Biografie des Autors
Geburt, Ausbildung und Berufsleben von Sayyid Qutb
Sayyid war sein Vorname. Qutb war sein Familienname. Seine Vorfahren kamen von der Arabischen Halbinsel und ließen sich im Norden Ägyptens nieder. Sein Vater hieß Hadschi Ibrahim Qutb. Ibrahim Qutb hatte fünf Kinder: Sayyid Qutb, Muhammad Qutb, Hamid Qutb und Amina Qutb. Der Name des fünften Kindes, einer Tochter, ist nicht bekannt. Sayyid Qutb war das älteste der Geschwister. Alle Geschwister erhielten eine höhere Ausbildung, führten Dschihad zur Verwirklichung der islamischen Lebensordnung und bewiesen in harten Feuerproben ihre Standhaftigkeit.
Sayyid Qutb wurde im Jahr 1906 im Dorf Musha im Bezirk Assiut in Ägypten geboren. Seine Mutter, Fatima Ghosain Osman, war eine äußerst fromme und gottesfürchtige Frau. Sayyids Vater, Hadschi Ibrahim, betrieb Landwirtschaft, war jedoch ebenfalls äußerst religiös und charakterfest.
Sayyid Qutbs Ausbildung begann an der Grundschule seines Dorfes. Auf Wunsch seiner Mutter lernte er bereits in seiner Kindheit den Koran auswendig. Später ließ sich sein Vater an einem Ort namens Helwan am Stadtrand von Kairo nieder. Nachdem Sayyid seine Ausbildung an der Madrasa Tajhiziyatu Darul Ulum abgeschlossen hatte, schrieb er sich an der berühmten Madrasa Darul Ulum in Kairo ein. Im Jahr 1933 erwarb er an dieser Madrasa den B.A.-Abschluss und wurde dort zum Professor ernannt.
Nach einiger Zeit als Lehrender wurde er dem Bildungsministerium unterstellt zum Schulinspektor ernannt. In Ägypten gilt dieses Amt als äußerst angesehen. Seitens des Bildungsministeriums wurde er in die Vereinigten Staaten geschickt, um moderne Lehrmethoden zu studieren. Nach Abschluss eines zweijährigen Kurses kehrte er aus dem Ausland in seine Heimat zurück. Während seines Aufenthalts in Amerika bemerkte er die Notlage der materialistischen Gesellschaft. Er gelangte zu der festen Überzeugung, dass allein der Islam die menschliche Gesellschaft wahrhaftig auf den Weg des Wohlergehens führen könne.
Unmittelbar nach seiner Rückkehr aus Amerika begann er, die Ideologie, Ziele und das Programm der Muslimbruderschaft zu prüfen. Im Jahr 1945 wurde er Mitglied dieser Partei. Während des Zweiten Weltkriegs versprach die britische Regierung, Ägypten nach Kriegsende die Unabhängigkeit zu gewähren. Unmittelbar nach Kriegsende begann die Muslimbruderschaft eine Bewegung mit der Forderung, dass die Briten Ägypten verlassen sollten. Dadurch nahm ihre Popularität außerordentlich zu. Innerhalb von nur zwei Jahren erreichte die Zahl der aktiven Mitglieder dieser Partei zweieinhalb Millionen. Die Zahl der einfachen Mitglieder, Unterstützer und Sympathisanten war um ein Mehrfaches höher als die der aktiven Mitglieder. Die Briten und die autokratische ägyptische Regierung gerieten angesichts der Popularität der Muslimbruderschaft in Angst und begannen gemeinsam, gegen diese Partei zu konspirieren.
Im Juli 1952 fand in Ägypten eine militärische Revolution statt. Noch im selben Jahr wurde die Muslimbruderschaft wieder zugelassen. Dr. Hasan al-Hudaybi wurde zum Murshid al-Am der Partei gewählt. Die Abteilung für die Verbreitung der Ideologie der Partei und die Ausweitung der Bewegung setzte ihre Arbeit unter seiner Leitung fort. Er widmete sich der Arbeit der Bewegung vollständig.
Im Jahr 1954 wurde er zum Herausgeber der von der Muslimbruderschaft herausgegebenen Zeitschrift „Ikhwan al-Muslimun“ gewählt. Bereits sechs Monate später ließ die Regierung von Oberst Nasser die Zeitschrift schließen. Der Grund war, dass die ägyptische Regierung in jenem Jahr ein neues Abkommen mit den Briten geschlossen hatte und die Zeitschrift dieses Abkommen kritisierte. Nachdem die Zeitschrift geschlossen worden war, begann die Regierung Nasser, diese Gruppe zu verfolgen. Unter dem Vorwand eines fingierten Mordkomplott-Prozesses wurde die Muslimbruderschaft für illegal erklärt und ihre Führer wurden verhaftet.
Verhaftung und Folter
Unter den verhafteten Führern der Muslimbruderschaft befand sich auch Sayyid Qutb. Er wurde in verschiedenen Gefängnissen Ägyptens festgehalten. Zum Zeitpunkt seiner Verhaftung litt er unter sehr hohem Fieber. Ein Militäroffizier verhaftete ihn in diesem Zustand. Seine Hände und Füße wurden in Ketten gelegt. Doch damit nicht genug: Sayyid Qutb wurde trotz seines hohen Fiebers gezwungen, bis zum Gefängnis zu Fuß zu gehen. Unterwegs verlor er mehrmals das Bewusstsein und stürzte zu Boden. Wenn er wieder zu sich kam, pflegte er zu sagen: ————
Kaum war er ins Gefängnis eingetreten, begannen die Gefängnisangestellten, ihn zu schlagen, und diese Folter dauerte zwei Stunden an. Danach hetzte man einen ausgebildeten Hund auf ihn. Der Hund biss sich in seinem Bein fest und schleifte ihn im Gefängnishof umher. Nach diesem ersten „Empfang“ wurde er sieben Stunden lang ununterbrochen verhört. Sein Gesundheitszustand war nicht geeignet, solche Folterungen zu ertragen. Doch kraft seines unerschütterlichen Glaubens ließ er immer wieder hervorbrechen:—————–
Die dunkle Zelle des Gefängnisses wurde nachts verschlossen. Tagsüber wurde er regelrecht zum Parademarsch gezwungen. Er erkrankte schwer. An verschiedenen Krankheiten wie Brustschmerzen, Herzschwäche und Schmerzen in sämtlichen Gelenken litt er qualvoll. Dennoch wurde sein Körper weiterhin mit Feuer gebrannt. Polizeihunde zerkratzten seinen Körper mit Krallen und Zähnen. Über seinen Kopf wurde zunächst sehr heißes und unmittelbar danach sehr kaltes Wasser gegossen. Tritte, Schläge, Fausthiebe und Beschimpfungen in obszöner Sprache gehörten zum täglichen Alltag.
Am 13. Juli 1955 wurde er durch das Urteil eines Volksgerichts zu fünfzehn Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Wegen seiner Krankheit konnte er nicht vor Gericht erscheinen. Nachdem er ein Jahr im Gefängnis verbüßt hatte, ließ die Regierung Nasser ihm ausrichten, dass er freigelassen werden könne, wenn er über die Presse um Verzeihung bitte. Die Antwort, die dieser gläubige Mann auf diesen Vorschlag gab, wird in den Geschichtsbüchern unauslöschlich fortleben. Er sagte:
„Ich bin äußerst erstaunt, dass dem Unterdrückten gesagt wird, er solle beim Unterdrücker um Verzeihung bitten. Bei Allah! Selbst wenn einige Worte der Bitte um Verzeihung mich vor dem Galgen retten könnten, bin ich dennoch nicht bereit, solche Worte auszusprechen. Ich möchte in einem solchen Zustand vor Allah treten, dass ich mit Ihm zufrieden bin und Er mit mir zufrieden ist.“
Später sagte er jedes Mal dasselbe, sooft man ihm riet, um Verzeihung zu bitten: „Wenn ich tatsächlich wegen eines Verbrechens inhaftiert worden bin, dann bin ich damit zufrieden. Wenn aber die Kräfte des Falschen mich zu Unrecht gefangen genommen haben, werde ich unter keinen Umständen beim Falschen um Verzeihung bitten.“
Mitte 1964 reiste der irakische Präsident Abd as-Salam Arif nach Ägypten. Da er die Freilassung von Sayyid Qutb empfahl, ließ Colonel Nasser ihn frei, stellte ihn jedoch in seinem eigenen Wohnhaus unter Hausarrest.
Erneute Verhaftung und Verurteilung
Noch bevor ein Jahr vergangen war, wurde er (?) erneut unter dem Vorwurf verhaftet, einen Versuch zur gewaltsamen Übernahme der Macht unternommen zu haben. Dabei stand er weiterhin unter strenger polizeilicher Bewachung. Nicht nur er, sondern auch sein Bruder Muhammad Qutb, seine Schwestern Hamida Qutb und Amina Qutb sowie mehr als zwanzigtausend weitere Menschen wurden verhaftet. Unter ihnen waren etwa siebenhundert Frauen.
Im Jahr 1965 erklärte Colonel Nasser während seines Besuchs in Moskau in einer Stellungnahme, die Ikhwan al-Muslimun habe eine Verschwörung zu seiner Ermordung geplant. Unmittelbar nach dieser Erklärung begann in ganz Ägypten eine umfassende Verhaftungswelle gegen die Führer und Mitglieder der Ikhwan. Aufgrund eines neuen Gesetzes, das am 26. März 1964 erlassen worden war, wurde dem Präsidenten die Befugnis verliehen, jede beliebige Person zu verhaften, ihr Eigentum zu beschlagnahmen und weitere Strafmaßnahmen zu verhängen. Zugleich wurde erklärt, dass die Rechtmäßigkeit der vom Präsidenten ergriffenen Maßnahmen vor keinem Gericht angefochten werden dürfe. Einige Zeit später begann ihr Prozess vor einem Sondermilitärgericht. Zunächst wurde angekündigt, dass Aufnahmen dieses Gerichtsverfahrens im Fernsehen ausgestrahlt würden. Doch als die Angeklagten sich weigerten, ihre Schuld zu gestehen, und Einzelheiten über die ihnen zugefügte körperliche Folter bekannt machten, wurde die Fernsehausstrahlung eingestellt. Danach wurde der Prozess unter Ausschluss der Öffentlichkeit fortgesetzt. Die Angeklagten hatten keinen Anwalt. Juristen aus anderen Ländern beantragten, die Verteidigung der Angeklagten zu übernehmen. Dies wurde jedoch abgelehnt. William Thorp (Thorp), der ehemalige Präsident der Französischen Anwaltskammer, sowie zwei marokkanische Anwälte stellten ordnungsgemäß Anträge, die Angeklagten zu verteidigen. Doch auch diese wurden abgewiesen. Zwei sudanesische Anwälte trafen in Kairo ein, ließen sich bei der dortigen Anwaltskammer registrieren und erschienen vor Gericht. Die Polizei stieß sie aus dem Gerichtssaal hinaus und zwang sie, Ägypten zu verlassen. Während des Prozesses im Januar und Februar 1966 erklärten Sayyid Qutb und die anderen Angeklagten vor dem Tribunal, dass sie unmenschlicher körperlicher Folter unterworfen worden seien, um sie zu einem Schuldgeständnis zu zwingen. Der Vorsitzende des Tribunals schenkte keinem ihrer Worte Gehör.
Im August 1966 wurden Sayyid Qutb und zwei seiner Gefährten vom Militärtribunal zum Tode verurteilt. Überall auf der Welt erhob sich ein Sturm des Protests. Doch am 25. August 1966 wurde das Urteil vollstreckt.
Sayyid Qutbs Wissen und literarisches Schaffen
Sayyid Qutb war einer der berühmtesten Gelehrten und Literaten Ägyptens. Sein literarisches Schaffen begann mit Kinderliteratur. Indem er für Kinder Geschichten über die Propheten in einer ansprechenden Sprache schrieb, bewies er sein Talent. Er verfasste Geschichten, um in den Herzen der Kinder islamisches Gedankengut zu wecken und ihren Charakter zu vervollkommnen. Später schrieb er einen vom islamischen Gedankengut geprägten Roman mit dem Titel „Ashwak“ (Schnitt). Danach verfasste er zwei weitere Romane derselben Art. Der eine trägt den Titel „Tifl min al-Qariya“ (Der Junge aus dem Dorf), der andere „Madinat al-Mashhur“ (Die Stadt der Magie).
Eine Übersicht über seine verfassten Werke lautet wie folgt:
(1) —————– (Die vom Koran gezeichneten Szenen des Jüngsten Gerichts). Unter den 114 Suren des Heiligen Korans wird an 150 Stellen in 80 Suren über das Jüngste Gericht gesprochen. Sayyid hat aus diesen Schilderungen mit außerordentlichem Geschick ein Bild der Ebene der Auferstehung, der Hölle und des Paradieses gezeichnet.
(2) ——————- In diesem 200 Seiten umfassenden Werk erörtert Sayyid Qutb die Sprache, den Rhythmus, die Stilmittel und die herzergreifende Darstellungsweise des Korans.
(3)———————- (Der Islam und die soziale Gerechtigkeit). Bis heute ist die 7. Auflage des Buches erschienen. Das Buch wurde in verschiedene Sprachen der Welt übersetzt (zum Beispiel ins Englische, Persische, Türkische und Urdu).
(4) ———————- Ein unvergleichlicher Beitrag Sayyid Qutbs. Ein in acht Bänden vollendetes Meer des Wissens. Es handelt sich nicht im eigentlichen Sinne um eine Koranauslegung; vielmehr hat er die Gedanken, die ihm beim Studium des Korans kamen, zu Papier gebracht und Themen wie die in jedem Vers verborgenen Mittel zur Korrektur der Daʿwa, Warnungen, die Erkenntnis Allahs und anderes mit großer Sachkenntnis erläutert.
(5)—————(Der Konflikt zwischen Islam und Kapitalismus).
(6)—————– (Der Weltfrieden und der Islam).
(7)——— (Islamische Schriften).
(8)——————-(Grundprinzipien und Methoden der Literaturkritik).
(9)——————— (Rezension des Buches „Die zukünftige Kultur“).
(10) —————– (Werke und Persönlichkeiten).
(11)————– (Das Bild der islamischen Gesellschaft).
(12)————(Das Amerika, das ich gesehen habe).
(13)—————- (Gedanken von vier Geschwistern). Darin sind die Schriften von Sayyid Qutb, Muhammad Qutb, Amina Qutb und Hamida Qutb gemeinsam zusammengestellt.
(14)——— (Gedichtsammlung).
(15)———– (Geschichten der Propheten).
(16) ————(Gedichtsammlung).
(17)————-(Gedichtsammlung).
(18) ————- (Die eigentliche Aufgabe des Dichters im Leben).
(19)————— (Der Verlauf der sozialen Revolution).
——— Wegen des Schreibens dieses Buches klagte die ägyptische Regierung Sayyid Qutb an, und aufgrund dieser Anklage wurde er zum Tode verurteilt. In der in Ägypten erscheinenden Zeitschrift der Streitkräfte, Ausgabe Nr. 446 vom 1. Oktober 1965, wurde ein Bericht über die gegen ihn erhobenen früheren Anklagen veröffentlicht. Die darin enthaltenen Aussagen lassen sich wie folgt zusammenfassen:
„Der Verfasser hat sowohl die westliche Zivilisation und Gesellschaft als auch die marxistische Ideologie scharf bekämpft. Er behauptet, dass diese Ideologien der Menschheit nichts zu bieten haben. Seiner Ansicht nach ist die gegenwärtige Welt in der Dschāhilīya versunken. An die Stelle der Souveränität Allahs ist ungerechterweise die Souveränität des Menschen getreten. Der Verfasser betont, diese Dschāhilīya durch die Wiederbelebung der koranischen Sichtweise zu beseitigen, und ruft dazu auf, hierfür alles zu opfern, was man besitzt.
Er bezeichnet alle Herrscher außer Allah als Tāghūt. Der Verfasser sagt: Für jeden Muslim ist die Verkündung des Dschihād gegen den Tāghūt eine Bedingung des Īmān. Indem er das auf Sprache, Hautfarbe, Abstammung, Region und Ähnliches gegründete Zusammengehörigkeitsgefühl als irrig bezeichnet, stachelt er die Muslime dazu auf, auf der Grundlage der islamischen ʿAqīda Einheit zu schaffen und einen kompromisslosen Kampf gegen diese Ideologie zu führen.
Durch jenes Buch legt der Verfasser einen Plan vor, Dschihād gegen die etablierte Regierung zu führen, in ganz Ägypten zerstörerische Aktionen einzuleiten und die etablierte Regierung zu stürzen.“
Einleitung
Die Notlage der Menschheit
Die Menschheit ist heute am Rand eines abgrundtiefen Abgrunds angelangt. Diese Lage ist nicht allein deshalb entstanden, weil die Zerstörungen der Gegenwart im Begriff sind, sie vollständig auszulöschen. Vielmehr ist dieser Zustand lediglich ein Symptom der Krankheit. Die eigentliche Krankheit ist dies nicht. Der Hauptgrund für die Gefahr, der die Menschheit heute gegenübersteht, besteht darin, dass sie die für ihre umfassende Entwicklung und ihren wirklichen Fortschritt notwendigen Werte des Lebens verloren hat. Sogar für die westliche Welt ist ihr geistiger Bankrott offenkundig geworden, und sie erkennt heute, dass sie über keinerlei Lebenswerte verfügt, die geeignet wären, die Menschheit auf den richtigen Weg zu führen. Sie weiß, dass sie keinerlei Kapital besitzt, mit dem sie ihr eigenes Gewissen zufriedenstellen und seine Eigenständigkeit bewahren könnte.
In den westlichen Ländern ist die Demokratie fruchtlos geblieben und im Scheitern geendet; deshalb scheint man dort gezwungen zu sein, die Denkweisen, Ideologien und Lebensordnungen des Ostens zu übernehmen. Ein deutlicher Beweis dafür ist, dass man im Westen im Namen des Sozialismus das Wirtschaftssystem des Ostens einführt. Auch der Ostblock befindet sich in derselben Lage. Seine gesellschaftlichen Ordnungen, insbesondere die marxistische Ideologie, hatten zu Beginn die Aufmerksamkeit einer großen Zahl von Menschen im Osten und im Westen auf sich gezogen. Denn diese Ideologie war auf einem bestimmten grundlegenden Glauben aufgebaut.
Doch auf dem Gebiet des Denkens hat die marxistische Ideologie eine Niederlage erlitten. Es ist heute keineswegs übertrieben zu sagen, dass es in der gegenwärtigen Welt kein einziges wirklich marxistisches Land gibt. Diese Ideologie steht in jeder Hinsicht im Widerspruch zur angeborenen Natur des Menschen und zu seinen grundlegenden Bedürfnissen. Das marxistische Ideal kann sich nur in einer entarteten oder in einer leblosen Gesellschaft ausbreiten, die lange unter dem Joch einer Diktatur zermalmt worden ist. Doch inzwischen versagt auch in solchen Gesellschaften ihr materialistisches Wirtschaftssystem bei der Lösung der Probleme. Dabei bildet gerade die materialistische Ökonomie die Grundlage der marxistischen Ideologie. Russland, der Lehrmeister der kommunistischen Länder, ist heute selbst mit Nahrungsmangel konfrontiert. Das Land, das unter der Herrschaft des Zaren überschüssige Nahrungsmittel produzierte, importiert heute im Austausch gegen seine gehorteten Goldreserven Lebensmittel aus dem Ausland. Der Grund für dieses Scheitern liegt in der auf genossenschaftlichen Farmen beruhenden Landwirtschaft. Mit anderen Worten: Die marxistische Ideologie ist gerade deshalb mit dem Scheitern konfrontiert, weil ein der menschlichen Natur entgegengesetztes System eingeführt wurde.
Die Notwendigkeit einer neuen Führung
Die Menschheit verlangt heute nach einer neuen Führung. Die Führerschaft des Westens befindet sich heute im Niedergang. Der Grund dafür ist weder die materielle Armut der westlichen Kultur noch eine Schwäche ihrer finanziellen und militärischen Macht. Die westliche Welt war gezwungen, ihren Platz an der Spitze der Menschheit aufzugeben, weil ihr heute jene grundlegenden Eigenschaften fehlen, die ihr einst Lebenskraft verliehen und sie auf den Platz der Führung erhoben hatten.
Die neue Führung der kommenden Zeit muss neben der Bewahrung und Weiterentwicklung der Beiträge von Europas schöpferischem Genie der Menschheit auch ein großes Ideal und Werte vorlegen, die bis heute unentdeckt geblieben sind. Außerdem muss die künftige Führung der Menschheit eine positive, konstruktive und praktische Lebensordnung vorlegen, die vollständig mit der menschlichen Natur vereinbar ist.
Nur die islamische Ordnung ist in der Lage, die genannten Werte und eine solche Lebensordnung zu bieten.
Auch die Vorherrschaft der Wissenschaft ist ihrem Ende entgegengegangen. Die im sechzehnten Jahrhundert eingeleitete Renaissancebewegung, die im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert den Gipfel ihrer Siegeslaufbahn erreicht hatte, ist heute verblasst und hat ihre Kraft zur Wiederbelebung verloren. Alle nationalistischen und extrem patriotischen Ideologien, die in der modernen Zeit entstanden sind, sowie sämtliche Bewegungen und Lebensweisen, die auf ihnen aufgebaut wurden, sind heute leblos geworden. Kurz gesagt: Alle von Menschen geschaffenen Lebensordnungen sind zum Scheitern verurteilt.
In diesem heiklen und verwirrenden Wendepunkt ist die Zeit gekommen, dass der Islam und die muslimische Gesellschaft ihre eigene Verantwortung wahrnehmen. Der Islam hat die Menschheit niemals daran gehindert, die materiellen Schätze der Schöpfung zu entdecken. Als Allah Taʿālā den Menschen mit der Verantwortung des Kalifats auf die Erde entsandte, erklärte Er zugleich, dass die Erfüllung der Verantwortung, die Menschheit auf den rechten Weg zu führen, unter bestimmten Bedingungen Allahs Anbetung sei. Darüber hinaus ließ Er wissen, dass dies der Zweck der Erschaffung des Menschen sei:
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Und dein Herr sagte damals zu den Engeln: „Ich werde auf der Erde einen Kalifen einsetzen.“ – Al-Baqara: 30
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Und Ich habe die Dschinn und die Menschen nur dazu erschaffen, Mir zu dienen. – Adh-Dhāriyāt: 56
So viel zu Kalifat und Anbetung. Zugleich ist nun die Zeit gekommen, auch die Verantwortung zu erfüllen, die Allah Taʿālā Seinen Dienern gegenüber der Menschheit auferlegt hat.
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So haben Wir euch zu einer mittleren Umma gemacht, damit ihr Zeugen über die Menschheit seid und der Gesandte Zeuge über euch sein kann. – al-Baqara: 143
Ihr seid die beste Umma, hervorgebracht zum Wohl der Menschheit. Ihr sollt den Menschen das Gute gebieten, sie vom Schlechten abhalten und tief an Allah glauben.
__ Āl ʿImrān: 110
Die Rolle des Islam
Der Islam kann seine Rolle nicht erfüllen, ohne in der Mitte einer Gesellschaft beziehungsweise einer Nation praktische Gestalt anzunehmen. Insbesondere die Menschen der heutigen Zeit sind nicht bereit, eine Ideologie bloß aufgrund von Lobpreisungen anzunehmen. Sie können ein in der Praxis verwirklichtes System leichter beurteilen. Aus dieser Sicht können wir sagen, dass die muslimische Nation im Verlauf der vergangenen Jahrhunderte ihre Existenz verloren hat. Gerade deshalb wird sie heute kein Gebiet vorweisen können, in dem der Islam in seiner ganzen Wirklichkeit gegenwärtig ist. Wenn man die heutigen Muslime betrachtet, kann man kaum glauben, dass ihre Vorfahren noch vor nicht allzu langer Zeit aufrichtige Anhänger des Islam waren. Tatsächlich bezeichnet „Muslim“ eine Gruppe von Menschen, deren Verhalten, Vorstellungen, Gesetze und Wertvorstellungen allesamt aus islamischen Quellen übernommen sind. Seit dem Augenblick, in dem die eigenständige, charakteristische muslimische Gemeinschaft von der Erde verschwunden ist.
Um den Islam wieder auf dem Platz der Führung der Menschheit zu etablieren, muss die muslimische Umma ihre ursprüngliche Gestalt zurückgewinnen. Jahrhundertelang ist die muslimische Umma unter dem Schutt menschengemachter Bräuche und Traditionen begraben worden. Unter der Last ebenjener irrigen Gesetze und Bräuche, die nicht die geringste Verbindung zu den islamischen Lehren haben, ist die muslimische Umma heute undeutlich geworden. Dennoch empfinden die Muslime Selbstzufriedenheit, indem sie ihre eigenen Gebiete als islamische Welt bezeichnen.
Ich weiß, dass zwischen diesen beiden Aufgaben – der eigenen Wiederherstellung und der Rückgewinnung der Führung über die Menschheit – eine gewaltige Kluft entstanden ist. Denn die Existenz der muslimischen Umma ist seit langer Zeit aus der sichtbaren Welt verschwunden. Und die Führung der Menschheit ist schon vor langer Zeit anderen Ideologien, nichtislamischen Vorstellungen, anderen Lebensordnungen und nichtmuslimischen Nationen anheimgefallen.
In der fraglichen Zeit hat das europäische Genie in den Bereichen Wissenschaft, Kultur, Recht und materieller Produktion bemerkenswerte Fortschritte erzielt; dadurch sind die schöpferischen Kräfte der menschlichen Gesellschaft und ihre Fähigkeit, Mittel für materielle Annehmlichkeiten herzustellen, auf ein viel höheres Niveau gestiegen. Auf die Mängel und Fehler bei der Erfindung dieser großartigen Mittel hinzuweisen, ist nicht leicht. Insbesondere ist eine Kritik an den Erfindern der mechanischen Hilfsmittel in den westlichen Ländern noch schwieriger, da die islamische Welt vollständig jeder schöpferischen Begabung beraubt ist.
Trotz all dieser Hindernisse und Widrigkeiten ist die islamische Revolution unerlässlich. Zwischen der Wiederbelebung des islamischen Ideals und der Wiedererlangung des Sitzes der Weltführung besteht gewiss eine gewaltige Distanz, und es gibt unzählige Hindernisse und Schwierigkeiten. Dennoch muss als erster Schritt, ohne Zeit zu verlieren, mit der Arbeit zur Wiederbelebung des islamischen Ideals begonnen werden.
Für die Weltführung erforderliche Eigenschaften
Wenn wir diese Arbeit mit Wissen und Einsicht angehen wollen, müssen wir unbedingt wissen, welche Eigenschaften wir erwerben müssen, um die von Allah der muslimischen Umma übertragene Verantwortung der Weltführung zu erfüllen. Damit wir beim Beginn der Arbeit der Reform und des Wiederaufbaus nicht ins Straucheln geraten, müssen wir uns das erforderliche Wissen aneignen.
Die heutige muslimische Umma ist nicht in der Lage, der Menschheit ihre Fähigkeit zu materiellen Entdeckungen oder vielversprechende Begabungen zu zeigen. Zu hoffen, dass die Menschheit der heutigen Welt angesichts dieser Unfähigkeit die Überlegenheit der muslimischen Umma anerkennen und ihr den Sitz der Führung überlassen wird, ist bloße Torheit. Auf diesem Gebiet ist der schöpferische Geist Europas weit voraus, und wir können uns nicht einmal vorstellen, Europa in den nächsten Jahrhunderten im Wettbewerb zu besiegen und auf dem Gebiet der technischen Entwicklung die Überlegenheit zu erlangen. Deshalb müssen wir solche Eigenschaften erwerben, die in der modernen Zivilisation selten sind.
Das bedeutet jedoch keineswegs, dass wir die materielle Entwicklung vernachlässigen werden. Vielmehr werden wir auch den weltlichen Annehmlichkeiten und Vorzügen die gebührende Bedeutung beimessen. Denn die materielle Entwicklung ist nicht nur für die Führung der Menschheit notwendig, sondern auch für die Bewahrung unserer eigenen Existenz und der Existenz des Islam unerlässlich. Der Islam hat dem Menschen auf der Erde die Würde eines Statthalters Allahs verliehen und erklärt, dass die Erfüllung der Verantwortung des Statthalters sowie die Verehrung Allahs der Zweck der Erschaffung des Menschen sind. Daher ist es für uns als Statthalter Allahs verpflichtend, Seine Welt weiterzuentwickeln.
Für die Führung der Menschheit müssen wir neben unserer materiellen Entwicklung noch etwas Zusätzliches anbieten. Dies ist ein grundlegender Glaube (Iman) über das menschliche Leben und eine auf diesem Glauben beruhende Lebensordnung. Diese Ordnung wird alle Errungenschaften der modernen Wissenschaft und Technik bewahren. Zugleich wird sie in der Lage sein, den hohen Standard der wunderbaren Vorkehrungen aufrechtzuerhalten, die modernes Wissen und moderne Wissenschaft zur Befriedigung der grundlegenden Bedürfnisse der Menschheit sowie für ihren Komfort und ihre Annehmlichkeiten geschaffen haben. Und dieser Glaube (Iman) und diese Lebensordnung werden in der menschlichen Gesellschaft, insbesondere in der muslimischen Gesellschaft, konkrete Gestalt annehmen und sichtbar werden.
Die Jahiliyya der modernen Zeit
Wenn man die Ursprünge der modernen Lebensweise betrachtet, wird klar, dass sich die ganze Welt heute im Strudel der Jahiliyya dreht und windet und dass neben all den modernen Mitteln und Möglichkeiten des Komforts sowie der großartigen schöpferischen Erfindungsgabe auch die Unwissenheit deutlich sichtbar ist. Auflehnung gegen Allahs Souveränität ist der Beweis für die Jahiliyya. Infolgedessen ist eine der erhabensten Eigenschaften Allahs, die Souveränität, auf den Menschen übertragen worden, und einige wenige Menschen haben ihre Herrschaft über die menschliche Gesellschaft ausgedehnt. Diese Jahiliyya leugnet Allah allerdings nicht unmittelbar, wie es in der alten und ursprünglichen Zeit der Fall war. Vielmehr wird der Aufstand durch den Anspruch erklärt, die Maßstäbe von Gut und Böse selbst festzulegen, Gesetze für das gemeinschaftliche Leben zu erlassen, eine Lebensordnung zu entwerfen und das Recht auf ihre Wahl zu beanspruchen. Denn kein Mensch kann diese Dinge tun, ohne die Weisungen zurückzuweisen, die Allah in den genannten Angelegenheiten gegeben hat. Die unvermeidliche Folge dieser Auflehnung gegen Allahs Herrschaft ist Unterdrückung und Gewalt gegen Seine Schöpfung.
In der kommunistischen Gesellschaft wird die Menschheit aufs Äußerste erniedrigt, und aufgrund der Geldgier und der imperialistischen Gesinnung der kapitalistischen Gesellschaft werden die einfachen Menschen und schwachen Völker grausam ausgebeutet und unterdrückt. Dies ist die unvermeidliche Folge der Auflehnung gegen Allahs Herrschaft und der Leugnung der von Allah verliehenen Würde des Menschen.
Aus diesem Blickwinkel betrachtet wird sich zeigen, dass allein der Islam eine Lebensordnung ist. Denn unter allen anderen Lebensordnungen ist der Mensch in irgendeiner Form gezwungen, die Knechtschaft gegenüber einem anderen Menschen anzunehmen. Nur die islamische Lebensordnung ermöglicht es dem Menschen, sich vollständig aus der Knechtschaft gegenüber den Menschen zu befreien, sich allein gemäß Allahs Geboten und Verboten Ihm allein zu unterwerfen und Ihm zu dienen.
Der Unterschied zwischen Islam und Dschāhilīya
Von hier an unterscheidet sich der Weg des Islam von den anderen Lebensordnungen. Auf der Grundlage dieser neuen Sichtweise vom Leben können wir der menschlichen Gesellschaft eine Lebensordnung vorlegen, die entsprechend gestaltet und für das wirkliche Leben vollkommen geeignet ist. Die heutige menschliche Gesellschaft ist mit dieser grundlegenden Botschaft des Islam nicht vertraut. Sie ist keine Lebensphilosophie, die von westlichen Denkern oder von hervorragenden Persönlichkeiten Europas beziehungsweise des Ostens und Westens erdacht wurde.
Es besteht kein Zweifel daran, dass die Lebensanschauung, an die wir glauben, in jeder Hinsicht vollkommen ist. Dieses Merkmal des Islam ist der Welt bis heute unbekannt. Und sie ist nicht in der Lage, eine Lebensordnung vorzulegen, die besser oder der unseren ebenbürtig wäre.
Ich habe bereits erwähnt, dass man die vollkommene Schönheit dieser Ordnung nicht erkennen kann, wenn der Islam nicht in einem bestimmten Gebiet praktisch verwirklicht wird. Daher ist es unbedingt notwendig, unter dieser Ordnung eine Gesellschaft aufzubauen und der Welt ein Beispiel vor Augen zu führen. Zur Verwirklichung dieses Ziels ist die Wiedererrichtung einer islamischen Gesellschaft in irgendeinem muslimischen Land unerlässlich. In naher Zukunft wird gerade die Gruppe, die die Wiederbelebung der islamischen Gesellschaft anstrebt, die Führung der Welt erlangen.
Die Wiederbelebung der islamischen Gesellschaft
Wie ist die Wiederbelebung der islamischen Gesellschaft möglich? Dazu muss eine Vorhut ihr Ziel festlegen und durch das weltverschlingende, uferlose Meer der Dschāhilīya voranschreiten. Auf ihrem Weg werden die Soldaten dieser Gruppe sich vor dem Einfluss der allgegenwärtigen Dschāhilīya schützen und zugleich Hilfe von ihr annehmen.
Diese Vorreitergruppe muss unbedingt den richtigen Ausgangspunkt ihrer Reise, die allgemeine Richtung des Weges, seine Haupt- und Nebenpfade, alle Gefahren und Widrigkeiten auf dem Weg sowie das Ziel dieser langen und beschwerlichen Reise kennen. Darüber hinaus muss sie sich ein vollständiges Verständnis davon aneignen, wo und in welchem Ausmaß die Jahiliyyah in der ganzen Welt Wurzeln geschlagen hat, wann und mit wem in welchem Umfang zusammengearbeitet werden muss und zu welchem Zeitpunkt man sich von ihnen zu trennen hat, welche Eigenschaften und Merkmale erworben werden müssen, welche Merkmale die sie umgebende Jahiliyyah aufweist, in welcher Sprache mit den Trägern der Jahiliyyah gesprochen werden muss, welche Themen und Probleme auf die Tagesordnung gesetzt werden sollen und wie und woher die notwendige Wegweisung zu erhalten ist; mit einem umfassenden Verständnis all dieser Fragen muss sie auf das Tätigkeitsfeld treten.
Die Quelle der Kraft unseres Glaubens sind die grundlegenden Lehren des Heiligen Qurans. Die Lehren und Botschaften des Qurans, aus denen im goldenen Zeitalter in den Herzen der Bannerträger des Islam Fackeln des Lichts entzündet wurden – sie sollen unsere Wegzehrung sein. Mit dieser Wegzehrung ausgestattet, waren die von Allah auserwählten Menschen in der Vergangenheit durch Allahs Befehl imstande, den Lauf der Menschheitsgeschichte zu verändern.
Für die Vorreiter dieser Revolution habe ich dieses Buch verfasst und darin den Versuch unternommen, auch die notwendigen praktischen Vorgehensweisen darzulegen.
Vier Kapitel eines anderen von mir verfassten Buches mit dem Titel „Fi Zilal al-Quran“ wurden mit geringfügigen Änderungen an einigen Stellen an das hier behandelte Thema angepasst und dadurch in die vorliegende Buchform gebracht.
Das Vorwort und die übrigen Kapitel hatte ich zu verschiedenen Zeiten verfasst. Hier habe ich versucht, die tiefen Wahrheiten darzulegen, die ich während meines Nachdenkens und meiner Forschung über die vom Heiligen Quran dargelegte Lebensanschauung erkannt habe. Meine Gedanken mögen auf den ersten Blick ungeordnet und ohne Zusammenhang erscheinen. Doch eines ist gewiss: Meine Gedanken sind eine Wegzehrung für den zu beschreitenden Weg und ein Hinweis auf den zu meidenden Weg. Diese meine Schriften sind lediglich die erste Folge eines fortlaufenden Werkes. In Zukunft beabsichtige ich, mit Allahs Hilfe noch einiges zu diesem Thema zu schreiben.
Und die Barmherzigkeit Allahs ist die wichtigste Stütze für diese Arbeit.
Der Verfasser
Erstes Kapitel
Die Überbringer der Botschaft im Heiligen Koran
In allen Zeitaltern und in allen Ländern müssen diejenigen, die die Botschaft des Islam verkünden, die Methode kennen und eine Ausbildung darin erhalten, wie man der menschlichen Gesellschaft die Daʿwa darlegt. Der Koran erschuf einst eine Gruppe von Menschen. Es waren die edlen Gefährten des Gesandten Allahs (s.a.w.). Nicht nur in der Geschichte des Islam, sondern in der gesamten Geschichte der Menschheit gibt es keinen Vergleich für diese denkwürdigen Menschen. Nach jenem goldenen Zeitalter des Islam ist keine Gruppe von Menschen, die ihnen an Vollkommenheit aller Tugenden gleichkam, auf der Welt hervorgebracht worden. Es ist zwar wahr, dass in verschiedenen Zeitaltern an unterschiedlichen Orten der Erde einige wenige Gelehrte dieser Art geboren wurden; doch niemals hat es in irgendeinem Zeitalter der Geschichte eine so gut organisierte Gruppe von Menschen mit den genannten hohen Eigenschaften wie im goldenen Zeitalter gegeben.
Dies ist eine unbestreitbare historische Tatsache. Deshalb müssen wir gründlich über diese Angelegenheit nachdenken, um ihr Geheimnis zu ergründen.
Warum gibt es keine Menschen, die den edlen Gefährten (r.a.) gleichkommen?
Die Botschaft des Heiligen Korans ist bis heute unverfälscht bei uns erhalten. Darüber hinaus sind auch die Hadithe des edlen Gesandten (s.a.w.), seine Anweisungen hinsichtlich seines praktischen Lebens und seine Biografie vollständig für uns bewahrt. Die Botschaft des Korans und die Lehren des Gesandten (s.a.w.) stehen uns genau so zur Verfügung, wie sie der muslimischen Umma des goldenen Zeitalters vorlagen. Nur die körperliche Gegenwart des Gesandten Allahs (s.a.w.) ist nicht unter uns. Ist dies der Grund dafür, dass in keinem Land der Welt eine islamische Gesellschaft vollständig errichtet ist?
Wenn die körperliche Anwesenheit des Gesandten Allahs (s.a.w.) für die Verwirklichung und Ausbreitung der göttlichen Ordnung unerlässlich wäre, hätte Allah, der Erhabene, die islamische Lebensordnung niemals als die einzige Religion für alle Menschen der Welt offenbart und sie auch niemals als die letztgültige offenbarte Botschaft für die Bewohner der Welt sowie als eine für alle Zeiten und Zeitalter geeignete Religion verkündet.
Allah, der Erhabene, hat selbst die Verantwortung für die Bewahrung des Heiligen Korans übernommen. Denn Er wusste, dass die islamische Lebensordnung auch nach dem Tod des Gesandten Allahs (s.a.w.) verwirklicht werden und der Menschheit zum Wohl gereichen kann. Deshalb rief Allah, der Erhabene, Seinen geliebten Gesandten (s.a.w.) nach einem 23 Jahre dauernden prophetischen Leben zu Sich und verkündete, dass der Islam bis zum letzten Augenblick des Bestehens der Welt wirksam bleiben werde. Die körperliche Abwesenheit des Gesandten Allahs (s.a.w.) ist kein Hindernis für die Verwirklichung der islamischen Ordnung.
Erster Grund: Bei der Suche nach dem eigentlichen Grund wird sich zunächst zeigen, dass sich dem klaren Quellstrom, aus dem die Muslime des goldenen Zeitalters ihren Durst stillten, andere Stoffe beigemischt haben. Wir müssen auch untersuchen, welche Ausbildung die Muslime jener Zeit erhalten hatten. Vielleicht ist auch die Ausbildungsmethode mit Verunreinigungen vermischt worden.
Die Quelle, aus der die geehrten Gefährten des Propheten das Wasser des Lebens bis zur Sättigung tranken, ist der Heilige Koran. Ich sage es noch einmal: ausschließlich der Koran. Denn die Hadithe und die übrigen Anweisungen des Gesandten (s.a.w.) sind lediglich Ausläufer des Stroms jener Quelle. Als die Mutter der Gläubigen, die geehrte Aischa (r.a.), nach dem Charakter des Gesandten (s.a.w.) gefragt wurde, sagte sie in aller Deutlichkeit: „Sein Charakter war der Heilige Koran.“
Aus dem Heiligen Koran allein stillten die geehrten Gefährten (r.a.) ihren Durst, und ausschließlich nach dem Vorbild des Korans formten sie ihr Leben. Dass der Koran ihr einziger Wegweiser war, lag nicht daran, dass es in jener Zeit keine Zivilisation, Kultur, Wissenschaft, Literatur oder Lehranstalten gegeben hätte. Tatsächlich galten die damalige römische Zivilisation, Kultur und Literatur sowie die römische Rechtswissenschaft bis heute als Grundlage der europäischen Zivilisation. Auch die griechische Zivilisation übte in jener Zeit Einfluss aus. Die griechische Logik, Philosophie, Kunst und Wissenschaft werden noch heute als Quellen des westlichen Denkens angesehen. Die persische Zivilisation war in Kunst, Wissenschaft, Dichtung, Sagen, Religion und Staatswesen stark entwickelt. Auch in anderen nahen und entfernten Gebieten bestanden verschiedene Zivilisationen. Beispielsweise sind die indische und die chinesische Zivilisation zu nennen. Im Norden und Süden der Arabischen Halbinsel waren die römische und die persische Zivilisation fest etabliert. Juden und Christen lebten inmitten der Arabischen Halbinsel. Die Muslime jener Zeit nahmen daher das Buch Allahs nicht aus Unwissenheit infolge eines Mangels an Zivilisation und Kultur als einzigen Wegweiser ihres Lebens an; vielmehr gelangten sie erst nach gründlichem Nachdenken zu dieser Entscheidung. Als Beispiel kann die Begebenheit angeführt werden, dass Umar (r.a.) mit einigen Passagen aus dem Buch der Tora beim Gesandten Allahs (s.a.w.) erschien. Der Gesandte Allahs (s.a.w.) zeigte sich unzufrieden und sagte zu Umar (r.a.): „Bei Allah! Wenn Musa (a.s.) heute noch lebte, wäre auch für ihn mein Gehorsam verpflichtend.“
Aus diesem Ereignis wird eindeutig ersichtlich, dass der Gesandte Allahs (s.a.w.) in der Anfangsphase der Ausbildung seiner ersten Anhänger festgelegt hatte, dass sie Wissen allein aus dem Wort Allahs schöpfen sollten. Die Gesamtheit dieses Wortes ist der Heilige Koran. Er hatte bestimmt, dass seine Gefährten ihr Leben allein dem Buch Allahs widmen und ihr Leben ausschließlich nach der Lehre dieses Buches gestalten sollten. Deshalb zeigte sich der Gesandte Allahs (s.a.w.) unzufrieden, sobald er sah, dass Umar (r.a.) anderen Büchern Aufmerksamkeit schenkte.
Tatsächlich wollte der Gesandte Allahs eine Gruppe von Menschen heranbilden, deren Herzen, Verstand und geistige Fähigkeiten vollständig von Verderbtheit und jeder Art von Unreinheit frei sein sollten. Allah, der Erhabene, der selbst der Urheber des Heiligen Korans ist, lehrte sie die Methode ihrer Ausbildung.
Die genannten Personen tranken sich an der Quelle des Friedens und der Ruhe des Korans satt und erlangten dadurch einen Platz unter den Menschen von unvergleichlichen Tugenden. In späterer Zeit vermischten sich einige verfälschte Bestandteile aus anderen Quellen mit dem heiligen Strom des Korans. Die Quellen, aus denen die späteren Generationen ihre Materialien bezogen, waren die griechische Philosophie und Dialektik, die alten persischen Sagen und Denkweisen, die Schriften und Bräuche der Juden, das Priestertum der Christen sowie verstreute Bestandteile anderer Religionen und Zivilisationen. Die Koranexegeten nahmen diese Dinge in ihre gelehrten Erörterungen auf, wodurch sie mit den vom Heiligen Koran gegebenen Grundprinzipien verflochten wurden. Die späteren Generationen erwarben ihr Wissen aus diesen mit Verfälschungen vermischten Quellen. Deshalb konnten sie niemals die Eigenschaften und den Charakter der ersten entstandenen Gemeinschaft besitzen.
Wir können ohne zu zögern sagen, dass der Grund für den Unterschied zwischen den Muslimen des Goldenen Zeitalters und den Muslimen späterer Zeiten darin liegt, dass die Lehre, die durch die Vermischung des reinen islamischen Ideals mit anderen Idealen entstand, ihre islamischen Merkmale verlor.
Zweiter Grund: Auch in dieser Hinsicht ist ein weiterer Grund zu erwähnen. Die Methode, nach der die Muslime des Goldenen Zeitalters Bildung erwarben, war ebenfalls vortrefflich. Sie studierten den Koran nicht, um ihren Durst nach Kultur, Informationen oder Wissen zu stillen. Niemand aus jener Zeit studierte den Koran, um den Umfang seines Wissensschatzes zu vergrößern, eine wissenschaftliche oder rechtliche Frage zu lösen oder einen Mangel seines Verstandes auszugleichen. Vielmehr wandten sie sich dem Heiligen Koran zu, um zu erfahren, welche Gebote und Verbote der allmächtige Allah, der Erhabene, für sie selbst und für die gesamte Gemeinschaft herabgesandt hatte. So wie ein Soldat, der auf dem Schlachtfeld kämpft, eifrig die täglichen militärischen Anweisungen befolgt, so befolgten die Gläubigen jener Zeit die Anweisungen des Korans. Sie studierten nicht auf einmal größere Teile des Korans. Denn sie waren sich sehr wohl bewusst, wie schwer es ist, die Last einer großen Zahl von Geboten und Verboten zu tragen. Höchstens las jeder von ihnen jeweils zehn Verse, lernte sie auswendig und lebte entsprechend ihrer Bedeutung. Dies erfahren wir aus einem von Abdullah ibn Masud (r.a.) überlieferten Hadith.
„Die Befolgung der Gebote und Verbote ist der Zweck der Herabsendung der Ahkam.“ Diese Erkenntnis öffnete den Menschen jener Zeit die Tore zu geistiger Entwicklung und zur Erweiterung ihres Wissens; hätten sie den Koran lediglich zum Zweck der Erörterung, des Wissenserwerbs und der Sammlung von Informationen studiert, wären diese Tore für sie niemals geöffnet worden. Außerdem wurde es ihnen gerade aufgrund dieser Erkenntnis leicht, die Gebote und Verbote des Korans zu befolgen, und die Last ihrer Verantwortung wurde leichter. In ihrem Aufstehen und Sitzen sowie in ihrem gesamten Verhalten brachten sie den Koran derart zum Ausdruck, dass jeder Einzelne von ihnen als ein lebendiges Bild des Glaubens erschien. Dieser Glaube war nicht in einem Buch oder im Verstand verborgen, sondern wurde durch eine revolutionäre Bewegung verkörpert, die mit einem Programm zur umfassenden Veränderung des menschlichen Lebens voranschritt.
Tatsächlich eröffnet der Koran denjenigen, die nicht beabsichtigen, ihr Leben nach seinen Geboten zu führen, obwohl sie diese kennen, niemals seine Schatzkammer des Wissens. Der Koran ist nicht bloß eine Sammlung gelehrter Abhandlungen, literarischer Erörterungen, Geschichten oder ein Geschichtsbuch. Dennoch werden all diese Themen darin behandelt. Der Koran bringt eine Lebensordnung. Ihr Wesenskern ist die Hingabe an Allah. Deshalb hat der erhabene Allah den gesamten Koran nicht auf einmal herabgesandt, sondern ihn in gewissen Abständen nach und nach offenbart:———————————————–
Wir haben den Koran stückweise offenbart, damit du, o Prophet, ihn den Menschen in gewissen Abständen vortragen kannst; und auf diese Weise haben Wir die Offenbarung allmählich herabgesandt. — Banī Isrāʾīl: 106
Der gesamte Koran wurde nicht auf einmal herabgesandt. Vielmehr wurden seine verschiedenen Teile offenbart, um die jeweils neuen Probleme der sich allmählich ausbreitenden islamischen Gesellschaft zu lösen, dem Verlauf der Entwicklung von Gesinnung und Denkweise der Menschen zu entsprechen, mit dem Fortschritt des gesellschaftlichen Lebens Schritt zu halten und die Fragen zu beantworten, denen die muslimische Gesellschaft im wirklichen Leben begegnete. Im Zusammenhang mit besonderen Situationen und Ereignissen wurden einzelne oder mehrere Verse offenbart. Die Verse oder Versgruppen beantworteten die Fragen, die in den Herzen der Menschen zu dem jeweiligen Thema aufgekommen waren, schilderten das betreffende Ereignis in seiner besonderen Gestalt und legten dar, was in dieser besonderen Situation zu tun war. Diese Verse beseitigten die Irrtümer im Wissen, im Verstand und im Handeln der Menschen, führten sie zu Allah und erläuterten die Eigenschaften Allahs sowie die Lehre von der Schöpfung. So erkannten sie deutlich, dass jeder Augenblick ihres Lebens der Führung und Kontrolle des allmächtigen Schöpfers unterstand und dass sie ihre Lebenstage unter dem Schutz der Barmherzigkeit Allahs verbrachten. Gerade aufgrund ihres Bewusstseins dieser tiefen Verbindung des Lebens mit Allah waren sie stets bemüht, ihr Leben nach der von Allah gegebenen Lebensordnung zu gestalten.
Auf diese Weise waren die Muslime des goldenen Zeitalters daran gewöhnt, alle Anweisungen für das Leben in die praktische Lebenswirklichkeit umzusetzen. Die Muslime späterer Zeiten machten die Lebensordnung zum Gegenstand gelehrter Erörterung und des Genusses. Zweifellos kann gesagt werden, dass dies einer der Gründe für die Veränderung ist, die bei den Muslimen späterer Zeiten zu beobachten ist.
Dritter Grund:In der Geschichte der Muslime findet sich noch ein dritter Grund; auch das sollten wir wissen. Zur Zeit des Gesandten Allahs brach jeder, der den Īmān annahm, alle Beziehungen zur Dschāhilīya ab. Nachdem er im Schutz des Friedens des Islam Zuflucht gefunden hatte, begann er ein neues Leben. Die Neubekehrten trennten sich vollständig von ihrer früheren Lebensweise, die in Unwissenheit über Allahs Gebote versunken gewesen war, und schlossen sich der neuen Gesellschaft an. Da er die falsche Lebensweise bereute, die er im Zeitalter der Unwissenheit geführt hatte, lebte er ständig in Furcht und war völlig davon überzeugt, dass es nach seinem Eintritt in den Islam unzulässig war, irgendeine Verbindung mit der früheren Lebensweise aufrechtzuerhalten. Wenn er bisweilen aufgrund menschlicher Schwäche unter den Einfluss der alten Lebensweise geriet oder alte Gewohnheiten ihn anzogen und er dadurch einen Fehler oder eine Abweichung bei der Befolgung der islamischen Anweisungen beging, geriet er aus Reue und Gewissensbissen in Unruhe und wandte sich unverzüglich dem Koran zu, um sich zu bessern.
So nahm das Leben der Muslime nach dem Eintritt in den Islam einen völlig anderen Verlauf als das frühere Leben in der Dschāhilīya. Da derjenige, der den Islam annahm, diesen Schritt erst nach gründlicher Überlegung tat, hielt er sich vollständig an die Gebote und Verbote des Islam und brach alle Beziehungen zur Dschāhilīya ab. Allerdings lehnten sie die Dschāhilīya ab, während sie ihre materiellen Geschäfte mit den Götzendienern fortsetzten. Denn materielle Geschäftsbeziehungen und ein Kompromiss in Glaubensfragen sind zwei völlig verschiedene Dinge.
Der Verzicht auf die Umgebung, die Bräuche, das Verhalten und die Denkweise der Dschāhilīya beruhte darauf, anstelle der irrigen, vom Schirk geprägten Vorstellung von Allah und der Welt eine auf dem Tauhīd beruhende Lebensanschauung anzunehmen, sich der Gemeinschaft der Muslime anzuschließen, die Führung dieser neuen Gesellschaft anzuerkennen und vollkommene Gefolgschaft zu leisten.
Den Islam anzunehmen bedeutete, das Leben auf einem neuen Weg zu führen: ein neues Leben, frei vom Einfluss aller Werte und Vorstellungen der Dschāhilīya. Abgesehen von der Verfolgung durch die Gegenpartei waren die Muslime keinen anderen Schwierigkeiten ausgesetzt. Doch noch bevor sie den Weg des Islam beschritten, hatten sie in ihrem tiefsten Inneren beschlossen, angesichts jeder unmenschlichen Verfolgung standhaft zu bleiben. Daher konnten die grausamen Misshandlungen durch die Unterdrücker die unerschütterliche Geduld der Muslime nicht erschüttern.
Unsere Aufgabe
Auch wir sind heute, genau wie die Menschen jener Zeit, im Bannkreis der Dschahiliya gefangen, und die heutige Dschahiliya ist noch gefährlicher als jene. Unsere gesamte Umwelt, die Glaubensvorstellungen und die Aqida der Menschen, ihre Wesensart, ihr Charakter und ihre Bräuche – all das ist Dschahiliya. Selbst das, was wir als islamische Kultur, islamische Quellen, islamische Philosophie und islamisches Denken kennen, ist ein Erzeugnis der Dschahiliya.
Deshalb können sich in unseren Herzen keine wahrhaft islamischen Werte verankern. Deshalb werden unsere Herzen niemals vom Licht islamischer Vorstellungen und Glaubensüberzeugungen erleuchtet. Und deshalb entstehen unter uns keine Menschen, die dieselben Eigenschaften besitzen wie die Wegbereiter, die im goldenen Zeitalter des Islam hervorgebracht wurden.
Daher müssen wir uns zu Beginn der islamischen Bewegung und in der ersten Phase unserer Ausbildung vollständig von der gegenwärtigen, von der Dschahiliya beeinflussten Umwelt absondern. Wir müssen unser Wissen aus jener unverfälschten Quelle schöpfen, aus der die ehrwürdigen Gefährten den Weg gefunden haben. Diese Quelle müssen wir sorgfältig von jeder Art der Verfälschung und Vermischung freihalten. Aus denselben Quellen müssen wir Kenntnisse über den Lauf der Schöpfung, über das Verhältnis der Schöpfung und der menschlichen Natur zu Allah, dem wahrhaftigen, höchsten und erhabensten Wesen der menschlichen Natur, erlangen. Aus denselben Quellen müssen wir unsere grundlegenden Vorstellungen über Staatsführung, Politik, Wirtschaft und die übrigen Bereiche des Lebens festlegen.
Wir werden uns nicht lediglich zu gelehrten Erörterungen oder zum Vergnügen den grundlegenden Quellen des Islam zuwenden. Vielmehr werden wir diesen Weg beschreiten, um Allah zu gehorchen und die islamischen Vorschriften zu befolgen. Wir werden uns genau zu der Art von Menschen formen, zu der der Islam uns formen will. Zugleich werden wir die literarische Qualität des Koran, seine einzigartige Ausdrucksweise, seine Schilderung des Jüngsten Tages, seine Logik und andere derartige Schätze weiter erforschen. Daraus werden wir gewiss Nutzen ziehen, doch dies ist nicht das eigentliche Ziel des Koranstudiums. Wir wollen aus dem Koran erfahren, welche Lebensweise er uns vorlegt, welche Sicht auf die Schöpfung er uns lehrt, wie er Allah darstellt, welche moralischen Maßstäbe und welches Verhalten er lehrt und welche Art von Gesetzen und Regierungsordnung er für die menschliche Gesellschaft der Welt zu errichten gebietet.
Gleichzeitig müssen wir uns vollständig von der Gesellschaftslehre, den Vorstellungen, den Bräuchen und der Herrschaft der dschahilischen Führung befreien. Wir können keinen Kompromiss mit der Gesellschaftsordnung der Dschahiliya eingehen. Es ist uns nicht möglich, diese Ordnung anzuerkennen und unter ihr zu leben. Eine freundschaftliche Verbindung mit dieser Gesellschaft ist deshalb nicht möglich, weil diese Ordnung falsch ist. Daher müssen wir zunächst unser eigenes Leben verändern und anschließend diese Gesellschaft verändern.
Unser vorrangiges Ziel wird darin bestehen, alle Bräuche und Ordnungen der dschahilischen Gesellschaft zu verändern. Diese Veränderung muss an der Wurzel der Gesellschaft ansetzen. Denn die dschahilische Gesellschaft ist auf falschen Ideologien gegründet; deshalb steht sie im Gegensatz zum Islam, und diese Ordnung hält uns allein durch rohe Gewalt und Unterdrückung davon ab, sämtliche Vorzüge der von Allah erwählten Lebensordnung zu erlangen.
Zunächst müssen wir uns aus der Fessel der Lebensordnung befreien, die auf dschahilischen Wertvorstellungen und Vorstellungen errichtet ist. Um einen Kompromiss mit der bestehenden fehlgeleiteten Gesellschaft einzugehen, werden wir unsere Wertvorstellungen keineswegs verändern. Der Weg unserer Gesellschaftsordnung und der Weg der gegenwärtig vorherrschenden nichtigen Gesellschaftsordnung sind völlig verschieden. Wenn wir den Weg der Dschahiliya einschlagen, werden wir unser Ziel niemals erreichen.
Wir wissen, dass uns unmittelbar nach dem ersten Schritt auf diesem Weg viele Schwierigkeiten und Hindernisse den Weg versperren werden und dass wir viele Opfer und Entbehrungen auf uns nehmen müssen. Wenn wir jedoch den Spuren jener großen Männer folgen wollen, durch deren Hand Allah der Erhabene Seine Religion in der Welt প্রতিষ্ঠierte und die Dschahiliyya niedertrat, dürfen wir angesichts dieser Schwierigkeiten und Hindernisse nicht zurückweichen.
Wir müssen über den vor uns liegenden Weg klare Kenntnis besitzen. Erst nachdem wir genau erfahren haben, welchen Weg wir einschlagen, welchen Situationen wir unterwegs begegnen, welche Seitenwege wir durchqueren müssen, bevor wir aus der tiefen Finsternis der Unwissenheit die lichtvolle Hauptstraße des Islam erreichen, und wie die großen Gefährten des Propheten (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) den Erfolg erlangten, müssen wir unsere Reise beginnen.
Zweites Kapitel
Die grundlegenden Lehren über Opfer in der mekkanischen Zeit
Der Teil des Heiligen Qurans, der dreizehn Jahre lang in Mekka herabgesandt wurde, legte den Schwerpunkt ausschließlich auf ein Thema. Ohne die grundlegende Aussage des Themas zu verändern, wurde es in der eigenen Darstellungsweise des Qurans immer wieder in neuen Formen dargelegt. Daher schien es jedes Mal, als würde das Thema zum ersten Mal behandelt. Dieses Thema war die erste und wichtigste grundlegende Frage der neuen Lebensordnung. Diese Frage betraf den Glauben an den Schöpfer, die Menschheit und die Beziehung zwischen diesen beiden.
Diese Frage wurde der gesamten Menschheit vorgelegt. Ob sie aus den arabischen Ländern oder aus irgendeinem anderen Gebiet stammten, ob sie jener Zeit oder irgendeiner späteren Zeit angehörten – für alle Menschen war die Frage dieselbe, und auch die Antwort war ein und dieselbe.
Die grundlegenden Fragen des menschlichen Geistes verändern sich niemals. Die Stellung des Menschen in der Schöpfung, das Ziel des menschlichen Lebens, seine Würde in der Schöpfung und seine Beziehung zur Welt sowie die Art der Beziehung zwischen dem Menschen und seinem Schöpfer und ähnliche Fragen sind für die Menschen aller Zeiten und aller Regionen dieselben. Diese grundlegenden Dinge können nicht verändert werden – denn sie sind untrennbar mit der menschlichen Existenz verbunden.
In der mekkanischen Zeit der Herabsendung des Qurans wurden die verborgenen Geheimnisse des Menschen und der ihn umgebenden Welt erklärt. Woher der Mensch kam, was seine Identität ist, zu welchem Zweck er in die Welt gekommen ist, was sein Zielort ist, wer ihm aus dem Nichts Existenz verliehen hat und welches sein Ende sein wird – mit diesen Fragen befasste sich die erste Phase der Herabsendung des Qurans. Es gibt viele Dinge in der Schöpfung, die der Mensch sehen und berühren kann. Andere wiederum existieren zwar spürbar, können aber weder gesehen noch berührt werden. Der Quran vermittelte dem Menschen in dieser Phase Kenntnis von beiden Arten der erschaffenen Dinge und Gegenstände. Darüber hinaus wurde bereits in der mekkanischen Phase erörtert, wer dieses großartige Universum erschaffen und wer die Gestalt und das Wesen aller erschaffenen Dinge bestimmt hat. Ebenso zeigte der Quran dem Menschen, wie die gegenseitigen Beziehungen zwischen dem Schöpfer, der materiellen Welt und dem Menschen zu gestalten sind. Dies ist jene wichtige Frage, von der die Existenz des Menschen abhängt und bis zum Verfall der Schöpfung abhängen wird.
Aus diesem Grund wurde die Antwort auf diese wichtige und grundlegende Frage im Verlauf der dreizehn Jahre der mekkanischen Zeit unter verschiedenen Gesichtspunkten erläutert. Denn die übrigen Fragen, die mit dem menschlichen Leben zusammenhängen, gehen allesamt aus diesem grundlegenden Problem hervor.
In der mekkanischen Phase bestimmte der Koran die grundlegende Aqida zum Hauptthema; über andere Fragen, die sich daraus ergaben, wurde in jener Zeit nichts gesagt. Der allwissende Allah hatte beschlossen, den Menschen keine weiteren Vorschriften vorzulegen, solange der Glaube nicht in den Herzen einer Gruppe von Menschen vollständig und fest verankert war. Denn in den Herzen derjenigen, die später Seinen Din in der Welt aufrichten sollten, musste sich zuallererst ein fester Glaube etablieren.
Diejenigen, die die Botschaft von Allahs Din verkünden, und diejenigen, die bestrebt sind, die von diesem Din dargelegte Lebensordnung zu verwirklichen, müssen sich besonders vor Augen halten, dass der heilige Koran dreizehn Jahre lang ausschließlich zum Iman aufrief und die ausführlichen Gesetze, Vorschriften und Verbote der auf diesem Iman beruhenden Lebensordnung zunächst nicht verkündete.
Der Beginn der Daʿwa-Arbeit
Aus dem unermesslichen Wissensschatz Allahs war festgelegt worden, dass der Inhalt der anfänglichen Daʿwa des Gesandten Allahs (s.a.w.) auf Iman und Aqida beschränkt bleiben sollte. Die erste Botschaft, die der Gesandte Allahs (s.a.w.) den Menschen verkündete, bestand darin, zu bezeugen, dass es außer Allah keinen anderen Herrn und keinen anderen Maʿbud gibt. Zugleich widmete Er sich der Aufgabe, den Menschen ihren wahren Maʿbud vorzustellen und die Berechtigung zu erläutern, einzig Ihm zu dienen.
Nach dem begrenzten menschlichen Wissen lässt sich vermuten, dass die wenigen Worte der Daʿwa die Herzen der Araber in der Anfangsphase nicht gewinnen konnten. Tatsächlich verstanden die Araber ihre Muttersprache sehr gut, und deshalb hatten sie keinerlei Schwierigkeiten, die Bedeutung der Worte Ilah und „La ilaha illallahu“ zu verstehen. Sie wussten, dass das Wort Uluhiyyat souveräne Macht bedeutet, und sie verstanden auch, dass als Folge davon, die Souveränität einzig Allah zuzuschreiben, jede Autorität den Priestern, Stammesführern und wohlhabenden Herrschern entrissen und Allah übertragen werden würde. Das hätte in der Praxis zur Folge, dass in den Gedanken der Menschen, bei religiösen Riten, bei der Verteilung des Vermögens und bei der Rechtsprechung sowie in den übrigen Tätigkeitsfeldern des nationalen Lebens – kurz gesagt, in Seele und Körper des Menschen – die Verkündung der alleinigen Herrschaft Allahs eine besondere Herausforderung für jede in der Gesellschaft etablierte Autorität darstellen würde. Sie war gleichbedeutend mit einer Rebellion gegen die damals bestehenden politischen und gesellschaftlichen Ordnungen und mit einer Kriegserklärung gegen die Gesetzgebungs- und Herrschaftsgewalt aller Kräfte außer Allah. Den Bewohnern Arabiens war die Bedeutung der in ihrer Muttersprache ausgesprochenen Erklärung „La ilaha illallahu“ und ihre Wirkung auf ihre gewohnte Lebensweise keineswegs unbekannt. Deshalb gerieten sie über diese revolutionäre Botschaft in Zorn und leisteten gegen diese Erklärung heftigen Widerstand. Dies ist allgemein bekannt.
Warum begann die Daʿwa des Din auf diese Weise? Warum hatte Allah beschlossen, die Botschaft Seines Din bereits in der Anfangsphase einer Prüfung auszusetzen?
Nationalismus und die Daʿwa des Din
Als der Gesandte Allahs (s.a.w.) begann, Allahs Botschaft zu verkünden, befanden sich das Land und die Besitztümer der Araber nicht in ihren eigenen Händen, sondern waren von anderen in Besitz genommen worden. Im Norden stand Syrien unter der Herrschaft der Römer. Ebenso gehörte der Jemen im Süden zum Persischen Reich. Die einheimischen Araber erkannten die Oberhoheit des persischen Königs an und regierten dieses Gebiet. Nur in den Regionen Hidschāz, Tihāma und Nadschd war die Herrschaft der Araber etabliert; doch diese Gebiete waren nichts weiter als Wüsten. Mit Ausnahme einiger Oasen war das gesamte Gebiet eine wasserlose, sandige Einöde.
