Einleitung

Scheich al-Islam Imam Taqi ad-Din Ahmad ibn Taymiyya, Allah erweise ihm Barmherzigkeit, war ein Wegbereiter einer Epoche. Mehr als tausend Jahre nach der Hidschra des Propheten hatte sich allerlei Schmutz in den klaren Strom der Quelle des Prophetentums gemischt; durch langwierige Anstrengungen, Kämpfe und asketische Hingabe befreite er ihn von dieser Trübung. Der Ruf seines Wissens reichte vom weit entfernten Kairouan im Maghreb bis nach Kanton in China im Osten. Auch die Wirkung seiner reformerischen Tätigkeit überflutete diese Gebiete.
Im siebten und achten Jahrhundert der Hidschra war Ibn Taymiyya der Name eines ununterbrochenen Kampfes. Er kämpfte gegen Schirk und Bidʿa. Er kämpfte gegen Unrecht und Falschheit, gegen Unterdrückung und Verfolgung. Der furchtlose und entschlossene Klang seiner Stimme ließ selbst das Herz der übermächtigen Königsmacht erbeben. Auf den Rat schlechter Menschen hin warf die mächtige Staatsgewalt ihn hinter eiserne Tore. Auch im Gefängnis führte er seine Feder mit äußerster Geschwindigkeit weiter. Die Gefängnismauern konnten die Verkündung der ungeschminkten Wahrheit nicht verhindern. Seine Gegner wollten ihn im Feuer des Hasses verbrennen und völlig vernichten. Nun wurden ihm auf Befehl des Königs Bücher, Hefte, Stifte, Tinte und Tintenfass vollständig weggenommen; dennoch gab er nicht nach. Er sammelte zerrissene Papierstücke und schrieb darauf mit Kohle. So kämpfte dieser furchtlose Streiter für die Wahrheit bis zu seinem Tod gegen die Falschheit.
Sein siebenundsechzigjähriges Leben war die Geschichte der schmachvollen Niederlage von Lüge und Nichtigkeit, Unrecht und Falschheit. Ibn Taymiyyas scharfe Feder schreibt noch heute die Geschichte der Niederlage von Lüge und Nichtigkeit fort.
Der Koran und die Sunna sind die beiden grundlegenden Quellen der wahren Erkenntnis des Islam. Imam Ibn Taymiyya führte alle Zweige des islamischen Wissens wieder auf diese beiden grundlegenden Quellen zurück. Dafür setzte er all seine wissenschaftlichen Fähigkeiten und seine geistigen Kräfte ein. Auf diesem Weg schenkte er weder dem drohenden Blick eines tyrannischen Herrschers noch dem eines übermächtigen Gegners auch nur die geringste Beachtung. Sein furchtloser Kampf und sein Streben für die Wahrheit werden dieser Umma bis zum Tag der Auferstehung Lebenskraft verleihen.
Ein Gelehrter wie Ibn Taymiyya wird daher ebenso nur einmal in tausend Jahren geboren, wie sein Tod selbst nach tausend Jahren nicht eintritt.
Über das kämpferische Leben dieses großen Gelehrten in bengalischer Sprache ist kaum ausführlich gesprochen worden. Ich habe hier lediglich meine veröffentlichten Schriften über das Leben und Wirken dieses großen Gelehrten unter dem Titel „Geschichte im unvergänglichen Kampf eines Kämpfers“ zusammengestellt. Die tajdidische Tätigkeit des Imams bedarf einer noch ausführlicheren Erörterung. Aus Furcht, den Umfang des Buches zu vergrößern, habe ich es jedoch unterlassen, in diese Richtung weiterzugehen. Dennoch ist hier im Großen und Ganzen ein Bild vom Leben des Imams und seinen reformerischen Tätigkeiten entstanden. Selbst wenn die Leserschaft daraus nur ein wenig Nutzen zieht, glaube ich, dass meine Mühe sich gelohnt haben wird.
Ich bitte jedoch die Leserschaft: Wenn sie das Leben und Wirken eines islamischen Reformators betrachtet, soll sie der ganzheitlichen islamischen Sichtweise die volle Bedeutung beimessen. Sie soll dies nicht bloß als eine theoretische und sachliche Untersuchung ansehen, sondern versuchen, sich mit dem Wirken des Imams innerlich zu verbinden. Auf diese Weise wird es leichter sein, aus dieser Erörterung Nutzen zu ziehen.
Abdul Mannan Talib
180 Shantibagh, Dhaka.

Hintergrund: Die durch die Tatareninvasion verwüstete muslimische Welt

Der Schrecken der Tataren unter den Muslimen

In der ersten Hälfte des siebten Jahrhunderts der Hidschra war das Wort „Tatar“ für die Muslime ein Symbol der Furcht und des Schreckens. Nachdem die Muslime eine Niederlage nach der anderen durch die Tataren erlitten hatten, waren sie überzeugt, dass die Tataren unbesiegbar seien. Im Arabischen war ein Sprichwort verbreitet: Iḏā qīla laka innat-Tatāra inhāzamū fa-lā tuṣaddiqhu. Wenn dir gesagt wird, die Tataren seien besiegt worden, dann glaube es nicht.
Diese Schläge der Tataren gegen die Muslime waren ihnen in Wirklichkeit von Allah auferlegt worden. Seit mehreren Jahrhunderten hatten sie ihre Pflicht gegenüber der Religion vernachlässigt. Wie Blinde rannten sie hinter Wohlleben sowie weltlicher Gier und Begierde her. Uneinigkeit, Zwietracht und innere Konflikte hatten die Einheit ihrer Religion und ihrer Umma zerstört. Besonders aber hatten sie begonnen, genau in die entgegengesetzte Richtung zu gehen als jene, die ihnen aufgetragen war: auf der Welt Gerechtigkeit zu errichten und das Unrecht an der Wurzel auszurotten. Was war daher von Allah anderes zu erwarten als eine derart schwere Strafe für sie?
Diese Strafe über die Muslime begann im Jahr 616 der Hidschra. Fast vierzig Jahre lang dauerte sie ununterbrochen an. Es war, als würden sie mit einer Dampfwalze zerquetscht und zu Staub gemahlen.
Im Jahr 616 der Hidschra griff Dschingis Khan während der Herrschaft Sultan Ala ad-Din Chwarizm Schahs erstmals die Grenzen des islamischen Staates an. Das traditionelle Buchara war das erste Opfer dieses Angriffs. Buchara wurde in eine Ruinenstätte verwandelt. Kein einziger Bewohner der Stadt konnte mit dem Leben entkommen. Alle Häuser wurden niedergebrannt und zu Asche gemacht. Danach wurde die Stadt Samarkand eingeäschert. Ihre gesamte Bevölkerung wurde getötet. Anschließend ereilte alle großen und kleinen Städte dasselbe Schicksal. Hamadan, Kaswin, Rayy, Dschandschan, Merw, Nischapur und andere Städte wurden eine nach der anderen zu Ruinen.
Zu jener Zeit war Chwarizm Schah im östlichen Teil der islamischen Welt der einzige mächtige Herrscher. Nachdem er seine Fähigkeit zum Widerstand verloren hatte, konnten die übrigen kleinen Herrscher nicht einmal für kurze Zeit auf dem Schlachtfeld standhalten. Dennoch kämpfte nach Ala ad-Din Chwarizm Schah dessen Sohn Dschalal ad-Din Chwarizm Schah weiter gegen die Tataren. Doch auch seine Lage spitzte sich schließlich aufs Äußerste zu. Nach einer Niederlage um die andere verließen ihn seine Truppen und seine Freunde. Die Tataren blieben ihm wie ein Schatten auf den Fersen. Schließlich starb er aus Furcht vor den Tataren zusammen mit nur wenigen treuen Gefährten auf einer unbekannten Insel.
Der Schrecken vor den Tataren hatte sich unter den Muslimen so weit verbreitet, dass ein Muslim beim Anblick eines Tataren meinte, Azrail sei gekommen, um ihn zu holen. Oft betrat ein einzelner Tatar eine Gasse und tötete dort ganz allein hundert Muslime. Keiner von ihnen wagte es, auch nur ein Wort gegen diesen Tataren zu sagen. Einmal drang sogar eine Tatarin in Männerkleidung in ein Haus ein und begann, einen Bewohner nach dem anderen zu töten. Es schien, als hätten alle bis dahin nur den Hals vorgestreckt, um sich auf den Tod vorzubereiten. Plötzlich wurde einer von ihnen klar: „Ach, das ist ja ein Tatarinnenmädchen!“ Mit einem einzigen Schwerthieb machte er das Mädchen nieder.
Eine andere Begebenheit ereignete sich in einer weiteren Stadt. Ein Tatar drang in ein Haus ein und nahm einen Muslim gefangen. Er hatte kein Schwert bei sich. Deshalb holte er einen im Haus liegenden Stein, legte den Kopf des Muslims auf den Stein und befahl: „Ich werde jetzt sofort vom Markt ein Schwert holen und dich töten. Du wirst genau so liegen bleiben. Wage es ja nicht, dich auch nur ein wenig zu bewegen.“ Damit ging der Tatar zum Markt. Doch der halbtote Muslim dachte aus Angst vor dem Tataren überhaupt nicht daran zu fliehen. Er legte seinen Kopf weiterhin in gleicher Weise auf den Richtblock. So holte der Tatar nach einiger Zeit eine Waffe vom Markt und schnitt dem Muslim unbesorgt die Kehle durch.
Diese unglaubliche Furcht vor den Tataren unter den Muslimen war eine brennende Wahrheit jener Zeit. Die Muslime von heute werden darüber gewiss erstaunt sein. Und nicht nur die Menschen von heute: Als der Schrecken vor den Tataren bereits nachgelassen hatte, fragten sich auch die Muslime jener Zeit voller Verwunderung, was mit ihnen geschehen war. Warum waren sie lebendig tot geworden? Wenn die Furcht vor Allah aus den Herzen der Muslime verschwindet, beginnen sie in Wirklichkeit, alles auf der Welt zu fürchten. Wenn sie dagegen von der Furcht vor Allah erfüllt sind, lernen sie, selbst eine Supermacht der modernen Welt wie Russland geringzuschätzen, auch wenn sie nur gewöhnliche Mudschaheddin eines kleinen, unterentwickelten Landes wie Afghanistan sind.

 

Die Tataren als Symbol der Zerstörung

Die Tataren begnügten sich nicht damit, Muslime zu töten und ihren Besitz zu plündern; sie zerstörten auch die Moscheen, Medresen und Bibliotheken. Sie waren ein barbarischer Volksstamm aus Zentralasien. Mit Bildung, Zivilisation und Kultur hatten sie keinerlei Verbindung. Daher berauschten sie sich an einem brutalen Wahn, die Zivilisation und Kultur der Muslime zu zerstören. In der gesamten Geschichte des Islam waren die Muslime niemals wieder einer derart entehrenden Lage ausgesetzt. Beim Bericht über die Geschichte der Gewaltherrschaft, Unterdrückung und Zerstörung durch die Tataren zitterten die Federn der muslimischen Historiker jener Zeit. Der Historiker Ibn al-Athir schrieb:

In der Geschichte der Welt gibt es kein Beispiel für eine derartige Katastrophe. Dieses Ereignis betrifft alle Menschen, doch in besonderem Maße die Muslime. Wenn jemand behauptet, dass sich von Adam, Friede sei mit ihm, bis heute auf der Welt kein Ereignis dieser Art ereignet habe, dann macht er keineswegs eine falsche Behauptung. —– Diese Barbarei kannte gegenüber niemandem auch nur das geringste Erbarmen. Sie töteten Frauen, Kinder, Männer und Alte gleichermaßen. Sie schlitzten schwangeren Frauen mit Schwertern den Bauch auf und zerstückelten sogar die unterentwickelten Kinder, die aus dem Bauch hervorkamen.

Die tatarische Fitna war damals nicht nur für die Muslime, sondern für die Menschen auf der ganzen Welt zu einer Ursache der Furcht geworden. Als die Bewohner Europas von den Gewalttaten und der Unterdrückung der Muslime durch die Tataren in Asien hörten, erzitterten auch sie vor Entsetzen. Der barbarische Feldzug der Tataren begann mit Dschingis Khan und setzte sich vierzig Jahre lang mit der Geschwindigkeit eines Sturms bis zu seinem Urenkel Kublai Khan fort.

Bagdad, die Stadt der Leichen

Die Feinde im eigenen Haus, diese inneren Verräter, haben seit jeher den Untergang des Islam und der Muslime herbeigeführt. Natürlich gelten sie in jedem Land als Feinde ihres Volkes. Doch die Zerstörung, die sie über den Islam und die Muslime bringen, ist beispiellos. Denn auf der Welt gibt es keine Macht, die die Muslime besiegen könnte. Erst wenn ihre Einheit und Geschlossenheit durch innere Zwietracht und Streit zerstört werden, ist ein äußerer Feind imstande, die Muslime zu überwältigen. Und diese Feinde im eigenen Haus schüren das Feuer jenes inneren Konflikts unter den Muslimen.

Diese Verräter gehören zu drei Gruppen. Eine Gruppe sind Feinde des Islam. Eine Gruppe sind Feinde der Muslime. Und eine Gruppe sind Feinde des Landes. Obwohl es drei Gruppen sind, besteht zwischen ihnen eine erstaunliche Verbundenheit. Von den Feinden des Islam kann man nicht sagen, dass sie vor Liebe zu den Muslimen und zum Land überströmen. Der Islam ist das Zentrum ihrer Angriffe. Sie greifen den Islam wahllos und mit all ihrer Kraft an. Doch auch gegen die beiden anderen richten sie gelegentlich vereinzelte Angriffe. Dasselbe gilt für die Feinde der Muslime und des Landes. Der Dichter und philosophische Gestalter des Islam, Allama Iqbal, deutete in einem seiner Gedichte ebenfalls auf diese drei Gruppen der Feinde im eigenen Haus hin. Er sagte: „Jafar aus Bengalen, Sadiq aus dem Süden / Schande für die Religion, Schande für die Gemeinschaft, Schande für die Heimat.“ Der Verräter Mir Jafar aus Bengalen und Mir Sadiq aus dem Dekkan sind die Schande der Religion des Islam, der islamischen Gemeinschaft und der eigenen Heimat. Das heißt, diese Feinde im eigenen Haus gehören stets zu drei Gruppen. Sie sind Feinde des Islam, Feinde der muslimischen Gemeinschaft und auch Feinde der Heimat der Muslime. Wie kann ein Mensch, der im Land der Muslime und in der muslimischen Gemeinschaft lebt und dem Islam gegenüber äußerste Feindschaft hegt, zugleich in rasender Liebe für die muslimische Gemeinschaft und die Heimat der Muslime entbrennen? Das ist überhaupt nicht verständlich. Denn wenn man den Islam beiseitelässt, haben die muslimische Gemeinschaft und die Heimat der Muslime keine eigenständige Existenz und Bedeutung.

In der Geschichte des Islam ist die Existenz dieser Feinde im eigenen Haus niemals verschwunden. Sie sind stets in neuen Gestalten erschienen und erscheinen noch immer. Damals waren sie es, die in Bagdad eine beispiellose Zerstörung herbeiführten. Das Ereignis fand im Jahr 656 nach der Hidschra statt.

Die Verräter von Bagdad, dem Zentrum der damaligen islamischen Welt, wurden von Ibn al-Alqami, dem schiitischen Premierminister von Bagdad, und Nasir ad-Din at-Tusi, dem muslimischen Berater der tatarischen Herrscher, angeführt. Diese Verräter spannen ein gewaltiges Netz der Verschwörung, um Bagdad zu zerstören. Sie glaubten, die barbarischen Tataren würden Bagdad angreifen, töten und plündern und anschließend wieder abziehen; dann würden sie selbst die alleinigen Herren Bagdads sein. Außerdem war die Überlegenheit des Islam für sie ein Dorn im Auge. Unter dem Deckmantel des Muslimseins waren sie in Wirklichkeit Heuchler. Daher genügte die Demütigung des Islam, der Muslime und der muslimischen Städte, um ihr Innerstes abzukühlen.

Die barbarischen tatarischen Truppen waren damals unaufhaltsam. Eine muslimische Siedlung und Stadt nach der anderen zerstörend, verbreiteten sie im gesamten islamischen Land Schrecken. Zu dieser Zeit rückten die Tataren auf Anstiftung Ibn al-Alqamis und Nasir ad-Din at-Tusis in Richtung Bagdad vor. Hulagu Khan, der Enkel Dschingis Khans, erschien mit seinem gewaltigen Heer vor den Toren Bagdads.

Unterdessen riet der Premierminister Ibn al-Alqami dem Herrscher al-Musta’sim بالله, mit Hulagu Frieden zu schließen. Er versicherte ihm, Hulagu werde abziehen, wenn er eine große Menge Gold und Geschenke erhalte. Auf den Rat al-Alqamis hin war der Herrscher bereit, in Hulagus Lager zu gehen und die Bedingungen des Friedensvertrags endgültig zu vereinbaren. Die Sänfte des Herrschers erreichte Hulagus Lager. Dann setzte man den Herrscher unter Druck, den Vertrag als Zeuge zu unterzeichnen, und ließ alle führenden Persönlichkeiten der Stadt in das Lager der Tataren bringen. Sobald sie eintrafen, wurden sie alle vor dem Herrscher getötet. Nachdem man auf diese Weise den Brief des Herrschers erlangt hatte, brachte man einen einflussreichen und angesehenen Bürger nach dem anderen in das tatarische Lager und ermordete sie grausam. Doch die Tataren fürchteten sich davor, den Herrscher zu töten, denn sie waren abergläubisch. Sie hatten gehört, dass unmittelbar nachdem das Blut des Herrschers die Erde berühre, eine gewaltige Zerstörung eintreten werde. Daher zögerten sie. Da gab Nasir ad-Din ihnen einen Rat, durch den der Herrscher sterben würde, ohne dass ein einziger Tropfen seines Blutes auf die Erde fiele. Auf Nasir ad-Dins Rat hin wickelten sie den Herrscher in eine riesige Matratze ein und fesselten ihn. Dann machten sie ihn durch Tritte und Schläge zu Tode.

Danach geschah mit Bagdad, was ihm bestimmt war. Vierzig Tage lang dauerten die Tötungen und Plünderungen an. Nach vierzig Tagen erschien Bagdad, die herausragende Stadt der damaligen Welt, die Stadt der Träume, das Zentrum des Wissens und der Bildung sowie die Wiege von Zivilisation und Kultur, wie eine Stadt der Toten. Die Stadt wurde menschenleer und still. Auf den Straßen, Wegen, Märkten und Basaren sah man nur noch hier und da zwei oder vier Menschen.

Wenn man durch die Straßen ging, sah man in gewissen Abständen Leichenhaufen. Es schien, als seien es kleine Berge aus Leichen. Dann setzte Regen ein. Die Leichen schwollen an und begannen zu verwesen. Ein übler Gestank breitete sich über die ganze Stadt aus. Die Überlebenden wurden von einer Seuche befallen. Dieser Gestank überschritt die Grenzen Bagdads und drang sogar bis an die Grenze Syriens vor. Nach Ansicht der Historiker wurden zu dieser Zeit in Bagdad etwa 1,8 Millionen Menschen getötet. Hulagu zog in Bagdad ein und befahl den Christen, öffentlich Wein zu trinken und Schweinefleisch zu essen. Es war der Monat Ramadan. Dennoch wurden die Muslime gezwungen, Wein zu trinken. In die Moscheen wurde Wein gegossen. Der Gebetsruf wurde verboten. Bagdad war das Zentrum der damaligen islamischen Welt. Seit Beginn der Besiedlung der Stadt geriet Bagdad nun zum ersten Mal in die Hände der Ungläubigen. In der gesamten islamischen Welt breitete sich äußerste Verzweiflung aus. Überall, wohin die Nachricht von der Zerstörung Bagdads gelangte, begannen die Muslime zu klagen. Doch sie konnten nichts tun. Verräter waren nicht nur in Bagdad, sondern in allen Ländern der islamischen Welt aktiv. Solange diese Verräter nicht beseitigt waren, gab es keine Aussicht darauf, dass die islamische Welt aus ihrer Krise befreit würde.

Die Tataren sind nicht unbesiegbar

Nach Bagdad eroberten die Tataren Syrien. Die Wege Syriens wurden von muslimischem Blut überflutet. In Städten und Dörfern türmten sich die Leichen. Überall herrschte dasselbe Bild: von Taschkent nach Buchara, von Buchara nach Bagdad und von Bagdad nach Damaskus. Nirgendwo gab es für die Muslime noch einen Ort, an dem sie ihr Haupt niederlegen konnten. Als Nächstes war Ägypten an der Reihe. Die Ägypter verstanden sehr wohl, dass ihre Tage gezählt waren. Allahs Zorn rückte auf sie zu.

Doch die Ägypter sorgten schließlich für eine Überraschung. Sie beschlossen, den Tataren entgegenzutreten. Im Jahre 658 nach der Hidschra zog der Sultan von Ägypten, al-Malik al-Muzaffar Saif ad-Din Qutuz, im Vertrauen auf Allah mit seinem Heer aus. Nachdem sie die Grenze Ägyptens überschritten hatten, stellten sie sich den Tataren an einem Ort in Syrien namens ʿAin Dschalut entgegen. Die gesamte bisherige Erfolgsbilanz der Tataren wurde zunichtegemacht. Sie mussten eine Niederlage hinnehmen. Ihre erste Niederlage. Eine schmähliche Niederlage. Auf der anderen Seite wuchs der Mut in den Herzen der Muslime tausendfach. Der Glaube und die Furcht, die Tataren seien unbesiegbar, verschwanden aus ihren Herzen. Sie wurden ungestüm tapfer. Sie trieben die Tataren bis in die entlegensten Gegenden Syriens. Die Leichen der Tataren lagen auf Wegen und Straßen verstreut. Sie starben durch die Hand der Muslime wie Füchse und Hunde. Eine große Zahl von Tataren wurde zudem gefangen genommen.

Danach wurden die Tataren zwar noch einige Male von den Ägyptern besiegt. Doch angesichts der Tatsache, dass sich der Siegeszug der Tataren ringsum mit der Gewalt eines Sturms vorwärtsbewegte, stellt sich die Frage, in welchem Ausmaß die Standhaftigkeit der Ägypter überhaupt ein Hindernis hatte bilden können. Außerdem waren die Tataren damals die Angreifer, während die Muslime einen Verteidigungskrieg führten. Unter diesen Umständen befanden sich die Angreifer zweifellos in der besseren Lage. Die gesamte islamische Welt war durch die stürmischen Angriffe und die barbarische Unterdrückung der Tataren an den Rand der Vernichtung gelangt. Es schien, als hätten die Muslime nicht mehr lange zu leben. Vielleicht hatte Allah beschlossen, diesem Volk seine Sünden bereits in dieser Welt zu vergelten.

Doch nein: Die wahrhaftigen Anhänger der wahren Religion Allahs lebten damals noch in großer Zahl auf der Welt. Insgesamt hatten die Muslime zu jener Zeit ihre Pflicht gegenüber Allahs Religion nicht erfüllt. Daher war Allahs Zorn als Strafe über sie als Volk hereingebrochen. Doch als Volk hatten sie Allahs Religion nicht aufgegeben, und ein Teil von ihnen erfüllte weiterhin die Pflichten der Religion. Das Grauen des tatarischen Angriffs bewegte die Muslime dazu, erneut über ihr eigenes Handeln nachzudenken und als aufrichtige Muslime und Allah ergebene Diener zu leben. Deshalb gewährte Allah der muslimischen Gemeinschaft noch einmal die Möglichkeit, auf der Welt zu bestehen. Andernfalls wäre kein Volk, das einer solchen Vernichtung gegenübergestanden hatte, jemals wieder aufgestanden.

Ein Volk, das einst eine neue Zivilisation hervorgebracht und seine Überlegenheit auf Erden sichtbar gemacht und fest begründet hatte, verlor im Lauf der Zeit eines Tages jede Spur seiner Existenz. Es erhielt keine Gelegenheit, ein zweites Mal in derselben Gestalt aufzuerstehen und auf der Welt wieder den Rang der Überlegenheit zu erlangen. Die Zivilisationen der Griechen, Römer und Ägypter liegen vor unseren Augen. Auch die Ausbreitung und gewaltige Größe der arischen Zivilisation auf dem indischen Subkontinent sind historisch belegt. Doch nach ihrer einmaligen Vernichtung fanden sie nur noch auf den Seiten der Vergangenheit Zuflucht. Ihre Religion, ihre Moral und ihre Bräuche sind heute allesamt überholt. Auch wenn die Kinder Israels nach Tausenden von Jahren heute am Mittelmeer mit einem neuen Staat wieder festen Fuß gefasst haben, findet sich in ihrer heutigen Gesellschaft und Zivilisation nicht die geringste Spur der Religion Musas, Allahs Frieden sei auf ihm. Als blinde Anhänger der westlichen Gesellschaft und Zivilisation führen sie in Wahrheit lediglich eine Rolle als Statisten der westlichen Zivilisation auf. Dasselbe gilt für das moderne Indien.

Doch der Islam ist die von Allah erwählte Lebensordnung. Die Elemente gesellschaftlicher Zivilisation, die diese Lebensordnung bis zum Jüngsten Tag bereitstellen wird, werden den Muslimen, wann immer sie sich in irgendeinem Gebiet der Welt an ihr festhalten, Erfolg und Bestand zu Füßen legen. Sie werden in Würde als das vorzüglichste Volk der Welt leben können. Die Muslime der heutigen Welt sind dafür ein Beweis. Gerade weil sie den Islam aufgegeben und die westliche Lebensweise und ihre Wertvorstellungen übernommen haben, werden die Muslime heute überall auf der Welt gedemütigt. Dabei befinden sich die größten Reichtümer der Welt in ihrem Besitz. Das westliche Denken und seine Wertvorstellungen haben ihre Einheit zerstört und den einen gegen den anderen aufgehetzt.

Doch lassen wir die modernen Krisen der Muslime beiseite und kehren wir wieder ins siebte Jahrhundert nach der Hidschra zurück. Damals rettete die Rückkehr zum Islam die Muslime. Das ist ein Beweis für die unerschöpfliche Lebenskraft des Islam. Sobald eine leblose und dem Sterben nahe Gemeinschaft ihn annimmt, erwacht in ihrer Brust eine Welle des Lebens. Ihr Feldzug dauert an, bis sie auf der Welt den Rang der Überlegenheit und Würde errungen hat.

Die Tataren unter dem Schutz des Islam

Wie die Muslime nach fast einem halben Jahrhundert der Unterdrückung und Ausbeutung durch die Tataren wieder zu Kräften kamen, ist eine erstaunliche Geschichte. Jene, die versucht hatten, die Muslime mitsamt ihrer Nachkommenschaft auszurotten, stellten sich selbst in die Reihen der Muslime. Jene, die geschworen hatten, den Islam vom Angesicht der Welt zu tilgen, nahmen die Botschaft des Islam mit gesenktem Haupt an. Bedingungslos akzeptierten sie den Islam als ihre einzige Lebensordnung. Die halb zivilisierten und barbarischen Tataren aus Zentralasien beugten sich schließlich vor der Überlegenheit des Islam. Sie nahmen den Islam an.

Die Zerstörung der islamischen Welt im siebten Jahrhundert nach der Hidschra durch die Tataren war nicht annähernd so erstaunlich wie die Tatsache, dass sie den Islam annahmen. Angesichts der inneren Schwäche der muslimischen Gesellschaft und der islamischen Welt jener Zeit ist es nicht besonders verwunderlich, dass der Sieg eines tatkräftigen und ausdauernden Volkes wie der Tataren gewiss wurde. Doch dass sie, die gekommen waren, den Islam zu erniedrigen und zu zerstören, vom Islam besiegt wurden, ist wahrhaftig das erstaunlichste Ereignis der Geschichte. Der Historiker T. W. Arnold schrieb in seinem berühmten Werk The Preaching of Islam, als er dieses erstaunliche Ereignis schilderte:

„Doch der Islam erhob sich erneut aus der Asche seines einstigen Glanzes. Muslimische Prediger und Verkünder führten die barbarischen Mongolen, die den Muslimen jede Art von Leid zugefügt hatten, zum Islam. Diese Aufgabe war für die Muslime äußerst schwierig. Denn die Missionare zweier anderer Religionen hatten ebenfalls versucht, die Tataren zu ihrer Religion zu bekehren. Für den Islam schien es damals nahezu unmöglich, sich gegen das Christentum und den Buddhismus zu behaupten, die Mongolen von diesen beiden Religionen abzubringen und sie zu Anhängern des Islam zu machen. Denn unter den Händen der Mongolen waren gerade die Muslime am schwersten zugrunde gerichtet worden. Die großen Städte, die Zentren islamischer Gelehrsamkeit gewesen waren und in denen sich die Wohnstätten muslimischer Gelehrter und Wissenschaftler befunden hatten, waren durch die Waffen der tatarischen Mongolen in Ruinen verwandelt worden. Muslimische Gelehrte und Faqīhs waren getötet oder zu Sklaven gemacht worden. Die mongolischen Khane waren allen Religionen außer dem Islam gegenüber tolerant. Gegenüber dem Islam hegten sie jedoch grenzenlosen Hass und Feindschaft. Trotz dieser grausamen Haltung der Mongolen gegenüber dem Islam nahmen sie schließlich die Religion jenes Volkes an, das sie zuvor unter ihren Füßen zertrampelt hatten. (Dies wurde durch die aufrichtigen Bemühungen einer Gruppe von Gelehrten, frommen Männern und rechtschaffenen muslimischen Händlern möglich. Die größte positive Rolle spielten dabei jedoch hochgebildete muslimische Frauen, die von den Tataren verschleppt und in deren Harem gebracht worden waren. Diese schönen, gut ausgebildeten, geschmackvollen und gläubigen Frauen bereiteten, während sie im Inneren des Hauses lebten, die Herzen ihrer Ehemänner für den Islam und den Glauben.)“

Das unveränderte Wesen der Tataren: Ibn Taymiyyas Bemühungen

 

Unter den Tataren waren an verschiedenen Orten geheime muslimische Einrichtungen tätig, um den Islam zu verbreiten. Daher kam die Bewegung zur Annahme des Islam unter den Tataren niemals völlig zum Stillstand. Ihr Tempo war jedoch manchmal schnell und manchmal langsam. Der erste Angriff der Tataren auf die Muslime erfolgte im Jahr 616 nach der Hidschra. Er wurde vom tatarischen Anführer Dschingis Khan selbst geleitet. Der erste tatarische Kaiser nahm jedoch im Jahr 656 nach der Hidschra den Islam an. Innerhalb von nur vierzig Jahren begannen die Tataren, den Glauben ihrer Feinde anzunehmen.
Doch mit der Annahme des Islam veränderten sich die Tataren nicht sofort von Grund auf. Sie vergaßen nicht augenblicklich jede Feindschaft gegenüber den Muslimen und schlossen sie nicht als Freunde und Brüder in ihre Arme. Gewiss gab es hier und da Ausnahmen. So gelobte der erste tatarische Kaiser, der den Islam annahm, Berke Khan, nach seiner Konversion die Muslime nicht mehr anzugreifen. Doch nicht alle tatarischen Kaiser waren so. Mit der Annahme des Islam setzte bei ihnen nicht sofort eine revolutionäre Veränderung ein. So nahm Kasan, der Herrscher über Iran und Irak, im Jahr 694 nach der Hidschra den Islam an. Doch auch nach seiner Konversion dauerten sein Groll und seine Feldzüge gegen die Muslime an. Im Jahr 699 nach der Hidschra bereitete er einen Angriff auf Syrien vor. Tatsächlich war ihre Lebensweise damals derart beschaffen, dass es keineswegs normal gewesen wäre, innerhalb von nur vier oder fünf Jahren nach der Annahme des Islam eine grundlegende Veränderung in ihrem Leben und Charakter zu erwarten. Daher konnte Kasan einen Angriff auf Syrien vorbereiten.

