Die geistige Versklavung der Muslime und ihre Ursachen
Staatsführung, Königtum sowie Sieg und Herrschaft sind zweierlei Art: Die erste ist geistige und moralische Herrschaft, die zweite politische und materielle Herrschaft. Die Herrschaft der ersten Art besteht darin, dass andere Völker ganz selbstverständlich an die Gedankenwelt eines Volkes glauben, wenn dieses sich in Denken, Forschung, Entdeckungen und geistiger Kraft außerordentlich weit entwickelt hat. Seine Vorstellungen, sein religiöser Glaube und seine Weltanschauung nehmen ihren Geist und Verstand gefangen; ihre geistige Haltung bildet sich nach seinem Muster. Seine Zivilisation wird zu ihrer eigenen Zivilisation. Seine Wissenschaft und sein Wissen übernehmen sie als ihr eigenes Wissen und ihre eigene Wissenschaft. Ja, selbst sein Gut und Böse sowie sein Wahr und Falsch gelten ihnen als Maßstab für Gut und Böse sowie Wahr und Falsch. Die Herrschaft der zweiten Art besteht darin, dass andere Völker, wenn ein Volk hinsichtlich des materiellen Wohlstands außerordentlich mächtig wird, nicht mehr in der Lage sind, ihm gegenüber ihre politische und wirtschaftliche Unabhängigkeit zu bewahren. Unter solchen Umständen setzt es sich insgesamt oder teilweise über die wirtschaftlichen und politischen Systeme anderer Völker hinweg.
Demgegenüber ist auch die Versklavung oder Abhängigkeit zweierlei Art: Die erste ist geistig, die zweite politisch. Die beiden oben im Zusammenhang mit der Herrschaft definierten Arten sind bei der Versklavung genau ins Gegenteil verkehrt.
In gewisser Hinsicht sind diese beiden Arten der Herrschaft völlig voneinander getrennt. Wenn sich irgendwo geistige Vorherrschaft ausbreitet, muss sich nicht zwangsläufig auch politische Herrschaft etablieren. Ebenso gibt es keine feste Regel, dass mit der Errichtung politischer Herrschaft auch geistige Vorherrschaft fest verankert wird. Das Gesetz der Natur besteht jedoch darin, dass ein Volk, wenn es auf dem Weg des Denkens, der geistigen Betätigung, des Wissenserwerbs und der Informationssuche voranschreitet, zusammen mit seinem geistigen Fortschritt auch materiellen Fortschritt erlangt. Wenn dagegen ein Volk im Wettbewerb des Denkens sowie der Wissens- und Forschungsarbeit zurückfällt, beginnt mit seinem geistigen Niedergang auch sein materieller Verfall. Da ferner Herrschaft und Macht Folgen der Stärke, Unterwerfung und Abhängigkeit hingegen Folgen der Schwäche sind, werden geistig und materiell schwache und kraftlose Völker in dem Maße Opfer von Versklavung und Abhängigkeit, wie sie auf dem Weg ihrer Schwäche und Kraftlosigkeit voranschreiten; und Völker, die in beiden Bereichen stark sind, bemächtigen sich ihrer Gedanken, ihres Verstandes und ihres leiblichen Wesens.
Heute sind die Muslime Opfer beider Arten der Versklavung. Während die eine oder andere Form mancherorts vollständig besteht, ist andernorts die politische Versklavung zwar etwas geringer, die geistige dafür umso stärker. Unglücklicherweise ist heute kein muslimisches Gebiet in Wahrheit politisch und geistig völlig unabhängig. Selbst dort, wo sie politische Unabhängigkeit und das Recht auf Selbstbestimmung genießen, sind sie keineswegs von moralischer und geistiger Versklavung befreit. Ihre Bildungseinrichtungen, Büros und Gerichte, Märkte, Versammlungen und Vereinigungen, ihre Häuser und sogar ihre eigenen Körper bezeugen, dass die westliche Zivilisation und Kultur, Denkweise sowie Wissenschaft und Bildung sie vollständig beherrschen. Sie denken mit dem Verstand des Westens, sehen mit den Augen des Westens und folgen dem vom Westen gewiesenen Weg. Ob sie sich dessen bewusst sind oder nicht, in ihrem Verstand hat sich die Vorstellung festgesetzt, dass das, was der Westen für wahr hält, wahr ist, und das, was er für falsch erklärt, falsch ist. Ihrer Ansicht nach ist der vom Westen festgelegte Maßstab in Fragen wie Wahrheit, Richtigkeit, Zivilisation, Moral, Anstand und Sittsamkeit der einzig unfehlbare Maßstab. Ja, sie prüfen sogar ihre eigene Religion und ihren Glauben, ihre Denkweise und Vorstellungen, ihre Zivilisation und Sittsamkeit, ihren Charakter und ihre Bräuche an diesem Maßstab. Was diesen Maßstab vollständig besteht, halten sie allein für richtig; darüber werden sie völlig beruhigt, und sie sind stolz darauf, dass diese Sache den westlichen Maßstab bestanden hat. Was diesem Maßstab hingegen nicht standhält, halten sie bewusst oder unbewusst für falsch. Manche verwerfen es offen, andere empfinden innerlich Abneigung dagegen und versuchen, es irgendwie gewaltsam dem westlichen Maßstab anzupassen. [Der Verfasser machte diese Bemerkung vor 41 Jahren. In dieser langen Zeit hat sich die politische Versklavung der muslimischen Welt zwar etwas gelockert, ihre geistige Versklavung hat jedoch nicht im Geringsten abgenommen. – Der Herausgeber] Wenn dies schon die Lage unserer unabhängigen Völker ist, welchen Nutzen hätte es dann noch, die geistige Versklavung der den westlichen Völkern unterstehenden Muslime zu erörtern?
Nun stellt sich die Frage: Was ist die Ursache dieser Versklavung? Eine ausführliche Erklärung würde die Abfassung eines eigenen Buches erfordern. Kurz gesagt lässt sie sich jedoch wie folgt zusammenfassen:
Die Grundlage geistiger und intellektueller Vorherrschaft wird auf Denken, Forschung und dem Streben nach Wissen errichtet. Die Nation, die auf diesem Weg vorangeht, nimmt den Sitz der Führung und Herrschaft über die Welt ein; ihre Denkweise überwältigt die gesamte Welt. Eine Nation hingegen, die in diesem Bereich zurückbleibt, muss naturgemäß anderen folgen und sich ihnen anschließen. Ihre Denkweise und Ideologie besitzen dann keinerlei Kraft mehr, um die Gedanken der Menschen zu beherrschen. Die machtvolle Gedanken- und Glaubenswelt einer wissensstrebenden und wahrheitssuchenden Nation reißt sie wie eine Flut mit sich. In ihr bleibt nicht einmal die Kraft und Fähigkeit bestehen, auf dem eigenen Platz standzuhalten. Solange die Muslime auf dem Weg der Wahrheitsliebe und des Wissenserwerbs voranschritten, folgten ihnen alle Völker der Welt und schlossen sich ihnen an. Das islamische Denken hatte die Denkweise und Weltanschauung der gesamten Menschheit überwältigt. Die von Islam festgelegten Maßstäbe für Gut und Böse, Tugend und Laster, Irrtum und Wahrheit wurden – bewusst oder unbewusst – von der ganzen Welt als die einzig gültigen Maßstäbe anerkannt. Und die Menschen überall auf der Welt formten, ob freiwillig oder widerwillig, ihre Denkweise und ihr Handeln nach diesen Maßstäben. Doch als unter den Muslimen keine Vordenker und Forscher mehr hervortraten, als sie das Nachdenken und die Wahrheitsliebe aufgaben und auf dem Gebiet des Wissenserwerbs sowie des Denkens und Forschens ermüdeten, zogen sie sich gleichsam selbst von der Führung der Welt zurück. Die westlichen Völker dagegen schritten auf all diesen Gebieten rasch voran. Sie nutzten die Kraft des Denkens und Forschens; sie widmeten sich der Erforschung der Geheimnisse der Natur; sie suchten nach den Quellen der in der Natur verborgenen Kräfte. Die unvermeidliche Folge war, was geschehen musste. Die westlichen Völker ergriffen den Sitz der Führung und Herrschaft über die Welt. So wie die Menschen einst die Herrschaft der Muslime anerkannt und sich ihr unterworfen hatten, mussten sie nun auch die Herrschaft der westlichen Völker anerkennen. Vier- oder fünfhundert Jahre lang schliefen die Muslime sorglos auf dem Ruhebett, das ihre Vorfahren bereitet hatten, während die westlichen Völker mit ihrer eigenen Entwicklung beschäftigt waren. Dann erhoben sich die westlichen Mächte plötzlich und breiteten sich innerhalb nur eines Jahrhunderts über die ganze Erde aus. Als die Muslime verschlafen die Augen öffneten und um sich blickten, sahen sie, dass das christliche Europa sowohl mit der Feder als auch mit dem Schwert ausgerüstet war; und mit Hilfe dieser beiden Kräfte herrschte es über die ganze Welt. Eine kleine Gruppe versuchte, sich dagegen zu verteidigen; doch sie besaß weder die Kraft der Feder noch die Schärfe des Schwertes. So musste sie immer wieder nur Niederlagen hinnehmen. Der übrige Teil der Nation, also die Mehrheit, schlug den Weg ein, den Schwache und Feiglinge seit jeher einschlagen. Die aus dem Westen kommenden Vorstellungen, Ideologien und Bräuche, die mit der Schärfe des Schwertes, der Kraft der Argumente, der Unterstützung wissenschaftlicher Beweise und einer blendenden äußeren Schönheit auftraten, erhob das bequeme Denken und die besiegte Gesinnung kurzerhand in den Rang eines Glaubens. Die alten religiösen Überzeugungen, sittlichen Werte und gesellschaftlichen Gesetze, die lediglich auf überlieferten Gewohnheiten beruhten, wurden von der Strömung dieser neuen und mächtigen Flut wie Spreu dahingetragen. Auf diesem Weg der Bewusstlosigkeit setzte sich in den Köpfen der Menschen die Vorstellung fest, dass alles, was aus dem Westen kommt, wahr sei und zugleich der einzige Maßstab für Zivilisation und Reinheit.
Bei manchen der Völker, die mit der westlichen Zivilisation in Konflikt gerieten, hatte sich überhaupt keine dauerhafte und eigenständige Zivilisation erhalten. Manche besaßen zwar eine eigenständige Zivilisation, doch war diese nicht stark genug, um ihre Eigenständigkeit gegenüber einer anderen Zivilisation zu bewahren. Bei den Zivilisationen mancher anderer wiederum bestanden zwischen ihnen und dieser neu aufkommenden Zivilisation überhaupt keine grundlegenden Unterschiede. Daher nahmen all diese Völker sehr leicht die Färbung der westlichen Zivilisation an, und es kam zu keinerlei ernsthaftem Konflikt. Die Angelegenheit der Muslime jedoch war völlig anders gelagert. Sie besaßen eine dauerhafte, eigenständige und vollumfängliche Zivilisation. Ihre Zivilisation verfügte über ein eigenes, vollständiges System von Regeln, Grundsätzen und Vorschriften, das sich sowohl im Denken als auch im Handeln über sämtliche Lebensbereiche erstreckte. Die Grundsätze und Fundamente der westlichen Zivilisation standen dieser Zivilisation völlig entgegen. Deshalb begannen sich zwischen diesen beiden Zivilisationen auf Schritt und Tritt Konflikte und Auseinandersetzungen zu entwickeln. Infolge dieses Konflikts entstanden in jedem Bereich des Denkens, des Glaubens und des praktischen Lebens der Muslime zerstörerische Auswirkungen.
Die Philosophie und Wissenschaft, in deren Schoß die westliche Zivilisation herangewachsen ist, hat sich fünf oder sechs Jahrhunderte lang ausschließlich auf den Wegen des Atheismus, der Religionsfeindlichkeit und des Materialismus bewegt. Von dem Tag an, an dem diese Zivilisation geboren wurde, begann ihr Konflikt mit der Religion; vielmehr kann man sagen, dass gerade der Konflikt von Vernunft und Verstand mit der Religion diese Zivilisation hervorgebracht hat. Zwar ist weder die Beobachtung der Zeichen der Natur, noch die Aufdeckung ihrer vielfältigen Geheimnisse, noch die Erforschung der in ihr wirkenden Gesetzmäßigkeiten, noch das Nachdenken und Forschen über ihre äußeren Erscheinungen, noch die Ermittlung von Ergebnissen durch Schlussfolgerungen und Belege, die sich aus deren Zusammenschau ergeben, an sich religionsfeindlich. Doch als in der Renaissance in Europa infolge der Umstände die neue wissenschaftliche Bewegung ihren Anfang nahm, kam es zu einem heftigen Gegensatz und Konflikt mit den christlichen Priestern. Denn diese Priestergemeinschaft hatte die Grundlage ihres religiösen Glaubens auf der antiken griechischen Philosophie und Wissenschaft errichtet. Sie hegten die Befürchtung, dass schon der geringste Riss in diesem Fundament infolge moderner wissenschaftlicher Forschung und intellektueller Wissbegierde das gesamte Gebäude der Religion zu Staub zerfallen lassen würde. Von dieser irrigen Vorstellung beherrscht, setzten sie sich der neuen wissenschaftlichen Bewegung entgegen und wandten sogar Gewalt an, um sie aufzuhalten. Sie errichteten religiöse Gerichte und ließen durch diese den Vorkämpfern und Bannerträgern der Bewegung harte, erbarmungslose und furchtbare Strafen auferlegen. Doch diese Bewegung war das Ergebnis eines unaufhaltsamen geistigen Bewusstseins; daher wurde sie durch Unterdrückung und Verfolgung nicht gelähmt, sondern gewann noch mehr an Stärke.
Schließlich beseitigte die Flut des freien Denkens sogar die religiöse Autorität vollständig.
Zu Beginn war dieser Kampf auf die Vorkämpfer des freien Denkens und die Geistlichen beschränkt. Da die Geistlichen jedoch im Namen der Religion gegen die Vertreter des freien Denkens kämpften, verwandelte sich dieser Kampf sehr bald in einen Konflikt zwischen dem Christentum und den Anhängern des freien Denkens. Danach wurde die Religion als solche – ganz gleich, um welche Religion es sich handelte – zum Gegner dieser Bewegung erklärt. Das Denken nach wissenschaftlicher Methode wurde als völlig entgegengesetzt zur religiösen Denkweise verkündet. Demjenigen, der über die Dinge der Welt nach wissenschaftlicher Methode nachdenken wollte, wurde auferlegt, die religiösen Lehren abzulehnen und seinen eigenen Weg zu gehen. Die Grundlage der religiösen Lehre über die Welt besteht darin, eine über dieser Welt stehende Macht als Ursache sämtlicher Zeichen und Erscheinungen der natürlichen Welt zu erklären. Da dies die Lehre der Gegner der modernen wissenschaftlichen Bewegung war, hielten es die Anführer dieser neuen Bewegung für unumgänglich, die Geheimnisse der Welt ohne die Vorstellung von Gott oder irgendeinem übernatürlichen Wesen zu ergründen und jede Methode, die bei der Betrachtung der natürlichen Dinge die Vorstellung von Gottes Existenz berücksichtigte, als unwissenschaftlich zu bezeichnen. Auf diese Weise entstand unter den Wissenschaftlern und Philosophen der Neuzeit ein heftiger Hass gegen Gott, die Seele sowie gegen Spiritualismus und Übernatürlichkeit. Doch dies war keineswegs die natürliche Folge von Vernunft und Rationalismus, sondern lediglich das Ergebnis eines Übermaßes an Gefühlsregungen. Sie waren nicht deshalb Gott feindlich gesinnt, weil seine Nichtexistenz oder Abwesenheit durch Beweise und Zeugnisse festgestellt worden wäre; vielmehr waren sie ihm deshalb abgeneigt, weil er der Herr (Maʿbūd) sowohl von ihnen als auch von ihren Gegnern im freien Denken war. In den folgenden fünf Jahrhunderten war diese irrationale Gefühlsregung die treibende Kraft hinter dem, was ihre Logik, ihre Vernunft und ihr Denken sowie ihre wissenschaftliche Bewegung leisteten.
Als die westliche Philosophie und Wissenschaft ihren eigentlichen Weg einschlug, war ihr Ziel unmittelbar der Gottesverehrung entgegengesetzt. Da sie jedoch zunächst von einem religiösen Umfeld umgeben war, führte sie den Naturalismus anfangs gemeinsam mit der Gottesverehrung weiter. Doch je weiter sie auf ihr Ziel zuging, desto stärker setzte sich der Naturalismus gegenüber der Gottesverehrung durch. Schließlich verschwanden aus den Gedanken der Philosophen und Wissenschaftler sowohl die Vorstellung von Gottes Existenz als auch jede Vorstellung von übernatürlichen Dingen, die mit Ihm verbunden waren, restlos. Sie gelangten an einen solchen äußersten Punkt, dass für sie außer Materie und Bewegung nichts anderes mehr existierte. Sie erklärten die Wissenschaft zur Anhängerin des Naturalismus. Die gesamte Gemeinschaft der Wissenschaftler und Philosophen glaubte an den Grundsatz, dass nichts existiere, was nicht gemessen oder gewogen werden könne.
Die Geschichte der westlichen Philosophie und Wissenschaft legt davon Zeugnis ab. Descartes (gestorben 1650), der als Vater der westlichen Philosophie bekannt ist, glaubte einerseits zutiefst an die Existenz Gottes, erkannte andererseits aber auch die eigenständige Existenz der Seele neben der Materie an. Zugleich war er es, der die Methode der mechanischen Analyse der Erscheinungen der Welt einleitete. Mehr noch: Gerade die von ihm eingeführte Denkweise entwickelte sich später zum reinen Materialismus. Hobbes (gestorben 1679) ging noch einen Schritt weiter und trat offen gegen das Übernatürliche auf. Er erklärte die Welt und jeden einzelnen ihrer Gegenstände für einer mechanischen Analyse zugänglich und leugnete die Möglichkeit jeder geistigen oder unkörperlichen Kraft, die auf diese materielle Welt einwirken könnte; zugleich glaubte er jedoch an die Existenz Gottes. Denn vom Standpunkt des Intellekts aus war es notwendig, eine solche ursächliche Kraft anzuerkennen. Zu dieser Zeit trat Spinoza (gestorben 1677), der bedeutendste Vorkämpfer des Rationalismus im siebzehnten Jahrhundert, auf. Er ließ keinen Unterschied zwischen Materie, Seele und Gott bestehen. Er verschmolz Gott und die Welt zu einer untrennbaren Einheit und leugnete Gottes höchste Macht. Ihre Nachfolger Leibniz (gestorben 1716) und Locke (gestorben 1704) glaubten an die Existenz Gottes. Doch bei beiden neigte die geistige Haltung zum Naturalismus.
So zeigt sich, dass im philosophischen Denken des siebzehnten Jahrhunderts Gottesverehrung und Naturalismus nebeneinander bestanden. Ebenso war die Wissenschaft bis zum siebzehnten Jahrhundert noch nicht vollständig zum Materialismus geworden. Keiner der führenden Wissenschaftler – Kopernikus, Kepler, Galileo, Newton und die anderen – war ungläubig gegenüber der Existenz Gottes. Doch bei der Aufdeckung der Geheimnisse der Welt wollten sie die göttliche Lehre beiseitelassen und die Kräfte sowie die Gesetzmäßigkeiten erforschen, die dieses System lenken. Gerade dieses Beiseitelassen der göttlichen Lehre war in Wirklichkeit dem Samen des Atheismus und des Naturalismus gleich. Dieser Same entwickelte sich später zum Baum des freien Denkens. Die Wissenschaftler des siebzehnten Jahrhunderts waren sich dessen jedoch überhaupt nicht bewusst. Sie konnten keine Trennlinie zwischen Naturalismus und Gottesverehrung ziehen; vielmehr waren sie der Ansicht, dass diese beiden Lehren nebeneinander bestehen könnten.
Im achtzehnten Jahrhundert wurde jedoch deutlich, dass eine Denkweise, die unter Missachtung des Wesens Gottes die Geheimnisse der Welt und ihre Gesetzmäßigkeiten erforschen wollte, zwangsläufig beim Materialismus, bei der Religionslosigkeit und beim Szientismus enden musste. In diesem Jahrhundert traten John Toland, David Hartley, Joseph Priestley, Voltaire, La Mettrie, Holbach, Cabanis, Denis Diderot, Montesquieu, Rousseau und einige weitere freidenkende Philosophen und Wissenschaftler auf. Entweder leugneten sie offen die Existenz Gottes, oder sie maßen Ihm selbst dann, wenn sie Ihn anerkannten, hinsichtlich Seiner Würde nicht mehr Bedeutung bei als einem konstitutionellen Monarchen. Das heißt, der von ihnen anerkannte Gott setzte die Welt einmal in Bewegung und zog sich dann von ihr zurück. Nun hatte Er bei der Lenkung dieses Systems keine Rolle mehr. Die Philosophen und Wissenschaftler dieser Richtung erkannten außer der Welt, der materiellen Welt und der Bewegung keinerlei Existenz an. Ihrer Ansicht nach war nur das wahr, was der Beobachtung und der Erfahrung zugänglich war. Hume unterstützte diese Denkweise nachdrücklich mithilfe seines Empirismus und Skeptizismus. Selbst für die Gültigkeit rational begründeter Dinge erklärte er die Erfahrung zum letztgültigen Maßstab. Berkeley bemühte sich zwar mit aller Kraft, den Strom dieser anwachsenden Flut des Materialismus aufzuhalten. Doch letztlich gelang auch ihm dies nicht. Danach versuchte Hegel, an die Stelle des Materialismus den Idealismus zu setzen. Aber niemand nahm gegenüber der massiven Materie das abstrakte Ideal an. Kant entwickelte einen Mittelweg. Er sagte: „Die Existenz Gottes, die Fortdauer der Seele, die Freiheit des Willens und dergleichen sind Dinge, die wir nicht verstehen; daher ist es nicht möglich, sich nach ihnen zu richten. Man kann jedoch an sie glauben. Denn unser praktisches Urteilsvermögen fordert gerade den Glauben an sie.“ Dies war der letzte Versuch, einen Ausgleich zwischen Gottesverehrung und Naturalismus zu schaffen. Doch auch dieser Versuch endete im Scheitern. Denn nachdem die Irrtümer von Vernunft und Denken Gottes Existenz zu einer bloßen Einbildung oder höchstens zu einem passiven und machtlosen Wesen erklärt hatten, war es völlig unvernünftig, Ihn allein zum Schutz der Moral anzuerkennen, zu fürchten und Sein Wohlgefallen zu suchen.
Im neunzehnten Jahrhundert erreichte der Materialismus den Höhepunkt seiner Entwicklung. Vogt, Rüchner, Jolbe, Comte, Moleschott und andere Wissenschaftler und Philosophen verwarfen die Existenz aller Dinge außer der Materie und ihren Eigenschaften. Mill führte den Empirismus in die Philosophie und den Utilitarismus in die Ethik ein. Danach verbreitete Spencer mit großer Entschiedenheit die Vorstellungen von der philosophischen Evolution, der natürlichen Entstehung des Universums und der spontanen Entfaltung des Lebens. Darüber hinaus prägten die Entdeckungen in Biologie, Physiologie, Geologie und Zoologie, der höchste Aufschwung der innovativen und angewandten Wissenschaften sowie der Überfluss an materiellen Gütern den Menschen tief die Vorstellung ein, dass das Universum von selbst entstanden sei; dass es niemand erschaffen habe; dass es sich von selbst nach festgelegten Gesetzen bewege und keinen bestimmten Lenker habe; dass es aus eigener Kraft die Stufen der Evolution und Vervollkommnung durchlaufe und keine übernatürliche Wesenheit Einfluss auf diese selbsttätige Maschine habe. Leben werde der leblosen Materie nicht auf Anweisung irgendjemandes eingehaucht; vielmehr entstehe Leben, sobald sich die Materie nach ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten weiterentwickle. Evolution, Willenskraft, Empfindung, Bewusstsein, geistige Fähigkeiten und Ähnliches seien qualitative Besonderheiten dieser entwickelten Materie. Mensch und Tier seien allesamt bloße Maschinen, die nach den Naturgesetzen angetrieben würden. Sie verrichteten genau jene Tätigkeiten, die der Anordnung ihrer Mechanismen entsprächen. In ihnen gebe es keinerlei Ikhtiyar oder „freien Willen“. Wenn ihre Gesetzmäßigkeit und Ordnung gestört würden und ihre Lebenskraft erlösche, trete der Tod ein. Dieser Tod sei lediglich eine andere Bezeichnung für das natürliche Vergehen. Mit anderen Worten: Wenn die Maschine zerbrochen und abgenutzt sei, seien auch ihre Eigenschaften und Besonderheiten verschwunden. Nun gebe es keinerlei Möglichkeit mehr für ihre Auferstehung oder Wiederbelebung.
Darwins Evolutionstheorie spielte die wichtigste Rolle dabei, diesen Naturalismus und Materialismus zu stabilisieren und als eine maßgebliche und geschlossene Lehre zu etablieren. Sein Werk mit dem Titel „Der Ursprung der Arten“ (Origin of Species) wurde im Jahre 1589 christlicher Zeitrechnung erstmals veröffentlicht. Es gilt als ein Werk, das in der Welt der Wissenschaft gewaltiges Aufsehen erregte. Die in diesem Buch enthaltene Argumentationsführung war für die Wissenschaftler des neunzehnten Jahrhunderts die beste Methode des Beweisens. Aus dieser Argumentationsführung wurde die Lehre noch nachdrücklicher gestützt, dass sämtliche Vorgänge des Universums auch ohne die Existenz Allahs ablaufen könnten. Für die Zeichen und Erscheinungen der Natur bedürfe es außer ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten keiner weiteren Ursache. Die Entwicklung und Evolution aller Dinge von den niedrigsten Stufen des Lebens bis zu den höheren Ebenen sei lediglich das Ergebnis der aufeinanderfolgenden Wirkungen einer vernunft- und urteillosen Natur. Menschen und andere Lebewesen seien nicht von einem weisen und klugen Wesen erschaffen worden; vielmehr offenbare sich jene lebende Maschine, die einst als Wurm umhergekrochen sei, am Ende durch den Kampf ums Dasein, das Überleben des Tüchtigsten und die natürliche Selektion als ein mit Willen, Empfindung und Bewusstsein ausgestatteter Mensch.
Aus dieser Philosophie gingen die westliche Kultur und Zivilisation hervor. In ihr gibt es weder Raum für die Furcht vor einem weisen und mächtigen Allah noch irgendeine Bedeutung für Prophetentum, Offenbarung (Wahy) und Ilham. In ihr gibt es keinerlei Platz für die Vorstellung eines anderen Lebens nach dem Tod, für den Gedanken der Rechenschaft über die Taten dieses Lebens, für die Frage der persönlichen Verantwortung des Menschen oder für die Möglichkeit eines höheren Zieles und Zweckes jenseits des biologischen Zweckes des Lebens und dergleichen. Dies ist eine rein materialistische Zivilisation. Ihr gesamtes Erscheinungsbild ist frei von den Vorstellungen von Gottesfurcht, Aufrichtigkeit, Wahrhaftigkeit, Wahrheitsliebe, gutem Charakter, Verantwortungsbewusstsein, Treue, Rechtschaffenheit, Schamhaftigkeit, Gottesbewusstsein und Reinheit. Dagegen ist die islamische Zivilisation gerade auf all diesen Vorstellungen gegründet. Kurz gesagt: Die gesamte westliche Ideologie steht der islamischen Ideologie völlig entgegen. Ihr Weg ist dem vom Islam beschrittenen Weg genau entgegengesetzt. Diese Zivilisation will die Dinge ausrotten, auf denen der Islam menschliches Verhalten und Kultur gründet. Umgekehrt kann das Gebäude des Islam auch nicht einen Augenblick auf den Grundlagen bestehen, auf denen diese Zivilisation den Charakter des Einzelnen und die Gesellschaftsordnung errichten will. Mit einem Wort: Islam und westliche Zivilisation gleichen zwei jungen Frauen, die auf entgegengesetzte Ziele zustreben. Wer eine von ihnen besteigt, muss die andere verlassen. Und wer beide zugleich besteigt, wird in zwei Teile gespalten.
Bedauerlicherweise geriet genau in dem Jahrhundert, in dem diese neue Zivilisation den äußersten Punkt ihres Materialismus, ihrer Religionsfeindlichkeit und ihres Atheismus erreichte, die gesamte muslimische Welt von Marokko bis in den Fernen Osten in den Griff des Kraken der politischen Macht und staatlichen Vorherrschaft der westlichen Völker. So wurden die Muslime zugleich den Angriffen des westlichen Schwertes und der westlichen Feder ausgesetzt. Für diejenigen, deren Herzen und Verstand durch die politische Vorherrschaft der westlichen Mächte unterworfen und eingeschüchtert worden waren, wurde es schwierig, sich dem Glanz der westlichen Philosophie, Wissenschaft und der von ihr hervorgebrachten Kultur und Zivilisation zu entziehen. Besonders prekär war die Lage in jenen muslimischen Ländern, die unmittelbar unter die Herrschaft eines westlichen Imperiums geraten waren. Um ihre weltlichen Eigeninteressen zu schützen, mussten sie sich gezwungenermaßen westliches Wissen aneignen. Da dieser Wissenserwerb jedoch kein bloßer Erwerb von Wissen war, sondern vielmehr bedeutete, „mit einer besiegten Mentalität vor den westlichen Lehrmeistern kniend zu sitzen“, wurde die neue Generation der Muslime tief vom westlichen Denken und den wissenschaftlichen Lehren beeinflusst; ihre Sichtweise und Mentalität begannen nach westlichem Muster geformt zu werden, und ihre Herzen und Gemüter unterwarfen sich der westlichen Zivilisation. In ihnen entstand nicht einmal das Urteilsvermögen und die Wissbegier, durch die man zwischen Gut und Böse unterscheiden und das wirklich Gute annehmen könnte! In ihnen konnte sich überhaupt nicht die Fähigkeit entwickeln, selbstständig zu denken und mithilfe des eigenen Urteils und Verstandes Entscheidungen zu treffen. Daher sehen wir heute, dass das gesamte Fundament der islamischen Zivilisation und Kultur ins Wanken geraten ist. Die geistige Struktur, die zum Denken nach islamischer Methode befähigt, ist zusammengebrochen. Tatsächlich ist die geistige Verfassung jener Menschen, die nach westlicher Art denken und Vertrauen in die Grundsätze der westlichen Zivilisation setzen, von eigentümlicher Beschaffenheit. Mit einer solchen Mentalität können die Prinzipien des Islam keineswegs vereinbar sein. Und wenn schon die Grundprinzipien nicht miteinander vereinbar sind, ist es keineswegs verwunderlich, dass in Einzelheiten und nebensächlichen Fragen allerlei Zweifel und immer neue Unsicherheiten entstehen.
Es besteht kein Zweifel daran, dass die Mehrheit der Muslime noch immer an die Zivilisation des Islam glaubt und als Muslime leben möchte. Doch unter dem Einfluss des westlichen Denkens und der westlichen Zivilisation wenden sich ihre Herzen und ihr Verstand zunehmend vom Islam ab, und diese Abwendung nimmt von Tag zu Tag zu. Ganz abgesehen von der politischen Vorherrschaft und Herrschaft des Westens hat der Einfluss und die Autorität seines Wissens, seiner Wissenschaften und seiner intellektuellen Kräfte die Herzen und das Denken der Menschen auf der ganzen Welt erfasst. Infolgedessen hat sich die Sichtweise der Menschen verändert, und es ist für viele schwierig geworden, mit muslimischen Augen zu sehen und islamisch zu denken. Solange daher unter den Muslimen keine unabhängigen Denker hervortreten, wird dieser Zustand der Unterwerfung kein Ende nehmen. Tatsächlich ist heute eine islamische Erneuerung notwendig geworden. Der von den frühen islamischen Denkern und Forschern bewahrte Wissensschatz kann in der heutigen Zeit nicht fruchtbar gemacht werden, denn die Welt ist inzwischen weit vorangeschritten. Es ist unmöglich, die Welt heute wieder auf die Entwicklungsstufen zurückzudrängen, die sie vor sechshundert Jahren durchlaufen hat. Wer heute die Welt voranbringen kann, wird allein auf den Gebieten des Wissens und des Handelns führungsfähig sein.
Wenn der Islam daher heute wieder den Sitz der Führung der Welt einnehmen soll, besteht der einzige Weg darin, dass in der muslimischen Gesellschaft Denker und Forscher hervortreten, die durch Denken, Forschung und Untersuchung das gesamte Fundament der westlichen Zivilisation zum Einsturz bringen können. Mit der vom Koran gewiesenen Methode des Denkens und Forschens werden sie die Naturerscheinungen beobachten und ihre Geheimnisse erforschen und auf der Grundlage eines rein islamischen Denkens die Grundlagen einer neuen Philosophie schaffen. Sie werden nach den vom Koran vorgezeichneten Grundlinien das Gebäude einer neuen Naturwissenschaft errichten. Indem sie gottferne Lehren verwerfen, werden sie das Denken und Forschen auf der Grundlage der göttlichen Lehre errichten. Vor allem aber werden sie dieses Gebäude des modernen Denkens und Forschens so fest und solide errichten, dass es die ganze Welt erfasst und überall auf der Welt anstelle der materialistischen Zivilisation des Westens die auf Wahrheit und Gerechtigkeit gegründete Zivilisation des Islam erstrahlt.
Das oben Erörterte lässt sich mithilfe eines Gleichnisses folgendermaßen zusammenfassen: Die Welt ist wie ein Zug. Angetrieben wird er vom Motor des Denkens, Forschens und Untersuchens. Die Denker und Forscher sind die Fahrer dieses Motors. In die Richtung, in die sie den Zug lenken, fährt er. Diejenigen, die im Zug sitzen, müssen sich gewollt oder ungewollt in seine Bewegungsrichtung mitbewegen. Wenn ein Fahrgast nicht in seine Bewegungsrichtung fahren möchte, kann er, während der Zug fährt, nichts anderes tun, als seinen Sitz hin und her zu drehen. Doch allein dadurch, dass er den Sitz herumdreht, ändert sich seine eigene Bewegungsrichtung nicht; dazu muss er den Motor des Zuges in seine Gewalt bringen und seine Bewegung in die von ihm gewünschte Richtung lenken. Nur auf diese Weise kann die Bewegungsrichtung geändert werden.
Diejenigen, die diesen Motor gegenwärtig beherrschen, sind allesamt Allah abgewandt und zudem zutiefst unwissend in Bezug auf das islamische Denken. Deshalb rast der Zug mit seinen Fahrgästen rasch auf dem Weg der Gottlosigkeit und des Materialismus dahin. Infolgedessen entfernen sich alle Fahrgäste immer weiter vom Ziel des Islam. Wenn diese Bewegungsrichtung des Zuges geändert werden soll, muss man daher von heute an versuchen, den Motor in seine Gewalt zu bringen. Solange dies nicht geschehen ist, lässt sich die Bewegung des Zuges keineswegs ändern; trotz all unserer Einwände, unseres Unmuts und unserer Rufe wird der Zug vielmehr weiter auf dem von den Allah feindlich gesinnten Fahrern gewiesenen Weg fahren. (Tarjumān al-Qurʾān: September 1934 n. Chr.)
2
Der Niedergang der islamischen Zivilisation auf dem indischen Subkontinent
Bei einer Betrachtung der Geschichte zeigt sich, dass die meisten Länder der heutigen muslimischen Welt durch die Anstrengungen der Glaubenskämpfer des Goldenen Zeitalters erobert wurden. Diejenigen, die diese Länder eroberten, verließen ihre Häuser und Familien und setzten ihr Leben nicht aus Eroberungssucht oder aus Gier nach Reichtum aufs Spiel, sondern mit dem Ziel, Allahs Wort auf Erden zu erhöhen. Statt der Leidenschaft für weltlichen Genuss waren sie von der Sehnsucht nach dem Glück im Jenseits erfüllt. Deshalb begnügten sie sich nicht damit, die Besiegten lediglich zu ihren Untertanen und Steuerpflichtigen zu machen, sondern sorgten auch dafür, sie in der Farbe des Islam zu färben. Die gesamte Bevölkerung oder zumindest der größte Teil von ihr wurde in die Gemeinschaft des Islam aufgenommen. Darüber hinaus verwurzelten sie durch Bildung und tatkräftiges Wirken islamisches Denken und islamische Zivilisation in ihnen so fest, dass sie später selbst zu Bannerträgern der islamischen Kultur und Zivilisation sowie zu Lehrern der islamischen Gelehrsamkeit und Wissenschaft wurden. Die übrigen Länder wurden lange nach dem Goldenen Zeitalter erobert. Damals war der islamische Lebensgeist bereits kraftlos geworden, und im Herzen der Eroberer war der Wunsch nach Gebietserweiterung weit stärker als der aufrichtige Dschihad auf Allahs Weg. Dennoch gelang die Ausbreitung und Festigung des Islam in diesen Ländern zu einem großen Teil. Ja, in jenen Ländern erlangte der Islam sogar den unangefochtenen Rang einer nationalen Zivilisation und Kultur.
Leider unterscheidet sich die Lage auf dem indischen Subkontinent völlig von der Lage in den beiden oben genannten Gruppen von Ländern. Im Goldenen Zeitalter wurde nur ein sehr kleiner Teil dieses Landes erobert. Und selbst der geringe Einfluss, den islamische Bildung und Zivilisation in diesem kleinen Teil ausgeübt hatten, wurde in der Flut der sogenannten Maʿrifat ausgelöscht. Danach begann hier der eigentliche Verlauf der Eroberungszüge der Muslime. Doch damals besaßen die Eroberer nicht die Eigenschaften und Besonderheiten der Muslime des Goldenen Zeitalters. Statt den Islam zu verbreiten, setzten sie hier ihre gesamte Kraft für die Ausweitung ihrer Herrschaft ein. Sie verlangten von den Menschen nicht die Gehorsamkeit gegenüber Allah und dem Gesandten, sondern Gehorsam gegenüber sich selbst und die Entrichtung von Steuern. Als unvermeidliche Folge blieb auch nach mehreren Jahrhunderten muslimischer Herrschaft der größte Teil der Bevölkerung des Subkontinents nichtmuslimisch, und die islamische Kultur und Zivilisation konnte hier keine festen Wurzeln schlagen. Zudem wurden für die Bewohner, die hier den Islam annahmen, keine besonderen Vorkehrungen für islamische Bildung und Ausbildung getroffen. Daher blieben unter den Neubekehrten mehr oder weniger Reste des alten hinduistischen Denkens, Glaubens und Brauchtums erhalten. Selbst die alten muslimischen Einwanderer begannen infolge des Umgangs mit den Bewohnern dieses Landes, gegenüber der polytheistischen Staatsordnung eine nachsichtige Haltung einzunehmen und zahlreichen unislamischen Bräuchen zu folgen.
Bei einer Betrachtung der Geschichte des muslimischen Indien und seiner gegenwärtigen Lage wird unmissverständlich deutlich, dass der Einfluss des Islam selbst dann äußerst schwach war, als die Staatsmacht der Muslime in diesem Land in vollem Umfang bestand. Die hiesigen Verhältnisse waren keine wahrhaft islamischen Verhältnisse. Zwar waren auch die Religion und die Kultur der Hindus äußerst kraftlos. Zudem waren sie als Religion und Kultur eines besiegten und unterworfenen Volkes noch bedeutungsloser geworden. Dennoch blieben sie im Umfeld der Großzügigkeit und Nachlässigkeit der muslimischen Herrscher konkurrenzlos; und da die Muslime keine vollständig islamische Bildung und Schulung erhalten hatten, konnte auch ein großer Teil der Muslime dieses Landes hinsichtlich seines religiösen Glaubens sowie seiner Kultur und Zivilisation nicht zu so reifen und vollendeten Muslimen werden, wie es in einem rein islamischen Umfeld möglich gewesen wäre.
Schließlich entglitt im christlichen achtzehnten Jahrhundert auch jene Staatsmacht, die in Indien die größte Stütze der islamischen Zivilisation gewesen war, den Händen der Muslime. Zunächst zerfiel das Reich der Muslime und teilte sich in kleinere Staaten. Dann kam nacheinander eine Flut von Marathen, Sikhs und Engländern über das Land und vernichtete die Existenz der meisten Staaten. Danach ging die Staatsmacht dieses Landes folgerichtig in die Hände der Engländer über. In einem Land, das die Muslime mehrere Jahrhunderte lang regiert hatten, wurden sie innerhalb von nur hundert Jahren aus dem gesamten Land vertrieben, besiegt und unterworfen. Auch die Kräfte, durch deren Unterstützung die islamische Kultur und Zivilisation in Indien noch in gewissem Maß Bestand gehabt hatten, entglitten den Muslimen mit der Ausweitung der englischen Herrschaft eine nach der anderen. Sie machten Englisch anstelle des Persischen und Arabischen zur Unterrichtssprache. Zugleich schafften sie das islamische Rechtssystem ab, lösten die Scharia-Gerichte auf und führten in zivil- und strafrechtlichen Angelegenheiten ihre eigenen Gesetze ein. Selbst die Anwendung des islamischen Rechts beschränkten sie, auch für die Muslime selbst, auf Ehe, Scheidung und Ähnliches; und diese begrenzte Zuständigkeit wurde statt den Qadis den gewöhnlichen Zivilgerichten übertragen. Da die Richter dieser Gerichte in der Regel Nichtmuslime waren, wurde das sogenannte „muhammedanische Recht“ in ihren Händen von Tag zu Tag mehr entstellt. Darüber hinaus bestand von Anfang an die Politik der englischen Herrscher darin, den über Jahrhunderte im Herzen der Muslime als herrschendes Volk gehegten und genährten Stolz und ihr Ehrgefühl mithilfe wirtschaftlicher Benachteiligung und Unterdrückung auszulöschen. So gelang es ihnen innerhalb eines Jahrhunderts, dieses Volk arm, unwissend, niedriggesinnt, charakterlos, gedemütigt und entehrt zu machen.
Der letzte Schlag gegen dieses im Niedergang begriffene Volk kam während der Unruhen von 1857. Dieser Schlag beendete nicht nur die politische Macht der Muslime, sondern brach auch ihren Kampfgeist völlig. Über ihre Herzen senkte sich die Finsternis der Verzweiflung und des Minderwertigkeitsgefühls. Sie waren von der Machtentfaltung der englischen Herrschaft so sehr gebannt, dass in ihnen nicht einmal ein Rest des Bewusstseins ihrer Zugehörigkeit zum eigenen Volk zurückblieb. Selbst nachdem sie den äußersten Rand von Demütigung und Erniedrigung erreicht hatten, sahen sie sich schließlich gezwungen zu glauben, der Weg zu Frieden und Sicherheit bestehe in der Loyalität gegenüber den Engländern; der Weg zu Ansehen und Ehre in ihrem Dienst; und der Weg zu Entwicklung und Fortschritt in ihrer Nachahmung und ihrem Befolgen – einen anderen Weg gebe es nicht. Dagegen seien die eigenen Schätze an Wissen, Wissenschaft, Kultur und Zivilisation der wichtigste Grund für Niedrigkeit und Minderwertigkeit.
Als die Muslime in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts erneut versuchten, sich aufzurichten, wiesen sie zwei Arten von Schwäche auf. Die erste bestand darin, dass sie hinsichtlich ihres Denkens und Handelns schon zuvor in islamischer Überzeugung sowie islamischer Kultur und Zivilisation nicht reif gewesen waren. Überdies umgab sie ein nichtislamisches Umfeld mitsamt seinen unwissenden Vorstellungen und seiner eigenen Kultur. Die zweite bestand darin, dass die Sklaverei mit all ihren Fehlern und Mängeln nicht nur auf ihren Körpern, sondern auch auf ihren Herzen und Seelen lastete. Infolgedessen wurden sie der Kräfte beraubt, durch deren Hilfe ein Volk seine Kultur und Zivilisation bewahren kann.
Inmitten dieser beiden Schwächen blickten die Muslime auf und stellten fest, dass die englischen Herrscher mit großer Geschicklichkeit alle Türen zu ihrem wirtschaftlichen Aufstieg verschlossen und den Schlüssel dazu in den englischen Schulen und Colleges zurückgelassen hatten. Nun blieb den Muslimen kein anderer Ausweg, als eine englische Bildung zu erwerben. Daher entstand unter der Führung Sir Sayyid Ahmads eine machtvolle Bewegung. Unter ihrem Einfluss erwachte bei den Muslimen des gesamten Subkontinents das Bewusstsein für die Notwendigkeit einer englischen Bildung. Der Widerstand der Anhänger der alten Richtung erwies sich in dieser Frage als völlig wirkungslos. Denn diejenigen, in deren Händen die eigentliche Stärke des Volkes im Hinblick auf Reichtum, Ansehen und Einfluss lag, begrüßten diese neue Bewegung und traten mit ihrer unmittelbaren Unterstützung für sie ein. So wandten sich die Muslime Indiens sehr rasch der englischen Bildung zu. Der unbrauchbare und untaugliche Teil des Volkes wurde den alten religiösen Madrasas überlassen, damit er als Imam in den Moscheen und als Lehrer in den Maktabs und Madrasas dienen konnte. Die besten Kinder der wohlhabenden und gut situierten Schichten dagegen wurden auf englische Schulen und Colleges geschickt, damit sich in ihre unverdorbenen Herzen und Köpfe die Prägung des Firangi-Wissens, der Firangi-Wissenschaften und der Künste einzeichnen konnte.
Dies war die Lage im letzten Viertel des neunzehnten Jahrhunderts. In Europa hatte der Materialismus damals seinen höchsten Entwicklungsstand erreicht. Bereits im achtzehnten Jahrhundert hatte die Wissenschaft die Religion vollständig besiegt. Unter der Führung der modernen Philosophie und der neuen Wissenschaft wurden alle alten Lehrmeinungen in Politik, Wirtschaft, Sozialwissenschaft und Ethik verworfen und neue Lehrmeinungen etabliert. Kurz gesagt: Auf der Grundlage dieser modernen Lehren entstand in Europa eine besondere Art von Kultur und Zivilisation. Diese gewaltige Revolution verbannte zwar die Religion und die von ihr vorgeschriebenen Regeln aus den praktischen Vorgängen des Lebens, doch in der Welt des Denkens und der Vorstellung war noch ein gewisser Einfluss religiöser Überzeugungen verblieben. Deshalb begann nun ein heftiger Kampf gegen sie. Obwohl kein einziger Satz der Wissenschaft irgendeinen Beweis – einen Beweis, den man tatsächlich so nennen könnte – gegen die göttliche Auffassung von der Weltordnung vorlegen konnte, hegten die Wissenschaftler dennoch ohne jeden Beleg und allein aus emotionalen Gründen Unwillen gegen Gott und Feindschaft gegenüber der göttlichen Lehre. Da sie damals auf dem Gebiet von Wissen, Wissenschaft und geistiger Bildung den Platz der Führung in der Welt innehatten, breitete sich unter ihrem Einfluss die Krankheit der Gottfeindlichkeit (Theophobia) wie eine gewaltige Seuche aus. So wurde es zu einer Mode, Gottes Existenz zu leugnen, die Weltordnung als von selbst entstanden und nach Naturgesetzen ablaufend zu betrachten, Gottesverehrung als Aberglauben zu bezeichnen, die Religion als unnötig und Religiosität als Engstirnigkeit und Blindheit zu titulieren und den Naturalismus als gleichbedeutend mit Aufgeschlossenheit und klarem Blick anzusehen. Selbst jemand, der nicht die geringste Kenntnis von Philosophie und Wissenschaft besaß und nicht einmal den geringsten Versuch unternommen hatte, diese schwierigen Fragen zu erforschen und Tatsachen zu untersuchen, verkündete solche Lehren allein aus dem Wunsch heraus, in der Gesellschaft als aufgeklärter Mensch zu gelten. Daher galt es damals als ein Verbrechen, das dem Unglauben gleichkam, etwas zur Verteidigung des Spiritualismus oder des Übernatürlichen zu sagen oder zu schreiben. Selbst wenn ein berühmter Wissenschaftler eine solche Ansicht äußerte, besaß er in den Kreisen der Wissenschaftler keinerlei Ansehen mehr; sein gesamter Ruhm verblasste völlig, und er wurde ungeeignet, in der gebildeten Gesellschaft einen Platz einzunehmen.
1859 wurde Darwins berühmtes Werk „Der Ursprung der Arten“ (Origin of Species) veröffentlicht. Dieses Werk wirkte wie Öl im Feuer des Naturalismus und Atheismus. Zwar waren die Belege und Beweise, die Darwin zugunsten der von ihm entwickelten Evolutionstheorie vorlegte, äußerst schwach und keineswegs schlüssig. In seiner erfundenen Entwicklungskette fehlte nicht nur eine einzige Stufe; vielmehr fehlten vor und hinter jeder gegenwärtigen Stufe zahlreiche Stufen. Daher konnten die Wissenschaftler damals von dieser Theorie nicht überzeugt sein. Selbst Huxley, ihr bedeutendster Verfechter, konnte nicht an sie glauben. Dennoch wurde der Darwinismus aus bloßer Gottesleugnung angenommen. Nicht nur das: Es wurde eine maßlose Propaganda zu seinen Gunsten betrieben und er als gewaltige Waffe gegen die Religion eingesetzt. Denn diese Theorie hatte eine große Behauptung innerhalb der irrigen Vorstellungen der Wissenschaftler scheinbar bewiesen (obwohl auch die eigentliche Behauptung des Darwinismus beweisbedürftig war): dass die gesamte Welt der Natur ohne die Hilfe irgendeiner übernatürlichen Kraft nach natürlichen Gesetzmäßigkeiten betrieben werde. Die Anhänger der Religion widersetzten sich dieser Theorie heftig. Auf der Versammlung der British Association hielten die Bischöfe von Oxford und Gladstone unter Aufbietung aller Kräfte Reden gegen sie; dennoch wurden sie besiegt. Schließlich waren die europäischen Religionsanhänger derart vor dem wissenschaftlichen Atheismus unterlegen, dass die Kirche Englands Darwin nach seinem Tod im Jahr 1882 mit der höchsten Ehre auszeichnete. Das heißt, ihm wurde gestattet, in der Westminster Abbey beigesetzt zu werden. Dabei war er unter den Urhebern des Grabes der Religion in Europa der herausragendste. Er spielte die führende Rolle dabei, das Denken auf den Weg des Materialismus, des Atheismus und der Religionsfeindlichkeit zu lenken. Gerade aufgrund der von ihm begründeten Geisteshaltung erhielten Bolschewismus und Faschismus in Europa Gelegenheit, sich zu entwickeln und auszubreiten.
Gerade in dieser Zeit begann man, unsere Jugend an englische Schulen und Colleges zu schicken, damit sie durch englische Bildung und fremdländische Kultur gefördert werde. Sie war bereits in der islamischen Bildung unerfahren und in der islamischen Kultur unreif. Zugleich war sie vor der englischen Herrschaft besiegt und vom Glanz der fremdländischen Zivilisation geblendet. Infolgedessen veränderte sich ihr geistiger Aufbau, sobald sie englische Schulen betrat. Ihre Neigung und Ausrichtung wandte sich von der Religion ab. Denn die erste Wirkung jener Atmosphäre bestand darin, dass man den Namen irgendeines europäischen Schriftstellers oder Forschers, sobald er angeführt wurde, ohne jeden Widerspruch annahm, während man für alles, was vonseiten des Korans, des Hadith und der islamischen Gelehrten gesagt wurde, Beweise verlangte. Mit dieser veränderten Geisteshaltung erlernten sie die westlichen Wissenschaften und Kenntnisse; doch die meisten ihrer Grundsätze und Verzweigungen standen im Widerspruch zu den Grundsätzen und Verzweigungen des Islam.
Im Islam besteht die Vorstellung von Religion darin, dass sie die Lebensordnung des Menschen ist. Demgegenüber gilt Religion im Westen lediglich als persönlicher Glaube, der keinerlei Beziehung zum praktischen Leben hat. Im Islam steht an erster Stelle der Glaube an Allah, während im Westen die Existenz Allahs überhaupt nicht anerkannt wird. Die gesamte islamische Kultur und Zivilisation ist auf den Überzeugungen von Offenbarung und Gesandtschaft gegründet. Im Westen hingegen bestehen Zweifel an der Wahrheit der Offenbarung und Bedenken hinsichtlich der Echtheit der Gesandtschaft. Der Glaube an das Jenseits bildet im Islam die Grundlage der gesamten Lebensweise und Verhaltensordnung; im Westen wird eben diese Grundlage als gegenstandslos betrachtet. Die gottesdienstlichen Handlungen und sonstigen Taten, die im Islam als verpflichtend gelten, sind im Westen lediglich bedeutungslose Bräuche aus dem Zeitalter der Unwissenheit. So unterscheidet sich die gesamte islamische Kultur und Zivilisation vollständig von der westlichen Kultur und Zivilisation. Auf dem Gebiet des Rechts lautet das Grundprinzip des Islam: Allah ist der Gesetzgeber, der Gesandte der Ausleger des Gesetzes, und der Mensch ist lediglich dem Gesetz unterworfen. Im Westen wird Allah dagegen keinerlei Recht zur Gesetzgebung zuerkannt. Dort ist das Parlament der Gesetzgeber, und das Volk wählt das Parlament. In der Staatsordnung besteht das Ziel des Islam darin, die göttliche Herrschaft zu errichten, während das Ziel des Westens der Nationalstaat ist. Das Ziel des Islam ist der Internationalismus, das Ziel des Westens der Nationalismus. In der Wirtschaft legt der Islam Wert auf erlaubten Erwerb, die Entrichtung von Zakat und Sadaqa sowie den Verzicht auf Zinsen; das gesamte Wirtschaftssystem des Westens hingegen beruht auf Zinsen und Gewinn. In der Ethik besteht das Ziel des Islam im Erfolg im Jenseits, das Ziel des Westens im Wohlergehen dieser Welt.
Ebenso unterscheidet sich der islamische Weg auch in den sozialen Angelegenheiten fast in jeder Hinsicht vom westlichen Weg. In Fragen des Schleiers und der Kleidung, der Beziehungen zwischen Frauen und Männern, der Mehrehe, der Gesetze über Ehe und Scheidung, der Geburtenkontrolle, der Rechte der Eltern, der Rechte von Ehemann und Ehefrau und in vielen weiteren Angelegenheiten sind die Unterschiede zwischen diesen beiden Zivilisationen so zahlreich und offensichtlich, dass eine ausführliche Darstellung unnötig ist. Der Grund für diesen Unterschied liegt darin, dass die Grundprinzipien beider Zivilisationen verschieden sind. Als unsere Jugend mit einer besiegten, sklavischen Geisteshaltung und einer unvollständigen islamischen Bildung und Ausbildung die westlichen Wissenschaften erlernte und unter dem Einfluss der westlichen Kultur ausgebildet wurde, trat genau die Folge ein, die eintreten musste. In ihr entwickelte sich keinerlei Fähigkeit, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden. Alles, was sie aus dem Westen lernte, nahm sie als Maßstab für Wahrheit und Reinheit an. Danach begann sie, mit ihrem unvollständigen und fehlerhaften Wissen die Grundsätze und Gesetze des Islam an jenem Maßstab zu prüfen. Wenn sie in irgendeiner Angelegenheit einen Unterschied zwischen beiden feststellte, vermochte sie den Irrtum des Westens niemals zu erkennen; vielmehr hielt sie den Islam selbst für mangelhaft und war bereit, seine Grundsätze und Gesetze zu korrigieren und zu verändern.
Zusammenfassend lässt sich sagen: Wie viel Nutzen die moderne Bildung den Muslimen des Himalaya-Subkontinents auch in wirtschaftlicher und politischer Hinsicht gebracht haben mag, der gewaltige Schaden, den sie ihrer Religion und Zivilisation zugefügt hat, kann durch keinen Nutzen wiedergutgemacht werden. (Tarjuman al-Quran: Oktober 1934)
3
Die von Krankheiten heimgesuchten Völker der modernen Zeit
Heute sind ausnahmslos alle – ob aus dem Osten oder dem Westen, ob Muslime oder Nichtmuslime – in dieselbe Gefahr geraten. Das heißt: Eine im Schoß des reinen Materialismus herangezogene Zivilisation und Kultur hat sich allen auferlegt. Daher ist das Gebäude sowohl der Denkweise als auch der Handlungsstrategie dieser Zivilisation auf falschen Fundamenten errichtet. Ihre Philosophie, Wissenschaft, Ethik, ihr Sozialwesen, ihre Politik, ihre Gesetze und alles Übrige haben ihren Ausgang von einem falschen Ort genommen und sich auf einem falschen Weg entwickelt. Gegenwärtig ist sie an einen Punkt gelangt, an dem das Ende ihrer Zerstörung sehr nahe ist.
Diese Zivilisation nahm ihren Anfang unter Menschen, denen in Wirklichkeit keine klare und reine Quelle göttlichen Wissens und göttlicher Erkenntnis zur Verfügung stand. Zwar gab es dort Religionsgelehrte oder Priester, doch besaßen sie weder Verstand noch Wissen und Wissenschaft noch ein göttliches Gesetz. Die verfälschte religiöse Lehre, die sie besaßen, war, obwohl sie der Menschheit auf dem Gebiet des Denkens und Handelns den geraden Weg weisen wollte, dazu keineswegs fähig. Sie konnte vielmehr nur den Fortschritt und die Entwicklung von Wissen und Wissenschaft behindern. Und genau das tat sie auch. Infolge dieses Hindernisses schlugen jene, die nach Fortschritt und Entwicklung verlangten, einen anderen Weg ein, indem sie Religion und Religiosität angriffen. Auf diesem Weg gab es außer Erfahrung, Beobachtung, Vermutung und Erforschung keinerlei Wegweiser. Dieser Wegweiser war völlig unzuverlässig und selbst auf einen Wegweiser und auf Licht angewiesen. Dennoch wurde er zu ihrer wichtigsten Stütze. Mit seiner Hilfe unternahmen sie auf dem Weg des Nachdenkens, der Forschung, der Übung und der Neuordnung ihrer Organisation große Anstrengungen. Doch auf jedem Gebiet legten sie den Grund zu Irrtümern; infolgedessen richtete sich der gesamte Verlauf ihrer Entwicklung auf ein falsches Ziel. Sie brachen vom Mittelpunkt der Religionslosigkeit und des Materialismus auf. Sie betrachteten die Welt der Natur so, als habe sie keinen Schöpfer und keinen Lenker (Gott). Das Universum und die Welt der Lebewesen betrachteten sie so, als liege Wahrheit nur in Beobachtung und Sinneswahrnehmung. Hinter diesem sichtbaren Vorhang gebe es keinerlei andere Wirklichkeit. So gelang es ihnen zwar, mithilfe von Erfahrung und Vermutung die Naturgesetze zu erkennen und zu verstehen, doch bis zum Schöpfer der Natur vermochten sie nicht vorzudringen.
Ebenso gelangten die nutzbaren Dinge der Welt unter ihre Herrschaft, und sie nutzten sie nach Bedarf. Doch der Gedanke, dass sie in Wirklichkeit nicht deren Eigentümer und Verwalter, sondern lediglich Stellvertreter des wahren Eigentümers seien, war ihrem Denken völlig fremd. Diese Unwissenheit und Bewusstlosigkeit machten sie gegenüber den grundlegenden Begriffen von Verantwortungsbewusstsein und Rechenschaftspflicht blind. So wurde ihre gesamte Kultur und Zivilisation auf einer falschen Grundlage errichtet. Sie wandten sich von Allah ab und wurden zu Anbetern des „Selbst“; und das „Selbst“ nahm den Platz Allahs ein und stürzte sie in schwere Fitna und Verwirrung. Die Anbetung dieses falschen Gottes zieht sie heute auf jedem Gebiet des Denkens und Handelns auf einen verhängnisvollen Weg. Auch wenn die Etappen auf diesem Weg äußerst erschreckend und blendend erscheinen, ist sein Ende nichts anderes als Verderben. Dieser falsche Gott hat die Wissenschaft in ein Werkzeug zur Vernichtung des Menschen verwandelt. Er hat die Moral nach dem Muster der Selbstvergötzung, der Zurschaustellung, des Ungehorsams und der Zügellosigkeit geformt. Er hat der Wirtschaftsordnung Selbstsucht und Satanismus auferlegt. Er hat in die Adern und feinsten Verästelungen des gesellschaftlichen Lebens das Gift der Selbstvergötzung, der Vergnügungssucht und der Ichbezogenheit gegossen. Er hat die Politik durch Nationalismus, Chauvinismus, Unterschiede zwischen Rassen und Stämmen sowie die Vergötzung der Macht verdorben und sie für die Menschheit zu einem der schlimmsten Flüche gemacht. Kurz gesagt: Der Same des Giftbaums, den die Renaissance des Westens in Wirklichkeit pflanzte, entwickelte sich innerhalb weniger Jahrhunderte zu einem gewaltigen Baum von Kultur und Zivilisation. Auch wenn die Früchte dieses Baumes süß schmecken, sind sie in Wahrheit vergiftet; auch wenn sie schön und ansehnlich aussehen, sind sie tatsächlich voller Dornen. Und obwohl seine Äste und Zweige den Glanz des Frühlings tragen, vergiftet die von ihm ausströmende giftige Luft im Inneren weiterhin die gesamte Menschheit.
Die Westler, die diesen Giftbaum eigenhändig gepflanzt hatten, sind heute selbst seiner überdrüssig. Denn dieser Baum hat in jedem Bereich des Lebens eine solche Verwirrung, Komplexität und Bedrängnis geschaffen, dass jeder ihrer Versuche unzählige weitere Schwierigkeiten hervorruft. Welchen Ast sie auch abschneiden, aus der Schnittstelle treiben unzählige dornige Äste hervor. So sägten sie beispielsweise am Kapitalismus; sogleich trat der Kommunismus hervor. Sie griffen die Demokratie an, und sofort trat die Diktatur in Erscheinung. Sie machten sich daran, die sozialen Probleme zu lösen, und unmittelbar darauf traten Feminismus und Geburtenkontrolle auf. Sie versuchten, moralische Zügellosigkeit durch die Anwendung von Gesetzen zu bekämpfen; daraufhin erhoben sich Gesetzesbruch und eine Neigung zu Verbrechen. Kurz gesagt: Aus diesem Giftbaum von Kultur und Zivilisation strömt ein endloser Strom von Entartung und Zerrüttung hervor, und das westliche Leben empfindet in jeder Ader, in jedem feinsten Gefäß und in jedem Nervenzentrum die Qual und den Schmerz eines gewaltigen Geschwürs, das es vom Scheitel bis zur Sohle mit Leid, Kummer und Bedrängnis erfüllt.
Die westlichen Völker schreien heute unter den heftigen Schmerzen dieses Geschwürs auf. Ihre Herzen und Gemüter sind aufgewühlt. Ihre Seelen sehnen sich verzweifelt nach einem Nektar der Unsterblichkeit. Doch sie wissen nicht, wo dieser Nektar zu finden ist. Die meisten von ihnen sind noch immer dem Irrtum verfallen, die eigentliche Ursache des Problems liege lediglich in den Ästen und Zweigen jenes Giftbaums. Deshalb widmen sie ihre gesamte Zeit und Mühe dem Abschneiden der Äste und Zweige. Dennoch begreifen sie nicht, dass die Entartung nicht in den Ästen und Zweigen, sondern in den tiefsten Wurzeln des Baumes liegt. Und von einer schlechten Baumwurzel gute Äste und Zweige zu erwarten, ist nichts anderes als Torheit.
Auf der anderen Seite gibt es dort auch eine kleine Gruppe, die das grundlegende Übel im Wurzelwerk ihres eigenen Zivilisationsbaumes erkannt hat. Doch weil sie seit mehreren Jahrhunderten im Schatten dieses Baumes aufgewachsen ist und ihre Knochen und ihr Fleisch aus seinen Früchten und Erzeugnissen gebildet wurden, ist ihr Denken unfähig zu begreifen, dass gute Äste und Zweige aus einer anderen Wurzel als dieser hervorgehen könnten. So ist die Lage beider Gruppen im Grunde gleich geworden. Mit äußerster Verzweiflung suchen sie nach etwas, das ihre Qualen lindern kann; doch was das von ihnen ersehnte Gut ist und wo es zu finden wäre, wissen sie nicht.
In der Tat ist jetzt der geeignete Zeitpunkt gekommen, den westlichen Völkern die Lehren und die Lebensordnung des Koran und Muhammads (s.a.w.s.) darzulegen. Heute muss man ihnen sagen: Das, wonach sich eure Herzen und Gemüter sehnen, ist dies. Der Nektar, nach dem ihr wie der Chatak-Vogel dürstet, ist dies. Dies ist ein so reiner und heiliger Baum, dessen Wurzeln, Stamm und Zweige allesamt gut sind. Seine Blüten sind wohlriechend und frei von Dornen. Seine Früchte sind schmackhaft und zugleich lebensspendend. Seine Luft ist angenehm und kühlt zugleich Herz und Gemüt. Hier werdet ihr wirkliches Urteilsvermögen finden, einen unfehlbaren Mittelpunkt des Denkens und der Sichtweise entdecken und nach dem Wissen suchen können, das zur Bildung des besten menschlichen Charakters geeignet ist. Hier werdet ihr eine Spiritualität finden, die nicht für Mönche und Weltflüchtige bestimmt ist, sondern die einzige Quelle geistigen Friedens und seelischer Ruhe für jene ist, die auf dem Arbeitsfeld der Welt kämpfen. Hier werdet ihr ein so fortschrittliches und fest gefügtes System von Moral und Rechtsordnung vorfinden, das auf vollständiger Kenntnis der menschlichen Natur beruht und sich niemals unter dem Drang der Triebe verändern kann. Hier werdet ihr so klare Grundprinzipien für Kultur und Zivilisation finden, die unrechtmäßige Klassenunterschiede und künstliche Rassentrennungen beseitigen und die menschliche Gesellschaft auf einer rein vernünftigen Grundlage organisieren. Diese Grundsätze schaffen ein kraftvolles und harmonisches Umfeld der Gleichheit, Gerechtigkeit, Großzügigkeit, Freigebigkeit und des guten Benehmens, in dem zwischen Einzelnen, Klassen und Gemeinschaften aus Gründen von Interessen, Rechten und Bedürfnissen keinerlei Raum für Streit, Konflikt oder Kämpfe bleibt; vielmehr kann hier jeder auf der Grundlage gegenseitiger Zusammenarbeit freudig und zufrieden zum persönlichen und gesellschaftlichen Wohl wirken. Wenn ihr euch also vor dem Untergang retten wollt, dann tilgt allen Hass gegen den Islam aus euren Herzen, bevor ein gewaltiger Schlag kommt, eure Kultur und Zivilisation zerschmettert und sie den untergegangenen Kulturen und Zivilisationen der Geschichte einreiht. Legt den Hass ab, den ihr von den religiösen Fanatikern des Mittelalters als Erbe übernommen habt und an dem ihr bis heute festhaltet, obwohl ihr euch von allen Dingen jenes dunklen Zeitalters losgesagt habt. Informiert euch mit offenem Herzen über die großartige Lehre des Koran und Muhammads (s.a.w.s.) und nehmt sie an.
Die Lage der muslimischen Völker unterscheidet sich in gewisser Weise von der der westlichen Völker. Ihre Krankheit ist anders, und auch ihre Ursache ist eine andere. Ihre Heilung jedoch ist derjenigen der Westler ähnlich. Das heißt: Ihre Heilung besteht darin, zu dem Wissen und der Rechtleitung zurückzukehren, die Allah durch Sein letztes Buch und Seinen letzten Propheten herabgesandt hat.
Die Umstände, unter denen der Konflikt zwischen dem Islam und der westlichen Zivilisation entbrannt ist, unterscheiden sich völlig von den früheren Konflikten zwischen dem Islam und anderen Zivilisationen. Als der Islam mit den römischen, persischen, indischen und chinesischen Zivilisationen zusammenstieß, hatte er die Denk- und Tatkraft seiner Anhänger vollständig unter seiner Herrschaft. Unter ihnen wirkte eine machtvolle Strömung des Dschihad und des Idschtihad. Sowohl geistig als auch materiell hatten sie in der Welt den Ruhm eines siegreichen Volkes erlangt und waren mit der Würde der Führung über alle anderen Völker gekrönt worden. Damals konnte keine Zivilisation der Welt ihrer Kultur und Zivilisation standhalten. Wohin und zu welchem Volk sie auch gelangten, dort bewirkten sie revolutionäre Veränderungen im Denken, in den Ideologien, im Wissen, in den Wissenschaften, im Charakter und in der Gesellschaftsordnung. In ihnen war die Kraft, Einfluss auszuüben, weit stärker als die Fähigkeit, äußere Einflüsse aufzunehmen. Zweifellos übernahmen sie auch vieles von anderen; doch war der Charakter ihrer Zivilisation so fest und stark, dass alles, was von außen hinzukam, sich völlig ihrer Natur anpasste, und kein äußerer Einfluss auch nur den geringsten Unterschied in ihrem Charakter bewirkte. Umgekehrt erwies sich der Einfluss, den sie auf andere ausübten, als geradezu revolutionär. Infolgedessen gingen manche nichtmuslimischen Zivilisationen im Islam auf und gaben sogar ihre eigene Eigenständigkeit preis. Jene hingegen, die über starke Lebenskraft verfügten, wurden ebenfalls so sehr vom Islam beeinflusst, dass sich ihre Grundprinzipien vielfach veränderten. Doch dies war zu jener Zeit, als die Flamme des Ideals unter den Muslimen ungetrübt und unauslöschlich brannte.
Die Muslime herrschten mehrere Jahrhunderte lang mit Feder und Schwert und wurden schließlich erschöpft. Ihre dschihadische Lebenskraft erlahmte. Ihre idschtihadische Kraft erlosch. Das große Buch, das ihnen das Licht des Wissens und die Kraft zum Handeln geschenkt hatte, machten sie zu nichts weiter als einem heiligen Erinnerungsbuch, wickelten es ein und legten es beiseite. Die Lehre des großen Führers, die ihrer Kultur und Zivilisation die Gestalt eines vollständigen intellektuellen und praxisbezogenen Lebensideals gegeben hatte, verwarfen sie. Dadurch kam ihr Fortschritt und ihre Entwicklung zum Stillstand. Der fließende Strom geriet plötzlich in einem unbeweglichen Tal ins Stocken und wurde zu einem kleinen See. Die Muslime wurden vom Sitz der Führung und Herrschaft verdrängt. Die Fesseln der Vorherrschaft, die ihr Denken, ihr Wissen und ihre Wissenschaften, ihre Künste und Zivilisation sowie ihre politische Macht über die anderen Völker der Welt ausgeübt hatten, lockerten sich. Zugleich erhob sich im Westen, dem Islam gegenüber, eine andere Zivilisation. Die westlichen Völker ergriffen mit eigenen Händen das Banner des Dschihad und des Idschtihad, das die Muslime fortgeworfen hatten. Während die Muslime bequem dalagen, schritt der Westen mit ihrem verlassenen Banner auf dem Gebiet des Wissens, der Wissenschaften und des Handelns voran. Ja, er nahm sogar genau den Führungssitz ein, von dem die Muslime verdrängt worden waren. Sein Schwert eroberte den größten Teil der Welt. Sein Denken, seine Ideologien, sein Wissen und seine Wissenschaften, seine Künste sowie die Grundprinzipien seiner Kultur und Zivilisation verbreiteten sich über die ganze Welt. Seine Herrschaft und Macht erfassten nicht nur die Körper der Menschen, sondern bemächtigten sich auch ihrer Herzen und ihres Verstandes. Als die Muslime schließlich aus einem mehrere Jahrhunderte währenden Schlaf erwachten und die Augen öffneten, mussten sie feststellen, dass ihnen das gesamte Schlachtfeld aus der Hand geglitten war und andere Menschen darauf Platz genommen hatten. Alles, was es nun an Wissen und Wissenschaften, Kultur und Zivilisation, Gesetzen und Staatsmacht gab, befand sich in den Händen der anderen; den Muslimen war nichts geblieben. Ihnen blieb nur eine lichtlose Leuchte.