Es ist ebenfalls allgemein bekannt, dass seine nahen Verwandten und Nachbarn Hadhrat Muhammad (s.a.w.) die Beinamen al-Amīn und as-Sādiq (der Vertrauenswürdige und der Wahrhaftige) verliehen hatten. Bereits fünfzehn Jahre vor dem Empfang seiner Prophetenschaft wählten die Stammesoberhäupter der Quraisch ihn bei einem Streit über die Wiedereinsetzung des Schwarzen Steins in der Kaaba zum Schiedsrichter und waren mit seinem Schiedsspruch äußerst zufrieden. Er gehörte zum Stamm Banū Hāschim, und Banū Hāschim war als der angesehenste Stamm unter den Quraisch bekannt. Daher kann ohne Weiteres gesagt werden, dass Hadhrat Muhammad (s.a.w.) die Menschen jener Gesellschaft durch den Ruf nach arabischem Nationalismus sehr leicht hätte vereinen können. Die Quraisch hätten dem Ruf nach arabischer Einheit ohne Weiteres Folge geleistet, denn die endlose Folge von Stammeskriegen und Blutvergießen hatte sie zur Verzweiflung gebracht. Er hätte die in hundert Teile zersplitterten Araber durch den Aufruf zu einer sprachbasierten Einheit versammeln, die von den römischen und persischen Reichen besetzten arabischen Gebiete zurückerobern und ohne jede Schwierigkeit einen vereinigten arabischen Staat errichten können.
Statt dreizehn Jahre lang unmenschliche Verfolgung zu ertragen und angesichts heftigen Widerstands zur Religion aufzurufen, hätte der Gesandte Allahs (s.a.w.) durch den Ruf zum Nationalismus leicht die Unterstützung der Bevölkerung gewinnen können, und seine Führung über alle Araber wäre anerkannt worden.
Man könnte auch sagen, dass er, nachdem er auf diese Weise das gesamte arabische Land unter seiner Führung und Herrschaft geeint und gefestigt hätte, die Menschen darauf hätte vorbereiten können, an die Einzigkeit Allahs, des Erhabenen, zu glauben. Nachdem sie seine eigene Herrschaft anerkannt hätten, wären sie leicht dazu gebracht worden, Allah, ihren Herrn und Erhalter, gemäß seinen Ratschlägen und Lehren anzuerkennen.
Doch Allah, der Ursprung allen Wissens und der in allen Dingen Weise ist, ließ seinen Propheten diesen Weg nicht beschreiten. Vielmehr befahl Er ihm, durch eine öffentliche Verkündung die Herrschaft jedes anderen außer Allah zurückzuweisen, und wies den Gesandten Allahs selbst sowie seine wenigen Gefährten an, sich geduldig einer heftigen Opposition zu stellen.
Die Frage lautet: Warum all dies? Der Gesandte Allahs (s.a.w.) und seine geliebten Gefährten wurden nicht grundlos zu Opfern der Verfolgung gemacht. Er wusste, dass das Ziel auf keinem anderen Weg erreicht werden konnte. Das Ziel dieser Bewegung war nicht, das arabische Land von der Unterdrückung durch Rom und Persien zu befreien und an ihre Stelle eine arabische Unterdrückung zu setzen. Jede Unterdrückung, ob einheimisch oder fremd, ist ein und dieselbe. Die Erde gehört Allah, und sie muss für Allahs Herrschaft rein und heilig gehalten werden; die Welt kann nicht durch eine andere Botschaft als die des Glaubensbekenntnisses „Lā ilāha illā llāh“ geläutert werden. Der Mensch ist ausschließlich Allahs Diener, und nur unter dem Einfluss des Glaubensbekenntnisses „Lā ilāha illā llāh“ kann er als Allah gehorsamer Diener leben. Arabisch war ihre Muttersprache. Daher konnten sie klar verstehen, dass diese Botschaft bedeutete: „Es gibt keine souveräne Macht außer Allah; niemand außer Allah besitzt das Recht, Gesetze zu erlassen, und kein Mensch kann über einen anderen Menschen Herrschaft oder Oberhoheit ausüben.“ Denn der alleinige Besitzer aller Herrschaft ist Allah selbst. Der Islam verkündete, dass der Glaube die Grundlage der Einheit der Menschen sein werde. Und am Maßstab des Glaubens sind Araber, Römer und Perser allesamt gleich. Deshalb wurde der Aufruf zur Religion auf der Grundlage der Botschaft des Glaubensbekenntnisses begonnen.
Die wirtschaftliche Revolution und die Botschaft der Religion
Zur Zeit, als der Gesandte Allahs (s.a.w.) seine Prophetenschaft empfing, gab es im arabischen Land keine Möglichkeit für eine gerechte Verteilung des Vermögens. Daher fehlte es dort auch an Gerechtigkeit. Eine kleine Zahl von Menschen hatte sämtlichen Reichtum und Handel in ihrer Hand und vermehrte ihn durch Wuchergeschäfte fortwährend. Eine große Zahl der Landesbewohner war arm und hungrig.
Als vornehm und überlegen galten ausschließlich die Reichen, und das einfache Volk war nicht nur seines Vermögens beraubt, sondern seine menschliche Würde wurde in dieser Gesellschaft überhaupt nicht anerkannt.
Man kann auch sagen, dass Hadhrat Muhammad (s) durch die Erklärung des Krieges gegen die wohlhabenden und vornehmen Personen der Gesellschaft eine Bewegung für eine soziale Revolution hätte führen können, um den Reichen ihr Vermögen zu nehmen und es unter den Armen zu verteilen.
Alle werden auch anerkennen, dass sich die arabische Gesellschaft in zwei Lager gespalten und eine große Zahl armer Menschen an einer solchen Bewegung beteiligt hätte, wenn der Gesandte Allahs (s) eine derartige Bewegung begonnen hätte. Denn sie waren durch die Unterdrückung einiger weniger reicher, angesehener und mächtiger Personen schwer bedrängt. Demgegenüber musste der Gesandte Allahs (s) durch die Verkündung der Botschaft des Tauhid auf Schritt und Tritt Hindernisse und Widerstände überwinden, und infolgedessen folgten diesem Aufruf außer wenigen Menschen mit edlem Herzen niemand.
Es muss auch anerkannt werden, dass Hadhrat Muhammad (s), nachdem er die Mehrheit der Menschen der Gesellschaft für sich gewonnen hatte, als ihr Anführer das gewaltige Vermögen der wenigen Reichen hätte an sich nehmen können und durch seinen Einfluss und sein Ansehen die Menschen der Gesellschaft dazu hätte bringen können, im Rahmen der Erfüllung seines Prophetenauftrags ebenfalls an den Tauhid zu glauben. Nachdem sie die Autorität des Gesandten Allahs (s) anerkannt hätten, hätten sie keinen Einwand dagegen erhoben, gemäß seinen Anordnungen und Ratschlägen die Einheit Allahs, des Erhabenen, anzuerkennen.
Doch Allah, der Erhabene, der allwissend ist und über vollkommenes Wissen verfügt, hat Seinen geliebten Propheten auch auf diesem Weg nicht geführt.
Allah, der Erhabene, weiß am besten, dass dies nicht der richtige Weg ist. Er weiß, dass wirkliche soziale Gerechtigkeit nur durch die vollständige Hingabe an Allah entstehen kann. Die gesamte Gesellschaft muss darauf vorbereitet werden, Allahs gerechte Verteilungsordnung anzunehmen. Alle Mitglieder der Gesellschaft, die Kleinen wie die Großen, die Gebenden wie die Empfangenden, müssen zweifellos glauben, dass sie durch die Befolgung Allahs Gesetzgebung nicht nur Wohlergehen erlangen, sondern auch im Jenseits belohnt werden. Es ist niemals wünschenswert, dass einige Menschen der Gesellschaft durch ihre Gier nach Vermögen wahnsinnig werden und die große Masse gezwungen ist, in Aufruhr zu leben. In einer Gesellschaft, die unter Leugnung der Herrschaft Allahs errichtet wird, wird jede Angelegenheit mit Waffen entschieden. In einer Gesellschaft, in der Angst und Terror alltägliche Ereignisse sind, wird die Mehrheit der Bevölkerung gezwungen, mit gebrochenem Herzen und ohne Mut und Begeisterung wie tot zu leben.
Der Beginn der Bewegung durch eine moralische Organisation
In der Zeit, in der der Gesandte Allahs (s) seine Tätigkeit des Aufrufs begann, war das arabische Land unter moralischen Gesichtspunkten auf die unterste Stufe gesunken. Abgesehen von einigen Stammesbräuchen aus alter Zeit gab es in dieser Gesellschaft keinerlei moralische Ordnung.
Unterdrückung und Misshandlung waren in jener Gesellschaft alltägliche Erscheinungen. Der berühmte Dichter Zuhair ibn Abī Sulmā berichtet:
„Wer sich nicht bewaffnet verteidigt, dessen unausweichliches Ende ist der Tod.“
„Und wer nicht unterdrückt, wird gewiss unterdrückt werden.“
Ein anderes Sprichwort aus dem Zeitalter der Unwissenheit lautet:
„Hilf deinem Bruder unter allen Umständen, sei er nun ein Unterdrücker oder ein Unterdrückter.“
Alkoholkonsum und Glücksspiel gehörten zu den gesellschaftlichen Bräuchen, und die Menschen waren stolz auf diese Gewohnheiten. Alle Gedichte jener Zeit waren um den Wein und das Glücksspiel herum verfasst.
In allen Bereichen jener Gesellschaft waren verschiedene Formen des Ehebruchs verbreitet, und die in der alten wie auch in der zeitgenössischen Unwissenheit versunkenen Menschen waren gemäß den damaligen Gepflogenheiten stolz darauf. Hadhrat ʿĀischa beschrieb die damalige Gesellschaft mit folgenden Worten:
„Im Zeitalter der Dschāhilīya waren vier Arten der Ehe verbreitet. Eine Art entsprach der heute üblichen Ehe. Das heißt, der heiratswillige Mann richtete den Heiratsantrag an den Vater oder den Vormund der Frau und überreichte ihm zu diesem Anlass einige Geschenke. Eine zweite Methode bestand darin, dass ein Mann seiner Ehefrau sagte, sie solle zwischen zwei Menstruationen durch Geschlechtsverkehr mit einem bestimmten fremden Mann schwanger werden. Während dieser Zeit hielt sich der Ehemann davon zurück, seine Frau zu berühren, und unterhielt mit ihr keinen Geschlechtsverkehr, bevor sich Anzeichen einer Schwangerschaft zeigten. Nachdem die Anzeichen der Schwangerschaft sichtbar geworden waren, hatte der Ehemann nach eigenem Wunsch Geschlechtsverkehr mit seiner Frau. Der Zweck dieser Methode bestand darin, Nachkommen aus einer vornehmen Abstammung zu erhalten. Die dritte Methode war die Vielehemännerpraxis (Polyandrie), das heißt, eine Gruppe von höchstens zehn Männern hatte Geschlechtsverkehr mit einer Frau. Einige Tage nach der Empfängnis und der Geburt des Kindes rief die Frau die Männer, die mit ihr Geschlechtsverkehr gehabt hatten, zusammen. Niemand hatte das Recht, diese Aufforderung abzulehnen. Wenn alle versammelt waren, sagte die Frau: ‚Ihr kennt ja bereits das Ergebnis. Ich habe ein Kind geboren.‘ Dann bezeichnete sie unter den anwesenden Männern einen und erklärte: ‚Dieser Mann ist der Vater dieses Kindes.‘ Anschließend wurde das Kind nach dem Namen des bezeichneten Mannes benannt und als dessen Kind betrachtet. Der betreffende Mann hatte kein Recht, die Verantwortung für das Kind abzulehnen.“
Die vierte Methode war folgende: „Viele Männer gingen zu derselben Frau, und die Frau nahm sie alle auf. Tatsächlich waren diese Frauen Prostituierte. An den Türen ihrer Häuser befand sich eine besondere Art von Flagge. Jeder konnte nach Belieben mit ihnen Geschlechtsverkehr haben. Nachdem eine solche Frau schwanger geworden war und ein Kind geboren hatte, versammelten sich viele Männer, und anhand des Aussehens und der Gestalt des Kindes wurde durch einen Fachmann dessen Vaterschaft festgestellt. Derjenige, den die versammelten Männer als Vater dieses Kindes erklärten, war verpflichtet, die Verantwortung für das Kind zu übernehmen. Es gab keine Möglichkeit, dieser Verantwortung zu entgehen.“ (Buchari, Kapitel Ehe)
Der ehrwürdige Muhammad (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) hätte mit einem Programm zur Hebung des Charakters, zur Läuterung der Gesellschaft und zur Selbstreinigung auch eine Bewegung zur moralischen Reform beginnen können. Wie jeder Gesellschaftsreformer hätte er ohne Weiteres die Unterstützung einiger mutiger und tatkräftiger Menschen gewinnen können, die auf eine Reform jener Gesellschaft bedacht waren.
Man kann leicht sagen, dass der Gesandte Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) bei Beginn einer solchen Bewegung eine beträchtliche Zahl von Menschen hätte um sich sammeln können. Aufgrund ihres höheren moralischen Niveaus hätten diese Menschen die Botschaft des Tauhid leicht angenommen und sich auf die Erfüllung der daraus folgenden Aufgaben vorbereitet; und auf diese Weise hätte die Botschaft des Glaubensbekenntnisses „La ilaha illallah“ nicht auf einen derart heftigen Widerstand gestoßen.
Doch der allwissende Allah wusste sehr wohl, dass dies nicht der richtige Weg war. Er wusste, dass Moral ausschließlich auf dem Fundament des Glaubens aufgebaut wird. Der Glaube weist auf die Suche nach einer höheren Autorität hin, die die Quelle der Maßstäbe für Gut und Böse ist. Diese Autorität bestimmt die Belohnung für die Annahme dieser Werte und die Strafe für ihre Ablehnung. Wenn man diese Autorität nicht kennt, erweisen sich alle Werte und moralischen Maßstäbe als vorübergehend – weder gibt es ein Gefühl der Rechenschaftspflicht gegenüber einer Autorität noch die Hoffnung auf eine Belohnung für gute Taten.
Umfassende Revolution
Als der Glaube nach großer Anstrengung fest verankert war und durch praktische Taten vollständiger Gehorsam gegenüber dem Herrn zum Ausdruck kam, an den geglaubt worden war; als die Menschen ihren wahren Schöpfer – ihren Herrn und Erhalter – erkannt hatten und begannen, nur Ihn zu preisen und zu rühmen; als sie in allen Angelegenheiten vom Einfluss anderer und sogar von dem ihrer eigenen Wünsche und Begierden frei geworden waren; und als das Glaubensbekenntnis „La ilaha illallah“ in ihre Herzen eingeprägt war, da gewährte Allah, der Erhabene, ihnen in allen Angelegenheiten Seine Hilfe. Das Land Allahs wurde von der Herrschaft Roms und Persiens befreit, doch diese Befreiung diente nicht dazu, an die Stelle der Herrschaft der Nichtaraber die Herrschaft der Araber zu setzen, sondern dazu, Allahs Souveränität zu etablieren. Die Beseitigung aller Allah widersprechenden Mächte – der römischen, persischen, arabischen und anderer – war das Ziel dieser Revolution.
Mit der Errichtung der islamischen Gesellschaftsordnung endeten alle Formen von Unrecht und Unterdrückung. Eine völlig unparteiische Gerechtigkeit wurde errichtet, indem alles an den von Allah, dem Erhabenen, festgelegten Maßstäben gemessen wurde. Im Namen Allahs wurde das Banner der Gerechtigkeit erhoben. Dieses Banner ist unter dem Namen Islam bekannt. Auf diesem Banner stand nichts anderes als „La ilaha illallah“.
Der Charakter wurde veredelt, Herz und Geist wurden geläutert, und infolgedessen bestand – abgesehen von einigen wenigen Fällen – nirgends die Notwendigkeit, die von Allah, dem Erhabenen, festgelegten äußersten Strafen zu verhängen. Denn zu jener Zeit wurde das Gewissen der Menschen von selbst dazu geneigt, das Gesetz zu befolgen. An die Stelle von Polizei und Gerichten traten im Herzen der Menschen das Streben nach Allahs Wohlgefallen, die Hoffnung auf eine Belohnung von Ihm und die Furcht davor, Seinen Zorn auf sich zu ziehen.
Die Menschheit erhebt sich innerhalb einer von Verderbtheit freien Gesellschaftsordnung hinsichtlich ihrer moralischen Maßstäbe und der übrigen Werte des Lebens zu den höchsten Höhen.
Zuvor hatte die Menschheit niemals ein derart hohes Niveau der Lebensführung erreicht, und später war ein Aufstieg auf dieses Niveau auf keinem anderen Weg als durch den Islam möglich.
Wie kam es zur Revolution?
Dies war deshalb möglich, weil diejenigen, die den Islam als Lebensordnung, staatliche Ordnung und ein System von Gesetzen eingeführt hatten, diese Ordnung zunächst durch Glauben, Charakter, Gottesdienst und die Regeln des gegenseitigen Umgangs in ihren Herzen verankert hatten. Denjenigen, die für die Einführung dieser Ordnung kämpften, wurde weder der Sieg im Krieg, politische Macht noch die Etablierung der Religion durch ihre eigene Hand oder irgendein anderer weltlicher Vorteil versprochen. Ihnen wurde nur eine einzige Belohnung zugesichert. Diese Belohnung ist das Paradies. „Allah
Angesichts des heftigen Widerstands der Bannerträger der eigennützigen, etablierten Dschāhilīya, die sich gegen die Botschaft „außer dem es keinen Herrn gibt“ empörten, wurde den Gläubigen als Gegenleistung für ihren unerschütterlichen Kampf mit unendlicher Geduld und Ausdauer nur jene eine Belohnung versprochen.
Allah stellte sie auf die Probe. Sie bewiesen ihre Standhaftigkeit und vergaßen persönliche Freuden und Genüsse. Allah sah, dass sie nicht nach weltlichen Vorzügen gierten. Sie handelten nicht mit dem begrenzten Ziel, noch zu ihren Lebzeiten den Sieg und die Etablierung dieser Botschaft zu erleben. Als ihre Herzen von ererbtem Adel, Nationalität, Heimat- und Stammesstolz frei geworden waren und sie nach Allahs Urteil als Menschen mit reinen Herzen galten, übertrug Er ihnen eine äußerst heilige Amanah, nämlich die Verantwortung des Kalifats. Sie besaßen einen aufrichtigen (reinen) Glauben. Und eben dieser war die grundlegende Voraussetzung für die Erfüllung der Verantwortung des Kalifats. Denn das wichtigste Feld für die Etablierung der Souveränität Allahs sind Herz und Gewissen sowie das moralische Verhalten und die Grundsätze, die für den Umgang miteinander und das gesellschaftliche Zusammenleben angenommen werden. Allah war gewiss, dass sie nach dem Erlangen politischer Macht zur Etablierung der Gesetze und Ordnungen Allahs diese Ordnung gewissenhaft bewahren würden. Er stellte fest, dass sie die politische Macht nicht zu ihren persönlichen, familiären, stammesbezogenen oder nationalen Gunsten einsetzen würden; vielmehr würden sie diese ihnen von Allah als Amanah anvertraute Ordnung unter Seiner alleinigen Autorität und mit dem Ziel, Sein Wohlgefallen zu erlangen, ordnungsgemäß anwenden. In Wahrheit hatten sie sich selbst zu Bannerträgern der Wahrheit gemacht.
Wenn die islamische Daʿwa nicht mit der Botschaft des Tauhid begonnen hätte und wenn die Karawane der Bewegung nicht auf einem äußerlich beschwerlichen und gefahrenreichen Weg vorangeschritten wäre, hätte diese großartige Lebensordnung niemals in der wirklichen Welt etabliert werden können. Wäre die Bewegung im Namen nationaler Interessen, der Verbesserung des Lebensstandards oder der Gesellschaftsreform begonnen worden und wäre der Kalima lā ilāha illā llāh irgendein anderer Slogan beigemischt worden, hätte diese ersehnte Lebensordnung niemals Wirklichkeit werden können.
Die mekkanische Phase des Heiligen Qurʾān vollbrachte die ruhmreiche Aufgabe, den Glauben daran, dass es im Herzen und Denken der Menschen keinen anderen Herrn außer Allah gibt, fest zu verankern und die Muslime zu ermutigen, entschlossenen Schrittes einen Weg zu beschreiten, der äußerlich äußerst schwierig erscheint.
In jener Zeit wurde in den offenbarten Teilen des Korans ausschließlich die Festigung des Īmāns betont. Die ausführliche Darstellung der Lebensordnung, die auf dem Īmān beruhen sollte, wurde zunächst zurückgestellt. Wer die Daʿwa-Arbeit des Dīn leisten möchte, muss diesen Umstand unbedingt beachten. Tatsächlich verlangt die islamische Lebensordnung genau diese Vorgehensweise. Denn dieser Dīn ist vollständig auf dem tiefen Glauben an den Tauḥīd aufgebaut, und alle für das Leben erforderlichen Vorschriften und Gesetze werden aus diesem großen Glauben abgeleitet. Dieser Dīn lässt sich mit einem gewaltigen Baum vergleichen. Ein großer, hoch aufragender Baum breitet seine Äste und Zweige über ein weites Gebiet aus und richtet seine Krone zum Himmel empor. Ein derart großer Baum wird naturgemäß seine Wurzeln tief in der Erde verankern und sie entsprechend seiner Gestalt ringsum über ein weites Gebiet ausbreiten. Genauso verhält es sich mit diesem Dīn. Diese Lebensordnung enthält Vorschriften für alle kleinen und großen Bereiche, die mit dem menschlichen Leben verbunden sind. Sie gibt nicht nur Regeln für das Diesseits, sondern auch für das Jenseits. Sie enthüllt die Geheimnisse sowohl der sichtbaren als auch der unsichtbaren Welt. Sie begnügt sich nicht mit der materiellen Welt, sondern verbessert auch das Denken. So gleicht sie einem langen, festen und gewaltigen Baum, dessen Wurzeln entsprechend der Gestalt des Baumes tief in das Innere der Erde eindringen.
Aus diesem besonderen Teil der islamischen Lebensordnung können wir verstehen, dass die Bewegung und Verwirklichung des Ideals nur dadurch möglich wird, dass der Samen des Īmāns in die Herzen gesät wird. Für eine richtige Entwicklung ist diese Vorgehensweise äußerst notwendig. Denn nur auf diese Weise lässt sich die Verbindung zwischen den Ästen und Zweigen des islamischen Baumes, die sich hoch zum Himmel erstrecken, und seinen Wurzeln bewahren, die sich tief im Erdinneren nach allen Seiten ausbreiten.
Wenn der Glaube an „لا-إله-إلا-الله“ im Herzen fest verwurzelt ist, breitet er sich auf alle Lebensbereiche aus und wird damit zur praktischen Auslegung der Kalima. So sind die Muʾminūn bereits vor der Einführung der Gesetze innerlich darauf vorbereitet, die islamische Ordnung anzunehmen. Sobald die Gesetze eingeführt werden, nehmen die Gläubigen aufgrund des ersten Erfordernisses des Īmāns und eben dieser inneren Haltung alle Gesetze und Vorschriften des Islams mit Eifer und Freude an.
Daher senken sie, sobald ein Befehl erlassen wird, ihr Haupt. Zur Umsetzung des Gesetzes genügt es, ihnen den Befehl lediglich mitzuteilen. Auf diesem Weg legten sie alle Gewohnheiten und Charakterzüge des Zeitalters der Jāhilīya ab. Einige Verse des Korans oder wenige Worte aus dem Mund des Gesandten Allahs konnten diese gewaltige Veränderung bewirken. Vergleichen Sie dies mit der Art und Weise, wie die säkularen Staaten unserer Zeit Gesetze einführen. Auf jeder Stufe müssen sich die säkularen Staaten auf Gesetzgebungsorgane, die Verfassung, die Polizei, militärische Macht, die Propagandaapparate und die Presse stützen. Dennoch gelingt es ihnen nur, den offenen Verstoß gegen die Gesetze teilweise zu unterdrücken. Daher bleibt die Gesellschaft von gesetzwidrigen und verbotenen Tätigkeiten erfüllt.
Eine praxisnahe Lebensordnung
Auch eine andere Seite dieser Lebensordnung ist bemerkenswert. Vielmehr handelt es sich um eine praxisorientierte Lebensordnung. Der Islam ist eine realitätsbezogene Lebensordnung. Ihr Ziel ist es, die tatsächlichen Angelegenheiten des menschlichen Lebens zu regeln. Daher prüft sie die in der menschlichen Gesellschaft geltenden Verhältnisse und entscheidet darüber, ob sie beibehalten, verbessert oder vollständig verändert werden sollen. Deshalb erlässt der Islam in einer Gesellschaft, die die Souveränität Allahs anerkannt hat, Gesetze erst nach Berücksichtigung der dort zu jener Zeit bestehenden Verhältnisse.
Der Islam ist keineswegs lediglich eine Sammlung einiger auf Vorstellungen beruhender Grundsätze. Daher ist es unerlässlich, vor der Einführung dieser Lebensordnung eine muslimische Gesellschaft aufzubauen. Diese Gesellschaft wird daran glauben, dass niemand außer Allah Gehorsam geschuldet werden darf. Eine Gesellschaft, die einen solchen Īmān und eine solche ʿAqīda besitzt, muss die Autorität und Gesetzgebungskompetenz aller anderen außer Allah ablehnen.
Wenn eine solche Gesellschaft entstanden ist, verschiedenen Problemen im praktischen Tätigkeitsfeld begegnet und die Notwendigkeit eines besonderen Verfahrens zur Ausarbeitung von Gesetzen und Vorschriften erkennt, dann verfasst der Islam eine Verfassung, erlässt Gesetze und Vorschriften und führt Ordnungen und Bräuche ein. Die islamischen Bestimmungen gelten nur für jene Gesellschaft, die die Autorität dieser Gesetze grundsätzlich anerkannt und die nichtislamischen Gesetze und Vorschriften aufgehoben hat.
Die Notwendigkeit von Macht zur Verwirklichung der Ideologie
Diejenigen, die an diese Ideologie glauben, müssen die Macht besitzen, in ihrer eigenen Gesellschaft die islamische Lebensordnung einzuführen und islamische Gesetze durchzusetzen. Es ist äußerst notwendig, dass sie auch die Fähigkeit besitzen, Gesetze zur Lösung der alltäglichen und immer wieder auftretenden Probleme zu erlassen.
In Mekka besaßen die Muslime nicht die Macht, die für sie notwendigen Gesetze zu erlassen. In jener Gesellschaft hatten sie keinerlei Einfluss. Sie hatten sich damals noch nicht in Form einer dauerhaften Organisation zusammengeschlossen, die geeignet gewesen wäre, ein Leben nach Allahs Gesetz zu führen. Deshalb offenbarte Allah, der Erhabene, den Muslimen während des mekkanischen Lebensabschnitts keine für ihre gemeinschaftlichen Bedürfnisse geeignete Ordnung. Auf dieser Stufe wurden ihnen lediglich der Glaube und die mit ihm verbundenen moralischen Grundsätze gelehrt. Später, nachdem in Medina ein autonomer Staat errichtet worden war, entstand ein Umfeld, das geeignet war, die Bedürfnisse der muslimischen Gesellschaft zu erfüllen, und die Macht zur Einführung von Gesetzen wurde erlangt. Erst nachdem diese Situation geschaffen worden war, begann die Offenbarung allgemeiner Gesetze an die Muslime.
Allah, der Erhabene, offenbarte im mekkanischen Abschnitt nicht alle Gesetze und gab den Muslimen nach ihrer Übersiedlung nach Medina eine vollständige Lebensordnung, die dort unmittelbar hätte umgesetzt werden können. Denn dies steht nicht im Einklang mit dem islamischen Ideal. Der Islam ist weitaus praxisbezogener und viel vorausschauender. Dieses Ideal macht sich nicht daran, imaginäre Probleme zu lösen. Zunächst prüft es die bestehenden Verhältnisse der Gesellschaft. Wenn nach seinem Maßstab der Zustand und das Umfeld der Gesellschaft die Merkmale einer muslimischen Gesellschaft aufweisen und sie sich Allahs Gesetz vollständig unterworfen hat, sorgt die islamische Lebensordnung dafür, dass Gesetze erlassen werden, die den Bedürfnissen und Verhältnissen dieser Gesellschaft entsprechen.
Heute ist in keiner Gesellschaft der Welt Allahs Scharia anstelle menschlicher Gesetze verwirklicht, und es gibt auch keine politische Kraft, die geeignet wäre, eine solche Aufgabe zu erfüllen. Trotz dieser offenkundigen Lage fordern manche die praktische Gestalt des islamischen Ideals sowie die Ausarbeitung einer vollständigen Staatsordnung und von Gesetzen nach diesem Ideal. Unter dem Einfluss der Niederlagenmentalität, die in ihnen durch den Zusammenstoß mit der unvollkommenen, von Menschen geschaffenen Lebensordnung entstanden ist, wollen sie die Merkmale, das Wesen und die Tradition der islamischen Lebensordnung verändern und ihr Ziel auf einem kurzen Weg erreichen. Sie wollen auch die islamische Lebensordnung als eine Ansammlung unrealistischer Grundsätze und bloß dem Namen nach bestehender Vorzüge betrachten. Allah, der Erhabene, will jedoch, dass das islamische Ideal genau auf dem Weg wiedererrichtet wird, auf dem es in der Vergangenheit verwirklicht wurde. Zunächst muss ein bestimmter Glaube im Denken und Bewusstsein der Menschen tief und unerschütterlich verankert werden. Dieser Glaube besteht darin, dass der Mensch sich vor keiner Macht außer Allah verbeugt und sich nicht bereit erklärt, die Gesetze und Vorschriften irgendeiner anderen Autorität anzunehmen. Erst wenn eine Gruppe von Menschen, deren Denken und Bewusstsein nach diesem Glauben geformt ist, vollständig vorbereitet die tatsächliche Kontrolle über eine Gesellschaft erlangt, wird es möglich sein, entsprechend den Bedürfnissen dieser Gesellschaft Gesetze zu erlassen und dabei den grundlegenden Glauben zu bewahren. Allah, der Erhabene, hat diesen Weg zur Verwirklichung der islamischen Lebensordnung bestimmt. Kein anderer Weg kann anstelle dessen angenommen werden, was Er bestimmt hat, indem man es übertritt.
Der richtige Weg zur Etablierung der Religion
Diejenigen, die zur islamischen Lebensordnung aufrufen, sollten wissen, dass sie die Menschen zuerst dazu einladen werden, den grundlegenden Glaubensüberzeugungen des Islam vollkommenen Glauben zu schenken. Auch wenn sie sich selbst als Muslime bezeichnen und auch wenn sie in amtlichen Unterlagen als Muslime eingetragen sind, werden die Verkünder der islamischen Ordnung den Menschen zunächst erklären, dass der Islam bedeutet, das Glaubensbekenntnis „La ilaha illallah“ mit seiner richtigen Bedeutung anzunehmen. Die richtige Bedeutung dieses Glaubensbekenntnisses besteht darin, Allahs Souveränität in allen Bereichen des eigenen Lebens anzuerkennen und die Autorität derjenigen abzulehnen, die im Gegensatz zu Allahs Souveränität eigene Souveränität beanspruchen. Nachdem man diese Bedeutung des islamischen Glaubens angenommen hat, muss sich dieser Glaube zwangsläufig im eigenen Denken und Bewusstsein, in der Lebensführung und im Verhalten widerspiegeln.
Wer auch immer die Bewegung zur Wiedererrichtung der islamischen Lebensordnung beginnt, muss diesem Punkt als erstem Schritt besondere Bedeutung beimessen. Die allererste Bewegung des Islam begann auf diese Weise. Während der mekkanischen Phase der Offenbarung des Korans wurden dreizehn Jahre darauf verwendet, diesen Punkt fest zu verankern. Nur die Gesamtheit derjenigen, die sich nach dem Erfassen dieser Bedeutung der islamischen Bewegung anschließen, kann als wahrhaft islamische Organisation oder islamische Gesellschaft bezeichnet werden, und allein diese Gemeinschaft oder Gesellschaft ist fähig, das islamische Ideal im gemeinschaftlichen Leben zu verwirklichen. Denn sie hat sich freiwillig dazu entschlossen, das islamische Ideal in ihrem gesamten Leben zu verwirklichen und außer Allah, dem Einen und Einzigen, die Souveränität keines anderen anzuerkennen.
Wenn auf diese Weise eine Gesellschaft der oben beschriebenen Art entsteht und die islamische Lehre als Grundlage dieser Gesellschaft angenommen wird, wird sie erst dann damit beginnen, im Hinblick auf ihre sie umgebenden Bedürfnisse islamische Bestimmungen zu erlassen. Dies ist der wirklichkeitsnahe und vernünftige Weg zur Einführung der islamischen Lebensordnung.
Eine bestimmte Gruppe frommer Menschen, die die Besonderheiten der islamischen Lebensordnung nicht verstanden haben, beeilt sich in dieser Angelegenheit. Sie verstehen nicht, dass das wahre Wohl in der Methode liegt, die Allah, der Allwissende und Allweise, für die Errichtung der Religion festgelegt hat. Sie meinen, dass die Menschen unmittelbar nach ihrer Unterrichtung über die grundlegenden Prinzipien und gesetzlichen Bestimmungen des islamischen Ideals aus eigenem Antrieb voranschreiten werden, um dieses Ideal zu verwirklichen. In Wirklichkeit ist dies eine eingebildete Vorstellung von Menschen, die in ihrer Haltung darauf aus sind, voreilig irgendetwas zu tun.
Wenn dem ehrwürdigen Gesandten (Allahs Segen und Friede seien auf ihm) eine solche Vorstellung vermittelt worden wäre und er die Menschen zur geografischen Nationalität, zu einer wirtschaftlichen Revolution oder zu einer reformistischen Bewegung aufgerufen hätte, wäre seine Aufgabe sehr viel leichter gewesen. Doch er wählte diesen Weg nicht. Bevor man die Menschen über die Einzelheiten der Gesetze und Bestimmungen der islamischen Lebensordnung unterrichtet und sie dafür gewinnt, ist es unerlässlich, in ihren Herzen einen tiefen Iman an Allah zu verankern, alle übrigen Bestimmungen aufzuheben und sich den von Allah gegebenen Bestimmungen vollständig zu unterwerfen. Die Liebe zur Scharia Allahs wird gerade als Folge der vollständigen Unterwerfung unter Allah und der Weigerung entstehen, andere Formen menschlicher Knechtschaft anzunehmen, und nicht aufgrund der Betrachtung der Überlegenheit von Allahs Bestimmungen gegenüber anderen Bestimmungen. Natürlich besteht kein Zweifel daran, dass die von Allah gegebenen Bestimmungen den von Menschen gemachten Bestimmungen in jeder Hinsicht überlegen sind. Denn diese Bestimmungen stammen vom Schöpfer selbst, und die vom Schöpfer gegebenen Bestimmungen können niemals auf eine Stufe mit den von Geschöpfen erlassenen Bestimmungen gestellt werden. Doch die Überlegenheit der Bestimmungen kann nicht die Grundlage der islamischen Bewegung sein. Ihre Grundlage ist die vorbehaltlose Annahme der göttlichen Scharia und die unmittelbare Zurückweisung jeder Art von Bestimmung, die außerhalb der Scharia steht. Das ist die Bedeutung des Islam; etwas anderes ist nicht Islam. Wer für die grundlegende Basis des Islam gewonnen wird, dem muss der detaillierte Unterschied zwischen dem Islam und anderen Bestimmungen nicht eigens erklärt werden. Das ist der Kern des Iman.
Der Islam im Gegensatz zur Dschahiliyya
Betrachten wir nun, wie der Koran während der dreizehn Jahre des mekkanischen Lebens den Iman und die Aqida formte. Der Koran stellte Iman und Aqida weder als bloße Theorie oder spirituelle Vorstellung dar, noch übernahm er die Methode gelehrter und wissenschaftlicher Autoren, Bücher zu verfassen. Der Koran lenkte stets die Aufmerksamkeit auf die menschliche Natur und ermutigte dazu, das eigene Wesen und die unzähligen Zeichen des Schöpfers zu betrachten, die ringsum sichtbar sind. Der Koran befreite die Denkkraft des Menschen von Aberglauben und Engstirnigkeit und schärfte seine schlummernde Intelligenz. Auf diese Weise verlieh er dem durch Rost stumpf gewordenen Verstand des Menschen die Fähigkeit, die feinen Geheimnisse der Schöpfung zu erfassen. Dies war eine allgemeine Seite der koranischen Lehre. Ihre revolutionäre Seite bestand darin, innerhalb einer auf dem Tawhid errichteten Gesellschaft den Kampf gegen jede Form der Dschahiliyya und gegen alle unterdrückerischen Ideologien aufzunehmen. In einer Zeit, in der der Mühlstein falscher Ideologien die menschliche Gesellschaft zermalmte, war die bloße Verkündung moralischer Lehren sinnlos. Daher begann der Koran entschlossen einen kompromisslosen Kampf, um den Schleier falscher Ideologien zu zerreißen und die Mauern der Lüge einzureißen und vollständig zu zerstören. Auch durch die später vorgebrachten gelehrten Theorien, die Dialektik und die Logik wurde die koranische Lehre nicht verbreitet. Der Koran nahm den Kampf gegen die gesamte von Menschen geschaffene Gesellschaftsordnung auf. Er richtete seine Botschaft an die von Korruption, Unrecht und Unterdrückung gequälte Menschheit. Denn obwohl der Islam grundsätzlich eine auf dem Iman beruhende Lebensordnung ist, besteht sein Ziel darin, das wirkliche Leben zu regeln. Der Koran wurde nicht offenbart, um auf bloße prinzipielle Erörterungen und spirituelle Vorstellungen beschränkt zu bleiben.
Einerseits sorgt der Koran dafür, dass im Herzen der Mitglieder der islamischen Gemeinschaft die Saat des Iman gesät und weiterentwickelt wird; andererseits führt er durch eben diese Mitglieder Angriffe auf die Festungen der Dschahiliyya und eine Kampagne durch, um den Einfluss der Dschahiliyya aus dem Denken und Verhalten der Muslime vollständig zu beseitigen. In einer von vier Seiten des Kampfes erschütterten Gesellschaft gewinnt der Iman gerade durch Stürme und Unruhen an Kraft. Gelehrte theoretische Erörterungen können eine solche Kraft nicht hervorbringen. Der Islam ist eine stets aktive, gut organisierte und lebendige Bewegung, und die muslimische Gesellschaft ist die Verkörperung dieser Bewegung. Das Denken, die moralischen Maßstäbe sowie die Bildung und Erziehung der islamischen Gemeinschaft entwickeln sich im Einklang mit der Geisteshaltung des Iman. Die fortschreitende Entwicklung der islamischen Bewegung ist die praktische Verkörperung der fortschreitenden Entwicklung des Iman. Dies ist die richtige Methode zur Verwirklichung des islamischen Ideals: Die islamische Bewegung wird sich nur in Übereinstimmung mit dem Maß und der Stufe der Iman-Kraft ausbreiten und weiterentwickeln.
Der Islam ist nicht bloß eine Ideologie
Die Mitarbeiter der islamischen Bewegung müssen sich die oben beschriebene revolutionäre Methode merken. Bei genauer Betrachtung wird deutlich, dass während der langen mekkanischen Phase die Stärkung des Iman und der Aufbau einer für die Errichtung der islamischen Gesellschaft ausgebildeten Organisation nach der oben erwähnten Methode nicht getrennt voneinander erfolgten. Vielmehr wurde gleichzeitig und in derselben Zeit damit begonnen, die Saat des Iman zu säen und auf der Grundlage der islamischen Lehre eine Organisation aufzubauen. Daher wird künftig jedes Bemühen um eine Wiederbelebung der islamischen Lebensordnung ohne die Anwendung dieser umfassenden Methode nicht zum Ziel führen können.
Es bedarf einer langen Zeit, um den Iman und die Aqida zu festigen; deshalb schreitet man allmählich und mit langsamen Schritten auf das angestrebte Ziel zu. Jeder einzelne Schritt wird fest und richtig sein. Keinesfalls darf man Zeit mit bloß moralischen und theoretischen Erörterungen oder auf dieser Ebene verlieren. Vielmehr muss der Inhalt des Imans im praktischen Leben als lebendiges Beispiel sichtbar werden. Zunächst wird der Iman in den Herzen der Menschen Einzug halten und eine stets aktive Jamaat hervorbringen, deren äußere und innere Seiten und Bereiche allesamt die reale Gestalt des Imans verkörpern und sichtbar machen. Diese revolutionäre Jamaat wird gerade durch ihren Kampf gegen die Jahiliya in Wort und Tat die lebendige Gestalt des Imans sichtbar werden lassen.
Wer meint, dass sich das islamische Ideal allein durch Lobpreisungen des islamischen Ideals sowie durch gelehrte theoretische und kulturelle Beschäftigung mit dem Islam entwickeln und durchsetzen werde, muss sich unbedingt vor den verhängnisvollen Folgen hüten.
Der Koran wurde nicht an einem einzigen Tag herabgesandt. Vielmehr waren dreizehn Jahre erforderlich, um den Samen des Imans zu säen, die Struktur des Imans aufzubauen und seine Kraft zu stärken. Wenn Allah Taala es gewollt hätte, hätte Er den vollständigen Koran an einem einzigen Tag herabgesandt. Danach hätte Er den Aktivisten der islamischen Bewegung dreizehn Jahre Zeit geben können, um Wissen über den Islam zu erwerben und diese Ideologie gründlich zu begreifen.
Doch Allah Taala wählte diese Methode nicht. Denn Sein Wille war ein anderer. Er wollte auf der Erde eine beispiellose Lebensordnung errichten. Er wollte zugleich die grundlegende Aqida und den Glauben dieser Lebensordnung formen, eine Bewegung organisieren, die Trägerin und Vermittlerin des Ideals sein sollte, und eine Gesellschaftsstruktur errichten, die das gewünschte Lebensideal widerspiegelte. Er wollte eine durch die Aqida und den Glauben gestärkte Jamaat und Bewegung aufbauen und zugleich den Iman durch die Aktivitäten dieser Jamaat und Bewegung schrittweise stärken. Allah Taala gefiel es, dass die Kraft des Imans im Einklang mit dem Fortschritt der Jamaat und der Bewegung zunahm und dass die offenen Aktivitäten der Jamaat und der Bewegung den Iman widerspiegelten. Allah, der Allweise, wusste sehr wohl, dass die Reform der Menschen und der Aufbau einer gesunden Gesellschaft nicht über Nacht vollbracht werden. Denn die Formung der Aqida und des Glaubens erfordert ebenso viel Zeit, wie die Bildung einer gut organisierten Jamaat von Menschen erfordert.
Das ist das charakteristische Merkmal der islamischen Lebensordnung. Die mekkanische Phase der Herabsendung des Korans liefert den Beweis für eben dieses Merkmal. Wir müssen unbedingt über dieses zuvor genannte Merkmal des Din Bescheid wissen und davon absehen, das Merkmal des Din verändern zu wollen, indem wir uns vom inhaltsleeren Glanz der sinnlosen, von Menschen geschaffenen Ideale blenden lassen. Unter dem Einfluss seiner eigenen charakteristischen Merkmale hat der Islam in der Vergangenheit eine große und erhabene Umma unter dem Namen der muslimischen Umma gebildet; und wann immer es künftig auf der Erde als notwendig erachtet wird, die muslimische Umma neu aufzubauen, wird dies nur durch die charakteristischen Merkmale des Din und seine eigene Arbeitsweise möglich sein.
Wie der Blutkreislauf im menschlichen Körper werden die grundlegenden Glaubensüberzeugungen des Islam durch die Adern und feineren Gefäße der Gesellschaft fließen und im Inneren des Körpers der aktiven islamischen Organisation wie eine brennende Fackel leuchten. Wer davon träumt, den Din zu errichten, indem er die eigenen charakteristischen Merkmale und den Entwicklungsverlauf der islamischen Lebensordnung verändert und durch theoretische Erörterungen und gelehrte Beschäftigung die Überlegenheit des Islam gegenüber nichtigen Lebensidealen beweist, begeht nicht nur einen verhängnisvollen Fehler, sondern will zudem einen gefährlichen Weg einschlagen.
Die Forderung der islamischen Aqida und des Glaubens besteht darin, dass dieser Glaube im Innersten lebendiger Menschen, einer aktiven und tatkräftigen Organisation sowie einer zukunftsträchtigen Gesellschaft seinen Platz einnimmt und einen umfassenden Kampf gegen das jahilitische Umfeld beginnt. Während der Kampf darum geführt wird, die bestehende Gesellschaft vom Einfluss der Jahiliya zu befreien, wird die Kraft des Imans zugleich weiterkämpfen, um alle Makel der jahilitischen Gesellschaft aus dem Denken, Verstand und Charakter derjenigen zu tilgen, die den Islam angenommen haben. Denn die Träger der islamischen Bewegung wurden in einer von dem Nichtigen und der Jahiliya beeinflussten Gesellschaft geboren, und es ist nicht verwunderlich, wenn auch nach ihrem Übertritt zum Islam einige Einflüsse der Jahiliya in ihrem Leben fortbestehen.
Aufgrund der genannten Eigenschaften nimmt die islamische Aqida im Denken und Verstand des Menschen einen gewaltigen und umfassenden Raum ein. Das bloße Bemühen um theoretische Erörterungen und das Lob des Islam reicht nicht so weit. Denn der Islam beschränkt sich nicht darauf, lediglich auf den Verstand Einfluss auszuüben; vielmehr umfasst sein Einflussbereich auch das praktische Leben und den Charakter des Menschen.
Die von Islam gegebene Erklärung über den Schöpfer, die Schöpfung, das Leben und den Menschen ist nicht nur umfassend und vollständig, sondern darüber hinaus auch praxisbezogen und positiv. Seinem eigenen Wesen und den Erfordernissen seiner Natur entsprechend möchte der Islam nicht auf einen bloß verstandesmäßig erfassbaren Gegenstand der Wissensaneignung beschränkt bleiben. Das widerspricht seinem Wesen und seinem höchsten Ziel. Der Islam will sich durch die Lebensweise lebendiger Menschen, durch eine aktive Organisation und durch eine praxisbezogene Bewegung zum Ausdruck bringen. Durch das Wirken revolutionärer Menschen, eine revolutionäre Bewegung und eine stets rege Organisation breitet er sich so aus, dass die von ihm vermittelte Denkweise mit dem praktischen Arbeitsleben übereinstimmt. Er möchte niemals lediglich als eine Eigenschaft bezeichnendes Substantiv bestehen, sondern wahrt stets die Übereinstimmung zwischen Prinzipien und praktischen Programmen.
Es wird deutlich, dass die Vorstellung, man müsse auf der ersten Stufe grundsätzlich vollständige Kenntnis des Islam erwerben und erst auf der folgenden Stufe das islamische Ideal im praktischen Tätigkeitsfeld verwirklichen, nicht nur falsch, sondern äußerst schädlich ist. Sie widerspricht dem eigentlichen Ziel und Wesen des Islam.
Allah, der Erhabene, sagt:
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„Wir haben den Koran nach und nach offenbart, damit die Menschen ihn allmählich hören konnten, und ihn (zu bestimmten Zeiten) stufenweise herabgesandt.“ — Banī Isrāʾīl: 106
Gemäß dem oben angeführten Wort Allahs wurde gleichzeitig auf zwei Dinge geachtet. Erstens wurde der Koran nach und nach offenbart, und zweitens wurde er den Menschen allmählich vorgetragen. Der Zweck dieser Vorgehensweise besteht darin, auf der Grundlage des Īmān eine lebendige und aktive Organisation aufzubauen und diese Organisation nach und nach zur Vollkommenheit zu führen. Denn diese Lebensordnung ist zur Verwirklichung gekommen, nicht dazu, bloß als eine hervorragende Ideologie anerkannt zu werden.
Das von Allah gegebene Programm zur Verwirklichung des von Allah gegebenen Ideals
Die Überbringer der Botschaft des Dīn müssen sich sehr wohl klarmachen, dass der Islam die von Allah gegebene Lebensordnung ist und dass auch die Methode zur Errichtung dieser göttlichen Ordnung von Allah, dem Erhabenen, selbst durch die göttliche Offenbarung festgelegt worden ist. Daher ist die Errichtung des Dīn ohne die Befolgung dieser Methode keineswegs möglich. Sie müssen ferner verstehen, dass dieser Dīn nicht nur die Veränderung von Glaubensüberzeugungen und der Lebensweise zum Ziel hat. Er formt Glaubensüberzeugungen besonderer Art, schafft eine charakteristische Umma und verleiht zugleich einer besonderen Denk- und Handlungsweise durch schrittweise Entwicklung ihre Vollendung. In dem Maß, in dem dieser Dīn Glaubensüberzeugungen und das Leben zu verändern vermag, setzt er genau in diesem Maß Kräfte für seine Errichtung ein. Daher vollziehen sich die Einführung der gewünschten Denkweise und die Herausbildung bestimmter Glaubensüberzeugungen gleichzeitig und nebeneinander. Vielmehr kann man sagen, dass sie gleichsam die Blütenblätter ein und derselben Blume sind.
Aus der vorangegangenen Erörterung haben wir erfahren, dass die dem Din eigene Vorgehensweise eindeutig festgelegt ist. Zugleich wurde deutlich, dass diese Vorgehensweise in sich vollständig und dauerhaft ist. Sie wurde weder für eine bestimmte Stufe, einen bestimmten Zustand oder ein bestimmtes Umfeld der islamischen Daʿwa entwickelt, noch galt sie ausschließlich für die ehrwürdigen Gefährten (möge Allah mit ihnen zufrieden sein). Vielmehr ist diese Vorgehensweise frei von den Bindungen an Zeit und Zeitalter. Wann immer auf der Welt eine Bewegung zur Etablierung des Islam beginnt, muss sie nach dieser Vorgehensweise geführt werden; durch die Anwendung irgendeines anderen Weges oder Verfahrens ist die Etablierung dieses Din nicht möglich.
Der Islam verändert nicht nur die Glaubensüberzeugungen und sämtliche Handlungen des praktischen Lebens der Menschen, sondern auch ihre Sichtweise und ihr Denken. Auch seine Methode der Veränderung unterscheidet sich völlig von den von Menschen geschaffenen Veränderungsmethoden, denn Letztere sind sinnlos und von engstirniger Sichtweise geprägt.
Wenn wir die von Allah, dem Erhabenen, festgelegte Vorgehensweise nicht annehmen, werden wir keineswegs von der göttlichen Offenbarung profitieren und auch nicht in der Lage sein, das Denken und die Gewohnheiten der Menschheit zu verändern.
Wenn wir versuchen, den Islam lediglich als eine Lehre zu studieren oder ihn in den Zusammenkünften der Wissenspflege zu einem unterhaltsamen Gesprächsthema zu machen, trennen wir ihn in Wirklichkeit von der von Allah gegebenen revolutionären Methode und Denkweise. Auf diese Weise stufen wir die von Allah gegebene Lebensordnung auf die Ebene einer von Menschen geschaffenen Lebensordnung herab. Durch solche Handlungen versuchen wir in der Praxis, die von Menschen geschaffenen Methoden zu korrigieren und sie auf die gleiche Rangstufe wie die von Menschen geschaffene Methode zu erheben. Eine solche Sichtweise ist äußerst gefährlich und das Ergebnis einer besiegten Geisteshaltung.
Die Botschaft der großen Wahrheit gibt den Angehörigen der islamischen Bewegung einen besonderen Maßstab für ihr Denken und Nachdenken. Mit seiner Hilfe können sie sich vom Einfluss jener irrigen Gedanken reinigen, die unter dem Einfluss der in der Welt verbreiteten Jahiliyyah in unseren Geist und unser Denken eingedrungen sind, unseren Verstand verwirrt und Bildung und Kultur vergiftet haben. Wenn wir unseren Din entsprechend der Sichtweise der bestehenden Jahiliyyah, die seinem Wesen widerspricht, zu verändern beginnen, wird dieser Din für die menschliche Gesellschaft ohne Nutzen sein, und die menschliche Gesellschaft wird des Nutzens des wahren Din beraubt werden. Darüber hinaus wird es auch uns selbst nicht möglich sein, uns vom schädlichen Einfluss der jahilitischen Ideologien fernzuhalten. Auch in dieser Hinsicht ist die Angelegenheit äußerst schädlich.
Das Nachdenken über die Etablierung des islamischen Ideals in der menschlichen Gesellschaft und das Bemühen darum sind nicht weniger wichtig als der Glaube an die islamische Aqida und die islamische Lebensordnung und davon auch nicht getrennt.
Auch wenn es uns sehr richtig und erfreulich erscheint, sich mit grundlegenden und schriftlichen Mitteln um die Verbreitung der islamischen Lehre und den Nachweis der Überlegenheit der islamischen Lebensordnung zu bemühen, müssen wir bedenken, dass der Islam niemals allein durch bloße Verkündigung und Lobpreis in der Welt als eine wirkliche Wahrheit etabliert werden kann. Wir müssen verstehen, dass aus der oben genannten Vorgehensweise nur die Angehörigen der islamischen Bewegung Nutzen ziehen können, und auch sie nur in dem Maß, in dem die Bewegung Fortschritte macht. Deshalb sage ich noch einmal: Unmittelbar nachdem man den Islam angenommen hat, muss die Bewegung zur Etablierung dieses Ideals begonnen werden, und die Bewegung muss sich wahrhaftig und vollkommen als Abbild des Islam offenbaren.
Ich möchte auch wiederholen, dass die Methode zur Führung der islamischen Bewegung durch die göttliche Offenbarung festgelegt ist und dass diese Methode vollkommen, dauerhaft und äußerst wirkungsvoll ist. Im Vergleich zu allen anderen Methoden steht sie in besonders tiefem Zusammenhang mit der menschlichen Natur. Aus diesem Grund hat der Islam sie den Menschen als eine bestimmte und vollständige Methode vorgelegt, noch bevor sie sich in einer praktischen Bewegung verwirklichten, in den Herzen der Menschen eine lebendige Vorstellung davon entstand und diese Methode Schritt für Schritt befolgt wurde.
Wenn die obige Aussage über die Grundquelle der islamischen ʿAqīda zutrifft, dann gilt dieselbe Wahrheit auch für die organisatorische Struktur der islamischen Gesellschaft und die Ausarbeitung ihrer detaillierten Gesetze. Die fest etablierte Jāhiliyya um uns herum hat auf einige selbstlose Mitarbeiter des Islāmischen Einflusses einen solchen Einfluss ausgeübt, dass sie, in ihrem Bestreben, die natürlichen Entwicklungsstufen der islamischen Revolution allzu schnell zu durchlaufen, die folgenden Fragen aufgeworfen haben: Was sind die detaillierten Bestimmungen des Ideals, dessen Botschaft wir verkünden? Wie viel Forschung haben wir betrieben, um diese Bestimmungen umzusetzen? Wie viele Angelegenheiten konnten wir bisher systematisch ordnen und wie viele Abhandlungen verfassen? Oder ist eine zeitgemäße Rechtslehre (Fiqh) des Ideals ausgearbeitet worden? Wenn man ihre Fragen hört, könnte man meinen, dass außer der Forschung zur Ausarbeitung islamischer Gesetze und der Abfassung einer detaillierten Rechtslehre (Fiqh) alle übrigen Arbeiten bereits abgeschlossen seien. Es scheint, als seien alle Mitglieder der Gesellschaft bereit, Allahs Gesetz anzunehmen und ihr Leben danach zu führen, und als fehle lediglich eine Gruppe von Mudschtahids, die eine moderne, zeitgemäße Rechtslehre ausarbeitet. Das ist eine abscheuliche Verspottung des Islām. Jeder gläubige Muslim muss sich vor einem solchen spöttischen Verhalten hüten.
Mit der Anwendung der oben genannten Methode sucht die Jāhiliyya lediglich nach einem Vorwand, um die Verwirklichung der göttlichen Scharīʿa zu verhindern und das System aufrechtzuerhalten, das die Herrschaft des Menschen über den Menschen etabliert. Sie will die Mitarbeiter der islamischen Bewegung davon abhalten, ihre īmānische Kraft in der revolutionären Bewegung einzusetzen, und sie dazu bringen, sich damit zufriedenzugeben, lediglich an die Überlegenheit des Ideals zu glauben. Die Jāhiliyya will diejenigen, die den Islām verkünden, vom richtigen Weg zur Verwirklichung des islamischen Ideals abbringen. Ihr Ziel ist es, die Gläubigen von jener Bewegung und jenem Kampf fernzuhalten, auf deren Weg der islamische Glaube an Reife gewinnt, in deren Verlauf sich die islamische Ordnung entwickelt und in deren verschiedenen Stufen zeitgemäße islamische Gesetze zur Beseitigung konkreter Probleme und Schwierigkeiten erlassen werden.
Diese Machenschaften derjenigen, die das islamische Ideal verwirklichen wollen, müssen zunichtegemacht und das Falsche vollständig zerschmettert werden; ebenso muss der lächerliche Versuch zurückgewiesen werden, in einer Gesellschaft, die noch nicht bereit ist, die von Menschen geschaffenen Gesetze abzulehnen und Allahs Gesetz anzunehmen, die islamische Rechtswissenschaft zu modernisieren. Solche Äußerungen dienen lediglich dazu, die Mitarbeiter der islamischen Bewegung vom eigentlichen Ziel abzulenken und ihre Zeit und Mühe mit dem Bau von Luftschlössern zu vergeuden. Sie müssen diese Verschwörungen unbedingt zum Scheitern bringen.
Diese Religion muss ausschließlich nach der Methode vorangetrieben werden, die sie für ihre eigene Etablierung festgelegt hat. Innerhalb dieser Methode liegt das Geheimnis der religiösen Kraft verborgen, und der Sieg und Erfolg derjenigen, die den Islām etablieren, sind zwangsläufige Folgen eben dieser Methode.
Das islamische Lebensideal und die Methode zur vollständigen Etablierung des Islām sind gleichermaßen wichtig; zwischen beiden besteht kein Unterschied. Wie anziehend andere Wege und Methoden äußerlich auch erscheinen mögen, das islamische Ideal kann durch keinen anderen Weg und keine andere Methode etabliert werden. Andere Methoden können von Menschen geschaffene Ideale verwirklichen, doch im Hinblick auf unser Ideal sind sie völlig bedeutungslos. Daher ist es im Fall der islamischen Revolution ebenso wichtig, ihrer eigenen Methode zu folgen, wie die grundlegenden Glaubensüberzeugungen und die islamische Lebensordnung des Dīn einzuhalten.
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„Dieser Qurʾān leitet wahrlich zu dem geradesten und klarsten Weg.“ — Banī Isrāʾīl: 9
Drittes Kapitel
Die Merkmale der islamischen Gesellschaft und der Weg zu ihrer Bildung
Die grundlegende Botschaft der Propheten
Die Botschaft, mit der Hadhrat Muhammad (s) in die Welt kam, war die abschließende Stufe der Botschaft, die von den Propheten Allahs seit Anbeginn der Schöpfung verkündet worden war. Diese Botschaft bestand während der gesamten Geschichte der Menschheit in ein und derselben unveränderten Form fort. Sie besteht darin, den einen und einzigen Herrn und Erhalter anzuerkennen, sich Ihm zu unterwerfen und die Abschaffung jeder Form menschlicher Herrschaft zu verkünden. Aus der Geschichte der Menschheit ist bekannt, dass die menschliche Gesellschaft als Ganzes – abgesehen von einigen verstreuten Einzelpersonen – niemals die Existenz Allahs, des Erhabenen, oder Seine Souveränität über das Weltall geleugnet hat. Vielmehr hegte sie falsche Vorstellungen über die Eigenschaften Allahs oder ersann neben Ihm viele weitere Götter als Seine Helfer. Durch ihren Glauben und ihre Anbetung oder durch die Anerkennung der Souveränität einer anderen Macht neben Allah bestimmten sie Allah Helfer oder Teilhaber zu. Beide Wege sind Schirk.* Denn sie entfernen die Menschen von der Religion, die den Propheten – Friede sei mit ihnen – offenbart wurde. Nach dem Ableben jedes Propheten lebten seine Anhänger einige Zeit lang ordnungsgemäß gemäß den Anweisungen der Religion. Doch im Laufe der Zeit schritten sie allmählich auf dem Weg des Irrtums voran. Schließlich versanken sie erneut in der Dschahiliyya und begannen, ein Leben des Schirk zu führen. Bisweilen begingen sie Schirk in Glauben und Aqida sowie in Anbetung und Verehrung. Bisweilen erkannten sie die souveräne Macht anderer Kräfte neben Allah an, und bisweilen verfielen sie beiden Formen des Schirk.
Die Stellung des Menschen in der Schöpfung
Auf allen Stufen der Geschichte verkündet Allahs Din ein und dieselbe Botschaft. Das Ziel dieses Dins ist der Islam. Islam bedeutet, den Menschen Allah gegenüber gehorsam und folgsam zu machen, sie aus der Knechtschaft der Menschen zu befreien und sie ausschließlich in den Dienst Allahs zu stellen; die menschliche Gesellschaft aus der Souveränität des Menschen und aus den Fesseln der von Menschen geschaffenen Lebensordnung und Wertvorstellungen zu befreien und in allen Bereichen des Lebens Allahs, des Erhabenen, Souveränität, Herrschaft und Gesetzgebung einzuführen. Hadhrat Muhammad (s) kam mit diesem Ziel in die Welt, und auch seine Vorgänger unter den Propheten hatten dieselbe Aufgabe. Die gesamte Natur folgt der Gesetzesherrschaft Allahs, des Erhabenen, und der Mensch ist als winzigster Teil der Natur gezwungen, den Naturgesetzen zu folgen. Um das Leben in Übereinstimmung mit den Gesetzen zu bringen, denen die Organe des menschlichen Körpers folgen, ist es auch im praktischen Leben unerlässlich, der Gesetzesherrschaft Allahs, des Gesetzgebers, zu folgen. Der Mensch kann die Herrschaft dieses Gesetzes niemals ablehnen und für sich ein eigenes System oder eine andere Lebensweise erfinden. Ernährung und Wachstum des menschlichen Körpers, seine Krankheit und Gesundheit, sein Leben und sein Tod sind gegenüber Allahs Gesetz völlig machtlos. Der Mensch besitzt keinerlei Macht, die in der Welt bestehenden Gesetze Allahs zu verändern. Daher muss auch in jenem Teil des Lebens, in dem dem Menschen das Recht gegeben wurde, Allahs Anordnungen zu befolgen oder nicht zu befolgen, Allahs souveräne Herrschaft anerkannt und eine vollständige Übereinstimmung im Leben hergestellt werden.
Der Weg aus den Fesseln der Dschahiliyya
Die Dschahiliyya ist in Wirklichkeit nur ein anderer Name für die Herrschaft von Menschen über Menschen. Daher widerspricht sie den in der natürlichen Welt geltenden Gesetzen. Indem der Mensch das Ideal der Dschahiliyya annimmt, bringt er den Teil seines praktischen Lebens, in dem er gezwungen ist, den Naturgesetzen zu folgen, mit diesen Gesetzen in Konflikt. Der letzte Prophet Muhammad (s) und alle Propheten vor ihm griffen eben diese Dschahiliyya an, indem sie die Botschaft verkündeten, die Souveränität des einen und einzigen Allah anzuerkennen. Die Dschahiliyya ist nicht bloß eine Ideologie. Vielmehr zeigt sich in manchen Fällen, dass sie überhaupt keine Ideologie besitzt. Überall nimmt die Dschahiliyya die Gestalt einer etablierten Gesellschaft an, und eine aktive Bewegung steht ihr stets unterstützend zur Seite. Diese Gesellschaft führt ihre eigene Führung, ihre eigenen Vorstellungen, Wertvorstellungen, Bräuche, Wesensarten und Denkweisen ein. Die Dschahiliyya ist gut organisiert. Die Menschen dieser Gesellschaft sind durch gegenseitige Kontakte, Zusammenarbeit, Organisation und Disziplin so miteinander verbunden, dass die gesamte Gesellschaft bewusst oder unbewusst gleichermaßen für die Bewahrung dieser Gesellschaftsordnung tätig ist; diejenigen, die als schädlich für ihre Existenz gelten, beseitigt sie von der Erde. Wenn die Dschahiliyya nicht mehr nur eine Ideologie ist, sondern die Gestalt einer aktiven Bewegung annimmt, kann man niemals Erfolg haben, wenn man den Islam lediglich als eine Ideologie vorträgt, um sie zu stürzen und die menschliche Gesellschaft wieder unter die Anbetung Allahs, des Erhabenen, zu bringen. Die Dschahiliyya beherrscht die materielle Welt, und eine aktive Organisation ist unter ihrer Schirmherrschaft ständig tätig. Unter diesen Umständen ist es nicht nur unmöglich, sie allein mithilfe einer Ideologie wirksam zu bekämpfen, sondern sogar, ihr entgegenzutreten. Man muss folglich ganz natürlich zu dem Schluss kommen, dass es das Ziel des Islam ist, die Ideologie der etablierten Dschahiliyya zu stürzen und ein Ideal mit völlig anderen Merkmalen und Bräuchen zu errichten. Da die Dschahiliyya mit einer gut organisierten Gesellschaft und Organisation fest etabliert ist, wird auch der Feldzug zu ihrem Sturz erst als eine gut organisierte Bewegung auf dem Schlachtfeld erscheinen. Diese neue Bewegung muss besser organisiert sein als die Dschahiliyya, und die gegenseitigen Beziehungen der Aktivisten müssen fester und stärker sein.
Die ideologische Grundlage der islamischen Gesellschaft
Auf jeder Stufe der islamischen Geschichte bestand die ideologische Grundlage, auf der die islamische Gesellschaft ihre eigene Ordnung errichtete, im Bekenntnis zum Kalima „La ilaha illallah“. Dieses Kalima bedeutet: Allah allein ist der Herr; Er allein ordnet das Weltall; Er allein ist der wahre Herrscher und Besitzer der souveränen Macht. Herz und Verstand müssen durch das Licht Seiner Einheit erleuchtet werden. In Gottesdienst und Anbetung muss der Beweis Seiner Einheit erbracht werden. In den Gebräuchen und gesetzlichen Bestimmungen des praktischen Lebens muss sich Seine Einheit widerspiegeln. Das Bekenntnis zu „La ilaha illallah“ kann in der Praxis auf keine andere Weise abgelegt werden als durch ein solches umfassendes und vollständiges Vorgehen. Auch aus der Sicht der Scharia ist nur ein solches Bekenntnis zuverlässig.