Ibn Taymiyya gegenüber dem tatarischen Kaiser Kasan

Als die Nachricht vom Angriff der Tataren Syrien erreichte, breitete sich in den verschiedenen Städten Syriens große Angst aus. Die Muslime wussten um die verheerenden Folgen tatarischer Angriffe. Deshalb begannen Menschen aus den umliegenden Städten, in Richtung der Hauptstadt Damaskus zu ziehen. Auch unter den Muslimen von Damaskus herrschte große Furcht. Doch damals war dort ein solcher Gottesstreiter anwesend, dessen Glaubenskraft den Muslimen Mut einflößte. Es war der größte Gelehrte und Erneuerer seiner Zeit, Imam Ibn Taymiyya, möge Allah ihm barmherzig sein.
Die Nachricht traf ein, dass der Herrscher von Ägypten mit seinem gewaltigen Heer zur Unterstützung der Muslime von Damaskus heranrückte. In der Stadt schien neues Leben zu erwachen. Die Muslime begannen mit neuer Tatkraft, sich auf den Kampf vorzubereiten. Am 27. Rabi al-awwal des Jahres 699 nach der Hidschra kam es zum Zusammenstoß zwischen Kasan und dem Sultan von Ägypten. Trotz großer Anstrengungen und eines Kampfes mit grenzenlosem Mut konnten die Muslime sich nicht retten. Sie wurden besiegt. Der Sultan von Ägypten zog mit seinem geschlagenen Heer in Richtung Kairo ab.
Die Einwohner von Damaskus gerieten in eine schwere Krise. Nun würde das tatarische Heer als Sieger in die Stadt einziehen. In welche Finsternis die Zukunft der Stadtbewohner danach versinken würde, wusste allein Allah. Aus Furcht vor dem tatarischen Schrecken begannen auch bedeutende Gelehrte und führende Persönlichkeiten, die Stadt zu verlassen. Die schafiitischen und malikitischen Richter sowie andere bekannte Gelehrte, Staatsbeamte, große Kaufleute und sogar der Gouverneur der Stadt selbst verließen Damaskus und machten sich auf den Weg nach Ägypten. Unter den Staatsbediensteten blieb nur der Festungskommandant in der Stadt. Auch ein Teil der Bevölkerung floh. Gleichzeitig waren die Preise für Waren ungewöhnlich stark gestiegen. Zu dem Unglück war den Einwohnern von Damaskus ein weiteres Unglück aufgebürdet worden: Die Gefangenen hatten die Gefängnisse aufgebrochen und waren herausgekommen. Tag und Nacht plünderten sie unaufhörlich in der ganzen Stadt.
Unterdessen rückte der Zeitpunkt näher, an dem Kasan mit seinem Heer in Damaskus einziehen würde. Die Menschen waren zwischen zwei Übeln gefangen und völlig ratlos. In dieser Lage berieten sich Imam Ibn Taymiyya und die führenden Männer der Stadt und fassten eine rasche Entscheidung. Sie beschlossen, dass eine Delegation der Stadtbewohner unter der Führung Ibn Taymiyyas an den Hof Kasans gehen und für die Einwohner einen Erlass über Frieden und Sicherheit erwirken sollte. Am dritten Tag des Monats Rabi ath-thani erschien der Gesandte des Islam, Imam Ibn Taymiyya, mit seinen Gefährten vor dem übermächtigen tatarischen Kaiser Kasan. Vor Kasan zitierte der Imam Koranverse und Hadithe über Gerechtigkeit, Billigkeit und rechtschaffenes Handeln. Seine Stimme wurde allmählich lauter und immer eindringlicher. Während er Verse und Hadithe vortrug, rückte er Kasan näher und immer näher. Schließlich war zwischen ihm und Kasan nicht einmal mehr eine Handspanne Abstand. Das Erstaunlichste aber war, dass der übermächtige Kasan darüber keineswegs Ärger oder Zorn zeigte. Vielmehr lauschte er aufmerksam jedem Wort. Es schien, als habe der Imam ihn zutiefst beeindruckt. Kasan fragte seine Leute: „Wer ist dieser Gelehrte? Einen solchen Mann habe ich noch nie gesehen. Noch nie ist mir ein mutigerer und entschlossenerer Mensch begegnet. Niemand hat mich jemals auf diese Weise beeinflussen können.“
Die Leute berichteten ihm über Imam Ibn Taymiyya und informierten ihn über das Wissen, die Gelehrsamkeit und die Taten des Imams.
Imam Ibn Taymiyya sagte zu Kasan: „Du behauptest, Muslim zu sein. Ich habe erfahren, dass sich bei dir auch Richter, Scheichs und Muezzine befinden. Trotzdem hast du die Muslime angegriffen. Deine Vorfahren waren zwar Ungläubige, doch selbst sie zögerten vor solchen Taten zurück. Sie hielten ihre Versprechen, du aber hast dein Versprechen gebrochen. Du hast nichts von dem eingehalten, was du gesagt hattest. Du hast Allahs Diener unterdrückt.“
Der oberste Richter Abu al-Abbas war beim Imam. Er berichtet: Bei Kasan wurden in dessen Versammlung vor Taymiyya und seinen Gefährten Speisen aufgetragen. Alle begannen zu essen, doch Ibn Taymiyya zog seine Hand zurück. Als man ihn fragte, warum er nicht esse, antwortete er mit fester Stimme: „Diese Speise ist nicht halal. Sie wurde aus dem Fleisch von Schafen und Ziegen zubereitet, die den armen Muslimen geraubt wurden. Und das Holz für ihre Zubereitung wurde gewaltsam von den Bäumen der unterdrückten Menschen genommen.“ Kasan bat ihn, ein Bittgebet zu sprechen. Da begann er zu beten: „O Allah! Du weißt es am besten: Wenn Kasans Ziel in diesem Krieg darin besteht, Dein Wort zu erhöhen und allein auf Allahs Weg Dschihad zu führen, dann hilf ihm. Wenn sein Ziel jedoch darin besteht, weltliche Herrschaft zu erlangen und seine Gier und Begierden zu befriedigen, dann rechne Du mit ihm ab.“ Das Erstaunlichste war, dass der Imam betete, während Kasan fortwährend „Amin“ sagte.
Richter Abu al-Abbas berichtet weiter: Als der Imam seine Ansprache hielt, waren wir vor Angst wie gelähmt und zogen unsere Kleidung zusammen, weil wir jeden Augenblick erwarteten, dass das Schwert des Henkers über dem Imam aufblitzen und unsere Gewänder mit seinem Blut befleckt werden würde. Der Richter berichtet: Auf dem Rückweg vom Hof Kasans sagten wir zum Imam: „Wir werden nicht mit Euch gehen. Ihr habt doch dafür gesorgt, dass wir alle getötet werden.“ Der Imam erwiderte: „Ich werde nicht mit euch gehen.“ Daraufhin ließen wir ihn alle zurück und gingen fort. Der Imam machte sich allein auf den Weg. Als die Nachricht von seiner Einsamkeit bekannt wurde, kamen Frauen aus ihren Häusern. Viele führende Männer begleiteten ihn. Mit drei- oder vierhundert Anhängern kehrte er in königlicher Würde in die Stadt zurück. Wir dagegen verloren auf der Straße all unseren Besitz an eine Räuberbande und kehrten so nach Hause zurück.
Imam Ibn Taymiyya kehrte mit höchster Würde vom Hof Kasans zurück. Für die Stadtbewohner brachte er einen Sicherheitserlass mit. Die Muslime, die von den Tataren gefangen genommen worden waren, ließ er frei. Er hatte viel über die Grausamkeit der Tataren gehört und auch vieles mit eigenen Augen gesehen. Doch nichts davon konnte ihn im Geringsten erschüttern. Er verspürte nicht die geringste Furcht davor, dem tatarischen Kaiser von Angesicht zu Angesicht zu sprechen und sich frei unter den tatarischen Soldaten zu bewegen. Er pflegte zu sagen: „Nur wer in seinem Herzen eine Krankheit trägt, kann jemand anderen als Allah fürchten.“

Der Bruch des Versprechens und die Verfolgung durch die Tataren

Obwohl der Imam eine Sicherheitsgarantie hatte ausstellen lassen, verspürten die Stadtbewohner keine Ruhe. Was sie befürchtet hatten, trat tatsächlich ein. Innerhalb weniger Tage verschwand der Frieden aus ihren Herzen. Die Tataren waren zwar nicht in die Stadt eingedrungen, doch sie blieben außerhalb der Stadt in Lagern liegen. In den Vororten außerhalb der Stadtmauer gingen ihre ungezügelten Plünderungen und Morde weiter. Die Tataren hatten sich seit Langem daran gewöhnt; als könnten sie ihren Sieg ohne Mord und Raub nicht vollenden. Das gesamte Gebiet außerhalb der Stadt wirkte geradezu wie ein Schlachtfeld. Bewaffnete Tataren drangen in Gruppen in die Siedlungen ein. Sie drangen in die Häuser der Muslime ein, fesselten den Hausherrn an Händen und Füßen und schlugen ihn erbarmungslos, damit er das verborgene Vermögen herausgab. Sie packten kleine Jungen und Mädchen und schleuderten sie zu Boden. Zusammen mit den ohrenbetäubenden Schreien und flehentlichen Bitten der Frauen schien der Frieden für die Muslime von Damaskus für immer verschwunden zu sein.

Wegen der Belagerung und der grausamen Unterdrückung durch die Tataren war die Versorgung der umliegenden Gebiete mit lebensnotwendigen Gütern unterbrochen worden. Daher waren die Preise auf den Märkten wie in Brand geraten. Selbst wenn man Geld hinlegte, waren keine Waren erhältlich. Wegen des Nahrungsmangels starben Menschen sogar an Hunger. Darüber hinaus stellten die Tataren den Stadtbewohnern eine ungewöhnliche Forderung: Alle Pferde und Waffen in der Stadt mussten zu ihnen gebracht und abgeliefert werden. Auch sämtliches Bargeld, das die Bewohner verborgen hielten, musste aus den geheimen Verstecken geholt und ihnen übergeben werden.

Sie ernannten einen zum Islam übergetretenen Tataren türkischer Abstammung namens Saifuddin Kubdschuk zum neuen Statthalter der Stadt und schickten ihn dorthin. Kubdschuk setzte die Stadtbewohner einem Druck nach dem anderen aus. Inzwischen war die Herrschaft der Tataren über die Stadt vollständig gefestigt. Nur die Festung Arjawasch ragte noch unabhängig empor. Der Burgherr war keineswegs bereit, sich zu unterwerfen. Der Historiker Ibn Anisr schrieb: Erst die Anweisung Imam Ibn Taymiyyas hatte dem Burgherrn Mut verliehen. Der Imam hatte ihm geschrieben, er solle die Waffen nicht niederlegen, solange auch nur ein einziger Stein der Festung unversehrt sei. Er dürfe die Tore der Festung unter keinen Umständen für die Tataren öffnen. Der Burgherr befolgte diese Anweisung bis zum letzten Augenblick. Deshalb konnten die Tataren diese Festung nicht mehr einnehmen.

Die Gewalttaten und die Unterdrückung durch die Tataren gingen unvermindert weiter. Sie nahmen Tausende muslimische Frauen und Männer gefangen und machten sie zu Sklaven und Sklavinnen. Allein im Viertel Salihiyya töteten sie vierhundert Muslime, verhafteten fast viertausend und machten sie zu Sklaven und Sklavinnen; unter ihnen befanden sich auch viele Angehörige vornehmer Familien. Viele große Bibliotheken wurden geplündert, und Bücher im Wert von Millionen wurden zu Spottpreisen verkauft.

Als Ibn Taymiyya diesen Zustand sah, beschloss er, Kasan erneut aufzusuchen. Mit seinen Gefährten ging er am 25. Tag des Monats Rabi al-Thani zum Sultan Kasan, um ihn zu treffen. Doch nachdem er zwei Tage gewartet hatte, wurde ihm kein Treffen mit dem Sultan gestattet. Inzwischen verbreitete sich in Damaskus die Nachricht, dass die Tataren nun in die Stadt eindringen wollten. Bis dahin hatten die tatarischen Soldaten außerhalb der Stadtmauer ihre Zelte aufgeschlagen. Nun wollten sie in die Stadt eindringen. Als die Stadtbewohner dies hörten, bekamen sie Angst. Bisher hatten sie vor dem Tiger gesessen und dem Schauspiel der Jagd zugesehen; nun schien er sich auf seine Beute stürzen zu wollen. In der Stadt brach ein großes Durcheinander aus. Die Menschen wollten die Stadt verlassen und nach draußen gehen. Doch wohin sollten sie gehen? Nach allen Seiten lag die Stadt unter der Belagerung der Tataren.

Die Tataren begannen, die Einnahme der Festung vorzubereiten. Sie hoben rings um die Festung einen Graben aus. Sie stellten Katapulte auf, um Steine gegen die Festungsmauer zu schleudern und Risse in ihr zu erzeugen. Die Menschen hörten auf, ihre Häuser zu verlassen, denn sobald die Tataren jemanden auf den Straßen sahen, nahmen sie ihn gefangen und zwangen ihn zur Fronarbeit. Sie ließen ihn Gräben ausheben. Ibn Kathir schrieb in seinem Werk al-Bidaya wa-n-Nihaya: Die Straßen waren völlig menschenleer geworden. Bisweilen sah man auf den Wegen ein oder zwei Menschen. Die Zahl der Betenden in der Hauptmoschee war stark zurückgegangen. Beim Freitagsgebet in der Dschami Umawi, der zentralen Hauptmoschee, wurde höchstens eine Reihe voll; vielleicht standen dahinter noch zwei oder vier Menschen. Wer aus äußerster Notwendigkeit hinausging, zog sogar die Kleidung der Tataren an. Nachdem er seine Angelegenheit hastig erledigt hatte, kehrte er geradewegs nach Hause zurück. Dennoch blieb in seinem Herzen ständig die bange Sorge: Wer weiß, vielleicht kann ich nicht mehr nach Hause zurückkehren.

Doch schließlich griffen die Tataren die Festung nicht mehr an. Kasan zog mit seinem Heer in Richtung Irak. In Syrien ließ er seinen Stellvertreter und sechzigtausend tatarische Soldaten unter dessen Befehl zurück. Auf dem Weg sagte er: „Ich lasse meinen Stellvertreter und mein Heer hier zurück und werde im kommenden Winter wiederkommen. Dann werden wir neben Syrien auch Ägypten erobern.“

Nachdem Kasan abgezogen war, begann der zweite tatarische Emir, Bulai Khan, die Umgebung von Damaskus zu plündern. Innerhalb kurzer Zeit wurden dadurch die dicht bevölkerten Gebiete verwüstet. Viele muslimische Jungen und Mädchen wurden zu Sklaven und Sklavinnen gemacht. Auch von der Stadt Damaskus erpresste er große Geldsummen. Als die Lage ihren Höhepunkt erreicht hatte, begab sich Imam Ibn Taymiyya in das Lager Bulai Khans. Er sprach mit ihm über die Freilassung der Gefangenen und kehrte zurück, nachdem er eine große Zahl von Gefangenen befreit hatte. Unter den Freigelassenen waren nicht nur Muslime, sondern auch viele Nichtmuslime.

Eines Tages wurde im Namen des Burgherrn von Damaskus verkündet, dass das ägyptische Heer zur Unterstützung Syriens auf Damaskus vorrücke. Am folgenden Tag verließ Bulai Khan mit seinem Heer die Stadt. Kein einziger Tatar war mehr in der Stadt zu sehen. Zu dieser Zeit gab es in Damaskus keinen verantwortlichen Statthalter oder Herrscher. Durch den Angriff der Tataren war die Stadtmauer an vielen Stellen eingestürzt. Der Burgherr von Arjawasch befahl den Stadtbewohnern, nachts nicht zu schlafen, sondern die Stadtmauer zu bewachen. Gemeinsam mit den Menschen verbrachte auch Ibn Taymiyya Nacht um Nacht damit, die beschädigte Mauer zu bewachen.

Obwohl bis zum Jahr 700 der Hidschra ein großer Teil der Tataren Muslime geworden war, war die Reihe ihrer Kriege gegen die Muslime noch nicht beendet. Dass sie beendet worden wäre, war auch nicht natürlich. Denn siebenhundert Jahre nach dem Aufkommen des Islam war die muslimische Gesellschaft in einen Zustand gelangt, in dem die Grundsätze des Islam und die höheren Tugenden des muslimischen Charakters in so umfassendem Maße entstellt worden waren, dass es für eine zum Islam übergetretene Gesellschaft keineswegs leicht war, sich von ihnen angezogen zu fühlen. Daher hielten sie sich für den Muslimen überlegen. Sie waren der Ansicht, dass die gegenwärtigen Herrscher der Muslime kein Recht hätten, über die Muslime zu herrschen. Vielmehr gebühre die Herrschaft über das gesamte muslimische Gebiet allein den Tataren. Dies war ein Beweis für die religiöse und glaubensmäßige Unvollständigkeit und Unreife der Tataren.

Auch ihre kurzzeitige Herrschaft in Syrien brachte diese religiöse Unvollständigkeit und Unreife zum Ausdruck. Zu dieser Zeit war der zum Islam übergetretene Tatar Saifuddin Kubdschuk der Herrscher von Damaskus. Er erteilte eine uneingeschränkte Lizenz für den Handel mit Wein in der Stadt. Dieser war die größte Quelle staatlicher Einnahmen. Der Wein verbreitete sich in der Stadt immer weiter. Zahlreiche neue Weinschenken wurden eröffnet. Die nichtmuslimischen Bewohner der Stadt spielten dabei eine führende Rolle.

 

Ibn Taymiyya bei der Beseitigung von Irreligiosität und Fitna

Nachdem die Tataren die Stadt verlassen hatten, sahen die Muslime keinen Grund mehr, diese Quellen der Sünde unangetastet zu lassen. Zugleich war zu hören, dass die ägyptische Armee zur Unterstützung von Damaskus heranrückte. Unter diesen Umständen wuchs der Mut der Muslime noch weiter. Sie rückten vor und griffen die Weinschenken an. Imam Ibn Taymiyya führte dieses Unternehmen an. Mit einer großen Schar seiner Schüler und Unterstützer zog er durch die gesamte Stadt. Sobald er eine Weinschenke sah, drang er mit seinen Leuten ein. Die Weinkrüge, Krüge, Töpfe, Becher und Fässer zerbrach er allesamt und warf sie hinaus. Den gesamten Wein des Ladens ließ er in die Abwasserkanäle fließen. Den Trinkern und Schurken, die sich in den Läden aufhielten, erklärte er die islamischen Gebote, bewog sie zur Reue und bestrafte sie nötigenfalls auch. Dieses Vorgehen des Imams erfüllte die ganze Stadt mit großer Lebendigkeit.

In Abwesenheit der Tataren machten sich die Syrer daran, eine weitere Fitna auszurotten. Diese Fitna befand sich in den Grenzgebieten. Dort lebten einige Stämme, die dem Islam und den Muslimen zutiefst feindlich gesinnt waren. Im Wesentlichen waren sie Christen sowie Angehörige der batinitischen, ismailitischen, drusischen, nusairischen und anderer irregeleiteter Richtungen der Schiiten. Als die Tataren im Jahr 699 nach der Hidschra in Syrien einfielen, unterstützten diese irregeleiteten Stämme sie uneingeschränkt und fügten den Muslimen größtmöglichen Schaden zu. Als das von den Tataren besiegte muslimische Heer beim Rückzug die Grenze überschritt, verfolgten sie die besiegten und entmutigten muslimischen Soldaten, töteten viele von ihnen, raubten ihre Waffen und nahmen ihre Pferde in Besitz. Zuvor hatten sie sich niemals dem muslimischen Heer unterworfen. Sie waren nicht bereit gewesen, Allahs wahre Religion anzunehmen, wie sie im Koran und in der Sunna dargelegt ist, und hatten sich niemals zu einer islamischen Lebensweise bereitgefunden.

Nachdem Syrien von den Feinden befreit war, bestand von innerer Seite keine Gefahr mehr. Unter diesen Umständen war Imam Ibn Taymiyya der Ansicht, dass man diese seit jeher dem Islam und den Muslimen feindlichen irregeleiteten Grenzstämme bezwingen und sie in der Religion unterweisen müsse. Tatsächlich gab es zu jener Zeit in der Stadt Damaskus keinerlei staatliche Verwaltung. Daher konnten Imam Ibn Taymiyya und seine Leute nach Belieben verschiedene Maßnahmen ergreifen. Sie hörten, dass Jamaluddin Aqusch, der Stellvertreter des Sultans von Ägypten, mit einigen Soldaten in Richtung der Bergregionen an der Grenze vorrückte. Der Imam hielt es nicht für richtig, diese Gelegenheit ungenutzt verstreichen zu lassen. Mit einer großen Schar kriegerischer Bewohner und Freiwilliger aus der Gegend von Hauran vereinigte er sich mit Jamaluddin. Als die irregeleiteten Stämme von der Ankunft des Stellvertreters des ägyptischen Sultans hörten, begannen sie, scharenweise bei Ibn Taymiyya zu erscheinen. Der Imam ließ sie Reue zeigen und lehrte sie den wahren Islam. Dies brachte großen Nutzen. Sie versprachen, alles zurückzugeben, was sie zuvor den muslimischen Soldaten geraubt hatten. Dafür wurde ihnen seitens des Bait al-Mal eine hohe Geldsumme auferlegt, und sie übernahmen die Verpflichtung, diese zu entrichten.

Das zeitgenössische Umfeld: Wissen und Praxis

Imam Taqiuddin Ibn Taymiyya hatte die islamische Welt des siebten und achten Jahrhunderts nach der Hidschra mit einer einzigartigen Lebenskraft bereichert. Er wurde im Jahr 661 nach der Hidschra geboren und starb im Jahr 728. Sein größter Beitrag während seines 67-jährigen Lebens bestand darin, im Denken und Handeln der dem Tod nahen muslimischen Gesellschaft eine erfolgreiche und epochale Revolution auszulösen. Zu seinen Lebzeiten veränderte sich zwar die Art der tatarischen Angriffe, doch ihre Stärke nahm nicht ab. Die Zerstörungskraft dieser Angriffe schritt unvermindert voran. Der einzige Unterschied bestand darin, dass die Tataren zu jener Zeit Muslime geworden waren.

Er wurde nur fünf Jahre nach der Zerstörung Bagdads und drei Jahre nach dem Einmarsch der Tataren in Damaskus geboren. Daher kann man wohl mit Recht sagen, dass er unmittelbar nach dem Erwachen seiner geistigen Fähigkeiten überall von den durch die tatarischen Angriffe verwüsteten Familien der Unterdrückten erblickte. Die Gesichter der leidenden und verzweifelten Muslime beeinflussten sein feinfühliges Gemüt zutiefst. Im Alter von sieben Jahren sah er mit eigenen Augen die Schrecken des tatarischen Angriffs. Die Tataren griffen seine Heimatstadt Harran an. Wie unzählige andere Familien der Stadt machte sich auch seine Familie auf den Weg nach Damaskus, um den Tataren zu entkommen. Beiderseits des Weges sah er die Zerstörungskraft des tatarischen Angriffs: Menschen, Bäume und Tiere, die im Feuer verbrannt waren. Die Siedlungen waren niedergebrannt. Außer Krüppeln gab es nirgendwo gesunde Menschen. Auch die Felder waren verwüstet. Kurz gesagt: ein grauenhaftes Bild der Zerstörung. Sein außergewöhnliches Gedächtnis bewahrte diese Bilder seiner Kindheit in der Schatzkammer der Erinnerung auf. Deshalb scheute er später nicht davor zurück, gegen die Gewalttaten der Tataren zu protestieren. Unerschrocken stand er dem mächtigen tatarischen Herrscher Ghazan gegenüber und schilderte ihm die Gewalttaten, die er und seine Soldaten verübt hatten. Ja, wenn es nötig war, stürzte er sich sogar eigenhändig mit dem Schwert gegen die tyrannischen Tataren.

Die weitreichende Unordnung und Schwäche, die infolge der tatarischen Angriffe im äußeren Erscheinungsbild der muslimischen Gesellschaft zutage getreten waren, waren von außerordentlichem Ausmaß. Dies ist in der bisherigen Erörterung deutlich geworden. Nun gilt es zu betrachten, wie es im Inneren der muslimischen Gesellschaft aussah.

Der Niedergang des Ilm al-Kalam

Der Ilm al-Kalam war entstanden, um der griechischen Philosophie entgegenzutreten. Sein Ziel bestand darin, die Verwirrung und Schwäche zu beseitigen, welche die Beschäftigung mit der griechischen Philosophie im Glauben und in der Aqida der Muslime hervorgerufen hatte, und diese dadurch zu erneuern und zu stärken. Doch allmählich drangen die Wesensart und die Methoden der Philosophie in ihn ein, und der Ilm al-Kalam verwandelte sich in eine religiöse Philosophie. Inhalt, Erörterungen und die Art der Beweisführung glichen sämtlich der Philosophie. Darüber hinaus enthielt er viele abwegige Erörterungen, deren Lösung die menschliche Vernunft überforderte. Man versuchte, Allahs Wesen und Eigenschaften sowie viele andere Dinge, die dem Verstand unzugänglich sind, mithilfe der Vernunft zu beweisen. Statt sich mit den Erklärungen der Propheten und Gesandten zufriedenzugeben, setzte man bei ihrer Auslegung die eigene schwache und begrenzte Geisteskraft ein. Anstatt diese Fragen klarer zu machen, machte dieser Versuch sie vielmehr noch komplizierter. Der Koran beschreibt Allahs Wesen und Eigenschaften in einer so einfachen und klaren Sprache, dass ihr Verständnis einem gewöhnlichen Menschen keineswegs schwerfällt. Diese Darstellungsweise ist für jedes Zeitalter und jedes Umfeld leicht zugänglich. Jeder Mensch, unabhängig von der Stufe seiner geistigen Fähigkeiten, kann aus dieser koranischen Darstellungsweise leicht die eigentliche Aussage erkennen.

Unter dem Einfluss der Philosophie hatte der Ilm al-Kalam jedoch diese einfache Angelegenheit erschwert. Er hatte das Klare kompliziert gemacht. Mit dem Ziel, Zweifel zu beseitigen, hatte er letztlich nur noch mehr Zweifel hervorgerufen. Daher betrachtete ein großer Teil der muslimischen Umma dieses Bestreben des Ilm al-Kalam stets mit Missbilligung und widersetzte sich ihm. Um diesen Zustand zu verändern, bedurfte es daher einer richtigen und klaren Auslegung von Koran und Sunna. Einer Auslegung, die für Menschen aller Schichten – für die einfachen ebenso wie für die Gebildeten – verständlich war und alle zu erreichen vermochte. Zusammen mit seinem felsenfesten Glauben an Koran und Sunna sollten seine Erläuterungen und Argumente zu Koran, Sunna sowie Allahs Wesen und Eigenschaften überzeugend und umfassend sein. Schon beim ersten Hören oder Lesen sollten sie die Herzen der Zuhörer und Leser gewinnen können.

Die Anmaßung der Christen

Andererseits hatte auch das Christentum einen neuen Feldzug gegen den Islam begonnen. Die Christen begannen eine Bewegung zu betreiben, um die Überlegenheit und Wahrhaftigkeit ihrer Religion zu beweisen und gegen den Islam Verleumdungen zu verbreiten. Ihre aufeinanderfolgenden Kreuzzüge sowie die große Zahl europäischstämmiger christlicher Gemeinden, die in Syrien, Palästina und Zypern lebten, hatten ihnen den Mut zu diesem Vorgehen gegen die Muslime und den Islam verliehen. Um sich mit den Muslimen auf theoretischer Ebene auseinanderzusetzen, verfassten sie Schriften, in denen sie die Prophetenschaft Muhammads angriffen und die Überlegenheit ihrer eigenen Religion darzustellen suchten.
Um dieser islamfeindlichen Propaganda, Dreistigkeit und Verleumdung der Christen entgegenzutreten, bedurfte es ebenfalls eines starken Gelehrten und rational argumentierenden Schriftstellers. Er musste sich umfassend mit dem Christentum und anderen Religionen beschäftigt haben und über gewaltiges Wissen verfügen. Er musste klare Kenntnisse über die vergleichende Religionskunde sowie über Geschichte und Entwicklung der Verfälschung der himmlischen Schriften besitzen, damit er die Überlegenheit und Wahrhaftigkeit des Islam beweisen und den Angehörigen anderer Religionen den Islam nahebringen konnte. In der Zeit, in der Imam Ibn Taymiyya geboren wurde, sahen sich die Muslime auf der ganzen Welt mit unzähligen äußeren und inneren Krisen konfrontiert. Dass ein Volk sechshundert bis sechshundertfünfzig Jahre an der Wahrheit festhält, ist keine leichte Sache. Daher werden selbst hundert Jahre als ein sehr langer Zeitraum betrachtet. Die Gründe, aus denen bei den früheren Völkern Propheten und Gesandte erschienen waren, hatten sich nach sechseinhalb Jahrhunderten auch für die Muslime herausgebildet. Doch die Reihe der Prophetenschaft war beendet. Unter diesen Umständen übernehmen Erneuerer wie Ibn Taymiyya die Aufgabe, die Religion wiederzubeleben.

Die batinitische Fitna

In der zweiten Hälfte des siebten Jahrhunderts nach der Hidschra gewannen die Aktivitäten der Batiniten unter den Muslimen an Ausmaß. Diese Fitna entstand im vierten Jahrhundert nach der Hidschra unter dem Einfluss der griechischen Philosophie. Im fünften Jahrhundert trat Imam al-Ghazali, möge Allah ihm barmherzig sein, ihr mit all seiner Kraft entgegen. Doch es war ihm nicht möglich, die Fitna vollständig auszurotten. Nach anderthalb Jahrhunderten begann sie erneut, mit gewaltiger Schrecklichkeit der islamischen Gemeinschaft Schaden zuzufügen. In den religiösen Überzeugungen und Lehren der Batiniten vermischten sich auf verderbliche Weise die Glaubensvorstellungen der Feueranbeter Irans, die Gedanken Platons und ein erschreckender politischer Eigennutz. Ihre verschiedenen Zweige – die Ismailiten, Haschaschīn, Drusen, Nusairiten und andere – blieben stets gegen die Muslime aktiv. Bei jedem Angriff eines äußeren Feindes auf die Muslime und die muslimischen Staaten haben sie stets Unterstützung geleistet. Ja, meistens waren es ihre eigenen Aktivitäten und Verschwörungen, die den äußeren Feinden den Mut gaben, die Muslime anzugreifen.
Während der Kreuzzüge der europäischen Christen in Syrien und Palästina unterstützten sie die Kreuzfahrer. Nachdem die Kreuzfahrer Syrien erobert hatten, gaben sie gerade den Batiniten den Rang ihrer vertrauenswürdigen Gefolgsleute und Freunde. Auch auf staatlicher Ebene vergolten sie ihnen ihre Hilfe. Später, während der Rückeroberung Syriens durch kriegerische Sultane und auch während der Herrschaft der ayyubidischen Sultane, waren sie ständig in Verschwörungen und Aufständen verstrickt. Als die Tataren im achten Jahrhundert Syrien angriffen, unterstützten sie die Tataren offen. Dadurch erlitten die Muslime einen schweren Schaden.
Bei einer Betrachtung der islamischen Geschichte zeigt sich, dass die Batiniten stets damit beschäftigt waren, unter den Muslimen religiöse Anarchie und Unordnung zu schaffen, ihr Vertrauen in den Islam zu schwächen, ihre Herzen gegen den Islam aufzubringen und unter ihnen islamfeindliche Glaubensvorstellungen zu verbreiten. Sie betrieben ständig Spionage, um die religiöse Festung der Muslime dem Feind auszuliefern.
Im fünften Jahrhundert nach der Hidschra hatte Imam al-Ghazali, möge Allah ihm barmherzig sein, diese Fitna theoretisch bekämpft. Als das achte Jahrhundert anbrach, genügte ihre bloß theoretische Bekämpfung jedoch nicht mehr. Vielmehr war es notwendig, sie zugleich praktisch auszurotten und vollständig zu beseitigen, damit die islamische Gemeinschaft für immer von ihr befreit würde.

Die Verbreitung eines irrigen Tasawwuf und des Schirks

In dieser Zeit breitete sich unter den Anhängern des Tasawwuf eine weitere Fitna aus. Im Verlauf der verschiedenen Epochen waren die Muslime mit den Denk- und Handlungsweisen verschiedener Völker in Berührung gekommen; zugleich hatten sie sich von der ursprünglichen islamischen Denk- und Handlungsweise entfernt. Dadurch drangen unter ihnen die griechische, ishrāqische, vedantische und buddhistische Philosophie des Mahānirvāṇa ein. Infolge ihrer über Jahrhunderte andauernden Verbreitung und Anwendung drangen diese Vorstellungen auf subtile Weise in verschiedene Bereiche der islamischen Glaubenslehre ein. Diese nichtislamischen Glaubensvorstellungen zu erkennen und aus ihr herauszufiltern, war keineswegs leicht. Neuplatonismus, Yoga, Advaita, Pantheismus, die Festlegung der Grenzen zwischen offenem und verborgenem Wissen, die geheime Weitergabe von Wissen aus der Brust des einen in die Brust des anderen, die Vorstellung, ein vollkommener Pir und Murshid sowie ein vom Gotteswillen berauschter Majdhub müsse die formalen Vorschriften der Scharia nicht befolgen, sowie verschiedenartige schirkische Denk- und Glaubensvorstellungen waren in einen großen Teil der Tasawwuf-Anhänger eingedrungen. Seit der Zeit der ehrwürdigen Gefährten und der Tabi’un bestand eine Strömung eines reinen islamischen Tasawwuf. Doch als das achte Jahrhundert nach der Hidschra herannahte, war seine klare Praxis so stark mit Unrat vermischt, dass sogar eine große Gruppe der Leute des Wissens sich dadurch geehrt fühlte, das Waschwasser dieses Unrats zu trinken. Daher besteht kein Zweifel, dass auch ein großer Teil der muslimischen Bevölkerung ihnen folgend in diese Irreführung geriet.
Zugleich hatten sich wegen des langjährigen Umgangs mit Nichtmuslimen, des persischen Einflusses und der Nachlässigkeit der ehrwürdigen Gelehrten unter der muslimischen Bevölkerung viele Arten schirkischer Glaubensvorstellungen und Praktiken verbreitet. Die reine Einheit Allahs drohte in verschiedenen Bereichen von Schleiern bedeckt zu werden. Auch die Muslime begannen, hinsichtlich der Gottesfreunde und Seiner rechtschaffenen Diener – wie die Nichtmuslime – zu übertreiben. Nicht nur gewöhnliche Muslime, sondern auch viele Gelehrte zögerten nicht im Geringsten, die verstorbenen rechtschaffenen Diener Allahs anzurufen, an ihren Gräbern zu verharren, um die Wünsche ihres Herzens zu erfüllen, und zu ihnen Bittgebete zu sprechen. Die Muslime besuchten die Feste und religiösen Veranstaltungen der Nichtmuslime, nahmen daran teil und vollzogen selbst viele ihrer Bräuche.
Um gegen all diese schirkische Unwissenheit Dschihad zu führen und die Muslime mit ganzer Kraft zur reinen Einheit Allahs aufzurufen, bedurfte es eines gelehrten, kämpferischen Mannes, der den Unterschied zwischen Tauhid und Schirk klar erkannte, der mit allen Erscheinungsformen der Dschahiliya vollkommen vertraut war und sie, in welcher Gestalt und unter welchem Gewand sie auch auftreten mochte, ohne den geringsten Verzug erkannte; eines Mannes, der den reinen Tauhid nicht aus den Büchern der ehrwürdigen Gelehrten, den Praktiken unwissender Muslime oder den etablierten Bräuchen und Sitten seiner Zeit kannte und übernahm, sondern unmittelbar aus Koran und Sunna sowie aus der Praxis und dem Lebensweg der Gefährten und Tabi’un. Nachdem er die richtige Glaubenslehre und Praxis erkannt hatte, kümmerte er sich bei ihrer Verkündung weder um den finsteren Blick eines Herrschers noch um den bergeshohen Widerstand einer gewaltigen Menschenmenge.

Die Schwäche der ehrwürdigen Gelehrten

Gleichzeitig zeigte sich beim Erscheinen Imam Ibn Taymiyyas die größte Schwäche der islamischen Gemeinschaft unter den Gelehrten. Unter den Gelehrten und in den religiösen Lehranstalten hatten sich eine Art Trägheit und Erstarrung eingenistet. Sie hielten es für verboten, über ihre fiqh-methodische Schule, ihre Madhhab und die fiqhliche Denkweise ihres eigenen Imams hinauszugehen. Anstatt den Fiqh im Licht des Korans und der Hadithe zu beurteilen, analysierten und bewerteten sie den Koran und die Hadithe aus der Perspektive ihres eigenen Fiqh. Bei Meinungsverschiedenheiten im Fiqh bemühte man sich stets, Koran und Hadithe mit der eigenen Auffassung in Einklang zu bringen, statt ihnen den Rang eines Richters zuzuerkennen. (Obwohl im Koran ausdrücklich gesagt wird: “*******Arabisch******Das heißt: Wenn ihr in einer Sache uneins seid, dann wendet euch an das Buch Allahs und ???) In der islamischen Gesellschaft waren viele neue Probleme entstanden, zu deren Lösung ein neues Idschtihad erforderlich gewesen wäre. Doch darauf richteten sie ihren Blick nicht. Sie hielten sich selbst für unfähig. Dafür bedurfte es eines Gelehrten, der über tiefgehende Kenntnisse des Korans, der Hadithe und des Fiqh sowie über die Fähigkeit zum Idschtihad verfügte.

Gelehrsamkeit und Beschränkungen durch die Madhhab

Der Islam beschränkte sich nicht darauf, das Streben nach Wissen lediglich zu erlauben und zu fördern, sondern erklärte das Bemühen um Wissen für die Muslime sogar zur Pflicht. Selbst inmitten des Aufstiegs und Falls von Dynastien, des Aufbaus und Zerfalls staatlicher Macht, großer politischer Umwälzungen und Kriege kam das Streben der Muslime nach Wissen niemals zum Stillstand. Selbst während der weit verbreiteten Anarchie und der Kriege, die bis zum Ende des rechtgeleiteten Kalifats und bis zur Stabilisierung der Umayyaden-Dynastie in der gesamten islamischen Welt herrschten, widmete sich eine Gruppe von Menschen dem Streben nach Wissen. Das Sammeln von Hadithen, der Hadith-Unterricht, Erörterungen des Fiqh, die Abfassung von Hadith- und Fiqh-Werken, arabische Grammatik, Sira, Geschichte, die Pflege der verschiedenen Wissenschaften und die Abfassung von Büchern gingen ihren normalen Gang.

Als man das siebte Jahrhundert nach der Hidschra erreichte, hatte das Streben nach Wissen eine große Verbreitung erlangt. Die Herrscher unterstützten das Bemühen um Wissen stets. Die ayyubidischen und mamlukischen Sultane errichteten in Ägypten und Syrien große Dschamiʿa-Moscheen und Dar al-Hadith. Aus verschiedenen Teilen der islamischen Welt kamen unzählige Studenten an diese Lehranstalten und Universitäten, um Wissen zu erwerben. Zusammen mit diesen Lehranstalten entstanden auch große Bibliotheken. In diesen Bibliotheken wurden zahlreiche Werke aus allen Wissenschaften und Wissensgebieten gesammelt. Die gebildete Gesellschaft, Studenten wie Lehrer, konnte gleichermaßen Nutzen aus diesen Bibliotheken ziehen. Einige von ihnen waren so groß, dass man meinte, die Bücher der ganzen Welt seien dort zusammengetragen. Allein in der Bibliothek der Dschamiʿa al-Kamiliya, die 621 nach der Hidschra von al-Kamil Muhammad al-Ayyubi gegründet worden war, waren hunderttausend Bücher gesammelt.

Im siebten und achten Jahrhundert nach der Hidschra traten zahlreiche große und weltweit bekannte Gelehrte hervor. Gelehrte wie ʿAllama Taqi ad-Din Abu ʿAmr Ibn as-Salah (577–634 n. H.), Scheich al-Islam ʿIzz ad-Din Ibn ʿAbd as-Salam (578–660 n. H.), Imam Muhyi ad-Din an-Nawawi (631–676 n. H.), Scheich al-Islam Taqi ad-Din Ibn Daqiq al-ʿId (625–702 n. H.), ʿAllama ʿAla ad-Din al-Badschi (631–712 n. H.), ʿAllama Dschamal ad-Din Abu al-Haddschadsch as-Sazi (654–742), Hafiz ʿIlm ad-Din al-Barzali (665–739 n. H.) und ʿAllama Schams ad-Din adh-Dhahabi (673–748 n. H.) verliehen dieser Epoche ihre besondere Bedeutung. Die bedeutendsten Werke dieser Zeit wurden von ihnen und den herausragenden Gelehrten ihrer Zeit verfasst.