Heute vollzieht sich der Konflikt zwischen dem Islam und der westlichen Zivilisation in einer neuen Form. Zweifellos ist die westliche Zivilisation in keiner Hinsicht imstande, der islamischen Zivilisation die Stirn zu bieten. Ja, wenn es zu einem Zusammenstoß mit dem Islam käme, könnte keine Macht der Welt vor ihm bestehen. Doch die Frage lautet: Wo ist der Islam? Unter den Muslimen von heute gibt es weder eine islamische Wesensart und einen islamischen sittlichen Charakter noch islamisches Denken und islamischen Tatendrang. In ihren Moscheen, Madrasas und Chanqahs findet sich nirgends wirklich islamischer Geist und islamisches Leben. Ihr praktisches Leben hat keinerlei Beziehung zum Islam. So wie das islamische Recht in ihrem persönlichen Leben nicht zur Anwendung kommt, so auch nicht in ihrem gesellschaftlichen Leben. Die Gestaltung irgendeines Bereichs ihrer Zivilisation und Kultur beruht nicht auf einer wahrhaft islamischen Ordnung. Unter diesen Umständen besteht der Wettbewerb nicht zwischen dem Islam und der westlichen Zivilisation; vielmehr konkurriert eine lebendige, dynamische, wissensdurchdrungene und tatkräftige Zivilisation mit der unbeweglichen, heruntergekommenen und rückständigen Zivilisation der Muslime. Und das Ergebnis eines derart ungleichen Wettbewerbs ist genau das, was zu erwarten war. Die Muslime weichen fortwährend zurück. Ihre Zivilisation wird besiegt. Allmählich gehen sie in der westlichen Kultur auf. In ihrem Denken und Bewusstsein setzt sich von Tag zu Tag das Westlertum fest. Nach westlichem Muster bildet sich ihre mentale Struktur heraus. Ihre Gedanken und ihre Urteilskraft werden im Lichte westlicher Prinzipien verfeinert. Ihre Vorstellungen, ihre Moral, ihre Wirtschaft, ihr gesellschaftliches Leben, ihre Politik und alles Übrige werden in westlichen Farben gefärbt. Im Denken und Empfinden der jüngeren Generationen verfestigt sich die Vorstellung, die aus dem Westen übernommenen Vorschriften seien die wahrhaftige Lebensordnung. Dieser Sieg ist daher in Wirklichkeit der Sieg über die Muslime – nicht der Sieg über den Islam. Unglücklicherweise aber wird er als Niederlage des Islam betrachtet.
Von dieser schweren Gefahr ist nicht nur ein einziges Land umgeben. Nicht nur eine einzige Nation steht dieser Krise gegenüber. Heute durchläuft die gesamte muslimische Welt diese furchtbare Umwälzungsphase. Als diese Umwälzung tatsächlich ihren Anfang nahm, wäre es die Pflicht des Gelehrtenstands gewesen, von da an eine bewusste Rolle zu übernehmen, die Grundsätze und Grundlagen der heraufziehenden Zivilisation zu begreifen, die westlichen Länder zu bereisen und ihre grundlegenden Wissenschaften und Kenntnisse zu studieren. Sie hätten die wirksamen wissenschaftlichen Entdeckungen und praktischen Verfahren, durch die die westlichen Nationen Fortschritte erzielt hatten, mit der Kraft des Idschtihad in ihre Verfügungsgewalt bringen und sie im Lichte islamischer Prinzipien angemessen auf die Bildung und das gesellschaftliche Leben der Muslime anwenden sollen. Dadurch wären einerseits die durch Jahrhunderte der Untätigkeit entstandenen Schäden ausgeglichen worden, und andererseits hätte auch das Fahrzeug des Islam wieder mit dem Fortschritt der Zeit Schritt halten können. Bedauerlich ist jedoch, dass gerade der Gelehrtenstand – von wenigen Ausnahmen abgesehen – sich damals vom wahren islamischen Lebensgeist entfernt hatte. In ihm gab es weder die Kraft des Idschtihad noch die Fähigkeit zu Denken und Forschung. Auch seine geistigen Fähigkeiten und seine Tatkraft waren geschwunden. Ihm fehlte jede Befähigung, aus dem ideellen und praktischen Rechtgeleitetsein aus Gottes Buch und dem Vorbild des Gesandten Gottes die beständige und zugleich dynamische Ordnung des Islam abzuleiten und sie unter den veränderten Bedingungen der Zeit anzuwenden. Die Krankheit der blinden und starren Nachahmung der Vorfahren, des Taklid, hatte sich unter ihnen vollständig ausgebreitet. Infolgedessen suchten sie jede Antwort in Büchern, die kein zeitlos gültiges göttliches Buch waren. In jeder Angelegenheit waren sie auf Menschen angewiesen, denen jene großzügige, von den Fesseln von Zeit und Umgebung freie Weitsicht fehlte, wie sie die Propheten besaßen. Wie hätten sie also unter völlig veränderten Bedingungen die Muslime erfolgreich führen können? Damals hatte auf den Gebieten von Wissen, Wissenschaft und praktischer Leistung eine derart revolutionäre Veränderung eingesetzt, dass nur Gott sie in ihrer ganzen Tragweite hätte überschauen können. Doch kein gewöhnlicher Mensch besaß die Sehkraft, durch die Schleier von Zeitaltern hindurch bis zu ihr vorzudringen.
Zweifellos hat der Gelehrtenstand erhebliche Anstrengungen unternommen, um der neuen Zivilisation und Kultur entgegenzutreten. Doch die für diese Auseinandersetzung erforderlichen Mittel, Hilfsmittel und Ausrüstungen standen ihm nicht zur Verfügung. Denn Stillstand kann der Dynamik nicht entgegengesetzt werden. Mit den Mitteln der Logik lässt sich der Lauf der Zeit nicht verändern. Vor neuen Waffen können unbrauchbare, verrostete Werkzeuge nichts ausrichten. In den Bahnen, auf denen der Gelehrtenstand die Nation führen wollte, bestand keinerlei Aussicht auf Erfolg. Wie lange hätte eine Nation, die von der Flut der westlichen Zivilisation umschlossen war, mit verbundenen Augen und lahmgelegter Wahrnehmung die Existenz dieser Flut leugnen und sich vor ihrem Einfluss schützen können? Wie hätte eine Nation, auf der die moderne Zivilisation und Kultur mitsamt der Staatsmacht lastete, in besiegtem und unterworfenem Zustand ihr praktisches Leben vor dem Einfluss und der Vorherrschaft dieser Zivilisation bewahren können? Tatsächlich geschah unter diesen Umständen schließlich genau das, was geschehen musste. Nach ihrer Niederlage auf politischem Gebiet wurden die Muslime auch auf den Gebieten von Wissen, Wissenschaft sowie Kultur und Zivilisation schmachvoll besiegt. Heute sehen wir, wie sich in jedem Land der muslimischen Welt die Flut des Westlertums mit der Geschwindigkeit einer Seuche ausbreitet. Und während die jüngeren Generationen der Muslime von dieser Flut mitgerissen werden, entfernen sie sich immer weiter vom Mittelpunkt des Islam.
Bedauerlicherweise haben unsere Ulama bis heute ihren Irrtum nicht erkannt. Die Grundsätze und die Sichtweise, aufgrund derer die Ulama anfangs die Schmach des Scheiterns auf sich nehmen mussten, vertreten sie auch heute noch in nahezu jedem muslimischen Land unverändert. Abgesehen von einigen wenigen herausragenden Ausnahmen besteht der allgemeine Zustand der Ulama darin, dass sie keinerlei Versuch unternehmen, die gegenwärtige Entwicklung und Dynamik der Zeit sowie die neue Prägung der Mentalität zu verstehen. Gegenüber all jenen Dingen, die die neuen Generationen der Muslime vom Islam wegführen, sind sie bereit, so viel Abscheu zu zeigen, wie sie wollen; doch sind sie unfähig, das Risiko auf sich zu nehmen, dieses Gift zu bekämpfen. Die komplizierten wissenschaftlichen und praktischen Probleme, die die moderne Situation für die Muslime hervorgebracht hat, können sie meist nicht lösen. Der Grund dafür ist, dass diese Probleme ohne Ijtihad nicht gelöst werden können. Doch sie haben den Ijtihad für sich selbst als haram erklärt. In Wirklichkeit führt die Methode, die unsere Ulama heute zur Verbreitung der Lehren des Islam und seiner Rechtsordnung anwenden, nicht dazu, moderne gebildete Menschen mit dem Islam vertraut zu machen, sondern bewirkt im Gegenteil, dass sie sich von ihm abwenden. Ja, bisweilen kommt man nach dem Anhören ihrer Predigten und Ermahnungen oder nach der Lektüre ihrer Schriften spontan aus tiefstem Herzen zu dem Ausruf: Möge Gott verhindern, dass auch nur das Ohr eines Nichtmuslims oder eines vom rechten Weg abgeirrten Muslims dieses sinnlose Geschwätz erreicht! Kurz gesagt, unsere Ulama haben um sich herum eine zweihundert Jahre alte Umwelt geschaffen. In dieser Umwelt denken sie, in ihr leben sie, und sie sprechen in einer Weise, die zu ihr passt. Zweifellos ist es dem Wirken dieser ehrenwerten Männer zu verdanken, dass die unschätzbaren Schätze des islamischen Wissens bis heute bewahrt worden sind und dass die islamische Bildung durch ihre Bemühungen überhaupt eine gewisse Verbreitung gefunden hat. Doch gerade die gewaltige Kluft, die sie zwischen sich und ihrer Zeit errichtet haben, verhindert jede Verbindung zwischen dem Islam und der modernen Welt. Die Folge ist, dass diejenigen, die sich der islamischen Bildung zuwenden, für keine Tätigkeit in der Welt mehr geeignet sind. Wer hingegen für die Aufgaben der Welt geeignet sein möchte, bleibt mit der islamischen Bildung völlig unvertraut. Aus diesem Grund gibt es heute in der muslimischen Welt zwei völlig entgegengesetzte Gruppen. Die eine ist Bannerträgerin des islamischen Wissens und der islamischen Zivilisation, aber unfähig, die Muslime in allen Lebensbereichen zu führen. Die zweite Gruppe hat zwar den Wagen von Wissenschaft und Bildung, Kunst und Literatur sowie Politik der Muslime gelenkt, ist aber gegenüber den Grundsätzen und Fundamenten des Islam, dem Wesenskern der islamischen Zivilisation sowie der islamischen Gesellschaftsordnung und den zivilisatorischen Rechtsbestimmungen völlig unwissend, unvertraut und ahnungslos. In einer Ecke ihres Herzens gibt es zwar noch ein wenig Licht des Iman; in jeder anderen Hinsicht besteht jedoch keinerlei Unterschied zwischen ihnen und den Nichtmuslimen. Da aber Wissenschaft und Wissen sowie die praktische Tatkraft in den Händen dieser Gruppe liegen und nur ihre Arme die Kraft besitzen, den Wagen zu lenken, treibt sie deshalb den gesamten Wagen der Millat rasch auf dem Weg des Irrtums und der Irreführung voran. Heute gibt es niemanden mehr, der sie von diesem Weg zurückhalten und ihnen den rechten Weg weisen könnte.
Ich beobachte diese Lage und sehe ihre schrecklichen Folgen mit eigenen Augen. Zwar besitze ich weder das für eine Führung erforderliche Wissen, Urteilsvermögen, die Erfahrung und Befähigung, noch habe ich in einer derart verdorbenen Umgebung die Kraft, eine so große Nation zu reformieren; dennoch hat Allah meinem Herzen einen Schmerz gegeben. Dieser Schmerz hat mich dazu gezwungen, mit dem geringen Wissen und der Einsicht, die Er mir heute gewährt hat, die beiden Gruppen der Muslime dazu aufzurufen, ihre Aufmerksamkeit auf die eigentlichen und wahren Quellen der islamischen Bildung und Kultur zu richten und ungeachtet von Erfolg oder Misserfolg ihre eigenen Bemühungen fortzusetzen. Angesichts der Größe der Aufgabe und meiner eigenen Schwäche erscheint mir dieses Bemühen selbst gering und unbedeutend; doch Erfolg oder Misserfolg liegt vollständig in der Hand des allmächtigen Allah. Meine Aufgabe besteht lediglich darin, weiter zu versuchen. Daher möchte ich den Umfang meiner Bemühungen nach Kräften erweitern.
(Tarjuman al-Qur’an: Oktober 1935)
4
Menschliche Gesetze versus Allahs Gesetz
Im Dezember 1933 wurde das amerikanische Prohibitionsgesetz ordnungsgemäß aufgehoben. Infolgedessen überschritten die Bewohner der zivilisierten Welt nach nahezu vierzehn Jahren wieder die Grenze der Nüchternheit und betraten das Gebiet des Genusses. Tatsächlich war bereits die Amtseinführung von Herrn Roosevelt als Präsident der Vereinigten Staaten die erste Ankündigung des Sieges des Genusses über die Nüchternheit. Im April 1933 wurde durch ein Gesetz Alkohol mit einem Alkoholgehalt von 31,2 Prozent legalisiert. Kaum waren danach einige Monate vergangen, da wurde der achtzehnte Zusatzartikel zur Verfassung der Vereinigten Staaten aufgehoben. Nach diesem Zusatzartikel waren innerhalb des Gebiets der Vereinigten Staaten der Kauf und Verkauf, die Ein- und Ausfuhr sowie die Herstellung von Alkohol verboten worden.
Tatsächlich war dies der größte Versuch, mithilfe eines Gesetzes eine moralische und gesellschaftliche Reform herbeizuführen. In der Weltgeschichte lässt sich kein anderes Beispiel für einen derart umfassenden Versuch finden. Vor dem achtzehnten Zusatzartikel hatte die als „Anti-Saloon League“ bezeichnete Organisation mehrere Jahre lang durch Zeitungen und Zeitschriften, Vorträge und Erklärungen, Flugblätter, Zeichnungen und Bilder, Laterna magica, Filme und zahlreiche andere Mittel versucht, den Amerikanern die Schädlichkeit des Alkohols unauslöschlich einzuprägen. Für diese gewaltige Propagandaarbeit ließ die Organisation Geldströme wie Wasser fließen. Es wird geschätzt, dass von Beginn der Bewegung bis 1926 allein für die Propagandaarbeit fünfundsechzig Millionen Dollar ausgegeben wurden und dass die Gesamtzahl der Seiten aller gegen den Alkohol veröffentlichten Bücher und Schriften etwa neunhundert Millionen betrug!
Darüber hinaus wird angegeben, dass die amerikanische Nation in den vierzehn Jahren für die Durchsetzung des Prohibitionsgesetzes eine enorme finanzielle Last zu tragen hatte, deren ungefähre Höhe 650 Millionen Pfund betrug. Ferner geht aus der kürzlich vom Justizministerium der Vereinigten Staaten veröffentlichten Statistik für den Zeitraum von Januar 1920 bis Oktober 1933 hervor, dass bei der Durchsetzung dieses Gesetzes insgesamt zweihundert Menschen getötet, 534.335 Personen inhaftiert, Geldstrafen in Höhe von 16 Millionen Pfund verhängt und Vermögen im Wert von 404 Millionen Pfund beschlagnahmt wurden.
Dieser furchtbare Verlust an Menschenleben und Besitz wurde deshalb hingenommen, damit diejenige „zivilisierte“ Nation des zwanzigsten Jahrhunderts, deren Wissenssonne den Zenit erreicht hatte, über die unermesslichen geistigen, sittlichen und körperlichen Schäden aufgeklärt werde, die aus der Quelle des Lasters hervorgehen. Doch die jahrelangen ununterbrochenen Bemühungen vor und nach dem Verbot – an denen auch die Staatsgewalt beteiligt war – scheiterten am Entschluss der amerikanischen Nation in Bezug auf den Alkoholkonsum, und letztlich blieb das „größte Reformvorhaben der Weltgeschichte“ erfolglos.
Der Grund für dieses Scheitern der Bemühungen gegen den Alkoholkonsum und für die Aufhebung des Verbotsgesetzes besteht keineswegs darin, dass die Schäden des Alkohols, zu deren Beseitigung Propaganda und gesetzliche Gewalt eingesetzt worden waren, nun zu etwas Nützlichem geworden wären oder dass irgendeine wissenschaftliche Entdeckung die zuvor vertretene Auffassung als falsch erwiesen hätte; vielmehr ist heute aufgrund umfangreicherer und weitreichenderer Erfahrungen als zuvor die Wahrheit anerkannt, dass Prostitution, Ehebruch, Homosexualität, Diebstahl, Glücksspiel, Mord und andere derartige sittliche Vergehen die engsten Verwandten dieses Zentrums der Sünde sind. Außerdem spielt der Alkohol eine gewaltige Rolle bei der Zerstörung der Moral, der Gesundheit, der Wirtschaft und des gesellschaftlichen Lebens der westlichen Völker. Dennoch war die amerikanische Regierung gezwungen, ihr Gesetz aufzuheben und das Haram zum Halal zu machen, weil die große Mehrheit der amerikanischen Nation keineswegs bereit war, auf Alkohol zu verzichten. Daher setzte sich die amerikanische öffentliche Meinung, die den Alkohol vor vierzehn Jahren für Haram erklärt hatte, nun erneut mit aller Kraft dafür ein, ihn zum Halal zu machen.
Soweit wir wissen, hat bis heute nicht einmal der entschiedenste Befürworter des Alkohols die Schäden des Alkoholkonsums leugnen können, und die Gegner des Verbotsgesetzes waren nicht in der Lage, eine Liste der „Segnungen des Alkohols“ vorzulegen, die im Vergleich zu seinen Schäden auch nur als einigermaßen bedeutend hätte gelten können. Als im amerikanischen Kongress der von der öffentlichen Meinung unterstützte Achtzehnte Verfassungszusatz eingebracht wurde, waren bereits alle Aspekte der „Nüchternheit“ und des „Meeres des Rausches“ bis ins Kleinste untersucht worden. Gerade im Hinblick auf jene Schäden und Nachteile billigte der Kongress den betreffenden Änderungsantrag. 46 Staaten unterstützten diesen Zusatz, und das Repräsentantenhaus sowie der Senat verabschiedeten entsprechend diesem Zusatz das Verbotsgesetz. All dies geschah nach dem Willen der amerikanischen Nation, und solange die Frage des Verbots auf Schriftstücke und mündliche Äußerungen beschränkt blieb, unterstützte die gesamte Nation es freudig. Doch sobald dieses Verbot tatsächlich angewandt wurde, veränderte sich das Gesicht der gesamten amerikanischen Nation. Nachdem sie auch nur eine einzige Nacht ohne Laster verbracht hatte, wurde die zivilisierteste, gebildetste, bewussteste, wahrheitsliebendste und fortschrittlichste Nation der Welt völlig wahnsinnig und begann aus dem Schmerz der Trennung heraus solche Dinge zu tun, dass man zu bezweifeln begann, ob diese Nation sich nicht tatsächlich, wie die erfundenen Liebenden der morgenländischen Dichtung, den Kopf an einer Wand zerschlagen würde.
Infolgedessen wurden unmittelbar nach der Schließung der genehmigten Schanklokale überall im Land unzählige geheime Trinklokale eingerichtet. In diesen Treffpunkten wurden vielfältige Methoden angewandt, um unter Umgehung des Gesetzes Alkohol zu trinken und zu verkaufen. Wenn jemand einen Freund oder geliebten Menschen über diese geheimen Trinklokale und die festgelegten Erkennungszeichen informierte, galt dies als besonderer Gefallen. Früher konnte die Regierung die Zahl der lizenzierten Schanklokale, die dort ausgeschenkten Alkoholarten und die Lebensumstände der Besucher überwachen. Doch diese Treffpunkte des Lasters lagen außerhalb der Kontrolle der Regierung. Ihre Zahl war um ein Vielfaches größer als die der vor dem Verbot genehmigten Schankhäuser. Außerdem begann man in diesen Lokalen minderwertigen Alkohol zu verkaufen, der für die Gesundheit äußerst schädlich war. Dadurch nahm der Besuch von Jungen und Mädchen im Kindesalter stark zu. Die erschreckenden Folgen lösten in den nachdenklichen Kreisen der Vereinigten Staaten große Besorgnis aus. Der Alkoholpreis stieg auf ein Mehrfaches des früheren Preises. Der Verkauf von Alkohol entwickelte sich zu einem äußerst gewinnbringenden Geschäft. Daher widmeten sich Millionen von Menschen diesem Gewerbe. Neben den geheimen Trinklokalen traten außerdem unzählige mobile Alkoholverkäufer auf. Diese fahrenden Verkaufsstellen gelangten zu Schulen und Hochschulen, in Büros und Gerichte, Hotels und Restaurants, Vergnügungsstätten und sogar in die Häuser der Menschen, um Alkohol zu verkaufen und neue Kunden zu gewinnen. Man schätzte, dass die Zahl der amerikanischen Schnapshändler nach dem Verbot gegenüber der Zeit davor um mindestens das Zehnfache gestiegen war. Darüber hinaus breitete sich dieses Geschäft über die Stadtgrenzen hinaus bis in die ländlichen Gebiete aus. In den Häusern wurden geheime Werkstätten zur Herstellung von Alkohol eingerichtet. Vor der Verkündung des Verbots gab es in Amerika insgesamt nur vierhundert genehmigte Brennereien. In den sieben Jahren nach dem Verbot wurden 79.437 Fabrikbesitzer verhaftet und 93.831 Alkoholgeschäfte beschlagnahmt. Trotzdem ging der Alkoholhandel nicht im Geringsten zurück. Ein ehemaliger Kommissar der Abteilung zur Bekämpfung illegaler Aktivitäten erklärte in einer Stellungnahme: „Wir waren lediglich in der Lage, ein Zehntel aller Fabriken und Geschäfte zu fassen.“
Auf diese Weise nahm der Alkoholkonsum im Land in ungewöhnlichem Maße zu. Man schätzte, dass die amerikanische Bevölkerung während der Verbotszeit jedes Jahr 200 Millionen Gallonen Alkohol zu trinken gewohnt war. Diese Menge war wesentlich größer als die Menge vor der Verkündung des Verbots.
Der Alkohol, der in solch gewaltigen Mengen konsumiert wurde, war qualitativ äußerst minderwertig und gesundheitsschädlich. Die Ärzte äußerten sich dazu folgendermaßen: „Es ist vernünftiger, diesen Stoff Gift zu nennen, als ihn Alkohol zu nennen. Denn sobald er durch die Kehle hinabgelangt, beginnen seine giftigen Wirkungen auf Leber und Gehirn. Bis zu zwei Tage bleiben diese beiden Organe von ihm beeinflusst. Unter seinem Rausch ist der Mensch zu keinem guten Gedanken und keiner guten Tat fähig; vielmehr wird sein Wesen in Richtung Verwirrung, Zügellosigkeit und krimineller Neigungen getrieben.“
Infolge des übermäßigen Konsums dieser Art von Alkohol wurde die körperliche Gesundheit der Amerikaner völlig zerstört. So geht aus der Statistik der Stadt New York beispielsweise hervor, dass es vor dem Verbot, im Jahr 1918, 3.741 Erkrankte und 252 Todesfälle infolge der Wirkung von Alkohol gab. Im Jahr 1926 stieg die Zahl der Erkrankten auf 11.000 und die Zahl der Todesfälle auf 7.500. Darüber hinaus ist die Zahl derjenigen, die durch die unmittelbare Wirkung des Alkohols starben oder zu lebenden Toten wurden, gar nicht abzuschätzen.
Auf ähnliche Weise nahm die Kriminalität, insbesondere die Neigung von Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu Straftaten, in ungewöhnlichem Maße zu. In einer Erklärung amerikanischer Richter heißt es: „Noch nie in unserer Geschichte hat es ein Beispiel dafür gegeben, dass eine derart große Zahl von Jugendlichen im betrunkenen Zustand verhaftet wurde.“ Nachdem die Kriminalitätsneigung unter Jugendlichen und Minderjährigen übermäßig stark zugenommen hatte, wurden auch die jungen Erwachsenen untersucht. Dabei wurde nachgewiesen, dass der Alkoholkonsum und die Verbreitung des Lasters in der Gesellschaft seit 1920 jedes Jahr in gewaltigem Maße zunahmen. In manchen Städten hatte die Zunahme innerhalb von acht Jahren sogar zweihundert Prozent erreicht. 1933 veröffentlichte Colonel Moss, der Direktor des National Crime Council, diese Information: „Heute ist einer von jeweils drei Menschen in Amerika ein Berufsverbrecher. Außerdem ist bei uns die Zahl der Mordverbrechen um dreihundert Prozent gestiegen.“
Zusammengefasst lässt sich das Ergebnis der vierzehnjährigen Alkoholprohibition in Amerika ungefähr wie folgt darstellen:
– Die Achtung vor dem Gesetz schwand aus den Herzen der Menschen, und die Krankheit des Gesetzesbruchs breitete sich in allen Schichten der Gesellschaft aus.
– Das eigentliche Ziel der Verhinderung des Alkoholkonsums wurde nicht erreicht; vielmehr wurde der betreffende Stoff nach seiner Verbannung in noch größeren Mengen konsumiert als zuvor.
– Die Durchsetzung des Prohibitionsgesetzes verursachte einerseits der Regierung und andererseits durch den heimlichen Erwerb von Alkohol der breiten Bevölkerung unermessliche finanzielle Schäden, wodurch das Rückgrat des gesamten Landes gebrochen wurde.
– Die Verbreitung von Krankheiten, die Schädigung der Gesundheit, der Anstieg der Sterblichkeit, der Verfall des öffentlichen Charakters, die Ausbreitung von Verderbtheit und Sündhaftigkeit in allen Schichten der Gesellschaft, insbesondere unter der heranwachsenden Generation, sowie eine ungewöhnlich starke Zunahme krimineller Handlungen.
Dies waren die moralischen und zivilisatorischen Folgen jenes Gesetzes.
Dieses Ergebnis wurde in einem Land erzielt, das im aufgeklärten Zeitalter des zwanzigsten Jahrhunderts als das zivilisierteste Land überhaupt galt. Seine Bewohner waren hochgebildet und umfassend ausgebildet. Im Licht von Wissen, Wissenschaft und Intelligenz waren ihre Herzen und ihr Verstand erleuchtet. Sie waren durchaus fähig, ihr eigenes Gut und Böse sowie ihren Gewinn und Verlust zu erkennen.
Dieses Ergebnis trat unter Umständen ein, in denen die gesamte Nation durch die Ausgabe von Milliardenbeträgen sowie die Veröffentlichung von mehreren hundert Crore Zeitungen und Büchern über die Nachteile des Alkohols aufgeklärt worden war.
Dieses Ergebnis trat unter Umständen zutage, als ein großer Teil der amerikanischen Nation die Notwendigkeit eines Verbots empfand und das Verbotsgesetz nach ihrem Willen verabschiedet worden war.
Vor allem zeigte sich dieses Resultat unter den Umständen, dass ein gewaltiger Staat wie Amerika mit Hilfe des besten Regierungsapparats des zwanzigsten Jahrhunderts volle vierzehn Jahre lang unbeirrt blieb, um den Alkoholkonsum und den Verkauf von Alkohol vollständig auszumerzen.
Tatsächlich waren bis zum Bekanntwerden dieses Ergebnisses sowohl die Regierung als auch die Mehrheit der Bevölkerung darin einig, den Alkoholkonsum zu verbieten, und aus diesem Grund wurde er verboten. Als sich jedoch herausstellte, dass die Bevölkerung keineswegs bereit war, den Alkoholkonsum aufzugeben, und dass die Lage infolge des erzwungenen Verzichts auf Alkohol schlimmer geworden war als zuvor, gelangten dieselbe Regierung und dieselbe Bevölkerungsmehrheit wiederum zu einer Übereinkunft über die Legalisierung von Alkohol.
Werfen wir nun einmal einen Blick auf ein Land, dessen Bewohner vor etwa dreizehneinhalb Jahrhunderten in einem dunklen Zeitalter lebten – einem Zeitalter, das als das dunkelste galt –, und ungebildet waren. Unter ihnen gab es nicht die geringste Spur von Wissenschaft, Wissen oder den Künsten. Sie wussten nichts von Zivilisation und Kultur. Vielleicht fand man unter zehntausend Menschen einen, der lesen und schreiben konnte, und selbst dessen Niveau war so niedrig, dass ein gewöhnlicher Mensch heute mehr Wissen besitzt als er. Die organisatorischen Einrichtungen sowie die Mittel und Möglichkeiten der heutigen Zeit gab es damals überhaupt nicht. Der Regierungsapparat des Staates befand sich in einem äußerst primitiven Zustand, und seit seiner Errichtung waren erst wenige Jahre vergangen. Die damalige Bevölkerung war dem Alkohol leidenschaftlich zugetan. In ihrer Sprache gab es etwa zweihundertfünfzig Bezeichnungen für Alkohol. Wahrscheinlich gab es in keiner Sprache der Welt so viele Bezeichnungen dafür. Dies war ein Beweis für ihre Abhängigkeit vom Alkohol. Ein weiterer Beweis dafür ist ihre poetische Literatur. Aus ihr geht hervor, dass Alkoholkonsum ihrer Natur entsprach und als eine für ihren Lebensunterhalt unverzichtbare Sache angesehen wurde.
Unter diesen Umständen kam dort die Frage nach dem Alkohol auf. Allahs Gesandten (s.) wurde gefragt: Wie lautet die schariatische Bestimmung hierzu? Er sagte: Allahs Anweisung lautet:
(Arabisch)
Bedeutung: „Sie fragen dich nach dem Alkohol und dem Glücksspiel. Sag: In beiden liegen große Übel, doch für die Menschen auch einige Vorteile. Aber ihr Schaden ist weitaus größer als ihr Nutzen.“ (Sure al-Baqara: 219)
Dies war keine Anordnung bezüglich des Alkohols; vielmehr wurden darin die Natur und die Eigenschaften des Alkohols beschrieben und gesagt, dass in ihm sowohl Gutes als auch Schlechtes vorhanden sei. Doch die schädliche Seite sei weitaus stärker. Infolge dieser lehrreichen Verkündigung gab ein Teil der Nation sofort den Alkoholkonsum auf. Dennoch blieb die Mehrheit bei den Alkoholtrinkern.
Danach wurde erneut nach dem Wein gefragt, weil einige Menschen im betrunkenen Zustand beim Verrichten des Gebets Fehler machten. Daraufhin verkündete der edle Gesandte, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, Allahs Gebot:
Bedeutung: „O ihr, die ihr glaubt! Nähert euch dem Gebet nicht, wenn ihr betrunken seid; (ihr sollt das Gebet in einem Zustand verrichten, in dem) ihr wisst, was ihr sagt.“ (Sure an-Nisāʾ: 43)
Sobald die Menschen dieses Gebot hörten, legten sie bestimmte Zeiten für den Weinkonsum fest. Von da an tranken sie gewöhnlich zwischen dem Morgengebet und dem Mittagsgebet oder nach dem Nachtgebet, damit sie das Gebet nicht im betrunkenen Zustand verrichten mussten und nicht die Frage aufkam, das Gebet wegen der Trunkenheit auszulassen.
Doch die eigentliche schädliche Seite des Weins war noch nicht enthüllt worden. Im betrunkenen Zustand verursachten die Menschen häufig Unruhe und Unordnung, deren Folgen bis zu Mord und Totschlag reichten. Daher wurde es notwendig, diesbezüglich eine klare und endgültige Anweisung zu erteilen. Daraufhin wurde verkündet:
(Arabisch)
Bedeutung: „O ihr, die ihr glaubt! Wein, Glücksspiel, Götzenbilder, Würfelspiele und dergleichen sind unreine Werke des Satans; so meidet sie, auf dass ihr Erfolg haben möget. Der Satan will durch Wein und Glücksspiel unter euch Feindschaft und Hass säen und euch vom Gedenken Allahs abhalten. Werdet ihr euch, nachdem ihr dies wisst, nicht davon enthalten? Gehorcht Allah, hört auf den Gesandten und enthaltet euch. Wenn ihr jedoch ungehorsam seid, dann wisst, dass die Aufgabe Meines Gesandten nur darin besteht, die Botschaft klar zu übermitteln.“ (Sure al-Māʾida: 90–91)
Sobald dieses Gebot ergangen war, empfanden die Weinliebhaber und Trinker, die bereit gewesen waren, sogar ihr Leben dem Wein zu opfern, Abscheu davor. Kaum hatten sie die Bekanntmachung über das Verbot des Weins gehört, wurden die Weingefäße zerbrochen. Durch die Gassen Medinas ergossen sich Ströme von Wein. In einer Versammlung hatten zehn oder elf Gefährten Wein getrunken und waren völlig betrunken. Da vernahmen sie die Stimme des Ausrufers des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, dass der Wein für immer verboten worden sei. Selbst in diesem Zustand der Trunkenheit erwiesen sie dem göttlichen Gebot solchen Respekt, dass die Gefährten unverzüglich aufhörten zu trinken und die Weingefäße zertrümmert wurden. Ein Mann saß irgendwo und trank Wein. Gerade hatte er den Becher an den Mund geführt, als jemand kam und ihm den Vers über das Weinverbot vortrug. Sofort wurde der Becher von seinem Mund entfernt, sodass er keinen einzigen Tropfen Wein hinunterschlucken konnte.
Danach wurde jeder, der Wein getrunken hatte, mit Schuhen, Stöcken, Tritten, Faustschlägen und dergleichen bestraft. Später wurden als Strafe jeweils vierzig Hiebe verhängt. Schließlich wurde eine Strafe von achtzig Hieben festgelegt. So wurde im arabischen Land jede Spur des Weinkonsums ausgelöscht. Danach machte der Islam, wohin auch immer er gelangte, verschiedene Völker ganz selbstverständlich zu enthaltsamen, gottesfürchtigen Menschen. Selbst heute verzichten weltweit Hunderte Millionen Menschen trotz des äußerst schwachen Einflusses des Islam vollständig auf Wein, ohne irgendein Verbotsgesetz oder Strafrecht. Wenn man die Zahl der Trinker unter den Muslimen zählen würde, würde sich dieses Volk vielleicht auch heute noch als gottesfürchtiger erweisen als die anderen Völker der Welt. Zudem betrachten auch diejenigen Angehörigen dieses Volkes, die Wein trinken, dies als eine äußerst sündhafte Handlung. Ihre Herzen empfinden deswegen Reue, und oft bereuen sie aus eigenem Antrieb und geben diese schlechte Gewohnheit auf.
Tatsächlich hängt das endgültige Urteil in der Welt von Gerechtigkeit, Moral und Vernunft von Erfahrung und Beobachtung ab. Ihr Zeugnis kann niemals als falsch erwiesen werden. Hier liegen zwei Erfahrungen offen vor: die eine Amerikas, die zweite die des Islam. Der Unterschied zwischen beiden Erfahrungen ist offensichtlich. Jeder vernünftige Mensch ist nun verpflichtet, diese beiden Erfahrungen zu vergleichen und daraus zu lernen.
In Amerika wurde jahrelang gegen den Alkohol propagiert. Für die Darstellung und Bekanntmachung seiner Schädlichkeit wurden Abermillionen ausgegeben. Durch medizinische Wissenschaft, statistische Beweise sowie Argumente und Erörterungen wurden seine körperlichen, moralischen und finanziellen Schäden derart nachgewiesen, dass ihre Leugnung schlechterdings unmöglich war. Mithilfe von Bildern ließ man die Schädlichkeit des Alkohols mit eigenen Augen erkennen. Es wurde alles Menschenmögliche getan, damit die Bevölkerung die Schädlichkeit des Alkohols selbst erkannte und bereit wurde, auf ihn zu verzichten. Außerdem fasste die größte repräsentative Körperschaft der Nation, der Kongress, mit überwältigender Mehrheit den Beschluss, den Alkohol zu verbieten, und verabschiedete die dafür erforderlichen Gesetze. Vor allem setzte die Regierung – eine der damals mächtigsten Regierungen der Welt – ihre gesamte Macht ein, um seinen Verkauf und Ankauf, seine heimliche Herstellung sowie seine Ein- und Ausfuhr zu unterbinden. Doch die Nation – damals führend unter den gebildeten und aufgeklärten Nationen – war nicht bereit, darauf zu verzichten. Schließlich sah sie sich innerhalb des kurzen Zeitraums von vierzehn oder fünfzehn Jahren gezwungen, das Harām wieder Halāl zu machen.
Im islamischen Staat dagegen wurde keinerlei Propaganda gegen den Alkohol betrieben. Für Werbung und Propaganda wurde dort kein einziger Pfennig ausgegeben. Auch keine „Anti-Saloon League“ wurde gegründet. Dort verkündete der Gesandte Allahs lediglich: „Allah hat euch den Alkohol verboten.“ Sobald dieser Befehl über seine Lippen gekommen war, enthielt sich die gesamte Nation des Alkohols – eine Nation, die dem Alkohol noch stärker zugeneigt war als Amerika und deren sprachliche Bildung und geistige Fähigkeiten niemand übertraf. Sie verzichteten derart auf den Alkohol, dass es ihnen innerhalb der Grenzen des Islam unmöglich wurde, vom „Saftlosen“ zum „Meer des Genusses“ zurückzukehren. Zudem bedurften sie, um in diesem „saftlosen“ Zustand zu verharren, weder einer Aufsicht noch einer Befragung oder eines Strafgesetzes. Denn selbst ohne das Vorhandensein einer Zwangsmacht würden sie sich des Alkohols enthalten. Vor allem ist dies kein solches Harām, das auf irgendeine Weise wieder Halāl gemacht werden könnte. Selbst wenn alle Muslime der ganzen Welt einstimmig für den Alkohol stimmten, könnte dieses Harām niemals Halāl werden.
Wenn man nach den Ursachen dieses gewaltigen Unterschieds forscht, wird man einige wichtige Dinge erkennen. Diese Dinge gelten nicht nur für die Frage des Alkohols, sondern als Grundprinzip für sämtliche Fragen der Gesetzgebung und Ethik.
Das Erste ist, dass zwischen dem Islam und dem weltlichen Rechtssystem bei der Ordnung und Leitung menschlicher Angelegenheiten ein grundlegender Unterschied besteht. Das weltliche Rechtssystem beruht vollständig auf menschlichen Ansichten. Daher ist es nicht nur in allgemeinen und grundlegenden Fragen, sondern auch in jeder noch so kleinen Angelegenheit gezwungen, die Meinung gewöhnlicher oder herausragender Menschen einzuholen. Der Zustand menschlicher Ansichten – seien es die Ansichten gewöhnlicher oder herausragender Menschen – ist jedoch der, dass sie in jedem Augenblick durch innere Neigungen und Tendenzen, äußere Ursachen und Wirkungen sowie die wechselnden Vorgaben von Wissen und Verstand beeinflusst werden; dabei ist keineswegs gesagt, dass diese stets fehlerlos wären. Infolge dieses Einflusses kommt es fortwährend zu Veränderungen im Denken und in der Sichtweise. Als unvermeidliche Folge dieser Veränderungen ändern sich ständig die Maßstäbe für gut und schlecht, richtig und falsch, erlaubt und unerlaubt sowie Harām und Halāl. Und infolge dieser Veränderungen werden auch Änderungen des Gesetzes unvermeidlich. Auf diese Weise kann dort kein dauerhafter, fester und unveränderlicher Maßstab für Moral und Zivilisation errichtet werden. Die menschliche Vielfalt beherrscht dort wie bei den Menschen das Gesetz, und die Vielfalt des Gesetzes beherrscht das menschliche Leben. Ein Beispiel dafür wäre, dass ein unerfahrener Fahrer ein Auto lenkt. Mit seinen ungeübten Händen dreht er das Lenkrad unregelmäßig bald hierhin, bald dorthin. Infolge dieses unregelmäßigen Lenkens wird auch die Fahrt des Autos unregelmäßig und unsicher. Er wird nicht entschlossen auf einer bestimmten Strecke fahren können. Und wenn das Auto planlos dahinfährt, wirkt sich dies auf den Fahrer selbst aus. Mal wird er auf geradem Weg fahren, mal auf einem krummen. Mal wird er in eine Grube fallen, mal mit einer Mauer zusammenstoßen. Und wieder wird er beim Fahren auf einem holprigen, unebenen und beschwerlichen Weg ins Stolpern geraten.
Demgegenüber sind der gesamte Grundbestand des islamischen Rechts und der Ethik sowie die meisten Einzelheiten von Allah und dem Gesandten festgelegt. Menschlichen Ansichten bleibt dort nicht einmal der geringste Raum. Im Hinblick auf die wechselnden Lebensumstände besitzt der Mensch jedoch das Recht, entsprechend diesen grundlegenden Bestimmungen und den einzelnen Beispielen nach Bedarf in kleineren Angelegenheiten neue Gesetze zu erlassen. Doch auch dieses Gesetz muss notwendigerweise im Licht der Scharia-Grundsätze gestaltet werden. Tatsächlich verfügen wir gerade aufgrund dieses göttlichen Gesetzes über einen dauerhaften und unveränderlichen Maßstab für Moral und Zivilisation. In unserer moralischen und sozialen Ordnung gibt es nicht die geringste Spur von Vielfalt oder Verschiedenartigkeit. Was bei uns gestern Harām war, kann heute nicht Halāl und morgen wieder Harām sein. Was hier für Harām erklärt wurde, ist für alle Zeiten Harām, und was für Halāl erklärt wurde, bleibt bis zum Jüngsten Tag Halāl. Wir haben das Lenkrad unseres Autos einem äußerst geschickten und erfahrenen Fahrer anvertraut. Wir sind gewiss, dass Er unser Auto auf geradem Weg führen wird:
يُثَبِّتُ اللَّهُ الَّذِينَ آمَنُوا بِالْقَوْلِ الثَّابِتِ فِي الْحَيَاةِ الدُّنْيَا وَفِي الْآخِرَةِ ۖ وَيُضِلُّ اللَّهُ الظَّالِمِينَ ۚ وَيَفْعَلُ اللَّهُ مَا يَشَاءُ
Das heißt: Allah verleiht den gläubigen Menschen durch ein festes Wort im diesseitigen und im jenseitigen Leben Beständigkeit und Festigkeit, während Er die Ungerechten und Ungehorsamen in die Irre gehen lässt, damit sie nirgends Halt finden können.“ (Sure Ibrāhīm: 27)
Darin liegt noch ein weiterer wichtiger Punkt verborgen. Dieser besteht darin, dass man in einem weltlichen Staat, wenn man für das menschliche Leben irgendwelche Ordnungen und Regelungen erlassen oder konkrete Schritte zur Verbesserung des sittlichen Charakters, der Gesellschaftsordnung und der zivilisatorischen Strukturen unternehmen will, selbst in den geringfügigsten Angelegenheiten auf die Zustimmung des Volkes warten muss. Bei der Durchsetzung jeder einzelnen Bestimmung seiner Gesetze und Vorschriften muss man sich auf die öffentliche Meinung stützen. Jede Reform oder jedes konstruktive Gesetz, das gegen den Willen des Volkes durchgesetzt wird, muss letztlich wieder aufgehoben werden. Das ist nicht nur die Erfahrung Amerikas; vielmehr bezeugt die gesamte Erfahrung der Welt diese Tatsache. Daraus wird deutlich, dass weltliche Gesetze bei der Verbesserung des menschlichen Charakters und der Gesellschaftsordnung völlig unfähig und ungeeignet sind. Denn ein solches Gesetz bemüht sich, eine verdorbene Volksmasse zu bessern, und muss sich selbst für deren Zustimmung oder Ablehnung sowie für die Rücknahme oder Aufhebung seiner Maßnahmen auf eben diese öffentliche Meinung stützen.
Der Islam hat diese Schwierigkeit auf eine andere Weise gelöst; schon bei etwas tieferem Nachdenken wird man erkennen, dass es außer dieser keine andere Lösung für dieses Problem gibt. Und zwar ruft er, bevor er Fragen des sittlichen Charakters, der Gesellschaftsordnung und der Zivilisation aufwirft und Gehorsam gegenüber den religiös-rechtlichen Vorschriften fordert, die gesamte Menschheit dazu auf, an Allah, Seinen Gesandten und Sein Buch zu glauben. Ob ein Mensch glaubt oder nicht, hängt selbstverständlich von seinem eigenen Willen ab. Sobald er jedoch glaubt, stellt sich die Frage nach seinem Wollen oder Nichtwollen nicht mehr. Danach ist es für ihn unerlässlich, jeder Anweisung zu gehorchen, die der Gesandte Allahs erteilt, und jedem Gesetz, das Allahs Buch festlegt. Sobald diese Grundlage geschaffen ist, wird das gesamte Gesetzes- und Ordnungswerk der islamischen Scharia auf ihn angewandt. Danach bleibt weder bei irgendeiner nebensächlichen noch bei einer grundlegenden Frage Raum für seinen guten oder schlechten Willen. Deshalb ist das, was in Amerika trotz der Verschwendung von Hunderten von Millionen, beispielloser Propaganda und der unermesslichen Anstrengungen der Staatsgewalt nicht möglich wurde, im islamischen Staat durch eine einzige Verkündung des Gesandten im Auftrag Allahs vollbracht worden.
Der dritte lehrreiche Punkt ist, dass eine menschliche Gesellschaft, ganz gleich, wie sehr sie im Glanz von Wissen, Wissenschaft und Kunst erstrahlt und zu welchen Gipfeln geistiger Entwicklung sie auch aufsteigen mag, niemals aus der Gewalt ihrer zügellosen Triebe befreit werden kann, wenn sie nicht den göttlichen Gesetzen gehorsam und ihnen unterworfen ist und in ihr keine Glaubenskraft entsteht. Der unbezähmbare Drang ihrer Triebe wird sie überwältigen. Wenn ihr Trieb daher auf einen bestimmten Gegenstand gerichtet ist, wird sie ihn niemals aufgeben, selbst wenn man dessen Schädlichkeit heller als das Sonnenlicht vor Augen führt, die Wissenschaft – also das von den Vernunftanbetern verehrte Götzenbild – gegen ihn als Zeugin aufruft, statistische Beweise gegen ihn vorlegt – die nach Ansicht der Wissenschaftler niemals falsch sein können – und seine Schädlichkeit mithilfe aus Erfahrung und Beobachtung gewonnener Erkenntnis nachweist. Daraus wird klar ersichtlich, dass es nicht die Aufgabe der Philosophie, der Wissenschaft oder des Intellektualismus ist, im Menschen ein sittliches Bewusstsein zu verankern, seine Vernunft und sein Gewissen zu lenken und in ihm die Kraft zu schaffen, die eigenen Triebe zu beherrschen. Diese Aufgabe kann auf keine andere Weise als durch den Glauben erfüllt werden. (Erstveröffentlichung: Tarjuman-ul-Quran, Januar 1934)
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Der Selbstmord der westlichen Zivilisation
Der erstaunliche Aufstieg und Fortschritt der westlichen Völker auf den Gebieten der Staatsführung, des Handels und Geschäfts, der Künste sowie des Wissens und der Wissenschaft hat die Gemüter einer bestimmten Gruppe von Menschen in große Furcht und Bestürzung versetzt. In ihnen ist die Vorstellung entstanden, der Aufstieg und Fortschritt jener Völker sei vielleicht unvergänglich und unzerstörbar. Ihre Herrschaft und Vorherrschaft auf der Welt habe sich für immer etabliert. Hinsichtlich der Weltherrschaft und der Kontrolle über die Mittel und Ressourcen der Erde sei ihnen geradezu eine „ewige Festschreibung“ gewährt worden. Ihre Stärke und Macht seien auf einem so festen Fundament errichtet, dass niemand sie stürzen könne.
Tatsächlich ist dies keine neue Vorstellung; vielmehr hat man über die mächtigen Völker jeder Epoche eine solche Ansicht gehegt. Die Pharaonendynastien Ägyptens, Ad und Thamud in Arabien, die Chaldäer im Irak, die Kisras im Iran, die welterobernden Helden Griechenlands, die weltberühmten Kaiser Roms, die die Welt erobernden muslimischen Glaubenskämpfer und die weltbekannten Heere der Tataren – sie alle haben auf der Bühne dieser Welt ein Schauspiel gleicher Größe und Macht aufgeführt. Einer nach dem anderen verblüffte jeder von ihnen die Menschen der Welt auf dieselbe Weise, indem er seine eigene Kunst der Zauberei zur Schau stellte. Sobald ein Volk sein Haupt erhob, breitete es sich auf diese Weise über die Welt aus. Ebenso ließ es überall den Trommelwirbel seines Ruhmes, seines Ansehens und seiner Tapferkeit ertönen, und so gelangten die Menschen der Welt zu der Überzeugung, ihre Stärke und Macht seien unvergänglich und unzerstörbar. Als jedoch ihre Lebenszeit erfüllt war und der Herrscher, der über unvergängliche und unzerstörbare Macht verfügte, das Ende ihrer Herrschaft verkündete, stürzten sie derart, dass die meisten dieser Völker vom Antlitz der Erde verschwanden. Auch wenn von manchen noch Name und Spur in der Welt verblieben, lebten sie nur noch unter der Herrschaft derjenigen, die sie einst beherrscht hatten, als Sklaven von Sklaven und als Unterworfene der Unterworfenen weiter:
قَدْ خَلَتْ مِن قَبْلِكُمْ سُنَنٌ فَسِيرُوا فِي الْأَرْضِ فَانظُرُوا كَيْفَ كَانَ عَاقِبَةُ الْمُكَذِّبِينَ
Bedeutung: Vor euch sind viele Epochen vergangen. Reist auf der Erde umher und seht, welches Ende diejenigen genommen haben, die (Allahs Gesetz) verleugnet haben!“ (Sure Āl ʿImrān, Vers 137)
In der Tat ist die gesamte Ordnung der Welt und der Natur von einer solchen Beschaffenheit, dass es hier keinen Raum für Stillstand oder Pause gibt. Hier herrschen unaufhörliche Bewegung, Veränderung und Kreislauf. Nichts darf hier in einem einzigen Zustand verharren. Hier gehen Entstehen und Vergehen, Zerstörung und Aufbau, Aufstieg und Fall Hand in Hand. Ebenso gilt auch die umgekehrte Regel. Heute wird ein Samenkorn von der Größe eines Māscha vom Wind umhergetragen, morgen findet es im Boden Halt und wird zu einem gewaltigen Baum mit weit ausladenden Ästen. Am folgenden Tag vertrocknet es wiederum und zerfällt im Boden. Danach verlassen die belebenden Kräfte der Natur es und widmen sich der Pflege eines anderen Samens. Dies ist das Gesetz von Zerstörung und Aufbau sowie von Aufstieg und Fall im Leben. Doch sobald der Mensch sieht, dass ein bestimmter Zustand etwas länger anhält, meint er, dieser Zustand sei völlig dauerhaft. Ist dieser Zustand ein absteigender, so glaubt er, er werde für immer so weiter absteigen. Ist er hingegen aufsteigend, so nimmt man an, er werde ewig auf diese Weise aufsteigen. Der einzige Unterschied besteht hier jedoch darin, ob es früher oder später geschieht; in Wirklichkeit ist kein Zustand dauerhaft:
إِن يَمْسَسْكُمْ قَرْحٌ فَقَدْ مَسَّ الْقَوْمَ قَرْحٌ مِّثْلُهُ ۚ وَتِلْكَ الْأَيَّامُ نُدَاوِلُهَا بَيْنَ النَّاسِ وَلِيَعْلَمَ اللَّهُ الَّذِينَ آمَنُوا وَيَتَّخِذَ مِنكُمْ شُهَدَاءَ ۗ وَاللَّهُ لَا يُحِبُّ الظَّالِمِينَ
Bedeutung: Ich lasse die Wechselfälle der Zeit unter den Menschen umlaufen.“ (Sure Āl ʿImrān, Vers 140)
Die gesamte Welt bewegt sich innerhalb einer bestimmten Abfolge von Zyklen. Geburt und Tod, Jugend und Alter, Stärke und Schwäche, Winter und Frühling, Trockenheit und Lebendigkeit – all dies sind lediglich verschiedene Formen dieses Kreislaufs. In diesem Kreislauf kommt jedes Ding abwechselnd einmal zu einer guten Zeit. Dann beginnen seine Entfaltung und sein Wachstum, seine Tapferkeit und Kraft treten hervor, und es zeigt die Vollendung seiner eigenen Gestalt und Schönheit. Eines Tages gelangt es sogar an die äußerste Grenze von Aufstieg und Fortschritt. Zu dieser Zeit wird es schwach, kleinwüchsig, kraftlos und unfähig, und schließlich zerstören gerade jene Kräfte, die seine Entfaltung und Entwicklung eingeleitet hatten, es selbst.
In der gesamten Schöpfung ist dies Allahs Gesetz. Wie auf alle anderen Dinge der Welt findet dieses Gesetz auch auf den Menschen uneingeschränkt Anwendung. Ob der Mensch nun individuell oder aus nationaler Sicht betrachtet wird: Ehre und Schande, Glück und Unglück, Aufstieg und Niedergang sowie alle anderen derartigen Merkmale werden gemäß jenem Kreislauf unter verschiedenen Einzelpersonen und Völkern verteilt. Niemand ist dabei vollständig von dieser Verteilung ausgeschlossen, und kein Zustand wird jemandem dauerhaft auferlegt. Ob gute oder schlechte Zeiten – unter keinen Umständen gibt es davon eine Ausnahme:
سُنَّةَ اللَّهِ فِي الَّذِينَ خَلَوْا مِن قَبْلُ ۖ وَلَن تَجِدَ لِسُنَّةِ اللَّهِ تَبْدِيلًا
Bedeutung: Das war Allahs Gesetz in Bezug auf diejenigen, die zuvor vergangen sind. Du wirst in Allahs Gesetz niemals eine Änderung finden. (Sure al-Ahzab: Vers 62)
In allen Winkeln dieser Erde finden wir zahlreiche Spuren vergangener Völker. Sie haben reichlich Zeugnisse ihrer Kultur und Zivilisation, ihrer Kunstwerke und ihres handwerklichen Könnens hinterlassen. Beim Anblick dieser Zeugnisse scheint es, als seien sie den heutigen fortschrittlichen und mächtigen Völkern keineswegs unterlegen gewesen; vielmehr war ihr Einfluss und ihr Ansehen bei den zeitgenössischen Völkern noch größer als das dieser heutigen Völker:
أَوَلَمْ يَسِيرُوا فِي الْأَرْضِ فَيَنظُرُوا كَيْفَ كَانَ عَاقِبَةُ الَّذِينَ مِن قَبْلِهِمْ ۚ كَانُوا أَشَدَّ مِنْهُمْ قُوَّةً وَأَثَارُوا الْأَرْضَ وَعَمَرُوهَا أَكْثَرَ مِمَّا عَمَرُوهَا وَجَاءَتْهُمْ رُسُلُهُم بِالْبَيِّنَاتِ ۖ فَمَا كَانَ اللَّهُ لِيَظْلِمَهُمْ وَلَٰكِن كَانُوا أَنفُسَهُمْ يَظْلِمُونَ
Bedeutung: Sie waren noch stärker als diese. Sie bestellten das Land gründlich und bebauten es in einem Ausmaß, wie diese es nicht getan haben.“ (Sure ar-Rum: Vers 9)
Doch was wurde aus ihrem Schicksal? Sie wurden durch den Rausch des scheinbaren Glücks getäuscht. Reichtum und üppiger Lebensgenuss stürzten sie in den Schoß des Hochmuts. Wohlstand wurde für sie zu einer Heimsuchung (Fitna). Im Stolz auf ihr Ansehen und ihre staatliche Macht wurden sie zum Inbegriff des Unrechts. So begannen sie durch ihre eigenen Missetaten, sich selbst zu unterdrücken:
فَلَوْلَا كَانَ مِنَ الْقُرُونِ مِن قَبْلِكُمْ أُولُو بَقِيَّةٍ يَنْهَوْنَ عَنِ الْفَسَادِ فِي الْأَرْضِ إِلَّا قَلِيلًا مِّمَّنْ أَنجَيْنَا مِنْهُمْ ۗ وَاتَّبَعَ الَّذِينَ ظَلَمُوا مَا أُتْرِفُوا فِيهِ وَكَانُوا مُجْرِمِينَ
Bedeutung: Die Ungerechten waren damit beschäftigt, die Genüsse jener Güter auszukosten, die ihnen in Fülle gegeben worden waren. Und sie waren große Verbrecher.“ (Sure Hud: Vers 116)
Trotz ihrer Auflehnung und ihres Ungehorsams gewährte Allah ihnen Aufschub:
وَكَأَيِّن مِّن قَرْيَةٍ أَمْلَيْتُ لَهَا وَهِيَ ظَالِمَةٌ ثُمَّ أَخَذْتُهَا وَإِلَيَّ الْمَصِيرُ
Bedeutung: Wie viele Ortschaften gab es, die ungerecht handelten? Zunächst gewährte Ich ihnen Aufschub, dann ergriff Ich sie. (Sure al-Haddsch: Vers 48)
Und auch dieser Aufschub war keineswegs ein gewöhnlicher Aufschub; vielmehr wurde verschiedenen Völkern Jahrhundert um Jahrhundert Aufschub gewährt. Doch jeder Aufschub wurde für sie zu einem neuen Unheil:
وَيَسْتَعْجِلُونَكَ بِالْعَذَابِ وَلَن يُخْلِفَ اللَّهُ وَعْدَهُ ۚ وَإِنَّ يَوْمًا عِندَ رَبِّكَ كَأَلْفِ سَنَةٍ مِّمَّا تَعُدُّونَ
Bedeutung: Doch ein Tag bei Allah entspricht nach eurer Berechnung tausend Jahren. (Sure al-Haddsch: Vers 47)
Sie glaubten, Allah sei angesichts ihrer List machtlos. Daher herrsche nun nicht Allah über die Welt, sondern sie. Doch schließlich kam der Zorn Gottes in Wallung. Seine Gunst wandte sich von ihnen ab. Anstelle guter Tage zogen schlechte Zeiten herauf. Ihrer List begegnete Allah ebenfalls mit einer harten List. Doch sie vermochten Allahs List überhaupt nicht zu erkennen – wie hätten sie ihr also widerstehen können?
(Arabisch)
Bedeutung: Sie schmiedeten einen Anschlag, doch auch Wir hatten einen Plan gefasst, dessen sie sich überhaupt nicht bewusst waren. (Sure an-Naml: Vers 50)
Allahs Plan tritt niemals unmittelbar zutage; vielmehr beginnt seine Giftwirkung im Inneren des Menschen selbst, nachdem sie in sein Herz und seinen Verstand eingedrungen ist. Sie greift das Gewissen, die Vernunft, die Gefühle, das Urteilsvermögen, die Denkfähigkeit und die Auffassungsgabe des Menschen an. Sie macht seine innere Einsicht blind. Zwar macht sie seine leiblichen Augen nicht blind, doch sie macht sein Auge der Erkenntnis blind:
(Arabisch)
Bedeutung: „Die eigentliche Tatsache ist, dass nicht die Augen blind werden, sondern die Herzen, die in der Brust sind.“ (Sure al-Haddsch, Vers 46)
Blind! Und wenn erst das innere Auge des Herzens blind geworden ist, dann wird jeder Kunstgriff, den ein Mensch zu seinem eigenen Wohl anwendet, für ihn schädlich. Jeder Schritt, den er in der Hoffnung auf Erfolg unternimmt, führt ihn dem Untergang entgegen. Seine gesamte Kraft erhebt sich und verkündet den Aufstand gegen ihn. Seine eigene Hand würgt ihn eigenhändig am Hals:
(Arabisch)
Bedeutung: Wirf nur einen Blick darauf und sieh, wie furchtbar das Ende ihrer Verschwörung war: Ich habe sie und ihr Volk vollständig zugrunde gerichtet. (Sure an-Naml, Vers 51)
Ein vollständiges Bild dieser guten und schlechten Zeiten finden wir in der Geschichte des Hauses Pharaos und der Kinder Israels. Als die Ägypter den Gipfel von Wohlstand und Fortschritt erklommen hatten, machten sie sich mit aller Entschlossenheit an Gewalttaten, Unterdrückung und aufrührerische Handlungen. Ihr König, der Pharao, beanspruchte göttlichen Rang. Einige Zeit zuvor waren die Kinder Israels unter der Herrschaft des Propheten Yusuf, Friede sei mit ihm, dorthin gelangt und hatten sich dort niedergelassen. Pharao machte dieses schwache Volk zum Ziel von Unterdrückung und Verfolgung. Schließlich überschritt der Ungehorsam der Ägypter jedes Maß. Daher beschloss Allah, dieses von ihnen verachtete Volk zu demütigen und eben dieses Volk zu erhöhen. Schließlich wurde Allahs Beschluss Wirklichkeit. Aus jenem schwachen Volk wurde der Prophet Musa, Friede sei mit ihm, geboren. Er wurde im Haus des Pharaos erzogen, ja durch dessen eigene Hand. Danach wurde er damit beauftragt, sein eigenes Volk aus der Knechtschaft der Ägypter zu befreien. Er ermahnte Pharao in aller Sanftmut, doch dieser ließ nicht davon ab. Von Allahs Seite wurden Pharao und sein Volk wiederholt gewarnt; in aufeinanderfolgenden Scharen kamen Hungersnöte und Überschwemmungen, und vom Himmel regneten Ströme von Blut herab. Durch den Angriff von Heuschrecken wurden ihre Felder verwüstet.
Durch die Plage von Läusen und Fröschen wurden sie aufs Äußerste bedrängt. Dennoch nahm ihr Hochmut nicht im Geringsten ab:
(Arabisch)
Bedeutung: Sie waren von Hochmut erfüllt, denn es war ein hochmütiges Volk. (Sure al-Aʿraf: Vers 133)
Als alle Argumente und Beweise nacheinander endgültig vorgebracht worden waren, wurde der Beschluss der göttlichen Strafe vollstreckt. Auf Allahs Befehl verließ Hadhrat Musa, Allahs Friede sei auf ihm, gemeinsam mit seinem Volk Ägypten. Pharao wurde mitsamt seinen Anhängern im Meer ertränkt. Infolgedessen wurde die Staatsmacht Ägyptens so zerrüttet, dass sie mehrere Jahrhunderte lang nicht wieder aufstehen konnte:
(Arabisch)
Bedeutung: Wir ergriffen ihn und seine Heerscharen und ließen sie dann im Meer ertrinken. Sieh, wie schrecklich das Ende dieser Ungerechten war. (Sure al-Qasas: Vers 40)
Danach kam Israel an die Reihe. Nachdem das ägyptische Volk zerrüttet worden war, verlieh der Herr der Welten gerade jenem gedemütigten und erniedrigten Volk die staatliche Macht über die Welt:
(Arabisch)
Bedeutung: An ihrer Stelle machten Wir die unterdrückten Menschen zu Herren über den Osten und den Westen jener Region, die Wir bis zum Rand mit Überfluss erfüllt hatten. Und so erfüllte sich aufgrund ihrer Geduld das segensreiche Versprechen deines Herrn für die Kinder Israels. (Sure al-Aʿraf: Vers 137)
Und Er verlieh ihnen den Vorrang vor allen Völkern der Welt:
(Arabisch)
Bedeutung: Und Wir verliehen euch den Vorrang vor den Völkern der Welt. (Sure al-Baqara: Vers 47)
Dieser Vorrang und diese Staatsmacht waren jedoch an die Bedingung guter Taten und rechtschaffenen Verhaltens geknüpft. Durch die Worte des Propheten Moses war bereits verkündet worden, dass euch gewiss die Stellvertretung auf Erden gegeben werde; doch auch darauf werde geachtet, wie ihr handelt (*****). Tatsächlich gilt diese Bedingung nicht nur für die Banu Isra’il, sondern für jedes Volk, dem auf der Welt Staatsmacht verliehen wird:
(Arabisch)
Bedeutung: Danach machten Wir euch zu ihren Nachfolgern, um zu sehen, wie ihr handelt. (Sure Yunus: Vers 14)
Als die Banu Isra’il daher ihrem Herrn gegenüber ungehorsam wurden, Seine Botschaft und Sein Wort verdrehten, die Wahrheit durch die Lüge ersetzten, die Grundsätze des Verzehrs Verbotenen, der Lüge, der Treulosigkeit und des Wortbruchs annahmen, geldgierig, habsüchtig, feige und bequem wurden, begannen, die Propheten Gottes zu töten, Feindschaft gegen die zu hegen, die zum Weg der Wahrheit aufriefen, eine rechtschaffene Führung abzulehnen und einer schlechten Führung Gehorsam zu leisten, da entzog Allah, der Herr der Welten, ihnen auch Seine Gunst. Die Führung und Herrschaft über die Erde wurden ihnen genommen. Durch die furchterregenden Herrscher des Irak, Griechenlands und Roms wurden sie überwältigt. Sie wurden aus ihrer Heimat vertrieben. Wie Herumtreiber wurden sie unter Schmach und Erniedrigung von Land zu Land getrieben. Die Staatsmacht wurde ihnen entrissen. Zweitausend Jahre lang waren sie derart in den Fluch verstrickt, dass sie nirgendwo auf der Welt auch nur einen einigermaßen ehrenvollen Platz finden konnten.
([Einige Jahre nach der Veröffentlichung dieses Aufsatzes wurde in Palästina der Staat Israel gegründet. Dadurch könnte bei den Menschen der Verdacht entstehen, dass dies der Zukunftsverheißung des Korans widerspreche. Tatsächlich aber wurde dieser Staat nicht aus eigener Kraft gegründet, sondern in Abhängigkeit von Amerika, England und Frankreich; und um ihn zu erhalten, versammeln sich Juden aus allen Teilen der Welt in diesem kleinen Landstrich. Doch an dem Tag, an dem diese westlichen Mächte in einen großen Krieg verwickelt und dadurch nicht mehr in der Lage sein werden, Israel zu unterstützen, wird die Todesbotschaft über es hereinbrechen, und die benachbarten arabischen Staaten werden dieses Schmutzpaket aufheben und ins Meer werfen. Tatsächlich waren die Juden mithilfe der westlichen Mächte in der Lage, auf arabischem Boden gewaltsam ihre eigene Heimstatt zu errichten; äußerlich scheint dies ihr Erfolg zu sein. In Wirklichkeit ist es jedoch nur ein anderer Name für ihre große Strafe.])
(Arabisch)
Bedeutung: Infolgedessen überkamen sie Erniedrigung, Niedergang und Elend, und sie wurden vom Zorn Allahs umschlossen. (Sure al-Baqara, Vers 61)
Heute können wir erneut die Wiederholung des göttlichen Gesetzes beobachten. Das Schicksal, von dem die früheren Völker aufgrund ihrer Taten umschlossen worden waren, hat heute auch die westlichen Völker erfasst. Nahezu alle möglichen Warnungen sind ihnen zuteilgeworden. Das Inferno des Weltkriegs, wirtschaftliche Not, die hohe Arbeitslosigkeit, das Überhandnehmen abscheulicher Krankheiten und der Zusammenbruch der Familienordnung sind leuchtende Beweise dafür. Hätten sie Augen, könnten sie allein daran erkennen, welche Folgen Unterdrückung, Ungehorsam, Selbstvergötterung und die Verfälschung der Wahrheit haben. Doch sie ziehen aus diesen Zeichen keine Lehre; vielmehr zeigt sich bei ihnen angesichts ihrer fortgesetzten Abkehr von der Wahrheit nur eine zunehmende Sturheit. Ihr Blick dringt nicht bis zur eigentlichen Ursache der Krankheit vor. Sie sehen lediglich die Symptome und wenden all ihre Anstrengungen und Mühen darauf, diese zu bekämpfen. Deshalb nimmt die Krankheit umso mehr zu, je mehr Medikamente verabreicht werden. Nach der gegenwärtigen Lage zu urteilen, scheint die Phase der Warnungen und Beweisführungen zu Ende zu gehen und der Zeitpunkt des endgültigen Urteils unmittelbar bevorzustehen.
Der allmächtige Allah hat den westlichen Völkern zwei gewaltige Teufel auferlegt. Sie ziehen sie in Richtung Zerstörung und Verderben. Der eine ist der Teufel der Ausrottung der Nachkommenschaft, der zweite der Teufel des Nationalismus. Der erste hat von den einzelnen Menschen Besitz ergriffen, der zweite von ihren Völkern und Staaten. Der erste hat das Gewissen und den Verstand ihrer Männer und Frauen verdorben. Durch ihre eigenen Hände lässt er sie ihre Nachkommen ausrotten. Er lehrt sie die Methoden und Kniffe der Empfängnisverhütung, treibt sie zum Schwangerschaftsabbruch an und preist ihnen die Vorzüge der Sterilisierung an. Dadurch vernichten sie selbst ihre notwendige Kraft. Er hat sie derart herzlos gemacht, dass sie ihre eigenen Kinder selbst töten. Kurz gesagt, dieser Teufel verleitet sie zunehmend zum Selbstmord.
Der zweite Teufel hat ihren großen Staatsmännern und Heerführern die Fähigkeit geraubt, richtig zu denken und angemessene Vorgehensweisen zu ergreifen. Er hat in ihnen die hässlichen Neigungen zu Egoismus, Rivalität, Rachsucht, Hass und Feindschaft sowie Habgier und Gier hervorgebracht. Er spaltet sie in verschiedene, miteinander zerstrittene und feindselige Gruppen und Untergruppen:
(Arabisch)
Bedeutung: Oder Er wird euch in verschiedene Gruppen und Parteien aufspalten und die einen durch die anderen die Macht kosten lassen. (Sure al-An’am, Vers 65)
Er hat sie dazu angespornt, gegenseitig die Stärke und Macht der jeweils anderen zu erfahren. Auch dies ist eine Art göttlicher Strafe. Kurz gesagt, er hat sie auf einen gewaltigen Selbstmord vorbereitet. Dieser wird nicht schrittweise, sondern plötzlich stattfinden. Er hat überall auf der Welt Munition und Sprengstoff angehäuft und an verschiedenen Orten Gefahrenherde geschaffen. Nun wartet er nur noch auf einen bestimmten Augenblick. Sobald dieser Augenblick gekommen ist, wird er eines der Munitionslager entzünden. Dann wird sich, ehe man sich versieht, ein solches Zerstörungsinferno entfesseln, dass selbst die Verwüstungen früherer Völker dagegen verblassen werden.
