Worte des Übersetzers
Damals lief in Ägypten ein niederträchtiger Versuch zur Wiederbelebung der pharaonischen Zivilisation. Überall wurden Vorkehrungen getroffen, die Spuren des Islam auszulöschen. In einem solch krisenhaften Augenblick trat 1928 die Muslimbruderschaft, Ikhwan al-Muslimun, hervor. Mit dem Banner der Bewegung eilte der größte Rufer des Jahrhunderts herbei: Imam Hasan al-Banna.
Es ist von großer Bedeutung, dass die hingebungsvollen Aktivisten der Bewegung zur Etablierung des Dīn die Geschichte des Programms und der Vorgehensweise kennen, mit denen die Muslimbruderschaft ihren Weg zur Verwirklichung des Islam in der modernen Zeit begann. Die Dampfwalze von Unterdrückung und Verfolgung, die über die Muslimbruderschaft hinweggerollt ist, findet in keiner anderen islamischen Bewegung der modernen Zeit ihresgleichen. Neben den Männern wurden auch weibliche Führungspersönlichkeiten der niederträchtigsten Verfolgung und Brutalität der Geschichte ausgesetzt. Tausende Menschen wurden ohne jedes Vergehen mit schwersten Strafen belegt, lediglich weil sie Verwandte von Mitgliedern der Muslimbruderschaft waren. Dennoch bestanden sie die Feuerprobe des Glaubens. Diese Geschichte der Unterdrückung und Verfolgung der Muslimbruderschaft wird uns dazu anspornen, auch unseren Glauben zu erneuern und zu festigen.
Der wichtigste Grund, weshalb ich die Notwendigkeit einer Übersetzung dieser Broschüre empfinde, ist der Wunsch, eine vergleichende Betrachtung zu den Aktivitäten und zur Rolle der Muslimbruderschaft bei der Etablierung des Dīn und zu unserer eigenen Bewegung zu finden. Die Maßnahmen, die die Muslimbruderschaft zur sozialen Reform ergriff und in die Praxis umsetzte, werden uns wahrlich in Erstaunen versetzen.
Es ist ebenfalls notwendig, darüber nachzudenken, wie weit wir hinter dem Entwicklungsstand und der Akzeptanz zurückliegen oder wie weit wir vorangeschritten sind, die die Bewegung der Muslimbruderschaft in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, also vor etwa siebzig Jahren, besaß. Außerdem müssen wir umfassend darüber informiert sein, welchen Hindernissen, Widerständen, welcher Unterdrückung und Verfolgung eine islamische Bewegung in der modernen Zeit begegnen kann und welche Mittel, wie gefestigten Glauben und welche innere Einsicht erforderlich sind, um ihnen entgegenzutreten.
Der verstorbene Khalil Ahmad Hamidi hat auf äußerst knappem Raum ein klares Bild der Bewegung der Muslimbruderschaft gezeichnet. Der ursprüngliche Titel der Broschüre musste aus guten Gründen geringfügig geändert werden. Wenn die Leser daraus auch nur einen kleinen Nutzen ziehen, wird sich unsere Mühe gelohnt haben. Möge sie für jeden, der an der Bewegung zur Etablierung des Dīn beteiligt ist, eine Quelle der Inspiration sein. Amin.
–Der Übersetzer
Bismillāhir-Raḥmānir-Raḥīm
Die Lage vor der Bewegung
Unmittelbar nach dem Ende des Ersten Weltkriegs geriet Ägypten in eine schwere politische Krise. Im Inneren des Landes traten zahlreiche nationale und stammesbezogene Probleme offen zutage. Als die Türken, die das Banner des Nationalismus trugen, die Abschaffung des Kalifats verkündeten, wurde unter den Arabern die Begeisterung für Nationalismus und Patriotismus durch diese Reform noch stärker. Aufgrund seiner eigenen Geschichte, seiner politischen Bedeutung, der nationalen Stellung al-Azhars und zahlreicher weiterer Gründe hatte Ägypten die Führung in der arabischen Welt übernommen. Daher fand der Ruf nach Nationalismus und Patriotismus, sobald er in Ägypten erhoben wurde, sogleich in allen arabischen Ländern Widerhall. Verschiedene patriotische Bewegungen begannen, ihre Flügel auszubreiten. Der Wahlspruch von Saʿd Zaghlul (gest. 1927) lautete:
(**********************Arabisch**********************)
„Die Religion gehört Allah, und das Land gehört uns allen“ wurde erhoben. Unter der Führung von Mustafa an-Nahhas Pascha (gest. 1964) nahm die Wafd-Partei ihre Tätigkeit auf. Die patriotische Bewegung führte unter dem Deckmantel der Vaterlandverehrung und unter dem Vorwand der Abschaffung des Kalifats durch die Türken zum Aufkommen von Atheismus, zoroastrischen und obszönen Gedanken sowie zur Verherrlichung des Westens; als langfristige und weitreichende Folge begann ein ideologischer Konflikt. Die Position der Reformisten war recht stark, denn die Macht sowie die Nachrichten- und Propagandamedien befanden sich in ihren Händen. Ihnen gegenüber waren die Träger des islamischen Ideals nicht nur schwach, sondern verfügten selbst über das Wenige, das sie besaßen, nicht über Eigenständigkeit. Darüber hinaus vergifteten die gegenseitigen Konflikte und Feindseligkeiten der politischen Parteien auch das gesellschaftliche Klima des Landes. Wenn die Wafd-Partei an die Macht gelangte, setzte sie sich daran, das Ansehen der Dastur-Partei zu beschädigen. Kam hingegen die Dastur-Partei an die Macht, schuf sie den Anlass, das Land von der Wafd-Partei zu „reinigen“.
In jener Zeit erschien das beschämende Buch von ʿAli ʿAbd ar-Raziq, al-Islam wa-usul al-hukm (Der Islam und die Grundlagen der Herrschaft). Der zentrale Inhalt dieses Buches war, dass die Religion keinerlei Beziehung zu politischen und staatlichen Angelegenheiten habe und dass es im Islam keinen Raum für die Gewährung politischer Rechte durch das Kalifat gebe. Auch das Buch von Taha Hussein, fi ash-shiʿr al-jahili (Über die vorislamische Dichtung), war ein Produkt dieses konfliktreichen Zeitalters. Darin wurden sogar Zweifel und Verdächtigungen in Bezug auf den Koran geweckt. In Qasim Amins Tahrir al-marʾa (Die Befreiung der Frau) wurde eine Frauenfreiheit gefordert, wie sie die Frauen des Westens uneingeschränkt genießen. Im Namen der Freiheit des Denkens und der Meinungsäußerung wurden Angriffe gegen den Islam und gegen alle anderen Religionen geführt. Die Wochenzeitung as-Siyasa war das Sprachrohr der Reformisten. Sie verbreitete vorbehaltlos den Aufruf zu Reformen, zur Wiederbelebung der pharaonischen Zivilisation und zum Aufbau von Beziehungen zum Westen. Die einflussreichen Führer der Dastur-Partei, ʿAdli Yakan, ʿAbd al-Chaliq Tharwat, Ismaʿil Sidqi, Muhammad Mahmud und Lutfi as-Sayyid, waren ihre Förderer und spornten ihre Angriffe auf den Islam an. Nach dem Tod ihres tatkräftigen Herausgebers (1926) wurde auch sie für immer eingestellt. Danach blieb in der Welt der Zeitungen nur noch die Wochenzeitung al-Fatah von Muhibb ad-Din al-Chatib bestehen. Ihr Zustand war jedoch so, dass wohl kaum jemand den Gesang eines Vogels im Inneren eines Musiksaals hören konnte.
Wie ich bereits erwähnt habe, war die Stellung der Religion schwach und negativ. Unter diesen Umständen festigte Muhammad Abduh nach Sayyid Dschamal ad-Din al-Afghani (1897) dessen Mission. Doch Scheich Muhammad Abduh war auf dem politischen Feld völlig erfolglos. Ebenso fürchtete er sich – im Gegensatz zu seinem Lehrer Dschamal ad-Din al-Afghani – vor Europa. Außer Sayyid Raschid Rida (1933) ging aus seinen Schülern kein einziger kämpferischer Mann hervor. Obwohl Raschid Ridas Wirkungsfeld begrenzt war und er im Konflikt zwischen Türken und Arabern den arabischen Nationalismus unterstützte, verstummte auch die notwendige Stimme nach ihm. Außer Mustafa Sadiq ar-Rafiʿi gab es niemanden, der angesichts dieses Sturms des Materialismus und der Verirrung aus eigener Kraft vorzutreten vermochte.
Die Lage nahm eine derart beklagenswerte Gestalt an, dass nicht nur in Ägypten, sondern in den meisten arabischen Ländern pharaonische und Nimrod’sche Parolen gelehrt zu werden begannen. Die herausragendste Persönlichkeit aus dem Prophetenhaus, Faisal ibn Hussein, sagte:
(*******************Arabisch**********************)
Mit anderen Worten: Arabien war wieder zu dem Arabien vor Muhammad, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, und Musa, Friede sei mit ihm, geworden.
An der Universität Damaskus wurde öffentlich das Begräbnis Gottes veranstaltet. An Hochschulen und Universitäten wurden Islam und Muhammad, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, ungehindert verspottet und verhöhnt. In politischen Versammlungen wurde die Erwähnung des Islams zu einem Anlass, sich zu blamieren. In Parks und Gärten schämten sich gläubige Muslime sogar, das Gebet zu verrichten. Nachdem die Lage einen solchen Tiefpunkt erreicht hatte, erwachte eines Tages das Bewusstsein für die Würde der Wahrheit in seiner ganzen Größe, und Allah ließ durch einen jungen Mann aus Mahmudiya jene Aufgabe erfüllen, die selbst von großen Gelehrten und Scheichs nicht hätte bewältigt werden können. Dieser Mann war Imam Hasan al-Banna, der Gründer der Muslimbruderschaft.
Hasan al-Banna: Persönlichkeit und Wesen
Im Jahr 1906 wurde Hasan al-Banna in Mahmudiya in eine islamische Familie hineingeboren. Sein Vater, Scheich Ahmad Abd ar-Rahman al-Banna, war zwar von Beruf Uhrmacher, doch zugleich ein bedeutender Gelehrter. Er besaß umfassende Kenntnisse in Hadith und Fiqh und war außerdem ein Hafiz des Korans. [Scheich Ahmad Abd ar-Rahman al-Banna verfasste zahlreiche Werke mit Erläuterungen zu den Hadithen. Viele alte Werke überarbeitete und korrigierte er aus einer neuen Perspektive und veröffentlichte sie. Den Musnad von Imam Ahmad ibn Hanbal, Allah habe Wohlgefallen an ihm, bearbeitete er nach den Kapiteln des Fiqh. Zu jedem Hadith gab er dessen Quelle, die Überlieferer und die Überlieferungskette an und verfasste erläuternde Fußnoten. Der Titel dieses Werkes lautet Al-Fath ar-Rabbani fi Tartib Musnad al-Imam Ahmad asch-Schaibani, und der Titel seines Kommentars lautet Bulugh al-Amadi min Asrar al-Fath ar-Rabbani. Ebenso verfasste er unter dem Titel Manhat al-Ma’bud ein systematisch geordnetes und erläuterndes Werk zum Musnad von Abu Dawud at-Tayalisi. Den Musnad von Imam asch-Schafi’i, Allah habe Wohlgefallen an ihm, sowie die Sunan Bada’i al-Musnad machte er durch Sammlung und Bearbeitung aus einer neuen Perspektive leicht verständlich. Eine wissenschaftliche Arbeit vollendete Abd ar-Rahman al-Banna vollständig in persönlicher und alleiniger Anstrengung. Er verstarb im Jahr 1960.]
Abd ar-Rahman al-Banna ließ seinen begabten Sohn bereits in seiner Kindheit den Koran auswendig lernen und weckte in ihm das Interesse am Studium der religiösen Wissenschaften. Neben dem häuslichen Unterricht besuchte Hasan al-Banna die in Ismailia betriebene Ad-Diniyya-Schule. Obwohl diese Schule unter staatlicher Aufsicht stand, wurde auf religiöse Bildung und Erziehung besonderer Wert gelegt. Im Alter von vierzehn Jahren (1920) besuchte Hasan al-Banna die Lehrerausbildungsanstalt in Manhur und führte im Gegensatz zu seinen Mitschülern ein äußerst gewissenhaftes islamisches Leben. Danach wurde ihm die Aufgabe übertragen, an einem Bildungszentrum zu unterrichten. Doch zum Zweck eines höheren Studiums ging er nach Kairo und schrieb sich in Dar al-Ulum ein, der heutigen Universität Kairo. Damals wurde Dar al-Ulum als das „kleine al-Azhar“ bezeichnet. Neben modernen Natur- und Geisteswissenschaften, Psychologie, Philosophie, Logik, Politikwissenschaft, Sozialwissenschaften und Mathematik widmete er der Sprachwissenschaft besondere Aufmerksamkeit. Seine Methode des Lernens war außergewöhnlich. 1927 erwarb Hasan al-Banna an Dar al-Ulum seinen Hochschulabschluss. Anschließend wurde er vom Bildungsministerium als Lehrer an der Amiriya-Madrasa in Ismailia, einer staatlichen Schule, angestellt und trat dort seinen Dienst an. Er war damals einundzwanzig Jahre alt. 1933 wurde er von Ismailia nach Kairo versetzt. Seitdem lebte er in Kairo. 1946 quittierte er den Dienst im Bildungsministerium und widmete sich mit voller Konzentration der Ausweitung der Da’wa und dem Aufbau einer Organisation.
Hasan al-Banna war ein größerer Da’i als ein Gelehrter. Das familiäre Umfeld und seine Bildung halfen ihm, sich genau so zu entwickeln, dass Allah durch ihn den Dienst vollziehen konnte, den Er von ihm annehmen wollte. Neben der Ausbildung an al-Azhar erwies sich auch das Bildungssystem von Dar al-Ulum als besonders hilfreich dabei, seine Eigenschaften als Da’i zum Leuchten zu bringen. Das verdorbene Umfeld, der Sturm des Atheismus und die erfolglosen Bemühungen der Gelehrten von al-Azhar lösten in ihm Wellen starker Unruhe und Sorge aus. Allah hatte ihm eine äußerst kraftvolle und furchtlose Persönlichkeit verliehen, die selbst in schweren Zeiten ihre Ruhe bewahrte. Er war nicht nur auf dem Gebiet der politischen und sozialen Klugheit außerordentlich begabt. Vielmehr besaß er alle vollendeten Eigenschaften und Fähigkeiten eines Da’i. Obwohl er seinen Weg allein begann, machte er als Lebensquelle einer Nation den blatt- und blütenlosen Garten des Islams innerhalb kurzer Zeit fruchtbar und grün. Anstatt diesen Garten durch Bewässerung fruchtbar zu machen, belebte er die Sunna der Bewässerung mit Blut. Darüber hinaus gründete er mit Menschen, die eine reine und lautere Wesensart liebten, eine Jama’a, die sich mit voller Kraft auf dem von ihm vorgeschlagenen Weg des Eifers bewegte.
Die Inspiration zu Da’wa und Reform sowie zu Dschihad und Wohltätigkeit, mit der Allah Hasan al-Banna gesegnet hatte, zeigte sich in jedem Bereich seines Lebens. Im März 1928 wurde in Ismailia unter dem Namen Muslimbruderschaft planmäßig die Struktur einer Organisation errichtet. Doch bereits zuvor hatte das Leben Hasan al-Bannas bewiesen, dass diese Persönlichkeit nicht nur in Ägypten, sondern in der gesamten arabischen Welt Einfluss ausübte.
Beziehung zur islamischen Da’wa
Als Hasan al-Banna Schüler der Ar-Raschadud-Diniyya war, sah er eines Tages, als er am Fluss von Mahmudiyya vorbeikam, am Ufer ein Segelboot liegen, an dem eine nackte Holzstatue aufgehängt war. Dieser Anblick erfüllte Hasan al-Banna mit großer Empörung. Sofort ging er zur örtlichen Polizeiwache und erstattete dem Polizeibeamten Anzeige gegen die Statue. Der Polizeibeamte war von dem Glaubenseifer des jugendlichen Schülers beeindruckt und ging unverzüglich zum Bootsführer; dort ließ er die nackte Statue vom Mast abnehmen. Zu jener Zeit gründeten die Schüler der Madrasa Ar-Raschadud-Diniyya eine Vereinigung namens Dschamʿiyyat al-Achlaq wa-l-Adabiyya, und Hasan al-Banna wurde zu ihrem Vorsitzenden gewählt. Doch wie konnte diese Vereinigung die hohen Ziele dieses jungen Daʿi erfüllen? Er gründete außerhalb dieser Madrasa noch eine weitere Vereinigung. Sie trug den Namen Dschamʿiyyat Manʿ al-Muharramat (Vereinigung zur Bekämpfung des Unrechts). Diese Vereinigung lehrte die Menschen durch Briefe, Gutes zu tun. Wenn sie über jemanden erfuhr, dass er verbotenen oder ungerechten Handlungen nachging oder eine Pflicht vernachlässigte, wurde ihm im Namen der Vereinigung anonym ein Brief zugesandt, der ihn vor Allah und dem Jenseits warnte.
Als Hasan al-Banna an der Lehrerausbildungsschule in Damanhur eintraf, lernte er den Scheich der Tariqa Hisafiyya kennen. Die Anhänger der Tariqa Hisafiyya hielten nach dem Nachtgebet eine Dhikr-Versammlung ab. Hasan al-Banna wurde von dieser geistlichen Versammlung beeinflusst, und dadurch wurde sein Eifer für das Gebieten des Rechten und das Verwehren des Verwerflichen weiter gestärkt. So traf die Vorsehung besondere Vorkehrungen für seine geistliche Ausbildung. Obwohl die Tariqa Hisafiyya ein Sufi-Orden war, nahm Hasan al-Banna aus diesem Weg lediglich geistige Nahrung auf. Denn seiner Ansicht nach durfte der Aufruf zur Religion nicht auf eine bestimmte Methode beschränkt bleiben, sondern musste umfassend und weitreichend sein. Dieser Aufruf musste zur Grundlage des Wissenserwerbs, der Ausbildung und des Dschihad gemacht werden. Zu jener Zeit vertiefte sich auch seine Bekanntschaft mit einem anderen Sufi-Kaufmann. Dieser Mann nahm die Schüler der Schule einmal alle zehn Tage zum Besuch von Gräbern mit und erzählte ihnen dort die Lebensgeschichten rechtschaffener Menschen. Dadurch wurden ihre Herzen erweicht und ihre Augen mit Tränen gefüllt. In ihnen wallten Eifer und Inspiration zur Gehorsamkeit gegenüber Allah und dem Gesandten auf. Hasan al-Bannas Beziehung zu den Hisafi-Brüdern wurde allmählich enger. Hasan al-Banna versammelte sie und gründete eine Zusammenkunft. Sie erhielt den Namen Dschamʿiyyat Hisafiyya Chairiyya (Vereinigung zur Unterstützung der Hisafi-Brüder). Hasan al-Banna wurde zum Sekretär dieser Vereinigung gewählt. Sie hatte zwei Ziele: Erstens den Aufruf zur Entwicklung eines vorbildlichen moralischen Charakters und die Schaffung von Widerstand gegen verbotene und verwerfliche Handlungen. Zweitens den Widerstand gegen christliche Missionare, die unter dem Deckmantel medizinischer Versorgung, Ausbildung für die Entwicklung und von Waisenhäusern das Christentum verbreiteten. Hasan al-Banna war damals erst vierzehn Jahre alt.
Erste Bemühungen in Kairo
Nach seiner Aufnahme in die Dar al-Ulum von Kairo wurde er einerseits durch die äußeren Umstände und andererseits durch seine inneren Empfindungen beunruhigt. Daraufhin trat er als Mitglied der Dschamʿiyyat Makārim al-Achlāq bei, die im damaligen katastrophalen Umfeld Kairos die einzige reformerische Vereinigung war. An den Versammlungen dieser Vereinigung nahm er diszipliniert teil. Doch Kairo beschritt den Weg in die Irre und versank immer schneller in moralischem Verfall und Verwestlichung. Nach Hasan al-Bannas Ansicht konnte dem nur durch Predigten in den Moscheen nicht ausreichend begegnet werden. Er dachte: Gerade derjenige, der nicht in die Moschee kommt, braucht Predigt und Ermahnung am dringendsten. In ihm musste der Gedanke an eine religiöse und moralische Reform geweckt werden. Zu diesem Zweck gründete Hasan al-Banna aus Schülern der Dar al-Ulum und der al-Azhar eine Gruppe und weckte in ihnen das Interesse, in Kaffeehäusern und bei öffentlichen Versammlungen Unterricht und Predigten zu halten. Als Mitglied dieser Gruppe ging Hasan al-Banna selbst in Kaffeehäuser und erteilte Unterricht in Koran und Hadith; wegen Glücksspiels, der Abhängigkeit von verschiedenen Getränken und des müßigen Geschwätzes wurden jedoch seitens der Scheiche wiederholt Spott und Verleumdungen vorgebracht. Dennoch überschritt diese Arbeit erfolgreich die Städte und Häfen und wurde auch in den Dörfern aufgenommen. Aus den Reihen dieser Gruppe wurde ein Komitee gebildet, das die Aufgabe der Beaufsichtigung der Verbreitung und Förderung des islamischen Aufrufs übernahm. Während der Sommerferien wurde diese Gruppe ungewöhnlich aktiv. Städte und Dörfer wurden zu ihren Arbeitsfeldern. Hasan al-Banna und seine Gefährten gewannen aus dieser Methode des Aufrufs zwei Dinge: Selbstständigkeit und Übung darin, vor der Bevölkerung zu sprechen.
