Einleitung

In diesem Buch habe ich versucht, die Methode der Verkündigung der Propheten und Gesandten ausführlich zu erklären. In der heutigen Zeit verfügen die Menschen über ein ebenso unvollständiges und mangelhaftes Wissen über die Religion wie über die Verbreitung der Religion, von der sie nur sehr begrenzte und fehlerhafte Vorstellungen haben. In diesem Buch habe ich den Islam als eine Lebensordnung – und tatsächlich ist er das – dargestellt. Dementsprechend habe ich ausführlich die Schritte erörtert, die zur Errichtung dieser Lebensordnung unternommen werden müssen, sowie die Anforderungen, die hinsichtlich des Bemühens und des Einsatzes erfüllt werden müssen. Die Grundlage jedes Kapitels dieses Buches habe ich auf die starken Beweise und Argumente des edlen Qurʾān gestützt. Wo ich es für notwendig hielt, habe ich dessen Erläuterung außerdem durch authentische Hadithe ergänzt. Ich hoffe, dass derjenige, der dieses Buch aufmerksam liest, daraus auch beim Verständnis des Qurʾān Nutzen ziehen wird.

Einige Freunde werfen mir vor, dass ich den Stoff stets sehr knapp darstelle. Darauf, ob jeder Leser die Ausführungen gut verstehen kann, achte ich nicht. Durch dieses Buch habe ich versucht, die gegen mich erhobenen Vorwürfe auszuräumen. Möge Allah, der Erhabene, mir dabei Erfolg schenken und möge es den Menschen ermöglichen, daraus größtmöglichen Nutzen zu ziehen.

Ergebenst
Amīn Aḥsān

1

Mängel der verbreiteten Methode der Verkündigung

Über einen beträchtlichen Zeitraum hinweg sind unter den Muslimen bestimmte Mittel und Methoden zur Verbreitung und Verwirklichung des Islam üblich und anerkannt gewesen. Sobald die Menschen das Wort Tabligh (Verbreitung) hören, wenden sich ihre Gedanken und Vorstellungen unwillkürlich diesen Methoden zu. Wenn eine über lange Zeit eingeübte Praxis eine bestimmte Vorgehensweise für eine Aufgabe weithin bekannt gemacht hat, prägt sie sich dem Herzen so stark ein, dass die Menschen nicht mehr losgelöst von ihr denken können. Für die Ausführung dieser Aufgabe wird dann gerade diese Vorgehensweise als die einzig natürliche Methode angesehen. Jeder, der sich dieser Aufgabe widmet, bedient sich ebenfalls dieser Methode. Ja, manchmal verlässt jemand sein Haus mit dem Entschluss, sich davon fernzuhalten, doch während er seinen Weg geht, kehrt er schließlich wieder genau zu dem zurück, wovon er sich fernhalten wollte. Deshalb ist es zunächst notwendig, die Irrtümer der gegenwärtigen Methode des Tabligh kurz darzulegen.

Unserer Ansicht nach weist die übliche Methode des Tabligh sowohl erkenntnismäßige als auch praktische Irrtümer auf. Mit anderen Worten: Diese Methode des Tabligh ist auch in philosophischer Hinsicht irrig. Daher haben die Maßnahmen, die bisher im Namen der Verbreitung des Islam ergriffen wurden, sich in den meisten Fällen nicht nur als zwecklos erwiesen, sondern der Da’wa des Islam sogar erheblichen Schaden zugefügt. Zunächst werde ich auf die theoretischen Mängel dieser Methode hinweisen.

Die intellektuellen Mängel der üblichen Methode des Tabligh

Erster Fehler: Der größte Fehler, der bei der Darstellung des Islam bis heute begangen wurde, besteht darin, dass diejenigen, die die Da’wa vortrugen, ihre eigene richtige Rolle und die des Islam nicht verstanden haben. Deshalb konnten sie den Islam nicht so darstellen, wie der Edle Koran ihn der Menschheit dargestellt hat. Der Edle Koran stellt den Islam als die von Allah erwählte Religion dar, die seit dem Beginn der Schöpfung besteht. Wann immer und zu welchem Volk Allah der Erhabene einen Propheten entsandt hat, hat Er ihn mit eben dieser Religion entsandt. Die verschiedenen Völker ließen fortwährend Mängel und Fehler in diese von Allah erwählte Religion eindringen, und Allah der Erhabene korrigierte diese Mängel durch Seine Propheten. Schließlich sandte Er Seinen letzten Gesandten und offenbarte durch ihn die Religion aller Seiner Propheten und Gesandten in vollkommen richtiger und vollständiger Gestalt; dadurch bewahrte Er sie für alle Zeiten vor jeder Vermischung, Veränderung und Verfälschung. Diese Religion ist in Gestalt des Edlen Korans bewahrt worden. Sie ist nicht die Religion eines bestimmten Volkes, sondern die Religion der gesamten Menschheit und die Religion, die alle Propheten Allahs gebracht haben. Wer sie annimmt, wird Muslim genannt; wer sie nicht annimmt, gilt als Nichtmuslim. Diese Religion macht keinen Unterschied zwischen den Propheten Allahs, weist keines der von Ihm gesandten Bücher zurück und beansprucht auch für sich keine ausschließliche Vorrangstellung gegenüber irgendeinem von ihnen. Ihr Anspruch beschränkt sich darauf, eine zuverlässige Zusammenfassung der Lehren aller Propheten und deren Vollendung zu sein.

Unsere Prediger und Schriftsteller haben diese Religion jedoch genau umgekehrt als die Religion des muslimischen Volkes und als Feindin aller Religionen der Welt dargestellt. Um ihre Wahrheit zu beweisen, haben sie die Lehren der anderen himmlischen Bücher verspottet. Bisweilen gingen sie unter dem Einfluss von Gefühlen und Erregung so weit, dass sie als Muslime und als Menschen, die den Glauben an alle Propheten beanspruchen, sogar jene Lehren dieser Bücher verspotteten, an die zu glauben ihnen am meisten oblag. Man hat versucht, den Propheten, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, im Vergleich zu den übrigen Propheten herabzusetzen. Dabei wird im Edlen Koran ausdrücklich dargelegt, dass Allah der Erhabene jedem Seiner Propheten in bestimmten Hinsichten einen besonderen Rang verliehen hat. Auch die Hinsicht, in der dem Gesandten Allahs, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, Vorrang gegeben wurde, ist eindeutig genannt worden. Der Prophet selbst, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, hat strengstens verboten, für sich im Vergleich zu den anderen Propheten eine besondere Vorrangstellung zu beanspruchen. Doch die Muslime haben den Islam und den Propheten, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, unter dem Einfluss des Gefühls religiöser blinder Engstirnigkeit dargestellt. Nicht nur gewöhnliche Berufsprediger und Verkünder sind diesem Irrtum verfallen; auch unsere angesehenen Schriftsteller, Verfasser und Herausgeber waren daran beteiligt. Ihre Bücher waren für Muslime und Nichtmuslime gleichermaßen das einzige Mittel, den Islam kennenzulernen. Öffnen Sie die Bücher bedeutender Autoren, die über den Islam geschrieben wurden. In diesen Schriften werden Sie über andere Propheten und ihre Lehren derart giftige Aussagen finden, dass beim Lesen deutlich wird: Die Juden und Christen waren von der Krankheit befallen, zwischen Allah und Seinen Gesandten einen Gegensatz zu schaffen; auch die Muslime sind von derselben Krankheit befallen worden. Dennoch haben die Muslime solche Bücher mit Ehrerbietung und Achtung zur Hand genommen und solche Predigten und Reden begeistert angehört, weil dadurch der Glanz ihres Stolzes und ihres Ruhmes zur Geltung kommt.

Dagegen konnten diejenigen, deren Schriften und Reden diese Mischung aus Süßem und Bitterem nicht enthielten, weder beim allgemeinen Publikum Popularität erlangen noch in besonderen Kreisen Bedeutung gewinnen. Es lässt sich nicht leugnen, dass auch die Kritiker des Islam bei der Entstehung dieser giftigen Tabligh-Literatur erheblichen Anteil hatten. Unserer Ansicht nach lag der Fehler jedoch bei den muslimischen Literaten. Als Folge dieser irrigen und falschen Antwortmethode entstand in den Herzen der Nichtmuslime Verwirrung. Sie betrachteten den Islam nicht aus dem Blickwinkel, dass er gekommen sei, um sie an die vergessene Wahrheit zu erinnern und die Erben ihrer Propheten und Gesandten zu diesen zurückzuführen. Vielmehr sahen sie ihn mit den Augen des Hasses als einen Feind und Eroberer, der ihnen ihre Religion entreißen und selbst über sie siegen wolle.

Zweiter Fehler: Der zweite intellektuelle Fehler bei der Darstellung des Islam besteht darin, dass der Islam nicht als Lebensordnung dargestellt wurde, die die persönlichen, gesellschaftlichen, praktischen und glaubensbezogenen Probleme des menschlichen Lebens in einem einheitlichen Zusammenhang zusammenfasst und sie auf vernunftgemäße und der menschlichen Natur entsprechende Weise löst. Stattdessen haben unsere Missionare und Debattierer ihre ganze Kraft auf bestimmte Fragen verwendet, die aus religiösen Auseinandersetzungen mit Christen und Hindus hervorgegangen sind, etwa auf die Frage nach Ewigkeit oder Entstehung von Geist und Materie, die Lehre von der Wiedergeburt, die Göttlichkeit des Messias, Allahs Friede sei auf ihm, und den Streit über die Dreieinigkeit. Eine Gruppe von Berufsdiskutanten jeder Religion empfindet für solche Themen große Anziehung. Ihr eigentliches Ziel ist nicht, diese Probleme zu lösen, sondern sie noch empfindlicher und zugespitzter zu machen. Der Versuch, solche Menschen zum Schweigen zu bringen, bedeutet, die eigene Kraft und Fähigkeit zu verzehren und die eigene Zeit zu vergeuden.

Unsere Missionare haben jedoch ihr Leben auf solchen Schauplätzen des Streits beendet. Sie sahen nicht einmal die Notwendigkeit ein, darüber nachzudenken, dass dies lediglich Themen sind, die streitliebende Menschen anziehen – Menschen, die keine Lösung für diese Fragen suchen, sondern sie noch komplizierter machen wollen. Der übrige Teil der Welt steht heute vor ganz anderen Problemen. Die Welt ist unruhig geworden, weil sie Lösungen für diese Probleme sucht, und ihre Erlösung hängt von deren Lösung ab. Jede Religion, die voranschreitet und für diese Probleme eine annehmbare Lösung vorlegt, wird die Religion der kommenden Welt sein. In einer Welt, die durch Experimente mit selbst erfundenen Methoden erschöpft ist und keine Lösung für die kulturellen und umfassenden Probleme des Lebens findet, wäre das Bild der Welt heute anders, wenn der Islam nicht in Form einiger Glaubenssätze und Bräuche, sondern als vollständige Lebensordnung dargestellt worden wäre.

Doch offenbar stand denjenigen unter uns, die zur Verbreitung des Islam tätig wurden, oder die Bücher über den Islam verfassten, die christliche Religionsauffassung vor Augen: eine Ansammlung einiger Behauptungen, die keinerlei positive Beziehung zu den tatsächlichen Problemen des Lebens besitzt. Das Ergebnis war, dass die intellektuellen Kreise der Welt gegenüber dem Islam ebenso wenig Interesse an den islamischen Lösungen dieser Probleme empfanden, wie sie sich durch die fruchtlose Geschwätzigkeit des Christentums angezogen fühlten. So blieb die gesamte Tätigkeit der islamischen Verkündigung auf die geringe Zahl der Anhänger einer rein zeremoniellen Religion beschränkt. Außer der Verschwendung von Zeit und Mitteln wurde kein nennenswertes Ergebnis erzielt.

Dritter Fehler: Ein weiterer intellektueller Irrtum besteht darin, dass die Bücher und Schriften, die bis heute in unserer Mitte über den Islam verfasst wurden, entweder theoretischer oder polemischer Art waren, eine unterwürfige beziehungsweise apologetische Ausdrucksweise hatten oder im Stil der Kalām-Wissenschaft präsentiert wurden. Über jede dieser Formen lässt sich ohne Zögern sagen, dass keine von ihnen der Da’wa der Religion Nutzen gebracht hat. Theoretische Erörterungen können nur Menschen nützen, die umfassende Kenntnisse über einen bestimmten Aspekt des Islam erwerben möchten. Sie werden jedoch weder mit dem Ziel der Da’wa und des Tabligh verfasst, noch besitzen ihre Verfasser die Fähigkeit, diesem Ziel zu dienen. Polemische Erörterungen befassen sich zunächst mit einigen besonderen Themen. Sie stehen in keinerlei Beziehung zur islamischen Sichtweise. Zweitens enthalten sie in vollem Maße gerade jene Mängel, durch die das Herz und der Verstand nicht dem Islam nähergebracht, sondern noch weiter von ihm entfernt werden.

Mit Schriften in unterwürfiger Ausdrucksweise meinen wir die von westlich beeinflussten Menschen verfassten Bücher über religiöse Themen, die bei den Europäern Anerkennung gefunden haben. Sie versuchen, westlich beeinflusste Denkweisen auch in den Islam einzuführen, obwohl diese nicht die geringste Beziehung zum Islam haben. Ebenso haben sie Belege zusammengetragen, um alles, was im Westen missbilligt wurde, als außerhalb des Islam liegend zu erklären – selbst wenn es zu den Säulen oder Grundprinzipien des Islam gehört. Was solche schwachen und von einer Mentalität der Niederlage geprägten Menschen geschrieben haben, vertritt weder den wahren Islam, noch besitzt es jenes kraftvolle Vertrauen, das den Geist zum Islam hinziehen und an das Gewissen eine überzeugende, starke Forderung richten könnte.

Was aus philosophischer Sicht geschrieben wurde, ist noch enttäuschender. Die Argumentationsweise der Gelehrten des Kalām widerspricht Vernunft, Gewissen und der menschlichen Natur. Mit ihr kann man die Knoten eines Problems noch vergrößern, aber keinen Knoten lösen. Diese Art der Argumentation mag für spitzfindige Debatten geeignet sein. In ihr gibt es weder Anziehungskraft noch Schönheit. Sie steht in keinem Einklang mit einem gesunden Gewissen und der menschlichen Natur. Sie zum Mittel der Darstellung des Islam zu machen bedeutet, die Menschen zur Flucht vor dem Islam zu treiben und in ihnen eine schlechte Vorstellung vom Islam zu erzeugen.

Die einzige Methode, den Islam der Welt darzustellen, war jene, die Allahs Buch und Sein Gesandter, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, angewandt haben. Doch unsere Gelehrten des Kalām wurden so stark von der griechischen Philosophie beeinflusst, dass sie die Argumentationsweise des Korans nicht nur ignorierten, sondern noch einen Schritt weitergingen, sie kritisierten und herabwürdigten. Unsere traditionellen Gelehrten des Kalām begingen denselben Fehler, und auch unsere modernen Gelehrten des Kalām sind ihm zum Opfer gefallen. Die Folge war, dass Nichtmuslime und jene gebildeten Muslime, die sich als Muslime behaupten oder wenigstens zu den Muslimen gezählt werden wollten, zu sagen begannen: Der Islam sei lediglich etwas, das man im Herzen annehmen müsse; er sei nichts, was man durch den Gebrauch von Vernunft und Verstand verstehen könne. Diejenigen, die furchtlos und ohne Hemmungen waren, begannen offen, den Islam zu verspotten. In allen Angelegenheiten außer dem Namen lösten sie sich vollständig aus den Bindungen des Islam.

2

Praktische Fehler in der herkömmlichen Methode des Tabligh

Auch unter dem Gesichtspunkt der praktischen Arbeit gibt es in der üblichen Methode der Tabligh nicht wenige Irrtümer. Auf einige dieser Irrtümer wollen wir hinweisen.

Erster Fehler: Der erste praktische Irrtum besteht in der zwiespältigen Haltung der Muslime. Einerseits beanspruchen sie, eine grundlegende Gemeinschaft zu sein, die auf den Grundsätzen des Islam und des Iman aufgebaut ist. Andererseits haben sie in sich Eigenschaften angesammelt, wie man sie bei Völkern findet, die auf Grundlage von Abstammung, Stammeszugehörigkeit, Regionalismus und Sprache entstanden sind. Einerseits sagen sie, ein Muslim sei derjenige, der an Allah, Seinen Gesandten, Sein Buch und das Jenseits glaubt und in allen Bereichen seines Handelns, seines gesellschaftlichen Lebens und überhaupt in jeder Hinsicht dem von Allah und Seinen Gesandten gewiesenen Weg folgt. Andererseits gibt es unter ihnen zahllose Menschen, von denen nur noch der Name „Muslim“ geblieben ist und die in eine muslimische Familie hineingeboren wurden. Im Übrigen haben sie in keiner Hinsicht eine wirkliche Übereinstimmung mit dem Islam.

Einerseits behaupten sie, Muhammad Rasulullah (s.a.s.) sei in jedem Bereich und jeder Abteilung ihres Lebens ihr Wegweiser. Andererseits haben sie die Zügel ihrer Führung und Herrschaft Menschen übergeben, die sowohl hinsichtlich ihres Wissens als auch ihrer Taten völlig frei von der Rechtleitung Allahs und Seines Gesandten sind. Einerseits legen sie ein vollständiges Gesetz für Moral und Handeln vor und behaupten, niemand könne Muslim bleiben, wenn er davon abweiche. Andererseits führen sie selbst Beispiele für alle Arten von schlechtem Charakter und schlechten Taten vor, die man bei anderen Völkern findet. Und dadurch wird ihr Muslimsein in keiner Weise beeinträchtigt. Einerseits erklären sie ihre gesamte Zugehörigkeit zu einer wahren Religion und behaupten, es sei nicht erlaubt, sich von ihr abzuwenden und ihr zu entfliehen. Andererseits geben sie die gesamte Geschichte von Rasulullah, sallallahu alaihi wa sallam, bis Mustafa Kemal (Türkei) als Geschichte des Islam aus. Ein großer Teil dieser Geschichte weist jedoch nicht die geringste Übereinstimmung mit der wahren islamischen Lebensordnung auf.

Einerseits behaupten sie, der Islam sei eine vollständige Lebensordnung und wenn es heute überhaupt eine Ordnung gebe, in der die Rettung der Welt liege, dann bestehe sie in der Annahme dieser Ordnung. Andererseits reisen sie durch Europa und Amerika und versuchen herauszufinden, welches System islamischer sei: das englische oder das amerikanische.

Ob die Muslime ihre zwiespältige Haltung erkennen oder nicht, für Menschen anderer Völker gibt es keinen Grund, sie nicht zu verstehen. Sie sind angesichts des Widerspruchs zwischen den Worten und den Taten der Muslime verwirrt. Wenn jemand unter ihnen sogar eine Neigung zum Islam verspürt, hält ihn dieser Widerspruch dennoch auf, und er denkt, die Muslime seien ebenfalls nur ein Volk wie sie selbst. Welchen Sinn kann es also haben, ein solches Volk zu verlassen, um einem anderen Volk anzugehören?

Wenn trotz unserer Zwiespältigkeit ein Nichtmuslim den Islam annimmt, sollte man glauben, dass er den Islam nicht aufgrund unserer Einladung angenommen hat. Vielmehr hat Allah ihm, während Er ihm den Irrtum seiner eigenen Religion zeigte, zugleich auch die Irrtümer der Muslime deutlich vor Augen geführt. Er betrachtet den Islam als etwas, das von den Muslimen unabhängig ist.

Zweiter Fehler: Der zweite praktische Irrtum besteht darin, dass auch die Muslime, nach dem Vorbild der christlichen Missionare, ihre Aufmerksamkeit bei der Tabligh stets auf die unteren Schichten der Gesellschaft richten. Diese Methode ist jedoch völlig falsch. Bei der Einladung zur Religion sollte man zuerst jene Schicht ansprechen, unter deren Führung des Denkens und der Weltanschauung die gesellschaftliche Ordnung betrieben wird. Gerade diese Menschen bauen ein Volk im Wesentlichen auf oder führen es in den Untergang. Wenn sie auf den rechten Weg geführt werden, wird die gesamte Ordnung von selbst auf dem rechten Weg gehen. Wenn sie jedoch auf dem falschen Weg bleiben, besitzen die Angehörigen der unteren Schichten zunächst nicht die Fähigkeit, sie zu verbessern. Sollte eine solche Fähigkeit bei ihnen vorhanden sein, wäre dies nur eine Ausnahme. Vielmehr übernimmt ihre besiegte Gesinnung sehr schnell den Irrtum der intellektuellen Schicht. Das lässt sich mit dem Herzen und den Gliedmaßen vergleichen. Wenn das Herz geheilt wird, wird der ganze Körper von selbst gesund. Wenn aber im Herzen eine Krankheit besteht, nützt es nichts, die Glieder mit Öl einzureiben.

Vor den christlichen Missionaren stand lediglich die Frage der Vermehrung ihrer eigenen Zahl. Daher konnte diese Methode für sie erfolgreich sein. Für die Muslime darf die Tabligh jedoch nicht nur mit dem Ziel der zahlenmäßigen Vermehrung betrieben werden. Ihre Aufgabe besteht darin, die Verirrten auf den richtigen Weg zu führen, ihre Verbindung zu Allah herzustellen und ihr Leben in der richtigen Richtung neu aufzubauen. Erst wenn die gesamte Gesellschaft neu geordnet werden kann, ist eine Erneuerung des Einzelnen möglich. Eine Erneuerung der Gesellschaft kann erst erwartet werden, wenn ihre führenden Menschen das Reformprogramm annehmen.

Wer die Gesellschaft und ihre Organisation auch nur einigermaßen beobachtet, kann die Wahrheit nicht leugnen, dass Massenrevolutionen und revolutionäre Bewegungen zwar von unten beginnen und die übergeordnete Ordnung ins Chaos stürzen können. Eine reformerische und intellektuelle Einladung kann jedoch erst dann Wurzeln schlagen, wenn sie imstande ist, von oben nach unten Einfluss auszuüben.

Diejenigen unter den Muslimen, die die Arbeit der Daʿwa betrieben haben – sei es unter Muslimen oder außerhalb ihrer Gemeinschaft –, haben gewöhnlich den Fehler gemacht, ihre Aufmerksamkeit stets auf die unteren Schichten zu richten. Sie ließen diese Menschen lediglich das Kalima sprechen oder lehrten sie das Gebet und bildeten sich dann ein, sie seien nun reformiert. Gewiss kann auf diese Weise eine gewisse teilweise Verbesserung erreicht werden. Im gesamten Leben kann dadurch jedoch keine Veränderung herbeigeführt werden. Wenn die gesamte Umgebung verdorben ist, sollte man statt der Behandlung der Krankheit vielmehr versuchen, ihre Ursachen vollständig auszurotten. Die mit Abfällen gefüllten Abwasserkanäle, die Keime verbreiten und die Luft verunreinigen, sollte man mit Erde zuschütten. Andernfalls gleicht der Reformprozess dem Versuch, einen Menschen in einem von einer Seuche heimgesuchten Gebiet festzuhalten und ihm eine Impfung zu geben. Dadurch kann der Angriff der Seuche vielleicht vorübergehend abgewehrt werden, ein dauerhaftes Ergebnis ist jedoch nicht möglich.

Aus diesem Grund bemühten sich die Propheten und Gesandten zunächst nicht darum, die einfachen Menschen anzusprechen, sondern eine Veränderung in der Gesinnung der führenden Personen der Gesellschaft herbeizuführen; ihre Reform machten sie zum Mittel für die Reform der Allgemeinheit.

Dritter Fehler: Der dritte praktische Irrtum besteht darin, dass die Muslime lediglich die mündliche Ermahnung als Mittel der Tabligh angenommen haben. Sie haben nicht versucht, ein praktisches Beispiel für ein wirklich islamisches Leben vorzuführen. Dabei können nur sehr wenige intelligente Menschen mit außergewöhnlichen moralischen Fähigkeiten den Islam allein dadurch annehmen, dass sie die Schönheit seiner Grundsätze betrachten. Die große Mehrheit der Menschen auf der Welt wird die Wahrheit dieser Grundsätze erst dann anerkennen, wenn sie sieht, dass diese im wirklichen Leben wirksam sind und gute Ergebnisse hervorbringen.

Die Bemühungen, die bei uns im Namen der Tabligh des Islam unternommen werden, bestehen jedoch ihrem Wesen nach lediglich darin, dass die Redner die Menschen mit wohlklingender Stimme, die Prediger mit Gefühl und Erregung und die Schriftsteller durch die Schilderung eines imaginären Paradieses der islamischen Lebensweise umherführen. Noch bemerkenswerter ist, dass sie einerseits den Raum zwischen Himmel und Erde mit dem Lob der sozialen und kulturellen Wohltaten des Islam erfüllen, während andererseits die gesamte muslimische Gesellschaft alle Unsauberkeiten ihrer eigenen Dschahiliyya in sich anhäuft und dadurch ihre Behauptung widerlegt. Die stille Sprache der Taten ist wirkungsvoller als jede Sprache der Behauptungen. Deshalb sind all diese Predigten und Ermahnungen im Leeren verhallt, ohne eine dauerhafte Wirkung auf der Welt zu hinterlassen.

Wenn daher einige Diener Allahs anstelle bloßer mündlicher Ausführungen versucht hätten, auf Grundlage der Grundsätze, an die sie glaubten, eine Gesellschaftsordnung zu errichten, dann hätten sie selbst bei einem Misserfolg in diesem Versuch einen weit wirksameren Dienst leisten können als denjenigen, den die Redner trotz des Erfolgs ihrer Predigten und Ermahnungen zu leisten versäumt haben. Um zu beweisen, dass der Islam für die Menschen der ganzen Welt wohltätig ist, genügt es nicht, lediglich einige erstaunliche Ereignisse der Vergangenheit zu schildern. Auch Aufsätze zu verfassen und Reden zu halten, um zu belegen, dass der Islam der Menschheit heute denselben Segen wie in der Vergangenheit bringen kann, nützt nichts. Der einzige Weg besteht darin, dass eine Gemeinschaft, die an die Grundsätze des Islam glaubt, sich zusammenschließt und ein praktisches Beispiel für diese Grundsätze vorführt. Leider ist alles geschehen, nur dies nicht.

Vierter Fehler: Der vierte Irrtum besteht darin, dass die Muslime bei der Verbreitung des Islam einige ähnliche Methoden wie die christlichen Missionare übernommen haben. Die Christen haben die gefallenen Schichten der Welt durch die Verlockung von Begierden, Interessen und Vorteilen zum Christentum gebracht; die Muslime wollen nun dieselben Methoden anwenden. Die Köder, die die Brahmanengesellschaft zu ihrem eigenen Vorteil benutzt, wollen auch die Muslime verwenden. In Diskussionen stehen die Muslime den anderen keineswegs nach, wenn es um Übertreibung, verdrehte Methoden und erhobene Fäuste geht. Wenn ein Muslim aufgrund von Begierde oder einer Täuschung den Hinduismus annimmt, beginnen die Brahmanisten, die Trommel ihres Sieges zu schlagen. Ebenso versuchen die Muslime, einen Hindu in den Himmel zu heben, sobald er bekannt gibt, den Islam angenommen zu haben.

Wie es für andere ein wichtiger Bestandteil ihres Programms zur Religionsverbreitung war, törichte Jugendliche zu verführen und vom Weg abzubringen, so wurde auch unter den Muslimen eine solche Methode als zulässig betrachtet. Wenn eine Hindu-Frau unter dem Einfluss seelischer Erregung mit einem zügellosen Muslim davonlief, wurde dies als großer Sieg der islamischen Missionsarbeit angesehen. Eine solche Schamlosigkeit und Ausschweifung wurde zu einem Mittel, das die Religion unterstützte. Infolgedessen machten zahllose verdorbene Frauen und lüsterne Männer den Religionswechsel zu einem Beruf. Am Morgen gaben sie sich als Muslime aus und ließen sich von den Muslimen tragen, und am Abend erklärten sie sich zu Hindus oder Christen und erhielten von diesen Geld.

In einer Zeit, in der die Schuddhi-Organisationen in verschiedenen Teilen Indiens großen Einfluss hatten, bat ein muslimischer Gelehrter die muslimischen Prostituierten in Delhi, den Islam gegenüber ihren nichtmuslimischen Kunden zu verkünden. Dadurch wurde der Islam in den Augen der Nichtmuslime zu einer wertlosen Sache. Sie kamen zu dem Schluss, der Islam sei lediglich ein System, das zur Vermehrung der Zahl des eigenen Volkes diene. Um die einfachen Menschen zu täuschen, präsentierten die Muslime ihn ihnen als die Religion Allahs. Eine solche Auffassung war für sie völlig nachvollziehbar. Denn wenn sie sahen, dass die Muslime ihre Religion genau zu demselben Zweck und auf dieselbe Weise gebrauchten, wie die Nichtmuslime ihre Religion verwendeten, wie sollte sich dann in ihren Herzen auch nur ein Funke von der Überlegenheit des Islam entzünden?

Fünfter Fehler: Der fünfte praktische Irrtum besteht darin, dass die Muslime für jede Arbeit in der Welt die Notwendigkeit irgendeiner Befähigung anerkennen. Für zwei Aufgaben halten sie jedoch keine besondere Befähigung für erforderlich: für das Vorstehen des Gebets in der Moschee und für die Tabligh der Religion. Es gab eine Zeit, in der der Vorbeter des Gebets der Herrscher des islamischen Staates oder sein Vertreter war. Heute suchen die Muslime jedoch gerade denjenigen aus, der zu keiner weltlichen Arbeit fähig ist, um ihn zum Imam ihrer Moschee zu ernennen.

Die Muslime eines segensreichen Zeitalters waren der Auffassung, dass Allah diese Umma gerade deshalb auserwählt hatte, damit sie die Religion mit derselben Verantwortungsbereitschaft, Tatkraft und Hingabe zu den Menschen brachte, mit der der Gesandte Allahs diese Religion zu den Menschen gebracht hatte. Das islamische Kalifat mit all seinen Bereichen und Beamten war ein Mittel zur Erfüllung eben dieser Aufgabe der Risala. Diese Aufgabe war der Umma durch den Gesandten Allahs übertragen worden. Die heutige Lage ist jedoch so, dass die gesamte muslimische Gesellschaft mit all ihren intelligenten und tatkräftigen Mitgliedern im Dienst einer dschahilischen Ordnung beschäftigt ist.

Wir haben auf einige der groben intellektuellen und praktischen Irrtümer hingewiesen, die in der üblichen Methode der Tabligh enthalten sind. Bei einer umfassenden Bewertung würden noch viele weitere Irrtümer sichtbar werden. Wir wollen die Erörterung jedoch nicht weiter ausdehnen. Der Zweck der Erwähnung dieser Irrtümer besteht darin zu zeigen, dass zwischen der Methode, mit der die Propheten und Gesandten die Verkündung der Religion betrieben haben, und der heute üblichen Methode nicht einmal die entfernteste Beziehung besteht. Das Ziel und die Absicht, die vor den Propheten lagen, fehlen bei diesen Menschen. Ihre Arbeitsweise hat keinen Zusammenhang mit der Arbeitsweise der Propheten. In ihren Zielen und ihrer Methode hat die Nachahmung nichtmuslimischer Organisationen überhandgenommen.

Deshalb wollen wir ausführlich darlegen, zu welchem Zweck die Propheten und Gesandten Tabligh betrieben und wie sie dies taten. Wir werden auch erwähnen, welche Mittel und Wege sie dafür einsetzten. Wir werden erörtern, welche Stufen sie bei der Verkündung durchlaufen mussten, wie sie die Anforderungen und Verantwortlichkeiten jeder Stufe erfüllten und welche Wohltaten die Welt durch ihren Kampf erlangte.

3

Warum Tabligh?

Die Notwendigkeit der Propheten und Gesandten
Allah, der Erhabene, hat in die menschliche Natur die Fähigkeit gelegt, Gut und Böse zu erkennen, das Gute anzunehmen und das Böse zu meiden. Durch seine eigene Erkenntnis kann der Mensch das Gute annehmen, das Böse vermeiden und dadurch würdig werden, von Allah belohnt zu werden. Andererseits kann er, indem er entgegen seiner Natur statt des Guten den schlechten Weg einschlägt, der Strafe des Schöpfers würdig werden. Doch während seine Natur einerseits Schönheit und Vollkommenheit besitzt, weist sie andererseits auch Mängel und Unvollkommenheiten auf. Deshalb hat Allah seine Rechtleitung und Irreleitung weder in dieser Welt vollständig seiner natürlichen Veranlagung überlassen, noch in der jenseitigen Welt die natürliche Führung allein als ausreichend für Strafe oder Belohnung angesehen. Vielmehr sandte Er Propheten und Gesandte, um die Forderungen der Fitrah und ihre verborgenen Fähigkeiten sichtbar zu machen und der Schöpfung gegenüber Seinen endgültigen Beweis vorzulegen. So sollten die Menschen am Tag der Auferstehung nicht behaupten können, ihnen seien die Wege des Guten und Bösen nicht bekannt gewesen und sie seien deshalb im Sumpf der Irreleitung versunken. Diese Wahrheit wird im folgenden Vers des Edlen Qurans dargelegt.
رُسُلًا مُبَشِّرِينَ وَمُنْذِرِينَ لِئَلَّا يَكُونَ لِلنَّاسِ عَلَى اللَّهِ حُجَّةٌ بَعْدَ الرُّسُلِ وَكَانَ اللَّهُ عَزِيزًا حَكِيمً„Wir haben die Gesandten als Verkünder froher Botschaft und als Warner gesandt, damit die Menschen nach dem Kommen der Gesandten keinen Einwand mehr gegen Allah vorbringen können. Allah ist Allmächtig und Allweise.“
(Sure an-Nisa 4:165)
يَا أَهْلَ الْكِتَابِ قَدْ جَاءَكُمْ رَسُولُنَا يُبَيِّنُ لَكُمْ عَلَى فَتْرَةٍ مِنَ الرُّسُلِ أَنْ تَقُولُوا مَا جَاءَنَا مِنْ بَشِيرٍ وَلَا نَذِيرٍ فَقَدْ جَاءَكُمْ بَشِيرٌ وَنَذِيرٌ وَاللَّهُ عَلَى كُلِّ شَيْءٍ قَدِيرٌ„O Leute der Schrift! Unser Gesandter ist zu euch gekommen und erklärt euch die Lehre der Religion, nachdem die Reihe der Gesandten lange unterbrochen war, damit ihr nicht sagt: ‚Zu uns ist kein Verkünder froher Botschaft und kein Warner gekommen.‘ Nun ist ein Verkünder froher Botschaft und ein Warner zu euch gekommen. Allah hat Macht über alle Dinge.“ (Sure al-Maida 5:19)

Allahs Gesetz hinsichtlich der Propheten
Zu diesem Zweck sandte Allah zu jedem Volk Propheten und Gesandte, damit die Wahrheit vor den Menschen vollständig sichtbar werde und ihnen kein Einwand verbleibe, mit dem sie ihr Verharren auf dem Weg der Verdrehung und Irreleitung rechtfertigen könnten. Allahs Bestimmung hinsichtlich der Propheten war, dass sie ausnahmslos aus der Menschheit hervorgingen; sie kamen nicht aus der Welt der Engel oder Dschinn. Propheten und Gesandte wurden aus den Menschen entsandt, damit die Forderungen der menschlichen Natur den Menschen durch Menschen deutlich dargelegt werden konnten. So sollten die Menschen nicht sagen können: Wie können das Wissen und Handeln eines Nichtmenschen, also eines anderen Geschöpfes, für Menschen vorbildlich sein? Deshalb sandte Allah zu jedem Volk einen Propheten aus dessen eigener Mitte, damit die Fremdheit gegenüber Angehörigen anderer Völker kein Hindernis für die Annahme der Wahrheit werde. Allahs Propheten riefen ihre jeweiligen Völker in deren eigener Sprache zur Religion Allahs auf, damit die Wahrheit ihnen klar dargelegt werden konnte. Ihre Sprache war äußerst klar, verständlich und ansprechend. Außerdem riefen die Gesandten die Menschen nicht nur einmal zur Wahrheit auf und beendeten dann ihre Aufgabe; vielmehr widmeten sie ihr ganzes Leben diesem Zweck. Was sie die Menschen zu tun aufforderten, führten sie selbst vor, und auch ihre Gefährten setzten es in ihrem tätigen Leben um. Diese Ordnung wurde eingerichtet, damit bei der Darlegung dessen, was die Geschöpfe zum Erlangen des Wohlgefallens des Schöpfers und zum Leben in dieser Welt wissen müssen, kein Mangel und keine Unvollständigkeit verbleibe und die Menschen am Tag der Auferstehung Allah nicht ihre schlechten Taten anlasten könnten.

Das Kommen des letzten Propheten
Solange die Welt noch nicht über die sozialen und kulturellen Mittel verfügte, die die gesamte Menschheit hätten versammeln können, um dem Ruf eines einzigen Rufers zu folgen, sandte Allah weiterhin zu jedem Volk gesondert einen Propheten und Gesandten. Als jedoch durch die Lehre und Erziehung der Propheten das moralische und soziale Bewusstsein der Völker so erwacht war, dass sie unter einem weltumspannenden Lebenssystem leben konnten, und zugleich die materiellen Mittel der gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklung so weit fortgeschritten waren, dass der Ruf eines einzigen Wegweisers leicht die ganze Welt erreichen konnte, sandte Allah aus Seiner Gnade den letzten Propheten, Muhammad, den Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, in die Welt. Durch ihn gab Er den Menschen ein vollkommenes Lebensgesetz. Dieses Lebensgesetz entspricht, unabhängig von Stamm und Rasse, vollständig der Natur der gesamten Menschheit sowie ihren Zuständen, ihrer Umwelt und ihren Bedürfnissen. Dies ist das göttliche Lebensgesetz, das wir unter dem Namen „Islam“ kennen.

Der Islam ist seinem innersten Wesen nach jene Religion, mit der alle Propheten gekommen sind. Nur in einigen Einzelheiten bestanden geringfügige Unterschiede. Die früheren Propheten lehrten ihre jeweiligen Völker entsprechend deren Auffassungsvermögen den Glauben und die Glaubensgrundsätze. Der Siegel der Propheten, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, lehrte die Menschheit ihre Glaubensgrundsätze entsprechend der von Allah verliehenen Fähigkeit, sie zu verstehen. Bei der Vermittlung der Gesetze berücksichtigten die anderen Propheten die besondere Natur und die besonderen Krankheiten ihrer jeweiligen Völker. Beim islamischen Gesetz wurden jedoch nicht die besondere ethnische oder gesellschaftliche Veranlagung und die jeweiligen Neigungen berücksichtigt, sondern allein die Natur der Menschheit. Die von Allah gegebenen Lebensordnungen der früheren Propheten entsprachen nur den Bedürfnissen ihrer jeweiligen Völker. Die Lebensordnung, die die Menschen durch den Propheten, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, erhielten, erfüllt jedoch nicht nur die Bedürfnisse eines bestimmten Volkes, sondern sämtliche persönlichen und gemeinschaftlichen Bedürfnisse der gesamten Menschheit.

Zwei Aspekte des Kommens des Gesandten Allahs
Dem Propheten, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, wurde die Verantwortung übertragen, die ganze Welt zu führen und der gesamten Schöpfung den endgültigen Beweis vorzulegen. Nach ihm besteht keine Notwendigkeit für einen weiteren Propheten. Deshalb sandte Allah ihn mit zwei Aufgaben des Prophetentums: einer besonderen und einer allgemeinen Sendung. Er wurde insbesondere zu den Arabern gesandt. Wegen dieser besonderen Beziehung wird er der ungelehrte Prophet oder der arabische Gesandte genannt; auch die Sprache der Offenbarung, die auf ihn herabgesandt wurde, ist Arabisch. Unter diesem Gesichtspunkt erfüllte er seine Aufgabe der Verkündigung und der Vollendung des Beweises unmittelbar.

Er wurde jedoch allgemein zu den Menschen der ganzen Welt gesandt. Zur Erfüllung dieser Sendung gab Allah ihm eine Umma und befahl dieser Umma, die Religion der Wahrheit, die der Gesandte ihnen verkündete, weiterhin anderen Menschen zu verkünden. Der Erhabene Allah sagt:وَكَذَلِكَ جَعَلْنَاكُمْ أُمَّةً وَسَطًا لِتَكُونُوا شُهَدَاءَ عَلَى النَّاسِ وَيَكُونَ الرَّسُولُ عَلَيْكُمْ شَهِيدًا„Und so haben Wir euch zu einer Gemeinschaft der Mitte gemacht, damit ihr Zeugen über die Menschen seid und der Gesandte Zeuge über euch ist.“ (Sure al-Baqara 2:143)وَأُوحِيَ إِلَيَّ هَذَا الْقُرْآنُ لِأُنْذِرَكُمْ بِهِ„Und dies ist ein Quran, der mir offenbart wurde, damit ich euch und alle, die er erreicht, warne.“ (Sure al-An’am 6:19)

Zwei besondere Maßnahmen zum Schutz der Religion
Um den Zweck der allgemeinen Sendung des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, zu erfüllen, ließ Allah eine vollständige Umma entstehen. Ihre Aufgabe besteht darin, jedes Land und jedes Volk zu erreichen, sodass die Welt für immer unabhängig davon wird, dass eine Offenbarung in verschiedenen Sprachen herabgesandt werden müsste. Denn nach ihm wird kein weiterer Prophet kommen. Daher wurde die Aufgabe, die Schöpfung zu führen und den Beweis für die Religion der Wahrheit endgültig zu erbringen, vollständig und für immer seiner Umma übertragen. Zu diesem Zweck traf Allah zwei besondere Vorkehrungen zum Schutz der Religion.

Erstens bewahrte Er den Edlen Quran vollständig vor jeder Veränderung, Erweiterung, Verfälschung, Korrektur oder Verkürzung, damit die Menschen der Welt keinen neuen Propheten benötigen würden, um Allahs Gesetz zu erfahren.

Zweitens setzte Er in dieser Umma eine Gruppe ein, die zu allen Zeiten auf der Wahrheit feststehen wird. Dies ist auch durch authentische Hadithe belegt. Für diejenigen, die nach der Wahrheit suchen, werden ihr Wissen und ihr Handeln daher wie eine Leuchte sein.

Eine solche Gemeinschaft, wie gering ihre Zahl auch sein mag, wird in dieser Umma fortbestehen. Welche Katastrophen auch kommen mögen, diese fromme Gemeinschaft wird das Wissen und Handeln des Gesandten Allahs und seiner Gefährten lebendig halten. Selbst wenn der Einfluss der Irreleitung so durch die Adern dieser Umma fließt, wie das Gift eines tollwütigen Hundes sich im Körper eines Verwundeten ausbreitet, wird Allah einen Teil dieser Umma vor der Irreleitung bewahren. Wenn die Natur der Menschen so verdorben sein wird, dass Aufrichtigkeit als Unrecht und Unrecht und Unzüchtigkeit als Aufrichtigkeit und Anstand gelten, und wenn die Macht der Anhänger der Neuerungen so groß wird, dass die Rufer zur Wahrheit in der Welt wie Fremde erscheinen, werden diese Menschen weiterhin die Schöpfung zur wahren Religion rufen und trotz ständiger Widerstände versuchen, die von Menschen verursachte Verderbnis zu korrigieren.

Allahs Zweck, in jedem Zeitalter eine solche Gemeinschaft aktiv zu halten, ist, dass ebenso wie Er das Wissen der Offenbarung in Form des Quran bis zum Tag der Auferstehung bewahrt hat, auch das Wissen und Handeln des Gesandten Allahs und seiner Gefährten durch diese Gemeinschaft für immer erhalten bleiben und das Licht, das zur Führung der Schöpfung und zur Vollendung des Beweises des Gesandten notwendig ist, niemals erlöschen möge. In den Worten von Jesus, Allahs Frieden sei auf ihm, werden diese Menschen Leuchten auf den Bergen sein, durch die der Verirrte den Weg findet. Sie werden das Salz der Erde sein, durch das etwas gesalzen werden kann.

Die Verkündigung als Aufgabe der Gesandtschaft
Aus der vorstehenden Erörterung wurde klar, dass das Bezeugen vor den Menschen oder die Verkündigung der Religion nicht nur eine gute Tat ist und auch nicht lediglich die Vermehrung der Zahl der Muslime bezweckt. Vielmehr entspricht die Verkündigung genau dem Zweck, zu dem der Prophet, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, allgemein gesandt wurde und der durch diese Umma erfüllt werden soll. Für jeden Angehörigen der Umma des Gesandten Allahs ist die Erfüllung der Aufgabe der Verkündigung eine unumgängliche Pflicht. Die Verkündigung der Religion wurde seiner Umma anvertraut. Wenn die Muslime diese Aufgabe vernachlässigen, vernachlässigen sie damit mittelbar die Aufgabe der Gesandtschaft. Allah selbst hatte ihnen diese Aufgabe übertragen. Die unausweichliche Folge wird sein, dass Allah ihnen den Rang entzieht, in den Er sie zur Erfüllung dieser Aufgabe als „beste Umma“ eingesetzt hatte, und ihnen die gesamte Verantwortung für die Irreleitung der Weltbewohner auferlegt. Denn sie sind nun das Mittel, durch das die Religion der Schöpfung Allahs endgültig dargelegt wird. Wenn sie diese Aufgabe nicht erfüllen, werden die Menschen am Tag der Auferstehung vor Allah den Einwand vorbringen können: Du hast jene zu Zeugen über die Menschen gemacht und ihnen die Aufgabe unserer Führung anvertraut, doch sie haben uns nicht zu Deiner Religion gerufen. Sonst wären wir nicht irregegangen. Die Muslime werden dann keine Antwort auf diese Anklage haben.

Bedingungen der Verkündigung
Das Bezeugen vor den Menschen beziehungsweise die allgemeine Aufgabe der Verkündigung kann in der Welt nicht dadurch erfüllt werden, dass lediglich ein Volk mit dem Namen „Muslime“ fortbesteht, unabhängig davon, ob es die Aufgabe des Bezeugens vor den Menschen erfüllt oder nicht. Sie ist eine der wichtigsten Aufgaben der Gesandtschaft. Deshalb muss die Verkündigung der Religion Allahs unter Erfüllung all jener Bedingungen erfolgen, die Allah für die Verkündigung festgelegt haben und auf die die Propheten und Gesandten bei ihrer Verkündigungsarbeit achteten. Hier erwähnen wir einige wichtige Bedingungen, die bei der Erfüllung dieser Aufgabe berücksichtigt werden müssen.

Erste Bedingung: Die erste Bedingung der Verkündigungsarbeit ist, dass wir selbst, bevor wir Zeugen für die Religion der Wahrheit sind, aufrichtig an diese Religion glauben müssen. Die Propheten und Gesandten glaubten zuerst selbst an die Religion, zu der sie die Menschen riefen. Sie hielten sich nicht für über der Religion der Wahrheit stehend. „Der Gesandte glaubt an das, was zu ihm von seinem Herrn herabgesandt wurde, und ebenso die Gläubigen.“

Nachdem sie an diese wahre Religion geglaubt hatten, waren sie die Ersten, die alles aufgaben, was ihr widersprach, sei es die Religion der Vorväter, Stammes- und Gruppenbindungen oder persönliche und gemeinschaftliche Interessen. Welche Gefahr ihnen dabei auch begegnete, sie sagten: „Ich bin der erste Gläubige; ich bin der erste Muslim.“ Niemals hielten sie sich selbst in sicherer Entfernung von der Gefahr und trieben andere an, hineinzuspringen, wenn sie gerettet werden wollten.

Zweite Bedingung: Die zweite Bedingung der Verkündigung der Religion der Wahrheit ist, dass der Mensch die Wahrheit, an die er glaubt, mit Worten bezeugt. Wer an eine Wahrheit glaubt und trotz der Fähigkeit, sie zu verkünden, schweigt, ist ein stummer Satan. Am Tag der Auferstehung wird er wegen des Verbergens der Wahrheit schuldig gesprochen werden, wie die Juden wegen dieses Verbrechens schuldig gesprochen wurden. Der Quran sagt:وَإِذْ أَخَذَ اللَّهُ مِيثَاقَ الَّذِينَ أُوتُوا الْكِتَابَ لَتُبَيِّنُنَّهُ لِلنَّاسِ وَلَا تَكْتُمُونَهُ فَنَبَذُوهُ وَرَاءَ ظُهُورِهِمْ وَاشْتَرَوْا بِهِ ثَمَنًا قَلِيلًا فَبِئْسَ مَا يَشْتَرُونَ„Als Allah von den Leuten der Schrift das Versprechen entgegennahm: Ihr müsst sie den Menschen kundtun und dürft sie nicht verbergen. Da warfen sie sie hinter ihren Rücken und verkauften sie für einen geringen Preis. Wie schlimm ist, was sie erkaufen.“ (Sure Al Imran 3:187)

Die hierbei erforderliche Vorsicht muss grundsätzlich um des Interesses der Religion der Wahrheit willen beachtet werden. Das bedeutet, diese Religion muss auf richtige Weise, am richtigen Ort und vor geeigneten Menschen verkündet werden. Dadurch kann der Ruf zur wahren Religion im Herzen eines Menschen Fuß fassen. Wenn jemand die Wahrheit völlig missachtet und nur wegen seines persönlichen Vorteils die Verkündigung der Religion der Wahrheit unterlässt oder ihr gegenüber Gleichgültigkeit zeigt, ist er entweder ein Heuchler oder ein charakterloser Feigling. Nur unter besonderen Umständen ist es erlaubt, die Verkündung der Wahrheit vorübergehend zu unterlassen, etwa wenn dadurch tatsächlich Lebensgefahr besteht und der Verkünder meint, es sei im Hinblick auf den Dienst an der Religion der Wahrheit besser, sein Leben zu bewahren.

Dritte Bedingung: Die dritte Bedingung ist, dass dieses Zeugnis nicht nur mit Worten abgelegt werden darf, sondern durch tatsächliches Handeln bezeugt werden muss. Ein Zeugnis, hinter dem kein praktisches Handeln steht, gilt im Islam nicht als zuverlässig. Manche Menschen kamen zum Propheten, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, schworen vor ihm und sagten: „Wir bezeugen, dass du der Gesandte Allahs bist.“ Allah nahm ihr Zeugnis jedoch nicht an. Er erklärte sie zu Heuchlern und Lügnern und führte ihnen zur Bestätigung ihr Verhalten und ihre Aussagen vor Augen. Dadurch wurden ihre ablehnende Haltung gegenüber Islam und Muslimen sowie ihre Feindschaft gegenüber der Wahrheit sichtbar.

Wer eine Wahrheit angenommen hat und die Menschen zu ihr ruft, ist unbedingt verpflichtet, sein Handeln mit dieser Wahrheit in Einklang zu bringen. Andernfalls gilt er als jemand, der den Spuren jener jüdischen Gelehrten folgt, die der Edle Quran streng kritisiert hat. Sie riefen andere dazu auf, Allah ergeben zu sein, vergaßen sich selbst jedoch. Die Handlungen eines Menschen oder einer Gruppe, die ihrem eigenen Ruf widersprechen, sind ein Beweis, den sie selbst gegen ihren Ruf vorlegen. Der durch tatsächliches Handeln erbrachte Beweis ist stärker als ein mündlicher Beweis. Ihre eigenen Handlungen tragen einen so starken Beweis gegen ihre Behauptungen in sich, dass kein weiterer Beweis nötig ist, um ihren Ruf zurückzuweisen.

Wenn die Muslime Zeugen für Allahs Religion sind, bedeutet dies notwendigerweise, dass sie an diese Religion glauben, ihren Ruf anderen übermitteln und in jedem Bereich ihres persönlichen und gemeinschaftlichen Lebens nach ihr handeln. Anders kann das Recht dieses Zeugnisses, zu dem Allah sie auserwählt hat, nicht erfüllt werden. Im praktischen Leben keine Beziehung zu dieser Religion zu haben und sie zugleich mündlich als wahre Religion zu bezeugen, ist im Hinblick auf die Vollendung des Beweises vor der Schöpfung geradezu lächerlich. Wenn Allah aufgrund der Predigten solcher handlungsunfähigen Redner Seine Schöpfung schuldig spräche, wäre dies Seiner Gerechtigkeit widersprechend. Die notwendige Folge wäre, dass der Beweis dieser Religion gegen die Muslime endgültig erbracht wäre und sie am Tag der Auferstehung aufgrund ihres eigenen Bekenntnisses zur Rechenschaft gezogen würden.

Welche Formen des Abweichens von der Religion im praktischen Leben entschuldbar sind, hat der Quran selbst dargelegt und zugleich die Behandlung genannt. Eine entschuldbare Abweichung besteht darin, dass ein Mensch aus Erregung, Leidenschaft oder dem Drängen seiner Begierde eine Handlung gegen die Wahrheit begeht. Ihre Behandlung ist sofortige Reue und die Bitte um Vergebung bei Allah. Eine andere Form besteht darin, dass jemand gezwungen wird, eine Handlung gegen die Wahrheit zu begehen. Dann muss er sich nach Kräften bemühen, sich aus diesem Zustand zu befreien. Wenn der Mensch jedoch statt zu bereuen und sich zu bessern seinen Irrtum verhüllt, ihn zu seiner Decke und seinem Lager macht und den bedrängten Zustand, in den er geraten ist, zu seiner Religion erhebt, ist dieses Verbrechen nicht verzeihlich. Weil er mit dem Falschen zufrieden ist, wird er von der ehrenvollen Stellung entfernt, in die er als Zeuge vor den Menschen eingesetzt wurde.