Unter den bedeutendsten Werken dieser Epoche erlangten die Muqaddima von ʿAllama Taqi ad-Din Ibn as-Salah, al-Qawaʿid al-Kubra von Scheich ʿIzz ad-Din Ibn ʿAbd as-Salam, Imam an-Nawawis al-Madschmuʿ und Scharh Muslim, Ibn Daqiq al-ʿIds Kitab al-Imam und Ihkam al-Ahkam Scharh ʿUmdat al-Ahkam, Abu al-Haddschadsch al-Mazzis Tahdhib al-Kamal sowie ʿAllama adh-Dhahabis Mizan al-Iʿtidal und Tarikh al-Islam die größte Bekanntheit.

Über das Wissen dieser Zeit lässt sich jedoch eines eindeutig sagen: Das Bemühen um Wissen war damals von großer Breite, aber im Vergleich dazu von deutlich geringerer Tiefe. Statt tiefgründiger Überlegung und Forschung bestand eine stärkere Neigung, das Wissen der früheren Generationen zu sammeln und zu erläutern. Sie waren nicht fähig, die starken Mauern zu verlassen, die bis dahin um die fiqhlichen Madhhabs errichtet worden waren. Mit Worten wurden die vier Madhhabs zwar als allesamt wahr anerkannt, in der Praxis jedoch hielt jeder Anhänger einer Madhhab nur seine eigene Madhhab für unfehlbar wahr. Es fiel ihnen schwer, zuzugeben, dass sich in einer anderen Madhhab unverfälschte Wahrheit befinden könnte. Höchstens waren sie der Ansicht: Der Idschtihad, den unser Imam vorgenommen hat, ist vollkommen wahr und fehlerfrei, doch es besteht die Möglichkeit, dass er einen Fehler enthält.

Dies war die Haltung der Anhänger der Madhhabs gegenüber ihrer eigenen und den anderen Madhhabs. Sie hielten ihre eigene Madhhab für allen anderen fiqhlichen Madhhabs überlegen und glaubten, dass Allah sie unterstütze. Um die Wahrheit und Überlegenheit ihrer Madhhab zu beweisen, setzten sie all ihre Fähigkeiten, Kräfte, intellektuellen Mittel und schriftstellerischen Fertigkeiten ein. Wie die Anhänger der Madhhabs ihre eigene Madhhab betrachteten, welchen Rang sie ihr einräumten und welche Vorstellungen sie von ihr hatten, lässt sich leicht aus einer Regierungsreform Sultan al-Malik az-Zahirs Baibars erkennen. Nach der früheren staatlichen Ordnung war in Ägypten und Syrien nur ein schafiitischer Qadi al-Qudat (Oberster Richter) eingesetzt. Sultan Baibars ernannte an seiner Stelle auch Qadi al-Qudat der drei anderen Madhhabs; darüber gerieten die schafiitischen Gelehrten in heftige Empörung. Sie brachten ihre Unzufriedenheit zum Ausdruck. Sie wollten Ägypten ausschließlich der Gerichtsbarkeit eines schafiitischen Qadi al-Qudat unterstellt sehen. Sie waren der Meinung, die schafiitische Madhhab sei in Ägypten die älteste und auch das Grab Imam asch-Schafiʿis, möge Allah ihm Barmherzigkeit erweisen, befinde sich auf dem Boden dieses Landes. Daher sei in diesem Land allein die Herrschaft der schafiitischen Madhhab gerechtfertigt. Als nach Baibars’ Tod die Herrschaft aus den Händen seiner Nachkommen überging, bezeichneten die schafiitischen Gelehrten dies als eine von Allah verhängte Strafe für seine Ungerechtigkeit und sein Unrecht gegenüber der schafiitischen Madhhab.

Auch im Bereich der fiqhlichen Madhhabs ging neben dieser Übertreibung der Streit der Vertreter der Kalām-Wissenschaft weiter. In dieser Hinsicht erreichte der Streit zwischen Hanbaliten und Aschariten seinen Höhepunkt. Trotz ihrer zahlreichen Differenzen untereinander ließ bei den Anhängern der fiqhlichen Madhhabs der gegenseitige Umgang und der Austausch von Wissen keineswegs nach. Vielmehr bestanden zwischen vielen von ihnen sogar Lehrer-Schüler-Beziehungen. Dadurch gab es Raum für gegenseitigen Respekt. Sie diskutierten miteinander. Doch diese Diskussionen blieben darauf beschränkt, die eigene Madhhab als überlegen und wahr zu erweisen. Der Streit zwischen Hanbaliten und Aschariten hingegen ging bis an die Grenze zwischen Unglauben und Islam. Sie setzten ihre ganze Kraft dafür ein, einander aus dem Islam auszuschließen. Wenn man über Glaubensfragen mit den hochtrabenden Begriffen der Logik und der Kalām-Wissenschaft in eine Debatte eintritt, gibt es keinen anderen Ausgang, als an die Grenze zwischen Islam und Unglauben zu gelangen. Allmählich wurden Herrscher, Gelehrte und das Volk in diese Auseinandersetzungen hineingezogen und begannen, daran großes Vergnügen zu finden.

Andererseits war auch die Lage des Tasawwuf noch bedenklicher. Zahlreiche nichtislamische Gedanken, Strömungen und Methoden drangen in ihn ein. Unzählige berufsmäßige, unwissende und häretische Sufis machten es sich in dieser Methode bequem. Neben dem einfachen Volk geriet auch ein großer Teil der gebildeten Schicht in die Fänge heuchlerischer und nichtislamischer Sufis. Auf diese Weise gerieten Religion und Glaube der Muslime in große Gefahr. Eine Gruppe von Philosophen überschritt die Lehren und Grenzen der Offenbarung und des Prophetentums und gab sich der Nachahmung unabhängigen Denkens hin. Eine Gruppe versuchte sogar, die Religion zu einem Anhängsel der Philosophie zu machen. Beide Gruppen der Philosophen waren blinde Anhänger Platons und Aristoteles’. In dieser Lage trat Imam Ibn Taymiyya mit der leuchtenden Fackel von Iman, Wissen und Taten in der Hand hervor.

Politische und gesellschaftliche Lage

Im achten Jahrhundert nach der Hidschra war die muslimische Umma innerlich wie äußerlich von derart vielen Problemen geplagt, dass sie zu ihrer Rettung einen starken Reformer, einen Mujaddid und einen kämpferischen Mujahid benötigte. Allah, der Erhabene, sandte Imam Ibn Taymiyya, möge Allah ihm Barmherzigkeit erweisen, mit allen Fähigkeiten, die erforderlich waren, um diese von Problemen geplagte und irregeleitete muslimische Gesellschaft auf den Weg des wahren Islam zu führen.

Um die religiösen Reformtätigkeiten Ibn Taymiyyas zu verstehen, ist eine Betrachtung der politischen Lage seiner Zeit unerlässlich. In diesem Zusammenhang wurde zuvor bereits einiges über die Angriffe und die Zerstörungen der Tataren berichtet. Nun ist es notwendig, sich ein gewisses Bild von der politischen Lage in dem Gebiet der islamischen Welt zu machen, in dem er geboren wurde und in dem sich sein Wirkungsfeld erstreckte. Dreizehn Jahre vor Ibn Taymiyyas Geburt begann die Herrschaft der mamlukischen Sultane über Ägypten und Syrien. Diese mamlukischen Sultane waren türkische Sklaven von al-Malik as-Salih Nadschm ad-Din Ayyub, dem letzten Sultan aus der Dynastie Sultan Salah ad-Din Ayyubis (gest. 647 n. H.). Sultan Nadschm ad-Din Ayyub ermöglichte ihnen, sich in Ägypten niederzulassen, nachdem sie sich in der Prüfung ihrer Tapferkeit und Treue bewährt hatten. Nach dem Tod al-Malik as-Salihs im Jahr 647 n. H. tötete Turan Schah ihn, bestieg selbst den Thron und nahm den Namen al-Malik al-Muizz an. Im Jahr 657 n. H. ergriff Saif ad-Din Qutuz, ein Sklave Izz ad-Din Aybaks, den Thron. Dieser muslimische Sultan war der Erste, der die als unbesiegbar geltenden Tataren besiegte. Im folgenden Jahr tötete Rukn ad-Din Baibars, der zweite Sklave Sultan Nadschm ad-Din Ayyubs, Saif ad-Din Qutuz und bemächtigte sich des Thrones. Er nahm den Titel al-Malik az-Zahir an. Baibars war ein äußerst mächtiger Sultan. Er kämpfte gleichzeitig gegen die Tataren und die Kreuzfahrer und besiegte beide. Immer wieder besiegte er sie. Sein Sieg über die beiden mächtigen Feinde der islamischen Welt festigte dadurch seine Stellung und Autorität unter den Muslimen.

Während seiner Herrschaft wurde Imam Ibn Taymiyya in Syrien geboren. Als der Imam fünfzehn Jahre alt war, starb al-Malik az-Zahir Rukn ad-Din Baibars. Der Imam war damals im Begriff, vom Jugendalter in das Erwachsenenalter überzugehen. In seiner Kindheit hatte er überall Verzweiflung und die Schmach der Niederlage gesehen; als er das Erwachsenenalter erreichte, begannen sich die Wolken der Verzweiflung zu zerstreuen. So wie der große Sultan Salah ad-Din Ayyubi die Erstarrung der verzweifelten Umma durchbrach, die Muslime zu einem umfassenden Dschihad gegen die Kreuzfahrer führte und in der islamischen Welt eine neue Welle des Lebens hervorbrachte, so hauchte auch al-Malik az-Zahir Baibars der erstarrten und erschöpften Umma erneut Leben ein. Überall entstand eine Atmosphäre des Dschihad gegen die Tataren und die Kreuzfahrer. Der Historiker Ibn Kathir schrieb über den Sultan: „Baibars war ein scharfsinniger, hochgesinnter und mutiger Herrscher von kraftvoller Entschlossenheit. Gegenüber den Feinden war er niemals unachtsam. Stets war er im Kampf gegen sie engagiert. Er brachte die zerstreuten und ungeordneten Muslime in eine geordnete Einheit und vereinte sie. Wahrlich, Allah, der Erhabene, hatte ihn in dieser späten Zeit gesandt, um dem Islam und den Muslimen Hilfe und Unterstützung zu gewähren und sie zu stärken. In den Augen der Franken, Tataren und Götzendiener war er wie ein Dorn. Er verbot den Alkohol. Die Frevler, Ausschweifenden, Schläger und Taugenichtse vertrieb er aus dem Land. Wenn er irgendwo im Land Unheil oder Unordnung sah, konnte er nicht ruhen, ehe er sie beseitigt hatte.“

Das Reich al-Malik az-Zahir Baibars’ war weit ausgedehnt. Im Osten reichte seine Grenze vom Euphrat bis im Süden zum Sudan. Ägypten war das zentrale Gebiet dieses Reiches, und Kairo war seine Hauptstadt. Die Bedeutung Kairos hatte zu dieser Zeit noch zugenommen, weil sich dort die aus Bagdad vertriebenen abbasidischen Kalifen aufhielten. Bagdad stand damals noch unter der Herrschaft der Tataren. Es blieb unter der Herrschaft der Nichtmuslime, solange der tatarische Herrscher von Bagdad den Islam nicht annahm. Andererseits hatten die Abbasiden zwar ihre staatliche Macht verloren, doch ihre geistliche Autorität über die Muslime blieb bestehen. Von Kairo aus übten sie diese geistliche Autorität in der islamischen Welt weiterhin aus.

Zweifellos war Baibars ein großer Herrscher. Doch trotz seiner tausend Tugenden und guten Taten war er ein autokratischer Herrscher. Indem er den Geist des Dschihad unter den Muslimen wiederbelebte und die Feinde des Islam zu einer schmählichen Niederlage zwang, erfüllte er einerseits eine große Aufgabe; andererseits kam es aufgrund seiner autokratischen Regierungsweise während seiner Herrschaft auch zu manchen Fällen von Unterdrückung und Tyrannei. Trotzdem kann seine Regierungszeit insgesamt als eine Epoche des Erwachens der Muslime bezeichnet werden.

Nachdem Malik Baibars im Jahr 676 n. H. achtzehn Jahre lang geherrscht hatte, starb er. Nach seinem Tod begannen für die Muslime erneut schwere Zeiten. Innerhalb von dreiunddreißig Jahren nach seinem Tod bestiegen neun Sultane den Thron Ägyptens. Der einzige unter ihnen, der eine gewisse Stärke zeigte, war al-Malik al-Mansur Saif ad-Din Qalawun. Im Jahr 678 n. H. griff er die Tataren an und zwang sie zu einer vernichtenden Niederlage. Zugleich führte er auch den Dschihad gegen die Kreuzfahrer. Nach 185 Jahren befreite er Tarabilis aus den Händen der Kreuzfahrer. Zwölf Jahre lang regierte er mit großer Pracht und Macht. Nach seinem Tod im Jahr 689 n. H. wurde der Thron Ägyptens zum Spielzeug in den Händen machtgieriger Männer, und von Jahr zu Jahr wechselten die Herrscher. Schließlich bestieg im Jahr 709 n. H. al-Malik al-Mansurs Sohn, al-Malik an-Nasir Qalawun, zum dritten Mal den Thron. Diesmal wurde seine Stellung dauerhaft. Zweiunddreißig Jahre lang regierte er mit unumschränkter Macht.

Imam Ibn Taymiyya war in Wirklichkeit ein Zeitgenosse dieses al-Malik an-Nasir Qalawun. Während dessen Herrschaft begann der Imam seine theoretischen und reformerischen Tätigkeiten. Dieser Sultan hatte die Epoche al-Malik az-Zahir Baibars’ in gewisser Weise wiederbelebt. Wie Baibars besaß auch er zahlreiche herausragende Eigenschaften. Er entfachte unter den Muslimen erneut den Geist des Dschihad. Er besiegte die Tataren auf vernichtende Weise und fügte der Geschichte des Islam ein ruhmreiches Kapitel hinzu.

Der Einfluss der Türken und Tataren auf die Gesellschaft

Im achten Jahrhundert der Hidschra hatte sich die Gesellschaft, in der Imam Taqī ad-Dīn Ibn Taymiyya, möge Allah ihm Barmherzigkeit erweisen, seine Reformtätigkeit begann, in vielerlei Hinsicht grundlegend verändert. Die herrschende Schicht bestand aus Türken. Die Türken hielten sich für den Arabern überlegen. In jeder Hinsicht stellten sie sich als von der einfachen Bevölkerung unterschieden dar. Ihre Sprache war Türkisch. Nur bei der Anbetung sowie im Umgang mit den Gelehrten und der einfachen Bevölkerung verwendeten sie Arabisch.
Die türkischen Herrscher achteten jedoch die Gelehrten und Sufis und befolgten ihre Worte. Sie zeigten sich auch bei der Gründung von Moscheen und Madrasas eifrig. Bei der Besetzung staatlicher Ämter bevorzugten sie keine bestimmte Abstammung oder Gesellschaftsschicht. Da die herrschende Schicht jedoch türkisch war, wurden naturgemäß die großen militärischen und administrativen Aufgaben vor allem Türken übertragen. Türken und Tataren waren die großen Landbesitzer und Lehnsherren.
Andererseits war ein großer Teil der Stadtbevölkerung tatarischer Abstammung. In den Kriegen, die türkische Herrscher wie Saif ad-Dīn Qatār, Zāhir Baibars und Nāṣir ad-Dīn Qalāwūn gegen die Tataren geführt hatten, wurden unzählige Tataren gefangen genommen. Diese Tataren nahmen später den Islam an und ließen sich dauerhaft in Syrien und Ägypten nieder. Nach den Berichten ägyptischer Historiker war die Zahl der Tataren in Ägypten und Syrien zur Zeit Zāhir Baibars’ sehr groß. Ihre Sitten und Gebräuche verbreiteten sich im ganzen Land. Obwohl sie den Islam annahmen, bewahrten sie viele ihrer eigenen Sitten und Bräuche. Ihre nationalen Besonderheiten behielten sie bei. Dass ein Neubekehrter nach der Annahme des Islam seine früheren Sitten und Bräuche, seine kulturellen Besonderheiten und sogar seine vorislamischen Glaubensvorstellungen vollständig aufgegeben, alles aus der Dschāhiliyya abgelegt und den Islam zu hundert Prozent angenommen hätte, ist in der Geschichte nur selten belegt. Dies war allerdings eine besondere Eigenschaft allein der edlen Gefährten des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm. Nachdem sie den Islam angenommen hatten, gestalteten sie ihre Lebensweise, ihr Denken, ihren Glauben und ihr Verhalten vollständig nach den Anweisungen Allahs und Seines Gesandten neu. Nationale und stammesbezogene Besonderheiten spielten für sie überhaupt keine Rolle. Sie taten, was Allah und der Gesandte befohlen hatten. Sie lebten so, wie Allah und der Gesandte es ihnen vorgeschrieben hatten. In ihrem Leben gab es kein Nebeneinander von Islam und Dschāhiliyya. Dort gab es nur Islam, nichts als Islam. Die Dschāhiliyya hatte sie für immer verlassen. Ihr Zustand erweckte den Eindruck, als seien sie im Islam wiedergeboren worden.
Es ist jedoch nicht unsere Absicht, diese Tataren und Türken zu tadeln. Denn zu der Zeit, als sie in den Islam eintraten, fehlte in der damaligen Gesellschaft ein vollständiger Islam. In einer Gesellschaft, in der kein umfassendes System islamischer Bildung und Praxis eingerichtet war, konnte man lediglich hoffen, dass die Neuankömmlinge aufgenommen, ihre Lebensweise vollständig verändert, all ihre Glaubensüberzeugungen, nationalen Besonderheiten und Bräuche aufgegeben und sie sich spontan in reine Muslime verwandeln würden. Ein solches Ergebnis war in der Wirklichkeit keineswegs anzutreffen. Daher zeigt sich im Leben dieser Muslime türkischer und tatarischer Abstammung ein Nebeneinander von Islam und Dschāhiliyya. Später wurden dessen schädliche Auswirkungen und sein verderblicher Einfluss in der Geschichte der islamischen Welt deutlich sichtbar. Der Historiker al-Maqrīzī schrieb über die tatarischen Muslime: Diese Tataren hatten im Dār al-Islām Bildung erhalten. Sie hatten den Koran gut gelernt und sich auch die islamischen Vorschriften und Gesetze gründlich angeeignet. Ihr Leben war jedoch eine Mischung aus Wahrheit und Falschheit. Neben guten Dingen fanden sich darin ebenso schlechte Dinge. Ihre religiösen Angelegenheiten – etwa Gebet, Fasten, Zakat, Hadsch, fromme Stiftungen, Angelegenheiten der Waisen, Streitigkeiten zwischen Eheleuten und Schuldenstreitigkeiten – übertrugen sie dem Qadi. In ihren persönlichen und privaten Angelegenheiten folgten sie jedoch den dschingisidischen Bräuchen und Traditionen sowie der As-Siyāsa, dem tatarischen Recht. Für sich selbst setzten sie einen Herrscher mit dem Titel Hājib ein. Diese Hājibs entschieden in ihren alltäglichen Angelegenheiten, hielten die Mächtigen zu Disziplin und Gesetzestreue an und gewährten den Schwachen gemäß der As-Siyāsa ihre Rechte. Ebenso wurden die Angelegenheiten der großen tatarischen Kaufleute nach der As-Siyāsa entschieden. Streitigkeiten über Lehen und Grundstücke schlichteten sie durch diese Art von Gesetz.
Es war völlig natürlich, dass der Charakter, das Verhalten, die Kultur und die Lebensweise dieser muslimischen Neubekehrten persischer und tatarischer Abstammung türkischer Herkunft die alteingesessenen Muslime arabischer Abstammung und andere muslimische Bevölkerungsgruppen beeinflussten. Wie infolge der Kreuzzüge eine Verbindung und Vermischung asiatischer und europäischer Zivilisationen und Kulturen entstand, so eröffneten auch die Siege und Niederlagen der Tataren den Weg zu einer Vermischung muslimischer und tatarischer Kultur. Wie auf dem Schlachtfeld Sieg und Niederlage eintreten, so geschieht dies auch auf kulturellem Gebiet, und beide Seiten übernehmen den Einfluss der jeweils anderen.
Die Übernahme dieses tatarischen Einflusses war für die muslimische Gesellschaft keineswegs erfreulich. Besonders der Versuch, durch die As-Siyāsa persönliche Angelegenheiten außerhalb des Geltungsbereichs der islamischen Vorschriften zu halten, vergrößerte lediglich das Unheil in der damaligen muslimischen Gesellschaft. Denn nach dem Ende des rechtgeleiteten Kalifats bemühte sich die staatliche Grundordnung darum, sich von den Bindungen der Religion zu lösen. Eine siebenhundertjährige despotische monarchische Herrschaft hatte die Trennung von Religion und Staat weit vorangetrieben. Zu dieser Zeit beschleunigte das System der tatarischen As-Siyāsa diese Trennung von Religion und Staat unter den Muslimen noch weiter. So stärkte der Eintritt der Tataren in die muslimische Gesellschaft einerseits die politische Macht der Muslime, vergrößerte andererseits jedoch ihren Schaden im religiösen Bereich. Das Maß der Irreleitung in der islamischen Gesellschaft nahm zu. Um die islamische Gesellschaft von dieser Irreleitung zu befreien, wurde der Bedarf an einem Erneuerer wie Imam Taqī ad-Dīn Ibn Taymiyya unabweisbar.

Das erste Kapitel im kämpferischen Leben des Imams

Die Gelehrtentradition

Im achten Jahrhundert nach der Hidschra war der Beitrag seiner Familie zu der herausragenden Rolle, die Imam Taqī ad-Dīn Ibn Taimiyya bei der islamischen Erneuerung in der gesamten islamischen Welt spielte, keineswegs gering. Die gesamte Familie lässt sich als eine gelehrte Tradition charakterisieren. Der Urgroßvater seiner Familie in der vierten Generation war Muhammad ibn al-Chidr. Die Mutter dieses Muhammad ibn al-Chidr hieß Taimiyya. Er war ein außergewöhnlich beredter Redner. Aufgrund seines außergewöhnlichen Rufes als Redner wurde die Familie schon bald überall als die Familie Taimiyya bekannt.
Scheich al-Islam Taqī ad-Dīn Ahmad ibn Taimiyyaʼs Großvater, der Gelehrte Abu l-Barakāt Majd ad-Dīn ibn Taimiyya, wurde zu den bedeutendsten Gelehrten der hanbalitischen Rechtsschule gezählt. Einige bezeichneten ihn auch als Mudschtahid. Imam und Hadith-Gelehrter adh-Dhahabī, der in der Wissenschaft von den Überlieferern des Hadith bewandert war, schrieb in seinem Werk „Bila“: Majd ad-Dīn ibn Taimiyya wurde im Jahr 590 nach der Hidschra geboren. Zunächst studierte er bei seinem Onkel, dem berühmten Prediger und Redner Fachr ad-Dīn ibn Taimiyya. Danach erhielt er eine höhere Ausbildung bei den Gelehrten und Hadith-Gelehrten von Harran und Bagdad. Im islamischen Recht erlangte er umfassendes Wissen. In dieser Hinsicht kann man sagen, dass er den Rang eines Imams innehatte. Seine außergewöhnliche Intelligenz und seine tiefgehende Gelehrsamkeit im islamischen Recht waren überall sprichwörtlich bekannt. Einmal stellte ihm ein Gelehrter eine wissenschaftliche Frage. Er sagte, auf diese Frage könne man sechzig Antworten geben. Danach gab er eine Antwort nach der anderen, insgesamt sechzig Antworten. Er starb im Jahr 652 nach der Hidschra. Sein bedeutendstes Werk ist „Muntaqā al-Achbār“. In diesem Werk erwähnte er zu jedem Kapitel des islamischen Rechts die einschlägigen Hadithe, auf denen die Rechtsschule begründet worden war. Der bedeutendste Gelehrte und Hadith-Gelehrte des dreizehnten Jahrhunderts nach der Hidschra, der Gelehrte Muhammad ibn ʿAlī asch-Schaukānī, verfasste unter dem Titel „Nail al-Awtār“ einen zwölfbändigen Kommentar zu diesem Werk und begründete damit nachdrücklich die Tiefe seines Inhalts und seine herausragende Stellung.
Auch der Vater des Scheich al-Islam Imam Ibn Taimiyya, Schihāb ad-Dīn ʿAbd al-Halīm ibn Taimiyya, war ein bedeutender Gelehrter, Hadith-Gelehrter und Fachgelehrter der hanbalitischen Rechtswissenschaft. Unmittelbar nachdem er von Harran nach Damaskus übersiedelt war, begann er in der Dschāmiʿ al-ʿUmarī in Damaskus eine Lehrtätigkeit. Diese zentrale Moschee von Damaskus war das Zentrum der bedeutendsten Gelehrten, Rechtsgelehrten und Hadith-Gelehrten des Landes. Daher war es keineswegs eine Kleinigkeit, in Gegenwart der bedeutendsten Gelehrten des Landes Unterricht zu erteilen. Das Besondere an seinem Unterricht war, dass er ihn aus dem Gedächtnis erteilte. Vor ihm lag kein Stapel von Büchern. Vollständig auf sein Gedächtnis gestützt, verwies er auf umfangreiche Werke. Sein Vertrauen in seine Gedächtniskraft war außerordentlich groß. Außerdem wurde er an der Dar al-Hadith as-Sukkariyya in Damaskus zum Scheich al-Hadith ernannt. Er starb im Jahr 682 nach der Hidschra.

Kindheit und Jugend

Das Doab-Gebiet zwischen Dajla und Furāt ist in zwei Teile geteilt. Die Gebiete seines südlichen Teils werden im Arabischen Irak „ʿIrāq ʿArabī“ genannt. Die Städte Bagdad, Basra und andere gehören dazu. Die Gebiete am nördlichen Ufer werden in der alten arabischen Literatur unter den Namen Diyār Bakr, Diyār Rabīʿa und Diyār Muḍar erwähnt. Die arabischen Geografen nennen dieses Gebiet al-Dschazīra. Im Norden liegt Armenien, im Süden der arabische Irak, im Osten Kurdistan und im Westen Kleinasien und die syrische Wüste. In diesem Gebiet liegt ar-Ruḥā. Etwa acht Stunden südlich von ar-Ruḥā erreicht man eine Stadt namens Ḥarrān. Die Vorfahren von Imam Ibn Taimiyya waren Einwohner dieser Stadt Ḥarrān. Am 10. Rabīʿ al-Awwal des Jahres 661 nach der Hidschra wurde Imam Ibn Taimiyya in dieser Stadt geboren. Bereits zuvor haben wir die Geburt von Imam Taqī ad-Dīn Ibn Taimiyya und seine Auswanderung nach Damaskus geschildert, um schon in seiner Kindheit dem Angriff der Tataren zu entkommen. Damals war der Imam erst sieben Jahre alt. Die Tage des tatarischen Angriffs waren von größter Angst, Sorge und Schrecken erfüllt. Die Menschen konnten zwar alles verkaufen, doch waren sie nicht bereit, die Familienbibliothek zu verkaufen, die das über mehrere Generationen angesammelte gelehrte Erbe der Familie enthielt. Es heißt, dass sie entschlossen waren, diese gewaltige Bibliothek, wenn nötig sogar auf dem Kopf tragend, auf ihrem Weg mitzunehmen. Dies war der Entschluss jedes einzelnen Familienmitglieds. Daher begann diese gelehrte Tradition, viele für den Haushalt notwendige Gegenstände zurückzulassen und die Bücher auf die Wagen zu laden. Einige Wagen wurden ausschließlich mit Büchern gefüllt. Nun folgte Problem auf Problem: Es fehlte an Eseln oder Pferden, um die Wagen zu ziehen. Fast alle verließen das Land. Daher brauchten alle Esel und Pferde, um ihr Gepäck zu transportieren. Dass es dadurch zu einem großen Mangel an ihnen kommen würde, war nur allzu verständlich. Schließlich kam es so weit, dass die jüngeren kräftigen Männer der Familie viele Bücherwagen anstelle von Eseln und Pferden zogen. Bisweilen halfen ihnen auch die Männer mittleren und höheren Alters. Das Tempo der Karawane war langsam. Dadurch fielen sie hinter alle anderen zurück. An einer Stelle hörte man, dass die Tataren bereits eingetroffen waren. Die Karawane musste schneller vorankommen. Doch nun trat ein neues Problem auf. Die Räder der Bücherwagen blieben plötzlich stehen. Sie wollten sich nicht mehr bewegen. Die Räder der Wagen waren sehr alt und nicht in der Lage, eine so weite Strecke zurückzulegen. Dennoch waren sie durch Allahs Gnade bis hierher weitergelaufen. Doch jetzt wollten sich die Räder trotz tausender Stöße und hunderter Ziehversuche nicht mehr drehen. Die ganze Familie begann, unter Tränen zu Allah zu beten. Allah erhörte ihr Gebet. Der Wagen setzte sich wieder in Bewegung. Die Karawane zog rasch weiter.

Als sie Damaskus erreichten, hießen die Einwohner von Damaskus sie herzlich willkommen. Die gebildeten Kreise von Damaskus waren über die gelehrte Tätigkeit von Abū al-Barakāt Majd ad-Dīn Ibn Taimiyya unterrichtet. Auch der Ruf nach dem Wissen und der Gelehrsamkeit von Schihāb ad-Dīn ʿAbd al-Halīm Ibn Taimiyya war in Damaskus nicht gering. Schon nach kurzer Zeit übernahm der Vater ʿAbd al-Halīm den Unterricht in der Umayyaden-Moschee und die Lehrtätigkeit im Dar al-Hadith as-Sukkariyya. Daher fühlte sich die Familie Taimiyya in der neuen Stadt und ihrer neuen Umgebung keineswegs fremd. Schon bald normalisierte sich ihr Leben. Der junge Ibn Taimiyya vollendete bald das Auswendiglernen des edlen Korans und widmete sich dem Studium des Hadith, des islamischen Rechts und der arabischen Sprache. Zugleich nahm er gemeinsam mit seinem Vater an verschiedenen gelehrten Versammlungen teil. So schritt neben seiner Ausbildung auch die Erweiterung seines Wissens und seine intellektuelle Entwicklung rasch voran.

Alle Mitglieder der Familie des Imams besaßen ein außergewöhnliches Gedächtnis. Über seinen Vater und seinen Großvater habe ich bereits gesprochen. Im Vergleich zu ihnen war das Gedächtnis von Imam Taqī ad-Dīn Ibn Taimiyya jedoch außergewöhnlich. Schon seit seiner Kindheit versetzte sein erstaunliches Gedächtnis die Lehrer in Erstaunen. Auch in Damaskus war sein Gedächtnis in aller Munde.

Einmal kam ein berühmter Gelehrter aus Aleppo nach Damaskus. Er hörte von dem erstaunlichen Gedächtnis eines hiesigen Jungen namens Taqī ad-Dīn Aḥmad Ibn Taimiyya. Um dies zu überprüfen, setzte er sich auf dem Weg zur Madrasa in den Laden eines Schneiders. Nach einiger Zeit sah man viele Jungen auf dem Weg kommen. Der Schneider zeigte auf den Jungen mit der großen Schreibtafel unter dem Arm und sagte, dass dies Ibn Taimiyya sei. Der Gelehrte rief den Jungen zu sich. Er schrieb dreizehn oder vierzehn Hadith-Texte (die eigentlichen Überlieferungen) auf dessen Tafel und sagte: „Lies.“ Der junge Ibn Taimiyya las sie einmal aufmerksam durch. Dann nahm der Gelehrte die Tafel hoch und sagte: „Trage sie auswendig vor.“ Ibn Taimiyya sagte sie fließend auf. Nachdem er die Tafel abgewischt hatte, schrieb der Gelehrte nun eine ganze Reihe von Überlieferungsketten darauf und sagte: „Lies.“ Als er sie gelesen hatte, forderte er ihn auf, sie auswendig vorzutragen. Wieder gab Ibn Taimiyya auch die Überlieferungsketten fließend wieder. Der Gelehrte aus Aleppo war zutiefst erstaunt. Er sagte: „Dieser Junge wird Außergewöhnliches vollbringen. Denn in der Zeit, in der dieser Junge geboren wurde, ist ein solches Gedächtnis unvorstellbar.“

Wissen erwerben und Wissen pflegen

Im achten Jahrhundert der Hidschra beruhte die Verantwortung, die Imam Taqī ad-Dīn Ahmad ibn Taymiyya für die islamische Erneuerung wahrnahm, vor allem auf seiner umfassenden Gelehrsamkeit und seiner außergewöhnlichen Beherrschung der religiösen Wissenschaften. Unter den zeitgenössischen Gelehrten und Intellektuellen kann man ihn in dieser Hinsicht als unübertroffen bezeichnen. Dieses unvergleichliche Wissen erwarb er durch Lernen, Übung und stetiges Studium. Die Propheten und Gesandten erlangen Wissen unmittelbar von Allah. Deshalb waren sie nicht auf weltliche Bücher oder Lehrer angewiesen. Alle anderen Menschen hingegen müssen in dieser Welt Wissen durch Unterricht und Übung erwerben. Das von Allah verliehene Gedächtnis und die geistige Begabung helfen lediglich dabei, den Korb des Wissens zu füllen.
Imam ibn Taymiyya trat im Alter von sieben Jahren in eine Lehranstalt ein und vervollständigte bereits im Alter von zweiundzwanzig Jahren seinen Wissensschatz. Neben Koran, Hadith, Fiqh und Usul widmete er auch dem Erwerb von Kenntnissen der arabischen Sprache und Literatur besondere Aufmerksamkeit. Er lernte Hadithe bei mehr als zweihundert Lehrern. Sein größtes Interesse galt der Koranexegese. Er selbst sagte, dass er zur Aneignung des Koranwissens mehr als hundert große und kleine Tafsir-Werke studiert habe. Durch das Studium des edlen Korans und seine intensive Betrachtung und Erforschung öffnete Allah, der Erhabene, ihm die Tore zum tiefen Verständnis der Geheimnisse des Korans. Er beschränkte sein Streben nach Wissen nicht auf das Lesen von Tafsir-Werken, sondern suchte auch deren Verfasser auf. Durch unmittelbare Gespräche mit ihnen erweiterte er ebenfalls sein Wissen.
Über das Studium des Korans sagte er selbst: „Manchmal habe ich hundert Tafsir-Werke studiert, um die verborgene Bedeutung eines einzigen Verses zu erfassen. Nachdem ich den Tafsir studiert hatte, betete ich zu Allah: O Allah, schenke mir vollständiges Wissen über die Bedeutung dieses Verses. Ich sagte: O Lehrer Adams und Ibrāhīms, lehre mich!“ Ich ging an verlassene Orte und in Moscheen, legte meine Stirn auf den Boden und sagte: „O Lehrer Ibrāhīms, schenke mir Wissen!“ Neben Koran, Hadith und Fiqh erwarb er auch eine tiefe Gelehrsamkeit in der Kalam-Wissenschaft. Damals wurde in der Kalam-Wissenschaft vor allem die Philosophie und Ethik von Imam Abū al-Hasan al-Aschʿarī studiert. Imam ibn Taymiyya und seine Familie waren Anhänger der hanbalitischen Rechtsschule. Zwischen den Hanbaliten und den Aschariten herrschte jedoch eine heftige Feindschaft. Tatsächlich studierte er die Kalam-Wissenschaft gründlich, um die Philosophie und die Argumentationsmethoden der Gegenseite genau kennenzulernen. Dadurch konnte er die inneren Schwächen der Kalam-Wissenschaft, die mangelhaften Argumentationsweisen ihrer Verfasser und sogar die Irrtümer der griechischen Philosophen richtig erkennen. Erst nachdem er die Kalam-Wissenschaft eingehend studiert hatte, nahm er schriftlich den Kampf gegen all ihre Irrtümer auf und verfasste, indem er starke Beweise und Argumente vorbrachte, einige Werke, auf die zeitgenössische Schriftsteller und Philosophen nicht zu antworten vermochten.
Zusammenfassend lautet unsere Aussage: Ibn Taymiyya bereitete sich in einem solchen umfassenden Maß vor, wie es in jenem Abschnitt der Geschichte erforderlich war, um in seiner Zeit den Koran und die Sunna angemessen zu vertreten, die Erhabenheit und Wahrheit von Allahs Religion zu beweisen und die Menschen vor der Irreleitung in Wissen und Tat zu bewahren. Er erlangte die Fähigkeit, das Chaos, das zu seiner Zeit im Reich des Denkens und Wissens herrschte, vollständig zu bekämpfen. In seinem Wissen und seinem Handeln gab es weder Trägheit noch Verfälschung. Alles war klar und unverfälscht. Gewöhnlich zeigte sich, dass jeder, der sich auf ein Fachgebiet spezialisiert hatte und mit ihm über dieses Gebiet disputierte, von ihm mit neuem Wissen darüber zurückkehrte. Einer seiner berühmten Gegner, der Gelehrte Kamāl ad-Dīn az-Zamālkānī, äußerte sich anlässlich eines Kommentars über seine Beherrschung verschiedener Wissenszweige folgendermaßen: „Nie wurde gesehen, dass er eine Auseinandersetzung mit jemandem verloren hätte. Nachdem er mit jemandem über eine bestimmte Frage disputiert hatte, zeigte sich, dass er sogar die Fachleute dieses Gebietes besiegt hatte.“
Nachdem er zweiundzwanzig Jahre lang Wissen erworben hatte, widmete er sich der Verbreitung des Wissens. Als er zweiundzwanzig Jahre alt war, verstarb sein verehrter Vater, Schihāb ad-Dīn ʿAbd al-Halīm ibn Taymiyya (682 n. H.). Er war der leitende Hadith-Gelehrte am wichtigsten Dār al-Hadīth von Damaskus, dem as-Sukkariyya. Durch seinen Tod wurde diese Stelle frei. Im folgenden Jahr übernahm sein fähiger Sohn, Imam Taqī ad-Dīn ibn Taymiyya, dieses Amt. Im Alter von zweiundzwanzig Jahren hielt er seine erste Hadith-Unterrichtsstunde. An dieser Unterrichtsstunde nahmen die bedeutendsten Hadith-Gelehrten und Gelehrten des Landes teil. Das Wissen und die Gelehrsamkeit des jungen Gelehrten beeindruckten und erstaunten alle. Einen Monat später wurde er am Freitag damit betraut, in der großen Hauptmoschee der Stadt, der Dschāmiʿ Umuwī, anstelle seines Vaters den Tafsir des Korans zu lehren. Für ihn wurde eigens eine Minbar angefertigt. Von Woche zu Woche nahm die Beliebtheit seiner Tafsir-Unterrichtsstunden zu. In seiner Koranexegese erläuterte er auch alle zeitgenössischen Probleme und deren koranische Lösungen. Zugleich beeindruckten seine persönliche Gottesfurcht, seine starke Glaubenskraft und seine Rechtschaffenheit die Menschen zutiefst. Zu dieser Zeit verbreitete sich sein guter Ruf nach allen Seiten.