Doch nach der endgültigen Revolution, als in Ägypten eine Welle des Atheismus einsetzte und jeder hingebungsvolle Jugendliche davon angezogen wurde, blieb dieses begrenzte und schwache Klagen wirkungslos. Unter dem Deckmantel von Freiheit und Demokratie wurden Zeitungen und Zeitschriften sowie literarische Werke und Bücher eingeführt, deren einziges Ziel es war, das religiöse Bewusstsein zu schwächen und die Achtung vor der Religion und die Liebe zu ihr aus den Herzen der Menschen auszurotten. So sollte das Land entsprechend den Forderungen der Freiheitskämpfer tatsächlich von Gedanken- und Handlungsfreiheit erfüllt werden. Nach Hasan al-Bannas Ansicht verlangte die Lage nach einer großen und umfassenden Tat. Daher forderte er die Gelehrten und Scheiche auf, dieser Aufgabe Aufmerksamkeit zu schenken, und ermutigte sie, sich gemeinsam und auf organisierter Grundlage auf dem Feld einzusetzen. Er traf Sayyid Raschid Rida, den Herausgeber der Zeitschrift al-Manar, und knüpfte eine Beziehung zu Muhibb ad-Din al-Chatib, dem Eigentümer von al-Maktab as-Salafiyya. Dem angesehenen Religionsgelehrten der al-Azhar, Scheich Udschwari, schilderte er seinen inneren Schmerz und seine Unruhe. Scheich Muhammad Chadschar Husain beklagte sich vor dem Scheich der al-Azhar über die Lage. Mit Fardi Udschdi führte er einen Gedankenaustausch; er war damals einer der bedeutendsten Gelehrten Ägyptens. Hasan al-Banna traf jeden von ihnen und forderte sie auf, sich mit enger und aufrichtiger Hingabe für den Islam einzusetzen. Aufgrund seiner Aktivitäten entstand in diesem Kreis eine umfassende Bewegung; zunächst wurde die Wochenzeitschrift al-Fath veröffentlicht und später die Dschamʿiyyat asch-Schubban al-Muslimin gegründet. Al-Fath erhob unter der Leitung von Muhibb ad-Din al-Chatib den Ruf des Dschihad im Tempel des atheistischen Denkens, und die Dschamʿiyyat asch-Schubban al-Muslimin erklärte unter der Führung von Dr. Abd al-Hamid Sa’id ihre feste Entschlossenheit, die junge Generation aus der Irre zu retten. Hasan al-Banna trat der Dschamʿiyyat asch-Schubban al-Muslimin nicht nur bei, sondern gilt auch als einer ihrer Gründer. Damals war Hasan al-Banna Schüler im letzten Jahr der Dar al-Ulum. Das Thema, das ihm vonseiten der Dar al-Ulum für seine Abschlussarbeit vorgegeben wurde, lautete: Was möchte er nach Abschluss seiner Ausbildung tun, und welche Vorkehrungen wird er dafür treffen? Hasan al-Banna schrieb als Antwort:
Ich möchte ein Da’i und Ausbilder sein. Tagsüber werde ich den größten Teil des Jahres die neue Generation Ägyptens ausbilden und nachts sowie an den Feiertagen versuchen, ihren Eltern den Zweck der Religion zu erläutern. Ich werde ihnen zeigen, wo die Quelle von Frieden und Glück liegt und wie man Freude und Zufriedenheit im Leben erlangt. Zu diesem Zweck werde ich nur Wege einschlagen, die meine Möglichkeiten nicht übersteigen: durch Vorträge, Diskussionen und persönliche Gespräche, durch das Verfassen von Büchern und Broschüren sowie durch das Umherziehen auf Straßen und in abgelegenen Gegenden. Kurz gesagt, ich werde jedes ansprechende Mittel zu Hilfe nehmen.
Das ist der Eifer jenes jungen Mannes, der im tiefen Meer nicht nur den festen Wunsch hegte, seine eigene Kleidung zu retten, sondern zugleich auch daran dachte, die Kleidung anderer zu bewahren.
Aufenthalt in Ismailia und Gründung der Organisation
1927 erwarb Hasanul Banna das Diplom von Dar al-Ulum. Danach wurde er als Lehrer an der Amiriya-Madrasa in Ismailia angestellt. Ismailia war ein Stützpunkt der Engländer, und der Suezkanal befand sich in der Hand der englischen Streitkräfte. Die Suezkanalgesellschaft, auf der die Konzessionen Englands und Frankreichs beruhten, hatte den wirtschaftlichen Lebensstrom Ägyptens unter ihre Kontrolle gebracht. Die Muslime waren in religiöse Gruppen gespalten. Unzufrieden mit den religiösen Auseinandersetzungen und Streitigkeiten wandte sich die Bevölkerung statt den Moscheen den Schankwirtschaften zu. Unter diesen Umständen wählte Hasanul Banna drei Kaffeehäuser in Ismailia aus und belebte die Menschen durch Vorträge und Gespräche. Zugleich weckte er in ihnen das Verantwortungsbewusstsein für die Verwirklichung der Religion.
Im März 1928 versammelte sich eine Gruppe angesehener und bewusster Männer aus Ismailia im Haus Hasanul Banna. Die sechs Mitglieder dieser Gruppe hießen: Hafiz Abd al-Hamid, Ahmad al-Hasri, Fuad Ibrahim, Abd ar-Rahman Hasabullah, Ismail Izz und Zaki al-Maghribi. Diese Männer waren mit dem festen Entschluss gekommen, tätig zu werden. Nach Gesprächen und gegenseitigem Meinungsaustausch übertrugen sie Hasanul Banna die Verantwortung für die Betreuung, Führung und Anleitung der Arbeit. Außerdem leisteten sie den Treueschwur, jedes mögliche Opfer und jede mögliche Aufopferung zum Schutz der Muslime auf sich zu nehmen. Als die Frage aufkam, welchen Namen diese kleine Organisation tragen solle, sagte Hasanul Banna sofort: „Wir alle sind Ikhwanul Muslimun (muslimische Brüder).“ Dieser Name kam ihm einfach über die Lippen. Von da an wurde die Organisation unter dem Namen Ikhwanul Muslimun bekannt.
Nach der Gründung der Organisation blieb Hasanul Banna fünf Jahre lang in Ismailia. Danach zog er 1933 nach Kairo um. Während dieser fünf Jahre war die Organisation in Ismailia äußerst still und vorsichtig tätig. Die Moschee war ihr Hauptzentrum, und „Das ganze Leben mit der Farbe des Islam zu färben“ war ihre Mission.
Neben Ismailia zogen Hasanul Banna und seine Gefährten auch aus, um die Da’wa unter den Bewohnern der umliegenden Gebiete zu verbreiten. An den wöchentlichen Ruhetagen galten die nahe gelegenen Orte als ihr Ziel. In den jährlichen Ferien breiteten sie sich zudem in weit entfernten Regionen aus. Unterricht, Ausbildung sowie Gespräche und Vorträge waren die Mittel zur Verbreitung der Da’wa. Einige Scheichs und neidische Personen machten Hasanul Banna zum Ziel von Schmähungen und Kritik. Doch trotz dieser widrigen Umstände setzte sich diese stille Flut fort. Die Mitglieder der Organisation hielten bei öffentlichen Versammlungen Unterricht ab. Tawhid und das Jenseits waren ihre Themen. Ausgehend von kontroversen Fragen wurde die allgemeine Lage des Landes untersucht. Die Menschen wurden für innere und äußere Übel sensibilisiert. Die meisten, die auf ihre Da’wa reagierten, gehörten zur arbeitenden Bevölkerung. In den Worten Hasanul Banna gibt es kein Dorf und kein Viertel, das die Mitarbeiter der Organisation nicht erreicht hätten. Sie verbreiteten die Da’wa von Moschee zu Moschee, von Haus zu Haus und indem sie Raststätten aufsuchten.
Das Ergebnis dieser fünfjährigen Arbeit war, dass innerhalb von zwei Jahren in Abu Subair, Port Said und Bilahus Zweigstellen errichtet wurden. Im dritten Jahr wurde auch in Suez eine starke Zweigstelle gegründet. Im vierten Jahr wurden zehn Zweigstellen eingerichtet. In Ismailia wurde eine Schule für Mädchen eröffnet.
Durch die Verlegung von Imam Hasan al-Bannas nach Kairo trat die Daʿwa-Tätigkeit in eine neue Phase ein. Bis dahin war sie ein erster Versuch gewesen. Danach wurde sie zum Rang einer größeren Organisation im Land erhoben. Mit anderen Worten: In Kairo nahm die Ikhwan al-Muslimun als Bewegung die Gestalt einer vollständigen Bewegung an.
Die verschiedenen Phasen
Die erste Phase erstreckte sich von 1933 bis 1939. In dieser Phase trat die Bewegung in vollständiger Gestalt hervor. Die zweite Phase dauerte von 1939 bis 1945. In dieser Phase betrat diese Daʿwa offen die politische Arena. Als geschlossene Kraft wurde sie in den Augen der Regierung zu einer Ursache von Problemen. Daher zogen Prüfungswolken über ihr Haupt. Die dritte Phase umfasst die neun Jahre von 1945 bis Juli 1954. In dieser Phase breitete sich die Bewegung der Ikhwan einerseits in jeden Winkel Ägyptens aus. Andererseits wurde gegen sie eine äußerst harte Unterdrückungspolitik verhängt. In dieser Phase ereignete sich auch das Märtyrertum von Imam Hasan al-Banna. Professor Hasan al-Hudaibi wurde zum neuen Murshid ʿAmm der Bewegung gewählt. Danach ereignete sich im Land die Militärrevolution. Schließlich endete diese Phase damit, dass die revolutionäre Regierung die Ikhwan für illegal erklärte und ihre Anführer zum Tode verurteilte. Eine kurze Darstellung der Aktivitäten dieser drei Phasen lautet wie folgt:
Erste Phase: 1933 – 1939 n. Chr.
Stille Reform
In den ersten Jahren in Kairo wurde diese Daʿwa ebenso still und unauffällig wie zuvor fortgeführt. In den Moscheen wurden Vorträge gehalten und Gespräche geführt, Unterstützer und Helfer organisiert, verschiedene Zweigstellen gegründet sowie Reisen in Städte und Dörfer unternommen. Ein Jahr später (1934) erklärte Imam Hasan al-Banna in einem Bericht über die jährlichen Aktivitäten: Die Daʿwa und die Ziele der Ikhwan haben sich auf mehr als fünfzig Städte und Dörfer Ägyptens ausgedehnt. An jedem dieser Orte wurde irgendein Wohltätigkeitsprojekt durchgeführt. So errichteten die Ikhwan in Ismailia eine Moschee und gründeten einen Verein. Für die Ausbildung der Jungen wurde eine Schule namens Hira und für die Mädchen eine Schule namens Umm al-Muʾminin eröffnet. In Shubra Khit wurden eine Moschee und ein Verein, eine Schule für Kinder sowie eine technische Lehranstalt gegründet. Jungen, die ihre Schulbildung nicht abschließen, sollen dort aufgenommen werden. Ebenso wurde in Mahmoudia eine Fabrik zur Herstellung von Textilien und Teppichen eröffnet. Daneben wurden Schulen für das Auswendiglernen und Lesen des Heiligen Koran gegründet. Auch in Kahlia wurden Madrasas für das Auswendiglernen und die Lesung eingerichtet. Kurz gesagt: Jeder Zweig von Awfu bis Alexandria hat irgendein Wohltätigkeitsprojekt ins Leben gerufen.
Beiträge im Bildungsbereich und Reformforderungen an die Regierung
Der Charakter der Daʿwa selbst sowie die immer neuen Probleme des Landes erweiterten den Wirkungskreis der Bewegung. Auch kulturelle und politische Themen wurden in ihre Zielsetzungen aufgenommen. Im kulturellen Bereich fanden die von den Ikhwan eingeführten Bildungs- und Ausbildungsprogramme nicht nur in der Bevölkerung Anerkennung, sondern zogen auch die Regierung auf staatlicher Ebene zwangsläufig an. Premierminister Muhammad Mahmud Pascha riet den Ikhwan, auch in jenen Gegenden Schulen zu eröffnen, in denen es keine staatlichen Schulen gab. Hasan al-Banna lenkte seine Aufmerksamkeit in einem ausführlichen Brief darauf.:
Die Moral in der ägyptischen Gesellschaft steht vor dem Untergang. Moralische Größe, Schönheit und Würde sind auf traurige Weise völlig zerschlagen worden. Von allen Seiten wird versucht, ihre Grundlagen zu schwächen. Die Jugend, ja, fast jeder Einzelne und jede Familie, ist zum Ziel der Zerstörung geworden und dringend reformbedürftig. Für die Reform müssen zudem verschiedene Maßnahmen ergriffen werden. Der grundlegende und wesentliche Weg besteht darin, das Bildungssystem zu verbessern, die staatlichen Strukturen notwendigerweise zu verändern, den Jugendlichen gute Möglichkeiten und Bereiche zu schaffen, in denen sie ihre Freizeit sinnvoll nutzen können, und das Unrecht mit harter Hand zu bekämpfen.
Von der Zeit Mahmud Paschas bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs schrieb Imam Hasan al-Banna im Namen der Gruppe an alle Minister, deren Kabinette im Land gebildet wurden. In diesen Briefen wurden Vorschläge für innere Reformen unterbreitet. Es wurde empfohlen, die Lage des Landes in sozialer, wirtschaftlicher und kultureller Hinsicht zu verbessern. Außerdem wurde die Einführung der islamischen Scharia gefordert. In dem Brief, den er an Mahmud Pascha schrieb, schilderte er ausführlich die Lage der ägyptischen Nation und erwähnte auch, dass Ägypten in den Bereichen Unwissenheit, Armut, Krankheit, moralischer Niedergang und Bildung rückständig war. In dem auf seinen Veranlassung an den Premierminister gerichteten aufklärenden Brief schrieb er:
Die Abhilfe und Lösung für all dies finden sich in den Lehren des Buches Allahs. Sollte als Entschuldigung vorgebracht werden, dass die Engländer im Land herrschen, so wäre dies eine völlig haltlose Entschuldigung. Die Engländer haben mit unseren inneren Angelegenheiten nichts zu tun. Und sollte angeführt werden, dass hier Millionen Ausländer leben, so wird sich auch dies als belanglos erweisen. Wir können sie durch Gespräche überzeugen. Sie werden selbst erkennen, wie die Vorschriften und Lehren des Islam ihre Rechte schützen und die Sicherheit ihres Lebens und ihres Besitzes gewährleisten. Das werden wir auch den Nichtmuslimen sagen. Sie sollten unsere Geschichte studieren und sehen, wie wir ihnen gegenüber Gerechtigkeit und Fairness wahren. Das eigentliche Problem ist die ägyptische Führung selbst. Sie ist mit dem Aufruf und dem Geist des Islam nicht vertraut. Notwendig ist, dass sie selbst zu den Glaubensüberzeugungen des Islam und zur Scharia zurückkehrt. Die Krankheit des Atheismus ist aus der Türkei nach Ägypten gekommen. Deshalb raten wir der Regierung von Muhammad Mahmud Pascha, ihr das Wort des Islam entgegenzusetzen, es hochzuhalten und es zu ihrer eigenen Richtschnur zu machen.
Aufruf an die Führer der muslimischen Welt !
Der wichtigste Brief der Muslimbruderschaft war jener, den sie 1936 an den ägyptischen Präsidenten Farouk, den Ministerpräsidenten Mustafa Nahas Pascha sowie an die Führer der arabischen und muslimischen Länder schrieb. Der Titel dieses Briefes lautete „Der Ruf des Lichts“. Der Brief liegt noch heute in Form einer kleinen, fünfunddreißig Seiten umfassenden Broschüre vor. Gemeinsam beleuchteten sie darin zunächst, in äußerst knapper, zugleich sprachlich meisterhafter Form, die grundlegenden und elementaren Vorstellungen des Islam sowie die islamische Zivilisation. Außerdem stellten sie unmissverständlich fest, dass es trotz der Existenz einer solchen überlegenen Lebensanschauung äußerst schädlich sei, die westliche Lebensweise sowie das westliche Kultur- und Gesellschaftssystem zu übernehmen. Nach dieser einleitenden Erörterung wurde eine vergleichende Betrachtung der islamischen und der westlichen Lebensanschauung dargelegt. Die Merkmale beider Systeme wurden beschrieben. Daraus wurde die Schlussfolgerung gezogen, dass der Islam in jedem Bereich – sei es militärische Verwaltung, Bildung und Gesundheitswesen, wirtschaftliche und soziale Reformen oder staatliche Gesetze und Regelungen – die Entwicklung der muslimischen Umma und die Gewährleistung eines friedlichen Umfelds sicherstellt. Abschließend wurden Reformvorschläge zu fünfzig Themen vorgelegt. Zehn davon betrafen politische, justizielle und staatspolitische Fragen, dreißig soziale und erzieherische Angelegenheiten und zehn wirtschaftliche Fragen. Tatsächlich wurden diese Vorschläge unter größtem Einsatz und mit viel Mühe ausgearbeitet. Schon ein einziger Blick auf sie zeigt, dass ihre Verfasser nicht nur über Bücherwissen verfügten, sondern auch praktische Erfahrung besaßen und unmittelbar mit den Problemen des Landes vertraut waren. Obwohl seit ihrer Abfassung dreißig Jahre vergangen sein mögen, werden die Vorschläge noch heute gleichermaßen nützlich und frisch erscheinen. Die Schlussworte des Briefes lauteten wie folgt:
Wir sind bereit, all unsere Arbeit, unsere Fähigkeiten und unsere Mittel für jede Regierung einzusetzen, die fest entschlossen ist, sich der Entwicklung und dem Wohl der muslimischen Umma zu widmen. Auf jeden ihrer Rufe werden wir spontan antworten, und wir werden zu jedem Opfer und jeder Aufopferung bereit sein.
1938 wurde ein Brief an den Präsidenten Ägyptens geschrieben. Darin wurde die Beschwerde vorgebracht, dass die politischen Parteien im Land Unordnung und Chaos geschaffen hatten. Auch an Amir Umar Tusun und Amir Muhammad Ali Tawfiq wurde in derselben Angelegenheit ein Brief geschrieben.
Die Muslimbruderschaft war der Ansicht, dass die damaligen politischen Parteien selbsternannt und nicht repräsentativ waren. Nun sei die goldene Zeit gekommen, in der sich alle patriotischen Menschen auf dem richtigen islamischen Ziel vereinen und es mit aller Kraft und aufrichtigem Einsatz verwirklichen sollten. 1938 wurde auch dem Justizminister Ahmad Khasaba Pascha ein ausführliches Memorandum überreicht. Darin wurde dem Justizminister die Forderung vorgelegt, dass man fünfzig Jahre lang nichtislamische Gesetze und Vorschriften geprüft habe, diese sich jedoch als völlig erfolglos erwiesen hätten. Nun solle die islamische Scharia auf die Probe gestellt werden. In diesem Brief wurden auch anerkannte Zeugnisse von westlichen Menschen selbst für die Tauglichkeit und Überlegenheit des islamischen Rechts vorgelegt.
Als Mustafa an-Nahhas Pascha 1938 das Amt des Ministerpräsidenten übernahm, überreichte ihm die Muslimbruderschaft ebenfalls eine Denkschrift. Darin wurde von ihm gefordert, dass die Außenpolitik Ägyptens auf dem Grundsatz der Freundschaft mit den islamischen Ländern gefestigt werden und die Errichtung islamischer Einheit zum Ziel haben solle. 1939 wurde Nahhas Pascha ein weiterer Brief geschrieben, in dem ihm nahegelegt wurde, dass das Leben der Mitglieder der von Nahhas Pascha geführten Wafd-Partei vom wahren Ideal des Islam beseelt sein solle. Außerdem solle die Wafd-Partei ihre Ziele und Bestrebungen im Licht islamischer Grundsätze gestalten. Diese Erklärung enthielt Vorschläge zur Reform der Grundsätze der Gesetzgebung, zur Beseitigung des Unterschieds zwischen den bestehenden und den Scharia-Gerichten sowie zur Einführung der islamischen Scharia an allen Gerichten. Darüber hinaus wurde ein Plan zur Reform des Bildungswesens vorgelegt. Er umfasste Vorschläge zur militärischen Ausbildung jedes gesunden Bürgers, zur Bekämpfung des Unrechts, zur Änderung der Wirtschaftspolitik, zur Eindämmung der Neigung zur Nachahmung Europas und zur Korrektur des Verfalls staatlicher Sitten und Regeln. Der zentrale Inhalt all dieser Briefe war die Errichtung einer islamischen Gesellschaft und einer islamischen Regierung in Ägypten. In den arabischen Ländern waren diese Briefe eine große Hilfe dabei, die Gefühle islamisch gesinnter Menschen zu wecken.
Die Muslimbruderschaft beschränkte sich nicht darauf, lediglich Briefe zu schreiben. Vielmehr nutzte sie alle besten verfügbaren Wege und Mittel, um die ägyptische Herrschergruppe zu beraten und zu überzeugen. 1963 traf Hasan al-Banna mit Nahhas Pascha zusammen. Zu jener Zeit war Nasim Pascha Ministerpräsident. Die Muslimbruderschaft hatte von der Regierung Nasim Paschas die Einführung religiöser Bildung unter den ägyptischen Lehrern gefordert. Hasan al-Banna informierte auch Nahhas Pascha ausführlich über diese Forderung und erhielt wegen dessen Stellung als bedeutender Politiker des Landes dessen Unterstützung für diese Forderung. Nahhas Pascha war von Hasan al-Banna so stark beeindruckt, dass er nach eigener Aussage Hasan al-Banna, also eben diesen Hasan al-Banna, als einen führenden Berater der Wafd-Partei betrachtete.