Vierte Bedingung: Die vierte Bedingung der Verkündigung ist, das Zeugnis von jeder ethnischen und stammesbezogenen Engstirnigkeit frei zu halten. Feindschaft oder Freundschaft gegenüber irgendeinem Volk darf uns nicht vom Weg der Religion der Wahrheit abbringen, die wir verkünden. Wie wir unseren Gegnern gegenüber unparteiisch bleiben müssen, lehrt uns der Edle Quran mit den folgenden Worten:يَا أَيُّهَا الَّذِينَ آمَنُوا كُونُوا قَوَّامِينَ لِلَّهِ شُهَدَاءَ بِالْقِسْطِ وَلَا يَجْرِمَنَّكُمْ شَنَآنُ قَوْمٍ عَلَى أَلَّا تَعْدِلُوا اعْدِلُوا هُوَ أَقْرَبُ لِلتَّقْوَى وَاتَّقُوا اللَّهَ إِنَّ اللَّهَ خَبِيرٌ بِمَا تَعْمَلُونَ„O ihr, die ihr glaubt! Steht Allah gegenüber fest für die Gerechtigkeit ein und seid Zeugen der Gerechtigkeit. Der Hass gegen ein Volk soll euch nicht dazu bringen, ungerecht zu sein. Seid gerecht; das ist der Gottesfurcht näher. Und fürchtet Allah. Allah ist wohl kundig dessen, was ihr tut.“ (Sure al-Maida 5:8)

Auch wie wir gegenüber unseren Freunden und Angehörigen unparteiisch sein müssen, wird im folgenden Vers des Quran gelehrt:يَا أَيُّهَا الَّذِينَ آمَنُوا كُونُوا قَوَّامِينَ بِالْقِسْطِ شُهَدَاءَ لِلَّهِ وَلَوْ عَلَى أَنْفُسِكُمْ أَوِ الْوَالِدَيْنِ وَالْأَقْرَبِينَ إِنْ يَكُنْ غَنِيًّا أَوْ فَقِيرًا فَاللَّهُ أَوْلَى بِهِمَا فَلَا تَتَّبِعُوا الْهَوَى أَنْ تَعْدِلُوا وَإِنْ تَلْوُوا أَوْ تُعْرِضُوا فَإِنَّ اللَّهَ كَانَ بِمَا تَعْمَلُونَ خَبِيرًا„O ihr, die ihr glaubt! Tretet für die Gerechtigkeit ein und seid Zeugen für Allah, auch wenn es gegen euch selbst, gegen eure Eltern oder gegen eure Verwandten ist. Ob jemand reich oder arm ist, Allah steht beiden näher. Folgt daher nicht der Neigung, damit ihr gerecht bleibt. Und wenn ihr die Aussage verdreht oder euch abwendet, so ist Allah dessen kundig, was ihr tut.“ (Sure an-Nisa 4:135)

Fünfte Bedingung: Die fünfte Bedingung der Verkündigung ist, die vollständige und vollkommene Religion, die von Allah zu uns gekommen ist, als Ganzes zu bezeugen. Aus Furcht vor Tadel oder Widerstand darf nichts davon ausgelassen werden. Was sich auf die Pflichten des persönlichen Lebens bezieht, muss jeder in seinem persönlichen Leben bezeugen. Jeder muss beten und fasten; jeder Wohlhabende muss die Zakat entrichten und jeder Fähige die Pilgerfahrt vollziehen. Rechtschaffenheit, Vertrauenswürdigkeit und ein reines Leben müssen von jedem Muslim angenommen werden.

Bei den Dingen jedoch, deren Bezeugung ein gemeinschaftliches Leben voraussetzt, besteht die Pflicht des Einzelnen darin, sich mit aller Kraft um die Errichtung eines gemeinschaftlichen Lebens zu bemühen. Sobald es besteht, muss er jene Dinge bezeugen. Ein gesellschaftliches und wirtschaftliches System sowie die politischen Grundlagen eines Landes können nicht von einem Einzelnen errichtet werden. Um sie nach islamischer Art zu gestalten, ist eine organisierte Kraft erforderlich. Deshalb ist es unbedingt notwendig, zuerst eine rechtschaffene Gemeinschaft zu bilden. Nach ihrer Errichtung wird es unerlässlich, in jedem Bereich des gemeinschaftlichen Lebens die Religion der Wahrheit zu bezeugen. Im Folgenden führen wir einige Verse an, aus denen ersichtlich wird, mit welchem Nachdruck dem Propheten, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, aufgetragen wurde, die gesamte Religion ohne Verringerung oder Erweiterung zu bezeugen.
يَا أَيُّهَا الرَّسُولُ بَلِّغْ مَا أُنْزِلَ إِلَيْكَ مِنْ رَبِّكَ وَإِنْ لَمْ تَفْعَلْ فَمَا بَلَّغْتَ رِسَالَتَهُ وَاللَّهُ يَعْصِمُكَ مِنَ النَّاسِ إِنَّ اللَّهَ لَا يَهْدِي الْقَوْمَ الْكَافِرِينَ„O Gesandter! Verkünde, was zu dir von deinem Herrn herabgesandt wurde. Wenn du es nicht tust, hast du Seine Botschaft nicht übermittelt. Allah wird dich vor den Menschen schützen.“ (Sure al-Maida 5:67)الَّذِينَ يُبَلِّغُونَ رِسَالَاتِ اللَّهِ وَيَخْشَوْنَهُ وَلَا يَخْشَوْنَ أَحَدًا إِلَّا اللَّهَ وَكَفَى بِاللَّهِ حَسِيبًا„Diejenigen, die Allahs Botschaften übermitteln, Ihn fürchten und niemanden außer Allah fürchten. Und Allah genügt als Abrechner.“ (Sure al-Ahzab 33:39)(Arabisch****)„Höre nicht auf die Worte der Ungläubigen und Heuchler und kümmere dich nicht um ihre Belästigungen. Vertraue auf Allah.“ (Sure al-Ahzab 33:48)فَلِذَلِكَ فَادْعُ وَاسْتَقِمْ كَمَا أُمِرْتَ وَلَا تَتَّبِعْ أَهْوَاءَهُمْ وَقُلْ آمَنْتُ بِمَا أَنْزَلَ اللَّهُ مِنْ كِتَابٍ„Rufe daher zu dieser Religion auf und halte daran fest, wie dir befohlen wurde. Folge nicht ihren Neigungen und sage: Ich glaube an das, was Allah an Schrift herabgesandt hat.“ (Sure asch-Schura 42:15)

Sechste Bedingung: Die sechste Bedingung der Verkündigung ist, dass diejenigen, die zur Religion Allahs rufen, nötigenfalls bereit sein müssen, ihr Leben zu geben, und es tatsächlich hingeben. Dies ist die höchste Stufe des Bezeugens. Deshalb wurden diejenigen, die für die Religion Allahs in den Dschihad zogen und die Wahrheit ihres Glaubens selbst im Schatten der Schwerter bezeugten, als Märtyrer bezeichnet. Wer außer solchen Menschen, die ihr Leben opfern, kann diesen großen Titel des Märtyrers verdienen? Für wen könnte er passender sein? Allah hat dieser Umma die Aufgabe auferlegt, Zeugen über die Menschen zu sein. Tausende und Millionen können sich erheben, um diese Aufgabe zu erfüllen, und jeder von ihnen wird bei Allah den Lohn für seine Mühe erhalten. Doch derjenige, der sein ganzes Leben auf diesem Weg geopfert und durch sein Leben die Wahrheit bezeugt hat, verdient in besonderem Maße den Titel „Märtyrer“. Denn welcher größere Beweis für die Wahrheit einer Sache kann existieren, als dass ein Mensch sein kostbares Leben zur Unterstützung der wahren Religion hingibt? Wer sein Leben aufs Spiel setzt, um die Wahrheit zu bezeugen, hat die höchste Stufe des Zeugnisses erreicht. Er ist der wahre Märtyrer.

Die Verantwortung der Muslime
Aufgrund dieser Aufgabe der Gesandtschaft wurde die muslimische Umma „die beste Gemeinschaft“ genannt. Wenn die Muslime diese Verantwortung vergessen, sind sie nur noch ein Volk wie die anderen Völker der Welt. Sie besitzen dann weder eine besondere Schönheit noch einen Grund für einen besonderen Rang. Für Allah besteht dann kein Anlass, darauf zu achten, ob sie in der Welt ehrenvoll oder erniedrigt leben. Vielmehr werden auch sie, nachdem sie diese Verantwortung vergessen haben, zu einem Volk, das Allahs Fluch trifft, wie zuvor andere Völker, denen diese Aufgabe anvertraut worden war. Weil sie ihre anvertraute Aufgabe nicht erfüllten, wurden sie verflucht. Daher werden in dem Vers, der die Muslime als das beste Volk bezeichnet, auch ihre Verantwortung und Pflicht klar genannt.كُنْتُمْ خَيْرَ أُمَّةٍ أُخْرِجَتْ لِلنَّاسِ تَأْمُرُونَ بِالْمَعْرُوفِ وَتَنْهَوْنَ عَنِ الْمُنْكَرِ وَتُؤْمِنُونَ بِاللَّهِ وَلَوْ آمَنَ أَهْلُ الْكِتَابِ لَكَانَ خَيْرًا لَهُمْ مِنْهُمُ الْمُؤْمِنُونَ وَأَكْثَرُهُمُ الْفَاسِقُونَ„Ihr seid die beste Gemeinschaft, die für die Menschen hervorgebracht wurde: Ihr gebietet das Rechte, verbietet das Verwerfliche und glaubt an Allah.“ (Sure Al Imran 3:110)

Auch die Methode zur Erfüllung dieser gemeinschaftlichen Pflicht hat Allah selbst erklärt:(Arabisch*****************)„Es soll unter euch eine Gemeinschaft geben, die zum Guten ruft, das Rechte gebietet und das Verwerfliche verbietet. Diese sind es, die erfolgreich sind.“ (Sure Al Imran 3:104)

Bei der Umsetzung dieses Befehls war die erste Arbeit, die die Muslime nach dem Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, verrichteten, die Errichtung des Kalifats nach dem Vorbild des Prophetentums. Diese Institution diente als organisierte Einrichtung, die zum Guten rief, das Rechte gebot und das Verwerfliche verhinderte. Die Muslime errichteten sie, um die ihnen nach dem Gesandten Allahs übertragene gemeinschaftliche Verantwortung für die Religion der Wahrheit zu erfüllen. Als Vertreter der Muslime sorgte diese Institution dafür, dass sie auf der Wahrheit feststanden und die Menschen der Welt zur Wahrheit riefen. Solange das Kalifat ordnungsgemäß bestand, waren Muslime und Nichtmuslime gleichermaßen aktiv in der Erfüllung ihrer Aufgaben. Bis dahin gehörte die Verkündigung zur Pflicht, die von einem Teil der Gemeinschaft erfüllt werden konnte. Das Kalifat erfüllte sie und entlastete dadurch jedes Mitglied der Gemeinschaft vor Allah von dieser Pflicht. Als dieses System jedoch zerfiel, fiel die Verantwortung für das Bezeugen der Wahrheit erneut auf jedes Mitglied der Gesellschaft. Wenn beispielsweise eine staatliche Ordnung zusammenbricht, geht die Verantwortung für den Schutz von Leben und Besitz ihrer Bewohner vom Staat auf die Bewohner selbst über und bleibt bei ihnen, bis sie wieder eine staatliche Ordnung errichten können. Ebenso fiel nach dem Zerfall des Kalifats die Verantwortung, vor den Menschen Zeugnis abzulegen, auf jedes Mitglied der Umma. Solange sie keine ordnungsgemäße islamische Staatsordnung errichten, trifft jeden Muslim die Sünde, diese Pflicht nicht zu erfüllen. Am Tag der Auferstehung wird jeder Einzelne dafür zur Rechenschaft gezogen werden.

Zusammenfassung
Das Ergebnis der gesamten Erörterung ist folgendes:

(a) Die Aufgabe, bis zum Tag der Auferstehung die Religion Allahs in der ganzen Welt zu verkünden, war dem Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, übertragen worden. Damit diese Aufgabe vollständig erfüllt werde, übertrug er sie im Auftrag Allahs der Umma. Nun wird diese Umma bis zum Tag der Auferstehung die Religion Allahs jedem Land, jedem Volk und jeder Sprachgemeinschaft verkünden.

(b) Allah hat für die Verkündigungsarbeit die Bedingung festgelegt, dass sie mündlich, aufrichtig und durch praktisches Handeln erfolgen muss. Die gesamte Religion muss ohne Unterschiede und Klassenteilung verkündet werden. Sie muss unparteiisch und ohne Beachtung des Tadels der Tadler verkündet werden. Wenn nötig, muss der Verkünder sein Leben opfern, um diese Aufgabe zu erfüllen.

(c) Zur Erfüllung dieser umfassenden Verantwortung bestand die Institution des Kalifats. Solange diese Institution bestand, war jeder Muslim von dieser Verantwortung entlastet.

(d) Nach der Auflösung dieser Institution fiel die Verantwortung für die Verkündigung des Islam auf jedes Mitglied der Umma. Entsprechend den Unterschieden in Fähigkeit und Rang wird diese Verantwortung unter ihnen verteilt.

(e) Um für diese Pflicht Rechenschaft abzulegen und von der Verantwortung frei zu werden, stehen den Muslimen nun zwei Wege offen: Entweder errichten sie die Institution des Kalifats erneut oder setzen zumindest ihr Leben dafür aufs Spiel, sie zu errichten.

(f) Wenn die Muslime keines von beidem tun, werden sie wegen der Nichtbeachtung der ihnen von Allah übertragenen Aufgabe der Gesandtschaft schuldig gesprochen. Sie werden nicht nur die Last ihrer eigenen Sünden tragen müssen, sondern auch die Strafe für die Irreleitung der gesamten Schöpfung.

Aus dieser Erörterung wurde deutlich, dass die entscheidende Antriebskraft zur Erfüllung der großen Aufgabe, die Allah den Muslimen zur Verkündigung der Religion auferlegt hat, ihr Bewusstsein und ihr Empfinden sind. Ihr Blick muss darauf gerichtet sein, dass die Institution des Kalifats, durch die zum Guten gerufen wird, wieder errichtet werden kann. Durch dieses System können die Diener Allahs leicht zur Religion Allahs geführt und der Welt der endgültige Beweis vorgelegt werden. Solange dieses System in der Welt nicht besteht, muss das wichtigste, größte und höchste Ziel der Muslime darin liegen, irgendetwas zu seiner Wiedererrichtung zu tun. Im Schlaf und im Wachsein muss dies der einzige Gedanke jedes Muslims sein. Dafür essen und trinken sie; dafür leben und sterben sie. Wenn das Leben der Muslime dagegen vollständig dem Willen Allahs widerspricht, werden sie Allah keinen annehmbaren Einwand für diesen Mangel vorbringen können. Die Errichtung des Kalifats Allahs auf Allahs Erde ist der Zweck ihres Lebens. Wenn sie diesen Zweck vergessen, können sie keinen höheren Wert beanspruchen als Ungeziefer und Stroh auf der Erde. Sie können niemals den Rang einer Gemeinschaft der Mitte oder der besten Gemeinschaft erlangen und auch keine Hilfe oder Unterstützung von Allah erhoffen.
4

Wen sprachen die Propheten und Gesandten zuerst an?

Wen pflegten die edlen Propheten – Allahs Frieden sei mit ihnen – zuerst anzusprechen, um ihre Botschaft zu verbreiten, und wie pflegten sie sie anzusprechen?
Die erste Frage bedeutet: Zwar werden die Propheten zum gesamten Volk entsandt, doch riefen sie zu Beginn ihrer Tätigkeit tatsächlich alle Menschen des Volkes auf, oder wandten sie sich zunächst an eine bestimmte Schicht? Falls sie zuerst eine bestimmte Schicht ansprachen: Um welche Schicht handelte es sich? Riefen sie zuerst die gewöhnlichen Menschen auf oder diejenigen, die das Volk allgemein führten?
Die zweite Frage zielt auf folgende Tatsache: Für die Angehörigen jeder prophetischen Gemeinschaft erschien die Botschaft ihres Propheten anfangs fremd; vielmehr leisteten sie ihr heftigsten Widerstand. Begannen die Propheten daher ihre Botschaft, indem sie alle als Ungläubige oder Leugner betrachteten und sagten: „O ihr Ungläubigen, glaubt! O ihr Götzendiener, erkennt Allah als den Einen an!“ Oder war die Art ihrer Ansprache eine andere?
Diese beiden Fragen sind äußerst wichtig. Weil die Menschen sie nicht richtig verstanden haben, legten sie auch den Ausgangspunkt der Daʿwa falsch fest. Außerdem übertrieben sie bei der Einschätzung ihrer eigenen Stellung und der Stellung derer, an die sie sich wandten. Dadurch blieb entweder die gesamte Daʿwa wirkungslos, weil sie an einem falschen Punkt begann, oder sie nahm die Gestalt einer Fitna an, weil die richtige Stellung des Rufenden und des Gerufenen nicht bestimmt wurde; statt Verbesserung entstanden dadurch gewaltige Unruhen.

Die Propheten wandten sich an die zeitgenössischen Führer
In diesem Abschnitt wollen wir versuchen, den ersten Teil der Frage zu beantworten. Nach unserer Auffassung lautet die Antwort im Licht der von uns im Qur’an dargelegten Geschichte: Die Propheten – Allahs Frieden sei mit ihnen – riefen zunächst die einflussreichen Personen ihres Volkes dazu auf, Allahs Religion anzunehmen. Ihre Verbesserung machten sie zum Mittel für die Verbesserung der Allgemeinheit. Der Prophet Ibrahim – Allahs Frieden sei mit ihm – trug die Botschaft zuerst den Menschen aus seiner eigenen Verwandtschaft vor. Zu jener Zeit bekleideten sie die religiösen Führungsämter des Volkes. Danach trug er die Botschaft dem zeitgenössischen König vor, in dessen Händen die politische Macht des Volkes konzentriert war und der sich selbst für den Herrn über Leben und Tod der Menschen hielt.(Arabisch**************)„Hast du nicht von jenem gehört, der mit Ibrahim über seinen Herrn stritt, weil Allah ihm die Herrschaft gegeben hatte?“ – (Sure al-Baqara: 257)
Allah, der Erhabene, befahl dem Propheten Musa – Allahs Frieden sei mit ihm –, sich zuerst an den Pharao zu wenden und ihn zu Seiner Religion einzuladen.(Arabisch********************************)„Geh zum Pharao! Er ist wahrlich maßlos geworden. Frage ihn: Bist du bereit, dich zu reinigen? Soll ich dich zu deinem Herrn führen, damit du Ihn fürchtest?“ – (Sure an-Naziʿat: 17–19)
Der Prophet Daniyal – Allahs Frieden sei mit ihm – lud zunächst den einflussreichen König seiner Zeit, Nabuchodonosor, zur Religion ein. Der Prophet Irmiya trug seine prophetische Botschaft vor dem König von Schamal vor. Der Messias – Allahs Frieden sei mit ihm – wandte sich zuerst an die jüdischen Gelehrten. Ebenso werden im Heiligen Qur’an die Botschaften von Nuh, Hud, Lut und Shuʿayb – Allahs Frieden sei mit ihnen – erwähnt. Jeder von ihnen lud zuerst die gesellschaftlichen Führer seiner Zeit und die von Stolz und Hochmut erfüllten Menschen zu Allahs Religion ein und griff ihre Denkweisen und Lehren an. Schließlich erschien der Gesandte Allahs – Allahs Segen und Frieden seien mit ihm. Ihm wurde befohlen, seine Verwandten aus dem Stamm der Quraisch vor der Strafe zu warnen. Diese Menschen waren die Träger der religiösen und stammesbasierten politischen Ordnung der Araber. Durch sie erfüllte er für ganz Arabien die Aufgabe eines moralischen und politischen Wegweisers.
Um die Botschaft des Islam außerhalb der arabischen Welt zu verbreiten, lehrte er der gemäßigten Umma folgende Vorgehensweise: Er schrieb den Herrschern verschiedener Staaten Briefe und stellte ihnen den Islam zuerst vor. Er forderte sie auf: „Nehmt den Islam an, dann werdet ihr in Frieden leben können. Andernfalls werdet ihr allein die Verantwortung für die Irreführung eurer selbst und eurer Untergebenen tragen müssen.“ Die Führer der Umma sollen diese Methode ebenfalls allgemein bei der Verbreitung der Daʿwa befolgen. Darauf weist die angeführte Aussage hin. Die gesamte Geschichte der rechtgeleiteten Kalifen bezeugt, dass die ehrwürdigen Gefährten – Allahs Wohlgefallen sei auf ihnen – die Verantwortung, die Allah und Sein Gesandter ihnen als Zeugen gegenüber der gesamten Menschheit für die allgemeine Daʿwa auferlegt hatten, in der vom Gesandten vorgezeigten Weise erfüllten.

Der Ruf des Propheten Isa
Eine Tatsache ist, dass gerade diejenigen, an deren Türen die Sonne der Rechtleitung zuerst ihre Strahlen sandte, bei der Annahme von Allahs Religion am weitesten zurückblieben. Wer die Geschichte der Propheten kennt, kann diese Wahrheit nicht leugnen. Bilal aus Abessinien, Suhaib aus Kleinasien, Salman aus Persien und die Ackerbauern aus Medina kamen aus weit entfernten Gegenden und nahmen den Islam an. Dagegen blieben die Quraisch-Führer Abu Lahab, Abu Dschahl, Umaiya ibn Chalaf und andere sowie die vornehmen Männer von Taif, denen der Gesandte Allahs Tag und Nacht die Botschaft der Wahrheit vortrug, von ihrem Segen ausgeschlossen. Vielmehr wurden die gewöhnlichen Menschen Arabiens durch diesen Ruf gesegnet, obwohl die Botschaft sie damals nicht unmittelbar, sondern nur mittelbar erreicht hatte.
Diejenigen, die den Ruf zuerst erhalten, bleiben bei seiner Annahme zurück; diejenigen, die ihn später erhalten, gehören bei seiner Annahme zu den Ersten. Die Aussage des Propheten Isa – Allahs Frieden sei mit ihm – hat sich bewahrheitet. Er sagte: „Wie viele Menschen vorne stehen, werden zurückbleiben, und wie viele Menschen zurückstehen, werden nach vorne gelangen.“
Trotzdem änderten die Propheten die Reihenfolge ihrer Daʿwa nicht. Zuerst trugen sie sie den angesehenen Menschen der Gesellschaft vor. Wenn deren Übermaß und Starrsinn sie enttäuschten, gingen sie mit der Botschaft zu den gewöhnlichen Menschen. Seit er zum Propheten berufen worden war, griff Isa – Allahs Frieden sei mit ihm – unablässig die Unnachgiebigkeit der jüdischen Gelehrten an. Doch nachdem es trotz langer und bemerkenswerter Bemühungen nicht gelungen war, den Stein ihres Hochmuts und ihrer arroganten Taktik zu zerbrechen, ließ er sie zurück und ging zu den Fischern am See. Er rief ihnen zu: „O ihr Fischer! Kommt, ich will euch zu Menschenfischern machen.“ Allah schenkte ihm aus ihrer Mitte eine gläubige Gemeinschaft, die unter seinem Namen bekannt wurde.(Arabisch**************************)„Als Isa ihren – der jüdischen Gelehrten – beharrlichen Unglauben wahrnahm, sagte er zu den gewöhnlichen Menschen: ‚Wer sind meine Helfer für Allah? Wir glauben an Allah; bezeuge, dass wir Ihm ergeben sind.‘“ – (Sure Al ʿImran: 52)
Dieser Vers weist auf den allgemeinen Ruf des Propheten Isa – Allahs Frieden sei mit ihm – hin: auf die Zeit, in der er allgemein zur Religion einlud und die Hoffnung verloren hatte, dass die zeitgenössischen religiösen Führer und gesellschaftlichen Oberhäupter die Wahrheit annehmen würden. Damals trug er den Armen und den gewöhnlichen Menschen die Botschaft der Religion vor. Er verkündete sie in einer gefühlvollen Weise, sodass sie die Herzen der Fischer am Flussufer wie Wachs schmelzen ließ. Doch diese Botschaft konnte die Herzen der vornehmen religiösen Führer Jerusalems nicht erweichen. Schließlich entstand gerade aus diesen gewöhnlichen Menschen eine Gruppe von Dienern, die das Banner der Wahrheit trugen, die gewaltige Prüfung des Glaubens bestanden und Allahs Religion in dieser Welt zum Sieg führten. Auf diese Wahrheit wird in der Sure as-Saff hingewiesen.(Arabisch******************************)„O ihr, die ihr glaubt! Werdet zu Helfern Allahs, so wie Isa, der Sohn Maryams, zu den Jüngern sagte: ‚Wer hilft mir auf Allahs Weg?‘ Die Jünger sagten: ‚Wir sind Allahs Helfer.‘ Da verfielen die Oberhäupter der Kinder Israels dem Unglauben. Danach halfen Wir den Gläubigen gegen ihre Feinde, und so wurden sie siegreich.“ – (Sure as-Saff: 14)
Der Prophet Isa, der Messias – Allahs Frieden sei mit ihm –, äußerte sich im Zusammenhang mit Rechtleitung und Irreführung sehr bedeutsam: Der Zurückstehende wird nach vorn gelangen. Obwohl die gewöhnlichen Menschen bei der Annahme von Allahs Religion zuerst vorangingen, wandten sich die Propheten doch so lange nicht unmittelbar an sie, wie sie die Hoffnung auf die zeitgenössischen Führer noch nicht aufgegeben hatten.

Der Ruf des Gesandten Allahs
Bei gründlicher Betrachtung wird man denselben Zustand auch in der Daʿwa des Gesandten Allahs – Allahs Segen und Frieden seien mit ihm – erkennen. Auf Allahs Befehl trug er die Botschaft zunächst den Angehörigen des Stammes Quraisch vor. Damals waren sie die religiösen und politischen Führer der gesamten arabischen Welt. Er legte jedem führenden Mann der Quraisch die Botschaft einzeln vor. Als von ihrer Seite Hass, Feindschaft und Widerstand sichtbar wurden, betete er dennoch zu Allah um ihre Rechtleitung. Für einige besonders wichtige Personen betete er sogar namentlich. Es wird beispielsweise berichtet, dass er betete: „O Allah, stärke den Islam, indem Du Umar oder Abu Dschahl rechtleitest.“
Er war so sehr um die Rechtleitung dieser Menschen bemüht, dass er oft weder auf seine eigene Ruhe und Bequemlichkeit noch auf seine persönliche Würde und Stellung achtete. Deshalb kam es manchmal sogar vor, dass er für diejenigen, die zuvor den Islam angenommen hatten und einer angemessenen Ausbildung bedurften, keine Zeit für Unterweisung und Schulung fand. Trotzdem beschäftigte er sich lange Zeit mit diesen Menschen und ertrug jede Art von Tadel, Spott, Hass, Feindschaft und Widerstand von ihrer Seite. Als jedoch die Pflicht, den Beweis endgültig zu erbringen, erfüllt war, verbot Allah ihm, seine Zeit weiter mit ihnen zu verschwenden, und befahl ihm, sich denjenigen zuzuwenden, bei denen Hoffnung auf Glauben bestand. Denn sie waren von der besonderen Krankheit der Führerschaft frei. Daher war zu hoffen, dass sie die Ermahnung zur Wahrheit hören und annehmen würden. An diesem Punkt befahl Allah, der Erhabene, Seinem Propheten, die von Hochmut und Stolz erfüllten Menschen zu ignorieren.(Arabisch******************************)„Wende dich daher von ihnen ab; du wirst dafür nicht getadelt werden. Fahre fort zu ermahnen, denn die Ermahnung ist den Gläubigen nützlich.“ – (Sure adh-Dhariyat: 54–55)(Arabisch***************************)„Er runzelte die Stirn und wandte sich ab, weil der Blinde zu ihm kam. Woher weißt du, vielleicht würde er sich reinigen oder die Ermahnung annehmen, sodass sie ihm nützt. Denjenigen aber, der sich für unabhängig hält, hast du dir zugewandt, obwohl du nicht dafür verantwortlich bist, wenn er sich nicht reinigt. Doch demjenigen, der voller Eifer zu dir kommt und Ehrfurcht empfindet, begegnest du mit Gleichgültigkeit. Keineswegs! Dies ist nur eine Ermahnung. Wer will, möge sie annehmen. Sie steht auf ehrwürdigen, erhabenen und reinen Blättern, in den Händen geehrter und frommer Schreiber.“ – (Sure ʿAbasa: 1–16)(Arabisch*******************************)„Richte deine Augen nicht auf die weltlichen Güter, die Wir einigen Gruppen der Ungläubigen gegeben haben. Sei wegen ihres Unglücks nicht traurig und breite den Flügel deiner Barmherzigkeit über die Gläubigen aus.“ – (Sure al-Hidschr: 88)

Der Grund für diese Methode der Daʿwa
Dass die Propheten diese Reihenfolge bei der Verkündung ihrer Botschaft einhielten, war kein Zufall. Dafür gibt es bestimmte Gründe, von denen wir einige hier nennen wollen.

Erster Grund: Der größte und deutlichste Grund ist, dass die gewöhnlichen Menschen in Wissen und Handeln sowie in Charakter und Moral den einflussreichen und maßgeblichen Personen der Gesellschaft folgen. Ein Sprichwort sagt: „Das Volk geht, wohin der König geht.“ Wenn die Träger der Gesellschaft und des Staates ein Programm der Verbesserung annehmen, werden die gewöhnlichen Menschen von selbst verbessert. Stellen sie sich ihm jedoch in den Weg, ergreifen die gewöhnlichen Menschen zunächst keine Maßnahmen; und wenn sie es doch annehmen, verschwindet seine Wirkung sehr schnell.

Zweiter Grund: Die Propheten und Gesandten handelten weder aus politischer oder wirtschaftlicher Rache gegen die vornehme Schicht der Gesellschaft, noch hegten sie eine grundlose Parteilichkeit für die gefallenen Schichten. Sie hetzten die unteren Schichten niemals zu einem Klassenkampf gegen die oberen auf und versuchten auch nicht, die obere Schicht herabzusetzen und die untere emporzuheben. Die Sendung, mit der sie in die Welt kamen, kann nicht dadurch erfüllt werden, dass ein Übel oder Verbrechen durch ein anderes Übel oder Verbrechen ersetzt wird. Sie kann vielmehr nur dadurch erfüllt werden, dass die gesamte Gesellschaft auf Gottesfurcht, Verwandtschaftsbeziehungen und Furcht vor dem Jenseits gegründet wird. Deshalb betrachteten sie gewöhnliche und vornehme Menschen mit gleicher Liebe und Anteilnahme und bemühten sich gleichermaßen darum, dass beide von ihren jeweiligen Krankheiten geheilt würden und Gesundheit annähmen. Bei diesem Verbesserungswerk räumten sie jedoch der Verbesserung der vornehmen Schicht Vorrang ein. Denn hauptsächlich diese Menschen waren innerhalb der Gesellschaft erkrankt, und durch ihre Berührung wurden die Übrigen angesteckt. Daher dachten sie zuerst an ihre Behandlung. Wenn sie gesund wurden, war es nicht mehr schwer, auch die anderen gesund zu machen.

Die Vorgehensweise derjenigen, die von wirtschaftlicher Rache oder Vergeltung gegen die obere Schicht getrieben werden, ist dagegen das genaue Gegenteil der Vorgehensweise der Propheten. Sie hetzen die einfachen Menschen gegen die Kapitalbesitzer auf und entfachen einen Klassenkampf. Als dessen Ergebnis entsteht nach ihrer Vorstellung eine allmächtige Volksdiktatur, die der Schlüssel zu jedem Wohl und jeder Befreiung sein soll. In Wirklichkeit besteht das Ergebnis dieses Blutvergießens nur darin, dass die uneingeschränkte Herrschaft der alten Kapitalisten endet und die Diktatur neuer Kapitalisten ihren Platz einnimmt. Die Herrschaft über Unterdrückung, Gewalt und Ungerechtigkeit, die bisher in den Händen einiger alter Kapitalistenfamilien lag, geht auf einige neue Familien über. Wenn diese Revolution der Welt überhaupt einen Nutzen bringt, dann nur den, dass das Rachefeuer einer Gruppe gelöscht wird und sich der Weg öffnet, den Wunsch nach Unterdrückung, Ungerechtigkeit sowie der Zurschaustellung von Macht und Gewalt, den sie bisher unterdrückt hatte und bisher nicht hatte ausleben können, zu verwirklichen und ein neues Spiel zu beginnen. Diejenigen, deren Blick ausschließlich auf eine solche Verbesserung gerichtet ist, können das Volk zweifellos als Werkzeug benutzen, um ihre eigenen Interessen durchzusetzen.

Die Revolution, zu deren Verwirklichung die Propheten und Gesandten kamen, kann jedoch nicht dadurch vollendet werden, dass ein Tyrann lediglich durch Stalin oder Lenin ersetzt wird. Sie wird vielmehr dadurch vollendet, dass die Neigung zu Unterdrückung, Gewalt, Ungerechtigkeit und Unrecht in Großen wie in Kleinen beseitigt wird. Deshalb stehen Lärm, Aufruhr und Gewalt ihrem Ziel völlig entgegen.

Dritter Grund: Die Menschen, die innerhalb eines Volkes eine hohe Stellung innehaben, sind gewöhnlich auch geistig höher entwickelt. Gerade diese geistige Überlegenheit setzt sie auf den Sitz der Führung. Eine Botschaft, deren Ziel eine bedeutende geistige und praktische Revolution ist, kann sie daher nicht übergehen. Wenn diese Menschen eine richtige Denkweise annehmen, können sie auf ihrer Grundlage eine große oder noch größere Ordnung leiten. In dieser Hinsicht besitzen sie einen besonderen Wert. Werden sie vernichtet, ist nicht nur ihr eigener Verlust zu beklagen; vielmehr wird die Gesellschaft geschädigt, aus der sie beseitigt wurden. Wenn sie durch eine Volksrevolution vernichtet werden, wird die gesamte Gesellschaft wie entrahmte Milch. Wenn sie nach dem Ende der revolutionären Erschütterungen einen neuen Plan für den Wiederaufbau des Lebens entwirft, kann sie ihre eigene Armut erkennen. Dann sieht sie klar, wie sehr sie für die kommenden Aufgaben geistige und intellektuelle Fähigkeiten benötigt. Doch diese Fähigkeiten hat sie vollständig verloren.

Nach dem ersten Abschnitt der russischen Revolution entstand genau diese Lage. Nach dem Ende der Revolution wussten die Menschen, in deren Hände die Macht gelangte, überhaupt nicht, wie sie den Staat auf der Grundlage ihrer Ideologie verwalten sollten. So konnten sie die Staatsmacht, die sie durch ein Spiel mit Feuer und Blut errungen hatten, nicht selbst handhaben. Sie mussten sie vielmehr denjenigen anvertrauen, denen sie sie entrissen hatten. Diese Gruppe hatte sich zwar unter dem Druck des Geschreis der Massen vor der neuen Lehre verbeugt, in ihrem Inneren jedoch starken Hass und Feindschaft gegen deren Vertreter verborgen. Deshalb gebrauchte sie die Staatsmacht vollständig auf heuchlerische Weise, und die erste sozialistische Revolution nahm unter ihren Händen dasselbe Ende, das jede Revolution nimmt, wenn sie Heuchlern anvertraut wird.

Die Methode der prophetischen Daʿwa ist von einem solchen Irrtum völlig frei. Die Propheten trugen ihre Botschaft zuerst der begabten Schicht vor. Wenn Menschen dieser Schicht neben Weisheit auch einen vortrefflichen persönlichen Charakter besaßen, wuchs mit ihrer Annahme der Botschaft zugleich deren Kraft.خياركم في الجاهلية خياركم في الاسلام„Die Besten unter euch in der Zeit der Unwissenheit werden auch im Islam die Besten sein, wenn sie Wissen über die Religion erlangen.“
Auf diese Wahrheit weist dieser Hadith hin. Es ist ein Segen dieser Methode der Daʿwa, dass der Islam Menschen wie Abu Bakr und Umar – Allahs Wohlgefallen sei auf ihnen – gewann. Einerseits nahmen sie durch ihre Begabung das lebendige Wesen der Botschaft so tief in sich auf, dass sie selbst zu ihren theoretischen Erklärern wurden. Andererseits besaßen sie aufgrund ihrer hohen moralischen und charakterlichen Fähigkeiten eine solche Kraft, dass sie auf der Grundlage dieser Botschaft eine vollständige Gesellschaftsordnung aufbauten und leiteten und der Welt zeigten, was der Islam in der Praxis verwirklichen will.

Vierter Grund: Diese Menschen sind auch in materieller Hinsicht überlegen. Diese materielle Überlegenheit ist an sich nichts Schlechtes, das man unbedingt verachten müsste. Ein schlechter Aspekt liegt in ihr nur dann, wenn sie zur Unterstützung und Stärkung des Falschen eingesetzt wird. Wenn sie dagegen zu einem Mittel wird, die Wahrheit zu unterstützen und zu stärken, dann war der Prunk Salomos – Allahs Frieden sei mit ihm – und die Herrschaft Dhul-Qarnayns, ebenso wie jede materielle Überlegenheit, eine große Gunst und ein großer Segen Allahs.

Als der Gesandte Allahs – Allahs Segen und Frieden seien mit ihm – so eifrig darum bemüht war, die Führer der Quraisch zu erreichen, stand ihm auch vor Augen, dass die materiellen Mittel in ihrem Besitz, sobald sie die Botschaft annähmen, von selbst für die Unterstützung des Islam eingesetzt würden. Einerseits würde dadurch dem Falschen eine große Kraft entzogen, andererseits würde diese Kraft in die Hand der Religion der Wahrheit gelangen und zu einem mächtigen Schwert gegen das Falsche werden.

Jede Botschaft der Wahrheit beginnt ohne Hilfe und Mittel. Danach gewinnt sie allmählich die zeitgenössischen materiellen Mittel und unterwirft sich die Kräfte von Erfindung, Entdeckung, Wissenschaft und Wissen. Später setzt sie sie bei passender Gelegenheit gegen das Falsche ein. Wie die Führer anderer Bewegungen dies wünschen, wünschen auch die edlen Propheten diese Mittel. Doch zwischen dem Wunsch der anderen und dem Wunsch der Propheten besteht ein Unterschied: Für die Propheten können die materiellen Mittel niemals eine solche Bedeutung erlangen, dass das eigentliche Ziel daneben belanglos wird. Sobald das Verlangen nach materiellen Mitteln die festgelegte Grenze zu überschreiten droht, hält Allah Seine Propheten zurück. Er weist sie an: „Richtet eure Augen nicht auf die Besitztümer der Ungläubigen.“ Eure Daʿwa trägt ihren Proviant und ihr Reittier, ihre Sicherheit und die Mittel ihrer Entwicklung in sich selbst. Allah, der Erhabene, ist der Beschützer eurer und unserer Daʿwa.وَلَا تَمُدَّنَّ عَيْنَيْكَ إِلَى مَا مَتَّعْنَا بِهِ أَزْوَاجًا مِنْهُمْ زَهْرَةَ الْحَيَاةِ الدُّنْيَا لِنَفْتِنَهُمْ فِيهِ وَرِزْقُ رَبِّكَ خَيْرٌ وَأَبْقَى وَأْمُرْ أَهْلَكَ بِالصَّلَاةِ وَاصْطَبِرْ عَلَيْهَا لَا نَسْأَلُكَ رِزْقًا نَحْنُ نَرْزُقُكَ وَالْعَاقِبَةُ لِلتَّقْوَى„Richte deine Augen nicht auf den Glanz des materiellen Besitzes, den Wir einigen Gruppen dieser Ungläubigen gegeben haben, um sie dadurch zu prüfen. Die Versorgung deines Herrn ist besser und bleibender. Befiehl deinen Angehörigen das Gebet und halte selbst daran fest. Wir verlangen keine Versorgung von dir; Wir versorgen dich. Und das gute Ende gehört der Gottesfurcht.“ – (Sure Ta-Ha: 131–132)

Fünfter Grund: Die edlen Propheten – Allahs Frieden sei mit ihnen – kamen in die Welt, um eine wahre Lebensordnung zu errichten, deren Grundlage die Anbetung Allahs, gläubige Betrachtung, unparteiische Kritik, Forschung und die Erledigung aller Angelegenheiten nach dem Prinzip gegenseitiger Beratung, der Schura, ist. Für Personenkult gibt es hier keinen Platz. Deshalb folgen sie naturgemäß zunächst nicht Menschen, die ihren eigenen Persönlichkeiten folgen, sondern Menschen, die ihre eigene Denkweise und ihre eigenen Entscheidungen verfolgen können. Wer diese Eigenschaft nicht besitzt, ist für die Verwirklichung der Sendung der Propheten völlig ungeeignet. Menschen mit solchen Fähigkeiten können sich in jeder Schicht finden und finden sich auch dort. Doch nach Perlen und Edelsteinen sucht man zuerst in einer Mine, nicht im Abfall. Deshalb wandten sich die Propheten und Gesandten zunächst an diese Schicht und richteten ihren Blick nicht auf andere, solange sie die Hoffnung auf sie nicht aufgegeben hatten.

Wer dagegen statt den Prinzipien und Zielen der Verehrung seiner eigenen Persönlichkeit dienen will, führt seine Bewegung stets unter der Allgemeinheit und meidet die geistige Schicht. Besitzt ein solcher Mensch politische Fähigkeit und Macht, errichtet er seine Diktatur. Fehlt ihm die politische Fähigkeit oder besitzt er zwar die Fähigkeit, aber nicht die erforderliche Macht, bleibt er ein gewöhnlicher Führer. Ist er in religiösen Angelegenheiten geschickt in Täuschung, Heuchelei und List, eröffnet er ein Geschäft mit spiritueller Gefolgschaft. Solche Menschen fürchten die begabte Schicht wie ein Dieb das Tageslicht. Ihr ganzes Spiel gelingt im Dunkeln am besten; deshalb bevorzugen sie die Dunkelheit.

Sechster Grund: Wenn eine Bewegung unter den gewöhnlichen Menschen begonnen wird, während die begabte Schicht der Gesellschaft ausgeschlossen bleibt, werden diejenigen aus der Allgemeinheit, die diese Bewegung annehmen, von Zweifel und Unsicherheit befallen. Sie erkranken vielmehr an einem Gefühl der Minderwertigkeit. Solange nicht einige Menschen aus der höheren Schicht der Gesellschaft zu Anhängern der Bewegung werden, entsteht in ihnen nicht genug Selbstvertrauen, um sich unter seinem Einfluss für die Revolution einzusetzen. Der psychologische Grund ist klar: Obwohl sie die Bewegung von Herzen angenommen haben, sehen sie zugleich, dass die Menschen, deren geistige und materielle Überlegenheit sie bisher anerkannt haben, die Bewegung nicht angenommen haben. Sie halten dies für einen Fehler dieser Menschen. Manchmal denken sie auch, dass die Philosophie der Bewegung selbst eine Schwäche enthalten könnte, die sie zwar erkennen, jene anderen aber nicht.

Diese innere Zerrissenheit macht sie für die Bewegung völlig ungeeignet; obwohl sie sie angenommen haben, bleiben sie gleichsam in der Reihe der Leugner. Die Methode der edlen Propheten ist von diesem Fehler völlig frei. Zuerst griffen sie die Denkweisen und Lehren derjenigen an, unter deren Führung die Gesellschaftsordnung betrieben wurde. Nach einer Zeit des Konflikts zerstörten sie einerseits die zeitgenössischen moralischen, politischen und metaphysischen Philosophien und entmachteten andererseits diejenigen, die Gesellschaft und Staat auf diesen falschen Philosophien führten. Währenddessen blieben die gewöhnlichen Menschen zunächst neutral und beobachteten, auf welcher Seite dieser Auseinandersetzung die Wahrheit lag. Denkende Menschen erkannten schon in der ersten Phase, dass die Wahrheit bei den Propheten lag, und nahmen sie an. Wer jedoch nicht über scharfe Urteilskraft verfügte, blieb eine Zeit lang unentschieden. Wenn der Konflikt zwischen Wahrheit und Falschheit schließlich eine Stufe erreichte, auf der das Falsche zur Unterstützung seiner selbst und zur Widerlegung der Wahrheit zu armseligen Mitteln griff, wurde auch für diese Menschen die Wahrheit völlig klar, und sie beugten sich vor ihr.

Diese beiden Gruppen gewöhnlicher Menschen gingen der Annahme der Wahrheit etwas voraus oder blieben etwas hinter ihr zurück; beide nahmen sie jedoch mit einem weitreichenden Blick an. Deshalb blieben sie vor dem zuvor erwähnten Minderwertigkeitsgefühl bewahrt. Der Einfluss der Gegner der Wahrheit verschwand vollständig aus ihren Herzen. Sie sahen, dass jene zur Rechtfertigung ihrer Sichtweise außer Hartnäckigkeit, Starrsinn und Eigensinn keinen Beweis besaßen. Auch deren Täuschung, Selbstsucht und Künstlichkeit wurden ihnen offenbar. Daher verschwand aus ihren Herzen die Verehrung für die alte Führung und deren Einfluss und Ansehen. Diese Erkenntnis erzeugte in ihnen anstelle von Minderwertigkeit ein Gefühl der Überlegenheit. Statt bei der Opposition gegen die „Großen“ von Zweifel und Angst befallen zu werden, empfanden sie durch ihre Unterstützung der Wahrheit eine außergewöhnliche Würde und Erhabenheit. Dadurch stiegen sie geistig und moralisch so hoch, dass sie selbst mit geringer Zahl, bescheidenen Mitteln und abgenutzten Waffen den großen Heeren gegenübertreten und sie besiegen konnten.

Siebter Grund: Für die Dauerhaftigkeit einer Botschaft ist es am wichtigsten, aus den begabten und höheren Schichten Mitarbeiter zu gewinnen. Wenn dies nicht gelingt, kann die Botschaft keine Beständigkeit erlangen, und die Anhänger von Neuerungen schaffen schon bald eine Lücke in ihr und bringen die gesamte Botschaft zu Fall. Über Isa – Allahs Frieden sei mit ihm – wurde bereits erwähnt, dass niemand aus der Schicht der Gelehrten und angesehenen Männer der Kinder Israels seine Botschaft annahm. Er konnte nur einige Anhänger aus der gewöhnlichen Schicht gewinnen. An ihrer Aufrichtigkeit, Hingabe und Pflichterfüllung besteht kein Zweifel. Sie bemühten sich nach Kräften, diese Botschaft zu verbreiten. Dennoch verfälschte Paulus bald die Religion Isas. Das wichtigste Mittel, das er dafür einsetzte, war die Behauptung, die Anhänger Isa seien ungebildete gewöhnliche Menschen gewesen. Deshalb seien sie nicht fähig gewesen, die Feinheiten und die Bedeutung seiner Lehre zu verstehen. Paulus selbst war ein Kenner der griechischen Philosophie und Mystik. Er behauptete, die Bedeutung der Lehre des Messias besser zu verstehen als dessen unmittelbare Anhänger. Dadurch wirkte sein Zauber auf die Allgemeinheit, und seine Propaganda wurde so einflussreich, dass man ihr nicht entgegentreten konnte. Die Religion Isa nahm daher sehr schnell eine völlig andere Gestalt an.

Unter den Muslimen gab es dagegen begabte Menschen wie Abu Bakr und Umar – Allahs Wohlgefallen sei auf ihnen. Deshalb konnten die Anhänger der Neuerungen nicht so leicht Lücken in den Islam reißen. Über die ursprüngliche Botschaft des Islam lässt sich sagen, dass sie trotz tausender Revolutionen, Veränderungen und der heftigsten Angriffe der Anhänger von Neuerungen bis heute unverändert geblieben ist.

