohner dieses Landes in die Ketten der Sklaverei legten.
Im späten sechzehnten Jahrhundert (1599 n. Chr.) entstand die Ostindien-Kompanie in London durch die gemeinsamen Anstrengungen einiger Kaufleute. Mit der Genehmigung Königin Elisabeths begannen sie den Handel mit Indien. Nachdem die Kompanie 1612 n. Chr. vom Kaiser Dschahangir eine Urkunde erhalten hatte, errichtete sie erstmals in der Hafenstadt Surat eine Handelsniederlassung.
Anfangs konnten sie im Handel keinen großen Vorteil erzielen, da sie sich durch zahlreiche Rückschläge und Widrigkeiten hindurcharbeiten mussten. Im Jahr 1644 verbrannte sich die Tochter des Kaisers Shah Jahan, als dieser sich im Dekkan aufhielt. Der von dem Leiter der englischen Faktorei in Surat entsandte hervorragende Chirurg Dr. Gabriel Boughton heilte sie. Der Kaiser Shah Jahan war von ihm außerordentlich beeindruckt, und auf Boughtons Bitte erhielten die englischen Kaufleute das Recht, in Bengalen zollfrei Handel zu treiben. Als sie 1644 mit dem Firmān des Kaisers in Bengalen eintrafen, war Prinz Muhammad Shah Shuja der Subahdar von Bengalen, Bihar und Orissa.
Es muss als das größte Glück der Kompanie bezeichnet werden, dass die Behandlung eines Mitglieds der Familie Shah Shujas Dr. Boughton anvertraut wurde und er auch hier einen ausgezeichneten Ruf als Arzt erlangte. Daher gewährte Shah Shuja den Engländern gegen eine Salāmī von lediglich dreitausend Rupien die Möglichkeit, in Bengalen freien Handel zu treiben. Die äußerste Freigebigkeit und Gunst, die Kaiser Shah Jahan und sein Sohn den Engländern erwiesen hatten, nutzten die undankbaren englischen Kaufleute später als Todesurteil für das Mogulreich und die Unabhängigkeit von Bengalen und Bihar.
Aufgrund des Firmāns Shah Shujas errichteten die englischen Kaufleute in Hugli ihre Handelsfaktorei und in Patna eine Agentur.
Von Mir Jumla bis Siraj ud-Daulah
Nach Shah Shuja wurde Mir Jumla, der Heerführer Aurangzebs, zum Subahdar von Bengalen ernannt. Der umsichtige Mir Jumla beobachtete die Aktivitäten der Engländer mit wachsamer Aufmerksamkeit. Einmal ließ Mir Jumla mehrere mit Waren beladene Boote festhalten, die von Patna nach Hugli unterwegs waren. Aus Rache hielt der englische Leiter der Faktorei in Hugli das mit Waren beladene Boot eines Muslims fest und nahm die Güter an sich. Wegen dieser Anmaßung erließ Mir Jumla den Befehl, die Faktorei in Hugli zu beschlagnahmen. Als der Leiter der Faktorei seine aussichtslose Lage erkannte, gab er das festgehaltene Boot und die Waren ihrem Eigentümer zurück und bat Mir Jumla um Verzeihung.
Nawab Shaista Khan
Nach Mir Jumla wurde Shaista Khan zum Nawab und Subahdar von Bengalen ernannt. Wegen Shaista Khan waren die Engländer überall in großer Furcht. Aufgrund ihrer Anmaßung hob Shaista Khan die früheren Firmāne auf. Als sie sich für ihr Verhalten entschuldigten und versprachen, ehrlich Handel zu treiben, wurden die früheren Firmāne wieder in Kraft gesetzt. Danach verließ Shaista Khan Bengalen.
Fida Khan und Prinz Muhammad Azam
Nach Shaista Khan wurden Fida Khan und Prinz Muhammad Azam, der Sohn Kaiser Aurangzebs, nacheinander zu Subahdaren von Bengalen ernannt. Nachdem Muhammad Azam 1678 zum Subahdar ernannt worden war, bestach die Kompanie ihn zur Durchsetzung ihrer niederträchtigen Interessen mit einundzwanzigtausend Rupien. Als Kaiser Aurangzeb davon erfuhr, enthob er ihn seines Amtes und entsandte Shaista Khan erneut nach Bengalen. Zu dieser Zeit erreichte die Überheblichkeit der Engländer ihren Höhepunkt. Ein gewisser Akbar verschwörte sich gegen den Kaiser, und die Engländer unterstützten ihn mit Waffen. Als Shaista Khan von dieser Verschwörung erfuhr, ließ er Mr. Peacock, den Leiter der Faktorei in Patna, inhaftieren. Da der Handel der Kompanie Schaden erlitt, wurden unter dem Kommando von Kapitän Nicholson mehrere Kriegsschiffe von London nach Indien entsandt und angewiesen, Chittagong einzunehmen. Doch Kapitän Nicholson scheiterte. Wegen dieses hinterhältigen Vorgehens der Engländer vertrieb Nawab Shaista Khan sie aus Sutanuti. Als Job Charnock, der Leiter der Faktorei in Kasimbazar, 1687 alle vom Nawab gestellten Bedingungen akzeptierte, wurde ihnen erneut die Genehmigung zum Handel erteilt. Als in England bekannt wurde, dass Job Charnock die vom Nawab auferlegten Bedingungen angenommen hatte, betrachteten die Beamten der Kompanie dies als eine Demütigung. Daraufhin rüsteten sie unter dem Kommando eines hervorragenden Seemanns namens Kapitän Heath ein Kriegsschiff namens „Defence“ mit verschiedenen Waffen aus und entsandten es nach Indien. Nachdem Heath Sutanuti erreicht hatte, zog er gemeinsam mit den Leuten der Kompanie nach Baleshwar, um gegen die Moguln Krieg zu führen. Dort misshandelten sie die Bevölkerung auf unmenschliche Weise und plünderten ihren gesamten Besitz. Danach zog Heath von Baleshwar nach Chittagong und bat den König von Arakan um Unterstützung. Auch hier scheiterte er und zog sich enttäuscht nach Madras zurück. Als Kaiser Aurangzeb von all diesen hinterhältigen Machenschaften und Verschwörungen erfuhr, beschlagnahmte er die englischen Handelsfaktoreien in Masulipatnam und Vizagapatam. Auf diese Weise sah sich die Kompanie wegen ihrer Missetaten einer völligen Katastrophe gegenüber.
Subahdar Ibrahim Khan
Nach Shaista Khan wurde Khan-i Jahan für kurze Zeit Subahdar von Bengalen, und 1689 wurde Ibrahim Khan zum Subahdar von Bengalen, Bihar und Orissa ernannt. Um Handel und Gewerbe in diesem Land zu fördern, wurde die Angelegenheit der Kompanie erneut geprüft. Daraufhin wurden die in Orissa gefangenen Engländer freigelassen und Job Charnock erneut die Genehmigung erteilt, in Bengalen eine Handelsfaktorei zu errichten. Job Charnock hatte sich nach seiner Flucht in Madras aufgehalten. Sobald der listige Job Charnock die Genehmigung erhalten hatte, kehrte er 1691 mit den englischen Kaufleuten nach Bengalen zurück und gründete die Stadt Kalkutta. Er verankerte sie so fest, dass die Engländer infolgedessen bis 1947 ihre Herrschaft und ihren Imperialismus in Bengalen und sogar auf dem gesamten indischen Subkontinent unversehrt bewahren konnten.
Zu dieser Zeit wurde gegen die Engländer eine schwerwiegende Beschuldigung erhoben. Der Shaykh al-Islam von Konstantinopel teilte Kaiser Aurangzeb mit, dass der große Anteil an Salpeter, den die Engländer aus Indien beschafften, nach Europa exportiert und dort zur Herstellung von Munition verwendet werde, die gegen die Muslime eingesetzt werde. Aurangzeb verbot den Ankauf von Salpeter. Dennoch schmuggelten sie weiterhin heimlich Salpeter. Daraufhin erließ Kaiser Aurangzeb einen Firman, der den Handel mit den Europäern verbot. Als der Leiter der Faktorei in Hugli den Subahdar von Bengalen um Fürsprache ersuchte, milderte dieser die Strenge des Verbots.
Subahdar Azim ush-Shan
Wegen Ibrahim Khans Unfähigkeit ernannte Kaiser Aurangzeb an seiner Stelle seinen Enkel Azim ush-Shan zum Subahdar von Bengalen.
Azim ush-Shan war äußerst bequem und geldgierig. Die Engländer nutzten dies aus, überreichten ihm reichliche Geschenke als Nasr und erhielten die Genehmigung, ihre Handelsfaktorei in Sutanuti zu befestigen. Danach erwarben sie gegen eine erneute Zahlung von sechzehntausend Rupien als Nasrana und wertvolle Geschenke die drei Dörfer Sutanuti, Gobindapur und Kalkutta.
Nach Aurangzebs Tod im Jahr 1707 bestieg Azim ush-Shans Vater Bahadur Shah den Thron von Delhi. Daraufhin wurde Azim ush-Shan erneut zum Subahdar von Bengalen, Bihar und Orissa ernannt. Um den unfähigen, untätigen und bequemen Subahdar in Steuerangelegenheiten zu unterstützen, wurde Murshid Quli Khan zum Diwan ernannt und nach Bengalen entsandt.
Murshid Quli Khan
Nach dem Tod Bahadur Shahs wurde Azim-ush-Shan während des Wettstreits um den Thron von Farrukhsiyar getötet, und Farrukhsiyar ernannte ausgerechnet Murshid Quli Khan zum Subahdar von Bengalen. Murshid Quli Khan war weder jemand, der sich zum Spielzeug der Engländer machen ließ, noch jemand, der sich durch Geld gefügig machen ließ. Daher scheiterten die Engländer daran, von ihm unrechtmäßige Vergünstigungen zu erlangen. Als sie sahen, dass sich ihre Lage verschlechterte, entsandten sie eine Delegation zum Kaiser. Zu ihr gehörte ein äußerst fähiger Arzt namens Hamilton. Der Subahdar von Bengalen war den Engländern gegenüber feindselig eingestellt. Der Kaiser war nicht bereit, gegen dessen Willen etwas zu unternehmen. Doch nun begann ein Liebesdrama, durch das sich das Schicksal der Engländer äußerst günstig wendete.
Der junge Kaiser Farrukhsiyar verliebte sich in eine außerordentlich schöne Tochter des Maharana von Udaipur. Nachdem die Heirat beschlossen worden war, erkrankte er plötzlich schwer. Die Hochzeit wurde auf unbestimmte Zeit verschoben. Keine Behandlung zeigte irgendeine Wirkung. Schließlich begab sich der Kaiser in die Behandlung Hamiltons. Auch dessen Behandlung zeigte keinerlei Wirkung. Schließlich wurde der Kaiser von Hamilton behandelt. Nach vollständiger Genesung durch dessen Behandlung wurde die Hochzeit mit der Tochter der Tochter des Maharana vollzogen.
Nachdem der Kaiser seine Geliebte gewonnen hatte, war Farrukhsiyar von Dr. Hamilton äußerst angetan und schenkte den englischen Kaufleuten achtunddreißig Dörfer an beiden Ufern des Hugli südlich von Kalkutta. Als nomineller jährlicher Grundzins wurden lediglich 8.121 Taka festgesetzt. Obwohl sie vom Kaiser so vieles erlangt hatten, konnten sie aus Furcht vor Murshid Quli Khan keine besonderen Vorteile daraus ziehen.
Sujauddin
Nach dem Tod Murshid Qulis bekleidete 1725 sein Schwiegersohn Sujauddin das Amt des Subahdars von Bengalen, Bihar und Orissa. Während seiner Amtszeit machten die Engländer im Handel bedeutende Fortschritte, und ihre Überheblichkeit nahm ebenfalls vielfach zu. Der Faujdar von Hugli beschlagnahmte einmal aus einem rechtmäßigen Grund ein mit Waren beladenes Boot der Engländer. Als die Engländer davon erfuhren, entsandten sie eine Gruppe Soldaten und entrissen den Wachen das Boot. Als der Subahdar von dieser Überheblichkeit erfuhr, gestanden sie umgehend ihr Vergehen ein, baten unter Zahlung einer hohen Geldstrafe um Vergebung und wurden so verschont.
Sarfaraz Khan
Nach dem Tod Sujauddins wurde sein Sohn Sarfaraz Khan zum Subahdar ernannt. Zu seiner Zeit ereignete sich Nadir Shahs Invasion Indiens.
Alivardi Khan
Sarfaraz Khan war unfähig und willensschwach. In einer Auseinandersetzung mit seinem Feldherrn Alivardi Khan wurde er getötet, und Alivardi Khan wurde 1741 zum Subadar von Bengalen ernannt.
Während Alivardi Khans Herrschaft fielen die Räuberbanden der Bargis wiederholt in Bengalen ein. Um das Land vor ihren Übergriffen zu schützen, erpresste er mehrmals große Geldsummen von den Engländern und anderen ausländischen Kaufleuten. Zur wirtschaftlichen Entwicklung des Landes ermutigte er Handel und Gewerbe.
Trotz zahlreicher Vorsichtsmaßnahmen drangen die Bargi-Räuber einmal ein und verübten Plünderungen und Massaker. Um die auf dem Wasserweg eintreffenden Bargi-Räuber zu unterwerfen, hielt Alivardi Khan die Unterstützung und Hilfe der Engländer für notwendig. Denn Bengalen besaß praktisch keinerlei Seemacht. Die Engländer hingegen verfügten über eine starke Flotte. Alivardis oberster Feldherr riet ihm einmal, eine wie die Engländer wachsende unheilvolle Macht aus dem Land zu vertreiben. Darauf erwiderte der alte Alivardi, dass die Bargis auf der einen Seite auf dem Landweg Feuer legten. Wenn man aber auch die Engländer erzürne, würden sie auf dem Seeweg Feuer legen, und Bengalen besitze nicht die Macht, dieses zu löschen. Unter Ausnutzung von Alivardis Alter und der schwierigen Lage fassten die Engländer den Plan, sich in diesem Land festzusetzen und politische Macht zu erlangen; dieser Plan fand fünfzehn Jahre später, im Jahr 1757, seinen Abschluss.
Siraj ud-Daulah
Im Jahr 1756 starb Alivardi nach langer Bettlägerigkeit, und Siraj ud-Daulah wurde sein Nachfolger. Nach seiner Thronbesteigung vereitelte er geschickt alle Verschwörungen von Alivardis Tochter Ghaseti Begum und dessen Enkel Schawkat Dschang, dem Gouverneur von Purnia. Unmittelbar nach Alivardi Khans Tod und Siraj ud-Daulahs Thronbesteigung gelang es Ghaseti Begum, zwanzigtausend Soldaten für ihre Sache zu gewinnen, woraufhin sie nach Murshidabad aufbrach. Siraj ud-Daulah besiegte Ghaseti Begums Truppen rasch und ließ die Begum im Königspalast gefangen setzen. Schawkat Dschang hingegen wurde im Krieg von Siraj ud-Daulah getötet, nachdem er sich selbst zum Subadar von Bengalen erklärt hatte.
Rajballabh, der Diwan von Nawajis Muhammad, stachelte den Aufstand von Ghaseti Begum und Schawkat Dschang an. Als Siraj ud-Daulah davon erfuhr, forderte er von Rajballabh die Rechnungsunterlagen. Als Diwan unter Nawajis Muhammad, dem Gouverneur von Dhaka, war dieser mit der Erhebung der Steuern betraut. Da er nicht in der Lage war, Rechenschaft abzulegen, weil er große Teile der eingetriebenen Summe veruntreut hatte, erließ Nawab Siraj ud-Daulah den Befehl, Rajballabhs in Dhaka befindliches Vermögen zu beschlagnahmen. Als sich die Lage zuspitzte, floh Rajballabhs Sohn Krishnaballabh unter dem Vorwand, im Ganges zu baden, zusammen mit den eingetriebenen Steuern und sämtlichem unrechtmäßig erworbenen Vermögen und fand 1756 in Kalkutta Zuflucht bei den Engländern. Siraj ud-Daulah befahl dem Gouverneur von Kalkutta, Mr. Drake, den flüchtigen Krishnaballabh samt seinen Schätzen an ihn auszuliefern. Auf den Rat von Mahatab Tschand, dem damals reichsten Magnaten Indiens und einem äußerst einflussreichen hinduistischen Notabeln des Staates, sowie anderer hinduistischer Kaufleute und Händler verweigerte Drake die Ausführung von Siraj ud-Daulahs Befehl. Danach wurde das Verschwörungsnetz, das die undankbaren, machtgierigen Engländer und ihre hinduistischen Helfer zur Entthronung Siraj ud-Daulahs und zur endgültigen Abschaffung der muslimischen Herrschaft gesponnen hatten, auf dem Feld von Plassey endgültig wirksam. Bevor wir den Krieg von Plassey, seine Hintergründe und den Sturz Siraj ud-Daulahs erörtern, müssen wir wissen, wie die religiöse, gesellschaftliche und kulturelle Lage der Muslime Bengalens zu jener Zeit beschaffen war.
Viertes Kapitel
Der Hintergrund für die Abschaffung der muslimischen Herrschaft in Bengalen
Es lässt sich nicht leugnen, dass nach dem Niedergang des Mogulreichs ein äußerstes Unglück über das Leben der indischen Muslime hereinbrach. Zwar war in Delhi dem Namen nach eine Zentralregierung verblieben, doch war sie äußerst schwach, sodass die muslimischen Herrscher an verschiedenen Orten eine Art Unabhängigkeit genossen. Sie bemühten sich mit aller Kraft, die Zamindare und Jagirdare sowie die wohlhabende Händlerklasse zufriedenzustellen. Dadurch wurden sie geradezu naturgemäß Opfer eines Minderwertigkeitsgefühls. Das auf seine Gelegenheit lauernde besiegte Volk fasste bei dieser Gelegenheit den Mut, in den religiösen Glauben und den kulturellen Bereich der Muslime einzudringen. Die Übersetzung, Verbreitung und Förderung hinduistischer religiöser Schriften in bengalischer und Sanskritsprache, die Einführung der vaishnavitischen Religion durch Shri Chaitanya sowie die schmutzigen, obszönen und sexuell stimulierenden Aktivitäten der vaishnavitischen Gesellschaft stürzten die muslimische Gesellschaft in den abgründigen Tiefpunkt des Verfalls. Wenn man keine Möglichkeit hat, den Feind im offenen Kampf zu besiegen, kann man ihn leicht besiegen, wenn man sich in seinem religiösen Glauben und seinem kulturellen Bereich vorherrschend ausbreitet. Das kluge Hinduvolk Indiens und insbesondere Bengalens hat auf diese Weise seine über mehrere Jahrhunderte angesammelte Verbitterung gerächt. Darüber hinaus haben sie in verschiedenen Phasen der Geschichte, um den Verfall des muslimischen Volkes zu beschleunigen und ihre Ziele zu verwirklichen, einen Muslim ausgewählt, der ganz nach ihrem Geschmack war, und ihn an die Macht gesetzt. Durch diese Marionette konnten sie ihre Interessen vollständig durchsetzen. Zusammen mit dem Eindringen von Kufr und Götzendienst in den islamischen Iman und die Aqida sowie der Vorherrschaft des Hinduvolkes über die muslimische Kultur hat dies die Muslime zu geistigen Sklaven gemacht. Die ganz natürliche Folge davon ist eingetreten.
Dr. A. R. Mallick bemerkt in seinem Werk:
„So hatten die Muslime nach einer langen Verbindung mit einem nichtmuslimischen Volk, das ihnen zahlenmäßig weit überlegen war, von der ursprünglichen Heimat des Islam abgeschnitten und im Zusammenleben mit halb aus dem Hinduismus konvertierten Menschen ihren Glauben weitgehend verlassen und waren indisiert worden. Abgesehen von dieser Abkehr vom Glauben hatten die indischen Muslime durch die Übernahme des hinduistischen Kastensystems der islamischen Vorstellung von Brüderlichkeit und Gleichheit, auf der ihre Stärke in der Vergangenheit beruht hatte, einen verhängnisvollen Schlag versetzt und stellten so im 19. Jahrhundert das Bild einer zerrütteten Gesellschaft dar, die durch Teilung und Unterteilung so weit entartet und geschwächt war, dass eine Wiederherstellung unmöglich schien. Kein Wunder, dass Sir Mohammad Iqbal sagte: Wahrlich, wir haben den Hindu selbst übertroffen – wir leiden unter einem sozialen und religiösen Kastensystem, unter einem sektiererischen und sozialen Kastensystem, das wir entweder von den Hindus gelernt oder von ihnen geerbt haben. Dies ist eine der stillen Arten, auf welche die besiegte Nation sich an ihren Eroberern rächte.“ (British Policy and the Muslims in Bengal – A. R. Mallick)
– „Die Muslime hatten sich, nachdem sie von der ursprünglichen Quelle des Islam getrennt worden waren und viele Jahre lang gemeinsam mit der mehrheitlich nichtmuslimischen Bevölkerung Indiens, einschließlich der halb konvertierten Muslime, gelebt hatten, von ihrem ursprünglichen Glauben entfernt und waren indisch geworden. Darüber hinaus übernahmen diese indischen Muslime das hinduistische Kastensystem und versetzten damit der islamischen Brüderlichkeit und Gleichheit, in denen ihre Stärke in der Vergangenheit gelegen hatte, einen schweren Schlag. Folglich erschienen sie im neunzehnten Jahrhundert als ein in viele Teile gespaltenes, zerrüttetes und entartetes Volk, dessen Erneuerung unmöglich schien. Daher ist an Sir Muhammad Iqbals folgender Aussage nichts Verwunderliches:
Gewiss haben wir die Hindus übertroffen. Wir leiden unter einem doppelten Kastensystem – einem religiösen Kastensystem, den Spaltungen und Unterspaltungen sowie einem sozialen Kastensystem –, das wir entweder erlernt oder von den Hindus geerbt haben. Dies ist eine jener stillen Methoden, mit denen die Besiegten sich an ihren Eroberern rächen.“
Es ist eine unbestreitbare Tatsache, dass das Hinduvolk Bengalens und Indiens die muslimische Herrschaft keineswegs hinnehmen konnte. Deshalb arbeitete es Jahrhundert um Jahrhundert still daran, die muslimische Einheit von Grund auf zu zerstören. Mit seinen Bemühungen hat es vollständigen Erfolg erzielt. Es hat die Muslime von den grundlegenden Glaubensüberzeugungen des Islam getrennt und ihre Tahdhib und Tamaddun mit dem Makel des Götzendienstes befleckt. Es wusste sehr wohl, dass es äußerst leicht war, die Muslime nicht zum Hinduismus zu bekehren, sondern sie zu hinduistisch gesinnten Muslimen zu machen und durch sie hinduistische Interessen zu verwirklichen; bei diesem Werk hat es vollständigen Erfolg erzielt.
Die religiöse, soziale und kulturelle Lage der Muslime
Wenn wir vollständig begreifen wollen, auf welchen Wegen der Niedergang der Muslime Bengalens einsetzte und welche unheilvolle Kraft hinter den Kulissen des Schauspiels diesen Prozess antrieb, müssen wir wissen, wie sehr ihr religiöser Glaube, ihre Gesellschaft und ihre Kultur damals entstellt worden waren.
Tatsächlich drang der Götzendienst bereits seit der Zeit des Herrschers Bengalens, Alauddin Husain Shah, in die Glaubenslehre, die Gesellschaft und die Kultur der Muslime Bengalens ein. Husain Shah, der von einem Ministerrat regiert wurde, der vollständig von den Trägern und Förderern der hinduistischen Renaissancebewegung erfüllt und umgeben war, fühlte sich zu Shri Chaitanya hingezogen und wurde sein Schüler. Wenn die von den Historikern überlieferte Aussage wahr ist, lässt sich leicht ermessen, wie groß Husain Shahs Glaube an den Tauhid anschließend noch war. Unter seiner Schirmherrschaft überschwemmte die gewaltige Flut des Vaishnavismus die muslimische Gesellschaft Bengalens. Die anstößigen, obszönen und abscheulichen Praktiken der hinduistischen Tantriker, die Panchatattva der Vamacharins, das heißt schmutzige sexuelle Rituale, sowie die Liebesspiele der Vaishnavas und Ähnliches zogen die aus den unteren hinduistischen Schichten zum Islam übergetretenen Muslime leicht an und beeinflussten sie. Obwohl diese Rituale und Liebesspiele die Reinheit, den Geschmackssinn und das moralische Empfinden der hinduistischen Gesellschaft weitgehend zerstörten, hatten die Bannerträger der hinduistischen Renaissancebewegung unter dem Vorwand der Entwicklung der bengalischen Sprache diese Waffe – sich selbst die Nase abzuschneiden, um die Reise des anderen zu verderben – tatsächlich eingesetzt, um den religiösen Glauben auszuhöhlen; die muslimischen Dichter und Schriftsteller jener Zeit benutzten sie als ihre Marionetten. Diese muslimischen Dichter nahmen die hinduistischen Dichter des zweiten Zeitalters zum Vorbild und begannen, Lobgedichte, Padavali und andere literarische Werke zu Ehren hinduistischer Götter und Göttinnen zu verfassen. Sie schrieben zahlreiche Puthi-Bücher über die Liebesspiele Shri Krishnas, Kirtans mit sexuellem Reiz, Lieder über den Untergang Manasas, Hymnen auf Durga und Ganga sowie überlieferte mythologische Erzählungen der Hindus.
Scheich Faizullah verfasste ein Epos mit dem Titel „Goraksha Vijay“ und schrieb, von der Nath-Gemeinschaft Bengalens, von Goraksh Nath, dem Gründer des Kali-Tempels in Kalkutta, und von dessen Nath-Anhängern begeistert, ein Ganga-Lobgedicht in Sanskrit (Dinesh Chandra Sen, „Bengalische Sprache und Literatur“). In ähnlicher Weise verfassten Abdus Shukur und Syed Sultan, vom shaivitischen und tantrischen Gedankengut angezogen, literarische Werke. (Siehe Shukur Mahmuders Panchali, herausgegeben von Golam Rasul.)
Die Dichter Alaol und Mirza Hafez verfassten Gedichte, in denen sie jeweils Shiva und Kali priesen (Dinesh Chandra Sen, „Bengalische Sprache und Literatur“). Syed Sultan nahm Brahma, Vishnu, Shiva und Krishna in seine Genealogie der Propheten auf (A. R. Mallik, „Die britische Politik und die Muslime Bengalens“). Während der Herrschaft Husain Shahs begannen die Muslime, Satya Narayan unter dem Namen Satya Pir zu verehren. Dies wurde bereits erwähnt.
Über die religiösen Ansichten und Lebensgeschichten der oben genannten Dichter und Schriftsteller gibt es keine Möglichkeit, etwas zu erfahren. Auf dem Gebiet der Literatur findet man lediglich ihre Namen. Vielleicht wurden sie lediglich in den Häusern konvertierter Muslime geboren und wuchsen in einer vollständig hinduistischen Umgebung auf. Oder sie waren, nachdem sie vom Islam zum Hinduismus übergetreten waren, wie Haridas zu Abtrünnigen geworden. Ihre Gedichte, literarischen Werke, Panchali-Lieder und Ähnliches übten jedoch Einfluss auf die damalige muslimische Gesellschaft und Kultur aus.
Später gelang es den Islamfeinden, Kaiser Akbar für die Verwirklichung ihrer Ziele einzusetzen. Jodhabai, die schöne Tochter des Königs Bihari Mal von Jaipur, schmückte als Akbars Gemahlin den Mogul-Harem. Es ist bekannt, dass Akbar mehrere hinduistische Ehefrauen hatte. Damals gaben hinduistische Könige Akbar ihre Töchter zur Ehe und nutzten ihn für ihre eigenen Interessen. Diesen hinduistischen Ehefrauen wurde im Palast volle Freiheit gewährt, Götzenverehrung zu betreiben und sämtliche religiösen Zeremonien abzuhalten. Der Königspalast des muslimischen Mogulkaisers verwandelte sich in einen Tempel der Götzen- und Feuerverehrung. Auf diese Weise übten nicht nur die hinduistischen Gemahlinnen, sondern auch der Hinduismus einen gewaltigen Einfluss auf Akbar aus. Es ist nicht schwer zu ermessen, wie stark der unmittelbare Einfluss des Götzendienstes auf die geistige Haltung jener Kinder gewesen sein muss, die von diesen Gemahlinnen geboren wurden, in einer solchen Umgebung ihre Augen für die Welt öffneten und dort aufgezogen wurden. Als natürliche Folge sehen wir, dass der aus einer hinduistischen Gemahlin geborene Kaiser Jahangir Diwali feierte und an Shivaratri Brahmanengelehrte und Yogis gemeinsam mit ihm zu einem nächtlichen Mahl einlud. Im achten Jahr seiner Herrschaft hielt er im Mausoleum Akbars in Sikandra nach hinduistischer Sitte die Totenfeier für seinen Vater ab.
Dara Shikoh, der Sohn Shah Jahans, versuchte in seinem Werk „Majma-ul-Bahrain“, eine Synthese zwischen Hinduismus und Islam herzustellen.
In der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts hielten Shahamat Jang, der Neffe Aliwardi Khans, und Sawlan Jang im Palast von Motijhil sieben Tage lang die Feierlichkeiten zur Holi-Verehrung ab. Bei dieser Veranstaltung wurden Abir und Kumkum zu Haufen aufgeschichtet. Auch Mir Jafar nahm gemeinsam mit den angesehenen Persönlichkeiten der Stadt an den Holi-Feierlichkeiten teil. Es wird berichtet, dass Mir Jafar auf seinem Sterbebett das Padodak der Göttin Kiriteshwari, also das Wasser, mit dem die Statue gewaschen worden war, trank. („Die britische Politik und die Muslime Bengalens“: A. R. Mallik; „Die Sozialgeschichte des muslimischen Bengalen“: Maulana Akram Khan)
Mit „Holi“ ist im Grunde das Schaukel- und Frühlingsfest des Shri Krishna gemeint. Shri Krishnas Inkarnation Shri Chaitanya begründete den Vaishnavismus. Zu ihren religiösen Festen gehört das Schaukel- und Frühlingsfest des Shri Krishna zu den bedeutendsten. Somit wird aus der obigen Darstellung deutlich, dass der Einfluss des Vaishnavismus damals bis in die Grundlagen der muslimischen Gesellschaft eingedrungen war.
Bei der Ermittlung der Ursachen dieses religiösen Niedergangs der muslimischen Gesellschaft erklären Historiker, der Hauptgrund für das Eindringen heidnischer Denkweisen in die muslimische Gesellschaft sei gewesen, dass die indischen Neumuslime nur zu einer „Halbkonversion“ (Half-Conversion) vom Heidentum zum Islam gelangt seien. Das heißt: Ein Heide wird Muslim, ohne den Islam zu verstehen. Danach erhielt er keinerlei islamische Schulung. Eine Läuterung seiner Denkweise fand nicht statt. Er erhielt keine Gelegenheit, die Nichtigkeit des Heidentums sowie die Wahrheit und Schönheit des ihm entgegengesetzten Islam kennenzulernen. Durch das Leben in einer islamischen Umgebung wurden seine Sitten und Verhaltensweisen, sein Wesen und Charakter sowie seine Denk- und Gefühlswelt weder verändert noch korrigiert. Daher versucht ein solcher Muslim vielleicht, nach dem Vorbild des hinduistischen Durga-Festes durch Beleuchtung und das Abbrennen von Feuerwerk in der Schab-e-Barat-Nacht etwas Freude zu erlangen. Akbar, Jahangir und die späteren Herrscher Bengalens scheuten sich nicht, öffentlich an hinduistischen religiösen Zeremonien teilzunehmen.
Der Historiker M. Grassin de Tassy erklärt, die Tazia-Prozessionen zu Muharram seien eine genaue Nachahmung des hinduistischen Durga-Festes. Wie das Durga-Fest zehn Tage dauert und die Verehrer am letzten Tag unter Trommel- und anderer Musik mit dem Götzenbild in einer Prozession zu einem Fluss oder Teich ziehen und es dort versenken, so feiern auch die Muslime das Muharram-Fest zehn Tage lang. Am letzten Tag wird die Tazia wie beim Versenken der Durga-Statue unter Trommelklängen in einer Prozession ins Wasser gebracht.
Dr. James Wise beschreibt das Muharram-Fest als dem hinduistischen Rath-Yatra-Fest ähnlich. Frau H. Ali sagt, die Muslime hätten ihre religiösen Feste durch den langen Umgang mit den Hindus nach deren Vorbild in äußerlich prächtige und prunkvolle Prozessionen verwandelt. Wie die Europäer betrachteten ausländische Muslime diese Art religiöser Feste der Muslime Bengalens als Verfälschung und Entweihung des Islam. (A. R. Mallik, „Britische Politik und die Muslime Bengalens“.)
Im Zuge dieses Niedergangs des Islam und der Muslime breitete sich die Seuche der Pir- und Grabverehrung in der muslimischen Gesellschaft aus. Nach Ansicht des Historikers M. T. Titus wurde dieser Aberglaube aus Afghanistan, Persien und dem Irak eingeführt. Der alte Guru-Schüler-Orden der Hindus und ihr unerschütterlicher Glaube an die Verehrung zahlreicher örtlicher Götter und Göttinnen regten die muslimische Gesellschaft dazu an, diesem Aberglauben zu verfallen. Er sagt, sie betrieben die Pirverehrung mit einem um ein Vielfaches größeren Eifer und Enthusiasmus als die verpflichtenden religiösen Riten des Islam. Diejenigen heiligen Asketen und Derwische, die einst die erhabene Botschaft des Islam verkündet hatten, machten unwissende Muslime später zu Zentren der Grabverehrung.
Die Zahl der heiligen Asketen und Derwische allein in Bengalen, an deren Gräbern die Muslime zur Erfüllung ihrer Herzenswünsche Blumen, Speiseopfer und Gelübdegaben darbrachten, gibt Dr. James Wise wie folgt an:
Schah Dschalal aus Sylhet, die Fünf Pirs, der Derwisch Munnaschah, Khondkar Muhammad Yusuf aus Sonargaon, Schah Ali Bagdadi aus Mirpur, Pir Badr aus Chittagong, Schah Dschalal aus Dhaka und Adam Schahid aus Bikrampur. In Chittagong gibt es ein angebliches Heiligtum des Bayazid Bostami; vielleicht handelt es sich um ein völlig erfundenes Heiligtum, das wahrscheinlich erst später von Dr. James Wise entdeckt wurde.
Im Werk von Blochmann werden zahlreiche derartige Heiligtümer in Bengalen und Bihar erwähnt.
Es heißt, dass in Sonargaon sowohl Hindus als auch Muslime Feste und religiöse Zeremonien feierten. Um eine gute Reisernte zu erzielen, brachten die Bauern einige Bündel Reis zum Dargah. Zum Schutz vor allen Arten von Krankheiten und Gefahren wurden dem Dargah Reis und Luft dargebracht.
Östlich der Stadt Dhaka, am Ufer des Flusses Shitalakshya, lag in einem Dargah ein schwarzer Stein, der Kadam Rasul (der Fußabdruck des Propheten (S.A.)) genannt wurde. Es heißt, dass er bis heute vorhanden ist. Dr. James Wise sagt, dass die Brahmanen von Gaya viel Geld verdienen, indem sie Pilgern den Vishnupad (den Fußabdruck Vishnus) zeigen. In ähnlicher Weise verdient der Mutawalli des Dargah viel Geld, indem er den unwissenden und leichtgläubigen Dorfbewohnern den Kadam Rasul zeigt.
In Ajmer entfernen die Makler des Mazar von Khwaja Muinuddin Chishti (R.A.) dessen Umhüllung, zeigen das Tor zum Paradies (?) und verdienen von den Besuchern des Mazars beträchtliche Summen.
Eine Schar heuchlerischer Pir und Fakire füllte Bangladesch, Indien und Pakistan, soweit diese Länder noch bestanden, mit zahllosen Gräbern und Dargahs dieser Art. Ja, im Namen der Religion führten sie nach dem Vorbild der Vaishnava und der tantrischen Vamachari sogar sexuelle Ausschweifungen ein. Da der Ursprung der Lehre und des Weges, die sie unter dem Namen des Islam annahmen, im bengalischen Vaishnavismus liegt, halte ich es für notwendig, hier kurz die Bräuche, Zeremonien und Sitten der Vaishnava zu erwähnen. Maulana Akram Khan hat dies in seinem Werk „Sozialgeschichte des muslimischen Bengalen“ ausführlich erörtert. Ich möchte den Lesern daraus einen kurzen Auszug vorlegen.
„Chaitanyadeva ist die verehrte Gottheit der Chaitanya-Gemeinschaft der Vaishnava in Bengalen. Nach dem allgemeinen Glauben der Hindus ist Chaitanya ein Avatar Shri Krishnas oder, im vollkommenen Sinne, Shri Krishna selbst. Deshalb ließen seine Anhänger nach seinem Tod den menschlichen Chaitanya aus seinem Wesen fort und erhoben ihn vollständig zu Krishna Chaitanya; zugleich verfielen sie in höchstem Maße der Liebesspiel-Leela Krishnas. Die abscheuliche sexuelle Ausschweifung, die im Namen der Religion unter den kahlgeschorenen Vaishnava und Vaishnavi dahinfliesst, ist nichts anderes als eine Wiederholung oder ein Abbild der in den Puranas beschriebenen sexuell leidenschaftlichen Liebesleela Shri Krishnas.“
Der Tantriker weist in unmissverständlicher Sprache darauf hin, dass im Kali-Zeitalter (im gegenwärtigen Zeitalter) das Trinken von Alkohol nicht nur erlaubt, sondern auch der Brauch des Alkoholtrinkens verbreitet war; ebenso sollt ihr auch in diesem Kali-Zeitalter, unabhängig von Kaste und Religion, davon trinken – (Mahanirvana-Tantra, 4. Ullasa, 56. Vers).“
„Mahadeva sagt zu Gauri: So wie es unmöglich ist, dass ein auf einen Stein gesäter Same keimt, so ist auch die Puja und Anbetung ohne die Panchatattva fruchtlos. Darüber hinaus muss der Verehrer, wenn er Puja und Anbetung ohne die Panchatattva verrichtet, vielerlei Gefahren, Unheil, Hindernissen und Widrigkeiten gegenübertreten – (Mahanirvana-Tantra, 5. Ullasa, Verse 23–24).“
Wir laden die Leser ein, der Erklärung des Geheimnisses der Panchatattva aus Mahadevas eigenem Mund zuzuhören:
‚O Adyā, in der Verehrungsmethode der Śakti wird als unerlässliche Pflicht der Genuss von Alkohol, Fleisch, Fisch und Mudrā sowie der Geschlechtsverkehr vorgeschrieben.‘
(Madyaṃ māṃsara tato matsyaṃ maithune meraca, śaktipūjā vivādādye pañcatattvaṃ prakṛtitam – Mahānirvāṇa-Tantra, 5. Ullāsa, Vers 22.)
„Swami Dayananda, der Gründer der Arya Samaj, schreibt über diese Verehrungsmethode der vamācārischen Tantriker: Die Vamācārī haben all diese großen, den Veden widersprechenden Sündenhandlungen als höchste Religion angenommen. Eine widerwärtige Mischung aus Alkohol, Fleisch, Fisch, Mudrā und geschlechtlichem Verkehr halten sie für wünschenswert. Was das Pañcatattva, also den geschlechtlichen Verkehr, betrifft, kann jeder Mann sich selbst als Śiva und jede Frau als Pārvatī vorstellen, ein Mantra sprechen und sich als religiöse Zeremonie dem Geschlechtsverkehr hingeben. Der Geschlechtsverkehr mit menstruierenden Frauen ist in den Schriften verboten. Die Vamācārī jedoch halten gerade diese, also menstruierende Frauen, für äußerst heilig.“
„In der Rudramaṅgalatantra, der heiligen Schrift der Vamācārī, heißt es: Der Geschlechtsverkehr mit einer menstruierenden Frau gleicht einem Bad im Teich, der Verkehr mit einer Caṇḍālī gleicht einer Reise nach Kāśī, der Verkehr mit einer Schuhmacherin gleicht einem Bad in Prayāga, der Verkehr mit einer Wäscherin gleicht einer Reise nach Mathurā, und der Verkehr mit der Tochter eines Jägers gleicht einer Pilgerfahrt nach Ayodhyā.“
„Wenn die Vamācārī sich im Bhairavī-Kreis (einem Kreis von Männern und Frauen, die sich zur unterschiedslosen und freien Ausübung des Geschlechtsverkehrs versammeln) zusammenfinden, gibt es keinen Unterschied zwischen Brahmanen und Caṇḍālas. Eine Gruppe von Männern und Frauen versammelt sich an einem abgelegenen, für andere Menschen unzugänglichen Ort, bildet einen Kreis namens Bhairavī-cakra und setzt oder stellt sich dort nieder. Alle Männer dieser Ausschweifenden wählen eine Frau aus, entkleiden sie und verehren sie. Ebenso wählen alle Frauen einen Mann aus, entkleiden ihn und verehren ihn. Nach dem Ende der Verehrungszeremonie beginnt das hemmungslose Trinken von Alkohol. Wenn infolge des Alkoholkonsums die sexuelle Erregung zunimmt, werfen sie alle ihre Kleidungsstücke ab, liegen völlig nackt da und geben sich hemmungslosem Geschlechtsverkehr hin: jeder mit derjenigen, die er begehrt, und mit so vielen, wie es möglich ist – selbst wenn der Sexualpartner die eigene Mutter, Schwester oder Tochter ist, macht das für sie keinen Unterschied. In den tantrischen Schriften der Vamācārī ist vorgeschrieben, dass man mit Ausnahme der eigenen Mutter keine Frau vom Geschlechtsverkehr ausschließen darf; mit jeder anderen Frau, sei sie Tochter oder Schwester, soll man Geschlechtsverkehr haben. (Jñānasaṃkalinītantra: Mātṛṃ yoniṃ parityājya vihāreṃ sarvayoṇīṣu.) – Diese vaishnavitisch-tantrischen Vamācārī haben noch so viele weitere abscheuliche und obszöne Praktiken, dass es unmöglich ist, sie in Worte zu fassen.“ – (Maulānā Akram Khān, Sozialgeschichte des muslimischen Bengalen).
Unter dem Einfluss der oben beschriebenen abscheulichen und schmutzigen Verhältnisse sank die damalige muslimische Gesellschaft Bengalens auf eine äußerst beklagenswerte Stufe religiösen und moralischen Verfalls sowie sozialer und zivilisatorischer Unordnung herab. Um dieses Bild des Verfalls der Leserschaft deutlich vor Augen zu führen, ist es hier erforderlich, die Übungsmethoden der sogenannten muslimischen Mārfaṭī- oder Neṛā-Pīr-Fakīre zu erwähnen. Diese Gruppe heuchlerischer Fakīre war in verschiedene Gemeinschaften und Untergemeinschaften geteilt, nämlich Āul, Bāul, Kartābhajā, Sahajiyā und andere. Dies waren muslimische Versionen der hinduistischen Vaishnava- und Caitanya-Gemeinschaften, durch die die gewöhnlichen, unwissenden Muslime auf Abwege geführt werden sollten.
Unter ihnen scheint die Bāul-Gemeinschaft die abscheulichste und sexuell ausschweifendste zu sein. Alkoholgenuss und freier Geschlechtsverkehr zwischen Frauen und Männern gehören zur Übungsmethode all ihrer Gemeinschaften unweigerlich dazu. Die Bāul jedoch betrachten, ebenso wie die oben beschriebenen tantrischen Vamācārī, den Geschlechtsverkehr als sexuelle Verehrung oder als eigentliche Verehrung. Im Rahmen dieser sexuellen Verehrung müssen sie eine Zeremonie namens „Durchdringung der vier Monde“ (cāricandra bheda) vollziehen. Sie halten sie für eine unerlässliche heilige Handlung. Ihrer Auffassung nach erlangt der Mensch diese vier Monde oder die Essenzen des menschlichen Körpers – nämlich Blut, Samen, Kot und Urin – aus den Hoden des Vaters und dem Schoß der Mutter. Daher praktizieren sie zusammen mit dieser Vier-Monde-Übung auch die „Übung der fünf Säfte“ (pañcarasa sādhana). Die fünf Säfte sind ihrer Ausdrucksweise nach Schwarz, Weiß, Rot, Gelb und das Wort des Murshid. Diese vier Farben bezeichnen der Reihe nach Alkohol, Samen, Menstruationsblut und Kot. Nach dem Geschlechtsverkehr mit der eigenen oder einer fremden Ehefrau verzehren sie zur Ausführung des Wortes des Murshid die Stoffe dieser vier Farben.
Der verehrte Maulānā Akram Khān sagt in seinem oben erwähnten Werk über diese Bāul:
„Auch die Auslegung der verschiedenen Wörter und Grundbegriffe des heiligen Koran, die diese Scharen satanischer Nera-Fakire gegeben haben, ist erstaunlich. Unter ‚Hauz-e Kausar‘ verstehen sie statt des paradiesischen Lebenselixiers das Menstruationsblut der Frauen. Zu Beginn des Rituals, bei dem diese abscheulichen Fakire Sperma trinken, sprechen sie das Wort ‚Bismillah‘ in dem Sinne aus, dass ‚Allah im Samen‘ sei (Gott behüte, Gott behüte).
„Die Priester oder Pire dieser muslimischen, von Almosen lebenden Nera-Fakirgruppen führen eine schauspielerische Zeremonie auf, die dem von Shri Krishna vollzogenen Raub der Gewänder der Gopis nachempfunden ist. Wenn der Pir dem Haus seiner Muriden die Ehre seines Besuchs erweist, versammeln sich alle jungen Frauen und unverheirateten Mädchen des Dorfes, festlich gekleidet und die Gopis von Vrindavan nachahmend, mit dem Pir in einem Zimmer. Im ersten Akt des Schauspiels beginnen all diese Frauen zu tanzen und zu singen. Im Folgenden wird die prosaische Fassung dieses Sakhī-Liedes wiedergegeben:
O Schwester, wenn du Shri Krishna lieben willst,
dann komm schnell und betrüge dich nicht länger selbst,
hebe deine Augen und blick ihn an,
der Guru ist zu eurer Erlösung gekommen,
einen solchen Guru wirst du nirgendwo sonst finden.
Ja, worin der Guru sein Glück findet
Davor solltet ihr euch nicht schämen.
„Nachdem dieses Lied gesungen worden ist, ziehen all diese Frauen ihre Kleidung aus, entblößen sich vollständig und tanzen, sich im Kreis drehend, voller Freude weiter. Der Pir schlüpft hier in die Rolle Krishnas, und so wie Shri Krishna den Gopinis ihre Kleider raubte, sie auf einen Baum hinauftrug und sie an einer hohen Stelle im Haus aufbewahrte, so verfährt auch dieser Pir. Da dieser Pir-Krishna jedoch keine Flöte hat, erregt er diese nackten Frauen sexuell, indem er mit dem Mund das folgende Lied singt:“
„O junge Frauen! Der Weg zu eurer Erlösung besteht darin, dem Priester der Frommen eure Körper als Opfergabe darzubringen.“
Es versteht sich von selbst, dass es ihre wichtigste religiöse Pflicht ist, die sexuelle Begierde des Pirs ohne jede Scheu zu befriedigen.“ (Sozialgeschichte des muslimischen Bengalen).
Der Geschlechtsverkehr ist zweifellos eine angenehme und lustvolle Sache. Doch die Menschen fürchten und scheuen den unerlaubten Geschlechtsverkehr und empfinden Scham und Befangenheit – aus Angst vor der Sünde, aus Angst vor der Religion. Wenn aber die Religion selbst verkündet, dass diese Handlung keine Sünde, sondern verdienstvoll sei und man dadurch Erlösung erlange, warum sollten die Menschen dann nicht auf diesen Weg gelenkt werden? Eine Gruppe lüsterner, sündiger Menschen hat auf diese Weise im Namen der Religion unwissende und törichte Menschen in eine Falle gelockt, getäuscht und vom rechten Weg abgebracht.
Die oben beschriebenen Gruppen heuchlerischer Pirs und Fakire haben noch viele weitere üble und obszöne Machenschaften. Als Beispiel wurde oben nur ein wenig davon erörtert. Daraus werden die Leser zweifellos den religiösen und moralischen Verfall der damaligen muslimischen Gesellschaft erkennen können. Zwar war nicht die gesamte muslimische Gesellschaft in diesem Ausmaß verfallen, doch war sie nicht in der Lage, der starken Flut von Götzendienst und Vaishnavismus entgegenzutreten, die die religiösen Empfindungen der Muslime fortschwemmte und sie mit diesen Strömungen verschmolz. Denn die damaligen muslimischen Herrscher unterstützten den Götzendienst und den Vaishnavismus unmittelbar oder mittelbar. In der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts errichtete die islamische Bewegung von Sayyid Ahmad Shahid (r.a.) gegen all dies eine starke Widerstandsmauer; in der Geschichtsschreibung wurde ihr fälschlicherweise der Name „Wahhabi-Bewegung“ gegeben. An geeigneter Stelle wird darauf eingegangen werden. Auch Sayyid Titumir und Haji Shariatullah kämpften gegen diese Dinge. Dennoch plagte das Gift dieser Irrlehren und Verirrungen einen Teil der muslimischen Gesellschaft bis in die ersten Jahrzehnte des zwanzigsten Jahrhunderts. Einen Beleg dafür findet man im Bericht der Volkszählung des Jahres 1911 n. Chr., in dem es heißt, dass man bei der Zählung auf einige Gemeinschaften stieß, die selbst bekannten, weder Hindus noch Muslime zu sein, sondern vielmehr eine Vermischung beider. (Census of India Report, 1911 A.D.)
Doch einige Vaishnava-Anhänger und muslimische Dichter mit einer götzendienerischen Gesinnung, die in bengalischer Sprache schrieben, haben den Geschmack der götzendienerischen Vorstellungen unter einigen Muslimen bis heute lebendig erhalten. Der fromme Dichter Lal Mamud war einer von ihnen. Er wurde so sehr zu einem Anhänger des Vaishnavismus, dass er unter einem Banyanbaum eine Tulsi-Pflanze aufstellte und sie regelmäßig pflegte und verehrte. Als Goswami Prabhu in L al us Ashram eintraf, erwies er ihm seine Ehrerbietung, indem er das folgende Lied sang.
Barmherziger Hari, wo ist mein [Hari]?
Ich bin in das Gefängnis der Welt geraten; wer wird mich erlösen?
Da du mich für schuldig an hundert Verfehlungen hieltest, ließest du mich im muslimischen Geschlecht geboren werden
Vergeblich vergingen meine Tage.
Danach kommt die Rede auf den Dichter Lalon Shah. Einige seiner Lieder werden im Folgenden wiedergegeben: »Führe mich hinüber, Gaur Chand, der Tag ist untergegangen
Durch meine Nachlässigkeit und Gleichgültigkeit verging der Tag.
Die Überfahrt über den Strom der Welt ist möglich
Nitai Chand ist der Steuermann.
O wenn ich Gaur Chand nur fände, o Gaur Chand,
Asche auf die Abstammung streuend
Der Fakir Lalon sagt: Ich werde zur Dienerin der heiligen Füße.“
Oben beklagt der Dichter Lal Mamud, dass sein Leben dadurch vergeblich war, dass er im Hause eines Muslims geboren wurde. Lalon Shah sagt, dass er, wenn er Gaur und Nitai begegnete, den Islam aufgeben und sich dem Dienst an ihren heiligen Füßen widmen würde.
Lieder von Lalon Shah über die Liebe zu Krishna:
In der Hoffnung, Krishnas Liebe zu erlangen, wandere ich mein ganzes Leben lang umher
Um diese Liebe ganz und gar zu erlangen
Nicht einmal das Verlangen nach einem Rati wurde gestillt.
Die Schuld gegenüber Radharani
Gaur ist nach Nadia gekommen, Kanai und Balai aus Vrindavan.
In Nadia begannen Gaur und Nitai, den Namen zu verkünden.
Eine Gruppe von götzenanbeterischen Menschen innerhalb der muslimischen Gesellschaft bemüht sich, die Lehre von Lalon Shah in der muslimischen Gesellschaft lebendig zu erhalten.
Historiker äußern sich, indem sie die Ursachen dieses Niedergangs der muslimischen Gesellschaft schildern:
„So wie die verschiedenen Völker der Welt von den besiegten Völkern beeinflusst worden sind, so sind auch die indischen Muslime in besonderem Maße vom besiegten Hinduvolk beeinflusst worden. Dieser Einfluss ist hinsichtlich der Sitten und Gebräuche, der Lebensanschauung und sogar des Glaubens noch immer deutlich erkennbar. Zwischen Islam und Hinduismus wirkten während der muslimischen Herrschaft Kräfte der Wechselwirkung. Zu verschiedenen Zeiten wurden diese Kräfte der Wechselwirkung infolge der liberalen Politik der muslimischen Herrscher verstärkt. Infolgedessen nahm der Islam in Indien zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts eine solche Gestalt an, dass die islamische Renaissancebewegung aufkam. Die indischen Muslime, insbesondere die Muslime Bengalens und Bihars, übernahmen im Zusammenhang mit ihrem religiösen Glauben derartige kufrische Sitten und Gebräuche, wie sie unter den Muslimen anderer Länder selten waren. So groß die Zahl der Muslime in Bengalen und Bihar war, so religionslos und sittenwidrig waren auch ihre Bräuche und Sitten.“ – (‚Britische Politik und die Muslime Bengalens‘: A. R. Mallik).
Der Grund für das Eindringen nichtislamischer Bräuche und Praktiken in den indischen Islam besteht darin, dass die Bekehrung der Nichtmuslime unvollständig war.“ (‚Geschichte Indiens‘ – Elliot und Dowson) Oben wurde ein Bild von der religiösen, sozialen und kulturellen Lage der Muslime Bengalens vom sechzehnten Jahrhundert bis zur ersten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts dargestellt. Als die Muslime, die dem Tauhid folgten, in einem solchen Netz der Entstellung gefangen waren und feindliche Kräfte von innen und außen einen Zangenangriff führten, um sie zu besiegen und auszulöschen, war keine Lebenskraft vorhanden, um diesen Angriff abzuwehren. Jene, deren nur siebzehn einst die politische Herrschaft über Bengalen begründet hatten, konnten einige Jahrhunderte später selbst vereint zu Millionen diese politische Herrschaft nicht bewahren.
Die politischen Ursachen für den Niedergang Bengalens
Die Niederlage des Nawab Sirajuddaula und der Niedergang Bengalens im fünften Jahrzehnt des achtzehnten Jahrhunderts waren nicht das Ergebnis eines einzelnen, isolierten Ereignisses. Die politischen Ereignisketten, in deren Folge das tragische Drama von Plassey zu Ende ging, sollten wahrheitssuchende Leser unbedingt kennen. Tatsächlich führte der Untergang des Mogulreiches den Untergang der muslimischen Herrschaft auf dem gesamten Subkontinent herbei. In den fünfzig Jahren vom Tod des Kaisers Aurangzeb im Jahre 1707 bis zum Krieg von Plassey im Jahre 1757 bestiegen mindestens sieben Personen den Thron von Delhi. Doch keiner von ihnen besaß die Fähigkeit, das dem Untergang geweihte Reich zu retten. Einige unbesonnene Historiker machen freilich Aurangzeb für die Zerstörung des Mogulreiches verantwortlich. Eine gründliche Prüfung und Überprüfung der Geschichte macht jedoch deutlich, dass der Same der Zerstörung schon lange zuvor vom Kaiser Akbar selbst gesät worden war und allmählich die Gestalt eines gewaltigen, riesigen Baumes annahm. Aurangzeb hielt diese Zerstörung sein ganzes Leben lang mit all seiner Kraft zurück. Wären seine Nachfolger ebenso stark und klug wie er gewesen, wäre Indiens Geschichte vermutlich anders geschrieben worden. Der verehrte Akram Khan bemerkt in seinem Werk ‚Sozialgeschichte des muslimischen Bengalen‘:
„Die Folgen all der Untaten aus Akbars Regierungszeit endeten nicht mit seinem Tod. Bis zum letzten Augenblick der Existenz des Mogulreichs mussten all seine Nachkommen mit ihrem gesamten Lebensinhalt für die Folgen dieser Untaten büßen. Die zehn Millionen Muslime Indiens sind bis heute von der verbliebenen Erblast der Wiedergutmachung für Akbars Untaten nicht befreit worden. Wir glauben nicht, dass es für muslimische Leser einer ausführlichen Erörterung des Wesens dieses Erbes bedarf.“
Im Grunde war Akbar Analphabet oder nur sehr gering gebildet. Im Alter von fünfzehn oder sechzehn Jahren bestieg er den Thron. Für einen analphabetischen jugendlichen Thronerben wäre es völlig unmöglich gewesen, die Regierung Delhis, das von Feinden umgeben war, zu führen, wenn ihn nicht der äußerst kluge und fähige Bairam Khan als Premierminister in jeder Hinsicht unterstützt hätte. Da es Akbar an gutem Umgang fehlte, versank er nach dem Erwerb eines gewaltigen Reiches naturgemäß in Luxus, Zügellosigkeit und moralischem Verfall. Trotz aller Bemühungen konnte Bairam Khan ihn nicht auf den rechten Weg zurückführen. Der Alkoholgenuss und die damit gewöhnlich verbundenen Laster sowie seine unerwarteten politischen Erfolge ließen ihm keinerlei Gelegenheit, seinen Charakter zu bilden oder zu bessern. Doch sein krankhaftes Genie säte den Samen für das künftige Geschlecht seiner Nachkommen. Akbars scharfes, aber krankes Genie wurde zum vollständigen Helfer dabei, alle Kräfte des kulturellen und politischen Lebens der Muslime zu erschöpfen und sie in politische und geistige Sklaven anderer zu verwandeln. Um seine politische Macht in Indien ungeschmälert zu bewahren, begnügte Akbar sich nicht damit, durch Heiraten Bande mit den Hindus zu knüpfen; vielmehr unternahm er durch die Begründung einer absurden religiösen Lehre namens ‚Dīn-i Ilāhī‘ verzweifelte Anstrengungen, die Religion und Kultur der Muslime zu zerstören, um ihre Gunst zu gewinnen. Eine ausführliche Darstellung davon findet sich im Akbarnāma.
Das Merkwürdige ist, dass dieses größte Traumbestreben in Akbars Leben, das selbsterdachte ‚Dīn-i Ilāhī‘, die Hindu-Nation trotz verschiedener politischer und persönlicher Interessen überhaupt nicht anziehen konnte. Mit Ausnahme Birbals war niemand bereit, diese neue religiöse Lehre anzunehmen. Man Singh und Todar Mal, zwei der bedeutendsten unter den Neun Juwelen seines Hofes, lehnten diese Lehre ab. Wenn Akbar mit einer Rudrākṣa-Mala um den Hals und mit Sandelholz bestrichenem Körper in der Tracht eines hinduistischen Sannyasi am Hof erschien, erfüllten die hinduistischen Gelehrten und Höflinge die Luft mit den Rufen ‚Dillīśvaro‘ oder ‚Jagadīśvaro‘. Obwohl diese Rufe von einem Ende Indiens bis zum anderen widerhallten und sie dadurch künstliche Ergebenheit und Verehrung für ihn bekundeten, zeigten sie gegenüber seiner absurden Religion nicht die geringste Ergebenheit. Daher kann jeder vernunftbegabte Mensch leicht erkennen, dass irgendeine äußerst unheilvolle Macht Akbars Genie ausschließlich zur Zerstörung des tawhidischen Glaubens der Muslime und der islamischen Kultur eingesetzt hat. Doch Akbar scheiterte völlig daran, den Lebenstraum seines Lebens zu verwirklichen.
Das war die eine Seite seines Lebens. Auch in seinem politischen Leben kamen die Schmach völligen Scheiterns und bitterer Enttäuschung über ihn.
Akbar hatte die damalige afghanische Macht Indiens, das heißt die furchterregende muslimische Militärmacht, zerstört. Ganz zu schweigen davon, dass er an die Stelle dieser zerschlagenen Militärmacht eine andere muslimische Macht aufgebaut hätte – auch das, was noch übrig war, schwächte und erschöpfte er vollständig. Akbars zerstörerische Politik zeigt sich in den Morden an Bairam Khan, Ahsan Khan, Muazzam Khan und anderen. Selbst gegen verschiedene vornehme muslimische Familien aus dem Ausland ergriff er Unterdrückungsmaßnahmen. Auf diese Weise legte er auf das Zeichen des Feindes hin selbst Hand an sein eigenes Haus, setzte es in Brand und äschte es ein. Weil er alle Kräfte und Begabungen vernichtete, die dem Mogulreich in künftigen Zeiten der Gefahr hätten dienen können, geriet er in panische Furcht. Er hatte erkannt, dass die christlichen Völker des Westens ihre politische Macht rasch ausweiteten und die Wellen ihrer unheilvollen Aktivitäten an die Grenzen des Mogulreichs schlugen. Obwohl er mit den Christen zur Wahrung ihrer politischen Interessen entehrende Verträge schloss und ihrer Religion ehrerbietige Ergebenheit zeigte, konnte er den Weg zur Vernichtung des Mogulreichs nicht versperren, das er zuvor des Islams beraubt hatte.
Wie die ausländischen ungläubigen Mächte blieb auch die im Inneren des Landes rasch erstarkende hinduistische Macht Akbar nicht verborgen. Politisch war er jedoch vollständig von der hinduistischen Macht Indiens abhängig geworden. Daher schlug er verschiedene Wege ein, um sie zufriedenzustellen. Obwohl er hinduistische Frauen als Hauptgemahlinnen in den kaiserlichen Palast brachte und dort regelmäßig Götzen- und Feuerverehrung abhalten ließ, konnte er das Mogulreich nicht vor der Vernichtung bewahren. Nachdem er den allmächtigen Gott, den Herrn der Erde und des Himmels, verlassen und bei verschiedenen anderen Göttern Zuflucht gesucht hatte, blieb jeder Gewinn aus.
Auch sein lächerlicher Plan, die Hindus und Muslime Indiens unter dem Schatten einer neuen Religion namens ‚Dīn-i Ilāhī‘ zu einer Nation zu machen, indem er den Islam vollständig in die Form des Götzendienstes goss und den Hinduismus unangetastet ließ, scheiterte. Doch die Gesinnung, die er in dieser Angelegenheit hervorbrachte und als unheilvolles Erbe hinterließ, hielt nicht nur sein tüchtiger Sohn Jahangir fest; vielmehr werden auch in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts manche Muslime durch dieses Erbe genährt und erzogen.
Zweifellos ist dies ein äußerst schmerzliches Beispiel für den religiösen, nationalen und kulturellen Verfall der Muslime.
Jahangir beschleunigte den Untergang des Mogulreiches. Als Kapitän Hawkins im Jahr 1609 in Agra eintraf, wurde ihm ein königlicher Empfang bereitet. Kaiser Jahangir nahm ihn als engen Vertrauten an, verlieh ihm einen Ehrentitel und gewährte ihm ein Stipendium. Als Hawkins den Wunsch äußerte, zu heiraten und in Indien zu leben, bot ihm Jahangir die Heirat mit einer hellhäutigen jungen Frau aus dem königlichen Harem an.
Am königlichen Hof war der Einfluss des Christentums so weit verbreitet, dass einige Prinzen zum Christentum übertraten und unter der Führung von Hawkins gemeinsam mit anderen christlichen Ausländern in einer von fünfzig Reitern begleiteten Prozession zur Kirche gingen. Jahangir verbrachte zusammen mit seinen europäischen Freunden die ganze Nacht am königlichen Hof in trunkener Benommenheit. Es wurde bereits gesagt, dass Akbar selbst den Untergang des Mogulreiches eingeleitet hatte. Danach beschleunigten sein prinzipienloser, trunksüchtiger Sohn Jahangir, Sir Thomas Roe sowie dessen Berater und Lehrmeister, der äußerst geschickte Diplomat Reverend E. Febi, gemeinsam diesen Untergang. Thomas Roe brachte Jahangir dazu, ihre verschiedenen Forderungen zu bewilligen. Durch die in Surat errichtete Faktorei erhielten die Engländer nicht nur Handelsvorteile, sondern verwandelten diese Faktorei auch in einen starken Militärstützpunkt. Gemäß den Bedingungen des königlichen Erlasses entstanden englische Faktoreien beziehungsweise Militärstützpunkte nicht nur in Surat, sondern auch an anderen Orten des Mogulreiches, nämlich in Agra, Ahmadabad und Broach. Auf diese Weise, so wurde bereits gesagt, hatte Akbar selbst gehandelt. Danach beschleunigten sein prinzipienloser, prinzipienloser, trunksüchtiger Sohn Jahangir, Sir Thomas Roe sowie dessen Berater und Lehrmeister, der äußerst geschickte Diplomat Reverend E. Febi, gemeinsam diesen Untergang. Thomas Roe brachte Jahangir dazu, ihre verschiedenen Forderungen zu bewilligen. Die in Surat errichtete Faktorei verwandelte sich in einen starken Militärstützpunkt. Gemäß den Bedingungen des königlichen Erlasses entstanden englische Faktoreien beziehungsweise Militärstützpunkte nicht nur in Surat, sondern auch an anderen Orten des Mogulreiches, nämlich in Agra, Ahmadabad und Broach. So gruben Akbar und Jahangir im Inneren des Mogulreiches Kanäle und importierten aus fernen Ländern menschenfressende Krokodile.
Während einerseits die ausländische Macht England nach Indien herüberkam und sich dort festsetzte, erstarkte andererseits auch die hinduistische Macht Indiens. Die Rajputen und die Marathen wurden zu erbitterten Feinden des Mogulreiches. Aurangzeb Padischah Ghazi widmete sein ganzes Leben dem Kampf für die Wiederherstellung jener muslimischen Macht, die Akbar zerstört hatte. Lange Zeit war er damit beschäftigt, die Macht der Marathen und Rajputen niederzuhalten. Wären seine Nachfolger nach seinem Tod stark und umsichtig gewesen, hätte man das dem Untergang geweihte Reich vielleicht retten können. Doch zum tiefsten Bedauern waren alle, die vom Tod Aurangzebs bis zum Schlachtfeld von Plassey den Thron von Delhi innehatten, zur Staatsführung unfähig, luxuriös und kurzsichtig.
Besonders hervorzuheben ist hier, dass nichtmuslimische Historiker allein Aurangzeb für den Niedergang des Mogulreiches verantwortlich machen. So sehr sie das Lob des bengalischen Husain Shah und des Kaisers Akbar im Munde führen, so lautstark waren sie darin, Aurangzebs Charakter zu verleumden. Er wurde als ein äußerster Hindu-Hasser dargestellt, und es wurde behauptet, seine den hinduistischen Interessen entgegenstehende Regierungspolitik, insbesondere die Wiedereinführung der Dschizya, habe die Hindus Indiens gezwungen, Feindschaft gegen die Moguln zu hegen. Doch diese Anschuldigungen sind reine Erfindungen und von böser Absicht getragen. Aus der Geschichte lässt sich dafür keinerlei Beweis vorlegen. Um die Wahrheit zu sagen, konnten Rajputen und Marathen die muslimische Herrschaft in Indien niemals von Herzen akzeptieren. Akbar erkannte ihre wachsende Macht und feindselige Haltung und scheiterte dennoch, obwohl er zu ihrer Besänftigung eine äußerst großzügige Politik verfolgte. Unter der Führung Shivajis widersetzten sich die Marathen Aurangzeb aufs Äußerste. Shivaji starb im Jahr 1679, ein Jahr bevor Aurangzeb die Dschizya einführte. Daher ist es keineswegs gerechtfertigt zu behaupten, die Dschizya sei der Grund für den Widerstand der Hindus gewesen.
Es ist unbestreitbar, dass die Geschichtsschreiber des damaligen Indien fast ausnahmslos Muslime waren. Will man daher die wahre Geschichte jener Zeit kennenlernen, muss man Badāʾūnī, das Akbarnāma, Kāfī Khān, Tārīkh-i Firishta, Maʾāsir-i ʿĀlamgīrī und ähnliche Werke studieren. Die europäischen christlichen Historiker hingegen haben zahlreiche Ereignisse der Geschichte entstellt dargestellt. Später breiteten sich ihre Reiche über die halbe Welt aus. Überall in ihren Reichen war die englische Sprache als Staatssprache in Gebrauch. Unter dem Schutz politischer Macht haben sie durch diese englische Sprache den Schülern der Geschichte in englischer Sprache eine entstellte und erdichtete Darstellung der Geschichte der Muslime vorgelegt. Während der zweihundertjährigen englischen Herrschaft in Indien wurde diese entstellte und irrige Geschichte den Schülern unauslöschlich eingeprägt.
Auch für diese Entstellung gab es Gründe. Nehmen wir den Padischah Aurangzeb als Beispiel. Infolge der ungerechten und übermäßigen Begünstigung der Engländer durch die Padischahs Akbar und Jahangir waren sie zu einer Macht gegen das Mogulreich herangewachsen. Padischah Aurangzeb hatte dies erkannt. Während seiner Herrschaft unterdrückten und mäßigten Mir Jumla von Bengalen und der Nawab Shaista Khan wiederholt die Anmaßung der Engländer. Wegen Handelskorruption, Schmuggels, Verschwörungen gegen das Mogulreich und ähnlicher Vergehen wurden sie wiederholt bestraft und ihre Faktoreien beschlagnahmt. Schließlich erließ Padischah Aurangzeb ein Dekret, das jeglichen Handel der Europäer mit ihnen verbot. Die muslimische Militärmacht, die Akbar zerstört und dadurch das Mogulreich seinen Feinden ausgeliefert hatte, bemühte sich Padischah Aurangzeb sein ganzes Leben lang wiederaufzubauen. Aus den genannten Gründen galt Aurangzeb bei den Christen und Hindus als schuldig. Daher setzten sie alles daran, seine Regierungszeit als schmachvoll darzustellen und zahlreiche Verleumdungen über ihn zu verbreiten. In seinem Werk „Ein Blick auf Aurangzeb Alamgir“ hat Shibli Nuʿmani alle von interessengeleiteten nichtmuslimischen Historikern gegen den Charakter des Alamgir Aurangzeb erhobenen Vorwürfe durch zuverlässige historische Beweise widerlegt. In diesem kurzen, aber inhaltsreichen Werk hat er die gegen Aurangzeb erhobenen Anschuldigungen angemessen beantwortet.
Aus historischer Sicht kann daher ohne jedes Zögern gesagt werden, dass die gegen Aurangzeb erhobenen Anschuldigungen nicht die geringste Wahrheit enthalten. Für den Untergang des Mogulreiches kann man ihn nicht im Mindesten verantwortlich machen. Die eigentliche Sachlage ist vielmehr, dass nach der Auflösung der furchterregenden muslimischen Armee durch Akbar dessen Abhängigkeit von den hinduistischen Marathen und Rajputen Indiens, die Ansammlung politischer Macht durch die ausländischen und andersgläubigen Engländer unter dem Vorwand des Handels, das unheilvolle Bündnis zwischen Hindus und Engländern zum Sturz der muslimischen Herrschaft sowie der religiöse und kulturelle Niedergang der Muslime gemeinsam die muslimische Herrschaft in Bengalen und ganz Indien beseitigten. Vor diesem Hintergrund sehen wir, wie auf dem Schlachtfeld von Plassey die Sonne der Unabhängigkeit von Bengalen und Bihar unterging und die englische Herrschaft ihren Anfang nahm.
Hinter der Errichtung englischer Handelsniederlassungen an verschiedenen Orten Indiens verbarg sich eine weitreichende politische Absicht. Dass sie, nachdem sie zum Handel gekommen waren, Herren eines gewaltigen Reiches wurden, war weder das Ergebnis eines Zufalls noch eines Wunders. Infolge der geografischen Entdeckungen im fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert wurden die Wege des internationalen Handels geöffnet, und unter den europäischen Völkern begann ein gegenseitiger kolonialer und kommerzieller Wettbewerb. So entstanden das spanische Reich in Amerika, das niederländische Reich auf den Gewürzinseln, das französische Reich in Südostasien und das britische Reich in Südasien. Gegen Ende des siebzehnten Jahrhunderts nahm die Englische Ostindien-Kompanie in Indien die Forward Policy an, und es war ihr ausdrücklicher Wunsch, dass die Gebiete, in denen ihre Vertreter lebten, sich in eine politische Macht verwandelten. Im Jahre 1682 wurden die Engländer in Indonesien von den Niederländern geschlagen und zogen sich von dort zurück. Durch die Charta, die der englische Königshof der Ostindien-Kompanie im folgenden Jahr (1683) verlieh, erhielt sie das Recht, gegen jeden Herrscher Indiens Krieg zu führen, Frieden zu schließen oder jeden beliebigen Vertrag einzugehen. Die von Jakob II. verliehene Charta stattete sie mit noch größeren Befugnissen aus. Infolgedessen erklärten sie 1686 den Moguln den Krieg und erlitten eine Niederlage. Wie bereits erwähnt, wurde unter dem Kommando von Kapitän Heath ein mit Waffen ausgerüstetes Kriegsschiff namens „Defence“ nach Indien entsandt. Heath rückte von Sutanuti aus zum Krieg vor, stieß jedoch auf Misserfolg. Zwar ließen sich die Direktoren der Kompanie dadurch etwas entmutigen, doch die in Indien ansässigen Vertreter setzten ihre Arbeit mit neuer Begeisterung und Tatkraft fort. Nun richtete sich ihre Aufmerksamkeit auf die französischen Kaufleute. Das wichtigste Handelszentrum der Franzosen war Pondicherry; unter seiner Verwaltung hatten sie in Muslipatam, Karikal, Mahé, Surat und anderen Orten ihre Handelsniederlassungen errichtet. Demgegenüber befand sich das kommerzielle Hauptquartier der Engländer in Madras, mit bedeutenden Handelsniederlassungen in Bombay und Kalkutta. Zwischen ihnen begann ein heftiger Wettbewerb, der schließlich die Gestalt eines Krieges annahm. Die Franzosen halfen ihren Kandidaten Muzaffar Jang und Chanda Sahib, nacheinander den Thron von Hyderabad und den von Karnatik zu erlangen. Im Jahre 1751 eroberte Robert Clive Arcot, die Hauptstadt Karnataks. Auf diese Weise wurden die Engländer außerordentlich mächtig.
Der Ehrgeiz der Engländer, in Bengalen politische Macht zu erlangen
Um ihre politischen Ambitionen in Bengalen zu verwirklichen, setzten die Engländer den Bau einer Festung in Kalkutta in großem Umfang fort. Der Nawab von Bengalen, Alivardi Khan, war damals bereits sehr alt und schwach geworden, und die gewandten Engländer nutzten diese Schwäche, um den Bau ihrer Festung rasch voranzutreiben. Die hinduistischen Schah und Banias von Bengalen ermutigten und unterstützten sie bei diesem Vorhaben. Von der letzten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts bis zum zweiten Viertel des achtzehnten Jahrhunderts war der Handel der Engländer in Bengalen immer umfangreicher geworden; indem eine Gruppe von Hindus als Makler und Angestellte dieses Handels tätig war, wurde sie außerordentlich reich und einflussreich. Darüber hinaus bekleideten sie unter der Herrschaft der Nawabs verschiedene verantwortungsvolle Ämter in der Steuerverwaltung. Durch das Geldverleihgeschäft und das Bankwesen waren sie auch auf wirtschaftlichem Gebiet fest etabliert. Sie konnten die muslimische Herrschaft nicht von Herzen akzeptieren. Sie hatten jedoch weder den Mut zu einer offenen Rebellion gegen sie, noch hielten sie diese unter den gegebenen Umständen für angemessen. Wenn also die muslimische Herrschaft beendet werden sollte, gab es keinen anderen Weg als die Hilfe und Unterstützung der Engländer. Die Engländer nutzten diese goldene Gelegenheit sehr geschickt. Die Hindus waren in Verwaltung und Wirtschaft derart einflussreich geworden, dass sie zu den Schicksalsmachern der Nawabs von Bengalen (Kingmakers) geworden waren. Als nach dem Tod von Murshid Quli Khan im Jahre 1727 sein Enkel Sarfaraz Khan zum Nachfolger bestimmt werden sollte, leisteten die führenden Hindus Widerstand, weil sie ihn als ihren Interessen zuwiderlaufend betrachteten. Sie setzten Sarfaraz Khans Vater Suja-ud-Din auf den Thron. Während seiner Herrschaft (1727–1739) wurden diese hinduistischen Schah und Banias faktisch zu den Hauptinitiatoren der Palastintrigen. Ihre Anführer Alam Chand und Jagat Seth waren zu den eigentlichen Herrschern des Landes geworden (de facto ruler).
Nach dem Tod Suja-ud-Dins half diese Verschwörergruppe dem Naib Nawab von Orissa, Alivardi Khan, den Thron von Bengalen zu erlangen. Während seiner Herrschaft erreichten die Palastintrigen ihren Höhepunkt. Die Marathen nutzten diese Lage aus und fielen wiederholt in Bengalen ein. Als er sich in einer schwierigen Lage sah, wurde Alivardi Khan völlig abhängig von diesen Palastverschwörern. Er nahm sie auf. Er ernannte sie zu wichtigen Ämtern. Dadurch wurde diese Gruppe unter der Führung von Rai Durlabh Rai, Mahtab Rai, Swarup Chand, Raja Janaki Rai, Raja Ram Narayan, Raja Manik Chand und anderen außerordentlich mächtig. Nach Murshid Quli Khan nahm die Zahl der vornehmen muslimischen Staatsbeamten allmählich ab und sank schließlich auf null; zu dieser Zeit wurden sie praktisch hinter den Vorhang verbannt. Die Gruppe Jagat Seth–Manik Chand konnte nur einige wichtige Ämter unter dem Nawab erlangen. Wenn es ihnen daher durch eine Verbindung mit der Ostindien-Kompanie gelang, die muslimische Herrschaft zu beenden, würde das Feuer ihrer Rache gegen die muslimischen Herrscher gelöscht werden.
Unter der Führung des Jagat-Seth-Manik-Chand-Kreises hatte die hinduistische Bevölkerung Bengalens zwei Ziele. Das eine war politischer, das andere wirtschaftlicher Natur. Durch einen Wechsel oder eine Übertragung der Herrschaft über Bengalen wollten sie ihre politischen Interessen verwirklichen und durch die Einsetzung der Ostindien-Kompanie in die politische Macht wirtschaftliche Vorteile und Vergünstigungen erlangen. Um diese beiden Ziele zu erreichen, waren sie jederzeit bereit und äußerst begierig, ein Bündnis mit der Kompanie einzugehen.
Die Ostindien-Kompanie ihrerseits war den Hindus ebenfalls durch Bande der Dankbarkeit verpflichtet, um ihre Geschäfte auszuweiten und voranzubringen. Denn ohne die Hilfe hinduistischer Makler, Gomasthas und Auftragnehmer konnte ihr Handel überhaupt nicht betrieben werden. Außerdem waren von 1736 bis 1740 in Kalkutta 52 einheimische Kaufleute an ihren Kapitalanlagen beteiligt, und sie waren allesamt Hindus. An der Errichtung der Handelsniederlassung in Kasimbasar waren 25 hinduistische Kaufleute beteiligt, und sie waren allesamt Hindus. An der Errichtung der Handelsniederlassung in Kasimbasar waren 25 hinduistische Kaufleute beteiligt. Nur in Dhaka waren von ihren zwölf Teilhabern lediglich zwei Muslime. (Der Sturz Siraj-ud-Daulahs – Dr. Mohar Ali)
In einem an Oberst Scott, den Militäringenieur der Festung Fort William in Kalkutta, gerichteten Brief erklärte Charles F. Noble: Die hinduistischen Fürsten und die Bevölkerung seien gegen die muslimische Herrschaft äußerst aufgebracht gewesen. Wie diese Herrschaft beendet werden könne – das sei ihr geheimes Verlangen gewesen. Sie erklärten, dass sie sich den Engländern anschließen würden, falls diese eine Revolution zustande bringen könnten.
Noble sagte: „Ich glaube, dass Urmichand uns von großem Nutzen sein wird. Der Priester Nimu Gosain besitzt großen Einfluss auf die hinduistischen Fürsten und die Landbevölkerung. Eine sehr große bewaffnete Gruppe ist ihm vollständig ergeben. Auch die Sannyasi-Gruppe können wir für unsere Zwecke einsetzen. Ich bin überzeugt, dass diese Aufgabe durch Nimu Gosain erfüllt werden kann.“
Nimu Gosai versorgte Colonel Scott mit wichtigen Nachrichten und Ratschlägen über die Lage im Land und sagte, dass er nötigenfalls mit Hilfe der Engländer innerhalb von nur vier Tagen eintausend bewaffnete Männer aufbieten könne. (Der Sturz Siraj ud-Daulahs – Dr. Mohar Ali, S. 11)
Es muss festgehalten werden, dass infolge der Wiedererweckungsbewegung der Hindus in Bengalen heimlich eine bewaffnete Gruppe unter dem Namen Sannyasi-Bewegung gebildet worden war und auch sie zur Beendigung der muslimischen Herrschaft beigetragen hatte. Um ihre politischen Ziele zu erreichen, vollendete der Rat von Fort William den Bau der Festung in Kalkutta. Andererseits errichteten sie über dem Zamindari, das die East India Company beim Nawab von Bengalen erworben hatte, ebenfalls ihre souveräne Herrschaft. Verbrecher begannen, unter dem Zamindari der Company Zuflucht zu suchen, um nach den Gesetzen des Landes einer Bestrafung zu entgehen. All diese Verbrecher waren Hindus. Die Company gewährte einem Händler namens Ramakrishna Seth, der des Schmuggels schuldig war, Schutz und missachtete den Befehl, ihn dem Nawab auszuliefern. Ebenso missachteten sie zahlreiche weitere rechtmäßige Anordnungen des Nawab. Darüber hinaus brachen sie zahlreiche geschäftliche Vereinbarungen.
Es war nicht so, dass Nawab Alivardi nichts von den Verschwörungen, den Untaten und dem niederträchtigen Verhalten der Engländer wusste. Doch der bettlägerige, dem Tode nahe Nawab war nicht in der Lage, etwas zu unternehmen. Da sein künftiger Nachfolger Siraj ud-Daulah die Verschwörungen der Engländer vereiteln wollte, zog er sich deren Missfallen zu. Nach Alivardi erhoben zwei Personen Anspruch auf den Thron Bengalens: Alivardis verwitwete Tochter Ghaseti Begum und der Nawab von Purnia, Shaukat Jang. Die Engländer unterstützten den Anspruch Ghaseti Begums. Die Begum und ihr Diwan Rajballabh ließen ihr gesamtes Vermögen zu dessen sicherer Aufbewahrung unter der Aufsicht der Company in Kalkutta verwahren. Rajballabh wurde unter den Schutz der Company entsandt. Indem die Engländer Krishnaballabh Schutz gewährten, begingen sie einen schweren Verrat am Nawab; außerdem stifteten sie Ghaseti Begum dazu an, mit ihren zwanzigtausend Soldaten gegen Siraj in den Krieg zu ziehen, und begingen damit einen Akt des Hochverrats. Obwohl Siraj all dies wusste, ging er vor, indem er durch gegenseitige Gespräche eine Lösung suchte, anstatt strenge Maßnahmen gegen sie zu ergreifen. Die Engländer waren jedoch keineswegs bereit, auf seine Worte zu hören.
Ein englischer Fabrikbesitzer namens William Tooke sagt, dass ausländische Bürger nach dem alten Brauch des Orients nach der Krönung eines neuen Königs den neuen Badshah oder Nawab mit verschiedenen Geschenken aufzusuchen pflegten. Doch zum ersten Mal missachteten sie diesen Brauch. Er sagt ferner, dass die Aufnahme Krishnaballabhs und die Weigerung, ihn dem Nawab auszuliefern, beweisen, dass die East India Company eine enge Verbindung zu den politischen Feinden Siraj ud-Daulahs hatte, weshalb sie es wagte, eine solche Anmaßung an den Tag zu legen. (Hills Geschichte, Bd. 1, und Der Sturz Siraj ud-Daulahs – Dr. Mohar Ali)
Das anmaßende Verhalten des Rates von Fort William der East India Company glich dem einer der Regierung Bengalens entgegengesetzten Regierung. Siraj ud-Daulah scheiterte mit allen Versuchen, mit ihnen zu einer Einigung zu gelangen. Daraufhin beschloss er, sie aus dem Land zu vertreiben. In dieser Angelegenheit schrieb er an einen einflussreichen Händler aus Hugli namens Khwaja Wajid einen Brief (1. Juni 1756), dessen Inhalt wie folgt lautet:
Vor allem aus drei Gründen kann den Engländern nicht länger gestattet werden, in diesem Land zu bleiben. Der erste Grund ist, dass sie unter Verletzung der Landesgesetze in Kalkutta eine stark befestigte Festung errichtet haben. Zweitens haben sie Geschäftsvereinbarungen gebrochen, unlautere Mittel angewandt und der Regierung durch die Hinterziehung von Handelssteuern einen erheblichen finanziellen Schaden zugefügt. Drittens haben sie durch die Aufnahme eines Veruntreuers staatlicher Gelder das Verbrechen des Hochverrats begangen.
Am 3. Juni nahm Siraj ud-Daulah die englische Faktorei in Kasimbazar in Besitz und setzte sie unter Druck, zu einer Einigung zu gelangen. Nach der Besetzung der Faktorei zeigte er sich großzügig: Er ließ sie verschließen und streng bewachen, damit sie nicht geplündert werden konnte. William Watts und Matthew Collet waren die Leiter dieser Faktorei und machten die oben erwähnten Äußerungen. (Hills Geschichte, Bd. 2)
Siraj ließ alle Bediensteten der Faktorei von Kasimbazar frei. Nur Watts und Collet nahm er mit und machte sich auf den Weg nach Kalkutta. Vor seiner Abreise schrieb er dem Rat von Fort William wiederholt Briefe, um ihn zu einer friedlichen Einigung zu bewegen. Doch sie schenkten dem keinerlei Beachtung. Im Gegenteil, sie waren jederzeit bereit, sich auf einen Zusammenstoß einzulassen. Nachdem sie aus dem Dekkan militärische Unterstützung erhalten hatten, wuchs ihr Mut beträchtlich. Eine Woche bevor der Nawab Kalkutta erreichte, entsandte Drake Truppen, um das am Unterlauf des Hugli gelegene Fort Thana sowie Sukh Sagar zwischen Hugli und Kalkutta zu besetzen. Die vom Nawab entsandte Vorhut schlug an beiden Orten die Angriffe der Engländer zurück. Am 16. Juni gelangte Siraj mit dreißigtausend Soldaten bis vor die Tore von Fort William. Nach zweitägigem Kampf floh Drake mit seinem Hauptheer nach Fulta. Um ihm die Flucht zu erleichtern, wurde Holwell im Kampf zurückgelassen, und man sagte ihm, auch er solle am folgenden Tag mit seinen wenigen Soldaten in Fulta Zuflucht suchen. Doch Holwell war gezwungen, sich den Truppen des Nawab zu ergeben. In der Aussage, die William Took (William Tokke) vor dem Sonderausschuss des britischen Unterhauses machte, heißt es, dass die sich ergebenden englischen Soldaten keinerlei Misshandlung erfuhren. (Hills Geschichte, Bd. 1.) Nachdem einige englische Soldaten nachts nach reichlichem Alkoholkonsum gewalttätige Handlungen begonnen hatten, wurden sie in einem Raum von 18 mal 14 Zoll eingeschlossen. Der Raum war von ihnen selbst eigens dazu errichtet worden, widerspenstige und aufsässige Soldaten einzuschließen; vierzig bis sechzig Personen wurden darin untergebracht. Etwa zwanzig Soldaten starben an den Folgen der übermäßigen Erschöpfung durch den Krieg. Dieses Ereignis wurde stark übertrieben und fand Eingang in die Geschichtsschreibung. Um dieses erfundene Ereignis unvergesslich zu machen, errichteten die siegreichen Herrscher in Kalkutta auf dem Dalhousie Square ein Denkmal namens Holwell Monument. Dieses Denkmal errichtete der Nawab in Kalkutta auf dem Dalhousie Square. Dieses Denkmal, das den angeblichen Schandfleck Siraj ud-Daulahs trug, blieb bis zur ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts bestehen. Angesichts heftiger Proteste wurde dieses Denkmal, die Quelle einer absichtsvollen und bloß gehässigen Propaganda, noch vor 1937 abgebrochen.
Jedenfalls wurden außer Holwell und drei weiteren Personen alle anderen freigelassen. Am 24. Juni kehrte Sirajuddaula nach Murshidabad zurück, nachdem er Manik Chand mit der Verwaltung Kalkuttas betraut hatte; Holwell und seine drei Gefährten nahm er mit. Am 26. Juni zogen die verbliebenen englischen Soldaten von Kalkutta nach Fulta.
Am 30. Juni schrieb Sirajuddaula an George Pigot, den Gouverneur von Fort St. George. Der Inhalt des Schreibens war, dass den Engländern in Bengalen uneingeschränkte Möglichkeiten zum Handel gewährt würden, wenn sie zu einer friedlichen Einigung gelangten, ihren Ehrgeiz nach politischer Macht aufgäben und sich an die Handelsbedingungen hielten.
Die Engländer in Fulta
Sirajuddaula hatte aufrichtig den Wunsch, mit den Engländern zu einer gerechten Einigung zu gelangen. Ihre Haltung war jedoch völlig entgegengesetzt. Das zeigte sich an dem Netz von Verschwörungen, das sie von Fulta aus mit den örtlichen hinduistischen Anführern zu knüpfen suchten.
Roger Drake zählte die Tage bis zum Eintreffen der aus Madras angeforderten militärischen Unterstützung. Inzwischen begannen sie am 6. Juli Gespräche über eine Einigung, um den Nawab zu täuschen. Doch es lag keinerlei Aufrichtigkeit darin. Sobald militärische Unterstützung aus Madras eintraf, würden sie erneut den Machtkampf aufnehmen. Die örtlichen Anführer und die Kaufmannsschicht ermunterten die Engländer dabei auf jede Weise. Besonders ein einflussreicher Mann namens Shiv Babu, der wichtigste Mitarbeiter von Khwaja Wajid, sagte den Engländern ständig, dass Nawab Sirajuddaula nicht mehr jemand sei, der ihnen irgendwelche Handelsmöglichkeiten und Vergünstigungen gewähren werde. Nach der Niederlage in Kalkutta sei es für sie keineswegs ehrenvoll, zu einer Einigung zu gelangen. Ein anderer Mann namens Gobindaram hatte während Sirajuddaulas Feldzug gegen Kalkutta Bäume fällen und auf der Straße liegen lassen, um den Vormarsch zu behindern. Nun begann er, den Engländern geheime Informationen zu liefern. Manik Chand, dem die Verwaltung Kalkuttas übertragen worden war, verriet den Nawab und unterstützte die in Fulta stationierten Engländer auf jede Weise. Er legte dem Nawab fortwährend irreführende Informationen vor, wonach die Engländer sich nach einer friedlichen Einigung sehnten. Major Kilpatrick hielt sich vorerst von Kampfhandlungen zurück, da er der Ansicht war, mit wenigen Soldaten könne man nichts ausrichten, und forderte aus Madras größere militärische Unterstützung sowie eine Flotte an. Am 15. August 1756 teilte Kilpatrick dem Nawab mit, dass sie dessen Gunst erbäten. Andererseits schrieb er an Manik Chand, Jagat Seth und andere hinduistische Anführer und bat sie, die Engländer in jeder Hinsicht zu unterstützen.
Durch Manik Chands falsche Zusicherungen wurde der Nawab irregeführt und erklärte, dass den Engländern alle möglichen Handelsvergünstigungen gewährt würden, wenn sie keinen Krieg führen wollten. Der Nawab besaß, genau genommen, keinerlei Seemacht. Selbst wenn er ausländische Händler aus dem Gebiet Bengalens vertreiben konnte, war er nicht in der Lage, sie von der Meeresküste zu vertreiben. Die Engländer nutzten dies vollständig aus. Zweitens tauchte vor Sirajuddaula eine neue Gefahr auf. Shaukat Jang von Purnia erlangte vom Mogulkaiser einen Firman, durch den er zum Subahdar von Bengalen, Bihar und Orissa ernannt wurde. Die Engländer stellten sich auf Shaukat Jangs Seite und hofften auf seinen Sieg. Als Shaukat Jang jedoch in der Schlacht vom 6. August getötet wurde, zerschlugen sich diese Hoffnungen vorerst.
Als Antwort auf die von Drake und Kilpatrick Mitte August verfassten Schreiben über den Fall Kalkuttas traf aus England in Madras eine ausreichende militärische Unterstützung ein. Im September erreichten die beiden Schiffe der Kompanie, Chesterfield und Walpole, Madras. Im Oktober beschloss der Rat von Fort St. George, unter der Führung Robert Clives und Admiral Watsons einen militärischen Feldzug nach Bengalen zu entsenden. Colonel Clive erhielt den Befehl, unmittelbar nach seiner Ankunft in Bengalen einen heftigen Krieg zu beginnen. Im Namen des Rates von Fort St. George wurden Schreiben an die stellvertretenden Nawabs von Dhaka, Purnia und Cuttack gerichtet, in denen sie um ihre Unterstützung für Clive gebeten wurden. Andererseits wurde auch dem Nawab ein Schreiben geschickt, in dem man seine Empörung darüber zum Ausdruck brachte, dass die Engländer misshandelt worden seien. Im Schreiben des Gouverneurs des genannten Rates, George Pigot, hieß es: „Ich entsende einen mächtigen Anführer namens Clive. Er zieht mit Kavallerie und Infanterie aus und wird an meiner Stelle regieren. Für den uns zugefügten Schaden muss eine zufriedenstellende Entschädigung geleistet werden. Sie müssen gewiss wissen, dass wir im Krieg überall gesiegt haben.“ (Hills Geschichte, Band 1)
Der Inhalt dieses Schreibens macht klar, dass kein Weg zu einer Einigung mehr offenblieb. Am 15. Dezember traf Clive in Fulta ein. Noch am selben Tag schrieb Clive Manik Chand und dankte ihm für dessen freundliches Verhalten sowie für die Unterstützung und Hilfe, die er der Kompanie erwiesen hatte. Manik Chand antwortete mit einem Schreiben, in dem er seine Freude über Clives sichere Ankunft zum Ausdruck brachte. Außerdem teilte er mit, dass er sich ganz in den Dienst der Kompanie stellen werde. Darüber hinaus sandte er einen Mann namens Radhakrishna zu Clive, um geheime Informationen auszutauschen. Welche größere Treulosigkeit eines Bengalen gegenüber Bengalen könnte es geben?
Fünftes Kapitel
Der Angriff der Engländer und die Niederlage des Nawab
Am 29. Dezember rückte Clives Kriegsschiff auf dem Hugli-Fluss vor und nahm Bajbaj ein. In dem Brief, den Clive vier Tage zuvor durch Manikchand an den Nawab geschrieben hatte, hieß es: Wir sind gekommen, um Ersatz für den Schaden zu fordern, den Ihr uns zugefügt habt; wir sind nicht als Bittsteller zu Euch gekommen. Unsere Armee reicht aus, um unsere Forderungen durchzusetzen. Es ist nicht bekannt, ob Manikchand den Brief dem Nawab übergab. Vielleicht tat er es nicht. Hätte er es getan, hätte der Nawab gewiss Vorsichtsmaßnahmen getroffen. Manikchand hielt den Nawab ständig in die Irre geführt. Dadurch eroberte Clive am 31. Dezember ohne Widerstand das Fort Thana und am 1. Januar 1757 das Fort William zurück. Wenn Manikchand gewollt hätte, hätte er den Angriff der Engländer mit Hilfe der gewaltigen Armee des Nawab leicht abwehren können. Er unternahm jedoch keinerlei Anstrengung dazu, weil er sich darüber freute, dass die Engländer die Wünsche von ihm und seinem Volk erfüllten. Ja, er hielt es nicht einmal für nötig, dem Nawab die Nachricht von der Besetzung all dieser Orte durch die Engländer zu übermitteln.
Nachdem er, genau genommen, das Fort William den Engländern übergeben hatte, begab er sich nach Hugli und begann, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, auch Hugli den Engländern zu übergeben. In einem an ihn gerichteten Brief bat Clive ihn in Hugli, auch hier wie zuvor seine Freundschaft zu zeigen. Zwei Tage später griff Clive Hugli an und nahm es ohne Schwierigkeit ein. Nachdem die Engländer so viele wichtige Stützpunkte besetzt hatten, teilte Manikchand dem Nawab mit, die Haltung der Engländer habe sich geändert. Nach der Einnahme von Hugli verbreiteten die englischen Truppen durch Plünderungen, Brandstiftungen und zerstörerische Handlungen in der gesamten Stadt großen Schrecken.
Sobald Siraj ud-Daulah von Huglis Fall und den Verwüstungen erfuhr, erschien er am 20. Januar mit einer gewaltigen Armee in der Nähe von Hugli. Die Engländer flohen daraufhin überstürzt aus Hugli und suchten in Kalkutta Zuflucht.
Nawab Siraj ud-Daulah ersuchte sie wiederholt, zu einer Einigung zu gelangen. Nach langen Verhandlungen wurde am 9. Februar ein Friedensvertrag zwischen dem Nawab und den Engländern unterzeichnet. In der Geschichte ist er als Vertrag von Alinagar bekannt. Gemäß diesem Vertrag mussten den Engländern alle Dörfer entsprechend dem Firmān von 1717 zurückgegeben werden. Ihre Waren sollten steuerfrei sein, und sie durften Kalkutta weiter befestigen. Außerdem durften sie dort eine eigene Münzprägestätte errichten.
Siraj ud-Daulah war gezwungen, einen derart entehrenden Vertrag zu unterzeichnen. Der erste Grund dafür war der äußerste Verrat seiner äußerst zuverlässigen Männer, etwa Manikchand. Der zweite war die Invasion Indiens durch Ahmad Schah Abdali und die Möglichkeit eines Feldzugs gegen Bengalen.
Für den gerissenen Clive hingegen war dieser Vertrag nur eine vorübergehende Notwendigkeit. Zugleich hielten es die Engländer für erforderlich, den Nawab abzusetzen und die Franzosen aus Bengalen zu vertreiben. Zu diesem Zweck schickte Clive Watts und Umichand zu Siraj ud-Daulah, um ihm mitzuteilen, dass sie die von den Franzosen besetzte Stadt Chandannagar einnehmen wollten und der Nawab sie dabei unterstützen müsse. Dies war eine große strategische List. Der Nawab sah sich einem gewaltigen Problem gegenüber. In seinem Reich hatte er gegenüber ausländischen Kaufleuten stets eine neutrale Politik verfolgt. Wie konnte er diese Politik brechen? Die Schwierigkeit bestand jedoch darin, dass die Engländer, falls er ihnen nicht half, dies als Feindseligkeit gegenüber ihnen und als Parteinahme für die Franzosen auslegen würden. Schließlich beschloss er, an seiner neutralen Politik festzuhalten. Dementsprechend wies er den Befehlshaber Nandakumar an, den Franzosen zu helfen, falls die Engländer Chandannagar angriffen. Umgekehrt sollte er den Engländern helfen, falls die Franzosen die Engländer angriffen. Clive bestach Nandakumar mit zehn- bis zwölftausend Rupien und gewann ihn für sich. Auf dieselbe Weise brachte er auch den Leiter des Nachrichtendienstes des Nawab unter seine Kontrolle. So spann Clive ringsum ein derartiges Netz aus Bestechung und Verrat, dass Siraj ud-Daulah in keiner Angelegenheit Entschlossenheit zeigen konnte. Hinzu kamen die hinduistischen Geldverleiher und Händler sowie seine treulosen Beamten, die von ganzem Herzen das Ende der muslimischen Herrschaft herbeiwünschten und Siraj ud-Daulah ständig schlechte Ratschläge erteilten. Sie sagten, man dürfe die Engländer unter keinen Umständen verärgern. Zugleich rieten sie ihm schlecht, eine gewaltige Armee zum Schutz von Bengalen und Bihar dorthin zu entsenden. Auf diese Weise wurde den Engländern der Weg für ihren weiteren Vormarsch geebnet.
Inzwischen traf am 5. März ein neues Schiff, die „Cumberland“, mit Truppen aus England in Kalkutta ein. Am 8. März begann Clive, Chandernagore zu belagern. Der Nawab entsandte unter Rai Durlabh Ram und Mir Jafar ein Heer in Richtung Chandernagore. Doch noch bevor sie dort eintrafen, kapitulierten die Franzosen. Sie erklärten sich bereit, Chandernagore zu verlassen und sämtliche ihrer in Bengalen gelegenen Faktoreien Admiral Watson und dem Nawab zu übergeben. Daraufhin forderte Clive den Nawab auf, die Franzosen aus dem Gebiet Bengalens vollständig zu vertreiben. Außerdem bat er um die Erlaubnis, zweitausend Soldaten der Kompanie auf dem Landweg bis nach Patna vorrücken zu lassen, um die Franzosen zu verfolgen. Der Nawab wies diese ungerechte Forderung zurück. Daraufhin wurde ihm vorgeworfen, den Franzosen Hilfe geleistet zu haben. Am 23. April beschloss der Rat von Fort William, den Nawab abzusetzen. Außerdem behaupteten sie, der Nawab habe den Vertrag von Alinagar gebrochen.
Zur Absetzung des Nawab schmiedeten Rai Durlabh Ram, Umichand und die Brüder Jagat Seth, die angeblich zu Sirajs engsten Vertrauten gehörten, eine wohlüberlegte Verschwörung. Auf ihren Rat hin wurde Mir Jafar, der Bakhshi des Nawab (der für die Auszahlung der Gehälter zuständige Beamte), zu dessen Nachfolger bestimmt. Auch zwischen den Engländern und Mir Jafar wurden in allen Fragen endgültige Vereinbarungen getroffen. Nur Umichand bereitete einige Schwierigkeiten. Er verlangte fünf Prozent des gesamten Vermögens des Nawab und drohte andernfalls, die gesamte Verschwörung aufzudecken. Umichand zufriedenzustellen, fertigte Clive eine Urkunde mit Watsons gefälschter Unterschrift an. In dem mit Mir Jafar geschlossenen Vertrag wurde vereinbart, dass er sämtliche Bedingungen des Vertrags von Alinagar vollständig einhalten müsse. Außerdem verpflichtete er sich, als Entschädigung der Kompanie ein Crore Taka, den Europäern fünfzig Lakh, den Hindu-Fürsten zwanzig Lakh und den Armeniern sieben Lakh Taka zu zahlen. Kalkutta und das gesamte Gebiet südlich davon sollten der Kompanie auf ewig überlassen werden.
Der gerissene Clive zog die Truppen aus Chandernagore ab, um den Verdacht des Nawab zu zerstreuen. Um die von Mir Jafar geplante Revolution zu beschleunigen, erklärte er sich bereit, Clive zusätzlich zweiundfünfzig Lakh Taka als Belohnung zu zahlen.
Nach dem Abzug Ahmad Shah Abdalis aus Indien befahl Sirajuddaula Mir Jafar, mit einem Heer auf dem Feld von Plassey den Engländern entgegenzutreten, falls sie den Franzosen folgend nach Norden vorrücken sollten. Clive teilte Sirajuddaula mit, da dieser den Vertrag von Alinagar nicht eingehalten habe, sollten Mir Jafar, Jagat Seth, Rai Durlabh Ram, Mir Madan und Mohanlal mit der Prüfung der Angelegenheit beauftragt werden. Zugleich entsandte Clive jedoch seine Truppen in Richtung Murshidabad. Siraj sah sich auf dem Feld von Plassey den englischen Truppen gegenüber. Die Führung des Heeres des Nawab lag in den Händen von Mir Jafar, Rai Durlabh Ram und anderen. Im entscheidenden Augenblick enthielten sie sich jedoch der Führung ihrer Truppen. So errang Clive den Sieg, ohne überhaupt zu kämpfen. Der unglückliche Siraj floh vom Schlachtfeld, wurde jedoch unterwegs von Miran, dem Sohn Mir Jafars, getötet. Damit fiel der Vorhang über das schmerzhafte politische Drama von Plassey.
Aus der ausführlichen Darstellung der Vorgeschichte der Schlacht von Plassey lassen sich einige Dinge eindeutig erkennen.
Erstens: Die führenden Zamindare Bengalens, die wohlhabenden Kaufleute und die Bania-Gruppen verschworen sich mit den Engländern, selbst um den Preis der Unabhängigkeit des Landes, um die muslimische Herrschaft zu beenden.
Zweitens: Die Engländer erkannten die Haltung der Hindu-Fürsten und machten sich die Hindus vollständig zunutze, um ihre politischen Interessen durchzusetzen.
Drittens: Alle, die wichtige Ämter des Nawab innehatten, waren Hindus, und er musste sich vollständig auf sie verlassen. Doch gerade diejenigen, auf die er sich stützte, waren in eine Verschwörung zu seinem Sturz verstrickt.
Viertens: Die Schlacht von Plassey kann man keine Schlacht nennen. Sie war eine Farce, die den Namen einer Schlacht trug. Die Truppenstärke des Nawab war um ein Vielfaches größer als die der Engländer. Hätte die Armee des Nawab gekämpft, wären die englischen Truppen vernichtet worden, und die Geschichte wäre anders geschrieben worden. Oder hätte Sirajuddaula selbst den Kampf geführt, hätte er ebenfalls keine Niederlage hinnehmen müssen.
Fünftens: Dass diejenigen, die Siraj für Patrioten und seine wohlgesinnten Unterstützer hielt, die Unabhängigkeit des Landes verkaufen und ihre niederträchtigen Eigeninteressen befriedigen würden – dies nicht zu erkennen, war sein verhängnisvoller Fehler. Oder er erkannte es zwar, konnte aber nichts dagegen unternehmen. Die von ihm und seinen Vorgängern mit Milch und Bananen genährte, großgezogene und gehegte Giftschlange biss schließlich ihn selbst und setzte seinem Lebensspiel ein Ende.
Nach dem erschütternden Drama von Plassey
Die Niederlage Sirajuddaulas auf den Feldern von Plassey war nicht nur die Niederlage eines Einzelnen. Sie war die Niederlage Bengalens, Bihars und des gesamten indischen Subkontinents. Diese Niederlage legte die britische koloniale Herrschaft über Indien offen. Und nicht nur das: Sie war auch die Niederlage Asiens gegenüber Europa und des Orients gegenüber dem Okzident. Die nachfolgende Kette von Ereignissen bezeugt genau dies. Jedenfalls dauerten die britische Vorherrschaft und Herrschaft über den indischen Subkontinent einhundertneunzig Jahre lang an.
Die Geschichte hat nicht versäumt, diejenigen ausfindig zu machen, die dieses schmerzhafte politische Drama von Plassey inszenierten, und diejenigen, die Bengal, Bihar und dem gesamten indischen Subkontinent für zweihundert Jahre die Ketten der Unterjochung angelegt haben. Durch eine zutiefst verabscheuungswürdige Verschwörung, Verrat, den Kauf von Köpfen mittels Bestechung und eine grausame Politik der Vergeltung auf der Grundlage erfundener Anschuldigungen gelang es Clive und seiner Sippschaft, Sirajuddaula zu besiegen und zu töten und ihre Herrschaft in diesem Land zu begründen, ohne auf dem Schlachtfeld eine Waffe zu führen.
Bei der Ermittlung der Ursachen für den Sturz Sirajuddaulas wurde die Geschichte verfälscht. In der von denjenigen nach eigenem Wunsch zurechtgelegten und erfundenen Geschichte, deren Siegesrufe nach 1757 fast zweihundert Jahre lang über die weiten Gebiete Indiens und Asiens widerhallten und die beim Erringen dieses Sieges als unterstützende Kräfte eine aktive Rolle gespielt hatten, wurde versucht, ausgerechnet Sirajuddaula die Schuld zuzuschieben. Aber ist das wirklich die wahre Geschichte?
Das gewaltige Mogulreich war auseinandergebrochen – an verschiedenen Orten Indiens erhoben sich unabhängige und halb unabhängige Herrscher. Die Marathenmacht rückte mit dem Plan vor, Nord- und Zentralindien zu verschlingen. Doch Ahmad Shah Abdali zerschmetterte ihre Macht in der dritten Schlacht von Panipat (1761) und kehrte in seine Heimat zurück. Kaiser Akbar hatte die furchterregende muslimische Militärmacht Indiens vernichtet. Eine alternative Militärmacht konnte nicht aufgebaut werden. Was die Seemacht betrifft, besaßen die Muslime so gut wie gar keine. Die englischen Kaufleute kamen mit zweierlei Absichten in dieses Land. Unter dem Vorwand von Handel und Gewerbe wurden sie allmählich stärker, indem sie zur Errichtung politischer Vorherrschaft an verschiedenen Orten Festungen bauten, Flotten stationierten, Truppen aus ihrer Heimat einführten und Ähnliches taten. Bei der Verwirklichung dieses Ziels unterstützte und half ihnen die patriotische (?) bengalische hinduistische wohlhabende Kaufmannsschicht in jeder Hinsicht.
Seit der Zeit Murshid Quli Khans waren in Bengalen die Muslime aus allen Verwaltungsbereichen entfernt und dort den Hindus Bengalens Platz gemacht worden. Dies war das Ergebnis einer überaus großen Vaterlandsliebe und einer einseitig ausgerichteten Liberalität. Später musste man dafür allerdings bis auf Heller und Pfennig bezahlen. Seit der Zeit Alivardis wurden sie zu den uneingeschränkten Herren des Staates. Der Zugang zum Thron Bengalens hing völlig von ihrer Gunst ab. Sie waren die Königsmacher Bengalens (King-Makers).
Als Sirajuddoula dazu ausersehen wurde, Nawab Alivardis Nachfolger zu werden, waren die Brüder Jagat Seth, Manik Chand, Durlabh Ram und andere derart mächtig, dass es für Siraj unmöglich war, an der Macht zu bleiben, wenn er sich ihre Missgunst zuzog. Doch obwohl diese mächtigen Staatsbeamten aus der Staatskasse versorgt und unterhalten wurden, hegten sie keinerlei Absicht, ihrem Herrn auch nur die geringste Dankbarkeit zu zeigen. Sie begnügten sich nicht damit, Siraj ständig schlecht zu beraten, sondern hielten insgeheim auch zur Kompanie. Sie bemühten sich mit aller Kraft, durch Sirajs Sturz die muslimische Herrschaft zu beenden und in diesem Land die englische Herrschaft zu errichten.
Sirajuddoula war nicht nur ein Patriot. Er war auch ein äußerst mutiger und tapferer Mann. Die Schnelligkeit, mit der er unmittelbar nach der Übernahme der Macht die Aufstände Ghaseti Begums und Shaukat Jangs niederschlug, zeugt von seinem aufrichtigen Mut und seiner Umsicht. Auch in mehreren Auseinandersetzungen mit den Engländern zeichnete sich sein Sieg ab. Hätten Alim Chand, Jagat Seth und die anderen hinduistischen Machthaber nicht eine Rolle äußersten Verrats gespielt, wäre die Geschichte Bengalens anders geschrieben worden. Auch Mir Jafars Rolle ist nicht weniger verwerflich. Doch zum meistverhassten und verfluchten Mann des Dramas von Plassey wurde er gemacht. Nachdem Nawab Sirajuddoula die Engländer im Krieg um Fort William in Kolkata vernichtend geschlagen hatte, übertrug er Manik Chand die Verwaltung Kolkatas. Manik Chand setzte die Engländer in Kolkata und Hugli wieder ein. Die Verschwörung zur Absetzung des Nawab wurde auf Rat von Rai Durlabh Ram, Umichand und den Brüdern Jagat Seth gefestigt. Dass Mir Jafar dafür schuldig war, steht außer Zweifel. Doch wie groß war sein Anteil an dieser niederträchtigen Verschwörung eigentlich? Höchstens ein Anna. Es ist jedoch die Ironie seines Unglücks, dass es in der Geschichte niemanden gibt, der verhasster wäre als er. Daher wird der Ausdruck „Mir Jafar“ stets als Beiname vor dem Namen eines Verräters gebraucht.
Der patriotische Sirajuddoula flehte die hinduistischen Machthaber, darunter Mir Jafar, wiederholt an, die Unabhängigkeit Bengalens und Bihars nicht an fremde Mächte zu verkaufen. Doch all seine Bitten und Gesuche verhallten ungehört.
Die Schar der Verräter nahm im Austausch für die Unabhängigkeit des Landes Rache für ihren über viele Jahre angestauten Groll. Doch auch damit war ihre Rachsucht noch nicht vollständig befriedigt. Erst durch die teuflische Ermordung Sirajuddoulas löschten sie das lodernde Feuer ihrer Rache.
Die Engländer wollten nicht lediglich Sirajuddoula von der Erde entfernen und jemand anderen auf den Thron Bengalens setzen. Sie wollten vielmehr ihre politische Vorherrschaft in diesem Land errichten. Da Mir Jafar ihre ständig wachsenden ungerechten Forderungen nicht erfüllen konnte, musste schließlich auch er zurücktreten. Für die hinduistischen Machthaber war nicht nur Sirajuddoula verhasst. Wäre es so gewesen, dann wäre ihnen Qasim an seiner Stelle nicht ebenfalls verhasst gewesen. Ihr sehnlichster Wunsch war das Ende der muslimischen Herrschaft. Daher zögerten sie nicht, die Unabhängigkeit ihres eigenen Landes preiszugeben und sich freiwillig die Fesseln einer fremden Herrschaft anstelle der muslimischen Herrschaft um den Hals zu legen. Nach Mir Jafar wollte Mir Qasim aufrichtig die Verwaltung des Landes erheblich verbessern und zugleich die wirtschaftliche Stabilität wiederherstellen. Doch auch er konnte den unstillbaren Hunger der Engländer nicht stillen und musste deshalb die politische Bühne Bengalens verlassen. (Hill, Jadunath Sarkar; Malleson, Dr. Mohar Ali)
In den zweihundert Jahren nach der Errichtung der britischen Herrschaft in Bengalen, Bihar und damit in Indien erging es der Bevölkerung des Landes, wie es ihr eben ergehen musste. Zwar wurden einige materielle Verbesserungen erzielt, doch der Fluch der Unterwerfung sowie Schmach und Demütigung zermürbten die Nation; die Ausbeutung und Unterdrückung der Muslime war in der Geschichte beispiellos. Hungersnöte, Seuchen und Armut verschlangen das Land. Dies wird im folgenden Kapitel ausführlich erörtert.
Bengalens wirtschaftliche Lage nach Sirajuddoulas Sturz
Nach den Schlachten von Plassey und Buxar verschwand die Unabhängigkeit Bengalens vollständig. Nachdem der nominelle Mogulkaiser Alamgir II. von Delhi der Ostindien-Kompanie im Jahr 1765 die Diwani von Bengalen, Bihar und Orissa verliehen hatte, war ihr rechtmäßiger Anspruch auf diese Region fest verankert. Das Bild, das sich daraufhin in wirtschaftlicher Hinsicht von Bengalen ergab, war äußerst schmerzlich und hoffnungslos. Nach der Schlacht von Plassey blieben Mir Jafar und andere zwar nominelle Nawabs, doch die Ostindien-Kompanie war die Herrin über die militärische Macht. Nach 1765 geriet auch die Wirtschaft des Landes vollständig unter ihre Kontrolle. Infolgedessen wurde die muslimische Gesellschaft Bengalens am schwersten und in jeder Hinsicht geschädigt.
Um den Verschwörungsvertrag zu erfüllen, den die Kompanie mit Umichand und Mir Jafar zur Absetzung Sirajuddoulas geschlossen hatte, und dessen wirtschaftliche Forderungen zu begleichen, wurde die Staatskasse Bengalens geleert. Wie bereits erwähnt, musste die Kompanie gemäß den Bedingungen dieses Vertrags als fingierte Entschädigung einhundert Lakh Taka erhalten: fünfzig Lakh von den Europäern, zwanzig Lakh von den hinduistischen Großwürdenträgern und sieben Lakh von den Armeniern. Um die Revolution zu beschleunigen, mussten Clive bereits vor der Unterzeichnung des Vertrags zweiundfünfzig Lakh Taka gezahlt werden (Fall of Sirajuddowla – Dr. Mohar Ali).
Nachdem Mir Jafar als Marionetten-Nawab den Thron Bengalens bestiegen hatte, wurden die Forderungen der Kompanie immer größer. Mir Jafar war gezwungen, sie zufriedenzustellen und bei guter Laune zu halten. Nachdem die Finanzverwaltung unter die Leitung der Kompanie gelangt war, trieben hinduistische und englische Steuereintreiber, um die Behörden zufriedenzustellen, durch äußerste Ausbeutung und Unterdrückung die Abgaben ein und füllten damit die Kasse der Kompanie. Zuvor waren alle von den Untertanen erhobenen Gelder zum Wohl eben dieser Menschen innerhalb des Landes ausgegeben worden. Von da an wurden sie zu den Banken und Handelszentren Englands transferiert.
Bei der Hungersnot von 1776 kam ein Drittel der Bevölkerung Bengalens ums Leben. Bei der Erhebung der Abgaben wurde jedoch keinerlei Nachsicht gezeigt. Als die Hungersnot ihren Höhepunkt erreichte, wurden sechs Lakh Taka mehr als im Vorjahr eingetrieben; im folgenden Jahr wurden aus Bengalen und Bihar weitere vierzehn Lakh Taka erhoben. Während die Menschen vor Hunger, Durst und Todesqualen aufschrien, tanzten die Engländer und ihre Steuereintreiber, nachdem sie ihr Blut ausgesaugt hatten, in teuflischer Freude. Diese Steuereintreiber waren die hinduistischen Banias, Wucherkreditgeber und Kaufleute Kalkuttas. Welche größere Grausamkeit und Teufelei gegenüber der Menschheit ist überhaupt vorstellbar? (Baden Power-Land system etc. – British Policy & the Muslim in Bengal – A. R. Mallick).
Auf noch einer anderen verabscheuungswürdigen Weise wurden die Reichtümer dieses Landes geplündert. Die Kompanie und ihre Bediensteten konnten nach Belieben jeden zum Nawab ernennen und jeden nach Belieben absetzen. In den nur acht oder neun Jahren von 1757 bis 1765 flossen auf diese Weise mindestens 6.261.165 Pfund in die Taschen der Kompanie sowie ihrer einheimischen und ausländischen Bediensteten. Jeder Nawab hielt die Kompanie nicht nur durch die Gewährung verschiedener Handelsprivilegien zufrieden, sondern beschenkte sie auch mit zahlreichen kostbaren Geschenken.
Abdul Mawdud sagt:
Bis heute ist keine genaue Bilanz darüber erstellt worden und kann auch nicht erstellt werden, welchen ungeheuren Preis die Verschwörer unmittelbar vor der Schlacht von Plassey für die britische Herrschaft über dieses Land und seine Bewohner bezahlt haben. Denn aus den schriftlichen Berichten lässt sich nur ein Teil davon ermitteln. Wie aber soll sich die gewaltige Geldsumme bemessen lassen, die außerhalb jeder Abrechnung über das Meer geschafft wurde?
Die Wirtschaft Bengalens während der britischen Herrschaft ist nichts anderes als eine erschütternde Geschichte planmäßig organisierter Ausbeutung. Historiker haben annähernd berechnet, dass in den nur dreiundzwanzig Jahren von 1757 bis 1780 aus Bengalen fast achtunddreißig Millionen Pfund nach England geschafft wurden, also sechshundert Millionen Taka zum damaligen Wert. Nach dem Wert von 1900 waren es jedoch drei Milliarden Taka (I. O. Miller, zitiert bei Misra, S. 15).
Aus der Schatzkammer von Murshidabad wurden fünfzehn Lakh Pfund in Geld und kostbaren Edelsteinen erbeutet. Als Entschädigung erhielten das britische Landheer und die britische Marine vier Lakh Pfund; die sechs Mitglieder des Select Committee erhielten neun Lakh Pfund; die Ratsmitglieder erhielten jeweils fünfzig- bis achtzigtausend Pfund; und Clive selbst erhielt zweihundertvierunddreißigtausend Pfund sowie neben einer Zamindari mit einem Jahreseinkommen von dreißigtausend Pfund den vom Kaiser verliehenen Titel „Sabat Jung“. Nach den Worten des Siegers von Plassey, Clive, war er selbst darüber erstaunt, dass er so viel Selbstbeherrschung gezeigt hatte. Mir Qasim gab dem Rat zur Unterstützung zweihunderttausend Pfund in bar. Mir Jafars Sohn Najmuddoula gab einhundertneununddreißigtausend Pfund. Wie viele Millionen Münzen darüber hinaus von gewöhnlichen Soldaten und den englischen Fabrik- und Handelsvertretern unterschlagen wurden, lässt sich nur schwer sagen. Der berühmte Landvermesser James Rennell wurde 1764 im Alter von zweiundzwanzig Jahren mit einem Jahresgehalt von tausend Pfund angestellt und kehrte 1777 nach England zurück, nachdem er dreißig- bis vierzigtausend Pfund unterschlagen hatte. Daraus lässt sich erahnen, in welchem Umfang die Bediensteten der Kompanie Geld veruntreuten. Als Vertreter der Herrschaft der Kompanie in diesem Land und später, nach ihrem Eintritt in den Ruhestand, nach England zurückgekehrt, lebten sie derart fürstlich, dass man sie als „Indian Nabobs“ bezeichnete.
…Clive selbst hat eingeräumt: „Ich kann nur zugeben, dass ein solch bestialisches Bild von Anarchie, Chaos, Bestechungsannahme, Korruption und gewaltsamer Beraubung von Reichtümern nirgendwo außer in Bengalen zu sehen war.“ Und doch war gerade der schamlose Clive der oberste Priester dieses Ausbeutungsopfers. (Die Entwicklung der mittelständischen Gesellschaft: Der Wandel der Kultur, Abdul Mawdud, S. 60–62).
6. Kapitel
Das Elend der muslimischen Gesellschaft
Nachdem die Unabhängigkeit Bengalens durch die Ostindien-Kompanie zerstört worden war, geriet die muslimische Gesellschaft in ein grenzenloses Elend, wie aus der folgenden Erörterung deutlich werden wird.
Vor der Schlacht von Plassey hatten angesehene Muslime im militärischen und zivilen Dienstwesen die Vorherrschaft. Nachdem die Kompanie die Macht an sich gerissen hatte, wurde bereits im ersten Schritt der administrativen Neuordnung die muslimische Armee aufgelöst. Infolgedessen wurden zahlreiche Angehörige der höheren Schichten arbeitslos. Dadurch wurden Millionen Menschen in Arbeitslosigkeit und Armut gestürzt.
Zweitens führte die vollständige Neuorganisation der Steuerverwaltung des Landes nach englischem Muster dazu, dass zahlreiche Muslime ihre Anstellung verloren. Gemäß der staatlichen Landsteuerpolitik wurden viele muslimische Zamindare aus ihrem Zamindari-Besitz vertrieben. Auch infolge der Abschaffung des ländlichen Polizeiwesens im Jahr 1793 wurden Tausende Muslime arbeitslos. So wurden die Muslime der höheren Schichten mit der Errichtung der britischen Herrschaft in diesem Land nicht nur der staatlichen Ämter beraubt, sondern auch anderer Erwerbsmöglichkeiten und Vergünstigungen.
Die Angehörigen der unteren muslimischen Schichten waren gewöhnlich in der Landwirtschaft und der Weberei tätig. Infolge der umfangreichen Einfuhr von in den Manufakturen Manchesters hergestellten Textilien ab dem dritten Viertel des 18. Jahrhunderts wurde die Weberei Bengalens zerstört, und auch Millionen von Webern sahen sich dem Untergang gegenüber. Danach wurde es für sie äußerst schwierig, ihren Lebensunterhalt allein von der Landwirtschaft abhängig zu bestreiten.
Seit der Ankunft der Kompanie in diesem Land wurden die hinduistischen Banias von Kalkutta durch ihre Beschäftigung unter ihr außerordentlich wohlhabend. Man nannte sie „Gomasta“. Nach der Schlacht von Plassey eröffnete ihnen die neue politische Lage glänzende Möglichkeiten. Diese Gomastas spielten im monopolisierten Salzhandel der Kompanie und in anderen inneren Handelsgeschäften eine wichtige Rolle und erwarben große Reichtümer. Zugleich zerstörten sie jedoch den einheimischen Handel und stürzten die Bevölkerung in äußerstes Elend. Die einheimischen und ausländischen Bediensteten der Kompanie zwangen die Bevölkerung, aus England eingeführte Waren zu überhöhten Preisen zu kaufen und im Land erzeugte Waren zu äußerst niedrigen Preisen zu verkaufen. Wollte man die Einzelheiten ihrer Unterdrückung und Misshandlungen schildern, müsste man ein eigenes Buch verfassen. Die hinduistischen Bediensteten Bengalens unterstützten die Gewaltherrschaft und Unterdrückung der Kompanie in vollem Umfang. Im Jahr 1786 wurde ein Gomasta namens Kalicharan aus Tripura abberufen und als Diwan oder Leiter der Steuerverwaltung in Chittagong eingesetzt, obwohl er wegen der durch seine Erpressung und Unterdrückung verursachten Zerstörung der Region Tripura hätte bestraft werden müssen. Innerhalb eines Jahres erhob er von den Zamindaren Chittagongs unrechtmäßig dreißigtausend Taka. Als die Angelegenheit Lord Cornwallis vorgetragen wurde, erklärte Mr. Bird, der Steuerkontrolleur von Chittagong, Kalicharan werde aus dem Dienst entlassen und durch seinen Gomasta Nityanandan ersetzt. Doch infolge des Eingreifens des äußerst einflussreichen Gomasta Joy Narayan Gosai aus Kalkutta wurde die Angelegenheit an dieser Stelle beendet, und Kalicharan blieb ehrenvoll in seinem Amt.
Aus diesem einen Vorfall lässt sich ermessen, welch verhängnisvolle Rolle die hinduistischen Angestellten der Kompanie bei der Zerstörung des ländlichen Bengalen spielten. Ein Engländer bemerkte: Die einzige Klasse, die die Engländer und ihre Gesetze vor dem Untergang bewahrten, waren die einheimischen Gomasthas, Makler und Vertreter, die in ihrem Dienst standen. Indem diese Leute das ländliche Bengalen so schnell wie Heuschreckenschwärme verschlangen, griffen sie die Grundlage der Existenz Indiens an. – (Muinuddin Ahmad Khan, Muslim Struggle for Freedom in Bengal, S. 8).
Die Politik der Engländer bestand darin, diejenigen, mit deren Hilfe sie diesem Land seine Unabhängigkeit geraubt und hier ihre politische Herrschaft errungen hatten, auf allen Ebenen der Gesellschaft zu etablieren und die Muslime vollständig zu verdrängen, damit diese künftig niemals mehr die Kraft erlangen konnten, ihre Unabhängigkeit zurückzugewinnen. Infolge Hastings’ Politik der Verpachtung von Land und Cornwallis’ Permanent Settlement nahmen Hindus den Platz muslimischer Zamindare ein. Da Land nach dem Grundsatz an den Meistbietenden gegen Barzahlung verpachtet wurde, waren die alten vornehmen muslimischen Zamindare plötzlich nicht in der Lage, den höchsten Preis bar zu entrichten. Dagegen ergriffen die hinduistische Händlerklasse, die wucherischen Geldverleiher, Bankiers sowie die hinduistische Klasse wohlhabender Kaufleute diese goldene Gelegenheit. Der größte Teil der alten Zamindarien ging infolge des Permanent Settlement schon bald in den Besitz dieser wohlhabenden Händler über. Der eigentliche Zweck des Permanent Settlement war, die Anerkennung der von den muslimischen Zamindaren eingesetzten hinduistischen Naibs, Verwalter und anderer Personen zu gewährleisten. Nach den im Calcutta Review von 1844 veröffentlichten Angaben blieben von einem Dutzend Zamindarien, deren Umfang jeweils dem eines Distrikts entsprach, nur zwei im Besitz der früheren Zamindare; die übrigen gelangten in die Hände der Nachkommen der niederen Bediensteten der alten Zamindare. Auf diese Weise entstand überall in Bengalen eine neue Zamindarenklasse, die zu ergebenen und vollkommen vertrauenswürdigen Gefolgsleuten der neuen ausländischen Herren geworden war.
Hunter sagt in seinem Werk The Indian Mussalmans: Die hinduistischen Steuereinnehmer, die bis dahin in untergeordneten Stellungen beschäftigt gewesen waren, stiegen dank des neuen Systems in die Zamindarenklasse auf. Das neue System verschaffte ihnen Eigentumsrechte an Grund und Boden sowie Möglichkeiten und Vorteile zur Anhäufung von Reichtum. Während der muslimischen Herrschaft hatten hingegen die Muslime diese Möglichkeiten und Vorteile ausschließlich genossen. – (Hunter, The Indian Mussalmans; Übersetzung: Anisuzzaman, S. 141).
Unter muslimischer Herrschaft galt das Gesetz, dass die Zamindare ein wachsames Auge auf gesellschaftsfeindliche Elemente, Übeltäter und Räuber halten mussten. Wurden diese gefasst, waren sie zusammen mit den geraubten Gütern der Regierung zu übergeben. Die Kompanie hob dieses Gesetz 1772 auf. Infolgedessen begannen die neuen Zamindare, Räuber und Diebe nicht zu vertreiben, sondern sie zu unterstützen und an der Beute teilzuhaben. Es dürfte nicht schwer zu erraten sein, wer diese Räuber und Diebe waren und wer die unglücklichen Opfer der Plünderungen im ländlichen Bengalen waren. In den 1944 im Calcutta Review veröffentlichten Angaben heißt es, dass diese neuen Zamindare Räuber und Diebe zum Zweck der Bereicherung unterstützten. Auch im 1799 veröffentlichten Bericht des Magistrats von Dhaka-Jalalpur wurden diese Vergehen als wahr bestätigt.
– (Muinuddin Ahmad Khan – Muslim Struggle for Freedom in India – S. 10).
Das Permanent Settlement beseitigte nicht nur die muslimischen Zamindare und begründete eine völlig neue Zamindarenklasse, sondern verlieh dieser auch das uneingeschränkte Recht, die Landabgaben neu festzusetzen. In dieser Hinsicht zeigte sie äußerste Willkür. Diese Zamindare übertrugen die Verwaltung ihrer Zamindarien gegen eine sehr hohe, als staatliche Einnahme festgesetzte Summe an Pächter beziehungsweise Patnidare. Diese übertrugen die Verantwortung wiederum gegen hohe Abgaben an Unterpächter. Folglich erpressten sie von den Bauern unter Zwang das Vier- bis Zehnfache der Einnahmen, die an die Staatskasse abgeführt wurden. Genau genommen war diese neue Zamindarenklasse zu den Herren und uneingeschränkten Machthabern über Leben und Tod der Ryots geworden.
Aus dem Büro des Magistrats des Distrikts Faridpur wurden amtliche Dokumente gefunden, aus denen hervorgeht, dass von den Ryots mindestens dreiundzwanzig Arten „ungerechter und ungesetzlicher“ Abwāb-Abgaben erhoben wurden. Buchanan sagt: „Es war ganz gewöhnlich, die Ryots aus ihren Häusern zu holen, sie mehrere Tage eingesperrt zu halten, zu schlagen und so die Landabgaben einzutreiben. Außerdem kassierten sie von den ungebildeten Bauern die Abgaben der Zamindare unter Verwendung gefälschter Quittungen und eigneten sie sich an.“ (M. Martin – The History, Antiquities, Topography & Statistics of Eastern India, London 1838, Bd. 2).
Die Geschichte der unmenschlichen Grausamkeiten der hinduistischen Zamindare sowie Titumirs Bewegung gegen die Zamindare werden an geeigneter Stelle behandelt werden.
Um ein genaues Bild davon zu zeichnen, wie die Lage der muslimischen Gesellschaft Bengalens insgesamt zu Beginn des 19. Jahrhunderts war, muss man wissen, welche Verhältnisse in ihren drei wichtigsten Bestandteilen oder Gliedern herrschten. Diese drei Glieder der Gesellschaft waren die Nawabs, die Oberschicht und die bäuerliche Gemeinschaft.
1. Die Nawabs
Nach der Schlacht von Plassey waren die Nawabs zu Marionetten in den Händen der Kompanie geworden. Die 24 Parganas, Bardhaman, Midnapur und Chittagong mussten der Kompanie überlassen werden. Im Binnenhandel des Landes wurde ihnen ein Monopolrecht eingeräumt. Darüber hinaus mussten der Kompanie und ihren weißen wie schwarzen Bediensteten hohe Geschenke gemacht werden. Den Berechnungen des Select Committee der Kompanie von 1772 zufolge belief sich der Wert der Geschenke, die Mir Jafar gemacht hatte, auf 1.250.000 Pfund. Nach 1865 erhielt der Nawab eine jährliche Pension von 5.386.000 Taka. 1770 wurde sie auf 3.200.000 und 1772 auf nur noch 1.600.000 Taka herabgesetzt. Früher hatten die Nawabs zahlreiche Muslime in ihren Diensten beschäftigt. Sie hatten angesehenen Familien umfangreiche finanzielle Unterstützung, Jagirs und anderes gewährt. Als all dies eingestellt wurde, gerieten sie in äußerstes Elend. Einige verließen Bengalen, um andernorts ihr Glück zu suchen, während die Übrigen weiterhin von Armut bedrängt wurden.
2. Die angesehenen oder zur Oberschicht gehörenden Muslime
Angesehene Muslime kamen zu verschiedenen Zeiten als Eroberer oder als wagemutige Glückssucher in dieses Land. Danach liebten sie dieses Land von ganzem Herzen und nahmen es als ihre dauerhafte Heimat an. Als Eroberer hatten sie naturgemäß das Recht, verschiedene hohe Ämter in der Regierung einzunehmen. Hunter sagt, dass eine angesehene muslimische Familie ihren Reichtum aus drei Hauptquellen bezog: der Leitung des Militärs, der Erhebung der Steuern sowie Beschäftigungen in der Justiz und Verwaltung.
Die erste dieser Quellen war, genau genommen, vollständig ihr Monopol. Mir Jafar allein entließ achtzigtausend Soldaten aus dem Dienst. Nazmuddaula durfte nur so viele Soldaten behalten, wie er zur Wahrung seiner eigenen Würde benötigte. Infolgedessen wurden mehrere Hunderttausend Muslime in Bengalen und Bihar von Arbeitslosigkeit und Armut bedrängt.
Hunter sagt: Die erste Erwerbsquelle ist die Armee. Dort wurde der Zugang für Muslime versperrt. Kein Sohn einer angesehenen muslimischen Familie kann mehr in unsere Armee eintreten. Wenn man ihnen gelegentlich aus militärischen Gründen einen Platz einräumte, bot ihnen dies keinerlei Möglichkeit, damit ihren Lebensunterhalt zu verdienen.
Ihre zweite Erwerbsquelle waren wichtige Ämter bei der Steuererhebung. Doch weiter oben wurde beschrieben, wie untergeordnete hinduistische Steuereintreiber durch die Gunst der Kompanie mit einem Sprung zu Eigentümern der Landgüter der Muslime wurden.
Lord Metcalfe bemerkte 1820: Das Land und die Ländereien des Landes wurden ihren rechtmäßigen Eigentümern entrissen und einer Klasse von Babus übertragen, die durch Bestechung und äußerste Korruption reich geworden waren. Dies geschah auf der Grundlage einer derart schrecklichen und unterdrückerischen Politik, deren Beispiel in der Welt selten ist.
– (E. Thompson, The Life of Charles Lord Metcalfe; A. R. Mallick: British Policy and the Muslims of Bengal).
Noch vor dem neunzehnten Jahrhundert nahmen Engländer und Hindus die Plätze der muslimischen Beamten in hohen Ämtern der Steuerverwaltung sowie der rechtmäßigen Eigentümer des Bodens ein.
Seit alters her schenkten die muslimischen Herrscher Indiens muslimischen Gelehrten zur Förderung der Bildung des Volkes steuerfreie Ländereien unter Bezeichnungen wie Jagir, Tamgha, Ayma und Madad-i-Ma’ash. Nach Buchanan
waren allein im Gebiet von Bihar und Patna einundzwanzig Arten steuerfreier Ländereien verschiedenen Personen und Einrichtungen geschenkt worden. Während der englischen Herrschaft wurden diese Lakhiraj-Besitzer unter allerlei Vorwänden ihres Eigentums beraubt. Beispielsweise verurteilte der Sonderstellvertretende Collector Mr. Taylor in Burdwan an einem einzigen Tag 429 Lakhiraj-Besitzer in deren Abwesenheit.
Unter den Tribunals of Resumption der englischen Regierung wurden die Lakhiraj-Ländereien von der Regierung wieder in Besitz genommen. Ein Beamter des Board of Revenue in Chittagong äußerte dazu Folgendes: Wenn die Lakhiraj-Besitzer gegenüber den Absichten der Regierung misstrauisch geworden sind, wird das niemanden verwundern. Das ist ganz natürlich. In allen 1.463 Fällen wurde in Abwesenheit der Lakhiraj-Besitzer zugunsten der Regierung entschieden. Nach dieser bitteren Erfahrung mussten sie gegenüber den Tribunals of Resumption zwangsläufig das Vertrauen verlieren (Kommentar von Smith in Harveys Bericht vom 19th Juni 1840; A. R. Mallick, British Policy and the Muslims of Bengal).
Um muslimische Lakhiraj-Besitzer ihres rechtmäßigen Grundeigentums zu berauben, wurden verschiedene niederträchtige Methoden angewandt, und unter den englischen Beamten herrschte in dieser Angelegenheit eine von Feindseligkeit geprägte Haltung. Viele Lakhiraj-Ländereien wurden beschlagnahmt, weil die Urkunden der Lakhiraj-Besitzer nicht registriert worden waren. Die Collector der Distrikte zögerten absichtlich, die Urkunden rechtzeitig zu registrieren. Deshalb konnten die Lakhiraj-Besitzer trotz ihrer Bemühungen die Urkunden nicht registrieren lassen.
In Chittagong wurden den Lakhiraj-Besitzern keinerlei Benachrichtigungen zugestellt, damit sie vor Gericht erscheinen konnten. In vielen Fällen zeigte sich sogar, dass die Ländereien lange vor der Ausstellung des Urteils anderweitig verpachtet worden waren. Zwischen 1828 und 1851 verbreiteten sich in ganz Bengalen und Bihar Spione, falsche Zeugen und Resumption-Beamte wie ein Heuschreckenschwarm, um falsche Informationen über die Lakhiraj-Besitzer zu sammeln und Muslime in Prozesse zu verwickeln. Neben der Regierung profitierte bei diesen Verfahren noch eine dritte Partei in hohem Maße. Diejenigen, die falsch aussagten, und diejenigen, die den Regierungsbeamten erfundene Informationen lieferten, verdienten beträchtliche Summen. Demgegenüber gingen die muslimische Oberschicht und die Mittelschicht zugrunde. Infolge der Beschlagnahme der Lakhiraj-Ländereien wurden auch zahlreiche Bildungseinrichtungen geschlossen.
Pandit Jawaharlal Nehru sagt:
Nachdem die Engländer sich in Bengalen etabliert hatten, gab es dort zahlreiche „Muafi“, das heißt abgabenfreie Landgüter. Viele davon waren in Privatbesitz, doch die meisten waren zum Zweck der Finanzierung von Bildungseinrichtungen als Waqf gestiftet worden. Fast alle Grundschulen, Maktabs und zahlreiche Einrichtungen der höheren Bildung waren auf die Einkünfte aus diesen „Muafi“-Ländereien angewiesen. Die East India Company sah sich veranlasst, rasch Geld aufzubringen, um ihren Anteilseignern in England Gewinne auszuzahlen. Denn die Direktoren der Company übten in dieser Angelegenheit großen Druck aus. Daraufhin wurde nach einem wohlüberlegten Verfahren die Politik beschlossen, die „Muafi“-Landgüter zu beschlagnahmen. Es wurde angeordnet, für diese Landgüter strenge Beweise vorzulegen.
Doch die alten Urkunden und die dazugehörigen Dokumente waren inzwischen entweder irgendwo verloren gegangen oder von Insekten zerfressen worden. Daher wurden nahezu alle „Muafi“- oder abgabenfreien Ländereien beschlagnahmt. Zahlreiche alteingesessene Grundbesitzer wurden ihres Besitzes beraubt. Die Einnahmequellen vieler Schulen und Colleges versiegten. Auf diese Weise gelangten viele Ländereien in den unmittelbaren Besitz der Regierung, während zahlreiche alteingesessene Familien zugrunde gingen. Die Bildungseinrichtungen, die bis dahin von den Einkünften der oben genannten „Muafi“-Ländereien abhängig gewesen waren, mussten schließen. Eine große Zahl von Lehrern und Mitarbeitern der Bildungsverwaltung wurde arbeitslos. – (Pandit Jawaharlal Nehru: The Discovery of India, S. 376–377)
Die dritte Erwerbsgrundlage der Muslime aus den höheren und vornehmen Schichten war der Dienst unter der Regierung – in den Justiz- und Verwaltungsabteilungen. Auch nach dem Erwerb der Diwani durch die Company blieben sie noch etwa fünfzig Jahre lang im Staatsdienst. Denn bis dahin war Persisch die Amtssprache. Doch plötzlich wurde Englisch anstelle des Persischen zur Amtssprache gemacht. Die Muslime waren darauf in keiner Weise vorbereitet. Im Jahr 1832 unterbreitete Captain T. Macam dem Select Committee den Vorschlag, die englische Sprache allmählich einzuführen und den muslimischen Bediensteten wenigstens fünf bis sechs Jahre Frist zu gewähren, indem man sie entsprechend vorwarne. Hunt McKenzie unterbreitete einen ähnlichen Vorschlag. Er sagte, in den Bezirken solle Englisch schrittweise und nacheinander eingeführt werden. Doch infolge der plötzlich überall vorgenommenen Umstellung wurden Tausende muslimischer Bediensteter aus dem Dienst entlassen, deren Lebensunterhalt vollständig und ausschließlich von ihrer Anstellung abhing. Im Jahr 1829 begann man, an Schulen und Colleges Englisch als Grundlage jeder Art von Bildung zu unterrichten. Ab dem 1. April 1837, dem ersten Tag des damaligen Finanzjahres, wurde Englisch plötzlich als Amtssprache eingeführt.
Auch Herr Hunter erkannte diese Tatsachen an und sagte spöttisch:
„Jetzt finden diese einstigen Herren Indiens nirgends mehr einen Platz, außer in ein oder zwei untergeordneten Stellen in den Gefängnissen. In den verschiedenen Ämtern, in den verantwortlichen Positionen der Gerichte und sogar in den höheren Rängen des Polizeidienstes werden eifrige Hindu-Jünglinge aus den staatlichen Schulen eingestellt.“
Von dieser Veränderung profitierte die hinduistische Gemeinschaft in vollem Umfang. Nachdem sie an verschiedenen Colleges Englisch gelernt hatten, erlangten sie überall ein Monopol auf die Regierungsstellen. Dagegen wurden infolge des politischen Wandels die vornehmen muslimischen Familien um alle Möglichkeiten und Vorteile des Broterwerbs gebracht und in Armut, Hunger und Verderben gestürzt.
3. Muslime aus den unteren Schichten: Bauern und Weber
Ein gewisser Eindruck von der äußersten Notlage, in die die Bauernschaft infolge der Dauersiedlung geraten war, wurde oben bereits vermittelt.
Es wurde auch erwähnt, dass zwischen den Zamindaren und den tatsächlichen Bauern noch zwei weitere Schichten bestanden, nämlich die Pattānīdārs und die Unter-Pattānīdārs. Durch diese beiden Klassen wurde von den Raiyats ein Mehrfaches der den Zamindaren zustehenden Pacht eingetrieben, sodass die Ausbeutung und Unterdrückung der Raiyats beziehungsweise Bauern keine Grenzen kannte. Unter der Bedrückung durch Zamindare und Pattānīdārs wurde ihr Leben unerträglich. Gezwungenermaßen mussten sie sich an hinduistische Geldverleiher wenden. Sie mussten Geld zu Zinssätzen von 37 bis 60 Prozent aufnehmen. Außerdem mussten sie ihre Kühe und Büffel beim Geldverleiher verpfänden. Wenn sie wegen ihrer Not von einem Geldverleiher Getreide als Vorschuss annahmen, mussten sie das Doppelte zurückzahlen. Da sie ihre Ernte zudem im Haus des Geldverleihers abliefern mussten, wurden sie auch dabei betrogen. Kurz gesagt, diese Zamindare und Geldverleiher erfreuten sich daran, mit dem Leben der unglücklichen Bauern ihr grausames Spiel zu treiben.
Für das derartige Leid und Elend der Bauern gab es keinerlei Möglichkeit der Abhilfe. Denn eine solche war äußerst kostspielig. Zudem trieben die Zamindare und ihre Handlanger durch Bestechung und allerlei Korruption die Kosten um ein Vielfaches in die Höhe. Das Ergebnis war, dass Zamindare und Geldverleiher sie von ihren Heimstätten und Ländereien vertrieben und in Bettler verwandelten.