Die grundsätzliche Position der Muslimbruderschaft gegenüber nichtmuslimischen Staaten
Im Zuge der Bemühungen der Muslimbruderschaft, den Staat auf den richtigen Weg zu führen, muss man wissen, dass sie keine der Regierungen, die inzwischen nacheinander in Ägypten an die Macht kamen – ob sie nun der Destur-Partei, der Wafd-Partei oder der Azad-Partei angehörten –, unterstützt hat, sondern sich stets von ihnen fernhielt. Das Ziel dieser Haltung der Muslimbruderschaft war folgendes:
„Von einer Regierung, die unmittelbar auf nichtislamischen Grundsätzen beruht, kann niemals irgendein Wohl erwartet werden. Sie ist keinerlei Unterstützung oder Förderung würdig.“
Obwohl die herrschende Gruppe muslimisch ist und den Islam nicht offen leugnet, fordert die Muslimbruderschaft von jeder Regierung Reformen und Verbesserungen und appelliert weiterhin an sie, im Land die umfassenden islamischen Rechtsvorschriften einzuführen. Gleichzeitig befolgt sie diese selbst. Sie hat niemals den Weg des Terrorismus oder der Gewalt beschritten. Vielmehr zeigt sich, dass auch sie, wenn eine Regierung zu irgendeinem Zeitpunkt aufrichtig anerkennt, ihre Forderungen zu erfüllen, nicht zögert, ihr Unterstützung zu gewähren.
Umfassende Da’wa
In dieser Phase bestand die letzte und wichtigste Aktivität darin, dass die Mission der Muslimbrüder als eine weitreichende, umfassende und vollständige Daʿwa hervortrat. 1938 fand in Kairo die fünfte Konferenz statt, auf der Imam Hasan al-Bannā eine lange Rede hielt. Darin legte er die Ziele und das Programm der Muslimbrüder ausführlich und mit vollständiger Erklärung und Analyse dar. Auf die umfassende Ausrichtung seiner Daʿwa hinweisend, sagte er:
Die Muslimbruderschaft ist eine alte Daʿwa. Dies deshalb, weil die Muslimbrüder zur Rückkehr zu den Wurzeln des Islam aufrufen und zu den ursprünglichen Quellen, dem Buch Allahs und der Sunna des Gesandten, einladen. Sie ist eine Tariqa der Sunna, denn die Muslimbrüder bemühen sich, bei allen Bräuchen, Verhaltensweisen und gottesdienstlichen Handlungen der reinen Sunna zu folgen. Sie ist Tasawwuf, denn nach dem Denken der Muslimbrüder liegen die Grundlagen der Frömmigkeit in der Läuterung der Seele, der Reinheit des Herzens, unablässigen guten Taten, der Unabhängigkeit von der Schöpfung, der Liebe zu Allah und der gegenseitigen Unterstützung auf dem Weg des Guten. Sie ist eine politische Partei, weil die Muslimbrüder einerseits von der Regierung Reformen in inneren und äußeren Angelegenheiten fordern und andererseits die Nation zu Eigenständigkeit und Selbstachtung erziehen. Sie ist eine militärische Organisation, weil die Muslimbrüder großen Wert auf körperliche Ausbildung legen und Sportmannschaften bilden. Sie ist ein kultureller Verband, denn die Klubs der Muslimbrüder sind in Wirklichkeit Lehrstätten für Bildung und Kultivierung sowie Einrichtungen zur Erleuchtung von Verstand und Geist. Sie ist ein wirtschaftliches Unternehmen, weil der Islam unter einem besonderen Blickwinkel zur Erwerbung von Vermögen anleitet und die Muslimbrüder gemäß den Lehren des Islam Handels- und Wirtschaftsunternehmen gründen, um die nationale Wirtschaft zu stärken. Sie ist eine Sozialphilosophie, weil die Muslimbrüder sich allen Krankheiten der Gesellschaft zuwenden, über deren Heilung nachdenken und sich dafür einsetzen, die Nation davon zu befreien. (Zusammenfassung)
Der Islam im Hinblick auf die Muslimbrüder Denkweise
In dieser Rede beleuchtete Hasan al-Bannā ausführlich die Ziele, Grundsätze und das Programm seiner Partei, ihre Sichtweise zu den nationalen Problemen sowie ihre Politik gegenüber den übrigen muslimischen Staaten. Diese Rede wurde später als Grundsatzprogramm der Partei angenommen. Daher halte ich es für notwendig, einige wichtige Aspekte der Rede darzustellen.
„Manche Menschen betrachten den Islam als auf äußerliche gottesdienstliche Handlungen beschränkt. Wenn sie diese selbst ausüben oder jemand anderes sie vollzieht, sind sie damit zufrieden. Manche halten den Islam für nichts anderes als edle Sitten und vollkommene Spiritualität. Für sie besteht der Islam darin, sich vollständig von aller Hässlichkeit des materiellen Lebens fernzuhalten. Manche Menschen kommen über wohlklingende Worte über die praktische und kämpferische Seite des Islam nicht hinaus. Andere betrachten den Islam als etwas Ererbtes und Nachzuahmendes; in ihrem Lebenskampf gibt es weder Opfer noch Nutzen. Deshalb mischen sie sich in Fragen des Islam und in Angelegenheiten, die mit ihm zusammenhängen, nicht einmal im Entferntesten ein. Solche Aussagen kann man von Menschen hören, die von der Zivilisation und Kultur der Europäer gefärbt sind. Es gibt noch einige weitere Gruppen gleicher Art, die in Bezug auf den Islam eine eigene besondere Sichtweise vertreten. Wir glauben, dass die Lehren des Islam und seine Bestimmungen sowohl mit dem diesseitigen als auch mit dem weltlichen Leben verbunden sind. Wer meint, die Lehren des Islam seien auf die spirituelle Seite des Lebens oder auf den Bereich persönlicher gottesdienstlicher Handlungen beschränkt und hätten keinen Bezug zu den anderen Lebensbereichen, versinkt in einem schweren Irrtum. Der Islam ist ebenso der Name des Glaubens und der Glaubensüberzeugungen wie der Name des Gottesdienstes. Er ist der Name von Land, Nation, Religion, Staatsordnung, Spiritualität und praktischem Handeln. Der Islam ist einerseits der Koran und andererseits auch das Schwert. Der Koran behandelt all diese Angelegenheiten und erkennt sie als die wesentlichen Inhalte des Islam an.“ (Zusammenfassung)
Als Hasan al-Bannā die besonderen Merkmale der Daʿwa der Muslimbrüder darlegte, erwähnte er, dass sich diese Merkmale unter den zeitgenössischen Parteien nicht finden würden. Einige davon sind:
1. Frei von fiqhbezogenen Meinungsverschiedenheiten
2. Unabhängigkeit von einflussreichen Kreisen
3. Abstand von politischen Parteien
4. Befolgung des Prinzips des schrittweisen Vorgehens bei der Arbeitsweise
5. Wirksame praktische Arbeit ohne Streben nach Öffentlichkeit
6. Rasche Ausbreitung der Daʿwa in Städten und Dörfern
Ziele und Arbeitsweise
Die Ziele und die Arbeitsweise wurden kurz wie folgt beschrieben: Das Ziel und Anliegen der Bemühungen und des Kampfes der Muslimbruderschaft bestehen einzig darin, die neue Generation der Muslime so mit den wahren und korrekten Lehren des Islam vertraut zu machen, dass sie den Islam in allen Lebensbereichen vollständig befolgt. Die Arbeitsweise, die sie zur Erreichung dieses Ziels angenommen haben, lautet zusammengefasst wie folgt:
Die öffentliche Meinung zu verändern und die Träger und Unterstützer der Daʿwa gemäß der islamischen Lehre auszubilden, damit sie eng mit dem Islam verbunden bleiben und durch ihre Befolgung und Nachahmung des Islam anderen zum Vorbild werden können.
Als Hasan al-Banna den Mitarbeitern der Organisation die Eigenschaften und Merkmale eines idealen Daʿi darlegte, sagte er:
Wenn unter euch dreihundert Menschen herangewachsen sind, von denen jeder hinsichtlich der Spiritualität durch die Stärke des Glaubens und der Glaubensüberzeugung gefestigt, auf dem Gebiet des Denkens und Bewusstseins mit dem Schmuck von Wissen sowie Zivilisation und Kultur ausgestattet und körperlich gesund sowie militärisch vollständig ausgebildet ist, dann könnt ihr von mir verlangen, mit euch die gewaltige Weite des Meeres zu durchqueren, im freien Raum des Himmels zu schweben und gegen alle Kräfte des Falschen zu kämpfen. Dann werde ich, inschāʾ Allāh, keinerlei Bedenken haben, diese Aufgabe zu übernehmen.
Der Vorwurf des Terrorismus und des Machtstrebens und seine Erwiderung
Bei der Erwiderung auf einige Einwände und Zweifel der Gegner führt er aus: Eine Gruppe fragt uns: Gehören auch Staat und Macht zu den Tätigkeiten der Muslimbruderschaft? Wie ihr meint, folgt die Muslimbruderschaft in all ihren Schritten und Plänen vollständig den islamischen Grenzen. Da sie an den Islam glaubt, erkennt sie auch den Staat als ebenso notwendig an wie die Verkündung und die Ermahnung. Der dritte Kalif des Islam, Hadhrat ʿUthmān (möge Allah mit ihm zufrieden sein), sagte:
**************Arabisch***************
„Allah verhindert durch das Staatswesen und die Macht all jene Dinge, deren Verhinderung allein durch den Qurʾān nicht möglich ist.“
Der Prophet, ṣallā llāhu ʿalayhi wa-sallam, betrachtete die Macht als eine Säule des Islam; auch in den Fiqh-Werken wird die Macht zu den Glaubensgrundlagen und den Prinzipien gezählt, nicht zu den Zweigen und Einzelaspekten.
Die meisten Menschen fragen, ob die Muslimbruderschaft zur Verwirklichung ihrer Ziele Gewalt einsetzt. Doch die Muslimbruderschaft will nicht einmal über das nachdenken, was man unter einer terroristischen Revolution versteht. Unter keinen Umständen verlässt sie sich auf diese Methode, und sie strebt auch weder danach, deren Vorteile zu nutzen, noch daraus Nutzen zu ziehen. Auf diese Weise erklärt sie jeder Regierung Ägyptens unmissverständlich: Wenn die Lage so bleibt und die Fachleute nicht über eine Methode zu ihrer Behebung nachdenken, wird die unvermeidliche Folge in Gestalt einer extremistischen Revolution zutage treten. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Muslimbruderschaft eine Revolution dieser Art herbeiführen oder ihre Daʿwa ein solches Ergebnis hervorbringen wird. Vielmehr wird sie als Folge des Drucks der Umstände, der Forderungen der Ereignisse und des Rückzugs von der Reform entstehen. (gekürzt)
In dieser Phase gab die Muslimbruderschaft auch mehrere Wochen- und Monatszeitschriften heraus. Die Wochenzeitschriften At-Taʿāruf und asch-Schihāʾ sowie die Monatszeitschrift al-Manār erschienen in dieser Zeit. Wenig später begann man, neben der islamischen Presse von ägyptischem Boden aus auch Daʿwa-Teams ins Ausland zu entsenden und Verbindungen zu anderen arabischen Ländern aufzubauen. Danach wurden in diesen Ländern auf der Grundlage der vorhandenen Möglichkeiten und der gegenseitigen Beziehungen Zweigstellen der Muslimbruderschaft gegründet, die den Status dauerhafter Zentren erlangten.
In der zweiten Phase (1939 – – 1945)
Der Beginn der Prüfung
Diese Phase erstreckte sich über sechs Jahre. In diesen Jahren war die Welt vom Pulver des Weltkriegs bedeckt. In dieser Zeit wurde die Bewegung der Muslimbruderschaft zum Opfer äußerster Unterdrückung und Verfolgung. Zuvor war diese Bewegung als reformerisches und religiöses Bestreben betrachtet und ignoriert worden. Doch als ihre Daʿwa begann, jeden Lebensbereich selbst zum Gegenstand der Erörterung zu machen, und sie neben einer geistigen und gesellschaftlichen Revolution auch politische und verwaltungsmäßige Reformen forderte, erschienen Sorgenfalten auf der Stirn der herrschenden Gruppe. Trotz unzähliger Feuerproben erzielte die Bewegung auf ihren beiden Wegen in dieser Phase ungewöhnliche Fortschritte.
Der Grund für ihren weiteren Fortschritt und Aufstieg in der folgenden Phase war, dass Universitätsdozenten und Studenten durch die von den Bemühungen, dem Kampf und der aufbauenden Arbeit der Muslimbruderschaft ausgehenden Inspiration beeinflusst wurden und an ihren Versammlungen teilnahmen. Insbesondere begannen auch Menschen verschiedener Berufe, die mit der Fuad-al-Awwal- und der al-Azhar-Universität verbunden waren, scharenweise beizutreten. Geschäftsleute, Industrielle, Ingenieure, Ärzte, Lehrer, Rechtsanwälte – kurz gesagt, Menschen aus den verschiedensten Schichten – schlossen sich ihr an. Einerseits wurden die wirtschaftlichen Aktivitäten der Organisation immer umfangreicher, andererseits wurden auch in den Bereichen Bildung, Kultur und körperliche Ausbildung verschiedene Fortschritte erzielt. In den entlegensten Regionen des Landes wurden Zweigstellen gegründet und unter ihnen eine geordnete Planung eingeführt. Mit einem Wort: Diese Organisation trat im Land als eine starke Organisation hervor und wurde den Gegnern zunehmend ein Dorn im Auge.
Es war die Zeit des Weltkriegs. Die örtlichen Regierungen begannen, aus eigenem Antrieb und auf Weisung der imperialistischen Mächte den politischen Parteien zu folgen; im Land wurden chaotische Gesetze und Vorschriften eingeführt, und der Konflikt zwischen Regierung und Parteien begann. In dieser Phase wurden im Land nacheinander acht Kabinette gebildet: die Kabinette von ʿAlī Māhir, Husain Sabrī, Husain Sirrī, Mustafa an-Nahhas, Ahmad Māhir, Pascha an-Naqqāschī, Ismail Sidqi und erneut Pascha an-Naqqāschī. Während der Amtszeiten von ʿAlī Māhir und Husain Sabrī setzte die Muslimbruderschaft ihre Daʿwa-Arbeit sowie ihre Tätigkeit des Gebietens des Rechten und Verbietens des Verwerflichen wie gewohnt über die Zeitungen fort. Als ʿAlī Māhir sogar den Vorschlag unterbreitete, Ägypten aus dem Krieg herauszuhalten, unterstützte die Muslimbruderschaft diesen Vorschlag bedingungslos.
Der Anstifter der Prüfung
Nachdem Pascha Husain Sirrī an die Macht gelangt war, setzte eine äußerste Unterdrückung und Verfolgung der Muslimbruderschaft ein. Der rasche Fortschritt, den die Daʿwa der Muslimbruderschaft erzielte, beeinträchtigte die Vorrechte der Engländer. Die von Hasan al-Bannā auf der fünften Versammlung erwähnte Politik der Muslimbruderschaft – die bereits zuvor dargestellt wurde – reichte aus, um die Engländer davon zu überzeugen, dass diese Bewegung in der gesamten arabischen Welt zu einem unüberwindlichen Hindernis für sie werden würde.
Adli Yekins Dastur-Partei oder Mustafa Nahas’ Wafd-Partei strebten zweifellos nach der Unabhängigkeit Ägyptens. Doch beide Parteien waren nationalistisch, und ihr anziehender Wirkungskreis war auf das Niltal begrenzt. Die Botschaft der Ikhwan al-Muslimun hingegen war von all diesen Bindungen frei. Die Ikhwan al-Muslimun war stets die Trägerin des Banners der nationalen Einheit. Sie unterstützte auch die arabische Einheit, und die islamische Einheit war ihre Mission. Die nationale oder arabische Einheit beurteilten sie nicht aus jener Perspektive, aus der Nationalisten oder Nationalitätsverehrer sie betrachten. Vielmehr trugen sie dieses Banner der Einheit ausschließlich mit dem Ziel des Aufstiegs und der Ausbreitung des Islam. Hasan al-Banna erklärte auf der erwähnten Versammlung, dass der Islam weder für geografische Grenzen noch für Bande des Blutes und der Abstammung eintrete. Der Islam betrachtet alle Muslime als eine einzige Nation und alle islamischen Länder als ein einziges Land, auch wenn sie geografisch weit voneinander entfernt sind. Die Einheit der islamischen Länder ist unteilbar. Die Unterdrückung eines ihrer Teile setzt eine Welle der Unterdrückung über die gesamte Existenz in Gang. Deshalb betrachtet die Ikhwan al-Muslimun die islamische Einheit als etwas äußerst Heiliges und Ehrenwertes. Hinsichtlich des Kalifats schilderte er die Haltung der Ikhwan al-Muslimun folgendermaßen: Die Ikhwan al-Muslimun betrachtet das Kalifat als Symbol der islamischen Einheit und als Leuchtfeuer der Freundschaft und der tiefen Beziehungen zwischen den verschiedenen muslimischen Völkern. Darüber hinaus misst sie der Idee des Kalifats und den Bemühungen um seine Wiedererrichtung größte Bedeutung bei.
An die europäischen Staaten gerichtet, sagte er: Die Ikhwan al-Muslimun betrachtet jene Regierungen als unterdrückerisch, die islamische Staaten unterdrücken oder unterdrückt haben. Diese aggressiven Mächte müssen mit Gewalt zurückgeschlagen werden.
Auf dieser Grundlage erhob die Ikhwan al-Muslimun ihre Stimme für die Unabhängigkeit Palästinas, Algeriens und all jener islamischen Länder, über denen der abscheuliche Schatten des Imperialismus liegt. Zu diesem Zweck ermutigte sie die muslimische Nation zum Dschihad.
Diese Haltung der Ikhwan al-Muslimun war für die Engländer unerträglich. Auf Hussein Sirri Pascha wurde seitens der britischen Botschaft und des britischen Oberbefehlshabers Druck ausgeübt. Daraufhin ließ Hussein Sirris Regierung zunächst die Wochenzeitungen At-Ta’aruf und Asch-Schi’a, die Sprachrohre der Ikhwan al-Muslimun, sowie die Monatszeitschrift Al-Manar schließen. Danach verhängte sie ein Verbot der Veröffentlichung jeglicher Art von Literatur. Die Druckerei der Ikhwan al-Muslimun wurde versiegelt. Die Führer der Bewegung wurden an verschiedene Orte verbannt. Imam Hasan al-Banna wurde von Kairo nach Qena und sein Mitarbeiter Ahmad as-Sukkari nach Damietta geschickt. Als im ägyptischen Parlament die Angelegenheit dieser abscheulichen Maßnahmen der Regierung zur Sprache kam, sah sich die Regierung gezwungen, die Rückkehr dieser beiden angesehenen Männer zu gestatten. Doch bei einem zweiten Mal startete die Regierung erneut einen heftigen Angriff, verhaftete Imam Hasan al-Banna und den Sekretär der Ikhwan al-Muslimun und ließ sie anschließend frei. Diese Verfolgung und Unterdrückung lenkte die Aufmerksamkeit der einfachen Menschen auf die Bewegung und ließ die Zahl ihrer Mitglieder und Unterstützer ungewöhnlich stark anwachsen.
Nahas Paschas doppelzüngige Politik
Nach Hussein Sirri Pascha wurde die Regierung von Mustafa Nahas Pascha gebildet. Mustafa Nahas Pascha verfolgte gegenüber der Ikhwan al-Muslimun eine doppelzüngige Politik. Imam Hasan al-Banna wollte im Wahlkreis Ismailia an den Parlamentswahlen teilnehmen. Doch als Nahas Pascha die Lage als bedrohlich erkannte, bat er Hasan al-Banna, von dieser Wahl abzusehen. Imam al-Banna entsprach der Bitte von Nahas Pascha, und dieser gestattete ihm im Rahmen einer Verständigungspolitik mit der Ikhwan al-Muslimun, eine Versammlung abzuhalten. Er ließ die Zeitungen wieder zu und hob das Verbot der Druckerei auf. Doch dies war nur ein vorübergehender Schachzug. Kaum waren einige Tage vergangen, da nahm auch Nahas Pascha, die Forderungen der Demokraten beiseiteschiebend, die Unterdrückung der Ikhwan al-Muslimun ins Visier. Mit Ausnahme der Zentrale der Ikhwan al-Muslimun wurden alle ihre Zweig- und Unterzweigstellen geschlossen. Versammlungen, Kundgebungen, die Verbreitung von Veröffentlichungen und jede Art von Tätigkeit wurden Einschränkungen unterworfen. In den Worten des Historikers der Ikhwan al-Muslimun, Muhammad Schawqi Zaki:
Die Ikhwan al-Muslimun begegnete der Verfolgung und Unterdrückung durch die Regierung mit äußerster Geduld und Standhaftigkeit. Sogar die Regierung von Nahas Pascha sah sich selbst mit einer schwierigen Lage konfrontiert. Kaum hatten sich die Beziehungen zwischen der Ikhwan al-Muslimun und der Regierung von Nahas normalisiert, ließ die Regierung sie frei, und sie nahm ihre Tätigkeit wieder auf. Danach jedoch beraubte die Regierung sie ihrer Redefreiheit. Von da an machten sie Geduld, Nachsicht und Hoffnung zu ihrer Gewohnheit.
Zusammenfassend erfüllte die Ikhwan al-Muslimun trotz all dieser gewaltigen Hindernisse und Widrigkeiten weiterhin auf verschiedene Weise ihre Pflicht, die Regierung zu beraten und anzuleiten. Schließlich wurde die Regierung von Nahas 1944 aufgelöst.
Die Beteiligung des Ikhwan an den Wahlen
Nach Nahas Pascha kam Ahmed Maher. Auch er machte im Lichte seiner eigenen Denkweise und Sichtweise die Unterdrückung zu einem Prinzip. Auf der Versammlung von 1941 beschloss der Ikhwan, an den Wahlen teilzunehmen und die geeignetsten Personen der Organisation als Kandidaten aufzustellen, um die Überlegenheit des islamischen Ideals zu etablieren.