In dem, was ich bisher gesagt habe, liegt keinerlei Übertreibung. Im Gegenteil: Als ihre eigenen weitsichtigen Führer angesichts der umfangreichen Vorbereitungen auf den bevorstehenden großen Krieg in Europa, Amerika und Japan ([hier sei daran erinnert, dass der Artikel einige Jahre vor dem Zweiten Weltkrieg verfasst wurde]) erschauderten, wurden sie beim Gedanken an die Folgen dieses schrecklichen Krieges völlig ratlos. Vor kurzem schrieb Sergel Neuman (sergel neuman), ein ehemaliges Mitglied des US-Militärstabs, einen Artikel über den bevorstehenden Krieg. Darin erklärte er, der kommende Krieg werde nicht nur ein Kampf zwischen Soldaten sein; vielmehr sei es angemessener, ihn als ein großes Massaker zu bezeichnen. Bei diesem Blutbad würden nicht einmal Frauen und Kinder verschont. Die Wissenschaftler hätten die Aufgabe der geistigen Kriegsführung den Streitkräften aus der Hand genommen und sie chemischen Stoffen und leblosen Maschinen übergeben. Diese tödlichen Waffen seien völlig unfähig, zwischen militärischen und zivilen Personen zu unterscheiden. Außerdem werde der Kampf der kriegführenden Mächte nun nicht auf Schlachtfeldern oder in Festungen stattfinden, sondern in Städten, Häfen und bewohnten Gebieten. Denn nach der modernen Kriegslehre liege die eigentliche Stärke des Feindes nicht in seiner Armee, sondern in seinen Ortschaften, Handelszentren und Fabriken. Daher würden nun aus Kriegsflugzeugen verschiedenartige Bomben abgeworfen. Aus ihnen würden Brandstoffe, giftige Gase und Krankheitserreger freigesetzt, die gleichzeitig Millionen von Menschen zugrunde richten würden. Darunter befinde sich eine Art automatische Bombe, deren einziges Geschoss das größte Gebäude Londons in Stücke reißen könne ([später wurden unter den Bezeichnungen Atombombe und Wasserstoffbombe noch weitaus furchtbarere tödliche Waffen erfunden, und in Nagasaki und Hiroshima wurde ein kleiner Vorgeschmack ihrer Verwüstungen gegeben]). Eine Art giftiges Gas ist unter dem Namen Grünkreuzgas (green cross gas) bekannt. Seine Wirkung besteht darin, dass derjenige, in dessen Nase es eindringt, das Gefühl bekommt, er sei im Wasser ertrunken. Eine andere Art giftigen Gases heißt Gelbkreuzgas (yellow cross gas). Seine Wirkung gleicht der eines Schlangengifts. Dringt es in die Nase ein, treten genau wie bei einem Schlangenbiss Vergiftungserscheinungen auf. Es gibt noch viele weitere Gase dieser Art. Diese Gase sind nahezu unsichtbar. Anfangs werden ihre Wirkungen überhaupt nicht wahrgenommen. Wenn man sie später bemerkt, besteht keinerlei Möglichkeit mehr, ihre Wirkung zu bekämpfen oder sie zu behandeln. Eines dieser Gase steigt besonders hoch auf und breitet sich aus. Überfliegt ein Flugzeug das von ihm betroffene Gebiet, erblindet sein Pilot plötzlich. Es wurde geschätzt, dass die Freisetzung von einer Tonne bestimmter giftiger Gase über der Stadt Paris genügte, um innerhalb einer Stunde die gesamte Stadt vollständig zu zerstören. Für die Durchführung dieses Angriffs wären lediglich hundert Flugzeuge erforderlich.
Kürzlich wurde eine elektrische Brandbombe erfunden. Ihr Gewicht beträgt nur ein Kilogramm. Doch diese kleine Bombe enthält so viel Energie, dass bei ihrem Aufprall auf irgendeinen Gegenstand plötzlich eine Temperatur von dreitausend Grad Fahrenheit entsteht und daraus ein derart gewaltiger Feuersturm hervorbricht, dass er keineswegs gelöscht werden kann. Wirft man Wasser darauf, wirkt dieses wie Benzin. Bis heute ist es der Wissenschaft nicht gelungen, ein Verfahren zu seiner Löschung zu entwickeln. Man nimmt an, dass sie auf die großen Märkte in Städten und Hafenstädten abgeworfen werden soll, sodass vom einen bis zum anderen Ende Feuer ausbricht. Wenn die Menschen daraufhin voller Furcht und Schrecken zu fliehen beginnen, soll durch den Abwurf von Giftgasbomben aus Flugzeugen die Zerstörung vollendet werden.
Beim Anblick der Erfindung dieser tödlichen Waffen haben Kriegsexperten geschätzt, dass sich selbst die größte und am besten geschützte Hauptstadt der Welt mithilfe von nur wenigen Bombern innerhalb von zwei Stunden dem Erdboden gleichmachen lässt. Die Wohnstätten von Millionen Menschen können derart vergiftet werden, dass sie nachts zwar ruhig schlafen gehen, am Morgen jedoch kein einziger von ihnen lebend aufsteht. Auf diese Weise können durch giftige Stoffe die Tierbestände eines ganzen Landes vergiftet, das Vieh vernichtet sowie Felder, Bauernhöfe und Gärten vollständig ausgelöscht werden. Bis heute ist kein wirksames Mittel zur Verteidigung gegen einen solchen alles vernichtenden Angriff erfunden worden. Dabei können lediglich beide kriegführenden Seiten einander angreifen und zugrunde gehen; niemand kann der Zerstörung entkommen.
Dies ist eine kurze Beschreibung der Vorbereitungen für den bevorstehenden Weltkrieg. Um Näheres darüber zu erfahren, lesen Sie bitte das Buch mit dem Titel What would be The Character of a New War. Dieses Buch wurde von der in Genf ansässigen Organisation „Interparlamentarische Union“ nach gründlicher Forschung und Informationssammlung veröffentlicht.
Wenn Sie dieses Buch lesen, können Sie leicht ermessen, wie die westliche Zivilisation die Mittel zu ihrer eigenen Vernichtung eigenhändig zusammengetragen hat. Ihre Lebensdauer reicht nun nur noch bis zum Tag ihrer Kriegserklärung.¹ (Ein Beispiel dafür, was sich während des Zweiten Weltkriegs – von 1939 bis 1945 – ereignet hat, lässt sich an der Zerstörung von Nagasaki erkennen. Wenn Sie ein umfassenderes Beispiel sehen möchten, lesen Sie das Buch Seourge of Swastika von Lord Russell und betrachten Sie darin das Beispiel dafür, wie eine gottlose Zivilisation ein ganzes Volk in Wesen verwandeln kann, die noch niedriger stehen als wilde Tiere.)
An dem Tag, an dem zwischen den beiden größten Staaten der Welt ein Krieg ausbricht, muss man davon ausgehen, dass der göttliche Beschluss zur Vernichtung der westlichen Zivilisation in Kraft getreten ist; denn nachdem zwei Großmächte das Schlachtfeld betreten haben, kann der Krieg unmöglich nicht weltweite Ausmaße annehmen. Und wenn der Krieg weltweite Ausmaße annimmt, wird zweifellos auch die Zerstörung weltweit sein.
(Arabisch)
Bedeutung: Aufgrund dessen, was die Menschen eigenhändig erworben haben, ist überall zu Wasser und zu Land Unheil entstanden, damit sie einen Teil der Folgen ihrer Taten kosten mögen. Vielleicht kehren sie noch (auf den rechten Weg) zurück.“ Sure ar-Rum: 41)
Wie dem auch sei, die Zeit ist nun sehr nahe, in der hinsichtlich der Führung und Herrschaft über die Welt eine neue Ordnung geschaffen, die ungerechten und tyrannischen Herrscher gestürzt und ein anderes Volk – wahrscheinlich ein unterdrücktes Volk – mit der Würde des Kalifats über die Welt bekleidet werden wird. Wen Allah, der Herr der Welten, für diese Würde auserwählen wird, ist nun das Entscheidende, worauf zu achten ist.
Welche Nation der Welt danach erhöht werden wird, dafür haben wir keinerlei Möglichkeit, es zu wissen. Dies liegt vollständig im Willen Allahs. Er nimmt die Herrschaft, wem Er will, und gibt sie wiederum, wem Er will:
(Arabisch)
Bedeutung: Sprich: O Allah, Besitzer aller Königreiche und Reiche! Du verleihst die Herrschaft, wem Du willst, und entreißt sie, wem Du willst. (Sure Al-i Imran: 26) Doch auch in dieser Angelegenheit gibt es ein festgelegtes Gesetz. Dieses hat Er in Seinem geliebten Buch dargelegt. Es besagt, dass Er keine Nation einsetzen wird, die nicht ebenso verderbt und ungehorsam sein wird wie jenes verfluchte Volk.
(Arabisch)
Bedeutung: Wenn ihr ungehorsam handelt, wird an eurer Stelle eine andere Nation erhöht werden. Sie wird nicht so sein wie ihr. (Sure Muhammad: Vers 38)
Aus diesem Grund scheint es nach den äußeren Anzeichen, dass die schwachen, heute unterjochten Nationen, die die westliche Zivilisation nachahmen und die guten Eigenschaften der europäischen Völker – soweit davon noch ein wenig unter ihnen verblieben ist – verwerfen und deren Fehler und Mängel angenommen haben, die der Grund für ihre Verfluchung sind, in der bevorstehenden Umwälzung keinerlei Aussicht auf Erfolg haben werden. (Erstveröffentlichung: Tarjuman-ul-Quran, Oktober 1932)
6
Der Wehschrei der westlichen Zivilisation
(Rede Lord Lothians)
[Der Aufsatz wurde erstmals im März 1939 in der Zeitschrift Tarjuman-ul-Qur’an veröffentlicht.]
In der letzten Woche des Januars 1938 hielt Lord Lothian anlässlich der Abschlussfeier der Aligarh University (der Versammlung zur Verleihung der akademischen Grade) eine Rede. Diese Rede ist für die modernen wie auch die traditionsorientierten Angehörigen der gebildeten Schicht (des ungeteilten) Indiens in besonderem Maße beachtenswert. Sie enthält für sie eine Fülle von Lehrreichem. In dieser Rede hat ein Mann vor uns den Vorhang seines Herzens und Verstandes gelüftet, der die moderne Wissenschaft und die von ihr hervorgebrachte Zivilisation nicht aus der Ferne betrachtet hat, sondern selbst im Schoß dieser Zivilisation geboren wurde und 56 lange Jahre seines Lebens damit verbracht hat, in diesem Meer zu ringen. Seiner Herkunft und seinem Familienstand nach ist er Europäer und hat eine höhere Ausbildung in Oxford erhalten. Er war Herausgeber der berühmten Zeitschrift Round Table und bekleidete ungefähr einundzwanzig Jahre lang bedeutende verantwortungsvolle Ämter in der britischen Regierung. Er ist kein ausländischer Beobachter; er gehört selbst zum inneren Kreis der westlichen Zivilisation. Aus dieser Sicht hat er uns die eigentliche Verderbnis dieses Hauses, ihre Ursachen und das, wonach die Bewohner dieses Hauses gegenwärtig dürsten, dargelegt.
Einerseits ist diese Rede für unsere modern gebildeten Menschen besonders lehrreich. Denn aus ihr werden sie erfahren, dass die westliche Wissenschaft und die von ihr geschaffene Zivilisation keineswegs nur ein Lebenselixier sind, sondern dass ihnen auch viel Gift beigemischt ist. Diejenigen, die dieses Mittel hergestellt und es mehrere hundert Jahre lang angewandt haben, warnen euch heute selbst davor, es vollständig einzunehmen. Sie sagen: „Diese Sache hat uns an den Rand unseres Untergangs geführt und wird auch euch zugrunde richten. Wir selbst sehnen uns nach einem reinen Lebenselixier. Auch wenn wir es nicht mit Gewissheit wissen, vermuten wir doch, dass sich dieses Lebenselixier gerade bei euch befindet. Darum sollt ihr nicht euer eigenes Lebenselixier zunichtemachen und euch daranmachen, von unserem vergifteten Mittel zu kosten.“
Andererseits bietet diese Rede auch unserer Ulema und der religiösen Gemeinschaft reichlich Stoff zum Nachdenken. Daraus werden sie erkennen können, welche Seiten der islamischen Lehre sie der Welt, in der sie gegenwärtig leben, besonders deutlich vor Augen führen müssen. Diese Welt ist nach mehreren Jahrhunderten der Erprobung und Untersuchung der materialistischen Zivilisation heute derart erschöpft. Vor einigen Jahrhunderten hatten wir den Europäern das Lebenselixier des suchenden Geistes und des freien Denkens gereicht; aus schierer Unwissenheit vermischten sie es mit dem Gift der Religionslosigkeit und des Materialismus und brachten so ein neues zivilisatorisches Lebenselixier hervor. Dieses Lebenselixier hat sie zwar aus eigener Kraft auf den Gipfel des Fortschritts gehoben, doch zugleich ist seine Giftwirkung ununterbrochen wirksam geblieben. Ja, dieses Lebenselixier ist heute vollständig vergiftet. Nachdem sie die bitteren Folgen davon in vollem Maße ausgekostet haben, blicken sie nun wieder überall nach einem neuen Lebenselixier aus. Sie haben erkannt, welche giftigen Bestandteile ihr Lebenselixier enthält und welche schwerwiegenden Folgen diese in ihrem Leben hervorrufen. Auch welche Art von Lebenselixier sie benötigen, um diese Folgen zu beseitigen, können sie heute empfinden. Doch sie wissen nicht, dass das Lebenselixier, nach dem sie suchen, außer beim Islam nirgendwo auf der Welt vorhanden ist und dass auch die letzte Arznei in derselben Apotheke zu finden sein wird, aus der sie einst die erste Arznei erhalten hatten. Wenn sie selbst nach diesem Punkt weiterhin nach dem ersehnten Lebenselixier umherlaufen und, weil sie es nicht finden, mit dem Halahal-Gift die ganze Welt vergiften, dann wird unsere Ulema an dieser schweren Sünde ebenso beteiligt sein wie sie. Heute ist nicht die Zeit, in der sich die Ulema in Debatten und Disputen über Gotteslehre, Übernatürlichkeit und kleinliche Fragen der religiösen Rechtswissenschaft verlieren darf. Hatte der Gesandte – Allahs Segen und Frieden seien auf ihm – Kenntnis des Verborgenen? Kann Allah eine Lüge sagen? Ist ein Vergleich mit dem Gesandten möglich? Welchen religiös-rechtlichen Rang haben die Übertragung des Lohns guter Taten und der Besuch von Gräbern? Soll man das Amin laut sprechen und den „Rafʿ al-yadayn“ praktizieren? Wie groß soll der Unterschied zwischen Minarett und Minbar der Moschee sein? Um solche kleinlichen Fragen zu lösen, vergeuden unsere religiösen Führer heute ihre gesamte Kraft und Macht. Doch in der heutigen Welt haben diese Fragen keinerlei Bedeutung, und ihre Entscheidung kann den weltweiten Kampf zwischen Wahrheit und Lüge, zwischen Rechtleitung und Irreleitung, nicht beenden. Vielmehr besteht die dringendste Notwendigkeit unserer Zeit darin, die komplizierten Probleme, die durch die über mehrere Jahrhunderte andauernde Entwicklung von Wissenschaft, Wissen sowie Gesellschaft und Zivilisation auf der Grundlage der Abkehr von Gott und der Religionslosigkeit entstanden sind, richtig zu verstehen; und die eigentliche Aufgabe besteht heute darin, sie vollständig zu analysieren und im Licht islamischer Grundsätze annehmbare Lösungen vorzulegen. Wenn unsere Ulema sich nicht für diese Aufgabe qualifiziert und nicht ernsthaft versucht, sie sachgemäß zu erfüllen, dann wird nicht nur das Schicksal Europas und Amerikas eintreten, wie es eintreten muss, sondern auch die muslimische Welt vollständig zugrunde gehen. Denn die Probleme, unter denen die westlichen Länder leiden, entstehen heute auch in der gesamten muslimischen Welt und in Indien mit äußerster Heftigkeit. Und weil keine richtigen Lösungen für sie vorgelegt werden, gebrauchen heute alle, Muslime wie Nichtmuslime, weiterhin das „Nuskha“ der von diesen Krankheiten Befallenen. Daher ist die Angelegenheit heute nicht mehr nur eine Sache Europas und Amerikas; vielmehr betrifft sie unser eigenes Haus und unsere künftigen Generationen.
Aus all diesen Gründen ist es für unsere modern gebildete Gesellschaft und für die Ulema unerlässlich, Lord Lothians Rede aufmerksam zu studieren. Um den Kern seiner Aussagen verständlich zu machen, zitieren wir seine Rede hier von Zeit zu Zeit mit den erforderlichen Erläuterungen.
Lord Lothian sagt gleich zu Beginn seiner Rede:
Auf einen weiteren wichtigen Gesichtspunkt möchte ich heute Ihre Aufmerksamkeit lenken. Kann Indien den verheerenden Folgen der wissenschaftlichen und intellektuellen Bildung der modernen Zeit entgehen, unter denen Europa und Amerika heute leiden? Der Aufstieg der modernen Wissenschaft hat im Westen zwei gewaltige Folgen hervorgebracht. Einerseits hat er die Fähigkeit des Menschen, die Natur und ihre Kräfte zu beherrschen, beträchtlich erweitert. Andererseits hat er bei der an den Universitäten ausgebildeten Jugend und allgemein in der ganzen Welt die durch Überlieferung übernommenen religiösen Vorschriften geschwächt. Mindestens die Hälfte der Fehlentwicklungen der modernen Welt ist aus diesen beiden Ursachen entstanden. Der zivilisierte Mensch von heute ist zwar im Rausch der von der Wissenschaft entdeckten Kräfte außer sich, doch mit dem Fortschritt von Wissen, Wissenschaft sowie Gesellschaft und Zivilisation konnte er keine entsprechende Entwicklung auf moralischem Gebiet erreichen. Dabei hätte gerade dies gewährleisten können, dass die wissenschaftlichen Kräfte nicht zur Vernichtung des Menschen, sondern zu seinem Wohlergehen eingesetzt werden.“
In dieser Einleitung hat Lord Lothian in Wirklichkeit auf die grundlegenden Probleme der menschlichen Tahdhib und Tamaddun hingewiesen. Wissenschaft ist als solche nichts anderes als das Interesse an der Durchführung von Denken, Forschung und Erkundung. Durch sie wird der Mensch über den Zustand der immanenten Kräfte der Natur informiert und sammelt Mittel und Wege, um sie nutzbar zu machen. Wenn der Mensch beginnt, die neuen Kräfte, die er infolge der Entwicklung dieses Wissensschatzes erworben hat, im täglichen Leben einzusetzen, wird dies als Fortschritt der Zivilisation bezeichnet. Doch diese beiden Dinge können von sich aus das Wohlergehen des Menschen nicht gewährleisten. Sie können ebenso Ursache des Wohlergehens wie Ursache des Verderbens sein. Statt mit seinen Händen zu arbeiten, hat der Mensch begonnen, mit Hilfe von Maschinen zu arbeiten. Statt auf Tieren zu reisen, hat er begonnen, mit Eisenbahn, Kraftwagen, Schiffen und Flugzeugen zu verkehren. Anstelle von Postboten werden Nachrichten mittels elektrischer Telegraphie und drahtloser Kommunikation ausgetauscht. Das bedeutet nicht, dass der Mensch glücklicher und wohlhabender geworden ist als früher. In dem Maße, in dem diese Dinge seinen Komfort erhöhen können, können auch seine Gefahren und die Möglichkeit seines Untergangs zunehmen. Denn im Vergleich zu einer Zivilisation, in deren Epoche der Mensch nur Waffen wie Pfeil und Bogen sowie Schwerter besaß, kann eine Zivilisation, die ihm Maschinengewehre, Giftgas, Flugzeuge und U-Boote in die Hand gegeben hat, weitaus verderblicher sein. Ob die Entwicklung von Wissenschaft, Erkenntnis und Tamaddun zum Wohlergehen oder zum Verderben führt, hängt vollständig von der Zivilisation ab, unter deren Einfluss Wissenschaft, Künste und Kultur-Tamaddun sich entfalten. In Wirklichkeit ist es die Zivilisation, die den Verlauf der Entwicklung, das Ziel menschlichen Strebens und die angemessenen Anwendungsbereiche der erworbenen Kräfte bestimmt. Sie legt die Art der gegenseitigen Beziehungen der Menschen fest, schafft die Regeln ihres gesellschaftlichen Lebens und stellt moralische Vorschriften für ihre persönlichen, nationalen und internationalen Angelegenheiten auf. Kurz gesagt, gerade sie befähigt den menschlichen Geist, darüber zu entscheiden, wie die Kräfte, die der Mensch durch den Fortschritt von Wissen und Wissenschaft erworben hat, innerhalb seiner Zivilisation angewandt werden sollen, zu welchem Zweck und auf welche Weise sie zu gebrauchen sind und welche unter den verschiedenen Regeln ihrer Anwendung verworfen oder angenommen werden sollen.
In Wahrheit kann die Beobachtung der materiellen Welt und der Erwerb von Kenntnissen über die Naturgesetze allein nicht die Grundlage einer höheren Zivilisation bilden. Denn unter diesem Gesichtspunkt ist die Würde des Menschen nicht mehr als die eines vernunftbegabten Lebewesens. Mit ihrer Hilfe lässt sich lediglich ein materialistisches Lebensideal begründen. Das heißt: Für den Menschen ist das Leben in dieser Welt das einzige Leben. Sein höchstes und letztes Ziel besteht darin, in diesem Leben seine biologischen Wünsche und Begierden so weit wie möglich zu befriedigen. Er nimmt die in der Natur wirksamen Gesetze des Kampfes ums Dasein, der natürlichen Auslese und des Aufstiegs des Tüchtigsten als die letzte Wahrheit an; und das eigentliche Anwendungsgebiet der Macht besteht für ihn darin, alle Geschöpfe in seiner Umgebung niederzuzwingen und seine Herrschaft über alle zu errichten. Diese Lebensanschauung bildet die Grundlage der von Europa verfolgten Kultur und Zivilisation. Infolgedessen sind all die Kräfte, die der Fortschritt von Wissen, Wissenschaft und Zivilisation dem Menschen in die Hand gegeben hat, statt zum Wohl der Menschheit zunehmend auf ihren Weg ins Verderben gelenkt worden. Heute können die Europäer selbst spüren, dass sie eine menschliche Zivilisation benötigen, die höher steht als ihre biologische Zivilisation. Und die Grundlage einer solchen Zivilisation kann nichts anderes sein als die Religion.
Lord Lothian fuhr fort:
Es besteht kein Zweifel, dass der wissenschaftliche Geist nach und nach die alten Aberglauben aus dem Inneren der Menschen beseitigt, den Umfang von Wissen und Wissenschaft erweitert und Männer und Frauen auf diese Weise von vielen Fesseln des Altertums befreit hat; zugleich aber hat er den Menschen in hohem Maße von geistigen und religiösen Wahrheiten abhängig gemacht. Dennoch konnte er keinen Weg weisen, auf dem man zur Wahrheit gelangt. Die meisten Menschen im heutigen Westen sind von kindlicher Hast, Lust an der Abwechslung und der Sucht nach sinnlichen Genüssen benommen. Die Fähigkeit zu einem einfachen, schmucklosen Leben ist ihnen beinahe abhandengekommen. Tatsächlich stehen sie in keinerlei Verbindung mit den ursprünglichen, unendlichen und ewigen Wahrheiten, die die Religion verkündet.
Die Religion ist für den Menschen ein unverzichtbarer Wegweiser. Sie ist das einzige Mittel, durch das er die für das menschliche Leben erforderlichen moralischen Ziele, Würde und Bedeutung erlangen kann. Infolge der Einschränkung ihrer lenkenden Macht sehen wir, dass die westliche Welt den politischen Machenschaften verfallen ist, die auf erblichen und klassenmäßigen Grundlagen beruhen, und dass sie an jene Wissenschaft glaubt, die den materiellen Fortschritt zum höchsten Ziel erklärt und das Leben von Tag zu Tag komplizierter und unerträglicher macht. Darüber hinaus ist es für das heutige Europa schwierig geworden, jene Einheit zwischen Geist und Leben herzustellen, die erforderlich ist, um sich aus dem Griff des Nationalismus zu befreien, der das größte Übel des gegenwärtigen Zeitalters darstellt. Auch dies ist eine bedeutende Folge des geschwundenen religiösen Einflusses.
Anschließend stellte Lord Lothian den modernen gebildeten Menschen Indiens folgende Frage:
Werden die beiden großen Religionen Indiens, der Hinduismus und der Islam, der Kritik und dem wissenschaftlichen Geist der modernen Zeit erfolgreicher begegnen können als dem religiösen Hass des Westens? Dies ist eine äußerst wichtige Frage. Wenn Indien vor den Gefahren bewahrt werden soll, die über den Westen hereingebrochen sind, sollten die Denker und religiösen Führer dieses Landes ihre Aufmerksamkeit auf diese Frage richten. Zweifellos wird der wissenschaftliche Geist nach und nach die Erzeugnisse von Aberglauben und Unwissenheit aus der indischen Bevölkerung tilgen, und das wird eine sehr gute Sache sein. Aber wird diese Entwicklung auch die moralischen und geistigen Grundsätze beider Religionen aus den Köpfen der künftigen Führer des politischen, kulturellen und künstlerischen Lebens Indiens entfernen? Ich beanspruche keine größere Vertrautheit mit dem inneren Leben des Hinduismus und des Islam. Dennoch glaube ich, dass diese beiden Religionen Elemente enthalten, die geeignet sind, Männer und Frauen mit Universitätsbildung durch jede der beiden Religionen unter ihre Herrschaft zu bringen. Das Christentum ist in dieser Hinsicht infolge bestimmter aus irrigen Glaubensvorstellungen entstandener Fesseln gescheitert, die die von seinem großen Begründer verkündete Wahrheit selbst verborgen haben.
Hier hat Lord Lothian selbst eingeräumt, dass er in Wirklichkeit nicht viel über den Hinduismus und den Islam weiß. Aus der Ferne hat er lediglich einige bemerkenswerte Dinge zwischen Hinduismus und Islam wahrgenommen. Seiner Ansicht nach können diese Dinge dazu beitragen, gebildete Menschen angesichts moderner Kritik und forschender Denkweisen auf den höheren Prinzipien der Moral und Spiritualität zu halten. Doch für diejenigen, die über den inneren Zustand dieser beiden Religionen, ja aller Religionen Indiens, Bescheid wissen, ist es keineswegs ein Geheimnis, dass angesichts kritischer und forschender Denkweisen allein der Islam Bestand haben kann; ja, um es in aller Deutlichkeit zu sagen: Außer dem Islam besitzt keine Religion mit einer solchen Denkweise die Fähigkeit, ihre Anhänger voranzuführen und im Zeitalter des Fortschritts und der Aufklärung als Religion der gesamten Menschheit anerkannt zu werden. Warum ist das Christentum gescheitert? Nur deshalb, weil es keine soziale Ideologie ist, sondern der Vergesellschaftung entschieden entgegensteht. Es richtet sein Augenmerk lediglich auf die Erlösung des Einzelnen und weist auch für diese Erlösung die Abkehr von der Welt und die Abhängigkeit von einem himmlischen Königreich als einzigen Weg. Deshalb wurde das Christentum, als die Völker Europas den Weg des Fortschritts und der Entwicklung beschritten, statt ihnen ein Helfer zu sein, zu einem Hindernis. Folglich mussten sie voranschreiten, indem sie seine Fesseln sprengten. Die Lage des Hinduismus ist damit ebenfalls vergleichbar. Auch bei ihm gibt es weder eine fortschrittliche Lebensphilosophie noch eine vernünftige sittliche Ordnung noch ein sich ausweitendes Gesellschaftssystem. Bis heute hat ihr Varna-Ashrama-System als stärkste Kraft dafür gewirkt, die Hindus in einem Gesellschaftssystem gebunden zu halten und sie davon abzuhalten, den Einfluss anderer Zivilisationen aufzunehmen. Doch es muss zerbrechen, und es wird zerbrechen. Danach wird nichts anderes die hinduistische Gesellschaft vor dem Zerfall bewahren können. Folglich werden sich ihre verschlossenen Türen für äußere Einflüsse öffnen. Darüber hinaus ist zu beachten, dass die alte Zivilisation und Gesellschaftsordnung der Hindus, ihr alter götzenverehrender Aberglaube sowie ihre unvernünftigen und unwissenschaftlichen philosophischen Auffassungen vor dem wissenschaftlichen Fortschritt und dem gesellschaftlichen Bewusstsein der modernen Zeit nicht bestehen können. Daher nähern sich die Hindus immer mehr einem entscheidenden Wendepunkt, an dem ihr Schicksal und weitgehend auch das Schicksal Indiens bestimmt werden wird. Vielleicht werden sie, wie die Christen Europas im Zeitalter der Renaissance, dem Islam gegenüber abgeneigt und von Feindseligkeit verblendet den Weg der materialistischen Zivilisation einschlagen; andernfalls werden sie weiterhin scharenweise in den Islam eintreten.
Diese Entscheidung hängt weitgehend vom Handeln der Muslime ab, insbesondere der früher und heute Gebildeten. Denn der Islam kann allein durch die Kraft seines Namens kein Wunder vollbringen. Wenn seine Grundsätze und Ideale nur auf den Seiten eines Buches niedergeschrieben stehen, ist auch er nicht in der Lage, ein Wunder zu zeigen. Angesichts der Uneinigkeit, Unordnung und Untätigkeit, in denen die Muslime gegenwärtig befangen sind, angesichts der Trägheit und Erstarrung, die ihre Gelehrtenschaft befallen haben, und angesichts der weibischen Ängstlichkeit und Schüchternheit, die bei ihren neu gebildeten Nachkommen zu beobachten sind, kann man kaum hoffen, dass die Anspruchsteller auf den Islam – ganz zu schweigen davon, die Seele Indiens zu erobern – auch nur ihre eigene Stellung behaupten können. Für eine Nation ist es unmöglich, angesichts des reißenden Stroms einer Revolution fest stehen zu bleiben. Sie muss sich entweder von der Strömung fortreißen lassen oder sich mit voller Kraft erheben, um die Fließrichtung des Stroms zu ändern. Dieser zweite Zustand kann nur dadurch herbeigeführt werden, dass erstens die moralische Lage der gewöhnlichen Muslime verbessert und in ihnen der Grundgedanke des islamischen Lebens wiederbelebt wird. Zweitens müssen die Gelehrten und die neu gebildeten Muslime gemeinsam die modernen Probleme des Lebens im Licht islamischer Grundsätze verstehen und sowohl in ideeller als auch in praktischer Hinsicht ihre angemessene Lösung vorlegen – sodass jeder vernünftige Mensch, außer den blind Feindseligen, gezwungen ist anzuerkennen, dass es für eine fortschrittliche Gesellschaft außer der islamischen Kultur und Zivilisation keine einzige Grundlage geben kann, die wirklich zuverlässig und untadelig wäre.
In Indien[Es sei angemerkt, dass dieser Aufsatz 1938 verfasst wurde. Vor dem Hintergrund der damaligen Verhältnisse im ungeteilten Indien bestehen die in diesem Aufsatz erwähnten Probleme auch heute noch in den verschiedenen Ländern des geteilten Indien. – Der Übersetzer] herrscht heute zwischen Religion und Wissenschaft dieselbe Art von Konflikt, wie sie vor 50 oder 60 Jahren in Europa bestand. Doch auch in Indien, das von den Überresten Europas zehrt, wird sich sehr bald ein Wandel vollziehen. Der Tag ist daher nicht mehr fern, an dem diese Feindseligkeit gegenüber der Religion zumindest von der Seite der Vernunft und des Wissens her nicht mehr bestehen wird. Die Voraussetzung dafür ist allerdings, dass wir schon im Voraus bereit sein müssen, diese Gelegenheit richtig zu nutzen. Lord Lothian hat kurz auch auf diese tiefgründige Wahrheit hingewiesen: Vor 60 Jahren bestand keinerlei Hoffnung auf ein Ende des Kampfes zwischen Wissenschaft und Religion; vielmehr waren hinsichtlich dieses Krieges zwischen der spirituellen und der mechanistischen Auffassung des Lebens solche Zweifel aufgekommen, dass er erst enden könne, wenn eine der beiden Auffassungen untergegangen sei. Doch heute haben beide miteinander streitenden Seiten die Waffen gestreckt. Weder der Wissenschaftler noch der Religiöse behauptet heute mit Bestimmtheit, die sämtlichen Geheimnisse der Weltordnung aufgedeckt und alle Schwierigkeiten gelöst zu haben; vielmehr ist bei beiden ein solcher Zweifel an diesem Geheimnis entstanden, dass sie sich fragen, ob sie tatsächlich überhaupt etwas darüber wissen. Daher hat sich heute eine Möglichkeit eröffnet, die inmitten des ständigen Fortschritts von Wissen und Wissenschaft als unmöglich erschienen war.
Lord Lothian ist allerdings nicht frei vom Einfluss christlicher Vorstellungen über die Religion. Außerdem hat er auch keine vernünftige islamische Vorstellung von der Religion gefunden. Deshalb kann er höchstens denken, dass heute eine Vereinbarkeit von Religion und Wissenschaft möglich ist. Wir hingegen halten die Vereinbarkeit von Religion und Wissenschaft für völlig sinnlos. Wenn heute dem Islam auf seinem Weg, zum Lebensinhalt der Wissenschaft zu werden, irgendein Hindernis im Weg steht, so liegt es nicht an einem ihm innewohnenden Mangel, sondern an der grenzenlosen Trägheit seiner Anhänger sowie an der Unwissenheit und der von Dschāhilīya geprägten Feindseligkeit der Bannerträger der Wissenschaft. Wenn diese beiden Hindernisse beseitigt werden, wird der Islam innerhalb des Käfigs der Wissenschaft gewiss deren Lebensinhalt bleiben.
Der gelehrte Redner hat nun noch einen weiteren Punkt beleuchtet. Es geht darum, ob angesichts des wissenschaftlichen Erwachens und der auf Vernunft beruhenden Kritik unserer Zeit irgendeine Art von Religion Bestand haben kann. Welche Eigenschaften müsste die Religion besitzen, nach der der Mensch im gegenwärtigen aufgeklärten Zeitalter sucht? Und nach welcher Anleitung durch die Religion sucht der heutige Mensch aufgrund welcher grundlegenden Bedürfnisse?
Dies ist der bemerkenswerteste Punkt der zur Diskussion stehenden Rede. Er sagte:
Wenn meine Einschätzung der Lage nicht irrt, muss man diese Wahrheit unbedingt anerkennen: Die Religion der Gegenwart steht vor einer schweren Prüfung. Diese Prüfung kann sie nur dann erfolgreich bestehen, wenn die neuen Generationen ihre inneren Vorschriften und Ordnungen prüfen und sich völlig davon überzeugen können, dass in dieser Religion eine angemessene Lösung für alle praktischen Probleme, Fragen und Schwierigkeiten des Lebens enthalten ist. Die Zeit der persönlichen Religion ist heute vorbei. Sie hat sich schon vor langer Zeit verabschiedet. Niemand braucht heute eine bloß gefühlsbetonte Religion. Auch die Zeit einer Religion, die lediglich eine gewisse Hilfestellung bei der Regelung des sittlichen Verhaltens des Menschen geben und höchstens die Erlösung im Jenseits versprechen kann, ist vorüber. Der rational denkende Mensch der Gegenwart will jedes Ding, ja sogar die Wahrheit selbst, am Maßstab der unmittelbaren Ergebnisse überprüfen. Wenn er sich der Religion unterwerfen soll, muss sie ihm zuvor die Frage beantworten, welche Lösung sie für seine praktischen Probleme bereithält. Die Hoffnung, nach vielen Wiedergeburten schließlich das Nirwana zu erlangen, oder die Erwartung, nach dem Tod in das himmlische Reich einzugehen, ist nichts, worauf er allein sein Vertrauen setzen und deshalb die Religion annehmen würde. Wegen seines philosophischen Forscherdrangs muss die Religion ihm zunächst einen Schlüssel an die Hand geben, mit dem er eine befriedigende Lösung für die verborgenen Geheimnisse der Welt und der Natur finden kann. Darüber hinaus muss sie ihm nach angemessenen wissenschaftlichen Methoden den unmittelbaren Zusammenhang von Ursache und Wirkung – beziehungsweise von Mittel und Ergebnis – nachweisen und zeigen, wie sich jene gegenwärtig überheblichen und zügellosen Kräfte, die statt des Wohls der Menschheit deren Vernichtung androhen, unter Kontrolle bringen lassen. Ebenso muss sie angeben, wie sie das Problem der Arbeitslosigkeit, die ungerechtfertigte Ungleichheit, Unrecht und Unterdrückung, wirtschaftliche Ausbeutung, Kriege und andere gesellschaftliche Missstände beseitigen, wie sie die gegenseitige Feindseligkeit der Menschen und den Zerfall der Familie verhindern will und dergleichen mehr. Denn diese Probleme haben den Menschen all seine Freude geraubt. Der einzige Grund, weshalb der Mensch heute so sehr auf die Religion angewiesen ist, liegt darin, dass die Wissenschaft seine Probleme nicht gelöst, sondern noch vergrößert hat. Deshalb war er noch nie so begierig wie heute darauf, seine Zweifel und Probleme durch die Religion klären zu lassen. Wenn die Religion also den Schutz ihres eigenen Bereichs sichern und ihre verlorene Würde wiederherstellen will, muss sie auf die genannten Fragen geistige und zugleich wissenschaftlich begründete Antworten geben, sodass man ihre Wahrheit schon in dieser Welt am Maßstab der Ergebnisse prüfen und erproben kann. Das heißt, diese Antworten dürfen nicht für die Welt nach dem Tod zurückgestellt werden. Wir Menschen des Westens wissen, dass dies das größte Problem unserer Zeit ist. Welche Antwort können Sie, die Menschen Indiens, darauf geben?
Nachdem man diesen Abschnitt aus Lord Lothians Rede gelesen hat, scheint es tatsächlich, als quäle sich ein durstiger Mensch voller Schmerzen. Er weiß nichts über das Wasser; doch die Anzeichen des Durstes spürt er ganz deutlich, und auch welche Eigenschaften das Ding haben soll, nach dem das Feuer in seinem Inneren verlangt, sagt er klar. Würde man ihm unter diesen Umständen Wasser bringen und es ihm vorsetzen, würde sein ganzes Wesen sogleich ausrufen: Nach diesem Ding habe ich mich doch vor Durst verzehrt! Er würde nicht einmal zögern, das Gefäß an die Lippen zu setzen und einen Schluck zu nehmen. Dieser Zustand betrifft nicht nur Lord Lothian; vielmehr sind überall in Europa, Amerika und in der ganzen Welt, wo Menschen im Feuer der westlichen Zivilisation versengt wurden und, nachdem sie die grünen Streifen am Rand der Wüste von Philosophie und Wissenschaft durchquert hatten, die mittlere, von Wasser, Gras und Gewächsen entblößte Ebene erreichten, heute alle in gleicher Weise durstig. Und wie Lord Lothian verlangen sie alle nach einem Ding mit denselben Eigenschaften. Keiner von ihnen kennt den Namen des Wassers, und keiner weiß, wo es zu finden ist; doch von Zeit zu Zeit schreien sie nur: »Bringt schnell das Ding herbei, das das Feuer in unserem Inneren löschen kann!«
Den Namen des Wassers haben sie zwar gehört, doch seine wahre Gestalt haben sie nicht gesehen. Vielmehr hören sie von ihren unwissenden und von Feindschaft verblendeten Vorfahren auch immer wieder: »Hütet euch! Geht nicht in die Nähe des Wassers; es ist ein giftiges, furchtbares Ding.« Deshalb fürchten sie diesen Namen. Doch heute ist die Lage an einen Punkt gelangt, an dem sie, wenn man ihnen – ohne den Namen zu nennen – das wirkliche Ding vorlegt, tatsächlich ausrufen würden: »Ja, nach genau diesem Ding haben wir gedürstet!« Und wenn man ihnen dann sagte: »Meine Herren! Dieses Wasser ist es, vor dessen Namen ihr euch fürchtet«, würden sie voller Erstaunen und Bestürzung sagen: »Welcher Täuschung sind wir all diese Zeit doch erlegen!«
Der rational denkende Mensch der Gegenwart hat das Christentum gründlich geprüft und untersucht. Dass diese Religion kein Heilmittel für seine Krankheit ist, ist so deutlich geworden wie das Tageslicht. Zwar ist er bisweilen von der rätselhaften Philosophie des Hinduismus und Buddhismus sowie von deren historischem Reaktionismus beeindruckt, doch schon beim ersten Angriff wissenschaftlicher Kritik und Analyse tritt ihr Versagen offen zutage. Der Buddhismus ist weitgehend eine indische Version des Christentums. Der Hinduismus selbst aber schafft fortwährend derartige Probleme und Komplikationen, dass der rational denkende Mensch der Gegenwart gerade in der Hoffnung, sich von ihnen zu befreien, das Bedürfnis nach Religion empfindet. Innerhalb seines Herrschaftsbereichs ist die unvernünftige Ungleichheit zwischen den Menschen am deutlichsten zu beobachten. Die schlimmste Form der wirtschaftlichen Ausbeutung – nämlich Geldverleih und Wucher – ist zu einem untrennbaren Bestandteil seiner Ordnung und Gesetzgebung geworden. Die eigentliche Ursache von Krieg und Konflikt, nämlich die Einteilung der Menschen in Stämme und ihre Feindseligkeit, ist tief in seinem Fundament verwurzelt. Das von ihm errichtete Gesellschaftssystem vereint die Menschen nicht, sondern teilt sie in zahllose Klassen und Stämme. Seine gesellschaftlichen Vorschriften sind so alt und verfallen, dass im Zeitalter des wissenschaftlichen und praktisch orientierten Bewusstseins sogar Hindus aus Familien, die ihnen seit Jahrtausenden anhängen, gezwungen sind, sie zu übertreten. Denn ihre Grundlage ist nicht Wissen, Verstand und Rationalismus, sondern Feindseligkeit und Aberglaube. Abgesehen von all diesen weltlichen Dingen erweist er sich auf dem Gebiet der Logik und des Spiritualismus als noch untauglicher. Er besitzt keinen Schlüssel, mit dem sich die verborgenen Geheimnisse der Natur zufriedenstellend erklären ließen. Seine Überzeugungen sind nichts als bloße Einbildungen; für keine einzige von ihnen lässt sich ein wissenschaftlicher oder vernunftbasierter Beweis vorlegen. Auf dem Gebiet der Ethik erschafft er freilich ein bezauberndes Zauberwerk der Fantasie – ebenso ein Zauberwerk, wie es auch Mahatma Gandhi geschaffen hat. Doch von logischer Beweisführung und praktischer Weisheit ist es völlig frei. Daher lässt sich mit Bestimmtheit sagen, dass sein Versagen im Zeitalter des wissenschaftlichen Bewusstseins schon sehr bald offen zutage treten wird.
Danach bleibt nur noch der Islam. Tatsächlich erfüllt der Islam jedes einzelne Kriterium, das der heutige rational denkende Mensch für die von ihm gewünschte Religion aufgestellt hat oder aufstellen kann.
Die Auffassung, Religion sei lediglich eine persönliche Angelegenheit und stehe nur mit der individuellen Moral in Beziehung, ist heute überholt. Tatsächlich handelt es sich dabei lediglich um eine besondere Marotte des neunzehnten Jahrhunderts. Dennoch verbreitet eine bestimmte Gruppe reaktionärer Menschen in unserem Land diese Lehre noch im vierten Jahrzehnt des zwanzigsten Jahrhunderts. Obwohl diese Leute lautstark „Fortschritt! Fortschritt!“ rufen, sind sie fest entschlossen, stets fünfzig Jahre hinter der sich wandelnden Welt zurückzubleiben. Heute kann man es als nahezu allgemein anerkannt bezeichnen, dass der Einzelne nicht losgelöst von der Gesellschaft gedacht werden kann. Jeder Einzelne in der Gesellschaft steht mit den anderen in zahllosen kleinen und großen Beziehungen. Die Gesellschaft gleicht im Großen und Ganzen einem Körper. Die Stellung des Einzelnen entspricht darin der eines Organs im lebendigen Körper. Wenn Religion überhaupt notwendig ist, dann nicht nur zur persönlichen Befriedigung des Einzelnen oder zu seiner Erlösung im Jenseits, sondern vielmehr zur Organisation der gesamten Gesellschaft und zur Regelung sämtlicher Angelegenheiten des irdischen Lebens. Und wenn sie dafür nicht notwendig ist, dann ist sie weder für den Einzelnen noch für die Gesellschaft von Bedeutung. Zu behaupten, die gesellschaftliche Ordnung müsse einerseits gestaltet sein, während der persönliche Glaube und die religiöse Praxis des Einzelnen davon völlig verschieden sein dürften, ist nichts als eine kindische Aussage. Wenn Glaube und religiöse Praxis keinen Bezug zum gesellschaftlichen Leben haben, sind ein solcher Glaube und ein solches Verhalten völlig sinnlos. Sie sind nicht nur sinnlos; vielmehr ist ihr Untergang dort unvermeidlich, wo sie nicht bereit sind, mit den übrigen Teilen der Gesellschaftsordnung zusammenzuwirken. Von den beiden Wegen kann daher nur einer eingeschlagen werden: Entweder muss die gesamte Gesellschaftsordnung vollkommen religionslos gemacht und die Religion nach kommunistischer Lehre endgültig aus dem menschlichen Leben verbannt werden, oder das gesellschaftliche Leben muss vollständig auf der Grundlage der Religion aufgebaut werden, wobei man entsprechend den Forderungen des Islam die Religion sowohl auf dem Gebiet der Wissenschaft und Erkenntnis als auch auf dem Gebiet von Kultur und Zivilisation als einziges Leitprinzip anerkennt. Den ersten Weg hat die Menschheit seit langer Zeit erprobt. Die von Lord Lothian erwähnten giftigen Früchte können daraus hervorgehen, und genau diese Früchte sind daraus hervorgegangen. Auch in Zukunft wird es von dieser Regel keine Ausnahme geben. Unter diesen Umständen liegt die Rettung der Welt allein im zweiten Weg, und die Möglichkeit, diesen Weg zu verwirklichen, tritt von Tag zu Tag deutlicher hervor.
Doch wie ich bereits gesagt habe, liegt es vollständig im Willen der Muslime, diese Gelegenheit umfassend zu nutzen oder sie für immer zu verspielen. Die tatsächlichen Verhältnisse haben die Welt und unser Land als einen Teil der Welt an einen Punkt geführt, von dem aus sich die Richtung ihres weiteren Weges sowohl dem Islam zuwenden als auch in den abgrundtiefen Schlund des Materialismus und der moralischen Anarchie führen kann. Bis heute scheint ihre Bewegung wohl eher auf den zweiten Weg gerichtet zu sein, denn die Welt schreitet seit sehr langer Zeit auf diesem Weg voran. Freilich ist sie angesichts der vielfältigen Gefahren und Schrecken dieses Weges ängstlich und besorgt geworden und hält zugleich ringsum Ausschau, um zu prüfen, ob es keinen anderen Weg zur Rettung gibt. Doch kein Weg zur Rettung wird für sie sichtbar. In Wahrheit wartet sie auf starke Führer, die ihren Blick von diesem Schleier befreien und beweisen können, dass der einfache und gerade Weg des Islam der einzige Weg zur Rettung ist. Wenn unter den Muslimen eine Gruppe solcher Mujahidin und Mujtahidin entsteht, werden gerade sie in der Lage sein, der ganzen Welt den Weg zu weisen. Dann können sie den Ehrenplatz, auf den sie einst erhoben worden waren und nach dem sie sich heute sehnen, wenn sie dort die westlichen Völker sitzen sehen, wieder einnehmen. Wenn jedoch die Mehrheit dieses Volkes weiterhin wie heute in Verzweiflung und Mutlosigkeit verharrt, wenn seine Jugend darin die höchste Erfüllung sieht, von den Überresten anderer zu leben, wenn seine Gelehrten in inhaltsleeren Streitigkeiten über den alten Fiqh und Kalam befangen bleiben, wenn die niedrige Gesinnung seiner politischen Führer gerade darin das höchste Ideal einer „Jihad-Haltung“ erblickt, den Fußspuren fremder Völker zu folgen, und es für eine große Leistung und Klugheit hält, das eigene Volk in die Falle der größten Täuschung des zwanzigsten Jahrhunderts zu stürzen – kurz: Wenn dieses gewaltige Volk von Kopf bis Fuß in Untätigkeit und Unfähigkeit versunken bleibt und aus den vielen Millionen Menschen nicht einmal einige wenige wahre Mu’min-Männer entschlossen hervortreten können, um auf Allahs Weg Jihad, Ijtihad und Anstrengungen des Kampfes zu leisten, dann wird auch dieses Volk eines Tages in den Abgrund gestürzt werden, auf den die Welt zutreibt. Dann wird Allahs Zorn erneut donnernd ausrufen:
(Arabisch)
(Das heißt: Untergang über die Gemeinschaft der Gelehrten.)
7
Der Konflikt der Türkei mit dem Orient und dem Okzident
[Der Artikel wurde erstmals im Februar 1936 in der Monatszeitschrift Tarjuman-ul-Qur’an veröffentlicht. – Der Herausgeber]
Die Rede von Halide Edib Hanım
[Die türkische Aussprache des Namens lautet „Halide Edib Hanım“.]
Die berühmte türkische Gelehrte und Kämpferin Halide Edib Hanım kam Mitte des Jahres 1935 auf Einladung der „Jamia Islamia“ nach Indien. Die Reden, die sie in Delhi hielt, hat der Professor der Jamia, Dr. Sayyid Abid Husain, unter dem Titel „Der Konflikt zwischen Orient und Okzident in der Türkei“ ins Urdu übersetzt und veröffentlicht. Im vorliegenden Artikel wollen wir diese Reden etwas näher beleuchten.
In der muslimischen Welt sind gegenwärtig zwei Staaten aus zwei verschiedenen Richtungen mit der Würde der Führung der weltweiten muslimischen Gemeinschaft gekrönt: Ägypten in geistiger Hinsicht und die Türkei in politischer Hinsicht. Die Beziehung der muslimischen Nation zu Ägypten ist vergleichsweise tiefer. Denn seine Sprache ist unsere eigene internationale Sprache – das Arabische. Seine Bücher und Schriften werden unter den Muslimen der ganzen Welt verbreitet. Sein geistiger Einfluss erstreckt sich von China bis Marokko. Mit einem Wort: Ägypten ist die einzige Verbindung zwischen den Muslimen, durch die ihr Umgang miteinander, ihr gegenseitiges Verständnis und ihre Kenntnis voneinander ermöglicht werden. Demgegenüber haben das kämpferische Leben des türkischen Volkes, seine heldenhafte Verteidigung gegen die Vorstöße des Westens sowie seine gewaltigen Opfer und Aufopferungen für die nationale Würde zweifellos die gesamte muslimische Welt beeinflusst. Aus diesem Grund nehmen die Türken in der muslimischen Welt den Platz der Führung und Autorität ein. Doch die sprachliche Fremdheit und der Mangel an gegenseitigem Umgang und Verständnis haben zwischen der Türkei und den meisten muslimischen Ländern eine tiefe Kluft geschaffen. Daher ist unsere Kenntnis von der geistigen Entwicklung des türkischen Volkes, seiner intellektuellen Prägung sowie seinem sozialen, politischen, religiösen und wissenschaftlichen Fortschritt äußerst begrenzt. Besonders von der gewaltigen Revolution, die sich in den vergangenen zehn bis zwölf Jahren in der Türkei ereignet hat, hatten wir nur sehr wenige Möglichkeiten, ihre inneren Ursachen und ihre grundlegende geistige Strömung kennenzulernen und zu verstehen. Viele Menschen sind den Türken äußerst unzufrieden gegenüber eingestellt. Andere wiederum hegen eine gute Meinung von ihnen. Manche haben sogar ihre Westorientierung als endgültigen Beweis für ihre eigene Anbetung des Westens genommen. Doch keiner von ihnen verfügt über zuverlässige und maßgebliche Informationen. Auch wenn einige über ein wenig Wissen verfügen, reicht dieses keineswegs aus, um das Lebenswesen der modernen Türkei zu erfassen.
Unter diesen Umständen ist es unser großes Glück, dass eine bedeutende Gestalterin der modernen Türkei hierhergekommen ist und den inneren Zustand ihres eigenen Volkes geschildert hat. Sie war nicht nur eine Darstellerin auf der Bühne der jüngsten Revolution, sondern vielmehr eine bedeutende aktive Kraft dieser Revolution. Zugleich besaß sie dank Allahs Gnade die gelehrte Weitsicht, das philosophische Verständnis und die geistige Kraft einer großen Denkerin. Dadurch kann sie nicht nur die in den äußeren Ereignisabläufen verborgenen Ursachen und Zusammenhänge erkennen, sondern sie auch verständlich machen. Aus einer derart maßgeblichen und zuverlässigen Quelle haben wir zum ersten Mal die Gelegenheit erhalten, die Türkei richtig kennenzulernen und zu verstehen. Sie hat versucht, uns das Lebenswesen der modernen Türkei zu enthüllen. Dieses Volk, das heute nicht nur die politische Führung der muslimischen Welt übernimmt, sondern auch danach strebt, ihre geistige Führung zu erlangen – wie ist sein innerer Zustand tatsächlich, aus welchen Elementen ist er aufgebaut, welche Kräfte wirken in seinem Inneren, welche Ursachen und Zusammenhänge haben es an seine gegenwärtige Stellung geführt und in welche Richtung schreitet es heute voran? All dies hat sie uns mit vollkommener Aufrichtigkeit und Vertrauenswürdigkeit dargelegt. Dieses maßgebliche Informationswerk ist für uns in vielerlei Hinsicht äußerst nützlich. Sein einziger Nutzen besteht nicht darin, dass der tatsächliche Zustand des türkischen Volkes vor uns deutlich geworden ist; ein noch größerer Nutzen liegt darin, dass wir die grundlegende geistige Richtung der Wegweisung, die unsere jüngeren Generationen heute aus der Türkei erhalten, besser verstehen können. Kurz gesagt, haben wir eine weitere Gelegenheit erhalten, die inneren Wirkzusammenhänge der Revolution zu verstehen, die sich gegenwärtig in der muslimischen Welt zu entfalten beginnt.
Allerdings muss man, bevor man die moderne Türkei durch Khalida Hanım zu verstehen versucht, zunächst sie selbst gründlich verstehen. Zweifellos ist Khalida Hanıms Herz vollkommen muslimisch und von Glaubensbewusstsein erfüllt. Und ihr Glaube ist keineswegs gewöhnlicher Art, sondern geradezu beneidenswert. Denn es ist der Glaube einer Mudschahedin-Frau. [Bedauerlicherweise war es mir aufgrund späterer Studien nicht möglich, an dieser Auffassung festzuhalten (1943)]
In ihrer Gedankenwelt ist nicht einmal ein Anzeichen von Atheismus oder Gottlosigkeit festzustellen. Sie empfindet eine tiefe Zuneigung zum Islam; diese Zuneigung gleicht der einer aufrichtigen muslimischen Frau.
Doch so muslimisch ihr Herz ist, so muslimisch ist ihr Verstand nicht. Sie wurde vollständig nach westlicher Art erzogen und studierte ausschließlich westliches Wissen und westliche Wissenschaft. Durch eine westliche Brille hat sie die Welt, den Islam und ihr eigenes Volk betrachtet, und all ihre Gedanken und ihre Sichtweise sind nach westlichem Muster geformt. Allerdings leistet der verborgene Islam in ihrem Herzen und ihre Vorliebe für den Orient dem geistigen und intellektuellen Einfluss des Westlertums weitgehend Widerstand. Eben infolge dieses Widerstands lässt sich in ihrer Gedankenwelt im Vergleich zu der anderer revolutionärer Führer des türkischen Volkes ein beträchtliches Maß an Ausgewogenheit erkennen. Doch dieser Widerstand konnte sie nicht vollständig vor der Vorherrschaft ihrer Westbegeisterung bewahren.
Ihre Kenntnisse über den Islam scheinen sehr begrenzt zu sein. Für das Studium der westlichen Philosophie, Geschichte und Soziologie hat sie vermutlich nicht einmal ein Zehntel der Zeit aufgewendet, die sie dem Studium des Korans, der Sunna und der islamischen Geschichte gewidmet hat. Daher zeigt der geringe Einblick in ihre Gedanken über den Islam, der in ihren Reden für uns erkennbar geworden ist, zwar gute Absichten, aber nur sehr wenig tiefes Verständnis und Weitblick.
In ihrer letzten Ansprache sagte sie: „Gandhijis Persönlichkeit ist ein vollendetes Beispiel des modernen Islam.“ Das kann nur jemand sagen, der überhaupt nicht weiß, was der Islam ist, wie großartig und erhaben er im Vergleich sowohl zum Alten als auch zum Modernen ist und worin sein vollkommenes Beispiel besteht. Für jemanden, der auch nur ein wenig auf die Merkmale des islamischen Charakters achtet und einen einzigen flüchtigen Einblick in ihn gewonnen hat, besitzt Gandhi keinerlei Bedeutung; selbst die großen Helden der Weltgeschichte sind in seinen Augen wertlos. Dies ist keine von nationalem Hass bestimmte Aussage, sondern eine unwiderlegbare historische Tatsache. Stellen Sie sich die Charaktere von Abu Bakr as-Siddiq (r.a.), Umar al-Faruq (r.a.), Ali al-Murtada (r.a.), Hasan ibn Ali (r.a.), Abu Hanifa (r.), Ahmad ibn Hanbal (r.), Abd al-Qadir al-Dschilani (r.) und anderen vor. Sagen Sie dann gerecht und unparteiisch: Welche Persönlichkeit der Weltgeschichte – die Propheten ausgenommen – könnte diesen Charakteren gegenübergestellt werden?
Bei der Herausbildung der politischen Gesellschaft der osmanischen Nation lässt sich der Einfluss von allem feststellen – von den alten erblichen Eigenschaften des türkischen Volkes über Griechenland, Byzanz und Rom bis hin zu Platons Demokratie. Nur der Einfluss des Korans und der Lehren Muhammads (s.a.w.) ist nicht zu erkennen. Dabei war es gerade dieser Einfluss, der den nomadischen Türken Zentralasiens die Fackel des kulturellen und zivilisatorischen Lichts in die Hand gab, in ihnen die Fähigkeiten zur weltweiten Ausbreitung und zu weltweitem Ruhm hervorbrachte und sie statt in eine für die Menschheit zerstörerische Kraft in eine wohlgeordnete Kraft verwandelte. Khalida Khanum erkannte unter den Osmanen höchstens einen gewissen Einfluss der islamischen Gleichheit und Gerechtigkeit. Der Sachverhalt war folgender: Als Sultan Selim den Islam unter seinen Untertanen mit der Macht des Schwertes verbreiten wollte, wies Scheich al-Islam Dschamal Efendi ihn an, davon Abstand zu nehmen, und selbst ein despotischer Herrscher wie Selim beugte sich dieser Anweisung. Doch in diesem gewaltigen Ereignis erkannte Khalida Khanum anstelle der islamischen Gerechtigkeit lediglich das Gefühl einer „osmanischen Nationalität“ und den Antrieb zur Bewahrung der „osmanischen Staatsordnung“. Sie verstand nicht, dass in der Fatwa Dschamal Efendis der Geist des Grundsatzes „La ikrāha fī d-dīn“ – „Es gibt keinen Zwang in der Religion“ – enthalten war.
Die Kraft aufrichtiger islamischer Wahrheitsliebe verlieh ihm den Mut, vor Selim eine Fatwa zu erlassen. Und gerade die Erhabenheit und Größe des Islam zwangen Selim, sich seiner Fatwa zu beugen.
Khalida Khanum scheint mit der Randständigkeit der Religion, der Unterdrückung und Gewaltherrschaft, der zwangsweisen Organisation der Gesellschaft, der grenzenlosen Westverehrung, der materialistischen Gesinnung und der Haltung der gegenwärtigen türkischen Führung gegenüber der Religion unzufrieden zu sein. Sie wünscht eine ausgewogene Verbindung zwischen den Sitten und Lebensformen des Ostens und des Westens. Zwischen „Materialismus“ und „Spiritualismus“ befürwortet sie die Herstellung eines Einklangs. Sie erkennt auch an, dass die vom Islam zwischen diesen beiden Lebensanschauungen verwirklichte Verbindung die beste ist. Doch selbst besitzt sie in Bezug auf den Islam keinen umfassenden Weitblick. Deshalb weiß sie nicht, worin nach islamischen Grundsätzen der richtige Weg zu dieser Verbindung besteht und wo die gerade Linie des Gleichgewichts zwischen den beiden äußersten Polen verläuft. Sieht man jedoch von ihrer persönlichen Meinung ab, so finden wir in ihren Ansprachen eine klare und zutreffende Darstellung der Mentalität des modernen Türke, seiner geistigen Strömungen und der historischen Ursachen der jüngsten Revolution; und genau das ist es, was wir wünschen.
Als das türkische Volk zum Islam übertrat, hatte der moralisch-geistige Niedergang der Muslime bereits begonnen. [Mit „türkischem Volk“ ist hier die osmanische Türkei gemeint.] Zwar war unter ihnen der Geist des Dschihad lebendig geblieben, doch der Geist des Idschtihad war erstorben. Weitblickende Denker über den Islam und gelehrte Faqihe (Rechtsgelehrte) waren damals verschwunden. Die islamische Kultur und Zivilisation war halb tot, und das islamische Denken war nahezu leblos geworden. Bei den schariatischen Bestimmungen herrschte blinde Taqlid vor. In Gesellschaft und Zivilisation waren die Sitten der Nichtaraber und der Römer eingedrungen. Der Einfluss des Orientalismus auf den Tasawwuf und des Neuplatonismus auf die Philosophie hatte sich verfestigt. Es fehlte an geeigneten Menschen, die unmittelbar aus Koran und Sunna Wissen schöpfen konnten. Die meisten Gelehrten waren in komplizierte Streitfragen des Kalām verstrickt, die sich in Wortklauberei erschöpften, und ließen auf dem von den Vorfahren beschrittenen Weg stürmische Winde der Auslegung und Analyse wehen. Die meisten Herrscher waren mit der blinden Nachahmung von Kaiser und Kisra beschäftigt. Die Sufi-Gemeinschaften und geistlichen Führer hatten den echten Sufismus des goldenen Zeitalters des Islam aufgegeben und folgten den Mönchen und Yogis. Der Aufstieg der Muslime in Wissenschaft, Wissen und den Künsten war zum Erliegen gekommen. Auf den Gebieten des Denkens, der Forschung und der Erfindungen war ihr Fortschritt nahezu vollständig beendet. Kurz gesagt: Nach dem Aufstieg waren im gesamten muslimischen Raum deutliche Anzeichen des Niedergangs sichtbar geworden.
So trat das türkische Volk in der Geschichte des Islam von Anfang an mit grundlegenden Schwächen auf. Und ungefähr zu der Zeit, als in Europa die geistige Entwicklung und der wissenschaftliche Aufbruch einsetzten, wurde auch das Osmanische Reich gegründet.
In den ersten zweieinhalb Jahrhunderten jedoch besiegten die Osmanen Europa immer wieder und entfalteten das Siegesbanner des Islam. Doch in jener Zeit sanken auch die Türken gemeinsam mit den übrigen muslimischen Völkern allmählich dem Niedergang entgegen, während ihre westlichen Gegner rasch auf materiellen und geistigen Fortschritt zustrebten. Im siebzehnten christlichen Jahrhundert nahm die Lage eine völlig andere Gestalt an. Die militärische Organisation sowie die materiellen und menschlichen Kräfte der Franken waren derart gewachsen, dass sie die im Niedergang begriffenen Türken in der Schlacht bei Sankt Gotthard zum ersten Mal vernichtend besiegten. Doch auch dadurch wurden die Augen der Türken nicht geöffnet. Sie schritten weiter auf dem Weg des Niedergangs fort, während die Franken im gleichen Maß zu den Gipfeln des Fortschritts emporstiegen. Im achtzehnten Jahrhundert schließlich erreichte der moralische, religiöse, politische, intellektuelle und zivilisatorische Zustand der Türken einen völligen Tiefpunkt. Und die Vorherrschaft der Franken trat vollständig hervor.
Zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts erkannte Sultan Selim diese umfassende Schwäche des türkischen Volkes. Er begann mit der Reform der Verwaltung, der Verbreitung moderner Wissenschaften, der militärischen Organisation nach neuen Methoden und der Einführung moderner westlicher Waffen. Doch die unwissenden und törichten Sufi-Gemeinschaften sowie die engstirnigen Gelehrten, die von den Lehren und dem Geist des Islam keine Kenntnis hatten, widersetzten sich im Namen der Religion diesen Reformen. Eine militärische Organisation nach europäischem Vorbild bezeichneten sie als Abfall vom Glauben. Die moderne Militäruniform nannten sie eine Nachahmung der Nazarener. Den Gebrauch des Bajonetts hielten sie für eine Sünde. Außerdem wurde gegen Selim der Hass geschürt mit der Behauptung, er habe den Islam entstellt, indem er die Grundsätze der Ungläubigen einführte.
Der Scheich al-Islam Ataullah Efendi erließ eine Fatwa, wonach ein Herrscher, der gegen den Koran handelt, nicht für das Herrscheramt geeignet sei. Schließlich wurde Salim im christlichen Jahr 1707 abgesetzt. Zum ersten Mal erweckten die religiösen Führer durch ihre Unwissenheit und Blindheit den Eindruck, der Islam sei ein Hindernis für den Fortschritt.
Die Verhältnisse der Zeit veränderten sich rasch, und im Vergleich zu den anderen Muslimen trafen die Auswirkungen dieser Veränderungen die Türken besonders heftig. Sie standen Europa unmittelbar gegenüber und lagen zugleich im Krieg miteinander. Mit den westlichen Völkern unterhielten sie enge politische, zivilisatorische und Handelsbeziehungen. Selbst die europäischen Völker, die ihrer Herrschaft unterstanden, übernahmen mit großer Geschwindigkeit den westlichen Einfluss. Doch die türkischen religiösen Führer, denen sowohl gründliche islamische Kenntnisse als auch die Fähigkeit zum Idschtihad fehlten und die von der wahren Lehre des Islam völlig unwissend waren, blieben gegenüber diesen Veränderungen völlig gleichgültig. Dadurch zwangen sie die türkische Nation, sich auch nur einen Schritt über die Verhältnisse von vor siebenhundert Jahren hinauszubewegen.
Nach Salim versuchte Sultan Mahmud, Reformen durchzuführen. Die Gelehrtengemeinschaft und die religiösen Führer widersetzten sich ihm erneut. Nach der Überwindung zahlreicher Hindernisse gelang es Mahmud 1826, die Grundsätze einer modernen militärischen Organisation einzuführen. Doch die Gelehrten und die Sufis verbreiteten unaufhörlich, solche Reformen seien eine Neuerung (Bid’a), durch sie werde der Islam verfälscht; der Sultan sei religionslos geworden, und wenn Muslime in ein Heer nach moderner Art einträten, müsse ihr Iman zwangsläufig Schaden nehmen.
In dieser Zeit entstand unter den nachdenklichen Menschen der Türkei ein allgemeines Bewusstsein für den nationalen Niedergang ihres Landes. Sie dachten über die Ursachen des Aufstiegs der westlichen Völker nach, studierten deren Wissenschaften, Kenntnisse, Sitten und Methoden und richteten ihre scharfe Aufmerksamkeit auf deren Verwaltungssysteme; zugleich versuchten sie, die Gesetze und Vorschriften, die Verwaltungsangelegenheiten, die Bildungseinrichtungen und das Militärwesen ihres eigenen Staates so zu reformieren und umzugestalten, dass sie mit den westlichen Völkern Schritt halten konnten. In den Worten Khaleda Khanams durchströmte die Lebenskraft islamischer Gesinnung die Adern dieser Männer. In Herz und Verstand waren sie Muslime. Gewiss hatten sie ein Bewusstsein für die eigenen Schwächen, doch gegenüber dem Westen empfanden sie keineswegs Minderwertigkeit. Sie waren vom Westen nicht geblendet und keineswegs bereit, unterschiedslos alles von ihm zu übernehmen; vielmehr bestand ihr einziges Ziel darin, durch die guten Dinge des Westens die Schwächen ihres Staates und ihrer Nation zu beseitigen und in allen Bereichen des Lebens mit den Europäern auf gleicher Höhe zu wetteifern. Unter Sultan Abdülmecid Khan reformierten sie die Verwaltung und bauten das Heer neu auf. Sie hauchten der Kultur und Zivilisation ihrer Nation neues Leben ein. Sie gründeten immer neue Schulen und Hochschulen. So schufen sie innerhalb weniger Jahre eine neue Nation, in der sich neben den sämtlichen Juwelen der islamischen Zivilisation auch ein entwickeltes Talent zum wissenschaftlichen Denken und Forschen fand. Bis zur Absetzung Sultan Abdülaziz’ (1876) führte diese Gruppe trotz zahlloser innerer und äußerer Hindernisse die nationale Erneuerung erfolgreich durch. Dies führte zum Auftreten von Generälen wie Umar Pascha, Organisatoren wie Midhat Pascha sowie aufrichtigen muslimischen Denkern und Schriftstellern wie Namık Kemal und Abdülhak Hamid.