Neben Reis und anderen Feldfrüchten bauten die Bauern auch Indigo an. Der Indigobau war in diesem Land schon seit langer Zeit verbreitet. Mitte des 17. Jahrhunderts wurde Indigo erstmals aus Indien nach Europa exportiert. Die Briten führten den Indigobau in ihren amerikanischen und westindischen Kolonien ein. Nachdem diese ihnen verlorengegangen waren, entwickelte sich Bengalen zum wichtigsten indigoexportierenden Land. 1805 betrug die Indigoproduktion in Bengalen 64.803 Maund, und 1843 war sie auf das Doppelte angewachsen. In Bengalen und Bihar, besonders aber in den muslimisch geprägten Distrikten Dhaka, Faridpur, Rajshahi, Pabna, Nadia, Murshidabad und anderen, wurde Mitte des 18. Jahrhunderts unter britischer Aufsicht in großem Umfang Indigo angebaut. Doch die ausländischen Herrscher setzten den Indigopreis so niedrig fest, dass die Bauern pro Bigha sieben Taka Verlust machten, was dem Siebenfachen der Pacht pro Bigha entsprach. Dennoch wurden die Bauern zum Indigobau gezwungen. Die Geschichte der unmenschlichen Misshandlungen und grausamen Unterdrückung der Indigobauern Bengalens durch die Herrscher ist in den Annalen der Geschichte festgehalten. Den von Macht berauschten Herrschern und ihren Handlangern war jedes menschliche Gefühl abhandengekommen. Andernfalls hätte das herzzerreißende Wehklagen der Bauernschaft – von Kindern bis zu Greisen und Frauen – unter ihrer Unterdrückung nicht Himmel und Luft Bengalens zerrissen.
Die armen und notleidenden Bauern hofften, durch den Indigobau etwas Geld zum Lebensunterhalt zu verdienen. Die englischen Indigopflanzer nutzten ihre Armut und Hilflosigkeit aus und zwangen sie, Verträge zu unterzeichnen, die den Interessen der Bauern zuwiderliefen. Oft ergriffen sie widerstrebende Bauern und setzten sie in Brand. Wenn sie sie auch dadurch nicht zur Zustimmung bringen konnten, eigneten sich die Indigopflanzer ihre Ländereien kraft gefälschter Verträge gewaltsam an und ließen durch ihre Angestellten auf diesen Flächen Indigo anbauen. Bisweilen nahm ein tyrannischer Zamindar seinem Pächter zur Bestrafung Land weg und übergab es den Indigopflanzern. Als Ashley Eden 1860 vor der Indigo-Kommission aussagte, erklärte er einmal, aus verschiedenen Strafgerichtsakten gehe hervor, dass es neunundvierzig Fälle gegeben habe, in denen Indigopflanzer an schweren Verbrechen wie Aufruhr, Mord, Brandstiftung, Raub, Plünderung und gewaltsamer Entführung beteiligt gewesen seien. Viele Jahre zuvor hatte ein Magistrat vor einem christlichen Missionar bemerkt, dass kein einziger Ballen Indigo nach England verschickt werde, ohne mit Menschenblut befleckt zu sein. (Bericht der Indigo-Kommission von 1861 und Calcutta Christian Observer, November 1855.)
Für das Leid und Elend der Indigobauern gab es keinerlei Möglichkeit der Abhilfe. Selbst wenn Bauern vor den Augen von Chowkidars und Polizeibeamten grausam misshandelt wurden, besaßen die Chowkidars nicht einmal die Möglichkeit, dies mit einem Wort zu erwähnen. Als grausame Indigopflanzer einmal in einem Dorf Feuer legten, sammelte ein Mann durch lautes Rufen Menschen, um das Feuer zu löschen. Dafür wurde er brutal zusammengeschlagen und vier Monate lang verwundet in einem dunklen Raum festgehalten. Zugleich hielten die Indigopflanzer die Polizei durch hohe Bestechungsgelder gefügig. (Bericht der Indigo-Kommission von 1861.)
Die unglücklichen, hilflosen Bauern konnten von den Magistraten keinerlei Abhilfe oder Rechtsprechung erwarten. Im genannten Bericht der Indigo-Kommission heißt es, dass die weißhäutigen Magistrate stets die Partei ihrer Landsleute ergriffen. Die Strafgesetze waren so gestaltet, dass es nahezu unmöglich war, einen englischen Untertanen zu bestrafen. Ein armer Pächter wagte es nicht, seine Frau, Kinder und Angehörigen in einer weit entfernten Gegend zurückzulassen und nach Kalkutta zu gehen, um Klage einzureichen. Denn während seiner Abwesenheit würden die Indigopflanzer Leben, Besitz sowie Ehre und Anstand seiner Frau, Kinder und Angehörigen zerstören. In den mehrheitlich muslimischen Gebieten wurde in größerem Umfang Indigo angebaut. Daher waren Muslime aus den unteren Schichten ständig den äußersten Misshandlungen und der Unterdrückung durch die Indigopflanzer ausgesetzt.
Weber
Wie die Bauernklasse geriet auch die Weberklasse dieses Landes in äußerstes Elend. Millionen muslimische Weber in Bengalen und Bihar bestritten ihren Lebensunterhalt mit der Weberei. Noch vor dem Ende des neunzehnten Jahrhunderts war die Weberei als einträgliches Gewerbe zugrunde gegangen. Da sie jedoch keine andere Möglichkeit hatten, hielten die Muslime, die bis dahin an der Weberei festgehalten hatten, weiterhin daran fest; laut der Volkszählung von 1891 betrug ihre Zahl in der Provinz Bihar und in einigen Distrikten Bengalens 771.237. Die Weber von Nadia, Dinajpur, Rangpur, Bogra, Jalpaiguri, Noakhali, Tripura und Chittagong sind in dieser Zahl nicht enthalten. Daher kann ohne Zögern gesagt werden, dass die Zahl der muslimischen Weber in ganz Bengalen und Bihar zu Beginn der Company-Herrschaft mindestens das Zehnfache der genannten Zahl betrug. Im Folgenden wird kurz geschildert, wie diese Weber und Gewerbetreibenden zugrunde gerichtet wurden.
Vor der Ankunft der East India Company in diesem Land hatte die Weberei hier ihren höchsten Entwicklungsstand erreicht. In jedem Distrikt wurden besonders geartete, äußerst hochwertige Gewebe hergestellt. Um den Bedarf zu decken, wurde Baumwolle in großen Mengen eingeführt. In diesen Webereien wurden sowohl grobe als auch feine Stoffe hergestellt. Indien war der Markt für grobe Stoffe, während feine und sehr feine Stoffe an verschiedene Orte Europas exportiert wurden. Unter der Hilfe, Unterstützung und Schirmherrschaft muslimischer Herrscher wurden die aus Seide gefertigten, äußerst feinen Stoffe Dhakas an verschiedene Orte Europas exportiert. Unter der Hilfe, Unterstützung und Schirmherrschaft muslimischer Herrscher hatte der aus Dhakas Seide gefertigte, äußerst feine „Musselin“-Stoff zwei Jahrhunderte lang auf den europäischen Märkten eine gewaltige Anziehungskraft ausgeübt. Ob grobe Stoffe oder äußerst feine Seidenstoffe – beide waren ein großer Beitrag der muslimischen Weber. Ein englischer Kaufmann namens William Bolts berichtet über die unsägliche Unterdrückung der Weber durch die Company: Der gesamte Handel sei ein Monopolrecht der Company gewesen. Die Engländer sowie die ihnen unterstellten hinduistischen Banias und Gomastas legten nach eigenem Gutdünken die Preise für die Stoffe fest und zwangen die Weber, zu diesen Preisen eine bestimmte Menge Stoff zu liefern. Wie die Indigo-Pflanzer zwangen sie die Weber auch, Verträge zu unterschreiben, die ihren Interessen zuwiderliefen. Die Weber wurden gezwungen, Stoffe bestimmter Qualität und bestimmter Menge zu dem von ihnen festgesetzten Preis innerhalb einer bestimmten Frist zu liefern – solche Verträge nannte man dies. Die von ihnen festgesetzten Preise lagen wiederum fünfzehn bis vierzig Prozent unter den Marktpreisen. Wenn es den Webern nicht gelang, die Company und ihre tyrannischen Agenten zufriedenzustellen, wurden sie ausgepeitscht. Das war, als würde man einem Lebenden die Haut abziehen und Menschenfleisch verzehren. Man hört, dass die in den Wäldern lebenden unzivilisierten Barbaren der Urzeit ihren Hunger nötigenfalls mit dem Fleisch von Männern und Frauen stillten. Aber inwiefern waren diese sogenannten zivilisierten Engländer und ihre Agenten besser als jene?
Später versetzten die Direktoren der Company der bengalischen Textilindustrie einen vernichtenden Schlag. Statt fertige Stoffe aus Bengalen nach England zu importieren, begannen sie, Baumwolle und Seide als Rohstoffe einzuführen. Danach empfahlen sie, die Handwerker der Seidenweberei sollten gezwungen werden, anstatt an ihren eigenen Webstühlen in den firmeneigenen Fabriken zu arbeiten. Infolgedessen wurde dieses Land, dessen wichtigste Industrie die Weberei war, zum Rohstoffmarkt für die englischen Textilhersteller. Nach 1789 ging der Export der feinen Seidenstoffe aus Dhaka zurück. 1799 wurden allein aus Dhaka Stoffe im Wert von zwölf Lakh Taka exportiert. Die zwölf Lakh jener Zeit kann man nach dem heutigen Geldwert ohne Weiteres mit zwölf Crore angeben. 1813 war der Export auf drei Lakh Taka gesunken. 1817 kam der Export der in Dhaka hergestellten Stoffe vollständig zum Erliegen.
Kurz gesagt: Die Textilindustrie Bengalens und Bihars wurde zerstört, und auf dem Blut und Fleisch der einkommenslos gewordenen Webergemeinschaft entstand die Textilindustrie Manchesters. Allmählich wurde das exportierende Land zum Markt für importierte Waren. Von 1786 bis 1790 wurden jährlich Stoffe im Wert von zwölf Lakh Pfund in dieses Land importiert. 1809 war dieser Betrag auf den Wert von einer Crore vierundachtzig Lakh Pfund gestiegen. Die Politik der Briten bestand darin, die überwiegend muslimische Webergemeinschaft dieses Landes nach und nach auszurotten. (Abdul Moudud: Die Entwicklung der Mittelschicht.)
Pandit Jawaharlal Nehru hat in seinem Werk The Discovery of India ein erschütterndes Bild vom Leid und Elend der Weber gezeichnet. Er sagt: Der alte Beruf dieser Weber kam völlig zum Erliegen. Keine Tür zu einem neuen Beruf stand offen. Offen stand nur die Tür des Todes. Millionen starben. Lord Bentinck erklärte in seinem Bericht von 1834, ihr Leid und Elend hätten in der Geschichte des Handels ihresgleichen. Die Straßen und Wege Indiens waren mit den Knochen der Weber übersät. – (Pandit Nehru: The Discovery of India, S. 352).
Kurz gesagt wird aus der genauen Geschichte und den verschiedenen Tatsachen des Jahrhunderts seit der Übergabe der Freiheit und Souveränität dieses Landes an ausländische Imperialisten im Kampf von Plassey eindeutig ersichtlich, dass die Geschichte dieser Zeit die Geschichte der Ausbeutung, Plünderung, Verfolgung und Unterdrückung, des Betrugs und der Täuschung sowie des Massenmords an den Muslimen Bengalens ist. Dabei stachelte die von der Company-Regierung begünstigte Gruppe einheimischer „Babus“ diese Vorgänge an und leistete ihnen auf jede Weise Hilfe und Unterstützung. Den Preis für ihren Verrat am Land erhielten sie in vollem Umfang. Dieser bestand darin, dass ihnen sämtliche Zamindari- und Jotdari-Besitzungen des Landes, die ihren rechtmäßigen Eigentümern entrissen worden waren, auf ewige Zeiten zur Nutzung durch Söhne, Enkel und deren Nachkommen überlassen wurden. Durch Bestechung und Korruption wurden sie zu Besitzern unermesslichen Reichtums. – (E. Thompson: The Life of Charles Lord Metcalfe; A. R. Mallic: British Policy & the Muslims of Bengal).
Ein erschütterndes Beispiel für Ausbeutung und Unterdrückung ist folgendes: Während der „Hungersnot von Chhiyattor“ starb ein Drittel der Bevölkerung Bengalens, und der Ackerbau verfiel völlig. Doch Warren Hastings trieb durch Berechnung und strengen Druck mehr Geld ein, als als Abgabe festgesetzt war, und verwendete es nicht dazu, das Leid der sterbenden Bauern zu lindern. Stattdessen verkaufte er 33.913 Maund Reis aus dem Distrikt Bakarganj und strich daraus einen Gewinn von 67.593 Taka ein. 40.000 Maund Reis aus Dhaka ließ er in den Kasernen von Bankipur einlagern, wie Abdul Moudud in seinem Werk Die Entwicklung der Mittelschicht sagt (S. 63).
Abdul Moudud sagt ferner: Der Taj Mahal, den Architekten als das größte Meisterwerk der Baukunst auf Erden bezeichnen, für dessen Bau 23 Crore Dollar aufgewendet worden waren und dessen Konzeption selbst den Geist des größten Welteroberers in den Schatten stellt und beschämt – diesen Taj Mahal wollte Lord Bentinck, der in Indien als einer der überaus gütigen und wohltätigen Generalgouverneure gefeiert wurde, einst einem hinduistischen Bauunternehmer für nur anderthalb Lakh Dollar zum Abbruch und zur Aneignung seines Materials verkaufen. (The Round the World Traveller, Loreng, S. 379.) Warren Hastings ließ das Badehaus des Diwan-i-Khas herausreißen und Georg IV. nach England zum Geschenk schicken, und Lord Bentinck verkaufte die übrigen Teile des Palastes und erhöhte dadurch die Staatseinnahmen Indiens (India: Chirol, S. 54; The Story of Civilization, Our Oriental Heritage, von Will Durant, S. 609–610).
Ebenso vergrößert der einst geraubte, überaus kostbare „Koh-i-Noor“ noch immer den Glanz des königlichen Palastes in England. Durch solche Plünderungen tritt die äußerste Niedertracht der auf Bildung, Erziehung, Zivilisation und Anstand stolzen Engländer zutage.
Edmund Burke hat wahrlich ein scharfes Urteil gefällt: Wenn wir Indien heute verlassen müssten, gäbe es keinen Beweis dafür, dass dieses Land der Herrschaft eines besseren Tieres als eines Orang-Utans oder eines Tigers unterstanden hätte. (Abdul Maudud: Die Entwicklung der mittelständischen Gesellschaft, S. 64)
Kurz vor dem Ende der Herrschaft der Kompanie sagte John Bright: „Die Geschichte von hundert Jahren über die wehrlose Bevölkerung Indiens ist eine Geschichte unsäglicher Verbrechen.“ (Oxford History of India, S. 680).
Beziehungen zwischen Hindus und Muslimen: Religion und Kultur
Seit dem Beginn des Mittelalters kamen Muslime aus Arabien, der Türkei, Iran-Turan, Afghanistan und anderen Ländern nach Bengalen und auf den indischen Subkontinent. Danach liebten sie dieses Land von ganzem Herzen, nahmen es als ihre ewige Heimat an und lebten Jahrhundert um Jahrhundert Seite an Seite mit den Hindus dieses Landes. Doch die grausame historische Wahrheit ist, dass diese beiden Völker trotz mehr als tausendjähriger gemeinsamer Nachbarschaft unter demselben Himmel und unter denselben klimatischen Bedingungen nicht nur nicht miteinander verschmolzen sind, sondern dass sich zwischen ihnen auch keine geistige Verbundenheit entwickeln konnte. Das bedeutet freilich nicht, dass sie während dieser langen Zeit niemals gemeinsam gearbeitet oder nicht am Glück und Leid des jeweils anderen teilgehabt hätten. Dies geschah jedoch nur an bestimmten Orten, zu bestimmten Zeiten und in bestimmten Bereichen – nicht als Völker, sondern als Nachbarn. Und auch das nur vorübergehend. Dauerhafte Wurzeln der Freundschaft und Verbundenheit konnten zwischen ihnen niemals fest Fuß fassen. Über den Grund dafür, dass trotz ihres Lebens nebeneinander die Distanz zwischen beiden erhalten blieb, sagt Dr. Ramesh Chandra Majumdar:
„Die religiösen Überzeugungen und die gesellschaftlichen Ordnungen dieser beiden Gemeinschaften stehen in völligem Gegensatz zueinander … Die Hindus schöpfen ihre Inspiration für die bengalische Literatur aus dem Sanskrit, die Muslime dagegen aus dem Arabischen und Persischen. Auch der religiöse Fanatismus der Muslime hatte sie ihnen gegenüber in gleicher Weise feindselig gemacht. … Damit die Hindus der muslimischen Gesellschaft auch nicht das geringste Mitgefühl entgegenbringen konnten, hatten die Führer der hinduistischen Gesellschaft strenge Vorschriften erlassen.“ (Ramesh Chandra Majumdar: Geschichte Bengalens im Mittelalter, S. 242–243 und 334–350).
Der Dichter Rabindranath Tagore hat den Grund dafür erläutert, dass die Kluft zwischen den beiden Gemeinschaften nicht beseitigt werden konnte und keine geistige Verbundenheit entstand. Er sagt:
„Die tiefste Verwandtschaft strömt durch das Blut, nicht durch die Worte des Mundes. Wenn unter denjenigen, die sich als eine große Nation vorstellen, der Weg zur Verbindung des Blutes durch die Herrschaft der Religion für immer versperrt bleibt, dann wird ihre Vereinigung niemals eine Vereinigung der Herzen sein. – [Rabindra-Rachanavali (Jahrhundertausgabe), Bd. 13, S. 308]
Somit zeigt sich, dass dieser Unterschied und diese Distanz nicht lediglich äußerlich und künstlich sind. In ihrer tiefen Grundlage liegen die jeweils unterschiedlichen und entgegengesetzten religiösen Überzeugungen und Kulturen beider Seiten. Das Urteil, das H. V. Hodson, verfassungsrechtlicher Berater des ehemaligen Vizekönigs von Indien, Lord Linlithgow, über die beiden Nationen – Hindus und Muslime – in Indien fällte, kann hier angeführt werden. Er sagt:
„…Hier gibt es zwei gewaltige Gemeinschaften, die im selben Land, ja geradezu in demselben Dorf, leben, Freud und Leid miteinander teilen und derselben Regierung unterstehen. Hinsichtlich ihrer ursprünglichen Abstammung sind sie nicht voneinander verschieden. Denn die meisten indischen Muslime stammen von den Vorfahren ihrer hinduistischen Nachbarn ab. Dennoch sind sie getrennt und eigenständig. Sie unterscheiden sich nicht nur hinsichtlich ihrer religiösen Überzeugungen sowie ihrer Bräuche und Sitten, sondern auch hinsichtlich der gesamten Lebensordnung und der geistigen Haltung. Jede Gruppe oder Gemeinschaft ist dauerhaft auf der Grundlage der Abstammung organisiert. Zwischen ihnen gibt es weder die Sitte gegenseitiger Eheschließungen noch die Aussicht, miteinander zu verschmelzen.“ – (H. V. Hodson, The Great Divide, S. 10).
In Bengalen und auf dem indischen Subkontinent insgesamt haben Hindus und Muslime seit jeher ihre religiöse und kulturelle Eigenständigkeit bewahrt. Dr. Ramesh Chandra Majumdar sagt:
„Die Muslime sind vom Beginn bis zum Ende des Mittelalters, je nach Ort 1300 bis 700 Jahre lang, neben den Hindus gelebt und dennoch genau so geblieben wie zuvor. … Als die Muslime zu Beginn des achten Jahrhunderts das Sindh-Gebiet eroberten und sich erstmals in Indien niederließen, bestanden zwischen Hindus und Muslimen bereits grundlegende Unterschiede; auch nach tausend Jahren waren sie, abgesehen vom Unterschied der Sprache, genau dieselben. …Seit Beginn des gegenwärtigen Jahrhunderts ist in unserem Land die Auffassung verbreitet, dass Hindus und Muslime im Mittelalter infolge einer Vermischung ihrer Kulturen ihre Eigenständigkeit verloren hätten. Es sei eine neue Kultur entstanden, die weder hinduistische noch islamische Kultur, sondern eine indische Kultur sei. In der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts vertraten Raja Rammohan Roy, Dwarkanath Tagore und andere, in der zweiten Hälfte Bankimchandra Chattopadhyay und andere der damaligen größten Geistesgrößen Bengalens jedoch genau die entgegengesetzte Ansicht, und die bengalische Literatur des neunzehnten Jahrhunderts bestätigt eben diese gegenteilige Auffassung. Die Wahrheit wird sich erweisen, wenn man die hinduistische Gesellschaft und den Hinduismus des Jahres 1200 mit dem Hinduismus und der Gesellschaft des Jahres 1800 vergleicht.“ – (Ramesh Chandra Majumdar, Geschichte Bangladeschs: Mittelalter, S. 242–243 und 334–350).
Seit der Ankunft der Muslime in Indien haben Hindus und Muslime mehr als tausend Jahre lang zusammengelebt; statt gemeinsam eine einzige Nation zu bilden, sind ihre jeweiligen Eigenständigkeiten jedoch noch deutlicher und gefestigter geworden. K. M. Panikkar bemerkt in seinem Werk Survey of India History: „Die wichtigste soziale Folge der Einführung des Islam als Religion in Indien bestand darin, dass der Gesellschaftskörper vertikal in zwei Teile gespalten wurde. Die Unterteilungen, die vor dem dreizehnten Jahrhundert in der hinduistischen Gesellschaft zu beobachten waren, hatten teilweise horizontalen Charakter. Damals war es dem Buddhismus möglich, diese Unterreligionen in sich aufzunehmen, und im Laufe der Zeit hatten sie innerhalb des Hinduismus ihre jeweiligen regionalen Wohnsitze und Ausprägungen entwickelt. Der Islam hingegen teilte die indische Gesellschaft von Grund auf klar in zwei Teile. Und das, was uns heute in der Sprache unserer Zeit als Zwei-Nationen-Theorie bekannt ist, entstand bereits an jenem ersten Tag. Von da an bestanden auf derselben Grundlage zwei parallele Gesellschaften, vertikal voneinander getrennt. In jedem Lebensbereich wurden die beiden Gesellschaften getrennt und eigenständig und traten auch getrennt in Erscheinung. Zwischen ihnen blieb keinerlei soziale Beziehung oder Austausch im Leben bestehen. Zwar setzte die Konversion vom Hinduismus zum Islam unaufhörlich fort. Zugleich entstanden jedoch neue Lehren und Gemeinschaften sowie eine neue Haltung zur Abwehr und zur Sicherung. Dadurch trat der hinduistische Gesellschaftskörper allmählich immer stärker hervor.“
Die schonungslose Wahrheit, die der herausragende Gelehrte Dr. Syed Mujtaba Ali, der an der von Rabindranath Tagore gegründeten Visva-Bharati ausgebildet wurde, ausgesprochen hat, kann den Leserinnen und Lesern hier vorgelegt werden. Er sagt:
„Die traditionsstolzen Söhne und Enkel der arischen Weisen, die große Systeme der Philosophie geschaffen hatten, betrieben nach der Ankunft der Muslime jahrhundertelang in ihren jeweiligen Lehrstätten philosophische Studien; doch von der Philosophie, die jahrhundertelang in arabischer Sprache in der Madrasa des benachbarten Dorfes betrieben wurde – angefangen bei Platon über den Neuplatonismus bis hin zu Denkern wie al-Kindi, al-Farabi, Ibn Sina, al-Ghazali und Ibn Rushd –, erfuhren sie nicht das Geringste. Auch die muslimischen Maulanas waren nicht weniger nachlässig: Kein einziges Mal erkundigten sie sich, was in der benachbarten Lehrstätte studiert wurde. …Sri Chaitanya soll mit dem Islam vertraut gewesen sein …doch ist uns nicht bekannt, dass Chaitanyadeva versucht hätte, die Lehrtraditionen beider Religionen zusammenzuführen. Das Hauptziel seines Lebens bestand darin, den Hinduismus zu organisieren und zu reformieren und ihn vom Weg des Untergangs auf den Weg einer neuen Jugend zu führen. …Die Kenntnisse und Wissenschaften sowie die Religion und Philosophie, welche die Muslime mitbrachten, und die Tausenden von Dichtern, Gelehrten, Religionsgelehrten und Philosophen, die später, besonders während der Mogulzeit, aus dem von den Mongolen verwüsteten Iran und Turan – von Akbar bis Aurangzeb – in dieses Land kamen und am Mogulhof ihre ganze dichterische und gelehrte Begabung entfalteten: Davon zogen die hinduistischen Gelehrten und Philosophen der religiösen Schriften dieses Landes nicht den geringsten Nutzen … Zwischen ihnen und den hinduistischen Gelehrten wurde keinerlei Verbindung hergestellt.“ – (Barobabu, Syed Mujtaba Ali).
Die geistig bewegende und revolutionäre Botschaft des islamischen Tawhid, die Hingabe von allem an den Schöpfer, die islamische Weltbrüderlichkeit und Liebe, seine Botschaft der Gleichheit und Gerechtigkeit sowie sein demokratisches Ideal übten auf die Menschen eine unwiderstehliche Anziehungskraft und Begeisterung aus. Infolgedessen begannen Hindus in Scharen, im kühlen Schatten des Islam Zuflucht zu suchen. Danach bestand die Aufgabe des Hinduismus in der Selbstverteidigung. Angesichts der Botschaft des Islam war Selbstverteidigung keineswegs einfach. Daher wurden in verschiedenen Teilen Indiens im Laufe der Zeitalter Botschaften der religiösen Harmonie und Einheit verkündet und widerhallten dort – durch das Auftreten von Heiligen und Verkündern wie Ramananda, Eklavya, Dadu, Nanak und Kabir. Auf der Grundlage des islamischen Monismus wollten sie den Hinduismus reformieren, um ihn vor dem Islam zu schützen. Oder sie unternahmen lediglich den Versuch, durch den Einfluss und das Eindringen des Hinduismus in die islamische Religion den Islam, wie den Buddhismus und Jainismus, dem alles verschlingenden Hinduismus auszuliefern.
Hierzu sagt Abdul Mawdud:
„Diese Bewegungen kamen zweifellos den Brahmanisten im politischen Umfeld des 20. Jahrhunderts mit zahlreichen Vorteilen und Gelegenheiten zugute, und indem sie als ‚nationalistisch‘ bezeichnet wurden, erhoben gerade die hinduistischen Politiker das Schlagwort von einer einheitlichen indischen Kultur. Außerdem begannen sie schon bald, sich aktiv darum zu bemühen, den Islam und die bewaffnete muslimische Macht zu behindern und, wenn möglich, zu vertreiben. Damals wurden ihre politische Rolle und die staatlichen Erfordernisse, die hinter dieser Rhetorik der Synthese standen, deutlich. (Abdul Mawdud: Die Entwicklung der Mittelklassegesellschaft: Der Wandel der Kultur, S. 25).
Unter Berufung auf Ahmad Sharifs „Muslimische Pad-Literatur“ (Sahitya Patrika, Monsoon-Ausgabe, 1367) sagt Abdul Mawdud:
„Dass dieses Ziel in der Sikh- oder Vaishnava-Bewegung deutlich zutage trat, dafür gibt es zahlreiche Belege. Aus staatlichen Gründen wurde der Weg der Synthese von Kaiser Akbar bis zur Zeit Gandhis fortgesetzt. Auf diesem Weg können Gandhis ‚Ramdhun‘-Gesang und einige Gedichte Nazruls als die letzten Versuche betrachtet werden.“
Danach sagt er, dass dies in Wirklichkeit neuartige Versuche eines alles verschlingenden brahmanistischen Hinduismus gewesen seien – verzweifelte Bemühungen, den Islam auf diesem Wege wie eine Python zu verschlingen. Aus staatlichen Gründen war dieses große Mantra der religiösen Synthese und der Einheit der Kultur in der Vergangenheit verkündet worden und wird es auch weiterhin. (Abdul Mawdud, a. a. O., S. 25).
In der vorangegangenen kurzen Erörterung ist deutlich geworden, dass der lächerliche Versuch, aus rein politischen Gründen – vom Kaiser Akbar bis zum zweiten Viertel des 20. Jahrhunderts – durch eine Vermischung von Hindus und Muslimen eine indische Nation und Kultur oder eine bengalische Nation und Kultur zu konstruieren und als solche auszugeben, von wahrheitsliebenden Menschen wie eine falsche und ungültige Münze zurückgewiesen worden ist. Denn er war unnatürlich, sachfremd und unmöglich.
Kommunale Konflikte
Es ist sonnenklar, dass die beiden großen Nationen Bengalens beziehungsweise des indischen Subkontinents, Hindus und Muslime, Träger und Bewahrer zweier unterschiedlicher religiöser Überzeugungen und Kulturen sind. Doch die Frage lautet: Warum konnten Menschen mit zwei unterschiedlichen religiösen Überzeugungen im selben Land nicht miteinander, in Frieden und ohne Streit leben? Warum konnten sie trotz ihrer Zugehörigkeit zu verschiedenen Religionen keine gegenseitige Zuneigung, kein Wohlwollen und keine herzliche Beziehung entwickeln? Wer trägt dafür die Verantwortung? Sind es beide oder nur eine der beiden Gruppen? Die richtige Antwort darauf wird man gewiss ohne große Mühe in den Seiten der Geschichte finden.
Es besteht kein Zweifel daran, dass die Hauptursache für die Auseinandersetzungen und Konflikte zwischen Hindus und Muslimen vor allem politischer Natur ist. Um diese politischen Ziele zu erreichen, wurde im Namen der Religion das eigene Volk aufgerufen und der Gegner als Zerstörer der Religion und als Plünderer fremden Eigentums bezeichnet. Der Gegner wurde als ausländischer Eindringling, Mörder und Frauenschänder bezeichnet. Indem man den Gegner als ausländischen Eindringling, Mörder, Frauenschänder sowie als Zerstörer von Götzenbildern und Tempeln darstellte, wurde unter dem eigenen Volk religiöser Fanatismus erzeugt.
Wie bereits erwähnt, konnte die Hindu-Nation die muslimische Herrschaft, die auf dem indischen Subkontinent an die Stelle der Hindu-Herrschaft getreten war, weder innerlich noch äußerlich akzeptieren. Vom achten Jahrhundert an und über mehrere darauffolgende Jahrhunderte hinweg brachte die muslimische Militärmacht – wenn man so sagen darf – mit den Wellen einer jugendlichen Flut Überschwemmungen über Länder und Regionen. Angesichts dieser unaufhaltsamen Macht konnten die indischen politischen Kräfte nicht bestehen, weshalb es nicht möglich war, die muslimische Herrschaft aufzuhalten. Das bedeutete jedoch nicht, dass die besiegten Hindus dieses Landes die muslimische Herrschaft wegen des Verlusts ihres Königreichs, aus Trauer, Schmach und Scham, von Herzen annehmen konnten. Ihre innerste Seele zerbarst vor Empörung. Die über viele Jahrhunderte angesammelte Empörung und das Feuer der Vergeltung brachen durch die Aufstände der Rajputen, Marathen und Sikhs in Zentralindien hervor und fanden 1757 mit dem Sturz Siraj ud-Daulahs ihren Erfolg. Danach brachen über das Leben der Muslime bis zum Ende des neunzehnten Jahrhunderts, anderthalb Jahrhunderte lang, äußerst schwere Zeiten herein. Mit der vereinten Macht der Hindus und Engländer wurden alle möglichen Versuche und Strategien unternommen, sie von der Erdoberfläche zu vertreiben. In dieser Zeit überschüttete die Hindu-Nation die Engländer mit überschwänglichem Lob und verbreitete gegen die vergangene muslimische Herrschaft und deren Herrscher maßlose Verleumdungen. Die bengalische Literatur und Dichtung sind von erfundenen Verleumdungen gegen den Islam und die Muslime erfüllt. Von den Dichtern Ishwar Chandra Gupta, Rangalal Bandyopadhyay, Hemchandra Bandyopadhyay und Nabinchandra sowie dem Schriftsteller und Romanautor Bankimchandra Chattopadhyay an betrachteten es alle Hindu-Dichter und -Schriftsteller, die großen wie die kleinen, als ihre Pflicht, den Charakter des Islam und der Muslime zu verleumden. Viele sind der Ansicht, dass Sarat Chandra Chattopadhyay bei der Verfälschung des Charakters der Muslime hinter allen anderen zurückstand; dennoch hat auch seine Feder nicht weniger Gift versprüht.
Auf dem indischen Subkontinent hat es nicht an Bemühungen und Anstrengungen zur Einigung von Hindus und Muslimen gefehlt. Als solche Einigungsbemühungen im Gange waren, versäumte es Sarat Babus Feder nicht, gegen die Muslime zu sticheln. An einer Stelle seines unter dem Titel „Dik Koyeker Kahini“ veröffentlichten Aufsatzes sagt er:
„…Ich hörte, dass die Einheit von Hindus und Muslimen eines Tages innerhalb der Nationalversammlung vollendet worden sei. Alle kamen heraus, seufzten erleichtert auf und sagten: ‚Gott sei Dank, wir sind gerettet, nun gibt es keine Sorgen mehr. Die Führer haben das Hindu-Muslim-Problem gelöst; jetzt bleibt nur noch die Arbeit, nur noch die Rettung des Landes.‘ Die Delegierten nutzten ihren Urlaub und eilten in Gruppen mit gemieteten Pferdekutschen, Einspännern und Autos davon, um alle alten Denkmäler zu besichtigen. Und es waren nicht nur ein oder zwei, sondern viele. Mit einem Führer an ihrer Seite und Papier und Bleistift in der Hand begannen sie, auf ihren Rundgängen zahlreiche Informationen zu sammeln: welche Moschee durch den Abbruch wie vieler Hindu-Tempel errichtet worden war, welcher Teil welcher Ruine hinduistisch und welcher muslimisch war, wer wann welcher Götzenstatue Nase und Ohren abgeschnitten hatte und dergleichen. Schließlich setzten sich viele am Ende des Tages mit erschöpftem Körper unter einem Baum nieder; unter tiefem Seufzen kam es ihnen über die Lippen: ‚Ach, die Einheit von Hindus und Muslimen!‘“ – (Bijli, 25. Aschwin 1330).
Herr Chattopadhyay sagt ferner:
„-Welche anderen Fehler die Engländer auch haben mögen – den Turm eines Tempels, an den sie nicht glauben, brechen sie nicht ab; der Götzenstatue, die sie nicht verehren, schneiden sie weder Nase noch Ohren ab. Wenn man daher nur zur Spitze irgendeines Heiligtums hinaufschaut, kann man erkennen, wie alt es ist. Swamiji zeigte uns: ‚Das ist der Tempel des soundsovielten Jiu – Kaiser Aurangzeb hat ihn zerstört; das ist der Tempel des soundsovielten Jiu – dieser oder jener Badshah hat ihn dem Erdboden gleichgemacht; dort wurde ein Heiligtum zerstört und eine Moschee errichtet (von den Engländern).‘ Durch solche frommen Geschichten wurden unsere Herzen völlig mit Süße erfüllt, und wir kehrten spät in der Nacht in den Aschram zurück.“
– (Bijli, 23. Kartik, 1330).
Mit derselben Feder werden die Engländer mit Lob und Blumen überschüttet, während die früheren muslimischen Herrscher enthauptet werden. Nicht nur das: In den Hindutempeln werden die Menschen gegen die Muslime aufgehetzt. Dann muss man sagen, dass die Bemühungen um eine Einigung von Hindus und Muslimen nur eine Farce sind und nicht das geringste Maß an Aufrichtigkeit enthalten.
Der Dichter Hemchandra Bandyopadhyay sang ein überschwängliches Lob auf den englischen Herrn –
„Wäre dieser Engländer nicht
wäre Indien heute ein Dschungel – wer würde lehren, wer würde zeigen
wer würde dich auf den Weg führen
den du so lange gemieden hast.“
– (Shatabdi Parikrama, herausgegeben von Dr. Hasan Zaman, S. 284)
Im ersten Viertel des 19. Jahrhunderts wurden die Muslime Bengalens durch hinduistische Zamindare und die Herrschaft der Kompanie verfolgt, unterdrückt und zermürbt; als Protest dagegen nahmen die Faraizi-Bewegung in Bengalen und die Bewegung von Sayyid Titumir gewaltige Ausmaße an. Später löste die Jihad-Bewegung von Sayyid Ahmad Shahid in ganz Indien eine große Erschütterung aus. Danach begann 1857 Indiens erste Unabhängigkeitsbewegung. Infolge des Scheiterns all dieser Bewegungen gerieten die indischen Muslime in den Zorn der Engländer und führten ein unerträgliches Leben; wie dieses aussah, wird an geeigneter Stelle erörtert werden. Als der muslimische Gesellschaftskörper durch Gefängnis, Hinrichtungen, Verbannung, die Beschlagnahmung von beweglichem und unbeweglichem Eigentum sowie durch zahlreiche andere unmenschliche und teuflische Grausamkeiten der Engländer zermürbt war, begann Bankimchandra Chattopadhyay mit den erbarmungslosen Schlägen seiner Feder auf den zerschundenen Körper der muslimischen Nation einzuwirken. In seinen Romanen Anandamath, Rajsingha, Durgeshnandini, Devi Chaudhurani und anderen hat er gegen die Muslime derart Gift versprüht, dass der Leser dabei unwillkürlich erschauern muss. Durch seine Literatur wurde erfolgreich versucht, Hass gegen die Muslime zu schüren und durch Aussagen wie die von ihm geschilderte „Zerstörung hinduistischer Tempel“ und „Vergewaltigung hinduistischer Frauen“ durch Muslime das Feuer der Vergeltung im Hinduvolk zu entfachen. Auf der Tagung der Muslim Education Society von 1898 wurde auf Initiative von Nawab Nawab Ali Chowdhury eine Resolution angenommen, die energisch gegen die Verbreitung von Feindseligkeit gegenüber den Muslimen in der bengalischen Literatur protestierte. Die Resolution wurde in englischer Sprache veröffentlicht und zur Veröffentlichung an hinduistische Zeitungen und Zeitschriften gesandt. Keine Zeitung druckte sie ab; lediglich die Zeitschrift Bharati veröffentlichte eine spöttische Bemerkung dazu. – (Bengali Muslim Public Opinion as reflected in the Bengal Press-1901-30: Mustafa Nural Islam, S. 141–142).
Als Beispiele für Bankimchandras Verbreitung von Muslimfeindlichkeit durch die Literatur seien im Folgenden einige Zitate angeführt:
„Die Rajputenprinzessin sagte: Ich lege dieses Bildnis des Kaisers Alamgir auf den Boden. Jeder soll ihm einen Tritt mit dem linken Fuß ins Gesicht versetzen. Mal sehen, wessen Tritt ihm die Nase bricht.“ – [Rajsingha, 1. Band, 2. Kapitel, Chitraldalana.]
„Aurangzebs zwei Schwestern – Jahanara und Roshanara. Jahanara war die wichtigste Stütze von Shah Jahans Herrschaft. … Sie war ihrem Vater in besonderem Maße zugetan. Doch in dem Maße, in dem sie mit diesen Tugenden ausgestattet war, war sie auch den Sinnen ergeben. Zur Befriedigung ihrer Sinne standen zahllose Menschen in ihrer Gefolgschaft. Unter diesen Menschen nennen europäische Reisende den Namen eines Mannes, den niederzuschreiben ich meine Feder nicht beflecken konnte!“ – (Rajsingha, 2. Band, 2. Kapitel: Zebunnisa.)
„Aurangzeb hatte drei Töchter. … Die älteste, Zeb-un-Nissa, heiratete nicht. Wie ihre Tanten zog sie, einer Frühlingsbiene gleich, von Blüte zu Blüte und trank den Honig.“ – (Rajsingha, 2. Band, 2. Kapitel: Zeb-un-Nissa.)
Jeder Geschichtsstudent wird anerkennen müssen, wie viel Schande dem Charakter keuscher und tugendhafter muslimischer Frauen zugeschrieben worden ist. Bankimchandra äußerte sein Bedauern mit den Worten, er habe seine „Feder nicht beflecken können“. Doch es dürfte dem Leser nicht schwerfallen zu verstehen, wie sehr Gewissen und Geschmack eines Menschen durch bloßen Muslimhass entstellt und krank sein müssen, damit er den Charakter einer im Harem lebenden, verschleierten, keuschen, frommen und gottesfürchtigen muslimischen Frau auf solche Weise besudeln kann.
Bankim hatte nicht das geringste Bedenken, den Charakter der tugendhaften Zeb-un-Nissa noch schändlicher darzustellen. Anders war es wohl auch nicht zu erwarten. Aus blindem Hass gegen die Muslime entstellte Bankimchandra von Anfang bis Ende den Charakter des Kaisers Aurangzeb Alamgir und seiner gelehrten Tochter Zeb-un-Nissa auf schändliche Weise und befriedigte damit sein Herzensbedürfnis.
Im Werk „Durgেশnandini“ wird die Geschichte einer unerlaubten Liebesbeziehung zwischen Jagatsingh und einer erfundenen muslimischen Frau namens Ayesha erzählt. Sir Jadunath Sarkar sagt über „Durgেশnandini“: „Wie viel wahre Geschichte findet sich in Bankimchandras ‚Durgেশnandini‘? Mansingh, Jagatsingh, Kutlu Khan, Khwaja Isa und Usman – sie alle sind historische Personen …. Abgesehen davon ist alles andere in ‚Durgেশnandini‘ frei erfunden. …“
Ayesha, Tilottama und Bimala sind allesamt erfunden. Sie stammen aus dem Werk eines historisch bekannten, jedoch äußerst phantasievollen Geschichtsschreibers, nämlich des Hauptmanns Alexander Dow (Alexnder Dow). Dieser Herr gab vor, Firishta verfasste Geschichte Hindustans häufig ins Englische zu übersetzen, fügte Firishtas Namen dem Titelblatt seines eigenen Werkes hinzu und verbreitete dadurch unzählige erfundene Aussagen – Dinge, die Firishta nicht geschrieben hatte und die ein persischer Schriftsteller unmöglich hätte schreiben können.“ – [Bankim Rachanavali, 6. Ausgabe 1382, „Zum Roman“, S. 29–30.]
Es ist wahr, dass sowohl die Engländer als auch die Hindus bei der Entstellung der Geschichte und des Charakters der Muslime Beredsamkeit an den Tag gelegt haben. Wer dabei jedoch wie weit vorausgegangen ist, lässt sich nur schwer sagen.
In „Anandamath“ hält Bankimchandra eine giftige Rede gegen die muslimische Herrschaft und sagt: „Sieh, von allen Ländern – Magadha, Mithila, Kashi, Kanchi, Delhi, Kaschmir –, in welchem herrscht ein solches Elend, in welchem essen die Menschen, weil sie nichts zu essen haben, Gras? Essen sie Dornen? Essen sie Termitenerde? Essen sie Schlingpflanzen aus dem Wald? In welchem Land essen die Menschen Schakale und Hunde, essen sie Leichen? In welchem Land können die Menschen ihr Geld nicht beruhigt in der Truhe aufbewahren, keinen Shalagrama-Stein beruhigt auf den Thron stellen, kein Dienstmädchen oder keine Schwiegertochter beruhigt im Haus halten, keinen Sohn beruhigt im Leib eines Dienstmädchens oder einer Schwiegertochter bewahren? Sie schneiden den Bauch auf und holen das Kind heraus. … Wo schützen uns unsere muslimischen Könige? Die Religion ist verloren, die Kaste ist verloren, die Ehre ist verloren, die Sippe ist verloren, und nun geht sogar das Leben dahin. Wenn man diese trunksüchtigen Nere nicht vertreibt, was bleibt dann noch vom Hindu-Sein der Hindus?“ – („Anandamath“, erster Band, zehntes Kapitel.)
Bankimchandra und seine Jüngergeneration hielten es für eine Sünde, zur Feder zu greifen, ohne in ihrer Literatur, ihren Gedichten und ihren Aufsätzen vor die Namen der Muslime die Bezeichnungen „Nere“, „gewöhnliche Nere“, „Mleccha“ und ähnliche zu setzen. In „Durgeshnandini“ werden Jagatsingh und die erfundene Ayesha als ineinander verliebt dargestellt. Dennoch verschafft man sich dadurch Genugtuung, Ayesha als Yavani zu bezeichnen. Am Ende des zweiundzwanzigsten Kapitels heißt es: „Obwohl Ayesha eine Yavani war, war sie eine Tilottama, und aus übergroßer Zuneigung zu Jagatsingh wurde sie mit ihren Gefährtinnen Bewohnerin des inneren Frauenbereichs der Festung.“
Unter Verspottung Allahs, des Korans und der fünf täglichen Gebete heißt es im vierten Band, fünften Kapitel von „Anandamath“:
Die Muslime begannen zu sagen: „Allah ist groß! Ist nach so vielen Tagen der Koran etwa völlig unbrauchbar geworden? Wir verrichten doch fünfmal am Tag das Gebet – konnten wir diese ölbeschmierten Hindus etwa nicht besiegen?“
Bipin Chandra Pal äußert sich über „Anandamath“:
„In Anandamath stellt er die Mutter des Landes als einen Teil Mahavishnus oder Narayanas dar und verbindet dadurch unsere Vaterlandsliebe und unser Gelübde des Dienstes am eigenen Land mit der allgemeinen Menschenliebe und dem Dienst an der gesamten Menschheit. Ohne Mahavishnu oder Narayana oder die gesamte Menschheit gibt es keine Verehrung der Mutter des Landes. Das ist eine der überaus wichtigen Aussagen von Anandamath.“ – („Die bengalische Literatur des neuen Zeitalters“, S. 109)
Ramesh Chandra Dutt sagt in seinem Aufsatz über Bankimchandra Chattopadhyay in der „Encyclopaedia Britannica“ (11. Auflage, sechster Band, S. 110):
„Der Kern von ‚Anandamath‘ besteht darin, durch die Annahme der britischen Herrschaft und des britischen Bildungssystems das unterdrückerische muslimische Regime zu beenden. … Ob früher oder später – ‚Anandamath‘ ist vom Ideal beseelt, in Indien einen Hindu-Staat zu errichten.“
Kurz gesagt: Indem Bankimchandra „Anandamath“ schrieb, hetzte er einerseits seine Landsleute gegen die muslimische Nation auf und schuf andererseits durch das Lied „Vande Mataram“ im Namen der Religion – im Namen der göttlichen Mutter Heimat – den Anstoß zu einer Wiedererweckung innerhalb der Hindu-Nation. Diese Wiedererweckung sei durch die Unterwerfung der Muslime sowie dadurch möglich, die britische Herrschaft in diesem Land willkommen zu heißen und zu festigen – dieser Gedanke durchströmt jede Zeile von „Anandamath“. Der „Vande-Mataram“-Spruch aus „Anandamath“ fand zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der Bewegung zur Aufhebung der Teilung Bengalens seinen wirkungsvollen äußeren Ausdruck.
Die Teilung Bengalens und die Bewegung gegen die Teilung werden an der entsprechenden Stelle behandelt werden. Hier möchte ich jedoch einen kleinen Einblick in den Terrorismus geben, der aus der Ideologie von „Vande Mataram“ hervorgegangen war.
Abdul Mawdud sagt:
Der Terrorismus fand im 19. Jahrhundert auf bengalischem Boden keinen Fuß und gewann auch nicht die Sympathie der Bhadralok. Vor 1903 kehrte Barindrakumar Ghosh aus London nach Kalkutta zurück und versuchte, die Erregung zu steigern, fand jedoch keinerlei Sympathie.
….Nachdem er gescheitert war, ging er nach Baroda zu Aurobindo Ghosh. Aurobindo hatte in England eine höhere Ausbildung erhalten. Damals war er Vizepräsident des Gaekwad College. Während seines Aufenthalts in Baroda erkannte Barindra, dass eine rein politische Bewegung keine Wirkung erzielen würde, wenn die Politik nicht mit der Religion verschmolzen wurde. Deshalb plante er die „Anushilan Samiti“, um neben dem Studium der Gita auch politischen Unterricht zu erteilen, und wartete auf den geeigneten Zeitpunkt.
„Die Gelegenheit bot sich 1904, Aurobindo schloss sich 1905 an. Die Teilung Bengalens wurde wirksam, und die gebildete Gemeinschaft der bengalischen Hindus brach vor Empörung aus. Der Teilung wurde die religiöse Gestalt der Zerstückelung der ‚Mutter Bengalen‘ gegeben, und ganz Hindu-Bengalen stürzte sich in die Bewegung.“ – (Abdul Mawdud: Die Entwicklung der mittelständischen Gesellschaft: kultureller Wandel, S. 202.)
Erst durch die Einweihung in den Vande-Mataram-Spruch von „Anandamath“ entstand der Terrorismus auf bengalischem Boden. Der Beweis dafür ist die Anerkennung durch Aurobindo Ghosh. Am 16. April 1907 schrieb er unter Erwähnung von Bankimchandras Beitrag einen Aufsatz auf Englisch. Daraus wird im Folgenden ein kurzer Auszug wiedergegeben:
„Der frühere Bankim war nur ein Dichter und Stilist – der spätere Bankim war ein Heiliger und ein Nationenbildner.“
Das heißt: „Der Bankim der frühen Zeit war ein Dichter und Künstler – der Bankim der späteren Zeit ein Weiser und Schöpfer einer Nation.“ Er sagt ferner:
„Vor zweiunddreißig Jahren schrieb Bankim sein großes Lied. Das Mantra war gesprochen worden, und an einem einzigen Tag war ein ganzes Volk zur Religion des Patriotismus bekehrt worden. Die Mutter hatte sich offenbart. Eine große Nation, die diese Vision gehabt hat, kann niemals wieder unter den Fuß des Eroberers gestellt werden.“
Das heißt: „Vor zweiunddreißig Jahren hatte Bankim sein berühmtes Lied ‚Vande Mataram‘ verfasst. Das Mantra wurde gesprochen, und an einem einzigen Tag wurde die ganze Nation in die Religion der Mutter des Landes eingeweiht. Die Mutter des Landes offenbarte sich … Eine große Nation, die diesen Traum gehegt hat, wird nie wieder unter den Füßen des Eroberers zertreten werden.“ – [Shri Jogeshchandra Bagal (Verfasser der Darstellung Bankims in der Einleitung zu den Gesammelten Werken Bankims), S. 25–26.]
Gegen die durch Bankims Schrifttum verbreitete Giftrede gegen die muslimische Gesellschaft wurden im ersten Viertel des zwanzigsten Jahrhunderts in muslimischen Zeitungen und Zeitschriften heftige Proteste und Empörung geäußert. Doch dies blieb ohne Wirkung. Im Gegenteil: Vonseiten der Hindus nahmen Terrorismus und Gewalttätigkeit immer weiter zu. In der aus Kalkutta herausgegebenen Monatszeitschrift Islam Prachar wurde in der Jaishta-Ausgabe des bengalischen Jahres 1314 (1907 n. Chr.) die folgende aufsehenerregende Nachricht veröffentlicht:
„Mit dem Vorsatz, die Engländer und die Muslime zu vertreiben, werden Hindus aller Klassen – von Hochschulabsolventen bis zu Schülern – scharenweise zum Erlernen des Stockkampfs und Ringens aufgenommen. Ihre furchterregenden Umtriebe haben in ganz Bengalen das Feuer des Aufstands entzündet. Diese Schurken haben in Comilla einen Muslim getötet, in Jamalpur zwei Menschen abgeschlachtet und verbreiten in ganz Bengalen als verkleidete hinduistische und muslimische Fakire und Sannyasins Schrecken. In der Verkleidung von Maulvis stacheln sie die Muslime dazu an, Hindus zu berauben, hinduistische Witwen zu heiraten und hinduistische Frauen zu vergewaltigen, indem sie behaupten, dafür werde man sichere Unterstützung von der Regierung und vom Nawab von Dhaka erhalten.“
In dieser Ausgabe von Islam Prachar wurde außerdem berichtet, dass in Punjab vonseiten muslimischer Vereinigungen Protestversammlungen gegen die terroristischen Aktivitäten der Hindus und insbesondere gegen die Umtriebe der arya-samajistischen Kongress-Schwindler abgehalten würden. Sie erklärten in unmissverständlichen Worten, dass die Muslime mit diesem hinduistischen Terrorismus und dieser Anarchie keinerlei Verbindung hätten.
Das Thema, das in diesem Kapitel erörtert wird, ist der „kommunale Konflikt“. Die Hauptquelle dieses kommunalen Konflikts ist Bankims Schrifttum. In Bankims Schrifttum werden Muslime mit herabwürdigenden Ausdrücken wie „Yavana“, „Mleccha“, „Nere“ und „Pati Nere“ bezeichnet, und die Vernichtung dieser Yavanas und Mlecchas wird als Gelübde und verdienstvolle Tat der Hindu-Nation dargestellt. Das Mantra „Vande Mataram“ spornt sie zur Vernichtung der Yavanas an. Doch während im ersten Viertel des zwanzigsten Jahrhunderts überall im Land Lieder von der hinduistisch-muslimischen Eintracht gesungen wurden, wurde bei gemeinsamen hinduistisch-muslimischen Sitzungen und Versammlungen zwangsläufig das Lied „Vande Mataram“ gesungen. Trotz der zahlreichen Einwände und Proteste der Muslime ließen sie davon nicht ab.
Die Monatszeitschrift Shariyat-e Islam veröffentlichte in ihrer Agrahayan-Ausgabe des bengalischen Jahres 1335 (1928 n. Chr.) einen Leitartikel, in dem sie forderte, das Lied „Vande Mataram“ bei gemeinsamen hinduistisch-muslimischen Versammlungen abzusetzen. Maulvi Mujibur Rahman, der Herausgeber von The Mussalman, legte dem Nationalkomitee des Kongresses einen Antrag vor, in dem er darum bat, „Vande Mataram“ bei Sitzungen und Versammlungen zu verbieten. Doch auch dies blieb völlig ohne Wirkung.
Ein weiterer Grund für die hindu-muslimischen Konflikte war der Gebrauch von Musikinstrumenten durch Hindus vor Moscheen sowie die Behinderung der Muslime bei der Rinderschlachtung unter hinduistischer Zamindar-Herrschaft und in Gebieten mit hinduistischer Mehrheit. Zahlreiche Debatten und Proteste dagegen blieben ohne Wirkung.
Die Bewegungen der Arya Samaj für „Shuddhi“ und „Sangathan“ versetzten dem muslimischen Indien einen schweren Schlag. In einer Erklärung Lala Hardayals, eines der führenden Vertreter dieser Bewegung, heißt es; sie wurde am 25. Juli 1925 in der Times of India veröffentlicht:
„Entweder müssen die Muslime den Hinduismus annehmen, oder sie müssen Indien mitsamt ihrem Leben und ihrer Ehre verlassen.“ Satyadev, der wichtigste Schüler des Arya-Samaj-Anhängers Swami Shraddhanand, erklärte zur selben Zeit:
„Nachdem wir Stärke erlangt haben, werden wir den Muslimen diese Bedingungen vorlegen: Der Koran darf nicht länger als heilige Schrift gelten, Mohammed darf nicht als Prophet Gottes anerkannt werden, und die muslimischen religiösen Bräuche und Feste müssen aufgegeben und hinduistische Feste begangen werden. Die muslimischen Namen müssen aufgegeben und Namen wie Ramdhīn, Krishnakhan und andere angenommen werden. Anstelle des Gottesdienstes in arabischer Sprache muss der Gottesdienst in Hindi abgehalten werden.“ Entnommen aus A History of the Freedom Movement, S. 262. – (Mustafa Nurul Islam: Bengali Muslim Public Opinion as refcted in the Bengal Press 1901–1930, 0=S. 125).
Der politische Tumult nahm seinen ersten Anfang in Bombay, als der Hindu-Führer Bal Gangadhar Tilak zwei hinduistische religiöse Feste in den Vordergrund stellte und dadurch die hinduistische öffentliche Meinung aufbrachte und erregte. Eines dieser beiden Feste war die Verehrung Ganeshas, das zweite das Shivaji-Fest. Indem man die Jugendlichen aus Schulen und Colleges militärisch ausbildete und diese beiden Feste zum Mittelpunkt machte, wurde die kriegerische Kraft der Hindus geweckt. Während Tilak beim Shivaji-Fest den Vorsitz führte, erklärte er unter Berufung auf die Bhagavadgita, dass das Töten von Lehrern und Verwandten, wenn es nicht aus persönlichem Anlass, sondern für die Nation oder die Mutter des Landes geschehe, keine Sünde sei. Unter seinem Einfluss wurden Schüler, Studenten und Lehrer an Schulen und Colleges aufgewiegelt und erregt und begannen, für gewalttätige Aktivitäten geheime Vereinigungen zu bilden.
Nach der Teilung Bengalens gewann diese Bewegung 1906 plötzlich an Stärke, und in ganz Indien wurde durch die Feier des „Shivaji-Festes“ versucht, den Hinduismus wiederzubeleben. An diesem Fest nahmen alle bekannten hinduistischen Gesellschaftsführer, Politiker, Dichter und Schriftsteller mit Freude teil. Der Dichter Rabindranath beteiligte sich unmittelbar an der Bewegung zur Wiederbelebung des Hinduismus, indem er das „Shivaji-Fest“ schrieb. Indem er „Jai Shivaji beim glückverheißenden Schall der Muschelhörner“ aussprach, ließ er sich in dieses „Meditationsmantra“ einweihen:
Als Banner werde ich das ockerfarbene Obergewand des Asketen emporwehen lassen –
die Kraft der Armen.
„In diesem Indien wird ein Staat einer einzigen Religion entstehen“ – diesen großen Ausspruch machte er sich zur Stütze.
machte er sich zur Stütze.
(Indian Sedition Committee Report, 1918, S. 2; B. B. Misra: The Indian Middle Class: Their Growth; Abd al-Mawdud: Die Entwicklung der Mittelschicht, siehe).
In Bengalen und in ganz Indien verschmolzen Politik und die Bewegung zur Wiederbelebung des Hinduismus miteinander. Religiöser Fanatismus vergiftete und verdarb das politische Klima, und infolgedessen begannen überall hinduistisch-muslimische Auseinandersetzungen und Zusammenstöße. Sie befleckten ihre Hände mit dem Blut des jeweils anderen.
Während der Khilafat-Bewegung verbesserten sich die hinduistisch-muslimischen Beziehungen, wenn auch nur vorübergehend. Doch zu dieser Zeit war die Hindu-Gemeinschaft, so kann man wohl sagen, von der Krankheit der „Muslimenangst“ befallen. Diese Krankheit verbreiteten vor allem Bipin Chandra Pal, Pandit Madan Mohan Malaviya, Lala Lajpat Rai und Swami Shraddhananda. Diese vier Männer waren die Initiatoren der „Shuddhi-Sangathan“-Bewegung, und ihr Beitrag zur Etablierung der Vorherrschaft des Hinduismus in der nationalen Politik des Kongresses war am größten. Außerdem setzten sie sich nachdrücklich für die Einführung der Hindi-Sprache in Devanagari-Schrift in ganz Indien ein.
In einem Leitartikel unter dem Titel „Rabibabus Angst“ in der von Riyazuddin Ahmad und Maulana Maniruzzaman Islamabadi herausgegebenen wöchentlichen Zeitschrift „Sultan“ aus Kalkutta wurde im Monat Jyeshtha des Jahres 1923 bedauernd gesagt:
„Wir bedauern, dass sogar Rabindranath Tagore von dieser Krankheit befallen ist. Man hat ihn Folgendes sagen hören: ‚Wenn in Indien die Selbstverwaltung errichtet wird, wird eine muslimische Herrschaft etabliert werden. Deshalb wäre es ein schwerwiegender Fehler der Hindus, sich der Khilafat-Bewegung anzuschließen. Die Muslime haben Mahatma Gandhi in eine Puppe verwandelt. Zwischen den Interessen der Hindus und der Türkei sowie der Khilafat besteht keinerlei Verbindung.‘“
Zum Schluss sagt „Sultan“: „Natürlich erkennen wir Rabindranath als einen Dichter, einen berühmten Dichter, einen weltberühmten Dichter an … aber er ist kein Politiker; er ist von der eingebildeten Angst vor einer muslimischen Herrschaft in Indien verängstigt.“
-(Mustafa Nurul Islam, Bengali Muslim Public Opinion as reflected in the Bengali press 1901–1930, S. 147–148).
Um es kurz zu sagen: Der Beitritt des Kongresses zur Khilafatbewegung war keineswegs von Aufrichtigkeit getragen; die Muslime hatten geglaubt, dass nun vielleicht der Konflikt zwischen Hindus und Muslimen beendet werden würde. Doch das geschah nicht.
S. K. Majumdar schreibt in seinem Werk „Jinnah und Gandhi“:
„Während der Khilafatbewegung war die hindu-muslimische Einheit auf keiner soliden Grundlage errichtet. Für die Muslime war dies eine religiöse Bewegung; der Gedanke, Indien unabhängig zu machen, spielte darin keine Rolle. Gandhi hingegen hatte sie als wichtigstes Mittel zur Verwirklichung seiner eigenen Ziele angenommen. Gandhiji sagte: ‚Ich glaube, dass die Khilafat für uns beide ein zentrales Anliegen war – für Maulana Muhammad Ali war sie seine Religion. Für mich bedeutet sie, durch die Hingabe meines Lebens für die Khilafat den Schutz der Kühe zu sichern und sie von Furcht zu befreien. Das heißt, ich schütze meine Religion vor dem Messer des Muslims.‘“
Es bedarf wohl keiner weiteren Erklärung, dass Gandhiji mit „Religion“ hier eben die „Kuhreligion“ meinte. Die „Kuhreligion“ oder die Rinder vor dem Messer der Muslime zu schützen, bedeutete, das Schlachten von Kühen durch Muslime auf indischem Boden für immer zu verbieten.
Wenn man die Bilanz der Unruhen zwischen Hindus und Muslimen von 1870 bis 1893 betrachtet, wird man erkennen, dass ihre unmittelbare Ursache (Immediate cause) darin lag, dass in den ersten vier Jahren das Durga-Fest der Hindus und das Opferfest der Muslime zur selben Zeit, ja beinahe am selben Tag, stattfanden. Wenn es geheißen hätte: Gut, jeder soll sein eigenes Fest feiern – die Hindus sollen Durga feiern, die Muslime das Opferfest. Aber so war es nicht. Die Muslime durften keinesfalls Kühe opfern. Die Hindus aber würden Durga selbstverständlich feiern. Mehr noch: Am Tag der Prozession würden sie vor den Moscheen vorbeiziehen, Trommeln schlagen, Musik machen und einen Umzug veranstalten. Unruhen und Tumulte waren daher unvermeidlich. Es gibt auch hinreichenden Grund zu der Annahme, dass man absichtlich Aufregung provozierte, Unruhen und Tumulte entfachte, die Muslime vor den Richterstuhl als mörderische Angeklagte stellte und ihnen das Urteil verkündete: „Vater, geh jetzt mit Leib und Leben sowie Ehre und Würde in das Land zurück, aus dem du gekommen bist.“ Es gibt auch guten Grund zu der Annahme, dass dies nach einem vorher ausgearbeiteten Plan geschah. Später haben die Arya-Samaj-Anhänger und die Führer der Hindu Mahasabha dies immer wieder gesagt. Kankim hatte in „Anandamath“ mit dem Mantra „Vande Mataram“ zur Opferung der „Yavana-Mleccha“ eingeweiht, und ihre Botschaft lautete: „Ihr, die ihr nach dem Morden noch am Leben seid, verlasst Indien.“
Auch die Engländer hatten ein großes Interesse daran, die Hindu-Seite bei den geplanten Unruhen zu unterstützen. Denn bis zum Ende des neunzehnten Jahrhunderts waren die Muslime ein Dorn in ihrem Auge. 1883 gründete John Bright in London eine Vereinigung namens Indian Committee und machte fünfzig englische Parlamentsabgeordnete zu deren Mitgliedern. 1885 gründete Allan Hume den Indischen Kongress. Hume war ein pensionierter Beamter des Bengal Provincial Civil Service. Drei Engländer wurden Präsidenten dieses Kongresses, und sie machten den Kongress durch ihre Propagandaarbeit in England den Engländern als eine populäre Institution bekannt. 1888 wurde Charles Bradlaugh zum ständig besoldeten Mitarbeiter des Kongresses ernannt. William Digby wurde in London mit der Propagandaarbeit für den Kongress betraut. Für die Propagandaarbeit des Kongresses wurden 1889 insgesamt 2.500 Pfund ausgegeben. Digby verbreitete, der Kongress sei der einzige Sprecher aller Nationen, Gemeinschaften und Klassen Indiens – auch der Muslime.
Als Indien durch die hindu-muslimischen Unruhen blutüberströmt war, gab es weder eine Person noch eine Institution, die für die Muslime sprach. Doch das India Committee in Großbritannien unterstützte den Kongress und behauptete: „In Indien ist die gemeinschaftliche Harmonie unversehrt.“
Bei den Wahlen in Großbritannien im Jahr 1905 wurden etliche pensionierte ICS-Beamte, die aus Indien zurückgekehrt waren, Mitglieder des Unterhauses. Sie gründeten das Indian Parliamentary Committee. Sir Henry Cotton war eines seiner Mitglieder. Er war stolz darauf, im britischen Parlament die Hoffnungen und Wünsche der Inder zur Geltung zu bringen. Er verkündete: „Alle Inder sind, ohne Unterschied von Nation und Religion, stolz auf ihre gemeinsame Nationalität.“ Als in Lahore, Karnal und anderen Orten heftige kommunale Unruhen tobten und hinduistische Terroristen in der Bewegung gegen die Teilung Bengalens durch Plünderungen Schrecken verbreiteten, sagte Henry Cotton: „Die Interessen der Muslime finden nirgendwo außer in der hinduistischen Presse Unterstützung.“ Wie sich die englischen Herren, die Verbündeten der Hindus, bei der Aufhebung der Teilung Bengalens verhielten, wurde im vorhergehenden Kapitel erörtert.
Oben wurde gesagt, dass durch die Khilafatbewegung ein Versuch zur hinduistisch-muslimischen Einigung unternommen wurde. Doch nachdem die Haltung der Hindu-Nation nach der Teilung Bengalens in Bengalen und ganz Indien so deutlich zutage getreten war, scheiterte auch der Versuch, ihr durch die Khilafatbewegung einen künstlichen Firnis zu verleihen. Das erschütterndste und grausamste Ereignis dieser Zeit war die unmenschliche und teuflische Verfolgung und Unterdrückung der muslimischen Mopla-Gemeinschaft.
In den indischen Zeitungen wurden darüber widersprüchliche Berichte veröffentlicht. Hinduistische Zeitungen und Führer, insbesondere die Führer der Hindu Mahasabha und des Arya Samaj, übertrieben die tatsächlichen Ereignisse maßlos und gaben dadurch in Hindu-Indien den Anstoß zu Unruhen und Ausschreitungen. 1922 wurde in Amritsar eine Broschüre mit dem Titel „Dastane Zulm“ veröffentlicht. Aus Saharanpur erschien eine weitere Broschüre mit dem Titel „Malabar ki Khuni Dastan“. Der größte Teil der Nachrichten in diesen beiden Broschüren war übertrieben, erfunden und aus unzuverlässigen Quellen übernommen.
Die in der ersten Broschüre veröffentlichten Angaben lassen sich wie folgt zusammenfassen:
Die bewaffnete Mopla-Gemeinschaft von Malabar sei mit Mord, Plünderung, der Vergewaltigung von Frauen, der zwangsweisen Bekehrung von Hindus zum Islam und dergleichen beschäftigt. Es heißt, dass sie einen hinduistischen Mann zunächst baden. Dann schneiden sie ihm nach muslimischer Art die Haare, woraufhin er gezwungen wird, das muslimische Glaubensbekenntnis zu sprechen. Nachdem man den Mädchen Mopla-Kleidung angezogen hat, werden ihnen die Ohren durchstochen und Ohrringe angelegt.
In der zweiten Broschüre heißt es, die Muslime von Malabar zwängen die Hindus, sich der Khilafatbewegung anzuschließen und Muslime zu werden. Wenn jemand nicht einverstanden sei, werde er im Haus gefesselt, und man stopfe ihm Rindfleisch in den Mund. Seine Angehörigen und Verwandten würden vor seinen Augen geschlagen. Wenn er auch dann nicht bereit sei, Muslim zu werden, werde er getötet, zerstückelt und in einen Brunnen geworfen, während sein Haus in Brand gesetzt werde. Tempel würden zerstört und Götzenbilder in Stücke geschlagen. Hinduistische Asketen würden gezwungen, rohe Rinderhäute zu tragen. – (A. Hamid, Muslim Scparalismin India, S. 158–159): (Dastane Zulm – Sekretär der Malabar Hindu Sahayak Sabha, Amritsar, 1922).
An die Hindu-Nation wurde folgender eindringlicher Appell gerichtet:
„Erwache, Hindu-Nation! Euer Schlaf wird euren Tod herbeiführen. Seid entschlossen, euch selbst zu verteidigen. Eure Schwäche wird euch zugrunde richten. Der Tod ist hundertmal besser als ein Leben in Schande. Das Leid und Elend eurer Brüder ist auch euer eigenes.“ – (A. Hamid, Muslim Separation in India, S. 159, Dastane Zulm, ebenda).
Um die tatsächlichen Ereignisse in Erfahrung zu bringen, wurde ein von der zentralen Kalifatorganisation eingesetztes Komitee mit der Aufgabe betraut. Die Zusammenfassung des Berichts, den dieses Komitee nach einer Untersuchung vor Ort vorlegte, lautet wie folgt: Die von der Regierung bekanntgegebenen Ereignisse in Malabar, die als „Aufstand gegen die Regierung“ bezeichnet wurden, entsprechen nicht den Tatsachen. Die Lage war normal, und es gab nicht das geringste Anzeichen eines Aufstands. Wie die Muslime in den anderen Teilen Indiens schlossen sich auch die Mopla der Kalifatbewegung an. Doch der Sekretär des örtlichen Kalifatkomitees wurde festgenommen und an einen Baum gebunden. Seine Frau wurde dorthin gebracht, und vor seinen Augen wurde ihr die Haut abgezogen. Danach schlug ein Polizeikonstabler eine angesehene Persönlichkeit der Mopla wegen des geringfügigen Vergehens eines Verstoßes gegen das Verkehrsgesetz ins Gesicht. Ein anderer Kalifataktivist wurde zu Unrecht des Waffenherstellens beschuldigt. Schließlich drang die Polizei gewaltsam in die Häuser der Mopla ein, plünderte ihren gesamten Besitz und verübte barbarische Grausamkeiten an den Hausherren. Damit nicht zufrieden, eröffnete die Polizei rücksichtslos das Feuer auf sie. Die Mopla waren eine äußerst mutige und kriegerische Gemeinschaft. Daher siegten sie in den Zusammenstößen mit der Polizei. Die erregten Mopla beschädigten daraufhin Telegrafendrähte und Eisenbahnlinien. Bis dahin hatten sie ein vollkommen gutes Verhältnis zu den Hindus bewahrt. Denn obwohl sie Kalifataktivisten waren, gehörten sie dem Kongress an. Sie zogen umher und warben für die hindu-muslimische Einigkeit und bewachten die hinduistischen Viertel sowie deren Vermögen. (A. Hamid, Muslim Separation in India, S. 159–160; Kashf-e Haqiqat-e Malabar-Badaun, 1923).
Nach zwei Wochen kehrten zahlreiche, mit schweren Waffen ausgerüstete Polizei- und Truppenverbände zurück und brachten die Lage unter ihre Kontrolle. Die meisten Hindus begannen, als Spione Informationen über die „aufständischen“ Mopla zu liefern. Infolgedessen wurden die Mopla gegenüber den Hindus feindselig. Die Polizei hetzte die Hindus gegen die Mopla auf. Auch die Aktivisten der Arya Samaj halfen ihnen dabei. Polizei und Truppen machten sich gemeinsam daran, an den Mopla Vergeltung zu üben. Unter der Militärherrschaft mussten sie unmenschliche Misshandlungen erdulden. Hunderte Mopla wurden obdachlos und mittellos. Hunderte Menschen wurden inhaftiert, und zweihundert wurden zum Tode verurteilt. (A. Hamid, a. a. O., S. 160; Kashf-e Haqiqat-e Malabar).
Im Indian Annual Register wird berichtet, dass die Mopla, nachdem sie Polizei und staatliche Verwaltungsbehörden besiegt hatten, das Kalifat errichteten und den Herrschern den Dschihad erklärten. Die Berichte über eine massenhafte Zwangsbekehrung der Hindus waren unbegründet. Die Mopla verbargen sich in Wäldern und Dschungeln und führten Guerillaaktionen durch.
In dem genannten Register wird eine beispiellose Grausamkeit erwähnt. Einhundert gefangene Mopla wurden in einen Eisenbahn-Güterwagen gepfercht, dessen Türen verschlossen wurden, und an einen anderen Ort gebracht. Als man am Zielort die Türen öffnete, stellte man fest, dass 66 von ihnen gestorben waren und sich die übrigen im Todeskampf befanden. Das genannte Register kommentiert: Wie viele unmenschliche und erschütternde Ereignisse aus den dunklen Kapiteln der Geschichte Malabars in jener Zeit noch unbekannt sind, kann erst die Zukunft enthüllen. (A. Hamid, Muslim Senaratism in India, S. 160; Indian Annual Register 1922, S. 266).
Diese Ereignisse erregten die Aufmerksamkeit der Hindus und Muslime in ganz Indien. Die muslimische Bevölkerung Indiens war zutiefst erschüttert und rief zur Unterstützung der Mopla auf. Von allen Seiten kam eine überwältigende Resonanz. Die hinduistischen Zeitungen und Führer hingegen stachelten die Hindus weiterhin zur Vergeltung auf.
Im ganzen Land begannen erneut hinduistisch-muslimische Zusammenstöße. Zunächst entzündeten sie sich am Muharramfest. 1923 wiederholten sie sich, und in Saharanpur kam es zu heftigen Zusammenstößen. Die Zahl der dort Getöteten wurde mit mehr als dreihundert angegeben. Im folgenden Jahr wurden bei achtzehn Unruhen 86 Menschen getötet und 776 verletzt. Zu besonders heftigen Zusammenstößen kam es in Kohat. Der Hauptgrund dafür war die Veröffentlichung eines islamfeindlichen Gedichts durch einen Hindu. Bei den zwei Tage andauernden Unruhen wurden 36 Menschen getötet und 145 verletzt, Geschäfte geplündert und Vermögen im Wert von etwa siebzigtausend Taka zerstört. Im folgenden Jahr, 1925, beruhigte sich die Lage etwas, doch 1926 brach das Feuer erneut lodernd aus. In diesem Jahr kam es im ganzen Land zu insgesamt 36 Unruhen. Dabei wurden zweitausend Menschen getötet. In diesem Jahr gingen die Unruhen von der Stadt Kalkutta aus und entzündeten sich am Musizieren der Hindus vor einer Moschee. Bevor die Lage unter Kontrolle gebracht werden konnte, wurden zweihundert Geschäfte geplündert, zwölf heilige Gebäude zerstört oder beschädigt, 150 Brandstiftungen verübt, und die Zahl der Opfer belief sich auf etwa 1.450.
1927 brachen im ganzen Land 31 Unruhen aus und übertrafen damit alle bisherigen Rekorde. Diesmal belief sich die Zahl der Opfer auf 1.600. Die Zahl der Toten betrug 140.
1928 entspannte sich die Lage etwas. Doch zwischen Februar und Mai 1929 kam es in der Stadt Bombay zu Unruhen, bei denen die Zahl der Opfer 1.100 erreichte. Wie bei den vorangegangenen Unruhen in Kalkutta wurden auch hier Geschäfte geplündert. 1931 brachen in Kanpur heftige Unruhen aus, und drei Tage lang dauerten Morde, Plünderungen und Brandstiftungen an. Als man die Geschäfte gewaltsam schließen wollte, um eines hinduistischen Mörders zu gedenken, begannen hinduistisch-muslimische Zusammenstöße; zahlreiche Moscheen und Tempel wurden zerstört und viele Häuser in Brand gesteckt. (A. Hamid, Muslim Srparation in India, S. 162; Cumming, Political India, S. 114–117).
Als Gandhi die von Hindus und Muslimen vorgetragenen Berichte über diese Zusammenstöße zur Kenntnis gebracht wurden, schob er die Schuld allein den Muslimen zu. Gandhi bemerkte: „In meinem Herzen besteht keinerlei Zweifel daran, dass die Hindus bei den meisten Streitigkeiten die zweitrangige Stellung einnehmen. Zu dieser Bemerkung bin ich aufgrund meiner persönlichen Erfahrung gelangt: Die Muslime sind von Natur aus rauflustig, während die Hindus von Natur aus feige sind. Und überall, wo feige Menschen anzutreffen sind, wird es immer auch eine Bande von Raufbolden geben.“
(The Indian Quarterly Register, S. 647; A. Hamid: Separation in India, S. 105).
Herr Gandhi leistete keinen Beitrag zur Eindämmung der Uneinigkeit und der Streitigkeiten zwischen Hindus und Muslimen. Im Gegenteil: Seine obige Äußerung erklärte die Muslime zu den Schuldigen und wurde zu einer starken Rechtfertigung für die hinduistischen Aufrührer.
Nachdem Herr Gandhi erkannt hatte, dass die Uneinigkeit beziehungsweise die Streitigkeiten und Konflikte zwischen Hindus und Muslimen ein Hindernis auf dem Weg zur Erlangung der Unabhängigkeit Indiens darstellten, war er zweifellos beunruhigt. Doch keinerlei Bemühung von ihm um eine vernünftige und dauerhafte Lösung für die Einigung von Hindus und Muslimen war zu erkennen.
Einmal sagte er, eine dauerhafte Verständigung zwischen Hindus und Muslimen könne nur auf der Grundlage eines Abkommens oder Paktes erreicht werden. Später jedoch sagte er: „Durch einen Pakt kann Einigkeit entstehen, aber dadurch kann man nicht eins werden. Wenn ein Pakt die Grundlage dafür ist, eins zu werden, dann ist er völlig sinnlos, ja sogar noch schlimmer. Das Wesen eines Paktes ist Separatismus. Ein Pakt weckt nicht den Wunsch, einander näherzukommen; durch ihn entsteht keine Haltung der Aufopferung, und er vermag die Parteien auch nicht zum Erreichen des Hauptziels zusammenzubinden. Statt einander näherzukommen, versuchen die dem Abkommen unterstehenden Parteien, einander so viel wie möglich abzuringen. Statt Opfer für die Wahrung der gemeinsamen Interessen aller zu bringen, achten die dem Abkommen unterstehenden Parteien stets darauf, dass das Opfer der einen Partei nicht zum Wohl der anderen Partei gereicht. … Ohne eine innere Einigung zwischen Hindus und Muslimen wird ‚Swaraj‘ nur ein Traum bleiben.“
Doch gleich darauf sagte er wieder: „Das Swaraj-Problem ist nicht weniger wichtig als das Kuh-Problem; solange wir nicht in der Lage sind, den Schutz der Kühe zu gewährleisten, können wir keine Freiheit erlangen.“ Diese Äußerungen Gandhis beweisen, dass die indische Unabhängigkeit nichts anderes als die Verwirklichung der engen Interessen des Hinduismus ist. In seiner Ansprache als Vorsitzender einer Einigungskonferenz in Lahore brachte er seine Furcht vor der muslimischen Mehrheit im Punjab zum Ausdruck. Er äußerte auch die Sorge, dass der Frieden des Subkontinents zerstört werde, falls der Punjab in naher Zukunft zum Heimatland eines kriegerisch geschulten Volkes werde. – (Muhammad Amin Yuberi, Sirasat-e Milliya, S. 175–84).
Als der gesellschaftliche Körper der hinduistischen und muslimischen Gemeinschaft durch die Unruhen blutete, hätte er seine gewaltige Persönlichkeit und seinen Einfluss zum Wohl beider Seiten einsetzen können. Stattdessen zog er sich aus der Politik zurück, begann in seinem Sabarmati-Aschram nahe Ahmedabad ein Leben in Abgeschiedenheit und verbrachte seine Tage als unparteiischer Zuschauer der indischen Politik. Allerdings saß er nicht völlig untätig da, sondern schrieb Aufsätze über die Vorzüge von Khadi und von Hand hergestellten Textilien, die Vorteile der Ziegenmilch, die Nachteile von Impfungen und Injektionen, die Nährstoffe der Sojabohne und Ähnliches; zu den Beziehungen zwischen Hindus und Muslimen jedoch schwieg er. (Muhammad Amin Yuberi: Sirasat-e Milliya, S. 170).
Durch den Indischen Nationalkongress wurde das wahre Gesicht der hinduistischen Nation Indiens nach 1937 enthüllt, als nach 1935, als gemäß dem India Act von 1935 in den Provinzen Indiens auf der Grundlage der provinziellen Selbstverwaltung Ministerien gebildet wurden; auf der Grundlage der provinziellen Selbstverwaltung wurden in den muslimischen Provinzen Ministerien gebildet, und man erhielt den Auftrag, in vier muslimischen Provinzen und sieben hinduistischen Provinzen Ministerien zu bilden. Der Indische Kongress – die einzige repräsentative politische Institution aller Nationen und Gemeinschaften Indiens, ohne Unterschied zwischen Hindus und Muslimen. Die künftige Regierungsgewalt Indiens müsse ausschließlich dem Kongress übertragen werden. Demgegenüber hatte die Muslim League, die einzige repräsentative Institution der indischen Muslime, stets die Befürchtung geäußert, dass bei einer Übertragung der Regierungsgewalt in die Hände des Kongresses sämtliche Interessen der indischen Muslime zermalmt würden und die muslimische Nation ihre Religion, ihre Traditionen sowie ihre Tahzib und Tamaddun aufgeben und zu Sklaven der Hindus werden müsse.
Nach 1937 erwiesen sich die Behauptungen des Kongresses als falsch, und die Befürchtungen der Muslime wurden zur Wirklichkeit. Der Kongress bildete in Madras, den Vereinigten Provinzen, den Zentralprovinzen, Bihar, Orissa, Bombay und der Nordwestlichen Grenzprovinz Mehrheitsregierungen.
Vor den Wahlen hatte man gehofft, dass in den muslimischen Mehrheitsprovinzen, insbesondere in den Vereinigten Provinzen und in Bombay, Koalitionsregierungen des Kongresses unter Beteiligung von Mitgliedern der Muslimliga gebildet würden. Den Gouverneuren wurde die Anweisung erteilt, sie in die Ministerien aufzunehmen. In den Vereinigten Provinzen stellten die Muslime ein Sechstel der Gesamtbevölkerung. Ihr Einfluss und ihr Zusammenhalt waren dort im Verhältnis zu ihrer Zahl weitaus größer; deshalb bestand zwischen dem Kongress und der Muslimliga eine unausgesprochene Übereinkunft, dass wenigstens zwei Minister aus der Muslimliga aufgenommen werden sollten. Doch in den Vereinigten Provinzen und in Bombay wurde keinem Mitglied der Muslimliga ein Platz im Ministerium eingeräumt. Hier beging der Kongress einen schweren Fehler. Im Namen des Kongresses wurde unmissverständlich erklärt, dass allein der Kongress ganz Indien vertrete. Für die Muslime bedeutete dies eine Unterwerfung unter die hinduistische Herrschaft. Daraufhin ertönte der Ruf „Der Islam ist in Gefahr“, und die „Kongressherrschaft“ wurde als weitaus schlimmer als die britische Herrschaft angesehen. In dem Briefwechsel, der Anfang 1938 zwischen Pandit Jawaharlal Nehru und Herrn Jinnah stattfand, bestand Nehrus Forderung in einem säkularen geeinten Indien, während Herr Jinnah verlangte, die Liga als dem Kongress gleichrangig anzuerkennen. Auf der Grundlage irgendeiner Formel oder eines Kompromisses konnte keine Lösung erreicht werden (H. V. Hodson: The Great Divide, S. 63, 66–67).
Die großen Versprechungen des Kongresses, wonach nach der Errichtung einer Kongressregierung in Indien allen Klassen und Gemeinschaften Gerechtigkeit widerfahren und die Interessen der Minderheiten geschützt würden, erwiesen sich nach 1937 als falsch. Die zweieinhalbjährige Kongressherrschaft in sieben indischen Provinzen von 1937 bis 1939 wurde als „hinduistisches Ramraj“ berüchtigt; durch die Ungerechtigkeit gegenüber den Muslimen, die Versuche, ihre Religion, Tahdhib und Tamaddun auszulöschen, und anderes verlor der Kongress das Vertrauen der Muslime in ganz Indien vollständig. Auf der im Dezember 1938 in Patna abgehaltenen Versammlung der Muslimliga erklärte Herr Muhammad Ali Jinnah, alle Hoffnungen auf Frieden und Harmonie zwischen den Gemeinschaften seien durch den „Kongressfaschismus“ in Stücke geschlagen worden. Überall in Indien kam es seitens der Muslime zu Protesten mit der Forderung nach dem Ende der tyrannischen Kongressherrschaft.
Die Muslimliga setzte zur Untersuchung der gegenüber den Muslimen in den von Kongressen regierten Provinzen begangenen Ungerechtigkeiten ein Komitee ein. Der von diesem Komitee vorgelegte Bericht wurde als „Pirpur-Bericht“ bekannt. Ein vom Bihar-Provinzkomitee der Muslimliga eingesetztes Komitee legte einen Bericht mit dem Titel „Die Beschwerden der Muslime von Bihar“ vor. Er wurde als „Sharif-Bericht“ bezeichnet. Nach dem „Pirpur-Bericht“ wurde im März 1939 der „Sharif-Bericht“ vorgelegt. Im darauffolgenden Dezember legte der Premierminister von Bengalen, Herr A. K. Fazlul Huq, einen Bericht mit dem Titel „Das Leid und Elend der Muslime unter der Kongressherrschaft“ vor. Hinduistische Zeitungen bestritten die in den Berichten geschilderten Beschwerden, und die Regierung von Bihar wies den „Pirpur-Bericht“ zurück.
H. V. Hodson schreibt in seinem Werk The Great Divide:
„Es ist eine bekannte Tatsache der Geschichte Indiens, dass seit dem Beginn des Zusammenlebens von Hindus und Muslimen in diesem Land eine gewisse religiöse Spannung geherrscht hat. Dazu gehören etwa der Kuhkult, die Behinderung des Gebetsrufs, die Entweihung von Moscheen, die Vergewaltigung und die Entführung von Frauen sowie andere persönliche Angriffe. Daneben bestehen neue politische und verwaltungsbezogene Beschwerden, insbesondere jene, die im begründeten ‚Pirpur-Bericht‘ dargelegt wurden. Urdu wird zugunsten des Hindi ins Abseits gedrängt; Polizei und Magistrate handeln parteiisch; den Muslimen wird im Staatsdienst ihr rechtmäßiger Anteil vorenthalten; von den Kongressministerien erwarten sie keinerlei Gerechtigkeit; von den Kongresskomitees wird eine entsprechende Gegenregierung zugelassen; Kongressherrschaft bedeutet hinduistische Herrschaft. Überall werden Kongressflaggen gehisst, das islamfeindliche Lied ‚Vande Mataram‘ wird als Nationalhymne gesungen, und nach dem ‚Wardha-Schema‘ wird eine ländliche Unterrichtsmethode eingeführt. Dies ist das von Herrn Gandhi erdachte Ideal, dessen Grundlagen Gewaltlosigkeit, die Herstellung von Garn und Weberei sowie die Abkehr von der Religion sind. Die Muslime müssen dagegen aufbegehren, denn ihre Grundbildung war stets auf den Koran gegründet.“ (H. V. Hodson: The Great Divide, S. 73–74).
Herr Hodson sagt weiter:
„Die britischen Gouverneure der von Kongressen regierten Provinzen vertraten im Allgemeinen die Ansicht, dass ihre Minister zwar in vielen Fällen versuchten, in gemeinschaftlichen Fragen parteiunabhängig zu bleiben, dass jedoch der Machttrieb der Kongressleute in den Distriktstädten und auf dem Land sie zu anmaßendem und aufreizendem Verhalten verleite. Kurz gesagt, in Zukunft werde das Land von einem Zentrum der Mehrheit regiert werden. Hinter diesem Zentrum werde eine Organisation stehen, die niemals Widerspruch dulden und auch niemanden als Teilhaber ihrer Macht anerkennen werde. Es besteht kein Zweifel, dass die zweieinhalb Jahre der provinziellen Selbstverwaltung von 1937 bis 1939 die Ursache für die Verbreitung der Zwei-Nationen-Theorie und für die Pakistan-Bewegung waren.“ (H. V. Hodson: The Great Divide, S. 74).
Zur Beilegung der hindu-muslimischen Konflikte und Auseinandersetzungen in Indien schlug der Dichter Iqbal am 21. Juni 1937 vor, das Gebiet aufzuteilen. Am 7. Juli wandte sich der Dichter Rabindranath Tagore an die muslimische Studentenschaft und sagte:
Macht jenes Unheil um des Preises der Religion willen kostbar
Ihr beleidigt Gott
Teilt das Gebiet, du und ich auf zwei Seiten
Welchen Satan verehren wir?
Danach vergingen zehn Jahre inmitten zunehmender Auseinandersetzungen und Konflikte. Auf die zweieinhalbjährige berüchtigte Kongressherrschaft wurde oben bereits hingewiesen. Am 17. Oktober 1939, während des Zweiten Weltkriegs, gab der Vizekönig von Indien, Lord Linlithgow, eine Erklärung ab, in der er den Kongress und die Muslim-Liga aufrief, die britische Regierung im Krieg zu unterstützen und ihr Beistand zu leisten. Nicht aus Sympathie für die Proteste der Muslime, sondern weil das Oberkommando des Kongresses mit der Erklärung des Vizekönigs nicht einverstanden war, wies es die Ministerien an, zurückzutreten. Sie befolgten diese Anweisung stillschweigend, und damit endete die Misswirtschaft des Kongresses in sieben Provinzen. Aus diesem Anlass begingen die Muslime unter der Führung der Muslim-Liga im ganzen Land den „Tag der Befreiung“.
Ob die landesweite Begehung des „Tags der Befreiung“ auf Initiative der Muslim-Liga nun gerechtfertigt war oder nicht – eines wurde sonnenklar: Eine hindu-muslimische Einigkeit und Verständigung im Bereich der Staatsführung dieses Landes war nun unter keinen Umständen mehr möglich. Daher blieb, entsprechend dem Rat Allama Iqbals, außer der Teilung des Gebiets kein anderer Weg zu einer dauerhaften Lösung. Doch dazu war man keineswegs bereit. Deshalb waren weitere Konflikte zwischen beiden Seiten unvermeidlich. Schließlich wurde das Gebiet nach zehn blutigen Jahren geteilt. Mit anderen Worten: Durch die Teilung Indiens entstand am 14. August 1947 für die Muslime der Staat Pakistan. Doch die Muslime, die in Indien zurückblieben, mussten viele Jahre lang einen hohen Preis dafür zahlen, dass sie die Teilung des Gebiets gewollt hatten.
Siebtes Kapitel
Die traditionelle Bildung und Erziehung der Muslime
Die Muslime haben der Bildung und dem Erwerb von Wissen seit jeher außerordentliche Bedeutung beigemessen. Denn dies war die Anweisung ihres Propheten. Ganz gleich, wie kostspielig und beschwerlich es sein mochte, und nötigenfalls auch durch Reisen von Land zu Land: Bildung und Wissen zu erwerben – dies war die eindeutige Anweisung des Propheten des Islam, Muhammad Mustafa (s.a.w.). Die muslimische Gemeinschaft hat diese Anweisung in der Vergangenheit buchstabengetreu befolgt. Sie entzündete einst die Fackel des Wissens und erhellte das in Dunkelheit gehüllte Europa mit Bildung und Wissen. Dies ist eine historische Tatsache. Überall in der muslimischen Welt werden gelehrte Menschen mit besonderer Ehre und Achtung betrachtet. Ein muslimischer Vater bemüht sich nach Kräften, seinen Kindern Bildung und Erziehung zukommen zu lassen, und betrachtet dies als seine religiöse Pflicht und Vorschrift.
Aus der Betrachtung der vergangenen Geschichte der indischen Muslime ist bekannt, dass mit der Bildung eines Kindes begonnen wurde, sobald es vier Jahre und vier Tage alt war. In einer besonderen Zeremonie wurden dem Kind einige Abschnitte aus dem heiligen Koran vorgelesen, und das Kind wiederholte sie. Dies war ein unverzichtbarer Brauch in jeder muslimischen Familie. (A.R. Mallick, Br. Policy & the Muslims in Bengal, S. 149; M. Fazlur Rahman, The Bengali Muslims & Eng. Education, Bd. I; L.F. Smith, Appendix to Chahar Darvesh, S. 253).
Herr Smith hat diese Zeremonie im Jahr 1801 in der Nordwestlichen Grenzprovinz mit eigenen Augen gesehen und sie in seinem Werk „Chahar Darvesh“ beschrieben.
Die muslimischen Herrscher Indiens haben Bildung und Wissenserwerb auf vielfältige Weise gefördert und dafür beträchtliche Mittel bereitgestellt. An den königlichen Höfen wurden Gelehrte, gebildete Männer und Pandits besonders geehrt. Für Bildungszwecke wurden an verschiedenen Orten des Reiches in großem Umfang steuerfreie Ländereien verschenkt. Es gab keine Moschee oder Imambara, an der nicht Professoren in arabischer und persischer Sprache unterrichteten.
Wo die Zahl der Muslime größer war, wurden für die Grundbildung Maktabs eröffnet, in denen muslimische Kinder Arabisch, Persisch und islamische Lehre erlernten. Besonders die Sultane Bengalens waren der Bildung sehr zugetan und unterstützten die Ausbreitung des Bildungswesens mit allen Mitteln. Von ihnen angeregt, errichteten muslimische Zamindare, Lakhrajdar, Ayamadar und andere angesehene muslimische Würdenträger in ihren jeweiligen Gebieten Maktabs und Madrasas und stifteten beträchtliche Geldmittel sowie Ländereien, um deren Unterhalt zu bestreiten.
Der erste Sultan Bengalens, Muhammad Bakhtiyar Khalji, war äußerst bildungsfreundlich und errichtete nach dem Vorbild des Kaiser von Delhi, Qutb al-Din Aibak, an verschiedenen Orten des Landes Moscheen, Hochschulen und Dargahs (Bildungszentren für Koran und Hadith). (S.M. Jaffar, Education in Muslim India, 1935, S. 66; N.N. Law, Promotion of Learning in India during Muhammadan Rule, S. 19–22).
Unmittelbar nachdem der erste Ghiyath al-Din (1212–27 n. Chr.) den Thron Bengalens bestiegen hatte, ließ er in Lakhnauti oder Lakshmanavati, der Hauptstadt Bengalens, eine äußerst schöne Moschee, eine Hochschule und eine Karawanserei errichten. Der zweite Ghiyath al-Din (1367–1373) war selbst ein berühmter Dichter. Im nahe dem Dorf Ompur gelegenen Darsabari errichtete er eine Hochschule. (M. Fazlur Rahman, The Bengali Muslims & English Education, S. 4). Auch unter den Sultanen Husain Shah, Nasrat Shah und anderen kam es zu einer gewaltigen Entwicklung des Bildungswesens.
Murshid Quli Khan war ein äußerst gelehrter Mann und ein hervorragender Literat und erwies den Gelehrten und verdienstvollen Männern stets große Anerkennung. Er sorgte für den Unterhalt von nahezu zweitausend Gelehrten und Mitgliedern des Gelehrtenkreises. Diese waren ständig mit der Rezitation des Heiligen Koran, religiöser Unterweisung und religiösen Riten und Zeremonien beschäftigt. Ghulam Husain berichtet in seiner Geschichte, dass ein Zamindar namens Asadullah aus Birbhum, angeregt durch Murshid Quli Khan, die Hälfte seiner Einkünfte für den Unterhalt gelehrter Männer und andere wohltätige Zwecke aufwendete. Ghulam Husain sagt ferner, dass Alivardi Khan Gelehrte aus dem westlichen Teil Indiens einlud, sich in Murshidabad niederzulassen, und für jeden von ihnen eine großzügige Pension einrichtete. Sie brachten so viele wertvolle Bücher mit, dass allein die Bibliothek eines gewissen Mir Muhammad Ali zweitausend oder mehr Bücher enthielt. – (M. Fazlur Rahman: The Bengali Muslims & English English Education, S. 5; Ghulam Husain Seiyere – Mutakherin, Bd. 2, S. 63, 69, 70 & 165).
Über die unzähligen Bildungseinrichtungen, Maktabs, Madrasas, Colleges und dergleichen, die während der muslimischen Herrschaft im Landesinneren zur Bildung und Pflege des Wissens bestanden, lässt sich nur äußerst schwer ein genauer Bericht finden. Nach dem Ende der muslimischen Herrschaft verschwanden diese Bildungseinrichtungen nahezu vollständig. Ein spärlicher Bericht über das, was vereinzelt noch bestand, findet sich in den von Buchanan-Hamilton und W. Adam verfassten Bildungsberichten, die sie jeweils zwischen 1807 und 1814 beziehungsweise zwischen 1835 und 1838 ausarbeiteten. W. Adam berichtet, dass in Kasba Bagha im Distrikt Rajshahi zweiundvierzig Dörfer für Bildungseinrichtungen und gemeinnützige Arbeiten gestiftet worden waren. (Adam, Second Report, S. 37.) Die Bildungseinrichtung von Kasba Bagha trug sämtliche Kosten der dort lernenden Schüler, nämlich Unterkunft, Verpflegung, Kleidung, Bücher, Schreibpapier und Bleistifte, Tinte und Schreibutensilien, Toilettenartikel und dergleichen. – (A.R. Mallik: Br. Policy & Muslims in Bengal, S. 150).
Angeregt durch Koran und Hadithe sorgten wohlhabende Angehörige der Gesellschaft für die Ausbildung armer Schüler. Unter den wohlhabenden angesehenen Familien bestand außerdem die Sitte, die Bildung ihrer Kinder durch geeignete Hauslehrer zu gewährleisten. Auch arme Schüler erhielten bei ihnen unentgeltlich Unterricht. In Pandua war es üblich, dass muslimische Grundbesitzer auf eigene Kosten Lehrer für die Ausbildung armer Schüler aus der Nachbarschaft anstellten. Es gab keinen wohlhabenden Grundbesitzer oder Dorfvorsteher, der nicht zu diesem Zweck einen Lehrer angestellt hätte. – Adam, First Report, S. 55; M. Fazlur Rahman: The Bengali Muslims and English Education, S. 6).
Der Unterricht im Koran, in den Hadithen und in den islamischen Lehren galt als verdienstvolle Tat, und die gesamten Kosten fast aller Bildungseinrichtungen wurden jeweils von einer einzelnen Person getragen, entweder unmittelbar oder durch Spenden, Wakf oder einen Trust. Diese Personen zahlten die Gehälter der Lehrer und übernahmen sämtliche Ausgaben für die Bildungseinrichtungen, ihre Gebäude und alles Weitere. Da es damals keine Lehrbücher gab, wurde unentgeltlicher Unterricht erteilt. Die Lehrer verdienten ihren Lebensunterhalt weitgehend unabhängig – als Imame von Moscheen oder durch eine kleine staatliche Anstellung. Daher unterrichteten sie die Schüler ohne Bezahlung. Auf diese Weise entstanden zahlreiche private Bildungseinrichtungen der Muslime, deren Kosten von wohlhabenden und wohltätigen Personen getragen wurden. Bei den Lehrern und diesen großherzigen Wohltätern war besonders deutlich die Auffassung zu erkennen, dass der Zweck des Unterrichtens nicht im Erwerb des Lebensunterhalts lag. Vielmehr bestand ihr Ziel darin, durch die Verbreitung der Bildung das religiöse und moralische Niveau der Nation zu heben. – (M. Fazlur Rahman: The Bengali Muslims & English Education, S. 7, 8).
Aus W. Adams Bericht geht auch eindeutig hervor, dass man damals zu sehr geringen Kosten, ja geradezu kostenlos, Bildung erlangen konnte. Jede Moschee war ein zentraler Anziehungspunkt für die muslimische Bevölkerung, und in den an den Moscheen bestehenden Madrasas konnte jeder Junge kostenlos lesen und schreiben lernen; in diesen Madrasas konnte jeder Junge kostenlos lesen und schreiben lernen. Da es keine gedruckten Lehrbücher gab, entstanden keinerlei Kosten für den Kauf von Büchern. Tinte und Schreibutensilien konnten zu Hause hergestellt werden. Für eine höhere Ausbildung musste man zwar ein gewisses Schulgeld entrichten, doch auch dieses war äußerst gering. Nach der Ankunft der Engländer wurde an den Schulen christlicher Missionare Englischunterricht erteilt. Dort konnte niemand kostenlos lernen. Wenn jemand das Christentum annahm, erhielten seine Kinder die Möglichkeit, unentgeltlich zu lernen. Der einzige Grund dafür, dass den Muslimen die Möglichkeit einer kostenlosen oder äußerst kostengünstigen Bildung offenstand, war, dass die muslimischen Herrscher und wohlhabenden Muslime freigiebig Vermögen, Landbesitz und dergleichen zu Bildungszwecken stifteten. – (M. Fazlur Rahman: The Bengali Muslims & English Education, S. 11).
Nach der Ankunft der Engländer
Hinter der Bildung und kulturellen Entwicklung jeder Nation stehen Wohlwollen sowie Hilfe und Unterstützung. Es versteht sich von selbst, dass kurz nach dem Erlöschen der muslimischen Herrschaft Bengalens auf den Feldern von Plassey die „politische Ökonomie“ zusammenbrach, das gesamte Land von Armut, Leid und Not erfasst wurde und insbesondere im nationalen Leben der Muslime eine furchtbare Zerstörung einsetzte. Bereits in der Frühzeit der Kompanieherrschaft gerieten die Muslime Bengalens in Bedrängnis und Not. Unter dem Joch der grenzenlosen Grausamkeit und Unterdrückung, die aus dem von der East India Company erworbenen „Diwani“-Recht hervorgingen, durch das sie ohne jede Verantwortung an der Macht bleiben konnte (Power without responsibility), begann die von den Muslimen errichtete Gesellschaftsordnung auseinanderzubrechen und vollständig zerstört zu werden.
Nachdem sie aus der politischen Macht verdrängt worden waren, wurden all ihre Wege zum Lebensunterhalt nach und nach versperrt. Infolgedessen zerfiel die soziale Struktur, und auch die gegenseitigen Beziehungen zwischen den verschiedenen Klassen rissen ab. – (M. Fazlur Rahman: The Bengali Muslims & English Education, S. 14).
Durch die Übertragung der Macht aus den Händen der Muslime in die Hände der Engländer wurde die muslimische Bevölkerung in ihrem politischen und wirtschaftlichen Leben ebenso stark geschädigt wie in ihrer Bildung und Erziehung. Wie oben dargelegt, hing ihr Bildungswesen vollständig von staatlicher Unterstützung sowie von den Spenden muslimischer Würdenträger, Waqf-Vermögen, Stiftungen und Ähnlichem ab. Die Muslime betrachteten die Verbreitung und Förderung der Bildung als eine äußerst verdienstvolle religiöse Tätigkeit und spendeten dafür großzügig beträchtliche Geldmittel und Ländereien. An vielen Orten konnten die Kinder aller, unabhängig davon, ob sie reich oder arm waren, durch religiöse Stiftungen oder Einrichtungen unentgeltlich und kostenlos Bildung erhalten. Nach ihrer Entfernung von der politischen Macht wurde dieses Bildungswesen der Muslime zerstört. Die Muslime wurden aus allen kleinen und großen Staatsdiensten entfernt; muslimische Militärführer gingen in andere Länder oder begaben sich auf der Suche nach einem Lebensunterhalt in entlegene Gebiete des Landes – während dort die moderne, das heißt englische, Bildung unter den Hindus verbreitet wurde –, wodurch die muslimische Mittelschicht verschwand und eine neue hinduistische Mittelschicht entstand. Daher war es ganz natürlich, dass das Bildungswesen der Muslime mangels einer muslimischen Regierung, hochrangiger muslimischer Staatsbeamter und einer muslimischen Mittelschicht vollständig zugrunde gehen musste – und genau das geschah.
Von der Bildung und Erziehung der Muslime ganz zu schweigen: Um die Wahrheit zu sagen, war während eines Jahrhunderts nach Beginn der englischen Herrschaft sogar die Existenz der muslimischen Nation faktisch bedroht. Wo es für sie lediglich um das nackte Überleben ging, wie hätten sie da an die Bildung und Erziehung ihrer Kinder denken können?
Im vorangegangenen Kapitel wurde nachgewiesen, dass die East India Company durch eine tiefgreifende Verschwörung mit den hinduistischen Geldhändlern und Kaufleuten, der Bania-Klasse, den Bankiers und anderen Wohlhabenden Bengalens die muslimische Herrschaft beendete. Es versteht sich von selbst, dass die Interessen beider Seiten darin gleichermaßen verwickelt waren. Einerseits stand der Machtgewinn der nach politischer Macht strebenden Company, andererseits der Gewinn materieller, kommerzieller und wirtschaftlicher Vorteile durch die Hindus, die das Ende der muslimischen Herrschaft wünschten, von der Company. Nachdem die Company an die Macht gelangt war, traten die Hindus in enge Beziehungen zu ihr. Um unter ihrer Herrschaft Anstellungen und Geschäfte zu erhalten, erlernten sie aus eigenem Bedürfnis die englische Sprache.
Kolkata war als Handelszentrum entstanden, und die dortige Bevölkerung bestand, so kann man sagen, fast ausschließlich aus Hindus. Die hinduistischen Kaufleute, Bankiers, Banias und Angehörigen der Mittelschicht wollten ihre Zukunft gerade von dieser Stadt Kolkata aus aufbauen. Um unter der Company Anstellungen zu erhalten und Handel zu treiben, waren sie der Ansicht: „English is money“ – Englisch ist ein anderes Wort für Geld. Deshalb wurden sie außerordentlich begierig darauf, so viel Englisch zu erlernen, wie sie nur konnten. In der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts entstanden in Kolkata und seiner Umgebung überall, gleichsam wie Pilze aus dem Boden, englische Schulen, und die Hindus erlernten dort so viel Englisch, wie sie für ihre Zwecke benötigten.
Wenden wir uns andererseits kurz der Frage zu, wie es um die Lage der Muslime bestellt war. W. W. Hunter sagt in seinem Werk: „Hunderte alteingesessener muslimischer Familien sind zugrunde gegangen. Infolgedessen wurde auch das Bildungswesen der Muslime, das durch steuerfreie Landgüter aufrechterhalten worden war, für immer eingestellt.“ – (W. W. Hunter: The Indian Mussalmans, Bangladesh Edition 1975, S. 167).
Ganz zu schweigen von den einfachen Muslimen: Hunter selbst hat in seinem Werk ein trauriges Bild davon gezeichnet, welche barbarische und unterdrückerische Behandlung die Engländer der muslimischen Gesellschaft nach ihrer Ankunft zuteilwerden ließen und welches qualvolle Schicksal dadurch die Nachkommen der Nawabs erlitten:
„In jedem Bezirk stirbt irgendein Nachkomme der ehemaligen Nawabs in innerer Qual langsam vor sich hin, entweder in einem eingestürzten, dachlosen Palast oder am Ufer eines verfallenen, mit Moos und Wasserpflanzen bedeckten Teichs. Ich hatte bei vielen dieser Familien Gelegenheit zu persönlicher Bekanntschaft. In ihren zerstörten Gebäuden drängen sich ihre erwachsenen Söhne und Töchter, Enkel und Enkelinnen sowie Neffen und Nichten, und keiner dieser ausgehungerten Nachkommen hat irgendeine Möglichkeit, im Leben etwas zu unternehmen. Sie sitzen auf verfallenen Veranden oder in Empfangsräumen mit durchlöcherten Dächern, zählen die Stunden bis zu ihrem Tod und versinken immer tiefer im Abgrund der Schulden. Schließlich beginnt der benachbarte hinduistische Geldverleiher einen Streit mit ihnen und schafft eine Lage, in der sie plötzlich ihr gesamtes Hab und Gut zur Begleichung der Schulden verpfänden müssen. Auf diese Weise verschlingt die Verschuldung sie, und die Existenz der alten muslimischen Familien wird vom Antlitz der Erde getilgt.“ – (W. W. Hunter: The Indian Mussalmans. Dhaka Edition, 1975, S. 138).
Nach der Ankunft der Engländer wurde die gesamte muslimische Nation im damaligen Indien geschädigt. Am schwersten betroffen waren jedoch die Muslime Bengalens.
Hunter sagt: „Mit den Ereignissen dieser Provinz bin ich besonders vertraut. Soweit ich daher weiß, waren es die muslimischen Bewohner dieser Region, die während der britischen Herrschaft am schwersten geschädigt wurden.“ – (W. W. Hunter, The Indian Mussalmans, S. 140–141).
Zu jener Zeit verstand man unter Bengalen Bengalen, Bihar und Orissa. Ein an den damaligen Divisionskommissar, Herrn E. W. Soloni, C. S., gerichtetes Gesuch im Namen der Muslime Orissas vermittelt ein Bild ihrer beklagenswerten Lage. In dem Gesuch heißt es:
„Als treue Untertanen Ihrer gnädigen Majestät, der Königin, glauben wir, dass wir bei allen Stellen in der Verwaltung des Landes gleiche Rechte haben. Doch um die Wahrheit zu sagen: Die Muslime Orissas werden zunehmend unterdrückt, und sie haben keinerlei Hoffnung, sich wieder aufzurichten. Obwohl wir aus angesehenen Familien stammen, sind wir arm geworden, weil uns jede Möglichkeit zum Lebensunterhalt versperrt ist; und mangels staatlicher Unterstützung ist unsere Lage wie die eines Fisches, der aus dem Wasser ans Land geworfen wurde. Wir tragen Ihnen diese beklagenswerte Not der Muslime in dem Vertrauen vor, dass Sie der Vertreter Ihrer Majestät in der Division Orissa sind, und hoffen, dass Sie allen Klassen ohne Unterschied von Hautfarbe, Kaste oder Religion Gerechtigkeit widerfahren lassen werden. Da wir von den Regierungsstellen ausgeschlossen sind, sind wir mittellos geworden. Unsere Lage ist so erbärmlich geworden, dass wir bereit sind, in jeden noch so abgelegenen Teil der Welt zu gehen – sei es auf die schneebedeckten Gipfel des Himalaya oder in die menschenleeren Gegenden Sibiriens –, wenn man uns nur zusichert, dass wir als Folge dieser Reise von Land zu Land irgendeine Regierungsanstellung mit einem Wochenlohn von gerade einmal zehn Schilling erhalten werden.“ – (W. W. Hunter, The Indian Mussalmans, S. 158–159).
Die Angehörigen angesehener muslimischer Familien, die verschiedene Regierungsämter bekleidet hatten, wurden nach der Ankunft der Engländer ihrer Stellen beraubt. Doch nicht nur diese Familien wurden von der Armut erfasst und ausgelöscht; auch die Lage der einfachen muslimischen Familien Bengalens verschlechterte sich entsprechend. Ebenso sahen sich die Bauern- und Webergemeinschaften Bengalens mit äußerster Not konfrontiert.
In der Anfangszeit der Herrschaft der Kompanie schienen die Leiden und das Elend der Muslime kein Ende zu nehmen. Durch die Unterdrückung und Ausbeutung der Diwani, die „Macht ohne Verantwortung“ (Power without responsibility), zerfiel die bestehende Gesellschaftsordnung vollständig. Vor dem Erwerb der Diwani wurde die Grundsteuer nicht annähernd so streng eingetrieben, wie dies nun geschah. Außerdem wurden die staatlichen Einnahmen früher, auf welche Weise auch immer, innerhalb dieses Landes ausgegeben, wodurch seine Bewohner in irgendeiner Form davon profitierten. Nach den Worten eines indischen Dichters gleicht die vom König erhobene Steuer der Feuchtigkeit des Bodens. Diese Feuchtigkeit trocknet unter der Hitze der Sonne aus und kehrt anschließend als fruchtbarkeitsspendender Regen zur Erde zurück. Doch die Feuchtigkeit, die heute dem indischen Boden entzogen wird, fällt nicht in Gestalt eines solchen Regens auf den indischen Boden zurück, sondern in einem anderen Land. (R. C. Dutt, Economic History of India, S. 11, 12). Nach der Ankunft der Engländer wurde ein Drittel der Gesamteinnahmen nach England geschickt. Die Staatskasse war nicht länger ein „Bait al-Mal“, aus dem die Bevölkerung in Notzeiten Unterstützung erhalten konnte. Auch die Einnahmen wurden verdoppelt. Der sogenannte letzte Nawab von Bengalen erhob in seinem letzten Amtsjahr (1764) 817.553 Pfund an Einnahmen; nur dreißig Jahre später erhoben die Engländer 2.680.000 Pfund. (R. C. Dutt, Economic History of India, S. 9; M. Fazlur Rahman, The Bengali Muslims & English Education, S. 14).
Es ist allgemein bekannt, welch völliger Vernichtung die bäuerliche Gesellschaft in den Jahren nach der Schlacht von Plassey und auch später ausgesetzt war. Einerseits floss der Reichtum des Landes in immer größerem Umfang fortwährend ins Ausland, andererseits übten die neuen Zamindare infolge der Permanenten Siedlung eine unmenschliche Unterdrückung der Bauern aus. Daher konnten diese ihre Lage keineswegs verbessern und bewirtschaften bis heute gleich Sklaven das Land weiterhin nur im Interesse der Zamindare. (M. Fazlur Rahman, The Bengali Muslims & English Education, S. 20; R. C. Dutt, S. 27).
Daneben soll auch kurz erörtert werden, wie sehr sich das Schicksal der hinduistischen Gesellschaft zum Besseren gewandt hatte. Auf dem Gebiet der Landverwaltung waren sie ebenso begünstigt wie im Handel und Gewerbe. Durch Cornwallis’ Permanente Siedlung gelangten fast alle Zamindari-Besitzungen der Muslime in die Hände der Hindus. Keine einzige Zamindari eines Hindus ging ihnen jedoch verloren. Zwar gerieten die alten hinduistischen Zamindari-Besitzungen in manchen Fällen in Schwierigkeiten, doch ihre Verwaltung wurde neuen, begünstigten Hindus und Emporkömmlingen übertragen. An die Stelle der alten aristokratischen Gemeinschaft trat eine neue wohlhabende Klasse. Dies war ein wichtiger Aspekt der Entwicklung und Ausbreitung der hinduistischen Gesellschaft. Andererseits blieb dies bei den Muslimen auf dem Nullpunkt. Die Entwicklung und Ausbreitung der hinduistischen Gesellschaft. Dies war ein wichtiger Aspekt der Entwicklung und Ausbreitung der hinduistischen Gesellschaft. Andererseits blieb dies bei den Muslimen auf dem Nullpunkt. – (M. Fazlur Rahman, The Bengali Muslims & English Education, S. 25).
Indem man die Muslime aus Regierungsstellen, Zamindari- und Jagirdari-Besitzungen, der Heimindustrie und Ähnlichem verdrängte, wurde die aufstrebende hinduistische Mittelschicht etabliert. Die Geschichte Bengalens in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts ist eben die Geschichte dieser neuen Mittelschicht. Und diese Klasse war aus der hinduistischen Händlerklasse hervorgegangen. Daher ist es nicht verwunderlich, dass sie die ungeteilte Aufmerksamkeit der Regierung auf sich zog. – (M. Fazlur Rahman, The Bengali Muslims & English Education, S. 118).
Die Entstehung dieser Mittelschicht wurde durch das Kastensystem der Hindus erleichtert. Denn dieses Kastensystem hatte eine bestimmte Gruppe von ihnen für den Lebensunterhalt durch Handel und Gewerbe abgesondert. Die Angehörigen dieser Gruppe zeigten Interesse an der neuen englischen Bildung. Da sie eng mit der Kompanie verbunden und als Handelsmakler sowie in niederen Regierungsämtern beschäftigt waren, konnten sie die besondere Aufmerksamkeit der neuen Herrscher auf sich ziehen. Liest man die kleinen Schriften, die untergeordnete Beamte und Missionare über die Verwaltung des Landes verfasst hatten, so erfährt man, dass die Regierung wiederholt auf diese hinduistischen Bhadralok, also die Mittelschicht, Bezug nahm und äußerst darum bemüht war, sie zufriedenzustellen und ihre Lage zu verbessern. Dabei war die Regierung auch von einigen anderen Faktoren beeinflusst. Der erste Grund war, dass sie die muslimische Herrschaft als eine ausländische Fremdherrschaft betrachtete, unter der die Bewohner dieses Landes, das heißt die Hindus, unterdrückt worden seien. Zweitens waren die in Not geratenen Muslime zu jener Zeit, als einige Maßnahmen zur Verbesserung ihrer Lage ergriffen wurden, aus den Städten fortgezogen und zur Sicherung ihres Lebensunterhalts in entlegene Gebiete gegangen. Daher konnten sie die Aufmerksamkeit der Regierung nicht auf sich ziehen.
Drittens verfolgte die Regierung in Bezug auf die Muslime eine äußerst freizügige Politik (Laisez-faire-Politik), weil sie gegenüber jenen, denen sie die Macht entrissen hatte, ein natürliches Misstrauen und einen Mangel an Vertrauen empfand. Die Hindus Bengalens sowie die Hindus anderer von den Engländern eroberter Gebiete hatten dagegen die Aufmerksamkeit der Regierung in einer Weise auf sich gezogen, dass diese sich vor allem darauf konzentrierte, sie zufriedenzustellen. Zudem hatten die christlichen Missionare festgestellt, dass die Hindus für die christliche Lehre sowie deren Verbreitung und Propaganda empfänglicher waren als die Muslime; infolgedessen widmeten ihnen die englischen Herrscher übermäßige Aufmerksamkeit. Sie wurden zumindest begierig darauf, oberflächliche Kenntnisse der englischen Sprache zu erwerben. In dieser Hinsicht hatten die Muslime keinerlei Möglichkeiten. Das Wichtigste aber war, dass es unter den Muslimen keine Mittelschicht gab, die ihre Forderungen hätte vorbringen und unter den veränderten Umständen irgendwelche Vorteile hätte erlangen können. Das später von der Regierung gebildete General Committee of Public Instruction stellte tatsächlich fest, dass es ihnen an einer Mittelschicht fehlte, die ‘national reich, mächtig und eine wirkliche Vormundschaft’ gewesen wäre; deshalb konnten sie Bildung und andere Vergünstigungen nicht in Anspruch nehmen. – (M. Fazlur Rahman, The Bengali Muslims & English Education, S. 25–27; C. E. Trevelyan, On the Education of the People of India, S. 4–8).
Christliche Missionare und die Anfänge der englischen Bildung
Wie die zahlreichen Bildungseinrichtungen, die während der muslimischen Herrschaft überall nach ihrem eigenen Bildungssystem bestanden, zerstört wurden, ist im vorigen Kapitel dargelegt worden. Das war ganz natürlich. Die hinduistische Bevölkerung hatte die veränderte Lage sehr wohl erkannt und schritt deshalb rasch zum Erlernen der englischen Sprache voran. Es ist nicht so, dass die Muslime dies überhaupt nicht erkannt hätten. Wir möchten hier vielmehr erörtern, welche Hindernisse der Annahme der neuen, das heißt der englischen Bildung entgegenstanden und warum sie trotz vielfacher Anstrengungen in dieser Angelegenheit oft keinen Erfolg hatten.
Tatsächlich steht der Englischunterricht in Bengalen und überhaupt in Indien mit der Verbreitung der Botschaft Jesu beziehungsweise des Evangeliums durch die britischen Missionare in Verbindung. Der Court of Directors bekundete in einer Botschaft aus dem Jahr 1659 seine tiefe Unterstützung für die Verbreitung der Botschaft Jesu mit allen möglichen Mitteln. Den Missionaren wurde gestattet, auf den Schiffen der Kompanie nach Indien zu reisen, und man ermutigte sie, hier die Landessprache zu erlernen, um unter den armen und ungebildeten Menschen die Botschaft Jesu zu verbreiten. In der der East India Company 1698 erteilten Charta wurde nachdrücklich festgelegt, dass sie die Muttersprache des Landes erlernen müsse, in dem sie sich niederließ, damit sie die Menschen für sich gewinnen könne. Denn diese Menschen würden Diener oder Sklaven der Kompanie beziehungsweise ihre Vertreter in der protestantischen Religion sein. – (M. Fazlur Rahman, Bengali Muslims & English Education, S. 28; Shap, S. 3, Parochial Annals of Bengal von H. B. Hyde; Brief des Court of Directors an Fort St. George, 25. Februar 1695; LAW: Promotion of Learning in India by Early European Settlers, S. 19).
Sir John Shore, Generalgouverneur von Bengalen, sagt, dass es aus politischen Gründen notwendiger sei, die Bewohner dieses Landes zum Christentum zu bekehren, als aus religiösen Gründen.
Solange unsere Untertanen nicht durch religiösen Glauben lebendig mit uns verbunden sind, wird das von uns beherrschte Reich nicht vor äußeren Angriffen und inneren Unruhen und Erregungen sicher sein. – (M. Fazlur Rahman, Bengali Muslims & English Education, S. 34; Sharp, Review of Buchanan’s Treatise, Bd. 1, S. 113).
Nun ist eindeutig erwiesen, dass sie zur Festigung und Verlängerung der britischen Herrschaft in Bengalen und Indien die Sprache der Bewohner dieses Landes erlernen mussten, damit sie die christliche Lehre unter diesen Menschen leicht verbreiten konnten.
Die Entwicklung der englischen Bildung in diesem Land verlief stufenweise. In der ersten Phase gründeten die christlichen Missionare mit Unterstützung der Regierung Schulen für die bengalische Sprache. In der zweiten Phase errichteten sie Bildungseinrichtungen für die englische Sprache, um westliche Bildung sowie westliche Kultur und Zivilisation zu vermitteln.
Die Missionare arbeiteten Jahr für Jahr ununterbrochen weiter. In Hugli, Serampur, errichteten sie eine Druckerei und veröffentlichten dort zahlreiche Bücher in bengalischer Sprache. Bei ihren Missionsbemühungen stießen sie auf keinerlei Hindernisse, sondern erhielten vielmehr Ermutigung. Dank dieser unermüdlichen Arbeit hatten sie bis 1815 allein in der Umgebung von Kalkutta 202 Schulen gegründet. Bereits viel früher, im Jahr 1794, gründete ein gewisser Carey in Maldah eine Schule mit kostenloser Unterbringung. Nachdem er nach Bengalen gekommen war, nahm er auf einer Indigoplantage eine Tätigkeit als Aufseher auf. In der von ihm gegründeten Schule wurden Sanskrit, Persisch und Bengalisch unterrichtet. Darüber hinaus wurden Kenntnisse in verschiedenen Fächern sowie die christliche Lehre vermittelt. Ein gewisser Mr. Archer gründete 1780 eine Schule für Jungen und kurze Zeit später eine Schule für Jungen und Mädchen. Eine weitere gründete John Stranshenow. Die Besonderheit der von Brown gegründeten Schule bestand jedoch darin, dass sie für hinduistische Jugendliche eingerichtet worden war.
– (M. Fazlur Rahman, The Bengali Muslims & Eng. Education, S. 30; Calcutta Review 1913: „Old Calcutta“: Its Schoolmaster, von K. N. Dhas, S. 338).
Zur Verbreitung der christlichen Lehre wurden in England mit staatlicher Unterstützung mehrere Gesellschaften gegründet. Besonders erwähnenswert sind darunter die SPCK (Society for Promotion of Christian Knowledge), die S. P. G. (Society for the Propagation of the Gospel), die CMS (Church Missionary Society) und andere. Ihr Beitrag zur Verbreitung der christlichen Lehre in Bengalen ist unbestreitbar. Die Missionare in Bengalen legten ihren jeweiligen Gesellschaften folgenden Bericht vor:
„Handel und Gewerbe haben eine neue Denkweise und neue Tatkraft freigesetzt. Wenn wir in der Lage sind, unentgeltlichen Unterricht fachgerecht zu erteilen, werden sich Hunderte versammeln, um die englische Sprache zu lernen. Ich hoffe, dass wir dazu eines Tages fähig sein werden und sich dadurch ein erfreulicher Weg zur Verkündigung der Botschaft Jesu Christi eröffnen wird.“ – (M. Fazlur Rahman, Bengali Muslims & Eng. Education, S. 35; Mussalmans, Bd. 1, S. 130–131).
Die christlichen Missionare scheuten sich bei der Verbreitung der christlichen Lehre unter dem Vorwand, bengalische und englische Schulen zu errichten, nicht davor zurück, gegen den Islam und seinen erhabenen Propheten zu hetzen. Cornwallis verbot die Verkündigung des Christentums auf öffentlichen Straßen und in den Dörfern (Beveridge: Hist. of India, Bd. 2, S. 850–851).
Trotzdem setzten sie diese Tätigkeit fort. Schließlich ergriff Minto nach seinem Amtsantritt strenge Maßnahmen gegen die Missionare, weil sie Schriften mit unanständigen und haltlosen Äußerungen über den Islam und den Propheten Muhammad (s.a.) veröffentlicht hatten. – (M. Fazlur Rahman, Bengali Muslims & Eng. Education, S. 36; Lethbridge, S. 59).
Unter dem Vorsitz von William Carey wurde 1818 das Serampur-(Hugli-)College gegründet. Zweck der Gründung dieses Colleges war es, Kenntnisse des Orients und des Okzidents zu vermitteln und die Menschen dieses Landes durch ihre Muttersprache zum Christentum zu bekehren. Das Serampur College war damals das einzige Degree-College in Asien. – (Mc. Cully, S. 41; M. Fazlur Rahman, Bengali Muslims & Eng. Education, S. 39–40).
Wie bereits erwähnt, bestand der ursprüngliche Zweck des Serampore College in der Verbreitung und Förderung des Christentums in Indien. Dafür wurden einheimische Christen benötigt, die die christliche Lehre ins Bengalische übersetzen und sich auch mit ihrer Veröffentlichung befassen würden. Zu diesem Zweck standen die Türen dieses Colleges Nichtchristen offen, und einflussreiche Einheimische wurden dazu ermutigt, bei der Verbreitung der christlichen Lehre Hilfe und Unterstützung zu leisten. Bis Dezember 1838 zeigte sich, dass sich unter den insgesamt 101 Studenten dieses Colleges nur 34 nichtchristliche Studenten befanden. Sie waren Söhne von Brahmanen und Angehörigen anderer Kasten aus Serampore und den angrenzenden Gebieten (Mc. Cully, S. 64, 65).
Aus zwei Gründen gab es dort keine muslimischen Studenten. Erstens bestand der Zweck des Unterrichts an diesem College in der Verbreitung des Christentums, und zweitens wurde dort eine solche bengalische Sprache gelehrt, dass sie für Muslime unverständlich war. Denn diese bengalische Sprache beruhte auf Kenntnissen der Sanskritgrammatik, von denen bei Muslimen überhaupt nicht auszugehen war. (M. Fazlur Rahman, Bengali Muslims & English Education, S. 140).
In den von den Missionaren gegründeten Schulen und Colleges sowie im von der Regierung gegründeten Fort William College (1800) wurde die bengalische Sprache mit Unterstützung hinduistischer Lehrer nach den Prinzipien der Sanskritsprache bereichert, und diese Art des Bengalischen war den Muslimen unbekannt. Obwohl die Muslime in Niederbengalen Bengalisch sprachen, war ihr Bengalisch mit Arabisch und Persisch vermischt. D. H. H. Wilson erklärte bei seiner Zeugenaussage vor dem Select Committee des britischen Unterhauses, dass Bengali und Hindi in enger Beziehung zum Sanskrit stünden. Seiner Ansicht nach enthielt Shakiespear’s Hindustanee Dictionary unter 500 Wörtern 305 Sanskritwörter. Im bengalischen College-Lehrbuch mit dem Titel „Hitopadesh“ waren unter den ersten 147 Wörtern lediglich 5 Wörter, die nicht aus dem Sanskrit stammten. [A. R. Mallik: Br. Policy and the Muslims in Bengal, S. 156: Sixth Report, Select Committee (HC). 1853. Minutes of Evidence, S. 9. Wilson erklärte auf eine Frage, dass niemand Bengali verstehen könne, wenn er nicht über einige Kenntnisse des Sanskrit verfüge.]
In den Muttersprachenschulen wurde ein mit Sanskritwörtern überladenes Bengalisch unterrichtet – die Türen dieser Schulen waren für Muslime verschlossen. In Bihar wurde außerdem Hindi in der Devanagari-Schrift gelehrt, und auch das war den Muslimen völlig unbekannt. (Report of Bengal Provincial Committee, Education Commission, S. 215. Aussage von Abdul Latif in Antwort auf Q1).
Darüber hinaus Dakshina, Amar Singh, Chanakya, Saraswati Vandana, Manbhanjan, Kalanka Bhanjan und andere.
Hinduistische Bücher wie Daan Lila, Dadhi Lila und andere, die von Krishnas Liebesspielen in seiner Kindheit handelten. In Bihar wurden außerdem Sudam Charit, Ram Yamuna und andere unterrichtet. (A. R. Mallick: British Policy and the Muslims in Bengal, S. 156).
Aus diesen Informationen geht eindeutig hervor, dass dies ein verschwörerischer Plan der christlichen Missionare, der englischen Herrscher und der einheimischen Kollaborateure war, um die Muslime vom Licht der Bildung fernzuhalten. Alexander Duff gründete in Kalkutta eine Bildungseinrichtung für den englischen Unterricht, die sich durch Duffs Bemühungen zu einer besonders bedeutenden Bildungseinrichtung entwickelte. Sie war jedoch ausschließlich für Hindus aus den unteren Schichten bestimmt und mit Unterstützung von Raja Rammohan Roy gegründet worden. Diese Schule wurde absichtlich in einem Hinduviertel und auf einem Gelände errichtet, auf dem einst das Hindu College entstanden war. Duff unternahm keinerlei Versuch, in einem muslimischen Viertel eine Schule zu gründen. (M. Fazlur Rahman, Bengali Muslims & English Education, S. 41, N. Chattaerhce: Life of Mahatma Raja Rammohan Roy (Bengali), S. 394).
Zwischen 1807 und 1814 untersuchte Dr. Francis Buchanan im Auftrag der Regierung die Distrikte von Bengalen und Bihar. 1938 wurde sein Bericht in drei Bänden von R. S. Martin veröffentlicht. Während der Amtszeit von Lord Bentinck erarbeitete W. Adam zwischen 1835 und 1838 auf Grundlage von Buchanans Unterlagen drei Berichte. Der dritte Bericht wurde 1938 nach seiner eigenen Untersuchung und Beobachtung vor Ort erstellt. Er legte eine vergleichende Übersicht über die Bildungssituation beider Gemeinschaften, der Hindus und der Muslime, vor, wie folgt:
Hindus Muslime
(a) Einheimische Grundschulen 11 16
(b) Höhere Schulen 38 0
(c) In den Familien, in denen Eltern oder Freunde
die Jungen und Mädchen unterrichteten 1277 311
Das obenstehende Verzeichnis wird beispielhaft für die Thana Natore im Distrikt Rajshahi angeführt, wo die Hindu-Bevölkerung damals 656.558 und die muslimische 1.296.401 betrug. In einer derart von Muslimen bevölkerten Thana war der Anteil der muslimischen Schüler so gering, wie oben beschrieben. In dem genannten Verzeichnis wird die Gesamtzahl der Lehrer angegeben; unter ihnen befand sich nur ein muslimischer Lehrer.
Zur Erklärung derartiger Zustände der Muslime auf dem Gebiet der Bildung sagt er, dass sie in finanzieller Hinsicht ein äußerst elendes Leben führten. Weiter sagt er, dass es unter diesen Umständen gleichbedeutend damit sei, ihnen zur Bildung zu raten, mit einer Leiter in den Himmel zu steigen – ein völlig unmögliches und abwegiges Unterfangen. Adam sagt, dass es im gesamten Distrikt Rajshahi nur eine einzige Schule für die Bildung der Muslime gab, in Kasbabaghat in der Thana Bilmaria, die mehrere hundert Jahre alt war und unter der Schirmherrschaft der muslimischen Sultane Bengalens und großzügiger muslimischer Oberhäupter gegründet worden war.
W. Adam verfasste seinen dritten Bericht (1838), nachdem er fünf Distrikte in Bengalen und Bihar besichtigt hatte. Das auf dieser Grundlage von ihm erstellte Verzeichnis lautet wie folgt:
Tabelle Nr. 1: Persisch-arabische Schulen, ihre Anzahl und Schülerzahl, Hindus und Muslime.
Bezirk Persisch Arabische Schulen Hindus Muslimische Schüler Insgesamt
Murshidabad 17 2 62 47 109
Burdwan 93 8 477 494 971
Birbhum 71 2 245 245 490
Tirhut 234 4 445 153 598
Süd-Bihar 279 12 867 619 1486
Insgesamt 694 28 2096 1558 3654
Bemerkenswert ist, dass die Zahl der hinduistischen Schüler an den Arabisch-Persischen Schulen im Verhältnis drei zu vier höher ist. Zählt man anschließend die hinduistischen Schüler an den Sanskritschulen hinzu, beläuft sich ihre Zahl auf 4651 und die der muslimischen Schüler auf 1558. Tabelle Nr. 2: Schulen der Muttersprache – ihre Zahl, Schülerzahl sowie Hindus und Muslime.
Bezirk Bengalische Schulen Hindi-Schulen Hinduistische Schüler Muslimische Schüler Sonstige Gesamtzahl
Murshidabad 62 5 998 82 0 1080
Burdwan 630 0 12408 769 13 13190
Birbhum 407 0 6125 232 26 6383
Tirhut 0 80 502 5 0 507
Südbihar 0 286 2918 172 0 3090
Gesamt 1099 376 22951 1260 39 2425
Aus der oben genannten Aufstellung geht hervor, dass die Muslime in der Bildung in ihrer Muttersprache weit hinter den Hindus zurückblieben. Der Grund dafür ist ebenfalls sehr klar. Erstens war die mit Sanskrit durchsetzte bengalische Sprache für sie unverständlich, und zweitens waren die Inhalte der Lehrbücher voller Abhandlungen und Erzählungen, die von Götzendienst geprägt waren. Drittens blieben die Muslime in der Bildung rückständig, weil es anstelle der Hindi-Schulen keine Urdu-Schulen gab. W. Adam empfahl, für die Muslime Urdu-Schulen zu eröffnen und für sie geeignete bengalische Lehrbücher zu verfassen. Doch die Regierung schenkte diesem Anliegen keinerlei Beachtung.
(Anm.: A. R. Mallick, British Policy and Muslims in Bengal, S. 161–165)
Auf Initiative der Calcutta-Zweigstelle der Christian Missionary Society (C.M.S.) wurde 1819 in Burdwan eine englische Schule für Hindus gegründet. Als die Vertreter der Calcutta-Zweigstelle, Mr. Shew und Mr. Thompson, die Schule regelmäßig auf ihr eigenes Gelände verlegten, ging sie aus Angst davor zugrunde, dass die Schüler zum Christentum bekehrt werden könnten. In ähnlicher Weise gründete Bischof Corrie 1832 in Kalighat, einem von Muslimen bewohnten Gebiet Kalkuttas, eine englische Schule. Als jedoch daneben eine Kirche errichtet wurde, verließen zahlreiche muslimische Schüler die Schule. In seinem Bericht erklärte Mr. Thomson 1841, den Grund für den Rückgang der Schülerzahl darlegend, dass Hindus zwar eine Vorliebe für westliche Sprachen und Literatur hätten, Muslime jedoch nicht in gleicher Weise. – (M. Fazlur Rahman, Bengali Muslims & English Education, S. 44–45; Long: Handbook of Bengal Mission, S. 125).
Mr. Thomson verschwieg den eigentlichen Grund und schob stattdessen den Muslimen die Schuld zu. Der wahre Grund war, dass die Frage der westlichen Religion untrennbar mit der westlichen Sprache und Literatur verbunden war. Für Muslime war es weitaus schwieriger als für Hindus, sich innerlich darauf einzustellen, eine Missionsschule zu besuchen. Die Muslime empfanden Abneigung, ja man kann sogar von Hass sprechen, gegenüber dem Christentum. Denn die Muslime hatten ihren Glauben aufgebaut, indem sie das Christentum zurückwiesen. Die Hindus hingegen verfügten über keine derartige Vorkenntnis und ließen sich deshalb leicht vom Christentum beeinflussen.
Die Missionare wussten, dass durch ihre Kontakte eine größere Zahl von Hindus das Christentum angenommen hatte. Daher richteten sie all ihre Bemühungen auf die Hindus. Ein Missionar bemerkte 1858 in einer von ihm verfassten Broschüre, dass unter den Muslimen keinerlei wirklich aufrichtiger Versuch zur Verbreitung der Bildung unternommen worden sei. Die Europäer, die mit der Inspektion staatlicher Bildungseinrichtungen betraut wurden, besaßen keinerlei Kenntnisse über die Sprache, den Charakter sowie die Sitten und Gebräuche der Muslime. – (M. Fazlur Rahman, Bengali Muslims & English Education, S. 46; India Office Tract 242).
Das Ende der muslimischen Herrschaft in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts und der Erwerb der Diwani durch die East India Company machten die Engländer, so kann man sagen, zu den uneingeschränkten Herren dieses Landes. Infolgedessen nahm ihr Handel, von Kalkutta ausgehend, um das Hundertfache zu. In Kalkutta entstanden gewaltige Bauwerke. Die Hindus, mit deren Hilfe und Unterstützung die englische Herrschaft in diesem Land hatte errichtet werden können, drängten scharenweise darauf, unter der Company Dienststellen zu übernehmen, sich an deren Geschäften zu beteiligen oder als Geschäftsvermittler zu arbeiten. Sie erkannten daher die dringende Notwendigkeit, die englische Sprache zu erlernen. Deshalb ging der erste Schritt zur Errichtung englischer Schulen von ihnen aus. Hinduistische Kaufleute und wohlhabende Händler gründeten mit der Unterstützung ihrer europäischen Handelsfreunde an verschiedenen Orten auf privater Ebene englische Schulen. In den neunziger Jahren des 18. Jahrhunderts gründete ein gewisser Nityananda Sen in Kalutola, Kalkutta, eine solche Schule.
Eine weitere Tatsache ist hier besonders hervorzuheben. Die Missionare bemühten sich in diesem Land durch die Gründung bengalischsprachiger Schulen eifrig um die umfassende Verbreitung des Christentums. Als sie es dabei zunehmend übertrieben, erlegte die britische Regierung ihren Aktivitäten gewisse Beschränkungen auf. Der Charter Act von 1813 hob jedoch die ihnen auferlegten Beschränkungen auf. Durch dieses Gesetz wurde der Weg zur Errichtung eines Bischofssystems (Episkopat) in Indien frei. 1814 kam Bischof Middleton nach Kalkutta. Unter seinem Antrieb und mit seinem Eifer begannen die Missionare ihre Arbeit mit voller Kraft. Er wurde eng mit dem Bishop’s College in Kalkutta verbunden. Auf seine Bitte hin schenkte der Generalgouverneur dem College zweiundsechzig Bigha Land. Später wurde dafür noch größere staatliche Unterstützung gewährt. Bischof Middleton selbst stiftete für die Errichtung der Collegekirche fünfhundert Pfund und der Collegebibliothek fünfhundert Bücher.
Europäische Kaufleute traten vor, um die Arbeit der Missionare zu unterstützen, und tatsächlich wurde der Grundstein für die englische Bildung in Bengalen von ihnen gelegt. Durch ihre Bemühungen, insbesondere mit der Unterstützung von Mr. David Hare und Sir Edward Hyde East, wurde 1817 in Kalkutta das Hindu College zur Ausbildung hinduistischer Jugendlicher gegründet. Auf einer am 27. August 1816 im Wohnhaus Sir Edwards in Anwesenheit von Hindus abgehaltenen Generalversammlung wurden die Satzung und die Regeln für dieses geplante College ausgearbeitet. Es wurde erklärt, dass der ursprüngliche Zweck dieser Einrichtung darin bestehe, den Söhnen vornehmer Hindus die englische und die indische Sprache sowie die Literatur und Wissenschaft Europas und Asiens zu vermitteln. – (M. Fazlur Rahman, The Bengali Muslims & English Education, S. 48–51, zitiert aus den von den Subskribenten und der Generalversammlung am 27. August 1816 gebilligten Regeln, Calcutta Christian Observer, Juli 1832, S. 72).
Dieses Hindu College wurde 1832 in ein staatliches College umgewandelt. Auf diese Weise förderte die Regierung eine bestimmte Gemeinschaft im Bildungsbereich. Den Muslimen wird gewöhnlich vorgeworfen, sie seien dem Englischen und der westlichen Bildung gegenüber äußerst abgeneigt gewesen. Selbst der bengalischen Sprache gegenüber seien sie gleichgültig gewesen. Oben wurde dargelegt, wie die bengalische Sprache mit Sanskrit durchsetzt worden war, um die Muslime vom Bildungsbereich fernzuhalten. War dies tatsächlich der Grund dafür, dass die Muslime sich weigerten, die englische Sprache zu erlernen? Eine solche Annahme wäre ihnen gegenüber ungerecht. Der Besuch englischer Schulen und Colleges war äußerst kostspielig, während die Muslime von bitterer Armut geplagt waren. Wohlhabende hinduistische Händler und Geldverleiher gründeten mit der Unterstützung ihrer englischen Freunde auf eigene Kosten private englische Schulen und ebneten ihren Kindern, ohne staatliche Hilfe, den Weg zu einer englischen Bildung. Für die Muslime waren solche Unternehmungen unmöglich und unrealistisch. Es kann ohne weiteres gesagt werden, dass die Muslime von Geburt an, ihrer Volkszugehörigkeit nach und in religiöser Hinsicht bildungsfreundlicher waren als jedes andere Volk. Doch weil ihre politische und wirtschaftliche Struktur in Trümmer gelegt worden war, gerieten sie auf dem Gebiet der Bildung ins Hintertreffen. Auch der englischen beziehungsweise westlichen Bildung waren sie zugeneigt. In dieser Hinsicht konnten sie jedoch nicht das geringste Maß an Mitgefühl seitens der Regierung gewinnen. Zur Bildung der Muslime wurde 1780 von Warren Hastings als staatliche Einrichtung das Kalkutta-Madrasa gegründet. Doch die vierzigjährige Geschichte dieses Madrasa von 1780 bis 1829 ist äußerst schmerzlich. Die Regierung hätte diese Einrichtung als Hochschule für Muslime mit englischer und westlicher Bildung ausbauen können. Das tat sie jedoch nicht. Trotz wiederholter Forderungen nach der Eröffnung englischer Klassen am Kalkutta-Madrasa ließ die Regierung jahrelang die Dinge schleifen. Für die höhere Bildung der Hindus wurden neben dem Hindu College zahlreiche englische Schulen von Hindus, Engländern, Missionaren und der Calcutta School Society gegründet. Doch nirgends gab es eine Möglichkeit für Muslime, Zutritt zu erhalten. Nach der Darstellung von Mr. Adam gab es in Kalkutta am Upper Circular Road und in Bara Bazar zwei Schulen, die von je einem Christen und einem Hindu gegründet worden waren. Sie unterrichteten dort auch selbst. Eine weitere befand sich in Shobhabazar. Dort studierten dreihundert Schüler. Auch diese Schule wurde von einem Christen und einem Hindu geleitet. Da diese Schulen privat waren, wurden von den Schülern hohe Gebühren erhoben. Ob Muslime dort zugelassen wurden, ist nicht bekannt. Doch selbst wenn dies der Fall gewesen sein sollte, kann zweifellos gesagt werden, dass sie ihre Kinder aus Geldmangel nicht dorthin schicken konnten. Die Calcutta Review (1850) erwähnt noch einige weitere Schulen dieser Art, unter denen das Oriental Seminary besonders hervorzuheben ist. Die Schule wurde 1823 gegründet. 1850 betrug ihre Schülerzahl 585. Sie nahm unmittelbar nach dem Hindu College den zweiten Rang ein. Es heißt, dass ein gewisser Gaur Mohan Addy die Schule für seine Landsleute gegründet und einen gewissen Mr. Charnbull sowie den Barrister Herman Geoffery als Lehrkräfte angestellt habe. Höchstwahrscheinlich hatten auch dort muslimische Schüler keinen Zutritt. Darüber hinaus wurden einige besondere Schulen für die Kinder von Christen gegründet, zu denen Hindus und Muslime zugelassen wurden. Dazu gehörten The Calcutta High School, The Parental Academic Institution, The Philanthropy-Academy, The Verulam Academy und andere. Die Parental Academy befand sich an einem Ort, an den wohlhabende Muslime ihre Söhne schicken konnten. Vornehme und wohlhabende Muslime schickten ihre Kinder auf die St. Paul’s School und die Parental Academy. Der Grund dafür war, dass die Jungen dort die englische Sprache beherrschten und diese beiden keine Schulen missionarischen Typs waren. Zur Begründung, warum Muslime diese beiden Schulen besuchten, sagte Mr. Mouat (Mouat 1952) – [F. J. Mouat, Sekretär des Bildungskomitees] –, dass der Unterricht im Kalkutta-Madrasa nicht gut gewesen sei und es noch einige andere Mängel gegeben habe, weshalb sie anderswohin hätten gehen müssen. – (M. Fazlur Rahman: The Bengali Muslims & English Education, S. 57–58; Calcutta Review 1850, S. 457; Adam, a. a. O., S. 37, 41).
Das Kalkutta-Madrasa, das 1780 zur Bildung der Muslime gegründet worden war, wurde von der Kompanie und der britischen Regierung derart vernachlässigt, dass man den Eindruck gewinnt, das Ziel der Behörden habe nicht in Bildung, sondern in Unbildung und Fehlbildung bestanden. Dazu möchte ich einige Erläuterungen geben.