Der erste Feldzug gegen das Unrecht

Im Jahr 693 nach der Hidschra musste er aufgrund eines unerfreulichen Vorfalls erstmals öffentlich in Erscheinung treten. Damals bezeugten die Menschen über einen Christen namens ʿAsāf, dass er beleidigende Worte gegen den Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, ausgesprochen habe. Nach dieser ungerechten Tat hatte er bei einem Araber Zuflucht gesucht. Als Imam ibn Taymiyya und der Scheich des Dār al-Hadīth, Zayn ad-Dīn al-Fāriqī, davon erfuhren, gingen sie zum Gouverneur ʿIzz ad-Dīn Ayyūb, forderten eine Untersuchung des Vorfalls und verlangten die Bestrafung des Schuldigen. Der Gouverneur ließ den Beschuldigten vorladen. Als die Menschen sahen, dass ein Araber gemeinsam mit ʿAsāf kam, begannen sie, den Araber zu beschimpfen. Der Araber sagte: „Dieser Christ ist besser als ihr.“ Als die Menge dies hörte, geriet sie in Wut und begann, Steine auf beide zu werfen. Innerhalb eines Augenblicks entstand ein gewaltiger Aufruhr. Der Gouverneur hielt den Imam und seinen Gefährten dafür verantwortlich und ließ sie ins Gefängnis werfen.
Beeindruckt von der Unvermitteltheit des Geschehens und der dramatischen Wendung des Vorfalls nahm der Christ den Islam an. Der Gouverneur gewährleistete seine Sicherheit, erkannte später seinen eigenen Fehler und ließ den Imam und seinen Gefährten aus dem Gefängnis frei; anschließend bat er sie um Verzeihung. Die Beliebtheit des Imams nahm dadurch noch weiter zu.

Bündnis gegen die interessengeleiteten Kreise

Gegen Ende des siebten Jahrhunderts der Hidschra begann sich unter den etablierten Interessengruppen allmählich Widerstand gegen die reformerischen Aktivitäten anzusammeln, die Imam Taqī ad-Dīn Ahmad ibn Taymiyya aufgenommen hatte. Der Imam rief die Menschen unmittelbar zum Qur’an, zur Sunna sowie zu den Handlungen der Gefährten und der Tābiʿūn auf. Diese etablierten Interessengruppen hingegen lenkten die Menschen zu ihren eigenen, erdachten Vorstellungen und interessengeleiteten Handlungen. Die Beliebtheit des Imams beim einfachen Volk und in den Kreisen der Gelehrten nahm rasch zu. In den Augen der Nutznießer des Establishments war dies ein Dorn im Auge. Im Jahr 698 der Hidschra begann vonseiten dieser Kreise erstmals der Widerstand gegen den Imam. Die Gegner griffen nicht nur seine Gedanken, sondern auch seine Persönlichkeit an.
Die Familie Ibn Taymiyyas war in Syrien keineswegs unbekannt. Wie bereits ausführlich dargelegt, war seine Familie seit drei oder vier Generationen in den Gelehrtenkreisen Syriens weithin bekannt. Sein Vater hatte seine herausragende Stellung in ganz Syrien und insbesondere in Damaskus fest etabliert. Auch der Imam selbst war als bedeutende Gelehrtenpersönlichkeit anerkannt worden. Dennoch griff die Gegenseite seine wissenschaftliche Befähigung, sein Wissen, seine Glaubensüberzeugung und sein Wirken an. Der Imam verfasste eine Schrift mit dem Titel al-ʿAqīda al-Hamawiyya al-Kubrā und beantwortete darin all ihre Fragen. In dieser fünfzigseitigen Abhandlung führte er unmittelbare Argumente und Beweise aus dem Qur’an, der Sunna sowie den Aussagen und Handlungen der Gefährten und Tābiʿūn an. Er wies auf die Verwirrungen der von griechischer, römischer und indischer Philosophie beeinflussten muslimischen Philosophen und Mutakallimūn hin. Ihre dem Qur’an und der Sunna widersprechenden Gedanken und Aussagen unterzog er einer angemessenen Prüfung. Ihre der Scharia widersprechenden Äußerungen kritisierte er in scharfer Sprache.
Diese Schrift schleuderte den unterdrückten Groll der gegnerischen Kreise gleichsam mit voller Wucht hervor. Diese freimütige Darlegung der Wahrheit konnten sie nicht ertragen. Die gegnerischen Gruppen schlossen sich zusammen und erhoben Anklage gegen ihn. Sie verlangten, dass er vor dem hanafitischen Qadi Scheich Dschalāl ad-Dīn erscheinen und sich hinsichtlich seiner Schrift verteidigen müsse. Ibn Taymiyya wies ihren Vorschlag zurück. In diesem Streit stellte sich der Gouverneur der Stadt, Emir Saif ad-Dīn, auf die Seite des Imams und forderte die Gegenseite auf, vorzutreten. Viele von ihnen versteckten sich jedoch. Am Freitag beendete der Imam wie gewohnt seine Tafsir-Lektion in der Dschāmiʿ al-Umawī und begab sich zur Versammlung des schafiitischen Qadi Imām ad-Dīn. Auch eine Gruppe der bedeutendsten Gelehrten der Stadt schloss sich ihm an. Sie stellten allesamt verschiedene Fragen zu der Schrift al-ʿAqīda al-Hamawiyya. Der Imam beantwortete ihre Fragen fortlaufend. Durch seine überzeugenden Antworten verstummten alle. Der Imam kehrte wie ein Sieger zurück. Damit war der gesamte Schwindel der Gegenseite zunichtegemacht. Ihr Widerstand kam vorerst zum Erliegen.
Doch unter denen, die sich gegen Wahrheit und Gerechtigkeit stellen, gibt es nur selten Aufrichtigkeit. Wer aus reinem Herzen und allein im Interesse der Religion gegen etwas Wahres antritt, kann irgendwann seinen Irrtum erkennen. Den interessengeleiteten und einflussreichen Kreisen jedoch sind die Augen verbunden; ihr Herz und ihr Verstand sind in der fauligen Schlammgrube eines Teiches versunken. Allah, der Erhabene, gewährt ihnen niemals die Fähigkeit, die Wahrheit zu verstehen und anzunehmen. Deshalb kann die interessengeleitete Gruppe die Wahrheit selbst dann niemals erkennen, wenn sie tausendmal offen zutage tritt und wie das Tageslicht die Finsternis ringsum vollständig vertreibt. So kam der Widerstand gegen Ibn Taymiyya zwar vorübergehend zum Stillstand, sammelte sich jedoch im Inneren erneut an. Gerade zu dieser Zeit erhob sich in Syrien die tatarische Fitna, weshalb lange Zeit keine weitere Partei die Gelegenheit fand, gegen ihn vorzugehen.

Bildung einer Gruppierung zur Bekämpfung des Unrechts

Nachdem Syrien im Jahr 702 der Hidschra von der Invasion der Tataren befreit worden war, nahm Imam Ibn Taymiyya seine reformerischen Aktivitäten wieder auf. Seine Lehrtätigkeit sowie seine Tafsir- und Unterrichtsstunden setzte er wie gewohnt fort. Er führte erneut Feldzüge gegen Schirk, Bidʿa und Dschāhilīya. In jener Zeit verbreiteten sich unter den Muslimen aufgrund des Zusammenlebens mit Christen und Juden zahlreiche islamwidrige Glaubensvorstellungen und Lehren. Die Muslime widmeten sich vielen Handlungen, die die Erinnerungen an die Dschāhilīya wiederbelebten und den Handlungen der ungläubigen und polytheistischen Völker glichen, ja in Wirklichkeit aus deren Traditionen und Kultur hervorgegangen waren. Am Ufer des Nahr al-Fulut in Damaskus befand sich ein Altar. Über diesen Altar waren seltsame Wundergeschichten im Umlauf. Für die unwissenden und abergläubischen Muslime war er zu einer Fitna geworden. Die Muslime pflegten dort Gelübde abzulegen. Im Jahr 704 der Hidschra begab sich Ibn Taymiyya mit einer Gruppe von Arbeitern und Steinmetzen dorthin. Mit ihrer Hilfe ließ er den Altar zertrümmern und seine Teile in den Fluss werfen; so zerstörte er dieses Zentrum von Schirk und Bidʿa. Auf diese Weise wurden die Muslime von einer großen Fitna befreit.
Er begann, den Hadith des Gesandten Allahs – Allah segne ihn und schenke ihm Frieden – über den Dschihad gegen das Unrecht vollständig in die Tat umzusetzen. In diesem Hadith heißt es: „Wenn jemand von euch eine Handlung sieht, die der Scharia widerspricht, soll er sie mit seiner Hand ändern. Wer dazu nicht in der Lage ist, soll mit seiner Zunge dagegen Stellung nehmen und sie zu اصلاحieren versuchen. Und wer auch dazu nicht in der Lage ist, soll in seinem Herzen Ablehnung und Hass dagegen bewahren. Das ist der schwächste Glaube.“ Gemäß diesem Hadith ergriff er jedes Mal, wenn er eine Handlung sah, die der Scharia widersprach, entsprechend seiner Kraft und seinen Möglichkeiten Maßnahmen dagegen. Er leistete dem Unrecht entschiedenen Widerstand. Er bemühte sich, es zu verbessern und gemäß der Scharia zu ordnen.
Die Herrschenden waren mit ihren Verwaltungsaufgaben beschäftigt. Sie empfanden keine Verantwortung dafür, die religiöse Praxis und die Glaubensüberzeugungen der Bevölkerung zu reformieren und zu pflegen. Die Gelehrten zögerten häufig, sich gegen offenkundige Handlungen zu stellen, die der Scharia widersprachen. Daher kämpfte Ibn Taymiyya allein dagegen an. Zu diesem Zweck gründete er eine Gemeinschaft aus seinen Schülern und Unterstützern. Diese Gemeinschaft blieb stets bei ihm und half ihm bei seinen verschiedenen Tätigkeiten. Mit ihrer Unterstützung versuchte er, das religiöse Leben der Bevölkerung zu lenken.
Zu jener Zeit brachte man einen alten Mann namens al-Mudschāhid Ibrāhīm ibn al-Qattān zu ihm. Der Alte war als großer Sufi-Derwisch bekannt. Er trug ein vielfarbiges, mit zahlreichen Flicken versehenes, bis zu den Knöcheln reichendes Gewand der Bettler. Auf dem Kopf hatte er die langen verfilzten Haare eines Asketen. Die Nägel an seinen Händen waren mehrere Zoll lang. Sein Schnurrbart war so lang, dass er sein ganzes Gesicht bedeckte. Bei jeder Gelegenheit beschimpfte er andere. Der Konsum von Haschisch war zu seiner ständigen Gewohnheit geworden. Auf Anweisung Ibn Taymiyyas wurde sein Gewand in Stücke geschnitten. Man kürzte sein Kopfhaar und stutzte seinen Schnurrbart. Seine Nägel wurden geschnitten, und man veranlasste ihn zur Reue, damit er sich nie wieder berausche. Auf diese Weise reformierte er auf persönlicher Ebene noch viele weitere irregeleitete Menschen und führte sie erneut auf den Weg der Religion zurück.

Der Kampf gegen zwei irrige Lehren

Im achten islamischen Jahrhundert gewannen zwei philosophische Lehren unter den muslimischen Sufis und Philosophen großen Einfluss. Imam Ibn Taymiyya musste einen gewaltigen Kampf gegen diese beiden Irrlehren führen. Diese beiden Lehren sind Wahdat al-Wudschud und Hulul wa-Ittihad. In der philosophischen Terminologie unseres indischen Subkontinents werden diese beiden Lehren als Advaita und Pantheismus bezeichnet. Später gewannen diese beiden Lehren auch unter den Sufis des Subkontinents großen Einfluss. Der Mujaddid Alf-e Sani, Hazrat Sayyid Ahmad Sirhindi, musste hier einen erbitterten Kampf gegen sie führen. In diesem Zusammenhang schrieb Imam Ibn Taymiyya unter Berufung auf das Werk Fusus al-Hikam von Muhyiddin Ibn Arabi (gestorben 638 nach der Hidschra), dem bedeutendsten Vertreter des Pantheismus und des Advaita, dass nach Ibn Arabi und seinen Anhängern in dieser Welt nur ein einziges Wesen existiere. Die Existenz der Schöpfung sei die Existenz des Schöpfers. In dieser Welt erkennten sie Schöpfer und Schöpfung nicht als zwei voneinander verschiedene Wesen an. Sie seien nicht bereit anzuerkennen, dass der eine der Schöpfer des anderen sei. Vielmehr sei ihrer Auffassung nach der Schöpfer die Schöpfung und die Schöpfung der Schöpfer. Deshalb hätten diejenigen unter den Kindern Israels, die das Kalb angebetet hatten, nach ihrer Auffassung in Wirklichkeit Allah angebetet. Ihrer Meinung nach war auch die von Pharao erhobene Behauptung „Ich bin euer höchster Herr“ völlig richtig. Ibn Arabi kritisierte den ehrwürdigen Propheten Noah, Friede sei mit ihm, und sagte, dessen ungläubiges Volk habe durch die Anbetung von Götzen in Wirklichkeit Allah angebetet; und die Flut zu seiner Zeit sei eigentlich eine Flut der Erkenntnis Gottes gewesen. In dieser Flut seien sie untergegangen. Unmittelbar nach Ibn Arabi traten noch mehrere bedeutende Vertreter dieser Philosophie auf. Zu den bekanntesten unter ihnen gehörten Ibn Sab’in, Sadr ad-Din al-Qunawi, Bilayani und Tlemceni. Tlemceni begnügte sich nicht damit, diese Lehre nur zu verkünden, sondern richtete sein Leben tatsächlich nach diesem philosophischen Grundsatz aus. Daher tranken er und seine Anhänger Wein und begingen verbotene Handlungen. Denn wenn die Existenz ihrer Auffassung nach in einem einzigen Wesen fortbestehe, warum sollte es dann noch einen Unterschied zwischen Erlaubtem und Verbotenem geben? Tlemceni wurde gesagt: „Eure Lehre steht völlig im Widerspruch zum Koran.“ Darauf antwortete er: „Der Koran ist doch voller eigentlichem Schirk. Denn der Koran unterscheidet zwischen dem Herrn und dem Diener. Im Gegensatz dazu liegt in unserer Lehre der eigentliche Tauhid.“ Er sagte außerdem, ihre Lehre sei durch die spirituelle Enthüllung (Kaschf) bewiesen.
Die offene Bekämpfung dieser von der indischen Vedanta-Lehre und dem buddhistischen Mahānirvāṇaismus beeinflussten Lehren von Wahdat al-Wudschud und Hulul hielt Imam Ibn Taymiyya für ebenso wichtig wie den bewaffneten Kampf gegen die Tataren. In diesem Zusammenhang unterzog er die pantheistischen Lehren verschiedener christlicher Gemeinschaften sowie sämtliche entsprechenden Irrwege früherer Religionsgemeinschaften einer ausführlichen theoretischen Untersuchung. Danach unterzog er die Lehren Ibn Arabi und seiner Schüler anhand des Korans und der Hadithe einer äußerst gründlichen Prüfung.
Die scharfe Kritik Ibn Taymiyyas an diesen im Namen des Islam verbreiteten Irrlehren machte ihn zum Dorn im Auge der etablierten Interessengruppen. Auch eine Gruppe sogenannter Theoretiker begann, gegen ihn zu intrigieren. Schließlich gelang es ihnen, die Unterstützung der Regierung zu gewinnen. Sie hetzten den damaligen Herrscher Ägyptens gegen Ibn Taymiyya auf. Zu jener Zeit gehörten Syrien und Ägypten demselben Staat an. Die Hauptstadt lag im ägyptischen Kairo. Syrien war eine Provinz Ägyptens. Im Gelehrtenmilieu Syriens war der Einfluss Imam Ibn Taymiyyas unangefochten. Auch die Provinzregierung schätzte seine Ansichten und seine Tätigkeit. Für die muslimische Bevölkerung Syriens war er ihr Augapfel. Wenn die Regierung daher bei der Verhinderung offen islam- und schariawidriger Handlungen untätig und gleichgültig blieb, schritt er bisweilen mit der Unterstützung seiner Schüler und der Bevölkerung ein. Er setzte schariawidrige Handlungen mit Gewalt ein Ende.

 

Im Gefängnis Ägyptens

Das war seine Lage in Syrien. Doch unter der Bevölkerung Ägyptens hatte sich sein Einfluss dieser Art damals noch nicht ausgebreitet. Auch die Zentralregierung war über ihn nicht vollständig informiert. Daher konnten die Verschwörer diese Regierung leicht beeinflussen. In einem Monat des Jahres 705 nach der Hidschra wurde Imam Ibn Taimiya durch einen besonderen königlichen Erlass aus Ägypten angewiesen, nach Kairo zu gehen. Die Schüler und Freunde des Imams waren zutiefst beunruhigt. Der Gouverneur hielt ihn zurück. Er übernahm es, diese Angelegenheit durch Briefe und Gesandte ausführlich mit dem Sultan zu besprechen und dessen falsche Vorstellungen zu beseitigen. Doch der Imam wollte die Gunst niemandes annehmen. Trotz der grenzenlosen Furcht und Besorgnis aller machte er sich auf den Weg nach Kairo. Am Freitag, dem 22. Ramadan, traf er in Ägypten ein. Nach dem Gebet in der Freitagsmoschee der Zitadelle wollte er eine Erörterung beginnen. Doch man erteilte ihm keine Erlaubnis. Noch dort wurde die Menge gegen ihn aufgehetzt. Seine Gedanken und seine Glaubenslehre seien islamfeindlich. Deshalb war die Menge nicht bereit, auch nur eines seiner Worte anzuhören. Auf Anweisung des Qadi Ibn Makhluf al-Maliki wurde er einige Tage im Turm der Zitadelle festgehalten und in der Eidnacht in das berühmte ägyptische Gefängnis al-Dschubb (der Brunnen) gebracht.
Im folgenden Jahr, in der Eidnacht des Jahres 706 nach der Hidschra, unternahmen der Gouverneur und einige Qadis und Faqihs den Versuch, den Imam freizulassen. Einige von ihnen machten dies davon abhängig, dass der Imam seine Glaubenslehre widerrief. Ibn Taimiya lehnte dies entschieden ab. In dieser Angelegenheit wurde er sechsmal aufgefordert, persönlich zu kommen und sich zu äußern. Doch er folgte dieser Aufforderung nicht. Jedes Mal sagte er, wie der geehrte Yusuf:*********Arabisch**************
Dieses Gefängnis ist mir lieber als das, wozu sie mich rufen.
Die Festigung seiner eigenen Überlegenheit und Größe war ebenso wenig das Ziel des Imams, wie es ein Hauptanliegen von ihm war, die Regierung vom Einfluss schlechter Gelehrter zu befreien. Sein Lebenswerk bestand darin, das Denken, die Glaubenslehre, den Glauben und die Taten der Muslime von jeder Verunreinigung durch Schirk zu befreien und sie wie das Licht der Morgensonne erstrahlen zu lassen sowie Allahs Dīn von jeder Starrheit und Verwirrung zu befreien und ihn lebendig und wirksam zu machen. Deshalb betrachtete er es als gleichbedeutend damit, den Dīn zu beflecken, wenn er das Gefängnis mit irgendeinem Makel oder Schandfleck an sich verlassen hätte.
Zweifellos wird dieses Merkmal im Charakter Imam Ibn Taimiyas unserer heutigen Gemeinschaft der Gelehrten reichlich Stoff zum Nachdenken geben. Damit in Bezug auf den Dīn keinerlei Verwirrung entstehe, verzichtete er selbst auf persönlichen Wohlstand, Bequemlichkeit und Erholung. Er war bereit, in der dunklen Zelle körperliche und seelische Misshandlungen zu erdulden, doch nicht einmal für einen Augenblick war er bereit, irgendeine Misshandlung des Dīn zu dulden.
Imam Ibn Taimiyas Gefährte im Gefängnis war sein leiblicher Bruder, Scheich Scharafuddin Ibn Taimiya. Scheich Scharafuddin hat die Ereignisse im Gefängnis in seinem Werk Madschmua Ilmiya ausführlich aufgezeichnet. Daraus erfahren wir von der Standhaftigkeit, Geduld und unerschütterlichen Auseinandersetzung des Imams für Wahrheit und Gerechtigkeit.
Eines Tages kam im Auftrag des Stellvertreters des Sultanats in Ägypten der Gefängnisaufseher zu ihm. Er wollte mit dem Imam über dessen Freilassung sprechen. Der Imam sagte ihm, dass er sich schon lange im Gefängnis befinde, aber nicht im Geringsten wisse, was die Anklage gegen ihn sei oder welches Verbrechen er begangen habe. Wenn man darüber sprechen wolle, müsse daher eine Delegation von mindestens vier verantwortlichen, gebildeten und angesehenen Männern aus den höchsten Regierungskreisen kommen. Vor ihnen werde er seine Stellungnahme darlegen. Dann werde die Wahrscheinlichkeit geringer sein, dass seine Worte entstellt an den Sultan weitergeleitet würden.
Daraufhin ging der Aufseher fort. Doch auch danach kam keine Delegation. Der Aufseher kam erneut, diesmal mit einem Mann namens Alauddin Tabragi. Alauddin Tabragi wollte von ihm ein Schuldeingeständnis erlangen. Er hatte im eigenen Namen eine Denkschrift verfasst und mitgebracht und bedrängte den Imam, sie zu unterschreiben. Darin standen viele falsche Anschuldigungen gegen den Imam. Sie enthielt zahlreiche Aussagen, die er weder gemacht hatte noch glaubte. Der Imam erwiderte: Ich habe in dieser Angelegenheit kein Recht, eine Entscheidung zu treffen. Diese Sache betrifft Allah, den Gesandten und die gesamte muslimische Gemeinschaft. Ich habe keine Befugnis, etwas am Dīn Allahs zu verändern. Ebenso kann ich mich weder Ihretwegen noch wegen irgendjemand anderem vom Dīn Allahs abwenden. Eine solche Missetat, wie dem Dīn Allahs irgendeine Lüge zuzuschreiben, ist mir unmöglich.
Als der Regierungsvertreter ihn immer stärker bedrängte, fasste sich der Imam noch entschlossener. Er warnte den Vertreter, dass dieses Drängen keinen Nutzen habe. Stattdessen riet er ihm, diese törichte Beschäftigung aufzugeben und, falls er wichtige eigene Aufgaben habe, diese zu erledigen. Er sagte: Ich habe niemanden um meine Freilassung aus dem Gefängnis gebeten. Zu dieser Zeit war die obere Tür verschlossen. Der Imam bat darum, die obere Tür zu öffnen, und machte sich bereit zu gehen. Dennoch sagte er dem Regierungsvertreter: Ich habe von mir aus kein Gespräch begonnen. Man hat mir Fatwas vorgelegt, die Leute haben mich gefragt, und ich habe ihnen geantwortet. Habe ich nach dem Dīn und der Scharia etwa das Recht, die Wahrheit zu verschweigen? Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, hat gesagt:*************Arabisch*************
Das heißt: Wenn jemand nach einer Angelegenheit des Dīn gefragt wird, von der er Kenntnis hat, sie aber verschweigt, wird Allah ihm am Tag der Auferstehung einen Zaum aus Feuer anlegen. Soll ich also auf eure Aufforderung hin dem Wahrheitssuchenden nicht die angemessene Antwort geben?
Nachdem Tabragi gegangen war, kam der Aufseher erneut. Diesmal sagte er dem Imam, dass der Stellvertreter des Sultanats schriftlich über seine Glaubenslehre informiert werden wolle. Er bat den Imam, die Einzelheiten seiner Glaubenslehre auf ein Blatt zu schreiben. Imam Ibn Taimiya weigerte sich, etwas schriftlich vorzulegen, und sagte: Wenn ich jetzt etwas schreibe, werden die Leute sagen, Ibn Taimiya habe seine frühere Glaubenslehre geändert. Der Imam sagte: Auch in Damaskus wurde von mir auf diese Weise eine schriftliche Darlegung meiner Glaubenslehre verlangt. Doch auch dort habe ich sie nicht gegeben. Stattdessen legte ich meine eigenen schriftlichen Werke vor. Darin kommen meine Gedanken und Aussagen unmissverständlich zum Ausdruck. Diese Werke hat der Gouverneur von Syrien ebenfalls per Post an den Sultan geschickt. Ich weiß, dass sie sich beim Sultan befinden. Die Glaubenslehre ist außerdem nichts, was man aus eigener Macht neu erfindet. Soll ich etwa jeden Tag eine neue Glaubenslehre schaffen? Meine Glaubenslehre ist die, die ich zuvor verkündet habe und die in meinen Schriften und Werken enthalten ist. Sie befinden sich bei euch. Seht sie euch an.
Der Aufseher ging wieder fort und kam erneut zurück. Diesmal sagte er zum Imam: Gebt wenigstens irgendetwas schriftlich. Zum Beispiel eine Verzichts- oder Vergebungsurkunde oder die Erklärung, dass Ihr mit niemandem Streit haben werdet. Der Imam sagte: Ja, das wäre möglich. Es ist nicht meine Absicht, jemanden zu verletzen oder mich an jemandem zu rächen. Für diejenigen, die mir Unrecht und Gewalt angetan und mich ungerecht und schlecht behandelt haben, möchte ich eine Vergebungsurkunde ausstellen. Doch in Wirklichkeit ist es nicht üblich, solche Dinge schriftlich zu geben. Deshalb halte ich es für ausreichend, sie mündlich zu erklären.
Nach dem Gespräch mit dem Aufseher kehrte der Imam in das Innere des Gefängnisses zurück. Dort sah er, dass die Gefangenen sich mit allerlei unsinnigen Spielen die Zeit vertrieben. Einige spielten Karten, andere waren mit Schach beschäftigt. Auf das Gebet achteten sie überhaupt nicht. In ihrem Spieleifer versäumten sie die Gebete. Der Imam missbilligte dies. Er weckte in den Gefangenen die Liebe zum Gebet, legte ihnen Allahs klare Anweisungen dar, ermunterte sie zu guten Taten, machte sie auf ihre eigenen Sünden aufmerksam und riet ihnen, dafür unablässig Allah um Vergebung zu bitten. Auf diese Weise begann sich binnen kurzer Zeit unter den Gefangenen ein solches Studium religiösen Wissens zu entwickeln, dass das gesamte Gefängnis zu einer Madrasa wurde. Die Bediensteten und Gefangenen des Gefängnisses fassten Imam Ibn Taimiya von ganzem Herzen ins Herz. Die gelehrte und heilsame Atmosphäre des Gefängnisses ließ die Gefangenen die Welt mit anderen Augen sehen. Die Lage wurde schließlich so, dass viele Gefangene selbst nach der Verkündung ihrer Freilassung das Gefängnis nicht verlassen wollten. Sie baten darum, noch einige Zeit im Dienst des Scheich al-Islam bleiben zu dürfen.
Vier Monate später, im Safar des Jahres 707 nach der Hidschra, wurden erneut Bemühungen um seine Freilassung unternommen. Qadi Badruddin Ibn Dschamaa besuchte den Imam im Gefängnis. Trotz eines langen Gesprächs konnte auch er den Imam nicht dazu bewegen, unter den drei Bedingungen der Regierung seine Freilassung aus dem Gefängnis anzunehmen. Schließlich brachte Emir Husamuddin ihn im Monat Rabi al-awwal unter Eid und auf eigene Verantwortung zum Stellvertreter des Sultans. Emir Husamuddin bat ihn, noch einige Zeit in Ägypten zu bleiben. Er übernahm die vollständige Verantwortung dafür, sich nach Kräften darum zu bemühen, dass die Menschen Ägyptens von seinem Wissen und seiner Gottesfurcht richtig Kenntnis erlangten und ihr Leben durch den Strom seines Segens bereichern konnten.

Nach der Befreiung aus der Haft

Nach seiner Befreiung aus dem Gefängnis begann Imam Ibn Taymiyya, möge Allah ihm gnädig sein, sich häufiger unter die gewöhnlichen Menschen Ägyptens zu mischen. Der Sultan schickte ihm wertvolle Geschenke und verlieh ihm einen Ehrentitel, um ihn mit königlicher Würde auszuzeichnen. Doch er nahm keines von beidem an. Er sah, dass er auf verschiedenen Ebenen in Konflikte mit der Regierung und der Verwaltung geriet. Es war keineswegs angemessen, sich mit irgendeiner ihrer Gunstbezeugungen zu verbinden. Daher hielt er sich so weit wie möglich auch vom Einfluss des Verwaltungsapparats fern. Zweitens vergab er allen, die bis dahin gegen ihn Verschwörungen geschmiedet hatten. In aller Deutlichkeit erklärte er, dass er gegen niemanden eine Beschwerde habe.

In diesen Tagen nahm der Einfluss der monistischen Philosophie in Ägypten zu. Besonders der berühmte ägyptische Sufi-Dichter Abū al-Faraj (gest. 632 nach der Hidschra) war ein entschiedener Vertreter dieser Lehre. Durch seine Bemühungen verbreitete sich diese Lehre, ausgeschmückt durch die Schönheit der Dichtung, unter der einfachen Bevölkerung und in der Sufi-Gesellschaft weit. Zahlreiche Sufis und Maschāyich Ägyptens waren von dieser Lehre beeinflusst. Imam Ibn Taymiyya begann, in Ägypten offen gegen diese Lehre aufzutreten. Er bezeichnete die Richtung der monistischen Philosophie als völlig unvereinbar mit Koran und Hadith sowie als eine neuartige Erfindung der späteren Sufis und als eine unbedachte Neuerung innerhalb der Religion. Die Glaubensvorstellungen und Handlungen von Sufis wie dem ehrwürdigen Scheich ʿAbd al-Qādir al-Dschīlānī, möge Allah ihm gnädig sein, und Scheich ʿAdī ibn Musāfir al-Umawī, möge Allah ihm gnädig sein, lobte er; zugleich setzte er seine scharfe Kritik an den Sufis und Maschāyich seiner eigenen Zeit fort. Seiner Ansicht nach waren diese Sufis und Maschāyich stark von griechischen, ägyptischen und indischen materialistischen sowie gegen den Tauhīd gerichteten Philosophien beeinflusst.

Die entschiedene und umfassende Kritik Imam Ibn Taymiyyas, möge Allah ihm gnädig sein, an diesen irregeleiteten Maschāyich und Sufis rief in den Sufi-Kreisen große Empörung hervor. Der berühmte ägyptische Tariqa-Scheich Ibn ʿAtāʾ Allāh al-Iskandarī ging als Vertreter der Sufis von Alexandria zur Zitadelle und beschwerte sich beim Sultan über den Imam. Der Sultan ließ im Dār al-ʿAdl eine Versammlung einberufen und ordnete eine angemessene Untersuchung dieser Beschwerde an. Ibn Taymiyya wurde zu dieser Versammlung geladen. Die Entschiedenheit und Logik seiner Ausführungen, die eindeutigen Beweise aus Koran und Hadith sowie seine meisterhafte Rede faszinierten die Zuhörer. Alle Anwesenden verstummten. Daher wurden alle Versuche, auf staatlicher Ebene Maßnahmen gegen ihn zu ergreifen, eingestellt.

Obwohl die Versuche, auf staatlicher Ebene Strafmaßnahmen gegen ihn zu ergreifen, beendet waren, flammten die Verleumdungen und der unterdrückte Groll seiner Gegner von Zeit zu Zeit wieder auf. Nun schlugen seine Gegner einen anderen Weg der Verleumdung ein. Sie behaupteten, der Imam verkünde: Es sei nicht erlaubt, jemand anderen als Allah anzurufen. Alles müsse man allein Allah erbitten. Nicht einmal den Gesandten Allahs, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden, dürfe man um Hilfe anflehen. Als Antwort auf diese Verleumdungen erklärten einige Gelehrte, eine solche Denkweise sei an sich kein schwerwiegender Fehler, werde jedoch als eine Form der Unhöflichkeit betrachtet. Sie waren aber nicht bereit, eine solche Denkweise als Kufr einzustufen. So entkam der Imam auch diesmal.