Dieses vollständige und umfassende Vorgehen verwandelt das mündliche Bekenntnis in ein wirksames System, auf dessen Grundlage derjenige, der dieses Bekenntnis ablegt, als Muslim und derjenige, der es zurückweist, als Nichtmuslim bezeichnet werden kann. Der Aufbau dieser Grundlage bedeutet ihrem idealen Anspruch nach, dass das menschliche Leben vollständig Allahs Gehorsam untergeordnet werden muss. In keinem Lebensbereich darf der Mensch selbst eine Entscheidung treffen. Vielmehr muss er sich Allah zuwenden und Ihm gehorchen. Es gibt nur einen Weg, Allahs Gebote zu erfahren, und das ist Allahs Gesandter. Im zweiten Teil des Glaubensbekenntnisses wird dieser Weg als die zweite Säule des Islam bezeichnet: „Aschhadu anna Muhammadan rasulullah“ – ich bezeuge, dass Muhammad (s.) Allahs Gesandter ist.
Dies ist die ideologische Grundlage, auf der das islamische Gebäude errichtet wird. Und dies ist das eigentliche Lebensblut des Islam. Diese Grundlage schafft eine vollständige Lebensordnung für das menschliche Leben, die in jedem Lebensbereich verwirklicht werden muss. Diese Lebensordnung löst jedes Problem – unabhängig davon, ob es im Dar al-Islam oder außerhalb davon entsteht, ob es um die Beziehungen innerhalb der muslimischen Gesellschaft oder um die Herstellung von Beziehungen zwischen der muslimischen und der nichtmuslimischen Gesellschaft geht.
Muslimische Bewohner in einer dschahilijjatischen Gesellschaft
Nach der obigen Darstellung ist der Islam keine starre und bedeutungslose Lehre, die jemand nach Belieben als Glaubensüberzeugung annimmt, seine Gebete verrichtet und damit seine Aufgabe beendet, um anschließend in der Praxis der etablierten und aktiven dschahilijjatischen Gesellschaft zu folgen. Wenn die Anhänger des Islam sich in einem solchen Zustand befinden, ist die tatsächliche Verwirklichung des Islam unmöglich, ganz gleich, wie groß ihre Zahl sein mag. Denn diejenigen sogenannten Muslime, die zu Bestandteilen der dschahilijjatischen Gesellschaft werden, sind zwangsläufig dazu verpflichtet, die organisatorischen Bedürfnisse eben dieser Gesellschaft zu erfüllen. Danach werden sie sich bewusst oder unbewusst darum bemühen, jene grundlegenden Bedürfnisse zu befriedigen, die für die Lebendigkeit und das Bestehen des gesellschaftlichen Lebens unerlässlich sind. Darüber hinaus werden sie sich als Beschützer dieser Gesellschaft aufstellen und alle Mittel und Faktoren beseitigen, die ihnen für ihr Bestehen und ihre Verwaltung gefährlich erscheinen. Denn wenn die gesamte Gesellschaft all diese Pflichten erfüllt, muss man als ihr unvermeidlicher Bestandteil bewusst oder unbewusst gemeinsam mit der gesamten Gesellschaft an der Erfüllung dieser Pflichten mitwirken.
Der Weg zur islamischen Wiederbelebung in einer dschahilijjatischen Umgebung
In dem Augenblick, in dem aus dem Mund eines Menschen das Glaubensbekenntnis „La ilaha illallahu Muhammadur Rasulullah“ ausgesprochen wird, muss von genau diesem Augenblick an die Entscheidung zu revolutionären Schritten getroffen werden. Ohne diese revolutionären Schritte kann die muslimische Gesellschaft keine Wirklichkeit werden, ganz gleich, wie groß die Zahl der wahrhaft vom Islam überzeugten und dem Islam ergebenen Menschen auf der Welt sein mag. Solange sie nicht durch gegenseitige Unterstützung aktiv werden, solange sich nicht Menschen verschiedener Gruppen wie die einzelnen Glieder eines lebendigen menschlichen Körpers organisieren und ihre Kräfte stärken und solange sie nicht unter einer Führung, die völlig frei vom Einfluss der dschahilijjatischen Gesellschaft ist, eine geschlossene Bewegung zur Selbstverteidigung gegen die angreifenden Kräfte beginnen, kann keine islamische Gesellschaft errichtet werden. Zur Errichtung dieser Gesellschaft wird die genannte Führung die Bewegung durch einheitlichen Eifer und Einsatz, die Abstimmung der organisatorischen Aktivitäten, die Bildung und Entwicklung eines islamischen Charakters sowie durch die Reinigung von allen Einflüssen der nichtigen Gesellschaft ihrem Ziel entgegenführen.
So wurde der Islam begründet. Ausgehend von einer kurzen Glaubensüberzeugung umfasste der Islam das gesamte Leben. Mit dem Glauben an diese Lebensordnung entstand zugleich eine starke und aktive Bewegung. Diese Bewegung begnügte sich nicht damit, sich von der Dschahilijja zu trennen, sondern erklärte darüber hinaus der bestehenden nichtigen Gesellschaftsordnung den Aufstand. Der Islam kam nicht als eine in Wirklichkeit nicht existente, imaginäre Lehre in die Welt. Auch in Zukunft kann sein Bestehen nur durch eine reale Ordnung zum Ausdruck kommen. Wenn in der Finsternis, die in jeder Ritze der dschahilijjatischen Gesellschaft vorhanden ist, die Fackel des Islam erneut entzündet werden soll, bleibt für jedes Zeitalter und jedes Land kein anderer Weg, als zunächst das Wesen und den Charakter des Islam unausweichlich zu verstehen. Dieses Wesen besteht darin, dass seine Entfaltung und Entwicklung ohne eine Bewegung und eine institutionelle Ordnung überhaupt nicht möglich sind.
Die Entwicklung der Menschheit
Wenn der Islam nach der oben beschriebenen Methode auf der Grundlage des Tawhid die Grundlage für eine muslimische Umma schafft und diese Umma anschließend aktiv wird und allein der Tawhid-Glaube das verbindende Band ihrer Beziehungen bestimmt, besteht ihr Hauptziel darin, die Menschlichkeit des Menschen zu erwecken und zu entwickeln, sie stark und kraftvoll zu machen und sie dazu zu befähigen, gegenüber den übrigen Anlagen des Menschen Vorrang zu gewinnen. Der Islam will dieses Ziel verwirklichen. In mancher Hinsicht ähnelt der Mensch den Tieren, ja sogar der unbelebten Materie. Daher sind die Wissenschaftler der Dschahiliyya dem Irrtum verfallen, den Menschen als Tier oder in manchen Fällen als unbelebte Materie zu betrachten. Obwohl der Mensch in vieler Hinsicht den Tieren und der unbelebten Materie ähnelt, besitzt er tatsächlich bestimmte Eigenschaften, aufgrund derer er als das beste aller Geschöpfe gilt. Auch die Träger und Vertreter der dschahilischen Wissenschaft waren gezwungen, diese Tatsache widerwillig anzuerkennen. Ihre Anerkennung ist jedoch weder aufrichtig noch eindeutig. *
Der segensreiche Charakter der islamischen Lebensordnung ist äußerst wirklichkeitsnah und beispiellos. Indem der Islam die schwachen Bande von Rasse, Sprache, Land, materiellen Interessen, geografischen Grenzen und Ähnlichem zerreißt, hat er allein den Iman zur Grundlage der Gesellschaft und der zwischenmenschlichen Beziehungen gemacht. Anstelle der Gemeinsamkeiten zwischen Mensch und Tier fördert diese Gesellschaft ausschließlich die menschlichen Eigenschaften und verleiht ihnen in der menschlichen Gesellschaft den Vorrang. Die ganze Welt erlebt die segensreichen Folgen dieses großartigen Werkes. Die islamische Gesellschaft wird zu einer offenen und großzügigen Gesellschaft. Ihre Tore stehen Menschen aller Rassen, Sprachen und Regionen für immer offen. In diesem großen Meer der islamischen Gesellschaft vermischen sich die Flüsse verschiedenster Begabungen und Eigenschaften miteinander. Als Folge dieser großen Vereinigung trat schon nach sehr kurzer Zeit eine die Welt in Erstaunen versetzende Wirklichkeit vor aller Augen hervor. Trotz der äußerst schwachen Verkehrs- und Reisemöglichkeiten jener Zeit waren die größten Talente der Menschheit auf den Gebieten des Denkens sowie der Wissenschaft und des Wissens in diese Wirklichkeit einbezogen.
Im großen Ozean der islamischen Gesellschaft versammelten sich Menschen aller Völker und Stämme aus Arabien, Persien, Syrien, Ägypten, Marokko, der Türkei, China, Indien, Rom, Griechenland, Indonesien, Afrika und anderen Ländern. Ihre unterschiedlichen Eigenschaften wurden zu einem einzigen Band verflochten, und durch gegenseitige Unterstützung und den Umgang miteinander wirkten sie am Aufbau der islamischen Umma und der islamischen Kultur mit. Diese ruhmreiche Zivilisation war nicht einmal für einen Tag eine arabische Zivilisation, sondern eine vollkommen islamische Zivilisation. Die islamische Zivilisation schuf niemals eine Nation, sondern bildete auf der Grundlage des Iman eine Umma.
Die Angehörigen aller Sprachen aus jedem Land waren am Aufbau dieser Zivilisation gleichermaßen beteiligt. Durch die Bande der Liebe und der Moral knüpften sie tiefe Beziehungen zueinander. Sie alle waren Wanderer auf demselben Weg. Daher setzten sie all ihre Fähigkeiten für den Aufbau der erstrebten Gesellschaft ein. Indem sie ihre stammesbezogenen Eigenschaften sowie ihre persönlichen und nationalen Vorzüge voll einbrachten, bereicherten sie diese Gesellschaft. Denn als Mitglieder der islamischen Gesellschaft trug jeder von ihnen die gleiche Verantwortung. Die Grundlage ihrer Beziehungen war eine tiefe Liebe zu Allah. Deshalb konnte sich in dieser Gesellschaft die Persönlichkeit eines jeden ungehindert entfalten. Die Eigenschaften, die unter den Menschen jener Epoche zum Vorschein kamen, haben in der Geschichte der Menschheit ihresgleichen nicht gefunden.
In der alten Geschichte galt die römische Gesellschaft als die beste Gesellschaft. Auch in dieser Gesellschaft waren Menschen verschiedener Stämme, Sprachen, Rassen und Charaktere vereint. Ihre Einheit war jedoch nicht auf der Grundlage menschlicher Beziehungen organisiert. Kein höheres Ideal schuf unter ihnen ein Band der Einheit. Vielmehr bildete die Klassenteilung die Grundlage ihrer Einheit. Im gesamten Reich stand auf der einen Seite die vornehme Klasse und auf der anderen eine gewaltige Zahl von Sklaven. Diese beiden Klassen hatten das Reich in zwei Klassen geteilt. Darüber hinaus besaßen stammesbezogene Eigenschaften einen besonders großen Einfluss. Angehörige des römischen Stammes waren überall in Führungspositionen etabliert, während alle Angehörigen der anderen Stämme ihre Sklaven waren. Daher konnte diese Gesellschaft niemals den hohen Rang der islamischen Gesellschaft erreichen, und sie war zu keiner Zeit fähig, der Menschheit jene Wohltaten zu erweisen, die die islamische Gesellschaft ihr zuteilwerden ließ.
Auch in der Neuzeit sind verschiedene Gesellschaften entstanden. Als Beispiel sei das Britische Empire genannt. Es ist der Erbe des Römischen Reiches. Die Gier nach nationalen Interessen bildet die Grundlage dieses Imperiums, und die britische Nation steht an seiner Spitze. Ihr Ziel besteht darin, sämtliche Kolonien des Imperiums auszubeuten. Dasselbe gilt auch für die anderen europäischen Imperien. Das frühere spanische und portugiesische Imperium sowie das heutige Frankreich haben bei Ausbeutung und Unterdrückung denselben Weg eingeschlagen.
Der Kommunismus trat mit dem Anspruch auf den Plan, durch das Niederreißen der Mauern von Rasse, Stamm, Sprache und geografischer Nationalität eine neue Gesellschaft zu errichten. Doch auch diese Gesellschaft nahm, unter Ausschluss menschlicher Beziehungen, die Klassenteilung zur Grundlage der Gesellschaft. In dieser Hinsicht ist die kommunistische Gesellschaft die andere Seite der alten römischen Gesellschaft. In der römischen Gesellschaft herrschten die Vornehmen vor. In der kommunistischen Gesellschaft herrschen die Proletarier vor. Hass und Feindseligkeit gegenüber der anderen Klasse zu hegen, ist das Leitmotiv dieser Gesellschaft. Eine derart selbstsüchtige und rachsüchtige Gesellschaft kann nichts anderes tun, als die tierischen Triebe des Menschen zu erwecken. Ihr Programm besteht darin, die tierischen Triebe anzustacheln und noch stärker zu machen. Nach der Auffassung des Kommunismus gleichen die Grundbedürfnisse des Menschen denen des Tieres, nämlich die Befriedigung von Hunger und Durst durch Nahrung, eine Unterkunft und die Befriedigung des Geschlechtstriebs. Daher ist in ihren Augen die gesamte Geschichte der Menschheit nichts anderes als die Geschichte der Beschaffung von Nahrung.
Der Islam allein ist die von Allah gegebene Lebensordnung, die die erhabenen Eigenschaften und edlen Anlagen des Menschen erweckt und durch ihre Entwicklung den Weg zur Errichtung einer hochstehenden menschlichen Gesellschaft bereitet. Bis heute ist diese Eigenschaft des Islam einzigartig und ohnegleichen. Wer dieses System aufgibt und versucht, eine Gesellschaft auf der Grundlage von Nationalismus, Patriotismus, Rasse, Stamm, Sprache oder Klasse aufzubauen, ist in Wirklichkeit ein Feind der Menschheit. Solche Menschen sind nicht bereit, den Menschen mit den von Allah verliehenen Eigenschaften zu schmücken. Sie wollen auch nicht, dass die menschliche Gesellschaft von den gesamten Eigenschaften und Fähigkeiten aller Abstammungen und Stämme profitiert und durch die Errichtung einer ausgewogenen und geeinten Gesellschaft in Glück und Wohlstand lebt. Über solche Menschen hat Allah, der Erhabene, gesagt:
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„O Prophet, soll Ich euch nicht mitteilen, welche Menschen hinsichtlich ihrer Werke die größten Verlierer sind? Es sind diejenigen, die im diesseitigen Leben auf einem Irrweg wandeln und meinen, sie gingen den richtigen Weg. Sie haben es abgelehnt, die Verse ihres Herrn anzunehmen, und leugnen die Rückkehr zu Ihm. Daher sind all ihre Werke zunichtegeworden, und am Tag der Auferstehung werden sie keinerlei Gewicht haben. Als Vergeltung für ihren Unglauben und dafür, dass sie Meine Verse und Meine Gesandten verspotteten, werden sie die Strafe der Hölle erleiden.“ – Al-Kahf: 103–106
Viertes Kapitel
Der Dschihad auf Allahs Weg
Die verschiedenen Stufen des Dschihad
Imam Ibn Qayyim verfasste in seinem berühmten Werk Zad al-Maʿad ein Kapitel mit dem Titel „Das Verhalten des Gesandten Allahs (s.a.s.) gegenüber den Ungläubigen und den Heuchlern vom Beginn des Prophetentums bis zum letzten Augenblick seines Lebens“. In diesem Kapitel schrieb der gelehrte Verfasser über das Wesen des Dschihad: Die erste Offenbarung, die dem Gesandten Allahs (s.a.s.) herabgesandt wurde, lautete:
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(Lies im Namen deines Schöpfers und Herrn – usw.).
Dies war der Beginn des Prophetentums. Allah Taala befahl Seinem Propheten, die oben genannten Verse selbst zu lesen. Doch zu jener Zeit war ihm noch nicht befohlen worden, die göttliche Offenbarung anderen zu verkünden. Danach sagte Allah Taala:
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(O du Bedeckter! Steh auf und warne die Menschen.)
So wurde ihm durch den Befehl „Iqra“ das Prophetentum und durch die Anrede „O du Bedeckter“ die Aufgabe der Gesandtschaft übertragen. Danach wurde ihm befohlen, seine nächsten Verwandten zu warnen. Der ehrwürdige Gesandte, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, verkündete daher zuerst seinen nächsten Verwandten die Botschaft Allahs. Danach richtete er seine Warnung an die Nachbarn, später an alle Araber und schließlich an die gesamte Menschheit. Auf diese Weise bemühte er sich etwa dreizehn Jahre lang durch die Verkündung, die Furcht vor Allah in den Herzen der Menschen zu erwecken. Während dieser Zeit führte er gegen niemanden Krieg und forderte von niemandem die Dschizya. Vielmehr wurde ihm damals befohlen, sich zurückzuhalten, Geduld zu üben und den Weg der Nachsicht einzuschlagen. Danach erhielt er den Befehl zur Hidschra. Nach der Hidschra wurde der bewaffnete Kampf erlaubt. Dann erging der Befehl, gegen diejenigen Dschihad zu führen, die gegen den Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, zu den Waffen griffen, und diejenigen nicht anzutasten, die Neutralität bewahrten. Später wurde befohlen, gegen die Götzendiener zu kämpfen, bis die Religion Allahs vollständig verwirklicht war. Zu jener Zeit wurden die Ungläubigen in drei Gruppen eingeteilt. Zur ersten Gruppe gehörten die vertraglich gebundenen Parteien, zur zweiten die Kriegsparteien und zur dritten die Schutzbefohlenen.
Denjenigen, mit denen der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, zuvor Friedensverträge geschlossen hatte, wurde den Muslimen befohlen, den Vertrag so lange einzuhalten, wie sie sich vertragsgemäß verhielten. Wenn von einer Seite der Verdacht auf einen Vertragsbruch entstand, wurde dem Propheten Allahs befohlen, den Vertrag durch eine öffentliche Erklärung aufzukündigen; solange der anderen Partei jedoch nicht der Vertragsbruch angekündigt worden war, war es verboten, gegen sie zu den Waffen zu greifen. Zugleich erging der Befehl, gegen die Vertragsbrecher zu kämpfen.
In der Sure at-Tauba wurden alle drei Arten von Anweisungen erteilt. Darin wurde ausdrücklich gesagt, dass der Krieg gegen diejenigen unter den Leuten der Schrift fortgeführt werden solle, die Allah und Seinem Gesandten, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, feindselig gegenüberstanden, bis sie entweder die Dschizya entrichteten oder die islamische Lebensordnung annahmen. In derselben Sure wurde befohlen, einen entschlossenen Dschihad gegen die Ungläubigen und die Heuchler zu führen. Der ehrwürdige Prophet, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, griff gemäß Allahs Anweisung gegen die Ungläubigen zu den Waffen und kämpfte gegen die Heuchler, indem er Argumente und Beweise vorbrachte und Gespräche mit ihnen führte. In derselben Sure wurde befohlen, alle zuvor mit den Ungläubigen geschlossenen Verträge für aufgekündigt zu erklären und die Vertragspartner in drei Gruppen einzuteilen. Es wurde befohlen, gegen die erste Gruppe zu kämpfen. Die Angehörigen dieser Gruppe hatten selbst den Vertrag gebrochen. Der ehrwürdige Prophet, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, kämpfte gegen sie und siegte. Mit den Angehörigen der zweiten Gruppe schloss er für eine bestimmte Zeit einen Friedensvertrag. Sie hatten den Vertrag nicht gebrochen und keinem Feind des Islam irgendeine Hilfe geleistet. Allah Taala befahl, die mit diesen Menschen geschlossenen Verträge bis zum festgelegten Zeitpunkt einzuhalten. Mit den Angehörigen der dritten Gruppe war kein Vertrag geschlossen worden, doch sie hatten sich niemals feindselig gegenüber dem Gesandten Allahs verhalten. Außerdem wurden diejenigen, mit denen ein unbefristeter Friedensvertrag geschlossen worden war, dieser Gruppe zugerechnet. Es wurde angeordnet, dieser Gruppe eine Frist von vier Monaten zu gewähren und nach Ablauf dieser Frist gegen sie zu kämpfen.
Der Prophet Allahs ließ daher die Vertragsbrecher töten und gewährte denjenigen, die keinen Vertragsbruch begangen hatten, sowie denjenigen, mit denen ein unbefristeter Vertrag geschlossen worden war, eine Frist von vier Monaten. Mit den Vertragstreuen verfuhr er bis zum Ablauf der festgelegten Frist gemäß dem Vertrag. Daraufhin nahmen alle Menschen den Islam an und gaben innerhalb der festgelegten Frist den Unglauben auf. Die nichtmuslimischen Bewohner entrichteten die Dschizya und wurden dem Staat gegenüber gehorsam. So zeigte sich nach der Offenbarung der Sure at-Tauba, dass die Ungläubigen in drei Gruppen eingeteilt waren. Zur ersten Gruppe gehörten die gegen den Islam kämpfenden Feinde, zur zweiten die vertraglich gebundenen Parteien und zur dritten die Schutzbefohlenen. Die gegnerischen Gruppen fürchteten den Propheten Allahs stets. Nun war die gesamte Menschheit in drei Gruppen eingeteilt: Zur ersten Gruppe gehörten die Muslime, die an den Propheten glaubten, zur zweiten die unter Schutz stehenden Schutzbefohlenen und zur dritten die kämpfenden Ungläubigen. Allah Taala wies Seinen geliebten Propheten an, die äußerliche Unterwerfung der Heuchler zu akzeptieren, ihre innere Heuchelei Allah zu überlassen und die Bemühungen um ihre Besserung durch Argumente und Gespräche fortzusetzen.
Allah, der Erhabene, verbot Seinem Propheten, das Totengebet für die Heuchler zu verrichten, an ihren Gräbern stehen zu bleiben und zu beten oder bei Allah Fürsprache einzulegen, damit ihre Verfehlungen vergeben würden. Vielmehr erklärte Allah, der Erhabene, dass sie keine Vergebung erlangen würden, selbst wenn der Prophet für die Vergebung der Heuchler Fürsprache einlegte. Dies war die vom Gesandten Allahs gegenüber den ungläubigen und heuchlerischen Feinden eingenommene Haltung.
In der genannten Erörterung wurden alle Stufen des islamischen Dschihad in äußerst knapper Form treffend dargestellt. Diese Erörterung lässt die Merkmale der religiösen Bewegung und die weitreichenden Ergebnisse ihrer Wirkung erkennen. Die Angelegenheit verdient eine eingehende und aufmerksame Prüfung. Hier weisen wir lediglich auf einige Punkte hin.
Das erste Merkmal des Dschihad:Die erste besondere Schönheit der wahren Religion besteht darin, dass sie eine lebensnahe Lebensordnung ist. Die Bewegung dieser Religion zieht den Menschen unter allen äußeren Umständen zu sich hin und verwendet für ihre Arbeit jene Mittel und Möglichkeiten, die mit den jeweiligen Umständen vereinbar sind. Bereits zu Beginn der islamischen Bewegung kam es zum Zusammenstoß mit der nichtigen Gesellschaft. Das Denken und die Glaubensüberzeugungen der bestehenden Gesellschaft stehen unter dem Einfluss der Dschahiliyya. Auf der Grundlage der Dschahiliyya ist die Struktur jener Gesellschaftsordnung entstanden. Gegenüber der mit Unterstützung wirtschaftlicher und politischer Macht in der Gesellschaft stolz gefestigten Stärke der Dschahiliyya sind gleichwertige Mittel und Möglichkeiten unerlässlich. Daher korrigiert der Islam durch Verkündigung und Verbreitung das Denken und die Glaubensüberzeugungen. Um die bestehende Gesellschaftsordnung zu verändern, führt er den Dschihad unter Einsatz weltlicher Macht. Denn die von jener Dschahiliyya gelenkte Gesellschaft behindert die Läuterung des Glaubens und des Denkens. Sie bedient sich weltlicher Mittel und irreführender Programme, um die Menschen dazu zu zwingen, der dschahilischen Gesellschaft treu zu bleiben. Dadurch bleibt der Gesellschaft keine andere Möglichkeit, als sich anstelle Allahs, des Allmächtigen, vor Menschen zu beugen und unter ihrer Herrschaft zu leben. Deshalb kann die islamische Bewegung bei ihrem Feldzug zur Ausrottung der von weltlicher Macht getragenen Dschahiliyya nicht allein die Daʿwa und die Tabligh als ausreichend ansehen. Ebenso entspricht es nicht dem Grundsatz des islamischen Ideals, die Glaubensüberzeugungen der Menschen durch Zwang zu verändern. Bei der Führung der Bewegung dieser Religion sind beide oben genannten Methoden gleichermaßen wichtig, und beide Wege sind gleichermaßen zulässig. Denn das Ziel der Bewegung besteht darin, den Menschen aus der Knechtschaft der Menschen zu befreien und sie in den Dienst des einen und einzigen Allah zu stellen.
Das zweite Merkmal des Dschihad:Das zweite Merkmal des Islam besteht darin, dass er eine lebensnahe Bewegung ist. Diese Bewegung schreitet Schritt für Schritt voran, beschafft sich in jeder Phase die entsprechend ihren Erfordernissen nötigen Mittel und bereitet das Feld für die nächste Phase vor. In dieser Religion gibt es kein unrealistisches Verfahren, reale Probleme allein mithilfe vortrefflicher Grundsätze abzuwehren; ebenso stützt sich diese ideale Bewegung bei der Lösung der in ihren verschiedenen Phasen entstehenden Probleme nicht auf einige unveränderliche, schematisch festgelegte Methoden. Diejenigen, die den islamischen Dschihad erörtern und zur Unterstützung des Dschihad Koranverse anführen, schenken diesem Aspekt keine Beachtung. Vielmehr vermögen sie auch die Phasen nicht zu verstehen, die die islamische Bewegung auf ihrem Weg durchlaufen muss. Folglich erkennen sie ganz selbstverständlich auch nicht, welcher Koranvers in welcher Phase der Bewegung mit welcher Bedeutung herabgesandt wurde. Daher beginnen sie mit unklaren Vorstellungen, den Dschihad zu erörtern, vermischen die verschiedenen Phasen der Bewegung zu einem Durcheinander, entstellen dadurch das eigentliche Wesen des Dschihad und leiten aus den zu unterschiedlichen Zeiten herabgesandten Koranversen einige allgemeine Grundsätze ab. Dabei lassen jene Verse keinerlei Raum dafür, nach eigenen Wünschen Grundsätze daraus abzuleiten. Sie betrachten jeden einzelnen Koranvers als die äußerste Grenze der Religion. Diejenigen, die auf diese Weise denken, sind in der heutigen, nur dem Namen nach muslimischen Gesellschaft geboren und nehmen diese Haltung als Folge einer unter dem Druck hoffnungslos bedrückender äußerer Umstände entstandenen besiegten Gesinnung ein.
Von ihrer besiegten Gesinnung beherrscht, sagen sie: „Der Islam erlaubt nur einen Krieg zur Selbstverteidigung.“ Äußerst bedauerlich ist, dass sie glauben, mit dieser oben genannten Auslegung des Dschihad der Religion einen großen Nutzen erwiesen zu haben. In Wirklichkeit geben sie durch die Fehlinterpretation des Dschihad gerade die Besonderheit der Religion auf. Ziel dieser Auslegung ist es, die Religion von ihrem eigentlichen Ziel abzubringen. Nach Annahme dieser Auslegung verliert der Islam sein Ziel, die Menschen von der Macht der taghutischen Kräfte zu befreien und sie dem Dienst am Allah ohne Teilhaber zu widmen. Gewiss fordert der Islam nicht, Glaubensüberzeugungen durch Zwang zu verändern. Vielmehr gibt er dem Menschen die Möglichkeit, seinen Lebensweg frei zu wählen. Und um die Bevölkerung von der Unterdrückung der bestehenden politischen Kräfte zu befreien, beseitigt er jene Herrschaftsmacht. Danach gewährt er ihnen die Möglichkeit, als loyale Einwohner im islamischen Staat zu leben, indem sie die Dschizya entrichten. Dadurch werden alle Kräfte beseitigt, die den Menschen gewaltsam daran hindern, die islamische Lehre frei anzunehmen. Und die Bevölkerung erhält die Möglichkeit, freiwillig zu entscheiden, ob sie den Islam annimmt oder nicht.
Das dritte Merkmal des Dschihad:Das dritte Merkmal dieser Religion besteht darin, dass die durch einen harten Kampf schrittweise voranschreitende religiöse Bewegung unter keinen Umständen auch nur um ein Haar von ihrem eigentlichen Ziel abweicht. Seit dem ersten Tag der Bewegung rief der Prophet Allahs (s.a.s.), wann immer er sich in der jeweiligen Phase an seine Verwandten, den Stamm Quraisch oder die gesamte Menschheit wandte, sie zu eben diesem Hauptziel auf. Unter allen Umständen verkündete er dieselbe Botschaft. Das heißt, er rief alle dazu auf, die Knechtschaft gegenüber dem einen Allah anzuerkennen und gegen die übrigen falschen Anspruchsteller auf Herrschaft den Aufstand auszurufen. In dieser Angelegenheit gibt es nicht den geringsten Raum für Kompromiss oder Nachgiebigkeit. Zur Verwirklichung dieses Ziels schreitet die Bewegung nach einem Plan voran und durchläuft verschiedene Phasen. In jeder Phase zeigt sich die Notwendigkeit, die jeweils erforderlichen Mittel und Möglichkeiten einzusetzen. Dies haben wir bereits weiter oben erwähnt.
Das vierte Merkmal des Dschihad:Das vierte Merkmal besteht darin, dass der Islam eine dauerhafte Regelung für die Gestaltung der Beziehungen der muslimischen Umma zu den übrigen Nichtmuslimen gegeben hat.
Dies ist bereits aus dem oben angeführten Zād al-Maʿād-Zitat bekannt. Der Kern dieser Ordnung besteht darin, dass der Islam (die Anerkennung der Dienerschaft gegenüber Allah und des Gehorsams Ihm gegenüber) eine umfassende, universelle Wahrheit ist und seine Annahme für die gesamte Menschheit unerlässlich und verbindlich ist. Diejenigen, die nicht in der Lage oder nicht willens sind, den Islam anzunehmen, sind verpflichtet, dem Islam gegenüber eine versöhnliche Haltung einzunehmen und auf dem Weg der Verkündung der Botschaft des Islam und ihrer Verbreitung weder mit politischer noch mit irgendeiner anderen Macht Hindernisse zu schaffen. Jeder Mensch braucht ein günstiges Umfeld, in dem er ohne Zwang entscheiden kann, ob er den Islam annimmt oder nicht. Wenn jemand den Islam annehmen möchte, darf die islamfeindliche Seite gegen diese Person keine Gewalt anwenden und sie in keiner Weise an der Annahme des Islam
hindern. Wenn jemand dies dennoch tut, ist es die Pflicht des Islam, gegen ihn zu kämpfen, und dieser Kampf wird ununterbrochen fortgeführt, bis derjenige, der das Hindernis errichtet, stirbt oder sich unterwirft.
Wenn schwache und von Niederlage geprägte Schriftsteller im Zusammenhang mit der Erörterung des islamischen Dschihad versuchen, entsprechend ihrer Sichtweise den „Makel“ des Dschihad aus dem Wesen des Islam zu tilgen, vermischen sie unnötigerweise zwei Dinge. Das erste ist, keinen Menschen durch Zwang und Gewalt zur Annahme des Islam zu nötigen. Im Heiligen Koran hat Allah, der Erhabene, dies selbst durch die ausdrückliche Erklärung angeordnet: ———————- (Es gibt keinen Zwang in der Religion). Das zweite ist, dass der Islam die Beseitigung all jener politischen und weltlichen Mächte anordnet, die sich als eine Mauer zwischen den Menschen und Allah stellen, die Menschen daran hindern, Allahs Dienerschaft anzunehmen, und sie zu ihren eigenen Sklaven machen. Diese beiden Grundsätze sind völlig voneinander verschieden. Zwischen ihnen besteht keinerlei Widerspruch oder künstliche Unvereinbarkeit; ebenso stehen sie nicht im Gegensatz zueinander. Doch Menschen mit schwacher Haltung wollen aufgrund ihrer von Niederlage und Unterwerfung geprägten Denkweise diese beiden Dinge vermischen und den islamischen Dschihad als einen Verteidigungskrieg bezeichnen. Der islamische Dschihad ist jedoch ein Kampf völlig anderer Art. Er weist keinerlei Übereinstimmung mit den in der modernen Zeit üblichen Kriegen und bewaffneten Auseinandersetzungen auf. Weder in den Bedingungen des Krieges noch in seiner äußeren Beschaffenheit lassen sich die Bedingungen des islamischen Dschihad finden; vielmehr sind sie in der Natur der islamischen Ordnung, ihrer Rolle in der Welt, den großen Zielen, die Allah, der Erhabene, für diese Religion festgelegt hat, und in dem Ziel zu suchen, um dessentwillen Er dem Gesandten Allahs, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, die Verantwortung der Gesandtschaft übertrug und ihm unter allen Gesandten den höchsten Rang verlieh.
Eine weltweite revolutionäre Erklärung
Die Religion der Wahrheit ist eine weltweite revolutionäre Erklärung. Ihr wesentlicher Inhalt besteht darin, den Menschen von der Knechtschaft anderer Menschen und sogar von der Knechtschaft seiner eigenen Neigungen zu befreien. Die zwingende Folge der Erklärung von Allahs alleiniger Souveränität besteht darin, dass alle Menschen gleichermaßen an Seiner Barmherzigkeit teilhaben. Daher bedeutet der Islam die vollständige Auflehnung gegen jede Form und jede Art von Herrschaft und Souveränität von Menschen über Menschen, gleichgültig, wie sie errichtet wird. Die Herrschaft des Menschen über den Menschen ist in Wahrheit ein Anspruch auf Allahs Macht. Das heißt: In einer Gesellschaftsordnung, in der die endgültige Entscheidungsgewalt in allen Angelegenheiten in den Händen der Menschen liegt und in der Menschen die Macht besitzen, den Menschen endgültig Gebote und Verbote aufzuerlegen, beanspruchen einige Menschen unrechtmäßig Allahs Macht. Diejenigen, die ihre Autorität anerkennen, nehmen in der Terminologie des Korans —————— (andere Herren außer Allah) an. Die Erklärung von Allahs alleiniger Souveränität und Autorität bedeutet somit, denjenigen, die sich unrechtmäßig Allahs Macht angeeignet haben, die Herrschaft zu entreißen, sie wieder Allah zu übertragen und diejenigen zu beseitigen, die durch das Ersinnen eigener Gesetze und Ordnungen Herrschaft und Autorität über die Menschen errichten. Denn sie hatten sich selbst auf Allahs Thron gesetzt und die menschliche Gesellschaft zu ihren Sklaven gemacht. Kurz gesagt bedeutet die Erklärung von Allahs Herrschaft und Souveränität, jede Herrschaftsberechtigung und Herrschaftsmacht von Menschen über Menschen zu beenden und die Autorität des Herrn, des Schöpfers und Erhalters der gesamten Welt, zu errichten.
Im Heiligen Koran hat Allah, der Erhabene, gesagt:
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„Er ist im Himmel eine Gottheit und auf der Erde eine Gottheit.“ Az-Zuḫruf: 84
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„Das Recht zu gebieten und zu herrschen steht allein Ihm zu. Seine Anweisung lautet, dass niemand außer Ihm gedient werden darf. Dies ist die feste Lebensordnung.“ — Yusuf: 40
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„(O Prophet,) sprich: O Leute der Schrift! Lasst uns niemandem außer Allah dienen, Ihm nichts zur Seite stellen und niemanden außer Allah als Herrn annehmen. Verkündet denen, die dies ablehnen: Bezeugt, dass wir uns Allah ergeben haben.“ — Al-i Imran: 64
Der Weg zur Errichtung der Herrschaft Allahs
Die Errichtung der Souveränität Allahs bedeutet weder eine Herrschaft einiger selbsternannter „heiliger“ Personen wie im kirchlichen Herrschaftssystem noch eine von einer Handvoll Menschen willkürlich erdachte Herrschaftsordnung wie im Priestertum, die behaupten, Allahs Stellvertreter zu sein. Die Errichtung der Herrschaft Allahs bedeutet, dass der Vorrang des Gesetzes Allahs anerkannt wird und bei der endgültigen Entscheidung in allen Angelegenheiten allein die von Allah gegebene Ordnung als maßgeblich gelten muss. Es muss bedacht werden, dass die Errichtung der Souveränität Allahs, die Beseitigung der Königsherrschaft der Menschen, die Entmachtung der Unterdrücker und die Übertragung der Herrschaft an Allah sowie die Aufhebung der von Menschen gemachten Gesetze und die Einführung der von Allah gegebenen Gesetze nicht allein durch Daʿwa und Verkündigung verwirklicht werden können. Diejenigen, die ihre göttliche Autorität über die Menschen errichtet haben, werden ihre Macht nicht bloß durch Verkündigung und Daʿwa beeindruckt aufgeben. Wäre es so, dann wäre die Aufgabe der Propheten Allahs, Allahs Religion zu errichten, sehr einfach gewesen. Doch aus den Geschichten der Propheten und der über viele Jahrhunderte reichenden Geschichte der wahren Religion ist bekannt, dass keinem Propheten die Aufgabe, die Religion zu errichten, leichtgefallen ist.
Die Verkündung der revolutionären Botschaft, dass Allah, der Eigentümer der Welt, alleiniger Inhaber der souveränen Macht ist, und die gleichzeitige Auflehnung gegen alle anderen Anspruchsteller auf Herrschaft außer Allah sind keineswegs bloß das Vortragen einer Lehre, einer philosophischen Theorie oder eines negativen Satzes. Vielmehr besteht das Ziel einer solchen Verkündung darin, die Herrschaft der göttlichen Scharia über die Menschen einzuführen und die Menschen durch den Einsatz von Macht aus der Knechtschaft durch Menschen zu befreien und sie in den Bereich der Dienerschaft des Einen, Teilhaberlosen Allahs zu führen. Es ist leicht zu verstehen, dass es für eine derart große revolutionäre Veränderung äußerst notwendig ist, neben Daʿwa und Verkündigung auch eine Bewegung zu beginnen und auf jeder Stufe der fortschreitenden Bewegung den hindernden falschen Kräften entgegenzutreten.
Der Islam verkündet die Befreiung des Menschen von der Unterwerfung unter alle Kräfte außer Allah. Daher versperren auf jeder Stufe der Menschheitsgeschichte irrige Glaubensvorstellungen und Lehren, brutale Gewalt sowie politische, soziale, wirtschaftliche und stammesbezogene Systeme seinen Weg. In der Vergangenheit war es so, gegenwärtig ist es so, und auch in Zukunft kann es keine Ausnahme von dieser Regel geben. Darüber hinaus werden die genannten Hindernisse dadurch noch stärker, dass irriger Glaube, mit Aberglauben vermischter Iman und ähnliche Vorstellungen in den Herzen der Menschen festen Fuß fassen.
Tabligh und Verkündigung reinigen das Denken und die Glaubensüberzeugungen der Menschen, während die Bewegung die weltlichen Hindernisse beseitigt. An der Spitze dieser weltlichen Hindernisse steht die politische Macht. Diese Macht ist eng mit Glaubensüberzeugungen, Abstammungs- und Klassenunterschieden sowie den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Normen verflochten. Auf diese Weise üben Tabligh und Bewegung gemeinsam von allen Seiten Einfluss auf die bestehende Gesellschaftsordnung aus und tragen zur Errichtung einer neuen Lebensordnung bei. Damit die auf der Erde lebende menschliche Gesellschaft ein wahrhaft freies Leben führen kann, müssen beide Wege beschritten werden. Dies ist von größter Bedeutung.
Die Bedeutung der Anbetung
Der Islam ist nicht nur für die Araber als Botschaft der Befreiung gekommen. Das Ziel dieser Dīn ist die gesamte Menschheit, und ihr Wirkungsfeld ist die gesamte Welt. Allah ist nicht nur der Herrscher und Erhalter der Araber oder derjenigen, die an den Islam glauben. Vielmehr ist Er der Herrscher und Beschützer der gesamten Welt. Er will die ganze Welt von jeder Form menschlicher Knechtschaft befreien und sie in den umfassenden Schutz Seiner Fürsorge zurückführen. Nach islamischer Auffassung besteht die eigentliche Knechtschaft oder Anbetung darin, sich von Menschen gemachte Gesetze und Vorschriften aufzuerlegen. Daher erklärt der Islam, dass Anbetung oder Knechtschaft ausschließlich Allah zusteht. Wer die Anbetung oder Knechtschaft gegenüber jemand anderem außer Allah anerkennt – mag er sich selbst noch so fromm halten –, befindet sich in Wirklichkeit außerhalb der Grenzen der Dīn. Der Gesandte Allahs (s.a.w.) erklärte in unmissverständlichen Worten, dass der Gehorsam gegenüber den geltenden Gesetzen und Regierungssystemen ein anderer Name für Anbetung ist. Als die Juden und Christen sich von dieser Bedeutung der Anbetung entfernten, wurden sie von da an als Muschrikūn betrachtet.
Imam at-Tirmidhi überliefert von ʿAdi ibn Hatim (r.a.), dass dieser, nachdem die Botschaft des Gesandten (s.a.w.) ihn erreicht hatte, nach Syrien floh. Denn bereits im Zeitalter der Dschāhiliyya hatte er das Christentum angenommen. Seine Schwester jedoch und einige weitere Angehörige dieses Stammes wurden gefangen genommen. Der Prophet behandelte seine Schwester freundlich, ließ sie ohne Lösegeld frei und erlaubte ihr, mit einigen Geschenken zu ihren Stammesangehörigen zurückzukehren. Die Frau traf ihren Bruder, ermutigte ihn zur Annahme des Islam und riet ihm, den Propheten Allahs aufzusuchen. ʿAdi stimmte diesem Vorschlag zu, und die Bewohner von Medina warteten auf seine Rückkehr. Als er kam, um den Propheten zu treffen, hing ein silbernes Kreuz um seinen Hals. Der Prophet rezitierte gerade den folgenden Vers:
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„Sie haben ihre Mönche, Priester und religiösen Führer anstelle Allahs zu Herren genommen.“ – At-Tauba: 31
ʿAdi sagte: „Ich erwiderte dem Propheten (s.a.w.): Sie beten die religiösen Führer nicht an.“ Darauf sagte der Gesandte: „Was die religiösen Führer für erlaubt erklärt haben, das haben sie als erlaubt angenommen. Ebenso haben sie das, was die religiösen Führer für verboten erklärt haben, als verboten betrachtet. Auf diese Weise beten sie ihre religiösen Führer an.“
Was der Gesandte Allahs (s.a.w.) bei der Erläuterung des oben angeführten koranischen Verses sagte, stellt die klare und unumstößliche Position der Scharia dar. Das heißt: Die Gesetze und Vorschriften eines anderen als Allah anzuerkennen, ist eine Form der Anbetung. Wer sich einer solchen Anbetung hingibt, tritt aus dem Islam aus. Aus diesem Hadith erfahren wir außerdem, dass es ebenfalls als Anbetung gilt, wenn einige Menschen einen oder mehrere andere Menschen anstelle Gottes zu Herren nehmen. Die Dīn al-Haqq wurde herabgesandt, um diese Form der ungültigen Knechtschaft und des Gehorsams zu beseitigen. Eben diese Dīn hat unmissverständlich erklärt, dass die Menschen, die auf Allahs Erde leben, ein freies Leben führen müssen, ohne jemand anderem außer Allah zu dienen.
Wenn sich im praktischen Leben der Menschen ein Zustand zeigt, der der oben genannten Erklärung widerspricht, ist das islamische Ideal gezwungen, mit beiden Waffen – Verkündigung und Bewegung – in das praktische Leben einzutreten.
Das Ziel der islamischen Bewegung wird darin bestehen, die politische Macht anzugreifen, die danach strebt, ungerechte Herrschaft über die Menschen zu errichten und bei der Einführung ihrer Regierungsvorschriften völlig rücksichtslos gegenüber der Scharia Allahs ist. Denn durch die von dieser politischen Macht errichteten Hindernisse werden diejenigen, die ihr Leben nach der Botschaft des Islam führen wollen, der Freiheit beraubt, ihre Überzeugungen zu vertreten. Deshalb beseitigt der Islam durch Verkündigung und Bewegung die nach Herrschaft strebenden Kräfte. Ob es sich dabei um eine politische Macht handelt oder um eine Kraft, die das Banner von Abstammungs-, Stammes- und Klassenunterschieden trägt – ohne ihre Beseitigung kann die wahre Freiheit der Menschen nicht verwirklicht werden. Nach der Ausrottung jener nichtigen Kräfte schützt der Islam daher durch die Einführung einer neuen sozialen, wirtschaftlichen und politischen Ordnung die wahre Freiheit der menschlichen Gesellschaft und ebnet den Weg für die fortschreitende Entwicklung eines freien Lebens.
Die Freiheit des Menschen aus der Sicht des Islam
Es ist nicht das Ziel des Islam, den Menschen Glaubensüberzeugungen gewaltsam in Herz und Verstand einzupflanzen. Doch darf man auch nicht vergessen, dass der Islam nicht bloß in einer bestimmten Art von Glaubensüberzeugung besteht. Wir haben bereits zuvor erörtert, dass der Islam die revolutionäre Erklärung ist, den Menschen aus der Knechtschaft des Menschen zu befreien. Gleich zu Beginn der Verkündung der Botschaft des Islam wurde klar erklärt, dass der Islam alle Regierungen und Institutionen, die Herrschaft über die Menschen ausüben, an der Wurzel beseitigen will. Nachdem der Islam die menschliche Gesellschaft aus politischer Knechtschaft befreit hat, bemüht er sich, Herz und Verstand der Menschen vom verderblichen Einfluss nichtiger Kräfte zu reinigen. Sobald diese Aufgabe erfüllt ist, gewährt er ihrem freien Wissen und Gewissen die uneingeschränkte Freiheit, den Islam anzunehmen oder nicht anzunehmen. Doch bedeutet diese Freiheit keineswegs, dass der Mensch selbst beschließt, sich seiner eigennützigen Gesinnung oder der Knechtschaft eines anderen Menschen zu unterwerfen oder die Ordnung aufrechtzuerhalten, in der Menschen Herrschaft über Menschen ausüben.
Wo immer und wann immer auf der Erde eine Herrschaftsordnung errichtet wird, muss sie unter Anerkennung der Knechtschaft gegenüber Allah, dem Erhabenen, errichtet werden. Und die Souveränität Allahs, des Erhabenen, muss als Quelle der Lebensordnung anerkannt werden. Nur unter dieser auf einem Ideal beruhenden Herrschaftsordnung wird die Freiheit des Menschen in seinen persönlichen Glaubensüberzeugungen gewährleistet sein. Dies ist der einzige Weg, Religion, Gottesdienst und Gehorsam allein Allah vorzubehalten. Das Wort Dīn hat eine weitaus umfassendere Bedeutung als Glaubensüberzeugung. Die Unterstellung aller Bereiche und Seiten des menschlichen Lebens unter eine bestimmte Ordnung wird Dīn genannt, und der islamische Dīn ist auf dem Fundament des Īmān, also des Glaubens, errichtet. Doch reicht der Bereich des Dīn über die Glaubensüberzeugung hinaus. Daher besteht nach der Bekundung des Gehorsams gegenüber der islamischen Herrschaftsordnung auch die Möglichkeit, in dieser Gesellschaft zu leben, ohne im persönlichen Leben die islamische Glaubensüberzeugung anzunehmen.
Dschihad bedeutet nicht bloß Selbstverteidigung
Aus dem, was wir oben über das Ziel des Dīn erfahren haben, wird klar ersichtlich, dass der islamische Dschihad in beiden Formen beginnen muss: also als Dschihad bis-saif (Dschihad mit der Waffe) und als Dschihad bil-qawl (Dschihad durch die Verkündung). Ohne beide Arten des Dschihad ist die Errichtung des Dīn unmöglich. Wir haben auch verstanden, dass der islamische Dschihad nicht dem entspricht, was man im begrenzten Sprachgebrauch unserer Zeit unter einem Verteidigungskrieg versteht. Nur einige schwache Menschen, die unter dem Druck der Verhältnisse und wegen ihrer Unfähigkeit, den raffinierten Angriffen westlicher Schriftsteller angemessen zu begegnen, haben versucht, den islamischen Dschihad in diesen engen Rahmen einzuschließen. Der Islam ist eine lebendige Revolution. Sein Ziel ist es, den Menschen die wahre Freiheit schmecken zu lassen. Um dieses Ziel zu verwirklichen, führt der Islam in jedem Bereich und auf jeder Seite des praktischen Lebens der Menschen eine Reformbewegung durch, setzt alle in der Gesellschaft vorhandenen Mittel und Möglichkeiten ein und schreitet Schritt für Schritt voran. Auf jeder Stufe nutzt er die erforderlichen Mittel und ergreift Maßnahmen, um die nächste Stufe zu erreichen.
Wenn der islamische Dschihad im Sinne eines Verteidigungskrieges verwendet werden soll, muss die herkömmliche Bedeutung der Selbstverteidigung verändert werden; mit dem Wort Dschihad muss dann die Selbstverteidigung der Menschheit gegen die Unterdrückung durch Kräfte verstanden werden, die ihr die Freiheit rauben. Diese tyrannischen Kräfte nehmen die Gestalt falscher Glaubensüberzeugungen sowie wirtschaftlicher, stammesbezogener und klassenbedingter Ungleichheit an und versuchen, der menschlichen Gesellschaft ihre Freiheit zu rauben. Zur Zeit des Auftretens des islamischen Ideals in der Welt hatten diese Irrenden die Vorherrschaft, und auch in der Dschāhilīya der Neuzeit haben sie derartige irrige Ansichten und Wege hervorgebracht.
Nachdem wir diese umfassende Bedeutung der Selbstverteidigung angenommen haben, sind wir in der Lage, die wahre Gestalt des Islam zu verstehen. Die ungefähre Bedeutung des islamischen Dschihad oder der Selbstverteidigung lautet wie folgt:
„Die vollständige Befreiung des Menschen von der Knechtschaft durch Menschen verkünden. Die Souveränität Allahs, des Erhabenen, in der gesamten Welt errichten, die Herrschaft selbstsüchtiger und tyrannischer Menschen beseitigen und Allahs Ordnung in allen Bereichen und Lebenssphären des Menschen einführen.“
Eine Gruppe von Menschen führt verschiedenartige Argumente und Erörterungen an, um den islamischen Dschihad als einen rein defensiven Krieg darzustellen, und forscht Tag und Nacht, um Beweise für ihre Argumente vorzulegen. Sie suchen gezielt nach historischen Ereignissen und Berichten, durch die sich der islamische Dschihad als ein Kampf zur „Verteidigung des islamischen Landes“ darstellen lässt. Einige Angehörige dieser Gruppe betrachten wiederum ausschließlich die Arabische Halbinsel als islamisches Land und behaupten, die Notwendigkeit des Dschihad sei damals lediglich dadurch entstanden, dass feindliche Gruppen aus den angrenzenden Gebieten arabisches Land angegriffen hätten.
Diese dem Islam wohlgesinnten Personen haben entweder die Rolle des Islam bei der Lösung der Weltprobleme überhaupt nicht verstanden oder lediglich unter dem Einfluss widriger Umstände und der geschickten Angriffe westlicher Schriftsteller eine schwache Haltung eingenommen.
Wer kann behaupten, dass Hadhrat Abu Bakr (möge Allah mit ihm zufrieden sein), Hadhrat Umar (möge Allah mit ihm zufrieden sein) und Hadhrat Uthman (möge Allah mit ihm zufrieden sein) die Ausbreitung der islamischen Bewegung verhindert hätten, wenn sie die Gewissheit erlangt hätten, nicht von Rom und Persien angegriffen zu werden? Auf diese Frage kann man nur mit „Nein“ antworten, denn ohne Dschihad wäre die Ausbreitung des Islam keineswegs möglich gewesen. Zahlreiche Arten von Hindernissen und Widrigkeiten standen der Bewegung wie Mauern im Weg. Insbesondere das politische System, die Staatsordnungen der Staaten, die diese Systeme unterstützten, und alles Übrige standen der islamischen Bewegung entgegen.
Nachdem man eine revolutionäre Botschaft verkündet und der Menschheit in der ganzen Welt die Freiheit zugesagt hat, ist die Vorstellung, angesichts der oben genannten Hindernisse allein durch mündliche Verkündigung voranzukommen, nichts anderes als Torheit. Natürlich bedient sich die islamische Bewegung auch der mündlichen Verkündigung. Aber wann? Wenn die Menschen hinsichtlich der Annahme oder Ablehnung einer Ideologie vollkommen frei sind. Erst nachdem der Mensch von jeder Art von Druck und Fessel befreit worden ist, breitet sich der Islam gemäß dem Grundsatz „Es gibt keinen Zwang in der Religion“ allein durch Verkündigung aus.
Der Aufruf zur islamischen Lebensordnung ist eine revolutionäre Erklärung der vollständigen Freiheit der Menschheit. Selbstverständlich wird sich die gewünschte Freiheit nach dieser Erklärung nicht allein durch philosophische Erörterungen und die Darstellung der Schönheit der Religion erreichen lassen. Vielmehr muss man praktisch mit den widrigen Verhältnissen in Konflikt treten und alle erforderlichen Mittel und Möglichkeiten einsetzen, um die Hindernisse und Widrigkeiten zu beseitigen, denen die fortschreitende Bewegung auf jeder Stufe begegnet. Eine solche Bewegung ist der Dschihad. Das Gebiet, in dem die islamische Lebensordnung beheimatet ist, wird in der islamischen Terminologie Dar al-Islam genannt. Ob sich dieses Dar al-Islam in einem friedlichen Zustand befindet oder sich im Krieg mit benachbarten Feinden befindet, die Verantwortung des Dschihad nimmt dadurch weder ab noch zu. Die Herstellung des Friedens ist das Ziel des Islam, doch der Islam ist nicht damit zufrieden, lediglich auf dem begrenzten Gebiet des Dar al-Islam Frieden und Ordnung aufrechtzuerhalten und diesen Teilfrieden herzustellen. Der Frieden, den der Islam anstrebt, besteht darin, dass Allahs Religion überall auf Allahs Erde vollständig errichtet wird, alle Menschen ausschließlich Allah, dem Erhabenen, dienen und jede Art von Herrschaft und Oberherrschaft von Menschen über Menschen vollständig beseitigt wird. In der Zeit nach dem Gesandten Allahs muss man unter Beachtung dieser letzten Stufe des Dschihad voranschreiten. Die anfänglichen und mittleren Stufen müssen nicht eingerichtet werden, weil diese Stufen bereits durchlaufen worden sind. Imam Ibn Qayyim sagt: Nach der Offenbarung der Sure at-Tauba behandelte der edle Prophet (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) die Ungläubigen auf drei verschiedene Arten. Die Ungläubigen, die gegen den Islam Krieg führten, waren offenkundige Feinde. Die zweite Gruppe bestand aus vertraglich gebundenen ungläubigen Gemeinschaften. Die dritte Gruppe bestand aus den Schutzbefohlenen. Nach der Annahme des Islam durch die vertraglich gebundenen Ungläubigen gab es unter den Ungläubigen nur noch diese beiden Gruppen: die Kriegführenden und die Schutzbefohlenen. Die kriegführenden Ungläubigen fürchteten den Gesandten Allahs stets; deshalb verharrten sie ständig in Feindschaft. Auf diese Weise teilten sich die Menschen der ganzen Welt aus der Sicht des Gesandten (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) in drei Gruppen. Zur ersten Gruppe gehörten die gläubigen Muslime. Zur zweiten Gruppe gehörten die Schutzbefohlenen, die unter einem Friedensvertrag im islamischen Staat lebten, und zur dritten Gruppe die kriegführenden Ungläubigen. Es liegt im Wesen des islamischen Ideals, dass die Menschen sich von Beginn seiner Bewegung an in diese Gruppen teilen. Doch die Erklärung des Dschihad, die von Kreisen vertreten wird, die eine schwache Haltung einnehmen und sich angesichts der Angriffe westlicher Schriftsteller geschlagen geben, ist von den Wesensmerkmalen des islamischen Dschihad weit entfernt. Nachdem die Muslime von Mekka nach Medina ausgewandert waren, offenbarte Allah, der Erhabene, ihnen zunächst einen Vers, in dem Er ihnen befahl, sich des Krieges zu enthalten:
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„Haltet eure Hände zurück, verrichtet das Salāt-Gebet und entrichtet die Zakāt.“ — an-Nisāʾ: 77
Nach einiger Zeit wurde in den folgenden Worten des Korans die Erlaubnis erteilt, gegen die Feinde zu kämpfen –
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„Denjenigen, gegen die Krieg geführt wird, wird ebenfalls die Erlaubnis zum Kämpfen erteilt, weil ihnen Unrecht widerfahren ist. Allah Taʿālā ist gewiss imstande, ihnen zu helfen. Es sind jene, die zu Unrecht aus ihren Häusern vertrieben wurden. Ihr einziges ‚Verbrechen‘ besteht darin, dass sie Allah allein als ihren ‚Herrn‘ verkündet haben. Wenn Allah Taʿālā nicht die einen Menschen durch die anderen zurückgehalten hätte, wären gewiss alle Klausen, Kirchen, Gebetsstätten und Moscheen zerstört worden, in denen Allahs Name erwähnt wird. Allah wird gewiss denjenigen helfen, die Ihm helfen – Allah ist wahrlich allmächtig. Jene, denen Wir, nachdem Wir ihnen die Herrschaft über ein Land verliehen haben, die Macht geben, dort das Salāt-Gebet zu verrichten, das Zakāt-System einzuführen, das Gute zu gebieten oder entsprechende Gesetze zu erlassen und die Menschen vom Unrecht abzuhalten. Und das Ende aller Angelegenheiten liegt in Allah Taʿālās Hand.“ — al-Ḥaǧǧ: 39–41
Nachdem diese Stufe überschritten worden war, wurde befohlen, gegen alle den Dschihād zu führen, die gegen die Muslime das Schwert erhoben –
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„Erhebt auch ihr die Waffen gegen diejenigen, die gegen euch die Waffen erheben.“ — al-Baqara: 190
Und schließlich befahl Allah Taʿālā, gegen alle Muschrikūn den Dschihād zu führen –
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„Und kämpft allesamt gegen die Götzendiener, so wie sie allesamt gegen euch kämpfen.“ — At-Tawba: 36
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„Beginnt den Kampf gegen diejenigen unter den Leuten der Schrift, die nicht an Allah und den Jüngsten Tag glauben, nicht als verboten betrachten, was Allah und der Gesandte verboten haben, und nicht die wahre Religion als ihre Religion annehmen, bis sie eigenhändig die Dschizya entrichten und sich der Herrschaft des islamischen Staates unterwerfen.“ — At-Tawba: 29
Die oben genannten Koranverse, die zahlreichen zum Dschihad anspornenden Hadithe, die Berichte über die militärischen Feldzüge des ehrwürdigen Propheten (s.a.w.) – die gesamte Geschichte des Islam ist von Ereignissen des Dschihad erfüllt. Aufgrund dieser eindeutigen Belege ist die muslimische Allgemeinheit nicht bereit, neue Erklärungen des Dschihad von westlich gesinnten Autoren anzunehmen. Denn diese Schriftsteller sind durch widrige Umstände und die gezielte Propaganda gerissener Autoren aus westlichen Ländern irregeführt worden.
Wer die klaren Anweisungen Allahs des Erhabenen liest, die Hadithe des Propheten (s.a.w.) kennt und die von Siegesgeschichten erfüllte Geschichte des Islam studiert, kann niemals akzeptieren, dass der Dschihad eine vorübergehende Maßnahme gewesen sei, nur für die sich damals wandelnde Gesellschaft angeordnet worden sei und der Kampf allein zum Schutz der Grenzen der eigentliche Zweck des dauerhaften Dschihad gewesen sei.
Als Allah der Erhabene den Dschihad erlaubte, ließ Er die Gläubigen wissen, dass Allahs dauerhaftes Gesetz in der Lenkung der Welt darin besteht, dass Er eine Gruppe durch die Hilfe einer anderen niederhält, um die menschliche Gesellschaft von Unrat freizuhalten. Nämlich:
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„Wenn Allah nicht die eine Gruppe durch die andere zurückgedrängt hätte, hätten sie Klöster, Kirchen, Synagogen und Moscheen, in denen der Name Allahs häufig erwähnt wird, zerstört.“ — Sure al-Haddsch: 40. Daraus wird deutlich, dass dieser Kampf nicht vorübergehend ist, sondern eine dauerhafte Ordnung darstellt. Denn Wahrheit und Falschheit können auf der Erde nicht nebeneinander bestehen. Wann immer der Islam die Souveränität Allahs errichtet und den Entschluss verkündet hat, die Menschen von der Knechtschaft durch andere Menschen zu befreien, haben sich die Tyrannen und selbsternannten Herren mit gezückten Schwertern gegen diese Verkündung gestellt und waren keineswegs bereit, diese Bewegung zu dulden. Der Islam hat zu einem kompromisslosen Kampf angespornt, um diese Allahleugner zu beseitigen und die Menschen der ganzen Welt von der unterdrückerischen Herrschaft dieser Tyrannen zu befreien. Daher wird dieser Kampf der Wahrheit gegen die Falschheit unaufhaltsam weitergehen, bis die Religion ausschließlich Allah gehört.“
Die Gründe für das Verbot des bewaffneten Dschihad in der mekkanischen Phase
Die Anweisung, in der mekkanischen Phase den Krieg zu vermeiden und die Dawah auszuweiten, war eine vorübergehende Maßnahme im Rahmen eines langfristigen Plans. Auch nach der Hidschra blieb diese Politik noch einige Zeit bestehen. Als die Muslime sich jedoch gegen Ende der Anfangsphase zum Dschihad entschlossen, handelte es sich dabei nicht lediglich um einen Verteidigungskrieg für die Stadt Medina. Zweifellos bestand auch die Frage der Sicherheit Medinas. Doch dies war nur ein Mittel, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Die Verteidigung Medinas war notwendig, damit das Zentrum der Bewegung vor Angriffen der Feinde geschützt blieb, der Kampf um die wirkliche Befreiung und Freiheit der Menschen ununterbrochen fortgesetzt und allen Hindernissen und Widerständen entgegengetreten werden konnte.
Die Gründe dafür, dass während des Aufenthalts in Mekka keine Erlaubnis zum Krieg erteilt wurde, sind leicht nachzuvollziehen. Der Gesandte Allahs stand unter dem Schutz der Banu Haschim. Daher konnte er die Botschaft der Religion durch eine öffentliche Verkündung verbreiten. Durch persönliche Gespräche und kleine Diskussionsrunden bemühte er sich, Einfluss auf die Herzen und das Denken der Menschen zu gewinnen. Außerdem hinderte in Mekka kein gut organisiertes staatliches System seine Verkündung oder die Reaktion der Bevölkerung darauf. Deshalb bestand in dieser Phase keine Notwendigkeit, Gewalt anzuwenden. Darüber hinaus gab es noch einige weitere Gründe, weshalb es damals angemessen war, in Mekka nicht in den Krieg einzutreten. In meinem Tafsir-Werk „Fi Zilalil Qur’an“ habe ich bei der Auslegung des folgenden Verses jene Gründe angeführt —
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„Hast du jene nicht gesehen, denen befohlen wurde, ihre Hände zurückzuhalten?“ — Sure an-Nisa: 77
Der zweite wesentliche Grund für das Verbot, sich in der mekkanischen Phase des Kampfes zu bedienen, lag darin, dass die islamische Bewegung damals unter besonderen Bedingungen und zu einem besonderen Zweck durch Ausbildung eine Schar von Mitarbeitern heranbildete. Denn es war äußerst wichtig, diejenigen, die unter den damaligen Umständen den Islam annahmen, für diesen besonderen Zweck auszubilden. So war es unbedingt erforderlich, ihnen die seelische Kraft zu geben, Situationen zu ertragen, an die die Araber nicht gewöhnt waren. Sie mussten darin geschult werden, angesichts von Unrecht und Verfolgung gegen sich selbst oder ihre Angehörigen Geduld zu bewahren, ihren Stolz und ihr Ehrgefühl zu zügeln, den Wunsch nach persönlicher Vergeltung oder Rache zu unterdrücken und sich von Selbstverehrung und der Knechtschaft der eigenen Leidenschaften abzuwenden. Durch eine solche Ausbildung musste ihre Vorstellung vom Lebensziel der damaligen muslimischen Konvertiten in Arabien verändert werden. Denn im Zeitalter der Dschahiliyya hatte ihr wichtigstes Lebensziel darin bestanden, die Sicherheit ihrer selbst und ihrer Angehörigen zu gewährleisten. Nach der Annahme des Islam veränderte sich das Ziel ihres Lebens. Daher war es selbstverständlich äußerst wichtig, sie darauf vorzubereiten, Selbstbeherrschung zu erlangen. Sie sollten sich nicht von Erregung und Zorn überwältigen lassen und dabei jede Orientierung verlieren, sondern mit äußerst ruhigem und besonnenem Verstand ausgewogene und anständige Schritte unternehmen können. Es war ebenfalls notwendig, sie darin auszubilden, unter dem Befehl eines großen Führers als Mitglieder einer disziplinierten Organisation zu handeln und in jeder Angelegenheit zunächst die Meinung des Führers einzuholen und dementsprechend vorzugehen. Ihre Einstellung wurde dahingehend verändert, dass sie den Befehl des Führers zur Wahrung der Disziplin auch dann befolgten, wenn er ihnen persönlich nicht gefiel. Eine solche Ausbildung war für die Formung des Lebens der Araber äußerst wichtig. Denn das Ziel der islamischen Bewegung bestand darin, eine disziplinierte, charakterlich edle, zivilisierte, von tierischen Trieben befreite und frei von Stammesstreitigkeiten und Zwistigkeiten geprägte Gesellschaft aufzubauen.