Doch als Sultan Abdülhamid an die Macht kam, änderte er plötzlich die gesamte Entwicklung. Von 1876 bis 1909 dauerte seine Herrschaft insgesamt 33 Jahre. In dieser Zeit stieg eine andere orientalische Nation, Japan, die Leiter des Fortschritts empor und gelangte von dort, wo sie gewesen war, zu ungeahnten Höhen. Dieser selbstsüchtige Sultan jedoch verbrachte seine Zeit allein damit, aus Besessenheit von seiner persönlichen Macht den Weg der geistigen, intellektuellen, zivilisatorischen, politischen und verwaltungsmäßigen Entwicklung der türkischen Nation zu versperren und ihre Lebenskraft zu lähmen. Eine ausführliche Kritik an den Taten dieses Mannes ist hier nicht möglich. Kurz zusammengefasst: Die beste Zeit für schöpferische Arbeit – deren jede Stunde äußerst kostbar war – verwendete er auf zerstörerische Tätigkeiten. Die größten Talente der türkischen Nation brachte er zugrunde. Selbst eine unvergleichliche Persönlichkeit wie Dschamaluddin Afghani ließ er verderben. Der größte Schaden, der dank ihm nicht nur der türkischen Nation, sondern der gesamten muslimischen Welt entstand, bestand jedoch darin, dass er die religiöse Kraft des Kalifats sowie den Einfluss der reaktionären Gelehrten und religiösen Führer dazu benutzte, die von den türkischen Reformern des Organisationszeitalters gelegten Grundlagen und ihre politischen und verwaltungsmäßigen Reformen mit der Wurzel auszureißen. Infolge dieser selbstsüchtigen und kurzsichtigen Politik entstand unter den jungen Türken eine revolutionäre Gegenreaktion. Daraufhin begannen sie, die Religion schlechthin als ein Hindernis für den Fortschritt zu betrachten. Ihr Denken und Fühlen wurde gegen die islamische Lehre aufgebracht. Der Hass und die Abneigung, die sich naturgemäß in ihnen gegen die reaktionären Gelehrten und religiösen Führer gebildet hatten, wandten sich unter dem Übermaß des Revolutionismus gegen die Religion selbst. Sie glaubten – und die unwissenden Gelehrten und religiösen Führer zwangen sie zu glauben –, der Islam sei eine veraltete und regungslose Religion. Er besitze nicht die Fähigkeit, mit dem Zeitalter Schritt zu halten. Seine Gesetze und Vorschriften könnten sich den Veränderungen der Verhältnisse nicht anpassen. Abgesehen von einigen wenigen Glaubensgrundsätzen besitze er nichts Festes und Kraftvolles. Die Unterdrückung während dieser 33 Jahre – die unglücklicherweise einen religiösen Anstrich angenommen hatte – ließ unter den Nachkommen der Türken einen heftigen Hass auf Atheismus, Materialismus, die Verblendung durch den Westen, die blinde Nachahmung westlicher Denkweisen, die Abneigung gegen die eigene Überlieferung, die Auflehnung gegen alles Alte sowie auf das Kalifat und die islamische Einheit entstehen, die Sultan Abdülhamid zu einem Werkzeug für seine persönlichen Interessen gemacht hatte. Zugleich wurde ihnen die Vorstellung fest eingeprägt, dass man, um in der Welt Fortschritt und Wohlstand zu erlangen, alle Grundlagen der Vergangenheit niederreißen und den Palast des Turkismus vollständig nach westlicher Art errichten müsse.
Die Revolution von 1908 entthronte Sultan Abdülhamid. Dadurch gelangte die uneingeschränkte Macht im Staat in die Hände übermäßig begeisterter und aufbrausender junger Männer mit einer aufrührerischen Gesinnung. In den Worten von Khaleda Khanam waren diese Leute anders als die Reformer der Zeit der Jungtürken. Nicht einer von ihnen konnte hinsichtlich Bildung, Forschung und Nachdenken sowie kultivierter Intelligenz mit den geistigen Führern der Jungtürkenzeit verglichen werden. Vor ihnen stand weder jenes große Ziel, noch besaßen sie einen entsprechend gefestigten Charakter. In Höflichkeit, Anstand sowie Bildung und Erziehung gab es keinerlei Vergleich zwischen ihnen und uns. Ihnen fehlte sowohl jener ausgeprägte Nationalismus als auch das Urteilsvermögen, den richtigen Unterschied zwischen dem Alten und dem Modernen zu erkennen. Diese kleine Gruppe junger Männer war in den islamischen Wissenschaften unwissend und in der islamischen Bildung unreif. Allerdings besaßen sie auch keinen tiefen Einblick in die westlichen Wissenschaften. In ihrem Denken und Empfinden war ein heftiger Hass gegen ihre eigene Religion, Zivilisation, Wissenschaften, Sitten und Gebräuche sowie gegen die alten gesellschaftlichen Institutionen entstanden. Der Fortschritt und die Entwicklung des Westens hatten sie völlig betört. Sie wurden unruhig und wollten alles Eigene verändern. Als die Staatsmacht in ihre Hände gelangt war, brach das während 33 langer Jahre aufgestaute und verdorbene Wasser gleich einer Flut hervor. In dieser Zeit setzte sich das Ungeheuer des Patriotismus und des turanischen [Das Wort „turanisch“ leitet sich von dem Namen „Tura“ oder „Turan“ ab. Dies ist die in Zentralasien gelegene ursprüngliche Heimat der Türken. Vermutlich ließ sich während der mongolischen Eroberungen ein Zweig der dortigen turkischen Stämme im heutigen Gebiet der Türkei nieder; daraus gingen die „osmanischen Türken“ beziehungsweise die moderne Türkei hervor.] Nationalstolzes auf die Türken. Man begann, der islamischen Einheit gegenüber Gleichgültigkeit zu zeigen. Die Kritik an der Religion setzte uneingeschränkt ein. Für die vollständige Übernahme der vorislamischen alten Zivilisation wurden gewaltige Kräfte eingesetzt. Um die Verbindung zur Vergangenheit abzubrechen und dem Westen näherzukommen, wurde die Einführung des lateinischen Alphabets vorgeschlagen. Eine Gruppe staatlicher Ulama trat hervor, um den Islam in die Form moderner Ideologien zu gießen. Ziya Gökalp war der Führer dieser Gruppe. Er betrieb eine leidenschaftliche Propaganda für die turanische Einheit als Gegenstück zur islamischen Einheit. Indem er in den Türken Hass und Abscheu gegenüber der Geschichte der islamischen Epoche und deren berühmten Helden weckte, lehrte er sie, auf die alten, barbarischen Tataren stolz zu sein (unter denen die Persönlichkeiten Dschingis und Hulagu besonders hervorzuheben sind). Er versuchte, die türkische Sprache vom Einfluss der islamischen Literatur zu befreien. Er betonte die vollständige Nachahmung des Westens in Gesellschaft, Zivilisation, Kultur, Sitten und Gebräuchen sowie in sämtlichen Verhaltensweisen des praktischen Lebens der Türken. Ein Mann mit einer solchen Einstellung wurde zum Anführer der modernen revolutionären Partei. Gemeinsam mit seinen Anhängern versuchte er, die islamische Lehre so auszulegen, dass außer einigen wenigen Glaubenssätzen und moralischen Vorschriften alles im Islam verändert und in die Form des Westens gegossen werden konnte.
Während einerseits eine derart große Revolution unter dem türkischen Volk ihren Anfang nahm, waren andererseits die türkischen Ulama und religiösen Führer noch immer nicht bereit, aus der Atmosphäre des siebzehnten Jahrhunderts herauszutreten; ihre Unfähigkeit, ihr Aberglaube, ihre Reaktionärität und ihre äußerste Weigerung, sich an die Zeit anzupassen, dauerten ebenso fort wie in der Zeit Sultan Salims. Noch immer behaupteten sie, dass nach dem vierten Jahrhundert der Hidschra das Tor des Iǧtihād geschlossen worden sei. Vor ihren Augen jedoch wurde das Tor der Religionsleugnung weit geöffnet. Noch immer beschäftigten sie sich mit dem Studium von Büchern über Philosophie und Kalām, während die Entwicklung der Zeit, nachdem sie diese Bücher beiseitegeworfen hatte, um fünfhundert Jahre vorangeschritten war. In ihren Predigten und Ermahnungen trugen sie weiterhin jene alte Art der Koranexegese und jene schwachen Hadithe vor, bei deren Anhörung die Menschen von vor hundert Jahren zwar seufzend ihr Bedauern äußerten, die aber bei den klugen Menschen der Gegenwart nicht nur Abscheu gegenüber ebenjenen Mufassirūn und Muhaddithūn, sondern sogar gegenüber dem Koran und dem Hadith hervorriefen. Noch immer bestanden sie darauf, im türkischen Volk die in den Werken „Schāmī“ und „Kanz ad-daqāʾiq“ niedergelegte Rechtsordnung einzuführen. Selbst als die Türken infolge dieses Starrsinns die Befolgung der im Koran und in der Sunna festgelegten Vorschriften aufgaben, waren sie nicht bereit, ihre Meinung zu ändern.
Kurz gesagt: Die Ulama und religiösen Führer folgten einer so irrigen Politik, dass sie das türkische Volk innerhalb von nur hundert Jahren von der Stufe der Organisation abbrachte und auf diese Stufe des Revolutionismus führte. Andererseits entfernten sich die revolutionären Führer des türkischen Volkes, obwohl sie im Herzen und mit ganzer Seele Muslime waren, in der wirklichen Welt des Denkens, der Vernunft und des Handelns zunehmend vom Islam. Genau zu dieser Zeit ertönte das Kriegssignal des Ersten Weltkriegs. Dabei schlachteten die unglücklichen Muslime Arabiens und Indiens die Türken gemeinsam mit den Feinden des Islam ab. Als die Türken sich nach dem Ende des Weltkriegs im Kampf darum befanden, ihr nationales Leben vor der völligen Vernichtung zu bewahren, leisteten ihnen der damalige Kalif und der Scheich al-Islam den stärksten Widerstand. Für die revolutionäre Bewegung und das halbtote islamische Bewusstsein der Türken waren diese letzten Schläge vernichtend. Das unvermeidliche Ergebnis davon sehen wir in der maßlosen Modernität der neuen Türkei. Die revolutionäre Denkweise, die 1908 noch unreif gewesen war und deren Reifung durch die Beschäftigung mit dem Tripolitanienkrieg, dem Balkankrieg und dem griechischen Angriff verhindert worden war, erlangte nach der Konferenz von Lausanne [Lausanne ist eine Stadt in der Schweiz. Dort fand 1923 eine wichtige Konferenz zwischen den Engländern und den Türken statt. Erst nach dieser Konferenz geriet die Türkei vollständig unter die Herrschaft des Säkularismus.] plötzlich Reife und begann, eine vollständig praktische Gestalt anzunehmen. So kam es zur vollständigen Verwirklichung westlicher Prinzipien in Gesellschaft und Zivilisation, zum umfassenden Ausdruck des Nationalismus in Sprache, Literatur und Politik und nach dem Fall des Kalifats zur Trennung von Religion und Staat. In den Worten von Khaleda Khanam wurde der Staat vom Einfluss der Religion befreit und die Religion dem Staat unterworfen. Anstelle des islamischen Rechts wurden die Gesetze der Schweiz eingeführt; in Fragen des Erbrechts, der Ehe, der Scheidung und Ähnlichem wurden sogar die klaren Anweisungen des Korans verändert; die Frauen wurden auf den Weg einer zügellosen Freiheit entlassen, die der islamischen Lehre völlig widersprach und den europäischen Frauen der Nachkriegszeit entsprach. All dies war die natürliche Folge der Unfähigkeit der unwissenden Ulama, der Irrtümer der selbstverehrenden Sufis, der Selbstsucht der Sultane, die ihre Stellung im Kalifat unrechtmäßig ausnutzten, und der erschreckenden Unwissenheit der revolutionären Führer über den Koran und die Sunna. Bedauerlicherweise konnte das türkische Volk in diesem Jahrhundert kein einziges Genie hervorbringen, das eine tiefe Kenntnis des Korans und des Hadith besaß, die grundlegenden Ideen der islamischen Lehre zu erfassen vermochte, die sich wandelnden Verhältnisse der Zeit scharfsinnig beobachtete, seine Fähigkeit zum Iǧtihād einsetzte und auf diese Verhältnisse islamische Prinzipien anwandte, um eine ausgewogene Lebensweise zu schaffen, die auf Koran und Sunna beruhte und zugleich geeignet war, mit dem Lauf der Zeit Schritt zu halten.
Wer mit diesem Verlauf der türkischen Geschichte nicht vertraut ist, verfällt einem höchst eigenartigen Irrtum. Menschen mit einer alten religiösen Sichtweise verkünden weiterhin Fatwas, in denen sie die Neutürken des Unglaubens und der Frevelhaftigkeit beschuldigen. Sie wissen jedoch nicht, dass die türkischen Gelehrten und religiösen Führer noch größere Sünder sind als jene Neutürken. Die Unfähigkeit dieser Ulama und religiösen Führer hat das muǧāhidische Volk, das fünfhundert Jahre lang allein für den Islam gekämpft hatte, vom Islam zum Firangitum gedrängt. Wenn eine solche Unfähigkeit eines Tages auch andere muslimische Völker dorthin treibt, gibt es daran nichts Erstaunliches.
Andererseits präsentieren die Progressivisten jede aus Ankara herabgesandte „Offenbarung“ den Muslimen derart, als sei der Koran aufgehoben und die Sendung Muhammads (s.a.w.) beendet worden. Wenn es nun überhaupt Rechtleitung gibt, dann nur in Atatürks Lebensvorbild; und wenn es einen Strahl des Wissens gibt, dann in der aus dem Himmel von Ankara herabgesandten „Offenbarung“. Doch der Zustand des bedauernswerten Atatürk und seiner Anhänger ist folgender:
(Arabisch)
(Doch sie haben darüber kein Wissen. Sie folgen lediglich Vermutungen. – Sure az-Zuchruf: 20)
8
Die Täuschung des Rationalismus
[Der Aufsatz wurde im Dezember 1934 erstmals in der Monatszeitschrift Tarjumān al-Qurʾān veröffentlicht.]
Eins
Wie tief westliche Bildung, Kultur und Zivilisation die religiöse Sichtweise von jungen Männern beeinflussen, die in islamischer Bildung und Erziehung unreif oder völlig unerfahren sind, lässt sich schon aus den veröffentlichten Schriften und Reden dieser Gruppe erschließen. Beispielsweise ist uns kürzlich ein Aufsatz eines muslimischen Absolventen aus den Vereinigten Provinzen zu Gesicht gekommen. Darin schrieb er, als er von seinen Erfahrungen während seiner Reise nach China und Japan berichtete:
Unsere chinesischen Gefährten sind äußerst gefräßig und trunksüchtig. Schweinefleisch ist ihnen geradezu lebenswichtig. Nun habe ich das Geheimnis des Aufstiegs des Christentums verstanden. Die Chinesen betrachten die Treue zu ihrer alten Religion als unvereinbar mit der modernen Bildung. Wenn sie das begreifen würden, hätten sie keine Schwierigkeiten, den Islam anzunehmen. Doch der Islam entzieht ihnen all ihre geliebten Speisen; daher nehmen sie notgedrungen das Christentum an. Unter diesen Umständen wäre es künftig keineswegs verwunderlich, wenn das Christentum zur Staatsreligion Chinas würde. Was das Schweinefleisch betrifft, bin ich dafür, den Neubekehrten in Europa und China ein wenig entgegenzukommen. Auch hinsichtlich seines ausdrücklichen Verbots im Koran habe ich Zweifel. Allenfalls könnte es aus einem besonderen Grund für die Araber verboten worden sein. Doch in einem Land, in dem man ohne dieses Fleisch „Famanid turba gaira bagiyōn wala adīn“ (das heißt: unmöglich zu leben) vorfindet, welchen Schaden sollte sein Verzehr dort schon anrichten? Kurz gesagt: Die Bedeutung dieser einen Bestimmung des Korans, nämlich der Grund für ihr allgemeines Verbot, ist mir nicht verständlich geworden. Wenn eine Religion trotz eines so großen Abstandes zwischen Magen und moralischem Bewusstsein grundsätzlich für uns einen Speiseplan aufstellen kann, warum sollte sie uns dann nicht auch Eisenverarbeitung, Schmuckherstellung, Schneiderei und dergleichen lehren? Meiner Ansicht nach liegt der tiefere Grund dafür, dass der Islam in der Welt keinen Aufstieg und keine Ausbreitung erlebt, darin, dass er dem Menschen alle menschlichen Rechte raubt und ihn in einen leblosen Klumpen und ein völlig begriffsstutziges Kind verwandelt. Dadurch verliert er sogar den Weg zu seiner irdischen Entwicklung. Andernfalls müsste unsere Religion, wie die Christen erkannt haben, genau eine solche sein.
Anschließend schreibt er, als er den Zustand Schanghais schildert:
Beim Anblick dieser unzähligen glücklichen und wohlhabenden Menschen, die Gott erschaffen hat, kann ich einfach nicht glauben, dass sie schon nach wenigen Jahren zu Brennstoff der Hölle werden sollen – als hätte Gott sie einzig zu diesem Zweck erschaffen. Wenn abgesehen von einigen wenigen alle übrigen unter ihnen Ungläubige und Götzendiener sind, soll dann etwa schon dies als Verbrechen gelten, das ihren Höllensturz rechtfertigt: dass sie Gottes Welt wohlhabend und schön gemacht haben? Sie töten doch keine Pilger und begehen keine Raubüberfälle! Die Ausschweifungen des Volkes Lots gibt es unter ihnen nicht. Sie eignen sich nicht den Besitz anderer an und führen auch keine Argumente und Begründungen an, um dies für „halal“ zu erklären. Sie führen ihr Leben friedlich und geordnet. Warum sollen sie trotz alledem der Hölle würdig sein? Die Vorstellung des Polytheismus ist zweifellos etwas Albernes und Inhaltsleeres. Aber sagen Sie mir: Wenn ein Mensch ein Wesen von Natur aus für den Herrn über sein Leben und seinen Tod hält, aber ebenso unfähig ist wie wir, dessen tiefstes Geheimnis zu erfassen, oder wenn er nicht glaubt, dass Arabisch die Sprache Gottes ist – werden Sie dann allein aus diesem Grund sein Feind, und wird er dadurch zu dem Ihren? Nein, nach Ihrer Auffassung ist nicht einmal all das nötig. Sie verlangen von ihm lediglich, eine besondere Art von Pluderhose und ein Gewand mit einem besonderen Schnitt zu tragen. Er muss besondere Speisen essen. Er muss im Gesicht einen vier Finger breiten Bart tragen. Er darf keine Bildungseinrichtungen des Landes betreten, weil dort weder die religiöse Sprache noch die religiösen Wissenschaften gelehrt werden.
Über den Hafen von Kobe in Japan schreibt er:
Zwei Stunden lang besichtigte ich den Hafen von Kobe. Nirgendwo sah ich einen einzigen Bettler – auch keinen Armen in zerschlissener, abgetragener Kleidung bekam ich zu Gesicht. Diese Nation, die nicht einmal die Religion oder den Namen Gottes kennt, ist derart fortgeschritten!
Danach begann er selbst, „gute Ratschläge“ zu erteilen:
Denken Sie daran: „Ihsan“ ist das Wesentliche der Religion. Doch es ist weder von einer Sprache noch von einer religiösen Wissenschaft abhängig. Sein natürliches Ziel besteht darin, uns für unsere Taten in diesem oder im jenseitigen Leben verantwortlich zu machen. Das ist die wahre Religion des Islam. Alles Weitere, was Sie Religion nennen, ist nichts als Ihre Selbsttäuschung oder eine Geisteskrankheit. An dem Tag, an dem Sie die Religion auf diese beiden Dinge beschränken und alle Fesseln der Scharia abwerfen, werden auch Sie gemeinsam mit den anderen Völkern den Gipfel des Fortschritts erreichen; ja, sagen Sie vielmehr, dass Sie an jenem Tag in den Völkern Vernunft und Gewissen erwecken werden. Wenn die weltliche Herrschaft jemandem aus der Hand genommen wird, wird auch die „himmlische Herrschaft“ verschwinden. Sie selbst sind keine Nation, sondern Reformer anderer Nationen. Aber um Gottes willen: Geben Sie niemandem Anlass zu sagen, dass eine bestimmte Nation den Gipfel des Fortschritts erklommen habe, während der Zustand der Muslime unter ihnen äußerst beklagenswert sei. Zweifellos ist ihre eigentümliche Religion für diesen beklagenswerten Zustand verantwortlich.
Dieses Zitat ist ein deutliches Beispiel für die allgemeine geistige Verfassung unserer neu gebildeten Jugend. Sie sind in muslimischen Familien geboren, als Teil der muslimischen Gesellschaft aufgewachsen und durch die Bande von Gesellschaft und Zivilisation mit den Muslimen verbunden. Deshalb sind ihre Zuneigung zum Islam, ihr Mitgefühl für die Muslime und ihr Wunsch, als Muslime zu leben, ihnen angeboren. Dieser Wunsch hat sich in ihrem Inneren festgesetzt, ohne vom Willen, vom Intellekt oder von der Denkkraft beeinflusst worden zu sein. Doch man hätte diesen unfreiwilligen und unbewussten Islam durch Bildung und Erziehung in einen willentlichen und bewusst erfassten Islam verwandeln, ihnen vor ihrer Selbstbezeichnung als Muslime die islamische Lehre vollständig verständlich machen und sie dazu befähigen müssen, die islamischen Vorschriften, Regelungen und Gesetze im wirklichen Leben zu praktizieren. Doch noch zuvor wurden sie zum Erlernen des Englischen in Schulen und Hochschulen geschickt. Dort entwickelten sich ihr Gemüt, ihr Verstand und ihre Denkkraft innerhalb einer vollständig unislamischen Bildung und Erziehung. Die westliche Zivilisation und Denkweise übten einen tiefen Einfluss auf ihren Geist und Verstand aus. Infolgedessen betrachteten sie jedes einzelne Ding aus westlicher Sicht. Jedes Problem begannen sie mit einer westlichen Denkweise zu beurteilen. Kurz gesagt, wurde es für sie unmöglich, sich vom allumfassenden Einfluss des Westentums zu befreien und unabhängig davon zu denken und zu beobachten. Zwar übernahmen sie aus dem Westen die Lehren des Rationalismus, doch besaßen sie keine eigene Vernunft. Ihre Logik war aus Europa entlehnt. Deshalb verwandelte sich ihr Rationalismus im Grunde in einen europäischen Rationalismus und blieb keineswegs ein unabhängiger Rationalismus. Auch die Lehre der Kritik übernahmen sie aus dem Westen; doch auch dies war keine Lehre unabhängiger Kritik. Vielmehr bestand ihr Kern darin, die westlichen Sitten und Regeln für unfehlbar zu halten und alles Östliche an ihrem Maßstab zu prüfen, während man die westlichen Sitten und Regeln selbst für jenseits jeder Kritik hielt.
Nachdem sie eine solche Ausbildung erhalten hatten und die Grenzen des Colleges überschritten hatten, um in das Berufsleben einzutreten, zeigte sich ein gewaltiger Abstand zwischen ihrem Herzen und ihrem Verstand. Ihr Herz war muslimisch, ihr Verstand jedoch nichtmuslimisch. Sie lebten in einer muslimischen Gesellschaft. Tag und Nacht wickelten sie sämtliche Geschäfte und Angelegenheiten mit Muslimen ab. Durch die Bande von Gesellschaft und Zivilisation waren sie mit Muslimen verbunden. Überall um sich herum sahen sie die religiösen und kulturellen Betätigungen der Muslime. Ihre Beziehungen der Liebe und des Mitgefühls galten ausschließlich den Muslimen; doch all ihre Fähigkeiten zum Denken, Nachdenken, Abwägen, Beurteilen und zur Bildung von Meinungen waren nach westlichem Muster geformt. Mit keiner islamischen Sitte oder dem Verhalten der Muslime bestand darin auch nur die geringste Übereinstimmung. Daher begannen sie, jedes einzelne Ding im Islam und bei den Muslimen nach westlichen Maßstäben zu beurteilen. Alles, was diesem Maßstab widersprach – mochte es sich um ein Grundprinzip oder eine Einzelheit des Islam oder um irgendein Verhalten der Muslime handeln –, hielten sie für irrig und für verbesserungsbedürftig. Einige von ihnen studierten den Islam sogar bis zu einem gewissen Grad, um ihn zu erforschen und zu beobachten. Doch die Maßstäbe ihrer Kritik und Forschung waren ebenso westlicher Art. Wie sollte da der gerade Nagel des Islam durch die schiefe Öffnung ihrer Denkweise passen?
Wenn diese Herren aus dieser Schicht sich zu religiösen Fragen äußern, entsteht aus ihren Worten deutlich der Eindruck, als hielten sie ohne jedes Nachdenken ununterbrochen Reden. Ihre Haltung ist weder in sich schlüssig noch nach den Regeln der Logik geordnet. Sie unternehmen nicht einmal den Versuch, zu einem richtigen Schluss zu gelangen. Das Erstaunlichste aber ist, dass sie beim Sprechen nicht einmal ihre eigene Haltung festlegen. Im Zusammenhang mit ein und derselben Sache nehmen sie bedenkenlos verschiedene Haltungen ein – während sie über eine bestimmte Haltung sprechen, nehmen sie plötzlich eine andere ein und beginnen selbst, gegen ihre vorherige Haltung zu argumentieren. Oberflächliches Denken ist ein hervorstechendes Merkmal ihrer religiösen Erörterungen. Über jedes andere Thema außer der Religion sprechen sie mit äußerster Umsicht und Vorsicht. Denn sie wissen sehr wohl, dass sie in den Augen der gebildeten Öffentlichkeit jegliches Ansehen verlieren würden, wenn sie dort zusammenhanglose Dinge redeten. Da die Religion für sie jedoch keinerlei Wert oder Bedeutung besitzt, sehen sie beim Sprechen darüber keinen Anlass, ihren Verstand anzustrengen. Gerade deshalb können sie hier völlig unbekümmert zusammenhangloses Gerede von sich geben. Ihrem Verhalten nach zu urteilen, scheint es, als lägen sie nach dem Essen in einem Lehnstuhl und hielten lediglich ein wenig geselligen Plausch; daher halten sie es offenbar auch nicht für nötig, auf die Regeln des Sprechens über diese Angelegenheit zu achten.
In den Schriften solcher Leute findet sich als Zweites ganz offensichtlich die Plumpheit ihres Denkens und die Dürftigkeit ihres Wissens. Über irgendeine andere Angelegenheit würden sie es niemals wagen, mit so wenig Wissen und so geringfügigen Überlegungen zu sprechen. Denn wenn man ohne Kenntnis der tatsächlichen Fakten etwas dazu sagt, besteht die Gefahr, sein Ansehen zu verlieren. In Bezug auf die Religion jedoch halten sie es überhaupt nicht für nötig, Nachforschungen anzustellen, sie zu studieren und über sie nachzudenken. Auf der Grundlage dessen, was sie nebenbei erfahren können, fassen sie ihre Urteile und äußern diese dann unverhohlen. Denn hier besteht keine Gefahr, zur Rechenschaft gezogen zu werden. Vielleicht würden die Moulvis sie zur Rechenschaft ziehen; doch von vornherein ist wohlüberlegt vorausgesetzt worden, dass die Moulvis blind, altmodisch und engstirnig seien.
In dem zur Diskussion stehenden Artikel des hochgeschätzten Autors sind beide Eigenschaften vollständig ausgeprägt. Aus seinem Aufsatz ist zunächst überhaupt nicht ersichtlich, ob er als Muslim oder als Nichtmuslim spricht. Wer jedoch über den Islam spricht, kann nur eine von zwei Rollen einnehmen: Entweder übernimmt er die Rolle eines Muslims, oder er spricht als Nichtmuslim. Wer als Muslim spricht, muss – ganz gleich, ob er orthodox (Orthodox), frei denkend oder reformorientiert ist – innerhalb der Grenzen des Islam sprechen. Das heißt, er muss den Heiligen Koran als endgültige Autorität (Final Authority) sowie die vom Koran festgelegten religiösen Grundsätze und schariarechtlichen Bestimmungen vorbehaltlos anerkennen. Denn wenn er nicht an die Verbindlichkeit des Korans glaubt und meint, es sei zulässig, etwas zu kritisieren, das aus dem Koran bewiesen ist, muss er den Islam verlassen. Nachdem er auf diese Weise die Grenze überschritten hat, kann er nicht mehr in der Rolle eines Muslims sprechen. Nimmt er dagegen die zweite Rolle an, das heißt, erklärt er sich offen als Nichtmuslim, kann er die Grundsätze und das Regelwerk des Korans frei kritisieren. Denn er erkennt den Koran nicht als endgültigen Beweis an. Nachdem er jedoch diese Rolle übernommen hat, kann er keinerlei Recht mehr haben, als Muslim zu sprechen, sich als Muslim auszugeben, den Muslimen die Bedeutung des Islam zu erklären und dem Islam den Weg zu seiner Weiterentwicklung zu weisen. Wenn ein vernünftiger und bewusster Mensch überlegt und umsichtig über den Islam spricht, wird er auch die vernünftigen Bedingungen beachten, unter denen eine dieser beiden Rollen für ihn annehmbar ist. Denn sich gleichzeitig als Muslim zu bezeichnen und die vom Koran bestimmten Grundsätze und Bestimmungen zu kritisieren oder die Verbindlichkeit des Korans infrage zu stellen und zugleich den Muslimen gute Ratschläge zu erteilen – das kann kein vernünftiger Mensch tun. Es ist lediglich der vergebliche Versuch, zwei einander entgegengesetzte Dinge miteinander zu verbinden. Das bedeutet, dass ein und dieselbe Person sich gleichzeitig sowohl als Muslim als auch als Nichtmuslim bezeichnet – dass sie sich gleichzeitig innerhalb und außerhalb der Grenzen des Islam befindet.
Wir hegen keine so ungünstige Meinung von der Bildung und Intelligenz des Verfassers, dass er, wenn er über irgendein anderes Thema als den Islam sprechen müsste, ebenfalls zwei einander widersprechende Standpunkte einnehmen würde. Ebenso wenig erwarten wir von ihm, dass er, im Gerichtshof des Kaisers von Indien sitzend [man beachte, dass der Aufsatz 1934 verfasst wurde], die vom Kaiser von Indien selbst eingeführte Rechtsordnung kritisieren würde. Wir erwarten von ihm auch nicht die Kühnheit, nach dem Anspruch auf Gefolgschaft gegenüber einer Religion oder einer Denkrichtung (School of Thought) eben die Grundsätze dieser Religion zu kritisieren. Doch erstaunlicherweise hat er in Bezug auf den Islam zwei völlig widersprüchliche Standpunkte eingenommen. Ja, er ist sich nicht einmal bewusst, dass er wiederholt seinen Standpunkt wechselt. Einerseits gibt er sich als Muslim aus, bezeichnet sich als Muslim, beklagt das Elend der Muslime, bekundet sein Interesse am Fortschritt des Islam und erteilt den Muslimen Ratschläge zur „Ihsan“, das heißt zur „wahren Religion“. Andererseits übt er eine rücksichtslose Kritik an den Grundsätzen und der Rechtsordnung jenes Buches, auf dem der Islam beruht und dessen Anerkennung als endgültige Urkunde eine unerlässliche Voraussetzung dafür ist, Muslim zu sein. Der Koran hat das Schweinefleisch nicht nur an einer oder zwei Stellen, sondern mindestens an vier Stellen ausdrücklich für haram erklärt [siehe: al-Baqara, Vers 173; al-Ma’ida, Vers 3; al-An’am, Vers 145; an-Nahl, Vers 115]. Er jedoch ist dafür, den Menschen in dieser Angelegenheit entgegenzukommen. Das Erstaunliche ist, dass dieses Bestreben, ihnen entgegenzukommen, angeblich ebenfalls dem „Fortschritt des Islam“ dienen soll! Es scheint, als habe ihn die Sorge um den Fortschritt des Islam stärker ergriffen als die Sorge um den Koran. Oder als sei er ungeduldig geworden, einen vom Koran losgelösten Islam voranzubringen! In Wirklichkeit aber erstellt der Koran, ebenso wie für andere Dinge, auch für die Menschen eine Nahrungsliste (Menü) und legt bei den Nahrungsmitteln den Unterschied zwischen halal und haram sowie zwischen rein und unrein fest. Er erklärt sogar ausdrücklich: „Ihr seid nicht dazu berechtigt, nach eurem eigenen Belieben irgendeine Sache für halal oder haram zu erklären.“ [an-Nahl, Vers 116] Er hingegen besteht gerade auf seinem eigenen Recht in dieser Angelegenheit und scheut davor zurück, das Recht des Korans anzuerkennen. Das heißt, er ist keineswegs bereit, irgendeinen Einfluss der Religion auf Fragen des Essens und Trinkens anzuerkennen! Tatsächlich hat der Koran die Religion, anders als die Anhänger des heiligen Paulus [er war einer der wichtigsten Jünger Jesu Christi. Gestorben ungefähr im Jahr 67 n. Chr. Die heutige christliche Welt folgt seinen Ansichten. – Der Herausgeber] (nicht Jesu Christi), nicht auf irgendeinen besonderen Bereich beschränkt. Vielmehr erlässt er Gesetze für jede einzelne Angelegenheit: Kleidung, Essen und Trinken, Ehe und Scheidung, Erbschaft, Geschäftsverkehr, Politik, Gerichte, Strafrecht und dergleichen. Dennoch hält er dies für ein Hindernis auf dem Weg zum Fortschritt und zur Entwicklung des Islam. Er hat behauptet, dass dieses Gesetz den Menschen in eine leblose Leiche und ein unwissendes Kind verwandle. Deshalb hat er vorgeschlagen, dass unsere Religion genau so beschaffen sein solle, wie die Christen (in Wirklichkeit die Anhänger des Paulus) sie verstehen. Der Koran selbst hat die schariatischen Vorschriften festgelegt, sie als von Allah gesetzte Grenzen bezeichnet und ihre Befolgung angeordnet. Er aber bezeichnet diese Grenzen der Scharia als Fesseln. Wie der heilige Paulus hält er es für notwendig, diese Fesseln zum Zweck der Verbreitung und des Fortschritts der Religion zu zerreißen. Nach der Auffassung des Korans ist der Glaube die erste und notwendige Voraussetzung für die Erlösung. Über denjenigen, der nicht an Allah glaubt, erklärt der Koran unmissverständlich, dass er zum Brennstoff der Hölle werden wird. [al-Anbiya, Vers 98] Ob sie zahlreich oder wenige, wohlhabend oder arm sind, spielt dabei keine Rolle. Seine Haltung aber ist folgende: Wenn er die unzählbare Menge der Ungläubigen und Götzendiener glücklich, wohlhabend und erfolgreich sieht, kann sein Herz keineswegs akzeptieren, dass sie schon nach einigen Jahren zum Brennstoff der Hölle werden sollen! Er kann einfach nicht verstehen, welches andere Verbrechen sie begangen haben sollten, als die Welt Gottes wohlhabend und schön zu machen! Die Frage lautet daher: Wie kann er Muslim bleiben, wenn er dem Koran derart offen widerspricht? Oder wie kann er als Muslim dem Koran widersprechen? Wenn er Muslim ist, sollte er dem Koran nicht widersprechen. Will er ihm aber widersprechen, so sollte er dies außerhalb der vom Islam gesetzten Grenzen tun. Wer mit den Grundsätzen und der Rechtsordnung einer Religion nicht zufrieden ist, dessen Herz die Wahrheit dieser Rechtsordnung nicht bejaht, der ihre Ursachen und ihre Vernünftigkeit nicht zu begreifen vermag und in dessen Augen einige oder die meisten ihrer Bestimmungen anstößig sind, hat zwei Wege vor sich: Entweder tritt er aus dieser Religion aus und erlangt damit das Recht, jede ihrer Regeln und Vorschriften ungehindert zu kritisieren; oder er will trotz seiner unzufriedenen Haltung in dieser Religion bleiben, dann soll er davon absehen, öffentlich seinen Unmut über sie zu äußern, und als „Mudschtahid“ nicht mit der Säge an ihrer Rechtsordnung herumhantieren, sondern wie ein aufrichtiger Lernender versuchen, seine Zweifel auszuräumen. Nach gesundem Urteilsvermögen können nur diese beiden Wege vernünftig sein. Und jeder wahrhaft gewissenhafte Mensch würde, wenn er sich in einer solchen Lage befände, einen dieser beiden Wege einschlagen. Der geehrte Verfasser und viele europäisch ausgebildete Menschen wie er befinden sich jedoch in folgender Lage: Ihnen fehlt der moralische Mut, den ersten Weg zu wählen, und zugleich schämen sie sich, den zweiten Weg einzuschlagen. Deshalb haben sie einen unvernünftigen Mittelweg gewählt: Einerseits schließen sie sich den Muslimen an, wünschen den Fortschritt und die Entwicklung des Islam und bekunden ihre Unruhe über das Leid von Islam und Muslimen; andererseits sagen und tun sie alles gegen den Islam, was nur Nichtmuslime tun könnten. Von Hadith und Fiqh ganz zu schweigen, scheuen sie sich nicht einmal, den Koran selbst zu kritisieren. Sie greifen unbefangen jedes einzelne Fundament des Islam an. Diese Herren behaupten, sie allein seien in der Gesellschaft die vernünftigen Menschen; deshalb könnten sie nichts Unvernünftiges akzeptieren. Ihr größter Vorwurf gegen die „Mullahs“ lautet, dass diese in keiner Angelegenheit ihren Verstand und ihr Urteilsvermögen einsetzten. Ihr eigener Zustand aber ist der, dass sie in religiösen Fragen offenkundig widersprüchliche Aussagen machen, einander widersprechende Handlungsweisen verfolgen und mit einem ihrer Worte das andere widerlegen. Was ist das für ein Rationalismus, den die fortschrittsorientierten Forscher entdecken und für den sie Anerkennung erlangen?
Betrachten Sie nun einmal genauer den Umfang ihres Wissens und die Tiefe ihres Denkens.
Um den Islam voranzubringen, hält es der hochverehrte Autor offenbar für notwendig, wie im Christentum sämtliche schariatischen Gebote und Verbote aufzuheben und den Islam zu einer bloßen Glaubensreligion zu machen. Denn er hat, wie er meint, das Geheimnis des Aufstiegs des Christentums darin erkannt, dass es dort keine Grenze zwischen Halal und Haram gibt. Dort gibt es keinerlei moralische Gebote und Verbote. Dort wurde dem Menschen nicht sein menschliches Recht genommen, um ihn in eine leblose Leiche und ein unverständiges Kind zu verwandeln; vielmehr wurde ihm die Freiheit gegeben, im Glauben an Christus zu tun, was immer er will. Doch er hat überhaupt nicht gründlich bedacht, dass das, was man Islam nennt, im Koran enthalten ist. Und der Koran hat Islam zum gemeinsamen Namen für Iman und rechtschaffenes Handeln gemacht. Darüber hinaus hat er für rechtschaffenes Handeln klare Grenzen festgelegt, Vorschriften erlassen und für das individuelle wie das gemeinschaftliche Leben eine vollständige Handlungsordnung vorgegeben. Ohne eine solche Ordnung kann der Islam weder als Dīn, also als Lebensordnung, noch als Zivilisation jemals Bestand haben. Und keinem Muslim ist das Recht gegeben worden, diese Ordnung und diese Grenzen abzuschaffen. Denn ihre Abschaffung wäre nichts anderes als die Abschaffung des Islam. Und wenn der Islam selbst abgeschafft würde, welchen Sinn könnte dann noch sein Aufstieg haben? Er kann, wenn er will, selbst eine Religion erfinden und sie verkünden; aber welches Recht hat er, etwas, das dem Koran widerspricht, im Namen des Islam auszugeben und seinen Aufstieg als „Aufstieg des Islam“ zu bezeichnen?
Er möchte einen bloßen Glauben Islam nennen; und zwar den Glauben, dass wir für unsere Taten in diesem wie im zukünftigen Leben verantwortlich sind. Wahrscheinlich hat er dies in der Hoffnung gesagt, dass der Islam dadurch eingegrenzt würde, sein Wesen einfach und mild würde und er sich rasch weiterverbreiten könnte.
Doch wenn er etwas gründlicher über die Bedeutung dieses Glaubens nachgedacht hätte, hätte er erkennen können, dass der Islam ihm auch nach einer solchen Einschränkung nicht zusagen kann. Denn um diesen Glauben als Religion zu bezeichnen, ist zunächst der Glaube an das jenseitige Leben erforderlich. Darüber hinaus beruht Rechenschaft beziehungsweise Verantwortungsbewusstsein auf drei Dingen. Erstens muss man das Wesen dessen bestimmen, vor dem man Rechenschaft abzulegen hat, und seine Souveränität anerkennen. Zweitens muss man die Art der Rechenschaft bestimmen und dementsprechend im wirklichen Leben zwischen erfolgreichen und erfolglosen Handlungen unterscheiden. Drittens müssen die jeweils unterschiedlichen Folgen von Erfolg und Misserfolg in Bezug auf die Rechenschaft bestimmt werden. Denn wenn Erfolg und Misserfolg dieselben Folgen hätten oder überhaupt keine Folgen einträten, wäre die Rechenschaft völlig sinnlos. Dies ist die logische Forderung jenes Glaubens, den der hochverehrte Autor als „reine Religion“ bezeichnen möchte. Selbst wenn der Islam nach seinem Vorschlag auf diesem Glauben errichtet würde, würde ihn das Ungemach, dem er entgehen möchte, unweigerlich wieder einholen. Dann würde erneut die Anerkennung jenes Gottes notwendig, ohne den Japan offenbar den Gipfel des Fortschritts erklommen hat. Wieder würden jene schariatischen Fesseln und moralischen Bindungen entstehen, die er zerreißen möchte und in denen seiner Ansicht nach das geheimnisvolle Hindernis für den Aufstieg des Islam liegt. Wieder würde die Frage nach Strafe und Belohnung, also nach Pein und Lohn, auftauchen, und sein Verstand würde sich weigern zu akzeptieren, dass Gottes unzählige Geschöpfe, die er auch ohne Glauben glücklich und wohlhabend sieht, schon nach wenigen Jahren in die Strafe geworfen werden sollen.
Dann soll er also nach reiflicher Überlegung lieber etwas Islam nennen, in dem es keinerlei Vorschriften und Verbote gibt. Etwas, bei dem das Schicksal sowohl der Gläubigen als auch der Ungläubigen dasselbe sein wird. Etwas, bei dem es für den jenseitigen Erfolg genügt, Gottes Welt wohlhabend und wohlgeordnet zu machen, sodass sein Verstand angesichts der unzähligen Geschöpfe, die nicht daran glauben und die er glücklich und wohlhabend sieht, akzeptieren kann, dass sie nach einigen Jahren allesamt in Paradiesnachtigallen verwandelt werden.
Dass Schweinefleisch nach den Vorschriften des Korans endgültig haram ist, erscheint dem Autor offenbar weder richtig noch beweiskräftig. Er hegt den Verdacht, dass es vielleicht aus einem besonderen Grund für die Araber haram gemacht worden sei. Doch hätte sich sein Zweifel verflüchtigt, wenn er vor der Äußerung dieser Ansicht einfach den Koran aufgeschlagen und einen Blick hineingeworfen hätte. Im Koran heißt es ausdrücklich:
(Arabisch)
Bedeutung: O Prophet! Sprich: In dem, was mir offenbart worden ist, finde ich nichts, was einem Essenden zu essen verboten wäre, außer Aas, vergossenem Blut und Schweinefleisch – denn diese sind zweifellos unrein – oder einem Tier, das aus Ungehorsam im Namen eines anderen als Allahs geschlachtet wurde. Wer jedoch in eine Notlage gerät und davon etwas isst, ohne Ungehorsam zu begehen und ohne das Maß zu überschreiten, dem ist dein Herr gewiss verzeihend und barmherzig. (Sure al-Anʿām 145)
In diesem Vers ist Schweinefleisch für jeden, der davon isst, haram gemacht worden. Als Grund für seine Erklärung zum Haram wird angegeben, dass es „unrein“ ist. Die Frage lautet: Ist mit „jemandem, der davon isst“ hier etwa ein arabischer Essender gemeint? Und kann ein und dieselbe Sache für einen Araber rein und für einen Nichtaraber unrein sein? Wird der Autor ausgehend von diesem Grundsatz auch den Aasessern Vergünstigungen gewähren wollen? Wenn er beim Schweinefleisch eine Vergünstigung gewähren möchte, soll er dies von sich aus tun. Doch woher nimmt er das Recht, entgegen der ausdrücklichen Erklärung des Korans zu behaupten, die endgültige Einstufung des Schweinefleischs als Haram sei durch den Koran nicht zweifelsfrei belegt?
Die neuzeitlichen Mudschtahids haben für den Idschtihad ein höchst eigenartiges Prinzip entdeckt. Ein besonderes Prinzip von ihnen besteht darin, dass sie über jene islamische Vorschrift, der sie sich widersetzen wollen, ohne jedes Zögern erklären, diese besondere Regelung sei für die Araber erlassen worden. Obwohl es im Koran nicht einmal den geringsten Hinweis auf eine solche Beschränkung und keinerlei Beweis oder Beispiel zu ihren Gunsten gibt, scheuen sie sich keineswegs, derartige Behauptungen aufzustellen. Wenn diese Entwicklung anhält, werden sie vielleicht in naher Zukunft eines Tages sogar den Koran ausschließlich für die Araber bestimmen wollen.
Ferner ist es derart lächerlich, mit Hilfe von (Arabisch) (wer, ohne ungehorsam oder die Grenzen überschreitend zu sein, in eine ausweglose Lage gerät) zu argumentieren, dass man geradezu den Verstand des Verfassers des Reiseberichts loben möchte. Vermutlich hat er den Vers so verstanden: „Wenn spontan der Wunsch entsteht, Schweinefleisch zu essen, dann iss es, aber iss es nicht im Garten und mach es auch nicht zu deiner Gewohnheit.“
Tatsächlich kann nur jemand aus diesem Vers eine Erleichterung für Europäer und Chinesen in Bezug auf Schweinefleisch herauslesen, der die Bedeutung auch nur eines der Wörter „ausweglos“, „ungehorsam“ und „gewohnt“ nicht versteht. Andernfalls wäre ein derartiger Wagemut für jemanden, der die Bedeutung dieser Wörter kennt, schlicht unmöglich. Tatsächlich bedeutet der Vers nicht, dass alle, die am Verzehr von Aas oder am Trinken von Blut Gefallen finden, die sich für Schweinefleisch zu Tode verausgaben oder bei denen allgemein der Verzehr von Tieren üblich ist, die im Namen eines anderen als Allah geschlachtet wurden, zu den Ausweglosen gehören. Wäre es so, würde das gesamte Verbot sinnlos werden. Denn wenn das Verbot für die Verzehrer dieser Dinge gelten würde, würden sie die Ausnahme im Notfall ausnutzen und entsprechend ihrer Gewohnheit weiteressen; und wenn es für diejenigen gelten würde, die diese Dinge ohnehin meiden, wäre es überhaupt nicht erforderlich. Tatsächlich wird die Ausnahme dadurch geschaffen, dass an das Wort „ausweglos“ (****) die Bedingung „ohne ungehorsam oder die Grenzen überschreitend zu sein“ geknüpft wird. Das bedeutet: Wenn jemand vor Hunger dem Tod nahe ist und außer verbotenen Dingen nichts beschaffen kann, darf er nur zur Rettung seines Lebens von den verbotenen Dingen essen; dabei gilt jedoch die Bedingung, dass er die Grenzen der Erlaubnis nicht überschreiten darf. Das heißt, er darf nicht mehr essen, als zur Erhaltung seines Lebens unbedingt notwendig ist, und darf nicht den Wunsch hegen, die von Allah gesetzten Grenzen zu überschreiten. Genau dies wird an anderer Stelle im Zusammenhang mit dem Verbot von Schweinefleisch, Aas und dergleichen dargelegt:
(Arabisch)
Das heißt: Wenn jemand durch den Hunger in eine ausweglose Lage gerät und in seinem Herzen kein Verlangen nach Sünde trägt, darf er unter solchen Umständen verbotene Dinge essen.“ Wo ist hier die koranische Vorschrift, und wo die Fürsprache des Verfassers für die Europäer und Chinesen? Weil die Bewohner jener Länder sich für Schweinefleisch zu Tode verausgaben, soll man ihnen aufgrund der Möglichkeit von (Arabisch) Schweinefleisch erlauben – und das auch noch, damit sie in den Islam eintreten können – was für eine absurde Argumentation! Wenn man auf diese Weise damit beginnt, in den islamischen Vorschriften und Regelungen im Hinblick auf die Neigungen und Vorlieben jeder Nation Erleichterungen zu gewähren, muss man nacheinander auch Wein, Unzucht, Zins und sämtliche ähnlichen verbotenen Dinge für erlaubt erklären. Die Frage ist doch: Welchen Sinn hat es, diejenigen zum Islam zu bringen, die nicht bereit sind, Allahs Vorschriften zu befolgen, seine festgelegten Grenzen einzuhalten und das Verbotene als verboten zu betrachten? Wann war der Islam auf solche Menschen angewiesen, dass man mit ihnen verhandeln müsste, um sie zufriedenzustellen?
Zunächst hatte der Verfasser lediglich den Grund dafür, dass Schweinefleisch verboten ist, nicht verstanden. Nach einigem Nachdenken erkannte er jedoch, dass zwischen Magen und moralischem Bewusstsein grundsätzlich ein gewaltiger Unterschied besteht. Daher gelangte er zu dem Schluss, dass die Religion nicht das Recht habe, bei den Lebensmitteln zwischen Erlaubtem und Verbotenem zu unterscheiden. Aus dieser Äußerung offenbarte sich auch das Geheimnis, dass er über die materielle Wissenschaft (Physical Science) keineswegs mehr weiß als über den Koran. Natürlich ist es für einen gebildeten und aufgeklärten Menschen keine besondere Schande, den Koran nicht zu kennen; eine derart große Unwissenheit über die Wissenschaft ist jedoch zweifellos äußerst beschämend. Bis heute weiß er nicht einmal, in welchem Verhältnis die menschliche Seele zu seiner körperlichen Beschaffenheit und die körperliche Beschaffenheit zur Nahrung steht. Dass der Stoff, der die verbrauchten Bestandteile des Körpers ersetzt und aus dem all seine Adern, Blutgefäße und Nervengeflechte gebildet werden, einen natürlichen Einfluss auf Herz und Seele ausübt, ist nicht erstaunlich – erstaunlich wäre vielmehr, wenn er keinen solchen Einfluss ausübte. Auch die Welt der Wissenschaft war dieser Wahrheit früher im Allgemeinen gegenüber gleichgültig; doch aus den jüngsten Forschungen über die Ernährungswissenschaft (Dietetics) ist deutlich geworden, dass die Nahrung den moralischen Charakter und die geistigen Kräfte des Menschen durchaus beeinflusst. Deshalb untersuchen moderne Wissenschaftler, welche Art von Einfluss verschiedene Nahrungsmittel auf unsere Seele und unsere Denkkraft ausüben. Offenbar ist das Wissen unseres befreundeten Absolventen über die Wissenschaft keineswegs auf dem neuesten Stand (Up-to-Date). Sonst könnte er nicht mit einer derartigen Dreistigkeit behaupten, zwischen Magen und moralischem Bewusstsein bestehe grundsätzlich ein gewaltiger Unterschied.
9
Die Täuschung des Rationalismus
[Der Aufsatz wurde erstmals im Juni 1936 in der Monatszeitschrift Tarjuman-ul-Qur’an veröffentlicht – der Herausgeber.]
Zwei
Die Verbreitung von Rationalismus (Rationalism) und Naturalismus (Natuaralism) wird von den Menschen des Westens seit zwei Jahrzehnten mit großem Nachdruck betrieben. Wer kann die Macht der Propaganda leugnen? Wenn man den Menschen etwas unablässig, wiederholt und immer wieder vor Augen führt und es ihnen in die Ohren dringen lässt, wie lange können sie ihren Geist und ihr Denken noch vor dessen Einfluss schützen? So hat die Welt schließlich allein durch die Macht der Propaganda anerkannt, dass die Grundlage des westlichen Wissens, der Wissenschaft und seiner Zivilisation auf einem unverfälschten Rationalismus und Naturalismus beruhe. Doch eine kritische Untersuchung der westlichen Zivilisation macht völlig deutlich, dass ihre Grundlage weder auf Rationalismus noch auf irgendeinem Naturgesetz beruht; vielmehr ist es genau umgekehrt – das gesamte Gebäude der westlichen Zivilisation gründet sich lediglich auf Gefühl, Begehren und Bedürfnis. Tatsächlich war die Renaissance des Westens nichts anderes als eine gewaltige Rebellion gegen den Intellekt und die Natur. Diese Erneuerung schritt unter Verwerfung des Urteilsvermögens auf dem Weg der Sinneswahrnehmung und des Materialismus voran. An die Stelle von Vernunft und Verstand setzte sie das Gefühl. Sie verwarf die Weisungen des Gewissens, vernünftige Beweise und die natürlichen Instinkte und erklärte allein die sinnlich wahrnehmbaren materiellen Ergebnisse zum eigentlichen und wahren Maßstab. Sie betrachtete die Weisungen der Natur als eine irrige Vorstellung und nahm Begehren und Bedürfnis zu ihren Führern. Alles, was außerhalb der Grenzen des Messbaren lag, hielt sie für substanzlos und unbegründet. Alles, wodurch sich kein sinnlich wahrnehmbarer materieller Vorteil erzielen ließ, bezeichnete sie als nutzlos und überflüssig. Anfangs war diese Wahrheit selbst den Menschen des Westens verborgen. Deshalb hegten sie trotz ihres Handelns gegen Vernunft und Natur die Vorstellung, das neue Zeitalter des „freien Rationalismus“, das sie eröffnet hätten, sei auf den Grundlagen des „Rationalismus“ und des „Naturalismus“ errichtet. Später wurde zwar das eigentliche Geheimnis offenbar. Doch ihnen fehlte der Mut, es anzuerkennen. Daher verhängten sie mit äußerster Raffinesse über Götzendienst, die Knechtschaft unter den Instinkten und die Unterwerfung unter die Sinne einen Schleier aus Logik, Beweisen und Naturalismus. Doch nach dem englischen Sprichwort ist heute „die Katze vollständig aus dem Sack“. Die Irrationalität und die Feindseligkeit gegenüber der Natur sind heute so offensichtlich geworden, dass es nicht mehr möglich ist, sie mit irgendeinem Schleier zu bedecken. Deshalb wird heute offen die Rebellion sowohl gegen die Vernunft als auch gegen die Natur verkündet. Vom heiligen Horizont des Wissens und der Wissenschaft bis hin zu Gesellschaft, Wirtschaft und Politik ist überall das Banner der Rebellion erhoben worden. Infolgedessen haben alle Führer der modernen Welt – mit Ausnahme einer Gruppe „rückwärtsgewandter“ Heuchler – über ihre Zivilisation nur noch die Herrschaft von Begehren und Bedürfnis anerkannt.
Die Westler und die Anhänger der Firangi stehen noch einige Schritte hinter ihren Lehrmeistern zurück. In ihnen musste sich naturgemäß ebenfalls die Verehrung der Sinneswahrnehmung und des Materialismus sowie die Knechtschaft unter Begehren und Bedürfnis herausbilden, da ihre intellektuelle Entwicklung in eben jener Bildung und menschlichen Umgebung sowie jener Kultur und Zivilisation stattgefunden hat. Und tatsächlich bildet sich dies in ihnen heraus. Doch das Stadium, in dem die Katze aus dem Sack springt, haben sie noch nicht erreicht. Noch immer behaupten sie in ihren Reden und Schriften: Wir erkennen nur die Weisungen von Vernunft und Natur an. Legt uns nur Beweise und Argumente vor. Wenn eine Sache nicht durch Argumente, Beweise und natürliche Anzeichen nachgewiesen werden kann, werden wir nichts anerkennen. Doch im Sack dieser großen Worte verbirgt sich eine Katze, die weder vernünftig noch naturgemäß ist. Eine Analyse ihrer Schriften wird deutlich zeigen, dass ihr Geist und Verstand völlig unfähig sind, Argumente und Beweise sowie die natürlichen Instinkte zu erforschen und zu begreifen. Wenn man die Bedeutung des Gegenstands untersucht, den sie „vernunftgemäßes Wohlergehen“ nennen, wird sich herausstellen, dass es in Wirklichkeit „erfahrungsbasiertes Wohlergehen“ ist. Erfahrungsbasiertes Wohlergehen ist etwas, das fest, schwer, berechenbar und messbar ist. Einen Nutzen oder Vorteil, den man ihnen nicht nach mathematischen Regeln berechnen, auf einer Waage wiegen oder mit einem Maßstab messen und zeigen kann, sind sie keineswegs bereit anzuerkennen. Solange sein Nutzen in diesem besonderen Sinn nicht nachgewiesen werden kann, gilt es in ihren Augen als völlig „unvernünftig“, daran zu glauben und ihm zu gehorchen. Auch das Geheimnis hinter ihrer Behauptung, die Weisungen der Natur zu befolgen, wird bei näherer Untersuchung deutlich. Ihrer Ansicht nach bedeutet Natur nicht die menschliche Natur, sondern die biologische Natur. In der biologischen Natur haben Gewissen, Vernunft und die Regungen des Herzens keinen Platz; sie ist lediglich von Gefühl, Begehren und der Unterwerfung unter die Sinne erfüllt. Nach ihrer Auffassung ist nur das glaubwürdig, was die Gesamtheit der menschlichen Sinne beeinflussen, ihre Wünsche und Begierden befriedigen und ihre körperlichen und geistigen Bedürfnisse erfüllen kann; nur das ist zuverlässig, dessen Nutzen sich leicht prüfen lässt, dessen Schaden nicht sichtbar oder im Vergleich zu seinem Nutzen weniger sichtbar ist. Dagegen gilt alles, was der menschlichen Natur entspricht, dessen Bedeutung der Mensch durch sein eigenes Gewissen empfindet und dessen Nutzen oder Schaden nicht materiell oder sinnlich, sondern geistig und innerlich ist, als Aberglaube, sinnlos, nutzlos und überflüssig.
Einem solchen Ding irgendeine Bedeutung beizumessen – ja, sogar seine Existenz anzuerkennen – gilt als Blindheit, Aberglaube und Rückständigkeit. Einerseits eine solche Abneigung gegen Vernunft und Natur, andererseits der Anspruch auf Rationalismus und Fortschrittlichkeit! Ihr Gewissen und ihr Verstand sind einen solchen Grad des Bankrotts erreicht, dass sie den Widerspruch nicht wahrnehmen können.
Bildung, Kultur und Zivilisation sollten dem Herzen des Menschen zumindest den Nutzen bringen, dass sein Denken, seine Vorstellungen und seine Betrachtungen nicht zerstreut, zusammenhanglos und ungeordnet sind. Er sollte eine klare und einfache Denkweise annehmen. Indem er die Abfolge der Ereignisse richtig ordnet, sollte er zu zutreffenden Schlussfolgerungen gelangen. Vor offenkundigen Irrtümern, die Widersprüchen und sinnlosem Geschwätz gleichen, sollte er sich hüten. Doch abgesehen von einigen Ausnahmen scheint unseren gewöhnlichen gebildeten Herren selbst dieser grundlegende Nutzen geistiger Vervollkommnung vorenthalten zu bleiben. Bevor sie über eine Sache diskutieren, zeigen sie keinerlei Urteilsvermögen, das sie dazu befähigen würde, zunächst selbst eine richtige Ausgangsposition zu bestimmen, die geistigen Folgen dieser Position zu erfassen und im Hinblick darauf eine mit ihrer eigenen Position übereinstimmende Argumentation zu verfolgen. Wenn man sich mit ihnen unterhält oder ihre Schriften betrachtet, wird man auf den ersten Blick meinen, dass ihr Denken außerordentlich zusammenhanglos ist. Nachdem sie eine Diskussion unter einem bestimmten Gesichtspunkt begonnen haben, wechseln sie schon nach kurzer Zeit ihre Ausgangsposition; nach einigen weiteren Schritten nehmen sie sogar eine völlig andere Position ein. Um ihre Behauptung zu beweisen, haben sie die Informationen weder überlegt ausgewählt noch sie nach den Regeln der Logik geordnet. Was ist eigentlich ihre wirkliche Aussage? Welche Frage der Wahrheit oder Unwahrheit wollten sie klären, und zu welcher Schlussfolgerung gelangten sie schließlich? Selbst wenn man von Anfang bis Ende danach sucht, findet man auf diese Fragen keine Antwort. Der tiefere Grund für diese Lage ist, dass das Hauptziel der gegenwärtigen Zivilisation und des modernen Bildungssystems unter ihrem Einfluss ausschließlich auf Sinnlichkeit und Materialismus ausgerichtet ist. Sie weckt die Begierden und Wünsche des Menschen, regt sein Bedürfnisempfinden an und prägt ihm die Bedeutung sinnlich wahrnehmbarer Dinge tief ins Herz und Gemüt ein; seine geistigen Fähigkeiten und seine innere Haltung aber vervollkommnet sie nicht. Zwar erzeugt sie in ihm den Hochmut des Urteilens und Nachdenkens, und dieser Hochmut verleitet ihn dazu, jedes Ding „vernünftig“ zu kritisieren und alles abzulehnen, was nach seiner Auffassung nicht „logisch nachvollziehbar“ ist; tatsächlich aber ist seine Gesinnung dem Rationalismus völlig abgeneigt. Die Fähigkeit, eine Frage mit einer fehlerlosen Argumentationskette zu klären oder in einer Angelegenheit eine Entscheidung zu treffen, wird in ihm überhaupt nicht entwickelt.
Den deutlichsten Beweis für den unvernünftigen „Rationalismus“ dieser bildungsstolzen Menschen findet man in religiösen Angelegenheiten. Denn die westlichen Lehren stehen in jeder Hinsicht im Widerspruch zu den geistigen, ethischen, sozialen und kulturellen Grundlagen dieses Bereichs.
Um die Wahrheit dieser Aussage zu beweisen, unterhalten Sie sich mit einem englisch gebildeten Menschen über eine religiöse Angelegenheit und lassen Sie sich von ihm, um seinen geistigen Zustand zu prüfen, das Bekenntnis ablegen, Muslim zu sein. Legen Sie ihm anschließend eine Vorschrift der Scharia vor und führen Sie Beweise zu ihrer Begründung an. Sofort wird der Herr sich aufrichten und in äußerst kluger Haltung sagen: „Das ist doch bloßes ‚Mullahwesen‘. Bringt mir Argumente und Beweise. Wenn du außer einer bloßen Beschreibung oder einem Zitat keine Argumente und Beweise hast, werde ich kein einziges deiner Worte anerkennen.“ Schon aus diesen wenigen Worten wird das Geheimnis offenbar: Der Hauch des Rationalismus hat diesen Herrn nicht einmal berührt. Trotz jahrelanger Bildung, Ausbildung und Beschäftigung mit Wissen hat der arme Mann nicht erkannt, welche geistige Folge es hat, in einer Angelegenheit Argumente und Beweise zu verlangen und welchen tatsächlichen Rang derjenige einnimmt, der diese Forderung stellt.
Aus islamischer Sicht kann der Mensch rechtmäßig nur einen von zwei Rängen innehaben: Entweder ist er Muslim, oder er ist Nichtmuslim beziehungsweise Ungläubiger. Muslim zu sein bedeutet, dass er Allah und Seinen Gesandten mit Herz und Seele anerkannt hat. Er hat außerdem anerkannt, dass er jeder Anweisung, die der Gesandte von Allah übermittelt, ohne Widerspruch gehorchen wird. Unter diesen Umständen hat er nicht mehr das Recht, für jede einzelne Vorschrift gesondert Argumente und Beweise zu verlangen. Seine Aufgabe als Muslim besteht lediglich darin, zu erkunden, ob der Gesandte Gottes eine bestimmte Anweisung erteilt hat. Danach soll er ihr unverzüglich gehorchen, selbst wenn die Anweisung nicht durch die herkömmliche Logik bewiesen worden ist. Natürlich darf er um geistige Ruhe und Weitblick zu erlangen Argumente und Beweise verlangen. Doch diese Forderung darf nur dann erhoben werden, wenn er bereit ist, die Anweisung zu befolgen. Argumente und Beweise jedoch als Vorbedingung des Gehorsams zu verlangen und, falls er keine Argumente und Beweise erhält oder keine geistige Ruhe erlangt, den Gehorsam zu verweigern, bedeutet, dass er in Wirklichkeit die Autorität des Gesandten Gottes leugnet; und diese Leugnung ist gleichbedeutend mit Kufr. Dabei hatte er zunächst behauptet, Muslim zu sein. Wenn er nun die Rolle eines Ungläubigen annimmt, liegt sein rechtmäßiger Platz nicht innerhalb der Grenzen des Islam, sondern außerhalb. Zunächst sollte er den Mut aufbringen, eine Religion zu verlassen, an die er überhaupt nicht glaubt. Erst danach wird er dazu berechtigt sein, Argumente und Beweise zu verlangen, und seine Forderung kann beantwortet werden.
Dies ist die Regel, die auf gesundem Urteilsvermögen und gesundem Verstand beruht. Andernfalls kann sich keine Ordnung der Welt dauerhaft etablieren. Wenn die Bürger eines Staates für jeden einzelnen staatlichen Befehl eine Begründung verlangten und sich weigerten, ohne Argumente zu gehorchen, könnte dieser Staat keinen Augenblick bestehen. Wenn jeder Soldat einer Armee nach dem Grund für jeden einzelnen Befehl des Befehlshabers fragte und in jeder Angelegenheit seine persönliche innere Zufriedenheit als Vorbedingung des Gehorsams geltend machte, könnte im Grunde überhaupt keine Armee aufgebaut werden. Kurz gesagt: Wenn man versuchen müsste, jede betroffene Person zufriedenzustellen, und kein Befehl befolgt würde, bevor nicht jeder Einzelne innere Ruhe erlangt hätte, könnte auf dieser Grundlage keine Schule, kein College, kein Verein – kurz, überhaupt keine soziale Ordnung – errichtet werden. Gewöhnlich tritt der Mensch einer Einrichtung mit der grundlegenden und elementaren Überzeugung bei, dass er der übergeordneten Autorität dieser Einrichtung vollkommen vertraut und ihre Befehlsgewalt anerkennt. Solange er anschließend Teil dieser Einrichtung bleibt, ist es seine Pflicht, den Anordnungen der übergeordneten Autorität zu gehorchen; selbst wenn er in einer nebensächlichen Angelegenheit nicht zufrieden ist, muss er dem Befehl unbedingt Folge leisten. Etwas anderes ist es natürlich, wenn er sich als Schuldiger gegen eine Anweisung auflehnt. Ein Mensch kann trotz Ungehorsams in nebensächlichen Angelegenheiten weiterhin einer Einrichtung angehören; doch wenn jemand selbst in der unbedeutendsten Angelegenheit seine persönliche Zufriedenheit zur Vorbedingung des Gehorsams erklärt, muss man verstehen, dass er sich grundsätzlich weigert, die Autorität der übergeordneten Stelle anzuerkennen. Das kommt einem offenen Aufstand gleich. Würde ein solcher Grundsatz in einem Staat praktiziert, würde gegen den Betreffenden ein Verfahren wegen Hochverrats eingeleitet. In einer Armee würde er dafür vor ein Kriegsgericht gestellt. An einer Schule oder einem College würde er sofort ausgeschlossen. Würde dies in einer Religion geschehen, würde ein Fatwa des Kufr gegen ihn erlassen. Niemandem kann das Recht eingeräumt werden, innerhalb einer Einrichtung derartige Argumente und Beweise zu verlangen. Der eigentliche Platz eines solchen Fordernden liegt nicht innerhalb, sondern außerhalb. Deshalb sollte er zunächst hinausgehen. Danach kann er so viele Einwände und Proteste vorbringen, wie er möchte.
Dies ist in organisatorischer Hinsicht ein Grundsatz beziehungsweise eine Grundlage des Islam. Der Islam hat den Menschen nicht zuerst Anweisungen erteilt; vielmehr hat er ihn zunächst dazu aufgerufen, an Allah und den Gesandten zu glauben. Zur Unterstützung dieser einen Sache wurden alle Argumente und Beweise vorgebracht. Mithilfe jedes vernünftigen Beweises und der Zeichen in der Natur wurde versucht, den Menschen in dieser Frage davon zu überzeugen, dass Allah sein Herr und Muhammad, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, Allahs Gesandter ist. Diese grundlegende Frage können Sie nach Belieben durch Argumente und Erörterungen prüfen und untersuchen. Wenn Sie durch irgendein Argument oder einen Beweis nicht überzeugt werden, wird man Sie niemals dazu zwingen, den Islam anzunehmen. Auch keine islamische Vorschrift wird auf Sie angewandt werden. Doch sobald Sie den Islam freiwillig angenommen haben, sind Sie augenblicklich ein „Muslim“ geworden. Und das Wort Muslim bedeutet eben: jemand, der sich unterwirft. Danach ist es nicht mehr nötig, Ihnen hinsichtlich jeder einzelnen Anweisung des Islam Argumente und Beweise vorzulegen und die Befolgung der Anweisung Ihrer inneren Beruhigung zu überlassen; vielmehr besteht Ihre allererste Pflicht als Muslim darin, jeder Anweisung, die von Allah und dem Gesandten an Sie gelangt, ohne Widerrede Gehorsam zu leisten:
(Arabisch)
Bedeutung: Die Pflicht der Gläubigen besteht darin, dass sie, wenn sie zu Allah und dem Gesandten gerufen werden, damit der Gesandte zwischen ihnen richten kann, sagen: „Wir haben gehört und gehorchen.“ (Sure an-Nur 51)
Tatsächlich sind die Forderung nach Argumenten und Beweisen als Bedingung für den Glauben und den Gehorsam völlig widersprüchliche Dinge. Ihre Verbindung widerspricht vollkommen einer gesunden Urteilskraft und Vernunft. Kein Gläubiger kann auf diese Weise Argumente und Beweise fordern. Umgekehrt kann auch ein solcher Rationalist kein Gläubiger sein:
(Arabisch)
Bedeutung: Wenn Allah und der Gesandte in einer Angelegenheit eine Entscheidung getroffen haben, haben gläubige Männer und Frauen keinerlei Recht, in ihrer Angelegenheit eine eigene Entscheidung zu treffen. (Sure al-Ahzab 36)
Der gewaltige Erfolg, den der Islam auf dem Gebiet der Reform und des Aufbaus errang, beruhte unmittelbar auf der Wirkung dieses Grundsatzes. Nachdem die Glaubensgesinnung in den Menschen fest verwurzelt worden war, hielt sich die gesamte Gemeinschaft der Gläubigen von allem fern, was verboten worden war. Umgekehrt wurde das, was befohlen worden war, auf einen einzigen Wink hin unter Millionen und Abermillionen von Menschen eingeführt. Wäre es bei jeder einzelnen Angelegenheit notwendig gewesen, Argumente und Beweise vorzulegen, und hätte die Gesetzestreue davon abgehangen, die Vernünftigkeit und Bedeutung jedes einzelnen Gebots und Verbots verständlich zu machen, dann wäre die Verbesserung und Gestaltung des menschlichen Charakters und Verhaltens, die der Gesandte, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, in nur 23 Jahren vollbrachte, nicht einmal bis zum Tag der Auferstehung möglich gewesen.