Auf Bitten einer beträchtlichen Zahl namhafter muslimischer Gelehrter gründete Hastings 1780 zur Bildung der Muslime das Kalkutta-Madrasa. Bis zu jener Zeit hatten Muslime in den Straf- und Zivilgerichten sowie in der Polizei verschiedene Ämter inne, und da in der Verwaltung die persische Sprache gebräuchlich war, lag es auch im Interesse der Kompanie-Regierung, zur vorläufigen Durchführung der Herrschaftsverwaltung das Bildungswesen für Muslime aufrechtzuerhalten. Die Verantwortung für die Leitung des Madrasa wurde übertragen. Doch von 1780 bis 1791 war keinerlei Fortschritt am Madrasa festzustellen. Unter der Leitung von Majduddin wurden Mängel und Unregelmäßigkeiten festgestellt; er wurde abgesetzt und einem gewissen Muhammad Ismail die Verantwortung übertragen. Das Madrasa-Komitee wurde neu gebildet und folgender Lehrplan ausgearbeitet:
Naturphilosophie (Natural Philosophy), Fiqh, Rechtswissenschaft, Astronomie, Geometrie, Mathematik, Logik und Grammatik. Bis 1922 änderte sich an der Lage jedoch nichts. Daher empfahl Dr. Lamsden (Lamsden), ein einflussreiches Mitglied des Madrasa-Komitees, in seinem Bericht die Ernennung eines europäischen Direktors. Die Regierung wies diese Empfehlung zurück; dennoch ersuchte Lamsden in seinem Bericht erneut um die Ernennung eines europäischen Direktors. 1818 schlug das Komitee die Ernennung eines europäischen Sekretärs vor. Die Regierung nahm diesen Vorschlag an, übertrug die finanziellen Verpflichtungen jedoch dem Komitee, damit der Staatshaushalt nicht belastet werde. Bedauerlicherweise lehnte die Regierung die Vorschläge von Dr. M. Lamsden ab oder verschleppte sie über viele Jahre: die Bücher über westliches Wissen und die Naturwissenschaften ins Arabische und Persische zu übersetzen, am Madrasa englischen Unterricht einzuführen und muslimische Schüler in englischer Sprache zu unterrichten. – (M. Fazlur Rahman: Bengali Muslims & English Education, S. 68–70; A. R. Mallick: British Policy & the Muslims of Bengal, S. 176).
Wenn ein verantwortliches Mitglied des Komitees (Dr. M. Lamsden) die Eröffnung englischer Klassen am Madrasa vorschlug, muss man daraus zweifellos schließen, dass muslimische Schüler und Eltern der englischen Bildung zugeneigt waren. Andernfalls hätten sie sich diesem Vorschlag widersetzt. Es sei daran erinnert, dass bereits 1815 vorgeschlagen worden war, am Sanskrit College in Benares englische Klassen zu eröffnen. Das Madrasa-Komitee blieb in dieser Hinsicht zurück. Dagegen wurde 1816 das Hindu College gegründet und der Unterricht in englischer Sprache aufgenommen. 1854 wurde dieses Hindu College auf Bitten und Eingaben der Muslime in das Presidency College umgewandelt, und seine Türen wurden für Schüler aller Religionen und Volksgruppen geöffnet. (Abdul Mawdud, Die Entwicklung der Mittelklasse: Der Wandel der Kultur, S. 94; Eine Reise durch die Jahrhunderte: Dr. Hasan Zaman, Professor Abdur Rahim, S. 239).
Jedenfalls wurde Captain Irvine gemäß Lamsdens Vorschlag zum Sekretär des Komitees mit einem monatlichen Gehalt von dreihundert Rupien ernannt. Im August 1821 fand gemäß der neuen Ordnung die erste Prüfung statt, deren Ergebnis zufriedenstellend war. Auch die Ergebnisse der folgenden zwei Jahre waren gut. 1823 wurde von Mr. John Adam das General Committee of Public Instruction gegründet. Das Komitee bemerkte, dass die Ergebnisse der Prüfungen von 1824 und 1825 zufriedenstellend waren. Lamsden schlug erneut vor, die englischen Lehrbücher ins Arabische und Persische zu übersetzen, um unter den Schülern einen Anreiz zum Erlernen der englischen Sprache zu schaffen. Er betonte nachdrücklich die Notwendigkeit, zur Verbesserung der Grundausbildung der Madrasa eine vorbereitende (Preparatory) Schule einzurichten. Das von Europäern beeinflusste Madrasa-Komitee nahm jedoch alle Vorschläge Lamsdens an. Es weigerte sich jedoch, den Punkt über die Verbreitung europäischer Bildung zu akzeptieren. Die Mehrheit der Mitglieder äußerte die Ansicht, dass der Zweck, zu dem die Madrasa gegründet worden war, verfehlt würde, wenn englische oder europäische Bildung eingeführt werde. (Board’s Collection, 909, S. 321, S. 365–367, 909, S. 322; Lamsden an das Madrasa-Komitee, 30. Mai 1823; Madrasa-Komitee an den Generalgouverneur, 3. Juli 1832.) Diese Weigerung des Komitees schuf folglich ein äußerst großes Hindernis auf dem Weg der muslimischen Schüler zur englischen Bildung. Das Komitee für öffentliche Bildung hingegen prüfte den Vorschlag, am Sanskrit College in Kalkutta englische Klassen zu eröffnen, mit großem Wohlwollen und übernahm zur ordnungsgemäßen Verwaltung das Hindu College. Dr. H. H. Wilson wurde als staatlicher Inspektor dieses College und zugleich zum Sekretär des Komitees ernannt. Dafür wurden auch beträchtliche staatliche Mittel bereitgestellt. Obwohl wiederholt gefordert wurde, im staatlichen Bildungsinstitut, der Madrasa, englischen Unterricht einzuführen, maß die Regierung dieser Forderung keinerlei Bedeutung bei. Dem privaten Hindu College dagegen ließ die Regierung ihr Wohlwollen, ihre Unterstützung, ihr Mitgefühl und ihre Spenden in überströmendem Maße zukommen. Daraus lässt sich deutlich erkennen, wie gleichgültig die Regierung gegenüber den Muslimen und insbesondere gegenüber ihrer englischen Bildung war. Daraus geht auch hervor, dass der gegen die Muslime erhobene Vorwurf, sie hätten die englische Bildung boykottiert, unbegründet ist. Auch der Vorwurf, der ihnen als Angehörigen einer besonderen Klasse gemacht wird, ist haltlos. Um das Vergehen der Bevorzugung einer bestimmten Klasse zu verdecken, wurde den Muslimen die Schuld aufgebürdet. Wer die Tätigkeit der christlichen Missionare und die Geschichte der Verbreitung des Christentums unter den Hindus sowie sogar die Geschichte des eigenen Hindu College der Hindus gut kennt, wird gewiss anerkennen, dass der Hass oder das Desinteresse der Hindus gegenüber der englischen Bildung nicht größer war als das der Muslime. – (M. Fazlur Rahman, Bengali Muslims & English Education, S. 73–74).
Nach der jährlichen Prüfung der Madrasa im Jahr 1825 schlugen die Prüfer, Mr. Mill und Mr. Thomson, angesichts der bemerkenswerten Leistungen der Schüler vor, westliches Wissen und westliche Wissenschaft zu lehren. Durch ihren Vorschlag ermutigt, drängte Lamsden auf die Einführung des Englischunterrichts in der Madrasa. In seinem dem Komitee vorgelegten Bericht erklärte er, dass sich aufgrund seiner langjährigen engen Verbindung mit muslimischen Schülern und der muslimischen Bevölkerung bei ihm die Überzeugung gebildet habe, dass die Muslime keine Einwände dagegen hätten, die englische Sprache lediglich als Mittel zum Erwerb notwendigen Wissens anzunehmen, sondern sie vielmehr bereitwillig annehmen würden. Wenn jedoch durch die Lehrbücher der Weg zur Verbreitung der Bibel geebnet oder der religiöse Glaube der Muslime verletzt würde, so müsse dies zwangsläufig Einwände hervorrufen. – (M. Fazlur Rahman, Bengali Muslims & English Education, S. 74; Board’s Collection, 909, S. 713; Lamsden an das General Committee, 19. Februar 1825.) Lamsden schlug ferner vor, jedem Schüler zur Förderung des Englischlernens ein Stipendium von acht Rupien zu gewähren. Macaulay protestierte heftig dagegen, und der Vorschlag wurde abgelehnt.
Obwohl in der Madrasa keine englischen Klassen eröffnet wurden, waren die Schüler so sehr am Englischlernen interessiert, dass sie gegen ein geringfügiges Entgelt bei Lehrern etwas Englisch zu lernen begannen. Dadurch konnten sie jedoch auch kein gutes Englisch lernen. Lamsden schlug nun dem Komitee vor, einen Lehrer für die englische Sprache anzustellen. Auch das blieb ohne Ergebnis. So wurden die Schüler der Madrasa nicht aus eigener Schuld, sondern wegen des parteiischen Verhaltens der Behörden und ihres mangelnden aufrichtigen Interesses an der Verbreitung der Bildung unter den Muslimen vom Englischlernen ausgeschlossen.
Inzwischen forderte der äußerst einflussreiche Gelehrte Dr. H. H. Wilson, der mit dem Hindu College verbunden war, zur weiteren Entwicklung dieses College umfangreichere staatliche Unterstützung. Mr. Holt Mackenzie, der Verantwortliche der Bildungsabteilung, schlug die Gründung eines privaten College für eine bestimmte Klasse und Gemeinschaft vor. Die Regierung lehnte dies jedoch ab, da es große Ausgaben erfordern würde. Diese Ablehnung wurde für das Hindu College zu einem großen Segen. Von nun an galt die gesamte Aufmerksamkeit des Komitees diesem Hindu College, und es wurde als einzige Stätte des Englischunterrichts etabliert. In dem Bericht über dieses College aus dem Jahr 1825 äußerte das General Committee seine Zufriedenheit und erklärte, die Zahl der Schüler sei von einhundert auf zweihundert gestiegen; wenn einer solchen Zahl von Schülern das notwendige Wissen und eine Ausbildung in der englischen Sprache vermittelt werden könne, so sei zweifellos die Entwicklung und Verbesserung der geistigen Fähigkeiten der führenden und angesehensten Einwohner der Stadt Kalkutta (Principal Inhabitants of Calcutta) zu erwarten. Die Bezeichnung „führende und angesehene Einwohner der Stadt Kalkutta“ ist hier besonders beachtenswert. Es besteht kein Zweifel, dass damit ausschließlich die „hinduistische Mittelschicht“ Kalkuttas gemeint war. In dieser Bezeichnung tritt die wahre Haltung der britischen Regierung im Bildungsbereich deutlich zutage.
Tatsächlich bestand die bildungspolitische Linie oder Politik der englischen Herrscher in einer Filtrationspolitik (Policy of filtration), durch die die Möglichkeiten und Vergünstigungen der höheren Bildung, insbesondere des Erwerbs westlichen Wissens und westlicher Wissenschaft durch die englische Sprache, auf eine ausgewählte Klasse unter den Hindus beschränkt wurden, die als Principal Inhabitants of Calcutta (führende und angesehene Einwohner Kalkuttas), das heißt als hinduistische Mittelschicht, bezeichnet wurde. Diese sollten eine englische Bildung erhalten und sich im Land der Verbreitung dieser Bildung widmen. Das heißt, an den Bildungseinrichtungen, die von ihnen gegründet würden, sollten sowohl die Lehrer als auch die Schüler Hindus sein. Genau das ist tatsächlich geschehen. Genau genommen war diese Bildung wiederum hauptsächlich auf die Hindus der höheren Klassen, das heißt auf die Brahmanen, beschränkt. Auch die hinduistische Händlerklasse zog Nutzen aus dieser Filtrationspolitik. Ganz zu schweigen von den Muslimen, wurden auch die übrigen Klassen der Hindus davon ausgeschlossen. Reverend Lal Behari Dey bemerkte: „Der Filter der höheren Klassen in Indien ist in keiner Hinsicht ein Filter. Er ist ein irdenes Gefäß, dessen Öffnung so verschlossen ist, dass kein Licht und keine Luft von außen eindringen kann. Während einerseits ein Brahmane sich den Bauch mit Wissen über Logik, Metaphysik und Religionswissenschaft füllt, wartet andererseits der Aussätzige ebenso wie der Shudra mit gierigem Blick darauf, wann ihm wohl ein Stück Nahrung vom Tisch seines Herrn zuteilwerden wird.“ (L. B. Dey in reply to Babu Kishori Chand, Meeting of British India Association, 1868 – zitiert nach H. A. Stark, Vernacular Education in Bengal, S. 89.)
Gemäß dieser „Trickle-down-Politik“ schenkte die Regierung dem Hindu College ihre größte Aufmerksamkeit. Den Studenten wurden acht Stipendien zu je sechzehn Rupien sowie eine monatliche Unterstützung von dreihundert Rupien bewilligt. Danach wurden 49.376 Rupien für den Druck elementarer Lehrbücher und 5.000 Rupien für die Beschaffung von Büchern aus England bereitgestellt.
Nachdem Wilson dem Hindu College die Möglichkeit gegeben hatte, zu den höchsten Gipfeln des Fortschritts aufzusteigen, wandte er seine Aufmerksamkeit dem Sanskrit College zu. Unmittelbar nach der Ankündigung, dort Englischklassen zu eröffnen, bekundeten von 136 Studenten 40 Interesse am Englischlernen. Ein Professor des Hindu College, ein gewisser Mr. Tytler (Tytler), wurde zusätzlich mit dem Unterricht am Sanskrit College betraut. Nachdem all dies geschehen war, beschloss die Regierung vielleicht aus Scham, 1829 Englischklassen an der Kalkutta-Madrasa zu eröffnen. Im Bericht vom April des ersten Jahres wurde festgestellt, dass die Zahl der Studenten von 136 auf 102 gesunken war. Als Hauptgrund wurde die Armut angegeben. Denn die meisten muslimischen Studenten kamen zum Englischlernen aus den entlegensten Gebieten der Provinz. Wegen ihrer Armut lernten sie in den Unterkünften der Diener englischer Gentlemen und mit finanzieller Unterstützung der Sahib. (M. Fazlur Rahman, Bengali Muslims & English Education, S. 74–80; Hunter, The India Mussalmans, S. 203).
Die ausführliche Erörterung der Bildung der Muslime während der britischen Herrschaft erfolgte aus zwei Gründen. Der eine besteht darin, die stiefmütterliche Behandlung der Muslime durch die englische Regierung nachzuweisen. Der zweite Grund ist, den gegen die Muslime erhobenen Vorwurf, sie hätten die englische Bildung abgelehnt, als unbegründet zu erweisen. Ich hoffe, dass diese beiden Punkte durch die obige Erörterung deutlich geworden sind. Als Beweis möchte ich noch ein oder zwei Dinge festhalten.
Lord Macaulay wurde 1834 als Mitglied für Rechtsfragen in das britische Parlament berufen. Er beschrieb den Zweck der Bildungspolitik der britischen Regierung in Indien und sagte:
„Wir müssen gegenwärtig eine Klasse heranbilden, die in der Gesellschaft als Dolmetscher zwischen den Herrschern und den Beherrschten dienen wird. Ihrer körperlichen Gestalt und Hautfarbe nach werden sie Inder sein, ihrem Geschmack, ihren Ansichten, ihren moralischen Grundsätzen und ihrem Verstand nach jedoch reine Engländer. (Woodrow Macaulay’s Minutes on Education in India, 1862: Abd al-Mawdud, Die Entwicklung der mittelständischen Gesellschaft: Der Wandel der Kultur, S. 97).
Macaulay sagte weiter: „Ich bin fest davon überzeugt, dass es innerhalb von dreißig Jahren, wenn unsere Bildungspolitik umgesetzt wird, in der gebildeten und vornehmen bengalischen Gesellschaft keinen einzigen Götzenanbeter mehr geben wird.“ (Trevelyan – Life and Letters of Lord Macaulay, Bd. 1, S. 455)
Was Macaulay in seiner ersten Äußerung nach dreißig Jahren sehen wollte, hatte vielleicht bereits begonnen, ohne dass er dies, in England lebend, erkennen konnte. 1832 wurden Informationen darüber gesammelt, wie stark die Nachfrage nach britischen Waren gestiegen war. In diesem Bericht heißt es, dass in der mittelständischen Gesellschaft Kalkuttas nicht nur die Nachfrage nach britischen Textilien gestiegen sei. Vielmehr seien auch Nachfrage und Wertschätzung für britische alkoholische Getränke gestiegen. Die Anziehungskraft britischer Luxusgüter habe unter ihnen zugenommen. Sie besäßen mit britischen Möbeln ausgestattete Häuser und Kutschen und tränken auch Alkohol. Die Eingeborenen tränken gewiss mehr Alkohol. Denn sie wollten offenbar beweisen, dass sie gegenüber der Firangipanah (in Macaulays Worten: in Geschmack, Ansichten und moralischen Grundsätzen reine Engländer zu sein) weder Abneigung noch Hass empfänden. Sie tränken Schnaps, Brandy und Bier. (Select Committee Report, House of Commons, 1831–32, Mawdud; S. 10).
Zur Erläuterung der staatlichen „Trickle-down-Politik“ im Bildungswesen sagte Sir Trevelyan: „Die wohlhabenden Kaufleute und die gebildete Gemeinschaft werden zunächst davon profitieren; eine Gruppe neuer Lehrer wird entstehen; in den Landessprachen werden mehr Bücher veröffentlicht werden. Dann werden wir uns mithilfe all dessen von den Städten in die Dörfer und von wenigen zu den Häusern der großen Masse des Volkes vorarbeiten – Grundschulen werden gegründet werden. Unsere Mittel sind jedoch begrenzt, während Millionen Menschen gebildet werden müssen. Deshalb ist eine Auswahl notwendig, und zunächst wurde das Augenmerk auf die Angehörigen der oberen Mittelschicht gerichtet. Denn wenn sie gebildet sind, wird sich auch in der breiten Bevölkerung die Möglichkeit ausbreiten.“
(Abdul Mawdud: Die Entwicklung der Mittelschicht, S. 97–98; Trevelyan, S. 48).
Aus dem Mund des Herrn Trevelyan ist die eigentliche Gesinnung der englischen Herrscher herausgekommen. Mit Unterstützung der wohlhabenden, kaufmännischen und hinduistischen Mittelschicht haben sie den Muslimen die politische Macht entrissen. Durch Handel und Geschäftsbeziehungen ist ihre Verbindung mit dieser Mittelschicht immer enger geworden. Indem sie diese vollständig zufriedenstellen, werden sie in der Lage sein, ihre Herrschaft in diesem Land zu festigen. Es ist daher nicht verwunderlich, wenn ihre gesamte Gunst gerade auf diese besondere Klasse herabregnet, selbst wenn dies ungerecht ist. Die christlichen Missionare bemühten sich, die Bildung in diesem Land zu verbreiten. Ihre Absichten waren jedoch keineswegs edel. Da ihre Aufforderungen und Bitten an die Muslime, unter dem Vorwand der Bildung ihr „Evangelium“ anzunehmen, erfolglos blieben, konnten sie den Muslimen nicht wohlgesinnt sein. Dieser Misserfolg verleitete sie schließlich dazu, gegen den Islam und seinen großen Propheten Propaganda zu betreiben. So wurde das Schicksal der Muslime durch das Zusammenspiel von Missionaren, englischen Herrschern und deren hinduistischen Verbündeten aus der Mittelschicht zermalmt; sie wurden aus dem Bildungsbereich und dem Erwerbsleben verdrängt und aller übrigen Möglichkeiten und Vergünstigungen beraubt.
Die Menschen dieses Landes mussten das für Bildung und Wohlergehen erforderliche Geld nicht aus Großbritannien beziehen. Das Geld dieses Landes konnte für die Menschen dieses Landes ausgegeben werden. Und es wurde niemals als Gunst oder Wohltat betrachtet. Es war das Recht der Bewohner dieses Landes. Doch die Muslime wurden dieses Rechts beraubt. Ganz zu schweigen davon, dass aus staatlichen Mitteln Ausgaben für die Bildung der Muslime bewilligt worden wären: Selbst die für die Bildung der Muslime bestimmten Spenden haben sie unterschlagen und für ungeeignete Zwecke verwendet. Nehmen wir als Beispiel die Spende des wohltätigen Haji Muhammad Muhsin. Statt die Darstellung der Muslime zu diesem Thema wiederzugeben, soll hier angeführt werden, was der berühmte englische Christ Hunter dazu gesagt hat:
Im Jahr 1806 vermachte ein wohlhabender und angesehener Muslim aus dem Distrikt Hugli bei seinem Tod seinen umfangreichen Zamindari-Besitz für wohltätige Zwecke. Später kam es zwischen seinen beiden Treuhändern zu einem Streit. Als sie sich 1810 gegenseitig des Missbrauchs des Eigentums beschuldigten, spitzte sich die Krise zu, und der englische Collector des Distrikts übernahm den Besitz vorbehaltlich der Entscheidung des Gerichts. Als der Prozess bis 1816 andauerte, entließ er beide Treuhänder und übernahm die Verwaltung des genannten Zamindari-Besitzes selbst. Die Regierung übernahm die Verantwortung eines Treuhänders und ernannte anstelle des zweiten einen neuen. Im folgenden Jahr wurde der gesamte Besitz unter der Bedingung verpachtet, dass die festgesetzten Abgaben entrichtet würden. Während des Prozesses beliefen sich die Gesamteinnahmen aus der Verpachtung, einschließlich der rückständigen Forderungen, auf 105.700 Pfund Sterling. (Aus diesen Einnahmen wurden die Kosten für das College-Gebäude bezahlt.) Darüber hinaus ergab sich aus den jährlichen Einnahmen des Zamindari-Besitzes bis dahin ein zusätzlicher Überschuss von 12.000 Pfund Sterling.
„Wie ich bereits gesagt habe, wurde der Trust gegründet, um die Einnahmen des Zamindari-Besitzes für verschiedene gute Zwecke zu verwenden. Zu den im Testament genannten Verwendungszwecken gehören die Durchführung bestimmter religiöser Predigtveranstaltungen, die Instandhaltung des Hugli-Imambara oder der Großen Moschee, eines Friedhofs, bestimmter Stipendien sowie die Bestreitung der Ausgaben verschiedener religiöser Einrichtungen. Die Finanzierung einer Bildungseinrichtung fällt unter den Zweck, zu dem der Trust errichtet wurde. Nach dem Willen des Stifters musste es sich jedoch um eine ordnungsgemäße Bildungseinrichtung für Muslime handeln. In muslimischen Ländern gilt die Gründung von Colleges für begabte arme Studenten als religiöses Werk. Die Mittel dieses Testaments für ein nichtmuslimisches College zu verwenden, wäre jedoch als Abweichung vom Willen des Erblassers und als schwerwiegender Missbrauch der Befugnisse der Treuhänder zu betrachten.
„Daher lässt sich leicht ermessen, mit welchem Zorn die Muslime der englischen Regierung wegen der Veruntreuung der Fondsmittel beschuldigen konnten, weil diese für die Gründung eines englischen Colleges verwendet worden waren. Tatsächlich ist es genau so geschehen. Mit den Geldern des Eigentums, das ausschließlich für islamisch-religiöse Zwecke bestimmt war, hat die Regierung eine Bildungseinrichtung errichtet, in der gegen die Grundsätze des Islam verstoßende Fächer unterrichtet werden und aus der die Muslime faktisch ausgeschlossen wurden.
Heute ist der Leiter dieser Einrichtung ein englischer Herr, der kein einziges Wort Persisch oder Arabisch kennt. Für den Unterricht all jener Fächer, die die Muslime verabscheuen, erhält dieser Leiter aus dem ausschließlich für die Belange der Muslime bestimmten Fonds ein Jahresgehalt von 1.500 Pfund Sterling. Das ist selbstverständlich kein Verbrechen dieses Leiters. Schuld ist vielmehr die Regierung, die ihn mit dieser Aufgabe betraut hat. Seit fünfunddreißig Jahren veruntreut die Regierung vorsätzlich die Mittel dieses gewaltigen Bildungsfonds. Als vergeblichen Versuch, ihr schwerwiegendes Vergehen des Treubruchs zu vertuschen, gliederte die Regierung dem englischen College eine kleine muslimische Schule, die Hugli-Madrasa, an. Abgesehen davon, dass Mittel des genannten Fonds für den Bau des College-Gebäudes veruntreut wurden, werden aus dem Fonds jährlich 5.000 Pfund Sterling für den Unterhalt des Colleges ausgegeben. Die tatsächliche Lage ist also folgende: Von den Einnahmen des Fonds in Höhe von 5.260 Pfund Sterling werden nur 250 Pfund Sterling für die genannte kleine muslimische Schule ausgegeben, und als Beweis für den ursprünglichen Charakter des Trusts besteht allein diese kleine muslimische Schule fort.
„Über den Vorwurf dieser Veruntreuung zu streiten ist sehr schwierig, weil er nicht widerlegt werden kann. Die Muslime erheben immer wieder den Vorwurf, dass die nichtmuslimische englische Regierung in der unlauteren Absicht, den Besitz dieses gewaltigen religiösen Eigentums der Muslime an sich zu bringen, die Misswirtschaft der muslimischen Treuhänder ausgenutzt habe und danach entgegen dem heiligen religiösen Zweck des Stifters eine Bildungseinrichtung errichtet habe, die den Interessen der Muslime zuwiderläuft; dadurch erscheint das von der Regierung begangene Vergehen noch schwerwiegender. Es heißt, dass vor einigen Jahren unter den insgesamt dreihundert Studenten des betreffenden englischen Colleges nicht einmal ein Prozent Muslim war. Auch wenn diese entehrende Diskriminierung später abgenommen hat, besteht die Unzufriedenheit der Muslime über das Unrecht bis heute fort. Ein Zivilbeamter, der die Angelegenheit eingehend untersucht hat, schrieb:
errichtet wurde, wo gegen die Grundsätze des Islam verstoßende Inhalte gelehrt werden und aus welcher Einrichtung Muslime faktisch ausgeschlossen wurden.
Der derzeitige Leiter dieser Einrichtung ist ein englischer Gentleman, der kein einziges Wort Persisch oder Arabisch kennt. Für den Unterricht all jener Fächer, die Muslime verabscheuen, erhält dieser Leiter ein Jahresgehalt von 1.500 Pfund Sterling aus einem Fonds, der ausschließlich für die Belange der Muslime bestimmt ist. Natürlich trifft den Leiter daran keine Schuld. Schuld trägt vielmehr die Regierung, die ihn mit dieser Aufgabe betraut hat. Seit fünfunddreißig Jahren veruntreut die Regierung vorsätzlich die Mittel dieses gewaltigen Bildungsfonds. Die Regierung gliederte dem College eine kleine muslimische Schule, die Hugli-Madrasa, an. Abgesehen davon, dass die Mittel dieses Fonds für den Bau des Collegegebäudes veruntreut wurden, werden jährlich 5.000 Pfund Sterling aus dem Fonds für die Unterhaltung des Colleges aufgewendet. Tatsächlich verhält es sich also so, dass von den Einnahmen des Fonds in Höhe von 5.260 Pfund Sterling nur 250 Pfund Sterling für die genannte kleine muslimische Schule ausgegeben werden; und als Beweis für den ursprünglichen Charakter des Trusts ist allein diese kleine muslimische Schule erhalten geblieben.
„Über den Vorwurf dieser Veruntreuung zu streiten ist äußerst schwierig, weil er nicht widerlegt werden kann. Die Muslime beklagen, dass die ungläubige englische Regierung in der üblen Absicht, sich das Eigentum an diesem gewaltigen religiösen Vermögen der Muslime anzueignen, die muslimische Misswirtschaft des Vermögens ausgenutzt und anschließend entgegen der heiligen religiösen Absicht des Stifters eine Bildungseinrichtung gegründet habe, die den Interessen der Muslime zuwiderlaufe; dadurch sei das von der Regierung begangene Vergehen noch schwerwiegender geworden. Es heißt, dass vor einigen Jahren unter den insgesamt dreihundert Studenten des fraglichen englischen Colleges nicht einmal ein Prozent Muslime waren. Auch wenn diese erniedrigende Diskriminierung später abnahm, hält die Unzufriedenheit der Muslime über das Unrecht bis heute an. Ein Zivilbeamter, der die Angelegenheit eingehend untersucht hat, schrieb:“
„Ich kann durch Beweise darlegen, dass es keineswegs schwierig ist, die Abscheu und Verachtung zu übertreiben, welche die britische Regierung in dieser Angelegenheit durch ihr eigenes Handeln auf sich gezogen hat: Während meines achtundzwanzigjährigen Aufenthalts in Indien habe ich die Wahrheit dieser Angelegenheit überprüft (innerhalb weniger Wochen nach meiner ersten Ankunft in diesem Land besuchte ich Hugli), und ich kann sagen, dass ich damals weder von einem Einheimischen noch von einem Europäer etwas anderes gehört habe. Ob dies nun zutrifft oder nicht: Die Muslime sind der Ansicht, dass die Regierung ihnen gegenüber in dieser Angelegenheit ungerecht und engstirnig gehandelt hat, und für sie ist dies zu einer dauerhaften bitteren Erfahrung geworden.“
(W. W. Hunter, The Indian Mussalmans, bengalische Übersetzung von M. Anisuzzaman, S. 163–165).
Dies waren die unmissverständlichen Aussagen zweier englischer Herren, die als äußerst verantwortliche Beamte der britischen Regierung in dieses Land gekommen waren. Angesichts des äußersten Unrechts gegenüber den Muslimen mag ihre innere Stimme vielleicht aufgeschrien haben. In ihren Schriften fand dieser Aufschrei seinen Ausdruck. Doch hatte selbst dies die unbesonnene und tyrannische Regierung zur Besinnung gebracht? Sie betrachteten die eine Gruppe dieses Landes als ihre Feinde und die andere als ihre engsten Freunde. Sie eigneten sich das rechtmäßige Eigentum der Feinde an und verschafften damit ihren Freunden Genugtuung. Bis zum Ende der britischen Herrschaft dauerte dieses Unrecht an. Der Verfasser verbrachte von 1925 bis 1930 seine Kindheit in der kleinen muslimischen Schule neben dem genannten College. Auch damals war keinerlei Veränderung an dem von Hunter beschriebenen Zustand zu erkennen. Man kann ohne Zögern sagen, dass sich in der Menschheitsgeschichte wohl nirgendwo eine größere Veruntreuung und ein größerer Missbrauch religiöser Spenden finden lässt. Es ist als ein Unglück der Muslime zu bezeichnen, dass nach dem Abzug der Briten aus diesem Land gerade deren einstige Verbündete das Vermögen und den Fonds dieser Stiftung als Erbschaft erhielten. Eine Veränderung der Lage ist daher undenkbar.
Gerade die tiefgreifende Verschwörung dieses Dreigestirns – der englischen Herrschergruppe, der christlichen Missionare und der hinduistischen Mittelschicht Bengalens – führte dazu, dass die Muslime der staatlichen Förderung beraubt wurden und ihnen dadurch die Wege zu Bildung und Lebensunterhalt versperrt waren. Ab dem 1. April 1837 wurde in den staatlichen Angelegenheiten, Ämtern und Gerichten die englische Sprache eingeführt. Bemerkenswert ist, dass die Engländer unter Anwendung einer verschlagenen Taktik ihre Anglisierungspolitik heimlich einführten, um ihre Absicht durchzusetzen, ohne die Bevölkerung davon in Kenntnis zu setzen. Die von ihnen bevorzugte gesellschaftliche Gruppe jedoch kannte diese geheime Verschwörung. Daher nahm sie vom 1. April an, als plötzlich die englische Sprache eingeführt wurde, unverzüglich in sämtlichen Regierungsämtern festen Fuß. Unterdessen wurde durch die heimtückischen Machenschaften der englischen Missionare sogar Urdu, der bedeutendste sprachliche Beitrag der Muslime mit seinem arabischen und persischen Wortschatz, verdrängt und eine mit Sanskritwörtern überladene Hindustani-Sprache geschaffen; als einzige von der Regierung anerkannte Landessprache wurde sie als Nachweis für den Zugang zu einer Anstellung anerkannt.
(Abdul Mawdud: Die Entwicklung der Mittelschicht … S. 98–99). Ihr Ziel war es, den Muslimen die Türen zu sämtlichen Anstellungen zu verschließen.
So wurde die englische Bildung hauptsächlich aus politischen Erwägungen und zum Wohle nur einer einzigen städtischen Klasse eingeführt. Tatsächlich war die englische Bildung der einzige Pass, der den Einheimischen den Zugang zu Stellen in staatlichen Ämtern und Gerichten eröffnete. Daher wurde diese Sprache rasch, zielstrebig und überall gelehrt. Der verhängnisvollste Aspekt dieser Bildungspolitik war jedoch, dass sie auf die gebildete Mittelschicht beschränkt wurde, während die breite Bevölkerung tragischerweise vernachlässigt blieb. Zudem eigneten sich die Hindus der Mittelschicht sämtliche Vorteile und Möglichkeiten der englischen Bildung an; die vornehmen Hindus und die gesamte muslimische Bevölkerung blieben hingegen weitgehend außen vor. In diesem Durchdringungskampf zur Verenglischung des Landes siegten die Anhänger Macaulays. (Abdul Mawdud: Die Entwicklung der Mittelschicht, S. 99–100; John Marshal, An Advanced History of India, S. 818–819).
Um ein umfassendes Verständnis der Lage der Muslime im Bildungs- und Beschäftigungswesen des neunzehnten Jahrhunderts zu ermöglichen, werden im Folgenden einige Aufstellungen angefügt.
Zahl der hinduistischen und muslimischen Schüler an staatlichen Schulen und Colleges am 30. April 1852:
Bildungseinrichtung Hindus Muslime Andere Gesamt
Hindu College 471 0 0 471
Pathmala 216 0 0 216
Branch School 255 0 0 255
Sanskrit College 299 0 0 299
Madrasa 0 433 0 433
Hooghly College 389 6 2 397
Hooghly Branch School 160 2 2 164
Hooghly Madrasa 18 145 0 163
Hooghly Maktab 9 47 0 56
Sitapur Madrasa 0 40 0 40
Dhaka College 323 29 31 383
Krishnanagar College 205 7 1 213
Chittagong College 97 8 20 125
Comilla College 81 6 4 91
Sylhet College 80 11 1 92
Baulia College 83 0 2 85
Medinipur College 117 7 1 125
Jessore College 96 7 0 103
Burdwan College 71 3 0 74
Bankura College 74 0 0 74
Barasat College 174 0 0 174
Howrah College 123 6 0 129
Uttarpara College 175 0 0 175
Barrackpur College 88 2 0 90
Rasapagla College 10 37 0 47
Gesamt 3841 796 64 4674
(A.R. Mallick British Policy & the Muslims in Bengal, S. 280)
Die Schülerzahlen der oben genannten Bildungseinrichtungen im April 1856. Inzwischen war das Hindu College in das Presidency College umgewandelt worden, und an der Kalkutta-Madrasa war für den Englischunterricht eine anglo-persische Abteilung (A.P.) eröffnet worden.
Bildungseinrichtung Hindus Muslime Andere Gesamt
Presidency College 127 0 5 132
Hindu College 462 0 0 462
Kolutola-Schule 567 0 4 571
Madrasa (Arabisch) 0 59 0 59
Madrasa (A.P.) 0 111 0 111
Kalinga-Schule 124 15 4 143
Sanskrit College 339 0 0 339
Pathshala 345 0 0 345
Medizinisches College 148 96 34 278
Madrasa von Hugli 4 175 0 179
Hugli-Zweigschule 169 8 0 177
College von Dhaka 390 24 41 455
College von Krishnanagar 240 7 0 247
College von Berhampur 227 10 5 242
Schule von Howrah 229 3 4 236
Uttarpara-Schule 203 0 0 203
Birbhum-Schule 104 10 0 114
Medinipur-Schule 145 10 0 155
Bankura-Schule 146 1 0 147
Baulia-Schule 129 5 0 134
Raspagla-Schule 40 63 0 103
Barasat-Schule 192 3 0 195
Barrackpur-Schule 116 2 0 118
Jessore-Schule 134 5 2 141
Patna-Schule 144 4 0 148
Faridpur-Schule 102 4 0 106
Barisal-Schule 209 22 3 234
Comilla-Schule 93 16 7 116
Noakhali-Schule 66 1 4 71
Chittagong-Schule 166 42 14 222
Bogra-Schule 85 6 0 91
Dinajpur-Schule 114 8 4 126
Mymensingh-Schule 167 9 8 184
Sylhet-Schule 157 5 2 164
Gesamt 6338 731 147 2216
(A.R. Mallick British Policy & the Muslims in Bengal, S. 281)
Hunter Sahib fügt seinem Werk eine Übersicht darüber hinzu, welche Stellung die Muslime im April 1871 im staatlich geförderten Beschäftigungssektor in Bengalen einnahmen. Sie lautet wie folgt:
Europäer Hindus Muslime Gesamt
Vertraglicher Civil Service
(von der Königin aus England
ernannt 260 0 0 260
In den nicht unter die Regulation fallenden Distrikten
Justizbeamte 47 0 0 47
Zusätzliche Assistenzkommissare 26 7 0 33
Stellvertretende Magistrate und Stellvertretende Kollektoren 53 113 30 196
Einkommensteuerprüfer 11 43 6 60
Registrierungsabteilung 33 25 2 60
Richter des Small Cottage Court und
Subordinate Judge 14 25 8 47
Munsif 0 178 37 216
Polizeiabteilung, aller Besoldungsgruppen
Gazettierte Beamte 106 3 0 109
Abteilung für öffentliche Arbeiten, technische
Establishment 154 19 0 173
Abteilung für öffentliche Arbeiten, nachgeordnete
Personalbestand 72 125 4 201
Abteilung für öffentliche Arbeiten, Rechnungswesen
Personalbestand 22 54 0 76
Medizinische Abteilung,
am Medizinischen College, in Gefängnissen,
in wohltätigen Krankenhäusern, Gesundheits
schutz- und Krankheitspräventionsabteilung
beschäftigte Bedienstete und Distrikt
Medizinische Beamte usw. 89 65 4 158
Volksbildungsabteilung 38 14 1 53
Zoll, Schifffahrt, Vermessung, Opium
Kontrolle und verschiedene andere Abteilungen 412 10 0 422
Insgesamt 1334 681 92 2111
W W Hunter, The Indian Mussalmans, Bangladesh Edition 1975, S. 152).
Nachdem er die obige Aufstellung hinzugefügt hatte, machte Herr Hunter folgende Bemerkung:
Vor hundert Jahren waren alle Regierungsämter ausschließlich Muslimen vorbehalten. Wenn die Herrscher gelegentlich einige Gunstbezeugungen verteilten, nahmen auch Hindus diese dankbar an; und nur vereinzelt waren ein oder zwei Europäer in kleinen Stellen oder vier oder fünf im Schreibdienst zu sehen. Die obige Berechnung zeigt jedoch, dass der Anteil der Muslime später im Vergleich zu den Hindus auf weniger als ein Siebtel gesunken ist. Die Zahl der Hindus beträgt dagegen mehr als die Hälfte der Zahl der Europäer. Die Zahl der Muslime beträgt weniger als ein Viertel der Zahl der Europäer. Diejenigen, die vor hundert Jahren ein ausschließliches Anrecht auf Regierungsdienst hatten, stellen jetzt nur noch ein Dreiundzwanzigstel der Gesamtzahl. Dies gilt zudem für die gazettierten Stellen, bei denen bei der Verteilung staatlicher Patronage große Sorgfalt angewandt wird. In den vergleichsweise einfachen Stellen der Präsidentschaftsstadt ist die Einstellung von Muslimen nahezu zum Erliegen gekommen. Vor einigen Tagen stellte sich heraus, dass es in einer Abteilung nicht einmal einen einzigen Angestellten gab, der die Sprache der Muslime beherrschte, und im Herzen Kalkuttas sieht man nur selten ein Regierungsamt, in dem auch nur ein Muslim in einer höheren Stellung als der eines Tschaprassi oder Pions beschäftigt ist.
Liegt der Grund für all dies etwa darin, dass die Hindus fähiger sind als die Muslime und nur sie ein Recht auf gerechte Behandlung haben? Oder verhält es sich etwa so, dass sie nicht in den staatlichen Dienst eintreten wollen und ihre Stellen den Hindus überlassen haben? Die Hindus verfügen gewiss über hervorragende Begabung; doch besitzen sie gegenwärtig nicht jene allgemeine und außergewöhnliche Begabung, die erforderlich wäre, um die staatlichen Stellen als Monopol zu beanspruchen, und auch ihre Geschichte in der Vergangenheit spricht gegen diese Annahme. Die eigentliche Wahrheit ist, dass die Muslime bis zu dem Zeitpunkt, als die Herrschaft über dieses Land in unsere Hände gelangte, die überlegene Nation waren. Sie waren nicht nur hinsichtlich ihrer geistigen und körperlichen Stärke, sondern auch in der Fähigkeit zur Leitung politischer Organisationen und in der praktischen Kenntnis der Staatsführung eine überlegene Nation. Trotzdem war den Muslimen der Zugang zu staatlichen wie privaten Beschäftigungsfeldern versperrt worden. (W. W. Hunter: The Indian Mussalmans, S. 152–153).
Schon aus dem im vorstehenden Verzeichnis dargestellten Zustand der Muslime im Bereich der Volksbildung wird deutlich, wie man sie vom Bildungswesen fernhielt, um ihnen den Weg zum Lebensunterhalt zu versperren. Wiederholt wurden an die Regierung Forderungen gerichtet, für eine englische Ausbildung der Muslime zu sorgen. Doch all dies verhallte ungehört. Die Muslime waren von Armut niedergedrückt. Die Kosten einer höheren Ausbildung konnten sie nicht tragen. Aber auch die Spenden für die Muslime wurden in dieser Angelegenheit nicht zweckgemäß verwendet, sondern veruntreut.
Ein Muslim aus Patna namens Syed Amir Hossain wurde 1837 anstelle von Ishwarchandra Mitra zum Mitglied des Bengalischen Legislativrats ernannt. Unter den Muslimen veröffentlichte er eine Schrift über die Bildung der Muslime und setzte sich darin mit besonderem Nachdruck für die Ausbreitung ihrer Bildung ein. Er sagte:
Die Fortschritte der englischen Bildung unter den Muslimen bleiben aus. Die Regierung ist in dieser Angelegenheit gleichgültig. Weil sie keine englische Bildung erhalten, können die Muslime nicht mit den anderen Völkern Indiens in Wettbewerb treten. Dabei sind die Muslime an englischer Bildung interessiert … Viele arabisch und persisch gebildete Personen hört man beklagen, dass sie keine Gelegenheit zur englischen Bildung erhalten haben. Deshalb haben sie keine Möglichkeit, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Die Art von Madrasa-Ausbildung, die mit den Mitteln des Mohsin-Fonds in Hooghly, Rajshahi und Chittagong eingerichtet ist, bringt keinen Nutzen. Daher soll die Madrasa in Hooghly aufgehoben werden. Die Ausgaben für die Madrasas in Rajshahi und Chittagong sollen gekürzt werden. Auf diese Weise würden im Mohsin-Fonds 93.000 Taka übrig bleiben; mit diesem Geld soll in den Räumlichkeiten der Madrasa von Kalkutta ein eigenständiges Graduiertenkolleg eröffnet werden. Dadurch würde die höhere englische Bildung unter den Muslimen zunehmen, ohne dass der Regierung zusätzliche Kosten entstünden.
Doch eine so vernünftige Argumentation fand bei der Regierung kein Gehör. Der damalige Gouverneur schenkte dem Vorschlag von Amir Hossain keine Beachtung. Unter diesem Vorwand hieß es: „Noch immer ist das Interesse der Muslime an der Madrasa-Ausbildung nicht zurückgegangen, und ihr Interesse an der englischen Bildung hat nicht zugenommen. In ganz Bengalen bestehen durchschnittlich 32 muslimische Jungen im Jahr die Aufnahmeprüfung. Von ihnen besuchen höchstens 20 ein College. Bei einer so geringen Zahl von Studenten ist es nicht gerechtfertigt, ein College wie das Presidency College zu eröffnen. Es genügt, wenn man muslimischen Studenten an den Colleges von Kalkutta ermöglicht, für ein Drittel der Gebühren zu studieren.“
Einerseits waren es die Unterdrückung, Gleichgültigkeit und Vernachlässigung aufgrund der feindseligen Haltung der ausländischen Herrschermacht, andererseits der herzlose Ausschluss der von eben dieser Macht begünstigten Nachbargemeinschaft sowie deren Eifer, ihre eigenen Interessen zu wahren, durch den die Muslime planmäßig aus allen Bereichen der Bildung und damit des Lebensunterhalts verdrängt wurden – dies war die Ursache für den Rückstand der Muslime.
(Abdul Mawdud: Die Entwicklung der Mittelschicht, S. 332–334).
Als sie die Notwendigkeit der englischen Bildung erkannten, waren nicht nur die muslimischen Jungen nach englischer Bildung begierig. Auch die muslimischen Mädchen hinter dem Purdah waren daran interessiert. Doch für sie wurde keine Einrichtung geschaffen. Obwohl 1849 in Kalkutta die Bethune School gegründet wurde, die später in das Bethune College umgewandelt wurde, hatten muslimische Mädchen dort keinen Zutritt. Abdul Mawdud führt in seinem Werk unter Berufung auf die am 23. Magh des Jahres 1309 veröffentlichte „Muslim Bangla Samayikpatra“ aus:
Ein Artikel in der Zeitschrift „Mihir o Sudhakar“ schrieb unter dem Titel „Englische Bildung in der muslimischen Frauengesellschaft“ Folgendes:
Wir hätten niemals im Traum daran gedacht, dass die Volkszählung von 1901 uns von der englischen Bildung von 400 muslimischen Frauen berichten würde. Was ist nach der Veröffentlichung dieser Nachricht unsere Pflicht? Wenn die Einführung der englischen Bildung im inneren Frauenbereich möglich ist, warum sollte man sich dann dagegen sträuben, Schulen zu errichten und die Mädchen zu unterrichten? Muslimische Mädchen haben keinen Zutritt zur Bethul School in Kalkutta. Außer der Bethune School haben muslimische Mädchen keinen Zutritt zu anderen Schulen. Sie können die Bethune School besuchen. Insbesondere wäre es der beste Weg, an unseren Mädchenschulen englischen Unterricht einzurichten. (Abdul Mawud: Die Entwicklung der Mittelschicht … S. 335).
Doch alle Bitten und Eingaben der Muslime sowie ihre Forderungen nach der Durchsetzung ihrer Rechte wurden zu einem Ruf in der Wüste. Infolgedessen blieb die unglückliche muslimische Gemeinschaft fast ein Jahrhundert lang vom Licht der Bildung ausgeschlossen. Im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts wurde 1925 für die höhere Bildung muslimischer Frauen die Calcutta Memorial Girls’ School gegründet. Einige Zeit vor der Teilung Indiens wurde in Kalkutta für Muslime das Lady Brabourne College gegründet.
Die Muslime Bengalens und die neu geformte neue bengalische Sprache
Die Gelehrten der bengalischen Sprache haben über die Entstehung und schrittweise Entwicklung der bengalischen Sprache und insbesondere der bengalischen Prosa ausführlich diskutiert, und darüber sind auch umfangreiche Werke verfasst worden. Hier ist nicht der Raum für eine solche Erörterung. Wenn man jedoch die bengalische Sprache aus der Geschichte der Muslime Bengalens ausklammert, wäre dies ein Unrecht an der Geschichte. Deshalb ist es nötig, wenigstens kurz die wesentlichen Punkte zu diesem Thema festzuhalten. Bei einer Betrachtung der Geschichte der bengalischen Sprache zeigt sich, dass sie vor 1778 eine bestimmte Gestalt und Form hatte und danach eine andere Form annahm.
Die Gestalt, die die bengalische Sprache vor der Ankunft der Engländer in diesem Land hatte, enthielt eine Fülle arabischer und persischer Wörter. Sie war die damalige gemeinsame Muttersprache ganz Bengalens. Diese Literatur entwickelte sich hauptsächlich in Versform. Prosaliteratur war nicht in gleichem Maße verbreitet; und selbst wenn es sie gab, wurden keine Anstrengungen zu ihrer Weiterentwicklung unternommen. Diese mit arabischen und persischen Wörtern reiche bengalische Sprache war nicht nur die Sprache der Muslime dieses Landes. Sie gehörte unterschiedslos Hindus und Muslimen gleichermaßen. In Briefen, Urkunden und Dokumenten sowie bei Eingaben an die Regierung verwendeten Hindus und Muslime gleichermaßen diese Sprache. Als Beispiel wird hier ein aus alten Aufzeichnungen entnommener Brief eines Hindus angeführt:
Shri Ram. Garib Nawaz, mögest du wohlbehalten sein. In meinem Zamindari-Pargana Kakjol sind dessen zwei Dörfer Shikasti geworden, und diese beiden Dörfer sind Payasti geworden – heute hält und genießt Shri Hare Krishta Ray Chaudhuri aus Chakla Ekbelpur sie gewaltsam in seinem Besitz. Ich gehe an der Aufbringung der Malguzari zugrunde – ich bitte darum, dass die Regierung einen Chobdar entsendet, der vor Ort eintrifft, Torfen vorlädt, Gericht hält und mir mein Recht verschafft. Geschrieben am 11. Shrabon 1185. Dein ergebenster Diener, Jagatadhib Ray. (Das englische Datum dieses Briefes ist der 26. Juli 1778.)
Unter Bezugnahme auf diesen Brief äußert sich Sजनिकান্ত zu der zeitgenössischen bengalischen Literatur und Kultur folgendermaßen:
In gewisser Hinsicht ist das authentische Hervortreten der Sprache im Jahr 1778 ein Ergebnis des muslimischen Einflusses im Land. Später setzten sich Henry-Peter Fromter und William Carey nachdrücklich dafür ein, die bengalische Sprache als Tochter der Sanskrit-Muttersprache zu betrachten und das unbefugte Eindringen des Arabischen und Persischen zurückzuweisen. (Geschichte der bengalischen Literatur, S. 62).
Sajanikanta sagt ferner: Wären die Engländer nicht gekommen, müssten wir auch heute noch mit „Gharib Nawaz salamat“ beginnen und mit „Fidwi“ enden. Ob das zum Guten oder zum Schlechten gewesen wäre, darüber heute zu urteilen, ist nutzlos. … 1778 begann dieses Opfer zur Ausrottung des Arabischen und Persischen, und 1838 fand es durch die gesetzliche Einführung des Bengalischen und Englischen anstelle des Arabischen und Persischen in den zur Zeit der Kompanie bestehenden Zentral- und Bezirksgerichten seine Vollendung. In diesem Jahr wurde auch Bankimchandra geboren. Die Geschichte dieses Opfers ist äußerst interessant. Damals wurden mehrere Wörterbücher verfasst und veröffentlicht, um das Arabische und Persische als unrein zu brandmarken und reine Wörter zu verbreiten. Wann immer es ihnen gelegen kam, wandten sich die Engländer gegen das Arabische und Persische und gaben dem Bengalischen und Sanskrit den Vorrang. Infolgedessen veränderten sich innerhalb von zehn bis fünfzehn Jahren Gestalt und Wesen der bengalischen Prosa vollständig. (Geschichte der bengalischen Pros साहित्य, S. 32).
Für den oben erwähnten William Carey und die anderen Engländer gab es Gründe für ihre Unterstützung des Vorgehens gegen das Arabische und Persische. Abdul Mawdud hat zu Recht gesagt: Der Eroberungszug Europas im Osten erfolgte nach einem sorgfältig ausgearbeiteten Dreiphasenplan: zunächst als Händler mit Waren, dahinter mit Waffen unter dem Vorwand, die Sicherheit der Waren zu gewährleisten, und hinter ihnen Missionare mit dem hehren Ziel, westliche Bildung und Kultur zu vermitteln. (Abdul Mawdud: Die Entwicklung der Mittelschicht …, S. 363).
In der dritten Phase kamen die christlichen Missionare, um westliche Bildung und Kultur zu vermitteln. Diese Aussage ist äußerst bedeutsam. In England waren zur Verbreitung des Christentums in den Ländern unter britischer Herrschaft mehrere religiöse Gesellschaften gegründet worden; unter ihnen war die Clapham-Gruppe unter der Führung von Wilberforce besonders bemerkenswert (Clapham Seer). Charles Grant war Mitglied dieser Gruppe und Direktor der East India Company. Nach seiner Indienreise zeichnete er ein niederschmetterndes Bild vom religiösen und sittlichen Zustand der Bewohner dieses Landes und sagte: „Die einzige Lösung für die Finsternis, in der sie versunken sind, besteht darin, unter ihnen das Licht des Christentums zu entzünden. Die Hindus irren, weil sie unwissend sind. Ihre Irrtümer sind ihnen nicht aufgezeigt worden. Der beste Weg, die Zügellosigkeit und Sündhaftigkeit zu beseitigen, in denen sie leben, besteht darin, unter ihnen unser Licht und unser Wissen zu verbreiten.“
(Grants Beobachtungen, veröffentlicht in dem gedruckten Parlamentsdokument zu den Angelegenheiten Indiens, mehrere Bände, Bd. 8 (734), Anhang 1. Veröffentlicht 1832, S. 3–60; M. Fazlur Rahman: Die bengalischen Muslime und die englische Bildung, S. 30–32).
Die christlichen Missionare wählten für die Verbreitung ihrer Religion hauptsächlich die Hindus dieses Landes aus. Dafür mussten sie zwangsläufig die bengalische Sprache lernen und lehren. Zu diesem Zweck gründeten sie in Hugli-Srirampur eine Druckerei. Wie bereits gesagt, war die Form, die die bengalische Sprache bis dahin angenommen hatte, ein gemischtes Bengalisch, also ein mit arabischen und persischen Wörtern vermischtes Bengalisch. Obwohl dieses Bengalisch die Umgangssprache von Hindus und Muslimen gleichermaßen war, verachteten die hinduistischen Brahmanen-Gelehrten diese Sprache. Das muslimische Volk war für sie ein „Mleccha“, ein „Yavana“ und ein verachtenswertes Wesen. Auch dessen arabische und persische Sprache war ihnen verhasst. Vermutlich witterten die orthodoxen hinduistischen Gelehrten in den arabischen und persischen Wörtern den Geruch von Rindfleisch. Sie verfluchten diese Sprache, indem sie sie als Prakrit oder Volkssprache bezeichneten. Bereits zuvor waren unter der Herrschaft muslimischer Sultane viele Werke der hinduistischen Religion in diese Sprache übersetzt worden. Die Gelehrten jener Zeit verkündeten ein religiöses Verdikt:
Die achtzehn Purāṇas, die Taten Rāmas und dergleichen
In der Sprache, das heißt in der Volkssprache, ist für jeden Menschen, der die achtzehn Purāṇas, die Geschichte Rāmas und dergleichen hört, ein Platz in der Hölle Raurava bestimmt.
(Abdul Mawudud: Die Entwicklung der Mittelklasse …, S. 344).
Auch die christlichen Missionare erkannten sehr wohl, dass es ohne eine Reinigung der Sprache, die von den hinduistischen Gelehrten verachtet wurde, schwierig sein würde, durch sie Menschen für das Christentum zu gewinnen. Daher gingen sie mit dem Plan vor, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: die Sprache vor dem Einfluss des Arabischen und Persischen zu bewahren und sie für Hindus annehmbar zu machen sowie das von Sajanikanta erwähnte Opfer- beziehungsweise Vernichtungsritual zur Auslöschung der bengalischen Muttersprache der Muslime zu vollenden. Zu diesem großen (?) Zweck verfasste Nathaniel Brassey Halhed (Halhed) 1778 eine bengalische Grammatik unter dem Titel A Grammar of the Bengali Literature, die von der Serampore Press veröffentlicht wurde. Als gedrucktes Werk war dies das erste, in dem bengalische Schriftzeichen verwendet wurden. Durch diese Grammatik entstand anstelle der bis dahin gebräuchlichen bengalischen Sprache eine neue bengalische Sprache. Diese war vollständig frei von arabischen und persischen Wörtern und reich an Sanskritwörtern. In der Einleitung der Grammatik sagt Halhed: „In diesem Zeitalter sprechen nur diejenigen in einer verfeinerten Sprache, die unzählige arabische und persische Substantive mit den indischen Verben vermischen.“ Es steht daher außer Zweifel, dass die verfeinerte bengalische Umgangs- und Prosasprache des achtzehnten Jahrhunderts in ihrer Struktur eine Fülle arabischer und persischer Wörter enthielt – ein Beispiel dafür haben wir in dem oben erwähnten Brief des Hindu Jagatadhiv Ray gesehen.
Bemerkenswert ist, dass 1801 am Fort William College eine bengalische Abteilung eröffnet wurde, um den englischen Zivilbeamten der Kompanie Bengali beizubringen. William Carey wurde zum Leiter dieser Abteilung ernannt. Unter ihm wurden acht Gelehrte angestellt. Unter ihnen waren Mrityunjay Tarkalankar und Ramram Basu besonders bekannt. Mit ihrer Unterstützung begann Carey, bengalische Prosawerke zu verfassen und zu veröffentlichen. Zuerst entstand „Kathopakathan“ und danach „Itihas Mala“. Selbstverständlich war die Sprache beider Werke dem Sanskritstil verpflichtet, und auch ihr Inhalt war frei von Muslimen. Pratapaditya, Rup Sanatan und Birbal waren die zentralen Figuren ihrer Darstellung der indischen Geschichte. Somit wurde unter englischer Förderung das Feld für die Bestrebungen der Gelehrten und für die Verherrlichung des Hinduismus sowohl hinsichtlich der Sprache als auch des Inhalts weit geöffnet. Einerseits herrschte bei den Missionaren die Anmaßung, ein unzivilisiertes Volk aus der Dunkelheit ans Licht zu führen. Andererseits zeigten die Gelehrten einen grenzenlosen Eifer und ein großes Interesse daran, Bengali als Tochter des Sanskrit fest zu etablieren und dadurch die Größe der Hindus zum Ausdruck zu bringen. Bei der Bewertung von Sprache und Inhalt der damals unter Careys Führung von den Gelehrten verfassten Werke spiegeln sich diese beiden Ziele vollkommen wider.
(Die Geschichte der bengalischen Pros साहित्यatur, Sajanikanta Das, S. 112; Abdul Mawudud: Die Entwicklung der Mittelklasse: Der Wandel der Kultur, S. 364).
Auf Grundlage dieser Tatsachen ist heute sonnenklar, dass die Muslime durch das Zusammenspiel von Engländern und Hindus nicht nur aus dem politischen und wirtschaftlichen Bereich vertrieben wurden. Auch ihre Muttersprache, die sich über mehrere vergangene Jahrhunderte hinweg herausgebildet hatte, wurde zunichtegemacht. Sie wurden von der hohen Stellung in der Gesellschaft hinabgestoßen. Man nahm ihnen die Nahrung aus dem Mund und gab sie anderen, und durch das „Vernichtungsritual“ wurde auch ihr letzter Besitz, die Sprache ihres Mundes, zerstört.
Der verehrte Abdul Mawudud sagt: „Gerade als sich in dieser Mischform der bengalischen Sprache eine Literatur zu entwickeln begann, verwandelte sich die Waage des Händlers in das Zepter der Herrschaft, und auch die Missionare, die den Händlern zu Diensten waren, veränderten die Ausrichtung der Literatursprache.
Die Wegbereiter der westlichen Bildung formten auch die Struktur der bengalischen Sprache nach einem neuen Muster – für die Babu-Gemeinschaft. Dadurch wurde die Babu-Kultur in einer Sprache heraufbeschworen, die nicht nur an das Sanskrit angelehnt, sondern geradezu sanskritähnlich war. Auch dies geschah im Zuge der geplanten Einführung einer neuen Sprache und Kultur, und die Missionare waren eifrig darum bemüht, den Muslimen die Sprache aus dem Mund zu rauben und sie auch in literarischer und kultureller Hinsicht mittellos zu machen.“
(Abdul Mawudud: Die Entwicklung der Mittelklasse, S. 358).
Die neue Sprache der Muslime, die sich auf das Bengali der englischen beziehungsweise missionarischen Zeit gründete und in der Arabisch und Persisch Kraft und Inspiration entfalteten, kann als muslimisches Bengali bezeichnet werden. Natürlich war sie für die Hindus keineswegs akzeptabel. Nachdem das Hindu-Bengali (ein von arabischen und persischen Wörtern befreites, reich an Sanskritwörternes Bengali) nach 1837 von der Regierung als regionale Muttersprache anerkannt worden war, wurde der Weg für den Fortschritt des muslimischen Bengali versperrt. Die bis dahin in Büros und Gerichten gebräuchliche persische Sprache verlor ihre eigene Würde, während die neu geschaffene bengalische Sprache staatliche Förderung erhielt. Das neue Bengali schritt allmählich voran, und nach der Gründung der Universität von Kalkutta erlangte diese Sprache den Rang eines Trägers hinduistischer Kultur und nationaler Hoffnungen und Bestrebungen.
Diese neue bengalische Sprache wurde in Schulen und Hochschulen als Muttersprache verpflichtend gemacht. Selbst an der Kalkutta-Madrasa, an der viele Schüler nicht einmal muslimisches Bengali beherrschten, wurde dieses neue Bengali zum Unterrichtsfach gemacht. Europäische Gelehrte wie Professor Wilson begannen, die Sanskritsprache mit solcher Vehemenz zu propagieren, dass das Erlernen des Sanskrit durch die Engländer zu einer regelrechten Obsession wurde. Wilson verfasste eine einfache Sanskritgrammatik und erleichterte den Engländern dadurch den Zugang zum Sanskritlernen. 1828 wurde er Präsident der Gesellschaft zur Übersetzung europäischer Kenntnisse und Wissenschaften ins Bengali und verfasste unter der Schirmherrschaft des General Committee of Public Instruction, der Allgemeinen Kommission für öffentliche Bildung, zahlreiche Bücher in der neuen bengalischen Sprache. Diese Bücher wurden zu Lehrbüchern. Zwischen dem muslimischen Bengali und dem neuen Bengali bestand nicht nur sprachlich, sondern auch hinsichtlich Inhalt, Kultur und religiöser Überzeugungen ein derart himmelweiter Unterschied, dass die Annahme der neuen Sprache für die Muslime äußerst gefährlich wurde.
Beispielsweise seien im Folgenden die Titel einiger Werke genannt:
Karuna-Nidhan-Bilas, Padanka-Duta, Bishwa-Mangal, Gita Govinda – Werke über Shri Krishna,
Chandi, Ananda-Mangal – Werke über Durga,
Mahima-Stava, Ganga-Bhakti – Werke über Shiva und Ganga
Chaitanya-Charitamrita, Rasa-Manjari, Adi-Rasa, Padavali, Rati-Kala, Rati-Vilasa – Werke, die die Liebe erregen
Als Lehrbücher in den Schulen angenommen:
„Shishu Bodhak“ wurde in den Schulen der Städte und Dörfer Bengalens umfassend unterrichtet. Darin fanden sich zahlreiche Übersetzungen sanskritischer Verse, die hauptsächlich von hinduistischen Göttern und Göttinnen handelten. Die ersten Lektionen begannen mit Gebeten an Saraswati, Ganga und andere.
Dann ist von „Anand Mangal“ zu sprechen. Auch dieses Werk ist von Anfang bis Ende mit Lobpreisungen des Hinduismus und seiner Götter und Göttinnen angefüllt. Es lassen sich noch viele weitere Lehrbücher dieser Art nennen. M. Fazlur Rahman: The Bengalu Muslims & English Education, S. 106–108).
Bemerkenswert ist, dass die bengalische Sprache, die bereits mehrere Jahrhunderte vor dem sanskritisierten Hindu-Bengalisch gepflegt und weiterentwickelt worden war, hauptsächlich in der volkstümlichen Versliteratur oder Puthi-Literatur lebte. In der modernen Zeit wird diese Literatur als Puthi-Literatur bezeichnet. Zwei derjenigen, die sich mit dieser Literatur beschäftigten, Mाले Muhammad und Muhammad Danish, nannten ihre Sprachform „Umgangsbengalisch“, während Rezaullah (1861) sie „islamisches Bengalisch“ nannte. Im Jahr 1855 bezeichnete Reverend Long diese Sprache in seinem Bücherverzeichnis als „Muslimisches Bengalisch“ und die in dieser Sprache verfasste Literatur als „muslimisch-bengalische Literatur“.
(Abdul Maudud: Die Entwicklung der Mittelklasse … Die Umwandlung der Kultur, S. 355).
Die Aufmerksamkeit des Herrn Hunter wurde auf diese Literatur gelenkt, und er sagte:
Bis heute ist die Bauernbevölkerung der Deltaregion muslimisch. Der Islam ist in Niederbengalen so tief verwurzelt, dass er zur Entstehung einer eigenen religiösen Literatur und einer volkstümlichen Mundart geführt hat. So sehr sich das Urdu Nordindiens von der persischen Sprache Herats unterscheidet, so sehr unterscheidet sich die als „Muslimisches Bengalisch“ bekannte Mundart vom Urdu.“ (W. W. Hunter: The Indian Mussalmans, S. 146).
Wie auch immer man diese Literatur nennen mag, sie war keineswegs leblos. Über mehrere Jahrhunderte hinweg ließ sie in den Herzen von Millionen Männern und Frauen literarische Wellen entstehen. Sie beeinflusste deren Denken, Empfinden, Hoffnungen und Wünsche. Shri Shri Kumar Bandyopadhyay sagt:
Auch der Geschichtenschatz der muslimischen Literatur war keineswegs arm. Erzählungen wie „Arabische Geschichten“, „Hatim Tai“, „Laila und Majnun“, „Die vier Derwische“ und „Gul-e-Bakawali“ hatten den bengalischen Lesern gewiss eine bis dahin unvorstellbare Welt des Geheimnisvollen und der Schönheit eröffnet. Als sich in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts unsere Romanliteratur allmählich nach dem Vorbild der englischen Literatur herauszubilden begann, wurde die Übersetzung muslimisch-bengalischer Geschichten dieser Art zu einem wesentlichen Bestandteil unserer literarischen Bestrebungen. Hätten sie nicht die Herzen der Leser berührt und ihren Geschmack angesprochen, hätte ein so bedeutender Teil unseres literarischen Eifers niemals ihrer Übersetzung gewidmet werden können. Jedenfalls enthalten all diese Geschichten einen überwältigenden Reichtum an sensationeller Wirkung (Sensational), farbenprächtiger Romantik (Romance) und zügelloser Schönheitsschwärmerei; eben dieser Reichtum zog den durch das Auskosten religiöser Schriften ermüdeten und erschöpften Geschmack eines Teils unserer Leserschaft mit unwiderstehlicher Kraft an. (Der Verlauf des Romans in der bengalischen Literatur, Shri Shri Kumar Bandyopadhyay, 4. Aufl., S. 18–19).
Moderne bengalische Literatur und Kommunalismus
Unter denen, die zur Entstehung sowie zur Bereicherung und Weiterentwicklung der modernen bengalischen Literatur beigetragen haben, sind insbesondere Ramram Basu, Mrityunjay Vidyalankar und Raja Rammohan zu nennen. Die beiden Erstgenannten gehörten zu den von William Carey angestellten Pandits. Ramram Basus Werk „Pratapaditya“ erschien 1801. Mrityunjay Vidyalankar verfasste fünf Werke, unter denen „Rajabali“ (1808) besonders hervorzuheben ist. Danach ist Rammohan zu nennen. Seine Prosawerke waren kraftvoll und lebendig. In ihrer Literatur gab es jedoch weder Kommunalismus noch Feindseligkeit gegenüber Muslimen. Allerdings war Mrityunjays „Rajabali“ der erste Versuch, von den „Vichitravali“, den aus der Mond-Dynastie hervorgegangenen unehelichen Nachkommen, bis zur Errichtung der Kompanieherrschaft in Bengalen eine zusammenhängende Geschichte zu schreiben; die muslimische Herrschaftszeit wurde darin äußerst nachlässig und in einer von Feindseligkeit geprägten Weise dargestellt.
Später traten auf dem Gebiet der bengalischen Literatur zwei herausragende Gestalten hervor: Michael Madhusudan in der bengalischen Versliteratur und Bankimchandra in der Pros साहित्यur. Ihr herausragender Beitrag zur bengalischen Literatur ist unbestreitbar.
Abdul Maudud sagt—
Als am Horizont der Entfaltung von Bankimchandras Genie die Mittagssonne stand, hatte sich auch am politischen Horizont Bengalens eine Wende vollzogen. Damals erhob eine Seite selbstbewusst und mit Nachdruck Anspruch auf den ihr zustehenden vollen Anteil an der Gunst der Engländer. In der gebildeten Gesellschaft der höheren Kasten unter den Hindus trat das Problem der Arbeitslosigkeit hervor. Und dadurch war das Gefühl der Verzweiflung in ihnen ein Kind des Zeitgeistes. Als Repräsentant der konservativen hinduistischen Gesellschaftsgesinnung und als weiser Begründer des Mantras des hinduistischen Nationalismus erschien er am literarischen Himmel Bengalens. Und auf diese Weise verbreitete er durch seine Feder das Giftzeichen eines so heftigen Kommunalismus, dass es dafür in der Weltgeschichte kein zweites Beispiel gibt. Obwohl er über umfassende Gelehrsamkeit, scharfen Verstand und tiefgreifende analytische Fähigkeiten verfügte, wurde er zum Spielball der Ideale und Ziele einer engen, reaktionären und konservativen hinduistischen Gesellschaft; für das Unheil und die Entehrung, die er dadurch der Menschheit zugefügt hat, gibt es ebenfalls keinen Vergleich in der Weltgeschichte. Eine Wunde, die durch eine Waffe verursacht wird, verschwindet unter dem heilenden Balsam der Zeit schließlich spurlos.
Doch eine Wunde, die durch die Feder verursacht wird, kennt weder ein Ende noch Heilung – von Zeitalter zu Zeitalter blutet sie weiter.
(Abdul Maudud: Die Entwicklung der Mittelklassengesellschaft: Der Wandel der Kultur, S. 369–370).
Das Giftfeuer, das Bankim durch seine Literatur gegen die muslimische Gesellschaft und Nation entfacht hat, haben wir in einem früheren Kapitel anhand von Beispielen teilweise erörtert. Seine Literatur ist hauptsächlich für die extreme Verschlechterung der Beziehungen zwischen Hindus und Muslimen in Bengalen und auf dem indischen Subkontinent verantwortlich.
Das Giftfeuer des Muslimhasses, das Bankim in seinem „Rajsingha“ und „Anandamath“ ausgespien hat, hat durch seinen Giftbrand den noch verbliebenen Strom des Einvernehmens zwischen den beiden großen Gemeinschaften dieses gewaltigen Subkontinents restlos ausgetrocknet und ausgelöscht. … Auch die Existenz der Muslime auf diesem Subkontinent leugnete Bankimchandra; indem er sie vertrieb, erhob er sich immer wieder lautstark zur Anrufung und Etablierung des wohlwollenden britischen Volkes. (Ebenda, S. 370).
Die literarische Betätigung der Muslime vor der modernen bengalischen Literatur ist weder in ihrer Wirkung der Weltanschauung und ihrer verschleierten allegorischen Absicht noch in ihren Ereignissen ein Spiegelbild des alltäglichen Lebens. Sie ist von der zarten, gefühlsvollen Färbung eines aus dem Leben geborenen höheren Ideals der Vorstellungskraft und vom Hauch des Außergewöhnlichen durchdrungen.
– (Der Verlauf des Romans in der bengalischen Literatur, Shri Shri Kumar Bandyopadhyay, 4. Auflage, S. 18–19).
Es sei erwähnt, dass Bhudev Mukhopadhyay mit seinem „Anguri Binimay“ (1857) als Erster den Samen des Kommunalismus auf dem Gebiet der Literatur aussäte. Wahrscheinlich durch ihn inspiriert, verwandelte Bankim diesen Samen in einen gewaltigen Giftbaum des Kommunalismus. Auch nach Bankims Tod konnte die bengalische Literatur sich nicht aus dem Schmutz des Kommunalismus befreien. Seinen Spuren folgend, führten auch später Gelehrte und Nichtgelehrte, Literaten und Nichtliteraten aus der Gemeinschaft der Kastenhindus ihre Feder.
Auch die Schriften der beiden großen Dichter Rabindranath Tagore und Sarat Chandra Chattopadhyay, die der bengalischen Literatur Schönheit verliehen und sie mit einer Krone geschmückt haben, konnten sich nicht von der Berührung jenes Schmutzes freihalten. Ein Zitat aus Saratchandras vom Gift des Kommunalismus verdorbener Feder haben wir oben angeführt.
Doch wenn ich sehe, dass auch der Dichter Rabindranath in diesen Strudel eintaucht, erhebt ein Muslim angesichts von Empörung und Scham ganz von selbst mit schmerzerfüllter Stimme die Bitte an die Leserschaft, statt eine persönliche Meinung über Julius Caesar zu äußern, Rabindranaths Erzählung „Durasha“ und das Gedicht „Shivaji-Fest“ zu lesen.
(Abdul Mawdud: Die Umwandlung der Kultur, S. 317).
Achtes Kapitel
Moderne bengalische Literatur und die Muslime
Als Bankimchandras literarisches Schaffen den Gipfel des Erfolgs erreichte, erschien ein zeitgenössischer Muslim am Firmament der bengalischen Literatur. Er war Mir Mosharraf Hossain. Sein literarisches Werk war wahrhaft moderne bengalische Literatur und stand weit über Politik und Kommunalismus. Während Bankimchandra auf dem Feld der Literatur das Gift des Kommunalismus verbreitete, widmete sich Mosharraf Hossain, ohne dem auch nur die geringste Beachtung zu schenken, mit der Haltung eines Künstlers dem Verfassen von erbaulicher Literatur für die Muslime. Mehr als vierzig Jahre lang widmete er sich dem literarischen Schaffen; zu seinem Werk gehörten Romane, Biografien, historische Erzählungen, Dramen, humoristische Schriften, Gedichte und Lieder. Sein bedeutendstes Werk ist „Bishad Sindhu“. Obwohl die Gestalten in „Bishad Sindhu“ der Geschichte entnommen sind, kann man es kein Geschichtswerk nennen. Dennoch war es in der muslimischen Gesellschaft das meistgelesene Buch.
Am Firmament der gegenwärtigen bengalischen Literatur erschien ein weiterer Stern, und das war der rebellische Dichter Nazrul Islam. In jener Zeit traten auf dem Feld der bengalischen Literatur noch viele weitere muslimische Dichter und Schriftsteller auf, zum Beispiel Kaykobad, Ismail Hossain Siraji, Maniruzzaman Islamabadi, Munshi Meherullah und andere. Indem sie in ihren eigenen, eigenständigen Richtungen Literatur schufen, weckten sie im muslimischen Volk Selbstbewusstsein und ein Bewusstsein seiner Eigenständigkeit. Auch vor Nazrul waren viele muslimische Dichter und Schriftsteller auf dem Schauplatz der bengalischen Literatur erschienen. Doch zwischen ihrer literarischen Richtung und der Nazruls bestand ein deutlicher Unterschied. Die anderen waren offenbar mit zaghaften Schritten und innerer Unsicherheit in den literarischen Schauplatz eingetreten. Sie betrachteten die bengalische Literatur als die Tochter des Hindus, als Tochter des Sanskrit, und gingen vorsichtig jeder Spur muslimischer Kennzeichen und Symbole aus dem Weg – in den arabischen, Urdu- und persischen Wörtern der Muslime ebenso wie in Vergleichen, Verzierungen und der Schreibweise –, als dürfe sie diese nicht berühren. Doch Nazruls plötzliches Erscheinen in der Geschichte der bengalischen Literatur rief nicht nur Staunen hervor, sondern leitete auch ein revolutionäres Zeitalter ein. Die bengalische Sprache und Literatur der Muslime war erweckt und auf die Veden, die Puranas und die hindu-nationale Ausrichtung hin gelenkt worden; Nazrul kehrte ihre Bewegungsrichtung um und wandte sie der Qibla der Muslime zu. Aus einem von frischem Menschenblut rot gefärbten Schlachtfeld zurückgekehrt, betrat er mit gewaltigem Schwung und heldenhafter Kraft – ebenso aus einem Schlachtfeld zurückgekehrt, mit gewaltigem Schwung und heldenhafter Kraft – das Schlachtfeld der Literatur. In seinem Herzen fanden Zögern, Befangenheit, Zaghaftigkeit und Feigheit niemals einen Platz. Deshalb konnte er auf dem Feld der Literatur sein Siegesbanner entfalten. Er beseitigte die Befangenheit und das Zögern der damaligen muslimischen Dichter und Schriftsteller und brachte auf literarischem Gebiet eine muslimische Freiheit. In jeder Zeile seiner Gedichte begann man wieder den Klang des Arabischen und Persischen zu hören. Seine Art, arabische und persische Wörter zu verwenden, war so kunstvoll, geordnet und lebendig, dass die Sprache ihren ungezwungenen Fluss erhielt, der Rhythmus leichtgängig wurde und der Klang der Melodie süß und zu Herzen gehend erklang. Indem er arabische und persische Wörter in die moderne bengalische Sprache einführte, schmückte er die Sprache nicht nur, sondern stellte auch die Eigenständigkeit und das eigene Recht der Muslime in der bengalischen Sprache wieder her. Für die muslimischen Literaturschaffenden in der bengalischen Sprache eröffnete er einen neuen Horizont. Der Dichter Nazrul war eine überaus erstaunliche Erscheinung in der Welt der Dichtung und Literatur. Diese Begabung war ihm ganz und gar von Gott verliehen. Er erschien wie ein Komet zu einer Zeit, als Rabindranath Tagore sich bereits einen ehrenvollen Platz im Reich der Weltliteratur errungen hatte. Die Anerkennung von Nazruls Genie als revolutionärem Dichter musste er ihm mit den Worten dieses Segens zollen:
Komm, komm, o Komet,
baue in der Finsternis eine Feuerbrücke,
auf jenes Festungshaupt der schlechten Zeit –
wehe dein Siegesbanner.
Die Tilak-Linie des Unheils
Möge es im Takt der Nacht geschrieben sein
Wecke sie auf mit einem grellen Aufblitzen
Diejenigen, die halb bewusstlos sind
Wie Nazruls dichterische Begabung ihn in der Welt der Literatur auf einen hohen Rang erhoben hat, so erweckte seine revolutionäre Dichtung das schlummernde muslimische Bewusstsein und gab ihm auf seinem neuen Weg unbezwingbare Inspiration und Lebenskraft. Die Schmach, dass die Muslime bis dahin auf dem Gebiet der Literatur als Unberührbare galten, war getilgt. Ihre Erstarrung war gebrochen. Mit neuer Begeisterung und Tatkraft stürzten sie sich in alle Bereiche des Lebens. Nazrul rief die schlummernden Muslime mit diesen Worten:
Überall lodert wieder die rote Fackel des Islams,
O du Ahnungsloser, steh auch du auf, erwache, entzünde auch du deine Lebenslampe.
Sein Aufruf blieb nicht erfolglos. Nicht nur auf literarischem, sondern auch auf politischem Gebiet begann die neue Karawane der Muslime ihre Reise in unaufhaltsamem Tempo.
Die Muslime im neunzehnten Jahrhundert
Die Muslime angesichts der härtesten Feuerprobe
Die Zeit von 1800 bis 1857 und noch einige Jahrzehnte darüber hinaus war für die Muslime ein Zeitalter des Feuers. Die Muslime Bengalens befanden sich in dieser Zeit als Volk am Rand eines Feuerabgrunds. Nachdem ihnen die politische Macht entglitten war, kam es auch auf wirtschaftlichem, religiösem und kulturellem Gebiet zu einer äußersten Katastrophe. Trotz der Unterdrückung und grausamen Ausbeutung durch die ausländischen Herrscher und deren von ihnen begünstigte einheimische Helfer konnte das muslimische Volk ihre Herrschaft und Ausbeutung nicht hinnehmen. Durch Aufstände und kleinere Gefechte gegen die Herrscher kam dies innerhalb dieses Jahrhunderts wiederholt und an zahlreichen Orten zum Ausdruck. Der Fakir-Aufstand, die Faraizi-Bewegung, die Bewegung Titumirs, die Dschihad-Bewegung von Sayyid Ahmad und die Freiheitsbewegung von 1857 waren gewaltige Explosionen gegen das unmenschliche und teuflische Verhalten der Briten und Hindus gegenüber den Muslimen. Die gesonderte Erörterung jeder einzelnen dieser Bewegungen bildet den Hauptgegenstand dieses Kapitels.
Die Fakir-Bewegung
Aus dem, was über die Geschichte der Fakir-Bewegung bekannt ist, geht hervor, dass der „Fakir-Aufstand“ nach dem Krieg von Plassey, insbesondere nach der Niederlage Mir Kasims im Jahr 1764, begann, als die East India Company die „Diwani“ erlangt hatte und ihre tyrannische Herrschaft auszuüben begann; er endete 1833 oder 1834. Ob hinter dem Fakir-Aufstand ein erhabenes Ziel stand und ob für seine Durchführung eine gut organisierte und disziplinierte Truppe existierte, lässt sich nur schwer sagen. Ebenso schwer ist festzustellen, ob zwischen den Fakir-Aufständen, die zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten stattfanden, irgendeine Verbindung bestand. Der Grund, aus dem sie jedoch den Aufstand erklärten, war die unmenschliche Unterdrückung und Misshandlung durch die East India Company sowie durch deren begünstigte neue hinduistische Zamindare und Geldverleiher.
Das Hauptziel ihrer Feldzüge bestand darin, die von der East India Company geschaffenen und protegierten ausbeuterischen Zamindare zu vertreiben und ihre Schatzkammern zu plündern. In Nordbengalen hatten infolge ihrer Feldzüge bereits viele Zamindare (1773) an verschiedenen Orten im Distrikt Mymensingh Zuflucht gesucht. („Der Fakir-Feldzug in Mymensingh“, Khalekdad Chowdhury, in „Jahrhundertdurchgang“, herausgegeben von Dr. Hasan Zaman, S. 26.)
Zu den bedeutenden Anführern der Fakir-Bewegung gehörten Majnu Shah, Maju Shah, Tipu Pagla und Ghazanfar Turk Shah. Khalekdad Chowdhury bezeichnet Majnu Shah in seinem Aufsatz „Der Fakir-Feldzug in Mymensingh“ als den älteren Bruder von Maju Shah. Über ihn ist lediglich bekannt, dass er gegen die Herrschaft der East India Company eine bewaffnete Truppe aufstellte. Mit der Niederlage Mir Kasim Alis im Jahr 1764 wurde die englische Herrschaft in diesem Land fest verankert…. Doch gleichzeitig musste die britische Streitmacht in Kumarkhali im heutigen Distrikt Kushtia im Süden eine Niederlage durch die Gefolgsleute Majnus (Majnu Shah) hinnehmen. („Der Beitrag Süd-Bengalens zur revolutionären Bewegung“ – Azizur Rahman, in „Jahrhundertdurchgang“, herausgegeben von Hasan Zaman, S. 180).
Im Jahr 1784 plünderte Maju Shah den gesamten Besitz der Zamindare der Parganas Mymensingh, Alapsing, Jafarsahi und Sherpur. Dort verbreitete sich die Nachricht, dass Maju Shahs Bruder Majnu Shah mit zweihundert furchtlosen Fakiren in die Pargana Jafarsahi komme. Aus Angst vor seinem Feldzug flohen die Zamindare und Bauern an andere Orte. Aus dem Bericht des Leiters von Dhaka, Mr. Day, geht jedoch hervor, dass die Truppen von Begumbari diesen Feldzug abwehrten. Daraufhin zogen sich die Fakire zurück. Im Bericht von Mr. Day wird ferner erwähnt, dass die Behauptung, die Besitztümer der Zamindare seien geplündert worden, nicht wahr sei. Die schlauen und unehrlichen Zamindare hätten dem Revenue Committee eine solche Falschnachricht übermittelt, um die Zahlung von Steuern zu umgehen. („Jahrhundertdurchgang“, S. 27).
Zwei Jahre später, im Jahr 1786, begannen die Fakir-Feldzüge erneut. Um Mymensingh vor den Angriffen der Fakire zu schützen, wurde Lieutenant Field nach Dhaka geschickt. Zur Unterstützung des Collectors von Mymensingh, Roughton, wurde Captain Creighton aus Goalpara in Assam entsandt. In dem heftigen Gefecht, das zwischen den gut ausgerüsteten englischen Soldaten und den Fakiren stattfand, wurde die Fakir-Truppe besiegt und zerstreut. Danach ist lange Zeit nichts mehr über ihre Aktivitäten bekannt.
Nachdem die Unternehmungen der Fakire beendet worden waren, begannen die Zamindare unter dem Vorwand, ihre Verluste auszugleichen, von den Bauern erhöhte Abgaben einzutreiben und neue Steuern festzusetzen. Dadurch erreichte das Elend der Bauern seinen Höhepunkt.
Um die Unterdrückung der Bauern zu beenden, stellte 1826 ein einflussreicher Fakir namens Tipu Pagal gemeinsam mit den Bauern eine starke Truppe auf. Die Zamindare begannen, unter Missachtung aller Grundsätze der Gerechtigkeit und der Regulation Nr. 8 von 1793 den Bauern allerlei „Abwabs“ aufzuerlegen. Diese Abwabs und immer neue, unterdrückende Steuern wurden zwangsweise eingetrieben. Außerdem verpachteten die Zamindare ihre Zamindari vorübergehend zu hohen Preisen an einflussreiche Männer. Die Pächter trieben innerhalb der festgesetzten Frist durch Unterdrückung hohe Abgaben von den Bauern ein. Um diese Unterdrückung zu beenden, organisierte Tipu die Bauern.
Viele haben diese umherziehenden Fakire in der Geschichtsschreibung als plündernde Räuber bezeichnet. In Wirklichkeit war es nicht so. Tatsächlich gehörten sie zur von der Bevölkerung verehrten Klasse der Wali-Derwische.
Tipu Pagal war der Anhänger eines einflussreichen Fakirs aus dem Dorf Letirkanda im Sabub-Pargana. Alle glaubten, dass er ein vollendeter Derwisch sei. Noch heute sind zahlreiche Wundergeschichten über ihn verbreitet, und anlässlich des Urs-Festes an seinem Mausoleum versammeln sich noch immer viele Menschen (Khalekdad Chowdhury, „Shatabdi Parikrama“, S. 28–29).
Die Aufgabe dieser Fakire bestand darin, die Menschen in religiösen Pflichten und religiösem Handeln zu unterrichten. Doch beim Anblick des äußersten Elends der Bevölkerung weinte ihre Seele. Daher unternahmen sie bisweilen Vorstöße gegen die Unterdrücker. Beim Anblick des äußersten Elends der Bevölkerung weinte ihre Seele. Daher unternahmen sie bisweilen Vorstöße gegen die Unterdrücker.
Auch waren diese Fakirgruppen keine unzivilisierten Barbaren. Sie waren gebildet und besaßen Geschmack und Bildung. Selbst Tipus Mutter verfügte über außergewöhnliche organisatorische Fähigkeiten. Tipus Mutter spornte Tipu und seine Truppe an. 1825 führte die Fakirgruppe unter Tipus Leitung eine Bewegung zur Einstellung der Abgabenzahlungen an die Zamindare an. In einem Zusammenstoß zwischen der Barkandaz-Truppe der Zamindare und den Fakiren wurde die Barkandaz-Truppe vernichtet. In einem Zusammenstoß unter den Zamindaren wurde die Barkandaz-Truppe vernichtet. Die Zamindare wandten sich hilfesuchend an die Kompanie. Die Kompanie entsandte eine bewaffnete Armee, um Tipu und seinen Helfer Gazanfar Turkshah gefangen zu nehmen. Eine Abteilung wurde besiegt und floh, doch eine andere Abteilung nahm Tipu gefangen. Turkshah griff mit seiner Truppe jene Abteilung der Kompanie an und befreite Tipu.
Nach diesem Ereignis kam der Magistrat Dempier mit einer starken und gut ausgebildeten Armee nach Sherpur. In einer heftigen Schlacht mit Tipus Truppe wurden Tipu und seine Mutter gefangen genommen.
Später, im Jahr 1833, sammelte sich die Fakirgruppe unter der Führung zweier mächtiger Gefährten Tipus erneut und griff die Polizeistation von Sherpur an, die sie niederbrannte. Daraufhin wurde unter dem Kommando von Captain Seal und Lieutenant Younghusband eine Armee entsandt, um die Fakirtruppe niederzuwerfen. Es kam zu einem heftigen Zusammenstoß, in dem die Fakirtruppe besiegt und zerstreut wurde.
Oben wurden einige Einzelheiten des Fakirenaufstands dargestellt. Es gibt jedoch hinreichenden Grund zu der Annahme, dass die in den Werken englischer Schriftsteller und Historiker festgehaltenen Vorstellungen über die Fakire irrig sind. Warren Hastings nannte sie Beduinen, während Hunter sie als „Räuber“ bezeichnete. Durch ihre Angriffe geriet die neu errichtete britische Herrschaft hier mehrere Jahrzehnte lang ins Wanken; wahrscheinlich wurde gerade aus diesem Groll heraus ihre Geschichte verfälscht dargestellt. Oben wurden Majnu Shah und Maju Shah als zwei Brüder bezeichnet. Historische Informationen oder Belege, anhand derer sich die Wahrheit dieser Aussage überprüfen ließe, liegen uns jedoch nicht vor. Einige haben allerdings gesagt, Majnu Shah sei im Gebiet Mewat des indischen Fürstenstaates Gwalior geboren worden. Majnu Shah lebte im Schrein von Shah Madar in Makanpur, das vierzig Meilen von Kanpur entfernt liegt. Von dort aus unternahm er mit Tausenden bewaffneter Anhänger an verschiedenen Orten Bengalens und Bihars Feldzüge gegen die Engländer und tyrannischen Zamindare. Es wird gesagt, dass sein Wirkungsgebiet die Region Purnia in Bihar sowie Rangpur, Dinajpur, Jalpaiguri, Cooch Behar, Rajshahi, Malda, Pabna und Mymensingh in Bengalen umfasste.
Anfang 1772 erschien Majnu Shah mit einer großen Zahl bewaffneter Anhänger in Nordbengalen. Von seinem Auftreten erfährt man aus einem Schreiben, das der Aufseher von Rajshahi am 22. Januar 1772 an die Kompanie richtete. Darin heißt es, eine Gruppe von dreihundert Fakiren habe eintausend Taka der eingetriebenen Abgaben mitgenommen, und es sei zu befürchten, dass sie womöglich sogar die Kachari des Parganas besetzen würde. Sie waren mit Schwertern, Speeren, Vorderladergewehren und Feuerwerkswaffen ausgerüstet. Einige behaupten sogar, sie hätten auch Drehkanonen besessen. (Geschichte des Freiheitskampfes, Abu Jafar, S. 33)
1776 kam Majnu Shah nach Mahasthan in Bogra und errichtete dort eine Festung. Zu jener Zeit war Mr. Gladwin der Verwalter des Distrikts Bogra. Voller Angst und Schrecken ersuchte er den Provinzialrat um militärische Unterstützung. Im August und September 1786 musste sich der Fakirenführer (Majnu Shah) nacheinander zwei Gefechten gegen die Engländer stellen. In beiden Fällen gab es aufseiten der Fakire einige Tote und Verwundete, doch auch die Engländer mussten entsprechende Verluste hinnehmen. … Aus historischen Angaben lässt sich schließen, dass Majnu Shah danach den Ganges überquerte und in seine Heimat zurückkehrte. Danach wurde er nie wieder in Bangladesch gesehen. Regierungsquellen zufolge starb er vermutlich 1787 im Gebiet Makhanpur im Distrikt Kanpur. Seine Leiche wurde von dort in seine Heimat Mewan gebracht und dort beigesetzt (Geschichte des Freiheitskampfes, Abu Jafar, S. 40–41).
Nach dem Tod Majnu Shahs setzten sein Sohn Parag Ali, sein Adoptivsohn Cherag Ali, seine engsten Anhänger Musa Shah, Sobhan Shah, Shamsher Shah und weitere Schüler den Kampf gegen die Engländer bis zum Ende des achtzehnten Jahrhunderts fort.
Neuntes Kapitel
Die Faraizi-Bewegung
Die Engländer gaben sich nicht damit zufrieden, durch das vorgetäuschte Gefecht bei Plassey und durch heimtückische Machenschaften Siraj-ud-Daulah zu besiegen und 1764 Mir Qasim zu schlagen und dadurch die Herrschaft über Bengalen, Bihar und Orissa zu erlangen. Vielmehr begannen sie, nach neuen Ränken und Plänen zur Auslöschung der muslimischen Nation zu suchen. Ihre unstillbare Geldgier entfesselte ihre Unterdrückung der Untertanen. Die Aima- und Lakhiraj-Ländereien der Muslime wurden beschlagnahmt. Um von den Muslimen Abgaben einzutreiben, begannen sie, die Untertanen grausam auszubeuten und zu bedrücken. Um einen Markt für britische Stoffe zu schaffen, begann man im Zeitraum 1770–1825 mit der Vernichtung der Weber. 1766 wurde auf jeden Maund Salz eine Steuer von zwei Taka erhoben und der Salzhandel unter das Monopol der Europäer gestellt. Auf diese Weise wurden die Muslime aus allen wirtschaftlichen Bereichen verdrängt und zunehmend von Armut erdrückt.
Nicht nur das: Auch an der Ausübung religiöser Bräuche wurden die Muslime zunehmend gehindert. In den Gebieten tyrannischer hinduistischer Zamindare wurden die Opferung von Rindern und der Gebetsruf verboten. Hinduistische Zamindare erhoben auf die Bärte muslimischer Untertanen eine Steuer. Bei ihren religiösen Festen wurden die Muslime gezwungen, Beiträge zu entrichten, bei den Festen zu helfen und Frondienste zu leisten. Die Muslime wurden gezwungen, Dhotis zu tragen, ihre Bärte zu rasieren und Schnurrbärte zu tragen. Es begann ein verhängnisvoller Plan, die Religion und Tahzib-Tamaddun der Muslime zu zerstören und sie mit der hinduistischen Nation zu verschmelzen. Die frommen Muslime wurden ratlos. In dieser äußerst schweren Zeit für die Muslime Bengalens wurde Haji Shariatullah im Jahr 1784 im Pargana Bandar des Distrikts Faridpur geboren. Im Alter von achtzehn Jahren blieb er dort und erhielt eine Ausbildung in Religion, Sozialwissenschaften und Politik; achtzehn Jahre lang blieb er dort und erhielt eine Ausbildung in Religion, Sozialwissenschaften und Politik. Wahrscheinlich gewann er gerade in dieser Zeit ein klares Verständnis des Islam und Erkenntnis über die islamische Lebensauffassung. Der Islam ist nicht bloß eine Ansammlung einiger ritueller Handlungen, sondern eine umfassende Lebensordnung. Er erkannte auch, dass es ohne politische Macht keineswegs möglich ist, die vollständigen Gebote des Islam in jedem Lebensbereich zu befolgen. Danach kehrte er 1820 in seine Heimat zurück.
Während seines Aufenthalts in Mekka lernte er auch die islamische Reformbewegung von Muhammad ibn Abd al-Wahhab Nadschdi kennen und fühlte sich zu dieser Bewegung hingezogen.
Auch im indischen Raum begann unter der Führung von Schah Abd al-Aziz Dehlawi in Delhi nach dem Vorbild Abd al-Wahhab Nadschdis eine islamische Reformbewegung – eine Bewegung, der die Historiker den entstellten Namen „Wahhabitenbewegung“ gegeben haben. Er erklärte Indien zum „Dar al-Harb“ und widmete sich aktiv dem Ziel, das „Dar al-Harb“ in ein „Dar al-Islam“, also einen islamischen Staat, zu verwandeln: Sayyid Ahmad Barelwi, Schah Ismails, des Neffen von Schah Abd al-Aziz, und Maulana Abd al-Hais Schwiegersohn.
Auch Hadschi Schariatullah erklärte dieses Land zum „Dar al-Harb“ und verkündete, dass hier weder das Freitagsgebet noch das Festgebet zulässig sei, solange dieses Land nicht zum „Dar al-Islam“ geworden sei. Jede finanzielle oder körperliche Unterstützung der hinduistischen Puja-Feste bezeichnete er als mit dem Islam unvereinbar (Schirk und haram). Weiter sagte er, die Muslime müssten den Dhoti ablegen und Tahband-Pajamas tragen, Bärte tragen und für alle Arten von Aberglauben Buße tun. Kurz gesagt, sie müssten jede sündhafte Handlung aufgeben und ein islamisches Leben auf neue Weise führen.
Die ausgebeuteten, benachteiligten und unterdrückten muslimischen Massen spürten durch Hadschi Schariatullahs Aufruf eine neue Belebung und begannen, sich scharenweise ihm anzuschließen. Innerhalb kurzer Zeit gehörten zehntausend Muslime seiner Bewegung an. Für die hinduistischen Zamindare war dies ein Grund zu äußerster Angst. Nun würde die Unterdrückung der Muslime ein Ende haben, und auch jene armen Muslime der unteren Schichten, die sie zu ihren Sklaven gemacht und sogar aus der islamischen Religion hinausgedrängt hatten, würden ihnen entgleiten. Daher mussten sie zwangsläufig besorgt und in Angst geraten. „The Zaminders were alarmed at the spread of the new creed which bound the Mussalman peasantry toghetrer as one mai“ – (Dr. James Wise; Journal of Asiatic Society of Bengal, Bd. LXII, 1894, Nr. 1).
Die hinduistischen Zamindare schlossen sich zusammen und waren entschlossen, Hadschi Schariatullah niederzuschlagen. Ihrer Gruppe schlossen sich einige eigennützige Halbmuslime an, die Sklaven der hinduistischen Zamindare waren. Auch kurzsichtige Mullahs, Maulvis und Pirs, die unter dem Vorwand von Schirk, Bidʿa und ähnlichem Aberglauben unter den Muslimen ein paar Groschen verdienten, stellten sich gegen die Faraizi-Bewegung.
Einerseits durch die Briten und andererseits durch die fortgesetzte Unterdrückung und Ausbeutung seitens tyrannischer hinduistischer Zamindare und Geldverleiher in die Enge getrieben, senkten die Muslime den Kopf und ertrugen alles. Auf Schariatullahs Aufruf hin kamen die unterdrückten Muslime scharenweise zu ihm, versammelten sich bei ihm und gelobten, eine unaufhaltsame Bewegung gegen die Briten und die Hindus aufzubauen. Wahrscheinlich war der Begriff Faraizi vom Wort „Fard“ abgeleitet; sie waren im Begriff gewesen, es zu vergessen, und hatten zahlreiche nichtislamische Bräuche und Zeremonien in der muslimischen Gesellschaft verbreitet. Die Aufgabe, sämtliche antiislamischen Sitten und Bräuche aufzugeben und den von dem Propheten Muhammad (s.) begründeten Islam wiederherzustellen, war das Hauptziel der Bewegungen von Gelehrten wie Muhammad ibn Abd al-Wahhab Nadschdi aus Arabien, Sayyid Ahmad Schahid, Hadschi Schariatullah, Sayyid Nisar Ali, genannt Titu Mir, und anderen. Sie bestand darin, die antiislamischen Sitten und Bräuche aufzugeben und den von dem Propheten Muhammad (s.) begründeten Islam wiederherzustellen.
Da die Bewegung Hadschi Schariatullahs die hinduistischen Interessen schwer getroffen hatte, setzten sie mit Unterstützung der englischen Herrscher alle Kräfte ein, um ihn zu unterdrücken. Wie feindselig die damalige hinduistische Gesellschaft Hadschi Schariatullah gegenüberstand, zeigt ein im „Samachar Darpan“ vom 22. April 1837 veröffentlichter Brief. Der Brief wird im Folgenden zitiert:
In jüngster Zeit hat sich im Dorf Bahadurpur im Gebiet der Polizeistation Shibchar, im Bezirk Faridpur, ein Mann namens Saritullah, der nach der Königsherrschaft strebt, mit nicht weniger als zwölftausend Webern und Muslimen zusammengeschlossen, eine neue Scharia verkündet, seinen Anhängern Bärte wachsen und die Kachha offen tragen lassen, ihnen um die Hüfte ein religiöses Band angelegt und begonnen, in die Häuser der umliegenden Hindus einzudringen und die Verehrung der Götter und Göttinnen auf jede erdenkliche Weise zu verletzen. Er hat die zwölf von Diwan Mrityunjay Ray, einem Bewohner von Rajnagar im Gebiet der Polizeistation Matlabganj dieses zum Bezirk Dhaka gehörenden Distrikts, errichteten Shiva-Lingas zerbrochen und in den Fluss geworfen. Außerdem drang er nachts in das Haus eines angesehenen Mannes im Dorf Poragacha im Gebiet derselben Polizeistation ein, raubte dessen gesamten Besitz und legte sein Haus in Brand, sodass alles Übrige zu Asche wurde. Dabei kam ein „Yavan“ ums Leben und wurde in Dhaka dem Gericht übergeben.
Und es wurde ferner berichtet: Die bösartigen Yavanen aus der Gefolgschaft des Saritullah verübten allerlei Gewalttaten gegen Babu Tarini Charan Majumdar aus dem zum Bezirk Faridpur gehörenden Dorf Patkanda, indem sie in seinem Haus die Verehrung der Götter und Göttinnen störten und Frevel wie das Schlachten von Kühen begingen. Da Babu Majumdar einen offenen Kampf mit den Yavanen für angebracht hielt, meldete er diese Gewalttaten dem Herrn Magistrat von Faridpur. Dieser ließ nach einer Untersuchung mehrere Yavanen ins Gefängnis sperren und stellt in dieser Angelegenheit eingehende Nachforschungen an. Hochgeehrter Herausgeber, die bösartigen Yavanen begnügten sich im Distrikt nicht mit solchen Unterdrückungen und Gewalttaten, sondern gingen vielmehr dazu über, das Gericht anzugreifen. Es wurde bekannt, dass sämtliche bei Herrn Magistrat von Faridpur angestellten Beamten und Rechtsbevollmächtigten Anhänger des Yavanen Saritullah seien. Ihre Vorgehensweise ist folgende: Wenn jemand fälschlich angeklagt werden soll, tritt der eine als Kläger, der andere als Zeuge auf und bringt eine Klage vor Gericht; so sind 12.000 Menschen in einer Gruppe zusammengeschlossen. Welchen Mangel kann es dabei noch an Klägern und Zeugen geben …? Ich bin der Ansicht, dass, wenn die Yavanen des Saritullah sich weiterhin in dieser Weise zusammenschließen, in kurzer Zeit die hinduistische Religion verschwinden und vorzeitig das Ende der Welt hereinbrechen wird. Nicht einmal ein Hundertstel der Gewalttätigkeiten Saritullahs hat Titumir verübt. Gegeben im Jahre 1243, am 24. Chaitra.“ („Berichte aus jener Zeit in den Zeitungen“ – herausgegeben von Brajendranath Bandyopadhyay – Shatabdi Parikrama, S. 194–95).
In jeder Zeile dieses Schreibens tritt die Haltung der hinduistischen Gesellschaft gegenüber den Muslimen deutlich zutage.
Auch von Sayyid Ahmad Barelvis Bewegung zur Errichtung eines islamischen Staates angezogen, schickte Haji Shariatullah aus Bengalen zahlreiche Mujahidin, beträchtliche aus Zakat, Fitra und Lillah gesammelte Geldmittel sowie sonstige Unterstützung an das Zentrum in Sittana im westlichen Indien.
Im Distrikt Dhaka wurde zunächst in dem Ort Nayabari ein neues Wirkungsfeld Shariatullahs eingerichtet. Wegen des erbitterten Widerstands der hinduistischen Zamindare musste er jedoch in sein Heimatdorf zurückkehren und dort seine Missionstätigkeit aufnehmen. Seine Bewegung breitete sich über die Distrikte Dhaka, Barisal, Nadia, Pabna, Mymensingh und andere aus. Mit vollem Eifer wurden unter den ungebildeten Muslimen, Bauern, Webern und anderen einfachen Muslimen das Verrichten des Gebets und das Fasten eingeführt, anstelle des Dhoti die Tahn-band und die Gebetskappe verbreitet und die Moscheen instand gesetzt. Haji Shariatullah selbst trug auf dem Kopf einen riesigen Turban und über seinem Hemd einen Hudriya – ein Kleidungsstück, das gewöhnlich kein Muslim trug. Nach seinem Tod im Jahr 1840 setzte sein tüchtiger Sohn Dudu Miyan seine Bewegung fort.
Haji Shariatullahs Sohn Muhammad Muhsin, bekannt unter dem Namen Dudu Miyan, wurde 1819 geboren. 1831 reiste er zur Hadsch nach Mekka und blieb dort fünf Jahre; nach seiner Rückkehr unterstützte er seinen Vater bei dessen Arbeit.
Wie sein Vater begann auch Dudu Miyan eine Bewegung gegen die tyrannischen Zamindare. Wiederholt kam es zu Zusammenstößen mit ihnen. 1842 griff er das Zamindarhaus von Faridpur an, nahm Madan Narayan Ghosh gefangen und ließ ihn später töten. Die Polizei verhaftete ihn zusammen mit 117 Faraizis. In dem Verfahren wurden 22 Personen zu Gefängnisstrafen verurteilt. Dudu Miyan jedoch wurde mangels Beweisen freigesprochen. 1846 überfiel Kali Prasad, der Verwalter von Andrew Anderson, auf Befehl seines Herrn mit sieben- bis achthundert Männern Dudu Miyans Haus und nahm zahlreiche Reichtümer, darunter Schmuck im Wert von fast 150.000, als Beute mit. Obwohl er beim Magistrat Recht suchte, blieb dies ohne Ergebnis.
Nachdem Dudu Miyan wegen der Gewalttaten der Zamindare und Indigopflanzer Recht gesucht, aber keine Gerechtigkeit erhalten hatte, beschloss er nun, den Feinden eigenhändig die gebührende Strafe zu erteilen. Im November 1846, einen Monat nachdem sein Haus geplündert worden war, setzte er die Fabrik des Indigopflanzers Dunlop, der die Gewalttaten und Unterdrückungen seiner Feinde anstiftete, in Brand und ließ sie niederbrennen; den Verwalter Kali Prasad ließ er töten. Nach einem zwei Jahre dauernden Prozess wurde Dudu Miyan von den gegen ihn erhobenen Anschuldigungen freigesprochen.
Angesichts des außergewöhnlichen Einflusses und Ansehens Dudu Miyans in der Bevölkerung geriet die Regierung in Bedrängnis. Unter dem Vorwand, Dudu Miyan könne während der Freiheitsbewegung von 1857 Unruhe stiften, wurde er im Gefängnis festgehalten. Zunächst hielt man ihn in Alipur und später im Gefängnis von Faridpur fest. Nach seiner Freilassung im Jahr 1859 kam er nach Dhaka, wo er auch starb.
Dudu Mia hatte die Bewegung seines Vaters zwar wesentlich gestärkt. Hinsichtlich ihrer Grundsätze nahm er jedoch einige Änderungen an den Idealen seines Vaters vor. Die sechs Punkte, auf die Haji Shariatullah seine Bewegung gründete, waren:
>> Außer in Ländern, die von Muslimen beherrscht werden, sind das Dschuma- und das Eid-Gebet nirgendwo gültig;
>> Die Feier und die Bräuche des Muharram zu begehen, widerspricht dem Islam und ist eine Sünde;
>> Anstelle der Begriffe „Pir“ und „Murid“ sollen die Begriffe „Ustad“ und „Schagird“ verwendet werden. Denn ein „Murid“ übergibt dem „Pir“ seine gesamte Habe, was nicht richtig ist. Ein „Schagird“ hingegen muss dies nicht tun.
>> Unter denjenigen, die sich dieser Bewegung anschließen, soll es keinerlei Unterschied zwischen Hoch und Niedrig, zwischen „Aschraf“ und „Atrāf“, geben. Vielmehr soll unter allen die Gleichrangigkeit hergestellt werden, die im „Pir-Murid-Verhältnis“ fehlt.
>> Er erklärte die Verehrung von Pirs und Gräbern für vom Islam verurteilt und protestierte nachdrücklich dagegen.
>> Anstelle des damals üblichen Brauchs, dem Pir die Hand zu reichen und ihm den „Baiʿat“ zu leisten, sollte derjenige, der sich der „Faraizi“-Bewegung anschloss, lediglich nach aufrichtiger Reue für alle Sünden geloben, ein vollkommen islamisches Leben zu führen.
>> Er erklärte auch das Durchtrennen der Nabelschnur eines neugeborenen Kindes durch die Hebamme für unislamisch und sagte, dass dies die Aufgabe des Vaters sei, nicht die einer fremden Hebamme.
James Taylor sagt, dass der Zweck der Faraizi-Bewegung darin bestehe, den Koran buchstäblich zu befolgen, und dass alle Bräuche, die der Koran nicht unterstützt, abzulehnen seien. Nicht nur die Feierlichkeiten zum Muharram seien verboten, sondern auch das Anschauen der mit diesen Feierlichkeiten verbundenen Handlungen. (Dr. A. R. Mallick: British Policy & the Muslims in Bengal. S. 69).
Nach dem Tod von Haji Schariatullah teilte Dudu Mia ganz Ostbengalen in mehrere Gebiete auf und ernannte für jedes Gebiet einen Khalifa. Deren Aufgabe bestand darin, die Menschen für die Bewegung zu gewinnen, Anhänger zu rekrutieren und Geld für die Leitung der Organisation zu sammeln. Auf diese Weise entstandene Organisationsstruktur wurde von Dudu Mia angeführt, der als „Pir“ auftrat – eben jene Pir-Tradition, die sein Vater zurückgewiesen hatte. (Journal of the Asiatic Society of Bengal, Vol. LXIII, pt. 2, No. 1, 1894, S. 50; Encyclopedia of Islam, Vol. 2, S. 59).
Die Bewegung, die zu Lebzeiten von Haji Schariatullah geführt wurde, war hauptsächlich eine Bewegung zur religiösen Reform. Abgesehen von ein oder zwei Zusammenstößen, die durch die Anstiftung tyrannischer Zamindare verursacht wurden, kam es in seiner Bewegung zu keinem Konflikt mit den bestehenden Interessen. Unter Dudu Mia nahm die Bewegung jedoch weitgehend einen politischen Charakter an. Alle Zamindare und Indigopflanzer schlossen sich gegen seine Bewegung zusammen. Daher verbrachte Dudu Mia sein ganzes Leben im Kampf gegen sie. Einerseits die vielfältigen Schikanen der Zamindare und Indigopflanzer gegenüber den armen Pächtern, andererseits Dudu Mias umfassende Bemühungen, deren Leid zu lindern, vereinten sie unter seiner Führung. Auch Dudu Mias organisatorische Fähigkeiten waren außergewöhnlich. Die Zamindare Bengalens waren fast immer Hindus, während die Indigopflanzer englische Christen waren und ihre Gomasthas und Angestellten sämtlich Hindus. Auch aus diesem Grund vereinigten sich die Bauern und Pächter unter Dudu Mias Führung gegen die Zamindare und Indigopflanzer. Dudu Mia verbrachte sein ganzes Leben im Kampf gegen die Zamindare und Indigopflanzer. Immer wieder wurde er in falsche Klagen und Gerichtsverfahren verwickelt. Deshalb musste er schließlich Armut auf sich nehmen.
Nach Dudu Mias Tod führten seine ersten beiden Söhne, Giasuddin Haider und Naya Mia, nacheinander die Faraizi-Bewegung. Nach Naya Mias Tod übernahm Dudu Mias dritter Sohn Aladin Ahmad die Leitung der Bewegung. Er arbeitete mit Nawab Salimullah zusammen, um die Teilung Bengalens von 1905 zu unterstützen. Nach Aladin führte dessen Sohn Badschah Mia die Bewegung. 1922 schloss er sich der Khilafat-Bewegung an, woraufhin die Regierung ihn verhaftete. Danach geriet die Faraizi-Bewegung ins Stocken. Die religiöse Reformbewegung, mit der diese Bewegung begonnen hatte, verlor allmählich an Kraft und floss zunehmend in eine andere Richtung. Die Pir-Muridi, die Haji Schariatullah zurückgewiesen und durch die er der Bewegung die Gestalt einer wahrhaft islamischen Reformbewegung gegeben hatte, verwandelte sich schließlich wieder in eben diese Pir-Muridi. Dadurch verschwanden aus den Handlungen und der Vorgehensweise der Anhänger dieser Bewegung die frühere dschihadische Inspiration und die kämpferische Gesinnung.
Zehntes Kapitel
Der Märtyrer Titumir
Der Märtyrer Titumir war ein zutiefst unterdrückter Zeitgenosse. Auch er begann, wie Haji Schariatullah, eine Reformbewegung in der moralisch und gesellschaftlich verfallenen muslimischen Gesellschaft. In seiner rein religiösen Reformbewegung schufen die hinduistischen Zamindare nicht nur Hindernisse; auch ihr blinder Hass gegen den Islam und die muslimische Nation trat deutlich hervor. Es ist äußerst bedauerlich, dass Titumirs Charakter in der zeitgenössischen Geschichtsschreibung stark entstellt dargestellt worden ist. Der Grund dafür ist ebenfalls sehr deutlich. Die von voller Feindseligkeit geprägten Äußerungen sind entstellt, frei erfunden und von bestimmten Absichten geleitet. Ein Mann von so reinem Charakter wie Titumir, ein gottliebender Gelehrter, wurde als sittenloser Verbrecher und Räuber bezeichnet. Dr. A. R. Mallick hat auf Seite 76 seines Werkes British Policy & the Muslims in Bengal unter Berufung auf Calcutta Review, Boards Collections, 54222, S. 401, Colvin to Barwell, 8 March 1832, para 6, Magistrate of Banaset to Commissioner of Ciccuit, 18 Div. 28 November, 1831, para 35 und andere Quellen entstellte Informationen verbreitet. Es wurde behauptet, Titumir sei nicht in einer bedeutenden Familie geboren worden, habe jedoch in die Familie eines gewissen angesehenen Jotdars namens Munshi Amir geheiratet. Ferner wurde behauptet, Titumir sei als sittenloser Verbrecher bekannt gewesen und habe als angeheuerter Schläger unter einem hinduistischen Zamindar in Nadia gearbeitet. Diese Behauptungen sind nichts anderes als eine völlige Verfälschung der Wahrheit. Aufgrund dieser Darstellungen oder, vom Hass auf den Islam verblendet, äußerte sich auch Herr Hunter folgendermaßen: „Unter den Jüngern, Schülern und Anhängern religiöser Führer, die sich zu dieser Zeit in Kalkutta befanden, gab es einen Mann namens Titumir, der von Beruf Ringer und von der Art eines Schlägers war. Obwohl dieser Mann sein Leben als Sohn eines angesehenen Bauern begonnen hatte, verbesserte er seine Stellung, indem er in die Familie eines Zamindars heiratete. Doch aufgrund seines heftigen und ungestümen Charakters konnte er diese Stellung nicht bewahren.“ (W. W. Hunter, The Indian Mussalmans. B. D. First Edition, 1975, S. 34–35).
Der englische Christ Herr Hunter hat auch über den im muslimischen Raum unvergesslichen und herausragenden Gelehrten Sayyid Ahmad Shahid bekannte Äußerungen gemacht. Dies wird an geeigneter Stelle erörtert werden. Wir werden seine Bewegung und seine Tätigkeit auf der Grundlage jener verlässlichen Informationen über den Märtyrer Titumir erörtern, die bekannt geworden sind. Dadurch wird sich, so hoffe ich, erweisen, dass seine Bildung, sein Charakter, seine Gottesliebe und seine lebenslange kämpferische Haltung gegen Unwahrheit, Unrecht und Ungerechtigkeit nicht die geringste Beziehung zu der oben genannten erfundenen Darstellung haben.
Fünfundzwanzig Jahre nach der Schlacht von Plassey und fünfundsiebzig Jahre vor dem gesamtindischen Freiheitskampf (1857) des fünften Jahrzehnts des neunzehnten Jahrhunderts wurde Saiyid Nisar Ali, auch bekannt als Titumir, im Jahre 1782 im Dorf Chandpur im Distrikt 24 Parganas in Westbengalen geboren. Sein Vater hieß Mir (Saiyid) Hasan Ali und seine Mutter Abeda Rokaiya Khatun. (Shahid Titumir, Abdul Gafur Siddiqui, S. 1).
Englische Geschichtsschreiber bezeichneten ihn aus Geringschätzung und in der Absicht, Titumir herabzusetzen, als aus einer unbedeutenden Bauernfamilie stammend. Tatsächlich wurde er jedoch in die berühmte Saiyid-Linie hineingeboren. Unter den Wali und Derwischen, die in alter Zeit zur Verbreitung des Islam nach Bengalen kamen, finden sich in alten Urkunden und Dokumenten die Namen Saiyid Shah Hasan Razi und Saiyid Shah Jalal Razi. Mir Nisar Ali, auch bekannt als Titumir, stammte von den beiden leiblichen Brüdern Saiyid Abbas Ali und Saiyid Shah Shahadat Ali ab, die jeweils in der dreißigsten Nachkommengeneration von Saiyid Shah Jalal Razi beziehungsweise Saiyid Shah Hashmat Ali geboren wurden. (Shahid Titumir, Abdul Gafur Siddiqui, S. 3–4).
Titumir heiratete Maymuna Khatun Siddiqui, die Enkelin des damals berühmten Derwischs Shah Sufi Muhammad Asmatullah Siddiqui und die Tochter von Shah Sufi Muhammad Rahimullah Siddiqui. (Shahid Titumir, Abdul Gafur Siddiqui, S. 16).
Abu Jafar berichtet, dass Mir Nisar Alis Vater Mir Hasan Ali und seine Mutter Abeda Rokaiya Khatun hießen. Titumir heiratete Maymuna Siddiqui, die Tochter von Hazrat Shah Sufi Muhammad Rahimullah Siddiqui. Vierzehn Tage nach der Hochzeit starb sein jüngerer Großvater, Saiyid Omar Daraz Razi. Sechs Monate später starb sein Vater Mir Hasan Ali. (Geschichte des Freiheitskampfes, Abu Jafar, S. 117–118). Noch vor Nisar Alis Geburt war sein leiblicher Großvater Saiyid Shah Kadam Rasul verstorben. Unter der Anleitung seines jüngeren Bruders Shah Omar Daraz Razi wurde Nisar Alis Vater Mir Hasan Ali zum Murid.
Aus diesen Informationen geht hervor, dass Saiyid Nisar Ali, auch bekannt als Titumir, in eine äußerst vornehme Familie hineingeboren wurde. Dennoch wurde er als ein zügelloser, bösartiger junger Mann und als bezahltes Mitglied der Schlägertruppe eines gewissen hinduistischen Zamindars dargestellt. Eine auf verlässlichen Informationen über seine Ausbildung und Charakterbildung beruhende Erörterung wird zeigen, dass die oben genannten Behauptungen über ihn unbegründet sind.
Nach dem damals in vornehmen Familien der muslimischen Gesellschaft üblichen Brauch wurde, als Nisar Ali vier Jahre, vier Monate und vier Tage alt war, sein Lehrer Munshi Lal Mia von seinen Eltern damit beauftragt, ihn in Arabisch, Persisch und Urdu zu unterrichten. Seine Eltern waren keineswegs gleichgültig gegenüber dem Unterricht in seiner Muttersprache. Deshalb wurde Pandit Rarakamal Bhattacharya aus dem benachbarten Dorf Sherpur beauftragt, ihn in Bengalisch, dem elementaren Rechnen, Mathematik und Ähnlichem zu unterrichten. Als zu dieser Zeit ein gelehrter Pädagoge namens Hafiz Niamatullah aus Bihar Sharif in das Dorf Chandpur kam, ernannten ihn die Familienoberhäupter des Dorfes zum Hauptlehrer, und Nisar Ali wurde ein Hafiz des Korans. Darüber hinaus erlangte er besondere Gelehrsamkeit in arabischer Grammatik, der Wissenschaft der Fara’id, Hadith, Philosophie, Logik, Tasawwuf sowie in arabischer und persischer Dichtung und Literatur. Er konnte fließend in arabischer, persischer und bengalischer Sprache vortragen.
In der Zeit, in der Titumir geboren wurde, betrieben die Jugendlichen und jungen Männer Bengalens regelmäßig Körperübungen. Der auf halbem Wege zwischen den Dörfern Chandpur und Haidarpur errichtete Madrasa-Hof war ein Übungsplatz für Körpertraining. Sheikh Muhammad Hanif aus Haidarpur erteilte dort Unterricht in Körperübungen. An diesem Übungsplatz wurden Dandkusti, Hadudu, Stockkampf, der Umgang mit Schild und Schwert, der Schwertkampf, Bogenschießen, Schleuderschießen, das Bedienen von Bambusgewehren und Ähnliches gelehrt. Hafiz Niamatullah unterrichtete weiterhin nicht nur Arabisch und Persisch, sondern auch den Koran. Jeden Tag lehrte er bei den Zusammenkünften und am Abend verschiedene Techniken der Körperertüchtigung und des Waffenhandlings. Die beiden Anführer unter den Schülern dieses Übungsplatzes waren Sheikh Muhammad Hanif und Saiyid Nisar Ali, auch bekannt als Titumir.
Wahrscheinlich heiratete er bereits im ersten Jahrzehnt des zwanzigsten Jahrhunderts. Etwa anderthalb Jahre später hielt er sich gemeinsam mit seinem Lehrer, Hafiz Niamatullah, in Kalkutta und im Haus von Hafiz Muhammad Israel in Talibtola (heute Taltala) auf. Auch Hafiz Israel stammte aus Bihar Sharif. Er wurde zum Imam der Freitagsmoschee von Taltala ernannt und ließ sich, nachdem er hier geheiratet hatte, in Kalkutta nieder. Ein Teil von Talibtola beziehungsweise Taltala wurde damals Misriganj genannt. Hier gab es einen Übungsplatz beziehungsweise ein Zentrum für Ringkämpfe, dessen Vorsitzender Jamaluddin Afendi war. Zu jener Zeit waren professionelle Ringkämpfe noch nicht üblich. Wohlhabende Männer verliehen dem Sieger Preise und Ehrengewänder, um zu körperlicher Kraft und Tapferkeit anzuspornen, während sie dem Besiegten nur einen Preis gaben. Die Vorstellung, durch Ringkämpfe Geld verdienen zu müssen, hatte damals noch keinen Platz in den Köpfen der Pehlwane.
Während Titumirs Aufenthalt in Kalkutta fanden im Misriganj-Akhara Ringkämpfe statt, und dem siegreichen Pehlwan wurde ein reichliches Preisgeld verliehen. Hier erwarb sich Titumir bei den Ringkämpfen einen beachtlichen Ruf. Hafiz Niamatullah und Hafiz Muhammad Ismail waren besondere Liebhaber des Ringkampfs.
Ein weiterer besonderer Liebhaber des Ringkampfs war Mirza Ghulam Ambia. Eine kurze Vorstellung seiner Person wird hier nicht unangebracht sein. Er stammte aus einer königlichen Familie und war kinderlos. Er war Zamindar; da er kinderlos war, verwendete er den größten Teil der Einkünfte aus seinem Zamindari für gute Zwecke.
Sein Zamindarhaus befand sich im vor der Teilung Indiens bestehenden Stadtteil Mirzapur-Amherst Street von Kalkutta. Sein Haus hieß Mirza Manzil. Nach ihm wurde die Mirzapur Street benannt. Südlich von Mirza Manzil lagen der Mirza Talab und der Mirzabagh. Dieser Mirzabagh wurde später Mirzapur Park genannt. Der Ort, an dem sich sein Empfangsraum befand, erhielt später den Namen Baithakhana Road. Mirza Sahib war stets in Anbetung und frommen Pflichten vertieft. Im hohen Alter schenkte er das Land an der Mirzapur und Baithakhana Road, den Mirza Talab, den Mirzabagh und anderes der Stadtverwaltung von Kalkutta und wanderte, nachdem er seine Häuser und sonstigen Besitztümer verkauft hatte, nach Mekka aus. Der Mirza Talab und der Mirzabagh, die bis fast zum Ende der britischen Herrschaft unter dem Namen Mirzapur Park bekannt und berühmt waren, wurden im dritten Jahrzehnt des zwanzigsten Jahrhunderts in Swami-Shraddhanand-Park umbenannt. Dazu war die Stadtverwaltung rechtmäßig nicht befugt. Im Mirzapur Park versammelten sich zwanzig- bis fünfundzwanzigtausend aufgebrachte Muslime und protestierten gegen dieses Unrecht. Doch es hatte keinen Erfolg.
Nachdem Mir Nisar Ali in die Nähe des erwähnten Mirza Ghulam Ambia gekommen war, erwachte in ihm das starke Verlangen, bei einem vollkommenen Murshid die Baiʿa zu leisten. Als daraufhin ein Derwisch namens Zaki Shah nach Talibtola in Kalkutta kam, begab sich Nisar Ali zu dessen Versammlung und äußerte den Wunsch, sein Murid zu werden. Shah Sahib blickte ihm einige Zeit ins Gesicht und sagte: „Wenn du nicht das Heiligtum der Kaaba besuchst, wirst du den für dich bestimmten Pir nicht finden.“
In der Hoffnung, einen wahren Murshid zu finden, begab sich Mir Nisar Ali schließlich nach Mekka, und dort begegnete er Sayyid Ahmad Barelwi. Dort leistete Mir Nisar Ali bei ihm die Baiʿa und wurde sein Murid.
Nach Abschluss des Hadsch und der übrigen religiösen Verrichtungen gab Sayyid Ahmad Barelwi seinen Khalifa, Maulana Shah Muhammad Ismail und Maulana Ishaq, folgende Anweisung:
„Wenn ihr eure jeweiligen Häuser erreicht habt, werdet ihr sich fünfzehn Tage ausruhen. Wenn ihr danach Bareilly erreicht, werde ich mit euch verschiedene Orte Indiens bereisen. Nach einigen Tagen der Ruhe in Patna werde ich nach Kalkutta gehen.
Seine Anweisung an die Khalifa von Bengalen lautete wie folgt:
Ich werde, sobald ich Patna erreicht habe, Maulana Abdul Bari Khan (den Vater von Maulana Akram Khan), Maulana Muhammad Husain, Maulana Haji Shariatullah, Maulana Sayyid Nisar Ali (Titumir), Maulana Sufi Khodadad Siddiqi und Maulana Karamat Ali Nachricht geben. Von ihnen werdet ihr den Tag und das Datum meiner Ankunft in Kalkutta erfahren. Bei der Zusammenkunft, die wir in Kalkutta abhalten werden, wird unser endgültiges Aktionsprogramm beschlossen werden.
Danach kehrten alle von Mekka in ihre jeweiligen Heimatorte zurück. Später versammelten sie sich zur festgesetzten Zeit im Gartenhaus von Shamsunnisa Khanam in Kalkutta. Nach der Beratung wurde beschlossen, dass Patna die zentrale Hauptstadt der Mudschahedin und jede Provinz eine Provinzhauptstadt sein sollte. Von den Provinzhauptstädten sollten Gelder zur Durchführung des Dschihad an das Zentrum geschickt werden.
Nach diesen Beschlüssen hielt Maulana Sayyid Nisar Ali (Titumir) bei der genannten Zusammenkunft eine besonders bemerkenswerte Ansprache. Er sagte:
Der Iman der Muslime in Bengalen ist sehr schwach geworden. Es wäre gefährlich, sie in den Dschihad zu schicken, bevor sie zu wahren Muslimen gemacht worden sind. Ich übernehme die Verantwortung dafür, ihnen die islamische Daʿwa zu überbringen. Darüber hinaus glaube ich, dass auch Hindus aus den unteren Schichten unserem Kampf beitreten können. … Denn die Hindus aus den unteren Schichten sind mit den Kasten der Brahmanen, Vaidyas, Kshatriyas und Kayasthas nicht zufrieden. Wenn es uns gelingt, die Muslime zu gefestigten Muslimen zu machen und die Hindus und Muslime aus den unteren Schichten zu vereinen, dann wird es uns nicht schwerfallen, mit dem Zentrum Verbindung aufzunehmen und es zu unterstützen.
In der Beratungssitzung wurde danach beschlossen, dass Bengalen das Zentrum in allen anderen Angelegenheiten heimlich unterstützen werde. Öffentlich werde es sich jedoch nicht am Dschihad beteiligen. Wer sich dem Zentrum anschließen wolle, werde daran jedoch nicht gehindert.
(Schahid Titumir, Abdul Gafur Siddiqi, S. 22–37).
Danach begann Sayyid Nisar Ali seine Tätigkeit; diese möchten wir im Folgenden ausführlich erörtern. Die Einzelheiten seiner Aktivitäten – von seiner Ausbildungszeit über sein Leben in Kalkutta, seine Reisen auf der Suche nach einem Pir, die Durchführung der Hadsch und die Erlangung der Schülerschaft Sayyid Ahmad Barelwis bis hin zu weiteren Unternehmungen – wurden oben dargelegt. Die Behauptung, er habe jemals als angeheuerter Lathial in der Schlägertruppe eines hinduistischen Zamindars gearbeitet, ist völlig unbegründet und haltlos. Dies ist ein geplanter verleumderischer Versuch, seine großen Ideale, seinen Charakter und seine Erhabenheit zu entstellen und ihn in den Augen der Menschen herabzusetzen und verhasst zu machen.
Titumir hatte in seiner oben erwähnten Ansprache gesagt: „Der Iman der Muslime in Bengalen ist äußerst schwach geworden.“ Bevor wir seine Bewegung und seine Aktivitäten erörtern, müssen wir wissen, wie schwach der Iman der Muslime war und unter welchen Umständen er seine Arbeit der islamischen Daʿwa begann. Das hinduistische Volk Bengalens hatte sich mit den Engländern verschworen und durch äußersten Verrat am eigenen Vaterland die Muslime nicht nur ihrer Herrschaft beraubt, sondern ihnen auch alle Wege zum Erwerb des Lebensunterhalts versperrt; zudem hatte es nichts unversucht gelassen, auch den Iman – den größten Besitz eines Muslims – zu zerstören. Indem es die Muslime zu Muslimen dem Namen nach machte, sie vom Iman, von der islamischen Lebensweise und Kultur fernhielt und sie zu noch niedrigeren Wesen als die Hindus der unteren Schichten machte, wollte es sie zu Sklaven der Sklaven erniedrigen.
Wir haben im vorangegangenen Kapitel mit dem Titel „Der religiöse, gesellschaftliche und kulturelle Zustand der Muslime“ erörtert, wie tief das muslimische Volk zu Beginn des 18. Jahrhunderts in religiöser und kultureller Hinsicht gesunken war. Wir halten es für notwendig, auch kurz zu erörtern, wie weit sich dieser Zustand zur Zeit von Titumir verschlechtert hatte.
Die neuen hinduistischen Zamindare Bengalens waren zu großen Günstlingen der Engländer geworden. Ihre dauerhafte Herrschaft in diesem Land hing vollständig davon ab, dass sie sie einerseits in jeder Hinsicht zufriedenstellten und andererseits die Muslime unterdrückten. Daher wagten es die hinduistischen Zamindare, gegenüber den Muslimen aus den einfachen Bevölkerungsschichten rechtmäßige wie auch unrechtmäßige Anordnungen zu erlassen.
So wie die Brahmanen die Hindus aus den niederen Schichten der Freiheit in religiösen Angelegenheiten und dem Recht auf den Zutritt zu Tempeln beraubt hatten, stellten die Hindus aus den höheren Schichten in ähnlicher Weise auch unter den Muslimen eine Gruppe von Leuten als muslimische Brahmanen auf und beraubten die muslimische Allgemeinheit dadurch des Lichts des Islam.
Abdul Gafur Siddiqi schreibt in seinem Buch:
Die hinduistischen Zamindare und Hindus aus den höheren Kasten Westbengalens redeten den ungebildeten Muslimen ein: Ihr seid arm. Wenn ihr keinen Ackerbau betreibt und keine Tagelöhnerarbeit verrichtet, könnt ihr euren Haushalt nicht unterhalten. Wo habt ihr unter diesen Umständen Zeit, eure täglichen, wöchentlichen und jährlichen Gebete sowie Fasten, Hadsch, Zakat, Totengebet, Bittgebete, die Waschung der Verstorbenen und andere religiöse Pflichten zu erfüllen? Und wann werdet ihr Zeit haben, durch die Erfüllung all dieser Pflichten euren Lebensunterhalt zu verdienen, und wie wollt ihr überhaupt euren Haushalt führen? Deshalb werden wir auch eure religiösen Pflichten für euch erfüllen; so wird auch eure Zeit nicht verschwendet.
Die Muslime aus der Bauern- und Landarbeiterklasse Westbengalens, die der Unterweisung im Din des Islam beraubt waren, nahmen diesen Rat der Babus aufrichtig an. Allmählich breitete sich diese Krankheit auch in der muslimischen Gesellschaft Ostbengalens aus. Zugleich verleiteten sie Azazil, der Satan, und die Nafs al-Ammara dazu. Als Antwort auf die Worte der Babus sagten sie:
Babu, Sie haben ganz recht gesprochen. Bis heute hat uns niemand einen solchen guten Rat gegeben. Wir sind einfältig und verstehen nichts. Tun Sie mit uns, was Sie für richtig halten.
(Schahid Titumir, Abdul Gafur Siddiqi, S. 5–6).
Es versteht sich von selbst, dass es auch unter den Muslimen nicht an Leuten fehlte, die sich als Brahmanen aufspielten. In früheren Zeiten wurden am königlichen Hof der Muslime einige Muslime als Belohnung für ihre Verdienste mit angesehenen Titeln ausgezeichnet; außerdem wurden ihnen zu ihrem Lebensunterhalt Aima, Lakheraj und verschiedene Arten von Grundbesitz geschenkt. Nach der Ankunft der Engländer wurden all diese Besitztümer konfisziert. Sie wurden mittellos und vermögenslos. Da sie körperliche Arbeit nicht gewohnt waren, war ihnen auch der Weg zum Lebensunterhalt versperrt. Sie waren zudem nicht in der Lage, Bildung zu erwerben.
Im Grunde waren sie zu einer Gruppe vornehmer Bettler geworden. Unter ihnen befanden sich einige Leute, die die Bezeichnungen Scheich, Sayyid, Mir, Qadi und dergleichen führten. Sie waren Nachkommen alteingesessener, grundbesitzender Familien. Doch aus Not waren sie nun auf Bauern, Arbeiter und Tagelöhner angewiesen. Die Hindus der höheren Kasten nutzten ihre hilflose Lage aus und begannen, in mitleidigem Ton zu ihnen zu sagen:
„Die Muslime der unteren Schichten, etwa Bauern und Tagelöhner, achten euch nicht mehr wie früher und wollen euch nicht mehr achten. Sie erweisen euch auch keine Verehrung und keinen Respekt. Ihr solches Verhalten bereitet auch uns im Herzen großen Schmerz. Doch was kann man tun – es ist das Kali-Zeitalter. Wir wollen euch helfen, indem wir euch die Verantwortung dafür übertragen, ihre religiösen Pflichten zu erfüllen. Übernehmt in der muslimischen Gesellschaft Ämter wie Akhinji, Molla, Ustadji, Munshi und Qadi und gewinnt Einfluss über sie. Dann wird eure Zukunft glänzend sein. Auch sie werden euch ergeben bleiben.“ Die ihres Besitzes beraubten, unwissenden und halbgebildeten Scheichs, Sayyids, Mirs und Qadis, die Anspruch auf Vornehmheit erhoben, ließen sich von den Worten der hinduistischen Brahmanen, Kayasthas und Vaidya-Babus täuschen. Sie übernahmen die Ämter des Akhinji, Molla, Ustadji und Munshi und setzten sich als Brahmanen der muslimischen Gemeinschaft fest. Damit öffneten sie den Weg zum nationalen Untergang der muslimischen Bevölkerung. Nach dem Vorbild der Brahmanen in der hinduistischen Gesellschaft wurde auch in der muslimischen Gesellschaft ein Brahmanenamt geschaffen. Die gewöhnlichen Muslime, von der äußerlich süßen Art betört, wichen weit vom Weg des Islam und der islamischen Scharia ab. Durch die politische Verschwörung der hinduistischen Brahmanenkaste begingen sie Selbstmord. (Siehe Shahid Titumir – Abdul Gafur Siddiqi, S. 7.)
Die traditionsreichen nationalen Bildungseinrichtungen der Muslime waren verödet. In jedem Dorf wurden Dorfschulen hinduistischer Pandits eingerichtet. Die Muslime aus den einfachen Schichten mussten sich in diesen Schulen mit dem Gurumashai, dem Töpfer, dem Wäscher, dem Barbier, dem Wahrsager und ihresgleichen vermischen. All diese Leute bereiteten gemeinsam den Boden für die muslimischen Brahmanen.
Diejenigen unter den Muslimen, die dazu imstande waren, schickten ihre Kinder in diese Schulen. Dort mussten die muslimischen Schüler zusammen mit den hinduistischen Schülern Lobpreisungen und Hymnen auf verschiedene Götter und Göttinnen, insbesondere eine Verehrung Saraswatis, auswendig lernen.
Die Lehrbücher waren erfüllt vom Lob der Größe des Hinduismus sowie von Verehrungen und Hymnen auf Götter und Göttinnen. In den Empfindungen und den zarten Herzen der muslimischen Schüler wurde der Stempel des Hinduismus eingeprägt. Nach dem Unterricht mussten sie den folgenden Reim aufsagen, dem Gurumashai eine Verbeugung erweisen und nach Hause gehen:
Saraswati, göttliche Herrin, gewähre mir einen Segen,
Kommt, Brüder, lasst uns alle lernen, lasst uns nach Hause gehen.
Glitzernd, funkelnd, flimmernd der goldene Glanz,
Zieh mit Pat-Dot weiter, Sieg dem Gurudev.
Danach bleibt noch die moralische Seite. Nachdem im sechzehnten Jahrhundert durch Shri Chaitanya die Lehre des Vaishnavismus eingeführt worden war, kam es zum völligen moralischen Niedergang des Hinduvolkes. Der Strom abscheulicher sexueller Ausschweifungen, der unter dem Namen der Liebesspiele Krishnas und der kahlgeschorenen Vaishnava-Männer und -Frauen als Religion dahinströmte, riss nicht nur einen großen Teil der hinduistischen Gesellschaft mit sich, sondern zog auch die ungebildeten einfachen Muslime zu dieser Ausschweifung hin. Unter dem Einfluss der sexuellen Ausschweifungen der tantrischen Anhänger des linken Weges trat auch unter den Muslimen eine Gruppe heuchlerischer Sexualausschweifender auf, die die einfachen Muslime im Namen der Religion in den schmutzigen Abgrund sexueller Anarchie (SEXUAL ANARCHY) stürzte. Darüber hinaus hatte die weitverbreitete Verehrung von Pirs und Gräbern die Muslime auf die gleiche Stufe wie die götzendienerischen Hindu-Gemeinschaften herabsinken lassen.
Auch in die Namensgebung der Muslime hörten die Hindus nicht auf, ungerechtfertigt einzugreifen. Unter dem Namen einer auf der bengalischen Sprache beruhenden Nationalität führten sie die Muslime auf einen Irrweg. Die hinduistischen Thakur-Herren begannen zu sagen:
Dementsprechend begann man nach den Anweisungen der Thakur-Herren, den Muslimen Namen wie Gopal, Nepal, Gobardhan, Nabai, Kushai, Padma, Chini, Champa, Badal, Patal, Mukta und andere zu geben. Seit meiner Kindheit war ich in den ländlichen Gegenden mit vielen Muslimen vertraut, die solche Namen trugen.
In der Folge wurden die Muslime durch die wohlmeinenden Ratschläge der Thakur-Herren irregeführt, legten den Tahband ab und begannen, Dhoti zu tragen; sie rasierten ihre Bärte und ließen sich Schnurrbärte stehen. Man konnte, kurz gesagt, einen Muslim überhaupt nicht mehr als Muslim erkennen.
In dieser Zeit des äußersten religiösen und moralischen Niedergangs der Muslime trat Saiyid Nisar Ali, auch bekannt als Titumir, auf. Zwar konnte er sein großes Werk nicht vollenden, doch der umfassende Kampf, den er gegen den religiösen und moralischen Verfall sowie gegen die ungerechte Unterdrückung durch hinduistische Zamindare begonnen hatte, diente später auf dem Weg zur politischen, wirtschaftlichen und religiösen Freiheit der Muslime als Leuchtfeuer.
Nachdem Titumir in Kalkutta die Beratungssitzung mit Saiyid Ahmad Barelwi beendet hatte, kehrte er in sein Heimatdorf Chandpur zurück. Nach einigen Tagen der Erholung begann er mit seiner islamischen Daʿwa-Arbeit.
Der Kern von Titumirs Daʿwa bestand darin, vollkommenen Glauben an den Islam zu haben und bei jeder Handlung den Anweisungen Allahs und Seines Gesandten zu folgen. Die Unterdrückung und Misshandlungen durch hinduistische Zamindare und Indigobauern konnte er nicht hinnehmen. Daher sagte er, man müsse sich mit den Hindus aus der Bauernschaft zusammenschließen und gemeinsam Widerstand gegen ihre Unterdrückung leisten. Auf Bitten der Dorfbewohner von Sarfarazpur ließ er die während der Schahi-Zeit zerstörte Moschee dort wiederherstellen und errichtete für die Verkündigung eine Khanqah. Die Ansprache, die er hier nach dem Freitagsgebet an die versammelten Hindus und Muslime richtete, war von großer Bedeutung. Er sagte:
Der Islam ist eine Religion des Friedens. Allah und Sein Gesandter missbilligen es keineswegs, mit denjenigen, die keine Muslime sind, nur wegen der religiösen Verschiedenheit Streit und Zwietracht anzufangen. Der Islam sagt jedoch, dass die Muslime verpflichtet sind, einem schwachen Muslim zu helfen, wenn ein mächtiger, starker Nichtmuslim ihn zu Unrecht unterdrückt.
Er sagte ferner, die Muslime müssten in ihrer Rede und ihrem Verhalten wahre Muslime sein. Wenn sie die Bräuche, die Lebensweise und die Handlungen der Nichtmuslime schätzten, werde Allah ihnen am Tag des Jüngsten Gerichts unter den Nichtmuslimen einen Platz zuweisen. Titumir sagte, dass Scharia, Tariqa, Haqiqa und Maʿrifa zusammen das vollständige Leben der Muslime bildeten und dass darin ihre Erlösung im Diesseits und im Jenseits liege. Wer dies missachte, werde von Allah streng bestraft. Das Gebet zu verrichten, zu fasten, den Bart wachsen zu lassen und den Schnurrbart zu stutzen, seien für Muslime unbedingt zu erfüllende Pflichten. Diejenigen, die dies nach dem Vorbild der Nichtmuslime aufgäben, werde Allah streng bestrafen.
Dies war der Kern seiner anfänglichen Daʿwa. Er konnte ununterbrochen in einer eindringlichen, zu Herzen gehenden Sprache sprechen, und seine Reden und seine Verkündigung riefen unter den irregeleiteten und geistig schlummernden Muslimen ein beispielloses Erwachen hervor.
An dem Werk, das Titumir begonnen hatte, war nichts Unrechtes. Im Gegenteil, als Muslim waren dies seine Verantwortung und seine Pflicht. Doch warum sollten die Kastenhindus das dulden? Ihre tiefgehende Verschwörung zur Ausrottung der muslimischen Nation war vereitelt worden, und sie gerieten gegenüber Titumir und seinen Anhängern in rasende Wut. Eine neue Verschwörung zu ihrer Vernichtung nahm ihren Anfang.
Die Wiederinstandsetzung der zerstörten Moschee von Sarfarazpur, die erneute Einrichtung des gemeinschaftlichen Gebets und Titumirs feurige Ansprache vor den nach dem Gebet versammelten Menschen versetzten den Zamindar von Pura, Krishnadeb Ray, in Angst und Unruhe. Die Aufgabe, Nachrichten über Titumirs Bewegungen und seine Verkündigungstätigkeit zu sammeln, wurde Mati, einem dem Zamindar ergebenen und vertrauenswürdigen muslimischen Paik, übertragen. Der Zamindar sagte zu Mati:
Titu ist ein Anhänger der Wahhabi-Religion. Die Wahhabiten sind die erbittertsten Feinde der Religion eures Hazrat Muhammad. Sie sind jedoch so gerissen, dass man sie aus ihren Worten nicht als Wahhabiten erkennen kann. Daher kann ich nicht zulassen, dass meine muslimischen Untertanen irregeführt werden. Von heute an wirst du Titūs Bewegungen beobachten und mir alles berichten.