Schluss
Aus all diesen Gründen bestand die Methode der Daʿwa der edlen Propheten stets darin, zuerst die begabte Schicht aufzurufen. Wo statt einer teilweisen eine umfassende Verbesserung erforderlich ist, kann diese Methode wirksam sein. Wenn irgendwo eine islamische Ordnung besteht und in ihr eine teilweise Verfälschung entsteht, müssen zur Korrektur die für diese Verfälschung Verantwortlichen angesprochen werden. Wo jedoch überhaupt keine islamische Ordnung besteht und statt einer teilweisen eine vollständige Verbesserung erforderlich ist, muss die Daʿwa selbstverständlich nach der Methode der Propheten allgemein verkündet werden. Dabei muss man zuerst die geistige und maßgebliche Schicht des Landes aufrufen, ganz gleich, ob sie dem muslimischen oder einem nichtmuslimischen Volk angehört. Dies war die Antwort auf den ersten Teil der Frage. Nun wollen wir den zweiten Teil der Frage erörtern.
5

Die Anredeweise der Propheten

Es ist klar, dass die Propheten in einer Zeit erscheinen, in der es ohne die Hilfe der Offenbarung Allahs unmöglich geworden ist, zwischen Wahrheit und Falschheit sowie zwischen dem Wahren und dem Unwahren zu unterscheiden, und in der praktisch das gesamte Lebenssystem anstelle der Wahrheit von der Falschheit beherrscht wird. In einer solchen Zeit befindet sich die Wahrheit nur bei den Propheten. Außerhalb der von ihnen festgelegten Grenzen mögen zwar einzelne Teile der Wahrheit zu finden sein, doch die vollständige Wahrheit ist dort nicht zu finden. Daher kann es nicht unangemessen oder widersinnig sein, wenn die ehrwürdigen Propheten die Menschen nicht von Anfang an auf diese Weise anreden. Denn die tatsächliche Lage ist, dass außerhalb ihres Wirkungsbereichs nichts anderes als Unglaube und Schirk besteht. Wer jedoch die Geschichte der Propheten liest, weiß, dass sie die Menschen nicht auf diese Weise anredeten. Vielmehr wandten sie sich an sie mit Anreden wie: „O ihr Menschen, o Leute, o Angehörige meines Volkes, o Volk der Schrift, o Juden, o Nasara (Christen), o ihr Gläubigen“ und ähnlichen Worten.
Die Propheten und Gesandten hielten diese Art ihres Aufrufs so lange aufrecht, bis die Menschen sie durch ihre Hartnäckigkeit, ihren Starrsinn und ihren Widerstand gegen die Wahrheit so sehr enttäuschten, dass für sie die Zeit gekommen war, sich von ihrem eigenen Volk zu trennen oder auszuwandern. Wenn ein Volk in seinem Widerstand gegen die Wahrheit so weit fortschreitet, dass es keineswegs bereit ist, die Existenz der Wahrheitsbefolger unter sich zu unterstützen, und selbst die immer größeren Beweise für die Wahrheit angesichts seines Starrsinns wirkungslos werden, dann verlassen die Propheten ihr jeweiliges Volk. Erst dann verwenden sie für dieses ausdrücklich Bezeichnungen wie Ungläubige, Götzendiener und Ähnliches.
Das Vorbild Ibrahims
Diese Wahrheit zeigt sich bereits in der Botschaft jedes Propheten. Doch wer insbesondere mit den verschiedenen Stufen der Botschaft des ehrwürdigen Ibrahim, Friede sei mit ihm, und der Botschaft des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Heil seien auf ihm, vertraut ist, kann diese Wahrheit keinesfalls leugnen. Der ehrwürdige Ibrahim, Friede sei mit ihm, sprach seinen Vater, sein Volk und den damaligen König zunächst mit bestimmten Worten an. Nachdem jedoch eine beträchtliche Zeit in der Verkündung und Vermittlung vergangen war und die geballte Kraft der Beweise und Wunder angesichts des Starrsinns des Volkes nicht nur wirkungslos geworden war, sondern sogar als Bedrohung empfunden wurde, erklärten sie ihre Lossagung von ihrem jeweiligen Volk. Sie taten dies mit Worten, aus denen klar hervorging, dass die äußerste Grenze von Nachsicht und Toleranz gegenüber dem Unglauben und Schirk des Volkes nun überschritten war. Danach erklärten sie auch ihren Hass und ihre Feindschaft gegenüber den Angehörigen ihres Volkes. Dieser Konflikt dauerte an, bis sie an den Einen Gott glaubten.قَدْ كَانَتْ لَكُمْ أُسْوَةٌ حَسَنَةٌ فِي إِبْرَاهِيمَ وَالَّذِينَ مَعَهُ إِذْ قَالُوا لِقَوْمِهِمْ إِنَّا بُرَآءُ مِنْكُمْ وَمِمَّا تَعْبُدُونَ مِنْ دُونِ اللَّهِ كَفَرْنَا بِكُمْ وَبَدَا بَيْنَنَا وَبَيْنَكُمُ الْعَدَاوَةُ وَالْبَغْضَاءُ أَبَدًا حَتَّى تُؤْمِنُوا بِاللَّهِ وَحْدَهُ„Für euch gibt es in Ibrahim und denen, die mit ihm waren, ein schönes Vorbild, als sie zu ihrem Volk sagten: Wir sind gewiss frei von euch und von dem, was ihr an Allahs Statt anbetet. Wir weisen euch zurück, und zwischen uns und euch sind Feindschaft und Hass auf immer offenkundig geworden, bis ihr an Allah allein glaubt.“ – (Sure al-Mumtahina: 4)
Das Vorbild des Gesandten Allahs
Auch die Lage in der Verkündung des Propheten, Allahs Segen und Heil seien auf ihm, war genau so. In keiner der Suren aus der Zeit vor der Nähe der Auswanderung findet sich ein Beweis dafür, dass er sein Volk oder die Leute der Schrift öffentlich mit Ausdrücken wie Ungläubige, Götzendiener oder Heuchler angeredet hätte. Vielmehr verwendete er Anreden wie: „O Menschen, o Menschheit, o Angehörige des Volkes“ und Ähnliches. Ebenso wurden für die Leute der Schrift Ausdrücke wie „O Leute der Schrift“ oder sinngleiche Worte verwendet. Selbst gegenüber den Heuchlern wurde bis nach der Eroberung Mekkas weiterhin die allgemeine Anrede „O ihr, die ihr glaubt“ verwendet. Nirgendwo wurden sie öffentlich mit den Worten „O ihr Heuchler!“ angesprochen.
Als jedoch nach einer bestimmten Zeit der Verkündung und Vermittlung der endgültige Beweis Allahs gegenüber dem Volk erbracht worden war und diejenigen, die die Religion zurückwiesen, sich nicht damit begnügten, die Religion abzulehnen, sondern sogar beschlossen, ihren Propheten, Allahs Segen und Heil seien auf ihm, zu töten, wanderte er aus. Danach sprach er die ungläubigen Quraisch mit den klaren Worten „O ihr Ungläubigen!“ an und erklärte seine Lossagung von ihrer Religion. Kurz vor dieser Auswanderung wurde jene Sure offenbart, die nicht nur die Lossagung von den Quraisch, sondern vielmehr eine Kriegserklärung enthält:
قُلْ يَا أَيُّهَا الْكَافِرُونَ (1) لَا أَعْبُدُ مَا تَعْبُدُونَ (2) وَلَا أَنْتُمْ عَابِدُونَ مَا أَعْبُدُ (3) وَلَا أَنَا عَابِدٌ مَا عَبَدْتُمْ (4) وَلَا أَنْتُمْ عَابِدُونَ مَا أَعْبُدُ (5) لَكُمْ دِينُكُمْ وَلِيَ دِينِ (6)
„Sprich: O ihr Ungläubigen! Ich bete nicht an, was ihr anbetet. Und ihr seid keine Anbeter dessen, was ich anbete. Ich werde nicht anbeten, was ihr angebetet habt. Und ihr seid keine Anbeter dessen, was ich anbete. Für euch eure Religion und für mich meine Religion.“ Manche Menschen möchten die abschließende Aussage dieser Sure als Erklärung von Großzügigkeit und Toleranz hinstellen. Das ist jedoch völlig falsch. Sie ist im Wesentlichen eine Erklärung der Lossagung und eine Kriegserklärung. Für eine ausführliche Darstellung siehe Maulana Hamiduddin Farahis „Tafsir der Sure al-Kafirun“.
Der Unterschied zwischen einem Ungläubigen und einer Person, die ungläubige Handlungen begeht
Die ehrwürdigen Propheten übten all diese Vorsicht und Zurückhaltung nur bis zu der Grenze, an der sie keineswegs großzügig darin waren, die ungläubigen und götzenverehrenden Handlungen der Menschen als Unglaube und Schirk zu bezeichnen. Wenn sie in dieser Angelegenheit aus irgendeinem Grund auch nur eine geringe Nachsicht zeigen wollten, erhielten sie von Allah, dem Erhabenen, dafür keine Erlaubnis. Selbst unter schwierigen und äußerst konfliktreichen Umständen wurde ihnen die Weisung gegeben, bei der Feststellung, dass etwas Unglaube oder Schirk sei, keine Gefahr zu scheuen und keinerlei gesellschaftliche oder allgemeine Interessen zu berücksichtigen. Der Grund dafür kann keineswegs sein, dass sie – Allah bewahre – die Menschen als Ungläubige und Götzendiener einstufen wollten. Vielmehr hielten sie sich nur deshalb davon zurück, weil sie eine unnötige Unruhe befürchteten oder Angst hatten, die Menschen könnten sich vom Aufruf zur Wahrheit abwenden. Wäre eine solche vorausschauende Zurückhaltung für sie zulässig gewesen, hätten sie die von den Ungläubigen vorgebrachten Kompromissangebote annehmen und alle Streitigkeiten sehr leicht beilegen können. Doch kein Prophet zog in Angelegenheiten der Religion jemals eine solche Rücksichtnahme in Betracht, ganz gleich, wie große Gefahren er deswegen auf sich nehmen musste.
Daher muss gründlich über folgende Frage nachgedacht werden: Wenn diejenigen, die den Unglauben und den Schirk als Unglauben und Schirk feststellten, so unerschrocken und furchtlos waren, warum waren sie dann so vorsichtig darin, die Personen, die sich in Unglauben und Schirk befanden, als Ungläubige und Götzendiener zu bezeichnen? Und warum zögerten sie so lange, ihre Lossagung von ihnen zu erklären?
Zwei Gründe für diesen Unterschied
Unserer Ansicht nach gibt es zwei äußerst wichtige Gründe dafür, dass die ehrwürdigen Propheten, Allahs Frieden sei auf ihnen, trotz ihrer Feststellung, dass ungläubige und götzenverehrende Handlungen Unglaube und Schirk seien, damit zögerten, die Personen, die solche Handlungen begingen, als Ungläubige und Götzendiener zu bezeichnen und ihre Lossagung von ihnen zu erklären.
Der erste Grund: Der erste Grund besteht darin, dass die Zurechtweisung und der Tadel, die Allah, der Erhabene, gegenüber Seinen Dienern ausspricht, erst nach der Erbringung des endgültigen Beweises und nach vollständiger Verkündung erfolgen. Wäre es zulässig gewesen, Menschen ohne die Erbringung des endgültigen Beweises und ohne vollständige Verkündung zur Rechenschaft zu ziehen oder ihnen gegenüber Unzufriedenheit zu zeigen, hätte Allah keine Propheten gesandt. Deshalb mussten die Propheten den Menschen vor der Erklärung, dass sie Ungläubige seien, und vor der Verkündung ihrer Lossagung von ihnen Gelegenheit geben, dass Allahs Beweis ihnen gegenüber vollständig erbracht wurde. So sollte ihnen für die Zurückweisung der Religion Allahs kein anderer Grund bleiben als Starrsinn und Hartnäckigkeit. Um den Beweis endgültig zu machen, ist es notwendig, die Religion über einen bestimmten Zeitraum zu verkünden und ihre Lehren zu verbreiten. Während der Zeit, in der keine Propheten erscheinen, wird die Dunkelheit der Irreführung so tief, dass selbst herausragende Menschen darin keinen Weg finden können, von der Allgemeinheit ganz zu schweigen. Daher bedarf jedes Volk der Verkündung und Erziehung. Da sich die verschiedenen Formen der Irreführung in Gestalt der Bräuche der Vorfahren tief in den Herzen verwurzeln und zudem die Interessen einiger Menschen damit verbunden sind, bedarf es zu ihrer Ausrottung eines bedeutenden Zeitraums des Ringens und Bemühens. Die Propheten und Gesandten widmen sich diesem Kampf über lange Zeit mit vollkommener Geduld. Schließlich tritt die Wahrheit so deutlich hervor, dass niemand außer denen, deren Interessen mit der Falschheit verbunden sind, sie leugnen kann. Wenn die Pflicht zur Verkündung in diesem Maß erfüllt ist, wird es den Propheten erlaubt, sich durch eine öffentliche Erklärung des Unglaubens und des Schirk derjenigen, die die Wahrheit zurückweisen, von ihnen zu trennen.
Der zweite Grund: Der zweite Grund besteht darin, dass, wenn die gesamte Gesellschaftsordnung statt auf der Wahrheit auf der Grundlage der Falschheit funktioniert, selbst diejenigen, die der Wahrheit folgen wollen, daran gehindert werden. Zu dieser Zeit dringt das Verderben in jeden Lebensbereich so stark ein, dass selbst ein bewusster und wachsamer Mensch nicht atmen kann, ohne einen Teil seines Giftes zu schlucken. Wenn die Propheten und Gesandten unter diesen Umständen die schwierige Lage nicht berücksichtigt, die Menschen des Unglaubens und des Schirk bezichtigt und ihre Lossagung von ihnen erklärt hätten, wäre dies vielen gegenüber ein großes Unrecht gewesen. Deshalb begannen sie nicht damit, durch die Verkündung von Unglaubensurteilen und die Erklärung der Lossagung einen Kampf des Starrsinns zu führen. Stattdessen bemühten sie sich durch Aufruf und Verkündung, eine solche geeignete Umgebung zu schaffen, in der die Wahrheitsbefolger nach ihren eigenen Grundsätzen leben konnten. Sobald sich diese Umgebung zu bilden begann und ein Weg für die Lebensführung der Wahrheitsbefolger eröffnet wurde, auch wenn er noch eng und schwierig war, kam die Zeit, die ungläubigen Handlungen derjenigen öffentlich zu benennen und sich von ihnen zu trennen, die den Weg der Wahrheit verließen und nur um ihrer Selbstzufriedenheit, ihres Luxus, ihres äußeren Prunks und ihrer Neigung zur Zurschaustellung willen rasch auf dem Weg der Falschheit voranschritten.
Die gegenwärtige Umgebung
Wenn wir in der heutigen Umgebung aus diesem vortrefflichen Vorbild der Propheten Anleitung gewinnen wollen, ist klar, dass die gegenwärtige Lage in der ganzen Welt in vieler Hinsicht der Zeit ähnelt, in der die Reihe des Erscheinens der Propheten beendet war. Zweifellos ist Allahs Buch heute unverändert unter uns vorhanden. Deshalb ist die Welt heute auf keinen neuen Propheten angewiesen und wird es bis zum Tag der Auferstehung auch nicht sein. Für die Rechtleitung der Schöpfung und dafür, die Muslime auf der Wahrheit festzuhalten, war jedoch das von unserer Scharia zugelassene System das Kalifat. Dieses System ist schon vor langer Zeit abgeschafft worden. Deshalb kann man die Menschen der Welt angesichts der gegenwärtigen Verfälschung und Irreführung, in der sie versunken sind, in gewisser Hinsicht als handlungsunfähig bezeichnen. Wir haben im Kapitel „Fehler in der herkömmlichen Methode der Verkündung“ dieses Buches ausführlich dargelegt, dass Allah den Muslimen nach dem Gesandten Allahs, Allahs Segen und Heil seien auf ihm, bis zum Tag der Auferstehung die Verantwortung übertragen hat, der Welt den endgültigen Beweis vorzulegen. Allah hat auch die Methode zur Erfüllung dieser Verantwortung aufgezeigt: Die Muslime sollen das Kalifat errichten. Einerseits soll es die Menschen der Welt zum Guten und Wohlergehen aufrufen, andererseits soll es die Muslime durch die Anordnung des Rechten und die Verhinderung des Unrechten (Amr bil-Ma’ruf wa-n-Nahy ‘an al-Munkar) auf dem geraden Weg festhalten.
Weil das Kalifat nicht errichtet ist, ist diese Welt unter einem System der Falschheit gefangen. Die Falschheit hat sich mit solcher Macht und solchem Glanz über jeden Bereich des Lebens ausgebreitet, dass im gegenwärtigen Lebenssystem für die Wahrheit überhaupt kein Raum mehr übrig ist. Das Bildungswesen, das kulturelle System, die Gesellschaftsordnung, das politische System und alle anderen Bereiche haben sich von der Wahrheit entfernt und stehen im Dienst der Falschheit. Selbst wenn unter diesem System eine kleine oder große Arbeit im Namen des Islam ausgeführt wird, unterstützt sie aufgrund der ungünstigen Verhältnisse der heutigen Zeit letztlich die Falschheit. Rechtschaffene Menschen, die grundsätzlich auf dem Weg der Wahrheit und Gerechtigkeit gehen wollen, können heute nicht einmal wenige Schritte ungehindert auf dem Weg der Wahrheit voranschreiten. Mag ein fernstehender Mensch ihnen auch für einige Zeit Raum lassen, so bringt sie doch ein Nahestehender in Schwierigkeiten und will keineswegs dulden, dass sie auf dem von ihnen selbst gewählten Weg auch nur ein wenig voranschreiten.
Der ehrwürdige Messias, Friede sei mit ihm, sagte: „Der Weg der Sünde ist breit, und viele sind auf ihm unterwegs. Der Weg der Tugend aber ist eng, und nur sehr wenige sind auf ihm unterwegs.“
Heute kann man diese Wahrheit mit eigenen Augen sehen. Auf dem Weg zum Ziel der Falschheit liegt ein breiter, hindernisfreier Weg. An seinen beiden Seiten stehen schattenspendende Bäume. Außerdem gibt es schnelle Reittiere und zur Sicherheit Wegweiser. An jedem Ziel finden sich reichliche Annehmlichkeiten. Man kann jederzeit sicher am Bestimmungsort ankommen.
Auf dem Weg der Wahrheit stößt man dagegen bereits beim ersten Schritt auf ein Hindernis. Wenn es mutig beseitigt werden kann, droht bei jedem weiteren Schritt eine Gefahr. Ja, vom Beginn bis zum Ende der Reise wird man auf Schritt und Tritt nichts außer Gefahren antreffen. Heute finden nur sehr wenige Menschen den Mut, diesen Weg mit ihrer eigenen Überzeugung zu betreten. Es ist daher nicht verwunderlich, wenn die Menschen in diesem schwierigen und verwirrenden Zeitalter vom Weg der Rechtleitung abweichen und den Weg der Irreführung einschlagen. Verwunderlich wäre vielmehr, wenn es anders wäre. Diese Menschen verdienen statt Tadel Lob und sind es wert, an die Brust gedrückt zu werden, statt dass man sich von ihnen trennt und sie weit von sich stößt.
Diejenigen, die trotz solch widriger Umstände das Licht ihrer Glaubensüberzeugung lebendig erhalten haben, wären bei günstigen Bedingungen zu ausgezeichneten Muslimen geworden. Deshalb sollte man sie nicht aufgrund ihrer Fehler und Irrtümer oder aufgrund dessen, dass sie unwissentlich oder aus äußerster Not in die Irreführung geraten sind, des Glaubens für verlustig erklären und hassen. Stattdessen sollte man versuchen, in ihnen Bewusstsein und Empfindung für die wahren Forderungen des Glaubens und des Islam zu wecken.
6

Die Reihenfolge bei der Verkündigung des Dīn

Die ehrwürdigen Propheten – Allahs Frieden sei mit ihnen – folgten bei der Einladung der Menschen einer besonderen Reihenfolge. Diese Reihenfolge beruhte auf einer großen strategischen Weisheit der Verkündigungsarbeit. Wird diese Reihenfolge umgekehrt, gehen jene Strategie und Weisheit verloren. Das haben wir bereits zuvor erwähnt. Ebenso beachteten die Propheten und Gesandten bei der Darlegung der Dinge, die sie den Menschen vortrugen, eine besondere Reihenfolge. Bei der Verkündigung des Dīn kommt dieser Abfolge große Bedeutung zu. Wird diese Reihenfolge nicht beachtet, besteht die Gefahr, dass die gesamte Mühe zunichtewird; ja, dadurch kann sogar das Ziel der Verkündigung des Dīn beeinträchtigt werden. Deshalb werden wir hier erörtern, welche Reihenfolge bei der Darlegung der Einladung zum Dīn vor den Menschen unbedingt einzuhalten ist.

Der Beginn der Einladung der Propheten

Die Propheten treten stets in einer Zeit auf, in der die Ordnung des wahren Dīn völlig ins Chaos geraten ist und ein jāhilitisches System die gesamte Gesellschaft unter seine Kontrolle gebracht hat. Deshalb rufen die Propheten zunächst zu den grundlegenden Dingen auf, auf deren Grundlage eine wahrhaft islamische Gesellschaft entsteht. Diese grundlegenden Dinge sind drei:

1. Der Glaube an Allah – mit vollständigem Tauḥīd.
2. Der Glaube an die Risāla – mit vollständigem Gehorsam.
3. Der Glaube an das Jenseits – mit vollständiger Verantwortlichkeit.

Sobald in diesen drei Dingen eine Verfälschung entsteht, beginnt die Gesellschaft, sich in Richtung Jāhiliyya zu bewegen. Wenn sich die Verfälschung in ihnen weit ausbreitet, wird die gesamte Gesellschaft von der Dunkelheit der Jāhiliyya bedeckt. Sobald diese drei Dinge jedoch wieder sichtbar werden, beginnt die Gesellschaft, sich dem Islam zuzuwenden; und wenn sie vollständig hervortreten, gelangt die Gesellschaft in das volle Licht des Dīn. Der Glaube an diese drei Dinge ist so tief in der menschlichen Natur verwurzelt, dass sie auf der Welt nur sehr selten geleugnet worden sind. Doch Satan weiß sehr wohl, dass die Grundlage der wahren Lebensordnung auf diesen drei Dingen errichtet ist. Daher bemüht er sich seit jeher, auf irgendeine Weise eine Lücke in ihnen zu schaffen. Die tatsächliche Lage ist deshalb: So selten diese drei Dinge vollständig geleugnet wurden, so selten wurden sie unter dem Einfluss der satanischen Bemühungen auch fehlerlos anerkannt. In Fragen der Glaubensüberzeugung hat die Welt sie weder stets verworfen noch stets richtig anerkannt. Vielmehr findet sich in den meisten Fällen neben der Anerkennung auch die Leugnung. Um die Menschen aus diesem Zustand zu retten, hat Allah, der Erhabene, zu allen Zeiten Propheten und Gesandte entsandt.

Ein Problem auf dem Weg der Daʿwa

Die Vermischung von Wahrheit und Falschheit macht die Arbeit der Daʿwa und der Reform schwierig und langwierig. Wenn man nur der Falschheit gegenübertreten müsste, könnte man sie leicht besiegen. Wo jedoch Wahrheit und Falschheit vermischt sind und die Wahrheit als Schild zum Schutz der Falschheit benutzt wird, müssen die Rufer zur Wahrheit, bevor sie irgendeine wirksame Maßnahme zur Unterstützung der Wahrheit ergreifen können, einen großen Kampf führen. Das Ziel dieses Kampfes besteht darin, den Menschen zu beweisen, dass, selbst wenn in der bestehenden Ordnung teilweise etwas Wahrheit vorhanden ist, dies nicht im Interesse der Wahrheit geschieht, sondern dem Dienst der Falschheit dient. Die Propheten und Gesandten sowie all jene, die die Welt zum wahren Dīn einladen, müssen gewöhnlich gegen Menschen mit solchen verfälschten Glaubensvorstellungen kämpfen. Diese errichten durch einen Kompromiss zwischen Allahs Dīn und den Wünschen ihres eigenen nafs ein andersartiges, neues System und geben es unter dem Namen des alten Systems aus. Da solche Menschen Allahs Dīn als Schild zum Schutz ihrer Falschheit verwenden, ist es nicht möglich, sie mit voller Freiheit und unmittelbar anzugreifen. Vielmehr muss man allmählich den Anteil der Wahrheit und den Anteil der Falschheit aus ihren Überzeugungen und Handlungen voneinander trennen. Da jede ihrer Falschheiten als Wahrheit verfestigt wird, wird ihre Absonderung so schwierig, dass sie um jede einzelne von ihnen eine Festung errichten. Solange sie die Hoffnung auf ihre Verteidigung nicht verlieren, sind sie nicht bereit, sie aufzugeben.

Diese Arbeit ist äußerst langwierig. Sie erfordert Weitblick, äußerste Geduld und tiefes Verständnis. Wenn jemand von Menschen annimmt, dass mit ihrer Leugnung auch eine Anerkennung verbunden ist, wird er sich gegenüber der Falschheit naturgemäß nachsichtig verhalten. Von dieser Nachsicht profitiert jedoch nicht die Wahrheit, sondern die Falschheit.

Zwei Dinge, die bei Erziehung und Ausbildung zu berücksichtigen sind

Als Folge dieses Konflikts werden diejenigen Menschen, die sich mit aufrichtigem Herzen verpflichten, sich mit der reinen Wahrheit zu verbinden und ihre Beziehung zur Falschheit abzubrechen, zu einer Jamāʿa. Die Propheten und Gesandten lehrten diese Menschen zunächst Dinge, durch die einerseits ihre Beziehung zu Allah auf bestmögliche Weise hergestellt wurde und sie andererseits selbst wie eine bleivergossene Mauer zu einer Einheit wurden. Die Grundsätze, durch die der Diener richtig mit Allah verbunden wird, leiten sich aus den drei oben genannten Grundsätzen ab. Für diejenigen, die diese drei Grundprinzipien angenommen haben, ist es nicht schwer, diese Grundsätze ebenfalls anzunehmen. Nachdem ein gläubiger Mensch ein Grundprinzip angenommen hat, kann er sich nicht weigern, dessen notwendige Folgen anzuerkennen. Denn die notwendigen Bestandteile einer Sache können im eigentlichen Sinn als ausführliche Darstellung des Grundthemas bezeichnet werden, nachdem dieses zunächst kurz beschrieben wurde. Da die Menschen das Grundthema angenommen hatten, hätten sie seine notwendigen Bestandteile leicht angenommen – doch die Propheten warfen ihnen diese Bestandteile nicht ungeordnet vor. Vielmehr folgten sie auch hier einer vernünftigen Reihenfolge. In dieser schrittweisen Tätigkeit lag der Erfolg ihrer Mission. Bei der Einteilung der Stufen dieser Reihenfolge wurden zwei Dinge berücksichtigt: (1) die geistige und intellektuelle Fähigkeit der Jamāʿa, (2) die kollektive Kraft der Jamāʿa. Beide Dinge erfordern eine gewisse Mühe.

Geistige und intellektuelle Fähigkeit

Mit geistiger und intellektueller Fähigkeit meinen wir, dass zwischen den Anweisungen und Lehren des Dīn eine Ordnung oder ein Zusammenhang besteht. Es gibt grundlegende Prinzipien, aus denen bestimmte Grundsätze hervorgehen; auf ihrer Grundlage bilden sich grundlegende Lehren, und daraus entstehen wiederum die verschiedenen Nebenbereiche und Verzweigungen. Wer den Dīn in dieser Abfolge lernt, entwickelt auf jeder Stufe einerseits die Fähigkeit für die nächste Stufe und ist andererseits in der Lage, das gesamte darin enthaltene System zu erfassen. Ein vollständiges Beispiel dafür ist, dass man einem Kind zunächst Vokale und Konsonanten beibringt, dann mit ihnen die Bildung von Wörtern, danach das Lesen von Wörtern und Sätzen und schließlich einen vollständigen Vortrag. Da es von den Buchstaben bis zum Satz schrittweise einer zusammenhängenden Ordnung gefolgt ist, konnte es auf jeder Stufe von selbst die für die nächste Stufe erforderliche Fähigkeit aufnehmen, und nichts wurde zu einer Last für seine Natur. Da jede Fähigkeit nach Betätigung verlangt, verspürt es aus eigenem Antrieb den Drang, von einer Stufe zur nächsten überzugehen.

Andererseits hat jemand den Dīn nicht auf diese Weise kennengelernt; vielmehr wurden ihm seine verschiedenen Teile ungeordnet und ohne jede Abfolge vorgelegt. Man kann ihn mit einem Kind vergleichen, vor dem man, ohne es die Anfangsstufen durchlaufen zu lassen, einen fertigen Satz niedergelegt hat. Vielleicht kann es diesen Satz aufsagen und mithilfe seines Gedächtnisses auswendig lernen. Doch wird er für immer eine Last für sein Gedächtnis bleiben und niemals zu einem Teil seiner natürlichen Fähigkeiten werden können.

Die ehrwürdigen Propheten – Allahs Frieden sei mit ihnen – haben diese Methode bei der Darlegung des Dīn niemals angewandt. Vielmehr folgten sie einer natürlichen und vernünftigen Abfolge. Deshalb nahm derjenige, der den Dīn annahm, ihn aus dem Antrieb seiner eigenen Natur heraus an. Der gesamte Dīn setzte sich tief in seinem Denken, Bewusstsein, Herzen und Inneren fest. Durch diesen Prozess entsteht im Menschen ein unerschütterlicher Īmān, der selbst dann nicht aus dem Herzen weicht, wenn dieses mit einer Säge zerschnitten und in zwei Teile gespalten wird. Durch diesen Prozess wird auch jener Geschmack der Taqwā gepflegt, der selbst in den entlegensten Winkeln der vielfältigen Tätigkeiten des Lebens nichts duldet, was dem Geist des Dīn widerspricht.

Wer dieses System des Dīn und die Schönheit der Methode der prophetischen Daʿwa nicht begreifen will, möchte die Menschen, noch bevor er ihnen die Erkenntnis Allahs vermittelt, nicht nur zur regelmäßigen Verrichtung der Pflichtgebete, sondern auch der Gebete von Tahaddschud, Ischrāq und ähnlicher Gebete bringen. Noch bevor er den Glauben an die Notwendigkeit des Propheten und an seinen Gehorsam hervorruft, misst er bei den Menschen die Länge und Breite von Bart, Schnurrbart sowie Ober- und Untergewand aus. Noch bevor er einen festen Glauben an das Jenseits hervorruft, möchte er in den Menschen die Schönheit von Taqwā, Gottesfurcht, Aufrichtigkeit, Höflichkeit, Demut und Sanftmut sehen. Durch diese umgekehrten Bemühungen wird der Bart übermäßig lang, die Hose erreicht ihre untere Grenze, und in jedem Bereich des Gehens, Sitzens, Sprechens und Verhaltens tritt vielleicht eine künstliche Armut zutage. Beim Essen und Trinken sowie in allen Dingen, die man leckt oder trinkt, wird man äußerlich vielleicht zu einem Befolger der Sunna. Da diese Dinge jedoch auf unvernünftige und unnatürliche Weise hervorgebracht werden, besteht das Kennzeichen dieser zur Schau gestellten Taqwā in nichts anderem als darin, dass „die Fliege sorgfältig ausgesondert, aber der Elefant verschluckt wird“.

Die Träger einer solchen Taqwā sehen nicht, ob der Bissen Nahrung, der durch ihre Kehle geht, rein und erlaubt ist oder durch den Dienst an einem Ṭāghūt erworben wurde. Nachdem sie jedoch diesen verbotenen Bissen hinuntergeschluckt haben, legen sie größten Wert darauf, Wasser mit der rechten Hand zu trinken oder die Hand beim Trinken zu wechseln. Ihre religiöse Sichtweise besteht darin, dass ein Mensch, wenn seine Absicht richtig ist, selbst unter einem falschen System Ämter wie Polizeibeamter, Bezirksverwalter oder Parlamentsabgeordneter ausüben und dennoch Allah zufriedenstellen sowie die Fahne des Islam erhöhen könne. Unter diesen vermeintlich Gottesfürchtigen findet sich sogar jemand, der stolz auf sein Glück ist, für seine Tochter einen frommen Bräutigam gefunden zu haben, dessen Hose niemals unter die Knöchel reicht und der Anhänger dieses oder jenes ehrwürdigen Scheichs ist. Doch er beachtet niemals, dass die Mittel, die sein Schwiegersohn zum Erwerb seines Lebensunterhalts gewählt hat, für einen Muslim mit lebendigem Īmān unvorstellbar sind.

Die Hauptursache dieses Bankrotts besteht darin, dass über lange Zeit unter den Muslimen keine Daʿwa entstanden ist, die den gesamten Dīn mit seiner geordneten Methode darlegt und den Menschen auf jeder Stufe den jeweils notwendigen Teil des Dīn zusammen mit seinen unvermeidlichen Erfordernissen klar vor Augen führt. Vielmehr begannen diejenigen, die irgendeine Arbeit der Daʿwa aufnahmen, mangels eines Bewusstseins für die grundlegende Notwendigkeit und wegen ihrer Unkenntnis des Systems des Dīn dort, wo sie wollten. Und selbst wenn etwas religiöses Bewusstsein vorhanden war, war es derart widersprüchlich und leblos, dass es nicht nur keine Grundlage für eine richtige Daʿwa bilden konnte; wahrscheinlich konnte unter seiner Beibehaltung nicht einmal eine richtige Daʿwa begonnen werden.

Organisatorische Fähigkeit

Betrachten wir nun auch einmal die kollektive Kraft, die die ehrwürdigen Propheten bei der Darlegung des Dīn berücksichtigten. Wenn man über die Anweisungen des Dīn nachdenkt, erkennt man, dass sie zweierlei sind: (1) individuelle Anweisungen, (2) kollektive Anweisungen. Individuelle Anweisungen richten sich an Einzelpersonen und müssen von jeder Person auf individueller Ebene erfüllt werden, etwa Gebet, Fasten und Ausgaben auf Allahs Weg. Kollektive Anweisungen stehen in Beziehung zur Jamāʿa. Sobald eine Jamāʿa ins Dasein getreten ist, wird ihre Erfüllung für sie zur Pflicht, etwa die Gesetze im Zusammenhang mit Gesellschaft, Politik und Dschihād.

Bei der Einladung zu den individuellen Anweisungen und ihrer Vermittlung muss man die Auffassungs- und Aufnahmefähigkeit des Einzelnen berücksichtigen. Man darf ihn nicht mit einem Regen von Geboten und Verboten überschütten. Sonst besteht die Möglichkeit, dass er sich erschreckt und alles aufgibt. Ebenso muss man einschätzen, ob er in der Lage ist, die Last der zweiten Art von Anweisungen, die man ihm auferlegt, zu tragen. Eine solche organisatorische Einschätzung ist äußerst schwierig. Die Propheten – Allahs Frieden sei mit ihnen – erhielten in dieser Hinsicht unmittelbar Rechtleitung von Allah. Denn die Gebote und Verbote wurden ihnen unter Berücksichtigung der Aufnahmefähigkeit der Gemeinschaft offenbart. Wer jedoch eine Jamāʿa nach dem Weg der Propheten führen will, muss in dieser Angelegenheit vollständig durch Idschtihād vorgehen. Solange er die Stufen der Offenbarung der Anweisungen des Dīn, die besonderen Bedingungen seiner eigenen Zeit und den Unterschied zwischen der Jamāʿa eines Propheten und der Jamāʿa eines Nichtpropheten nicht vollständig einschätzen kann, werden seine Schritte niemals auf den richtigen Weg gelangen. Es besteht stets die Gefahr, dass die Organisation, deren Führung er innehat, noch vor dem Erreichen des Ufers des Schiffes an einen Felsen stößt und zerschmettert wird.

Wer sich dieser Angelegenheit nicht bewusst ist, sieht den gesamten Qurʾān vor sich und meint, er sei vollständig an einem einzigen Tag offenbart worden und alle seine Gebote und Verbote hätten gleichzeitig umgesetzt werden sollen. So werden sie einerseits weiterhin zur Einheit Allahs einladen und andererseits auch das islamische Rechtssystem einführen. Sie beginnen, Kuffr und Ṭāghūt zu erklären, und schicken gleichzeitig ein Ultimatum an den Ṭāghūt. Aus all dem wird deutlich, wie genau die gesamte Kraft und Fähigkeit einer Organisation eingeschätzt werden muss, wenn eine Bewegung entsteht, um die jāhilitische Ordnung eines Gebietes durch eine islamische Ordnung zu ersetzen, und wie groß der zu erwartende Schaden ist, wenn dabei der geringste Fehler gemacht wird. Die Muslime wissen überhaupt nicht, dass die Anweisungen des Qurʾān, die Gesellschaft und Politik betreffen, erst offenbart wurden, als der islamische Staat tatsächlich errichtet war. Auch bei der Offenbarung dieser Anweisungen besteht ein vollkommen ausgewogenes Stufenprinzip. Erst als die zahlenmäßige Stärke der Muslime das Stadium erreicht hatte, in dem sie eine eigenständige Gesellschaftsordnung aufbauen konnten, und ihnen zur Verwirklichung dieses Ziels ein unabhängiges, souveränes Gebiet zur Verfügung stand, wurde ihnen die letzte Anweisung erteilt, die Beziehung zur kufrischen Ordnung abzubrechen. Daraus lässt sich schließen, dass auch heute die Anweisungen zum Abbruch jeder Art gesellschaftlicher Beziehung zur kufrischen Ordnung wirksam werden können, sobald die Muslime fähig sind, eine eigenständige Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung zu betreiben. Wenn die Muslime danach als unbezwingbare Kraft das Stadium erreichen, in dem sie Allahs Gesetz auf Allahs Erde erlassen und durchsetzen können, werden ihnen die islamischen Bestimmungen vorgelegt werden, die sich auf die internationale Politik beziehen. Wie die geistige und intellektuelle Fähigkeit eines Schülers wachsen auch die materielle Kraft und Fähigkeit einer Organisation schrittweise. Diejenigen, die an der Spitze dieser Organisation stehen, müssen deren Kraft und Fähigkeit mit äußerst wachem Verstand einschätzen. Wird der Organisation ohne eine richtige Einschätzung eine Last auferlegt, wird dies dazu führen, dass die Kraft, die sie über lange Zeit aufgebaut hat, völlig erschöpft wird. Auf diese Wahrheit hat ʿĀʾischa – Allahs Wohlgefallen sei mit ihr – hingewiesen.Arabisch*****„Das Erste, was im Qurʾān offenbart wurde, war eine ausführliche Sūra, in der das Paradies und die Hölle erwähnt werden. Nachdem die Menschen in den Kreis des Islam eingetreten waren, wurden die Bestimmungen über Erlaubtes und Verbotenes offenbart. Wäre jedoch schon zu Beginn die Anweisung ergangen: ›Trinkt keinen Wein‹, hätten die Menschen gesagt: ›Wir werden niemals aufhören, Wein zu trinken.‹ Wäre offenbart worden: ›Begeht keine Unzucht‹, hätten die Menschen gewiss gesagt: ›Wir werden niemals aufhören, Unzucht zu begehen.‹“ – (Buchārī, Faḍāʾil al-Qurʾān, Kapitel: Die Sammlung und Anordnung des Qurʾān.)

7.

Die Methode der Daʿwa

In manchen religiösen Kreisen hat sich – Allah weiß, woher – die Vorstellung verbreitet, die ideale und von den Propheten befolgte Methode der Tabligh bestehe darin, mit einem Stock in der Hand und etwas gerösteten Kichererbsen und Bohnen im Beutel zur Verkündigung der Religion aufzubrechen. Man dürfe weder Schuhe an den Füßen noch eine Kappe auf dem Kopf tragen. Man müsse von Dorf zu Dorf ziehen und überall, wo man jemanden finde, mit der Tabligh beginnen, ob er nun zuhören wolle oder nicht. Wenn man auf dem Weg durch eine Stadt an einem Ort oder an einer Kreuzung zwei, vier oder einige wenige Menschen versammelt finde, müsse man vor ihnen sofort mit einer Predigt und Ermahnung beginnen. In Eisenbahnabteilen, an Bahnhöfen, auf Märkten und auf der Straße – überall, wo man eine Menschenmenge sehe, müsse man zu predigen beginnen. Man müsse in jede Versammlung eindringen, sich auf jeder Konferenz einen Platz verschaffen und jede Bühne besteigen. Die Menschen würden aus Furcht vor ihrer Verfolgung erschrecken, doch sie würden als Gottesheer auf jedem einzelnen von ihnen sitzen. Die Leute würden sich aus Angst vor ihren Fragen und Antworten verstecken, ja, manchmal aus Verdruss unhöflich und schlecht zu ihnen sein; sie aber würden ihre Arbeit mit Eifer und unermüdlicher Geschäftigkeit fortsetzen. Wo eine Runde zum Predigen stattfinde, würden sie predigen. Wo der Wunsch geäußert werde, eine Mawlid-Lesung abzuhalten, würden sie eine solche abhalten. Wo es notwendig erscheine, mit Gegnern in einen Streitkampf einzutreten, würden sie sich auf einen solchen Streit einlassen.

Dies sei die eigentliche Methode der Tabligh, dies die Haltung eines aufrichtigen Muballigh – eine Haltung, die in den Herzen und Köpfen vieler frommer Menschen fortbesteht. Sie leugnen zwar nicht, dass die gegenwärtigen, fortschrittlichen und wissenschaftlichen Methoden der Tabligh und der Taʿlim gewisse Vorzüge besitzen; ihrer Ansicht nach ist jedoch die segensreiche Methode jene, die die Propheten und Gesandten nach ihrer eigenen Vorstellung angewandt hätten.

Unserer Meinung nach ist ein Teil des Grundes, weshalb sie diese Methode für die Methode der Propheten halten, ihre Unkenntnis über die Methode der Propheten; ein anderer Teil ist ihr Wunsch, dass die von ihnen angenommene Methode – eine Methode, für die ihnen die Fähigkeit fehlt, eine andere anzuwenden – sich als würdig und heilig erweisen möge. Nach allem, was wir über die Methode der Tabligh der Propheten studiert haben, sind wir zu dem Schluss gelangt, dass die von den Propheten und Gesandten angewandte Methode für ihre jeweilige Zeit äußerst fortschrittlich und die bestmögliche war. Diese Methode verändert sich zudem mit dem Wandel der Umstände und dem Fortschritt der Zivilisation. Gerade dies beweist, dass es nicht richtig ist, in dieser Angelegenheit an einer einzigen Methode festzuhalten. Vielmehr soll man die Methode der Wahrheit anwenden, die zu ihrer Zeit entwickelt worden ist und durch die sie ihre Anstrengungen und Fähigkeiten wirksamer machen können.

Mit dem Fortschritt von Wissen und Wissenschaft hat sich auch die Methode der Daʿwa weiterentwickelt.

Das Wichtigste dabei ist, dass die edlen Propheten nicht von einer einzigen Methode der Daʿwa abhängig waren. Vielmehr änderten sich ihre Methoden der Verkündigung und Erziehung entsprechend dem Tempo, in dem Wissen und Wissenschaft in der Welt voranschritten. In der Frühzeit der Zivilisation, als die Künste des Lesens und Schreibens noch nicht existierten, erfolgten auch die Verkündigung und Erziehung der Propheten mündlich. Einige Grundsätze von Frömmigkeit und Wahrhaftigkeit lehrten sie die Menschen mündlich, und diese prägten sie sich ein. In Form von Überlieferungen gelangten sie von Generation zu Generation zu den Anhängern. Wenn sie schließlich im Lauf der Zeit verschwanden oder sich mit anderen Dingen vermischten, sandte Allah einen Propheten. Dieser ließ die Lehre in völlig neuer Weise wieder lebendig werden. Solange die Künste des Lesens und Schreibens noch nicht entwickelt waren, musste man sich bei der Tabligh allein auf persönliche Unterstützung, mündliche Darlegung, Überlieferung und das Gedächtnis der Zuhörer stützen. Als die Menschen jedoch die Kunst des Schreibens erlernt und eine bessere Methode entdeckt hatten, Dinge anderen zu übermitteln und unter ihnen zu bewahren, wandten auch die Propheten diese Methode an. So schrieb der geehrte Musa, Friede sei mit ihm, statt nur mündlich zu lehren, die Gebote der Tora für die Angehörigen seines Volkes auf Tafeln. Ebenso wurde den Arabern die Lehre der Religion in schriftlicher Form mit der Feder vermittelt. Allah, der Erhabene, erwähnte diese Gunst und sagte, dass sie durch das Schreiben und nicht nur mündlich belehrt worden seien. Dies ist eine fortschrittliche und sichere Methode des Bildungswesens. Die Aussage des Heiligen Qurʾan lautet:اقْرَأْ وَرَبُّكَ الْأَكْرَمُ الَّذِي عَلَّمَ بِالْقَلَمِ عَلَّمَ الْإِنْسَانَ مَا لَمْ يَعْلَمْ„Lies! Dein Herr ist der überaus Freigebige, der durch die Feder gelehrt hat. Er lehrte den Menschen, was er nicht wusste.“ (Sure al-ʿAlaq 3–5)

Aus diesen Versen wird eindeutig ersichtlich, dass es eine besondere Gunst Allahs ist, dass Er den Menschen die Kunst des Gebrauchs der Feder lehrte und diese fortschrittliche Methode zu einem Mittel der Verkündigung und Erziehung in der Religion machte. Dadurch wurden sie Besitzer der größten Gunst Allahs, des Qurʾan. Auf die Überlegenheit der auf Feder und Buch gegründeten Lehrmethode gegenüber der mündlichen Methode weist auch der Qurʾan an verschiedenen Stellen hin. Eine ausführliche Erörterung gehört jedoch nicht hierher. Was wir hier hervorheben möchten, ist dies: Die von den Propheten eingeführte Methode der Tabligh ist keine starre, leblose und unbewegliche Methode. Vielmehr erfährt auch sie mit der geistigen und intellektuellen Entwicklung der Menschheit Veränderung und Fortschritt. Mit der fortschreitenden Entwicklung von Wissenschaft und Zivilisation haben sich auch die Mittel der Menschen zur Arbeit und zur Erkenntnis vermehrt. Die Verkünder der Wahrheit sind die Ersten und am meisten dazu berechtigt, daraus Nutzen zu ziehen. Darauf weist auch die Vorgehensweise der Propheten hin. So haben Radio, Fernsehen, Kino, Druckmaschinen und Ähnliches in unserer Zeit die Kraft des Menschen zur Verbreitung, Propaganda und Erziehung von einer Stufe auf eine andere gehoben. Jede Rede, ob groß oder klein, kann innerhalb weniger Minuten von einem Ende der Welt zum anderen übermittelt werden. Die bewussten Menschen der ganzen Welt können innerhalb weniger Tage über jede größere Bewegung informiert werden. Selbst die schwierigste Aussage kann der Allgemeinheit wie auch den Gebildeten und Besonderen sehr leicht verständlich gemacht werden. In unserer Zeit verbreiten die Anhänger des Falschen mit Hilfe dieser Mittel jede beliebige Form des Falschen nach ihrem Willen überall auf der Welt. Die gegenwärtigen Erfindungen der Wissenschaft haben die Entfernungen außerordentlich verkürzt. Die unüberwindlichen Berge und Meere zwischen zwei Völkern stellen heute kein nennenswertes Hindernis mehr dar. Bis gestern konnte ein Lehrer seine Worte nur so zu den Schülern sprechen, die vor ihm saßen; heute kann er, wenn er will, zur selben Zeit zu den Menschen der ganzen Welt sprechen. Was man früher selbst nach monatelangem Unterricht nicht verständlich machen konnte, kann man heute mit modernen wissenschaftlichen Geräten in einer Stadt allen Menschen, einfachen wie besonderen, alle paar Stunden leicht verständlich machen.

Daher ist es heute unbedingt notwendig, diese Mittel für die Verbreitung der Wahrheit in die Hand zu bekommen. Wenn die Anhänger der Wahrheit diese Mittel mit der Begründung ablehnen, die edlen Propheten hätten solche Mittel bei der Verkündigung der Religion Allahs nicht benutzt, sondern seien zu jedem Einzelnen persönlich gegangen und hätten ihm die Daʿwa überbracht, und wenn deshalb auch für uns die beste Methode darin bestehe, diese Dinge nicht einmal anzurühren, sondern von Haus zu Haus zu gehen und die Einladung zur Religion zu überbringen – andernfalls könne dies keine Nachahmung der Methode der Propheten sein –, dann ist dies vielmehr eine gewaltige Täuschung und Irreführung des Satans. Er hat für die Verkünder der Religion dieses Netz der Verschwörung ausgelegt. Während ein solcher Mensch nach seiner frommen Methode seine Worte vielleicht nur zwei Menschen übermitteln kann, werden die Anhänger des Falschen mit wissenschaftlichen Medien die Einladung zu ihrem Falschen auf äußerst wirkungsvolle Weise zu Tausenden, Hunderttausenden, ja zu zig Millionen Menschen bringen. Durch solche Täuschungen hat Satan die Bemühungen und Fähigkeiten der meisten Anhänger der Wahrheit geschädigt und die Waagschale zu seinen Gunsten geneigt. Schließlich sind sie heute in jedem Lebensbereich zurückgefallen, während Satan voranschreitet und die Völker führt. Zwischen den Anstrengungen dieser beiden Gruppen besteht nun kaum noch eine Beziehung. Dieser Zustand wird andauern, solange die Anhänger der Wahrheit nicht lernen, diese gewaltige Kraft in den Dienst der Wahrheit zu stellen. Heute befindet sich diese Kraft vollständig in der Gewalt der satanischen Kräfte und ist dem Falschen dienstbar.

Auch der gesellschaftliche Fortschritt muss für die Daʿwa genutzt werden

So wie die Methode der Daʿwa unter wissenschaftlichem Gesichtspunkt von höchster und fortschrittlichster Qualität sein muss, damit man dem Falschen mit voller Kraft entgegentreten kann, muss man ebenso den gesellschaftlichen und allgemeinen Fortschritt des Lebens nutzen, damit die Daʿwa nach dem Maßstab der Zeit vollkommen wirksam wird. Dazu ist es unerlässlich, in der Gesellschaft miteinander auszukommen, gemeinsam zu leben, Meinungen auszutauschen, anderen die eigene Meinung mitzuteilen und die Meinung anderer anzuhören. Wenn eine Methode der gemeinschaftlichen Erledigung von Aufgaben üblich ist und ihr kein moralischer oder schariarechtlicher Schaden innewohnt, müssen auch die Anhänger der Wahrheit daran teilnehmen und sie für die Verbreitung der Wahrheit nutzen. Unter den Methoden, die zur Zeit des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Friede seien mit ihm, in der Gesellschaft üblich waren, nutzte er jene, die für die Daʿwa geeignet waren, für die Daʿwa.

Als er zu Beginn die Führer seines Stammes, die im Grunde auch die Führer des Volkes waren, über seine Absicht informieren wollte, wählte er zu diesem Zweck die Methode, dem geehrten ʿAli (Allahs Wohlgefallen sei mit ihm) die Anordnung zu geben, ein Gastmahl zu veranstalten und den gesamten Stamm der Banu al-Muttalib einzuladen. Der geehrte ʿAli führte die Anweisung aus. Alle Angehörigen des Stammes der Banu al-Muttalib versammelten sich. Hamza, Abu Talib und al-ʿAbbas (Allahs Wohlgefallen sei mit ihnen) nahmen alle am Gastmahl teil. Als die Menschen gegessen hatten, erhob sich der Prophet, Allahs Segen und Friede seien mit ihm, und hielt eine Ansprache. Ihr kurzer Inhalt war: „Ich bin zu euch mit etwas gekommen, das der Schlüssel zum Glück in beiden Leben, dem diesseitigen und dem jenseitigen, ist.“ Am Ende der Ansprache fragte er die Anwesenden: „Wer von euch ist bereit, mein Gefährte beim Tragen dieser schweren Last zu sein?“ Alle saßen schweigend da. Nach einiger Zeit erhob sich der geehrte ʿAli aus einer Ecke und sagte in bewegter Sprache: „Auch wenn meine Augen schmerzen, auch wenn ich schwach bin und auch wenn ich der Jüngste von allen bin – ich werde dein Gefährte sein.“

Neben dieser Methode wandte der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Friede seien mit ihm, auch andere allgemein nützliche Methoden für die Tabligh an. Um beispielsweise den führenden Männern von Mekka und Taif die Daʿwa vorzutragen, ging er selbst zu ihnen und traf sie. Während der Pilgersaison traf er die Stammesoberhäupter der Stämme, die in der Umgebung von Mekka ihre Zelte aufschlugen, und lud sie zum Islam ein. Er entsandte Gesandte zu bedeutenden Personen in verschiedenen Gegenden. In Arabien fanden verschiedene saisonale Märkte statt, zu denen Menschen aller Schichten kamen. Sie waren nicht nur Orte des Kaufs und Verkaufs, des Handels und der Unterhaltung; vielmehr gab es dort auch Märkte des Wissens und der Literatur. Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Friede seien mit ihm, besuchte auch diese Märkte und schuf eine Gelegenheit, den Menschen die Einladung zur Religion vorzutragen. Viele Menschen lud er auch durch Briefe ein.

Kurz gesagt: Unter den Methoden, die in jener Zeit entwickelt worden waren, um die Menschen einer Sache näherzubringen oder selbst den Menschen näherzukommen, nutzte der Prophet, Allahs Segen und Friede seien mit ihm, jede Methode vollständig für die Daʿwa, sofern sie keinen moralischen Fehler enthielt.أَمَّا مَنِ اسْتَغْنَى فَأَنْتَ لَهُ تَصَدَّى وَمَا عَلَيْكَ أَلَّا يَزَّكَّى وَأَمَّا مَنْ جَاءَكَ يَسْعَى وَهُوَ يَخْشَى فَأَنْتَ عَنْهُ تَلَهَّى كَلَّا إِنَّهَا تَذْكِرَةٌ فَمَنْ شَاءَ ذَكَرَهُ فِي صُحُفٍ مُكَرَّمَةٍ مَرْفُوعَةٍ مُطَهَّرَةٍ بِأَيْدِي سَفَرَةٍ كِرَامٍ بَرَرَةٍ„Du hast dich dem zugewandt, der sich für unabhängig hält, obwohl du nicht dafür verantwortlich bist, wenn er sich nicht läutert. Wer aber eifrig zu dir kommt und Allah fürchtet, dem schenkst du keine Beachtung. Keineswegs! Dies ist nur eine Ermahnung. Wer will, soll sie beherzigen. Sie steht auf ehrenvollen, erhabenen und reinen Blättern, in den Händen edler und frommer Schreiber.“ (Sure ʿAbasa 5–16)

Es ist keineswegs erlaubt, dass der Verkünder aus Eifer für die Tabligh in jede beliebige Versammlung eindringt und die Menschen zurechtweist und, gleichgültig, ob die Zuhörer aufmerksam sind oder nicht, nicht aufhört, ihnen seine Rede aufzuzwingen. Er darf nicht jedem Reisenden nachlaufen und sich nicht von ihm trennen, bis er ihm etwas mitgeteilt oder von ihm etwas gehört hat. Vom geehrten Ibn ʿAbbas (Allahs Wohlgefallen sei mit ihm) wird überliefert:(Arabisch****************)„Ich möchte dich niemals in einer Lage sehen, in der du an einer Gruppe vorbeikommst, die mit einer eigenen Angelegenheit beschäftigt ist, und du in diesem Zustand beginnst, ihnen deine Predigt vorzutragen. Vielmehr solltest du dann schweigen. Wenn sie dir Gelegenheit geben zu sprechen, dann trage ihnen deine Worte vor; so werden sie dir mit Interesse zuhören.“ (Buchari)

Man muss sich unbedingt auch jeder Methode enthalten, durch die die Angelegenheit der Daʿwa den Menschen zu einer Last werden und sie dadurch ermüden könnte.(Arabisch***********************)„Überliefert von Schaqiq, einem Tabiʿi. Er sagte: ʿAbdullah ibn Masʿud (Allahs Wohlgefallen sei mit ihm) pflegte jeden Donnerstag vor den Menschen eine Predigt und Ermahnung zu halten. Ein Mann sagte zu ihm: ‚O Abu ʿAbdurrahman, ich wünschte, du würdest uns jeden Tag eine Predigt und Ermahnung halten.‘ ʿAbdullah (Allahs Wohlgefallen sei mit ihm) sagte: ‚Was mich davon abhält, ist, dass ich es nicht mag, euch zu langweilen. Deshalb halte ich euch nur gelegentlich eine Predigt, so wie der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Friede seien mit ihm, aus Furcht, uns zu langweilen, uns ebenfalls nur gelegentlich zu ermahnen pflegte.‘“ (Buchari, Muslim)

Methoden, die dem Zweck widersprechen, sind aufzugeben

Der Verkünder der Wahrheit darf niemals eine Methode anwenden, die ihrem Wesen nach dem Zweck und Ziel der Daʿwa völlig widerspricht. Dazu gehört beispielsweise der Streitkampf. Obwohl diese Methode lange Zeit als die wirksamste Methode der Daʿwa und Tabligh angesehen wurde und unsere Schriftsteller wegen ihrer vermeintlichen Bedeutung Bücher darüber verfasst haben, die sogar in die Lehrpläne unserer arabischen Madrasas aufgenommen wurden, gibt es kaum eine andere Methode, die so wenig mit dem Lebensgeist der Bewegung der Wahrheit verbunden ist wie diese. Es besteht kein Zweifel, dass Allah, der Erhabene, im Heiligen Qurʾan die Auseinandersetzung erlaubt hat. Doch es ist völlig falsch, die Art von Streit und Debatte, die in unseren religiösen Bildungseinrichtungen gelehrt wird und die unsere Verkünder und Debattierer den ganzen Tag betreiben, mit den im Qurʾan erwähnten Begriffen Mujadala und Muhajja gleichzusetzen. Da unsere Streitgelehrten gerade diese beiden qurʾanischen Begriffe als Beweis für ihren Streitkampf heranziehen, wollen wir ihre Bedeutung kurz mit Hilfe des Heiligen Qurʾan erläutern. Dadurch wird der Unterschied zwischen der Mujadala und Muhajja der Propheten und Gesandten und dem heute üblichen Streitkampf deutlich werden.

Welche Art von Auseinandersetzung der Qurʾan erlaubt

Der Heilige Qurʾan erwähnt zwei Arten der Mujadala, also der Auseinandersetzung: die Mujadala auf falsche Weise und die Mujadala auf beste Weise. Die Auseinandersetzung auf falsche Weise bringt der Qurʾan mit den Ungläubigen und den Feinden des Islam in Verbindung. Die Eigenschaften, die er jener Auseinandersetzung zuschreibt, entsprechen weitgehend den Eigenschaften, die man in den heute allgemein üblichen Streitgesprächen beobachten kann: ohne vernünftigen Beweis an der eigenen Meinung festzuhalten und den anderen zu zwingen, sie anzunehmen; die eigentliche Angelegenheit mit sachfremden Worten zu vermischen; Zeit mit fruchtlosen, spitzfindigen Debatten zu verlieren; die Worte des Gegners selbst nicht anzuhören und auch anderen nicht zu erlauben, sie anzuhören; jene sinnlose Geschwätzigkeit und fruchtlose Lautstärke, die gewöhnlich zu den Eigenschaften der heutigen Debattierer gehören. Der Heilige Qurʾan bezeichnet dies als Eigenschaften der falschen Auseinandersetzung und befiehlt den Anhängern der Wahrheit mit Nachdruck, sich davon fernzuhalten. Er erlaubt ihnen nur, auf die beste Weise zu disputieren. Sowohl in intellektueller als auch in praktischer Hinsicht hat der Qurʾan diese beste Methode erläutert, damit jeder sie gut verstehen kann.

Die intellektuelle Methode dieser Auseinandersetzung besteht nach dem Heiligen Qurʾan darin, nicht in einen Kampf mit dem Angesprochenen einzutreten, sondern ihm ausführlich jene grundlegenden Dinge darzulegen, in denen Übereinstimmung zwischen ihm und uns besteht und deren Annahme er nicht verweigert. Dadurch wird er geneigt sein, den Worten des Verkünders zuzuhören. Danach muss man ihm das Ergebnis darlegen, das sich unvermeidlich aus den von ihm anerkannten Grundsätzen ergibt. Dann wird er bereit sein, es als seine eigene Auffassung anzunehmen; in ihm wird nicht der Impuls entstehen, es als Behauptung seines Gegners zurückzuweisen. Der Heilige Qurʾan selbst hat dafür das beste Beispiel gegeben.وَلَا تُجَادِلُوا أَهْلَ الْكِتَابِ إِلَّا بِالَّتِي هِيَ أَحْسَنُ إِلَّا الَّذِينَ ظَلَمُوا مِنْهُمْ وَقُولُوا آمَنَّا بِالَّذِي أُنْزِلَ إِلَيْنَا وَأُنْزِلَ إِلَيْكُمْ وَإِلَهُنَا وَإِلَهُكُمْ وَاحِدٌ وَنَحْنُ لَهُ مُسْلِمُونَ„Und streitet mit den Leuten der Schrift nur auf die beste Art – außer mit denen von ihnen, die Unrecht tun. Und sagt: ‚Wir glauben an das, was zu uns herabgesandt wurde und zu euch herabgesandt wurde. Unser Gott und euer Gott ist ein einziger, und Ihm sind wir ergeben.‘“

In diesem Vers wird zunächst klargestellt, dass es nicht nötig ist, mit Menschen zu sprechen, die von schlechter Wesensart sind und Unordnung stiften, die nur an Streit gewöhnt sind und keinerlei Interesse daran haben, die Wahrheit zu verstehen und anzunehmen. Mit den Suchenden hingegen muss man sprechen und sich mit ihnen austauschen. Die Methode besteht darin, das Gespräch mit den Grundsätzen zu beginnen, die von ihnen und von uns anerkannt werden.