Doch auch danach verstummten seine Gegner nicht. Jeden Tag begannen sie neue Verleumdungen zu verbreiten. Durch die ununterbrochenen Beschwerden, Klagen und Anschuldigungen wurde die Regierung schließlich so bedrängt, dass sie dem Imam drei Vorschläge unterbreitete. Er müsse einen dieser drei Vorschläge annehmen und bestimmte Bedingungen einhalten. Andernfalls bestand der dritte Vorschlag darin, im Gefängnis zu bleiben. Der Imam gab dem Aufenthalt im Gefängnis den Vorzug. Doch seine Schüler und Freunde drängten ihn, nach Damaskus zurückzukehren. Auf ihr wiederholtes Drängen begann er schließlich, die Reise nach Damaskus vorzubereiten. Am 8. Schawwāl 707 nach der Hidschra verließ er mit seinen Gefährten bereits die Stadt. Doch noch am selben Tag wurde er unterwegs wieder nach Ägypten zurückgebracht. Man sagte ihm, die Regierung halte es für besser, ihn im Gefängnis zu behalten. Doch die Qādīs und Gelehrten konnten diesmal keine eindeutige Anklage gegen ihn vorbringen. Daher schwankten sie im Zweifel. Als der Imam den inneren Zwiespalt der Gelehrten und Qādīs bemerkte, beschloss er, freiwillig ins Gefängnis zu gehen. Die Qādīs wollten ihn jedoch nicht ins Gefängnis schicken. Daher wurde er unter Hausarrest gestellt. Schüler und Gelehrte durften ihn besuchen. Mit ihm wurden Gespräche über wissenschaftliche Fragen und wichtige Masāʾil geführt. In besonderen Angelegenheiten holte man auch seine Fatwas ein. Einige Zeit später wurde auf einer Versammlung der Gelehrten und Fuqahāʾ einstimmig beschlossen, den Imam freizulassen. Daraufhin ließ die Regierung ihn frei. Die Bevölkerung bereitete ihm einen überwältigenden Empfang. Seine Popularität nahm im Vergleich zu früher beträchtlich zu. Je bekannter er unter den Menschen wurde, desto mehr wuchs auch sein Einfluss. Und das Anwachsen seines Einflusses bedeutete, dass aus der Bevölkerung glaubenswidrige Überzeugungen, Bidʿa und islamwidrige Handlungen verschwinden würden. Die Muslime würden auf dem Weg von Koran und Sunna ordnungsgemäß voranschreiten können. So setzte der Imam seine Arbeit trotz der widrigen Umstände erfolgreich fort.

Zu dieser Zeit schuf eine plötzliche Veränderung der politischen Lage noch größere Hindernisse für Imam Ibn Taymiyya. Seine Gegner gingen immer aggressiver gegen ihn vor. Nāṣir ad-Dīn Qalāwūn war damals Sultan von Ägypten und Syrien. Er war über das Wissen, die Gelehrsamkeit, die Gottesfurcht, die Aufrichtigkeit und den Mut Imam Ibn Taymiyyas vollständig informiert. Der Imam selbst hatte ihn zum Kampf gegen die Tataren ermutigt. Damals hatte er mit eigenen Augen den Mut, die Klugheit und die Aufrichtigkeit des Imams erlebt. Daher war er im Großen und Ganzen kein Gegner des Imams. Doch im Jahr 708 nach der Hidschra zog er sich aus verschiedenen Gründen von der Herrschaft zurück. Daraufhin gelangte Rukn ad-Dīn Baybars an die Macht. Der spirituelle Lehrer des Sultans Baybars und sein Berater in religiösen Angelegenheiten war Scheich Naṣr al-Mambādschī. Imam Ibn Taymiyya war der wichtigste Kritiker der Glaubensvorstellungen, Überzeugungen und Handlungen dieses Scheichs. Andererseits galt der Imam auch als Günstling des früheren Sultans. So erhielten seine Gegner nun die vollständige Gelegenheit, gegen ihn vorzugehen. Sie zögerten keinen Augenblick, diese Gelegenheit auszunutzen. Sobald Baybars an die Macht gelangt war, wurde daher angeordnet, Imam Ibn Taymiyya nach Alexandria zu schicken und ihn dort unter Hausarrest zu stellen. Gegen Ende des Monats Safar 709 nach der Hidschra wurde er nach Alexandria geschickt. Alexandria war ein altes Zentrum der Sufis und des Sufismus. Man sagt, die Regierung habe außerdem gehofft, dass ihn in diesem alten Zentrum der Sufis irgendein fanatischer und hitziger Sufi beseitigen würde und die Regierung dadurch von der Verantwortung für sein Blut befreit wäre. Doch diese Hoffnung der Regierung erfüllte sich nicht.

Die Aktivitäten des Imams in Alexandria

Alexandria, die traditionsreiche alte Hafenstadt Ägyptens am Ufer des Mittelmeers und einstige Hauptstadt. In dieser Stadt gab es die meisten Sufis, die eine monistische Philosophie vertraten. Der Einfluss dieser irregeleiteten Philosophie der Sufis hatte sich auch unter der Bevölkerung weit verbreitet. In dieser Stadt gab es bedeutende Propagandisten dieser Lehre. Sie beschränkten sich nicht darauf, Schirk und Bidʿa in die Glaubensüberzeugungen und das Denken der Menschen eindringen zu lassen, sondern beeinflussten auch deren Charakter und Handlungen in islamwidriger Weise. Infolgedessen traten die Abneigung und Geringschätzung der einfachen Leute gegenüber der islamischen Scharia und ihren Vorschriften deutlich hervor.

Nach seiner Ankunft in Alexandria fasste Imam Ibn Taymiyya den Entschluss, diese Mängel im Denken und Handeln der Sufis und der Bevölkerung zu beseitigen. Zunächst bildete er durch Unterricht in Koran und Hadith eine Gruppe von Schülern und Unterstützern um sich. Allmählich wuchs diese Gruppe immer weiter an. Die einfachen Menschen kamen in Scharen zu ihm. Mit großer Begeisterung machte sich der Imam an die Läuterung des Denkens der Bevölkerung. Zugleich formte er ihr Handeln und ihren Charakter nach den Vorschriften der Scharia. Er hielt sich nur acht Monate in dieser Stadt auf. Doch schon in dieser kurzen Zeit zerschlug er die gesamte Macht seiner Gegner. Ein großer Teil der einfachen Leute sowie der gebildeten und einflussreichen Schicht entkam dem Einfluss der Sufis, die einer islamfeindlichen Philosophie folgten. Der Imam führte sie zur Tawba. Auch ein einflussreicher führender Sufi tat vor ihm Tawba.

Über diesen Erfolg des Imams in Alexandria schrieb sein jüngerer Bruder Scharafuddin Ibn Taymiyya, der sich bei ihm aufhielt, in einem Brief an die Bewohner von Damaskus: „Die Bewohner Alexandrias sind in großer Zahl für den Bruder begeistert und haben ihm hohe Achtung erwiesen. Er ist ständig mit der Verbreitung des Korans und der Sunna beschäftigt. In den Herzen aller, der einfachen wie der vornehmen Menschen, haben Liebe und Achtung für den Scheich dauerhaft Platz gefunden. Nahezu alle Gruppen – Herrscher, Richter, Faqihs, Muftis, Scheiche und Mujahidin – sind zu seinen Verehrern und Anhängern geworden. Nur unwissende Toren halten sich von ihm fern.“

Unterdessen rückte der Sturz Sultan Ruknuddins näher. Der ehemalige Sultan Nasiruddin Qalawun, der freiwillig im Exil lebte, erschien bereits nach elf Monaten wieder auf der politischen Bühne. Ruknuddin trat von der Regierung zurück und verließ das Land. Zugleich fiel auch sein Berater, Scheich Nasrul Mumbadschi, in Ungnade. Dadurch begannen sich die dichten Unheilswolken am Schicksalshimmel Imam Ibn Taymiyyas zu verziehen. Nach seinem Einzug in Ägypten dachte Sultan Nasiruddin Qalawun als Erstes an die Freilassung Imam Ibn Taymiyyas. Er schickte sofort Leute, um den Imam aus Alexandria holen zu lassen. Die Nachricht von seinem Abschied aus Alexandria verbreitete sich augenblicklich in der Stadt. Die Menschen kamen in Scharen, um ihm einen Abschied zu bereiten. Unter den tränenfeuchten Blicken Tausender Schüler und Prediger zog die Karawane des Imams nach Kairo. Nach seiner Ankunft in Kairo bereiteten ihm der Sultan und die freudig erregten Bewohner der Stadt einen überwältigenden Empfang.

Die Wahrheit am Hofe sagen

Zuvor hatten die Gelehrten Ägyptens und Syriens eine besondere Vorschrift über die Kleidung der nichtmuslimischen Dhimmis erlassen. Besonders nach den Kreuzzügen lebten in den muslimischen Ländern christliche Familien, die aus Europa eingewandert waren. Viele von ihnen waren für die christlichen Länder Europas als Spione tätig. Einst brach sogar in Kairo ein gewaltiger Brand aus. Dabei wurden viele Muslime getötet und Eigentum der Muslime im Wert von vielen Millionen zerstört. Spätere Untersuchungen ergaben, dass eine Gruppe von Christen diese Verwüstung sorgfältig geplant und herbeigeführt hatte. Danach stellte sich die Frage, ihre Kleidung zu unterscheiden, damit die Dhimmis nicht unter die Muslime eindringen und ihnen Schaden zufügen konnten. Entsprechend dem Fatwa der ehrwürdigen Gelehrten wies die Regierung die Dhimmis an, blaue Turbane zu tragen. Bis dahin hatten sich die Dhimmis an diese Anweisung gehalten. Heute brachte der Premierminister am Hofe dem Sultan den Vorschlag vor, ein neues Gesetz für die Dhimmis zu verabschieden.

Auch Ibn Taymiyya saß am Hofe neben dem Sultan. Die bedeutendsten Qadis, Gelehrten und Faqihs Ägyptens waren ebenfalls anwesend. Tatsächlich war der Hof zu Ehren Ibn Taymiyyas einberufen worden. In seinem Vorschlag erklärte der Premierminister, dass die Dhimmis künftig ebenso wie die Muslime weiße Turbane tragen sollten. Zugleich sagte er, die Dhimmis hätten sich im Gegenzug verpflichtet, der Regierung jedes Jahr 700.000 Dinar an Steuern zu zahlen. Die Steuern, die sie bisher entrichteten, würden sie weiterhin wie zuvor zahlen.

Nachdem der Vorschlag vorgetragen worden war, blickte der Sultan zu den Gelehrten und Faqihs und bat sie um ihre Meinung. Bedeutende Faqihs wie ʿAllama al-Dschamalqani sowie die anderen Qadis schwiegen. Als Imam Ibn Taymiyya diesen Zustand am Hofe sah, platzte er vor Zorn. Er wandte sich an den Premierminister und begann, ihn zu befragen. Er kritisierte die Regierungspolitik scharf. Der Sultan bat ihn wiederholt, sich nicht zu erzürnen. Doch der Imam schenkte der Bitte des Sultans keine Beachtung. Die anwesenden Gelehrten erschraken angesichts seines außerordentlichen Mutes. Wer weiß, welches Unglück sich nun sogleich am Hofe ereignen würde.

Der Imam ließ vom Premierminister ab und wandte sich nun an den Sultan: „Es ist zutiefst bedauerlich, dass die heutigen Beratungen des Hofes mit einer Angelegenheit begonnen wurden, die für den Islam und die Muslime zerstörerisch ist. Es ist sehr traurig, dass Ihr um eines geringfügigen, vorübergehenden Gewinns in dieser vergänglichen Welt willen die Interessen der Dhimmis vorantreibt. Dabei bringt dies für den Islam und die Angehörigen des Islam keinen Nutzen, sondern nur Schaden. Bedenkt einmal, wie groß die Gunst ist, die Allah Euch erwiesen hat. Vor einiger Zeit hattet Ihr Euer Reich verloren. Eure Ehre und Euer Ansehen waren vollständig zunichtegemacht worden. Durch Allahs Gnade habt Ihr alles wiedererlangt. Allah hat Euren Feind gedemütigt. Ihr habt über Eure Gegner gesiegt. Nun solltet Ihr Allah Dank erweisen.“

Der Sultan war über die wahrheitsgemäßen Worte des Imams äußerst erfreut. Er wies den Vorschlag des Premierministers zurück. So gingen die Dhimmis weiterhin wie zuvor mit blauen Turbanen nach draußen.

Er vergab seinen Feinden

Imam Taqī ad-Dīn Ahmad ibn Taimiyya kümmerte sich um der Wahrheit willen niemals um den finsteren Blick der Staatsgewalt. Er war die unverhüllte Verkörperung der Wahrheit. Die Worte des Gesandten, dass „das vorzüglichste Dschihad darin besteht, vor einem ungerechten Herrscher das Wort der Wahrheit zu sprechen“, hielt er buchstäblich ein. In seinem siebenundsechzigjährigen Leben beugte er sich niemals dem Unrecht. Für das, was er als wahr erkannt hatte, setzte er sein Leben ein, um es hochzuhalten und durchzusetzen. Deshalb kümmerte er sich nicht einmal darum, ob jemand zu ihm hielt, wer ihn unterstützte und wer nicht. Sein ganzes Leben lang musste er fast allein für Wahrheit und Gerechtigkeit kämpfen.

Nach seiner Rückkehr aus Alexandria ereignete sich am Hof des Sultans völlig unerwartet ein ähnlicher Vorfall. Ich habe diese Begebenheit bereits erwähnt. Sultan Nāṣir ad-Dīn Qalāwūn befand sich damals in moralischer Hinsicht an einem Punkt, der ihn zwang, den ungestümen Ausdruck der Wahrheit des Imams anzuerkennen. Andernfalls war die Staatsordnung damals nicht in einer Verfassung, in der sie eine Entscheidung, die derjenigen der Regierung widersprach, ohne Weiteres hätte hinnehmen können. Doch aufgrund des aufrichtigen Mutes des Imams war dies an jenem Tag möglich. An diesem Tag waren die angesehensten Gelehrten des Landes sowie die bedeutendsten Qāḍīs der vier Rechtsschulen am Hof anwesend. Doch niemand ergriff das Wort. Dort, wo es am dringendsten nötig gewesen wäre, die Wahrheit klar auszusprechen, schwiegen sie. Mehr noch: Ein großer Teil dieser Gelehrten war in eine Verschwörung gegen ihn verwickelt. Sie waren an dem Komplott beteiligt, ihn aus Kairo zu verbannen und in Alexandria unter Arrest zu stellen. Auch hinter der früheren Absetzung Sultan Nāṣir ad-Dīns hatte ihre Intrige gestanden. Der Sultan konnte dies nicht vergessen. Er begann darüber nachzudenken, strenge Strafmaßnahmen gegen die Gelehrten und Qāḍīs zu ergreifen.

Der Sultan wollte vom Imam eine Fatwa erlangen, die es ihm erlaubte, diese verräterischen Qāḍīs und Gelehrten zu töten. Der Sultan sagte: „Sie haben zugunsten des geflohenen früheren Sultans und gegen mich eine Fatwa erlassen.“ Er holte diese Fatwa hervor und zeigte sie dem Imam. Zugleich sagte er: „Dieselben Männer haben eine Fatwa gegen Sie erlassen, ein Netz von Intrigen gesponnen und Ihnen auf vielerlei Weise Leid zugefügt.“ Der Sultan wollte den Imam dadurch aufbringen. Doch der Imam durchschaute seine Absicht und begann, verschiedene Angelegenheiten der Qāḍīs und der angesehenen Gelehrten anzuführen und sie zu loben. Er widersetzte sich dem Vorschlag des Sultans entschieden. Er erklärte dem Sultan immer wieder: „Wenn Sie diese bedeutendsten Gelehrten des Landes töten, werden Sie keinen Ersatz für sie finden können; dann werden Land und Volk einer äußerst schweren Krise gegenüberstehen.

Sie haben wiederholt gegen Sie intrigiert, um Sie zu töten. Sie haben Ihnen auf vielerlei Weise Leid zugefügt.“ Der Sultan versuchte, den Imam aufzubringen.

Der Imam antwortete mit fester Stimme: „Was mich betrifft, kann ich nur sagen, dass ich gegen diejenigen, die mir Leid zugefügt haben, keine Beschwerde vorbringe. Ich habe ihnen vergeben. Und für die Vergeltung an denjenigen, die sich gegenüber Allah und dem Gesandten versündigt haben, ist Allah selbst hinreichend. Für mich selbst übe ich niemals Vergeltung.“

Auf diese Weise versuchte der Imam immer wieder, den Sultan zu überzeugen. Schließlich musste der Sultan von seinem Vorhaben ablassen. Er bezwang seinen Zorn gegen die angesehenen Gelehrten. Bei dieser Gelegenheit blieb Ägypten vor einem großen Blutvergießen bewahrt.

Der Historiker Ibn Kathīr überliefert eine Erklärung von Ibn Machlūf, dem bedeutendsten mālikitischen Qāḍī Ägyptens. Der Qāḍī sagte: „Noch nie zuvor habe ich einen Menschen mit einem so großzügigen Herzen wie Ibn Taimiyya gesehen. Wir hatten die Regierung gegen ihn aufgebracht. Doch als er die Macht erlangte, uns etwas anzutun, vergab er uns. Und nicht nur das: Er legte beim Sultan sogar Fürsprache für uns ein.“

Nach seiner Rückkehr vom Hof des Sultans widmete sich der Imam wieder seinen früheren Tätigkeiten. Unterricht, Predigten, das Erteilen von Fatwas und das Verfassen von Schriften waren in Kairo seine anfänglichen Aufgaben. Wie in Damaskus hatte sich auch hier eine große Gruppe von Schülern und Unterstützern um ihn gebildet. Als sie von der Ankunft des Imams hörten, versammelten sie sich wieder um ihn. Sogar viele Mitglieder der gegnerischen und verschwörerischen Gruppierungen kamen zu ihm und baten um Vergebung. Der Imam sagte zu allen: „Von meiner Seite habe ich allen vergeben. Gegen niemanden habe ich eine Beschwerde.

Alle mögen zufrieden sein; die Feinde Allahs können niemals zufrieden sein.“ Eine Gruppe fanatischer Gegner des Imams konnte keineswegs akzeptieren, dass sein Ansehen beim Sultan und bei den herausragenden Gelehrten des Landes wuchs. Innerlich verzehrten sie sich vor Wut. Sie begannen, das Volk gegen den Imam aufzuwiegeln, um ihn zu demütigen. Das Ansehen, das der Imam unter der Bevölkerung von Damaskus genoss, hatte er in Kairo noch nicht erlangt. Daher war es nicht schwer, die muslimische Bevölkerung dieser Stadt durch Fragen des Glaubens, der Glaubenslehre und der Rechtsschule gegen den Imam aufzubringen. Die Gegner griffen zu dieser Waffe. Am 4. Radschab 711 nach der Hidschra griffen einige Übeltäter ihn an. Sie verletzten ihn. Die Bewohner des Viertels al-Husainiyya machten sich sofort bereit, dafür Vergeltung zu üben. Doch der Imam hielt sie davon ab.

Der Imam sagte zu der versammelten Menge: „Erstens ist es mein Recht, an ihnen Vergeltung zu üben. Ich verzichte hiermit öffentlich auf dieses Recht. Gegen sie habe ich keine Beschwerde. Zweitens könnte es euer Recht sein. Wenn ihr in dieser Angelegenheit meinen Rat einholen wollt, aber nicht bereit seid, meinem Wort zu folgen, dann könnt ihr selbstverständlich tun, was ihr wollt. Ich habe dazu nichts zu sagen. Drittens ist es Allahs Recht. Und Allah wird es einfordern, wenn Er will.“ Zu dieser Zeit wurde zum Nachmittagsgebet gerufen. Der Imam machte sich auf den Weg zur Gemeindemoschee Dschāmiʿ al-Husainī im Viertel. Die Menschen versuchten, ihn daran zu hindern. Doch er schenkte keinem Einwand Beachtung. Daraufhin schloss sich ihm eine große Schar an. Er verrichtete das Gebet ehrenvoll in der Moschee und kehrte zurück.

Das letzte Kapitel im kämpferischen Leben des Imams

Im Jahre 712 nach der Hidschra hörte man erneut von einem Angriff der Tataren. Mit seinem gewaltigen Heer rückte er auf Damaskus vor. Sultan Nāṣir ad-Dīn Qalāwūn beschloss, den Angriff der Tataren abzuwehren. Er brach mit seinem Heer in der Absicht zum Dschihad nach Syrien auf. Auch Imam Ibn Taimiyya schloss sich dem Heer als Unterstützer an. Als sie jedoch Syrien erreichten, hörten sie, dass die Tataren umgekehrt waren. Das Heer kehrte nach Ägypten zurück. Imam Ibn Taimiyya aber blieb in Damaskus.

Der Streit um die Scheidung

Nach sieben langen Jahren kehrte der Imam nach Damaskus zurück. Die Bewohner von Damaskus bereiteten ihm einen herzlichen Empfang. Tausende Menschen kamen vor die Stadt, um ihn willkommen zu heißen. Auch eine große Zahl von Frauen nahm an diesem Empfang teil. Da er nicht die Gelegenheit gehabt hatte, am Dschihad teilzunehmen, fasste der Imam die Absicht, Bayt al-Maqdis zu besuchen. Nachdem er einige Zeit in Bayt al-Maqdis verweilt und von dort aus verschiedene weitere Gebiete bereist hatte, kehrte er nach Damaskus zurück. Dort widmete er sich wieder seiner Lehrtätigkeit, der Pflege des Wissens und den Reformarbeiten. In dieser Phase richtete er seine besondere Aufmerksamkeit auf die Erörterung der Fiqh-Wissenschaft und die Analyse ihrer verschiedenen Rechtsfragen. Der Imam und seine Vorfahren waren Anhänger der hanbalitischen Rechtsschule. Dennoch erörterte er die Rechtsfragen unabhängig und berücksichtigte bei der Entscheidungsfindung in den verschiedenen Fragen die authentischen Hadithe. Daher geriet er in verschiedenen Rechtsfragen sowohl mit der hanbalitischen als auch mit anderen Rechtsschulen in Konflikt. Ein solcher Streitpunkt war seine Auffassung, dass die dreifache Scheidung, die in einer Sitzung ausgesprochen wird, als drei Scheidungen zählt. Die vier Rechtsschulen und viele andere Imame waren in dieser Frage einer Meinung. Der Imam jedoch widersprach ihnen. Zu seinen Gunsten standen authentische Hadithe sowie die Ansichten einiger herausragender Gefährten. Im Grunde handelte es sich um eine fiqhrechtliche Meinungsverschiedenheit. Im islamischen Fiqh besteht Raum für solche Meinungsverschiedenheiten. Doch die Engstirnigkeit der gegnerischen Seite war nicht bereit, auch nur das Geringste davon zu dulden. Eine Welle von Verleumdungen gegen den Imam erhob sich. Der Imam aber setzte seine Arbeit in voller Konzentration fort.

Der islamische Fiqh ist eine fortschreitende und dynamische Institution. Der Islam ist eine vollkommene Lebensordnung. Bis zum Tag der Auferstehung wird diese Lebensordnung ihre eigene Lebensweise bewahren und sich in ihr behaupten. Die Grundlage dieser dauerhaften Bewahrung ist die Dynamik des Fiqh. Imam Ibn Taymiyya bemühte sich darum, diese Dynamik des islamischen Fiqh unverändert zu erhalten. Wenn der islamische Fiqh in Erstarrung verfällt, der Strom von Idschtihad und Istinbat versiegt und keine angemessenen islamischen Lösungen für neue Probleme mehr gefunden werden können, wäre es auf keinen Fall möglich, den Islam bis zum Tag der Auferstehung in seiner vollständigen Gestalt zu bewahren. Daher ist der Beitrag des Imams auf diesem Gebiet außergewöhnlich und ohnegleichen.

Doch wie könnten diejenigen, die daran gewöhnt sind, in der Dunkelheit zu bleiben, das strahlende Licht des helllichten Tages ertragen? Deshalb konnte die gegnerische Seite seine freie Meinungsäußerung innerhalb der erlaubten Grenzen nicht dulden. Zu dieser Zeit wurde die Frage des Eids durch Scheidung, halaf bi’t-talaq, mit großer Intensität erörtert. Die Menschen gebrauchten das Wort „Scheidung“ bei verschiedenen Angelegenheiten, besonders bei geschäftlichen Transaktionen, sehr häufig. Um etwas zu bekräftigen oder die Wahrheit ihrer festen Absicht, ihres guten Willens und ihres Versprechens zu beweisen, sagten sie: „Ich werde dies ganz gewiss tun, sonst ist meine Frau geschieden.“ – „Ich werde dir das Geld ganz gewiss an jenem Datum geben, sonst ist meine Frau geschieden.“ Oder: „Wenn ich diese Ware nicht für diesen Betrag gekauft habe, dann ist meine Frau geschieden.“ Bei solchen verschiedenen Aussagen und Versprechen, bei denen die Menschen überhaupt nicht die Absicht hatten, die Scheidung auszusprechen, wurde dies als bedingte Scheidung beziehungsweise als Scheidung ohne Scheidungsabsicht betrachtet und die entsprechende Scheidungsregel darauf angewandt. Auf diese Weise wurden Hunderte von Ehen und Familien zerstört. Auch im politischen Bereich war dieses Wort weit verbreitet. Seit der Zeit von al-Haddschadsch ibn Yusuf hatte sich der Brauch eingebürgert, zusammen mit dem Treueid auch das Wort „Scheidung“ zu verwenden, um die Loyalität gegenüber der Regierung zu festigen. Die Menschen sagten: „Wenn ich die Gefolgschaft gegenüber jenem Herrscher aufgebe, ist meine Frau geschieden.“

Diese Angelegenheit hatte in der Gesellschaft große Unordnung und Verwicklungen verursacht. Imam Ibn Taymiyya unterzog sie einer umfassenden Untersuchung und Überlegung. Schließlich betrachtete er sie lediglich als einen Eid und ein Versprechen. Er erklärte, dass bei einem Bruch dieses Versprechens nur die Sühne für einen Eid zu leisten sei und die Ehefrau dadurch keinesfalls geschieden werde. Auch diese Fatwa stand im Widerspruch zum geltenden Recht. Infolgedessen stellten sich die Gelehrten und Qadis der verschiedenen Rechtsschulen gegen ihn. Man übte Druck auf ihn aus, diese Fatwa zurückzunehmen. Der Oberrichter Schams ad-Din ibn Muslim besuchte ihn und bat ihn, künftig keine Fatwas mehr zum Thema halaf bi’t-talaq zu erteilen. Er stimmte zu. Inzwischen traf aus Ägypten auch ein Erlass des Sultans ein, der ihn davon abhalten sollte, diese Fatwa zu erteilen. Da die Möglichkeit von Aufruhr, Unruhen und Unordnung bestand, gab er ihrem Wunsch nach. Doch schon nach kurzer Zeit änderte der Imam seine Entscheidung. Offenbar kam ihm später der Gedanke, dass es in Angelegenheiten der Scharia nicht erlaubt sei, sein wahres Urteil – das Urteil, zu dem er im Licht von Koran und Sunna gelangt war – auf Anweisung der Regierung zu verbergen, und dass es in dieser Sache unangebracht sei, den Anweisungen einer solchen Regierung zu folgen, die kein Kalifat nach dem Muster des Prophetentums war. Deshalb begann der Imam einige Zeit später, auf die Fragen der Menschen hin in dieser Angelegenheit wieder Fatwas zu erteilen.

Daraufhin stellten sich die Gelehrten und Qadis erneut gegen ihn. Aufgrund ihrer gemeinsamen Eingabe ordnete der Gouverneur an, ihn innerhalb der Zitadelle unter Hausarrest zu stellen. Gemäß diesem Befehl wurde er im Jahr 720 nach der Hidschra inhaftiert. Doch seine Haft dauerte diesmal nur fünf Monate. Nachdem aus Ägypten der Befehl des Sultans eingetroffen war, wurde er fünf Monate nach seinem Eintritt in das Gefängnis wieder freigelassen.

Danach stieß er etwa fünfeinhalb Jahre lang bei der Pflege des Wissens auf keine nennenswerten Hindernisse. Während dieser fünfeinhalb Jahre widmete er sich durch seine Lehrtätigkeit, das Verfassen von Büchern und seine Vorträge der Festigung des Glaubens, der Aqida und des Charakters der muslimischen Bevölkerung. In dieser Zeit verfasste er mehrere neue Werke.

In der Zitadelle von Damaskus festgehalten

Imam Ibn Taymiyya hatte das letzte Stadium seines Lebens erreicht. Zwar war er aus dem Gefängnis freigelassen worden und hatte sich dem Verfassen von Büchern gewidmet, doch seine Feinde ließen ihn nicht in Ruhe leben. Sie trafen erneut Vorkehrungen, ihn ins Gefängnis zu schicken. Wie konnte jemand, dessen Leben von Kämpfen und Auseinandersetzungen erfüllt war, ein ruhiges Leben führen und die letzten Tage seines Lebens ungestört unter der Herrschaft von Unrecht und Unwahrheit verbringen? Noch wichtiger war, dass die herausragende Stellung, die er auf dem zeitgenössischen Feld der Gelehrsamkeit erlangt hatte, eine Gruppe dauerhafter Feinde hervorgerufen hatte. Sie waren ständig damit beschäftigt, gegen ihn zu intrigieren. Ihre Aufgabe bestand darin, ihn herabzusetzen, ihn zu verleumden und ihn durch verfälschte Auslegung seiner Aussagen als jemanden darzustellen, der einen neuen Islam einführt, dem von den großen Gelehrten der Religion beschrittenen Weg widerspricht und eine neuartige und verfälschte Auslegung des Islam verbreitet. Unglücklicherweise sammeln sich im Umfeld des Staatsapparats besonders viele solcher eigennützigen Gelehrten. Eine Gruppe von Gelehrten verkauft ihre Religion und ihren Glauben für staatliche Interessen und beginnt, den Islam nach den Wünschen der Regierung zurechtzuschneiden – und dabei sogar ihre von Allah verliehene Natur zu verstümmeln. So kommt ein Punkt, an dem sie nicht mehr in einem normalen menschlichen Zustand fortbestehen können; obwohl sie menschliche Gestalt haben, werden sie zu Unmenschen. Wilde Eigenschaften wie Neid, Feindschaft, Grausamkeit, Brutalität und Rücksichtslosigkeit spiegeln sich in ihnen wider. Gegenüber ihren Gegnern lassen sie nicht damit nach, ihren wütenden Hass auszustoßen. Sie finden erst Ruhe, wenn sie den Gegner bis zum äußersten Grad der Erniedrigung gebracht haben.

Wenn der Gegner neben der Darlegung der richtigen Auslegung des Islam jedoch nur auf der theoretischen Ebene blieb, entfachte sich ihr Zorn nicht in gleichem Maße. Sie konnten dies irgendwie hinnehmen. Doch sobald der Gegner die theoretische Ebene überschritt und seine Bemühungen und seinen Kampf begann, den richtigen Islam in der Praxis zu verwirklichen, oder auch nur ein entsprechendes Programm in Angriff nahm, begann ihr Blut zu kochen. Sie wurden angriffslustig, weil sie glaubten, dass dadurch zuerst der Palast ihrer eigenen Interessen einstürzen würde. Vor den muslimischen Massen würden ihre künstliche Frömmigkeit und ihr verfälschter Islam aufgedeckt werden. Außerhalb des Denkens an ihre eigenen Interessen haben sie keinen Raum, über etwas Größeres nachzudenken.

Siebenhundert Jahre nach dem Beginn der Prophetenschaft beschränkte sich Imam Ibn Taymiyya, rahmatullahi alayhi, nicht darauf, die wahre Gestalt des Islam lediglich theoretisch darzustellen, einige wenige Bücher zu schreiben und Fatwas zu erlassen. Vielmehr arbeitete er zugleich daran, das Glaubensverständnis und die Überzeugungen der muslimischen Bevölkerung anhand dieser wahren Gestalt des Islam neu zu gestalten. Gemeinsam mit seinen Schülern und Anhängern baute er außerdem eine unaufhaltsame Massenbewegung auf. Mit ihrer Hilfe bemühte er sich, die Gesellschaft vom Giftnebel des Schirk, der Bid’a und der Korruption zu befreien. Auf diese Weise übte er sogar Einfluss auf die Regierung aus. Hätte er jedoch einen Plan oder ein Programm zur Änderung der Regierung gehabt, so hätte sich nach unserer Überzeugung keine Regierung ihm gegenüber wohlwollend gezeigt oder von ihm beeinflussen lassen. Dann wäre auch die Regierung gegen ihn vorgegangen. Auf Rat der Gelehrten hätte sie ihn damals nicht einfach ins Gefängnis geworfen; vielmehr hätten die Gelehrten die Regierung auf Veranlassung und Anweisung der Regierung selbst dazu beraten, ihn ins Gefängnis zu werfen. Im Grunde lautet unsere Aussage, dass die eigennützige Gelehrtenschaft und die von den Idealen des islamischen Kalifats abgewichenen Regierungen stets gegen den richtigen Islam intrigiert haben. Die Vertreter des richtigen Islam sind durch ihre Hände immer wieder erniedrigt worden. Imam Ibn Taymiyya wurde sein ganzes Leben lang durch ihre Hände erniedrigt und zerschlagen. Daher wurde er zum letzten Mal am 7. Schaʿban 726 H. in der Zitadelle von Damaskus festgesetzt. Der Imam nahm den Befehl zu seiner Inhaftierung mit einem Lächeln an. Spontan rief er aus: „Ana kuntu muntaziran dhalika, wa hadha fihi khairun kathirun wa masalihatu kabiratun.“ Das heißt: „Ich habe darauf gewartet; darin liegen gewaltiger Segen und ein unmittelbarer Nutzen.“

Um dem Imam zu dienen, blieb auch sein jüngerer Bruder Zaynuddin Ibn Taymiyya mit Erlaubnis des Gouverneurs bei ihm im Gefängnis.

Nachdem der Imam inhaftiert worden war, erhob die gegnerische Seite ebenfalls die Hand gegen seine Anhänger. Sie griff sie an verschiedenen Orten an. Eine Gruppe von Anhängern des Imams wurde festgenommen, auf Esel gesetzt und durch die Stadt geführt. Schließlich erlangten sie vom obersten Richter einen Befehl, nahmen eine Gruppe von Anhängern fest und warfen sie ins Gefängnis. Einige Tage später wurden sie wieder freigelassen. Doch der herausragendste Schüler des Imams, der gelehrte Hafiz Ibn al-Qayyim, blieb bei ihm.

Obwohl die Inhaftierung des Imams in den Herzen einer Gruppe verdorbener Händler der Religion eine Welle der Freude auslöste, waren die rechtschaffenen Gelehrten und die einfachen Muslime über dieses Ereignis zutiefst betrübt und empört. Sie betrachteten es als einen Sieg der Bid’a über die Sunna und des Falschen über die Wahrheit. Aus verschiedenen Landesteilen begannen die bedeutendsten Gelehrten, dem Sultan in Kairo Briefe zu schicken. Sie brachten darin ihren aufrichtigen Unmut darüber zum Ausdruck, dass der bedeutendste Gelehrte seiner Zeit und die starke Stimme des Islam auf diese Weise im Gefängnis festgehalten wurde.