Während der Regierungszeit der Regierung Nahas wollte Hasan al-Banna an den Wahlen teilnehmen, doch die doppelzüngige Politik von Nahas Pascha stand dem im Wege, und Imam Banna enthielt sich aus vernünftigen Gründen ebenfalls der Teilnahme an den Wahlen. Zur Zeit Ahmed Mahers erklärte der Ikhwan, um jeden Preis an den Wahlen teilzunehmen. Doch weder die Regierung Ahmed Mahers noch die Führer der englischen Armee waren damit zufrieden.
Hasan al-Banna wurde im Wahlkreis Ismailia als Kandidat aufgestellt. Dadurch erhielten die einfachen Menschen zum ersten Mal in der Geschichte der ägyptischen Wahlen die Gelegenheit, sich für einen Kandidaten nach ihrem Herzen einzusetzen. Im Stadtgebiet wurden etwa sechzig Wahlkampfbüros eingerichtet. Plakate an den Wänden, Umzüge der Bevölkerung und Schüler und Studenten von Schulen und Hochschulen – allesamt Fahnenträger der Wiederbelebung des Islam – machten mit großem Eifer Wahlwerbung für Hasan al-Banna. Hasans Sieg war sicher. Doch die ägyptische Regierung setzte, um die Engländer zufriedenzustellen und den Kandidaten der Dastur-Partei zum Sieg zu verhelfen, alle Mittel gegen Hasan al-Banna ein. Fahrzeuge der englischen Streitkräfte betrieben offen Wahlkampf für den Gegenkandidaten. Die Armeeoffiziere versetzten die ägyptischen Angestellten der Militärlager in großer Zahl an verschiedene Orte außerhalb des Wahlkreises. Täuschung, Betrug, Druck, Einschüchterung und jede Form terroristischer Methoden wurden eingesetzt. Dennoch errang Hasan al-Banna einen überwältigenden Sieg.
Schließlich wurde die Wahl aufgrund fingierter Einsprüche und Beschwerden für ungültig erklärt und eine zweite Wahl angesetzt. Diesmal verstärkte die Armee ihre Aktivitäten um ein Vielfaches. Hamrasyli Pascha, der englische Gouverneur des Sinai, wies die Anhänger Hasan al-Bannas aus den Wahlkreisen des Sinai und von al-Arisch aus und ließ Arbeiter aus anderen Lagern herbeibringen, die ausreichend gefälschte Stimmen abgaben und Hasans sicheren Sieg in eine Niederlage verwandelten. Was auch immer Hasan al-Banna widerfuhr, wurde ebenso den anderen Kandidaten des Ikhwan angetan. Keinem einzigen Kandidaten wurde gestattet, den Sieg zu erringen.
Die Ära der ersten Amtszeit von Nakraschi Pascha
Pascha Ahmad Maher schloss sich den Alliierten an und erklärte Deutschland und Italien den Krieg. Die Ikhwan widersetzte sich dieser Entscheidung entschieden und legte Ahmad Maher schriftlich die Argumente für diese Entscheidung dar. Auch das ägyptische Volk brachte seinen heftigen Unmut über diese Erklärung zum Ausdruck, und die Lage im Land wurde immer verworrener. Als Ahmad Maher daraufhin durch den Schuss eines Christen getötet wurde, wurde Pascha Mahmud Fahmi an-Nuqrashi zum Ministerpräsidenten ernannt. Hasan al-Banna, der Generalsekretär der Ikhwan und einige ihrer führenden Mitglieder wurden jedoch unter dem Vorwurf verhaftet, an der Ermordung Ahmad Mahers beteiligt gewesen zu sein. Als Beweis für diesen Vorwurf wurde Folgendes vorgebracht: Der christliche Täter erwähnte während der Untersuchung des Vorfalls, dass Ahmad Maher vor seiner Kriegserklärung die intellektuellen und nachdenklichen Kreise des Landes hätte konsultieren sollen. Dabei nannte dieser Christ auch den Namen Hasan al-Bannas. Die Ikhwan focht die Verhaftungen vor Gericht an, und das Gericht ordnete ihre Freilassung an. Unmittelbar nach seiner Freilassung traf Hasan al-Banna Pascha an-Nuqrashi und brachte seine tiefe Trauer über die Ermordung Ahmad Mahers zum Ausdruck. Bei Pascha an-Nuqrashi bat er außerdem um die Erlaubnis, frei tätig sein zu dürfen. Dieser wies das jedoch zurück. Bis zum Ende des Weltkriegs (1945) war Pascha an-Nuqrashis Politik gegenüber der Ikhwan wechselhaft. Einerseits war sie hart, andererseits wurde vieles auch großzügig behandelt. Wenn eine Versammlung genehmigt wurde, wurde dies später mit Zins und Zinseszins eingetrieben. Inmitten dieses Tauziehens endete der Weltkrieg plötzlich, und die Lage nahm eine andere Gestalt an.
Dritte Phase(1945–1948)
Aufstieg der Bewegung und ihre Folgen
Diese Phase ist die bedeutendste Phase der Bewegung der Ikhwan. In dieser Zeit trat die Bewegung in ihrer vollständigen Gestalt hervor und sah sich einer Entwicklung gegenüber, die für alle islamischen Bewegungen der Welt zu einem Gegenstand grenzenloser Sorge wurde. Zunächst geben wir einen kurzen Überblick über die Aktivitäten dieser Epoche, die die Ikhwan-Bewegung in verschiedenen Bereichen entfaltet hat.
Am 8. September 1945 fand die Sitzung des Generalrats der Ikhwan statt, an der alle Mitglieder der Ikhwan teilnahmen. Auf dieser Sitzung wurden umfassende Änderungen an der Satzung (Verfassung) der Ikhwan vorgenommen und die Satzung in Bezug auf Ziele und Arbeitsweise vollständig und erweitert formuliert. Der Großteil dieser Änderungen entsprach den Intentionen der Rede, die Imam Hasan al-Banna auf der fünften Sitzung im Jahr 1938 gehalten hatte. Durch die Bayʿa (Eid) wurde das Versprechen der Gehorsamkeit gegenüber dem Amir der Organisation und dem Murshid al-Am erneuert. Zuhören und Gehorsam in guten Angelegenheiten wurden unter allen Umständen als unerlässlich betrachtet. Hasan al-Banna wurde in jeder Hinsicht volles Vertrauen entgegengebracht. Er wurde auf Lebenszeit zum Murshid al-Am gewählt. Das Recht auf Absetzung und Änderung wurde ausschließlich dem Gründerrat übertragen.
Die innere Stärke und die entschlossene Moral erweiterten den Einfluss der Bewegung noch weiter. Innerhalb weniger Jahre erreichte diese Bewegung hinsichtlich der geistlichen, materiellen und militärischen Ausbildung den Gipfel ihrer Entwicklung. Laut einem Bericht der Time of London stieg die Zahl der Mitglieder der Ikhwan allein unter den Arbeitern von drei- auf sechshunderttausend. Nach der Darstellung Hasan al-Bannas waren von den in dem Bericht der Times genannten fünfhunderttausend Personen Vertreter der Ikhwan. Diese fünfhunderttausend Vertreter spiegelten die Gedanken und Hoffnungen von siebzig Millionen Arabern und dreihundert Millionen Muslimen in der ganzen Welt wider. Nach einer Denkschrift des stellvertretenden Murshid al-Am der Ikhwan, die dem Staatsrat vorgelegt worden war, betrug die Zahl der aktiven Mitglieder der Ikhwan 1948 allein in Ägypten fünfhunderttausend. Darüber hinaus war die Zahl der Sympathisanten um ein Mehrfaches höher. Allein in Ägypten gab es annähernd sechstausend Zweigstellen.
Auch außerhalb Ägyptens wurden Zweigstellen der Muslimbruderschaft gegründet. In Syrien wurde 1937 unter der Leitung von Mustafa as-Siba’i (verstorben) eine Zweigstelle der Muslimbruderschaft eingerichtet. Auch in anderen Ländern wurden dem Zentrum unterstehende Zweigstellen gegründet. 1946 fand in Palästina, ungefähr zur selben Zeit in Jordanien und noch im selben Jahr im Sudan eine Konferenz der Muslimbruderschaft statt, an der Vertreter aus dem Libanon, aus Jordanien und aus Palästina teilnahmen. Im Oktober 1946 reiste während der Hadsch-Saison unter der Leitung von Hasan al-Banna eine Delegation nach Mekka und traf dort mit bedeutenden Pilgern und islamischen Denkern aus aller Welt zusammen. 1947 wurde auch im Irak der Same dieser Daʿwa gesät, die unter verschiedenen Namen in Erscheinung trat. Ihre Hauptströmung wurde von Scheich Muhammad Mahmud as-Sawwaf geprägt. Auch an Konferenzen westlicher Länder und internationalen Konferenzen nahmen Delegationen der Muslimbruderschaft teil.
Tages zeitung eingeführt
Am 5. Mai 1946 brachte die Muslimbruderschaft eine Tageszeitung unter dem Namen „Al-Ikhwan al-Muslimun“ heraus. Damit erschien in der Welt der Presse erstmals eine mutige islamische Zeitung. Zuvor hatte die Dschahiliyya zwanzig Jahre lang die ägyptische Presse uneingeschränkt beherrscht. Diese Tageszeitung verbreitete sich nicht nur in Ägypten, sondern auch in anderen arabischen Ländern und wurde allmählich immer beliebter. Mit außerordentlichem Mut enthüllte sie die Geheimnisse der englischen Kolonialherrschaft und verbreitete Furcht in den Reihen der Kolonialkreise.
Handels gesellschafts system
Die Muslimbruderschaft weitete auch das System der Wirtschaftsunternehmen an verschiedenen Orten aus, wodurch beträchtliche Gewinne erzielt wurden. Ihre Akzeptanz unter der Arbeiterschaft nahm zu. Die militärische Ausbildung wurde auf einer soliden Grundlage gefestigt. Außerdem wurden verschiedene militärische Gruppen gebildet. In dieser Zeit erfuhren auch Bildung und Kultur eine beträchtliche Förderung.
Den Engländern gegenüber
Einerseits war die Organisation stärker geworden und hatte diese Stufe des Aufstiegs erreicht, von der wir oben ein ungefähres Bild gezeichnet haben. Andererseits trat die Bewegung mutig auf dem politischen Feld auf. Unmittelbar nach dem Ende des Weltkriegs erhob die Muslimbruderschaft die Forderung, dass die Engländer ihr Versprechen gegenüber den Ägyptern aus der Kriegszeit einlösen sollten. Dieses Versprechen hatte in der Gewährung der Unabhängigkeit bestanden. Hasan al-Banna traf Mahmoud Fahmi al-Nuqrashi Pascha und ersuchte ihn, entweder solle die Regierung die nationalen Rechte verwirklichen und sich darauf vorbereiten, den Traum von Stabilität und Einheit des Niltals Wirklichkeit werden zu lassen, oder sie solle die Nation sich selbst überlassen, damit sie ihre Hoffnungen und Bestrebungen durch den Dschihad erfüllen könne. Zu dieser Zeit versank die ägyptische Nation in einer schwierigen Lage. In ihren Augen war dies der günstigste Zeitpunkt, sich von den Ketten des britischen Imperiums zu befreien. Hasan al-Banna war der Anführer der Nation. Mit aller Kraft erhob er die Forderung nach Unabhängigkeit und führte die Unabhängigkeitsbewegung an. Erschrocken sandte Nuqrashi Pascha ein Memorandum an die britische Regierung. Doch statt einer offenen Anerkennung der Forderung nach Unabhängigkeit schickte die britische Regierung eine diplomatische Antwort. Diese diplomatischen Verhandlungen konnten die Muslimbruderschaft nicht zufriedenstellen. Die Bevölkerung und die Studentenschaft schlossen sich der Bewegung der Muslimbruderschaft an, veranstalteten gewaltige Kundgebungen gegen die Engländer, und jenes blutige Ereignis ereignete sich, das in der Geschichte Ägyptens als das gewaltsame Ereignis bekannt ist. Wegen dieser Protestkundgebungen und der daraus entstandenen Folgen musste Nuqrashi Pascha von seinem Ministeramt zurücktreten. Ismail Sidqi Pascha übernahm das Ministeramt. Die Muslimbruderschaft hielt an der Forderung nach dem Abzug der Engländer fest, und die Versammlungen und Kundgebungen gingen weiter. Die Vertreter der Muslimbruderschaft verbreiteten sich in allen Dörfern und abgelegenen Gegenden Ägyptens und erhoben die Stimme für die Unabhängigkeit immer lauter. Die Zeitungen der Muslimbruderschaft fachten diese Flamme noch weiter an. Von allen Seiten wurden Aufrufe zum Dschihad gegen die Engländer verkündet. Mit dem Amtsantritt Ismail Sidqi Paschas nahmen die Protestkundgebungen noch größere Ausmaße an. Die gesamte Kraft der Muslimbruderschaft wurde in die Bewegung für die Erlangung der Unabhängigkeit eingesetzt.
Unter diesen Umständen berief Hasan al-Banna eine parteiübergreifende Versammlung ein, damit ein Nationalrat gebildet werden konnte. Dieser sollte das Volk einen und organisieren, sodass die gesamte Nation mit einer einzigen Stimme auf das Ziel der Erlangung der Unabhängigkeit hinarbeiten würde. Doch leider taten die politischen Parteien so, als hätten sie nichts gehört. Der Patriotismus der Nasad-Partei geriet ins Wanken; weder der Slogan Saad Zaghlul Paschas „Das Vaterland gehört allen“ zeigte irgendeine Wirkung, noch kam die Forderung der demokratisch gesinnten Wafd-Partei dem Dienst am Volk zugute.
Als Hasan al-Banna die kraftlose Haltung der politischen Gegner sah, ergriff er selbst die Initiative und riet Sidqi Pascha, die Debatten und Verhandlungen mit der britischen Regierung aufzugeben und den geraden Weg des Dschihad zu wählen. Doch die Muslimbruderschaft erkannte, dass die Regierung den Briten hörig war, und übte scharfe Kritik und Tadel an ihr. Sie beschuldigte die Regierung des Verrats am Land und der Freundschaft mit den Imperialisten. Die Zeitungen der Muslimbruderschaft schrieben unmissverständlich, dass die Regierung gegenüber den kolonialen Unternehmen eine nachgiebige Politik verfolge, unfähig geworden sei, das Arbeitslosenproblem zu lösen, und sich angesichts des Drucks der Engländer vom Dschihad abgewandt habe. Die Zeitungen verurteilten auch die Verhandlungen mit den Engländern scharf; gegen Sidqi Pascha wurde eine aggressive Sprache verwendet, und über die britische Kolonialherrschaft wurden leidenschaftliche Berichte veröffentlicht, sodass die Gefühle des Volkes bis zum Siedepunkt angeheizt wurden. Zu dieser Zeit übergab die Muslimbruderschaft König Faruq ein Memorandum. Darin wurde erklärt, dass Sidqi Paschas Ministerium unfähig sei, die nationalen Forderungen zu erfüllen. Die Zentrale der Muslimbruderschaft erließ an jede Zweigstelle die Anweisung, alle wirtschaftlichen, kulturellen und sozialen Beziehungen zu den Engländern abzubrechen.
Sidqi Paschas Unterdrückungs- kampagne
Sidqi Pascha ging orientierungslos gegen die Muslimbruderschaft vor. Unzählige Menschen wurden verhaftet. Die Herausgabe der Tageszeitung der Muslimbruderschaft wurde eingestellt. Auch der stellvertretende oberste Führer wurde verhaftet. (Der oberste Führer, Hasan al-Banna, war zu dieser Zeit zusammen mit einer Delegation zur Hadsch aufgebrochen.) Die Muslimbruderschaft beantwortete diese Unterdrückungspolitik mit landesweiten Protesten und Verurteilungen. In Kairo und Alexandria kam es zu Zusammenstößen. Dies wurde zum Vorwand genommen, die Häuser von Mitgliedern der Muslimbruderschaft zu umstellen und äußerst rücksichtslos zu durchsuchen. Selbst die Frauen in den Häusern blieben nicht davor verschont, gedemütigt zu werden. Es kam zu umfassender Schikane und Einschüchterung. Einige Mitglieder der Muslimbruderschaft, die in staatlichen Ämtern arbeiteten, wurden entlassen, viele andere in weit entfernte Gegenden versetzt. In ganz Ägypten löste dies ein gewaltiges Wehklagen aus, und Sidqi Pascha wurde gezwungen, von seinem Amt zurückzutreten.
Die zweite Amtszeit von Nakraschī Pascha
Am 10. Dezember 1946 wurde Nakraschī Pascha zum zweiten Mal das Amt des Ministerpräsidenten übertragen. Die Umstände verlangten diesmal, dass einem Mächtigen die Zügel dieses Schlachtfeldes anvertraut würden. Der Vorsitzende der Saad-Partei, Mahmud Fahmī Nakraschī Pascha, hatte ihn in dieser Angelegenheit geprüft und setzte ihn offenbar rechtzeitig ein. An dem Tag, an dem Nakraschī Pascha diese große Verantwortung übernahm, erschien in der Zeitung ein Artikel von Imam Hasan al-Banna. Seine Kernaussage war, dass die neue Regierung den kürzesten Weg wählen müsse: Sie solle die Hoffnungen und Wünsche der Nation achten, das Schauspiel der Verhandlungen mit den Briten beenden und die Unabhängigkeitsfrage des Landes durch den Dschihad lösen. Hasan al-Banna machte die Regierung in einer langen Artikelserie auf die Schlechtigkeit ihrer Politik aufmerksam. Die loyalen Bürger des Landes zu schikanieren, ihre Bildungseinrichtungen zu schließen, sie ins Gefängnis zu werfen und sie auf verschiedene Weise zu verfolgen – und das zu einer Zeit, in der die Unterdrückung durch die Feinde, die dem Land ihre gewaltsame Herrschaft aufzwingen, um ein Vielfaches zunahm –, was war das anderes als Torheit! Doch statt durch diese Kritik sein Gewissen zu schärfen, verwandelte Nakraschī Pascha sie in einen Bürgerkrieg mit der Muslimbruderschaft. Der Palästina-Frage verlieh dieser Auseinandersetzung noch größere Verbitterung. Die Muslimbruderschaft war eng in diesen Feldzug verwickelt. Einerseits wurde diese Frage zum Prüfstein für ihren Aufstieg und ihren Einfluss, andererseits wurde sie zum Grund für ihre Popularität und ihren Ruhm in Ägypten und darüber hinaus. Am 12. Dezember 1947 veranstaltete die Muslimbruderschaft einen gewaltigen Demonstrationszug, der an der Azhar begann. Angeführt wurde er persönlich von Hasan al-Banna. Er fuhr in einem Wagen und gab über einen Lautsprecher Anweisungen zum Weg. Am 6. Mai 1948 fand die Sitzung des Gründungsrates der Muslimbruderschaft statt. Dabei wurde von der ägyptischen Regierung und allen arabischen Staaten gefordert, den Dschihad gegen Israel auszurufen und alle möglichen Anstrengungen zum Schutz Palästinas zu unternehmen.
Das Höchstmaß der Unterdrückung
Am 15. Mai 1948 landeten unter der Aufsicht der Arabischen Liga arabische Truppen in Palästina, und der Krieg gegen die Juden begann. Das Beispiel an Tapferkeit, Mut und Selbstaufopferung, das die Freiwilligen der Muslimbruderschaft in diesem Krieg gaben, verdient eine ausführliche gesonderte Darstellung. Die jüdischen Zeitungen in Amerika und Großbritannien erhoben deshalb lautstarken Protest und betrachteten dies als den Untergang der Nationalen Heimstätte Israels.
Unter diesen Umständen gab Nakraschī Pascha nach. Faruk geriet angesichts des wachsenden Einflusses dieser Geistlichen in Unruhe. Einige ausländische Botschaften hielten in Fayed (dem ägyptischen Standort der britischen Truppen) eine Konferenz ab und erhoben einstimmig die Forderung, Nakraschī Pascha solle die Muslimbruderschaft für illegal erklären. Andererseits war Nakraschī Pascha in dieser Angelegenheit beunruhigt. Um ebenfalls die Zufriedenheit seiner eigenen Herren zu erlangen, erklärte er die Muslimbruderschaft am 8. Dezember 1948 gemäß Artikel 63 der Militärverordnung für illegal.
Das war eine große Torheit in seinem Leben. Danach entstand eine derart ungewöhnliche Lage, dass er sogar die Reue vergaß. In ganz Ägypten breitete sich die Unterdrückung aus. Alle Zentren und Büros der Organisation wurden unter staatliche Kontrolle gestellt. Tausende gebildete junge Männer wurden ins Gefängnis geworfen und auf verschiedenste Weise gefoltert, sodass einem beim Hören davon das Blut in den Adern gefriert. Sogar Nakraschi Pascha wurde von einem jungen Mann getötet. Danach bestieg Ibrahim Abd al-Hadi Pascha den Posten des Ministerpräsidenten. Er füllte seine Lücke wahrhaftig aus. Den Bannerträgern der Religion ersparte er nichts, was selbst für einen Nichtmuslim schwer zu tun gewesen wäre.
Hasan al- Bannas Prophezeiung
Allah hatte Imam Hasan al-Banna mit der Einsicht eines Gläubigen gesegnet. Er war ein Da’i. Über jede Etappe der Da’wa war er unterrichtet. Er musste sich allen Hindernissen auf diesem Weg stellen.