Ein weiterer möglicher Grund für die Anweisung, in der mekkanischen Phase vom Krieg abzusehen, könnte darin bestanden haben, dass die Quraisch vom Stolz auf ihre Abstammung erfüllt waren. Der Versuch, sie durch verständliche Erklärungen für den Weg der Religion zu gewinnen, war wirksamer und erfolgversprechender. Kämpfe und kriegerische Auseinandersetzungen hätten die Feindschaft und den Zorn noch verstärkt und ihren angeborenen Blutdurst weiter entfacht. Schon zuvor waren die Kriege von Dahis, Ghabra und Basus aufgrund stammesbedingter Feindschaft jahrelang geführt worden, und auf jenen Schlachtfeldern waren Stamm um Stamm ausgelöscht worden. Wäre der Islam einem solchen Stammeshass zum Opfer gefallen, hätte seine ideologische und auf die Dawah gerichtete Botschaft in niemandem Widerhall finden können. Vielmehr wäre er lediglich zum Mittel eines endlosen, blutigen Kampfes geworden. Unter diesen Umständen bestand die Gefahr, dass die grundlegende Lehre seiner Botschaft unter den Stammesstreitigkeiten zermalmt würde.
Die Verhinderung einer weitreichenden Ausbreitung des Bürgerkriegs könnte ebenfalls ein Grund dafür gewesen sein, dass man in Mekka den Krieg vermied. Denn in Mekka gab es keine rechtmäßige Regierung, die die Gläubigen misshandelte und ihre Bewegung behinderte. Vielmehr waren es die Verwandten und Stammesangehörigen jedes einzelnen Muslims, die ihre Daʿwa-Arbeit behinderten und sie misshandelten. Wäre unter diesen Umständen der Krieg erlaubt worden, wäre in jeder Familie ein Schlachtfeld entstanden. Und diese Entwicklung des Bürgerkriegs hätte unaufhaltsam angehalten. Auch die gegnerische Seite hätte Gelegenheit zu der Propaganda erhalten, der Islam stifte häusliche Zwietracht. Tatsächlich hatte man bereits damit begonnen, eine solche Propaganda zu verbreiten. Während der Hadsch gingen die Anführer der Quraisch zu den Menschen, die aus fernen Gegenden zur Hadsch oder zum Handel nach Mekka gekommen waren, und sagten: „Muhammad hat sich nicht damit begnügt, nur innerhalb seines eigenen Stammes Zwietracht zu säen; er hat sogar Streit zwischen Vätern und Söhnen verursacht.“ Dabei war zu jener Zeit die Anwendung von Gewalt gegen die Feinde verboten. Wäre es dem Sohn erlaubt worden, den Hals seines islamfeindlichen Vaters abzuschlagen, und dem Sklaven, seinen dem Din feindlich gesinnten Herrn zu enthaupten, dann lässt sich nur schwer ermessen, wie umfangreich die Verleumdung gegen den Islam gewesen wäre und welche Zustände sich in der Praxis entwickelt hätten.
Allah, der Erhabene, wusste gewiss, dass diejenigen, die besonders eifrig gegen die islamische Bewegung vorgingen und die Muslime grausam misshandelten, später den Iman annehmen und zu aufrichtigen Kämpfern des Islam werden würden. War Umar ibn al-Chattab (ra) etwa nicht einer von ihnen? Auch aus diesem Grund war der Befehl ergangen, nicht zu kämpfen.
Ein weiterer Grund für die Vermeidung des Krieges könnte gewesen sein, dass die arabische Mentalität gemäß den Stammesbräuchen so geprägt war, dass sie gegenüber Menschen, die angesichts von Unterdrückung und Verfolgung eine standhafte Haltung zeigten, Mitgefühl empfanden. Bei angesehenen und rechtschaffenen Angehörigen eines Stammes war diese Haltung noch stärker ausgeprägt. Zahlreiche Ereignisse liefern uns den Beweis dafür. Als ein angesehener und ehrenhafter Mann wie Abu Bakr (ra) beabsichtigte, von Mekka auszuwandern, konnte Ibn ad-Daghina dies nicht hinnehmen. Deshalb brachte er Abu Bakr (ra) zurück. Denn Ibn ad-Daghina betrachtete den Weggang eines solchen Mannes als eine Entwürdigung der arabischen Gesellschaft. Daher erklärte er, Abu Bakr (ra) Schutz und Schirmherrschaft gewähren zu wollen. Auch in der Aufhebung des Abkommens, durch das die Banu Haschim im Tal von Abu Talib eingeschlossen worden waren, finden wir einen Beweis für eben diese Tatsache. Als Hunger und Leid des Stammes Banu Haschim ein unerträgliches Ausmaß annahmen, zerrissen arabische Jugendliche dieses Schriftstück. Ein bemerkenswertes Merkmal der alten arabischen Gesellschaft bestand darin, dass sie gegenüber den Unterdrückten Mitgefühl empfand. In der zeitgenössischen arabischen Gesellschaft hingegen wurden diejenigen, die angesichts der Unterdrückung Geduld bewahrten, verspottet und verhöhnt, während die Unterdrücker mit Ehrfurcht betrachtet wurden.
Ein weiterer Grund war, dass die Zahl der Muslime zu jener Zeit sehr gering war und sich die islamische Daʿwa noch nicht außerhalb Mekkas ausgebreitet hatte. In manchen Gebieten waren lediglich vage Nachrichten darüber eingetroffen. Die Angehörigen der übrigen Stämme betrachteten die Angelegenheit als eine innere Auseinandersetzung des Stammes Quraisch und warteten ab, um zu sehen, welchen Ausgang der Streit nehmen würde. Wäre es zu jener Zeit zu einem Krieg gekommen, hätte die kleine Gemeinschaft der Muslime ausgelöscht werden können. Zwar waren sie in der Lage, eine um ein Mehrfaches größere Zahl von Feinden zu töten als ihre eigene Zahl betrug. Dennoch bestand für sie keinerlei Aussicht, selbst am Leben zu bleiben, denn zahlenmäßig waren sie sehr wenige. Wären sie infolge eines verfrüht begonnenen Krieges allesamt ums Leben gekommen, wäre der Schirk an seiner Stelle geblieben, und das Ziel der Errichtung einer islamischen Gesellschaft hätte niemals verwirklicht werden können. Doch der Islam ist in die Welt gekommen, um verwirklicht zu werden. Daher war es nicht angemessen, den Krieg vor der richtigen Zeit zu beginnen.
Auch nach der Hidschra wurde noch einige Zeit auf den bewaffneten Krieg verzichtet
Auch nachdem das Zentrum der islamischen Bewegung nach Medina verlegt worden war, blieb der Krieg noch einige Zeit verboten. Denn der Gesandte Allahs (sa) verpflichtete sich in einem mit den Juden und den in Medina sowie in dessen Umgebung lebenden polytheistischen Arabern geschlossenen Vertrag, gegenseitig keine Angriffe zu unternehmen. In dieser Phase der Bewegung war ein solcher Schritt äußerst notwendig. Der Hintergrund dieses Vertrags war folgender:
Erstens war in Medina die vollständige Freiheit zur Verkündung der Botschaft des Islam und zur Äußerung von Meinungen gewährleistet. Da es in Medina keine staatliche Ordnung und keinen Frieden gab, existierte keine Macht, die geeignet gewesen wäre, sich in die Annahme oder Ablehnung der Meinung der Bevölkerung einzumischen. Alle Bewohner Medinas hatten den neu gegründeten islamischen Staat anerkannt und die Führung des Propheten Allahs zur Lösung all ihrer politischen Angelegenheiten akzeptiert. Daher war im Vertrag festgehalten worden, dass kein Bewohner Medinas ohne die Erlaubnis des Propheten Allahs mit irgendjemandem außerhalb der Stadt einen Friedensvertrag schließen, den Krieg erklären oder irgendeine andere Beziehung eingehen durfte. Unter diesen Umständen lag die politische Macht in Medina in den Händen der muslimischen Führung, und dort herrschte auch vollständige Freiheit zur Äußerung von Meinungen.
Zweitens wollte der Gesandte (sa) in dieser Phase alle Kräfte bündeln und die Auseinandersetzung mit den Quraisch endgültig beilegen. Denn der Widerstand dieses Stammes war für die Angehörigen anderer Stämme zu einem Hindernis auf dem Weg geworden, den Din anzunehmen; sie warteten ab, um den Ausgang dieses „inneren Streits“ der Quraisch zu sehen. Daher entsandte der Gesandte Allahs ohne Verzögerung kleine Trupps in verschiedene Richtungen. Der erste Trupp, den er entsandte, stand unter dem Kommando von Hamza (ra) ibn Abd al-Muttalib.
Kaum waren sechs Monate seit der Hidschra vergangen, da wurde diese Truppe im Monat Ramadan entsandt. Nach dieser Truppe begann der Prophet Muhammad, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, fortlaufend ein Heer nach dem anderen zu entsenden: das erste nach der Hidschra, das zweite dreizehn Monate später und das dritte zu Beginn des sechzehnten Monats. Zu Beginn des siebzehnten Monats nach der Hidschra wurde unter der Führung von Abdullah ibn Dschahsch eine Truppe entsandt, und bei diesem Feldzug kam es zum Blutvergießen. Es war der Monat Ramadan – nach den anerkannten Regeln der Araber war in diesem Monat Krieg und Kampf verboten. Im Heiligen Koran wird dies mit folgenden Worten behandelt:
——————————————————————————————– „Man fragt dich, o Prophet, nach dem Kämpfen im heiligen Monat. Sprich: In diesem Monat zu kämpfen ist verwerflich; doch die Menschen vom Leben auf Allahs Weg abzuhalten, Allah zu verleugnen, den Dienern Allahs den Zugang zur Heiligen Moschee zu versperren und die Bewohner des Heiligtums daraus zu vertreiben, ist bei Allah noch verwerflicher. Diese Ungerechtigkeiten sind schlimmer als Blutvergießen.“ — al-Baqara: 217
Bereits im zweiten Jahr nach der Hidschra fand im gesegneten Monat Ramadan die Schlacht von Badr statt. Auch in der Sure al-Anfal wird dies kommentiert.
Bei einer umfassenden Betrachtung dieser Phase der islamischen Bewegung wird deutlich, dass es keinerlei vernünftigen Grund gibt, den islamischen Dschihad als einen Verteidigungskampf zu bezeichnen. Dies ist lediglich das unrühmliche Werk jener Denker, die von den Angriffen irreführender westlicher Schriftsteller beeinflusst wurden. Weil ihre Verbindung zum Islam schwächer geworden ist, haben sie ihren Ruhm und ihre Überlegenheit verloren und eine schwache Haltung eingenommen; und gerade diese Gelegenheit nutzt das islamfeindliche westliche Schriftstellermilieu, um Angriff auf Angriff gegen das islamische Ideal zu führen. Erst als sie die Heftigkeit dieser massiven Angriffe spürten, bemühten sich einige mutlose sogenannte muslimische „Forscher“, den islamischen Dschihad als „Verteidigungskrieg“ zu erklären. Durch die große Gnade Allahs, des Erhabenen, ist eine Gruppe standhafter Muslime vom Einfluss dieser Verleumdungen frei geblieben. Sie haben voller Stolz erklärt, dass das Ziel des Islam darin besteht, die Menschen vollständig von der Knechtschaft aller Autoritäten außer Allah zu befreien und die Religion ausschließlich dem einen und einzigen Allah zu widmen. Abgesehen von dieser kleinen Zahl bemühen sich jedoch alle sogenannten Denker, durch die Anführung moralischer Gründe zugunsten des islamischen Dschihad die Gunst der gegnerischen Seite zu gewinnen. Doch zu der Aussage, die Allah, der Erhabene, selbst im Heiligen Koran zur Begründung der islamischen Zeitpolitik gemacht hat, lässt sich überhaupt kein weiteres Argument vorbringen.
——————————————————————————————–„Diejenigen sind zum Kampf auf Allahs Weg verpflichtet, die das diesseitige Leben gegen das Jenseits eingetauscht haben. Und diejenigen, die auf Allahs Weg kämpfen – ob sie siegreich sind oder getötet werden –, ihnen werden Wir in beiden Fällen reichlichen Lohn geben. Was ist mit euch, dass ihr nicht auf Allahs Weg kämpft, obwohl so viele hilflose Männer, Frauen und Kinder Allah anrufen und sagen: ‚Unser Herr! Führe uns aus dieser Stadt heraus, deren Bewohner Unrecht tun. Und bestimme uns von Dir aus einen Beschützer und einen Helfer.‘ Diejenigen, die glauben, kämpfen auf Allahs Weg; und diejenigen, die ungläubig sind, kämpfen auf dem Weg des Taghut. Kämpft also gegen die Mächte des Satans. Wahrlich, die Ränke des Satans sind schwach.“ — an-Nisa: 74–76
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„Sag den Ungläubigen: Wenn sie jetzt noch umkehren, wird ihnen vergeben, was zuvor geschehen ist. Wenn sie jedoch zu ihrem früheren Verhalten zurückkehren, so ist das Schicksal der früheren Völker allen bekannt. O ihr, die ihr glaubt! Kämpft gegen die Ungläubigen, bis die Fitna vollständig beseitigt ist und allein die Religion Allahs, des Erhabenen, bestehen bleibt. Wenn sie dann von der Fitna ablassen, so wisset, dass Allah, der Erhabene, all ihr Tun beobachtet. Wenn sie sich jedoch widersetzen, dann bedenke, o Prophet, dass Allah dein Beschützer und der beste Helfer ist.“ — al-Anfal: 38–40
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„Kämpft gegen diejenigen unter den Leuten der Schrift, die nicht an Allah und den Jüngsten Tag glauben, die nicht aufgeben, was Allah und Sein Gesandter für verboten erklärt haben, und die die wahre Religion nicht als ihre Lebensordnung annehmen, bis sie sich unterwerfen. Die Juden sagen: ›Uzair ist Allahs Sohn‹, und die Christen bezeichnen den Messias als Allahs Sohn. Dies sind lediglich die Wiederholung der haltlosen Worte ihrer irregegangenen Vorgänger. Allah vernichte sie! Wie weit sie doch irregeführt werden! Sie haben ihre Gelehrten und Mönche anstelle Allahs zu ihren Herren genommen, ebenso den Messias, den Sohn Maryams, obwohl ihnen doch nur befohlen worden war, dem einzigen Allah zu dienen. Es gibt keinen, der außer Ihm der Anbetung würdig wäre. Erhaben ist Er über das, was sie Ihm an Beigesellung zuschreiben. Sie wollen Allahs Licht mit ihren Mündern auslöschen. Doch Allah kann nicht anders, als Sein Licht zu vollenden, selbst wenn es den Ungläubigen unerträglich ist.“
— At-Tauba: 29–32
Die Quintessenz dessen, was in den obigen Versen über die Berechtigung und Bedeutung des Dschihad gesagt wurde, lautet wie folgt:
Das Ziel des Dschihad besteht darin, die uneingeschränkte Herrschaft Allahs, des Erhabenen, auf der Welt zu errichten, die von Allah gesandte wahre Religion im Leben der Menschen zu verwirklichen, jede satanische Kraft und jede von Satan geschaffene Lebensordnung zu beseitigen und die Herrschaft von Menschen über Menschen zu beenden. Der Mensch ist ausschließlich dazu erschaffen worden, Allah zu dienen. Daher hat kein Mensch das Recht, die Herrschaft über andere Menschen zu errichten und nach eigenem Willen Gesetze und Vorschriften zu erlassen. Die oben genannten Umstände fordern den Beginn des Dschihad. Zugleich muss die Weisung des Verses „Es gibt keinen Zwang in der Religion“ befolgt werden. Das heißt: Nachdem die Menschen von der Herrschaft und Autorität anderer Menschen befreit worden sind, soll allein Allahs Herrschaft bestehen. Die Religion soll allein Allah gehören. Niemand darf einen Menschen dazu zwingen, den Islam anzunehmen.
Aus der obigen Erörterung über die Bedeutung des Dschihad geht hervor, dass der Islam den Dschihad gerade deshalb als Weg vorgegeben hat, um den Menschen ein wahrhaft freies Leben zu gewährleisten. Er befreit den Menschen aus der Knechtschaft anderer Menschen und führt ihn zu Allah, dem Einen und Einzigen, dessen Gleichen es nicht gibt. Daher kann der Mensch selbstverständlich vor keiner anderen Macht als Allah, dem Erhabenen, sein Haupt beugen. Ist dieser eine Grund nicht schon ausreichend, um den Dschihad zu beginnen? Deshalb nahmen die muslimischen Mudschahidin stets von der oben beschriebenen Haltung geleitet am Dschihad teil. Wenn man sie nach dem Zweck des Krieges fragte, sagte kein Mudschahid: „Mein Land ist in Gefahr, deshalb kämpfe ich“, oder: „Persien und Rom haben uns angegriffen, deshalb kämpfe ich zur Selbstverteidigung“, oder: „Wir führen Krieg, um unser Herrschaftsgebiet zu erweitern und Beute zu erlangen.“ Vielmehr gaben Rabi ibn Amir, Hudaifa ibn Muhassin und al-Mughira ibn Schu’ba auf die Fragen des persischen Heerführers Rustam genau diese Antwort. Bis drei Tage vor der Schlacht von Qadisiyya fragte der Heerführer Rustam die drei genannten Mudschahidin jeweils einzeln: „Zu welchem Zweck seid ihr gekommen, um zu kämpfen?“ Sie antworteten: „Allah, der Erhabene, hat uns befohlen, die Menschen aus der Knechtschaft anderer Menschen zu befreien und sie unter die Herrschaft Allahs, des Einen und Einzigen, zu führen, sie aus den engen Grenzen herauszuführen und auf das weite Feld der Erde zu bringen sowie sie von der Unterdrückung falscher religiöser Vorschriften zu befreien und ihnen einen Platz im kühlen Schatten islamischer Gerechtigkeit zu geben. Um dieses Ziel zu verwirklichen, hat Allah, der Erhabene, den Propheten mit einer Lebensordnung zur Menschheit gesandt.“
„Wenn diejenigen, die unsere erwähnte Lebensordnung annehmen, ihre Zustimmung erklären, akzeptieren wir ihr Bekenntnis, ziehen uns zurück und übergeben ihnen ihr Land wieder. Jene aber, die sich gegen Allahs Religion auflehnen, bekämpfen wir. Diesen Kampf setzen wir fort, bis wir entweder das Martyrium erlangen und ins Paradies eintreten oder der Sieg über den Feind für uns errungen ist.“
Ein weiterer Grund für den Dschihad
Die genannten Gründe für den Dschihad sind bereits im inneren Wesen des Islam fest verankert. Ebenso gehören die Verkündung der weltumfassenden Befreiung von der Knechtschaft machtgieriger Menschen, die umfassende Auseinandersetzung mit den in der menschlichen Gesellschaft herrschenden tatsächlichen Verhältnissen und der angemessene Einsatz von Mitteln und Möglichkeiten auf jeder Stufe des Fortschritts zu den praktischen Erfordernissen dieser Religion. Schon in der Verkündung des Aufrufs dieser Religion liegt die Ankündigung des Dschihad verborgen. Ob nun die Möglichkeit eines Angriffs feindlicher Kräfte auf den islamischen Staat besteht oder nicht – seine dschihadische Gesinnung kann sich deshalb in keiner Weise ändern. Der bestehende Zustand der nichtislamischen Gesellschaft und der Beginn der islamischen Bewegung stehen einander notwendigerweise entgegen. Daher ist der Dschihad keine auf den vorübergehenden Bedarf der Landes- oder Selbstverteidigung beschränkte Tätigkeit. Kein Muslim nimmt am Dschihad teil und opfert sein Leben und Vermögen, um persönliche Interessen und Habgier zu befriedigen.
Noch bevor der Mudschaahid das Schlachtfeld des Dschihad betritt, muss er einen anderen großen Dschihad siegreich bestehen. Dieser richtet sich gegen den Satan, der ihm in seinem Herzen schlechte Einflüsterungen eingibt, gegen seine eigenen Begierden und Wünsche, seine persönlichen Interessen und Annehmlichkeiten, die Interessen seiner Familie und seines eigenen Volkes sowie gegen all die anderen Dinge dieser Art, die sich der Anbetung Allahs und der Errichtung der Souveränität Allahs auf dieser Erde in den Weg stellen. Erst nachdem er diese Hindernisse überwunden hat, kann der gläubige Mann das Schlachtfeld des Dschihad betreten. Das große Ziel im Leben der gläubigen Mudschaahidun besteht darin, gegen alle Arten von Parolen und ideologischen Bewegungen, die der islamischen Gesellschaft entgegenstehen, einen kompromisslosen Kampf zu führen, die falsche Herrschaft zu beseitigen und die Herrschaft Allahs einzuführen.
Islam und Landesverteidigung
Wer den islamischen Dschihad auf die Verteidigung des Landes beschränken möchte, will die Erhabenheit der islamischen Lebensordnung herabsetzen. Diese Menschen wollen sagen, dass das islamische Ideal nicht wichtiger sei als das Vaterland. Die Sichtweise, aus der eine nichtislamische Lebensordnung das Vaterland und ähnliche Dinge betrachtet, wird vom Islam nicht unterstützt. Diese Sichtweise ist unter den Bedingungen der modernen Zeit entstanden. Diese Sichtweise und diese Empfindung stehen in keiner Weise mit dem islamischen Ideal in Einklang.
Im Licht des islamischen Lebensideals besteht das Ziel des islamischen Dschihad in der Bewahrung des Glaubensbekenntnisses der Religion; oder in der Bewahrung der Lebensordnung, die das praktische Abbild des islamischen Glaubens darstellt; ja, in der Bewahrung eben jener idealen Lebensordnung. Für den Islam besitzt ein Territorium an sich keinen Wert. Ein Gebiet kann erst dann Würde erlangen, wenn sich dort die von Allah gegebene Lebensordnung ausbreitet. In diesem Gebiet wird eine Festung des islamischen Glaubens errichtet. Es wird zur Heimat des islamischen Ideals (Dar al-Islam) und zum Zentrum der Freiheit und des freien Lebens der Menschheit. Unter diesen Umständen bedeutet die Verteidigung dieses Gebiets die Bewahrung des islamischen Glaubens – die Bewahrung der gesellschaftlichen Ordnung, die die islamische Lebensordnung und das islamische Ideal verkörpert. Die bloße Verteidigung kann jedoch nicht das eigentliche und äußerste Ziel des islamischen Dschihad sein. Auch die Verteidigung von Dar al-Islam ist nicht das eigentliche Ziel des islamischen Dschihad. Die Verteidigung von Dar al-Islam ist lediglich ein Anlass zur Errichtung der Herrschaftsordnung Allahs. Darüber hinaus werden sich von Dar al-Islam, dem Zentrum des islamischen Leuchtfeuers, die hell leuchtenden Strahlen des islamischen Lebensideals in alle Teile der Welt ausbreiten und der menschlichen Gesellschaft Freiheit und Befreiung gewährleisten. Ich habe bereits erwähnt, dass das Ziel der Religion des Islam das Wohlergehen der gesamten menschlichen Gesellschaft ist und die ganze Erde ihr Wirkungsfeld darstellt.
Der Dschihad als naturgemäße Forderung des Islam
Aus der vorangegangenen Erörterung haben wir erfahren, dass auf dem Weg zur Einführung der Herrschaft Allahs auf der Erde bestimmte weltliche Hindernisse bestehen. Die bestehende Gesellschaftsordnung, die antisoziale Politik und die allgemeinen Bedingungen der menschlichen Gesellschaft – jedes einzelne von ihnen und weitere Dinge – stellen sich dem Islam in den Weg. Um diese Hindernisse zu beseitigen, wendet der Islam Gewalt an. Das Ziel dieser Gewaltanwendung besteht darin, die Botschaft des Islam zu jedem Menschen gelangen zu lassen, die Hindernisse zu beseitigen, die jeden Einzelnen daran hindern, die islamische Ordnung zu prüfen, und so die Möglichkeit zu schaffen, den Menschen in einer freien und ungehinderten Umgebung die unsterbliche Botschaft des Islam zu übermitteln. Um die Menschen aus den Fesseln künstlicher Götzen zu befreien und ihnen die Möglichkeit zu geben, frei zwischen Gut und Böse zu unterscheiden, ist der Dschihad ein unbedingt notwendiges Mittel.
Wir dürfen uns durch die von westlichen Autoren gegen den Dschihad betriebene Propaganda weder verwirren noch einschüchtern lassen. Es wäre für uns keineswegs angemessen, dem Dschihad unter dem Einfluss widriger Umstände oder des Widerstands mächtiger Kräfte eine Auslegung zu geben, die mit der islamischen Lebensordnung vereinbar ist. Der Dschihad ist eine ewige Vorschrift. Ob ein Bedarf an Verteidigung und ein militärischer Anlass vorliegen oder nicht – die Notwendigkeit des Dschihad wird niemals enden. Wenn wir die Höhen und Tiefen der Geschichte untersuchen, dürfen wir die geistige Grundhaltung nicht außer Acht lassen, die in der Natur dieser Lebensordnung, ihrer universalen Verkündigung der Befreiung und ihrer praktischen Vorgehensweise vorhanden ist. Den militärischen Anlass und das Bedürfnis nach Verteidigung mit dem grundlegenden Ziel der Religion zu vermischen, wäre ein äußerst falscher Schritt.
Natürlich fordert diese Religion, umfassende Maßnahmen zur Selbstverteidigung gegen Angriffe äußerer Feinde zu ergreifen. Die Verkündung der Souveränität Allahs, die Verbreitung der Botschaft, um die menschliche Gesellschaft aus der Knechtschaft jedes anderen außer Allah zu befreien, eine auf dieser Verkündung und ihrer Verbreitung beruhende revolutionäre Bewegung sowie der Aufbau einer neuen Art von Führung durch die Bekundung des Misstrauens gegenüber einer nichtislamischen Führung gehören zu den Zielen dieser Religion. Sobald das Ziel verkündet wird, die uneingeschränkte Herrschaft des einzigen Allah, des Erhabenen, zu errichten und die Herrschaft des Menschen vollständig zurückzuweisen, greift die dschahilische Gesellschaft, die die Herrschaft des Menschen anerkennt, den Islam heftig an, um ihre eigene Existenz zu bewahren. Daher wird die islamische Bewegung ganz selbstverständlich gezwungen sein, zur Wahrung ihrer eigenen Existenz Maßnahmen zur Selbstverteidigung zu ergreifen. Es ist völlig natürlich, dass eine solche Situation bereits beim Beginn der islamischen Bewegung entsteht. Die Frage, ob der Islam einen solchen Konflikt wünscht oder nicht, ist gegenstandslos. Denn ein solcher Konflikt wird der islamischen Bewegung aufgezwungen. Da die Koexistenz zweier einander widersprechender Lebensideale unmöglich ist, treibt bereits das Erfordernis, ihre jeweilige Existenz zu bewahren, sie in den Konflikt. Gerade aufgrund dieser tatsächlichen Gegebenheit bleibt dem Islam nichts anderes übrig, als einen Verteidigungskampf zu führen.
Keine Kompromisse mit der Dschahiliyya
Ein weiteres, noch wichtigeres Merkmal der islamischen Lebensordnung besteht darin, dass der Islam seiner Natur nach entschlossen ist, die gesamte Menschheit vollständig von der Knechtschaft gegenüber jedem außer Allah zu befreien. Daher kann diese Lebensordnung sich nicht selbst in geografische, stammesbezogene oder andere begrenzte Kreise einschließen und die Menschheit der ganzen Welt der Knechtschaft anderer überlassen. Das islamfeindliche Lager kann zu irgendeinem Zeitpunkt aus taktischen Gründen beschließen, keine aggressiven Schritte gegen die islamische Bewegung zu unternehmen. Im Gegenzug kann es darum ersuchen, in seinem Gebiet die dschahilische Gesellschaftsordnung aufrechtzuerhalten und den Feldzug zur Errichtung des Islams als Befreiungsurkunde der Menschheit in seinem Gebiet vonseiten des Islams aufzuschieben. Der Islam wird einen solchen, von ihnen geforderten „Waffenstillstand“ nicht akzeptieren. Wenn sich das gegnerische Lager jedoch bereit erklärt, die Herrschaft des Islams anzuerkennen und die Dschizya zu entrichten, wird ihm Sicherheit gewährt. Denn unter diesen Umständen verpflichtet es sich, der Verbreitung der Botschaft des Islams nicht durch politische Macht Hindernisse in den Weg zu legen. Das liegt im Wesen dieser Religion. Die Verkündung der Souveränität Allahs und die Durchführung des Feldzugs, überall auf der Welt allein Seine Anbetung zu etablieren, sind ihre Vorgehensweise. Der Beginn dieser Bewegung in einem geografischen Gebiet und ihre Begrenzung auf eine geografische Nation sind nicht dasselbe. Im ersten Fall ist dieses Gebiet das Zentrum einer dynamischen revolutionären Bewegung, im zweiten Fall lediglich ein passives Territorium eines Nationalstaates, der sich jeder revolutionären Tätigkeit enthält.
Um die revolutionäre Rolle des Islams zu begreifen, muss man sich daran erinnern, dass der Islam Allahs für die Menschen bestimmte Ordnung ist. Kein Einzelner, keine Gruppe, Klasse oder Sippe hat diese Ordnung geschaffen. Daher besteht keine Notwendigkeit, nach äußeren Gründen zur Rechtfertigung des islamischen Dschihad zu suchen. Wer nach solchen Gründen sucht, vergisst, dass die Beseitigung der künstlichen Götzen durch die Errichtung des von Allah auf der Welt angeordneten Staates Teil des Programms dieser Religion ist. Für diejenigen, in deren Herzen dieses revolutionäre Programm der islamischen Lebensordnung lebendig ist, besteht keinerlei Notwendigkeit, zur Unterstützung des Dschihad äußere Ursachen oder Beweggründe anzuführen.
Zwei Auffassungen über den islamischen Dschihad
Auf der ersten Betrachtungsebene ist es nicht möglich, den Unterschied zwischen zwei Auffassungen über den islamischen Dschihad wahrzunehmen. Die eine Auffassung besagt, dass der Islam nur äußerst widerwillig gegen die Dschahiliyya kämpfen musste. Denn bereits sein Hervortreten zwang die Dschahiliyya, den Islam anzugreifen. Und der Islam war unter diesen Umständen gezwungen, zu seiner Selbstverteidigung zu den Waffen zu greifen. Die andere Auffassung besagt, dass der Islam selbst voranschritt, die Dschahiliyya angriff und schließlich einen erbitterten Krieg gegen sie führte. Auf der anfänglichen Ebene des Denkens wird der Unterschied zwischen diesen beiden Auffassungen nicht deutlich werden. Denn beide Auffassungen zwingen den Islam, auf dem Schlachtfeld anzutreten. Doch wenn das Ziel erreicht ist, wird sich zeigen, dass zwischen den Vorstellungen der Vertreter beider Denkrichtungen über das Ziel und die Bedeutung des Islams ein Unterschied wie zwischen Himmel und Erde besteht.
Zwischen der Annahme des Islams als einer von Allah gegebenen Lebensordnung und seiner Betrachtung als einer regionalen Ideologie besteht ein gewaltiger Unterschied. Nach der ersten Auffassung besteht das Ziel der islamischen Lebensordnung darin, dass die Menschen die Knechtschaft Allahs in der Welt anerkennen können. In jener Gesellschaft ist allein die göttliche Scharia das höchste Gesetz. Dies ist das wahre Wesen des Islams, und dieser Islam gebietet die Ausrottung aller Kräfte, die der Verwirklichung seines Ziels im Wege stehen. Denn nur auf diese Weise kann die menschliche Gesellschaft aus den Fesseln der von Menschen erdachten Herrschaftsordnungen und sozialen Bindungen befreit werden. Nach der zweiten Auffassung wird der Islam als regionale Ideologie betrachtet; deshalb sind die Bewohner eines bestimmten Gebiets nach dem Angriff einer ausländischen Macht auf sie gezwungen, zu ihrer Selbstverteidigung zu kämpfen. Der Unterschied zwischen diesen beiden Auffassungen ist äußerst deutlich. Unter beiden Umständen gebietet der Islam den Dschihad. Wenn jedoch unter dem Einfluss der genannten beiden Auffassungen in zwei unterschiedlichen Bereichen der Dschihad begonnen wird, müssen sich seine Ursachen, Ziele und Ergebnisse hinsichtlich der grundlegenden Sichtweise und des praktischen Vorgehens völlig unterscheiden.
Gewiss ergreift der Islam als Erster die Initiative zum Dschihad; der Islam ist nicht das Eigentum irgendeines Landes oder Volkes. Diese von Allah gegebene Lebensordnung wurde zum Wohl der gesamten Welt herabgesandt. Daher ist es äußerst notwendig, jene Gesellschaftsordnungen und Bräuche zu beseitigen, die den Menschen ihre Freiheit rauben und die Menschheit in den Ketten der Knechtschaft halten. Der Islam greift nicht die Bevölkerung an und will niemandem seine Ideologie gewaltsam aufzwingen. Sein Konflikt richtet sich gegen Bräuche und Ideologien. Nur durch die Veränderung von Bräuchen und Ideologien kann die menschliche Gesellschaft vom giftigen Einfluss falscher Ideale befreit werden.
Der Islam kann niemals von dem Ziel abweichen, den Menschen von der Knechtschaft gegenüber Menschen zu befreien und sie in den Dienst des einen und einzigen Allah zu stellen. Um dieses Ziel zu erreichen, gibt der Islam den Menschen durch die Bewegung die Möglichkeit, die Erfahrung vollkommener Freiheit zu erlangen. Sowohl hinsichtlich des grundlegenden Glaubens als auch des praktischen Programms der islamischen Lebensordnung kann die wahre Freiheit des Menschen allein durch die islamische Gesellschaftsordnung verwirklicht werden. Für Herrschende und Beherrschte, Weiße und Schwarze, Reiche und Arme, Verwandte und Nichtverwandte kann allein Allahs Gesetz unparteiisch und wohltätig sein. Menschen aller Klassen müssen sich diesem Gesetz gleichermaßen unterwerfen. In anderen Lebensordnungen stehen Menschen in der Knechtschaft von Menschen. Die Gesetzgebung ist ein Teil der Macht Allahs. Wer als Einzelner oder als Gruppe das Recht beansprucht, Gesetze für die Menschen zu erlassen, beansprucht damit mittelbar Allahs Autorität. Ob dies ausgesprochen wird oder nicht: Der Anspruch auf das Recht, Gesetze zu erlassen, ist in Wirklichkeit nichts anderes als der Anspruch auf Allahs Autorität.
Die westliche Fehlvorstellung über den Dschihad
Unter unseren muslimischen Schriftstellern sind diejenigen, die durch die gegenwärtigen Verhältnisse und die trügerische Kritik westlicher Autoren irregeführt worden sind, nicht bereit, diese revolutionäre Rolle der islamischen Lebensordnung anzuerkennen. Westliche Autoren haben den Islam als eine blutrünstige Ideologie dargestellt. Sie wollen den Gläubigen einreden, dass der Islam mithilfe des Schwertes seine eigene Ideologie anderen aufzwingen wolle. Dabei wissen sie sehr wohl, dass der Islam nicht so ist. Dennoch versuchen sie unter Rückgriff auf Täuschung, die grundlegenden Prinzipien und Ursachen des islamischen Dschihad zu entstellen. Beeinflusst von einer solchen Propaganda westlicher Autoren, sind auch einige unserer muslimischen Schriftsteller auf den Plan getreten, um den „Schandfleck“ des Dschihad von der Stirn des Islam abzuwaschen, und bemühen sich mithilfe komplizierter Argumente zu beweisen, dass der islamische Dschihad lediglich ein Verteidigungskrieg sei. Dabei sind sie über das Wesen und das grundlegende Ziel der islamischen Lebensordnung unwissend. Sie wissen nicht einmal, dass es dem Wesen des Islam entspricht, als wohlwollende Ideologie der Welt einen Schritt voranzugehen. In den Köpfen der sogenannten Forscher, deren Denkweise vom Einfluss anderer Völker geprägt ist, sind hinsichtlich der Religion allein westliche Denkmuster wirksam. Die Überzeugung der Westler lautet, dass Religion der Name eines Glaubens sei und ihren Platz im Herzen des Menschen habe; mit dem praktischen Leben habe die Religion keinerlei Verbindung.
Doch der Islam hat niemals eine religiöse Lehre der genannten Art vermittelt. Und niemals wurde unter dem Einfluss einer dem Westen ähnlichen Glaubensauffassung die Fahne des Dschihad erhoben. Der Islam ist die von Allah für das menschliche Leben gegebene Ordnung. Diese Lebensordnung macht allein die Errichtung der Souveränität Allahs zum Zeichen dafür, dass Ihm gedient und gehorcht wird. Vom großen Problem des menschlichen Lebens bis zu den kleinsten Angelegenheiten des täglichen Lebens kann der Islam alle Probleme lösen. Die umfassende Anstrengung, diese von Allah stammende Ordnung als siegreiche Ideologie in der Gesellschaft zu etablieren, ist der Dschihad. Die Freiheit jedes Einzelnen im Bereich persönlicher Glaubensüberzeugungen bleibt jedoch unangetastet. Der Islam will die Hindernisse derjenigen beseitigen, die die Freiheit des Menschen, Meinungen zu vertreten sowie sie anzunehmen oder abzulehnen, nicht anerkennen, und strebt die vollständige Verwirklichung seiner eigenen Ideologie an. Als Einzelperson besitzt jeder die Freiheit, jede beliebige Glaubensüberzeugung und Meinung anzunehmen oder abzulehnen. Es lässt sich ohne Weiteres erkennen, dass zwischen dem islamischen Ideal und der westlichen Auffassung von Religion ein himmelweiter Unterschied besteht. Wo immer daher eine Gesellschaft als praktisches Beispiel der islamischen Lebensordnung errichtet worden ist, wird es aufgrund des von Allah verliehenen Rechts die Pflicht der Bevölkerung sein, voranzugehen, die politische Macht zu erlangen und die islamische Lebensordnung umzusetzen. Dass der Islam dem Menschen hinsichtlich seiner persönlichen Glaubensüberzeugung Freiheit zugesteht, wurde bereits zuvor dargelegt.
Zu Beginn des Islam hielt Allah die muslimische Umma vorübergehend vom Dschihad zurück. Das war ein Teil einer langfristigen Planung – keine grundsätzliche Entscheidung. Im Licht dieser Erörterung werden wir den Sinn der Verse des Quran über den Dschihad verstehen können. Denn in den verschiedenen Stufen der fortschreitenden islamischen Bewegung wurden je nach Bedarf unterschiedliche Verse offenbart. Bei der Untersuchung dieser Verse müssen wir uns daran erinnern, dass die Verse zwei Arten von Bedürfnissen erfüllen. Um den Sinn der Verse zu erfassen, die in jeder Stufe der Bewegung offenbart wurden, muss man sich an die jeweilige Stufe und ihren historischen Hintergrund erinnern. Ein anderer Aspekt der Verse ist ihre bleibende Lehre. Diese bleibenden Lehren sind unter keinen Umständen veränderbar. Wenn man während der Führung der islamischen Bewegung in den Anweisungen des Quran Orientierung sucht, darf man diese beiden oben genannten Wesensmerkmale der Verse und der Anweisungen des Quran nicht miteinander verwechseln.
Fünftes Kapitel
Die islamische Lebensordnung
Das Fundament des islamischen Lebensideals ist „La ilaha illallahu“, das heißt: Es gibt keine Gottheit außer Allah. Diese Erklärung ist die erste Säule der islamischen Glaubensüberzeugung beziehungsweise der erste Teil der Kalima ash-Schahada. Dieser Teil enthält die Anerkennung, dass niemand außer Allah der Anbetung würdig ist. „Muhammadur Rasulullah“ ist der zweite Teil der islamischen Glaubensüberzeugung beziehungsweise der Kalima ash-Schahada. Dieser Teil bedeutet, den von Muhammadur Rasulullah (s.a.w.) gewiesenen Weg als den richtigen Weg anzuerkennen, um Allah zu dienen.
Diese Kalima, bestehend aus den beiden genannten Teilen, wird im Herzen jedes Mu’min fest verankert. Denn die übrigen Glaubensinhalte und die späteren Säulen des Islam sind die Folgen dieser Erklärung. Dementsprechend können der Glaube an die Engel, die himmlischen Bücher, die Propheten (a.s.), das Jenseits, das Gute und Böse der Vorherbestimmung und alle anderen derartigen Dinge sowie alle Handlungen – Salat, Sawm, Zakat, Hadsch, die Unterscheidung zwischen Halal und Haram, Geschäfte, Gesetze und Vorschriften, Ermahnung und Unterweisung und so weiter – nur durch den Dienst an Allah und die Befolgung des Gesandten Allahs (s.a.w.) vollzogen werden.
Die islamische Gesellschaft wird ein anschauliches Bild des Kalima-e-Schahada und seiner Erfordernisse darbieten. Eine Gesellschaft, in der die Gestalt des Kalima-e-Schahada nicht deutlich hervortritt, ist keine islamische Gesellschaft. Daher ist das Kalima-e-Schahada die Grundlage einer vollständigen Lebensordnung, und auf dieser Grundlage erhebt sich das gewaltige Gebäude der muslimischen Umma. Solange diese Grundlage nicht fest und dauerhaft verankert ist, kann keine Lebensweise gestaltet werden. Eine Gesellschaft, die anstelle dieser Grundlage eine andere Grundlage nimmt oder bei der Gestaltung ihrer Lebensordnung diese Grundlage teilweise mit einer anderen Ideologie vermischt, kann keinesfalls als islamische Gesellschaft bezeichnet werden. Allah, der Erhabene, spricht:
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„Das Recht zu gebieten steht einzig Allah zu. Er hat angeordnet, dass niemand außer Ihm angebetet werden darf. Und das ist die fest gegründete Lebensordnung.“ — Yusuf: 40
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„Wer dem Gesandten gehorcht, gehorcht in Wirklichkeit Allah.“ — an-Nisa: 80
Diese kurze, doch entscheidende Erklärung weist uns bei der Ausarbeitung eines Programms zur Leitung der Bewegung für den Din al-Haqq und seine Errichtung den Weg. Erstens bestimmt diese Erklärung die Beschaffenheit der islamischen Gesellschaft. Zweitens beleuchtet sie die Methode zur Bildung der islamischen Gesellschaft. Drittens legt sie dar, welche Schritte zur Veränderung der jahilischen Gesellschaft unternommen werden müssen. Viertens zeigt sie den Weg zur Veränderung der in der menschlichen Gesellschaft geltenden Ordnungen und Regelungen. Auf jeder Stufe der islamischen Bewegung war und ist eine richtige Anleitung in den genannten Fragen notwendig, und dies wird auch in Zukunft so bleiben.
Die Merkmale der islamischen Gesellschaft
Das Merkmal der islamischen Gesellschaft besteht darin, dass alle Angelegenheiten der Gesellschaft ausschließlich auf der Grundlage der Anbetung Allahs, des Erhabenen, geregelt werden. Das Kalima-e-Schahada bekräftigt eben diese Anbetung und bestimmt deren Wege und Methoden. Die Glaubensüberzeugungen der Gesellschaft, sämtliche Formen der Ibadat, ihre Gesetze und Rechtsvorschriften sowie ihre Bräuche und Sitten stellen lediglich praktische Beispiele für diese Anbetung dar. Wer nicht an die Einheit Allahs glaubt, ist in Wirklichkeit nicht bereit, dem einen und einzigen Allah zu dienen.
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„Und Er hat verboten, zwei Gottheiten neben Allah zu gehorchen. Es gibt nur eine Gottheit. So fürchtet allein Mich. Alles, was sich in den Himmeln und auf der Erde befindet, gehört Ihm, und allein Seine Religion ist wirksam. Werdet ihr dennoch andere statt Allahs fürchten?“ — An-Nahl: 51–52
Ebenso kann derjenige, der sich statt Allah einer anderen Macht unterwirft oder diese Macht als Allahs Teilhaber betrachtet, nicht der Diener des einen und einzigen Allah sein.
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„Sprich (o Prophet!): Mein Gebet, mein Opfer, mein Leben und mein Tod gehören allesamt Allah, dem erhabenen Herrn der Welten. Er hat keinen Teilhaber. Dies wurde mir befohlen, und ich bin der Erste derer, die sich unterwerfen.“ — Al-An’am: 162–163
Wiederum ist auch derjenige, der die vom Gesandten (s.a.s.) eingeführten Gesetze verwirft und sich daranmacht, Gesetze aus einer anderen Quelle zu schaffen, einer aufrichtigen Anbetung Allahs beraubt.
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„Haben sie etwa andere Gottheiten außer Allah zu Teilhabern an Seiner Herrschaft gemacht? Und hat diese Macht für sie eine der Religion gleichkommende Ordnung eingeführt, die Allah nicht erlaubt hat?“ — Asch-Schura: 21
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„Nehmt an, was der Gesandte euch gibt, und enthaltet euch dessen, was er euch verbietet.“ — Al-Haschr: 7
Dies ist die Quelle der Macht in der islamischen Gesellschaft. In der Glaubensüberzeugung und im Verhalten des Einzelnen in der Gesellschaft verwirklicht sich die Dienerschaft gegenüber Allah. Wenn sie jedoch ebenso in ihrer Anbetung und ihren religiösen Bräuchen sowie durch ihre kollektive Verwaltung, ihre Gesetze und ihre gesellschaftlichen Grundsätze der Dienerschaft gegenüber Allah, dem Erhabenen, beraubt bleibt, wird jene Gesellschaft des vollständigen Islams beraubt. Denn aufgrund einer solchen Leere kann keine Gesellschaft auf der Grundlage des Glaubensbekenntnisses entstehen.
Nur auf diese Weise kann sich eine Gesellschaft in eine islamische Gesellschaft verwandeln. Solange keine Haltung der Dienerschaft mit vollkommener Aufrichtigkeit angenommen wird, kann weder eine Gruppe als islamische Gruppe noch eine Gesellschaft als islamische Gesellschaft bezeichnet werden. Denn wenn die erste Grundlage der islamischen Gesellschaft, das Glaubensbekenntnis „La ilaha illallahu Muhammadur Rasulullah“, nicht auf allen Ebenen der Gesellschaft Gestalt annimmt, gibt es keine Möglichkeit, dass die islamische Gesellschaft in Erscheinung tritt.
Daher muss der erste Schritt bei dem Vorhaben, eine islamische Gesellschaft zu errichten, darin bestehen, die Herzen der Menschen von der Neigung zur Knechtschaft und zum Gehorsam gegenüber allen Mächten außer Allah zu befreien. Nur jene Menschen, deren Herzen von der Knechtschaft gegenüber anderen Mächten befreit und dadurch geläutert worden sind, werden sich zusammenschließen und eine Umma bilden. Nur eine Umma, deren Glaubensüberzeugungen, Anbetung, Gesetze und alle sonstigen Angelegenheiten vollständig vom Gehorsam gegenüber allen Mächten außer Allah befreit sind, ist zur Errichtung einer islamischen Gesellschaft befähigt. Diejenigen, die ein islamisches Leben führen möchten, werden aus eigenem Antrieb in diese Gesellschaft eintreten; ihre Glaubensüberzeugungen, ihre gottesdienstliche Hingabe und ihre Bräuche werden ausschließlich dem einzigen Allah gewidmet sein. Mit einem Wort: Das Leben dieser Menschen wird die praktische Verkörperung des Glaubensbekenntnisses „La ilaha illallahu Muhammadur Rasulullah“ tragen.
Die erste muslimische Umma war auf diese Weise entstanden, und als natürliche Folge der Bildung dieser Umma war die islamische Gesellschaft ins Dasein getreten. Dies ist der einzige Weg zur Bildung der muslimischen Umma und zur Errichtung der islamischen Gesellschaft.
Der Weg zur Bildung der islamischen Gesellschaft
Eine islamische Gesellschaft kann erst errichtet werden, nachdem Einzelne und Gemeinschaft gemeinsam die Knechtschaft gegenüber allen Mächten außer Allah vollständig aufgegeben haben. Man muss sich von beiden Arten der Unterwerfung befreien: sowohl vom vollständigen Gehorsam gegenüber anderen Mächten als auch von einem Gehorsam, der mit dem Gehorsam gegenüber Allah, dem Erhabenen, vermischt ist. Denn Allah, der Erhabene, hat keinen Teilhaber. Man muss sich dazu entschließen, sein Leben auf der Grundlage einer solchen Hingabe an Allah, den Erhabenen, zu führen. Aus diesem Entschluss wird eine neue Umma entstehen. Im Schoß der alten, auf der Dschahiliya gegründeten Gesellschaft tritt eine neue Gesellschaft in Erscheinung; durch neue Glaubensüberzeugungen, eine neue Lehre und eine neue Lebensweise nimmt diese neue Gesellschaft die vollständige Gestalt des Glaubensbekenntnisses „La ilaha illallahu Muhammadur Rasulullah“ an. Die alte Gesellschaft der Dschahiliya kann in dieser neuen Gesellschaft aufgehen, einen Kompromiss mit ihr schließen oder auch gegen sie kämpfen. Aus der Geschichte erfahren wir, dass die dschahilische Gesellschaft bereits beim ersten Versuch, eine islamische Gesellschaft zu errichten, den Initiatoren der Bewegung den Krieg erklärte. Sobald zu Beginn eine kleine Zahl von Menschen dem Ruf dieser Bewegung gefolgt war, begann der Kampf seitens der Dschahiliya. Als die Bewegung an Stärke gewann, wurde ihr Kampf heftiger. Selbst nach der Errichtung der islamischen Gesellschaft setzte die Gruppe, die das Banner der Dschahiliya trug, ihren Kampf fort. Von Hadrat Nuh (Friede sei mit ihm) bis zu Hadrat Muhammad (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) hat die Gesellschaft des Falschen auf den Ruf jedes Propheten in gleicher Weise reagiert.
Daher ist offensichtlich, dass die muslimische Umma nicht entstehen kann, solange sie nicht die nötige Kraft erworben hat, um die Angriffe der Dschāhilīya abzuwehren. Und falls sie doch entsteht, wird sie keinesfalls Bestand haben können. In allen Bereichen ist der Erwerb von Stärke notwendig. Es ist äußerst wichtig, die Stärke des Īmān und der ʿAqīda, die Stärke durch Ausbildung und Moral, die Kraft zur Organisation einer Umma und zu ihrer Erhaltung sowie – auch wenn nicht zur Vorherrschaft über das Bāṭil – zumindest die Kraft zu erwerben, die geeignet ist, die Angriffe der Kräfte des Bāṭil abzuwehren.
Die Dschāhilīya und ihre Abhilfe
Sehen wir nun, was wir unter einer auf der Dschāhilīya beruhenden Gesellschaft verstehen und wie der Islam dieser Gesellschaft entgegentreten will:
Jede Gesellschaftsordnung außerhalb der islamischen Gesellschaft ist eine auf der Dschāhilīya beruhende Gesellschaft. Um diese Gesellschaft noch deutlicher zu definieren, muss man sagen: Eine Gesellschaft, deren Glaubensüberzeugungen, Vorstellungen, Formen der Anbetung und Bräuche nicht auf der Unterwerfung unter den einen und einzigen Allah beruhen, ist eine Gesellschaft der Dschāhilīya.
Nach dieser Definition sind alle Gesellschaften, die es in der heutigen Welt gibt, Gesellschaften der Dschāhilīya.
Die kommunistische Gesellschaft ist eine dieser dschāhilitischen Gesellschaften. Der erste Beweis für diese Aussage ist, dass diese Gesellschaft die Existenz Allahs leugnet und glaubt, dass sämtliche Handlungen des Menschen und seine Geschichte durch die Wirtschaft oder durch die Produktionsmittel und -faktoren gesteuert werden. Zweitens beruhen alle Bräuche dieser Gesellschaft auf der Unterwerfung unter die Kommunistische Partei – nicht unter Allah. In allen kommunistischen Ländern der Welt liegen die vollständige Kontrolle und Führung des Landes in den Händen der Kommunistischen Partei. Darüber hinaus besteht die praktische Folge dieser Gesellschaftsordnung darin, dass die grundlegenden Bedürfnisse des Menschen auf dieselbe Stufe wie die Bedürfnisse der Tiere gestellt werden. In dieser Gesellschaft wird über keine menschlichen Bedürfnisse jenseits des Bedarfs an Nahrung, Getränken, Kleidung, Unterkunft und der Befriedigung des Sexualtriebs nachgedacht. Das kommunistische System hat die geistige Vervollkommnung des Menschen vollständig aufgegeben. Doch gerade hierin zeigt sich der Unterschied zwischen dem Menschen und den Tieren. Der erste Schritt zur geistigen Vervollkommnung besteht darin, an Allah zu glauben und die Freiheit zu besitzen, diesen Glauben öffentlich zu bekennen. Das Wichtigste aber ist, dass diese Gesellschaftsordnung dem Menschen die Freiheit raubt, seine eigene Persönlichkeit und seine Fähigkeiten zu entfalten. Die Persönlichkeit des Menschen entwickelt sich durch die folgenden Dinge.
Erstens: das Eigentum an persönlichem Besitz.
Zweitens: die Freiheit, den Beruf zu wählen.
Drittens: das Recht und die Möglichkeit, in jedem Beruf besondere Fähigkeiten zu erwerben.
Viertens: das Recht, durch verschiedene Künste die eigene Haltung zum Ausdruck zu bringen.
Durch die oben genannten Dinge erlangt der Mensch seine Überlegenheit über Tiere und Maschinen. Da das kommunistische System den Menschen dieser Dinge beraubt, werden sie jedoch gezwungen, auf die Stufe von Tieren und Maschinen herabzusinken.
Auch in der Gesellschaft der Götzenanbeter zeigt sich die Dschahiliyya in derselben Form. Gesellschaften dieser Art gibt es in Indien, Japan, auf den Philippinen und in Afrika. Die Merkmale der dschahilitischen Götzenanbetung sind folgende:
Erstens: Sie dienen neben Allah anderen erdichteten Göttern – in manchen Fällen wenden sie sich von Allah ab und nehmen andere Götter an.
Zweitens: Sie haben ausführliche Regeln und Methoden für die Verehrung verschiedener Götter und Göttinnen ausgearbeitet.
Ebenso sind ihre Gesetze, Vorschriften und Bräuche, das heißt ihre Lebensweise, unter Verwerfung der von Allah, dem Erhabenen, gegebenen Scharia aus anderen Quellen hervorgegangen. Zu diesen Quellen gehören Geistliche, Astrologen, Zauberer, gesellschaftliche Führer sowie Institutionen, die sich die uneingeschränkte Befugnis zur Gesetzgebung im Namen einer Nation, einer Partei oder anderer Dinge angeeignet haben, ohne der von Allah gegebenen Scharia auch nur die geringste Bedeutung beizumessen. Dabei liegt die uneingeschränkte Befugnis zur Gesetzgebung bei Allah, dem Erhabenen, und diese Gesetze können nur nach der vom Gesandten Allahs (s.) befolgten Methode umgesetzt werden.
Alle von Juden und Christen gebildeten Gesellschaften sind auf der Dschahiliyya gegründet. Sie haben ihren grundlegenden Glauben und ihre Überzeugungen verändert. Und sie haben einige der Eigenschaften Allahs anderen Mächten zugeschrieben. Sie stellen sich verschiedenartige Beziehungen zwischen Allah und den Menschen vor. Manche Personen halten sie für Söhne Allahs. Dann haben sie den einen Allah in drei Teile geteilt und die Trinitätslehre geschaffen. Bisweilen beschreiben sie Allah auf seltsame Weise, obwohl diese Beschreibung völlig von Allahs wahrer Beschreibung abweicht.
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„Die Juden sagen: ‚Uzair ist der Sohn Allahs.‘ Und die Christen sagen: ‚Jesus ist der Sohn Allahs.‘ Sie ahmen ihre Vorgänger nach und wiederholen solche haltlosen Behauptungen. Allah möge sie vernichten – wie sehr sie doch in die Irre gehen. — At-Tauba: 30
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„Diejenigen, die sagen, Allah sei einer von dreien, begehen gewiss Kufr. Denn es gibt keinen Gott außer dem einen Allah. Wenn sie von diesen Aussagen nicht ablassen, wird denjenigen unter ihnen, die Kufr begehen, eine schmerzhafte Strafe zuteilwerden.“ — Al-Ma’ida: 73
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„Die Juden sagen: ‚Allahs Hand ist gefesselt.‘ In Wirklichkeit sind ihre eigenen Hände gefesselt, und wegen ihrer anstößigen Äußerungen und Taten sind sie verflucht. Allahs Hand ist frei, und Er gibt aus, wie Er will.“
— Al-Ma’ida: 64
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„Die Juden und die Nazarener behaupten, sie seien Allahs Kinder und Seine Lieblinge. Frag sie: Wenn dem so ist, warum werdet ihr dann für eure Sünden bestraft? In Wahrheit seid auch ihr nur Menschen wie die übrigen Diener, die Allah erschaffen hat.“
— al-Māʾida: 18
Alle Methoden der Verehrung und Anbetung, Sitten, Bräuche und Verhaltensweisen dieser Gesellschaften sind aus ihren falschen Glaubensvorstellungen und Überzeugungen hervorgegangen; eben deshalb ist diese Gesellschaft eine jāhilīya-Gesellschaft. Sie ist auch deshalb eine jāhilīya-Gesellschaft, weil ihre sämtlichen Institutionen und Gesetze nicht auf der Grundlage der Unterwerfung unter Allah, den Einen und Einzigen, geschaffen wurden. Sie befolgen Allahs Gesetz nicht und sind auch nicht bereit, Allahs Weisungen als Quelle des Rechts anzuerkennen. Stattdessen haben sie einem aus Menschen bestehenden Gesetzgebungsrat die uneingeschränkte Befugnis zur Gesetzgebung übertragen. Dabei ist diese Befugnis ausschließlich Allah vorbehalten. Zur Zeit der Offenbarung des Korans bezeichnete der Koran diejenigen als Muschrikūn, die ihren Geistlichen und Priestern die Befugnis zur Gesetzgebung übertragen hatten.
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„Sie haben ihre Gelehrten und Priester anstelle Allahs zu ihren ‚Herren‘ genommen, ebenso den Messias, den Sohn Marias. Doch ihnen war nur befohlen worden, dem einen Allah zu dienen. Es gibt keinen, der außer Ihm der Anbetung würdig wäre. Allah ist vollkommen frei von ihren den Polytheisten eigenen Bräuchen.“ — at-Tauba: 31
Diese Menschen hielten ihre Gelehrten und Priester weder für Götter noch beteten sie sie an. Dennoch befolgten sie die Vorschriften jener Geistlichen und Priester. Allah der Erhabene hatte dies jedoch nicht erlaubt. Deshalb bezeichnete der Koran die Juden und Christen jener Zeit als Muschrikūn. Auch heute ist die Lage dieselbe; der einzige Unterschied besteht darin, dass das Recht zur Gesetzgebung den Händen der Geistlichen und Priester entrissen und den gewählten Gesetzgebungsräten übertragen worden ist. Es versteht sich von selbst, dass auch die Mitglieder der Gesetzgebungsräte ebenso wie die Geistlichen lediglich Menschen sind.
Schließlich ist auch zu erwähnen, dass die sogenannten muslimischen Gesellschaften der heutigen Zeit ebenfalls jāhilīya-Gesellschaften sind. Sie haben zwar nicht an andere Götter außer Allah geglaubt und sich nicht deren Anbetung hingegeben. Dennoch ist ihre Gesellschaft eine jāhilīya-Gesellschaft. Denn sie haben ihre Lebensweise nicht auf der Grundlage der Unterwerfung unter Allah, den Einen und Einzigen, bestimmt. Obwohl sie an Allahs Einheit glauben, haben sie das Recht, Allahs Gesetze und Vorschriften zu erlassen und durchzusetzen, Menschen überlassen, die ihresgleichen sind. Sie haben die von Menschen geschaffenen Sitten, Bräuche, Gesetze und Rechtsvorschriften sowie Lebenswerte und dergleichen übernommen und dadurch in nahezu allen Bereichen und Lebenssphären die Herrschaft des Menschen anerkannt.
Über die Herrschaft und die Gesetzgebung hat Allah der Erhabene gesagt —
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„Diejenigen, die nicht gemäß der von Allah gegebenen Offenbarung richten, sind Ungläubige.“
— al-Māʾida: 44
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„Hast du nicht jene gesehen, die zu behaupten pflegen, sie glaubten an das, was zu dir und vor dir herabgesandt wurde, während sie doch den Ṭāghūt anrufen, damit er zwischen ihnen richte? Dabei war ihnen doch befohlen worden, ihn zu verleugnen. — an-Nisāʾ: 60
Schon zuvor erklärte Allah, der Erhabene, die Juden und die Christen wegen dieses Verbrechens für schuldig und beschuldigte sie, sich durch Schirk und Kufr von der Anbetung Allahs abzuwenden und den Religionsgelehrten und Priestern göttliche Rechte zu verleihen. Heute haben diejenigen, die den Islam für sich beanspruchen, diese Rechte einigen Menschen überlassen, die ihnen darin gleichen. So wie Allah, der Erhabene, es als Schirk bezeichnete, dass die Juden und Christen Jesus, den Sohn Marias (a.s.), zum „Herrn“ und „Gott“ machten und ihn anbeteten, bezeichnete Er ebenso die Verleihung des Rechts an Religionsgelehrte und Priester, Gesetze und Vorschriften zu erlassen, als Schirk. Er machte zwischen diesen beiden Arten des Schirk keinen Unterschied. Beide Arten von Handlungen bedeuten, die Anbetung Allahs, des Einen und Einzigen, aufzugeben, von Allahs Din abzuweichen und dem Bekenntnis „lā ilāha illā Llāh“ zu widersprechen.
Auch unter den Muslimen glauben viele ganz offen an den Säkularismus. Sie haben keinerlei Beziehung zum Din. Andere wiederum bekennen sich zwar mündlich dazu, an den Din zu glauben, geben ihn aber in der praktischen Lebensführung vollständig auf. Sie sagen, dass sie nicht an das Verborgene glauben. Angeblich wollen sie ihr gesellschaftliches Leben auf der Grundlage der Wissenschaft gestalten. Ihrer Ansicht nach stehen die Wissenschaft und die verborgenen Dinge im Widerspruch zueinander. Es versteht sich von selbst, dass solche Aussagen auf Unwissenheit beruhen. Nur Unwissende können derartige Aussagen machen. Manche Gesellschaften haben das Recht, Gesetze und Vorschriften zu erlassen, anderen als Allah übertragen. Diese Gesetzgeber erlassen Gesetze nach ihren eigenen Launen und Wünschen und sagen: „Das ist Allahs Scharia.“ Obwohl diese Gesellschaften unterschiedlicher Art sind, stimmen sie in einer Sache überein: Sie unterwerfen sich Allah nicht.
Aus der vorangegangenen Erörterung ist die Sichtweise des Islam gegenüber allen Arten von Dschāhilī-Gesellschaften deutlich geworden. Kurz gesagt betrachtet der Islam diese Gesellschaften als nichtislamische Gesellschaften. Wie auch immer die äußeren Bezeichnungen der genannten Gesellschaften lauten mögen, ihrem inneren Wesen nach sind sie in dieser Hinsicht alle gleich. Das heißt, sie haben ihre Lebensordnung nicht auf der Grundlage vollständiger Unterwerfung unter Allah, den Einen und Einzigen, gestaltet. In dieser Hinsicht folgen sie nach der Art der Dschāhilī-Gesellschaften dem Weg des Kufr.
Nun stehen wir vor der letzten Frage. Gleich zu Beginn dieses Kapitels wurde dieses Thema erwähnt. Die Frage lautet: Auf welche Weise läutert der Islam die menschlichen Aktivitäten und Handlungen? Wie hat er dies in der Vergangenheit getan, und welche Mittel wird er dafür in naher und ferner Zukunft einsetzen? In der Erörterung unter dem Titel „Das Wesen der muslimischen Gesellschaft“ haben wir dargelegt, dass diese Gesellschaft in allen Angelegenheiten Entscheidungen auf der Grundlage der vollständigen Unterwerfung unter Allah, den Erhabenen, trifft.
Nachdem die Merkmale der muslimischen Gesellschaft festgelegt sind, fällt es uns leichter, eine Antwort auf die folgende Frage zu finden. Die Frage lautet: Auf welcher Grundlage soll die Lebensweise des Menschen gestaltet werden? Wird die von Allah, dem Erhabenen, gegebene Religion und Lebensordnung für die Menschen praktikabel sein, oder ein von Menschen geschaffenes System?
Der Islam teilt uns als Antwort auf diese Frage in äußerst klaren und nachdrücklichen Worten mit, dass allein Allahs Religion und die daraus hervorgehende Lebensordnung das für die Menschen wirksame System darstellen. Ohne diese Religion anzunehmen, kann die erste Säule des Islam, „Lā ilāha illā Allāh, Muhammadun rasūlullāh“, niemals verwirklicht werden. Dann wäre auch in keinem Lebensbereich irgendeine Wirkung des Glaubensbekenntnisses festzustellen. Ohne diesen Grundsatz vorbehaltlos anzunehmen und ihm treu zu folgen, ist gemäß der Lehre des Propheten keine vollständige Unterwerfung unter Allah, den Erhabenen, möglich. Allah, der Erhabene, hat gesprochen:
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„Nehmt an, was der Gesandte euch gibt, und haltet euch von dem fern, was er euch verbietet.“ — Al-Haschr: 7
Darüber hinaus hat der Islam den Menschen auch diese Frage gestellt —
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Das heißt: „Euch ist nur ein sehr geringes Maß an Wissen gegeben worden.“ Ganz selbstverständlich muss man anerkennen, dass Derjenige, in dessen Hand sich der Schatz des Wissens befindet, der Schöpfer und Erhalter ist; Er allein ist der Herrscher über die Menschen, und nur die von Ihm gegebene Lebensordnung kann für die Menschheit die richtige Lebensordnung sein. Seine Anweisung muss die Quelle von Recht und Gesetzgebung sein. Aus den von Menschen geschaffenen Lebensordnungen und Gesetzen entstehen Zerfall und Unheil. Denn der Mensch erlässt Gesetze mit unvollständigem Wissen und in manchen Fällen sogar aus Unwissenheit heraus. Daher werden diese Gesetze schon nach einiger Zeit widersprüchlich und ungeeignet. Außerdem bringt Unwissenheit und unvollständiges Wissen vielerlei Komplikationen hervor.