Hier zitieren wir einen Abschnitt aus der Denkschrift, die allein die Gelehrten von Bagdad gemeinsam an den Sultan sandten: „Als die frommen und religionsverbundenen Menschen der östlichen Länder und des Irak hörten, dass Scheich al-Islam Taqiuddin Ahmad Ibn Taymiyya Unrecht zugefügt wird, waren sie zutiefst betrübt; die Gegner des Islam hingegen begannen vor Freude zu tanzen. Auch die eigennützigen und bidʿatischen Kreise freuten sich darüber. Als die Gelehrten dieser Gebiete sahen, wie die Anhänger der Bid’a und des Falschen angesichts der Erniedrigung und des Leidens der Gelehrten freudig applaudierten, hielten sie es für notwendig, die Regierung über dieses unerwünschte Ereignis zu informieren. Zugleich übersenden sie ihre eigene Antwort zur Unterstützung der Fatwa des Scheichs. Indem sie das Wissen, die Gelehrsamkeit und die umfassende Bildung des Scheichs anerkennen, haben sie hier auch ihre Haltung dargelegt. All dem liegt nichts anderes zugrunde als der Wunsch, die Religion geehrt zu sehen, und der aufrichtige Wunsch nach dem Wohl des Sultans.“

Die Aktivitäten des Imams im Gefängnis

Wer die Verwirklichung von Wahrheit und Gerechtigkeit zum Ziel seines Lebens gemacht hat, betrachtet kein Hindernis dieser Welt als ein wirkliches Hindernis. Unter günstigen wie ungünstigen Bedingungen erfüllen sie weiterhin ihre Pflichten. Sie sitzen nicht untätig herum und setzen ihre Arbeit und ihre Programme in der Hoffnung auf günstige Umstände aus. Keine Gefängnismauer kann den Tatendrang solcher kämpfenden Mujahidin zum Erliegen bringen. Wenn eine Richtung ihrer Arbeit versperrt ist, öffnen sie den Weg zu einer anderen.
Im Gefängnis von Damaskus schlug Imam Ibn Taymiyya denselben Weg ein. Außerhalb des Gefängnisses hatte er die Aufgaben der Verbreitung von Wissen, der Reform und der Charakterbildung erfüllt; durch seine Haft kamen diese zwar zum Stillstand, doch ließ er sich dadurch keineswegs entmutigen. Im Gefängnis widmete er sich einerseits intensiv seinem Gottesdienst und dem Rezitieren des Qur’an, andererseits wandte er sich verstärkt dem persönlichen Studium und dem Verfassen von Büchern zu. Besonders beschäftigte er sich mit der Überarbeitung und Redaktion seiner früher geschriebenen Werke. In dieser Zeit entwickelte er ein besonderes Interesse an der Erforschung des Qur’an und an der Aufklärung der schwierigen Stellen des Qur’an. Wahrscheinlich hatten ihn seine erreichte Reife auf dem Gebiet des Wissens, die ungestörte Umgebung des Gefängnisses sowie die Möglichkeit, sich konzentriert dem Studium und der Erforschung des Qur’an zu widmen, auf diesem Gebiet besonders befähigt.
Allmählich wurde die Gefängnisumgebung für ihn erträglich und normal. Was immer er hier schrieb, verbreitete sich innerhalb kurzer Zeit außerhalb des Gefängnisses. Innerhalb weniger Tage war es im ganzen Land verbreitet. Menschen außerhalb des Gefängnisses schrieben ihm Briefe und baten ihn um Fatwas. Er verfasste im Gefängnis die Antworten und schickte sie nach draußen. So wurden unter diesen Umständen das Innere und das Äußere des Gefängnisses für ihn gleich. Mehr noch: Im Gefängnis konnte er unbesorgt seine Meinung äußern.
Zu dieser Zeit kritisierte er scharf eine Ansicht des Qadi Abdallah ibn al-Akhnai, eines Malikiten aus Ägypten. Im Zuge dieser Kritik äußerte er sich auch zur unzureichenden Kenntnis des Qadi in Scharia und Fiqh. Diese Bemerkung entfachte den Zorn des Qadi. Er geriet in heftige Wut, beschwerte sich beim Hof des Sultans und stillte seinen Groll, indem er seine Feindseligkeit gegen den Imam zum Ausdruck brachte.

Bücher und Schreibutensilien wurden ihm weggenommen

Der Sultan erließ einen Befehl: Dem Imam sollten Papier, Stifte, Tintenfass und alle sonstigen Schreibutensilien weggenommen werden. Auch sämtliche Bücher sollten entfernt werden. Er sollte nicht mehr lesen und schreiben können. Seine Ansichten sollten unter keinen Umständen mehr öffentlich verbreitet werden können.
Für einen Schriftsteller, Kritiker und Gesellschaftsreformer gibt es wohl keine größere Strafe. Vielleicht wäre für ihn selbst die Todesstrafe hundertmal leichter gewesen. Gemäß dem offiziellen Erlass vom 9. Dschumada ath-Thani 728 nach der Hidschra wurden all seine Papiere und Schreibutensilien beschlagnahmt. Sie wurden in der Bibliothek des Gerichts hinterlegt. Dort befanden sich die Manuskripte von etwa sechzig seiner Werke.
Durch diese Unterdrückungsmaßnahmen der Regierung ließ sich der Imam nicht im Geringsten entmutigen. Er erhob auch keinerlei Beschwerde oder Vorwurf gegen die Regierung. Er ertrug alles schweigend. Nachdem ihm Tintenfass, Stifte, Hefte und Papier weggenommen worden waren, sammelte er verstreute und zerrissene Papierstücke. Darauf begann er mit Kohle zu schreiben. Später wurden einige seiner auf diese Weise verfassten Traktate gefunden. Sie blieben lange Zeit unverändert erhalten. Auch in dieser Lebenslage war er der Ansicht, dass er sich im Dschihad befand. Der ägyptische Schriftsteller Scheich Abu Zuhra zitiert in seinem Werk über Ibn Taymiyya einen Brief, den der Imam zu dieser Zeit verfasst hatte. In diesem Brief sagte er:
„Alhamdulillah! Ich befinde mich auf Allahs Weg in einem sehr großen Dschihad. Der Dschihad, den wir hier führen, steht dem Dschihad gegen den tatarischen Herrscher Qazan oder unseren früheren Dschihads gegen die Dschahmiyya und die Pantheisten in keiner Weise nach. Dies ist eine gewaltige Gunst Allahs für uns und für die Menschen. Doch die meisten Menschen sind nicht in der Lage, ihre Bedeutung zu verstehen.“

Aufbruch auf dem Weg ins Jenseits

Auch die Lebenszeit des Imams neigte sich ihrem Ende zu. Auf seinem Sterbebett kam der Gouverneur von Damaskus, um ihn zu besuchen. Der Gouverneur bat ihn mit trauriger Stimme um Vergebung. Der Imam erwiderte: „Ich habe keinerlei Vorwurf gegen dich. Ich habe dir vergeben. Ich habe auch denen vergeben, die mir feindselig begegnet sind. Sie hatten keinerlei Zweifel an der Wahrheit meiner Worte und Taten, und haben auch jetzt keinen. Ich habe auch dem Sultan vergeben, denn der Sultan warf mich nicht aus eigenem Willen ins Gefängnis, sondern aufgrund der Fatwas der Gelehrten. Ich habe in dieser Angelegenheit allen vergeben. Doch denjenigen kann ich niemals vergeben, der ein Feind Allahs und Seines Gesandten ist, aus Feindseligkeit gegenüber Allah und Seinem Gesandten mir gegenüber feindselig geworden ist und sich dadurch selbst Genugtuung verschafft hat, dass er mich ins Gefängnis werfen ließ.“
Am 22. Dhu l-Qaʿda 728 nach der Hidschra verließ er im Alter von 67 Jahren diese Welt. Der Mu’adhdhin der Zitadelle stieg auf das Minarett der Moschee und verkündete die Nachricht von seinem Tod. Von den hohen Türmen rings um die Zitadelle verbreitete sich diese Verkündung im Chor nach allen Seiten. Sofort hallten aus den Moscheen der Stadt Trauerbotschaften durch die Luft und wider. Augenblicklich verstummte aller froher Lärm der Stadt. Ein Schatten der Trauer legte sich auf Gassen und Straßen, Laubengänge und Häuserwinkel, auf die Gesichter und Augen der Menschen. Auf dem Weg zur Zitadelle strömten die Trauernden zusammen. Selbst die Feinde vergaßen ihre Feindschaft. Auch sie waren ohnmächtig vor Schmerz und von Trauer erfüllt.
Das Haupttor der Zitadelle wurde geöffnet. Die Menschen gingen in Gruppen hin, um einen Blick auf den Leichnam des Imams zu werfen und den Schmerz in ihren Herzen wenigstens für kurze Zeit zu lindern. Nach der Waschung wurde sein Totengebet zur größten Moschee der Stadt, der Umayyaden-Moschee, gebracht. Die lange Straße zwischen der Zitadelle und der Umayyaden-Moschee war voller Menschen. Um den Totenzug vor der Menge zu schützen, wurde der Leichnam unter der Leitung von Soldaten zur großen Moschee gebracht. Die Umayyaden-Moschee war damals die größte Moschee der islamischen Welt. Nachdem sie sich gefüllt hatte, waren auch der Platz davor, die Straßen, die umliegenden Gassen und die Märkte von Menschen erfüllt. Historikern zufolge hatte es zuvor nirgendwo in der islamischen Welt ein so großes Totengebet gegeben.
An diesem Tag blieben alle Geschäfte der Stadt geschlossen. Viele Menschen fasteten, und viele vergaßen zu essen. Auch als der Totenzug zum Friedhof gebracht wurde, war es wegen der Menschenmenge schwer, voranzukommen. Nach dem Morgengebet wurde der Totenzug aus der Zitadelle herausgeführt. Nach dem Mittagsgebet wurde das Totengebet verrichtet; als man sich durch die Menge zum nahegelegenen Friedhof vorgekämpft hatte, war bereits die Zeit des Nachmittagsgebets gekommen.
In sehr kurzer Zeit verbreitete sich die Nachricht vom Tod des Imams in der gesamten islamischen Welt, und überall wurde das Totengebet in Abwesenheit verrichtet.

Die reformerischen Aktivitäten des Imams

Allah hat Seine Religion durch die Propheten in der menschlichen Gesellschaft bekannt gemacht und etabliert. Deshalb kam ein Prophet nach dem anderen. Jede Epoche wurde durch ihre Grenzen gekennzeichnet, und in ihr trat ein Prophet auf. In einer einzigen Epoche kamen auch mehrere Propheten zugleich. In verschiedenen Ländern der Welt setzten mehrere Propheten zur selben Zeit die Verkündung und Etablierung der Religion Allahs fort. Ja, Allah sandte sogar in dasselbe Land mehrere Propheten zugleich. Einen von ihnen machte Er zum Helfer des anderen. So zeigt sich, dass die Kette der Propheten in der Geschichte der Menschheit niemals abgerissen oder auch nur für kurze Zeit unterbrochen wurde. Allah der Erhabene ließ die Menschen nicht in der Finsternis und gab über sie kein Urteil bekannt. Daher verlief die Geschichte der Propheten parallel zur Geschichte der Menschen. Mehr noch: Man kann sagen, dass die Propheten selbst die Geschichte der Menschen vorangebracht haben.
Doch nach dem letzten Propheten, Muhammad, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, gibt es keinen weiteren Propheten. Wie lange auch immer danach vergehen und wie viele tausend Jahre auch verstreichen mögen: Allah der Erhabene hat verkündet, dass Er keinen weiteren Propheten entsenden wird. In dieser Zeit wird Er aus der Umma Muhammads solche wahrhaftigen, furchtlosen Mujahidin hervorbringen, die über zuverlässige Kenntnisse der Religion und der Scharia verfügen und in Wahrheit die Aufgabe übernehmen werden, die Religion wiederzubeleben. In diesem Zusammenhang überliefert Imam Abu Dawud in seinem Werk einen Hadith unter Berufung auf Abu Huraira, möge Allah mit ihm zufrieden sein. Darin heißt es:*************Arabisch*************Das heißt: Zu Beginn jedes Jahrhunderts wird Allah für diese Umma jemanden hervorbringen, der ihre Religion für sie stärken und erneuern wird. Weil diese wahrhaftigen Diener Allahs die Aufgabe der Erneuerung oder Wiederbelebung der Religion und der Scharia des edlen Propheten erfüllen, werden sie Mujaddid genannt. Imam Ibn Taymiyya, möge Allah ihm Barmherzigkeit erweisen, war ein solcher Mujaddid. Im siebten und achten islamischen Jahrhundert schabte er mit einer scharfen Waffe die Schicht von Schmutz und Unrat ab, die sich im Laufe von sieben- und achthundert Jahren auf der Religion und der Scharia angesammelt hatte. Der Islam erstrahlte wieder in seinem inneren Glanz. Vor ihm hatten bereits viele andere Mujaddids den Islam auf diese Weise von äußerem Schmutz befreit. Doch seine Arbeit war offenbar weitaus umfassender, klarer und schärfer als die aller anderen.
Die Erneuerungsarbeit Imam Ibn Taymiyyas lässt sich im Wesentlichen in vier Bereiche einteilen: (1) die Wiederbelebung des tawhidischen Glaubens und der Widerstand gegen polytheistische Glaubensvorstellungen, Regeln, Bräuche und Verhaltensweisen; (2) die Kritik an Philosophie, Logik und Kalam sowie die Bevorzugung der Sichtweise und der Argumentationsweise von Koran und Sunna; (3) die Kritik an religions-, sektiererischen, gemeinschaftlichen und gruppenbezogenen Strömungen, die dem Islam widersprechen, sowie die Auseinandersetzung mit deren Denken, Handeln und Verhalten; (4) die Wiederbelebung des Wissens über die Scharia und des islamischen Denkens.
Zu Imam Ibn Taymiyyas Zeit gab es im In- und Ausland nicht wenige Ulama. Auch die Zahl der großen und weltweit bekannten Gelehrten war damals beträchtlich. Ihre umfangreichen Bücher genügen als gewaltiger Beleg für ihr Gelehrtentum. In Hadith, Fiqh, Tafsir, Usul und Kalam besaßen sie Kenntnisse von außergewöhnlicher Höhe. Wahrscheinlich waren sie sich der Fitnas ihrer Zeit bewusst. Doch niemand schien aufzustehen, um ihnen entgegenzutreten. In der damaligen Geschichte findet sich nicht der Name eines Gelehrten, der eine dieser drei Kräfte – Predigt, schriftstellerische Tätigkeit und Organisation – eingesetzt hätte. Alle hatten sich offenbar dem Lauf der Zeit ergeben und ließen sich wie von einer Herde im Strom treiben. Dieser Ruhm gebührt allein Imam Ibn Taymiyya. Er hatte die Fitnas seiner Zeit richtig erkannt und ihnen mit all seinen Kräften entgegengewirkt; so stellte er den Islam in seiner wahren Gestalt wieder her. Er befreite die islamische Gesellschaft vom üblen Geruch des Schirk und der Bid’a und ließ dort den klaren Strom des echten Tawhid und der Risala frei und selbständig hervorquellen. Genau dies war die Aufgabe der Propheten, Allahs Friede sei mit ihnen. In dieser Hinsicht vertrat er die Propheten. Die Mujaddids der Religion erfüllen in Wahrheit die Aufgabe der Propheten.
Was war das für eine Gesellschaft, deren Reform sich der Imam gewidmet hatte? In welchem Maß stand sie mit einer wahrhaft islamischen Gesellschaft in Verbindung? Dies ist eine Frage, die man genau verstehen muss. Durch den Umgang mit Nichtmuslimen und verschiedenen nichtarabischen Völkern, durch den Einfluss ismailitischer und batinischer Herrscher sowie durch die Lehren und Handlungen einer Gruppe unwissender und irregeleiteter Sufis breiteten sich unter den gewöhnlichen Muslimen zunehmend schirkhaltige Glaubensvorstellungen, Denkweisen und Handlungen aus. Wie Juden und Nazarener verfielen auch die Muslime dem offenen Schirk. Was die Nichtmuslime an den Gräbern ihrer großen Männer taten, wiederholten die Muslime an den Schreinen ihrer religiösen Großen. Sie flehten die Bewohner der Gräber an und baten sie um Hilfe, so wie man Allah um Hilfe bittet. Ibn Taymiyya schrieb in seinem Werk ar-Radd ʿala al-Bakri über die Handlungen dieser Menschen: Viele von ihnen verliehen dem im Grab Liegenden den Rang Allahs und setzten den lebenden Pir, den Hüter dieses Grabes, auf den Rang eines Propheten. Sie baten den Verstorbenen um Hilfe bei der Erfüllung ihrer eigenen Anliegen. Sie erhoben diesen lebenden Pir und Hüter auf eine solche hohe Stufe, dass das, was er für halal erklärte, halal wurde, und das, was er für haram erklärte, haram wurde. Damit entfernten sie Allah faktisch aus Seiner Stellung als Ilah.
Über diese Anhänger von Schirk und Bid’a schrieb er in seinem Werk ar-Radd ʿala al-Akhna’i: Viele glauben, dass die Bewohner eines Viertels oder Ortes, in dem sich der Schrein eines religiösen Großen befindet, durch dessen Segen ihren Lebensunterhalt erhalten, Hilfe erlangen und vor Angriffen der Feinde geschützt werden. Durch seinen Segen werde auch das Land vor feindlichen Angriffen bewahrt. Von der Person, über die sie einen solchen Glauben hegen, sagen sie, sie sei der Beschützer einer bestimmten Stadt. So sei Sayyida Nafisa die Beschützerin Ägyptens und Kairos. Dieser oder jener religiöse Große sei der Beschützer von Damaskus. Dieser oder jener andere religiöse Große halte in Bagdad und anderen Städten Wache. Sie glauben, dass diese Städte und Ortschaften durch den Segen der Gräber jener Propheten und Rechtschaffenen vor Unglück und Heimsuchungen geschützt seien.
Als die Feinde Bagdad und Damaskus angriffen, gingen sie zu den Schreinen der Heiligen und religiösen Großen und verharrten dort flehend; sie sahen keine Notwendigkeit, sich an Allah zu wenden.

Das Bemühen, den Glauben der Muslime vom Schirk zu reinigen

Der Schöpfer des menschlichen Körpers aus Fleisch und Blut ist Allah. Auch alle abstrakten Eigenschaften, die in ihm vorhanden sind, hat Allah erschaffen. Daher gebührt dem Menschen für all dies keinerlei Verdienst; der alleinige Anspruch auf das Verdienst gebührt Allah. Deshalb wird gleich am Anfang des Korans Allah allein als der Besitzer allen Lobes bezeichnet, als der eigentliche Inhaber jedes Verdienstes in jeder Angelegenheit der gesamten Welt. Es heißt: Alhamdulillah. Ob der Mensch lebendig oder tot ist, er besitzt keinerlei Vorzüglichkeit. Der einzig Erhabene ist Allah. Allahu Akbar.

Wenn man jedoch die Geschichte der Irreleitung des Menschen betrachtet, wird man feststellen, dass der Mensch von Anfang an Menschen verehrt hat. Dies hat sowohl bei den Lebenden als auch bei den Toten seinen Platz gefunden. Heldenverehrung, die Verehrung der Awliya, die Verehrung der Pīre, die Verehrung von Gräbern und die Verehrung von Mausoleen haben sich in verschiedenen Formen verbreitet. Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, sagte, dass die Muslime niemals offenen Schirk oder Götzenverehrung betreiben würden. Tatsächlich haben sich die Muslime niemals dem offenen Schirk hingegeben. Doch schirkhaltige Praktiken haben sich unter ihnen weit verbreitet. Anstelle der Götzenverehrung verfiel eine Gruppe der Muslime der Verehrung der Awliya und der Gräber. Unter den Gräbern erlangten dabei die Mausoleen der Märtyrer besondere Bedeutung. Sie werden Mashhad oder Schawāhid genannt. Aufgrund der Verehrung der Awliya und der Mashāhid stiegen Rang und Bedeutung der Mashāhid im Vergleich zu den Moscheen. Die Menschen wurden eifrig darin, Mausoleen und Mashāhid zu besuchen. Diese wurden zur Qibla der einfachen und unwissenden Muslime. Über verschiedene Städte und Häfen der islamischen Welt breitete sich ein Netz solcher Mausoleen und Mashāhid aus. Über Nacht entstanden Tausende von Mashāhid und Mausoleen. Sultane, Könige und Amīre gaben großzügig Vermögen und Geld für sie aus. Viele Grundstücke und Besitztümer wurden in ihrem Namen als Waqf gestiftet. Auf ihnen wurden große Gebäude und Kuppeln errichtet. Für ihre Betreuung entstand eine große Gruppe von Dienern, Kehrern und weiteren Angestellten. Die Menschen begannen, mit großer Pracht zu ihnen zu reisen, um sie zu besuchen. Ihre Karawanen glichen den Karawanen der Haddsch-Pilger, die das Haus Allahs besuchen. Bisweilen waren sie sogar größer. So richtete sich der Blick der einfachen Muslime von den Moscheen auf die Mashāhid. Im siebten und achten Jahrhundert nach der Hidschra wurden Mausoleen und Mashāhid anstelle der Kaaba zum Zentrum des religiösen Lebens der Muslime.

Ein großer Teil der Schriften Imam Ibn Taymiyyas befasst sich mit dieser Irreleitung der Muslime seiner Zeit. Der Imam zeigte, dass unter den unwissenden und eigennützigen Muslimen vor allem die esoterischen, also fatimidischen Herrscher Ägyptens dazu beigetragen hatten, diese Fitna fest zu verankern. Er zeigte auch, dass die Rāfiditen und Schiiten den Mashhad von Anfang an höher schätzten als die Moschee. Ihre geistige Verbindung zu Nadschaf und Karbala war stärker als zu den beiden heiligen Heiligtümern, den Haramain (Makka und Medina).

Allerdings war die Epoche der fatimidischen Herrscher Ägyptens bereits vor der Geburt Imam Ibn Taymiyyas zu Ende gegangen. Doch ihr geistiger, kultureller und zivilisatorischer Einfluss war in der muslimischen Gesellschaft noch immer wirksam. Besonders in Syrien war die Zahl der Schiiten und Ismailiten sehr groß. Da sie in derselben Gesellschaft lebten, beeinflussten sie die einfachen Muslime. Auch der Beitrag der islamfeindlichen Strömung des Sufismus war dabei nicht gering. In dieser irregeleiteten sufischen Lehre wurden den Mausoleen und Mashāhid besondere Bedeutung und Heiligkeit zugeschrieben. Sie veranstalteten alljährliche Versammlungen oder Urs-Feste an diesen Mausoleen und Mashāhid. Über diese Mausoleen und Mashāhid schrieb der Imam in seinem Werk Ar-Radd ʿala al-Bakrī: Viele Menschen vollziehen den Haddsch zu Gräbern. Manche haben sogar besondere Bücher über die Umgangsformen und Regeln dieser Reise verfasst. Sie gaben diesen Werken Namen wie etwa Al-Manāsik al-Haddsch il-Maschāhid, das heißt: die Regeln für die Durchführung des Haddsch an den Mashāhid. Ein schiitischer Gelehrter namens Abu Abdallah Muhammad ibn Nuʿmān verfasste ebenfalls ein Buch unter diesem Titel. In diesem Werk überlieferte er im Namen der Ahl al-Bayt zahlreiche Hadithe, die in Wirklichkeit unbegründet sind. An einer anderen Stelle dieses Werkes schrieb der Imam: Viele Menschen ziehen den Haddsch zu diesen Gräbern und Mashāhid dem Haddsch zur Kaaba vor. Sie sagen, dass der dreimalige Besuch des Mausoleums irgendeines ehrwürdigen Mannes einem Haddsch zur Kaaba gleichkomme.

So begannen im siebten und achten Jahrhundert nach der Hidschra die Moscheen in der gesamten islamischen Welt zu veröden, während Glanz und Pracht der Mausoleen und Mashāhid im Vergleich dazu zunahmen. Ihre Höfe waren stets belebt. Oft lagen die Moscheen nachts in Dunkelheit. In den Mausoleen und Mashāhid brannten die ganze Nacht hindurch Butterlampen und große Hängelaternen. Mitunter fanden die armen Muslime aus den Vierteln vielleicht nicht einmal die Zeit, den Moscheen Aufmerksamkeit zu schenken. Ihr Geld wurde für die Mausoleen ausgegeben.

Zu dieser Zeit bestanden in verschiedenen Ländern große und mächtige islamische Staaten. Bedeutende Faqīhs und Muhaddithūn lehrten an verschiedenen Madrasas und islamischen Bildungszentren. Doch sie sahen keinen Anlass, eine Widerstandsbewegung gegen die Glaubens- und Handlungsirreführung der einfachen Muslime zu beginnen. Vielmehr befanden sich viele von ihnen hinsichtlich dieser Glaubensvorstellungen und Handlungen selbst in Zweifel und Unsicherheit. Ein Studium ihrer Schriften und Fatwas lässt einen Eindruck von diesen Zweifeln erkennen. Dass Imam Ibn Taymiyya zwei besondere Werke zur Kritik der irregeleiteten Denkweisen der beiden herausragenden Gelehrten jener Zeit, Ibrahim al-Achnāʾī und Yaʿqub al-Bakrī, verfasste, ist ein Beleg dafür. Im Grunde gingen sie nicht dazu über, die vorherrschenden Gedanken, Glaubensüberzeugungen und Handlungen unmittelbar im Licht des Korans und der Sunna zu untersuchen. Dabei sind Koran und Sunna die grundlegenden Quellen des Islam. Imam Ibn Taymiyya rief die Gelehrtengesellschaft dazu auf, zu diesen Quellen zurückzukehren.

Die Irrtümer der Philosophie und der Kalām-Wissenschaft aufgedeckt

Imam Ibn Taymiyya, möge Allah ihm Barmherzigkeit erweisen, befreite die islamische Glaubenslehre vom Einfluss der polytheistischen Glaubensvorstellungen, baute sie neu auf und stellte sie wieder her. Das war seine erste reformerische Aufgabe. Darüber haben wir bereits gesprochen. Nun möchte ich seine zweite reformerische Aufgabe erörtern. Diese bestand in der Kritik an der Philosophie, der Logik und der Kalām-Wissenschaft sowie in der Einführung der Methode des rationalen Argumentierens von Koran und Sunna an ihrer Stelle. Um die Bedeutung und Tragweite dieser Leistung zu verstehen, muss man zunächst die Stellung von Philosophie und Logik in der gebildeten muslimischen Gesellschaft jener Zeit kennen. Man muss zuerst wissen, welchen hohen Rang die muslimischen Denker und Gelehrten der Philosophie und der Logik eingeräumt hatten.
Obwohl bereits in der Zeit der Banū Umaiya mit der Übersetzung griechischer Wissenschaften ins Arabische begonnen worden war, nahm diese Tätigkeit erst in der Abbasidenzeit große Ausmaße an. Seit der Regierungszeit des abbasidischen Kalifen al-Mansur (wahrscheinlich ab 136 n. H.) begann die Übersetzung griechischer Philosophie und Logik ins Arabische in großem Umfang. Unter dem Kalifen al-Ma’mun nahm sie jedoch derart zu, dass sie geradezu die Gestalt einer Bewegung annahm. Al-Ma’mun selbst war daran so sehr interessiert, dass er den byzantinischen Kaiser bat, ihm die bedeutendsten Werke über die griechische Philosophie zu schicken. Der Kaiser von Rom sandte daraufhin die Werke der Philosophen Aflātūn (Platon), Aristūṭālīs (Aristoteles), Suqrāt (Sokrates), Galen, Euklid und Ptolemäus. Al-Ma’mun ließ sie mit großer Pracht übersetzen. Ihre Veröffentlichung wurde unter königlicher Schirmherrschaft organisiert. Die Menschen wurden ermutigt, diese Werke zu lesen.
So verbreiteten sich die Gedanken der griechischen Philosophen schon bald in der muslimischen Gesellschaft. Aus der Geschichtsschreibung ist bekannt, dass bis zum Ende des vierten Jahrhunderts nach der Hidschra beinahe alle bedeutenden Werke der griechischen Philosophen ins Arabische übersetzt worden waren. Unter den muslimischen Philosophen fanden jedoch die Werke des Aristoteles die größte Verbreitung. Aristoteles wurde zu ihrem Mittelpunkt. Was könnte man außer einem Unglück für die Muslime dazu sagen, dass keiner der griechischen Philosophen, deren Gedanken sich – Aristoteles eingeschlossen – in der muslimischen Gesellschaft verbreitet hatten, auch nur die geringste Kenntnis von der von Allah gesandten Religion und der Prophetenschaft besaß? Ihre Gedanken standen in offenem Widerspruch zu der von Allah gesandten Religion und den himmlischen Büchern. Im Grunde waren sie Träger materialistischen Denkens und einer materialistischen Lebensphilosophie.
Anfangs nahmen die Philosophen und Denker der islamischen Welt die Gedanken und die Philosophie des Aristoteles nicht blind an. Sie kritisierten sie und hielten sie nicht für frei von Irrtümern. Viele von ihnen verfassten Bücher zu ihrer Widerlegung. Überall, wo ihnen Schwächen des griechischen Denkens auffielen, übten sie rückhaltlose Kritik. Gerade die Muʿtaziliten, die den Einfluss der griechischen Philosophie am stärksten aufgenommen hatten, waren zugleich ihre schärfsten Kritiker. Unter ihnen sind vor allem an-Naẓẓām und Abū ʿAlī al-Dschubbāʾī zu nennen. Im dritten Jahrhundert nach der Hidschra kritisierte Ḥasan ibn Mūsā in seinem Werk Kitāb al-Ārāʾ wa-d-Diyānāt mehrere wichtige Aspekte der aristotelischen Logik. Im vierten Jahrhundert nach der Hidschra verfasste Imam Abū Bakr al-Bāqillānī ein Werk mit dem Titel ad-Daqāʾiq. Darin kritisierte er die griechische Philosophie scharf und wies die Überlegenheit der arabischen Philosophie über die griechische nach. Im fünften Jahrhundert nach der Hidschra schrieb der Verfasser des Werkes al-Milal wa-n-Niḥal, der Gelehrte ʿAbd al-Karīm asch-Schahrastānī, ein Buch zur Kritik an den Gedanken des Aristoteles und anderer griechischer Philosophen und unterzog ihre Argumente nach den Regeln der Logik einer scharfen Kritik. Gegen Ende dieses Jahrhunderts machte Imam al-Ġazālī durch sein Werk Tahāfut al-Falāsifa die Fehler im Denken der griechischen Philosophen derart deutlich, dass im hohen Gebäude der griechischen Philosophie noch hundert Jahre lang Erschütterungen zu spüren waren. Im sechsten Jahrhundert nach der Hidschra führten auch Abū l-Barakāt al-Baġdādī und Imam Faḫr ad-Dīn ar-Rāzī einen umfassenden Feldzug gegen diese griechische Philosophie.
Trotz alledem waren diejenigen aus der muslimischen Gelehrtengesellschaft, die Träger der griechischen Philosophie waren und die Übersetzung, Erklärung, Analyse und Verbreitung der griechischen Philosophie als ihre eigene Aufgabe betrachteten, Verehrer der Persönlichkeit und der Philosophie des Aristoteles. Sie hielten die Gedanken und die Philosophie des Aristoteles für über jede Kritik erhaben. Mit dem Lauf der Zeit nahmen ihre Zuneigung, Verehrung und Ergebenheit gegenüber Aristoteles immer weiter zu. In diesem Zusammenhang sind besonders die muslimischen Philosophen Abū Naṣr al-Fārābī (339 n. H./950 n. Chr.), Abū ʿAlī ibn Sīnā (428 n. H.) und in Spanien Ibn Rušd (595 n. H.) zu nennen. Ibn Sīnā war derart von seiner Liebe zu Aristoteles berauscht, dass er der Ansicht war, obwohl seit Aristoteles’ Tod Hunderte von Jahren vergangen seien, habe niemand über die Logik mehr oder Neues schreiben können als Aristoteles, und niemandes Argumentation habe über der seinen stehen können. Er schien für ihn der einzige Maßstab der Wahrheit zu sein. Ibn Rušd ging in seiner Verehrung für Aristoteles noch einen Schritt weiter als Abū ʿAlī ibn Sīnā. In der Ausdrucksweise der Sufis könnte man sagen, dass er sich Aristoteles gegenüber auf der Stufe des fanāʾ fi-sch-schaich befand. Der berühmte Schriftsteller Luṭfī Dschumʿa schreibt in seinem Werk Tārīḫ Falāsifat al-Islām fī al-Mašriq wa-l-Maġrib unter Berufung auf einen Biografen Ibn Rušds: Hinsichtlich der Erhabenheit und Heiligkeit des Aristoteles sei Ibn Rušd bis zum Äußersten gelangt. Er sei sogar bereit gewesen, ihn zu einem Gott zu machen. Er habe geglaubt, Aristoteles sei hinsichtlich Verstand und Überlegenheit weit über die menschliche Stufe hinausgelangt. Wäre Ibn Rušd sogar ein Anhänger der Lehre von mehreren Göttern gewesen, so hätte er Aristoteles als Rabb al-Arbāb, also als den größten Gott aller Götter, anerkannt.
Im siebten Jahrhundert nach der Hidschra war Naṣīr ad-Dīn aṭ-Ṭūsī der bedeutendste Vertreter der griechischen Philosophie. Er wird auch Muḥaqqiq aṭ-Ṭūsī genannt. Es war die Zeit der tatarischen Invasion. Der größte Teil der islamischen Welt wurde durch diesen Angriff verwüstet. Zugleich befanden sich die Muslime auch auf geistigem Gebiet in einer äußerst schwierigen Lage. Aṭ-Ṭūsī war ein vertrauter Gefolgsmann des tatarischen Herrschers Hülegü Khan, eines Feindes der Muslime. Seine Schüler begannen damals und in der Folgezeit an verschiedenen Orten zu unterrichten und Bücher zu verfassen. Durch ihre Bemühungen wurde im Iran die Grundlage für ein Bildungssystem gelegt, in dessen Mittelpunkt Philosophie und Mantiq, also Logik, standen. Manche vertreten die Ansicht, dass später eine verfeinerte Fassung dieses Systems unter dem Namen Dars-i Niẓāmī in den Medresen Hindustans eingeführt wurde. Naṣīr ad-Dīn aṭ-Ṭūsī und seine Schüler hielten Aristoteles für den ʿaql kull, das allumfassende oder vollkommen wissende Wesen, und erklärten seine Forschungen und Untersuchungen für endgültig. Im Gegensatz zu Imam ar-Rāzī unterstützten sie die Philosophie des Aristoteles mit Nachdruck und verliehen ihr auf diese Weise neues Leben.
Imam Ibn Taymiyya wurde zehn Jahre vor dem Tod Naṣīr ad-Dīn aṭ-Ṭūsīs geboren. Als Ibn Taymiyya in die Welt des Wissens eintrat, herrschten überall Philosophie und Mantiq. Naṣīr ad-Dīn aṭ-Ṭūsī und seine Schüler waren ihre wichtigsten Träger. Die Sprache von Mantiq und Falsafa (Philosophie) war damals die Sprache des Wissens. Je bewanderter jemand in Mantiq und Falsafa war, desto größer wurde er als Gelehrter und Wissenschaftler angesehen. Muḥaddithūn und Fuqahāʾ besaßen auf diesem Gebiet keinerlei Bedeutung. Fast alle hatten sich mit dieser Lage abgefunden. Dort, wo Philosophie und Logik die Wahrheit offen leugneten, hielten sie es für eine Garantie zur Wahrung ihrer eigenen Würde, mit gesenktem Kopf weiterzugehen. Unter diesen Umständen war eine entschiedene und furchtlose Kritik an Philosophie und Logik unerlässlich geworden. Es musste dringend nachgewiesen werden, dass Aristoteles kein übermenschliches Wesen war und dass seine Forschungen und Untersuchungen nicht endgültig waren, sondern Fehler enthalten konnten.
Diese Aufgabe übernahm Imam Ibn Taymiyya. Er erfüllte sie so vortrefflich, dass ihr Einfluss auch nach siebenhundert Jahren in der gesamten islamischen Welt bis heute ungebrochen ist. Auch die heutige westliche Philosophie beruht im Kern auf dieser griechischen Philosophie. Indem er die Irrtümer dieser griechischen Philosophie offenlegte, ebnete er zugleich den Weg dafür, die Mängel der heutigen westlichen Philosophie aufzuzeigen. Ebenso wies er den Weg dazu, die Einfachheit, die Überzeugungskraft und die Überlegenheit der koranischen Rationalität zu erkennen.

Der Vorrang der koranischen Methode der Beweisführung

Das Wissen, das die Propheten – Allahs Segen sei auf ihnen – von Allah erhalten haben, kann der Mensch durch eigene Anstrengung unter keinen Umständen erlangen. Selbst wenn der klügste Mensch der ganzen Welt hundert Jahre lang darüber nachdächte und forschte, würde man nach hundert Jahren feststellen, dass er noch genau dort steht, wo er hundert Jahre zuvor gestanden hatte. Er wäre keinen einzigen Schritt vorangekommen. Mehr als dies hat die griechische Philosophie dem Schatz des Weltwissens nicht geschenkt. Die Wissenschaft, Mathematik, Geografie, Astronomie, Literatur und anderes aus Griechenland haben zum Fortschritt der Zivilisation der Menschheit beigetragen. Auch Imam Ibn Taymiyya (möge Allah ihm gnädig sein) hat dies anerkannt. Er räumte ein, dass die Araber und die islamische Welt durch die Beschäftigung mit diesen Wissensgebieten zum fortschreitenden Aufbau der Zivilisation beigetragen haben. Doch er war erstaunt, als er die gewaltige Unwissenheit der griechischen Philosophen über Allah, die Engel und das Jenseits sah. In seinem Werk Ar-Radd ʿala al-Manṭiqiyyīn schrieb er:

Wenn man das Werk des Aristoteles, des „Ersten Lehrers“, über Allah gründlich analysiert, muss selbst ein gewöhnlich gebildeter Mensch erstaunt sein. Letztlich muss er zu dem Schluss kommen, dass es auf der Welt wohl niemanden gibt, der über den Herrn der Welten unwissender ist als diese griechischen Philosophen. Wenn die Menschen die Schriften dieser griechischen Philosophen über Allah mit der Lehre der Propheten und Gesandten vergleichen, wirkt es tatsächlich so, als würden sie Schmiede mit Engeln und den Besitzer und Herrn des gesamten Weltalls mit dem Grundherrn eines Dorfes vergleichen. Hier mag es immerhin noch irgendeine Ebene des Vergleichs geben. Doch diejenigen, die Philosophen mit Propheten vergleichen, sind ebenso ungerecht wie unwissend. Denn der Grundherr eines Dorfes sorgt immerhin für die Aufrechterhaltung von Ordnung und Verwaltung im Dorf. In dieser Hinsicht besteht zwischen ihm und dem erhabenen Herrn und König des gesamten Weltalls eine gewisse teilweise Ähnlichkeit. Bei Philosophen und Propheten jedoch ist die Sache völlig anders. Die Philosophen können nicht einmal annähernd an das Wissen heranreichen, das die Propheten erlangen. Vielmehr kann man sagen, dass selbst Ungläubige, Götzendiener und Juden mehr über Allah wissen als diese Philosophen.