„Der Weg zum Paradies führt durch Schmerz und Leid.“ Auf diese Lehre des Propheten richtete er seine besondere Aufmerksamkeit. Lange vor dem Zweiten Weltkrieg, als noch nicht das geringste Anzeichen von Verfolgung und Feuerprobe zu erkennen war, schrieb er in einem seiner Aufsätze:
Ich möchte euch sagen, dass eure Da’wa die meisten Menschen noch nicht erreicht hat. Wenn diese Da’wa und ihre Ziele ihnen klar geworden sind, werden sie euch verfolgen. Sie werden sich mit erbitterter Feindschaft gegen euch erheben. Dann müsst ihr euch unter äußerst schwierigen Umständen vorwärtsbewegen. Verschiedene Hindernisse werden sich euch in den Weg stellen. Erst dann werdet ihr im eigentlichen Sinne zu den Reihen der Bannerträger der Da’wa gezählt werden. Die Unwissenheit der Menschen über den wahren Islam wird euch zu einem Hindernis auf dem Weg werden. Regierungsnahestehende Ulama und Scheiche werden auf den Islam, für den ihr steht, mit dem Finger zeigen. Und sie werden euren Dschihad infrage stellen. Die einflussreichen und maßgeblichen Personen der Gesellschaft werden euch nicht dulden können. Jede Regierung wird sich ohne Zögern widersetzen. Sie wird eurer Tätigkeit Beschränkungen auferlegen. Die Räuber werden euch mit jedem Speer bekämpfen. Die Lampe eurer Da’wa wird ausgelöscht werden. Eine sittenlose und schwache Regierung wird diese Räuber gegen euch unterstützen und sich zum Beschützer eben jener Kräfte machen, die gegen euch vorrücken werden, um euch Unterdrückung und Verfolgung zuzufügen. Eine andere Gruppe wird gegen euch einen Sturm aus Zweifeln, Verdächtigungen und falschen Anschuldigungen entfachen und in euch nach allerlei Fehlern suchen. Außerdem wird sie eure Tätigkeit vor den Menschen entstellt darstellen. Sie wird daraus den Hochmut ihrer eigenen Macht und Autorität machen. Sie wird ihre Hand nach der Macht des Reichtums ausstrecken. Zweifellos werden all dies Prüfungen für euch sein. Ihr werdet aus euren Häusern vertrieben werden. Ihr werdet der Umgebung eurer Heimat beraubt werden. Eure Büros werden beschlagnahmt werden. Eure Häuser könnten durchsucht werden. Doch Allah hat euch versprochen, dass Er am Ende den Mudschahidin helfen und die Rechtschaffenen mit ihrer Belohnung beschenken wird.
Imam Bannas Martyrium
Nachdem die Muslimbruderschaft verboten worden war, wurden Tausende ihrer Mitglieder verhaftet. Ihr Anführer, Imam Hasan al-Banna, wurde jedoch nicht verhaftet. Die Tyrannen hatten einen anderen Plan gegen ihn vorbereitet. Ihm wurde von den Behörden die Ausreise aus Ägypten untersagt. Selbst innerhalb des Landes wurde seine Bewegungsfreiheit ohne staatliche Genehmigung eingeschränkt. Als er darum bat, auf eine Zuckerrohrfarm umziehen zu dürfen, wurde auch dieses Zuckerrohrfeld unter Bewachung gestellt. Danach wurde am Abend des 12. Februar 1949 dieses Abbild von Wahrheit und Schönheit, dieser Berg des Glaubens und der Selbstgewissheit, dieser Fackelträger der Religion und Rufer auf dem Weg des Glaubens öffentlich vor dem Hauptbüro der Muslimischen Jugendorganisation als Märtyrer getötet. Unterdessen herrschte in den Häusern der Engländer eine Welle der Freude. Die Verantwortung für den Mord wurde der Saad-Partei zugeschoben, die das Banner „Al-Watan lil-Dschami“ trug. Augenzeugen nannten jedoch sogar die Nummer des Wagens (1979), in dem die Angreifer gekommen waren und mit dem sie nach den Schüssen flohen. Später wurde aufgedeckt, dass dieses Fahrzeug dem Leutnant Mahmud Abd al-Madschid gehörte, dem Leiter der Abteilung für kriminelle Delikte. Obwohl sich drei Jahre lang ein derart offener Märtyrertod ereignet hatte, wurden die Täter dieses heiligen Mordes nicht gefasst. Nach der Militärrevolution vom 23. Juli 1952 wurden elf Angeklagte verhaftet, die an dieser Verschwörung beteiligt waren. Zu ihnen gehörte auch Mahmud Abd al-Madschid, der später vom Leutnant zum Oberstleutnant befördert worden war. Major Muhammad al-Dschazzar hatte dem Zeugen, der die Wagennummer identifiziert hatte, gesagt: „Bannas Mörder ist frei und wird frei bleiben. Jeder, der ihm ein Hindernis in den Weg legt, kann seinen Hals vermessen. Ihr habt Frauen und Angehörige; warum seid ihr so begierig darauf, sie zu Waisen zu machen?“ Auch Muhammad Hasan, der persönliche Diener König Faruks, sowie der Fahrer des Sergeant Majors Muhammad Mahfus gehörten zu ihnen.
Hören Sie nun die kurze Darstellung des Schauspiels, das inszeniert wurde, um diesen wahrhaft strahlenden Mann zum Märtyrer zu machen:
Am 12. Februar 1949 schickte Professor Nagi, ein Mitglied des Exekutivrates der Dschamʿiyyat Schubban al-Muslimin, Professor Muhammad al-Laithi, den Vorsitzenden der Jungmännerabteilung der Vereinigung, mit folgender Nachricht zu Hasan al-Banna: Hasan al-Banna solle noch heute Abend in das Büro der Vereinigung kommen und mich treffen, damit er über die neue Entscheidung der Regierung in Bezug auf die Muslimbruderschaft informiert werden könne, die äußerst wichtig und erfreulich sei. In der Nachricht hieß es außerdem, mein Verwandter Ibrahim Abd al-Hadi Pascha (der Ministerpräsident) habe mir die Aufgabe übertragen, Hasan al-Banna über diese Entscheidungen zu informieren. Daher ging Professor Muhammad al-Laithi zum Haus von Imam Hasan al-Banna und überbrachte ihm die ausführlichen Einzelheiten der Nachricht. Doch die Weitsicht dieses gläubigen Mannes ließ sich durch diese schmeichelhafte Nachricht keineswegs täuschen oder in die Irre führen. Vielmehr erfasste er sofort die tieferen Zusammenhänge. Nachdem Hasan al-Banna die Nachricht gehört hatte, sagte er:
Ihre Haltung ist schlecht. Sie wollten keinerlei Verständigung mit mir, vielmehr habe ich gerade erfahren, dass auch der Mann verhaftet wurde, auf dessen Landwirtschaft ich mich niederlassen wollte. Nicht einmal seinem hohen Alter gegenüber wurde das geringste Maß an Menschlichkeit gezeigt. Dennoch werde ich Professor Nagi zuliebe hingehen.
Imam Hasan al-Banna traf zur festgesetzten Zeit im Büro der Dschamʿiyyat Schubban al-Muslimin ein. Im Gespräch mit Professor Nagi sagte Hasan al-Banna, dass nichts Erwähnenswertes besprochen worden sei. Nach dem Gespräch rief Hasan al-Banna ein Taxi. Bei diesem Treffen war auch sein Schwiegersohn, der Rechtsanwalt Abd al-Karim Mansur, bei ihm (er lebt derzeit in Saudi-Arabien). Professor Muhammad al-Laithi ging hinaus, um Hasan al-Banna bis zum Taxi zu begleiten. Doch von hinten rief ein Diener Professor al-Laithi zu, jemand wolle am Telefon mit ihm sprechen. Nachdem Professor al-Laithi Hasan al-Banna und seinen Begleiter ins Taxi hatte einsteigen lassen und zurückgekehrt war, hörte er, noch bevor er das Telefon erreichte, draußen Schüsse. Ohne den Hörer abzunehmen, kam er sofort nach draußen, um die Quelle des Geräuschs herauszufinden. Er sah einen jungen Mann auf der Straße vor dem Büro stehen. Der junge Mann war groß und schlank. Er trug einen langen Mantel, hatte sein Gesicht mit einem weißen Tuch verhüllt und hielt eine Pistole in der Hand. Professor al-Laithi schrie, um ihn festzunehmen. Doch der junge Mann schoss auch auf Professor al-Laithi. Unglücklicherweise verfehlte die Kugel ihr Ziel. Als al-Laithi ihn verfolgte, um ihn festzunehmen, schoss er erneut, und beide Male entging al-Laithi nur knapp dem Tod. Inzwischen war der junge Mann von der Straße hinab- und zur anderen Seite davongelaufen. Dort wartete ein weiterer Mann auf ihn. Beide flohen auf einem schwarzen Motorrad. Sobald Imam Hasan al-Banna angeschossen worden war, stieg er rasch aus dem Taxi und betrat das Büro der Dschamʿiyyat Schubban al-Muslimin mit den Worten: „Ich bin ermordet worden, ich bin ermordet worden.“ Sofort traf auch al-Laithi ein. Das Telefon wartete noch immer auf ihn. Major Muhammad al-Dschazzar (ein Beamter der politischen Abteilung der Kriminalpolizei) sprach mit ihm. Sobald al-Laithi den Hörer abnahm, teilte er ihm mit, dass soeben vor dem Büro der Vereinigung auf Hasan al-Banna geschossen worden sei, um ihn zu ermorden. Daraufhin fragte al-Dschazzar, ob er gestorben oder noch am Leben sei. Genau zu diesem Zeitpunkt war Hasan al-Banna bereits ins Krankenhaus gebracht worden. Später kam auch al-Laithi zu ihm ins Krankenhaus. Während Hasan al-Banna auf dem Sterbebett lag, wurden unaufhörlich die Worte des Glaubensbekenntnisses des Martyriums von seinen Lippen gesprochen. Einige Zeit später kam ein junger Mann ins Krankenhaus und sagte: „Ich stand ganz in der Nähe des Ortes, an dem das Fahrzeug der Angreifer abgestellt war. Seine Nummer lautet 9979.“ Dies war jener junge Mann, dem später gedroht wurde, seine Kinder zu Waisen zu machen.
Nachdem Hasan al-Banna den Märtyrertod erlitten hatte, herrschten in der Stadt Angst und eine bedrückende Stille. Doch das Feuer der Vergeltung war noch nicht entfacht. Das Krankenhaus wurde abgeriegelt. Der alte Vater des vereinsamten Märtyrers, Scheich Abd ar-Rahman Ahmad al-Banna, verrichtete allein das Totengebet. Die verschleierten Frauen seines Hauses brachten den Leichnam zu seiner letzten Ruhestätte, und keinem Diener Allahs war es erlaubt, Trauer zu zeigen oder ein Wehklagen anzustimmen.
Nach dem Märtyrertod von Imam Hasan al-Banna erzitterte das gesamte Niltal unter Tumulten, Verhaftungen und Unordnung. Überall wurden Mitglieder der Muslimbruderschaft schikaniert und misshandelt. Durch die Inszenierung eines langwierigen Gerichtsverfahrens wurden sie zu Aufständischen erklärt.
Vierte Phase: 1949 –1954 n. Chr.
Neuer Murshid, neuer Elan
Die Lage änderte sich erneut. Sieben Monate später, am 25. Juli 1949, wurde Ibrahim Abd al-Hadi Pascha gezwungen, sein Amt niederzulegen. Hussein Sirri Pascha bildete ein Koalitionskabinett. Dessen Aufgabe bestand ausschließlich darin, die Wahlen zu überwachen. Dadurch erlangte die Muslimbruderschaft eine gewisse Erleichterung. Bei den Wahlen siegte die Wafd-Partei. An diesem Erfolg war auch die Unterstützung der Muslimbruderschaft beteiligt. Am 12. Februar 1950 übernahm Nahhas Pascha die Macht. In dieser Zeit erlangte die Muslimbruderschaft teilweise ihre Freiheit zurück. Über diejenigen, von denen man angenommen hatte, dass ihre Geschichte zu Ende sei, fiel der Vorhang. Sie schüttelten den Staub ab, erhoben wieder ihre Häupter und standen aufrecht da. Ihre Stifte wurden wieder aktiv, und ihre Zeitungen erschienen erneut. Hasan ibn Ismail al-Hudaibi wurde zu ihrem neuen Murshid ʿām gewählt. Zuvor war er Rechtsberater des Obersten Gerichtshofs gewesen. Unter der Führung ihres neuen Murshid ʿām widmete sich die Muslimbruderschaft dem Aufbau und der Festigung neuer Organisationen in ihren verschiedenen Zweigen. Am 15. Dezember 1950 stellte die Regierung einige Eigentumsrechte der Muslimbruderschaft vollständig wieder her. Dieser Beschluss wurde auf Grundlage einer Anordnung des Staatsrats gefasst. Darin stellte der Staatsrat fest, dass die Entscheidung, die Muslimbruderschaft für illegal zu erklären, völlig falsch gewesen sei. Diese Entscheidung habe nicht der Zuständigkeit des Kriegsrechtsverwalters unterstanden. Danach brachte die Muslimbruderschaft ihre Lage augenblicklich wieder in Ordnung, nahm erneut ihren Platz auf der Bühne der Geschichte ein und wurde zu einer bedeutenden Kraft.
Palast der Verschwörung Beginn
Die Regierung von Mustafa Nahhas Pascha blieb bis Oktober 1951 im Amt. Nach der Absetzung von Nahhas Pascha führten die gegenseitigen Beratungen zwischen dem Abdin-Palast und den Engländern zu einer Palastintrige, und innerhalb von neun Monaten kam es viermal zu einem Regierungswechsel. Das Volk forderte den bedingungslosen Abbruch der Beziehungen zu den Engländern. Diese Forderung gewann von Tag zu Tag an Nachdruck, doch die britischen Truppen waren nicht bereit abzuziehen – geschweige denn bedingungslos, nicht einmal unter Bedingungen. Zwischen dem Volk, dem Palast und den britischen Truppen war eine undurchdringliche Mauer errichtet worden. Sobald eine gebildete Regierung sich angesichts der Forderungen des Volkes beugte, stürzte der Palast sie mit der Macht der britischen Panzer. Wurden hingegen die Wünsche des Palastes erfüllt, verwandelten die Proteste und Demonstrationen des Volkes sich für ihn in eine Ankündigung seines Sturzes. So kam es vom 23. bis zum 26. Mai 1952 zu einem Militärputsch im Land, und der Lauf der Geschichte des Landes änderte sich. Seine Darstellung ist bereits zuvor erfolgt.
Britischer Vertrags bruch Erklärung
Die Regierung von Mustafa Nahhas Pascha blieb bis Oktober 1951 im Amt. Das herausragende politische Programm während Nahhas Paschas Amtszeit bestand darin, dass er auf Grundlage der Forderungen des Volkes durch das Parlament die Aufkündigung jenes Vertrags verkündete, der 1936 zwischen Ägypten und Großbritannien geschlossen worden war. Auf dieser Grundlage hatte Ägypten britische Militärlager errichtet, während Großbritannien und Frankreich eine gemeinsame Konzession über den Suezkanal etabliert hatten. Nahhas Pascha erklärte im Parlament, dass Ägypten selbst diesen Vertrag 1936 mit Großbritannien geschlossen habe und dass Ägypten ihn nun selbst für aufgehoben erkläre. Diese Erklärung belebte die Herzen des Volkes, doch zwischen dem Palast und den britischen Truppen kam Unruhe auf.
Teilnahme am Krieg der Ikhwan für die Unabhängigkeit
Pascha Nahas wollte mit der britischen Führung eine Auseinandersetzung führen, um einen Präzedenzfall für den Abzug der Truppen zu schaffen. Doch die britische Führung wich dem aus. Das Volk sah sich gezwungen, und der Unabhängigkeitskrieg nahm seinen Anfang. Auch die Regierung Nahas schloss sich dem Volk an. Die Mudschahidin stürzten sich für die Freiheit ihres geliebten Vaterlandes in den Kampf. Das Suezgebiet wurde zum Schlachtfeld. Die Freiwilligen der Muslimbruderschaft nahmen an diesem Krieg in großem Umfang teil und bewiesen in erstaunlicher Weise ihren Heldenmut und ihre Opferbereitschaft. Die Muslimbruderschaft richtete an den Hochschulen Ausbildungslager für die militärische Ausbildung ein, und Studenten aller Parteien begannen ungehindert, unter der Aufsicht der Muslimbruderschaft eine militärische Ausbildung zu erhalten. Dies versetzte die englischen Truppen in Bestürzung. Sogar der Radiosender des Oberkommandos der englischen Truppen verbreitete ununterbrochen die Erklärung, dass jeder, der den Kopf von Scheich Muhammad Fargali bringen würde, mit fünftausend Pfund belohnt werde. Scheich Fargali war Mitglied des Schura-Rates der Muslimbruderschaft. In diesem Krieg setzte er mithilfe von Guerillakräften den englischen Truppen schwer zu. (Scheich Muhammad Fargali gehörte zu den Führern der Muslimbruderschaft, die Gamal Abdel Nasser gegen Ende des Jahres 1954 zum Tode verurteilen ließ.) Die Wafd-Regierung war von der Tapferkeit, der Strategie, der Opferbereitschaft und dem Dschihad-Eifer der Mudschahidin der Muslimbruderschaft derart beeindruckt, dass sie die Führer der Muslimbruderschaft zu sich rief, um darüber zu beraten, ob das Kommando über den Krieg vollständig den Freiwilligen der Muslimbruderschaft übertragen werden sollte. Doch am Tag vor diesem Vorschlag setzte der Palast die Wafd-Regierung ab. Die Wafd-Regierung hatte mit der Muslimbruderschaft vereinbart, dass die Regierung keine Beschränkungen ihrer politischen Aktivitäten verhängen würde. Dabei hatte gerade diese Regierung zuvor versucht, die Muslimbruderschaft von einer Beteiligung an der Politik abzuhalten, und Innenminister Fuad Sirag ad-Din, der auch Generalsekretär der Wafd war, hatte 1950 sogar im Parlament ein entsprechendes Gesetz verabschiedet. Die Muslimbruderschaft weigerte sich jedoch, dieses Gesetz anzuerkennen. Schließlich musste sich die Wafd-Regierung selbst beugen.
Das Ziel der Beseitigung der Wafd-Regierung bestand darin, die Unabhängigkeitsbewegung zum Erliegen zu bringen. Danach wurde Ali Mahir aufgefordert, ein Kabinett zu bilden. Doch auch dieses Kabinett war nur wenige Tage zu Gast. Nach Ali Mahir wurde Nadschib Hilali herbeigeholt. Auch er konnte sich nicht lange halten. Diese beiden wandten im Gegensatz zu den früheren Herrschern eine neue Methode an. Sie trafen sich mit den Führern der Muslimbruderschaft und anderer politischer Parteien und holten deren Rat ein. Während Nadschib Hilalis Amtszeit erklärte die Muslimbruderschaft angesichts der außergewöhnlichen Lage vorübergehend ihren Verzicht auf eine Teilnahme an den Wahlen. Nach Nadschib Hilali bestieg Hussein Sirri und zum zweiten Mal Nadschib Hilali den Sitz des Ministerpräsidenten. Der Rang all dieser Kabinette ging über den von Holzpuppen kaum hinaus. Ihr einziger Zweck bestand darin, die erregten Massen durch den Zauber einer kindlichen Beschwichtigung zu betäuben.
1952 des Jahres Militär- putsch
Im Juli 1952 erlebte das ägyptische Staatsgebiet einen weiteren Umsturz. Allah nahm an Ägyptens König Faruk Rache, und im Handumdrehen verwandelten sich seine pharaonische Pracht und Herrlichkeit in eine alte Erzählung. Wie kam es zu diesem Umsturz, worin lagen die Gründe für seinen Erfolg, und warum war er überhaupt als notwendig empfunden worden? Ohne die Antworten auf diese Fragen zu untersuchen, ist es nicht möglich, die nachfolgende Lage zu verstehen. Daher halte ich es für erforderlich, diese Fragen kurz zu beleuchten.
Gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts begann die britische Kolonialmacht, ihre Vorherrschaft in Ägypten auszubauen, und ehe man sich versah, hatte sie das ägyptische Königreich in ihre Tasche gesteckt. Patriotische Persönlichkeiten wie Ahmad Arabi Pascha und Mustafa Kamal versuchten, dieses Eindringen abzuwehren. Doch dieser Sturm nahm von Tag zu Tag an Heftigkeit zu. Die Freiheitskämpfer gründeten eine Organisation nach der anderen, doch keine von ihnen konnte Bestand haben. Als am 18. Dezember 1914 die britische Kolonialherrschaft über Ägypten ordnungsgemäß verkündet wurde, erhob sich die ägyptische Bevölkerung gegen diese Kolonialherrschaft. Am 28. Februar 1922 wurde Großbritannien gezwungen, seine Kolonialherrschaft aufzugeben. Gleichzeitig legte man Ägypten jedoch unter dem Vorwand der Beaufsichtigung solche Fesseln an, dass der britische Kolonialismus zwar beendet war, der britische Despot unter verschiedenen Bezeichnungen wie der Verteidigung Ägyptens und der Sicherheit der Ausländer jedoch weiterhin aktiv blieb. Am 19. April 1923 wurde in Ägypten erstmals eine Verfassung eingeführt und Ägypten der Status eines unabhängigen Staates verliehen. Der Islam wurde zur Staatsreligion erklärt. Doch wie konnte eine solche Unterwerfung Ägyptens, in das der Imperialismus eingedrungen war, dort wünschenswert sein? Daher wurde am 26. August 1936 zwischen Ägypten und Großbritannien ein Vertrag unterzeichnet, der Freundschaftsvertrag genannt wurde. Gemäß diesem Vertrag gewährte Ägypten Großbritannien das Zugeständnis, am Ufer des Suezkanals Kasernen für britische Truppen zu errichten, die die Sicherheit des Suezkanals gewährleisten sollten. Auf diese Weise landeten die Engländer mit großer List und unter Kriegsvorbereitungen in Ägypten, und die unglückseligen Tage Ägyptens brachen an. Danach fiel in Ägypten die konstitutionelle Regierung, und die Engländer, der ägyptische König sowie dessen Marionettenkabinett gelangten im Land an die Macht. Indem die britischen Truppen die Kontrolle über die Sicherheit des Suezkanals übernahmen, rissen sie zugleich das wirtschaftliche Lebenszentrum Ägyptens an sich, und je stärker der britische Einfluss wuchs, desto größer wurde die Abhängigkeit Ägyptens. Die Engländer breiteten ihre Vorherrschaft über die gesamte Verwaltung Ägyptens aus. Die Entwicklung ging so weit, dass in den Adern des ägyptischen Wirtschaftssystems, des Bildungs- und Kulturwesens sowie der Innen- und Außenpolitik britische Diplomatie floss. Die meisten Schulen und Hochschulen gerieten unter die Kontrolle der Christen. Lehrer und Lehrerinnen waren Christen. Europäische Unternehmen erlangten die Kontrolle über Handel und Gewerbe, und das ägyptische Volk wurde unter dem Mühlstein ihrer Unterdrückung zermalmt. Während der Ära des ersten Fuad besaß die ägyptische Bevölkerung zumindest ein gewisses Maß an Freiheit, ihre Meinung zu äußern. Doch die Ära Faruqs war für die ägyptische Bevölkerung eine Ära doppelter Knechtschaft: zum einen die uneingeschränkte Vorherrschaft der Engländer und zum anderen Faruqs despotische Herrschaft.