Daraufhin zwang Krishnadeb Ray nach Beratungen mit Debnath Ray, dem Zamindar von Gobra Gobindpur, und Kali Prasanna Mukhopadhyay, dem Zamindar von Gobardanga, einige Untertanen, gegen Titumir eine Beschwerde wegen Störung des Friedens einzureichen. Auf Befehl des Zamindars erschien Matiullah zusammen mit seinem Onkel Gopal, seinem Verwandten Nepal und Gobardhan im Kachari-Haus des Zamindars und brachte eine Beschwerde vor. Ihr wesentlicher Inhalt lautete wie folgt:
Titumir, der in Chandpur ansässig ist, hat sich zur Verbreitung seiner wahhabitischen Religion in unserem Dorf Sarparajpur (muslimischer Name: Sarfarajpur) niedergelassen und übt allerlei Zwang und Gewalt aus, um uns nach der wahhabitischen Lehre zu bekehren. Titumir hindert uns daran, die Religion unserer Vorväter so zu praktizieren, wie wir es seit Generationen tun. Damit Titumir und seine Leute die Bewohner Sarparajpurs nicht durch irgendeine Art von Unterdrückung zu ihrer Religion bekehren und uns nicht gewaltsam dazu zwingen können, Bärte zu tragen, Schnurrbärte zu stutzen, Kühe zu schlachten und arabische Namen anzunehmen, und damit sie keinen Streit zwischen Hindus und Muslimen entfachen können, erheben wir bei Eurer Hoheit Beschwerde und bitten um angemessene Maßnahmen. Eure Hoheit ist unser Herr. Eure Hoheit ist unser Vater und unsere Mutter.
Nachdem der Zamindar Krishnadeb Ray den genannten Antrag mit den Daumenabdrücken von Gopal, Nepal und Gobardhan erhalten hatte, erließ er eine Anordnung.
1. Wer sich Titumir als Schüler anschließt, Wahhabit wird, einen Bart trägt und seinen Schnurrbart stutzt, muss für jeden Bart zweieinhalb Taka und für jeden Schnurrbart fünf Sika als Steuer entrichten.
2. Wer eine Moschee baut, muss für jede Lehm-Moschee fünfhundert Taka und für jede massive Moschee eintausend Taka als Nazarana an die Zamindar-Regierung zahlen.
3. Wenn jemand den von den Vorvätern für ihre Kinder vergebenen Namen ändert und ihnen nach wahhabitischer Lehre einen arabischen Namen gibt, muss er für jeden Namen eine Khⱥrijana-Gebühr von fünfzig Taka bei der Zamindar-Regierung einzahlen.
4. Wer eine Kuh schlachtet, dem wird die rechte Hand abgehackt, damit er niemals wieder eine Kuh schlachten kann.
5. Wer den Wahhabiten Titumir in seinem Haus aufnimmt, wird von seinem Grund und Boden vertrieben.
(Schahid Titumir – Abdul Gafur Siddiqi, S. 48, 49; Die Geschichte des Freiheitskampfes, Abu Jafar, S. 119; Bengal Criminal Judicial Consultation, 3. April 1832, Nr. 5 und 6).
Im Zusammenhang mit Geldstrafen und Misshandlungen der oben genannten Art gegenüber muslimischen Pächtern werden im Protokoll der Bengal Criminal Judicial Consultancy vom 3. April 1832, Nr. 5, die Namen des Zamindars Ram Narayan von Taragunia, des Naibs des Zamindars von Kurgachhi, des in Nagarpur ansässigen Gaur Prasad Chowdhury, sowie des Zamindars Krishnadev Ray von Pura genannt. (Dr. A. R. Mallick, British Policy & the Muslims in Bengal, S. 76).
Am Gericht des Joint Magistrate von Barasat wurde eine Klage gegen den Zamindar Ram Narayan eingereicht. Darin sagte ein Zeuge aus, dass der genannte Zamindar ihn wegen des Tragens eines Bartes mit fünfundzwanzig Rupien bestraft und angeordnet habe, ihm den Bart auszureißen. Bengal Criminal Judicial Consultancy, 3. April 1832, Nr. 5; (Dr. A. R. Mallick, British Policy & the Muslims in Bengal, S. 76).
Titumir ließ Krishnadev Ray durch einen Brief wissen, dass er nichts Unrechtes getan habe, sondern unter den Muslimen den Islam verkünde. In diese Tätigkeit einzugreifen, könne unter keinen Umständen gerecht sein. Das Verrichten des Gebets, das Fasten, das Tragen eines Bartes und das Stutzen des Schnurrbartes seien religiöse Vorschriften für Muslime. Eine Behinderung dieser Tätigkeiten komme einem Eingriff in eine andere Religion gleich.
Auch wie der Zamindar Krishnadev Ray reagierte, nachdem einer von Titumirs Boten ihm den Brief übergeben hatte, sollte die Leserschaft wissen; ich erwähne es hier.
Als man ihn fragte, wer den Brief geschickt habe, nannte der Bote den Namen des Herrn Titumir aus Chandpur. Kaum hörte der Zamindar den Namen Titumir, geriet er in rasende Wut. Während er vor Zorn grollte, sagte er: „Wer ist dieser Wahhabi Titu? Und wer bist du, du Kerl?“
In der Nähe war ein gewisser Muchiram Bhandari anwesend. Er sagte: „Sein Name ist Aman Mondol. Sein Vater heißt Kaman Mondol. Er ist ein Pächter des Herrn. Früher rasierte er seinen Bart, und jetzt erkennt der Herr ihn nicht wieder, weil er einen Bart trägt.“
Der Bote sagte: „Herr, mein Name ist Aminullah, mein Vater heißt Kamaluddin, und die Leute nennen uns Aman-Kaman. Das Tragen eines Bartes ist außerdem ein Gebot unserer Religion. Deshalb habe ich es befolgt.“
Krishnadev bebte vor Zorn und sagte: „Du Kerl, hast du die Bartsteuer bezahlt, die Steuer für die Änderung deines Namens bezahlt? Na schön, ich werde dir zeigen, was Spaß ist. Du Kerl wagst es, mit mir zu streiten? So groß ist deine Frechheit?“ Daraufhin befahl er Muchiram, ihn ins Gefängnis zu sperren und angemessen zu bestrafen. Es versteht sich von selbst, dass Aminullah infolge unmenschlicher Misshandlungen und Schläge zum ersten Märtyrer in Titumirs islamischer Bewegung wurde. Die Nachricht verbreitete sich überall. Die Muslime waren zutiefst erschüttert, doch da ihnen mangels Zeugenaussagen und Beweisen nichts gegen den übermächtigen Zamindar möglich war, schwiegen sie.
Verschwörerische Versammlung der Zamindare in Kolkata
Mit dem Ziel, Titumir und seine Anhänger zu unterdrücken, versammelten sich in Kolkata im Haus eines gewissen Latu Babu die folgenden Personen: Latu Babu (Kolkata), der Zamindar von Gobardanga, Kali Prasanna Mukhopadhyay, Debnath Ray aus Gobra-Gobindapur, der Verwalter des Zamindars von Nurnagar, der Hauptstellvertreter des Zamindars von Taki, der Verwalter des Zamindars von Ranaghat, Krishnadeb Ray aus Pura, der Polizeibeamte von Bashirhat, Ramram Chakrabarti, Durgacharan Chakrabarti aus Jadurs Ati und andere.
In der Versammlung wurde beschlossen, dass der Untergang der Hindu-Gemeinschaft unausweichlich sei, wenn es nicht gelinge, Titumir zu unterdrücken; daher müsse man ihn mit allen Mitteln zur Strecke bringen, und alle Zamindare würden dabei umfassende Hilfe und Unterstützung leisten. Es wurde ferner beschlossen, auch die englischen Indigopflanzer um Hilfe zu bitten. Man würde ihnen verständlich machen, dass Titumir auch einen Kampf gegen die Engländer begonnen habe. Unter der hinduistischen Bevölkerung müsse verbreitet werden, dass Titu die Kaste vernichtet habe, indem er Rindfleisch hineingestopft habe. Der Polizeibeamte Chakrabarti von Bashirhat wurde gebeten, in dieser Angelegenheit jede erdenkliche Unterstützung zu leisten. Kali Prasanna Mukhopadhyay sagte zu dem Polizeibeamten: „Sie sind ein Brahmane, und auch wir sind Brahmanen. Außerdem sind Sie mit uns verwandt. In unserer Not müssen Sie uns in jeder Hinsicht helfen.“ Der Polizeibeamte sagte: „Ich werde selbst unter Einsatz meines Lebens helfen und Titumir des Hochverrats überführen.“
Nach der Verschwörerversammlung in Kolkata schickte Krishnadeb Ray Leute aus, um von den Bewohnern von Sarfarazpur die Bart- und Schnurrbartsteuer sowie die Kharijana-Gebühr für die Annahme arabischer Namen einzutreiben. Als sie sich jedoch weigerten, die Abgabe zu zahlen, kehrte der Angestellte des Zamindars zurück und informierte seinen Herrn darüber. Daraufhin wurden zwölf bewaffnete Borkandaz ausgesandt, um Titumir festzunehmen und herbeizubringen. Sie wagten es jedoch nicht, ihn festzunehmen.
Daraufhin entsandte Krishnadeb die folgenden Personen zur Beratung an verschiedene Orte:
1. Anukul Chandra Mukhopadhyay nach Gobardanga,
2. Khareshwar Mukhopadhyay nach Gobra-Gobindapur,
3. Lal Bihari Chattopadhyay zu Mr. Benjamin in der Indigofabrik von Serpur,
4. Banamali Mukhopadhyay in der Indigofabrik von Hugli,
5. Loknath Chakraborty auf der Polizeistation von Bashirhat.
Bemerkenswert ist, dass Loknath Chakraborty der Schwager von Ramram Chakraborty, dem Polizeibeamten von Bashirhat, war.
Daraufhin trafen aus verschiedenen Orten mehr als tausend tapfere Kämpfer – Lathials, Speerträger sowie mit Schild und Schwert Bewaffnete – zur Unterstützung Krishnadev Rays in dessen Haus in Pura ein. Am folgenden Freitag wurde der Befehl erteilt, Titumir und seine Leute in Sarfarajpur anzugreifen.
Als Krishnadev Ray am folgenden Freitag an der Spitze zu Pferd und hinter ihm seine bewaffnete Truppe Sarfarajpur erreichte, hatten die Gläubigen nach der Chutba des Freitagsgebets gerade zum Gebet Aufstellung genommen. Krishnadevs Soldaten umzingelten die Moschee unter verschiedenen gegen die Muslime gerichteten Rufen und setzten sie in Brand. Als Titumir und die Gläubigen, teilweise von den Flammen versengt, aus der Moschee herauskamen, wurden sie angegriffen. Zwei wurden von Speeren durchbohrt und starben als Märtyrer, viele weitere wurden verletzt.
Daraufhin erstatteten die Muslime auf der Polizeiwache von Kalinga Anzeige gegen Krishnadev Ray und seine Truppen wegen Mordes, Körperverletzung, Schlägerei und anderer Vergehen. Der zuständige Beamte der Polizeiwache nahm die Anzeige zwar auf, ordnete jedoch die Beerdigung der Leichen an, ohne am Tatort anwesend gewesen zu sein.
Im Bericht von J. R. Colvin heißt es, dass die Bediensteten des Zamindars in Sarfarajpur geschlagen und einer von ihnen festgehalten wurde, als sie dort Steuern unter anderem auf Bärte und Schnurrbärte eintreiben wollten. Daraufhin griff Krishnadev Ray sie mit einer bewaffneten Truppe an und setzte die Moschee in Brand.
(Board’s Collection 54222, S. 405–406, Colvins Bericht, Abs. 9, Dr. A. R. Mallick: British Policy & the Muslims in Bengal, S. 79).
Achtzehn Tage nach dem genannten Vorfall erstattete Krishnadeb Ray Anzeige gegen Titumir und seine Anhänger mit der Behauptung, sie hätten seine Leute verprügelt und selbst die Moschee angezündet, um ihm eine Falle zu stellen. (Bengal Criminal Judicial Consulations, 3. April 1832, Nr. 6).
In seiner Eingabe erhob Krishnadeb Ray ferner folgende Anschuldigung: „Ein fanatischer Wahhabi-Muslim namens Titumil, ein Gegner des Indigaanbaus, der Zamindare und der East India Company, sowie seine mehr als tausend Schüler haben zwei Barkandaz und einen Gomasta des ehrenwerten Zamindars von Pura, Shri Krishnadeb Ray, zu Unrecht und rechtswidrig gefangen genommen und verschwinden lassen. Trotz vielfacher Nachforschungen können wir sie nicht finden. Die genannten Paiks und der Gomasta waren in das Mahal von Sarfarazpur gegangen, um bei den dortigen Pächtern die Grundsteuer einzuziehen. Da es mit den Pächtern wegen der Zahlung und Abrechnung der Grundsteuer zu einem Streit kam, haben die Leute aus Titumirs Gruppe auf dessen Befehl unsere Gomastas und Paiks gewaltsam gefangen genommen; wo, ist nicht bekannt. Titumir verkündet voller Hochmut, er sei der König dieses Landes. Daher brauche man dem Zamindar keine Grundsteuer mehr zu zahlen.“ (Shahid Titumir – Abdul Gafur Siddiqui, S. 60).
Ramram Chakrabarti wusste zumindest sehr gut, wie man einen falschen Fall konstruiert. Denn er war entschlossen, Titumir als Staatsverräter zu beweisen. Wie dem auch sei, es versteht sich von selbst, dass die Eingabe des Zamindars achtzehn Tage nach dem Vorfall nicht glaubwürdig war. Sie war lediglich zu seiner eigenen Entlastung erstattet worden. Dennoch begann die Untersuchung beider Fälle.
Der Jamadar des Polizeipostens Kalinga leitete die vorläufige Untersuchung der Fälle ein. In seinem Bericht hieß es, die Anschuldigungen beider Seiten seien äußerst schwerwiegend. Weiter erklärte er: „Ich habe zahlreiche Beweise für die Anschuldigungen der Muslime gesehen.“ Bei der Untersuchung der Klage, die der Nayeb des Zamindars Krishnadeb Ray gegen Titumir und dessen Gruppe eingereicht hatte, stellte sich heraus, dass sich sämtliche Angestellten, deren Entführung angezeigt worden war, beim Nayeb befanden. Die Antwort des Nayeb lautete, dass Titus Leute sie freigelassen hätten, nachdem er ins Landesinnere gegangen sei. Meiner Ansicht nach sollte die Untersuchung dieser beiden komplizierten Fälle und die Erstattung des Abschlussberichts dem erfahrenen Daroga Ramram Chakrabarti aus Bashirhat übertragen werden.
Unterdessen ließ der Joint Magistrate von Barasat Krishnadeb Ray vor Gericht vorladen und gewährte ihm Kaution; zugleich wies er Ramram Chakrabarti an, die Untersuchung durchzuführen und den abschließenden Bericht vorzulegen.
Ramram Chakrabarti kam unter dem Vorwand einer Untersuchung nach Sarfarazpur, beschimpfte Titumir und die Dorfbewohner in unflätiger Sprache und ließ sie verprügeln. Nachdem er mehrere Tage im Haus des Zamindars Krishnadeb Ray wie ein geehrter Schwiegersohn bewirtet worden war, legte er folgenden Bericht vor:
1. Die Gomastas und Paiks des Zamindars Krishnadeb Ray waren von Titu und seinen Leuten rechtswidrig gefangen gehalten worden. Später waren sie durch eine List geflohen und untergetaucht. Nach dem Eintreffen der Polizei traten sie wieder in Erscheinung. Daher ist dieser Fall gegenstandslos und verdient eingestellt zu werden.
2. Titumir und seine mit Stöcken bewaffneten Männer haben gegen den Zamindar Krishnadeb Ray und dessen Paiks und Barkandaz falsche Anschuldigungen wegen Mordes und Körperverletzung, Plünderung, Brandstiftung und Ähnlichem erhoben.
3. Titu und seine Leute selbst haben das Gebetshaus in Brand gesetzt. Daher kann dieses Verfahren nicht weitergeführt werden.
Der Bericht des Polizeibeamten ist völlig frei erfunden und lediglich Ausdruck seines von Feindseligkeit erfüllten Gemüts. Mögen die Muslime auch hundert Fehler haben, niemals hätten sie den Mut, eine so sündhafte Tat wie das Niederbrennen einer Moschee zu begehen.
Es ist zutiefst bedauerlich, dass die Frage der illegalen Erhebung von Abgaben, die die Hauptursache des Aufstands war, nicht die Aufmerksamkeit des Richters auf sich zog. Infolgedessen gewann der Zamindar nicht nur den Prozess, sondern seine illegale Abgabenerhebung wurde auch für rechtmäßig erklärt. Der Divisionskommissar erklärte, dass das Urteil des Joint Magistrate einerseits nicht darauf abzielte, die illegale und unterdrückerische Abgabenerhebung der Zamindare zu unterbinden, andererseits aber auch nichts enthielt, um die erregte Haltung der Gegenpartei zu mildern. (Bengal Criminal Judicial Consultations, 3 April 1832, No. 3; Commissioner to Deputy Secretary; 28 Nov. 1831, Abs. 3).
Infolge dieses ungerechten Urteils des Magistrats wagte der Zamindar, betrügerische und unterdrückerische Maßnahmen zu ergreifen. Gemäß Regulation Nr. 7 von 1799 erhielt er die Befugnis, Bauern unter dem Vorwand ausstehender Abgaben festzunehmen und einzusperren. Sogar diejenigen, die keine Pächter des Zamindars waren, aber gegen ihn ausgesagt hatten, wurden fälschlich mit 38 Taka Rückständen belastet, festgenommen und eingesperrt; außerdem wurden sie auf verschiedene Weise körperlich bestraft. Danach nahm man ihnen, nachdem ein Teil der Rückstände eingetrieben worden war, schriftliche Verpflichtungen ab, den Rest zu zahlen, damit sie nicht die Hilfe des Gerichts in Anspruch nehmen konnten. (Board’s Collection, 54222, Enclosure No. 4, the Colvin’s Report; ebenfalls in Bengal Criminal Judicial Consultations, 3 April 1832, No. 6).
Am 25. September 1831 gingen die Muslime mit einer Abschrift des Prozessurteils nach Kalkutta, um beim Gericht des Kommissars Berufung einzulegen. Da der Kommissar jedoch abwesend war und sie ihre Berufung nicht einreichen konnten, kehrten sie gebrochenen Herzens zurück.
Die Moschee im Dorf Sarfarazpur wurde zerstört, zahlreiche Menschen wurden getötet oder verwundet, die Häuser von Habibullah, Hafizullah, Ghulam Nabi, Ramzan Ali und Rahman Bakhsh wurden in Trümmer verwandelt, und zahlreiche Vermögenswerte wurden verbrannt und geplündert; doch die englische Regierung unternahm nichts dagegen. Da das Leben der Bewohner von Sarfarazpur, insbesondere das von Saiyid Nisar Ali, in Gefahr geraten war, zogen Saiyid Nisar Ali, auch Titu Mir genannt, und die fünf genannten Obdachlosen auf Anraten aller am 17. Oktober trotz ihres entschiedenen Widerwillens von Sarfarazpur in das Dorf Narkelbaria um. Am 29. Oktober 1831 griff Krishnadeb Ray mit mehr als tausend bewaffneten Lathials und einer Schlägertruppe, die verschiedene Waffen trug, das Dorf Narkelbaria an und schlug und verwundete zahlreiche Männer und Frauen. Am 30. Oktober wurde beim Polizeiposten eine Anzeige erstattet. Doch es geschah nichts. Die Polizei kam nicht einmal, um irgendeine Untersuchung durchzuführen.
Durch die aufeinanderfolgenden Angriffe der Truppen der Zamindare gerieten die Muslime in Verwirrung. Da sie dazu gezwungen waren, mussten sie sich zur Selbstverteidigung vorbereiten. Als Krishnadeb Ray am 6. November erneut mit seinen Truppen über die Muslime herfiel, kam es zu einem heftigen Gefecht, bei dem auf beiden Seiten zahlreiche Menschen getötet oder verwundet wurden. Danach verbreitete Krishnadeb Ray überall in der hinduistischen Gemeinschaft, die Muslime würden die Hindus ohne Grund verfolgen. Diese Propaganda löste unter den Hindus große Erregung aus, und der indigobauende Zamindar Kaliprasanna Mukhopadhyay aus Gobardanga hetzte Mr. Davis, den Manager der Molahat-Indigofabrik, gegen die Muslime auf. Davis griff Narkelbaria mit etwa vierhundert abessinischen Kämpfern und verschiedenen tödlichen Waffen an. Auch diesmal gab es auf beiden Seiten zahlreiche Tote und Verwundete. Davis floh. Die Muslime zerstörten seine Badscha. Einige Zeit nach diesem Ereignis griff der Zamindar Debnath Ray aus Gobra-Gobindapur mit einer gewaltigen Truppe Narkelbaria an. In der heftigen Schlacht wurde Debnath Ray durch den Hieb einer Sorki getötet.
Der Brief, den der Zamindar Manohar Ray aus Chatuna nach dem oben erwähnten Ereignis an den Zamindar Krishnadeb Ray aus Pura schrieb, ist besonders bemerkenswert. Er schrieb:
Die Begeisterung für den Indigobau hat von euch Besitz ergriffen. Eben deshalb haben wir heute einen Helden wie Debnath Ray verloren. Noch ist es nicht zu spät. Übertreibt es nicht weiter, lasst Titumir seine Arbeit tun und tut ihr die eure. Titumir verbreitet seine Religion; warum schließt ihr euch zusammen, um ihn daran zu hindern? Durch eure Begeisterung für den Indigobau habt ihr euch mit den englischen Indigopflanzern und den Missionaren verbündet und dem Land und der Bauernschaft schweren Schaden zugefügt – wie sollten sie das vergessen? Wenn ihr weiterhin das Volk auf diese Weise mutwillig bedrängt, werde ich gezwungen sein, Titumir zu Hilfe zu kommen. Ich sage es noch einmal: Sammelt durch den Indigobau nicht den Fluch des Volkes auf euch.
– Srimanohar Ray Bhushan (Schahid Titumir, Abdul Gafur Siddiqui, S. 79).
Hätte man Manohar Rays guten Rat angenommen, wäre ein derart großes, tragisches Schauspiel der Geschichte nicht aufgeführt worden. Doch Krishnadev Rays maßlose Geldgier auf der einen und sein äußerster Hass auf der anderen Seite hatten ihnen jede Fähigkeit zur vernünftigen Beurteilung genommen. Deshalb konnte er von seinen teuflischen Machenschaften nicht ablassen.
Der Polizeibeamte von Basirhat, Ramram Chakraborty, hatte der Regierung gegen Titumir und seine Gefolgsleute Berichte vorgelegt, die erfunden, verzerrt und von eigennützigen Absichten geleitet waren; auch die hinduistischen Zamindare richteten Schreiben an den Gouverneur und ersuchten ihn, den Collector und den Joint Magistrate bei der Unterdrückung Titumirs zu unterstützen. Der Gouverneur erteilte daraufhin dem Collector von Nadia und dem Richter von Alipur zusammen mit den oben genannten Berichten entsprechende Anweisungen. Sobald der Collector von Nadia den Befehl des Gouverneurs erhalten hatte, forderte er Krishnadev Ray auf, ihn so bald wie möglich aufzusuchen. Der Richter von Alipur hielt sich zu dieser Zeit ebenfalls in Nadia auf. Als Krishnadev Ray zur vorgesehenen Zeit eintraf, brachen der Collector und der Richter Sahib auf seiner Bajra in Richtung Narikelbaria auf, wobei Krishnadev Ray ihnen als Führer diente.
Unterdessen verbreiteten interessengeleitete Kreise das Gerücht, der Manager der Indigofabrik von Sherpur, Herr Benjamin, sei mit zahlreichen Lathiyals und Sarki-Kämpfern aufgebrochen, um Narikelbaria anzugreifen. Als Golam Masum davon erfuhr, rückte er mit den Leuten aus Titumirs Gruppe vor, um sie aufzuhalten, und versteckte sich im Dickicht des Dorfes Bargharia. Als die Bajra an der Anlegestelle von Bargharia festmachte, sahen Titumirs Leute, dass sich an Bord zwei Engländer und ihr Erzfeind Krishnadev befanden. Sie vermuteten, die beiden Engländer seien Davis und Benjamin, und machten sich zum Angriff bereit. Krishnadev sagte: „Herr, sehen Sie dort! Golam Masum, Titumirs oberster Befehlshaber, ist bis hierher gekommen, um die Bajra anzugreifen.“ Daraufhin befahl der Sahib, das Feuer zu eröffnen. Die andere Seite begann ebenfalls, Pfeile und Sarki-Waffen abzufeuern. Nachdem es auf beiden Seiten einige Tote und Verwundete gegeben hatte, brach der Collector den Kampf ab und brachte sich in der Mitte des Flusses in Sicherheit.
Interessengeleitete Kreise täuschten Titumirs Gruppe durch eine Falschmeldung. In dem Glauben, es handle sich um Davis und Benjamin, griffen sie die Bajra an. Diese Kreise wollten auf diese Weise die Regierung der East India Company gegen Titumirs Gruppe aufbringen. Ihr Vorhaben gelang. Hätten sie die tatsächlichen Umstände gekannt, wären sie nicht auf diese Weise zum Angriff auf die Bajra gekommen. Insbesondere als sie Krishnadev Ray an Bord der Bajra sahen, hielten sie ihn für ihren Feind.
Das Merkwürdige war, dass Krishnadev beim hastigen Besteigen der Bajra an der Anlegestelle von Bargharia, als man sich in der Mitte des Flusses in Sicherheit brachte, nicht mehr an Bord gelangen konnte. So nahm sein Schicksal seinen Lauf. Die Muslime töteten ihn jedoch nicht. Er ertrank im Fluss und kam auf diese unrühmliche Weise ums Leben.
Titumir hatte keinerlei Absicht, mit der Regierung von East India in Konflikt zu geraten. Der Lauf der Ereignisse, einige haltlose Gerüchte und eine bestimmte interessengeleitete Gruppe führten zu einem Konflikt zwischen Titumir und der Regierung. Vonseiten einiger Missionare, einheimischer und ausländischer Indigopflanzer sowie hinduistischer Zamindare gingen dem Joint Magistrate von Barasat, Herrn Alexander, fortwährend aufwieglerische Berichte gegen Titumir zu. Dadurch entstand bei Herrn Alexander eine bestimmte Vorstellung von Titumir und seiner Gruppe; aufgrund dieser Vorstellung fasste er den festen Entschluss, Titumir zu unterdrücken. Vermutlich wurde nach dem Tod Ramram Chakrabortys im Kampf ein neuer Polizeibeamter bei der Polizeistation von Basirhat eingesetzt. Ihm wurde befohlen, mit einigen Sepoys und einem Jemadar nach Narikelbaria zu gehen und Titumir zu verwarnen. Danach sollte er über alles berichten, was sich ereignete. Der Polizeibeamte ging vermutlich nicht nach Narikelbaria, sondern erstattete von der Polizeistation aus Bericht, er sei nach einem Angriff von Titus Leuten nur knapp mit dem Leben davongekommen. Daher musste Alexander den Behörden einen scharfen Bericht über Titumir vorlegen.
Am 14. November 1831 erreichte Herr Alexander mit einem Havildar, einem Jemadar und fünfzig mit Gewehren und Schwertern bewaffneten Sepoys Baduria, drei Kos von Narikelbaria entfernt. Der Daroga von Basirhat traf zusammen mit dem Sepoy-Jemadar in Baduria mit Alexander zusammen. Die Gesamtstärke beider Einheiten betrug einhundertzwanzig Mann. In dem anschließend entbrannten heftigen Gefecht gab es auf beiden Seiten Tote und Verwundete. Alexander war angesichts der Tapferkeit der Muslime unter der Führung von Ghulam Masum erstaunt, und der Daroga sowie ein Jemadar gerieten in die Hände der Muslime. Als er seine Lage aussichtslos sah, floh Alexander, um sein Leben zu retten.
Alexanders Bericht und seine Reaktion
Der stellvertretende Magistrat Herr Alexander kehrte nach Barasat zurück und legte den vorgesetzten Behörden einen Bericht vor, in dem er um Maßnahmen gegen Titumir ersuchte. Die Behörden, das heißt die Regierung der East India Company, ernannten Colonel Stuart zum Befehlshaber und wiesen ihn an, mit einhundert berittenen europäischen Soldaten, dreihundert einheimischen Infanteristen und zwei Kanonen in Richtung Narikelbaria zu marschieren. In der Nacht des 13. November erreichten die Truppen der Company Narikelbaria und hielten das Dorf eingeschlossen.
Um sich vor den Angriffen des Feindes zu schützen, hatten Titumir und seine Leute rund um Titumirs Huzra dicke und starke Bambuspfähle aufgestellt und es eingefriedet; in der Geschichte ist dieses Bauwerk als „Titumirs Bambusfestung“ bekannt.
Abdul Gafur Siddiqi schildert einige Ereignisse vor Beginn des Kampfes und berichtet: Colonel Stuart trat vor dem Haupteingang des Huzra-Hauses von Titumir ein und sah dort einen Mann in weißem Pirhan und weißem Turban, der, mit einem Tasbih in der Hand, in der Andacht zu Allah versunken war. Stuart war tief beeindruckt und vor Staunen wie benommen und fragte seinen Führer Ramchandra Banerjee: Ist dieser Mann Titumir? Er sieht doch nicht wie ein Rebell aus, oder?
Ramchandra sagte: Dieser Mann ist Titumir. Er stellt sich selbst als Titu Badshah vor. Heute hat er bei Ihrer Ankunft sein Auftreten verändert und sich als Heiliger verkleidet.
Daraufhin sagte Stuart zu Ramchandra: Sagen Sie Titu, dass ich im Auftrag des Generalgouverneurs Lord Bentinck als Befehlshaber gekommen bin. Titumir soll sich ergeben. Oder Sie sollen mir Wort für Wort sagen, was er erwidert.
Ramchandra sagte zu Titumir: Sie haben gegen die Regierung der Company gekämpft und nun die Gebetskette aufgenommen. Kommen Sie, ergreifen Sie das Schwert und beweisen Sie, dass Sie des Titels Badshah würdig sind.
Titumir sagte: „Ich habe nicht gegen die Regierung der Kompanie Krieg geführt. Wie die Hindus sind auch wir Untertanen der Regierung der Kompanie. Ich habe lediglich einen bescheidenen Versuch unternommen, die Unterdrückung durch die Zamindare und Indigopflanzer einzudämmen und diejenigen, die nur dem Namen nach Muslime waren, zu wahrhaftigen Muslimen zu machen.“
Nachdem Ramchandra Titumirs Antwort gehört hatte, sagte er als Dolmetscher zu Stewart: „Der Rebell Titumir sagt, dass er sich nicht ergeben, sondern kämpfen wird. Er sagt, dass er Kanonen und Geschosse nicht fürchtet. Er sagt, dass er kraft seiner Macht alle einen nach dem anderen verschlingen wird. Er ist der Herrscher dieses Landes – wer ist dagegen die Kompanie?“ (Schahid Titumir: Abdul Gafur Siddiqi, S. 95–96).
Es dürfte jedem Leser nicht schwerfallen zu verstehen, welches Feuer Ramchandra bei der Ausübung seines Dolmetscheramtes entfacht hat.
Das Ergebnis der darauf folgenden Schlacht lässt sich leicht voraussehen. Wie lange konnten Stöcke, Pfeile und Speere dem Feuer gut ausgebildeter englischer Soldaten und dem Geschützfeuer ihrer schweren Kanonen standhalten? Dennoch wird die Art und Weise, wie Sayyid Nisar Ali, genannt Titumir, Ghulam Masum und ihre Gefährten, ohne sich einschüchtern zu lassen oder vor dem Gegner in Unterwerfung das Haupt zu beugen, bis zum letzten Augenblick ihres Lebens ruhig und gefasst dem Feind entgegentraten und den Nektar des Märtyrertums tranken, einerseits als unvergänglicher Ruhm in der Geschichte für immer fortbestehen und andererseits bei den künftigen Menschengeschlechtern die Inspiration und das Bewusstsein für den verzweifelten Kampf gegen Unwahrheit, Ungerechtigkeit und Unterdrückung wachhalten.
Vierzig Jahre nach diesem Ereignis erschien in der Calcutta Review ein anonymer Artikel. Darin wurde die zeitgenössische Regierung der Kompanie mit der Begründung kritisiert, sie sei gegenüber Titumirs aufrührerischen Aktivitäten gleichgültig gewesen. Nach Ansicht des Verfassers dieses Artikels strebte Titumir danach, politische Macht zu erlangen. Daher hätte die Regierung schon im Vorfeld strenge Maßnahmen gegen ihn ergreifen müssen. Er erklärt ferner, dass Titumir und seine Anhänger das Ende der Herrschaft der Kompanie forderten und die von den Engländern ihrer Macht beraubten Muslime als Erben der souveränen Herrschaft betrachteten. Auch Hunter äußerte sich in diesem Sinne. (Calcutta Review Nr. CI, S. 36).
Herr Hunter hat die haltlosen und tendenziösen Anschuldigungen hinduistischer Zamindare, Indigopflanzer und einiger Priester blindlings geglaubt und in sein Werk aufgenommen. Auch über Sayyid Ahmad Schahid machte Hunter äußerst niederträchtige und unanständige Bemerkungen. Dies wird an geeigneter Stelle erörtert werden.
J. R. Colvin wurde beauftragt, die Ursache und den Charakter des Aufruhrs in Narikelbaria im Distrikt Barasat zu untersuchen. Der Bericht, den er auf der Grundlage aus maßgeblichen Quellen gewonnener Informationen vorlegte, ist hier besonders beachtenswert. Mit Gewissheit erklärt er, dass der Aufruhr eine rein lokale Angelegenheit gewesen sei und dass die Einwohner, die unmittelbar oder mittelbar daran beteiligt waren, keine Personen von besonderem Rang gewesen seien. Bis auf zwei oder drei stammten sie alle aus dem nördlichen Teil von Barasat. Sie waren sämtlich Untertanen (Rayat), Weber und Muslime aus den einfachen Bevölkerungsschichten. (Board’s Collection, 54222, S. 400; Colvin an Barwell, 8. März 1832, Abs. 4; A. R. Mallick: British Policy & the Muslims in Bengal, S. 87).
Nach Colvins erwähntem Bericht maß die Regierung der Angelegenheit keine besondere Bedeutung mehr bei. Dr. A. R. Mallick erklärt unter Berufung auf die Board’s Collection und die Bengal Criminal Judicial Consultations, dass Major Scott die Truppen der Kompanie führte. Etwa fünfzig Menschen, darunter Titumir, wurden getötet und 250 Personen verhaftet. Die Leichen wurden verbrannt. Die Häuser der Anhänger Titumirs wurden geplündert, und auch Verdächtige wurden verhaftet. (Dr. A. R. Mallick, British Policy & the Muslims in Bengal, S. 86).
Insgesamt wurden 197 Personen vor Gericht gestellt. Unter ihnen wurde Ghulam Masum zum Tode verurteilt, 11 Personen erhielten lebenslange Haftstrafen und 128 Personen Haftstrafen unterschiedlicher Dauer.
Während des Prozesses starben vier Personen. 53 Personen wurden freigesprochen.
Da der rechte Arm von Titumirs ältestem Sohn Saiyid Gawhar Ali durch einen Kanonenschuss abgerissen worden war, wurde er von der Haftstrafe befreit. Sein anderer Sohn Torab Ali war noch minderjährig und erhielt deshalb eine zweijährige Zwangsarbeitsstrafe. Nachdem die damalige Regierung später ihren Irrtum erkannt hatte, richtete sie für Titumirs drei Söhne eine Unterstützung ein. Doch später wurde diese auf Betreiben der Hindus wieder eingestellt. (Schahid Titumir, Abdul Gafur Siddiqi, S. 100).
Aus der obigen Erörterung wird eindeutig ersichtlich, dass die Angelegenheit vielleicht nicht so weit gediehen wäre, wenn die Regierung die tatsächlichen Ereignisse gekannt hätte. Der Muslimhass der Zamindare, ihre falsche Propaganda, ihr unermesslicher Einfluss auf die armen Pächter und darüber hinaus der einseitige, voreingenommene und frei erfundene Bericht des Polizeibeamten Ramram Chakravarti hielten die Behörden von den tatsächlichen Ereignissen fern. Andererseits sahen sich die von den grenzenlosen, unmenschlichen Ungerechtigkeiten und Misshandlungen der Zamindare und Indigopflanzer Betroffenen, die bei der Regierung vergeblich um Recht ersucht hatten, gezwungen, einen radikalen Weg einzuschlagen. Einen anderen Ausweg hatten sie nicht. Auch in Colvins Bericht wird genau dies gesagt. Die Zamindare besaßen uneingeschränkte Macht, die Pächter auf jede erdenkliche Weise zu misshandeln und zu unterdrücken. Colvin bezeichnet dies als die Hauptursache der Unruhen. Er sagt ferner, dass es unter solchen Umständen, wenn der Schuldige über beträchtliche Reichtümer verfüge, unmöglich gewesen sei, zu einer richtigen Entscheidung zu gelangen. (A.R. Mallick: British Policy & the Muslims in Bengal, S. 88; Board’s Collection, 54222, Colvin’s Report, Abs. 36).
Elftes Kapitel
Die Dschihad-Bewegung des Märtyrers Saiyid Ahmad
Die Dschihad-Bewegung von Saiyid Ahmad Bareilwi ist in der Geschichtsschreibung als Wahhabi-Bewegung bezeichnet worden. Diese Aussage widerspricht vollständig der Wahrheit. Man kann sie ohne Weiteres als eine äußerst verfälschte Darstellung historischer Tatsachen bezeichnen. Genau genommen existierte nirgendwo auf der Welt eine Bewegung namens Wahhabi-Bewegung. Zu Beginn des achtzehnten Jahrhunderts begann Muhammad ibn Abd al-Wahhab Nadschdi in Arabien eine islamische Reformbewegung. Seine Bewegung war eine rein islamische Bewegung. Eben diese Bewegung wurde Wahhabi-Bewegung genannt. Diese Bezeichnung wurde von islamfeindlichen Europäern eingeführt. Sie wurde als WAHABISM oder WAHABI MOVEMENT bezeichnet. Der letzte und größte Prophet, Hadhrat Muhammad, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, hatte den von Allah offenbarten Islam zu seiner vollendeten Form gebracht. Den von Muhammad (s.a.w.) verkündeten Islam nannten sie nicht „Islam“, sondern „Mohammedanismus“, und den Muslim nannten sie „Mohammedaner“ (MEHOMEDAN). Bis in die dreißiger Jahre des gegenwärtigen Jahrhunderts wurden Muslime in der Amtssprache MEHOMEDAN genannt. Während der Amtszeit von Sher-e-Bangla als Ministerpräsident wurde das Wort MEHOMEDAN durch eine amtliche Bekanntmachung durch MUSSALMAN oder MUSLIM ersetzt. Ebenso wurde die islamische Bewegung von Muhammad ibn Abd al-Wahhab nicht nur als Wahhabi-Bewegung bezeichnet; vielmehr wurde gegen sie Propaganda betrieben, indem man sie als zutiefst islamfeindlich darstellte, um unter den Muslimen Hass und Feindschaft gegen sie zu erzeugen. Die Wahhabi-Bewegung wurde in der Geschichtsschreibung als islamfeindlich und das Wort „Wahhabi“ als Schimpfwort bezeichnet. Durch diese Propaganda wurden auch einige Muslime beeinflusst und getäuscht. Deshalb wird jemand, den man in der muslimischen Gesellschaft herabsetzen und verhasst machen will, als „Wahhabi“ beschimpft. Seit nahezu drei Jahrhunderten verharren manche Menschen in einem schweren Irrtum. Daher ist die Notwendigkeit einer eingehenden Erörterung und Erklärung dieser Frage unbestreitbar.
Muhammad ibn Wahhab
Zu Beginn des 18. Jahrhunderts wurde in Arabien ein bedeutender religiöser Reformer oder Mudschahid geboren, dessen Name Muhammad war. Sein Vater hieß Abd al-Wahhab. Nach dem in Arabien üblichen Brauch, den Namen des Vaters mit dem eigenen Namen zu verbinden, lautete sein vollständiger Name Muhammad ibn Abd al-Wahhab. Wahhab ist einer der Eigenschaftsnamen Allahs und bedeutet „der überaus Freigebige“. Muhammad ibn Abd al-Wahhab wollte alle Formen des Eindringens von Götzendienst in den Islam an der Wurzel beseitigen, die Erhabenheit der reinen Botschaft des Tauhid fest verankern und durch die Beseitigung aller politischen Unruhen in Arabien das gesamte arabische Land mittels der Grundsätze islamischer Gleichheit und Brüderlichkeit zu einem einzigen Staat verbinden.
Als er in seiner frühen Lebenszeit zur Hadsch nach Mekka und Medina reiste, war er zutiefst erschüttert, als er dort die unislamischen Bräuche und Zeremonien der Muslime sah. Damals stand ein großer Teil Arabiens unter der Herrschaft der türkischen Sultane. Durch den Kontakt mit der europäischen Zivilisation hatten die Türken, insbesondere die türkische Herrscherklasse, zahlreiche europäische Bräuche und Zeremonien übernommen. Diese hatten sich in den arabischen Ländern, ja sogar in Mekka und Medina, verbreitet. Um die Gräber waren gewaltige Bauwerke errichtet worden, und die Muslime standen an den Gräbern und baten um weltlichen Wohlstand und jenseitiges Wohlergehen. Man entzündete Lichter an den Gräbern, schmückte sie mit Blumenkränzen, brachte Opfergaben dar und legte Gelübde ab – und dergleichen mehr. Dies alles war eine Nachahmung des Götzendienstes. Maulana Masud Alam Nadwi erwähnt in seiner Biografie mit dem Titel „Muhammad ibn Abd al-Wahhab Nadschdi“, dass es damals in Arabien bestimmte Bäume gab, an denen die Muslime in Nachahmung der Götzendiener eine Art religiöser Feier und Verehrung vollzogen. Sie taten sogar Verwerflicheres als die Verehrung des Schiwalinga durch die Hindus. Kurz gesagt: Als Muhammad ibn Abd al-Wahhab eine äußerst entstellte Form des Islam sah, erhob er energisch seine Stimme gegen all dies. Seine Reformbewegung begann er zunächst in der Stadt Damaskus. Auch gegen die islamfeindlichen Bräuche und Zeremonien der türkischen Herrscherklasse trat er lautstark auf. Deshalb zog er sich den Zorn der Herrscherklasse zu und wurde aus Damaskus vertrieben. Schließlich kam er nach vielen Ortswechseln an einen Ort namens Darija oder Deraiya in seiner Heimatprovinz Nadschd. (Der Anführer oder Herrscher von Darija unterstützte seine Reformbewegung und heiratete seine Tochter. Danach setzte sich mit Hilfe des Herrschers von Darija, Muhammad ibn Saud, zugleich die islamische Reformbewegung und durch die Bildung der Arabischen Liga die politische Bewegung fort.
Eine ausführliche Erörterung seiner politischen Bewegung ist hier nicht möglich. Doch es ist eine Tatsache, dass eine vollständige Verwirklichung des Islam ohne politische Macht keineswegs möglich ist. An der gewaltigen politischen Bewegung, die mit der Unterstützung und Hilfe Muhammads ibn Saud begonnen hatte, beteiligten sich Millionen von Beduinen. Infolge dessen gelangte schließlich trotz wiederholter Katastrophen ganz Arabien in ihre Hand. Die Monarchie der Saud-Dynastie wurde im gesamten arabischen Land errichtet, und eben deshalb wird dieses Land Saudi-Arabien genannt. Der unmittelbare Erfolg der islamischen Reformbewegung Muhammads ibn Abd al-Wahhabs war somit der Erwerb dieser politischen Macht.
Oben wurde erwähnt, dass der Herrscher von Darija, Muhammad ibn Saud, die Tochter Muhammads ibn Abd al-Wahhabs heiratete. Innerhalb kurzer Zeit etablierte sich die Herrschaft Muhammads ibn Abd al-Wahhabs in den Wüstengebieten, insbesondere in Nadschd. Er übertrug seinem Schwiegersohn Muhammad ibn Saud die gesamte Herrschaftsgewalt und blieb allein in religiösen Angelegenheiten, das heißt als oberster Leiter der islamischen Reformbewegung, maßgebend. Danach kam es wiederholt zu Zusammenstößen mit den türkischen Herrschern. Sowohl Siege als auch Niederlagen wurden ihnen zuteil. Nachdem ihre Herrschaft über ganz Nadschd errichtet worden war, wurde nach Ansicht mancher zum ersten Mal seit der Zeit des vierten Kalifen versucht, in einem Land auf der Grundlage des Korans eine religiöse, politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Ordnung aufzubauen. Nach der Ansicht mancher, etwa Masud Alam Nadwis, war Muhammad ibn Abd al-Wahhab ein erfolgreicher Mudschaddid, der noch zu Lebzeiten den vollständigen Erfolg seiner Erneuerungs- und Reformarbeit erleben durfte.
Nun sollen die Grundsätze seiner Reformbewegung kurz erörtert werden. Wie bereits gesagt, verkündete er keine neue Lehre, die dem Islam widersprach; daher kann seine Lehre als wahhabitische Lehre bezeichnet werden. In Arabien gibt es keine nach Wahhab benannte Madhhab oder Tariqa. Diese Bezeichnung verbreitete sich außerhalb Arabiens; das Wort „Wahhabit“ wurde von den ausländischen Feinden seiner Anhänger, insbesondere den Türken und Europäern, geprägt und unter ihnen verbreitet. Einige europäische Schriftsteller, etwa Niebuhr (Neibuhr), bezeichneten Muhammad ibn Abd al-Wahhab als Propheten. Für solche absurden Vorstellungen gibt es ebenfalls keinerlei Grundlage. Tatsächlich gründete Muhammad ibn Abd al-Wahhab auch keine Madhhab. Er folgte der Lehre Imam Ahmad ibn Hanbals, eines der vier Imame, und sein Bestreben war die Rückkehr zu jenem ursprünglichen, einfachen und schlichten Islam, wie er zur Zeit des Weltenpropheten und der rechtgeleiteten Kalifen bestanden hatte. Er lehrte ferner, dass die Religion kein Vorrecht einer bestimmten Klasse sei. Auch die Auslegung des Korans und der Hadithe sei weder das Vorrecht einer bestimmten Person oder Klasse noch auf eine bestimmte Epoche beschränkt; jeder Gelehrte habe das Recht, den Koran und die Hadithe auszulegen. Seine Lehre und seine Ansichten waren hauptsächlich von den in den Schriften Ibn Taimiyyas und seiner Schüler niedergelegten Lehren beeinflusst, obwohl er in vielen Fragen nicht mit ihnen übereinstimmte. (Die wahhabitische Bewegung, Abd al-Maudud, S. 116).
Die Grundsätze der Reformbewegung Muhammads ibn Abd al-Wahhabs, die er in seinem „Kitab at-Tauhid“ niedergelegt hat, sind ungefähr folgende:
1. Außer Allah gibt es kein anderes Wesen und keine andere Macht, der oder der gegenüber Anbetung, Verehrung, Dienstbarkeit, Gehorsam oder die Befolgung von Geboten und Herrschaft zukommen kann.
2. Die meisten Menschen sind keine Anhänger des Tauhid. Sie gehen zu Heiligen, Derwischen und anderen, um deren Segen zu erbitten. Diese ihre Bräuche und Zeremonien gleichen denen der im Koran beschriebenen Götzendiener von Mekka.
3. Während der Anbetung unter Berufung auf die Namen von Propheten, Heiligen und Engeln zu beten, ist Schirk und ebenso verwerflich wie die Anbetung vieler Götter.
4. Außer bei Allah die Fürsprache eines anderen in Anspruch zu nehmen, ist nichts als Schirk.
5. Auch ein Gelübde im Namen eines anderen als Allah abzulegen, ist Schirk.
6. Sich auf anderes Wissen als die klare und zwingende Weisung des Korans, der Hadithe und der Vernunft zu stützen, ist Kufr.
7. Zweifel am Glauben an den Qadar beziehungsweise das Schicksal zu hegen, ist Atheismus.
Darüber hinaus legte er besonderen Nachdruck auf die Ausrottung jener Bidʿa (aller Neuerungen in der Religion des Islam, die nicht mit Koran und Hadith übereinstimmen oder nicht vom Propheten selbst eingeführt wurden), die Schirk und Kufr Vorschub leisten. Seine grundlegende Lehre war die ausschließliche und unerschütterliche Abhängigkeit von Allah, der keinen Teilhaber hat, sowie die Beseitigung der Existenz oder der Vorstellung jeglicher Vermittlung zwischen dem Schöpfer und den Menschen. Unter dem Vorwand einer solchen Vermittlung war ein Pīr-Kult oder muslimischer Brahmanismus errichtet worden, durch den die Muslime von den Lehren des wahren Islam ferngehalten wurden. Er wollte die Verehrung der Pīrs und Heiligen sowie ihrer Gräber durch Muslime beseitigen, ebenso die halb göttliche Vorstellung von Hazrat Muhammad (s.a.). (Auch unter den Muslimen findet sich die Befolgung dieser Lehre. Zum Beispiel,
Ahmads jener Mīm-Schleier
hat dich verborgen gehalten.)
Die Errichtung von Mausoleen auf Gräbern ist lediglich das letzte Zeichen des Heidentums, vor dem Allahs Gesandter in eindringlichen Worten gewarnt hat. Deshalb war angeordnet worden, sie abzureißen, damit die Muslime ihnen keine Verehrung und Ehrfurcht entgegenbringen oder dorthin gehen konnten, um für ihr eigenes Wohlergehen zu beten.
Die natürliche Folge seiner Bewegung war, dass zwei Gruppen von Muslimen äußerst hart getroffen wurden. Die eine bestand aus jenen, die neben den Gräbern standen, für weltlichen Aufstieg und jenseitiges Wohlergehen beteten und ihren Lebensunterhalt damit verdienten, unter dem Vorwand der Bewachung und Pflege der Gräber von den Besuchern Geld einzutreiben. Die zweite Gruppe waren die türkischen Herrscher. Denn ihre Herrschaft über Mekka und Medina war beseitigt worden. Der Sultan der Türkei war damals der selbsternannte Kalif der muslimischen Welt. Da ihnen die beiden, ja geradezu die einzigen bedeutendsten Heiligtümer des Islam, Mekka und Medina, aus den Händen gefallen waren, wurde der Anspruch auf das Kalifat gegenstandslos. Da es nicht leicht war, Mekka und Medina mit Waffengewalt zurückzuerobern, wurden gegen Muhammad ibn Abd al-Wahhab und seine Anhänger allerlei unbegründete und falsche Anschuldigungen erhoben, um die Muslime der Welt gegen sie aufzubringen. Wie islamwidrig der Charakter der türkischen Herrscher auch gewesen sein mochte: Als im Namen des Kalifen der Muslime eine Fatwa gegen Muhammad ibn Abd al-Wahhab erlassen wurde, glaubten die Muslime dies vorbehaltlos. Infolge dieser Verleumdung war die Zahl der Pilger, die von 1803 bis 1806 aus den Ländern außerhalb Arabiens nach Mekka kamen, äußerst gering.
Wie Muhammad ibn Abd al-Wahhab hatten in Bengalen und Indien Sayyid Ahmad Shahid, Jahazi Shariatullah, Titumir und andere herausragende Männer gegen die vielfältigen Aberglauben der Muslime ihre Stimme erhoben. Die britische Regierung begann nun in ihrem eigenen Interesse, diese herausragenden Männer als Wahhabiten zu bezeichnen und eine Verleumdungskampagne gegen sie zu führen. Was könnte eine größere Verfälschung der Wahrheit und grausamere Ironie sein?
Mohammed Waliullah sagt:
Aus Angst, dass ihr Imperium in Asien und Afrika wie ein Kartenhaus zusammenbrechen würde, sobald unter der muslimischen Bevölkerung Hass gegen Andersgläubige erwachte, begannen die imperialistischen Briten, um den Islam Krokodilstränen zu vergießen. So zeigt sich, dass die Engländer im Indien des neunzehnten Jahrhunderts jedes Mal, wenn ein muslimischer Patriot versuchte, sich gegen die Unterwerfung zu erheben, ihn als „Wahhabiten“ bezeichneten und die unwissende Bevölkerung gegen ihn aufhetzten; sie erlangten von ihren gefügigen Gelehrten Fatwas gegen ihn, indem sie ihnen Millionenbeträge an Bestechungsgeldern zahlten oder ihnen alternativ mit Verfolgung drohten, und ließen sich von den gehorsamen Beamten des von den Türken besoldeten Scherifs Bescheinigungen zu ihren Gunsten ausstellen. Sie holten sogar Prediger aus dem eigentlichen Arabien und ließen durch deren Mund die von ihnen selbst erfundenen Hirngeschichten verbreiten, um sie gegen ihn einzusetzen. Außerdem ließen sie durch Distriktmagistrate und hohe Beamte mit Unterstützung reaktionärer Muslime in jedem Distrikt Organisationen wie „Anjuman-e-Islamia“, „Hezbollah Samiti“ und „Anjuman-e-Esha’at-e-Islam“ gründen und gegen die patriotischen Muslime einsetzen. Im Gegenzug soll Allah, der Erhabene, ihnen etwa das Paradies Firdaus geschenkt haben – das lässt sich nicht sagen. Wahr ist jedoch, dass sie in diesem Feldzug zur Rettung des Islam Hunderte von Muslimen in die Falle lockten, sie am Galgen aufhängen und in das ferne Andaman verbannen ließen und dadurch zumindest den Weg zu ihrer jenseitigen Erlösung ebneten.
(Unser Freiheitskampf, Mohammed Waliullah, S. 60–61).
Chronik des Aufstiegs und Falls des von Muhammad ibn Abd al-Wahhab und seinem Schwiegersohn Muhammad ibn Saud gegründeten Staates
1703 n. Chr. – Geburt von Muhammad ibn Abd al-Wahhab in der Region Uyayna in Arabien, im Stamm der Banu Sinan, einem Zweig des Stammes Tamim.
1747 n. Chr. – Zusammenstoß mit dem Scheich von Riad.
1773 n. Chr. – Der Herrscher von Riad, Dahham, besiegt.
1787 n. Chr. – Tod von Muhammad ibn Abd al-Wahhab.
1791 n. Chr. – Angriff auf Mekka.
1797 n. Chr. – Der gesamte türkische Besitz in Asien in den Händen von Saud, dem Enkel von Muhammad ibn Saud.
1803 n. Chr. – Eroberung Mekkas.
1804 n. Chr. – Eroberung Medinas.
1806 n. Chr. – Rückeroberung Mekkas.
1811 n. Chr. – Unter der Herrschaft der Saudis: von Aleppo im Norden bis zum Indischen Ozean sowie im Osten über die Grenzen des Persischen Golfs und des Irak hinaus bis zum Roten Meer.
1811 n. Chr. – Unter der Herrschaft der Saudis: von Aleppo im Norden bis zum Indischen Ozean sowie über die Grenzen des Persischen Golfs und des Irak hinaus bis zum Roten Meer.
1811 n. Chr. – Die ägyptischen Truppen erobern Medina.
1812 n. Chr. – Die ägyptischen Truppen erobern Medina.
1812 n. Chr. – Die ägyptischen Truppen erobern Mekka.
1814 n. Chr. – Saud stirbt.
1818 n. Chr. – Die Hauptstadt Diriyya wird zerstört.
1904 n. Chr. – Wiedererrichtung. Sauds Enkel Abd al-Aziz ibn Abd ar-Rahman errichtet seine Herrschaft in Nadschd.
1924 n. Chr. – Eroberung Mekkas.
1925 n. Chr. – Sie eroberten Medina und Dschidda.
Auf diese Weise wurde fast die gesamte Dschazīrat al-ʿArab (mit Ausnahme einiger weniger kleiner Emirate) in den unter dem Namen Saudi-Arabien bekannten arabischen Nationalstaat umgewandelt, der bis heute besteht. (Siehe: Die wahhabitische Bewegung, Abdul Maudud, S. 112–115.)
Auch die Bemerkung, die Herr Hunter in seinem Werk über Muhammad ibn Abd al-Wahhab macht, wird hier zitiert.
Die Grundsätze, die sie mit blutroten Lettern niederschrieben, waren großartig. Zunächst betonten sie vor allem, dass die Türken durch ihre Sinneslust die heilige Stadt (Mekka) verunreinigt hätten. Auch mit der Polygamie hätten sie sich nicht zufriedengegeben. Bei ihrer Ankunft zur Hadsch brachten sie Frauen von äußerst schlechtem Charakter mit und verübten solche Missetaten, die im Koran vollständig verboten waren. Auf den Hauptstraßen der heiligen Stadt tranken sie öffentlich Wein und Opium. Türkische Pilgergruppen pflegten auf dem Weg nach Mekka die abscheulichste Ausschweifung zu treiben. Muhammad ibn Abd al-Wahhab erhob als Erster seine Stimme zu scharfem Protest gegen all diese widerwärtigen Taten. Nach und nach nahmen seine Ansichten die Gestalt einer religiösen Lehre an und verbreiteten sich unter dem Namen wahhabitische Lehre. – [Der Ausdruck „Wahhabit“ oder „Wahabi“ ist ein Erzeugnis des Reichs der Vorstellungen der Außenwelt, insbesondere der Europäer.] Die Mehrheit der indischen Muslime folgt heute dieser Lehre. Nach dieser Lehre war die von Muhammad begründete Religion in einen reinen Monotheismus verwandelt worden und beruhte auf sieben Grundsätzen. Erstens: unerschütterlicher Glaube an den einen Allah. Zweitens: die Leugnung der Existenz jedes Vermittlers zwischen dem Schöpfer und den Menschen. Zu den Heiligen und Derwischen zu beten und sogar Muhammad eine halbgöttliche Gestalt zuzuschreiben, ist zurückzuweisen. Drittens: das Recht auf persönliche Auslegung der muslimischen religiösen Schriften und die Ablehnung einer priesterlichen Auslegung der heiligen Schrift. Viertens: die Zurückweisung jener Bräuche, Sitten und äußerlichen Riten, die die Muslime des Mittelalters und der Neuzeit dem heiligen Glauben an den Tauhid auferlegt haben. Fünftens: die Erwartung jenes Imams, unter dessen Führung die wahren Gläubigen im Kampf gegen die Ungläubigen siegen werden. Sechstens: stets in Theorie und Praxis anzuerkennen, dass der Kampf der Muslime gegen alle Ungläubigen eine zwingende Pflicht ist. Siebtens: feste Ergebenheit gegenüber dem geistlichen Wegweiser.
Nach Hunter war durch die Bemühungen Muhammad ibn Abd al-Wahhabs die von Muhammad begründete Religion (das heißt der Islam) in einen reinen Monotheismus verwandelt worden. Das heißt, seine Aufgabe bestand darin, den Islam von dem Eindringen von Religionslosigkeit, Häresie und Götzendienst zu befreien und ihm seine wahre islamische Gestalt und Form zurückzugeben. Damit hat er dem wahren Islam gedient. Das eben ist die Aufgabe eines wahren Muslims. Um die entstellte Form des Islam zu verändern und ihn in seiner wahren Gestalt wiederherzustellen, hatte der Prophet des Islam das Kommen von Reformern in jeder Epoche vorausgesagt; in der islamischen Terminologie werden sie „Mudschaddid“ genannt. Warum aber wurden seine Taten als islamfeindlich angesehen und seine Lehre als eine vom Islam verschiedene Lehre bezeichnet und mit dem Namen „wahhabitische“ Lehre belegt? Welche Antwort haben die Europäer und jene Gruppe von Muslimen, die im tiefen Meer des Irrtums versunken ist, darauf? Die europäischen Christen können dies aufgrund ihrer seit jeher feindseligen Haltung gegenüber dem Islam und den Muslimen tun. Das liegt in ihrer Natur – daran ist nichts Verwunderliches. Doch diejenigen, die den Islam entstellt, verschiedene Arten götzendienerischer und nichtislamischer Bräuche und Aberglauben in ihn eingeführt, ihn in eine äußerlich nur aus Zeremonien bestehende Religion verwandelt und damit ihren Geschäftsbetrieb blühen ließen und noch immer blühen lassen – auf diese Frage haben sie wahrlich keine Antwort. Die religionslosen und ausschweifenden türkischen Herrscher begannen eine abscheuliche Verleumdungskampagne gegen den Mudschaddid Muhammad ibn Abd al-Wahhab. Als dann in Britisch-Indien Sayyid Ahmad Barelwi eine ähnliche Reformbewegung begann, bezeichneten die eigennützigen und imperialistischen Briten ihn als „Wahhabiten“ und ließen durch Leute, die sich als angeheuerte Gelehrte ausgaben, aus dem Maschinengewehr der Fatwas ununterbrochen Kugeln auf ihn niederprasseln. Doch während Sayyid Ahmads dschihadische Bewegung andauerte, erwiesen sich die Geschosse und Kugeln dieser Maschinengewehre als erfolglos. Deshalb sagte Hunter: „Die Mehrheit der indischen Muslime folgt heute dieser Lehre.“
Schah Waliullah
Vier Jahre vor dem Tod des Kaisers Aurangzeb Alamgir, im Jahr 1703, wurde Schah Waliullah in der Stadt Delhi in eine äußerst vornehme Familie geboren. Sein Vater, Schah Abd ar-Rahim, war ein berühmter Gelehrter. Die Vorfahren Schah Waliullahs stammten vom zweiten Kalifen des Islam, Hadhrat Umar al-Faruq (möge Allah mit ihm zufrieden sein), ab.
Schah Walīullāh erhielt seine Ausbildung bei seinem Vater Schah Abd ar-Rahīm. Später unterrichtete er zwölf Jahre lang an der von seinem Vater gegründeten Schule. Danach begab er sich nach Arabien und verbrachte lange Zeit in Mekka und Medina. Während seines Aufenthalts in Mekka und Medina erwarb Schah Sahib die Eigenschaften und Fähigkeiten, die für den Idschtihād erforderlich sind. Schiblī sagt, dass Schah Walīullāh Dihlawī (rah.) nach Ibn Rushd und Imam Ibn Taymiyya den durch den völligen Niedergang der muslimischen Welt verursachten Verfall aufs Neue belebt habe. Die Inspiration, die er durch seinen langjährigen Aufenthalt und seine Reisen nach Mekka und Medina gewonnen hatte, bewog ihn dazu, eine revolutionäre Bewegung zu beginnen.
Nach Aurangzebs Tod entstand eine Anarchie und Unordnung, durch die das Mogulreich und damit das Sultanat in Indien allmählich zugrunde gingen; zugleich kamen die Engländer unter dem Deckmantel von Kaufleuten in dieses Land und breiteten sich nach und nach vor den Augen Walīullāhs darin aus. Dieser Anblick erfüllte Schah Sahib mit tiefem Schmerz und Leid. Er erkannte voll und ganz, dass die Hauptursache für den Niedergang der Muslime in ihrem sittlichen und religiösen Verfall lag.
Als Ergebnis seines umfassenden Wissens über den Islam sowie seines Nachdenkens und Forschens nahm in seiner Gedankenwelt der Entwurf eines islamischen Staates Gestalt an. Doch erkannte er vollkommen, dass kein Staat allein durch Waffengewalt errichtet werden könne, solange es an Menschen mit wahrer Befähigung und entsprechenden Eigenschaften fehle. Die Heranbildung von Menschen mit echtem islamischem Wissen und Charakter war eine Voraussetzung für die Führung eines islamischen Staates. Es mangelte jedoch nicht nur an Menschen mit solchen Eigenschaften und Fähigkeiten; vielmehr waren die Muslime in den Netzen verschiedener dschāhilī- oder nichtislamischer Aberglauben gefangen. Um die muslimische Gesellschaft aus diesen Fesseln zu befreien, widmete er sich als Erstes der islamischen Reformbewegung. Das Hauptziel seiner Bewegung bestand darin, durch islamische Reformen den Islam zu seiner ursprünglichen Reinheit und Lebenskraft zurückzuführen, die wachsende englische Macht im Land zu vernichten und erneut die Siegesfahne des Islam zu entrollen. Daher versuchte Schah Walīullāh, ebenso wie der arabische Mudschaddid und Mudschāhid Muhammad ibn Abd al-Wahhāb, die unislamischen Bräuche, den Aberglauben und die Missstände unter den Muslimen an der Wurzel auszurotten.
Schah Walīullāh hatte erkannt, dass die Gleichgültigkeit und Geringschätzung der tasawwuf-orientierten Sufis gegenüber der Scharia des Islam dem Islam und der muslimischen Gesellschaft schadeten; das Eindringen zahlreicher von ihnen praktizierter Missstände und verbreiteter islamfeindlicher Lehren hatte das religiöse Leben der Muslime verdorben und entstellt. Das Eindringen geschäftstüchtiger Sufis hatte das religiöse Leben der Muslime verdorben und entstellt. Auch das Auftreten solcher Sufis sowie die Bräuche der Verehrung von Pīrs und Gräbern nahmen unaufhörlich zu. Walīullāh wollte den Tasawwuf allerdings nicht beseitigen, sondern vollständig reformieren und läutern. Er wollte den Sufismus durch Reformen auf das Gute ausrichten. In seinem Wasiyyatnama finden sich zahlreiche unumstößliche Argumente und Anweisungen gegen Berufspīrs, Fakīre, die Grabverehrung, Wundertätigkeit und dergleichen.
Nachdem Schah Walīullāh die Notwendigkeit der Charakterbildung der Menschen in einer friedlichen und ungestörten Umgebung erkannt hatte, begann er seine Reformbewegung beziehungsweise seine konstruktive Arbeit. Mit seiner scharfen Feder wies er einerseits auf die Fehler und den Aberglauben der muslimischen Gesellschaft hin und zeigte andererseits deutlich den richtigen Weg des Handelns. Er verfasste zahlreiche wertvolle Werke. Besonders hervorzuheben sind darunter Fath al-Kabīr und „Hudschatullāh al-Bāligha“. Er setzte alles daran, ein totes, schlafendes und vom rechten Weg abgeirrtes Volk durch die Geißel seiner Feder wieder lebendig und wach zu machen und auf den richtigen Weg zu führen. Im Jahr 1762 verließ dieser begabte Gelehrte die Welt.
Schah Abd al-Azīz Dihlawī (rah.)
Nach dem Tod Schah Walīullāhs schritt sein fähiger ältester Sohn Schah Abd al-Azīz (1746–1823) auf dem von ihm gewiesenen Weg weiter voran. Unter den indischen Gelehrten war er der Erste, der dieses Land furchtlos zum „Dār al-Harb“ erklärte und eine Fatwa erließ. Die Frage, wie die soziale und religiöse Lage der Muslime in dem von den ungläubigen Engländern beherrschten Land aussehen solle, bewegte die Gemüter der Muslime. Der tapfere Mudschāhid Schah Abd al-Azīz erklärte mit erhobener Stimme und ohne Furcht, dass es dem Īmān widerspreche, wenn Muslime in einer unislamischen Gesellschaft und unter einem unislamischen Staat lebten. Entweder müssten sie Dschihād führen und dieses Land in einen islamischen Staat verwandeln, oder sie müssten die Hidschra antreten und an einen anderen Ort ziehen. Diese Erklärung ließ in Herz und Seele der Muslime die Wogen einer unbezähmbaren Begeisterung für den Dschihād aufbranden.
In dem leidenschaftlichen Wunsch, das muslimische Indien vom Einfluss der Tyrannen zu befreien, rief Schah Abd al-Azīz eine gesellschaftliche Reformbewegung namens „Targhīb-e Muhammadiya“ ins Leben. Ziel dieser Bewegung war es, die in die muslimische Gesellschaft eingedrungenen unislamischen Bräuche, Riten und den Aberglauben an der Wurzel auszurotten und die Muslime durch die echte islamische Lehre und das islamische Ideal anzuspornen. Nach einem wohlüberlegten Plan leitete Schah Sahib diese Bewegung in ganz Indien und setzte dafür eine Gruppe selbstloser und unermüdlich tätiger Männer ein, die bei ihm ausgebildet worden waren. Im Laufe der Zeit nahm diese „Targhīb-e Muhammadiya“-Bewegung schon nach sehr kurzer Zeit die Gestalt einer dschihādistischen Bewegung an und begann eine Freiheitsbewegung gegen die tyrannischen Sikhs und Engländer. Wirklich umgesetzt wurde diese Bewegung von Saiyid Ahmad Schahīd Barelwī; seine wichtigsten Mitstreiter waren Schah Sahibs Neffe Schah Ismāʿīl Schahīd und sein Schwiegersohn Maulānā Abd al-Hayy.
Stammbaum von Shah Waliullah
Shah Waliullah (1703–1762 n. Chr.)
(1) Shah Abdul Aziz (2) Shah Rafiuddin (3) Shah Abdul Qadir (4) Shah Abdul Ghani
(5) Maulana Abdul Hai (Schwiegersohn) (6) Shah Mahfuzullah (7) Shah Ismail
(5_1) Maulana Ishaq (5_2) Maulana Yaqub
Sayyid Ahmad Shahid
Zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts entstand in ganz Indien eine gewaltige, gut organisierte Unabhängigkeitsbewegung. Diese Bewegung wurde ausschließlich von indischen Muslimen geleitet. Ihre treibende Kraft war Sayyid Ahmad Shahid Barelvi (r.h.). In der Geschichtsschreibung wurde diese Bewegung als „Wahhabi-Bewegung“ bezeichnet, obwohl sie zugleich eine islamische und eine Freiheitsbewegung war. Ihr Ziel war die Errichtung eines ungeteilten, unabhängigen islamischen Staates vom Meer bis zum Himalaya. Aufgrund des extremen Verrats einiger Personen konnte das angestrebte Ziel jedoch nicht erreicht werden. Dennoch schreitet diese Bewegung, die sich von Anfang bis Ende durch ein äußerst geheimes und kunstvoll ausgearbeitetes Programm vorwärtsbewegte, auf eine Weise voran, die selbst die Vorstellungskraft in Erstaunen versetzt und sprachlos macht.
Sayyid Ahmad wurde am 6. Safar 1201 nach der Hidschra (1786 n. Chr.) in Rae Bareli bei Allahabad geboren. Seine Biografen berichten von einem erstaunlichen Ereignis im Zusammenhang mit seiner Geburt. Als er sich noch im Mutterleib befand, sah seine fromme Mutter im Traum ein mit ihrem Blut beschriebenes Blatt Papier, das flatternd durch die Luft flog. Ein naher Verwandter von ihr hörte den Traum und sagte: „Es gibt keinen Grund zur Sorge. Derjenige, den Sie gebären werden, wird eine überaus berühmte Persönlichkeit der Geschichte sein.“ – (Sayyid Ahmad Shahid, Ghulam Rasul Mehr, S. 56).
Dieser Traum ist Buchstabe für Buchstabe Wirklichkeit geworden. Das Land Indien, von Bengalen bis Balakot, wurde vom frischen Blut von Sayyid Ahmad Shahid und seinen Anhängern gerötet. Die blutgeschriebene Erinnerung an sie entfachte bei den Muslimen noch ein ganzes Jahrhundert lang unaufhörlich den Geist des Dschihad; ihr Abschluss erfolgte 1947 mit der Gründung Pakistans, wodurch die Muslime aus den Fesseln fremder und nichtmuslimischer Herrschaft und Ausbeutung befreit wurden.
Als Sayyid Ahmad vier Jahre, vier Monate und vier Tage alt war, wurde er gemäß der Sitte angesehener Muslime in ein Maktab geschickt. Doch der kleine Sayyid Ahmad zeigte keinerlei Interesse am Lernen.
Golam Rasul Mehr sagt, es sei schwer zu erklären, warum er in seiner Kindheit Abneigung gegen das Lernen zeigte. Später stellte sich jedoch heraus, dass er das Persische gut beherrschte und sich fließend in dieser Sprache ausdrücken konnte. Auch das Arabische hatte er so weit gelernt, dass er „Mishkat al-Masabih“ selbstständig lesen konnte. Er konnte Gedichte von Hafiz, Bedil und anderen Dichtern vortragen. Dennoch war seine frühe Bildung nach der Familientradition nicht zufriedenstellend. Sein älterer Bruder Sayyid Ibrahim und Sayyid Ishaq drängten ihn nachdrücklich zum Lernen. Doch der Vater sagte resigniert: „Überlass die Sache ihm selbst.“
Als er später nach Delhi ging, sorgte Shah Abdul Aziz dafür, dass er in der Akbarabadi-Moschee untergebracht wurde, und beauftragte Shah Abdul Qadir mit seiner Ausbildung. Sayyid Ahmad lernte bei ihm Arabisch und Persisch. Zwar konnte er nicht die schulische Bildung erlangen wie Shah Ismail oder Maulana Abdul Hai, doch konnte er Arabisch und Persisch sprechen und sie leicht verstehen.
Mawlawi Sayyid Zafar Ali Naqvi berichtet, dass Shah Ismail jeden Tag nach dem Fadschr-Gebet Hadithe erläuterte. Auch Sayyid Sahib erklärte die Bedeutung mancher Hadithe, und die Zuhörer zogen daraus großen Nutzen. – (Sayyid Ahmad Shahid, Golam Rasul Mehr, S. 56, 71, 73)
Schon seit seiner Kindheit betrieb Sayyid Ahmad Körperübungen und besaß eine außergewöhnliche körperliche Kraft. Seit seiner frühen Kindheit war in ihm der Geist des Dschihad erwacht, und vor seinen Altersgenossen sagte er oft: „Ich werde Dschihad führen, ich werde Dschihad führen.“ Alle hielten dies für eine kindische, großspurige Äußerung. Doch seine Mutter glaubte, dass die Worte des Kindes wahr seien. Unter Berufung auf die „Tawarikh-e-Ajmiya“ berichtet Golam Rasul Mehr, dass der junge Sayyid Ahmad unter den Jungen seines Viertels eine Gruppe namens „Lashkar-e-Islam“ bildete, unter lautstarken Dschihad-Parolen einen Angriff auf ein erfundenes „Lashkar-e-Kuffar“ führte und Himmel und Erde mit seinem Geschrei erfüllte: „Das islamische Heer hat gesiegt, und das Heer der Ungläubigen ist besiegt.“ – (Sayyid Ahmad Shahid, Golam Rasul Mehr, S. 59)
Indem Sayyid Ahmad sich auf der einen Seite „islamische Soldaten“ und auf der anderen „nichtmuslimische Soldaten“ vorstellte und seit seiner Kindheit Angriffe und Gegenangriffe führte, entwickelte er sich zu einem vom Geist des Dschihad erfüllten Menschen; dies spiegelte sich später in seinem wirklichen Leben wider.
Im Alter von achtzehn Jahren ging Sayyid Ahmad Ahmad mit einer Gruppe von acht Personen nach Lucknow. Die anderen wollten ihren Lebensunterhalt suchen. Sayyid Sahibs Absicht war jedoch eine andere. Nach einem viermonatigen Aufenthalt in Lucknow bewog er seine Gefährten, den Wunsch nach einer Anstellung aufzugeben und nach Delhi zu gehen, um bei Imam al-Hind Shah Abdul Aziz eine geistliche Einweihung zu empfangen. Daraufhin erreichten sie innerhalb weniger Tage zu Fuß den Hof des Shah Sahib; dort leistete er unter dessen Hand die Baiʿat und wurde sein Murid.
Wie oben beschrieben, erwarb Sayyid Ahmad während seines Aufenthalts in der Akbarbadi-Moschee einerseits Kenntnisse des Korans, der Hadithe, der Fiqh und anderer Wissenschaften und erhielt andererseits bei Shah Abdul Aziz eine geistliche Unterweisung. Nachdem Sayyid Ahmad auf diese Weise fünf Jahre lang Ausbildung und Unterweisung erhalten hatte, kehrte er in seinen Geburtsort Rai Bareli zurück. Damals war er gerade dreiundzwanzig Jahre alt. Zu dieser Zeit heiratete er ein Mädchen aus einer angesehenen Familie namens Sayyida Zohra. Im folgenden Jahr wurde ihm eine Tochter geboren. Doch der Dschihad-Eifer, den er seit seiner Kindheit im Herzen gehegt hatte, ließ sich nicht durch die Zuneigung, die Bindungen und die Liebe des häuslichen Lebens zurückhalten. Er verließ sein Zuhause und trat in die Armee des Nawab Amir Khan ein. Sein Ziel war es, Amir Khan zum Dschihad anzuspornen und mit seiner Unterstützung eine Armee von Mudschaheddin aufzustellen. Nachdem er sieben Jahre in Amir Khans Armee gedient hatte, verließ er sie enttäuscht. Seine Hoffnungen und Wünsche zerbrachen, als Amir Khan sich durch einen Vertrag mit eben den Engländern verbündete, gegen die er den Dschihad plante. Der Brief, den er an Shah Abdul Aziz richtete, wird im Folgenden zitiert: „Der Plan, hier eine Armee aufzustellen, ist gescheitert. Der Nawab Sahib hat sich mit den Engländern verbündet. Es gibt keinen Grund mehr, hier zu bleiben.“ –
(Sayyid Ahmad Shahid, Ghulam Rasul Mehr, S. 109).
Nachdem Sayyid Sahib die Armee des Nawab Amir Khan verlassen hatte, begab er sich erneut in den Dienst von Shah Abdul Aziz. Ziel und Lebensaufgabe waren es, die Muslime zu wahrhaftigen Muslimen zu formen, den Dschihad-Eifer, der unter den Muslimen der Frühzeit lebendig gewesen war, wiederzubeleben und in Indien die Grundlage für einen wahrhaft islamischen Staat zu legen.
Sayyid Sahib hatte auf geistigem Gebiet eine so hohe Stellung erreicht, dass hoch angesehene Angehörige der Familie Shah Waliullah, wie Maulvi Muhammad Yusuf, Shah Ismail und Maulana Abdul Hai, ihm den Treueid leisteten. Danach wurden immer mehr Menschen seine Muriden. Das Ziel des Dschihad, in den er seine Anhänger einweihte, bestand darin, auf dem Weg der Wahrheit zu kämpfen und den von Allah gewiesenen geraden und richtigen Weg zu beschreiten. Auf diesem Weg führte er seine Anhänger ihr ganzes Leben lang.
In einem an Shah Ismail gerichteten Brief beschreibt er den Dschihad und sagt:
„Das Ziel des Dschihad ist nicht der Erwerb von Reichtum und Besitz. Der Dschihad hat auch nicht zum Ziel, verschiedene Gebiete zu erobern, die eigenen Interessen zu befriedigen oder für sich selbst ein Königreich zu errichten. Das eigentliche Ziel des Dschihad besteht darin, Allah zufriedenzustellen und die im muslimischen Gemeinwesen verbreiteten Aberglauben und Bräuche zu beseitigen.“ – (Geschichte des Freiheitskampfes, Abu Jafar, S. 83)
Über einen Mann mit einem solch großen und heiligen Ziel, dessen Charakter rein und makellos war, der weit über persönlichen Interessen stand und dessen einziges Lebensziel darin bestand, Allah zufriedenzustellen, sagt Hunter: „Der Ursprung dieses erstaunlichen Einflusses lag nicht ausschließlich auf einer bösen Grundlage. Sayyid Ahmad begann sein Leben als religiöser Führer als Verkünder zweier großer Grundsätze. Diese beiden Grundsätze sind die Einheit Gottes und die Gleichheit der Menschen. Alle wahrhaftigen Verkünder der Religion folgen diesen beiden Grundsätzen. Das religiöse Empfinden, das lange Zeit im Herzen der Landsleute geschlummert hatte, und der Aberglaube, der durch die jahrhundertelange Verbindung mit der hinduistischen Religion entstanden war, sich übermäßig verstärkt hatte, die Herzen der Muslime so überwältigte und die Religion des Islam beinahe erstickte – an die Tür jenes religiösen Herzens der Muslime rüttelte Sayyid Ahmad, von einem spontanen Antrieb beseelt. Obwohl es wahr ist, dass er und seine engsten Schüler zu einer Gruppe von Anhängern (Betrügern) geworden waren, kann ich nicht umhin zu glauben, dass es im Leben Sayyid Ahmads eine Zeit gab, in der er mit ganzem Herzen und schmerzerfüllter Seele die Befreiung seiner Landsleute ersehnte und sein Herz allein auf Allah gerichtet war.“
[W. W. Hunter, The Indian Mussalmans – Übersetzung von Anisuzzaman (mit einigen Änderungen), S. 36]
Jeder vernünftige Mensch kann nachvollziehen, welch widersprüchliche Aussagen Herr Hunter in seinem Werk gemacht hat. Denjenigen, dessen „Herz an Allah gebunden war“ und der „aus tiefstem Herzen und mit schmerzerfüllter Seele die Befreiung seiner Landsleute ersehnte“, bezeichnete Hunter als Räuber, Verbrecher und Heuchler.
Herr Hunter sagt ferner: „Er war so sehr in religiöse Meditation versunken, dass man dies nach den Maßstäben der westlichen Wissenschaft als Epilepsie bezeichnen könnte.“ [W. W. Hunter, The Indian Mussalmans – Übersetzung: Anisuzzaman (mit einigen Änderungen), S. 36]
Die Versenkung in die Betrachtung Allahs wird in der Terminologie des Tasawwuf Murāqaba-Mushāhada genannt. Westliche Wissenschaftler, die wie Hunter nicht an Gott glauben, nennen dies Epilepsie. Wie sehr die Krankheit des Islamhasses Geist und Verstand angreifen muss, damit solche unanständigen Äußerungen gemacht werden können, lässt sich leicht ermessen. Wenn Saiyid Ahmad lediglich „in religiöse Meditation versunken“ gewesen wäre, hätten westliche Schriftsteller ihn wahrscheinlich nicht in irgendeiner Weise feindselig kritisiert. Doch da er „die Befreiung seiner Landsleute von der Herrschaft der Ungläubigen und Fremden ersehnte“, war er in ihren Augen ein „epilepsiekranker“ Verbrecher und Heuchler. Dies war ein Kennzeichen ihrer von Hass vergifteten und verdrehten Gesinnung.
Als der berühmte Gelehrte Shah Ismail, der Neffe Shah Abdul Aziz Dehlavis, und sein Schwiegersohn Maulana Abdul Hai zu Jüngern von Saiyid Sahib wurden, verbreitete sich Saiyid Sahibs Ruhm mit Blitzesschnelle in Zentralindien. Von allen Seiten lud die Bevölkerung ihn ein, und mit der Erlaubnis seines Murshid Shah Abdul Aziz unternahm er ausgedehnte Reisen in verschiedene Orte der Doab-Region, darunter Ghaziabad, Meerut, Muzaffarpur, Saharanpur und Deoband. Fast vierzigtausend Menschen ließen sich von ihm unterweisen, und auch viele Nichtmuslime traten durch ihn zum Islam über. Während dieser Reisen hörte er zum ersten Mal von den Berichten über die Verfolgung der Muslime durch die Sikhs, und sein Herz wurde von Mitgefühl ergriffen. 1819 kehrte er zum letzten Mal nach Delhi zurück und bald darauf nach Rae Bareli.
In Rae Bareli verbrachte er einige Zeit. Dort war die Lebensweise dieser Gottesfürchtigen vorbildlich und für die Besucher lehrreich. In der von Hungersnot heimgesuchten Gegend lebten etwa siebzig oder achtzig Menschen in selbst errichteten Hütten auf dem Gelände der alten Moschee der Saiyid-Familie am Ufer des Sai-Flusses. In jenem Jahr (1819) setzte im Sommer starker Regen ein, und die Flüsse traten gewaltig über ihre Ufer. Lebensmittel wurden teuer und knapp. Doch Saiyid Sahib blieb unerschütterlich und widmete sich Tag und Nacht gemeinsam mit seinen achtzig gottesliebenden und gottesfürchtigen Gefährten dem Gottesdienst, dem Dienst an den Menschen und der Verkündigung. In seiner damaligen Geschäftigkeit ist die buchstäbliche Befolgung der berühmten Lehren aus dem „Sermon on the Mount“ des Hazrat Isa (Friede sei mit ihm) zu erkennen: Mache dir in deinem eigenen Leben keine Sorgen darum, was du essen und was du trinken wirst; mache dir nicht einmal Sorgen um deinen Körper und darum, was du anziehen wirst. Errichte jedoch das Reich der Liebe Allahs, dann wird dir all dies zuteilwerden.
– (Die Wahhabi-Bewegung, Abdul Mawdud, S. 154–155)
Zu jener Gruppe gehörten zahlreiche Leuchten des Wissens aus der islamischen Welt, darunter Hujjatul-Islam Maulana Shah Muhammad Ismail, Shaykhul-Islam Maulana Abdul Hai und Qutb-i-Waqt Maulana Muhammad Yusuf. Shah Ismail blieb bis zum letzten Augenblick seines Lebens mit seiner unermesslichen Gelehrsamkeit und Bildung wie ein Schatten an der Seite seines Pir und Murshid und trank gemeinsam mit ihm den Nektar des Märtyrertums. Morgens Verkündigung, Ermahnungen, die Auslegung von Koran und Hadith, tagsüber schwere körperliche Arbeit und die ganze Nacht hindurch Tahajjud und Gottesdienst – das war der tägliche Ablauf dieser Gottesliebenden.
Das wichtigste Merkmal der Lehre von Saiyid Sahib bestand darin, Heuchelei und Prunk aus der Religion zu entfernen und auf jeder Ebene des Lebens der einfachen und schlichten Lebensweise des Weltenpropheten zu folgen. In Glaubensfragen war er voll und ganz ein Anhänger des Tauhid, glaubte unerschütterlich an Allahs Souveränität und hielt sich bei den religiösen Riten unbeirrbar an die Sunna. Er hielt dazu an, jede Form des Schirk zu meiden, etwa bei Piren und Awliya weltliches und jenseitiges Wohlergehen zu erbitten, um unsichtbare Hilfe zu flehen, verschiedene Formen der Gräberverehrung zu praktizieren oder die Bräuche und Riten von Götzendienern und anderen Ungläubigen zu befolgen. Statt den Islam auf bloße Förmlichkeiten zu reduzieren, legte er größeren Nachdruck auf ein wahrhaft frommes Leben – denn dadurch wird der Mensch von einer großen Barmherzigkeit abhängig. Es ist sonnenklar, dass er seinen eigenen Willen und seine Hoffnungen und Wünsche vollständig Allahs Willen und Seinem Wohlgefallen untergeordnet hatte; deshalb war er bereit, in jedem Augenblick seines Lebens nach Allahs Willen zu handeln.
Bevor Sahib Saiyid seinen angestrebten Weg weiterverfolgte, bekundete er den Wunsch, den Haddsch zum Baytullah zu unternehmen. Scharenweise versammelten sich Männer und Frauen an seiner Seite, um gemeinsam mit ihm am heiligen Haddsch teilzunehmen. Im Juli 1821 n. Chr., am 30. Schawwal 1236 n. H., wuchs die große Karawane aus etwa vierhundert Frauen und Männern auf siebenhundert Personen an. Scharenweise ließen sich Menschen von ihm unterweisen. Er rief die Menschen dazu auf, ein wahrhaft muslimisches Leben zu führen, und erläuterte ihnen auch die Notwendigkeit des Haddsch.
Die Haddsch-Karawane gelangte auf dem Wasserweg von Allahabad über Benares, Mirzapur, Chunargarh, Ghazipur, Danapur, Phulwari Sharif und andere Orte nach Azimabad.
Während seines Aufenthalts in Azimabad kam eine Gruppe aus Tibet zu ihm. Er übertrug ihnen die Aufgabe, in Tibet die islamische Daʿwa zu betreiben, und sagte, diese Arbeit müsse mit grenzenloser Geduld fortgeführt werden. Auf diese Weise wurde auch in Tibet die Einladung von Sahib Saiyids zur Religion weiterverbreitet.
Als die Haddsch-Karawane von Azimabad aus Hooghly erreichte, nahm ein in Kolkata ansässiger Munshi Aminuddin die gesamte Karawane als seine Gäste mit nach Kolkata. Hier wurden Tausende von Männern und Frauen, die von der Liebe zu Gott wie berauscht waren und aus allen Richtungen kamen, seine Muriden. Viele Menschen überreichten für den Haddsch zahlreiche Geschenke und Gaben. Auch Sahib Saiyid stillte durch seine wohlklingenden und honigsüßen Ansprachen ihren geistlichen Durst. Ghulam Rasul Mehr hat in seinem Werk den gesamten Verlauf der Haddsch-Reise ausführlich aufgezeichnet. Das Datum der Abreise von Kolkata nach Mekka mit dem Schiff hat er jedoch nicht vermerkt.
In der Karawane von Sahib Saiyid befanden sich insgesamt 753 Haddsch-Pilger. Sie wurden auf zehn Schiffe verteilt. Sahib Saiyid reiste mit 150 Pilgern auf einem alten Schiff namens „Dariya Baka“. Die besseren Schiffe überließ er den anderen.
Zehn Monate nach seinem Aufbruch aus Raebareli betrat Sahib Saiyid am 28. Schaʿban 1237 H. beziehungsweise am 21. Mai 1822 mit seiner Karawane die heilige Stadt Mekka.
Nach dem Haddsch blieb Sahib Saiyid einige Monate in Mekka. Den gesamten Ramadan verbrachte er im Haram Scharif. Anschließend verließ er zu Beginn des Monats Dhu l-Qaʿda Dschidda in Richtung Heimat und erreichte am 20. Dhu l-Hiddscha Bombay. Von Bombay reiste er nach Kolkata und erreichte schließlich am 29. April 1824 seinen Geburtsort Raebareli.
Wohin er nach seiner Rückkehr vom Haddsch auch kam, strömten unzählige Menschen herbei, um ihn wenigstens einmal zu sehen und an seiner heiligen Hand die Baiʿa zu leisten. Tausende Menschen ließen sich bei ihm initiieren und schlossen sich seiner Gemeinschaft an.
Nach seiner Ankunft in Rae Bareli bereitete Sayyid Sahib den umfassenden Kampf beziehungsweise den Dschihad vor. Shah Ismail begann mit der Reformarbeit, um die Muslime von nichtislamischen Aberglauben zu befreien und zu überzeugten Anhängern des reinen Tauhid zu machen. Das von ihm verfasste Werk „Taqwiyat al-Iman“ ist auf diesem Gebiet ein maßgebliches und wertvolles Buch. Natürlich leisteten auch diejenigen Widerstand, die ihr Geschäft auf der Grundlage der Verehrung von Pīren und Gräbern zu florierendem Erfolg gebracht hatten.
Als sich Sayyid Sahibs geistiges Auge geöffnet hatte, erkannte er deutlich, dass das gewaltige Mogulreich dieses Landes in Stücke zerschlagen und untergegangen war. Auch die wenigen muslimischen Staaten, die sich auf seinen Trümmern erhoben hatten, waren inzwischen zugrunde gegangen. Obwohl die Engländer ihre Herrschaft über ganz Indien ausgedehnt hatten, war in einem großen Gebiet ein Sikh-Staat errichtet worden. Die Muslime hatten nicht nur ihr Reich verloren, sondern waren auch weit von ihrem eigenen Din und dem „Sirat al-Mustaqim“ abgekommen. Ihr Aqida und ihr Glaube, ihre Vorstellungen und Anschauungen sowie ihre Bräuche und Rituale waren von nichtislamischem Denken und religiösen Praktiken beeinflusst. Die verbliebenen muslimischen Amire und Umara waren dem Luxus und der Genusssucht verfallen; ihr einziges Lebensziel bestand darin, unter allen Umständen die Mittel und Möglichkeiten zu bewahren, die ihnen Glück und Genuss im Leben sicherten. Welche nationalen Folgen dies auch immer haben mochte, sie hatten keinen Raum, darüber nachzudenken. Der Zustand der meisten Menschen aus dem Volk war so, als hätte ein Blitz sie getroffen und sie hätten Verstand und Besinnung verloren, oder als hätte ein gewaltiges Erdbeben begonnen und sie wären völlig orientierungslos geworden. Diejenigen, die noch über ein gewisses Maß an Verstand und Einsicht verfügten, fanden keine Lösung. Sie hielten die dunkle Zukunft für eine Fügung des Schicksals und saßen still mit angezogenen Armen und Beinen da, in dem Glauben, dass ohnehin geschehen werde, was geschehen müsse. Doch wenn ein Boot auf dem Fluss in einen Strudel gerät, seine Segel in Stücke gerissen werden, der Anker keinen Nutzen mehr bringt und vom Steuermann keine Spur zu finden ist – bleibt den Passagieren dann noch irgendeine Hoffnung, ihr Leben zu retten? In einem solchen Meer der Verzweiflung gingen die Muslime damals unter.
In einer derart verzweifelten Lage im nationalen Leben der Muslime öffnete Sayyid Sahib sein geistiges Auge. Er erkannte, dass vor ihm nur drei Wege offenstanden.
Erstens: den Haqq aufgeben und Beziehungen zum Batil aufnehmen.
Zweitens: den Haqq nicht aufgeben, sondern vielmehr die Gefahren, Nöte, Leiden und die Armut, die sich aus dem Festhalten am Haqq ergeben würden, still ertragen.
Drittens: dem Batil mit männlichem Mut, Tapferkeit und Heldenkraft entgegenzutreten und mit äußerster Anstrengung einen Zustand herbeizuführen, in dem sich die Voraussetzungen für den Sieg und Erfolg des Haqq entwickeln.
Der erste ist der Weg des Todes, nicht der Weg des Lebens. Das Ergebnis des zweiten könnte sein, dass die Lebensflamme der Nation allmählich, unter Siechtum und quälenden Umständen, erlischt. Der dritte Weg aber ist der Weg der nationalen Selbstachtung, der Tapferkeit und des aufrechten Mutes. Es ist der Weg, neues Leben zu gewinnen und die Selbstachtung wiederzuerlangen. Sayyid Sahib hatte diesen dritten Weg eingeschlagen. Alle Fähigkeiten und Eigenschaften, die erforderlich waren, diesen Weg zu beschreiten, waren in vollem Maß in ihm vorhanden.
Nach seiner Rückkehr von Mekka Scharif nach Rae Bareli betrieb er mehrere Jahre lang die Vorbereitung auf den Dschihad und dessen Verbreitung. Er sandte den religiösen Führern des Landes Briefe, damit sie die Bedeutung und Notwendigkeit des Dschihad als Fard erkannten. Er selbst hatte klar verstanden, dass für die Reform und Organisation der Gesellschaft die Schaffung von Macht und eines Staates unerlässlich war. Einige herausragende Muslime ersuchte er, sich umfassend am Dschihad zu beteiligen und ihn zu unterstützen. In einem Brief schrieb er an Nawab Sulemanja:
Durch die Fügung unseres Schicksals ist Hindustan für einige Zeit unter die Herrschaft der Christen und Hindus geraten, und sie haben begonnen, die Muslime in großem Umfang zu unterdrücken. Das Land ist von Kufr und Bidʿa überflutet, und die islamische Lebensweise ist nahezu verschwunden. Als ich all dies sah und hörte, erfüllte sich mein Herz mit Schmerz. Ich habe beschlossen, entweder die Hidschra zu vollziehen oder den Dschihad zu führen.
(Die Wahhabi-Bewegung, Abdul Mawdud, S. 157)
Sayyid Sahib nahm den Dschihad auf dem Weg Allahs als einziges Ziel seines Lebens und als einzigen Weg zur Erlösung im Jenseits an. Nicht nur für sich selbst, sondern um andere durch die Begeisterung für den Dschihad anzuspornen, schrieb er in feuriger Sprache zahlreiche Briefe an viele muslimische Herrscher und Amire und Umara im In- und Ausland. Einige seiner zahlreichen Briefe erwähnt Ghulam Rasul Mehr in seinem Werk.
Sayyid Sahib sandte den folgenden Herrschern Briefe:
1. Amir Dost Muhammad Khan Barakzai – Kabul.
2. Yar Muhammad Khan – Peschawar.
3. Sultan Muhammad – Kohat und Bannu.
4. Sayyid Muhammad Khan – Hashtnagar.
5. Schah Mahmud Durrani – Herat.
6. Zaman Schah Durrani.
7. Nasrullah – Buchara.
8. Sulaiman Schah – Tschitral.
9. Ahmad Ali – Rampur.
10. Muhammad Bahawal Khan Abbasi Nusrat Dschang – Bahawalpur.
Darüber hinaus forderte er auch etwa dreißig bis fünfunddreißig äußerst einflussreiche Emire und Würdenträger Indiens per Brief dazu auf, am Dschihad teilzunehmen und umfassende Hilfe und Unterstützung zu leisten. Unter ihnen sandte er auch einem gewissen Hindu-Raja, Hindu Rao aus Gwalior, einen Brief. Der Inhalt des Briefes lautet wie folgt:
„Ausländische Händler haben sich zu den Herrschern dieses Landes gemacht. Sie führen uns in jeder Hinsicht dem Untergang entgegen. Diejenigen, die das Staatswesen lenken, spielen nun die Rolle stiller Zuschauer. In einer solchen Lage sind einige mittellose und arme Menschen aus reinem Pflichtgefühl gezwungen gewesen, auf Allah zu vertrauen und zur Unterstützung Seiner Religion ihre Häuser zu verlassen. Sie streben weder nach den Reichtümern dieser Welt noch nach Rang und Ansehen. Ihr Ziel ist, dass nach dem Sieg die Herrschaft über dieses Land den Menschen dieses Landes selbst übergeben wird.“
Zur umfassenden Vorbereitung der Bewegung gründete Sayyid Sahib eine Organisation und ernannte in den wichtigsten Städten Indiens seine vertrauenswürdigen Khalifa oder Vertreter. Zu den bedeutendsten unter ihnen gehörten:
1. Maulana Sayyid Muhammad Ali Rampuri wurde zusammen mit drei Mitarbeitern nach Hyderabad (Dekan) entsandt.
2. Als Sayyid Muhammad Ali anschließend nach Madras ging, wurde Maulana Belayet Ali Azimabadi dorthin entsandt.
3. Maulana Enayet Ali Azimabadi wurde nach Bengalen entsandt.
4. Maulana Sayyid Awlad Hasan Kanauji und Sayyid Hafizuddin wurden mit der Verantwortung für die UP betraut.
5. Miya Din Muhammad, Miya Pir Muhammad und viele andere erhielten den Auftrag, verschiedene Orte Indiens zu bereisen, den Aufruf zum Jihad zu verbreiten und Geld zu sammeln.
Patna wurde als Hauptzentrum für die Durchführung des Jihad ausgewählt. Als Sayyid Ahmad 1822 nach Patna ging, nachdem Patna als Hauptzentrum ausgewählt worden war, bereiteten ihm Belayet Ali und Muhammad Hossain einen großartigen Empfang. Nachdem er Patna zum Hauptzentrum der Bewegung gemacht hatte, ernannte Sayyid Sahib vier Vertreter. Es waren Maulana Belayet Ali, Muhammad Hossain, Enayet Ali und Farhad Hossain.
Nachdem Sayyid Ahmad die Propaganda und Vorbereitungen für den Jihad in ganz Indien abgeschlossen hatte, verließ er 1826 seine Heimat Raebareli. Danach erhielt er keine Gelegenheit mehr, dorthin zurückzukehren. Die verbleibenden Jahre seines Lebens verbrachte er ununterbrochen im Jihad auf dem Weg Allahs und krönte sein Leben, indem er den Nektar des Märtyrertums trank.
Wie dem auch sei, noch vor der Abreise begann man, aus verschiedenen Teilen Indiens Geld, Waffen und Kriegsausrüstung, Pferde, Proviant und dergleichen herbeizuschaffen. Tausende von Mujahidin versammelten sich unter seinem Banner, um ihr Leben auf dem Weg Allahs zu opfern. So belief sich die Zahl seiner Mujahidin-Armee bei der Abreise auf zwölftausend. Der Nawab von Tonk, ein glühender Verehrer und Anhänger von Syed Sahib, lud die Mujahidin-Armee ein, versorgte sie unter seiner persönlichen Aufsicht mit sämtlicher Ausrüstung für den Dschihad und verabschiedete sie.
Danach zog die Mujahidin-Armee von Tonk über Sindh, Hyderabad, Shikarpur und andere Orte und gelangte durch den Bolan-Pass nach Kandahar in Afghanistan.
Zuvor war Mir Rustam Ali von Khairpur in Sindh ein Murid von Syed Sahib geworden und hatte ihm, ebenso wie der Nawab von Tonk, großzügige finanzielle Unterstützung gewährt. Nach seiner Ankunft in Afghanistan ersuchte Syed Sahib den afghanischen Amir um Unterstützung. Der Amir weigerte sich, ihm irgendeine Zusage für Unterstützung zu geben. Wie dem auch sei, von dort aus gelangte die Mujahidin-Armee nach Nowshera an der Grenze. Auf diesem langen Weg musste die Mujahidin-Armee äußerste Schwierigkeiten und großes Leid ertragen. Doch entlang ihres Weges bekundeten Sardar, Herrscher, örtliche Beamte und die Bevölkerung von allen Seiten Syed Sahib ihre Gefolgschaft. Die einen überreichten ihm verschiedene Geschenke, die anderen leisteten ihm den Baiʿa-Eid und wieder andere schlossen sich seiner Armee an. Seiner Armee schlossen sich Menschen aus verschiedenen Provinzen Indiens an – darunter sogar zahlreiche Mujahidin aus dem fernen Bengalen. Zu den bemerkenswerten unter ihnen gehörte der Sufi Nur Muhammad Nizam Puri aus Chittagong, der nach der Katastrophe von Balakot als Ghazi in seine Heimat zurückkehrte. Sein Murid und Khalifa war Sufi Fateh Ali Sahib, der in Maniktala in Kolkata seine ewige Ruhe gefunden hat. Zahlreiche Bengalen erlangten das Martyrium, und viele andere ließen sich dauerhaft an Orten wie Balakot und Swat nieder. Ihre Nachkommen existieren noch heute. Im Jahr 1963 hatte der Verfasser in Balakot das Glück, einen ihrer Nachkommen zu treffen.
Als Syed Sahib von Rae Bareli nach Delhi gegangen war und bei Shah Abdul Aziz Unterricht und Ausbildung erhielt, erfuhr er von der grausamen Unterdrückung der Muslime unter der Herrschaft der Sikhs in Punjab. Sein Herz schmerzte aus Mitgefühl für die unterdrückten Muslime, und schon damals fasste er den Entschluss, Abhilfe zu schaffen. Er wollte in dem von Muslimen bewohnten Grenzgebiet einen islamischen Staat errichten und von dort aus an anderen Orten gegen die feindlichen Kräfte der Muslime Feldzüge führen. Aus diesem Grund hatte er das Grenzgebiet als Ausgangszentrum seines Kampfes gewählt. Doch äußerst beklagenswert ist, dass der äußerste Verrat jener Muslime des Grenzgebiets, auf deren Hilfe und Unterstützung Syed Sahib bei der Ausarbeitung seines Plans für den Dschihad gehofft hatte, seinen Kampf schließlich zum Scheitern brachte. Von seiner Ankunft in Nowshera bis zur Schlacht von Balakot forderte er die Sikhs nach elf oder mehr herkömmlichen Verfahren öffentlich auf, den Islam anzunehmen, sich zu unterwerfen oder den Kampf mit den Waffen aufzunehmen. Schließlich kam es zum Krieg, und in einer nächtlichen Schlacht besiegten nur neunhundert Mujahidin ein großes Sikh-Heer. Aufgrund ihres Sieges brachten die Bewohner des Grenzgebiets ihnen begeistertes Lob entgegen und schlossen sich in Scharen der Mujahidin-Armee an. Viele örtliche Sardar, insbesondere die Yusufzai, traten der Partei von Syed Sahib bei.
Einige Zeit später wurden die Sikhs auch in Manpuri Panjtar besiegt. Infolge dieses Erfolgs der Mujahidin erkannten zehntausend Krieger von Garhi Imazi Syed Sahib als Imam an. Die Bewohner von Peshawar ersuchten Syed Sahib, in Nowshera einen Stützpunkt zu errichten und von dort aus einen umfassenden Feldzug gegen die Sikhs zu beginnen. Zu dieser Zeit schlossen sich nahezu hunderttausend Menschen der Mujahidin-Armee an.
Doch die Sardar des Grenzgebiets waren äußerst eigennützig und geldgierig. Der Sikh-General Budh Singh gewann den Sardar von Peshawar durch Geldversprechen für sich. Sie sanken so tief, dass sie Syed Sahib aus Geldgier heimlich vergifteten. Doch durch Allahs unermessliche Gnade überlebte er auf wundersame Weise. In dem Krieg, der zu dieser Zeit gegen die Sikhs stattfand, ergriffen die Sardar Partei für die Sikhs, und die Mujahidin-Armee wurde besiegt.
Wegen der Wendungen und des Verrats der paschtunischen Sardar des Grenzgebiets geriet die Mujahidin-Armee in große Bedrängnis. Aus einem von Syed Sahib an den Nawab von Tonk gerichteten Brief geht hervor, dass sich nahezu dreihunderttausend Menschen durch die Baiʿa seiner Partei angeschlossen hatten. Doch fast alle waren Einheimische. Wahrscheinlich schlossen sie sich Syed Sahibs Partei lediglich an, um die Kriegsbeute zu plündern. Von islamischem Charakter war bei ihnen nichts zu finden. In seiner übergroßen Arglosigkeit war Syed Sahib von ihnen getäuscht worden. Seine einzigen zuverlässigen Gefährten waren jene, die von außerhalb gekommen waren. In Not und Gefahr blieben sie wie Schatten bei Syed Sahib und opferten bei Bedarf bereitwillig ihr Leben. Ihre Zahl betrug etwa tausend. Wenn einige von ihnen im Krieg das Martyrium erlangten, nahmen Gruppen von Neuankömmlingen ihren Platz ein. Aus weit entfernten Gebieten kamen Karawanen mit Menschen, die sich dem Dschihad anschließen wollten, sowie mit Geld, Proviant und Briefen. Durch die geheime Organisationsarbeit der in ganz Indien tätigen Stiftung „Targhib-e-Muhammadiya“ wurden sie mit Proviant versorgt. Unter den Augen der Geheimdienstabteilung der britischen Regierung gelangte Geld aus Bihar und Bengalen dorthin. Zugleich kamen Gruppen von Mujahidin, die sich dem Weg Allahs geweiht hatten.
Die eintreffenden Kriegsvorräte, Lebensmittel, Geldmittel und dergleichen wurden im Bayt al-Mal hinterlegt. Dessen Verwalter war Mawlana Muhammad Yusuf, der Neffe von Shah Waliullah und Qutb der Mujahidin-Armee. Proviant und Geld wurden unter den Mujahidin mit äußerster Rechtschaffenheit, Unparteilichkeit und Ordnung verteilt. Selbst Syed Sahib erhielt nicht mehr als ein gewöhnlicher Mujahid.
Der Spott des Schicksals bestand darin, dass diese Allah geliebten Diener, die sich dem Weg Allahs geweiht hatten, drei Parteien gegenübertreten mussten. Sikhs, die verräterischen paschtunischen Sardare und Khade Khan, der Burgherr von Hund – diese drei Mächte waren die Feinde des Mudschaheddin-Heeres. Alle drei Mächte mussten sie gleichzeitig bekämpfen.
Mit den Sikhs kam es beinahe ständig zu Kämpfen. Die Mudschaheddin aus Bengalen, Bihar und den Zentralprovinzen kämpften tapfer. Sikhs und verräterische Paschtunen erlitten durch ihre Hand Niederlagen. Auch die Durrani-Sardare von Peschawar schlossen sich offen den Sikhs an, während Khade Khan die örtlichen Paschtunen ständig gegen die Mudschaheddin aufwiegelte.
Nun entsandte Sayyid Sahib Schah Ismail mit nur einhundertfünfzig Mudschaheddin, um Khade Khan zu bestrafen und die Festung Hund einzunehmen. In der Dunkelheit der Nacht griffen sie Hund überraschend an, nahmen die Festung ein und Khade Khan wurde getötet. Darauf rückte der Bruder Khade Khans, Yar Muhammad, mit einem großen Heer vor, um die Festung Hund zurückzuerobern. Es kam zu einem heftigen Zusammenstoß, bei dem Yar Muhammad getötet wurde. Viele Kanonen der Feinde wurden erbeutet, und eine große Menge Kriegsmaterial und Ausrüstung fiel dem Mudschaheddin-Heer in die Hände. Die örtlichen Bewohner plünderten jedoch den größten Teil davon. Nach dem Tod der wichtigsten verräterischen Feinde des Mudschaheddin-Heeres – Khade Khan, Yar Muhammad Khan und Amir Khan – blieben nun nur noch Mik und Sultan Muhammad Khan von Peschawar als Gegner übrig. Als Sayyid Sahib nach der Schlacht von Hund beabsichtigte, in Peschawar einen Stützpunkt zu errichten, leistete Payenda Khan aus Amb Widerstand. Auch hier musste sich das Mudschaheddin-Heer der vereinten Streitmacht von Mik und den Paschtunen stellen. Auch hier wurden sie besiegt, und die Herrschaft des Mudschaheddin-Heeres von Amb bis Mardan wurde anerkannt. Nun stand ihrem Vormarsch bis Peschawar kein Hindernis mehr im Weg.
Der äußerst listige Sultan Muhammad erkannte, dass sich die Lage gegen ihn wandte, leistete Sayyid Sahib den Bayʿa und bat um Vergebung. Als er sich verpflichtete, die Regierung gemäß der islamischen Scharia zu führen, vergab Sayyid Sahib ihm und übertrug ihm die Verantwortung für die Regierungsführung. Maulana Dschafar Thaneswari bemerkte in seinem Werk „Sirat-e Sayyid Ahmad Schahid“, dass Sayyid Sahib aus schlichter Gutgläubigkeit einen Fehler begangen hatte, indem er Sultan Muhammad uneigennützig die Verantwortung übertrug. Viele hegten Zweifel, doch niemand hatte den Mut, gegen Sayyid Sahibs Vorgehen zu protestieren. Für die Rechtsprechung nach dem Gesetz der Scharia wurde Maulana Schah Mazhar Ali zum Kadi ernannt.
Sayyid Sahib und die von ihm ausgebildeten Mudschaheddin hatten keinerlei Verlangen nach Rang und Würde. Ihr Lebensziel war die Errichtung der Religion Allahs und die Durchsetzung des göttlichen Gesetzes im gesellschaftlichen Leben. Hinter der Übertragung der Verantwortung auf Sultan Muhammad stand auch ein politisches Ziel Sayyid Sahibs: Obwohl sich unter den auswärtigen Mudschaheddin geeignete Personen befanden, übertrug er die Verantwortung gerade einem Einheimischen. Denn sein Ziel war es, die Bestimmungen der Scharia durchzusetzen, nicht selbst Macht zu genießen.
Jedenfalls war dem äußeren Anschein nach die islamische Herrschaft über ein gewaltiges Gebiet errichtet worden. Sayyid Sahib begann, besondere Anstrengungen zur Einführung einer islamischen Gesellschaft und islamischer Gesetze zu unternehmen. In Peschawar und im gesamten Grenzgebiet wurden Predigergruppen eingesetzt. Sie widmeten sich von Dorf zu Dorf der Verbreitung der islamischen Lebensordnung und der Gesetze und Vorschriften der Scharia.
Doch leider waren die Einheimischen arm, unwissend, geldgierig und seit langer Zeit im Gefängnis unwissensbedingter Aberglauben gefangen. Als die Prediger sie dazu aufriefen, diese abergläubischen Vorstellungen aufzugeben und ein islamisches Leben zu führen, wurden ihre familiären, sozialen, stammesbezogenen und wirtschaftlichen Interessen schwer getroffen. Daraufhin begannen sie mit der Verweigerung der Zusammenarbeit. Auch die Gruppe der Mullahs, deren Macht- und Geldgier aus Unwissenheit und Aberglauben erwachsen war, leistete heftigen Widerstand. Infolgedessen brach unter den Einheimischen ein blinder Hass gegen Sayyid Sahib hervor. Der verräterische Sultan Muhammad hatte genau dies gewollt und nutzte die Gelegenheit vollständig aus. Im tiefsten Geheimen wurde im gesamten Gebiet ein weitreichendes Netz der Verschwörung gesponnen, und am selben Tag zur selben Zeit, während des Fadschr-Gebets, wurde die betende Gruppe der Mudschaheddin-Prediger grausam ausgelöscht. Einer entkam wie durch ein Wunder, floh und berichtete Sayyid Sahib von dem Geschehen.
Sayyid Sahib war zutiefst erschüttert. Durch diesen einen Schlag verloren mehrere Hundert seiner dem Weg Allahs geweihten Mitarbeiter ihr Leben. Auch seine Hoffnung auf die Errichtung einer idealen islamischen Gesellschaft war dahin. Er beschloss, das Land der Verräter und Treulosen zu verlassen und anderswohin zu gehen.
Zafar Thaneshwari berichtet, dass Sayyid Sahib daraufhin seine Gefährten versammelte und sagte: „Ich bin völlig zerschmettert worden. Die Pathanen haben einen äußersten Verrat begangen. Hier gibt es keine Hoffnung mehr, eine islamische Gesellschaft aufzubauen. Nun bleibt mir nichts anderes, als die Hidschra anzutreten. Ich werde über Balakot und Gilgit in ein anderes Land ziehen. Wenn Allah mir die Möglichkeit gibt, werde ich diese Arbeit wieder aufnehmen. Der Weg, den ich einzuschlagen beabsichtige, ist äußerst beschwerlich; auf Schritt und Tritt drohen Gefahren. Ich werde euch nicht auffordern, diesen Weg zu gehen. Wenn ihr wollt, könnt ihr jeder in sein eigenes Haus zurückkehren.“
Da erwiderten alle wie aus einem Munde: „Nach dem Antritt des Dschihad zurückzuweichen, widerspricht dem Glauben. Wir wollen unter allen Umständen untrennbare Gefährten des Huzur bleiben.“
Danach brach Sayyid Sahib mit seinen verbliebenen Mudschahedin in Richtung Balakot auf. Zu dieser Zeit standen die Truppen Sher Singhs den Mudschahedin gegenüber.
Der wesentliche Inhalt des Briefes, den Sayyid Sahib von Balakot aus an Nawab Usiruddin schrieb, lautet folgendermaßen:
„Die Bewohner von Peshawar waren so unglücklich, dass sie sich im Dschihad nicht unserer Mudschahedin-Armee anschlossen. Darüber hinaus ließen sie sich verführen und töteten viele der edlen Männer, die im ganzen Land mit verschiedenen Aufgaben beschäftigt waren. … Der eigentliche Zweck unseres Aufenthalts dort bestand darin, im Dschihad gegen die Ungläubigen die Hilfe und Sympathie zahlreicher einheimischer Muslime zu gewinnen. Da nun keinerlei Hoffnung mehr besteht, beschlossen wir, von dort in die Bergregion Pakhli umzuziehen. Die Feinde werden uns nicht einmal ausfindig machen können. Beten Sie Tag und Nacht vor Allahs Thron für den Aufstieg des Islam und den Erfolg der Mudschahedin-Armee.“
– (Die Wahhabitische Bewegung, Abdul Mawud, S. 164)
Sayyid Sahib hatte mit seiner Mudschahedin-Armee das von Schönheit erfüllte Tal von Balakot als Rastplatz ausgewählt. Von Osten her fließt der Bergfluss Kunhar oder Kaghan unaufhörlich murmelnd dahin. Von Nordwesten her schlängelt sich der schmale Bergbach Barna zwischen großen Felsblöcken hindurch, während sich nördlich des Baches die stille Nuri-Ebene erstreckt. Wenn man dieses Spielgelände der Natur betritt, hat man den Eindruck, als winke jemand vom jenseitigen Ufer des Flusses des Lebens herüber. Zwar schlugen die vom Kampf erschöpften Mudschahedin hier ihr Lager auf, um sich auszuruhen, doch blieb ihnen der Ruf des Jenseits vielleicht nicht verborgen. Deshalb war ihnen keine Ruhe vergönnt.
Unterdessen waren die Sikhs auf der Suche nach der Mudschahedin-Armee. Sie glaubten, dass von Sayyid Sahibs mehr als hunderttausend Mudschahedin nur noch einige Hundert übrig seien und diese den Mut verloren hätten. Gerade diese Gelegenheit mussten sie nutzen, um zuzuschlagen.
Damals gab es nur zwei Wege nach Balakot. Der eine führte durch ein derart von Bergwäldern bedecktes Gebiet, dass das Begehen dieses Weges ohne einen ortskundigen Führer äußerst gefährlich war. Der andere führte durch einen engen Gebirgspass und über eine Brücke. Auf beiden Wegen waren selbstverständlich Wachen aufgestellt worden. Doch einige Verräter zeigten den Sikhs aus Habgier nach einer hohen Geldsumme gerade den von dichtem Wald bedeckten Weg. Daraufhin umzingelten diese die Mujahidin-Truppe völlig überraschend. Obwohl die Mujahidin-Truppe vollkommen unvorbereitet war, kämpfte sie mit großer Tapferkeit. Sayyid Ahmad, Shah Ismail und die übrigen führenden Gefährten von Sayyid Sahib erlitten im Kampf des Jihad den Märtyrertod.
Abdul Maudud sagt: „Die große Bewegung, der er gefolgt war, kam nicht zum Stillstand. Auch nach diesem Gemetzel errichteten viele der Überlebenden unter der Führung eines treuen Dieners von Sayyid Sahib in Tonk oder in den Chatanas von Bihar Sharif das Zentrum dieser Bewegung. Als später die imperialistischen Engländer im Punjab begannen, ebenso wie die Sikhs Unterdrückung auszuüben, richtete sich der gesamte Zorn der Mujahidin gegen sie. Doch ihnen wurden Gefängnis, Misshandlungen und die grausame Strafe des Todes am Galgen zuteil; noch niederträchtiger war die grundlose Verleumdung und das Lügenreden gegen diese kämpfenden Wegbereiter durch Mullahs niedrigster Art und sogenannte Gelehrte.“
Er sagt weiter: „Nun ist die Zeit gekommen, die ruhmreichen, beispiellos mutigen Taten dieser tapferen Mujahidin anzuerkennen und zu würdigen, denn sie waren es, die in diesem Subkontinent schon lange zuvor durch die Grundlegung Pakistans den Jihad gegen jede Art von Ungerechtigkeit geführt hatten. Obwohl Pakistan nicht durch die von Sayyid Sahib gegründete Organisation errungen wurde, ist doch unbestreitbar, dass in ihr der Keimgedanke lag; und jeder kundige Mensch wird begreifen, dass der Beitrag des Märtyrers Sayyid Ahmad von Rae Bareli zur Belebung dieses Bewusstseins unermesslich war.“
– (Die Wahabitenbewegung, Abdul Maudud, S. 165–166)
Oben wurde gesagt, dass aus Bengalen mehrere tausend Mujahidin und große Geldsummen zur Jihad-Bewegung des Märtyrers Sayyid Ahmad entsandt wurden. Als man von Rae Bareli aus zum Jihad aufbrach, schlossen sich viele aus Bengalen Sayyid Sahib an; und auch während des Jihad gelangten, ebenso wie große Geld- und Sachmittel aus Bengalen an die Grenze, Tausende von Mujahidin dorthin.
Ghulam Rasul Mehr sagt: „Auf verschiedenen Wegen schlossen sich die Mujahidin gruppenweise Sayyid Sahib an. Zu einer solchen Gruppe gehörte Maulvi Fateh Ali Azimabadi. Von der Liste seiner Gruppe, die er vorlegte – selbstverständlich nur mit den Namen, an die er sich erinnerte –, stammten sechs aus Bengalen. Ihre Namen sind:“
1. Maulvi Imamuddin
2. Zahurullah
3. Lutfullah
4. Talebullah
5. Fajzuddin
6. Qazi Madani
(Sayyid Ahmad Shahid, Golam Rasul Mehr, S. 412, Anhang) Zwischen den Sikh und den Paschtunen kam es mit den Mujahidin etwa elf- oder zwölfmal zu heftigen Zusammenstößen. In diesen Kämpfen fielen selbstverständlich ebenfalls viele der Mujahidin den Märtyrertod. Ihre Namen sowie die Namen jener mehreren Hundert, die eines Tages beim Morgengebet als Märtyrer getötet wurden, sind nicht überliefert. Golam Rasul Mehr hat jedoch eine Namensliste derjenigen vorgelegt, die in Balakot den Märtyrertod erlitten. Nach seiner Liste fielen in Balakot insgesamt einhundertfünfunddreißig Mujahidin als Märtyrer. Fünf von ihnen stammten aus Bengalen. Ihre Namen waren: Alimuddin, Fajzuddin, Lutfullah, Scharafuddin und Sayyid Muzaffar Husain. In der genannten Liste finden sich außerdem die vier Namen Qader Bakhsch, Abdul Qader, Ghaziuddin und Bakhschullah. Es wird jedoch nicht angegeben, woher sie stammten. Lediglich hinter dem Namen Bakhschullah steht: „Bruder von Mehr Ali.“ – (Sayyid Ahmad Shahid, Golam Rasul Mehr, S. 432–434)
Während an der Grenze die aus ganz Indien eingetroffenen Mujahidin im Dschihad kämpften, führte Sayyid Nisar Ali, bekannt als Titumir, gerade zu dieser Zeit ebenfalls Dschihad gegen hinduistische Zamindare, Indigopflanzer und die Engländer. Titumir war ein Murid von Sayyid Sahib. Doch war er in seiner Heimat derart eingebunden, dass ihm das Glück versagt blieb, in der Nähe Sayyid Sahibs den Märtyrertod zu erleiden. Den Weg jedoch, auf dem sein Murshid sich mit Allah vereinigte, beschritt auch der Märtyrer Titumir. Am Freitag, dem 6. Mai 1831, gegen Mittag, erlitt der bedeutendste Mujahid des Subkontinents, Sayyid Ahmad Barelwi (r. h.), den Märtyrertod. Am 19. November 1931 erlitt Sayyid Titumir durch die Kanonenkugeln der englischen Soldaten den Märtyrertod.
Die Gründe für die Katastrophe von Balakot
Unter der Führung Sayyid Ahmad Barelwis hatten Shah Muhammad Ismail, Maulana Abdul Hai und andere Gelehrte in Indien eine unaufhaltsame Bewegung zur Einführung der islamischen Freiheit, das heißt der islamischen Herrschaft beziehungsweise einer islamischen Regierungsordnung, aufgebaut. Diese Bewegung war bis an die Schwelle des Erfolgs vorgedrungen, sah sich jedoch schließlich dem Scheitern gegenüber. Wir sollten unbedingt die Ursachen dafür untersuchen. Denn durch eine gründliche Prüfung und Analyse der vergangenen Geschichte lassen sich die künftigen Vorgehensweisen richtig bestimmen. Lassen Sie uns die von denkenden Gelehrten angeführten Ursachen für das Scheitern der genannten Bewegung kurz erörtern. Obwohl diese Bewegung vorübergehend scheiterte, waren ihre Auswirkungen weitreichend. Sayyid Ahmad Shahid hatte den indischen Muslimen einen unaufhaltsamen Antrieb gegeben, den blutgetränkten Weg zu beschreiten; und die indischen Muslime – ob Bengalen, Biharis, Punjabis, Sindhis oder Paschtunen – gingen diesen blutgetränkten Weg fast ein Jahrhundert lang unablässig weiter. Gefängnis und Unterdrückung, Hinrichtungen, Verbannung in die Inselkolonien, die Beschlagnahmung von unbeweglichem und beweglichem Vermögen sowie unmenschliche und teuflische körperliche Misshandlungen konnten sie auch nicht für einen Augenblick von diesem Weg abbringen. Dennoch müssen wir auch die Gründe dafür erkennen, warum der Führer dieser Bewegung selbst zu Lebzeiten ihren Erfolg nicht mehr erleben konnte. Viele haben die Ansicht geäußert, die Hauptgründe seien die folgenden.
1. Für die Durchführung der islamischen Bewegung, das heißt des Dschihad auf Allahs Weg, wird ein Mitarbeiterkorps benötigt, dessen jedes einzelne Mitglied einen Charakter besitzen muss, der nach den unverfälschten islamischen Idealen geformt ist. Sie müssen sich Allahs Weg hingeben. Die Mudschahid-Truppe, die Sayyid Sahib von außerhalb mitgeführt hatte, besaß zweifellos diesen Charakter. Auch diejenigen besaßen einen entsprechenden Charakter und diese Eigenschaften, die während des Dschihad aus Bengalen, Bihar, den Zentralprovinzen und anderen Gebieten einzig mit dem Ziel, Allahs Wohlgefallen zu erlangen, Verwandte, ihre eigenen Häuser und Höfe sowie Felder und Äcker verlassen hatten und sich Sayyid Sahibs Mudschahid-Truppe anschlossen. Ihre Zahl blieb jedoch stets auf zwischen eintausend und zweitausend begrenzt. Nachdem die Pathanen Sayyid Sahibs leidenschaftliche Reden über den Dschihad gehört und in der Anfangszeit die unerwarteten Siege über die Sikhs gesehen hatten, schlossen sie sich seiner Gruppe an. Doch sie besaßen keinen wahrhaft islamischen Charakter. Ihre islamische Begeisterung und ihr Eifer waren groß. Die meisten von ihnen waren jedoch arm, unwissend, geldgierig und in den Fesseln lange angestauter Aberglauben gefangen. Auch diejenigen, die Anführer oder Stammesfürsten waren, erwiesen sich als äußerst eigennützig und opportunistisch. Bisweilen erreichte die Zahl der Mudschahid-Truppe bis zu dreihunderttausend. Fast alle waren Angehörige verschiedener Pathanenstämme. Aus Geldgier begingen sie Verrat und schlossen sich im entscheidenden Augenblick den gegnerischen Sikh-Soldaten an. Oder sie waren während des Kampfes gegen die Mudschahid-Truppe lediglich mit der Plünderung der Kriegsbeute beschäftigt und zerstörten dadurch in der Truppe Disziplin und Ordnung. In der gewaltigen Flut blinden Eigennutzes und der Geldgier gingen ihre einer Wasserblase gleichenden islamischen Begeisterung und ihr Eifer unter und wurden ausgelöscht.
2. Obwohl Sayyid Sahib selbst und Shah Ismail furchtlose Krieger und geschickte Strategen waren, wurde nicht die gesamte Mudschahid-Truppe in der damaligen Kriegskunst ausgebildet.
3. Es war ebenfalls nicht richtig, den verräterischen und charakterlosen Pathanen uneingeschränktes Vertrauen zu schenken. Es war nicht richtig, Sultan Muhammad Khan, der zusammen mit seinen Brüdern Sayyid Sahib entschieden ablehnte, die Herrschaft über Peschawar zu übertragen. Letztlich versetzte gerade Sultan Muhammad der Bewegung einen schweren Schlag und ließ in derselben Nacht durch eine sorgfältig geplante Verschwörung mehrere Hundert auserlesene Mudschahids Sayyid Sahibs töten. Infolgedessen musste sich Sayyid Sahib aus Peschawar zurückziehen.
4. Die örtlichen Pathanen hatten nicht das Ziel, ihr Leben auf Allahs Weg hinzugeben, sondern ihr Leben zu retten und weltliche Vorteile zu erlangen. Daher zwangen sie während des Krieges die wahrhaftigen Mudschahids, an der Front zu bleiben, während sie selbst so untätig wie möglich blieben und nach Gelegenheiten zur Plünderung suchten.
5. Auch bei der Durchsetzung des Scharia-Rechts nach der Eroberung des Landes wurde entgegen der Hikma gehandelt. Unter der Bevölkerung hatten sich vielfältige, seit Langem bestehende Aberglauben so fest verwurzelt, dass ihre Umsetzung des Scharia-Rechts diese Bräuche schwer erschütterte. Die Gruppen ungebildeter Mullahs, die ihren Lebensunterhalt damit verdienten, diese Aberglauben am Leben zu erhalten, gerieten in Wut. Auch die opportunistischen Anführer nutzten dies aus. Daraufhin begannen die Bevölkerung, die Mullahs und die Anführer gemeinsam Widerstand gegen die Mudschahids zu leisten. Zunächst hätte man mit der sittlichen Reform und Verbesserung der Bevölkerung beginnen und das Scharia-Recht allmählich umsetzen sollen, sobald ihre Herzen und ihr Denken bereit waren, sich daran zu halten. Die Bevölkerung war zwar fest vom Islam überzeugt und furchtlose Kämpfer im Freiheitskampf, doch ihr gesellschaftliches und staatliches Leben war in keiner Hinsicht besser als das vorislamische „Zeitalter der Dschahiliya“.
Unter der örtlichen Bevölkerung und den Ureinwohnern waren zahlreiche schlechte Bräuche verbreitet, die dem islamischen Scharia-Recht völlig widersprachen. Dazu gehörten, jede beliebige Frau gewaltsam zu heiraten, Töchter für die Eheschließung zu einem hohen Preis zu verkaufen, Witwen unter den Erben des Verstorbenen aufzuteilen, mehr als vier Ehefrauen zu nehmen, Witwen die Wiederverheiratung zu verwehren und den Mullahs für die Erlösung des Verstorbenen einen festgelegten Geldbetrag zu zahlen. Zu dem von Sayyid Ahmad erlassenen Scharia-Recht gehörte, dass sämtliche der Scharia widersprechenden Bräuche, Sitten, Rituale und Gewohnheiten vollständig abgeschafft werden sollten. Zum Scharia-Recht gehörte ferner die Einrichtung von Scharia-Gerichten zur Entscheidung zivil- und strafrechtlicher Fälle; nach der Erhebung des „Uschr“ oder Zehnts von den Ernteerträgen und der Zakat sollten diese Abgaben im Bait al-Mal hinterlegt und daraus unter den Mudschahids und anderen zu gleichen Teilen verteilt werden; bei Streitigkeiten zwischen Ureinwohnern und Stammesangehörigen sollte allein der Kalif das Recht zur endgültigen Entscheidung besitzen; eine Polizeibehörde sollte eingerichtet werden, deren Aufgabe es wäre, das religiöse und sittliche Leben der Bevölkerung zu überwachen; und jeder Muslim sollte zum Fasten (Saum) und zum Gebet (Salat) verpflichtet werden. Viele weitere derartige konstruktive und dem Wohlergehen dienende Gesetze wurden erlassen. Zweifellos war dies ein ideologisches Verfahren, das in Nachahmung der Vorgehensweise des Propheten Mustafa und der rechtgeleiteten Kalifen übernommen worden war. Doch die Ureinwohner, die stammeszugehörigen Pathanen, die Bevölkerung und die Mullahs waren geistig nicht darauf vorbereitet, dies anzunehmen. Da man ihnen das Scharia-Recht plötzlich auferlegte, statt es schrittweise einzuführen, weigerten sie sich daher, es zu befolgen.
Ein weiterer Hauptgrund für den Widerstand der Ureinwohner unter den Pathanen war, dass zur Wahrung von Frieden und Ordnung alle einer zentralen Autorität unterstellt worden waren. Doch es lag in der Natur der Ureinwohner unter den Pathanen, sich niemandes Befehl zu unterwerfen. Für sie bedeutete Freiheit eine zügellose Willkür. Als jedoch eine zivilisierte Regierung ihre Willkür im Interesse von Gesetz und Ordnung zu kontrollieren versuchte, entwickelten sie gegenüber der islamischen Herrschaft eine aufständische Haltung.
Abdul Maudud sagt: „Unter solchen Umständen ist es bedenkenswert, inwieweit die plötzliche Einführung des Scharia-Rechts zweckmäßig gewesen war. Wenn man dies nach den Lehren der Geschichte und dem Maßstab der Weitsicht beurteilt, scheint es, dass eine solche Veränderung nicht auf diese Weise hätte herbeigeführt werden können. Die Entwicklung und Verbesserung des Stroms des nationalen Lebens muss schrittweise erfolgen, indem man versucht, ihn entsprechend dem Bewusstsein der Menschen zu gestalten. Wenn man das Bewusstsein der Menschen außer Acht lässt und es über Nacht zu verändern versucht, wird sich die Volksmeinung infolge von Zweifel und innerem Konflikt von ihm abwenden und es nicht von Herzen annehmen können. Der Versuch, die Veränderung der Lebensweise rasch herbeizuführen, ohne das Bewusstsein der Menschen und die Umwelt zu berücksichtigen, ist in vielen Fällen auf schmerzhafte Weise gescheitert und fruchtlos geblieben.“
– (Die Wahhabitische Bewegung, Abd al-Mawdud, S. 177)
„Sich gegen den tyrannischen Herrscher aufzulehnen, ist der vorzüglichste Dschihad“ – dies war die entschiedene Erklärung des Weltenpropheten. Als die muslimische Gesellschaft in Bengalen durch die unterdrückerische Herrschaft der Kompanie sowie durch die Unterdrückung und Verfolgung seitens hinduistischer Zamindare, Geldverleiher, Indigopflanzer und ihrer einheimischen Handlanger dem Untergang entgegenging, erhoben Hadscha Schariatullah und danach Sayyid Nisar Ali, auch bekannt als Titumir, der fähige Kalif Sayyid Ahmad Barelvis, ihre Stimme gegen sie. In ähnlicher Weise rief Sayyid Ahmad offen zum Dschihad mit einem umfassenden Aktionsprogramm gegen die fremde und andersgläubige englische Herrschaft auf. Dies war die Forderung des Glaubens eines wahrhaftigen Muslims. Durch die Annahme einer dieser drei Möglichkeiten – Hidschra, Dschihad oder Schahada – legt ein Muslim Zeugnis für seinen Glauben ab. Deshalb sagte Maulana Muhammad Ali Dschauhar: „Die Lebensgeschichte eines Muslims umfasst nur drei Kapitel: Hidschra, Dschihad und Schahada.“ Das Leben von Sayyid Ahmad und Schah Ismail war die Verkörperung dieser drei Kapitel.
Nach der Katastrophe von Balakot
Obwohl die Mudschahidin auf dem Feld von Balakot eine schwere Niederlage erlitten und der Anführer der Mudschahidin, Sayyid Ahmad Barelvi, sowie Schah Ismail gemeinsam mit anderen den Märtyrertod erlitten hatten, ließ der Eifer jener, die das Glück gehabt hatten, zu Ghazis zu werden, keineswegs nach. Viele von ihnen hielten die Dschihad-Bewegung unter den indischen Muslimen lebendig, deren Abschluss der Sepoy-Aufstand von 1857 beziehungsweise die gesamte indische Freiheitsbewegung bildete. Diese Bewegung kam 1857 nicht zum Erliegen, sondern hielt die britische Regierung bis 1868 in Bedrängnis und Gefahr. An ihrer Spitze standen die Kalifen des Märtyrers Sayyid Ahmad, darunter Maulana Belayet Ali, Maulana Mahmudullah und der Sufi Nur Muhammad NizamPuri. Ohne eine kurze Erörterung ihrer Geschichte kann kein vollständiges Bild der Dschihad-Bewegung entstehen.
Maulana Belayet Ali
Maulana Belayet Ali war der Sohn des Maulvi Fateh Ali aus Patna und stammte aus der Familie des berühmten dortigen Amir Rafiuddin Husain Khan. Belayet Ali wuchs in großem Wohlstand auf. Seine Jugend und frühen Mannesjahre verbrachte er in Lakhnau, der von den Amiren und Adligen verherrlichten Stadt. Als Sayyid Ahmad in dieser Zeit nach Lakhnau kam, um zum Dschihad aufzurufen, gab Belayet Ali sein luxuriöses Leben auf, folgte dem Ruf zum Dschihad und begab sich nach Rai Bareli. Dort studierte er bei Maulana Schah Muhammad Ismail die Hadith-Wissenschaft und begann anstelle seines luxuriösen Lebens ein asketisches Leben zu führen. Gemeinsam mit dem Märtyrer Sayyid Ahmad arbeitete er als Maurer und sammelte im Wald Holz, um eigenhändig zu kochen. Sayyid Sahib liebte eine derart dem Weg Allahs geweihte Seele sehr. Als er zum Hadsch nach Mekka aufbrach, ernannte er ihn zu seinem Stellvertreter und übertrug ihm die Verantwortung für die Verkündung des Islam. Auf Sayyid Sahibs Anweisung betrieb er zwei Monate lang Missionsarbeit in Afghanistan. Zusammen mit einem gewissen Maulana Muhammad Ali setzte er seine Missionsarbeit in Swat, Hyderabad und im Dekkan fort. Während seines Aufenthalts im Dekkan erlitt Sayyid Sahib in Balakot den Märtyrertod.
Nach der Katastrophe von Balakot betrat Maulana Belayet Ali Britisch-Indien und nahm die unvollendete Arbeit von Sayyid Sahib auf. Er entsandte verschiedene Personen an verschiedene Orte, um Missionsarbeit zu leisten. Seinen leiblichen Bruder, Maulana Enayet Ali, schickte er nach Bengalen. Maulana Zainul Abedin und Maulana Abbas Ali ernannte er in dieser Reihenfolge zu Missionaren für Orissa und die Vereinigten Provinzen.
Nachdem Maulana Belayet Ali in Patna ein zentrales Büro eingerichtet hatte, begann er mit der Missionsarbeit. Zwei Jahre später begab er sich zum Hadsch nach Mekka. Nach dem Hadsch bereiste er Jemen, Nadschd, Maskat, Hadramaut und andere Orte. In dieser Zeit erhielt er beim berühmten Hadith-Gelehrten Qadi Muhammad ibn Ali al-Schaukani eine Lehrbefugnis in der Hadith-Wissenschaft.
Nach seiner Rückkehr aus Arabien entsandte er unter der Führung seines Bruders Enayet Ali eine Mudschahidin-Truppe an die Grenze, um gegen Golab Singh den Dschihad zu führen. Als Golab Singh die Lage als aussichtslos erkannte, schloss er mit den Briten einen Friedensvertrag. Daraufhin begannen unter den Muslimen an der Grenze innere Auseinandersetzungen, und Enayet Alis Mudschahidin-Truppe löste sich auf.
Nach dem Scheitern des Grenzfeldzugs kehrte Maulana Belayet Ali nach Lahore zurück. Der Polizeikommissar von Lahore zwang die beiden Maulana-Brüder, eine Verpflichtungserklärung zu unterzeichnen, in der sie sich verpflichteten, sich zwei Jahre lang jeder Tätigkeit zu enthalten. Danach kehrten sie nach Patna zurück und begannen mit der Verkündung des Islam.
Nach Ablauf der zweijährigen Gültigkeitsdauer der Verpflichtungserklärung reiste Maulana Belayet Ali mit einigen Gefährten von Patna nach Delhi, um die Hidschra zu vollziehen. In dieser Zeit verkündete er in der Freitagsmoschee von Delhi und in der Fatehpur-Moschee die Botschaft des Islam. Dies geschah nur wenige Jahre vor der Freiheitsbewegung von 1857. Damals traf er auf Einladung Bahadur Shahs einmal mit ihm im Roten Fort zusammen.
Nach einem längeren Aufenthalt in Delhi reiste Maulana Belayet Ali über Ludhiana nach Sittana an der Grenze des Punjab. Sittana war ein bedeutendes Zentrum der Mudschahidin-Truppe. Dort waren eine Chanqah und eine Madrasa gegründet worden. Unter einer Chanqah verstanden die Mudschahidin ihr Operationszentrum. Patna wurde die kleine Chanqah genannt und Sittana die große Chanqah. Von der kleinen Chanqah aus wurden Geld, Versorgungsgüter und Mudschahidin an die große Chanqah entsandt.
Als Maulana Belayet Ali in Sittana eintraf, stellte er fest, dass die dortige Aktivität stark nachgelassen hatte. Er war ein feuriger Redner. Er entfachte unter der Mudschahidin-Truppe neuen Elan.
Zu dieser Zeit wurde gegen Maulana Belayet Ali ein Verschwörungsprozess gegen die britische Regierung eingeleitet. Während des Prozesses wurden seine beiden Wohnhäuser und sein Gartenhaus in Sadekpur bei Patna sowie sein unbewegliches und bewegliches Vermögen im Wert von mehreren hunderttausend Rupien in Trümmer verwandelt. Die Bewohner der Häuser, insbesondere die Kinder und Frauen, wurden mittellos und obdachlos gemacht. Im Jahr 1853 starb er an einer Krankheit.
Über die Brüder Maulana Belayet Ali und Maulana Enayet Ali schreibt Hunter in seinem Bericht The Indian Musalmans, dass die beiden genannten Chalifen (Maulana Belayet Ali und Maulana Enayet Ali) im Punjab weithin als Mudschahidin bekannt waren und deshalb festgenommen und unter Polizeibewachung nach Patna gebracht worden seien. Der Magistrat nahm ihnen sowie zwei wohlhabenden Angehörigen ihrer Glaubensgemeinschaft unter der Bedingung künftigen guten Benehmens eine Verpflichtungserklärung ab. Doch im Jahr 1850 sah ich sie im Distrikt Rajshahi im flachen Bengalen aufrührerische Propaganda betreiben. Wegen solcher Propaganda wurden sie mehr als einmal, insgesamt zweimal, aus Rajshahi ausgewiesen. So sehr diese beiden Chalifen in Patna auch durch eine Bürgschaftserklärung in ihren eigenen Häusern festgehalten wurden, schon 1851 sah man sie wieder an der Grenze des Punjab feurige Reden gegen die britische Herrschaft halten.“
Der revolutionäre Ahmadullah
An der Dschihad-Bewegung von Sayyid Ahmad beteiligten sich Muslime aus ganz Indien, ohne Unterschied zwischen Bengalen und Nicht-Bengalen. Bauern, Arbeiter, Schneider, Metzger, Mullahs, Maulwis, Maulanas und hochrangige Beamte in Regierungsstellen nahmen unter Einsatz ihres Lebens und mit dem alleinigen Ziel, Gottes Wohlgefallen zu erlangen, an der Dschihad-Bewegung teil. Der stellvertretende Magistrat Ahmadullah war einer von ihnen.
Ahmadullahs Vater hieß Elahi Baksh. Ahmadullah wurde im ersten Jahrzehnt des neunzehnten Jahrhunderts in einer äußerst angesehenen Familie in Sadikpur bei Patna geboren, das für seine Geschichte berühmt war. Ahmadullah erhielt eine höhere Ausbildung in Arabisch, Persisch und Urdu. Auch in der englischen Sprache besaß er umfassende Kenntnisse. Sein Vater wurde kein Murid von Sayyid Shahid, machte jedoch seine drei Söhne Yahya Ali, Fayez Ali und Ahmadullah zu Murids von Sayyid Sahib. Ahmadullah trat zu Beginn seines Lebens in die Bildungsabteilung der britischen Regierung ein. Ahmadullahs vom Vater verliehener Name war Ahmad Bakhan. Sayyid Sahib änderte ihn und gab ihm den neuen Namen Ahmadullah. Sein erster Name geriet in Vergessenheit, und er wurde nur noch unter dem Namen Ahmadullah bekannt.
Während des Krieges gegen die Sikhs an der Grenze belief sich die Truppenstärke von Sayyid Sahib auf mehr als zweihunderttausend Mann. Für diese gewaltige Armee wurden Menschen und Geld aus nahezu allen damaligen Provinzen Indiens zusammengebracht, insbesondere aus Bengalen, Bihar, Orissa, den Vereinigten Provinzen, den Zentralprovinzen, Sindh und der Grenzprovinz. Diese Arbeit erfolgte durch eine streng organisierte geheime Einrichtung, von der die britische Regierung bis vor 1852 volle zwanzig bis fünfundzwanzig Jahre lang nicht das Geringste erfahren hatte. Wie eng der hochrangige Regierungsbeamte Ahmadullah mit dieser geheimen Einrichtung und all ihren Tätigkeiten verbunden war, geht aus einem Bericht hervor, den Mr. Raven Shaw am 9. Mai 1865 der Regierung von Bengalen vorlegte. In dem Bericht heißt es:
Im Jahr 1852 gelangte die Regierung im Punjab in den Besitz eines verschwörerischen Briefes. Daraus ging hervor, dass hindustanische religiöse Eiferer (Mudschaheddin) von den Berggipfeln aus versucht hatten, Unruhen im Zusammenhang mit dem Vierten Regiment der indischen Truppen (Regiment of Native Infantry) zu stiften. Es zeigte sich, dass damals zahlreiche Maulwis aus der Familie von Sadikpur sowie viele bewaffnete Karawanen zur Grenze aufgebrochen waren. Aus einem nicht unterzeichneten Brief aus Peschawar war bekannt, dass Maulwi Belayat Ali, Enayat Ali, Fayez Ali und Yahya Ali (Ahmadullahs zwei Brüder) sowie ein Schneider aus Dinajpur, Maulwi Karam Ali, in Sittana im Gebiet von Surat ihre Zelte aufgeschlagen hatten und sich mit Unterstützung von König Sayyid Akbar darauf vorbereiteten, gegen die Regierung zu kämpfen. Ich habe bereits erwähnt, dass Sayyid Akbar ein von der Regierung eingesetzter König von Swat war. In dem Brief hieß es unter anderem: Maulwi Farhat Ali, der Bruder von Maulwi Belayat Ali, sammelte in Azimabad Geld; Ahmadullah, der Bruder von Maulwi Fayez Ali, und Maulwi Yahya Ali sammelten in ihren jeweiligen Häusern und Vierteln Geld und schickten Waffen und Versorgungsgüter. Aus anderen Briefen war bekannt, dass Truppen und Versorgungsgüter von Patna über Meerut und Rawalpindi weitergeleitet wurden. An diesen beiden Orten waren jeweils eigene Agenten eingesetzt. Sie trafen alle Vorkehrungen für die Lieferung von Versorgungsgütern für den Dschihad an der Grenze.