Was ist der Grund für die Unwissenheit der griechischen Philosophen? Um diesen Grund zu untersuchen, muss man die alte Geschichte Griechenlands betrachten. Während des größten Teils seiner Geschichte erscheint das griechische Volk als ein Volk von Götzen- und Sternenanbetern. Damals war sein nationales Denken von übermäßiger Fantasie, Idealismus und Mythologismus geprägt. Die moderne Geschichtsforschung hat erwiesen, dass im alten Griechenland überall Götzen- und Sternenanbetung verbreitet war. Im ganzen Land wurden Tempel für Götter und Göttinnen errichtet. Tausende Namen von Göttern waren in aller Munde. Die griechische Philosophie, die übersetzt wurde, die Bibliotheken der islamischen Welt schmückte und anschließend durch die Muslime nach Europa gelangte, war in Wirklichkeit von Kopf bis Fuß mit der Färbung dieser Götzen- und Sternenanbetung durchtränkt. Die griechischen Philosophen schmückten ihr polytheistisches Denken mit wohlklingenden Fachausdrücken der Philosophie. Da die muslimischen Gelehrten und Intellektuellen mit der alten Geschichte Griechenlands und dem religiösen Denken der griechischen Philosophen nicht vertraut waren, hielten sie deren philosophische Erörterungen für tiefgründige Erkenntnisse und begannen selbst, sich eifrig mit ihnen zu beschäftigen. Um diese Lehren als wahr und richtig zu erweisen, setzten sie ihre gesamte Kraft, Fähigkeit und Begabung ein. Imam Ibn Taymiyya war jedoch in der Lage, bis zu den Wurzeln dieser griechischen Philosophie vorzudringen. Im Zusammenhang mit seinem Tafsir der Sure al-Ichlas schrieb er: Soweit man über die alten Philosophen Griechenlands Bescheid weiß, waren sie fanatische Polytheisten. Auch zur Magie fühlten sie sich in hohem Maße hingezogen. Sie beteten Sterne und Götzen an. Auch ihrem tiefen Interesse an Astronomie und den Sternbildern lag dies zugrunde.

Auch diejenigen unter den Muslimen, die Anhänger ihrer Philosophie geworden sind, hindern die Menschen nicht daran, Schirk zu begehen, und halten den Tauhid nicht für unabdingbar. Vielmehr erklären sie Schirk für erlaubt.

Nach Imam Ibn Taymiyyas Ansicht verfügten unter den alten griechischen Philosophen die Vorgänger des Aristoteles über beträchtliches Wissen über das Verborgene – etwa Allah, die Engel und das Jenseits – sowie über religiöse Wahrheiten; sie standen dem Islam und der wahren Religion Allahs nahe. Dazu sagte er, dass frühere Philosophen vor Aristoteles, etwa Pythagoras, Sokrates und Platon, Griechenland verlassen und Länder wie Syrien und Ägypten bereist hätten, in denen verschiedene Propheten geboren worden waren. Sie hätten Gefährten und Anhänger des Propheten David und des Propheten Salomo – Allahs Friede sei auf ihnen – getroffen und von ihnen Wissen über die unsichtbare Welt erlangt. Im Fall des Aristoteles sei dies jedoch nicht möglich gewesen. Er habe jene Länder niemals bereist. Von der Lehre der Propheten habe er keinen Teil besessen. Sein Volk habe Sterne angebetet. Ein gewisses Wissen darüber habe er besessen, und darauf habe er die Grundlage seines eigenen Denkens und Forschens gelegt. Später folgten seine Anhänger blind seinem Weg.

Bedauerlicherweise setzte sich in der islamischen Welt gerade die Philosophie des Aristoteles durch. Muslimische Philosophen wie al-Farabi, Ibn Sina, Ibn Rushd und Suhrawardi beschäftigten sich mit dieser Philosophie. Sie nannten Aristoteles al-Muʿallim al-awwal, den „Ersten Lehrer“.

Als Antwort auf die Verwirrung der muslimischen Philosophen entstand die Ilm al-Kalam. Imam Ibn Taymiyya war jedoch auch mit der Art und Weise, wie sie ihre Aussagen darlegte, nicht zufrieden. Nach Ansicht des Imams übernahmen die Vertreter des Kalam zur Beweisführung religiöser und verborgener Wahrheiten die Fachbegriffe der Philosophie und die philosophische Methode der Beweisführung. Diese Methode erwies sich jedoch in hohem Maße als erfolglos. Vielmehr schadete sie dem Islam in vielen Fällen wie ein Bumerang. Er wies auf die Schwächen vieler Mutakallimun, also der Vertreter des Kalam, hin: In vielen Fällen warfen sie große Fragen gegen den Islam auf und trugen die gegen den Islam vorgebrachten Zweifel mit großer Nachdrücklichkeit vor. Ihre Antworten aber waren im Vergleich dazu viel schwächer und nachgiebiger. Unter Berufung auf Imam ar-Razi (möge Allah ihm gnädig sein) schrieb er in seinem Werk an-Nubuwwat: Imam ar-Razi gestand gegen Ende seines Lebens ausdrücklich ein, dass er lange über die karamitische Methode und das philosophische Verfahren der Darlegung nachgedacht hatte. Schließlich gelangte er zu dem Schluss, dass dadurch kein Kranker geheilt und kein Durstiger von seinem Durst erlöst werde. Er sagte: „Ich habe die Methode des Korans als die näherliegende erkannt.“

Imam Ibn Taymiyya schrieb, dass die Beweise und rationalen Argumente, die die Vertreter des Kalam und die muslimischen Philosophen hinsichtlich der Existenz Allahs, Seines Wesens und Seiner Eigenschaften vorgebracht hätten, den Beweisen des Edlen Korans gegenübergestellt, weit weniger klar, durchsichtig, eindeutig und zu Herzen gehend seien. Außerdem lässt die koranische Methode keinen Raum für die neuen Komplikationen und Zweifel, die Philosophen und Vertreter des Kalam durch ihre Darlegungen hervorbringen.

Die Antwort an die Christen

Im achten Jahrhundert der Hidschra erfüllte Imam Ibn Taymiyya weiterhin die Aufgabe, den Islam wiederzubeleben. Die geistige Schwäche, die siebenhundert Jahre nach dem Prophetentum unter den Bannerträgern des Islam aufgetreten war, war keineswegs gering. Zweihundert Jahre Kreuzziege und danach die Angriffe der Tataren hatten sie völlig zerschlagen. Diese Gelegenheit und diesen schwachen Augenblick der Muslime nutzten andere Religionen und Ideologien, um sie heftig anzugreifen. Besonders das Christentum und die christliche Lehre begannen damals, die Siege der Tataren als ihre eigenen Siege darzustellen. Bereits zuvor haben wir von der Freude der christlichen Bewohner einer Stadt beim Fall dieser Stadt an die Tataren und von ihren gegen den Islam und die Muslime gerichteten Aktivitäten berichtet. Aus diesen Gründen trat die christliche Lehre den Muslimen gegenüber zu jener Zeit mit großer Nachdrücklichkeit auf. Infolgedessen begannen in der Mauer des Glaubens und der religiösen Praxis vieler Muslime Risse zu entstehen.
Imam Ibn Taymiyya begann rechtzeitig einen Feldzug zur Heilung dieser Krankheit der Muslime. In seinen Schriften finden sich unzählige einschlägige Ausführungen. Ja, er verfasste darüber sogar ein vierbändiges Buch mit 1395 Seiten. Der Titel des Buches lautet al-Dschawāb as-sahīh li-man baddala dīn al-masīh („Die wahrhaftige Antwort an jene, die die Religion des Messias verfälscht haben“).
Tatsächlich lebte zu jener Zeit in den islamischen Ländern, insbesondere in Ägypten und Syrien, eine große Zahl von Christen. Und direkt hinter Syrien erstreckte sich eine Reihe christlicher Länder. Die Grenze des Byzantinischen Reiches lag unmittelbar an Syrien. Die Angriffsserie, die die Europäer seit dem Ende des fünften Jahrhunderts der Hidschra gegen Syrien und Palästina begonnen hatten und die zweihundert Jahre lang andauerte, führte dazu, dass ein Teil Syriens der muslimischen Herrschaft entzogen wurde. Zugleich blieb Jerusalem neunzig Jahre lang in den Händen der Christen. Später besiegte Sultan Salāh ad-Dīn al-Ayyūbī das Kreuzfahrerheer in der Schlacht von Hittīn vernichtend und befreite Jerusalem. Doch nachdem die Christen an der syrischen Küste einen unabhängigen Staat errichtet hatten, waren der Mut der christlichen Missionare und Herrscher und ihr Selbstvertrauen noch beträchtlich gewachsen. Sie träumten davon, ganz Syrien unter das Banner des Christentums zu bringen und in der gesamten Region das Christentum zu verbreiten. Genau zu dieser Zeit begannen sie, die schmachvolle Niederlage der Muslime durch die Tataren als eine von Gott für sie geschaffene gewaltige Gelegenheit zu betrachten. Sie sahen darin ein Vorzeichen ihres eigenen Sieges und ließen überall die Stimme erschallen, dass die Religion Jesu die wahre Religion sei und diese wahre Religion nun den Sieg errungen habe.
Zu dieser Zeit wurden aus der christlichen Welt in großem Umfang islamfeindliche Bücher eingeführt. Durch diese Bücher wurde versucht, unter den Muslimen Verwirrung über den Islam zu verbreiten und das Christentum als die einzige Religion Allahs zu beweisen. Imam Ibn Taymiyya trat dieser Fitna umfassend entgegen. Schon zuvor hatten viele muslimische Gelehrte, Forscher und Kritiker das Christentum kritisiert. Die meisten von ihnen waren jedoch mit der Geschichte des Christentums nicht richtig vertraut. Sie betrachteten das Christentum als die Gesamtheit der Worte Jesu, Friede sei mit ihm, und der mit ihm verbundenen Ereignisse und erhoben es in den Rang einer himmlischen beziehungsweise göttlichen Religion. Dadurch erhielt das Christentum bei den Muslimen weit mehr Bedeutung, als ihm eigentlich zukam. Dieser Zustand erwies sich für die an einer geistigen Krankheit leidenden Muslime als äußerst schädlich.
Imam Ibn Taymiyya hingegen war über die Geschichte des Christentums sowie über die weitreichenden Veränderungen und Umgestaltungen, die es in den religiösen Zentren Roms und Griechenlands erfahren hatte, und über seine dortige frühe Entwicklung vollständig informiert. Er wusste genau, dass das zeitgenössische Christentum in Wirklichkeit nichts anderes war als eine Mischung aus der Lehre Jesu, Friede sei mit ihm, und den polytheistischen Glaubensvorstellungen, Überzeugungen, Bräuchen und Sitten der Römer und Griechen sowie den Taten ihrer mythischen Götter und Göttinnen. Im Werk al-Dschawāb as-sahīh schrieb er:
„Die Bewohner Roms, Griechenlands und anderer Länder waren in Wirklichkeit Polytheisten und Götzenanbeter. Sie fertigten Statuen von Tempeln und Götzen an und beteten sie an. Die Christen vermischten zwei Religionen und machten daraus eine einzige Religion. Die eine ist die Religion der Propheten des Monotheismus, die andere die Religion der Polytheisten. Ein Teil ihrer Religion besteht aus den Lehren der Propheten, der andere aus Worten und Handlungen, die sie der Religion der Polytheisten entnommen haben. Auf diese Weise schufen sie eine neue Religion, von der sich in den Worten der Propheten keinerlei Spur findet.“
So wies er auf die verschiedenen Epochen und Entwicklungsstufen der Wandlung und Verfälschung des Christentums hin. Zugleich klärte er die Vorstellungen der Muslime über das Evangelium. Viele muslimische Gelehrte begingen den Fehler, das Evangelium für ein Buch Allahs auf derselben Stufe wie den Edlen Koran zu halten. Dadurch ließen sie sich leicht von der Propaganda christlicher Missionare beeinflussen. Daher erörterte er auch diese Frage ausführlich. Er sagte, die Christen selbst räumten hinsichtlich des Evangeliums, das sich heute in ihren Händen befinde, ein, dass es weder zu Lebzeiten Jesu, Friede sei mit ihm, noch auf seine Anweisung hin verfasst worden sei. Nach der Himmelfahrt Jesu schrieben seine beiden Jünger Matthäus und Johannes sowie zwei weitere Christen, die Jesus nicht gesehen hatten – Markus und Lukas –, dieses Buch gemeinsam. (1. Auch darüber, ob Matthäus und Johannes Gefährten Jesu, Friede sei mit ihm, waren, sind heute Fragen aufgekommen. Siehe das Werk des französischen Neu-Muslims Dr. Maurice Bucaille, „Koran, Bibel und Wissenschaft“.) Er sagte außerdem, dass die Worte des Evangeliums und der Tora nicht auf dieselbe Weise wie die Worte, Handlungen, Religion und Glaubenslehren des Gesandten bei den Muslimen durch Ketten zuverlässiger Überlieferer bewahrt worden seien.
Über den Unterschied zwischen dem Edlen Koran sowie der Tora und dem Evangelium sagte er: „Der Wortlaut und die Bedeutung des Edlen Korans sind durch eine Kette zuverlässiger Überlieferungen vom Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, überliefert worden. Ebenso wurde hinsichtlich der Sunna des Gesandten sowie seiner Lebensumstände und Ereignisse ein Konsens erzielt. Ihre Zuverlässigkeit ist auf verschiedene Weise erwiesen worden.
… Der Edle Koran ist in den Herzen der Muslime bewahrt. Zum Auswendiglernen des Korans ist es nicht erforderlich, ein geschriebenes oder gedrucktes Buch zu lesen. Selbst wenn diese Bücher – Gott behüte – eines Tages vollständig zerstört würden, gäbe es beim Auswendiglernen des Korans keinerlei Schwierigkeiten. Wenn dagegen heute das Buch der Bibel aus irgendeinem Grund zerstört würde, besäßen die Christen keinen Ersatzbestand seiner Wörter. Deshalb werden in solchen Büchern im Laufe der Jahrhunderte immer wieder zahlreiche Veränderungen vorgenommen, sowohl am Wortlaut als auch an der Bedeutung.“
Als einen wichtigen Grund für die Verfälschungen, die die Christen in ihrer Religion vorgenommen hatten, führte Imam Ibn Taymiyya außerdem an, dass die Christen viele Aussagen der Propheten, Friede sei mit ihnen, nicht richtig verstanden hätten. Daher verfälschten sie die ursprüngliche Bedeutung vieler Wörter. In dieser Hinsicht gingen die Juden noch einen Schritt weiter als die Christen. Er betonte nachdrücklich, dass es zum richtigen Verständnis der himmlischen Bücher und zur Gewinnung korrekter Lehren daraus unbedingt erforderlich sei, die Worte, Hinweise und Fachbegriffe der Propheten zu verstehen. Ein Beispiel dafür sei die Bezeichnung Jesu, Friede sei mit ihm, als Sohn Gottes. Die Jünger sagten, der Messias habe zu ihnen gesagt: „Gewiss, Allah ist mein Vater und euer Vater sowie mein Herr und euer Herr.“ In der Tora werden alle Kinder Israels als Söhne Gottes bezeichnet. Die Ägypter werden als Söhne des Pharaos bezeichnet. Noch weitergehend werden die Jungen von Tieren als Kinder des Besitzers der Tiere bezeichnet. Sind sie deshalb etwa wirklich zu Kindern geworden, die aus dem Schoß der Ehefrau des Tierbesitzers stammen? Imam Ibn Taymiyya wies diese Irrtümer der Christen mit aller Deutlichkeit auf.

Der Kampf gegen die schiitische Lehre

Unter den extremistischen Gruppierungen innerhalb der Muslime, gegen die Imam Ibn Taymiyya nach den Christen seinen Kampf führte, kann man die Schiiten an die erste Stelle setzen. Gegen die extremistischen Glaubensüberzeugungen und Aktivitäten der Schiiten verfasste er ein eigenes Buch. Tatsächlich war die aggressive Propaganda der extremistischen Schiiten unter der durch die zeitgenössischen tatarischen Angriffe und die Kreuzzüge verwüsteten muslimischen Umma in der Lage, gewaltige Unordnung zu schaffen. Die muslimische Umma aus einer solchen Unordnung zu retten, war das Ziel Imam Ibn Taymiyyas.

Bevor hier die Aktivitäten Imam Ibn Taymiyyas im Zusammenhang mit den Schiiten erörtert werden, ist es nötig, den Lesern etwas über den Ursprung der schiitischen Gemeinschaft und ihre Glaubensüberzeugungen mitzuteilen. Unter den zahlreichen Fitna, die nach dem Ende des Kalifats gemäß dem Weg des Prophetentums unter den Muslimen entstanden – Meinungsverschiedenheiten, Aufruhr, Kriege und dergleichen –, deren Nachwirkungen sich während der langen Zeit der Herrschaft der Banu Umayya und der Banu Abbas fortsetzten, gab es vier große grundlegende Fitna: die Schiiten, die Charidschiten, die Murdschia und die Muʿtazila. Aus diesen vier grundlegenden Fitna gingen alle späteren Fitna hervor.

Schia bedeutet „Partei“. Der Plural von Schia lautet Schiʿān. In der Anfangszeit wurden die Anhänger Hadhrat Alis „Schiʿān ʿAlī“ genannt. Später begann man sie im terminologischen Sinn Schiiten zu nennen. Nach dem Tod des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, hielten einige Angehörige der Banu Haschim und auch einige andere Sahaba Hadhrat Ali für den geeignetsten Mann für das Kalifat. Einige hielten ihn, besonders im Vergleich zu Hadhrat Uthman, Allahs Wohlgefallen sei auf ihnen beiden, für geeigneter. Viele hielten ihn allein wegen seiner verwandtschaftlichen Beziehung zum edlen Propheten, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, für den rechtmäßigen Anspruchsberechtigten auf das Kalifat. Bis zur Kalifatszeit Hadhrat Uthmans gehörten diese Gedanken jedoch lediglich zur Ebene von Überlegungen und Vorstellungen. Bis dahin hatten sie noch nicht die Gestalt einer Lehre oder einer Glaubensüberzeugung angenommen.

Alle diejenigen, die solche Gedanken und Vorstellungen hegten, erkannten das Kalifat der drei früheren Kalifen einschließlich Hadhrat Uthmans an und leisteten ihnen auch den Treueid. Sie erhoben keinen Widerspruch gegen irgendeine ihrer Handlungen.

Alle diejenigen, die solche Gedanken und Vorstellungen hegten, erkannten das Kalifat der drei früheren Kalifen einschließlich Hadhrat Uthmans an und leisteten ihnen auch den Treueid. Sie erhoben keinen Widerspruch gegen irgendeine ihrer Handlungen.

Diese besonderen Gedanken nahmen jedoch während und nach der Kamelschlacht zwischen Hadhrat Ali sowie Hadhrat Talha und Hadhrat az-Zubair, Allahs Wohlgefallen sei auf ihnen, während der Schlacht von Siffin zwischen Hadhrat Muʿawiya und Hadhrat Ali sowie während der Schlacht von Nahrawan gegen die Charidschiten die Gestalt einer Lehre und Glaubensüberzeugung an. Danach half das schmerzliche Martyrium Imam Husains, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm, auf dem Feld von Karbala den Anhängern dieser Gedanken, sich zusammenzuschließen und als eine eigene Partei in Erscheinung zu treten. Zugleich begann infolge der Einführung der besonderen monarchischen Herrschaft und des Tyrannenregimes der Banu Umayya unmittelbar nach dem Kalifat im Herzen der gewöhnlichen Muslime das Feuer des Grolls gegen sie zu brennen. Danach erwachten in den Herzen der gewöhnlichen Muslime Sympathie und Unterstützung für die Nachkommen Hadhrat Alis und seine Anhänger, weil diese während der Herrschaft der Banu Abbas unmenschlicher Unterdrückung und Verfolgung ausgesetzt waren. All dies gab der zuvor erwähnten Gruppe Gelegenheit, feste Wurzeln zu schlagen und als Gemeinschaft stark zu werden. Kufa war ihr starkes Zentrum. Was Allama Ibn Khaldun in seiner Muqaddima und ʿAbd al-Karim asch-Schahrastani in seinem Werk al-Milal wa-n-Nihal über die besonderen Lehren der Schiiten beschrieben haben, lässt sich folgendermaßen zusammenfassen:

Erstens: Im Hinblick auf das Imamat (die Schiiten erkennen das Kalifat nicht an, sondern verwenden an seiner Stelle den Begriff Imamat) besitzen die gewöhnlichen Menschen nicht die Befugnis, eine Entscheidung zu treffen. Daher kann den gewöhnlichen Muslimen die Verantwortung für die Wahl des Imams nicht übertragen werden. Selbst wenn die gewöhnlichen Muslime jemanden zum Imam wählen, wird er dadurch nicht zum Imam. Das Imamat ist ein Pfeiler der Religion und das eigentliche Fundament des Islam. In dieser Angelegenheit kann der Prophet selbst keinerlei Nachlässigkeit begangen haben. Er konnte nicht gehen, nachdem er der Umma die Verantwortung für die Wahl des Imams übertragen hatte. Er konnte nicht gehen, nachdem er der Umma die Verantwortung für die Wahl des Imams übertragen hatte. Vielmehr würde er selbst einen Imam bestimmen.

Zweitens: Der Imam müsse maʿsum sein, das heißt frei von jeder Befleckung durch Sünde und Verfehlung. Er müsse vor kleinen und großen Sünden bewahrt sein. Er dürfe keinen Fehler machen. Alles, was er sage und tue, müsse sich als reine Wahrheit und als das Rechte erweisen.

Drittens: Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, habe Hadhrat Ali zu seinem Nachfolger als Imam bestimmt.

Viertens: Nach jedem Imam werde der jeweils nächste Imam durch eine eindeutige Anweisung des vorherigen Imams bestimmt. Denn diese Verantwortung sei der gesamten Umma genommen und allein dem Imam auferlegt worden.

Fünftens: Alle schiitischen Sekten seien sich darin einig gewesen, dass ausschließlich die Nachkommen und die Linie Hadhrat Alis, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm, Anspruch auf das Imamat hätten.

Bei der Ausarbeitung dieser Lehren beriefen sich die Schiiten auf eine bestimmte Art von Hadithen, deren Verfasser sie selbst seien. Sie selbst überlieferten diese Hadithe und legten sie entsprechend ihrer eigenen Rechtsschule aus. Die gewöhnlichen Ahl as-Sunna wa-l-Dschamaʿa wüssten nicht das Geringste über diese Hadithe. Vielmehr könne man nach den Worten Ibn Khalduns sagen, dass die meisten dieser Hadithe mawduʿ, also falsch, erfunden und gefälscht, seien. Ihre Überlieferer seien nicht frei von Mängeln. Doch kehren wir zu unserer vorherigen Erörterung zurück. Obwohl die meisten Schiiten in den oben genannten Lehren übereinstimmen, zerfielen sie aufgrund von Meinungsverschiedenheiten in vielen anderen Fragen wiederum in verschiedene Sekten. Die beiden größten Gruppen unter ihnen sind jedoch die Imamiyya und die Zaidiyya. Wer an das Imamat Hadhrat Alis nach dem Gesandten Allahs, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, und an die fortlaufende Reihe des Imamats seiner Nachkommen nach ihm glaubt, gehört zur Sekte der Imamiyya. Diejenigen aber, die das Imamat auf die Nachkommen Hadhrat Fatimas, Allahs Wohlgefallen sei auf ihr, beschränken, werden Zaiditen genannt. Das bedeutet, dass sie sich mit Zaid ibn Ali ibn Husain, dem Begründer dieser Rechtsschule, verbinden.

Die verschiedenen schiitischen Gruppen vertreten hinsichtlich der gewöhnlichen Muslime unterschiedliche Auffassungen. Nach der am stärksten ausgewogenen Auffassung unter ihnen ist Hadhrat Ali das beste Wesen der gesamten Schöpfung. Diejenigen, die gegen ihn gekämpft haben, und diejenigen, die ihm Feindschaft und Hass entgegenbringen, werden ewig in der Hölle wohnen. Ihre Auferstehung werde gemeinsam mit den Ungläubigen und Heuchlern erfolgen. Vor Hadhrat Ali waren Abu Bakr, Umar und Uthman, Allahs Wohlgefallen sei auf ihnen, zu Kalifen gemacht worden. Wenn Hadhrat Ali sich geweigert hätte, ihr Kalifat anzuerkennen, und seinen inneren Unmut über sie zum Ausdruck gebracht hätte, wären auch sie nach dieser Auffassung in der Hölle geblieben – Allah bewahre davor. Da Ali, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm, jedoch ihre Führung anerkannt, ihnen den Treueid geleistet und hinter ihnen das Gebet verrichtet habe, erkannten auch sie diese Männer entsprechend dem Verhalten Hadhrat Alis an. Zwischen Ali und dem Propheten seien sie außer hinsichtlich der Würde des Prophetentums zu keinem weiteren Unterschied bereit. In allen anderen Bereichen seien Ali und der Prophet von gleicher Würde.

Dies war die Auffassung der gemäßigten Schiiten. Demgegenüber vertraten die extremistischen Schiiten die Ansicht, dass die Kalifen, die vor Hadhrat Ali das Kalifat übernommen hatten, Usurpatoren, Aneigner fremden Rechts und Verräter gewesen seien. Diejenigen aber, die sie zu Kalifen gemacht hätten, seien irregegangen und ungerecht gewesen. Denn sie hätten die Verfügung des Propheten zurückgewiesen und den wahren und rechtmäßigen Imam seines Rechts beraubt. Eine Gruppe von ihnen ging noch weiter und erklärte die ersten drei Kalifen und diejenigen, die sie gewählt hatten, zu Ungläubigen. Die gemäßigtste Gruppe unter ihnen sind die Zaiditen. Sie halten Hadhrat Ali für den Besten. Nach ihrer Auffassung können jedoch auch weniger herausragende Personen Imam werden, wenn der Hervorragendste anwesend ist. Außerdem meinen sie, dass es keine eindeutige Anweisung des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, für das Imamat Hadhrat Alis gebe. Daher erkennen sie das Kalifat Abu Bakrs und Umars an. Dennoch müsse der Imam ihrer Ansicht nach aus den Nachkommen Fatimas bestimmt werden.

Imam Ibn Taymiyya, möge Allah ihm barmherzig sein, hat an verschiedenen Stellen seiner Schriften all diese Glaubensüberzeugungen und Aktivitäten der Schiiten zurückgewiesen. Zugleich erfüllte er die Aufgabe, die Glaubensüberzeugungen der Sunna und der Ahl as-Sunna sowie die Stellung der rechtgeleiteten Kalifen und der edlen Sahaba zu verteidigen. Doch die Weise, in der der Schiismus zu seiner Zeit immer stärker wurde und einen Sturm schändlicher Angriffe gegen die grundlegenden Glaubensüberzeugungen der Muslime und gegen den Charakter der besten von der Hand des Gesandten geformten Gemeinschaft der Muslime, der Gefährten des Gesandten, entfachte, sie verleumdete, beschimpfte und ihre Taten angriff, beunruhigte den Imam zutiefst. Er war der Ansicht: Wenn gerade die beste Gemeinschaft der von der Hand des Gesandten geformten Muslime verurteilt werde, werde den Muslimen kein Vorbild mehr bleiben. Dadurch würden sie das äußerste Ende des moralischen Chaos erreichen.

Insbesondere das umfangreiche Werk Minhaj al-Karama fi Maʿrifat al-Imama, das der von dem damaligen tatarischen Herrscher Uljaitu Khudabanda Khan begünstigte schiitische Gelehrte Ibn al-Mutahhar zur Unterstützung des Schiismus und des Imamats sowie gegen das Kalifat und die Ahl as-Sunna verfasst hatte, begann sich unter den Muslimen rasch zu verbreiten. Die Schiiten machten um dieses Buch viel Aufhebens und behaupteten, niemand könne seine Thesen widerlegen. In diesem Werk wurden Beweise für das Imamat und die Unfehlbarkeit der Ahl al-Bait, insbesondere Hadhrat Alis, vorgelegt (mit Unfehlbarkeit ist gemeint, dass die betreffenden Personen von jeder Art von Fehler und Sünde frei seien); zugleich wurde gegen das Kalifat der drei Kalifen Einspruch erhoben und die edlen Sahaba wurden verunglimpft. Darüber wurde eine große Diskussion veranstaltet. Man versuchte, all dies durch Verse des Quran und Hadithe zu beweisen. Das gesamte Werk war so sehr mit theoretischen Erörterungen und Argumenten gefüllt, dass es einem gewöhnlichen Leser keinesfalls möglich war, eine seiner Aussage widersprechende Meinung zu vertreten.

Wie die schiitischen Gelehrten des achten Jahrhunderts gehörte auch der Verfasser dieses Werkes hinsichtlich der Usul und der Glaubenslehre zur Gemeinschaft der Muʿtazila. Daher erfolgte sein Angriff auf die Glaubensüberzeugungen der Ahl as-Sunna vollständig nach der Methode der Philosophen und der Mutakallimun. Aus diesem Grund wurde auch die muslimische Geisteswelt von seinem Einfluss erfasst.

Für einen gewöhnlichen Gelehrten oder Schriftsteller war es nicht möglich, auf ein solches Werk zu antworten. Unglücklicherweise hatten sich die schiitischen Gelehrten im Allgemeinen als äußerst dreist darin erwiesen, Hadithe zu erfinden und diese erfundenen Hadithe als Belege anzuführen. Zugleich hatte die Hadith-Wissenschaft damals eine außerordentliche Ausbreitung erfahren. Hunderttausende von Hadithen waren in Büchern gesammelt worden. Ihre verschiedenen Sammlungen waren in den Bibliotheken unterschiedlicher Städte der islamischen Welt verstreut. Auch die Wissenschaft von al-Dscharh wa-t-Taʿdil und von Asmaʾ ar-Ridschal – also die Wissenschaft zur Prüfung der Zuverlässigkeit und Beweiskraft der Hadithe – hatte sich weit entwickelt. Sie waren nicht in der Bibliothek einer einzigen Stadt versammelt. Für einen einzelnen Menschen war es daher keineswegs leicht, die Zuverlässigkeit der in dem genannten Werk angeführten Hadithe zu prüfen. Diese Aufgabe konnte nur jemand erfüllen, der ein Hafiz der Hadith- und Ridschal-Wissenschaft war, der jedes Hadith-Buch sowie die Namen und Zustände der Überlieferer auswendig kannte und den sein Gegner durch falsche Quellenangaben auf keinerlei Weise täuschen konnte. Zugleich musste ihm die Geschichte des Islam wie ein aufgeschlagenes Buch vor Augen liegen. Auch durch die Irrgärten der Geschichte durfte er nicht zu Fall gebracht werden.

Als einen solchen allwissenden Gelehrten konnte man in jener Zeit allein Imam Ibn Taymiyya nennen. So wie er in der Philosophie und der Kalām-Wissenschaft bewandert war und die Fehler in den philosophischen und logisch begründeten Darlegungen seiner Gegner erkennen konnte, besaß er auch auf dem Gebiet der Hadith-Wissenschaft eine unergründliche Gelehrsamkeit. In jener Zeit wurde er mit einer gewaltigen Hadith-Bibliothek verglichen. Über ihn war unter den Gelehrten allgemein das Wort verbreitet: Wenn Imam Ibn Taymiyya von einem Hadith gesagt habe, er kenne ihn nicht, dann sei es in Wirklichkeit überhaupt kein Hadith.

Er hat anhand des Werkes Ibn al-Mutahhars bewiesen, dass der schiitische Gelehrte Ibn al-Mutahhar dadurch, dass er die Sahaba des Gesandten – die besten der gesamten Menschheit nach den Propheten, die afdal al-khalaʾiq baʿd al-anbiyaʾ – beschimpfte und sie als die schlechtesten Geschöpfe Allahs darstellte, dem Fundament des Islam einen Axthieb versetzt habe. Dadurch würden der Angriff auf das Prophetentum Muhammads, seine Kritik und der Weg zum Atheismus eröffnet. An einer Stelle des ersten Bandes dieses Werkes schrieb er: „Diese Schiiten haben diejenigen, die nach den Propheten und Gesandten die Besten und Aufrichtigsten unter allen früheren und späteren Gemeinschaften waren, als die schlechtesten und unehrlichsten aller Menschen dargestellt. Sie haben ihre großen Fehler aufgezählt und ihre Vorzüge in Fehler verwandelt. Dagegen haben sie diejenigen eigennützigen Menschen, die sich nur zur Verwirklichung ihrer persönlichen Interessen mit dem Islam verbunden hatten – Menschen, die verdorbener, lasterhafter, lügnerischer, treuloser, ungerechter und stärker in Sünde und Unglauben verstrickt waren als irgendjemand sonst –, als rechtschaffen und als die Besten der Schöpfung dargestellt. Auf diese Weise haben sie die gesamte Umma des Unglaubens beschuldigt oder als irregegangen erwiesen, mit Ausnahme ihrer eigenen kleinen Gruppe, von der sie glauben, dass nur sie auf dem wahren Weg sei.“

An einer Stelle des zweiten Bandes führte er einen Ausspruch Imam asch-Schaʿbis an. Imam asch-Schaʿbi sagte darin: „Die Juden und die Christen erweisen ihren Propheten mehr Ehre als die Schiiten. Die Juden wurden gefragt: Wer sind die Besten in eurer Gemeinschaft? Sie antworteten: die Gefährten Hadhrat Musas, Allahs Friede sei auf ihm. Die Christen wurden gefragt: Wer sind die Besten in eurer Gemeinschaft? Sie antworteten: die Hawariyyun, also die Gefährten Hadhrat Isas, Allahs Friede sei auf ihm. Die Schiiten aber wurden gefragt: Wer sind die Schlechtesten in eurer Gemeinschaft? Sie antworteten: die Gefährten Muhammads, Allahs Segen und Friede seien auf ihm.“ Diese rechtschaffenen Menschen haben sie beschimpft.

An einer anderen Stelle des zweiten Bandes schrieb er, als er eine Gewohnheit der Schiiten beschrieb: „Die ewige Gewohnheit der Schiiten besteht darin, dass sie die Gemeinschaft der Muslime verlassen, sich stets mit Juden, Christen und Götzendienern verbünden und ihnen Freundschaft anbieten. Wer könnte irregegangener sein als diejenigen, die den führenden Männern unter den Auswanderern und den Helfern Feindschaft entgegenbringen, während sie mit Heuchlern und Ungläubigen Freundschaft halten?“

Danach beschrieb er die Rolle der Schiiten bei verschiedenen nationalen Problemen. Insbesondere erwähnte er Fälle ihrer Zusammenarbeit mit Ungläubigen in Zeiten nationaler Krisen und schrieb, dass die meisten von ihnen im Herzen viel stärker mit den Ungläubigen verbunden seien als mit den Muslimen und gegen diese vorgingen. Als daher die Tataren aus dem Osten in die islamische Welt einfielen und Muslime töteten, unterstützten die Schiiten in Chorasan, Syrien, Halab (Aleppo) und anderen Gebieten die Feinde. Ebenso unterstützten die Schiiten die Christen, als diese in Syrien gegen die Muslime kämpften. So zeigt sich: Wenn im Irak oder irgendwo sonst eine jüdische Regierung errichtet würde, würden sich die Schiiten als ihre größte Unterstützungskraft erweisen. Daher sind sie jederzeit bereit, Ungläubige, Götzendiener, Juden und Christen zu unterstützen und ihnen im Kampf gegen die Muslime Beistand zu leisten.