Die erste Handlung, die Hasan al-Banna nach der Gründung der Muslimbruderschaft unternahm, bestand darin, inmitten des leblosen und verzweifelten ägyptischen Volkes Begeisterung für den Dschihad zu wecken. Seine berühmte Schrift über den Dschihad war in der frühen Zeit der Bruderschaft eine machtvolle Stimme. In dieser Schrift zog Imam al-Banna das ägyptische Volk durch kunstvolle Sprache für den Dschihad ein, den er als das eigentliche Heilmittel gegen den Rückstand und den Niedergang der muslimischen Gemeinschaft darstellte. Zunächst führte Imam al-Banna in dieser Schrift all jene Koranverse an, in denen die ausdrückliche Verpflichtung zum Dschihad erwähnt wird. Danach legte er durch Hadithe ausführlich Beweise dafür vor. Ein wichtiges Kapitel seiner Schrift besteht darin, die Ansichten aller islamischen Rechtsgelehrten der muslimischen Umma zum Dschihad anzuführen. In diesem Zusammenhang gab er die Auffassung Ibn Qudamas wieder, dass es für die Bewohner einer Stadt zur individuellen Pflicht werde, gegen die Ungläubigen zu kämpfen und sie aus der Stadt zu vertreiben, wenn ein Heer von Ungläubigen in sie einfalle. Die leidenschaftliche Aussage der Gelehrten von al-Azhar lautet: Wer wäre ein größerer Gelehrter als Imam Badr ad-Din al-Ayni, der Kommentator von Sahih al-Buchari? Er pflegte ein Jahr mit Lehre und Unterricht beschäftigt zu sein und ein Jahr mit der Pilgerfahrt zu verbringen. Schließlich kritisierte er auch jene, die den Kampf als den kleinen Dschihad und den Kampf gegen das eigene Ich als den großen Dschihad bezeichneten und die Kämpfer unter dem Vorwand der Läuterung der Seele entmutigten. Darüber schrieb er:
„Manche Menschen bemühen sich darum, die breite Öffentlichkeit von der Bedeutung des Krieges und von den Vorbereitungen zum Dschihad abzuhalten. Sie führen als Beweis an, dass in einem Hadith überliefert worden sei, der große Dschihad bestehe darin, dass der Mensch gegen sein eigenes Ich kämpfe. Doch dieses Argument ist haltlos. Hafiz Ibn Hadschar al-Askalanī schrieb in seinem Werk Tasdid al-Qaws, dass dies zu den mündlich verbreiteten Aussagen gehöre und kein Ausspruch des Gesandten (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) sei, sondern ein Ausspruch Ibrahim ibn Ablars.“
Daher erklärte die Muslimbruderschaft als ihr grundlegendes Ziel:
***************Arabisch****************
Das heißt: Das Martyrium auf Allahs Weg ist unser größtes Verlangen. Dies war nicht nur ein mündliches Schlagwort von ihnen; vielmehr begannen sie tatsächlich, ihre Mitglieder im Dschihad auszubilden. Die Jugendlichen an Hochschulen und Universitäten verbrachten ihre Zeit nicht mit nutzlosen Dingen, sondern absolvierten eine militärische Ausbildung und entfachten in der Nation den Geist des Dschihad. Der wahre Ausdruck dieses Dschihad-Eifers zeigte sich, als die arabische Bevölkerung 1948 gegen die Juden in den Krieg zog. Anwar as-Sadat, der die rechte Hand Gamal Abd an-Nassers und später ein demokratischer Präsident war, schrieb auf Seite 177 seines Tagebuchs „Unbekannte Seiten“:
„In jenen Tagen – das heißt im Palästinakrieg von 1948 – war die Gruppe, die im Dschihadkrieg mehr als alle anderen Gruppen Erstaunen erregte, die Muslimbruderschaft. In der Nacht, in der die Abreise nach Palästina bevorstand, kamen Hasan al-Banna und Scheich Farghali und hielten vor der Gruppe der Mudschahedin eine flammende Ansprache, wodurch sie unter ihnen starke Gefühle und Begeisterung entfachten.“
Nachdem die Muslimbruderschaft den Antrieb zum Dschihad geweckt hatte, bestand ihre zweite große Handlung darin, die Forderung nach der Errichtung einer islamischen Regierung im Land zu erheben. Im Jahr 1938 schrieb Hasan al-Banna dem Justizminister Ahmad Chuschbu Pascha einen langen Brief, in dem er forderte, dass man fünfzig Jahre lang die Nichtislamizität erprobt habe und sie sich als völlig gescheitert erwiesen habe. Nun müsse die islamische Gesetzgebung erprobt werden. In diesem Brief hob Imam Hasan al-Banna zunächst aus Sicht des Korans die Bedeutung der islamischen Gesetzgebung hervor. Danach führte er aus: Wenn Sie die Verfassung und die Gesetze dieses Landes betrachten, werden Sie erkennen können, dass ihre Quelle nicht der Koran und die Sunna sind, sondern dass sie den Verfassungen und Gesetzen europäischer Länder wie Belgien, Frankreich und Italien ähneln.
Unsere Verfassung steht sowohl in ihrer Gesamtheit als auch in einzelnen Teilen offen im Widerspruch zum Islam. Denken Sie nun darüber nach: Wenn ein Muslim mit einer Angelegenheit konfrontiert wird, deren Entscheidung aus islamischer Sicht auf die eine und nach dem geltenden Recht auf eine andere Weise ausfällt, welchen Weg soll dieser Muslim dann einschlagen? Denken Sie außerdem darüber nach, wie es für die Magistrate, Richter, den Obersten Richter und den Justizminister dieses Landes zulässig sein kann, den Geboten Allahs, des besten aller Richter, zuwiderzuhandeln?
Nach dieser scharfen Kritik beantwortet Imam Hasan al-Banna die Vorwürfe jener, die die Einführung islamischen Rechts in der modernen Zeit für unmöglich halten, und schließt seinen Brief schließlich mit der folgenden Forderung:
„Die Forderung der Muslimbruderschaft lautet, dass unsere Regierung zum islamischen Scharia-Recht zurückkehrt und das ägyptische Rechtssystem unverzüglich auf der Grundlage der Scharia neu gestaltet. Wir sind eine muslimische Nation und verpflichten uns, ausschließlich Allahs Gesetz sowie der Herrschaft und den Geboten des Korans und der Sunna zu folgen, selbst wenn wir dafür einen hohen Preis zahlen und die größten Opfer bringen müssen. Als freie muslimische Nation ist dies unser natürliches Recht. Keine andere Vorstellung von politischer und gesellschaftlicher Würde und Geduld kann dies ersetzen. Auch Sie werden uns dabei helfen, dieses Recht zu erlangen. Sie werden versuchen, diesen Zustand zu ändern, und die Nation nicht auf einen Weg zwingen, auf dem der größte Teil der Nation in Verzweiflung und Hilflosigkeit versinkt.“
Während die Muslimbruderschaft diese Forderung erhob, begann andererseits in Ägypten ein Streit um den Besitz der Macht. Der Khedive Tawfiq Pascha sagte zu Arabi Pascha: „Dieses Land habe ich durch meine Abstammung geerbt.“ Eine solche Denkweise war auch in den Köpfen der Nachfolger Tawfiq Paschas verankert. Dennoch war die Ära Fuads I. (1936) wohlhabender. Doch die Ära Farouqs war wegen der politischen Unordnung und der Intrigen der Engländer von Dunkelheit überschattet. In dieser Zeit war Hasan al-Banna der einzige Mann, der sich vom königlichen Hof fernhielt. Außerdem war dieser Hof ein Badehaus, in dem unabhängige Persönlichkeiten wie Nahhas Pascha, freidenkende Menschen wie Taha Hussein, berühmte Literaten wie Ahmad Hasan az-Zayyat und Bannerträger der Sunna wie Muhammad Faqi allesamt nackt zu sehen waren. Selbst Farouq hasste Hasan al-Banna. Anfangs schenkte er der Bewegung der Muslimbruderschaft überhaupt keine Beachtung. Doch als die Forderung nach der Einführung der islamischen Scharia allmählich stärker wurde, begannen sich ihm die Augen zu öffnen. Anwar Sadat berichtet in seinem geschriebenen Werk, dass er, also Anwar Sadat, Hasan al-Banna im Jahr 1944 traf. Damals sagte Hasan al-Banna unter Berufung auf einige Beobachter Folgendes über einige bedenkliche Angelegenheiten König Farouqs:
„Der König empfindet in der Einladung der Muslimbruderschaft eine große Gefahr. Er hat sogar zu hören bekommen, dass es nach den Grundsätzen der Einladung der Muslimbruderschaft im Islam keine Möglichkeit gibt, durch Abstammung König zu werden … Daher überlegt der König, wie er gegen die Muslimbruderschaft vorgehen kann. (Safhat-e Majhula, S. 19)
Der Konflikt zwischen der Muslimbruderschaft und Farouq eskalierte derart, dass Farouq und Abd al-Hadi Pascha Hasan al-Banna schließlich zum Märtyrer machten. Spätere gerichtliche Ermittlungen bewiesen, dass auch ein besonderer Diener Farouqs zu den Mördern gehörte. Dennoch brachte die Bewegung der Muslimbruderschaft im Herzen des ägyptischen Volkes diese ewige Wahrheit eindringlich zum Ausdruck: Solange die Grundlage der monarchischen Ordnung im Land nicht verändert wird, kann hier kein Reformprogramm wirksam werden. Das Ende der monarchischen Ordnung allein ist jedoch nicht das Entscheidende; vielmehr ist die Errichtung einer islamischen Regierung das Hauptziel. Farouqs Unterdrückungspolitik, seine moralische Anarchie, seine Freundschaft mit den Engländern und die willkürliche Unterdrückung und Misshandlung der Bauern durch seine Beamten verliehen der Einladung der Muslimbruderschaft eine magische Wirkung. Schließlich kam eine Zeit, in der selbst die unverständigen Kinder Ägyptens Farouq zu verabscheuen begannen.
Der Ministerrat, der während Farouqs Herrschaft gebildet wurde, war entweder von beiden Bedingungen frei oder wurde nach Farouqs Belieben eingesetzt, und sein Rang war nicht höher als der einer Holzpuppe. Hinter ihm stand die englische Armee. Auf diese Weise wurde im Februar 1942 die Regierung der Wafd-Partei dank der britischen Panzer eingesetzt.
Daher erklärte die Muslimbruderschaft ihre Unzufriedenheit mit all diesen Regierungen und kündigte ihre Nichtzusammenarbeit mit ihnen an.
Das vierte Merkmal dieser Geschichte ist die ägyptische Armee. Die ägyptische Armee galt damals zweifellos als die stärkste und am besten ausgebildete Armee unter den arabischen Ländern. Doch die Anwesenheit der britischen Truppen hielt sie nieder. Die meisten Offiziere der ägyptischen Armee waren vom Übel der Königverehrung befallen. Nur wenige waren es, die angesichts der ernsten Lage und des Unheils blutige Tränen vergossen. Für die Durchführung von Reformen war es jedoch notwendig, einen Wandel in der Gedanken- und Vorstellungswelt jener herbeizuführen, in deren Händen die tatsächliche Macht und Stärke des Landes lagen. Der damalige Präsident Ägyptens, Anwar as-Sadat, gehörte zu jenen Armeeoffizieren, die als Erste von Hasan al-Bannas Daʿwa erfuhren. Daher schrieb Anwar as-Sadat in seinem Werk:
„Viele Armeeoffiziere trafen sich mit Hasan al-Banna. Hasan al-Bannas einziges Ziel bestand darin, unter den ägyptischen Armeeoffizieren auf irgendeine Weise Religiosität zu wecken.“ (Safḥāt-e Majhūla – Seite: 349)
Hasan al-Bannas hingebungsvolle Persönlichkeit und die wunderbare Wirkung seiner göttlichen Daʿwa waren so groß, dass sie in der Armee grenzenlose Anerkennung fand. Anwar as-Sadat schrieb: „Die Bevölkerung wollte sich um jeden Preis von der britischen Vorherrschaft befreien. Auf dieser Grundlage entstand eine enge Beziehung zwischen einer Gruppe freiheitsliebender Offiziere der ägyptischen Armee und Hasan al-Banna.
„Diese Beziehung war so eng, dass eine Gruppe innerhalb der ägyptischen Armee die Ikhwan für die einzige Hoffnung auf die Befreiung Ägyptens hielt.“
Auf diese Weise bereitete die Ikhwan auf jedem Schlachtfeld den Weg dafür, das ägyptische Volk von der britischen Besatzung sowie von der Unterdrückung und Tyrannei der Monarchie zu befreien. Schließlich kam es im Juli 1952 zur Revolution. Danach endete in Ägypten die monarchische Herrschaft. Der Erfolg dieser Revolution war jedoch nicht allein das Verdienst der Armee. Denn die ägyptische Armee besaß den Mut, ein Wagnis einzugehen, bei dem eine Konfrontation mit ihren drei furchterregenden Gegnern unvermeidlich war. Der erste war die britische Armee, der zweite Faruq und der dritte die Regierung der auf ihren eigenen Vorteil bedachten ägyptischen Politiker. Den ersten Schuss der Revolution gab zweifellos die Armee ab. Doch die Ikhwan hatte unter dem ägyptischen Volk gegen den britischen Einfluss und Faruq so umfassend die Saat der Unzufriedenheit gesät, dass die gesamte Nation sie, sobald der Donner der Revolutionskanonen zu hören war, begrüßte und mit Blumen überschüttete. In den Worten General Nadschibs: „Noch lange nach der Revolution bestand zwischen der Ikhwan und den revolutionären Behörden eine enge Beziehung der Zusammenarbeit.“ Der Mörder Hasan al-Bannas wurde verhaftet. Die politischen Gefangenen der Ikhwan wurden freigelassen. Auch die Ikhwan unterstützte die Revolutionäre nach Kräften. Vielmehr ging eine Gruppe in ihrer Unterstützung so weit, dass dieses Verhalten bei vielen Sympathisanten der Ikhwan Befremden auslöste. Aus diesem Grund kam es in dieser Frage auch zu gewissen Meinungsverschiedenheiten zwischen Hasan al-Hudaybi und den leidenschaftlichen Jugendlichen der Bewegung.
Meinungsverschiedenheiten zwischen der Ikhwan und dem Revolutionsrat
Schließlich traten die Meinungsverschiedenheiten zwischen der Ikhwan und der revolutionären Regierung offen zutage. Statt abzunehmen, nahmen sie zunehmend zu, und die Lage entwickelte sich zu einer großen Tragödie. Die kurze Zusammenfassung dieser Meinungsverschiedenheiten lautet:
Erstens: Die Meinungsverschiedenheiten begannen mit der Bildung des revolutionären Ministerrats. Am 9. Dezember 1952 setzte der Revolutionsrat Ali Mahir, der nach der Revolution zum Ministerpräsidenten ernannt worden war, ab, und Muhammad Nadschib bildete den Ministerrat. Der Revolutionsrat schlug der Ikhwan vor, drei Ministerposten im Ministerrat zu übernehmen, doch das Maktab al-Irshad (der Schura-Rat der Ikhwan) nahm dies nicht an. Hasan al-Hudaybi war keineswegs bereit, die Bewegung in eine solche Regierung einzubeziehen, in der die tatsächliche Unabhängigkeit nicht bei der Regierung liegen, sondern von der revolutionären Führung ausgeübt werden würde. Hasan al-Hudaybi sagte: „Wir sind aufrichtige Wohlgesinnte der Regierung. Wenn die Verantwortlichen der Führung gute Arbeit leisten, werden sie unsere Unterstützung erhalten. Wenn ihnen jedoch ein Fehler unterläuft, werden wir dies kritisieren.“ Ein Mitglied des Schura-Rates, Ahmad Hasan al-Baquri, nahm entgegen dem Beschluss der Bewegung ein Ministeramt an und musste daraufhin aus der Bewegung austreten.
Zweitens: Die Ikhwan begannen erneut zu fordern, die islamische Lebensordnung wiederzubeleben. Die Zeitschrift al-Muslimun schrieb im August 1951 über die Revolution: „Die Aufgabe, die Nation aus den Händen des Kolonialismus und der Sklaverei zu befreien, ist durch die Revolution erfüllt worden. Doch die eigentliche Aufgabe besteht darin, eine Nation zu schaffen, die hinsichtlich ihres Denkens und Wissens, ihrer Gefühle und ihrer Motivation sowie ihres Handelns und ihrer Moral vollkommen muslimisch ist – eine Nation, auf deren Schultern man die Umsetzung der islamischen Vorschriften ruhen lassen kann. Diese Aufgabe können nur jene erfüllen, die über ein klares Wissen über den Islam verfügen und deren Stand im Kampf zwischen Wahrheit und Falschheit unter keinen Umständen ins Wanken gerät.“ Die Ikhwan forderten vom Revolutionsrat, den Genuss von Alkohol und das Glücksspiel im Land zu verbieten. Der Rat legte jedoch nur einige wenige grundlegende Verbote fest, womit die Ikhwan nicht zufrieden waren.
Drittens: Am 10. Dezember wurde die ägyptische Verfassung für abgeschafft erklärt. Zur Ausarbeitung einer neuen Verfassung wurde ein Komitee aus einhundert Mitgliedern gebildet. Hasan al-Hudaibi erkannte die Sympathie der Mitglieder und forderte, diese Frage durch ein Referendum zu entscheiden: Sollte für Ägypten die islamische Scharia oder ein westliches System festgelegt werden? Diese Forderung wurde dem Revolutionsrat jedoch zum Ärgernis.
Viertens: Am 16. Januar 1953 erklärte der Revolutionsrat per Gesetz alle politischen Parteien für verboten. Zu jener Zeit kamen die Erfahrung und Weitsicht Hasan al-Hudaibis sehr gelegen. Die Führer der Ikhwan wollten ihr Schicksal mit dem Militär verbinden. Hasan al-Hudaibi hielt es jedoch für notwendig, ihre Eigenständigkeit zu wahren, auch wenn sie dadurch von kleineren politischen Betätigungen fernbleiben mussten. Daher sandte er dem Revolutionsrat eine Denkschrift, in der er dagegen protestierte, die Ikhwan den herkömmlichen politischen Parteien gleichzustellen, und erklärte: „Die Ikhwan ist eine universale religiöse Gemeinschaft; die Politik ist lediglich ein Teil ihres Programms. Die Ikhwan strebt nicht nach Macht und wird auch nicht an Parlamentswahlen teilnehmen.“ Auf diese Weise bewahrte der Murshid die Gemeinschaft vor einer schweren Katastrophe.
Fünftens : Am 23. Januar 1953 gab die Regierungspartei die Gründung von „Sathut Tahrir“ bekannt. Auch die Mitglieder der Ikhwan und anderer politischer Parteien wurden dazu eingeladen, sich ihr anzuschließen. Die Ikhwan lehnte dies ab. Hasan al-Hudaibi traf Gamal Abd an-Nasser und sagte zu ihm: „Die Revolution“ ist ein Spiegelbild der Hoffnungen und Wünsche der gesamten Nation. Daher darf die Nation nicht an eine bestimmte Partei gebunden werden. Die Folge wird sein, dass Opportunisten in sie eintreten, die Organisation für persönliche Interessen benutzen und dadurch das Ansehen der Regierung und der Revolution beschädigen.
Sechstens: Am 22. Februar 1953 begannen zum zweiten Mal Verhandlungen mit Großbritannien. Die Ikhwan betrachtete die Verhandlungen aufgrund früherer Erfahrungen lediglich als Verschleppung der Zeit. Außerdem war sie nicht bereit, irgendeine Bedingung zu akzeptieren, die den Engländern in irgendeiner Weise erneut die Möglichkeit geben würde, ägyptischen Boden zu betreten.
Siebtens: Während über die Vertragsbedingungen verhandelt wurde, sollte der Beamte der britischen Botschaft, Mr. Evans, den Murshid Amir (Hasan al-Hudaibi) treffen, um dessen Ansicht zu den Vertragsbedingungen und die Auffassung der Ikhwan dazu kennenzulernen. Mr. Evans und die Ikhwan waren sich darin einig. Bei diesem Gespräch unterstützte der Murshid uneingeschränkt die Position der Regierung und ließ unverzüglich Major Salah Salem (Minister für nationale Führung) zu sich rufen, um ihm ausführlich über die Verhandlungen zu berichten. Trotzdem erhob der Revolutionsrat gegen die Ikhwan den Vorwurf, mit den Engländern konspiriert zu haben.