Allahs Din ist keine Ansammlung vorübergehender, schwankender Grundsätze. Durch den letzten Teil des Glaubensbekenntnisses, die Worte „Muhammad ist der Gesandte Allahs“ (s.a.), sind die Grundprinzipien der islamischen Lebensordnung eindeutig festgelegt und unveränderlich gemacht worden. Das von Muhammad (s.a.) bestimmte Bild des Islam und seine Grundprinzipien sind von dauerhafter Gültigkeit. In jeder Angelegenheit, zu der der Koran oder der Gesandte (s.a.) einen Grundsatz in klaren Worten verkündet hat, muss eben dieser überlieferte Grundsatz die Grundlage der Entscheidung bilden. Wenn es zu einer Angelegenheit keine eindeutige Anweisung gibt, muss eine Entscheidung durch Idschtihad (Nachdenken und Forschen) getroffen werden. Dabei ist jedoch zu bedenken, dass der Idschtihad innerhalb der Grenzen der von Allah, dem Erhabenen, und Seinem geliebten Gesandten (s.a.) gegebenen Grundprinzipien erfolgen muss. Eine Entscheidung nach eigenem Gutdünken ist nicht zulässig.
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„Wenn ihr in einer Angelegenheit untereinander uneins seid, dann führt sie auf Allah und den Gesandten zurück.“ — An-Nisa: 59
Auch die Regeln und Verfahrensweisen für den Idschtihad sowie für Entscheidungen durch Schlussfolgerung und Abwägung in einer Angelegenheit, die einer anderen Angelegenheit entspricht, sind festgelegt worden. Diese Regeln sind äußerst klar und allgemein bekannt. Niemand hat jedoch das Recht, die von ihm selbst verfassten Gesetze als Allahs Scharia zu verkünden. Wenn man allerdings Allahs Souveränität anerkennt, Ihn als den allein rechtmäßigen Gesetzgeber und Urheber Seiner Gesetze und Vorschriften anerkennt und, anstatt irgendeine Nation, Partei oder Person auf diesen Rang zu erheben, in aufrichtiger Weise Gesetze gemäß dem Buch Allahs und der Sunna des Gesandten (s.a.) erlässt, dann muss man diese Gesetze und Vorschriften zu Recht als Allahs Scharia anerkennen. Niemand jedoch hat das Recht, unter Verwendung des Namens Allahs nach eigenem Wunsch Gesetze zu erlassen, wie die europäische Kirche. Im Islam gibt es kein Kirchenwesen. Kein Mensch außer dem Gesandten Allahs (s.a.) ist dazu befugt, im Namen Allahs Vorschriften zu erlassen.
Der Islam hat für den Idschtihad bestimmte Bedingungen auferlegt und dadurch seine Grenzen festgelegt. Niemand ist befugt, diese Grenzen zu überschreiten.
Die Aussage „Eine Lebensordnung um des Lebens willen“ wird häufig in einem völlig falschen Sinn ausgelegt und auf sehr unangemessene Weise verwendet. Gewiss wurde der Islam geschaffen, um den Weg für die Lebensführung der Menschen zu erleichtern. Doch um welche Art von Lebensführung handelt es sich? Das islamische Lebensideal wurde zu dem Zweck geschaffen, dass die Menschen ihr Leben gemäß einer auf den eigenen Grundprinzipien des Islam beruhenden Lebensordnung und Lebensweise führen. Dieses Lebensideal steht vollkommen im Einklang mit der menschlichen Natur und ist in der Lage, alle Bedürfnisse des Menschen zu erfüllen. Denn der Schöpfer des Menschen kennt die Bedürfnisse Seiner Schöpfung am besten.
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„Sollte der Schöpfer etwa nicht über Seine Schöpfung Bescheid wissen? Er ist der Feinfühlige und über alle Dinge bestens informiert.“ — Al-Mulk: 14
Es ist nicht die Aufgabe der Religion, dass der Mensch nach seinem eigenen Willen lebt und der Islam all seine guten und schlechten Taten unterstützt. Die Religion ist der Maßstab für Gut und Böse. Was sich an diesem Maßstab als gut erweist, ist anzunehmen, und was sich als schlecht erweist, ist abzulehnen. Wenn die gesamte Struktur der bestehenden Gesellschaft auf einer der Religion entgegengesetzten Ideologie beruht, besteht das Ziel des Islam darin, die gesamte Gesellschaftsstruktur zu verändern und eine neue Gesellschaft zu errichten. Darin liegt die richtige Auslegung des Satzes: „Die Lebensordnung ist um des Lebens willen da.“ Das heißt: Der Zweck der Religion beziehungsweise der Lebensordnung besteht darin, das Leben gemäß der Lebensordnung zu gestalten.
Hier könnte man fragen: Ist die Verwirklichung des Wohlergehens der Menschen nicht der beste Maßstab zur Lösung von Problemen? Als Antwort auf diese Frage führen wir erneut die vom Islam aufgeworfene Frage und die vom Islam gegebene Antwort an. Die Frage lautet —
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„Seid ihr wissender oder Allah? Die Antwort lautet
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„Allah ist der wahrhaftige Besitzer des Wissens, und ihr seid unwissend.“ — Āl ʿImrān: 66
Die Scharia, die Allah, der Erhabene, erlassen hat, und das, was der Gesandte (s.a.w.) uns übermittelt hat, wurden zur Erfüllung der menschlichen Bedürfnisse vorgeschrieben. Wenn jemand meint, dass im Befolgen der von Allah gegebenen Lebensordnung kein Wohlergehen für die Menschen liege, sondern im Ungehorsam das Wohlergehen liege, dann ist diese Person zunächst in einer irrigen Vorstellung befangen. Allah, der Erhabene, hat über solche Menschen gesagt —
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„Sie folgen Mutmaßungen und ihren eigenen Neigungen. Dabei ist von ihrem Herrn eine Lebensordnung zu ihnen gekommen. Werden sie etwa tun, was immer die Menschen wünschen? Doch alles Gute dieser Welt und des Jenseits liegt in Seiner Hand.“ — An-Nadschm: 23–25
Zweitens sollte diese Person verstehen, dass ihre Haltung gegenüber der Scharia Allahs nichts anderes als Kufr ist. Wie kann jemand als Anhänger des Dīn gelten, nachdem er erklärt hat, dass das Wohl und der Nutzen der Menschen darin liegen, die Gebote und Verbote der Scharia nicht zu beachten? Nach der Übertretung der Scharia gibt es für niemanden eine Möglichkeit, als fromm zu gelten.
Sechstes Kapitel
Die universale Lebensordnung
Der Islam gründet die Glaubensüberzeugung des Menschen für diese Lebensweise auf der vollständigen Unterwerfung unter Allah. Die Form dieser Unterwerfung unter Allah zeigt sich darin, dass in den grundlegenden Denkweisen, den Formen der Anbetung und allen für die Lebensführung erlassenen Regeln und Gesetzen Einheit und Ausgewogenheit gewahrt werden. Die praktische Bedeutung des Glaubensbekenntnisses „Lā ilāha illā llāh“ tritt gerade im Verhalten des Menschen als Diener Allahs hervor. Zweitens muss man bei der Ausarbeitung detaillierter Gesetze für alle Lebensbereiche der von Muhammadur Rasulullah (s.a.w.) aufgezeigten Methode folgen.
Die beiden Teile des Glaubensbekenntnisses bestimmen gemeinsam den Entwurf und die Merkmale der auf der islamischen Lebensordnung gegründeten Gesellschaftsstruktur. Diese Gesellschaftsstruktur bringt ganz natürlich eine einzigartige Gesellschaft hervor, die sich von allen von Menschen geschaffenen Gesellschaften völlig unterscheidet. Diese von Islam eingeführte neue und charakteristische Gesellschaft steht in vollständiger Übereinstimmung mit den Naturgesetzen, die in der gesamten Welt, einschließlich des menschlichen Körpers, wirksam sind.
Nach islamischer Auffassung ist das gesamte Universum Allahs Schöpfung. Allah, der Erhabene, will die Welt erschaffen, und infolgedessen gelangt das gewaltige Universum zur Existenz. Danach erlässt Er für die Schöpfung bestimmte Gesetze und Regeln, denen sie zu folgen beginnt. Bemerkenswert ist, dass die in den verschiedenen Teilen der Schöpfung geltenden Bestimmungen, die als Naturgesetze bekannt sind, vollkommen miteinander harmonieren und übereinstimmen.
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„Wenn Wir die Erschaffung von etwas beschließen, sagen Wir nur: Sei! — und es ist.“ — An-Nahl: 40
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„Er hat jedes Ding erschaffen und jedem von ihnen genau seinen Platz zugewiesen.“ — Al-Furqan:
Eine unsichtbare Willenskraft kontrolliert die Schöpfung. Eine gewaltige Kraft lenkt jedes kleinste Teilchen der Schöpfung. Ein festes Gesetz hält diese weit ausgedehnte Welt in den Fesseln der Ordnung. Diese Kraft bewahrt das Gleichgewicht zwischen den verschiedenen Teilen der Schöpfung und steuert die Bewegung der sich wandelnden Welt. Deshalb kommt es zwischen den verschiedenen Teilen der Schöpfung niemals zu Zusammenstößen. Nirgendwo entsteht Unordnung, niemals wird ihre natürliche Bewegung plötzlich zum Stillstand gebracht. Und die in der Welt vorhandenen Kräfte werden niemals voneinander getrennt. Solange der Schöpfer sie auf diese Weise lenkt, werden sie nach Seinem Willen handeln. Die gesamte Schöpfung ist dem Schöpfer ergeben. Die geschaffene Welt besitzt keinerlei Fähigkeit, das von Ihm erlassene Gesetz zu verletzen oder sich Ihm zu widersetzen. Durch ihre unerschütterliche Hingabe an den Schöpfer und ihre vollkommene Unterwerfung unter Ihn besteht die gesamte Schöpfung in guter Ordnung fort und erfüllt ununterbrochen ihre jeweiligen Aufgaben, ohne dass irgendwo auch nur die geringste Unordnung entsteht.
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„Wahrlich, Allah, der Erhabene, ist euer Herr, Der die Himmel und die Erde in sechs Tagen erschaffen und Sich darauf über dem Thron niedergelassen hat. Er lässt den Tag die Dunkelheit der Nacht bedecken und lässt die Nacht dem Tag folgen. Er ist es, Der die Sonne, den Mond und die Sterne erschaffen hat. Alle sind Seinem Befehl unterworfen. Wisset: Die Schöpfung gehört Ihm; daher wird diese Schöpfung nur nach Seiner Anweisung handeln. Er ist überaus groß, der Herrscher und Erhalter der gesamten Welt.“
Der biologische Teil des menschlichen Körpers
Der Mensch ist ein Teil dieser großartigen Welt. Auch der biologische Teil des menschlichen Körpers folgt den Gesetzen, denen die geschaffene Welt folgt. Allah, der Erhabene, ist der Schöpfer der Welt und des Menschen. Der Körper des Menschen wurde aus Erde erschaffen. Doch Allah, der Erhabene, verlieh dem Menschen bestimmte Eigenschaften, durch die der Mensch im Vergleich zu dem grundlegenden Stoff seiner Erschaffung, der Erde, eine weit höhere Würde erlangte. Hinsichtlich seines biologischen Körpers folgt der Mensch jedoch ebenso wie die anderen Lebewesen den Gesetzen der geschaffenen Welt. Der Mensch wird durch Allahs Willen geboren, nicht durch den Willen seiner Eltern. Die Eltern können miteinander verkehren. Doch sie besitzen keinerlei Macht, aus einem einzigen Tropfen Samen die Gestalt eines Menschen zu erschaffen. Der Mensch wird geboren, indem er die Gesetze befolgt, die Allah hinsichtlich des Beginns des menschlichen Lebens im Mutterleib, der Dauer des Aufenthalts im Mutterleib, der Geburt und ähnlicher Dinge festgelegt hat. Er atmet in der von Allah erschaffenen Atmosphäre nach der von Ihm bestimmten Weise und in dem von Ihm bestimmten Maß. In allen Dingen – beim Erlangen von Empfindungs- und Verstandesfähigkeit, beim Empfinden von Schmerz, Leid, Hunger und Durst sowie beim Essen und Trinken – ist er verpflichtet, Allahs festgelegte Gesetze zu befolgen. In dieser Hinsicht besteht zwischen dem Menschen und den belebten wie unbelebten Geschöpfen kein Unterschied. Alle haben sich ohne jede Bedingung Allahs Willen und Seiner Ordnung unterworfen.
Derselbe erhabene Allah, der der Schöpfer des gewaltigen Universums und des Menschen ist und den biologischen Körper des Menschen geschaffen und den Naturgesetzen unterworfen hat, hat auch für das praktische Leben des Menschen eine Scharia festgelegt. Wenn der Mensch dieser Scharia folgt, steht sein praktisches Leben im Einklang mit seiner körperlichen Natur. Aus dieser Perspektive wird deutlich, dass die islamische Scharia ein Teil der universalen Naturordnung ist und dass diese Naturordnung den Körper und das biologische Wesen des Menschen lenkt. Jede Aussage Allahs – sei sie ein Gebot oder ein Verbot, eine frohe Botschaft oder eine Warnung, eine gesetzliche Bestimmung oder eine Ermahnung – ist lediglich ein verschiedener Teil der universalen Ordnung Allahs. Diese gesetzlichen Bestimmungen sind als Naturgesetze bekannt, und dieses stets wirksame Gesetz ist immer vollkommen und wirkungsvoll. Seit dem Beginn der Schöpfung beobachten wir in der gesamten Welt die Vorherrschaft einer unwandelbaren und jederzeit gültigen Ordnung; als ein Teil dieser Ordnung ist auch die für das menschliche Leben festgelegte Scharia in gleicher Weise unwandelbar und wirksam. Das Ziel der von Allah gegebenen Scharia besteht darin, das menschliche Leben unter vollständiger Wahrung der Übereinstimmung mit der allgemeinen Naturordnung zu gestalten, die in der geschaffenen Welt besteht.
Daher ist es für den Menschen unerlässlich, Allahs Scharia zu befolgen. Denn nur dadurch kann seine Lebensweise mit dem Lauf der geschaffenen Welt in Einklang stehen. Mehr noch: Nur Allahs Scharia kann die moralischen Bestimmungen des praktischen Lebens des Menschen mit den natürlichen und biologischen Bestimmungen in Einklang bringen, die in seinem Körper wirksam sind. Nur auf diese Weise können die innere und die äußere Persönlichkeit des Menschen harmonisch gefestigt werden.
Der Mensch ist nicht in der Lage, die Richtigkeit aller Gesetze der Schöpfung zu erfassen. Auch ihr gemeinsames Band ist seinem Verständnis nicht zugänglich. Ebenso vermag er nicht jederzeit den ihnen innewohnenden Zweck zu verstehen – jener gesetzlichen Bestimmungen, die als natürliche Gesetze in seinem Körper wirksam sind und die biologischen Gesetze, die der Mensch auch nicht für einen Augenblick verletzen kann. Daher ist der Mensch nicht fähig, für sich selbst eine Lebensordnung zu entwerfen, die mit der geschaffenen Welt im Einklang steht. Er ist nicht einmal in der Lage, eine harmonische Ordnung zu schaffen, die seinen inneren und äußeren körperlichen Bedürfnissen entspricht. Diese Aufgabe liegt ausschließlich in der Macht des Schöpfers des Menschen und des Universums. Er lenkt nicht nur die natürliche Welt, sondern auch alle Bereiche des praktischen Lebens des Menschen, und nach Seinem Willen erlässt und verkündet Er für alle unparteiische und fehlerfreie Gesetze und Bestimmungen.
Daher ist es äußerst wichtig, sich der Scharia zu unterwerfen, um zwischen den verschiedenen Seiten und Bereichen des Lebens ein Gleichgewicht herzustellen und den islamischen Glauben zu festigen. Denn ohne die vollständige Unterwerfung unter Allah, den Erhabenen, auf dem von Hadhrat Muhammad (Friede sei mit ihm) gezeigten Weg ist es nicht möglich, ein wahrer Muslim zu sein. Mit anderen Worten: Wenn die beiden Teile der ersten Säule des Islam – „lā ilāha illā llāh“ und „Muḥammad rasūlu llāh“ – nicht im praktischen Leben des Menschen verwirklicht werden, wird kein einziger Bereich des persönlichen oder gemeinschaftlichen Lebens im islamischen Licht erstrahlen.
Die Herstellung eines Gleichgewichts zwischen dem menschlichen Leben und der Naturordnung ist für den Menschen äußerst segensreich. Diese Ordnung ist sehr wichtig, um das menschliche Leben vor Zerfall und Katastrophen zu bewahren. Um inneren Frieden zu erlangen und die Annehmlichkeiten eines friedlichen Zusammenlebens mit der natürlichen Welt zu genießen, ist es unerlässlich, eine vollkommen ausgewogene Ordnung im Verhältnis zur natürlichen Welt zu schaffen. Auf dieselbe Weise wird der Mensch auch in seinem Inneren Glück und Frieden empfinden. Denn seine Lebensweise wird in der Lage sein, die natürlichen Bedürfnisse seines Körpers zu erfüllen. Dann werden die biologischen Bedürfnisse des Körpers und die Lebensordnung des Menschen nicht einander entgegengesetzt sein.
Allahs Scharia bringt die äußeren Verhaltensweisen und die inneren Bedürfnisse des Menschen sehr leicht miteinander in Einklang. Wenn es dem Menschen gelingt, ein Verhältnis der Harmonie und Zusammenarbeit mit der Natur herzustellen, entstehen bei der Gestaltung der zwischenmenschlichen Beziehungen und bei der Bewältigung der allgemeinen Herausforderungen des Lebens ganz natürlich kooperative und ergänzende Beziehungen. Denn wenn der Mensch daran gewöhnt ist, im Einklang mit der natürlichen Welt zu leben, werden seine Lebensweise und die Naturgesetze der allgemeinen Lenkungsordnung des Universums untergeordnet. Dadurch werden Unstimmigkeiten und gegenseitige Widersprüche im gemeinschaftlichen Leben der Menschen beseitigt, und es entsteht eine gesunde und vollkommene Gesellschaftsordnung. Die Menschheit erlangt Wohlergehen, Glück und Frieden.
Durch diese Ordnung werden die verborgenen Geheimnisse der natürlichen Welt dem Menschen offenbar. Die unzähligen verborgenen Kräfte der sich ausdehnenden Welt und ihre Schätze werden ihm verfügbar. Allahs Diener nutzen diese Kräfte und Schätze der Natur gemäß den Anweisungen von Allahs Scharia zum Wohl der Menschheit. Nirgendwo entsteht ein Konflikt. Zwischen dem Menschen und der natürlichen Welt besteht kein Widerspruch. Die persönliche Habgier und Begehrlichkeit des Menschen kann sich nicht gegen Allahs Scharia auflehnen. Allah, der Erhabene, sagt:
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„Wenn die große Wahrheit dazu eingesetzt würde, die Begierden ihrer selbstsüchtigen Triebe zu erfüllen, würde die Ordnung aller Geschöpfe im Himmel, auf der Erde und zwischen beiden zerbrechen und Verderben entstehen.“ — al-Mu’minun: 71
Die große Wahrheit ist unteilbar — Aus der vorangegangenen Erörterung wurde deutlich, dass die große Wahrheit eine vollkommene Einheit bildet. Auf ihr ist die Grundlage der Religion errichtet. Die gesamte Ordnung von Himmel und Erde ist auf der Grundlage der großen Wahrheit geschaffen. Alle Angelegenheiten dieser Welt und des Jenseits werden nach der großen Wahrheit entschieden, und der Mensch wird vor Allah über eben diese große Wahrheit Rechenschaft ablegen müssen. Allah, der Erhabene, wird den Übertreter mit dem Gerechtigkeitsmaßstab der großen Wahrheit bestrafen und die Taten der Menschen nach dem Maßstab der großen Wahrheit beurteilen. Das Gesetz, durch dessen Band das gewaltige Weltall gelenkt und beherrscht wird, ist nichts anderes als die große Wahrheit. Alle Geschöpfe und alles, was sich in ihnen befindet, sei es belebt oder unbelebt, haben sich dieser großen Wahrheit unterworfen, und die gesamte Schöpfung ist in den festen Banden der großen Wahrheit gebunden.
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„In dem Buch, das Wir euch herabgesandt haben, ist eure eigene Angelegenheit erwähnt. Wollt ihr denn nicht verstehen? Wie viele ungerechte Städte haben Wir zugrunde gehen lassen! Danach setzten Wir andere Völker an ihre Stelle. Als Unsere Strafe über sie hereinbrach, begannen sie davonzueilen. (Zu ihnen wurde gesagt:) Flieht nicht! Kehrt zu euren Häusern und euren Vergnügungsstätten zurück; dort wird über eure Taten abgerechnet werden. Sie sagten: ‚O unser Unglück! Wahrlich, wir waren Sünder.‘ So schrien sie klagend weiter, bis Wir sie vernichtet und ausgelöscht hatten. Wir haben Himmel und Erde und was zwischen beiden ist, nicht zum Zeitvertreib erschaffen. Wenn Unser Ziel darin bestanden hätte, ein Spielzeug zu schaffen, hätten Wir auf andere Weise ein Spielzeug geschaffen. Doch Wir zerschmettern mit dem Schlag der großen Wahrheit den Kopf des Falschen, woraufhin das Falsche ausgelöscht wird. Und in euren erdichteten Behauptungen selbst liegt das Mittel zu eurem Untergang. Allah gehört alles, was im Himmel und auf der Erde erschaffen worden ist. Und die Engel, die bei Ihm sind, enthalten sich niemals aus Hochmut der Anbetung Allahs und werden niemals der Erniedrigung preisgegeben. Tag und Nacht preisen sie Ihn und weichen nicht im Geringsten davon ab.“ — al-Anbiya: 10–12
Die geschaffene Welt ist auf der großen Wahrheit gegründet
Im tiefsten Inneren der menschlichen Natur ist ein vollkommenes Empfinden für die große Wahrheit vorhanden. Der Körperbau und die natürliche Gestalt des Menschen sowie die Schöpfungskunst und die Bestandteile der gewaltigen geschaffenen Welt, die ihn umgibt, erinnern ihn daran, dass das Weltall auf der großen Wahrheit gegründet ist. Die große Wahrheit ist ihr Grundbestandteil; sie nimmt die Gestalt eines starken Zentralgesetzes an und verleiht der Schöpfung Bestand und Festigkeit. Deshalb herrscht nirgends in der geschaffenen Welt Unordnung. Kein Teil gerät mit einem anderen Teil in Konflikt. Nirgends lässt sich etwas Zweckloses beobachten. Es gibt auch keinen vernünftigen Grund, die gesamte Schöpfung als bloßes Ergebnis von Zufällen anzusehen. Nichts in der Schöpfung ist ohne Planung. Ebenso wenig sind hier auch nur die geringsten Spuren der grotesken Handlungen geistig gestörter Menschen zu erkennen. Vielmehr lässt sich beobachten, wie die geschaffene Welt mit strenger Gesetzmäßigkeit auf einem bestimmten Weg äußerst mühelos gelenkt wird. Wenn der Mensch von der großen Wahrheit abweicht, die im tiefsten Bereich seines Inneren verborgen liegt, und beginnt, sich gegen seine eigene Natur zu richten, wenn er unter dem Druck seiner eigenmächtigen Neigungen seine eigene Meinung an die Stelle der Gesetzgebung Allahs setzt — dann beginnt das Verderben. Statt sich im Einklang mit der gesamten geschaffenen Welt dem Herrn des Weltalls zu unterwerfen, erklärt der Mensch den Aufstand; dann breitet sich überall Unfrieden aus.
Die Folgen der Abweichung von der großen Wahrheit
Wenn erst einmal Widerspruch und Konflikt zwischen dem Menschen, seiner eigenen Natur und der natürlichen Welt entstehen, breiten sie sich allmählich aus und führen zu Spaltung und Feindschaft zwischen dem Einzelnen, verschiedenen Personengruppen oder Parteien sowie unterschiedlichen Völkern und Stämmen. Infolgedessen werden nicht alle Kräfte und Ressourcen des Universums für den Fortschritt und das Wohlergehen der Menschen eingesetzt, sondern werden zur Ursache des Untergangs der Menschheit.
Aus der vorangegangenen Erörterung geht hervor, dass der Zweck der Errichtung von Allahs Ordnung im Diesseits nicht allein im Wohlergehen des Jenseits besteht. Diesseits und Jenseits sind nicht zwei voneinander getrennte Dinge, sondern ergänzen einander. Die von Allah, dem Erhabenen, gegebene Scharia stellt zwischen beiden ein Gleichgewicht her und verbindet das menschliche Leben mit den festen Gesetzen und Ordnungen, die im Universum herrschen. Dadurch, dass das menschliche Leben mit den im Universum geltenden Gesetzen und Ordnungen in Einklang gebracht wird, erlangt der Mensch die Fähigkeit, unermessliches Glück und Wohlergehen zu erlangen; dieser Nutzen wird nicht nur für das Jenseits aufgeschoben. Vielmehr zeigt er sich auch im Leben des Diesseits. Allerdings wird der Nutzen der islamischen Lebensordnung erst im Jenseits seine Vollendung erreichen.
Die grundlegenden Aussagen über die islamische Vorstellung von der geschaffenen Welt und vom Menschen als einem Teil dieser Welt wurden oben erörtert. Diese Vorstellung unterscheidet sich vollständig von allen in der Welt verbreiteten Vorstellungen und Überzeugungen. Daher legt die islamische Vorstellung von der geschaffenen Welt und vom Menschen dem Menschen einige Verantwortungen und Pflichten nicht auf. Nach islamischer Auffassung muss zwischen dem menschlichen Leben und der geschaffenen Welt sowie zwischen der Natur des Menschen und den in der natürlichen Welt geltenden Gesetzen vollkommene Harmonie bestehen. Der Mensch wird fähig sein, sein Leben als Diener Allahs zu führen, und kein Mensch wird danach streben, die Herrschaft über einen anderen zu errichten.
Das oben von uns erörterte Thema wird aus dem Gespräch zwischen Hadhrat Ibrahim (a.s.), dem Vater der muslimischen Umma, und Nimrod deutlich verständlich. Nimrod war ein tyrannischer Herrscher. Er erhob den Anspruch, Gott zu sein. Doch er erhob keinen Anspruch auf Göttlichkeit über die natürliche Welt, den Weltraum, die Planeten und die Sterne. Vor ihm führte Hadhrat Ibrahim (a.s.) als Argument an, dass im menschlichen Leben nur derjenige souverän herrschen dürfe, dessen uneingeschränkte Macht über die natürliche Welt etabliert ist, und kein anderer. Nimrod konnte diesem Argument keinerlei Antwort entgegensetzen.
Im Heiligen Koran hat Allah, der Erhabene, dieses Ereignis mit folgenden Worten geschildert –
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„Hast du über denjenigen nachgedacht, der mit Ibrahim (a.s.) über dessen ‚Herrn‘ stritt, weil Allah ihm ein Königreich gegeben hatte? Als Ibrahim (a.s.) sagte: ‚Mein Herr ist derjenige, in dessen Hand Leben und Tod liegen‘, sagte jener Mann: ‚Ich bin der Herr über Leben und Tod.‘ Da sagte Ibrahim (a.s.): ‚Nun gut, Allah lässt die Sonne jeden Tag im Osten aufgehen; lass du sie im Westen aufgehen.‘ Da war derjenige, der die Wahrheit leugnete, sprachlos. Allah, der Erhabene, weist die Ungerechten nicht den geraden Weg.“
Allah, der Erhabene, hat es erneut in zutreffender Weise gesagt –
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„Wollen sie etwa, anstatt Allah dem Erhabenen zu gehorchen, einen anderen Weg einschlagen? Dabei gehorcht Ihm alles, was in den Himmeln und auf der Erde ist, freiwillig oder widerwillig. Und am Ende werden alle zu Ihm zurückkehren.“ — Al-i ʿImrān: 83
Siebtes Kapitel
Der Islam ist die wahre Zivilisation
Der grundlegende Unterschied zwischen der islamischen und der jāhilīya-Gesellschaft
Der Islam erkennt nur zwei Arten von Gesellschaften an. Die eine ist die islamische Gesellschaft, die andere die jāhilīya-Gesellschaft. Eine Gesellschaft ist dann eine islamische Gesellschaft, wenn die umfassende Herrschaft beim Islam liegt und der Islam in allen Angelegenheiten der Menschen – in ihren Glaubensüberzeugungen, ihrer Anbetung und Verehrung, ihren Gesetzen und Vorschriften, ihrer staatlichen Verwaltung, ihrem moralischen Charakter, ihren gegenseitigen Geschäften und so weiter – vorherrscht. Eine Gesellschaft hingegen, in der die Überlegenheit ihrer Glaubensvorstellungen und Gesetze, ihrer Bräuche und Sitten, der islamischen Moral und der islamischen Grundsätze des Austauschs nicht anerkannt wird, ist eine jāhilīya-Gesellschaft.
Eine Gesellschaft ist keine islamische Gesellschaft, selbst wenn sie aus Personen besteht, die den Namen „Muslime“ tragen, sofern sie der islamischen Scharia keine rechtliche Geltung verliehen hat. Selbst wenn in ihr die Einrichtungen für Salāt, Sawm, Haddsch und Zakāt bestehen, kann sie keine islamische Gesellschaft sein. Vielmehr haben sich ihre führenden Verantwortlichen von der Befolgung der Gesetze und Vorschriften befreit, die der Gesandte (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) gegeben hat, nach eigenem Belieben eine neue Version des Islam erfunden und sie „progressiven Islam“ genannt.
Die jāhilīya-Gesellschaft nimmt verschiedene Formen an. Ihr eigentliches Wesen besteht jedoch darin, dass sie der von Allah verliehenen Erkenntnis beraubt ist. Mitunter leugnet sie sogar die Existenz Allahs des Erhabenen und erklärt die Geschichte der Menschheit im Sinne des dialektischen Materialismus. Die auf dieser Lehre beruhende Gesellschaftsordnung wird „wissenschaftlicher Sozialismus“ genannt. Bisweilen nimmt die jāhilīya-Gesellschaft eine andere Gestalt an. Sie leugnet die Existenz Allahs nicht. Doch indem sie Seine Herrschaft und Oberhoheit auf die Himmel und die obere Welt beschränkt, verbannt sie Seine Gebote und Verbote von der Erde. In dieser Gesellschaft wird Allahs Scharia nicht umgesetzt. Auch die ewigen und unveränderlichen Werte, die Allah der Erhabene selbst für das menschliche Leben festgelegt hat, genießen in dieser Gesellschaft keine Anerkennung. Die Verantwortlichen dieser Gesellschaft gestatten den Menschen, Allah den Erhabenen innerhalb der vier Wände von Moscheen, Tempeln und Kirchen anzubeten und zu verehren. Doch sie sind nicht bereit, im praktischen Leben der Menschen den Vorrang der von Allah verliehenen Scharia anzuerkennen. In dieser Hinsicht stehen sie auf der Erde Allahs Souveränität entgegen, denn in ihrem tatsächlichen Berufs- und Alltagsleben verwerfen sie Allahs Scharia. Dabei hat Allah der Erhabene in höchst deutlichen Worten gesagt —
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„Er ist Allah, der souveräne Herr der Himmel und auch der Erde.“ Die Gesellschaft, die Allah der Erhabene im folgenden Vers als „Dīn Qayyim“ bezeichnet hat, ist nicht die oben beschriebene heilige Gesellschaft.
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„Das Recht, Befehle zu erteilen und Gesetze zu erlassen, steht allein Allah zu. Er hat befohlen, dass niemand außer Ihm gedient werden darf. Und dies ist der ‚Dīn Qayyim‘ (eine ausgewogene und gefestigte Lebensordnung).“ — Yusuf: 40
Eine Gesellschaft dieser Art wird trotz tausendfacher Beteuerung ihres Glaubens an die Existenz Allahs und trotz der Gewährung des uneingeschränkten Rechts, in Moscheen, Tempeln und Kirchen Gottesdienst zu feiern, aufgrund ihrer Verwerfung der Anweisungen Allahs im praktischen Leben als dschahilijjatische Gesellschaft gelten.
Nur die islamische Gesellschaft ist eine wahrhaft zivilisierte Gesellschaft
Im Lichte der Definition der islamischen Gesellschaft, die wir am Anfang dieses Kapitels angeführt haben, ist es durchaus angemessen zu sagen, dass die islamische Gesellschaft die wahrhaft zivilisierte Gesellschaft ist. Welche Gestalt die dschahilijjatische Gesellschaft auch annehmen mag, ihrem grundlegenden Denken nach ist sie rückständig und frei von Zivilisation.
Einst kündigte ich, als ich ein von mir selbst verfasstes Buch zur Veröffentlichung in die Druckerei gab, an, dass es den Titel „Die hochzivilisierte islamische Gesellschaft“ tragen werde. In einer späteren Ankündigung ließ ich jedoch das Wort „ho统一zivilisiert“ weg und gab dem Buch lediglich den Titel „Die islamische Gesellschaft“. Ein algerischer Schriftsteller, der auf Französisch schrieb, bemerkte diese Änderung des Titels meines Buches und kommentierte, sie sei offenbar deshalb vorgenommen worden, weil ich beim Ergreifen der Feder zugunsten des Islam von einer defensiven Haltung geleitet gewesen sei. Bedauernd erklärte er, ich sei wegen der Unreife meines Denkens über den Islam unfähig, der Wirklichkeit ins Auge zu sehen. Ich halte es für verzeihlich, dass jener algerische Schriftsteller dies sagte. Auch ich vertrat früher eine ähnliche Haltung wie er, und als ich damals erstmals begann, über dieses Thema zu schreiben, dachte ich genauso, wie er heute denkt. Die Schwierigkeit, der er heute gegenübersteht, hatte ich damals ebenfalls erfahren. Die Frage lautet: Was ist die Definition von Zivilisation? Bis zu jener Zeit war es mir trotz meiner Hinwendung zum islamischen Ideal nicht gelungen, den Einfluss einer irregeleiteten Kultur aus meinem Herzen und meinem Verstand zu beseitigen. Die Literatur und das Denken westlicher Schriftsteller hatten meinen Geist und mein Denken beherrscht, obwohl sie meinem islamischen Glauben und meiner islamischen Aqida entgegengesetzt waren. Die westliche Definition von Zivilisation war für mich der Maßstab zur Beurteilung. Daher war ich nicht in der Lage, alle Dinge mit einem gesunden und scharfsinnigen Blick zu prüfen.
Später wurde mein Blick klarer, und ich erkannte deutlich, dass „islamische Gesellschaft“ eben „zivilisierte Gesellschaft“ bedeutet. Als ich daher den Titel dieses Buches erneut überdachte, verstand ich, dass das Wort „hochentwickelt“ in diesem Titel überflüssig war. Vielmehr würde die Verwendung dieses Wortes dazu führen, dass auch die Denkweise der Leserschaft ebenso wie zuvor in Verwirrung geriete. Sehen wir nun, was das Wort Zivilisation bedeutet.
Wenn in einer Gesellschaft die Souveränität allein Allah übertragen ist und als praktischer Beweis dafür auf allen Ebenen der Gesellschaft die Vorrangigkeit der Scharia Allahs anerkannt wird, dann erlangt der Mensch nur in dieser Gesellschaft wirkliche und vollständige Freiheit von der Knechtschaft durch andere Menschen. Der andere Name für diese wirkliche und vollständige Freiheit ist „menschliche Zivilisation“. Denn die menschliche Zivilisation verlangt einen Maßstab, unter dessen Geltung jeder Mensch uneingeschränkt wirkliche Freiheit genießen und ohne Behinderung alle menschlichen Rechte erlangen kann. In einer Gesellschaft hingegen, in der einige wenige Menschen die Stellung von „Herren“ und „Gesetzgebern der Scharia“ einnehmen, während alle übrigen Menschen ihnen unterworfen sind, werden diese ihrer grundlegenden menschlichen Rechte beraubt.
In diesem Zusammenhang muss hier darauf hingewiesen werden, dass die Gesetzgebung nicht nur auf das Verfassen von Gesetzen beschränkt ist. Heutzutage vertreten viele Menschen eine derart enge Auffassung von der Scharia. Tatsächlich werden Vorstellungen, die Lebensweise, die Wertmaßstäbe des Lebens, die Maßstäbe für Annahme und Ablehnung, Gewohnheiten und Bräuche – alles – durch das Gesetz beeinflusst. Wenn eine bestimmte Gruppe diese Dinge von den Anweisungen Allahs, des Erhabenen, trennt und die Menschen der Gesellschaft durch eine von ihr selbst geschaffene Ordnung des Verhaltens gefangen hält, kann diese Gesellschaft nicht als freie Gesellschaft bezeichnet werden. In einer solchen Gesellschaft sitzen einige wenige Menschen auf dem Thron der Rububiyya oder Souveränität, während alle übrigen Menschen gezwungen sind, ihnen zu dienen und sich ihnen zu unterwerfen. Daher wird diese Gesellschaft als rückständig betrachtet, und gemäß der islamischen Terminologie ist eben diese Gesellschaft die wahrhaftige Gesellschaft der Jahiliyya.
Nur in der islamischen Gesellschaft wird die Souveränität Allahs verwirklicht, und die Menschen zerreißen die Ketten der Knechtschaft gegenüber ihresgleichen und widmen sich der Dienerschaft Allahs. Auf diesem Weg kosten die Menschen die wahre Freiheit aus und erlangen die von Allah verliehene Würde und Ehre. Nachdem der Mensch auf der Erde in das Amt des Statthalters Allahs eingesetzt worden ist, erlangt er sogar mehr Ruhm als die Engel.
Der grundlegende Unterschied zwischen der islamischen und der jahilitischen Gesellschaft
In einer Gesellschaft, deren Vorstellungen, Glaubensüberzeugungen, Lebensweise und alle übrigen Angelegenheiten auf der Souveränität des einen erhabenen Allah beruhen, erlangt der Mensch die höchste Würde und Ehre. Denn dort ist kein Mensch der Sklave eines anderen, und die Vorstellungen, Glaubensüberzeugungen und Lebensweise dieser Gesellschaft sind nicht das Produkt des menschlichen Geistes und Verstandes eines oder mehrerer Menschen, die Herrschaft beanspruchen. Nur in einer solchen Gesellschaft entfalten sich die verborgenen Fähigkeiten und Eigenschaften des menschlichen Wesens und Denkens vollständig. In einer Gesellschaft hingegen, in der Rasse, Abstammung, Sprache und geografisches Gebiet als Grundlage der gegenseitigen Beziehungen gelten, legen die genannten Einheitsbande dieser Gesellschaft der Menschheit allerlei Ketten aus Geboten und Verboten an; infolgedessen erhält die Entfaltung der höheren Eigenschaften des Menschen überhaupt keine Möglichkeit. Der Mensch kann frei von den Grenzen von Rasse, Sprache und Gebiet leben. Wenn die Entwicklung der Seele und des Denkens blockiert ist, bleibt der Mensch nicht in seiner menschlichen Würde. Ein Mensch kann seine Vorstellungen, Glaubensüberzeugungen und Lebensweise freiwillig ändern. Rasse, Abstammung, Blut und geografische Nationalität lassen sich jedoch nicht ändern. Der Mensch kann nicht aus freiem Willen entscheiden, in einer bestimmten Abstammung oder in einem bestimmten Gebiet geboren zu werden. Daher ist eine Gesellschaft, in der das Recht anerkannt wird, mithilfe des freien Gewissens und Verstandes eine Meinung und einen Weg zu wählen, eine zivilisierte Gesellschaft. In einer Gesellschaft hingegen, in der es keinen Raum gibt, mithilfe des Gewissens und des Verstandes zu prüfen und abzuwägen und den wahren Weg anzunehmen oder abzulehnen, ist diese Gesellschaft rückständig und jeder Zivilisation beraubt. In der islamischen Terminologie wird eine solche Gesellschaft als jahilitische Gesellschaft bezeichnet.
Nur die islamische Gesellschaft bindet die Menschen auf der Grundlage der Glaubensüberzeugung in unzerreißbaren Banden der Brüderlichkeit aneinander. Eben aufgrund dieser Glaubensüberzeugung stellt sie Schwarze und Weiße, Araber und Griechen, Perser und Afrikaner sowie die in der Welt in Hunderte Gruppen gespaltenen Völker in dieselbe Reihe und nimmt sie in dieselbe Umma auf. Die uneingeschränkte Herrschaft über diese Gesellschaft gehört allein Allah, und die Menschen beugen sich nur vor Ihm, vor niemand anderem. Je vortrefflicher der Charakter eines Menschen ist, desto höher ist seine Stellung in dieser Gesellschaft. Vor dem von Allah gegebenen Gesetz sind alle Menschen der Gesellschaft gleich.
In einer Gesellschaft, in der der Menschheit der höchste Rang eingeräumt wird und die Vervollkommnung des Charakters des Menschen Vorrang hat, herrscht der Materialismus. Der Materialismus tritt allerdings zu verschiedenen Zeiten in unterschiedlichen Formen auf. Als Beispiel kann man die höchste Wertschätzung der Materie gemäß der marxistischen Geschichtsdeutung anführen oder auf die Vereinigten Staaten von Amerika, Europa und andere Gesellschaften verweisen, in denen die Menschheit auf dem Schlachtfeld der materiellen Güter geschlachtet wird. Eine solche Gesellschaft ist gewiss eine rückwärtsgewandte Gesellschaft und wird in der islamischen Terminologie als jahilitische Gesellschaft bezeichnet.
Die zivilisierte Gesellschaft, das heißt die islamische Gesellschaft, verachtet materielle Dinge nicht. Der Islam scheut sich auch nicht, den materiellen Dingen ihren angemessenen Wert beizumessen. Ebenso leugnet er nicht die Bedeutung der Produktion materieller Güter. Vielmehr erkennt der Islam an, dass die Welt, in der wir leben, durch die unser Leben beeinflusst wird und auf die auch wir in vielerlei Hinsicht Einfluss ausüben, aus materiellen Dingen besteht. Der Islam erkennt ferner an, dass die Produktion materieller Güter das Rückgrat der irdischen Statthalterschaft Allahs bildet. Der einzige Unterschied besteht darin, dass die islamische Gesellschaft nicht dazu neigt, die menschlichen Eigenschaften – die Freiheit des Menschen und seine Menschenwürde, die gegenseitigen Umgangsformen, die Moral und die Wertvorstellungen und dergleichen – zugunsten materiellen Komforts und Wohlstands aufzugeben und materielle Dinge anzubeten. Die dschahilische Gesellschaft hingegen scheut nicht davor zurück, um des Überflusses an materiellen Gütern willen menschliche Werte und Würde mit Füßen zu treten.
Eine Gesellschaft, in der menschliche Werte und ein edler menschlicher Charakter vorherrschen, ist eine zivilisierte Gesellschaft. Menschliche Werte und ein edler menschlicher Charakter sind weder etwas Verborgenes noch etwas, das sich nicht erklären ließe. Entgegen der Behauptung der materialistischen Geschichtsdeuter oder der sogenannten wissenschaftlichen Sozialisten sind menschliche Werte und ein edler Charakter weder zusammen mit den Produktionsmitteln wandelbare Ideale noch Ideale ohne Verbindung zu einem Mittelpunkt. Tatsächlich zieht der Islam eine klare Grenze zwischen den Wertvorstellungen des Menschen und denen des Tieres. Dadurch schreitet der Mensch über die Stufe des Tieres hinaus und gelangt auf die Stufe der Menschlichkeit. Anders als in der dschahilischen Gesellschaft führen die Werte und der Charaktermaßstab dieser Gesellschaft den Menschen nicht auf die Stufe des Tieres herab.
Das wahre Kriterium der Zivilisation
Wenn wir die Angelegenheit unter diesem Gesichtspunkt beurteilen, tritt eine klare Grenze zwischen Islam und Dschahilija hervor, und trotz der unablässigen vergeblichen Bemühungen der sogenannten Progressiven und wissenschaftlichen Sozialisten nimmt die Bedeutung der moralischen Werte nicht im Geringsten ab. Die islamische Sichtweise besagt, dass die Umwelt und wechselnde Verhältnisse die moralischen Werte nicht verändern können. Vielmehr bleiben die moralischen Werte beständig und lassen alle Veränderungen der Zeit und der Umwelt unberücksichtigt. Daher gibt es keine Berechtigung, die Moral unter den Bezeichnungen einer agrarischen, industriellen, kapitalistischen, sozialistischen, bürgerlichen und proletarischen Moral in verschiedene Arten zu unterteilen. In Wirklichkeit sind moralische Werte vom Einfluss der Umwelt, der wirtschaftlichen Verhältnisse, des Entwicklungsstands der Gesellschaft und dergleichen vollständig unabhängig. Diese Veränderungen sind sehr vorübergehend und künstlich. Durch eine äußerst realitätsnahe Analyse können wir hingegen zu dem Schluss gelangen, dass Werte und Charaktermaßstäbe lediglich in zwei Kategorien geteilt sind. Die eine sind menschliche Werte und ein menschenwürdiger Charaktermaßstab, die andere tierische Werte und ein tierischer Charaktermaßstab. In der islamischen Terminologie können wir diese beiden als „islamische Werte“ und „islamischer Charaktermaßstab“ sowie „dschahilische Werte“ und „dschahilischer Charaktermaßstab“ bezeichnen.
Der Islam erhebt den Menschen durch die Vervollkommnung menschlicher Werte und des Charaktermaßstabs gewiss über die Tierheit zu einer höheren Würde. Wo immer die islamische Lebensordnung errichtet wird, kümmert sie sich darum, diese moralischen Maßstäbe und Werte zu wecken, sie weiterzuentwickeln und zu stärken. Diese Gesellschaft erweckt in jeder Art von Gesellschaft – bei Bauern, Arbeitern, Beduinen, Viehzüchtern, Stadt- und Landbewohnern, Reichen und Armen, Industriellen und Kapitalisten gleichermaßen – denselben Charaktermaßstab und dieselben menschlichen Werte und lässt unter allen Bedingungen und in jeder Umwelt die menschlichen Eigenschaften und Tugenden des Menschen zur Entfaltung kommen, damit niemals ein tierischer Charakter im Menschen zum Vorschein kommt. Die menschlichen Werte und der moralische Charakter, die wir oben erwähnt haben, erheben den Menschen über die Stufe des Tieres. Sobald diese Grenze der Werte und Charaktermaßstäbe verwischt wird, beginnt der Niedergang des Menschen; und obwohl eine solche, von der Stufe der Menschlichkeit herabgesunkene Gesellschaft über Überfluss und Fortschritt bei ihren materiellen Gütern verfügt, kann man sie nicht als Zivilisation bezeichnen. Vielmehr wird sie als eine im Niedergang begriffene, rückständige oder dschahilische Gesellschaft gelten.
Die Bedeutung des familiären Umgangs für die Entwicklung der Zivilisation
Wenn die Familie als Grundlage der Gesellschaft betrachtet wird, die familiären Pflichten entsprechend den angeborenen Eigenschaften und natürlichen Fähigkeiten zwischen Ehemann und Ehefrau verteilt werden und die Erziehung und Ausbildung der Kinder das Ziel der Familie bilden, dann wird diese Gesellschaft zweifellos als zivilisierte Gesellschaft gelten. Eine solche familiäre Umgebung, wie sie die islamische Lebensordnung vorsieht, schafft in der nachfolgenden Generation ein Umfeld für die Herausbildung menschlicher Werte und eines edlen Charakters. Wenn hingegen freie sexuelle Beziehungen und uneheliche Kinder die Grundlage der Gesellschaft bilden, wenn körperliche Bedürfnisse, sexuelles Verlangen und tierische Erregung die Beziehungen zwischen Mann und Frau bestimmen, wenn die familiären Pflichten zwischen Ehemann und Ehefrau nicht nach ihren angeborenen Eigenschaften und natürlichen Fähigkeiten verteilt werden, wenn die Rolle der Frau darin besteht, sich zum Zweck sexueller Anziehung für fremde Männer attraktiv zu machen, wenn die Frauen von der Verantwortung für die Erziehung der Kinder befreit werden und wenn die Frau freiwillig oder unter dem Einfluss des gesellschaftlichen Umfelds ihre Fähigkeiten als Stewardess, Schiffsstewardess oder Hotelbedienung für die Vermehrung materieller Güter einsetzt und die Vermehrung des Reichtums für gewinnbringender und ehrenvoller hält als die Vermehrung der menschlichen Nachkommenschaft, dann ist diese Gesellschaft eine dschahilische Gesellschaft.
Aus der Natur der familiären Bräuche und ehelichen Beziehungen lässt sich erkennen, ob eine bestimmte Gesellschaft wahrhaft zivilisiert ist. Wenn diese Beziehungen in einer Gesellschaft auf die bloße Befriedigung körperlicher Bedürfnisse und der Forderungen der tierischen Natur beschränkt werden, kann diese Gesellschaft, wie weit sie sich auch in Industrie und Wissenschaft entwickelt haben mag, nicht als zivilisierte Gesellschaft gelten. Das Familienleben einer Gesellschaft liefert ein untrügliches Bild, anhand dessen sich ihr allgemeiner Aufstieg oder Niedergang beurteilen lässt.
Ein Beispiel westlicher Zivilisation
In allen unwissenden Gesellschaften der heutigen Zeit sind die moralischen Eigenschaften aufgegeben worden, die den Menschen vom Tier unterscheiden. In diesen Gesellschaften gelten illegitime sexuelle Beziehungen, ja sogar gleichgeschlechtlicher Verkehr, nicht als Charakterlosigkeit. Die Moral ist auf die Bereiche der Wirtschaft und der Politik beschränkt worden, weil sie in diesen beiden Bereichen im staatlichen Interesse als notwendig erachtet wird. Als Beispiel kann man den Sexskandal von Christine Keeler und dem britischen Minister Profumo anführen. Die britische Gesellschaft betrachtete die Angelegenheit nicht als beschämendes Sexualverbrechen. Da Christine Keeler neben dem britischen Minister Profumo zur selben Zeit auch sexuelle Beziehungen zu einem Marineoffizier der russischen Botschaft unterhielt, wurde lediglich die Möglichkeit der Preisgabe von Staatsgeheimnissen als verwerflich angesehen. Der Sexskandal selbst wurde keineswegs als Verbrechen eingestuft. Das Schlimmste daran war, dass der Herr Minister im britischen Parlament eine falsche Erklärung abgegeben hatte und diese falsche Aussage später ans Licht kam. Amerikanische Staatsbürger, die in Spionageskandale dieser Art verwickelt waren, erhielten in Russland politisches Asyl. Auch dort wurde kein Einwand dagegen erhoben, Personen, die sich an Sexualverbrechen beteiligt hatten, Asyl zu gewähren.
Die Schriftsteller, Journalisten, Literaten und Geschichtenschreiber aller nahen und fernen unwissenden Gesellschaften, ob ledig oder verheiratet, raten allesamt öffentlich und unverhohlen zu freien sexuellen Beziehungen und vertreten die Ansicht, dass dies kein moralisches Vergehen sei. Ja, ihrer Auffassung nach ist es ein Verbrechen, wenn ein junger Mann oder eine junge Frau ohne aufrichtige, echte Liebe miteinander verkehren. Wenn eine Ehefrau, obwohl sie in ihrem Herzen keine Liebe für ihren Ehemann empfindet, dennoch ihre Ehre und Keuschheit bewahrt, wird diese Frau in jener Gesellschaft getadelt. Vielmehr gilt es als lobenswert, sich in diesem Zustand einen anderen Geliebten zu suchen. Zur Befürwortung dieses Vorgehens werden Dutzende von Geschichten geschrieben. Durch Leitartikel, allgemeine Aufsätze, ernsthafte und leichte Feuilletons sowie Karikaturen in den Zeitungen wird zu einer schmutzigen und schamlosen Lebensweise aufgerufen.
Nach menschlichen Maßstäben und gemessen am Fortschritt der Menschlichkeit sind Gesellschaften dieser Art rückständig und jeder Zivilisation beraubt.
Die höhere Entwicklung des Menschen führt von der Stufe tierischer Triebe aufwärts zu höheren Wertvorstellungen. Um die im menschlichen Wesen vorhandenen tierischen Triebe zu befriedigen, hat die sich entwickelnde Gesellschaft die Institution der Familie eingeführt. Dadurch hat sie neben der Befriedigung der biologischen Bedürfnisse des Körpers auch der Pflege der künftigen Nachkommen und ihrer Erziehung zu umfassend menschlichen Eigenschaften große Bedeutung beigemessen. Nur auf diese Weise kann die menschliche Zivilisation fortbestehen. Eine Gesellschaft, die selbstverständlich daran interessiert ist, die tierischen Triebe des Menschen unter Kontrolle zu halten und zugleich den menschlichen Eigenschaften alle Möglichkeiten und ausreichenden Voraussetzungen zu ihrer Entfaltung zu geben, muss angemessene Schutzmaßnahmen ergreifen, um die Heiligkeit der Familie sowie Frieden und Ordnung zu bewahren. Schutzmaßnahmen sind unerlässlich, damit die Familie, befreit vom Einfluss körperlicher Erregung, ihre grundlegenden Pflichten erfüllen kann. Doch wo eine moralfeindliche Erziehung und ein vergiftetes Umfeld vorherrschen und sexuelle Zügellosigkeit außerhalb moralischer Wertvorstellungen betrachtet wird – welche Möglichkeit bleibt dort, Menschlichkeit zu entwickeln?
Daher sind allein islamische Wertvorstellungen und Moral, islamische Erziehung und islamische Schutzvorkehrungen die geeignete Ordnung für die menschliche Gesellschaft. Durch dauerhafte, unveränderliche und richtige Maßnahmen zur Entwicklung der menschlichen Gesellschaft wird die Wahrheit anerkannt, dass die islamische Zivilisation die wahre Zivilisation und die islamische Gesellschaft die wahrhaft zivilisierte Gesellschaft ist.
Gott zugewandte Zivilisation und materieller Fortschritt
Wenn der Mensch auf der Erde die Statthalterschaft Allahs errichtet, widmet er sich entsprechend den Erfordernissen dieser Statthalterschaft ausschließlich dem Dienst Allahs und befreit sich vom Dienst an allen anderen Mächten außer Allah. Er verwirklicht die von Allah gegebene Lebensordnung, verwirft alle vom Menschen geschaffenen Lebensideologien, folgt der Scharia Allahs und verwirft alle anderen Arten von Gesetzen. Er nimmt die von Allah festgelegten Wertvorstellungen und Maßstäbe des Charakters an und weigert sich, irgendeinen anderen Maßstab anzuerkennen. Mit der Errichtung der göttlichen Statthalterschaft vollzieht sich einerseits eine Veränderung der oben beschriebenen Lebensweise des Menschen. Andererseits widmet er sich dem Nachdenken und der Forschung, um die Gesetze und Ordnungen zu enthüllen, die die Schöpfung beherrschen. Die Ergebnisse dieser Forschung stellt er unter Beachtung der von Allah, dem Erhabenen, gegebenen Gebote und Verbote in den Dienst des Wohls der Menschheit. Als Allahs Statthalter gewinnt er aus der Schöpfung Nahrungsvorräte und Rohstoffe für Industrie und Fabriken und schreitet durch die Anwendung seines technischen und wissenschaftlichen Wissens bei der Errichtung und Entwicklung verschiedener Industrien und Fabriken voran. Erst wenn der Mensch alle für den materiellen Fortschritt erforderlichen Aufgaben mit einem Allah fürchtenden Herzen als Allahs Stellvertreter erfüllt und bei allen moralischen wie materiellen Tätigkeiten auf die Gebote und Verbote Allahs, des Erhabenen, bedacht ist, wird er vollkommen zivilisiert. Seine Gesellschaft erreicht den höchsten Gipfel der Zivilisation. Der Islam betrachtet bloßen materiellen Fortschritt nicht als Zivilisation, denn auch unwissende Gesellschaften erlangen materiellen Fortschritt. Im Koran werden Gesellschaften dieser Art an vielen Stellen trotz ihres materiellen Fortschritts als unwissende Gesellschaften bezeichnet.
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„Was ist mit euch, dass ihr auf jeder Anhöhe große Bauwerke errichtet, lediglich als Denkmäler? Beim Anblick der gewaltigen Paläste, die ihr erbaut habt, könnte man meinen, ihr würdet für immer auf der Erde bleiben. Und wenn ihr Hand an jemanden legt, dann greift ihr als Gewalttäter zu. Fürchtet Allah und gehorcht mir – Ihm, der euch reichlich von dem gegeben hat, was ihr kennt. Lebt in Gottesfurcht. Er hat euch Viehherden, Kinder und Nachkommen, Gärten und Quellen gegeben. Ich fürchte für euch die Strafe eines gewaltigen Tages.“
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„Glaubt ihr, mit welchen weltlichen Gütern ihr in diesen Gärten und an diesen Quellen für immer glücklich leben könnt? In diesen Feldern und diesen Dattelgärten voller süßer Früchte? Ihr meißelt die Berge aus und errichtet riesige Häuser als Symbole des Hochmuts. Fürchtet Allah und gehorcht Ihm. Lebt nicht in Gehorsam gegenüber denen, die auf der Erde Unruhe und Verderben stiften und keinen Frieden und keine Ordnung schaffen.“
„Als sie die Ermahnungen, die ihnen gegeben worden waren, vergessen hatten, öffneten Wir ihnen die Tore des Wohlstands. Als sie sich über den weltlichen Überfluss, den Wir ihnen gewährt hatten, freuten, ergriffen Wir sie plötzlich. Da waren sie in allen Dingen völlig verzweifelt. Auf diese Weise rotteten Wir das Volk der Ungerechten aus. Alles Lob gebührt Allah, dem Herrn der Welten.“ — Al-Anʿām: 44–45
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„Als die Erde in voller Blüte stand, die Felder mit Getreide beladen waren und ihre Besitzer glaubten, daraus Nutzen ziehen zu können, erreichte sie Unser Befehl ganz plötzlich, bei Nacht oder am Tage. Wir vernichteten sie derart, dass keine Spur ihrer Existenz zurückblieb.“ — Yunus: 24
Wir haben bereits erwähnt, dass der Islam dem materiellen Fortschritt sowie der Erfindung und Ansammlung von Gütern nicht entgegensteht; vielmehr wird der materielle Fortschritt im Rahmen der von Allah gegebenen Lebensordnung als eine Gnade Allahs bezeichnet. Und Allah, der Erhabene, verkündet den Menschen diese Gnade als frohe Botschaft und als Belohnung für ihren Gehorsam und ihre Befolgung Seiner Gebote.
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„(Der Prophet Nuh sagte:) Ich sagte zu meinem Volk: ‚Bittet euren Herrn um Vergebung – gewiss, Er ist Allvergebend. Er wird reichlich Regen auf euch herabsenden, euch durch Reichtum und Kinder stärken, euch Gärten schenken und für euch strömende Bäche hervorbringen.‘“ — Nuh: 10–12
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„Wenn die Bewohner der Ortschaften geglaubt und Allah gefürchtet hätten, hätten Wir ihnen die Wege allen Guten in den Himmeln und auf der Erde geöffnet. Doch sie erklärten die Wahrheit für eine Lüge. Deshalb ergriffen Wir sie zur Strafe für ihre bösen Taten.“ Al-Aʿrāf: 96
Nicht allein der materielle Fortschritt ist das Maß für den Rang einer menschlichen Gesellschaft. Es sind vielmehr die Vorstellungen und Überzeugungen, auf deren Grundlage die gewaltigen Bauwerke des materiellen und künstlerischen Fortschritts errichtet werden, die Werte des Lebens, welche die Gesellschaft zusammenhalten, und der Abdruck der menschlichen Zivilisation, der insgesamt in der Lebensweise und den Bräuchen der gesamten Gesellschaft sichtbar wird – sie bestimmen in Wahrheit den Rang einer Gesellschaft.
Die fortschreitende Entwicklung der islamischen Gesellschaft
Da die islamische Gesellschaft durch eine Bewegung ins Leben tritt und die Gestalt einer vorzüglichen Lebensordnung annimmt, besitzt sie einzigartige Eigenschaften. Daher können die Sichtweise, die Haltung und das Programm, die zur Errichtung einer dschāhilischen Gesellschaft erforderlich sind, bei der Bewegung zur Errichtung einer islamischen Gesellschaft keinesfalls wirksam sein. Die islamische Gesellschaft entsteht durch einen lang andauernden, aufopferungsvollen Kampf. Auch die Regeln und Methoden, nach denen dieser Kampf geführt wird, sind durch die Grenzen des Islams bestimmt. Diese kämpferische Bewegung bestimmt den Wert und die Würde jedes Einzelnen in der Gesellschaft und legt nach einer angemessenen Bewertung seine sozialen Verantwortlichkeiten und Pflichten fest. Die geistige Ausrichtung und das Programm der Bewegung, aus deren Schoß die islamische Gesellschaft hervorgeht, sind aus einer Quelle hervorgegangen, die außerhalb der irdischen Welt und über den Grenzen menschlicher Kräfte liegt. Die Quelle dieser kämpferischen Bewegung ist der von Allah zu den Menschen herabgesandte Īmān, also der Glaube. Dieser Glaube vermittelt eine besondere Vorstellung von der geschaffenen Welt, dem menschlichen Leben, der Geschichte des Menschen sowie dem Wert und Zweck des Lebens und gibt zugleich eine Lebensordnung, die ein Leben gemäß dieser Vorstellung ermöglicht. Kurz gesagt: Die Quelle der islamischen Bewegung liegt weder im menschlichen Geist und Verstand noch in der materiellen Welt, sondern über dem menschlichen Erkenntnisvermögen und der materiellen Welt. Das wichtigste Merkmal der Bildung einer islamischen Gesellschaft ist der aus der höheren Welt herabgesandte Īmān.
Die aus der höheren Welt herabgesandte Glaubensüberzeugung entsteht nicht durch menschliches Nachdenken und Forschen oder durch menschliche Bemühungen und Vorkehrungen. Der aus der göttlichen Botschaft empfangene Īmān sät den Samen der islamischen Bewegung und bildet zugleich Menschen dafür aus, den Kampf zu führen. Sobald die göttliche Botschaft des Īmān jemanden erreicht und dieser glaubt, dass sie von Allah herabgesandt wurde, beginnt durch ihn die Aussaat des Samens. Dieser Mensch bleibt nicht untätig sitzen und verbirgt seinen Īmān in seinem Herzen. Vielmehr beginnt er sich darum zu bemühen, die Botschaft, an die er glaubt, anderen zu übermitteln. Das liegt im Wesen des Īmān. Das Wesen einer kraftvollen und aktiven Bewegung ist Dynamik. Das mächtige Wesen aus der höheren Welt, das im Herzen des Menschen das Licht des Īmān entzündet, weiß sehr wohl, dass das Licht des Īmān nicht auf den Bereich des Herzens beschränkt bleibt, sondern seine Lichtstrahlen über die ganze weite Welt verbreitet.
Wenn die Zahl der Gläubigen drei erreicht, sagt ihnen eben dieser Glaube: „Nun seid ihr zu einer Gesellschaft geworden, und diese Gesellschaft ist eine eigengeprägte islamische Gesellschaft. Eure Gesellschaft unterscheidet sich ihrem Wesen nach völlig von der bestehenden dschahilischen Gesellschaft. Denn die dschahilische Gesellschaft wird nicht gemäß eurem Iman geführt.“ Nachdem sich drei Gläubige zusammengeschlossen haben, tritt ein konkretes Muster der islamischen Gesellschaft hervor.
Die Zahl der Gläubigen wächst von drei auf zehn, von zehn auf hundert, von hundert auf tausend und von tausend auf mehrere Tausend; auf diese Weise breitet sich die islamische Gesellschaft allmählich aus und wird stärker.
Inzwischen beginnt der Kampf gegen die dschahilische Gesellschaft. Auf der einen Seite der beiden miteinander im Streit liegenden Parteien steht die neugebildete islamische Organisation. Eine kleine, neugeborene Gesellschaft tritt mit ihren Vorstellungen, Wertvorstellungen, Maßstäben der Zivilisation, ihrer Organisationsstruktur und allem Übrigen völlig getrennt von der dschahilischen Gesellschaft hervor und nimmt ihre eigenen besonderen Merkmale an. Auf der anderen Seite versperrt die dschahilische Gesellschaft dieser neugeborenen Gesellschaft den Weg, und während des Konflikts zwischen beiden schließen sich der islamischen Gesellschaft aus der dschahilischen Gesellschaft nach und nach einzelne Menschen an. In der langen Zeitspanne vom Beginn der Bewegung bis zu ihrer Etablierung als siegreiche Kraft prüft die islamische Gesellschaft jedes ihrer Mitglieder; durch Erprobung und Prüfung verleiht sie jedem die Stellung und Verantwortung, derer er nach islamischen Maßstäben würdig ist. Die islamische Gesellschaft prüft die Fähigkeiten, Tatkraft, Stellung und dergleichen der Menschen allein aufgrund der Erfordernisse. Niemand muss vortreten und Anspruch auf seine eigene Fähigkeit oder Stellung erheben. Vielmehr zwingen sein Aqida-Glaube und seine Wertvorstellungen ihn, sich dem prüfenden Blick der Gesellschaft verborgen zu halten. Denn seine Gesellschaft sucht ständig nach geeigneten Menschen, denen sie Verantwortung übertragen kann. Andererseits hält der Einzelne sich nicht für geeigneter als andere. Deshalb zieht er es vor, verborgen zu bleiben.
Doch in der Gesellschaft, die als natürliche Folge des islamischen Aqida-Glaubens entsteht, kann niemand seine Fähigkeiten verborgen halten. Jedes Mitglied dieser Gesellschaft muss aktiv werden. In seinem Aqida-Glauben werden Begeisterung und Tatendrang sichtbar sein. Sein Blut wird in seinem Körper heiß wallen. Daher wird jeder Einzelne in der islamischen Gesellschaft, von Tatendrang erfüllt, seinen ganzen Besitz und seine gesamte Kraft auf dem Weg des Kampfes einsetzen, um stets die Schwelle voller Aktivität zu erreichen. Der gegen die die islamische Organisation umgebende Dschahiliya geführte Kampf wird mit voller Kraft voranschreiten. Dieser Kampf kennt keine Pause, keine Ruhe und keinen Kompromiss mit dem Falschen. Deshalb hat der Gesandte Allahs (s.) gesagt: „Der Dschihad wird bis zum Tag der Auferstehung andauern.“
Auf dem Weg, der sich durch Höhen und Tiefen voranbewegt, wird die Stellung jedes Einzelnen bestimmt, und während des Kampfes erringt die Bewegung ihren Erfolg dadurch, dass jeder entsprechend seinen eigenen Fähigkeiten seine Verantwortung und Pflichten erfüllt. Zwei Merkmale der islamischen Gesellschaft – nämlich der Beginn der Bewegung und die Methode ihrer Organisation – verleihen ihrer Struktur, Gestalt und ihrem Wesen, ihren Sitten und ihrem Programm eine völlig eigenständige Stellung gegenüber allen anderen nichtislamischen Gesellschaften. Daher kann man die Besonderheiten der islamischen Gesellschaft ebenso wenig erkennen, wenn man sie nach den Entstehungsformen anderer Ideologien beurteilt, wie es etwas anderes als Torheit wäre, von der Gründung einer islamischen Gesellschaft zu träumen, indem man die Methoden nichtislamischer Bewegungen übernimmt.