„Auf Ersuchen der Regierung des Punjab durchsuchte der Magistrat von Patna, Hussain Ali Khan, ein Haus. Es war Ahmadullahs Khanmasa, und die Briefe gingen unter seinem Namen ein und aus. Tatsächlich war die Nachricht von der bevorstehenden Haussuchung des Magistrats jedoch bereits zwei Tage zuvor durch einen aus dem Punjab zurückgekehrten Hakim (einheimischen Arzt) bekannt geworden, woraufhin sämtliche Briefe in ihrem Haus vernichtet wurden. Wie dem auch sei, in seinem Bericht vom 10. August 1852 teilte der Magistrat der Regierung mit, dass die Wahhabiten damals beträchtlich an Zahl zugenommen hätten und dass in den Häusern von Maulwi Belayat Ali, Ahmadullah und dessen Vater Elahi Baksh alle möglichen geheimen Beratungen für den Dschihad abgehalten und von dort aus die Propaganda betrieben worden sei. Er teilte ferner mit, dass die Wahhabiten Verbindungen zur örtlichen Polizei unterhielten. Deshalb waren ihm keine verlässlichen Beweise für ihre Tätigkeiten zugegangen. Im Haus des Maulwi Ahmadullah waren jedoch sechshundert bis siebenhundert bewaffnete Männer bereit, sich der Haussuchung des Magistrats zu widersetzen und das Banner des Aufstands zu erheben.“
„In der Ratssitzung vom 7. September 1852 wurde ein Vermerk (Minute) aufgenommen – dies geschah aufgrund der von der Regierung des Punjab verfassten Schreiben; darin wurde auch die Notwendigkeit anerkannt, den Bewohnern der Grenzgebiete den Krieg zu erklären. Munshi Muhammad Wali vom Vierten Eingeborenenregiment wurde der Strafjustiz überstellt und am 12. Mai 1853 in Rawalpindi verurteilt und bestraft. Dabei wurden erneut die Namen des Maulwi Ahmadullah und anderer Bewohner Patnas in den Zeugenaussagen und Beweisstücken genannt, und auch die von ihnen erfolgte Entsendung von Versorgungsgütern an die Grenze wurde erörtert.“
„Es ist äußerst bedauerlich, dass die Regierung keine aktive Maßnahme ergriff und die Verschwörung von Patna nicht zerschlug. Der Ausbruch des Aufstands wäre gewiss verhindert worden, im Feldzug von Ambala wären keine Soldaten gefallen, und die Regierungsbeamten wären von viel Mühe und unnötiger Demütigung verschont geblieben; denn der bewaffnete Aufständische Ahmadullah von 1852 ist derselbe wie der ‚einfache Bücherkundige‘ und der ‚Wahhabiten-Gentleman‘ von 1857.“
– (Die Wahhabitenbewegung, Abd al-Maudud, S. 198–200)
Als 1857 in ganz Indien die Freiheitsbewegung in hellen Flammen aufloderte, ließ der damalige Kommissar, Mr. Taylor, zahlreiche Muslime aus Patna, darunter Ahmadullah, verhaften und gefangen setzen. Taylor vermutete, dass diese Muslime an der Bewegung des Jahres 1857 beteiligt gewesen waren. Ohne Gerichtsverfahren ließ Taylor die gefangenen Muslime täglich in kleiner Zahl auf dem Hinrichtungsplatz vor seinem Bungalow auf äußerst grausame und teuflische Weise erhängen und empfand dabei Genugtuung. Doch sobald diese grausame und ungerechte Behandlung die Obrigkeit erreichte, wurde die Freilassung der übrigen Gefangenen angeordnet und Taylor zur Rechenschaft gezogen. Auf diese Weise entging Ahmadullah Taylors Todesorgie. Wegen dieses teuflischen Massakers wurde Taylor von seinem Amt als Kommissar abgesetzt.
Nachdem die Freiheitsbewegung von 1857 niedergeschlagen und beruhigt worden war, bemühten sich die Engländer darum, die Herzen der Muslime zu gewinnen. Zugleich setzte sich Sir Syed Ahmad mit ganzer Kraft dafür ein, die Beziehungen zwischen den Muslimen und den Engländern wiederherzustellen. Auch Ahmadullah gewann das Wohlwollen der Regierung. Daher wurde er durch eine Verfügung vom 21. September 1860 zum stellvertretenden Magistrat ernannt. Dennoch wurden von der großen Khanqah beziehungsweise dem Hauptzentrum in Patna weiterhin regelmäßig Mujahidin und Nachschub nach Mulka und Sittana entsandt. Obwohl Ahmadullah ein hoher Regierungsbeamter war, arbeitete er ausschließlich um Gottes Wohlgefallen willen uneingeschränkt mit dem Mujahid-Korps zusammen. Unter seiner Aufsicht wurden in Bengalen und Bihar mit vollem Einsatz Mujahidin und Nachschub gesammelt. Sein eigenes Haus war dabei der wichtigste Stützpunkt. Jeden Freitag wurde nach dem Maghrib in seinem Haus eine Milad-Versammlung veranstaltet; unter dem Vorwand dieser Milad versammelten sich dort die Mujahidin und legten ihr tägliches Arbeitsprogramm fest. Für ihre Tätigkeiten benutzten sie ein solches Zeichensystem (CODE), das außer ihnen niemand verstehen konnte. Untereinander waren sie jeweils unter anderen Namen bekannt.
In Bengalen und Bihar hatte Ahmadullah vertrauenswürdige, tatkräftige und dem Weg Gottes geweihte Agenten. Der Agent in Bengalen war Haji Badruddin, ein bekannter Lederhändler aus Dhaka. Er sammelte das gesamte Geld der östlichen Region ein und schickte es per Hundi auf den Namen eines Geschäftsmannes aus Patna namens Farulal. Im Viertel Murigunj in Kalkutta waren ein Mann namens Abdul Jabbar sowie ein weiterer Mann namens Muksad Ali, ein Bevollmächtigter des High Court, als Agenten tätig. Muksad Ali besaß auch ein Haus in Patna. Darüber hinaus gab es Agenten in den Bezirken 24 Parganas, Jessore, Faridpur, Murshidabad, Maldah, Rangpur und anderen. Auch in den größeren Städten von Bihar, Orissa, den Vereinigten Provinzen und den Zentralprovinzen waren Agenten eingesetzt. Ahmadullah Sahib tauschte mit ihnen in verschlüsselter Sprache Briefe aus. Von 1860 bis 1865 war Maulvi Ahmadullah der führende Kopf der Jihad-Bewegung. Dass er unter vollständiger Nutzung der Möglichkeiten seines hohen Regierungsamtes diese Bewegung uneingeschränkt leitete, war völlig folgerichtig. Denn für den Erfolg jeder Revolution ist die Unterstützung durch Polizei, Streitkräfte, Verwaltung und andere Einrichtungen der bestehenden Regierung unerlässlich.
Die revolutionäre Bewegung, die 1857 in ganz Indien stattfand, wurde durch das Mujahid-Korps angeregt. Das Mujahid-Korps nahm aktiv daran teil. Doch obwohl die Bewegung aufgrund der widrigen Umstände keine Früchte trug, ließen sich die Mujahidin weder unterdrücken noch entmutigen. Ihr Antrieb zum Handeln nahm keineswegs ab. Auch wenn ein endgültiger Sieg nicht möglich war, führten sie die Bewegung noch ein Jahrzehnt nach der Katastrophe von 1857 weiter und brachten sie beinahe an die Schwelle des Erfolgs.
Aus ganz Bengalen versammelten sich Tausende Muslime in der Hoffnung, Ghazi oder Märtyrer zu werden, im Haus von Ahmadullah Sahib in Sadikpur, Patna, und zogen von dort in kleine Gruppen aufgeteilt nach Sittana. Vier bengalische Muslime aus einer solchen Gruppe wurden auf dem Weg nach Ambala von einem Punjabi-Sergeant namens Guzar Khan gefasst. Sie wurden dem Magistrat vorgeführt. Als sie erklärten, unschuldige und harmlose Reisende zu sein, ließ der Magistrat sie frei. Guzar Khan war darüber sehr enttäuscht und teilte mit, dass ein in Thanesar ansässiger Mann namens Zafar Ali die Entsendung von Mujahidin und Nachschub nach Sittana betrieb. Sobald die Behörden davon erfuhren, durchsuchten sie Zafar Alis Haus in Thanesar und beschlagnahmten zahlreiche verdächtige Dokumente. Zafar Ali floh, wurde jedoch zusammen mit zahlreichen Mujahidin in Aligarh gefasst. Aus ihren Aussagen ging hervor, dass sie Spione von Elahi Bakhsh aus Sadikpur waren. Auch nach der Durchsuchung von Elahi Bakhshs Haus wurden dort zahlreiche belastende Dokumente gefunden.
Aufgrund dieser Dokumente entdeckten die Behörden eine schreckliche Verschwörung und übertrugen dem Magistrat von Patna, Raven Shaw, die Untersuchung. Im Zuge der Untersuchung wurde Ahmadullah Sahib verhaftet und aus dem Dienst entlassen. Nach viermonatiger Untersuchung wurden gegen Ahmadullah unter anderem wegen Hochverrats acht Anklagepunkte erhoben und er dem Gefängnis übergeben. Im Prozess verhängte der Sessionsrichter gegen ihn die Todesstrafe. Gegen dieses Urteil wurde in Kalkutta Berufung eingelegt. Die Richter Trevor und O. Lock (Trevor and O. Lock J.J.) verkündeten am 13. April 1865 ihr Urteil. Darin erklärten sie: „Anstatt das Todesurteil zu bestätigen, ordnen wir an, dass er zu lebenslanger Verbannung verurteilt und sein gesamtes bewegliches und unbewegliches Vermögen von der Regierung beschlagnahmt werde.“
Noch im Juni desselben Jahres wurde er nach Andaman gebracht, und nachdem er dort fast sechzehn Jahre als Gefangener gelebt hatte, umarmte dieser tapfere Mujahid 1881 lächelnd den Tod.
Auch sein jüngerer Bruder Yahya Ali war zu lebenslanger Verbannung verurteilt worden und bereits zuvor in Andaman verstorben. Ahmadullahs letzter Wunsch war es, neben seinem Bruder begraben zu werden. Doch die englische Regierung erfüllte nicht einmal diesen unschuldigen und harmlosen Wunsch.
Das Wohnhaus der Familie Sadikpur war eines der vornehmsten und berühmtesten Wohnhäuser Patnas. Das Gebäude wurde dem Erdboden gleichgemacht, und an seiner Stelle wurde der städtische Markt von Patna errichtet. Die Kosten dieses Bauvorhabens wurden vollständig aus dem Erlös bestritten, der durch den Verkauf des übrigen Besitzes der Familie erzielt worden war.
Dass diese vornehme und berühmte Familie von Sadikpur auf ihrem Weg auf Allahs Weg bis auf die Grundfesten vernichtet wurde und welches unvergleichliche Zeugnis der Aufopferung und des Opfers sie hinterließ, dafür sind Beispiele in der Geschichte selten. Jedes einzelne Familienmitglied, Frauen und Kinder eingeschlossen, wurde unter dem Zorn der Regierung nach und nach versengt. Am erschütterndsten aber ist, dass die englische Regierung am heiligen und freudigen Eid-Tag die Familie Ahmadullahs aus ihrem Wohnhaus vertrieb, nur mit den Kleidern am Leib und mit leeren Händen, und daraus äußerste Genugtuung schöpfte. Eine solche Demütigung wird man in der Geschichte keiner zivilisierten Nation finden. Der stille Schmerzensruf und das Wehklagen der unschuldigen Kinder und Frauen zerriss an jenem Tag den Himmel. Vielleicht verfasste Ahmadullah im Gedenken an diesen Tag daher die folgende Klage:
Als sie die Eid-Nacht zum Morgen machten
vertrieben sie uns aus unserem Haus
unsere Freude wurde zum Trauerfest
unser Eid wurde zu Muharram.
Als am Ende der Eid-Nacht das Licht der Morgendämmerung erschien, wurden wir alle aus unserem eigenen Haus vertrieben. All unsere Freudenbekundungen nahmen die Gestalt der Trauer an – unser Eid verwandelte sich in das Karbala von Muharram.
Die Grausamkeit endete damit noch nicht. Der weitläufige Familienfriedhof der Familie Sadikpur wurde umgepflügt und beseitigt und unter Hindus aufgeteilt.
Maulana Yahya Ali
Maulana Yahya Ali war der ältere Bruder des Revolutionärs Ahmadullah. Dass er, um das unvollendete Werk Sayyid Ahmad Shahid Barelvis zu vollenden, von einem Ende Indiens bis zum anderen den Kontakt zu den Mujahidin aufrechterhielt und auf diese Weise die antibritische Bewegung wachhielt, ist höchst erstaunlich. Für diese Aufgabe opferte er sein eigenes Leben und sein Vermögen auf dem Weg Gottes. Man kann sagen, dass Maulana Yahya Ali nach dem Märtyrertod von Sayyid Sahib der geistliche Führer oder Imam der Mujahidin war. Nachdem er die Dschihad-Bewegung bis 1864 geleitet hatte, wurde er zusammen mit anderen im Verfahren wegen einer antibritischen Verschwörung angeklagt.
Hunter sagt in seinem Werk: „Dem Oberimam Yahya Ali waren vielfältige Aufgaben übertragen. Als geistlicher Leiter der Wahhabi-Gemeinschaft in Indien musste er regelmäßig mit den ihm unterstellten Predigern korrespondieren. Er musste Briefe in einer geheimen Sprache verfassen, die er selbst erfunden hatte. Auch die regelmäßige Entsendung großer Geldsummen in die Rebellenlager an der Grenze musste er organisieren. Das Leiten des Gebets in der Moschee, das Überprüfen der Gewehre der religiösen Eiferer und ihre Übergabe an diese, religiöse Vorträge unter den Schülern sowie das durch persönliches Studium vertiefte Erlernen der von arabischen Religionsgelehrten eingeführten theologischen Lehren – all dies gehörte zu seinem Tätigkeitsprogramm.“
Mit anderen Worten: Er war zugleich Leiter der Mujahidin-Truppe, ihr militärischer Ausbilder, Imam der Moschee, Murshid des Ilm-e-Tasawwuf und Erfinder eines Signalsystems zur Führung des Krieges. Unter Berufung auf das Urteil, das Sir Herbert Edwards, der Sitzungsrichter von Ambala, im Juli 1864 verkündete, sagt Hunter: „Um in Indien die Herrschaft des Halbmonds (des Islam) zu errichten, war er (Yahya Ali) in der Moschee von Patna mit religiöser Propaganda beschäftigt. Zur Sammlung von Geld und zur Führung des Dschihad der Muslime setzte er eine große Zahl untergeordneter Agenten ein.“
Weiter sagt er: „Aus der Verhandlung dieses Verfahrens gingen drei besonders erstaunliche Dinge hervor: die Umsicht der Organisatoren beim Aufbau einer Organisation über ein weitläufiges Gebiet hinweg, die Geschicklichkeit der Mitarbeiter bei der Wahrung der Geheimhaltung während der Durchführung ihrer Aktivitäten und ihre umfassende gegenseitige Loyalität. Der Erfolg beruhte zu einem großen Teil auf der Verwendung von Decknamen und der Einführung einer Art Geheimssprache zum Austausch von Nachrichten.
In diesem Verfahren waren insgesamt elf Personen angeklagt. Diejenigen, die die führenden Köpfe der Bewegung waren, wurden zum Tode verurteilt. Doch sie nahmen dieses Todesurteil mit solcher Zufriedenheit an, dass es die britische Regierung verblüffte. Denn die Sichtweise dieser Mujahidin auf Leben und Tod unterschied sich von derjenigen der Herrscher. Sie waren fest davon überzeugt, dass der Märtyrertod auf dem Weg Allahs der größte Erfolg des Lebens sei. Daher hob das höchste Gericht der Provinz die Todesurteile auf und wandelte sie in lebenslange Haft um. Herr Hunter räumt diese oben genannte Tatsache ein und sagt: „Die britische Regierung hat Klugheit bewiesen, indem sie selbst den führenden Köpfen der Verschwörung keine Gelegenheit gab, Märtyrer zu werden.“
Die Angeklagten in diesem Verfahren waren:
Maulana Yahya Ali, Abdul Ghaffar, Schatzmeister des Missionszentrums von Patna, Jafar Thaneshwari, der Fleischlieferant und Auftragnehmer für die britische Garnison Muhammad Shafi, Abdur Rahim, Elahi Bakhsh, Muhammad Husain, Qazi Mianjan, Abdul Karim, Husaini aus Thaneshwar und Abdul Ghaffar (II).
Im Haus des Angeklagten Nummer fünf, Abdur Rahim, versammelten sich die bengalischen Mujahidin und hielten sich dort auf. Khadem verwahrte ihr Geld, sorgte für ihre Verpflegung, erwies ihnen Gastfreundschaft und gab ihnen bei ihrer Abreise das Geld zurück. Yahya Ali erfüllte sie mit jihadistischer Begeisterung.
Elahi Baksh sandte die gesammelten Gelder an Jafar Thaneshwari, und dieser schickte sie an die Rebellenlager in Mulka und Sittana.
Muhammad Husain aus Patna war Elahi Bakshs Khadem. Er nähte Goldmohurs in seinen Ärmel ein, reiste von Patna nach Delhi und übergab sieweisungsgemäß an Jafar Thaneshwari.
Qazi Mianjan war mit der Anwerbung von Mujahidin befasst; auch das Sammeln und Übersenden von Geld sowie den Briefwechsel erledigte er.
Abdul Karim war ein Spion von Muhammad Shafi, dem Fleischlieferanten. Auch er brachte Geld von Patna dorthin. Muhammad Jafar Thaneshwari berichtet in seinem Werk „Tawarikh-i-Ajib“, dass Mianjan im Distrikt Kushtia, in Kumarkhali, ansässig war. Er starb im Gefängnis.
Husaini aus Thaneshwar hielt den Kontakt zu Muhammad Jafar Thaneshwari und Muhammad Shafi aufrecht. Eines Tages wurde er auf frischer Tat ertappt, als er 290 Goldmohurs von Muhammad Jafar Thaneshwari zu Muhammad Shafi bringen wollte.
Maulana Yahya Ali tat während seiner lebenslangen Haftzeit auf den Andamanen dort seinen letzten Atemzug. So endete unter der Unterdrückung der englischen Herrscher das Leben eines der führenden Vorkämpfer der Bewegung zur Errichtung einer islamischen Herrschaft in Indien.
Jafar Thaneshwari war einer der drei zum Tode Verurteilten (Maulana Yahya Ali, Haji Muhammad Shafi und Muhammad Jafar Thaneshwari). Er war eine äußerst einflussreiche Persönlichkeit aus Thaneshwar. Sein Todesurteil wurde aufgehoben und in lebenslange Haft umgewandelt. Nach achtzehn Jahren Haft auf den Andamanen kehrte er in seine Heimat zurück. Er verfasste ein Werk mit dem Titel „Tawarikh-i-Ajib“. In diesem Werk trug er die zahlreichen wertvollen Informationen zusammen, die er aus seinen langjährigen Erfahrungen auf den Andamanen, der unmenschlichen Behandlung der Gefangenen, der Freiheitsbewegung von 1857 und der Jihad-Bewegung gewonnen hatte. In diesem Werk trug er die zahlreichen wertvollen Informationen über seine Bewegung zusammen. Er gibt darin eine eindrucksvolle Schilderung des Krieges von Ambala im Jahr 1863. Er sagt:
„1863. Infolge des unerbittlichen Vorgehens der britischen Regierung kam es an der westlichen Grenze Indiens zu einem furchtbaren Krieg. General Chamberlain war der Befehlshaber auf englischer Seite. In der Festung von Ambala musste seine Truppe erhebliche Mühsale ertragen. Dieser Angriff auf ein fremdes Land war nichts anderes als eine Grenzverletzung. Deshalb zog auch der berühmte Pir von Swat mit einer großen Zahl von Schülern aus, um das muslimische Mujahid-Heer zu unterstützen und gegen die englischen Soldaten zu kämpfen. Die Afghanen stürzten sich in den Krieg, um die Ehre ihres Landes und ihres Volkes zu verteidigen.“
Der erbitterte Krieg dauerte an. General Chamberlain selbst wurde schwer verwundet. Fast siebentausend englische Soldaten wurden getötet oder verwundet. Die britische Regierung hatte diesen Feldzug selbst innerhalb eines fremden Landes entsandt, mit dem Ziel, das Mujahid-Heer vollständig zu vernichten. Der Entschluss der Mujahidin lautete: entweder Sieg oder Martyrium. Sie waren entschlossen, den höchsten Grad an Tapferkeit zu zeigen. Daher nahm der Krieg gewaltige Ausmaße an.
Unterdessen erlag der Vizekönig von Indien, Lord Elgin, auf dem Gipfel des Kumban-Gebirges plötzlich dem Tod, vom quälenden Bewusstsein über die Folgen seines unsinnigen Handelns und seines ungerechten Angriffs. Indien blieb ohne Vizekönig. Der gleichzeitige Krieg und der Tod des Vizekönigs schufen zweifellos eine Krise. In eben dieser Zeit, am 11. Dezember 1866, erfuhr der berittene Pathan-Polizist Guzan Khan, der für den Polizeiposten von Panipat im Distrikt Karnal zuständig war, auf irgendeinem Wege von meiner Verbindung zum Mujahid-Heer. Natürlich hielt er dies für eine goldene Gelegenheit zu seiner Beförderung. Darauf erstattete er dem stellvertretenden Kommissar von Karnal in einer langen Aussage Bericht. Er teilte mit, dass der Nambardar Muhammad Dschafar aus der Stadt Thanesar den Mujahidin bei dem furchtbaren Kampf, der an der Grenze stattfand, mit Geld und Männern unterstützte. Sobald der stellvertretende Kommissar diese Nachricht erhalten hatte, teilte er sie telegraphisch den Behörden des Distrikts Ambala mit, dem die Stadt Thanesar unterstand. Kaum war der Informant fortgegangen, begab sich einer meiner Polizeifreunde zum Bungalow des stellvertretenden Kommissars. Nachdem dieser von ihm die geheime Nachricht erfahren hatte, schickte er einen Polizeibeamten, um mich zu benachrichtigen. Da ich jedoch eingeschlafen war, ging der Beamte wieder fort, in der Absicht, mich am folgenden Tag zu informieren. Unglücklicherweise hatte mein Polizeifreund mein Haus bereits umstellt, noch bevor ich davon erfahren konnte, unter dem Polizeikommissar Captain Parson“.
(Tawarikh-i-Adschib, bengalische Übersetzung von „Andaman“, Autobiografie eines Gefangenen, S. 1–2).
Maulana Imamuddin
Maulana Imamuddin wurde im Dorf Hajipur (Sadullapur) geboren, das zum Polizeibezirk Sadar im Distrikt Noakhali in Bangladesch gehört. In seiner Kindheit ging er zum Zweck seiner Ausbildung nach Kalkutta und von dort nach Delhi, um bei Shah Abd al-Aziz Dehlawi zu studieren. Während seines Aufenthalts in Delhi begegnete er Sayyid Ahmad Shahid. Damals nahm er jedoch noch keine Unterweisung von ihm an. Später traf er Sayyid Ahmad in der Stadt Lucknow erneut. Diesmal leistete er in dessen Hand die Bayʿa und schloss sich dem Mujahid-Heer an; einige Zeit später nahm Sayyid Sahib ihn als seinen Khalifa an.
Als Sayyid Sahib zum Hadsch in den Hedschas reiste, verabschiedete sich Maulana Imamuddin in Kalkutta von seinem Murshid und ging nach Noakhali, um seinen betagten Vater zu besuchen. Danach reiste er gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder Alimuddin und dreißig oder vierzig weiteren Männern in den Hedschas und schloss sich der Karawane von Sayyid Sahib an.
Nach dem Hadsch nahm er am Dschihad-Feldzug teil und wurde auf dem Schlachtfeld von Balakot zum Gefährten von Sayyid Sahib. In der Schlacht fiel sein Bruder Alimuddin als Märtyrer, und er kehrte als Ghazi zurück. Nach der Katastrophe von Balakot begab er sich auf Einladung des Nawab Wazir ud-Daula in den Staat Tonk. Der Nawab lernte bei ihm in zahlreichen Angelegenheiten.
Sufi Nur Muhammad Nizampuri
Sufi Nur Muhammad stammte aus Chittagong. Obwohl seine ausführliche Lebensgeschichte nicht bekannt ist, war er einer der Khalifen von Sayyid Ahmad Schahid. Er schloss sich ordnungsgemäß der Mujahidin-Armee an, vollzog als Angehöriger der Karawane von Sayyid Sahib die Hadsch und nahm bis zuletzt gemeinsam mit Sayyid Sahib am Dschihad-Feldzug teil. Nach der Schlacht von Balakot hatte auch er das Glück, zum Ghazi zu werden.
Der berühmte Pir Shah Sufi Fateh Ali Sahib aus Westbengalen empfing bei Sufi Nur Muhammad die Einweihung in die Lehre des Tasawwuf und wurde dessen Nachfolger. Das Mausoleum von Sufi Fateh Sahib befindet sich in Maniktala in Kolkata. Sein Khalifa und Nachfolger war Maulana Shah Sufi Abu Bakr Siddiqi, der aus Furfur im Distrikt Hooghly stammte.
Zwölftes Kapitel
Der erste Freiheitskampf im britischen Indien
Im Jahr 1857 begann in ganz Indien ein gewaltiger antibritischer Kampf. Die herrschende Gruppe gab ihm den Namen „Sepoy-Aufstand“. Der Kampf, den Sepoys, das Volk und Mujahidin 1857 gemeinsam begannen, erschütterte die Grundfesten der britischen Herrschaft in diesem Land. Aus der Sicht der Herrscher kann man ihn als „Aufstand“ bezeichnen. In Wirklichkeit aber war er ein wahrer Freiheitskampf gegen ausländische Herrschaft und Ausbeutung.
In den vergangenen zwei Jahrhunderten der Geschichte Indiens sind drei historische Ereignisse besonders erinnerungswürdig. Diese drei Ereignisse ereigneten sich in den Jahren 1757, 1857 und 1947. 1757 fand die Schlacht von Plassey statt. Durch Verschwörung, Betrug und Verrat errang der gerissene Clive den Sieg, ohne zu kämpfen, und setzte damit einer fest etablierten muslimischen Herrschaft im Osten Indiens ein Ende. Der Feldzug von Plassey war das Ergebnis einer gemeinsamen Verschwörung der englischen Ostindien-Kompanie und der hinduistischen Mittelschicht. Dafür wurde Mir Jafar Ali allerdings als Strohmann vorgeschoben. 1857 fand die Schlacht von Plassey statt. Durch Verschwörung, Betrug und Verrat errang der gerissene Clive den Sieg, ohne zu kämpfen, und setzte damit einer fest etablierten muslimischen Herrschaft im Osten Indiens ein Ende. Der Feldzug von Plassey war das Ergebnis einer gemeinsamen Verschwörung der englischen Ostindien-Kompanie und der hinduistischen Mittelschicht. Dafür wurde Mir Jafar Ali allerdings als Strohmann vorgeschoben. Der Kampf von 1857 war der Kampf der Sepoys und des Volkes, um das Land Indien von den Ketten der Knechtschaft unter den despotischen britischen Herrschern zu befreien. Neunzig Jahre später bestand der Kampf der indischen Muslime 1947 darin, die Briten zu vertreiben und eine eigene unabhängige Heimat zu errichten, ohne der Herrschaft der hinduistischen Mehrheit unterworfen zu sein. Im letztgenannten Kampf errangen die Muslime den Sieg.
Es ist hier nicht das Ziel, die lange Geschichte des Freiheitskampfes von 1857 zu verfälschen. Ziel dieses Beitrags ist es vielmehr, kurz seinen Hintergrund, die wichtigsten Ereignisse des Kampfes und die Hauptursachen seiner Niederlage darzulegen.
Hintergrund
Um den Hintergrund und die Ursachen dieses Kampfes zu bestimmen, müssen wir den Blick um weitere hundert Jahre zurück in die Geschichte richten. Nach der Schlacht von Plassey war den Muslimen nicht nur die politische Macht aus der Hand genommen. Vielmehr gerieten zugleich auch ihre staatliche Existenz, ihre wirtschaftliche Lage, ihre Bildung und ihre Tahzib-o-Tamaddun in Gefahr. Während der muslimischen Herrschaft waren die englischen Kaufleute unter dem Vorwand des Handels nach Indien gekommen. Um geschäftliche Vergünstigungen zu erlangen, lagen sie an den Toren der muslimischen Herrscher auf der Lauer und zählten in der Hoffnung auf deren Gnade die Tage. Die muslimischen Herrscher gewährten ihnen aufgrund ihrer großzügigen Haltung umfassende Möglichkeiten und Vergünstigungen für den Handel in diesem Land. Doch sie missbrauchten diese Gelegenheit immer wieder. Deshalb sahen sich die Herrscher bisweilen gezwungen, strenge Maßnahmen gegen sie zu ergreifen. Dadurch entbrannte in ihnen ein Feuer der Vergeltung gegen die muslimischen Herrscher und die muslimische Herrschaft selbst. Sie planten, die muslimische Herrschaft in diesem Land zu beenden und das Zepter der Macht an sich zu reißen. Die hinduistische Mittelschicht Bengalens lieferte diesem Plan den nötigen Brennstoff.
Es ist eine Ironie des Schicksals, dass eben jene englischen Kaufleute, als sie sich der Throne Bengalens und Delhis bemächtigt hatten, die früheren Herren Indiens, durch deren Gunst sie in diesem Land ihr Handelsnetz hatten ausbreiten können, mit Verachtung und Misstrauen zu betrachten begannen. Da sie die Muslime als Hindernis für ihre territoriale Expansion ansahen, wandten sie ihnen gegenüber eine Politik äußerster Unterdrückung an. Dagegen ergossen sich ihr Wohlwollen und ihr Segen in hundert Strömen über die hinduistische Gemeinschaft.
Die englischen Herrscher verfolgten eine Politik, die gesamte muslimische Gesellschaft wirtschaftlich zu unterdrücken und auszurotten. Unter der muslimischen Herrschaft hatte die Mehrheit aller Arten staatlicher Stellen den Muslimen gehört. Nachdem die Engländer zu den Herren dieses Landes geworden waren, wurden die Muslime allmählich aus den Diensten sämtlicher Ressorts verdrängt. Schließlich wurde die offiziell verkündete Politik dahin gehend festgelegt, dass in jeder Stellenausschreibung ausdrücklich vermerkt wurde, sobald in einem Ressort eine Stelle frei war, dass außer Muslimen jeder andere Bewerber zugelassen werden könne. Zweitens erließ die englische Regierung ein Enteignungsgesetz und nahm den Muslimen sämtliche von den muslimischen Herrschern verliehenen Landgüter – Jagir, Aima, Lakhraj, Altemgha, Madad-i-Maʿash und andere – weg und machte sie zu Bettlern am Wegesrand. Allein in Bengalen wurden mindestens fünfzigtausend Lakhraj-Grundstücke und durch die Inam-Kommission zwanzigtausend Lakhraj-Grundstücke im Dekkan enteignet. Die Regierung behielt die von Haji Muhammad Muhsin gestifteten Waqf-Ländereien mit einem Einkommen von vielen Lakhs Rupien zu Unrecht unter ihrer eigenen Verwaltung und entzog sie den eigentlichen Berechtigten. Infolge dieser repressiven Maßnahmen der Regierung gingen zahlreiche alte muslimische Familien zugrunde, und viele Khanqahs, Madrasas, Moscheen sowie andere muslimische Bildungs- und Wohlfahrtseinrichtungen verschwanden.
Drittens wurden den Muslimen durch die Dauerhafte Siedlung und das Sonnenuntergangsgesetz sämtliche Zamindari-, Talukdari- und Ijara-Rechte und dergleichen entrissen und unter den Hindus verteilt. Dadurch wurden angesehene muslimische Familien aus ihrer Heimat vertrieben. Unter den Bauern Bengalens waren fünfundsiebzig Prozent Muslime. Infolge der Dauerhaften Siedlung wurde die Zamindar-Klasse hinduistisch und zum alleinigen Eigentümer des Bodens. Die Bauernschaft wurde völlig von deren Gunst und Willkür abhängig. Ihr blieb nur die Erlaubnis, das Land zu bebauen; irgendwelche Rechte oder Eigentumsansprüche am Boden besaß sie nicht. Die hinduistischen Zamindars begannen, die Untertanen auf vielerlei Weise auszusaugen. Durch die fortgesetzte Erhöhung der Grundabgaben, Abwāb, Salami, Nazrana und verschiedenartige Steuern drohte das Rückgrat der Bauern zu brechen. Die hinduistischen Zamindars begannen, von den Muslimen zwangsweise eine Bartsteuer, eine Moscheesteuer, eine Steuer für das Führen muslimischer Namen, eine Steuer auf religiöse Feste und dergleichen einzutreiben. Gegen diese Praktiken kämpften die bedeutenden Gelehrten und Führer Haji Shariatullah, Titumir und andere. Diese Dinge wurden an der dafür vorgesehenen Stelle erörtert.
Viertens waren die Muslime auch aus den Bereichen Handel und Bildung weitgehend verdrängt worden. Handel und Gewerbe verschwanden.
Abdul Maudud sagt: „Indem man die einheimische Handwerkerklasse grausam zermalmte, wurde auch die Herstellung einheimischer Industriewaren eingestellt. Dadurch blieb den arbeitenden Menschen außer der Bodenbearbeitung kein einziger anderer Weg zum Lebensunterhalt offen. Im Handel entstand unter dem Schutz der Faktoreien der Kaufmannsherrscher außerdem eine neue Klasse von Maklern und Händlern, die die Titel Bania, Mutsaddi, Munshi und Diwan trugen. Diese Maklerklasse, die sowohl den Außen- als auch den Binnenhandel vollständig an sich gebracht hatte, entwickelte aus Gier nach dem Genuss ihrer eigenen Vorteile ebenfalls eine Abneigung gegen die einheimische Industrie und das einheimische Handwerk. Infolge dieser neuen wirtschaftlichen Ordnung entstand eine neue Gemeinschaft von Grundbesitzern und Maklern; kein einziger ihrer Angehörigen war Muslim – den Muslimen war der Zugang zu dieser Gesellschaft ebenfalls verwehrt, und eben diese Gemeinschaft war der größte Feind einer umfassenden Volkserhebung oder eines nationalen Erwachens. Auch Lord Bentinck hat dies eingeräumt –“
„Es trifft zu, dass die Dauerhafte Siedlung viele wichtige Mängel hat; doch durch sie entstand eine große Gruppe wohlhabender Grundbesitzer, die uneingeschränkte Macht über die Bevölkerung ausübten. Ein großer Vorteil davon ist, dass diese Gemeinschaft, falls eine weitreichende Volkserhebung oder Revolution die ungestörte Ausübung der Regierungsgeschäfte beeinträchtigen sollte, stets bereit sein wird, im eigenen Interesse die britische Herrschaft aufrechtzuerhalten.“
–[Der Hintergrund der Sepoy-Rebellion, Abdul Mawdud (Shatabdi Parikrama), S. 62].
Abdul Mawdud sagt hierzu:
„Auch unter den Einheimischen gibt es nicht wenige Anhänger dieser Auffassung. Erst kürzlich sagte Herr Qazi Abdul Odud bei einem Vortrag über die Bevölkerung Bengalens an der Visva-Bharati-Universität: Damals war in Bangladesch, zumindest in Kalkutta, dem Lebenszentrum Bengalens, keinerlei Wirkung der Sepoy-Rebellion zu spüren. Harish Mukherjee, der Herausgeber des Hindu Patriot, bemerkte zu dieser Rebellion, die Sepoy-Rebellion sei lediglich das Werk abergläubischer Sepoys gewesen und habe keinerlei Verbindung zur Bevölkerung des Landes gehabt. Das Volk sei der englischen Regierung ergeben und dankbar, und seine Loyalität gegenüber der Herrschaft sei unerschütterlich geblieben.“
Herr Qazi sagte ferner, ein guter Beweis dafür, dass die allgemeine Auffassung Bengalens damals der Meinung des Herausgebers des Hindu Patriot entsprach, sei, dass selbst freiheitsliebende Bengalen wie Vidyasagar und Debendranath damals keinerlei Interesse an der Sepoy-Rebellion gezeigt hätten. …Die Sepoy-Rebellion fand damals bei den gebildeten Bengalen keinen Widerhall und bewegte auch die ungebildeten hinduistischen Bengalen nicht.“ (Der Hintergrund der Sepoy-Rebellion, Abdul Mawdud, S. 58).
Die Bemerkung von Herrn Qazi ist ebenso richtig wie die des Herausgebers des Hindu Patriot. Mit „Bengalen“ bei Herrn Qazi und mit „Volk“ bei Harish Mukherjee ist die hinduistische Gemeinschaft gemeint. Es trifft allerdings zu, dass die gesamte hinduistische Gemeinschaft Bengalens und Indiens, von einigen Ausnahmen abgesehen, weder an der Sepoy-Rebellion noch an der indischen Freiheitsbewegung teilnahm. Die Hindus außerhalb Bengalens, die an diesem Kampf teilnahmen, waren von der englischen Regierung in ihren Interessen schwer getroffen worden. Warum aber sollte insbesondere die hinduistische Gemeinschaft Bengalens gegen die Briten rebellieren? Die britische Regierung hatte sie in der Gesellschaft fest etabliert und ihr alle Arten von Möglichkeiten und Vergünstigungen im Land eröffnet. In allen Lebensbereichen war sie an die Stelle der Muslime gesetzt und fest etabliert worden. Sie allein waren die einzigen treuen Freunde und Wohlgesinnten der englischen Herren. Die Muslime hingegen galten als verdächtig und feindselig. Daher war es völlig natürlich, dass Vidyasagar, Debendranath und überhaupt das hinduistische Volk der englischen Regierung ergeben und dankbar blieben und ihre Loyalität gegenüber der Herrschaft unerschütterlich war. Deshalb wurden nach der Niederlage in diesem Kampf allein die Muslime Indiens dem Feuer des britischen Zorns ausgesetzt: Sie wurden in großer Zahl getötet, aus sämtlichem unbeweglichem und beweglichem Besitz vertrieben und mussten Gefängnis, Hinrichtung und lebenslange Haft erdulden.
Sir Sayyid Ahmad Khan hat in seiner unter dem Titel „Risala Asbab-e-Baghawat-e-Hind“ veröffentlichten Broschüre einige Ursachen der „Sepoy-Rebellion“ dargelegt. Herr Sayyid war ein der britischen Regierung loyal ergebener Beamter. Als er in Bijnor Dienst tat, begann die Rebellion. Die Rebellen brachen die Gefängnistore auf und plünderten Lebensmittel. Zu dieser Zeit rettete Sir Sayyid das Leben vieler in Bedrängnis geratener Engländer.
Bevor Sir Sayyid Ahmad in seiner Broschüre die Ursachen der Rebellion darlegt, sagt er, die Rebellen hätten sich nicht mit dem Ziel des Dschihad dem Kampf angeschlossen; seiner Ansicht nach seien diejenigen, die den Ruf zum Dschihad erhoben, weder fromme Menschen noch Gelehrte der religiösen Schriften gewesen. Sie seien verderbte und trunksüchtige Angehörige der niedrigsten Schichten gewesen (Depraved and filthy bacchanals). Kein Muslim der Vergangenheit oder Gegenwart stimmte und stimmt Sayyid Ahmad hierin zu. Allerdings wird er angesichts der Plünderungen und Morde, die sich vor seinen Augen ereigneten, wohl zu einer solchen Bemerkung gelangt sein. Doch die revolutionären Aktivitäten des Jahres 1857 lagen außerhalb der Kontrolle jener Männer, die den Muslimen bereits seit mehreren Jahrzehnten den Impuls zum Dschihad vermittelt hatten. Diese Rebellion wurde nicht unter einer zentralen Führung durchgeführt. Die breite Bevölkerung brach in wilder Wut gegen die Briten aus; ohne jede Zurückhaltung verübten gerade sie Plünderungen und grausame Morde. Vonseiten jener jedoch, die seit Jahrzehnten mit wahrhaftiger dschihadischer Gesinnung und aus wahrhaftigem Antrieb gekämpft hatten, findet sich kein einziges Beispiel für ein solches Verhalten.
Wie dem auch sei, kehren wir zur eigentlichen Sache zurück. Die von Sayyid Ahmad angeführten Ursachen der Sepoy-Rebellion sind folgende:
1. Der Grund für den heftigen Volksprotest gegen die Herrschaft der Kompanie war die Tätigkeit der christlichen Missionare zur Bekehrung. Allgemein war man überzeugt, dass die englische Regierung die Bewohner dieses Landes allmählich und unweigerlich zum Christentum bekehren würde. Ihr Plan wurde heimlich und im Verborgenen vorangetrieben, und aufgrund der Armut und Unwissenheit der Bevölkerung würde diese eines Tages zum Christentum bekehrt werden. Dieser Vorwurf gegen sie wurde lautstark verbreitet, als während der Hungersnot von 1837 eine große Zahl verwaister Kinder den Missionaren zur christlichen Erziehung übergeben wurde. Im Jahr 1856 sandte ein Beamter namens Edmund aus dem Gebäude des Generalgouverneurs in Kalkutta ein Schreiben an die Bediensteten aller Ebenen der Kompanie und setzte sie darin unter Druck, über die Wahrheit des Christentums nachzudenken. Darüber hinaus wurden sie unter Druck gesetzt, mithilfe moderner Verkehrsmittel die indische Einheit auf der Grundlage der geistlichen Bande des Christentums zu ihrer endgültigen Gestalt zu bringen. Dies wurde als allgemeiner Aufruf an die Abtrünnigen erklärt, und dieser Verdacht schien sich zu bestätigen, als man sah, dass die Missionare von der Regierung berufen und aus staatlichen Mitteln bezahlt wurden. Hochrangige Beamte unterstützten den Missionsfonds großzügig; zugleich wurden ihre Gehälter aus dem Missionsfonds gezahlt. Hochrangige Beamte unterstützten den Missionsfonds großzügig und führten religiöse Debatten mit den untergeordneten indischen Beamten. Sie zwangen die gering entlohnten Bediensteten, zu ihnen nach Hause zu kommen und sich die christliche Propaganda und Verkündigung anzuhören. Die Missionare begannen, Flugschriften mit unanständigen Äußerungen gegen andere Religionen offen unter der Bevölkerung zu verbreiten. Aufgrund der Regierungspolitik von 1854 schossen überall Missionsschulen wie Pilze aus dem Boden, da alle Missionsschulen staatliche Unterstützung erhalten sollten. Regierungsbeamte besuchten diese Schulen häufig und ermunterten die Schüler, die Bibel zu lesen, indem sie ihnen sagten, sie würden belohnt, wenn sie Fragen dem christlichen Glauben gemäß beantworten könnten. In den Dorfschulen wurde nur Urdu unterrichtet, während Arabisch und Persisch aus dem Lehrplan gestrichen worden waren.
2. Die Gefangenen aller Gemeinschaften wurden in derselben Küche mit Essen versorgt. Dies widersprach ihrer seit jeher geltenden Kastentradition. Im Jahr 1950 wurde durch ein Gesetz verkündet, dass der Entzug des Erbrechts für einen Religionsabtrünnigen gesetzlich strafbar sei. Damit blieb niemandem verborgen, dass dieses Gesetz zur Annahme des Christentums ermutigte. Durch ein Gesetz von 1856 wurde die Witwenheirat gefördert. Dadurch wurde der Hinduismus verletzt.
3. Die unbezähmbare Gier der wuchernden Geldverleiherklasse nach finanzieller Ausbeutung sowie die übermäßige Belastung der Untertanen trieben viele angesehene Familien in den Ruin, und sie entwickelten eine ablehnende Haltung gegenüber der britischen Herrschaft. Die Einführung von Stempelgebühren für die Suche nach Recht wurde als Verkauf der Gerechtigkeit oder als Verweigerung der Gerechtigkeit betrachtet. In einigen Provinzen wurden den Richtern willkürliche Befugnisse verliehen.
4. Unter der Herrschaft der Kompanie wurden durch die Beschlagnahmung steuerfreier Lakhraj-Ländereien unzählige Familien zugrunde gerichtet. Die einheimische Industrie und der Handel wurden zerstört und die Wirtschaft des Landes in den Bankrott getrieben.
5. Als letzten Grund nennt Sir Sayyid, dass die Muslime aus höheren Regierungsämtern entfernt worden waren. Der eigentliche Zweck bestand darin, durch Wettbewerbsprüfungen geeignete Personen in die Regierungsstellen zu berufen. Doch wichtige Ämter wurden mit Menschen besetzt, die von „niederer Herkunft“ (Low form), gewöhnlich und ungebildet (Vulgar) sowie unhöflich (ill-bed) waren. Sie konnten sich nicht den Respekt der Bevölkerung erwerben.
– (Muslimischer Separatismus in Indien, Abdul Hamid, S. 2–4 und 6).
Sayyid Ahmad legt in seiner Broschüre abschließend eine Lösung für diesen Revoltenaufstand vor. Er sagt:
„Die Lösung dieser Schwierigkeiten lag darin, Herrscher und Beherrschte einander näherzubringen, indem indische Mitglieder in die Legislative aufgenommen würden, um sicherzustellen, dass die von diesem Gremium verabschiedeten Gesetze den Bedürfnissen des Landes entsprächen und nicht lediglich akademischer Natur wären. Ich möchte nicht auf die Frage eingehen, wie den unwissenden und ungebildeten Menschen Hindustans gestattet werden könnte, an den Beratungen des Legislativrats teilzunehmen, oder wie sie ausgewählt werden sollten, um eine Versammlung nach dem Vorbild des britischen Parlaments zu bilden. Dies sind schwierige Fragen.“ Ebenda, S. 4).
– „Diese Auseinandersetzungen können nur beigelegt werden, wenn indische Mitglieder in den Gesetzgebenden Rat aufgenommen und dadurch die Beziehungen zwischen Regierenden und Regierten enger gestaltet werden. Damit die Gesetze nicht wirklichkeitsfremd und unwirksam sind, muss gewährleistet werden, dass die im Gesetzgebenden Rat verabschiedeten Gesetze den Bedürfnissen des Landes entsprechen können. Ich möchte mich allerdings nicht auf die Frage einlassen, wie den ungebildeten und unerfahrenen Menschen Indiens Gelegenheit gegeben werden soll, im Gesetzgebenden Rat zu beraten, und wie sie in einem Gesetzgebenden Rat nach dem Vorbild des britischen Parlaments ausgewählt werden sollen.“
Ein Beispiel dafür, dass die Beziehungen zwischen Regierenden und Regierten keineswegs gut waren, sondern dass die herrschende Klasse die Einwohner Indiens mit Verachtung behandelte, führt Altaf Husain Hali in seinem Werk „Hayat-e-Javid“ an. Im Jahr 1867 fand in Agra eine Ausstellung statt, woraufhin die „Durbar“-Zeremonie des Gouverneurs abgehalten wurde. Der Bezirksmagistrat von Agra ordnete an, dass Europäer und Inder beim Durbar getrennt voneinander Platz nehmen sollten. Ein vornehmer indischer Gast sah einen freien Platz und setzte sich auf den für einen britischen Beamten bestimmten Sitz. Sofort wurde ihm befohlen, diesen Platz zu verlassen und unter seinen Landsleuten Platz zu nehmen. Sir Sayyid fühlte sich dadurch zutiefst gedemütigt und geriet über diesen schamlosen Ausdruck rassistischer Diskriminierung außerordentlich in Zorn. Darüber kam es auch zu einem heftigen Wortwechsel mit einem britischen Beamten. Ein gewisser Thornhill geriet darüber völlig außer sich und sagte knurrend vor Zorn: „Ihr habt euch bei der Zusammenkunft auf das Schlimmste benommen. Wie könnt ihr danach erwarten, gleichberechtigt mit uns und unseren Frauen zusammenzusitzen?“ Sir Sayyid Ahmad verließ aus Zorn und Scham den Versammlungsort. Seine vorgesetzte Behörde äußerte darüber großen Unmut, und er musste sich dafür verantworten.
– (Muslim Separatism in India, A. Hamid, S. 6).
Aus diesen Darstellungen geht hervor, dass der furchtbare Zorn, in dem ganz Indien im Jahre 1857 gegen die Briten ausbrach, zahlreiche und unterschiedliche Ursachen hatte. Im Jahre 1857 explodierte der über Jahrhunderte angesammelte Groll wie ein Vulkan. Die dschihadische Begeisterung, die Schah Waliullah und die Schah-Mudschahedin geweckt hatten, wirkte gleichsam wie ein Streichholz an einem Pulverfass. Überall loderte das Feuer der Revolution auf. Freiwillig schloss sich jeder, der dazu in der Lage war, dem Kampf an. Obwohl die meisten Sepoys keinen wahrhaft islamischen Charakter besaßen, schlossen sich ihnen einfache Menschen an – Bauern, Arbeiter sowie zahlreiche staatliche und private Angestellte. Dieser Kampf wurde nicht unter der Führung einer idealgeleiteten zentralen Führung geführt. Außerdem drängten sich viele Opportunisten in diese Bewegung. Deshalb wurden mancherorts islamische Grundsätze verletzt, Plünderungen begangen und unnötige Tötungen verübt. Zu Lebzeiten des Propheten Mustafa (Allahs Segen und Friede seien auf ihm) fanden zahlreiche Kriege statt; im goldenen Zeitalter der rechtgeleiteten Kalifen wurde Land um Land erobert, und Salahuddin Ayyubi sowie Nuruddin Zangi führten Krieg um Krieg. Doch nirgends wurden dabei islamische Grundsätze verletzt, in die Menschenrechte eingegriffen oder ungerechtes und unerwünschtes Blut vergossen. Auch bei den von seinen ausgebildeten Anhängern begangenen Handlungen des Märtyrers Sayyid Ahmad wurde kein Verstoß gegen Grundsätze festgestellt.
Bestimmte repressive Maßnahmen der britischen Regierung beschleunigten die Revolution. Im Jahre 1843 nahm die britische Regierung Sind den Amiren weg. Im Jahre 1849 verleibte Lord Dalhousie die gesamte Provinz Punjab dem Britischen Reich ein. Zuvor hatte die Kompanie-Regierung ein Gesetz erlassen, durch das das Erbrecht eines von einem kinderlosen König adoptierten Sohnes aufgehoben wurde. Nach dieser Politik des Erlöschens der Hoheitsrechte (Doctrine of Lapse) brachte Lord Dalhousie unter anderem die Staaten Satara, Jhansi, Nagpur und Sambalpur in seinen Besitz. Außerdem strich er den Adoptivsöhnen der Herrscher von Anjor, Karnataka und anderer Staaten ihre Pensionen. Nach dem Krieg von 1818 lebte der seiner Herrschaft beraubte Peshwa Baji Rao II. mit einer jährlichen Pension von acht Lakh Rupien in Bithur bei Kanpur. Nach seinem Tod wurde die Pension seines Adoptivsohnes eingestellt. Als Dalhousie 1850 ein Gesetz erließ, das neu zum Christentum Bekehrten das Erbrecht an Vermögen gewährte, blieb eine dagegen gerichtete, von sechzigtausend Bürgern allein der Stadt Kalkutta unterzeichnete Eingabe an den Generalgouverneur ohne Wirkung. Dadurch entstand im Volk die feste Überzeugung, dass die britische Regierung die Einwohner dieses Landes zum Christentum bekehren wolle. Im Jahre 1856 verleibte Dalhousie Awadh, den letzten unabhängigen Staat der Muslime, auf ungerechte Weise dem Britischen Reich ein. Der gesamte bewegliche und unbewegliche Besitz des unglücklichen Nawab von Awadh, Wajid Ali Shah, ja sogar die handschriftlichen Bücher seiner persönlichen Bibliothek im Wert von zweihunderttausend Rupien, wurden öffentlich versteigert, um die Kassen der Kompanie zu füllen. Mit den im inneren Palast lebenden Begums wurde noch teuflischer und barbarischer verfahren. Man zwang sie, den inneren Palast zu verlassen, worauf ihre wertvollen Besitztümer zerstört und geplündert wurden. Für eine jährliche Pension von zwölf Lakh Rupien wurde der unschuldige Nawab nach Kalkutta gebracht und dort festgesetzt. Sir Charles Outram begab sich selbst nach Awadh, um diese teuflische Tat auszuführen. Er hat eingeräumt, dass der Anblick dieses grausamen und barbarischen Vorgehens unter den Sepoys seiner eigenen Leibwache tiefen Unmut und tiefe Trauer hervorgerufen habe. Diese Grausamkeiten, menschenfeindlichen Handlungen und die unstillbare Gier nach imperialer Expansion verdichteten sich zu Unterdrückung, Zermürbung, herzzerreißendem Wehklagen und Hilferufen, die Luft und Boden Indiens erschütterten und im Jahre 1857 in Gestalt einer gewaltigen Revolution zum Ausdruck kamen.
In den von Sir J. W. Kaey verfassten Annals of the Indian Rebellion und History of the Sepoy War sowie in der von Col. J. B. Malleson verfassten History of the Indian Mutiny findet sich eine ausführliche Darstellung der Sepoy-Revolution. Ein deutlicher Vorbote der Revolution zeigte sich im Januar 1857 im damaligen Bengalen, in Barrackpore. Am 22. Januar meldete Captain Wright von der Musketenschule in Dum Dum, dass unter den Sepoys heftiger Unmut und große Aufregung über die Stoffe entstanden seien, die zum Einfetten der Patronen für das neue Enfield-Gewehr verwendet wurden. Am 28. Januar teilte Generalmajor Hearsey aus dem Truppenlager von Barrackpore dem Generaladjutanten der britischen Armee mit, dass durch die Propaganda der Gegner der Witwenheirat in Kalkutta der Eindruck entstanden sei, die Sepoys würden zur Annahme des Christentums gezwungen; zu diesem Zweck habe man die Ausgabe neuer Patronen für das Enfield-Gewehr veranlasst. Diese Patronen enthielten Rinder- und Schweinefett und mussten durch Abbeißen geöffnet und verwendet werden. Dadurch würden Hindus und Muslime aus ihrer Religion herausfallen. Hearsey teilte ferner mit, dass drei Bungalows, darunter der eines Chirurgen in Raniganj und der eines Telegrafenbeamten in Barrackpore, durch Feuer zerstört worden seien.
Am 11. Februar meldete Hearsey dem Sekretär der indischen Regierung erneut:
Wir leben in Barrackpore auf einer explosionsbereiten Mine.
Am 26. Februar verweigerte das 18. Regiment von Baharampur während der Parade die Verwendung der Patronen. Oberstleutnant Mitchell sagte daraufhin in scharfem Ton zu den Sepoys, dass man sie nach China und Rangun schicken werde, wenn sie die Patronen nicht verwendeten. Die Sepoys wurden dadurch noch erregter und hielten es für besser, in der Heimat zu sterben, als im Ausland den Tod zu finden. Wegen dieses Ungehorsams wurden sie von Baharampur nach Barrackpur gebracht und das Regiment wurde aufgelöst. Unter den eintausend Sepoys dieses 19. Regiments befanden sich 409 Brahmanen, 250 Rajputen, 150 Muslime; die übrigen waren Hindus aus niedrigen Kasten.
Man stellte sie vor den aufgestellten Kanonen auf, entwaffnete sie und führte sie unter der Bewachung des 85. europäischen Regiments über den Faltaghat. Diese Entwaffnung wurde am 31. März durchgeführt.
Daraus wird ersichtlich, dass der wichtigste und unmittelbare Grund für den Aufstand der Sepoys in Bengalen darin lag, dass man sie zwang, mit Fett beschmierte Patronen zu verwenden. Die meisten dieser Sepoys waren Farb-Hindus und Brahmanen.
Gegen Ende März verbreitete sich inzwischen die Nachricht, dass mit Schiffen transportierte europäische Truppen nach Barrackpur kämen, um die Aufständischen zu bestrafen. Als Mangal Pandey, ein Sepoy der 5. Kompanie des 34. Regiments, dies hörte, dachte er, dass ihre Untergangsstunde nahe sei. Daraufhin trat er, beinahe wahnsinnig, mit einer Waffe in der Hand nach draußen und schoss auf Sergeant-General Hewson und Hearsey. Er verfehlte jedoch sein Ziel. Pandey wurde nach dem Urteil gehängt. Am 6. Mai wurde das 34. Regiment vollständig entlassen.
Die Nachricht aus Baharampur erreichte Ambala mit großer Geschwindigkeit. Die dortigen Kasernen wurden durch Brandstiftung zerstört. Unter der Führung des Nawab Ahmadullah Khan von Nagina begann am 1. Mai in Bijnor der Aufstand. Am 30. Mai setzten die Sepoys des 48. Regiments im Militärlager die Bungalows der Europäer in Brand. Im offenen Gefecht erlitten die Truppen Sir Henry Lawrences eine schwere Niederlage. Die englischen Soldaten mussten schließlich in der Residenz Zuflucht suchen und dort drei Monate lang unter Belagerung ausharren.
Es gibt hinreichenden Grund zu der Annahme, dass viele Schauplätze des Freiheitskampfes von 1857 hinter dem Vorhang verborgen liegen. Sikandar Dara Shikoh sagt:
In einer entscheidenden Phase des Aufstands wurde Birjis Qadr durch die Bemühungen von Dilawar Jang und Maulvi Ahmadullah auf den Thron von Audh gesetzt, und Begum Hazrat Mahal übernahm als Regentin die Aufsicht über die Verwaltung des Landes.
Ahmadullah Shah und Hazrat kämpften mit äußerster Entschlossenheit gegen die britischen Truppen. …Shah Sahib errichtete in Muhammadipur eine „islamische Herrschaft“. Prinz Firoz Shah und Rana Rao wurden zu Wesiren dieser Herrschaft ernannt. Zum Befehlshaber wurde General Bakht Khan ernannt.
…doch Firuz Shah selbst träumte davon, Badshah zu werden. Daher konnte Ahmadullah auch hier nicht lange bleiben. Auf Einladung Raja Baldev Singhs brach er in Richtung Goddi auf. Eines Tages bestieg er auf Anstiften von Verrätern einen Elefanten und erlitt in dieser Lage durch die Kugeln des Feindes den Märtyrertod. Sein Kopf wurde abgetrennt und an der Kotwali aufgehängt, während sein zerstückelter Körper verbrannt wurde. Einige Tage später wurde sein heiliger Kopf im Viertel Ahmadpur beigesetzt. Der Raja (Baldev Singh) setzte dem Mörder von Ahmadullah Shah ein Kopfgeld von fünfzigtausend Rupien aus. – (Shatabdi Parikrama, S. 147–148)
Ein Grund dafür, dass Indiens Kampf im Jahre 1857, nachdem er die Schwelle zur Unabhängigkeit erreicht hatte, mit einer Niederlage endete, war der äußerste Verrat einiger Eigennütziger.
Die wichtigste Fabrik zur Herstellung der Patronen für die Enfield-Gewehre befand sich in Meerut. Als dort 85 Sepoys der dritten Kavallerie sich weigerten, die neuen Patronen auch nur anzurühren, wurden sie nach einem Militärgerichtsverfahren am 9. Mai in gefesseltem Zustand ins Gefängnis gebracht. Am folgenden Abend wurde die ganze Umgebung vom Knattern der Schüsse der Sepoys erfüllt. Sie befreiten die 85 gefesselten Sepoys aus dem Gefängnis und brannten die Bungalows der Europäer nieder. Dabei zeigten die Bewohner der Stadt und des Hauptbasars noch größere Tatkraft als die Sepoys. Sayyid Hasan Ali Bareilvi war der Anführer der Aufständischen. Die aufständische Menge und die Sepoys begingen hier einen folgenschweren Fehler. Ohne die beiden europäischen Regimenter, das Kantonnement und das Arsenal zu beachten, brachen sie nachts nach Delhi auf.
Jedenfalls gelang es ihnen, die vierzig Meilen zu überwinden und irgendwie in die Stadt Delhi einzudringen. Damals befanden sich in Delhi insgesamt 35.000 einheimische Soldaten der drei Infanterieregimenter Nr. 38, 54 und 74 sowie zweier Kompanien und 50 englische Offiziere. Um sieben Uhr morgens bat eine Gruppe aufständischer Reiter um eine Audienz bei Bahadur Shah. Hauptmann Douglas, Resident Fraser und Magistrat Habinson kamen bei dem Versuch ums Leben, sie aufzuhalten. Als die Aufständischen um drei Uhr nachmittags an zwei Stellen in das Arsenal eindrangen, ließ Scully auf Befehl des Leiters des Pulvermagazins, Leutnant Willoughby, angesichts der aussichtslosen Lage die Pulvervorräte in Brand setzen. Daraufhin begann in Delhi der Jüngste Tag. Unter gewaltigem Lärm flog das Pulvermagazin in die Luft. Etwa fünfhundert Menschen in der Umgebung kamen ums Leben. Viele erlitten Verbrennungen. Die Aufständischen begannen daraufhin, außer sich vor Wut, Feuer zu legen und zu plündern. Sie plünderten die Schatzkammer, erbeuteten 2.184.000 Rupien und übergaben sie der Obhut des Badshah. In der Nacht donnerten einundzwanzig Kanonen nacheinander und erwiesen so Kaiser Bahadur Shah Zafar den königlichen Salut.
Am 12. Mai bestieg der Badshah selbst einen Elefanten, besichtigte die Stadt und ließ dafür sorgen, dass die Geschäfte auf dem Markt geöffnet wurden. Die Prinzen wurden zu verschiedenen Toren der Stadt entsandt, um den Frieden zu wahren.
Am 16. Mai teilten einige aufständische Sepoys dem Badshah in einem versiegelten Geheimschreiben mit, dass der Arzt des Badshah, Hakim Ahsanullah, und der Berater Nawab Mahbub Ali Khan in eine Verschwörung mit den Briten verwickelt seien. Die Beschuldigten wiesen die Anschuldigung zurück und erklärten, das Schreiben sei gefälscht. Dadurch wurde der Badshah getäuscht. Die Prinzen wurden zu Befehlshabern der Infanterie und sein Enkel Mirza Abu Bakr zum Befehlshaber der Kavallerie ernannt. Prinz Mirza Jawan Bakht wurde zum obersten Wesir ernannt. Hakim Ahsanullah veranlasste aus dem Vorhaben heraus, Mirza Abu Bakr aus Delhi zu entfernen, dessen Ernennung zum Befehlshaber von Meerut. Am 31. Mai wurden seine Truppen wegen Mangels an ausreichender Munition am Ufer des Hindan von den Engländern geschlagen.
Das Feuer des Aufstands loderte überall. In Firozpur, Bareilly, Kanpur, Jaunpur, Sitapur und anderen Orten hatten die einheimischen Sepoys revoltiert. Alle europäischen Soldaten von Kanpur hatten in zwei Militärkrankenhäusern Zuflucht gesucht. Befehlshaber Sir Hugh Wheeler erfuhr am 6. Juni, dass die Aufständischen den Zufluchtsort angreifen würden. Nana Sahibs „Safeda Kuthi“ war zum Ministerium der Aufständischen geworden. Als Berater wirkten Azimullah Khan sowie die Befehlshaber Tika Singh, Tatya Tope, Jwala Prasad und Balrao. Baba Bhatt und Minabai übernahmen die Führung der Nationalarmee. Die europäischen Frauen und Kinder wurden von der „Safeda Kuthi“ in das „Bibighar“ gebracht; Colonel Havelock brach mit dem 64. europäischen Regiment in Richtung Kanpur auf. Bei Fatehpur kam es zu einem Zusammenstoß mit Jwala Prasad. In der Schlacht fiel Befehlshaber Renaud im Kampf gegen Balraos Truppen. Von Siegesfreude berauscht, ermordeten die einheimischen Soldaten die im Bibighar festgehaltenen Frauen und Kinder auf grausame Weise. Über dieses grausame und prinzipienwidrige Massaker tief erschüttert, verließ Azimullah Khan Kanpur, ging nach Lucknow und schloss sich der Mudschaheddin-Truppe von Maulvi Ahmadullah an. Er starb in Nepal.
Daraus wird deutlich, dass diejenigen, die sich zur Befreiung des Landes von fremder Herrschaft dem Dschihad auf dem Weg Allahs verschrieben hatten, sich von ungerechten Morden und Handlungen gegen die Moral fernhielten. Unter ihnen herrschten Toleranz und Gottesfurcht, und ihr einziges Ziel war es, Allahs Wohlgefallen zu erlangen. „Kämpft auf Allahs Weg gegen diejenigen, die gegen euch kämpfen. Doch begeht keine Übertretung. Denn Allah liebt die Übertreter nicht.“
Sie haben versucht, ihr Leben zu führen und dabei die Würde dieses Wortes Gottes zu wahren.
Jedenfalls saßen die Engländer dort keineswegs untätig herum. Sie begannen, aus verschiedenen Gegenden Truppen zu rekrutieren. Europäer wurden aus China, Ceylon und anderen Ländern herbeigebracht, Gurkhas aus den Bergregionen. Aus Persien wurden drei Armeen nach Bengalen gebracht. In der Nähe von Delhi versammelten sich die englischen Truppen auf einem Hügel und errichteten dort ihren Stützpunkt. Beide Seiten begannen, sich auf die entscheidende Schlacht vorzubereiten. Am 29. Mai schlossen sich einige Sikh-Soldaten des englischen Verbündeten Raja Narendra Singh den Revolutionären an. Daraufhin begannen die Engländer, im Schmutz der vergangenen Geschichte zu wühlen und eine niederträchtige Propaganda zu verbreiten, um die Sikhs zurückzugewinnen. Dabei wurde der verräterische Rajab Ali zu einem Helfer der Engländer. Er versorgte sie aus dem Hof des Kaisers mit geheimen Informationen über die kaiserliche Seite und knüpfte auch ein Einvernehmen mit Hakim Ahsanullah an.
Unglücklicherweise setzte in Delhi heftiger Regen ein. In der Stadt entstand ein Mangel an lebensnotwendigen Gütern. Die Waren wurden teuer. Währenddessen errichteten die Engländer rund um Delhi eine Belagerung und unterbrachen die Versorgung mit Lebensmitteln und anderen notwendigen Gütern. Am 23. Juni nahmen die Engländer Sabzi Mandi ein. In der ersten Juliwoche traf General Muhammad Bakht Khan, der Befehlshaber der Truppen von Bareilly, mit vier Infanterieeinheiten, 700 Kavalleristen, 14 Elefanten sowie reichlich Geld und Waffen in Delhi ein. Damit belief sich die Gesamtzahl der Truppen in Delhi auf 90.000. Doch nachdem das Arsenal von Wazirabad von den Banditen geplündert worden war, entstand in der Festung ein Mangel an Munition. Im August flog die Pulverfabrik durch eine plötzliche Explosion in die Luft. Alle verdächtigten Hakim Ahsanullah, diesen Anschlag eingefädelt zu haben. Da er jedoch bereits geflohen war, konnte man ihn nicht finden. Immerhin wurde das Haus des Hakim geplündert. Am 7. September wurden auf Befehl des englischen Befehlshabers Wilson an allen Toren Delhis Kanonen aufgestellt. Am 11. September begann von diesen Kanonen ein heftiger Beschuss. Unter den wiederholten Einschlägen stürzte schließlich das Kaschmir-Tor ein. Am 18. September wurde das Tor des Diwan-i-Khas geschlossen. General Bakht Khan bekämpfte den Feind mit grenzenlosem Heldenmut. Doch überall dort, wo Mirza Mughal die Truppen führte, kam es zu einem Desaster. Durch den Beschuss der Engländer wurde die Stadtmauer an zwei Stellen durchbrochen. In der nationalen Armee herrschte äußerste Unordnung. Am 20. September sagte General Bakht Khan zum Kaiser: „Überall gibt es die Verschwörungen von Verrätern. All unsere Pläne werden dem Feind bekannt. Tausende Rohillas sind noch immer bereit, ihr Leben zu opfern. Kommen Sie nach draußen; wir werden uns erneut sammeln und den Krieg gewinnen.“
Doch da Mirza Ilahi Baksh und Begum Zinat Mahal nicht zustimmten, wies der Kaiser General Bakht Khans Bitte zurück. Da ihm nichts anderes übrig blieb, ging Bakht Khan nach Ayodhya, schloss sich Ahmadullahs Armee an und nahm an den Schlachten von Lucknow und Shahjahanpur teil. Als jedoch der schwarze Schatten des Unheils von allen Seiten herabsank, begab er sich gebrochenen Herzens in das Tal von Nepal und hauchte dort seinen letzten Atemzug aus.
Gerade aufgrund der Spionage der Verräter Hakim Ahsanullah Khan, Sheikh Rajab Ali und Mirza Ilahi Baksh gerieten Kaiser Bahadur Shah, Begum Zinat Mahal und Prinz Jawan Bakht in die Hände von Hauptmann Hodson. Drei Prinzen suchten im Grabmal Humayuns Zuflucht. Als man sie von dort gefangen fortführte, erschoss der menschenfressende Dämon Hodson sie unterwegs eigenhändig. Um Schrecken zu verbreiten, wurden ihre Leichen öffentlich vor dem Kotwali aufgehängt. Danach verwandelten die Engländer die Stadt Delhi in einen furchtbaren Leichenacker. Die Hauptstraßen der Stadt waren mit den Leichen unschuldiger Bürger bedeckt.
Um den Aufstand überall niederzuschlagen, begannen sie allenthalben ein teuflisches Menschenmassaker. In den Zentren des Aufstands – unter anderem Aligarh, Allahabad, Lucknow, Bareilly, Kanpur, Fatehpur, Jhansi, Gwalior, Danapur und Chota Nagpur – begannen sie mit unmenschlicher Unterdrückung und einem Vernichtungsfeldzug.
Sobald die Sepoys von Chittagong den Aufstand begannen, flohen die Engländer durch den Dschungel und retteten ihr Leben. Die Sepoys plünderten ungehindert die Schatzkammer, befreiten die Gefangenen, brannten das Militärlager nieder, sprengten das Pulvermagazin in die Luft und zogen auf dem Wasserweg in Richtung Sylhet und der Berge davon.
Am Morgen des 22. November ereignete sich in Dhaka ein grausames Blutbad: Die Engländer griffen überraschend das Rote Fort an. Dort kam es zu einem heftigen Zusammenstoß mit den Revolutionären. Schließlich flohen die Revolutionäre schwimmend über den Fluss; diejenigen, die gefangen genommen wurden, brachte man zum Andaghar-Feld (dem heutigen Bahadur-Shah-Park), nach Sadarghat, Lalbagh und Chawk Bazar und hängte sie dort.
Eine auf Anweisung von Sir John Lawrence gebildete Militärkommission richtete über Kaiser Bahadur Shah. Die gegen ihn erhobene Anklage lautete, dass er sich selbst zum Kaiser von Indien erklärt und gegen die britische Regierung Krieg geführt habe. Es ist eine grausame Ironie der Geschichte, dass der Hausherr zum Räuber und der Räuber zum Hausherrn wurde. Historisch steht fest, dass die East India Company den Kaiser von Indien durch einen im Jahre 1765 unterzeichneten Vertrag als Träger der höchsten Gewalt anerkannt hatte. Danach wurde zwischen der Company und dem Kaiser kein weiterer Vertrag geschlossen. Tatsächlich war daher Kaiser Bahadur Shah der rechtmäßige Herrscher Indiens jener Zeit, während die East India Company gegenüber der königlichen Herrschaft Verrat und Rebellion begangen hatte. Was also ein Kampf zur Verteidigung von Freiheit und Souveränität gewesen war, bezeichnete die Partei der Besitzstandswahrer als Rebellion. Mit dem Urteil der Militärkommission erlosch für immer auch das letzte Zeichen der mehrere Jahrhunderte währenden muslimischen Herrschaft in Indien.
Die indische Freiheitsbewegung war hauptsächlich aus den folgenden Gründen gescheitert:
Erstens – Gegenüber den modernen und fortschrittlichen Waffen der Engländer waren die Waffen der Revolutionäre veraltet und ungeeignet.
Zweitens – Unter den einheimischen Soldaten herrschte ein Mangel an Einheit und Disziplin.
Drittens – Obwohl die Revolution überall in dem weiten Gebiet von Chittagong, Dhaka, Barrackpore und Baharampur bis Delhi spontan ausbrach, verfügten die Revolutionäre über keine zentrale Führung. Zwischen ihnen bestand auch keinerlei gegenseitige Verbindung.
Viertens – Das Vorgehen einiger Verräter führte zur Katastrophe für die Revolutionäre. Alle Arten geheimer Informationen der Revolutionäre wurden dem Feind übermittelt, und als die Munitionslager im entscheidenden Augenblick zweimal durch Verräter gesprengt wurden, sahen sich die einheimischen Soldaten einem Mangel an Munition gegenüber.
Fünftens – Vielen der einheimischen Soldaten fehlte ein vorbildlicher Charakter. Zahlreiche unerwünschte Personen schlossen sich den Revolutionären an, um zu plündern und ungerechte Tötungen zu verüben. Hinzu kam das gegenseitige Misstrauen zwischen Hindus und Muslimen.
Sechstens – Die Mächte von Hyderabad, Gwalior, Nepal und die Sikh-Kräfte waren, kurz gesagt, entweder untätig oder standen auf der Seite der Engländer.
Sieben – Die einheimischen Soldaten hatten außer der Vertreibung der Engländer kein anderes erhabenes Ideal. Noch bevor diejenigen, die seit der Zeit von Sayyid Ahmad Shahid unter den Muslimen dieses Landes den Geist des Dschihad wachgehalten hatten, eine wohlüberlegte Entscheidung treffen konnten, brach die Revolution aus, und dieser revolutionäre Kampf lag außerhalb ihrer Kontrolle.
Obwohl diese Freiheitsbewegung vorübergehend scheiterte, waren ihre Folgen äußerst weitreichend. Zwar wurden während des Krieges an verschiedenen Orten von aufgebrachten einheimischen Soldaten einige teuflische Taten verübt. Doch die Grausamkeit, mit der die Engländer dafür Vergeltung übten, fügte der Geschichte der menschlichen Zivilisation ein gewaltiges Schandkapitel hinzu. Die muslimischen Mudschaheddin setzten ihren Kampf gegen die Engländer dennoch ein weiteres Jahrzehnt lang fort.
Die stille und friedliche Lage, die nach dem sechsten Jahrzehnt des neunzehnten Jahrhunderts in Indien herrschte, kann als die Stille eines Friedhofs bezeichnet werden. Die damaligen Muslime Indiens wurden allein für die Freiheitsbewegung verantwortlich gemacht. Infolgedessen wurde die muslimische Gesellschaft durch den zornigen Angriff und die unterdrückende Tyrannei der Briten schwer zermürbt. Von dem fernen Bengalen bis zur Grenze senkte sich durch massenhafte Verhaftungen von Muslimen, Gefängnis, Hinrichtungen, Verbannung und die Beschlagnahmung ihres unbeweglichen und beweglichen Eigentums sowie durch weitere Maßnahmen der unbewegte schwarze Schatten der Friedhofsstille über die muslimische Gesellschaft. Dennoch war diese Stille nur vorübergehend. Das leuchtende Ideal der Freiheitsliebe, das die Muslime in ihrem langjährigen Kampf aufgerichtet hatten, blieb als unauslöschliche Schrift in den Seiten der Geschichte erhalten. Dieses große Ideal sollte später die Bevölkerung Indiens beseelen. Infolgedessen gelang es den Bewohnern Indiens neunzig Jahre nach dem Jahr 1857, die Ketten der englischen Knechtschaft für immer zu sprengen.
Dennoch ist die Tatsache unbestreitbar, dass die muslimische Nation Indiens nach dem Scheitern des Kampfes von Sayyid Ahmad Shahid, der Faraizi-Bewegung und des Kampfes von Titumir, des Freiheitskampfes von 1857 sowie des späteren ant britischen Kampfes an der Grenze einer äußersten Not und schweren Zeit entgegenging. In dieser schweren Zeit leistete Sir Sayyid Ahmad Khan einen besonderen Beitrag zur Beseitigung des Elends der Muslime.
Dreizehntes Kapitel
Sir Sayyid Ahmad Khan
Wie bereits erwähnt, war Sir Sayyid Ahmad Khan in einem hohen Amt unter der britischen Regierung tätig. Er war zu der Überzeugung gelangt, dass sich in Indien auf den Trümmern des Mogulreiches eine wohlgeordnete britische Herrschaft fest etabliert hatte. Auch in den modernen Wissenschaften und in der modernen Kriegskunst waren die Briten uns Muslimen vielfach überlegen. Es war keine leichte Sache, sie aus diesem Land zu vertreiben. Unter diesen Umständen mit ihnen in einen Konflikt einzutreten, wäre für die Muslime einem Selbstmord gleichgekommen. Im Freiheitskrieg unterstützte er die Briten. Doch die unmenschliche Unterdrückung, die dadurch ausgeübt wurde, dass man den Muslimen allein die gesamte Schuld am Freiheitskampf – in ihrer Sprache am Aufstand – aufbürdete, erschütterte ihn zutiefst. Durch seine berühmten Schriften „Asbab-i-Baghawat-i-Hind“ und „Die indischen Muslime“ versuchte er, den wilden Zorn der Briten gegen die Muslime zu besänftigen. Die Rückständigkeit der Muslime in den westlichen Wissenschaften bezeichnete er als die Ursache ihres Niedergangs. Seine Worte lauteten: „Heile zuerst die Wurzel von ihrer Krankheit. Dann wird der Baum gedeihen.“ Im Jahr 1865 gründete er in Ghazipur eine Übersetzungsgesellschaft. Durch diese Gesellschaft wurden zahlreiche ausländische Werke übersetzt und veröffentlicht.
Sein größter Beitrag zur Hebung der muslimischen Gesellschaft bestand darin, dass er 1875 nach dem Vorbild der Universitäten Cambridge und Oxford das Aligarh Mohammedan Oriental College gründete. An diesem College wurde neben den westlichen Wissenschaften auch religiöse Bildung angeboten. Da es an den staatlichen englischen Schulen jener Zeit keine religiöse Unterweisung gab, zögerten die Muslime, ihre Kinder dorthin zu schicken. Durch das Aligarh College wurde dieses Hindernis auf dem Weg zu einer modernen Bildung beseitigt.
Durch die Gründung dieses Colleges erlangte die von Sir Sayyid Ahmad ins Leben gerufene Bewegung zur Reform der muslimischen Gesellschaft und zur Verbreitung der Bildung unter dem Namen „Aligarh-Bewegung“ Bekanntheit. An dieser muslimischen Renaissancebewegung beteiligten sich Geistesgrößen wie der Dichter Hali, Muhsinul Mulk, Nazir Ahmad und Chiragh Ali und trugen zu ihrem Fortschritt bei.
Als Schutz der muslimischen Interessen forderte Sir Sayyid Ahmad in den Selbstverwaltungseinrichtungen ein gesondertes staatliches Nominierungsverfahren für die Muslime. Er erklärte, dass bei der Einführung eines allgemeinen gemeinsamen Wahlverfahrens in diesen Einrichtungen die Interessen der Muslime mit Füßen getreten würden. Am 12. Januar 1883 sagte er vor dem Rat des Generalgouverneurs zur Unterstützung eines gesonderten Nominierungsverfahrens für die Muslime: „Durch das allgemeine gemeinsame Wahlverfahren werden lediglich die Ansichten und Interessen der Mehrheit vertreten. In einem Land, in dem nur Angehörige einer Nation und einer Religion leben, ist dieses Verfahren annehmbar. In Indien jedoch leben verschiedene Völker; einige bilden die Mehrheit, andere die Minderheit, und zwischen ihnen bestehen Unterschiede der Volkszugehörigkeit und der Religion. Unter diesen Umständen muss die Einführung gemeinsamer Wahlen nachteilige Folgen haben. Wird dieses Verfahren eingeführt, werden die Interessen der Minderheiten durch die Mehrheitsgemeinschaften mit Füßen getreten. Dadurch werden Volks- und Religionsfeindseligkeit eine heftige Ausprägung annehmen. Dafür muss die Regierung selbst verantwortlich gemacht werden.“
Sein vernünftiger Vorschlag eröffnete der muslimischen Gesellschaft ein neues Feld des Nachdenkens, und sein Vorschlag wurde – sechsundzwanzig Jahre später – verwirklicht. Am 1. Oktober 1906 überreichte eine Delegation von 36 angesehenen Muslimen Indiens unter der Führung des Aga Khan dem Generalgouverneur von Indien, Lord Minto, eine Denkschrift, in der sie ein gesondertes Wahlverfahren forderte. In der Morley-Minto-Reform von 1909 wurde diese Forderung anerkannt. Dadurch geriet die hinduistische Mehrheitsgesellschaft Indiens in Wut. Denn die verkündete Politik des Indischen Nationalkongresses war der Einheitsnationalismus. Darüber kam es zwischen Hindus und Muslimen viele Jahre lang zu Wortgefechten und Verbitterung. Schließlich fanden 1916 in der Stadt Lucknow die Jahrestagungen des Kongresses und der Muslimliga statt. Nach den Beratungen unterzeichneten die ordnungsgemäß bevollmächtigten Vertreter beider Organisationen auf der Grundlage ihrer Beschlüsse ein Vertragsdokument. Dieses wurde als der historische Lucknow-Pakt bezeichnet. Der Pakt wurde vom Kongress und von der Muslimliga offiziell gebilligt. Im Lucknow-Pakt wurde den Muslimen bei der Wahl der Mitglieder der Gesetzgebenden Versammlungen ein eigenständiges Wahlrecht zuerkannt. Auf diese Weise erkannte der hinduistische Kongress in Indien anstelle des Einheitsnationalismus die Zwei-Nationen-Theorie an, die 1947 die wesentliche Grundlage für die Gründung Pakistans bildete.
Man mag nicht mit jeder Politik und jedem Wort von Sir Sayyid Ahmad übereinstimmen; doch hatte er die indischen Muslime aufgrund seiner scharfen politischen Weitsicht davor gewarnt, dem Kongress beizutreten, und erklärt, der Kongress werde ausschließlich die hinduistischen Interessen Indiens vertreten, während die Interessen der Muslime unbeachtet bleiben würden. Auch wenn muslimische Geistesgrößen wie Maulana Muhammad Ali und Mr. Muhammad Ali Jinnah diese Wahrheit zunächst nicht erkannten, wurde ihnen die Richtigkeit der Warnung Sir Sayyids später so klar wie das Tageslicht. Infolgedessen erwachte unter den Muslimen der Antrieb zu einer eigenständigen Nationalität, und das muslimische Denken schritt auf diesem Weg voran. Daher muss man sagen, dass Sir Sayyid Ahmad den Keimgedanken für das Fortbestehen der indischen Muslime als eigenständige Nation schon lange zuvor gesät hatte.
Die Teilung Bengalens
Bevor wir die Teilung Bengalens und ihre Reaktionen erörtern, müssen wir wissen, welche Stellung Hindus und Muslime im letzten Viertel des zwanzigsten Jahrhunderts auf der politischen Bühne Bengalens und ganz Indiens innehatten. Die Wunden, die dem gesamten Körper der muslimischen Gesellschaft nach 1857 zugefügt worden waren, waren noch nicht verheilt; noch immer floss Blut aus ihnen. Die hinduistische Gesellschaft Indiens hatte die westliche Bildung und Denkweise vollständig übernommen und schöpfte von der britischen Regierung sämtliche Vorteile aus. Nachdem sie sich Kenntnisse der englischen Sprache angeeignet hatte, setzte sie sich durch den Staatsdienst in Büros und Gerichten fest. Seit der Zeit der Kompanieherrschaft bestand eine enge Freundschaft zwischen ihr und der britischen Regierung. Beide Seiten hatten ein Interesse daran, diese Freundschaft zu vertiefen, um die revolutionäre muslimische Nation gründlich zu bestrafen. Die Briten machten die Muslime für die Faraizi- und Titumir-Bewegung in Bengalen, die Bewegung von Sayyid Ahmad Shahid sowie für die erste Freiheitsbewegung Indiens durch den Sepoy-Aufstand von 1857 und Ähnliches verantwortlich. Danach begannen sie, die Muslime zu verfolgen, indem sie planten, sie entweder vollständig auszurotten oder sie für immer zu lähmen. Der als antibritisch bezeichnete zweite Patna-Prozess endete Ende 1871 oder im Jahr 1872.
Allein aufgrund eines widersprüchlichen Berichts des Leiters der Geheimdienstabteilung, Mr. J. H. Ralli, verhaftete und beschuldigte die Regierung sieben Personen. …Fünf Angeklagte wurden zu lebenslanger Verbannung auf eine Insel verurteilt, und ihr gesamtes Hab und Gut wurde beschlagnahmt.
– (Mohammad Waliullah: Unser Freiheitskampf, S. 153)
In einem solchen kritischen Wendepunkt für die Muslime Indiens trat Sayyid Ahmad Khan hervor. Er erkannte, dass ein Konflikt mit den Briten den Muslimen keinen Nutzen, sondern Schaden bringen würde. Die Hindus waren in Bildung, im Staatsdienst, in Handel und Gewerbe sowie in anderen Bereichen weit vorangeschritten. Die Muslime mussten sich durch Bildung, insbesondere durch das Erlernen der englischen Sprache sowie moderner Wissenschaft und Kenntnisse, dem Lebenskampf stellen. Seiner Ansicht nach bestand die unmittelbare Pflicht der muslimischen Nation darin, durch Loyalität gegenüber der Regierung gesellschaftliche Anerkennung zu erlangen. Daher legte Sayyid Ahmad besonderen Nachdruck auf die Vermittlung moderner Wissenschaft und Kenntnisse an die Muslime durch die englische Sprache, und dank seiner unermüdlichen Bemühungen wurde 1877 die English Public School, das Mohammedan Anglo-Oriental College (M.A.O. College), gegründet. Sayyid Ahmad gründete 1886 die Mohammedan Educational Conference und eröffnete damit den Muslimen des Subkontinents erstmals die Möglichkeit, ihre Vorstellungen zum Ausdruck zu bringen.
Arya Samaj
Andererseits gründete Dayanand 1857 in der Stadt Bombay den Arya Samaj. Später wurde dessen Hauptsitz nach Lahore verlegt. Dayanand begann in Indien eine Kampagne zum Schutz der Kühe und gründete zu diesem Zweck eine Vereinigung.
Im Namen des Arya Samaj wurde bei der Regierung eine umfangreiche Petition zur Beendigung der Rinderschlachtung im Lande eingereicht. Er rief die hinduistische Gesellschaft dazu auf, sich dem alten vedischen Glauben zuzuwenden, und führte eine intensive Kampagne zur Ausrottung ausländischer Religionen wie des Islam und des Christentums. Sein Aufruf zum Kampf – „Indien den Indern“ – hatte weitreichende politische Folgen.
– (A. Hamid, Muslim Separatism in India, S. 27; Farquhar, Modern Religious Movement in India, S. 205)
Was die Muslime betraf, so bedarf es keiner weiteren Erwähnung: Obwohl aus politischen Gründen eine enge Freundschaft zwischen den Hindus und der britischen Regierung bestand, war die Haltung von Herrschern und Beherrschten völlig gegensätzlich. Sir Bampfyde Fuller schreibt in seinem Buch über seine persönlichen Erfahrungen: „Einige Engländer, die nach Indien kamen, hatten sogar die grundlegenden Regeln höflichen Benehmens vergessen. In den Kreisen, Restaurants und Klubs der Engländer war Indern der Zutritt verboten. In Kanpur war zum Gedenken an die im Sepoy-Aufstand getöteten Engländer ein Garten angelegt worden, den kein Inder betreten durfte. An den Orten, an denen Engländer sich aufhielten, war es für Inder gefährlich, sich dort zu bewegen. Ihr Hass und ihre Feindseligkeit gegenüber den Indern hatten einen solchen Höhepunkt erreicht, dass sie diese häufig barbarisch behandelten und sogar töteten. Der Täter wurde überhaupt nicht bestraft; oder wenn doch, beschränkte sich die Strafe auf eine äußerst geringe Geldbuße. Für sie hatte das Leben eines Inders keinerlei Wert. Es gibt sogar Beispiele dafür, dass Angeklagte ohne Gerichtsverfahren erschossen oder zum Tode verurteilt wurden. Auch die Übergriffe der Offiziere wurden in dieser Hinsicht übergangen. Sir Bampfyde hielt in seinem Tagebuch auch folgenden Vorfall fest: Als er durch die Straßen von Kanpur ging, ließ der Bezirksbeamte Passanten auspeitschen, damit sie die Straße freimachten.“
– (Sir Fuller Bampfylde: Some Personal Experiences, S. 56, Muorag, London 1930; A. Hamid: Muslim Separatism in India, S. 28)
Indischer Nationalkongress
Viele kleinere und größere vereinzelte Ereignisse dieser Art ereigneten sich, wodurch sich eine unterschwellige Unzufriedenheit gegenüber den Briten bemerkbar machte. In dieser Zeit wurde 1885 der Indische Nationalkongress gegründet. Bemerkenswert ist, dass sein Gründer ein pensionierter englischer Zivilbeamter namens „Allan Hume“ war. Er besaß nicht nur entsprechende Fähigkeiten, sondern auch beträchtliche finanzielle Mittel. Ebenso wie er sich mit großem Eifer für die Gründung des Kongresses einsetzte, genoss diese auch den Segen des damaligen Vizekönigs von Indien, Dufferin. Nach seinem Eintritt in den Ruhestand aus dem Bengal Civil Service blieb Mr. Hume in Indien und erkannte die Notwendigkeit einer gesamtindischen Organisation, um durch gesellschaftliche Reformen in Indien politischen Fortschritt zu erzielen. Zu diesem Zweck richtete er in einem offenen Brief einen Appell an die Absolventen der Universität von Kalkutta, sich für Einheit und Organisation einzusetzen. Er betonte nachdrücklich, dass die Regierung vom Volk fernstehe und deshalb bei der Lösung der wirtschaftlichen Probleme dieses Landes gescheitert sei. Die Aufgabe des Wiederaufbaus müsse von den Bewohnern dieses Landes selbst übernommen werden; durch Ausländer sei dies nicht möglich. Auf der zweiten Jahrestagung des Kongresses bewirtete der Gouverneur von Madras die Delegierten bei einer nachmittäglichen Teegesellschaft. In der Anfangsphase bestanden daher enge Beziehungen zwischen dem Kongress und der Regierung. Die grundlegenden Ziele des Kongresses lassen sich aus der Politik und den Idealen seiner beiden unbestrittenen Führer, Bal Gangadhar Tilak und Surendranath Banerjee, erkennen.
Bal Gangadhar Tilak
Nach seinem Hochschulstudium an der Universität von Bombay trat Bal Gangadhar Tilak in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts in den Journalismus und die Politik ein. Während der Bewegung gegen die Teilung Bengalens war er an der Spitze der Politik zu sehen. Er war ein äußerst fähiger Politiker. Statt an der parlamentarischen Methode des Widerstands festzuhalten, glaubte er an das Prinzip des direkten Kampfes (Direct Action). Er belebte die religiösen und politischen Traditionen des kriegerischen Volkes der Marathen neu und führte sie in den Kongress ein.
– (C. Y. Chintamoni, India Politics Since the Mutiny, S. 81, Andhra University, Waltair, 1937; A. Hamid, Muslim Separatism in India, S. 29)
In den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts trat Surendranath Banerjee in den Civil Service ein. Einige Jahre später wurde er aus dem Dienst entlassen und wandte sich dem Journalismus zu. Schon lange zuvor hatte er erkannt, dass der Hindu-Nationalismus keine Stärke erlangen könne, solange er seine säkulare Form nicht aufgebe. Daher weitete er bereits einige Jahre zuvor die Aktivitäten der Gesellschaft zur Verhinderung der Kuhschlachtung (Ati-cow-killing society) aus und veranlasste die Komposition, Veröffentlichung und Verteilung besonderer Lieder zur Feier des Ganapati-Festes. Diese Lieder waren mit Themen wie dem historischen „blutigen Krieg zwischen Hindus und Muslimen“ und der „Ankündigung des herannahenden Tages der Abrechnung“ angefüllt. Er erweckte ein fanatisches hinduistisches Klassenbewusstsein. Obwohl Tilaks Gesellschaft zur Verhinderung der Kuhschlachtung ursprünglich im Dekkan gegründet worden war, breiteten sich ihre Aktivitäten im ganzen Land aus. Werbergruppen verteilten in den Städten und Dörfern des Landes Flugblätter mit dem Titel „Der Schrei der Kuh“ (The cry of the cow). Auf öffentlichen Versammlungen verabschiedeten Hindus Resolutionen gegen die Kuhschlachtung, und über die Zeitungen schürten sie dadurch die Erregung unter der Bevölkerung. Infolgedessen kam es natürlich an verschiedenen Orten auch zu Zusammenstößen zwischen Hindus und Muslimen.
– (A. Hamid, Muslim Separatism in India, S. 45, 48)
Während im ganzen Land eine derartige aufgeheizte Situation herrschte, übernahm Lord Curzon im Jahr 1899 das Amt des Vizekönigs von Indien. Es sei darauf hingewiesen, dass die Hauptstadt Britisch-Indiens zu jener Zeit Kalkutta war. In den ersten Jahren war Curzon bei den bengalischen Hindus beliebt. Als er jedoch übermäßigen Wert auf die Leistungsfähigkeit in der Verwaltung legte und sich auf die Verbesserung des Verwaltungsstandards konzentrierte, indem er Unfähigkeit, Korruption und Pflichtvernachlässigung beseitigte, begann die interessengeleitete Gruppe statt seines Lobes, seiner Verherrlichung und seiner Lobhudelei mit Verurteilungen und Kritik. Curzon nahm im Verwaltungsbereich zahlreiche Veränderungen und Erweiterungen vor. Obwohl nicht alle davon ihren Vorstellungen entsprachen, wurden sie widerspruchslos hingenommen. Doch seine Teilung Bengalens brachte die Reaktionäre in äußerste Wut.
Die Teilung Bengalens war die erfolgreichste Maßnahme der Verwaltung Curzons. Dennoch führte sie zu einem verhängnisvollen Ergebnis, veränderte den künftigen Verlauf der indischen Politik und schuf Hass, Feindschaft und Misstrauen zwischen Hindus und Muslimen. Unter den Muslimen, die sich einige Zeit vom politischen Schauplatz ferngehalten hatten, erwachte erneut das politische Bewusstsein. Zweifellos nimmt die Teilung Bengalens daher in der indischen Politik einen äußerst wichtigen Platz ein.
Nun müssen wir mit unvoreingenommener Sicht erörtern, was der eigentliche Grund für die Teilung Bengalens war und warum sie bereits ein halbes Jahrzehnt später wieder aufgehoben wurde.
Die Teilung Bengalens wurde aus Gründen einer ordnungsgemäßen und nutzbringenden Verwaltung vorgenommen. Bengalen war damals die bedeutendste Provinz Britisch-Indiens. Bihar und Orissa gehörten zu dieser Provinz. Sie umfasste eine Fläche von 179.000 Quadratmeilen und hatte 79.000.000 Einwohner. Eine derart große Provinz stand unter der Herrschaft eines einzigen Vizegouverneurs oder Gouverneurs. Eine ordnungsgemäße Verwaltung einer so großen Provinz, die Aufrechterhaltung von Recht und Ordnung sowie die Sorge für die Entwicklung aller Regionen waren völlig unmöglich. Da der Osten Bengalens von zahlreichen Flüssen durchzogen war und es an Verkehrsverbindungen mangelte, konnte der Vizegouverneur diese Region nicht angemessen betreuen. Da er während seiner fünfjährigen Amtszeit nicht ein einziges Mal Gelegenheit hatte, diese Region zu besuchen, war sie äußerst vernachlässigt und unterentwickelt. (A.R. Mallick, Parition of Bengal, S. 2; M. A. Rahim: Die Geschichte der Muslime Bengalens, S. 201).
Als das eingesetzte Untersuchungskomitee in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts die Ursachen der Hungersnot in Orissa darlegte, stellte es fest, dass die administrative Misswirtschaft in der riesigen Provinz Bengalen die Ursache dieser Hungersnot gewesen sei. Der Gouverneur Bengalens, William Grey, beklagte sich 1867 und Sir John Campbell 1872 darüber, dass es für einen Einzelnen äußerst schwierig sei, die Verwaltung einer derart großen Provinz zu führen. Infolgedessen wurden Sylhet, Cachar und Goalpara der Verwaltung eines Chief Commissioner unterstellt. Dennoch blieb die Fläche der Provinz Bengalen gewaltig, und die Verwaltung wurde dadurch erschwert. Erneut wurde 1892 und 1896 von Regierungsseite vorgeschlagen, aus Assam, der Chittagong-Division Ostbengalens sowie den beiden Distrikten Dhaka und Mymensingh eine neue Provinz zu bilden. Als Lord Curzon gegen Ende dieses Jahrhunderts das Amt des Vizekönigs übernahm, wurde ihm dieser Vorschlag unterbreitet.
Noch bevor Lord Curzon über diesen Vorschlag nachdachte, lenkte eine weitere wichtige Angelegenheit seine Aufmerksamkeit auf sich. Sir Andrew Fraser, Chief Commissioner der Zentralprovinzen, schlug vor, da an den Gerichten von Sambalpur, das den Zentralprovinzen unterstand, die Oriya-Sprache verwendet werde, diese Sprache jedoch in der gesamten Provinz nicht verbreitet sei, anstelle von Oriya Hindi zu verwenden oder Sambalpur Orissa anzuschließen. Es sei daran erinnert, dass Orissa mit Bengalen verbunden war. Ferner wurde vorgeschlagen, andernfalls ganz Orissa von Bengalen zu trennen und den Vereinigten Provinzen anzuschließen.
Einerseits der Vorschlag der Gouverneure Bengalens, die Fläche Bengalens zu verkleinern, und andererseits der Vorschlag Sir Andrew Frasers brachten Lord Curzon in Verlegenheit. Er selbst war damit beschäftigt, Berar an Britisch-Indien anzuschließen. Im Mai 1902 ließ er in einer Sekretariatsakte folgende Bemerkung festhalten: Das Problem Bengalens könne im Zusammenhang mit der Angelegenheit Berars geprüft werden.
Nach den Beratungen wurde der Vorschlag vorgelegt, den Hafen von Chittagong mit Assam zu verbinden. Zur Begründung wurde angeführt, dass dadurch die administrative Last der Regierung Bengalens verringert, die bei der Verwaltung der Distrikte Ostbengalens festgestellten Mängel beseitigt und durch die Angliederung Chittagongs der für Assam unbedingt erforderliche Seeweg bereitgestellt werde. Lord Curzon billigte diesen Vorschlag 1903 und informierte den Indienminister darüber. Danach beobachtete er die öffentliche Meinung und Reaktion in dieser Angelegenheit. Er erkannte deutlich, dass die Bevölkerung die Eingliederung Ostbengalens in Assam unter keinen Umständen akzeptieren würde.
Danach reiste Lord Curzon nach England und kehrte Anfang 1905 nach Bengalen zurück. Während seiner Abwesenheit wurde der Plan zur Bildung eines größeren Assam angenommen. Nach Curzons Rückkehr wurde der Plan dem Indienminister Brodrick vorgelegt. Brodrick gab der geplanten neuen Provinz den Namen East Bengal and Assam (Ostbengalen und Assam).
-(A. Hamid: Muslim Separatism in India, S. 51–52)
Obwohl die Teilung Bengalens für die durch vielfältige Schicksalsschläge zerrüttete und verwüstete muslimische Gesellschaft äußerst segensreich war, hatten die Muslime keinerlei Anteil daran. Der außerordentliche Nutzen, der ihnen nach der Teilung Bengalens zuteilwerden sollte, kam für sie völlig unerwartet. Die Teilung Bengalens war von den Herrschern geplant worden, um die Verwaltung einfacher, schneller, ordnungsgemäßer und besser zu gestalten und damit auch der vernachlässigte und unterentwickelte Osten Bengalens ihre Vorteile genießen konnte – nicht von den Muslimen. Ihre Gründe waren äußerst gerechtfertigt und lauteten wie folgt:
Erstens war diese Region in jeder Hinsicht unterentwickelt. Die hinduistischen Zamindare beuteten die bäuerlichen Pächter dieser Region aus und verschwendeten das auf diese Weise erlangte Geld in Kalkutta für ein luxuriöses Leben. Für die Bildung, das Wohlergehen, den Komfort und die wirtschaftlichen Möglichkeiten der Pächter zeigten sie äußerste Vernachlässigung und Gleichgültigkeit. Die Stadt Kalkutta und Westbengalen stiegen unaufhörlich zu immer größeren Höhen des Fortschritts empor. Auch das Verwaltungssystem war mangelhaft. Dadurch wurde die östliche Region dem Untergang entgegengedrängt. Da diese Region reich an Flüssen war, raubten Piraten den Reichtum der Bootsreisenden ungehindert, ohne dass irgendwelche Maßnahmen dagegen ergriffen werden konnten. Die Polizeikräfte waren unzureichend und schwach, weshalb in allen Schichten der Gesellschaft Anarchie und Unordnung herrschten. Die Herrscher der Provinz hatten sich ihrer Verantwortung für die Verwaltung dieser Region entzogen, und ihre gesamte Zeit und Mühe galt Kalkutta. Schon beim Namen der östlichen Region wurden sie ängstlich und betrachteten eine Versetzung dorthin als Verbannungsstrafe.
Um die oben beschriebenen Probleme zu lösen, wurde die Teilung Bengalens vorgenommen. Die neue Provinz wurde aus Assam, Nord- und Ostbengalen gebildet und umfasste 106.500 Quadratmeilen; zwei Drittel ihrer Bevölkerung waren Muslime. Damit wurde die Provinz zu einer muslimischen Mehrheitsprovinz. Am 20. Juli 1905 wurde die Bildung der neuen Provinz verkündet, und am 16. Oktober nahm sie ihre Arbeit auf. Der erste Gouverneur der neuen Provinz, Sir Bampfylde Fuller, traf am ersten Tag in Dhaka ein und geriet in Verlegenheit. Die Muslime begrüßten den neuen Gouverneur herzlich, während die Hindus heftige Proteste zeigten. Sie verweigerten dem neuen Gouverneur den traditionellen Glückwunsch. Eine aufgebrachte Menge griff drei englische Frauen an, als diese unterwegs waren.
(Fuller Some Personal Experiences – S. 126; A Hamid Muslim Separatism in India, S. 53)
Das hinduistische Bengalen nahm infolge der Teilung Bengalens eine radikale Haltung an. Die Hindus bezeichneten sie zunächst als einen Schlag gegen die „nationale Einheit“. Danach gaben sie ihr verschiedene Deutungen, nämlich als „Bestrafung für ihre Führung der politischen Bewegung“, als „Parteinahme der Regierung zugunsten der Muslime“ und schließlich als „Errichtung der Vorherrschaft der Muslime“. Über Nacht begannen die Hindus eine Bewegung gegen die Teilung Bengalens. Mit aufwieglerischen Äußerungen wie „Die Nation wurde entzweit“, „Das heilige Bengalen wurde geteilt“ und „eine unheilvolle Verschwörung zwischen der britischen Regierung und den verräterischen Muslimen“ begann die hinduistische Gesellschaft Bengalens, die Atmosphäre Bengalens zu vergiften.
Hinduistische Rechtsanwälte warfen die Frage ihrer rechtlichen Gültigkeit auf, während Literaten der bengalischen Sprache zu verbreiten begannen, der bengalischen Sprache und Literatur sei ein schwerer Schlag versetzt worden. Ganz Bengalen unter hinduistischer Führung begann solche Wahnreden zu verbreiten.
Was war der Grund für eine derartige widersinnige und unrealistische Propaganda? Warum begannen plötzlich diese Angriffe und anstößigen Äußerungen gegen die Muslime? Die eigentliche Tatsache war, dass durch die Teilung Bengalens etablierte Interessen gefährdet und aus dem Gleichgewicht gebracht worden waren. Die zahlenmäßige Überlegenheit, aufgrund derer die bengalischen Hindus ein Monopol über die Arbeitsplätze und die Lebensgrundlagen in beiden Teilen Bengalens errichtet hatten, ging durch die Teilung Bengalens verloren. Im neuen Bengalen waren die Muslime in der Mehrheit. Die Muslime Ostbengalens wurden von der Unterwerfung und Niederlage unter der hinduistischen Mehrheit befreit, und in ihnen keimte die Hoffnung auf, dass sie nun das Recht haben würden, zu den örtlichen Problemen ihre Stimme zu erheben. Der zeitgenössische Schriftsteller Sardar Ali Khan sagt: „All der Lärm und die patriotische Bewegung, die plötzlich über Nacht begann, haben keinerlei Zusammenhang mit dem Wohlergehen des Mutterlandes oder Indiens. In einer Provinz, in der die Hindus eindeutig in der Minderheit sind, verfolgt diese Bewegung kein anderes großes Ziel, als ihre Klassenherrschaft unversehrt zu bewahren.“ (Sardar Ali Khan, India of Today, S. 62. Bombay, Times Press, 1908)
Einer der führenden Köpfe der Bewegung gegen die Teilung Bengalens, Surendranath Banerjee, sagt:
Die Verkündung der Teilung Bengalens kam einem plötzlichen Blitzschlag gleich. Am 16. Oktober, dem Tag, an dem das neue Bengalen (Ostbengalen und Assam) seinen Anfang nahm, begingen die Hindus in Kalkutta einen nationalen Trauertag. An diesem Tag trugen sie schwarze Abzeichen, beschmierten ihre Köpfe mit Asche, verzichteten auf Essen und Trinken, zogen unter verschiedenen Protestparolen in Prozessionen und nahmen ein Bad im Ganges. Am Nachmittag versammelten sie sich zu einer öffentlichen Kundgebung und schworen, die Teilung Bengalens rückgängig zu machen.
Mohammad Waliullah schreibt in seinem Werk „Unser Kampf um die Befreiung“: „Zu der Zeit, von der hier die Rede ist, standen Bengalen, Bihar und Orissa unter der Verwaltung desselben Vizegouverneurs. Um die Verwaltung zu erleichtern, erwog die britische Regierung bereits seit Langem, Ostbengalen mit Assam zu verbinden und eine neue Provinz zu bilden. Der Vizekönig Lord Curzon fasste schließlich nach Beratung mit dem Indienminister eine endgültige Entscheidung zugunsten der Teilung Bengalens. Sobald diese Entscheidung bekannt wurde, erhob sich die gebildete hinduistische Gesellschaft Bengalens lautstark zum Protest dagegen. Auch in den entlegenen Bezirken wurden in Versammlungen und Vereinen Resolutionen gegen die Teilung Bengalens verabschiedet.“ (Unser Kampf um die Befreiung, S. 177).
Über die Ausweitung und Stärkung der Bewegung gegen die Teilung Bengalens sagt Waliullah:
„Die Bewegung breitete sich von den Städten auf die Dörfer und von einem Dorf auf die umliegenden Dörfer aus. Die führenden Revolutionäre hielten sich etwas abseits, rekrutierten Mitglieder aus der emotional bewegten Studentenschaft und stärkten dadurch ihre Gruppe. Inzwischen war Shri Aurobindo Ghose aus seinem Dienst im Staat Baroda ausgeschieden und nach Bengalen zurückgekehrt. Die Revolutionäre erhielten von ihm neue Inspiration. Shri Bipin Chandra Pal begann, mit Hilfe von Reden in seiner charakteristisch kraftvollen Sprache überall im Land die Saat der Revolution auszustreuen.“ – (Unser Kampf um die Befreiung, S. 179).
Einige Muslime schlossen sich, durch die Propaganda der Hindus und die sogenannte patriotische Bewegung irregeführt, der Bewegung gegen die Teilung Bengalens an. Als sie jedoch sahen, dass hinduistische Führer wie Bal Gangadhar Tilak Shivaji zum Symbol der Bewegung machten und dadurch den schlummernden Hass und die Feindseligkeit der hinduistischen Nation gegenüber den Muslimen wachzurufen begannen, erkannten sie den weitreichenden Nutzen der Teilung Bengalens und das eigentliche Geheimnis hinter ihrer Bekämpfung und verließen die Bewegung. In diesem Zusammenhang schreibt Abdul Mawdud in seinem Werk „Die Entwicklung der Mittelklasse: Der Wandel der Kultur“: „Doch die heftige Bewegung, die die gebildete höhere Kaste der Hindus im Zusammenhang mit dieser Teilung Bengalens entfachte, ließ die Zeitungen Großbritanniens und die bezahlten Journalisten widerhallen. In den Briefen und Depeschen ihrer eigenen Korrespondenten wurden widersprüchliche Nachrichten verbreitet, sodass die britische öffentliche Meinung durch ‚The Times‘ und den ‚Manchester Guardian‘ in Verwirrung geriet und die tatsächliche Lage nicht zu erfassen vermochte. In der Times erschienen schöne Leitartikel zugunsten der Teilung Bengalens und mit voller Zustimmung zu Curzons Maßnahmen; im Manchester Guardian erschienen dagegen leidenschaftliche Artikel gegen die Teilung, dazu wurden haarsträubende Berichte seiner eigenen Korrespondenten über die Bewegung veröffentlicht und die Proteste unterstützt. Cotton, Nevinson und Hardy verbreiteten Erklärungen zur Unterstützung der Proteste. Nevinson war der in Kalkutta ansässige Reporter des Manchester Guardian und stand dem Kongress nahe. In Großbritannien verbreitete er folgende amüsante Nachricht: ‚Die jährliche Gedenkfeier an das nationale Unrecht ist in Indien zu einem Aschermittwoch geworden. An diesem Tag tragen Tausende und Abertausende von Indern ein Aschenzeichen auf der Stirn. Früh am Morgen nehmen sie als religiöse Zeremonie schweigend ein Bad im Ganges und fasten. Zu Hause, in den Städten und auf den Märkten schließen alle Geschäfte; die Frauen kochen nicht und verzichten auf Schmuck und Körperpflege. Die Männer binden einander gelbe Fäden um die Hand, um diesen Tag der Schande denkwürdig zu machen, und verbringen fast den ganzen Tag mit Sühne, Trauer und Fasten.‘ (The New Spirit of India, S. 167–170)
Ein gewisser Barrister, Abdul Rasul, und einige Muslime schlossen sich aus persönlichen Interessen dieser Bewegung an. Dies wurde groß herausgestellt und behauptet, sowohl Hindus als auch Muslime seien an der Bewegung gegen die Teilung Bengalens beteiligt gewesen. In diesem Zusammenhang sind die von Abdul Mawdud veröffentlichten Informationen besonders beachtenswert. Er sagt:
„Wie aus zeitgenössischen Polizeiberichten hervorgeht, waren Herr Rasul für 125 Taka, Liaqat Hossain aus Noakhali für 60 Taka und ein gewisser Dilwar Ahmad aus Madaripur für 40 Taka monatlich vom Kongress damit beauftragt worden, die Bewegung unter den Muslimen zu propagieren. Im Bericht hieß es ausdrücklich: M r. Rasul is a Muslim Leader of the Hindus (Herr Rasul ist der muslimische Führer der Hindus.)
– (Abdul Mawdud, Die Entwicklung der Mittelklasse: Der Wandel der Kultur, S. 282)
Das Bemerkenswerte ist, dass Mr. Hardy gegen Ende des Jahres 1907 in dieses Land kam, um die Bewegung zu beobachten. Als er in Bengalen eintraf, verbreitete die Zeitung „Amrita Bazar“: „Die Menschen sind beim Anblick seiner Person vor Freude außer sich geraten. Und Gott hat ihn gesandt, um eine gewaltige Verschwörung gegen die Hindus aufzudecken.“
Auf diese Weise kehrte Hardy, der für die Hindus ein „von Gott gesandter Gott“ war, nachdem er deren grenzenlose Verehrung und überschwängliche Ehrungen erhalten hatte, in seine Heimat zurück und erklärte, beide Gemeinschaften, Hindus und Muslime, seien entschieden gegen die Teilung Bengalens. In Sirajganj habe er aus dem Mund von Muslimen das Lied „Vande Mataram“ gehört, in Barisal hätten sowohl Hindus als auch Muslime ihm dieses Lied vorgesungen und so weiter. Als der Herausgeber der Zeitung Englishman ihn jedoch aufforderte, die Namen von ein oder zwei Muslimen zu nennen, erklärte er, dies sei äußerst vertraulich. Es muss wohl als sein Unglück bezeichnet werden, dass er möglicherweise nicht einmal den Namen Abdur Rasul kannte. Die Zeitung Times tadelte ihn scharf, und andere Zeitungen verliehen ihm die Beinamen „Dummkopf“, „Lachnummer“, „Possenreißer und Verrückter“.
– Abdul Mawdud: ebenda, S. 282–283
Ein leuchtender Beweis dafür, dass die Muslime die Bewegung gegen die Teilung nicht unterstützt hatten, sind die Reden und Erklärungen des Khwaja Salimullah aus Dhaka sowie des damaligen aufstrebenden Führers der muslimischen Bengalen und späteren Sher-e-Bangla A. K. Fazlul Huq. Nachdem Khwaja Salimullah trotz vieler Bemühungen, die Aufhebung der Teilung Bengalens zu verhindern, gescheitert war, war er zutiefst betrübt. In seiner Ansprache als Vorsitzender auf der im März 1912 in Kalkutta abgehaltenen Sitzung der Muslim League spiegelten seine Äußerungen die Unzufriedenheit und den Protest der bengalischen Muslime wider. Er erklärte, die Aufhebung der Teilung Bengalens habe Trauer hervorgerufen. Weiter sagte er, die Teilung habe die unterentwickelten Muslime Ostbengalens zutiefst getroffen und in jedem ihrer Häuser Trauer ausgelöst. Ferner erklärte er, die unterentwickelten Bewohner Ostbengalens und Assams hätten durch die Teilung Möglichkeiten erhalten, insbesondere Möglichkeiten zum Aufstieg der Muslime. Da die Gegner der Teilung dies nicht hätten ertragen können, hätten sie auf verräterische Verschwörungen zurückgegriffen, um die Teilung Bengalens zu vereiteln. Dadurch, so sagte er, habe die britische Regierung sich dieser Bewegung gebeugt und ihre eigene Würde geschmälert. Nawab Salimullah kritisierte die britische Regierung scharf und sagte: „Bislang galt im gesamten Osten als sicher, dass die britische Regierung, was auch immer geschehen möge, niemals ihre Versprechen bricht. Sollte dieses Vertrauen aus irgendeinem Grund erschüttert werden, so wird das Ansehen der Briten in Indien und im Osten Schaden nehmen.“
– Dr. M. A. Rahim: Geschichte der Muslime Bengalens, S. 209–210; A. Hamid, Muslim Separatism in India, S. 94–95
Nawab Salimullah sagte auf dieser Sitzung außerdem:
„Durch die Teilung Bengalens haben wir nicht besonders viel gewonnen. Doch weil unsere Landsleute der anderen Gemeinschaft dies nicht ertragen konnten, veranstalteten sie Himmel und Hölle, um es uns wieder wegzunehmen. Durch Mord, Gewalttaten und Raub begannen sie, Vergeltung zu üben. Sie boykottierten ausländische Waren. All dies war für die Regierung bedeutungslos. Die Muslime beteiligten sich nicht an diesen Verbrechen, sondern bekundeten ihre Loyalität gegenüber der Regierung. …Die muslimische Bauernschaft hatte durch diese Teilung Vorteile erlangt. Ihre hinduistischen Zamindare versuchten, sie in den Kampf gegen die Teilung hineinzuziehen. Darauf hörten sie nicht. …
Dies führte zu Zusammenstößen zwischen Hindus und Muslimen. …Die Regierung griff zu einer Politik der Unterdrückung. Auch das brachte keinen Erfolg. Auf der einen Seite stand eine wohlhabende, aufgebrachte Gemeinschaft. Auf der anderen Seite standen die armen Muslime – sie ergriffen Partei für die Regierung. So ging es Jahr um Jahr weiter. Plötzlich hob die Regierung die Teilung Bengalens aus administrativen Gründen auf. …Zuvor war auch keine Beratung mit uns erfolgt. Wir haben alles schweigend ertragen.“ Danach bedauerte er, dass die Regierung ihn beim Delhi Durbar mit dem Titel G.C.I.E. ausgezeichnet hatte, und betrachtete diesen Titel als Bestechung und als ein Band der Demütigung um seinen Hals. (A. Hamid, Muslim Separatism in India, S. 92; Ahmad: Ruhe-ye Roshan Mustaqbal, S. 58–59)
Später sagte Maulana Muhammad Ali:
Die Muslime Ostbengalens waren von ihren Herrschern in den Krieg geschickt worden …
… und als es nicht mehr vorteilhaft war, den Krieg fortzusetzen, schlossen sie in vorteilhafter Weise Frieden.
In der Geschichte lässt sich kein verabscheuungswürdigeres Beispiel finden: Als Belohnung für ihre Loyalität wurden ihnen die erst kürzlich erworbenen Rechte genommen, und weil sie ihre Zufriedenheit zum Ausdruck gebracht hatten, wurden sie bestraft, als hätten sie ein schwerstes Verbrechen begangen.
(Iqbal Select Writings and Speeches, S. 262)
Infolge der Teilung Bengalens war im Leben der unglückseligen Muslime Ostbengalens ein Licht der Hoffnung auf bessere Möglichkeiten und Vorteile aufgegangen. Die von den Hindus Bengalens begonnene heftige Bewegung zur Aufhebung der Teilung und zur Vereitelung dieser Hoffnungen versetzte die weitsichtigen muslimischen Politiker in Schrecken. Alle gebildeten und politisch tätigen Muslime Indiens bemühten sich, die Verschwörung der Hindus aufzudecken und die muslimischen Interessen Bengalens wie auch Indiens zu wahren. Im Jahr 1906 berief Nawab Salimullah in Dhaka eine Konferenz ein, die er „Allindische Muslimische Bildungskonferenz“ nannte. Alle erkannten in diesem Krisenmoment der Muslime die Notwendigkeit einer solchen Konferenz, und aus verschiedenen Teilen Indiens nahmen achttausend Delegierte daran teil. Unter ihnen waren Muhsin-ul-Mulk, Viqar-ul-Mulk, Aga Khan, Hakim Ajmal Khan und Maulana Muhammad Ali besonders hervorzuheben. Auf der Versammlung wurde einstimmig eine eigene Partei für die indischen Muslime gegründet. Denn die Tätigkeit des Indischen Nationalkongresses in der Bewegung gegen die Teilung hatte eindeutig gezeigt, dass das Ziel dieser Partei lediglich darin bestand, die Interessen der Hindus zu schützen und die Interessen der Muslime niederzuhalten. Um die Teilung zu vereiteln, wurden verschiedenste hinterhältige Methoden angewandt. Nach häufigen Beratungen der orthodoxen Hindus in Kalkutta wurde verkündet: „Der britische Imperialismus hat Bangamata geteilt, um das Volk der Bengalen auszurotten – eine niederträchtige Verschwörung, die Bauern Bengalens als Kulis in den Teegärten Assams einzusetzen. Daher, o Volk der Bengalen, stürzt euch in den Kampf und nehmt die ‚Aufhebung der Teilung Bengalens‘ als das ‚Freiheitsmanifest‘ Bengalens an. Wer nicht an das ‚Freiheitsmanifest‘ glaubt, ist kein Bengale, sondern ein Verräter und Handlanger der Engländer.“ Auf der Sitzung der Muslim League wurde Nawab Salimullah die Aufgabe übertragen, die Muslime Bengalens von der von den fruchtbaren Gehirnen der Hindus ersonnenen Bewegung für das „Freiheitsmanifest“ fernzuhalten. Daraufhin richtete sich der gesamte Zorn der orthodoxen Hindus gegen Khwaja Salimullah. Faschistische und terroristische Aktivitäten begannen. Als Khwaja Sahib Barisal besuchte, zeigte man ihm schwarze Fahnen und beschimpfte ihn als Handlanger der Engländer und als „Feind Bengalens“. Bei einer Volksversammlung in Kushillah wurde er angegriffen. Während Studenten und Lehrer der Hosamia-Madrasa sowie die muslimische Bevölkerung in einem Zug mit ihm unterwegs waren, beleidigte ihn ein Hindu namens Jogiram Pal von einem Balkon im ersten Stock aus, indem er ihm wiederholt einen Besen entgegenhielt. Als er durch die Straßen von Rajganj fuhr, wurden Schüsse auf ihn abgegeben. Er entkam dem Tod, doch ein junger Mann namens Said verlor dabei sein Leben. Obwohl die terroristische Bewegung Bengalens äußerlich gegen die Engländer gerichtet war, hatten ihre Initiatoren in Wirklichkeit das Ziel, „zwei Vögel mit einem Stein zu töten“: die Muslime als Handlanger der Engländer darzustellen und sie auszurotten sowie die Engländer aus dem Land zu vertreiben.
Am 30. Mai 1908 hetzte die in Kalkutta erscheinende Zeitung Jugantar mit einem leidenschaftlichen Aufruf an die Hindus die Bevölkerung gegen die Unterstützer derjenigen auf, die Bangamata zerstückelt hatten. Es hieß: „Die Mutter, von Durst gequält, fragt ihre eigenen Kinder, welcher einzige Gegenstand ihren Durst stillen kann. Nichts außer menschlichem Blut und abgetrennten Köpfen kann sie zufriedenstellen. Daher sollen die Kinder der Mutter die Mutter verehren und sie mit dem von ihr begehrten Gegenstand zufriedenstellen. Um dies zu erreichen, darf man selbst dann nicht zurückweichen, wenn man sein eigenes Leben opfern muss. An dem Tag, an dem die Mutter auf diese Weise in jedem Dorf verehrt wird, wird Indien mit himmlischer Kraft und himmlischem Segen gekrönt werden.“
– (Ibn Raihan: Die Geschichte der Teilung Bengalens, S. 6–7).
Nach dem flammenden Aufruf, der ergangen war, um die Mutter Bengalens zu erfreuen, begannen gewaltsame Aktivitäten und ein blutiges Holi-Spiel.
Mohammad Waliullah schreibt in seinem Werk „Unser Freiheitskampf“: „Die revolutionäre Bewegung entstand hauptsächlich im Umfeld von Kalkutta und Dhaka. Die Revolutionäre von Kalkutta organisierten sich unter dem Namen ‚Jugantar‘, die Revolutionäre von Dhaka unter dem Namen ‚Anushilan‘. Im Allgemeinen waren es die Mitglieder dieser beiden Vereinigungen, die die Herstellung von Bomben und die Einfuhr von Schusswaffen organisierten. Danach wurden an manchen Orten in den Bezirken auch unter anderen Namen Geheimgesellschaften gegründet.“
– (Mohammad Waliullah: Unser Freiheitskampf, S. 180)
Sir Surendranath Banerjee verurteilte die Teilung Bengalens scharf und erklärte, durch die Teilung Bengalens seien die Hindus beleidigt und gedemütigt worden. Als Protest gegen die Teilung Bengalens begann der Indische Nationalkongress am 7. August 1906 die Swadeshi-Bewegung. Ausländische Waren wurden boykottiert und verbrannt. Die Schüler und Studenten von Schulen, Colleges und Universitäten verließen ihre Bildungseinrichtungen. Bal Gangadhar Tilak veranlasste, den Maratha-Führer Shivaji als Nationalhelden aller Hindus Indiens zu etablieren, um den Hindu-Nationalismus gegen die Teilung Bengalens zu erwecken und zu festigen. Im ganzen Land wurde Shivajis Geburtstag feierlich begangen. Auf den Versammlungen priesen die Führer des Kongresses fortwährend Shivajis Kampf gegen die muslimischen Kaiser. Sie bezeichneten Shivaji als den Nationalhelden der Hindus und seinen Kampf als einen nationalen Kampf. Zu dieser Zeit entstanden unter den Hindus Bengalens terroristische Organisationen. Ihr Ziel war es, durch die Ermordung hochrangiger britischer Beamter die Aufhebung der Teilung Bengalens herbeizuführen. – (M. A. Rahim: Geschichte der Muslime Bengalens, S. 205–206; Surendranath Banerjee: Nation in Making, S. 18; A. Hamid: Muslim Separatism in India, S. 57, 69–70).
Nach der Teilung Bengalens wurden die Hindus Bengalens derart gegen die Muslime aufgebracht, dass in Zeitungen und auf öffentlichen Versammlungen verschiedene beleidigende und spöttische Darstellungen über die Muslime verbreitet wurden. Es wurden erfundene Geschichten verfasst, einschließlich Schilderungen der angeblichen früheren Barbarei der Muslime. Sayyid Ahmad Khan wurde als Verräter am Vaterland und die Muslime als Handlanger der Engländer bezeichnet. … Täglich wurden in den Zeitungen Meldungen dieser Art veröffentlicht: Die Regierung stachele die Muslime zu Angriffen auf die Hindus an und vernachlässige deren Sicherheit. Die Hindus wurden dazu aufgerufen, sich zu ihrem Selbstschutz zu bewaffnen. Eine Zeitung ging sogar so weit zu behaupten, die Vergeltung der hinduistischen Gesellschaft werde nicht ausreichen, selbst wenn man muslimische Schläger und die sie unterstützenden Regierungsbeamten lebendig verbrenne. – (Khan, India of Today, S. 87; A. Hamid, Muslim Separatism in India, S. 61)
Herr N. C. Chowdhury erklärt, die Teilung Bengalens habe die Beziehungen zwischen Hindus und Muslimen für immer zerstört und an die Stelle der Freundschaft in unseren Herzen Hass gegen sie treten lassen. Auf den Straßen, in den Schulen, auf den Märkten – überall zeigte sich dieses Gefühl des Hasses. In der Schule weigerten sich hinduistische Jungen, neben Muslimen zu sitzen, und erklärten, aus deren Mund komme Zwiebelgeruch. Herr Chowdhury sagt, er habe dieses Verhalten beim Besuch einer Schule mit eigenen Augen gesehen. Infolgedessen wurden in den Klassen getrennte Sitzplätze für Hindus und Muslime eingerichtet. Weiter erklärt er: „Noch bevor wir lesen und schreiben lernten, sagte man uns, dass die Muslime einst, als sie dieses Land regierten, uns unterdrückt hätten. Mit dem Koran in der einen Hand und dem Schwert in der anderen hätten sie in diesem Land den Islam eingeführt. Muslimische Herrscher hätten unsere Frauen entführt, Tempel zerstört und unsere religiösen Stätten entweiht. Die Teilung Bengalens hat also den Hass und die Feindschaft der Hindus gegenüber den Muslimen nicht geschaffen. Diese bestanden schon lange zuvor. Die Teilung Bengalens hat sie lediglich verstärkt.“
– (N. C. Chowdhury: The Auto-biography of an Unknown Indian, S. 227, 230; Zuberi, Tazkira Wadar, S. 169–170; A. Hamid: Muslim Separatism in India, S. 61–62)
Es wurde versucht, die späteren Generationen durch die Verbreitung einer verfälschten, erfundenen und absurden Geschichte in die Irre zu führen, wonach Hindus und Muslime in beiden Teilen Bengalens gemeinsam eine Bewegung zur Aufhebung der Teilung Bengalens geführt hätten. Es wird auch behauptet, außer Khwaja Salimullah habe kein anderer bengalischer Muslim die Teilung Bengalens akzeptiert. Das ist nichts anderes als eine Leugnung der historischen Wahrheit. Aus der vorstehenden Erörterung ist deutlich geworden, dass die Hindus Bengalens aus bloßer Eifersucht eine Bewegung gegen die Teilung begannen, weil infolge der Teilung Bengalens die Aussicht entstanden war, dass die Hoffnungen und Bestrebungen der vernachlässigten muslimischen Gemeinschaft zum Ausdruck kommen würden. Ihre Reden und Erklärungen, ihr Verhalten sowie ihre Versuche, durch die Hervorhebung des Maratha-Führers Shivaji den Hindu-Nationalismus zu erwecken, haben die Einheit und Eintracht zwischen Hindus und Muslimen zunichtegemacht; überall begannen Unruhen und Tumulte, und die Muslime wurden verfolgt. Nach alledem zu behaupten, Hindus und Muslime hätten sich vereint und die Teilung Bengalens aufgehoben, ist zweifellos entweder ein Zeichen geistiger Verwirrung oder entspringt einer böswilligen Absicht.
Es sei darauf hingewiesen, dass der Terrorismus, den die Hindus Bengalens infolge der Teilung Bengalens entfesselten und für den es keinerlei Unterstützung seitens der Muslime gab, vielmehr das Leben und Eigentum der Muslime gefährdete, im Jahr 1906 zur Einberufung der Allindischen Muslimischen Bildungskonferenz nach Dhaka führte, um sich gegen diesen Terrorismus zu schützen und in diesem kritischen Augenblick die Pflichten der Muslime festzulegen. Den größten Anteil am Erfolg dieser Konferenz hatte Abul Kasem Fazlul Huq, der damalige aufstrebende Führer der Muslime Bengalens. Gemeinsame Sekretäre des für diese Konferenz gebildeten Vorbereitungskomitees waren A. K. Fazlul Huq und Bikharul Mulk. Um die Konferenz zum Erfolg zu führen, bereiste der 33-jährige junge A. K. Fazlul Huq mit großem Eifer und Tatendrang ganz Indien, woraufhin 8.000 Delegierte an der Konferenz teilnahmen. Auf dieser Konferenz wurde die Muslimliga gegründet, um die Interessen der Muslime Bengalens und ganz Indiens zu schützen und die Gemeinschaft auf den richtigen Weg zu führen. Mit anderen Worten: Das Feuer des Hasses, des Zorns und der Vergeltung der Hindus, das infolge der Teilung Bengalens gegen die Muslime entfacht worden war, brachte die Muslimliga hervor. Danach konnte Fazlul Huq keine politische Rolle mehr spielen. Denn noch im Jahr 1906 wurde er zum stellvertretenden Magistrat ernannt und blieb bis 1911 im Staatsdienst. Nach seinem Rücktritt aus dem Staatsdienst im Jahr 1911 begann er auf Anraten von Khwaja Salimullah als Anwalt am Obersten Gericht von Kalkutta zu praktizieren. 1913 wurde er zum Mitglied der Bengalischen Legislativversammlung gewählt. Im Wahlkreis Dhaka besiegte er seinen Gegenkandidaten Rai Bahadur Kumar Mahendra Mitra mit überwältigender Mehrheit und wurde gewählt. Anschließend kritisierte er in seiner ersten Rede auf der ersten Haushaltstagung der Legislativversammlung die Aufhebung der Teilung scharf.
Es ist unbestreitbar, dass man über die Muslime Bengalens nichts denken kann, ohne A. K. Fazlul Huq einzubeziehen. Wenn er also die Teilung Bengalens befürwortete und in der Bengalischen Legislativversammlung gegen deren Aufhebung protestierte, ist es unglaublich, lächerlich und jenseits jeder Vorstellung, dass Hindus und Muslime sich vereint hätten, um eine Bewegung zur Aufhebung der Teilung Bengalens zu führen. Aus der Rede von Herrn A. K. Fazlul Huq in der Bengalischen Legislativversammlung wird noch deutlicher, dass die Aufhebung der Teilung den Interessen der Muslime zuwiderlief und ihnen dadurch ein unwiederbringlicher Schaden zugefügt wurde. Am 4. April 1913 sagte der populäre Führer der Muslime Bengalens, Herr A. K. Fazlul Huq, in seiner ersten Rede auf der Haushaltstagung der Bengalischen Legislativversammlung für 1913–1914:
„Ich möchte die Beamten lediglich daran erinnern, dass sie ehrenhalber verpflichtet sind, der muslimischen Gemeinschaft für all das schwere Unrecht, das ihr durch die rücksichtslose Aufhebung der Teilung zugefügt wurde, eine angemessene Entschädigung zu gewähren. Unseren Anteil fordern wir als unser unteilbares Recht, und den Überschuss fordern wir als Entschädigung für das Unrecht, das uns durch die Aufhebung der Teilung zugefügt wurde. Dies ist die Ansicht der muslimischen Allgemeinheit, und wenn die Beamten den Forderungen nicht vollständig entsprechen, wird es in der Gemeinschaft unweigerlich zu Unzufriedenheit kommen.“
– (Haushaltsrede von Herrn A. K. Fazlul Huq. Bengal Legislative Council, datiert auf den 4. April 1913; Bangladesh Historical Studies – Journal of the Bangladesh Itihash Samiti, Bd. 1, 1976, S. 148)
_Ich möchte die Regierungsbeamten daran erinnern, dass sie grundsätzlich verpflichtet sind, der muslimischen Gemeinschaft eine angemessene Entschädigung für das schwere Unrecht zu leisten, das sie ihr durch die rücksichtslose Aufhebung der Teilung Bengalens zugefügt haben. Als unteilbares Recht fordern wir unseren Anteil, und eine zusätzliche Forderung als Entschädigung erheben wir deshalb, weil uns durch die Aufhebung der Teilung Unrecht geschehen ist. Dies ist die Forderung der muslimischen Allgemeinheit, und wenn diese Forderung nicht erfüllt wird, ist es gewiss, dass die muslimische Gemeinschaft aufgebracht sein wird.“
In der oben erwähnten Haushaltsrede des Führers der bengalischen Muslime, Herrn Fazlul Huq, wurden die innersten Gefühle der muslimischen Bevölkerung Bengalens zum Ausdruck gebracht. Das äußerste Unrecht, das den Muslimen durch die Aufhebung der Teilung Bengalens zugefügt worden war, und die tiefe Verletzung und Empörung, die dies unter den Muslimen hervorgerufen hatte, fanden in der oben genannten Rede von Herrn Huq ihren Ausdruck. Wie kann man danach noch behaupten, die Teilung Bengalens sei für die Muslime unerwünscht gewesen? Und wie kann man behaupten, sie hätten sich zur Aufhebung der Teilung mit einer Gruppierung verbündet, deren muslimischer Hass sowie deren Politik und Programm der Unterdrückung der Muslime in Bengalen wie auch in ganz Indien so klar zutage getreten waren wie das Tageslicht?
Da die ausschließlichen Interessen und Vorteile der Hindus nach der Teilung Bengalens beeinträchtigt worden waren, gerieten ganz Hindu-Bengalen, der Indische Nationalkongress und, so könnte man sagen, die gesamte hinduistische Nation in heftige Aufruhr, um diese Teilung zu vereiteln, und begannen zugleich mit terroristischen Aktivitäten gegen die muslimischen und britischen Herrscher. Dadurch wurden die Briten äußerst beunruhigt und in Verlegenheit gebracht, denn sie hatten keine Möglichkeit, die tatsächliche Lage Indiens und Bengalens zu erkennen. In den verschiedenen Londoner Zeitungen wurden widersprüchliche Berichte über die Ereignisse in Bengalen und Indien veröffentlicht. Außerdem war der Indische Nationalkongress von einem Engländer gegründet worden, und da viele pensionierte Beamte des Indian Civil Service Mitglieder des Kongresses waren, galten ihre Unterstützung und Mitarbeit naturgemäß dem Kongress und damit der hinduistischen Nation.
Bei den Wahlen zum britischen Parlament im Jahr 1905 wurde eine beträchtliche Zahl von Männern in das House of Commons gewählt, die pensionierte Beamte des Indian Civil Service waren. Sie hielten enge Verbindung zur Bewegung gegen die Teilung Bengalens und brachten die Regierung durch eine Frage nach der anderen im Parlament in Verlegenheit. Einer von ihnen, Sir William Wedderburn (William Wedderburn), wurde zum Vorsitzenden des Indian Parliamentary Committee gewählt. Ein weiteres Mitglied dieser Gruppe, Sir Henry Cotton, war stolz darauf, die Hoffnungen und Bestrebungen der Inder zu vertreten. All diese Mitglieder wiederholten immer wieder, der einzige Weg, Frieden in Indien herzustellen, bestehe darin, beide Teile Bengalens wieder zu vereinen. Ein Parlamentsmitglied schrieb aus London in einem Brief an einen indischen Freund sogar: „Morley wird nachgeben; setzt die Bewegung fort.“ Der Brief wurde in den bengalischen Zeitungen veröffentlicht, woraufhin die Bewegung allmählich an Stärke gewann. – (S. M. Mitra, Indian Problems, S. 72, Murray, London, 1908; A. Hamid: Muslim Separatism in India, S. 66)
Zwei Führer der Labour Party, Ramsay MacDonald und Keir Hardie (Keir Hardie), kamen im Namen einer Friedensmission nach Indien. Der Indische Nationalkongress stellte ihr Reiseprogramm zusammen und bereitete ihnen überall einen königlichen Empfang. Nach einer sechswöchigen Reise erklärte MacDonald, die Teilung Bengalens sei ein verhängnisvoller Fehler gewesen. Er versicherte einem Hindu, dass die Mitglieder der Labour Party die Regierung nicht unterstützen würden, falls die britische Regierung ihren Forderungen nicht nachkomme. Hardie hielt sich zwei Monate lang in Indien auf. Die Hindu-Zeitungen Kalkuttas veröffentlichten sein Reiseprogramm und seine Reden ausführlich. Er erklärte, die Lage in Ostbengalen sei noch erschütternder als in Russland. Hier würden die Hindus aufs Äußerste verfolgt. Beinahe beschuldigte er die Muslime, sie würden Hindu-Witwen sexuell missbrauchen. Dadurch verschlechterten sich die Beziehungen zwischen Hindus und Muslimen drastisch. „Gott hat Hardie geschickt, um jede Verschwörung zunichtezumachen.“ Nach seiner Rückkehr nach England schlug Hardie vor, die nächste Sitzung des Indischen Nationalkongresses in London abzuhalten, um die ganze Welt auf die Not und Beschwerden Indiens aufmerksam zu machen.
– (A. Hamid, Muslim Separatism in India, 67. The Times Edition, London, Oktober 1907, Januar–April 1908, Dezember 1910)
Lord MacDonald, der als äußerst muslimfeindlich bekannt war, bezeichnete die Teilung Bengalens als den schwerwiegenden Fehler der britischen Regierung im Verwaltungsbereich Indiens nach Clives Sieg bei Plassey. (Times Weekly Edition, London, Januar 1908, S. 4)
Gegen Ende des Jahres 1910 trat Lord Minto die Nachfolge des Vizekönigs Curzon an. Im folgenden Jahr sollte der Prinz von Wales, George (später König George V.), Indien besuchen. Lord Minto war äußerst besorgt, weil er befürchtete, dass die über die Teilung Bengalens empörten Hindus während seines Besuchs irgendein unerwünschtes Verhalten zeigen könnten; dies würde eine Missachtung des Prinzen und eine Schande für die indische Regierung bedeuten. Daher bemühte er sich um ein Gespräch mit Surendranath Banerjee und Gokhale. Er traf Surendranath Banerjee und Gokhale und versuchte ihnen klarzumachen, dass er für die Teilung Bengalens überhaupt nicht verantwortlich sei. Durch die Gespräche beruhigte er sie einigermaßen. Infolgedessen konnte Minto der vollständigen Umsetzung der Teilung nicht mehr so viel Aufmerksamkeit widmen. Zu dieser Zeit ereigneten sich jedoch einige Vorfälle, für die der Gouverneur von Ostbengalen, Fuller, keineswegs verantwortlich war, um die herum die Bewegung gegen die Teilung dennoch erneut aufflammte. Der Vorfall war folgender: Ein Untergericht verurteilte einen gewissen Uday Pande wegen eines Mordes zum Tode. Als die Angelegenheit im britischen Unterhaus in England zur Sprache kam, gab der Indienminister eine Antwort, durch die Fuller die Schuld zugeschoben wurde. Niemand blieb, der Fuller unterstützte. Dies gab der Bewegung gegen die Teilung zusätzlichen Auftrieb. Eine erregte Gruppe von Schülern einer Schule griff einen englischen Bankangestellten an und überfiel einen Ochsenkarren, der mit britischen Stoffen beladen war. Gemäß den staatlichen Vorschriften ersuchte Fuller den Senat der Universität Kalkutta, die Schule aus dem Verzeichnis der anerkannten Schulen zu streichen. Die indische Regierung hielt dies für unüberlegt und forderte Fuller auf, sein Gesuch zurückzuziehen. Fuller weigerte sich, der Anweisung der indischen Regierung Folge zu leisten, weil dadurch die Schwäche des Provinzgouverneurs sichtbar werden würde. Andernfalls drohte er sogar mit seinem Rücktritt. Der Vizekönig blieb bei seiner Forderung, und Fuller musste zurücktreten. Der Vizekönig nahm seinen Rücktritt unverzüglich an. Die planmäßige Entfernung Fullers führte somit zu keiner Verbesserung der Lage. Die Bewegung wuchs auf das Hundertfache an. Fullers Absetzung wirkte wie das Entzünden eines Pulverlagers. Die Gegner der Teilung schienen dadurch neuen Mut, neue Tatkraft und neue Anregung zu gewinnen. Man kann sagen, dass die weißhäutigen Schutzherren der Aktivisten von London aus bereits die Kriegstrommel rührten. Da war zunächst der Freundeskreis des Hindu-Kongresses in Indien; hinzu kamen etliche Mitglieder des britischen Parlaments von 1905, und wenn auch nicht unmittelbar, so doch mittelbar schloss sich ihnen der Indienminister Morley an. Sie begannen, die Hindus Indiens für die Aufhebung der Teilung Bengalens aufzuhetzen.
Es sei daran erinnert, dass der 1885 von einem Engländer gegründete Indische Nationalkongress vor 1905 nicht einmal ein Wort gegen die englischen Herrscher geäußert hatte. Der Gedanke an „Swaraj“ hatte niemals auch nur am Rande in ihren Herzen Platz gefunden. Obwohl Institutionen wie Dayanand Saraswatis „Arya Samaj“ und Raja Rammohan Rais „Brahmo Samaj“ lautstark gegen die Muslime auftraten, öffneten sie niemals den Mund gegen die englischen Herren. Vielmehr hieß es seitens der Hindu-Gesellschaft Bengalens: „Wir beten stets zum Allmächtigen, dass wir für alle Generationen unter englischer Herrschaft bleiben dürfen. Wie fromm muss das Land Indien gewesen sein, dass es einen englischen Herrn erhalten hat.“ – Sangbad Bhaskar, 20. Juni 1857, Kalkutta – mit freundlicher Genehmigung von „Sepoy-Aufstand und die bengalische Hindu-Gesellschaft“, herausgegeben von der Society for Pakistan Studies.
Bis 1905 hegte die Gesellschaft gegenüber den Engländern eben diese Haltung. Seit der Schlacht von Plassey bis zum Ende des neunzehnten Jahrhunderts wurden die Muslime Bengalens und Indiens von Engländern und Hindus verfolgt und unterdrückt. Doch als infolge der Teilung Bengalens einige Anzeichen für eine Verbesserung des Schicksals der Muslime Ostbengalens sichtbar wurden, platzte die Hindu-Gesellschaft vor Eifersucht. Das hinduistische Bengalen stürzte sich in eine heftige Bewegung zur Aufhebung der Teilung Bengalens. Im Buch „Glimpses of Old Dhaka“ heißt es: „Diese unheilvolle Bewegung wurde von den Herren Surendra Nath Banerjee (später zum Ritter geschlagen) und Bepin Chandra Pal, dem Führer und Demagogen der hinduistischen Jugend, angestiftet und geleitet. Sie begannen, in Großbritannien hergestellte Waren zu boykottieren und zu verbrennen, wodurch die Fabriken Lancashires beeinträchtigt wurden. Die Terroristen und ihre Geheimorganisationen begannen, die Engländer mit Bomben und Revolvern zu schikanieren. Diese gebildete Gangsterbande verübte Raubüberfälle, um im Land ein Gefühl der Unsicherheit zu schaffen“ (Glimpses of Old Dhaka, S. XXVII).
„Die Initiatoren und Leiter dieser unheilvollen Bewegung waren Babu Surendra Banerjee (später mit dem Ritterschlag ausgezeichnet), der Führer der hinduistischen Jugend, und Babu Bipin Chandra Pal. Sie begannen auch damit, ausländische Waren zu boykottieren und zu verbrennen, wodurch die Fabriken Lancashires geschädigt wurden. Die Terroristen und ihre Geheimorganisationen begannen, die Engländer mit Bomben- und Revolverangriffen zu belästigen. Ihre gebildete Gangstertruppe begann auch, Raubüberfälle zu verüben, um die Sicherheit im Land zu stören.“
Einer der bedeutendsten Terroristen, Barindra Kumar Ghosh, kam 1904 aus London nach Kalkutta, als die Planung der Teilung Bengalens fest beschlossen war. Im folgenden Jahr kam sein Bruder Aurobindo. Die Teilung Bengalens wurde religiös verklärt, indem man sie als Zerstückelung der „Mutter Bengalen“ bezeichnete. Das gesamte hinduistische Bengalen stürzte sich in die terroristische Bewegung.
Der Muslimhass der Hindus in ganz Indien nahm aus zwei weiteren Gründen um das Hundertfache zu. Bis dahin hatte es keine Institution gegeben, die die politischen Interessen der Muslime hätte vertreten können. Die Bewegung gegen die Teilung Bengalens ließ 1906 unter dem Namen All-India Muslim League eine politische Organisation der Muslime entstehen. Im selben Jahr, am 1. Oktober, empfing der Vizekönig eine Delegation von 36 führenden Muslimen unter der Leitung des Aga Khan, die die Forderung nach getrennten Wahlen für die Muslime vorbrachte. Der Vizekönig stimmte zu, und infolge des weiterhin ausgeübten starken Drucks sowie dank der nachdrücklichen Bemühungen von Syed Amir Ali wurde das System der getrennten Wahlen 1909 vom britischen Parlament genehmigt. Die beiden Dinge – die eigenständige politische Organisation der Muslime, die „Muslim League“, und das getrennte Wahlverfahren für die Muslime – setzten ganz Hindu-Indien in Brand. Infolgedessen versetzten Terrorismus und die „Swaraj“-Bewegung ganz Indien zugleich in Aufruhr. Ihr erstes Ziel war, die Teilung Bengalens rückgängig zu machen. Um die in zwei Teile gespaltene „Mutter Bengalen“ wiederzubeleben und zufriedenzustellen, wurden die Menschen im Gebrauch tödlicher Waffen ausgebildet. Mit voller Kraft gingen Bombenanschläge zur Zerstörung staatlicher Ämter und Gerichte, die Vereitelung von Versammlungen, Mord und Körperverletzung, Plünderungen und dergleichen weiter. Khudiram aus Medinipur und Prafulla Chaki aus Bogra widmeten sich diesen zerstörerischen Aktivitäten und Morden. Wer die Bewegung gegen die Teilung nicht unterstützte, war nicht mehr sicher. Selbst wer Rowdytum und Morde kritisierte, wurde enthauptet. Aus diesen Gründen wurde 1909 ein hinduistischer Staatsanwalt erschossen. 1910 wurde auch der DSP Shamsul Alam ermordet. Der Lieutenant Governor von Bengalen wurde nicht weniger als viermal angegriffen. Auf den Dhakaer Bezirksmagistrat Allen wurde eine Handbombe geworfen.