Das bedeutet nicht, dass die Vorschriften des Islam der Vernunft widersprechen oder dass irgendeine Einzelbestimmung ohne Bedeutung wäre. Es bedeutet auch nicht, dass der Islam von seinen Anhängern blinde Nachahmung verlangt und ihnen verbietet, nach der vernünftigen und natürlichen Grundlage seiner Vorschriften zu suchen und deren Bedeutung zu erfassen. Die tatsächliche Lage ist das Gegenteil. Um dem Islam richtig zu folgen, sind scharfer Verstand und Umsicht unbedingt erforderlich. Je tiefer jemand die Bedeutung und Vernünftigkeit der islamischen Vorschriften erfasst, desto vollkommener kann er ihnen folgen. Eine solche Erkenntnis und Weitsicht verbietet der Islam nicht; vielmehr ermutigt er dazu. Doch zwischen dem geistigen Forschen nach dem Gehorsam und dem Abwägen und Prüfen als Bedingung vor dem Gehorsam besteht ein himmelweiter Unterschied. Der Muslim bekundet zuerst bedingungslosen Gehorsam. Danach bemüht er sich, die Bedeutung und Vernünftigkeit der islamischen Vorschriften zu erfassen. Das heißt jedoch nicht, dass ihm die Vernünftigkeit jeder einzelnen Vorschrift verständlich werden muss. Tatsächlich besitzt er ja vollständiges Vertrauen und vollkommene Zufriedenheit mit Allahs Herrschaft und der Prophetenschaft des Gesandten. Danach möchte er, um eine umfassendere Weitsicht zu erlangen, auch in Einzelheiten größere Zufriedenheit gewinnen. Wenn es ihm gelingt, eine solche Zufriedenheit zu erlangen, bringt er Allah seine Dankbarkeit zum Ausdruck; gelingt es ihm jedoch nicht, so befolgt er aufgrund seiner vollkommenen Zufriedenheit mit Allah und dem Gesandten weiterhin vorbehaltlos die islamischen Vorschriften. Wo ist ein solcher Anspruch auf Argumente und Beweise mit demjenigen zu vergleichen, der bei jedem Schritt Begründungen fordert und sagt: „Nur wenn du mich zufriedenstellst, werde ich weitergehen, andernfalls werde ich umkehren“?
Vor einiger Zeit ist uns ein von einer muslimischen Gruppe herausgegebenes Flugblatt zu Gesicht gekommen. Diese Gruppe besteht aus hochgebildeten Muslimen. Die Mitglieder der Gruppe sind keineswegs religionsfeindlich; vielmehr sind sie nach ihrer eigenen Auffassung eifrig um die Religion bemüht. Zu den Dingen, die sie im Namen religiöser „Reform“ verbreiten, gehört insbesondere das Verbot für Muslime, jedes Jahr zum Opferfest ein Opfer darzubringen. Zugleich raten sie den Muslimen, das Geld, das sie für das Schlachten eines Tieres ausgeben, zur Unterstützung nationaler Einrichtungen, zur Versorgung von Waisen und Witwen sowie zur Schaffung von Arbeitsplätzen für Arbeitslose zu verwenden. Die vollständige Darstellung des Einwands, den ein Muslim gegen diese Propaganda erhoben hatte, ist uns nicht zugegangen. In Erwiderung auf seinen Einwand wurde jedoch Folgendes gesagt:
Bis heute hat niemand außer auf die bloße Ausübung eines Ritus und blinde Nachahmung auf den vernünftigen und praktischen Nutzen des Opferns hingewiesen. Wenn jemand uns über die Vernünftigkeit des Opferns aufklärt, wird er sich unsere Dankbarkeit erwerben.
Dies ist ein Beispiel für die Schriften jener, die sich als „gebildet“ und „aufgeklärt“ bezeichnen. Einerseits die lautstarke Forderung nach „Rationalismus“, andererseits ein solcher Gipfel der „Unvernunft“! Diese beiden Sätze, die der „heiligen Feder“ dieses Herrn entsprungen sind, beweisen bereits, dass er seine eigene richtige Rolle überhaupt nicht bestimmt hat. Wenn er als Muslim sprechen will, sollte er sich vor dem „Ritus“ beugen. Erst danach kann er das Recht beanspruchen, Beweise und Begründungen zu verlangen. Doch auch dann nicht als Bedingung für den Gehorsam, sondern lediglich zur inneren Beruhigung. Wenn er jedoch schon vor dem Gehorsam Beweise und Begründungen verlangt und dies zur Bedingung seines Gehorsams macht, dann hat er kein Recht, als „Muslim“ zu sprechen. Ein solcher Fordernder nach Beweisen sollte zunächst die Rolle eines Nichtmuslims einnehmen. Danach wird er das Recht haben, in jeder Angelegenheit frei Einwände zu erheben. Das gibt ihm jedoch keineswegs das Recht, sich in religiösen Fragen der Muslime als „Mufti“ aufzuspielen und Fatwas zu erlassen. Er nimmt gleichzeitig zwei einander widersprechende Rollen ein, erfüllt jedoch die geistige Verantwortung auch nur einer dieser Rollen nicht. Einerseits ist er nicht bloß ein „Muslim“, sondern spielt sich sogar als „Mufti des Islam“ auf, andererseits hält derselbe Mann den verbindlichen Ritus für nutzlos. Wenn eine Anordnung durch einen verbindlichen „Ritus“ als Anordnung erwiesen wird, weigert er sich, ihr zu gehorchen, und stellt als Bedingung auf, dass zunächst ihre Vernünftigkeit und ihr praktischer Nutzen dargelegt werden. Mit anderen Worten: Eine Anordnung ist er nicht allein deshalb zu befolgen bereit, weil sie die Anordnung Allahs und des Gesandten ist; vielmehr wird er ihr nur aufgrund ihrer Vernünftigkeit und ihres praktischen Nutzens folgen. Wenn er einen solchen Nutzen nicht erkennen kann oder dieser sich nach seinem Maßstab nicht als nützlich erweist, wird er die göttliche Vorschrift verwerfen und gegen sie Propaganda machen. Er wird sie als „abwegigen“, „sinnlosen“, „überflüssigen“, ja sogar schädlichen und verschwenderischen Brauch bezeichnen. Nicht nur das: Er wird sogar all seine Kräfte einsetzen, um die Muslime davon abzuhalten, sie zu befolgen. Kann irgendjemand ein solch widersprüchliches Verhalten und solche einander widersprechenden Rollen für vernünftig halten? Der ehrenwerte Verfasser hat zweifellos ein berechtigtes Recht, Beweise und Begründungen zu verlangen. Zuerst soll er jedoch beweisen, dass er selbst ein vernünftiger und urteilsfähiger Mensch ist.
Der vernünftige und erfahrungsbedingte Nutzen ist nicht die Bezeichnung für eine bestimmte und eindeutig festgelegte Sache; vielmehr handelt es sich um etwas Relatives und Qualitatives. Das Urteilsvermögen eines Menschen hält eine Sache für nützlich, während das Urteilsvermögen eines anderen eine entgegengesetzte Auffassung vertritt. Ein Dritter erkennt zwar einen gewissen Nutzen dieser Sache an, misst ihm jedoch überhaupt keine Bedeutung bei; vielmehr hält er eine andere Sache für noch nützlicher. Hinsichtlich des erfahrungsbedingten Nutzens bestehen noch größere Meinungsverschiedenheiten. Denn jeder hat eine andere Vorstellung vom Nutzen. Entsprechend dieser Vorstellung erklärt jeder Mensch aufgrund seiner eigenen oder der Erfahrung anderer eine Sache für nützlich oder schädlich. Für den einen ist nur der unmittelbare Gewinn erstrebenswert und nur der unmittelbare Verlust zu vermeiden. Seine Vorlieben müssen sich von denen eines weitsichtigen Menschen unterscheiden. Außerdem gibt es bei sehr vielen Dingen eine Art von Nutzen und eine andere Art von Schaden. Der eine nimmt solche Dinge an, weil er den Schaden im Vergleich zum Nutzen für geringfügig hält, während der andere sie meidet, weil er den Schaden für größer als den Nutzen hält.
Darüber hinaus lässt sich beim vernünftigen und erfahrungsbedingten Nutzen bisweilen ein Widerspruch feststellen. Eine Sache mag der Erfahrung nach schädlich sein; nach dem Urteil der Vernunft sollte man diesen Schaden jedoch um eines größeren, begründeten Nutzens willen hinnehmen. Eine andere Sache ist zwar der Erfahrung nach nützlich, doch nach der Weisung des Gewissens ist es geboten, sie zu meiden, um einem vernünftigen Schaden zu entgehen. Solange solche Widersprüche oder Konflikte bestehen, ist es überhaupt nicht möglich, über den „vernünftigen“ und „erfahrungsbedingten“ Nutzen einer Sache zu einer allgemein anerkannten Entscheidung zu gelangen. Ebenso ist es unmöglich, dass alle über den Nutzen einer Sache übereinstimmen und niemand die Möglichkeit hätte, eine abweichende Meinung zu vertreten oder sie abzulehnen. Warum also nur vom Opfern sprechen? Hat sich bei den Geboten und Verboten der Scharia – beim Gebet, beim Fasten, bei der Pilgerfahrt, bei der Zakāt und bei den übrigen Vorschriften – die Vernünftigkeit und der erfahrungsbedingte Nutzen irgendeiner Sache etwa so deutlich wie das Tageslicht gezeigt, und haben alle Menschen sie nach bewusster Einsicht gehorsam angenommen? Wäre es so, dann gäbe es auf der Welt nicht einen einzigen Menschen, der das Gebet oder das Fasten unterließe oder die Pilgerfahrt und die Zakāt leugnete. Eben deshalb beruht die Ordnung der Vorschriften nicht auf dem Urteilsvermögen und der Erfahrung jedes Einzelnen; vielmehr gründet sie auf Glauben und Gehorsam. Der Muslim glaubt niemals an die Vernünftigkeit und den erfahrungsbedingten Nutzen; vielmehr gilt sein Glaube Allah und Seinem Gesandten. Seine Religion besteht nicht darin, eine Sache erst dann anzunehmen, wenn ihre Vernünftigkeit und ihr Nutzen erwiesen sind, und sie zu meiden, sobald ihre Unvernünftigkeit und ihr fehlender Nutzen zutage treten. Vielmehr besteht seine Religion darin, dass das, was als Anordnung Allahs und des Gesandten erwiesen ist, unbedingt befolgt werden muss, während das, was nicht als verbindlich erwiesen ist, auch nicht befolgt zu werden braucht.
Die gegenwärtige Frage lautet also: Gilt der Glaube des Verfassers der Vernünftigkeit und dem Nutzen oder Allah und dem Gesandten? Wenn Ersteres zutrifft, hat er nicht die geringste Verbindung zum Islam. Welches Recht hat er dann, sich als Muslim auszugeben und der Allgemeinheit zu raten, die sogenannte „Sunna der Wüste“ zu meiden? Wenn Letzteres zutrifft, sollte er die Vernünftigkeit und den Nutzen nicht zur Grundlage der Erörterung machen. Vielmehr sollte er fragen: Ist das Opfern lediglich ein von Muslimen erdachter Brauch? Oder ist es eine von Allah und dem Gesandten erwählte gottesdienstliche Handlung, die der Gesandte Allahs selbst unter seiner Umma eingeführt hat?
10
Die hohlen Phrasen des Progressivismus
[Der Artikel wurde erstmals im Juni 1933 in der Zeitschrift Tarjuman-ul-Qur’an veröffentlicht – der Herausgeber]
In der Juniausgabe 1933 der Zeitschrift „Nigar“ hat Herr Niyaz Fatehpuri eine ausführliche Besprechung des von mir herausgegebenen „Tarjuman-ul-Qur’an“ veröffentlicht. Dafür spreche ich Herrn Fatehpuri meinen Dank aus. Im Allgemeinen ist es nicht üblich, über die Besprechung einer Zeitschrift zu streiten oder eine Gegenkritik zu verfassen. Der sachkundige Kritiker hat jedoch in seinem Aufsatz einige Ansichten geäußert, die mit den wesentlichen Grundsätzen seiner Fortschrittsreligion zusammenhängen; und eines der wichtigsten Ziele des „Tarjuman-ul-Qur’an“ besteht gerade darin, diese Grundsätze zu korrigieren. Aus diesem Grund halte ich es für unbedingt notwendig, diese erste Gelegenheit zu nutzen, um meine eigene Meinung dazu darzulegen. Er schreibt:
Der Zweck dieser Zeitschrift geht bereits aus ihrem Namen hervor – nämlich die Bedeutung, den Sinn und die Lehren des Qur’an den Menschen in ihrer richtigen Form zu vermitteln. Niemand kann zweifellos den Nutzen dieses Vorhabens leugnen. Doch wie der sachkundige Herausgeber selbst eingeräumt hat, ist es in der heutigen Zeit keineswegs leicht, dieses Ziel zu erreichen. Denn in früheren Zeiten verstand man unter Religion lediglich die blinde Nachahmung der Vorfahren und rückwärtsgewandte Handlungen. Damals war es überhaupt nicht schwierig, als Verkünder oder Reformer der Religion aufzutreten. Doch die moderne Wissenschaft und die ständig neuen wissenschaftlichen Entdeckungen haben dem „Denken und Handeln“ der Menschen eine völlig neue Gestalt gegeben und ihren Geist durch die „Freiheit des Denkens und der Meinungsäußerung“ bereichert. Daher ist es heute nicht mehr möglich, die Existenz der Religion allein dadurch zu behaupten, dass man das Verhalten, die Handlungsgrundsätze und die Denkweise der Vorfahren als Beweis anführt. Früher wurde vielleicht über die Einheit Gottes gesprochen oder gestritten; heute aber hält man bereits die Existenz Gottes für völlig unmöglich. In früheren Zeiten konnte man die Rechtleitung des Gesandten, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, vielleicht durch Wunder beweisen; heute hingegen ist die „Magnetwissenschaft“ gerade auf der Grundlage jener Wunder im Begriff, zahllose Propheten und Gesandte hervorzubringen. In der Vergangenheit konnte ein Prediger zum Himmel emporblicken und den mit Thron und Kursi versehenen Gott anrufen; heute gibt es angeblich überhaupt kein Ding namens Himmel. Unter diesen Umständen kann eine solche Handlung keineswegs segensreich sein. Kurz gesagt: Die Zeit des „Glaubens an das Verborgene“ ist vorbei; nun ist die Zeit des Glaubens an Erfahrung und Beobachtung gekommen. In einer derart kritischen Zeit ist es keineswegs leicht, der Religion zu Hilfe zu kommen. Besonders schwierig erscheint die Aufgabe, weil schon die heutige Vorstellung von Religion den Menschen nicht sonderlich annehmbar erscheint.
Weiter schreibt er:
Der Heilige Qur’an ist seinem Inhalt nach in drei Teile gegliedert. Im ersten Teil werden moralische Lehren vermittelt. Im zweiten Teil werden Glaubensüberzeugungen dargelegt. Der dritte Teil enthält historische Erzählungen und Beispiele. Über den ersten Teil braucht nicht viel geschrieben zu werden; es ist auch nicht nötig, dafür irgendwelche Belege und Beweise vorzulegen. Denn die Morallehren aller Religionen sind nahezu identisch. Und jeder muss zugeben, dass die Morallehre des Islam sich von den Morallehren anderer Religionen weder unterscheidet noch ihnen unterlegen ist. Dem zweiten und dritten Teil sollte man allerdings größere Aufmerksamkeit widmen. Denn die moderne Wissenschaft und die wissenschaftlichen Entdeckungen haben in Bezug auf diese beiden Teile Zweifel und zwiespältige Empfindungen in den Menschen hervorgerufen. Und in Wahrheit gilt: Wenn jemand diese Zweifel und Bedenken auszuräumen vermag, wird er als Erneuerer, als Mujaddid, dieses Jahrhunderts anerkannt werden. Aus diesem Grund würde ich empfehlen, hierfür eine ständige Rubrik einzurichten. In dieser Rubrik sollten sämtliche qur’anischen Verse, die sich auf Glaubensüberzeugungen und Erzählungen beziehen, untersucht werden. Anschließend müssen die richtige Absicht und Bedeutung dieser Verse bestimmt und sämtliche Einwände und Gegenreden widerlegt werden, die von modernen Gelehrten und Forschern vorgebracht worden sind.
Zum Abschluss schreibt er:
Für die Zukunft fordere ich ihn zunächst dazu auf, die Bedeutung von Offenbarung und Wissen zu erörtern. Denn vom Verständnis dieser Dinge hängt das tiefere Verständnis des Wortes Gottes ab. Zugleich sollte auch die Frage des Jenseits erörtert werden. Denn von ihrer Klärung hängt die Frage der Religiosität und der Gottlosigkeit ab. Ich möchte sehen, welche Erklärung er über das göttliche Wort und das Jenseits geben wird. Erst danach werde ich meine Zweifel, Bedenken und Einwände vorbringen; wenn sie durch seine Bemühungen ausgeräumt werden, würde ich mich außerordentlich freuen. Denn gegenwärtig leiden viele unter dem verhängnisvollen Fluch, sich aus Zwang als Muslime auszugeben. Ein wesentlicher Grund dafür ist der Glaube an das Jenseits.
Abgesehen von den Einzelheiten, auf die der sachkundige Kritiker in diesem Zitat hingewiesen hat, möchte ich nur die grundlegenden Fragen beleuchten.
Er hat die Erörterung des Heiligen Koran in drei Teile gegliedert. Wir jedoch können sie ohne Weiteres in zwei Teile gliedern. Gegenstand des ersten Teils sind Dinge, die außerhalb der Grenzen unseres Wissens, Verstandes und Urteilsvermögens liegen. Keines dieser Dinge können wir endgültig als falsch oder richtig bezeichnen. Daher ruft uns der Koran in Bezug auf sie zum Glauben an das Verborgene auf. Die Dinge der zweiten Kategorie liegen nicht außerhalb der Grenzen unseres Wissens, und es ist uns möglich, über sie zu einer begründeten Entscheidung zu gelangen. In diesem Sinne gehören neben Fragen wie der Existenz und den Eigenschaften Allahs, den Engeln, der Offenbarung, den göttlichen Schriften, der Bedeutung des Prophetentums, der Auferstehung nach dem Tod sowie der jenseitigen Strafe und Belohnung auch alle in historischen Erzählungen und Beispielen erwähnten Dinge, die außerhalb der Grenzen von Wissen, Verstand und Urteilsvermögen liegen, zur ersten Kategorie. Ob diese Dinge nun außerhalb des allgemeinen menschlichen Urteilsvermögens liegen oder ob wir auf der gegenwärtigen intellektuellen und wissenschaftlichen Entwicklungsstufe nicht in der Lage sind, über ihre Wahrheit und Richtigkeit zu urteilen, spielt dabei keine Rolle. Demgegenüber gehören die islamische Sittenlehre, die Läuterung der Seele und sämtliche Fragen des menschlichen Lebens zur zweiten Kategorie.
Nach Ansicht des kompetenten Kritikers besteht überhaupt keine Notwendigkeit, den zweiten Teil zu erörtern. Denn in dieser Hinsicht sei die Lehre des Islam den Lehren anderer Religionen ähnlich. Seiner Meinung nach sei es jedoch unbedingt notwendig, den ersten Teil zu erörtern, weil gerade in Bezug auf die zu ihm gehörenden Dinge unter den Menschen Zweifel und Zwiespalt entstanden seien. Doch die Frage lautet: Warum entstehen hinsichtlich dieser Dinge Zweifel und Zwiespalt? Darauf hat er geantwortet, dass die Menschen in der Vergangenheit aufgrund von Rückständigkeit und Unwissenheit an die verborgenen Dinge geglaubt hätten. Heute jedoch hätten die moderne Wissenschaft und die neuen wissenschaftlichen Entdeckungen und Erfindungen dem Denken und Handeln des Menschen eine neue Gestalt verliehen und seinen Geist durch die Freiheit des Denkens und des Gewissens bereichert. Deshalb sei die Zeit des „Glaubens an das Verborgene“ vorbei; an ihre Stelle sei die Zeit des „Glaubens an Erfahrung und Beobachtung“ getreten.
Diese Ansicht beruht auf mehreren Irrtümern. Der erste davon besteht darin, den eigentlichen Unterschied zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart nicht zu erkennen. Leider ist Herr Niaz nicht der Einzige; vielmehr ist eine große Gruppe in dem irrigen Gedanken befangen, die Lampe der Religion habe nur in der Finsternis vergangener Zeitalter Licht ausstrahlen können. Nach dem Aufgang der Sonne der modernen Wissenschaft sei es ihr jedoch nicht mehr möglich, zu leuchten. Doch die Vernunftwissenschaft, die sie als Lichtstrahl bezeichnen, ist kein besonderer Besitz unserer Zeit. Diese Wissenschaften haben auch in der Vergangenheit die Sehkraft der Menschen auf dieselbe Weise geblendet. Und auch diejenigen, deren Blick in der Vergangenheit geblendet worden war, meinten, die Lampe der Religion könne nun nicht mehr leuchten. Nach ihrer Auffassung hatten die moderne Wissenschaft und die immer neuen wissenschaftlichen Entdeckungen jener Zeit dem Denken und Handeln ebenfalls eine neue Gestalt verliehen und durch die Logik des Denkens und des Gewissens den Geist der Menschen derart bereichert, dass in jenem hell erleuchteten Zeitalter kein Raum mehr für den Glauben an das Verborgene geblieben sei. Herrschte dieser Zustand etwa nicht vom zweiten bis zum vierten Jahrhundert der Hidschra? Als die Gedanken der Philosophen und Wissenschaftler Platon, Aristoteles, Epikur, Zenon, Berkeley, Alexander, Ferdowsi, Plotin und anderer in den muslimischen Ländern verbreitet wurden und dadurch auf dem Gebiet des philosophischen Denkens und der intellektuellen Forschung ein neues Zeitalter anbrach, gab es da nicht ebenfalls eine Gruppe von Menschen, die eine solche Auffassung vertrat? Schufen die damalige Freiheit des Denkens und des Verstandes sowie die neue Gestalt von Verhalten und Vorstellungen nicht auf diese Weise Zweifel und Zwiespalt im religiösen Glauben der Menschen? Doch was geschah danach? Viele der Lehren und spekulativen Schlussfolgerungen der Philosophen, an die die Menschen jener Zeit geglaubt hatten, erwiesen sich später als falsch. Das intensive Sonnenlicht der Wissenschaft, in dem ihnen die Lampe der Religion nur noch flackernd erschien, erlosch binnen eines einzigen Umschwungs der Zeit völlig. Ihre „moderne Wissenschaft“ wurde zu etwas Veraltetem. Ihre neuen „wissenschaftlichen Entdeckungen“ verloren die Kraft, Denken und Handeln eine neue Gestalt zu geben. Was sie in verschiedenen Bereichen neu gestaltet hatten, wurde als überholt erwiesen. Selbst die Argumente und Beweise, die sie im festen Vertrauen auf die zeitgenössischen wissenschaftlichen Entdeckungen vorgebracht hatten, sowie die philosophischen Lehren, die sie darauf gegründet hatten, würde heute nicht einmal ein unbedeutender Schüler zögern, größtenteils als sinnlos und unbrauchbar zu bezeichnen.
Wenn nun jemand behauptet, die Lampe der Religion habe nur im finsteren Zeitalter der Vergangenheit brennen können, sei aber heute, in diesem hell erleuchteten Zeitalter, nicht mehr dazu fähig, dann müssen wir zu dem Schluss kommen, dass die Geschichte sich selbst wiederholt. Wir sind überzeugt, dass die meisten Dinge, die heute ebenso wie in der Vergangenheit als moderne Wissenschaft sowie als neue Entdeckungen und Erfindungen angepriesen werden, das Schicksal der „modernen Wissenschaft“ und der neuen Erfindungen früherer Menschen teilen und zusammen mit dem Umschwung der Zeit sowie den „immer neuen Formen des Denkens und Handelns“ alt und überholt werden. Der Kritiker möge die Wissenschaften und Entdeckungen, auf die er so stolz ist, einmal eingehend betrachten und die eigentlichen Erfinder und Entdecker danach fragen; dann wird er erkennen, dass auch in ihnen, ebenso wie in der Wissenschaft der Vergangenheit, nur sehr wenig Gewisses enthalten ist. In diesen Wissenschaften gibt es kaum etwas, von dem man mit unerschütterlicher Gewissheit sagen könnte, dass keinerlei Möglichkeit besteht, es könne sich als falsch erweisen. Alles Übrige beruht lediglich auf Vermutungen, Vorstellungen, Zweifeln, Meinungen und Unentschlossenheit. Mit völliger Festigkeit und Gewissheit lässt sich über diese Dinge sagen, dass diese „modernen Wissenschaften“ und die „immer neuen Entdeckungen“ umso mehr zu alten und überholten Dingen werden, je weiter der Lauf der Zeit in Richtung Fortschritt voranschreitet. Zugleich werden auch die neuen Methoden des Denkens und Handelns, die von diesen brüchigen Wissenschaften und Entdeckungen abhängen, gezwungen sein, einer anderen neuen Methode Platz zu machen.
Wenn die Lage also so ist, besteht für keinen bewussten und reif denkenden Menschen ein Grund, angesichts der Zukunft der Religion in Schrecken zu geraten. Die „moderne Wissenschaft“ und die „neuen Entdeckungen und Erfindungen“ hätten heute eine neue Grundlage für Denken und Handeln geschaffen und durch die „Befreiung des Denkens und des Verstandes“ den Geist der Menschen bereichert; deshalb gebe es auch keinen Anlass, sich in Sorge darüber zu ängstigen, welches Ende die Religion nehmen werde – das wisse nur Gott. Wer diese Wissenschaften und Entdeckungen mit einem wirklich prüfenden Blick betrachtet, wird erkennen, ob die Dinge, die der Religion widersprechen, beweiskräftig und über jeden Zweifel erhaben sind. Wenn sie tatsächlich beweiskräftig und über jeden Zweifel erhaben sind und sich zudem als im Widerspruch zu den grundlegenden Glaubensüberzeugungen der Religion erweisen, wird sich ihm zweifellos die Frage stellen, welchem von beiden er Glauben schenken soll: der Religion oder der wissenschaftlichen Entdeckung. Wenn sie jedoch lediglich Dinge sind, die auf Vermutungen, Vorstellungen und Zweifeln beruhen und Zwiespalt hervorrufen, gibt es keinen Grund, sich über ihren Widerspruch zur Religion zu beunruhigen. Denn wenn die Religion auf Glauben und Überzeugung beruht, haben Vermutung, Vorstellung, Zweifel und Unglaube ihr gegenüber keinerlei Gewicht. Wenn die Religion andererseits etwas Spekulatives und Erfundenes wäre, beruhen auch die modernen wissenschaftlichen Lehren auf Vermutung und Vorstellung. Welchen Grund könnte es also noch geben, zwischen beiden einen Unterschied zu beurteilen?
Eine herablassende Betrachtung der Religion unter dem Eindruck der modernen Wissenschaften und der ständig neuen Entdeckungen steht nur jemandem an, in dessen Geist sich die Vorstellung festgesetzt hat, dass jede neue Sache eine wissenschaftliche Entdeckung sei und dass es daher unbedingt notwendig sei, sie anzunehmen oder an sie zu glauben, wenn man mit dem Lauf der Zeit Schritt halten wolle. Selbst wenn es sich lediglich um etwas Vermutetes und Erdachtes handelt und es nicht anhand eines unfehlbaren Maßstabs mit tiefgreifendem wissenschaftlichem Weitblick geprüft wurde, müsse man es dennoch annehmen. Tatsächlich ist es gerade unter Menschen mit einer solchen Sichtweise, dass heute das Interesse an der „Entwicklung neuer Methoden des Denkens und Handelns“ entstanden ist. Dabei wissen sie nicht einmal, wie neue Methoden des Denkens und Handelns entwickelt werden, welche Methode vernünftig und welche bloß kindisch ist. Ebenso ist der Anspruch, durch die Befreiung von Denken und Verstand bereichert zu sein, zu einem Kennzeichen dieser grobsichtigen Menschen geworden. Doch sie wissen nicht im Geringsten, dass die bloße Befreiung von Denken und Verstand eine Fitna, ja eine gefährliche Sache ist. Wenn sie insbesondere nicht mit umfassendem und reifem Wissen, tiefgründiger und ausgereifter Einsicht sowie ausgewogener und klarer Denkkraft verbunden ist, muss sie zwangsläufig ernste Ausmaße annehmen. Und die Natur hat diese Dinge nicht so freigebig verliehen, wie man heutzutage über sie zu denken pflegt.
Die zweite Auffassung, die aus der zuerst genannten Lehre hervorgegangen ist, lautet, dass die Zeit des „Glaubens an das Verborgene“ nun vorbei sei. Vielmehr sei dies das Zeitalter des „Glaubens an Erfahrung und Beobachtung“. Was der Redner mit diesen Worten eigentlich sagen will, ist mir trotz vieler Überlegungen nicht verständlich geworden. Falls damit gemeint ist, dass die Menschen des gegenwärtigen Zeitalters nichts anerkennen und nichts annehmen, was als verborgen oder unsichtbar gilt, sofern es nicht auf Erfahrung und Beobachtung beruht, dann ist das schlicht falsch. Anders ausgedrückt, würde dies bedeuten, dass die Menschen der Gegenwart beschlossen hätten, in einem so engen Kreis zu verbleiben, in dem nur Erfahrung und Beobachtung für sie Mittel der Erkenntnis sein können und allein die Sinnesorgane tätig sein dürfen. Über Dinge außerhalb dieses Kreises nachzudenken und durch Vermutung und Nachforschung zu Schlussfolgerungen über sie zu gelangen, hätten die Menschen aufgegeben. Doch niemand, der auch nur einigermaßen die „modernen Wissenschaften und neueren Entdeckungen“ studiert hat, wird diese Behauptung akzeptieren. Von der Philosophie und der Metaphysik ganz zu schweigen, denn deren gesamter Gegenstandsbereich besteht aus verborgenen Dingen. Nehmen wir nur die eigentliche Naturwissenschaft und Physik, auf die sich der verehrte Kritiker beruft, wenn er den „Glauben an Erfahrung und Beobachtung“ beschwört. Welcher Bereich der Forschung und Erkenntnis dieser Wissenschaft beruht nicht auf der Anerkennung von Kraft, Energie, Naturgesetzen, Grundprinzipien, Kausalität und ähnlichen Dingen? Welcher Physiker glaubt nicht an sie? Gehen Sie jedoch zu einem bedeutenden Wissenschaftler und fragen Sie ihn: Welches ihrer tiefen Geheimnisse kennt er? Wie viel von welchem Ding hat er erfasst? Von welchem hat er die Existenz unmittelbar wahrnehmen und beobachten können, und für welches kann er einen stichhaltigen Beweis vorlegen? Was anderes als Glaube an das Verborgene lässt sich all dies tatsächlich nennen?
Eine zweite Bedeutung dieser Worte könnte sein, dass im gegenwärtigen Zeitalter nur solche Dinge anerkannt werden, die für jeden Menschen unmittelbar wahrnehmbar sind und die die gesamte Menschheit selbst wahrgenommen und beobachtet hat. Doch solche Worte können keinem vernünftigen Menschen über die Lippen kommen. Denn es ist völlig offensichtlich, dass kein Mensch persönlich im Besitz des gesamten menschlichen Wissens ist; vielmehr sind große Bereiche davon das besondere Gebiet bestimmter Gruppen und Einzelpersonen. Jeder Bereich dieses besonderen Wissensschatzes ist nur dem jeweils zuständigen Fachmann unmittelbar zugänglich, während er für alle übrigen Menschen verborgen ist. Unter diesen Umständen müssen die gewöhnlichen Menschen gerade an jene Fachleute und Gruppen einen Glauben an das Verborgene richten.
Eine dritte Bedeutung dieser Aussage könnte auch sein, dass die Menschen unserer Zeit nur das anerkennen, was sie persönlich erfahren und beobachtet haben, und an nichts glauben, was ihnen selbst verborgen ist. Tatsächlich kann jedoch keine unrealistischere Behauptung aus dem menschlichen Verstand hervorgehen. Denn solche Menschen hat es auf der Welt nie gegeben, gibt es heute nicht und wird es bis zum Jüngsten Tag wahrscheinlich niemals geben. Sollte ein solcher Mensch tatsächlich irgendwo existieren, dürfte man keine Zeit verlieren, ihn ausfindig zu machen. Denn unter den „neuesten Entdeckungen“ wäre dies die bedeutendste Entdeckung überhaupt. Kurz gesagt: Wie man diese Aussage auch beurteilen mag, in ihr ist kein Anzeichen von Wahrheit zu finden. Erfahrung und Beobachtung selbst bezeugen, dass auch das gegenwärtige Zeitalter ebenso wie die Vergangenheit an das Verborgene glaubt und dass der Mensch diesem Glauben an das Verborgene niemals entkommen kann. In mehr als 999 von 1000 Fällen ist jeder Mensch gezwungen, an das Verborgene zu glauben. Wenn er nun beschließt, nur auf Grundlage seiner eigenen Erfahrung und Beobachtung zu glauben, muss er den gewaltigen Wissensschatz, den er durch sein Vertrauen in andere erworben hat, vollständig aufgeben. Alle Mittel und Quellen der Erkenntnis außer seiner eigenen Erfahrung und Beobachtung müsste er aufgeben. Unter diesen Umständen könnte er, ganz zu schweigen von irgendeiner Tätigkeit in der Welt, nicht einmal seine eigene Existenz aufrechterhalten. Tatsächlich ist die völlige Leugnung des Glaubens an das Verborgene und die vollständige Abhängigkeit von Erfahrung und Beobachtung in diesem Zeitalter ebenso wenig möglich wie in irgendeinem noch aufgeklärteren Zeitalter. In jeder Zeit und unter allen Umständen ist der Mensch gezwungen, allein aufgrund seines Vertrauens in andere zahlreiche Dinge anzunehmen, ohne sie selbst erfahren und beobachtet zu haben. Manche Dinge muss man lediglich als allgemein verbreitete Annahmen akzeptieren; so besteht etwa hinsichtlich eines bestimmten Giftes die verbreitete Vorstellung, dass ein Mensch stirbt, wenn er es isst. Doch nicht jeder hat es persönlich gegessen und dies überprüft, und auch hat nicht jeder jemanden gesehen, der es gegessen hat und daran gestorben ist. Andere Dinge muss man aufgrund des Berichts einer oder mehrerer vertrauenswürdiger Personen anerkennen. Würde man beispielsweise den Zeugenaussagen vor Gericht nicht glauben, könnte die Rechtspflege keinen einzigen Augenblick funktionieren. In manchen Fällen muss man wiederum schlicht dem Wort eines Gelehrten oder Fachmanns vertrauen. Für Schüler an Schulen und Hochschulen ist dies ganz selbstverständlich. Wenn sie den Forschungen, Entdeckungen und Ansichten der Gelehrten und Fachleute verschiedener Disziplinen nicht blind vertrauen würden, könnten sie auf dem Gebiet von Wissen und Wissenschaft keinen einzigen Schritt vorankommen. Folglich könnten sie niemals die Befähigung erlangen, wie jene Gelehrten und Fachleute Wissen zu erwerben, zu forschen und Informationen zu untersuchen.
Daraus wird ersichtlich, dass wir in den Bereichen, in denen wir kein Wissen durch Erfahrung und Beobachtung erlangt haben, gezwungen sind, anderen Menschen blind zu vertrauen. Nun bleibt nur noch die Frage, wem man in welcher Angelegenheit blind vertrauen sollte; von ihrer Beantwortung hängt die Entscheidung ab. Grundsätzlich wird wohl jeder anerkennen, dass man in einer Angelegenheit nur demjenigen Vertrauen schenken sollte, von dem wir überzeugt sind, dass er über gute Kenntnisse auf diesem Gebiet verfügt und auch über geeignete Mittel zur Erkenntnisgewinnung verfügt. Nach dieser allgemeinen Regel sucht ein Kranker, anstatt einen Arzt aufzusuchen, nicht den Rat eines Rechtsanwalts. In Rechtsstreitigkeiten wendet sich niemand an einen Ingenieur und nicht an einen Rechtsgelehrten. Doch gerade bei Fragen der Theologie und Spiritualität ist in dieser Hinsicht eine Meinungsverschiedenheit festzustellen. Nur hier stellt sich die Frage, ob man die Ansichten von Philosophen und Logikern zu diesen Fragen annehmen oder auf die Worte religiöser und spiritueller Führer hören soll. Soll man bei den verborgenen Dingen – etwa Allah, den Engeln, der Offenbarung, der Eingebung, der Seele, der Auferstehung sowie jenseitiger Strafe und Belohnung – auf die Aussagen von Kant, Spencer, Einstein, Bergson und anderen hören oder auf die Aussagen von Ibrahim, Musa, Isa und Muhammad und anderen? Die geistige Neigung derjenigen, die „Freiheit des Denkens und der Vernunft“ beanspruchen, geht zur ersten Gruppe. Sie prüfen die Worte der Propheten anhand der von ihnen selbst gesammelten Maßstäbe und nehmen nur das an, was diese Prüfung besteht. Sie erkennen es nicht als Wort der Propheten an, sondern akzeptieren es nur, weil Philosophen und Wissenschaftler ihm ein Gütesiegel der Anerkennbarkeit verliehen haben. (Unglücklicherweise gibt es von dieser Art von Dingen äußerst wenige, ja beinahe gar keine.) Was hingegen an diesem Maßstab scheitert, weisen sie als unzuverlässig zurück. Die „Traditionalisten“ und Anhänger des Autoritätsglaubens vertreten dagegen die Auffassung, man solle die Theologen und Spiritualisten nicht über Naturalismus und Rationalismus befragen. Da die Wirkungsbereiche beider völlig verschieden sind, ist es grundsätzlich falsch, einen auf einem bestimmten Gebiet spezialisierten Gelehrten nach seiner Meinung über ein anderes Wissensgebiet zu fragen. Wie bewandert Philosophen und Wissenschaftler auch auf ihren jeweiligen Gebieten sein mögen – in Theologie und Spiritualität stehen sie keineswegs höher als ein gewöhnlicher Mensch. Denn die Mittel, die ihnen zur Gewinnung von Wissen und Informationen darüber zur Verfügung stehen, stehen auch einem gewöhnlichen Menschen in gleichem Umfang zur Verfügung. Tatsächlich ist dieses Wissensgebiet ausschließlich den Propheten vorbehalten. Sie allein sind seine Fachkundigen. Auch die eigentlichen Mittel zur Gewinnung des entsprechenden Wissens und der entsprechenden Informationen liegen in ihrer Hand. Daher sollte man in diesen Fragen gerade ihnen einen „Glauben an das Verborgene“ entgegenbringen. Allenfalls könnte man in dieser Angelegenheit fragen, ob sie tatsächlich wahrhaftig sind und über umfassende Einsicht in die Theologie verfügen. Sobald jedoch bewiesen ist, dass sie in dieser Hinsicht tatsächlich befähigt sind, muss man alles, was sie gemäß ihrer eigenen Einsicht und ihrem Wissen verkündet haben, als wahr anerkennen. Die von ihnen verkündete Wahrheit zu leugnen und Argumente gegen sie vorzubringen, ist dasselbe, wie wenn ein Blinder die Existenz der Sonne leugnet und einem Sehenden Dokumente vorlegt, die die Nichtexistenz der Sonne beweisen sollen, um ihn irrezuführen. Wie groß auch immer ein solcher Mensch nach seiner eigenen Auffassung als Philosoph sein mag – was ein Mensch, der die Sonne mit eigenen Augen gesehen hat, von diesem Blinden hält, bedarf keiner weiteren Erklärung.
Ein Kritiker könnte sagen, dass das, was die Propheten über die verborgenen Dinge gesagt haben, durch die „moderne Wissenschaft“ und die „jüngsten Entdeckungen und Erfindungen“ nicht bestätigt werde. Deshalb seien die Menschen in „Zweifel und Unentschlossenheit“ gestürzt worden und hätten den Fluch erlitten, „aus Zwang Muslim zu spielen“. Ich aber frage: Welche Gewissheit liegt denn gerade in dieser Wissenschaft und diesen Entdeckungen, die den islamischen Grundsätzen widersprechen könnte? Wenn es eine solche Sache gibt, nennen Sie sie, damit auch wir darüber nachdenken können, ob wir dem Qur’an oder den modernen wissenschaftlichen Entdeckungen folgen sollen! Wenn es sie nicht gibt – und sie kann keineswegs existieren, wie auch Ihre Äußerungen über „Zweifel und Unentschlossenheit“ sowie darüber, „aus Zwang Muslim zu spielen“, beweisen –, sind dann im Arsenal der modernen Wissenschaft und der jüngsten Entdeckungen und Erfindungen etwa nur die Waffen von Vorstellungen, Fantasien und Vermutungen vorhanden, auf die man sich stützt, um gegen die Religion zu rebellieren? Und haben die Verehrer des „freien Denkens“ angesichts der bloßen glänzenden Erscheinung dieser Waffen gehofft, dass die Religion schon beim Klang ihres Namens gezwungen sein werde, das Feld zu räumen und zu fliehen? Wie hoch Sie jene Wissenschaft und jene Entdeckungen auch einschätzen mögen, vergessen Sie nicht, dass sie in Bezug auf die verborgenen Dinge keineswegs Gewissheit schaffen. Unter ihrem Einfluss können Sie höchstens selbst in „Zweifel und Unentschlossenheit“ gestürzt werden und sagen, dass wir hinsichtlich der Offenbarung, der Eingebung, der Auferstehung, der jenseitigen Strafe und Belohnung, der Existenz der Engel und sogar der Existenz Allahs weder eine positive noch eine negative Entscheidung treffen können. Doch diese Wissenschaften können Ihnen nicht im Geringsten dabei helfen, dem Fluch zu entgehen, „aus Zwang Muslim zu spielen“, oder den Segen zu erlangen, „mit Freuden den Ungläubigen zu spielen“. Denn in diesen Wissenschaften können keine Beweise vorhanden sein, die eine endgültige Leugnung der genannten Dinge rechtfertigen. Außerdem reicht für eine Entscheidung über die Nichtexistenz irgendeiner Sache allein das Argument nicht aus, dass die „moderne Wissenschaft“ und die „jüngsten Entdeckungen“ Sie lediglich bis zum äußersten Grad von „Zweifel und Unentschlossenheit“ führen – und dass dies geistig und intellektuell der niedrigste Zustand ist. Eine Wissenschaft, die dem Menschen keine Gewissheit, Sicherheit und Überzeugung geben kann, die ihn in einen Zustand des Schwebens im Leeren stürzt und ihm nirgends auch nur die geringste Möglichkeit lässt, festen Boden zu gewinnen, die ihn in eine so beschämende Lage versetzt wie „Sei kein Ungläubiger, werde aus Zwang Muslim“, ist zweifellos schlimmer als Unwissenheit.
Aus diesem Krisenzustand kann den Menschen einzig der „Īmān bi-l-ghayb“, der Glaube an das Verborgene, retten. Wenn Sie einmal jemanden als Propheten anerkennen und zugleich eingestehen, dass er auf dem Gebiet der göttlichen Erkenntnis vollkommen bewandert ist und niemals lügt, dann kann in Ihrem Herzen hinsichtlich der verborgenen Dinge kein Raum für Zweifel und Unentschlossenheit bleiben. Dadurch wird Ihr religiöser Glaube und Ihre Überzeugung auf einem so festen Fundament errichtet, dass sie weder durch irgendeine moderne Wissenschaft oder neue Entdeckung noch durch eine neue Richtung des Denkens und Handelns oder durch die Macht des „freien Verstandes“ erschüttert werden kann. Aus diesem Grund ist im Qur’an ausdrücklich verkündet worden, dass dieses Buch eine Rechtleitung für die Gottesfürchtigen ist. Das erste Kennzeichen der Gottesfürchtigen aber ist, dass sie an das Verborgene glauben:
(Arabisch)
Das heißt: „Dieser Qur’an ist eine Rechtleitung für die Gottesfürchtigen, die an das Verborgene glauben.“
Tatsächlich ist das gesamte Gebäude der Religion auf dem „Īmān bi-l-ghayb“, dem Glauben an das Verborgene, errichtet. Wenn man dieses Fundament einmal zerstört, kann man hinsichtlich dieser grundlegenden religiösen Glaubensüberzeugungen – deren tiefere Geheimnisse zu erkennen Ihnen keinerlei Möglichkeit gegeben ist – zu keiner festen Entscheidung gelangen. Die unter solchen Umständen getroffene Entscheidung wird Ihnen selbst hinsichtlich ihrer Richtigkeit keine vollständige Gewissheit geben, und Sie werden auch andere Menschen nicht von ihrer Wahrheit überzeugen können.
Die abschließende Frage in dieser Angelegenheit lautet: Wie kann man erkennen, dass jemand ein Prophet Allahs ist und über vollkommene Kenntnis der Theologie verfügt? Wie können wir verstehen, dass er so wahrhaftig ist, dass wir ihm sogar dann Glauben schenken und mit fester Überzeugung erklären würden, dass er niemals lügt, wenn er über das Verborgene Dinge sagt, die außerhalb der Grenzen unseres Wissens und Verstandes liegen? Die Klärung dieser Frage hängt von zwei Dingen ab. Erstens müssen wir seinen persönlichen Charakter auf jede mögliche Weise und nach den strengsten Maßstäben prüfen. Zweitens müssen wir unter den von ihm vorgetragenen Lehren diejenigen untersuchen, die unserem Wissen, unserem Verstand und unserem Urteilsvermögen zugänglich sind. Wenn jemand in beiden Prüfungen als einzigartig wahrhaftig erwiesen wird und wir zugleich keinen Mangel in der weisen und segensreichen Ordnung aufzeigen können, die er für alle Bereiche und Seiten des menschlichen Denkens und Handelns gegeben hat, dann gibt es keinen Grund, ihn nicht als wahrhaftig anzuerkennen. Ebenso gibt es keinen vernünftigen Grund für den Verdacht, er habe ohne eigene Kenntnis und Information lediglich zu dem Zweck, die Menschen zu täuschen, eine gewaltige Verschwörung über Allah, die Engel, den Thron, den Kursī, die Offenbarung, die Eingebung, die Auferstehung, das Paradies und die Hölle usw. ersonnen (Allah möge verzeihen).
Somit besteht Herr Niyaz’ dritter Irrtum darin, dass er den ersten Teil des Korans (den wir als den zweiten Teil bezeichnet haben) überhaupt nicht für erörterungswürdig hält. Vielmehr vertritt er die Auffassung: „In dieser Hinsicht sind alle Religionen nahezu gleich, und die Lehre des Islam unterscheidet sich von den anderen Religionen weder zum Besseren noch zum Schlechteren.“ Demgegenüber lautet unsere Auffassung, dass es nach seiner Analyse für die Feststellung der Wahrheit des zweiten oder dritten Teils des Korans (beziehungsweise des ersten Teils nach unserer Analyse) unerlässlich ist, das Leben und den Charakter Muhammads, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, sowie die nicht sinnlich wahrnehmbaren Inhalte des Korans zu untersuchen. Außerdem reicht es nicht aus, sich mit der bloßen Annahme zufriedenzugeben, dieser Teil der islamischen Lehre sei „von den anderen Religionen weder verschieden noch schlechter“; vielmehr muss auch durch Beweise und Argumente nachgewiesen werden, dass er allen nichtislamischen Religionen überlegen und vorzüglicher ist. Daher ist es grundsätzlich falsch, vor einer Entscheidung über diesen Gegenstand andere Themen einzuführen. Darüber hinaus ist es nicht möglich, über andere Themen zu entscheiden, solange diese Angelegenheit nicht geklärt ist.
Herr Niyaz möchte, dass wir uns an die Prüfung und Analyse der Verse über das Jenseits, das Wort Allahs sowie über Glaubenslehren und Geschichte machen. Unserer Ansicht nach hat diese Erörterung jedoch zwei Seiten und steht in Beziehung zu zwei verschiedenen Gruppen. Die erste Gruppe besteht aus jenen, die überhaupt nicht an das Prophetentum des ehrwürdigen Gesandten, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, glauben und deshalb hinsichtlich dieser Themen Zweifel hegen. Die zweite Gruppe besteht aus jenen, die sein Prophetentum anerkennen, aber in Bezug auf die verborgenen Dinge zweifelnd sind. Die Methode des Gesprächs mit diesen beiden Gruppen ist ebenfalls verschieden. Solange wir daher nicht wissen, welcher Gruppe der Einwanderhebende angehört, können wir keine Erörterung mit ihm beginnen.
Mit der ersten Gruppe über das Jenseits, das Wort Allahs und andere verborgene Dinge zu diskutieren, ist völlig sinnlos. Denn wenn man in der Hauptsache uneins ist, kann man durch die Erörterung von Einzelheiten zu keiner Entscheidung gelangen. Die Grundlage unseres Glaubens und unserer Überzeugung in Bezug auf das Jenseits, das Wort Allahs und sogar die Existenz und Eigenschaften Allahs besteht nicht darin, dass wir durch unsere eigenen intellektuellen Untersuchungen oder durch persönliche Erfahrung und Beobachtung endgültige und sichere Erkenntnis erlangt hätten, gegen die keine Argumente und Beweise mehr vorgebracht werden könnten. Wäre dies der Fall, könnte man zweifellos über das Prophetentum diskutieren. Unser unerschütterlicher Glaube an diese Dinge beruht vielmehr in Wahrheit auf der Überzeugung, dass Muhammad, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, wahrhaftig ist. Alles, was er über sein Prophetentum und das Wort Allahs verkündet hat, ist frei von Irrtum. Aus diesem grundlegenden Grund sind wir nicht bereit, mit einem Menschen, der Muhammad, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, nicht glaubt, über irgendeine Einzelheit zu diskutieren, solange er diese fundamentale Frage nicht anerkennt.
Wir gestehen der zweiten Gruppe nicht das Recht zu, einerseits die Wahrhaftigkeit Muhammads, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, anzuerkennen und andererseits die Wahrheit oder Unwahrheit der Aussagen des Edlen Korans und Muhammads, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, über die verborgenen Dinge infrage zu stellen. Denn sobald sie eine solche Haltung einnehmen, werden sie der ersten Gruppe gleich. Um tatsächlich der zweiten Gruppe anzugehören, müssen sie die Wahrheit anerkennen, dass jedes Wort des Korans frei von Irrtum ist und alles, was Muhammad, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, vorgetragen hat, vollkommen fehlerlos ist. Allerdings kann sie diesbezüglich aus zwei Richtungen Fragen stellen. Erstens, ob derartige Dinge im Edlen Koran tatsächlich erwähnt werden und ob der ehrwürdige Gesandte, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, solche Worte tatsächlich gesprochen hat. Zweitens: Welche genaue Bedeutung und welchen Sinn können die diesbezüglichen Aussagen im Koran und in der Sunna haben?
Zum Schluss muss ich noch eine weitere Bemerkung machen. Herr Niyaz hat darum gebeten, in der Zeitschrift „Tarjumān al-Qurʾān“ eine Debattenrubrik einzurichten. Zugleich hat er seine Absicht bekundet, dort all seine Zweifel, Fragen und Einwände vorzubringen. Professionellen Debatten und Streitgesprächen bin ich jedoch stets aus dem Weg gegangen und möchte dies auch weiterhin tun. Denn Debatten, deren Zweck darin besteht, den Geist zu trainieren, seine intellektuelle Geschicklichkeit zur Schau zu stellen und dafür Beifall zu ernten, befürworte ich keineswegs. Für eine kenntnisreiche und tiefgründige Erörterung bin ich jedoch jederzeit bereit, sofern ihr Zweck die Suche nach der Wahrheit ist und beide Seiten mit solcher Aufrichtigkeit daran teilnehmen, dass jeder die erwiesene Wahrheit anerkennt, sobald sie feststeht. Dementsprechend werden die Zweifel und Einwände, die in der Zeitschrift „Nigar“ veröffentlicht werden, in „Tarjumān al-Qurʾān“ erneut angeführt und zugleich beantwortet werden. Ebenso hoffe ich, dass Herr Niyaz, wenn er die Antwort von „Tarjumān al-Qurʾān“ kommentiert, auch die ursprüngliche Antwort zusammen mit seinem Kommentar anführt, damit die Leser beider Zeitschriften über beide Seiten der Erörterung informiert sind und sich auch selbst ein Urteil darüber bilden können. Dagegen halte ich es für ein Eingeständnis eigener Schwäche, nur eine Seite zu erwähnen und die andere zu übergehen.
[Anmerkung: Die Leser werden vielleicht erstaunt sein zu hören, dass als Antwort auf diesen Aufsatz der Austausch zwischen der Zeitschrift „Nigar“ und „Tarjumān al-Qurʾān“ eingestellt worden ist und bis heute eingestellt bleibt. Gewisse Leute können unsere unreife Jugend zwar sehr wohl durch einige einprägsame Schlagworte in die Irre führen; wenn sie jedoch ordnungsgemäß zu einer auf Wissen und Fakten beruhenden Erörterung aufgefordert werden, tritt ihre völlige Inhaltsleere ganz offen zutage.]
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Der richtige Weg zum nationalen Wiederaufbau
Der Aufsatz erschien erstmals im Juli 1934 in der Zeitschrift Tarjuman-ul-Qur’an. – Der Herausgeber
Sowohl Reform und Verbesserung als auch Revolution zielen darauf ab, einen verformten Zustand zu verändern. Doch hinsichtlich ihrer Beweggründe und Vorgehensweisen besteht ein grundlegender Unterschied. Reformbemühungen beginnen mit Nachdenken. Der Mensch betrachtet die Lage in Ruhe und mit Bedacht, sucht die Ursachen der Verformung und des Zusammenbruchs, bemisst deren Ausmaß, entwickelt Wege zu ihrer Beseitigung und setzt zur Behebung nur so viel zerstörerische Kraft ein, wie unbedingt erforderlich ist. Die Revolution dagegen beginnt mit heftigem Zorn und intensiver Rachsucht. Als Antwort auf eine Verformung wird eine andere Verformung eingeführt. Der Maßlosigkeit, durch die die Verformung entstanden ist, wird mit einer anderen Maßlosigkeit begegnet, die neben dem Schlechten auch das Gute vollständig auslöscht. Zweifellos muss auch ein Reformer bisweilen Dinge tun, die eher zu einem Revolutionär passen. Beide führen an den faulenden Stellen des Körpers chirurgische Eingriffe durch. Der Unterschied besteht jedoch darin, dass der Reformer zunächst feststellt, wo die Verformung liegt und wie weit sie reicht. Danach setzt er zur Beseitigung genau so viel vom Messer ein, wie erforderlich ist. Außerdem sorgt er vor dem Eingriff für Arznei, die die Wunde heilen lässt. Der Revolutionär hingegen führt im Übermaß seines Zorns völlig blind das Messer. Ohne zwischen Gut und Böse zu unterscheiden, schneidet er alles fort. Erst wenn auf diese Weise viel weggeschnitten und sogar ein durchaus gesunder Teil des Körpers beseitigt worden ist und er seinen Irrtum erkennt, erinnert er sich vielleicht an die Arznei.
Wo die Verformung gewöhnlich jedes Maß überschreitet, verlieren die Menschen ihre Geduld und Besonnenheit. Aufgrund des Leids und der Mühsal, die sie in der verformten Umgebung ertragen, bleibt ihnen keine Gelegenheit, in Ruhe und mit Bedacht Reformbemühungen zu unternehmen. Deshalb gewinnt unter solchen Umständen gewöhnlich nicht die reformerische, sondern die revolutionäre Bewegung an Stärke. Zwischen den konservativen und den revolutionären Gruppen entwickelt sich ein heftiger Konflikt. Dadurch wird das Feuer des Zorns und der Rachsucht noch stärker angefacht. Beide Seiten gelangen an den äußersten Rand von Starrsinn und Unbesonnenheit. Beide führen Wahrheit und Aufrichtigkeit schonungslos das Messer an die Kehle. Die eine Seite setzt äußerste Kraft ein, um anstelle der Wahrheit die Lüge zu verteidigen; die andere greift unterschiedslos alle an, ohne zwischen Wahrheit und Lüge zu unterscheiden. Wenn die Revolutionäre schließlich siegen, zerstören sie alles, was den Konservativen gehört, ohne zwischen Wahrheit und Lüge, Gut und Böse zu unterscheiden. Tatsächlich schreitet die Revolution mit der Wucht einer Überschwemmung voran. Sie reißt alle unterschiedslos mit sich fort und stößt sie an den Rand der Auslöschung. Erst nachdem vieles zerbrochen und zerstört worden ist und Vernunft und Urteilskraft wieder Ruhe und Stabilität erlangt haben, wird die Notwendigkeit des Wiederaufbaus empfunden. Doch auch hier findet die revolutionäre Gesinnung neue Wege. Sie versucht, alles Einzelne aus dem Besitz der alten Konservativen zu verwerfen. Ganz gleich, wie richtig eine Sache auch sein mag: Dass sie mit der alten Ordnung verbunden war, gilt aus Sicht der Revolution als größter denkbarer Fehler. So bemüht man sich eine Zeit lang, das Gebäude des Lebens auf revolutionären Prinzipien zu errichten. Wenn der revolutionäre Geist infolge neuer Erfahrungen, Versuche und Fehlschläge erschöpft ist, muss er schließlich auf irgendeinem Weg zu einem Gleichgewicht zurückkehren, das den Reformern von Anfang an vor Augen stand. Mit anderen Worten: Die Klugen tun, was auch die Dummen tun – allerdings erst, nachdem sie das Wasser gründlich aufgewühlt haben.
Das leuchtendste Beispiel unserer Zeit ist die bolschewistische Revolution in Russland. Als das in3 monarchistischen Russland herrschende, zutiefst verformte Gesellschaftssystem für die Bevölkerung völlig unerträglich geworden war, entstand als Reaktion darauf eine revolutionäre Bewegung. Die sozialistischen und demokratischen Ideen Europas begannen sich in Russland zu entfalten. Das Herrscherhaus und die ihm dienenden Klassen setzten dagegen zur Wahrung ihrer unrechtmäßigen Interessen autokratische Machtmittel ein. Dadurch entbrannte ein gewaltiges Feuer des Zorns nicht nur gegen die monarchische Alleinherrschaft und die ungerechte Verteilung des Reichtums, sondern auch gegen die seit Jahrhunderten erblich überlieferte kulturelle Ordnung. Schließlich nahm der Geist von Karl Marx in Lenin Gestalt an. Die Zarenherrschaft wurde mit der Wurzel ausgerottet. Zugleich wurden sämtliche politischen, wirtschaftlichen, kulturellen, moralischen und religiösen Grundsätze, auf denen die Gesellschaftsordnung der vorrevolutionären Zeit beruht hatte, ausgelöscht. Nach diesem umfassenden Zerstörungswerk begann man, auf der Grundlage völlig neuer kommunistischer Prinzipien eine neue Gesellschaft aufzubauen. Damit in diesen neuen Gesellschaftsbau auch nicht ein einziges von der Bourgeoisie zurückgelassenes Element Eingang fand, setzten die neuen Organisatoren ihre gesamte geistige Kraft ein. Sogar Allah wurde aus Sowjetrussland zum Verlassen aufgefordert. Doch je mehr Zeit verging, desto stärker nahm konstruktives Denken den Platz des revolutionären Wahnsinns ein. So begann der extreme Bolschewismus, der zu Beginn der Revolution aktiv gewesen war, allmählich auf den Weg des Gleichgewichts zurückzukehren.
Eine solche extreme Haltung zeigte sich auch während der Französischen Revolution. Damals bemühte man sich ebenfalls, in der Begeisterung über die Revolution alles Vergangene auszulöschen, und führte neue revolutionäre Prinzipien ein. Doch gerade aufgrund dieser extremen revolutionären Gesinnung konnte bis heute im politischen, sozialen und moralischen Wesen Frankreichs kein vollständiges Gleichgewicht hergestellt werden. In keinem Bereich seines nationalen Lebens herrscht heute eine Stabilität wie in Großbritannien.
Ein weiteres Beispiel ist die türkische Revolution. Auch dort versuchte eine solche revolutionäre Gesinnung, eine ganze Nation wie durch Zauberei über Nacht in eine andere Nation zu verwandeln. Im Zuge dieses Vorhabens wurde neben der chirurgischen Behandlung von Geschwüren und Ausschlägen auch ein durchaus gesunder Teil des türkischen Körpers abgeschnitten; an seine Stelle setzte man einige neue Organe ein, die man aus Europa entliehen hatte. Sogar anstelle des alten Gehirns wurde ein neues, mit einem neuen Hut versehenes Gehirn beschafft. Doch im Laufe der Zeit haben die revolutionären Türken zunehmend gelernt, dass das allgemeine Prinzip, das sie angenommen hatten – alles Alte für schlecht und alles Neue für gut zu halten –, keineswegs unfehlbar ist. Daher müssen sie nach großen Schäden infolge von Erfahrungen und Experimenten vom Weg der Übertreibung zum Gleichgewicht zurückkehren.
Der Grund, warum ich diese Dinge anführe, ist, dass sich unter den indischen Muslimen gegenwärtig eine extrem revolutionäre Gesinnung beobachten lässt. Noch bevor die schädlichen Folgen dieses Extremzustands sichtbar werden, möchten wir sowohl die Anhänger der alten Richtung als auch die Revolutionäre zum Nachdenken aufrufen.
Tatsächlich herrschte und herrscht in der Türkei und in anderen muslimischen Ländern ein Zustand der Entartung; auch die gegenwärtige Lage ist genau dieselbe. Seit mehreren Jahrhunderten hat die Gruppe, in deren Händen die religiöse Führung unserer Gemeinschaft liegt, den Islam in eine starre und untätige Sache verwandelt. Vermutlich ist für sie seit dem sechsten oder siebten Jahrhundert der Hidschra der Fortschritt der Zeit zum Stillstand gekommen. In ihren Erörterungen über Philosophie und Rechtswissenschaft lasen und lehrten sie zwar durchaus, dass die Welt sich wandelt und jeder Wandel etwas Neues hervorbringt. Doch tatsächlich haben sie ihre Augen vor dem Wandel der Welt, der Entwicklung der Epochen sowie dem Fortschritt der Zeit und dem Neuen verschlossen. Wie sehr hat sich die Welt verändert, und wohin ist sie inzwischen gelangt! Wie viele Veränderungen und Umwandlungen haben sich in den Zuständen, Vorstellungen, Denkweisen, Ideologien und dergleichen der Welt vollzogen! Wie viel Umwälzung hat es in den gesellschaftlichen Angelegenheiten und Problemen gegeben! Doch unsere religiösen Führer wähnten sich noch immer in der Umgebung von vor fünf- oder sechshundert Jahren. Im Einklang mit dem Fortschritt der Zeit machten sie keinerlei Entwicklung! Von den ständigen neuen Veränderungen blieben sie unberührt! Zu den neuen Problemen des Lebens unterhielten sie keinerlei Beziehung. Sie begannen vielmehr zu versuchen, ihre eigene Gemeinschaft daran zu hindern, mit der Zeit voranzuschreiten; ja, sie zogen sie aus der Zukunft zurück in die Vergangenheit. Ein solcher Versuch konnte nur eine Zeit lang erfolgreich sein, und so war es auch. Doch der dauerhafte Erfolg solcher Bemühungen ist unmöglich. Wie lange kann eine Gemeinschaft, die mit der Welt in Austausch und Verbindung steht, vom Einfluss der Denkweisen der Welt und der neuen Probleme des Lebens unberührt bleiben? Wenn ihre Führer sie nicht vorangehend auf neuen wissenschaftlichen, geistigen und praxisbezogenen Wegen leiten, wird sie sich ganz natürlich darauf vorbereiten, das Joch ihrer Führung vom eigenen Nacken zu nehmen und weit von sich zu schleudern.
In Wirklichkeit liegt die tiefste Wurzel dieser Entartung in etwas anderem. Unsere religiösen Führer haben sich so sehr in Einzelheiten verstrickt, dass ihnen dadurch das Fundament selbst aus den Händen glitt. Danach nahmen die Einzelheiten den Platz der Grundprinzipien ein, und aus ihnen gingen noch unzählige weitere Einzelheiten hervor; gerade diese wurden dann als der eigentliche Islam bezeichnet. Dabei hatten sie im Islam überhaupt keine Bedeutung. Tatsächlich war der Bau der islamischen Nationalität auf folgender Rangordnung errichtet: zuerst der Edle Koran, danach die Sunna des Gesandten (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) und zuletzt der Ijtihad gelehrter und weiser Männer. Bedauerlicherweise wurde diese Rangordnung vollständig umgekehrt, und eine neue Rangordnung wurde geschaffen: zuerst der Ijtihad der Gelehrten einer bestimmten Epoche, danach die Sunna des Gesandten (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) und zuletzt der Edle Koran! Gerade diese neue Rangordnung ist für die gesamte Erstarrung und Schwäche verantwortlich, die den Islam in eine nutzlose und untätige Sache verwandelt hat.
Niemand kann die Gelehrsamkeit und den Rang der Rechtsgelehrten, der Gelehrten des Kalām, der Korankommentatoren und der Hadith-Gelehrten (Allah möge ihnen gnädig sein) leugnen. Doch sie waren Menschen. Die Mittel und Wege, durch die sie Wissen erlangten, waren dieselben wie bei gewöhnlichen Menschen. Sie empfingen keine Offenbarung; vielmehr erforschten und untersuchten sie mit ihrem eigenen Urteilsvermögen und ihrer Gelehrsamkeit das Wort Allahs und die Sunna des Gesandten. Auf der Grundlage der Grundsätze, die ihnen auf diese Weise richtig erschienen, bestimmten sie die Einzelheiten der Gesetze und Glaubenslehren. Ihr gesamter Ijtihad kann uns eine Hilfe und ein Wegweiser sein; doch er kann nicht selbst zum Grundprinzip und Fundament werden. Ob ein Mensch den Ijtihad allein mithilfe seines Urteilsvermögens ausübt oder mithilfe von Erkenntnissen, die er einem offenbarten Buch entnimmt – unter keinen Umständen kann sein Ijtihad für die Welt den Rang einer dauerhaften Vorschrift und unveränderlichen Regel erlangen. Denn menschliches Wissen und menschliches Urteilsvermögen sind stets in den Grenzen von Ort und Zeit eingeschlossen.
Über allen Grenzen von Ort und Zeit steht einzig Allah, der Herr der Welten. Bei Ihm befindet sich der wahre Schatz des Wissens. Im Lauf der Zeiten tritt in Seinem Wissensreich nicht die geringste Veränderung ein. Der Widerschein dieses Wissens zeigt sich in den Versen des Edlen Korans und in der heiligen Brust dessen, der ihn trägt und überliefert. Tatsächlich handelt es sich um eine solche Quelle des Wissens, aus der die Menschen jeder Epoche entsprechend ihren besonderen Verhältnissen und Bedürfnissen stets Wissen und Wissenschaft, Vorstellungen und Regelungen schöpfen können. Solange die Gelehrtenschaft aus dieser Quelle und diesem Fundament Wissen schöpfte und durch fehlerloses Denken und Urteilsvermögen mittels Ijtihad ideelle und praktische Probleme löste, bewegte sich auch der Islam im Einklang mit dem Lauf der Zeit. Doch an dem Tag, an dem man aufhörte, über den Koran nachzudenken und ihn zu erforschen, die Suche nach der Wahrheit und die kritische Prüfung der Hadithe eingestellt wurden, die blinde Nachahmung früherer Korankommentatoren und Hadith-Gelehrten ohne jede Prüfung begann, der Ijtihad der früheren Rechtsgelehrten und Gelehrten des Kalām in unveränderliche und ewige Vorschriften verwandelt wurde und man die von den Altvorderen erdachten Einzelheiten anstelle der Grundsätze des Korans und der Sunna zu Grundprinzipien erhob – an jenem Tag kam der Fortschritt des Islam zum Stillstand. An die Stelle seines Voranschreitens trat der Rückschritt. Seine Träger und Bewahrer widmeten sich auf den immer neuen Gebieten von Wissen und Handeln nicht mehr der Aufgabe, der Welt den Weg zu weisen, sondern nur noch der Erklärung und Auslegung vergangener Themen sowie alter Wissenschaften. Sie verharrten in Wortstreitigkeiten über geringfügige Einzelheiten. Sie schufen ständig neue Rechtsschulen und bildeten bei kleinen strittigen Fragen neue Sekten. Schließlich führte dies dazu, dass über die Muslime freigiebig Verdikte des Unglaubens und des Frevels verhängt wurden, sodass die Welt anstelle von „Die Menschen treten scharenweise in Allahs Religion ein“ das Schauspiel sah: „Die Menschen verlassen scharenweise Allahs Religion.“ Andererseits zeigte sich überall anstelle von „streng gegen die Ungläubigen und barmherzig untereinander“ das Bild: „Die Gläubigen sind gegenüber den Ungläubigen nachsichtig, untereinander jedoch streng.“ Schließlich wurde der Zustand, der in Bezug auf die Heuchler und Ungläubigen beschrieben worden war – „Du meinst, sie seien geeint, doch ihre Herzen sind voneinander getrennt“ – zum Zustand der Muslime selbst.
Dies ist die natürliche Reaktion auf das erwähnte Verhalten, die wir heute in Gestalt einer furchtbaren Revolution vor uns sehen. Als die Muslime erkannten, dass ihre religiösen Führer ihre Führungsverantwortung nicht erfüllten, sondern sie statt vorwärtszubringen im Gegenteil zurückzogen, entzogen sie sich deren Autorität. Danach begannen sie, wie eine zerstreute Truppe, ziellos umherzuschweifen. Eine Gruppe lud die Religion selbst mit der Verantwortung für alle Irrtümer und Schwächen der Bannerträger der Religion. Sie erklärte die Religion zum größten Hindernis auf ihrem Weg zum Fortschritt. Sie begann offen dazu aufzurufen, die Religion abzulegen und die „fortschrittlichen“ Völker blind nachzuahmen. Eine andere Gruppe machte es sich zur Gewohnheit, die Gelehrtenschaft und die religiösen Führer zu beschimpfen, als läge in diesen Beschimpfungen und lautstarken Reden der Schlüssel zum Wohlergehen und Fortschritt der Muslime. Wieder eine andere Gruppe trat hervor und begann, die Religion zurechtzustutzen. Manche begannen, Verleumdungen über Imame und Rechtsgelehrte zu verfassen. Andere stellten den Hadith mit dem Fiqh auf dieselbe Stufe. Wieder andere sahen einen Bedarf an einer Reform der koranischen Lehre, Erziehung und Regelungen. Manche traten dafür ein, Religion und Welt voneinander zu trennen. Ihrer Ansicht nach solle die Religion nur mit den Glaubenslehren und den Gottesdiensten verbunden sein, während sie in weltlichen Angelegenheiten keinerlei Autorität oder Geltung haben solle.
So sind gerade zur Veränderung dieses entstellten Zustands verschiedene Gruppen und Untergruppen entstanden. Ihr Interesse gilt jedoch nicht der Reform, sondern der Revolution. Sie haben nicht in Ruhe darüber nachgedacht, worin die eigentliche Entstellung besteht, wo ihre Ursache liegt, wie weit sie reicht und welches der richtige Weg zu ihrer Beseitigung ist. Allein aufgrund von Vermutungen wurde angenommen, dass eine Entstellung vorliegt. Und um sie zu beseitigen, werden Waffen gegen den Körper der Umma eingesetzt. Dabei wird nicht gründlich bedacht, welch ein Unheil daraus für den Kranken zusammen mit der Krankheit entstehen kann.