Die islamische Zivilisation ist das Eigentum der gesamten Menschheit
Die Definition der islamischen Zivilisation, die wir oben angeführt haben, zeigt, dass der Islam keine Lehre einer bestimmten Epoche ist, die auf den Seiten der vergangenen Geschichte niedergeschrieben wurde. Vielmehr ist die islamische Zivilisation eine Antwort auf die Forderungen der modernen Zeit und ein Licht der Hoffnung für die Zukunft. Dieses Ideal ist für alle Zeiten gekommen. So wie die Menschen auch heute durch den Kontakt mit dem islamischen Ideal unermesslichen Nutzen erlangen können, werden sie dies auch in Zukunft können. Und nur das islamische Ideal kann die heutige Welt aus der undurchdringlichen dunklen Höhle der Dschahiliya retten. Wie die in Industrie, Wissenschaft und Wirtschaft fortgeschrittenen Völker aus dem islamischen Ideal Nutzen ziehen können, so können dies auch die schwachen und armen Völker.
Die Wertvorstellungen, die wir oben erwähnt haben, nahmen nur in der Epoche der islamischen Zivilisation in der menschlichen Gesellschaft Gestalt an; in keiner anderen Zeit geschah dies. Als islamische Zivilisation bezeichnen wir jene Zivilisation, in der sich die menschlichen Wertvorstellungen vollständig entfalten. Eine Zivilisation jedoch, in der nur der industriellen, wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklung Bedeutung beigemessen wird und die menschlichen Wertvorstellungen abnehmen, kann nicht als islamische Zivilisation bezeichnet werden. Islamische Wertvorstellungen sind keine imaginäre Angelegenheit, sondern äußerst real. Nur wenn der Mensch sich ernsthaft darum bemüht, Wertvorstellungen im Licht der islamischen Lehre zu erwerben, wird er diesen Schatz erlangen. Ganz gleich, wie die Umwelt beschaffen ist und auf welcher Entwicklungsstufe sich eine sich in Industrie und Wissenschaft entwickelnde Gesellschaft befindet: Das Bemühen um den Erwerb der genannten Wertvorstellungen vermindert ihr Entwicklungstempo nicht im Geringsten. Denn menschliche Wertvorstellungen stehen der Entwicklung nicht entgegen. Tatsächlich ermutigt der Islam die Bemühungen um materiellen Fortschritt sowie um wissenschaftliches Denken und Forschen. Denn materieller Fortschritt ist eine Hilfe bei der Erfüllung der Verantwortung des Kalifats.
Ebenso billigen die genannten Werte in Ländern, die in Industrie und Wissenschaft rückständig sind, nicht, dass die Menschen untätig dasitzen; vielmehr ermutigen sie sie, alle Anstrengungen zu unternehmen, um Fortschritte auf dem Gebiet der Industrie und Wissenschaft zu erzielen. Die islamische Zivilisation kann sich unter Wahrung menschlicher Werte in jeder Art von wirtschaftlichem Umfeld verwirklichen.
Die Lebensweise und die kommerzielle Gestalt der islamischen Gesellschaft verändern sich je nach Zeitalter und Umfeld. Die Werte jedoch, die dem Fundament der islamischen Zivilisation zugrunde liegen, sind dauerhaft, standhaft und unveränderlich und beruhen auf einer historischen Realität. Wenn wir die Werte als „historische Realität“ bezeichnen, bedeutet das, dass es sich um einen Abschnitt der Geschichte handelt, in dem die islamischen Werte bekannt sind. Diese Werte sind keine Schöpfung der Geschichte; vielmehr ist die Geschichte von diesen Werten beeinflusst worden. Tatsächlich können die islamischen Werte aufgrund ihrer natürlichen Beschaffenheit nicht auf ein bestimmtes Zeitalter oder Umfeld begrenzt werden. Diese Wertmaßstäbe und Werte sind weder im menschlichen Geist und Verstand noch in der natürlichen Welt erschaffen worden. Vielmehr wurden sie aus der überirdischen Welt zum Wohl der Menschen in allen Zeitaltern und unter allen Bedingungen festgelegt.
Die islamische Zivilisation kann hinsichtlich ihrer materiellen und organisatorischen Struktur verschiedene äußere Formen annehmen. Ihre Grundsätze und Wertmaßstäbe jedoch sind ewig und unvergänglich. Dazu gehören die Anbetung Allahs, die Gestaltung zwischenmenschlicher Beziehungen auf der Grundlage des Tauhid, die Vorrangstellung des Menschlichen gegenüber den materiellen Gütern, die Bekämpfung des Animalischen durch die Entwicklung menschlicher Werte und die angemessene Würdigung der Familie. Gemäß Allahs alleiniger Weisung die Khilafah Allahs auf der Erde zu errichten und sämtliche Angelegenheiten der Khilafah nach Seiner Scharia zu führen.
Wie bereits erwähnt, nutzt die islamische Zivilisation Fähigkeiten und Arbeitskraft für die wissenschaftliche Organisation. Daher ist es trotz der Wahrung dauerhafter und unveränderlicher Wertmaßstäbe ganz natürlich, dass sich die äußeren Formen der islamischen Zivilisation bis zu einem gewissen Grad verändern, um mit der industriellen, wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Umgebung der Gesellschaft, in der sie errichtet ist, in Einklang zu stehen. Auch diese Veränderlichkeit ist in der inneren Natur des Islam selbst angelegt. Sie wurde keiner äußeren Ideologie entlehnt. Eine zeitgemäße Veränderung der äußeren Formen der Zivilisation bedeutet jedoch keine Veränderung der Glaubensüberzeugungen oder der Werte. Es gibt keinerlei Anlass, die äußeren Veränderungen mit einer Änderung der inneren Grundsätze zu vermischen.
Als der Islam in Zentralafrika Einzug hielt, säte er in einer Gesellschaft nackter Menschen den Samen der Zivilisation. Überall dort, wo sich der islamische Einfluss ausbreitete, bedeckten die Menschen ihre nackten Körper mit Kleidung, und diejenigen, die daran gewöhnt waren, unbekleidet umherzugehen, legten Gewänder und Kleidung an und traten in den Bereich der Zivilisation ein. Unter dem Einfluss der islamischen Lehre gaben sie ihr früheres, von der menschlichen Gesellschaft abgesondertes Leben auf, und von der Inspiration des Islam angespornt, lernten die der Zivilisation fernstehenden Menschen körperliche Arbeit zu verrichten, um die verborgenen Schätze der Natur zu entdecken. Der Islam zog sie aus den engen Grenzen ihrer Stammeszugehörigkeit heraus und warf sie in das Menschenmeer der großen islamischen Gesellschaft. Anstatt in Berghöhlen zu sitzen und verschiedene imaginäre Götter und Göttinnen anzubeten, lehrte er sie, dem einen Allah zu dienen, dem Schöpfer und Erhalter des gesamten Universums. Wenn diese gewaltige Veränderung keine Zivilisation ist, was ist dann die Definition von Zivilisation? Es war die Zivilisation eines bestimmten Umfelds, und die in diesem Umfeld vorhandenen Mittel wurden damals genutzt. Wenn der Islam ebenso in ein anderes Umfeld eintritt, werden seine Tätigkeiten unter Wahrung der Übereinstimmung mit diesem Umfeld gestaltet, und die Zivilisation wird entsprechend den Verhältnissen dieser Gesellschaft Gestalt annehmen. Daher ist nach der vom Islam gelehrten Methode für die Entwicklung der islamischen Zivilisation keine bestimmte Stufe von Industrie, Wissenschaft oder Wirtschaft vorgeschrieben. Wo immer die islamische Zivilisation Einzug hält, wird sie die dort vorhandenen materiellen Mittel nutzen und ihnen eine verfeinerte Form geben. Wenn es in einer Gesellschaft an solchen materiellen Mitteln fehlt, wird sie ihr die Wege zu deren Erlangung zeigen und sie auf dem Weg des Fortschritts voranführen.
Doch muss man bedenken, dass der Islam stets auf seinen ewigen und unvergänglichen Grundsätzen errichtet werden wird und dass überall, wo und wann immer er errichtet wird, seine eigenen charakteristischen Merkmale sichtbar hervortreten werden. Zu seiner Errichtung und Bewahrung wird auch eine besondere Organisation entstehen, und mit ihren eigenen charakteristischen Merkmalen und ihrer eigenen Organisationsstruktur wird die islamische Zivilisation in einer völlig anderen Gestalt als die جاهلي-Gesellschaft in Erscheinung treten.
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„Nehmt die Farbe Allahs an. Und wer könnte eine bessere Farbe verleihen als Allah? – Al-Baqara: 138
Achtes Kapitel
Islam und Kultur
Im sechsten Kapitel habe ich erwähnt, dass der erste Teil der ersten Säule der islamischen Lebensordnung darin besteht, sich dem einen und einzigen Allah zu unterwerfen. Dies ist die Bedeutung des Glaubensbekenntnisses „Lā ilāha illā Allāh“. Der zweite Teil dieser Säule besteht darin, dass die Art und Weise, ein Allah unterworfenes Leben zu führen, von Hadhrat Muhammad (s.a.w.) übernommen werden muss. Der zweite Teil des Glaubensbekenntnisses, nämlich „Muhammadur Rasulullah“ (s.a.w.), bringt genau diese Bedeutung zum Ausdruck. Die praktische Verwirklichung der Unterwerfung unter Allah und Seiner Anbetung besteht darin, dass man im Bereich des Glaubens, im praktischen Leben sowie bei der Ausarbeitung von Gesetzen und beim Gehorsam gegenüber den Gesetzen ausschließlich Allah als denjenigen anerkennt, Der Anbetung verdient. Kein Muslim kann irgendeine andere Macht außer Allah als Träger der göttlichen Würde oder als der Anbetung würdig betrachten. Ein Muslim kann nicht einmal daran denken, irgendein anderes Geschöpf außer Allah zu verehren oder anzubeten oder es als souveräne Macht anzuerkennen.
Im vorherigen Kapitel haben wir die Begriffe Anbetung, Glaube und Souveränität erläutert. In diesem Kapitel werden wir die Bedeutung der Souveränität und ihre Beziehung zur Kultur erörtern.
Die Grenzen der göttlichen Scharia
Nach islamischer Auffassung ist Allahs Souveränität nicht darauf beschränkt, Ihn lediglich als Quelle der Gesetzgebung anzuerkennen oder Rechtsprechung ausschließlich nach Seinem Gesetz zu betreiben. Auch die Bedeutung der islamischen Scharia erschöpft sich nicht in einer bloßen Rechts- oder Ordnungslehre. Sie umfasst alle Regeln und Bräuche, die für das Leben notwendig sind. Eine solche enge Auffassung wird dem wahren Wesen der islamischen Scharia nicht gerecht. Alle Anweisungen, die Allah, der Erhabene, den Menschen gegeben hat, bilden die Grundlage der Scharia des Islam. Glaube und Glaubensüberzeugungen, die Grundsätze der Staatsführung, das Gerichtsverfahren, moralische Maßstäbe, die Formen zwischenmenschlicher Beziehungen sowie die Grundprinzipien der Pflege von Wissen und Wissenschaft und alle ähnlichen Bereiche gehören zur Scharia.
Alle das menschliche Leben betreffenden Angelegenheiten – etwa die Vorstellungen des Menschen über den Schöpfer und die Schöpfung, sei es über die sichtbare oder die unsichtbare Welt, sowie sein eigenes Wesen und seine Stellung in der Schöpfungswelt – gehören zur islamischen Scharia. Ebenso fallen politische, soziale und wirtschaftliche Angelegenheiten und ihre Grundprinzipien in den Geltungsbereich der islamischen Scharia. Das Ziel der göttlichen Scharia besteht darin, sich in all diesen Angelegenheiten Allah, dem Erhabenen, vollständig zu unterwerfen. Ebenso gehört die Regelung der gesetzlich geordneten Angelegenheiten der Gesellschaft zu den Aufgaben im Geltungsbereich der Scharia. Deshalb verstehen wir unter Scharia gewöhnlich nur Gesetze oder eine Ordnungslehre. In Wirklichkeit ist der Geltungsbereich der Scharia jedoch umfassender. Moralisches Verhalten sowie die Maßstäbe zur Beurteilung der Werte und Wertvorstellungen der Gesellschaft sind ebenfalls Bestandteile der Scharia. Alle Bereiche der Wissenspflege sowie die Grundprinzipien von Wissenschaft und Kunst gehören gleichfalls zur Scharia. Denn in all den genannten Bereichen sind wir ebenso wie bei den gesetzlich geregelten Angelegenheiten auf die Rechtleitung Allahs, des Erhabenen, angewiesen.
Die Anerkennung der Souveränität Allahs in Angelegenheiten von Recht und Regierung haben wir bereits erörtert. Ebenso wurde in klaren Worten die Notwendigkeit erläutert, Allahs Souveränität in Fragen der Moral, des geschäftlichen Umgangs, der Wertmaßstäbe sowie der Maßstäbe für Annahme und Ablehnung wirksam werden zu lassen. Es ist zu beachten, dass Werte, die Maßstäbe für Annahme und Ablehnung, Moral und Verhaltensweisen lediglich Folgen der in einer Gesellschaft verankerten Glaubensüberzeugungen sind; und aus derselben göttlichen Quelle, aus der die Glaubensüberzeugungen hervorgehen, werden auch die genannten Angelegenheiten übernommen.
Doch wenn sie die Erörterung darüber hören, wie islamische Glaubensüberzeugungen und göttliches Wissen auf Literatur und bildende Künste angewandt werden, staunen nicht nur die einfachen Menschen, sondern auch viele aus den Reihen der Leser und Autoren islamischer Literatur.
In einem meiner früher veröffentlichten Bücher über die Kunstwissenschaft wurde dargelegt, dass jede Form der Kunst lediglich ein Spiegelbild der Glaubensüberzeugungen und Vorstellungen des Menschen ist. Die Vorstellungen und Überzeugungen, die der Mensch in seinem Geist über das menschliche Leben und die Welt trägt, nehmen durch den Pinsel des Künstlers Gestalt an und treten in Erscheinung. Die islamische Weltanschauung bringt die bildenden Künste hervor. Denn die islamische Glaubensüberzeugung über die geschaffene Welt bestimmt die Beziehung des Menschen zur Schöpfung und zum Schöpfer. Insbesondere gehören der Rang und die Würde des Menschen in der geschaffenen Welt, Zweck und Aufgabe des menschlichen Lebens, die Verantwortung des Menschen sowie die richtige Bestimmung des Wertes seines Lebens zur islamischen Glaubensüberzeugung. Denn die islamische Glaubensüberzeugung ist nicht auf das Reich der Einbildung und des Denkens beschränkt; vielmehr ist sie eine lebendige, aktive, einflussreiche und stets wirksame Weltanschauung, und eben diese Glaubensüberzeugung beeinflusst die Gefühle und die Handlungsneigung des Menschen.
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass eine ausführliche Erörterung darüber erforderlich ist, wie das Wort Allahs auf dem Gebiet der bildenden Künste und der Literatur anzuwenden ist. Wie bereits erwähnt, staunen über meine diesbezügliche Auffassung nicht nur gebildete Menschen, sondern auch viele Muslime, die an die Souveränität Allahs glauben.
Ob es um den Glauben, um Vorstellungen über das Leben, um Formen und Methoden der Anbetung, um Moral und zwischenmenschlichen Umgang, um Wertvorstellungen, um die Maßstäbe für Annahme und Ablehnung, um die Grundzüge von Wirtschaft und Politik oder um die Deutung der Geschichte geht: In keiner dieser Fragen darf ein Muslim die Rechtleitung aus einer anderen Quelle als dem von Allah herabgesandten Wort beziehen. Daher muss sich der Muslim zur Erlangung von Wissen in all diesen Fragen stets an einen kenntnisreichen Muslim wenden. Die Worte und Taten eines solchen Gelehrten müssen jederzeit miteinander übereinstimmen. Nur dann kann er islamisches Wissen und islamische Wissenschaften richtig lehren.
Allerdings ist es dem Muslim erlaubt, besondere Fachkenntnisse von Nichtmuslimen zu erlernen. Als Beispiele seien Chemie, Physik, Astronomie, Medizin, Kunst, Landwirtschaft, Staatsverwaltung (nur hinsichtlich der Verwaltungsmethoden), technische Wissenschaften, militärische Ausbildung sowie nationale Künste und Wissenschaften genannt. Es ist jedoch wahr, dass nach der Errichtung einer islamischen Gesellschaft in all diesen Bereichen eine ausreichende Zahl von Fachleuten ausgebildet werden muss. Denn der Erwerb von Wissen auf diesen Gebieten ist für die Muslime eine Fard kifāya, also eine gemeinschaftliche Pflicht: Entsprechend den Bedürfnissen der Gesellschaft muss eine ausreichende Zahl von Menschen auf den genannten Gebieten besondere Fachkenntnisse erwerben. Andernfalls wird die gesamte islamische Gesellschaft als sündig angesehen. Solange jedoch in den verschiedenen Bereichen des Wissens und der Wissenschaft noch keine ausreichende Zahl fähiger Menschen ausgebildet worden ist, darf der Muslim sich zur Erlangung besonderer Fachkenntnisse an Experten wenden, unabhängig davon, ob es sich um Muslime oder Nichtmuslime handelt, oder ihnen die Verantwortung für verschiedene Aufgaben übertragen.
Über Angelegenheiten dieser Art sagte der Prophet Allahs (Allahs Segen und Friede seien auf ihm):
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Das heißt: Ihr seid in weltlichen Angelegenheiten erfahrener. Diese Fragen stehen nicht in Zusammenhang mit dem Leben, der geschaffenen Welt, dem Menschen und dem Zweck seiner Erschaffung, den Verantwortungen und Pflichten des Menschen oder der Beziehung des Menschen zur geschaffenen Welt und zum Schöpfer. Diese Wissenschaften stehen auch nicht in Zusammenhang mit den Grundsätzen der Gesetzgebung, welche die Beschaffenheit der Gesellschaft bestimmen und regeln, mit der Moral, der Lebensführung, den Bräuchen und Verfahren, den Sitten, den Gewohnheiten und Verhaltensweisen, den Wertvorstellungen sowie den Maßstäben für Annahme und Ablehnung. Daher besteht keine Gefahr, dass der Glaube des Muslims dadurch, dass er von Nichtmuslimen Wissen in den genannten Bereichen erwirbt, verfälscht wird oder er zur Dschahiliya zurückkehrt.
Um die der menschlichen Tätigkeit innewohnende geistige Grundströmung und ihre Bedeutung zu erklären – unabhängig davon, ob diese Tätigkeit individueller oder kollektiver Natur ist –, muss man das individuelle Wesen des Menschen und die Geschichte der Menschheit untersuchen. Ebenso gehören die Fragen nach dem Beginn der Schöpfung und dem Ursprung des menschlichen Lebens zur Metaphysik (Metaphysices), das heißt, sie stehen nicht mit der Chemie, Physik, Astronomie und Medizin in Verbindung; daher bestimmen sie, ebenso wie die Lehren von Gesetzen und Ordnungen, das Verhalten im menschlichen Leben. Diese Fragen beeinflussen den Glauben des Menschen mittelbar.
Daher darf ein Muslim, um in den genannten Fragen Wissen zu erwerben, nicht Schüler eines Nichtmuslims werden. Wissen in allen Fragen, die Einfluss auf die Lebensweise des Menschen haben, darf ausschließlich bei einem frommen und gottesfürchtigen Muslim erworben werden; hinsichtlich des betreffenden Lehrers muss man davon überzeugt sein, dass er sich allein auf das von Allah verliehene Wissen stützt. Kurz gesagt muss im Denken eines Muslims die feste Überzeugung verankert sein, dass diese Fragen mit der Aqida verbunden sind. Daher ist es ein unerlässlicher Bestandteil der Anbetung und eine zwingende Forderung des Schahada-Bekenntnisses, hinsichtlich dieser Fragen im Licht der göttlichen Offenbarung eine Auffassung und den einzuschlagenden Weg festzulegen.
Es besteht jedoch kein Hindernis darin, die Auffassungen der Verfasser, die die Dschāhilīya unterstützen, zu studieren und kritisch zu untersuchen, um zu erfahren, wie viele irreführende Informationen in ihren Schriften und Büchern verbreitet worden sind und auf welche Weise man die Menschen vor diesen irrigen Lehren bewahren kann. Vielmehr ist dies notwendig, damit die Menschen mit der islamischen Aqida auf richtige Weise vertraut gemacht werden.
Die Philosophie, die Erklärung und Analyse der Menschheitsgeschichte, die Psychologie (mit Ausnahme der aus Erfahrung und Experimenten gewonnenen Ergebnisse – denn diese sind nicht die Auffassung irgendeines Menschen, sondern die tatsächlichen Ergebnisse von Erfahrung und Experiment), die Ethik, die Theologie und der Vergleich verschiedener Religionen, die Sozialwissenschaften (mit Ausnahme der statistischen und aus Erfahrung gewonnenen Ergebnisse) und ähnliche Bereiche sind in verschiedenen Zeiten der Vergangenheit und Gegenwart unmittelbar von zahlreichen irrigen Lehren beeinflusst worden und werden es weiterhin. Vielmehr wurde das gesamte Gefüge der genannten Bereiche auf den Grundlagen dschahilischer Aqida und dschahilischer Lehren errichtet. Deshalb stehen die meisten der oben genannten Wissenschaften im Konflikt mit dem Din und sind im Allgemeinen allen Religionen, insbesondere aber dem Islam, feindselig gesinnt.
Unter den Gegenständen menschlichen Denkens und Forschens sind die oben genannten Bereiche nicht mit der Chemie, Physik, Biologie und Medizin gleichzusetzen. Solange diese Bereiche auf die durch Erfahrung und Experimente gewonnenen Ergebnisse beschränkt bleiben und nicht versuchen, auf bloßen Vermutungen und Annahmen beruhende Lehren zu entwickeln, gibt es keinen Grund, weshalb sie den Glauben verderben sollten. Wenn sie jedoch die Grenzen des Experimentierens überschreiten und Zuflucht bei der Fantasie suchen, sind sie gewiss irreführend. Als Beispiel kann Darwins Biologie genannt werden. Bei seinen Experimenten und Erfahrungen auf dem Gebiet der Biologie leugnete er ohne logischen Beweis und ohne jede Notwendigkeit die Notwendigkeit, an die Existenz einer außerhalb der materiellen Welt liegenden Kraft zu glauben, als er den Ursprung des Lebens in der Schöpfung und seine fortschreitende Entwicklung erörterte.
Das Wissen, das Allah den Muslimen in diesen notwendigen Fragen gegeben hat, ist ausreichend und vollkommen. Das Wissen über den festen Glauben an Allah und die vollkommene Hingabe an Ihn ist Wissen von höchstem Rang. Alle erdachten Lehren und alle menschlichen Argumentationen und Streitgespräche sind im Vergleich zu dem von Allah gegebenen Wissen nichts weiter als lächerliche Versuche.
Manche vertreten die Ansicht, Kultur sei das gemeinsame Erbe der Menschheit. Kultur sei nicht auf die Grenzen eines bestimmten Landes, Volkes oder einer bestimmten Religion beschränkt. Was die Wissenschaft, die praktische Beherrschung der Technik sowie deren Erklärung und Analyse betrifft, ist diese Aussage in hohem Maße richtig. Die Bedingung ist jedoch, dass man sich davon fernhält, über die Ergebnisse von Experimenten und Forschungen hinaus metaphysische philosophische Erklärungen zu entwickeln, den Zweck des menschlichen Lebens und seine historische Rolle zu untersuchen oder auf Vermutungen und Annahmen beruhende Lehren über Literatur und Kunst zu entwerfen. Doch diejenigen, die „Kultur“ als gemeinsames Erbe der Menschheit bezeichnen, verletzen diese Bedingung und greifen zu Täuschung und List. Als feiner Schachzug der weltweiten jüdischen Verschwörung versuchen die Vertreter dieser Auffassung, im Namen der Kultur alle moralischen Bindungen, insbesondere religiöse Glaubensüberzeugungen, zu schwächen. Indem sie in die Weltpolitik eindringen, versuchen sie, die Menschen von moralischen und religiösen Vorschriften zu befreien, um die bösen Ziele der Juden in der ganzen Welt durchzusetzen. Die erste Stufe der jüdischen Verschwörung ist das Zinsgeschäft. Durch dieses Geschäft saugen sie das Blut der Menschheit aus und mehren die finanziellen Mittel der von Juden gelenkten zinsbasierten Institutionen.
Wenn wir von den reinen wissenschaftlichen Tatsachen und ihrer praktischen Anwendung absehen, finden wir nach islamischer Auffassung zwei Arten von Kultur. Die eine ist die islamische Kultur, die auf der islamischen Aqida aufgebaut ist. Die andere ist die dschahilische Kultur. Die dschahilische Kultur tritt in verschiedenen Lebensweisen zutage. Doch alle von der Dschāhilīya hervorgebrachten Lebensweisen übernehmen ihre Lehren, ohne sie anhand des von Allah gegebenen Maßstabs zu prüfen. Die islamische Kultur beeinflusst alle Arten des Denkens und Handelns des Menschen und vermittelt die geeigneten Grundsätze und Verfahrensweisen, um die kulturelle Tätigkeit dynamisch und charakteristisch zu gestalten.
Die experimentelle Wissenschaft Europas
Es muss daran erinnert werden, dass die Lebenskraft der modernen europäischen Industrie und Kultur in der Methode der wissenschaftlichen Untersuchung und des Experimentierens liegt. Diese Methode des Experimentierens ist jedoch keine europäische Erfindung. Sie entstand an den islamischen Universitäten Spaniens und des Orients. Im Islam wird in klaren Worten auf die geschaffene Welt, die Naturgesetze sowie auf die zahllosen in der Schöpfung verborgenen Kräfte und Reichtümer hingewiesen, und gerade dieser Hinweis hat die Muslime dazu ermutigt, die geschaffene Welt zu erforschen und Untersuchungen und Experimente durchzuführen. Später begann Europa, dem von den Muslimen gewiesenen Weg folgend, eine besondere Bewegung zur wissenschaftlichen Forschung und zum Experimentieren, und gelangte allmählich zum Gipfel des Fortschritts. Unterdessen begann sich die muslimische Welt vom Islam zu entfernen, und infolgedessen kam die Pflege von Wissen und Wissenschaft in ihrer Gesellschaft zunächst zum Stillstand und wurde später vollständig eingestellt. Eine der vielen Ursachen dieser Untätigkeit war die innere Schwäche der damaligen islamischen Gesellschaft; eine andere waren die wiederholten bewaffneten Angriffe der Christen und Juden auf die muslimische Welt. Europa erlernte die Methode der wissenschaftlichen Forschung aus der islamischen Welt und trennte diese Methode vom Islam. Später erhoben sie sich gegen die Kirche, weil die Kirche unter dem Namen der Herrschaft Allahs die einfachen Menschen unterdrückte. Mit ihrem Widerstand gegen die Kirche gaben sie auch die islamische Methode der wissenschaftlichen Forschung auf. Infolgedessen gab Europa auch die islamische Methode des Denkens und Forschens auf. So entwickelte sich die Richtung des Denkens und Forschens in Europa auf dem Weg der Dschahiliya weiter; ihrer Natur nach war sie nicht nur völlig von den islamischen Vorstellungen getrennt, sondern floss darüber hinaus in eine islamfeindliche Richtung. Daher ist es die Pflicht eines Muslims, die islamischen Vorstellungen und die ʿAqida zu seiner Grundlage für all sein Denken, Forschen und Handeln zu machen. Wenn seine Kenntnisse und Fähigkeiten hinreichend gefestigt sind, soll er selbstständig beginnen, aus islamischer Sicht zu denken und zu reflektieren, oder bei einem gottesfürchtigen und zuverlässigen Gelehrten lernen.
Der Grundsatz „Erwirb Wissen, wo immer du kannst“ gilt aus islamischer Sicht nicht in allen Bereichen. Bei der Suche nach Wissen über den Glauben, die Lebensweise, Moral und Wertvorstellungen, Gewohnheiten und Bräuche sowie die Beziehungen zwischen den Menschen darf man nicht wahllos von Ort zu Ort eilen.
Der Islam erlaubt es durchaus, in Chemie, Physik, Astronomie, Medizin, technischen Fächern, Landwirtschaft, Verwaltungsführung und allen ähnlichen ingenieurwissenschaftlichen Bereichen bei einem Nichtmuslim oder einem Allah ungehorsamen Muslim zu lernen, wenn kein gottesfürchtiger und zuverlässiger muslimischer Lehrer zu finden ist. Die gegenwärtige Lage der Muslime ist beklagenswert. Viele von ihnen haben sich weit von ihrer Religion und ihrer Lebensordnung entfernt. Sie haben vergessen, dass der Islam sie zu Statthaltern Allahs auf Seiner Erde eingesetzt und sie dazu aufgefordert hat, zur Erfüllung der Verantwortung des Kalifats Kenntnisse und Fähigkeiten in allen Wissenschaften zu erwerben sowie ihre Leistungsfähigkeit und Kompetenz zu steigern. Daher kann unter den gegenwärtigen Umständen der Erwerb von Wissen ausschließlich in technischen und ingenieurwissenschaftlichen Bereichen bei nichtmuslimischen Gelehrten erlaubt werden. In den grundlegenden Fragen der ʿAqida, in den Grundlagen der Vorstellungen über das Leben, in der Koranexegese, im Hadith, in der Erklärung und Analyse der Sira des Propheten, in der Geschichtsphilosophie, in der philosophischen Betrachtung menschlichen Handelns, in gesellschaftlichen Bräuchen, in den Wegen und Methoden der Staatsbildung, in den Grundsätzen der Politik und ähnlichen Bereichen erlaubt der Islam jedoch nicht, Wissen bei einem Nichtmuslim oder bei einer Person zu erlernen, die zwar Muslim genannt wird, Allah aber ungehorsam ist.
Bevor ich Ihnen meine Ausführungen zu den oben genannten Themen vortrage, habe ich vierzig Jahre lang versucht, die Ergebnisse des menschlichen Denkens und Forschens auf verschiedenen Gebieten des Wissens und der Wissenschaft kennenzulernen. In den Themen, für die ich ein besonderes Interesse hatte, betrieb ich Forschung und Überlegungen auf Expertenniveau. Danach wandte ich mich der Quelle und dem Ursprung meines Glaubens zu und stellte erstaunt fest, dass alles, was ich zuvor gelernt hatte, äußerst unbedeutend war. Dennoch bedaure ich nicht, vierzig Jahre meines Lebens mit dem Studium dieser Kenntnisse und Wissenschaften verbracht zu haben. Denn während dieser Zeit erhielt ich die Gelegenheit, das Wesen der Dschahiliya, ihre Irrtümer, ihre Abweichungen vom rechten Weg und ihre Unwissenheit kennenzulernen; zugleich konnte ich die hinter ihrem Drohen, Donnern und lauten Rufen verborgene Inhaltsleere klar erkennen. Damals begriff ich deutlich, dass ein Muslim zur Erlangung von Wissen niemals neben der göttlichen Quelle auch die Quelle der Dschahiliya annehmen kann.
Dennoch handelt es sich nicht nur um meine persönliche Meinung. Denn die Angelegenheit ist äußerst wichtig, und bei einer derart wichtigen Frage kann keine Entscheidung getroffen werden, die sich auf die persönliche Meinung eines Einzelnen oder einiger weniger stützt. Besonders wenn Allah selbst Maßstäbe festgelegt hat, kommt es überhaupt nicht infrage, der Meinung einiger Muslime den Vorrang zu geben. Unsere Entscheidung muss in dieser Angelegenheit entsprechend den Anweisungen getroffen werden, die Allah und Sein geliebter Prophet (s) uns gegeben haben. Es ist die Pflicht jedes Muslims, sich in allen strittigen Fragen an die Anweisungen Allahs und des Gesandten zu wenden. In Erinnerung an diese Pflicht wollen wir untersuchen, was Allah und der Gesandte hierzu sagen. Über die bösen Absichten der Juden und Christen gegenüber den Muslimen sagt Allah:
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„Die meisten Leute der Schrift wollen euch nach eurem Glauben wieder zum Unglauben zurückführen, aus Neid, nachdem ihnen die Wahrheit klar geworden ist. Vergebt ihnen und seht von ihnen ab, bis Allah über sie Seine Entscheidung trifft. Gewiss, Allah ist zu allen Dingen mächtig.“
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„Solange ihr euch nicht den Juden und den Christen anschließt, werden sie niemals mit euch zufrieden sein. Sag: Allahs Rechtleitung ist die einzig wahre Rechtleitung. Wenn ihr, nachdem euch Wissen zuteilgeworden ist, dennoch ihren Worten folgt, wird euch niemand vor Allahs Strafe schützen können.“
— Al-Baqara: 120
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„O ihr, die ihr glaubt! Wenn ihr einer Gruppe unter den Leuten der Schrift folgt, werden sie euch zur Lebensordnung des Unglaubens zurückführen.“ — Al-i-ʿImrān: 110
Das von Hafiz Abu Ali überlieferte und von Hadhrat Dschābir, Hammād und Schaʿbī übermittelte Wort des Gesandten Allahs lautet wie folgt —
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„Fragt die Leute der Schrift in keiner Angelegenheit. Sie werden euch niemals den richtigen Weg zeigen, denn sie selbst sind vom Weg abgeirrt. Unter ihrem Einfluss werdet ihr entweder eine Lüge als Wahrheit oder die Wahrheit als Lüge annehmen. Bei Allah! Selbst wenn Musa heute noch lebte, wäre es auch für ihn nicht zulässig, einen anderen Weg zu wählen, als mir zu folgen.“
Wenn wir trotz der Warnung, mit der Allah, der Erhabene, die Muslime selbst vor den bösen Verschwörungen der Juden und Nazarener gewarnt hat, glauben, dass sie uns in islamischen Glaubensüberzeugungen und in der islamischen Wirtschaftsordnung richtig unterrichten werden, dann wäre das äußerste Torheit. Denn dann würde es den Anschein haben, als betrachteten wir die Juden und Christen als unsere wohlmeinenden, um unser Wohlergehen besorgten oder nach der Wahrheit suchenden Freunde. Allah, der Erhabene, hat jedoch ihr wahres Wesen offengelegt. Wenn wir trotz dieser offenkundigen Erklärung vonseiten Allahs, des Erhabenen, eine solche Auffassung von ihnen hegen, wäre dies lediglich ein Beweis für einen äußersten Mangel an Verstand und Weitsicht.
Allah, der Erhabene, selbst hat gesagt— ——————————— (Sprich: O Prophet! Allahs Rechtleitung ist die wahre Rechtleitung.) Durch diese Erklärung hat Er kundgetan, dass der Muslim in allen seinen Angelegenheiten Entscheidungen ausschließlich auf der von Allah, dem Erhabenen, gegebenen Erkenntnis beruhen lässt. Andernfalls gibt es anderswo keine richtige Erkenntnis, sondern nur Abweichung vom rechten Weg. Daher besteht keinerlei Hoffnung, durch andere Quellen den rechten Weg zu finden. In dem oben genannten Vers wird alles außerhalb der Rechtleitung Allahs als irrig und schlecht erwiesen. Die Aussage dieses Verses ist äußerst klar, und eine andere Bedeutung lässt sich daraus nicht ableiten.
Im Koran wird in unmissverständlichen Worten angeordnet, dass Muslime keinerlei Beziehung zu jenen unterhalten dürfen, die sich von der Erinnerung an Allah abwenden und deren Ziel ausschließlich weltliche Interessen sind. Indem der Koran das wahre Wesen solcher Menschen enthüllt, sagt er, dass sie sich lediglich auf Vermutungen stützen. Er erklärt außerdem, dass sie über keinerlei Wissen verfügen—
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„Schenke demjenigen keine Beachtung, der sich von Meiner Erinnerung abgewandt hat und außer dem diesseitigen Leben kein anderes Ziel hat. Die Grenze des Wissens solcher Menschen reicht nur so weit. Allah, der Erhabene, weiß sehr wohl, wer vom Weg abgeirrt und wer rechtgeleitet ist.“
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„Sie kennen nur die äußerlich sichtbaren Dinge des diesseitigen Lebens, über das Jenseits aber sind sie unwissend.“ — ar-Rum: 7
Diese oberflächlichen Menschen, die nur auf die sichtbaren Dinge blicken und der wahren Erkenntnis beraubt sind, sind der Gedenkung Allahs gegenüber achtlos und in der Gier nach den vergänglichen Interessen des diesseitigen Lebens versunken. So ist die Lage aller Wissenschaftler und Fachleute der heutigen Zeit. Kein Muslim kann sich gewissenhaft auf das Wissen verlassen, das sie erworben haben, und ohne Bedenken darf man von ihnen außer technischem Wissen keine andere Art von Bildung annehmen. Für keinen Muslim ist es zulässig, ihnen in Fragen der das menschliche Leben betreffenden Glaubensüberzeugungen und der Geheimnisse der Schöpfung zu vertrauen. Das ist nicht die Erkenntnis, die der Koran wiederholt lobt. Im Heiligen Koran sagt Allah, der Erhabene—
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„Können ein Wissender und ein Unwissender gleich sein? — As-Sumar: 9“
Diejenigen, die diesen Vers auslegen, indem sie den Zusammenhang mit dem Vorhergehenden und Folgenden außer Acht lassen, sind irregeleitet! Im folgenden Vers findet sich eine klare Abgrenzung des Wissens —
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„(Ist etwa der Lebenswandel der zuvor erwähnten Ungehorsamen besser oder) derjenige, der gehorsam ist, während der Nacht aufrecht steht, sich niederwirft, sich vor der Furcht vor dem Jenseits fürchtet und auf Allahs Barmherzigkeit hofft? Frage sie: Sind diejenigen, die wissen, und diejenigen, die überhaupt nichts wissen, jemals gleich? Nur die Verständigen nehmen Ermahnung an.“ — As-Sumar: 9
Diejenigen, die in der Dunkelheit der Nacht vor Allah, dem Erhabenen, mit gesenktem Haupt aufrecht stehen oder sich niederwerfen, ihren Herrn flehentlich anrufen und deren Herzen vor der Furcht vor dem Jenseits erbeben, sind jene glückseligen Menschen, die reich an Wissen sind. In den Versen des Korans wird gerade dieses Wissen als wahrhaftiges Wissen bezeichnet. Das heißt: Das Wissen, das den Menschen zu Allah führt, das in seinem Herzen Gottesfurcht und Aufrichtigkeit hervorbringt, ist das wahre Wissen. Eine Wissenschaft hingegen, die die Natur des Menschen entstellt und ihn auf den krummen Weg des Atheismus und der Irreleitung zieht, kann niemals als Wissen bezeichnet werden.
Der Bereich des Wissens ist nicht ausschließlich auf das Wissen über Glaubensüberzeugungen, religiöse Pflichten und die Scharia beschränkt. Vielmehr ist der Bereich des Wissens weitaus umfassender. Mit den Glaubensüberzeugungen, den religiösen Pflichten und der Scharia besteht genau in dem Maße ein Zusammenhang mit dem Wissen, wie mit den Naturgesetzen und mit allen Angelegenheiten, die die Begründung und Ausübung der Statthalterschaft des Menschen auf der Erde betreffen.
Wissen, an dessen Ursprung kein Glaube steht, gehört gemäß der Definition des Korans nicht zur vom Koran gepriesenen Art des Wissens. Diejenigen, die über Wissen verfügen, aber des Glaubensgutes beraubt sind, zählen aus der Sicht des Korans keineswegs zur Klasse der Wissenden.
Die Wissenschaften, die sich mit der Schöpfung und den Naturgesetzen befassen (wie Astronomie, Biologie, Physik, Chemie und Geologie), wecken einen festen Glauben an die Existenz. Bei Menschen jedoch, deren Denken verdorben ist, entfernen diese Wissenschaften sie von der Vorstellung der Existenz Allahs. Eine solche bedauerliche Haltung entstand zuerst in Europa. In der Geschichte dieses Landes kam es einst zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen Wissenschaftlern und tyrannischen Geistlichen, und infolge dieses Konflikts nahm die gesamte Bewegung wissenschaftlicher Forschung in Europa mit einer Allah-feindlichen Haltung ihren Anfang. Diese Bewegung übte einen weitreichenden Einfluss auf alle Bereiche und Seiten des europäischen Lebens aus. Infolgedessen veränderte sich die Richtung des europäischen Denkens. Daher blieb die Feindschaft und der Konflikt nicht auf die Wissenschaft und die europäische Kirche beschränkt; vielmehr entwickelte die westliche Wissenschaft insgesamt eine ablehnende Haltung gegenüber allen Religionen, und alle Mittel, die Europa im Bereich von Wissen und Wissenschaft für Denken und Forschung gesammelt hatte, wurden auf den Weg der Gottlosigkeit gelenkt. In der Metaphysik, der Philosophie, den technischen Wissenschaften und allen anderen Bereichen war die Lage dieselbe.
Das westliche Denken und die westliche Wissenschaft entwickelten sich auf diese Weise unter dem giftigen Einfluss des Hasses gegenüber der Religion, insbesondere einer noch feindseligeren Haltung gegenüber dem Islam. Nach dieser Darlegung ist es nicht schwer, die Gründe für den tiefen Hass und den Widerstand der westlichen Welt gegenüber dem Islam zu erkennen. Von ihrer Seite aus wurde planmäßig eine abscheuliche Propaganda gegen den Islam betrieben. Das Ziel dieser Propaganda besteht darin, zunächst die islamische Aqida und den islamischen Glauben zu schwächen und in der nächsten Phase die gesamte Struktur der islamischen Gesellschaft zu zerstören.
Wenn wir trotz der Kenntnis dieser Dinge beim Studium und bei der Vermittlung islamischen Wissens und islamischer Wissenschaften vom westlichen Denken abhängig sind, wäre das ein unverzeihliches Vergehen unsererseits. Für das bloße Erlernen technischer Wissenschaften bleibt uns in der heutigen Zeit allerdings kein anderer Weg, als westliches Wissen in Anspruch zu nehmen. Dennoch müssen wir beim Erlernen dieser Wissenschaften sorgfältig alle spekulativen und philosophischen Inhalte meiden. Denn die Philosophie und die Spekulationen der westlichen Wissenschaft sind aus einer dem Islam feindseligen Haltung heraus entstanden. Daher besteht die Gefahr, dass die heilige Quelle der islamischen Lebensordnung unter ihrem Einfluss getrübt wird.
Neuntes Kapitel
Die Nationalität der Muslime
Seit dem Tag, an dem der Islam neue Vorstellungen über Moral und Werte sowie neue Wege zu ihrer Erlangung aufgezeigt hat, lehrt er auch eine neue Methode zur Gestaltung der zwischenmenschlichen Beziehungen. Der Islam ist in die Welt gekommen, um die Beziehung des Menschen zu seinem Herrn herzustellen und ihn zu lehren, dass die Maßstäbe für Annahme und Ablehnung sowie die Grundsätze zur Bewertung aller Dinge ausschließlich von Allah, dem Erhabenen, übernommen werden müssen. Ebenso hat der Islam erklärt, dass Allah, der Erhabene, die Grundsätze der zwischenmenschlichen Beziehungen festgelegt hat. Wir sind durch Seinen Willen geboren worden, und zu Ihm müssen wir zurückkehren. Der Islam hat mit Nachdruck verkündet, dass nach Allahs, des Erhabenen, Maßstab nur ein einziges Band die Menschen miteinander verbindet; wird dieses Band fest, verschwinden die Bande des Blutes und alle anderen Verbindungen.
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„Du wirst niemals Menschen, die an Allah und den Jüngsten Tag glauben, dabei finden, dass sie eine liebevolle Beziehung zu den Feinden Allahs unterhalten, mögen diese auch ihre Väter, ihre Söhne, ihre Brüder oder ihre nächsten Verwandten sein.“ — Al-Mudschādila: 22
Auf der Welt gibt es nur eine einzige Partei Allahs. Alle Parteien außer dieser einen sind Parteien des Satans und des Taghut.
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„Diejenigen, die gläubig sind, kämpfen auf Allahs Weg. Diejenigen aber, die ungläubig sind, kämpfen auf dem Weg des Taghut. So kämpft gegen die Freunde des Satans. Wahrlich, die List des Satans ist schwach.“ — an-Nisāʾ: 76
Es gibt nur einen einzigen Weg, zu Allahs Gegenwart zu gelangen. Alle anderen Wege außer diesem führen von Allah weg.
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„Dies ist Mein gerader Weg; so folgt ihm. Folgt nicht den anderen Wegen, sonst werdet ihr vom Weg abirren.“ — al-Anʿām: 153
Für den Menschen gibt es nur eine einzige Lebensordnung. Und diese ist der Islam. Alle Lebensordnungen außer dem Islam sind Dschāhilīya.
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„Wollen sie etwa das Urteil der Dschāhilīya annehmen? Für diejenigen, die fest an Allah glauben, gibt es in Wahrheit kein besseres Urteil als Allahs Urteil.“ — Al-Māʾida: 50
Nur eine einzige Scharia ist es wert, befolgt zu werden, und das ist die islamische Scharia. Alle Schariaordnungen außer der einen von Allah gegebenen Scharia sind aus den Begierden des Nafs hervorgegangen.
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„(O Prophet!) Danach haben Wir dich auf eine klare Scharia eingesetzt. Folge daher dieser von Mir erlassenen Scharia und folge nicht den Neigungen der Unwissenden.“ — al-Dschāthiya: 18
In der Welt gibt es nur einen einzigen wahren Weg, und dieser ist unteilbar. Jeder Weg außer diesem wahren Weg ist ein Weg der Irreleitung oder des Irrtums.
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„Was könnte es außer der Irreleitung jenseits der Wahrheit noch sein? Wohin irrt ihr umher, nachdem ihr den Weg verloren habt?“ —
Auf der Welt ist nur ein einziges Gebiet berechtigt, als Dar al-Islam bezeichnet zu werden, und zwar ein islamischer Staat, in dem Allahs Souveränität anerkannt, Allahs Scharia umgesetzt und alle gemeinschaftlichen Angelegenheiten auf der Grundlage gegenseitiger Beratung der Muslime geregelt werden. Alle Gebiete außer diesem Staat sind Dar al-Harb (Kufr-Staaten). Muslime können zu Dar al-Harb zwei Arten von Beziehungen unterhalten: Krieg oder ein für eine bestimmte Zeit unter festgelegten Bedingungen geschlossenes Friedensabkommen. Ein solcher vertraglich gebundener Staat wird niemals der Kategorie Dar al-Islam angehören.
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„Diejenigen, die den Iman angenommen haben, ausgewandert sind und auf Allahs Weg mit ihrem Besitz und ihrem Leben gekämpft haben, sowie diejenigen, die den Ausgewanderten Zuflucht gewährt und ihnen geholfen haben, sind allesamt gegenseitige Beschützer. Mit denjenigen, die zwar den Iman angenommen, aber nicht ausgewandert und nicht in das Dar al-Islam gekommen sind, habt ihr keinen Grund zur Freundschaft, solange sie nicht auswandern und hierherkommen. Wenn sie euch jedoch in religiösen Angelegenheiten um Hilfe bitten, ist es eure Pflicht, ihnen zu helfen. Gegen Völker, mit denen ihr einen Friedensvertrag geschlossen habt, darf jedoch keine Hilfe geleistet werden. Allah, der Erhabene, sieht alles, was ihr tut. Wenn ihr einander nicht unterstützt, werden sich auf der Erde Fitna und Verderben ausbreiten. Diejenigen aber, die den Iman angenommen, auf Allahs Weg ausgewandert und in den Dschihad gezogen sind, sowie diejenigen, die ihnen Zuflucht gewährt und ihnen geholfen haben, sind allesamt wahre Mu’min. Für sie gibt es Vergebung und eine vortreffliche Versorgung. Und diejenigen, die später den Iman angenommen, ausgewandert sind und gemeinsam mit euch am Dschihad teilgenommen haben, gehören zu eurer Gemeinschaft.“ — al-Anfal: 72–75
Der Islam ist mit einer vollständigen Rechtleitung und wegweisenden, entscheidenden Anweisungen dieser Art in die Welt gekommen. Er hat den Menschen aus den Fesseln von Staub und Fleisch und Blut befreit und zu einer hohen Stellung erhoben. Das Land, in dem die von Allah gegebene Scharia verwirklicht ist und in dem die Grundlage für den Maßstab der gegenseitigen Beziehungen der Bewohner anhand ihres Verhältnisses zu Allah beurteilt wird, ist die Heimat der Muslime. Außer dem Iman und dem Band des Imans haben die Muslime keine andere Nationalität. Durch die Kraft dieses Imans können sie Mitglieder des Dar al-Islam werden – nach keinem anderen Maßstab. Außer dem Band des Imans und der Aqida haben die Muslime keine andere Verwandtschaft oder Nähe. Die auf der Grundlage von Iman und Aqida geknüpfte brüderliche Beziehung bildet sich äußerst tief und fest heraus. Mutter, Vater, Bruder, Ehefrau und andere Verwandte können ohne eine Beziehung zu Allah nicht als Angehörige der Muslime gelten.
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„O ihr Menschen! Fürchtet euren Herrn, der euch aus einem einzigen Menschen erschaffen hat und aus ihm dessen Gattin erschuf und aus den beiden viele Männer und Frauen hervorgehen ließ. Fürchtet Allah, bei dessen Namen ihr einander eure Rechte abverlangt, und seid hinsichtlich der Rechte der Verwandten achtsam.“ — An-Nisa: 1
Es sei darauf hingewiesen, dass die Beziehung zu Allah den Menschen nicht daran hindert, Eltern mit anderer Überzeugung freundlich zu behandeln und die sozialen Beziehungen zu ihnen zu bewahren, solange sie nicht in den vordersten Reihen der feindlichen Seite der islamischen Bewegung Stellung beziehen. Wenn sie offen die Kräfte des Kufr unterstützen, wird das Band der Verwandtschaft und Herzlichkeit der Muslime zu diesen Eltern zerrissen. Ein Muslim ist nicht verpflichtet, Eltern, die dem Islam feindlich gesinnt sind, freundlich zu behandeln. Hazrat Abdallah, der Sohn des Anführers der Munafiq in Medina, Abdallah ibn Ubayy, hat uns ein außerordentlich leuchtendes Beispiel hinterlassen.
Ibn Jarir überliefert unter Berufung auf Ibn Ziyad, dass der Gesandte Allahs Hazrat Abdallah, den Sohn von Abdallah ibn Ubayy, zu sich rief und sagte: „Weißt du, was dein Vater gesagt hat?“
Hazrat Abdallah sagte: „Mögen mein Vater und meine Mutter für dich geopfert werden – was hat er gesagt?“
Der Gesandte (s.a.w.) sagte: „Er sagt, dass die Vornehmen nach ihrer Rückkehr nach Medina die Erniedrigten vertreiben werden.“
Hadhrat Abdullah (r.a.) sagte: „O Gesandter Allahs (s)! Bei Allah, er hat die Wahrheit gesagt. Allah ist Zeuge! Sie allein sind der Vornehme. Die Bewohner Medinas wissen, dass ich meinem Vater äußerst ergeben war, bevor Sie in diese Stadt kamen. Niemand war ergebener als ich. Wenn Allah und der Gesandte Allahs (s.a.w.) jedoch Wohlgefallen daran finden, dass ich meinem Vater heute eigenhändig den Kopf abschlage, bin ich augenblicklich dazu bereit.“ Der Gesandte (s.a.w.) sagte: „Nein, tu das nicht.“
Als die muslimische Armee in Medina einzog, stellte sich Hadhrat Abdullah (r.a.), der Sohn von Abdullah ibn Ubayy, mit gezogenem Schwert seinem Vater in den Weg und sagte: „Hast du nicht gesagt, dass nach der Rückkehr nach Medina die Vornehmen die Erniedrigten vertreiben würden? Bei Allah! Du wirst augenblicklich erfahren, ob du der Vornehme bist oder ob der Gesandte Allahs (s), der geehrteste aller Menschen, es ist. Ich schwöre bei Allah: Du darfst Medina nicht betreten, solange der Gesandte Allahs (s) es nicht erlaubt. Und auch meiner Hand wirst du nicht entkommen!“
Abdullah ibn Ubayy rief zweimal: „O Leute des Stammes der Khazraj! Seht, mein eigener Sohn lässt mich nicht in mein Haus zurückkehren.“ Trotz seines Geschreis wiederholte Hadhrat Abdullah (r.a.) immer wieder: „Ich werde dich auf keinen Fall Medina betreten lassen, solange der Gesandte Allahs (s.a.w.) es nicht erlaubt – bei Allah!“ Einige Leute versuchten, Hadhrat Abdullah zu besänftigen. Doch Hadhrat Abdullah (r.a.) wiederholte immer wieder dasselbe. Schließlich berichteten einige Leute dem Propheten (s) von der Angelegenheit. Nachdem er alles gehört hatte, sagte er zu den Boten: „Geht und sagt Abdullah, dass er seinen Vater nicht daran hindern soll, nach Hause zurückzukehren.“ Nachdem diese Nachricht Abdullah erreicht hatte, sagte er: „Ja, wenn der Prophet Allahs es erlaubt hat, dann darf er Medina betreten.“
Nachdem das Band des Glaubens geknüpft worden war, wurden die Menschen trotz fehlender Blutsverwandtschaft durch ein enges Band der Brüderlichkeit miteinander verbunden. Diese Beziehung wurde so innig, dass alle Muslime sich als verschiedene Glieder ein und desselben Körpers betrachteten. Allah, der Erhabene, sagt:
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„Alle Gläubigen sind einander Brüder.“ — Hujurat: 10
Diese Aussage hat, obwohl sie kurz ist, einen dauerhaften Maßstab zur Bestimmung von Beziehungen gegeben. Er sagt ferner—
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„Diejenigen, die den Glauben angenommen haben, ihre Häuser auf Allahs Weg verlassen und mit ihrem Leben und ihrem Besitz den Dschihad geführt haben, sowie diejenigen, die ihnen Zuflucht gewährt und ihnen geholfen haben, sind einander Schutzbeistand.“ — al-Anfal: 72
Die in dem obigen Vers erwähnte gegenseitige Schutzbeistandschaft ist nicht nur auf die Männer und Frauen der damaligen Zeit beschränkt, sondern sollte auch unter den nachfolgenden Generationen fortbestehen. Kurz gesagt: Die frühen Angehörigen der muslimischen Umma hegen gegenüber den späteren Generationen sowie die späteren gegenüber den früheren im Herzen Liebe und aufrichtige Zuneigung.
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„Und diejenigen, die schon vor der Ankunft der Auswanderer in Medina ansässig waren und den Glauben angenommen hatten (das heißt, die Ansar), liebten die Auswanderer. Wenn die Beute unter den Auswanderern verteilt wurde, verspürten sie in ihren Herzen keinerlei Verlangen danach; vielmehr gaben sie ihren ausgewanderten Brüdern den Vorzug, obwohl sie selbst in finanzieller Bedrängnis waren. Und diejenigen, die ihr Herz vor Geiz bewahren, sind es, die Erfolg erlangen. Diejenigen, die nach ihnen kommen, werden sagen: ‚Unser Herr, vergib uns und unseren Brüdern, die uns im Glauben vorausgingen, unsere Sünden. Lass in unseren Herzen keinen Groll gegen die Gläubigen entstehen. Unser Herr, Du bist wahrlich Allgütig und Barmherzig.‘“ — al-Haschr: 9–10
Der Glaube ist die Grundlage der Einheit
Allah, der Erhabene, hat in Seinem Heiligen Buch die Geschichten der heiligen Gemeinschaften geschildert, die von den großen Propheten gebildet wurden, und den Gläubigen einige Beispiele vor Augen geführt. Diese edlen Propheten kamen in verschiedenen Zeitaltern und führten in ihrer jeweiligen Zeit die islamische Karawane. In den geschilderten Beispielen hat Allah, der Erhabene, erklärt, dass jeder Prophet allein die Verbindung des Glaubens und der Glaubensüberzeugung als maßgebliche Verbindung betrachtete und dass keine andere Art von Beziehung Segen und Wohlergehen bringen kann, wenn diese Verbindung aufgegeben wird.
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„Und Noah sagte zu seinem Herrn: O mein Herr! Mein Sohn gehört gewiss zu meiner Familie, und Dein Versprechen ist wahr, und Du bist der Allwissende. Allah erwiderte: O Noah, er gehört nicht zu deiner Familie, denn sein Handeln ist nicht wie das der Rechtschaffenen. Und bitte Mich nicht um etwas, dessen Bedeutung du nicht kennst. Noah sagte: O mein Herr! Ich suche Zuflucht bei Dir davor, Dich um etwas zu bitten, worüber ich kein Wissen habe. Wenn Du mir nicht vergibst und mir nicht gnädig bist, werde ich zu den Verlierenden gehören.“ — Hud: 45–47
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„Und erinnere dich, als sein Herr Ibrahim in einigen Dingen prüfte und er alle Prüfungen bestand. Allah sagte: Ich ernenne dich zum Imam für die Menschheit. Er fragte: Und auch aus meiner Nachkommenschaft? Es wurde geantwortet: Mein Versprechen erstreckt sich nicht auf die Ungerechten.“ — Al-Baqara: 124
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„Und als Ibrahim betete: O mein Herr! Mache diese Stadt zu einer Stadt des Friedens und versorge diejenigen unter ihren Bewohnern, die an Allah und den Jüngsten Tag glauben, mit vorzüglichen Feldfrüchten und Früchten. Da sagte Allah: Auch diejenigen, die ungehorsam sind, werde Ich in dieser Welt für wenige Tage mit etwas Versorgung versehen. Schließlich aber werde Ich sie ins Höllenfeuer werfen, und die Hölle ist wahrlich eine üble Unterkunft.“ — Al-Baqara: 126
Hazrat Ibrahim (a.s.) sagte sich angesichts der Haltung seines Vaters und seiner Stammesangehörigen, auf dem Weg der Irreleitung zu verharren, von ihnen los und sagte —
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„Ich sage mich von euch los und auch von dem, was ihr anstelle Allahs anruft. Ich werde nur meinen Herrn weiter anrufen. Ich hoffe, dass ich nicht enttäuscht werde, wenn ich meinen Herrn anrufe.“ — Maryam: 48
Allah Ta’ala hat bei der Schilderung der Geschichte des Propheten Ibrahim (a. s.) und seiner Volksangehörigen diese Punkte den Gläubigen besonders vor Augen geführt. Dies sollte man begreifen.
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„Für euch gibt es in Ibrahim und seinen Gefährten ein vortreffliches Vorbild. Als sie zu ihrem Volk sagten: Wir haben nichts mit euch und mit denen zu tun, die ihr anstelle Allahs verehrt. Wir verleugnen eure Götzen völlig und solange ihr nicht an den einen und einzigen Allah glaubt.“
Als die unter dem Namen Ashab al-Kahf bekannten, jugendlichen und mutigen Männer erkannten, dass es ihnen nicht möglich war, mit dem kostbaren Gut ihrer Religion und ihres Glaubens in ihrem eigenen Land, unter ihren Verwandten, in ihrem Stamm und in ihrer Familie zu leben, verließen sie ihre Familien und Angehörigen sowie ihre eigenen Volksgenossen. Sie wanderten aus ihrer Heimat aus und machten sich mit dem Gut des Glaubens zu ihrem Herrn auf, damit ihnen irgendwo die Möglichkeit gegeben werde, als alleinige Diener Allahs gemäß den Anforderungen des Glaubens zu leben.
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„Sie waren einige junge Männer. Sie glaubten an ihren Herrn, und Wir mehrten ihre Rechtleitung. Sie traten inmitten der Gesellschaft auf und verkündeten: Unser Herr ist derjenige, dem die umfassende Herrschaft über Himmel und Erde gehört. Wir werden keinen anderen als Ihn anrufen. Wenn wir es täten, wäre das höchst unsinnig. Danach berieten sie sich untereinander: Unser Volk hat anstelle des Herrn der Welten andere Götter angenommen. Warum bringen sie keinen eindeutigen Beweis für ihre Glaubensüberzeugung vor? Wer ist ungerechter als derjenige, der über Allah eine Lüge erfindet? Nun lasst uns, nachdem wir uns von ihnen und ihren Göttern losgesagt haben, in der Berghöhle Zuflucht suchen. Euer Herr wird seine Barmherzigkeit über euch ausbreiten und euch mit den nötigen Mitteln und Möglichkeiten versorgen.“ — al-Kahf: 13–16
Auch die Geschichte der Ehefrauen des Propheten Nuh (a. s.) und des Propheten Lut (a. s.) wird im Koran erwähnt. Die Ehefrauen dieser beiden großen Propheten vertraten einen anderen Glauben und waren dem Schirk verfallen. Deshalb brachen beide Propheten die Beziehungen zu ihren Ehefrauen ab.
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„Als Lehre für die Ungläubigen hat Allah Taʿala die Ehefrauen Noahs und Lots als Beispiel angeführt. Diese beiden Frauen waren mit zwei von Meinen rechtschaffenen Dienern verheiratet. Doch sie begingen Verrat. Daher konnten auch ihre Ehemänner sie nicht vor Allahs Bestrafung retten. Beiden Frauen wurde befohlen: Geht, und tretet zusammen mit den anderen in die Hölle ein.“ — At-Tahrim: 10
Gleichzeitig wurde auch die Geschichte der Frau des tyrannischen und Allah feindlich gesinnten Königs von Ägypten, des Pharao, den Gläubigen als Beispiel vor Augen geführt.
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„Um die Gläubigen zu ermahnen, hat Allah Taʿala die Frau des Pharao erwähnt. Sie betete: O mein Herrscher! Baue mir bei Dir ein Haus im Paradies, befreie mich vom Pharao und den Folgen all seiner bösen Taten und bewahre mich auch vor dem Unheil der Ungerechten.“
— At-Tahrim: 11
Auf diese Weise hat der Koran Beispiele für alle Arten von Verwandtschaftsbeziehungen angeführt. In der Geschichte des Propheten Noah (a. s.) findet sich das Beispiel der Beziehung zwischen Vater und Sohn. In der Geschichte des Propheten Ibrahim (a. s.) wiederum werden die Beziehungen zu Sohn und Heimatland als Beispiele angeführt. In der Geschichte der Gefährten der Höhle werden zugleich vollständige Beispiele für Verwandte, Stamm und Abstammung, Familie und Angehörige, Land und Heimatland angeführt. In den Geschichten der Propheten Noah (a. s.), Lot (a. s.) und des Pharao wird die eheliche Beziehung als Beispiel dargestellt. Nach Auffassung des Korans bleiben selbst die engsten Verwandten, sobald sie den Weg des Glaubens verlassen, keine Verwandten des Gläubigen mehr.