Gegen die Muslime, die die Teilung Bengalens unterstützten, gingen diese Terroristen mit äußerster Härte vor. Um andererseits einige harmlose und arglose Muslime für die Bewegung gegen die Teilung zu gewinnen, schlugen die Hindus einen anderen Weg ein. In „Die Geschichte der Teilung Bengalens“ sagt Ibn Raihan:
Hindu-Mädchen gingen von Haus zu Haus zu den Muslimen und banden ihnen als Symbol der Vereinigung der beiden Seelen, der Hindus und der Muslime, und damit der Vereinigung der beiden Bengalen, Rakhi-Bänder um die Hand; um ihre Herzen und Gemüter zu gewinnen, erklangen von überallher die süßen Melodien wohlklingender Stimmen –
Bengalens Erde, Bengalens Wasser,
Bengalens Luft, Bengalens Früchte.
Es werde wahr, es werde wahr, es werde wahr,
o Gott.
Bengalis Herz, Bengalis Gemüt
Mögen alle Geschwister in den Häusern Bengalens
mögen eins sein, mögen eins sein, mögen eins sein
o Bhagavan.
–(Die Geschichte der Teilung Bengalens, Ibn Rayhan, S. 10–11)
Der bezaubernde, eindringliche Ruf aus Frauenkehlen verwirrte einige Muslime. Zu ihnen gehörte der in Brahmanbaria ansässige Barrister Abdul Rasul Sahib. Von ihm war bereits zuvor die Rede. Doch der Irrtum dieser selbstgetäuschten Muslime zerfiel, als sie die Literatur und Propagandaschriften der Terroristen sahen – sie waren erfüllt von eindringlichen Aufrufen zur Erneuerung des Hinduismus. An ihrer Spitze standen hinduistische Brahmanen, und die Morde wurden geweiht. Dies geschah, indem man das Wasser des Ganges berührte und besondere Mantras rezitierte. Die Rechtfertigung grausamer Morde durch die hinduistischen religiösen Schriften wurde auf folgende Weise gewonnen: In der „Bhagavadgita“ heißt es, dass das Töten von Menschen zum Schutz des Hinduismus nicht verwerflich, sondern vielmehr eine verdienstvolle Tat sei. Der Eid auf die „Swadeshi“-Bewegung wurde auf dem Gelände eines Kali-Tempels abgelegt. Auf diese Weise wurde die Bewegung gegen die Teilung durch die Rituale und Zeremonien der hinduistischen Religion belebt. Nachdem ein Muslim dies alles erkannt hatte, war es ihm in keiner Weise mehr möglich, mit dieser Bewegung verbunden zu bleiben. (A. Hamid, Muslim Separatism in India, S. 60)
Die hinduistischen religiösen Schriften erklären das Töten von Menschen nicht nur für rechtmäßig, sondern sogar für unerlässlich. In Bunkims Kapalkundala sehen wir, wie der hinduistisch-tantrische Kapalika seinen Gottesdienst verrichtete, indem er Bhairavi mit Menschenfleisch verehrte. Um die Leser daran zu erinnern, zitiere ich hier einige wenige Sätze:
„Der Kapalika führte Nabakumar am Hause entlang zu jenem Strand. In diesem Augenblick ging die zuvor gesehene Frau mit großer Geschwindigkeit am Ufer an ihm vorbei; während sie weiterging, flüsterte sie ihm ins Ohr: Flieh noch! Ohne Menschenfleisch kann ein Tantriker seinen Gottesdienst nicht vollziehen – weißt du das etwa nicht?
–Als der Kapalika sah, dass Nabakumar sich mit Gewalt widersetzte, sagte er: „Narr! Warum zeigst du deine Stärke? Heute hat sich deine Geburt erfüllt. Dein Fleisch wird der Bhairavi dargebracht werden; welches größere Glück könnte einem Menschen wie dir widerfahren?“
– (entnommen aus Bankims „Kapalkundala“, sechstes Kapitel: „Mit dem Kapalika“)
Daher konnte zwischen dem Terrorismus und den Morden, denen eine religiöse – genauer: eine hinduistische – Gestalt verliehen worden war, und den Muslimen keinerlei Verbindung oder Beziehung bestehen. Und gerade weil keine solche Verbindung bestehen konnte, wurden auch Muslime Opfer dieses Terrorismus und dieser Morde.
Der Terrorismus und die Unsicherheit des Lebens der Bürger, insbesondere der Engländer, hatten die britische Regierung zwar in Verlegenheit gebracht, doch wahrscheinlich hatte sie die Politik des Boykotts britischer Waren noch stärker beunruhigt. Die Fabriken Manchesters sahen sich enormen Verlusten gegenüber. Seitens der hinduistischen Kaufmannsvereinigung wurde auf die Handelskammer von Manchester unablässig Druck ausgeübt. In unmissverständlichen Worten sagte man ihr: „Wenn ihr eure Waren in diesem Land absetzen wollt, dann macht die Teilung Bengalens rückgängig.“
Auch der Indische Nationalkongress erklärte, der einzige Weg zur Rückgängigmachung der Teilung Bengalens bestehe im Boykott britischer Waren. Der Kongress erklärte jedoch auch, dass diese Boykottpolitik auf Bengalen beschränkt bleiben werde.
Besonders erwähnenswert ist hier, dass die Bewegung gegen die Teilung allmählich in eine andere Richtung abglitt. Diese bestand darin, das muslimische Volk vollständig aus dem indischen Land zu beseitigen. Als Kaiser Georg V. 1911 nach Indien kam, wurde in Petitionen, die ihm im Namen zahlreicher hinduistischer Organisationen überreicht wurden, erklärt, den Muslimen würden durch verschiedene Reformen besondere Vergünstigungen gewährt. Hinduistische Zeitungen behaupteten, die Muslime seien landesverräterische Verräter, ihre Loyalität gegenüber der Regierung sei nur vorgetäuscht, sie empfänden keinerlei Verbundenheit mit Britannien und stünden mit den ägyptischen Rebellen in Verbindung – (A. Hamid, Muslim Separatism in India, S. 83). Sir Valentine, der Korrespondent der Times, London, sagt, man habe Tilak und nationalistische Hindus aus den von seinen Anhängern in Pune gegründeten Schulen sowie aus Punjab und Bengalen häufig sagen hören, dass die Muslime ebenso aus Indien beseitigt würden, wie sie einige Jahrhunderte zuvor aus Spanien beseitigt worden seien. Sir Walter Lawrence, der mit dem persönlichen Stab des Vizekönigs Curzon verbunden war, äußerte sich über den Maharaja Sir Pratap Singh von Idar folgendermaßen:
„Einmal war Sir Pratap Singh zu einem Abschiedsessen eingeladen, das Lord Curzon in Shimla für meine Frau und mich gab. Nach dem Essen unterhielt ich mich bis zwei Uhr nachts mit ihm über verschiedene Dinge. Er teilte mir viele Hoffnungen und Wünsche seines Lebens mit. Eine davon bestand darin, die Muslime aus Indien zu beseitigen. Ich widersprach ihm und nannte einige muslimische Freunde, die wir beide hatten. Er sagte: ‚Ja, ich mag sie, aber noch lieber sehe ich sie tot.‘“
Sir Lawrence sagt: „Über ein solches Gespräch mit Sir Pratap denke ich oft nach. Man kann viele Jahre lang mit Indern bekannt sein. Doch plötzlich kommt eine Zeit, in der sie die Türen ihres Herzens öffnen und ihr innerstes Geheimnis offenbaren. Sir Pratap Singh ist ein guter hinduistischer Rajput. Er hat viele Länder bereist und mit vielen Menschen verkehrt. Er spricht gut Englisch und ist mit Angehörigen vieler Völker bekannt. Mit anderen Worten: Er ist Träger und Vertreter einer kosmopolitischen Zivilisation. Doch in den tiefsten Bereichen seines Herzens hat sich ein unauslöschlicher Hass auf die Muslime eingenistet.“
(Sir Walter Lawrence: The India We Served, S. 209, Cassell, London, 1928; A. Hamid, Muslim Separatism in India, S. 83–84)
Sir Lawrence hat eine äußerst entscheidende Wahrheit enthüllt. Die Ausrottung der Muslime aus dem indischen Land war nicht nur der Herzenswunsch einiger weniger hinduistischer Gentlemen wie Sir Pratap Singh, sondern vielmehr der Herzenswunsch der gesamten Hindu-Nation. Später, während der Pakistanbewegung in Indien, brachten die Führer der Hindu Mahasabha, darunter Shyama Prasad Mukherjee, diese Haltung in öffentlichen Reden und Erklärungen wiederholt zum Ausdruck.
Vierzehntes Kapitel
Die Aufhebung der Teilung Bengalens und ihre Folgen
In Bengalen waren vonseiten der Regierung strenge Maßnahmen gegen den Terrorismus ergriffen worden. Infolgedessen war diese Bewegung allmählich zum Erliegen gekommen. Gegen Ende des Jahres 1910 kehrte die Lage zur Normalität zurück. Die Soldaten der Bewegung waren gewissermaßen kampfmüde geworden. In diesem Jahr scheiterte ein bengalischer Hindu daran, die Angelegenheit in der gesetzgebenden Versammlung erneut zur Sprache zu bringen. Später erklärte er sich bereit, seinen Antrag zurückzuziehen. Sir Surendranath Banerjee war der Initiator der Bewegung. Schließlich erklärte auch er durch seine Zeitschrift „Bengali“: „Wir geben selbstverständlich zu, dass diese Teilung vorgenommen wurde, damit sie Bestand hat, und wir wollen sie nicht zu Fall bringen.“
-(Fraser, India Under Cuzon and After, S. 391. A. Hamid: Muslim Separatism in India, S. 86)
Doch welche mächtige Hand im fernen London die tödlichen Waffen gegen die Teilung Bengalens herstellte, ist nicht bekannt geworden.
König Georg V. kam 1911 nach Indien, in der Absicht, persönlich die Erklärung seines Aufstiegs auf den Thron des Britischen Empire abzugeben. Zu diesem Zweck Tausende von Meilen zurückzulegen und in eine so weit entfernte Kolonie zu kommen, war in der Geschichte der britischen Herrschaft in Indien ein beispielloses und noch nie dagewesenes Ereignis. Die Furcht vor den bösen Verschwörungen der Terroristen war noch immer nicht aus den Gemütern verschwunden. In Indien herrschte damals eine Hungersnot. Wegen des Italienisch-Türkischen Krieges waren die Muslime aufgebracht. Aus diesen Gründen hielt das Ministerkabinett Georgs V. den Indienbesuch für unklug und versuchte, ihn davon abzubringen. Der König setzte sich über alle Ratschläge hinweg und bereitete seine Reise weiter vor. Im November brach er in Richtung Indien auf und landete in der ersten Dezemberhälfte in Bombay. Welche Belohnungen und Vergünstigungen er den Einwohnern Indiens gewähren würde, wurde angekündigt. Schließlich kam der entscheidende Augenblick. Bei einer äußerst prunkvollen Versammlung in feierlicher Atmosphäre begann König Georg V., eine Gabe nach der anderen aus seiner unermesslichen Gnade über seine geliebten Untertanen auszuschütten. Für alle politischen Gefangenen wurde eine allgemeine Amnestie verkündet, für die Förderung der Bildung wurde eine beträchtliche Summe bereitgestellt; die bisherige Nichtberechtigung indischer Soldaten zum Erwerb der Auszeichnung „Victoria Cross“ wurde aufgehoben, gering besoldete Regierungsbeamte erhielten ein zusätzliches halbes Monatsgehalt; die Hauptstadt Indiens wurde von Kalkutta nach Delhi verlegt. Zuletzt wurde verkündet: „Die Teilung Bengalens ist aufgehoben.“ Die Hindus brachen in Freude und Jubel aus. Der unmittelbare Vorteil der Verkündung der Aufhebung der Teilung Bengalens bestand darin, dass die sichere Reise des Königspaares durch die kriminalitätsgeprägten Gebiete des Indischen Empire gewährleistet war.
Als der König einige Tage später nach Kalkutta kam, geriet das hinduistische Bengalen vor Freude außer sich und veranstaltete gewaltige Festzüge, um seine unerschütterliche Loyalität gegenüber dem Britischen Empire zu bekunden. Die hinduistische Presse ging sogar so weit, die Aufstellung von Statuen des weißen Königs und der weißen Königin in hinduistischen Tempeln vorzuschlagen. Der Indische Nationalkongress nahm den Antrag unter Ausdruck seiner Dankbarkeit gegenüber dem König an und überschlug sich vor Lob für Lord Hardinge.
Andererseits war die Aufhebung der Teilung ein äußerster Verrat an den Muslimen. Curzon führte die Teilung durch, und Hardinge hob sie auf. Der gewaltige Unterschied zwischen den Vorgehensweisen der beiden bestand jedoch darin, dass Curzon den Vorschlag zur Teilung Bengalens offen unterbreitete und dafür stichhaltige Argumente vorbrachte. Darüber wurde lange Zeit beraten und diskutiert, und viel Papier und Tinte wurden dafür aufgewendet. Der Vorschlag wurde ordnungsgemäß endgültig beschlossen und zur rechten Zeit umgesetzt. Hardinges Plan hingegen wurde äußerst geheim vorangetrieben und der Öffentlichkeit ganz plötzlich und in höchst überraschender Form bekanntgegeben. Auch wenn diese Entscheidung der britischen Regierung den einen zugrunde richtete und dem anderen Glück brachte, werden ihre Aufschneiderei, ihre Kehrtwenden und ihre ungerechte, unbillige Gesinnung, einer Gemeinschaft in einer unterentwickelten Region zunächst ihre berechtigten Rechte zurückzugeben und sie ihr dann wieder zu nehmen, auf den Seiten der Geschichte unauslöschlich bleiben.
Der einzige Aufschluss, den man über die Ursachen dieser lächerlichen Inszenierung der britischen Regierung gewinnen kann, ist, dass der Plan zur Aufhebung der Teilung im Kopf des damaligen indischen Staatssekretärs „Crew“ (Crew) Gestalt angenommen hatte. Crew beabsichtigte, diejenigen zu beruhigen, die aufgebracht gewesen waren und die Teilung als einen verhängnisvollen Fehler bezeichnet hatten. Hardinge sagt: „Später wurde mir mitgeteilt, dass es, wenn man in beiden Bengalen Frieden herstellen wolle, unbedingt notwendig geworden sei, etwas zu unternehmen, um das zu beseitigen, was die gesamte bengalische Bevölkerung als Unrecht und Ungerechtigkeit empfunden hatte. Natürlich hoffte man auch im Ausland zu jener Zeit, dass etwas zur Beseitigung dieses ‚Unrechts‘ getan werden würde. Ich erkannte, dass wir, wenn nichts unternommen würde, in Zukunft größeren Gefahren ausgesetzt sein würden als in der Vergangenheit“.
– (Hardige of Penhurst, My India Years, S. 36, Murray, London, 1948; A. Hamid, Muslim Soparatism in India, S. 88)
Aus der oben angeführten Äußerung Sir Surendranath Banerjees lässt sich erkennen, dass die Gegner der Teilung gleichsam entmutigt und erschöpft waren und sich sogar mit der Teilung abfinden wollten. Doch die hellhäutigen Freunde in London, die diesen Widerstand schürten, hatten nicht aufgegeben. Sie setzten ihre Tätigkeit fort, durch die der indische Staatssekretär Crew zweifellos beeinflusst wurde.
Abdul Hamid sagt, unter den verschiedenen Argumenten, die für die Aufhebung der Teilung vorgebracht wurden, sei eines das folgende: „Die Hindus in beiden Teilen Bengalens waren Eigentümer fast des gesamten Grundbesitzes. Auch in Handel, Gewerbe und im Dienstwesen hatten sie eine ausschließliche Vorherrschaft. Dadurch übten sie auch einen übermäßigen Einfluss auf die Bevölkerung aus. Der Reichtum und die Kultur, die ihnen Einfluss und Ansehen verliehen, würden ihnen infolge der Teilung Bengalens entzogen werden. Dies ist ein Argument zugunsten der Wahrung etablierter Interessen und der Klassenherrschaft.
Es war eindeutig, dass hinter der Aufhebung der Teilung keinerlei edle Absicht stand, sondern, wenn man es genau sagen will, eine äußerst bösartige Intrige; die Regierung hatte sie betrogen. Im Austausch für ihre Loyalität waren sie ihrer berechtigten Rechte beraubt worden. Dazu sagt Mushtaq Hossain in einem seiner Aufsätze:
„Die Muslime werden diese Maßnahme (die Vereinigung beider Teile Bengalens) mit Verachtung betrachten. Das britische Kabinett weigerte sich, Curzons Entscheidung erneut zu prüfen. Die Vereinigung beider Teile Bengalens beweist daher, dass die Behörden gelähmt sind. Künftig wird niemand mehr Vertrauen in die Versprechen der britischen Regierung setzen können. … Wir werden keine Bewegung ins Leben rufen, um diese endgültige Entscheidung rückgängig zu machen. Aber unsere Forderung lautet, dass die Vorteile und Möglichkeiten, die die Muslime Ostbengalens infolge der Teilung erlangt hatten, ihnen auf jede Weise gesichert werden müssen. … Die britische Politik in der Frage von Tripolis und Persien hat die Muslime an die äußerste Grenze ihrer Geduld gebracht. … Diese harte Maßnahme hat in den Herzen unserer Nation Bitterkeit hervorgerufen. Sie haben begonnen zu denken, dass es keinen besonderen Vorteil gebracht habe, sich vom Kongress fernzuhalten. Vielleicht wird jemand sogar die Muslim-Liga verlassen und dem Kongress beitreten. Genau das hatte der Kongress die ganze Zeit erwartet. Doch wir stimmen einer solchen Denkweise nicht zu. Wir können unsere eigenen Institutionen nicht aufgeben und uns unter einer starken Mehrheit auflösen. Dies ist der Weg zum Selbstmord. Ein Strom verliert seine Identität, nachdem er sich mit dem Meer vereinigt hat. Weil wir der Regierung gegenüber loyal sind, sind wir dem Kongress nicht feindlich gesinnt. Loyalität ist nicht unser eigentliches Ziel, sondern nur das Mittel zur Erreichung des Ziels. Loyalität ist stets an Bedingungen geknüpft. Loyalität kann keinen unerträglichen Druck aushalten.
„… Es ist sonnenklar, dass die Muslime der Regierung nicht mehr vertrauen können. Wir müssen auf Gott und auf unsere eigenen Anstrengungen und unsere eigene Tatkraft vertrauen. … Wenn wir uns in dieser Hinsicht zusammenschließen können, wird die Regierung gezwungen sein, unsere Gefühle zu achten. Aus allem, was geschehen ist, müssen wir lernen.
…….Die Regierung hält es für unnötig, mit uns über unsere Zukunft zu beraten. Die Proklamation im Namen des Königs ging über die Leichname der Muslime hinweg und zertrat sie schonungslos wie eine Artillerietruppe.“
-(Zuberi, Tazkira Waqar, S. 228–240; A. Hamid, Muslim Separatism in India, S. 91)
In seiner Ansprache als Vorsitzender der im März 1912 in Kalkutta abgehaltenen Sitzung der Muslim League sagte der im Kampf gegen die Teilung Bengalens verwundete Soldat Khwaja Salimullah:
Nachdem die Bewegung gegen die Teilung Bengalens zum Stillstand gekommen war, konnte kein verantwortungsbewusster und gewissenhafter Mensch einen gerechten Grund dafür erkennen, die Angelegenheit erneut aufzuwerfen. Diese Teilung wurde 1905 vollzogen und blieb bis 1911 in Kraft. Als unsere Feinde die Aussichten auf die Hoffnungen und Wünsche der Muslime erkannten, wurden sie betrübt. Tatsächlich hatten wir infolge der Teilung keinen besonders großen Gewinn erzielt. Was immer wir gewonnen hatten, nahm uns die andere Gemeinschaft unserer Nachbarschaft wieder weg, indem sie Himmel und Erde in Bewegung setzte. Sie übten durch Mord und Räuberei Vergeltung und boykottierten ausländische Waren. Die Regierung nahm daran keinen Anstoß. Obwohl die Muslime an diesen Morden nicht teilnahmen, blieben sie der Regierung gegenüber loyal. …Infolge der Teilung gewann die muslimische Bauernschaft. Hinduistische Zamindare versuchten, sie in die Bewegung hineinzuziehen, doch sie schenkten dem keine Beachtung. Daraufhin begannen Zusammenstöße zwischen Hindus und Muslimen. Die Regierung griff zu einer Politik der Unterdrückung, doch das führte zu keinem Ergebnis. Auf der einen Seite stand eine wohlhabende, aufgebrachte Gemeinschaft, auf der anderen die armen Muslime, die zur Regierung hielten. So vergingen mehrere Jahre. Plötzlich hob die Regierung die Teilung auf. Wir wurden in dieser Angelegenheit nicht einmal konsultiert. (Ahmed, Ruh-i-Raushan Mustaqbil, S. 58–59; A. Hamid, Muslim Separatism in India, S. 92)
Auf der Sondersitzung des Indischen Nationalkongresses, die 1923 in Cocanada abgehalten wurde, protestierte Maulana Muhammad Ali in seiner Ansprache als Vorsitzender scharf gegen die Aufhebung der Teilung Bengalens und sagte: „Als Belohnung für ihre Loyalität wurden sie ihrer gerade erst errungenen Rechte beraubt, und der Ausdruck von Zufriedenheit (gegenüber der Regierung) wurde als schwerstes Verbrechen bestraft. Dies ist ein so abscheuliches Beispiel, dass es schwerfallen dürfte, in der Geschichte ein ähnliches zu finden.“
-(Iqbal, Select Writings & Speeches, S. 162)
Viele von ihnen waren zu der Erkenntnis gelangt, dass die britische Regierung die Muslime verraten und einen völligen Kurswechsel vollzogen hatte, dass den Muslimen schwerstes Unrecht widerfahren war und dass ihre stets stolzen Häupter wegen bestimmter terroristischer und gewalttätiger Handlungen gesenkt worden waren. Sie erkannten auch, dass ihr Ansehen vor der Welt Schaden genommen hatte, weil eine vom britischen Parlament gebilligte, über lange Zeit sorgfältig erwogene Entscheidung sieben Jahre später durch eine Erklärung aus dem Mund König Georgs V. geändert worden war. Daher versuchten viele, die Geschichte der Hintergründe der Teilung Bengalens zu verfälschen, um König Georg V. zu schonen. Schließlich beschloss die Regierung, in Dhaka eine Universität zu errichten, um die Muslime Ostbengalens zu trösten und den gewaltigen Verlust auszugleichen, den sie durch die Aufhebung der Teilung Bengalens erlitten hatten, damit die unterentwickelte Bevölkerung dieser Region Zugang zu höherer Bildung erhalten konnte. Zwar waren die Hindus Bengalens über die Vereinigung der beiden Bengalen vor Freude außer sich, doch waren sie keineswegs bereit, den Muslimen irgendeinen Fortschritt oder Wohlstand zuzugestehen. Deshalb traf der Beschluss der Regierung, in Dhaka eine Universität zu errichten, sie wie ein weiterer Donnerschlag. Einige Kongressführer gerieten in heftigen Zorn und protestierten scharf gegen diese Entscheidung. Da die Universität von Kalkutta das wichtigste Zentrum hinduistischer Bildung, Kultur und Einflusses war, begannen sie zu verbreiten, dass ihre Stellung beeinträchtigt würde, wenn ein weiteres konkurrierendes Bildungszentrum errichtet werde. Eine Delegation unter der Führung von Surendranath Banerjee suchte unverzüglich den Vizekönig Lord Hardinge auf. Sie erklärten, die Errichtung einer weiteren Universität in der Provinz werde den Frieden und die Harmonie im nationalen Leben zerstören. Die zwischen den Bewohnern im Einzugsbereich der beiden Universitäten bestehende Uneinigkeit werde weiter zunehmen. Sie warnten den Vizekönig außerdem, der Beginn der neuen Universität werde äußerst unbedeutend und lächerlich sein. Ihrer Ansicht nach werde es an ausreichend begabten Studenten fehlen, und sie bezweifelten, dass eine hauptsächlich für muslimische Bauern vorgesehene Hochschule überhaupt irgendeinen Wert haben könne.
-(Government of India, Speeches by Lord Hardinge of Penhurst, Bd. 1, S. 203–220, Kalkutta, 1916)
In diesem Zusammenhang halte ich es für besonders bemerkenswert, was der verstorbene muslimische Führer Bengalens, A. K. Fazlul Huq, in der Haushaltssitzung der Bengalischen gesetzgebenden Versammlung 1913–14 sagte, und führe davon einen kurzen Auszug an. In seiner Rede sagte er:
„Im Bericht der indischen Regierung vom 25. August wurde versprochen, dass durch die infolge der Aufhebung der Teilung Bengalens vorgenommenen Veränderungen die muslimischen Interessen nicht beeinträchtigt würden. Nun sind achtzehn Monate vergangen, und es ist an der Zeit zu sehen, in welchem Maße sie ihr Versprechen erfüllen. Als der Vizekönig kurz nach der Proklamation des Delhi Durbar in Dhaka eintraf, hatte jeder erwartet, dass er zur Zufriedenstellung der Muslime irgendeine Erklärung abgeben würde. Gewiss haben wir die Ankündigung der Gründung der Universität Dhaka gehört. Aber ich muss ausdrücklich sagen, dass dies im Hinblick auf das, was wir erwartet hatten, äußerst unbedeutend ist. Ich will die Bedeutung der Universität Dhaka nicht herabsetzen. Denn dadurch wird das Hindernis beseitigt, das der Entwicklung des Bildungswesens in Ostbengalen im Wege stand. Ich bestreite auch nicht die außerordentlichen Möglichkeiten und Vorteile einer Wohnuniversität in einem muslimischen Zentrum. Aber ich protestiere gegen die Behauptung, diese Universität werde ausschließlich zum Nutzen der Muslime errichtet oder stelle einen besonderen Schritt dar, um die Muslime zufriedenzustellen. Der Vizekönig hat ausdrücklich gesagt: ‚Diese Universität ist für Hindus wie für Muslime bestimmt, und das sollte sie auch sein.‘ Dies wurde aus der Befürchtung eingeschränkt, unter den Hindus könne eine Reaktion gegen die Teilung Bengalens hervorgerufen werden. Auch eine zusammen mit dieser Universität geplante muslimische Hochschule und eine Fakultät für Islamwissenschaften können nicht als Ausdruck der Absicht verstanden werden, den Muslimen einen Gefallen zu tun. Denn seit mehr als einem halben Jahrhundert unterhält die Regierung in Kalkutta ein ausschließlich hinduistisches College mit vollständig hinduistischem Lehr- und Verwaltungspersonal sowie allen erforderlichen Einrichtungen; und wenn es in Dhaka ein muslimisches College gibt, wird dies die lang hinausgezögerte Anerkennung einer seit langem vernachlässigten Forderung der Muslime sein. Was die Abteilung für Islamwissenschaften betrifft, so ist diese in einer Region, in der die Muslime seit langer Zeit den Wunsch nach einer Ausbildung in Arabisch und Persisch hegen, lediglich die natürliche Folge des Lehrplans der dortigen Universität. Es mag nicht allen bekannt sein, dass eine große Zahl von Schülern aus den Distrikten Ostbengalens in den Madrasas Bengalens studiert; ohne eine Einrichtung zur Befriedigung der Bedürfnisse dieser Bevölkerungsgruppe und zur Erlangung ihrer Bildungsqualifikationen wäre eine Universität keineswegs gerechtfertigt gewesen. Ich hoffe, dass die Regierungsbeamten erkennen werden, dass die Muslime zwar für die Universität Dhaka gestimmt haben, sie diese jedoch – ebenso wenig wie ein muslimisches College und eine Fakultät für Islamwissenschaften – als einen ihnen erwiesenen Gefallen betrachten.“
(Bangladesh Historical Studies, Rede zum Haushalt 1913–14, S. 149–50)
Aus der obigen Erörterung ist deutlich geworden, welche Einstellung und welches Verhalten das hinduistische Indien und die Engländer gegenüber der Teilung Bengalens, der Gründung einer Universität in Dhaka und überhaupt gegenüber den Möglichkeiten und Vorteilen für die Muslime an den Tag legten.
Wir müssen prüfen und untersuchen, was die Muslime durch die Teilung Bengalens und deren Aufhebung gewonnen und was sie verloren haben.
Im Interesse einer ordnungsgemäßen und ausgewogenen Verwaltung hatten die britischen Beamten Indiens schon lange über eine Neuverteilung und Neugliederung bestimmter Provinzgebiete nachgedacht, und im Sekretariat waren hierzu Akten über Akten angelegt worden. Lord Curzon teilte auf dieser Grundlage Bengalen, die größte Provinz, und bildete eine neue Provinz mit dem Namen ‚Ostbengalen und Assam‘. Die Muslime Bengalens hatten von dieser Angelegenheit keinerlei Vorstellung. Durch die Teilung wurden jedoch Hoffnungen auf das umfassende Wohlergehen und die Entwicklung der Muslime im muslimisch geprägten Ostbengalen geweckt. Die hinduistischen Führer Bengalens begannen aus bloßer Eifersucht auf die künftigen Möglichkeiten und Vorteile der Muslime eine heftige Bewegung gegen die Teilung. Diese Bewegung nahm später die Form von Terrorismus und gewaltsamen Aktivitäten an. In dieser Angelegenheit trat die den Muslimen gegenüber feindselige hinduistische Haltung deutlich hervor. Die Muslime empfanden ihre Existenz, ihre Tahzib-o-Tamaddun, ihre Kultur und ihr Erbe im Land Indien als gefährdet. Zu ihrer Selbstverteidigung wurde für die indischen Muslime eine gesamtindische politische Organisation mit dem Namen ‚Muslim League‘ gegründet. Die Muslime erkannten auch die Verschwörung, unter dem Deckmantel einer gemeinsamen Nation von Hindus und Muslimen die Eigenständigkeit der Muslime auszulöschen und sie in der hinduistischen Nation aufgehen zu lassen. Eine Delegation von 36 bedeutenden muslimischen Führern unter der Leitung des Aga Khan erläuterte dem Vizekönig ihre Hoffnungen und Wünsche und führte das System getrennter Wahlen ein. Die Muslime wurden als eigenständige Nation anerkannt; als Folge davon wurde Indien geteilt, und die beiden unabhängigen Staaten Indien und Pakistan traten ins Dasein.
Fünfzehntes Kapitel
Von 1906 bis 1936
Die Geschichte von 1906 bis 1936 – diese dreißig Jahre – bildet ein wichtiges Kapitel in der Freiheitsbewegung der Muslime. Dennoch muss gesagt werden, dass sie in diesen drei Jahrzehnten vom Wechselspiel zwischen Hoffnung und Enttäuschung gepeinigt wurden und ihre politische Gesinnung bisweilen in Verzweiflung erstarrt zu sein schien.
Die beiden Endpunkte dieses Dreijahzehnts waren durch zwei unterschiedliche, leuchtende und lebendige Merkmale gekennzeichnet. Das Jahr 1906 war vom hellen Licht der Hoffnung auf den Aufbruch einer eigenständigen nationalen Identität der Muslime erstrahlt, während sie 1936 gemäß dem Government of India Act von 1935 eifrig daran beteiligt waren, als eigenständige Nation auf der Grundlage getrennter Wahlen an den Wahlen teilzunehmen. Die dazwischenliegende Zeit verging in Konflikten und Auseinandersetzungen mit der benachbarten hinduistischen Gemeinschaft, im Kampf und Wettbewerb um die eigene Selbstbehauptung, in der Darlegung des Selbstbewusstseins der Muslime gegenüber der britischen Regierung; zugleich setzte sich auch die Freiheitsbewegung fort.
Lord Curzon hatte 1905 aus verwaltungstechnischen Gründen die Teilung Bengalens vorgeschlagen. Als Bengalien jedoch geteilt wurde und sich den vernachlässigten Menschen des muslimisch geprägten Ostens die Türen zu Bildung und materiellem Fortschritt öffneten, begann die gesamte hinduistische Gesellschaft, sich heftig gegen diese Teilung zu wenden. Durch diesen blinden Widerstand wurde gerade die Wahrheit enthüllt, dass Hindus und Muslime zwei eigenständige Nationen sind und dass ihre Hoffnungen und Bestrebungen, ihre Religion und religiösen Pflichten, ihre Lebensanschauungen, ihre Gesellschaft und Kultur, ihre Politik und ihre wirtschaftliche Entwicklung völlig eigenständig und voneinander verschieden sind. Von diesem Bewusstsein getragen, wurde 1906 im Namen einer starken muslimischen Delegation bei der Regierung die Forderung nach getrennten Wahlen vorgebracht. Da politische Eigenständigkeit für die nationale Eigenständigkeit unerlässlich ist, entstand 1906 in Dhaka unter dem Namen „Muslim League“ eine politische Organisation der Muslime – ein unvermeidliches Ergebnis des neuen politischen und nationalen Bewusstseins.
Die vollmundige Parole des Indischen Nationalkongresses lautete: Ein-Nationalismus. Doch die geschlossene Bewegung der gesamten hinduistischen Nation zur Aufhebung der Teilung Bengalens entlarvte die Maske ihres Ein-Nationalismus. Die Eigenständigkeit von Hindus und Muslimen trat deutlich hervor, die gegenseitige Verbitterung nahm immer weiter zu und nahm schließlich die Form gemeinschaftlicher Zusammenstöße an. Bei der von den Engländern betriebenen Unterdrückung der Muslime, die sich nach dem tragischen Drama von Plassey bis zum letzten Viertel des neunzehnten Jahrhunderts hinzog, waren die Hindus den Engländern vollkommen ergeben und ihre Lieblinge. Die Muslime dagegen galten ihnen als unglaubwürdig und feindlich. Als jedoch durch die Teilung Bengalens, getrennte Wahlen und dergleichen bei ihnen der Eindruck entstand, die britische Haltung gegenüber den Muslimen habe sich geändert und die Briten seien ihnen gegenüber nun wohlwollend, richtete sich der Zorn der Hindus auch gegen ihre britischen Herren. Danach begann der antibritische Terrorismus.
König Georg V. und Königin Mary kamen 1911 zu einem Besuch nach Indien. Aus Anlass ihrer Ankunft wurde in Delhi ein überaus prunkvoller Durbar abgehalten. Nach dem Durbar verkündete der König zur Bestürzung aller, dass die Hauptstadt Indiens von Kalkutta nach Delhi verlegt werde. Die nächste Verkündung war noch erstaunlicher und unerwarteter. Er erklärte, dass die Teilung Bengalens aufgehoben worden sei. Dies war ein äußerster Verrat an den Muslimen, und unter den Muslimen wurde der Widerstand gegen die Briten immer stärker.
Demgegenüber brachen die Hindus über die Aufhebung der Teilung Bengalens in Jubel aus. Infolgedessen nahmen einerseits die ideologischen und politischen Unterschiede und die Distanz zwischen Hindus und Muslimen zu, ebenso aber auch der Widerstand der Muslime gegen die Briten. Unter den drei Zielen der Muslim League wurde an erster Stelle die Schaffung von Loyalität gegenüber den Briten genannt. Doch die zweite Verkündung König Georgs V. lenkte ihr Denken in eine andere Richtung. Auf der 1912 abgehaltenen Sitzung der Muslim League wurde entsprechend dem wachsenden Protest der Muslime ein Vorschlag angenommen, die Ziele der Organisation zu erweitern. Dies war ein äußerst wichtiger Vorschlag. Durch diese geänderte Zielsetzung wurde der League das feste Ziel gesetzt, die vollständige Freiheit zu erlangen. Dadurch wurde auch die Aufmerksamkeit der muslimischen Mittelschicht auf diese Richtung gelenkt.
Es sei darauf hingewiesen, dass Muhammad Ali Jinnah an der genannten Sitzung der League teilnahm. Dennoch war bei ihm damals noch keinerlei Begeisterung oder Enthusiasmus für die Organisation der League zu erkennen. Der Grund für seine Abneigung gegenüber der League war, dass er bis dahin der Ansicht gewesen war, ihre Politik sei gemeinschaftsbezogen. Er war ein überaus eifriges Mitglied des Kongresses und glaubte an die Einheit von Hindus und Muslimen. In die Politik wurde er von Gopal Krishna Gokhale eingeführt. Gokhale bemerkte: „Jinnah besitzt die Fähigkeit, ein Botschafter der Einheit von Hindus und Muslimen zu sein.“
Da er die formelle Mitgliedschaft in der League nicht als unvereinbar mit seiner Mitgliedschaft im Kongress betrachtete, wurde er Mitglied der League. Sein innigster Wunsch war, als Mitglied der League und des Kongresses zu versuchen, Hindus und Muslime zu einen. Er unternahm auch alle erdenklichen Anstrengungen. Doch bei seinen unermüdlichen Einigungsbemühungen stellte er fest, dass von einer Einigung zwischen Hindus und Muslimen ganz zu schweigen, ihre Eigenständigkeit durch gemeinschaftliche Zusammenstöße immer deutlicher hervortrat. Ihre politischen Ziele und Absichten waren verschieden, und auch ihre Tätigkeiten verliefen in völlig unterschiedlichen Richtungen.
Als 1914 der Erste Weltkrieg begann, unterstützten sowohl der Kongress als auch die Muslim-Liga zu dieser Zeit die Briten. In dieser Zeit wurden die Bemühungen um eine Einheit von Hindus und Muslimen erheblich verstärkt. 1916 wurde in einem gemeinsamen Ausschuss des Kongresses und der Liga der Lucknow-Pakt geschlossen. Dieser Pakt hatte zwei Folgen. Erstens markierte er den Vorläufer der späteren Einheit von Kongress und Liga während der Khilafat-Bewegung. Zweitens erkannte der sich als Bannerträger des Einheitsnationalismus verstehende Indische Nationalkongress durch diesen Pakt die politische Existenz und Bedeutung der Liga an. Der Kongress erkannte die Existenz und Bedeutung der indischen Gesetzgebenden Versammlung an. Der Kongress erklärte sich bereit, den Muslimen in Bengalen 40 Prozent, im Punjab 50 Prozent, in Bihar 25 Prozent und in den Vereinigten Provinzen 30 Prozent der Sitze zuzugestehen. Indem er außerdem das getrennte Wahlsystem akzeptierte, erkannte der Kongress die Eigenständigkeit der Muslime an.
Doch von hinduistischer Seite begann ein heftiger Widerstand gegen den Lucknow-Pakt, und in verschiedenen Regionen Indiens kam es ebenfalls zu kommunalen Unruhen.
Mehrfach ist beobachtet worden, dass jedes Mal, wenn auf irgendeiner Grundlage ein Einigungsversuch zwischen Hindus und Muslimen unternommen wurde, die Mehrheitspartei durch das Anzetteln kommunaler Unruhen diesen Einigungsversuch vereitelte.
Drei Ereignisse dieser Zeit haben in der Geschichte Berühmtheit erlangt: die Khilafat-Bewegung, der Mopla-Aufstand und die Hidschra-Bewegung. Ihre Vorgeschichte darzustellen, halte ich ebenfalls für notwendig.
Im Ersten Weltkrieg leisteten der Kongress und die Muslim-Liga den Briten uneingeschränkte Unterstützung. Als Gegenleistung hofften sie, dass die britische Regierung ihre Mindestforderungen erfüllen würde. Die Erklärung, die der damalige Secretary of State 1917 im House of Commons verlas, enthielt das Versprechen, auf dem indischen Subkontinent schrittweise eine verantwortliche Regierung einzurichten. Doch der 1919 verkündete Reformplan von Montagu und Chelmsford war angesichts der im Lucknow-Pakt formulierten Forderungen völlig unzureichend. Ein weiteres in diesem Jahr erlassenes Gesetz, das als Rowlatt-Gesetz bekannt wurde, versetzte die Inder in Erstaunen und Empörung. Durch dieses Gesetz wurde der Regierung die Befugnis verliehen, ohne den Rat einer Jury strenge Maßnahmen gegen Staatsgegner zu ergreifen. Niemand blieb mehr im Zweifel, dass dieses Gesetz gerade zur Unterdrückung jeder Bewegung in Indien verabschiedet worden war. Dies war die Belohnung, die man den Bewohnern Indiens für ihre uneingeschränkte Unterstützung während des Krieges gewährte. Das Gesetz wurde am 18. März verabschiedet; Gandhi rief aus Protest für den 30. März zu einem landesweiten Generalstreik auf. Während des Generalstreiks kam es im Punjab zu heftigen Zusammenstößen. Infolgedessen ereignete sich in Jallianwala Bagh ein brutakres Massaker. General Dyer ließ erbarmungslos 1.650 Schuss abfeuern, tötete 379 Menschen und verwundete 1.137 weitere und fügte damit der britischen Herrschaft in diesem Land ein besonders schmachvolles Kapitel hinzu.
Die Khilafat-Bewegung
Mit diesen Ereignissen war die Khilafat-Bewegung verbunden. Dazu sind jedoch noch einige weitere Worte nötig. Die indischen Muslime hatten die Herrschaft über dieses Land verloren und verbrachten ihre Tage in seelischem Schmerz und verletztem Selbstgefühl. Sie versuchten, in diesem Schmerz etwas Trost zu finden, indem sie sich auf den Sultan der Türkei stützten. Die Türkei war nicht nur ein muslimischer Staat; vielmehr galt der Sultan der Türkei als Kalif der muslimischen Welt und als Symbol ihrer Einheit. Solange das Mogulreich in Indien mächtig war, wurde dem Sultan der Türkei freilich nicht diese Stellung zugestanden. Später jedoch nahm das panislamische Bewusstsein unter den Muslimen die Türkei als Symbol der muslimischen Einheit an. Im Ersten Weltkrieg trat die Türkei auf die Seite der Gegner Großbritanniens. Die indischen Muslime hofften, dass die Türkei wegen ihrer uneingeschränkten Unterstützung für Großbritannien von jeder Bestrafung verschont bleiben würde. Lloyd George hatte ihnen eine solche Zusicherung auch gegeben. Doch das Ziel der Briten war die Zerstörung des Symbols der Einheit der muslimischen Welt. Deshalb wurde Lawrence als Verkünder des giftigen Zaubers des arabischen Nationalismus unter die Araber gesandt. Der Scherif von Mekka, Scharif Hussein Haschemi, ließ sich durch Lawrences Propaganda beeinflussen, begann unter dem Vorwand der „nationalen Unabhängigkeit der Araber“ unter Missachtung der Einheit der muslimischen Welt einen Krieg gegen die Muslime und stieß der Türkei auf diese Weise einen Dolch in den Rücken. Das Ziel der Briten war es, durch die giftigen Dämpfe eines auf Stammeszugehörigkeit beruhenden, engstirnigen regionalen Nationalismus das Sultanat der Türkei und damit das Symbol der Einheit der muslimischen Welt zu zerstören, und dieses Ziel wurde erreicht. Die Alliierten siegten im Ersten Weltkrieg, und unmittelbar nach ihrem Sieg teilten sie durch ein geheimes Abkommen das gewaltige Osmanische Reich gleichsam wie ein Affenbrot unter sich auf. Im Mai 1919 blieb in der osmanischen Hauptstadt nur noch ein machtloser Sultan übrig. Das gesamte Gebiet von Algerien bis Bahrain wurde zerstückelt und unter Frankreich, Griechenland und Großbritannien verteilt.
Diese Zerstückelung des Osmanischen Staates löste unter den indischen Muslimen heftige Unzufriedenheit aus. Die muslimischen Führer brachten dem Vizekönig von Indien ihren Unmut zum Ausdruck. Eine Delegation führender Persönlichkeiten, darunter Maulana Muhammad Ali Jauhar und Sayyid Sulaiman Nadwi, reiste nach London und legte den britischen Behörden ihre Haltung dar. Darauf wurde erwidert, dass der Türkei außer ihrem eigentlichen Staatsgebiet keine weiteren Gebiete zugesprochen werden könnten. Deshalb begann in Indien eine heftige Khilafat-Bewegung, um das Kalifat für die Türkei wiederherzustellen.
In Indien wurde ein starkes Khilafat-Komitee gegründet. Angesichts der Khilafat-Krise ließ der anderthalb Jahrhunderte lang angesammelte Schmerz und Kummer der Muslime die Flammen eines gewaltigen Protestes hoch auflodern. Der Wegbereiter der Erweckung des muslimischen Bewusstseins war Maulana Muhammad Ali Jauhar. Er war der visionäre Wegweiser auf dem Weg zur Errichtung eines „freien Islam in einem freien Indien“. Durch eine englischsprachige Zeitung namens Comrade bemühte er sich, unter den Muslimen eine neue Erweckung zu bewirken. Er erklärte, die Unterstützung der Khilafat-Bewegung sei eine unerlässliche Pflicht jedes Muslims.
Der Kongress und die kongressfreundliche Jamiat Ulema-e-Hind bekundeten der Khilafat-Bewegung ihre uneingeschränkte Unterstützung. Für den 10. August 1919 wurde im ganzen Land zur Begehung des Khilafat-Tages aufgerufen. Im gesamten Land setzte durch Streiks, Proteste sowie Versammlungen und Kundgebungen eine beispiellose und unaufhaltsame Betriebsamkeit ein. Innerhalb eines Monats stellten sich zwanzigtausend Muslime zur Verbüßung von Gefängnisstrafen. Auf Märkten und Feldern, in Städten und Häfen, in Dörfern und überall auf dem Land sprachen die Menschen nur noch über die Khilafat-Bewegung und ihre Bereitschaft, für sie jedes Opfer und jede Selbstaufopferung zu bringen.
Im November begann in Delhi die Sitzung des Khilafat-Komitees. Herr Gandhi nahm daran teil. In seiner Rede riet er zur Anwendung der Politik der „Nichtkooperation“ gegenüber der britischen Regierung.
Auf der im Mai 1920 abgehaltenen Konferenz des Khilafat-Komitees wurde beschlossen, eine „Nichtkooperationsbewegung“ (Non-Cooperation Movement) ins Leben zu rufen. Durch die Nichtkooperationsbewegung verschärften sich die Proteste gegen die Briten zunehmend.
Im Jahr 1922 erhielt ich an einer Schule in einem abgelegenen Dorf Bangladeschs zum ersten Mal Unterricht. Soweit ich mich erinnere, sah ich in meiner Kindheit, dass die gesamte Bevölkerung – Schüler und Lehrer, Bauern und Arbeiter, Menschen aus allen Gesellschaftsschichten – in ihrem Entschluss zur Wiedererrichtung der Khilafat fest und unbeirrbar war. Alle waren jederzeit bereit, jedes Opfer zu bringen und mit einem Lächeln auf den Lippen ihr Leben zu geben.
Doch trotz alledem sah sich diese lebendige Khilafat-Bewegung einem vorzeitigen Tod gegenüber. Kemal Atatürk aus der Türkei eroberte mit äußerstem Mut und großer Tapferkeit zahlreiche Gebiete aus der Hand der Engländer zurück. Er einte das türkische Volk und verlieh der Türkei erneut den Rang des Ruhmes. Doch unmittelbar nach seinem Machtantritt setzte er im November 1922 Sultan Muhammad Haschim ab; im März 1924 verbannte er den letzten und gleich einer Holzpuppe regierenden Kalifen der Türkei, Sultan Abdul Madschid, aus dem Land und schaffte die Khilafat ab. In Indien endete die Khilafat-Bewegung mit einer Niederlage. Unter den Muslimen machte sich Verzweiflung breit. Doktor Moinul Haq sagt: „Kemal Atatürks Vorgehen versetzte den mit der Khilafat-Bewegung verbundenen Muslimen auf dem indischen Subkontinent einen schweren Schlag. Am tiefsten wurde Maulana Muhammad Ali getroffen, denn er war die Quelle und das Zentrum dieser Bewegung. Scharif Husain, der ein Diener der Briten gewesen war und durch sein Verhalten in der muslimischen Welt unbeliebt geworden war, erklärte sich nun zum Anspruchsteller auf das Kalifat. Die Briten halfen ihm in dieser Angelegenheit in keiner Weise. Andererseits war er auch nicht in der Lage, den Feldzug des Wahhabitenführers Ibn Saud aufzuhalten. Noch vor Ablauf des Jahres führte Ibn Saud einen Feldzug gegen Mekka und Taif, nahm beide ein und weitete auf diese Weise seine Herrschaft über den größten Teil des Hedschas aus.“
-(Dr. Moinul Haq, History of Freedom Movement, Bd. 3, Teil 1; Abul Afak – ein Leben, eine Denkweise, eine Bewegung – (Werk in Urdu), S. 69)
Die Hidschra-Bewegung
Während der Khilafat-Bewegung begann in Indien die Hijrat-Bewegung. Maulana Abul Kalam Azad begann die Hijrat-Bewegung nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis von Ranchi. Die Ulema erließen eine Fatwa, dass Indien Dar al-Harb sei und man von hier aus auswandern müsse, um in ein Dar al-Islam zu gelangen. Der afghanische König Amir Amanullah Khan erklärte auf einer öffentlichen Versammlung: „Die indischen Muslime können selbstverständlich durch Hijrat in unser Land kommen.“ Auf Maulana Azads Vorschlag hin entschlossen sich die Muslime blindlings zur Hijrat. In Delhi wurde ein Hijrat-Komitee gegründet und ordnungsgemäß ein Büro eröffnet. Infolge dieser Bewegung, deren eigentlicher Anreger Maulana Abul Kalam Azad war, verkauften Tausende von Muslimen ihren gesamten Besitz und machten sich auf den Weg nach Afghanistan. Allein im August 1920 zogen achtzehntausend Menschen durch Hijrat fort. Infolge dieser Bewegung wurden zwischen fünfhunderttausend und zwei Millionen Muslime heimatlos, und ihnen widerfuhr unbeschreibliches Elend.
Doch der Kern dieser Bewegung war nichts als eine impulsive Neigung. Ohne jeden wohlüberlegten Plan und ohne die Folgen der Hijrat zu prüfen oder abzuwägen, hatte man sich in diese Bewegung gestürzt.
Ali Sufian Afaki berichtet: „Maulana Maududi und sein Bruder fassten den Entschluss zur Hijrat. Der Sekretär des Hijrat-Komitees, Herr Tajammul Hossain, war mit ihnen verwandt. Er ermutigte die beiden Brüder zur Hijrat. Doch in den Gesprächen stellte sich heraus, dass das Hijrat-Komitee in dieser Angelegenheit keinen vernünftigen Plan hatte. Obwohl die Menschen scharenweise nach Afghanistan gingen, war mit der afghanischen Regierung in dieser Angelegenheit kein Wort gesprochen worden. Mufti Kifayatullah und Maulana Ahmad Saeed waren in dieser Angelegenheit führend. Herr Maududi traf diese beiden und wies auf die Mängel und Fehler einer planlosen Bewegung hin. Nachdem sie die Fehler eingeräumt hatten, baten sie Herrn Maududi, einen Plan auszuarbeiten. Herr Maududi sagte, man müsse zunächst bei der afghanischen Regierung erkundigen, ob sie bereit sei, die aus Hindustan ausgewanderten Menschen wieder anzusiedeln, und wie diese Wiederansiedlung erfolgen solle. Man sprach mit dem afghanischen Botschafter. Er sagte: ‚Seine Regierung befinde sich derzeit in großer Verlegenheit. Zwar zögere die Regierung, diejenigen, die nach Afghanistan gegangen seien, zurückzuschicken, doch sei sie trotzdem nicht in der Lage, ihre Last zu tragen.‘ Damit fand die Hijrat-Frage hier ihr Ende.“
– (Abul Afak: „Ein Leben, ein Gedankengang, eine Bewegung“, S. 77–78).
Auf diese Weise kam der gewaltige Schwung der Khilafat- und der Hijrat-Bewegung in Indien plötzlich zum Stillstand, und beide Bewegungen scheiterten. Für dieses Scheitern waren die indischen Muslime keineswegs verantwortlich. Ihr Scheitern war allein der Türkei zuzuschreiben. Kemal Pascha beendete nicht nur das Kalifat. Er schickte auch den Kalifen für zwei Jahre ins Exil. Die lodernde Flamme, die in Indien unter dem Vorwand der Khilafat-Bewegung aufgestiegen war und die indische Regierung erschreckt hatte, erlosch gewissermaßen durch einen Rauchschleier und zerschmetterte die Hoffnung und Begeisterung der Muslime.
Der Einigungsversuch zwischen Hindus und Muslimen, der sich im Verlauf dieser Bewegung entwickelt hatte, scheiterte ebenfalls mit dem Scheitern der Bewegung. Zwischen Hindus und Muslimen begannen erneut blutige Zusammenstöße. Unabhängig davon, ob Gandhis Unterstützung der Khilafat-Bewegung aufrichtig war oder nicht, konnten viele hinduistische Mitglieder des Kongresses diese Bewegung nicht von Herzen unterstützen. Viele von ihnen fragten sich: Welchen Nutzen haben sie davon, das Kalifat der Muslime wiederherzustellen? Zwar hielt die Khilafat-Bewegung die Neigung zu kommunalen Zusammenstößen unter ihnen einige Zeit lang nieder, doch nach dem Scheitern der Khilafat-Bewegung erhob sie wieder ihr Haupt. Unter dem Vorwand, vor den Moscheen gewaltsam Musik zu spielen, lösten sie Unruhen aus, und diese Unruhen nahmen die Gestalt blutiger Zusammenstöße an und breiteten sich überall aus. Der Unterschied zwischen den Gemeinschaften trat unter ihnen immer deutlicher hervor. Wann immer die seit anderthalb Jahrhunderten vernachlässigten und rückständigen Muslime in ihrem Lebensbereich irgendwelche Chancen oder Vergünstigungen beanspruchen wollten, kam es zwangsläufig zu Konflikten mit der zahlenmäßig und machtmäßig überlegenen Gemeinschaft. Die hinduistischen Zamindare Bengalens und die Händler Punjabs begannen damals, ihre muslimischen Pächter und Schuldner grausam zu unterdrücken. Die Khilafat- und die Nichtkooperationsbewegung hatten in den Menschen den Anstoß zu öffentlicher Empörung geweckt; nachdem beide Bewegungen zum Stillstand gekommen waren, fand diese Empörung durch kommunale Zusammenstöße ihren Ausdruck.
Der Moplah-Aufstand
Der damalige Moplah-Aufstand stand mit der Khilafat-Bewegung in Verbindung. Bei der Niederschlagung dieses Moplah-Aufstands trat einerseits die gewalttätige Gestalt der englischen Herrscher deutlich hervor, während andererseits auch die feindselige Haltung der Hindus gegenüber den Muslimen zum Ausdruck kam.
Zu Beginn des Werkes wurde bereits einiges über die Mopla berichtet. Sie sind muslimische Bewohner der Malabar-Region in Südindien und behaupten, von arabischen Kaufleuten abzustammen. Sie waren äußerst mutig und gottesfürchtig. Da sie von den Engländern ausgebeutet und unterdrückt wurden, erhoben sie sich 1873, 1885, 1894 und 1896 gegen die Briten. Deshalb wurden sie wiederholt von den Briten misshandelt. Ackerbau und Fischerei waren ihre wichtigsten Lebensgrundlagen. In Bildung und Ausbildung waren sie rückständig, und hinduistische Zamindare, Geldverleiher und Steuereinnehmer tyrannisierten und misshandelten sie aufs Äußerste. Auch mit ihren Bitten und Eingaben an die britischen Machthaber erzielten sie keinerlei Ergebnis. Ihre Leidensgeschichte reicht daher weit zurück. Unter der Unterdrückung durch britische und hinduistische Zamindare und Geldverleiher gingen sie über Generationen hinweg elend zugrunde. Dann begann in Indien gegen Ende des zweiten Jahrzehnts des 20. Jahrhunderts die Khilafat- und die Nichtkooperationsbewegung. Die Welle dieser Bewegung erreichte auch Malabar. Wie bereits gesagt, waren die Mopla freiheitsliebend, mutig und gottesfürchtig. In der Hoffnung, dass die Wiederherstellung des islamischen Kalifats und zugleich die Erlangung der Unabhängigkeit Indiens ihre langjährige Unterdrückung und Ausbeutung beenden würden, schlossen auch sie sich mit großer Begeisterung und Tatkraft der Khilafat- und der Nichtkooperationsbewegung an. Danach begannen ihre Zusammenstöße mit den Machthabern. Die benachbarte hinduistische Bevölkerung unterstützte die herrschende Klasse nach Kräften bei ihrer Unterdrückung. So mussten die Mopla zugleich gegen die herrschende Gruppe und gegen die hinduistische Gemeinschaft kämpfen.
Für die Beschreibung der haarsträubenden und herzzerreißenden Geschichte der Barbarei und Grausamkeit, die die britische Regierung bei der Unterdrückung der Mopla an den Tag legte, lassen sich keine Worte finden. Während die Misshandlungen und Verfolgungen gegen sie andauerten, verbot die Regierung in ganz Malabar die Abhaltung öffentlicher Versammlungen, den Zugang von Nachrichten und Zeitungen von außen sowie die unzensierte Übermittlung von Nachrichten, Telegrammen und Briefen aus Malabar ins Ausland. Malabar wurde hinter einen eisernen Vorhang gestellt. Falls dennoch irgendwie Berichte über ihre Misshandlungen nach außen drangen und die Menschen in der Außenwelt, insbesondere Muslime, Mitgefühl für sie entwickelten, starteten eigennützige Kreise eine heftige Propaganda gegen die Mopla. Diese Propaganda war unbegründet, erfunden und reine Fiktion. Im Jahr 1922 wurden von Hindus in Saharanpur und Amritsar zwei Propagandaschriften veröffentlicht.
In der in Amritsar veröffentlichten Broschüre mit dem Titel „Dastan-e Zulm“ wurde durch die Schilderung angeblich unerhörter Misshandlungen von Hindus durch die Mopla versucht, die hinduistische Gemeinschaft gegen die Muslime aufzubringen. Gegen die Mopla wurden Vorwürfe wie Mord, Plünderung, Brandstiftung, die Entführung hinduistischer Frauen und die zwangsweise Bekehrung zum Islam erhoben. In der Darstellung hieß es: Wenn das Opfer der Verfolgung ein hinduistischer Mann sei, werde er zunächst gebadet, sein Haar nach muslimischer Art geschnitten und anschließend in eine Moschee gebracht, wo man ihn zwinge, das Glaubensbekenntnis zu sprechen, ihn beschneide und ihm muslimische Kleidung anziehe. Handelte es sich um eine Frau, so werde ihr lediglich ein bestimmtes farbiges Mopla-Kleid angezogen und eine bestimmte Art von Ohrringen angelegt.
In der aus Saharanpur veröffentlichten Broschüre „Malabars blutige Geschichte“ wurde behauptet, die Mopla hätten ihre hinduistischen Nachbarn aufgefordert, sich der Khilafat-Bewegung anzuschließen. Wer sich anschloss, sei verschont worden; andernfalls habe man denjenigen, der sich weigerte, im Haus der Mopla eingesperrt und ihn mit Gewalt gezwungen, Rindfleisch zu essen. Danach seien seine Verwandten vor seinen Augen getötet worden. Habe er sich auch dann nicht gefügt, sei er getötet, seine zerstückelte Leiche in einen Brunnen geworfen und sein Haus niedergebrannt worden.
Während einerseits Bemühungen um die Einheit von Hindus und Muslimen stattfanden und durch die gemeinsamen Anstrengungen beider Gemeinschaften im Rahmen der Khilafat- und Nichtkooperationsbewegung die Voraussetzungen für die Unabhängigkeitsbewegung in Indien geschaffen wurden, beschränkte man sich andererseits nicht darauf, die hinduistische Gemeinschaft gegen die Muslime aufzuwiegeln und sie dadurch lediglich von der Khilafat- und Nichtkooperationsbewegung abzubringen; vielmehr wurde im ganzen Land zu massenhaften Massakern an Muslimen aufgerufen. Für eine bestimmte Gruppe von Menschen war die Ausrottung der Muslime wichtiger als die Erlangung der Unabhängigkeit. Daher vergifteten sie durch die Verbreitung erfundener Geschichten das kommunale Klima, wodurch in ganz Indien neue Unruhen und Ausschreitungen ausbrachen.
Diese verhängnisvolle Propaganda blieb den Muslimen, die die Khilafat-Bewegung unterstützten, nicht verborgen. Das Zentrale Khilafat-Komitee entsandte ein Komitee, das genaue Informationen über die Mopla sammeln sollte. In dem von ihm vorgelegten Bericht wurden vor allem und in erster Linie die örtlichen Regierungsbeamten für den Mopla-Aufstand verantwortlich gemacht. Es hieß darin, die Lage sei völlig normal und ruhig gewesen, und es habe keinerlei Anzeichen eines Aufstands gegeben. Wie die Muslime in den übrigen Teilen Indiens schlossen sich auch die Mopla-Muslime der Khilafat-Bewegung an, worauf die örtliche Regierung daranging, sie mit harter Hand zu unterdrücken. Die Brutalität der Polizei zwang sie zum Aufstand. Der Zusammenstoß begann damit, dass die Polizei den Sekretär des örtlichen Khilafat-Komitees festnahm und ihn an einen Baum band. Danach wurde seine Frau vor seinen Augen herbeigebracht und entkleidet, während er hilflos zusehen musste. Ein Polizeikonstabler schlug ihn ins Gesicht. Anschließend wurde ein anderer Khilafat-Aktivist unter dem erfundenen Vorwurf der Waffenherstellung angeklagt. Schließlich überfiel die Polizei die Häuser der Mopla, plünderte all ihre Habseligkeiten und misshandelte mancherorts die Bewohner bestialisch. Ohne sich dadurch entwaffnen zu lassen, eröffneten sie rücksichtslos das Feuer auf die Mopla. Die Mopla waren von Natur aus freiheitsliebend, mutig und tapfere Kämpfer. Als sie einer solchen grausamen Unterdrückung ausgesetzt wurden, stellten sie sich entschlossen und unter Einsatz ihres Lebens der Polizei entgegen und waren schließlich fest entschlossen, den Kampf fortzusetzen. In dem daraufhin begonnenen Kampf wurden die vereinten Kräfte von Polizei und Magistrat besiegt und von ihren Dienststellen vertrieben. Sie flohen und ließen zahlreiche Waffen zurück. Danach geriet die Lage vollständig unter die Kontrolle der Mopla. Bis dahin hatten sie ein gutes Verhältnis zu den Hindus gehabt. In der angespannten Lage schützten die Mopla das Leben und Eigentum der Hindus. Im August 1921 erklärten die Mopla förmlich ihre Unabhängigkeit. Innerhalb einer Woche nach Beginn des Aufstands entrissen die Mopla der britischen Regierung zwei große Taluks namens Ernad und Valluvanad und errichteten dort einen unabhängigen Khilafat-Staat.
Zwei Wochen später entsandte die britische Regierung Hunderte Soldaten, kleine und große Panzer, Kanonen, Bomben, mehrere Kanonenboote und Kriegsschiffe nach Malabar und schuf eine Lage, als sei ein großer Krieg gegen eine gewaltige Macht begonnen worden. Während des ersten Kampfes kamen einige tyrannische Zamindare und Geldverleiher, ebenso wie die Polizei, im Zorn der Bevölkerung ums Leben. Die britische Regierung gab der Angelegenheit einen konfessionellen Charakter und hetzte die Hindus gegen die Mopla auf. Daraufhin rückten die hinduistische Bevölkerung sowie Zamindare und Geldverleiher mit Unterstützung der Soldaten und der Polizei vor. Die meisten Hindus begannen, die Mopla auszuspionieren, und ließen sie zu Unrecht verhaften. So mussten die Mopla den Kampf sowohl gegen die Briten als auch gegen die Hindus aufnehmen. Doch wie lange konnten die unglücklichen Mopla gegen die gewaltige, gut organisierte britische Armee kämpfen? Hunderte Freiwillige der Arya Samaj kamen aus Indien unter dem Vorwand, Hilfsgüter zu verteilen, nach Malabar und unterstützten dort auf vielfältige Weise Polizei und Soldaten.
Die Moplahen führten ihren Kampf mit äußerstem Mut einen ganzen Monat lang gegen die Briten und die Hindus fort. Die Regierung bombardierte die Moplah-Gebiete aus der Luft und beschoss sie von Kriegsschiffen und mit Kanonen wahllos, wobei fast zehntausend Männer, Frauen und Kinder ums Leben kamen; ihre Häuser, Geschäfte und Felder verwandelte sie in Trümmer. Danach begannen mit Unterstützung der hinduistischen Bevölkerung Massenverhaftungen sowie teuflische Misshandlungen und Verfolgungen. Ein Vorfall liefert den Beweis für die Teufelei und Barbarei der Regierung. Etwa hundert angesehene Moplah-Führer wurden verhaftet, in einen Güterwaggon gepfercht und bei verschlossenen Türen nach Kalikut gebracht. Als man am Zielort die Türen öffnete, stellte man fest, dass sechzig von ihnen gestorben waren und die übrigen im Sterben lagen. Auch ihren Leichnamen wurde keinerlei Achtung erwiesen. Eine derart teuflische und grausame Behandlung von Menschen durch Menschen lässt sich, ganz zu schweigen vom Goldenen Zeitalter, nicht einmal in der Geschichte der Urzeit finden.
Nachdem die Misshandlungen und Verfolgungen durch die Polizei und Soldaten der britischen Regierung überlebt hatten, begann man mit der Aburteilung der Überlebenden. Etwa zwanzigtausend Moplahen, Männer und Frauen, wurden verhaftet. Auch in der Haft wurden sie unmenschlich misshandelt. Zu ihrer Aburteilung richtete die Regierung Sondergerichte ein. Da es Anwälten von außerhalb nicht gestattet wurde, nach Malabar zu kommen, erhielten die unglücklichen Moplahen nicht einmal die Möglichkeit, sich selbst zu verteidigen. Während der Verhandlungen begann in den Häusern der Angeklagten ein verzweifeltes Ringen um Nahrung und Kleidung. Wegen Nahrungsmangels starben viele Männer, Frauen und Kinder. In jener Zeit hallten Luft und Himmel Malabars wider von den herzzerreißenden Klagen und dem Weinen der Unterdrückten. Fast tausend Menschen wurden zum Tode verurteilt. Die Zahl der Moplahen, die zu lebenslanger Haft, langjähriger Zwangsarbeit oder zur Deportation verurteilt wurden, betrug über zweitausend. Nur sehr wenige Moplahen wurden freigesprochen. Etwa achttausend Moplahen erhielten Zwangsarbeitsstrafen von fünf bis zehn Jahren. Bei den übrigen betrug die Haftstrafe bei keinem weniger als sechs Monate. Fast alle Imame der Moscheen in den betroffenen Gebieten wurden des Hochverrats beschuldigt. Auf diese Weise wurden auch die Moscheen dem Untergang preisgegeben. Nachdem die verurteilten Moplahen mehrere Jahre im Exil unbeschreibliches Leid erduldet hatten, gestattete die Regierung ihren Familien, nach Andaman zu gehen und bei ihnen zu leben. Auf diese Weise gelang es der britischen Regierung, die Moplahen aus Malabar nahezu vollständig zu vertreiben, und sie empfand darüber Genugtuung.
In der Geschichte der indischen Khilafat- und Nichtkooperationsbewegung ist die Schilderung der von der britischen Regierung gegen die Moplahen verübten Misshandlungen die erschütterndste und ergreifendste. Gandhi und der Kongress verhielten sich in dieser Angelegenheit völlig schweigsam.
In jener Zeit, als die gewaltige Flut der Khilafat- und Nichtkooperationsbewegung über das Land hereinbrach, lag das muslimische Leben gleichsam im Sterben, und die schwache Stimme der Muslime drang nicht bis an die Ohren der britischen Regierung. Nur das Khilafat-Komitee konnte den hilflosen Moplahen unter großen Mühen etwas Hilfe leisten. Andernfalls wären noch viele Moplahen, Männer, Frauen und Kinder, vorzeitig dem Tod anheimgefallen. Das Verhalten des Kongresses gegenüber den Moplahen schmerzte viele muslimische Mitglieder des Kongresses; gerade weil der Kongress Unterstützung genoss, bewahrte er Stillschweigen.
Wenn man die Geschichte Indiens der vergangenen Jahrhunderte unter gleichzeitiger Betrachtung der britischen Regierung sowie der Hindus und Muslime untersucht, wird deutlich, dass die Briten und die hinduistische Gemeinschaft auf dem Subkontinent in jeder Hinsicht ihre Rolle als erklärte Feinde der Muslime erfüllt haben. Ihr einziges Ziel war die Ausrottung der muslimischen Nation von diesem Subkontinent. Bei der Erörterung der späteren Geschichte wird diese Wahrheit noch deutlicher werden.
(Muslim Separatism in India. Abdul Hamid sowie Amader Mukti Sangram, Muhammad Waliullah, siehe.)
Die äußerst grausame Niederschlagung des Aufstands der Moplahen, das Scheitern der Khilafat- und Nichtkooperationsbewegung sowie die völlige Gleichgültigkeit des Kongresses und Gandhis gegenüber den Moplahen führten erneut zu einem Bruch in den hindu-muslimischen Beziehungen. In einem Bericht, den Dr. Mahmud, der 1924 von Herrn Gandhi entsandt worden war, Gandhi nach der Sammlung von Informationen bei der hinduistischen Gemeinschaft Malabars erstattete, hieß es, gegen die Moplahen lägen Beschuldigungen vor. Die Anschuldigung, sie hätten Hindus gewaltsam zu Muslimen gemacht, sei völlig unbegründet und haltlos. Darauf erwiderte Gandhi: „Niemand kennt die wahre Wahrheit.“
– (The Indian Quarterly Register, 1942, Bd. 1, Nr. 2, S. 645; Muslim Separatism in India, A. Hamid, S. 160)
Gandhis oben angeführte Äußerung beweist, dass für ihn kein Wort der Muslime glaubwürdig ist und dass er alles, was ein Hindu sagt, bereitwillig als unfehlbare Wahrheit annimmt.
Was nach diesen traurigen Ereignissen geschah, war noch trauriger. Im September 1922 griffen Hindus in Multan anlässlich des Muharram die Muslime an. Im folgenden Jahr verschlimmerte sich die Lage in Saharanpur, wo bereits im Vorjahr durch die Verteilung einer Broschüre mit dem Titel „Malabars blutige Geschichte“ das kommunale Feuer der Hindus geschürt worden war. Bei diesem kommunalen Konflikt in Saharanpur kamen 300 Menschen ums Leben, von denen die meisten Muslime waren. Im Jahr 1924 ereigneten sich an verschiedenen Orten 18 Unruhen. Dieser kommunale Konflikt breitete sich rasch bis nach Bihar und Bengalen aus und nahm bis 1926 ein großes Ausmaß an.
Gezielte Angriffe auf den Islam und die Muslime
Die Indische Muslim-Liga verlor allmählich ihre Popularität. In der Khilafat- und der Nichtkooperationsbewegung war sie in dieser Hinsicht schon zuvor ins Hintertreffen geraten. Während der kommunalen Unruhen zwischen Hindus und Muslimen im ganzen Land konnte sie mit den von der Polizei unterstützten Hindus nicht mithalten. Daher überstieg es ihre Möglichkeiten, den Muslimen bei den Unruhen nennenswerte Hilfe zu leisten. Da andererseits zahlreiche Kongressmitglieder, die sowohl dem Gewaltlosigkeitsprinzip als auch der kommunalen Eintracht vertrauten, weiterhin zu Unruhen aufstachelten, wurde auch der Kongress bei den Muslimen zum Gegenstand des Hasses. In der Hoffnung auf kommunale Eintracht zeigten die Muslime eine übermäßige Großzügigkeit und verletzten dabei die überlieferten Grundsätze des Islam. Sie gestatteten dem Führer des Arya Samaj, Swami Shraddhanand, von der heiligen Kanzel der Jama Masjid in Delhi aus zu sprechen. Die beispiellose Großzügigkeit, die die Muslime ihm und damit der Hindu-Gesellschaft erwiesen, indem sie die Heiligkeit der Moschee beeinträchtigten, vergalt Swami Shraddhanand auf eine Weise, die als unvergleichliches Beispiel in der Geschichte des Verrats fortbesteht.
Es sei darauf hingewiesen, dass dieser Führer des Arya Samaj auch ein bedeutendes Mitglied des Kongresses war und wegen seiner Teilnahme an der Nichtkooperationsbewegung inhaftiert wurde. Während seines Aufenthalts im Gefängnis von Lahore führte er geheime Beratungen mit einem hochrangigen englischen Beamten des Punjab und wurde noch vor Ablauf seiner Haftzeit freigelassen. Kaum aus dem Gefängnis entlassen, machte er es sich zum Ziel, Muslime zum Hinduismus zu bekehren und sie in eine neue unberührbare Unterschicht zu verwandeln. Auf diese Weise setzte er sich mit aller Kraft dafür ein, die muslimische Nation auf die Stufe einer unreinen Kaste herabzudrücken. In Gurgaon, Alwar, Bharatpur und anderen Orten wurden zahlreiche ungebildete Muslime durch allerlei Verlockungen und Drohungen zur Konversion gebracht. Vor ihrer Konversion wurden die Muslime gezwungen, Wasser mit Kuhdung zu trinken und sich von Kopf bis Fuß mit Kuhdungwasser zu waschen und darin zu baden. Mit vollem Eifer wurde so die gewaltsame Bekehrung der unschuldigen und ungebildeten Muslime zum Hinduismus fortgesetzt.
Die britische Regierung hegte niemals irgendeinen ehrerbietigen Umgang mit den Muslimen und ihrer Religion. Andernfalls hätte sie diese religiöse Unterdrückung, wenn sie gewollt hätte, ohne Weiteres beenden können. Doch sie bewahrte völliges Schweigen. Diese üble Tätigkeit der Arya-Samaj-Anhänger – vermutlich auf Anweisung einiger mächtiger englischer Regierungsbeamter – hatte die Muslime derart aufgebracht und erregt, dass ein gewisser Abdul Rashid Shraddhanand am helllichten Tag tötete und damit dieser üblen Tätigkeit ein Ende setzte. Als dieser Abdul Rashid unbekannter Herkunft zum Tode verurteilt wurde, bestieg er mit einem Lächeln im Gesicht den Galgen.
Nach diesem Ereignis begann Gandhi selbst öffentlich, den Islam zu beleidigen. Auf öffentlichen Versammlungen sagte er immer wieder: „Der Islam weiht die Anhänger anderer Religionen in die Lehre ein, sie zu töten, und die Muslime betrachten dies als den Weg zur Erlösung im Jenseits.“
Durch Gandhis oben angeführte Äußerung war das muslimische Indien zutiefst verletzt und empört. Maulana Muhammad Ali äußerte bei einer Rede in der Jama Masjid von Delhi sein Bedauern und sagte: „Gandhis Äußerung muss eine vernichtende Antwort erhalten. Denn durch diese Äußerung wird der heilige und erhabene Dschihad des Islam falsch ausgelegt.“
Daraufhin verfasste Maulana Sayyid Abul Ala Maududi ein äußerst schlüssiges und maßgebliches Werk mit dem Titel „Al-Dschihad fi al-Islam“. Darin behandelt er mit ausführlicher Gelehrsamkeit die Grundsätze des Islam, seine Zwecke und Ziele, den islamischen Krieg und Friedensschluss sowie internationale Grundsätze und Beziehungen. Außerdem werden die irrigen Vorstellungen widerlegt, die Gandhi durch seine Äußerungen über den Islam und den islamischen Dschihad zu verbreiten versucht hatte.
Ich halte es für nicht unangebracht, den Lesern einige Informationen über dieses Werk zur Kenntnis zu bringen.
In den ersten fünf Kapiteln dieses umfangreichen Werkes werden die Würde des islamischen Dschihad, der Selbstverteidigungskrieg, der Reformkrieg, die Verbreitung des Islam und das Schwert sowie die islamischen Rechtsbestimmungen über Krieg und Friedensschluss ausführlich beleuchtet.
Im sechsten Kapitel werden die Kriegsgrundsätze der hinduistischen, buddhistischen, jüdischen und christlichen Religionen erörtert.
Im siebten Kapitel werden Krieg und Friedensschluss unter den Bedingungen der gegenwärtigen Zivilisation behandelt. Ohne jeden Zweifel kann gesagt werden, dass bis heute in keiner Sprache der Welt von irgendjemandem ein derart informationsreiches, schlüssiges und maßgebliches Werk über dieses Thema verfasst worden ist.
Diese Ehre verlieh Allah, der Erhabene, allein Maulana Sayyid Abul Ala Maududi.
Allama Iqbal lobte das Werk überschwänglich. Das Werk wurde ins Bengalische übersetzt und umfasst 592 Seiten.
Die Organisationsbewegung
Der Führer der „Sangathan-Bewegung“, Lala Hardayal, erklärte öffentlich, dass die Muslime entweder zum Hinduismus übertreten oder ihre Bündel schnüren und Indien verlassen müssten.
Im Jahr 1925 erklärte ein Hindu-Führer namens Satyadev: „Da wir als Mehrheit mächtig sind, werden wir den Muslimen die folgenden Bedingungen vorlegen:
„Der Koran darf nicht als heilige Schrift anerkannt werden, und auch Muhammad darf nicht als Prophet anerkannt werden. Die muslimischen Feste müssen aufgegeben und die hinduistischen Feste gefeiert werden. Statt muslimischer Namen müssen Namen wie Ramdid und Krishnakhan angenommen werden. Anstelle der arabischen Sprache muss auf Hindi gebetet werden.“
– (Eine Geschichte der Freiheitsbewegung, die in der bengalischen Presse reflektierte Meinung der bengalischen Muslime – 1901–30, Mustafa Nurul Islam.)
Zeitgleich mit der Schuddhi-Bewegung des Arya Samaj hetzten Dr. Moonje und Bhai Parmanand durch die „Sangathan“-Bewegung die Hindus gegen die Muslime auf. In der Folge kam es an verschiedenen Orten zu blutigen kommunalen Zusammenstößen. Als die Lage immer kritischer wurde, trat Dr. Saifuddin Kitchlew gemeinsam mit der Bewegung auf den Plan. Durch ihre unermüdlichen Bemühungen wurde die verheerende Dynamik der „Schuddhi“- und „Sangathan“-Bewegung teilweise eingedämmt.
Doch die Flamme des kommunalen Hasses war aus den Herzen der Hindus keineswegs gelöscht. Ein Arya-Samajist namens Rajpal aus Lahore entfachte das Feuer des Muslimhasses erneut. Er veröffentlichte ein Buch mit dem Titel „Rangila Rasul“, in dem dem Charakter des Propheten Muhammad Mustafa abscheuliche und schändliche Verleumdungen angehängt wurden. Dadurch wurden die religiösen Gefühle der Muslime aufs Schwerste verletzt. Daraufhin tötete ein Muslim namens Ilmuddin Rajpal und schritt lächelnd zum Galgen.
Forderung nach der Eigenständigkeit muslimisch besiedelter Gebiete
Die kommunalen Unruhen und Ausschreitungen gingen nicht zurück, sondern nahmen weiter zu und erreichten ein erschreckendes Ausmaß. 1927 legte Maulana Hasrat Mohani aus Kanpur in einer Erklärung gegenüber der Presse einen Vorschlag vor, der die Eigenständigkeit der von Muslimen besiedelten Gebiete Indiens forderte. Man kann ihn als den ersten Wegweiser auf dem Weg der Pakistan-Bewegung bezeichnen.
Allparteienkonferenz
Unterdessen bemühten sich Maulana Muhammad Ali, Herr Muhammad Ali Jinnah, Maulana Abul Kalam Azad, Hakim Ajmal Khan, Frau Sarojini Naidu, Raja Gopalacharia, Dr. Ansari und andere führende Persönlichkeiten mit aller Kraft darum, die kommunale Harmonie wiederherzustellen, doch sie fanden keinen Weg, die Unruhen zu verhindern. Schließlich wurde 1928, im Vorfeld der in Kalkutta stattfindenden Kongresssitzung, eine Allparteienkonferenz einberufen. Führende Hindus, Muslime und Sikhs Indiens nahmen an der Konferenz teil. Der scheidende Kongresspräsident Dr. Mukhtar Ahmad Ansari führte den Vorsitz. Doch durch die Halsstarrigkeit der radikalen Hindus scheiterte die Konferenz.
Um die kommunale Harmonie herzustellen, waren die Muslime bereit, in den gesetzgebenden Versammlungen ihrer Provinzen mit muslimischer Mehrheit einige der ihnen aufgrund ihrer einfachen Mehrheit zustehenden Sitze den Nichtmuslimen zu überlassen, und im Gegenzug verlangten sie in der Zentralen Gesetzgebenden Versammlung zusätzlich zu den ihnen rechtmäßig zustehenden Sitzen einige Sitze in Höhe von drei Prozent; sie waren bereit, in den gesetzgebenden Versammlungen ihrer Provinzen mit muslimischer Mehrheit einige der ihnen aufgrund ihrer einfachen Mehrheit zustehenden Sitze den Nichtmuslimen zu überlassen, und im Gegenzug verlangten sie in der Zentralen Gesetzgebenden Versammlung zusätzlich zu den ihnen rechtmäßig zustehenden Sitzen einige Sitze in Höhe von drei Prozent. Dies war die Forderung, eine größere Zahl von Sitzen abzugeben und dafür im Zentrum einen geringfügigen Vorteil zu erlangen. Doch die meisten hinduistischen und Sikh-Führer der Konferenz widersetzten sich diesem Vorschlag mit Nachdruck und lehnten ihn entschieden ab. Die wiederholten Bitten von Herrn Muhammad Ali Jinnah, im Austausch für die größere Freigebigkeit der Muslime ein geringes Maß an Freigebigkeit zu zeigen, blieben erfolglos. So endete die Allparteienkonferenz ohne jeden Beschluss in völligem Scheitern.
Muhammad Ali Jinnahs historische Vierzehn Punkte
Herr Muhammad Ali Jinnah war zunächst ein überaus begeistertes und ergebenes Mitglied des Kongresses und ein Botschafter der hinduistisch-muslimischen Einigung. Doch seine langjährigen Bemühungen um Einigung scheiterten. Das Verhalten der hinduistischen Kongressmitglieder und ihre feindselige Politik gegenüber den Muslimen schmerzten ihn zutiefst. Daraufhin brach er auf der Kongresssitzung von Nagpur im Dezember 1921 seine langjährige Verbindung zum Kongress ab. Bis zur Allparteienkonferenz von 1928 hielt er sich jedoch davon zurück, den Kongress öffentlich zu bekämpfen. Als er auf dieser Konferenz die feindselige Haltung der Hindus und Sikhs bemerkte, war er zutiefst erschüttert. Unmittelbar danach legte er auf der in Delhi abgehaltenen Muslimischen Konferenz seinen Vorschlag der Vierzehn Punkte vor. Besonders bedeutsam an diesen Vierzehn Punkten waren die Abtrennung Sindhs von Bombay und die Bildung der Provinz Sindh, die Einführung von Verwaltungsreformen in Belutschistan und der Grenzprovinz, die Verteilung der Sitze in den gesetzgebenden Versammlungen der Provinzen mit muslimischer Mehrheit im Verhältnis zur Bevölkerungszahl sowie die Einführung gesonderter Wahlen für Muslime bei der Wahl von Vertretern in den autonomen Einrichtungen des Landes. Von da an trat Herr Jinnah, der später Quaid-e-Azam genannt wurde, offen gegen den Kongress auf. Später wurden im Communal Award des britischen Premierministers Ramsay MacDonald die meisten Punkte der „Vierzehn Punkte“ anerkannt. Darüber hinaus erhielten die beiden hinduistisch geprägten Gebiete Orissa und Assam den Status eigenständiger Provinzen.
Simon-Kommission
Mit dem Ziel, die künftige Politik hinsichtlich der Verwaltung Indiens festzulegen oder die indische Unabhängigkeitsbewegung zu unterdrücken, entsandte die britische Regierung 1928 eine Königliche Kommission nach Indien. Vorsitzender dieser Kommission war Sir John Simon. Da kein indisches Mitglied in die Kommission aufgenommen worden war, beschlossen der Kongress, die Muslim-Liga und andere politische Parteien, die Kommission zu boykottieren. Als die Mitglieder der Kommission in Bombay landeten, wurden ihnen schwarze Flaggen gezeigt. Die Simon-Kommission unterbreitete jedoch in London den Vorschlag, eine Rundtischkonferenz abzuhalten.
Rundtischkonferenz
Gemäß den Empfehlungen der Simon-Kommission wurde 1930 in London eine Round-Table-Konferenz einberufen. Der Kongress nahm an dieser Konferenz nicht teil. Die Einladung nahmen unter anderem Maulana Muhammad Ali, Mr. Muhammad Ali Jinnah, Mr. A. K. Fazlul Haq, Sir Muhammad Ismail, Aga Khan, Sir Abdul Qaiyum, Sir Abdul Halim Ghaznavi, Sir Hyderi, Sir Muhammad Shafi und Sir Shah Nawaz Bhutto an. Nach ihrer Ankunft in London wählten die muslimischen Mitglieder Seine Hoheit den Aga Khan zu ihrem Führer.
Die Konferenz dauerte nahezu zwei Monate. Maulana Muhammad Ali nahm trotz seiner angegriffenen Gesundheit an ihr teil und hielt, während er krank auf seinem Sitz Platz nahm, seine längste, neunzig Minuten dauernde Rede. Die leidenschaftliche Rede dieses Feuergeistes war einerseits Literatur von höchstem Rang und andererseits ein herausragender Beitrag zur Geschichte der indischen Unabhängigkeitsbewegung. Bei der unter dem Vorsitz Seiner Majestät König Georgs V. abgehaltenen Konferenz kritisierte er die britische Regierung in einer Weise, die für ihn selbst das Kostbarste in seinem Leben war. An einer Stelle seiner Rede sagte er mit äußerst bewegter Stimme: „Ich möchte mit dem Wesentlichen der Unabhängigkeit Indiens in meine Heimat zurückkehren. Wenn ihr uns die Unabhängigkeit nicht gewährt, halte ich es für besser, in einem freien Land zu sterben, als in die Heimat zurückzukehren.“
Diese aufrichtige Äußerung war eine Prophezeiung, die sich schon sehr bald buchstäblich erfüllen sollte. Er sollte nicht mehr in seine geliebte Heimat zurückkehren. Indien wurde nicht unabhängig; vielmehr endete wenige Tage später sein Leben in London selbst.
Maulana Muhammad Ali war wiederholt inhaftiert worden und hatte lange Jahre im Gefängnis verbracht, wodurch seine Gesundheit völlig zerrüttet war. Sein plötzlicher Tod stürzte die Millionen Männer und Frauen Indiens in ein Meer der Trauer. Am 4. Januar 1930 starb er, und diese niederschmetternde Nachricht verbreitete sich mit großer Geschwindigkeit in der gesamten muslimischen Welt. Die vornehme Gesellschaft der Welt war zutiefst erschüttert und sandte weiterhin Telegramme, um diesem Löwen Indiens die letzte Ehre zu erweisen.
Maulana Muhammad Ali war wiederholt inhaftiert worden und hatte lange Jahre im Gefängnis verbracht, wodurch seine Gesundheit völlig zerrüttet war. Sein plötzlicher Tod stürzte die Millionen Männer und Frauen Indiens in ein Meer der Trauer. Am 4. Januar 1930 starb er, und diese niederschmetternde Nachricht verbreitete sich mit großer Geschwindigkeit in der gesamten muslimischen Welt. Die vornehme Gesellschaft der Welt war zutiefst erschüttert und sandte weiterhin Telegramme, um diesem Löwen Indiens die letzte Ehre zu erweisen.
Gemäß dem letzten Willen Maulana Muhammad Alis wurde sein Leichnam nicht in das unterworfene indische Land gebracht, sondern im Hof der Omar-Moschee des Kalifen in Bayt al-Maqdis beigesetzt.
Mit dem Tod des patriotischen, dichterischen und literarischen, journalistischen und beredten Maulana Muhammad Ali Jauhar entstand auf dem politischen Feld Indiens eine Lücke, die nie wieder geschlossen wurde. Als man ihn jedoch auf seiner Reise nach London mithilfe einer Trage im Hafen von Bombay auf das Schiff brachte, sagten viele mit erstickter Stimme: „Wer wird Sie in Indien ersetzen?“ Darauf antwortete er: „Unter euch bleibt Muhammad Ali Jinnah.“ Auch dieser letzte Wunsch von ihm ging in Erfüllung. In der Folge wurden die Hoffnungen und Wünsche der Muslime durch die unermüdlichen Bemühungen Muhammad Ali Jinnahs verwirklicht.
Die zweite Round-Table-Konferenz
Die Indische Nationalkongresspartei hatte die erste Round-Table-Konferenz boykottiert. Darüber hinaus begann Herr Gandhi die Bewegung zur Missachtung der Salzgesetze und brachte dadurch die britische Regierung in Indien in Bedrängnis. Die Regierung versuchte ihrerseits, die Bewegungsteilnehmer mit harter Hand niederzuschlagen. Unter diesen Umständen trafen sich führende Persönlichkeiten wie Sir Tej Bahadur Sapru, der Nawab von Bhopal, Hamidullah Khan, Srinivasa Shastri und Shri Jayakar mit Herrn Gandhi zu Gesprächen, um eine Einigung mit der Regierung herbeizuführen. In den Gesprächen zeichnete sich eine Möglichkeit zum Kompromiss ab. Nach direkten Gesprächen Gandhis mit dem Vizekönig erklärte sich der Kongress bereit, an der zweiten Round-Table-Konferenz teilzunehmen.
Herr Gandhi reiste als einziger Vertreter des Kongresses zur im August 1931 geplanten Round-Table-Konferenz nach London. Nach seiner Ankunft in London erfuhr er, dass die Regierung die Tefschili-Gemeinschaft ebenso wie die Muslime als eigenständige Gemeinschaft anzuerkennen entschlossen war. Gandhi war nicht bereit, dies hinzunehmen, und kehrte aus Protest nach Indien zurück. Gandhi wurde zusammen mit den Aktivisten der anti-britischen Bewegung ins Gefängnis geworfen.
Nach Gandhis Verlassen der Round-Table-Konferenz wurde die Konferenz noch zwei Monate lang fortgesetzt, und es wurden zahlreiche Unterausschüsse gebildet. Zur Prüfung der Berichte dieser Ausschüsse wurde im August des folgenden Jahres die dritte Tagung der Round-Table-Konferenz einberufen.
Dritte Round-Table-Konferenz
In der Frage der Zahl der Sitze der Muslime in den verschiedenen gesetzgebenden Versammlungen und des Wahlverfahrens nahmen die hinduistischen Mitglieder ihre herkömmlich feindselige Haltung ein. Die Hindus versuchten, die Round-Table-Konferenz in ähnlicher Weise zum Scheitern zu bringen, wie sie durch ihre bei der 1928 in Kalkutta abgehaltenen Konferenz bekundete kompromisslose Haltung jene Konferenz zum Scheitern gebracht hatten. Doch unter der fähigen Führung des Aga Khan, insbesondere durch Herrn Muhammad Ali Jinnah, trugen die muslimischen Führer ihre berechtigten Forderungen mit solcher Sachkunde und solchen Argumenten vor, dass die britische Regierung bereit war, den größten Teil davon anzunehmen. Auch die Rolle führender Persönlichkeiten wie Sir Muhammad Shafi, Sir Abdul Halim Ghaznavi und Sir Akbar Hydari war neben derjenigen des Aga Khan und Herrn Muhammad Ali Jinnah besonders bemerkenswert. Nachdem Pandit Madan Mohan Malaviya, Dr. Moonje, Shri Jayakar und andere führende Persönlichkeiten nach Beratung mit den übrigen hinduistischen Mitgliedern in der Debatte unterlegen waren, übertrugen sie dem damaligen britischen Premierminister Ramsay MacDonald die Entscheidung über die oben genannte Frage — die Verteilung der Sitze der Muslime in den gesetzgebenden Versammlungen und das Wahlverfahren.
Da MacDonald in der Vergangenheit Sympathien für die Hindus gezeigt hatte und ein entschiedener Unterstützer des Kongresses gewesen war, setzten die Hindus großes Vertrauen in ihn. Doch in dem von ihm verkündeten Kommunalen Schiedsspruch (Communal Award) wurde die Zahl der Sitze für die Muslime und die anderen Gemeinschaften in den verschiedenen gesetzgebenden Versammlungen festgelegt. Auch das getrennte Wahlverfahren wurde anerkannt. Lediglich durch einige Änderungen bei der Zahl der Sitze wurde versucht, die Regelung für beide Seiten annehmbar zu machen.
Die Hindus waren über MacDonalds Erklärung bestürzt und fassungslos, denn sie hatten niemals mit etwas Derartigem gerechnet. Besonders der Vorschlag getrennter Wahlen auch für die zur Tefschili-Gemeinschaft gehörenden Hindus erfüllte sie mit großer Bestürzung. Herr Gandhi verbüßte damals im Gefängnis von Yerwada seine Haft. Aus Protest gegen die getrennten Wahlen kündigte er einen Hungerstreik bis zum Tod an.
Der Puna-Pakt
Einerseits begaben sich die hinduistischen Führer nach Pune und baten Gandhi wiederholt, sein Fasten abzubrechen, während andererseits die Kastenhindus Druck auf die Scheduled Castes ausübten, die entsprechenden Bestimmungen der Aufteilung zu ändern. Unter dem Vorsitz des Dichters Rabindranath fand eine Konferenz statt. Dr. Ambedkar, der Führer der Scheduled Castes, fügte sich den Kastenhindus, und es wurde beschlossen, dass den Scheduled Castes in den verschiedenen gesetzgebenden Versammlungen zwar Sitze vorbehalten bleiben sollten, sie jedoch durch ein gemeinsames Wahlsystem gewählt werden mussten. Dieses Abkommen wurde in der Geschichte unter dem Namen Poona-Pakt bekannt.
Es sei darauf hingewiesen, dass das Ziel des Indischen Nationalkongresses beziehungsweise der indischen Kastenhindus darin bestand, die gesamte Bevölkerung Indiens im Mahlwerk einer einheitlichen Nationalität zu zermahlen und eine solche Nationalität hervorzubringen, deren Herrschaft und Führung in den Händen der hinduistischen Mehrheit liegen würde. Dadurch sollte die muslimische Nation mit der künstlichen Nationalität verschmolzen und ihre Eigenständigkeit ausgelöscht werden. Durch die staatliche Anerkennung getrennter Wahlen für die Muslime wurde jedoch auch deren nationale Eigenständigkeit anerkannt. Dadurch wurden die lang gehegten Hoffnungen der Kastenhindus zunichtegemacht, und ihr ganzer Zorn richtete sich gegen die britische Regierung, die einst ihr engster Freund, Wohltäter und Vormund gewesen war. Deshalb entstand der Terrorismus. Zerstörerische Aktivitäten, die Plünderung von Waffenlagern, politische Morde und ähnliche immer neue Ereignisse nahmen ihren Anfang. Zu den bemerkenswerten Ereignissen jener Jahre gehörten die Plünderung des Waffenlagers von Chittagong unter der Führung des hinduistischen Terroristen Surya Sen, die Ermordung von Khan Bahadur Ahsan Ullah, einem der führenden Beamten der Geheimdienstabteilung, der Angriff auf einen europäischen Klub und die Ermordung mehrerer Männer und Frauen, die Ermordung des Bezirksmagistrats von Midnapur sowie die Dynamitverschwörung. Diese den Terror hervorbringenden Ereignisse ereigneten sich innerhalb von zwei oder drei Jahren während der Londoner Rundtischkonferenz.
Government of India Act
Das nächste bedeutende Ereignis war der Government of India Act von 1935. Der Inhalt beziehungsweise Zweck dieses Gesetzes bestand in der Errichtung einer teilweise verantwortlichen Regierung in den Provinzen und einer föderalen Regierung im Zentrum. Durch den Government of India Act verblieb beim Vizekönig und den Provinzgouverneuren mehr Macht, als die britische Regierung den Indern durch die Montagu-Chelmsford-Reformen übertragen hatte. Es wurde außerdem angekündigt, dass dieses neue Gesetz zur Regierung Indiens ab April 1937 in Kraft treten würde.
Die Kongressführung konnte keineswegs mit dieser eingeschränkten oder kontrollierten Macht (Controlled Power) zufrieden sein. Dennoch nahm sie nach allerlei Ausflüchten an den nach dem neuen Gesetz abgehaltenen Wahlen teil. Die Übernahme von Ministerämtern lehnte sie jedoch ab. Wie der Kongress später in sieben Provinzen Indiens Regierungen bildete und während ihrer zweieinhalbjährigen Herrschaft den Muslimen Unrecht, Ungerechtigkeit und Unterdrückung zufügte, wodurch den Muslimen der Weg zur Pakistanbewegung eröffnet wurde, wird später ausführlich erörtert werden.
Nach der Verkündung des Government of India Act von 1935 richtete Herr Muhammad Ali Jinnah einen eindringlichen Aufruf an alle, sich unter dem Banner der Muslim League zu versammeln. Bei den allgemeinen Wahlen von 1937 wurden auch einige Mitglieder in die Muslim League gewählt. Bis dahin hatte sich die Bewegung der Muslim League noch nicht zu einer Volksbewegung entwickelt. Nach den Wahlen streckte Herr Jinnah dem Kongress die Hand zur Zusammenarbeit entgegen. Der Kongress wies dies jedoch zurück. Für einen tatkräftigen und berühmten Juristen wie Jinnah war es nicht möglich, sich der oben erwähnten Arroganz des Kongresses zu beugen. Nach vielen Kränkungen und verletztem Stolz und nachdem der Kongress aufgrund der Zusicherungen des Vizekönigs Linlithgow bereit war, eine Regierung zu bilden, wies Herr Jinnah die Mitglieder der League an, sich dem zu widersetzen.
Die Unabhängigkeitsbewegung Indiens setzte sich im Verlauf der Auseinandersetzungen zwischen der League und dem Kongress fort. Die stiefmütterliche Behandlung der Muslime durch die Hindus, die Missachtung der Tahzib und Tamaddun der Muslime, die Versuche, in den von Kongressregierungen beherrschten Provinzen ein hinduistisches Ram Rajya zu errichten, sowie das Unrecht und die Ungerechtigkeit des hinduistischen Kongresses gegenüber den Muslimen zwangen die Muslime zum Kampf um eine eigene Heimstätte. Dieser Kampf fand mit der Entstehung zweier unabhängiger Staaten namens Indien und Pakistan im Jahr 1947 seinen Abschluss.
Zweiter Teil
Erstes Kapitel
Im ersten Teil der „Geschichte der Muslime Bengalens“ wurde ausführlich die Geschichte der muslimischen Herrschaft über Bengalen – beziehungsweise über den östlichen Teil des indischen Subkontinents – behandelt, angefangen mit der ersten Ankunft der Muslime in Bengalen bis zu ihrer mehr als fünfeinhalb Jahrhunderte währenden Herrschaft über Bengalen (1302–1757 n. Chr.). Danach wurde die Geschichte des Zeitraums vom Beginn der britischen Herrschaft in diesem Gebiet bis zur Zeit vor dem Inkrafttreten des Government of India Act von 1935 behandelt.
Nun möchte ich im zweiten Teil dieser Geschichte die Geschichte des Zeitraums vom Inkrafttreten des oben genannten Gesetzes von 1935 bis zur Teilung Indiens im Jahr 1947 erörtern.
Auch wenn die Teilung Indiens manchen Menschen bedauerlich erscheinen mag, war sie eine unvermeidliche und natürliche Realität. Nachdem in einem Land die Herrschaft einer kleinen Zahl von Muslimen über die mehrheitlich nichtmuslimische Bevölkerung errichtet worden war und tausend- bis zwölfhundert Jahre andauerte, lebten Muslime und Nichtmuslime während dieser langen Zeit friedlich und freundschaftlich nebeneinander. Warum konnten sie in der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts nicht mehr zusammenleben? Die genaue und objektive Geschichte dessen müssen die gegenwärtigen und künftigen Generationen unbedingt kennen. Wenn man die fortlaufende Geschichte des Verhaltens der Hindus und der Briten gegenüber den Muslimen seit der Errichtung der britischen Herrschaft, insbesondere die zweieinhalb Jahre währende Missregierung des Kongresses in Britisch-Indien, unter einem unvoreingenommenen Blickwinkel erörtert, wird man zu der Erkenntnis gelangen, dass die Teilung Indiens eine unvermeidliche und natürliche Realität war.
Mit dem Inkrafttreten des Government of India Act von 1935 wurde in den Provinzen eine begrenzte Autonomie eingeführt. Der Kongress war in sieben Provinzen mit hinduistischer Bevölkerungsmehrheit in der Lage, ohne die Unterstützung anderer Parteien Regierungen zu bilden, und begann, berauscht von seiner Macht, den Muslimen gegenüber ein derart unmenschliches Verhalten an den Tag zu legen, dass die Muslime ihre Existenz auf diesem Subkontinent als gefährdet zu betrachten begannen. Die Beziehungen zwischen Hindus und Muslimen verschlechterten sich aufs Äußerste; im ganzen Land kam es zu erschütternden kommunalen Auseinandersetzungen, und Leben, Besitz, Ehre und Scham der Muslime wurden fortwährend verletzt und geplündert. Die Lage nahm schließlich eine Richtung, aus der es keinerlei Möglichkeit zur Umkehr mehr gab. Indien wurde in zwei voneinander getrennte unabhängige Staaten geteilt. Hinter dieser Teilung standen der unerschütterliche religiöse Glaube und die Ideale der indischen Muslime, die Vorstellung einer eigenständigen Nation, ihre eigene Geschichte, ihr eigenes Erbe und ihre eigene Zivilisation und Kultur sowie die große Furcht, dass ihre nationale Existenz zusammen mit alledem ausgelöscht werden könnte. Die eine Seite wollte die andere Seite in Knechtschaft halten oder sie andernfalls aus dem Herzen Indiens ausrotten. Die andere Seite wollte mit Selbstachtung und all ihren Rechten weiterleben. Ich hoffe, dass sich diese Wahrheit in einer unparteiischen Betrachtung der Geschichte erweisen wird.
Government of India Act von 1935
Dieses Gesetz trat am 1. April 1937 in Kraft. Der zweite Teil des Gesetzes über die Indische Föderation trat nicht in Kraft, weil eine bestimmte Anzahl indischer Fürstenstaaten die Föderation nicht akzeptieren konnte.
Ein besonderes Merkmal dieses Gesetzes war, dass es den Provinzen erstmals eine gesetzlich eigenständige Existenz verlieh. Sindh wurde von Bombay getrennt und zum Status einer eigenständigen Provinz erhoben. Der Nordwestliche Grenzprovinz wurde erstmals der volle Provinzstatus verliehen. Durch die Herabsetzung des erforderlichen Vermögensanteils der Wahlberechtigten wurde die Zahl der Wähler erhöht.
Nach dem Gesetz soll es in jeder Provinz einen Ministerrat geben, und der Gouverneur soll dessen Empfehlungen befolgen. In bestimmten Fällen darf er jedoch, wenn er dies wünscht, nach eigenem Ermessen entscheiden. Die Dyarchie wird abgeschafft. In der Provinz soll es ein Ministerium nach britischem Vorbild geben, und der Gouverneur soll seine Amtsgeschäfte nach dessen Rat führen.
Wahl zu den Provinzialversammlungen
Die Wahlen zu den Provinzialversammlungen fanden im Februar und März 1937 statt. Gegen Ende des Jahres 1936 veröffentlichten die Muslim League und der Kongress ihre Wahlmanifeste. Die Sozialpolitik beider Manifeste war ähnlich. Auch in politischen Fragen lagen sie nicht weit voneinander entfernt. In zwei Punkten jedoch bestanden erhebliche Meinungsverschiedenheiten zwischen ihnen. Zum einen war die Muslim League verpflichtet, die Urdu-Sprache und -Schrift zu bewahren und weiterzuentwickeln. Der Kongress hingegen war entschlossen, Hindi zur Staatssprache Indiens zu machen. Zweitens hielt die Muslim League an getrennten Wahlen fest, während der Kongress ihr entschieden entgegenstand. 1916 akzeptierte der Kongress die getrennten Wahlen und unterzeichnete mit der Muslim League ein Abkommen, das als Lucknow-Pakt bekannt wurde. Viele Kongressführer priesen den Lucknow-Pakt überschwänglich und betrachteten ihn als Brücke zur hindu-muslimischen Einigung. Später jedoch brach der Kongress dieses Abkommen und begann, sich gegen getrennte Wahlen zu wenden. Trotz des heftigen Widerstands des Kongresses blieben die getrennten Wahlen bis zur Teilung Indiens in Kraft.
Im Manifest der Muslim League fand sich nichts, was der hindu-muslimischen Einigung entgegenstand. Im Gegenteil, es enthielt einen eindeutigen Aufruf zur Zusammenarbeit. Der Kongress wies diesen Aufruf der Muslim League zur Zusammenarbeit hochmütig zurück. Der Kongress behauptete, alle Inder bildeten eine Nation und der Kongress sei die politische Organisation, die das indische Volk vertrete. Die Wahlen von 1937 bewiesen jedoch, dass diese Behauptung falsch war.
Aus dem veröffentlichten Wahlergebnis ging hervor, dass der Kongress von insgesamt 1.771 Sitzen nur 706 gewann, also weniger als die Hälfte. Die Mehrheit der muslimischen Sitze errang die Punjab Unionist Party von Sir Fazl-e-Husain. Da die Muslim League bis dahin unorganisiert war, gewann sie 102 der 482 Sitze. Doch wie viele muslimische Sitze errang der Kongress als Partei, die sowohl Hindus als auch Muslime vertrat? Von den 58 Sitzen, um die er kandidierte, gewann er nur 26. Im Punjab gewann er 18 von insgesamt 175 Sitzen und in Bengalen 60 von 250.
(The Struggle for Pakistan, I. H. Qureshi. Übersicht über das Wahlergebnis in Indien, November 1937)
Von insgesamt 35 Millionen Stimmen erhielt der Kongress ungefähr 15 Millionen. Damit war seine Behauptung, die einzige politische Organisation Indiens zu sein, widerlegt.
In den Vereinigten Provinzen wurde auf einem Kongress-Ticket nur ein einziger Muslim gewählt. Er wurde in einem besonderen Universitätswahlkreis durch eine gemeinsame Wahl gewählt. Der Provinzvorsitzende des Kongresses – ein Muslim – unterlag bei der Wahl. (The Struggle for Pakistan, I. H. Qureshi)
In sechs der elf Provinzen des Landes gelang es dem Kongress, die Mehrheit der Sitze zu erringen. Diese sechs waren Bombay, Madras, die Vereinigten Provinzen, die Zentralprovinzen, Bihar und Orissa. In den Provinzen mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit konnte er jedoch trotz vieler Bemühungen keine ausreichende Zahl muslimischer Kandidaten aufstellen. In drei der genannten sechs Provinzen – Bombay, den Zentralprovinzen und Orissa – konnte kein vom Kongress nominierter muslimischer Kandidat den Sieg erringen.
Nach dem neu eingeführten Gesetz ließen die Provinzgouverneure die Führer der Mehrheitsparteien in den Provinzparlamenten zu sich kommen. In fünf Provinzen, darunter der Nordwestgrenzprovinz und Assam, wurden Ministerien gebildet, die ab dem 1. April als autonome Einheiten ihre Arbeit aufnahmen. In den übrigen sechs Provinzen weigerte sich der Kongress, Ministerien zu bilden, solange die Gouverneure nicht zusicherten, von der Ausübung ihrer besonderen verfassungsmäßigen Befugnisse abzusehen. Die Gouverneure lehnten eine solche Zusicherung ab. Daraufhin wurde die Bildung von Übergangsministerien eingeleitet, an denen die Vertreter jener Parteien oder Gruppen beteiligt werden sollten, die zur Bildung eines Ministeriums bereit waren. Unter muslimischer Führung wurden in Bombay, Bihar und den Vereinigten Provinzen Übergangsministerien gebildet, und auch einige Mitglieder der Muslimliga erhielten darin Ministerposten. Sie wurden jedoch nicht als „Ministerien der Muslimliga“ bezeichnet.
Stillstand in der Frage der Schutzbestimmungen
In den Instruktionen, die den Provinzgouverneuren auf Grundlage des Government of India Act von 1935 erteilt wurden, wurde ihnen eine besondere Verantwortung übertragen. Ihre besondere Aufgabe bestand darin, darauf zu achten, dass die im Gesetz zugesicherten Schutzbestimmungen (Safeguards) zur Wahrung der Interessen der Minderheiten beachtet wurden.
Es hieß:
Die den Gouverneuren nach dem Government of India Act von 1935 erteilten Instruktionen übertrugen den Provinzoberhäuptern besondere Verantwortlichkeiten. Dazu gehörte der „Schutz aller berechtigten Interessen der Minderheiten“. Der Gouverneur hatte im Allgemeinen sicherzustellen, dass jene ethnischen oder religiösen Gemeinschaften, deren Mitgliedern eine besondere Vertretung in der Legislative gewährt wurde, sowie jene unter seiner Obhut stehenden Bevölkerungsschichten, die wegen ihrer geringen Zahl, fehlender Bildungs- oder materieller Vorteile oder aus irgendeinem anderen Grund noch nicht voll auf gemeinsames politisches Handeln in der Legislative für ihr Wohlergehen vertrauen konnten, weder Schaden erlitten noch berechtigten Anlass hatten, Vernachlässigung oder Unterdrückung zu befürchten.
Im genannten Gesetz wurde der Schutz aller berechtigten Interessen sämtlicher Arten von Minderheitengemeinschaften zugesichert. Den Provinzgouverneuren wurde eine besondere Verantwortung übertragen, darauf zu achten, dass ihre Interessen geschützt würden.
Es gibt bestimmte ethnische und religiöse Gemeinschaften, deren Mitgliedern eine besondere Vertretung in der Legislative eingeräumt wurde und die wegen ihrer geringen Zahl, mangelnder materieller Möglichkeiten oder aus irgendeinem anderen Grund noch nicht vollständig auf die von der Legislative beschlossenen gemeinsamen politischen Maßnahmen für ihr Wohlergehen vertrauen können. Diese Gemeinschaften und Klassen sollten keinerlei Not leiden und keinen Anlass haben, Vernachlässigung oder Unterdrückung zu befürchten. Auf diese Weise wurde den Gouverneuren die Verantwortung für den Schutz ihrer Interessen übertragen.
Mit den Minderheiten Indiens sind hauptsächlich die Muslime gemeint, und sie kämpfen seit Langem für die Wahrung all ihrer Interessen sowie für Schutzvorkehrungen.
Dieser Subkontinent war die Heimat mehrerer Völker, unter denen es sowohl Mehrheiten als auch Minderheiten gab. Diese Tatsache erkannte der Kongress nicht an. Der Kongress behauptete, es gebe nur eine einzige repräsentative Organisation aller Inder, und diese sei der Kongress. Mr. Gandhi sagte gegenüber einem Vertreter der News Chronicle: „Hier gibt es nur eine einzige Partei, die Gutes bewirken kann, und das ist der Kongress. Außer dem Kongress werden wir keine andere Partei anerkennen.“
Er sagte ferner: „Wie ihr sie auch nennen mögt, in Indien kann es nur eine einzige Partei geben, und das ist der Kongress.“ (Muslim Separatism in India, A. Hamid, S. 217)
Auch Jawaharlal Nehrus Haltung war dieselbe. Er sagte: „Selbst mit Hilfe eines Mikroskops lässt sich nicht entdecken, dass es in Indien irgendeine Minderheitengemeinschaft gibt. Im Land gibt es nur zwei Parteien – den Kongress und die Regierung. Alle anderen müssen unsere Arbeitsweise anerkennen und mit uns zusammenleben. Wer nicht mit uns ist, ist gegen uns.“
Das war der Ausdruck der oben genannten faschistischen Geisteshaltung Pandit Nehrus. – Muslim Separatism in India, A. Hamid.
Das Gesetz von 1935 sieht zum Schutz der Interessen der Minderheiten Schutzvorkehrungen vor und überträgt den Provinzgouverneuren besondere Verantwortung, damit die Interessen der Minderheiten nicht beeinträchtigt werden. Wenn es jedoch, wie Pandit Jawaharlal Nehru sagte, in diesem Land überhaupt keine Minderheiten gibt, dann besteht nach Ansicht des Kongresses auch keine Notwendigkeit, dass die Gouverneure zur Wahrnehmung ihrer besonderen Verantwortung ihre Sondervollmachten ausüben. Dies bedeutet eindeutig, dass der Kongress keineswegs bereit ist, die Interessen der Muslime zu schützen. Aus diesem Grund verweigerte der Kongress die Bildung von Ministerien und hielt dadurch den Stillstand aufrecht.
Schließlich kam es zu einer Kompromissvereinbarung zwischen dem Vizekönig Lord Linlithgow und dem Kongress, auf deren Grundlage das Congress Working Committee am 7. Juli einen Antrag annahm, dem Kongress die Bildung von Ministerien zu gestatten.
Nachdem der Vizekönig insgeheim eine vollständige Zusicherung gegeben hatte, legte der Kongress alle Vorbehalte ab und bildete im Juli 1937 in sieben Provinzen Ministerien. Nachdem der Premierminister von Assam, Sir Muhammad Saadullah, 1938 zurückgetreten war, wurde in Assam unter Gopinath Bordoloi ein Koalitionsministerium des Kongresses gebildet. In all diesen Provinzen wurden die Interessen der Muslime mit Füßen getreten. Dies wird später erörtert werden.
Wahlergebnisse
Bevor wir die heftige Reaktion untersuchen, die nach der Bildung der Kongressministerien im muslimischen Indien entstand, wollen wir zunächst erörtern, wie die Lage in den Provinzen war, in denen seit Beginn des Jahres 1937 Regierungen gebildet worden waren.
Bengalen
Die parteipolitische Zusammensetzung der bengalischen Legislative nach den Wahlen war wie folgt:
Kongress 54
Hindus außerhalb des Kongresses 42
Unabhängige Muslime 43
Muslim-Liga 40
Andere Muslime 38
Europäer und Anglo-Inder 31
Parteilose Muslime 2
Insgesamt >>> 250
Unter den Muslimen, die nicht der Muslim League angehörten, waren 35 Mitglieder der Krishak Praja Party. Anführer dieser Partei war Maulvi A. K. Fazlul Huq (Sher-e-Bangla). Hier gab es außer der Bildung einer Koalitionsregierung keinen anderen Weg zur Bildung eines Ministeriums. Daher wurde im April 1937 eine Koalitionsregierung aus der Muslim League, der Krishak Praja Party, der Scheduled Castes sowie unabhängigen oder nicht dem Kongress angehörenden Kastenhindus gebildet, deren Anführer Sher-e-Bangla A. K. Fazlul Huq war. Er bildete ein zehn Mitglieder umfassendes Ministerium, dem fünf Muslime und fünf Hindus angehörten.
Es sei darauf hingewiesen, dass Herr Fazlul Huq nach der Wahl auf einer am 3. Februar in Munshiganj abgehaltenen öffentlichen Versammlung das Programm seiner Partei bekannt gab. Am 15. Februar genehmigte der Exekutivausschuss der Krishak Praja Party das mit den Führern dieser Partei geschlossene Abkommen zur Umsetzung der neuen Verfassung der Muslim League. Am 6. März erklärte sich Herr Fazlul Huq bereit, ein Ministerium zu bilden. Auf Bitten von Quaid-e-Azam Muhammad Ali Jinnah trat Herr Huq der Muslim League bei. Danach wurde er als Premierminister von Bengalen vereidigt.
Fazlul Huqs Koalitionsministerium konnte nicht ungehindert arbeiten. Denn der Kongress leistete diesem Ministerium auf Schritt und Tritt erbitterten Widerstand. Dies hatte jedoch zur Folge, dass die muslimische Einheit innerhalb und außerhalb des Parlaments in dem Maße gefestigt und gestärkt wurde, wie Widerstand geleistet wurde.
Nach der Bildung der Koalitionsregierung verbesserten sich die Beziehungen zwischen der Krishak Praja Party und der Muslim League. Auf der im September 1837 in Lakhnau abgehaltenen Sitzung der All-India Muslim League nahm er teil und erklärte, dass die Mitglieder seiner Partei der Muslim League beitreten würden. Seinem Ministerium gehörten Khawaja Nazimuddin und Huseyn Shaheed Suhrawardy an.
Die viereinhalbjährige Amtszeit von Sahib Fazlul Huq als Premierminister brachte sowohl in seinem Leben als auch in der muslimischen politischen Kraft des ungeteilten Bengalen eine neue Welle hervor. Seine Regierung vermochte unter der Bevölkerung große Hoffnung zu wecken und unter den Muslimen Selbstvertrauen zu schaffen. Ihr bisheriges Minderwertigkeitsgefühl verschwand, und sie betrachteten die Hindus als ihresgleichen. Die Reden von Fazlul Huq und Suhrawardy im Parlament, ihre schlagfertigen Erwiderungen auf die Worte der Gegner und ihre Geistesgegenwart waren denen der Führer des Kongresses und der Hindu Mahasabha deutlich überlegen. Durch ihre Tatkraft und Weisheit, ihre scharfe Urteilskraft, ihre fließende Beredsamkeit und organisatorische Fähigkeit sowie durch ihre harte Arbeit und geistige Stärke bewiesen sie im Parlament ihre Überlegenheit gegenüber den hinduistischen Mitgliedern.
Das neue Leben, das unter den Muslimen Bengalens erwachte, blieb nicht auf die vier Wände des Parlamentsgebäudes beschränkt. Es zeigte sich in allen Bereichen menschlicher Tätigkeit, unter anderem in der politischen Organisation, der Literatur, der Kunst, dem Journalismus und dem Sport. Die Muslimliga entwickelte sich zu einer starken, lebendigen Organisation und ließ unter den Muslimen neues Leben und neues Vertrauen entstehen.
Die Vorherrschaft, die hinduistische Dichter und Literaten fast ein Jahrhundert lang über die bengalische Literatur ausgeübt hatten, fand mit dem Aufstieg Kazi Nazrul Islams am literarischen Himmel ein Ende. Er stand dabei nicht allein; auch die unvergänglichen Beiträge der Dichter Jasimuddin, Golam Mostofa, Benazir Ahmad und anderer zur Welt der Dichtung sind unbestreitbar. Die islamischen, murschidi- und bhatiali-Lieder, die in den bezaubernden Melodien des Musikkaisers Abbasuddin gesungen wurden, erfüllten die Herzen der Muslime mit islamischer Inspiration.
Der Aufstieg einer neuen muslimischen Presse leistete einen gewaltigen Beitrag zu dieser muslimischen Renaissance. Zwar erschienen in Kalkutta einige Monats- und Wochenzeitschriften, doch gab es keine regelmäßig erscheinende Tageszeitung. 1936 erwies Maulana Akram Khan der muslimischen Nation einen großen Dienst, indem er die Tageszeitung Azad herausgab, und Fazlul Huqs Koalitionsministerium unterstützte dies aktiv. Die von Abdul Karim Ghaznavi herausgegebene Tageszeitung The Star of India und die von Khwaja Nuruddin herausgegebene Tageszeitung The Morning News vertraten damals die Hoffnungen und Bestrebungen der Muslime.
Die erste Regierung von Sher-e-Bangla A. K. Fazlul Huq (1937–1941) kann in der Geschichte der parlamentarischen Regierung Bengalens als ein goldenes Zeitalter bezeichnet werden. In dieser Zeit bereiste er die Provinzen Bihar, Orissa und Assam, organisierte die Muslimliga und formte sie zu einer starken Organisation. Er hielt Reden auf den Muslimliga-Konferenzen, die 1937 in Lucknow, 1938 in Karatschi und 1939 in Cuttack stattfanden. 1940 fand unter dem Vorsitz von Quaid-e-Azam Muhammad Ali Jinnah am 22., 23. und 24. März in Lahore die Konferenz der Muslimliga statt. In ihrer Sitzung am 23. März legte er die historische Pakistanresolution vor.
Fazlul Huq hatte erkannt, dass Bildung der Schlüssel zum Aufstieg und Fortschritt der muslimischen Nation war. Deshalb übernahm er in seiner Koalitionsregierung selbst die Verantwortung für das Bildungsministerium. Zur Förderung der Muslime im Bildungsbereich gründete er zahlreiche Bildungseinrichtungen, nämlich: das Lady Brabourne College (Frauenkolleg) in Kalkutta; das Eden Girls’ College in Dhaka; das Agricultural College in Tejgaon, Dhaka; die Fazlul Huq Muslim Hall in Dhaka; und das Fazlul Huq College in Chakhar, Barisal.
Er wollte den Stolz und die Überheblichkeit der Universität von Kalkutta zumindest teilweise beschneiden. Sie war in Wirklichkeit ein geschützter Bildungstempel der Hindus, ein mächtiges Werkzeug der hinduistischen Renaissance und zur Errichtung hinduistischer intellektueller Vorherrschaft in Bengalen. Sie war eine gewaltige, unbezwingbare Institution, die sogar die Aufnahme- und Mittelschulprüfungen kontrollierte. Daher war ihr Einfluss auf die höhere Bildung weitaus größer als der des Bildungsministers und seines Ressorts. Um die Prüflinge vor diesem Einfluss zu schützen, versuchte er, im Legislativrat einen Gesetzentwurf zur Einrichtung eines Sekundarschulbildungsrats einzubringen. Daraufhin geriet die gesamte hinduistische Gemeinschaft in heftige Wut und schloss sich, alle gegenseitigen Differenzen vergessend, gegen den vorgeschlagenen Gesetzentwurf zusammen. Seit der Teilung Bengalens von 1905 hatte es keine derart heftige Protestbewegung mehr gegeben. 1940 fand in Kalkutta unter dem Vorsitz eines Gelehrten wie Sir Prafulla Chandra Ray eine Protestkonferenz statt. Aus der gesamten Provinz nahmen etwa zehntausend Delegierte an der Konferenz teil. Der Dichter Rabindranath Tagore litt damals an altersbedingter Krankheit. Trotzdem nutzte er die Gelegenheit, seinen Namen und sein Ansehen für diese Konferenz einzusetzen. Am Ende der Botschaft, die er an die Konferenz sandte, sagte er:
Mein Alter und meine Gesundheit hindern mich daran, an der Konferenz teilzunehmen. Doch die Gefahr, die das kulturelle Bestehen unserer Provinz bedroht, hat mich zutiefst beunruhigt. Deshalb konnte ich nicht umhin, von meinem Krankenlager aus eine Botschaft an die Konferenz zu senden.
Aufgrund des entschiedenen Widerstands der Hindus wurde der Plan, den der Premierminister von Bengalen zur Einrichtung eines Sekundarschulbildungsrats ausgearbeitet hatte, nicht umgesetzt.
Die wichtigste Maßnahme, die Scher-e-Bengal Fazlul Haq als Premierminister ergriff, bestand jedoch darin, dass in der gesamten Provinz fünfzig Prozent aller staatlichen Stellen Hindus und fünfzig Prozent Muslimen vorbehalten sein sollten. Aufgrund des seit jeher bestehenden Monopols der Hindus im öffentlichen Dienst war den Muslimen großes Unrecht widerfahren; die Ergreifung der genannten Maßnahme erfüllte daher die gebildeten muslimischen Jugendlichen mit großer Hoffnung und Freude für ihr Leben. Für die muslimische Nation war dies ein großer Dienst.
Punjab
Zu den Provinzen, in denen keine Kongressregierung gebildet werden konnte, gehörten Punjab, Sindh und Assam. Nach den Wahlen stellte sich die parteipolitische Lage in Punjab wie folgt dar:
Kongress 18
Nichtkongress-Hindus und Sikhs 36
Muslim-Liga 2
Andere Muslime 4
Unionisten 88
Unabhängige 27
Insgesamt >>>175
Nachdem später acht Mitglieder der Unionistischen Partei beigetreten waren, betrug die Gesamtzahl der Mitglieder dieser Partei 96. Auch die Khalsa Nationalist Sikh Party bekundete Sir Sikander Hayat ihre Unterstützung, und bei dieser Gelegenheit bildete er ein Ministerkabinett. Nach seinem Tod im Jahr 1942 wurde Malik Khizr Hayat Khan Premierminister, und dieses Kabinett blieb bis zur Auflösung aller Provinzialversammlungen im Jahr 1945 im Amt.
Sindh
Die parteipolitische Zusammensetzung der Provinz Sindh war wie folgt:
Kongress 8
Hindus außerhalb des Kongresses 14
Muslimische Unabhängige 9
Andere Muslime 7
Sindh United Muslim Party 18
Unabhängige 4
Insgesamt >>> 60
Da hier niemand eine Mehrheit erringen konnte, musste eine Behelfsregierung gebildet werden. Daher konnte keine von ihnen stabil bleiben. Die Regierungen wurden hier durch fortwährende Auflösungen und Neubildungen weitergeführt. Zunächst bildete Sir Ghulam Hussain Hidayatullah eine Regierung. Danach wechselte das Amt des Ministerpräsidenten zwischen Allah Bakhsh und Mir Bande Ali Khan hin und her.
Assam
Die Parteiverhältnisse stellten sich hier wie folgt dar
Kongress 32
Nichtkongress-Hindus 9
Unabhängige Muslime 30
Parteilose 33
Insgesamt >>> 108
Auch hier konnte keine stabile Regierung gebildet werden. Sir Muhammad Sa’dullah bildete ein Kabinett und trat im September 1938 zurück. Daraufhin bildete der Kongressführer Gopinath Bordoloi auf Einladung des Gouverneurs ein Kabinett. Nach Beginn des Zweiten Weltkriegs trat auch das Kabinett Gopinaths zusammen mit allen anderen Kabinetten zurück. Daraufhin erhielt Sir Muhammad Sa’dullah erneut die Möglichkeit, ein Kabinett zu bilden. Doch gegen Ende des Jahres 1941 stürzte seine Regierung, und der Gouverneur übernahm kraft Abschnitt 93 des Government of India Act von 1935 die Verwaltung der Provinz in eigener Hand.
Zweites Kapitel
Kongresskabinette in den Provinzen
Betrachten wir nun die tatsächlichen Verhältnisse in den Provinzen mit der kurzzeitigen Kongressregierung und die Art und Weise, wie sie sich gegenüber den Muslimen verhielt.
Wir haben bereits erfahren, dass der Kongress der Bildung einer Regierung nicht zustimmen würde, wenn ihm nicht zugesichert würde, dass die Gouverneure die ihnen gesetzlich zum Schutz der Interessen der Minderheiten eingeräumten Sondervollmachten nicht anwenden würden. Mit anderen Worten: Ihre klare Haltung war, dass sie keineswegs bereit waren, die Interessen der Minderheiten, insbesondere der Muslime, zu schützen. Der Kern der britischen Politik bei der Herrschaft über Indien bestand darin, den Kongress beziehungsweise die indische Hindu-Nation um jeden Preis zufriedenzustellen. In der Vergangenheit gab es zahlreiche Beispiele dafür, dass die Hindus zufriedengestellt wurden, indem man die Interessen der Muslime mit Füßen trat. Auch diesmal gab Vizekönig Lord Linlithgow dem Kongress insgeheim die Zusicherung, dass die Gouverneure ihre Sondervollmachten, die ihnen durch das Gesetz von 1935 verliehen worden waren, nicht anwenden würden, um ihn zur Bildung einer Regierung zu bewegen. Erst nach dieser Zusicherung erklärte sich der Kongress bereit, ein Ministerium zu bilden.
Der Kongress bildete in sieben Provinzen Ministerien, und die gesamte Politik der Provinzparteien blieb vollständig unter der Kontrolle des Kongresses.
In Madras gewann der Kongress 74 Sitze, und Raja Gopalacharia bildete ein Ministerium. In Bombay konnte der Kongress lediglich 48 Sitze erringen. Zusammen mit einigen anderen kleineren gleichgesinnten Parteien bildete B. J. Kher (B.J. Kher) ein Ministerium. In Bombay konnte der Kongress lediglich 48 Sitze erringen. Zusammen mit einigen anderen kleineren gleichgesinnten Parteien bildete B. J. Kher (B.J. Kher) ein Ministerium.
In den Vereinigten Provinzen errang der Kongress 59 Prozent der Sitze, und G. B. Pant wurde Ministerpräsident. In Bihar bildete Shri Krishna Sinha nach dem Gewinn von 62 Prozent der Sitze eine Regierung. In den Zentralprovinzen wurden nach dem Gewinn von 63 Prozent der Sitze zunächst Dr. Khare und später Shukla Ministerpräsident.
In der Nordwestgrenzprovinz erhielt der Kongress zwar nur 38 Prozent der Sitze, doch bildete Dr. Khan eine Regierung.
Orissa bildete in gewisser Hinsicht eine Ausnahme. Vor dem Kongressministerium bildete der Maharadscha von Parlakimedi für vier Monate (April bis Juli) eine kurzzeitige Regierung. Bis Juli 1937 leitete Bishwanath Das das Kongressministerium. Nach dem Rücktritt des Kongressministeriums übernahm der Gouverneur die Regierung. Gegen Ende des Jahres 1941 rebellierten einige Abgeordnete unter der Führung von Godavari Misra gegen das Oberkommando des Kongresses und halfen dem Maharadscha von Parlakimedi bei der Bildung eines Ministeriums. Der Maharadscha bildete mit drei Personen – ihm selbst, Misra und einem muslimischen Minister – ein Ministerium. Trotz des heftigen Widerstands des Oberkommandos des Kongresses setzte das Ministerium seine Arbeit fort.
Die Kongressherrschaft in den Provinzen
Die fast zweieinhalbjährige Herrschaft des Kongresses in sieben der elf Provinzen Indiens, einschließlich der Grenzprovinz (von Juli 1937 bis Oktober 1939), stellt ein äußerst schmerzliches Kapitel in der Geschichte der hindu-muslimischen Beziehungen dar. In diesen Provinzen lagen die Schlüssel zu sämtlicher Macht in den Händen des Kongresses. Wie der Kongress diese Macht ausübte und welche verhängnisvollen Folgen dies für den politischen und konstitutionellen Fortschritt heraufbeschwor, soll nun erörtert werden.
Weigerung, Koalitionsregierungen zu bilden
Unmittelbar nach den Wahlen des Jahres 1937 erklärte der Präsident der Muslim-Liga, Herr Muhammad Ali Jinnah, in einer Stellungnahme:
Die Verfassung und die Politik der Muslim-Liga hindern uns nicht daran, mit den Interessen anderer Parteien zusammenzuarbeiten. Wir können sowohl innerhalb als auch außerhalb der gesetzgebenden Versammlung mit jeder Partei zusammenarbeiten.
Alle, darunter auch einige Kongressanhänger, hegten die Hoffnung, dass in den hinduistisch dominierten Provinzen Koalitionsregierungen aus Kongress und Muslim-Liga gebildet würden. Doch die Weigerung des Kongresses, in irgendeiner Weise mit der Muslim-Liga zusammenzuarbeiten, ließ diese Hoffnung nicht Wirklichkeit werden. Als Beispiel kann hier die Lage in den Vereinigten Provinzen geschildert werden. Dort waren von insgesamt 228 Sitzen in der gesetzgebenden Versammlung 64 Sitze den Muslimen vorbehalten. Davon errang der Kongress einen, die Muslim-Liga 26, unabhängige muslimische Kandidaten 28 und die Nationale Agrarpartei 9. Über die Bildung einer Koalition aus Kongress und Muslim-Liga fanden dort zwischen der Muslim-Liga und dem Kongress langwierige Gespräche statt. Schließlich teilte Maulana Abul Kalam Azad, eines der Mitglieder des Oberkommandos des Kongresses, dem Führer der Muslim-Liga, Chaudhry Khaliquzzaman, mit, unter welchen Bedingungen die Muslim-Liga den Provinzregierungen beitreten könne. Die Bedingungen lauteten wie folgt:
1. Die Muslim-Liga wird in der gesetzgebenden Versammlung der Vereinigten Provinzen nicht als eigenständige Fraktion auftreten.
2. Die derzeitige Fraktion der Muslim-Liga in der gesetzgebenden Versammlung der Vereinigten Provinzen wird als Teil des Kongresses betrachtet; als Mitglieder der Kongresspartei werden sie sämtliche Vergünstigungen und Vorteile genießen, die den anderen Mitgliedern der Partei zustehen. Sie werden auch das Recht haben, an den Beratungen der Partei teilzunehmen. Sie werden auch das Recht haben, an den Beratungen der Partei teilzunehmen. Alle Angelegenheiten werden durch Mehrheitsbeschluss entschieden. Jedes Mitglied hat nur eine Stimme.
3. Die Mitglieder des Kongresses und diese Mitglieder werden die Grundsätze, die das Arbeitskomitee des Kongresses für die Mitglieder der gesetzgebenden Versammlung festlegt, sowie die von ihm erlassenen Anweisungen befolgen.
4. Das UP- und das Muslim-League-Parlamentskomitee müssen aufgelöst werden. Bei künftigen Nachwahlen darf dieses Komitee keinen Kandidaten aufstellen. Wird ein Sitz vakant, muss derjenige unterstützt werden, den der Kongress als Kandidaten für die Wahl nominiert.
5. Falls der Kongress beschließt, aus den Ministerämtern und den Sitzen in der Gesetzgebenden Versammlung zurückzutreten, sind die aus der Muslim League stammenden Mitglieder verpflichtet, diesem Beschluss Folge zu leisten.
Die oben genannten Bedingungen, die das Kongress-Hochkommando der Muslim League auferlegte, waren lächerlich, von unlauteren Absichten geleitet und Ausdruck einer faschistischen Gesinnung. Kein Mensch und keine Partei mit auch nur dem geringsten Selbstwertgefühl hätte auch nur eine dieser Bedingungen annehmen können. Denn das wäre Selbstmord gewesen.
Es ist überhaupt nicht schwierig, den Grund für diese unüberlegte Arroganz des Kongresses zu erkennen. Herr Gandhi und Jawaharlal Nehru waren nicht bereit, in Indien die Existenz irgendeiner anderen Partei neben dem Kongress anzuerkennen. Ebenso wenig waren sie bereit anzuerkennen, dass es in diesem Land ein Hindu-Muslim-Problem gab. Jawaharlal Nehru sagte am 12. Mai 1937 zu Chaudhry Khaliquzzaman, er glaube, das Hindu-Muslim-Problem in Indien sei auf eine kleine Zahl von Intellektuellen, Zamindaren und Kapitalisten beschränkt, die ein Problem schüfen, das die Bevölkerung nicht anerkenne. Die Vorstellung, dass es innerhalb der Gesetzgebenden Versammlung eine eigene Partei der Muslime geben werde, verspottete er mit Hohn.
Gemäß der vom Kongress verkündeten Politik wurden führende Muslime aufgefordert, ihre eigenen Parteien aufzulösen und dem Kongress beizutreten, um die Voraussetzungen für eine Mitgliedschaft im Ministerium zu erfüllen. In den Vereinigten Provinzen unterzeichneten Hafiz Muhammad Ibrahim und in Bombay M. Y. Noori die Kongressverpflichtung und traten den Kongressministerien bei. In Orissa wurde kein Muslim in das Ministerium aufgenommen. In den Zentralprovinzen wurde zwar ein gewisser Sharif aufgenommen, später jedoch entfernt und durch einen Hindu ersetzt.
In den Provinzen mit Kongressmehrheit stellte sich die Frage einer Koalitionsregierung überhaupt nicht. In den Provinzen ohne Kongressmehrheit jedoch wurde dem Kongress gestattet, Koalitionen beizutreten. Dadurch wurde der Weg für eine Spaltung innerhalb der muslimischen Gemeinschaft bereitet. Der Premierminister von Bengalen, Fazlul Huq, sagte in seiner Ansprache auf der Konferenz der Muslim League in Kalkutta im Jahr 1938, der Kongress habe wiederholt Druck ausgeübt und behauptet, eine Koalitionsregierung mit dem Kongress unter Ausschluss der Muslim League werde stabiler sein. In Sindh hatten die Hindus durch den Communal Award strategische Vorteile erlangt; dadurch errichteten sie bei der Bildung einer Muslim-League-Fraktion im Gesetzgebenden Rat von Sindh große Hindernisse. Das nicht vom Kongress gebildete Ministerium der Nordwestlichen Grenzprovinz wurde beseitigt, nachdem es in die Fänge des Kongresses geraten war. Der Kongress wollte alle anderen Parteien auflösen und als einzige Partei des Landes in Erscheinung treten. Er glaubte an das Prinzip „ein Land – eine Partei – ein Führer“. Diese Führung lag in den Händen von Herrn Gandhi. Jede Kongressregierung wandte sich bei der Festlegung jeder einzelnen politischen Maßnahme an Gandhi und befolgte seine Anweisungen wie ein unantastbares Gebot. Ob eine Verfassungskrise entstand, ein Streit mit dem Gouverneur ausbrach oder eine gewöhnliche politische Richtlinie beschlossen werden sollte – die Premierminister der vom Kongress regierten Provinzen wandten sich an ihn, um Anweisungen und Ratschläge zu erhalten. Herr Gandhi führte im Namen des Kongresses Gespräche mit dem Vizekönig. Dabei gab er sich jedoch als neutraler politischer Beobachter. Obwohl seine diktatorische Autorität und Kontrolle über den Kongress offen zutage lag, stand sein Name nicht auf der Mitgliederliste des Kongresses. Einer seiner Verehrer, Seth Govind Das, sagte, Gandhis Stellung bei den Kongressleuten entspreche der Stellung Mussolinis bei den Faschisten, Hitlers bei den Nazis und Stalins bei den Kommunisten (Muslim Separatism in India, Abdul Hamid, S. 218).
Die Behauptung des Kongresses, in seinen Reihen werde die parlamentarische Gesinnung bewahrt bleiben, erwies sich als haltlos. Denn die Kongressminister waren weder den Wählern noch der Gesetzgebenden Versammlung gegenüber verantwortlich. Sie waren wie gefügige Untertanen dem Arbeitsausschuss des Kongresses ergeben. Der Umgang des Kongress-Hochkommandos mit dem Premierminister der Zentralprovinzen, Dr. Khare, und mit Subhas Chandra Bose in Kalkutta bewies seine diktatorische Herrschaft.
Subhas Chandra Bose wurde 1938 zum Präsidenten des Indischen Nationalkongresses gewählt. Auch im folgenden Jahr trat er zur Wahl an und wurde ordnungsgemäß wiedergewählt. Einige Kongressführer widersetzten sich seiner Kandidatur und errichteten bei der Wahl äußerst große Hindernisse. Viele waren der Ansicht, dies müsse als Niederlage Gandhis betrachtet werden. Die Mitglieder des Arbeitsausschusses des Kongresses traten geschlossen zurück. Schließlich wurde der gewählte Präsident des Kongresses entfernt, um Gandhi zufriedenzustellen.
Kongressherrschaft und die Muslime
Die Ministerialherrschaft in den Provinzen mit hinduistischer Mehrheit war für die Muslime ein schrecklicher Albtraum. Die Weigerung des Kongresses, in diesen Provinzen Koalitionsregierungen unter Beteiligung der Muslim-Liga zu bilden, war für die Muslime eine Warnung. Als der Kongress jedoch seine geplante provinzielle Autonomie in diesen Provinzen tatsächlich verwirklichte, sahen sich die Muslime einer weitaus unerträglicheren Lage gegenüber, als sie befürchtet hatten. Es entstand die äußerste Gefahr, dass ihre religiösen Überzeugungen sowie ihre Zivilisation und Kultur ausgelöscht würden, und auch in den sozialen, administrativen und wirtschaftlichen Bereichen begann eine planmäßige Kampagne, sie zu verdrängen. Sogar ihr Leben, ihr Eigentum und ihre Ehre wurden unter der Kongressherrschaft vollständig ihrer Sicherheit beraubt.
Zu den Maßnahmen der Kongressregierung und der hinduistischen Bevölkerung, die die religiösen Gefühle der Muslime schwer verletzten, gehörten das Lied „Vande Mataram“, die Behinderung des Gebetsrufs zum Namaz, Angriffe auf Betende während des Gebets, Prozessionen mit Musikinstrumenten vor Moscheen sowie das Verbot von Rindfleisch und anderes.
Unmittelbar vor Beginn der täglichen Sitzungen der Legislative wurde trotz des Widerstands der Muslime zwangsläufig das Lied „Vande Mataram“ gesungen. Bankim Chandra Chatterji verfasste 1882 in seinem veröffentlichten Roman „Anandamath“ das Lied „Vande Mataram“ als Schlachtruf der Hindus gegen die Muslime. Nach 1905 wurde „Vande Mataram“ in der hinduistischen Bewegung zur Aufhebung der Teilung Bengalens als Nationalhymne gesungen. Der Zweck dieses Liedes bestand darin, unter den Hindus Hass und Feindseligkeit gegenüber den Muslimen zu schüren.
Die wenigen Muslime, die im Staatsdienst standen, wurden nicht nur in ihrer Ehre, ihrem Ansehen und ihrem Einfluss geschädigt, vielmehr wurde auch die Dauer ihrer Beschäftigung bedroht. Von den zahlreichen Vorfällen kann hier beispielhaft einer erwähnt werden. Der Ministerpräsident der Zentralprovinzen erklärte in einem Interview, dass seine Ministerregierung sich entschieden gegen die Festanstellung des einzigen muslimischen zivilen Bezirksbeamten der Provinz ausgesprochen habe. Der einzige Grund dafür war, dass er Muslim war.
Die muslimische Bevölkerung war den äußersten Willkürakten ihrer hinduistischen Nachbarn und des Verwaltungsapparats ausgeliefert. In einigen Slums der Zentralprovinzen wurden die Häuser von Muslimen in Brand gesetzt und die Ehre muslimischer Frauen wurde geschändet. Etwa einhundertfünfzig muslimische Männer eines Dorfes wurden unter dem Vorwurf, einen Mord begangen zu haben, mehrere Tage lang ohne Nahrung und Wasser auf einer Polizeiwache festgehalten, auf vielerlei Weise gedemütigt und gefoltert. Später sprach das Gericht sie mangels Schuld frei. Während der Gerichtsverfahren gegen die angeklagten Muslime in den Zentralprovinzen äußerten die Minister ihre Meinungen zu den Fällen (in sub judice cases), wodurch sich die Richter äußerst befangen fühlten. Der Oberste Richter des High Court von Nagpur erklärte in der Urteilsbegründung eines Falls unerschrocken, dass Polizei, Kongressführer, Magistrate, Richter und Minister gemeinsam unschuldige Menschen zum Galgen schickten. Diese Unglücklichen hatten kein anderes Vergehen begangen, als Muslime zu sein. (Muslim Separatism in India, Abdul Hamid, S. 122)
Um Abhilfe für die vielfältigen Verfolgungen und Unterdrückungen zu schaffen, denen die Muslime in den vom Kongress regierten Provinzen ausgesetzt waren, wurde auf der Ratstagung der Allindischen Muslim-Liga am 20. März 1938 beschlossen, einen Untersuchungsausschuss einzusetzen. Unter dem Vorsitz von Raja Sayyid Muhammad Mahdi von Pirpur wurde ein achtköpfiger Ausschuss gebildet. Dieser Ausschuss legte am 15. November desselben Jahres seinen vollständigen Bericht vor. Der Bericht wurde erstattet, nachdem persönlich Untersuchungen vor Ort durchgeführt worden waren.
Im März des folgenden Jahres wurde ein weiterer Bericht veröffentlicht, der als Sharif-Bericht bezeichnet wurde. Dieser Bericht schilderte die Geschichte der Verfolgung der Muslime durch Hindus in der Provinz Bihar. Im Dezember 1939 wurde ein weiterer Bericht mit schriftlichen Beschwerden gegen die Kongressregierungen veröffentlicht. Verfasser dieses Berichts war der Ministerpräsident Bengalens, A. K. Fazlul Huq.
Diese drei inhaltsreichen und wertvollen Dokumente sowie die Akten über Ereignisse, die in den zeitgenössischen muslimischen Zeitungen und Zeitschriften veröffentlicht wurden, liefern die grundlegenden Belege und das Material für die Beschwerden der Muslime gegen die undemokratische und muslimfeindliche Haltung der Provinzministerien des Kongresses. Da die natürliche Wesensart der Kongressherrschaft später die Idee und Ideologie Pakistans populär machte und die Muslime von der Ideologie eines ungeteilten Indiens entfernte, ist es notwendig, die in den Untersuchungsberichten aufgedeckten Tatsachen ausführlich darzulegen und zu überprüfen.
Der Pirpur-Bericht
Im Pirpur-Bericht wurde auf folgende Punkte besonderer Nachdruck gelegt:
1. Die Kongressregierung ist daran gescheitert, den Minderheiten (den Muslimen) religiöse und kulturelle Freiheit zu gewähren.