Nach diesem Grundsatz muss den Leuten der Schrift die Einladung zum Tauhid so vorgetragen werden, dass klar wird: Wenn der Tauhid unter den Gläubigen und den Leuten der Schrift als grundlegendes Prinzip anerkannt ist, warum sollten sie sich dann über seine Folgen und Forderungen uneinig sein? Wenn die Leute der Schrift dieses Grundprinzip anerkennen, müssen sie auch seine unvermeidlichen Konsequenzen annehmen. Im Heiligen Qurʾan heißt es:قُلْ يَا أَهْلَ الْكِتَابِ تَعَالَوْا إِلَى كَلِمَةٍ سَوَاءٍ بَيْنَنَا وَبَيْنَكُمْ أَلَّا نَعْبُدَ إِلَّا اللَّهَ وَلَا نُشْرِكَ بِهِ شَيْئًا وَلَا يَتَّخِذَ بَعْضُنَا بَعْضًا أَرْبَابًا مِنْ دُونِ اللَّهِ فَإِنْ تَوَلَّوْا فَقُولُوا اشْهَدُوا بِأَنَّا مُسْلِمُونَ„Sprich: O Leute der Schrift! Kommt her zu einem Wort, das zwischen uns und euch gleich ist: dass wir nur Allah dienen, Ihm nichts beigesellen und keiner von uns andere anstelle Allahs zu Herren nimmt. Wenn sie sich jedoch abwenden, dann sagt: Bezeugt, dass wir Muslime sind – wir haben uns ausschließlich dem Dienst und Gehorsam gegenüber Allah ergeben.“ (Sure Al ʿImran 64)

Wenn man über das praktische Beispiel der Auseinandersetzung nachdenkt, das der Heilige Qurʾan vorgelegt und gelobt hat, wird deutlich, dass Mujadala oder Auseinandersetzung im Grunde darin besteht, den Gegner durch Liebe, Zuneigung, Selbstvertrauen, gute Charaktereigenschaften und gute Argumente dazu zu bewegen, die eigene Aussage anzunehmen. Schließlich wird der Gegner durch die Aufrichtigkeit, Unparteilichkeit und Hingabe des Verkünders der Wahrheit beeinflusst und bereit sein, über die Wahrheit seiner Aussage nachzudenken und sie anzunehmen.

Der Heilige Qurʾan führt verschiedene Beispiele dieser Art der Auseinandersetzung an. Würde man sie alle schildern, würde die Erörterung zu lang. Als Beispiel wollen wir hier nur einen einzigen Fall erwähnen. Daraus wird deutlich, welche liebevolle Ausdrucksweise und welche Hingabe mit dem Wort Mujadala erklärt und gelobt worden sind.

Der Heilige Qurʾan berichtet lobend über die Mujadala, die der geehrte Ibrahim, Friede sei mit ihm, im Zusammenhang mit dem Volk des geehrten Lut, Friede sei mit ihm, mit Allah, dem Erhabenen, geführt hat, und erklärt, dass diese Auseinandersetzung aus Ibrahims aufrichtiger Anteilnahme, Barmherzigkeit und seinem inneren Schmerz hervorging. Betrachten wir nun, worin die vom Heiligen Qurʾan gelobte Auseinandersetzung des geehrten Ibrahim im Einzelnen bestand. Im Qurʾan wird sie lediglich gelobt, aber nicht ausführlich geschildert. Deshalb haben wir die ausführliche Darstellung aus dem Buch der Tora entnommen. Nach der Darstellung der Tora sprach der geehrte Ibrahim zu den Engeln, die mit der Strafe über das Volk des Lut kamen, folgendermaßen:

„Da trat Abraham näher und sagte: Willst du den Gerechten mit dem Gottlosen vernichten? Vielleicht gibt es in dieser Stadt fünfzig Gerechte. Willst du sie vernichten und den Ort nicht verschonen um der fünfzig Gerechten willen, die darin sind? Es sei fern von dir, so etwas zu tun, die Gerechten zusammen mit den Gottlosen zu töten, sodass es dem Gerechten wie dem Gottlosen ergeht. Sollte der Richter der ganzen Welt nicht gerecht richten? Allah sagte: Wenn ich in der Stadt Sodom fünfzig Gerechte finde, werde ich den ganzen Ort um ihretwillen verschonen. Da sagte Ibrahim: Siehe, ich habe es gewagt, zu Allah zu sprechen, obwohl ich nur ein geringer Diener bin. Vielleicht fehlen von den fünfzig Gerechten fünf. Willst du wegen dieser fünf die ganze Stadt vernichten? Er sagte: Wenn ich dort fünfundvierzig finde, werde ich sie nicht vernichten. Ibrahim fuhr fort: Vielleicht finden sich dort vierzig. Der Engel sagte: Auch um der vierzig willen werde ich sie nicht vernichten. Selbst wenn dort dreißig Menschen auf der Wahrheit wären, würde ich die Stadt nicht vernichten. Ibrahim sagte erneut: Ich habe es gewagt, zu Allah zu sprechen. Vielleicht finden sich dort zwanzig Menschen auf der Wahrheit. Der Engel sagte: Auch um der zwanzig willen werde ich die Stadt nicht vernichten. Ibrahim sagte: Wenn Allah nicht unzufrieden ist, will ich Ihn noch einmal bitten. Vielleicht finden sich dort zehn Wahrhaftige. Der Engel sagte: Um dieser zehn willen werde ich sie nicht vernichten. Als Allah aufgehört hatte, mit Ibrahim zu sprechen, gingen die Engel fort, und Ibrahim kehrte nach Hause zurück.“ (Genesis, Kapitel 18, Verse 23–33)

Diese Art des Gesprächs, diese Form der Anrede, diese Methode der Argumentation und diese liebevolle Ausdrucksweise sind es, die im Heiligen Qurʾan mit dem Wort Mujadala bezeichnet werden. Der Heilige Qurʾan hat gerade diese Art der Mujadala gelobt. Wenn Menschen dieses Beispiel als Beweis für die Rechtmäßigkeit ihres Streitkampfes heranziehen wollen, müssen sie auch die Lebenskraft, die in dieser Mujadala liegt, in ihren eigenen Auseinandersetzungen hervorbringen. Sie müssen ihre Aussage mit derselben Schönheit, Liebe, Barmherzigkeit und Anteilnahme vor den Gegner bringen. Unter dem Namen Mujadala Konflikt, Auseinandersetzung und Kampf zu führen, dies Streit zu nennen und zur Begründung seiner Rechtmäßigkeit Beweise aus dem Leben der Propheten anzuführen – das ist niemals zulässig.

Ebenso erwähnt der Heilige Qurʾan eine weitere Auseinandersetzung des geehrten Ibrahim und bezeichnet sie mit dem Wort Muhajja. In dieser Auseinandersetzung sagte der geehrte Ibrahim zu einem tyrannischen König seiner Zeit: „Mein Herr ist derjenige, der sterben lässt und lebendig macht.“ Der König erwiderte: „Ich lasse ebenfalls sterben und mache lebendig.“ Darauf sagte der geehrte Ibrahim: „Mein Herr lässt die Sonne im Osten aufgehen. Lass du sie im Westen aufgehen, wenn du kannst.“

Wenn man diese Auseinandersetzung nach jenen Grundsätzen beurteilt, die heute in unseren Büchern über Streitkunst gelehrt werden, könnte man den geehrten Ibrahim kaum als besonders fähigen Debattierer ansehen. Denn er hätte vieles fordern können, um die Behauptung des Königs – „Ich lasse sterben und mache lebendig“ – zu widerlegen. Das tat er jedoch nicht. Dabei wäre dies für einen Debattierer die beste Gelegenheit gewesen, eine Verteidigungsstellung aufzubauen. Stattdessen handelte er völlig entgegen den Grundsätzen des Streitkampfes eines Wortfechters. Er hielt es für angemessen, selbst zurückzutreten. Als er erkannte, dass dieser Mann sich darauf versteifte, Streit zu suchen und mit Wortverdrehungen zu arbeiten, sagte er einen entscheidenden Satz und zog sich rasch zurück.

Dieses Ereignis beweist: Wenn der Verkünder der Wahrheit zu der Einschätzung gelangt, dass der Angesprochene nicht in der Lage ist zuzuhören und zu verstehen, sondern vielmehr Widerspruch und Streit erzeugen will, besteht keine Notwendigkeit, ihm nachzulaufen. Vielmehr sollte man das Gespräch kurz fassen und sich zurückziehen.

8

Die Sprache der Daʿwa und die Ausdrucksweise der Verkünder der Wahrheit

Nun wollen wir die Sprache der Daʿwa und die Ausdrucksweise der Propheten erörtern. Das Ziel eines jeden Rufers besteht nicht lediglich darin, eine Wahrheit offenzulegen. Vielmehr soll die Wahrheit in ihrer vollständigen Gestalt deutlich gemacht werden, damit die Gebildeten sie richtig verstehen können und auch den einfachen Menschen kein Hindernis bleibt, sie zu erfassen. Außerdem muss die Wahrheit in einer besonders schönen Weise dargelegt werden, damit diejenigen unter den Zuhörern, in deren Herzen noch eine gewisse Fähigkeit vorhanden ist, die Wahrheit anzunehmen, sie akzeptieren können und den Leugnern der Wahrheit außer ihrer Verderbtheit und Sturheit kein weiterer Grund bleibt, sie zurückzuweisen. Eine notwendige Forderung dieses Ziels ist, dass die Sprache der Daʿwa äußerst wirkungsvoll und die Ausdrucksweise des Rufers natürlich und zu Herzen gehend sein muss. Es gibt jedoch viele künstliche und dem natürlichen Wesen widersprechende Mittel, um Anziehungskraft und Wirkung zu erzeugen. Mit ihrer Hilfe kann man einer Rede äußerlich Anziehungskraft und Eindringlichkeit verleihen. So versuchten etwa die Wahrsager des vorislamischen Arabien, ihren Worten durch gereimte Gedichte Anziehungskraft zu geben. Redner steigerten durch kunstvolle Satzgestaltung und feurige Reden die Kraft und Wirkung ihrer Aussagen.

Auch in der heutigen Zeit versuchen Redner, ihren Aussagen mithilfe von Gedichten und Geschichten Wirkung zu verleihen. Journalisten und betrügerische Politiker betreiben ihr Geschäft durch Lügen und Übertreibungen. Ärzte, die nur von ihrem Praxisschild leben, versuchen durch falsche Eide ihre Glaubwürdigkeit zu erhöhen. Durch solche Dinge entsteht in einer Rede zweifellos eine gewisse Wirkung, doch ist sie nicht mehr als eine künstliche Beschichtung. Deshalb kann es niemals die Vorgehensweise derjenigen sein, die sich in der Welt zur Verbreitung der Wahrheit erheben, ihre Daʿwa mithilfe von Lügen im Gewand der Wahrheit prunkvoller erscheinen zu lassen. Sie dürfen weder ihre Zunge noch ihre Worte mit solchen Lügen beflecken. Statt dieser Lügen und künstlichen Mittel bedienen sie sich zur Erreichung ihres Ziels einer anderen Sache. Diese ist nicht nur erlaubt und fehlerfrei, sondern steht auch in tiefer Übereinstimmung mit der menschlichen Natur. Daher wird die Wirkung, die durch sie hervorgerufen wird, nicht wie eine Lüge und Künstlichkeit schon bei der ersten Reibung sicher sichtbar. Vielmehr tritt ihr Glanz, nachdem sie im heißen Gefäß der Prüfung erhitzt worden ist, noch strahlender hervor.

Die Arbeitsweise des Rufers

Die Arbeit der Daʿwa kann nicht allein durch eine Ausdrucksweise und Redeweise erfüllt werden, die für gelehrte und gesellige Erörterungen geeignet ist. Die Sache ist so deutlich, dass sie keiner weiteren Erklärung bedarf. Die Aufgabe des Rufers zur Wahrheit unterscheidet sich völlig von der Aufgabe eines Historikers, der Ereignisse schildert, eines Juristen, der Gesetzesbestimmungen erläutert, und eines Philosophen oder Mathematikers, der Lehrsätze der Philosophie und Mathematik darlegt. Ihr Gegenstand ist so umfassend, dass das gesamte menschliche Leben darunter fällt; zugleich unterscheiden sich diejenigen, denen er die Daʿwa vorträgt, in Temperament und Charakter voneinander. Auch hinsichtlich ihrer psychischen und intellektuellen Verfassung bestehen zwischen ihnen Unterschiede. Außerdem ist das Verhältnis des Rufers zur Wahrheit und zur Mission der Religion nicht so wie das Verhältnis eines Verfassers zu einem Seminarvortrag oder eines Anwalts zu einem Rechtsfall. Vielmehr setzt er für diese Mission sein Leben aufs Spiel. Um die Mission zu ihrem endgültigen Ziel zu führen, muss er sein Leben einsetzen. Mit bloßen Worten kann er sich niemals zufriedengeben; was er sagen will, muss er klar und schön ausdrücken, damit kein Aspekt davon unklar bleibt. Seine Botschaft muss er in einer so wirkungsvollen und zu Herzen gehenden Weise vortragen, dass sie in das Herz jedes Menschen eindringen kann, der auch nur eine geringe Fähigkeit besitzt, den Ruf zur Wahrheit zu hören. In dieser inneren Erregung richtete der ehrwürdige Mose daher folgendes Bittgebet an Allah, den Erhabenen:قَالَ رَبِّ اشْرَحْ لِي صَدْرِي (25) وَيَسِّرْ لِي أَمْرِي (26) وَاحْلُلْ عُقْدَةً مِنْ لِسَانِي (27) يَفْقَهُوا قَوْلِي
„O mein Herr, weite meine Brust, erleichtere mir meine Aufgabe – die Aufgabe, zur Wahrheit zu rufen – und löse den Knoten meiner Zunge, damit die Menschen meine Worte gut verstehen können.“ – (Sure Ṭā-Hā, 25–28)

Danach betete er für den ehrwürdigen Aaron, Allahs Segen sei auf ihm, dass auch dieser an seiner Aufgabe beteiligt werde, damit er durch seine Beredsamkeit die Mängel seiner Aussage ausgleichen könne und die ihm auferlegte Aufgabe der Daʿwa nicht unvollendet bleibe.

Die Merkmale der Worte der Rufer zur Wahrheit

Hier wollen wir kurz die Merkmale der Worte der Propheten und Gesandten sowie der Mitarbeiter der islamischen Bewegung erörtern. Gerade diese Merkmale machen ihre Aussagen wirkungsvoll. In keiner Epoche dürfen diese Merkmale in den Aussagen der Mitarbeiter der islamischen Bewegung fehlen. Nach dem vorbildlichen Lebenswandel und der reinen Lehre der Propheten machen diese Merkmale die Aussagen der Rufer zur Wahrheit wirkungsvoller als alles andere.

Erstes Merkmal: Das erste Merkmal der Worte der Propheten, Gesandten und aller Rufer zu allen Zeiten und in jeder Epoche bestand darin, dass sie die Daʿwa zur Religion in der Sprache des Volkes vortrugen, vor dem sie sie darlegten, damit Allahs endgültiger Beweis gegenüber jeder Gemeinschaft und jeder gesellschaftlichen Schicht vollständig erbracht werde.
وَمَا أَرْسَلْنَا مِنْ رَسُولٍ إِلَّا بِلِسَانِ قَوْمِهِ لِيُبَيِّنَ لَهُمْ
„Wann immer Wir einen Gesandten entsandten, ließ Er die Botschaft in der Sprache seines eigenen Volkes überbringen, damit er sie ihnen klar erklären konnte.“ – (Sure Ibrāhīm, 4)

Das eigentliche Feld der Daʿwa eines Rufers zur Wahrheit sollte in seinem eigenen Volk liegen. Das ist natürlich und vernünftig. Es ziemt sich nicht für ihn, sein eigenes Volk in der Irre zu lassen und zu Land und zu Wasser umherzureisen, um ein anderes Volk zur Rechtleitung zu rufen. Ebenso sollte der Rufer zur Wahrheit innerhalb seines eigenen Volkes dessen Sprache zum Mittel der Daʿwa machen. Das ist der natürliche und vernünftige Weg. Wer sich diesem Weg widersetzt, missachtet das Recht derjenigen, die Anspruch auf die Wahrheit haben, und zerstört seine eigene Arbeitsfähigkeit. Dafür wird er Allah gegenüber Rechenschaft ablegen müssen.

Wer in einem bestimmten Volk geboren wurde, kann in diesem Volk so gut arbeiten, wie er es in keinem anderen Volk vermag. In seiner eigenen Sprache kann seine Daʿwa stärker und wirkungsvoller sein als in einer anderen Sprache. Daher besteht die richtige Vorgehensweise für jeden Mitarbeiter der islamischen Bewegung darin, die Sprache seines eigenen Volkes zum Mittel seiner Daʿwa und Verkündigung zu machen. Wie weit entwickelt und verbreitet die Sprache eines anderen Volkes im Vergleich zu seiner eigenen auch sein mag, selbst wenn eine Rede oder ein Aufsatz in dieser Sprache seine Meinung einer größeren Zahl von Menschen zugänglich machen und ihm mehr Achtung und Ruhm verschaffen könnte, darf er darauf keinerlei Wert legen.

Die erste Überlegung des Rufers zur Wahrheit darf nicht sein, wie er die Daʿwa, mit der er sich erhoben hat, möglichst vielen Ohren zugänglich machen kann. Vielmehr muss er zuerst prüfen, welches der wirksamste und nächstliegende Weg ist, in die Herzen derjenigen einzudringen, zu deren Rechtleitung und Dienst er von Allah und durch die Natur bestimmt wurde. Selbst wenn das Mittel eng und begrenzt ist und seine Persönlichkeit und sein Ansehen dadurch Schaden nehmen, darf er dies nicht beachten. Vielmehr soll er gerade dieses Mittel wählen, denn nur so kann er das vor ihm liegende Ziel erreichen.

Ein Bauer, der nur wenige Samenkörner in seiner Tasche hat und sie auf seinem kleinen Stück Land aussäen will, sollte sich nicht aus Neid mit den großen Grundbesitzern anlegen. Vielmehr sollte sein Blick auf das kleine Stück Land gerichtet sein, das ihm zugeteilt wurde. Der ehrwürdige Jesus, der Messias, sagte: „Das Brot, das ich besitze, reicht für die Kinder. Ich kann es nicht den Hunden vorwerfen und die Kinder hungrig lassen.“

Eine Gruppe von Menschen erhob aus Unverständigkeit Einwände gegen diese Aussage des ehrwürdigen Jesus und – Allah bewahre – beschuldigte ihn deshalb einer engen Sichtweise. Doch seine Aussage entspricht vollständig der Wirklichkeit. Jeder Mensch besitzt einen natürlichen Bereich, in dem er tätig sein kann. Solange er all seine Anstrengungen auf diesen Bereich beschränkt, kann er richtig und erfolgreich arbeiten. Wenn er diesen Bereich überschreitet und versucht, mit Händen und Füßen nach allem zu greifen, mag er dem Irrtum verfallen, sein Tätigkeitsfeld sei gegenüber früher viel größer geworden. In Wirklichkeit aber verschwendet er seine Kraft und Mühe.

Zweites Merkmal: Das zweite Merkmal der Worte der Propheten, Gesandten und Rufer zur Wahrheit ist ihre Klarheit. Eine klare Aussage bedeutet, dass der Rufer seine Botschaft in der zu seiner Zeit gebräuchlichen Umgangssprache vorträgt, sodass sie jeden Angehörigen seines Volkes erreichen kann. Seine Sprache ist äußerst gepflegt, rein und schön. Sie ist weder unklar noch völlig knapp. Sie wird nicht ohne Not verlängert, ist nicht mit bildhafter Sprache überladen und enthält keinen Überfluss an Vergleichen. Sie ist nicht mit Bildern angefüllt, die den Verstand in Verwirrung stürzen, nicht mit schwierigen und unbekannten Wörtern überladen und vollständig frei von hässlichen und abstoßenden Äußerungen.

Stattdessen werden eine klare Sprache, einfache und verständliche Vergleiche sowie Gleichnisse und Beispiele verwendet, die die tatsächliche Wahrheit indirekt veranschaulichen. Außerdem finden sich in ihren Aussagen Aufrichtigkeit statt Zorn, Sanftmut statt Härte und Einfachheit und Reinheit statt künstlicher Ausschmückung. Unter den verschiedenen Ausdrucksweisen, die in seiner Zeit verbreitet sind, wählt der Rufer nur jene, die für Würde, Wirkung und die Erklärung des Ziels am geeignetsten und besten ist. Seine erhabene Persönlichkeit, sein Eifer und seine Hingabe an die Arbeit der Daʿwa, sein Wissen, das Glauben und Selbstvertrauen hervorruft, sowie sein aufrichtiger Wunsch, seine Botschaft schön darzustellen, vervollkommnen diese Ausdrucksweise so sehr, dass daraus ein eigener neuer Stil entsteht. Er wird zu einem Muster und Beispiel, dem man folgen kann.

Das eigentliche Merkmal dieser Ausdrucksweise ist ihre Hingabe und ihre Verständlichkeit. Zugleich bewirken ihre Beweglichkeit, Hingabe und Verständlichkeit, verbunden mit der Aufrichtigkeit des Rufers, dass in ihm ein solcher Sinn für literarische Schönheit entsteht, dass selbst die Worte berühmter Schriftsteller vor ihm völlig leblos erscheinen. Aus jedem seiner Worte tropft gleichsam Geschmack, und in jedem seiner Sätze findet sich Nahrung für die Seele. Durch ihre Wirkung verändert sich nicht nur das Leben einiger weniger Menschen, sondern der Lebensweg eines ganzen Volkes. In der Hand des Rufers zur Wahrheit ist dies eine solche Kraft, dass selbst eine ausgerüstete Armee ihr nicht entgegentreten kann.

Deshalb baten die Propheten und Gesandten Allah um die geeignete Weise, ihre Botschaft vorzutragen. Doch der bedrückende Zustand der religiösen Daʿwa in unserem Land muss uns mit Furcht und Sorge erfüllen: Diejenigen, also die Gelehrten, die diese Pflicht hätten erfüllen können, sind hier seit jeher wegen ihrer verdrehten Ausdrucksweise verrufen. Erstens hielten sie sich für unfähig, in der Sprache zu schreiben und zu sprechen, die hier den Rang einer „Nationalsprache“ erlangt hatte. Zweitens wurde diese Sprache, obwohl sie schließlich begannen, in ihr zu schreiben und zu sprechen, zu einer besonderen Sprache ihrer eigenen Art. Wegen ihrer Schwierigkeit, ihrer Trockenheit und ihrer gekürzten Ausdrucksweise ist sie nicht leicht verständlich. Um unter den Menschen eine ablehnende Vorstellung von einem Buch hervorzurufen, genügt sogar die Feststellung, seine Darstellungsweise sei völlig „mullahhaft“. Diese Lage war äußerst bedauerlich. Noch trauriger ist, dass die Gelehrten wegen dieser schwierigen Sprache lediglich Schande ernteten, während Menschen, die keinen Bezug zur Religion hatten oder religionsfeindlich waren, die „Sprache des Volkes“ an sich rissen. Bis heute liegt deren offenkundige Vorherrschaft darüber fort.

Drittes Merkmal: Das dritte Merkmal der Aussagen der Propheten und aller Rufer besteht darin, dass sie dasselbe Ziel auf verschiedenen Wegen anstreben. In der Ausdrucksweise des Edlen Qurʾān wird dies als „Wechsel der Darlegung der Zeichen“ erklärt. Das bedeutet, demjenigen, dem die Daʿwa zur Religion vorgetragen wird, auf verschiedene Weisen und nach unterschiedlichen Methoden zum Verständnis zu verhelfen.

In den Worten des verstorbenen Mīr Anīs:

„Mit hundert Worten beschreibe ich eine einzige Blume.“

Dass diese vielfältige Eigenschaft in der Rede des Rufers vorhanden ist, ist für ihr eigentliches Ziel – die Botschaft verständlich zu machen und den Beweis endgültig zu erbringen – unbedingt erforderlich. Was auf eine Weise nicht verstanden wird, kann, wenn es auf eine andere Weise dargelegt wird, so tief im Herzen Wurzeln schlagen, als wäre es der eigene Gedanke des Angesprochenen. Wie die Geschmäcker und die verschiedenen Neigungen der Menschen vielfältig sind, so unterscheiden sich auch die geistigen Fähigkeiten ihrer Herzen und Verstandeskräfte. Aufgrund der Verschiedenheit von Umfeld und Umständen verändert sich auch ihre Sichtweise. Wer erreichen möchte, dass eine Aussage im Herzen des Angesprochenen als Anleitung für das Leben fest verankert wird, muss dessen unterschiedliche geistige Fähigkeiten und wechselnde Sichtweisen berücksichtigen und ihm die Daʿwa von verschiedenen Seiten vortragen.

Wenn er dem Angesprochenen als Rufer immer auf demselben Weg und in derselben Farbe begegnet, wird er sein Ziel vollständig verfehlen. Denn eine einseitige Methode widerspricht dem ständig wechselnden und vielfältig ausgerichteten menschlichen Wesen völlig. Wer mit der Aufgabe und Arbeitsweise des Rufers sowie mit diesem Zustand der menschlichen Natur nicht vertraut ist, runzelt die Stirn, wenn er eine Rede der Daʿwa hört, und bemerkt, sie sei unnötig verlängert worden, derselbe Gedanke sei wiederholt worden und dies sei äußerst lästig und ermüdend. Er bedenkt nicht, dass die Aufgabe eines Rufers völlig anders ist als die eines gewöhnlichen Essayisten. Der Essayist richtet seinen Blick lediglich darauf, seine Meinung vor einigen Menschen auszudrücken. Der Rufer zur Wahrheit muss dagegen darauf achten, seine Botschaft Menschen mit unterschiedlichen Temperamenten, Charakteren und vielfältigen Fähigkeiten vorzutragen.

Für den Erfolg eines Essayisten genügt es, dass er seine Aussage auf besonders schöne Weise darstellt. Für den Erfolg des Rufers zur Wahrheit gilt dagegen als Bedingung, dass Freund und Feind gemeinsam bezeugen: Du hast das Recht der Übermittlung der Daʿwa erfüllt.
وَكَذَلِكَ نُصَرِّفُ الْآيَاتِ وَلِيَقُولُوا دَرَسْتَ وَلِنُبَيِّنَهُ لِقَوْمٍ يَعْلَمُونَ
„Auf diese Weise legen Wir die Beweise in verschiedenen Formen dar, damit sie sie gut verstehen und sagen: Du hast es uns erklärt. Und für die Menschen, die Wissen erwerben wollen, erläutern Wir die Beweise vollständig.“ – (Sure al-Anʿām, 105)

Viertes Merkmal: Das vierte Merkmal der Aussagen der Rufer zur Wahrheit besteht darin, dass ihre Aussagen ebenso reich an eindeutigen Beweisen wie an Gefühl und Begeisterung sind. Sie sprechen nicht wie trockene Philosophen nur den Verstand an, sondern wenden sich auch an die edlen Gefühle des Menschen. An die Gefühle zu appellieren ist keine schlechte Sache. Schädlich ist vielmehr der Appell an die tierischen Triebe des Menschen. Die Menschen der Wahrheit haben sich davon stets ferngehalten. Die eigentliche Kraft, die im Menschen eine Bewegung hervorruft, ist nicht sein Wissen, sondern sein Gefühl. Deshalb kann ein Rufer zur Wahrheit, der mit der Daʿwa zur Veränderung einer Lebensordnung auftritt oder eine Lebensordnung völlig neu formen und auf einem neuen Fundament errichten will, auf dem Weg zu seinem Ziel keinen einzigen Schritt vorankommen, ohne die Gefühle der Menschen aufzurütteln. Wer es zu seinem Lebensziel gemacht hat, andere durch die Darstellung der Besonderheit und Schönheit seiner wissenschaftlichen Forschungen zu begeistern und dadurch Selbstzufriedenheit zu erlangen, hält diese ruferische Haltung für die Haltung eines bloßen Anspruchstellers. Doch der Eifer und die Begeisterung in der Rede eines Rufers sind nicht das Ergebnis einer bloßen Behauptung. Sie sind vielmehr das Ergebnis seines unerschütterlichen Glaubens, der in seinem Herzen aufwallt, oder die Wirkung des Mitgefühls und der Hingabe, deren brennende Flamme in seiner Brust leuchtet.

Wer den besonderen Zustand eines Rufers nicht kennt und diese Aufgabe, weil er selbst nur mit Papier und Stift beschäftigt ist, für einen gewöhnlichen Beruf hält, sieht, dass dessen Rede nicht leblos wie die eines Essayisten, sondern lebendig und lebensspendend ist, und führt diese Gefühlsbewegung auf dessen Hochmut und Anspruch zurück. Diese Vorstellung ist jedoch falsch. Trotz äußerer Ähnlichkeit können Wesen und Charakter völlig verschieden sein. Nicht jeder weiße Gegenstand muss deshalb Fett sein. Über den Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, wird überliefert: „“(Arabisch******************)
„Wenn der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, predigte, wurden seine Augen rot, seine Stimme ernst und seine Erregung nahm zu. Es schien, als warne er vor dem bevorstehenden Angriff eines feindlichen Heeres. Es war, als sagte er: Sie werden am Morgen oder am Abend über euch herfallen.“ – (Muslim, Kitāb al-Dschumʿa)

Es ist offensichtlich, dass diese Wärme in seinen Aussagen aus seinem Selbstvertrauen und seinem von Mitgefühl für sein Volk geprägten Gefühl entstand. In Wahrheit kann ein solcher Zustand in jedem Rufer wirksam werden. Zweifellos können manche Menschen Gefühle und Erregung auf völlig künstliche Weise zur Schau stellen. Manchmal mögen sie sogar Unsinn und bedeutungsloses Geschwätz von sich geben. Doch daraus folgt nicht, dass jeder Mensch so ist. Die Lügner können ihre Lüge nicht sehr lange verbergen. Der Lauf der Zeit wird den Unterschied zwischen Echtem und Unechtem gewiss offenlegen. Wie lange kann sich eine Krähe mit künstlichen Federn als Pfau ausgeben und ihre wahre Identität verbergen?

Fünftes Merkmal: Das fünfte Merkmal der Aussagen der Rufer zur Wahrheit besteht darin, dass ihre Rede trotz ihrer vielfältigen Färbungen eine Einheit des Ziels besitzt. Sie richten jeden Pfeil aus ihrem Köcher auf dasselbe Ziel. Ihre Lage ist nicht wie die professioneller Schriftsteller und Redner, die man nach Belieben auf jede Bühne stellen, über jedes Thema einen Aufsatz schreiben lassen und zum Vorsitzenden jeder Versammlung machen kann. In jedem ihrer Texte und jeder ihrer Reden ist derselbe Widerhall zu hören. Wie anziehend ein anderes Thema auch sein mag, wie viel Ehre und Ruhm eine Rede oder ein Aufsatz darüber auch versprechen mag und wie sehr darin äußerlich ein religiöses oder nationales Interesse erkennbar sein mag – sie verschwenden die Kraft ihrer Zunge und ihrer Feder nicht an irrelevante oder nebensächliche Themen. Im Edlen Qurʾān wird diese Sache als „in jedem Tal umherirren“ erklärt, und die Propheten, Gesandten und rechtschaffenen Menschen werden davon freigesprochen.(Arabisch*****************) (Sie werden als jene beschrieben, die in jedem Tal umherirren.) – (Sure asch-Schuʿarāʾ, 225)

Die gesamte Geschichte der Welt bezeugt, dass jede gute oder schlechte Revolution, die in dieser Welt entstanden ist, durch die Feder und den Mund jener Menschen verwirklicht wurde, die all ihre Kraft für ein bestimmtes Ziel eingesetzt haben. Sie schossen niemals ziellos Pfeile in die Leere.

Sechstes Merkmal: Das sechste Merkmal der Aussagen der Propheten, Gesandten und Rufer zur Wahrheit bestand darin, dass sie ihre Worte von allem freihielten, was beim Zuhörer Sturheit und eine ablehnende Haltung hervorrufen könnte, denn dies widerspricht ihrem Ziel völlig. Wenn sie beispielsweise mit dem Angesprochenen sprachen, stellten sie weder ihre eigene Überlegenheit zur Schau noch übten sie hemmungslose Kritik, um die falsche Lebensordnung des Gegenübers herabzusetzen. Vielmehr sprachen sie alles mit Sanftmut und Mitgefühl an.
اذْهَبَا إِلَى فِرْعَوْنَ إِنَّهُ طَغَى (43) فَقُولَا لَهُ قَوْلًا لَيِّنًا لَعَلَّهُ يَتَذَكَّرُ أَوْ يَخْشَى
„Geht beide zu Pharao, denn er ist aufsässig und hochmütig geworden. Sprecht mit ihm in sanften Worten; vielleicht lässt er sich ermahnen oder fürchtet sich.“ – (Sure Ṭā-Hā, 44–53)

Ebenso äußerten sie mit ihrem Mund nichts, was durch die Beweisführung die religiösen Gefühle des Angesprochenen verletzen könnte. Sie widersprachen seinen falschen Vorstellungen zwar entschieden, schädigten aber nicht durch unnötig unhöfliche Worte eigenhändig ihr eigenes Ziel.
وَلَا تَسُبُّوا الَّذِينَ يَدْعُونَ مِنْ دُونِ اللَّهِ فَيَسُبُّوا اللَّهَ عَدْوًا بِغَيْرِ عِلْمٍ
„O ihr Gläubigen, beschimpft nicht diejenigen, die sie anstelle Allahs anrufen, sonst könnten sie aus Unwissenheit und Feindschaft Allah beschimpfen.“ – (Sure al-Anʿām, 108)

Auf unhöfliches Verhalten und grobe Worte des Angesprochenen antworteten sie mit freundlichen Worten. Denn dies ist für den Rufer zur Wahrheit der Weg, in das Herz des Angesprochenen einzudringen.
وَلَا تَسْتَوِي الْحَسَنَةُ وَلَا السَّيِّئَةُ ادْفَعْ بِالَّتِي هِيَ أَحْسَنُ فَإِذَا الَّذِي بَيْنَكَ وَبَيْنَهُ عَدَاوَةٌ كَأَنَّهُ وَلِيٌّ حَمِيمٌ () وَمَا يُلَقَّاهَا إِلَّا الَّذِينَ صَبَرُوا وَمَا يُلَقَّاهَا إِلَّا ذُو حَظٍّ عَظِيمٍ () وَإِمَّا يَنْزَغَنَّكَ مِنَ الشَّيْطَانِ نَزْغٌ فَاسْتَعِذْ بِاللَّهِ إِنَّهُ هُوَ السَّمِيعُ الْعَلِيمُ
„Das Gute und das Böse sind nicht gleich. Wehre das Böse mit dem ab, was besser ist, und du wirst sehen, dass derjenige, zwischen dem und dir Feindschaft bestand, wie ein enger Freund wird. Diese Eigenschaft wird nur denen verliehen, die geduldig sind, und sie wird nur dem verliehen, der einen gewaltigen Anteil am Guten besitzt. Wenn dich eine Einflüsterung des Satans reizt, dann suche Zuflucht bei Allah. Er ist der Allhörende, der Allwissende.“ – (Sure Fuṣṣilat, 34–36)

Sie hielten sich stets vom Streitgespräch fern. Wenn sie auch nur vermuteten, dass der Angesprochene in einen Streit verwickelt werden wollte, verabschiedete sich der Rufer zur Wahrheit mit „As-salāmu alaikum“ und ging fort. Denn zwischen Streit und der Daʿwa zur Wahrheit besteht ein Gegensatz.
فَلَا يُنَازِعُنَّكَ فِي الْأَمْرِ وَادْعُ إِلَى رَبِّكَ إِنَّكَ لَعَلَى هُدًى مُسْتَقِيمٍ (67) وَإِنْ جَادَلُوكَ فَقُلِ اللَّهُ أَعْلَمُ بِمَا تَعْمَلُونَ (68) اللَّهُ يَحْكُمُ بَيْنَكُمْ يَوْمَ الْقِيَامَةِ فِيمَا كُنْتُمْ فِيهِ تَخْتَلِفُونَ
„So sollen sie mit dir in dieser Angelegenheit nicht streiten. Rufe zu deinem Herrn; du befindest dich gewiss auf einem geraden Weg. Wenn sie mit dir streiten, dann sage: Allah weiß am besten, was ihr tut. Allah wird am Tag der Auferstehung zwischen euch über das entscheiden, worüber ihr uneins wart.“ – (Sure al-Ḥadsch, 67–69)

Wenn sie sich jemals auf eine Auseinandersetzung einließen, dann auf die beste und vornehmste Weise. Das heißt: Sie suchten nach den Punkten, in denen sie mit dem Angesprochenen übereinstimmten, und luden ihn zu deren notwendiger Schlussfolgerung ein.
فَلَا يُنَازِعُنَّكَ فِي الْأَمْرِ وَادْعُ إِلَى رَبِّكَ إِنَّكَ لَعَلَى هُدًى مُسْتَقِيمٍ (67) وَإِنْ جَادَلُوكَ فَقُلِ اللَّهُ أَعْلَمُ بِمَا تَعْمَلُونَ (68) اللَّهُ يَحْكُمُ بَيْنَكُمْ يَوْمَ الْقِيَامَةِ فِيمَا كُنْتُمْ فِيهِ تَخْتَلِفُونَ
„Streitet nicht mit den Leuten der Schrift, außer auf die beste Weise – mit denjenigen unter ihnen, die Unrecht tun. Sagt: Wir glauben an das, was zu uns herabgesandt wurde und was zu euch herabgesandt wurde. Unser Gott und euer Gott ist ein einziger, und Ihm sind wir ergeben.“ – (Sure al-ʿAnkabūt, 46)

Siebtes Merkmal: Das Merkmal der Rede des Rufers zur Wahrheit besteht darin, dass er bei Wortwahl, Ausführlichkeit, Kürze, Ausdrucksweise und Ähnlichem die geistige Verfassung des Zuhörers berücksichtigt. So sagte der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm: „Verkündet frohe Botschaft und erzeugt unter den Menschen keinen Hass.“ Ebenso betonte er: „Wenn ihr ermahnt, dann fasst eure Rede kurz.“ Die Fähigkeit, eine Rede kurz darzustellen, bezeichnete er als Zeichen von Verstand. „“(Arabisch******)
„Er sagte: Dass das Gebet eines Menschen lang und seine Predigt kurz ist, gehört zu seinem Verständnis. Verlängert daher das Gebet und kürzt die Predigt. Manche Reden besitzen eine zauberhafte Wirkung.“ – (Muslim, Kitāb al-Dschumʿa)

Wenn der Zuhörer über wenig Wissen verfügt oder die Aussage besonders fein und schwer verständlich ist, muss man sie wiederholen, damit der Zuhörer sie gut hören und verstehen kann. (Arabisch************************************)
„Wenn der Prophet, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, etwas sagte, wiederholte er es dreimal, damit die Menschen es gut verstehen konnten.“
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Die Argumentationsweise der ehrwürdigen Propheten

Das Ziel, zu dessen Verwirklichung die Propheten und Gesandten sowie die Aufrufer zur Wahrheit gekommen sind, ist der Aufruf zum Glauben. Der Glaube ist keine negative Sache, sondern eine positive Wahrheit. Sein eigentlicher Nutzen kann nur dann erreicht werden, wenn er sich vollständig und fest im Herzen verankert. Damit diese Festigkeit des Glaubens entsteht, muss seine Grundlage unbedingt auf starken Beweisen beruhen. Fehlt dem Glauben die Festigkeit, kann er auch keine inspirierende Kraft für das Leben sein; durch ihn können weder die glaubensmäßigen noch die praktischen Seiten der Religion verwirklicht werden, noch kann er den Menschen auf dem weiten Feld des Lebens leiten. Deshalb können die Aufrufer zur Wahrheit ihre Aufgabe nicht allein durch Gewalt erfüllen. Durch Täuschung können sie ihr Ziel nicht erreichen, bloße Behauptungen nützen ihnen nichts, und dichterische oder rhetorische Argumente, die in der menschlichen Natur und im Verstand keine eigene Grundlage bilden können, vermögen ihren Zweck ebenfalls nicht zu erfüllen.

Nur diejenigen, die ihr Ziel erreichen wollen, indem sie den Zuhörer zum Schweigen bringen oder ihn in Verwirrung stürzen, können sich mit solchen Argumenten behelfen. Wer den Zuhörer jedoch nicht zum Schweigen bringen, sondern seine gesamten Kräfte und Fähigkeiten dafür wecken will, den richtigen Weg zu gehen; wer die Menschen nicht durch Zauberei oder Beeinflussung auf irgendeinen Weg treiben, sondern ihre Natur sowie ihr Wissen und ihre Weisheit so erwecken will, dass jeder Mensch auch unter den schwierigsten Umständen fähig ist, sich selbst auf dem Sirāt al-mustaqīm zu führen, der greift zunächst nicht zu solchen Beweisen. Und wenn er es doch tut, achtet er stets darauf, dass für die Verwirklichung eines heiligen und erhabenen Zieles auch die Mittel und Werkzeuge äußerst rein und erhaben sein müssen. Genau dies hat die Argumentationsweise der Propheten und Gesandten sowie der Aufrufer zur Wahrheit völlig von der Argumentationsweise der anderen unterschieden. Auf einige ihrer deutlichen Merkmale werden wir hier hinweisen.

Die Allgemeingültigkeit der Argumentation

Argumente und Beweise sind eine allgemeine Notwendigkeit wie Luft und Wasser. Jeder Mensch ist auf den Glauben angewiesen, um sein Leben auf richtige Weise zu führen. Ein starker Glaube kann ohne starke Beweise nicht erlangt werden. Daher sind für die Beweise zwei Dinge erforderlich.

Erstens: Die Methode der Beweisführung muss so naturgemäß, einfach und klar sein, dass jeder Mensch ebenso, wie er entsprechend seinem Bedarf aus den Schätzen der Erde und des Himmels, aus der Atmosphäre, Luft und Wasser gewinnen kann, ohne dabei auf besondere Schwierigkeiten zu stoßen, aus den Zeichen der Erde und des Himmels so viele Beweise für die Beruhigung seines Herzens finden kann, wie er möchte; und dass er dabei außer Nachdenken und Forschen auf nichts anderes angewiesen ist.

Zweitens: So wie für die körperliche Gesundheit des Menschen sein Trinkwasser, die reine Luft und die Luft, die er einatmet, sauber sein müssen, so müssen auch für seine geistige Gesundheit die Beweise, aus denen er die Grundsätze seines Lebens gewinnt, vollkommen unverfälscht und rein sein.

Um diese beiden Dinge zu erlangen, bestand die Vorgehensweise der Propheten und Gesandten sowie der Aufrufer zur Wahrheit darin, dass sie einerseits künstliche Methoden der Beweisführung mieden und ihre eigene, besondere Methode entwickelten. Wenn eine Nation auf dem Gebiet von Wissen und Wissenschaft fortschrittlich wird, entsteht unter ihr eine künstliche Methode der Beweisführung, aus der außer einer besonderen professionellen Gruppe niemand Nutzen ziehen kann. Die Propheten und die Aufrufer zur Wahrheit hielten sich von einer solchen künstlichen Methode fern. Andererseits prüften sie die Dinge, die als Beweise verwendet wurden. Nur diejenigen davon, die sich als frei von der Vermischung mit unrealistischen Dingen erwiesen, wählten sie für die Verwendung als Beweise aus.

Der erste Nutzen dieser Beweismethode bestand darin, dass eine große Zahl der Menschheit, die zuvor wie völlig Blinde und Taube hinter einer Handvoll Menschen herlaufen musste, schon bald fähig wurde, mit den eigenen Augen zu sehen und mit den eigenen Ohren zu hören. Ihr zweiter Nutzen bestand darin, dass die Zeichen des Todes, die auf Herz und Seele gelegen hatten, nachdem sie den bisher mit Verfälschungen vermischten Haufen von Beweisen verschlungen hatten, verschwanden, sobald einige Bissen aus diesem unverfälschten Vorrat an Beweisen die Kehle hinabgestiegen waren; und der Essende begann, sich selbst als völlig gesund, frisch und tatkräftig zu empfinden.

Gerade aufgrund dieser Eigenschaft der Beweismethode der Aufrufer zur Wahrheit und der Propheten und Gesandten vollzog sich zu ihrer Zeit ein tiefgreifender Wandel im menschlichen Wissen, und auf jeder Ebene kam es zu einem allgemeinen geistigen Erwachen. Sogar auf der gewöhnlichen Ebene entstand eine Bewegung, von der man zuvor niemals eine gute Nachricht hätte erwarten können. Auf jeder Ebene öffneten sich die Augen für Kritik, Prüfung und Unterscheidung. Jedes Auge begann zu sehen und jeder Mund zu sprechen. Die Methoden des Nachdenkens, Forschens und Beweisens, die bis dahin äußerst beliebt gewesen waren, erschienen verbraucht und völlig veraltet. Viele Lehren, die sich der Stellung der Offenbarung und Eingebung bemächtigt hatten, wurden vollständig wert- und bedeutungslos.

Bei den Menschen, die ihre alten Lehren mehr liebten als die Wahrheit, entstand diese geistige und intellektuelle Freiheit. Der Aufrufer zur Wahrheit muss jedoch sehr wachsam darüber sein, dass sie in die richtige Richtung fließt und in ihr weder ein Ungleichgewicht noch Zügellosigkeit entsteht. Sie achten stets darauf, dass die Freiheit des Denkens, die sie den Menschen geben, für diese ein Mittel zur Erlösung und nicht zur Vernichtung wird.

Das Säen des richtigen Denkens im Zuhörer

Das zweite Merkmal der Argumentationsweise der Propheten und Gesandten sowie der Aufrufer zur Wahrheit besteht darin, dass sie sich nicht damit begnügen, Beweise vorzulegen, sondern im Zuhörer auch die Fähigkeit entwickeln, selbst Beweise vorzubringen. Die umfassende Revolution, mit deren Aufruf sie in das persönliche und gesellschaftliche Leben kommen, kann sich nicht auf einer dauerhaften Grundlage etablieren, solange sie nicht die geistigen und weltanschaulichen Fähigkeiten des Menschen vollständig erweckt.

Das Leben ist keine abgesonderte oder unvermischt einfache Sache, sodass es genügen könnte, dem Menschen nur einige wenige Grundsätze beizubringen, damit er es richtig führt. Das Leben ist eine Verbindung zahlloser offener und verborgener Forderungen, ein Band unzähliger persönlicher und gesellschaftlicher Beziehungen und ein Schatzhaus zahlloser persönlicher, familiärer und gemeinschaftlicher Rechte und Pflichten. Nicht jeder Aspekt des Lebens steht vollständig vor unseren Augen. Deshalb gibt es für jeden Menschen nicht im Voraus für jede Lage ein festgelegtes Gebot. Vielmehr liegen sowohl seine Vergangenheit als auch seine Zukunft hinter dem Schleier des Verborgenen. Nur ein kleiner Teil liegt vor ihm; anhand seiner Hinweise muss er seine Vergangenheit verstehen und im Licht dieser Hinweise auch seine Zukunft bestimmen.

Unter diesen Umständen kann eine festgelegte und begrenzte Ordnung von Geboten zur Führung auf dem Lebensweg nicht ausreichen. Zusammen mit dieser gesetzlichen Ordnung muss im Menschen vielmehr eine unerlöschliche Flamme gesunden Denkens brennen, die ihn auch in jenem verborgenen Teil des Lebens führen kann, für den ihm kein anderes Mittel der Rechtleitung zur Verfügung steht. Diese Fähigkeit zu gesundem Denken entsteht im Zuhörer gerade durch die Methode, mit der die Propheten und Gesandten sowie die Aufrufer zur Wahrheit Beweise vorlegen.

Wenn die Propheten mit der Unterweisung der grundlegenden Dinge beginnen, prägen sie diese dem Lernenden so ein, dass der Boden von Herz und Seele für das Säen der Saat gesunden Denkens geglättet wird und die Saat zu keimen beginnt. Wenn sie ihre Aufgabe beenden, ist auf der einen Seite ein grüner und üppiger Garten der Scharia sichtbar, während auf der anderen Seite in jeder gesunden Seele ein Garten der Weisheit und Erkenntnis angelegt ist. Auch wenn er nicht vor den Augen gegenwärtig ist, bleibt sein Frühling stets bestehen und seine Zweige sind zu jeder Jahreszeit voller Früchte.(Arabisch*************)Man kann dies im Vergleich zur grundlegenden Lehre der Propheten als ergänzenden Anbau und als Nebenprodukt bezeichnen. Hinsichtlich seiner Würde, seines Wertes und seines grenzenlosen Nutzens nimmt es jedoch denselben Rang wie das Ursprüngliche ein. Darauf deutete der Prophet – Allah segne ihn und schenke ihm Frieden – mit seinen Worten hin:

„Wisset: Mir wurde der Qur’an gegeben, und zusammen mit dem Qur’an etwas ihm Entsprechendes.“ (Abū Dāwūd, Ibn Māǧa, Dārimī)

Dies sind die Blüten und Früchte jenes gesegneten Baumes, die wir in Gestalt der Hadithe erhalten haben. Es ist genau jene Sache, auf die der edle Qur’an hingewiesen hat: „Wer diese Sache erlangen konnte, hat einen unerschöpflichen Schatz des Guten erlangt.“ In manchen Hadithen wird sie mit einem Schatz verglichen, der niemals erschöpft wird.

Die Vorlage von Beweisen nach den Regeln der Logik

Dieses schöpferische Merkmal findet sich nicht ausschließlich in der Beweismethode der Propheten und Gesandten sowie der Anhänger der Wahrheit. Unsere Gelehrten messen der Argumentation nach der logischen Methode große Bedeutung bei. Doch gerade unter diesem Gesichtspunkt ist die logische Beweisführung äußerst mangelhaft. Das höchste Maß an Achtung, das man der Logik zugestehen kann, besteht darin, dass sie eine Argumentation an ihrem eigenen Prüfstein untersucht und feststellen kann, ob sie richtig ist. Die Fähigkeit, jemanden zum Vorbringen von Argumenten zu befähigen, liegt jedoch außerhalb der Macht der Logik. Bis zu einer bestimmten Grenze kann diese Aufgabe durch die Logik erfüllt werden. Im edlen Qur’an und in den Aussagen der Propheten finden sich auch Argumente von leichterer Art, die sich nicht mit dem Maßstab der Logik wie mit einer Waage wiegen lassen. Doch diejenigen unter unseren Kalām-Gelehrten, die der Logik mehr Wert beimaßen, als ihr zukam, wollten auf dieser Waage zum Wiegen von Kohle auch die Goldmünze des Qur’an wiegen. Dadurch erklärten sie diese Goldmünze schließlich für weniger wertvoll als Kohle.

Nun zur Frage der Philosophen. Es besteht kein Zweifel, dass sie das menschliche Denken so schulen, dass es in verschiedenen Bereichen der Erfindung und Darlegung von Argumenten seine Kraft zeigen kann. Doch sie haben den Gegenstand ihrer Argumente, die Methode ihrer Argumentation und die Mittel und Werkzeuge der Argumentation – diese drei Dinge – zu einer Mischung aus allem Möglichen gemacht. Deshalb wird jeder, der nach ihrer Methode denkt, ratlos und handlungsunfähig. Unter ihrer Führung kann ein Mensch, selbst wenn er einige Schritte auf dem richtigen Weg vorankommt, zugleich gezwungen sein, einige Schritte auf einem falschen Weg zu gehen. Das Ergebnis ist, dass das ganze Leben des Menschen damit endet, ziellos durch verschiedene Gegenden zu irren und Pfeile des Ratens und Vermutens abzuschießen. Außer einigen einander widersprechenden, komplizierten Gedanken erhält er nichts.

In dieser Hinsicht ist die Lage der antiken und der modernen Philosophie gleich. In den Grundsätzen des Denkens aller liegt Kompliziertheit, und in den Ergebnissen des Denkens eines jeden herrscht Unruhe. Die Fortschritte der Wissenschaft haben nun den Mittelpunkt von allem auf Experiment und Beobachtung gestellt, und der Mensch ist dem Irrtum verfallen, nichts anzuerkennen, was er nicht mit seinen Augen sieht. Das Ergebnis ist, dass keine Möglichkeit mehr übrig blieb, dass auch nur ein Schritt des Menschen auf einen einfachen und geraden Weg fällt.

Die Grundsätze, auf denen die Philosophie bis zur Gegenwart beruhte, waren zum Teil falsch und zum Teil richtig. Deshalb tauchten aus ihren unsteten Träumen auch einige wahre Träume auf. Für den Menschen bestand dabei lediglich das Problem, zwischen Wahrheit und Falschheit zu unterscheiden. Nun aber ist die gesamte Abhängigkeit auf Sinneswahrnehmung und Beobachtung zurückgeführt worden. Wie begrenzt der Umfang von Sinneswahrnehmung und Beobachtung ist, ist bekannt. Wenn heute außer dieser materialistischen Philosophie überhaupt noch etwas unter dem Namen Philosophie besteht, dann ist es die Philosophie der Skeptiker. Ihre gesamte Grundlage beruht auf der Unzuverlässigkeit von Sinneswahrnehmung und Erkenntnis. Klar gesagt: Das ist überhaupt keine Philosophie, sondern sie macht sämtliche Wissenschaften und die Philosophie vollständig negativ. Die Welt hat von ihr nichts außer Unruhe erhalten.

Die Beweismethode der Propheten war weder so unfruchtbar wie die Methode der Logiker noch so unstet wie die Methode der Philosophen. Vielmehr schulten sie das menschliche Denken so, dass es von selbst auf dem richtigen Weg voranschreitet, und sie schufen in ihm durch die Bestimmung des Zieles ein solches Selbstvertrauen, dass es überzeugt ist, der von ihm eingeschlagene Weg sei richtig und fehlerfrei. Zuerst lenkten sie die Aufmerksamkeit auf die anerkannten Beweise, also auf die offene und weite Welt und auf die Beweise, die im Menschen selbst verborgen liegen.