Dies war der Hauptgrund für die Meinungsverschiedenheiten zwischen der Ikhwan und dem Revolutionsrat. Doch am 12. Januar 1954 ereignete sich ein Vorfall, aufgrund dessen die Ikhwan für illegal erklärt wurde. An diesem Tag begingen die Studenten der Ikhwan auf dem Universitätscampus den Märtyrertag. Plötzlich kamen einige Bewaffnete in einem Jeep von Haitat ut-Tahrir und drangen unter dem Ruf „Allahu Akbar“ und „Es lebe Ägypten“ ein. Kaum wurden sie daran gehindert, begannen sie, mit Revolvern zu schießen. Die Studenten der Ikhwan erwiderten sofort das Feuer. Die revolutionäre Regierung nahm diesen Vorfall zum Vorwand, erklärte die Ikhwan für verboten und ließ zahlreiche ihrer Führer verhaften. Andererseits setzte der Revolutionsrat auch General Nagib ab. Daraufhin kam es im Land zu großer Unordnung. In der Armee herrschte heftige Unruhe. Die oppositionelle Führung sah sich schließlich gezwungen, Nagib wieder einzusetzen. Sie kündigte sogar an, das Verbot der Ikhwan und der anderen politischen Parteien aufzuheben. Drei Tage nach dieser Ankündigung begann Haitat ut-Tahrir mit heftigen Unruhen, und die Lage im Land wurde so feindselig, dass Nagib zurücktreten musste. Alle politischen Parteien außer der Ikhwan wurden aufgelöst. Und Gamal Abd an-Nasser übernahm selbst das Amt des Ministerpräsidenten.
Am 1. September 1953 wurde das Abkommen über den Abzug der britischen Truppen unterzeichnet. Die Ikhwan lehnte dieses Abkommen ab, und zwischen der Ikhwan und den Führern der Revolution begannen heftige Auseinandersetzungen. Am 26. Oktober 1954 wurde ein Attentat auf Gamal Abd an-Nasser verübt, für das die Ikhwan verantwortlich gemacht wurde. Damit fand diese lange Geschichte durch die Hinrichtung von sechs Führern der Ikhwan ihren Abschluss. Tausende Menschen wurden ins Gefängnis geworfen, und gegen sie wurde eine derart extreme Walze von Unrecht und Folter eingesetzt, dass selbst die schwarzen Kapitel der Menschheitsgeschichte davor erbebten. Während die revolutionäre Regierung die Erinnerungen an Pharao, Nimrod, Dschingis Khan und Hulagu Khan wieder lebendig werden ließ, belebten die Gefangenen der Ikhwan das Vorbild großer Männer des Islam wie Bilal, Khubayb und Sa’id ibn Dschubair, Allahs Wohlgefallen sei auf ihnen.
Das Martyrium der Führer der Ikhwan
An dieser Stelle möchte ich ein Zitat aus dem von Ahad Abul Fattah, dem Herausgeber der berühmten ägyptischen Tageszeitung Al-Misri, verfassten Buch „Gamal Abdel Nasser“ vorlegen. Daraus lässt sich die damalige Lage einigermaßen ermessen: Es wird darin von der Verurteilung von sechs Führern der Ikhwan zum Tode durch den Strang und von der Inhaftierung Tausender ihrer Anhänger berichtet. Ahmad Abul Fattah schreibt:
„Der Prozess gegen die verhafteten Ikhwan-Mitglieder fand vor jenem Gericht statt, das Gamal Abdel Nasser als Volksgericht (Mahkamat asch-Schaʿb) bezeichnete. Dieses Gericht bestand aus drei Richtern. Alle drei waren Mitarbeiter Gamal Nassers und Mitglieder des Revolutionsrates. Es sei ausdrücklich festgestellt, dass ein derartiges Gerichtsverfahren nichts anderes als ein beschämendes Schauspiel war. Gegen die Angeklagten wurden zahllose Anschuldigungen erhoben. Doch als sie den Gerichtssaal betraten, waren an ihren Körpern und Gesichtern deutlich die Spuren brutaler Folter zu erkennen. Die Richter erwähnten jedoch nicht ein einziges Mal vor Gericht diese grausame Bestrafung und Folter.“
Hier wird deutlich, dass dieses Gericht eigens dafür eingerichtet worden war, herausragende Persönlichkeiten der Ikhwan zu hängen und gewöhnliche Menschen ins Gefängnis zu sperren. Tatsächlich führte es daher unter Abdu n-Nassers Willkür eine Unterdrückungskampagne durch. Das Gericht verurteilte sieben Personen zum Tode durch den Strang. Einer von ihnen war der Murshid al-Aʿla der Ikhwan al-Muslimun, Hasan al-Hudaibi, und die übrigen sechs waren führende Persönlichkeiten erster Ranges der Organisation. Ihre Namen waren: der Rechtsanwalt Abd al-Qadir [Abd al-Qadir Audah gehörte zu den herausragenden Führern der Ikhwan al-Muslimun. Während der Herrschaft Faruks war er Richter an einem ägyptischen Gericht. Da er es als unzulässig ansah, als Muslim unter nichtislamischem Recht Urteile zu fällen, trat er von diesem hohen Amt zurück. Danach schloss er sich der Ikhwan an und wurde zum Naʾib Murshid ʿAm ernannt. Er verfasste mehrere Bücher. Dasjenige seiner Werke, das die größte Wirkung hervorrief, war „Das islamische Strafrecht“ (at-Taschriʿ al-Dschinaʾi al-Islami). Es umfasst zwei umfangreiche Bände. Das Werk wurde in Juristenkreisen auf der ganzen Welt hoch geschätzt. Er verfasste es 1951. Wegen der herausragenden Bedeutung und des besonderen Beitrags dieses Werkes beschloss die Regierung, den Autor mit dem Fuad-al-awwal-Preis auszuzeichnen. Allerdings wurde die Bedingung gestellt, dass zwei Sätze aus dem Buch gestrichen werden müssten. Der eine lautete, dass das islamische Erbrecht kein Verfechter der Monarchie sei. Der andere, dass im Islam kein Richter über dem Gesetz stehe. Professor Abd al-Qadir Audah (möge Allah sich seiner erbarmen) weigerte sich, diese Sätze zu löschen, und lehnte auch den Preis ab, der mit eintausend ägyptischen Pfund dotiert war. Außerdem zog er den Zorn König Faruks auf sich, denn der Schlag dieser Sätze traf unmittelbar König Faruk. Neben diesem Werk verfasste Abd al-Qadir Audah (möge Allah sich seiner erbarmen) noch einige weitere Bücher, etwa „Der Islam und unser Rechtssystem“, „Der Islam und unsere Politik“ sowie „Die islamischen Lehren der Herrschaft“ und andere.], der Generalsekretär der Ikhwan al-Muslimun, Scheich Muhammad Fargali, Yusuf al-Alaʿat, Ibrahim at-Tayyib und Hindawi Dair.“
„Das Gerichtsverfahren war durch Unrecht und Folter, Rache, die Niedertrampelung der Wahrheit sowie die Verurteilung von Recht und Gerechtigkeit gekennzeichnet. Die Bevölkerung Ägyptens und der übrigen arabischen Länder brachte diesem Vorgehen ihren Abscheu entgegen, und aus verschiedenen Teilen der arabischen und islamischen Welt wurde gegen dieses offenkundige Unrecht protestiert. In den großen Städten Syriens, des Libanon, Libyens, Jordaniens und des Irak fanden gewaltige Protestmärsche statt. Dabei wurden Parolen zum Sturz der militärischen Diktatur gerufen. Alle führenden Persönlichkeiten der arabischen und islamischen Welt baten um eine Intervention in dieser Angelegenheit und appellierten an Gamal Abdel Nasser, er möge dieses traurige Kapitel um jeden Preis beenden. Auch die Zeitungen der arabischen Länder griffen diese Entscheidung, die Tätigkeit des Gerichts und die Militärregierung in äußerst scharfer Sprache an. Gamal Abdel Nasser schenkte diesen Bitten jedoch keinerlei Beachtung. Vielmehr zeigte er einen ungewöhnlichen Eifer bei der Vollstreckung der Todesurteile gegen die Führer der Ikhwan. Der Murshid al-Aʿla der Ikhwan, Hasan al-Hudaibi, blieb allerdings von dieser Strafe ausgenommen.“
Vertreter internationaler Nachrichtenagenturen wohnten der Vollstreckung der Todesurteile bei und sahen mit eigenen Augen die erstaunliche Furchtlosigkeit und den unbeugsamen Mut der Angeklagten, der nicht die geringste Veränderung zeigte, selbst als sie am Galgen standen. John Lacouture, ein Vertreter der angesehensten französischen Tageszeitung France-Soir, war dort anwesend. Er veröffentlichte in seiner Zeitung einen ausführlichen Bericht über das Ereignis. Die Überschrift lautete: „Eine Szene von Mut und Kühnheit der Männer, die dem Galgen entgegenschreiten.“ Er schrieb, am Haupteingang des Kairoer Gefängnisses habe eine schwarze Fahne geweht, die das traurige Ereignis der Hinrichtung der sechs Führer der Ikhwan al-Muslimun verkündete. Im Augenblick ihrer Hinrichtung dankten sie Allah, der ihnen den Rang des Martyriums verliehen hatte.
Diese Männer schritten mit außergewöhnlichem Mut dem Tod entgegen. Um acht Uhr wurde an der Vorderseite des Berufungsgerichts eine schwarze Fahne gehisst. Dorthin waren die Angeklagten bereits in der Nacht zuvor gebracht worden. Wie üblich wehte außerhalb des Gefängnisses ein kalter Wind. Innerhalb des zentralen Gefängnishofes standen wie gewohnt zwei dämonengleiche Henker. Sie hatten struppige Schnurrbärte und trugen schwarze Kleidung. Neben einer halb geöffneten Tür standen sie wartend. Es war die Tür zur Hinrichtungskammer. Fünf Minuten nach acht wurde der erste Mann von der Sicherheitspolizei zum Galgen geführt. Es war Abd al-Latif. Er trug eine rote Mütze, ein schwarzes Hemd und eine rote Hose. Seine Füße waren nackt. Während er die Lippen bewegte, sprach er ein Bittgebet. Auf seinem Gesicht strahlte dieselbe Heiterkeit, die ich bereits am Tag der Gerichtsverhandlung beobachtet hatte. Nach der Verlesung der Anklage, in der der Ikhwan vorgeworfen wurde, sie hätten Colonel Nasser töten und durch Gewalt eine Revolution herbeiführen wollen, rezitierten zwei Religionsgelehrte einen Abschnitt aus dem Koran. Ein dritter Religionsgelehrter, der blind war und Scheich Saadi genannt wurde, hielt eine Ansprache. Darin bezeugte er, Abd al-Latif habe Colonel Nasser ins Visier genommen und nicht nur die Ermordung eines einzelnen Menschen, sondern die Tötung von zweiundzwanzig Millionen Ägyptern geplant. Doch Allah habe zum Wohl der ägyptischen Bevölkerung den Herrn Colonel gerettet. Der Bezirksverwalter forderte den Verurteilten auf, das Glaubensbekenntnis des Martyriums zu sprechen. Dieser begann jedoch zu sagen: „Ich danke Allah, der mir den Rang des Martyriums verliehen hat. Das Martyrium ist der kostbare Wunsch der Ikhwan al-Muslimun.“ Abd al-Latif weigerte sich auch, irgendetwas entgegenzunehmen. Inzwischen hörte ich einen Schrei. Das Holzbrett wurde unter den Füßen des Verurteilten weggezogen. Noch dreieinhalb Minuten lang schlug sein Herz, danach wurde er für immer reglos.
Nach jeder Hinrichtung musste ich eine halbe Stunde warten. Denn nach ägyptischem Recht war es unerlässlich, den Körper des Verurteilten eine halbe Stunde lang hängen zu lassen, damit kein Zweifel an seinem Tod bestehen blieb.
Nun wurde Yusuf al-At herbeigebracht. Er war der Organisationssekretär Syriens. Wie der vorherige Mann trug auch er Kleidung in roter und schwarzer Farbe. Zwischen zwei riesigen, dämonengleichen Henkern wirkte er ziemlich klein. Sein Körper war bläulich, und sein Gesicht war angeschwollen. Während er an uns vorbeiging, blickte er immer wieder mit beiden Augen um sich. Als er sich dem Galgen näherte, äußerte er den Wunsch, zwei Rakʿat zu beten. Doch die Henker antworteten: „Sprich sie im Stillen.“ Daraufhin sprach er dieses Bittgebet mit lauter Stimme:
(*************Arabisch*********************)
(Vergib mir und auch all jenen, die gegen mich maßlos gehandelt haben.) Yusuf al-Ats Herzschlag kam bereits nach zwei Minuten zum Stillstand.
Der dritte Angeklagte, Ibrahim Tayyar, war der Anführer der geheimen Organisation in der Kairo-Zone. Den Mut, den er hier zeigte, wird niemand vergessen können. Auf seinen Lippen lag ein leicht verächtliches Lächeln. Außerdem ging er nicht in der Mitte, sondern an einer Seite entlang. Furchtlos blickte er die Anwesenden an und sagte mit äußerst klarer Stimme: „Allah sei Dank, unsere Feinde haben sich zu unseren Richtern gemacht. Doch am Tag der Auferstehung werden sowohl der Unterdrücker als auch der Unterdrückte vor einem gerechten Richter erscheinen, und dieser Richter wird mit Wahrheit und Gerechtigkeit entscheiden.“ Einmal sagte er zum Henker: „Binde nicht zu fest; die Kette reißt mir den Arm auf.“ Mit einem bedeutungsvollen Lächeln betrat er die letzte Tür.
Der vierte Angeklagte war ein Rechtsanwalt. Sein Name war Handabi Dabir. Der gegen ihn erhobene Vorwurf lautete, dem Mörder Waffen geliefert und ihn zum Mord angestiftet zu haben. Als man ihn fragte, ob er einen letzten Wunsch habe, sagte er: „Ich bitte Dschamal Abd an-Nassir um Gnade.“ Der Gefängniswärter antwortete: „Ihr Wunsch ist ihm übermittelt worden.“ Danach wurde auch er in den schwarzen Raum geführt.
Danach kam die Reihe an einen stattlichen und ehrwürdigen Schaich. Er war Muhammad Farghali, der berühmte Prediger der Ikhwan. Mit einem süßen Lächeln auf dem Gesicht trat er vor. Von seinen Lippen waren folgende Worte zu hören: „Allahu akbar, mir wird das Glück zuteil, Allah zu begegnen.“ Einem Mullah des Gefängnisses sagte er leise etwas ins Ohr und ging dann auf den Galgen zu.
Der sechste und letzte Angeklagte, der zum Hinrichtungsplatz geführt wurde, war Schaich Abd al-Qadir Audah. Er war der geistliche Führer der Bewegung der Ikhwan. Zwischen Nadschib und den Ikhwan war er der Vermittler. Im Gerichtssaal hielt er eine äußerst weise Rede über die Entscheidung des Gerichts, und als ihm das Todesurteil verkündet wurde, nahm er es lächelnd und dankbaren Herzens an. Wir sahen, wie er mit erhobenem Haupt und ruhigen Schritten vor uns vorbeiging; in seinen Augen leuchtete ein Lächeln. Mit ernster Stimme rezitierte er den Koran. Schließlich trug er einige arabische Gedichte vor. Ihr Sinn war: „Wenn ich mein Leben auf Allahs Weg hingeben kann, kümmert mich nichts.“ Er hob den Kopf sehr hoch und sagte: „Mein Blut wird für die gegenwärtige Regierung zum Fluch werden.“ Er weigerte sich, irgendetwas anzunehmen. Auf dem Weg zum Galgen ließ er die eigens bestimmten Henker hinter sich und ging selbst voran.
(Quelle: die Zeitung France Soir, Paris, 8. Dezember 1954)
Diese sechs Personen waren diejenigen, die von Abdun Nasser zum Tode durch Erhängen verurteilt worden waren. Hier gab es auch zahlreiche Menschen, die im Gefängnis still in den Tod sanken. Niemand konnte auch nur von ihrem Tod erfahren. In diesem Zusammenhang wurde der Vorfall im Tora-Gefängnis besonders bekannt. Er ereignete sich am 1. Juni 1957. An jenem Tag wurden einundzwanzig Personen im Gefängnis gemeinsam erschossen und in Stücke gerissen. Der Grund war, dass sie gegen die staatliche Anordnung, durch die den Angehörigen dieser Gefangenen Besuche verwehrt worden waren, einen Streik ausgerufen hatten.
Abdun Nasser hielt fünfzigtausend Ägypter in Gefängnissen fest und behandelte sie mit grenzenloser Grausamkeit. Selbst die Familienangehörigen dieser Gefangenen wurden äußerst unmenschlich und bestialisch behandelt. Das Schicksal dieser fünfzigtausend Häftlinge und ihrer Angehörigen ist eine zutiefst schmerzhafte und endlose Geschichte. Noch immer fristen Tausende von Ikhwan in den Gefängnissen ein unerträgliches Leben; die meisten von ihnen ringen in Lagern unter freiem Himmel mit Leben und Tod.
Dieses lange Zitat habe ich dem Werk „Gamal Abdun Nasser“ von Ahmad Abul Fatah, einem engen Freund Gamal Nassers und Herausgeber von Al-Misri, entnommen. Ahmad Fatah war bis 1956 Gamal Abdun Nassers rechte Hand. Doch schließlich wurde auch er zu einem Dorn in Gamal Nassers Auge und musste den Weg wählen, ihn zu verlassen und zu fliehen.
Der größte Teil des in Ahmad Abul Fatahs Werk wiedergegebenen Zitats stützt sich auf den Bericht der Pariser Zeitung France Soir. Ich erwähne die unmittelbaren Beobachtungen, die der Korrespondent dieser Zeitung aufgezeichnet hat, lediglich deshalb, weil darin aus der Sicht eines ausländischen Journalisten deutlich wird, wie sich das große Geschehen des Martyriums der Ikhwan-Führer darstellte. Andernfalls wäre das, was den Ikhwan-Führern im Gefängnis widerfuhr, die Demütigung, der sie durch ein Gericht, das nur dem Namen nach ein Gericht war, ausgesetzt wurden, sowie die außergewöhnliche Standhaftigkeit, die sie auf dem Galgen bewiesen, eine äußerst ausführliche und lange Geschichte.
Beitrag
Zuvor habe ich die Geschichte und die Daʿwa der Muslimbruderschaft kurz beleuchtet. Die Leser sollen klar erkennen, wie rein und heilig die Geschichte jener Bewegung ist, die fortwährendem Unrecht und Verfolgung ausgesetzt war und zu deren Unterdrückung man außer Erschießungen und Hinrichtungen kein anderes Mittel für ausreichend hielt; ferner, wie aufrichtig sie jedes dornige Kapitel mit dem Islam verband und wie sie ihre wahre Fürsorge für das Wohl des Landes und der Nation unter Beweis stellte. Im Folgenden möchte ich darlegen, welche Reaktion die Bewegung der Ikhwan in der ägyptischen Gesellschaft hervorrief und welche Schritte sie zur umfassenden Reform der ägyptischen Gesellschaft unternahm.
Ich habe bereits eingangs erwähnt, dass die Muslimbruderschaft zu einer Zeit gegründet wurde, als einerseits der Thron des Osmanischen Kalifats gestürzt wurde und der türkische Nationalismus sein Haupt erhob. Andererseits wurde der arabische Nationalismus zu einem konkurrierenden Schlagwort. Die christliche Gemeinschaft des Libanon und die Atheisten Ägyptens ließen unter dem Deckmantel des arabischen Nationalismus den Atheismus, den Schmuggel und die Verehrung des Westens in Ägypten besonders glänzend erscheinen, und die großen muslimischen Intellektuellen ließen sich von dieser Strömung mitreißen. Der Dar-ul-Ulum-Club, der unter der Schirmherrschaft von Hefni Nasif Bey gegründet worden war und dem bedeutende Gelehrte angehörten, war, offen gesagt—
Ägypten war der Bannerträger einer Politik, die seine Tore für jede Ideologie sowie für jede Zivilisation und Kultur offenhielt. Eine Gruppe literarisch und wissenschaftlich gebildeter Gelehrter betrachtete Ägypten nicht als Teil des Orients, sondern als einen Teil Europas. Und statt mit dem Roten Meer fühlten sie sich mit dem Mittelmeer verbunden. Selbst ein in komplizierten Fragen bewanderter Denker wie Musa Salam sagte, dass für die Bewohner Ägyptens die deutsche und chinesische Literatur näher seien als die arabische Literatur. Die Lage im Journalismus war derart, dass Muhibuddin al-Khatib nach einer Untersuchung des ägyptischen Journalismus im Jahr 1934 zu dem Schluss kam: Unsere muslimischen Zeitungen scheinen bloße Nachbildungen Hollywoods zu sein. Der Handel befand sich nicht nur vollständig unter der Kontrolle der Europäer, sondern auch die Hotels und Kaffeehäuser standen unter ihrer Kontrolle. Unter diesen europäischen Kaufleuten waren etwa hunderttausend Italiener. Das Einzige, was die ägyptischen Denker unternahmen, um sich aus den Händen dieser ausländischen Händler zu befreien, war die Gründung der Misr Bank. Diese Bank wurde von Talʿat Harb Pascha gegründet. Darüber hinaus wurde durch die Förderung des ägyptischen Films und Theaters die Bewegung für die wirtschaftliche Unabhängigkeit Ägyptens vorangetrieben. Der Zustand des Bildungswesens war noch schlimmer. Auch auf diesem Gebiet hatten die Ausländer eine vollständige Vorherrschaft errichtet.