2. Der Kongress hat sich als hinduistische kommunale Organisation erwiesen.
3. Die Übernahme der Closed-door-Politik durch den machttrunkenen Kongress und seine Weigerung, eine Koalitionsregierung zu bilden, haben zu einer äußersten Verschlechterung der Beziehungen zwischen Hindus und Muslimen geführt.
4. Nach dem Verständnis des Nationalismus des Kongresses kann es nichts Unterdrückenderes geben als die Herrschaft der Mehrheit sowie Ungerechtigkeit und Unterdrückung.
5. Der Muslim-Liga wurden äußerst erniedrigende Vorschläge unterbreitet, etwa: Die parlamentarische Partei der Muslim-Liga aufzulösen, die Fraktion der Liga in der Legislative aufzulösen und ohne Zögern die Verpflichtungserklärung des Kongresses zu unterzeichnen, und dergleichen.
6. Die Bewegung zur Herstellung von Massenkontakten (Mass Contact Movement) mit dem Ziel, unter den Muslimen Spaltungen zu schaffen, sowie einige Muslime auf verschiedene Weise zu kaufen und für Propaganda gegen die Muslim-Liga einzusetzen, und
7. weitreichende kommunale Zusammenstöße in den unter der Herrschaft des Kongresses stehenden Provinzen sowie umfangreiche Verluste an Menschenleben und Eigentum unter den Muslimen.
Die Erklärung von Herrn Fazlul Haq
Unmittelbar nach dem Rücktritt der Kongressministerien wurde die Erklärung, die der Premierminister von Bengalen, Herr A. K. Fazlul Haq, abgab, in Form einer Flugschrift erneut veröffentlicht. In seiner Erklärung sagte er:
Um den Damm der Geduld zum Brechen zu bringen, hat der Kongress aggressive Hindus aufgeboten, damit sie äußerste Unverschämtheit zur Schau stellen. Der Kongress hat dieses Vorgehen begonnen, um den muslimischen Minderheiten seinen Willen und seine Entschlossenheit aufzuzwingen. Was will der Kongress? Er will, dass die heilige Kuh geschützt wird und den Muslimen der Verzehr von Rindfleisch untersagt wird. Die Religion der Muslime soll herabgesetzt und unterdrückt werden. Denn ist dies nicht das Land der Hindus?
Dann begannen die Behinderungen und Verbote des Adhān. Betende wurden in den Moscheen angegriffen. Während der Gebetszeiten wurden Prozessionen unmittelbar vor den Moscheen veranstaltet, wobei unter Trommelwirbel und lautem Musizieren Lärm gemacht wurde. Ist es verwunderlich, dass ein bedauerlicher Vorfall weitere bedauerliche Vorfälle nach sich zieht?
Anschließend wurden in der Erklärung zweiundsiebzig Vorfälle in Bihar, dreiunddreißig in den Vereinigten Provinzen sowie einige Vorfälle in den Zentralprovinzen erwähnt. Wenn irgendwo ein Muslim eine Kuh zum Opferfest schlachtete, wurden Muslime getötet, ihre Häuser niedergebrannt und muslimische Frauen und Kinder misshandelt. Gegen nichts davon wurde Abhilfe geschaffen. Infolgedessen mussten die muslimischen Minderheiten ein äußerst qualvolles Leben führen.
Die hinduistischen Zeitungen unterließen es, die Erklärung von Herrn Fazlul Haq zu veröffentlichen, in der er das äußerste Elend der Muslime unter der Kongressherrschaft schilderte. Stattdessen veröffentlichten sie weiterhin breit angelegt erfundene Anschuldigungen gegen die Muslime. (I. H. Qureshi – The Struggle for Pakistan, A. Hamid – Muslim Separatism in India))
Auch auf dem Gebiet der Bildung hatte ein äußerst ungerechtes und diskriminierendes Vorgehen gegen die Muslime begonnen, weshalb die muslimischen Gelehrten äußerst besorgt und beunruhigt waren. Während der britischen Herrschaft waren die Muslime auf dem Gebiet der Bildung sehr rückständig, sodass sie mit allerlei Schwierigkeiten konfrontiert waren. Während der Herrschaft des Kongresses versetzte dessen Bildungspolitik sie in große Sorge und Unruhe. Auf der in Kalkutta gegen Ende des Jahres 1938 abgehaltenen 52. Sitzung der Allindischen Muslimischen Bildungskonferenz (All India Muslim Educational Confernc e) wurde unter dem Vorsitz von Nawab Kamal Yar Jung Bahadur die Bildung eines Komitees beschlossen.
Ziel war es, das indische Bildungswesen gründlich zu untersuchen und einen Plan für die muslimische Bildung auszuarbeiten, durch den die Besonderheiten ihrer Kultur und ihrer Gesellschaftsordnung bewahrt würden. Unter der Leitung von Sir Azizul Haque, dem Sprecher des bengalischen Gesetzgebenden Rates und Vizekanzler der Universität Kalkutta, wurde ein Unterkomitee gebildet. Das Unterkomitee bereiste zur Sammlung genauer Informationen verschiedene Teile Indiens und legte 1942 seinen endgültigen Bericht vor. In dem Bericht wurde der in den Vidyamandir-Schulen eingeführte Wardha-Bildungsplan scharf kritisiert. Besonders in den Zentralprovinzen hatte er eine abscheuliche Form angenommen. Trotz des entschiedenen Widerstands der Muslime wurde in dieser islam- und muslimfeindlichen gesetzgebenden Körperschaft ein entsprechender Gesetzentwurf eingebracht. Alle muslimischen Mitglieder sowie einige hinduistische Mitglieder, darunter Dr. Khare, widersetzten sich ihm. Unter Missachtung sämtlichen Widerstands wurde der Gesetzentwurf verabschiedet.
Nach diesem System sollte das Schulverwaltungskomitee durch gemeinsame Wahlen gewählt werden. Für muslimische Schulen war keinerlei besondere Regelung vorgesehen. Die Schülerinnen und Schüler mussten mit zum Gebet gefalteten Händen in der Haltung hinduistischer Anbetung vor einem Porträt von Herrn Gandhi stehen und zu seinen Ehren Loblieder singen. Dieser ursprüngliche Plan – der Wardha-Bildungsplan – war eine Schöpfung der gandhianischen Denkweise. Sein Ziel war es, den Kindern hinduistische religiöse Vorstellungen einzuprägen und in ihnen eine Haltung der Verehrung und Ehrfurcht gegenüber hinduistischen mythologischen Weisen zu wecken. Auf diese Weise sollten die Muslime von ihrer Religion, ihrer Kultur und ihren überlieferten Traditionen entfernt werden; darin lag das Ziel dieses Bildungssystems. Neben den Grundprinzipien des Bildungswesens des Kongresses erregten auch einige Einzelheiten unter den Muslimen tiefe Besorgnis. So wurden beispielsweise in den Schulen der Provinz Bombay aus zahlreichen neuen elementaren Schulbüchern Lehrpläne zusammengestellt. Die Muslime erhoben heftig Einspruch dagegen, dass diese Bücher hinduistische Überlieferungen und religiöse Zeremonien priesen und ausschließlich hinduistisch geprägte Begriffe verwendeten.
Die Muslimliga der Provinz Bombay brachte ihre heftige Empörung darüber zum Ausdruck und erklärte, dass der Kongress durch die Erstellung solcher elementaren Schulbücher die künftigen Generationen der Muslime völlig unwissend über ihre Zivilisation und Kultur lassen und ihre jungen, empfänglichen Gemüter mit den Vorstellungen der hinduistischen Zivilisation und Kultur erfüllen wolle, um die muslimische Zivilisation und Kultur in Indien zu zerstören.
Als die muslimischen Mitglieder der Stadtverwaltung von Bombay einen Antrag auf Zurückziehung der elementaren Schulbücher einbrachten, wurde dieser abgelehnt. Aus Protest verließen die Mitglieder der Muslimliga die Sitzung. Nach dem Rücktritt der Kongressministerien prüfte das Urdu-Lehrbuchkomitee die betreffenden Schulbücher erneut, erklärte sie für den Unterricht ungeeignet und ließ sie daraufhin aus der Liste der zugelassenen Bücher streichen.
(Times of India, vom 11. und 26. Juli sowie vom 14. Dezember 1939)
Die zweieinhalbjährige Kongressherrschaft in sieben der elf Provinzen des Subkontinents beweist, dass unter der Herrschaft des Kongresses weiterhin versucht werden wird, die Existenz der muslimischen Minderheit einschließlich ihrer Zivilisation, Kultur und Tradition auszulöschen. Im Oktober 1938 sagte Herr Jinnah, der Kongress versuche, im gesamten Subkontinent eine Hindu-Herrschaft zu errichten. In einem Interview mit dem Manchester Guardian erklärte er, jeder, der die politische Lage Indiens im Zeitraum von 1937 bis 1939 beobachte, werde erkennen, dass das Ziel und der Zweck des Kongresses darin bestehe, alle anderen Organisationen aus diesem Land zu beseitigen und eine äußerst minderwertige Art faschistischer Organisation zu errichten. Unter diesen Umständen sei es unmöglich, in Indien eine parlamentarische Regierung zu führen. Demokratie bedeute hier Hindu-Herrschaft. Diesen Zustand können die Muslime unter keinen Umständen hinnehmen. [Jamiluddin Ammed (Hrsg.) – Some Recent Speeches & Writtings of Mr. Jinnah (Lahore, 1952]
Auch unparteiische Kreise räumen in aller Offenheit ein, dass die Besorgnis der Muslime unter der Herrschaft der Mehrheit angesichts der muslimfeindlichen Haltung der Kongressministerien nicht unbegründet ist. Nach Ansicht eines indischen Christen ist der Kongress die indische Version der deutschen Nazipartei. (Rev. Pitt Banarjee – Letter of Manchester Guardian, 18. August 1942; I.H. Qureshi – The Struggle for Pakistan)
Die Ansichten verschiedener Zeitungen
Über die Frage, wie der Hindu-Nationalismus infolge der Regierungsbildung des Kongresses in sieben Provinzen eine radikale Gestalt annahm und die kommunalen Spannungen zunahmen, schrieb die in Kalkutta erscheinende Zeitung Statesman: Jeder Indienliebhaber wird bestürzt sein, wenn er sieht, wie furchtbar die kommunalen Spannungen infolge der Einführung der Provinzautonomie zugenommen haben. Die Zeitschrift Economist bemerkte, die Provinzen ließen sich unmittelbar in zwei Teile gliedern – Muslimisches Indien und Kongress-Indien. Ein ehemaliger Herausgeber der Times of India sagte, der Hindu-muslimische Gegensatz beruhe nicht allein auf religiösen Gründen; zwischen den beiden Gemeinschaften bestehe in ihrer Lebensweise ein gewaltiger Unterschied. Die kongressnahen Provinzregierungen regierten weiterhin nach den Anweisungen des All India Congress Committee. Daher begannen die Kongressanhänger in Großbritannien angesichts dieses Ausdrucks einer allumfassenden Vorherrschaft des Kongresses, sich unbehaglich zu fühlen. Die Hinduisierungspolitik des Kongresses, die Einführung des Vande-Mataram-Liedes und der Verehrung von Gandhis Porträt in den Bildungseinrichtungen und Ähnliches beweisen ohne Weiteres, dass unter dem neuen Regierungssystem ein vollständig hinduistisches Raj errichtet worden war. (The British Achivement in India: A Survey, Rawlinson; S. 214; Die Entwicklung der Mittelklassegesellschaft: Der Wandel der Kultur, Abdul Mawdud, S. 287)
Der hinduistische Brahmanismus ist nicht bereit, irgendeine andere Gemeinschaft und insbesondere die Muslime unter irgendwelchen Umständen zu dulden. Aus diesem Grund wurde eine hindu-muslimische Einigung in Indien unmöglich. Die Muslime trifft daran keinerlei Schuld. Das hinduistische Indien brandmarkte Herrn Muhammad Ali Jinnah als Kommunalisten. Doch kann irgendjemand bestreiten, dass er ein Wegbereiter der hindu-muslimischen Einigung war? Viele Jahre lang bemühte er sich mit aller Kraft um diese Einigung, verließ enttäuscht den indischen Boden und gelobte, nie wieder nach Indien zurückzukehren. Später musste er jedoch im Interesse des Kampfes für die Durchsetzung der berechtigten Forderungen und Rechte der Muslime nach Indien zurückkehren und die Führung der Muslim League übernehmen.
Von einer hindu-muslimischen Einigung ganz zu schweigen, wurde das ganze Land aufgrund des extremen Muslimhasses der Hindus seit 1920 acht Jahre lang von kommunalen Unruhen heimgesucht. Im Jahr 1923 fanden 11, 1924 18, 1925 16, 1926 35 und bis November 1927 31 große Unruhen statt. In der Fortnightly Review schrieb ein englischer Autor, die Einigung zwischen Hindus und Muslimen sei ebenso unmöglich wie viele andere Dinge auf der Welt. In der Zeitschrift Asiatic Review schrieb ein gewisser Patrick Fagan, den Muslimen im unterworfenen Indien stünden zwei Wege offen: entweder in der hinduistischen Nation aufzugehen oder durch körperliche Gewalt in einigen Regionen Indiens einen unabhängigen Staat zu errichten. (Die Entwicklung der Mittelklassegesellschaft: Der Wandel der Kultur, Abdul Mawdud, S. 286)
In Indien gab es kein Jahr, in dem kommunale Unruhen und Ausschreitungen ausblieben. Diese Unruhen ereigneten sich in den Regionen mit hinduistischer Mehrheit. Es stimmt auch, dass die hinduistische Mehrheitsgemeinschaft die Urheber dieser Unruhen war und im Wesentlichen die Verantwortung dafür trug. Doch Herr Gandhi machte blindlings in allen Fällen die Muslime verantwortlich. Dadurch wurden die tatsächlich Schuldigen ermutigt.
Oben wurde bereits kurz erörtert, welches Beispiel eines hinduistischen Ramrajya während der zweieinhalbjährigen Kongressherrschaft errichtet worden war und welches äußerste Elend über die Muslime hereinbrach. In dieser Zeit, im Jahr 1938, wurde Subhas Chandra Bose zum Präsidenten des Kongresses gewählt. Im Vergleich zu den anderen galt er als einigermaßen liberal gesinnt. Zwischen ihm und Quaid-e-Azam Muhammad Ali Jinnah fand ein ausführlicher Briefwechsel statt. Quaid-e-Azam sagte Herrn Subhas Chandra Bose wiederholt, Kongress und Muslim League sollten sich zusammentun, um alle Streitigkeiten und Meinungsverschiedenheiten beizulegen. Quaid-e-Azam unternahm den letzten Versuch einer Einigung zwischen Kongress und Muslim League, also einer hindu-muslimischen Einigung. Doch Subhas Bose antwortete auf den Brief von Quaid-e-Azam:
Was Gespräche mit der League betrifft, gibt es für das Working Committee nichts weiter zu tun. (Muslim Political Thiught the Ages 1562-1947 – G. Allana Moqbul, Lahore, S. 242)
Quaid-e-Azam Muhammad Ali Jinnah sagte in seiner Präsidentenansprache auf der 1938 in Patna abgehaltenen Sitzung der Muslim League:
Die Führer des Kongresses wollen, dass die Muslime in Indien die Hindu-Herrschaft bedingungslos akzeptieren. ….Sie wissen sicherlich, dass der Kongress mit dem Ziel, eine faschistische Vorherrschaft und Autorität auszuüben, alle Wege zu einer Verständigung zwischen Hindus und Muslimen versperrt hat. Er sagt, in Indien seien vier Kräfte aktiv: (1) die Briten, (2) die Herrscher der indischen Staaten, (3) die Hindus und (4) die Muslime. Wie groß auch immer die Kongresszeitungen dies herausstellen mögen, selbst wenn sie mittags, nachmittags und abends Ausgaben veröffentlichen, und wie sehr die Kongressführer auch behaupten mögen, der Kongress sei eine nationale Organisation – ich sage, das ist keineswegs wahr. Er ist nichts anderes als eine Hindu-Organisation. Das ist die Wahrheit, und die Kongressführer wissen das sehr genau. Dadurch, dass sich nur einige wenige – einige irregeführte und vom rechten Weg abgekommene – Muslime mit schlechten Absichten daran beteiligen, wird er nicht zu einer nationalen Organisation und kann es auch nicht werden. Der Kongress ist hauptsächlich eine Hindu-Organisation, und ich fordere jeden heraus, dies zu bestreiten. Ich frage: Vertritt der Kongress die Muslime?
Die Zuhörer antworteten einstimmig: „Nein, nein, nein.“
Ich frage: Vertritt der Kongress die christliche Gemeinschaft? Vertritt er die eingetragenen Kasten? Vertritt er die Nicht-Brahmanen? Auf jede Frage antwortete die Menge einstimmig: „Nein, nein, nein.“
Er fügt hinzu, dass der Kongress nicht einmal alle Hindus vertritt. Auch die Hindu Mahasabha und die Liberale Föderation vertritt er nicht. Zweifellos ist der Kongress jedoch eine Partei mit alleiniger Mehrheit. Mehr ist er nicht.
Er sagt, es sei ein Unglück für das Land, dass die Kongress-Hochkommandantur fest entschlossen sei, die Hindu-Herrschaft zu errichten, indem sie andere Gemeinschaften und Kulturen ausmerze.
Der Quaid-e-Azam führte daraufhin einzeln die Rolle des Kongresses an und bewies, dass der Kongress keine nationale Organisation ist. Er sagt: Was tut der Kongress, wenn er an die Macht kommt? Obwohl er vorgibt, nationalistisch zu sein, beginnt er seine Arbeit mit „Vande Mataram“. Allgemein anerkannt ist, dass „Vande Mataram“ keine Nationalhymne ist.
Dennoch wird es als Nationalhymne gesungen und anderen aufgezwungen. Es wird nicht nur bei ihren Parteiversammlungen gesungen. Vielmehr werden auch in staatlichen und kommunalen Schulen alle gezwungen, es zu singen. Unabhängig davon, ob ihr religiöser Glaube ihnen erlaubt, es zu singen oder nicht, müssen die Muslime „Vande Mataram“ unbedingt als Nationalhymne akzeptieren. Das ist Götzendienst und ein Lobgesang, der Hass gegen die Muslime hervorruft.
Er sagt: Nehmen wir als Nächstes die Kongressflagge. Sie ist nicht die allgemein anerkannte Nationalflagge Indiens. Dennoch muss ihr jeder Respekt erweisen, und sie muss an allen öffentlichen und privaten Gebäuden gehisst werden. Wie sehr die Muslime auch dagegen protestieren mögen, das spielt keine Rolle. Die Kongressflagge muss unbedingt als Nationalflagge Indiens gehisst und den Muslimen gewaltsam aufgezwungen werden. Anschließend spricht er über das Hindi-Hindustani-Schema und sagt, dessen Ziel sei es, Urdu zu unterdrücken und es zu ersticken und zu vernichten.
Wardha-Bildungsplan
Die verheerenden Folgen des von Herrn Gandhi erdachten Wardha-Bildungsplans (Warda Scheme of Education) sind in der vorangegangenen Erörterung dargelegt worden.
Der Quaid-e-Azam sagte in seiner Rede: Heutzutage werden die hinduistische Mentalität und Sichtweise sorgfältig gefördert, und die Muslime werden gezwungen, in ihrem täglichen Leben hinduistische Ideale und Anschauungen zu übernehmen. Tun die Muslime irgendwo etwas Derartiges? Zwingen sie irgendwo den Hindus die muslimische Kultur auf? Im Gegenteil: Sobald sie auch nur den geringsten Protest gegen die Aufzwingung der hinduistischen Kultur gegenüber den Muslimen äußern, werden sie als Kommunalisten bezeichnet. Man nennt sie Friedensstörer, und sofort wird der autoritäre staatliche Verwaltungsapparat gegen sie aktiv. Nehmen wir nur die Ereignisse in Bihar: Wessen Kultur wurde unter der Kongressregierung angegriffen? Die der Muslime. Gegen wen wurden Unterdrückungsmaßnahmen ergriffen, Verbote verhängt und Verhaftungen vorgenommen? All dies wurde ausschließlich gegen die Muslime getan. Kann jedoch irgendjemand auch nur ein einziges Beispiel dafür anführen, dass die Muslimliga oder irgendein Muslim versucht hätte, die muslimische Kultur den Hindus aufzuzwingen? (Creation of Pakistan, Justice Syed Shameem Hossain Kadir, S. 139–143)
Drittes Kapitel
Gespräche zwischen Muslimliga und Kongress
Von 1935 bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs wurden seitens der Muslimliga zahlreiche Versuche unternommen, mit dem Kongress zu einer Verständigung zu gelangen. Zu diesem Zweck fanden mehrere Treffen zwischen dem Kongresspräsidenten Babu Rajendra Prasad und dem Quaid-e-Azam Muhammad Ali Jinnah statt. Diese Treffen blieben jedoch ohne Ergebnis. Schließlich veröffentlichten beide Führer eine gemeinsame Erklärung, in der es hieß, sie bedauerten, dass die Bemühungen um eine für alle betroffenen Parteien annehmbare Lösung des kommunalen Problems letztlich gescheitert seien.
Anfang 1938 wechselten Jinnah und Gandhi Briefe. Durch diesen Briefwechsel wurden die grundlegenden Meinungsverschiedenheiten zwischen den beiden Parteien deutlich. In dem Brief, den der Quaid-e-Azam Muhammad Ali Jinnah am 3. März 1938 an Herrn Gandhi schrieb, brachte er in zwei Sätzen den zentralen Gegenstand seiner Erörterung zum Ausdruck. Er sagte: Erkennen Sie die Muslimliga als die einzige verlässliche und repräsentative Partei der Muslime Indiens an, und vertreten Sie Ihrerseits den Kongress und das gesamte Land. Nur auf dieser Grundlage können wir voranschreiten und einen Prozess des Fortschritts einleiten. In seiner Antwort vom 8. März sagte Herr Gandhi, dass er weder den Kongress noch die Hindus in dem von Ihnen genannten Sinne vertrete. Um jedoch zu einer ehrenvollen Lösung zu gelangen, werde er seinen moralischen Einfluss auf die Hindus ausüben. (The full Text of Jinnah-Gandhi letters in Durlab Singh, S. 16–32. The Struggle for Pakistan – I. H. Quershi, S. 109)
In der oben angeführten Antwort Herrn Gandhis lagen weder Wahrheit noch Aufrichtigkeit. Wie auch immer die erklärte Politik einer Organisation aussehen mag, ihre wahre Natur zeigt sich in ihrem tatsächlichen Handeln und Verhalten. Es wäre eine Leugnung der Wahrheit, zu bestreiten, dass der Kongress eine vollständig hinduistische Organisation war. Im Verhalten und Handeln des Kongresses kam stets das hinduistische Bewusstsein und die hinduistischen Interessen zum Ausdruck. Aufgrund der Unterstützung des Kongresses für die Khilafat-Bewegung in Indien könnte bei manchen ein falscher Eindruck entstehen. Doch diese Unterstützung war keineswegs aufrichtig. Sie verbarg vielmehr eine üble Absicht, wie eine eigene Äußerung Gandhis beweist. Er sagte: Ich glaube, dass die Khilafat für uns beide ein zentrales Thema ist – für Muhammad Ali ist sie seine Religion. Für mich aber bedeutet sie, dass ich durch mein Hingeben für die Khilafat den Kuhschutz zweifellos sicherstelle. Mit anderen Worten: Jinnah & Gandh, S. 61; Die Entwicklung der Mittelschichtgesellschaft: Der Wandel der Kultur, Abdul Mawdud, S. 168)
Gegenüber dem Vertreter des News Chronicle sagte Herr Gandhi: Es gibt hier nur eine einzige Partei, die für Fortschritt und Wohlergehen sorgen kann. Und das ist der Kongress. Außer dem Kongress bin ich nicht bereit, irgendeine andere Partei anzuerkennen.
Er sagte weiter: Wie schlecht man sie auch nennen mag, in Indien gibt es nur eine einzige Partei, und das ist der Kongress. (Muslim Separatism in India, Abdul Hamid, S. 217)
Quaid-e-Azam wechselte auch mit Pandit Jawaharlal Nehru Briefe. Es sei daran erinnert, dass Pandit Jawaharlal Nehru nach den Wahlen zu den Provinzialgesetzgebungen erklärt hatte, im Land gebe es nur zwei Parteien – den Kongress und die Regierung. Alle anderen müssten zwangsläufig der Vorgehensweise des Kongresses folgen. Wer nicht mit uns ist, ist gegen uns. (Muslim Separatism in India, Abdul Hamid, S. 217)
Obwohl Quaid-e-Azam Jawaharlal Nehrus faschistische Gesinnung kannte, unternahm er ernsthafte Anstrengungen, um zwischen den beiden Parteien eine Kompromisslösung herbeizuführen. Pandit Nehru wies in einem langen, am 6. April 1938 verfassten Brief sämtliche Vorwürfe Quaid-e-Azams zurück. Er sagte, der Kongress sei nicht bereit, das Lied „Vande Mataram“ aufzugeben. Denn für eine nationale Organisation wäre ein solcher Schritt nicht angemessen. Auch gegen die Verwendung der Kongressflagge sehe ich keinen Einwand. Da die Muslim-Liga eine bedeutende kommunale Organisation ist, behandeln wir sie entsprechend. Auch die anderen muslimischen Organisationen dürfen nicht ignoriert werden. Daher stellt sich die Frage überhaupt nicht, die Muslim-Liga als die einzige Organisation der indischen Muslime anzuerkennen.
In dem Brief sagte er weiter, ihm sei nicht bekannt, dass der Kongress irgendeinen Versuch unternehme, das Urdu zurückzudrängen oder ein Ram Rajya zu errichten. Wer tut dies? Er sagte weiter, er wisse nicht, was mit einer Koalitionsregierung gemeint sei.
Die einfache und unmittelbare Bedeutung seiner Worte ist, dass der Kongress keinesfalls bereit ist, in den Provinzen die Macht mit der Muslim-Liga oder irgendeiner anderen Partei zu teilen; daran hält er unbeirrt fest. Am Ende des Briefes sagte Nehru, dass er persönlich keinerlei Vertrag oder Verständigung und überhaupt nichts Derartiges möge.
Subhas Chandra Bose wurde 1938 zum Präsidenten des Kongresses gewählt. Nachdem der Briefwechsel mit Gandhi und Nehru erfolglos geblieben war, wechselte Quaid-e-Azam Briefe mit Subhas Bose. Im Mai legte Quaid-e-Azam den von Herrn Bose verfassten Brief dem Arbeitskomitee der Muslim-Liga zur Erörterung vor. In der daraufhin angenommenen Resolution hieß es, dass die Muslim-Liga nicht bereit sei, mit dem Kongress über die Beilegung der hindu-muslimischen Meinungsverschiedenheiten zu verhandeln, solange die Muslim-Liga nicht als vertrauenswürdige und repräsentative Organisation der indischen Muslime anerkannt werde. Dementsprechend schrieb Quaid-e-Azam am 2. August an Herrn Bose:
In dem 1916 in Lucknow unterzeichneten Kongress-Muslim-Liga-Pakt wurde die Muslim-Liga als vertrauenswürdige und repräsentative Organisation der indischen Muslime anerkannt. Von jener Zeit bis zu den Gesprächen zwischen Jinnah und Rajendra Prasad im Jahr 1935 wurde diesbezüglich keine Frage aufgeworfen. Die Muslime, die dem Kongress angehören, können die indischen Muslime nicht vertreten. Der Muslim-Liga ist auch nicht bekannt, dass irgendeine muslimische politische Partei den Anspruch erhoben hätte, die indischen Muslime zu vertreten. Darauf gab der Kongress eine erstaunliche Antwort. Das heißt, der Kongress ist nicht bereit, auch nur eine einzige Forderung der Muslim-Liga anzuerkennen. (The Struggle for Pakistan, I. H. Qureshi, S. 107–112)
Aus den Gesprächen und dem Briefwechsel zwischen dem Kongress und der Muslim League wurden einige äußerst bedeutsame Dinge deutlich. Erstens bestreitet der Kongress die Vorwürfe von Unterdrückung und Ungerechtigkeit gegen die Kongressministerien. Zweitens betrachtet der Kongress das Hindu-Muslim-Problem überhaupt nicht als ein Problem. Seiner Ansicht nach handelt es sich dabei um eine vorübergehende Gefühlsaufwallung und Erregung. Mit dem Wandel der Zeit werde sie in den tiefsten Abgründen des Vergessens versinken. Drittens behauptet der Kongress, eine Organisation zu sein, die die gesamtindische nationalistische Bewegung vertritt. Der Kongress sei die einzige wahrhaft nationale Organisation, die alle ohne Unterschied von Volkszugehörigkeit und Religion vertrete. Viele muslimische politische Parteien unterstützten den Kongress. Nur die Muslim League halte sich fern. Wie lange würden sie noch auf diese Weise bleiben? Vielleicht würden sie sich schon bald dem Kongress anschließen. Wozu also den Forderungen der Muslim League Bedeutung beimessen?
Diese oben dargelegte Haltung des Kongresses löste in der Muslim League naturgemäß eine Reaktion aus und machte sie geeint, geschlossen und stark. Im Verlauf dieser langen Auseinandersetzung wurde deutlich, dass der Kongress eine Partei war, die das hinduistische Indien vertrat. Sein Ziel bestand nicht nur darin, die Muslime im politischen Bereich niederzuhalten, sondern auch darin, sie zu vernichten. Die Bewegung Bal Gangadhar Tilaks, die Shuddhi-Bewegung Swami Shraddhanands sowie die politischen Anschauungen des Kongresses und der Hindu Mahasabha verfolgten dasselbe Ziel: die Muslime zu unterdrücken und zu unterwerfen oder sie zu vernichten und ein hinduistisches Ram Rajya zu errichten.
Erwähnt sei, dass 1906 während der Bewegung zur Aufhebung der Teilung Bengalens in ganz Indien das „Shivaji-Fest“ mit dem Ziel der Wiederbelebung des Hinduismus gefeiert wurde. Alle Führer der hinduistischen Gesellschaft, Politiker, Dichter, Schriftsteller und Bildungsförderer nahmen freudig an diesem Fest teil. Aus diesem Anlass beteiligte sich der Dichter Rabindranath Tagore durch das Verfassen des „Shivaji-Festes“ unmittelbar an der Wiederbelebung des Hinduismus und ließ sich mit dem Ausruf „Möge Shivaji beim glückverheißenden Muschelhornruf siegen“ in dieses Meditationsmantra einweihen:
Die Fahne ergreifend, werde ich das Obergewand des Entsagers flattern lassen—
die Kraft der Armen.
„In diesem Indien“ wird ein Reich der Rechtschaffenheit entstehen; dieses große Wort
werde ich mir zur Stütze nehmen.
Politik und die Wiederbelebung des Hinduismus verschmolzen untrennbar miteinander. In der aufgeheizten Atmosphäre religiöser Gesinnung wurde versucht, die Politik in eine Massenbewegung zu verwandeln.
(B.B. Misra, The Indian Class Their Giowth). Abdul Maudud: Die Entwicklung der Mittelschicht: Der Wandel der Kultur)
Vor dem Ersten Weltkrieg erzählte ein muslimischer Freund dem Korrespondenten der „Times“, Sir Valentine Chirol, dass man Tilak, seine Anhänger sowie die hinduistischen Nationalisten in Punjab und Bengalen öffentlich sagen höre, die Muslime würden ebenso aus Indien vertrieben werden, wie sie einst aus Spanien vertrieben worden seien. Auch Sir Walter Lawrence äußerte sich in ähnlicher Weise. Er war Mitglied des Stabes von Vizekönig Curzon. Er hörte auch den Maharaja von Indore, Sir Pratap Singh, eine ähnliche Haltung zum Ausdruck bringen. Er sagte: Zuvor habe er die Tiefe dieses Hasses nicht erkannt. Lord Curzon kam zu Ehren meiner Frau und meiner Person nach Shimla. Sir Pratap kam ebenfalls nach Shimla, um an dem von ihm gegebenen Dinner teilzunehmen. Nach dem Dinner unterhielt sich Sir Pratap bis zwei Uhr nachts über seine Hoffnungen und Wünsche. Zu seinen Wünschen gehörte auch die Ausrottung der Muslime aus dem Herzen Indiens.
…Er beherrschte die englische Sprache gut, verkehrte mit Angehörigen vieler Völker und glaubte an eine weltbürgerliche Zivilisation. Doch unter seinem edlen Herzen verbarg sich ein unauslöschlicher Hass auf die Muslime.
(Sir Walter Lawrence: The India We Served, S. 209; Abdul Hamid: Muslim Separatism in India, S. 83–84)
Wer mit unvoreingenommenem Geist zu einer gründlichen Analyse der hindu-muslimischen Beziehungen auf dem Subkontinent fähig war, erkannte diese erwähnte hinduistische Haltung gegenüber den Muslimen. Daher schrieb Patrick Fagan in einem in der Zeitschrift Asiatic Review veröffentlichten Aufsatz, den Muslimen stünden im unterworfenen Indien nur zwei Wege offen: entweder in der hinduistischen Gesellschaft aufzugehen oder durch physische Kraft in einigen Regionen Indiens einen eigenen Staat zu errichten. Schließlich blieb den hundert Millionen Muslimen Indiens kein anderer Weg, als mit aller Kraft für die Errichtung einer eigenen und unabhängigen Heimat zu kämpfen.
Viertes Kapitel
Die Pakistan-Bewegung
Die Bewegung zur Errichtung einer unabhängigen und souveränen Heimat der Muslime auf dem Subkontinent unter dem Namen „Pakistan“ war äußerst natürlich und nach allen Maßstäben der Vernunft und der Argumentation äußerst gerechtfertigt. Denn von der Errichtung Pakistans hing die Existenz der Muslime auf dem Subkontinent vollständig ab. Einerseits konnte die britische Regierung die Forderung der Pakistan-Bewegung nicht akzeptieren, andererseits weigerte sich auch der Hindukongress nicht nur, sie anzunehmen, sondern bekämpfte sie mit allen Kräften. Dennoch errang infolge des sieben Jahre andauernden vereinten Kampfes der hundert Millionen Muslime des Subkontinents und durch das Blut von Millionen muslimischer Männer und Frauen ein unabhängiges Land namens Pakistan einen Platz auf der Weltkarte. Das ideologische und islamische Bewusstsein, das hinter dieser Pakistan-Bewegung wirksam und maßgeblich war, ist ein für die muslimische Nation unvergessliches Gut; daher ist es für die künftigen muslimischen Generationen unbedingt erforderlich, ihre sachliche Geschichte zu kennen und im Gedächtnis zu bewahren.
In diesem Werk wurden die von Lord Curzon 1905 ausschließlich aus administrativen Gründen vorgenommene Teilung Bengalens, die Bewegung der Hindus zur Aufhebung der Teilung und ihre Aufhebung im Jahr 1911, die von Hindus überall auf dem Subkontinent und jederzeit provozierten kommunalen Zusammenstöße sowie die erheblichen Verluste an Menschenleben und Eigentum der Muslime und die zweieinhalbjährige Missregierung des Kongresses in sieben Provinzen ausführlich erörtert. Diese Erörterung hat eindeutig gezeigt, dass die Hindu-Nation aufgrund ihrer überwältigenden Mehrheit und ihrer Stärke auf dem Subkontinent die muslimische Nation entweder zu ihren unterwürfigsten Sklaven machen oder sie vernichten will. Um dieses Ziel zu erreichen, forderte der Kongress, dass der Indische Nationalkongress die einzige politische Institution der Bewohner dieses Subkontinents sei und dass die britische Regierung ausschließlich ihm die Macht übertragen müsse. Zugleich erhob der Kongress die weitere seltsame und unrealistische Forderung, dass alle Bewohner des Subkontinents zusammen eine einzige Nation – die indische Nation – bildeten. Die tatsächliche Lage ist jedoch, dass dieser Subkontinent nicht die Heimat einer einzigen Nation, sondern vieler Nationen ist. Zu den wichtigsten und bedeutendsten gehören die Hindu- und die muslimische Nation. Die Wiederbelebung der hinduistischen Zivilisation, Kultur und Religion sowie die Errichtung eines hinduistischen Rama-Raj war das einzige Ziel des Kongresses. Durch das unterschiedliche Verhalten des Kongresses und seiner Funktionäre zu verschiedenen Zeiten verfestigte sich diese Überzeugung in den Herzen der Muslime; gerade deshalb sahen sich die Muslime gezwungen, die Pakistan-Bewegung zu betreiben.
Sehen wir nun, was hinduistische Historiker über den indischen Nationalismus des Kongresses und die Errichtung eines Rama-Raj sagen.
Dr. Ramesh Chandra Majumdar sagt: Das hinduistische Nationalbewusstsein, das in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erwachte, war in Wirklichkeit eine Wiederbelebung des Hinduismus, deren einziges Ziel die Errichtung eines „Rama-Raj“ war. Die Gründung der Hindumela in Bengalen, der Sarbajanik Sabha in Pune und der Mahajan Sabha in Madras war damals im Wesentlichen ein Versuch zur Wiederbelebung des alten Hinduismus. Dayanands Gründung der „Gorakshini Samiti“ im Jahr 1882 und Bal Gangadhar Tilaks Veranstaltung des „Shivaji-Festes“ im Jahr 1896 entsprangen derselben Inspiration. Auch Bankimchandras literarisches Schaffen war von demselben Ziel geleitet. Sein Werk „Anandamath“ und das Mantra „Vande Mataram“ verkündeten einstimmig, dass Hinduismus, Nation und nationales Bewusstsein ein und dasselbe unteilbare Thema seien – der Ausdruck ein und derselben Denkweise. Deshalb sparte er nicht im Geringsten mit Flüchen, Beschimpfungen und dem Ausgießen von Hass über die Häupter der Muslime. … Damals musste man Lebensbeschreibungen von Helden importieren. Die Vaterlandsliebe Raja Prataps und die ruhmreichen Taten Shivajis wurden damals in jedem Haus gepriesen. In keiner anderen Literatur findet man Gedichte von solch heroischem Gehalt wie jene, die Rabindranath über Shivaji sowie über den Sikh-Guru Banda und Guru Gobind schrieb. Tatsächlich gibt es in der Literatur keines Landes der Welt ein Gegenstück zu der heftigen Bewegung des nationalen Hasses, die durch die zeitgenössische bengalische Literatur und Presse ausgelöst wurde und immer schärfere Formen annahm. (Dr. R. C. Majumdar: History of Freedom Movement, S. 202–205; Abdul Mawdud: Entwicklung der Mittelklasse: Wandel der Kultur, S. 267)
Dass der Nationalismus des Kongresses die Wiederbelebung des Hinduismus und die Errichtung eines hinduistischen Rama-Raj bedeutet, ist bereits aus den Worten des Historikers Dr. Ramesh Chandra Majumdar deutlich geworden. Welchen Platz können Muslime in einem solchen Nationalismus einnehmen? Kann die Forderung des Kongresses nach einem indischen Nationalismus danach noch etwas anderes als äußerste Täuschung sein? Auch diese Forderung hat Dr. Majumdar beleuchtet. Er sagt: Gab es 1833 eine indische nationale Identität? Die Antwort lautet: Nein … Damals betete der bengalische Führer, ja selbst Rammohun Roy, zu Gott um den Sieg der Briten im Krieg gegen die anderen indischen Mächte. … Im Jahr 1833 lebten in Bengalen Angehörige zweier Nationen – Hindus und Muslime. Obwohl sie Bewohner desselben Landes waren, unterschieden sie sich in allen Belangen außer der Sprache. In Religion, Bildung sowie im sozialen und kulturellen Leben hatten sie sechshundert Jahre lang gelebt, als befänden sie sich in zwei verschiedenen Welten. Rammohun Roy, Dwarakanath Tagore, Prasanna Kumar Tagore und andere angesehene Bürger Kalkuttas betrachteten die Muslime als die Quelle all des Unglücks und Unheils, das die Hindus neunhundert Jahre lang hatten erdulden müssen. Die britische Herrschaft hingegen hielten sie für einen Segen der Vorsehung, durch den die Hindus von der berüchtigten muslimischen Herrschaft befreit worden seien. In der gesamten bengalischen Literatur und Presse wurden die Muslime als „Yavana“ bezeichnet – damals bestand keinerlei Wunsch, die Briten zu vertreiben und eine hinduistische oder indische Herrschaft zu errichten. Nicht einmal Raja Rammohun Roy hegte einen solchen Wunsch. Selbst angesehene Bürger wie Prasanna Kumar Tagore erklärten öffentlich, dass sie, falls Gott ihnen die Wahl zwischen „Swaraj“ und britischer Herrschaft ließe, ohne zu zögern Letztere wählen würden. (Dr. R. C. Majumdar: History of Freedom Movement, S. 193)
Dr. Majumdar hat nachgewiesen, dass Hindus und Muslime zwei getrennte Nationen sind. Die oben genannten hinduistischen Denker betrachteten die Muslime sogar als Feinde der Hindu-Nation. Wie kann aus diesen zwei getrennten und gegensätzlichen Nationen eine indische Nation gebildet werden? Wann entstand sie, und wer war der Urheber dieses einen Nationalismus?
Der verstorbene Maulana Abul Kalam Azad hielt ohne jeden vernünftigen Grund bis zum letzten Augenblick seines Lebens an seiner Verbindung mit dem hinduistischen Kongress fest. Auch er selbst betrachtete Hindus und Muslime als zwei getrennte Nationen. In der einst unter seiner Redaktion in Kalkutta erscheinenden Zeitung „Al-Hilal“ sagte er unmissverständlich:
„Was bedeutet es, Hindus und Muslime miteinander zu vermischen und eine Nation zu errichten? Sind nicht der eine Öl und der andere Wasser?“
„Wie lächerlich ist es, Hindus und Muslime miteinander zu vermischen und eine Nation zu bilden! Sind nicht der eine Öl und der andere Wasser?“
Auch Dr. Majumdar hat die völlig unterschiedlichen Merkmale von Hindus und Muslimen herausgestellt. Dann muss man die Vorstellung einer einheitlichen indischen Nationalität als bloß imaginär und irreführend bezeichnen. Die Freiheitsbewegung des Subkontinents, die 1857 durch die Bemühungen muslimischer Sepoys erstmals begann, wurde ebenfalls von der hinduistischen Nation bekämpft. Raja Rammohan betete sogar zu „Gott“, dass die Briten in diesem Unabhängigkeitskrieg den Sieg davontragen mögen. Der Historiker Binoy Ghosh sagt hierzu: Zur Zeit des Sepoy-Aufstands (der Freiheitsbewegung der Sepoys) zeigte unsere nationale Presse den Aufständischen keinerlei Sympathie … Damals pries die gesamte Presse die Wohltaten der britischen Herrschaft und beschimpfte die Aufständischen als Angehörige der niedrigsten Schichten der Gesellschaft. Nahezu alle Zeitungen und Zeitschriften spielten diese Rolle. Denn die hinduistische Mittelschicht jener Zeit war nicht bereit, irgendeine Rebellion gegen die britische Herrschaft zu dulden (Benoy Ghosh, History of Bengal 1757–1905, C.U. Contribution, S. 227–228).
Wie absurd die Vorstellung einer einheitlichen indischen Nationalität ist, die Hindus und Muslime des Subkontinents miteinander vereinen soll, wird durch die Aussage von Herrn Nirod Chandra Chaudhuri belegt. Er sagt: Die Teilung Bengalens schuf eine ewige Trennung zwischen Hindus und Muslimen, weckte in unseren Herzen Hass gegen sie und zerriss für immer das Band der Freundschaft. Dies zeigte sich auf den Straßen, auf Märkten und Basaren sowie in den Bildungseinrichtungen und nahm seinen Platz in den Herzen der Menschen ein.
Er sagt ferner, dass sie an der Schule, die er besuchte, davor zurückschreckten, neben muslimischen Mitschülern zu sitzen, weil aus deren Mündern Zwiebelgeruch kam. Daher wurden auf Forderung der Hindus die Sitzplätze hinduistischer und muslimischer Schüler voneinander getrennt.
Herr Chaudhuri sagt, noch bevor wir lesen lernten, habe man uns erzählt, dass sie einst während der muslimischen Herrschaft in diesem Land Grausamkeiten und Unterdrückung gegen uns verübt und in Indien ihre Religion verbreitet hätten, mit dem Koran in der einen und dem Schwert in der anderen Hand. Außerdem hätten muslimische Herrscher unsere Frauen entführt, unsere Tempel zerstört und unsere heiligen religiösen Stätten entweiht. (N. C. Chaudhury: The Autobiography of an Unknown Indian; Abdul Hamid: Muslim Separatism in India)
Diese unaufhörliche, jahrhundertelange hasserfüllte Propaganda gegen die Muslime und die Bezeichnung der Muslime durch hinduistische Dichter und Schriftsteller als „Yavana“ und „Mleccha“ bedeuteten, dass die Bildung einer Nation mit ihnen gemäß den religiösen Bräuchen der Hindus darauf hinauslief, die Muslime als eine äußerst niedrige Klasse zu behandeln und sie zu Sklaven der Hindus zu machen. Oder sie durch Gewalt vollständig zu vernichten. „Die Muslime waren sich dessen sehr bewusst und konnten die Vorstellung einer einheitlichen Nation keinesfalls akzeptieren.
Der Kongress behauptet, die einzige repräsentative Organisation des Subkontinents und der Vertreter einer einheitlichen indischen Nationalität zu sein. Sehen wir uns daher einmal seine Entstehungsgeschichte an, um zu prüfen, ob er tatsächlich wohlwollend gegenüber den Muslimen und deren Vertreter ist.
Die Gründung des Kongresses
Zwei Jahre vor der Gründung des Kongresses, im Jahr 1883, gründete John Bright das „India Committee“ und machte fünfzig britische Parlamentsabgeordnete zu dessen Mitgliedern. 1885 gründete der einflussreiche britische Zivilbeamte im Ruhestand des Indian Civil Service, Allan Octavian Hume (A. O. Hume), den Indian National Congress. Auch nach seinem Eintritt in den Ruhestand blieb er in Indien. Er trug sich mit dem Gedanken, zur sozialen Erneuerung Indiens eine gesamtindische Organisation zu gründen, die den politischen Fortschritt fördern könnte. Dementsprechend richtete er einen offenen Brief an die Absolventen der Universität Kalkutta. In dem Schreiben betonte er nachdrücklich die Notwendigkeit, einen Verein und eine Organisation zu gründen, und erklärte mit Nachdruck, die wirtschaftlichen Probleme seien deshalb nicht gelöst worden, weil es an Verbindung und Kontakt zwischen der Bevölkerung und der Regierung fehle. Die Aufgabe des Wiederaufbaus müssten die Landesbewohner selbst übernehmen; von Ausländern könne man dies nicht erwarten, ganz gleich, wie sehr sie dieses Land auch liebten.
Wie dem auch sei, infolge der oben erwähnten Überlegungen und Bemühungen von Allan Hume wurde der Indian National Congress gegründet. Obwohl der Vizekönig Lord Dufferin dahinter ausreichenden Segen gewährte, wollte er sich nicht direkt daran beteiligen. Er hoffte jedoch, dass die Organisation stark und geschlossen werden und in der Lage sein würde, die Rolle einer verantwortungsvollen Opposition zu übernehmen. Hume schlug vor, einem Provinzgouverneur die Übernahme des Vorsitzes zu gestatten. Lord Dufferin lehnte dies ab. Nach der zweiten Jahrestagung des Kongresses bewirtete der Gouverneur von Madras die Delegierten bei einem Abendessen. Daher bekundete eine Gruppe von Engländern dem Kongress ihre volle Unterstützung, da Regierung und Kongress auf diese Weise zustande gekommen waren. Zu ihnen gehörten insbesondere Sir William Wedderburn (WEDDERBURN), George Yule (YULE) und Charles Bradlaugh (BRADLAUGH). Charles Bradlaugh (BRADLAUGH) wurde 1888 als besoldeter Mitarbeiter des Kongresses angestellt. William Digby war der besondere Propagandabeauftragte in London. Durch die Zeitschrift „India“ wurden das Programm des Kongresses und indische Angelegenheiten der englischen Öffentlichkeit besonders nahegebracht. William Hunter war ein großer Unterstützer des Kongresses, und sein Biograf sagt, dass Hunters Verdienst die einzige wirksame Kraft bei der Beeinflussung der britischen öffentlichen Meinung gewesen sei. Professor Seeley unterrichtete die Studenten in Oxford. Er sagte, Indien könne weder mit England noch mit Frankreich verglichen werden. Wie in den vielen Völkern Europas lebten auch in Indien zahlreiche Völker. Nach Sir Henry James waren die religiösen Bräuche der Hindus für die kommunalen Konflikte in Indien verantwortlich. Sir Theodore Morrison sagte, dass die Muslime zwar im europäischen Sinne keine Nation seien, sich jedoch von den anderen Indern unterschieden und sich als Nation herausbildeten. (Abdul Hamid: Muslim Separatism in India, S. 29; Justice Syed Shameem Hussain Kadir: Creation of Pakistan, S. 12; Abdul Maudud: Die Entwicklung der Mittelklasse; Der Wandel der Kultur: S. 279–280)
Welchen Charakter und welche Merkmale der Kongress als politische Organisation annehmen würde, ließ sich recht gut aus den politischen Methoden, der politischen Philosophie und den Grundsätzen zweier berühmter und äußerst einflussreicher Führer des Kongresses ermessen. Es waren Bal Gangadhar Tilak und Surendranath Banerjee.
Nach seinem Studienabschluss ergriff Tilak den Beruf des Journalisten und trat Anfang der achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts in die Politik ein. Bei der Bewegung zur Aufhebung der Teilung Bengalens stand er jedoch an vorderster Front. Er war ein fähiger Politiker und glaubte an den direkten Kampf (direct action). Er belebte die religiösen und politischen Traditionen des militärisch gesinnten Volkes der Marathen neu und begeisterte den Kongress für diese Inspiration. Er gründete eine Gesellschaft zur Verhinderung der Kuhschlachtung (anti-cow-slaughter society), agitierte gegen die Muslime und protestierte gegen das Verbot von Musikinstrumenten vor Moscheen, wodurch in Indien kommunale Unruhen ausbrachen. Daher war die unter Tilaks Führung auf allen Gebieten einsetzende Bewegung zur hinduistischen Erneuerung zweifellos antimuslimisch, und zwischen seinem „indischen Nationalismus“ und seinem „hinduistischen Nationalismus“ bestand keinerlei Unterschied. (Abdul Hamid: Muslim Separatism in India, S. 30)
Surendranath Banerjee trat in den sechziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts in den Indian Civil Service (ICS) ein. Nachdem er jedoch einige Jahre später aus dem Dienst entfernt worden war, schloss er sich der Politik an. Er war eine äußerst einflussreiche zentrale Persönlichkeit des Kongresses. Doch er setzte all seine Fähigkeiten und seine ganze Sachkenntnis für Aktivitäten gegen die Interessen der Muslime ein.
Er hatte in der Bewegung gegen die Teilung Bengalens als Erster die Trompete geblasen. Er sagte, als er von der Teilung Bengalens hörte, habe es sich angefühlt, als sei ein Blitz vom Himmel auf uns herabgeschlagen. Man habe uns beleidigt, entehrt und betrogen. Daraufhin wurde auf seine Initiative am 16. Oktober 1905 in Kalkutta ein nationaler Trauertag begangen. Alle Hindus trugen schwarze Abzeichen und beschmierten ihre Köpfe mit Asche. Sie hielten ein Fasten und badeten im Ganges. Surendranath Banerjee führte diese Bewegung an.
Infolge der sechs Jahre andauernden heftigen terroristischen Bewegung der Hindus wurde die Teilung Bengalens 1911 aufgehoben. Um die aufgebrachten Muslime zu besänftigen, kündigte die Regierung die Gründung einer Universität in Dhaka an. Einige Kongressführer äußerten über eine solche Entscheidung der Regierung ihre heftige Empörung. Sie sagten, die Gründung einer weiteren Universität in Bengalen werde das Ansehen der Universität von Kalkutta zerstören. Daraufhin traf eine von Surendranath Banerjee geführte Delegation mit dem Vizekönig Lord Hardinge zusammen. Der Sprecher Surendranath Banerjee sagte, eine weitere Universität in der Provinz werde die zwischen den Bewohnern der beiden Regionen bestehenden Meinungsverschiedenheiten um ein Vielfaches verstärken. (A. Hamid: Muslim Separatism in India, S. 30, 93)
Aus diesen Beispielen wird eindeutig ersichtlich, dass der Kongress eine hinduistische Institution ist. Sein Ziel besteht in der Erneuerung des Hinduismus und der Errichtung von Ram Rajya.
Unter den Muslimen des Subkontinents war Sir Sayyid Ahmad Khan der Erste, der den Kongress nicht wohlwollend betrachten konnte. Nachdem der kluge und weitsichtige Sayyid Ahmad die Entstehungsgeschichte des Kongresses, seine zentrale Struktur, seine Leiter, seine politische Ausrichtung sowie seine Ziele und Absichten analysiert hatte, erkannte er, dass
Der Kongress wird auf Schritt und Tritt die Interessen der Muslime verletzen. Daher fordert er die Muslime des Subkontinents auf, vom Beitritt zum Kongress abzusehen. Er erklärt, selbst wenn der Vizekönig, der Staatssekretär und sogar das gesamte Unterhaus den Kongress offen unterstützten, werde er sich dennoch entschlossen gegen ihn stellen. Weiter sagt er: „Ich bin fest davon überzeugt, dass es der britischen Regierung unmöglich werden wird, den Frieden zu wahren oder Gewalt und einen sicheren Bürgerkrieg zu verhindern, wenn die Vorschläge des Kongresses umgesetzt werden.“ (Justice Syed Sharneem Hussain Kadir, Creation of Pakistan, S. 12; I. H. Qurrshi, Struggle for Pakistan, S. 29; The Times, 12. Nov. 1888)
Syed Ahmeds Befürchtungen und Vorhersagen sollten sich später bewahrheiten. Auch die zeitgenössischen muslimischen Zeitungen äußerten ihre Ansichten gegen den Kongress. Zu den bedeutenden gehörten der Muhamedan Observer, The Victoria Paper, The Muslim Herald, Rafiq-e-Hind und andere. Auch die folgenden muslimischen Organisationen und Institutionen richteten gemeinsam einen Appell an den Kongress:
Central National Muhamedan Association, The Muhamedan Literary Society of Bengal, die Anjuman-e-Islam von Madras, Dindigul Anjuman, Muhamedan Central Association of the Punjab. (Justice Syed Shameem Kadir: Creation of Pakistan, S. 13–14)
Der Kongress versucht, Muslime und die Außenwelt durch falsche und heuchlerische Propaganda zu täuschen. Einige englische Unterstützer des Kongresses betrieben ebenfalls eine derartige Propaganda. Digby, der Propagandist des Kongresses im Vereinigten Königreich, erklärte, der Kongress sei der Sprecher aller Nationen und Klassen, sogar der Muslime. Allan Hume, der Begründer des Kongresses, konnte keine Kritik am Kongress dulden. Auch das in England gegründete India Committee sprach im Einklang mit dem Kongress. Doch trotz alledem erlangten die Muslime des Subkontinents ihre Anerkennung als eigenständige Nation – und dies war die Grundlage Pakistans.
Die ideologische Grundlage Pakistans
Auf der Grundlage religiösen Glaubens, eigener Ideale, einer eigenen Zivilisation und Kultur, Geschichte und Tradition, eines eigenständigen Lebensverständnisses und einer eigenen Lebensordnung sowie der Rechenschaft gegenüber dem Schöpfer und dem Gesandten der Welten im Jenseits bilden die Muslime eine Nation, die alle anderen Definitionen von Nationalität zurückweist. Die Grundlage dieser Nationalität, das heißt der islamischen Nationalität, wurde auf dem Subkontinent im Radschab des Jahres 93 nach der Hidschra, also im Jahr 712 n. Chr., gelegt, als ein siebzehnjähriger junger Befehlshaber namens Imad ad-Din Muhammad ibn al-Qasim in dem Hafen von Debal (dem heutigen Karatschi) landete und muslimische Frauen und Kinder aus den Gefängnissen Raja Dahirs befreite. Nachdem er Raja Dahir besiegt hatte, errichtete er dort die erste Moschee.
Quaid-e-Azam Muhammad Ali Jinnah sagte, die Pakistanbewegung habe in dem Augenblick begonnen, als der erste Muslim den Boden von Sindh betrat. (Justice Shameem Hussain Kadir: Creation of Pakistan, S. 1) Nach Debal, also Karatschi, wurde zunächst in Nirun (dem heutigen Hyderabad) und danach in Sehwan das Siegesbanner des Islam gehisst. Daraufhin wurde am 10. Ramadan al-Mubarak (93 n. H.) die Festung von Rawar eingenommen; Raja Dahir wurde in der Schlacht besiegt und getötet. Schon bald gelangten Brahmanabad (das heutige Sanghar) und Alor (eine östlich des heutigen Rohri gelegene Stadt) in die Hände der Muslime, woraufhin Multan sich ergab. Im Jahr 96 nach der Hidschra war auch Nordindien im Begriff, sich freiwillig Muhammad ibn al-Qasim zu unterwerfen, als der Kalif ihn nach Damaskus zurückrief.
Der fähige muslimische Feldherr Muhammad ibn al-Qasim errichtete in den von ihm eroberten Gebieten eine vorbildliche islamische Regierungsordnung. Sie gewann die Herzen der hinduistischen und buddhistischen Untertanen in einem solchen Maße, dass eine große Zahl nichtmuslimischer Untertanen freiwillig den Islam annahm. Der Einfluss der islamischen Lehren auf die Konvertierten war so gewaltig, dass sie ihr Leben nach den Anweisungen des Korans und der Sunna neu gestalteten. Für die Sindhi-Sprache wurde ebenfalls das arabische Alphabet übernommen.
Die Errichtung, der Aufstieg und der Untergang eines islamischen Staates auf dem Subkontinent
Muhammad bin Qasim war auf dem Subkontinent nicht nur der Begründer eines islamischen Staates, sondern auch ein Wegbereiter für die Begründung der islamischen Zivilisation und Kultur. Die islamische Herrschaft sowie die islamische Zivilisation und Kultur schufen den maßgeblichen Antrieb für die Gründung Pakistans. Der Samen jener Zivilisation und Kultur, der gesät worden war, keimte, entfaltete und vermehrte sich im Laufe der Zeit; und als später zahlreiche muslimische Herrscher in siegreicher Gestalt auf den Subkontinent kamen, wurde überall auf dem Subkontinent die islamische Flagge gehisst. Nach Muhammads bin Qasims Eroberung von Sindh endete in der Mitte des elften Jahrhunderts die muslimische Herrschaft auf dem Subkontinent infolge äußerster innerer Zwietracht und moralischen Verfalls unter den Muslimen sowie der Angriffe ausländischer Mächte.
Die angeborenen und natürlichen Eigenschaften des Islam
Islam bedeutet, sich aus eigenem Antrieb der uneingeschränkten Knechtschaft und dem Gehorsam gegenüber Allah Taʿala zu unterwerfen. Sein natürliches Kennzeichen besteht darin, dass die Anhänger des Islam weder ein gottloses System noch die Vorherrschaft von Nichtmuslimen hinnehmen können. Der Islam legt der Menschheit eine vollständige Lebensordnung vor, deren Grundprinzipien gleichermaßen auf alle geistigen und materiellen Bereiche des Lebens Anwendung finden. Staat und Religion sind im Islam nicht voneinander getrennt; vielmehr sind die materiellen und weltlichen Bereiche des Lebens mit seinen geistigen Bereichen verbunden. Ein Muslim erfüllt als Staatsoberhaupt oder als gewöhnlicher Bürger all seine Pflichten in der festen Überzeugung, dass Allah Taʿala all seine Handlungen sieht und er Ihm am Ende für alle seine Taten Rechenschaft ablegen muss. Auf der Grundlage der genannten Grundprinzipien, Ideale und ethischen Normen des Islam wurde auf dem Subkontinent die muslimische Herrschaft errichtet und blieb mehrere Jahrhunderte bestehen. Obwohl das Landesrecht (Law of the land) islamisch war, hatte jede andere Gemeinschaft in Fragen des Personen- und Familienrechts das Recht, ihre eigenen religiösen Vorschriften zu befolgen.
Unter den muslimischen Herrschern des Subkontinents waren mit Ausnahme Akbars alle Träger und Bewahrer der islamischen Zivilisation und Kultur. Obwohl einige von ihnen in ihrem persönlichen Leben die islamischen Vorschriften nicht vollständig befolgen konnten, war das Land überall islamisch. Die Herrscher betrieben die Verbreitung und Förderung des Islam nicht unmittelbar. Diese Aufgabe erfüllten mit großer Hingabe zahlreiche auswärtige Gelehrte, Pīre und Derwische. Die muslimischen Herrscher errichteten jedoch zur Verbreitung der islamischen Bildung unzählige Moscheen, Madrassas und Chānqāhs. Zur Deckung ihrer Kosten stifteten sie viele Lakh steuerfreie Ländereien. Diese Einrichtungen spielten zweifellos eine wirksame Rolle bei der Ausweitung der islamischen Bildung und Dawa auf dem Subkontinent. Infolgedessen waren die Nichtmuslime des Subkontinents von der Schönheit des Islam beeindruckt und suchten in Scharen Zuflucht unter seinem wohltuenden Schatten. Im Laufe der Zeit wurden die nordwestlichen und südöstlichen Regionen des Subkontinents mehrheitlich muslimisch, und später wurde daraus der Staat Pakistan.
Nach der Errichtung der britischen Herrschaft auf dem Subkontinent wurde die islamische Herrschaft allmählich abgeschafft und die mit den grundlegenden Glaubensüberzeugungen und Prinzipien des Islam unvereinbaren Indian Civil and Criminal Codes of Procedure sowie der Indian Penal Code eingeführt und durchgesetzt. Die Muslime wurden in wirtschaftlicher Hinsicht völlig mittellos gehalten.
Durch die Kollusion und Verschwörung der Briten und der Hindu-Nation wurden die Muslime ihres gesamten Besitzes beraubt und unter der Last von Hunger und Armut zermalmt. Dennoch konnte man die grundlegenden Glaubensüberzeugungen des Islam und das islamische Denken nicht aus ihrem Geist und Verstand tilgen. Als natürliche Reaktion kam es im vergangenen Jahrhundert zu Protesten gegen die britische Regierung und zur Verkündung von Aufständen. Durch Sayyid Ahmad Shahid Barelvis Taḥrīk-i Mujāhidīn und den bewaffneten Dschihad, die Faraizi-Bewegung in Bengalen, die islamische Bewegung Titumirs und ähnliche Bestrebungen kam das unbezwingbare islamische Bewusstsein zum Ausdruck. Die Errichtung der islamischen Zivilisation und Kultur auf dem Subkontinent, ihre Pflege über mehrere Jahrhunderte hinweg und der Kampf um ihre Bewahrung legten das Fundament der Pakistan-Bewegung.
Muslime sind eine Nation
Aus der obigen Erörterung ist deutlich geworden, dass „Muslim“ die Bezeichnung für eine Nation ist. In Bezug auf Iman und Aqida (religiöser Glaube), religiöse Bräuche, die auf der Religion beruhende Unterscheidung zwischen Gut und Böse, Recht und Unrecht sowie Halal und Haram, das Gefühl der Rechenschaftspflicht gegenüber Allah im Jenseits für jede offenkundige und verborgene Handlung des Lebens, Zivilisation und Kultur, Geschmack und geistige Bildung sowie Denken und Bewusstsein bilden die Muslime eine eigenständige Nation. Dieses Bewusstsein der Eigenständigkeit entspringt dem religiösen Glauben. Diejenigen, die wahrhaft an Tauhid, Risalat und das Jenseits glauben und in jedem Lebensbereich die von Gott anvertrauten Pflichten vollständig erfüllen, bilden innerhalb der gesamten Menschheit eine eigenständige Nation; und Allah der Erhabene hat diese Nation als „Umma Muslimah“ anerkannt. Die Menschengruppe mit den oben genannten Eigenschaften ist die muslimische Nation, während die Menschengruppen mit entgegengesetzten Eigenschaften nichtmuslimische Nationen sind; zu ihnen gehören unter anderem Hindus, Christen, Juden und Buddhisten. Mit keiner dieser Gruppen können die Muslime eine einzige Nation bilden. Auf dem indischen Subkontinent sind Hindus und Muslime zwei voneinander getrennte Nationen: Da ihr religiöser Glaube, ihre religiösen Bräuche und ihre Maßstäbe für Recht und Unrecht sowie Halal und Haram völlig verschieden und entgegengesetzt sind, bilden sie zwei getrennte Nationen. Auf dieser Zwei-Nationen-Theorie gründete sich Pakistan.
Die Vorstellung, dass die Muslime eine eigenständige Nation sind, ist keine Errungenschaft der Neuzeit. Der erste Mensch der Welt war ein Muslim, ein Prophet Allahs und Sein Kalif. Allah verlieh ihm einen unermesslichen Schatz an Wissen. Von ihm nahmen der Islam und die islamische Nationalität ihren Anfang. Um die Existenz der Muslime auf dem indischen Subkontinent zu bewahren, wurde auf der Grundlage dieser Theorie ein gesondertes und unabhängiges Heimatland gefordert. Diese Nationalität ist eine ewige „Theorie“ beziehungsweise Lehre des Islam. Um die Vorherrschaft der hinduistischen Mehrheit über die muslimische Minderheit des indischen Subkontinents zu errichten, stiftete der Hindu-Kongress Verwirrung mit der Vorstellung einer einzigen Nation. Ein berühmter Gelehrter, der Scheich al-Hadith von Deoband, Maulana Sayyid Husain Ahmad Madani, erklärte im Einklang mit dem Kongress, dass alle Menschen, die innerhalb derselben geografischen Grenzen lebten, ungeachtet dessen, ob sie Muslime seien, eine einzige Nation bildeten. Später forderte die Muslim-Liga auf der Grundlage der Zwei-Nationen-Theorie (Two Nation Theory) Pakistan. Maulana Madanis obige Erklärung versetzte nicht nur die Muslim-Liga, sondern auch die Gelehrtenschaft und die gewöhnlichen Muslime in Erstaunen und Bestürzung. Obwohl die Forderung nach Pakistan damals noch nicht erhoben worden war, war die Wahrheit, dass die Muslime eine eigenständige Nation sind, allen bekannt, und sie wurde zu verschiedenen Zeiten immer wieder verkündet.
Maulana Madanis Erklärung wurde dem philosophischen Dichter Allama Iqbal, dem geistigen Wegbereiter des Traums von Pakistan, mitgeteilt. Er lag krank danieder. Langsam richtete er sich mit bebendem Körper auf seinem Bett auf und kritisierte trotz der Schmerzen seiner Krankheit als geborener Dichter die Äußerung Herrn Madanis in einigen Versen in der Weise eines Gedichts scharf:
Die Nichtaraber haben das Geheimnis der Religion noch immer nicht verstanden – sonst
wäre an Husain Ahmad aus Deoband nichts Verwunderliches.
Er verkündet von der Kanzel: Die Nation gründet sich auf das Vaterland,
wie ahnungslos ist er doch über die Stellung Muhammads des Arabers.
Schließe dich Mustafa an, denn er allein ist die ganze Religion.
Wenn du ihn nicht erreichst, ist alles Abū Lahab.
(Allama Iqbal: Armaghan-e Hidschāz, S. 278)
Bedeutung: Die Menschen von Ajam haben das Wesen der Religion überhaupt nicht verstanden.
Was für seltsame Worte sind das also von Husain Ahmad aus Deoband!
Vom Minbar aus verkündet er: „Aus dem Vaterland entsteht die Millat.“
Er ist sich der Würde Muhammads al-Arabī nicht bewusst. Wenn er sie nicht erreicht, wird alles zu Abū Lahab.
Obwohl Dr. Iqbals einige Gedichtzeilen die Auffassung von Maulana Madani widerlegten, reichten sie dennoch nicht aus, um die Ein-Nationen-Theorie als falsch zu erweisen. Zu dieser Zeit unterzog Maulana Sayyid Abul Ala Maududi die politischen, religiösen und kulturellen Verhältnisse des Subkontinents einer gründlichen Analyse und beleuchtete in dem von ihm herausgegebenen Monatsmagazin Tarjuman-ul-Quran in einer fortlaufenden Abhandlung mit dem Titel „Muslim aur Maujooda Siyasi Kashmakash“ die islamische Nationalität kenntnisreich. Zu diesem Thema wurde ein eigenes Buch mit mehr als hundert Seiten veröffentlicht. In diesem Buch sagt er bei der Darlegung der Grundlagen der islamischen Nationalität:
„Die begrenzten, materiellen, sinnlich wahrnehmbaren und von Aberglauben geprägten Grundlagen, auf denen die Paläste der verschiedenen Nationalitäten der Welt errichtet worden sind, haben Allah und Sein Gesandter in Stücke zerschlagen. Aufgrund von Unterscheidungen nach Rasse, Stamm, Heimat, Wirtschaft und Politik hatte man die Menschheit in verschiedene, kleinste Teile gespalten; der Islam aber hat allen Klassen gleiche Würde und gleiche Rechte verliehen.
„Im islamischen Nationalitätsverständnis werden zwischen den Menschen zwar Unterschiede gemacht, jedoch nicht aufgrund irgendwelcher materiellen, weltlichen oder äußerlichen Faktoren. Die Unterscheidung erfolgt vielmehr unter geistigen, sittlichen und humanen Gesichtspunkten. Der Menschheit wird eine natürliche, wahre Ordnung vorgelegt, deren Name Islam ist. Die gesamte Menschheit ist dazu aufgerufen, Allah zu dienen und Ihm zu gehorchen, die Reinheit und Lauterkeit von Herz und Gemüt zu wahren, in ihrem Handeln makellos und aufrichtig zu sein und der Religion zu folgen. Dann wird gesagt, dass diejenigen, die diese Einladung annehmen, als eine Nation gelten werden, während diejenigen, die sie zurückweisen, einer völlig anderen Nation angehören werden. Mit anderen Worten: Die eine Nation ist die Nation des Glaubens und des Islam, und die Gesamtheit ihrer Angehörigen bildet eine Umma. Die andere ist die Nation des Unglaubens und des Irrtums. Ihre Anhänger werden trotz ihrer gegenseitigen Meinungsverschiedenheiten und Unterschiede als dieselbe Gruppe und dieselbe Gemeinschaft betrachtet.“
„Zwischen diesen beiden Nationen gibt es hinsichtlich Abstammung und Stammeszugehörigkeit keinen Unterschied. Der Unterschied liegt im Glauben und im Handeln. So können sogar zwei Kinder desselben Vaters aufgrund des genannten Unterschieds zwischen Islam und Unglauben zu zwei verschiedenen Nationen gerechnet werden, während zwei miteinander nicht verwandte und einander unbekannte Menschen aufgrund ihres Eintritts in den Islam derselben Nation angehören können.“
„Auch der Unterschied des Heimatlandes kann kein Grund für den Unterschied zwischen diesen beiden Nationen sein. Hier wird auf der Grundlage von Wahrheit und Falschheit unterschieden. Für Wahrheit und Falschheit gibt es keine ‚Heimat‘ oder kein Geburtsland. Die Nationalität zweier Menschen aus derselben Stadt, demselben Viertel und demselben Haus kann aufgrund des Unterschieds zwischen Islam und Unglauben verschieden sein. Ein Schwarzer kann durch den Islam zum Bruder eines Marokkaners werden.“
„Auch der Unterschied der Hautfarbe ist hier kein Grund für einen nationalen Unterschied. Die Farbe des äußeren Erscheinungsbildes ist im Islam belanglos. Hier kommt allein der Farbe Allahs Bedeutung zu. Sie ist die vorzüglichste Farbe.“
„Auch die Verschiedenheit der Sprachen ist kein Grund für den Unterschied zwischen Islam und Unglauben. Im Islam hat die Sprache des Mundes keinerlei Wert. Wert hat die sprachlose Sprache des Gemüts und des Herzens.“
„Das Zentrum dieses Kreises der islamischen Nationalität ist das Glaubensbekenntnis: Ilaha illallah Muhammadur Rasulullah. Freundschaft und Feindschaft richten sich nach diesem Glaubensbekenntnis. Seine Anerkennung vereint die Menschen, seine Ablehnung bewirkt eine endgültige Trennung zwischen ihnen. Wen dieses Glaubensbekenntnis trennt, den können weder Blut, noch Boden, Sprache, Hautfarbe, Nahrung, Staatsordnung oder irgendeine Verwandtschaftsbeziehung mit ihm verbinden. Ebenso kann nichts diejenigen voneinander trennen, die dieses Glaubensbekenntnis miteinander verbindet.“
Der Maulana sagt ferner:“
„Es sei darauf hingewiesen, dass das Verhältnis der muslimischen Nation zu den nichtmuslimischen Nationen zwei Seiten hat. Erstens sind alle Menschen – Muslime wie Nichtmuslime – insofern gleich, als sie Menschen sind. Zweitens werden wir ihnen aufgrund des Unterschieds zwischen Islam und Unglauben mit Mitgefühl, Barmherzigkeit, Großzügigkeit und Höflichkeit begegnen. Denn unter dem Gesichtspunkt der Menschlichkeit können sie eine solche Behandlung erwarten. Wenn sie keine Feinde des Islam sind, kann man sogar Freundschaft, Frieden und die Zusammenarbeit bei gemeinsamen Zielen (Common Cause) mit ihnen pflegen. Doch keinerlei materielle oder weltliche Beziehung kann sie und uns so miteinander verbinden, dass daraus eine ‚einzige Nation‘ wird.“
Dieses Werk Maulana Maududis über die islamische Nationalität löste in der damaligen gebildeten muslimischen Gesellschaft große Erschütterung aus und beseitigte vollständig die Verwirrung, die Maulana Madanis Reden und Broschüren verursacht hatten. Die Führer und Aktivisten der Pakistan-Bewegung nutzten es als scharfes Werkzeug. Tatsächlich schuf gerade dieses Werk die wissenschaftliche Grundlage für die Zwei-Nationen-Theorie und wurde zum Hauptgrund für die Entstehung Pakistans. Das Werk widerlegte den verhängnisvollen Plan des Kongresses zur Errichtung eines Ram Rajya sowie die Argumentation Maulana Husain Ahmad Madanis zugunsten einer regionalen Nationalität und bewies, dass sie unwissenschaftlich, unvernünftig, nichtislamisch und inhaltsleer waren.
Aus eben den oben dargelegten grundlegenden Gründen sind seit Beginn der Menschheitsgeschichte zwei eigenständige nationale Identitäten entstanden – die der Muslime und die der Nichtmuslime; dies gilt bis heute und wird für immer gelten. Aus demselben Grund sind auf dem Subkontinent die Muslime und die anderen Nationen vollkommen verschieden. Hier leben Hindus und Muslime seit Hunderten von Jahren zusammen – in derselben Stadt, demselben Dorf und demselben Viertel, diesseits und jenseits desselben Hofes. Beide sprechen dieselbe Sprache, sind auf derselben Erde geboren und unter demselben Licht und derselben Luft aufgezogen worden und herangewachsen. Dennoch sind sie nicht miteinander verschmolzen und nicht zu einer einzigen Nation geworden. Viele Gelehrte des Subkontinents erkennen diese Wahrheit ebenfalls an. Nehmen wir nur den Dichter Rabindranath Tagore. Er sagt:
„Es besteht keine Notwendigkeit mehr, die Unwahrheit zu sagen. Nun müssen wir anerkennen, dass zwischen Hindus und Muslimen ein Konflikt besteht. Wir sind nicht nur verschieden voneinander. Wir stehen auch gegeneinander.
Jahrhundertelang haben wir Seite an Seite gelebt, die Früchte eines Feldes, das Wasser eines Flusses und das Licht einer Sonne genossen. Wir sprechen dieselbe Sprache, wir sind Menschen desselben Glücks und Leids. Dennoch ist die menschliche und religiös gebotene Beziehung zu einem Nachbarn zwischen uns nicht entstanden. Seit sehr langer Zeit
haben wir eine solche Sünde gehegt, dass wir die Trennung selbst durch unser Zusammenleben nicht verhindern konnten.
Wir wissen, dass sich an vielen Orten Bangladeschs Hindus und Muslime nicht auf derselben Matte niederlassen. Wenn ein Muslim ein Haus betritt, wird ein Teil der Matte entfernt und das Wasser aus der Wasserpfeife ausgeschüttet.“ (Rabindranath Tagore, Gesammelte Werke, Bd. 12, S. 909; Abdul Mawdud: Die Entwicklung der Mittelschicht: Der Wandel der Kultur, S. 420)
Babu Nirad Chaudhuri sagt:
„Um die Wahrheit zu sagen: Die Zwei-Nationen-Theorie entstand lange vor Herrn Jinnah oder der Muslim League. Und sie ist nicht bloß eine theoretische Vorstellung, sondern eine historische Tatsache. Jeder wusste zu Beginn des gegenwärtigen Jahrhunderts von ihrer Existenz. Sogar wir wussten es schon als Kinder, noch vor der Swadeshi-Bewegung.“ (Autobiographie eines unbekannten Inders, S. 229–231)
Diese Wahrheit ist auch den Europäern nicht entgangen. Ein englischer Historiker sagt dies unmissverständlich:
„Obwohl Hindus und Muslime in einem Dorf, einer Stadt oder einem Bezirk lebten, bewahrten sie stets ihre Existenz als zwei getrennte Nationen. Besonders auf religiösem Gebiet blieben sie noch stärker voneinander getrennt als die beiden Nationen Europas. Als Beispiel sei angeführt, dass die französische und die deutsche Nation in den Augen der Europäer als zwei erbittert feindliche Nationen gelten. Dennoch kann ein junger Franzose, der zum Handel oder zum Studium nach Deutschland geht, ohne Weiteres in jeder deutschen Familie wohnen, gemeinsam mit ihr essen und dasselbe Gotteshaus betreten. Doch kein Muslim erhält eine solche Zutrittsberechtigung zu einer hinduistischen Familie.“ (S. T. Morison: Political India, S. 103)
Die äußerste Engstirnigkeit, der Fanatismus, der Aberglaube und der völlige Mangel an Toleranz gegenüber anderen Religionen in den von der hinduistischen Religion selbst oder von den Brahmanen erdachten religiösen Vorschriften sind für die unmenschliche Behandlung der Muslime verantwortlich. Ein Kennzeichen des Hinduismus ist sein Kastensystem (caste system). Nach diesem System werden bestimmte Menschen, die als dem Hinduismus zugehörig bezeichnet werden, als Angehörige der unteren Klassen bezeichnet. Der Hinduismus gewährt ihnen keinerlei Menschenrechte. Man hat ihnen, indem man sie als verachtenswert, unrein und unberührbar bezeichnete und als dem Hinduismus zugehörig erklärte, den Gedanken eingeprägt, dass sie nur dazu geschaffen seien, den Hindus der höheren Klassen zu dienen, und dass dies ihre Religion und ihre größte religiöse Verdiensttat sei. Ein Hindu der unteren Klasse darf nicht dieselbe Schule besuchen wie ein Hindu der höheren Klasse. Obwohl sie Hindus sind, dürfen Hindus der unteren Klassen keine religiösen Schriften lesen und keinen Tempel betreten. Wenn die hinduistische Gesellschaft schon mit einer Gruppe, die angeblich dem Hinduismus angehört, so umgeht, ist es nur natürlich, dass sie sich gegenüber den Muslimen noch barbarischer verhält. Daher wird alles, was mit Muslimen in Berührung kommt, für Hindus unrein und unannehmbar. Eine noch größere Strenge im Umgang mit den Muslimen wurde jedoch nach dem Ende der muslimischen Herrschaft und der Errichtung der britischen Herrschaft angewandt; die bloße Existenz der Muslime auf dem Subkontinent war ihnen unerträglich.
Von Hass und Feindschaft gegenüber den Muslimen getrieben, suchten die Hindus nach Vorwänden für Auseinandersetzungen mit ihnen. Beispielsweise war den Hindus in alter Zeit der Verzehr von Rindfleisch nicht verboten. Rindfleisch ist ein äußerst schmackhaftes Nahrungsmittel, und alle Menschen auf der Welt, darunter auch die Muslime, essen es. Das Islam gebietet den Muslimen, um Allahs Wohlgefallen willen Tiere zu opfern. Unter den Tieren, deren Opferung erlaubt ist, nimmt die Kuh einen herausragenden Platz ein. Auf dem Subkontinent wurde die Kuh auf den Rang einer von den Hindus verehrten Gottheit erhoben, um einen Vorwand für Zusammenstöße mit den Muslimen zu schaffen. Danach wurden Vereinigungen zur Verhinderung der Kuhschlachtung, „Gorakshini-Vereinigungen“ und ähnliche Organisationen gegründet und dadurch der Beginn gemeinschaftlicher Zusammenstöße mit den Muslimen herbeigeführt. Ein und derselbe Gegenstand ist für die eine Nation Nahrung und für die andere eine verehrte Gottheit. Nachdem die Kuh als Gottheit anerkannt worden war, wurde die Ausrottung jedes Rindfleisch essenden Menschen auf der Welt zur wichtigsten religiösen Pflicht des Hinduismus erklärt. Wie könnte also die kuhverehrende Nation die Bildung zweier Nationen – der Rindfleisch essenden und der Kuh verehrenden – akzeptieren? Der Versuch, diese beiden Nationen zu einer einzigen Nation zu vereinigen, ist daher nicht nur lächerlich, sondern von böser Absicht getragen.
Dass Hindus und Muslime zwei getrennte Nationen sind, bewies auch Quaid-e-Azam Muhammad Ali Jinnah mit unwiderlegbaren Argumenten. Auf der 27. Jahrestagung der Muslimliga, die am 22. März 1940 im Minto Park von Lahore stattfand, sagte er in seiner Ansprache als Vorsitzender:
„Es ist schwer zu verstehen, warum unsere hinduistischen Brüder das wahre Wesen des Islam und der hinduistischen Religion nicht begreifen können. Tatsächlich sind diese beiden keine Religionen, sondern vielmehr zwei verschiedene und klar voneinander abgegrenzte soziale Ordnungen (Social order); die Bildung einer gemeinsamen Nation aus Hindus und Muslimen ist bloße Phantasterei. Die falsche Vorstellung eines einzigen indischen Nationalismus hat ihre Grenzen überschritten und ist zur Ursache unserer politischen Instabilität geworden. Wenn wir es versäumen, unsere Sichtweise rechtzeitig zu ändern, wird Indien an den Rand des Untergangs getrieben werden. Hindus und Muslime besitzen unterschiedliche religiöse Philosophien, soziale Bräuche und Literaturen. Sie verfügen auch über zwei eigenständige Zivilisationen und Kulturen, die auf zwei entgegengesetzten Vorstellungen und Glaubensüberzeugungen beruhen. Ihre Lebensgeschichte schöpft ihre Anregungen aus verschiedenen Quellen. Sie haben unterschiedliche Epen, heilige Schriften, Nationalhelden sowie unterschiedliche einschlägige Bezugspunkte und Ereignischroniken.
In den meisten Fällen ist der Nationalheld des einen der Feind des anderen. Wenn man zwei derart gegensätzliche Nationen, von denen die eine die Mehrheit und die andere die Minderheit bildet, in einem Staat miteinander verbindet, werden die Unruhen weiter zunehmen, und welche Regierungsstruktur auch immer für die Verwaltung eines solchen Staates geschaffen wird, sie wird letztlich zugrunde gehen.
Nach jeder Definition einer Nation sind die Muslime eine Nation, und sie müssen selbstverständlich über eine Heimat, ein Territorium oder Gebiet und einen Staat verfügen. Unser Wunsch ist, dass unsere Nation ihrem eigenen Genius entsprechend auf der Grundlage ihrer eigenen Ideale im geistigen, kulturellen, wirtschaftlichen, sozialen und politischen Leben Fortschritte macht.“
Schließlich sagte Quaid-e-Azam:
„Tretet als dem Islam ergebene Diener vor. Organisiert das Volk auf wirtschaftlichem, gesellschaftlichem, politischem und bildungspolitischem Gebiet. Ich bin sicher, dass ihr zu einer solchen Kraft werden werdet, die keine Macht der Welt besiegen kann.“
Am folgenden Tag, dem 23. März, wurde einstimmig der Antrag angenommen, aus den muslimischen Mehrheitsgebieten im Nordwesten des Subkontinents und den muslimischen Mehrheitsgebieten im Osten einen unabhängigen Staat zu bilden. Diesen Antrag brachte der Premierminister von Bengalen, Sher-e-Bangla Maulvi A. K. Fazlul Huq, ein. Der Wortlaut des ursprünglichen Antrags lautet wie folgt:
Es wird beschlossen, dass es nach reiflicher Prüfung die Auffassung dieser Tagung der Allindischen Muslim-Liga ist, dass in diesem Land kein Verfassungsplan durchführbar oder für die Muslime annehmbar wäre, sofern er nicht auf den folgenden grundlegenden Prinzipien beruht: dass geografisch zusammenhängende Einheiten in die erforderlichen territorialen Neuordnungen gegliedert werden und dass die Gebiete, in denen die Muslime zahlenmäßig die Mehrheit bilden, wie in den nordwestlichen und östlichen Zonen Indiens, zu „unabhängigen Staaten“ zusammengeschlossen werden, in denen die konstituierenden Einheiten autonom und souverän sein sollen.
Dass in der Verfassung für die Minderheiten in diesen Einheiten und in den Regionen besondere, angemessene, wirksame und verbindliche Schutzbestimmungen vorgesehen werden sollen, um nach Beratung mit ihnen ihre religiösen, kulturellen, wirtschaftlichen, politischen, administrativen und sonstigen Rechte und Interessen zu schützen; und dass in den übrigen Teilen Indiens, in denen die Muslime eine Minderheit bilden, in der Verfassung besondere, angemessene, wirksame und verbindliche Schutzbestimmungen für sie und andere Minderheiten vorgesehen werden sollen, um nach Beratung mit ihnen ihre religiösen, kulturellen, wirtschaftlichen, politischen, administrativen und sonstigen Rechte und Interessen zu schützen.
Justice Syed Shameem Husain Kadir, Creation of Pakistan, S. 192.
Zusammen mit der Resolution von Lahore wurde ausdrücklich erklärt, dass im Einvernehmen mit den dort lebenden Minderheitengemeinschaften deren religiöse, kulturelle, wirtschaftliche, politische und administrative Rechte und Interessen geschützt werden sollen. Ebenso müssen in denjenigen Regionen Indiens, in denen die Muslime eine Minderheit bilden, auf der Grundlage einer Beratung mit ihnen ihre religiösen, kulturellen, wirtschaftlichen, politischen und administrativen Rechte und Interessen geschützt werden.
Der Widerstand der Hindus
Ohne die positiven Seiten des Lahore-Vorschlags auch nur im Geringsten zu prüfen oder abzuwägen, wurden von hinduistischer Seite fortwährend unanständige Erklärungen veröffentlicht, in denen er aufs Schärfste bekämpft wurde. Alle Bemühungen, die Muslime zu verwirren und Spaltungen unter ihnen zu schaffen, wurden eingeleitet. Auch Wardha sprach weiterhin im gleichen Ton. Herr Gandhi hoffte, dass die Führer und die verschiedenen von Hindus beeinflussten Zeitungen am Lahore-Vorschlag festhalten würden. Er sagte: „Ich hoffe noch immer, dass gewissenhafte Hindus unseren Vorschlag eingehend prüfen werden. Denn in ihm liegt die Möglichkeit, innerhalb kurzer Zeit die Unabhängigkeit zu erlangen. Diese Unabhängigkeit werden wir sowohl im Inneren als auch nach außen friedlich bewahren können.“ Am 26. Mai 1940 fand die Konferenz der Provinz-Muslimliga von Bombay statt. Der Quaid-e-Azam erwähnte die falsche Propaganda des Kongresses und sagte:
Es ist äußerst erstaunlich, dass Männer wie Herr Gandhi und Herr Rajagopalachari den Lahore-Vorschlag als „Vivisektion Indiens“ (Vivisection of India) und als „Zweiteilung eines Kindes“ bezeichnen. Indien ist jedoch bereits von der Natur aus geteilt. Auf der geografischen Karte Indiens haben Muslimisch-Indien und Hindu-Indien ihren Platz. Warum also dieser Aufruhr? Was wird denn geteilt und in zwei Hälften zerschnitten? Wo ist jene Zentralregierung, deren Anordnungen und Herrschaft verletzt werden? Da Indien unter britischer Herrschaft steht, sind die Vorstellungen von einem ungeteilten Indien und einer einheitlichen Zentralregierung entstanden. Eine indische Nation und eine Zentralregierung hat es nicht gegeben. Dies ist lediglich eine Laune des Oberkommandos des Kongresses. … Unser Ideal und unser Kampf dienen nicht dazu, die Interessen irgendjemandes zu verletzen, sondern vielmehr unserer eigenen Selbstverteidigung.
(Justice Syed Shameem Husain Kadir, Creation of Pakistan, S. 193–194)
Es sei darauf hingewiesen, dass zwar im Lahore-Vorschlag das Wort „Pakistan“ nicht erwähnt wurde, Hindu-Indien ihn dennoch als Pakistan-Vorschlag bezeichnete. Und das war zutreffend. Der von Chaudhary Rahmat Ali schon lange zuvor gegebene Name erwies sich als passend.
Die Überlegungen zu Pakistan
Die Überlegungen oder der Plan zu Pakistan sind keine neuartige politische Philosophie. Die eigentliche Bedeutung dieses Begriffs ist ein islamisches Staatswesen. Deshalb sagte der Quaid-e-Azam Muhammad Ali Jinnah, Pakistan habe seinen Anfang genommen, als Muhammad bin Qasim als Sieger den Indus betrat. Danach bestand auf dem Subkontinent mehrere Jahrhunderte lang ein islamisches Staatswesen. Gegen Ende der britischen Herrschaft begannen im britischen Indien erneut Überlegungen und Bemühungen um die Eigenständigkeit der muslimischen Nation und die Errichtung eines Staates. Dass in den nordwestlichen und südöstlichen Regionen des Subkontinents eine muslimische Mehrheit bestand, entging den politisch Denkenden nicht. Daher dachte Sayyid Jamaluddin, der Wegbereiter der weltweiten islamischen Einheit, als Erster über die Möglichkeit nach, unter Einbeziehung Afghanistans und der nordwestlichen Gebiete des Subkontinents eine muslimische Republik zu errichten; manche bezeichneten dies als Panislamismus.
Chaudhary Rahmat Ali behauptete 1915 in einer Rede bei der Veranstaltung „Bazm-e Shibli“, dass Nordindien, da es überwiegend von Muslimen bewohnt sei, als muslimisches Land betrachtet werden müsse. Darüber hinaus sagte er: „Wir werden es in einen muslimischen Staat verwandeln. Dies ist erst möglich, wenn wir und unsere nördlichen Gebiete aufhören, indisch zu sein. Das ist die Voraussetzung. Je früher wir also das Indertum (indianism) aufgeben, desto segensreicher wird es für uns und für den Islam sein.“ (I. H. Qureshi, The Struggle for Pakistan, S. 115–116)
Daraufhin unterbreiteten Dr. Abdul Jabbar Khairi und Professor Abdus Sattar Khairi – sie waren als die Khairi-Brüder bekannt – 1917 auf einer in Stockholm abgehaltenen Konferenz den Plan für die Teilung Indiens. (Syed Sharifuddin Pirzada: Evolution of Pakistan, Lahore 1963, S. 68–90)
In der Zeitschrift „Zulqarnain“ aus Badaun wurde im März/April 1920 im Namen eines gewissen Abdul Qadir Bilgrami ein offener Brief an Herrn Gandhi veröffentlicht. In diesen Briefen legte er die Argumente für die Teilung des Subkontinents dar. Für diese Teilung legte er auch eine Liste der muslimisch geprägten Distrikte vor, die weitgehend mit den geografischen Grenzen der beiden Teile des später gegründeten Pakistan übereinstimmte. Da die in diesen Briefen angesprochenen Punkte die Aufmerksamkeit vieler Menschen erregten, wurden sie zweimal in Form einer Broschüre veröffentlicht. Die zweite Ausgabe erschien 1925. (Muhammd Abdul Qadir Bilgrami Hindu Muslim Ittehad par Khula Khat Mahatma Gandhi Ken am Aligarh, 1925)
Zu Beginn des Ersten Weltkriegs veröffentlichte Lovatt Fraser, der Herausgeber der Times of India, im Daily Express of London eine Karte, auf der ein Pfeil von Konstantinopel in Richtung Saharanpur in Indien eingezeichnet war. Darauf wurde ein muslimischer Korridor zu den mehrheitlich muslimischen Gebieten dargestellt. (I.H Qureshi The Muslim Community of the indo-pakistan Subcontinent, pp. 295-96)
Savarkar, der Vorsitzende der Hindu Mahasabha, erwähnte häufig, dass Hindus und Muslime zwei verschiedene Nationen seien. Lala Lajpat Rai, ein weiterer Führer des Kongresses und der Hindu Mahasabha, schlug 1924 die Teilung Indiens vor. (LH. Qureshi: The Struggle for Pakistan, p. 116: Richard Symonds The Naking of Pakistan, 1950,p.59)
Sardar Muhammad Gul Khan aus dem Distrikt Dera Ismail Khan legte 1923 vor dem Frontier Inquiry Committee Argumente für die Teilung Indiens im Interesse von Hindus und Muslimen dar. Er forderte, das Gebiet von Peschawar bis Agra den Muslimen zuzuweisen. (I.H> Qureshi The Struggle for Pakistan, p.116-17)
Aga Khan forderte 1928 auf der in Kalkutta abgehaltenen Allparteienkonferenz die Unabhängigkeit jeder einzelnen Provinz. (ebd.)
Dr. Muhammad Iqbal schlug 1930 auf der in Allahabad abgehaltenen Jahreskonferenz der Muslim League nach der Erörterung der verschiedenen Probleme Indiens die Bildung eines unabhängigen Staates für die Muslime innerhalb oder außerhalb des Britischen Empire vor.
Dr. Iqbal gab dem von ihm vorgeschlagenen muslimischen Staat keinen Namen. Diese Aufgabe übernahm Choudhry Rahmat Ali. Im Januar 1933 veröffentlichten Choudhry Rahmat Ali und drei seiner Kollegen aus Cambridge eine Flugschrift mit dem Titel „Now or Never“.
Choudhry Rahmat Ali sandte seine Flugschrift an die muslimischen Führer Indiens, an die muslimischen Delegierten, die an der in London abgehaltenen dritten Rundtischkonferenz teilnahmen, sowie an die führenden politischen Persönlichkeiten Englands. Zusammen mit einem Brief wurde eine Flugschrift versandt, in der es hieß: „Hiermit unterbreite ich Ihnen im Namen der dreißig Millionen Muslime Pakistans, die in fünf Provinzen im Norden Indiens leben, nämlich Punjab, Nordwest-Grenzprovinz, Kaschmir, Sindh und Belutschistan, einen Antrag.“ {Anmerkung: Choudhry Rahmat Ali forderte die Bildung eines muslimischen Staates aus den genannten fünf Provinzen, dem er den Namen Pakistan gab.}
In einem entscheidenden Augenblick, in dem es für die Muslime um Leben und Tod ging, wurde dieser Appell vorgebracht. Es wurde gesagt, dass Indien kein Land einer einzigen Nation, sondern ein Land vieler Nationen sei. ………. Unsere Religion und Kultur, unsere Geschichte und unser Erbe, unsere sozialen Sitten und Gebräuche sowie unser wirtschaftliches System, unsere Gesetze über Erbschaft und Ehe unterscheiden sich grundlegend von denen der anderen in Indien lebenden Nationen. Unsere nationalen Sitten und Bräuche sowie unsere Kalender für Jahre, Monate und Tage sind verschieden. Selbst unsere Nahrung und unsere Kleidung unterscheiden sich völlig. Wenn wir, die Muslime Pakistans, unter Missachtung der klaren Merkmale unserer Nationalität in die vorgeschlagene indische Föderation aufgenommen werden, wird man uns zu einer Minderheit machen. Dieser Vorschlag kommt für unsere Nation dem Totengeläut gleich. – (G. Allana, Muslim Political Thought Through the Ages 1562–1947, S. 295–300)
Es lässt sich zweifellos sagen, dass der Name „Pakistan“ von Choudhury Rahmat Ali geprägt wurde, durch den Lahore-Vorschlag auf der politischen Bühne Indiens etabliert wurde und sich etwa sieben Jahre später in eine politische Realität verwandelte.
Syed Sharifuddin Pirzada sagt in seinem Werk (Evolution of Pakistan): All diese Vorschläge und Ratschläge, die Persönlichkeiten wie Sir Abdullah Harun, Maulana Maududi und Choudhury Khaliquzzaman vorbrachten, waren in gewissem Sinne Wegweiser zur Schaffung Pakistans.
Schließlich wurde 1940 der Lahore-Vorschlag beziehungsweise Pakistan-Vorschlag von der Muslim League in unmissverständlicher Sprache einstimmig angenommen.
Sechstes Kapitel
Opposition gegen die Pakistanbewegung
Die Hindus konnten den Vorschlag für Pakistan beziehungsweise für die Teilung Indiens nicht akzeptieren, da sie ihn als ihren Interessen zuwiderlaufend betrachteten, und begannen daher mit erbittertem Widerstand. Pandit Jawaharlal Nehru sagte am 6. Mai in Poona, dass die Hindu Mahasabha und die Muslim League kein positives Programm hätten. Er bezeichnete den Pakistan-Vorschlag als töricht und sagte, er werde nicht länger als vierundzwanzig Stunden Bestand haben. Die Hindu Mahasabha bezeichnete den Pakistan-Vorschlag am 19. Mai als anti-hinduistisch und antinational.
Trotz des entschiedenen Widerstands und der Behinderungen durch den Kongress und die Hindunation setzte sich die Pakistanbewegung fort, und der Widerstand sowie die Verleumdungskampagnen der Hindus stärkten weiterhin die Einheit der Muslime.
Mit dem Ziel, die Pakistanbewegung populär und stark zu machen, wurden in der Geschichte des muslimischen Indiens umfassende Anstrengungen zur Propaganda unternommen. Zu diesem Zweck wurde unter dem Vorsitz von Jamiluddin Ahmad von der Aligarh Muslim University ein Schriftstellerkomitee gebildet. Namhafte Verfasser verfassten verschiedene Propagandaschriften, die von Sheikh Muhammad Ashraf aus Lahore unter dem Namen „Pakistan Literature Series“ veröffentlicht wurden. Jamiluddin Ahmad erklärte, dass ein unabhängiges Pakistan und ein unabhängiges Hindustan in einer freundschaftlichen und brüderlichen Atmosphäre nebeneinander bestehen würden. Die indische Einheit sei eine illusionäre Wunschvorstellung und stehe im Widerspruch zur historischen Wahrheit. (I. H. Qureshi, The Struggle for Pakistan, S. 136)
Am 1. Juli 1940 unterbreitete Quaid-e-Azam während seines Aufenthalts in Shimla dem Vizekönig mehrere Vorschläge und bezeichnete sie als „vorläufig“. Die Vorschläge lauteten wie folgt:
Vonseiten der Regierung darf keine Erklärung veröffentlicht werden, die den Grundprinzipien der Lahore-Resolution über die Teilung Indiens und die Errichtung muslimischer Staaten in den nordwestlichen und östlichen Gebieten widerspricht.
Den Muslimen Indiens muss vonseiten der Regierung die ausdrückliche Zusicherung gegeben werden, dass ohne die Zustimmung des muslimischen Indiens weder ein vorläufiger noch ein endgültiger Verfassungsplan ausgearbeitet wird. Angesichts des raschen Wandels der Lage in Europa und der Gefahren, denen Indien ausgesetzt ist, erkennen wir vollkommen an, dass die Kriegsanstrengungen verstärkt werden sollten, damit die innere Sicherheit sowie Ruhe und Ordnung gewährleistet werden können, sofern die britische Regierung bereit ist, die muslimische Führung bei der Verwaltung der zentralen und der Provinzregierungen als gleichberechtigten Partner anzuerkennen.
Vorübergehend und während des Krieges müssen die folgenden Maßnahmen ergriffen werden, damit eine Formel der Zusammenarbeit mit der Regierung auf der Grundlage einer gleichberechtigten Beteiligung innerhalb der Zuständigkeit der Regierung befolgt werden kann:
a. Der Exekutivrat des Vizekönigs muss im Rahmen des geltenden Verfassungsgesetzes erweitert werden. Die Zahl der zusätzlichen Mitglieder wird erst nach Beratungen festgelegt. Die muslimische Vertretung muss jedoch der Zahl der Hindus entsprechen, falls der Kongress beitritt. Andernfalls muss die Mehrheit der zusätzlichen Mitglieder aus Muslimen bestehen, da die Hauptverantwortung von den Muslimen getragen werden muss.
b. In allen Provinzen, in denen Abschnitt 93 des Gesetzes in Kraft ist, müssen nichtamtliche Berater ernannt werden. Ihre Zahl wird nach Beratungen festgelegt. Die Mehrheit der Berater muss jedoch aus muslimischen Vertretern bestehen. In den Provinzen mit Koalitionsregierungen obliegt es hingegen den betreffenden Parteien, auf Grundlage von Beratungen eine Entscheidung zu treffen.
c. Es soll ein Kriegsrat (War Council) aus fünfzehn Personen einschließlich des Präsidenten gebildet werden. Den Vorsitz führt der Vizekönig. Auch dann soll die Zahl der Muslime der Zahl der Hindus entsprechen, falls der Kongress beitritt.
Schließlich sei noch gesagt, dass die Muslimliga diejenigen muslimischen Vertreter im Kriegskabinett, im Exekutivrat des Vizekönigs (Executive Council) und unter den nichtamtlichen Beratern des Gouverneurs auswählen werde.
Am 1. Juli wurde Subhas Chandra Bose verhaftet, und am 3. Juli appellierte Herr Gandhi an jeden Bürger Britanniens, unter Anwendung des Prinzips der Gewaltlosigkeit auf Waffen zu verzichten. Unmittelbar darauf wurde auf der in Delhi abgehaltenen Sitzung des Arbeitsausschusses des Kongresses erneut die vollständige Unabhängigkeit Indiens gefordert. Zugleich wurde die Bildung einer nationalen Regierung im Zentrum verlangt.
Zu dem vorläufigen (Tentative) Vorschlag, den Herr Jinnah dem Vizekönig unterbreitet hatte, teilte der Vizekönig Herrn Jinnah in seinem Schreiben vom 6. Juli seine Auffassung mit. Er stimmte einer Erweiterung seines Rates zu, lehnte jedoch eine muslimische Beteiligung an ihm ab. Auch war er nicht bereit, der Forderung zuzustimmen, dass die Muslimliga die muslimischen Mitglieder des Rates nominieren solle. Er erklärte, dies sei das Recht des Indienministers, und die Ratsmitglieder würden nicht von politischen Parteien nominiert werden. Auch die Ernennung nichtamtlicher Berater der Provinzgouverneure konnte er nicht akzeptieren. Die Bildung eines Kriegskabinetts (War Council) sei von großer Bedeutung. Die Einzelheiten würden festgelegt werden.
Die Bedingungen von Herrn Jinnahs vorläufigem Vorschlag wurden zurückgewiesen. Doch der erfahrene Politiker Herr Jinnah ließ sich davon nicht entmutigen. Er setzte seine Gespräche und Verhandlungen fort.
Der Augustvorschlag der britischen Regierung
Die britische Regierung war angesichts der Meinungsverschiedenheiten zwischen dem Kongress und der Muslimliga sowie der Differenzen zwischen der Kongressliga und dem Vizekönig nicht mutlos geworden. Die Erklärung, die die britische Regierung am 8. August 1940 abgab, wurde als Augustvorschlag bezeichnet. Diese Erklärung enthielt einige neue Gedanken. Erstens wurde in der indobritischen Geschichte zum ersten Mal die Bildung einer konstituierenden Versammlung unter Beteiligung der Inder versprochen. Bis dahin war der Wille des britischen Parlaments endgültig gewesen, und das Gesetz über die Regierung Indiens von 1935 hatte die Vorherrschaft anerkannt. Nun wurde der Gedanke einer indischen konstituierenden Versammlung nicht nur unterstützt, sondern auch ihre Bildung versprochen. Zweitens wurde die Auffassung des Kongresses von der konstituierenden Versammlung zurückgewiesen. Zugleich wurde unmissverständlich erklärt, dass die konstituierende Versammlung keine Maßnahmen ergreifen werde, durch die die Rechte der Minderheiten beeinträchtigt würden. Drittens wurde der Dominionstatus als das Ziel Indiens betrachtet. Diese Maßnahmen sollten nach dem Ende des Krieges umgesetzt werden. Der Augustvorschlag hatte auch einige nachteilige Seiten, die in den Vorschlägen der Muslimliga und des Kongresses herausgestellt wurden.
Herr Jinnah tauschte sich am 12. und 14. August über den oben genannten Vorschlag aus. Die endgültige Entscheidung wurde jedoch auf der am 1. und 2. September in Bombay abgehaltenen Sitzung des Arbeitsausschusses der Muslimliga getroffen. Seitens der Muslimliga wurde Zufriedenheit darüber geäußert, dass ihrer Forderung zugestimmt worden war, wonach die künftige Verfassung des Landes nicht ohne die Zustimmung der Muslimliga ausgearbeitet werden dürfe. Zugleich hielt es der Arbeitsausschuss für angebracht zu erklären, dass er unbeirrt an den Grundprinzipien des Lahore-Vorschlags und seinen Bedingungen festhalte, nämlich daran, dass die Muslime Indiens eine Nation seien und nur sie selbst das Recht hätten, über ihre künftige Bestimmung zu entscheiden. Der Vorschlag der Regierung für eine Übergangsregelung war unbefriedigend. Die Forderungen der Muslimliga vom 16. Juni waren nicht akzeptiert worden. Seitens der Muslimliga wurde erklärt, dass sie den Augustvorschlag der Regierung aus folgenden Gründen nicht annehme:
1. Über den Vorschlag zur Zahl der Mitglieder im Exekutivrat des Vizekönigs war weder mit dem Präsidenten der Liga noch mit dem Arbeitsausschuss beraten worden.
2. Der Arbeitsausschuss wurde nicht darüber informiert, wie der Rat gebildet werden sollte.
3. Der Arbeitsausschuss war nicht darüber informiert, mit welcher anderen Partei die Liga zur Zusammenarbeit aufgefordert werden sollte.
4. Die Liga hatte keine Vorstellung davon, welche Ressorts den neuen Mitgliedern des Rates übertragen werden sollten.
5. Der Vorschlag über den Kriegsbeirat (War Advisory Council) war unklar und unverständlich.
Der Arbeitsausschuss der Muslimliga ermächtigte seinen Vorsitzenden, vom Vizekönig Erläuterungen zu der vorgeschlagenen Verfassungsordnung, zur Zusammensetzung sowie zu den Aufgaben und Pflichten des Kriegsbeirats und zur Erweiterung des Vizeköniglichen Exekutivrats zu verlangen.
Herr Jinnah traf am 20. September mit dem Vizekönig zusammen, und am folgenden Tag beantwortete der Vizekönig die von der Liga aufgeworfenen Fragen. Auf der Sitzung des Arbeitsausschusses der Liga, die am 28. September in Neu-Delhi stattfand, wurde die Antwort des Vizekönigs erörtert. Der Ausschuss erklärte, die Erläuterungen des Vizekönigs seien nicht zufriedenstellend. Die Reaktion des Kongresses auf den Augustvorschlag der Regierung war äußerst heftig. Der Kongresspräsident, Maulana Abul Kalam Azad, weigerte sich am 10. August, den Vizekönig zu treffen. Der Kongress wies den Vorschlag zurück. Es wurde erklärt, die Regierung sei nicht bereit, die Macht abzugeben, und der Vorschlag stachele unmittelbar zum Konflikt und Kampf an. Die Frage der Minderheiten sei ein unüberwindliches Hindernis auf dem Weg zum Fortschritt Indiens. Dem Kongress wurde angedroht, er müsse einen direkten Kampf führen.
Der Augustvorschlag der Regierung wurde von den politischen Parteien nicht angenommen. Dennoch brachte er den Muslimen einige Vorteile. Die Regierung versprach, dass in der künftigen verfassungsmäßigen Ordnung, ob es sich nun um eine Übergangs- oder eine endgültige Ordnung handeln würde, die zufriedenstellende Zustimmung der Muslime eingeholt werden sollte. Dass die Regierung innerhalb eines Jahres nach Beginn des Krieges und fünf Monate nach dem Lahore-Vorschlag eine derart unmissverständliche Erklärung abgab, war nicht zuletzt ein Verdienst der Muslimliga. Diesen Verdienst errang sie aufgrund des Verhaltens des Kongresses gegenüber den Muslimen. Die Regierung hielt es nicht für angemessen, das Schicksal der Muslime in die Hände des Kongresses zu legen.
Die Bewegung des zivilen Ungehorsams des Kongresses und die Muslime
Herr Gandhi traf am 27. und 30. September den Vizekönig Lord Linlithgow, konnte dessen Standpunkt jedoch nicht akzeptieren. Er sagte, ein gewissenhafter Gegner, der nicht in den Krieg ziehen könne, dürfe der Bevölkerung seinen Standpunkt darlegen. Ihm könne jedoch nicht erlaubt werden, andere dazu anzustiften, den Krieg zu behindern. Am 11. Oktober beschloss das Arbeitskomitee des Kongresses, Satyagraha zu beginnen.
Auf Gandhis Anweisung stellte sich zunächst Vinoba Bhave zur Verhaftung. Auch Rajagopalachari und Abul Kalam Azad gingen ins Gefängnis. Die massenhaften Inhaftierungen der Anhänger des Kongresses lösten in der Bevölkerung keine besondere Gefühlsbewegung aus. Besonders in den muslimischen Provinzen konnte dieses Satyagraha die Menschen nicht anziehen. In ganz Indien war die Resonanz in der Nordwestlichen Grenzprovinz am schwächsten. Anfangs zeigte Dr. Khan keine Bereitschaft, sich dieser Bewegung anzuschließen. Seine Verhaftung am 14. Dezember erzeugte jedoch lediglich eine leichte Welle über der Ruhe in der öffentlichen Meinung.
Im April 1941 öffnete Herr Gandhi Satyagraha für alle Kongressmitglieder. Daraufhin ließen sich etwa 20.000 Menschen freiwillig inhaftieren. Für den Kongress war diese Zahl äußerst gering. Die Bewegung flaute allmählich ab.
Die Muslime konnten die Satyagraha-Bewegung des Kongresses nicht akzeptieren, weil sie dessen hinterhältige Absichten erkannten. In einer im November 1940 in Delhi gehaltenen Rede verspottete Herr Jinnah die Forderungen des Kongresses und sagte, der Kongress führe eine Bewegung für die Freiheit. Für ihn und die britische Regierung sei klar, dass der Kongress die Regierung durch Einschüchterung zu einer Anerkennung zwingen wolle, dass der Kongress die einzige repräsentative Organisation der Inder sei. Die Haltung des Kongresses lautet: „Lehnt die Forderungen der Muslime und der anderen Minderheiten ab und nehmt unsere Forderungen an.“ Der Kongress wolle die Macht erlangen und Druck auf die britische Regierung ausüben, damit diese die Macht zur Anwendung von Gewalt gegenüber anderen Gemeinschaften übertrage.
Auf der im Februar 1941 abgehaltenen Ratstagung der Muslimliga und auf der im April abgehaltenen Jahrestagung der Madras Muslim League wurde in einer zur Unterstützung von Herrn Jinnahs Rede angenommenen Resolution erklärt, dass die Muslimliga bereit sein werde, jeden beliebigen Schritt zu unternehmen, um der entstandenen Lage zu begegnen, falls die Regierung ihre zu verschiedenen Zeiten gegebenen Zusagen breche und die Forderungen des Kongresses akzeptiere.
(The Struggle for Pakistan, Ishtiaq Hussain Qureshi, S. 163–164)
Resolution der Liberalen Partei – 1941
Nachdem wir die politischen Grundsätze der beiden großen Parteien, des Kongresses und der Muslimliga, erörtert haben, wollen wir nun betrachten, welche Haltung die Nationale Liberale Föderation einnimmt. In der Gesetzgebenden Versammlung verfügt sie über eine kleine Fraktion. Unter ihren Mitgliedern gibt es jedoch auch erfahrene und qualifizierte Männer wie Sir Tej Bahadur Sapru, Sir Chimanlal Setalvad und Sir Srinivasa Sastri. Es ist ebenfalls notwendig, ihre Sichtweise und Haltung kennenzulernen. Auf ihrer im Dezember 1940 in Kalkutta abgehaltenen Jahrestagung erklärten die Liberalen die Grundsätze ihres politischen Vorgehens und waren der Ansicht, dass diese als Grundlage für eine Lösung angenommen werden würden. Ihre diesbezügliche Resolution lautet wie folgt:
1. Vollständige Unterstützung der Kriegsanstrengungen.
2. Die britische Regierung sollte innerhalb von zwei Jahren nach Kriegsende erklären, dass
Indien ein Dominion werden soll.
3. Die Zentralregierung muss neu gebildet werden, damit der Vizekönig das verfassungsmäßige Oberhaupt einer vollständig nationalen Regierung sein kann.
4. Die Teilung Indiens muss abgelehnt und das kommunale Wahlsystem allmählich abgeschafft werden.
5. Die Bewegung der Nichtkooperation des Kongresses ist bedauerlich. Im März 1941 versammelten sich die Liberalen in Bombay zu einer überparteilichen Konferenz. Obwohl die Konferenz als überparteilich bezeichnet wurde, stand sie unter dem Einfluss der Hindu Mahasabha. Zwar nahmen drei oder vier Muslime daran teil, doch konnten sie nichts im Interesse der Muslime vorbringen. Die drei führenden Persönlichkeiten der Hindu Mahasabha – Savarkar, Dr. Moonje und Dr. Shyama Prasad Mukherjee – nahmen an der Konferenz teil. Tej Bahadur Sapru führte den Vorsitz, und Sir Nripendra Nath Sarkar legte einige Anträge vor, die angenommen wurden. Die Anträge wurden von der Regierung abgelehnt. Darüber zeigten die sogenannten Liberalen ihren Unmut, und am 29. Juni fand in Pune eine Sitzung des Rates der National Liberal Federation statt. Die Regierung wurde scharf dafür kritisiert, dass sie die von ihnen zur Beilegung der Krise vorgelegten Anträge abgelehnt hatte. Es wurde Unmut darüber geäußert, dass der Staatssekretär für Indien sich weigerte, irgendeinen Schritt ohne die Zustimmung der Muslimliga zu unternehmen. Der Antrag auf Teilung Indiens wurde abgelehnt, und alle Inder wurden aufgerufen, sich der vorgeschlagenen Teilung zu widersetzen.
Als Reaktion auf den Sapru-Antrag beziehungsweise die Sapru-Empfehlung erklärte Quaid-e-Azam Muhammad Ali Jinnah, die Forderung des Kongresses nach der Bildung einer nationalen Regierung im Zentrum komme der Aufhebung des Sapru-Antrags gleich. Der Staatssekretär für Indien, L. M. Amery, erklärte am 22. April 1941 im Unterhaus hierzu, der in Indien herrschende verfassungsrechtliche Stillstand bestehe nicht deshalb, weil Großbritannien nicht bereit sei, Indien die Unabhängigkeit zu gewähren, sondern vielmehr deshalb, weil Indien sich nicht auf seine Forderung einigen könne. Die vorgeschlagene neue Exekutive mit größeren Befugnissen werde die hindu-muslimische Uneinigkeit nicht mildern, sondern noch verstärken. Ich möchte an Menschen wie Sapru appellieren, sich um die Herstellung der Einheit zwischen dem Kongress und der Muslimliga zu bemühen.
Gandhis Reaktion
Herr Gandhi protestierte scharf gegen die Erklärung des Indienministers. Er sagte, Amery habe die indische Intelligenz beleidigt, indem er behauptete, Indiens Unabhängigkeit verzögere sich wegen der Uneinigkeit. Für die Klassenspaltung Indiens seien die britischen Politiker selbst verantwortlich. Solange sie Indien mit britischen Waffen unterworfen hielten, würden diese Spaltung und diese Meinungsverschiedenheiten fortbestehen. Ich räume ein, dass zwischen dem Kongress und der Muslimliga bedauerlicherweise eine unüberwindbare Kluft besteht. Gestehen die britischen Politiker nicht ein, dass es sich um einen inneren Streit handelt? Sie sollen Indien verlassen; dann verspreche ich, dass der Kongress, die Liga und die anderen Parteien sich in ihrem eigenen Interesse vereinen und eine Lösung zur Bildung einer indischen Regierung finden werden. Wenn wir uns darauf einigen, keine Einmischung von außen zu erbitten, wird diese Krise vielleicht vierzehn Tage andauern. Mit anderen Worten: Wenn die Briten ihre Macht aufgeben und das Land verlassen, werden die Hindus stark genug sein, die Minderheiten, insbesondere die Muslime, zur Vernunft zu bringen. An dieser Aussage Gandhis konnte niemand etwas missverstehen. Bis Juli 1947 wiederholte er diese Äußerung immer wieder. Die Unfähigkeit, die Existenz der muslimischen Nation zu dulden, sowie die oben erwähnte unschickliche Äußerung beschleunigten die Gründung Pakistans.
Bildung eines Verteidigungsrats
Am 20. Juli 1941 ließ der Gouverneur von Bombay, Sir Roger Lumley, Herrn Jinnah eine Botschaft des Vizekönigs übermitteln, wonach der Vizekönig mit Zustimmung der britischen Regierung beschlossen hatte, seinen Exekutivrat um fünf weitere Ressorts zu erweitern. Diejenigen, die sich bereit erklärt hatten, die neuen Ämter zu übernehmen, waren Sir Homi Mody, Sir Akbar Hydari, Rao, M. S. Aney und Sir Firoz Khan Noon. Zugleich wurde die Bildung eines dreißig Mitglieder umfassenden Verteidigungsrats angekündigt. Auch aus den Fürstenstaaten sollten zehn Mitglieder aufgenommen werden. Da eine Vertretung der muslimischen Gemeinschaft unerlässlich war, lud er auch die Premierminister von Bengalen, Assam, Punjab und Sind zur Übernahme der Mitgliedschaft ein.
Am folgenden Tag äußerte Herr Jinnah in seiner Antwort auf Sir Roger Lumleys Schreiben scharfe Unzufriedenheit mit dem Vorgehen des Vizekönigs und erklärte, es sei politisch unzulässig gewesen, diese Personen unter Umgehung des Präsidenten und des Arbeitsausschusses der Muslimliga einzuladen. Am 24., 25. und 26. August fand in Bombay eine Sitzung des Arbeitsausschusses der Muslimliga statt. In der am 25. August angenommenen Resolution wurde den Premierministern von Punjab, Bengalen und Assam, Sir Sikandar Hayat Khan, Fazlul Huq und Sir Sa’dullah, jeweils die Anweisung erteilt, aus dem Nationalen Verteidigungsrat zurückzutreten.
Acht Muslime nahmen die Einladung an, dem Verteidigungsrat beizutreten. Von ihnen traten fünf – Sikandar Hayat, Fazlul Huq, Sa’dullah, Begum Shah Nawaz und der Nawab von Chhatari – auf Anweisung der Liga am 11. September aus dem Verteidigungsrat zurück, ebenso die Premierminister von Punjab, Bengalen und Assam. Der Nawab von Chhatari trat bereits zuvor zurück, weil er Präsident des Exekutivrats von Hyderabad geworden war. Begum Shah Nawaz und Sir Sultan Ahmad wurden wegen ihres Verzichts auf den Rücktritt für fünf Jahre aus der Liga ausgeschlossen. Auf ihrer Sitzung am 26. und 27. in Delhi beschloss die Liga, die gesamte Sitzungsperiode der Zentralversammlung zu verlassen. Dementsprechend verließ die Muslimliga am 28. das Haus. Sie beklagte, dass die britische Regierung sich weigere, der Liga im Zentrum und in den Provinzen ihren gebührenden Anteil an Verantwortung und Rechten zuzugestehen. (The Struggle for Pakistan, I. H. Qureshi, S. 169–191)
Mitte Oktober wurde die Erweiterung des Exekutivrats des Vizekönigs abgeschlossen. Am selben Tag wurden zahlreiche Kongressmitglieder, die an der Bewegung der Nichtzusammenarbeit beteiligt gewesen waren, aus dem Gefängnis entlassen. Ein Teil des Kongresses schlug vor, in den Provinzen wieder die Regierungsgewalt zu übernehmen. Herr Gandhi stimmte dem jedoch nicht zu.
Inzwischen war die Lage der Liga nicht frei von Krisen. Denn die Gruppen, die der Ansicht waren, ihre Interessen würden beeinträchtigt, verbündeten sich gegen die Muslimliga. Obwohl der Premierminister von Bengalen, A. K. Fazlul Huq, aus dem Verteidigungsrat zurücktrat, tat er dies widerwillig. Die Kreise gegen die Liga versicherten ihm indirekt ihre Unterstützung. Ein Flügel der Muslimliga forderte den Ausschluss von Herrn Fazlul Huq aus der Liga. Ein anderer trat für Milde ein. Quaid-e-Azam selbst befürwortete, ihm einen gewissen Spielraum zu gewähren, damit der Premierminister von Bengalen zu seiner früheren Haltung zurückkehren konnte. Nachdem der Liga-Arbeitsausschuss den von Fazlul Huq aus Bedauern verfassten Brief erörtert hatte, wurde die Angelegenheit abgeschlossen.
Doch gegen Ende des Jahres schieden Herr Fazlul Huq und einer seiner Kollegen, der Nawab von Dhaka, aus der Ligafraktion im Gesetzgebenden Rat von Bengalen aus und bildeten gemeinsam mit dem Kongress und anderen hinduistischen Parteien eine Koalitionsregierung. Auch die europäische Fraktion des Rates bekundete ihre Unterstützung. Diese neue Koalitionsregierung bewies, dass sowohl der Kongress als auch die britische Regierung den Einfluss der Muslimliga in Bengalen zerstören wollten. Als die Liga von Herrn Fazlul Huq eine Rechtfertigung verlangte, begann er auszuweichen. Daher wurde Herr Fazlul Huq am 11. Dezember 1941 aus der Liga ausgeschlossen. (Creation of Pakistan, Justice Sayed Shameem Husain Kadir, S. 226–227)
Achtes Kapitel
Die Cripps-Mission
Gegen Ende des Jahres 1941 nahm der Zweite Weltkrieg eine schreckliche Wendung und begann, sich in Richtung des indischen Subkontinents auszubreiten. Singapur, die Festung Britanniens und seiner Alliierten, fiel in die Hände Japans, und auch der Fall Burmas stand unmittelbar bevor. Einige Menschen sympathisierten mit Japan. Viele Führer des Kongresses betrachteten Britannien und dessen Feinde mit denselben Augen. Gandhi sagte, Gott habe Hitler als Strafe für die Missetaten des Britischen Empire geschickt. Der Kongress glaubte, dass man aus Britannien immer größere politische Vorteile ziehen könne, wenn es im Krieg in die Enge getrieben würde.
Am 7. März 1942 eroberte Japan Burma. Nur vier Tage später, am 11. März, gelangte das Kriegskabinett nach einer wichtigen Erklärung des britischen Premierministers Sir Winston Churchill vor dem Unterhaus zu einigen Entscheidungen. Diese Entscheidungen wurden in einem Entwurf einer Erklärung zusammengefasst. Mit diesem Entwurf einer Erklärung traf Sir Stafford Cripps am 29. März in Indien ein. In der Einleitung des Entwurfs hieß es, Ziel der Erklärung sei die Bildung eines neuen indischen Dominions.
Der wesentliche Inhalt des Entwurfs der Erklärung war folgender:
Unmittelbar nach dem Ende des Krieges sollte in Indien ein „Gremium“ oder eine Versammlung zur Ausarbeitung einer Verfassung gebildet werden. Diese Versammlung sollte auf der Grundlage einer proportionalen Vertretung der Provinzversammlungen des Landes gewählt werden. Auch die Fürstenstaaten sollten darin vertreten sein.
Britannien würde jede von diesem Gremium oder dieser Versammlung ausgearbeitete Verfassung unter drei Bedingungen annehmen:
1. Jede Provinz sollte das Recht haben, der vorgeschlagenen Union fernzubleiben, und dabei ihren verfassungsrechtlichen Status zu behalten. Solche Provinzen könnten, wenn sie wollten, auch eine eigene Union nach dem Vorbild der vorgeschlagenen Union bilden.
2. Da die Macht vollständig von den Briten auf die Inder übertragen werden soll, wird zwischen Großbritannien und der verfassunggebenden Versammlung über alle damit zusammenhängenden Fragen ein Vertrag geschlossen. Dieser Vertrag wird den Schutz der Interessen der Minderheiten gewährleisten.
3. Wenn die Fürstenstaaten die Verfassung nicht annehmen, wird es notwendig sein, mit ihnen über einige Änderungen ihrer Vertragsregelungen zu verhandeln.
Sir Stafford Cripps erläuterte am 30. März in einer Rundfunkansprache den Entwurf der Erklärung. Nach der Rundfunkansprache appellierte Cripps an alle Inder, den Cripps-Plan anzunehmen.
Die Reaktion Indiens
Sir Stafford Cripps setzte seine Gespräche mit den politischen Führern Indiens fort. Diese Gespräche konzentrierten sich auf drei Fragen: (1) die Freiheit der Provinzen, der vorgeschlagenen Indischen Union nicht beizutreten; (2) die Vertretung der Fürstenstaaten in der verfassunggebenden Versammlung und (3) die unverzügliche Bildung einer verantwortlichen Regierung.
Die Non-accession Clause des Entwurfs der Erklärung gewährte den Provinzen die Freiheit, der Indischen Union nicht beizutreten; eine oder mehrere Provinzen konnten davon Abstand nehmen. Die Reaktion des Kongresses darauf war äußerst heftig. Nach seiner Auffassung würde dies der Einheit Indiens einen schweren Schlag versetzen. Daher könne dies unter keinen Umständen akzeptiert werden.
Auch auf die Frage der Vertretung der Fürstenstaaten reagierte der Kongress äußerst heftig. Nach seiner Auffassung würde dies der Einheit Indiens einen schweren Schlag versetzen. Daher könne dies unter keinen Umständen akzeptiert werden.
Was die Vertretung der Fürstenstaaten betrifft, forderte der Kongress, dass die Vertreter nach dem Verfahren gemeinsamer Wahlen gewählt werden sollten. Der Vorteil für den Kongress bestünde darin, dass die gewählten Vertreter den mehrheitlich vertretenen Kongress unterstützen würden. Dies konnte die Muslim League jedoch nicht akzeptieren. Drittens forderte der Kongress nachdrücklich, dass im Zentrum unverzüglich eine verantwortliche Regierung gebildet werde. Da die Muslim League dadurch zu einer kleinen Minderheit werden würde, konnte sie diese Forderung nicht akzeptieren.
Einige Tage lang wechselte der Kongresspräsident Briefe mit Sir Stafford Cripps. Da die Forderungen des Kongresses jedoch nicht angenommen wurden, erklärte der Kongress am 11. April, den Cripps-Vorschlag abzulehnen.
Auch die Muslim League konnte den Cripps-Vorschlag nicht annehmen. Die Muslim League erklärte, dass sie keinen künftigen Plan oder Vorschlag akzeptieren könne, solange nicht die Grundprinzipien des Pakistan-Plans angenommen und den Muslimen nicht auf eine Weise das Recht auf Selbstbestimmung zugestanden worden sei, die den tatsächlichen Willen des muslimischen Indiens widerspiegele.
Nach dem Scheitern der Cripps-Mission
Nach dem Scheitern der Cripps-Mission wurde der Kongress Opfer eines völligen Scheiterns und großer Ernüchterung. Der Kongress hatte durch die Bildung einer nationalen Regierung seine Herrschaft über den Subkontinent etablieren wollen. Dies war ein grausamer Anschlag mit dem Ziel, die indischen Muslime niederzuhalten. Jedenfalls konnte die britische Regierung diese ungerechte Forderung des Kongresses in ihrem eigenen Interesse nicht akzeptieren.
Gandhi hielt es für selbstverständlich, dass Großbritannien den Krieg verloren habe, und schrieb im Mai 1940 in einem Brief an den Vizekönig: „Dieses Blutbad muss beendet werden. Ihr verliert doch. Wenn ihr trotzdem starrsinnig bleibt, wird es noch mehr Blutvergießen geben. Hitler ist kein schlechter Mensch. Wenn ihr heute den Krieg beendet, wird auch er eurem Beispiel folgen.“ Der Vizekönig beantwortete diese Anmaßung und diesen Verrat äußerst höflich und sagte: „Wir befinden uns jetzt im Krieg. Bevor wir unser Ziel erreicht haben, werden wir keinen Schritt zurückweichen. Wir verstehen Ihre Sorge um uns. Doch alles wird in Ordnung kommen.“
Da Gandhi mit der Antwort des Vizekönigs nicht zufrieden war, appellierte er am 6. Juli an jeden Engländer: „Legt die Waffen nieder. Denn sie haben euch nicht vermocht, euch selbst und die Menschheit zu retten. Ihr werdet Hitler und Mussolini herbeirufen, und sie werden euch alles wegnehmen. Nun gut, lasst sie eure schöne Insel samt euren reizenden Palästen besetzen.“
– (The Struggle for Pakistan, I. H. Qureshi: Beide Briefe sind abgedruckt in: G. D. Birla, In the Shadow of the Mahatma: A Personal Memoir, Bombay, 1953, S. 302.)
Cripps’ Rundfunkansprache
Sir Stafford Cripps erläuterte in seiner am 26. Juli für die Amerikaner gehaltenen Rundfunkansprache den Hintergrund der Kongresspolitik, von seinem Indienbesuch bis zu den jüngsten Drohungen. Er sagte, keine verantwortungsbewusste Regierung könne die Forderungen des Kongresses in Betracht ziehen. Auch die Muslime, die der Vorherrschaft des Kongresses entschieden ablehnend gegenüberstünden, sowie mehrere zehn Millionen Angehörige unterentwickelter Gemeinschaften könnten diese Forderungen nicht akzeptieren. Die Erfüllung von Gandhis Forderungen bedeute, äußerste Anarchie und Unordnung herbeizuführen.
Er sagte ferner, wir könnten nicht zulassen, dass ein Fantast die Siegesbemühungen der Vereinten Nationen im Osten behindere, ganz gleich, wie großer Freiheitskämpfer er in der Vergangenheit auch gewesen sein mag.
Pandit Nehru bezeichnete Stafford Cripps in Erwiderung auf diese Rundfunkansprache als „Anwalt des Teufels“ (Devil’s Advocate). Er sagte, angesichts dessen, was Großbritannien Indien an Schaden zugefügt habe und noch immer zufüge, hätte es reumütig und äußerst demütig bei uns vorstellig werden sollen.
Nehru wies den Widerstand der Muslime gegen die Forderungen des Kongresses zurück und sagte: „Ich kenne meine muslimischen Landsleute besser als Sir Stafford Cripps, und was über sie gesagt worden ist, ist nichts als Verleumdung.“ (The Struggle for Pakistan, I.H. Quershi; Documents in the Indian Situations Since the Cripps Mission, S. 47–48)
„Verlasst-Indien“-Bewegung (Quite India Movement)
Das Allindische Kongresskomitee nahm auf seiner am 8. August 1942 in Bombay abgehaltenen Sitzung die Resolution „Verlasst Indien“ (Quite India) an. Der psychologische Grund dafür ist zutiefst bedauerlich.
Die Führer des Kongresses waren der Ansicht, dass die Niederlage der Alliierten im Krieg unausweichlich sei. Nach dem Plan des Kongresses sollte diese Gelegenheit genutzt werden, im Land äußerste Unordnung zu schaffen und die Herrschaft über das gesamte Land an sich zu reißen. Auf diese Weise würde man alle Forderungen der Muslime zurückweisen und im Subkontinent eine Hindu-Herrschaft errichten können. Eine Bestätigung dieses Plans des Kongresses findet sich in dem Werk „India Wins Freedom“ von Maulana Abul Kalam Azad. Er sagt:
Sein Plan sah vor, dass der Kongress die Kontrolle über das ganze Land übernehmen würde, sobald die Japaner Bengalen erreicht hätten und die britischen Truppen sich nach Bihar zurückgezogen hätten. Doch dieser Plan des Kongresses erwies sich als unbegründet und unrealistisch.
Jedenfalls erklärte der Kongress in seiner am 8. August angenommenen Resolution, dass es dem Gebot der Stunde entspreche, dass die britische Herrschaft in Indien enden müsse. Keine Zusage oder Garantie für die Zukunft werde die gegenwärtige Lage verbessern. Daher müsse unverzüglich die Unabhängigkeit Indiens erklärt werden. Danach werde mit der Mitwirkung der wichtigsten Parteien des Landes eine Übergangsregierung gebildet. Ihre Aufgabe werde darin bestehen, Indien zu verteidigen und Aggressionen abzuwehren. Das Kongresskomitee billigte den Vorschlag, zur Unterstützung der Unabhängigkeit Indiens auf gewaltlosem Wege eine umfassende Massenbewegung zu beginnen. Gandhi bezeichnete dies als offenen Aufstand (Open rebellion), den keine Regierung dulden könne. Daher wurden am folgenden Tag, dem 9. August, alle Kongressführer verhaftet und der Kongress für illegal erklärt.
Trotz dieser sofortigen Maßnahmen konnte das Programm des Kongresses nicht vereitelt werden. Was Gandhi als gewaltlos bezeichnete, war in Wirklichkeit gewaltsam. So zeigte sich, dass in allen hinduistischen Provinzen in großem Umfang Unruhen und zerstörerische Aktivitäten begonnen hatten. Das Verbrennen von Bahnhöfen, das Herausreißen von Eisenbahnschienen, das Durchtrennen von Telegraphenleitungen sowie das Plündern und Verbrennen von Postämtern und ähnliche „gewaltlose“ (?) Aktivitäten wurden in vollem Umfang fortgesetzt. An vielen Orten kam es auch zu Tötungen.
Nicht nur die Muslimliga, sondern auch zahlreiche hinduistische Organisationen konnten ein derart unbesonnenes Vorgehen des Kongresses nicht unterstützen. Dr. Ambedkar übte scharfe Kritik an der Kongresskampagne. Die Liberalen sowie Tej Bahadur Sapru und Jayakar äußerten sich ablehnend. Die Indian Nationalist League verurteilte Gandhis törichtes Verhalten. Auch die Kommunistische Partei Indiens hielt sich von dieser Bewegung fern. Bhai Parmanand, Vizepräsident der Hindu Mahasabha, kritisierte die „Quit-India“-Bewegung, und der Präsident V. D. Savarkar wies seine Anhänger an, die Kongresskampagne nicht zu unterstützen. (The Struggle for Pakistan, I. H. Wuershi, S. 190)
Qaid-e-Azam Muhammad Ali Jinnah hielt die „Quit-India“-Bewegung für gleichbedeutend damit, ihre Forderungen mit Gewalt an der Spitze des Bajonetts durchzusetzen und sie ihnen aufzuzwingen, und für einen verheerenden Bürgerkrieg. Dieser Aufstand gegen die Regierung war in Wirklichkeit eine Kriegserklärung an die Muslimliga und andere nichtkongressliche Organisationen. Es besteht kein Zweifel daran, dass diese Bewegung des Kongresses illegal und verfassungswidrig war. Denn ihr Ziel war es, eine etablierte Regierung zu stürzen.
Die Briten und die verschiedenen Zeitungen dort übten scharfe Kritik an dieser Bewegung. Auch die Zeitungen Europas und Amerikas kritisierten die Augustbewegung ablehnend.
Das Ziel der Rebellion des Kongresses gegen die britische Regierung in der Krisenzeit des Zweiten Weltkriegs bestand darin, sich hastig der Macht über ganz Indien zu bemächtigen. Zu diesem Zweck wurden umfassende zerstörerische Aktivitäten durchgeführt. Aus diesem Grund wurde auch der Cripps-Vorschlag zurückgewiesen.
Ein weiterer Grund für diese Augustbewegung war, dass bei einer Verzögerung der Machtübergabe nach Kriegsende die Teilung des Landes beziehungsweise die Gründung Pakistans unvermeidlich werden würde. Um daher die Teilung Indiens und die Gründung Pakistans zu verhindern, gebe es keinen anderen Weg, als die Macht in Indien zu ergreifen. Dies war das kurzsichtige Denken und die Politik des Kongresses.
Die C.-R.-Formel
Die feindselige Haltung des Hindu-Kongresses gegenüber den Muslimen auf dem Subkontinent und der Wahntraum der Kongressführer, durch ihre Ausrottung oder zumindest ihre Unterwerfung ein Ramrajya zu errichten, hatte deren Urteilsvermögen beeinträchtigt. Daher bestand ihre Politik von Anfang bis Ende darin, dass der Kongress unter keinen Umständen zulassen würde, dass die Muslime in irgendeiner Angelegenheit auch nur geringfügige Vorteile oder Vergünstigungen erhielten – ganz nach dem Sprichwort, sich selbst die Nase abzuschneiden, um die Reise des anderen zu verderben. Als der Kongress im Cripps-Vorschlag einen gewissen Hauch von Pakistan oder einer Teilung Indiens entdeckte, lehnte er ihn ab. Danach begann er in der Annahme, die Niederlage der Briten im Krieg sei unausweichlich, die „Quit India“-Bewegung und damit überall in Indien, insbesondere in den hinduistisch geprägten Provinzen, äußerst zerstörerische Aktivitäten. Er hoffte, dass die britische Regierung, sobald die Japaner einen Teil Indiens besetzt hätten, gezwungen sein würde, den Forderungen des Kongresses nachzugeben, und dass dieser seine Vorherrschaft in ganz Indien würde errichten können. Doch das Ergebnis war das Gegenteil. Die „Quit India“-Bewegung wurde von keiner Seite unterstützt. Sogar die Hindu Mahasabha und die Kommunistische Partei übten scharfe Kritik an ihr. Der Kongress wurde für illegal erklärt, und alle Führer, Gandhi eingeschlossen, wurden verhaftet und ins Gefängnis geschickt.
Andererseits hat die weitsichtige Politik der Muslimliga ihre Popularität im In- und Ausland gesteigert. In den Jahren 1943 und 1944 waren in Bengalen, Assam, Sindh und der Nordwestgrenzprovinz Ministerien der Muslimliga im Amt. Obwohl in Punjab ein Ministerium der Unionist Party im Amt war, unterstützte es die Muslimliga und die Teilung Indiens. Da die Muslimliga somit in engem Kontakt mit der Bevölkerung stand, nahm ihre Popularität weiter zu, und auch die Pakistanbewegung wurde stärker. Dies stürzte die Kongressführer in äußerste Verzweiflung.
In einem am 27. Juli 1943 an den Vizekönig Lord Wavell gerichteten Schreiben erklärte Gandhi, er sei bereit, dem Arbeitsausschuss des Kongresses zu empfehlen, die Bewegung der Nichtkooperation zurückzuziehen und die Kriegsanstrengungen vollständig zu unterstützen, sofern unverzüglich die Unabhängigkeit Indiens erklärt werde – unter der Bedingung, dass die militärischen Aktivitäten während des Krieges wie bisher fortgeführt würden, Indien jedoch keine finanzielle Belastung auferlegt werde.
Der Vizekönig beantwortete diesen Brief am 15. August. Darin wurde Gandhis Vorschlag zurückgewiesen. Es hieß, die britische Regierung sei bereit, die Unabhängigkeit Indiens zu erklären, sobald nach Kriegsende eine einvernehmliche Verfassung ausgearbeitet worden sei. Zuvor müsse außerdem ein Vertrag mit Großbritannien geschlossen werden. Um, wie von Gandhi gefordert, eine der Zentralparlament verantwortliche nationale Regierung zu bilden, müsste die gegenwärtige Verfassung geändert werden. Das sei jetzt keinesfalls möglich. Der Vizekönig erklärte jedoch, er rufe alle dazu auf, bei der Bildung einer Übergangsregierung (Transitional Govt.) im Rahmen der geltenden Verfassung unter den gegenwärtigen Umständen mitzuwirken. Wenn alle Parteien sich grundsätzlich über Vorgehensweise und Verfahren zur Ausarbeitung der künftigen Verfassung einig seien, könne die vorgeschlagene Regierung gute Arbeit leisten.
Gandhi äußerte seine charakteristische Reaktion und sagte, die britische Regierung sei nicht bereit, ihre Herrschaft über 400 Millionen Menschen zu übertragen, solange die Inder nicht die Macht erlangt hätten, sie ihr zu entreißen.
In dieser Äußerung Herrn Gandhis lag der Aufruf zu einer weiteren gewaltsamen Bewegung verborgen.
Jedenfalls hielten es einige Kongressführer nach der enttäuschenden Antwort des Vizekönigs für notwendig, mit Quaid-e-Azam Muhammad Ali Jinnah Kontakt aufzunehmen. Ihrer Ansicht nach wäre es sehr gut gewesen, wenn der Kongress durch seine Bemühungen zu einer Verständigung mit der Regierung hätte gelangen können. Da dies jedoch nicht möglich war, war eine Verständigung mit der Muslimliga unverzichtbar geworden.
Noch bevor sich die Haltung des Kongresses auf diese Weise änderte, gelangte der alte Kongressführer Raja Gopalachari zu der Überzeugung, dass die Teilung Indiens zur Beendigung der verfassungsrechtlichen Unordnung unerlässlich sei. Um die Kongressführer in dieser Frage zu überzeugen, brachte er seine Haltung bei öffentlichen Versammlungen wiederholt zum Ausdruck. Auf einer öffentlichen Versammlung in Madras im April 1943 sagte er: „Ich bin für Pakistan. Denn ich will keinen Staat, in dem weder unsere Hindus noch unsere Muslime irgendeine Ehre und Würde besitzen. Die Muslime sollen Pakistan erhalten. Wir können die Ehre und Würde sowohl der Hindus als auch der Muslime gewährleisten. Sollte die britische Regierung Schwierigkeiten bereiten, werden wir uns ihr entgegenstellen. … Ich bin für Pakistan – aber ich glaube, dass der Kongress dem nicht zustimmen wird.“ (The Struggle for Pakistan, I.H. Quershi, S. 205, Rede in Madras – April 1943, zitiert in Khaliquzzaman, S. 309)
Raja Gopalachari sagt ferner: Wir wünschen das Ende der britischen Herrschaft. Auch die politischen Meinungsverschiedenheiten zwischen Hindus und Muslimen wollen wir beilegen. Wir müssen die Muslimliga als repräsentative Vertretung der Muslime anerkennen. Sie wünschen, dass wir ihre Forderungen akzeptieren. Ihre wichtigste Forderung ist Pakistan.
(The Struggle for Pakistan, I. H. Quershi, S. 205)
Raja Gopalachari entwarf im Jahr 1943 eine Formel, die als C.-R.-Formel bezeichnet wurde. Er war der Ansicht, dass die Formel als Grundlage für eine Verständigung zwischen Kongress und Muslimliga dienen würde. Während Gandhi im Gefängnis im Hungerstreik war, besuchte man ihn, zeigte ihm die Formel, und Gandhi billigte sie. Danach wurde die Formel am 10. Juli 1943 in den Zeitungen veröffentlicht.
Mahatma Gandhi und Herr Jinnah akzeptierten die Formel als Grundlage für eine Verständigung zwischen Kongress und Muslimliga und würden sich bemühen, jeweils den Kongress und die Muslimliga zu ihrer Annahme zu bewegen. Der Inhalt der Formel lautet wie folgt:
1. Die Muslimliga unterstützt unter den folgenden Bedingungen die Forderung nach der Unabhängigkeit Indiens und wird mit dem Kongress bei der Bildung einer vorläufigen Übergangsregierung während der Übergangszeit zusammenarbeiten.
2. In den nordwestlichen und östlichen Gebieten Indiens, in denen die Muslime eine unangefochtene Mehrheit bilden, wird zur Festlegung der Grenzen eine Kommission eingesetzt. Anschließend wird in diesen Gebieten auf der Grundlage des Wahlrechts der Erwachsenen eine Volksabstimmung durchgeführt, durch die die Frage der Abtrennung von Indien entschieden wird. Wird eine Mehrheit für einen von Indien getrennten souveränen Staat erreicht, wird der Beschluss umgesetzt. Die Grenzbezirke sollen jedoch das Recht haben, sich jedem beliebigen Staat anzuschließen.
3. Vor der Durchführung der Volksabstimmung haben alle Parteien das Recht, ihre Standpunkte darzulegen.
4. Nach dem Beschluss über die Abtrennung von Indien müssen für die Verteidigung, den Handel und das Verkehrswesen gegenseitige Vereinbarungen getroffen werden.
5. Die Umsiedlung der Bevölkerung soll vollständig freiwillig und fakultativ sein.
6. Bei der Übertragung sämtlicher Befugnisse und Verantwortlichkeiten durch Großbritannien zur Regierung Indiens müssen die Bedingungen der Formel unbedingt eingehalten werden.
Nachdem der Arbeitsausschuss der Muslim League die Formel eingehend geprüft hatte, wurde Jinnah die Verantwortung für die Entscheidung in dieser Angelegenheit übertragen.
Zwischen Gandhi und Jinnah wurde in dieser Angelegenheit ein umfangreicher Briefwechsel geführt. Jinnah warf mehrere Fragen auf. Gandhi war nicht in der Lage, alle Fragen zufriedenstellend zu beantworten.