Die mittlere Umma
Nachdem wir die großen Propheten sowie die Bande ihrer Beziehungen und Verwandtschaft erörtert haben, werden wir nun den Zustand der als mittlere Umma bezeichneten Gemeinschaft untersuchen. Auch innerhalb unserer Umma finden wir unzählige Beispiele und Vorbilder. Unsere mittlere Umma hat begonnen, den Weg zu beschreiten, der dem von Allah Taʿala für die Menschen seit Anbeginn herabgesandten Lebensgesetz entspricht. Sobald die Beziehung des Glaubens zu einem nahen Verwandten abgebrochen ist – mit anderen Worten: sobald das einigende Band für die Beziehungen zwischen den Menschen zerrissen ist –, haben sich nun die Angehörigen desselben Stammes, derselben Abstammung und derselben Familie entsprechend den Erfordernissen des Glaubens voneinander getrennt. Allah Taʿala sagte, als Er die Merkmale der Gläubigen darlegte:
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„Du wirst diejenigen, die an Allah und an das Jenseits glauben, nicht mit den Feinden Allahs Freundschaft schließen sehen, selbst wenn diese ihre Väter, Brüder, Söhne oder nahen Verwandten sind. Sie sind es, in deren Herzen Allah der Erhabene den Glauben fest verankert und denen Er durch Seine verborgene Hand Beistand geleistet hat. Er wird sie in Gärten eintreten lassen, unter denen Flüsse strömen und in denen sie ewig verweilen werden. Allah der Erhabene ist mit ihnen zufrieden, und auch sie sind mit Allah dem Erhabenen zufrieden. Sie gehören zur Partei Allahs. Wahrlich, die Partei Allahs wird Erfolg haben.“ — Al-Mudschādila: 22
Wir haben gesehen, dass mit dem Propheten Muhammad (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) alle Bande der Blutsverwandtschaft zu seinem Onkel Abu Lahab und seinem Stammesverwandten Amr ibn Hischām (Abu Dschahl) abbrachen. Die aus Mekka ausgewanderten Muhādschirūn erhoben die Waffen gegen ihre nahen Verwandten und Stammesangehörigen und kämpften in der Schlacht von Badr in den vordersten Reihen. Auf der anderen Seite wurde zwischen den Muhādschirūn aus Mekka und den Ansār aus Medina eine starke, auf dem Glauben beruhende Beziehung begründet. Ihre Beziehung wurde wie die zwischen leiblichen Brüdern und erwies sich als stärker als die Bande der Bluts- und Abstammungsverwandtschaft. Diese neue Beziehung erweckte unter den Muslimen das Gefühl der Brüderlichkeit. Alle Muslime, ob Araber oder Nichtaraber, wurden durch das Band der Brüderlichkeit miteinander verbunden. Suhaib ar-Rūmī, Bilāl al-Habaschī (ein Bewohner Abessiniens) und Salmān al-Fārisī (ein Perser) vergaßen die Unterschiede ihrer Heimat, Muttersprache und Stammeszugehörigkeit. Ihre Stammesfeindschaften, ihr Stolz auf Abstammung und Adel, ihren Geburtsort und ihren nationalen Ruhm ließen sie vollständig hinter sich. Der geliebte Prophet Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) sagte zu ihnen: (Legt all dies ab; es ist nun zu einem stinkenden Leichnam geworden.) Er sagte ferner —
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„Wer zum Hass und zur Spaltung der Zeit der Unwissenheit aufruft, gehört nicht zu uns; wer auf der Grundlage von Hass und Spaltung kämpft, gehört ebenfalls nicht zu uns; und wer mit dem Glauben an Hass und Spaltung stirbt, gehört auch nicht zu uns.“
Dār al-Islām und Dār al-Harb
Kurz gesagt: Mit dem Einzug des Islams verstummen alle Parolen des Hasses und der Spaltung. Die auf Abstammung, Stammeszugehörigkeit und regionalen Interessen beruhende Nationalität wird als stinkender Leichnam verworfen. Indem der Mensch die Enge von Land, Boden, Blut und Fleisch hinter sich lässt, richtet sich sein Blick nach oben. Von dem Tag an, an dem sich der Horizont des Blicks der Muslime über die Grenzen der Enge hinaus erweitert, erhält ihr Wohnsitz seinen Namen. Denn dort wird die Herrschaft des Īmān errichtet und die Überlegenheit der von Allah gegebenen Scharīʿa anerkannt. Diejenigen, die unter diesem kühlen Schatten des Islams leben, gewährleisten die Sicherheit dieses Landes. Diejenigen, die bei der Verteidigung dieses Landes und bei den Bemühungen um die Ausweitung der Grenzen des unter islamischer Herrschaft stehenden Gebietes ihr Leben opfern, sind Schahīds. Der Zufluchtsort all jener, die das Juwelenband des islamischen Glaubens um ihren Hals tragen und die islamische Scharīʿa als die für ihr Leben maßgebliche Ordnung anerkennen, ist Dār al-Islām. Selbst diejenigen, die den islamischen Glauben nicht annehmen, sich aber der Herrschaftsordnung der islamischen Scharīʿa unterwerfen, können als Dhimmīs alle Wohltaten und Vorzüge dieses Staates genießen. In einem Land jedoch, in dem die Fahne der islamischen Herrschaft nicht gehisst und die islamische Scharīʿa nicht verwirklicht wurde, ist es sowohl für Muslime als auch für Dhimmīs Dār al-Harb. Der Muslim ist stets bereit, gegen Dār al-Harb zu kämpfen. Selbst wenn dieses Dār al-Harb seine Heimat ist, dort seine Verwandten leben und ihn mit diesem Dār al-Harb Interessen hinsichtlich des Besitzes, des Vermögens oder anderer weltlicher Angelegenheiten verbinden, wird der Muslim dennoch niemals davor zurückschrecken, erforderlichenfalls die Waffen gegen dieses Land zu erheben. Der Gesandte Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) erhob die Waffen gegen die Bewohner Mekkas, obwohl Mekka seine heilige Heimat war. Seine Verwandten und Angehörigen seines eigenen Stammes lebten dort. Er und seine geliebten Gefährten hatten in Mekka ihre Häuser und Felder. Als sie in Richtung Medina auswanderten, ließen sie all diese Besitztümer zurück. Dennoch wurde selbst eine weltliche Stadt wie Mekka nicht zu Dār al-Islām, solange sie sich dem Islam nicht unterwarf und die Herrschaft der von Allah gegebenen Scharīʿa nicht annahm.
Das ist der Islam. Islam bedeutet nicht, einige Worte mit dem Mund auszusprechen, bestimmte Rituale zu vollziehen oder in einer bestimmten Abstammungslinie oder einem bestimmten Land geboren zu sein.
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„Nein, bei deinem Herrn, (o Muhammad!)! Sie können niemals Gläubige sein, solange sie dich nicht in all ihren strittigen Angelegenheiten als alleinigen Richter anerkennen, gegenüber deinem Urteil keinerlei Zweifel oder Bedenken hegen, sondern dein Urteil mit ganzem Herzen annehmen.“ — An-Nisāʾ: 65
Der Name dieses Ideals ist Islam, und der Staat, der nach diesem Ideal regiert wird, ist Dār al-Islām. Nicht der Boden eines Landes, nicht ein bestimmter Stamm, eine bestimmte Abstammung oder eine bestimmte Familie trägt den Namen Islam oder Dār al-Islām.
Der Islam hat die Menschheit von den Fesseln aller Ketten befreit. Diese Ketten hatten den Menschen gebunden und nach unten gezogen. Durch die Befreiung von diesen Fesseln erhielt er die Fähigkeit, über den Himmel emporzusteigen. Der Islam befreite die Menschheit von den Banden des Blutes und dem Drängen der tierischen Triebe und verlieh ihr eine Würde, die höher ist als die der Engel. Der Islam lehrte, dass die Heimat, die der Muslim lieben und für deren Verteidigung er sogar bereit sein wird, sein Leben zu opfern, nicht bloß ein Stück Land ist. Die Nationalität, die die Identität des Muslims verkündet, ist keine Nation, die nach einer von irgendeiner Regierung vorgegebenen Definition gebildet wurde. Die Verwandtschaft und das Band der Einheit unter Muslimen gründen nicht auf Blutsverwandtschaft. Die Fahne, für deren Erhöhung der Muslim sogar mit Stolz sein Leben geben wird, ist nicht das Symbol eines bestimmten Landes. Der Sieg, nach dem der Muslim stets streben wird und vor dem er, sobald er ihn errungen hat, sein Haupt vor Allah neigen wird, ist kein bloß vorübergehender Sieg; vielmehr wird es der Sieg der großen Wahrheit sein. Allah, der Erhabene, sagte im Heiligen Qurʾān:
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„Wenn Allahs Hilfe und der Sieg kommen, dann wirst du die Menschen scharenweise in Allahs Religion eintreten sehen. Dann preise deinen Herrn und rühme Ihn und bitte Ihn um Vergebung. Gewiss, Er ist derjenige, der die Reue annimmt.“ — An-Naṣr
Dieser Sieg wird allein unter dem Banner des Glaubens errungen. Die hasserfüllten Parolen anderer Banner werden hier nicht verwendet. Hier wird Dschihad geführt, um Allahs Religion zu etablieren und Seine Scharia zu verwirklichen, und nicht zur Verwirklichung irgendeines anderen Interesses oder Ziels. Der Dschihad ist zur Verteidigung eben jenes Dār al-Islām erforderlich, dessen Wesen oben dargelegt wurde – nicht aus einer Haltung heraus, die den Schutz der Würde des Heimatlandes oder der Nation zum Ziel hat. Nach dem Sieg gerät die siegreiche Armee nicht lediglich in fieberhafte Unruhe, um sich der Beute zu bemächtigen.
Auch der Erwerb weltlichen Ruhms oder das Zurschaustellen von Tapferkeit ist nicht das Ziel dieses Sieges. Vielmehr ist es der höchste Wunsch des Gläubigen, Allahs Wohlgefallen zu erlangen. Deshalb bemüht sich das siegreiche Heer mit äußerstem Eifer darum, durch Tasbīḥ und Istighfār das Wohlgefallen Allahs, des Allerbarmers, zu erlangen. Vaterlandsliebe oder Nationalgefühl erwecken nicht den Antrieb zum Dschihad. Auch die Sicherheit der Familie und der Kinder ist nicht das Ziel des Dschihad. Der Dschihad ist jedoch durchaus notwendig, um Land, Nation, Familien und Kinder von den Angriffen eines nichtigen Ideals zu befreien und die Sicherheit ihres Dīn und ihres Glaubens zu gewährleisten.
Von Hadhrat Abu Musa al-Aschʿari (möge Allah Wohlgefallen an ihm haben) wird überliefert, dass der Gesandte Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) gefragt wurde: „Ein Mann kämpft, um seinen Mut zu zeigen, ein anderer, um Ansehen zu erlangen, und wieder ein anderer, um gesehen zu werden. Sag uns: Wer von ihnen kämpft auf Allahs Weg?“ Er antwortete: „Nur derjenige kämpft auf Allahs Weg, der mit dem Ziel kämpft, Allahs Wort zur höchsten Geltung zu bringen.“
Nur durch den Kampf auf Allahs Weg kann man die Würde des Märtyrertums erlangen. Durch den Kampf zu irgendeinem anderen Zweck kann diese Würde nicht erreicht werden.
Ein Land, das gegen den Iman und die Aqida der Muslime kämpft, sie an der Befolgung der religiösen Gebote und Verbote hindert und in dem Allahs Scharia aufgegeben worden ist, ist Dar al-Harb.
Selbst wenn in diesem Land Verwandte, Familienangehörige und Angehörige der Stämme der Muslime leben, wenn die Muslime dort Handel treiben oder Land und Besitz haben und wenn ihre wirtschaftlichen Interessen mit der Sicherheit dieses Landes verbunden sind, kann dies seinen Charakter als Dar al-Harb nicht ändern. Umgekehrt wird ein Land, in dem der Iman und die Aqida der Muslime von jeder Art Druck frei sind, ihre Vorrangstellung anerkannt wird und die islamische Scharia praktisch verwirklicht wird, als Dar al-Islam bezeichnet. Selbst wenn die Muslime dort nicht mit ihren Familien leben, wenn dort keine Angehörigen ihrer Stämme und Sippen ansässig sind und wenn keine Handelsbeziehungen oder sonstigen wirtschaftlichen Interessen der Muslime mit diesem Land verbunden sind, bleibt es dennoch Dar al-Islam.
Das Land, in dem die Herrschaft der islamischen Aqida gilt, in dem der Islam als Lebensordnung anerkannt ist und in dem Allahs Scharia umgesetzt wird, ist die Heimat der Muslime. Diese Bedeutung von Heimat steht in vollkommener Übereinstimmung mit der Menschheit. Ebenso entsteht die islamische Nationalität auf der Grundlage von Aqida und Lebensordnung und lässt gerade die Menschlichkeit des Menschen dort zur Entfaltung kommen.
Der Versuch, Einheit auf der Grundlage von Familie, Stamm, Volk, Abstammung, Rasse und geografischer Region zu schaffen, war ein Gedankengut des Zeitalters der Unwissenheit. Als die Spiritualität der Menschen auf einem äußerst niedrigen Niveau stand, betrachteten sie diese Dinge als Band der Einheit. Der Gesandte Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) bezeichnete sie als übel riechende, verweste Leichen. Die jüdische Gemeinschaft erhob aufgrund ihrer erblichen Nationalität den Anspruch, Allah besonders geliebt zu sein. Allah, der Erhabene, wies diesen Anspruch zurück und schleuderte ihn ihnen ins Gesicht. Er erklärte, dass es für alle Zeiten, alle Abstammungen, alle Stämme und alle Orte nur ein einziges Maß gibt, Allahs Nähe, Rang und Ehre zu erlangen, und dieses ist der Iman an Allah. Er sagt:
„Die Juden und die Christen sagen: ‚Werdet Juden oder Christen, dann werdet ihr rechtgeleitet sein.‘ Sag ihnen: ‚Nein, folgt vielmehr der Millat Ibrahims und lasst alles andere beiseite. Und Ibrahim war kein Götzendiener.‘ Sag: ‚Wir glauben an Allah und an das, was von Ihm zu uns herabgesandt worden ist, und an das, was zu Hadhrat Ibrahim, Ismail, Ishaq, Yaqub und seinen Nachkommen herabgesandt worden ist, und an das, was Musa, Isa und den anderen Propheten gegeben wurde. Wir machen zwischen keinem von ihnen einen Unterschied – wir sind Allah ergeben.‘ Wenn sie nun ebenso glauben wie ihr an diese Dinge glaubt, dann sind sie rechtgeleitet. Wenn sie sich jedoch abwenden, sind sie widerspenstig geworden. In diesem Fall genügt Allah für euch. Er ist allwissend und allhörend. Nehmt Allahs Farbe an. Und wessen Farbe wäre besser als Allahs Farbe? Und Ihm allein dienen wir.“
Tatsächlich ist die muslimische Umma Allahs geliebte Dienerschaft. Denn sie hat die Unterschiede von Stamm, Rasse, Volk und geografischer Region vergessen und sich unter dem Banner des einen und einzigen Allah versammelt.
„Ihr seid die beste Umma. Ihr seid dazu geschaffen worden, die Menschheit zu führen und anzuleiten. Ihr gebietet das Gute und die Frömmigkeit und haltet die Menschen vom Bösen und von Sünden ab, während ihr selbst an Allah glaubt.“ — Al Imran: 110
In der ersten Reihe dieser aus Allahs Dienern gebildeten revolutionären Schar stehen der aus einer vornehmen arabischen Familie stammende Hazrat Abu Bakr Siddiq (r.a.), Hazrat Bilal (r.a.) aus Äthiopien, Hazrat Suhaib (r.a.) aus Rom und Hazrat Salman (r.a.) aus Persien; alle sind aufgrund gleicher Würde und gleicher Rechte als Mitglieder dieser Gemeinschaft aufgenommen worden. Auch in späterer Zeit wurde diese Umma ungeachtet von Abstammung, Stamm, Rasse und Region auf der Grundlage einer erstaunlichen Brüderlichkeit aufgebaut. Ihre Nationalität war der Tawhid. Ihre Heimat war Dar-ul-Islam. Die Souveränität Allahs war das wichtigste Kennzeichen des von ihnen geführten Staates, und der Koran war seine Verfassung.
Feindseligkeit gegenüber Ländern und Völkern steht im Widerspruch zum Tawhid
Es ist äußerst notwendig, dass die oben dargelegten Vorstellungen und Überzeugungen über Heimat, Nationalität und gegenseitige Beziehungen tief in den Herzen und Gedanken derjenigen verankert werden, die zum Islam aufrufen.
Sie müssen alle Einflüsse der Jahiliya aus ihren eigenen Herzen tilgen. Die Herzen und Gedanken der Mitglieder der Gemeinschaft, die der großen Wahrheit folgen, müssen vollständig von allen Einflüssen der Jahiliya und von allen Formen des Schirk befreit sein, die in der heutigen Welt in Gestalt der Verehrung der Nation, der Verehrung der Heimat, der Verehrung weltlicher Interessen und Ähnlichem verbreitet sind. Allah, der Erhabene, hat alle bedeutenden Beispiele des Schirk in demselben Vers des edlen Korans zusammengeführt, sie auf die eine Seite der Waage gelegt und auf die andere Seite den Iman und seine Forderungen gelegt; den Menschen hat Er die Freiheit gegeben, zwischen diesen beiden eines auszuwählen.
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„O Prophet! Sag: Sind euch eure Väter, eure Söhne, eure Brüder, eure Ehefrauen und eure Verwandten, die von euch angesammelten Vermögen, eure Geschäfte und euer behagliches Zuhause lieber als Allah, Sein Gesandter und der Dschihad auf Allahs Weg? Wenn dem so ist, dann wartet auf Allahs Entscheidung. Allah weist den vom rechten Weg Abgeirrten nicht den Weg.“
Daher dürfen diejenigen, die zum Din aufrufen, in ihren Herzen nicht den geringsten Zweifel über Wesen und Kennzeichen des Islam und der Jahiliya sowie von Dar-ul-Islam und Dar-ul-Harb hegen. Denn gerade auf dem Weg des Zweifels entsteht die Irreführung. Ein Land, in dem der Islam nicht vorherrscht, in dem die islamische Scharia nicht verwirklicht worden ist und dessen Gesetze nicht dem Islam entsprechen. Alles, was außerhalb des Iman liegt, ist Kufr; was außerhalb des Islam liegt, ist nichts als Jahiliya, und alles, was der Wahrheit widerspricht, ist nichts als Falschheit.
Zehntes Kapitel
Eine weitreichende Veränderung ist notwendig
Wie die Daʿwa des Islam dargeboten werden muss
Wenn wir die Menschen dazu aufrufen, den Islam anzunehmen, müssen wir stets eines bedenken, ganz gleich, ob der Angesprochene Muslim oder Nichtmuslim ist. Diese Tatsache ist bereits im Wesen des Islam verborgen. Auch aus der Geschichte des Islam lässt sie sich erkennen. Kurz gesagt: Der Islam unterscheidet sich mit all seinen Verzweigungen vollständig von allen anderen Lebensauffassungen, denn seine Lebensordnung geht aus einer bestimmten Vorstellung und einem bestimmten Glauben über das Verhältnis zwischen dem menschlichen Leben und der Weltordnung hervor. Die islamische Vorstellung und der islamische Glaube vom Leben stehen jeder Form der alten wie der modernen Dschahiliyya entgegen. Zwar können bei der Ausarbeitung einer detaillierten Ordnung auf der Grundlage einer Lebensordnung manche Elemente der Dschahiliyya Ähnlichkeiten mit manchen Elementen des Islam aufweisen. Doch die grundlegenden Vorstellungen und Glaubensüberzeugungen, aus denen diese detaillierten Bestimmungen hervorgehen, sind stets das vollständige Gegenteil der Dschahiliyya. Jede dem Menschen bekannte Lebensauffassung ist aus der Sicht der islamischen Lebensanschauung Dschahiliyya.
Die erste Aufgabe des Islam besteht darin, das menschliche Leben auf der Grundlage seines eigenen Iman und seiner eigenen Aqida zu verändern und nach seinem eigenen Muster zu gestalten sowie der menschlichen Gesellschaft den Weg zu weisen, wie sie gemäß einer von Allah, dem Erhabenen, gegebenen lebensnahen Lebensordnung voranschreiten soll. Allah, der Erhabene, hat die muslimische Umma der Menschheit als praktisches Beispiel vorgeführt. Er sagt—
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„Ihr seid die beste Umma— ihr seid zum Wohl der Menschheit hervorgebracht worden. Ihr gebietet das Gute und haltet die Menschen vom Unrecht ab. Und ihr selbst glaubt an Allah.“
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„(Diese sind jene,) denen Wir, wenn Wir ihnen auf Erden Macht verleihen, ermöglichen, das Gebet zu verrichten, die Zakāt zu entrichten, das Rechte zu gebieten und das Verwerfliche zu verwehren.“ — al-Haddsch: 41
Der Islam ist nicht bereit, gegenüber der in der Welt verbreiteten Dschahiliya irgendeinen Kompromiss einzugehen oder das Prinzip des Zusammenlebens neben der Dschahiliya anzunehmen. An dem Tag, an dem er erstmals in die Welt herabgesandt wurde, war er nicht bereit, mit der Dschahiliya einen Kompromiss einzugehen oder neben ihr zu bestehen – auch in der heutigen Welt ist er dazu nicht bereit und wird es auch in Zukunft niemals sein. Aus welcher Zeit die Dschahiliya auch stammen mag, sie ist nichts anderes als Dschahiliya. Die Dschahiliya bedeutet, die Anbetung Allahs, des Erhabenen, aufzugeben und den Aufstand gegen die von Allah gegebenen Lebensordnung zu erklären. Es ist die Religion der Dschahiliya, Lebensweisen, Gesetze und Ordnungen aus einer dunklen, Allah nicht erkennenden Quelle anzunehmen. Demgegenüber entspricht es dem Wesen des Islam, zur Ergebung in Allah und dazu aufzurufen, die Dschahiliya aufzugeben und zur von Allah gegebenen Lebensordnung zu eilen.
Der Islam ist nicht auf die Grenzen irgendeines Zeitalters oder einer Epoche beschränkt – vielmehr ist diese Lebensordnung in jedem Zeitalter und zu jeder Zeit für die Menschen segensreich. Die Menschen zu ihr zu führen, ist das Ziel des Islam. Und klar gesagt: Dschahiliya bedeutet, sich damit einverstanden zu erklären, Menschen nach eigenem Gutdünken zu dienen. Das heißt, einige mächtige Personen geben die von Allah erlassene Ordnung gewaltsam auf, entwerfen nach ihren eigenen Launen Gesetze und Vorschriften und zwingen sie der Gesellschaft auf; die Gesellschaft nimmt sie an und wird dadurch zu Dienern der Gesetzgeber. Der Islam sagt, dass die gesamte Menschheit dem einen und einzigen Allah dienen wird und alle Glaubensüberzeugungen, Vorstellungen, Gesetze und Maßstäbe für Annahme und Ablehnung und dergleichen ausschließlich von Allah annehmen wird. Sie wird sich aus der Unterwerfung unter die geschaffenen Wesen befreien und ihr Leben ausschließlich und aufrichtig in der Unterwerfung unter Allah führen.
So ist das Wesen des Islam. Dies wird uns schon aus der Rolle deutlich, die der Islam in der Welt spielt. Auch in Zukunft wird er dieselbe Rolle spielen. Allen, denen wir – unabhängig davon, ob sie Muslime oder Nichtmuslime sind – die Botschaft des Islam vortragen werden, werden wir auch diese oben dargelegte Rolle des Islam in äußerst klaren Worten erläutern.
Ob im Bereich der Aqida und des Glaubens oder im Bereich der Lebensordnung: Der Islam ist nicht bereit, mit der Dschahiliya irgendeinen Kompromiss einzugehen. An einem Ort kann zur selben Zeit entweder der Islam bestehen oder die Dschahiliya. Für ein Nebeneinander von halb Islam und halb Dschahiliya gibt es im Islam keinerlei Grundlage. In dieser Angelegenheit ist die Aussage des Islam äußerst eindeutig. Er erklärt unmissverständlich, dass die große Wahrheit eine unteilbare Einheit ist. Wo es niemanden gibt, der Träger und Überbringer der großen Wahrheit ist, dort gibt es die Lüge oder die Dschahiliya. Für eine Vermischung, einen Kompromiss oder ein Zusammenleben von Wahrheit und Lüge beziehungsweise von Haqq und Bātil gibt es keinerlei Raum. Entweder muss man Allahs Geboten folgen oder denen der Dschahiliya – entweder wird Allahs Scharia in der Gesellschaft verwirklicht, oder es wird die Herrschaft menschlicher Launen und Willkür geben. In verschiedenen Versen des Koran wird dieses Thema erläutert.
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„(O Prophet!) Richte zwischen ihnen gemäß der von Allah herabgesandten Ordnung und schenke ihren Neigungen keinerlei Beachtung. Sei ihnen gegenüber auf der Hut, damit sie dich nicht von einem Teil der von Allah herabgesandten Ordnung abbringen und dadurch ins Verderben stürzen.“ — al-Māʾida: 49
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„Rufe sie weiterhin zu dieser Wahrheit auf, bleibe standhaft, wie es dir befohlen wurde, und folge nicht ihren persönlichen Neigungen.“ — Schura: 15
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„Wenn sie deinem Ruf nicht Folge leisten, dann wisse, dass sie nur ihren eigenen Neigungen folgen. Wer könnte weiter vom Weg abgeirrt sein als derjenige, der seine eigenen Begierden verfolgt und Allahs Rechtleitung keine Beachtung schenkt? Allah leitet die Ungerechten niemals recht.“ — Al-Qasas: 50
„(O Prophet!) Wir haben dich auf eine klare Scharia eingesetzt. So folge dieser Scharia und ahme nicht die persönlichen Neigungen der Unwissenden nach. Gegen Allahs Missfallen werden sie dir keinerlei Nutzen bringen. Wahrlich, die Ungerechten sind untereinander Freunde, Allah aber ist der Schutzherr der Gottesfürchtigen.“ — Al-Dschathiya: 18–19
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„Wollen sie etwa das Urteil der Dschahiliya? Wer aber könnte für diejenigen, die an Allah glauben, ein besserer Richter sein als Allah?“ — Al-Ma’ida: 50
Aus diesen Versen wird deutlich, dass es nur zwei Wege gibt. Einen dritten Weg gibt es nicht. Entweder muss man sich den Anweisungen Allahs und des Gesandten (Allahs Segen und Friede seien auf ihm) fügen, oder man muss entsprechend den Begierden des eigenen Nafs leben. Entweder muss man Allahs Urteil annehmen, oder man muss sich vor der Dschahiliya beugen. Die unvermeidliche Folge davon, Allahs offenbarte Ordnung nicht in allen Angelegenheiten als Maßstab zur Schlichtung anzunehmen, wird darin bestehen, Allahs Anweisungen abzulehnen und ihnen ungehorsam zu sein. Da die oben genannten Verse im Buch Allahs erwähnt werden, gibt es in dieser Angelegenheit keinerlei Raum mehr für Streit.
Das eigentliche Ziel des Islam
Aus der obigen Erörterung wurde klar ersichtlich, dass die wichtigste Aufgabe des Islam in der Welt darin besteht, die Dschāhilīya aus der Führung der menschlichen Gesellschaft zu verdrängen, selbst die Zügel der Führung in die Hand zu nehmen und nach und nach seine eigene, durch unverwechselbare Merkmale gekennzeichnete Lebensordnung zu verwirklichen. Das Ziel der Errichtung dieser rechtschaffenen Führung ist das Wohl und die Entwicklung der Menschheit. Dieses Ziel kann nur dadurch erreicht werden, dass man sich dem Schöpfer unterwirft und ein harmonisches Verhältnis zwischen dem Menschen und der Schöpfung herstellt. Das Ziel dieser Religion besteht darin, den Menschen zu der von Allah, dem Erhabenen, für ihn bestimmten hohen Stellung zu führen und ihn von der Knechtschaft des eigenen Ichs zu befreien. Hazrat Rabī ibn ʿAmr (möge Allah mit ihm zufrieden sein) erwähnte genau dieses Ziel, als er dem persischen Heerführer Rustam auf dessen Frage antwortete. Rustam fragte: „Warum seid ihr hierhergekommen?“ Rabī (möge Allah mit ihm zufrieden sein) antwortete: „Allah, der Erhabene, hat uns diese Aufgabe anvertraut, damit wir die Menschen aus der Knechtschaft der Menschen befreien und sie dem Dienst an Allah widmen können; damit wir sie aus der Knechtschaft der engen Interessen dieser Welt herausführen und ihnen den weiten Horizont dieser Welt und des Jenseits eröffnen können; und damit wir die harten Fesseln der von Menschen geschaffenen Lebensordnungen zerreißen und ihnen die Möglichkeit geben können, die Früchte der islamischen Gerechtigkeit zu genießen.“
Der Mensch bringt zu verschiedenen Zeiten seine Neigungen in Gestalt verschiedener Ideologien und geistiger Strömungen zum Ausdruck. Der Islam ist nicht herabgesandt worden, um diese aus Unwissenheit hervorgegangenen Ideologien und Strömungen zu unterstützen. Bereits zu Beginn der islamischen Daʿwa waren derartige Ideologien und Sichtweisen verbreitet. Auch in der heutigen Welt bestehen sowohl im Osten als auch im Westen Ideologien fort, die aus den menschlichen Neigungen hervorgegangen sind, und sie werden dies auch künftig tun. Der Islam ist gekommen, um die von selbstsüchtigen Menschen geschaffenen Vorstellungen, Gesetze und Bräuche auszurotten, durch die Herausbildung eines neuen Glaubens an das menschliche Leben eine neue Welt zu schaffen und sie auf der Grundlage vollständiger Hingabe an Allah, den Erhabenen, zu errichten. Bisweilen scheint ein bestimmter Teil des Islam mit der Dschāhilīya vereinbar zu sein. Doch in Wahrheit sind diese Teile weder Dschāhilīya noch Bestandteile der Dschāhilīya. Eine solche Ähnlichkeit in nebensächlichen Fragen ist lediglich zufällig. Tatsächlich stehen die Ursprünge beider Ideologien einander entgegen. Der gewaltige Baum des Islam hat durch Aussaat, Keimung und stetige Entwicklung aus der Quelle des Wissens Allahs seine Vollendung erlangt. Die Dschāhilīya hingegen ist auf dem von der Selbstsucht des Menschen angefüllten Abfallplatz entstanden.
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„Gutes Land bringt mit Allahs Erlaubnis gute Früchte hervor; schlechtes Land jedoch bringt nur sehr wenig hervor.“ — al-Aʿrāf: 58
Ganz gleich, ob alt oder modern: Die Dschāhilīya ist unrein und irreführend. Auch wenn sich ihre Gestalt und ihr äußeres Erscheinungsbild im Laufe der verschiedenen Epochen verändert haben, ist ihr Ursprung stets im Unrat der Launen selbstsüchtiger Menschen verwurzelt. Die Dschāhilīya kann niemals die Grenzen der Unwissenheit und der persönlichen Interessen überschreiten. Im besten Fall ist sie gezwungen, sich im Kreislauf der Wahrung der Interessen einer kleinen Gruppe von Menschen, einer bestimmten Klasse, eines bestimmten Stammes oder einer bestimmten Nation zu drehen. Infolgedessen gewinnt die Selbstsucht die Oberhand über Wahrheit und Gerechtigkeit, Fairness und Wohlwollen. Das von Allah gegebene Gesetz hingegen durchtrennt die Wurzeln dieser Selbstsucht und führt eine unparteiische Ordnung ein. Für die Unwissenheit, Selbstsucht und Begierden des Menschen gibt es dort keinen Zutritt. Kein Streben nach den Interessen einer Gruppe, Klasse oder Stammesgemeinschaft kann sich dem islamischen Gesetz auch nur nähern.
Hierin liegt der grundlegende Unterschied zwischen der von Allah gegebenen Lebensordnung und den von Menschen geschaffenen Gesetzen. Daher ist ein gemeinsames Bestehen dieser einander widersprechenden Ideale völlig unmöglich. Der Versuch, durch eine Vermischung von teilweise Islam und teilweise Dschāhilīya eine neue Ideologie zu schaffen, ist daher nichts als Torheit. So wie Allah nicht bereit ist, das Verbrechen des Schirk – die Beigesellung von Partnern zu Seinem eigenen Wesen – zu vergeben, so missbilligt Er auch die Vermischung Seiner gegebenen Lebensordnung mit einer anderen, von Menschen geschaffenen Ordnung nicht. In Seinen Augen sind beide Verbrechen gleich. Und die Wahrheit ist, dass beide Arten dieser Gesinnung aus derselben Quelle hervorgehen.
Wenn wir die Menschen zum Islam aufrufen, müssen die oben genannten Vorstellungen und Überzeugungen über den Islam in unserem Denken und Herzen fest verankert sein. Denn wenn wir die Daʿwa des Islam verkünden, darf auf unserer Zunge kein Raum für Zweifel und Unsicherheit sein. Vielmehr müssen wir die Gegenseite mit entschlossener Überzeugung dazu bringen anzuerkennen, dass das menschliche Leben nach der Annahme der islamischen Lebensordnung eine neue Gestalt annehmen wird. Der Islam verändert ihren Glauben, ihr Verhalten, ihre Bräuche, ihre Umgangsformen und ihre Denkweise von Grund auf. Durch diese Veränderung werden sie unermesslichen Nutzen erlangen. Man muss den Menschen verständlich machen, dass der Islam ihre Vorstellungen und Umgangsformen veredeln und sie auf eine hohe, dem Menschen angemessene Stufe stellen wird. Nach der Etablierung des Islam bleibt von der Dschāhilīya, abgesehen von ein oder zwei nebensächlichen Dingen, nichts bestehen. Lediglich jene wenigen unbedeutenden Dinge, die sich zufällig als mit dem islamischen Ideal vereinbar erweisen, werden fortbestehen. Doch auch sie bleiben nicht genau in ihrer früheren Form erhalten. Vielmehr wird sich ihr Wesen verändern, sobald sie mit dem islamischen Ideal verbunden sind. Dann werden diese Dinge nicht mehr zur Verbreitung der Dschāhilīya in der Gesellschaft beitragen. Was der Mensch durch Denken, Forschen und Experimentieren auf den Gebieten des Wissens und der Wissenschaften erreicht hat, wird der Islam nicht verwerfen. Vielmehr wird er sich bemühen, auf diesen Gebieten weitere Fortschritte zu erzielen. Wenn die Verkünder des Islam öffentlich sprechen, müssen sie darauf achten, dass die Menschen nicht dem Irrtum verfallen, auch den Islam als eine von Menschen geschaffene Lebensordnung zu betrachten. Sie dürfen nicht meinen, der Islam sei ebenso wie die von Menschen geschaffenen Lebensordnungen, die in verschiedenen Epochen in unterschiedlichen Gestalten hervorgetreten sind, lediglich ein menschliches Ideal. Vielmehr muss eindeutig dargelegt werden, dass der Islam eine eigenständige Lebensordnung mit dauerhaften Merkmalen ist. Diese Lebensordnung verfügt über ihren eigenen Glauben und ihre eigenen Vorstellungen sowie über eine eigenständige Lebensweise. Das Wohl, das der Islam der Menschheit schenken möchte, ist weitaus wertvoller als das der von Menschen erdachten Lebensordnungen. Der Islam ist eine großartige, strahlende, unverfälschte und auf Gerechtigkeit gegründete Lebensordnung. Seine Quelle ist der unermessliche Schatz des Wissens Allahs, des Erhabenen.
Wenn wir das Wesentliche des Islam richtig begreifen, wird dieses Verständnis in uns vollständiges Selbstvertrauen und Geduld hervorbringen. Wenn wir die Menschen zum Islam aufrufen, werden wir ihnen gegenüber in vollem Maße mitfühlend sein können. Unser Selbstvertrauen wird dem eines Menschen gleichen, der fest davon überzeugt ist, dass allein der Islam die Wahrheit ist und alles außerhalb des Islam ein Irrtum. Wenn wir die Menschen in Verwirrung und leidvoller Bedrängnis sehen, werden wir Mitgefühl und Barmherzigkeit für sie empfinden. Wenn wir sehen, dass die Menschen ihr Leben auf einem falschen Weg führen, wird Mitleid mit ihnen in uns erwachen. Denn wir kennen den Weg, auf dem sie gerettet werden können.
Nachdem wir ein richtiges Verständnis vom Wesen des Islam erlangt haben, besteht keinerlei Notwendigkeit, die islamischen Grundsätze zu verändern, um sie dem Geschmack und den Vorstellungen irregeleiteter Menschen anzupassen. Wir werden den Menschen in aller Klarheit sagen: „Die Jahiliya, in der ihr versunken seid, ist unrein. Allah, der Erhabene, möchte euch aus diesem Zustand erretten. Das Umfeld, in dem ihr atmet, ist äußerst giftig; Allah möchte dieses Umfeld reinigen. Euer gegenwärtiges Leben ist von weltlicher Genuss- und Begehrenssucht erfüllt. Es ist ein zutiefst verkommenes Leben. Allah, der Erhabene, möchte euch eine sehr hohe Stellung verleihen. Ihr verbringt Tag und Nacht in Erniedrigung und Schmach. Allah, der Erhabene, möchte eure Lebensweise einfach, geradlinig und glückbringend machen. Der Islam wird eure Anschauungen und eure Sichtweise verändern und auch in eurem tatsächlichen Leben Veränderungen herbeiführen. Durch den Kontakt mit dem Islam werdet ihr neue Wertvorstellungen gewinnen. Euer Lebensstandard wird ein so hohes Niveau erreichen, dass ihr selbst die Nichtigkeit und Niedrigkeit eurer gegenwärtigen Lebensweise erkennen werdet. Nachdem in eurem Alltag eine revolutionäre Veränderung eingetreten ist, wird in eurem Herzen Abscheu gegenüber den Zuständen dieser Welt entstehen. Wenn ihr mit der Zivilisation in Berührung kommt, mit der der Islam euch bekannt machen wird, werdet ihr es als äußerst schändlich betrachten, die Struktur der sogenannten Zivilisation, die in der gegenwärtigen Welt verbreitet ist, in der menschlichen Gesellschaft aufrechtzuerhalten. Aus unglücklichen Gründen könnt ihr das wahre Wesen des Islam nicht mit eigenen Augen sehen. Denn die Feinde des Islam haben sich vereint und versperren den Weg zur Verwirklichung des islamischen Ideals in der Gesellschaft. Kommt, wir wollen euch mit der wahren Gestalt des islamischen Ideals bekannt machen. Durch die Gnade Allahs ist das vollständige Bild des islamischen Ideals in unserem Herzen eingeprägt. Durch die Fenster des Korans, der Scharia und der Geschichte haben wir das vollständige Bild des Islam erblickt. Hinsichtlich einer strahlenden Zukunft hegen wir keinerlei Zweifel.“
Wenn wir die Botschaft des Islam darlegen, müssen wir Worte dieser Art sprechen. Das Wesen und der Entwicklungsweg des Islam sind eben so. Auf diese Weise trat der Islam in der ersten Zeit vor die Menschen. Auf der Arabischen Halbinsel, in Persien, in Rom und in allen Ländern, in die der Islam vordrang, wurde seine Daʿwa in der oben beschriebenen Weise vorgetragen.
Der Islam blickt von einer sehr hohen Warte auf die menschliche Gesellschaft herab. Denn tatsächlich befindet er sich auf einer hohen Stufe. Der Islam hat mit einer von Mitgefühl erfüllten Stimme zu den Menschen gesprochen, denn Mitgefühl für die Menschheit liegt in seinem Wesen. Der Islam hat den Menschen alle Dinge in äußerst klarer Sprache erklärt. In der von ihm dargelegten Botschaft gab es keinerlei Unklarheit. Er hat den Menschen niemals die falsche Zusicherung gegeben, dass sich ihr Leben nach der Annahme des Islam nicht verändern werde. Niemals wurde gesagt, es genüge, ihre Lebensweise, ihr Verhalten, ihre Umgangsformen, ihre Bräuche, ihre Vorstellungen und Überzeugungen sowie ihre Wertvorstellungen wie zuvor beizubehalten und lediglich geringfügig zu verändern. Der Islam hat niemals vorgeschlagen, sich an andere in der Gesellschaft verbreitete Ideologien anzupassen. Diejenigen, die heute unter Bezeichnungen wie „islamische Demokratie“ oder „islamischer Sozialismus“ den Islam einzuführen behaupten oder die herkömmliche Wirtschaftsordnung, Politik und Gesetzgebung unverändert lassen wollen, sprechen in Wirklichkeit davon, den Islam mit den Wünschen und Launen der Anhänger irriger Ideologien zu versöhnen.
In Wirklichkeit ist der Islam ein vollkommen andersartiges Ideal. Um den Islam zu errichten und die in der gesamten Welt herrschende Jahiliya mit ihren Wurzeln auszurotten, ist eine weitreichende und umfassende Veränderung erforderlich. Alle Formen der Jahiliya, die in alter wie in neuer Zeit verbreitet waren, unterscheiden sich völlig vom islamischen Ideal. Es ist keine leicht zu bewältigende Aufgabe, die Menschen aus dem Elend zu erretten, in dem sie heute leben. Das Ziel lässt sich nicht durch geringfügige Veränderungen der gegenwärtigen Gesellschaftsordnung erreichen. Um die Menschheit aus Erniedrigung und Not zu erretten, ist eine umfassende und weitreichende Revolution erforderlich. Alle von Menschen geschaffenen Lebensideologien müssen mit ihren Wurzeln ausgerottet und die von Allah gegebenen Vorschriften auf der Erde durchgesetzt werden. Die Menschen müssen aus der Herrschaft von Menschen befreit und unter die Herrschaft des Schöpfers der Welt gebracht werden. Dies ist der richtige Weg zur Erlösung; das müssen wir heute in klaren Worten verkünden. In dieser Angelegenheit darf nicht einmal der geringste Zweifel im Herzen der Menschen verbleiben.
Infolge einer solchen klaren Verkündigung zu Beginn könnten die Menschen etwas unzufrieden werden – es wäre nicht verwunderlich, wenn in ihnen eine gewisse Furcht vor dem Islam entstünde und sie sich deshalb zunächst etwas fernhielten. Tatsächlich geschah dies auch zur Zeit des Gesandten Allahs. Die Menschen erschraken, als sie die Botschaft des Islam hörten. Denn er kritisierte ihre Glaubensvorstellungen, wandte sich gegen ihre Götter, erklärte ihre Bräuche für ungültig und gab, nachdem er ihre gesellschaftlichen Umgangsformen aufgegeben hatte, für sich und seine Anhänger neue Formen von Bräuchen, Umgangsformen und Wertvorstellungen vor, die den in der Gesellschaft verbreiteten Traditionen widersprachen.
Was geschah schließlich? Gerade diejenigen, die sich zunächst von der Botschaft der großen Wahrheit entfernt hatten, kehrten zurück und fanden Zuflucht im Nest des Friedens. Ihre Flucht glich der Flucht eines Esels aus Furcht vor einem Löwen, wie sie im Koran beschrieben wird.
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„Als wären sie aufgeschreckte Esel, die vor einem Löwen davoneilen.“ — al-Muddaththir: 50–51
Sie setzten ihre gesamte Kraft ein, um diese Daʿwa zu bekämpfen. Sie machten es denjenigen, die den Islam angenommen hatten, unmöglich, in Mekka zu leben. Durch immer neue Unterdrückung und grausame Behandlung machten sie ihr Leben unerträglich. Nachdem die Muslime nach Medina ausgewandert waren und die Gegner sahen, wie sie zunehmend stärker wurden, starteten sie einen Angriff nach dem anderen und setzten sie damit fortwährend unter Druck.
Der Schlüssel zum Erfolg
Die islamische Bewegung musste sich in der Zeit des Gesandten Allahs (s) mit widrigen Umständen auseinandersetzen, die keineswegs weniger schwierig waren als die heutigen. Die Botschaft des Islam erschien den Menschen jener Zeit befremdlich. Daher lehnten sie diese Ideologie sofort ab. Der Islam wurde in den Bergtälern Mekkas eingeschlossen. Einflussreiche Männer begannen, die Bewegung heftig zu bekämpfen. Tyrannische Herrscher, die den islamischen Glaubensgrundsätzen und Überzeugungen zutiefst feindlich gegenüberstanden, hatten sich überall in Arabien festgesetzt. Dennoch besaß die islamische Bewegung eine anziehende Kraft. Auch heute ist sie ebenso stark wie früher und wird es auch in Zukunft bleiben. Die eigentliche Kraft dieser Daʿwa liegt in ihrem Īmān verborgen. Deshalb schreitet die Daʿwa dieser Religion trotz erbitterten Widerstands und offener Feindschaft unaufhaltsam voran. Die einfache, klare und lichtvolle Botschaft des Islam ist die Quelle ihrer Stärke.
Glaubensgrundsätze und Überzeugungen, die vollkommen mit der menschlichen Natur übereinstimmen, sind der Schlüssel zu ihrem Erfolg. Wie rückständig die Menschen auch in wirtschaftlicher, sozialer, wissenschaftlicher und geistiger Hinsicht sein mögen – der Islam weist ihnen von ihrer jeweiligen Entwicklungsstufe aus den Weg zu stetigem Fortschritt und führt sie zum höchsten Gipfel der Vollkommenheit. Kraft seiner wunderbaren Wirkung weist der Islam die irreführenden Ideologien der Dschahiliya und ihre materielle Macht vollständig zurück und ist nicht bereit, auch nur einen Buchstaben an seiner Lebensordnung zu verändern. Er geht niemals einen Kompromiss mit der Dschahiliya ein und übernimmt nicht unter Berufung auf fadenscheinige Argumente das Prinzip einer Koexistenz mit dem Falschen. In unmissverständlicher Sprache legt er der Gesellschaft seine vollständige Botschaft auf einmal dar und teilt ihr mit, dass die Botschaft dieser Religion Wohlergehen, Barmherzigkeit und Segen enthält.
Allah, der Erhabene, ist der Schöpfer der Menschen. Daher kennt Er die Bewegungen und Regungen ihres Verstandes, ihrer Gedanken und ihrer Herzen sehr genau. Er weiß, dass diese große Botschaft der Wahrheit unmittelbar ihren Herzen Raum gewinnt, sobald sie den Menschen ohne Zögern, in klarer Sprache und mit Nachdruck dargelegt wird.
Der Mensch ist ein Geschöpf, das fähig ist, eine Lebensweise aufzugeben und eine andere anzunehmen; in vielen Fällen fällt es ihm leichter, seine gesamte Lebensweise zu verändern als nur teilweise Veränderungen vorzunehmen. Daher entspricht es vollkommen der menschlichen Natur, sich von der bisherigen Lebensweise einer umfassenderen und reineren Lebensordnung zuzuwenden. Wenn sich der Islam jedoch damit zufriedengäbe, lediglich ein oder zwei belanglose Dinge innerhalb der Dschahiliya zu verändern, gäbe es für den Menschen keinen vernünftigen Grund, die Dschahiliya aufzugeben und zum Islam zu eilen. Unter diesen Umständen wäre es sogar sinnvoller, mit der alten Ordnung zufrieden zu sein. Denn die alte Ordnung ist in der Gesellschaft etabliert, und die Menschen sind mit ihr besonders vertraut. Falls nötig, ist es auch nicht schwer, einige Korrekturen an der alten Ordnung vorzunehmen. Wenn es unter diesen Umständen keinen grundlegenden Unterschied zwischen der alten und der neuen Lebensordnung gäbe, hätte es keinerlei Sinn, die etablierte Gesellschaftsordnung aufzugeben und eine neue anzunehmen.
Es besteht kein Anlass, sich zu rechtfertigen
Wenn man manche Äußerungen hört, die einige islamfreundliche Menschen zur Unterstützung der Religion vorbringen, könnte man meinen, der Islam stehe auf der Anklagebank, während der Redner als Anwalt auftrete und fortwährend zu seiner Verteidigung plädiere. Die Darstellungsweise, mit der sie den Islam verteidigen und für ihn Partei ergreifen, ist folgende:
„Heutzutage wird behauptet, die moderne Lebensideologie habe dies und jenes geleistet, während der Islam im Vergleich dazu nichts getan habe. Meine Brüder! Der Islam hat all dies schon vor langer Zeit getan. Die modernen Ideologien kamen erst vierzehn Jahrhunderte nach dem Islam und wiederholten jene alten Errungenschaften.“
Was für eine beschämende Parteinahme! Der Islam kann niemals das jahilitische System und seine irrigen Aktivitäten als seinen eigenen Ruhm beanspruchen. Die sogenannte Zivilisation der modernen Zeit hat viele Menschen geblendet und ihren Verstand und ihr Denken gefangen genommen. In Wirklichkeit ist diese unverfälschte Jahiliyya im Vergleich zum Islam äußerst minderwertig, inhaltsleer und irrig. Das Argument, der Lebensstandard derer, die im Schutz der modernen Lebensideologie leben, sei höher als derjenige der Bewohner mancher sogenannter islamischer Staaten oder der islamischen Welt, ist keineswegs stichhaltig. Die Bewohner dieser Gebiete sind nicht deshalb in Not geraten, weil sie Muslime sind, sondern weil sie sich vom Islam abgewandt haben. Der Islam beansprucht, der Jahiliyya in jeder Hinsicht überlegen zu sein. Er ist nicht herabgesandt worden, um die Jahiliyya aufrechtzuerhalten, sondern um sie an der Wurzel auszurotten, und er ist gekommen, um die Menschen aus dem Zustand zu befreien, in dem sie unter dem Mühlstein der modernen Zivilisation zermalmt werden.“
Es ist für uns keineswegs angemessen, eine derartige unterlegene Haltung einzunehmen und nach Ähnlichkeiten zwischen den gängigen Ideologien und Denkrichtungen der modernen Zeit und dem Islam zu suchen. Ganz gleich, aus welcher Region des Orients oder des Okzidents das Ideal der Jahiliyya kommt: Wir werden es direkt zurückweisen. Denn im Vergleich zum Islam sind diese Ideologien rückwärtsgewandt und stehen völlig im Gegensatz zu der Würde, mit der der Islam den Menschen ausstatten will.
Wenn wir der menschlichen Gesellschaft die Botschaft des Islam auf die oben dargestellte Weise vermitteln und ihr seine umfassende Gestalt erklären, wird aus ihrem eigenen Inneren eine Stimme zur Rechtfertigung und Unterstützung dieser Lebensideologie hervorgehen. Sie wird dann den Wert darin erkennen, eine bestimmte Glaubensüberzeugung aufzugeben und eine andere anzunehmen sowie eine bestimmte Lebensordnung abzulehnen und eine neue Lebensweise zu übernehmen. Doch wir werden die Menschen niemals durch die folgende Argumentation gewinnen können: „Gebt die bestehende alte Ordnung auf und nehmt eine neue Ordnung an. Zugegeben, diese neue Ordnung hat noch in keinem Gebiet Gestalt angenommen. Doch die neue Ordnung wird lediglich einige notwendige Änderungen am bestehenden Gesellschaftssystem vornehmen; gegen diese geringfügigen Änderungen solltet ihr nichts einzuwenden haben. Was ihr in der gegenwärtigen Gesellschaft tut, werdet ihr auch in der neuen Gesellschaft weiterhin tun. Das neue Ideal wird nur einige geringfügige Veränderungen eurer Gewohnheiten, eures Verhaltens und eures Geschmacks verlangen.“
Auf den ersten Blick scheint es einfach, nach dieser Methode vorzugehen. Doch ihr fehlt jede anziehende Kraft. Außerdem ist die erwähnte Daʿwa nicht wahr. In Wirklichkeit hat der Islam ohne Zögern erklärt, dass er nicht nur die Glaubensüberzeugungen und die Sichtweise hinsichtlich des menschlichen Lebens verändert; er verändert nicht nur das gemeinschaftliche Leben, die Gesetze und die Rechtsprechung, sondern auch Gefühle und Empfindungen so grundlegend, dass keinerlei Ähnlichkeit mit der Jahiliyya bestehen bleibt. Kurz gesagt: Das Ziel des Islam besteht darin, den Menschen in allen großen und kleinen Angelegenheiten des menschlichen Lebens aus der Unterordnung unter Menschen zu befreien und in den Dienst des einzigen Allah zu führen.
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„Wer will, soll glauben, und wer will, soll ungläubig sein.“ — al-Kahf: 29
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„Diejenigen aber, die ungläubig sind, sollten wissen: Allah ist auf die Welten nicht angewiesen.“ Al Imran: 97
Es muss klar verstanden werden, dass es sich hierbei in Wirklichkeit um die Frage von Iman und Kufr, Tauhid und Schirk sowie Islam und Dschahiliya handelt. Diejenigen, die ein Leben der Dschahiliya führen, sind trotz tausendfacher Behauptung, Muslime zu sein, keine Muslime. Wenn sie sich selbst oder andere damit täuschen wollen, dass man den Islam auf dieselbe Ebene wie die Dschahiliya stellen könne, ist dagegen nichts zu unternehmen. Doch durch ihre Selbsttäuschung oder ihre Täuschung anderer kann sich die tatsächliche Wahrheit nicht verändern. Ihr Islam ist nicht der wahre Islam, und sie selbst sind keine Muslime. Sollte heute die islamische Bewegung beginnen, wird es zunächst notwendig sein, diese irregeleiteten Muslime zum Islam aufzurufen und sie von Neuem zu Muslimen zu machen.
Wir rufen die Menschen nicht dazu auf, das islamische Ideal anzunehmen, in der Hoffnung, von ihnen eine Gegenleistung zu erhalten. Wir wollen weder die Macht ergreifen noch im Land Unruhe stiften. Wir sind nicht blind vor Gier nach weltlichen Interessen geworden. Die Abrechnung über unsere Taten und die Vergeltung für unser Handeln stehen uns nicht bei den Menschen, sondern bei Allah zu. Wir lieben die Menschen und wünschen ihnen Gutes. Eben deshalb laden wir sie ein, den Islam anzunehmen. Selbst wenn sie Berge von Verfolgung über uns schütten, werden wir nicht von unserer Pflicht abweichen. Dies ist das Kennzeichen derer, die auf dem Weg des Din aufrufen – und eben dieses Kennzeichen unterstützt ihr Wirken. Aus unserer Lebensweise muss in den Herzen der Menschen ein richtiges Verständnis des Islam entstehen. Ebenso werden die Menschen an unserem Verhalten erkennen, welche Pflichten der Islam den Muslimen auferlegt und welches Wohlergehen als Belohnung für die Erfüllung dieser Pflichten zu erwarten ist. Den Menschen muss klargemacht werden, dass die bestehende Gesellschaftsordnung aus islamischer Sicht nichts als unverfälschte Dschahiliya ist; da sie nicht aus den Quellen der Scharia stammt, ist sie lediglich das Ergebnis der eigennützigen und unwissenden Wünsche der Menschen. Und weil sie keine Beziehung zu „al-Haqq“, der höchsten Wahrheit, hat, ist die Dschahiliya nichts anderes als nichtig. ———————————–
„Was kann es jenseits der Wahrheit anderes geben als den Irrweg?“
In unserem Bekenntnis zum Islam gibt es nichts, dessen wegen wir Scham empfinden oder eine Haltung der Niederlage einnehmen müssten. Es besteht keinerlei Notwendigkeit, sich dafür einzusetzen, irgendeinen Mangel des Islam zu verbergen. Denn einen solchen Mangel gibt es im Islam nicht. Ebenso ist es nicht nötig, das islamische Lebensideal, statt es den Menschen darzulegen, in irgendeine besondere Gesellschaft einzuschleusen. Und anstatt den Islam offen und vollständig zu verkünden, den Versuch zu unternehmen, ihn mit allerlei Etiketten zu versehen, ist nichts als töricht.
Einige „Muslime“ haben, nachdem sie gegenüber der in Ost und West herrschenden Dschahiliya eine geistige und psychologische Niederlage eingestanden haben, in ihrem Inneren verschiedene der oben genannten Krankheiten entwickelt. Infolge dieser Erkrankung suchen sie mit ihrem kranken Verstand in den von Menschen geschaffenen Lebensordnungen nach Elementen, die sich zur Unterstützung des Islam eignen, oder sie weisen auf bestimmte Leistungen der Dschahiliya hin und sagen: „Auch der Islam hat einst derartige Dinge vollbracht.“ Wer das Bedürfnis verspürt, den Islam und die islamische Lehre zu verteidigen, oder sich mit schwacher Haltung für den Islam einsetzt, kann diesen Din niemals richtig vertreten. Denn er ist ein törichter Verteidiger des Islam. Sein Verstand und sein Herz sind vor der Dschahiliya besiegt und von ihrem Einfluss geprägt. Die Dschahiliya ist in Wirklichkeit nichts anderes als eine Ansammlung einiger einander widersprechender Gedanken und zahlloser Irrtümer und Fehler. Dennoch unterstützen die genannten Personen aus Unwissenheit gerade die Dschahiliya, indem sie in ihr nach Beweisen für den Islam suchen. Sie sind Feinde des Islam – sie schaden dem Islam; durch sie erfährt der Din keinerlei Nutzen. Im Gegenteil, sie führen die Menschen in die Irre. Aus ihren Argumenten und Erörterungen entsteht der Eindruck, dass der Islam auf der Anklagebank steht und jene Herren als Anwälte eingesetzt hat, um dem Urteil des Richters zu entgehen.
Während meines Aufenthalts in Amerika gerieten einige Leute mit mir in Streit und brachten die oben genannten Argumente vor. Bei mir waren auch einige Personen, die als Unterstützer des Islam bekannt waren. Während der Diskussion nahmen sie eine verteidigende Haltung ein und führten Argumente zugunsten des Islam an. Ich hingegen griff die westliche Dschahiliya, ihre schwankende Haltung gegenüber der Religion, ihre gesellschaftliche und wirtschaftliche Ordnung sowie die westliche Gesellschaft an. Ich sagte zu ihnen: „Betrachten Sie die Trinitätslehre der Christen. Keine einzige ihrer Lehren über die Definition von Schuld oder Sünde, die Sühne für Schuld und Sünde und dergleichen ist vernünftig oder mit dem Gewissen vereinbar. Die kapitalistische Wirtschaft, das Monopolwesen, die Politik der Zinsnahme und die übrigen ausbeuterischen Maßnahmen des Wirtschaftssystems, die Politik der Zinsnahme und die übrigen ausbeuterischen Maßnahmen des Wirtschaftssystems sind gegen die Menschlichkeit gerichtet. In der sogenannten individuellen Freiheit dieser Gesellschaft gibt es nicht die geringste Spur eines kollektiven Verantwortungsgefühls oder gegenseitigen Mitgefühls. Hier hat nichts außer der Gewalt des Gesetzes irgendeinen Einfluss. Wegen der materialistischen Sichtweise dieser Gesellschaft sind der Tod der Seele, ein tierähnliches Sexualverhalten unter dem Namen der freien Beziehungen zwischen Männern und Frauen, die Ausbreitung von Obszönität und Schamlosigkeit unter dem Namen der Freiheit der Frau, wirklichkeitsfremde Ehe- und Scheidungsgesetze, die einem irrationalen Kinderspiel gleichen, sowie unreiner, von Emotionen hervorgebrachter Rassismus und dergleichen in keiner Weise Ausdruck von Menschlichkeit. Betrachten Sie demgegenüber die islamische Lebensordnung. Wo findet sich ein Vergleich mit dem inneren Wohl, dem Glück, dem Wohlstand und der hohen Sichtweise, die ihren praxisorientierten Regelungen innewohnen? Das hohe Niveau der Menschlichkeit, das dieses Lebensideal vor Augen stellt, ist das, was sich alle wünschen – jeder bemüht sich, diese hohe Stufe zu erreichen, auch wenn es ihm nicht gelingt, eine solche Höhe zu erreichen. Der Islam ist das Ideal des wirklichen Lebens. Daher bietet er Lösungen für die Probleme, indem er die gesamte menschliche Natur berücksichtigt.“
Wir hatten Gelegenheit, die tatsächlichen Probleme der westlichen Lebensweise mit eigenen Augen zu sehen. Wenn wir diese Gesellschaftsordnung im Licht des Islam analysierten, waren selbst die entschiedensten Anhänger des westlichen Lebensideals gezwungen, beschämt den Kopf zu senken. Dennoch gibt es einige dem Islam zugeneigte Menschen, die gegenüber der verdorbenen westlichen Gesellschaft eine Niederlage eingestanden haben und in den stinkenden Abfallhaufen des Westens sowie im schmutzigen Materialismus des Ostens nach Ähnlichkeiten mit dem islamischen Ideal suchen.
Die richtige Rolle derjenigen, die zum Din aufrufen
Nach dieser Erörterung brauche ich wohl nicht mehr zu erwähnen, dass diejenigen, die zum Din aufrufen, unter keinen Umständen den Grundsatz verfolgen können, sich an die Dschahiliyyah anzupassen. Für uns ist es unmöglich, auch nur mit einer ihrer Ideologien, einer ihrer Bräuche oder irgendeinem Bestandteil ihrer gesellschaftlichen Ordnung Kompromisse einzugehen. Wenn die Träger und Verteidiger der Dschahiliyyah deshalb auch die Dampfwalze der Unterdrückung über uns hinwegrollen lassen, sind wir dennoch nicht bereit, auch nur im Geringsten nachzugeben.
Unsere wichtigste Verantwortung besteht darin, die Dschahiliyyah zu beseitigen und islamische Werte sowie islamische Bräuche einzuführen. Dieses Ziel kann weder durch eine Haltung der Zusammenarbeit mit der Dschahiliyyah noch dadurch erreicht werden, dass man sich anfangs ein Stück weit mit ihr arrangiert. Einige unserer wohlgesinnten Freunde erwägen, auf diesem Weg voranzuschreiten. Wenn wir dies jedoch tatsächlich tun, würden wir bereits mit dem ersten Schritt unsere Niederlage eingestehen.
Natürlich trifft es auch zu, dass die in der heutigen Gesellschaft vorherrschenden Ideologien und Bräuche durch starken Druck versuchen, unser Rückgrat zu brechen. Besonders in Bezug auf die Frauen wird dieser Druck noch stärker. Die unglückliche muslimische Frauengesellschaft ist dem gewaltigen Wirbelsturm der Dschahiliyyah ausgesetzt und wird gezwungen, darin umherzuwirbeln. Doch der nackten Realität können wir nicht entkommen. Dies sind reale Hindernisse auf unserem Weg nach vorn. Wir müssen uns unseren widrigen Umständen mit Entschlossenheit und Mut stellen und sie überwinden. Danach müssen wir ihr mit dem Finger zeigen, in welch tiefer Finsternis der Unwissenheit die Dschahiliyyah im Vergleich zu den hohen Werten des Islam versunken ist.
Diese große Aufgabe kann nicht erfüllt werden, indem man ein Programm annimmt, das unter Wahrung der Gleichheit mit der Dschahiliyyah ein Stück weit gemeinsam mit ihr voranschreitet. Ebenso wenig kann das Ziel jemals erreicht werden, indem man unverzüglich alle Beziehungen zur Dschahiliyyah abbricht und sich in einer dunklen Kammer versteckt. Wir müssen mit der Dschahiliyyah verkehren, ohne dabei unsere eigenen Besonderheiten preiszugeben. Wir müssen mit ihnen Geschäfte tätigen, ohne unsere Selbstachtung aufzugeben. Wir werden die Botschaft der großen Wahrheit ohne Zögern verkünden, jedoch in einem Ton der Liebe und Zuneigung. Wir werden die Überlegenheit des Iman beweisen, jedoch durch gute Umgangsformen. Wir müssen uns daran erinnern, dass wir in der Umgebung der Dschahiliyyah leben. Unser Weg ist im Vergleich zur Dschahiliyyah einfach und geradlinig. Dennoch ist es eine äußerst weitreichende und langfristige Aufgabe, die Dschahiliyyah zu verändern und die islamische Ordnung einzuführen. Wir wollen die Menschheit aus der Finsternis der Dschahiliyyah befreien und sie auf den lichtstrahlenden Weg des Islam führen. Zwischen der Dschahiliyyah und dem Islam liegt ein weites und tiefes Tal. Es ist nicht möglich, in der Mitte eine Brücke zu bauen, um beide miteinander zu verbinden. Wir müssen jedoch versuchen, eine solche Brücke zu errichten, dass die Menschen von der anderen Seite die Dschahiliyyah verlassen und in den kühlen Schatten des Islam Zuflucht finden können. Allen, die kommen – ob sie muslimische Bewohner eines islamischen Gebietes oder Nichtmuslime eines nichtislamischen Gebietes sind –, muss der Weg eröffnet werden, die Finsternis hinter sich zu lassen, an den lichtvollen Ort zu gelangen, sich aus dem Zustand völligen, im Elend versunkenen Unglücks zu retten und herbeizueilen, um die vom Islam versprochenen Wohltaten zu genießen. Diejenigen, die den Islam wirklich verstehen und unter seinem Schutz leben möchten, müssen die Fesseln der Dschahiliyyah zerreißen und zum Islam eilen. Wenn jemand unsere Daʿwa nicht billigt, dann werden auch wir verkünden, was Allah Taʿala Seinem Gesandten zu verkünden befohlen hat –
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„Für euch ist eure Religion und für mich meine Religion.“ – al-Kāfirūn: 6
Elftes Kapitel
Die Überlegenheit des Iman
Die Erklärung Allahs, des Erhabenen
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„Lasst euch nicht entmutigen und seid nicht traurig. Ihr werdet obsiegen, wenn ihr Mu’min seid.“
— Āl ʿImrān: 139
Beim Lesen des obigen Verses entsteht zunächst der Eindruck, dass Allah, der Erhabene, im Falle des bewaffneten Jihad Hilfe und den Sieg zugesichert hat. Doch die dem Vers zugrunde liegende Bedeutung ist weitaus umfassender und weitreichender als der bewaffnete Jihad. In dem Vers wird das geistige Bild des Mu’min dargestellt. Aus der Denkweise, den Wertvorstellungen, der Beurteilung und Analyse von Ereignissen sowie der Art und Weise seiner Abwägungen tritt sein stets waches Gewissen hervor. Sein Geist wird unter allen Umständen, in jeder Umgebung und in allen Dingen die Überlegenheit des Iman bewahren. Mit allen Ereignissen und Angelegenheiten, denen er begegnet, wird er sich auseinandersetzen, indem er sie aus der Perspektive des Iman prüft und danach seine Handlungsweise bestimmt. Die in der Welt verbreiteten Wertvorstellungen dessen, was man annimmt oder verwirft, wird er ohne Zögern zurückweisen, wenn sie von der Quelle des Iman losgelöst sind, und dem Iman den Vorrang geben. Ebenso besitzen weltliche Kräfte, die nicht durch den Iman gestärkt sind, in den Augen des Mu’min keinerlei Bedeutung. Sitten und Gebräuche, Gesetze und Vorschriften, Bildung, Kultur und Lebensordnungen, denen das Gut des Iman fehlt, wird er bedenkenlos aufgeben; die Überlegenheit des Iman zu verwirklichen, wird seine Aufgabe sein.
Die Kraft des Iman ist der eigentliche Besitz und die grundlegende Stärke des Mu’min. Selbst vor einem überaus mächtigen Herrscher beugt sich die Kraft des Iman nicht. Vor keinen gesellschaftlichen Sitten und Gebräuchen und vor keinen nichtigen Gesetzen und Vorschriften beugt sich der Iman. Wie viel Popularität ein Regierungssystem auch erlangen mag, dem das Licht des Iman fehlt – der Mu’min kann ein solches imanloses System niemals akzeptieren. Mit einem Wort: Das Leben des Mu’min ist ein lebendiges Beispiel für einen dauerhaften und umfassenden Jihad gegen den Unglauben. Dem Feind im bewaffneten Kampf mit Standhaftigkeit und Mut entgegenzutreten, ist lediglich ein praktischer Schritt zur Verwirklichung der Überlegenheit des Iman. Ob Mu’min hinsichtlich der weltlichen Mittel schwach oder stark sind, ob sie wenige oder zahlreich sind, ob sie arm oder reich sind – unter allen Umständen werden sie die Überlegenheit des Iman bewahren.
Die durch den Iman entstehende moralische Kraft ist weder eine vorübergehende Gefühlsregung noch ein kurzlebiger Feuerfunke. Das Gefühl der großen Wahrheit und der unerschütterliche Glaube an diese Wahrheit lassen im Herzen des Mu’min ein dauerhaftes Bewusstsein der Überlegenheit entstehen. Dieses Wahrheitsgefühl ist weitaus stärker und beständiger als die gängigen Argumente und Gegenargumente, der Druck der Umwelt, gesellschaftliche Gewohnheiten und überlieferte Bräuche, denn der Glaube an Allah, den ewig Lebendigen, lässt im Herzen des Mu’min eine dauerhafte Kraft entstehen.