Mit der weiten Welt sind die Zeichen der Weltordnung und die Gesetze gemeint, die jeder Mensch bei einer gewöhnlichen Betrachtung wahrnehmen kann. Mit den Beweisen im Menschen selbst ist auf die Kraft, Fähigkeit, Macht und das Selbstvertrauen hingewiesen, über die er verfügt. Jeder Mensch kann diese Dinge in sich selbst sehen und empfinden. Die Propheten wiesen mit dem Finger auf diese Zeichen und stellten die notwendige Folge vor Augen. Durch diese Beweise tritt manchmal die gesamte Aussage wie im Tageslicht klar hervor. Manchmal wird zu Schulungszwecken nur auf die notwendige Folge hingewiesen, damit der Aufgerufene selbst auf diese Folge zugehen kann.

Ein Nutzen davon ist, dass im Aufgerufenen die Fähigkeit entsteht, das richtige Ergebnis zu erkennen; diese Fähigkeit kommt ihm an jeder Station seines Lebensweges zugute. Der zweite Nutzen ist, dass er den Aufruf nicht sofort zurückweist, weil er ihn für die Aussage eines anderen hält. Vielmehr betrachtet er ihn als Ergebnis seines eigenen Denkens und schreitet dazu fort, ihn anzunehmen. Der dritte Nutzen ist, dass auf diese Weise eine Beziehung zwischen dem Ansprechenden und dem Angesprochenen entsteht. So kann im Angesprochenen nicht das Minderwertigkeitsgefühl entstehen, er habe das Ergebnis nur an der Hand eines anderen erreicht. Vielmehr denkt er, dass das richtige Ergebnis durch die gemeinsame Anstrengung von uns beiden erreicht wurde.

Es bedarf keiner ausführlichen Darlegung, dass die Methode, Argumente aus den Zeichen der Welt und aus den im Menschen vorhandenen Zeichen vorzubringen, am stärksten mit der menschlichen Natur übereinstimmt. Deshalb folgten die Propheten und Gesandten sowie die Aufrufer zur Wahrheit vor allem dieser Methode. Wenn der Mensch in der offenen Welt etwas beobachtet oder in seiner eigenen Natur innere Gewissheit darüber empfindet, kann er dessen notwendige Folge nicht leugnen. Voraussetzung ist jedoch, dass diese Beweise in der richtigen Reihenfolge vor ihn gestellt werden. Leugnet er sie danach, kann er sie nur mit dem Mund leugnen; sein Herz wird diese Leugnung jedoch nicht unterstützen. Nur wenn er trotzig und starrsinnig ist, kann er an dieser Leugnung festhalten.

Was mit der notwendigen Folge einer Sache gemeint ist, wurde zuvor kurz beschrieben und wird nun ausführlich dargelegt. Solange in einem Menschen auch nur die geringste Fähigkeit zur Befolgung und Unterstützung der Wahrheit vorhanden ist, kann man von ihm hoffen, dass er auch vor der ausführlichen Gestalt und den Folgen dessen, woran er grundsätzlich geglaubt hat, nicht zurückschrecken wird. Diejenigen, die tief über die Argumente des edlen Qur’an nachgedacht haben, werden die Wahrheit unserer Aussage anerkennen, dass die meisten qur’anischen Argumente dieser Art sind. Wer den edlen Qur’an mit einem reinen Herzen studiert, wird empfinden, dass er selbst das Buch liest. Jede seiner Ansprachen wird ihm wie seine eigene Ansprache erscheinen.

Das Verbot, falsche Schlussfolgerungen zur Grundlage zu machen

Das dritte wichtige Merkmal der Argumentationsmethode der Propheten und Gesandten sowie der Anhänger der Wahrheit besteht darin, dass sie nicht wie gewöhnliche Debattierer bei der Daʿwa eine falsche Schlussfolgerung des Angesprochenen zur Grundlage ihres Arguments machten. Wenn jemand eine falsche Glaubensüberzeugung besitzt, muss man versuchen, sie zu korrigieren. Wegen eines seiner Irrtümer darf man ihn jedoch nicht dazu zwingen, noch mehrere andere Irrtümer anzuerkennen. Wer den Angesprochenen zum Schweigen bringen, ihn dazu zwingen will, sich seinen Worten zu unterwerfen, oder ihn in einen Irrtum stürzen will, bei dessen Argumentationsweise findet sich dieses Element in hohem Maße. Die Anhänger der Wahrheit folgen dieser falschen Methode jedoch niemals.

Selbst wenn sie die Gelegenheit hätten, eine Wahrheit auf einer falschen Schlussfolgerung des Angesprochenen aufzubauen, nähmen sie sie nicht wahr. Eine Wahrheit, deren Grundlage auf dem Falschen errichtet ist, besitzt in ihren Augen keinen Wert. Eine solche inhaltsleere und grundlose Sache kann nur bei professionellen Debattierern Anerkennung finden. Für kurze Zeit kann sie auch ihren Glanz zeigen, doch im Lebenskampf kann sie zu nichts dienen. Im Kampf des Lebens kann nur die Wahrheit Nutzen bringen, deren Wurzeln sich weit in der menschlichen Natur ausbreiten. Diese Ausbreitung nimmt die gesamte Umgebung in ihren Schatten auf.

Der gewöhnliche Fehler unserer Kalām-Gelehrten bestand darin, dass sie, wenn sie keine eigene Grundlage errichten konnten, um die Wahrheit eines islamischen Grundsatzes zu beweisen, die Lehre oder Vorstellung anderer als Grundlage annahmen und darauf ein Gebäude ihrer Einbildungen errichteten. Der Schaden, der dem Islam durch diese falsche Verteidigung zugefügt wurde, war größer als der Schaden durch die Gegner des Islam. Dass sich ein islamischer Grundsatz nicht durch richtige intellektuelle und natürliche Argumente beweisen lasse, liegt nicht daran, dass – Gott bewahre – keine intellektuellen und natürlichen Argumente für die Wahrheit der islamischen Grundsätze vorhanden wären. Der Grund ist vielmehr nur, dass die professionellen Debattierer durch unnatürliches Denken ihren Geschmack so sehr verdorben hatten, dass sie den Wert und die Würde des islamischen Denkens überhaupt nicht erkennen konnten.

Unter diesen Umständen wäre der richtige Weg für sie gewesen, statt die Verantwortung für die Verteidigung des Islam zu übernehmen, bei ihren früheren Beschäftigungen zu bleiben. Doch die Zuneigung zum Islam, die sie als ererbte Religion in ihren Herzen trugen, spornte sie dazu an, die Wahrheit der Religion, deren Namen sie führten, auf intellektuellen Grundsätzen aufzubauen. Wegen ihres verdorbenen Geschmacks und weil sie vom Licht des Qur’an ausgeschlossen waren, fand das islamische Denken in ihren Herzen keinen Anklang. Deshalb wollten sie die Wahrheit des Islam nach dem Maßstab des Denkens beweisen, das in ihrer Zeit bei allen Menschen, bei den einfachen wie bei den vornehmen, Anerkennung fand.

Das Ergebnis dieses falschen Bemühens war, dass sie das gesamte Gebäude der festen und richtigen Lehren des Islam von seinem starken Fundament entfernten und auf ein äußerst schwaches und brüchiges Fundament stellten. Wie sehr sie dabei auch von guten Absichten geleitet gewesen sein mögen, die Folgen waren äußerst verheerend. Als der Lauf der Zeit und die Entdeckungen der Wissenschaft die bis gestern allgemein anerkannten Lehren als grundlos erwiesen, traf der Schlag jene islamischen Grundsätze, die man auf den falschen Lehren aufzubauen versucht hatte. Dadurch entstand bei vielen Menschen, die mit dem Islam verbunden waren, die Vorstellung, dass der Islam ebenso alt und überholt sei wie jene Lehre.

Bei der Entstehung dieser schlechten Vorstellung haben sowohl unsere traditionsorientierten Kalām-Gelehrten als auch die Kalām-Gelehrten unserer Gegenwart Anteil. Der gemeinsame Irrtum dieser beiden Gruppen besteht darin, dass sie die Wahrheit für die Unterstützung der Wahrheit nicht als ausreichend betrachteten, sondern die Unterstützung des Falschen für ebenso notwendig hielten. Dabei bedeutet Wahrheit, dass sie fest gegründet, selbstbeweisend und stark ist. Ihre Wurzeln reichen tief in Wissen und Natur hinein.

Unsere Kalām-Gelehrten waren jedoch so sehr daran gewöhnt, den von den griechischen Philosophen vorgezeigten Methoden des Denkens und Argumentierens zu folgen, dass sie die Feinheit und Schönheit der Beweismethode des Qur’an nicht erkennen konnten. Hätten sie versucht, die naturwidrige Methode der Beweisführung aufzugeben und die weisen Argumente des Qur’an und der Propheten zu verstehen, hätten sie erkennen können, dass die Grundlage jeder Aussage des Qur’an auf so starken Beweisen beruht, dass sie von allen Grenzen von Zeit und Ort sowie von allen Auswirkungen des Wandels im Denken völlig frei ist.

Die Suche nach dem gemeinsamen Band

Das vierte Merkmal der Argumentationsmethode der Aufrufer zur Wahrheit besteht darin, dass sie nach einem gemeinsamen Band zwischen sich und dem Aufgerufenen suchen und dieses als Grundlage des Gesprächs und der Argumentation nehmen. Sie versuchen nicht in jedem Fall unnötigerweise, ihre Absonderung und Besonderheit herauszustellen. Wie unterschiedlich und zerstreut die Menschheit im Hinblick auf ihre äußere Verschiedenheit auch erscheinen mag, in der Tiefe dieser Verschiedenheit und Zerstreuung finden sich zahllose Grundsätze und Glaubensüberzeugungen, in denen alle übereinstimmen.

In den Gesetzmäßigkeiten der Welt, den Lehren der Geschichte, den Überzeugungen der menschlichen Natur und den grundlegenden Regeln der Moral gibt es vieles, worüber Orient und Okzident, Araber und Nichtaraber dieselbe Sichtweise haben. Wenn man diese Dinge zur Grundlage der Argumentation macht und das Gespräch darauf aufbaut, werden Menschen von besonnener Natur nicht zögern, die notwendige Folge anzuerkennen. Die meisten Meinungsverschiedenheiten über die Einzelheiten der Lebensgrundsätze, an denen beide Seiten Anteil haben, entstehen durch Dummheit und Engstirnigkeit. Wenn diese Streitigkeiten durch aufrichtige Bemühung beseitigt werden, wird jeder Mensch diese Grundsätze auf der Grundlage gemeinsamer Teilhabe mit Achtung und Würde betrachten.

Die Propheten und Gesandten haben stets diese Methode zur Darlegung von Beweisen angewandt. Im edlen Qur’an findet sich eine ausführliche Darstellung der Weise, in der der Prophet – Allah segne ihn und schenke ihm Frieden – vor den arabischen Götzendienern und den Leuten der Schrift argumentierte. Wer dies studiert, wird nirgends den Eindruck gewinnen, dass von ihnen etwas verlangt wurde, das ihnen völlig unbekannt und neuartig war. Die Grundlagen davon lagen in ihrer Geschichte, ihren Bräuchen, ihrem Gerechtigkeits- und Ungerechtigkeitsempfinden, ihren Glaubensüberzeugungen und ihrer Moral. Der Unterschied lag lediglich in der Auslegung und Entfaltung dieser Grundlage und ihrer Zweige.

Deshalb bestand die Forderung des Gesandten Allahs – Allah segne ihn und schenke ihm Frieden – darin, dass die Menschen den Widerspruch beseitigen sollten, der zwischen der Grundlage und ihren Einzelheiten entstanden war. Wenn das, was der Qur’an sagt, richtig ist, sollen sie es annehmen; und wenn das, was sie beanspruchen, wahr ist, sollen sie beweisen, dass es richtig ist. Der Nutzen dieser Art der Argumentation besteht darin, dass nicht der falsche Eindruck entsteht, der Aufrufer sei jemand, der aus dem Gedanken seiner eigenen Absonderung die gesamte Vergangenheit leugnen und sich nur mit der Ausbreitung seines persönlichen Einflusses beschäftigen wolle. Vielmehr wird von ihm angenommen, dass er gekommen ist, um uns unser früheres ererbtes Gut zurückzugeben.

Wenn einige Menschen aus ihrer schlechten Natur heraus falsche Vorstellungen gegen sie verbreiten wollen, werden sie dies nicht lange tun können. Die Sonne der Wahrheit wird aufgehen und die Dunkelheit sehr schnell vertreiben.

Die Vorgehensweise derjenigen, die den Nutzen und die Schönheit dieser Argumentationsmethode der Anhänger der Wahrheit nicht kennen, ist gewöhnlich das genaue Gegenteil. Sie suchen überhaupt kein gemeinsames Band; und wenn sie eines finden, machen sie auch dieses zum Ausgangspunkt der Meinungsverschiedenheit. Ihrer Ansicht nach besteht die eigentliche Schönheit ihrer Argumentation und Daʿwa darin, beweisen zu wollen, dass vor ihnen niemand unter der Erde und unter dem Himmel das gesagt habe, was sie sagen. Unsere Debattierer, die mit dem eigentlichen Geist des Aufrufs zum Islam nicht vertraut sind, sind gewöhnlich in eine solche Entstellung versunken.

Wann immer sie eine islamische Wahrheit vortragen, betrachten sie es als ihr Verdienst, sie als eine seltene Wahrheit zu beweisen. Das erzeugt statt Liebe in der Natur des Menschen Abneigung, und die Menschen beginnen, sie nicht als etwas Eigenes anzunehmen, sondern sie als etwas Ungeheuerliches zurückzuweisen.

Das Vermeiden der widerlegenden Argumentationsweise

Das fünfte Merkmal der Argumentationsmethode der Aufrufer zur Wahrheit besteht darin, dass sie niemals die widerlegende Methode des Argumentierens und Antwortens anwenden. Ein Beispiel dafür ist, aus den Lehren einer anderen Religion Einwände ähnlicher Art vorzubringen. Unsere Debattierer und Philosophen bedienen sich einer solchen Methode und meinen, dadurch den Islam vor Vorwürfen bewahrt zu haben. In Wirklichkeit ist eine solche Antwort grundsätzlich falsch. Der Irrtum eines anderen macht unseren Irrtum nicht wahr; ja, er lässt nicht einmal die Wahrheit unserer eigenen Sache unangetastet erscheinen.

Wenn durch eine solche Argumentation überhaupt ein Nutzen erzielt wird, dann nur der, dass man den Mund des Anklägers oder Widersprechenden schließt und dadurch unser hochmütiges Ich Beruhigung findet. Der Gegner kann dadurch jedoch keinen Beweis für die Wahrheit des Islam erlangen, und auch unsere eigenen Herzen werden nicht geöffnet. Im Gegenteil: Es ist ein Beweis für unsere eigene Schwäche, die wir selbst vor anderen offenlegen.

Jede Wahrheit trägt den Beweis ihrer Wahrheit in sich selbst. Ihr Beweis kann nicht im Falschen eines anderen liegen. Deshalb besteht der richtige Weg allein darin, den Beweis für die Wahrheit aus ihr selbst vorzulegen. Die Methode unserer Kalām-Gelehrten ist in dieser Angelegenheit aus zwei Gründen falsch.

Der erste Grund ist, dass die Wahrheit mancher richtiger islamischer Grundsätze ihnen selbst bisweilen zweifelhaft erschien, weil sie von der Propaganda der Gegner beeinflusst worden waren. Deshalb sahen sie für sich keinen anderen Weg, als den Gegnern durch widerlegende Antworten den Mund zu verschließen. Der zweite Grund ist, dass diese Menschen ihre Aufgabe der Verteidigung und Unterstützung nicht innerhalb der Grenzen des Islam halten konnten. Vielmehr nahmen sie, als Opfer blinder nationaler Parteinahme, auch die Aufgabe auf sich, die gesamte Geschichte der muslimischen Gemeinschaft zu verteidigen.

Dadurch wurde ihr Schlachtfeld sehr weit. Sie mussten die Wahrheit vieler Dinge beweisen, deren Wahrheit so lange nicht bewiesen werden konnte, wie sie nicht auch unzählige falsche Dinge anderer als wahr erwiesen. Die Schriften unserer Kalām-Gelehrten aus dem vergangenen halben Jahrhundert, in denen Dschihad, Sklaverei, Polygamie, Scheidung und die Rechtmäßigkeit der Handlungen muslimischer Könige und Herrscher behandelt werden, bezeugen allesamt die oben dargestellte Aussage.

Beim Lesen dieser Schriften empfindet man bisweilen Mitleid mit ihrer hilflosen und beeinflussten Lage; bisweilen möchte man sich wegen ihrer falschen Schritte den Kopf einschlagen. Hätten sie sich jedoch nicht durch die Propaganda täuschen lassen und die Streitigkeiten anderer nicht auf ihre eigenen Schultern geladen, sondern ihre Unterstützung auf die Grenzen des Islam beschränkt, wären sie vor vielen sinnlosen Dingen bewahrt geblieben.

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Die geistige Verfassung der angesprochenen Person berücksichtigen

Für das Wachstum und die Entwicklung eines Setzlings genügt es nicht, nur seine eigene Eignung zu berücksichtigen; vielmehr muss man auch auf die Fruchtbarkeit des Bodens und die Gunst der Jahreszeit achten. Ebenso sollte man bei der Verkündigung der Einladung zum Bekenntnis des Wortes der wahren Religion nicht allein auf die eigentliche Vorzüglichkeit der Wahrheit vertrauen, sondern auch psychologisch berücksichtigen, in welcher Verfassung sich die Menschen befinden, denen sie vorgetragen wird. Wie die Erde hat auch das Herz und der Geist seine Jahreszeiten. So wie ein Bauer mit den Jahreszeiten vertraut ist und den Samen nur in einer günstigen Jahreszeit sät, muss auch der Rufer zur Wahrheit mit den Jahreszeiten des Herzens vertraut sein. Wer diesem Grundsatz zuwiderhandelt – sei es aus Naivität oder Irrtum oder in der Vorstellung, die Wahrheit werde sich durch ihre eigene Schönheit und Anziehungskraft im Herzen durchsetzen, sodass keine andere Rücksicht nötig sei –, wird die Strafe für seinen Irrtum im Scheitern seiner Einladung erfahren. Seine aufrichtige Absicht kann ihn nicht vor den Folgen seiner Unachtsamkeit bewahren. Deshalb ist es unbedingt notwendig, auf die seelische Verfassung dessen zu achten, dem die Einladung vorgetragen wird.

Zehn Grundsätze zur Berücksichtigung der psychologischen Seite des Angesprochenen

Der Rufer zur Wahrheit muss mit Menschen verschiedener Wesensart umgehen. Unter Berücksichtigung ihrer seelischen Verfassung muss er unterschiedliche Wege einschlagen. Eine vollständige Erläuterung all dessen ist hier nicht möglich. Doch wollen wir beispielhaft einige Grundsätze nennen, die wir aus der Vorgehensweise der Propheten und Gesandten gewinnen können. Anhand dieser Grundsätze können die Menschen weitere notwendige Grundsätze ableiten. Sie stehen in Verbindung mit der allgemeinen menschlichen Vernunft. Wenn ein vernünftiger, aufrichtiger und mit seinem Ziel wohlvertrauter Rufer diese Beispiele vor Augen hat, ist zu hoffen, dass er seine Vorgehensweise sehr schnell mit der Vorgehensweise der Propheten in Einklang bringen kann. Die Grundsätze, deren Erwähnung wir hier für notwendig halten, sind zehn.

Erster Grundsatz: Ein und dieselbe Sache kann verschiedene Seiten haben. Von manchen Seiten kann sie leicht verständlich, von anderen schwer verständlich sein. Wird sie einem Menschen zunächst von ihrer leicht verständlichen Seite dargelegt, wird sie ihm keineswegs fremd erscheinen. Wird sie ihm jedoch schon bei der ersten Begegnung von ihrer schwer verständlichen Seite vorgetragen, wird der Eingeladene erschrecken und fliehen. Vielleicht wird er nie wieder bereit sein, dem Einladenden zu begegnen. Mit der Einladung zur wahren Religion verhält es sich mehr oder weniger ebenso. Selbst einem völlig fremden Menschen kann sie von manchen Seiten ansprechend und fesselnd erscheinen. Wird ihm die Religion von dieser Seite aus vorgestellt, wird er allmählich mit ihr vertraut werden und schließlich sowohl ihre leichten als auch ihre schwierigen Seiten annehmen. Doch auch ein sehr vertrauter Mensch empfindet manche Seiten der Religion als schwierig und belastend. Wird ihm die Religion gerade von dieser schwierigen Seite aus vorgestellt, wird er nicht nur nicht noch vertrauter mit ihr werden; vielmehr kann seine bisherige Vertrautheit durch Angst und Befürchtung in ihr Gegenteil umschlagen.

Wer die verschiedenen Seiten einer Sache und die Unterschiede zwischen ihnen nicht kennt, oder nicht weiß, von welcher Seite man eine Sache einem bestimmten Menschen bei der ersten Einladung vortragen sollte, oder wer von Natur aus Freude daran hat, auf steinigem Boden zu experimentieren und in jedem Fall Härte für vollständige Frömmigkeit hält – wenn solche Menschen die Arbeit der Einladung zur Religion übernehmen, führt dies dazu, dass die Menschen nicht zu ihnen kommen, sondern vor ihnen fliehen. Der Grund ist, dass der von ihnen gewählte Weg, die Einladung vorzutragen, der seelischen Verfassung der Menschen völlig entgegengesetzt ist. Anstelle froher Botschaft verbreitet er Abneigung und anstelle von Anziehung Unzufriedenheit. Um hiervon abzuhalten, sagte der Prophet, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm:(Arabisch********) „Verkündet frohe Botschaft und verbreitet keine Abneigung.“ Für die Rufer zur Wahrheit bezeichnete er als die richtige Vorgehensweise:(Arabisch*************) „Ihr seid gesandt worden, um es leicht zu machen, nicht um es schwer zu machen.“

Zweiter Grundsatz: Aus psychologischer Sicht muss ein Rufer als Zweites darauf achten, unter keinen Umständen Gelegenheit zu geben, dass die Feindschaft der Unwissenheit im Eingeladenen ihr Haupt erhebt. Jeder Rufer zur Wahrheit muss sich vor Augen halten, dass die Angehörigen jeder Nation zu ihrem jeweiligen Glauben mehr oder weniger eine ähnliche Beziehung haben wie der Rufer zu seinem eigenen Glauben. Wenn es sich um eine irrige Beziehung handelt, besteht der Weg zu ihrer Korrektur darin, die falschen Vorstellungen zu beseitigen, durch die diese irrige Beziehung aufrechterhalten wird. Es ist keineswegs richtig, in emotionaler Erregung über die Beseitigung dieser Vorstellungen oder in der Aufregung des Widerstands gegen das Falsche besiegt, die ideologischen Ursachen dieser falschen Beziehung zu korrigieren, indem man unmittelbar die falsche Beziehung selbst angreift. Die Folge eines solchen direkten Angriffs ist lediglich, dass der Eingeladene von der Leidenschaft der unwissenden Feindschaft überwältigt wird und sich mit aller Kraft dem Widerstand gegen die Einladung widmet. In dieser Erregung wird er so blind und taub, dass er jeden Ziegelstein und jeden Stein, der ihm zur Hand kommt, auf den Rufer zu werfen beginnt. In der Sure al-Anʿām wurden die Rufer zur Wahrheit nachdrücklich aufgefordert, eine solche Vorgehensweise zu vermeiden,
وَلَا تَسُبُّوا الَّذِينَ يَدْعُونَ مِنْ دُونِ اللَّهِ فَيَسُبُّوا اللَّهَ عَدْوًا بِغَيْرِ عِلْمٍ كَذَلِكَ زَيَّنَّا لِكُلِّ أُمَّةٍ عَمَلَهُمْ „Beschimpft nicht diejenigen, die sie anstelle Allahs anrufen, sonst werden sie aus Unwissenheit und in Überschreitung des Maßes Allah beschimpfen. So haben Wir jeder Gemeinschaft ihr Tun ausgeschmückt.“ (Sure al-Anʿām 108)

Im Einklang damit hat der Qurʾān eine weitere Weisung gegeben: Bei der Verkündigung der Wahrheit soll die gesamte Erörterung auf das eigentliche Ziel beschränkt bleiben. Wenn der Eingeladene etwas Provokantes tut, wodurch zwischen den Anhängern und Führern beider Seiten ein Streit zwischen den Vornehmen und den Geringen auszubrechen droht, besteht die Pflicht der Rufer zur Wahrheit darin, den Streit nicht in das falsche Geflecht der Auseinandersetzung abgleiten zu lassen, sondern ihn in die richtige Richtung zu lenken. Anstatt die Führer und Anhänger der eingeladenen Seite herabzusetzen, sollen sie ihnen vielmehr die Achtung erweisen, auf die sie ihrem Wesen nach Anspruch haben.
وَقُلْ لِعِبَادِي يَقُولُوا الَّتِي هِيَ أَحْسَنُ إِنَّ الشَّيْطَانَ يَنْزَغُ بَيْنَهُمْ إِنَّ الشَّيْطَانَ كَانَ لِلْإِنْسَانِ عَدُوًّا مُبِينًا (53)رَبُّكُمْ أَعْلَمُ بِكُمْ إِنْ يَشَأْ يَرْحَمْكُمْ أَوْ إِنْ يَشَأْ يُعَذِّبْكُمْ وَمَا أَرْسَلْنَاكَ عَلَيْهِمْ وَكِيلًا (54)وَرَبُّكَ أَعْلَمُ بِمَنْ فِي السَّمَاوَاتِ وَالْأَرْضِ وَلَقَدْ فَضَّلْنَا بَعْضَ النَّبِيِّينَ عَلَى بَعْضٍ وَآتَيْنَا دَاوُودَ زَبُورً „Sag Meinen Dienern, sie sollen das sagen, was am besten ist. Satan stiftet zwischen ihnen Unfrieden. Gewiss, Satan ist dem Menschen ein offenkundiger Feind. Euer Herr weiß am besten über euch Bescheid. Wenn Er will, erbarmt Er sich eurer, und wenn Er will, bestraft Er euch. Wir haben dich nicht als ihren Verantwortlichen für den Glauben gesandt. Dein Herr weiß am besten über alles, was in den Himmeln und auf der Erde ist. Und Wir haben einige Propheten über andere erhoben und David die Psalmen gegeben.“ (Sure al-Isrāʾ 53–55)

Auch diese Weisung bezweckt, dass der Rufer zur Wahrheit alles vermeidet, was die Menschen auf den Weg der Feindschaft der Unwissenheit stoßen könnte.

Dritter Grundsatz: Menschen, die aufgrund ihrer Stellung von Würde und Führung gewohnt sind, von anderen in Anrede und Gespräch mit Ehrerbietung und Respekt behandelt zu werden, könnten bei Widerspruch ihren hochmütigen inneren Satan erwachen lassen und dadurch daran gehindert werden, die Wahrheit anzuhören. In einem solchen Fall muss der Rufer zur Wahrheit bis zu einem gewissen Maß auf diese Krankheit Rücksicht nehmen, damit von seiner Seite kein neues Hindernis entsteht, das über die Hindernisse im eigenen Inneren des Angesprochenen hinausgeht. Unter diesem Gesichtspunkt wurde Moses, Allahs Frieden sei auf ihm, angewiesen:اذْهَبَا إِلَى فِرْعَوْنَ إِنَّهُ طَغَى () فَقُولَا لَهُ قَوْلًا لَيِّنًا لَعَلَّهُ يَتَذَكَّرُ أَوْ يَخْشَى „Geht zu Pharao; er ist aufsässig geworden. Sprecht beide in sanfter Weise zu ihm, auf dass er sich ermahnen lässt oder Ehrfurcht empfindet.“ (Sure Tā-Hā 44)

Doch auch bei der Rücksicht auf die Stellung des Eingeladenen gibt es eine Grenze. Der Rufer darf dabei die Würde und Erhabenheit der Wahrheit, die er ihm vorträgt, nicht überschreiten. Wenn durch eine solche Rücksichtnahme die Größe und Würde der Wahrheit in irgendeiner Weise verletzt würde, wäre dies nicht erlaubt. Der Qurʾān hat dies ausdrücklich untersagt.

Vierter Grundsatz: So wie ein erfahrener Arzt die Arznei für einen Kranken nach dessen Alter, Temperament und der Schwere oder Leichtigkeit seiner Krankheit bestimmt, muss auch der Rufer zur Wahrheit die Einladung unter Berücksichtigung der Eignung, der Bedürfnisse und der Auffassungsfähigkeit des Eingeladenen vortragen. Um dies richtig einzuschätzen, genügt es nicht, nur die persönliche Eignung und Auffassungsfähigkeit des Eingeladenen zu berücksichtigen; vielmehr müssen auch seine Eigenschaften als Angehöriger einer bestimmten Volksgemeinschaft und seine persönliche Lage beachtet werden. Wenn diese Dinge nicht berücksichtigt werden, kann man keinen Erfolg der Einladung erwarten. Deshalb wurde der erhabene Qurʾān fortlaufend in kleinen Abschnitten herabgesandt.
وَقُرْآنًا فَرَقْنَاهُ لِتَقْرَأَهُ عَلَى النَّاسِ عَلَى مُكْثٍ وَنَزَّلْنَاهُ تَنْزِيلًا „Wir haben diesen Qurʾān in Abschnitten herabgesandt, damit du ihn den Menschen mit Bedacht vorträgst, und Wir haben ihn stufenweise herabgesandt.“ (Sure al-Isrāʾ 106)

Ebenso ist dem Qurʾān zu entnehmen, dass bei der qurʾānischen Einladung vieles mit Rücksicht auf die tief verwurzelte Wesensart der Araber berücksichtigt wurde. Da sie beispielsweise unbeugsam und streitsüchtig waren, wurde ihnen gegenüber eine Art des Gesprächs und der Auseinandersetzung gewählt, die für ein streitsüchtiges und unbeugsames Volk geeignet war. Auch die Art, in der der Prophet, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, den vom Land kommenden Menschen die Einladung zur wahren Religion vortrug, unterschied sich völlig von der Art, in der er sie den Bewohnern von Mekka und Medina vortrug. Eine Abordnung des Stammes ʿAbd al-Qays beklagte sich bei ihm: „Der Stamm Quraisch steht zwischen uns und euch wie ein Hindernis. Wegen ihrer Feindschaft können wir nur in den heiligen Monaten – Muharram, Rajab, Dhū l-Qaʿda und Dhū l-Hiddscha – zu dir kommen. Nenne uns daher einige grundlegende Dinge, die wir selbst befolgen und zu denen wir auch andere einladen können.“ Der Gesandte Allahs wies sie entsprechend ihren Bedürfnissen und ihrer Lage nur an, vier Dinge zu tun, und untersagte ihnen vier Dinge. Er sagte ihnen außerdem, sie sollten auch ihre Stammesangehörigen dazu auffordern und sie von jenen Dingen abhalten. Mehr sagte er ihnen nicht.

Es ist völlig klar, dass dieser Unterschied in der Methode der Einladung allein auf den psychologischen Unterschieden dieser Gruppen beruhte. Menschen, deren Unterschiede sich im normalen Rahmen bewegten und die von einfacher, unkomplizierter Wesensart waren, wurden mit den einfachen und unkomplizierten Lehren der Religion angesprochen, damit sie danach handeln konnten. Menschen dagegen, die komplizierterer Wesensart waren, wurden fortlaufend nach einer geeigneten Reihenfolge eingeladen, um ihren Geist und ihr Denken zu klären.

Fünfter Grundsatz: So wie ein Bauer den Boden vorbereiten und außerhalb einer günstigen Jahreszeit keinen Samen säen darf und wie ein Arzt einem Sterbenden kein Arzneimittel verabreichen sollte, darf auch der Rufer zur Wahrheit dem Eingeladenen keine Einladung vortragen, wenn dieser zu Widerspruch, Gegenrede und Kritik neigt. Es ist nicht nur in diesem Zustand notwendig, von der Einladung abzusehen. Wenn der Eingeladene auch nach Beginn der Einladung widerspruchsvoll wird, muss der Einladende die Auseinandersetzung beenden, statt sie in die Länge zu ziehen, sich zurückziehen und eine geeignete Zeit abwarten. Wenn der Eingeladene aufgeschlossen geworden ist oder zumindest seine Neigung zu Gegenrede und Widerspruch verschwunden ist, soll die Einladung ihm erneut vorgetragen werden.
وَإِذَا رَأَيْتَ الَّذِينَ يَخُوضُونَ فِي آيَاتِنَا فَأَعْرِضْ عَنْهُمْ حَتَّى يَخُوضُوا فِي حَدِيثٍ غَيْرِهِ وَإِمَّا يُنْسِيَنَّكَ الشَّيْطَانُ فَلَا تَقْعُدْ بَعْدَ الذِّكْرَى مَعَ الْقَوْمِ الظَّالِمِينَ „Wenn du diejenigen siehst, die über Unsere Zeichen abschweifend reden, dann wende dich von ihnen ab, bis sie sich einem anderen Gespräch zuwenden. Und wenn Satan dich dies vergessen lässt, dann sitze, nachdem du dich daran erinnert hast, nicht bei dem ungerechten Volk.“ (Sure al-Anʿām 68)

Wie konnten unsere Gelehrten trotz dieses klaren Verbots die Methode von Streitgesprächen und Disputationen zur Verbreitung der Religion für erlaubt halten? Beide Seiten treten einander doch nur mit dem Ziel gegenüber, die Aussage des Gegners zurückzuweisen und als falsch darzustellen, selbst wenn sie in Wirklichkeit wahr sein sollte. Wer ein wenig Erfahrung mit solchen Streitveranstaltungen hat, weiß, dass dabei vor allem die verdorbene Neigung vorherrscht, den Gegner herabzusetzen. Die Anweisung des Qurʾān lautet diesbezüglich, dass der Rufer zur Wahrheit sich sofort ehrenvoll zurückziehen soll, sobald er eine solche Atmosphäre wahrnimmt. Unsere professionellen Debattierer jedoch sind von dieser Atmosphäre so beeinflusst, dass ihr Interesse und ihre Begeisterung umso stärker werden, je mehr sie zunimmt.

Sechster Grundsatz: Wenn derjenige, dem die Einladung zur Religion vorgetragen werden soll, so sehr mit einer für ihn anziehenden Angelegenheit beschäftigt ist, dass es ihm lästig wäre, sich davon zu lösen und der Einladung zur Wahrheit Aufmerksamkeit zu schenken, soll der Rufer zur Wahrheit davon absehen, ihm die Einladung vorzutragen. Zwar unterscheidet sich dieser Zustand von Feindschaft, Neid und Widerstand; unter dem Gesichtspunkt der seelischen Unvorbereitetheit des Eingeladenen besteht zwischen beiden Zuständen jedoch kein Unterschied. In Sahīh al-Buchārī wird von ʿAbdallāh ibn ʿAbbās, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm, überliefert:(Arabisch**********) „Von ʿIkrima wird überliefert: Ibn ʿAbbās sagte zu mir: Halte für die Menschen nur einmal in der Woche eine Ermahnung ab. Wenn du damit nicht zufrieden bist, dann zweimal in der Woche, und wenn du damit noch nicht zufrieden bist, dann dreimal. Mache den Qurʾān den Menschen keinesfalls verhasst. Und sorge nicht dafür, dass du zu den Menschen kommst, während sie in ein Gespräch vertieft sind, und dann deine Ermahnung beginnst, ihr Gespräch unterbrichst und sie dadurch verärgerst. Schweige vielmehr in diesem Augenblick. Wenn sie dir ihre Aufmerksamkeit zuwenden, dann ermahne sie; so werden sie dir mit Interesse zuhören.“

Siebter Grundsatz: Der Rufer zur Wahrheit muss auch darauf achten, dass die farblose Darbietung der Einladung, ihre unnötigen Erörterungen und ihre inhaltsleeren langen Reden bei den Zuhörern keine Langeweile hervorrufen.
(Arabisch************) „Von Schaqīq, einem Tābiʿī, wird überliefert: Er sagte, dass ʿAbdallāh ibn Masʿūd, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm, jeden Donnerstag eine Ermahnung für die Menschen hielt. Ein Mann sagte zu ihm: ‚Abū ʿAbd ar-Rahmān, ich wünschte, du würdest uns jeden Tag ermahnen.‘ Er antwortete: ‚Was mich davon abhält, ist nur, dass ich es nicht mag, euch zu langweilen. Deshalb ermahne ich euch mit Unterbrechungen, so wie der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, uns aus Furcht vor unserer Langeweile nur gelegentlich ermahnte.‘“ (Buchārī, Muslim)

Beim Schreiben dieser Worte ist vor unserem geistigen Auge das Bild einer bestimmten Art von Rednern und ihrer unglücklichen und unterdrückten Zuhörer entstanden. Ihre größte Kunst besteht in der endlosen Ausdehnung ihrer bedeutungslosen Reden. Sie wissen nicht einmal die einfache Tatsache, dass selbst die besten Worte geschmacklos werden, wenn man sie ohne Not immer wiederholt. Indem sie den Menschen wegen ihrer Ermahnungen nachlaufen, vereiteln sie nicht nur das Ziel der Einladung zur Religion, sondern schädigen dieses Ziel sogar schwer.

Der Gesandte und seine Gefährten ermahnten die Menschen mit Unterbrechungen, damit sie keine Langeweile empfanden. Seine Ansprachen waren äußerst kurz. In den Überlieferungen heißt es zudem, dass er sagte: „Wenn ihr ermahnt, dann fasst euch kurz.“ In manchen Überlieferungen wird berichtet, dass er die kurze Rede als Zeichen der Weisheit und Klugheit des Redners bezeichnete und sagte: „Manche Reden besitzen eine zauberhafte Anziehungskraft.“ Damit wurde angedeutet, dass eine Rede kurz und bedeutungsvoll sein muss, damit sie auf das Herz wie ein Zauber wirkt. Eine Rede darf nicht so beschaffen sein, dass sie die Stimmung und Wesensart des Zuhörers abstumpft, sodass ihm jede Fähigkeit verloren geht, etwas anzuhören und anzunehmen.

Achter Grundsatz: Der Rufer zur Wahrheit muss seine Umgebung mit größter Aufmerksamkeit und Sachkenntnis beurteilen. Er muss aufmerksam darauf achten, wann sich eine geeignete Gelegenheit ergibt, den Samen der Einladung zu säen. Sobald er erkennt, dass sich eine Möglichkeit zur Verwirklichung seines Ziels eröffnet hat, muss er diese Gelegenheit unverzüglich zu nutzen versuchen. Das beste Beispiel dafür findet sich im Leben des Propheten Yusuf, Allahs Frieden sei auf ihm:وَدَخَلَ مَعَهُ السِّجْنَ فَتَيَانِ قَالَ أَحَدُهُمَا إِنِّي أَرَانِي أَعْصِرُ خَمْرًا وَقَالَ الْآخَرُ إِنِّي أَرَانِي أَحْمِلُ فَوْقَ رَأْسِي خُبْزًا تَأْكُلُ الطَّيْرُ مِنْهُ نَبِّئْنَا بِتَأْوِيلِهِ إِنَّا نَرَاكَ مِنَ الْمُحْسِنِينَ (36)قَالَ لَا يَأْتِيكُمَا طَعَامٌ تُرْزَقَانِهِ إِلَّا نَبَّأْتُكُمَا بِتَأْوِيلِهِ قَبْلَ أَنْ يَأْتِيَكُمَا ذَلِكُمَا مِمَّا عَلَّمَنِي رَبِّي إِنِّي تَرَكْتُ مِلَّةَ قَوْمٍ لَا يُؤْمِنُونَ بِاللَّهِ وَهُمْ بِالْآخِرَةِ هُمْ كَافِرُونَ (37)وَاتَّبَعْتُ مِلَّةَ آبَائِي إِبْرَاهِيمَ وَإِسْحَاقَ وَيَعْقُوبَ مَا كَانَ لَنَا أَنْ نُشْرِكَ بِاللَّهِ مِنْ شَيْءٍ ذَلِكَ مِنْ فَضْلِ اللَّهِ عَلَيْنَا وَعَلَى النَّاسِ وَلَكِنَّ أَكْثَرَ النَّاسِ لَا يَشْكُرُونَ (38)يَا صَاحِبَيِ السِّجْنِ أَأَرْبَابٌ مُتَفَرِّقُونَ خَيْرٌ أَمِ اللَّهُ الْوَاحِدُ الْقَهَّارُ (39)مَا تَعْبُدُونَ مِنْ دُونِهِ إِلَّا أَسْمَاءً سَمَّيْتُمُوهَا أَنْتُمْ وَآبَاؤُكُمْ مَا أَنْزَلَ اللَّهُ بِهَا مِنْ سُلْطَانٍ إِنِ الْحُكْمُ إِلَّا لِلَّهِ أَمَرَ أَلَّا تَعْبُدُوا إِلَّا إِيَّاهُ ذَلِكَ الدِّينُ الْقَيِّمُ وَلَكِنَّ أَكْثَرَ النَّاسِ لَا يَعْلَمُونَ (40)يَا صَاحِبَيِ السِّجْنِ أَمَّا أَحَدُكُمَا فَيَسْقِي رَبَّهُ خَمْرًا وَأَمَّا الْآخَرُ فَيُصْلَبُ فَتَأْكُلُ الطَّيْرُ مِنْ رَأْسِهِ قُضِيَ الْأَمْرُ الَّذِي فِيهِ تَسْتَفْتِيَانِ „Mit ihm kamen zwei junge Männer ins Gefängnis. Einer von ihnen sagte: ‚Ich sehe mich im Traum Wein keltern.‘ Der andere sagte: ‚Ich sehe mich im Traum Brot auf meinem Kopf tragen, von dem die Vögel fressen. Teile uns seine Deutung mit; wir sehen, dass du zu den Rechtschaffenen gehörst.‘ Yusuf sagte: ‚Bevor euch die Speise gebracht wird, die euch zusteht, werde ich euch bereits ihre Deutung mitteilen. Das gehört zu dem, was mein Herr mich gelehrt hat. Ich habe die Religion eines Volkes verlassen, das nicht an Allah glaubt und das Jenseits leugnet. Ich folge der Religion meiner Vorväter Ibrahim, Ishaq und Yaʿqub. Es steht uns nicht zu, Allah irgendetwas beizugesellen. Das ist Allahs Gunst gegen uns und gegen die Menschen, doch die meisten Menschen sind nicht dankbar. O meine beiden Gefährten im Gefängnis! Sind verschiedene Herren besser oder Allah, der Eine, der Allmächtige? Ihr dient an Seiner Stelle nur Namen, die ihr und eure Väter benannt habt; Allah hat dafür keine Ermächtigung herabgesandt. Die Entscheidung steht allein Allah zu. Er hat befohlen, dass ihr nur Ihm dient. Das ist die aufrechte Religion, doch die meisten Menschen wissen es nicht. O meine beiden Gefährten im Gefängnis! Einer von euch wird seinem Herrn Wein zu trinken geben; der andere wird gekreuzigt werden, und die Vögel werden von seinem Kopf fressen. Die Angelegenheit, über die ihr mich befragt habt, ist entschieden.‘“ (Sure Yusuf 36–41)

Werfen wir einen Blick darauf und führen wir uns das gesamte Geschehen vor Augen. Zwei Männer wurden gemeinsam mit Yusuf, Allahs Frieden sei auf ihm, im Gefängnis eingesperrt. Beide hatten Träume. In ihnen erwachte das Verlangen, die Deutung ihrer Träume zu erfahren. Unter allen Gefangenen war ausgerechnet Yusuf, Allahs Frieden sei auf ihm, der Einzige, der ihnen in dieser Hinsicht auffiel und zu dem sie mit diesem Anliegen gehen konnten. Daher erzählten sie ihm ihre Träume in der Hoffnung und mit dem Respekt, die sie erfüllten. Yusuf, Allahs Frieden sei auf ihm, entließ sie jedoch nicht einfach nach der Deutung ihrer Träume und versuchte auch nicht, ihre gute Meinung auszunutzen, um sie mit seiner persönlichen Größe zu beeindrucken und einen persönlichen Vorteil zu erlangen. Vielmehr betrachtete er ihre Zuneigung als eine kostbare Gelegenheit und trug ihnen die Einladung zur Religion vor, die in ihren Herzen Eingang finden konnte.

Zugleich stellte er die Religion so dar, als sei sie im Verlauf des Gesprächs ganz nebenbei zur Sprache gekommen. Er schuf nicht absichtlich eine Gelegenheit, um über sie zu sprechen. Aus diesem Ereignis ergibt sich eine wichtige Wahrheit: So wie ein Bauer auf den Regen wartet und auf der Lauer liegt, um den Samen zu säen, muss auch der Rufer zur Wahrheit seine Umgebung beobachten und darauf achten, wann in jemandem eine Zuneigung zu ihm entsteht, die als günstige Jahreszeit für die Aussaat des Samens seiner Einladung dienen kann.

Zweitens erfahren wir daraus, dass man eine solche Gelegenheit, wenn Allah der Erhabene sie jemandem gewährt, weder ungenutzt verstreichen lassen noch für einen anderen Zweck als das edle Ziel der Einladung verwenden darf. Wenn eine solche Gelegenheit einem selbstsüchtigen Menschen in die Hände fällt, versucht er, sie statt für die Einladung zur Verfolgung persönlicher Interessen zu nutzen. In unserer Zeit sind unsere Gelehrten und die Pīre und Scheiche im Allgemeinen von dieser Krankheit befallen. Wenn sie sehen, dass jemand ihnen Zuneigung entgegenbringt, empfinden sie große Freude. Doch die Art ihrer Freude unterscheidet sich von der Freude Yusufs, Allahs Frieden sei auf ihm. Vielmehr kann man ihre Freude mit der Freude einer Spinne vergleichen. Die Spinne breitet um sich herum ihr Netz aus und wartet auf das Herannahen einer Fliege. Sobald sie eine Fliege in ihre Nähe kommen sieht, beginnt sie vor Freude außer sich zu tanzen: Eine fette, kräftige Beute ist ihr in die Hände gefallen.

Neunter Grundsatz: Jeder Rufer zur Wahrheit muss beim Vortragen von Erörterungen und Beweisen auf die Eignung und das Niveau des Eingeladenen achten. Die Sprache und Darstellungsweise, mit der die gebildete Schicht angesprochen wird, muss sich beispielsweise von der Sprache und Darstellungsweise unterscheiden, die gegenüber einfachen Menschen verwendet wird. Es ist keineswegs angemessen, dass der Rufer zur Wahrheit in der bloßen Vorstellung, er allein besitze die vollständige Wahrheit, alle Gruppen, die nicht über die vollständige Wahrheit verfügen, unterschiedslos in eine Reihe stellt und sie gleichermaßen anruft. Vielmehr muss er jede Gruppe richtig einschätzen, ihr den ihr gebührenden Rang zuweisen und ihr die Einladung entsprechend vortragen. Für die Einladung an die Leute der Schrift hat der erhabene Qurʾān beispielsweise folgende Weisung gegeben:وَلَا تُجَادِلُوا أَهْلَ الْكِتَابِ إِلَّا بِالَّتِي هِيَ أَحْسَنُ إِلَّا الَّذِينَ ظَلَمُوا مِنْهُمْ وَقُولُوا آمَنَّا بِالَّذِي أُنْزِلَ إِلَيْنَا وَأُنْزِلَ إِلَيْكُمْ وَإِلَهُنَا وَإِلَهُكُمْ وَاحِدٌ وَنَحْنُ لَهُ مُسْلِمُونَ „Streitet mit den Leuten der Schrift nur auf die beste Art, außer mit denen von ihnen, die Unrecht tun. Und sagt: ‚Wir glauben an das, was zu uns herabgesandt wurde, und an das, was zu euch herabgesandt wurde. Unser Gott und euer Gott ist Einer, und Ihm sind wir ergeben.‘“ (Sure al-ʿAnkabūt 46)

Hier wird auch die beste Art genannt, in der die Auseinandersetzung und das Gespräch mit den Leuten der Schrift geführt werden sollen. Man soll anerkennen, worin sie euch gleichgestellt sind und worin zwischen ihnen und euch Gemeinsamkeiten bestehen. Dadurch werden anstelle von Hass und Feindschaft Freundschaft und Liebe und anstelle von Entfernung Nähe entstehen. Danach soll von ihnen verlangt werden, auch in den Angelegenheiten mit uns übereinzustimmen, die sich aufgrund dieser anerkannten Wahrheit notwendigerweise ergeben.

Die psychologische Wirkung dieser Methode der Einladung auf den Eingeladenen besteht darin, dass er, wenn er sieht, dass der Rufer sich selbst nicht für etwas Großartiges hält und seine Einladung nicht als eine völlig neue Erfindung darstellt, sondern auch den Anteil anerkennt, der darin bereits enthalten ist, dazu angeregt wird, über die Angelegenheit nachzudenken. Wenn er nicht starrsinnig, eigensinnig und aufsässig ist, kann er die Einladung sogar annehmen. Würde man dagegen die gebildete Schicht und die Leute der Schrift in derselben Weise wie Unwissende und Ungebildete ansprechen, würden sich diejenigen, die wie der Rufer Anspruch auf Wissen, Weisheit und eine himmlische Schrift erheben, verständlicherweise in ihrer Würde verletzt fühlen. Dies würde auf dem Weg zur Annahme der Wahrheit ein schweres Hindernis schaffen.

Zehnter Grundsatz: Wenn der Rufer zur Wahrheit beim Eingeladenen Anzeichen von Ungehorsam, Unnachgiebigkeit und Widerspenstigkeit wahrnimmt, darf er seinerseits keine Gelegenheit schaffen, diese Krankheit zu verstärken. Vielmehr muss er sich mit aller Kraft davor hüten. Wenn der Angesprochene sogar gegen einen Beweis des Rufers in einer Weise Einwand erhebt, die offenkundig nichts anderes als Streit ist, soll der Rufer nicht diesem Einwand nachgehen und weitere Beweise dafür vorbringen. Stattdessen soll er die Wahrheit von einer anderen Seite her darlegen, damit der Angesprochene keine Gelegenheit erhält, seine Widerspenstigkeit zur Schau zu stellen. Wenn er zur Annahme der Wahrheit fähig ist, wird er sie annehmen. Wenn er jedoch nur widerspenstig ist, wird er zumindest ratlos zurückbleiben und keine Gelegenheit zu Streit und Auseinandersetzung erhalten. Der Qurʾān erwähnt die Auseinandersetzung zwischen dem Propheten Ibrahim, Allahs Frieden sei auf ihm, und einem König. Sie ist hierfür das beste Beispiel:أَلَمْ تَرَ إِلَى الَّذِي حَاجَّ إِبْرَاهِيمَ فِي رَبِّهِ أَنْ آتَاهُ اللَّهُ الْمُلْكَ إِذْ قَالَ إِبْرَاهِيمُ رَبِّيَ الَّذِي يُحْيِي وَيُمِيتُ قَالَ أَنَا أُحْيِي وَأُمِيتُ قَالَ إِبْرَاهِيمُ فَإِنَّ اللَّهَ يَأْتِي بِالشَّمْسِ مِنَ الْمَشْرِقِ فَأْتِ بِهَا مِنَ الْمَغْرِبِ فَبُهِتَ الَّذِي كَفَرَ وَاللَّهُ لَا يَهْدِي الْقَوْمَ الظَّالِمِينَ „Hast du nicht von demjenigen gehört, der mit Ibrahim über seinen Herrn stritt, weil Allah ihm die Herrschaft gegeben hatte? Als Ibrahim sagte: ‚Mein Herr ist es, der lebendig macht und sterben lässt‘, sagte jener: ‚Ich mache lebendig und lasse sterben.‘ Ibrahim sagte: ‚Allah bringt die Sonne vom Osten; so bringe du sie vom Westen!‘ Da war der Ungläubige sprachlos. Allah leitet das ungerechte Volk nicht recht.“ (Sure al-Baqara 258)

Der Beweis, den Ibrahim, Allahs Frieden sei auf ihm, vorgebracht hatte, wurde durch den Einwand seines Gegenübers nicht im Geringsten geschwächt. Er hätte danach noch vieles sagen können. Wenn er jedoch, nachdem er die psychologische Verfassung des Eingeladenen eingeschätzt hatte, noch weitere Ausführungen gemacht hätte, wäre dies völlig entgegengesetzt zu der vom erhabenen Qurʾān gelehrten Methode gewesen:ادْعُ إِلَى سَبِيلِ رَبِّكَ بِالْحِكْمَةِ وَالْمَوْعِظَةِ الْحَسَنَةِ وَجَادِلْهُمْ بِالَّتِي هِيَ أَحْسَنُ „Rufe zum Weg deines Herrn mit Weisheit und schöner Ermahnung und streite mit ihnen auf die beste Weise.“ (Sure an-Nahl 125)

11

Die Ausbildungsmethode der Propheten

Keine Einladung zur wahren Religion kann in der Welt erfolgreich sein, wenn sie nicht von einem geordneten und dauerhaften Ausbildungsprogramm begleitet wird. Ein solches Ausbildungsprogramm ist für jede Art von Bewegung notwendig; besonders im Falle einer Einladung zur Wahrheit ist es jedoch ein untrennbarer Bestandteil von ihr. Ohne ein Ausbildungsprogramm ist die Einladung zur Wahrheit überhaupt nicht vorstellbar. Diese Revolution beeinflusst nicht nur einen einzigen Bereich des Lebens, sondern verleiht all seinen offenen und verborgenen Bereichen eine neue Leuchtkraft. Diese Bewegung erhebt sich nicht mit der Forderung nach einer teilweisen Veränderung, sondern legt für unser persönliches und gemeinschaftliches Leben eine völlig neue Form und einen neuen Plan vor. Daher verlangt ihr Wesen, dass sie entsprechend der Stufenfolge, der sie auf ihrem Weg folgt, auch über ein vollkommen ausgewogenes Ausbildungsprogramm mit einer entsprechenden stufenweisen Ordnung verfügt. Dieses ist nicht weniger wichtig als die eigentliche Einladung. Ja, es wäre nicht übertrieben zu sagen, dass die Ausbildung sogar etwas wichtiger ist als die eigentliche Einladung. Denn durch diese Ausbildung kann eine Einladung in den Herzen Wurzeln schlagen; danach entwickelt sie sich Schritt für Schritt, blüht auf und trägt Früchte. Schließlich erfüllt sie eines Tages durch ihren Nutzen und ihr Wohlergehen die gesamte Gesellschaft.