Gründe für das Scheitern der C.-R.-Formel
Wenn man die Gründe für das Scheitern der Formel von Raja Gopalachari zu ergründen versucht, drängen sich einige Fragen auf. Was war Gandhis Zweck bei dem langen Briefwechsel mit Jinnah in dieser Angelegenheit? Wie war die Haltung des Kongresses in dieser Frage? Wie lauteten die Ansichten der anderen Parteien?
Der Hauptgrund für das Scheitern der Gespräche war, dass Gandhi die Forderung der Muslime nach Pakistan keinesfalls akzeptieren konnte. Er wies die Zwei-Nationen-Theorie zurück und war überzeugt, dass ausschließlich der Kongress eine Organisation sei, die alle Bewohner Indiens vertrete. Zweck der Gespräche war es, der Welt zu zeigen, dass er versucht hatte, zu einer Übereinkunft zu gelangen.
Sapru-Vorschläge
Nach dem Scheitern der C.-R.-Formel unterbreitete Sir Tej Bahadur Sapru einige Vorschläge und versuchte, eine Verständigung zwischen dem Kongress und der Muslimliga herbeizuführen. Im vergangenen Jahr 1941 berief er eine parteilose Konferenz ein. Sie blieb jedoch ergebnislos.
Das Ständige Komitee der parteilosen Konferenz trat am 3. Dezember 1944 in Allahabad zusammen und bildete ein Vermittlungskomitee. Seine Mitglieder waren Sir Tej Bahadur Sapru (Vorsitzender), M. R. Jayakar (er erschien nicht), Bischof Foss Westcott, S. Radhakrishnan, Sir Homi Mody, Sir Maharaj Singh, Muhammad Yunus, N. R. Sarkar, Frank Anthony und Sant Singh.
Daraufhin bat Sapru Jinnah in einem am 10. Dezember verfassten Schreiben um eine Unterredung und erläuterte darin die Ziele und Aufgaben des Vermittlungsausschusses.
In seiner Antwort auf das Schreiben erklärte Jinnah am 14. Dezember, dass er nicht bereit sei, irgendeine parteilose Konferenz oder deren Ständiges Komitee in irgendeiner Weise anzuerkennen. Im folgenden Jahr, am 8. April 1945, gab Sapru die Vorschläge seines Vermittlungskomitees bekannt.
Die Vorschläge des Komitees spiegelten eindeutig seine Haltung wider. Im ersten Punkt wurde die Teilung Indiens entschieden abgelehnt. Außerdem wurde vorgeschlagen, die getrennten Wahlen abzuschaffen. Es bedarf keiner Erklärung, dass diese Vorschläge für die Muslime keineswegs annehmbar sein konnten. Jinnah verglich dieses Komitee mit einer Hausdienerin des Kongresses und erklärte, es habe lediglich im Ton Gandhis gesprochen.
Das Desai-Liaquat-Abkommen
Nach dem Beginn des neuen Jahres 1945 begann ein neuer politischer Wind zu wehen. Wegen ihrer Schuld an der Augustbewegung des vergangenen Jahres befanden sich die Führer des Kongresses noch immer im Gefängnis. In den indischen Zeitungen erschienen weiterhin Nachrichten oder Gerüchte über ein Abkommen zwischen dem Kongress und der Liga. Die Kongressmitglieder der Zentralen Legislativversammlung nahmen seit mehreren Monaten regelmäßig an den Sitzungen der Legislative teil und arbeiteten mit den Muslimliga-Mitgliedern der Versammlung eng zusammen. Es hieß, dass der Führer der Kongresspartei in der Legislative, Bhulabhai Desai, mit dem Führer der Ligapartei, Liaquat Ali Khan, in völliger Übereinstimmung zusammenarbeitete. Ebenso hieß es, die beiden Führer hätten eine Verständigung über die Verfassung einer vorläufigen nationalen Regierung erzielt. Desai traf am 13. Januar den Privatsekretär des Vizekönigs, Sir Evan Jenkins, und am 20. Januar den Vizekönig. Bei diesem Treffen wurde der Vizekönig davon in Kenntnis gesetzt, dass zwischen Desai und Liaquat ein Abkommen zustande gekommen sei. Desai erklärte, Gandhi unterstütze dieses Abkommen. Er erklärte ferner, Jinnah sei über den Gegenstand der Gespräche mit Liaquat Ali informiert und billige dieses angebliche Abkommen.
Das angebliche Abkommen lautete wie folgt:
Der Kongress und die Liga sind sich einig, dass sie einer Übergangsregierung im Zentrum beitreten werden. Sie soll nach folgendem Verfahren gebildet werden:
(a) Der Kongress und die Liga werden eine gleiche Anzahl von Mitgliedern nominieren (die Nominierten müssen nicht Mitglieder der Zentralen Gesetzgebenden Versammlung sein).
(b) Vertreter der Minderheiten (insbesondere der Scheduled Communities und der Sikhs).
(c) der Oberbefehlshaber der Streitkräfte.
Nach ihrer Bildung wird die Regierung weiterhin im Rahmen des Government of India Act von 1935 arbeiten. Wenn der Ministerrat nicht in der Lage ist, eine bestimmte Vorgehensweise oder Maßnahme durch die Gesetzgebende Versammlung verabschieden zu lassen, soll er nicht auf die besonderen Befugnisse des Generalgouverneurs oder Vizekönigs zurückgreifen, um sie durchzusetzen. Dadurch wird es ihm möglich sein, unabhängig und frei vom Einfluss des Vizekönigs zu arbeiten.
Auch in dieser Frage erzielten der Kongress und die Liga Einvernehmen darüber, dass die erste Aufgabe einer solchen Übergangsregierung nach ihrer Bildung darin bestehen würde, die Mitglieder des Arbeitsausschusses des Kongresses aus der Haft zu entlassen.
Auf der Grundlage dieses Abkommens soll der Generalgouverneur ersucht werden, der Regierung einen Vorschlag zu unterbreiten, wonach er an der Bildung einer Übergangsregierung auf der Grundlage des Abkommens zwischen dem Kongress und der Liga interessiert sei.
Der Generalgouverneur teilte dem Indienminister die Vorschläge des Desai-Liaquat-Abkommens mit. Er stellte dazu einige Fragen und verlangte deren Erläuterung.
Als der Generalgouverneur Desai und Liaquat Ali treffen wollte, erklärte Jinnah in einer Stellungnahme, er wisse nichts von dem Abkommen. Desai ließ sich nicht entmutigen und bekundete weiterhin seine Überzeugung von der Gültigkeit des Abkommens. Der Generalgouverneur beauftragte den Gouverneur von Bombay, Sir John Colvin, Jinnah aufzusuchen und ihn zu bitten, sich mit ihm in Delhi zu treffen, da er sich darüber freuen würde. Jinnah erklärte, er wisse nichts von dem Desai-Liaquat-Abkommen und dieses sei ohne die Zustimmung der Muslimliga geschlossen worden.
Unterdessen kritisierten die Kongressführer Desai, obwohl Gandhi seine Zustimmung erteilt hatte. Sowohl der Kongress als auch die Muslimliga lehnten das Abkommen ab.
Neuntes Kapitel
Der Wavell-Plan von 1945
Nach dem Scheitern des Desai-Liaquat-Abkommens reiste der Vizekönig im Mai nach London, um Gespräche mit der britischen Regierung zu führen. Anschließend kehrte er mit einem Vorschlag der Regierung nach Indien zurück, durch den der Stillstand überwunden werden sollte.
Der Staatssekretär für Indien legte am 14. Juni im House of Commons durch eine Erklärung einen Vorschlag zur Lösung der künftigen verfassungsrechtlichen Probleme Indiens vor. Darin hieß es, der Vizekönig werde seinen Exekutivrat so umbilden, dass er einige Personen aus den indischen politischen Parteien zu Ratsmitgliedern ernennen könne. Darin sollte eine ausgewogene Vertretung der wichtigsten Gemeinschaften im gleichen Verhältnis von Muslimen und Kastenhindus gewährleistet sein. Mit Ausnahme des Vizekönigs und des Oberbefehlshabers sollten alle Mitglieder dieses Rates Inder sein. Nachdem bei der Umbildung dieses Rates die Unterstützung aller gewonnen worden sei, sollte Artikel 93 in allen Provinzen aufgehoben werden, damit Volksministerien gebildet werden könnten.
Am selben Tag hielt Vizekönig Lord Wavell aus Delhi eine Rundfunkansprache, in der er diesen Vorschlag erläuterte. Gandhi und der Kongress weigerten sich, eine gleich große Vertretung von Muslimen und Kastenhindus im Rat zu akzeptieren.
Die Shimla-Konferenz
Der Vizekönig berief am 25. Juni eine Konferenz aller Parteien in Shimla ein, um seine Bemühungen fortzusetzen. An der Konferenz nahmen einundzwanzig Personen aus dem Kongress, der Muslim League und anderen Parteien teil – darunter sechs Mitglieder der Muslim League, einschließlich Jinnah und Liaquat Ali. Auf der Konferenz zeigte sich eine äußerste Meinungsverschiedenheit zwischen dem Kongress und der Muslim League. Maulana Abul Kalam Azad erklärte, der Kongress könne keiner Regelung zustimmen, sei sie vorübergehend oder dauerhaft, die seine nationale Würde beeinträchtige, den Fortschritt des Anspruchs auf eine einheitliche Nation behindere und den Kongress in eine kommunale Organisation verwandle. Jinnah erklärte, die League könne keine Verfassung akzeptieren, die auf etwas anderem als Pakistan beruhe. Auch am 26. und 27. wurden die Gespräche fortgesetzt. Da Gespräche zwischen Jinnah und dem ehemaligen Ministerpräsidenten der U.P., G. B. Pant (PANT), stattfanden, wurde die Sitzung am 27. nach kurzer Zeit vertagt. Danach fanden am 28. und 29. die Sitzungen der Konferenz statt. Es wurde bekannt, dass die Gespräche zwischen Jinnah und Pant gescheitert waren. Der Vizekönig schlug einen anderen Weg für die Gespräche ein und bat jede an der Konferenz teilnehmende Partei, eine Namensliste der Personen einzureichen, die Mitglieder des Rates des Vizekönigs werden sollten. Er äußerte die Hoffnung, dass sowohl der Kongress als auch die Muslim League jeweils eine Liste mit acht bis zwölf Namen vorlegen würden.
Am 3. Juli übermittelte der Kongress dem Vizekönig seine Namensliste. Am 6. Juli beriet sich Jinnah mit dem Arbeitsausschuss der Muslim League und legte dem Vizekönig am folgenden Tag die nachstehenden Vorschläge vor:
1. Anstatt eine Namensliste vonseiten der Muslim League entgegenzunehmen, sollten nach einem persönlichen Gespräch zwischen Jinnah und dem Vizekönig die Vertreter für den Rat ausgewählt werden.
2. Alle muslimischen Mitglieder des Rates sollten von der Muslim League ausgewählt werden.
3. Zum Schutz der muslimischen Interessen vor den Entscheidungen der Mehrheit der Ratsmitglieder müsse ein wirksamer Schutzmechanismus vorgesehen werden.
Nach einem letzten Gespräch zwischen dem Vizekönig und Jinnah am 11. Juli erklärte der Vizekönig, dass vier muslimische Mitglieder vonseiten der Muslim League in den Rat aufgenommen würden und die fünfte Person ein muslimischer Punjaber sein werde, der nicht der League angehörte, und die fünfte Person ein muslimischer Punjaber sein werde, der nicht der League angehörte.
Daraufhin erklärte Jinnah, dass die League nicht mit der Regierung bei der Bildung des Rates zusammenarbeiten könne. Somit scheiterte auch die Shimla-Konferenz des Vizekönigs.
Der Grund des Scheiterns
Der Misserfolg der Shimla-Konferenz hatte denselben Grund, der alle Bemühungen um eine Verständigung zwischen Kongress und Muslimliga zunichtegemacht hatte. Menschen, die an Tawhid, Risalat und das Jenseits glauben, können unter keinen Umständen gemeinsam mit Menschen, die Tawhid, Risalat und das Jenseits leugnen, eine Nation bilden. Daher ist die Forderung der Muslimliga, dass die Muslime eine eigenständige Nation seien, eine unumstößliche Wahrheit, die durch zahllose Ereignisse auf dem indischen Subkontinent bewiesen worden ist. Wenn Jinnah daher forderte, dass das Recht zur Ernennung muslimischer Vertreter im Rat des Vizekönigs der Muslimliga als der repräsentativen Organisation der muslimischen Nation zustehe, sollte dies grundsätzlich von allen anerkannt werden. Gerade weil die Muslime eine eigenständige Nation sind, wurde für sie ein eigener unabhängiger Staat Pakistan gefordert, und der Kampf dafür dauert an. Die ungerechte und unrealistische Forderung des Kongresses hingegen lautet, dass alle Hindus und Muslime des Subkontinents ohne Unterschied eine einzige Nation bildeten und der Kongress sie vertrete. Der Kongress beansprucht die künftige Herrschaft über das Land; sollte er sie erlangen, könnten die Muslime unter der Herrschaft der hinduistischen Mehrheit ausgelöscht werden. Die Befürchtung der Muslime ist keine Einbildung, sondern eine erwiesene Tatsache. Der Kongress ist nicht bereit, diese Wahrheit anzuerkennen. Als Jinnahs Vorschlag zur Unterstützung der Forderungen des Vizekönigs und des Kongresses zurückgewiesen wurde, scheiterte die Konferenz.
Allgemeine Wahlen
Nach der Kapitulation Japans ging der Weltkrieg am 15. August 1945 zu Ende.
Zuvor, Ende Juli, errang die Labour Party bei den allgemeinen Wahlen in England eine überwältigende Mehrheit. Schon seit Langem bestanden enge Beziehungen zwischen der Labour Party und dem Kongress, und das Ergebnis dieser Wahl versetzte den Kongress in große Begeisterung. Der Kongress begann, daraus politischen Vorteil zu ziehen. Die britische Politik hatte stets die Einheit Indiens befürwortet, und der Kongress hoffte, in dieser Frage noch stärkere Unterstützung von der Labour Party zu erhalten. Gerade diese Frage hatte eine große Kluft zwischen Kongress und Muslimliga geschaffen. Der Kongress forderte eine einzige Nation ohne Unterschied zwischen Muslimen und Nichtmuslimen sowie die Herrschaft der Mehrheitspartei in einem ungeteilten Indien. Die Muslimliga hingegen forderte, dass die Muslime eine völlig eigenständige Nation seien und es deshalb für sie einen eigenen unabhängigen Staat geben müsse. Zur endgültigen Entscheidung zwischen diesen beiden entgegengesetzten Forderungen kündigte die Regierung an, dass am Ende des Jahres, während der Wintersaison, allgemeine Wahlen zu den zentralen und den provinziellen gesetzgebenden Versammlungen abgehalten würden.
Bei den Wahlen wurde die Forderung der Muslimliga vollständig anerkannt. Die Muslimliga gewann sämtliche muslimischen Sitze in der zentralen gesetzgebenden Versammlung. Von den 495 muslimischen Sitzen in den provinziellen gesetzgebenden Versammlungen errang die Muslimliga 446. In den Provinzen mit hinduistischer Mehrheit errang der Kongress die Mehrheit, was ganz natürlich war. In Bengalen gewann die Muslimliga 113 der 119 muslimischen Sitze. Durch A. K. Fazlul Haq gingen der Muslimliga sechs Sitze verloren. Hier bildete Husain Shahid Suhrawardy ein Kabinett.
Im Punjab errang die Muslimliga 79 der 86 muslimischen Sitze. Auch in Sindh bildete die Muslimliga ein Kabinett. In der Grenzprovinz gewann die Muslimliga aufgrund des gewaltigen Einflusses des radikalen Kongressanhängers Abdul Ghaffar Khan, der als „Grenz-Gandhi“ bezeichnet wurde, 17 der 36 Sitze, und Dr. Khan bildete ein Kabinett.
Es ist jedoch unbestreitbar, dass diese allgemeinen Wahlen eindeutig bewiesen haben, dass allein die Muslimliga die repräsentative politische Organisation Indiens ist. Dadurch nahm die Opposition des Kongresses gegen die Muslimliga eine noch schärfere Form an. Statt den repräsentativen Charakter der Muslimliga anzuerkennen und mit ihr zu einer politischen Verständigung zu gelangen, verfolgte der Kongress eine Politik, Spaltungen unter den Muslimen zu schaffen, und weigerte sich, politische Macht an die vertrauenswürdigen Vertreter der Muslime zu übertragen, selbst in Provinzen mit muslimischer Mehrheit. Dadurch verschärften sich die kommunalen Gegensätze, und eine Kompromisslösung zwischen beiden Seiten wurde unmöglich.
Die vom Kongress gegenüber dem Punjab verfolgte Politik ist ein eindrucksvolles Beispiel für seine feindselige Haltung. Im Punjab gewann die Muslimliga 79 der 86 muslimischen Sitze. Diese Partei hatte lediglich zehn Mitglieder, darunter drei Nichtmuslime. Der Kongress hatte 51 Sitze, die Akali-Sikhs 22. Es war vollkommen gerechtfertigt, dass die Muslimliga als größte Partei ein Kabinett bildete. Sie hätte ein Kabinett unter Beteiligung von Hindus und Sikhs bilden können. Doch aufgrund des blinden Muslimhasses des Kongresses und der Kurzsichtigkeit der Sikhs kam es dazu nicht. Der Kongresspräsident Abul Kalam Azad und Baldev Singh bewegten und überzeugten Khizr Hayat, den Führer der Unionist Party, mit Unterstützung des Kongresses und der Akali-Sikh-Partei, ein Kabinett zu bilden. Diese prinzipienlose Koalition wurde gebildet, um die Muslimliga in dem muslimischen Mehrheitsgebiet Punjab von der Übernahme der Macht fernzuhalten. Abul Kalam Azad empfand große Selbstzufriedenheit und war stolz darauf, dass es ihm gelungen war, im Punjab ein Kabinett ohne Beteiligung der Muslimliga zu bilden. (Maulana Abul Kalam Azad: India Wins Freedom, S. 137)
Jawaharlal Nehru verurteilte den Beitritt des Kongresses zur Regierung von Punjab, und Gandhi unterstützte Abul Kalam Azad und erklärte, dass es aus Sicht des Kongresses keine bessere Lösung gegeben habe. (The Emergence of Pakistan: Choudhury Muhammad Ali, S. 49)
Zehntes Kapitel
Der Plan der Kabinettsmission
Die britische Regierung gab am 19. Februar 1946 bekannt, dass eine Sondermission aus drei Kabinettsministern nach Indien entsandt werde, um nach Gesprächen mit Vizekönig Lord Wavell und den indischen Führern zu einer Einigung über die verfassungsrechtliche Frage zu gelangen.
In diesem Zusammenhang erklärte Premierminister Attlee während einer Debatte im Unterhaus am 15. März: Die Beseitigung der schwierigen Lage, die in Indien, einem Land vieler Völker, Religionen und Sprachen, entstanden ist, wird durch die Inder selbst erfolgen. Wir sind uns der Rechte der Minderheiten bewusst. … Das bedeutet jedoch nicht, dass wir der Minderheit erlauben können, ein Veto gegen den Fortschritt der Mehrheit einzulegen.
Über diese Äußerung des Premierministers war der Kongress außerordentlich erfreut. In den Kreisen der Liga weckte sie jedoch Zweifel, und Jinnah führte das Beispiel einer Fliege an, die in ein Spinnennetz gelockt wird, und sagte: „Wenn die Fliege sich weigert, wird gesagt, dass sie ein Veto ausübt und unnachgiebig ist.“ (Wenn die Fliege die Einladung der Spinne zurückweist, heißt es, sie übe ein Veto aus und sei nicht kompromissbereit.)
– (Cabinet Mission and after, Muhammad Ashraf, S. 1–3, Choudhury Mohammad Ali: Emergnce of Pakistan, S. 52)
Ein schöneres Beispiel kann es kaum geben. Wenn die Minderheit nicht bereit ist, in die Falle der uneingeschränkten Vorherrschaft und Dominanz der Mehrheit zu tappen, betrachtet der britische Premierminister dies als gleichbedeutend mit einem Veto und erklärt, dass dies nicht zugelassen werden könne. Dadurch wird die Haltung Attlees und damit der britischen Regierung deutlich erkennbar.
Wie dem auch sei, die aus Pathick Lawrence (Indienminister), Sir Stafford Cripps (Präsident des Handelsamtes) und Mr. A. D. Alexander (Erster Lord der Admiralität) bestehende Kabinettsmission traf am 24. März 1946 in Neu-Delhi ein.
Die Mitglieder der Mission trafen mit den Führern der politischen Parteien, den Ministerpräsidenten der Provinzen sowie weiteren repräsentativen Persönlichkeiten zusammen und tauschten sich mit ihnen aus. Auch mit den Herrschern und Ministern der Fürstenstaaten führten sie Gespräche.
Abul Kalam Azad zeigte sich zutiefst erfreut, als er erfuhr, dass Cripps der Kabinettsmission angehörte. Denn dieser war ein alter enger Freund der Kongressmitglieder. Cripps war zuvor nach Indien gekommen und hatte die Gastfreundschaft eines indischen Hindu namens Sudhir Chandra Gupta angenommen. (Moulana Abul Kalam Azad: ‚India Wins Freedom‘, S. 146)
Azad traf am 3. April mit der Mission zusammen. Auf der Grundlage der Unabhängigkeit hatte er bereits das Gebäude seiner Argumentation errichtet. Seiner Auffassung nach sollte eine Verfassunggebende Versammlung die künftige Verfassung ausarbeiten, und die Forderung des Kongresses war die Bildung einer föderalen Regierung, in deren Zuständigkeit zumindest die Landesverteidigung, das Verkehrswesen und die Außenpolitik liegen sollten. Eine Teilung Indiens würde der Kongress unter keinen Umständen akzeptieren.
Jinnah traf am 4. April mit der Mission zusammen. Am 7. April traf Azad erneut mit ihr zusammen. Sowohl der Kongress als auch die Muslimliga legten jeweils ihre Standpunkte dar. Der Standpunkt der Muslimliga wurde dem Kongresspräsidenten mitgeteilt.
Der Kongress wünschte, dass es nur eine einzige Verfassunggebende Versammlung geben sollte, die die Verfassung für eine gesamtindische föderale Regierung und eine gesetzgebende Versammlung ausarbeiten würde. In die Zuständigkeit der zentralen föderalen Regierung sollten das Außenwesen, die Verteidigung, das Verkehrswesen, die Grundrechte, die Währung, der Zoll und die Planungsabteilung fallen.
In dem Beschluss, der auf der am 9. April 1946 in Delhi abgehaltenen Versammlung der Mitglieder der Muslimliga aus den zentralen und den Provinzparlamenten gefasst wurde, wurde gefordert, im Nordosten aus Bengalen und Assam sowie im Westen aus Punjab, der Nordwestlichen Grenzprovinz, Sindh und Belutschistan einen souveränen, unabhängigen Staat Pakistan zu bilden und aus den Bewohnern Pakistans und Hindustans zwei getrennte Verfassunggebende Versammlungen zur Ausarbeitung ihrer jeweiligen Verfassungen zu bilden. Entsprechend diesem Beschluss unterbreitete die Muslimliga der Kabinettsmission den Vorschlag, für die sechs Provinzen der Pakistan-Gruppe eine und für die sechs Provinzen der Hindustan-Gruppe eine weitere Verfassunggebende Versammlung zu bilden.
Der Kongress und die Muslimliga konnten die Vorschläge des jeweils anderen nicht akzeptieren. Der wichtigste Streitpunkt war, ob es auf dem Subkontinent einen einzigen unabhängigen souveränen Staat oder zwei unabhängige souveräne Staaten geben sollte. In beiden Fällen bestand ein Minderheitenproblem. Die Kabinettsmission war nicht in der Lage, die Meinungsverschiedenheiten der beiden Parteien auszuräumen.
Schließlich veröffentlichten die Cabinet Mission und der Vizekönig am 16. Mai eine Erklärung zur Lösung des verfassungsrechtlichen Problems. Der zentrale Inhalt ihrer Erklärung war die Bewahrung eines einzigen Staates in Indien. Aus administrativen, wirtschaftlichen und militärischen Gründen lehnte die britische Regierung den Vorschlag zweier unabhängiger souveräner Staaten ab.
Die Cabinet Mission traf am 24. März 1946 in Indien ein und verließ das Land nach einem mehr als dreimonatigen Aufenthalt am 29. Juni wieder. Zweck der Entsendung der Cabinet Mission durch die britische Regierung nach Indien war es, angesichts der entstandenen Lage eine verfassungsrechtliche Lösung vorzulegen. Die Mitglieder der Cabinet Mission ließen es in dieser Hinsicht nicht an Bemühungen fehlen. Es trifft jedoch zu, dass sie bei der Lösung des Problems, insbesondere wegen der engen Freundschaft ihres einflussreichsten Mitglieds Stafford Cripps mit dem Kongress, den Interessen des Kongresses und damit der hinduistischen Gemeinschaft den Vorrang gaben.
Maulana Abul Kalam Azad sagt, die Cabinet Mission sei am 23. März nach Indien gekommen. Als Stafford Cripps früher einmal nach Indien kam, übernahm J. C. Gupta die Betreuung seines Aufenthalts. Er sagte mir, dass er nach Delhi reise, um Cripps zu treffen. Ich gab ihm einen Brief mit, in dem ich Cripps zu seiner erneuten Ankunft in Indien beglückwünschte. (Abul Kalam Azad: India Wind Freedom, S. 140)
Weiter sagt er, dass ich während Cripps’ Aufenthalt in Indien fortwährend Briefe mit ihm austauschte. (Abul Kalam Azad: India Wins Freedom, S. 172)
Ishtiaq Husain Qureshi erwähnt in einer Fußnote auf Seite 266 seines Buches The Struggle for Pakistan:
Sudihir Ghosh gibt in Gandhi’s Emissary (Bombay 1967) einen enthüllenden Bericht über die geheimen Verhandlungen hinter den Kulissen zwischen der Cabinet Mission und den Führern des Kongresses. Zwischen der Muslim League und der britischen Regierung gab es keine derart vertrauten Kontakte; die Beziehungen wirkten sich in jeder kritischen Phase gegen die Interessen der Muslime aus. Die Briten hatten den künftigen Vorteil im Blick, den sie aus der Freundschaft mit der größten und mächtigsten Gemeinschaft ziehen konnten, und waren bereit, ihren Wünschen in der Tat sehr weit entgegenzukommen.
Wie bereits erwähnt, liegt der Hauptgrund für den Streit zwischen dem Kongress und der Muslim League in der Forderung nach der Errichtung eines unabhängigen souveränen Staates namens Pakistan. Dies war die Forderung der Muslime des Subkontinents, die der Kongress und die britische Regierung keineswegs anzuerkennen bereit waren. Durch den Plan der Cabinet Mission unternahm der Kongress alle Anstrengungen, die Muslim League in eine Falle zu locken und seine uneingeschränkte Vorherrschaft zu errichten. Der scharfsinnige Politiker Quaid-e-Azam Muhammad Ali Jinnah erkannte diese Verschwörung, sie in eine Falle zu locken, vollständig und erklärte sich bereit, den Vorschlag der Cabinet Mission unter Bedingungen anzunehmen. Doch wegen der Halsstarrigkeit des Kongresses scheiterte alles.
Nach einer Darstellung der langen Geschichte der mehr als drei Monate währenden Tätigkeit der Cabinet Mission und ihrer Gespräche mit dem Kongress, der Muslim League und dem Vizekönig möchte ich zusammenfassend sagen, dass der Kongress ein großes Hindernis auf dem Weg zu einer Kompromissentscheidung schuf. Denn das Bestreben des Kongresses war es, die alleinige Herrschaft und Kontrolle über das künftige unabhängige Indien zu erlangen. Der Kongress war keineswegs bereit, der Muslim League einen Anteil an der Macht zu geben. In dieser Zeit schrieb Gandhi in einem Brief an Cripps: „Wenn ihr den Mut habt, dann tut, was ich von Anfang an gesagt habe. … Wählt eine der beiden: den Kongress oder die Muslim League.“ (Pyarelal, Mohatma Gandhi: The Lasy Phase, Bd. 1, S. 225; Chudhury Muhammad Ali: The Emergence of Pakistan, S. 62)
Schließlich beschlossen die Kabinettsmission und der Vizekönig, zum Zweck der Bildung einer starken und repräsentativen Übergangsregierung eine Erklärung abzugeben. In ihrer am 16. Mai veröffentlichten Erklärung wurden vierzehn Personen genannt, die der Vizekönig zur Teilnahme als Mitglieder des Übergangskabinetts einlud. Darunter sollten sich sechs Mitglieder des Kongresses, fünf Mitglieder der Muslimliga, ein Sikh, ein indischer Christ und ein Parse befinden, einschließlich eines Vertreters der registrierten Kasten.
Es sei darauf hingewiesen, dass in Absatz 8 der am 16. Mai veröffentlichten Erklärung zugesichert worden war, dass der Vizekönig zur Bildung einer Übergangsregierung weiter vorgehen werde, falls die beiden großen Parteien oder eine von ihnen nicht bereit sei, sich nach dem oben genannten Verfahren an einer Koalitionsregierung zu beteiligen. Diese Regierung sollte unter Einbeziehung derjenigen, die bereit waren, der Regierung unter Anerkennung der am 16. Mai veröffentlichten Erklärung beizutreten, so repräsentativ wie möglich sein.
Danach wurde eine Woche lang vonseiten der Kongressführer, hochrangiger hinduistischer Beamter und der hinduistischen Presse ein gewaltiger Sturm gegen die Kabinettsmission und den Vizekönig entfacht. Es wurde das Gerücht verbreitet, dass die Sitze der Muslime im Kabinett mit Mitgliedern der Muslimliga besetzt würden. Die Sitze der Muslime im Kabinett würden mit Mitgliedern der Muslimliga besetzt. Gandhi drohte, Delhi zu verlassen, falls kein nationalistischer Muslim in das Kabinett aufgenommen werde, obwohl der Kongresspräsident Abul Kalam Azad schriftlich zugesichert hatte, dass der Arbeitsausschuss in dieser Angelegenheit nicht auf seinem Standpunkt bestehen werde. Gandhi sagte in drohendem Ton, dass die Verfassunggebende Versammlung dann zu einer aufständischen Organisation werden würde. Als Cripps Gandhi eilends aufsuchte, sagte dieser, die Kabinettsmission müsse sich für eine der beiden Parteien entscheiden; ein Versuch, sie miteinander zu verbinden, dürfe nicht unternommen werden.
(Pyarelal, Mahatma Gandhi: The Last Phase, Bd. 1, S. 234–237; Chodhury Muhammad Ali: The Emergence of Pakistan, S. 62–63)
Innerhalb einer Woche ergab sich die Kabinettsmission Gandhi. Am 22. Juni sagte Sudhir Ghosh, ein Freund von Cripps, zu Gandhi, dass er sich mit Cripps getroffen habe. Er sagte, dass man sich, falls der Kongress nicht bereit sei beizutreten, nicht allein auf die Muslimliga verlassen könne.
Sudhir Ghosh traf Cripps erneut und ging zu Gandhi, um ihm mitzuteilen, dass die Kabinettsmission beschlossen habe: Falls der Kongress den kurzfristigen Vorschlag ablehne und den langfristigen Plan annehme, werde alles, was bisher zur Bildung einer Übergangsregierung unternommen worden sei, verworfen und ein neuer Versuch unternommen werden. Sie hätten Gandhi und Patel zu einem Treffen aufgefordert. Gandhi begab sich gemeinsam mit Patel (Sardar Vallabhbhai Patel) und Sudhir Ghosh zu einem Treffen mit der Kabinettsmission. Patel hatte zuvor mit Pethick-Lawrence gesprochen. Pethick-Lawrence sagte zu Gandhi: „Ich habe verstanden, dass Sie den gesamten Plan für die Übergangsregierung, mit dem wir bisher vorangeschritten sind, verwerfen und die Lage neu prüfen wollen. Nun gut.“
Daraufhin wurde der Arbeitsausschuss über die zwischen der Kabinettsmission und Gandhi erzielte Verständigung informiert. Anschließend teilte der Kongresspräsident dem Vizekönig in einem schriftlichen Schreiben vom 25. Juni mit, dass der Kongress den Vorschlag für eine Übergangsregierung ablehne und den langfristigen Plan annehme.
Eine solche Haltung des Kongresses und Gandhis lässt sich bis unmittelbar vor der Teilung Indiens feststellen. In der vorstehenden kurzen Erörterung ist das hässliche Gesicht der Gesinnung Gandhis und der Kabinettsmission auf den Seiten der Geschichte deutlich hervorgetreten.
Reaktion der Liga
Das Hoffnungslicht, das für eine Lösung der verfassungsrechtlichen Probleme Indiens sichtbar geworden war, erlosch, weil die Kabinettsmission und der Vizekönig ihre gegebenen Zusagen brachen. Zur Erörterung dieser Lage trat in der letzten Juliwoche in Bombay der Rat der Liga zusammen. Auf dieser Sitzung sagte Jinnah, die Muslim League habe der Kongresspartei in den Verhandlungen mit der Kabinettsmission Zugeständnis um Zugeständnis gemacht (made concession after concession). Denn wir wollten zu einer freundschaftlichen und friedlichen Einigung gelangen, damit nicht nur Hindus und Muslime, sondern alle auf dem Subkontinent lebenden Menschen auf die Freiheit zugehen konnten. Doch der Kongress hat durch seine niederträchtige Wortklauberei und sein Feilschen den Bewohnern Indiens schweren Schaden zugefügt. Während der gesamten Verhandlungen wurde die Kabinettsmission zum Opfer des Terrors und der Einschüchterung durch den Kongress. All dies beweist zweifellos, dass Pakistan die einzige Lösung für alle Probleme Indiens ist.
Ich glaube, wir haben in der Beweisführung nichts unversucht gelassen. Nun gibt es kein Tribunal, an das wir uns wenden könnten. Die muslimische Nation allein ist unser einziges Tribunal.
In der anschließend auf der Sitzung angenommenen Resolution wurde der Rückzug von der Annahme des Vorschlags der Kabinettsmission beschlossen und dem Staatssekretär für Indien mitgeteilt.
Elftes Kapitel
Direct Action
Auf dieser Sitzung wurde ferner eine Resolution angenommen, wonach für die muslimische Nation die Zeit gekommen sei, Direct Action zu ergreifen, um Pakistan zu erlangen und sich von der britischen Knechtschaft sowie von der künftigen Vorherrschaft der Kastenhindus zu befreien. Es wurde darum ersucht, ein Programm zur Organisierung der Muslime und zur Führung eines Kampfes zum erforderlichen Zeitpunkt auszuarbeiten. Darüber hinaus wurden die betreffenden Personen aufgefordert, aus Protest gegen die Haltung und das Verhalten der Briten alle von ausländischen Regierungen verliehenen Titel niederzulegen.
Auf einer am 31. Juli einberufenen Pressekonferenz erklärte Jinnah mit unmissverständlicher Stimme, Direct Action sei keine Kriegserklärung gegen irgendjemanden. Er sagte, nur die Muslim League habe innerhalb der Verfassung auf verfassungsmäßigem Wege gearbeitet. Während der Verhandlungen über den Plan der Kabinettsmission sah die Muslim League die britische Regierung von der Angst vor dem Kongress in Schrecken versetzt. Ihre Befürchtung war, dass der Kongress, falls es nicht gelänge, ihn zufriedenzustellen, einen Kampf beginnen würde, der tausendmal gefährlicher wäre als der Kampf von 1942. Die Briten besitzen Maschinengewehre und können sie nach Belieben einsetzen. Der Kongress ist mit einer anderen Art von Waffe ausgerüstet, und man darf ihn nicht unterschätzen. Daher sind wir nun gezwungen, zur Selbstverteidigung und zur Wahrung unserer Interessen den verfassungsmäßigen Weg aufzugeben. Wir haben beschlossen, Vorbereitungen zu treffen, um zum gegebenen Zeitpunkt in den Kampf einzutreten. (Cabinet Mission and After, Muhammad Ashraf, pp.311-19; Emergence of Pakistan-Choudhury Mohammad Ali-pp.69-70)
Der 16. August wurde für die Direkte Aktion festgelegt. Zwei Tage zuvor erklärte Jinnah in einer von ihm abgegebenen Stellungnahme, dieser Tag solle der muslimischen Bevölkerung Indiens die Auslegung der am 29. Juli vom Rat der Muslimliga angenommenen Resolution vermitteln und nicht dazu dienen, irgendeine Art direkter Auseinandersetzung zu beginnen. Daher appelliere ich an die Muslime, unsere Anweisungen vollständig zu befolgen, sich äußerst friedlich und diszipliniert zu verhalten und nicht zu einem Spielzeug in den Händen des Feindes zu werden.
Die Aussage von Abul Kalam Azad
Ich stellte unter der Bevölkerung die Ansicht fest, dass die Muslimliga am 16. August die Kongressanhänger angreifen und ihr Eigentum plündern werde. Der 16. August ist ein schwarzer Tag in der Geschichte Indiens. An diesem Tag kamen Hunderte Menschen ums Leben, und Eigentum im Wert von vielen Millionen Rupien wurde geplündert. Die Umzüge der Muslimliga begannen mit Plünderungen und Brandstiftungen. (Abul Kalam Azad, India Wins Freedom, S. 168–169)
Trotz meiner aufrichtigen und tiefen Verehrung für Maulana Azad muss ich sagen, dass er lediglich die Gedanken des Hindu-Kongresses zum Ausdruck gebracht hat. An jenem Tag befand er sich in Delhi. Daher äußerte er die oben genannten Ansichten, ohne das Geschehen mit eigenen Augen gesehen zu haben, und stützte sich lediglich auf die Aussagen anderer.
In dem genannten Werk schreibt er, der Tag der Direkten Aktion der Muslimliga habe einen besonderen Charakter zu haben geschienen. In Kalkutta stellte ich die allgemeine Stimmung fest, dass die Muslimliga am 16. August die Kongressanhänger angreifen und ihr Eigentum plündern werde. Die Erklärung des 16. August zum Feiertag durch die Regierung Bengalens verbreitete in ungewöhnlichem Maße Panik. Die Kongressfraktion in der Gesetzgebenden Versammlung Bengalens protestierte gegen diese Entscheidung. Da der Protest keine Wirkung zeigte, verließ sie das Parlamentsgebäude. In der Bevölkerung Kalkuttas herrschte eine furchtbare Unruhe, und diese Unruhe nahm noch zu, weil eine Regierung der Muslimliga im Amt war und Huseyn Shaheed Suhrawardy Premierminister war. (India Wins Freedom von Abul Kalam Azad, S. 168–169)
In der oben zitierten Aussage von Maulana Abul Kalam Azad sind die eigentlichen Ursachen der erschütternden kommunalen Auseinandersetzungen in Kalkutta erkennbar. Diese Ursachen waren:
1. In Bengalen war ein Ministerium der Muslimliga gebildet worden, was für die Hindus unerträglich war.
2. Premierminister war Huseyn Shaheed Suhrawardy, den die Hindus für hindufeindlich hielten.
3. Schon einige Tage vor dem 16. August verbreitete sich das falsche Gerücht, die Muslim-Liga beziehungsweise die Muslime Kalkuttas würden die Hindus angreifen und ihr Eigentum plündern. Der Zweck der Verbreitung dieses Gerüchts bestand darin, die Hindus darauf vorzubereiten, die etwa fünfundzwanzig Prozent der Bevölkerung Kalkuttas ausmachenden Muslime auszurotten.
Obwohl ich damals eine wichtige Stelle im Staatsdienst innehatte, unterstützte ich die Pakistanbewegung von ganzem Herzen. Nicht der leiseste Hinweis auf einen Plan der Kreise der Muslim-Liga, die Hindus anzugreifen, war zu mir gedrungen. Ich lebte damals mit meiner Familie in Kalkutta; zu Hause waren außer mir nur meine Frau und meine vierjährige Tochter. Wenn irgendeine Gefahr von Unruhen bestanden hätte, hätte ich sie unmöglich allein zurücklassen und am 16. August unbesorgt zur öffentlichen Versammlung der Muslim-Liga gehen können.
Auf der auf dem Maidan abgehaltenen Versammlung nahmen viele weitere Menschen wie ich teil. Als wir bei der Versammlung eintrafen, sahen wir, dass Raja Ghazanfar Ali Khan auf Englisch eine Rede hielt.
In den Händen der Funktionäre der Muslim-Liga sah ich nicht nur keine Waffen, sondern nicht einmal einen Stock oder Knüppel. Doch ich sah, dass alle in der Hoffnung auf die Erlangung Pakistans freudig erregt und begeistert waren.
Nachdem Raja Sahib und anschließend Suhrawardy Sahib die Bühne betreten hatten, trafen fortwährend Nachrichten über bewaffnete Angriffe von Hindus auf die Umzüge der Muslim-Liga und auf diejenigen ein, die zur Versammlung kamen. Daraufhin erschienen viele der angegriffenen Muslime mit blutbefleckter Kleidung bei der Versammlung und begannen, von den bewaffneten Übergriffen der Hindus zu berichten. Die Freude der Zuhörer verwandelte sich in Trauer. Furchtbare Erregung, Angst und Besorgnis nahmen weiter zu. In Kalkutta waren zwanzig bis fünfundzwanzig Prozent der Bevölkerung Muslime. Fast alle waren arm. Etwa fünf Prozent von ihnen waren Zugewanderte, die an verschiedenen Orten arbeiteten.
Eine Sorge wurde in den Gesichtern aller sichtbar: Wie würden die Teilnehmer der Versammlung sicher nach Hause zurückkehren, und was würde aus ihren schutzlosen Familien werden? Der Premierminister erkannte dies. An kein Wort seiner Rede erinnere ich mich. Um die Menge jedoch zu beruhigen, sagte er: „Ham sab dekh lenge“, und forderte alle auf, geordnet nach Hause zurückzukehren. Wir kehrten irgendwie unter ständigem „Allah, Allah“-Rufen nach Hause zurück. Da wir in dem muslimischen Viertel Park Circus in Kalkutta lebten, kamen wir mit dem Leben davon; andernfalls wären wir gewiss Opfer der Angriffe der Hindus geworden.
Über dieses haarsträubende Ereignis sagte der damalige Herausgeber der täglichen Kalkuttaer Zeitung Statesman, Lan Stepens: „Wahrscheinlich entstand am ersten Tag der Kämpfe und mit Sicherheit am zweiten und dritten Tag der größte Schaden an Leib und Leben der Muslime.
(Lan Stephens, Pakistan, Londin, Ernest Bena, 1963, S. 106; Choudhury Mohammad Ali, The Emergence of Pakistan, S. 76)
Durch diese Ereignisse wird zweifellos bewiesen, dass die Muslim League keinerlei Plan hatte, am 16. August die Hindus anzugreifen. Vielmehr entwarf der Kongress einen ausgeklügelten Plan zur Vernichtung der Muslime, um die Direct Action der League für seine eigenen niederträchtigen Interessen zu nutzen. Dennoch erwies sich dies für die Muslime als vorteilhaft. Die Gründung Pakistans wurde beschleunigt – deren Aussicht nach den Vorschlägen der Cabinet Mission etwas geschwunden war. Jinnah verurteilte die brutalen Ereignisse in Kalkutta offen und ohne Umschweife aufs Schärfste und bekundete den Getöteten und Geschädigten sein tiefes Mitgefühl.
Nach der Direct Action der Muslim League
Der kommunale Konflikt in Kalkutta wurde zu einem umstrittenen Gesprächsthema. Auf dem Subkontinent kommt es zwar von Zeit zu Zeit hier und dort zu Ausschreitungen zwischen Hindus und Muslimen. Doch die am 16. August 1946 verübte Grausamkeit und Brutalität war ohnegleichen. Dieses Massaker war im Rahmen eines sorgfältig ausgearbeiteten Plans zur Vernichtung der Muslime Kalkuttas durchgeführt worden.
Der Vizekönig gab am 24. August die Namen der Mitglieder der Interimsregierung bekannt.
Sie sollten am 2. September ihre Ämter antreten.
Es sei darauf hingewiesen, dass der Vizekönig Nehru am 6. August zur Bildung einer Interimsregierung aufforderte. Am 7. August stimmte das Working Committee des Kongresses der Regierungsbildung zu. Am 17. August erklärte Nehru dem Vizekönig, dass er eine starke Regierung bilden wolle, indem er die muslimischen Sitze mit Personen außerhalb der League besetze. Der Vizekönig vertrat hierzu eine andere Auffassung und erklärte, die muslimischen Sitze sollten zunächst für einige Zeit offenbleiben. Nehru stimmte diesem Vorschlag nicht zu und hielt an seinem eigenen Vorschlag fest.
Später wurde bekannt, dass der Vizekönig unmittelbar vor der Vereidigung der kongressgeführten Interimsregierung der britischen Regierung vorgeschlagen hatte, die Vereidigungszeremonie aufzuschieben, bis die Muslim League bereit sei, der Regierung beizutreten. Premierminister Attlee wies die Argumentation des Vizekönigs zurück und erklärte, jede weitere Verzögerung werde nun die Stimmung der Kongressführer noch verbitterter machen und zu einem Bruch zwischen dem Kongress und der britischen Regierung führen. Daraufhin wurde in einer von Delhi aus erlassenen amtlichen Bekanntmachung erklärt, dass der neue Rat am 2. September seine Amtsgeschäfte aufnehmen werde.
Mitglieder, die dem neuen Rat (Die neue Exekutive) beitraten, waren: Nehru, Patel, Raja Gopalachari, Rajendra Prasad, Asaf Ali, Sarat Chandra Bose, John Matthai, Baldev Singh, Sir Shafaat Ahmad Khan, Jagjivan Ram, Ali Zaheer und C. H. Bhabha. Zwei Muslime sollten später aufgenommen werden. (The Indian Register, 1946, Bd. 2, S. 228; Ishtiaq Hossain Qureshi, The Struggle for Pakistan, S. 274–275).
Nachdem der Vizekönig eine seiner Natur widersprechende Aufgabe erfüllt hatte, besuchte er das durch die kommunalen Unruhen verwüstete Kalkutta. Nach seinem Besuch in Kalkutta war er überzeugt, dass ganz Indien ohne eine Einigung zwischen dem Kongress und der Liga einem schrecklichen Bürgerkrieg zum Opfer fallen würde. Nach seiner Rückkehr aus Kalkutta versuchte er, die Kongressführer zu überzeugen, und traf zu diesem Zweck am 27. August Gandhi. Er schlug die Bildung von Koalitionsregierungen in Bengalen und im Zentrum vor und legte eine entsprechende Formel vor. Am 28. August teilte Nehru dem Vizekönig mit, dass das Working Committee die Formel abgelehnt habe.
Vizekönig Lord Wavell scheiterte trotz verzweifelter Bemühungen, eine Einigung zu erzielen. Der Kongress nahm seine Bemühungen auf andere Weise auf. Er betrachtete Wavell als ein Hindernis auf dem Weg zur Errichtung seiner alleinigen Vorherrschaft und Autorität über den Subkontinent und setzte alles daran, ihn zu bestrafen. Nach ihrer Rückkehr von Gesprächen mit Wavell setzten sich Gandhi und Nehru beide hin, um Briefe zu schreiben. Gandhi schickte zunächst ein Telegramm an Attlee, in dem er mitteilte, der Gemütszustand des Vizekönigs sei derart, dass unverzüglich Abhilfe geschaffen werden müsse. Gegen ihn werde der Vorwurf erhoben, er habe infolge der Ereignisse in Kalkutta das seelische Gleichgewicht verloren. Gandhi forderte, ihn durch eine geeignetere Person zu ersetzen. Auch Wavell drohte Gandhi in einem Brief und warf ihm vor, den Kongress durch Einschüchterung seinem Willen unterwerfen zu wollen. Er erklärte ferner, wenn der Vizekönig angesichts der Verschlechterung der kommunalen Beziehungen Angst bekomme und diese mit Gewalt unterdrücken wolle, sollten die Briten Indien unverzüglich verlassen und dem Kongress die Verantwortung für die Herstellung des Friedens in Indien übertragen.
Nehru teilte seinerseits einigen einflussreichen Freunden in Großbritannien brieflich mit, der Vizekönig sei ein äußerst schwacher Mann und habe seine geistige Flexibilität verloren. Um Jinnah zufriedenzustellen, stürze er Indien ins Verderben. Er erklärte, der Vizekönig richte sich nach dem Rat von Sir Francis Mudie und George Abel; nach Nehrus Ansicht seien diese beiden ausgesprochen muslimfreundlich (fanatisch muslimfreundlich). Nehru bezeichnete sie auch als englische Mullahs. Im Kern liefen Nehrus Briefe auf Folgendes hinaus: „Wavell muss gehen.“
(Leonard Mosley, a. a. O., S. 44; Gandhis Brief an Wavell vollständig abgedruckt in Pyarelal, Miahatma Gandhi: The Last Phase (Ahmedabad, 1956); I. H. Qureshi, The Struggle for Pakistan, S. 276).
Zwölftes Kapitel
Der Beitritt der Liga zum Exekutivrat
Die Übergangsregierung übernahm zum festgesetzten Zeitpunkt, nämlich am 2. September 1946, ihre Amtsgeschäfte. Der Kongress war äußerst erfreut. Pattabhi Sitaramayya erklärte, innerhalb weniger Jahre werde in Indien eine nationale Regierung errichtet werden. Ob die Muslim League komme oder nicht – das spiele keine Rolle. Die Karawane werde weiterziehen. Nun müssten wir die Herrschaft über dieses Gebiet übernehmen. (I. H. Qureshi: The Struggle for Pakistan, S. 277)
Muslimisches Indien und verschiedene politische Beobachter in Großbritannien äußerten großes Bedauern über die Errichtung einer Einparteienherrschaft in Indien. Jinnah gab am 25. August eine Erklärung in äußerst scharfer Sprache ab. Er äußerte sein Bedauern über die Entscheidung des Vizekönigs und erklärte, sie stehe im Widerspruch zu den Garantien und allen Zusagen, die der Muslim League gegeben worden waren. An dem Tag, an dem die neue Regierung ihre Amtsgeschäfte übernahm, hissten die Muslime in ganz Indien an ihren Häusern und in ihren Geschäften schwarze Fahnen.
Sir Winston Churchill aus Großbritannien protestierte scharf gegen die Regierungsentscheidung und warnte, der Versuch, eine Herrschaft der hinduistischen Mehrheit zu errichten, werde ohne Bürgerkrieg nicht erfolgreich sein. Cripps habe seinen Einfluss unrechtmäßig eingesetzt, um den Hindus Vorteile zu verschaffen. Später erklärte er, es sei ein grundlegender Fehler gewesen, die Verantwortung für die indische Regierung dem hochkastigen Hindu Mr. Nehru zu übertragen. Lord Templewood, einer der Verfasser des Government of India Act von 1935, warnte davor, eine Regierung mit der Unterstützung nur einer einzigen Gemeinschaft zu bilden. Lord Scarborough sagte voraus, dass von Indien aus ein gewaltiger Druck auf die britische Regierung ausgeübt werden würde, die Macht einer einzigen Partei zu übertragen, und hoffte, dass dies verhindert werde. Lord Cranborne kritisierte die Regierung scharf dafür, dass sie im August dem Kongress die Bildung einer Regierung gestattet hatte, obwohl sie im Juni ihr gegenüber den Muslimen gegebenes Versprechen gebrochen hatte. Auf diese Weise wurden aus verschiedenen Kreisen Großbritanniens Reaktionen geäußert. (I. H. Qureshi: The Struggle for Pakistan, S. 277–278
Noch bevor seit der Bildung der Interimsregierung ein Monat vergangen war, erkannte die Muslimliga, dass ein Verbleib außerhalb der Regierung den muslimischen Interessen zutiefst zuwiderlief. Grundsätzlich hatte sich die Muslimliga geweigert, der Regierung beizutreten. Diese Politik sollte weiterhin gelten. Doch die politischen Notwendigkeiten und zugleich die Errichtung einer feindseligen Hindu-Regierung im Land zwangen die Liga, ihre Politik zu ändern. Solange die Muslimliga außerhalb blieb, würden die Muslime weiterhin großes Leid ertragen. Die öffentliche Ordnung verschlechterte sich, und aus vielen Regionen drohte die Vertreibung der Muslime. Der Kongress kümmerte sich darum überhaupt nicht. Da eine Hindu-Regierung an der Macht war, schienen die Übeltäter ermutigt zu werden. Unter diesen Umständen musste die Muslimliga daher zum Schutz des muslimischen Indien unbedingt der Regierung beitreten. Nach Jinnahs Ansicht konnte er den Kampf für die Errichtung Pakistans innerhalb der Koalitionsregierung besser führen als außerhalb von ihr.
Der Vizekönig selbst war sehr daran interessiert, die Muslimliga für die Koalitionsregierung zu gewinnen, da er sich der künftigen Krise bewusst war. Deshalb wurden einerseits zwischen Jinnah und Nehru und andererseits zwischen Jinnah und dem Vizekönig lange und schwierige Verhandlungen geführt. Schließlich wurde der Executive Council am 25. Oktober 1946 wie folgt neu gebildet:
Kongress
Jawaharlal Nehru – (Auswärtige Angelegenheiten und Beziehungen zum Commonwealth)
Vallabhbhai Patel – (Inneres, Information und Rundfunk)
Mr. Raja Gopalacharia – (Bildung und Kunst)
Asaf Ali – (Verkehr und Eisenbahn)
Jagjivan Ram – (Arbeit)
Muslimliga
Liaquat Ali Khan – (Finanzen)
I. I. Chundrigar – (Handel)
Abdur Rab Nishtar – (Kommunikation)
Ghazanfar Ali Khan – (Gesundheit)
Jogendra Nath Mandal – (Gesetzgebung)
Minderheiten
John Mathai – (Industrie und Versorgung)
C. H. Bhabha – (Arbeiten, Bergbau und Energie)
Baldev Singh – (Verteidigung)
Nehru sah den Beitritt der Muslim-Liga zur Koalitionsregierung nicht gern. Darüber hinaus zeigte er auch bei der Verteilung der Ressorts äußerste Starrköpfigkeit. Der Vizekönig wollte, dass der Muslim-Liga eines der drei äußerst wichtigen Ressorts – Außenpolitik, Inneres oder Verteidigung – übertragen werde. Nehru widersetzte sich dem entschieden. Schließlich war das Finanzressort eines der fünf Ressorts, die der Muslim-Liga übertragen wurden. Der Kongress hatte sich bereit erklärt, der Muslim-Liga das Finanzressort zu überlassen, weil er glaubte, die Liga werde dieses Ressort nicht führen können – vielmehr werde sie sich bei dem Versuch, es zu führen, zum Narren machen. Maulana Abul Kalam Azad bedauerte diese Entscheidung des Kongresses und sagte, seine Kollegen hätten damit eine Fehlentscheidung getroffen. Abul Kalam Azad hat dieses Thema in seinem Buch „India Wins Freedom“ auf anregende Weise erörtert; zur Lektüre für die Leser gebe ich diese Ausführungen hier wieder.
Maulana Azad sagt:
Da die Liga zugestimmt hatte, der Regierung beizutreten, musste der Kongress die Regierung neu bilden und darin Platz für die Vertreter der Muslim-Liga schaffen. Nun stellte sich die Frage, wer aus der Regierung ausscheiden würde. Man nahm an, dass Sarat Chandra Bose, Sir Shafaat Ahmad Khan und Syed Ali Zaheer zurücktreten würden, um den Nominierten der Liga Platz zu machen. Der Vorschlag des Vizekönigs lautete, das Innenressort der Muslim-Liga zu übertragen. Sardar Patel widersetzte sich diesem Vorschlag heftig. Meiner Ansicht nach ist Recht und Ordnung zwangsläufig eine Angelegenheit der Provinzen; nach dem Bild, das der Plan der Kabinettsmission vor uns entstehen lässt, hat das Zentrum in dieser Frage nur sehr wenig zu tun. Daher besitzt das Innenministerium in der neuen Regierungsstruktur auf zentraler Ebene keine große Bedeutung. Aus diesem Grund war ich für den Vorschlag Lord Wavells. Doch Patel war völlig unnachgiebig. Er sagte: „Ich werde eher aus der Regierung ausscheiden, als das Innenministerium aufzugeben.“
Wir erwogen daraufhin eine Alternative. Rafi Ahmad Kidwai schlug vor, der Muslim-Liga das Finanzministerium zu übertragen. Er fügte hinzu, dass dies ein äußerst wichtiges Ressort sei. Es handle sich jedoch um ein hochgradig technisches Gebiet, und in der Muslim-Liga gebe es niemanden, der dieses Ressort gut führen könne. Kidwai war der Ansicht, dass die Muslim-Liga sich weigern würde, dieses Ressort zu übernehmen. Dem Kongress würde daraus kein Schaden entstehen. Und falls sie es übernehme, würden sie sich später als unfähig erweisen.
Patel griff den Vorschlag sofort begeistert auf und bekundete ihm seine nachdrücklichste Unterstützung (Patel jumped at the proposal and gave it his strongest support). Ich versuchte darauf hinzuweisen, dass das Finanzministerium der Schlüssel einer Regierung sei und wir mit gewaltigen Schwierigkeiten konfrontiert würden, wenn es unter der Kontrolle der Muslim-Liga stünde. Patel widersprach mir und sagte, die Liga könne dieses Ressort nicht führen und werde gezwungen sein, den Vorschlag abzulehnen. Ich konnte mich über diese Entscheidung nicht freuen. Doch da alle einverstanden waren, musste ich sie akzeptieren.
Als Lord Wavell Jinnah über den Vorschlag informierte, kündigte dieser an, am folgenden Tag zu antworten.
Auch Jinnah hatte Zweifel, ob Liaquat Ali, der wichtigste Vertreter der Liga im Kabinett, dieses Ressort führen könne. Einige muslimische Beamte des Finanzressorts suchten Jinnah auf, nachdem sie davon erfahren hatten. Sie sagten, der Vorschlag des Kongresses sei wie eine unerwartet reif gewordene Frucht und bedeute den großen Sieg der Liga. … Durch die Kontrolle des Finanzressorts werde sich die Autorität der Liga auf jedes Ressort der Regierung erstrecken. Sie versicherten Jinnah, dass es keinen Grund für seine Befürchtungen gebe. Sie versprachen, Liaquat Ali jede erdenkliche Hilfe und Unterstützung zu gewähren, damit er seine Verantwortung ordnungsgemäß erfüllen könne.
Der Kongress erkannte bald, dass es ein großer Fehler gewesen war, der Liga das Finanzressort zu überlassen. (Abul Kalam Azad: India Wins Freedom, S. 177–179)
In diesem Zusammenhang sagt Chowdhury Mohammad Ali:
Als sich im Juni erstmals die Möglichkeit der Bildung einer Interimsregierung abzeichnete, besprach Quaid-e-Azam mit mir die möglichen Ressorts der Liga. Er bekundete den Wunsch, das Innen- und das Verteidigungsressort (Home & Defence) zu übernehmen. Ich sagte, dass Recht und Ordnung sowie die Polizei Angelegenheiten der Provinzen seien, auf die das Zentrum keinerlei Kontrolle habe. Die Kongressprovinzen würden den Anweisungen eines Innenministers der Liga keinerlei Beachtung schenken. Ebenso würden die Provinzregierungen der Muslim League keinen Anlass sehen, seinen Rat anzunehmen. Ich sagte, dass das Verteidigungsressort sicherlich vorteilhaft sei. Wenn die Liga jedoch die Regierungspolitik in jedem Ressort beeinflussen wolle, müsse sie das Finanzressort übernehmen. Damals konnte ich ihm die strategische Bedeutung des Finanzressorts nicht verständlich machen. Nun war das Finanzressort jedoch durch die Ereignisse der Liga zugefallen. Als ich erneut gerufen wurde, wiederholte ich mit großem Nachdruck meinen früheren Rat. Da das Finanzressort Liaquat Ali als wichtigstem Vertreter der Liga übertragen werden sollte, war er zögerlich. Ich bot umfassende Hilfe und Unterstützung an und versicherte sowohl Quaid-e-Azam als auch Liaquat Ali Khan einen erfolgreichen Ausgang. Mein Vorschlag wurde angenommen, und Liaquat Ali wurde Finanzminister. (Chowdhury Mohammad Ali: The Emergence of Pakistan, S. 84).
Koalitionsregierung
Wegen des völligen Misstrauens und der feindseligen Haltung des Kongresses gegenüber der Liga wollte der Kongress Nehru als Führer des gesamten Kabinetts anerkennen lassen. Die Liga weigerte sich, dies zu akzeptieren. Auf einer Pressekonferenz erklärte Liaquat Ali Khan unmissverständlich, Nehru sei im Kabinett niemandes Führer außer des Kongresses. Obwohl er die kollektive Verantwortung im verfassungsrechtlichen Sinne zurückwies, sagte er, die Minister der Liga würden mit ihren Kollegen in Eintracht zusammenarbeiten, nicht nur im Interesse der Muslime, sondern vielmehr im Interesse aller Einwohner Indiens.
Da die kommunalen Auseinandersetzungen unaufhörlich zunahmen, waren Einigkeit und Zusammenarbeit dringend erforderlich. In der zweiten Oktoberwoche begannen in den ostbengalischen Distrikten Noakhali und Comilla Unruhen, und noch vor Ende des Monats wurde die Lage unter Kontrolle gebracht. Nach einer Untersuchung vor Ort erklärte Gouverneur Sir Frederick Burrows, es habe dort keinen Angriffsfeldzug der muslimischen Bevölkerung gegen die Hindus gegeben. Die Unruhen seien von Personen mit dem Charakter von Rowdys ausgelöst worden. Generalleutnant Sir Francis Tuker, General Officer Commanding-in-Chief, gab die Zahl der Todesopfer mit weniger als dreihundert an. Doch die verwirrte Hindu-Presse erfand absichtlich schreckliche und haarsträubende Geschichten und verbreitete sie in der ganzen Welt. Diese Propaganda weckte unter den Hindus in Bihar und den Vereinigten Provinzen einen glühenden Rachedurst. [E.W.R. Lumby: The Transfer of Power in India 1945–47 (London, George Allen and Unwin, 1954), S. 120; Sir Francis Tuker, While Memory Serves (London, Cassell, 1950), S. 176; Choudhury Mohammad Ali, The Emergence of Pakistan, S. 85].
In der ersten Novemberwoche begann in Bihar planmäßig das Massaker an den Muslimen. Unter allen schrecklichen Unruhen des Jahres 1946 war das Massaker von Bihar das grausamste und erschütterndste. Das Feigste daran war, dass die Hindu-Bevölkerung entsprechend dem Plan und mit allen Vorbereitungen plötzlich über die Muslime herfiel. Diese Muslime und ihre Vorfahren hatten friedlich mit ihren hinduistischen Nachbarn zusammengelebt. Bei diesen Unruhen wurden sieben- bis achttausend Frauen, Männer und Kinder getötet. (Sir Francis Tuker: While Memory Server, S. 181–182; Choudhury Mohammad Ali: Emergence of Pakistan, S. 86).
Der Vizekönig und die Minister der Zentralregierung besuchten die von Hindus und Muslimen betroffenen Gebiete und appellierten an die kommunale Harmonie und den Frieden. Obwohl Gandhi von den Ereignissen in Bihar wusste, hielt er sich damals auf dem Weg nach Noakhali in Kalkutta auf. Kongressmuslime baten Gandhi wiederholt, nach Bihar zu gehen und die blutrünstigen Hindus zur Vernunft zu bringen. Dennoch ging Gandhi nicht nach Bihar, sondern nach Noakhali, wo er vier Monate blieb.
Schließlich wurde Gandhi im März 1947 dazu bewegt, nach Bihar zu gehen. Nun wurden ihm die Augen geöffnet. Die Provinzregierung wich durch Täuschungen allem aus, und von Reue war bei ihren Mitgliedern überhaupt nichts zu sehen. General Tuker sagt, was unsere Beamten am meisten erstaunte, war, wie die hinduistischen Minister das grausame Massaker so ruhig hinnehmen konnten. Sie behaupteten, sie hätten ihr Möglichstes getan. Als Gandhi jedoch sagte, dass bisher keine Untersuchungskommission eingesetzt worden sei, äußerte Premierminister Shri Krishna Sinha die Befürchtung, die Liga werde daraus politischen Nutzen ziehen.
Die Beweise für das Massaker von Bihar sind so erdrückend, dass niemand Verwirrung darüber stiften kann. Piarilal gab einem Kapitel seines Buches „Mahatma Gandhi: The Last Phase“ den Titel „The veil lifted“. Darin sagt er, die Unruhen in Bihar von 1946 hätten den Traum von einem ungeteilten Indien zerstört. Dieses Massaker erschütterte auch Gandhis Vertrauen in den angeborenen Pazifismus der Hindus (Pacifism). Von dieser Zeit an begann sich bei ihm eine bemerkenswerte Veränderung abzuzeichnen. Zuvor hatte ihn bei jeder kommunalen Unruhe vor allem die Sorge um den Schutz der Hindus beschäftigt. Nun begann er sich auch um den Schutz der Muslime zu sorgen. Trotz seines Versuchs, die politische Vorherrschaft der Hindus über ganz Indien zu errichten, bemühte er sich verzweifelt, Blutvergießen zu vermeiden. Seine menschlichen Gefühle waren erwacht, und er musste den Preis dafür mit seinem Leben bezahlen.
Einige Zeit nach dem Massaker von Bihar fand in Garhmukteshwar in der Provinz UP ein weiteres Massaker an Muslimen statt. Hier wird jedes Jahr eine Hindu-Messe abgehalten. Einige muslimische Händler schlugen auf der Messe ihre Verkaufsstände auf. Plötzlich wurden sie angegriffen. General Tuker sagt,
Jede muslimische Frau, jeder muslimische Mann und jedes muslimische Kind wurde grausam getötet. Keine Nachricht über das Massaker konnte den Eisernen Vorhang durchdringen und die Außenwelt erreichen. Die Provinzregierung hielt dieses Massaker der Hindus mit Unterstützung des hinduistischen Verwaltungsapparats hinter einem Schleier verborgen. In hinduistischen Zeitungen wurde absichtlich groß herausgestellt verbreitet, die Muslime hätten um ein Vielfaches Vergeltung geübt. Dies geschah, um die Verbrechen der Hindus zu vertuschen. Premierminister Pandit Pant kündigte an, es werde ein gerichtlicher Untersuchungsausschuss eingesetzt. Doch nichts dergleichen geschah. (Sir Francis Tuker: While Memory Server, S. 196–201; Chowdhury Mohammad Ali: Emergence of Pakistan, S. 87).
Dreizehntes Kapitel
Verfassunggebende Versammlung
Ende Juli 1946 wurden 296 Vertreter für die Verfassunggebende Versammlung gewählt. In allen allgemeinen Wahlkreisen bis auf neun siegte der Kongress, und in allen muslimischen Wahlkreisen bis auf fünf siegte die Liga. Die erste Sitzung der Verfassunggebenden Versammlung sollte am 9. Dezember 1946 stattfinden. Die Liga weigerte sich jedoch, daran teilzunehmen. Sie war sogar nicht bereit, die Versammlung als rechtmäßig anzuerkennen, solange der Kongress nicht die von der Muslimliga vorgenommene Auslegung von Artikel 19 der Erklärung der Kabinettsmission vom 16. Mai akzeptierte. Der Vizekönig ersuchte den Kongress, diese Auslegung anzunehmen. Als „Belohnung“ für dieses Ersuchen sandten Gandhi und Nehru der britischen Regierung Telegramme und Briefe, in denen sie die Absetzung des Vizekönigs forderten. Da ihm kein anderer Ausweg blieb, lud der Vizekönig am 20. November zur Teilnahme an der Verfassunggebenden Versammlung im Rahmen des Plans der Kabinettsmission ein. Jinnah bezeichnete dies sofort als einen äußerst schwerwiegenden Fehler. Er sagte, der Vizekönig habe die furchtbare Lage und ihre Realität nicht erkannt und versuche, den Kongress zufriedenzustellen. Am 9. Dezember nahm kein Vertreter der Liga an der Sitzung der Verfassunggebenden Versammlung teil.
In dieser Lage lud die britische Regierung zu einem letzten Einigungsversuch zwei Führer des Kongresses und zwei Führer der Liga nach London ein. Auf Anraten des Vizekönigs wurde auch ein Vertreter der Sikhs eingeladen.
Am 2. Dezember 1987 reiste Lord Wavell gemeinsam mit Nehru, Jinnah, Liaquat Ali Khan und Baldev Singh nach London. Vier Tage lang wurden Gespräche geführt.
Der grundlegende Meinungsunterschied zwischen dem Kongress und der Liga betraf die Auslegung der Erklärung der Kabinettsmission vom 16. Mai, das heißt die Gruppierung der Provinzen. Die Kabinettsmission selbst legte die Erklärung in genau dem Sinne aus, wie es die Muslimliga tat. Nehru war jedoch keineswegs bereit, diese Auslegung zu akzeptieren. Es entstand ein völliger politischer Stillstand.
Da wegen der Starrsinnigkeit und Unnachgiebigkeit des Kongresses keine Kompromisslösung erreicht werden konnte, veröffentlichte die britische Regierung am 6. Dezember eine Erklärung. In ihrem letzten Absatz hieß es, ein Erfolg der Verfassunggebenden Versammlung könne ohne Entscheidungen auf der Grundlage eines allseitigen Einvernehmens nicht erwartet werden. Falls die Verfassunggebende Versammlung eine Verfassung ausarbeite, an deren Ausarbeitung ein großer Teil der Bevölkerung Indiens nicht vertreten sei, könne die britische Regierung eine solche Verfassung der widerstrebenden Bevölkerungsgruppe nicht gewaltsam aufzwingen.
Die obige Erklärung der Regierung und die Erklärung der Kabinettsmission vom 25. Mai vermochten innerhalb des Kongresses keinerlei Veränderung herbeizuführen. Nehru und Baldev Singh kehrten nach Indien zurück, um an der Verfassunggebenden Versammlung teilzunehmen. Jinnah und Liaquat Ali blieben noch einige Zeit im Vereinigten Königreich. Auf einer Pressekonferenz in London sagte Jinnah: Wenn der Kongress die Auslegung der britischen Regierung zu der am 16. Mai veröffentlichten Erklärung unmissverständlich akzeptiert, werde ich den Ligarat ersuchen, die Angelegenheit erneut zu prüfen. In einer Londoner Rede zeigte Jinnah, dass die Bevölkerung Pakistans größer sei als die Bevölkerung irgendeines anderen Staates der Welt. Wir akzeptieren die Herrschaft des Kongresses über drei Viertel Indiens. Der Kongress lehnt die Annahme Pakistans deshalb ab, weil er ganz Indien haben will. Wo bleiben dann wir? Die Frage ist nun, ob die britische Regierung die Macht mit der Gewalt ihrer Bajonette an die hinduistische Mehrheit übertragen will. Wenn das so ist, dann werden wir sagen: Ihr habt auch den letzten Rest eurer Ehre, eurer Gerechtigkeit, eures Rechtsempfindens und eures anständigen Verhaltens verloren. [Some Recent Writings of Mr. Jinnah, Bd. 2, hrsg. von Jamiluddin Ahmad, (Lahore, Muhammad Ashraf 1947), S. 496–508; Chowdhury Mohammad Ali, The Emergence of Pakistan, S. 91–92].
Einerseits forderte der Kongress in Indien mit Nachdruck, die Liga aus der Interimsregierung auszuschließen, falls sie nicht an der Verfassunggebenden Versammlung teilnehme; andererseits deutete die Erklärung der britischen Regierung vom 6. Dezember auf eine bevorstehende neue politische Wende hin.
E. W. R. Lumby, der mit dem Sekretariat der Kabinettsmission verbunden war, sagte, dies sei die erste Erklärung der britischen Regierung, in der der Verzicht auf den Plan der Kabinettsmission angekündigt werde. Seit den Cripps-Vorschlägen war dies die erste amtliche Erklärung, die in irgendeiner Form einen Hinweis auf Pakistan enthielt. In einer Rede im Unterhaus verwies Cripps auf den letzten Absatz der amtlichen Erklärung und sagte ausdrücklich, wenn die Liga nicht zur Teilnahme an der Verfassunggebenden Versammlung bewegt werden könne, dürften die Gebiete des Landes, in denen sie die Mehrheit bilde, durch keine Entscheidung gezwungen werden. (E. W. R. Lumby, a. a. O., S. 129; I. H. Wuershi, The Struggle for Pakistan, S. 184–
Nun bleibt eine Frage, und zwar: Warum war der Kongress in seiner Forderung, die Liga aus der Regierung auszuschließen, so unnachgiebig? Dafür gab es mehrere Gründe. Der Kongress bezeichnete die Interimsregierung als Nationalregierung, und ihre Verantwortung war kollektiv. Nehru wurde als Premierminister dieser Regierung angesehen. Auch die kongressfreundliche und die linksgerichtete Presse in Großbritannien stimmte dasselbe Lied an. So bezeichnete etwa The New Statesman die Regierung als ein Kabinett mit kollektiver Verantwortung, dessen Premierminister Nehru sei (7. September 1946). Lord Ismay, Mountbattens Stabschef in Indien, bezeichnete Nehru als stellvertretenden Premierminister (The Memories of General the Lord Ismay, London, 1960, S. 418). Diese Äußerung war äußerst lächerlich. Denn wenn Nehru Deputy Prime Minister war, war der Vizekönig dann etwa der Premierminister?
Die Ratsmitglieder der Liga weigerten sich, Nehru als Oberhaupt der Interimsregierung anzuerkennen – ja, nicht einmal der Führer des Nicht-Liga-Blocks erkannte ihn als solches an. Jinnah erklärte, die Interimsregierung sei nichts anderes als der Exekutivrat des Vizekönigs gewesen. Sie sei lediglich politisch umgebildet worden. Der Vizekönig blieb mit seinen Sondervollmachten ihr Oberhaupt. Nehru war lediglich Vizepräsident des Rates. Seine Aufgabe bestand nur darin, in Abwesenheit des Vizekönigs den Vorsitz zu führen. Er besaß keine größere Macht oder Würde als die anderen Ratsmitglieder.
Dadurch wurde Nehrus Hochmut verletzt, weshalb er weiterhin ungerechtfertigte Forderungen nach dem Ausschluss der Liga erhob. (I. H. Quershi: The Struggle for Pakistan, S. 282–283).
Vierzehntes Kapitel
Die Mountbatten-Mission
Zu Beginn des neuen Jahres 1947 war die politische und verfassungsrechtliche Lage Indiens derart, dass es im Zentrum eine Interimsregierung beziehungsweise den Exekutivrat des Vizekönigs gab, in dem der Kongress und die Muslimliga trotz großer Meinungsverschiedenheiten vertreten waren. Seit dem 9. Dezember 1946 tagte die Verfassunggebende Versammlung, die von der Liga weiterhin boykottiert wurde. Daher forderte der Kongress den Ausschluss der Liga aus dem Rat des Vizekönigs. Am 13. Februar forderte Nehru den Vizekönig brieflich auf, die Liga auszuschließen. Am 15. Februar drohte Patel und erklärte, der Kongress werde die Interimsregierung verlassen, wenn die Liga nicht aus der Regierung ausscheide. (The Indian Annual Register 1847, Bd. 1, S. 35; I. H. Quershi, The Struggle for Pakistan, S. 287).
In dieser aufgeheizten Lage veröffentlichte Premierminister Attlee am 20. Februar 1947 eine Erklärung. Er sagte, eine derartige unsichere Lage könne nicht länger andauern. Die britische Regierung wolle unmissverständlich erklären, dass sie innerhalb des Monats Juni die notwendigen Schritte zur Übertragung der Macht an verantwortliche indische Hände einleiten werde. Sollte bis dahin von einer vollständig repräsentativen Verfassunggebenden Versammlung keine einvernehmliche Verfassung ausgearbeitet worden sein, werde die Regierung prüfen, wem die Macht im britischen Indien fristgerecht übertragen werden solle – einer Zentralregierung welcher Art auch immer im britischen Indien oder auf dem gegenwärtig bestehenden Weg, der als äußerst vernünftig angesehen werde und den Interessen des indischen Volkes entspreche.
Am Ende der Erklärung wurde außerdem bekannt gegeben, dass anstelle Wavells Admiral der Vizegraf Mountbatten zum Vizekönig ernannt werde.
Vier Tage später erklärte der Indienminister im House of Lords, dass diese Entscheidung auf Anraten maßgeblicher Kreise Indiens getroffen worden sei. Ziel sei es gewesen, Druck auszuüben, damit die indischen Parteien zu einer Einigung gelangten.
Es dürfte niemandem schwerfallen zu verstehen, dass mit den maßgeblichen Kreisen Indiens Gandhi und Nehru gemeint waren und mit der Einigung die Annahme der Forderung des Kongresses durch die Muslimliga.
Die Leser mögen durchaus neugierig darauf sein zu erfahren, warum Lord Wavell in diesem entscheidenden Augenblick der indischen Politik abgesetzt wurde. Was auch immer ein der Kongress sympathisierender Mensch sagen mag, einige Ereignisse bezeugen, dass Wavell bestraft wurde, um den Kongress, insbesondere Gandhi und Nehru, zufriedenzustellen.
Hatte Lord Wavell etwa einen grundsätzlichen Meinungsstreit mit Premierminister Clement Attlee und dessen Kabinett, dessen Preis er zahlen musste? Dafür findet sich in der Geschichte kein Beweis. Der Grund lag in etwas anderem. Untersuchen wir die Angelegenheit daher näher.
Es sei darauf hingewiesen, dass Lord Wavell zunächst beim Kongress äußerst beliebt war. Als die Muslimliga im Juni 1946 eine Interimsregierung bilden wollte, stellte sich Wavell dem entgegen. Später erlaubte er wiederum dem Kongress, ohne die Liga eine Regierung zu bilden. Zuvor hatte er mit großer Entschiedenheit erklärt, dass die geografische Einheit oder Ungeteiltheit Indiens keinesfalls bestritten werden dürfe. Darüber brachte die Liga ihren heftigen Unmut zum Ausdruck. In der Folge begann sich das Verhältnis zwischen dem Vizekönig und dem Kongress abzukühlen. Nach den blutigen Unruhen in Kalkutta hatte der Kongress den Vizekönig aufgefordert, das Ministerium der Liga in Bengalen aufzulösen, selbst wenn dadurch die durch den Government of India Act von 1935 gewährten Rechte verletzt würden. Der Vizekönig stimmte dem nicht zu. Dadurch zog er sich den Unwillen des Kongresses zu. Als er sich anschließend trotz wiederholter Forderungen weigerte, die Ratsmitglieder der Liga aus dem Executive Council des Vizekönigs auszuschließen, erreichte der Bruch im Verhältnis seinen Höhepunkt. Danach bezeichnete der Indienminister sowohl Gandhis Telegramme und Briefe an die britische Regierung zur Absetzung des Vizekönigs als auch Nehrus Briefe an seine Freunde in Großbritannien mit demselben Ziel als „auf Anraten maßgeblicher Kreise Indiens“ erfolgt. Nehru war über Wavells Absetzung und Mountbattens Ankunft in Indien als Vizekönig äußerst erfreut.
Lord Mountbatten traf am 22. März in Delhi ein. Seine Ernennung versetzte den Kongress in Jubel. Schon zuvor hatte er Beziehungen zu Nehru unterhalten. In Indien war er keineswegs unbekannt, denn im Zweiten Weltkrieg war er Oberbefehlshaber der alliierten Streitkräfte in Südostasien. Deshalb musste er wiederholt nach Indien kommen, das als Operationsbasis (Base for operation) diente. Zwei Jahre zuvor hatte er Nehru in Malaya getroffen, und beide fühlten sich zueinander hingezogen. Dass er ein Anhänger des Kongresses war, war jedoch nicht bekannt. Sein enger Berater Lord Ismay befürchtete, Mountbatten könne als Hinduanhänger und als Feind der Muslimliga angesehen werden. (Cempbell-Johnson, Allan: Mission with Mountbatten, S. 23; Abdul Hamid: Muslim Separatism in India, S. 239).
Nach den üblichen Regeln wurde Mountbatten gestattet, zusätzlich zum Stab des Vizekönigs ein persönliches Sekretariat einzurichten. Das war sein „Kitchen Cabinet“. Die stärkste Persönlichkeit hinter seinem Erfolg war V. P. Menon. Der Vizekönig zog ihn in seinen politischen Entscheidungsbereich hinein. Der Herr arbeitete seit 1942 als Verfassungsberater der Zentralregierung. Neben seinen administrativen Fähigkeiten besaß er auch beträchtliche politische Umsicht. Er war Patel ergeben. Aus seinem eigenen Werk The Transfer of Power, Calcutta, 1957, geht eindeutig hervor, dass er schon vor seiner Tätigkeit im persönlichen Sekretariat des Vizekönigs stets seine gegen die Liga gerichtete Auffassung zum Ausdruck gebracht hatte. Nun wurde er zu einer gewaltigen Kraft hinter dem Regierungsstab.
(Abdul Hamid: Muslim Separatism in India, S. 239).
Mountbatten hatte seine Stabsmitglieder in England sorgfältig und umsichtig ausgewählt und mitgebracht. Einer von ihnen war Lord Ismay, der im Zweiten Weltkrieg Churchills persönlicher Generalberater gewesen war. Außerdem waren Eric Civil, der frühere Privatsekretär Lord Wavells und Assistant Private Secretary von Georg VI., sowie Lord Ismay dabei. Diese beiden waren die wichtigsten Berater des Vizekönigs in allgemeinen und zivilen Angelegenheiten, während Lord Ismay Chef des Stabes war. V. P. Menon war Verfassungsberater. Häufig fanden Stabssitzungen statt. Zunächst wurde Menon gelegentlich zu den Sitzungen hinzugezogen; später wurde er zu jeder Sitzung eingeladen. Dem Vizekönig und allen anderen war bekannt, dass Menon ein äußerst treuer Mann Patels war. Daher kannte Patel nicht nur alle internen Geheimnisse des Rates des Vizekönigs, sondern beeinflusste durch diesen Sprecher auch die Politik des Vizekönigs. Wäre an Menons Stelle ein Muslim gewesen, der den Kontakt zu Jinnah aufrechterhalten hätte, hätten weder der Vizekönig noch der Kongress ihn geduldet. Konnte die Muslimliga beziehungsweise konnten Indiens Muslime von solchen Leuten Gerechtigkeit erwarten?
Die Entwicklung des Plans vom 3. Juni
Mountbatten war nach Indien zum Vizekönig ernannt worden, um auf der Grundlage des Plans der Kabinettsmission eine einvernehmliche Lösung für ein ungeteiltes Indien zu erreichen. Doch nachdem er in Indien eingetroffen war und den Verlauf der Ereignisse sowie die gegensätzlichen Auffassungen der politischen Führer beobachtet hatte, zeichnete sich weder eine einvernehmliche Lösung noch irgendeine Möglichkeit für ein ungeteiltes Indien ab. Daher konzentrierte sich der Vizekönig auf die Ausarbeitung eines Plans im Zusammenhang mit der Erklärung des Premierministers vom 20. Februar.
Nach Beratungen mit seinen Beratern arbeitete er einen Plan zur Übertragung der Macht aus. Dieser beruhte darauf, Macht und Rechte entweder auf die Provinzen oder auf eine Konföderation jener Provinzen zu übertragen, die beschließen würden, sich vor der tatsächlichen Machtübertragung zusammenzuschließen. Am 1. April übergab Ismay Menon den Entwurf des Plans, damit dieser einen Zeitplan einschließlich Änderungen ausarbeitete. Menon führte den Auftrag aus und äußerte zugleich seine Meinung, indem er sagte, dies sei ein schlechter Plan und werde nicht funktionieren. Auf der Konferenz der Gouverneure wurde der endgültige Plan vorgelegt und gebilligt. Am 2. Mai brachen Lord Ismay und George Abell mit dem Plan nach London auf, um die Zustimmung des Whitehall zu erhalten. Der Vizekönig hoffte, bis zum 10. Mai die Zustimmung zu erhalten, und wollte am 17. Mai die Parteiführer zu einem gemeinsamen Treffen einladen, um ihre Reaktionen kennenzulernen.
Danach begab sich Mountbatten zusammen mit Sir Eric Civil und Menon nach Shimla. Dort erhielt Menon Gelegenheit zu einem vertraulichen Gespräch mit dem Vizekönig und erklärte, nachdem er Argumente gegen den nach London gesandten Plan vorgebracht hatte, dass dieser nicht funktionieren werde. Noch bevor der Vizekönig alle Argumente Menons angehört hatte, trafen Nehru und Krishna Menon am 8. Mai unerwartet in Shimla ein, um beim Vizekönig zu bleiben. Der Vizekönig forderte Menon auf, mit Nehru zu sprechen. Am 9. Mai sagte Menon zu Nehru, die Macht werde auf der Grundlage des Dominion-Status auf zwei Indien übertragen – nicht auf die Konföderation der Provinzen. Am 10. Mai besprach der Vizekönig den Plan mit Nehru, Menon und Sir Eric Civil; die Besprechung wurde im Sitzungsprotokoll festgehalten und als Teil der Aufzeichnungen der indischen Regierung betrachtet.
Noch am selben Tag ging der aus London genehmigte Plan, allerdings mit einigen Änderungen, beim Vizekönig ein. Nach dem Abendessen ließ der Vizekönig Nehru kommen und zeigte ihm den genehmigten Plan. Nachdem Nehru den Plan gelesen hatte, geriet er furchtbar in Zorn und sagte: „Für mich, den Kongress und Indien ist er nicht akzeptabel.“
Am 11. Mai ließ Mountbatten Menon kommen, teilte ihm Nehrus Reaktion mit und fragte, was nun getan werden könne. Menon sagte: „Die Umsetzung meines Plans vom 9. und 10. Mai wird dazu führen, dass das Land in viele Einheiten zerfällt, während mein Plan die lebenswichtige Einheit Indiens bewahren wird. Den Gebieten jedoch, die nicht als Teil Indiens verbleiben wollen, wird erlaubt werden, sich abzuspalten.“
Hastig wurde eine Stabssitzung einberufen und auch Nehru eingeladen. Der Vizekönig fragte Nehru, ob er Menons Plan billige. Nachdem Nehru ihn angesehen hatte, billigte er ihn.
Anschließend kehrte der Vizekönig am 14. Mai nach Delhi zurück und reiste am 18. Mai nach London, um das Kabinett zur Genehmigung des Plans zu bewegen. Lord Ismay und George Abel widersetzten sich Menons Plan. Der Vizekönig erklärte nachdrücklich: „Wenn die britische Regierung diesen Plan nicht genehmigt, werde ich zurücktreten.“ Das Kabinett genehmigte den Plan innerhalb von nur fünf Minuten, ohne auch nur ein „Komma“ daran zu ändern. Am 31. Mai kehrte der Vizekönig gemeinsam mit seinem Team siegreich nach Indien zurück.
Nun ist es sonnenklar, dass dieser Plan, der das Ende des britischen Imperiums in Indien beschleunigen und eine Veränderung auf der Landkarte Asiens und der Welt einleiten sollte, von einem kongressfreundlichen hinduistischen Berater des Vizekönigs unter Mitwirkung Nehrus und Krishnas Menons ausgearbeitet wurde. Über diesen Plan, der das Schicksal des Landes und von mehreren hundert Millionen Menschen verändern sollte, beriet der Vizekönig einen Monat lang mit einer kleinen Zahl seiner Vertrauten; doch zu keinem Zeitpunkt wurde Jinnah auch nur ein einziges Mal hinzugezogen. Darin trat die äußerst enge und extrem muslimfeindliche Haltung Mountbattens und somit der britischen Regierung deutlich zutage. Sie wird für immer in den Annalen der Geschichte verzeichnet bleiben.
Eine Frage, die den Geist bewegt
Der Plan zur Teilung Indiens ist von der britischen Regierung endgültig genehmigt worden. Am 3. Juni soll er offiziell verkündet werden. Noch bevor der Plan von der Regierung genehmigt worden war, hatte Nehru bereits seine Zustimmung dazu bekundet. Nun stellt sich die Frage: Wie war dies möglich? Wie konnten der Kongress, das hinduistische Indien und seine wichtigsten Sprecher Gandhi, Nehru und Patel der Zerstückelung Bharat Matas zustimmen? Haben sie ihren lang gehegten goldenen Traum von der Errichtung eines Ramrajya in einem ungeteilten Indien aufgegeben?
General Tuker beleuchtet die rachsüchtige Haltung der hinduistischen Mehrheit und sagt:
Schließlich sagten sie: „Nun gut, wenn die Muslimliga Pakistan haben will, dann soll sie es bekommen. Wir werden ihnen jedoch Stück für Stück auch nur einen Zentimeter ihres Gebiets wegnehmen, sodass es den Anschein haben wird, als könne es nicht bestehen bleiben, und der verbleibende Teil wirtschaftlich nicht lebensfähig sein wird.“ (Sir Francis Tuker: White Memory Server, London, Cassel, 1950, S. 257; Choudhury Mohammad Ali: The Emergence of Pakistan, S. 123).
Patels Rede vor der indischen Verfassunggebenden Versammlung im Jahr 1949 bestätigt die Richtigkeit der oben wiedergegebenen Bemerkung Tukers. Patel sagte in seiner Rede: „Ich stimmte der Teilung des Landes als letztem Ausweg zu, als wir bereits alles verloren hatten. Herr Jinnah wollte niemals ein verstümmeltes Pakistan. Doch am Ende musste er es hinnehmen.“ (Zitiert nach Kewnl L. Panjabi, The Indemiable Sardar, Bombay, Bharatiya Vidya Bhaban, 1962, S. 124; Choudhury Mohammad Ali, a. a. O., S. 123).
Die Zustimmung des Kongresses zur Teilung des Landes war ein taktischer Schritt. Das Endziel blieb jedoch unverändert; um dieses Ziel zu erreichen, war erforderlich:
1. Hindustan oder die Indische Union muss als Erbe der britischen Regierung in Indien anerkannt werden. Pakistan soll als ein Staat betrachtet werden, der sich zusammen mit einigen Gebieten abgespalten hat.
2. Die Gebiete, die Pakistan angeschlossen werden sollen, werden äußerst klein sein und auf Ostbengalen, Westpunjab, Sindh und Belutschistan beschränkt bleiben. Die Grenzprovinz wird außerhalb Pakistans bleiben. Dadurch wird Pakistan strategisch eingekreist gehalten.
3. Pakistan werden Zeit, Mittel und Ressourcen, militärisches und ziviles Personal sowie Ausrüstung vorenthalten, und es werden äußerst große Hindernisse geschaffen, damit es sich nicht fest etablieren kann.
4. Alles, was nötig ist, damit Pakistan nicht fortbestehen kann, wird getan werden. (Die Kongressführer waren überzeugt, dass Pakistan nicht lange bestehen würde. Daher bestand ihr Ziel darin, zu versuchen, Pakistans Wirtschaft zu zerstören.)
Um diese niederträchtigen Ziele zu erreichen, benötigte Hindu-Indien die Hilfe der Briten, die die gesamte Zivilverwaltung und die Armee kontrollierten. Im Vorfeld ihres Abzugs arbeitete die gesamte Verwaltung, einschließlich Mountbatten und Radcliffe, im Interesse Hindu-Indiens; darauf wird später eingegangen werden.
– (Chudhury Mohammad Ali: The Emergence of Pakistan, S. 123–124).
Fünftes Kapitel
Der Prozess der Machtübergabe
Der Prozess der Machtübertragung an Indien wurde eingeleitet. Die Provinzversammlungen von Bengalen und Punjab wurden angewiesen, jeweils in zwei Gruppen zusammenzutreten: eine Gruppe, die aus den muslimischen Mehrheitsbezirken bestand, und eine aus den übrigen Bezirken. Die Mitglieder der beiden Teile jeder Versammlung sollten getrennt tagen, und ihnen wurde das Recht gegeben, zu entscheiden, ob sie die Teilung ihrer Provinz wünschen oder nicht. Wenn eine der beiden Gruppen mit einfacher Mehrheit für die Teilung stimmte, sollte die Teilung wirksam werden. Nach dem Beschluss über die Teilung sollte jeder Teil der Versammlung im Namen des von ihm vertretenen Gebiets entscheiden, ob er der bestehenden Verfassunggebenden Versammlung oder einer neuen Verfassunggebenden Versammlung beitreten würde. Nach diesem Beschluss würde der Generalgouverneur eine „Grenzkommission“ einsetzen, um die Grenzen der beiden Teile Punjabs festzulegen. Dies sollte auf der Grundlage der Ermittlung zusammenhängender Mehrheitsgebiete von Muslimen und Nichtmuslimen geschehen. Der Kommission wurde außerdem empfohlen, weitere Faktoren zu berücksichtigen. Eine entsprechende Anweisung wurde auch der Grenzkommission für Bengalen erteilt.
Die Mitglieder der gesetzgebenden Versammlung von Sindh würden mit Ausnahme der europäischen Mitglieder gemeinsam zusammentreten und entscheiden, ob sie der bestehenden Verfassunggebenden Versammlung oder einer neuen Versammlung beitreten würden. In der Nordwestlichen Grenzprovinz würde ein Referendum darüber abgehalten, welcher Verfassunggebenden Versammlung die Wähler dieser Region beitreten würden.
Auch Belutschistan sollte Gelegenheit erhalten, seine Meinung zu diesem Thema zu äußern. Falls die Provinzversammlung von Bengalen für die Teilung stimmte, würde im Distrikt Sylhet in Assam ein Referendum abgehalten. Dadurch sollte entschieden werden, ob die Bewohner Sylhet als Teil Assams behalten oder sich Ostbengalen anschließen wollten. Falls sie sich der neuen Provinz anschließen wollten, würde die „Grenzkommission“ die Grenze festlegen.
Falls Punjab und Bengalen für die Teilung stimmten, würde auf der folgenden Grundlage eine Neuwahl der Verfassunggebenden Versammlung abgehalten werden:
Provinz Allgemeine Sitze Muslime Sikhs Gesamt
Distrikt Sylhet 1 2 0 3
Westbengalen 15 4 0 19
Ostbengalen 12 29 0 41
Westpunjab ৩ ১২ ২ ১৭
Ostpunjab ৬ ৪ ২ ১২
Da die britische Regierung gewillt ist, die Macht noch vor Juni 1948 zu übertragen, soll bereits in der laufenden Parlamentssitzung ein Gesetz verabschiedet werden, damit noch in diesem Jahr auf der Grundlage des „Dominion-Status“ die Macht an eine oder zwei Autoritäten übertragen werden kann.
Der Vizekönig berief am 2. Juni eine Beratungssitzung mit sieben führenden Persönlichkeiten ein. Es waren Nehru, Patel, Kripalani, Jinnah, Liaquat Ali Khan, Abdur Rab Nishtar und Baldev Singh. Der Plan wurde ihnen vorgelegt und von ihnen gebilligt. Mountbatten versuchte bei einem Besuch bei Gandhi, ihn mit den Worten davon zu überzeugen, dass der Plan unter den gegenwärtigen Umständen der denkbar beste sei. Obwohl Gandhi den Plan bereits vor seiner Übermittlung nach Großbritannien unterstützt hatte, lehnt er ihn nun ab – nur um die Welt und die Liga zu täuschen.
Am 3. Juni wurde der Plan vor der ganzen Welt veröffentlicht. Der Vizekönig erklärte auf einer Pressekonferenz am 4. Juni, dass er auf jeder Stufe und in jedem Augenblick Hand in Hand mit den Führern gearbeitet habe. Daher sei der Plan für sie weder ein Anlass zur Empörung noch zur Überraschung gewesen.
Sein Gewissen hinderte einen Verantwortlichen wie ihn nicht daran, zur Täuschung der Welt eine derart blanke Lüge zu äußern. Außer seinen Mitarbeitern, dem Planverfasser V. P. Menon und Nehru wusste niemand auch nur im Geringsten von dem Plan. Auch vor der Liga wurde er geheim gehalten.
Jedenfalls wurde auf der erwähnten Pressekonferenz bekannt gegeben, dass der 15. August 1947 als vorläufiger Termin für die Machtübertragung festgelegt worden war.
Das Allindische Kongresskomitee trat am 14. Juni zusammen und nahm einen Antrag zur Annahme des Plans an. Zugleich erklärte es mit Nachdruck zur Teilung Indiens, dass keine menschliche Institution die Gestalt und Form verändern könne, die Geografie, Gebirge und Meere Indien verliehen hätten, wie es nun einmal sei, und dass keine menschliche Institution auf dem Weg zur Bestimmung seines endgültigen Schicksals ein Hindernis darstellen könne. Das Komitee glaubt, dass Indiens Probleme, sobald sich die gegenwärtigen Emotionen beruhigt haben, in ihrem angemessenen Zusammenhang betrachtet werden und die irrige Lehre von der Zwei-Nationen-Theorie gebrandmarkt und verworfen wird. Abul Kalam Azad sagte: „Ich bin sicher, dass die Teilung nur von kurzer Dauer sein wird.“ Die Hindu Mahasabha erklärte, Indien sei einig und unteilbar, und solange die abgetrennten Gebiete nicht mit der Indischen Union vereinigt würden, werde kein Frieden hergestellt werden.
Verschiedene hinduistische Führer, Schriftsteller und Zeitungen hegten die Hoffnung, dass Indien in Zukunft wieder ein geeintes und ungeteiltes Land sein werde, und äußerten diese Hoffnung vor, während und nach der Teilung. Am 15. August sagte Gandhi: „Ich bin sicher, dass eine Zeit kommen wird, in der diese Teilung aufgegeben werden wird.“ Auch das Kongressorgan „The Hindustan Times“ brachte in einem Leitartikel eine entsprechende Hoffnung zum Ausdruck. Menon, der Urheber des Teilungsplans, sagte selbst, das Ziel des Augusts 1947 sei nicht gewesen, das Band zu zerreißen, durch das Indien seit mehr als anderthalb Jahrhunderten gebunden sei. Unter den Hindus herrschte die allgemeine Überzeugung, dass Pakistan nicht lange bestehen und Indien unter dem Kongress wieder zu einem ungeteilten Indien werden werde – (Economist, 17 May 1947; Sunday Times 1 June 1947; Manchester Guardian 15 Auh. 1947, Round Table Sept. 1947, S. 370; Guy Wint, The British in Asia, S. 179; I. H. Quershi, The Struggle for Pakistan, S. 195–96).
Aus diesen Äußerungen und Reaktionen wird eindeutig ersichtlich, dass das hinduistische Indien die Existenz Pakistans innerlich niemals akzeptiert hat. Darüber hinaus unternimmt das hinduistische Indien vom 15. August 1947 bis zum Zeitpunkt der Abfassung dieser Zeilen (Oktober 1993) umfassende Anstrengungen, das gesamte als Pakistan bezeichnete Territorium zu verschlingen und im ungeteilten Indien das Ram-Rajya zu errichten. Die Wiederherstellung der geografischen Gestalt Indiens vor 1947 wird heute bei verschiedenen Seminaren und öffentlichen Versammlungen offen gefordert. Zu diesem Zweck ist die wirtschaftliche und kulturelle Aggression vonseiten Indiens erheblich verstärkt worden.
Werbung und Debatte um das Amt des Vizekönigs
In dieser aufgeheizten Lage Indiens waren sowohl der Kongress als auch der Vizekönigspalast der Auffassung, dass dieselbe Person Generalgouverneur der beiden neuen Dominions sein werde – und dass dies Mountbatten sein werde.
Einige Tage zuvor hatte Jinnah gesagt, über den Generalgouverneuren der beiden Dominions sollte ein übergeordneter Generalgouverneur stehen. Dieser Gedanke war vermutlich deshalb gefasst worden, damit der mit der Teilung verbundene Prozess unter Wahrung einer unparteiischen Sichtweise leichter abgeschlossen werden könne. Mountbatten widersetzte sich jedoch, und Whitehall unterstützte Mountbatten.
Als Nehru Mountbatten anbot, Generalgouverneur Indiens zu werden, sagte dieser zu Nehru und Patel, dass er ein entsprechendes Angebot auch von der Muslimliga erwarte.
Trotz zahlreicher Bemühungen gelang es Mountbatten nicht, Jinnah zu überzeugen.
Am 2. Juli teilte Jinnah ihm mit, dass er selbst beschlossen habe, Generalgouverneur Pakistans zu werden. Dennoch gab Mountbatten die Hoffnung nicht auf. Er ließ auch den Nawab von Bhopal einen Versuch unternehmen, blieb jedoch erfolglos. Dies versetzte Mountbattens Selbstachtung einen schweren Schlag. Wahr ist allerdings, dass Mountbatten, wäre er zum Generalgouverneur Pakistans gemacht worden, Pakistans indischer Generalgouverneur gewesen wäre. Jinnah bewahrte das Land vor dieser Gefahr. (I. H. Wureshi: The Struggle for Pakistan, S. 296–300).
Die Umsetzung des Plans vom 3. Juni
Die Sitzung der bengalischen Legislativversammlung fand am 20. Juli statt, und mit 126 zu 90 Stimmen wurde beschlossen, der neuen Verfassunggebenden Versammlung beizutreten. Anschließend beschlossen die Mitglieder aus den Gebieten mit nichtmuslimischer Mehrheit mit 58 zu 21 Stimmen die Teilung der Provinz und den Beitritt zur bestehenden Verfassunggebenden Versammlung. Die Mitglieder aus den muslimischen Mehrheitsgebieten Ostbengalens stimmten mit 106 zu 35 Stimmen gegen die Teilung der Provinz und zugleich für den Beitritt zur neuen Verfassunggebenden Versammlung. Danach stimmten die Mitglieder aus den muslimischen Mehrheitsgebieten der Provinz mit 69 zu 27 Stimmen gegen die Teilung. Dagegen stimmten die Mitglieder aus den hinduistischen Mehrheitsgebieten mit 50 zu 22 Stimmen für die Teilung und für den Beitritt zur indischen Verfassunggebenden Versammlung.
Die gesetzgebende Versammlung von Sindh trat am 26. Juni zusammen und beschloss mit 30 zu 20 Stimmen, der neuen Verfassunggebenden Versammlung beizutreten. In Belutschistan kamen die Mitglieder der Schahi-Dschirga und die gewählten Mitglieder der Stadtverwaltung von Quetta zusammen und beschlossen einstimmig, der neuen Verfassunggebenden Versammlung beizutreten.
Andererseits stimmte beim Anfang Juli in Sylhet abgehaltenen Referendum eine überwältigende Mehrheit der Wähler dafür, sich von Assam zu trennen und Ostbengalen beizutreten.
Die Bedingungen des Referendums in der Nordwestlichen Grenzprovinz sahen vor, dass die Wähler entweder für den Beitritt zur indischen Verfassunggebenden Versammlung oder für den Beitritt zur neuen Verfassunggebenden Versammlung stimmen sollten. Abdul Ghaffar Khan forderte, den Wählern die Möglichkeit zu geben, für ein unabhängiges Pakhtunistan zu stimmen. Gandhi und Nehru unterstützten die Forderung Abdul Ghaffar Khans. Der Vizekönig wies die Forderung mit der Begründung zurück, dass das im Plan vom 3. Juni festgelegte Verfahren ohne die Zustimmung beider Parteien nicht geändert werden könne. Jinnah war nicht bereit, diese Änderung zu akzeptieren. Ghaffar Khan wies seine Anhänger an, sich der Abstimmung zu enthalten. Trotzdem wurden 289.244 Stimmen für die neue Verfassunggebende Versammlung und lediglich 2.874 Stimmen für die indische Verfassunggebende Versammlung abgegeben.
Premierminister Attlee brachte das Gesetz über die Unabhängigkeit Indiens am 4. Juli im Unterhaus ein. Am 15. Juli wurde es im Unterhaus und am 16. Juli im Oberhaus verabschiedet. Das Gesetz erhielt am 18. Juli die königliche Zustimmung. Danach wurden am 20. Juli für Indien und Pakistan zwei getrennte provisorische Regierungen eingerichtet.
Als Ergebnis des siebenjährigen Kampfes wurde ein neuer unabhängiger und souveräner Staat namens Pakistan gegründet. Die Gründung eines Staates dieser Art war ein Novum in der Weltgeschichte.
Pakistan wurde zwar gegründet, doch als der Kongress, Hindu-Indien und die britische Regierung mit ihrem entschiedenen Widerstand scheiterten, stimmten sie plötzlich innerhalb sehr kurzer Zeit einem beschnittenen Pakistan (Truncated Pakistan) zu. Der Plan für die Machtübertragung wurde von einem hinduistischen Beamten ausgearbeitet, der dem Kongress nahestand. Jinnah wurde in dieser Angelegenheit völlig im Dunkeln gelassen. Der Plan wurde erst zweieinhalb Monate vor der endgültigen Machtübertragung veröffentlicht, damit die Muslimliga keinerlei Gelegenheit zu Überlegungen erhielt. Es war gerade so, als würde man im Schlaf plötzlich das Lager des Feindes angreifen. Die Grenzkommission verkleinerte das beschnittene Pakistan noch weiter. Viele muslimische Mehrheitsgebiete, die Pakistan rechtmäßig zustanden, wurden gewaltsam Indien zugeschlagen. Darüber hinaus wurde Pakistan nach der Teilung auch von den ihm rechtmäßig zustehenden staatlichen Vermögenswerten vollständig ausgeschlossen. Dies war vermutlich die finanzielle Strafe für das „Verbrechen“, Pakistan gefordert zu haben. All dies wurde durch eine Verschwörung des Kongresses und der Briten betrieben, damit Pakistan nicht einmal für eine gewisse Zeit bestehen könne.
Der Hauptgrund für die Forderung nach Pakistan war also, dass bei einer Übertragung der Macht in Indien an die hinduistische Mehrheit nicht nur Leib, Leben und Ehre der Muslime gefährdet, sondern ihre nationale Identität ausgelöscht werden würde. Die zweieinhalbjährige Kongressherrschaft in den Provinzen mit hinduistischer Mehrheit vor 1940 war dafür ein eklatanter Beweis.
Doch auch nach der Teilung Indiens wurde das Massaker an den Muslimen in Indien nicht beendet. Millionen muslimische Männer, Frauen und Kinder überquerten schwimmend durch ein Meer von Blut die Grenze und suchten in Pakistan Zuflucht.
Ein hochrangiger Beamter der pakistanischen Regierung, Herr Altaf Gohar, sagte:
Noch bevor die Massaker in Delhi begannen, traf ich in Karatschi ein. … Die Zahl der unterdrückten Schutzsuchenden, die über die Grenze eintrafen, nahm ständig zu, und die erschütternden Berichte über die umfassenden Massaker verpflichteten jeden zu noch größerem nationalem Dienst. (Ein in einer Sonderausgabe einer pakistanischen Tageszeitung veröffentlichter Artikel.)
Altaf Gohar hat auf die Massaker in Delhi selbst, der Hauptstadt Indiens, hingewiesen. Um die erschütternden Massaker an verschiedenen Orten Delhis zu beenden, hielt Herr Gandhi ein Fasten. Doch letztlich konnte er sie nicht einmal durch sein Leben beenden.
Maulana Abul Kalam Azad sagte:
Gandhiji nannte die Bedingungen für den Abbruch seines Fastens. Sie lauteten:
1. Die Angriffe der Hindus und Sikhs auf die Muslime müssen sofort beendet werden. Ihnen muss die Gewissheit gegeben werden, dass sie wie Brüder zusammenleben können.
2. Es müssen alle Anstrengungen unternommen werden, den Hindus und Sikhs die Gewissheit zu geben, dass kein einziger Muslim aus Mangel an Sicherheit für Leib und Leben Indien verlassen muss.
3. Die Angriffe auf Muslime in fahrenden Zügen müssen beendet werden, und diejenigen Hindus und Sikhs, die diese Angriffe verüben, müssen unverzüglich davon abgehalten werden.
4. Die Muslime, die in der Umgebung der Schreine von Nizamuddin Auliya, Khwaja Qutbuddin Bakhtiyar Kaki und Nasiruddin Chiragh Dehlavi gewohnt hatten und ihre Wohnstätten verlassen haben, müssen zurückgeführt und in ihren Wohnvierteln wieder angesiedelt werden.
5. Der Schrein von Qutbuddin Bakhtiyar Kaki ist beschädigt worden. Natürlich kann die Regierung diese Schäden reparieren lassen. Doch die Hindus und Sikhs selbst müssen diese Arbeit als Sühneleistung durchführen.
6. Das Wichtigste ist, dass ein Wandel der Gesinnung erforderlich ist. Seine Bedeutung ist größer als die Erfüllung der Bedingungen. Den hinduistischen und Sikh-Führern muss die Gewissheit gegeben werden, dass aus diesem Grund kein weiteres Fasten notwendig sein wird. Danach sagte Gandhi: „Möge dies mein letztes Fasten sein.“ (Abul Kalam Azad, India Wins Freedom, S. 238).
Maulana Azad sagt:
Nach der Teilung des Landes erreichte die Lage ihren Höhepunkt. Eine Gruppe von Hindus begann unter der Führung der Hindu Mahasabha und des Rashtriya Swayamsevak Sangh offen zu behaupten, Gandhi helfe den Muslimen gegen die Hindus. Auch Flugblätter zu diesem Thema wurden verteilt. In einem Flugblatt hieß es, wenn Gandhi seine Politik nicht ändere, werde man Schritte zu seiner Ermordung einleiten. (Abul Kalam Azad, India Wins Freedom, S. 240–241).
Schließlich musste Gandhi am 30. Januar 1948 sein Leben lassen. Maulana Azad sagt: Ich ging erneut zum Birla House und war erstaunt, als ich das geschlossene Tor sah. Ich sah, dass sich Tausende von Menschen versammelt hatten. Ich begriff, worum es ging. Ich stieg aus dem Wagen und ging bis zur Tür seines Zimmers. Auch die Zimmertür war von innen verschlossen. Jemand sah mich durch das Glasfenster und führte mich hinein. Jemand sagte mit tränenerstickter Stimme: „Gandhi ist angeschossen worden.“ Ich sah ihn auf dem Boden liegen. Sein Gesicht war fahl, seine Augen geschlossen; seine beiden Enkel hielten seine Füße und weinten. Wie in einem Traum hörte ich: „Gandhi ist tot.“ (Abul Kalam Azad, India Wins Freedom, S. 141–142).
Seit der Teilung des Landes sind mehrere Jahrzehnte vergangen. In dieser Zeit wurden im unabhängigen Indien Hunderttausende Muslime getötet und zahlreiche ihrer Moscheen und religiösen Stätten zerstört. Niemand hat aus Protest dagegen einen Hungerstreik begonnen. Hätte jedoch jemand den Mut dazu gehabt, hätte er dasselbe Schicksal wie Gandhi erleiden müssen. Im unabhängigen Indien gilt es als schweres Verbrechen, für die Muslime einzutreten. Bei den Massakern wurden Hunderttausende muslimische Männer, Frauen und Kinder getötet; ihre Geschäfte und Häuser wurden in Brand gesetzt und ihr Besitz geplündert. Doch die Regierung hat keine Maßnahmen ergriffen oder kann keine ergreifen, um die Mörder ausfindig zu machen und zu bestrafen. Nach der Zerstörung der historischen Babri-Moschee war nicht daran zu denken, die Schuldigen zu bestrafen; vielmehr musste sich die indische Regierung von ihnen als Geisel halten lassen. Weil die Muslime mit Sicherheit erkannten, dass all dies geschehen würde, mussten sie ein eigenes und unabhängiges Heimatland fordern. Tatsächlich war es der extreme Muslimhass der Hindunation und ihrer Führer, der Pakistan ins Leben rief.
Sechzehntes Kapitel
Schluss
Im letzten Teil dieser Geschichte musste auch die Geschichte der Pakistanbewegung kurz dargestellt werden. Denn die Muslime Bengalens waren eng mit dieser Bewegung verbunden. Darüber hinaus wurde Maulvi Abul Kasem Fazlul Huq (Sher-e-Bangla), der herausragende, den Muslimen zugewandte Sohn des ungeteilten Bengalens und Premierminister Bengalens, die Ehre zuteil, den historischen Lahore-Beschluss, also den Pakistanbeschluss, einzubringen. Obwohl die Pakistanbewegung von Quaid-e-Azam Muhammad Ali Jinnah geführt wurde, war der Beitrag der Muslime Bengalens zu dieser Bewegung am größten.
Die am 20. Juli 1905 verkündete Teilung Bengalens und ihre Umsetzung ab dem 16. Oktober brachten die Hindus Bengalens und ganz Indiens in äußerste Erregung, und eine heftige Bewegung zur Aufhebung der Teilung Bengalens begann. Diese Bewegung löste unter den Muslimen eine Welle neuen Bewusstseins aus und weckte in ihnen das Streben nach einer eigenständigen muslimischen nationalen Identität. Infolgedessen entstand 1906 in Dhaka die Muslimliga, die einzige politische Organisation der Muslime des Subkontinents. Am 1. Oktober desselben Jahres empfing der Vizekönig in Shimla eine aus 36 Muslimen bestehende Delegation unter der Führung Aga Khans. Als sie forderte, für die Muslime aufgrund ihres Status als eigenständige Nation ein getrenntes Wahlverfahren einzuführen, wurde dieser Forderung stattgegeben. In den 1909 verabschiedeten Minto-Morley-Reformen wurde das getrennte Wahlverfahren anerkannt. Dadurch wurde es zu einem Verfassungsdokument.
Nach der Teilung des Landes wurde von einigen Kreisen die Frage aufgeworfen, ob hinter der pakistanischen Forderung lediglich vorübergehende Gefühlsregungen standen oder ob ihre Ursachen ausschließlich politischer und wirtschaftlicher Natur waren. Oder forderten die Muslime Pakistan als Reaktion auf das feindselige Verhalten des Kongresses?
Keine dieser Ursachen war der Hauptgrund der Pakistanbewegung. Gefühlsregungen waren zweifellos vorhanden. Diese Gefühlsregungen bewegen die Menschen dazu, ihr Leben hinzugeben, um das Ziel zu erreichen. Doch handelte es sich dabei nicht um vorübergehende und bedeutungslose Gefühlsregungen. Eine bloße Gefühlsregung kann eine derart große historische Revolution nicht herbeiführen. Gandhi, viele hinduistische Führer und Zeitungen äußerten die Ansicht, dass die Muslime, sobald diese vorübergehenden Gefühlsregungen nachließen, wieder Teil eines ungeteilten Indiens werden würden. Als selbst nach mehr als vier Jahrzehnten die Gefühlsregungen der Pakistan anstrebenden Muslime nicht im Geringsten nachgelassen hatten, war es eine Tatsache, dass ihre Gefühlsregungen nichts Vorübergehendes waren. Hinter der Entstehung dieser Gefühlsregungen stand ein edler Zweck.
Den edlen Zweck, zu dem die Forderung nach Pakistan erhoben und die Pakistanbewegung geführt wurde, erläuterte Quaid-e-Azam Muhammad Ali Jinnah in seiner auf der im März 1940 abgehaltenen Sitzung der Muslimliga gehaltenen Rede mit unmissverständlichen Worten:
Es ist äußerst schwer zu verstehen, warum unsere hinduistischen Freunde das eigentliche Wesen des Islam und des Hinduismus nicht begreifen. Sie sind im strengen Sinne des Wortes nicht bloß Religionen, sondern in Wirklichkeit unterschiedliche und voneinander getrennte Gesellschaftsordnungen. Es ist ein Irrglaube, dass Hindus und Muslime jemals eine gemeinsame Nationalität entwickeln könnten; und dieses Missverständnis von einer einzigen indischen Nation ist weit über die Grenzen des Erträglichen hinausgegangen und wird Indien in die Zerstörung führen, wenn wir unsere Auffassungen nicht rechtzeitig revidieren. Hindus und Muslime gehören zwei verschiedenen religiösen Philosophien, sozialen Bräuchen und Literaturen an. Sie heiraten weder untereinander noch essen sie gemeinsam, und tatsächlich gehören sie zwei verschiedenen Zivilisationen an, die hauptsächlich auf einander widersprechenden Ideen und Vorstellungen beruhen. Ihre Auffassung vom Leben und ihre Lebensweise sind verschieden. Es ist völlig klar, dass Hindus und Muslime ihre Bestrebungen aus verschiedenen Quellen schöpfen und unterschiedliche geschichtliche Episoden haben. Sehr oft ist der Held des einen der Feind des anderen, und ebenso überschneiden sich ihre Siege und Niederlagen. Zwei derart unterschiedliche Nationen in einem einzigen Staat zusammenzuschmieden, von denen die eine eine zahlenmäßige Minderheit und die andere eine Mehrheit ist, muss zu wachsender Unzufriedenheit und schließlich zur Zerstörung jedes politischen Gefüges führen, das für die Regierung eines solchen Staates errichtet werden könnte (Dr. Waheed Qurashy, Ideological Foundations of Pakistan, S. 96–97).
Quaid-e-Azam Muhammad Ali Jinnah hat in seiner Rede genau diese Wahrheit herausgestellt: Hindus und Muslime sind in vielerlei Hinsicht zwei getrennte und eigenständige Nationen, und es ist unmöglich und unrealistisch, sie zusammenzubinden und einen Staat zu bilden. Auf der Grundlage dieser Zwei-Nationen-Theorie wurde Indien geteilt.
Doch ist die Vorstellung, dass Hindus und Muslime zwei völlig getrennte und entgegengesetzte nationale Identitäten darstellen, etwa eine neue Entdeckung Jinnahs oder der Muslime? Von der richtigen Antwort auf diese Frage wird abhängen, ob Pakistan unter dem Einfluss welcher Gefühle und Erregungen oder aus politischen und wirtschaftlichen Gründen gefordert wurde.
Die islamische Lebensordnung
Um die oben gestellte Frage richtig beantworten zu können, ist es notwendig, Wissen über die islamische Lebensordnung zu erwerben. Die richtige Vorstellung vom Islam, die Allah und Seine Propheten und Gesandten vermittelt haben, lautet: Der Islam ist, anders als andere Religionen, nicht lediglich eine Ansammlung einiger Riten und Zeremonien. Der Islam ist eine vollständige Lebensordnung, die auf dem von Allah herabgesandten großartigen Buch, dem Koran, und der Sunna des Propheten Muhammad (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) beruht.
Gemessen an der heutzutage in der Welt verbreiteten Vorstellung von Religion ist der Islam weit mehr als eine Religion. Er bezeichnet nicht bloß die Beziehung zwischen dem Schöpfer und dem Menschen. Die religiöse Vorstellung des Islam ist äußerst umfassend. Sie erstreckt sich vom Iman und der Aqida über die Anbetung bis zur vollständigen Kontrolle über alle Bereiche und Seiten des Lebens. Der Islam besitzt eine eigene Zivilisation und Kultur, eine eigene Geschichte und Tradition, ein eigenes ethisches, politisches und wirtschaftliches System. Er besitzt ein Rechts- und Justizsystem, ein Familien- und Bildungssystem sowie eine eigene Kriegs- und Friedenspolitik und ein eigenes außenpolitisches System. Wie zwischen den Wurzeln, Ästen, Zweigen, Blättern, Blüten und Früchten eines Baumes ein untrennbarer Zusammenhang besteht, so sind auch diese Systeme untrennbar miteinander verbunden und eng ineinander verflochten.
In Wirklichkeit ist der Islam für die Menschheit eine vollständige Lebensordnung, die ein erfolgreiches Leben auf dieser Welt ermöglicht. Der Islam lehrt die Methode für ein erfolgreiches Leben sowohl in dieser Welt als auch im Jenseits. Deshalb unterscheidet sich die religiöse Vorstellung des Islam grundlegend von den Vorstellungen anderer Religionen.
Nach der historischen Auffassung des Islam wurde diese wahre Religion, der Din al-Haqq (Islam), erstmals von Allah auf den Propheten Adam (Friede sei auf ihm) herabgesandt. Adam (Friede sei auf ihm) war der erste Mensch. Von ihm aus begann sich das Menschengeschlecht auf der Erde auszubreiten. Seit jener Zeit ist diese wahre Religion, der Din al-Haqq – der Islam –, auf der Erde verbreitet. Nach ihm kamen im Laufe der Zeitalter, in verschiedenen Ländern und unter verschiedenen Völkern, Propheten und Gesandte und verkündeten weiterhin die Botschaft des Din al-Haqq. Zuletzt erlangte der Islam durch den Propheten Muhammad Mustafa (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) seine Vollkommenheit.
Das Konzept der Nationalität im Islam
Diejenigen, die diese Religion und dieses System von ganzem Herzen annehmen, werden „Gläubige“ genannt, und diejenigen, die sie zurückweisen, werden „Ungläubige“ genannt. Gläubige und Ungläubige können niemals eins werden. Als Allah den ersten Menschen und ersten Propheten, Adam (a. s.), auf die Erde entsandte, gab Er ihm folgende Anweisung:
„Ich sagte: ‚Geht allesamt von hier hinab. Wenn dann von Mir eine Lebensordnung zu euch gelangt und diejenigen, die meiner Ordnung folgen, brauchen sich keine Sorgen zu machen. Diejenigen aber, die sich weigern, sie anzunehmen, und Meine Botschaft sowie Meine Gebote und Verbote zurückweisen, werden gewiss Insassen der Hölle sein und dort ewig bleiben.‘ (Sure al-Baqara: 38–39).
Aus dem oben genannten Vers des Heiligen Korans wird deutlich, dass die göttliche Rechtleitung die Menschen in zwei Gruppen oder zwei Völker geteilt hat – die eine sind die Gläubigen, die andere die Ungläubigen. Diese Teilung wurde bereits am ersten Tag des menschlichen Lebens auf der Erde vorgenommen. Jeder Prophet bewahrte diese Teilung in seiner Zeit. Der Prophet Shuʿaib (a. s.) erklärte diese beiden Gruppen als zwei verschiedene Millats oder Völker. So sagten ihre Anführer und Würdenträger, die auf ihre eigene Überlegenheit stolz waren, zu ihm: „O Shuʿaib! Wir werden dich und diejenigen, die an dich glauben, aus dieser Stadt vertreiben – oder ihr müsst zu unserer Millat zurückkehren.“ Shuʿaib antwortete: „Sollen wir etwa zwangsweise zurückgebracht werden, selbst wenn wir nicht einverstanden sind?
Wir würden Allah eine Lüge zuschreiben, wenn wir zu eurer Millat zurückkehrten, nachdem Allah uns daraus errettet hat.
– (Sure al-Aʿraf: 89–90)
Auch aus diesem Vers wird deutlich, dass bereits zur Zeit des Propheten Shuʿaib (a. s.) die Millat der Muslime eine eigene und die Millat der Ungläubigen eine andere war. Diese Einteilung und diese Terminologie sind auch in der Umma Muhammads üblich und werden bis heute verwendet.
Das Konzept der Nationalität ist im Islam universell. Jeder Mensch aus jedem Land und jedem Volk tritt nach dem Sprechen des Glaubensbekenntnisses in die Religion des Islam ein und wird gleichberechtigter Teilhaber an der islamischen Nationalität. Im Islam genügt das Bekenntnis zum Glauben und zur Glaubenslehre, um die Nationalität zu erlangen. Hinsichtlich des Erwerbs der Nationalität unterscheidet sich das islamische Verfahren von den Verfahren der anderen Völker der Welt. Um die jüdische Nationalität zu erlangen, ist neben dem Bekenntnis zum jüdischen Glauben jüdische Abstammung erforderlich. Um die hinduistische Nationalität zu erlangen, genügt die Teilnahme an hinduistischen Gottesdiensten und religiösen Zeremonien.
Unabhängige Gesellschaftsordnung
Die vernünftige Forderung der allumfassenden islamischen Lebensordnung und der eigenständigen Nationalität besteht darin, dass für sie eine unabhängige Gesellschaftsordnung errichtet werden muss. Es muss ein unabhängiger Staat geschaffen werden, in dem die Gebote und Verbote des Islam befolgt werden können. Unter den Lebensbedingungen der Fremdherrschaft ist es jedoch nicht möglich, den größten Teil der religiösen Vorschriften zu erfüllen.
Nachdem der edle Prophet (s.a.s.) dreizehn Jahre lang in der von den Polytheisten kontrollierten Gesellschaft von Mekka gelebt hatte und in die günstigen Verhältnisse Medinas gelangt war, errichtete er dort eine islamische Gesellschaftsordnung und einen islamischen Staat. Er leitete diesen Staat. Dort setzte er die islamischen Vorschriften vollständig in Kraft. Darauf offenbarte Allah, der Erhabene, den folgenden Vers:
„Ich habe für euch die Religion vollendet.“
Die Religion erlangte ihre Vollkommenheit erst, als für ihre Vollendung, Verwirklichung und Verbreitung eine eigene Heimstatt gefunden und eine unabhängige Gesellschaftsordnung errichtet worden war.
Das Wort „Pakistan“ wurde nicht im Sinne eines geografischen Gebietes verwendet, sondern im Sinne eines eigenständigen und unabhängigen islamischen Staates. In diesem Sinne bezeichnete Allama Shabbir Ahmad Usmani den islamischen Staat von Medina als „erstes Pakistan“. Er sagte:
Allah, der Erhabene, ließ schließlich durch die historische Hidschra des geliebten Gesandten (s.a.s.) in Medina eine Art „Pakistan“ errichten.
(Khutbaye Usmani, Allama Shabbir Ahmad Usmani, S. 140; Tarikh-e Nazriyat-e Pakistan, Professor Muhammad Salim, S. 31).
Die im Lahore-Beschluss geforderte Bezeichnung eines unabhängigen Heimatlandes lautete nicht Pakistan. Diesen Namen bevorzugte Choudhury Rahmat Ali. Als er 1915 erstmals bei einer Veranstaltung der „Bazm-e-Shivrī“ eine Ansprache hielt, sagte er: Nordindien ist „muslimisch“, und wir werden es „muslimisch“ erhalten. Nicht nur das: Wir werden es zu einem muslimischen Staat machen. Dies können wir erst dann tun, wenn wir und diese unsere nördliche Region aufhören, indisch zu sein. Das ist seine Voraussetzung. Je früher wir den Indischen Nationalismus aufgeben, desto besser ist es für uns und für den Islam (Chudhury Rahmat Ali: S. 172; I. H. Qureshi: The Struggle for Pakistan, S. 115–116).
Auch Choudhury Rahmat Ali verwendete anfangs nicht den Namen Pakistan. Er sprach lediglich von einem muslimischen oder islamischen Staat.
Eine Betrachtung der Geschichte beweist zweifellos, dass die Pakistan-Bewegung im 93. Jahr der Hidschra, im Monat Radschab (712 n. Chr.), ihren Anfang nahm, als Imaduddin Muhammad bin Qasim, ein siebzehnjähriger Feldherr, im Hafen von Debal (dem heutigen Karatschi) landete, die unterdrückten muslimischen Frauen und Kinder aus dem Gefängnis Raja Dahirs befreite und dort die erste Moschee errichtete. Quaid-e-Azam sagt, die Pakistan-Bewegung habe damals begonnen, als der erste Muslim den Boden Sindhs betrat, der das Tor des Islams nach Indien war.
Nach Debal beugten sich Nirun (das heutige Hyderabad) und danach Sehwan vor der islamischen Flagge. Am 10. Ramadan wurde die Festung von Rawar eingenommen, und Raja Dahir wurde im Kampf besiegt und getötet. Danach wurden Brahmanabad (das heutige Sanghar) und Alwar erobert. Im 96. Jahr der Hidschra ergab sich Multan, und Nordindien war bereit, sich freiwillig Muhammad bin Qasim zu unterwerfen. Unglücklicherweise wurde Muhammad bin Qasim jedoch nach Damaskus beordert. In den Gebieten unter seiner Herrschaft errichtete er ein wahrhaft islamisches Regierungssystem. Dieses System beeindruckte Hindus und Buddhisten so sehr, dass eine große Zahl von ihnen Zuflucht im wohltuenden Schatten des Islams suchte (Justice Syed Shameem Husain Kadri: Creation of Pakistan, S. 1–2).
Die wesenseigenen Merkmale des Islams
Es gehört zu den wesenseigenen Merkmalen des Islams, dass ein Muslim außer Allah, dem Einen und ohne Partner, niemandes Unterwerfung, Herrschaft, Autorität, Gesetz oder Regierung anerkennen kann. Der Islam ist eine vollständige Lebensordnung, und seine Grundsätze umfassen die geistige und weltliche Seite des menschlichen Lebens. Staat und Religion können nicht voneinander getrennt und abgesondert werden. Durch das Glaubensbekenntnis Kalima Tayyiba werden Allahs Souveränität und die Führung des Gesandten anerkannt.
Die Errichtung islamischer Gesetzesherrschaft auf dem Subkontinent
Muhammad bin Qasim war nicht nur der Begründer eines islamischen Staates auf diesem Subkontinent. Vielmehr war er auch ein Wegbereiter der islamischen Zivilisation und Kultur. Der Baum dieser Zivilisation und Kultur, den er pflanzte, wuchs und entfaltete sich im Laufe der Zeit weiter, und über den gesamten indischen Subkontinent wurde die islamische Flagge gehisst. Muslime kamen weiterhin als Eroberer nach Indien. Mit ihnen kamen Soldaten, Dichter, Schriftsteller, geistliche Führer, Intellektuelle und Künstler. Unter diesen Herrschern waren viele in ihrem Privatleben keine guten Muslime, und viele waren auch Menschen von dervischartigem Wesen. Doch während der muslimischen Herrschaft galt im Land von Anfang bis Ende das islamische Recht.
Doch nach dem Ende der muslimischen Herrschaft wurden anstelle des islamischen Rechts vom Menschen geschaffene westliche Gesetze eingeführt; der Indian Civil and Criminal Code of Procedure und der Indian Penal Code wurden in Kraft gesetzt. Auf diese Weise verloren die Muslime nicht nur ihre Herrschaft, sondern ihnen wurden anstelle des islamischen, ja des göttlichen Rechts Gesetze des Kufr auferlegt. Wie ihnen alle Wege zu Lebensunterhalt und Erwerb versperrt, ihre zahlreichen Lakhiraj-Ländereien entrissen und sie zu Bettlern am Wegesrand gemacht wurden – dies ist in diesem Werk ausführlich erörtert worden.
In einem Interview mit Radio Pakistan erläuterte Maulana Maududi den ideologischen Hintergrund Pakistans und sagte:
Wenn wir unsere Erörterung auf die Worte und Begriffe „Pakistanbewegung“ beschränken, werden wir diesem Gegenstand keineswegs gerecht. Denn das eine sind das Wort und der Begriff Pakistan, und etwas anderes ist jenes Ziel, das seit langer Zeit vor den Muslimen dieses Subkontinents stand und das die Muslime schließlich zu einem solchen Stadium geführt haben, dass sie neben diesem Begriff auch um den Erwerb eines eigenen Landes kämpfen konnten. Dieses Ziel wurde den indischen Muslimen erst klar, als die muslimische Herrschaft auf diesem Subkontinent zusammenbrach. Sie erkannten damals, dass sie ihre nationale Identität nur dann bewahren konnten, wenn die Herrschaftsgewalt in ihren Händen lag, da sie eine besondere Sicht auf Welt und Leben vertraten und einer besonderen Zivilisation folgten. Wenn die Herrschaftsgewalt in die Hände von Nichtmuslimen überging, konnten sie in diesem Land nicht mehr als Muslime leben, und als Muslime würde ihnen überhaupt kein eigenes Leben bleiben. Dieses Bewusstsein begann sich unter ihnen unmittelbar nach dem Zusammenbruch der muslimischen Herrschaft in Indien herauszubilden. Und dieses Bewusstsein nahm zu verschiedenen Zeiten verschiedene Formen an.
Bisweilen kam dieses Bewusstsein darin zum Ausdruck, dass Hazrat Sayyid Ahmad Shahid Barelvi und Hazrat Shah Ismail Shahid mit einer Dschihad-Bewegung hervortraten. Sie gaben ihr Leben ohne Zögern für die Errichtung eines islamischen Staates hin. Bisweilen nahm dieses Bewusstsein auch die Form an, dass überall religiöse Madrasas gegründet wurden, damit die Muslime ihre Religion nicht vergaßen und nicht von der gewaltigen Flut einer aus Europa importierten gottlosen Zivilisation sowie religionsloser Denkweisen und Lehren fortgerissen wurden.
Dann begann die zweite Phase damit, dass sich die englische Herrschaft hier festigte und sie in diesem Land allmählich jene Art demokratischer Verfahren einzuführen begannen, nach denen das Regierungssystem in ihrem eigenen Land funktionierte. Ihre Vorstellung von Nationalität und Demokratie bestand darin, dass alle Bewohner Englands eine Nation bildeten und das Recht der Mehrheitspartei anerkannt wurde. Dieses demokratische Prinzip wollten die Engländer auch in Indien einführen. Ihrer Ansicht nach bildeten auch alle Bewohner Indiens eine Nation, und auch unter ihnen könne das Herrschaftsprinzip der Mehrheit gelten. Dadurch entstand unter den Muslimen das Bewusstsein, dass sie, falls hier eine Regierung der Mehrheitspartei errichtet würde, für immer eine Minderheit bleiben müssten und ihre Zivilisation, Kultur und nationale Identität ausgelöscht würden. Denn unter einer solchen Regierung könnten die Muslime aus ihrer eigenen Sicht keine Gesetze erlassen. Bei der Verwaltung des Staates und der Festlegung anderer Richtlinien hätten sie keinerlei Mitspracherecht. Mit anderen Worten: Die Muslime könnten ihre Zivilisation, Kultur und Lebensanschauung nicht verwirklichen. Stattdessen würde ihnen gewaltsam eine nichtislamische Zivilisation und Lebensanschauung aufgezwungen.
Maulana sagt, dies war die Lage, die den Muslimen nach der Errichtung der englischen Herrschaft in Gestalt einer Frage oder Herausforderung entgegentrat. Es verging eine sehr lange Zeit, bis die Muslime darauf eine Antwort fanden. Über lange Zeit bemühten sie sich, die schwierige Frage zu lösen, welche Form politische, kulturelle und soziale Sicherheit für die Muslime als Minderheit in einem Regierungssystem haben könnte, in dem die Bewohner Indiens als eine Nation betrachtet und Regierungen nach dem Prinzip der Mehrheitsbildung gebildet würden. Um diese Sicherheit zu erlangen und ihre Form zu bestimmen, wurden verschiedene Gesichtspunkte geprüft. Zu einem bestimmten Zeitpunkt wurde zu diesem Zweck ein getrenntes Wahlverfahren gefordert (Simla-Delegation, 1906). Auf dieser Grundlage kam es anschließend zu einer Verständigung zwischen der Liga und dem Kongress (Lucknow-Pakt, 1916). Auch danach wurden verschiedene Vorschläge erwogen. Allmählich erkannten die Muslime, dass ihnen rechtliche Sicherheiten innerhalb eines solchen demokratischen Systems überhaupt nichts nützen würden. Dies wurde ihnen deutlich bewusst, als 1937 in den hinduistischen Mehrheitsprovinzen die Herrschaft des Kongresses errichtet wurde. Damals machten die Muslime unmittelbar die Erfahrung, dass eine Regierung der Mehrheitspartei auf diesem Subkontinent und ihr Leben als Minderheit unter dieser Regierung bedeuteten, dass ihre nationale Existenz allmählich ausgelöscht werden würde. Nach dieser Erfahrung begannen die Muslime zu erkennen, dass der bisher eingeschlagene Weg zur Lösung dieses Problems sinnlos und unrealistisch war.
Maulana sagt, den Muslimen wurde damals wiederholt versichert, dass die Muslime und Nichtmuslime Indiens eine Nation seien. Doch die tatsächliche Wahrheit ist, dass sie niemals eine Nation waren und es auch nicht sein können. Seit die Muslime in dieses Land kamen und sich dort niederließen, lebten sie niemals als eine Nation mit den Nichtmuslimen zusammen. Wenn sie eine Nation wären, woher kam dann die Krankheit der Unberührbarkeit zwischen Hindus und Muslimen? Warum sind ihre Nationalhelden (National heroes) voneinander verschieden? Warum unterscheiden sich die Quellen ihrer Inspiration sowie ihrer Gefühle und Empfindungen? Wenn sie eine Nation wären, wie hätten sie dann als von den Hindus getrennte Nation leben können? Daher ist es eine unumstößliche Wahrheit, dass sie niemals eine Nation waren und es zu keiner Zeit sein können. Nun wird versucht, den Muslimen gewaltsam eine unrealistische Hypothese (Hypithesis) aufzuzwingen. Dass dies nicht wirksam und erfolgreich sein konnte, wurde nach der Errichtung von Kongressregierungen in einigen Provinzen (1937–39) sonnenklar. Jene, die die Einheit von Hindus und Muslimen als eine Nation verkündeten, bewiesen durch ihr eigenes Handeln, dass Hindus und Muslime keine Nation sind. Vielmehr handelte es sich um eine gewaltige politische Täuschung, durch die sie die Muslime zu einer versklavten Nation machen und in diesem Zustand halten wollten.
Maulana sagt:
Es war eine Zeit, in der ich 1937 begann, jene Aufsätze zu schreiben, durch die ich unter den Muslimen das Bewusstsein weckte, dass ihr unter der Herrschaft einer nichtmuslimischen Mehrheitspartei eure nationale Existenz nicht bewahren könnt. Damals empfand ich zutiefst, dass keine gesetzliche Garantie die Muslime retten könne. Daher blieb nichts anderes übrig, als über einen anderen Weg zur Sicherheit der Muslime auf dem Subkontinent nachzudenken. Die Alternative, die ich sah und klar darlegte, bestand darin, zunächst unter den Muslimen das Bewusstsein ihrer nationalen Eigenständigkeit vollständig zu erwecken, damit sie ihre eigene Identität erkennen konnten. Sie sollten erkennen, was die Grundprinzipien ihres Lebens sind, wie sie sich von anderen Völkern unterscheiden und nicht bloß eine eigenständige Nation, sondern vielmehr eine Millat sind, und wie dieses Bewusstsein ihrer nationalen Eigenständigkeit wachgehalten werden kann. Zu jener Zeit hatte die Pakistan-Bewegung noch nicht begonnen. Die erste Aufgabe bestand damals, wie ich sagte, darin, die Muslime aus jenem Netz der Einheitsnationalität zu befreien, das man um sie herum auswarf. – [Maulana verfasste zum Nachweis der eigenständigen Nationalität der Muslime ein Werk mit dem Titel „Mas’ala-ye Qaumiyyat“; dadurch setzte sich unter den Muslimen die Vorstellung einer getrennten Nationalität fest.]
Maulana fuhr fort: Als sich unter den Muslimen die Vorstellung einer getrennten Nationalität festigte, wuchs auch ihr Bewusstsein für die Notwendigkeit, einen eigenen Staat zu errichten. Auf diese Weise nahm die Pakistan-Bewegung eine regelrechte und klare Gestalt an. Unter diesen Umständen traten zwei wichtige Fragen auf. Die eine war, dass die Gebiete, in denen die Muslime die Mehrheit bildeten, weit voneinander entfernt lagen. Was sie miteinander verband, war nichts anderes als der Islam, und es konnte auch nichts anderes sein. Die zweite Frage war, dass die Muslime in großen Teilen Indiens eine Minderheit bildeten. Wenn eine demokratische Regierung errichtet würde, müssten die Muslime dort zwangsläufig die Knechtschaft der Mehrheit hinnehmen. Wie sollte unter diesen Umständen ihre Sicherheit gewährleistet werden? Auf diese Frage gab es keine klare Antwort. Doch daraus wurde eine Wahrheit deutlich: Die Ideen, die die indischen Muslime letztlich zum Kampf für die Gründung Pakistans anspornten und sie vereinten, waren keine politischen oder wirtschaftlichen Gefühle, sondern vielmehr eine vollkommen religiöse Leidenschaft und Hingabe. Andernfalls hätten die Muslime in den Gebieten Madras, Bombay, CP, UP und anderen keinen Grund gehabt, für die Erlangung Pakistans zu kämpfen. Sie konnten niemals hoffen, dass ihre Gebiete Pakistan eingegliedert würden. Tatsächlich war es so, dass die Pakistan-Bewegung in den Gebieten, aus denen später Pakistan gegründet wurde, nicht annähernd so stark war wie in den Gebieten mit muslimischer Minderheitsbevölkerung. Was konnte der Grund dafür anderes sein als die Tatsache, dass allein das islamische Gefühl die treibende Kraft dieser Bewegung war? Die Muslime waren sich vollkommen bewusst, dass durch ihr Opfer, wie auch immer ihr eigenes Schicksal aussehen mochte, zumindest ein Staat im Namen des Islam entstehen würde, in dem die Botschaft des Islam hochgehalten und die islamische Gesellschaftsordnung in die Tat umgesetzt würde. Diese Leidenschaft und Hingabe fand in dem Slogan ihren Ausdruck: „Was ist die Grundlage Pakistans? – La ilaha illallah.“ Es war ein solcher Slogan, dass die Muslime, nachdem sie ihn gehört hatten, sich wie Motten ins Feuer der Pakistan-Bewegung stürzten. Danach unterstützte eine so gewaltige Zahl von Menschen die Pakistan-Bewegung, dass höchstens ein oder zwei Prozent der Muslime anderer Meinung waren. Für mich hatte die Pakistan-Bewegung nur zwei Grundlagen. Die eine war, dass wir kein Teil irgendeines anderen Volkes der Welt sind, sondern ein eigenständiges Volk. Wir können auch durch die Verbindung mit einem anderen Volk keine gemischte Nationalität bilden. Zweitens beruht unsere Nationalität auf unserer Religion. Außer ihr gibt es keine andere Grundlage unserer Nationalität. Für mich ist dies die einzige Bedeutung der Idee Pakistans.
– (Ein historisches Interview. Radio Pakistan nahm dieses Gespräch auf Tonband auf; vier Jahre später, 1980, wurde es niedergeschrieben und veröffentlicht.)
Nun ist sonnenklar, dass die Pakistan-Bewegung nicht aus bloß politischen oder wirtschaftlichen Gründen oder unter dem Einfluss vorübergehender Gefühle ins Leben gerufen wurde. Gefühle spielten in der Bewegung selbstverständlich eine Rolle. Doch die Quelle dieser Gefühle waren der Iman und der Aqida-Glaube der Muslime, deren Ursprung bis zum Beginn der Erschaffung der Menschheit zurückreicht.
Fast ein halbes Jahrhundert nach der Gründung Pakistans wird lautstark verkündet, die Zwei-Nationen-Theorie habe sich als falsch erwiesen. Die Propagandisten sind so phantasiebesessen, dass sie, in der Annahme, die Zwei-Nationen-Theorie sei widerlegt, eine Bewegung betreiben, um den Subkontinent in seinen geografischen Zustand vor 1947 zurückzuversetzen.
Während in Indien und Kaschmir einerseits das Massaker an Muslimen in vollem Umfang weitergeht und Moscheen zerstört werden, um an ihrer Stelle Tempel zu errichten, wird andererseits eine falsche und betrügerische Propaganda für die Einheitsnationalität betrieben. Doch wie diese Propaganda ihnen schon in der Vergangenheit nichts genützt hat, wird sie ihnen auch in Zukunft nichts nützen.
In der Geschichte der Muslime Bengalens hat sich erwiesen, dass die Hindus sich an der mehrere Jahrhunderte währenden Herrschaft der Muslime auf dem Subkontinent rächen wollten, indem sie diese zu ihren Sklaven machten oder sie auslöschten. Zu diesem Zweck wurde die Geschichte verfälscht: Es wurde behauptet, die Hindus seien während der muslimischen Herrschaft verfolgt, gewaltsam zum Islam bekehrt und ihre Frauen hemmungslos missbraucht worden und dergleichen mehr. Hinduistische Schriftsteller schürten durch ihre Literatur den Hass auf Muslime und hetzten die Hindus gegen sie auf. In dieser Angelegenheit leisteten sich die Hindu-Nation und die britische Regierung gegenseitig umfassende Hilfe und Unterstützung. Ohne die aktive Hilfe und Unterstützung der Hindus hätte sich der britische Thron in diesem Land ebenso wenig festigen können, wie die Hindus ohne den Segen der Briten in der Lage gewesen wären, sich gegenüber den Muslimen unmenschlich und teuflisch zu verhalten. Schließlich wurde der Prozess der Machtübergabe in Indien unter Ausschluss der Muslime überstürzt gestaltet, Punjab und Bengalen wurden geteilt und Pakistan dadurch verkleinert und eingeengt; außerdem wurde bei der Festlegung der Grenzen den Muslimen äußerstes Unrecht getan. Auf diese Weise rächte sich die britische Regierung an den Muslimen für ihren seit Langem angestauten Hass, indem sie die Hindus zufriedenstellte. Darüber hinaus wurde der Distrikt Gurdaspur, der Pakistan rechtmäßig zustand, plötzlich zwei Tage später Indien zugeschlagen; dadurch wurde im Kaschmir-Konflikt der Keim zu einer dauerhaften Auseinandersetzung zwischen Pakistan und Indien gelegt. Auch bei der Festlegung der Grenzen des geteilten Bengalens wurde in ähnlicher Weise Unrecht begangen.
Hier endet diese Geschichte. Wir glauben, dass es in der Gesellschaft keinen Mangel an Menschen gibt, die fähig sind, diese Geschichte aus dem Blickwinkel und vor dem Hintergrund, aus dem sie geschrieben wurde, noch besser darzustellen. Mit der Hoffnung, dass nachdenkliche Menschen sich dafür einsetzen werden, der neuen Generation eine richtige Kenntnis ihrer vergangenen Geschichte zu vermitteln und der muslimischen nationalen Identität neue Lebenskraft einzuhauchen, beende ich meine Niederschrift.
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— Ende —