In unabhängigen Ländern kann man freilich sagen, und dies wäre bis zu einem gewissen Grad auch berechtigt, dass uns ohne revolutionäre Aktivitäten kein anderer Ausweg bleibt. Denn dort liegt die staatliche Herrschaft in den Händen einer einzigen Partei. Will eine andere Partei diese Herrschaft beenden, kann sie ohne eine gewaltige revolutionäre Tätigkeit möglicherweise keinen Erfolg haben. Zugleich ist zu beachten, dass die Erfahrung der Zeit das Urteilsvermögen der revolutionären Führer sehr bald festigt, sobald ihnen tatsächlich die Verantwortung für die Staatsführung zufällt. Daher müssen sie gezwungenermaßen den Weg der Übertreibung verlassen und den Weg des Gleichgewichts einschlagen. Wir dürfen jedoch nicht vergessen, dass wir gegenwärtig[Dies bezieht sich auf das Jahr 1934. Zwischen der politischen Struktur des damaligen Britisch-Indien und der des heutigen unabhängigen Bangladesch, Pakistans und Indiens haben sich zahlreiche Veränderungen ergeben. – Der Herausgeber] unter Fremdherrschaft leben. Unsere Lage unterscheidet sich völlig von der unabhängiger Länder. Erstens besteht hier keine Notwendigkeit für revolutionäre Aktivitäten. Denn hier ist kein solch gewaltiges und mächtiges Hindernis zu befürchten, dass eine ausgewogene Reformbewegung ihm nicht erfolgreich begegnen könnte. Zweitens besteht, wenn eine revolutionäre Aktivität begonnen hat und erfolgreich ist, für lange Zeit keine Aussicht darauf, dass sie den Weg des Gleichgewichts einschlägt. Denn den Fahnenträgern der Revolution wird keine uneingeschränkte und verantwortungsvolle Aufgabe übertragen werden, die ihren Extremismus in Richtung Gleichgewicht wenden könnte. Daher ist hier keinerlei revolutionäre Tätigkeit angemessen. Ja, um die Wahrheit zu sagen: Wenn revolutionäre Aktivitäten verschiedener Art lange andauern, werden ihre Folgen äußerst verhängnisvoll sein. Das Fundament, auf dem die muslimische Gesellschaft steht, wird dadurch ins Wanken geraten, und an seine Stelle wird sich kein solch solides Fundament setzen lassen, auf dem eine neue Gesellschaftsordnung errichtet werden könnte. Außerdem ist zu bedenken, in welche tiefe Kluft des moralischen Verfalls ein Volk gestürzt werden wird, das sich bereits in Unterwerfung und Rückständigkeit befindet, wenn seine Gesellschaftsordnung auf diese Weise völlig zerschlagen wird.
Aus diesem Grund sind wir bisweilen gezwungen, den Revolutionären noch entschiedener entgegenzutreten als den Konservativen. Was aber die Notwendigkeit betrifft, den entstellten Zustand zu verändern, stimmen auch wir mit ihnen überein. Auch wir wollen die im Islam hervorgerufene Erstarrung und Untätigkeit in Dynamik verwandeln. Unserer Ansicht nach ist es jedoch kein richtiger Weg, zu diesem Zweck die islamischen Bräuche abzulegen und sich an das Fremdländische zu klammern; ebenso wenig ist es ein richtiger Weg, ohne Wissen, Forschung und Nachdenken blindlings mit der Beschneidung der Religion zu beginnen. Auch ist es kein angemessener Weg, das gewaltige Gebäude, das die früheren Mujtahids durch harte Arbeit, Mühe und hingebungsvolles Ringen errichtet haben, grundlos dem Erdboden gleichzumachen; ebenso wenig ist es ein unfehlbarer Weg, den gesamten Hadith-Schatz ins Feuer zu werfen. Auch kann es kein wahrer Weg sein, durch menschliche Urteilskraft irgendwelche Verbesserungen oder Veränderungen am göttlichen Wort in Medina vorzunehmen. All dies sind überhaupt keine Wege der Reform, sondern Wege, ein noch schwerwiegenderes Unheil als zuvor hervorzubringen. Der einzig richtige Weg zu ihrer Behebung besteht darin, die umgekehrte Reihenfolge wieder zu ordnen. Dem Koran muss der Rang der Führung zurückgegeben werden, mit dem er früher gekrönt war. Dem Hadith muss heute derselbe Rang verliehen werden, den die Gefährten des edlen Gesandten (Friede sei mit ihm) und seine Familienangehörigen im Zeitalter der Prophetie seinen Worten und Taten beimaßen. Den Rechtsgelehrten, den Kalām-Gelehrten, den Korankommentatoren und den Hadith-Gelehrten dürfen auch wir nur den Rang zugestehen, den sie ihren eigenen Tätigkeiten zugestanden haben.
Kurz gesagt: Von ihnen allen muss Nutzen gezogen werden. Was nicht geändert werden muss, ist unverändert beizubehalten. Doch darf man keineswegs annehmen, alles, was die Gelehrten niedergeschrieben haben, sei eine unumstößliche und unveränderliche Vorschrift; ebenso wenig haben uns die geschriebenen Bücher von der Betrachtung des Edlen Korans und der Wahrheitsforschung über den Hadith des Gesandten unabhängig gemacht. Auch ist keineswegs die Tür zur unmittelbaren Gewinnung von Wissen aus Koran und Sunna verschlossen worden.
Wenn diese Reihenfolge wiederhergestellt wird, wird auch der stillstehende Wagen des Islam erneut in Bewegung geraten. Denn der eigentliche Grund für den Stillstand besteht darin, dass der Motor vom Wagen abgetrennt und zurückgelassen wurde. Auch der Fahrer wurde vom Motor entfernt und in irgendeinen hinteren Waggon gesetzt, während man darauf vertraute, dass der vorderste Waggon sowohl selbst fahren als auch den ganzen Zug voranbringen werde.
Hierfür besteht jedoch keinerlei Anlass zu Zorn. Zorn kann nur dort angebracht sein, wo jemand vorsätzlich Unrecht getan hat. Was hier geschehen ist, geschah jedoch nicht vorsätzlich. Niemand kann behaupten, die Gelehrten hätten irgendwo eine Versammlung abgehalten und beschlossen: Wir werden dem Islam Erstarrung und Untätigkeit auferlegen und seinen fahrenden Wagen zum Stillstand bringen. In Wirklichkeit ist dies lediglich die Folge des fortschreitenden Niedergangs, der seit dem sechsten oder siebten Jahrhundert der Hidschra bei der geistigen, wissenschaftlichen und intellektuellen Kraft der muslimischen Völker parallel zum Niedergang ihrer politischen, militärischen, wirtschaftlichen und kulturellen Kraft eingesetzt hat. Dieser Niedergang hat den dschihadischen Geist der Muslime ebenso geschwächt wie ihre Geschichte und ihren Erfindergeist mit Rost überzogen. So wie sich ihre Sicht auf die gesamten Probleme des Lebens verändert hat, hat sich auch ihre Sicht auf religiöse und erzieherische Angelegenheiten gewandelt. Infolgedessen senkte sich allmählich und unbewusst ein schwarzer Schatten des Todes über ihre gesamte geistige Kraft. Dafür kann weder die Gemeinschaft der Gelehrten noch einer ihrer Anhänger beschuldigt werden. Allenfalls kann man dafür die Natur anklagen. Doch eine solche Anklage wird ebenso wenig irgendeinen Nutzen bringen wie Zorn und zerstörerische Gesinnung irgendein Heil bewirken werden. Der einzig richtige Weg zu Wohlergehen und Reform besteht darin, in Ruhe die Ursachen und das Ausmaß der Entstellung zu bestimmen und mit Klugheit an die Stelle der Entstellung das Gute zum Leben zu erwecken.
12
Die Selbstoffenbarung des Aufstands
[Der Artikel wurde erstmals im Februar 1935 in der Zeitschrift Tarjuman-ul-Quran veröffentlicht. – Der Herausgeber]
Eine Nation setzt sich aus zwei Klassen von Menschen zusammen: die eine Klasse besteht aus dem einfachen Volk, die andere aus herausragenden Persönlichkeiten. Die Angehörigen der einfachen Klasse sind zahlenmäßig überlegen, und auch die zahlenmäßige Stärke der Nation hängt von ihnen ab. Doch dieser Klasse fehlt der Verstand, um nachzudenken und Führung zu übernehmen. Die Angehörigen dieser Klasse sind weder reich an Wissen noch verfügen sie über finanzielle Macht. Ebenso bekleiden sie keine hohen Ämter, und auch die Staatsgewalt liegt nicht in ihren Händen. Deshalb ist es nicht ihre Aufgabe, die Nation zu führen; vielmehr besteht ihre Aufgabe darin, den Führenden zu folgen. Sie selbst schaffen oder entdecken keinen Weg, sondern gehen auf dem Weg weiter, der für sie bereitet worden ist. Einen Weg zu schaffen und darauf die gesamte Nation zu führen, ist in Wahrheit die Aufgabe der herausragenden Persönlichkeiten. Denn hinter jedem ihrer Worte und jeder ihrer Taten stehen die Unterstützung durch Verstand, Wissen, Reichtum, Ansehen und Staatsgewalt. Und das Volk muss, ob freiwillig oder widerwillig, ihren Fußstapfen folgen. Daher ist es nicht unangemessen zu sagen, dass die treibende Kraft einer Nation nicht ihr Volk, sondern ihre herausragenden Persönlichkeiten sind. Von ihnen hängen Aufstieg und Niedergang sowie Aufbau und Zerfall der Nation ab. Ihr gutes Verhalten wird zum Grund für das gute Verhalten der gesamten Nation, und ihre sündhaften Handlungen werden zum Grund für die Sündhaftigkeit der gesamten Nation. Wenn für eine Nation gute Zeiten anbrechen, treten in ihr viele solcher herausragenden Persönlichkeiten hervor. Sie selbst gehen auf dem rechten Weg und führen ebenso die gesamte Nation auf den rechten Weg:
(Arabisch)
Das heißt: „Ich setze sie zu Führern ein, und sie weisen nach meiner Anweisung den Weg. Und Ich gebe ihnen die Eingebung, gute Taten zu tun.“ (Sure al-Anbiya, Vers 73)
Wenn wiederum die Zeit der Vernichtung einer Nation näher rückt, beginnt ihre Verderbnis durch jene herausragenden Persönlichkeiten. Aufgrund ihrer Verirrung und Unsittlichkeit verfällt schließlich die gesamte Nation in Schlechtigkeit und Sündhaftigkeit:
Bedeutung: „Wenn Wir die Bewohner einer Stadt vernichten wollen, lassen Wir ihre Übeltäter sich der Überschreitung der Grenzen hingeben. Dadurch wird das Schicksal dieser Stadt besiegelt. Dann vernichte Ich sie vollständig. (Sure al-Isra, Vers 16)“
In der Sprache des Korans werden diese herausragenden Menschen als ————– bezeichnet. Das heißt, sie sind Menschen, die Allah mit reichen Gnadengaben gesegnet hat. Nach dem Zeugnis Allahs hat es sich seit jeher so ereignet, dass zunächst eben diese herausragenden Persönlichkeiten (———) in der Gesellschaft Sündhaftigkeit, Auflehnung gegen Gott, Unterdrückung und Ungerechtigkeit einführen. Danach wird die gesamte Stadt in Schlechtigkeit und üble Taten verstrickt.
Gibt es irgendeinen Anlass, an der Wahrheit dieses Zeugnisses zu zweifeln? Blicken wir doch auf den Zustand unserer eigenen Nation: Hat auch ihre Verderbnis nicht durch unsere herausragenden Persönlichkeiten begonnen? Haben nicht gerade diese Menschen begonnen, den Weg der Pioniere zu verlassen, die den göttlichen Geboten folgten, und dem satanischen Weg zu folgen? Haben nicht sie um der Verehrung der eigenen Leidenschaften willen begonnen, die Fesseln der Scharia zu lockern? Haben nicht sie begonnen, sich durch die Diener Allahs versklaven zu lassen, wie Pharao und Caesar, und ihre eigene Nation statt an die Verehrung Allahs an die Verehrung der Herrscher und der Bürokraten zu gewöhnen? Haben nicht sie die Menschen gelehrt, sich statt vor Allah vor den Dienern zu verbeugen? Haben nicht sie in auffälliger Kleidung und prächtigen Palästen sitzend Sündhaftigkeit und böse Taten in etwas Glanzvolles verwandelt? Haben nicht sie, indem sie unrechtmäßig erworbenes Vermögen verzehrten, in ihrer eigenen Nation die Gewohnheit geschaffen, Verbotenes zu essen und andere damit zu speisen? Haben nicht sie Wissen und Wissenschaft zur Irreführung, den Verstand zu bösen Taten, geistige Fähigkeiten zu Täuschung und Intrigen, Reichtum zum Kauf des Glaubens, die Staatsmacht zu Unterdrückung und Gewalt und Stärke zur Hochmütigkeit eingesetzt? Darüber hinaus haben gerade sie die meisten rechtmäßigen Wege versperrt, auf denen die Menschen ihre Rechte, ihr Wohlergehen und ihren Fortschritt erlangen können, und die Menschen gezwungen, ihre Ziele auf verachtenswerten Wegen wie Schmeichelei, Bestechung, falschen Intrigen und dergleichen zu erreichen. Kurz gesagt: Es gibt keine Verderbnis des sittlichen Charakters und des Verhaltens, deren Anfang nicht durch diese herausragenden Persönlichkeiten gemacht worden wäre. Die Gnadengaben und den Reichtum, mit denen Allah sie beschenkt hatte, verwendeten sie auf dem falschen Weg. So wie sie selbst verdorben wurden, verdarben sie zugleich die gesamte Nation.
All dies hatte sich bereits seit mehreren Jahrhunderten ereignet, und die moralische Verderbtheit zehrte die nationale Kraft der Muslime von innen her auf. Dennoch war in den Herzen der Menschen wenigstens noch das Licht des Glaubens vorhanden. Auch wenn die Gebote Allahs und des Gesandten nicht befolgt wurden, blieb in ihren Herzen das Bewusstsein der Erhabenheit Gottes und des Gesandten erhalten. Wie sehr auch gegen das islamische Gesetz verstoßen wurde, die Achtung vor diesem Gesetz war aus den Herzen der Menschen noch keineswegs verschwunden; wie unzufrieden die Menschen auch mit der islamischen Staatsordnung sein mochten, niemals hatten sie den Mut aufgebracht, gegen sie zu rebellieren. Vielmehr wurde weiterhin als wahr anerkannt, was der Islam für wahr erklärt hatte. Mochte man auch, indem man es verwarf und der Lüge folgte, darin noch so maßlos übertreiben – niemand besaß die Dreistigkeit, die vom Islam gebotene Wahrheit als Lüge, die Lüge als Wahrheit, das Verpflichtende als überflüssig und belanglos, das Erlaubte als verboten, das Verbotene als erlaubt, gute Taten als Sünde und Sünde als gute Tat zu bezeichnen oder zu betrachten. Ausschweifungen wurden zweifellos begangen. Die Menschen ließen sich gewiss auf Verbrechen und Untaten ein. Die Grenzen der Scharia wurden in vielen Fällen überschritten. Doch zugleich empfanden die Herzen der Menschen Scham. In Reue senkten sie ihre Häupter. Wenigstens gestanden ihre Herzen ein, dass sie Allah und dem Gesandten ungehorsam waren.
Der Grund dafür war, dass der Bau der Zivilisation der Muslime trotz der Schwäche ihres Glaubens und der Verderbtheit ihres Verhaltens weiterhin auf den von Islam errichteten Grundpfeilern ruhte. Obwohl sich infolge der Übernahme griechischer und iranischer Denkweisen viel Irrleitung verbreitet hatte, war es ihr niemals gelungen, die Sichtweise der Muslime völlig zu verändern und ihre geistige Prägung dem Islam gegenüber abgeneigt zu machen. Sie konnte ihre Intelligenz, ihre Denkweise und ihr Urteilsvermögen niemals so stark beeinflussen, dass sie ganz aufgehört hätten, mit den Augen eines Muslims zu sehen und mit dem Verstand von Muslimen zu denken. Ebenso hatte sich die Entwicklung von Kultur und Zivilisation infolge äußerer Einflüsse zwar weit vom vom Islam vorgeschriebenen Weg entfernt; doch das Grundprinzip, auf dem Kultur und Zivilisation gegründet worden waren, war weiterhin in ihrem Fundament vorhanden, und kein Grundprinzip einer anderen Kultur und Zivilisation hatte seinen Platz eingenommen. Das Bildungssystem der Muslime war in hohem Maße verdorben, dennoch nahm die Theologie darin weiterhin einen herausragenden Platz ein. Kein gebildeter Muslim war völlig ohne wenigstens grundlegende Kenntnisse der islamischen Glaubenslehren, der schariatischen Vorschriften und der nationalen Sitten und Gebräuche. Im praktischen Leben der Muslime war die Bindung an das islamische Gesetz weitgehend gelockert, doch in allen ihren Angelegenheiten galt weiterhin nur ein einziges Gesetz, und das war das islamische Gesetz. Kurz gesagt: Trotz aller Verderbtheit war der tiefe Einfluss des Islam in den Vorstellungen, im Charakter und im Verhalten der Muslime weiterhin vorhanden. An seine Grundsätze glaubten sie unverbrüchlich – zumindest war es innerhalb des Bereichs ihres Glaubens nicht möglich, dass islamfeindliche Grundsätze eindrangen. Außerdem waren die Wertmaßstäbe, die der Islam für Charakter und Verhalten festgelegt hatte, keineswegs vollständig zusammengebrochen, und es war keine Veränderung eingetreten, durch die andere, ihnen entgegengesetzte Wertmaßstäbe ihren Platz hätten einnehmen können.
Doch nachdem sie im neunzehnten Jahrhundert die Staatsmacht verloren hatten, erkannten die führenden Persönlichkeiten unserer Nation, dass mit der Staatsmacht auch Rang, Ansehen und Wohlstand allesamt verloren gingen und dass es unter der Fremdherrschaft keinen anderen Weg gab, diese Dinge zu bewahren und die gewaltigen Verluste auszugleichen, als sich die westliche Zivilisation sowie Wissenschaft und Bildung anzueignen. In dieser Zeit setzte auch in ihrer politischen Handlungsweise eine weitere Veränderung ein; eigentlich war es nicht bloß eine Veränderung, sondern eine „Revolution“. Denn Veränderung bedeutet, anders zu werden, während Revolution eine völlige Umwälzung bedeutet. Und tatsächlich vollzogen sie einen derartigen Salto, dass sich ihr Ziel, ihre Mentalität und ihre Sichtweise vollständig veränderten – und zwar in eine Richtung, die genau dem Islam entgegengesetzt war.
Die Scham und Reue, die man anfangs beim Verstoß gegen das islamische Gesetz empfunden hatte, begannen nach dem Einsetzen dieser Revolution allmählich zu verschwinden; vielmehr schwand sogar das Bewusstsein dahin, dass man durch die Verletzung der schariatischen Vorschriften überhaupt eine Sünde und ein Verbrechen beging. Dann traten an die Stelle von Scham und Reue nach und nach Mut und Schamlosigkeit. Man begann, öffentlich gegen jede Art von Gesetz zu verstoßen, und statt Scham wurde darüber Stolz zur Schau gestellt. Doch die Welle der Revolution kam auch hier noch nicht zum Stillstand. Was man heute in den dem Westen zugeneigten Kreisen hört und sieht, zeigt über die Schamlosigkeit hinaus deutliche Anzeichen einer offenen Rebellion gegen den Islam. Die Lage ist inzwischen so weit gekommen, dass jemand, der offen gegen das islamische Gesetz verstößt, nicht etwa seine Tat bereut, sondern umgekehrt versucht, denjenigen zu beschämen, der dieses alte Gesetz noch immer befolgt. Es scheint, als sei derjenige, der das islamische Gesetz bricht, heute kein Verbrecher und kein Sünder mehr; vielmehr seien die Anhänger des Islam die Schuldigen. Heute werden Gebet und Fasten nicht nur aufgegeben, sondern man zeigt auch noch Stolz darauf. In der Öffentlichkeit wird dafür geworben, Gebet und Fasten aufzugeben. Diejenigen, die beten, den Koran rezitieren und fasten, werden öffentlich verspottet. Darüber hinaus hofft man, dass diejenigen, die beten und fasten – insbesondere, wenn sie gebildet sind –, sich wegen ihrer eigenen Taten am Ende selbst schämen werden. Nicht das Aufgeben von Gebet und Fasten gilt als tadelnswert und schändlich, sondern vielmehr deren Befolgung. Wenn sogar ein Betender eine verwerfliche Tat begeht, sagt man in höchst spöttischem Ton: „Ist der Kerl etwa ein Betender?“ Mit anderen Worten: Der eigentliche Grund dafür, dass dieser Mann als schuldig gilt, ist eine Handlung, die Allah als etwas bezeichnet hat, das Ausschweifung und Unsittlichkeit verhindert, und die Sein Gesandter als die vortrefflichste Tat bezeichnet hat.
Diese Rebellion ist nicht nur auf Gebet und Fasten beschränkt, sondern hat sich auf beinahe alle Lebensbereiche ausgedehnt. Heute wird die Befolgung der islamischen Vorschriften als „Mullahwesen“ bezeichnet. Das Mullahwesen ist in der Sprache unseres neuen Zeitalters ein anderes Wort für eine minderwertige Mischung aus Engstirnigkeit, Blindheit, Unwissenheit, Rückständigkeit und Dummheit. Mit anderen Worten: Gemeint ist, dass ein überzeugter, der Scharia ergebener Muslim „Mullah“ heißt, und dass ein „Mullah“ jemand sei, der nicht die geringste Beziehung zu Zivilisation und Aufklärung habe – ein Mensch, der sich in der zivilisierten Gesellschaft unter keinen Umständen einfügen könne. Dies ist nur eines unter unzähligen Schimpfwörtern. Um Hass und Verachtung auszudrücken, stopfen unsere „schwarzen Firangis“, statt einige einheimische Wörter zu verwenden, ihre ganze Gehässigkeit in dieses Wort „Mullah“, den Inbegriff aller Fehler. [Dieser Text stammt aus dem Jahr 1934. Gegenwärtig ist das Jahr 2002. Inzwischen hat man den aufrichtigen Muslimen noch viele weitere Bezeichnungen auferlegt, um sie zu bekämpfen, etwa: Terrorist, Extremist, Fundamentalist, Taliban, al-Qaida usw. – Der Herausgeber.]
Heute gilt es keineswegs als Beweis zugunsten einer Aussage oder Handlung, dass sie mit Koran und Hadith übereinstimmt. Nicht nur irgendein Nichtmuslim, sondern leider sogar Muslime, die als „gebildet und aufgeklärt“ gelten, weisen die Beweiskraft von Koran und Hadith bedenkenlos zurück. Dabei empfinden sie nicht das geringste Schamgefühl; vielmehr hoffen sie, dass am Ende derjenige beschämt dastehen wird, der ein Zeugnis des islamischen Gesetzes vorlegt. Von einer Anerkennung der Beweiskraft von Koran und Hadith ganz zu schweigen: Wir haben sogar erlebt, dass sofort Abneigung gegen eine Sache entsteht, sobald sie im Namen des Islam vorgebracht wird. Wird dieselbe Sache hingegen mit Argumenten und Beweisen dargelegt oder mithilfe eines Zitats aus den Schriften eines westlichen Autors beschrieben, erscheint sie plötzlich völlig unangreifbar. Kurz gesagt: Sobald vom Islam die Rede ist, entstehen in den Herzen unserer westlich orientierten Muslime auf verschiedenste Weise Zweifel und Verdächtigungen. In ihren Herzen setzt sich der Zweifel fest, dass darin unbedingt irgendeine Schwäche liegen müsse. Es ist, als würde nach ihrer Auffassung die Beweiskraft von Koran und Hadith heute eine Sache nicht stärken, sondern sie im Gegenteil noch schwächer und beweisbedürftiger machen.
Vor einigen Jahren war diese Krankheit nur auf unsere Männerwelt beschränkt, während die Frauenwelt davor sicher war. Zumindest in Bezug auf die islamische Zivilisation können wir sagen, dass der „innere Frauenbereich“ ihr letzter Zufluchtsort ist. Hier pflegt und schützt der Islam seine Zivilisation und Kultur. Einer der wesentlichen Gründe, weshalb der Islam die Frau innerhalb des religiös vorgeschriebenen Schleiers halten möchte, besteht darin, dass wenigstens die Brust, an der das muslimische Kind gestillt wird, vom Licht des Iman erleuchtet sein muss. Der Schoß, in dem das muslimische Kind aufwächst, muss wenigstens vor Unglauben und Irrweg, Unmoral und schlechtem Verhalten sicher sein. Um die Wiege, in der die ersten Lebensabschnitte eines muslimischen Kindes vergehen, muss wenigstens eine rein islamische Umgebung herrschen. Die vier Wände, innerhalb derer sich in dem unverdorbenen Geist und Verstand des muslimischen Kindes die ersten Bilder von Erziehung und Erfahrung einprägen, müssen vor äußeren Einflüssen geschützt sein. Daher ist der innere Frauenbereich in Wahrheit die stärkste Festung der islamischen Zivilisation. Auch diese Festung ist nun im Begriff, zerstört zu werden. Die Seuche der Verwestlichung dringt heute rasch auch in unseren häuslichen Bereich ein. Unsere westlich orientierten vornehmen Männer zerren heute ihre Frauen und Töchter ebenfalls nach draußen, damit auch sie von den giftigen Einflüssen erfasst werden können. Die Mädchen unseres Volkes werden heute zum Erlernen von Irrweg, Unglauben, Unmoral und westlicher Zivilisation in Bildungseinrichtungen geschickt, die bereits zuvor unseren Jungen all dies beigebracht und sie dadurch zu Aufständischen gegen den Islam gemacht haben.
Unserer Ansicht nach wird dieser letzte Schritt die oben erwähnte Revolution zu ihrer vollendeten Ausprägung führen. Das ist nicht bloß unsere Vermutung; vielmehr hatten wir leider bereits Gelegenheit, Anzeichen dieser Vollendung der Revolution zu sehen und zu hören. Heute ist die Lage so weit gekommen, dass eine muslimische Frau die klaren Vorschriften von Koran und Hadith missachtet und ungehindert die Schönheit ihres Körpers zur Schau stellt, in englische Hotels und Restaurants geht, dort „Lunch und Dinner“ isst, sich im Kino unter Männern niederlässt und unbefangen auf dem Markt einkauft. Noch bedauerlicher ist, dass sie ihre Handlungen nicht etwa beschämt und reumütig wegen des Verstoßes gegen das islamische Gesetz beschreibt, sondern sie mit noch größerem Stolz schildert. Darüber hinaus halten sie jene arme Frau für tadelnswert, die sich zunächst gemäß dem islamischen Gesetz geweigert hat, den Scharia-Schleier abzulegen, und die sich, nachdem ihr Ehemann sie gewaltsam nach draußen gezogen hat, schämt, unter Männern schamlos ihren Körper zu zeigen; ebenso jene, die das Umhergehen auf dem Markt, den Genuss nächtlicher Klubunterhaltung und die Luft an Ausflugsorten nicht angenehmer finden als die Freudlosigkeit innerhalb der von Allah und dem Gesandten gezogenen Grenzen. Das bedeutet, dass die aufständische Haltung gegenüber dem Islam die Grenzen der Männer überschreitet und sich auch unter den Frauen rasch ausbreitet. Wie die Männer halten auch sie nicht den Verstoß gegen das islamische Gesetz, sondern vielmehr dessen Befolgung für eine muslimische Frau für beschämend und reuewürdig.
Um Allahs willen, möge mir jemand sagen: Wenn schon der Zustand dieser Frauen so ist, obwohl sie im Schoß frommer Frauen früherer Zeiten aufgewachsen sind, was wird dann aus der Zukunft der Kinder, die im Schoß neuzeitlicher westlich orientierter Frauen aufwachsen, wenn die Mädchen aus deren eigenen Häusern mit dem Iman verbundenen Ehrgefühl unvertraut werden und die Grenzen des Gehorsams gegenüber Allah und dem Gesandten überschreiten? Kann man erwarten, dass ein Kind, das beim Öffnen der Augen ringsum nur Zeichen der Verwestlichung sieht, dessen unschuldiger Blick nicht einmal ein Anzeichen islamischer Zivilisation und Kultur wahrnimmt, dessen Ohren niemals die Worte Allahs und des Gesandten vernehmen und in dessen unbeschriebenem Geist und Verstand von Anfang an das Bild der Verwestlichung eingeprägt wird, in seinen Gefühlen und Empfindungen, seinen Vorstellungen, seinem sittlichen Charakter und seinen Handlungen – kurz, in irgendeiner Hinsicht – zu einem Muslim heranwächst?
Die erste Stufe des Vergehens besteht darin, dass ein Mensch ein Vergehen begeht, es aber als Vergehen betrachtet und sich dafür schämt. Ein solches Vergehen gilt nur im Hinblick auf seine eigene Schwere als strafwürdig; bei Reue und Umkehr kann es jedoch vergeben werden. Denn in diesem Fall wird die Schuld allein der menschlichen Schwäche zugeschrieben.
Die zweite Stufe des Vergehens besteht darin, dass ein Mensch ein Vergehen begeht, es nicht als Schuld, sondern als Verdienst betrachtet und es obendrein stolz öffentlich zur Schau stellt. Das bedeutet, dass der Betreffende in seinem Herzen keinerlei Achtung vor dem Gesetz besitzt, das sein Verhalten als Vergehen bezeichnet.
Die letzte Stufe des Vergehens besteht darin, dass ein Mensch nicht nur gegen ein Gesetz verstößt, sondern sein eigenes Vergehen aufgrund eines anderen Gesetzes, das er ihm entgegensetzt, für rechtmäßig und verdienstvoll hält. Zugleich verspottet er das Gesetz, das ein solches Verhalten als Vergehen bezeichnet, und hält dessen Befolger für Übeltäter. Ein solcher Mensch verstößt nicht nur gegen das Gesetz, sondern verachtet es geradezu und befindet sich in offenem Aufruhr gegen es.
Jeder Mensch mit auch nur ein wenig gesundem Verstand wird zugeben, dass der Mensch, wenn er dieses letzte Stadium erreicht hat, nicht länger innerhalb der Grenzen des Gesetzes bleiben kann, gegen das er offen rebelliert. Dennoch gibt der sündige Satan den Menschen die falsche Gewissheit, dass sie Muslime bleiben können, während sie das islamische Gesetz verspotten und verachten, seine Befolgung als verwerflich und den Widerstand dagegen als tugendhaft erklären. So bezeichnen sie einerseits das Gute Allahs und des Gesandten als schlecht und das Schlechte als gut, halten ihre Sünden für gute Taten und gute Taten für Sünden, verspotten ihre Gebote und versuchen, statt sich für den Ungehorsam gegenüber ihrem festgelegten Gesetz zu schämen, gerade dessen Befolger zu beschämen; andererseits behaupten sie von sich, an Allah und den Gesandten zu glauben, ihre Würde und Überlegenheit zu erkennen und dem von ihnen erwählten Dīn, dem Islam, zu folgen. Kann irgendein vernünftiger Mensch einen solchen Anspruch angesichts eines solchen Verhaltens als berechtigt anerkennen? Wenn Unglaube mit Glauben, Verachtung mit Achtung vereinbar sein kann, wenn es möglich sein soll, jemanden im Herzen zu ehren und ihn mit dem Mund zu verspotten, wenn man einen Menschen, der stolz auf seinen Widerstand ist und sich für seine Befolgung schämt, als gehorsam und fügsam bezeichnen kann, dann muss man Rebellion als Gehorsam, Verachtung als Achtung und Unglauben als Glauben anerkennen. Ebenso müsste man diese Verkehrung der Logik akzeptieren: Wer zuschlägt, liebt; wer verspottet, achtet in Wahrheit; und wer lügt, erweist sich als wahrhaftig!
In Wahrheit ist der Islam nichts anderes als Gehorsam, und wahrer Gehorsam kann ohne Glauben keineswegs echt sein. Die allererste Forderung des Glaubens besteht darin, dass der Mensch, sobald ihn die Anweisung Allahs und des Gesandten erreicht, sein Haupt beugt und es niemals wieder erhebt, indem er sie missachtet:
(Arabisch)
Bedeutung: Die Angelegenheit der Gläubigen ist folgende: Wenn sie zu Allah und dem Gesandten gerufen werden, damit zwischen ihnen entschieden werde, sagen sie: „Wir haben gehört und gehorcht.“ Wahrlich, sie sind es, die Erfolg haben. (Sure an-Nūr: 51)
Doch auch diese Unterwerfung darf nicht widerwillig und missmutig erfolgen; vielmehr muss sie freiwillig und bereitwillig geschehen. Nicht einmal den geringsten verborgenen Unmut oder Unwillen im Herzen gegenüber den Anweisungen Allahs und des Gesandten darf man hegen. Wer seinen Kopf nur äußerlich neigt, innerlich aber Unmut empfindet, ist kein Gläubiger, sondern ein Heuchler:
(Arabisch)
Bedeutung: „Wann immer zu ihnen gesagt wurde: Kommt zu Allahs herabgesandter Ordnung und zum Gesandten!, da hast du gesehen, dass die Heuchler zögernd zu euch kommen. … Bei deinem Herrn! Sie werden niemals gläubig sein, solange sie dich nicht zum Richter über ihre Streitigkeiten anerkennen und sich dann vor dir dem beugen, was du entschieden hast, ohne dabei innerlich irgendeinen Unmut zu empfinden.“ (Sure an-Nisāʾ: 61–65)
Wer jedoch Allahs Gesetz offen missachtet, die Ordnung Allahs und des Gesandten verwirft, einem anderen Gesetz folgt und dieses für wahr und richtig hält, während er bei der Befolgung eines anderen Gesetzes über Allahs und des Gesandten Gesetz spottet und dessen Befolgung für verwerflich hält, kann keineswegs ein Gläubiger sein. Ob ein solcher Mensch auch behauptet, Muslim zu sein, den Namen eines Muslims trägt oder in der Volkszählung als Muslim geführt wird – das ändert überhaupt nichts. Der Mensch kann trotz einer Sünde ein Gläubiger bleiben; Voraussetzung dafür ist jedoch, dass er die Sünde als Sünde betrachtet und sie bereut. Wer jedoch lediglich aufgrund einer charakterlichen Schwäche ein Vergehen gegen das Gesetz begeht, muss dies als solches anerkennen. Wenn sich aber mit der Sünde Schamlosigkeit und Dreistigkeit verbinden, man darauf stolz und überheblich ist und jemanden dafür tadelt und beschimpft, dass er sich nicht daran beteiligt, weil man sie für eine gute Tat hält – bei Allah, mit einem solchen Frevel kann der Glaube niemals fortbestehen. Wer in diese Lage geraten will, muss zuvor entscheiden, ob er Muslim bleiben möchte oder ob er bereit ist, in den Bereich der Gefolgschaft jenes Gesetzes einzutreten, dem er folgt und auf dessen Befolgung er stolz ist, nachdem er den Islam aufgegeben hat.
Dank Allahs ist die muslimische Allgemeinheit bisher vor dieser Flutwelle des Europäertums und der kufrischen Auflehnung bewahrt geblieben. In ihren Herzen ist der Respekt vor den Geboten Allahs und des Gesandten noch immer lebendig. Bei ihnen lässt sich die Befolgung des islamischen Rechts mehr oder weniger erkennen. Doch so wie das Verhalten der vornehmen Schicht früher ihren Charakter, ihre Wesensart und ihre Umgangsformen maßgeblich beeinflusst hat, besteht auch die Gefahr, dass die neuen Sitten allmählich einen zerstörerischen Einfluss auf ihren Glauben ausüben. In dem Maße, wie unter den gewöhnlichen Muslimen das Aufgeben von Gebet und Fasten, schlechte Taten und sündhaftes Verhalten, die Nachahmung europäischer Sitten sowie das Interesse an blendenden Vergnügungen und Belustigungen als äußerer Hülle der europäischen Zivilisation zunehmen, ist dies nichts anderes als das Läuten der Alarmglocke vor dieser herannahenden Gefahr. Wenn sich die Denkweise und Sichtweise unserer vornehmen Schicht nicht läutern und ihre Abneigung gegen den Sirat al-Mustaqim des Islam in dieser Weise anhält, dann ist der Tag nicht mehr fern, an dem die gesamte Nation in diesem Meer der Sünde versinken wird und auch diese Sunnat Allahs ihre Erfüllung finden wird:
(Arabisch)
Das heißt: Wenn Wir eine Stadt vernichten wollen, lassen Wir die Übeltäter darin zu Grenzüberschreitungen verleiten. So wird das Schicksal dieser Stadt besiegelt. Dann vernichten Wir sie vollständig. (Sure al-Isra, Vers 16)
13
Ursachen des gesellschaftlichen Verfalls und Wege, ihm zu entgehen
[Der Artikel wurde erstmals im März 1935 in der Zeitschrift Tarjuman al-Qur’an veröffentlicht. – Der Herausgeber]
Im Ehrwürdigen Koran wird diese Wahrheit als allgemeiner Grundsatz dargelegt: Wenn ein Volk rechtschaffen ist, wird Allah, der Erhabene, es nicht grundlos vernichten – Er ist kein solcher Tyrann:
(Arabisch)
Bedeutung: Euer Herr ist nicht so, dass Er die Städte ungerecht vernichten würde, wenn ihre Bewohner rechtschaffen sind. (Sure Hud: 117)
Vernichtung und Untergang bedeuten nicht nur, die Städte ins Verderben zu stürzen und ihre Bewohner dem Tod preiszugeben; vielmehr besteht eine besondere Form davon darin, Völker zu zerstreuen und voneinander zu trennen, ihre gesamte Kraft zu zerschmettern und sie zu besiegen, zu unterwerfen, zu erniedrigen und zu demütigen. Aufgrund des oben genannten Prinzips kann jedoch keine Art von Vernichtung und Untergang über ein Volk hereinbrechen, solange es nicht den Weg des Wohlergehens und der Reform verlässt, den Weg des Unheils, der Unordnung, des Ungehorsams und des Aufbegehrens einschlägt und dadurch selbst das Unrecht über sich heraufbeschwört. Im Hinblick auf dieses Prinzip hat Allah, der Erhabene, überall dort, wo Er erwähnt, dass Er ein Volk einer Strafe aussetzt, zugleich auch dessen Vergehen dargelegt – damit die Menschen deutlich erkennen, dass dessen Diesseits und Jenseits durch seine eigenen schlechten Taten zugrunde gerichtet worden sind:
(Arabisch)
Bedeutung: „Jeden von ihnen haben Wir für seine Schuld bestraft. Allah war ihnen gegenüber nicht ungerecht; vielmehr waren sie selbst gegen sich ungerecht.“ (Sure al-ʿAnkabut: 40)
Die zweite aus diesem Prinzip hervorgehende Tatsache ist, dass die Ursache für Vernichtung und Untergang nicht in individueller Sündhaftigkeit liegt, sondern in allgemeiner, das heißt gesellschaftlicher und nationaler, Sündhaftigkeit. Wenn sich die Verderbtheit von Glauben und Verhalten unter den Menschen zwar vereinzelt zeigt, das religiöse und sittliche Niveau der Menschen insgesamt jedoch hoch ist und dadurch das individuelle Fehlverhalten im Hintergrund bleibt, dann bleibt ein Volk als Ganzes bestehen, ganz gleich, wie schlecht die Einzelnen auch sein mögen. Unter solchen Umständen entsteht keine solche Verwirrung, die zur Vernichtung des gesamten Volkes führen könnte. Wenn sich jedoch die Verderbtheit von Glauben und Verhalten über das Individuum hinaus im ganzen Volk ausbreitet, das religiöse Empfinden und das sittliche Bewusstsein des Volkes völlig verdorben werden und dadurch anstelle des Guten immer mehr das Übel zunimmt, dann entzieht Allah, der Erhabene, diesem Volk völlig Seinen gnädigen Blick. Danach sinkt es vom hohen Rang der Ehre auf die niedrigste Stufe der Erniedrigung herab. Schließlich entbrennt eines Tages das Zornesfeuer Allahs, des Erhabenen, gegen es, und es wird vollständig vernichtet und zugrunde gerichtet.
Im Heiligen Koran werden hierfür zahlreiche Beispiele angeführt.
Als die Verderbtheit von Glauben und Verhalten im Volk des ehrwürdigen Nuh Wurzeln geschlagen und sich überall ausgebreitet hatte und zugleich jede Hoffnung verschwunden war, von diesem Giftbaum noch süße Früchte zu erlangen, wurde es vernichtet. Schließlich sah sich der ehrwürdige Nuh (Friede sei mit ihm) gezwungen, im Angesicht des Herrn der Welten zu beten:
(Arabisch)
Bedeutung: Mein Herr! Lass keinen einzigen dieser Ungläubigen auf der Erde am Leben. Wenn Du sie am Leben lässt, werden sie Deine Diener in die Irre führen, und aus ihrer Nachkommenschaft werden nur Sittenlose und völlig Ungläubige hervorgehen. (Sure Nuh: 26–27)
Das Volk von ʿĀd wurde erst vernichtet, als die Sünde in seinem Inneren vollständig Wurzeln geschlagen hatte, ungerechte, verbrecherische und Unheil stiftende Menschen den Rang seiner Führer und Herrscher erlangt hatten und für die Menschen, die Gutes und Wohlergehen wollten, im gesellschaftlichen und gemeinschaftlichen System kein Platz mehr übrig war:
(Arabisch)
Bedeutung: Das Volk von ʿĀd missachtete den Befehl seines Herrn, widersetzte sich Seinen Gesandten, und jeder folgte einem hochmütigen Feind der Wahrheit. (Sure Hud: 59)
Das Volk Lots wurde erst vernichtet, als sein sittliches Bewusstsein völlig verfallen war und die Schamlosigkeit so sehr zunahm, dass sogar in öffentlichen Versammlungen sowie auf Märkten Unzucht betrieben wurde; schließlich war den Menschen sogar das Empfinden abhandengekommen, Unzucht als Unzucht zu betrachten:
(Arabisch)
Bedeutung: Lot sagte: Warum geht ihr zu den Männern, anstatt zu den Frauen, belästigt die Reisenden und begeht öffentlich in Versammlungen Unzucht?
(Sure al-ʿAnkabūt: 9)
Über die Bewohner von Madyan kam der Zorn genau in dem Augenblick, als die gesamte Nation unehrlich, betrügerisch und treulos geworden war. Zu wenig zu geben und zu viel zu nehmen, galt nicht länger als verwerflich. Das sittliche Bewusstsein der Nation war derart erloschen, dass sie, wenn man sie wegen solcher verwerflicher Handlungen tadelte, nicht etwa beschämt den Kopf senkte, sondern im Gegenteil den Tadler selbst tadelte. Sie verstanden nicht einmal, dass irgendeine ihrer Handlungen tadelnswert sein könnte. Sie betrachteten Unzucht nicht als verwerflich; vielmehr hielten sie jeden, der diese Handlung als schlecht bezeichnete, für fehlgeleitet und tadelnswert:
(Arabisch)
Bedeutung: (Schuʿaib sagte:) O mein Volk! Messt und wiegt gerecht und gebt den Menschen ihre Waren nicht verkürzt; und verbreitet nicht Unheil auf der Erde. Sie sagten: O Schuʿaib! Wir verstehen vieles von dem, was du sagst, nicht. Wir sehen, dass du unter uns sehr schwach bist. Wenn dein Stamm nicht wäre, würden wir dich steinigen. (Sure Hud: 85–91)
Die Entscheidung, die Kinder Israels in Erniedrigung, Schmach sowie Zorn und Fluch zu stürzen, wurde genau dann vollzogen, als sie nach Unterdrückung, Frevel und dem Verzehr von Verbotenem zu streben begannen. Unter ihren nationalen Führern breitete sich die Krankheit des Opportunismus aus. Unter den einfachen Leuten entstand eine Haltung der Anpassung an den Frevel, und keine Menschengruppe blieb mehr übrig, die das Unrecht als Unrecht bezeichnete und davon abhielt:
(Arabisch)
Bedeutung: Du siehst, wie die meisten von ihnen zum Frevel, zur Übertretung der von Gott gesetzten Grenzen und zum Verzehr von Verbotenem eilen. Wie schlecht war doch, was sie zu tun pflegten! Warum verboten ihnen ihre geistlichen Führer und Gelehrten nicht, schlechte Worte zu äußern und verbotene Güter zu verzehren? Wahrlich, sie taten äußerst Schlechtes. (Sure al-Maʾida: 62–63)
(Arabisch)
Bedeutung: Diejenigen unter den Kindern Israels, die ungläubig waren, wurden in den Worten Davids und Jesu, des Sohnes Marias, verflucht, weil sie sich auflehnten und die Grenzen überschritten. Sie hielten einander nicht vom Frevel ab. (Sure al-Maʾida: 78–79)
Die Hadithe, die vom ehrwürdigen Propheten zur Erläuterung dieses letzten Verses überliefert sind, machen die Aussageabsicht des edlen Korans noch deutlicher. Ihre zusammengefasste Aussage lautet: Der ehrwürdige Prophet sagte:
Als sich unter den Kindern Israels das sündhafte Treiben auszubreiten begann, war die Lage so: Wenn jemand seinen Bruder, Freund oder Nachbarn bei einer schlechten Tat sah, hielt er ihn davon ab und sagte zu ihm: „O du! Fürchte Gott und verhalte dich entsprechend.“ Danach aber pflegte derselbe Mann weiterhin Umgang mit ihm und saß mit ihm zusammen. Selbst nachdem er das schlechte Verhalten dieses sündigen Menschen gesehen hatte, unterließ er es nicht, mit ihm Umgang zu pflegen und mit ihm zu essen und zu trinken. Als die Lage schließlich einen solchen Stand erreicht hatte, übte jeder von ihnen Einfluss auf den anderen aus. Daraufhin färbte Allah sie alle mit derselben Farbe und verfluchte sie durch die Worte ihrer Propheten David und Jesus, des Sohnes Marias.
Der Überlieferer berichtet, dass der ehrwürdige Prophet in seiner Ansprache an diesem Punkt von der Erregung überwältigt niedersaß und sagte:
Bei dem erhabenen Wesen, in dessen Hand mein Leben liegt, ich schwöre: Es ist eure Pflicht, den Menschen das Gute zu gebieten, sie vom Schlechten abzuhalten, jeden, den ihr bei einer schlechten Tat seht, daran zu hindern und ihn auf den rechten Weg zu führen; und in dieser Angelegenheit nicht die geringste Nachsicht zu zeigen. Andernfalls wird Allah den Einfluss des einen auf das Herz des anderen unter euch festsetzen und euch ebenso verfluchen wie die Kinder Israels.
Tatsächlich ist die Verderbnis von Glauben und Verhalten einer Seuche vergleichbar. Jede Seuche befällt zunächst einige schwache Menschen. Sind unter solchen Umständen das Klima günstig, die Bemühungen des Gesundheitsamtes ordnungsgemäß, die Einrichtungen zur Beseitigung von Schmutz und Abfällen ausreichend und die Erkrankten rechtzeitig behandelt, kann sich die Krankheit nicht zu einer umfassenden Epidemie entwickeln; vielmehr kann die Bevölkerung vor ihrem Angriff sicher bleiben. Wenn jedoch im selben Fall die Ärzte träge und verantwortungslos sind, das Gesundheitsamt gleichgültig bleibt und die für die Sauberkeit Verantwortlichen Schmutz und Abfälle dulden, breiten sich die Krankheitserreger allmählich überall aus. Sie vermischen sich mit der Luft und verschlechtern die Umwelt aufs Äußerste. Dadurch wird sie nicht der Gesundheit, sondern der Krankheit förderlich. Wenn schließlich die gewöhnlichen Menschen einer Gesellschaft in der Luft, im Wasser, in der Nahrung, in der Kleidung, in ihren Häusern – kurz, in keinem einzigen Ding – Sauberkeit und Freiheit von üblem Geruch vorfinden, beginnt ihre Lebenskraft zu schwinden, und die gesamte Gesellschaft wird einer verheerenden Epidemie ausgeliefert. Unter solchen Umständen wird es selbst für einen sehr mächtigen Menschen schwierig, sich dem Zugriff der Krankheit zu entziehen. Sogar die Ärzte selbst, die für die Sauberkeit Verantwortlichen und die Hüter des öffentlichen Gesundheitswesens fallen der Krankheit zum Opfer. Infolgedessen entkommen auch diejenigen nicht dem Verderben, die für ihre eigene Gesundheit wenigstens die erforderlichen Maßnahmen ergreifen und regelmäßig Medikamente einnehmen. Denn welches Mittel haben sie gegen die Vergiftung der Luft, die Verschmutzung des Wassers, die Verunreinigung der Nahrungsmittel und die Verseuchung des Bodens?
Vor diesem Hintergrund lässt sich die Verderbnis der Moral und des Verhaltens sowie die Verirrung in Denken und Glauben verstehen. Die Gelehrten sind die Ärzte der Nation. Die Herrschenden und die Wohlhabenden tragen Verantwortung für ihre Sauberkeit und Gesunderhaltung. Die Glaubenswürde der Nation und das moralische Bewusstsein der Gesellschaft entsprechen der Lebenskraft. Das gesellschaftliche Umfeld entspricht Luft, Wasser, Nahrung, Kleidung und Häusern. Und im Leben einer Nation entspricht das Gebieten des Guten und das Verhindern des Schlechten aus der Sicht von Religion und Moral den Bemühungen um Sauberkeit und Gesundheit aus der Sicht körperlicher Gesundheit. Wenn unter solchen Umständen die Gelehrten und die herrschende Schicht ihre eigentliche Verantwortung – nämlich das Schlechte zu verhindern – aufgeben und beginnen, mit Schlechtigkeit und Verderbnis Kompromisse zu schließen, breiten sich Unrecht, Sündhaftigkeit und Unsittlichkeit unter der Nation aus. Dadurch wird ihre Glaubenswürde zunehmend geschwächt. Schließlich wird sogar das gesamte gesellschaftliche Umfeld von Verderbnis durchsetzt. Die Lebensumgebung der Nation wird dem Wohlergehen und dem Guten feindlich und dem Schlechten und der Verderbnis förderlich. Die Menschen wenden sich vom Guten ab und fühlen sich, statt das Schlechte zu verabscheuen, zu ihm hingezogen. Ihre moralischen Wertvorstellungen verändern sich vollständig. Das Schlechte nimmt den Platz des Guten ein, und das Gute den Platz des Schlechten. Unter solchen Umständen erblühen Irrweg, schlechte Sitten und Unsittlichkeit prächtig. Kein Same des Wohlergehens und des Guten besitzt mehr die Kraft, aufzugehen und Zweige und Blätter zu treiben. Erde und Luft – alles verweigert ihm die Nahrung. Denn ihre gesamte Kraft wird auf die Entwicklung und das Wachstum des Giftbaums verwendet. Wenn der allgemeine Zustand einer Nation tatsächlich dieses Stadium erreicht, wird sie für die göttliche Strafe reif. Über sie kommt eine solche Verwüstung, dass niemand ihrem Zugriff entkommen kann. Selbst wenn jemand sich in einer Khanqah verbirgt und Tag und Nacht mit Gottesdienst und Anbetung beschäftigt ist, bleibt er nicht verschont. Über diesen Zustand heißt es im edlen Koran:
(Arabisch)
Das heißt: Fürchtet eine Fitna, die nicht nur die Ungerechten und Sündhaften unter euch ins Unglück stürzen wird. (Sure al-Anfal: 25)
Im Zusammenhang mit der Auslegung dieses Verses sagte Hazrat Ibn Abbas (r.a.): „Allah, der Erhabene, beabsichtigt damit, dass ihr nicht zulassen sollt, dass das Unrecht vor euren Augen festen Fuß fasst. Denn wenn ihr euch mit dem Unrecht abfindet und ihm Gelegenheit gebt, sich auszubreiten, wird von Allah eine umfassende Strafe herabgesandt, und alle, Gute wie Böse, werden von ihr erfasst.“ Aus einem Hadith ist bekannt, dass der edle Prophet selbst diesen Vers auslegte und sagte:
(Arabisch)
Das bedeutet: „Allah bestraft die einfachen Leute nicht wegen der Taten der vornehmen Leute. Wenn sie jedoch das Unrecht vor ihren Augen sehen und, obwohl sie die Kraft hätten, es zu verhindern, nicht zu seiner Bekämpfung voranschreiten, dann wirft Allah sowohl die vornehmen als auch die einfachen Leute in die Strafe.“
Das wichtigste Mittel, die moralische und religiöse Gesundheit einer Gemeinschaft unversehrt zu bewahren, besteht darin, dass in jedem Einzelnen von ihr ein gläubiges Ehrgefühl und ein moralisches Bewusstsein vorhanden sind. Der edle Prophet bezeichnete dies mit dem umfassenden und bedeutungsvollen Wort „Hayā“, das als Schamhaftigkeit bezeichnet wird. Hayā ist in Wahrheit ein Zweig des Īmān. Er sagte: „Schamhaftigkeit ist ein Bestandteil des Glaubens.“ Einmal wurde dem Ehrwürdigen vorgetragen, dass „Hayā“ eigentlich ein Teil der Religion sei. Er sagte: „Nein, vielmehr ist sie die vollständige Religion.“
Die Bedeutung des im Hadith erwähnten Wortes „Hayā“ besteht darin, dass beim Anblick von Unrecht und Sündhaftigkeit in den Menschen spontan der Wunsch nach Widerstand erwacht und Herz und Gemüt ihre Abscheu davor zum Ausdruck bringen. Wer diese Eigenschaft besitzt, wird nicht nur selbst vom Unrecht Abstand nehmen, sondern auch dessen Vorhandensein bei anderen nicht dulden. Gegenüber dem Unrecht wird er keine Nachsicht zeigen. Es wird ihm nicht möglich sein, sich mit Unterdrückung und Sündhaftigkeit abzufinden. Sobald vor ihm eine Übeltat begangen wird, wird sein gläubiges Ehrgefühl sogleich geweckt. Er wird versuchen, sie mit seiner Hand oder durch sein Wort zu beseitigen, oder zumindest werden Herz und Gemüt von dem Wunsch bewegt sein, sie zu beseitigen:
(Arabisch)
Das bedeutet: „Wenn jemand von euch ein Unrecht sieht, soll er es mit seiner Hand beseitigen. Ist er dazu nicht in der Lage, soll er es mit seinem Wort versuchen; und ist er auch dazu nicht in der Lage, soll er es in seinem Herzen verabscheuen. Dies ist das Zeichen des schwächsten Glaubens.“ (Musnad Ahmad)
(Arabisch)
Wenn diese Eigenschaft in einem Volk allgemein verbreitet ist, bleiben sein Dīn und seine Religion geschützt. Sein sittlicher Geist wird niemals einen Niedergang erfahren. Denn jeder Einzelne wird für den anderen ein Aufseher und zur Rechenschaft Ziehender sein. Die Verderbtheit seiner Überzeugungen und seines Verhaltens wird darin keinen Weg finden, sich einzumischen.
Das eigentliche Ziel des Heiligen Qurʾān besteht darin, eine solche ideale Gesellschaft aufzubauen, in der jeder Einzelne aus innerer Neigung, natürlicher Schamhaftigkeit und Ehrgefühl sowie dem Drängen seines eigenen Gewissens die Verantwortung der gegenseitigen Rechenschaft und Aufsicht übernimmt und ohne jegliche Vergütung als göttlicher Ordnungshüter wirkt:
(Arabisch)
Das heißt: „So haben Wir euch zu einer gerechten und maßvollen Umma gemacht, damit ihr über die Menschen wacht und der Gesandte über euch wacht.“ (Sure al-Baqara: 143)
Deshalb wurde den Muslimen immer wieder gesagt, dass das Gebieten des Guten und das Verhindern des Bösen euer nationales Kennzeichen sind. Diese Eigenschaft sollte in jedem gläubigen Mann und jeder gläubigen Frau zum Ausdruck kommen:
(Arabisch)
Das heißt: „Ihr seid die beste Gemeinschaft; ihr seid zum Wohl der Menschen erschaffen worden. Ihr gebietet das Gute, verhindert das Böse und glaubt an Allah.“ (Sure Āl ʿImrān: 110)
(Arabisch)
Bedeutung: Die gläubigen Männer und Frauen sind einander Beistand; sie gebieten das Rechte und verwehren das Unrechte. (Sure at-Tauba: 71)
(Arabisch)
Bedeutung: Sie gebieten das Rechte, verwehren das Unrechte und wahren die von Allah gesetzten Grenzen. (Sure at-Tauba: 112)
(Arabisch)
Bedeutung: Wenn Wir ihnen auf Erden die Herrschaft verliehen haben, werden sie das Gebet verrichten, die Zakāt entrichten, das Rechte gebieten und das Unrechte verwehren. (Sure al-Haddsch: 41)
Wenn die Lage der Muslime so ist, kann man sie mit einer Siedlung vergleichen, in deren sämtlichen Bewohnern das Bewusstsein für Sauberkeit und Gesundheitspflege lebendig ist. Sie halten nicht nur ihren eigenen Körper und ihr Haus sauber; vielmehr beseitigen sie auch jeden Schmutz und Abfall, den sie irgendwo in der Siedlung sehen. Sie wollen nirgendwo Schmutz, Abfall oder üble Gerüche dulden. Offenkundig muss die Atmosphäre einer solchen Siedlung sauber und rein bleiben. Hier werden Krankheitserreger keinerlei Gelegenheit haben, sich zu bilden. Sollte zufällig jemand schwach und krank werden, wird er dennoch rechtzeitig behandelt; oder zumindest wird seine Krankheit auf eine persönliche Erkrankung beschränkt bleiben und sich nicht durch Ansteckung unter den anderen Menschen zu einer weitverbreiteten Epidemie ausdehnen.
Wenn das muslimische Volk jedoch nicht in der Lage ist, dieses hohe sittliche Niveau zu bewahren, muss unter ihm zumindest eine Gruppe vorhanden sein, um die religiöse und sittliche Gesundheit der Gesellschaft zu erhalten. Diese Gruppe wird stets bereit sein, diesen Dienst zu leisten, und den Schmutz aus den Gedanken und Überzeugungen der Menschen sowie die Unreinheit ihrer Wesensart und ihres Charakters beseitigen.
(Arabisch)
Bedeutung: Unter euch soll unbedingt eine Gruppe sein, die zum Guten aufruft, das Rechte gebietet und das Unrechte verhindert. (Sure Āl ʿImrān: 104)
Diese Gruppe ist die vereinte Gemeinschaft der Gelehrten und der Herrschenden. Für sie ist es ebenso notwendig, sich dem Gebieten des Rechten und dem Verhindern des Unrechten zu widmen, wie es für die für die Sauberkeit der Stadt und den Gesundheitsschutz zuständigen Behörden notwendig ist, ihre Pflichten gewissenhaft zu erfüllen. Wenn diese Menschen ihre Pflichten vernachlässigen und es in der Nation keine einzige Gruppe gibt, die zum Guten aufruft und vom Unrechten abhält, dann ist der Untergang der Nation in religiöser und moralischer Hinsicht ebenso gewiss wie der Untergang einer Siedlung ohne Einrichtungen für Sauberkeit und Gesundheitsschutz in körperlicher und lebensbezogener Hinsicht. Der Grund dafür, dass die alten Völker von einer solchen Vernichtung heimgesucht wurden, war, dass es damals keine Gruppe gab, die sie am Unrecht hinderte und sie auf dem Guten festhielt:
(Arabisch)
Bedeutung: Warum gab es unter den Völkern, die vor euch lebten, nicht wenigstens einige gebildete und verständige Menschen, die die Leute davon abhielten, auf der Erde Unheil zu stiften – außer den wenigen, die Wir unter ihnen gerettet haben? (Sure Hūd: 116)
(Arabisch)
Bedeutung: Warum hielten ihre Gelehrten und Pīre sie nicht davon ab, schlechte Worte zu äußern und Verbotenes zu verzehren? (Sure al-Māʾida: 63)
Daraus geht also hervor, dass die Verantwortung der Gelehrten, Pīre und Herrschenden der Nation von größter Bedeutung ist. Sie sind nicht nur für ihre eigenen Taten verantwortlich; vielmehr liegt ein großer Teil der Verantwortung für die Taten der gesamten Nation auf ihnen. Was soll man noch über die ungerechten, unterdrückerischen und luxusliebenden Herrscher und die ihnen schmeichelnden Gelehrten und Pīre sagen! Es ist überflüssig, das Schicksal zu erwähnen, das sie bei Allah erwartet. Doch auch die Herrscher, Gelehrten und Pīre, die in ihren eigenen Siedlungen, in der Abgeschiedenheit ihrer Häuser und in ihren Chānqāhs sitzen und dort ein Höchstmaß an Gottesfurcht, Frömmigkeit, Gottesdienst und Derwischentum zeigen, werden Allahs Befragung nicht entgehen. Denn wenn Stürme der Irreleitung und der Unsittlichkeit von allen Seiten auf ihre Nation zustürmen, besteht ihre Aufgabe nicht darin, sich lediglich mit gesenktem Haupt in einer häuslichen Ecke niederzulassen; vielmehr besteht ihre Aufgabe darin, wie tapfere Männer ins Feld zu springen und mithilfe all der Kraft, der Fähigkeiten und des Einflusses, die Allah ihnen verliehen hat, gegen diese Stürme Widerstand zu leisten. Ihnen obliegt zwar nicht die Verantwortung, die Stürme zu beseitigen, doch ihnen ist sehr wohl die Verantwortung auferlegt, ihnen mit all ihren möglichen Kräften entgegenzutreten. Wenn sie diese Aufgabe auch nur im Geringsten vernachlässigen, werden ihre persönlichen Gottesdienste und ihre Gottesfurcht und Frömmigkeit sie keineswegs von der Rechenschaft im Jenseits befreien. Wenn in einer Stadt eine Seuche ausbricht und Tausende von Menschen daran zu sterben beginnen, während ein Mitarbeiter der Abteilung für Sauberkeit und Gesundheitsschutz zu Hause sitzt und sich ausschließlich bemüht, das Leben seiner selbst und seiner Kinder zu retten, dann wird niemand einen solchen Mitarbeiter jemals als schuldlosen Verantwortlichen bezeichnen. Wenn ein gewöhnlicher Bürger so handelt, ist dies nicht ganz so anstößig; handelt jedoch ein Beamter der Abteilung für Sauberkeit und Gesundheitsschutz so, besteht keinerlei Zweifel daran, dass er sich schuldig macht.
14
Glaube und Gehorsam
[Der Artikel wurde erstmals im Dezember 1934 in der Zeitschrift Tarjuman-ul-Qur’an veröffentlicht. – Der Herausgeber]
Ganz gleich, welcher Art eine gesellschaftliche Ordnung ist und welchem Zweck sie dient – für ihre Errichtung, ihren Bestand und ihren Erfolg sind stets zwei Dinge erforderlich. Erstens muss das Prinzip, auf dessen Grundlage eine Gesellschaft aufgebaut wird, in der gesamten Gesellschaft und in jedem Einzelnen fest verankert sein, und jeder Einzelne der Gesellschaft muss ihm größtmögliche Verbundenheit entgegenbringen. Zweitens muss in der Gesellschaft ein Geist des Gehorsams und der Folgsamkeit vorhanden sein. Das heißt: Wem sie die Rolle des Anweisenden zuerkennt, dessen Anweisungen muss sie uneingeschränkt befolgen, seine festgelegten Vorschriften streng einhalten und die von ihm gesetzten Grenzen darf sie niemals überschreiten. Dies sind unerlässliche Bedingungen für den Erfolg jeder Ordnung. Ob die Ordnung militärischer oder politischer, gesellschaftlicher oder religiös-ethischer Art ist: Ohne diese beiden Bedingungen kann sie weder errichtet werden noch ihr Ziel erreichen.
Schlagen Sie die gesamte Geschichte der Welt auf und sehen Sie nach. Niemand wird ein Beispiel dafür finden, dass eine Bewegung mit feigen, heuchlerischen, ungehorsamen und unfolgsamen Menschen Erfolg gehabt hätte und bis zuletzt fortbestanden hätte. Dazu braucht niemand die Geschichte zu durchforsten. Werfen Sie einfach einmal einen Blick um sich. Was kann man von einer Armee halten, die ihrem eigenen Staat und ihrem obersten Befehlshaber nicht loyal und gehorsam ist, deren Soldaten sich weigern, die militärischen Regeln einzuhalten, bei deren Signal zum Antreten kein einziger Soldat bereit ist, seinen Platz zu verlassen, und deren Soldaten die Befehle des Kommandeurs missachten? Kann jemand eine solche Ansammlung von Soldaten als „Armee“ bezeichnen? Kann man erwarten, dass eine derart ungeordnete Truppe irgendeinen Krieg gewinnt? Was lässt sich über einen Staat sagen, dessen Bürger keinerlei Achtung vor dem Gesetz haben, dessen Vorschriften offen verletzt werden, in dessen Ämtern keinerlei Ordnung und Disziplin herrscht und dessen Beamte nicht bereit sind, die Anweisungen der übergeordneten Behörden auszuführen? Kann ein Staat mit solchen Bürgern und solchen Herrschern auf der Welt lange bestehen? Heute liegen Deutschland und Italien vor den Augen der ganzen Welt als Beispiele vor [Hier ist die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg gemeint. – Der Herausgeber]. Die ganze Welt weiß, welche gewaltige Macht Hitler und Mussolini erlangt haben. Doch kennen Sie den Hauptgrund für ihren Erfolg? Jene beiden Dinge, nämlich Glaube und Gehorsam. Hätten die beiden Parteien, die Nazi- und die faschistische Partei, nicht so fest an ihren eigenen Prinzipien und Idealen festgehalten und ihren Führern nicht so streng gehorcht, hätten sie niemals eine solche Stärke und einen solchen Erfolg erreichen können.
Von dieser allgemeinen Regel gibt es keine Ausnahme. Glaube und Gehorsam sind in Wahrheit die Lebensadern einer Organisation. Je fester der Glaube und je vollkommener der Gehorsam, desto erfolgreicher wird die Organisation sein. Je schwächer dagegen ihr Glaube und je ablehnender ihre Haltung gegenüber dem Gehorsam ist, desto schwächer wird die Organisation werden und desto eher wird sie entsprechend ihr Ziel verfehlen. Es ist völlig unmöglich, dass sich in einer Gesellschaft oder Organisation die Krankheiten der Heuchelei, des Unglaubens, der Uneinigkeit in den Auffassungen, der Rebellion, des Ungehorsams und der Unordnung ausbreiten und dennoch Ordnung und Disziplin gewahrt bleiben und sie in allen Lebensbereichen auf dem Weg des Fortschritts voranschreitet. Diese beiden Zustände stehen völlig im Widerspruch zueinander. Seit dem Beginn menschlicher Besiedlung der Welt bis heute sind sie niemals miteinander vereinbar gewesen. Wenn das Naturgesetz unveränderlich ist, dann ist auch diese Gesetzmäßigkeit unveränderlich; das heißt, diese beiden Zustände können niemals miteinander vereinbart werden.
Betrachten wir nun einmal das Volk, das sich als muslimisch bezeichnet. Welche Form der Heuchelei und des Unglaubens, die ein Mensch sich vorstellen kann, findet sich heute nicht unter den Muslimen? In der islamischen Gesellschaft gibt es auch Menschen, die nicht einmal mit den grundlegenden Lehren des Islam vertraut sind und bis heute an Vorstellungen und Glaubensüberzeugungen der Dschāhilīya festhalten. Hier gibt es auch Menschen, die sogar an den Grundprinzipien des Islam zweifeln und diesen Zweifel öffentlich verbreiten. In dieser Gesellschaft gibt es Menschen, die offen Unzufriedenheit und Abscheu gegenüber Religion und Frömmigkeit bekundet haben. Unter ihnen gibt es Menschen, die den von den Ungläubigen übernommenen Ideen und Denkweisen gegenüber den Lehren, die von Allah und dem Gesandten gegeben wurden, den Vorzug geben. Hier gibt es auch Menschen, die dschāhilitische Bräuche und Sitten sowie kufrische Gesetze den von Allah und dem Gesandten gegebenen Vorschriften vorziehen. In dieser Gesellschaft gibt es Menschen, die die islamischen Sitten und Gebräuche beleidigen, um die Feinde Allahs und des Gesandten zufriedenzustellen. Es gibt unter ihnen auch Menschen, die um ihrer geringsten und unbedeutendsten Interessen willen bereit sind, dem islamischen Gemeinwesen schweren Schaden zuzufügen – Menschen, die dem Kufr gegen den Islam Beistand leisten, den Ungläubigen gegen die Interessen des Islam dienen und durch ihr Verhalten beweisen, dass der Islam für sie nicht einmal ein wenig liebenswert ist und dass sie für ihn keinen noch so kleinen Verlust hinzunehmen bereit sind. Kurzum: Abgesehen von einer verschwindend kleinen Gruppe von Muslimen mit festem Glauben und unerschütterlicher Überzeugung besteht der überwiegende Teil dieses Volkes aus solchen Heuchlern und Menschen mit irrigen Glaubensvorstellungen.
So viel zum Glauben. Wenden wir uns nun dem Gehorsam zu. Jeder Beobachter, der in irgendein muslimisches Viertel geht, wird dort ein merkwürdiges Bild vorfinden. Der Adhān wird ausgerufen; doch unter vielen Muslimen gibt es nicht einmal das Bewusstsein, wen der Mu’adhdhin ruft und wozu er ruft. Die Zeit des Gebets kommt und geht wieder; doch abgesehen von einer verschwindend kleinen Gruppe ist kein anderer Muslim bereit, seine Arbeit, seine Geschäfte und seine Vergnügungen um Allahs willen aufzugeben. Jedes Jahr kommt der Monat Ramadan; doch in vielen muslimischen Familien findet sich nicht einmal das Bewusstsein dafür, welch bedeutender Monat dies ist. In dieser Zeit essen und trinken viele Muslime offen, und dafür, dass sie nicht fasten, empfinden sie nicht das geringste Schamgefühl; vielmehr versuchen sie umgekehrt, gerade diejenigen, die fasten, zu beschämen. Selbst unter denen, die das Fasten einhalten, tun dies nur sehr wenige mit vollem Verantwortungs- und Pflichtbewusstsein. Der eine fastet lediglich aus Gewohnheit, der andere, weil er es für gesundheitsfördernd hält, und wieder ein anderer fastet zwar, tut aber zugleich alles, was Allah und der Gesandte verboten haben. Die Einhaltung von Zakāt und Haddsch steht noch niedriger. Das Bewusstsein für den Unterschied zwischen Halāl und Harām sowie zwischen rein und unrein ist unter den Muslimen beinahe verschwunden. Welche von Allah und dem Gesandten verbotene Sache machen die Muslime denn nicht erlaubt? Welche von Allah und dem Gesandten gesetzte Grenze überschreiten die Muslime nicht? Welche von Allah und dem Gesandten errichtete Ordnung verletzen die Muslime nicht? Der Einwohnerzahl nach beläuft sich die Zahl der Muslime auf viele Dutzend Millionen. Doch wie viele unter diesen vielen Millionen – nicht einmal pro Hundert oder pro Tausend, sondern wie viele pro Hunderttausend – sind Allah und dem Gesandten gegenüber treu und halten die islamische Rechtsordnung tatsächlich ein?