Das Wirken eines Rufers zur Wahrheit lässt sich treffend mit dem Wirken eines Bauern veranschaulichen. So wie ein Bauer sein Ziel nicht dadurch erreicht, dass er irgendwo einige Samen ausstreut, so kann auch die Aufgabe eines Rufers zur Wahrheit nicht dadurch beendet sein, dass er den Menschen einige Ermahnungen und Ratschläge vorträgt. Vielmehr muss er, um sein Ziel zu vollenden, eine tiefe Verbindung zu der in seinem eigenen Inneren verankerten Einladung haben – so wie ein pflichtbewusster Bauer mit dem Samen verbunden ist. Er achtet ständig darauf, dass die jungen Pflanzen im Boden Wurzeln schlagen können, dass sie zur richtigen Zeit bewässert werden, vor den Widrigkeiten der Jahreszeiten geschützt bleiben, Unkraut ihr Wachstum nicht behindert und sie vor den Angriffen von Insekten, Tieren und Vögeln sicher sind. Um auf all dies zu achten, versagt er sich den Schlaf der Nacht und die Ruhe des Tages. Unaufhörlich arbeitet er und ist mit der Pflege des Feldes beschäftigt. Schließlich erhält er eines Tages die Frucht seiner eigenen Anstrengungen. Ebenso sieht auch der Rufer zur Wahrheit seine Einladung schließlich blühen und Früchte tragen, wenn er neben der Einladung den Mut und die Fähigkeit besitzt, die anstrengende und langwierige Übung der Ausbildung zu ertragen. Andernfalls kann die Einladung eines Predigers ebenso zu einem unfruchtbaren Schrei in der Wüste werden, wie die von einem nachlässigen Bauern ausgesäten Samen durch ungünstigen Boden und ungünstiges Wetter sowie durch die Angriffe von Tieren, Vögeln und Insekten zugrunde gehen.

Wenn man sich eingehend mit der Methode der Einladung und Ausbildung der Propheten befasst, findet man unter den Grundsätzen für die organisatorische Ausbildung einige besonders wichtige Grundsätze, die wir hier erwähnen wollen.

Der erste Grundsatz der organisatorischen Ausbildung

Der erste und wichtigste Grundsatz der organisatorischen Ausbildung besteht darin, dass der Rufer sich bei der Arbeit der Einladung und Ausbildung vor Übereilung hüten muss. Er muss stets darauf achten, ob die Nahrung der Bildung und Ausbildung, die er geliefert hat, gut verdaut und zu einem Bestandteil des Denkens und Handelns der Menschen geworden ist. Wenn man ihnen weitere Nahrung gibt, ohne dies richtig einzuschätzen, wird die Folge in Form von Magenbeschwerden und Verdauungsstörungen sichtbar werden. Wer die Geschichte der Rufer zur Wahrheit gelesen hat, weiß sehr wohl, dass es bei jedem Rufer verschiedene Gründe für eine Übereilung in seiner Einladung geben kann.

Die Menschen, die die Einladung angenommen haben, sind gerade erst mit dem Geschmack der Wahrheit bekannt geworden. Diese neue Bekanntschaft weckt in ihnen ein solches Interesse an der Wahrheit, dass ihnen das fortlaufende Ausbildungsprogramm äußerst schwierig erscheint. Sie versinken so sehr in ihrer Sehnsucht nach der Wahrheit, dass sie weder ihren eigenen Hunger noch ihre eigene Verdauungskraft richtig einschätzen können und auch nicht bereit sind, die Schwäche der anderen Schwachen in der Organisation zu berücksichtigen. Sie schätzen sich selbst höher ein, als es ihrer tatsächlichen Stellung entspricht, und auch ihre Gefährten höher, als es deren Fähigkeiten entspricht. Daher erheben sie ständig die Forderung: „Gibt es noch mehr?“

Daneben gibt es eine weitere Gruppe, die noch immer als Gegner der Einladung gilt. Sie ist ständig damit beschäftigt, nach den schwachen Seiten der Einladung zu suchen. Wenn sie keine Gelegenheit findet, sich in das ihr vorgelegte Programm einzumischen, erhebt sie die Forderung: „Legt euren vollständigen Plan vor.“ Ihr einziges Ziel besteht darin, dass sie, falls auf ihre Forderung nicht sofort etwas vorgelegt wird, vor den Menschen sagen kann: „Das ist eine Gruppe ohne Zweck und ohne Ziel. Sie hat kein bestimmtes Ziel, das sie erreichen will, und auch kein klares und vollständiges Programm, um dieses Ziel zu erreichen.“ Wird jedoch etwas vorgelegt, versucht sie, darin eine Lücke zu finden und einen Spalt aufzureißen.

Darüber hinaus trägt ein wahrer Rufer zur Wahrheit in sich ein starkes Verlangen nach der Wahrheit. Dieses Verlangen ist so mächtig, dass er – wenn die von Allah verliehene Weisheit ihn nicht dabei unterstützen würde – alle Grenzen und Bedingungen der Geduld, des Wartens, der Stetigkeit und der Ausbildung überschreiten würde. Wenn dieses Verlangen durch die beiden erwähnten Forderungen angestachelt wird, geschieht es häufig, dass der Rufer vom Weg der Mitte abweicht. Dabei ist gerade dieser mittlere Weg für den Erfolg seines Ziels und für die richtige Ausbildung der Organisation äußerst notwendig. Zwar verlangt die echte Liebe zur Wahrheit, dass im Menschen für die Wahrheit ein hungriges Verlangen brennt, das ihn unruhig und ungeduldig macht und ihn sogar zur Übereilung zwingt. Doch die Forderung der organisatorischen Ausbildung ist nicht weniger wichtig als das Empfinden von Achtung vor der Wahrheit und die Liebe zu ihr. Deshalb muss ein Prediger zwischen diesen beiden Dingen das richtige Gleichgewicht wahren. Wenn die Forderung des ersten ihn zur Übereilung drängt, muss die Forderung des zweiten ihn zum Warten verpflichten. Wenn der Eifer, zur Wahrheit aufzurufen, und die Leidenschaft für die Unterstützung der Wahrheit ihn dazu bringen, die Begeisterung der interessierten Menschen nicht in einem Zustand des Durstes zurückzulassen und nicht nachzulassen, bis denjenigen, die dem Weg der Religion Hindernisse in den Weg legen, der endgültige Beweis vorgelegt worden ist, dann darf er sich dennoch in Anerkennung der Bedeutung der Ausbildung nicht dazu verleiten lassen, mehr Wasser in ein Gefäß zu gießen, als dieses aufnehmen kann.

Wenn es einmal geschehen ist, dass die Leidenschaft für das erste so stark wurde, dass dem zweiten nicht die volle Aufmerksamkeit geschenkt werden konnte, dann bleibt in der Ausbildung der Organisation ein Mangel zurück, der später nicht mehr behoben werden kann. Durch diese Lücke dringt Satan in das Innere der Organisation ein, bringt dort Eier und Junge hervor, und die gesamte Gemeinschaft gerät unter die von ihm verbreitete Verderbnis und Unordnung. Das traurig­ste Beispiel dafür finden wir in der Geschichte der Kinder Israels. Als der Prophet Musa, Allahs Friede sei mit ihm, aus Ägypten auszog und das Tal von Sinai erreichte, ließ Allah ihn zum Berg Tur rufen, um ihn über die Gebote der Scharia zu unterrichten, und bestimmte dafür einen besonderen Tag. Der Prophet Musa, Allahs Friede sei mit ihm, erreichte den Berg Tur bereits vor dem festgesetzten Tag. Das Verlangen, Allahs Gebote kennenzulernen und Sein Wohlgefallen zu erlangen, war zunächst so stark in ihm, dass es ihm nach dem Hinweis von Allah schwerfiel, die festgesetzte Zeit und das festgesetzte Datum einzuhalten. Zweitens mag dieses Verlangen auch durch die aufeinanderfolgenden Forderungen angestachelt worden sein, die vonseiten seines Volkes erhoben wurden. Obwohl dies ein sehr hohes und lobenswertes Verlangen war, bewies sein Eintreffen am Berg Tur vor der festgesetzten Zeit zugleich, dass er äußerst ungeduldig und voller Sorge war, Allahs Gebote kennenzulernen.

Doch auch gegen diese Angelegenheit gab es einen Einwand – eine Seite, die der Prophet Musa, Allahs Friede sei mit ihm, nicht beachtet hatte. Als Allah ihn nicht unverzüglich zu sich rief, sondern für ihn eine bestimmte Zeit festsetzte, bestand Allahs Absicht darin, dass Musa (a.) diese Zeit für die Ausbildung seines Volkes verwenden und die Grundsätze, die ihnen gelehrt worden waren, fest in ihren Herzen verankern sollte. Dann würden sie auch nach schweren Prüfungen und inmitten von Gefahren ihren Glauben und ihren Islam bewahren können.

Doch das Verlangen, noch mehr Gebote von Allah zu erfahren, gewann einen solchen Einfluss auf ihn, dass das Bewusstsein für die Bedeutung der Ausbildung vor diesem Verlangen zurückwich. Die Folge war, dass die Feinde der Religion Allahs seine Abwesenheit und die Schwäche des Volkes vollständig ausnutzten und einen großen Teil des Volkes dazu brachten, das Kalb zu verehren. Für dieses Unrecht legte Allah die Verantwortung auf die Neigung des Propheten Musa, Allahs Friede sei mit ihm, zur Übereilung. Obwohl er mit der Arbeit der Bildung, Ausbildung und Einladung beschäftigt gewesen war, wurde diese Übereilung als Ursache seiner Unachtsamkeit gegenüber der Verantwortung der Ausbildung gewertet. Deshalb erwähnt der Edle Koran seine Übereilung und deren Folgen mit den folgenden Worten:

„Und warum bist du vor der festgesetzten Zeit von deinem Volk fortgegangen, o Musa? Er sagte: Sie folgen mir auf den Fersen. Und ich bin, o mein Herr, eilends zu Dir gekommen, damit Du zufrieden bist. Er sagte: Nun denn, höre! Wir haben dein Volk nach dir einer Prüfung ausgesetzt, und der Samariter hat sie irregeführt.“ – (Sure Ta-Ha: 83–85)
وَمَا أَعْجَلَكَ عَنْ قَوْمِكَ يَا مُوسَى () قَالَ هُمْ أُولَاءِ عَلَى أَثَرِي وَعَجِلْتُ إِلَيْكَ رَبِّ لِتَرْضَى () قَالَ فَإِنَّا قَدْ فَتَنَّا قَوْمَكَ مِنْ بَعْدِكَ وَأَضَلَّهُمُ السَّامِرِيُّAus diesem Vers wird deutlich, dass es ebenso die unerlässliche Pflicht eines Rufers ist, die Menschen über Allahs Gebote und Gesetze zu informieren, wie es seine unerlässliche Pflicht ist, sie mit voller Ernsthaftigkeit und Weitsicht auszubilden. Dann wird die Lehre der Religion in ihrem Denken und ihrem praktischen Leben so fest verankert sein, dass sie auch angesichts schwerer Prüfungen an dieser Lehre festhalten können.

Der Rufer, der nur auf den Aspekt der Lehre und Ausbildung achtet und dessen Begeisterung für diese Sache einen solchen Einfluss auf ihn gewinnt, dass er die für die Ausbildung erforderliche Geduld und Bedächtigkeit nicht angemessen aufbringt, gleicht einem ungeduldigen siegreichen Heerführer, der in einem eroberten Gebiet lediglich weiter voranstürmt, ohne daran zu denken, seine Stellung zu festigen. Die Folge solcher Eile kann nur sein, dass sich einerseits ein Aufstand wie ein Waldbrand in dem Gebiet ausbreitet.

In der Sure Ta-Ha führt Allah, der Erhabene, das lehrreiche Beispiel des Volkes des Propheten Musa, Allahs Friede sei auf ihm, an und warnt den Propheten, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, vor der Eile, die in ihm im Hinblick darauf vorhanden war, Allahs Anweisungen zu erfahren. Auch der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, wünschte aufgrund seines natürlichen Interesses am Wissen und wegen der Ungeduld seines Volkes, dass Allahs Offenbarung rasch herabgesandt werde. So hätte er sowohl sein Verlangen nach Wissen stillen als auch die Forderung seines Volkes erfüllen können. Wenn daher eine Offenbarung herabkam, beeilte er sich in seinem übermäßigen Eifer, sie wie ein begeisterter Schüler auswendig zu lernen.

Allah, der Erhabene, hat ihn an verschiedenen Stellen des Edlen Qur’an davor gewarnt, sich zu beeilen, den gesamten Qur’an herabzusenden, bevor die für die Vollendung der Offenbarung bestimmte Frist gekommen sei. Dieser Zeitraum und diese Unterbrechung werden euch gegeben, damit eure Herzen gefestigt und eure Völker ausgebildet werden. Dann kannst du alles aufnehmen, was dir gelehrt wird, und auch dein Volk wird die Fähigkeit erlangen, es anzunehmen.
وَلَا تَعْجَلْ بِالْقُرْآنِ مِنْ قَبْلِ أَنْ يُقْضَى إِلَيْكَ وَحْيُهُ وَقُلْ رَبِّ زِدْنِي عِلْمًا(114)وَلَقَدْ عَهِدْنَا إِلَى آدَمَ مِنْ قَبْلُ فَنَسِيَ وَلَمْ نَجِدْ لَهُ عَزْمًا„Beeile dich nicht mit dem Qur’an, solange seine Offenbarung an dich noch nicht vollendet ist. [Vielmehr] sprich: O mein Herr, mehre mein Wissen! Zuvor hatten Wir Adam eine Verpflichtung auferlegt, doch er vergaß sie, und Wir fanden bei ihm keine Entschlossenheit.“ – (Sure Ta-Ha: 114–115)

Im Schlussteil dieses Verses werden der Verzicht auf Eile und die Bedeutung der Ausbildung deutlich hervorgehoben. Es wird gesagt, dass der Mensch von Natur aus die Schwäche besitzt, dass seine Entschlossenheit angesichts von Hoffnungen, Wünschen und Begeisterung schwach wird. Deshalb muss er gründlich ausgebildet werden, damit in ihm ein vollständiges Bewusstsein und Empfinden für die ihm übertragene Verantwortung entsteht. Dann kann er auch angesichts von Prüfungen standhaft bleiben.

Gemäß den Erfordernissen dieser Ausbildung wurde der Edle Qur’an in kleinen Abschnitten herabgesandt. Ungeduldige Gegner erhoben dagegen den Einwand: Wenn der Edle Qur’an Allahs Buch ist, warum wird er dann nach und nach offenbart? Allahs Wissen umfasst doch Gegenwart und Zukunft vollständig. Er muss weder nachdenken noch prüfen und er muss auch keine umfassende Wohlfahrt berücksichtigen. Warum hat Er also nicht den gesamten Qur’an auf einmal herabgesandt? Dies beweise eindeutig, dass es sich lediglich um ein von Muhammad, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, verfasstes Buch handle. Er lege jeweils nur so viel vor, wie er nach Überlegung, Anstrengung und Übung hervorbringen könne.

Dieser Einwand beeinflusste natürlich auch viele Muslime und war für das reine Herz des Propheten, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, äußerst schwer zu ertragen. Allah, der Erhabene, maß jedoch weder den Einwänden der Gegner noch dem Schmerz Bedeutung bei, der dem Propheten, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, und seinen Gefährten durch diese Einwände der Fehler­sucher und durch den natürlichen Eifer nach Wissen entstanden war. Vielmehr sagte Er: Die Ausbildung von dir und deinen Gefährten erfordert, dass Meine Anweisungen nach und nach und in fortlaufender Folge herabgesandt werden. Dann wird auch dein Herz vollständig gestärkt werden, sie zu ertragen, und die Starken wie die Schwachen deiner Gemeinschaft werden sie gut aufnehmen können. Wenn du dich beeilst, wird in deiner Umma Schwäche zurückbleiben. Und so, wie der Samariter die Kinder Israels irregeführt hat, wird in deiner Umma ein Samariter entstehen und sie in die Irre führen.

Die Reihenfolge, die wir bei der Offenbarung des Qur’an beobachten, beachteten auch die Gefährten und die Menschen nach ihnen beim Lernen und Lehren genau. Ihr umfassender Nutzen bestand gerade darin, dass diejenigen, die ihn lernten, ihn so lernten, dass er sich in ihren Herzen und Gedanken festsetzte und ihr praktisches Leben von seiner Farbe geprägt wurde. Dies war nur möglich, wenn das Wissen des Qur’an den Menschen fortlaufend und in kleinen Abschnitten vermittelt und sie zugleich entsprechend diesem Wissen ausgebildet wurden. Von Abdullah ibn Mas‘ud, möge Allah mit ihm zufrieden sein, wird daher überliefert, dass er sagte:(Arabisch****************************)„Wer von uns zehn Verse des Qur’an gelernt hatte, ging nicht weiter, bevor er ihre Bedeutung verstanden und sein praktisches Leben danach gestaltet hatte.“

Das zweite Grundprinzip

Das zweite Grundprinzip der organisatorischen Ausbildung besteht darin, dass der Rufer mehr auf Qualität als auf die Zahl achten soll. Bisweilen wird der Wunsch, nach dem ‚verlorenen Schaf‘ zu suchen, für den Rufer so beherrschend, dass er die Schafe seiner Herde vernachlässigt. Die Folge dieser Unachtsamkeit ist, dass er Felder und Wälder nach den verlorenen Schafen durchstreift, während die Schafe der Herde entweder aus Mangel an Nahrung sterben oder ein Wolf in die Umfriedung eindringt und sie zerfleischt.

Dieser Wunsch, die Nahestehenden zu vernachlässigen und die Fremden zu den Eigenen zu machen, entsteht beim Rufer der Wahrheit zweifellos aus den besten Gefühlen. Der Eifer für die Verkündigungsarbeit wird jedoch so stark, dass das Verantwortungsgefühl für die Ausbildung entweder vor ihm unterliegt oder zumindest in den Hintergrund tritt. Er legt immer größeren Wert darauf, dass die Menschen, die Allah leugnen und ungehorsam sind, zunächst Allahs Namen anrufen; ihre Ausbildung und Besserung könne später erfolgen.

Oberflächlich betrachtet ist dies ein guter Zweck. Denkt man jedoch tiefer darüber nach, zeigt sich, dass hier der eigentliche Grund dafür liegt, die zahlenmäßige Überlegenheit der Qualität und dem Wert vorzuziehen. Mit der Zeit führt diese falsche Sichtweise dazu, dass die Menschen sich nicht mehr an der Zahl der Herzen, sondern an Statistiken über die Köpfe beruhigen.

Um die Rufer vor diesem Irrtum zu bewahren, lehrt sie der Edle Qur’an, dass der Wunsch, Menschen, die mit dem Ruf zur Wahrheit nicht vertraut sind, einzuladen und zu den Eigenen zu machen, nicht so stark sein darf, dass dadurch das Recht derjenigen vernachlässigt wird, die den Ruf angenommen haben, nun auf Ausbildung und Läuterung warten und deren Notwendigkeit empfinden.
لَا تَمُدَّنَّ عَيْنَيْكَ إِلَى مَا مَتَّعْنَا بِهِ أَزْوَاجًا مِنْهُمْ وَلَا تَحْزَنْ عَلَيْهِمْ وَاخْفِضْ جَنَاحَكَ لِلْمُؤْمِنِينَ„Und richte deine Augen nicht begehrlich auf das, was Wir einigen Gruppen von ihnen als irdischen Besitz zur Verfügung gestellt haben. Sei auch nicht traurig über ihre Zurückweisung und Leugnung, sondern nimm die Gläubigen unter den Schatten deiner Fürsorge auf.“ – (Sure al-Hidschr: 88)
وَاصْبِرْ نَفْسَكَ مَعَ الَّذِينَ يَدْعُونَ رَبَّهُمْ بِالْغَدَاةِ وَالْعَشِيِّ يُرِيدُونَ وَجْهَهُ وَلَا تَعْدُ عَيْنَاكَ عَنْهُمْ تُرِيدُ زِينَةَ الْحَيَاةِ الدُّنْيَا„Halte dich geduldig zu denjenigen, die morgens und abends ihren Herrn anrufen und Sein Wohlgefallen begehren. Deine Augen sollen sich nicht von ihnen abwenden und den Schmuck des diesseitigen Lebens begehren.“ – (Sure al-Kahf: 28)
عَبَسَ وَتَوَلَّى () أَنْ جَاءَهُ الْأَعْمَى () وَمَا يُدْرِيكَ لَعَلَّهُ يَزَّكَّى () أَوْ يَذَّكَّرُ فَتَنْفَعَهُ الذِّكْرَى () أَمَّا مَنِ اسْتَغْنَى () فَأَنْتَ لَهُ تَصَدَّى„Er zog die Stirn kraus und wandte sich ab, weil der Blinde zu ihm kam. Woher sollst du wissen? Vielleicht würde er sich läutern oder die Ermahnung annehmen, und die Ermahnung würde ihm nützen. Was aber denjenigen betrifft, der sich für unabhängig hält, so wendest du dich ihm zu.“ – (Sure Abasa: 1–6)

In all diesen Versen wird dem Rufer die Weisung gegeben, dass die Menschen, die den Ruf angenommen haben, zwar zahlenmäßig wenige und ihrem Rang nach gewöhnlich sein mögen, die für ihre Ausbildung aufzuwendende Zeit jedoch nicht hinter einflussreichen Menschen verschwendet werden darf. Denn auch wenn deren Einfluss möglicherweise dem Ruf zugutekommen könnte, sind sie vom Rausch des Stolzes und der Überheblichkeit erfüllt und dem Ruf gegenüber unzufrieden.

Das dritte Grundprinzip

Das dritte Grundprinzip der organisatorischen Ausbildung besteht darin, dass kein Bereich der Organisation von den Grundsätzen abweichen darf, auf denen die Organisation beruht, und dass keine Gelegenheit entstehen darf, die Krankheit des Aufbegehrens gegen diese Grundsätze zu verbreiten. Wenn eine solche Unordnung sichtbar ihr Haupt erhebt, ist es die Pflicht der Leiter und Funktionäre der Organisation, an ihre Ausrottung zu denken, bevor sie sich ausbreitet. Bei der Erfüllung dieser Pflicht dürfen weder irgendein Interesse noch Nachsicht, irgendeine Drohung oder die Liebe zu jemandem zum Hindernis werden. Eine geringe Nachlässigkeit in dieser Angelegenheit kann großen Schaden verursachen. So verfiel beispielsweise aufgrund einer solchen geringen Nachlässigkeit ein großer Teil des Volkes von Musa, Allahs Friede sei auf ihm, dem Kalbskult, statt Allah zu dienen. Um eine solche Unordnung an der Wurzel auszurotten, genügt es für die Führer der Organisation nicht, nur ein starkes Herz zu besitzen; es ist auch kein Fehler, wenn sie etwas strengen Herzens sind. Dann können sie diese Unordnung schonungslos mitsamt ihren Wurzeln ausreißen und weit von sich weisen.

Als Musa, Allahs Friede sei auf ihm, erfuhr, dass sich unter seinem Volk das Unheil des Schirk ausbreitete, kehrte er vom Berg Tur zurück und tadelte zunächst mit scharfen Worten diejenigen, die während seiner Abwesenheit mit der Betreuung des Volkes betraut gewesen waren und durch deren Nachgiebigkeit und Großzügigkeit diese Katastrophe hatte um sich greifen können. Danach ließ er die eigentlichen Schuldigen von Angehörigen ihrer jeweiligen Stämme töten. Dadurch sollte jedem klar werden, dass diejenigen, die innerhalb der Organisation eine solche Unordnung verbreiten, auch von ihren Blutsverwandten keinerlei Hilfe oder Unterstützung erwarten können. Außerdem zertrümmerte er das von dem Samariter angefertigte Götzenbild, damit nicht die geringste Spur des Unheils im Volk zurückblieb. Dem Samariter erteilte er eine beispielhafte Strafe, die für sein ganzes Leben wie ein Halsband an ihm haften blieb.

Um die Organisation vor einer solchen Katastrophe zu bewahren, hat der Islam bestimmt, dass die gesamte Organisation die Pflicht hat, die Abweichung eines ihrer Mitglieder von den organisatorischen Grundsätzen zu bekämpfen und seine Besserung anzustreben. Wenn die Organisation dies nicht tut, sondern den Menschen erlaubt, zu tun, was sie wollen, werden die Folgen ihrer Verbrechen nicht auf sie allein beschränkt bleiben. Vielmehr werden alle in der Organisation, die Frevler ebenso wie die Gottesfürchtigen, daran Anteil haben. Der Prophet, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, erläuterte die Bedeutung dieser Sache anhand des Gleichnisses eines Schiffes. Wenn ein Passagier den Boden des Schiffes durchbohren will und die anderen Passagiere ihn nicht daran hindern, wird die unausweichliche Folge sein, dass das Schiff sinkt und alle die Strafe für das Verbrechen eines Einzelnen tragen müssen. Ebenso wird eine Organisation, wenn sie mit den Übeltätern in ihrem Inneren nachsichtig umgeht, unausweichlich dem Unheil zum Opfer fallen, das diese Übeltäter herbeiführen. Der Edle Qur’an warnt mit den folgenden Worten vor dieser Gefahr:
وَاتَّقُوا فِتْنَةً لَا تُصِيبَنَّ الَّذِينَ ظَلَمُوا مِنْكُمْ خَاصَّةً وَاعْلَمُوا أَنَّ اللَّهَ شَدِيدُ الْعِقَابِ„Und hütet euch vor einer Versuchung, die nicht nur diejenigen von euch treffen wird, die Unrecht getan haben. Und wisst, dass Allah streng im Strafen ist.“ – (Sure al-Anfal: 25)

Zur Erfüllung dieser Pflicht werden die Vorgehensweisen entsprechend den verschiedenen Stufen der Organisation unterschiedlich sein. Von der grundlegenden Pflicht kann sich die Organisation jedoch unter keinen Umständen befreien.

In der Anfangsphase, wenn die Organisation noch über keine politische Macht und keinen Einfluss verfügt, beginnt die Organisationsgesinnung diejenigen auszusondern, die ihre Grundsätze verletzen. Zunächst gewährt sie solchen Menschen keinen Platz, die nicht gründlich von ihrer Farbe geprägt sind. Sollte ein solcher unbeweglicher Mensch dennoch irgendwie in die Organisation gelangen, kann er in diesem System ebenso wenig bestehen, wie eine Fliege, die in den Magen eines gesunden Menschen gelangt, dort lange bleiben kann. Wenn es bereits in der Anfangsphase einer Organisation so steht, dass Menschen, die ihre Grundsätze verletzen, in ihrem Inneren ungehindert gehegt und gepflegt werden können, bedeutet dies, dass in dieser Organisation überhaupt keine eigene Gesinnung entstanden ist und sie sehr bald der Zersetzung anheimfallen wird.

In der zweiten Stufe, wenn die Organisation politische Macht erlangt hat, bemüht sich die politische Institution der Organisation darum, dass in ihrem Inneren keine Elemente entstehen oder eindringen können, die Unordnung stiften. Zu ihrer Bekämpfung setzt sie neben den allgemeinen Mitteln der Verkündigung und Ausbildung, falls erforderlich, auch Macht ein. Wenn diese politische Institution ihre Verantwortung mit vollem Verantwortungsbewusstsein erfüllt, bleibt die gesamte Organisation von der Verantwortung entlastet. Wenn diese Institution jedoch – Allah bewahre davor – vom Weg abkommt, besteht die Pflicht der gesamten Organisation darin, zur ihrer Besserung mit dem Banner des ‚Gebietens des Rechten und Verbietens des Verwerflichen‘ voranzuschreiten und nicht ruhig zu schlafen, solange sie nicht verbessert ist. Die Rufer zu dieser Besserung dürfen sich nicht damit begnügen, lediglich zur Besserung aufzurufen; vielmehr müssen sie durch ihre Empörung und ihren Abscheu gegenüber dem Vorgehen der Schuldigen auch sich selbst von diesem Verbrechen lossagen.

Das vierte Grundprinzip

Das vierte Grundprinzip der organisatorischen Ausbildung besteht darin, dass man in der Anfangsphase des Rufes die Menschen nach Möglichkeit nachdrücklich dazu anhalten und ihnen die Mittel bereitstellen muss, mit dem Hauptzentrum der Lehre und des Rufes verbunden zu bleiben. In der Phase, in der sich die Gesinnung der Organisation erst herausbildet, sind ein geeignetes Umfeld und die unmittelbare Verbindung mit dem Hauptzentrum für eine richtige Ausbildung am notwendigsten. Werden diese beiden Dinge in dieser Phase vernachlässigt, wird es nur sehr wenige Menschen in der Organisation geben, die geistig und moralisch so stark sind, dass sie selbst von dieser Farbe geprägt werden und auch andere damit prägen können. Stattdessen entstehen viele Menschen, deren Prägung durch den Ruf so oberflächlich ist, dass sie bereits beim Durchstehen einer einzigen schwierigen Prüfungsstufe verschwindet. Diese Menschen sind geistig nicht so reif, dass sie in anderen das richtige Bewusstsein für den Ruf hervorrufen könnten, und auch in ihrer Lebensführung nicht so standhaft, dass sie ihre Verkündigungsarbeit unter günstigen wie ungünstigen Umständen fortsetzen könnten. Die Folge ist, dass der Ruf unter den Menschen lebendig bleibt, solange eine einflussreiche Persönlichkeit anwesend ist. Sobald sie jedoch verschwindet, verstummt der gesamte Lärm.

Eine der großen Weisheiten hinter dem Gebot der Hidschra im Islam bestand darin, dass alle Muslime unmittelbar von der Nähe des Propheten, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, profitieren konnten und die Farbe des Islam in einem günstigen Umfeld gründlich auf sie überging. Der Anspruch des Rufes an jeden Einzelnen besteht darin, dass die begabten und rechtschaffenen Menschen aus jedem Gebiet zum Zentrum des Rufes und der Ausbildung kommen und, nachdem sie Wissen über die Religion erworben haben, bei ihrer Rückkehr in ihre Gebiete die Menschen über die Religion unterrichten.
وَمَا كَانَ الْمُؤْمِنُونَ لِيَنْفِرُوا كَافَّةً فَلَوْلَا نَفَرَ مِنْ كُلِّ فِرْقَةٍ مِنْهُمْ طَائِفَةٌ لِيَتَفَقَّهُوا فِي الدِّينِ وَلِيُنْذِرُوا قَوْمَهُمْ إِذَا رَجَعُوا إِلَيْهِمْ لَعَلَّهُمْ يَحْذَرُونَ„Es war nicht möglich, dass die Gläubigen allesamt ausrückten. Warum rückte nicht aus jeder Gruppe von ihnen ein Teil aus, um ein tiefes Verständnis der Religion zu erlangen und ihr Volk zu warnen, wenn sie zu ihm zurückkehren, damit es sich in Acht nehme?“ – (Sure at-Tauba: 122)

Das fünfte Grundprinzip

Das fünfte Grundprinzip der organisatorischen Ausbildung besteht darin, bei jeder Prüfung, die vor die Organisation tritt, die Fehler und die Erstarrung der Organisation genau im Blick zu behalten. Wenn der Augenblick der Prüfung vorüber ist und Gelegenheit besteht, erleichtert aufzuatmen, muss jeder Fehler und jede Erstarrung unparteiisch überprüft werden. Die Glaubensverhärtungen, auf die diese geistige Schwäche hindeutet, müssen den Menschen klar vor Augen geführt werden.

Zu Beginn sollte diese Überprüfung allgemein gehalten werden. Ihr Nutzen besteht darin, dass jeder Einzelne an seinem eigenen Platz durch diese Überprüfung gewarnt werden und, sofern sein Wesen zur Besserung fähig ist, daraus Nutzen ziehen kann. Werden bereits in der ersten Phase nur die Namen derjenigen, die Fehler gemacht haben, einzeln genannt und sie getadelt, entsteht in ihnen ein Gefühl der Demütigung. Dadurch entwickelt sich statt einer Möglichkeit zur Besserung eine Haltung von Starrsinn und Trotz.

Wenn jedoch nach wiederholter Untersuchung einer Gruppe erwiesen ist, dass sie die Grundsätze der Organisation nicht lediglich aufgrund einer seelischen Verwicklung oder zufällig verletzt, sondern den Grundsatz der Heuchelei bewusst zu ihrer Gewohnheit gemacht hat, müssen diese Menschen unmittelbar wegen ihrer Fehler gewarnt und die Methode der Vertraulichkeit und des Mitgefühls geändert werden. Für sie ist dies die letzte Warnung. Wenn sie sich danach weiterhin nicht bessern, ist es die Pflicht der Organisation, solche Menschen aus ihrer Mitte auszusondern.

Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, ging gegenüber den Heuchlern auf diese Weise vor; und vom Standpunkt der organisatorischen Ausbildung steht dies mit Verstand und menschlicher Natur im Einklang. Wer den Blick auf den Edlen Qur’an richtet, weiß, dass die Schlacht von Badr in der Geschichte des Islam die erste Gelegenheit einer Prüfung war. In dieser Schlacht wurde erwiesen, dass sich innerhalb der Organisation einige Heuchler verborgen hielten. Nachdem die Kriegslage vorüber war, kritisierte der Edle Qur’an die Handlungen dieser Menschen scharf. In der Sure al-Anfal findet sich dafür ein Beleg. Zu jener Zeit wurden sie jedoch weder ausdrücklich direkt angesprochen und getadelt noch aus der Organisation ausgeschlossen.

Danach zeigten diese Menschen bei jeder Prüfung weiterhin ihre Schwäche. Doch außer durch allgemeine Kritik und Ermahnung griff der Edle Qur’an sie nicht unmittelbar an. Dieser Zustand blieb bis zur Zeit nahe der Schlacht von Tabuk bestehen. Als jedoch der Beweis gegen diese Menschen vollständig erbracht war und eindeutig feststand, dass ihre schlechten Taten und ihre Überheblichkeit nicht aus Unwissenheit oder einer vorübergehenden Niederlage des Gemüts hervorgingen, sondern dass sie alles bewusst und mit kühlem Kopf taten, wurden sie ausgesondert und aus der Organisation ausgeschlossen. 12

Die Verantwortung und Pflichten des Rufers zur Wahrheit

Ob es sich nun um einen Aufrufer zur Wahrheit oder um einen Aufrufer zur Falschheit handelt – Allah, der Erhabene, hat keinem von ihnen eine Macht über die Einladung und Anregung hinaus verliehen. Kein Prophet besaß die Macht, einem Menschen die Rechtleitung ins Herz zu gießen, und auch Satan besitzt nicht die Macht, einen Menschen auf den Irrweg zu zwingen. Jeder von ihnen kann lediglich Allahs Geschöpfe zu seinem jeweiligen Weg rufen. Ob der Eingeladene Rechtleitung oder Irreführung annimmt, hängt von seiner eigenen Entscheidung sowie von Allahs besonderer Gunst und Erleichterung ab. Für diese Gunst und Erleichterung hat Allah, der Erhabene, eine Regel festgelegt. Nach dieser Regel gewährt Er Seinen Dienern mit gesunder Natur und dem Verlangen nach Rechtleitung die Möglichkeit, dem Weg der Propheten zu folgen, und erleichtert den Menschen mit verdorbener Gesinnung und einer Neigung zur Irreführung, dem Weg Satans zu folgen. Durch die folgende Aya wurde dem Propheten, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, diese Wahrheit vor Augen geführt:إِنَّكَ لَا تَهْدِي مَنْ أَحْبَبْتَ وَلَكِنَّ اللَّهَ يَهْدِي مَنْ يَشَاءُ وَهُوَ أَعْلَمُ بِالْمُهْتَدِينَ„Du kannst nicht jeden rechtleiten, den du möchtest; vielmehr leitet Allah, der Erhabene, recht, wen Er will. Wie sehr du es auch wünschen magst, die meisten Menschen werden nicht glauben.“ – (Sure al-Qasas: 56)إِنْ تَحْرِصْ عَلَى هُدَاهُمْ فَإِنَّ اللَّهَ لَا يَهْدِي مَنْ يُضِلُّ وَمَا لَهُمْ مِنْ نَاصِرِينَ„Wenn du danach verlangst, dass sie rechtgeleitet werden, so wisse: Allah leitet diejenigen nicht recht, die Er in die Irre gehen lässt. Und sie haben keinen Helfer.“ – (Sure an-Nahl: 37)كِتَابٌ أَنْزَلْنَاهُ إِلَيْكَ لِتُخْرِجَ النَّاسَ مِنَ الظُّلُمَاتِ إِلَى النُّورِ بِإِذْنِ رَبِّهِمْ إِلَى صِرَاطِ الْعَزِيزِ الْحَمِيدِ„Dieses Buch haben Wir zu dir hinabgesandt, damit du die Menschen mit der Erlaubnis ihres Herrn aus den Finsternissen ins Licht führst.“ – (Sure Ibrahim: 1)إِنَّ عِبَادِي لَيْسَ لَكَ عَلَيْهِمْ سُلْطَانٌ إِلَّا مَنِ اتَّبَعَكَ مِنَ الْغَاوِينَ„Du hast keine Macht über Meine Diener. Nur über die Menschen mit verderbter Natur, die dir folgen, hast du Macht.“ – (Sure al-Hidschr: 42)وَمَا كَانَ لِيَ عَلَيْكُمْ مِنْ سُلْطَانٍ إِلَّا أَنْ دَعَوْتُكُمْ فَاسْتَجَبْتُمْ لِي فَلَا تَلُومُونِي وَلُومُوا أَنْفُسَكُمْ„Du hattest keine Macht über euch. Ich habe euch nur gerufen, und ihr habt auf meinen Ruf geantwortet. Darum tadelt jetzt nicht mich, sondern tadelt euch selbst.“ – (Sure Ibrahim: 22)

Vor diesem Hintergrund denkt ein Aufrufer zur Wahrheit nicht darüber nach – und sollte auch nicht darüber nachdenken –, ob die Menschen seiner Einladung aufmerksam zuhören. Er kümmert sich nicht darum, ob die Zeit für seine Einladung günstig ist, und braucht sich darum auch nicht zu kümmern. Unabhängig davon, ob die Menschen seine Einladung annehmen oder zurückweisen, und unabhängig vom Erfolg oder Misserfolg seiner eigenen Bemühungen sowie vom Ausgang der Einladung zur Wahrheit, fasst er einmal die feste Überzeugung, dass es seine Pflicht ist, die Menschen zu dem Ziel zu rufen, dessen Wahrheit er erkannt hat und das er für die ganze Welt gleichermaßen heilsam hält. Nachdem er diesen Entschluss gefasst hat, wird er nicht dadurch beunruhigt, ob die Menschen seine Einladung annehmen und ihre Pflicht erfüllen oder ob Allah, der Erhabene, diese Einladung auf der Erde verbreiten wird.

Was die Annahme oder Zurückweisung der Einladung durch die Menschen betrifft, bleibt seine eigene Verantwortung in beiden Fällen vollständig bestehen, ganz gleich, ob sie auf seinen Ruf reagieren oder nicht. Wenn sie seine Einladung annehmen, wird sich ihnen der Weg zu Erfolg und Erlösung in dieser Welt und im Jenseits öffnen, und er wird bei Allah den Lohn für die Erfüllung seiner Pflicht und für die Einladung erhalten. Wenn sie die Einladung jedoch nicht annehmen, wird durch ihn Allahs endgültiger Beweis gegen die Menschen vollendet, und der Aufrufer wird von seiner Verantwortung freigesprochen. Das heißt: Er hat die Pflicht erfüllt, die ihm oblag. Im Heiligen Quran wird die Antwort einer Gruppe von Aufrufern zur Wahrheit erwähnt. Sie waren davon abgehalten worden, ihre Einladung einer Gruppe von Menschen vorzutragen, die unter keinen Umständen bereit war, die Einladung anzunehmen. Aus dieser Antwort wird die Art der Verantwortung eines Aufrufers zur Wahrheit klar ersichtlich: Ob die Menschen seine Einladung annehmen oder nicht, seine Pflicht besteht in beiden Fällen darin, weiterhin einzuladen. Wenn die Menschen sie annehmen, werden sie Rechtleitung erlangen; wenn sie sie nicht annehmen, wird er vor Allah als von seiner Verantwortung entlastet gelten.وَإِذْ قَالَتْ أُمَّةٌ مِنْهُمْ لِمَ تَعِظُونَ قَوْمًا اللَّهُ مُهْلِكُهُمْ أَوْ مُعَذِّبُهُمْ عَذَابًا شَدِيدًا قَالُوا مَعْذِرَةً إِلَى رَبِّكُمْ وَلَعَلَّهُمْ يَتَّقُونَ„Als eine Gruppe von ihnen zu einer anderen sagte: ‚Warum ermahnt ihr Leute, die Allah entweder vernichten oder mit einer strengen Strafe bestrafen wird?‘ Sie antworteten: ‚Wir tun dies, damit wir vor unserem Herrn unsere Entschuldigung vorbringen können und damit sie vielleicht Gottesfurcht erlangen.‘“ – (Sure al-A’raf: 164)

Was nun Allahs Hilfe und Unterstützung betrifft, genügt hierzu die Feststellung: Wenn Allah, der Erhabene, einem Menschen die Wahrheit deutlich gemacht hat, schafft dies in seinem Herzen die Gewissheit, dass Allah ihm gewiss helfen wird, wenn er mit dem Entschluss voranschreitet, diese Wahrheit zu verkünden, die Menschen dazu einzuladen, sie anzunehmen, und sie auf der Erde zu verbreiten. Er kann bei einem barmherzigen und gnädigen Herrn niemals den Verdacht hegen, dass der Weg, den Er als den geraden und leichten Weg bezeichnet hat, unmöglich zu beschreiten sei und dass die Lebensordnung, die Er als die natürliche Lebensordnung bezeichnet hat, so kompliziert und ihre Befolgung so unmöglich sei, dass die Menschen sie überhaupt nicht annehmen würden. Ebenso kann ein aufrichtiger Aufrufer gegenüber seinem gütigen Herrn nicht den Verdacht hegen, dass Er ihm eine Pflicht auferlegt und ihm erklärt, dies sei seine Aufgabe und in ihrer Erfüllung lägen seine Erlösung und Allahs Gnade, ihn aber, sobald er mit dieser Arbeit beginnt und Schwierigkeiten auf ihn zukommen, hilflos zurücklassen und ihm keinerlei Hilfe gewähren werde.

Jeder Aufrufer trägt gegenüber Allah, dem Erhabenen, diese gute Meinung und dieses Vertrauen in sich: Der von Ihm gewiesene Weg ist nicht schwer, Seine Lebensordnung ist nicht kompliziert, ihre Befolgung ist nicht schwierig, Er wird ihn nicht hilflos verlassen, und Seine Hilfe wird er gewiss erhalten. Wenn die Gegner beginnen, ihm Hindernisse in den Weg zu legen, und es äußerlich den Anschein gewinnt, als könne diese Arbeit nicht weitergeführt werden, verleiht ihm dieses Vertrauen Festigkeit und neue Kraft: Wenn Allah, der Erhabene, selbst auf den Weg hingewiesen und gesagt hat, dass dies der Weg der Wahrheit ist, wird derjenige, der auf diesem Weg geht, gewiss das ersehnte Ziel erreichen. Wie schwer die Hindernisse auf diesem Weg auch sein mögen – letztlich wird Allahs Hilfe eintreffen. Diese Beziehung haben die Aufrufer zur Wahrheit zu Allah, dem Erhabenen, und dieses Vertrauen setzen sie in Ihn. In der folgenden Aya der Sure Ibrahim kommt dies zum Ausdruck:وَمَا لَنَا أَلَّا نَتَوَكَّلَ عَلَى اللَّهِ وَقَدْ هَدَانَا سُبُلَنَا وَلَنَصْبِرَنَّ عَلَى مَا آذَيْتُمُونَا وَعَلَى اللَّهِ فَلْيَتَوَكَّلِ الْمُتَوَكِّلُونَ„Warum sollten wir nicht auf Allah vertrauen, wo Er uns doch unsere Wege gezeigt hat? Wir werden gewiss geduldig ertragen, was immer ihr uns an Leid zufügt. Auf Allah sollen die Vertrauenden vertrauen.“ (Aya: 12)

Manchmal geschieht es, dass ein Aufrufer einen Fehler macht, wenn er die Grenzen seiner Verantwortung festlegt. Er beginnt zu glauben, seine Verantwortung beschränke sich nicht darauf, den Menschen die Wahrheit genau zu übermitteln, sondern erstrecke sich auch darauf, sie dazu zu bringen, die Wahrheit anzunehmen. Eine unausweichliche Folge dieses Irrtums besteht zunächst darin, dass der Aufrufer statt der unverfälschten Wahrheit eine Neigung entwickelt, mit den falschen Glaubensvorstellungen und Denkweisen der Gegner Kompromisse einzugehen. Zweitens stürzt er sein eigenes Leben in belastende Überlegungen und Schwierigkeiten, weil er eine falsche Verantwortung auf sich nimmt. Um vor einem solchen Irrtum zu bewahren, hat der Heilige Quran eine ausführliche Anleitung gegeben. Dazu heißt es:وَمَا عَلَى الَّذِينَ يَتَّقُونَ مِنْ حِسَابِهِمْ مِنْ شَيْءٍ وَلَكِنْ ذِكْرَى لَعَلَّهُمْ يَتَّقُونَ„Den Gottesfürchtigen obliegt keinerlei Verantwortung für ihre Abrechnung. Doch obliegt ihnen die Ermahnung, damit jene sich vielleicht von falschen Grundsätzen und schlechtem Charakter fernhalten.“ – (Sure al-An’am: 69)اتَّبِعْ مَا أُوحِيَ إِلَيْكَ مِنْ رَبِّكَ لَا إِلَهَ إِلَّا هُوَ وَأَعْرِضْ عَنِ الْمُشْرِكِينَ(106)وَلَوْ شَاءَ اللَّهُ مَا أَشْرَكُوا وَمَا جَعَلْنَاكَ عَلَيْهِمْ حَفِيظًا وَمَا أَنْتَ عَلَيْهِمْ بِوَكِيلٍ„Folge dem, was dir von deinem Herrn offenbart wird. Es gibt keinen Gott außer Ihm. Und wende dich nicht wegen der Götzendiener in Unruhe ab. Wenn Allah gewollt hätte, hätte Er dich zu ihrem Wächter gemacht, damit sie keinen Fehler begehen könnten. Du bist nicht für sie verantwortlich, sodass ihr Glaube dir obläge.“ – (Sure al-An’am: 107, 107)فَإِنَّمَا عَلَيْكَ الْبَلَاغُ وَعَلَيْنَا الْحِسَابُ„Dir obliegt nur die vollständige Übermittlung; Uns obliegt die Abrechnung.“ (Sure ar-Ra’d: 40)طه () مَا أَنْزَلْنَا عَلَيْكَ الْقُرْآنَ لِتَشْقَى () إِلَّا تَذْكِرَةً لِمَنْ يَخْشَى„Ta-Ha. Wir haben den Quran nicht zu dir hinabgesandt, damit du dich ins Unglück stürzt. Er ist nur eine Ermahnung für diejenigen, die Ehrfurcht vor Allah haben.“ – (Sure Ta-Ha: 1–3)

Diejenigen Menschen unserer Zeit, die angesichts des weltweiten Sieges gottfeindlicher Kräfte die Hände in den Schoß legen und keine Möglichkeit für eine Einladung sehen oder, weil sie keine Aussicht auf die Ausbreitung der Einladung erkennen, sich der Verbreitung der Falschheit widmen, sind in den zuvor genannten Irrtum versunken. Wenn ihnen klar wäre, dass es nicht von ihnen abhängt, ob den Menschen diese Wahrheit klargemacht wird und ob diese Einladung sich ausbreitet, sondern dass dies Allah, den Erhabenen, betrifft, würden sie sich nicht in die komplizierte Frage verstricken, was möglich oder unmöglich ist, und nicht die Verantwortung für die Verbreitung der Falschheit auf ihre eigenen Schultern nehmen. Vielmehr würden sie die Wahrheit nach besten Kräften verbreiten und bei Allah hoffen, dass Er, da Er selbst die Wahrheit liebt und das Gute liebt, diese Wahrheit gewiss ausbreiten wird. Doch sie wollten zusätzlich zu ihrer eigenen Last auch Allahs Verantwortung auf ihre Schultern nehmen. Als sie erkannten, dass dies eine äußerst schwere Last und für sie unmöglich zu tragen war, sahen sie sich gezwungen zu erklären: Zwar ist die von Islam dargelegte Ordnung die an Segen und Wohlergehen reiche Ordnung, doch da es in der heutigen Zeit unmöglich sei, sie umfassend zu verwirklichen, gebe es keine andere Möglichkeit, als eine nichtislamische Ordnung zu verbreiten und anzunehmen.

In dieser Vorstellung selbst liegt die Irreführung verborgen. Es ist nicht nötig und hier auch nicht möglich, all dies ausführlich darzulegen. Wir wollen jedoch auf einen Punkt hinweisen. Diese Menschen haben den Weg der Wahrheit bewusst verlassen und den Weg der Falschheit eingeschlagen, weil sie der Vorstellung erlagen, sie könnten auf diesem Weg leicht ihr angestrebtes Ziel erreichen. Doch selbst wenn auf diesem Weg ein Erfolg eintritt – was sie für Erfolg halten –, kann er nur durch Allahs Anordnung eintreten, nicht durch ihre eigenen Bemühungen und Überlegungen. Wäre es nicht besser gewesen, wenn sie, statt auf einem irrigen Weg geführt zu werden und auf Allahs Erlaubnis zu warten, selbst den Weg der Wahrheit gegangen wären, auch andere auf diesen Weg gerufen und auf Gunst und Erfolg von Allah gewartet hätten?

Sie konnten die Grenzen ihrer Verantwortung und Pflicht als Aufrufer zur Wahrheit nicht richtig bestimmen. Dieser schwerwiegende Fehler hat all ihre Bemühungen vollständig auf einen falschen Weg gelenkt. Sie hielten es nicht nur für ihre Pflicht, die Wahrheit, zu der Allah, der Erhabene, sie rechtgeleitet hatte, ohne jede Veränderung, Erweiterung oder Verkürzung den Menschen zu übermitteln, sondern machten es auch zu ihrer Verantwortung, die Menschen zu Anhängern der Wahrheit zu machen. Als ihnen diese Aufgabe schwierig erschien, verwarfen sie die Wahrheit und nahmen die Falschheit an. Dieser falsche Schritt bringt einen Aufrufer unausweichlich vom Weg des barmherzigen Allahs ab und stellt ihn auf den Weg Satans. Dann bleibt er nicht mehr bloß ein Aufrufer, sondern tritt als Anspruchsteller auf, der in Allahs Rechte eingreift und eine neue Religionslehre vorlegt.

Wenn ein Aufrufer seinen eigenen Rang gut verstanden hätte, wäre von ihm nicht zu erwarten, dass er hoffnungslos und voller Zweifel dasitzt oder anstelle der Wahrheit die Falschheit zu verbreiten beginnt. Zugleich muss er sich selbst aufmerksam davor hüten, dass in ihm unter dem Einfluss der Vorstellung, seine Verantwortung beschränke sich lediglich auf das Verkünden, keine sorglose oder nachlässige Haltung entsteht. Um sich davor zu bewahren, muss er sich stets die Verantwortung und Pflicht des Aufrufers vor Augen halten. Wenn er dies nicht beachtet, besteht die Gefahr, dass er vor Allah aufgrund der Beschuldigung zur Rechenschaft gezogen wird, die Pflicht der Verkündung oder des Zeugnisablegens nicht in der vorgeschriebenen Weise erfüllt zu haben. Über die edlen Propheten lässt sich sagen, dass das Bewusstsein ihrer Verantwortung für die Gesandtschaft in ihnen so stark war, dass sie häufig sogar ihre notwendige Ruhe vergaßen. Ja, sie verloren bisweilen sogar den Rang und die Größe ihrer eigenen Person und ihrer Einladung aus dem Blick. Ihre ungewöhnliche Geschäftigkeit erweckte vielmehr den Eindruck, als hielten sie sich für verantwortlich für den Unglauben und den Glauben der Menschen. Wegen einer solchen Geschäftigkeit tadelte Allah, der Erhabene, Seine Propheten in liebevoller Weise. Einige Beispiele dafür haben wir bereits erwähnt. Sich vor einer solchen Geschäftigkeit und Übertreibung zu hüten, sollte ein Merkmal jedes Aufrufers zur Wahrheit sein.
13

Die Widersacher des Aufrufs zur Wahrheit

Jede Einladung zur Wahrheit sieht sich drei Arten von Gegnern gegenüber:
1. dem unnachgiebigen Feind
2. dem Abwartenden
3. dem Unbewussten
Die Eigenschaften und die seelische Verfassung jeder dieser Gruppen unterscheiden sich voneinander. Deshalb muss ein erfahrener Arzt mit jeder von ihnen auf völlig eigene Weise umgehen. Vom Unterschied dieser Umgangsweisen hängt der Erfolg der Einladung zu einem großen Teil ab. Wenn ein Einladender diese verschiedenen Gruppen nicht erkennen kann und ihre besondere Haltung und Neigungen nicht kennt, ist kein Erfolg seiner Einladung zu erwarten. Wegen der Bedeutung dieses Themas werden wir die besonderen Merkmale und Neigungen dieser verschiedenen Gruppen von Gegnern ausführlich behandeln.

1. Der unnachgiebige Feind
Mit dem unnachgiebigen Feind sind diejenigen gemeint, die sich, sobald sie Wesen und Einfluss der Einladung erkennen, mit aller Entschlossenheit auf das Feld begeben, um sie zu bekämpfen. In ihrem Widerstand treten zwar unterschiedliche Verhaltensweisen auf, doch drei davon sind wesentlich und grundlegend: (erstens) eine aus Rohheit hervorgehende Feindschaft, (zweitens) Hochmut und Hass, (drittens) die Sorge um persönliche Interessen. Hinsichtlich ihres Vorrangs im Widerstand gegen die Wahrheit gehören diese drei Verhaltensweisen derselben Stufe an; ihrer inneren Natur nach sind sie jedoch völlig verschieden.

Die Krankheit der aus Rohheit hervorgehenden Feindschaft ist im Grunde die Folge einer engen Verbundenheit und Zuneigung zum unwissenden System. Gewöhnlich sind diejenigen von dieser Krankheit befallen, die dem unwissenden System ihrer Zeit treu ergeben und seine zuverlässigen Diener sind. Wenn diese Menschen sehen, dass ein Aufruf entstanden ist, der ihr von ihnen geführtes System zerschlagen und an seine Stelle ein neues System setzen will, werden sie erregt. Darin sehen sie den politischen und wirtschaftlichen Untergang ihres Volkes. Sie sehen, dass dieser neue Aufruf unter ihrem Stamm Spaltung hervorruft und die von ihnen errichtete Gemeinschaft auseinanderbricht. Sie vermuten außerdem, dass diese Einladung den bekannten Wegen ihrer Väter und Vorfahren sowie der alten Politik völlig widerspricht. Deshalb wird ihr Herz ihr gegenüber traurig und verbittert.