Die Erneuerung islamischen Wissens und Denkens

Imam Ibn Taymiyya, möge Allah ihm Barmherzigkeit erweisen, war die aufsehenerregendste Persönlichkeit in der Geschichte des Islam. Im Verlauf der Geschichte hinterließ er ein strahlendes goldenes Zeugnis für Wahrheit, Gerechtigkeit, Wissen und Gelehrsamkeit, das die Umma bis zum Tag der Auferstehung auf den Weg der Wahrheit und Gerechtigkeit führen wird. Sechshundertfünfzig Jahre nach dem Ende des Prophetentums und des Kalifats nach dem Muster des Prophetentums bereicherte er den Islam und die islamische Gemeinschaft aufs Neue mit Lebenssaft. Wenn der Prophet zum Islam einlädt, gibt es darin weder Unklarheit noch Unvollständigkeit. Nach dem Hinscheiden des Propheten umgeben Schmutz und Unrat den Islam von allen Seiten; allmählich wird der Islam unklar, und scheinbar entsteht der Eindruck, er sei unvollständig. Nach dem Hinscheiden des Propheten umgeben Schmutz und Unrat den Islam von allen Seiten; allmählich wird der Islam unklar, und scheinbar entsteht auch der Eindruck seiner Unvollständigkeit. Zu dieser Zeit sind diejenigen die wahrhaftigen Gelehrten und Erneuerer der Religion, die den Schmutz und Unrat vom Körper des Islam entfernen, den wahren Islam wieder deutlich machen und die Vorstellung von seiner Unvollständigkeit an der Wurzel beseitigen. Wahrheit und Falschheit bleiben ihnen so klar wie die Sonne am Mittag. Deshalb sprechen wir nicht von irgendeiner direkten Verbindung zu Allah oder einer direkten Wissens-Pipeline. Der Koran und die Sunna genügen. Im Bereich von Wahrheit und Wissen sind diese beiden die einzigen Kanäle der Verbindung zu Allah.

Imam Ibn Taymiyya war ein solcher wahrhaftiger Gelehrter und Erneuerer der Religion. Siebenhundert Jahre nach dem Prophetentum stellte er den Islam wieder in seiner ursprünglichen Gestalt auf. Dazu befreite er ihn von allem inneren und äußeren Unrat. In diesem Zusammenhang haben wir bereits drei seiner erneuernden Leistungen besprochen. Seine erneuernde Leistung bestand in der Neugestaltung des Wissens der Scharia und des islamischen Denkens.

Bis zur Zeit des Imams hatte das Wissen der Scharia eine beträchtliche Breite erlangt. Besonders auf den Gebieten Tafsir, Hadith, Fiqh, Usul al-Fiqh und Kalam waren gewaltige Bibliotheken entstanden. Die Beherrschung eines jeden dieser Gebiete genügte einem gewöhnlichen Schüler jener Zeit, um Berühmtheit zu erlangen. Dennoch gab es auch nicht wenige Gelehrte, die mehrere Disziplinen beherrschten. Schon durch die Lektüre des Werkes Tabaqat asch-Schafiʿiyya al-Kubra findet man unzählige Gelehrte, die zugleich in sämtlichen Bereichen des Wissens der Scharia bewandert waren. Man könnte sie als die Enzyklopädien des Wissens der Scharia jener Zeit bezeichnen. Trotz dieser umfassenden Beschäftigung mit dem Wissen der Scharia und seiner großen Verbreitung besaßen jedoch nur sehr wenige Gelehrte wirkliche Tiefe des Wissens. Unter diesen wenigen stand der Name Imam Ibn Taymiyyas an erster Stelle.

Das Gedächtnis des Imams war beispiellos. Dadurch fiel es ihm äußerst leicht, sich in allen Arten des Wissens zu vervollkommnen. Zugleich drang er dank der von Allah verliehenen scharfen Intelligenz in die Tiefe jedes Wissensgebietes ein. Zu jedem Thema, über das er schrieb, eröffnete er irgendeinen neuen Horizont. Insbesondere eröffnete er einen neuen Weg zum Erwerb des Wissens über den Edlen Koran und die Scharia. Der Tafsir des Korans war eines seiner besonderen und liebsten Themen. Es gibt kein Werk von ihm, in dem der Tafsir des Korans nicht behandelt wird. Man findet bei ihm kein Werk, in dem er nach einer ausführlichen Erörterung der Koranverse daraus keine Beweise abgeleitet hätte. Nach Aussage seiner Schüler könnte man, wenn man alle von ihm hinterlassenen tafsirbezogenen Erörterungen zusammenträgt, in dreißig Bänden einen vollständigen Koran-Tafsir erstellen. Doch weil er ein ereignisreiches, kämpferisches und ständig vom Dschihad geprägtes Leben führte, konnten nicht alle seine Manuskripte angemessen bewahrt werden. Durch die Bemühungen bedeutender Gelehrter sind dennoch zahlreiche seiner Schriften zum Tafsir erhalten geblieben. Darunter wurden die Tafsir-Werke zu den Suren an-Nur, al-Ichlas und al-Muʿawwidhatayn in Ägypten gedruckt. In jüngerer Zeit wurde aus Erörterungen zum Tafsir, die aus verschiedenen seiner Bücher zusammengetragen wurden, in Bombay ein Buch unter dem Titel Tafsir Ibn Taymiyya gedruckt. Auch ein Buch von ihm über die Grundlagen des Tafsir mit dem Titel Usul at-Tafsir ist erhalten.

Auf dem Gebiet des Hadith galt Imam Ibn Taymiyya zu seiner Zeit als vorbildlich. Trotzdem besitzt er kein eigenständiges Werk über den Hadith. Doch die Erörterungen über die Grundlagen des Hadith, die Namen der Überlieferer, Jarh und Taʿdil, die Hadithkritik, das Fiqh des Hadith und Ähnliches nehmen in seinen Schriften einen solchen Umfang ein, dass sie zusammengetragen als ein gewaltiges mehrbändiges Werk gelten könnten. Besonders die forschenden Erörterungen über erfundene, falsche, gefälschte und fabrizierte Hadithe, die sich in seinen Büchern finden, sind nirgendwo sonst in dieser Art zu finden. Die ausführlichste Behandlung dieses Themas findet sich in seinem gegen die Schiiten verfassten Werk Minhaj as-Sunna.

Auch seine Erörterungen über Usul al-Fiqh sind umfangreich. Auf diesem Gebiet besaß er den Rang eines Mudschtahid. Obwohl er grundsätzlich der hanbalitischen Rechtsschule folgte, war er keineswegs zurückhaltend darin, sein unabhängiges Urteil zu äußern. In diesem Zusammenhang können seine Werke Fatawa Ibn Taymiyya und Iqtida as-Sirat al-Mustaqim genannt werden. Ein eigenständiges Werk von ihm über Usul al-Fiqh trägt den Titel Minhaj al-Usul ila ʿIlm al-Usul.

Wenn man die Schriften des Imams über Kalam zusammenträgt, wird man feststellen, dass Kalam und ʿAqa’id vierzig Prozent seines gesamten Schrifttums ausmachen. Bei den Titeln seiner einschlägigen Bücher zeigt sich eine Besonderheit: Die Titel sind mit verschiedenen Städten verbunden. Das heißt, die Bücher wurden nach den Städten benannt, aus denen die Fragen eingegangen waren. Dazu gehören etwa Scharh al-Isbahaniyya (Isfahan), ar-Risala al-Hamawiyya, at-Tadmuriyya, al-Wasitiyya, al-Kaylaniyya, al-Baghdadiyya, al-Azhariyya und andere. Wer die Werke des Imams über Kalam liest, wird den Umfang und die Breite seines Wissens erkennen.

Auf dem Gebiet des Fiqh war sein Beitrag nicht geringer als der eines Mudschtahid. Obwohl bis zu seiner Zeit die Sammlung und Ordnung des Fiqh aller Rechtsschulen vollständig abgeschlossen war, leistete er auch hier einen herausragenden Beitrag. Aus der Perspektive eines Mudschtahid prüfte er verschiedene Fragen und Rechtsbestimmungen des Fiqh und analysierte die Rechtsbestimmungen im Licht des Buches Allahs, der Sunna des Gesandten, des Idschmaʿ, des Qiyas und der Grundlagen des Fiqh; außerdem betrieb er Idschtihad und Istinbat. Er bemühte sich, die Rechtsurteile und Einzelheiten des Fiqh an authentischen Hadithen auszurichten. Auf diesem Gebiet sind umfangreiche Bücher seiner Fatwas erhalten. Diese Werke wurden in zahlreichen Bänden gedruckt. Kürzlich erschien in Ägypten ein vierbändiges Werk mit 1.586 Seiten unter dem Titel Fatawa Scheich al-Islam Ibn Taymiyya. Andererseits veröffentlichte die saudische Regierung die größte Sammlung seiner Fatwas in dreißig Bänden.

In den folgenden mehreren Jahrhunderten übte das Wissen des Imams in der gesamten islamischen Welt einen geradezu magischen Einfluss aus. Selbst in unserer Zeit ist es schwer, einen bedeutenden Gelehrten oder islamischen Denker zu finden, der vom Einfluss seines Wissens frei wäre.

In der Welt sind zahlreiche Denksysteme und Lehren verbreitet. Sie entstanden auf der Grundlage verschiedener Vorstellungen, Einbildungen, Argumente, Vermutungen, Annahmen, aus Erfahrung und Experiment gewonnener Erkenntnisse sowie von Diskussionen und Debatten. Im Gegensatz dazu gründet sich das islamische Denken und die islamische Lehre auf die Offenbarung und das Muhammadanische Prophetentum. Was der Prophet – Allah segne ihn und schenke ihm Frieden – über Allahs Wesen und Eigenschaften, Seine Taten, den Anfang und das Ende des Universums, das erste Auftreten des Menschen auf der Erde und sein Ende, die Auferstehung, die Versammlung und Wiederauferstehung, die Folgen der Taten des Menschen und andere übernatürliche Dinge im Zusammenhang mit dem religiösen Leben mitgeteilt hat, bildet den islamischen Glauben, das islamische Denken und die islamische Lehre. Außer durch Allahs Offenbarung an den Propheten gibt es keinen zweiten Weg, diese Dinge zu erkennen. Durch Nachdenken, Forschung, Vermutungen und Annahmen besteht keinerlei Möglichkeit, sie zu erkennen. Die menschliche Vernunft kann nicht einmal in die Nähe von Allahs Wesen und Eigenschaften gelangen. Der Mensch besitzt diesbezüglich keinerlei Erfahrung. Diese Dinge können auch nicht mit den Augen gesehen werden. Im Koran wird ausdrücklich gesagt: „Laysa kamithlihi schay’un“ – Nichts ist Ihm gleich. Daher muss man sich in dieser Angelegenheit ausschließlich auf das von Allah verliehene Wissen stützen. Und dieses Wissen findet man allein bei den Propheten. Die Herzen der Propheten sind durch das Licht dieses Wissens so erleuchtet, als hätten sie alles unmittelbar gesehen. In ihrem Wissen gibt es nicht das geringste Maß an Zweifel. Daher gibt es nicht den geringsten Raum dafür, das Wissen der Propheten auch nur im Geringsten anzuzweifeln. Im Koran wird dies ausdrücklich erwähnt und gesagt –*************Arabisch*************Er sagte: „Streitet ihr mit mir über Allah, obwohl Er mich in dieser Angelegenheit rechtgeleitet hat?“

Dies ist eine Angelegenheit, die so wahr und klar ist wie die Sonne am Mittag. In Gegenwart einer solchen strahlenden Wahrheit sind weder irgendeine weitere Philosophie noch ein weiteres intellektuelles Argument zum Beweis von Allahs Wesen und Eigenschaften erforderlich. Betrachtet man dennoch die Geschichte des menschlichen Intellekts, so zeigt sich, dass die Menschen seit Jahrtausenden versucht haben, diese Dinge mit ihrem Verstand zu beurteilen und zu analysieren. Dabei haben sie selbst ihre Unfähigkeit in dieser Angelegenheit eingestanden. Für die Erörterung dieser Themen schufen die Philosophen von sich aus bestimmte Fachbegriffe und legten deren Bedeutungen selbst fest. Später verwendeten die muslimischen Mutakallimun, als sie auf die Irrtümer dieser Philosophen antworteten, eben deren Fachbegriffe. Dadurch wurden in vielen Fällen auch die begrenzten Bedeutungen dieser Begriffe anerkannt. In vielen Fällen erörterten sie Allahs Wesen und Eigenschaften sogar mit einer solchen Gewissheit, als stammten diese Erkenntnisse aus unmittelbarer Erfahrung, Anschauung und Empfindung. Sie zogen mit dem Banner des Protests gegen die Philosophie aus, schlossen sich jedoch unwissentlich der Partei der Philosophen an und wiederholten deren gesamte Auseinandersetzungen und Debatten. Wie wunderbar spricht der Edle Koran die Philosophen an und sagt:
*************Arabisch*************„Habt ihr dies gehört? Ihr habt doch über Dinge gestritten, über die ihr nur wenig Wissen besaßt. Warum streitet ihr nun erneut über Dinge, von denen ihr kein Wissen habt? Allah aber weiß, ihr wisst nicht.“ (Al ʿImran 3:66)

In der Zeit Imam Ibn Taymiyyas und infolge der Stagnation, die bereits seit mehreren hundert Jahren zuvor auf dem Gebiet des islamischen Denkens und der islamischen Forschung geherrscht hatte, begann man den von den Mutakallimun auf dem von den Philosophen gelegten Fundament errichteten Bau der Glaubenslehren als das eigentliche Fundament der Religion zu betrachten, um Allahs Wesen, den Tauhid, das Jenseits und andere unsichtbare und übernatürliche Wahrheiten zu beweisen. Mit Ausnahme einer kleinen Gruppe von Hadith-Gelehrten und Faqihs betrachteten alle die intellektuellen Schlussfolgerungen der Mutakallimun als Maßstab für die islamischen Glaubenslehren. Statt das Buch Allahs und die Sunna des Gesandten zum Maßstab der Glaubenslehre zu machen, machten sie die Bücher der Mutakallimun zum Maßstab. Um Fragen und Einwänden zu entgehen, deuteten sie die Verse und Hadithe durch Ta’wil, das heißt durch eigenmächtige Auslegungen. Der Einfluss der Philosophie und des Kalam hatte sie so stark erfasst, dass sie sich darin keinen Fehler vorstellen konnten; vielmehr versuchten sie, Koran und Hadith zurechtzuschneiden und ihnen entsprechend anzupassen.

Imam Ibn Taymiyya übte scharfe Kritik an dieser Haltung. Anstelle der Philosophie, des Kalam und der reinen Rationalität gründete er die islamischen Glaubenslehren, das islamische Denken und die islamische Lehre auf Koran und Hadith. (In jüngerer Zeit verfasste Muhammad al-Ghazali aus Ägypten das erfolgreichste Werk über islamische Glaubenslehren aus dieser Perspektive. Sein Werk trägt den Titel ʿAqidat al-Muslim. Es wurde von der Bangladesh Islamic Foundation auf Bengalisch unter dem Titel Islamische Glaubenslehre veröffentlicht.)

Imam Ibn Taymiyya, möge Allah ihm Barmherzigkeit erweisen, erhob energischen Protest dagegen, der Vernunft uneingeschränkte und unendliche Macht zu verleihen und sie als entscheidende Instanz in Fragen Allahs, des Gesandten und des Jenseits anzuerkennen. Im eigentlichen Sinne war er der erste erfolgreiche Protestierende in dieser Angelegenheit. Gegen die Unbesonnenheit der Vernunft war er der erfolgreiche Rebell.

Schon zuvor hatte Imam al-Ghazali, möge Allah ihm Barmherzigkeit erweisen, gegen die in der Philosophie dargestellten Aussagen über Allah geschrieben, sie scharf kritisiert und sich ausführlich über die Reichweite des Verstandes der Philosophen lustig gemacht. Doch gegen die Annahme einer unendlichen Macht der Vernunft und gegen das Eindringen in tiefgründige theoretische Erörterungen über Dinge, von denen sie kein richtiges Wissen besitzt, erhob er keine kraftvolle Stimme.

Imam Ibn Taymiyya versuchte mit all seiner Stellung und der Kraft seiner Gelehrsamkeit zu beweisen, dass die Hauptquelle des Glaubens und der unsichtbaren Wahrheiten aus dem Buch Allahs und der Sunna des Propheten geschöpft wird. Die Vernunft kann dazu beitragen, diese Kraft zu stärken und ihre Wahrheit zu beweisen, aber sie kann nicht das Fundament ihres Beweises bilden. Im ersten Band seines Werkes Sarīh al-Maʿqūl li-Sahīh al-Manqūl schrieb er:

„Die Vernunft kann in Wirklichkeit nicht als Grundlage für den Beweis der Scharia dienen. Ihr wurde keine Eigenschaft verliehen, die sie nicht zuvor besaß, und auch nicht mit der Eigenschaft der Vollkommenheit ausgestattet.“

Seine Aussage lautet, dass die Vernunft lediglich die Rolle eines Erschließers und Wegweisers spielen kann. Sie kann den Menschen nur bis zur Anerkennung der Wahrhaftigkeit und Unfehlbarkeit des Gesandten führen. Danach besitzt sie keine weitere Macht. Die Vernunft kann beweisen, dass die Dinge, über die der Gesandte berichtet, wahr sind und dass die von ihm erlassenen Gebote befolgt werden müssen. Nehmen wir ein Beispiel: Ein Fremder kam in eine Stadt und suchte den Mufti der Stadt. Ein gewöhnlicher Einwohner führte ihn zum Haus des Mufti, zeigte ihm den Mufti und sagte: „Dieser ist der Mufti und Gelehrte der Stadt.“ Wenn es danach in irgendeiner Angelegenheit zu einem Streit zwischen diesem gewöhnlichen Einwohner und dem Mufti kommt, muss der Fremde die Aussage und Entscheidung des Mufti annehmen. Der gewöhnliche Einwohner hat dabei nicht das Recht, Druck auszuüben und zu sagen: „Wenn ich dich nicht zum Mufti geführt hätte, hättest du ihn nicht gefunden; deshalb musst du meiner Entscheidung folgen.“ Der Imam schrieb: Nachdem die Vernunft vom Prophetentum erfahren hat, besteht ihre Aufgabe darin, an den Gesandten zu glauben, ihm zu gehorchen, jeden seiner Befehle zu befolgen, ohne sich in ein Netz von Fragen zu verstricken, und seine Worte als endgültig anzusehen. Ebenso muss man auch in Bezug auf die unsichtbaren und übernatürlichen Dinge die Worte des Gesandten als endgültig betrachten. Seiner Ansicht nach besitzt der gewöhnliche Mensch gegenüber dem Gesandten Allahs keinerlei Rang. Die Gesandten sind wahrhaftig und erhalten stets fehlerfreie Mitteilungen. Es ist unvorstellbar, dass ihre Mitteilungen und ihr Wissen der Wahrheit widersprechen. Jene Menschen jedoch, die sich lediglich durch Übungen ihres eigenen Verstandes den Mitteilungen und dem Wissen der Gesandten entgegenstellen, kennen keine Grenze ihrer Unwissenheit und ihres Irrtums.

Die geistige Verfassung der von Philosophie und Rationalismus beeinflussten Menschen war so weit gelangt, dass sie jede Aussage der Scharia, die aus der Sicht von Vernunft und Philosophie annehmbar war, ohne Weiteres akzeptierten. Was jedoch ihren selbst erdachten Argumenten und ihrem Rationalismus zu widersprechen schien, konnten sie nicht annehmen. Die Mutigsten unter ihnen weigerten sich offen, es zu akzeptieren. Sie verkündeten öffentlich: „Die Scharia muss der Vernunft folgen. Diese Aussage widerspricht der Vernunft und ist daher nicht annehmbar.“ Diejenigen aber, die nicht so mutig waren, legten die Aussagen der Scharia immer wieder neu aus. Sie brachten Auslegungen vor, die nicht die geringste Übereinstimmung mit der betreffenden Aussage der Scharia besaßen. Im Blick auf die Haltung dieser Menschen erklärte Imam Ibn Taymiyya, dass es für einen Muslim unerlässlich ist, dem Gesandten bedingungslos zu glauben. Einen bedingten Glauben an den Gesandten kann man keinesfalls als Glauben bezeichnen. Er schrieb: Im Islam ist endgültig erwiesen, dass die Anerkennung der Wahrhaftigkeit des Gesandten und ein Glaube an ihn verpflichtend sind, der endgültig und umfassend ist und keinerlei Bedingung enthält. Jede seiner Mitteilungen muss als wahr angenommen und jedem seiner Befehle muss gehorcht werden. Jede Aussage, die dem widerspricht, gilt als nichtig. Wer die Aussagen des Gesandten, die innerhalb der Grenzen seines Verstandes liegen, als wahr annimmt, diejenigen aber leugnet, die seiner eigenen Meinung und seinem Verstand widersprechen, seinen Verstand den Mitteilungen des Gesandten vorzieht und zugleich behauptet, den Gesandten für wahr zu halten, widerspricht sich selbst. Wer sagt: „Ich bin nicht bereit, eine Aussage des Gesandten als wahr anzuerkennen, bevor ich sie nicht mit meinem eigenen Wissen und Verstand geprüft und verstanden habe“, an dessen Unglauben besteht keinerlei Zweifel.

Imam Ibn Taymiyya untersuchte die Aussagen der Vertreter der Vernunft und bewies, dass die intellektuellen Schlussfolgerungen, die gegen die Aussagen der Propheten und Gesandten sowie gegen die leuchtende Wahrheit von Koran und Sunna aufgestellt werden, in den meisten Fällen bloße Einbildung und fantasievolle Vorstellungen sind; bei gründlicher Betrachtung erweisen sie sich als Hirngespinste des Verstandes. Er sagt: Die großen Schlussfolgerungen, mit denen die Philosophen prahlen, haben sie „Gotteslehre“ genannt. Wenn man diejenigen, die sie den Worten der Propheten entgegenstellen, unparteiisch beurteilt, findet man keinen Unterschied zwischen ihnen und dem Gestammel eines Verrückten.

Doch der Imam war keineswegs knauserig darin, der Vernunft ihren angemessenen Rang zu geben. Seiner Ansicht nach wird im Edlen Koran an verschiedenen Stellen dazu aufgefordert, die Vernunft zu gebrauchen und einzusetzen. Seiner Meinung nach kann es keinen Widerspruch zwischen einer fehlerfreien, ausgewogenen Vernunft und den fehlerfreien Worten der Propheten und Gesandten geben. Als Ergebnis seines tiefen und umfassenden Studiums sagte er: „Ich habe keinen Widerspruch zwischen der Vernunft und den Worten des Gesandten gesehen.“ Die Bedingung ist jedoch, dass die Vernunft ausgewogen sein muss, wie es im Koran ʿaql salim genannt wird, und dass die Worte des Propheten zuverlässig überliefert und nicht verfälscht worden sind. Zu diesem Thema schrieb er ein vierbändiges Werk. Es trägt den Titel Bayan Muwafaqat Sarih al-Maʿqul li-Sahih al-Manqul. In diesem Buch versuchte er zu beweisen, dass es keinen Widerspruch zwischen rational korrekter Vernunft und den unverfälschten Worten der Propheten und Gesandten gibt. Eine fehlerfreie Vernunft hat stets dazu beigetragen, die Wahrheit solcher Worte zu beweisen.

Mit großer Überzeugung behauptete er, kein einziger Hadith widerspreche der Vernunft. Sollte es jedoch einen solchen Hadith geben, werde sich zeigen, dass die Hadith-Gelehrten ihn bereits als daʿif (schwach) und mawduʿ (fabriziert) gekennzeichnet hätten. Er weigerte sich, die Behauptung der Philosophen und Mutakallimun anzuerkennen, die Grundlage des Korans bestehe lediglich in Überlieferung und Gehörtem. Er bewies, dass der Koran die besten Beweise und die Vernunft erörtert. Die Beweise des Korans sind so unwiderlegbar, dass sie selbst durch tausend Gegenargumente nicht widerlegt werden können.

Zusammenfassend hat Imam Ibn Taymiyya stets erklärt, dass Offenbarung und Prophetentum die Grundlage des Glaubens bilden, nicht Vernunft und Argumentation. In seinen verschiedenen Büchern versuchte er, dies zu beweisen. Wahrscheinlich gibt es kein Werk von ihm, in dem er diese Aussage nicht vorgetragen oder zumindest angedeutet hätte. Auf diese Weise bemühte er sich, das zeitgenössische intellektuelle Denken unter die Kontrolle von Koran und Sunna zu bringen. Durch dieses Bemühen wurde das islamische Denken und die islamische geistige Strömung gestärkt, und noch mehrere hundert Jahre lang verlieh sie der Umma Kraft.

Schlusswort

Jedes Talent ist außergewöhnlich. Dennoch bezeichnen wir einige Talente als zeitüberdauernd. Sie sind über ihre eigene Zeit hinausgewachsen. Selbst auf spätere Zeitalter ist ihr Einfluss unauslöschlich geblieben. Ein solches Talent war Imam Ibn Taymiyya, möge Allah ihm barmherzig sein.
Von den ersten Regungen der Jugend bis zur Erstarrung des Alters und bis zum letzten Augenblick seines Lebens erfüllte er seine Verantwortung. Misserfolg und Unvermögen hat er niemals anerkannt. Er war wie ein grenzenloses Meer: Welle um Welle brandete heran, und wieder kam eine Welle. In seiner Brust lag eine unerschöpfliche Lebenskraft. Es ist erstaunlich, dass auch der Imam einem solchen Meer glich. Die Kraft seines Herzens war unerschöpflich; sie schien kein Ende zu haben. Ob in der Heimat oder im Ausland, auf Reisen, unterwegs, an irgendeinem Aufenthaltsort oder in Gefangenschaft – die unerschöpflichen Vorräte seiner geistigen Stärke und Tatkraft hatten die damalige Welt in Erstaunen versetzt. Das einfache Volk hatte sein Herz gewonnen. Er war der Herrscher über das Reich ihrer Herzen.
Wie weit war es ihm gelungen, den Lauf seiner Zeit zu verändern? Wie groß war sein Erfolg dabei, den Islam in seiner richtigen Gestalt fest zu verankern? War er imstande gewesen, Veränderungen an der staatlichen Ordnung vorzunehmen? Im Zusammenhang mit den Bemühungen des Imams um eine islamische Erneuerung drängen sich diese Fragen ganz natürlich auf. Sie werden uns dabei helfen, den Platz des Imams in der Geschichte des Islam zu bestimmen.
Vor einer ausführlichen Erörterung möchte ich hierzu einen Hadith des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, anführen. Er sagte:*************Arabisch*************Das heißt: Meine Umma ist wie der Regen; man kann nicht sagen, ob ihr Anfang besser ist oder ihr Ende. Imam at-Tirmidhi überlieferte diesen Hadith von Anas ibn Malik, möge Allah mit ihm zufrieden sein. Im Hinblick auf diesen Hadith kann man sagen, dass der Verdienst aller Personen, die bei der islamischen Erneuerung die Führung übernommen haben, gleich groß ist. Aufgrund der jeweiligen Umstände war jedoch die Aufgabe mancher von ihnen schwieriger als die anderer.
Unter welchen Verhältnissen und Umständen trat Imam Ibn Taymiyya hervor? In der ersten Hälfte des siebten Jahrhunderts nach der Hidschra war, noch vor der Geburt des Imams, durch die Tatarenangriffe das gesamte Gebiet der islamischen Welt vom Indus bis zum Euphrat verwüstet worden, mit Ausnahme Ägyptens und Syriens. Die Muslime, die in diesen Gebieten überlebt hatten, waren durch ständige Ortswechsel nahezu zu einem Nomadenvolk geworden. Zusammen mit ihrem wirtschaftlichen Niedergang waren auch ihre Ehre und ihr Ansehen gesunken. Durch die Zerstörung der Zentren von Wissen, Bildung und Kultur waren sie wahrhaftig dem Untergang preisgegeben. Unaufhörliche Angst, Unruhe und Unordnung hatten ihre Volksgemeinschaft ratlos gemacht. Zwar begann sich die Lage gegen Ende etwas zu verändern, das heißt, die Tataren wandten sich zunehmend dem Islam zu. Aber wie sehr hatte dies das Elend der Muslime verringert? Diese neu zum Islam übergetretenen tatarischen Herrscher standen in ihrer Unwissenheit und Gottlosigkeit den nichtmuslimischen Herrschern in nichts nach. Unter ihrer Herrschaft war der moralische Charakter der muslimischen Bevölkerung, der gesellschaftlichen Eliten, der Fuqaha, Qadis und Scheichs erheblich verdorben worden. Ein Teil der Gelehrten hatte sich den Unterdrückern ausgeliefert. (Dabei hat Allah im Koran in der Sure al-Qasas durch den Mund des Propheten Musa, Friede sei auf ihm, gesagt:
*************Arabisch*************Mein Herr! Aufgrund der Gnade, die Du mir erwiesen hast, werde ich niemals ein Helfer eines Schuldigen, also eines Unterdrückers, sein.) Der Idschtihad war vollständig zum Erliegen gekommen; vielmehr kann man in gewisser Hinsicht sagen, dass er zu einer Sünde geworden war. Die auf der Rechtswissenschaft beruhenden Rechtsschulen waren jeweils zu einer eigenständigen Religion geworden. Nach Ansicht von Allama Abul Ala Maududi, möge Allah ihm barmherzig sein, war damals die Verbindung aus dem ungebildeten und irregeleiteten Volk, der weltlichen und engstirnigen Gelehrtenschaft und der unwissenden, tyrannischen Herrscherklasse so mächtig geworden, dass es kaum einen Unterschied machte, ob man seinen Hals unter das Messer dieses Bündnisses legte. (Tajdid-e Ihya-ye Din, S. 81, sechste Auflage, Lahore 1955.) Vor diesem Hintergrund können wir ermessen, welch große und schwierige Aufgabe der Imam übernommen hatte. Er ließ nicht nur die Pflege des aus Koran und Hadith hervorgegangenen richtigen und zuverlässigen Wissens wiederaufleben, sondern beschritt zugleich den Weg des Idschtihad, um neue Probleme zu lösen. Seine reformerischen Werke können wir in mehrere Bereiche gliedern.
Erstens: Er übte scharfe Kritik an der griechischen Philosophie. Durch seine Kritik fiel die Maske von Wissen und Unfehlbarkeit vom Gesicht der griechischen Philosophie, und all ihre Schwächen traten deutlich hervor. Im Grunde begann auch bei den westlichen Menschen aufgrund der Wirkung seiner Kritik die Dunkelheit aus ihrem Blickfeld zu weichen, und auch sie wurden, wenn auch erst viel später, zu Kritikern dieser Philosophie.
Zweitens: Er brachte starke Argumente zugunsten der islamischen Glaubenslehre, Glaubensgrundsätze, Vorschriften und Gesetze vor. Seine Argumente und Ausführungen trugen die wahre Lebenskraft des Islam in sich. Er verzichtete auf die griechische Methode und legte die Grundlage einer Argumentation, die sich auf das allgemeine Verständnis stützte. Dies war die dem Koran und der Sunna näherstehende Methode.
Drittens: Er begnügte sich nicht damit, gegen die blinde Nachahmung eines Imams zu protestieren, sondern praktizierte selbst den Idschtihad und führte ihn vor. Er sammelte verschiedene Beweise aus dem Koran, der Sunna und dem Leben der Gefährten und nahm durch eine unabhängige und gerechte Prüfung der Meinungsverschiedenheiten zwischen den verschiedenen fiqh-basierten Rechtsschulen zahlreiche neue Fragen auf. Dadurch wurde ein neuer Weg des Idschtihad entdeckt. Zugleich führte er eine feinsinnige Untersuchung der Weisheiten der Scharia und der Gesetzgebungsmethode des edlen Propheten, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, durch. Seine Fatwas sind in dieser Hinsicht ein unschätzbarer Schatz für die Umma. Seine Schriften werden denen, die nach ihm den Idschtihad praktiziert haben und denen, die ihn künftig praktizieren werden, als Wegweiser dienen.
Viertens: Gegen Neuerungen und polytheistische Bräuche führte er geradezu einen regelrechten Dschihad. Dadurch sah er sich großen Gefahren ausgesetzt, doch er schenkte ihnen keinerlei Beachtung. In diesem Zusammenhang sagte Allama Abul Ala Maududi, möge Allah mit ihm zufrieden sein, sehr treffend: Imam Ibn Taymiyya verschonte keinen einzigen der trüben Ströme, die sich bis dahin in den klaren Quellstrom des Islam ergossen hatten. Gegen jeden von ihnen führte er einen harten Kampf, entfernte sie allesamt und stellte der Welt die reine islamische Methode gesondert vor. Die Gegner scheuten keine Waffe gegen ihn. Gegen ihn wurde jede Art von Waffe eingesetzt: von falschen Gerichtsverfahren und bewaffneten Anschlägen mit dem Ziel, ihn zu töten, bis hin dazu, ihn dem Zorn der Herrscher auszuliefern und ins Gefängnis zu werfen. Doch er bestand alle Prüfungen mit Geduld. Furchtlos stellte er sich unter das blanke Schwert des tyrannischen Herrschers. Der zornige Blick des Herrschers konnte ihn keinen Augenblick davon abhalten, die Wahrheit auszusprechen.
Kann man also ohne Weiteres sagen, dass er den Lauf seiner Zeit nicht verändern konnte? Keineswegs. Die Muslime lebten in der ersten Hälfte des achten Jahrhunderts zweifellos nicht mehr so, wie sie bis zur ersten Hälfte des siebten Jahrhunderts gelebt hatten. In ihrer Lebensweise war eine große Veränderung eingetreten. Nun hatten sie gelernt, mit Würde und erhobenem Haupt zu leben. Sie hatten den Sinn ihres Lebens gefunden. Der Unterschied zwischen Islam und Unglauben war ihnen nun deutlich geworden.
All dies war insbesondere das Verdienst eines Dieners Allahs, eines kämpfenden Glaubensmannes. Dass nach seinem Tod im gesamten muslimisch besiedelten Raum, von Ägypten bis ins ferne China, Totengebete in Abwesenheit für ihn verrichtet wurden, beweist seine außerordentliche Beliebtheit unter den Muslimen. Auch für die richtige Verankerung des Islam hatte er unermüdlich gekämpft. Er bemühte sich, die bestehende staatliche Ordnung so weit wie möglich zu reformieren. Deshalb erhob er, wenn nötig, das Schwert gegen die Staatsmacht, während er zu anderen Zeiten mit ihr zusammenarbeitete. Eine revolutionäre Veränderung der staatlichen Ordnung herbeizuführen, war ihm jedoch nicht möglich. Nicht einmal einen Schritt, der in diese Richtung geführt hätte, konnte er unternehmen.

Bibliografie
1. Tarīkh-e Daʿwat o ʿAzīmat, Band 1 und Band 2 – Mawlānā Abul Hasan ʿAlī Nadwī
2. Imām Ibn Taymiyya – Shaykh Abū Zuhra (Ägypten)
3. Tarīkh-e Islām – Mawlānā Akbar Schāh Nadschībābādī
4. Preaching of Islam – T. W. Arnold
5. Monatliche Urdu-Digest, Lahore – Februar 1968
6. Monatlicher Tarjumān-ul-Qurʾān, Lahore – April 1938
7. Fatāwā von Imām Ibn Taymiyya
8. Tadschdīd wa Ihyāʾ-e Dīn – Mawlānā Sayyid Abul Aʿlā Maudūdī
9. Khilāfat wa Mulūkīyat – Mawlānā Sayyid Abul Aʿlā Maudūdī