Tatsächlich erleiden die Muslime genau das Schicksal, das einer Nation bestimmt ist, in der sich die Krankheit der Heuchelei und der Schwäche des Glaubens ausbreitet, in der jedes Verantwortungs- und Pflichtgefühl fehlt und aus der Gehorsam und Gesetzestreue verschwunden sind. Heute sind die Muslime auf der ganzen Welt unterworfen und besiegt. Selbst dort, wo sie über eine eigene Staatsgewalt verfügen, sind sie nicht von der moralischen, geistigen und materiellen Vorherrschaft anderer frei. Ihre Unbildung, Unwissenheit, Armut und ihr Elend sind sprichwörtlich geworden. Der moralische Verfall hat sie an die äußerste Grenze der Erniedrigung geführt. Einst genossen sie aufgrund ihrer Treue, Vertrauenswürdigkeit, Wahrhaftigkeit, Vertragstreue und anderer solcher Tugenden die höchste Achtung – heute sind diese Eigenschaften von ihnen auf andere übergegangen, und an ihre Stelle sind Treulosigkeit, Lüge, Betrug, Wortbruch und schlechtes Benehmen getreten. Hinsichtlich Gottesfurcht, Frömmigkeit und moralischer Reinheit sind sie beinahe inhaltsleer geworden. Das Bewusstsein ihrer sozialen und nationalen Ehre schwindet von Tag zu Tag aus ihrer Mitte. Unter ihnen gibt es nicht die geringste Spur von Ordnung und Disziplin. Ihre Herzen sind von gegenseitiger Abneigung und Überdruss erfüllt. Ihnen fehlt jede Fähigkeit, für ein gemeinsames Interesse und Ziel vereint zusammenzuarbeiten. In den Augen der anderen Völker sind sie aufs Äußerste erniedrigt und verachtet. Das Vertrauen der anderen Völker in sie ist geschwunden und schwindet weiter. Ihre nationale, soziale und allgemeine Kraft ist schwach geworden. Ihre nationale Zivilisation und Kultur drohen unterzugehen. Sie sind unfähig geworden, ihre eigenen Rechte zu wahren und die Sicherheit ihrer nationalen Würde zu gewährleisten. Zwar hat sich die Bildung unter ihnen ausgebreitet, und auch der Anteil der Absolventen, Postgraduierten und europäisch Ausgebildeten nimmt zu – die Zahl derer, die in modernen Bungalows wohnen, Automobile fahren, Anzüge tragen, große Titel führen und hohe Ämter bekleiden, steigt von Tag zu Tag; doch von den hohen moralischen Tugenden, mit denen sie einst geschmückt waren, sind sie heute völlig beraubt. Von dem Einfluss und Ansehen, das sie einst bei den benachbarten Völkern besaßen, ist heute nicht einmal mehr eine Spur geblieben. Die Ehre, das Ansehen, die Kraft und die Fähigkeit, über die sie früher verfügten, sind heute allesamt verschwunden, und in Zukunft werden sich noch schlimmere Anzeichen zeigen.
In Bezug auf jede Religion, Zivilisation oder Gesellschaftsordnung können die Menschen nur zwei Handlungsweisen vernünftigerweise annehmen. Wenn jemand ihr angehört, muss er voll und ganz an ihre Grundsätze glauben. Er muss ihre Gesetze und Vorschriften vollständig befolgen. Ist er dazu nicht in der Lage, kann er ihr nicht angehören; oder, falls er ihr doch angehört, muss er sie öffentlich verlassen. Zwischen diesen beiden Möglichkeiten kann es keinen vernünftigen dritten Weg geben. Es kann keineswegs eine vernünftige Handlungsweise sein, dass jemand einem Staatswesen angehört, sich als dessen Teil anerkennt und seine Loyalität behauptet, zugleich aber seine Grundsätze ganz oder teilweise missachtet, gegen seine festgelegten Gesetze verstößt und sich von der Befolgung seiner Bräuche und Vorschriften freimacht. Die unvermeidliche Folge einer solchen Handlungsweise ist, dass sich in den Menschen ein heuchlerischer Charakter bildet. Aufrichtigkeit und Selbstlosigkeit weichen aus ihren Herzen. Für ein großes Ziel können in ihren Herzen weder Begeisterung noch fester Entschluss entstehen. Verantwortungsgefühl, Pflichtbewusstsein, Gesetzestreue und Disziplin verlassen sie. Folglich werden sie nicht einmal mehr die Fähigkeit besitzen, als brauchbare Bürger irgendeiner Gesellschaftsordnung zu dienen. Mit einer solchen Schwäche, Unfähigkeit und solchen Fehlern werden sie für jede Gesellschaft, der sie angehören, zu einem gewaltigen Fluch. Für jede Zivilisation, in deren Körper sie eindringen, werden sie sich als die Keime einer tödlichen Krankheit erweisen. Jeder Religion, der sie folgen, werden sie ihre Gestalt völlig verderben. Mit all diesen Eigenschaften wäre es hundertmal besser, nicht Muslim zu sein, sondern sich der Gruppe anzuschließen, deren Grundsätze und Ideale ihrem Herzen entsprechen und deren Handlungsweise sie befolgen möchten. Tatsächlich ist ein Kafir, der von seiner Religion und Zivilisation aus tiefstem Herzen überzeugt ist und ihre Bräuche und Vorschriften befolgt, zumindest besser als ein heuchlerischer Muslim.
Wer westliche Bildung, moderne Zivilisation, wirtschaftlichen Wohlstand und den Gewinn politischer Rechte für das Heilmittel gegen die nationale Krankheit der Muslime hält, irrt zweifellos. Bei Allah, selbst wenn jeder Muslim einen Masterabschluss, einen Doktorgrad oder den Titel eines Barristers erlangte, zu großem Wohlstand gelangte, von Kopf bis Fuß in westliche Kleidung gekleidet wäre und sämtliche hohen Ämter des Staates sowie alle Sitze in den Räten [es ist zu beachten, dass hier die staatlichen Ämter und Ratssitze Britisch-Indiens gemeint sind. – Der Herausgeber]
besetzte – und in ihren Herzen die Krankheit der Heuchelei verborgen bliebe, sie die Pflicht nicht als Pflicht anerkennen und sich an Ungehorsam, Auflehnung und zügelloses Verhalten gewöhnten –, dann würden sie weiterhin wie heute in Erniedrigung, Schande und Schwäche versunken bleiben. Tatsächlich wird nichts – weder ihre Bildung, ihre Lebensweise, ihr Wohlstand noch ihre Staatsgewalt – sie aus dem tiefen Abgrund retten können, in den sie aufgrund ihres Wesens, ihres Charakters und ihrer Moral gefallen sind [hier bedeutet „Abgrund“: Unterwerfung]. Wenn die Muslime Fortschritt und Aufstieg erlangen und als eine mächtige und angesehene Nation dastehen wollen, müssen sie zuallererst die Tugenden des Iman und der Gesetzestreue entwickeln. Ohne dies kann sich weder in ihrem persönlichen Leben Kraft entfalten noch in ihrem nationalen Leben Ordnung und Disziplin zurückkehren. Ebenso kann ihre gesamte Kraft nicht einen solchen gewaltigen Umfang annehmen, dass sie sich im Leben dieser Welt erheben könnten. Denn eine zerstreute Nation, deren moralischer und innerer Zustand äußerst beklagenswert ist, kann niemals im Ringen mit den gefestigten, mächtigen und gut organisierten Nationen der Welt ihr Haupt erheben. Wie groß ein Haufen Stroh auch sein mag, er kann niemals als Festung gelten.
Diejenigen, die unter den Muslimen Unglauben und Ungehorsam verbreiten, sind die schlimmsten Feinde des Islam und der Muslime. Sie gehören zur übelsten Klasse der Heuchler – ihre Existenz ist für die Muslime gefährlicher als die bewaffneter Kafir. Denn sie greifen niemals von außen an; vielmehr legen sie, im Inneren des Hauses sitzend, heimlich und verborgen Dynamit. Sie wollen die Muslime sowohl in den Angelegenheiten des Glaubens als auch in denen der Welt erniedrigen. Über diese Menschen wird im Heiligen Koran gesagt, dass sie, ebenso wie sie selbst zu Kafir geworden sind, auch euch zu Kafir machen wollen: (Arabisch) „Sie wünschen, dass auch ihr ungläubig werdet, wie sie ungläubig geworden sind, und dass ihr ihnen gleich seid.“ (Sure an-Nisa: 89) Der mindeste Weg, sich vor ihrem Unheil zu schützen, besteht darin, dass diejenigen, die von ganzem Herzen Muslime sind und Muslime bleiben wollen, jede Verbindung zu ihnen abbrechen sollten – (Arabisch) „Nehmt sie nicht zu Freunden und Beschützern“ –, andernfalls hat der Koran für sie die äußerste Strafe angeordnet: dass man gegen sie kämpfen muss.
(Arabisch)
(Wenn sie dies nicht anerkennen, dann ergreift sie und tötet sie, wo immer ihr sie findet.)
15
Das eigentliche Wesen des Wortes „Muslim“
[Der Aufsatz wurde erstmals im November 1933 in der Zeitschrift Tarjuman-ul-Qur’an veröffentlicht. – Der Herausgeber]
In unserem alltäglichen Gespräch werden häufig bestimmte Wörter und Wendungen verwendet, die zwar jeder ausspricht, deren Bedeutung jedoch nur sehr wenige verstehen. Durch ihren häufigen Gebrauch hat sich bei den Menschen lediglich eine ungefähre Bedeutung dieser Wörter eingeprägt. Wenn die Sprechenden diese Wörter aussprechen, haben sie eben diese Art von Bedeutung im Sinn. Und wenn die Zuhörenden sie hören, nehmen auch sie diese Art von Bedeutung auf. Doch die umfassende und tiefgründige Bedeutung, um derentwillen diese Wörter geprägt wurden, ist nicht nur den Ungebildeten, sondern sogar vielen sehr gebildeten Menschen unbekannt.
Als Beispiel können die beiden Wörter „Islam“ und „Muslim“ genannt werden. Wie überaus häufig diese beiden Wörter ausgesprochen werden und wie weitreichend sie unsere Sprache beeinflussen! Doch wie viele von denen, die sie aussprechen, tun dies bewusst und mit Verständnis? Und wie viele Zuhörende verstehen ihre eigentliche Bedeutung, jene Bedeutung, um derentwillen sie geprägt wurden? Von den Nichtmuslimen ganz zu schweigen: Mehr als 99 Prozent der Muslime selbst bezeichnen sich als „Muslime“ und sprechen das Wort „Islam“ aus, wenn sie ihre Religionszugehörigkeit zum Ausdruck bringen; doch was bedeutet es, Muslim zu sein, und was ist eigentlich die wahre Bedeutung des Wortes „Islam“? Das wissen sie nicht. Daher soll hier eine gewisse Erklärung dieser beiden Wörter gegeben werden.
Wenn man die Lage der Menschen hinsichtlich ihres religiösen Glaubens und ihres Verhaltens betrachtet, findet man im Allgemeinen drei Gruppen:
1. Die Angehörigen der ersten Gruppe beanspruchen die Freiheit von Meinung und Handeln. In jeder Angelegenheit verlassen sie sich auf ihre eigene Auffassung. Sie halten allein das Urteil ihres eigenen Gewissens und Verstandes für unfehlbar. Sie folgen der Handlungsweise, die sie nach ihrer eigenen Vorstellung für richtig halten. Mit der Befolgung irgendeiner bestimmten Religion haben sie keinerlei Verbindung.
2. Die Angehörigen der zweiten Gruppe bekennen sich äußerlich zwar zu einer Religion, folgen in Wirklichkeit jedoch ihren eigenen Vorstellungen. Für Glaubensgrundsätze und Verhaltensregeln wenden sie sich nicht an die Religion; vielmehr prägen sie sich aufgrund ihrer eigenen geistigen Veranlagung, ihrer Neigungen, Interessen und Bedürfnisse bestimmte Glaubensvorstellungen ein, übernehmen einige selbst erdachte Verfahrensweisen und versuchen anschließend, die Religion diesen entsprechend zu formen – als wären nicht sie der Religion verpflichtet, sondern die Religion ihnen.
3. Die Angehörigen der dritten Gruppe handeln in keiner Angelegenheit nach ihrem eigenen Urteil und Verstand. Sie halten ihr Gewissen und ihren Verstand untätig und ahmen mit verschlossenen Augen lediglich andere nach – seien es ihre Väter und Großväter oder andere Menschen ihrer Zeit –, indem sie Taqlid praktizieren.
Die erste Gruppe opfert sich im Namen der Freiheit auf; doch was deren genaue Grenze ist, weiß sie nicht. Zweifellos sind die Freiheit des Denkens und des Handelns in gewissem Umfang berechtigt. Wenn sie jedoch ihre eigenen Grenzen überschreiten, werden sie zur Ursache des Irrtums. Wer sich in jeder Angelegenheit auf seine eigene Meinung stützt und in jeder Frage allein der Weisung seines Verstandes folgt, ist in Wahrheit dem Irrtum verfallen, dass sein Verstand die gesamte Welt des Wissens erfasst habe, dass keine Wahrheit und keine Schwierigkeit seinem Blick verborgen sei, dass er über die Wege zu jedem Ziel Bescheid wisse, mit der Stichhaltigkeit jeder Lehre vertraut sei und ebenso das Ende jedes Weges kenne wie dessen Anfang. Diese Vorstellung von Wissen und Bewusstsein ist in Wahrheit lediglich eine irrige Vorstellung. Wenn der Mensch seine Vernunft tatsächlich zu seinem Maßstab macht, wird eben diese Vernunft selbst ihm sagen, dass er in Wirklichkeit nicht mit den Eigenschaften ausgestattet ist, mit denen sein blinder Anhänger ihn zu schmücken meint. Wer ihn für den einzigen Führer hält und allein nach seinen Anweisungen gehen will, kann den Händen von Verletzung, Straucheln, Abweichung, Irrtum und Verderben keineswegs entkommen.
In Wahrheit ist diese Art von Freiheit des Denkens und Handelns für Zivilisation und Kultur verhängnisvoll. Der Anspruch der Freiheit besteht darin, dass der Einzelne allein den Glauben beibehält, der ihm nach seiner eigenen Auffassung fehlerlos erscheint, und den Weg einschlägt, den er aus der Sicht seines Verstandes für richtig hält. Demgegenüber verlangen Zivilisation und Kultur, dass die Angehörigen dieser Gesellschaftsordnung in einigen grundlegenden Überzeugungen und Denkrichtungen übereinstimmen und die festgelegten besonderen Regeln und Vorschriften zur Organisation und Führung des gemeinschaftlichen Lebens in ihrem praktischen Leben befolgen. Daher besteht zwischen der Freiheit des Denkens und Handelns und Zivilisation und Kultur ein offenkundiger Widerspruch. Freiheit erzeugt im Einzelnen Hochmut, Maßlosigkeit und Anarchie. Die Zivilisation verlangt von ihm Gehorsam, Folgsamkeit, Unterordnung und Fügsamkeit. Wo vollkommene Freiheit herrscht, gibt es keine Zivilisation und kein gemeinschaftliches Leben. Und wo Zivilisation herrscht, muss der Einzelne einen beträchtlichen Teil seiner Freiheit des Denkens und Handelns opfern.
Die Lage der zweiten Gruppe ist noch schlechter als die der ersten. Die erste Gruppe ist lediglich im Irrtum; die zweite ist darüber hinaus lügnerisch, heuchlerisch, betrügerisch und neidisch auf andere. Wenn ein Mensch innerhalb der angemessenen Grenzen der Auslegung eine Übereinstimmung zwischen seiner Religion, seiner Denkweise und seinen Neigungen herstellen kann, dann kann er trotz der Freiheit des Denkens und Handelns der Religion gehorchen. Wenn die Neigungen eines Menschen der Religion entgegenstehen, er sie dennoch für richtig und seine eigenen Neigungen für irrig hält, kann man seine Behauptung, dass er die Religion, deren Anhänger er zu sein beansprucht, tatsächlich befolgt, zu einem beträchtlichen Teil als wahr ansehen. Wenn er jedoch von der klaren
Lehre und Weisung der Religion völlig abweichende Überzeugungen und Verhaltensweisen hat, seine eigenen Vorstellungen für wahr und die Lehre der Religion für irrig hält und dennoch versucht, die religiöse Lehre nach seinen eigenen Vorstellungen und Bräuchen umzuformen, um sich innerhalb der Grenzen der Religion zu halten, dann werden wir einen solchen Menschen nicht als Dummkopf bezeichnen; denn wo könnte ein Dummkopf eine derart vorsichtige Handlung vollbringen? Wir sind gezwungen, ihn als Ungläubigen zu bezeichnen. Wir müssen außerdem annehmen, dass ihm der aufrichtige Mut fehlt, der Religion offen den Krieg zu erklären; deshalb gibt er sich auf heuchlerische Weise als Anhänger der Religion aus. Wenn die Lehre der Religion seinen verstandesmäßigen Schlussfolgerungen und seinen wirklichen Gedanken und Überzeugungen völlig widerspricht, was hat ihn dann daran gehindert, diese Religion abzulehnen? Und wer hat ihn daran gehindert, die Wege zu beschreiten, auf denen er von ganzem Herzen zu gehen wünscht?
Die dritte Gruppe ist aus verstandesmäßiger Sicht die schlechteste. Der Irrtum der ersten beiden Gruppen besteht darin, dass sie vom Verstand ebenso viel verlangen, wie er zu leisten nicht imstande ist. Der Irrtum dieser Gruppe aber besteht darin, dass sie den Verstand überhaupt nicht anwenden oder ihn, selbst wenn sie es tun, praktisch ebenso wenig anwenden, wie wenn sie es nicht täten! Was könnte für einen intelligenten Menschen beschämender sein als die Tatsache, dass er für den Glauben an seine Religion keinen anderen Beweis besitzt, als dass auch seine Vorfahren diesen Glauben hegten oder dass irgendeine fortschrittliche Nation dieser Religion anhängt? Ebenso beweist ein Mensch, der bestimmte Verfahrensweisen in religiösen oder weltlichen Angelegenheiten allein deshalb befolgt, weil sie seit der Zeit seiner Vorfahren üblich sind, oder bestimmte Verfahrensweisen allein deshalb übernimmt, weil sie bei den einflussreichen Völkern seiner Zeit verbreitet sind, in Wahrheit, dass er in seinem Kopf keinerlei Fähigkeit besitzt, zwischen Wahrheit und Lüge sowie zwischen Richtigem und Falschem zu unterscheiden. Weil er zufällig in eine hinduistische Familie hineingeboren wurde, hält er die hinduistische Religion für richtig. Wäre er in eine muslimische Familie hineingeboren worden, hätte er ebenso den Islam als die Religion der Wahrheit anerkannt. Wäre er das Kind eines Christen, hätte er sich für das Christentum aufgeopfert. Ebenso hielt er durch einen bloßen Zufall die europäischen Sitten und Gebräuche seiner Zeit für den Maßstab der Zivilisation. Wären die Chinesen mächtig gewesen, wären gewiss die chinesischen Sitten und Gebräuche für ihn als Maßstab der Zivilisation anerkannt worden. Und heute beginnt er, die Neger der Welt als Maßstab der Menschlichkeit zu betrachten.
Es ist kein Beweis für die Wahrheit und Richtigkeit einer Sache, dass sie seit unseren Vorfahren auf diese Weise überliefert ist oder dass es heutzutage in der Welt ebenso gehalten wird. In der Welt sind früher viele törichte Dinge geschehen, und auch heute geschehen sie noch. Es ist nicht unsere Aufgabe, all diesen Torheiten blind zu folgen.
Ebenso ist es nicht unsere Aufgabe, mit geschlossenen Augen irgendeinem Verfahren aus alter oder neuer Zeit zu folgen und Schulter an Schulter mit jedem beliebigen Wanderer voranzuschreiten, mag er uns nun in einen Dornenwald oder in eine riesige Grube führen. Denn Allah hat uns Verstand und Einsicht gegeben, damit wir zwischen Gut und Böse in der Welt unterscheiden, das Nachgemachte vom Original prüfen und, bevor wir jemanden als Führer annehmen, genau darauf achten, wohin er führt. Der Islam betrachtet alle drei Gruppen als irregeleitet.
Über die erste Gruppe sagt Er, dass sie ebenso wenig jemanden, der Licht empfangen hat, als ihren Führer anerkennt, wie sie selbst einen Lichtstrahl besitzt, der zum Gehen auf dem Weg geeignet wäre. Ihr Beispiel gleicht dem eines Menschen, der sich im Dunkeln allein aufgrund von Vermutungen tastend vorwärtsbewegt. Vielleicht wird er einmal den geraden Weg gehen, vielleicht aber auch in eine Grube fallen. Denn Vermutung ist keine Gewissheit. In ihr sind sowohl Irrtum als auch Richtigkeit möglich; vielmehr ist die Wahrscheinlichkeit des Irrtums größer:
وما يتبع الذين يدعون من دون الله شركاء ان يتبعون الا الظن وانهم ال يخرصون
Bedeutung: Weißt du, wem diejenigen folgen, die neben Allah andere als Teilhaber an der Göttlichkeit betrachten und sie anrufen? Sie folgen lediglich Vermutungen und Einbildungen und wandeln nur aufgrund bloßer Mutmaßungen auf ihrem Weg. (Sure Yunus: 66)
ان يتبعون الا الظن وان الظن لايغنى من الحق شيئا
Bedeutung: Sie folgen lediglich Vermutungen; doch die Vermutung weist nicht einmal im geringsten den Weg zur Wahrheit. (Sure an-Nadschm: 28)
ان يتبعون الا الظن وما تهوى الانفس ولقد جاءهم من ربهم الهدى ط ام للانسان ما تمنى
Bedeutung: Sie folgen nichts anderem als Vermutungen und den Wünschen ihrer eigenen Neigungen, obwohl von ihrem Herrn bereits die Rechtleitung zu ihnen gekommen ist. Ist etwa für den Menschen nur das wahr, was er sich wünscht? (Sure an-Nadschm: 23–24)
افرءيت من اتخذ الهه هوه واضله الله على علم وختم على سمعه وقلبه وجعل على بصره غشاوة فمن يهديه من بعد الله
Bedeutung: Hast du denjenigen gesehen, der seine eigene Neigung zu seinem Gott gemacht hat? Allah hat ihn trotz seines Wissens in die Irre gehen lassen, sein Gehör und sein Herz versiegelt und über seine Augen eine Decke gelegt. Wer könnte ihn außer Allah noch rechtleiten? (Sure al-Dschathiya: 23)
ومن اضل ممن اتبع هواه بغير هدى من الله ط ان الله لا يهدى القوم الظلمين
Bedeutung: Wer der eigenen Neigung folgt, anstatt der von Allah gegebenen Rechtleitung, wer ist dann mehr irregeleitet als er? Allah wird solche ungerechten Menschen niemals rechtleiten.“ (Sure al-Qasas: 50)
Zur Zeit der Herabsendung des Korans waren die Kinder Israels die Repräsentanten der zweiten Gruppe. Sie behaupteten, Anhänger von Musa (a. s.) und Befolger der Tora zu sein. Doch der größte Teil ihrer Überzeugungen und ihres Verhaltens widersprach der von Musa (a. s.) befolgten Lebensweise und den in der Tora dargelegten Lehren. Darüber hinaus war es bemerkenswert, dass sie sich für ein solches ungerechtes Verhalten nicht im Geringsten schämten. Statt ihre Denk- und Handlungsweise gemäß den Lehren der Tora zu formen, verfälschten sie vielmehr innerhalb der Tora deren Wortlaut und Bedeutung und formten sie nach ihrem eigenen Denken und Handeln. Sie verbargen die wahren Lehren der Tora und verkündeten ihre eigenen Vorstellungen als deren Lehren. Die Diener Allahs, die sie wegen dieser Irreleitungen und irreführenden Verhaltensweisen warnten und sie dazu aufriefen, der göttlichen Botschaft entgegen ihren eigenen Neigungen zu folgen, beschimpften sie, nannten sie Lügner und töteten sie sogar. Daher sagt der Koran über sie:
يحرفون الكلم من مواضعه ونسوا حظا مما ذكروا به ولا تزال تطلع على خائنة منهم الا قليلا منهم
Bedeutung: Sie verdrehen die Worte von ihren eigentlichen Stellen und haben vieles von der Ermahnung vergessen, die ihnen gegeben worden war. Du wirst immer wieder von irgendeinem Verrat ihrerseits erfahren. Nur wenige von ihnen sind diesem Verrat entkommen.“ (Sure al-Maida: 13)
يااهل الكتب لم تلبسون الحق بالباطل وتكتمون الحق وانتم تعلمون
Bedeutung: O Leute der Schrift! Warum vermischt ihr die Wahrheit mit der Lüge, und warum verbergt ihr die Wahrheit wissentlich?“ (Sure Al Imran: 71)
كلما جاءهم رسول بما لاتهوى انفسهم فريقا كذبوا وفريقا يقتلون
Bedeutung: Wenn ein Prophet ihnen eine Botschaft brachte, die ihren Nafs-Neigungen widersprach, bezichtigten sie den einen der Lüge und töteten den anderen.“ (Sure al-Māʾida: 70)
Daraufhin wurde ihnen unmissverständlich gesagt:
(Arabisch)
Bedeutung: Ihr werdet den rechten Weg nicht finden, solange ihr nicht die Tora und das Evangelium befolgt und an das Buch glaubt, das von eurem Herrn zu euch herabgesandt wurde (das heißt an den Koran).“ (Sure al-Māʾida: 68)
Über die dritte Gruppe sagt der Koran:
(Arabisch)
Bedeutung: Wann immer ihnen gesagt wurde: „Befolgt die von Allah gegebenen Gebote“, gaben sie stets zur Antwort: „Wir werden nur dem Weg folgen, auf dem wir unsere Väter und Vorväter gesehen haben.“ Selbst wenn ihre Väter und Vorväter nichts verstanden und nichts wussten und auch nicht den rechten Weg gefunden hatten – würden sie dann trotzdem ihren Vätern und Vorvätern folgen?“ (Sure al-Baqara: 170)
(Arabisch)
Bedeutung: Wenn ihnen gesagt wird: „Kommt zu dem, was Allah herabgesandt hat, und zum Gesandten“, geben sie stets diese Antwort: „Der Weg, auf dem wir unsere Vorväter gehen sahen, genügt uns.“ Aber selbst wenn ihre Vorväter nichts wussten und den rechten Weg nicht gefunden hatten, sollte dieser Weg ihnen dann etwa genügen? (Sure al-Māʾida: 104)
(Arabisch)
Bedeutung: Wenn du der Mehrheit der Menschen auf der Erde folgst, werden sie dich vom Weg Allahs abbringen; sie folgen nur Vermutungen. Ihr Weg beruht vollständig auf Schätzungen und Vermutungen. (Sure al-Anʿām: 116)
Diejenigen, die ihren Verstand nicht gebrauchen und nicht prüfen, was echt und was unecht ist, sondern mit geschlossenen Augen lediglich anderen blindlings nachahmen – der Koran bezeichnet sie als blind, stumm und taub:
(Arabisch)
Bedeutung: Sie sind blind, stumm und taub. Deshalb verstehen sie nichts. (Sure al-Baqara: 171)
Und sie werden mit Tieren verglichen, ja, sogar als schlimmer als diese bezeichnet. Denn Tiere besitzen von vornherein kein Urteilsvermögen; sie aber wenden es trotz seines Vorhandenseins nicht an:
(Arabisch)
Das Gleichnis dieser Menschen ist das des Viehs; nein, sie sind noch schlimmer als dieses und völlig achtlos.“ (Sure al-Aʿrāf: 179)
Nachdem der Koran diese drei extremen Gruppen zurückgewiesen hat, möchte er eine Gemeinschaft aus Menschen bilden, die sich gemeinsam der gemäßigten Mitte anschließen (Arabisch). Diese Gemeinschaft wird stets auf Gerechtigkeit und Rechtschaffenheit gegründet sein“ (Arabisch).
Worin besteht dieser mittlere Weg? Darin, dass man den Schleier zerreißen muss, den alte Bräuche und moderne Bildung über die Sicht der Menschen gelegt haben; man muss die Augen im klaren Licht gesunder Urteilskraft öffnen und gründlich prüfen, was wahr und was falsch ist. Man muss untersuchen: Ist der Atheismus richtig oder die göttliche Lehre? Ist der Tauḥīd richtig oder der Schirk? Ist eine göttliche Ordnung notwendig, damit der Mensch den rechten Weg geht, oder nicht? Waren die Propheten, Friede sei mit ihnen, und Muḥammad, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, wahrhaftig oder – Allah behüte – Lügner? Ist der vom Koran aufgezeigte Lebensweg gerade oder krumm? Wenn die Herzen der Menschen bezeugen, dass der Glaube an Allah eine natürliche Forderung der menschlichen Natur ist und dass in Wahrheit Er Allah ist, der keinen Teilhaber hat; wenn ihr Gewissen anerkennt, dass der Mensch das von Allah geschenkte Licht unbedingt braucht, um den geraden Weg zu gehen, und dass dies jenes Licht ist, das die Propheten, Friede sei mit ihnen, als wahre Wegweiser der Menschheit gebracht haben; wenn die Menschen beim Anblick der reinen Lebensführung Muḥammads, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, zu der Überzeugung gelangen, dass ein Mensch von solch erhabenem Charakter die Welt niemals täuschen könnte und dass sein Anspruch, Allahs Gesandter zu sein, zweifellos wahr ist; wenn ihre Urteilskraft nach dem Studium des Korans zu dem Schluss gelangt, dass alles, was dieses großartige Buch darlegt, der einzige gerade Weg für die Überzeugungen und das Verhalten des Menschen ist – dann ist es unbedingt Pflicht, furchtlos gegenüber der Verurteilung und dem Widerstand der ganzen Welt und frei im Herzen und Geist von jeder Furcht vor Verlusten sowie von jedem Lockruf des Gewinns, an jenes zu glauben, dessen Wahrheit das Gewissen der Menschen bezeugt.
Wenn man ferner mithilfe gesunder Vernunft zwischen Wahrheit und Falschheit unterschieden, die Falschheit verworfen und den Glauben an die Wahrheit angenommen hat, dann ist auch die Aufgabe der Prüfung, Untersuchung und Kritik durch die Vernunft beendet. Nach der Annahme des Glaubens ist die Befugnis, Entscheidungen zu treffen und Anweisungen zu erteilen, aus den Händen der Vernunft in die Hände Allahs, Seines Gesandten und Seines Buches übergegangen. Danach ist es nicht die Aufgabe der Menschen, Entscheidungen zu treffen; vielmehr besteht ihre Aufgabe darin, jede Vorschrift Allahs und Seines Gesandten demütig anzunehmen. Sie dürfen ihre Vernunft dazu verwenden, diese Vorschriften zu verstehen, ihre Feinheiten und ihre Logik zu erschließen und sie auf die Einzelheiten ihres eigenen Lebens anzuwenden. Doch niemand hat das Recht, auch nur die geringste Änderung an einer göttlichen Vorschrift vorzunehmen. Ob die Zweckmäßigkeit und Angemessenheit einer Vorschrift den Menschen verständlich ist oder nicht, ob eine Vorschrift vor dem Maßstab der Vernunft besteht oder nicht, ob Allahs Anweisung und der Befehl des Gesandten mit den Bräuchen, Sitten und Gewohnheiten der Welt übereinstimmen oder ihnen widersprechen – die Aufgabe der Menschen besteht darin, sich ihnen bedingungslos zu unterwerfen. Wenn sie Allah anerkannt, den Gesandten als Allahs Gesandten bezeugt und den Glauben angenommen haben, dass der Gesandte alles, was er darlegt, von Allah erhält und nichts aus eigener Erfindung vorträgt (Arabisch), dann folgt aus diesem Glauben und dieser Überzeugung notwendigerweise, dass die Menschen Allahs Buch und die Sunnah des Gesandten ihrer eigenen Vernunft voranstellen und davon Abstand nehmen, alle von Allah stammenden und von Seinem Gesandten erläuterten Glaubensinhalte und Vorschriften am Maßstab ihrer eigenen Vernunft, ihres Wissens, ihrer Erfahrung oder der Gedanken und Taten anderer Menschen zu prüfen. Wer behauptet, ein Muʾmin zu sein, und zugleich der göttlichen Ordnung nicht gehorcht, widerlegt mit dieser Haltung selbst seinen eigenen Anspruch. Denn er weiß nicht, dass zwischen Glauben und Ungehorsam ein offensichtlicher Widerspruch besteht. Er weiß auch nicht, dass Ordnung und Disziplin (Arabisch) nur durch Befolgung und Gehorsam entstehen. Ungehorsam ist lediglich ein anderer Name für Anarchie. Diese Ausgewogenheit und dieser mittlere Weg heißen Islam. Und diejenigen, die diesem Weg folgen, werden Muslime genannt.
Islam bedeutet Gehorsam, Befolgung von Anweisungen und Annahme. Und wer den Befehl dessen, der befiehlt, sowie das Verbot dessen, der verbietet, ohne Widerspruch annimmt, wird Muslim genannt. Schon dieser Name weist somit auf die Wahrheit hin, dass man diese vierte Gruppe unter Aufgabe der drei genannten Gruppen und ihrer jeweiligen Vorgehensweisen mit einer neuen Weltanschauung begründet hat. Dies geschah, damit sie Allahs und des Gesandten Anweisungen befolgen und sich ihnen unterwerfen. Es ist nicht die Aufgabe dieser Gruppe, in jeder Angelegenheit ausschließlich der eigenen Urteilskraft zu folgen. Ebenso wenig darf sie nur den Teil der göttlichen Ordnung befolgen, der ihren Interessen entspricht, und den Teil zurückweisen, der ihren Interessen widerspricht; auch kann es nicht ihre Aufgabe sein, Allahs Buch und die Sunnah des Gesandten aufzugeben und unterschiedslos allen Menschen zu folgen, ob tot oder lebendig.
Tatsächlich ist die Erklärung des Edlen Korans in dieser Angelegenheit äußerst klar. Der Koran sagt: Wenn Allah und der Gesandte in irgendeiner Angelegenheit eine Anweisung erlassen, bleibt den Muʾminen keinerlei Wahl mehr, sie anzunehmen oder abzulehnen:
(Arabisch)
Das heißt: Ein gläubiger Mann und eine gläubige Frau haben nicht das Recht, in einer Angelegenheit, in der Allah und Sein Gesandter eine Entscheidung getroffen haben, noch eine eigene Entscheidung in dieser Angelegenheit zu treffen. Wer Allahs und Seines Gesandten Befehl nicht gehorcht, ist gewiss in einen offenkundigen Irrtum geraten.“ (Sure al-Aḥzāb: 36)
Er sagt: Die Aufhebung eines Teils des Buches Allahs ist in dieser Welt und im Jenseits äußerst erniedrigend:
(Arabisch)
Das heißt: Glaubt ihr an einen Teil des Buches Allahs und leugnet ihr einen anderen Teil? Die Strafe für jeden unter euch, der so handelt, besteht in nichts anderem, als dass er im diesseitigen Leben zutiefst gedemütigt wird und im Jenseits solchen Menschen die härteste Strafe auferlegt wird. Allah ist nicht achtlos gegenüber dem, was ihr tut. (Sure al-Baqara: 85)
Er sagt: Das Urteil soll nach dem Buch Allahs gefällt werden, ob es den Menschen gefällt oder nicht:
(Arabisch)
Das heißt: So richte zwischen ihnen nach dem, was Allah herabgesandt hat, und folge nicht ihren Neigungen, indem du die Wahrheit zurückweist, die von Allah zu dir gekommen ist. (Sure al-Māʾida: 48)
Er sagt: Wer nicht nach dem Buch Allahs richtet, der ist ein Fāsiq:
(Arabisch)
Bedeutung: Und jede Entscheidung, die dem Buch Allahs widerspricht, ist eine Entscheidung der Jahiliyya.“ (Sure al-Māʾida: 47)
(Arabisch)
Bedeutung: Wollen sie etwa die Entscheidung der Jahiliyya? Doch wer könnte für die Gläubigen eine bessere Entscheidung treffen als Allah?“ (Sure al-Māʾida: 50)
Er sagt: O ihr Gläubigen! Gehorcht Allah, Seinem Gesandten und denjenigen unter euch, die mit der Leitung beauftragt sind. Und wenn ihr wirklich an Allah und den Jüngsten Tag glaubt, dann wendet euch zur Beilegung jeder Angelegenheit, in der unter euch ein Streit entsteht, an Allah und Seinen Gesandten – das ist der beste Weg und auch hinsichtlich des Ausgangs der beste. (O Prophet!) Hast du nicht jene gesehen, die behaupten, an das Buch zu glauben, das dir offenbart wurde, und an die Bücher, die vor dir offenbart wurden, die aber die Widersacher Allahs zu Richtern in ihren eigenen Angelegenheiten machen wollen, obwohl ihnen befohlen worden war, jene zurückzuweisen? Und Satan will sie gewiss in die Irre führen und weit vom geraden Weg abbringen. Wenn ihnen gesagt wird: „Kommt zu dem von Allah gesandten Buch und kommt zum Gesandten“, dann siehst du, wie die Heuchler sich von dir abwenden. … Wir haben keinen Gesandten entsandt, außer mit dem Ziel, dass ihm gemäß Allahs Gesetz gehorcht werde. … Nein, bei deinem Herrn! Sie sind keineswegs gläubig, solange sie dich nicht in ihren gegenseitigen Streitigkeiten zum Richter machen. Und damit nicht genug: Sie dürfen in ihrem Inneren keinerlei Vorbehalt gegen jede Entscheidung hegen, die du triffst, und müssen sich ihr ohne jedes Widerwort vollständig unterwerfen.“ (Sure an-Nisāʾ: Verse 59–65)
Durch diese Erklärung und Analyse ist die Berechtigung der Bezeichnungen „Islam“ und „Muslim“ deutlich geworden. Nun sollten wir alle gründlich darüber nachdenken, inwieweit das Wort „Muslim“ auf uns – die wir uns in die Liste der Volkszählung als Muslime haben eintragen lassen – zutreffen kann und inwieweit es gerechtfertigt ist, unser Verhalten und unsere Handlungsweise als Islam zu bezeichnen.
16
Die wahre Quelle der Stärke der Muslime
[Der Artikel wurde erstmals im Januar 1935 in der Zeitschrift Tarjumān al-Qurʾān veröffentlicht. – Der Herausgeber]
Zu Beginn des zweiten Jahrhunderts der Hidschra. Sajistan und Durrakhz
[Der alte Name des heutigen Afghanistan.]
Der damalige Herrscher, dessen Familienname Rutbīl war, hatte aufgehört, dem Vertreter der Banū Umaiya Tribut zu entrichten. Deshalb wurden fortwährend Feldzüge gegen ihn geführt. Doch er weigerte sich unter keinen Umständen, sich zu unterwerfen. Einmal entsandte Yazīd ibn ʿAbd al-Malik einen Gesandten, um von ihm den Tribut einzutreiben. Da fragte er den muslimischen Gesandten: „Wo sind die Leute geblieben, die früher kamen, um den Tribut einzutreiben? Ihre Bäuche klebten wie die von Hungernden am Rücken, auf ihren Stirnen waren schwarze Flecken, und sie trugen Dattelblätter.“
Man antwortete: „Sie sind inzwischen verstorben.“ Rutbīl sagte: „Auch wenn eure Gesichter und euer Aussehen eindrucksvoller sind als die ihren, waren sie doch zuverlässiger in der Erfüllung ihrer Versprechen und stärker als ihr.“
Die Historiker berichten, dass Rutbīl daraufhin die Zahlung des Tributs verweigerte und nahezu ein halbes Jahrhundert lang vom islamischen Staat unabhängig blieb.
Dies geschah zu einer Zeit, in der eine große Zahl von Tābiʿūn und Tābiʿ at-Tābiʿīn lebte. Es war das Zeitalter der Imame des Idschtihād. Seit dem Tod des edlen Propheten, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, war damals erst ein Jahrhundert vergangen. Die Muslime beherrschten als lebendige und starke Nation die Welt. Sie waren in den Besitz der Herrschaft über Persien, den Irak, Byzanz, Ägypten, Afrika, Spanien und andere Länder gelangt. Hinsichtlich Ausrüstung, Pracht und Reichtum kam ihnen damals keine Nation der Welt gleich. All dies war in vollem Maß vorhanden. Auch der Īmān in ihren Herzen war frisch und lebendig. Die Befolgung der schariatischen Vorschriften war sehr viel ausgeprägter als heute. Es gab die Anordnungen der Führung und ein System zu ihrer Befolgung. In der gesamten Nation herrschte eine gewaltige Disziplin. Dennoch erkannten diejenigen, die ihre Kräfte mit den hungernden, armen und in der Wüste lebenden Menschen aus der Zeit der Gefährten maßen, einen Unterschied wie zwischen Himmel und Erde zwischen den mit all diesen Mitteln ausgestatteten Menschen und jenen, die über keinerlei solche Ausrüstung verfügten. Worin bestand dieser Unterschied? Historiker werden ihn vielleicht lediglich als den Unterschied zwischen ländlicher und alter Zivilisation bezeichnen wollen. Sie werden sagen, dass die früheren Wüstenbewohner mehr Härten ertragen konnten, während die späteren Menschen infolge von Reichtum und kulturellem Wohlstand dem Luxus verfielen. Ich aber sage: In Wirklichkeit bestand dieser Unterschied in der Verschiedenheit von Īmān, Aufrichtigkeit, Charakter und Gehorsam gegenüber Allah und dem Gesandten. Darin lag die eigentliche Stärke der Muslime. Weder die Fülle ihrer Zahl, noch der Überfluss an Ausrüstung, der Reichtum, die Meisterschaft in Wissenschaft und Kunst oder die Mittel von Kultur und Zivilisation waren die Quelle ihrer Stärke. Sie schritten allein im Vertrauen auf Īmān und gute Werke voran. Gerade dies erhob sie in der Welt. Gerade dies verschaffte ihnen einen Ehrenplatz in den Herzen anderer Völker. Solange dieser Schatz an Stärke und Ansehen bei ihnen vorhanden war, blieben sie trotz zahlenmäßiger Unterlegenheit und fehlender Ausrüstung mächtig und geehrt. Als dieser Schatz ihnen jedoch verlorenging, wurden sie trotz ihrer großen Zahl und ihrer reichlichen Ausrüstung allmählich schwach und ohne Ansehen.
Was Rutbīl als Feind gesagt hat, ist lehrreicher als tausend Predigten von Freunden und wohlmeinenden Ratgebern. Tatsächlich hat er genau diese Wahrheit ans Licht gebracht: Die wahre Stärke einer Nation liegt nicht in ihrer gut ausgerüsteten Armee, ihren Waffen, ihren geschickten Soldaten und Befehlshabern oder ihren gewaltigen Mitteln, sondern in ihrem guten Wesen, ihrem festen Charakter, ihrem untadeligen Verhalten und ihrem hohen Denken. Dies ist eine geistige Kraft, die auch ohne materielle Mittel ihre Herrschaft in der Welt ausübt. Sie lässt die auf dem Boden Sitzenden über die auf Thronen Sitzenden siegen. Sie macht sie nicht nur zu Herren des Landes, sondern auch zu Herren über die Herzen der Menschen. Durch diese Kraft können Männer, die Dattelblätter tragen, dürr und knochig sind, unscheinbare Gesichter haben, in Lumpen gehüllt sind und Schwerter tragen, in der Welt einen solchen Ruhm, Einfluss, Heldenmut, Würde und Herrschaft errichten, wie ihn prächtig gekleidete, großgewachsene und kräftig gebaute, strahlend aussehende, hoch angesehene, mit großen Kanonen bewaffnete und äußerst mächtige Menschen ohne diese Kraft niemals errichten können. In Wahrheit kann der Überfluss an sittlicher Kraft den Mangel an materiellen Mitteln ausgleichen; der Überfluss an materiellen Mitteln aber kann den Mangel an sittlicher Kraft niemals ausgleichen. Selbst wenn man ohne diese Kraft allein mit materiellen Mitteln Ansehen erlangt, bleibt es unvollkommen und vergänglich – niemals wird es vollkommen und fest sein. Die Herzen der Menschen werden sich ihm niemals beugen; nur ihre Köpfe werden sich senken. Und auch das nur, während sie bei der ersten Gelegenheit zum Aufstand bereitstehen.
Kein Gebäude gewinnt durch seine Farbenvielfalt, seine kunstvollen Arbeiten, seinen Glanz und seine Schönheit, seine blühenden Höfe und seine äußere Pracht Bestand. Die große Zahl seiner Bewohner, der Überfluss an Ausstattung und die Fülle seiner Mittel können es nicht festigen. Wenn sein Fundament schwach ist, seine Mauern brüchig sind und seine Pfeiler vom Holzwurm zerfressen werden, dann können weder die noch so vielen Bewohner, noch Güter und Möbel im Wert von Millionen, noch eine Ausstattung, die den Blick der Menschen blendet und ihre Herzen bezaubert, es vor dem Einsturz bewahren. Die Menschen sehen nur das Äußere; ihr Blick bleibt an der Oberfläche haften. Doch der Lauf der Ereignisse eines Zeitalters tritt nicht gegen den äußeren Anschein, sondern gegen die innere Wahrheit an. Er misst seine Kräfte mit dem Fundament des Gebäudes. Er prüft die Festigkeit und Reife seiner Mauern. Er untersucht die Anordnung und Verankerung seiner Pfeiler. Sind diese Dinge richtig, fest und stabil, dann wird der Lauf der Ereignisse gezwungen sein, nach dem Zusammenstoß mit einem solchen Gebäude unverrichteter Dinge zurückzuweichen. Selbst wenn jenes Gebäude keinerlei kunstvolle Arbeit oder Schönheit besäße, würde es über den Ereignissen gewiss den Sieg davontragen. Andernfalls wird der Zusammenprall mit den Ereignissen es schließlich in Stücke zerschmettern, und es wird samt all seinen Bewohnern und allem Schmuck und Zierrat untergehen.
So verhält es sich auch mit dem Zustand des nationalen Lebens. Nicht die Häuser, Kleidung, Reittiere, Luxusgüter, schönen Künste, Fabriken und Schulen eines Volkes machen es lebendig, stark und hoch entwickelt; vielmehr erheben und stärken es das grundlegende Ideal seiner Zivilisation, die Verankerung dieses Ideals in seinen Herzen und die Etablierung seiner Herrschaft über sein Verhalten. Diese drei Dinge – nämlich der feste Glaube an die Reinheit des Ideals und seine uneingeschränkte Herrschaft im praktischen Leben – sind für das nationale Leben ebenso bedeutend wie bei einem Gebäude sein solides Fundament, seine festen Mauern und seine stabilen Pfeiler. Ein Volk, in dem diese drei Dinge in vollem Maß vorhanden sind, wird auf der Welt siegreich sein. Seine Botschaft wird sich erheben. In Allahs Welt wird seine Herrschaft gelten. In den Herzen der Menschen wird ihm der Ehrenplatz des Ruhmes gebühren. Ihre Häupter werden sich vor seinem Befehl neigen. Selbst wenn es in einer verfallenen Hütte wohnt, völlig zerschlissene Kleidung trägt, sein Bauch durch Hunger an den Rücken gedrückt ist, es in seinem Land kein einziges College gibt, in seinen Wohnorten keine einzige Fabrik zu sehen ist und es in Wissenschaft und Kunst völlig zurückgeblieben ist – es wird auf der Welt allein Anspruch auf Achtung haben. Die Dinge, die die Menschen für Mittel des Fortschritts halten, sind lediglich der Zierrat eines Gebäudes, nicht seine Mauern oder Säulen. Doch selbst wenn man auf brüchige Mauern Goldblättchen aufträgt, kann man sie dadurch nicht vor dem Einsturz bewahren. Genau dies ist im Heiligen Koran wiederholt dargelegt worden.
Der Koran sagt über die Grundsätze des Islam, dass die Lehre des Islam der unveränderlichen und unerschütterlichen Natur entspricht, auf die Allah den Menschen erschaffen hat (Arabisch). Daher ist der Dīn, der auf diesem Grundsatz errichtet wurde, der „wohlbegründete Dīn“ (Arabisch), das heißt ein Dīn, der alle Angelegenheiten des Diesseits und des Jenseits auf die richtige Grundlage stellt:
(Arabisch)
Das bedeutet: Wende dich ausschließlich diesem Dīn zu. Allahs Schöpfungsnatur, auf die Er die Menschen erschaffen hat, unterliegt keiner Veränderung. Das ist der rechte Dīn. Doch die meisten Menschen wissen es nicht.“ (Sure ar-Rūm: 30)
Dann sagt Er: Steht fest auf diesem wohlbegründeten Dīn, glaubt an ihn und handelt entsprechend. Seine Früchte werden ganz von selbst sichtbar werden. Ihr werdet auf der Welt die Erhabenen sein. Euch wird die Herrschaft über die Erde verliehen werden. Ihr werdet mit der Würde des Kalifats bekleidet werden.
(Arabisch)
Dagegen sind diejenigen, die äußerlich in die Grenzen des Dīn des Islam eingetreten sind, in deren Herzen jedoch weder der Dīn seinen Platz gefunden hat noch der Islam zu ihrer Lebensordnung geworden ist – ihr äußeres Erscheinungsbild mag zweifellos sehr prächtig sein;
(Arabisch)
Auch ihre Rede ist sehr lieblich; (Arabisch)
In Wirklichkeit aber sind sie leblose Holzpuppen.“ (Arabisch)
Sie fürchten die Menschen mehr als Allah.“ (Arabisch)
Ihre Taten sind wie eine Fata Morgana; obwohl sie dem Anschein nach wie Wasser aussieht, ist sie in Wirklichkeit nichts.“ (Arabisch)
Solche Menschen können niemals eine gemeinsame Stärke erlangen. Denn ihre Herzen sind voneinander getrennt. Sie können sich bei keiner Sache mit Hingabe und Aufrichtigkeit gemeinsam beteiligen.“ (Arabisch)
Sie können niemals eine Stärke erlangen wie die Gläubigen und die Rechtschaffenen.“ (Arabisch) Sie können niemals den Sitz der Führung in der Welt erlangen.“ (Arabisch) Für sie gibt es in dieser Welt nichts außer Erniedrigung und Schmach und im Jenseits nichts außer harter Strafe.“ (Arabisch)
Vielleicht werden viele darüber erstaunt sein, dass der Koran allein den Glauben und rechtschaffene Taten als einziges Mittel für den Aufstieg der Muslime, für ihre Erlangung von Stärke und Herrschaft sowie für ihren Sieg über alle anderen Völker verkündet hat. Sie werden sich wundern, dass den Muslimen nirgends befohlen wird, Universitäten zu errichten, Schulen und Hochschulen zu eröffnen, Fabriken zu gründen, Schiffe zu bauen, Unternehmen zu errichten, Banken zu eröffnen, wissenschaftliche Geräte zu erfinden oder die fortgeschrittenen Völker in Kleidung, gesellschaftlichen Umgang und Lebensweise nachzuahmen. Andererseits bezeichnet der Koran die Heuchelei als einzige Ursache von Rückschritt, Niedergang, Erniedrigung und Schande in dieser Welt und im Jenseits; nirgendwo wird das Fehlen jener Dinge, die in der heutigen Welt als Ursachen des Fortschritts gelten, als Ursache des Niedergangs genannt.
Wenn man jedoch den grundlegenden Gedankengang des Korans erfasst, wird dieses Erstaunen ganz natürlich verschwinden. Das Erste, was in dieser Hinsicht zu verstehen ist, besteht darin, dass die Grundlage dessen, was als „Muslim“ bezeichnet wird, nichts anderes als der Islam ist. Sein Wesen als Muslim kann allein durch den Islam bestimmt werden. Wenn er an die von Muhammad (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) überbrachte Botschaft glaubt und den durch ihn offenbarten Geboten und Vorschriften gehorcht, dann erlangt sein Islam seine Vollkommenheit, selbst wenn er außer dem Islam nichts anderes besitzt. Wenn er dagegen mit allen Annehmlichkeiten des weltlichen Lebens ausgestattet ist, aber der Glaube keinen Einfluss auf sein Herz hat und sein praktisches Leben frei vom Gehorsam gegenüber den islamischen Geboten und Vorschriften ist, kann er zwar Absolvent, Arzt, Industrieller, Bankier, General und alles Mögliche sein, aber kein Muslim. Wenn daher die wesentliche Botschaft des Islam nicht zuerst in einem Menschen oder einem Volk fest verwurzelt ist, kann keine ihrer Errungenschaften als Fortschritt eines muslimischen Menschen oder Volkes bezeichnet werden. Wie groß ein solcher Fortschritt unter diesen Umständen auch sein mag, er kann keinesfalls als Fortschritt der Muslime gelten. Offensichtlich kann ein solcher Fortschritt niemals das Ziel des Islam sein.
Wenn ein Volk überhaupt nicht muslimisch ist und die Grundlagen seines Denkens, seines moralischen Charakters und seiner Gesellschaftsordnung auf etwas anderem als dem Islam beruhen, ist das eine andere Sache. Zweifellos kann ein solches Volk auf moralischen, sozialen, politischen, wirtschaftlichen und soziologischen Grundsätzen stehen, die sich vom Islam unterscheiden, und sogar selbst den Gipfel des von ihm angestrebten Fortschritts erreichen. Etwas völlig anderes ist es jedoch, wenn die Grundlagen des Denkens, des moralischen Charakters, der Wirtschaft und der Politik eines Volkes auf dem Islam beruhen, es aber gerade in Bezug auf den Islam sowohl hinsichtlich seiner Überzeugung als auch seines praktischen Verhaltens schwach ist. Ganz gleich, in welchem Übermaß ein solches Volk die Mittel und Voraussetzungen für materiellen Fortschritt anhäufen mag: Als eine gefestigte und starke Nation aufzustehen und auf Erden Ansehen zu erlangen, ist für es völlig unmöglich. Denn die Grundfesten seiner Nationalität, seines moralischen Charakters, seiner Zivilisation und seiner Kultur sind selbst schwach. Die Schwäche seiner Grundmauern ist so schwerwiegend, dass bloße äußerliche Verschönerungen sie niemals beseitigen können.
Das bedeutet nicht, dass die eigentliche Bedeutung von Wissenschaft, Technik, Kunst und anderen Mitteln und Voraussetzungen des materiellen Fortschritts geleugnet wird. Es bedeutet vielmehr, dass diese Dinge für die muslimische Nation erst an zweiter Stelle stehen. Die Festigkeit und Stabilität der Grundlage hat vor all diesen Dingen Vorrang. Sobald die Grundlage stabil ist, kann man alle materiellen Mittel nutzen, die mit ihr vereinbar sind, und man sollte dies auch tun. Wenn jedoch gerade diese Grundlage schwach wird, ihre Wurzeln nicht fest im Herzen verankert sind und ihre Kontrolle im praktischen Leben nachlässt, dann werden der moralische Charakter, die Wesensart und das Handeln der Nation sowohl auf persönlicher als auch auf gesellschaftlicher Ebene entstellt, zerrüttet und ungeordnet; ihre Gesellschaftsordnung wird erschlaffen, ihre Kräfte und Fähigkeiten werden zerstreut und zersplittert, und ihre Bedeutung im internationalen Wettbewerb wird abnehmen. Infolgedessen können andere Nationen sogar die Oberherrschaft über sie erlangen. Unter solchen Umständen können der Überfluss an materiellen Mitteln, die große Zahl von Akademikern und Gelehrten sowie der Glanz äußerer Pracht und Schönheit zu nichts dienen.
Es gibt noch eine weitaus wichtigere Sache. Der Heilige Koran hat mit größter Bestimmtheit verkündet: „Wenn ihr gläubig seid, werdet ihr die Oberhand gewinnen“, „Die Partei Allahs wird siegen“ und: „Diejenigen, die mit Glauben und guten Werken ausgestattet sind, werden gewiss die Statthalterschaft auf Erden erlangen.“ Worauf gründet sich diese Gewissheit? Auf welcher Grundlage wird eine derart weitreichende Behauptung aufgestellt, dass die Muslime, ganz gleich, wie sehr andere Nationen auch über materielle Mittel verfügen mögen, allein durch die Waffen des Glaubens und der guten Werke über sie siegen werden?
Der Koran selbst hat diese schwierige Frage entschieden:
(Arabisch)
Das heißt: O ihr Menschen! Ein Gleichnis wird angeführt, so hört ihm aufmerksam zu. Diejenigen, die ihr statt Allah anruft, sind nicht einmal fähig, eine Fliege zu erschaffen. Selbst wenn sie sich alle dafür vereinten und ihre Kräfte einsetzten, könnten sie es nicht. Und wenn eine Fliege ihnen etwas raubte, wären sie ebenso wenig fähig, es ihr wieder abzunehmen. Schwach ist sowohl der Bittende als auch das, worum gebeten wird. Diese Menschen würdigen Allah nicht in angemessener Weise. Allah aber ist der wahrhaft Mächtige und Würdevolle.“ (Sure al-Haddsch: 73–74)
(Arabisch)
Das heißt: Das Gleichnis derjenigen, die andere Mächte außer Allah zu Schutzherren nehmen, ist das der Spinne: Sie baut zwar ein Haus, doch gewiss ist das Haus der Spinne von allen Häusern das schwächste.“ (Sure al-Ankabut: 41)
Das heißt: Diejenigen, die sich ausschließlich auf materielle Macht verlassen, verlassen sich auf Dinge, die selbst keinerlei Macht besitzen. Die natürliche Folge davon, dass sie sich auf eine solche machtlose Ansammlung von Dingen verlassen, ist, dass auch sie selbst machtlos werden. Die uneinnehmbare Festung, die sie ihrer Meinung nach errichten, ist ebenso brüchig wie ein Spinnennetz. Die wahrhaft Mächtigen und Ehrwürdigen erheben sich im Vertrauen auf Allah; in diesen anderen wird niemals die Kraft entstehen, ihnen entgegenzutreten:
(Arabisch)
Das heißt: Wer den Taghut oder eine Allah widersetzliche Macht verwirft und an Allah glaubt, hat sich an ein unzerreißbares, festes Seil geklammert.“ (Sure al-Baqara: 256)
Der Koran hat ebenfalls mit Nachdruck verkündet, dass, wann immer es zu einer Auseinandersetzung zwischen den Gläubigen und den Ungläubigen kommt, die Gläubigen den Sieg erringen werden.
(Arabisch)
Das heißt: Wenn die Ungläubigen gegen euch kämpfen, werden sie gewiss den Rücken kehren; danach werden sie weder einen Freund noch einen Helfer finden. Das ist Allahs Gesetz, das seit jeher Bestand hat. Und niemals werdet ihr in Allahs Gesetz eine Abweichung finden.“ (Sure al-Fath: 22–23)
(Arabisch)
Das heißt: Wir werden in die Herzen der Ungläubigen Schrecken werfen, weil sie Allah jene Dinge beigesellt haben, denen Er keinerlei Würde verliehen hat.“ (Sure Al-i ʿImran: 151)
Der Grund dafür ist, dass Allahs Macht demjenigen beisteht, der für Allah kämpft; und gegen denjenigen, dem Allah beisteht, kann niemand etwas ausrichten:
(Arabisch)
Das heißt: Allah ist der Beistand der Gläubigen, während die Ungläubigen keinerlei Beistand haben.“ (Sure Muhammad: 11)
(Arabisch)
Das heißt: Als du die Pfeile warfst, warst nicht du es, der sie warf; vielmehr warf Allah sie.“ (Sure al-Anfal: 17)
Das ist die Stärke der Gläubigen und rechtschaffenen Menschen. Andererseits gehört es ebenfalls zu Allahs ewig gültiger Ordnung, dass für denjenigen, der gläubig und von gutem Charakter ist, dessen Verhalten und Handlungen frei sind von der Verunreinigung durch Eigennutz und der sich statt nach den Neigungen des Triebes und den biologischen Begierden gewissenhaft nach den von Allah bestimmten Gesetzen richtet, in den Herzen der Menschen ein Platz der Zuneigung geschaffen wird. Die Herzen der Menschen fühlen sich von Natur aus zu ihm hingezogen. Ihre ehrfurchtsvollen Blicke richten sich auf ihn. In geschäftlichen und sonstigen Angelegenheiten kann man sich vertrauensvoll auf ihn verlassen. Freund und Feind gleichermaßen halten ihn für wahrhaftig und vertrauen auf seine Anständigkeit, seine Gerechtigkeit und seine Treue:
(Arabisch)
Das heißt: Denjenigen, die glauben und gute Werke tun, wird Allah in den Herzen der Menschen Liebe verleihen.“ (Sure Maryam: 96)
(Arabisch)
Das heißt: Allah festigt die Gläubigen durch ein standhaftes Wort im diesseitigen Leben und auch im Jenseits. (Sure Ibrahim: 27)
(Arabisch)
Das heißt: Wer rechtschaffen handelt, sei es Mann oder Frau, und gläubig ist, dem werden Wir gewiss ein gutes Leben gewähren und ihm den Lohn seiner besten Taten vergelten. (Sure an-Nahl: 97)
Doch worauf sind diese Ergebnisse zurückzuführen? Sie sind nicht bloß die Folge davon, dass man mit den Lippen »La ilaha illallah« ausspricht, den Namen eines Muslims trägt, einige bestimmte gesellschaftliche Bräuche übernimmt und ein paar wohlabgezählte Riten und Gewohnheiten befolgt. Damit diese Ergebnisse sichtbar werden, hat der Koran die Bedingungen des Glaubens und der guten Werke auferlegt. Sein Ziel ist, dass seine Herrschaft überall über ihr Denken, ihre Vorstellungen, ihren moralischen Charakter und ihr Handeln errichtet wird. Ihr gesamter Lebenswandel soll nach dem wahren Muster dieses heiligen Wortes geformt werden; in ihrem Denken und Bewusstsein soll keine Vorstellung Raum finden, die diesem Wort widerspricht, und sie sollen sich auf keine Handlung einlassen, die ihm entgegensteht. In der Tat muss sich die Wirkung des Aussprechens von La ilaha illallah auf den Lippen so zeigen, dass sich im Leben der Menschen sogleich mit dem Aussprechen eine gewaltige Revolution vollzieht und die Gesinnung der Gottesfurcht in ihre Adern und feinsten Gefäße eindringt. Vor keiner Macht außer Allah werden sie ihr Haupt beugen. Vor niemandem außer Allah werden sie ihre Hände ausstrecken. In ihren Herzen wird es keine Furcht vor jemand anderem als Allah geben. Ihre Liebe und ihre Feindschaft werden niemand anderem als Allah gelten. Keine andere Ordnung als Allahs Gebote wird in ihrem Leben wirksam sein. Sie werden stets bereit sein, ihre eigenen Neigungen und all ihre Wünsche sowie alles, was sie begehren und was ihnen gefällt, um Allahs Wohlgefallen willen zu opfern. Vor Allahs und Seines Gesandten Anweisung werden sie nichts anderes zu sagen und zu tun haben, als: »Wir haben gehört und gehorchen.« Wenn ein solcher Zustand entstanden ist, wird ihre Kraft nicht nur die Kraft ihres eigenen Lebens und Körpers sein; vielmehr wird sie die Kraft jenes Allmächtigen sein, vor dem jedes Ding in den Himmeln und auf der Erde sich beugt. Sie werden im Glanz jenes großen Lichtes erstrahlen, der der wahre Geliebte und Angebetete der gesamten Welt ist.
Zur Zeit des ehrwürdigen Propheten, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, und der rechtgeleiteten Kalifen hatten die Muslime eben diese Sache in ihrer Gewalt. Die Geschichte bezeugt, welche Folgen daraus hervorgingen. Jeder, der in jener Zeit die Worte »La ilaha illallah« aussprach, wurde in seinem ganzen Wesen verwandelt. Aus rohem Kupfer wurde er plötzlich zu reinem Gold; in ihm entstand eine solche Anziehungskraft, dass die Herzen der Menschen sich ganz von selbst zu ihm hingezogen fühlten. Sobald jemand ihn erblickte, hatte er das Gefühl, eine lebendige Verkörperung von Gottesfurcht und Frömmigkeit vor sich zu sehen. Er mochte ungebildet, arm, hungrig, in zerrissene Kleidung gehüllt und auf einer Matte sitzend sein; dennoch nahm die Ehrfurcht vor ihm in den Herzen der Menschen einen solchen Platz ein, wie er selbst großen, prunkvollen Herrschern nicht zuteilwurde. Die Existenz eines Muslims glich einer Insel: Wo immer er sich aufhielt oder wohin immer er ging, verbreitete sich sein Leuchten ringsum. Mit Hilfe dieser Lampe wurden Millionen von Lampen entzündet. Wer jedoch dieses Licht nicht annahm oder mit ihm in Konflikt treten wollte, den konnte es verbrennen und zu Asche machen.
Solche Muslime, die diese Glaubenskraft und diesen Charakter besaßen, waren sie: Als ihre Zahl kaum etwa dreihundertfünfzig betrug, forderten sie ganz Arabien zum Wettstreit heraus. Und als ihre Zahl auf mehrere Hunderttausend angewachsen war, zogen sie mit dem unerschütterlichen Entschluss aus, die ganze Welt zu unterwerfen; jede Macht, die sich ihnen entgegenstellte, wurde zerschmettert.
Wie oben gesagt wurde, besteht die wahre Stärke der Muslime in eben dieser Kraft des Glaubens und des guten Charakters. Diese Kraft kann nur dadurch erworben werden, dass die Bedeutung der Worte »La ilaha illallah« im Herzen und im Bewusstsein fest verwurzelt ist. Wenn diese Bedeutung jedoch nicht im Inneren fest verankert ist, dieses Wort nur mit den Lippen ausgesprochen wird und sich in der Sichtweise und im praktischen Leben keine Revolution vollzieht – wenn der Zustand des Menschen auch nach dem Aussprechen von La ilaha illallah genauso bleibt wie zuvor, wenn er wie die Ungläubigen an dieses Glaubensbekenntnis außer Allah andere als Allah fürchtet, ihre Zufriedenheit sucht und ihnen in Liebe anhängt, wenn er wie sie ein Sklave seiner Wünsche und Neigungen ist, Allahs Gebote aufgibt und menschlichen Gesetzen oder seinen eigenen Neigungen folgt, wenn sein Denken, seine Wünsche und seine geistige Haltung ebenso von der Verderbtheit des Denkens, der Wünsche und der geistigen Haltung eines Nichtmuslims geprägt sind, und wenn auch seine Rede, sein Handeln und sein Benehmen denen eines Nichtmuslims gleichen – auf welcher Grundlage wird der Muslim dann die Oberhand über den Nichtmuslim gewinnen? Ohne die Kraft des Glaubens und der Gottesfurcht ist der Muslim doch nichts anderes als ein Mensch, genau wie der Nichtmuslim! Dann wird der Wettbewerb zwischen Muslimen und Nichtmuslimen lediglich auf der Grundlage körperlicher Kraft und materieller Mittel ausgetragen, und in diesem Wettbewerb wird der Starke über den Schwachen siegen.
Der Unterschied zwischen diesen beiden Zuständen tritt auch auf den Seiten der Geschichte so deutlich hervor, dass man ihn auf den ersten Blick erkennen kann. An manchen Stellen wird man sehen, dass eine kleine Zahl von Muslimen große Staatsmächte überwältigt und die Herrschaft des Islam von beiden Ufern des Attock [eines Nebenflusses des Indus zwischen Punjab und der Grenzregion] bis zu den Küsten des Atlantiks ausgedehnt hat. Andererseits sehen wir heute, dass Millionen und Abermillionen Muslime auf der Welt leben, während sie den nichtmuslimischen Mächten unterworfen sind. Darüber hinaus herrschen selbst in den Gebieten, in denen seit Jahrhunderten Millionen von Muslimen leben, heute Unglaube und Schirk vor.
17
Religion ist für tapfere Männer, nicht für Feiglinge
[Der Artikel wurde erstmals im Mai 1936 in der Zeitschrift Tarjumān al-Qurʾān veröffentlicht.]
Nach der Lektüre meines Buches „Zins und modernes Bankwesen“ wird wiederholt eine Bemerkung geäußert. Sie lautet, dass das kapitalistische System in der heutigen Zeit unter dem Schutz politischer Kräfte die Finanzwelt um uns herum beherrscht. Das gesamte Wirtschaftsgetriebe wird nach den vom Kapitalismus vorgegebenen Grundsätzen gelenkt. Nur die Kapitalisten sind seine Leiter, und mithilfe dieses Systems schreiten jene Völker auf dem Weg des Fortschritts voran, die bei der Produktion und dem Verbrauch von Reichtum keinerlei religiösen oder moralischen Bindungen unterliegen. Andererseits sind unsere sozialen und gemeinschaftlichen Kräfte heute zersplittert und zerstreut. Ganz zu schweigen davon, die gesamte Wirtschaftsordnung der Welt zu verändern: Wir sind nicht einmal in der Lage, die islamische Wirtschaftsordnung innerhalb unseres eigenen Volkes vollständig zu verwirklichen. Wenn unsere religiösen Bindungen uns unter diesen Umständen davon abhalten, in vollem Umfang an der in unserer Zeit bestehenden Wirtschaftsordnung teilzunehmen, wird es für unser Volk kein anderes Ergebnis geben, als bei der Nutzung der Mittel und Möglichkeiten zu wirtschaftlichem Aufstieg und Wohlstand hinter den anderen Völkern zurückzubleiben. Dadurch werden wir fortwährend ärmer werden, während die benachbarten Völker immer reicher werden. Darüber hinaus wird diese wirtschaftliche Schwäche uns auch in moralischer, politischer und zivilisatorischer Hinsicht kraftlos und ohnmächtig machen. Das ist keine bloße Vermutung; vielmehr sehen wir diesen Zustand seit Jahren auch in der wirklichen Welt. Und die Anzeichen für das Schicksal, dem wir künftig entgegensehen müssen, sind keineswegs so unklar, dass sie niemandem auffallen könnten. Was nützt es uns also, lediglich Gesetze der Scharia zu formulieren? Welchen Nutzen haben wir davon, die wirtschaftlichen Grundsätze des Islam darzulegen? Vielmehr wollen wir wissen, ob es unter diesen Umständen einen Weg gibt, zugleich die wirtschaftliche Notlage zu beheben, in der wir uns befinden, und auf dem Weg zu ständigem Fortschritt voranzuschreiten, während wir die Gesetze des Islam befolgen. Wenn es einen solchen Weg nicht gibt, werden wir unweigerlich mit einer von zwei Möglichkeiten konfrontiert sein: Entweder werden die Muslime vollständig zugrunde gehen, oder auch die Muslime werden sich, wie andere Völker, von den Fesseln jener Gesetze befreien, die nicht in der Lage sind, mit dem Lauf der Zeit Schritt zu halten. Doch hierzu sagen wir: Diese Frage beschränkt sich keineswegs nur auf den Zins; ihr Umfang ist außerordentlich weit und umfassend. Wenn unter allen Bereichen und Seiten des Lebens nur im wirtschaftlichen Bereich ein nichtislamisches Geschäfts- und Wirtschaftssystem eingeführt worden wäre, wäre die Angelegenheit vielleicht vergleichsweise weniger schwerwiegend. Doch die tatsächliche Lage ist anders. Blicken Sie auf die Welt rings um Sie—prüfen Sie gerade Ihre eigene Lage. Welcher Bereich des Lebens ist vom Einfluss und der Vorherrschaft des Nichtislamischen frei geblieben? Herrschen über Glauben, Denkweise und Weltanschauung nicht Materialismus und Atheismus oder zumindest Zweifel und Skepsis vor? Beherrscht die Gottabgewandtheit nicht das Bildungswesen? Hat sich nicht die Vorherrschaft des Europäertums über Kultur und Zivilisation etabliert? Ist die Westorientierung nicht bis in die tiefsten Schichten der Gesellschaft fest verwurzelt? Ist der sittliche Charakter vor ihrer Vorherrschaft sicher? Ist er im Geschäftsverkehr von ihrem Einfluss frei? Ist auch nur einer dieser Bereiche—Gesetze und Staatsordnung, staatliche Politik und Verwaltung, Weltanschauung und Handeln—von ihrem Einfluss frei?