All dies zusammen erzeugt in ihnen einen harten Schmerz und eine gewaltige Erregung gegen den Einladenden und die Einladung, und sie machen sich mit ganzer Kraft bereit, gegen sie zu kämpfen und ihr Leben dafür zu opfern. Da ihr Widerstand jedoch weitgehend auf nationaler Treue beruht, enthält er weniger Niedertracht, Gemeinheit und Erniedrigung. Es handelt sich um einen männlichen Widerstand. Er ist zwar erregt, doch diese Erregung ist nicht frei von Höflichkeit, Anstand und Vornehmheit. Bei einem solchen Widerstand bleibt nach der Beseitigung von Missverständnissen die Möglichkeit bestehen, dass er sich in Liebe und Zuneigung verwandelt. Wenn dies geschieht, kann auch diese Liebe die Gestalt einer ebenso unbezwingbaren Liebe annehmen wie zuvor der leidenschaftliche, unbezwingbare Widerstand.

Das beste Beispiel dafür in der Geschichte der Einladung zum Islam ist der Widerstand von Abu Dschahl und Hadhrat Umar, Allahs Wohlgefallen sei auf ihnen. Jeder weiß, wie eifrig Abu Dschahl bis zu seinem letzten Atemzug die Einladung zum Islam bekämpfte. Doch trotz dieser äußersten Feindschaft versuchte er nie, dem Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, eine schändliche Verleumdung anzuhängen. Wenn dieser zur Verkündigung hinausging, folgte Abu Dschahl ihm aus Eifer in seinem Widerstand wie ein Schatten, damit niemand seine Worte hören konnte. Wenn er widersprach, sagte er jedoch etwa: „O Muhammad! Ich sage nicht, dass du lügst. Aber deine Einladung widerspricht dem Weg unserer Väter und Vorfahren.“ Besonders zornig war er, weil dessen Einladung die Einheit der Quraisch auseinanderriss. Die schwerste Anschuldigung, die er gegen den Gesandten Allahs erhob, lautete, dieser habe den Sohn vom Vater und den Bruder vom Bruder getrennt und sie zu gegenseitigen Feinden gemacht.

Als er daher in der Schlacht von Badr sah, dass die Einladung zum Islam die Quraisch gegen die Quraisch selbst in Reihen aufgestellt hatte, betete er voller Leidenschaft zu Allah:(Arabisch**********)„O Allah! Besiege morgen denjenigen von uns, der die Verwandtschaftsbande am stärksten zerschneidet und diese Neuerung eingeführt hat.“

Dieses Gebet war zwar vom Gift der Feindschaft der Unwissenheit durchdrungen, doch die Höflichkeit Abu Dschahls und die darin sichtbare Seite seiner Verehrung des eigenen Volkes lassen sich nicht leugnen. Wie aktiv solche Gegner auch im Widerstand gegen die Einladung sein mögen, so tritt in ihnen doch eine Schönheit der Liebe zum eigenen Volk deutlich hervor. Deshalb genießen sie in den Augen des Einladenden zur Wahrheit eine besondere Achtung. Er hofft stets im Herzen, dass diese Schönheit anstelle des Falschen für den Dienst an der Wahrheit eingesetzt wird. Aus diesem Grund bat der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, unter allen Gegnern der islamischen Einladung besonders für Abu Dschahl und Hadhrat Umar, Allahs Wohlgefallen sei auf ihnen, um die Annahme des Islam. Wenn sie den Islam annähmen, würde die Einladung zum Islam dadurch an Stärke und Ansehen gewinnen.

Dieses Gebet wurde im Fall von Hadhrat Umar erhört. Jeder Student der islamischen Geschichte weiß, dass sich die Lage unmittelbar nach seiner Annahme des Islam plötzlich veränderte. Vor seiner Bekehrung hatte er den Islam und die Muslime mit stürmischem Eifer, großer Tatkraft, Stärke und Feindschaft bekämpft; nach seiner Annahme des Islam widmete er sein Leben mit noch festerem Entschluss und größerem Mut dem Islam. Sobald sein unwissenschaftlicher Hass die Farbe des Islam annahm, spürten Freund und Feind gleichermaßen, dass nun ein gläubiger Mann mit dem Mut eines Löwen in die Reihen des Islam eingetreten war. Im Lebenswandel Hadhrat Umars war jene Schönheit vorhanden, die als Grundstoff für alle edlen menschlichen Eigenschaften dienen kann. Doch diese Schönheit war unter unzähligen Vorstellungen der Unwissenheit begraben. Als durch die Reibung mit der Einladung zur Religion des Propheten, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, der Unrat dieser falschen Vorstellungen beseitigt war, kam darunter reines Gold zum Vorschein. Sein Glanz blendete schließlich die Augen der Welt.

Hadhrat Umars Verhältnis zum unwissenden System seiner Zeit beruhte nicht auf Eigennutz. Vielmehr hielt er dieses System bis zu seiner Annahme des Islam für die Wahrheit. Er betrachtete es als das Erbe seiner geehrten Vorfahren und sah darin die Bewahrung der Ehre und Würde seines Volkes. Deshalb hielt er es für seine religiöse und nationale Pflicht, die Anhänger dieses Systems zu seinen Freunden und seine Gegner zu seinen Feinden zu erklären. Als ihm jedoch klar wurde, dass seine bisherige Auffassung nicht wahr war, sondern die Wahrheit auf der entgegengesetzten Seite lag, setzte er jene leidenschaftliche Begeisterung, die ihn zu einem treuen Diener des unwissenden Systems gemacht hatte, für den Dienst am Islam und seine Unterstützung ein.

Menschen mit solchen edlen Eigenschaften stehen über niederen Interessen. Wenn ihnen eine Wahrheit offenbar wird, bemühen sie sich nicht hartnäckig darum, sie zurückzuweisen; und nachdem sie etwas angenommen haben, schrecken sie auch nicht davor zurück, die notwendigen Forderungen daraus zu erfüllen. Vielmehr besitzen sie den Mut, eine erwiesene Wahrheit anzunehmen, und können dafür jede Art persönlicher Interessen opfern. Wegen dieser Seite ihres Charakters und ihrer Moral besitzen sie, wo immer sie sich befinden, eine besondere Würde und Stellung.

In dieser Gruppe gibt es verschiedene Arten von Menschen. Bei einigen überschreitet die Feindschaft ihre Grenzen und nimmt die Gestalt von Selbstgefälligkeit und Hochmut an. Bis zu ihrem letzten Atemzug erhalten sie nicht die Gnade, aus dem Netz der Unwissenheit zu entkommen, wie etwa Abu Dschahl. Manche werden nach einem geringfügigen Streit und einer kleinen Warnung aufmerksam und finden den rechten Weg, wie Hadhrat Umar und Hadhrat Hamza, Allahs Wohlgefallen sei auf ihnen beiden. Bei manchen dauert es lange, bis sie den Schleier der Unwissenheit durchbrechen, wie bei Abu Sufyan, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm. Eine Eigenschaft ist jedoch allen gemeinsam: Wenn sie die Unwissenheit verlassen und den Islam annehmen, nehmen sie sofort einen Platz in der ersten Reihe des Islam ein, so wie sie bis zum Vortag in der ersten Reihe der Unwissenheit gestanden hatten.
خياركم في الجاهلية خياركم في الاسلام„Die Besten unter ihnen in der Zeit der Unwissenheit sind auch die Besten im Islam, sofern sie ein tiefes Verständnis der Religion erlangen.“ (Buchari, Kitab al-Manaqib und Kitab al-Anbiya; Muslim, Kitab al-Fada’il)

Diejenigen, die gewöhnlich aus Hochmut, Stolz, Neid und Hass die Einladung zur Wahrheit bekämpfen, sind Menschen, die wegen ihrer künstlichen Frömmigkeit und ihres ererbten Reichtums im unwissenden System die Positionen von Führung und Macht innehaben. Sie sind so daran gewöhnt, an der Spitze zu gehen, dass sie es als Behinderung empfinden, der Wahrheit zu folgen. Daher wollen sie nicht der Wahrheit folgen, sondern die Wahrheit zwingen, ihnen zu folgen. Die aus väterlicher Linie ererbte Frömmigkeit führt gewöhnlich dazu, dass sie die Wahrheit als das Erbe ihrer Väter und Großväter und als ihr persönliches Eigentum betrachten. Weil sie in einer Umgebung des Priestertums und der Würde aufgezogen wurden und darin groß geworden sind, können sie sich nicht vorstellen, dass es außerhalb ihrer eigenen Person und ihres Umfelds Wahrheit geben könnte. Die aus der Erbschaft stammende Fülle bewirkt, dass sie weltlichen Glanz und Pracht als Beweis für ihre Rechtgeleitetheit ansehen und meinen: Wenn sie Ehre und Würde besitzen, müssen auch ihre Gedanken und Taten zwangsläufig wahr sein.

Wenn eine Einladung Menschen dieser Gesinnung herausfordert, weil sie ihrer äußerlichen Frömmigkeit widerspricht oder ihre Neigungen verletzt, werden sie unruhig und machen sich zum Kampf gegen diese Einladung bereit. Besonders wenn die Einladung aus einem anderen Umfeld als dem ihren hervorgeht, nimmt ihr Widerstand ein äußerstes Ausmaß an. Sie sind in den Hochmut versunken, die Wahrheit sei bei ihnen und werde für immer bei ihnen bleiben. Selbst wenn sie aus ihrer Mitte verschwunden sein sollte, werde sie, sobald sie wieder in der Welt erscheine, doch unter ihnen erscheinen. Daher ist es für solche vom Hochmut Befallenen nahezu unmöglich, eine Wahrheit anzunehmen, deren Einladender nicht sie selbst sind.

Die gesamte Geschichte der Einladung zur Wahrheit bezeugt deshalb, dass nur sehr wenige Menschen, die von dieser Krankheit befallen sind, die Gnade erhalten haben, an die Wahrheit zu glauben. Die führenden Männer von Mekka und Taif, die sagten: „Wenn Allah überhaupt einen Propheten hätte senden wollen, hätte Er gewiss einen aus unserer Mitte gesandt“, waren von dieser Krankheit befallen. Sie leugneten, dass der Islam die wahre Religion und die Religion Allahs sei, weil sie dachten: Wenn dies eine Wahrheit und von Allah herabgesandte Religion wäre, hätte dieser elende, von Armut bedrückte Mann sie nicht vor uns erhalten. Auch die Juden gehörten zu diesen Menschen. Hinter ihrem Widerstand gegen den Islam wirkte vor allem die Befürchtung, dass bei einer Annahme dieser Wahrheit die gesamte Ehre und Würde ihrer religiösen Führung zu Boden gestürzt würde.

Solche Menschen bringen zwar verschiedene Vorwürfe und Zweifel gegen die Einladung zur Wahrheit vor, um ihren Widerstand rechtmäßig und vernünftig erscheinen zu lassen; in Wirklichkeit werden diese Vorwürfe und Zweifel jedoch nur aufgestellt, um die eigentlichen Gründe ihres Widerstands, ihres Hochmuts und ihres Hasses zu verbergen. Solche Gegner sehen in sich selbst gegenüber dem Einladenden zur Wahrheit eher Hoffnungslosigkeit als Hoffnung. Nur sehr wenige von ihnen erhalten die Gnade, die Wahrheit anzunehmen. Infolge ihres Hochmuts setzen sie sich selbst auf den Thron Gottes und sind nicht bereit, ihn zu verlassen, solange sie nicht gewaltsam von diesem Sitz entfernt werden.

Im Heiligen Koran wird Hochmut zu den größten Hindernissen für die Annahme der wahren Religion gezählt. Deshalb wird der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, an verschiedenen Stellen des Heiligen Korans davon abgehalten, zu viel Zeit mit solchen Menschen zu verschwenden. Diese Menschen sind wegen ihres weltlichen Reichtums oder ihrer religiösen und weltlichen Führungspositionen von Stolz und Hochmut erfüllt. Hadhrat Isa, Allahs Friede sei auf ihm, sagte angesichts des Hochmuts und der Überheblichkeit der Gelehrten und Rechtsgelehrten seiner Zeit: „Selig sind die Armen im Herzen; sie werden in das Himmelreich eingehen.“ Er sagte außerdem: „Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr geht, als dass die Reichen in das Reich Gottes eingehen.“ Der Lauf der Zeit hat diese Voraussage bestätigt. Aus dem Evangelium und dem Heiligen Koran ist bekannt, dass nicht ein einziger Gelehrter oder Rechtsgelehrter Jerusalems an die Einladung Hadhrat Isas, Allahs Friede sei auf ihm, glaubte. Schließlich musste er, nachdem er ihretwegen die Hoffnung verloren hatte, seine Einladung den Fischern am Ufer des Flusses vortragen. Unter ihnen fand er einige Diener Allahs, die die Aufgabe übernahmen, die Einladung zur Wahrheit zu verkünden.

Als der Prophet, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, die Einladung zur Religion vortrug, entstand nahezu dieselbe Lage. Nur eine kleine Zahl aus der Gelehrtenschaft der Leute der Schrift nahm den Islam an. Alle anderen blieben aus Hochmut über ihr Priestertum und ihre Würde als Hindernis gegen die Wahrheit stehen. Wo immer der Heilige Koran die besonderen Eigenschaften derjenigen erwähnt, die glauben, wird als eine ihrer wichtigsten Eigenschaften genannt:انهم لا يستكبرون„Und in ihnen ist kein Hochmut und keine Überheblichkeit.“ (al-Ma’ida 5:82)

Daraus wird deutlich, dass die Krankheit der religiösen und weltlichen Führerschaft ihre Herzen nicht befallen konnte und sie sich nicht über die Wahrheit stellten. Eine weitere besondere Eigenschaft dieser Menschen ist, dass sie die Einladung anfangs wegen ihrer eigenen Überheblichkeit geringschätzen und ihr keinerlei Bedeutung beimessen. Wenn die Einladung jedoch voranschreitet und sie sehen, dass ihnen der Boden unter den Füßen entzogen wird, nehmen ihr Neid und ihr Hass gewaltige Ausmaße an. Dann tun sie gegen die Einladung und ihren Verkünder alles, was Menschen tun können, die in Hochmut und Hass versunken sind.

Gewöhnlich bekämpfen selbstbezogene Menschen aus Eigennutz die Einladung zur Wahrheit. Ihre gesamte moralische und gesellschaftliche Betrachtung geht von ihrer eigenen Person aus und kreist unaufhörlich um sie. Als soziale Wesen können Menschen wegen ihrer natürlichen Schwäche nicht isoliert und allein leben; deshalb schließen sich diese Menschen zwar einer gesellschaftlichen Ordnung an, suchen aber in jedem Schritt innerhalb dieser Ordnung ihren eigenen Vorteil und sind nirgends bereit, eine Last der Verantwortung zu tragen. Ihr Maßstab für Wahrheit und Falschheit ist ihre eigene Person. Was ihren eigenen Interessen entspricht, ist für sie wahr; was ihre persönlichen Interessen beeinträchtigt, ist falsch. Menschen mit einer derart niedrigen moralischen und gesellschaftlichen Gesinnung bekämpfen jede Einladung, die ihren Interessen widerspricht. Edle menschliche Eigenschaften sind in ihnen nie vorhanden. Deshalb ist ihre Existenz für jedes System der Wahrheit so nutzlos wie ein impotenter Ehemann für eine Ehefrau.

Aufgrund ihres von Natur aus niedrigen Charakters und ihres Eigennutzes fühlen sich solche Menschen eher zu einer falschen Einladung oder einem falschen Lebenssystem hingezogen. Aber auch ihre Beziehung dazu ist vollständig heuchlerisch und eigennützig. Sie sind nicht bereit, aus innerer Begeisterung irgendeinen Schlag dafür hinzunehmen. Ein praktisches Beispiel dafür in der Geschichte der Verbreitung des Islam ist Abu Lahabs Auftreten. Sein gesamter Widerstand gegen die Einladung des Propheten, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, beruhte allein darauf, dass durch die Verkündigung alle Fehler in Abu Lahabs Charakter öffentlich sichtbar wurden. Der Reichtum, den er durch Eigennutz und Geldgier angehäuft hatte, war vollständig gefährdet. Einerseits bekleidete er die höchste Stellung im von den Quraisch errichteten unwissenden System; andererseits bestand seine gesamte Verbindung zu diesem System nur darin, dass ihm seine ehrenvolle Stellung und die Aufsicht über die Kaaba viele Möglichkeiten zum Erwerb von Reichtum verschafften. Darüber hinaus empfand er keine besondere Anteilnahme für sein Volk und zeigte auch kein Interesse am Wohl oder Wehe des unwissenden Systems, dessen höchste Führung er innehatte. Der größte Beweis dafür ist, dass er zwar beim Widerstand gegen die Einladung des Gesandten Allahs stets an vorderster Stelle stand und den Menschen gegenüber erklärte, dies sei eine Einladung, die das von den Vätern und Vorfahren begründete System zerstöre; doch als im Krieg von Badr alle führenden Männer der Quraisch voller religiöser Leidenschaft und Erregung teilnahmen, blieb gerade dieser größte Anspruchsteller auf das Erbe Abrahams der Schlacht fern und schickte an seiner Stelle einen angeheuerten Mann. Und dies war in den Augen der Quraisch ein entscheidender Krieg.

Die natürliche Beziehung solcher Menschen zu jeder Einladung zur Wahrheit kann daher nur Widerstand sein, und sie werden tatsächlich zu Gegnern. Sie sind in Niedertracht und Gemeinheit so fest verwurzelt und darin so geschickt, dass eine Einladung, die zu edler Moral aufruft, Mitgefühl, Gleichheit und Brüderlichkeit fordert und zu Opferbereitschaft, Verzicht auf Eigennutz und Hingabe des Lebens aufruft, auf sie keinerlei Wirkung hat. Für eine solche Einladung sind ihre Ohren taub und ihre Herzen wie tot. Sie empfinden keinerlei Anziehung oder Neigung zu ihr, sondern vielmehr Hass und Feindschaft. Wegen ihres moralischen Niedergangs besteht ihr Widerstand nicht in einer grundsätzlichen Auseinandersetzung; stattdessen greifen sie zu gewöhnlicher Verleumdung, übler Nachrede und Ähnlichem und versuchen, durch Beschimpfungen und das Verbreiten von Fehlern ihren Führungsstolz zu bewahren.

2. Die Gruppe der Abwartenden
Mit den Abwartenden (Mutarabbisin) sind Menschen gemeint, die die Einladung zur Wahrheit bis zu einem gewissen Grad als wahr erkennen, aber nicht über genügend moralische Kraft verfügen, um sie gerade aufgrund ihrer Wahrheit anzunehmen und dafür ihr Leben einzusetzen. Auch intellektuell sind sie nicht so weit entwickelt, dass sie vor der praktischen Verwirklichung des Systems der Wahrheit dessen Erfolgsmöglichkeiten anhand der in ihm enthaltenen Anzeichen einschätzen könnten. Wegen dieser Schwäche überlassen sie die Entscheidung, ob eine Wahrheit wahr ist, nicht ihrem eigenen Wissen und Verstand, sondern der Zukunft, und warten ab. Wenn die Zukunft ihr Gelegenheit gibt, Erfolg zu erlangen, werden sie sie annehmen; andernfalls werden sie ihr Leben so beenden, wie es gerade dahinfließt.

Wegen ihrer moralischen und intellektuellen Schwäche befinden sich diese Menschen in einem inneren Konflikt und einer Spannung. Daher sind sie beim Widerstand gegen die Einladung zur Wahrheit nicht besonders eifrig. Unter dem Einfluss des gegenwärtig herrschenden Systems schließen sie sich jedoch der gegnerischen Seite an. Während des Konflikts zwischen Wahrheit und Falschheit versuchen sie, irgendeine Möglichkeit zu einer Verständigung zu schaffen, damit Wahrheit und Falschheit miteinander vermischt nebeneinander weitergehen können. Die Rolle, die die Heuchler unter den Unterstützern der Wahrheit spielen, entspricht genau der Rolle dieser Menschen unter den Gegnern der Wahrheit. Selbst nach einem gewaltigen Sieg der Wahrheit endet ihr Warten wegen ihrer moralischen Schwäche nicht.

In der frühen Phase der Einladung zum Islam sagten Menschen mit einer solchen Gesinnung während der Schlacht von Badr: Wenn Muhammad, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, und seine Gefährten in dieser Schlacht siegen, werden wir seine Einladung als wahr anerkennen und uns ihm anschließen. Als die Schlacht beendet war und die Muslime siegten, verschoben sie ihre Entscheidung jedoch auf das Ergebnis künftiger Schlachten. Als auch diese Schlachten gegen die Quraisch ausgingen und ihre vorläufige Macht praktisch völlig gebrochen war, warteten sie ab: Man werde sehen, wie sich der Islam gegenüber der gefestigten Macht der Juden behaupten werde. Als auch die Macht der Juden zusammenbrach, hätte ihr Warten enden müssen. Dennoch blieb eine Gruppe unter ihnen, die nun das Ergebnis des Zusammenstoßes zwischen den Muslimen und den Römern abwartete. Auf diese Weise wird ihr Warten niemals enden, solange es für sie nicht unmöglich wird, am System des Unglaubens festzuhalten.

Ihre grundlegende Schwäche besteht darin, dass sie die Wahrheit nicht mit Hilfe ihres Verstandes prüfen und dann glauben wollen. Vielmehr wünschen sie, den Sieg mit eigenen Augen zu sehen und erst dann an sie zu glauben. Ihre Sehnsucht entspricht genau derjenigen von Menschen, die Allah vor dem Glauben an Ihn mit eigenen Augen sehen wollten. Das ist ein kindlicher Wunsch. Allah und Sein Gesandter haben ihm keinerlei Bedeutung beigemessen, sondern klar gesagt, dass der Glaube zuverlässig ist, der mit Hilfe von Wissen und Verstand erkannt wurde, nicht der Glaube des bloßen Sehens. Wer eine Wahrheit deshalb als wahr anerkennt, weil ihr guter Ausgang vor ihm liegt und er das schlechte Ende ihrer Gegner mit eigenen Augen sieht, hat im Grunde nicht an die Wahrheit geglaubt. Er ist entweder ein Anbeter des Eigennutzes oder von der Angst vor Schaden erfüllt. Wer auf diese Stufe der äußerlichen Verehrung herabsinkt, unterscheidet sich von einem Tier nur noch durch seine Gestalt. Er kann auf der Welt keinem moralischen System treu bleiben, dessen Ergebnis nicht heute, sondern erst morgen sichtbar wird.

Das ist das eigentliche Geheimnis, weshalb solche Menschen in den Augen der Einladenden zur Wahrheit keinen Wert besitzen. Ihre Gesinnung liebt die blinde Nachahmung. Sie sind daran gewöhnt, Fahrgäste eines fahrenden Wagens zu sein, gleichgültig, wohin er fährt. Sie folgen dem Unglauben, weil das System des Unglaubens siegreich ist. Wenn der Islam den Sitz des Siegers einnehmen kann, werden sie auch seine Weggefährten werden. Ihnen fehlt jene Männlichkeit, deren innere Anziehung sie zur Wahrheit eilen ließe. Vielmehr eilen sie erst unter Druck zur Wahrheit. Deshalb vergrößern solche Menschen nicht die Kraft einer Gemeinschaft, sondern vermindern sie. In der frühen Zeit des Islam war die Stärke und der Mut der Gläubigen so groß, dass einer von ihnen zehn Ungläubigen genügte. Nach der Eroberung Mekkas schlossen sich ihnen jedoch sehr viele neue Muslime an; dadurch sank diese Stärke, bis das Verhältnis einen Muslim auf zwei Ungläubige betrug.

Wegen ihrer intellektuellen und moralischen Schwäche können Menschen dieser Gesinnung niemals in einer Phase an eine Einladung zur Wahrheit glauben, in der diese durch verschiedene Prüfungen und Konflikte voranschreitet. Es ist zwar möglich, dass sie heimlich ein gutes Wort zugunsten der Einladung äußern oder im verborgenen Winkel ihres Herzens den Wunsch nach ihrem Erfolg verspüren. Es ist auch nicht ausgeschlossen, dass sie innerlich keine gute Meinung von denjenigen haben, die die Einladung zur Wahrheit bekämpfen. Ebenso ist es möglich, dass sie irgendwann auf finanzielle oder moralische Unterstützung durch die Einladung hoffen. All dies ist möglich. Doch sie sind nicht fähig, verstreute Bretter zusammenzufügen, daraus ein Boot zu bauen, es auf den stürmischen Wellen eines Flusses schwimmen zu lassen, dem widrigen Wetter zu trotzen und es ans Ufer zu bringen.

Ihre seelische Verfassung verändert sich je nach den günstigen und ungünstigen Umständen der Einladung. Manchmal sehen sie Zeichen ihres Erfolgs und verspüren im Herzen den Wunsch, voranzugehen und sie anzunehmen. Manchmal werden sie beim Anblick von Gefahren, Unglück und Hindernissen völlig verängstigt und verstummen; dann erklären sie die Einladung für Torheit und den Einladenden für töricht und verrückt. Doch nur selten machen sie sich mit der Begeisterung der Gegner bereit, die Einladung auszurotten, oder nehmen öffentlich den Glauben an sie an und setzen sich mit ganzer Entschlossenheit für ihre Hilfe und Unterstützung ein. Wenn sie die Ausrottung der Einladung wünschen, dann nicht so, dass sie selbst dafür irgendein Risiko eingehen müssten. Sie möchten vielmehr, dass dieses Boot von selbst an einem Felsen zerschellt und zerbricht. Ebenso wünschen sie den Erfolg der Einladung nicht so, dass sie auf diesem Weg selbst Schläge hinnehmen müssten. Sie möchten vielmehr, dass andere für die Einladung Reichtum und Leben opfern, sie zum Gipfel des Erfolgs führen und sie selbst deren Früchte genießen.

3. Die Gruppe der Unbewussten
Mit den Unbewussten (Mughaffilin) ist jener Teil der Allgemeinheit gemeint, der bei der Sicherung seines Lebensunterhalts und der Befriedigung seiner täglichen Bedürfnisse niemals genügend Muße findet, um sich führend an der Umgestaltung der Gesellschaft zu beteiligen. In geistiger und moralischer Hinsicht folgen sie dem System ihrer Zeit und dienen ihm als Träger und Lastenträger. Unter diesem System zu leben betrachten sie als große Gunst und die Menschen, unter deren Führung es besteht, als Wohltäter, deren Gnade sie genießen. Von dem moralischen Verfall, in dem sich die Gegner der Religion der Wahrheit befinden, bleiben sie gewöhnlich frei. Deshalb beteiligen sie sich nicht eifrig am Widerstand gegen eine Einladung zur Wahrheit, und es gibt für sie auch keinen Grund, sich daran zu beteiligen. Dennoch sind sie blinde Nachahmer der religiösen und politischen Führer ihrer Zeit und hegen ihnen gegenüber ein gewisses, erblich überliefertes Wohlwollen.

Darum kann ein Wort, das den Ansichten ihrer politischen und religiösen Führer widerspricht, zunächst ihr Herz nicht anziehen. Sollte es sie doch anziehen, empfinden sie es anfangs als fremd. Sie wünschen, dass zuerst ihre Führer einen Schritt tun; dann werden sie ihnen Schritt für Schritt folgen. (An dieser Stelle ist ein Wort unverständlich; S. 162.)

14

Die Unterstützergruppe der Einladung zur Wahrheit

Wie die Gegner jeder Daʿwa sind auch ihre Unterstützer in drei Gruppen geteilt:
1. die Vorangehenden (Sābiqūna l-awwalūn),
2. die besten Nachfolger (Muttabiʿīna bi-iḥsān),
3. die Schwachherzigen und die Munāfiqūn.

Die vorangehende Gruppe
Unter den Unterstützern der Daʿwa der Wahrheit besitzen die Angehörigen der vorangehenden Gruppe den höchsten Rang und die größte Würde. Diejenigen, die die Daʿwa annehmen, sobald sie erscheint, und sich ohne Zögern bereitmachen, ihr ihr Leben zu widmen, gehören zu dieser Gruppe. Es sind Menschen von gesunder Natur, die schon vor dem Empfang der Daʿwa in sich etwas verspüren, wonach die Verkünder der Wahrheit rufen. Sie sind geistig so entwickelt, dass sie sich nicht nur mit der sichtbaren Seite der Welt zufriedengeben, sondern auch die Hinweise auf ihre unsichtbare Seite betrachten und innerlich erfassen. In ihren Augen besitzt dieses verborgene Geheimnis größeren wirklichen Wert als die äußere Erscheinung. Sie sind nicht bloß Sklaven ihrer Triebe wie Vierfüßler, sondern bemühen sich, die Forderungen von Vernunft, Gewissen und natürlicher Veranlagung zu erkennen, und geben diesen Forderungen in jeder Lebenslage den Vorrang.

Ihr Verstand ist so stark und tatkräftig, dass sie es niemals vorziehen, hilflos in den Ketten der Sitten und Bräuche ihrer Väter, Großväter und Vorfahren zu liegen. Sie bemühen sich, die guten und schlechten Seiten jeder Sache zu erkennen, prüfen sie am Maßstab der Kritik und Beobachtung und nehmen von ihr an, was sie mit Vernunft, Gewissen und natürlicher Veranlagung vereinbar finden. Sie sind frei von sektiererischer und organisatorischer Engstirnigkeit sowie blindem Gefolgsgehorsam. Ihrer Ansicht nach kann die Wahrheit nicht am Gewand einer einzelnen Person festgebunden, nicht in einer bestimmten Gruppe eingeschlossen und nicht wie herrenloses Eigentum an Erben übertragen werden. Für die Anerkennung einer Aussage als wahr genügt ihnen das Zeugnis von Vernunft und Natur. Es kümmert sie überhaupt nicht, wer diese Aussage ablehnt und wer sie unterstützt. Sie sind weder Anhänger der Vergangenheit noch Sklaven der Gegenwart. Außer Allah und Seinem Gesandten erkennen sie keinem noch so großen Führer den Rang einer verbindlichen Autorität oder eines Beweises zu.

Ebenso sind diese Menschen auch sittlich und im Handeln weit entwickelt. Wenn ihr Wissen ihnen die Wahrheit einer Sache vor Augen führt, befähigt sie ihr moralischer Mut, sie anzunehmen und jeden dafür entstehenden Schaden zu ertragen. Sie besitzen ein starkes Empfinden für die Unterstützung der Wahrheit. Sie können es nicht ertragen, die Wahrheit unterdrückt zu sehen; deshalb ist ihr Herz stets von Sorge und Trauer erfüllt. Sie beteiligen sich an jeder zeitgenössischen Tätigkeit, in der sie einen Nutzen für die Allgemeinheit erkennen. Wenn etwas für die Wahrheit getan wird, andere dafür Leid und Not ertragen und Leben und Besitz opfern, können sie es nicht mit ihrer Persönlichkeit vereinbaren, schweigend wie Zuschauer zuzusehen. Vielmehr werden sie selbst aktiv, um diese Daʿwa auszubreiten, und stellen sich bereit, auf diesem Weg immer größere Opfer zu bringen.

Selbst unter den schlechtesten Umständen bemühen sie sich um ein gutes und reines Leben und kämpfen deshalb gegen die Jāhilīya ihrer Zeit. Wo jedermanns Hände mit Unterdrückung und Unrecht befleckt sind, arbeiten sie für die Errichtung von Gerechtigkeit. Wo die Rechte der Waisen unterschlagen werden, wo Töchter lebendig begraben werden und Witwen ohne Gefährten und Hilfe zurückbleiben, bringen sie den Waisen ihr Recht, übernehmen auf eigene Kosten die Versorgung der Töchter ungerechter Väter und kümmern sich um die Witwen. Wo Glücksspiel, Wein, Unzucht, Straßenraub und Plünderung als geschicktes Vorgehen gelten und man sich dessen rühmt, zeigen sie vorbildliche Charaktereigenschaften: Freigebigkeit, Großzügigkeit, Dienst an den Geschöpfen, Gastfreundschaft, Hilfe für leidende Arme und Unterstützung der Unterdrückten.

An die Stelle von Stolz und Hochmut treten bei ihnen Bescheidenheit, Demut und Liebe zur Wahrheit. Statt Neid und Feindschaft bemühen sie sich, auf dem Weg der Wahrheit zu leben und voranzugehen. Anstelle von Ichbezogenheit und Selbstsucht sind sie von Opferbereitschaft und dem Geist des Dienstes an den Geschöpfen erfüllt. Nachdem sie ein System als wahr anerkannt haben, halten sie es für äußerst verwerflich, aus Angst vor Demütigung oder dem Verlust von Bequemlichkeit nicht zu seiner Unterstützung voranzutreten. Ebenso halten sie es für verwerflich, eine Sache zwar als falsch anzuerkennen, sie aber wegen eigener weltlicher Interessen nicht aufzugeben. Sie halten es auch dann für entehrend, die Wahrheit nicht zu unterstützen, wenn eine gute Tat möglicherweise Schaden bringt, die Falschheit sehr mächtig ist, ihre Bekämpfung unmöglich scheint oder die Umstände so widrig sind, dass schon die Erwähnung des Namens der Wahrheit Leid und Gefahren heraufbeschwört.

Der erste Gedanke – (unleserliches Wort, S. 166) – kann in ihren weiten Herzen nicht entstehen; sollte er dennoch entstehen, vermag ihr hoher Mut ihn rasch zu beseitigen. Dann machen sie sich mit neuer Kraft daran, den Ruf zu erfüllen, der aus der Tiefe ihres Herzens zu dieser Tat ergangen ist.

Eine solche reine und lautere Gruppe ist in jeder Jāhilīya-Ordnung vorhanden. Wie Glühwürmchen in einer dunklen, regnerischen Nacht Licht aufblitzen lassen, bewegen sich diese Menschen wie Licht in der Finsternis ihrer Zeit. In ihrem Atem bleibt ein Abbild des Lichtes ihrer Epoche erhalten. Ihre Kräfte sind jedoch zerstreut. Daher muss ein Verkünder der Wahrheit auftreten, der sie sammelt und durch ein Band der Einheit miteinander verbindet. Obwohl sich in ihnen diese Schönheit und Fähigkeit vereinigt, sind sie aus zwei Gründen auf einen Verkünder der Wahrheit angewiesen.

Der erste Grund ist, dass die Wahrheit in ihrer Zeit nicht in ihrer vollständigen, gemeinschaftlichen Gestalt vorhanden ist. Nur einzelne Teile von ihr bestehen voneinander getrennt, wie es in den Zeiten zwischen den Propheten der Fall war. In einer solchen Zeit befindet sich diese Gruppe der Ṣāliḥūn in einer Lage des Unglücks und der Unruhe. Sie wird zwar durch die allgemeine Ausbreitung des Verderbens in der Welt erschüttert, weiß aber nicht, wie dieses Verderben behoben werden kann. Sie halten sich so weit wie möglich von der Verderbtheit ihrer Zeit fern, doch der gerade Weg der Frömmigkeit und des Glücks liegt nicht vor ihnen; daher können sie auch andere nicht dorthin rufen. Sie empfinden durchaus, dass ihnen der Weg der Unterwerfung und des Gehorsams nicht unmittelbar bekannt ist und dass sie keine Möglichkeit besitzen, ihn zu erkennen.

Menschen dieser Art verehrten vor dem Erscheinen des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, aus Abneigung gegen die Götzenreligion der Quraisch auf eigene Weise Allah und lehnten sich reuevoll an die Wand der Kaʿba mit den Worten: „O Allah! Wir kennen die Art und Weise, wie wir Dich verehren sollen, nicht. Sonst würden wir Dich auf diese Weise verehren.“

Unter ihnen gab es auch Dichter von hoher Gesinnung. Ihre Dichtkunst unterschied sich so sehr von der allgemein verbreiteten, sinnlichen und (unleserliches Wort, S. 67) Dichtung ihrer Zeit, dass der Prophet selbst, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, sie nach dem Hören ihrer Gedichte lobte: „Sie standen dem Muslimwerden nahe.“ Unter ihnen gab es auch Redner, deren Reden noch heute vorhanden sind. Wer sie liest, kann erkennen, dass sie an die Tür der Wahrheit klopften, auch wenn sie sie nicht öffnen konnten. Unter ihnen waren furchtlose Männer wie Waraqa ibn Nawfal, ʿAbdullah ibn Jaḥsch, ʿUthmān ibn Ḥuwairith und Yazīd ibn ʿAmr ibn Nufail. Sie sagten offen: „Es ist eine törichte und sinnlose Handlung, dass wir uns vor einem Stein verbeugen, der weder hören noch sehen, weder schaden noch jemandem nützen kann.

Diese Menschen suchten die Wahrheit, doch in ihrer Zeit war die vollständige Wahrheit nicht vorhanden. Daher waren sie auf einen Mann angewiesen, der mit der Wahrheit kam und sie führen würde. Als der Prophet, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, erschien und die Stimme der Wahrheit erhob, versammelten sich alle Wahrheitssucher seiner Zeit um ihn. Sie kannten den Geschmack der Wahrheit; deshalb fiel es ihnen nicht schwer, sie zu erkennen. Jedes Wort des Propheten erschien ihnen wie ein Wort aus ihrem eigenen Herzen. Sie konnten leicht zwischen einem schlichten, aufrichtigen Menschen und einem Lügner unterscheiden. Nachdem sie seinen reinen Charakter gesehen hatten, kam ihnen nicht einmal der Gedanke, dass dieser Mann lügen könnte. Schon an seinem Ruf und seinem Gesicht erkannten sie sein Prophetentum und riefen:رَبَّنَا إِنَّنَا سَمِعْنَا مُنَادِيًا يُنَادِي لِلْإِيمَانِ أَنْ آمِنُوا بِرَبِّكُمْ فَآمَنَّا„O unser Herr! Wir haben den Ruf eines Rufers gehört, der zum Glauben einlädt: Glaubt an euren Herrn! Da haben wir geglaubt.“ (Sura Āl ʿImrān 3:193)

Da diese Menschen auf die Wahrheit gewartet hatten, verfielen sie nach ihrem Erreichen nicht in Streit. Vielmehr war ihr Zustand danach wie der eines Menschen, der nach langer Zeit einen verlorenen Freund wiederfindet.وَإِذَا سَمِعُوا مَا أُنْزِلَ إِلَى الرَّسُولِ تَرَى أَعْيُنَهُمْ تَفِيضُ مِنَ الدَّمْعِ مِمَّا عَرَفُوا مِنَ الْحَقِّ يَقُولُونَ رَبَّنَا آمَنَّا فَاكْتُبْنَا مَعَ الشَّاهِدِينَ„Wenn sie hören, was zum Gesandten herabgesandt wurde, siehst du ihre Augen von Tränen überströmen, weil sie die Wahrheit erkannt haben. Sie sagen: Unser Herr, wir glauben; so schreibe uns unter die Bezeugenden ein.“ (Sura al-Māʾida 5:83)

Zweitens besteht der andere Grund ihrer Zerstreuung und Unorganisiertheit darin, dass die Wahrheit zwar vor ihnen vorhanden sein kann und sie für das Verständnis ihrer Forderungen und Pflichten nicht auf das Erscheinen eines Propheten oder die Herabsendung eines Buches angewiesen sein müssen, ihnen aber ein Führer fehlt, der ihre zerstreuten Kräfte auf einen Weg lenken kann. In einer Gesellschaft, die von der Jāhilīya wie von tiefer nächtlicher Finsternis bedeckt ist, besitzt nicht jeder, der trotz dieser verdorbenen Umgebung den rechten Weg kennt, die Fähigkeit, selbst vorzutreten und die Führung der Karawane und des Volkes zu übernehmen.

Menschen, die nach Imāmat und Führung dürsten, treten, obwohl sie zweifellos blind sind, zur Führung anderer vor. Die frommen Menschen dagegen, die sich der guten und schlechten Seiten sowie der Vor- und Nachteile der Führung sehr bewusst sind, versuchen, sich dieser großen Verantwortung nach Möglichkeit zu entziehen. Aus Gottesfurcht und Verantwortungsbewusstsein beurteilen sie zunächst sich selbst mit großer Gerechtigkeit. Wenn sie sich dabei verschätzen, geschieht dies nicht bewusst. Sie versuchen niemals, die Waagschale zu ihren Gunsten zu neigen; aus größter Vorsicht schätzen sie sich vielmehr geringer ein, als es ihrer wirklichen Befähigung entspricht. Sich selbst unterhalb der eigenen tatsächlichen Befähigung einzuschätzen, ist eine notwendige Forderung von Vorsicht und Taqwā. Unfähige und untaugliche Menschen sind in Politik und Führung so gierig, wie geeignete und fähige Menschen davor zurückschrecken.

Wir kennen die ausführlichen Berichte darüber, wie Abū Bakr aṣ-Ṣiddīq und ʿUmar al-Fārūq, Allahs Wohlgefallen sei auf ihnen beiden, in der Saqīfa der Banū Sāʿida versuchten, die Übernahme der Verantwortung des Kalifats zu vermeiden. Ebenso wissen wir, wie in der Zeit nach dem rechtgeleiteten Kalifat ungeeignete und habgierige Menschen deshalb gegeneinander kämpften und Blut vergossen. Gottesfürchtige Menschen bemühen sich nach Kräften, dass andere die Führung übernehmen, statt selbst voranzutreten. Diese Haltung ist grundsätzlich wohltätig, hat jedoch eine bestimmte Grenze. Überschreiten sie diese Grenze, wird die Vorstellung persönlicher Frömmigkeit unter den Frommen so vorherrschend, dass eine gemeinschaftliche Bewegung zur Errichtung der Wahrheit unmöglich wird.

Die Diener Allahs, die die Bedeutung einer gemeinschaftlich geführten Bewegung wirklich verstehen, können einen solchen Zustand nicht hinnehmen. Sie wissen, dass die Forderungen der Religion der Wahrheit durch individuelle Handlungen und zerstreute, voneinander getrennte Bemühungen nicht erfüllt werden können. Wenn dieses Empfinden einen Menschen so stark erfasst, dass er es nicht länger unterdrücken kann, erhebt er sich allein mit Allah an seiner Seite und beginnt zum Kampf für die Errichtung der Religion aufzurufen.

Dieser Gebetsruf zieht die Menschen an, die auf das Gemeinschaftsgebet warten. Sie streiten nicht mit ihm und fragen nicht: „Warum hast du den Gebetsruf ausgerufen?“ Denn sie wissen, dass die Zeit dafür gekommen ist. Sie brennen auch nicht vor Neid und fragen nicht, warum er diese Aufgabe übernommen habe und nicht sie. Vielmehr sind sie ihm dankbar, weil er etwas getan hat, worauf sie gewartet hatten, während sie im Bett unruhig die Seite wechselten, aber nicht den Mut zum Aufstehen fanden.

Sie halten es auch nicht für notwendig zu prüfen, ob dieser Mann ein vollkommen gottesfürchtiger, jede Nacht betender Asket ist. Sie wissen, dass alle nächtlichen Beter und vollkommen Gottesfürchtigen schlafen und dass gerade diesem Mann die Fähigkeit gegeben wurde, die Pflicht seiner Zeit zu erkennen. Sie fragen auch nicht, ob er morgen die Aufgabe von heute ebenso erfüllen kann. Sie hoffen vielmehr, dass er auch morgen die Aufgabe erfüllen können wird, so wie er die heutige vollbracht hat. Sollte ihm diese Fähigkeit fehlen, wird Allah für die Aufgabe des nächsten Tages einen anderen Diener aufstellen.

Welchem Stamm gehört er an? An welcher Bildungseinrichtung hat er einen Abschluss erworben? Wie war seine Vergangenheit? Diese Fragen sind ihnen nicht wichtig. Denn die Wahrheit ist kein ererbtes Eigentum irgendeiner Gruppe oder Bildungseinrichtung. Wer die Pflicht der Gegenwart erkannt hat, hat keine Zeit, die Knoten der Vergangenheit zu lösen. Menschen von solcher reiner Gesinnung, die schon lange den Wunsch hegen, das Wort der Wahrheit zu erhöhen, finden in der zeitgemäßen Daʿwa Heilung für ihre Schmerzen. Deshalb nehmen sie diese Daʿwa unverzüglich an und machen sich eifrig daran, sie bis zum Tor des Erfolgs zu führen.

In dieser Gruppe finden sich Menschen jeder Art: reich und arm, gebildet und ungebildet, aus der Stadt und vom Land, jung und alt, Männer und Frauen. Doch keiner von ihnen ist sittlich von niedrigem Rang. Jeder besitzt an seinem Platz aufgrund seiner Eigenschaften schon zuvor eine angesehene Stellung und gilt in seinem Umfeld als vertrauenswürdig.

Der Verkünder der Wahrheit muss keine umfassende Mühe aufwenden, um diese Menschen zu sammeln. Sie fühlen sich selbst von allen Orten angezogen und versammeln sich um ihn. Er sucht sie nicht; sie finden ihn. Sie sind durstig. Daher erwarten sie nicht, dass der Strom des Flusses zu ihnen kommt, sondern überqueren Wüsten und Berge und gelangen selbst zur Wasserquelle. Das reine Öl ihrer Natur ist bereit, sich zu entzünden, noch bevor es das Feuer berührt; sobald sie das Streichholz sehen, flammt es auf.

Sie verlangen keine Wunder und fragen nicht nach Namen, Abstammung oder Stammbäumen. Sie beginnen keine sinnlosen Debatten und häufen keine spitzfindigen Beweise an. Sie prüfen nur, ob das, wohin der Verkünder ruft, wahr ist und ob er selbst diesen Weg beschreitet. Sobald sie davon überzeugt sind, folgen sie ihm mit voller Hingabe. Aus Angst vor einer möglichen künftigen Gefahr erklären sie eine gegenwärtige Wirklichkeit nicht zur Lüge. Sie sind überzeugt, dass das Wissen, durch das sie heute Wahrheit und Falschheit unterscheiden und die Wahrheit annehmen, ihnen auch morgen zur Unterscheidung dienen wird. Wenn sie erkennen, dass der Weg des Verkünders an irgendeiner Stelle vom Hauptweg der Wahrheit abweicht, lösen sie dort ihre Verbindung zu ihm, bewahren ihr Ziel vor Verunreinigung und setzen ihre Reise auf dem Weg der Wahrheit fort.

2. Die besten Nachfolger

Die zweite Gruppe unter denjenigen, die die Daʿwa der Wahrheit annehmen, sind die besten Nachfolger, also jene, die nach dem Vorbild der vorangehenden Gruppe zur Wahrheit voranschreiten. In Verstand, Charakter und Sittlichkeit stehen sie nicht auf derselben Stufe wie die Vorangehenden. Daher können sie aus eigener Initiative keinen großen Schritt unternehmen und fürchten sich, einen neuen Weg einzuschlagen. Ihnen fehlt die Fähigkeit zur Führung.

Deshalb beeinflussen der Mut und die Tapferkeit derjenigen, die vor ihnen den Islam angenommen haben, sie stärker als die geistige und beweiskräftige Stärke der Daʿwa der Wahrheit. Wenn sie sehen, dass eine Daʿwa der Wahrheit erscheint, einige Menschen mutig vorangehen, sie annehmen, mit ihr weiterziehen, jede Gefahr für ihre Verbreitung in der Welt auf sich nehmen und auch künftig dazu bereit sind, berührt dies ihr Herz. Sie beginnen dann, ihre eigene Kraft und ihren Mut zu prüfen, um sie zu unterstützen.

Ihre Fähigkeiten und Hindernisse sind verschieden; deshalb dauert dieser innere Kampf eine gewisse Zeit. Doch wenn sie die unablässigen Bemühungen der Verkünder sowie deren Geduld und Standhaftigkeit angesichts der Gefahren sehen, klärt sich schließlich auch die Farbe ihrer Herzen. Mutig treten sie nacheinander aus der Falschheit heraus und schließen sich der Wahrheit an.

Obwohl diese Menschen nach dem Vorbild der Vorangehenden Unterstützer der Daʿwa der Wahrheit werden, unterstützen sie sie, sobald sie sich entschieden haben, vollständig. Sie zeigen weder Schwäche, Zweifel, Feigheit, seelische Schwäche noch Nifāq. Denn auch wenn sie geistig und sittlich nicht zur ersten Reihe gehören, besitzen sie die entwickelte Persönlichkeit der zweiten Reihe.

Wegen der Schwäche ihres Selbstbewusstseins werden sie zwar von der Jāhilīya ihrer Zeit beeinflusst, doch das Bewusstsein der Wahrheit in ihnen stirbt nicht völlig. Deshalb ziehen sie den Wagen der falschen Ordnung, solange sie ihn noch ziehen, unter Mühe und Unruhe weiter und empfinden tief im Herzen Achtung vor der Wahrheit. Ihre Verbindung zur falschen Ordnung wird bald enger, bald weiter, reißt jedoch niemals vollständig ab.

Sicherlich besitzen sie nicht die Fähigkeit, ihre Umgebung durch Kampf zu verändern. Deshalb müssen sie sich mit der Jāhilīya-Ordnung ihrer Zeit zufriedengeben. Tief in dieser Zufriedenheit bleibt jedoch ein Schmerz verborgen. Wenn eine Daʿwa der Wahrheit vor sie tritt, kommt dieser Schmerz zum Vorschein. Wächst die Qual über die Grenze ihrer Erträglichkeit hinaus, schreiten sie mutig auf dem Weg voran, den sie einige wahrheitsliebende Menschen beschreiten sehen.

Da sie aus eigenem Willen kommen, nicht unter dem Druck anderer, und ihr Schritt ihrer eigenen Furchtlosigkeit entspricht, nicht einem verborgenen Eigennutz, besitzen sie einen Vorrat an Einsicht und Weitblick. Dieser bewahrt ihren Glauben in späteren Stufen und in Zeiten der Gefahr und lässt sie auch bei den größten Prüfungen nicht straucheln.

Der Verkünder der Wahrheit muss sich erheblich bemühen, diese Menschen zur Wahrheit zu ziehen. Wie bereits gesagt, sind sie geistig nicht so weit voraus, dass sie die Wahrheit ohne ein praktisches Beispiel erfassen könnten, und sittlich nicht so entwickelt, dass sie ohne weiteres bereit wären, sie zu unterstützen. Wegen dieser beiden Schwächen muss der Verkünder einige Zeit mit ihnen ringen.

Zunächst müssen sie die Wahrheit klar vor Augen geführt bekommen, sodass keine ihrer Seiten unverständlich bleibt. Die Zweifel in ihrem Herzen müssen beseitigt werden; ebenso muss man, soweit möglich, jene Zweifel ausräumen, die andere in ihnen hervorrufen könnten. Ihr Herz soll geistig vollkommen von der Wahrheit der Daʿwa überzeugt werden. Danach müssen ihnen zur Stärkung ihres sittlichen Mutes Beispiele entschlossener und heldenhafter Taten vor Augen gestellt werden. Diese Beispiele stärken ihre innere Kraft, beseitigen Sorge und Zweifel und zeigen ihnen auch unter widrigen Umständen den Weg der Wahrheit. So werden sowohl ihr Verstand als auch ihr Herz vollkommen lebendig und wach. Wenn Allahs Beistand sie unterstützt, werden sie bereit, auf dem Weg der Wahrheit zu gehen.

3. Die Gruppe der Schwachherzigen und Munāfiqūn

Wir fassen die Schwachherzigen und die Munāfiqūn nur wegen ihrer äußeren Ähnlichkeit in eine Gruppe. Hinsichtlich Absicht und Ziel sind sie jedoch zwei verschiedene Gruppen. Deshalb wollen wir ihre Eigenschaften und Besonderheiten kurz und getrennt erörtern.

Mit Schwachherzigen sind Menschen gemeint, die die Wahrheit nach reiflicher Überlegung annehmen und auch beabsichtigen, ihr Leben danach zu führen, deren Wille und Entschlusskraft jedoch schwach sind. Trotz ihrer aufrichtigen Absicht schreiten sie daher unsicher auf dem Weg der Wahrheit voran und gehen von Stolpern zu Stolpern. Sie fallen immer wieder und stehen wieder auf. Doch jedes Aufstehen nach einem Fall geschieht erneut, um auf dem Weg der Wahrheit weiterzugehen. Es geschieht nicht, dass sie nach einem Sturz überhaupt nicht mehr aufstehen oder nach dem Aufstehen statt des Weges der Wahrheit den Weg der Falschheit einschlagen.

Sie erkennen ihre Fehler an, schämen sich ihrer und bereuen sie. Durch ständige Reue und Bitte um Vergebung bemühen sie sich, diese Scham zu überwinden. Hinsichtlich ihrer Gesinnung und Absicht stehen sie nicht auf einer niedrigeren Stufe. Daher finden sich unter ihnen gute Menschen, die bereits im ersten Augenblick der Daʿwa den Mut zu ihrer Annahme besitzen, deren Willensschwäche sich aber in den Prüfungen zeigt und die von Anfang bis Ende jeder Art von Ausbildung und Verbesserung bedürfen. In der Sura at-Tawba wird auf solche Menschen hingewiesen:وَآخَرُونَ اعْتَرَفُوا بِذُنُوبِهِمْ خَلَطُوا عَمَلًا صَالِحًا وَآخَرَ سَيِّئًا عَسَى اللَّهُ أَنْ يَتُوبَ عَلَيْهِمْ إِنَّ اللَّهَ غَفُورٌ رَحِيمٌ„Und es gibt andere, die ihre Sünden eingestanden haben. Sie haben eine gute Tat mit einer anderen, schlechten Tat vermischt. Vielleicht wird Allah ihre Reue annehmen. Allah ist wahrlich vergebend und barmherzig.“ (Vers 102)

Um in diesen Menschen Mut und Standhaftigkeit zu entwickeln, muss man die Ursachen ihrer schwachen Entschlusskraft und ihres schwachen Willens sorgfältig untersuchen und beseitigen. Wenn diese Ursachen auf seelischer oder geistiger Ebene liegen, müssen sie über Allahs besondere Eigenschaften, Seine Macht und Kraft, Seine Weisheit und Seine festgelegten, wohlbegründeten Ordnungen unterrichtet werden. Nach diesen Ordnungen verfährt Er mit den Menschen, die mit Ihm voranschreiten.