In einer Gesellschaft setzt sich die Vorherrschaft bestimmter Denkweisen und Ideologien durch. Die sozialen Bindungen und die strenge Gesetzes- und Ordnungsgewalt zwingen jeden Einzelnen, sich an die vorherrschenden Denkweisen und Ideologien zu halten. Ohne den Schutz einer einflussreichen gesellschaftlichen Gruppe oder die Unterstützung einer äußeren Macht ist es niemandem möglich, sich den etablierten Ideologien und Denkweisen zu widersetzen. Zugleich üben die in der Gesellschaft etablierten Ideologien einen starken Einfluss aus. Erst nachdem der Mensch von einer besseren Ideologie und Denkweise angezogen worden ist, erkennt er die Haltlosigkeit der früheren Ideologie und Denkweise und ist bereit, sie aufzugeben. Andernfalls gibt es kein Entrinnen vor dem Einfluss der vorherrschenden Ideologien und Denkweisen. Ohne die Unterstützung einer Macht, die stärker, größer und überlegen ist als jene Kräfte, mit deren Hilfe die vorherrschenden Ideologien und Denkweisen in der Gesellschaft fortbestehen, ist es ebenfalls nicht möglich, sich vom Einfluss der etablierten Ideologien zu befreien.
Wer sich gegen den vorherrschenden Strom der Gesellschaft erhebt, sich gegen die von der herrschenden Macht gestützte Denkweise stellt und gegen die Fehler, Mängel und Schädlichkeit der üblichen Sitten, Bräuche, Denkweisen und Ideologien rebelliert, braucht eine Stütze, die mächtiger ist als die Menschen, stärker als die Berge und ihm lieber als das Leben selbst. Andernfalls wird er in jener Gesellschaft nicht nur seine eigene Hilflosigkeit erkennen, sondern in der weiten Welt nicht einmal einen kleinen Zufluchtsort finden. Unter diesen Umständen kann der Barmherzige, der Gnädige den Mu’min nicht allein im Herzen einer tyrannischen Gesellschaft zurücklassen, damit er Leid, Not und Verfolgung gegenübersteht. Daher ließ Er den Mu’minun folgende Zusicherung zukommen —
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Unter der endlosen Unterdrückung widriger Umstände ist es natürlich, dass der menschliche Eifer nachlässt und der Mut schwächer wird. Genau in diesem Augenblick erfüllt diese Zusicherung Allah Ta’alas das Herz des Mu’min mit Kraft und Ansporn. Der Mu’min siegt über alle Widrigkeiten nicht allein durch Geduld und Standhaftigkeit, sondern indem er ein Gefühl der Überlegenheit und ein großes Ziel im Blick behält. Der Mu’min erhebt sich in Fragen des Iman und des Denkens auf eine solche Höhe, dass von dort aus alle taghutischen Kräfte der Welt, mächtige Herrscher, von der Herrschaftsmacht gestützte Denkweisen, Gesetze und Bräuche als äußerst gering und unbedeutend erscheinen.
Der Mu’min ist wahrhaft überlegen. Denn so überlegen er selbst ist, so überlegen ist auch die Quelle seines Aqida und Glaubens. Ein gewaltiges Reich ist in seinen Augen völlig unbedeutend. Menschen, die über große Macht verfügen, sind für ihn gering. Nur weil er sieht, dass die Mehrheit der in der Gesellschaft bekannten und beliebten Menschen etwas gutheißt, lässt sich der Mu’min nicht davon angezogen. In dieser Hinsicht steht der Mu’min an der Spitze aller. Er hat von Allah Ta’ala, der allein die Quelle allen Wissens ist, den Weg zur Rechtleitung erhalten. In jeder Angelegenheit möchte er Allahs erhabene Anweisung erfahren, und sobald er von Ihm hinsichtlich einer Sache die entsprechende Hidaya erhält, folgt er genau dieser.
Auch hinsichtlich der Erschaffung und der Beständigkeit des Universums ist die Aqida und der Glaube des Mu’min höchst überlegen und vortrefflich. Denn durch den Blick auf den Tauhid, den der Islam ihn durch den Iman an Allah gelehrt hat, ist er dazu befähigt worden, die vollständige Wahrheit vollkommen zu erkennen. Das Bild, das die Lehre des Tauhid von der Weltordnung vermittelt, steht weit über allen alten und modernen Ideologien der Welt. Wenn man die Haltlosigkeit, die Widersprüchlichkeit und die Unwirklichkeit aller Ideologien untersucht, die aus den auf Schirk gegründeten Religionen, den Glaubensvorstellungen der irregeleiteten Ahl al-Kitab und dem verwerflichen Materialismus hervorgegangen sind, gewinnt man die feste Überzeugung, dass diejenigen, die über eine richtige Vorstellung vom Universum verfügen, zweifellos die besten Menschen der Gesellschaft sind.
Die Vorstellung des Mu’min von den Werten des Lebens und von den Maßstäben zur Beurteilung und Auswahl von Dingen, Sachen und Menschen ist den Vorstellungen der anderen überlegen und nimmt den höchsten Rang ein. Die durch den Iman an Allah Ta’ala, der die von Islam beschriebenen Eigenschaften besitzt, hervorgebrachte Erkenntnisfähigkeit enthüllt nicht nur die Geheimnisse der begrenzten Erde, sondern auch des unendlichen Universums. Die Werte des Lebens und die Maßstäbe für Annahme und Ablehnung, die sie dem Herzen des Mu’min verleiht, sind im Vergleich zu den allgemein verbreiteten, unausgewogenen und fehlerhaften Maßstäben besser, rein und wirklichkeitsgemäß. Das menschliche Wissen ist äußerst begrenzt. Deshalb sind die Menschen gezwungen, die Maßstäbe für Gut und Böse im Laufe der Zeiten immer wieder zu verändern. Selbst innerhalb derselben Nation gelten unterschiedliche Maßstäbe. Mitunter hat man erlebt, dass ein und dieselbe Person am Vormittag zu einer Sache eine bestimmte Meinung äußerte und am Nachmittag genau das entgegengesetzte Urteil fällte.
Durch den Iman an Allah erwirbt der Mu’min in Gewissen, Erkenntnisvermögen, Charakter und Verhalten vortreffliche Eigenschaften. Denn Allah Ta’ala selbst besitzt die schönsten Namen und die vorzüglichsten Eigenschaften. Die Aqida und der Glaube des Mu’min wecken in ihm Selbstachtung, Reinheit und Sauberkeit, Anstand und Höflichkeit, das Verlangen, gute Taten zu vollbringen, sowie die Motivation, sich die Fähigkeit anzueignen, seine Verantwortung als Khalifa Allahs auf der Erde zu erfüllen. Außerdem lässt eben diese Aqida und dieser Glaube im Herzen des Mu’min die feste Überzeugung entstehen, dass der Akhirah der eigentliche Ort der Vergeltung für die Taten ist und dass die Belohnung für gute Taten und ein reines Leben dort die Leiden und Entbehrungen des irdischen Lebens bei Weitem überwiegt. Wenn ein solches Empfinden entsteht, kehrt tiefe Ruhe in das Herz des Mu’min ein. Deshalb beklagt er sich nicht, selbst wenn er sein ganzes Leben lang der irdischen Freuden und des weltlichen Wohlstands beraubt bleibt.
Das Gesetz und die Lebensordnung, denen der Mu’min folgt, sind die besten und vollkommensten. Wenn der Mu’min alle von Menschen geschaffenen Gesetze und Rechtsordnungen von der Antike bis zur modernen Zeit prüft und analysiert, wird er zutiefst davon überzeugt, dass alles, was die Menschen bisher durch große Anstrengungen und Mühen erreicht haben, im Vergleich zur islamischen Lebensordnung und ihren Gesetzen nichts weiter als ein bloßes Kinderspiel ist. Er gewinnt ferner die Überzeugung, dass die bisherigen menschlichen Bemühungen zur Ausarbeitung von Gesetzen und Rechtsordnungen mit dem Gehen eines Blinden auf einem Weg vergleichbar sind. Wenn der Mu’min daher von seinem eigenen Standort aus die Ratlosigkeit, Verzweiflung und Hilflosigkeit der vom Weg abgekommenen Menschen wahrnimmt, empfindet er Mitgefühl für sie und erkennt, dass er über die irregeleitete menschliche Gesellschaft gesiegt hat.
Im Zeitalter der Jāhiliyya waren die Menschen vom Rausch des hohlen Machtstolzes sowie vom Glanz und Prunk weltlicher Besitztümer berauscht. Dank des islamischen Glaubens erkennt der Mu’min die Nichtigkeit dieser Götzenverehrung und wird zum Träger der oben genannten Eigenschaften und Charakterzüge. Die Jāhiliyya ist nicht auf eine bestimmte Epoche beschränkt. Wann immer der Mensch den lichtstrahlenden Weg des Islam verlässt, wird er von der Jāhiliyya umgeben sein. Für alle Zeiten und alle Epochen – Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft – gilt dieselbe Regel. Die Haltung, die Hadhrat al-Mughīra ibn Schuʿba (r.a.) angesichts der vielfältigen Erscheinungsformen der Jāhiliyya im prächtigen Lager des berühmten persischen Feldherrn Rustam zum Ausdruck brachte, führe ich hier in den Worten Abu ʿUthmān an-Nahdīs an:
„Über die Brücke des Flusses gelangte al-Mughīra ibn Schuʿba (r.a.) zum Lager der persischen Truppen. Sie ließen ihn warten und ersuchten Rustam um die Erlaubnis, ihn zu empfangen. Trotz ihrer Niederlage im Krieg hatten sie an ihrem Prunk nicht das Geringste eingebüßt. Nachdem al-Mughīra die Erlaubnis erhalten hatte, schritt er voran. Alle im Lager trugen vorgeschriebene Gewänder. Einige von ihnen trugen goldene Kronen auf dem Kopf und mit Goldstickereien verzierte Gewänder. Eine Fläche von mehr als hundert Ellen war mit schweren und kostbaren Teppichen bedeckt. Al-Mughīra betrat das Zelt. Er stieg geradewegs auf das erhöhte Podium und setzte sich neben Rustam. Die Höflinge eilten herbei, ergriffen ihn an den Händen und holten ihn von dort herunter. Ḥaḍrat al-Mughīra begann zu sprechen: „Bis heute haben wir viel über eure Klugheit gehört. Doch heute haben wir erkannt, dass ihr ein törichtes Volk seid. In unserer Gesellschaft sind alle Menschen gleich – niemand ist der Sklave eines anderen. Für Kriegsgefangene gilt allerdings etwas anderes. Ich hatte angenommen, dass ihr einander ebenso wie wir gleiche Achtung erweist. Bevor ihr mich so behandelt habt, hättet ihr mir besser mitteilen sollen, dass in eurer Gesellschaft einige Menschen ihre Herrschaft über andere errichtet haben. Ich bin auf eure Einladung hierhergekommen – nicht aus eigenem Willen. Daher ist die Behandlung, die ihr mir zuteilwerden ließet, keineswegs eine gute Behandlung. Ich habe erkannt, dass eure gesellschaftliche Ordnung äußerst schwach ist. Deshalb ist eure Niederlage unausweichlich. Kein Reich kann mit einem solchen Charakter und einer solchen Gesinnung Bestand haben.““
Am Vorabend der Schlacht von Qādisiyya zeigte auch Rābiʿ ibn ʿĀmir (r.a.) vor Rustam und dessen Höflingen dieselbe Haltung. Der Vorgang war folgender: Vor der Schlacht von Qādisiyya entsandte Ḥaḍrat Saʿd ibn Abī Waqqāṣ Rābiʿ ibn ʿĀmir (r.a.) als Gesandten an den Hof Rustams, des Heerführers des persischen Kaisers. Als Rābiʿ ibn ʿĀmir (r.a.) das Lager betrat, sah er, dass der Audienzsaal mit kostbaren Teppichen geschmückt war. Rustam, bekleidet mit einem goldenen, mit Juwelen und Perlen besetzten Gewand und einer goldenen Krone auf dem Kopf, saß auf einem aus Gold gefertigten Thron auf einem erhöhten Podium. Rābiʿ (r.a.) betrat den Hof auf einem kleinen Pferd, in zerschlissene Kleidung gehüllt, mit einem kleinen Schild und einem Speer in der Hand. Er band das Pferd an ein kostbares Sitzkissen und wollte zu Rustam gehen. Sein Körper trug noch immer die Kriegskleidung. Als er mit einem eisernen Helm auf dem Kopf und einem Panzer am Leib voranschritt, forderten ihn die Höflinge auf, seine Kriegskleidung abzulegen. Rābiʿ ibn ʿĀmir (r.a.) sagte: „Ich bin nicht aus eigenem Antrieb hierhergekommen. Ihr habt mich eingeladen und hergebracht. Wenn euch diese Kleidung an mir nicht gefällt, dann kehre ich um.“ Rustam sagte: „Lasst ihn hereinkommen.“ Er ging voran, indem er sich auf den Speer in seiner Hand stützte. Durch die Stöße des Speers wurde der Teppich an mehreren Stellen zerfetzt. Rustam fragte: „Weshalb seid ihr gekommen?“ Er antwortete: „Allah hat uns gesandt, um die Menschen aus der Knechtschaft anderer Menschen zu befreien, sie in den Dienst des einen und einzigen Allah zu stellen, diejenigen, die sich von der Enge dieser Welt befreien und das grenzenlose Wohlergehen des Jenseits erlangen wollen, auf jenes weite Feld zu führen, die Menschen von der Unterdrückung durch von Menschen geschaffene Religionen zu erlösen und sie der von Islam verliehenen Gerechtigkeit und Rechtschaffenheit zu unterstellen – das ist unser Ziel.“ (Al-Bidāya wa-n-Nihāya, Ibn Kathīr)
Im Laufe der Zeit kommt es zu einer Umwälzung, die in der Sichtweise der Muslime eine Schwäche hervorruft und sie zu weltlichen Gütern hinzieht. Dennoch bleibt ihre Vorstellung von der eigenen Überlegenheit bestehen. Wenn in ihren Herzen die Lampe des Glaubens brennt, wird der Muslim selbst dann, wenn er besiegt worden ist, das siegreiche Volk im Vergleich zu sich als gering und minderwertig betrachten. Er ist fest davon überzeugt, dass weltliche Vorherrschaft nur vorübergehend ist. Ob heute oder morgen – die Vernichtung des siegreichen irregeleiteten Volkes ist unausweichlich. Selbst wenn er dem Tod gegenübersteht, wird der Mu’min trotz des Mangels an weltlichen Gütern vor den Mächten des Falschen nicht niederknien. Der Mu’min glaubt, dass der Tod des Gegners eine äußerst unbedeutende Angelegenheit ist. Für ihn selbst jedoch gibt es die Würde des Märtyrertums. Sobald der Mu’min diese Welt verlässt, wird er ins Paradies eintreten, während die heute mächtige und siegreiche Gruppe im Jenseits in die harte, schmerzhafte Hölle geworfen wird – davon ist er überzeugt. Denn der Mu’min hat Allahs klare Erklärung über das Schicksal seiner selbst und seines Gegners gehört. Er sagte —
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„Lasst euch nicht durch die Machtentfaltung der Allah-Leugner im Land täuschen. Sie verfügen nur über ein wenig Besitz für wenige Tage. Schließlich werden sie die Hölle betreten, den äußerst schlechten Ort der Rückkehr. Denjenigen hingegen, die in der Furcht vor ihrem Herrn leben, gehören Gärten, in denen sie ewig verweilen werden. Das ist eine Bewirtung für sie von Allah. Und was bei Allah ist, ist für die Rechtschaffenen besser.“ — Āl ʿImrān: 196–198
Die Glaubensüberzeugungen, Werte und Maßstäbe, die den Glaubensüberzeugungen, Werten und Maßstäben des Mu’min entgegengesetzt sind, können in der Gesellschaft vorherrschend werden. Dennoch kann das Gewissen des Mu’min keinen Augenblick seine eigene hohe Stellung und die Niedrigkeit aller anderen vergessen. Von seinem erhabenen Standpunkt aus betrachtet er die Gesellschaft mit Geduld und Mitgefühl, während er seine Selbstachtung und Würde bewahrt; in seinem Herzen erwacht ein unbezwingbares Verlangen, ihnen den rechten Weg zu zeigen und sie aus ihrer gefallenen Lage herauszuziehen und zum Gipfel des Fortschritts zu führen.
Das Falsche veranstaltet einen seltsamen Lärm, erschüttert mit Gebrüll und Geschrei ringsum alles, steht mit aufgeblähter Brust da, zwirbelt seinen Schnurrbart und versammelt um sich eine gewaltige Schar von Schmeichlern, wodurch es den äußeren Blick und die innere Einsicht der anderen verwirrt. Die Menschen der Gesellschaft vermögen hinter dem blendenden Glanz, der ihren Blick verwirrt, das furchterregende, hässliche und abstoßende Antlitz des verborgenen Falschen nicht zu erkennen. Der Mu’min sitzt auf einem erhabenen Platz, beobachtet das nichtige Drohen und Dröhnen des Falschen und sieht den betrogenen Zustand der irregeführten Menschen; doch in seinem Herzen findet keine Schwäche Raum. Er empfindet keinen Kummer, und sein unerschütterlicher Glaube an die höchste Wahrheit wird nicht im Geringsten schwächer. Kein noch so kleines Stück weicht sein Fuß vom Sirat al-Mustaqim ab. Vielmehr wird in seinem Herzen der Eifer und der Antrieb, die irregeführten und betrogenen Menschen auf den Weg der Rechtleitung zu führen, immer stärker.
Die jahilische Gesellschaft versinkt in Begierden und Wünschen. Niedere Triebe reißen sie wie eine Flut mit sich fort. Überall genießen Obszönität und Schmutz, von allen Beschränkungen befreit, ungehindert ihre Freuden. Schließlich werden in jener Gesellschaft eine reine Umgebung und halal Nahrung selten – ja, sie sind überhaupt nicht mehr zu bekommen. Der Mu’min sitzt über all dem und blickt auf die Gesellschaft, die auf der Strömung von Abfall und Schmutz dahintreibt. Auch wenn er allein ist, wird er angesichts der Entwicklung und des Zustands der Gesellschaft weder verzweifelt noch traurig. Nicht einmal für einen Augenblick entsteht in ihm der Wunsch, das Gewand der Reinheit und Sittsamkeit von sich zu werfen und sich der dahinströmenden Flut der Obszönität hinzugeben. Durch den Genuss des Iman und das beglückende Empfinden der Aqida erkennt er sich selbst als weit über dieser von Abfall erfüllten Gesellschaft stehend.
Diese Gesellschaft ist gegen die Din aufbegehrt, ist verfallen, nachdem sie jedes Empfinden für Ehre und Würde verloren hat; eine Gesellschaft, in der es an hohen Wertvorstellungen fehlt, in der es an Höflichkeit und guten Umgangsformen fehlt – kurzum: eine Gesellschaft, die alle Eigenschaften von Reinheit und Sittsamkeit abgelegt hat. In einer solchen Gesellschaft hält ein Mu’min an Din und Islam fest, als hielte er ein glühendes Stück Kohle in seiner Hand. Diejenigen, die es gewohnt sind, sich von der Strömung der Herde mitreißen zu lassen, verspotten angesichts der Standhaftigkeit des Mu’min seine Denkweise als Wahnsinn und zerfetzen seine geliebten Wertvorstellungen durch die Angriffe ihrer Kritik. Doch der Mu’min sieht und hört alles, und dennoch zeigt sich in seinem Herzen keine Schwäche. Mit seinem großzügigen und nachsichtigen Blick schaut er auf die Spötter und Kritiker, und aus seinem Mund kommen genau jene Worte, die Hazrat Nuh (a.) ausgesprochen hat. Als er auf seinem langen, von Dornen übersäten Weg die spottende Menge vor Augen hatte, sagte Hazrat Nuh (a.), die Verkörperung von Geduld und Standhaftigkeit:
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„Heute verspottet ihr uns. Eines Tages werden auch wir über euch lachen und scherzen, so wie ihr jetzt über uns lacht und scherzt.“ — Hud: 38
Im Licht der heiligen Worte Allahs vermag der Mu’min das Ende sowohl seiner eigenen Seite als auch der gegnerischen Seite klar zu erkennen. Allah, der Erhabene, hat gesagt:
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„Gewiss pflegten die Übeltäter auf der Welt über die Gläubigen zu lachen und zu scherzen. Wenn sie an ihnen vorübergingen, verspotteten sie sie mit Zeichen ihrer Augen. Wenn sie zu ihren Familien zurückkehrten, ließen sie sich ausführlich über sie aus. Und sobald sie die Muslime sahen, sagten sie: ‚Das sind doch die Irregeleiteten.‘ Dabei waren sie nicht als ihre Hüter über die Muslime eingesetzt worden. Heute, am Tag des Jenseits, werden die Muslime über die Ungläubigen lachen und auf ihren Sitzen sitzen und zu ihnen hinblicken. Haben die Ungläubigen heute etwa nicht die Vergeltung für ihre Taten erhalten?“ — Al-Mutaffifin: 29–36
Der Heilige Koran hat uns auch die spöttischen Äußerungen der Ungläubigen gegenüber den Gläubigen überliefert und uns davon in Kenntnis gesetzt:
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„Wenn ihnen Unsere Zeichen in aller Deutlichkeit vorgetragen werden, sagen die Ungläubigen zu den Gläubigen: Sagt, wessen Zustand ist besser von unseren beiden Gruppen und welche von beiden hat die prächtigere Versammlung?“
Das heißt: Welche der beiden Gruppen ist die bessere? Die Stammesoberhäupter, gesellschaftlichen Führer und wohlhabenden Männer, die nicht an Hazrat Muhammad (s.a.w.) glaubten, bildeten die eine Gruppe, während die armen und hilflosen Menschen, die den Glauben angenommen hatten, die andere Gruppe bildeten. Ihre Frage lautete, wer von den beiden Gruppen der bessere sei. Nasr ibn al-Harith, Umar ibn Hischam, Walid ibn al-Mughira und Abu Sufyan ibn Harb waren angesehene Führer und einflussreiche ältere Männer der Gesellschaft. Demgegenüber waren Hazrat Bilal, Hazrat Ammar, Hazrat Khabbab (r.a.) und andere mittellos und ohne Unterstützung. Die Ungläubigen pflegten zu sagen: Wenn Muhammad (s.a.w.) tatsächlich Allahs Prophet wäre, warum würden sich dann diese Menschen aus den unteren Schichten des Stammes Quraisch seiner Gruppe anschließen? Gab es in der Gesellschaft keine angeseheneren Menschen als diese? Für ihr eigenes Zusammenkommen hätten sie außer dem Haus eines gewöhnlichen Menschen (dem Haus von Hazrat Ikrima) nicht einmal einen geeigneten Ort. Die islamfeindliche Gruppe hingegen war Besitzer eines weitläufigen Versammlungsortes wie An-Nadwa. Sie besaßen Glanz und Pracht, verfügten über Überfluss und führten die Nation an.
So ist die Sichtweise derer, die weltliche Interessen anbeten. Zu allen Zeiten und in allen Epochen waren ihre Blicke überall auf der Welt stets nach unten gerichtet. Zum hohen Horizont haben sie niemals aufgeschaut.
Der erhabene Allah hat verfügt, dass diejenigen, die reich an Iman und Aqida sind, sich über die Verlockung weltlicher Pracht und vergänglichen Glanzes erheben sollen. Sie werden weder die Nähe zu den Herrschern noch staatliche Gunst, billige Popularität oder die Befriedigung der Wünsche und Begierden des eigenen Triebes anstreben. Er hat außerdem bestimmt, dass der Weg des Gläubigen darin besteht, mit strenger Opferbereitschaft und Selbstaufopferung den Dschihad bis zum Martyrium fortzusetzen. Jeder muss beim Beschreiten des Weges des Islam klar erkennen, dass er die Religion allein wegen der Überlegenheit von Iman und Aqida angenommen hat. Außer Allahs Wohlgefallen gibt es hier keinerlei weltliches Interesse. Dieser Weg ist für diejenigen verschlossen, die an Gier, Begierden und Pracht hängen. Nur diejenigen, die allein Allahs Wohlgefallen erstreben, können auf diesem Weg voranschreiten, niemand sonst.
Der Gläubige ist bei der Bestimmung seiner Werte, seiner Vorstellungen und der Maßstäbe für Annahme und Ablehnung von keinem Menschen abhängig. In allen Dingen empfängt er vielmehr vom erhabenen Allah, dem Herrn der Welt, und der von Allah verliehene Maßstab genügt ihm. Er ist nicht vom Willen der Menschen abhängig. Deshalb braucht er seine Ansichten nicht mit dem Wandel des menschlichen Willens zu verändern. Denn der Gläubige hat an die große Wahrheit geglaubt. Die Wahrheit ist fest und unveränderlich und gerät niemals ins Wanken. Der Gläubige empfängt keinerlei Inspiration aus der begrenzten und vergänglichen Welt. Die Quelle all seiner Inspiration ist der Schöpfer, Lenker und Erhalter der gewaltigen Schöpfung. Daher kann das Herz des Gläubigen nicht schwach werden. Er fällt niemals der Verzweiflung anheim. Kann es nach der Verbindung mit dem Erhalter der Menschen, der erhabenen Quelle der Wahrheit und dem Mittelpunkt aller Kraft überhaupt einen Grund für Furcht und Besorgnis geben?
Der Gläubige steht auf der Wahrheit fest. Wer von der Wahrheit abweicht, wird nichts anderes erlangen als das Falsche und die Nichtigkeit. Möge die Nichtigkeit auch ihre Trommeln und Fanfaren haben und mag sich auch eine Menschenmenge um sie scharen; die Wahrheit kann sich deswegen nicht verändern. Er wird niemals den Weg des Haqq oder der Wahrheit verlassen und mit der Nichtigkeit einen Kompromiss eingehen. Eine solche Erwartung an ihn zu richten, wäre bloße Torheit.
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„O Herr! Lass unsere Herzen nicht abweichen, nachdem Du uns den Weg der Rechtleitung gezeigt hast, und schenke uns Barmherzigkeit aus dem Schatz Deiner Barmherzigkeit. Wahrlich, Du bist der Freigebige und der Geber. O Herr! Eines Tages wirst Du gewiss alle Menschen versammeln. Und über das Kommen dieses Tages besteht nicht der geringste Zweifel. Allah, der Erhabene, bricht niemals Sein Versprechen.“ — Al-i ʿImrān: 8–9
Zwölftes Kapitel
Der blutgetränkte Weg
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„Bei dem fest gefügten, mit Burgen versehenen Himmel und bei dem verheißenen Tag, bei dem Zeugen und dem Bezeugten. Zugrunde gegangen sind die Leute der Gräben, in denen loderndes Feuer brannte. Als sie am Rand der Gräben saßen und das Schauspiel dessen betrachteten, was den Gläubigen angetan wurde. Der Grund ihrer Feindschaft gegenüber den Gläubigen war nur, dass diese an Allah, den Allmächtigen und stets Preiswürdigen, glaubten. Ihm gehört die Herrschaft über die Himmel und die Erde, und Allah ist Zeuge aller Dinge. Für diejenigen, die gläubige Männer und Frauen verfolgten und danach nicht bereuten, gibt es gewiss die Strafe der Hölle, und für sie ist die verbrennende Strafe bestimmt. Für diejenigen, die glauben und rechtschaffene Werke tun, gibt es als sicheren Lohn Gärten des Paradieses, unter denen Bäche fließen. Das ist der wahrhaftige Erfolg. Wahrlich, der Zugriff deines Herrn ist gewaltig. Er hat die Schöpfung begonnen und wird sie wiederholen. Und Er ist der Vergebende, der Liebevolle, der Herr des ruhmreichen Thrones und der Erhabene. Er vollbringt alles, was Er will.“ — Al-Burūǧ: 1–16
Die im Koran erwähnte Geschichte der Leute der Gräben regt jeden gläubigen Menschen zum Nachdenken an. Für diejenigen, die in dieser Welt die Arbeit der Daʿwa für den Dīn leisten möchten, ist diese Sure (Sure al-Burūǧ) von größter Bedeutung.
In der Art und Weise, wie der Heilige Koran die Einleitung, Darstellung, Kommentierung und lehrreichen Aspekte der Geschichte vorgetragen hat, tritt ein klares Bild des Weges hervor, den die Aufrufer zu Allah zurücklegen. Es wird ein klares Verständnis für das Wesen der dīnī-Bewegung, die Reaktion der Menschengruppen und all das vermittelt, was sich bei der Ausbreitung dieser Daʿwa in der weiten Welt ereignen kann. Durch die Erzählung der Geschichte hat Allah, der Erhabene, die Hindernisse und Schwierigkeiten erwähnt, die den Gläubigen auf ihrem Weg begegnen können, und sie dazu ermutigt, alle möglichen Gefahren, Widrigkeiten, Sorgen und Leiden auf sich zu nehmen.
Diese Geschichte handelt von einer Gruppe gläubiger Menschen. Sie hatten an ihren Herrn geglaubt und öffentlich verkündet, worin ihr Glaube bestand. Doch die tyrannischen und übermächtigen Feinde in der Gesellschaft waren nicht bereit, diesen Menschen das Recht zuzugestehen, an Allah, den Gepriesenen und Allmächtigen, zu glauben. Daher waren die Gläubigen grausamster Verfolgung ausgesetzt. In ihrem vergeblichen Versuch, ihnen die von Allah verliehene Würde zu rauben und sie zu willenlosen Werkzeugen ihrer herrschenden Gruppe zu machen, legten die Feinde durch brutale körperliche Folter eine verdorbene Gesinnung an den Tag.
Doch die reinen Menschen, deren Herzen durch den Glauben gestärkt waren, bestanden die ihnen auferlegte Prüfung vollkommen. Der Glaube erwies sich als siegreich über ihre vergänglichen Körper. Deshalb ließen sie sich nicht im Geringsten durch die Drohungen und den Terror des Tyrannen erschüttern; vielmehr wurden sie in einen lodernden Feuergraben geworfen und starben qualvoll. Dennoch waren sie nicht bereit, auch nur um Haaresbreite von ihrem Din abzuweichen. Sie waren von der Täuschung und den Verlockungen des irdischen Lebens befreit. Daher konnten sie, selbst als man ihre grausame Ermordung wie die von Tieren vorbereitete und durchführte, beim Anblick dessen ihren Glauben nicht gegen ihr Leben eintauschen. Sie lösten sich von der Täuschung durch die Freuden und den Reichtum dieser Welt und gingen furchtlos in die höhere Welt ein. Welch wunderbare Überlegenheit der Glaubenskraft über das kurzlebige Leben!
Den vollkommen gläubigen, charakterstarken, rechtschaffenen und tugendhaften Menschen standen Menschen mit einer gottesleugnerischen, starrsinnigen, sittenlosen und verbrecherischen Gesinnung gegenüber. Sie saßen am Rand des lodernden Feuergrabens und ergötzten sich am qualvollen, elenden Tod der Muʾminūn. Aus Neugier darauf, wie das lodernde Feuer lebendige Menschen verschlang und sie verbrannte und zu Asche machte, hatten sie sich neben der Grube versammelt.
Wenn ein gläubiger junger Mann, eine junge Frau, ein Kind, eine alte Frau oder ein älterer Mann ins Feuer geworfen wurde, verwandelte sich ihre Freude in Raserei. Beim Anblick der spritzenden Blutströme und der brennenden Fleischstücke tanzten sie vor Freude. Aus dieser haarsträubenden Geschichte wird deutlich, dass die tyrannische Gruppe jedes Gewissen und jeden Verstand verloren hatte und auf eine Stufe gesunken war, die noch niedriger war als die der Tiere. Denn wilde Tiere jagen, um ihren Hunger zu stillen. Sie töten keine Lebewesen, um sich zu vergnügen.
Aus demselben Ereignis lässt sich ein klares Bild von der hohen Stellung der Gläubigen gewinnen. Sie waren zum Gipfel der Spiritualität aufgestiegen. Ihr unerschütterliches Vertrauen auf Allah hatte seine Vollendung erreicht. Für die Menschen aller Zeitalter und aller Zeiten gilt diese Stufe des Glaubens seit jeher als höchst erstrebenswert.
Bei oberflächlicher Betrachtung scheint es, als hätten Unterdrückung und Verfolgung über den Glauben und die Aqida gesiegt. Obwohl die Glaubenskraft dieser charakterfesten, geduldigen und gottesfürchtigen Menschen ihren Gipfel erreicht hatte, scheint es angesichts des Ausgangs der Ereignisse, als habe ihre Glaubenskraft die Kraftprobe mit dem Bāṭil nicht bestanden. Aus dem Heiligen Koran oder einem anderen Buch ist nicht bekannt, ob die Grubenbauer wegen eines derart abscheulichen Verbrechens ebenso bestraft wurden, wie die Völker von Nūḥ, Hūd, Ṣāliḥ, Shuʿayb und Lūṭ bestraft worden waren. Ebenso gibt es keine Möglichkeit zu erfahren, ob Allah, der Erhabene, sie ebenso hart bestrafte, wie Er Pharao und dessen Gefolgsleute ergriffen und bestraft hatte. Aus materialistischer Sicht war das Schicksal der Gläubigen in diesem Ereignis daher äußerst tragisch.
Aber endet die Angelegenheit hier? Ist jene gottesfürchtige und charakterfeste Gruppe, die eine höhere Stufe des Glaubens erreicht hatte, in den Wirren von Unterdrückung und Verfolgung im Feuer der Grube verbrannt und zu Asche geworden und damit ausgelöscht? Und entgingen jene tyrannischen, tierähnlichen Menschen vollständig jeder Strafe? Aus irdischer Sicht entstehen zu diesem Thema zahlreiche Fragen. Doch der Koran erteilt den Gläubigen eine andere Lehre und enthüllt vor ihnen das Tor zu einem weiteren Geheimnis. Der Koran legt einen neuen Maßstab zur Unterscheidung von Gut und Böse vor, einen Maßstab, der den Weg der Muʾminūn im Konflikt zwischen Ḥaqq und Bāṭil zu bestimmen hilft.
Das irdische Leben mit seinen Annehmlichkeiten, seinem Genuss und seiner Entbehrung ist nicht das entscheidende Kriterium des menschlichen Lebens. Nicht allein diese Dinge bestimmen die Bilanz von Gewinn und Verlust. Eine vorübergehende Vorherrschaft ist nicht gleichbedeutend mit Sieg, auch wenn Vorherrschaft zu den verschiedenen Mitteln und Wegen des Sieges gehört. Nach Allahs Maßstab ist allein das Gewicht des Glaubens schwer. Auf Allahs Markt besteht nur Nachfrage nach der Ware des Glaubens. Das vortrefflichste Beispiel für den Sieg ist die Vorherrschaft des Glaubens über die Materie. Aus dem erwähnten Ereignis wird klar, dass die Seelen der Gläubigen über Furcht, Angst, Leid, Schmerz, die Annehmlichkeiten des irdischen Lebens und die Begierde nach Genuss vollkommen siegten. Der Sieg und die Ehre, die die Gläubigen angesichts äußerster Verfolgung errangen, schreiben ein ruhmreiches Kapitel in der Geschichte der Menschheit. Und genau dieser Sieg ist der wahre Sieg.
Alle Menschen sterben. Doch die Umstände ihres Todes sind verschieden. Nicht jedem ist ein solcher Erfolg beschieden wie den erwähnten gläubigen Menschen. Auch einen so hohen Grad des Glaubens zu erreichen, ist vielen nicht möglich. Eine solche vollkommene Freiheit kann nicht jeder genießen. Allah Ta’ala erwählt in Seiner grenzenlosen Gnade eine Gruppe von Menschen, die wie alle anderen Menschen sterben, deren Todesumstände jedoch äußerst glückselig sind. Diese Glückseligkeit kann niemand anders erlangen. Sie erlangen einen höheren Rang und eine größere Ehre als selbst die erhabenen Engel. Gemessen an dieser Ehre und diesem Rang werden sie in der Geschichte der Menschheit zu den Höchstgeehrten.
Die erwähnten Mu’mins hätten die Möglichkeit gehabt, ihrem Glauben abzuschwören und ihr Leben zu retten. Doch wie groß wäre der Schaden gewesen, den sie selbst und die gesamte Menschheit dadurch erlitten hätten? Wenn die große Wahrheit, dass ein Leben ohne Iman keinen Pfifferling wert ist, um der Rettung des Lebens willen aufgegeben worden wäre, hätte die Menschheit schweren Schaden genommen. Nachdem der Mensch die Freiheit seines Glaubens und seiner Überzeugung verloren hat, wird er mittellos. Wenn die tyrannische Herrscherklasse durch körperliche Folter auch die Seele unter ihre Herrschaft zu bringen vermag, sinkt das menschliche Wesen auf den tiefsten Stand herab. Die erwähnten Gläubigen hatten einen solchen Grad des Iman erreicht, dass sie selbst in dem Augenblick, in dem die brennende Kraft des Feuers auf ihre lebenden Körper einwirkte, an der großen Wahrheit und der Reinheit festhielten. Während ihre vergänglichen Körper im Feuer brannten, stieg ihr großes und erhabenes Ideal auf den Stufen des Erfolgs empor. Ja, das Feuer verlieh ihrer Treue zu ihrem Ideal noch größeren Glanz.
Dieser Kampf zwischen Wahrheit und Lüge, zwischen Haqq und Baatil, ist nicht auf die Bühne dieser Welt beschränkt. Auch das irdische Leben allein ist nicht das vollständige menschliche Leben. Am Kampf nehmen nicht nur die Menschen der jeweiligen Zeit teil. Auch die Engel beteiligen sich am Krieg des Haqq gegen das Baatil, beobachten den Verlauf des Kampfes und sehen alles, was geschieht. Darüber hinaus wägen sie die Ereignisse auf einer Waage. Diese Waage unterscheidet sich völlig von den Waagen der Menschen aller Zeiten und jeder Art. Vielmehr besitzt die Waage der Engel sogar gegenüber der Waage der gesamten Menschheit eine eigenständige Besonderheit. Die Engel sind eine gewaltige Schöpfung Allahs. Zu jeder Zeit ist ihre Zahl um ein Mehrfaches größer als die Zahl der Menschen, die auf der ganzen Welt leben. Daher lässt sich zweifellos sagen, dass das Lob und die Ehrerbietung der Engel gegenüber den Anhängern des Haqq weitaus wertvoller sind als die Ehrerbietung und das Lob der Bewohner dieser Welt.
Nach all diesen Stufen kommt das Jenseits. Es ist der eigentliche Ort, an dem das Ergebnis offenbar wird. Diese Bühne der Welt ist mit dem Jenseits verbunden – sie ist nicht von ihm getrennt. Das ist die eigentliche Wahrheit, und ebenso lautet der unerschütterliche Iman des Mu’mins. Der Kampf zwischen Haqq und Baatil wird nicht bereits auf dem Schlachtfeld dieser Welt beendet. Die eigentliche Endstufe ist noch nicht erreicht. Auf Grundlage jenes Teils des Kampfes, der sich auf der Bühne dieser Welt ereignet hat, kann keine richtige und gerechte Entscheidung getroffen werden. Denn eine solche Entscheidung bliebe auf einige gewöhnliche Wechselwirkungen des Kampfes beschränkt.
Diejenigen, die nur das irdische Leben für das einzige Leben halten, haben eine äußerst enge und begrenzte Sichtweise. Nur unbeständige Menschen vertreten eine solche Sichtweise. Die zweite Sichtweise, nämlich die Sichtweise auf das Jenseits, ist weitreichend, wirklichkeitsnah und umfassend. Der Koran formt in den Herzen der Gläubigen diese zweite Sichtweise. Und gerade sie ist die wirklichkeitsorientierte Sichtweise. Auf ihr wird das gewaltige Gebäude des imanbasierten Denkens errichtet. Die Belohnung, die Allah Ta’ala den Gläubigen für die Festigkeit in Iman und Gehorsam sowie für ihre standhafte Geduld in der Glaubensprüfung versprochen hat, ist die innere Ruhe. Es heißt:
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„Diejenigen, die Iman angenommen haben, deren Herzen finden durch das Gedenken Allahs Ruhe. Wisset: Nur im Gedenken Allahs finden die Herzen Ruhe.“ — Ar-Ra’d: 28
Damit verbunden ist auch das Versprechen von Allahs Wohlgefallen und Liebe.
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„Gewiss, diejenigen, die Iman angenommen und ihr Leben mit guten Werken verbracht haben, für sie wird Allah, der Erhabene, in den Herzen der Menschen Zuneigung entstehen lassen.“ – Maryam: 96
Außerdem ist versprochen, dass im himmlischen Reich über sie gesprochen und beraten wird.
Der Gesandte Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) sagte: „Wenn das Kind eines Dieners Allahs stirbt, ruft Allah, der Erhabene, die Engel und fragt: Habt ihr die Seele des Kindes meines soundso genannten Dieners genommen?
Die Engel sagen: ‚Ja, gewiss!‘
Allah, der Erhabene, fragt erneut: „Habt ihr das Stück meines Dieners, das seinem Herzen am nächsten war, genommen?“
Sie sagen: „Ja, gewiss, unser Herr und Erhalter!“
Allah sagt: „Was hat mein Diener in diesem Augenblick gesagt?“
Der Engel sagt: „Er hat dich gepriesen“ und ————————————– „Wir gehören gewiss Allah, und zu Ihm werden wir zurückkehren – das hat er gesagt.“
Allah, der Erhabene, befiehlt daraufhin: „Baue für jenen Meinen Diener einen Palast im Paradies und nenne ihn Bayt al-Hamd (Haus des Lobpreises).“ – (Tirmidhi)
Vom edlen Propheten (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) wird außerdem überliefert, dass Allah sagt: „Ich bin genau so, wie Mein Diener über Mich denkt. Wenn er Meiner gedenkt, bin Ich bei ihm. Wenn er Meiner im Stillen gedenkt, gedenke auch Ich seiner im Stillen. Wenn er Meiner vor Menschen gedenkt, gedenke Ich seiner in einer noch größeren Versammlung. Wenn er sich Mir um eine Handspanne nähert, nähere Ich Mich ihm um eine Elle. Wenn er sich Mir um eine Elle nähert, nähere Ich Mich ihm um mehrere Ellen. Wenn er gehend zu Mir kommt, eile Ich laufend zu ihm.“ – (Bukhari und Muslim)
Außerdem ist verheißen, dass im oberen Reich für die Gläubigen gebetet wird und dort tiefe Liebe und Mitgefühl für sie herrschen.
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„Die Engel, die den Thron tragen, und diejenigen, die sich um Allah herum befinden, preisen allesamt ihren Herrn und halten Ihn von allem Unvollkommenen frei und glauben an Allah. Und sie bitten bei Allah um Vergebung für die Gläubigen und sagen: ‚Unser Herr, unser Erhalter! Deine Barmherzigkeit und Dein Wissen umfassen alles. So vergib denjenigen ihre Verfehlungen, die bereuen und nach dem von Dir gewiesenen Weg leben, und bewahre sie vor dem Feuer der Hölle.‘“ – (Al-Mu’min: 7)
Allah, der Erhabene, hat den Märtyrern das ewige Leben verheißen –
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„Nennt diejenigen, die auf Allahs Weg getötet wurden, nicht tot; vielmehr sind sie lebendig und werden von ihrem Herrn versorgt. Sie sind hocherfreut und zufrieden über das, was Allah ihnen aus Seiner Gunst gegeben hat. Sie sind sich gewiss, dass für die Gläubigen unter denjenigen, die noch auf der Welt leben und noch nicht ins Jenseits gelangt sind, weder Furcht noch Sorge besteht. Sie sind erfüllt von der Belohnung und Gunst Allahs und haben erkannt, dass Allah den Lohn der Gläubigen nicht zunichtemacht.“ — (Sure Āl ʿImrān: 169–171)
Ebenso gibt es Allahs Warnung hinsichtlich der Leugner, der Ungerechten und der Verbrecher. Er sagt, dass Er ihnen im irdischen Leben eine Zeit lang freie Hand lässt und ihnen einen gewissen Aufschub gewährt, während sie im Jenseits zur Rechenschaft gezogen werden. Bisweilen ergreift Allah sie jedoch auch schon auf dieser Welt. Die eigentliche Strafe ist dennoch für das Jenseits bestimmt.
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„Lasst euch nicht durch das Treiben der Gottesleugner im Land täuschen. Dies sind nur vergängliche Güter eines kurzen Lebens. Letztlich wird ihr Aufenthaltsort die Jahannam sein, und sie ist wahrlich ein höchst schlechter Ort.“
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„Halte Allah nicht für unachtsam gegenüber dem, was die Ungerechten tun. Er gewährt ihnen Aufschub bis zu einem Tag, an dem ihre Augen weit aufgerissen sein werden und sie mit aufrecht erhobenen Köpfen hasten werden. An jenem Tag werden ihre Blicke nach oben gerichtet sein, und ihre Seelen werden sich angstvoll danach sehnen, ihnen zu entfliehen.“ — Ibrāhīm: 42–43
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„Lass sie sich in leerem Gerede und Spiel und Zerstreuung verlieren, bis der verheißene Tag eintrifft. An jenem Tag werden sie aus den Gräbern hervorkommen und zu laufen beginnen, als eilten sie schnell auf ein Ziel zu. Ihre Blicke werden gesenkt sein, und auf ihren Gesichtern werden Zeichen von Schmach und Erniedrigung sichtbar werden. Das ist der verheißene Tag.“
— Al-Ma’aridsch: 42–44
So steht das menschliche Leben mit dem Leben der Engel und das diesseitige Leben mit dem jenseitigen in Beziehung. Der Kampf zwischen Wahrheit und Falschheit, Gut und Böse sowie Iman und Auflehnung gegen Allah wird nicht bereits auf der vergänglichen Bühne dieser Welt beendet, und sein Ergebnis zeigt sich hier nicht. Wohlstand und Not, Genuss und Entbehrung des diesseitigen Lebens sind nach Allahs Maßstab keine entscheidenden Kriterien. In dieser Hinsicht ist das Prüfungsfeld der Kräfte des Guten und des Bösen weit ausgedehnt und von langer Dauer. Auch die Maßstäbe für Erfolg und Misserfolg sowie deren Reichweite sind viel umfassender. Dieses Streben reicht sehr hoch. Daher erscheinen diese Welt und ihre Ausstattung, dieses Leben und seine notwendigen Güter dem Mu’min geringfügig. Entsprechend der Erweiterung seines Blicks und seiner Auffassung steigen Sinn und Ziel seines Lebens von einer Höhe zur nächsten. Für die Herausbildung eines solchen großzügigen und großen Herzens sowie eines reinen Iman ist die Geschichte der Grabenleute eine große Hilfe.
Aus der Geschichte der Grabenleute und der Erörterung der Sure al-Burudsch wird auch ein weiterer Aspekt hinsichtlich des Wesens der Da’wa des Din und der Rolle der Rufer angesichts der möglichen Reaktionen auf diesem Weg beleuchtet. Die Bewegung der Da’wa des Din hat im Verlauf der Weltgeschichte das Ende ihres Kampfes gegen andere Bewegungen in unterschiedlichen Formen erlebt.
Diese Bewegung hat die Vernichtung der jeweiligen Völker von Nuh, Hud, Schu’aib und Lut sowie die Rettung einer kleinen Zahl von Gläubigen miterlebt. Doch der Koran hat uns nicht mitgeteilt, welche Rolle diejenigen später spielten, die vor der Vernichtung gerettet worden waren. Aus diesen Beispielen ist ersichtlich, dass Allah denjenigen, die sich gegen Ihn auflehnen, bisweilen bereits im diesseitigen Leben einen Teil der Strafe kosten lässt, um ihrem Übermaß entgegenzuwirken. Die angemessene Strafe wird ihnen jedoch erst nach dem vollständigen Gericht im Jenseits auferlegt.
Die Bewegung der islamischen Da’wa hat die Vernichtung des Pharao samt seinen Heeren, die Rettung von Musa samt seinen Anhängern und später seinen Herrschaftsantritt miterlebt. In der Geschichte jener Zeit waren die Kinder Israels Menschen von vorzüglichem Charakter. Obwohl sie niemals vollständige Standhaftigkeit zeigen konnten und Allahs Din im Diesseits nie als umfassende Lebensordnung errichteten, war ihr Beispiel dennoch von anderer Art als das ihrer Vorgänger. Die Geschichte hat auch die Leichenberge jener Götzendiener gesehen, die nicht an den Propheten Muhammad glaubten und sich von der von ihm gebrachten Lebensordnung abwandten. Sie hat ferner gesehen, wie Allahs Hilfe kam und den Gläubigen die Krone des Erfolgs aufsetzte, nachdem die Herrschaft des Iman vollständig in ihren Herzen errichtet worden war. Und die Welt erblickte zum ersten Mal ein Beispiel für die vollständige Verwirklichung von Allahs Ordnung im menschlichen Leben. Vor oder nach dieser Zeit war so etwas niemals zu sehen.
Die Geschichte hat das Geschehen um die Grabenleute miterlebt. Auch wir haben es gesehen. Darüber hinaus hat die Geschichte viele alte und neue Ereignisse geschehen sehen. Diese haben allerdings keinen wichtigen Platz in der Geschichte eingenommen. Auch heute erlebt die Geschichte unzählige Ereignisse, die in der einen oder anderen Hinsicht den jahrhundertealten Ereignissen der islamischen Geschichte ähneln.
Die anderen Ereignisse zu untersuchen, ist zweifellos notwendig. Doch das Geschehen um die Grabenleute ist besonders erwähnenswert. Denn in diesem Geschehen findet sich ein leuchtendes Beispiel für die Feuerprobe des Iman. In dieser Prüfung kam den Anhängern der Wahrheit keine weltliche Hilfe zu, und den Anhängern der Falschheit wurde im diesseitigen Leben keine Strafe auferlegt. Solche Ereignisse können sich wiederholen, wenn die Gläubigen und die Rufer auf Allahs Weg den von ihnen gewünschten Weg weitergehen, um diesen Glauben in ihren Herzen zu festigen. Bei einem solchen Geschehen wird ihnen keinerlei Kraft zu Hilfe kommen. Sie und alles, was ihren Iman betrifft, liegen vollständig in Allahs Hand. In dieser Lage besteht die Pflicht der Gläubigen darin, standhaft ihre Aufgabe zu erfüllen und aus dieser Welt zu scheiden. Ihre Pflicht ist es, allein Allah als ihr höchstes und letztes Ziel anzunehmen, Aqida und Glauben höher zu schätzen als das Leben selbst und, wenn sie in die Feuerprobe geworfen werden, die Kraft ihres Iman diese Prüfung bestehen zu lassen. In einer solchen Lage werden die Gläubigen durch ihr Herz, ihre Worte und ihre Taten die Wahrheit von Allahs Din bezeugen. Wie das Ende der Feinde des Din aussehen und wie die Arbeit der Da’wa des Din voranschreiten wird, sollte man Allah überlassen. Allah kann sie zu einem Ende führen, wie es in der vergangenen Geschichte des Islam Beispiele dafür gibt, oder für die Träger des Banners des Din der Wahrheit und für die Anhänger der Falschheit ein neues Ende bestimmen.
Die Anhänger der Wahrheit sind Mitarbeiter an Allahs Din. Welche Art von Arbeit Allah durch sie verrichten lassen will, wann, wo und auf welche Weise Er sie arbeiten lässt – ihre Aufgabe genau so zu erfüllen und die festgelegte Belohnung entgegenzunehmen, ist die Pflicht der Mu’min. Die Zukunft der islamischen Bewegung liegt nicht in ihren eigenen Händen, und sie besitzen auch nicht die Macht, diesbezüglich irgendeine Entscheidung zu treffen. Das ist allein die Sache des Einen, der der wahre Eigentümer ist. Die Mitarbeiter brauchen sich darüber keinerlei Gedanken zu machen.
Die Gläubigen erhalten die erste Rate der Belohnung für ihre Taten bereits in dieser Welt. Diese Belohnung besteht in innerem Frieden, einem hohen Niveau des Denkens und der Erkenntnis, edlen Vorstellungen sowie der Befreiung von weltlicher Gier und Begehrlichkeit, Angst und Kummer. Auch die zweite Rate nehmen sie schon in dieser Welt entgegen. Diese Belohnung besteht darin, dass ihr Ansehen in der Welt der Engel steigt und dort über sie gesprochen wird. Die Menschen auf Erden, die Tugend und Verdienste zu schätzen wissen, loben sie ohnehin. Dass in der Welt der Engel über sie gesprochen wird, ist ein Zeichen für die Steigerung ihres Ranges in der höheren Welt. Die größte Rate der Belohnung wird ihnen erst im Jenseits zuteil. Dort wird ihre Abrechnung leicht und unkompliziert sein, und sie werden unermesslichen Gewinn erlangen. Die größte aller Belohnungen, die ihnen durch diese Raten zuteilwerden, besteht jedoch darin, dass sie in jeder dieser Raten Allahs Wohlgefallen erlangen. In Seiner unendlichen Gnade hat Er die Gläubigen für Seine Sache auserwählt und sie dazu bestimmt, in dieser Welt als Allahs Soldaten nach Seinem Willen für alle Aufgaben eingesetzt zu werden. Auch dies ist ein überaus großes Glück.
Durch die vom Qur’an vermittelten Lehren hatte der Charakter der ersten großen Karawane der islamischen Bewegung das erwähnte hohe Niveau erreicht. Von dem Antrieb erfüllt, als Allahs Soldaten zu wirken, hatten sie ihr eigenes Selbst und ihre Persönlichkeit vergessen und waren zu jeder Zeit und unter allen Umständen mit Allahs Entscheidung zufrieden.
Neben dem Qur’an hatte auch die Unterweisung durch den edlen Propheten (s.a.w.) dazu geführt, dass ihr Blick auf das Paradies gerichtet war und sich in ihnen die Haltung herausbildete, ihre Aufgaben mit unerschütterlicher Festigkeit zu erfüllen, bis Allah eine Entscheidung traf. Allahs Entscheidung war für sie das höchste und innigste Ziel zum Wohl in dieser Welt und im Jenseits. Als die tyrannischen Mekkaner den ehrwürdigen Ammar (r.a.) und seine Eltern zu Opfern grausamster körperlicher Folter machten, sah der Prophet (s.a.w.) ihren Zustand mit eigenen Augen und sprach nur diese wenigen Worte:
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„Ihr Angehörigen von Yasir, habt Geduld; euch ist das Paradies fest versprochen worden.“
Khattab bin Arat (r.a.) berichtet: „Wir beklagten uns beim Propheten (s.a.w.), während er im Schatten der Wand der Kaaba ruhte. Wir fragten: Warum bittet Ihr Allah nicht um Hilfe? Warum betet Ihr nicht für uns? Er antwortete: In der Zeit der Menschen vor euch wurden Menschen gepackt und lebendig begraben. Außerdem wurden sie mit Sägen lebendig in Stücke zersägt. Dennoch konnten sie nicht von der wahren Religion abgebracht werden. Bei Allah! Er wird Seine Religion vollständig aufrichten. Es wird eine Zeit kommen, in der ein Reiter allein von Sana’a bis Hadramaut reisen wird und unterwegs niemanden außer Allah zu fürchten braucht. Für seine Schafherde wird es keine andere Gefahr geben als den möglichen Angriff eines Wolfes. Doch ihr werdet sehr ungeduldig werden.“
In jeder Handlung Allahs liegt eine segensreiche Absicht verborgen. Er lenkt die gesamte Schöpfung. Von Anfang bis Ende ist Er stets über alle Angelegenheiten der gesamten Schöpfung informiert. Alles, was in dieser Welt geschieht, geschieht unter Seiner Lenkung. Nur Er kennt den Nutzen, der in der unsichtbaren Welt verborgen liegt. Der verborgene Nutzen gestaltet die Geschichte allein nach Allahs Willen, und nach Seinem Ratschluss werden die Geheimnisse der Ereignisse eines Tages offenbar.
Manchmal werden die inneren Geheimnisse vergangener Ereignisse erst nach mehreren Jahrhunderten enthüllt. Die Menschen der Zeit, in der diese Ereignisse stattfanden, konnten ihre Bedeutung jedoch nicht erkennen. In ihrer Zeit fragten sie lediglich: „Was ist das? O Herr der Welten! Was geschieht hier und warum geschieht es?“ und Ähnliches. Fragen dieser Art sind ein Zeichen von Unwissenheit. Deshalb stellt der Gläubige solche Fragen nicht. Denn er glaubt fest daran, dass in allen Handlungen Allahs Weisheit und Segen liegen. Die Weite des Denkens des Gläubigen, sein Verständnis für den Wert von Ort, Zeit und Umständen sowie sein Weitblick bewahren ihn vor solchen Gedanken. Mit vollkommener innerer Zufriedenheit und in Gehorsam schreitet er unaufhaltsam auf dem von Allah bestimmten Weg mit der religiösen Karawane voran.
Der Qur’an formte Herzen, die geeignet waren, die Verantwortung für Allahs Kalifat auf Erden zu tragen. Dafür bedurfte es starker, reiner und aufrichtiger Herzen. Auf dem Weg des Din waren diese Herzen bereit, alles zu opfern, und sie sehnten sich danach, jeder Prüfung mutig entgegenzutreten. Zugleich waren sie nicht auf die Freuden und den Wohlstand des weltlichen Lebens, sondern auf die Glückseligkeit und den Wohlstand des Jenseits ausgerichtet; ihr höchstes Verlangen galt allein Allahs Wohlgefallen. Das heißt, es sollten Herzen entstehen, die bis zum Tod angesichts von Armut, Leid, Not und körperlicher Verfolgung Opferbereitschaft und Standhaftigkeit zeigen würden. Sie würden auch keinerlei schnelle Hoffnung auf sichtbare Ergebnisse hegen. Sie würden sich nicht einmal danach sehnen, die Ausbreitung des Aufrufs zum Din, den Sieg des Islam, die Erlangung von Macht und Vorrang für die Muslime oder – ebenso wie Allah taʿālā in früheren Zeiten die Feinde des Din ergriffen und vernichtet hatte – die beschleunigte Vernichtung und Niederlage der zeitgenössischen tyrannischen und Allah widersetzlichen Gruppen herbeizuführen.
Wenn Herzen dieser Art geformt sind und weiterhin die Aufgabe des Din erfüllen, ohne im weltlichen Leben eine Gegenleistung zu erwarten, wenn sie das Jenseits als den eigentlichen Ort der endgültigen Entscheidung zwischen Wahrheit und Falschheit betrachten und Allah taʿālā mit ihrer Aufrichtigkeit, Standhaftigkeit, Opferbereitschaft und Hingabe zufrieden ist, dann hilft Er ihnen bereits in dieser Welt. Er überträgt ihnen das heilige anvertraute Gut, das Kalifat auf Erden zu verwalten. Dieses Gut wird ihnen nicht zur Verwirklichung der Interessen der Mu’min, sondern im Interesse des wahren Din anvertraut.
Die Befähigung und das Recht, diese große Verantwortung zu tragen, erlangten sie an dem Tag, an dem sie diesen Weg beschritten, ohne irgendeine Zusage einer möglichen weltlichen Gegenleistung, und an dem ihr Blick statt auf weltliche Interessen auf die Interessen des Jenseits gerichtet war. Von dem Tag an, an dem sie jedes Verlangen nach einer anderen Gegenleistung als Allahs Wohlgefallen aufgegeben hatten, gehörten sie zu den von Allah besonders begünstigten Dienern.
Die Verse des Heiligen Qur’an, in denen Allah den Mu’min Hilfe verspricht, die Beute erwähnen und die Vernichtung der Ungläubigen noch in dieser Welt ankündigen, wurden sämtlich in Medina offenbart.
Nachdem aus den Herzen der Mu’min jedes Verlangen nach weltlichen Interessen vertrieben worden war, trat Allah taʿālā selbst hervor und verkündete ihnen die frohe Botschaft Seiner Hilfe. Allah taʿālā versprach diese Hilfe mit dem Ziel, Seinen heiligen Din als Lebensordnung der menschlichen Gesellschaft zu etablieren. Die Hilfe, die ihnen im weltlichen Leben zuteilwurde, war nicht der Lohn für die harte Arbeit, die Opfer und den Mut der Mu’min; vielmehr war sie Allah taʿālās eigene Entscheidung. Die innere segensreiche Weisheit dieser Entscheidung können wir heute erkennen.
Alle Menschen aus jedem Land, Volk und Stamm, die sich für die Arbeit des Aufrufs zum Din interessieren, müssen gründlich über diese Angelegenheit nachdenken. Gerade dieser subtile Punkt macht den gesamten Weg des Aufrufs zum Din sowie jede seiner Stationen und Wendungen deutlich und verleiht den Herzen derjenigen unerschütterliche Geduld und Ausdauer, die fest entschlossen sind, ohne Rücksicht auf das Ergebnis bis zum Ende des Weges weiterzugehen. Sie sind überzeugt, dass jedes Ergebnis, das Allah taʿālā für den Aufruf zum Din und für dessen Rufer bestimmt hat, richtig ist. Wenn sie über einen von äußersten Gefahren gesäumten, dornigen Weg voranschreiten und dabei über die Leichen ihrer Gefährten hinweggehen, werden sie nicht in der Hoffnung auf einen baldigen Sieg ungeduldig werden. Wenn Allah selbst jedoch beschließt, der Bewegung des Aufrufs zum Din Vollendung zu verleihen und Seinen Din durch die Anstrengungen der Mu’min zu etablieren, dann ist das gewiss gut. Sollte Er eine solche Entscheidung treffen, muss sie allein als Allah taʿālās Wille gelten – nicht als Lohn für die Geduld und Opfer der Mu’min. Denn diese Welt ist nicht der Ort, an dem die Früchte des Handelns empfangen werden.
Im Zusammenhang mit dem Kommentar zur Geschichte der Grabenbauer weist der Qur’an auch auf eine weitere Tatsache hin. Jeder von uns sollte ihr Aufmerksamkeit schenken. Der Qur’an sagt:
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„Der einzige Grund für ihre Feindschaft gegenüber diesen gläubigen Menschen war, dass sie an Allah glaubten, den Allmächtigen und höchst Preiswürdigen.“ — Buruǧ: 8
Menschen aller Zeiten und aller Abstammungen sollten sorgfältig über die in diesem Vers dargelegten Tatsachen nachdenken. Der Kampf zwischen den Gläubigen und der gegnerischen Partei findet ausschließlich aufgrund des Unterschieds im Glauben, in der Aqida und im Denken statt, nicht aufgrund irgendeines anderen weltlichen Interesses. Die gegnerische Seite kann den Glauben der Gläubigen nicht ertragen. Der eigentliche Grund für all ihren Zorn und ihre Feindschaft ist die Aqida und der Glaube der Gläubigen. Politische Ziele, wirtschaftliche Interessen oder das Erlangen von Überlegenheit aufgrund der Abstammung sind niemals das Ziel dieses Kampfes. Einen solchen Konflikt könnte man leicht beilegen oder unter Kontrolle bringen. Doch hier findet ein reiner Kampf der Ideologien statt. Der Gegenstand des Konflikts lautet: „Soll das System des Kufr bestehen oder der Glaube? Soll die Jahiliyya bleiben oder der Islam?“
In Mekka unterbreiteten die Götzendiener dem Propheten (Friede sei mit ihm) das Angebot, ihm Reichtum, Herrschaft und andere weltliche Vorteile zu gewähren. Sie stellten nur eine einzige Bedingung. Diese bestand darin, dass der edle Prophet (Friede sei mit ihm) den Streit über Aqida und Glaubensüberzeugungen beenden und dafür von ihnen andere Vorteile und Interessen erhalten sollte. Wenn der Prophet (Friede sei mit ihm) sich bereit erklärt hätte, ihren Wunsch zu erfüllen, hätte es zwischen ihm und den Götzendienern überhaupt keinen Konflikt gegeben. Daraus wird deutlich, dass man sich des eigentlichen Gegenstands des Streits bewusst sein muss. Denn der Grund für die Feindschaft und den Zorn der gegnerischen Partei besteht darin, dass die Gläubigen an Allah, den Allmächtigen, glauben, nur Allah, dem Erhabenen, gehorchen und sich ausschließlich vor Ihm verneigen.
Die gegnerische Seite kann versuchen, den Kampf um Aqida und Glaubensüberzeugung als politischen, wirtschaftlichen oder stammesbezogenen Konflikt darzustellen, um die Gläubigen über das eigentliche Ziel des Kampfes zu täuschen und die in ihren Herzen lodernde Flamme des Glaubens zu löschen. Daher dürfen die Gläubigen sich niemals täuschen lassen. Sie müssen verstehen, dass auf geplante Weise und durch Verschwörungen versucht wird, sie von ihrem Weg abzubringen. Diejenigen, die in diesem Krieg solche Parolen verbreiten, sind in Wirklichkeit bestrebt, die Gläubigen des unschätzbaren Mittels zum endgültigen Sieg zu berauben. Dieser Sieg kann auch in Gestalt geistiger Überlegenheit, politischer Unabhängigkeit oder weltlicher Vorteile errungen werden, die aus einer standhaften moralischen Erhebung hervorgehen, wie bei den verstreuten Gläubigen im Graben.
In der heutigen Welt, insbesondere inmitten der betrügerischen Propaganda und der Versuche christlicher Religionsanhänger, die Geschichte zu verfälschen, beobachten wir Bemühungen zur Irreführung. Sie behaupten, das eigentliche Ziel der Kreuzzüge sei der Erwerb eines Imperiums gewesen. Diese Behauptung ist völlig falsch! Tatsache ist, dass die Kreuzfahrer erst lange nach den Kreuzzügen die Maske des Imperialismus annahmen. Denn für die kreuzfahrerische Aqida und Glaubensüberzeugung ist es heute nicht möglich, erneut in derselben Weise auf den Schauplatz zu treten, wie dies im Mittelalter möglich war.
Deshalb mussten sie eine neue Maske annehmen. Denn die kreuzfahrerische Aqida war im Zusammenstoß mit der aus der vereinten Kraft aller Muslime errichteten Mauer aus geschmolzenem Metall, ungeachtet von Abstammung, Hautfarbe oder Stamm, in Stücke zerbrochen. Unter den erwähnten Muslimen nahmen Persönlichkeiten wie der Kurde Salahuddin und der Mamluke Turan Schah, indem sie ihre stammesbezogenen und dynastischen Unterschiede vergaßen, ausschließlich die Kraft des Glaubens als Grundlage und errangen den Sieg unter allein dem Banner des Islam.
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„Der einzige Grund für ihre Feindschaft gegenüber den Gläubigen war, dass sie an Allah glaubten, den Allmächtigen und stets Preiswürdigen.“ — Buruǧ: 8
Das Wort Allahs, des Erhabenen, ist Buchstabe für Buchstabe wahr, während die betrügerische, gauklerische und tyrannische Partei lügnerisch und fehlgeleitet ist.
— Ende —-