Wenn die Lage so ist, warum wollen Sie die vorliegende Frage auf nur eine ihrer Seiten und auch diese nur in einem begrenzten Rahmen beschränken? Fassen Sie sie weiter und umfassender und erstrecken Sie sie auf das gesamte Leben. Sagen Sie vielmehr, dass der Lebensstrom seinen Lauf geändert hat. Zuerst floss er auf dem Weg des Islam, jetzt fließt er auf einem nichtislamischen Weg. Wir sind nicht in der Lage, seinen Lauf zu ändern. Ja, wir besitzen nicht einmal die Kraft und Fähigkeit, gegen seine Strömung anzuschwimmen. Zugleich birgt auch unser Stillstehen die Schrecken des Todes. Unter diesen Umständen soll man uns einen Weg zeigen, auf dem wir Muslime bleiben und zugleich unser Boot auf der Strömung dieses dahinfließenden Flusses treiben lassen können. Das heißt: Wir werden weiterhin Pilger zur Kaaba sein und zugleich mit der Karawane, die nach Turkestan zieht, in Verbindung bleiben. In unserer Denkweise, Weltanschauung, unserem Lebensziel, Lebensideal und unserer Handlungsweise werden wir Nichtmuslime und zugleich Muslime bleiben. Wenn niemand einen Weg weisen kann, diese Widersprüche miteinander zu vereinen, werden wir infolgedessen entweder an diesem Ufer des Flusses sitzen bleiben oder eines Tages das auf unserem Boot befestigte Etikett des Islam abreißen. Danach wird man auch unser Boot zusammen mit den anderen Booten gleichmäßig auf der Strömung des Flusses dahintreiben sehen.
Wenn unsere aufgeklärten und „fortschrittlichen“ Leute über irgendein Problem sprechen, führen sie als letztes Argument – das für sie als das stärkste Argument gilt – an: Das ist der Zeitgeist, der Wind weht nun einmal in diese Richtung, so ist es eben in der Welt! Wie können wir uns also dagegenstellen? Und wie könnten wir überhaupt überleben, wenn wir uns dagegenstellen? Wird die Frage der Moral aufgeworfen, sagen sie, die moralischen Maßstäbe der Welt hätten sich verändert. Das bedeutet: Wie können die Muslime an jenem alten moralischen Maßstab festhalten? Über den Schleier sagen sie, die Sitte des Schleiers sei aus der Welt verschwunden. Mit anderen Worten: Wie können die Muslime etwas, das aus der Welt verschwunden ist, nicht ebenfalls abschaffen? Wird über Bildung gesprochen, führen sie als letztes Beweisstück an, dass es in der Welt keine Nachfrage nach islamischer Bildung gebe. Damit wollen sie sagen: Wie kann ein muslimisches Kind etwas werden, wonach auf dem Markt keine Nachfrage besteht? Warum sollte es nicht vielmehr eine Ware werden, nach der Nachfrage besteht? Wird Einwand gegen den Zins erhoben, sagen sie, heutzutage könne die Welt ohne Zins nicht funktionieren. Und wie können die Muslime auf etwas verzichten, das für das Funktionieren der Welt unbedingt erforderlich ist? Kurz gesagt: In jedem Bereich des Lebens – Bildung, Moral, Gesellschaft, Zivilisation, Wirtschaft, Recht, Politik und allen anderen – wird für sie der Zeitgeist, die Richtung des Windes und der Lauf der Welt zu einem unwiderlegbaren Beweis, wenn sie die islamischen Grundsätze aufgeben und dem Firangi-Wesen folgen wollen. Dieser Beweis wird als Waffe zur Rechtfertigung der Nachahmung des Westens und somit eines teilweisen Abfalls von der Religion vorgebracht; und man meint, jeder Teil des islamischen Gebäudes, den man mit diesem Beweis angreifen könne, müsse zum Einsturz gebracht werden.
Wir sagen: Warum formulieren Sie nicht aus all diesen Vorschlägen zur Zerstörung einen einzigen vollständigen Vorschlag, statt sie einzeln vorzubringen? Es ist doch eine unnötige Zeitverschwendung, für den Abriss jeder einzelnen Wand, jedes einzelnen Pfeilers und jedes einzelnen Zimmers des Hauses gesonderte Vorschläge zu machen und jedes Thema getrennt zu erörtern. Warum sagen Sie stattdessen nicht einfach, dass das ganze Haus abgerissen werden muss? Denn seine Farbe unterscheidet sich von der Farbe der Zeit, sein Lauf ist dem Lauf des Windes entgegengesetzt, und seine Bauweise stimmt mit der Bauweise der in der Welt üblichen Gebäude nicht überein.
Mit Menschen, die tatsächlich eine solche Denkweise vertreten, zu diskutieren, ist nutzlos. Die einfache und klare Antwort für sie lautet: Warum haben Sie das Risiko auf sich genommen, dieses Haus abzureißen und an seiner Stelle ein anderes zu errichten? Ziehen Sie doch in eines der anderen schönen, ansehnlichen und prächtigen Häuser ein, die Ihnen gefallen. Wenn Sie unbedingt mit der Strömung des Flusses treiben wollen, warum wollen Sie sich dann die Mühe machen, das Etikett dieses Bootes abzureißen? Suchen Sie sich auf einem der Boote, die bereits treiben, einen Platz. Für Menschen, die in ihren Gedanken, ihrer Moral, ihrem Sozialverhalten, ihrer Wirtschaft, ihrer Bildung und überhaupt in irgendeinem Bereich ihres Lebens keine Muslime sind und keine Muslime bleiben wollen, hat es für den Islam überhaupt keinen Nutzen, wenn sie dem Namen nach Muslime bleiben; vielmehr überwiegt der Schaden bei Weitem. Sie sind keine Anbeter Gottes, sondern Anbeter des Windes. Wenn sich in der Welt der Götzendienst ausbreitet, werden sie mit Sicherheit anfangen, Götzen anzubeten. Wenn sich in der Welt die Nacktheit durchsetzt, werden sie gewiss ihre Kleidung ablegen. Wenn man in der Welt beginnt, unreine Dinge zu essen, werden sie zweifellos die Unreinheit Reinheit und die Reinheit Unreinheit nennen. Ihr Geist und ihr Verstand sind Sklaven; deshalb sehnen sie sich nach der Sklaverei. Das Firangi-Wesen ist in ihrem Leben vorherrschend, und gerade deshalb wollen sie in jedem Bereich – vom Verborgenen bis zum Offenkundigen – Firangis werden. Sollte morgen die Vorherrschaft der Abessinier sichtbar werden, werden sie natürlich versuchen, Abessinier zu werden: Sie werden ihre Gesichter mit Ruß beschmieren, ihre Lippen verdicken, ihr Haar nach Art der Abessinier locken und anfangen, jedes aus Abessinien stammende Ding zu verehren. Der Islam braucht solche Sklaven überhaupt nicht. Wenn man aus der Liste der Millionen Menschen die Namen dieser Heuchler und Menschen mit sklavenhafter Gesinnung streicht:
(Arabisch)
Bedeutung: Sie lieben Allah, und Allah liebt sie. Gegenüber den Gläubigen sind sie demütig, gegenüber den Ungläubigen streng. Sie kämpfen auf Allahs Weg und fürchten dabei den Tadel keines Tadelnden.“ (Sure al-Māʾida: 54)
Wenn nur einige wenige Tausend Muslime von solcher Wesensart übrig bleiben, wird der Islam weitaus stärker sein als in der gegenwärtigen Zeit. Der Abgang jener Millionen Menschen wird für ihn dem Ablassen verdorbenen Blutes aus dem Körper eines Kranken gleichkommen.
(Arabisch) „Wir fürchten, dass uns ein Unglück treffen könnte.“ – Das ist keine neue Stimme. Diese Stimme ist schon seit langer Zeit aus dem Mund der Heuchler zu hören. Gerade diese Stimme verrät die verborgene Heuchelei in den Herzen der Menschen. Diejenigen, die diese Stimme erheben, richten ihren Blick stets auf das Lager der Gegner des Islam. Die von Allah festgelegten Grenzen und Verbote betrachten sie ständig als Fesseln an den Füßen und als Schlinge um den Hals. Der Gehorsam gegenüber Allah und dem Gesandten ist ihnen seit jeher verhasst. Im Gehorsam gegenüber Allah haben sie stets einen Schaden an Leib und Besitz gesehen, während sie in Seinem Ungehorsam den ganzen Erfolg dieses irdischen Lebens erblickten. Deshalb wurde Allahs Gesetz niemals wegen ihrer Rücksicht geändert, es kann auch jetzt nicht geändert werden und wird in Zukunft nicht geändert werden. Allahs Gesetz wurde nicht für feige Feiglinge offenbart. Es wurde nicht für Sklaven des eigenen Triebs und Knechte der Welt herabgesandt. Es wurde nicht für Stroh und Spreu offenbart, die von der Gewalt des Windes fortgetragen werden, für Ungeziefer, das auf der Strömung des Wassers treibt, oder für farblose Menschen, die jede Farbe annehmen. Es wurde für kühne Löwen unter den Männern offenbart, die den festen Willen haben, die Richtung des Windes zu ändern, und den Mut besitzen, mit den Wellen des Flusses zu kämpfen und seine Strömung umzulenken. Für jene, die Allahs Farbe mehr lieben als alle Farben der Welt und wünschen, die ganze Welt mit eben dieser Farbe zu färben. Wer Muslim ist, wurde nicht dazu erschaffen, von der Strömung des Flusses fortgerissen zu werden. Der Zweck seiner Erschaffung besteht vielmehr darin, den Fluss des Lebens auf den geraden und ebenen Weg zu lenken, den sein Glaube und seine Überzeugung weisen. Wenn der Fluss seine Strömung von diesem geraden Weg abwendet und jemand bereit ist, sich gerade in dieser veränderten Strömung treiben zu lassen, dann ist sein Anspruch auf den Islam völlig falsch. Ein wahrer Muslim wird vielmehr mit dieser in die falsche Richtung fließenden Strömung kämpfen und mit aller Kraft versuchen, ihren Lauf zu wenden; Erfolg oder Misserfolg kümmert ihn nicht. Jeden möglichen Schaden dieses Kampfes wird er auf sich nehmen. Selbst wenn ihm beim Kampf gegen die Strömung des Flusses der Arm gebrochen wird oder seine Kraft nachlässt und ihn die Schläge der Wellen halbtot ans Ufer schleudern, wird seine Seele dennoch niemals eine Niederlage hinnehmen. In seinem Herzen wird wegen dieses äußerlichen Scheiterns auch nicht für einen Augenblick Reue aufkommen, noch wird er den Erfolg der Ungläubigen und Heuchler, die sich von der Strömung des Flusses treiben lassen, beneiden oder ihnen diesen Erfolg gönnen.
Der Koran liegt vor den Muslimen. Das Vorbild und der Lebensweg der Propheten liegen vor ihnen. Das Leben und die Geschichte der unsterblichen Bannerträger des Islam von den Anfängen bis heute liegen vor ihnen. Lernen sie daraus etwa, dass auch sie dorthin fliegen sollen, wohin der Wind weht? Dass auch sie dorthin treiben sollen, wohin das Wasser strömt? Dass auch sie sich in der Farbe färben sollen, die das Zeitalter annimmt? Wenn dies der Zweck gewesen wäre, wozu hätte dann irgendein Buch herabgesandt und irgendein Prophet entsandt werden müssen? Für ihre Rechtleitung hätten die Wellen des Windes, für ihre Führung der Strom des weltlichen Lebens und zur Lehre des Charakters einer Eidechse die Wandelbarkeit des Zeitalters genügt. Für eine derart schmutzige Lehre hat Allah kein Buch herabgesandt und zu diesem Zweck keinen Propheten entsandt. Die Botschaft, die von dem Erhabenen übermittelt wurde, hat vielmehr zum Ziel, die falschen Wege, auf denen die Welt voranschreitet, zurückzuweisen, einen geraden Weg zu errichten, die entgegengesetzten Wege auszulöschen und sich darum zu bemühen, die Welt von diesen Wegen abzubringen. Eine Gemeinschaft gläubiger Menschen muss gebildet werden, und diese Gemeinschaft darf nicht nur selbst auf dem geraden Weg gehen, sondern muss auch versuchen, die Welt auf ihn zu ziehen.
Die Propheten, Gesandten und ihre Gefolgsleute haben stets zu diesem Zweck Dschihad geführt. Bei diesem Dschihad haben sie nicht nur Leid und Mühsal ertragen, sondern unermessliche Opfer gebracht – bis hin zur Hingabe ihres Lebens. Dennoch hat keiner von ihnen aus Angst vor Gefahren oder aus der Verlockung eigener Interessen jemals den Lauf des Zeitalters zu seinem Maßstab gemacht. Wenn nun ein Mensch oder eine Gruppe auf dem von der himmlischen Rechtleitung gewiesenen Weg Schaden, Schwierigkeiten oder Gefahren sieht und aus Furcht davor einen Weg einschlagen möchte, dessen Wanderer ihm wohlhabend, erfolgreich und fortschrittlich erscheinen, so kann er durchaus freudig den von ihm bevorzugten Weg gehen. Doch welchen Versuch unternimmt dieser törichte und habgierige Mensch, sich selbst und die ganze Welt darüber zu täuschen, dass er, obwohl er das Buch Allahs und den vom Propheten gewiesenen Weg verwirft, dennoch dessen Gefolgsmann sei? Ungehorsam ist an sich schon ein großes Vergehen; welchen Nutzen kann man dadurch gewinnen, dass man ihn noch mit Lüge, Betrug und Heuchelei verbindet?
Die Vorstellung, dass man den Strom des Lebens, sobald er einmal in eine Richtung fließt, nicht mehr wenden könne, ist nicht nur vom Standpunkt der Logik aus falsch; auch Erfahrung und Beobachtung sprechen gegen sie. In der Welt hat es nicht nur einmal, sondern unzählige Male Revolutionen gegeben, und jede Revolution hat den Lauf des Stromes verändert. Das glänzendste Beispiel dafür findet sich in der Geschichte des Islam. In welche Richtung floss dieser Strom des Lebens, als der ehrwürdige Muhammad, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, in die Welt kam? Hatte damals nicht in der ganzen Welt Kufr und Schirk die Vorherrschaft? Waren nicht damals tyrannische und despotische Herrschaftsgewalten etabliert? Hatte die unterdrückerische Ungleichheit der Klassenschranken die Menschheit nicht mit Schande befleckt? Herrschten in der Moral nicht Obszönität, im gesellschaftlichen Leben Selbstvergötzung, in der Wirtschaft unterdrückerischer Feudalismus und Kapitalismus und in den Gesetzen und Rechtsvorschriften nicht Ungerechtigkeit vor? Doch ein einziger Mann trat hervor und forderte die ganze Welt heraus! Er hob alle irrigen Gedanken, Lehren und falschen Wege der damaligen Welt auf, verkündete ihnen gegenüber eine eigene Lehre und wendete durch Dschihad den Lauf der Welt; so veränderte er auch die Farbe des Zeitalters.
Das jüngste Beispiel dafür ist die kommunistische Bewegung. Im neunzehnten Jahrhundert hatte die Vorherrschaft des Kapitalismus ihren äußersten Höhepunkt erreicht. Ein System, das unter dem Schutz solch gewaltiger politischer und militärischer Kräfte auf der Welt errichtet worden war, zu stürzen, schien unmöglich – kein Dummkopf und kein Feigling hätte damals auch nur daran denken können. Doch gerade unter diesen Umständen begann ein Mann namens Karl Marx, den Kommunismus zu propagieren. Die Regierungen verschiedener Länder widersetzten sich ihm. Er wurde aus seinem eigenen Land vertrieben. Er zog von Land zu Land, stieß auf Not, Leid und Entbehrungen. Doch vor seinem Tod hinterließ er eine starke Partei der Kommunisten. Innerhalb von nur vierzig Jahren stürzte diese Partei nicht nur die gefährlichste Macht Russlands, sondern erschütterte auch die Grundfesten des Kapitalismus in der ganzen Welt. Zugleich legte sie ein derart mächtiges wirtschaftliches und zivilisatorisches System vor, dass die Zahl seiner Anhänger in der Welt heute von Tag zu Tag weiter wächst.
Selbst die Gesetze und Vorschriften der Länder, in denen die Herrschaft des Kapitalismus tief verwurzelt ist, werden heute davon beeinflusst. [Es sei angemerkt, dass hier von der Zeit des triumphalen Sieges der kommunistischen Herrschaft in Russland die Rede ist. Der Aufsatz wurde 1936 verfasst.] Doch diese Revolution ist unter dem Einfluss von Stärke zustande gekommen, und Stärke bedeutet, andere zu formen – nicht, selbst geformt zu werden. Mit anderen Worten: Andere in eine andere Richtung zu lenken, nennt man Stärke – nicht, selbst die Richtung zu wechseln. In der Welt haben Feiglinge und Dummköpfe niemals eine Revolution hervorgebracht. Menschen, die keine eigenen Grundsätze und kein Lebensziel haben, die nicht bereit sind, sich für ein großes Anliegen zu opfern, denen der Mut fehlt, Leid, Entbehrungen und Gefahren entgegenzutreten, die vielmehr in dieser Welt ausschließlich Bequemlichkeit, Wohlstand und Vorteile wünschen, deren Wesen darin besteht, sich in jede Form pressen und sich unter jedem Druck beugen zu lassen – solche Menschen haben in der Geschichte keine nennenswerte Leistung vorzuweisen. Denn Geschichte können nur heldenhafte Männer schaffen. Sie haben durch unermüdliches Streben, Opfer und Dschihad den Lauf des Stromes des Lebens verändert. Sie haben die Vorstellungen und Denkweisen der Welt verändert. Sie haben eine Revolution in Verhalten und Handlungsgrundsätzen hervorgerufen. Und statt sich in den Farben des Zeitalters zu färben, haben sie das Zeitalter mit ihren eigenen Farben gefärbt.
Daher gibt es keinerlei Anlass zu sagen: „Die Welt kann nicht von dem Weg, auf dem sie voranschreitet, zurückgebracht werden; es gibt keine andere Möglichkeit, als den Geist des Zeitalters zu verfolgen.“ Statt fälschlich Unfähigkeit zu behaupten, sollte man die Wahrheit über die eigene Schwäche eingestehen. Und wenn man dies eingestanden hat, muss man auch zugeben, dass es für schwache Menschen in dieser Welt weder eine Religion noch Grundsätze, Regeln oder Vorschriften geben kann. Ein solcher Mensch muss sich vor jedem Mächtigen beugen. Aus Furcht vor jedem Starken muss er verstummen. Er kann niemals einem Grundsatz, einer Regel oder einer Vorschrift treu bleiben. Und wenn eine Religion um seinetwillen ihre eigenen Grundsätze fortwährend verändert, dann ist sie in Wahrheit überhaupt keine Religion.
„Die islamischen Gebote und Verbote sind ein Hindernis auf dem Weg zu Wohlstand und Fortschritt“ – auch das ist nichts anderes als eine Täuschung. Die Frage lautet: Welches der islamischen Gebote und Verbote befolgen die Muslime denn? Welche Grenze haben sie nicht überschritten? Welche der Dinge, die sie zugrunde richten, hat der Islam ihnen erlaubt? Sie gehen durch Verschwendung und Vergeudung zugrunde. Ihretwegen fließen alljährlich viele Millionen aus ihren Taschen in die Kassen der Geldverleiher. Vermögen im Wert von vielen Millionen entgleitet ihren Händen. Hat der Islam ihnen das erlaubt? Es ist doch ihr eigener verschwenderischer Charakter, der sie zugrunde richtet. Selbst in dieser äußersten Armut sind die Kinos und Vergnügungsstätten durch ihre Leute stets gefüllt. Jeder Einzelne von ihnen gibt für Kleidung, äußeres Erscheinungsbild und Körperpflege mehr aus, als seine Mittel erlauben. Für sinnlose Bräuche, prahlerische Aktivitäten und törichte Vergnügungen werden jeden Monat Millionen aus ihren Taschen ausgegeben. Welche dieser Tätigkeiten hat der Islam ihnen als halal erlaubt? Am meisten richten sie die Nachlässigkeit bei der Entrichtung der Zakāt und ihre rücksichtslose Haltung gegenüber gegenseitiger Hilfe zugrunde. Hat der Islam ihnen diese Dinge nicht zur Pflicht gemacht? Die wahre Sachlage ist daher, dass ihre wirtschaftliche Not nicht das Ergebnis der Befolgung islamischer Gebote und Verbote ist; vielmehr ist sie die Folge davon, sich von ihnen befreit zu haben. Es bleibt nur das Zinsverbot; doch wo wird dieses überhaupt eingehalten? Mindestens 95 Prozent der Muslime nehmen ohne wirkliche Notwendigkeit Darlehen auf Zinsbasis auf. Und das soll die Befolgung der Gebote und Verbote des islamischen Rechts sein? Ein großer Teil der wohlhabenden Muslime nimmt in irgendeiner Form Zinsen ein. Was macht es schon aus, wenn sie nicht gerade ein Geldverleihgeschäft betreiben! Die Zinsen aus Banken, Versicherungen, Staatsanleihen, Pensionsfonds und dergleichen nehmen doch die meisten wohlhabenden Muslime ein! Wo bleibt also die Geltung jener Zinsvorschriften, die sie für ihre finanzielle Notlage verantwortlich machen?
Noch erstaunlicher und geradezu belustigend ist, dass man argumentiert, die Ehre und nationale Stärke der Muslime seien vom Reichtum abhängig und der Reichtum wiederum von der Zulässigkeit der Zinsen! Es scheint, dass jene Argumentierenden nicht einmal wissen, worauf Ehre und Stärke eigentlich beruhen. Tatsächlich hat bloßer Reichtum noch niemals ein Volk angesehen und stark gemacht. Selbst wenn jeder einzelne Muslim zum Millionär oder Milliardär würde, würden sie – glauben Sie mir – von niemandem auf der Welt geachtet, wenn ihnen charakterliche Stärke fehlte. Wenn hingegen in ihrem Inneren ein wahrhaft islamischer Charakter vorhanden ist, wenn sie wahrhaftig und vertrauenswürdig, frei von Verlockungen und Einschüchterung, in Fragen der Grundsätze standhaft und in ihren Geschäften redlich sind, wenn sie die Wahrheit als Wahrheit und die Pflicht als Pflicht erkennen, stets auf den Unterschied zwischen Haram und Halal achten und ihre ihnen innewohnende moralische Kraft weder die Furcht vor Verlust noch die Verlockung des Gewinns dazu bringen kann, vom Recht und der Gerechtigkeit abzuweichen oder ihren Glauben um irgendeinen Preis zu verkaufen – dann wird ihr guter Ruf in der Welt fest begründet sein. In den Herzen der Menschen wird ihnen ein Ehrenplatz zuteilwerden. Ihr Wort wird wichtiger sein als das gesamte Vermögen eines Millionärs. Selbst wenn sie in armseligen Hütten leben und geflickte Kleidung tragen, wird man ihnen mit größerer Achtung begegnen als denen, die auf Bergen von Reichtum sitzen. Als Volk werden sie eine solche Stärke erlangen, dass sie niemals besiegt werden können. Wie arm waren die Muslime zur Zeit der Sahāba! Sie lebten unter Decken, in Zelten und armseligen Hütten. Mit dem Glanz der städtischen Zivilisation waren sie völlig unvertraut. Ihre Kleidung, ihre Nahrung und ihre Waffen waren alles andere als angemessen – auch prächtige Reittiere besaßen sie nicht. Doch den Ruf und die Berühmtheit, die sie genossen, konnten weder die Muslime der umayyadischen und abbasidischen Zeit noch die Muslime irgendeiner späteren Epoche erlangen. Sie besaßen keinen Reichtum, aber sie besaßen charakterliche Stärke – eben diese Stärke festigte das Fundament ihrer Ehre und Überlegenheit. Die Menschen späterer Zeiten sammelten Reichtum und erlangten staatliche Macht und errichteten prächtige Städte und Zivilisationen; doch nichts davon konnte einen Ersatz für ihre charakterliche Schwäche bieten.
Die Muslime haben zwar die Lehren der islamischen Geschichte vergessen; doch sie können die Geschichte jedes beliebigen Volkes der Welt betrachten. Sie werden kein einziges Beispiel dafür finden, dass ein Volk allein durch Opportunismus, Bequemlichkeit und die Vergötzung eigener Interessen Stärke und Achtung erlangt hätte. Sie werden kein angesehenes und hochstehendes Volk finden, das keinen Grundsätzen und keiner Disziplin folgt, das nicht fähig ist, für ein großes Ziel Mühsal, Arbeit, Anstrengung und Härte zu ertragen, und das nicht bereit ist, um seiner Grundsätze und Ziele willen die Forderungen seiner Triebe und sogar sein eigenes Selbst zu opfern. Überall werden sie irgendeine Form dieser Disziplin, Grundsatztreue und des Verzichts auf Bequemlichkeit und Eigeninteressen zugunsten großer Ziele erkennen. Im Islam hat dies eine bestimmte Form. Auch wenn sie ihn verlassen und einer anderen Gesellschaft angehören, werden sie in anderer Gestalt doch irgendeiner Ordnung und irgendeinem Regelwerk folgen müssen. Sie werden die Fesseln irgendeiner Disziplin anerkennen müssen. Sie werden unweigerlich an die Ketten bestimmter Grundsätze gebunden sein, und um irgendeines Grundsatzes oder Zieles willen wird von ihnen ein Opfer verlangt werden. Wenn in ihnen kein Verlangen danach vorhanden ist, wenn sie nur nach Sanftheit und Süße dürsten und nicht die Kraft besitzen, irgendeine Härte oder Bitterkeit zu ertragen, dann können sie die Bindungen der islamischen Vorschriften verlassen und hingehen, wohin sie wollen – nirgendwo werden sie einen Ehrenplatz erhalten. Nirgendwo werden sie Stärke erlangen können. Diese allgemeine Regel bringt der Islam in nur vier Worten zum Ausdruck. Und die gesamte Geschichte der Welt hat die Wahrheit dieser vier Worte bezeugt: (Arabisch) (Gewiss, mit der Härte ist die Erleichterung). Diese Erleichterung ist stets mit Härte verbunden. Wer nicht die Kraft besitzt, Härte zu ertragen, kann niemals mit der Eigenschaft der Erleichterung geschmückt sein.
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Die Krankheit und ihre Heilung
[Der Artikel wurde erstmals im Dezember 1937 in der Zeitschrift Tarjumān al-Qurʾān veröffentlicht. – Der Herausgeber]
Der Islam ist nicht bloß ein Glaube und auch nicht lediglich eine Sammlung einiger „religiöser“ Zeremonien und Bräuche, sondern ein umfassender Plan (Scheme) für das gesamte Leben des Menschen. In ihm sind religiöser Glaube, Gottesdienst und die Regeln des praktischen Lebens nicht voneinander getrennt, sondern bilden zusammen ein einheitliches und unteilbares Ganzes, dessen Teile genau in derselben wechselseitigen Beziehung zueinander stehen wie die Organe eines lebenden Körpers.
Schneiden Sie einem lebenden Menschen Arme und Beine ab. Trennen Sie seine Augen, Ohren und Zunge vom Körper. Nehmen Sie Magen und Leber heraus. Trennen Sie Lunge und Harnblase ab. Entfernen Sie auch einige größere oder kleinere Teile seines Gehirns und lassen Sie in seiner Brust nur das Herz zurück. Wird dieses Wesen in der Lage sein, die übrigen Teile des Körpers am Leben zu erhalten? Und selbst wenn es sie am Leben hielte, wäre es dann noch zu irgendeiner nützlichen Tätigkeit fähig?
Auch der Zustand des Islam ist genau so. Die Überzeugung oder der Glaube ist sein Herz. Die aus dieser Überzeugung hervorgehenden Einstellungen, Lebensauffassung, Lebensziele und Wertvorstellungen sind sein Gehirn. Die Gottesdienste sind seine Glieder. Auf ihnen beruht er und erfüllt seine Pflichten. Die Grundsätze, die der Islam in Bezug auf Wirtschaft, gesellschaftliches Leben, Staatsführung und die allgemeine Ordnung aufgestellt hat, entsprechen seinem Magen, seiner Leber und seinen anderen wichtigen Organen. Er braucht gesunde und klare Augen sowie ein ungetrübtes Gehör, damit diese dem Gehirn über die Geschehnisse der Zeit richtige Informationen zuführen können und das Gehirn darüber zutreffende Entscheidungen treffen kann. Er braucht eine Sprache, die er beherrscht, damit er seine Persönlichkeit angemessen zum Ausdruck bringen kann. Zum Atmen braucht er eine saubere, reine Atmosphäre. Er braucht reine und erlaubte Nahrung, die seinem Magen entspricht und gutes Blut hervorzubringen vermag.
In diesem gesamten System ist das Herz, also die Überzeugung, zwar wichtig, doch besteht seine Bedeutung gerade darin, dass es allen Gliedern Lebenskraft verleiht. Wenn die meisten Glieder abgeschnitten, vom Körper getrennt oder zerstört werden, wie kann das Herz allein mit den wenigen verbliebenen gelähmten und kranken Gliedern weiterleben? Und welchen Wert kann dieses Leben selbst dann noch haben, wenn es weiterlebt?
Betrachten Sie nun einmal, welchen Zustand des Islam man in diesem Indien (Bengalen, Pakistan, Indien) wahrnimmt. [Man muss bedenken, dass der Aufsatz 1937 mit Blick auf die Zeit der Unterwerfung verfasst wurde; seine Aussage ist jedoch auch unter den gegenwärtigen Bedingungen der Unabhängigkeit uneingeschränkt zutreffend. – Der Herausgeber] Hier sind die islamischen Gesetze und Vorschriften nahezu vollständig außer Kraft. In Fragen der Moral, des gesellschaftlichen Lebens, der Wirtschaft und allen anderen Bereichen des Lebens sind die islamischen Grundsätze zu nicht mehr als fünf Prozent wirksam. Nichtislamische Bildung, Ausbildung und Umgebung haben Herz und Verstand der Menschen teils vollständig, teils mehr oder weniger zu nichtmuslimischen gemacht. Ihre Augen können sehen, doch ihr Blickwinkel hat sich verändert. Ihre Ohren können hören, doch der Vorhang hat sich verändert. Worte kommen aus ihrem Mund, doch ihre Ausdrucksweise ist eine andere geworden. Weil überall eine giftige Atmosphäre herrscht, kann ihre Lunge keine reine Luft aufnehmen. Da der gesamte Nahrungsvorrat vergiftet ist, erhält ihr Magen keine reine und erlaubte Nahrung. Von den Gliedern des islamischen Körpers, den Gottesdiensten, sind sechzig Prozent gelähmt. Selbst die übrigen vierzig Prozent, die gesund geblieben sind, zeigen keinerlei Wirkung, weil sie keine Verbindung zu den anderen Organen haben. Deshalb breitet sich die Krankheit der Lähmung unter ihnen immer weiter aus. Kann man das, was vor uns steht, unter diesen Umständen einen vollständigen Islam nennen? Einige seiner Organe sind abgeschnitten, andere verworfen worden; wieder andere sind zwar noch vorhanden, aber krank und unfähig, ihre Aufgabe richtig zu erfüllen. Zusammen mit ihnen ist nur noch ein Herz übrig, und auch dieses wird krank. Denn ebenso wie es jenen Organen Lebenskraft verlieh, bezog es selbst Kraft aus ihnen. Wenn daher die Tätigkeit des Gehirns, der Lunge, des Magens, der Leber und der übrigen Organe zerstört ist, wie kann das Herz allein gesund und kräftig bleiben? Dennoch ist in diesem Herzen eine gewaltige Kraft verborgen, so dass es nicht nur selbst weiterlebt, sondern auch die übrigen Organe irgendwie in Gang hält. Hat es jedoch die Kraft, im Leben der Landesbewohner einen eigenen Einfluss zu begründen? Vielmehr – Allah bewahre davor –, ich möchte sogar diese Frage stellen: Kann es in diesem Zustand angesichts der Flut der Not, die Tag für Tag mit immer größerer Heftigkeit heranströmt, die übrigen Organe vor noch weiterer Zerstückelung und sich selbst vor dem Tod bewahren? Tatsächlich breitet sich gerade deshalb heute in der muslimischen Gesellschaft die Krankheit des Aufbegehrens gegen den Islam und der Abwendung von ihm rasch aus – das genaue Gegenteil davon, dass sie scharenweise in Allahs Religion eintreten. In ganz Indien und seiner Umgebung ist nirgends die islamische Lebensweise mit ihrem vollständigen Gefüge in Wirksamkeit zu sehen. Deshalb können die Menschen weder ihre Schönheit und Vollkommenheit erkennen noch durch die Blüte den Baum kennenlernen. Sie sehen nur diesen verstümmelten Islam und denken: Das also ist der ganze Islam. Angesichts dessen erklärt mancher offen: „Wir sind keine Muslime.“ Viele leugnen zwar nicht, Muslime zu sein, doch nach dem, was sie sagen, ist zwischen ihnen und den Leugnern des Islam kein Unterschied zu finden. Manche haben sich innerlich bereits abgewandt, gehören aber, da ein offener Aufstand noch nicht ausgebrochen ist, weiterhin heuchlerisch zur Gemeinschaft der Muslime. Wenn jedoch umfassende Unruhen beginnen, streuen sie heimlich die Saat des Aufstands aus, damit sie selbst mit einem Banner in der Hand auftreten können. Doch auch wenn die Menschen es nicht offen aussprechen, sagen sie leise: „Macht euch bereit, in einem neuen Nationalismus und einer noch neueren Zivilisation aufzugehen. Denn der Leichnam, bei dem ihr sitzt, kann euch selbst keinerlei Nutzen bringen; vielmehr hindert er euch daran, den möglichen Nutzen daraus zu erlangen, in anderen aufzugehen.“ Nach Ansicht mancher besteht die einzige Lösung dieses Problems darin, den Islam in Stücke zu zerschlagen. Sie sagen, man solle nur in den religiösen Handlungen Muslim bleiben. In allen übrigen Bereichen des Lebens sollten wir die Lehren der Nichtmuslime und die von ihnen befolgten Programme übernehmen. Ob diese Leute selbst einer Täuschung unterliegen oder andere täuschen wollen, weiß ich nicht. Doch sie haben die Tatsache vergessen oder wollen sie in Vergessenheit geraten lassen, dass die religiöse Überzeugung und die religiösen Handlungen zwangsläufig völlig geschwächt werden, wenn man in allen Lebensbereichen nichtislamische Weltanschauungen übernimmt und sich an nichtislamische Regeln und Grundsätze gewöhnt. Denn Überzeugung und Gottesdienste sind das eigentliche Fundament; auf ihnen ist das gesamte Gebäude des Lebens errichtet worden. Wenn dieses Gebäude auf einem anderen Fundament errichtet wird, wie lange wird dann die sinnlose und unnötige Anziehungskraft dieser alten Überreste erhalten bleiben? Ein Kind, das in einer neuen Lebensweise aufgezogen wird und das Erwachsenenalter erreicht, wird unweigerlich fragen: Warum hat man mir die Ketten einiger grundloser Glaubensvorstellungen und einiger Bräuche um den Hals gelegt? Warum soll ich den Koran lesen und an ihn glauben, dessen sämtliche Vorschriften heute unwirksam geworden sind? Warum soll ich den Mann, der vor dreizehneinhalb Jahrhunderten dahingegangen ist, als Allahs Gesandten anerkennen? Wenn er mir in meinem Leben keinerlei Führung geben kann, welchen Nutzen hat dann die bloß mündliche Anerkennung seines Prophetentums, und welchen Schaden die Ablehnung? Welchen Unterschied macht es in der Lebensweise, die ich praktiziere, ob ich bete oder nicht bete, faste oder nicht faste? Welche Beziehung besteht zwischen dieser Lebensweise und diesen Handlungen? Warum soll man sie in meinem Leben auf so unpassende Weise miteinander verbinden? Das ist die ganz natürliche Folge der Trennung von Religion und Welt. Wenn diese Trennung in den Grundsätzen und in der Praxis vollständig vollzogen ist, müssen solche Folgen zutage treten. Wie das Herz nach seiner Trennung vom Körper völlig nutzlos wird, so verlieren Überzeugung und Gottesdienste jede Bedeutung, sobald sie vom wirklichen Leben losgelöst sind. Die Überzeugung und die Gottesdienste verleihen dem islamischen Leben Lebenskraft, und wiederum versorgt das islamische Leben die Überzeugung und die Gottesdienste mit Kraft. Wie ich oben gesagt habe, besteht zwischen diesen beiden Dingen tatsächlich eine Beziehung wie zwischen den Gliedern eines lebendigen Körpers. Wird diese Beziehung zerrissen, ist der Tod beider unvermeidlich. Überdies wäre es ebenso grotesk, die islamische Überzeugung und die islamischen Gottesdienste mit einer nichtislamischen Lebensweise zu verbinden, wie einem Gorillakörper das menschliche Gehirn oder menschliche Arme und Beine anzusetzen.
Niemand soll glauben, dass nur eine kleine Gruppe der modern Gebildeten von der gegenwärtigen Notlage des Islam betroffen ist – keineswegs. Alle, die heute aufrichtig Muslime sind und in deren Herzen Liebe und Achtung für diese Religion vorhanden sind, werden, ob alt oder jung, mehr oder weniger von diesem Zustand beeinflusst. Der Zusammenbruch der islamischen Lebensweise ist eine allgemeine Katastrophe – kein Muslim ist vor ihren natürlichen Folgen sicher, und es ist auch nicht möglich, sicher zu bleiben. Jeder von uns hat entsprechend seinen eigenen Fähigkeiten Anteil daran. Auch unsere Gelehrten und Pīr-Sahibs sind daran ebenso beteiligt wie die an Schulen und Hochschulen ausgebildeten Menschen.
Am stärksten jedoch von dieser Katastrophe betroffen sind die zig Millionen Menschen, die in diesem ausgedehnten Gebiet von 1,6 Millionen Quadratmeilen leben. Für sie ist nur der Name des Islam übrig geblieben, und sie hegen ihm gegenüber sogar eine außerordentliche Liebe. Doch von der Sache, für die sie sich auf diese Weise aufopfern, haben sie in geistiger Hinsicht kaum irgendeine Kenntnis. Auch gibt es in der Praxis keine Lebensweise, die geeignet wäre, sie vor nichtislamischen Einflüssen zu schützen. Jede irreführende Kraft kann diese Unwissenheit ausnutzen, um ihren Īmān, ihre ʿAqīda und ihr praktisches Leben vom Sirāt al-Mustaqīm des Islam abzubringen. Es genügt, ihnen einzureden, die ihnen dargebotene Irreführung und Verirrung sei der wahre gerade Weg oder zumindest nichts, was dem Islam widerspreche. Danach kann man sie nach Belieben auf jeden beliebigen Weg des Qādiyānismus, Kommunismus, Faschismus und dergleichen stoßen. Denn in der gegenwärtigen chaotischen und verwirrenden Lage unternimmt niemand den Versuch, die aus ihrer zunehmenden Armut und ihrem schrecklichen Elend hervorgegangenen Probleme im Licht islamischer Grundsätze zu lösen.
Unter den Muslimen gibt es keine organisierte Gruppe, die dem heutigen Kommunismus mit dem wirtschaftlichen und zivilisatorischen Ideal des Islam entgegentreten, voranschreiten und Lösungen für die für das einfache Volk äußerst wichtigen Probleme anbieten könnte. Dadurch ist diese Bevölkerung von zig Millionen armen und hungrigen Muslimen für kommunistische Propagandisten zu einer leicht erreichbaren Beute geworden. Diejenigen unter der Bourgeoisie, die besonders wagemutig und machtgierig sind, suchen ständig nach neuen Ränken und Kniffen, um die Staatsmacht zu erlangen. Nach der Russischen Revolution entdeckten Angehörige dieser Klasse eine neue Taktik. Sie besteht darin, sich als Freunde der Bauern und Arbeiter auszugeben und die arme Allgemeinheit in ihre Hand zu bekommen; in ihnen das Feuer der Selbstsucht, der Gier und der Rachsucht zu entzünden; ihnen mehr Reichtum zu versprechen, als ihnen rechtmäßig zusteht; und ihnen zu versprechen, sogar den rechtmäßigen Besitz der wohlhabenden Gemeinschaft zu entreißen und unter ihnen zu verteilen. Auf diese Weise wollen sie, nachdem sie die Mehrheit der Bevölkerung in ihre Hand gebracht haben, die Staatsmacht den Kaisern, Direktoren und Multimillionären des kapitalistischen Systems entreißen. Sie sind hinsichtlich der muslimischen Bevölkerung hoffnungsvoller als hinsichtlich der nichtmuslimischen, denn wirtschaftlich leiden gerade die Muslime am schwersten! Um ihre Herzen zu gewinnen, bahnen sie sich den Weg über den Magen. Denn im ganzen Körper eines hungrigen Menschen ist dies der empfindlichste Teil! Sie sagen zu ihnen: »Kommt, wir zeigen euch den Weg, die Kluft zwischen Reich und Arm zu beseitigen und wirtschaftlichen Wohlstand zu schaffen.« Beim Hören dieser Worte läuft der arme hungrige Muslim in der Hoffnung auf zwei Stücke Brot und eine Handvoll Reis hinter ihnen her. Dann raten sie ihm, anstelle der Anbetung Gottes die Religion der Anbetung des Bauches anzunehmen. Das heißt, sie versuchen, die Vorstellung zu erzeugen, dass Dīn und Īmān zu nichts taugen; das Entscheidende sei die Nahrung für den Bauch. Der Weg, auf dem sie sich beschaffen lässt, sei seine Religion, und in ihr lägen seine Erlösung und sein Wohlergehen:
»Die Besitzlosen, Armen und Sklaven haben weder eine Religion noch eine Zivilisation. Ihre größte Religion ist ein Stück Brot. Ihre größte Zivilisation ist ein Satz alter Kleidung. Ihr größter Īmān ist die Befreiung von Armut und Erniedrigung. Denn um dieses Brot und diese Kleidung zu erlangen, ist er gezwungen zu stehlen. In der heutigen Welt der Armut und Sklaverei hat er keine andere Religion.«
Dies ist die erste Lektion der kommunistischen Religion (Communism). Während diese Lektion erteilt wird, wird dem armen unwissenden Muslim zudem die trügerische Beruhigung gegeben: Wir greifen in eure Religion nicht ein. Seid unbesorgt:
Warum sollte man in Bezug auf diese Dinge Religion und religiöse Überzeugung fürchten? Was haben sie überhaupt mit ihnen zu tun? Die Religion ist durch ihre eigene moralische und geistige Kraft stets lebendig und strahlend geblieben. [Diese beiden Abschnitte sind einem Artikel eines muslimischen Schriftstellers entnommen. Der Artikel war in einer weit verbreiteten muslimischen Zeitschrift veröffentlicht worden.]
Jeder, der informiert ist, weiß, welchen Einfluss der Kommunismus in zwanzig Jahren auf die muslimische Jugend Russlands ausgeübt hat. Auch der muslimischen Bevölkerung des Subkontinents nähert sich eine solch verhängnisvolle Zukunft mit gewaltiger Bedrohung. Das Feuer des Hungers hat eine lodernde Flamme entfacht, um den Schatz ihres Īmān zu verbrennen. Noch ist die undichte Stelle klein und kann mit einer einzigen Naht geschlossen werden. Doch wenn in der Nachlässigkeit noch einige Jahre auf diese Weise verstreichen, wird sie mit einer solchen Flutwucht hereinbrechen, dass selbst gewaltige Dämme ihr gegenüber wie Stroh und Spreu fortgerissen werden.
Unter diesen Umständen ist es völlig sinnlos, den Islam lediglich nach der Art christlicher Missionare zu verkünden. Selbst wenn man zur Läuterung von ʿAqīda und Glauben nicht nur eine, sondern Millionen von Broschüren veröffentlichte, würde sich an diesem Zustand nichts ändern. Was nützt es schon, die Vorzüge des Islam bloß mündlich oder mit Hilfe der Feder zu preisen? Heute ist es vielmehr notwendig, die Schönheit des Islam in der wirklichen Welt zu verwirklichen und vor Augen zu führen. Die Lösung unserer Lebensprobleme liegt zwar im islamischen Ideal, doch allein die Aussage, dass dies so ist, wird unsere Probleme nicht von selbst lösen. All die Kraft und Schönheit, die im Islam liegen, müssen wirksam gemacht werden. Diese Welt ist eine Welt des Konflikts und des Kampfes. Mit bloßen Worten lässt sich ihre Entwicklung nicht ändern. Um sie zu verändern, bedarf es eines revolutionären Dschihād. Wenn die Kommunisten mit ihrem irrigen Ideal innerhalb eines halben Jahrhunderts in einem gewaltigen Teil der Welt Einfluss und Macht errichten konnten; wenn die Faschisten mit einer widersinnigen Methode auf der Welt Ruhm und Ansehen erlangen konnten; wenn Gandhis Prinzip der Gewaltlosigkeit trotz seiner Unnatürlichkeit allein durch beharrliches Bemühen zur Geltung kommen konnte – dann gibt es keinen Grund, warum die Muslime, die das ewige Ideal von Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit tragen, nicht wieder Geltung in der Welt erlangen sollten. Diese Geltung lässt sich jedoch nicht allein durch Predigten, Ermahnungen und gute Ratschläge gewinnen. Dafür sind praktische Anstrengungen unerlässlich, und es ist notwendig, auf dem von Allah erwählten Weg zu handeln.
„Revolutionärer Kampf“ ist ein unklarer Ausdruck. In der Praxis gibt es dafür zahlreiche Methoden, und es können noch viele weitere Methoden entwickelt werden. Welche Art von Revolution auch immer angestrebt wird, dafür muss eine Methode gewählt werden, die mit dem Wesen der Revolution vollkommen übereinstimmt. Für die Revolution, die wir herbeiführen wollen, brauchen wir keine neue Methode zu suchen. Denn eine solche Revolution ist schon früher in der Welt herbeigeführt worden. Der große Mann, der diese Revolution als Erster herbeiführte, war auch mit ihrem Wesen vollständig vertraut. Auf dem von ihm beschrittenen Weg kann diese Revolution noch heute herbeigeführt werden. Das Leben und der Charakter dieses großen Mannes sind etwas Erstaunliches. Andererseits sind sie jedoch auch ein vollkommenes Vorbild. Wer kann heute ein so gewaltiges Beispiel für einen derart erhabenen Charakter, Frömmigkeit, Urteilsvermögen, Gerechtigkeit, eine starke Persönlichkeit und die Eigenschaften eines großen Mannes vorweisen? Und wer wäre überhaupt in der Lage, eine Revolution von solch hoher Qualität herbeizuführen? In dieser Hinsicht sind sein Leben und sein Charakter tatsächlich etwas Erstaunliches, und zweifellos wird dieses Wunder die Menschen bis zum Tag der Auferstehung in seinen Bann ziehen. Doch das Vorbild, das jener große Mann hinterlassen hat, ist seinem Wesen und seiner Art nach ebenso revolutionär wie vor dreizehneinhalb Jahrhunderten. Je mehr diesem Vorbild gefolgt und je stärker es nachgeahmt wird, desto deutlichere revolutionäre Ergebnisse werden sichtbar werden. Zudem werden diese Ergebnisse umso enger jener Revolution gleichen, die durch die Kraft des ursprünglichen Vorbilds verwirklicht wurde. In dieser Hinsicht ist es zweifellos ein vollkommenes Vorbild. Dieses Vorbild kann von den Menschen bis zum Tag der Auferstehung nachgeahmt werden. Indem man diesem großen Vorbild folgt, kann eine solche Revolution im zwanzigsten oder vierundzwanzigsten Jahrhundert, auf dem indischen Subkontinent, in Amerika oder in Russland – in jedem Land und zu jeder Zeit – herbeigeführt werden.
Es ist hier nicht möglich, ausführlich darzulegen, auf welche Weise der edle Gesandte (s.a.) vor dreizehneinhalb Jahrhunderten eine Revolution in der Welt herbeiführte. Ich möchte hier lediglich andeuten, dass der Plan der Dar-ul-Islam-Institution (diese Institution wurde 1938 gegründet. Nachdem im August 1941 die Jamaat-e-Islami gegründet worden war, wurde sie mit dieser zusammengelegt.) aus einem eingehenderen Studium jenes großen Vorbilds hervorgegangen ist.
Als der große Prophet (s.a.) erschien, gab es auf der Welt keinen einzigen Muslim. Unter diesen Umständen verkündete er der Welt seine Daʿwa. Allmählich wurden einzelne Menschen, je einer oder zwei, Muslime. Diese Menschen besaßen einen Glauben, der fester war als Berge. Sie waren dem Islam so hingebungsvoll ergeben, wie es in der Welt kein Beispiel dafür gibt. Doch weil sie vereinzelt unter den Ungläubigen eingeschlossen waren, waren sie naturgemäß hilflos und schwach. Deshalb erschöpfte sich ihre Kraft im fortwährenden Kampf gegen ihre Umgebung, ohne dass sie die Lage, deren Veränderung sie und ihr großer Führer mit ganzer Kraft anstrebten, verändern konnten. So setzte der edle Gesandte (s.a.) dreizehn Jahre lang ununterbrochen seine Bemühungen fort. In dieser Zeit gelang es ihm lediglich, eine kleine Gruppe hingebungsvoller Gläubiger zu organisieren. Daraufhin wies Allah, der Erhabene, ihn an, eine andere Methode anzuwenden. Diese bestand darin, mit jenen hingebungsvollen Menschen die ungläubige Umgebung zu verlassen, sie an einem Ort zu versammeln und eine islamische Umgebung zu schaffen, ein Haus zu errichten, das geeignet war, das gesamte Programm in einer islamischen Lebensweise umzusetzen, ein Zentrum zur Schaffung sozialer und umfassender Stärke unter den Muslimen zu bilden, die gesamte elektrische Kraft an einem Ort zu sammeln und sie auf geordnete Weise auszustrahlen sowie ein Kraftwerk zu errichten, durch das jedes Gebiet der Welt hell erleuchtet werden konnte. Zu diesem Zweck wanderte er nach „Madinat at-Tayyiba“ aus. Allen Muslimen, die verstreut in den verschiedenen Stämmen Arabiens lebten, wurde befohlen, sich an diesem Zentrum zu versammeln. Hier wurde der Islam durch praktische Übung verwirklicht und vorgeführt. In dieser reinen und heiligen Atmosphäre wurde die gesamte Gruppe so gründlich in der islamischen Lebensweise geschult, dass jeder Einzelne von ihnen zu einem lebendigen Islam wurde. Jeder konnte schon beim Anblick irgendeines Menschen erkennen, was der Islam ist und warum er gekommen war. Sie wurden so tief in Allahs Farbe getaucht:
(Arabisch)
dass sie nicht die Farbe anderer annahmen, sondern mit ihrer eigenen Farbe andere färbten. In ihnen wurde eine solche charakterliche Stärke geschaffen, dass sie niemals von anderen beeinflusst wurden; vielmehr wurde jeder, der mit ihnen in Berührung kam, von ihnen beeinflusst. Das Ziel der islamischen Lebensweise wurde ihnen derart tief in jede Faser ihres Wesens eingepflanzt, dass es bei jeder Handlung ihres Lebens Vorrang erhielt und alle übrigen weltlichen Ziele nur zweitrangige Bedeutung besaßen. Durch Bildung und Schulung wurden sie so befähigt, dass sie die von Qurʾan und Sunna vorgegebene Lebensweise um jeden Preis verwirklichten und jede Form der Entstellung zerschmetterten und im Licht dieser Lebensweise neu gestalteten.
Jeder einzelne Teil dieser erstaunlichen Organisation ist eingehend zu studieren und zu bedenken. Das gesamte Wirken dieser Organisation wurde in vier große Bereiche gegliedert:
1. Eine Gruppe von Menschen zu bilden, die sich im Islam gründliche Kenntnisse aneignet und den Menschen die islamischen Vorschriften und Ordnungen auf beste Weise verständlich macht:
(Arabisch)
2. Einige Menschen müssen dazu ausgebildet werden, die islamische Verhaltensordnung zu verwirklichen und ihr Leben ihrer Verbreitung und Förderung zu widmen. Es ist die Pflicht der Organisation, diese Menschen von der Verantwortung des Gelderwerbs zu entbinden. Sie selbst werden sich darum jedoch nicht kümmern. Unabhängig davon, ob für ihren Lebensunterhalt gesorgt wird oder nicht, werden sie aus innerster Hingabe und unter Missachtung aller Arten von Leid und Mühsal daran arbeiten, das höchste Ziel ihres Lebens zu verwirklichen:
(Arabisch)
3. In jedem Mitglied der Gruppe soll eine solche Gesinnung erweckt werden, dass es die Verkündung des Wortes Allahs als Ziel seines Lebens betrachtet. Zwar werden sie ihren weltlichen Tätigkeiten nachgehen, doch dieses Ziel wird ihnen bei jeder Arbeit vor Augen stehen. Der Kaufmann wird es in seinem Handel und Gewerbe, der Bauer bei seiner landwirtschaftlichen Arbeit, der Industrielle in seiner industriellen Tätigkeit und der Angestellte in seinem Beruf niemals vergessen. Sie werden stets daran denken, dass diese Tätigkeiten dem Lebensunterhalt dienen und dass das Leben dieser Aufgabe dient. Ganz gleich, in welchem Lebensbereich sie tätig sind, werden sie in ihren Worten und Taten, in ihrem Charakter und ihrem Verhalten die Grundsätze und Ideale des Islam befolgen. Sollte irgendwo ein Konflikt zwischen weltlichen Interessen und den islamischen Idealen entstehen, werden sie ihre Interessen mit Füßen treten, aber niemals von den Grundsätzen abweichen und dadurch den Islam entehren. Vielmehr werden sie die Zeit und das Vermögen, die sie von ihren persönlichen Bedürfnissen erübrigen können, in den Dienst des Islam stellen und diejenigen unterstützen und ihnen beistehen, die ihr Leben dieser Aufgabe widmen: (Arabisch)
4. Außenstehende sollen dazu gebracht werden, nach Dar-ul-Islam zu kommen, damit sie den Koran anhand seiner praktischen Lebensweise und in einer islamischen Umgebung besser verstehen und mit einer vergleichsweise tieferen Wirkung zurückkehren können:
(Arabisch)
Auf diese Weise ließ das Elektrizitätswerk (Power House) von Medina, der größte Wegweiser und Bahnbrecher der Welt, in der kurzen Zeit von nur acht Jahren eine gewaltige Kraft entstehen; ehe man es bemerkte, hatte diese Kraft das gesamte arabische Land erhellt. Danach trat dieser Lichtstrahl aus Arabien hervor und verbreitete sich in alle Richtungen der Welt. Selbst heute, nach dem Ablauf von mehr als dreizehnhundertfünfzig Jahren, ist dieses Kraftwerk noch immer reich an Kraft und Energie.
Als nach dem Kalifat der Rechtgeleiteten allerlei Formen der Unordnung im islamischen Lebenssystem entstanden, gründete auch unsere Sufi-Gemeinschaft in Nachahmung dieses Vorgangs an verschiedenen Orten Khanqahs. Heute ist die Bedeutung des Wortes Khanqah derart entstellt, dass beim bloßen Hören dieses Wortes vor den Augen der Menschen das Bild eines grotesken, von Licht und Luft abgeschnittenen Ortes entsteht. In Wirklichkeit war diese Khanqah jedoch lediglich eine Nachahmung des von dem Weltpropheten (s.) in Medina begründeten Ideals. Die verehrte Sufi-Gemeinschaft nahm Menschen, bei denen sich ein gewisses Talent erkennen ließ, aus der Außenwelt heraus, behielt sie einige Zeit in der Khanqah und erteilte ihnen dort nach dem Vorbild des edlen Propheten (s.) und seiner geehrten Gefährten eine Ausbildung auf hohem Niveau.
Auch diejenigen, die heute eine Revolution islamischer Art herbeiführen wollen, sollten ein solches Verfahren anwenden. Wenn sich außerhalb dieses Subkontinents nirgendwo eine freie Umgebung findet, die zur Errichtung eines Dar-ul-Islam nach dem Vorbild von Medina geeignet ist, sollte man wenigstens in diesem Land ein solches Ausbildungszentrum errichten, in dem eine wahrhaft islamische Umgebung geschaffen wird. Dort sollen islamischer Charakter und islamisches Sozialverhalten zum Ausdruck kommen, eine wirklich muslimische Denkweise entstehen und sich überall islamische Gesinnung und islamische Gestalt offenbaren. Dort soll allein die Erlaubnis oder Anweisung Allahs und des Gesandten ausreichen, um etwas als unfehlbar richtig zu erklären, und allein das Verbot oder Missfallen Allahs und des Gesandten als Maßstab dafür gelten, etwas als falsch zu beurteilen. Dort darf diese allumfassende Ungehorsams- und Auflehnungsatmosphäre, dürfen diese unislamischen Verhältnisse keinerlei Bestand haben; vielmehr soll dort wenigstens die Fähigkeit vorhanden sein, äußere Einflüsse, die der islamischen Gesinnung förderlich sind, aufzunehmen und die eigene Lebensweise sowie Herz und Verstand vor schädlichen Einflüssen zu bewahren. Dort werden wir eine Umgebung schaffen können, die dazu geeignet ist, uns wie Muslime denken zu lassen, muslimische Einsicht hervorzubringen und die in der giftigen Atmosphäre des Dar-ul-Kufr beinahe erloschenen Tugenden zur Entfaltung zu bringen. Vor allem werden wir dort unser Leben reinigen können von der Unsauberkeit und Trübung, die infolge unserer Geburt und Erziehung in einer unislamischen Umgebung in unser Denken, unsere Vorstellungen und unser Handeln eingedrungen ist, die wir bisweilen gar nicht wahrnehmen und die, selbst wenn wir sie wahrnehmen, eine derart gewaltige Gestalt annimmt, dass wir uns trotz aller Anstrengungen nicht vor ihr schützen können. In einem solchen Ausbildungszentrum werden nur Menschen versammelt, die aufrichtig den Dienst am Islam leisten wollen; dort werden sie durch eine angemessene Bildung und Ausbildung auf diesen Dienst vorbereitet. Dort muss der vom edlen Propheten (s.) befolgte Plan übernommen werden. Ebenso muss die gesamte Arbeit in verschiedene Bereiche aufgeteilt werden, und in jedem einzelnen Bereich muss die Menschlichkeit nach dem Muster des Islam neu gestaltet werden.
1. In eine Abteilung müssen Menschen mit herausragenden Fähigkeiten aufgenommen werden. Diejenigen unter ihnen, die in den islamischen Wissenschaften bewandert sind, müssen mit den westlichen Sprachen und den modernen Wissenschaften vertraut gemacht werden. Und diejenigen, die eine Ausbildung in den modernen Wissenschaften erhalten haben, müssen in der arabischen Sprache und den islamischen Wissenschaften unterrichtet werden. Zugleich müssen sie den Koran und die Sunna eingehend studieren und dadurch gründliche Kenntnisse und Einsicht in die Religion des Islam erlangen. Danach müssen sie in verschiedene Gruppen aufgeteilt werden. Jede Gruppe soll sich jeweils einem Wissensgebiet widmen, darin die islamischen Grundsätze und Weltanschauungen nach modernen Methoden verankern und, nachdem sie die modernen Probleme des Lebens verstanden hat, im Licht der islamischen Grundsätze nach deren Lösungen suchen. Ferner sollen sie die westliche Sichtweise, die in die Grundlagen der Wissenschaften eingedrungen ist, beseitigen, die Wissenschaften aus islamischer Sicht neu ordnen und durch eigene Forschung und Untersuchung eine wahrhaftige Literatur hervorbringen, die imstande ist, zugunsten des Islam eine geistige Revolution zu bewirken.
2. In einer zweiten Abteilung muss man sich bemühen, geeignete Mitarbeiter für den Dienst am Islam auszubilden. Aufgenommen werden dürfen nur Menschen von aufrichtigem Wesen und festem Charakter, die entschlossen sind und bereit, um ihres Zieles willen alles zu opfern. Sie werden sich zu einer machtvollen revolutionären Gruppe zusammenschließen. Ihre Lebensführung wird einfach und bescheiden sein. Unter ihnen werden Ausdauer gegenüber Entbehrungen und vollständige Disziplin herrschen. Ihr praktisches Leben wird dem eines echten Muslims entsprechen. Diese Gruppe wird mit einem Programm voranschreiten, das auf der Grundlage islamischer Grundsätze den Aufbau einer neuen Gesellschaftsordnung und einer neuen Zivilisation vorsieht. Indem sie dieses Programm der Bevölkerung vorlegt, wird sie ein Höchstmaß an politischer Macht sammeln und schließlich den Staatsapparat in ihre Hand bringen, um die bestehende tyrannische Herrschaftsordnung in eine gerechte Herrschaftsordnung umzuwandeln.
3. In einer dritten Abteilung müssen Menschen aufgenommen werden, die nach einem gewissen Zeitraum das Ausbildungszentrum wieder verlassen werden. Sie werden mit richtigem Wissen und moralischer Ausbildung ausgestattet und dann entlassen. Wo immer sie leben mögen, werden sie als Muslime leben. Statt sich von anderen beeinflussen zu lassen, werden sie selbst Einfluss auf andere ausüben. Sie werden ihren Grundsätzen treu bleiben und in ihren eigenen Überzeugungen fest verankert sein. Niemals werden sie ein zielloses Leben führen. Unter allen Umständen wird ein klares Ziel vor ihnen stehen. Sie werden auf halalweise ihren Lebensunterhalt verdienen und bereit sein, die in der zweiten Abteilung tätigen Menschen mit allen möglichen Mitteln zu unterstützen. Sie werden ihnen sowohl finanzielle Hilfe leisten als auch an ihrer praktischen Arbeit teilnehmen. Außerdem werden sie sich bemühen, ihre eigene Umgebung für die revolutionäre Gruppe günstig zu gestalten.
4. Die vierte Abteilung ist für Muslime und Nichtmuslime bestimmt, die vorübergehend in das Ausbildungszentrum kommen möchten, um dort einen gewissen Bildungsnutzen zu erlangen oder die dortige Lebensweise zu beobachten. Ihnen müssen größtmögliche Möglichkeiten und Annehmlichkeiten geboten werden, damit sie mit einem tiefen Eindruck vom Islam und seinen Lehren zurückkehren können.
Dies ist ein grober Plan. Er ist lediglich der Entwurf für jene Ordnung, die wir für eine unabdingbare Voraussetzung zur Hervorbringung einer islamischen Revolution halten. Der Erfolg dieser Ordnung hängt in jeder Hinsicht von ihrem inneren Wesen und ihren Eigenschaften ab. Um den angestrebten Erfolg zu erzielen, muss eine möglichst große Ähnlichkeit mit der idealen Gesellschaftsordnung hergestellt werden, die der ehrwürdige Prophet in Medina begründet hat.
Ähnlichkeit mit Medina, der guten Stadt, herzustellen, bedeutet nicht, dass wir eine äußerliche Angleichung befürworten und uns danach sehnen, von der gegenwärtigen zivilisatorischen Entwicklungsstufe zurückzuweichen und zu der arabischen Zivilisationsstufe von vor dreizehnhundertfünfzig Jahren zurückzukehren. Diese Vorstellung von der Gefolgschaft gegenüber dem ehrwürdigen Gesandten und den edlen Gefährten ist völlig falsch. Leider hegen die meisten unserer religiösen Menschen genau diese falsche Vorstellung. Ihrer Ansicht nach besteht ihre Nachahmung darin, sich wie die alten Frommen und Gelehrten zu kleiden und zu ernähren. Ebenso sei es die Pflicht ihrer Anhänger, ihre familiären Bräuche, ihre Zivilisation und ihre Lebensart bis zum Jüngsten Tag unverändert in einer völlig veralteten (Foscilised) Form zu bewahren, gegenüber Veränderungen außerhalb ihrer Umgebung die Augen zu verschließen, eine Mauer um den eigenen Geist, Verstand und die eigene Lebensweise zu errichten und dem Lauf der Zeit sowie dem Wandel der Epochen keinen Zutritt zu gewähren. Tatsächlich steht diese Vorstellung, die während mehrerer Jahrhunderte des Niedergangs die Gedanken und den Geist religiöser Muslime beherrscht hat, völlig im Widerspruch zur islamischen Denkweise. Denn zu Lebzeiten selbst zu einem Relikt der Vergangenheit zu werden und das eigene Leben in ein historisches Schauspiel einer alten Zivilisation zu verwandeln, ist keineswegs die Lehre des Islam. Er lehrt weder Askese noch Reaktionismus. Es ist nicht das Ziel des Islam, auf der Welt ein Volk hervorzubringen, das lediglich versucht, Veränderung und Weiterentwicklung zu verhindern; vielmehr will er ein Volk hervorbringen, das sich bemüht, Veränderung und Weiterentwicklung von einem falschen Weg abzubringen und auf den richtigen Weg zu führen. Der Islam schenkt uns nicht die äußere Hülle, sondern das innere Wesen. Er will, dass wir dieses innere Wesen in jede der verschiedenen Hüllen des Lebens einhauchen, die bis zum Jüngsten Tag infolge des Wandels von Ort und Zeit entstehen mögen. Darin liegt unser Ziel auf der Welt als Muslime. Dass wir zur besten Umma gemacht wurden, bedeutet nicht, dass wir als Nachhut (Rear Guard) hinter den auf dem Weg der Weiterentwicklung voranschreitenden Menschen zurückbleiben; vielmehr besteht unsere Aufgabe darin, die Imamat und die Führung zu übernehmen. Wir wurden dazu geschaffen, Vorreiter zu sein, und das Geheimnis dessen, dass wir die beste Umma sind, liegt in den Worten (Arabisch) verborgen.
Das wahre Vorbild des ehrwürdigen Gesandten, S. A., und seiner edlen Gefährten, dem wir folgen müssen, besteht darin, dass sie die Naturgesetze im Licht der Sittengesetze nutzten und dadurch das ihnen obliegende Recht der Stellvertretung Gottes auf Erden vollständig erfüllten. In der damaligen zivilisatorischen Gestalt ihres Zeitalters hauchten sie der islamischen Zivilisation ihren Lebensgeist ein. Die Naturkräfte, die damals der menschlichen Herrschaft unterstanden, machten sie zu Dienern dieser Zivilisation. Bei der Nutzung all der Mittel und Werkzeuge, die die damalige Zivilisation für ihren Fortschritt und ihre Macht gesammelt hatte, waren sie den Ungläubigen und Götzendienern sogar voraus, damit die Zivilisation der Gottesgehorsamen derjenigen der Gottesleugner entgegentreten konnte. Genau dies hat Allah der Erhabene in Seinem Buch gelehrt (Arabisch): Ihnen war gelehrt worden, dass die Muslime bei der Nutzung der von Allah geschaffenen Kräfte mehr Recht haben als die Ungläubigen; vielmehr sind die Muslime deren eigentliche Berechtigte. Daher besteht die richtige Befolgung des ehrwürdigen Propheten, S. A., und seiner Gefährten darin, dass wir uns bemühen müssen, die Mittel und Werkzeuge, die heute durch die zivilisatorische Entwicklung und die Entdeckung der Naturkräfte gesammelt worden sind, ebenso wie in der Frühzeit zu Dienern der islamischen Zivilisation zu machen. In diesen Mitteln selbst liegt weder Schmutz noch Unreinheit; sie liegt vielmehr in der kufrischen Zivilisation, die sie benutzt. Das Radio ist keine unreine Sache; unrein ist vielmehr jene Zivilisation, die den Radiodirektor zum Organisator von Tanz und Gesang oder das Medium zur Verbreitung von Lüge und Unwahrheit gemacht hat. Das Flugzeug ist kein unreiner Gegenstand; unrein ist vielmehr jene Zivilisation, die es – statt im Einklang mit der göttlichen Ordnung – nach satanischen Intrigen nutzt, nachdem sie es dem Engel der Lüfte abgenommen hat. Ebenso sind auch Kino und Film nichts Unreines; unrein ist in Wahrheit jene Zivilisation, die diese von Gott geschaffene Kraft zur Verbreitung von Obszönität und Schamlosigkeit einsetzt. [Dies gilt in gleicher Weise auch für das Fernsehen der Gegenwart – Herausgeber.] Der Grund dafür, dass sich heute die unreine Zivilisation ausbreitet und wächst, liegt darin, dass diese Kräfte heute für ihre Entwicklung und ihr Wachstum eingesetzt werden. Wenn wir heute unsere auferlegte Pflicht, die Entwicklung und das Wachstum der göttlichen Zivilisation zu fördern, ordnungsgemäß erfüllen wollen, müssen wir eben diese Kräfte nutzen. In Wahrheit sind diese Kräfte wie ein Schwert: Wer es benutzt, wird Erfolg haben, gleichgültig, ob er es zu einem unreinen oder zu einem reinen Zweck benutzt. Wenn jemand, der einen reinen Zweck verfolgt, lediglich in der Reinheit seiner Absicht verharrt und das Schwert nicht benutzt, so ist das ein schweres Vergehen, und er muss die Strafe für dieses Vergehen gewiss erleiden. Denn in dieser Welt von Ursache und Wirkung kann das von Allah eingeführte Gesetz nicht um irgendjemandes willen geändert werden.
Aus dieser Erläuterung wird deutlich, dass die Bewegung, die ich vorzulegen im Begriff bin, weder eine reaktionäre Bewegung ist noch eine sogenannte progressive Bewegung, deren Ziel lediglich materieller Fortschritt wäre. Für das Ausbildungszentrum, das mir vorschwebt, sind Gurukul Kangri, der Satyagraha-Ashram, Shantiniketan oder Dayal Bagh [Dies sind ashramähnliche Einrichtungen der Hindus – Herausgeber.] kein Vorbild. Ebenso sind für die Vorstellung von der revolutionären Partei, die ich vertrete, weder die Faschisten Italiens noch die Nationalsozialistische Partei Deutschlands ein Vorbild. Ihr einziges Vorbild findet sich in der von dem Propheten, S. A., in Medina gegründeten Hizbullah (Partei Allahs).
— Ende —