Wenn sie von weltlicher Gier und Begehrlichkeit erfüllt sind, muss man sie daran gewöhnen, auf Allahs Weg ihr Vermögen auszugeben; dann kann diese Krankheit geheilt werden. Wenn ihre Liebe zum Leben und ihre Todesfurcht übermäßig stark sind, muss man ihnen das sichere Kommen des Todes und das gute Ende der Menschen der Wahrheit klar vor Augen führen.

Die Menschen dieser Stufe nutzen die Möglichkeiten zu Bildung und Erziehung. Wegen ihrer Willensschwäche machen sie zwar nur langsam Fortschritte, bleiben aber nicht an einem Ort stehen. Vielmehr bemühen sie sich, aus den Möglichkeiten der Ausbildung Nutzen zu ziehen und voranzuschreiten. Über solche Menschen heißt es:خُذْ مِنْ أَمْوَالِهِمْ صَدَقَةً تُطَهِّرُهُمْ وَتُزَكِّيهِمْ بِهَا وَصَلِّ عَلَيْهِمْ إِنَّ صَلَاتَكَ سَكَنٌ لَهُمْ وَاللَّهُ سَمِيعٌ عَلِيمٌ„Nimm von ihrem Besitz eine Almosengabe, durch die du sie läuterst und reinigst, und bete für sie. Dein Gebet ist eine Beruhigung für sie. Allah ist allhörend und allwissend.“ (Sura at-Tawba 9:103)

Die Munāfiqūn folgen der Daʿwa der Wahrheit nur bis zur Grenze des mündlichen Bekenntnisses; ihre Herzen jedoch hängen an der Falschheit. Manchmal schließen sie sich der Wahrheit nur unter dem Einfluss einer vorübergehenden Wirkung an. Sobald darauf Hindernisse und Prüfungen folgen, bereuen sie ihren Fehler, die Wahrheit angenommen zu haben, und wollen dorthin zurückkehren, woher sie gekommen sind. Nur aus einer künstlichen Scham heraus bleiben sie gezwungen an die Wahrheit gebunden.

Manchmal treten sie mit schlechten Absichten in das Lager der Wahrheitsanhänger ein und wenden sich der Wahrheit zu, um eine Gelegenheit zur Entfachung von Streit und Unordnung zu suchen. Nur zum Schein zeigen sie sich der Wahrheit gegenüber mitfühlend und wohlwollend, arbeiten in Wirklichkeit aber als Agenten der Feinde. Manchmal lassen sie sich vom wachsenden Einfluss der Wahrheit beeindrucken und wollen aus weltlichen Interessen eine gewisse äußere Verbindung zu ihr aufrechterhalten.

Aus diesem und ähnlichen Gründen bekennen sie sich mit dem Mund zur Wahrheit und bemühen sich, dieses Bekenntnis so weit wie möglich fortzusetzen. Doch bei jedem Schritt enthüllen ihre Irrtümer und schlechten Taten ihr wahres Gesicht.

Durch diese Gruppe wird die Arbeit des Verkünders der Wahrheit am stärksten geschädigt. Die Munāfiqūn, die sich hinter den Kulissen als wohlwollende Unterstützer der Wahrheit darstellen, sind für die Bewegung der Wahrheit gefährlicher als jede Gruppe ihrer Gegner. Sie geben sich als Angehörige aus, arbeiten aber für die Ziele anderer, und zwar so kunstvoll und vollkommen, dass niemand sonst es ebenso tun könnte.

Sie verbreiten unter den Menschen unzählige falsche Vorstellungen über die Daʿwa und ihren Verkünder. Weil man sie für Angehörige der eigenen Gruppe hält und sie alles mit dem Anschein von Aufrichtigkeit und Anteilnahme sagen, werden die Menschen Opfer ihrer Verwirrung. Sie bemühen sich ständig, innerhalb der Organisation Spaltungen zu erzeugen, und bewahren jeden Funken sicher auf, damit sie ihn bei passender Gelegenheit anfachen und das Feuer von Streit und Unordnung entzünden können.

Innerhalb der Organisation spielen sie die Rolle von Agenten der feindlichen Kräfte. Um ihre Ziele zu erreichen, veranstalten sie ständig Zusammenkünfte und verbreiten, diese dienten dem Dienst an der Wahrheit. Um die Wahrheit zu bekämpfen, verschwören sie sich stets mit ihren Feinden, behaupten aber öffentlich, all dies geschehe zum Wohl der Wahrheit.

Jede Aussage, die den Eifer und die Begeisterung der Wahrheitsanhänger brechen könnte, gefällt ihnen, und sie verbreiten sie mit besonderem Vergnügen. Dagegen bereitet ihnen jedes Wort, das die Kraft und den Mut der Wahrheitsanhänger stärkt, Sorge und Verzweiflung. Auf dem Weg der Wahrheit sehen sie Schritt für Schritt nur Gefahren. Unter dem Vorwand des Wohls der Organisation bemühen sie sich ständig, die Angst vor diesen Gefahren in jedes Herz einzupflanzen.

Um ihre eigene Feigheit zu verbergen, versuchen sie durch verschiedene Intrigen, die Gefühle, den Eifer, den Heldenmut und die Bereitschaft anderer zum Opfer zu unterdrücken. Der Sieg der Wahrheit wird für sie zum Grund der Verzweiflung; in den Tiefen der Zukunft sehen sie für die Wahrheit nichts als Gefahr und Untergang. In praktischer Hinsicht stehen sie bei null. Deshalb greifen sie innerhalb der Organisation zu haltlosen Behauptungen, falschen Schwüren und Verleumdung, um ihren Hochmut zu bewahren.

Jeden Erfolg der Wahrheit betrachten sie mit Hass. Wenn – Allah bewahre – eine Gefahr über die Wahrheitsanhänger kommt, empfinden sie in ihrem Herzen Trost. Da diese Gruppe absichtlich Unordnung, Zwietracht und Aufruhr verbreitet, besitzt sie nur sehr wenig Fähigkeit, Verbesserung anzunehmen.

Nur diejenigen unter ihnen, die durch eine vorübergehende Unachtsamkeit und Nachlässigkeit Opfer der heimtückischen Intrigen anderer geworden sind und eine heuchlerische Tat begangen haben, nehmen einen Verbesserungsprozess an. Wenn ihnen die wirkliche Wahrheit klar wird, schämen sie sich gewiss ihrer Fehler, bereuen sie und bemühen sich, ihre Sichtweise zu korrigieren.

Diejenigen jedoch, die schlechte Taten zu ihrer Religion machen und in diesem Beruf vollständig erfahren und geschickt werden, vereiteln jeden Versuch ihrer Verbesserung und sind nicht bereit, ihre Sichtweise auch nur geringfügig zu ändern.

Bei solchen Menschen besteht die Vorgehensweise des Verkünders der Wahrheit darin, die Organisation mit allen Mitteln vor ihrem Aufruhr zu schützen. Seine Methode ist, ihnen so lange offen den Aufenthalt innerhalb der Organisation zu gestatten, wie ihre Ausbildung, Erziehung und innere Reinigung zu einem Mittel für die Ausbildung, Erziehung und innere Reinigung der Organisation gemacht werden können. Sobald dieser Zweck erfüllt ist, müssen sie unverzüglich aus der Organisation entfernt und von ihr getrennt werden. Danach darf keinerlei Verbindung zwischen ihnen und der Organisation fortbestehen.

15

Die Phasen der Daʿwa zur Wahrheit

Um gewöhnlich bis zum letzten Ziel des Erfolgs zu gelangen, muss jede Einladung zur Wahrheit drei Stufen durchlaufen: Daʿwa, Hidschra und Dschihad. „Gewöhnlich“ ist dabei besonders zu beachten; nicht jede Daʿwa muss notwendigerweise alle drei Stufen durchlaufen. Im Zeitalter der Demokratie kann unter Umständen bereits die erste Stufe zum Erfolg führen. Die Menschen kennen heute vor allem die Revolutionen Europas, Amerikas, Russlands und der Türkei. Deshalb glauben sie, jede Bewegung müsse dieselben Entwicklungsstufen durchlaufen und die bei jenen Revolutionen erprobten Methoden seien allgemein anwendbar. Das ist ein Irrtum, der nur daraus entsteht, dass ihnen kein Beispiel einer Revolution nach islamischer Methode bekannt ist. Die von den Propheten und ihren wahrhaftigen Nachfolgern herbeigeführten Veränderungen unterscheiden sich grundlegend von weltlichen Revolutionen. Um diesen Irrtum zu beseitigen, sollen hier die Besonderheiten und Anforderungen jeder Stufe kurz erläutert werden.

Erste Stufe – Daʿwa
Die erste Stufe ist die Stufe der Daʿwa. Zuerst richtet sie sich an die Machthaber und führenden Kreise der Gesellschaft. Diese Menschen sind jedoch von ihrer Stellung überzeugt und in Vergnügen und Luxus versunken. Der Rufer weist auf allen Gebieten die Fehler der gegenwärtigen Denkweise, Moral, Politik und Gesellschaftsordnung hin und zeigt das Ende, dem ein falsches System unausweichlich entgegengeht. Äußerlich fährt der Wagen des Falschen jedoch schnell weiter, sodass Zeitgenossen nur schwer glauben, dass sein Inneres verfallen ist und er bald in einen Abgrund stürzen wird. Solange die äußeren Verhältnisse günstig erscheinen, ist es schwer, Unachtsame vor den inneren Schwächen eines Systems zu warnen. Sie erklären ihre eigenen Schwächen und Verfehlungen sogar zu Schönheit und Vollkommenheit und beschimpfen diejenigen als Narren, die sie tadeln.

Ihre Weltanschauung erkennt keine sittliche Grundlage für die Dinge an. Ihrer Ansicht nach ist die Welt entweder ein Zufallsprodukt oder kreist ausschließlich um die Macht. Darum erscheinen ihnen die Ratschläge und Ermahnungen des Rufers zur Wahrheit bedeutungslos. Die Stimme eines armen Rufers dringt kaum in die oberen Stockwerke ihrer hohen Gebäude. Wenn sie sie doch erreicht, tun sie so, als hätten sie sie nicht gehört, erklären sie für unzeitgemäß und bleiben ihrer Phantasie hingegeben. Sie erkennen weder Fehler in ihrem Denken noch in ihrer Lebensordnung und empfinden darin keine Leere. Wenn nach langem Rufen einer von ihnen aus seinem tiefen Schlaf erwacht und ein Wort des Rufers ihn berührt, hindern ihn entweder Hochmut und Stolz daran, die Wahrheit anzunehmen, oder die Folgen von Eigennutz und Egozentrik treiben ihn wieder zurück.

Menschen mit gesunder Natur werden von diesem Ruf jedoch beeinflusst. Sie wenden sich vom falschen zeitgenössischen System ab oder unterhalten wenigstens keine eigennützige Bindung mehr zu ihm. Sie schreiten vor, die Daʿwa der Religion anzunehmen. Die meisten sind wirtschaftlich schwach, streben nicht nach Führung und müssen keine Interessen verteidigen. Auch hängen sie nicht aus unbegründetem Traditionalismus am bestehenden Gesellschaftssystem. Von den Mitteln, die zu Unruhe und Verderben führen, sind sie weitgehend fern. Deshalb sind ihre Herzen nicht völlig tot; ein Rest von Leben bleibt darin, der durch einen kleinen Anstoß wieder erwachen kann. Unter ihnen treten zuerst junge, tatkräftige Menschen der Daʿwa bei.

Im Qurʾān wird über Mūsā, Friede sei mit ihm, berichtet, dass zuerst eine Gruppe junger Männer aus seinem Volk an ihn glaubte. Auch in der Daʿwa des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, zeigte sich dasselbe: Die meisten frühen Gläubigen waren jung. In ihren Adern fließt Begeisterung, und ihr Charakter besitzt Mut und Tapferkeit. Ihr feines Ehrgefühl ist von Natur aus wach und lässt sich leicht erwecken. Widerstand beeinflusst sie wenig, und persönlichen Vorteil schätzen sie gering. Sobald sie die Wahrheit einer Sache erkennen, achten sie nicht auf drohende Gefahren oder mögliche Verluste an Leben und Besitz. Sie nehmen die Wahrheit an, und bittere Erfahrungen kühlen ihren Eifer nicht ab, sondern entfachen ihn noch stärker.

Die Prüfungen der Wahrheitsanhänger in dieser frühen Stufe werden zunächst nicht von den Machthabern verursacht; diese schenken der Daʿwa und ihrem Rufer anfangs kaum Beachtung. Die Hindernisse entstehen im unmittelbaren Umfeld: zwischen Vater und Sohn, Mutter und Tochter, Bruder und Bruder, Onkel und Neffe, Ehemann und Ehefrau, Herr und Diener sowie Lehrer und Schüler. Ein Vater setzt alle milden und harten Mittel ein, um seinen Sohn von der Wahrheit abzuhalten: Er erinnert ihn an seine Rechte und früheren Erfahrungen, spricht von seiner Armut und seinem Alter, legt ihm seine Pflichten vor Augen, schildert einzeln die Gefahren des Weges, weint über das drohende Unglück der Familie und singt die Klage vom Ende aller Hoffnung. Schließlich droht er mit Ausstoßung aus dem Haus und mit dem Entzug des Vermögens. Das alles geschieht, damit der Sohn von seinem Entschluss zur Wahrheit abgebracht oder, falls er sie bereits angenommen hat, wieder zurückgedrängt wird. Die übrigen Verwandtschafts- und Abhängigkeitsverhältnisse verhalten sich ebenso. Jeder nutzt die Macht, die er über den anderen besitzt, und verlangt als Gegenleistung für seine angeblichen familiären, rechtlichen und moralischen Ansprüche, dass der Wahrheitsanhänger das von ihnen verehrte Falsche anbetet und zur Achtung ihrer Rechte gegen den höchsten Rechtinhaber, Allah, rebelliert.

Die Sura al-ʿAnkabūt beschreibt diese Hindernisse und Prüfungen und gibt zugleich grundlegende Weisungen zu ihrer Bewältigung. Allah prüft die Wahrheitsanhänger, damit offenbar werde, ob sie mit ihrer Behauptung wahrhaftig oder lügnerisch sind. Sie sollen deshalb nicht ungeduldig oder zweifelnd werden, sondern die Prüfung mit heiterem Gesicht und Geduld bestehen. Wenn sie diese Stufe durchschreiten, werden sie Erfolg haben.الم () أَحَسِبَ النَّاسُ أَنْ يُتْرَكُوا أَنْ يَقُولُوا آمَنَّا وَهُمْ لَا يُفْتَنُونَ () وَلَقَدْ فَتَنَّا الَّذِينَ مِنْ قَبْلِهِمْ فَلَيَعْلَمَنَّ اللَّهُ الَّذِينَ صَدَقُوا وَلَيَعْلَمَنَّ الْكَاذِبِينَ„Alif-Lām-Mīm. Meinen die Menschen, sie würden in Ruhe gelassen, wenn sie sagen: ‚Wir glauben‘, und würden nicht geprüft? Wir haben bereits diejenigen vor ihnen geprüft. Allah wird gewiss die Wahrhaftigen erkennen und ebenso die Lügner erkennen.“ (Sura al-ʿAnkabūt 1–3)

Danach werden grundlegende Weisungen zu den Hindernissen gegeben, denen die Wahrheitsanhänger seitens ihrer Eltern begegnen. Diese Weisung gilt auch dort, wo die Gegner der Wahrheit den Eltern gleichgestellt sind.وَوَصَّيْنَا الْإِنْسَانَ بِوَالِدَيْهِ حُسْنًا وَإِنْ جَاهَدَاكَ لِتُشْرِكَ بِي مَا لَيْسَ لَكَ بِهِ عِلْمٌ فَلَا تُطِعْهُمَا„Wir haben dem Menschen aufgetragen, seinen Eltern Gutes zu tun. Wenn sie dich jedoch dazu drängen, Mir etwas beizugesellen, von dem du kein Wissen hast, dann gehorche ihnen nicht.“ (Sura al-ʿAnkabūt 8)

Das Recht Allahs steht über dem Recht der Eltern. Deshalb darf man bei der Gehorsamkeit gegenüber Allah die Einwände der Eltern nicht beachten. Auch den gefühlvollen Bitten der Eltern und ehrwürdigen Ältesten, wie sie gewöhnlich an junge Menschen gerichtet werden, ist damit geantwortet: „Folgt weiterhin unserem Rat. Wenn ihr ihn für falsch haltet, werden wir Strafe und Lohn auf uns nehmen; ihr müsst dafür keinerlei Verantwortung tragen.“وَقَالَ الَّذِينَ كَفَرُوا لِلَّذِينَ آمَنُوا اتَّبِعُوا سَبِيلَنَا وَلْنَحْمِلْ خَطَايَاكُمْ وَمَا هُمْ بِحَامِلِينَ مِنْ خَطَايَاهُمْ مِنْ شَيْءٍ إِنَّهُمْ لَكَاذِبُونَ(12)وَلَيَحْمِلُنَّ أَثْقَالَهُمْ وَأَثْقَالًا مَعَ أَثْقَالِهِمْ وَلَيُسْأَلُنَّ يَوْمَ الْقِيَامَةِ عَمَّا كَانُوا يَفْتَرُونَ„Die Ungläubigen sagen zu den Gläubigen: ‚Folgt unserem Weg, und wir werden eure Sündenlast tragen.‘ Doch sie werden nichts von deren Sündenlast tragen. Wahrlich, sie lügen. Sie werden gewiss ihre eigene Last tragen und weitere Lasten zu ihrer Last hinzu. Am Tag der Auferstehung werden sie gewiss über ihre Erfindungen befragt werden.“ (Sura al-ʿAnkabūt 12–13)

Nach diesen grundlegenden Weisungen werden die Beispiele der entschlossenen Propheten Nūḥ, Ibrāhīm und Lūt, Friede sei mit ihnen, angeführt. Aus ihrem praktischen Verhalten wird deutlich, welche Haltung ein Wahrheitsanhänger gegenüber dem Widerstand seiner engsten und liebsten Angehörigen einnehmen muss und wie er um der Wahrheit willen von familiärer Parteilichkeit unabhängig wird. Die drei engsten und liebsten Beziehungen sind die zum Sohn, zu den Eltern und zur Ehefrau. Nūḥ machte um der Wahrheit willen sein Herz gegenüber seinem geliebten Sohn hart. Ibrāhīm erklärte um der Wahrheit willen den Bruch mit seinem liebevollen und geehrten Vater. Lūt verließ um der Wahrheit willen seine geliebte Ehefrau. Wenn selbst solche Beziehungen um der Wahrheit willen aufgegeben wurden und Allahs aufrichtige Diener dies nicht bereuten, wie könnte man dann die übrigen Verwandtschaftsbeziehungen hervorheben?

Obwohl der Abbruch solcher Blutsbande bedeutet, den eigenen Haushalt mit eigener Hand zu verwüsten, füllt Allah den Haushalt dessen wieder, der bereit ist, um der Liebe zur Wahrheit willen alles einzusetzen. Was er verliert, ersetzt Allah ihm in dieser Welt vielfach; im Jenseits bereitet Er ihm unendliche Gnaden vor. Daher erwähnte Allah die Hidschra Ibrāhīms und sprach über seinen Lohn in den folgenden Worten:وَوَهَبْنَا لَهُ إِسْحَاقَ وَيَعْقُوبَ وَجَعَلْنَا فِي ذُرِّيَّتِهِ النُّبُوَّةَ وَالْكِتَابَ وَآتَيْنَاهُ أَجْرَهُ فِي الدُّنْيَا وَإِنَّهُ فِي الْآخِرَةِ لَمِنَ الصَّالِحِينَ„Und Wir schenkten ihm Isḥāq und Yaʿqūb und ließen in seiner Nachkommenschaft das Prophetentum und die Schrift bestehen. Wir gaben ihm seinen Lohn in dieser Welt, und im Jenseits gehört er gewiss zu den Rechtschaffenen.“ (Sura al-ʿAnkabūt 27)

Das Größte, was einen Menschen im Kampf gegen sein nahes Umfeld feige macht, ist wirtschaftliche Not. Um der Wahrheit willen liebevolle Beziehungen abzubrechen, ist bereits sehr mutig; doch selbst wenn jemand diese Hürde überwindet, scheint es ihm schwer, sich von einem Umfeld zu lösen, von dessen Mitteln er bisher abhängig war und dessen Außenwelt ihm völlig unbekannt ist. Um diesen Zweifel zu beseitigen, lehrt die Sura al-ʿAnkabūt, dass das Recht der Anbetung Allahs unter allen Umständen erfüllt werden muss, selbst wenn man dafür Haus und Besitz verlassen muss. Wer sein Haus aus Hingabe und Gehorsam gegenüber Allah leer zurücklässt, wird Allahs weite Erde nicht als eng empfinden. Stirbt er auf diesem Weg, erwarten ihn im Paradies unendliche Gnaden und Güter. Lebt er, warum sollte er sich sorgen, wovon er leben werde? Kein Geschöpf trägt seinen Unterhalt gebunden bei sich; dennoch lässt Allah ihn überall seinen Anteil an der Versorgung erreichen. Der Mensch besitzt bei Allah mehr Wert und Würde als die Tiere. Warum sollte Allah ihn am Ende ohne Versorgung lassen?يَا عِبَادِيَ الَّذِينَ آمَنُوا إِنَّ أَرْضِي وَاسِعَةٌ فَإِيَّايَ فَاعْبُدُونِ () كُلُّ نَفْسٍ ذَائِقَةُ الْمَوْتِ ثُمَّ إِلَيْنَا تُرْجَعُونَ () وَالَّذِينَ آمَنُوا وَعَمِلُوا الصَّالِحَاتِ لَنُبَوِّئَنَّهُمْ مِنَ الْجَنَّةِ غُرَفًا تَجْرِي مِنْ تَحْتِهَا الْأَنْهَارُ خَالِدِينَ فِيهَا نِعْمَ أَجْرُ الْعَامِلِينَ () الَّذِينَ صَبَرُوا وَعَلَى رَبِّهِمْ يَتَوَكَّلُونَ () وَكَأَيِّنْ مِنْ دَابَّةٍ لَا تَحْمِلُ رِزْقَهَا اللَّهُ يَرْزُقُهَا وَإِيَّاكُمْ وَهُوَ السَّمِيعُ الْعَلِيمُ () وَلَئِنْ سَأَلْتَهُمْ مَنْ خَلَقَ السَّمَاوَاتِ وَالْأَرْضَ وَسَخَّرَ الشَّمْسَ وَالْقَمَرَ لَيَقُولُنَّ اللَّهُ فَأَنَّى يُؤْفَكُونَ () اللَّهُ يَبْسُطُ الرِّزْقَ لِمَنْ يَشَاءُ مِنْ عِبَادِهِ وَيَقْدِرُ لَهُ إِنَّ اللَّهَ بِكُلِّ شَيْءٍ عَلِيمٌ„O Meine Diener, die ihr glaubt! Meine Erde ist weit. So dient allein Mir. Jede Seele wird den Tod kosten; danach werdet ihr zu Uns zurückgebracht. Diejenigen, die glauben und rechtschaffene Werke tun, werden Wir in den hohen Gemächern des Paradieses unterbringen, unter denen Bäche fließen; darin werden sie ewig bleiben. Wie trefflich ist der Lohn der Handelnden – derjenigen, die geduldig sind und auf ihren Herrn vertrauen. Wie viele Tiere gibt es, die ihre Versorgung nicht mit sich tragen! Allah versorgt sie und auch euch. Er ist der Allhörende, der Allwissende. Wenn du sie fragst, wer die Himmel und die Erde erschaffen und Sonne und Mond dienstbar gemacht hat, werden sie gewiss sagen: Allah. Wie lassen sie sich dann abwenden? Allah erweitert die Versorgung für wen Er will und bemisst sie, für wen Er will. Allah weiß gewiss über alle Dinge Bescheid.“ (Sura al-ʿAnkabūt 56–62)

Diejenigen, die sich im Kampf gegen ihr Umfeld als standhaft erweisen und um der Wahrheit willen ihre Bluts- und Stammesbindungen nicht berücksichtigen, suchen von Natur aus innige Beziehungen zu Menschen, die zwar nicht ihre Verwandten sind, aber in Denken und Handeln dieselbe Überzeugung teilen und wie sie um der Wahrheit willen mit ihrem Umfeld im Konflikt stehen. Der Mensch kann von Natur aus nicht allein leben. Wenn er seine früheren Beziehungen aufgibt, bemüht er sich daher mit aller Kraft, neue Beziehungen zu schaffen. Das ist ein natürliches Bedürfnis. Ohne dies ist eine gesunde Entwicklung seines Lebens nicht möglich. Je heftiger der Kampf der Wahrheitsanhänger gegen ihr nahes Umfeld wird, desto stärker werden ihre Beziehungen untereinander. Schließlich gewinnen sie in der Gesellschaft den Rang einer eigenen Gesellschaft und Familie und treten immer deutlicher als Organisation hervor. So beginnt auch das bestehende Gesellschaftssystem unter ihrem Einfluss zu stehen.

Wenn die Rufer zur Wahrheit diese Stufe erreichen, erkennen die bisherigen Machthaber, die ihnen keine Beachtung geschenkt hatten, dass das, was sie für Täuschung und Verrücktheit einiger weniger hielten, eine wichtige Wahrheit ist. Wenn sie nicht sofort handeln, gefährdet dies das von ihnen vertretene System und ihre gesamte Macht. Deshalb beginnen sie, die Daʿwa mit allen Mitteln zu bekämpfen und wahllose Unterdrückung auszuüben. Da sie von den Machthabern ausgeht, werden alle Methoden der Folter und Verfolgung angewandt: Wahrheitsanhänger wurden in brennende Feuer geworfen, durch Schwerthiebe zerstückelt, mit Sägen zerteilt, von wilden Tieren zerfleischt, auf heißen Wüstensand gelegt, in Gefängnisse eingesperrt und aus ihrer Heimat vertrieben. Obwohl die moderne Welt grundsätzlich die Gedankenfreiheit anzuerkennen beginnt, hat sich die Geschichte für die Träger einer Daʿwa, die jeden Lebensbereich aus der Herrschaft Satans unter Allahs Gehorsam bringen will, vermutlich noch nicht geändert. Wer der Wahrheit folgt, muss auch heute bereit sein, die schweren Prüfungen zu durchlaufen, die die Wahrheitsanhänger früher durchmachen mussten.أَمْ حَسِبْتُمْ أَنْ تَدْخُلُوا الْجَنَّةَ وَلَمَّا يَأْتِكُمْ مَثَلُ الَّذِينَ خَلَوْا مِنْ قَبْلِكُمْ مَسَّتْهُمُ الْبَأْسَاءُ وَالضَّرَّاءُ وَزُلْزِلُوا حَتَّى يَقُولَ الرَّسُولُ وَالَّذِينَ آمَنُوا مَعَهُ مَتَى نَصْرُ اللَّهِ أَلَا إِنَّ نَصْرَ اللَّهِ قَرِيبٌ„Meint ihr, ihr würdet einfach ins Paradies eintreten, obwohl euch noch nicht das widerfahren ist, was denjenigen widerfuhr, die vor euch dahingingen? Not und Bedrängnis trafen sie, und sie wurden so erschüttert, dass der Gesandte und die Gläubigen mit ihm sagten: ‚Wann kommt Allahs Hilfe?‘ Wahrlich, Allahs Hilfe ist nahe.“ (Sura al-Baqara 214)

Diese Zeit ist für die Wahrheitsanhänger sehr schwer. Wenn sie jedoch standhaft voranschreiten und trotz aller Unterdrückung durch die Machthaber an ihrer Daʿwa und ihren Überzeugungen festhalten, dringt ihre moralische Kraft sogar in die Herzen ihrer Gegner ein. Für ihre Organisation und Lehre entsteht in der zeitgenössischen Denk- und Ordnung so viel Raum, dass selbst Menschen, die nicht einmal den Namen dieser Daʿwa hören wollten, nach einem Mittelweg suchen, dem beide Seiten zustimmen und durch den der Streit beendet werden könnte. Über Grundsätze kann es jedoch keinen Kompromiss geben. So müssen die Wahrheitsanhänger neben der Gewalt der Machthaber auch deren falschen Kompromisswünschen widerstehen und beweisen, dass sie keinen Schritt von ihrer Lehre zurückweichen.وَإِذَا تُتْلَى عَلَيْهِمْ آيَاتُنَا بَيِّنَاتٍ قَالَ الَّذِينَ لَا يَرْجُونَ لِقَاءَنَا ائْتِ بِقُرْآنٍ غَيْرِ هَذَا أَوْ بَدِّلْهُ قُلْ مَا يَكُونُ لِي أَنْ أُبَدِّلَهُ مِنْ تِلْقَاءِ نَفْسِي إِنْ أَتَّبِعُ إِلَّا مَا يُوحَى إِلَيَّ إِنِّي أَخَافُ إِنْ عَصَيْتُ رَبِّي عَذَابَ يَوْمٍ عَظِيمٍ„Wenn ihnen Unsere klaren Zeichen verlesen werden, sagen diejenigen, die Unsere Begegnung nicht erwarten: ‚Bringe einen anderen Qurʾān als diesen oder ändere ihn.‘ Sprich: ‚Mir steht es nicht zu, ihn aus eigener Initiative zu ändern. Ich folge nur dem, was mir offenbart wird. Ich fürchte, dass mich, wenn ich meinem Herrn ungehorsam bin, die Strafe eines gewaltigen Tages trifft.‘“ (Sura Yūnus 15)

Um die Wurzeln dieses Wunsches der Anhänger des Falschen abzuschneiden, wurde durch den Propheten, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, die Lehre der Wahrheit erneut klar dargelegt, damit jede Möglichkeit eines Kompromisses beseitigt werde:قُلْ يَا أَيُّهَا النَّاسُ إِنْ كُنْتُمْ فِي شَكٍّ مِنْ دِينِي فَلَا أَعْبُدُ الَّذِينَ تَعْبُدُونَ مِنْ دُونِ اللَّهِ وَلَكِنْ أَعْبُدُ اللَّهَ الَّذِي يَتَوَفَّاكُمْ وَأُمِرْتُ أَنْ أَكُونَ مِنَ الْمُؤْمِنِينَ () وَأَنْ أَقِمْ وَجْهَكَ لِلدِّينِ حَنِيفًا وَلَا تَكُونَنَّ مِنَ الْمُشْرِكِينَ„Sprich: O Menschen! Wenn ihr über meine Religion im Zweifel seid, dann wisset: Ich diene nicht denen, denen ihr anstelle Allahs dient, sondern ich diene Allah, der euch sterben lässt. Mir wurde befohlen, zu den Gläubigen zu gehören. Und: Richte dein Gesicht aufrichtig auf die Religion und gehöre keinesfalls zu den Götzendienern.“ (Sura Yūnus 104–105)

Ein solcher Kompromissvorschlag beeinflusst manchmal auch einzelne Wahrheitsanhänger. Unter dem Einfluss einer falschen Vorstellung sehen sie schon in einem milden oder begrenzten Kompromiss das Gute. Gegen diese Schwäche wurde folgende Weisung gegeben:فَلَعَلَّكَ تَارِكٌ بَعْضَ مَا يُوحَى إِلَيْكَ وَضَائِقٌ بِهِ صَدْرُكَ أَنْ يَقُولُوا لَوْلَا أُنْزِلَ عَلَيْهِ كَنْزٌ أَوْ جَاءَ مَعَهُ مَلَكٌ إِنَّمَا أَنْتَ نَذِيرٌ وَاللَّهُ عَلَى كُلِّ شَيْءٍ وَكِيلٌ ()أَمْ يَقُولُونَ افْتَرَاهُ قُلْ فَأْتُوا بِعَشْرِ سُوَرٍ مِثْلِهِ مُفْتَرَيَاتٍ وَادْعُوا مَنِ اسْتَطَعْتُمْ مِنْ دُونِ اللَّهِ إِنْ كُنْتُمْ صَادِقِينَ () فَإِلَّمْ يَسْتَجِيبُوا لَكُمْ فَاعْلَمُوا أَنَّمَا أُنْزِلَ بِعِلْمِ اللَّهِ وَأَنْ لَا إِلَهَ إِلَّا هُوَ فَهَلْ أَنْتُمْ مُسْلِمُونَ () مَنْ كَانَ يُرِيدُ الْحَيَاةَ الدُّنْيَا وَزِينَتَهَا نُوَفِّ إِلَيْهِمْ أَعْمَالَهُمْ فِيهَا وَهُمْ فِيهَا لَا يُبْخَسُونَ„So sei standhaft, wie dir befohlen wurde, und auch diejenigen, die sich mit dir reuig Allah zugewandt haben. Überschreitet nicht das Maß. Er sieht vollkommen, was ihr tut. Neigt euch nicht den Ungerechten zu, sonst berührt euch das Feuer, und ihr habt außer Allah keinen Schutzherrn; dann wird euch nicht geholfen. Verrichtet das Gebet an den beiden Tagesrändern und zu Stunden der Nacht. Die guten Taten tilgen die schlechten. Dies ist eine Ermahnung für diejenigen, die Allahs gedenken. Sei geduldig; Allah lässt den Lohn der Rechtschaffenen nicht verlorengehen.“ (Sura Hūd 112–115)

Wenn die Wahrheitsanhänger diese Stufe erfolgreich durchlaufen, sich weder durch die Furcht vor den Gegnern noch durch deren Kompromissangebote beeinflussen lassen und ihre vollständige Daʿwa unverändert und furchtlos fortsetzen, ersinnen die Machthaber eine neue List. Sie versuchen nun, die Führer der Daʿwa durch Verlockungen zu gewinnen: Reichtum, hohe Führungsämter und volle Beteiligung an den zeitgenössischen Vorteilen. Als Gegenleistung verlangen sie nur eine Änderung an der Daʿwa, die ihre Ruhe und Bequemlichkeit stört.

Für die Wahrheitsanhänger ist diese glänzende Verlockung gefährlicher als frühere Bedrohungen. Als Imām Aḥmad ibn Ḥanbal wegen der Lehre von der Erschaffenheit des Qurʾān unter dem damaligen Herrscher grausam ausgepeitscht wurde, kümmerte er sich nicht darum. Berichten zufolge hätte selbst ein Elefant bei so vielen Schlägen laut aufgeschrien; doch aus dem Mund des Imams kam kein Laut. Als der Herrscher später vor seiner Standhaftigkeit nachgab, seine Politik änderte und anstelle der Peitsche Geschenke und Ehren über ihn ausschüttete, rief der Imam aus: Bei Allah, diese Belohnungen und Geschenke erscheinen mir schwerer als die Peitsche.

Diese Epoche ist für die Daʿwa der Wahrheit eine große Prüfung. Die weltlichen Vorteile sind oft härter und gefährlicher als die Schrecken des Todes. Große Führer zerbrechen eiserne Ketten mit einem einzigen Druck, tragen Ketten aus Gold und Silber jedoch aus übermäßiger Begierde wie Schmuck und denken nicht daran, sich davon zu befreien. Wer durch Gefahren nicht erschüttert wird, kann durch das Böse der Begierde leicht zerstreut werden.

Das beste Vorbild für diese Prüfung ist das Leben des Gesandten Allahs. Als Quraisch erkannte, dass er und seine Gefährten trotz härtester Verfolgung weder von der Daʿwa ablassen noch sie verändern würden, boten sie ihm Reichtum, die Ehe mit einer vornehmen Frau und die Führung des Volkes an, wenn er nur seine Daʿwa beende und die Religion der Vorfahren nicht antaste. Er antwortete nicht mit weltlichen Worten, sondern rezitierte Qurʾānverse, die den Zweck seiner Daʿwa eindringlich wiederholten. Dadurch verloren die Quraisch jede Hoffnung.

Wenn die Rufer zur Wahrheit auch diese Stufe mit Allahs Hilfe überwinden, erreicht die Daʿwa und die Darlegung des endgültigen Beweises ihren Höhepunkt. Menschen mit noch vorhandener moralischer Empfindung schließen sich offen den Wahrheitsanhängern an oder nehmen die Wahrheit innerlich an und warten auf eine günstige Gelegenheit, dies zu zeigen. Die Gegner dagegen, die alle Versuche zur Unterdrückung der Daʿwa erschöpft sehen, beschließen ihre vollständige Vernichtung. In dieser Lage wurde Ibrāhīm ins Feuer geworfen, Mūsā sollte getötet werden, ʿĪsā sollte gekreuzigt werden, und die Führer der Quraisch versammelten sich in Dār an-Nadwa. Sie erwogen Gefangenschaft, Verbannung und schließlich den gemeinsamen Mordanschlag, bei dem aus jedem Stamm ein Mann zuschlagen sollte, damit der Stamm Hāschim keine Rache nehmen könne.

Wenn die Sicherheit der Rufer zur Wahrheit im eigenen Volk nicht mehr gewährleistet ist, tritt die Daʿwa in die Stufe des Abbruchs der Beziehungen und der Hidschra ein.

Zweite Stufe – Abbruch der Beziehungen und Hidschra
Diese Stufe beginnt, wenn die Rufer zur Wahrheit aus ihrem Umfeld alle Menschen mit Fähigkeit gewonnen haben und nur noch ein wertloser Rest zurückbleibt: Die Geeigneten folgen der Wahrheit, während die Herzen der anderen völlig abgestorben sind und sie in Hass und Zorn das Äußerste erreichen. Wenn es unmöglich geworden ist, die Daʿwa fortzuführen, erklären die Wahrheitsanhänger den Abbruch ihrer Beziehungen und ziehen an einen Ort, an dem sie nach ihrer Überzeugung leben oder wenigstens im Glauben überleben können.

Bei den Propheten wurden Zeit und Ort der Hidschra durch Allah bestimmt, durch Traum oder Offenbarung. Allah ließ sie so lange in ihrem Volk bleiben, wie die Verkündigung und die Darlegung des endgültigen Beweises es erforderten. Ohne diese Erlaubnis durften sie ihr Volk nicht verlassen. Yūnus, Friede sei mit ihm, verließ sein Volk vor der bestimmten Zeit; deshalb missbilligte Allah dies und schickte ihn zurück, damit er seine Aufgabe vollende. Danach nahm die Mehrheit seines Volkes den Islam an.

Andere Rufer zur Wahrheit bestimmen den Zeitpunkt der Hidschra durch eigenes Idschtihād. Hidschra ist nicht für jede Daʿwa eine notwendige Bedingung, sondern hängt von Bedarf und Umständen ab. Solange die gesamte Daʿwa ohne entscheidendes Hindernis vorgetragen werden kann, ist die Auswanderung nicht erlaubt, selbst wenn das ganze Leben dafür verbraucht wird und niemand die Daʿwa annimmt. Yūsuf, Friede sei mit ihm, widmete sein ganzes Leben der Wahrheit; da der damalige König ihn nicht wirksam hinderte, blieb er bis zu seinem Tod bei seiner Aufgabe.

Gewöhnlicher Widerstand genügt ebenfalls nicht als Grund zur Hidschra. Eine Daʿwa, die sich von den herrschenden Denkweisen, Glaubensvorstellungen und sozialen und politischen Grundsätzen unterscheidet, wird naturgemäß auf Ablehnung und Unbekanntheit stoßen. Die Propheten blieben angesichts solchen Widerstands geduldig und standhaft. Erst wenn das Volk die Existenz der Wahrheitsanhänger nicht mehr duldet und ihre vollständige Ausrottung beschließt, dürfen sie den Abbruch erklären und auswandern. Kein Prophet wanderte aus, bevor sein Volk nicht Steinigung oder Vertreibung beschlossen hatte.

Die Hidschra der Propheten und Wahrheitsrufer ist nicht mit der Flucht eines Volkes vor der Unterdrückung eines anderen Volkes gleichzusetzen. Sie führt vom Falschen zur Wahrheit. Vor der Hidschra müssen deshalb zwei Dinge geprüft werden: der Zustand der Menschen, die man verlässt, hinsichtlich ihrer Fähigkeit, die Wahrheit anzunehmen, und der Zustand der Menschen, zu denen man auswandert, hinsichtlich ihrer Liebe zur Wahrheit. Wenn das bisherige Umfeld noch für die Aufnahme des Samens der Wahrheit geeignet ist, verdient es die größte Anstrengung zu seiner Verbesserung und Erziehung. Erst wenn nach gründlicher Prüfung keine Eignung mehr erkennbar ist, richtet man den Blick nach außen.

Auch der Ort der Hidschra wird durch Idschtihād bestimmt. Er muss im Hinblick auf Daʿwa und Ziel der Daʿwa geeignet sein. Das Auswanderungsland kann eine öde Wüste sein, wie bei Ibrāhīm im Hidschāz, oder fruchtbares, reiches Land, wie bei Mūsā in Syrien. Manchmal muss man das eigene Land verlassen; manchmal bereitet Allah in demselben Land einen geeigneten Ort, wie im Fall des Gesandten Allahs. Niemand kann am Anfang wissen, ob der Same der Wahrheit am Ort seiner Aussaat oder anderswo Frucht tragen wird. Die Rufer selbst sind nicht die endgültigen Richter darüber; Allah führt diejenigen, die um Seines Wohlgefallens willen mit wenig Reiseproviant aufbrechen. Wenn sie bereit sind, den Samen mit ihren Tränen und ihrem Blut zu bewässern, kann ihre Mühe nicht vergeblich sein.

Das Ziel der Hidschra ist nicht nur die Flucht vor Verfolgung. Erstens soll sie die geistigen und glaubensmäßigen Forderungen der Wahrheitsanhänger verwirklichen. Wer die Wahrheit innerlich angenommen hat, ist bereits seinem Entschluss nach ein Muhādschir. Er ist mit der bestehenden Gesellschaft unzufrieden und sucht eine gesunde Ordnung, in der er frei atmen kann. Die wirkliche Hidschra ist deshalb die Hidschra von Menschen, deren Körper und Geist beide ausgewandert sind; wer körperlich auswandert, dessen Herz aber am alten Ort bleibt, hat keine vollständige Hidschra vollzogen.

Zweitens soll die Hidschra die letzten Menschen mit noch lebendigem Herzen aufrütteln. Wenn die besten Menschen eine Gesellschaft, langjährige Beziehungen, Rechte, Häuser, Besitz und sogar die liebsten Freunde und Verwandten verlassen, ohne Hass, persönliche Wut oder Rachsucht, sondern mit Mitgefühl und Barmherzigkeit, kann jeder Mensch mit einem Rest von Wahrheitsgefühl davon berührt werden. Die Besten unter ihnen können schließlich ihre falsche Lebensweise nicht mehr ertragen und schließen sich denjenigen an, die ihr Leben für den wahren Weg hingeben. Die Hidschra ist gleichsam der letzte starke Weckruf an das Volk.

Drittens reinigt sie die Wahrheitsanhänger. Vor der Hidschra lassen sich die Aufrichtigen nur schwer von den Heuchlern unterscheiden. Viele verbergen innere Bindungen an Freunde, Verwandte oder Besitz. Die Hidschra wirkt hier wie ein Prüfstein und trennt das Gute vom Schlechten. Ihr Weg ist feiner als ein Haar und schärfer als ein Schwert; nur die wahrhaft Gläubigen und Aufrichtigen können ihn überschreiten.

Viertens ermöglicht sie die Ausbildung und Organisation der Wahrheitsanhänger in einer freien und reinen Umgebung. Dort können sie die Macht dem Falschen entreißen, eine rechtschaffene Zivilisation errichten und Verantwortung für die Führung der Welt übernehmen. Eine Umgebung, in der der Unglaube herrscht, ist dafür nicht geeignet. Die Daʿwa ist wie ein Same, der überall keimen kann, aber erst in freier Erde ohne den Schatten anderer Bäume seine natürlichen Möglichkeiten entfaltet.

Aus einer Hidschra, die diese Ziele und Bedingungen erfüllt, entstehen notwendige Folgen. Danach breitet sich die Daʿwa mit voller Kraft aus, weil das Wort der Wahrheit eine außergewöhnliche Fähigkeit zur Ausdehnung und zum Sieg besitzt. Sobald es von der Last des Falschen befreit und in fruchtbare Erde gesetzt wird, erwachen seine verborgenen Kräfte und es wächst zu einem großen Baum, in dessen Schatten Reisende Schutz finden und von dessen Früchten die Menschen essen.

Eine zweite Folge ist das schnelle oder schrittweise Verschwinden des Falschen. Das Falsche besitzt keine eigene Wurzel, keinen Anschluss an die menschliche Natur und keine Harmonie mit der Ordnung der Welt. Es lebt nur, solange es mit Teilen der Wahrheit vermischt oder von ihr getragen wird. Wenn die Wahrheitsträger aus einem solchen Körper fortziehen, ist dessen Zusammenbruch gewiss. Deshalb ließ Allah nach der Hidschra der Propheten ihren Völkern keinen langen Aufschub. Wenn die Gläubigen wenige waren, vernichtete Allah die Leugner durch eine himmlische oder irdische Strafe und gab den Gläubigen die Erde zum Erbe. Wenn die Gläubigen zahlreich genug waren, wurde ihnen befohlen, gegen das Falsche zu kämpfen, bis es sich der Wahrheit unterwarf.

Nach dieser Hidschra tritt die Daʿwa in die dritte Stufe ein: Dschihad und Krieg.

Dritte Stufe – Dschihad
Der Krieg beginnt erst, wenn Verkündigung, Zeugnis vor den Menschen und Hidschra abgeschlossen sind. Für den islamischen Krieg gelten notwendige Bedingungen. Solange sie nicht erfüllt sind, ist es den Wahrheitsanhängern nicht erlaubt, das Schwert zu ergreifen und auf der Erde Blut zu vergießen. Wer voreilig handelt, begeht eine verderbliche Tat und muss statt auf Lohn vielmehr auf Rechenschaft und Bestrafung wegen Verderbens auf der Erde gefasst sein.

Erste Bedingung: Denjenigen, gegen die Krieg erklärt werden soll, muss zuvor die Wahrheit vollständig verkündet werden. Nur Verteidigungs- und Abwehrkrieg bilden eine Ausnahme. Wer angegriffen wird, darf sich mit aller Kraft verteidigen; fällt er dabei, gilt er als Märtyrer. Wer den Angreifer tötet, wird nicht dafür bestraft; der Angreifer trägt vielmehr die doppelte Sünde, weil er einen verbrecherischen Angriff begangen und das Schwert eines Wahrheitsanhängers mit Blut befleckt hat.

Für einen Angriffskrieg gibt es zwei Wege der Verkündigung. Der erste ist die Verkündigung durch einen Propheten. Ein Prophet ist für die Darlegung des endgültigen Beweises das vollkommene Mittel. Allah stattet ihn mit allen erforderlichen Möglichkeiten aus. Er ist der beste Angehörige seines Volkes, besitzt höchste Abstammung, zeigt vor und nach seinem Prophetentum den reinsten Charakter und ist frei von Lüge, Verleumdung, Intrige, schlechtem Benehmen, Hochmut und Herrschsucht. Freunde wie Feinde bezeugen seine Vorzüge. Er verkündet die Daʿwa in klarster, allgemein verständlicher Sprache und macht sie selbst für die Kinder seines Volkes zugänglich. Seine Lehre ist in Wissen und Beweis so stark, dass Gegner ihr nicht antworten können. Unter seinem Unterricht und seiner Begleitung ändern sich die Menschen: Unterdrücker werden gerecht, Räuber rechtschaffen, Unzüchtige keusch, Trinker und Spieler gottesfürchtig. Der Gesandte lebt seine Lehre zuerst selbst vor, setzt ihre Regeln am vollständigsten um, verwirklicht sie in seinen Gefährten und zeigt auf Verlangen Wunder.

Wenn durch einen Propheten der endgültige Beweis vollständig dargelegt wurde, erhält die Nation keine weitere Frist. Entweder werden die wenigen Gläubigen herausgeführt und die Leugner durch eine himmlische oder irdische Strafe vernichtet, wie bei den Völkern Nūḥs, Ṣāliḥs und Schuʿaibs, oder die Gläubigen erhalten den Befehl, gegen die Leugner zu kämpfen, bis diese Allahs Religion annehmen und die Erde vom Falschen gereinigt ist. Der Gesandte Allahs wurde nach der vollständigen Darlegung des Beweises angewiesen, gegen die Leugner zu kämpfen. Der Gesandte ist Allahs Richter auf Erden; durch ihn soll die endgültige Entscheidung zwischen Wahrheit und Falschheit fallen.

Der zweite Weg ist die Verkündigung durch rechtschaffene Menschen. Sie können den endgültigen Beweis nicht so vollständig erbringen wie die Propheten und besitzen nicht deren außergewöhnliche Mittel und Unfehlbarkeit. Ihr Krieg dient deshalb nur der Herstellung von Gerechtigkeit und Frieden. Sie dürfen den politischen Einfluss derjenigen beseitigen, die Allahs Religion nicht annehmen und dadurch andere Diener Allahs schädigen könnten. Sobald dieses Ziel erreicht ist, müssen sie anhalten; jede Überschreitung macht sie vor Allah verantwortlich.

Nach dem Gesandten Allahs führten die Gefährten solche Kriege. Sie stellten den gegnerischen Völkern drei Möglichkeiten vor: den Islam anzunehmen und gleichberechtigte Mitglieder zu werden; als Untertanen des islamischen Staates eine bestimmte Abgabe zu entrichten und sich außer in persönlichen Rechtsfragen der islamischen Ordnung zu unterstellen; oder den Krieg anzunehmen. Dies war keine oberflächliche Daʿwa. Zur Zeit der Gefährten bestand bereits eine sichtbare islamische Gesellschaftsordnung, die durch ihr eigenes Leben zeigte, was der Islam im persönlichen und gemeinschaftlichen Bereich verlangt. Glauben, Handeln, Gesellschaft und Politik erschienen als Teile einer vollständigen Lebensordnung. Deshalb genügte ihre sichtbare Existenz, um die Menschen zur Unterordnung unter diese Ordnung aufzurufen.

Zweite Bedingung: Der Krieg muss unter der Führung rechtschaffener Menschen geführt werden. Der Zweck des islamischen Dschihad ist die Reinigung der Welt von Verderben, Unordnung und Verfälschung. Menschen, die selbst darin verstrickt sind, können diesen Krieg nicht führen. Das Schwert darf nur von jenen getragen werden, die an das Ziel des Dschihad vollständig glauben; ihr Kampf ist al-Dschihādu fī sabīlillāh, der Dschihad auf Allahs Weg. Wer ohne diesen Glauben Blut vergießt, begeht selbst Verderben und wird dafür zur Rechenschaft gezogen. Eine islamische Armee kann daher nicht aus Söldnern bestehen, sondern aus Menschen, die an den Islam glauben, für ihn kämpfen und für ihn sterben. Die Propheten bildeten vor dem Dschihad Gruppen aus rechtschaffenen Gläubigen, nicht aus bezahlten Kämpfern. Auch der Gesandte nahm die Hilfe von Menschen nicht an, die zwar aus Stammes- oder Nationalgefühl kämpfen wollten, aber nicht an das Ziel des Krieges glaubten.

Dritte Bedingung: Der Krieg muss unter einem tatsächlich herrschenden und maßgebenden Amir geführt werden. Seine rechtmäßige Autorität über die Gemeinschaft muss bestehen; er muss die Scharia durchsetzen können und darf keiner Macht außer Allah unterstehen. Kein Prophet erklärte den Krieg, bevor er mit seinen Anhängern in ein freies Gebiet ausgewandert, organisiert und politisch gefestigt war. Auch spätere Erneuerer, etwa Sayyid Aḥmad Schahīd und Maulānā Ismāʿīl Schahīd, errichteten zuerst einen unabhängigen Staat und setzten in ihrer Gemeinschaft die Regeln der Scharia um.

Allah billigt nicht den Sturz eines falschen Systems, wenn nicht die Aussicht besteht, dass an seiner Stelle eine gerechte Ordnung errichtet wird. Anarchie ist unnatürlich und der menschlichen Natur so entgegengesetzt, dass sogar ein ungerechtes System ihr vorgezogen werden kann. Eine unbekannte, unorganisierte Gruppe ohne bewährte Führung, ohne erprobte Loyalität und ohne Fähigkeit, an die Stelle des gestürzten Systems eine geordnete Ordnung zu setzen, darf keinen bewaffneten Dschihad beginnen. Erst wenn eine Gemeinschaft tatsächlich die Gestalt einer politischen Partei angenommen, sich organisiert und den Rang al-Dschamāʿa erworben hat, kann ihr eine solche Verantwortung anvertraut werden.

Außerdem ist die Autorität einer kämpfenden Gemeinschaft über die Bevölkerung so groß, dass sie nicht von einer Gruppe ausgeübt werden kann, deren Führer nur moralische Autorität besitzt. Moralische Autorität allein kann die Menschen nicht daran hindern, auf der Erde Unordnung zu schaffen. Deshalb darf ein islamischer Führer seinen Anhängern nicht allein aufgrund moralischer Autorität das Schwert erlauben. Sonst besteht die Gefahr, dass sie Grenzen von Erlaubtem und Verbotenem überschreiten und gerade das Verderben hervorbringen, das sie beseitigen wollten.

Vierte Bedingung: Stärke. Eine rechtschaffene Organisation braucht dafür keine gesonderte Einrichtung. Wenn die drei genannten Bedingungen erfüllt sind, entsteht die notwendige Stärke von selbst. Eine richtige Daʿwa sammelt Menschen verschiedener Fähigkeiten, Mittel und Werkzeuge um sich. Sobald sie zur Organisation wird und sich in einer freien Umgebung unter eine gemeinsame Führung stellt, verdoppeln sich ihre moralischen und geistigen Kräfte, und auch ihre materiellen Möglichkeiten wachsen. Dennoch bleibt ausreichende Stärke für einen Angriffskrieg unerlässlich. Wer vor ihrer Erlangung den Krieg erklärt, wirft sich selbst ins Verderben.

Aus all diesen Bedingungen wird verständlich, warum der Krieg bei einer Daʿwa erst nach Daʿwa und Hidschra erscheint. Erst danach treten diejenigen, gegen die der Islam den Krieg erlaubt, klar hervor; und erst danach zeigt sich eine Organisation als eine wirkliche Gemeinschaft, die das Recht besitzt, mit dem Schwert Gerechtigkeit, Ordnung und Disziplin herzustellen. Wer die Reihenfolge der Arbeit der Propheten nicht kennt und nur von den Methoden gewöhnlicher revolutionärer Organisationen beeinflusst ist, sollte über den Nutzen und die Folgen dieser Stufen nachdenken.

-:Ende:-