Programm zur Herbeiführung einer geistigen Revolution
Unter diesen Umständen leiteten die Ikhwan ihre umfassende Reformbewegung ein und begannen in jedem Winkel der ägyptischen Gesellschaft mit Reformarbeiten. Einerseits machten sie die gebildeten Kreise zum Mittelpunkt ihrer eigenen Bemühungen und ihres Kampfes, andererseits setzten sie ihre Aktivitäten unter den Arbeitern und Bauern fort. Die gebildeten Kreise wurden von einer gewaltigen Strömung des Patriotismus, des Rassenkults, des Nationalismus und des Atheismus mitgerissen, während die Arbeiter- und Bauernklasse unter dem Mühlstein von Monarchie und Kolonialismus grausam zermalmt wurde. Sie besaßen nicht einmal ein Bewusstsein für das Leben und seine Bedürfnisse.
Daher erhoben die Ikhwan ihre Stimme gegen Apostasie, Atheismus, engen Nationalismus und die Verherrlichung des Westens. Die Führer der Ikhwan legten durch ihre Reden und Schriften eine klare Darstellung der Kritik an diesen schädlichen Dingen und ihrer nachteiligen Auswirkungen vor. Sie enthüllten das eigentliche Geheimnis hinter den trennenden Parolen von Religion und materieller Welt und präsentierten den Islam als eine vollständige Lebensordnung. Indem sie sich der Strömung der westlichen Zivilisation und Kultur entgegenstellten, schufen sie die Schönheit der islamischen Zivilisation. Die Bildungseinrichtungen waren wichtige Zentren für die Verbreitung der westlichen Zivilisation, Kultur und Denkweise. Die Ikhwan widmeten diesem Bereich ihre volle Aufmerksamkeit, hauchten den Schülern und Lehrern den Geist des Islam ein und ließen sie, statt ihre Zeit mit nutzlosen Dingen zu vergeuden, in der Dschihadführung ausbilden. Die Fuad-al-awwal-Universität (heute Universität Kairo) galt als die bedeutendste Bildungsstätte Ägyptens. Einst wurde an dieser Universität über den Islam gespottet und Scherze über ihn gemacht. Doch durch die Daʿwa der Ikhwan kam es hier zu einer derartigen Veränderung, dass die von den Ikhwan unterstützten Studenten im Studentenrat der Universität die Mehrheit errangen. Vielmehr lässt sich nach den Worten des palästinensischen Schriftstellers Dr. Ishaq Musa al-Husseini sagen, dass die Ergebnisse der Wahlen zum Studentenrat der Fuad-Universität folgendermaßen aussahen:
Landwirtschaftliche Hochschule: Die Ikhwan siegten in sämtlichen elf Sitzen.
Naturwissenschaftliche Hochschule: Die Gesamtzahl der Sitze betrug elf. Die Ikhwan errangen sie alle.
Technische Hochschule: Die Ikhwan siegten in sieben der zehn Sitze.
Kunsthochschule: Die Ikhwan siegten in sieben der zehn Sitze.
L College: neun von zehn.
Handelscollege: Die Ikhwan errangen neun von dreizehn Sitzen.
Das L College war einst eine Hochburg der von der Wafd-Partei unterstützten Studenten. Doch die Studenten der Ikhwan gewannen dort neun von zehn Sitzen. Als die Ikhwan ihre Teilnahme am Dschihad in Palästina ankündigte, schlossen sich eben diese Studenten den Mudschahedin in der ersten Reihe an und erhielten in den Lagern der Ikhwan wiederholt militärische Ausbildung. Auch die britischen Zeitungen räumten in dieser Hinsicht ein, dass die Organisation mit dem größten Einfluss unter den Studenten die Ikhwan al-Muslimun sei.
Als aus diesen Bildungseinrichtungen die Stimme des Islam und der islamischen Lebensordnung ertönte, übte sie in allen Lebensbereichen einen weitreichenden Einfluss aus. Gelehrte und Literaten wurden davon beeinflusst. Ihr Einfluss erstreckte sich auf die Kreise der Juristen, und innerhalb von zwanzig bis fünfundzwanzig Jahren veränderte sich das Gesicht der ägyptischen Gesellschaft. Jene, deren Schriften der westlichen Philosophie und dem westlichen Denken gewidmet gewesen waren und deren Kritik stets auf den Islam niedergeprasselt war, veränderten sich angesichts des Wandels der Zeiten vollständig; ihre gottfeindlichen Federn wurden zu Lobpreisern der islamischen Geschichte, Zivilisation und Kultur sowie der islamischen Staats- und Gesellschaftsordnung. Muhammad Husain Haykal, der Verfasser von „Das Leben Muhammads“, war ein leuchtendes Beispiel für diese Veränderung. Die Nachfrage nach islamischer Literatur nahm derart zu, dass selbst für Berufsschriftsteller islamische Themen zum Gebot der Zeit wurden.
Aus den Kehlen jener, die Parolen über die Trennung von Religion und Politik skandiert, den Islam als alt und überholt verleumdet und kein anderes Ziel als die Verehrung der Herren des Landes gehabt hatten, begann nun der folgende Ton zu erklingen: Der Islam ist der Name für Glaubensüberzeugung und Gottesdienst, der Name für Land und Nation; so wie der Islam der Name der Religion ist, ist er auch der Name der Staatsordnung, der Spiritualität und des Handelns, der Name des Korans und des Schwertes. Diese Daʿwa erreichte jede Schicht der Nation. Von den Städten bis in die Dörfer und ländlichen Gegenden verbreitete sich ihr Licht. Jeder Angehörige der Nation wurde in irgendeiner Weise davon beeinflusst. Der berühmte ägyptische Literat Ahmad Zayyat schrieb über diesen Wendepunkt der Zeit:
Nur die Ikhwan al-Muslimun vertritt in dieser zerrütteten Gesellschaft die unverfälschte islamische Glaubensüberzeugung und das islamische Denken. Sie betrachten die Religion weder als ein eigenständiges Zentrum des Gottesdienstes, noch stellen sie sich die Welt als einen zügellosen und ewigen Markt vor. In ihren Augen ist die Moschee die hohe Säule des Marktes, und der Markt ist ein Teil der Moschee. Sie verfügen über eine Sprache der Analyse und des Diskurses. Im wirtschaftlichen Bereich wird die praktische Wirklichkeit ihrer Absichten sichtbar. Für den Dschihad erwerben sie militärische Ausbildung. Im politischen Bereich besitzen sie eine eigenständige Sichtweise. In jeder Stadt gibt es Anhänger von ihnen. In jedem arabischen Land haben sie Einfluss. Bei dem nationalen Erwachen, das heute in Ägypten, im Sudan, im Irak und in Syrien, im Jemen und im Hedschas sowie in Algerien und Marokko zu beobachten ist, werden sie eine außerordentliche Bedeutung erlangen. (Risala, 7. Januar 1952).
Der berühmte palästinensische Philosoph Dr. Ishaq Musa al-Husseini schrieb über die Bewegung der Ikhwan: Die staatlichen Gelehrten hatten sich lediglich mit sprachlichen Spitzfindigkeiten beschäftigt. Die Sufi-Gemeinschaft hatte sich auf die Verehrung einer eng begrenzten spirituellen Sichtweise beschränkt. Jede der von einer schweren Krankheit befallenen Gruppen hatte sie nur teilweise behandelt. Schließlich traten die Ikhwan al-Muslimun auf und füllten alle Lücken.
Welche Mittel und Wege hat die Ikhwan für diese geistige und praktische Revolution gewählt? Mit anderen Worten: Welche Dienste hat die Ikhwan für das ägyptische Reich geleistet? Eine kurze Darstellung davon folgt:
In dem Brief, den Imam Hasan al-Banna an Muhammad Mahmud Pascha schrieb, wurden nach der Benennung sämtlicher Missstände und Unsittlichkeiten in der Gesellschaft unmissverständlich verschiedene reformerische Maßnahmen zu ihrer Beseitigung vorgeschlagen. Zu den grundlegenden Maßnahmen gehörten eine sorgfältige Neugestaltung der Grundlagen des Bildungswesens, die Reform der Gesetze, die Bekämpfung des Unrechts und die Nutzung der Freizeit für nützliche Tätigkeiten. Daher begann die Ikhwan im Lichte des genannten Plans und der Erklärung Imam Hasan al-Bannas mit der Reformarbeit. Die erste Entfaltung ihrer Aktivitäten erfolgte durch Vorträge, Diskussionen sowie geistige und moralische Reform.
Unter den Arbeitern und Armen breitete sich diese Arbeit besonders stark aus, und sie strömten in Gruppen zu dieser Daʿwa. Durch diese Daʿwa fanden sie große Ruhe und Befriedigung. Die Schulungsvorträge der Ikhwan beruhten auf einigen grundlegenden Prinzipien: Ungebildete Menschen im Gebet und Fasten zu unterweisen und sie einige Suren des Korans auswendig lernen zu lassen; ihnen die Bedeutung der islamischen Daʿwa zu erklären, nämlich dass der Islam nicht lediglich aus Gottesdienst und Frömmigkeitsübungen besteht, sondern eine vollständige Ordnung und Lebensweise ist; die Menschen an Zivilisation und Moral zu gewöhnen; ihnen die Gebote und Verbote der Scharia zu erläutern und sie zu ihrer Befolgung anzuspornen; die Strömung der Götzenverehrung abzuwehren und deutlich zu machen, dass der Islam als Erneuerung des Ostens in allen Lebensbereichen als Wegweiser etabliert werden sollte; und ihnen durch praktische Zusammenarbeit in allen Lebensfragen ein vorbildliches Lebensideal vor Augen zu führen. Anfangs fanden die Propagandaarbeit und der Unterricht der Ikhwan in den Moscheen statt. Als sie jedoch in verschiedenen Städten Zweigstellen eröffneten, machten sie jede Zweigstelle zu einem Schulungszentrum, in dem die Bevölkerung in der islamischen Lebensweise unterrichtet wurde. Diese Schulungsphase dauerte mehrere Jahre an.
Die Daʿwa des Islam an die Machthaber
Ein weiteres Mittel, das sie zur Verbreitung ihrer Daʿwa wählten, war der Versand von Daʿwa-Briefen an die verantwortlichen Führungspersönlichkeiten des Landes. Muhammad Mahmud Pascha wurde ein ausführlicher Brief geschrieben, in dem er zur Wiederbelebung der islamischen Lebensordnung aufgerufen und auf einige Reformmaßnahmen aufmerksam gemacht wurde. Dazu gehörte, gemischte Versammlungen oder Parteien – gleichgültig, ob staatlich oder privat – zu unterbinden. Minister und Verwaltungsbeamte sollten davon abgehalten werden, sich an Glücksspielen, Pferderennen und Unterhaltungsveranstaltungen zu beteiligen sowie Bilder ihrer Ehefrauen in Zeitungen zu veröffentlichen. Während der Gebetszeiten sollten Ämter und Gerichte geschlossen sein, und jeder sollte das Gebet verrichten. In den Häusern hochrangiger Beamter sollte die islamische Bildung Vorrang erhalten; das heißt, sie sollten im Gespräch Arabisch statt Englisch oder Französisch verwenden und für ihre Kinder anstelle ausländischer Erzieher ägyptische Erzieher einsetzen. Gegen unehrliche Staatsbedienstete sollten strenge Strafmaßnahmen ergriffen werden.
In diesem Brief wurde Muhammad Mahmud Pascha außerdem zur Reform des Rechts aufgefordert und verlangt, die Gesetze nach islamischem Vorbild neu zu gestalten. So wurde etwa die Bildung eines Ausschusses vorgeschlagen, der darüber beraten sollte, wie das geltende Recht mit dem islamischen Recht in Einklang gebracht werden könnte. In einem Brief an den König von Ägypten, an Nahhas Pascha und an die arabischen Autoritäten wurde erklärt, dass sie die muslimische Umma mit einer wahrhaft islamischen Entwicklung verbinden würden; man werde all ihre Anweisungen befolgen und vor keinem Opfer zurückschrecken. Umar Tusun und Muhammad Ali Tawfiq wurden Briefe geschrieben, in denen auf das Chaos hingewiesen wurde, das die politischen Parteien im Land verursacht hatten. Die Nation wurde zur Einigkeit aufgerufen. An den Justizminister Ahmad Khashba Pascha wurde ein Brief geschrieben, in dem die Einführung des islamischen Rechts gefordert wurde. In einem an Nahhas Pascha gerichteten Brief wurde dazu aufgerufen, freundschaftliche Beziehungen zu den muslimischen Ländern aufzubauen und den Weg zur Errichtung islamischer Brüderlichkeit und des islamischen Kalifats zu ebnen. In einem weiteren Brief wurde Nahhas Pascha aufgefordert, das Manifest der Wafd-Partei im Einklang mit den islamischen Grundsätzen auszuarbeiten. Die zentrale Zielsetzung all dieser Briefe der Ikhwan bestand darin, das Land in einen islamischen Staat umzuwandeln und die Gesellschaft nach den islamischen Grundsätzen umfassend zu reformieren. Zur weiten Verbreitung dieser Schreiben richtete die Ikhwan in ihrer Zentrale einen Ausschuss ein, der für ihre umfassende Verbreitung und Bekanntmachung sorgte.
Auf dem Gebiet des Journalismus
Auch auf dem Gebiet des Journalismus leistete die Ikhwan einen bedeutenden Beitrag. Nach den Worten des ägyptischen Journalisten Muhibuddin al-Khatib setzte auf dem Gebiet des hollywoodartigen Journalismus eine Veränderung ein. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es zwar einige Zeitungen, die den Namen des Islam erwähnten, etwa die Zeitung al-Muʾayyad von Scheich Ali Yusuf, al-Liwaʾ von Mustafa Kamil, al-Akhbar von al-Shafiʿi und al-ʿIlm von Scheich Abd al-Aziz Jabish. Dennoch blieb der ägyptische Journalismus weiterhin unter der Kontrolle unverfälschter Dschahiliyya. Schließlich kam die Ikhwan und ließ im Tempel den Gebetsruf des Tauhid erschallen. Zunächst gab sie ihre bedeutende Monatszeitschrift heraus. Später brachte sie 1946 unter dem Namen Ikhwan al-Muslimun eine Tageszeitung heraus. In Ägypten und den anderen arabischen Ländern erfreute sie sich großer Beliebtheit. Durch ihre furchtlose Redaktion und unvoreingenommene Kritik versetzte die Zeitung die Regierungskreise in Unruhe. Die englische Kolonialmacht geriet angesichts ihrer Popularität vor Wut und Zorn in Rage. Daher wurde sie mehrfach verboten. Darüber hinaus gab die Ikhwan mehrere Wochenzeitungen heraus: al-Taʿaruf, al-Shiʿa, al-Nadhir und al-Shihab. Nach der schweren Prüfung des Jahres 1948 nahm die Ikhwan al-Mabahith, al-Daʿwa und al-Muslimun heraus. Kurz gesagt: Durch ihren starken Journalismus bewirkte die Ikhwan eine Revolution im ägyptischen Pressewesen. Anstatt sich mit obszönen Geschichten und sensationsheischenden Nachrichten zufriedenzugeben, begannen die Menschen, in tiefgründigen und aufbauenden Themen innere Befriedigung zu finden.
Im Bildungswesen
Der Beitrag der Muslimbruderschaft im Bildungsbereich nimmt unter all ihren Aktivitäten den höchsten Rang ein. Die Muslimbruderschaft lenkte zu verschiedenen Zeiten die Aufmerksamkeit der Regierung auf das islamische Bildungswesen. Sie formulierte vier Ziele der Bildung:
1. Ausdruck einer wahrheitsgetreuen Haltung.
2. Entwicklung eines vorbildlichen moralischen Charakters.
3. Die Erfahrungen der Vergangenheit nutzbar machen.
4. Auf der Grundlage der Prinzipien von Wissen und Wissenschaft Fachkräfte in verschiedenen Bereichen ausbilden.
Die Bildungsplanung der Muslimbruderschaft lässt sich im Einzelnen wie folgt darlegen:
Erstens: Eine dauerhafte und solide Politik anzunehmen, die die Qualität der Bildung verbessert und Einheit unter denjenigen Gruppen schafft, die hinsichtlich ihrer Ziele und Zwecke gleichgestellt sind. Die verschiedenen Kulturen der Nation einander näherzubringen und die ersten Bildungsstufen der moralischen Ausbildung sowie der Herausbildung einer patriotischen Gesinnung zu widmen.
Zweitens: der Geschichte des Islam sowie der Geschichte der islamischen Kultur und Zivilisation besondere Aufmerksamkeit zu widmen.
Drittens: die religiöse Bildung auf allen Bildungsstufen als grundlegendes Fach zu unterrichten.
Viertens: das Bildungssystem und den Lehrplan für Mädchen zu überprüfen und auf jeder Bildungsstufe Unterschiede zwischen den Lehrplänen für Jungen und Mädchen zu schaffen.
Fünftens: Personen, die in schädlichen Glaubensüberzeugungen und Unmoral versunken sind, von Bildungseinrichtungen fernzuhalten.
Sechstens: der Wissenschaft uneingeschränkte Aufmerksamkeit zu widmen und den Unterschied zwischen der westlichen Philosophie und der westlichen Wissenschaft herauszuarbeiten.
Anfangs beschränkte sich die Ikhwan darauf, ihre Bildungspläne der Regierung vorzulegen. Später bemühten sie sich jedoch im Rahmen ihrer Möglichkeiten um deren Umsetzung. Zu diesem Zweck bildeten sie ein Gremium und gründeten getrennte Grund- und weiterführende Schulen für Jungen und Mädchen sowie technische Schulen. Zur Beseitigung des Analphabetismus und zur Verbreitung der religiösen Bildung unter der Bevölkerung wurden Madrasas, Einrichtungen zum Auswendiglernen des Korans sowie Abendschulen für Bauern und Arbeiter eröffnet. Für Schüler, die Prüfungen bestanden hatten, wurden mehrere Bildungszentren eröffnet, in denen unter der Aufsicht der Universität Vorbereitungskurse angeboten wurden. Für Kinder jeden Alters, die aufgrund ihrer Arbeit vom Schulbesuch ausgeschlossen waren, wurden Zweigstellen für ihre Bildung eingerichtet. Für die Bildung von Jungen wurden Privatschulen eröffnet. Für Mädchen wurden gesonderte Bildungseinrichtungen unter dem Namen „Schulen der Ummahat al-Mu’minin“ eingerichtet. Außerdem wurden Zentren für technische Bildung gegründet. Kurz gesagt, die Ikhwan setzte ihre Bildungskampagne auf der Grundlage einer umfassenden Planung um. Im ganzen Land gab es keine einzige Niederlassung der Ikhwan, der nicht irgendeine Bildungseinrichtung unterstand. Ein Beleg für die Zuneigung der einfachen Bevölkerung zu diesen Bildungseinrichtungen ist ein Zentrum für Erwachsenenbildung, in dem gleichzeitig 173 Arbeiter unterrichtet wurden. Eine vollständige Aufstellung dieser Bildungseinrichtungen zu geben, ist äußerst schwierig. Allein in Kairo gab es 31 Bildungseinrichtungen, von denen 11 Colleges waren.
Wohlfahrt
Die Ikhwan beteiligte sich durch vielfältige Programme an Wohlfahrtsarbeit. Zur Durchführung dieser Programme gründete sie eine eigene Abteilung unter dem Namen „Wohlfahrt“. Die Ikhwan begann mit dieser Arbeit bereits in der Anfangsphase der Bewegung. Als die Ikhwan während der Amtszeit von Nakrashi Pascha für illegal erklärt wurde, gab es in Ägypten fünfhundert von der Ikhwan gegründete Wohlfahrtszentren. Im Jahr 1945 übernahm das Ministerium für soziale Angelegenheiten gemäß dem Gesetz die Aufsicht über diese Zentren. Diese Zentren unterstützten Bedürftige mit Sachleistungen und Geld. Sie deckten den Bedarf der Bedürftigen mit den Einnahmen aus Zakat, Sadaqa und den Häuten der Opfertiere. Sie sorgten für Erwerbsmöglichkeiten für Arbeitslose und verschafften ihnen bisweilen durch ausreichendes Kapital eine Beschäftigung im Handel. Kranke wurden kostenlos behandelt. Für die Armen wurden Lebensmittel zu niedrigen Preisen bereitgestellt. In den Kreisen der Arbeiter wurde Bildung angeboten. Zur Reform und Entwicklung der ländlichen Bevölkerung gründete die Ikhwan ein besonderes Komitee. In den Dörfern wurden Arme und Bedürftige auf verschiedene Weise unterstützt, und örtliche Streitigkeiten wurden durch die Dorfräte geschlichtet.
Während der Amtszeit von Nahas Pascha, als die Muslimbruderschaft vollständig wieder zugelassen wurde, nahm sie in Verbindung mit verschiedenen Programmen umfassende Pläne zum Gemeinwohl in Angriff. Dies begann mit der Errichtung einer Moschee, eines medizinischen Zentrums, einer Bibliothek und eines Versammlungssaals in Kairo. Im Rahmen dieses Plans wurde für die Betreuung der Moscheen gesorgt, die ungenutzt geblieben waren. Allein in Kairo wurden fünfundzwanzig Moscheen unter der Aufsicht der Muslimbruderschaft betrieben. Bei einigen trug die Muslimbruderschaft sämtliche Kosten selbst, während sie bei anderen lediglich völlig unentgeltlich die Aufgaben des Imams und des Predigers übernahm.
Zum Wohl der Bauern und Arbeiter gab es im Zentrum der Muslimbruderschaft eine eigenständige Abteilung, die ihre vielfältigen Probleme löste. Es wurde ein Arbeiterzentrum eröffnet, in dem die Arbeiter über ihre Rechte und Pflichten geschult und im Arbeitsrecht unterrichtet wurden. In dieser Abteilung arbeitete ein Team von auf Arbeitsrecht spezialisierten Anwälten. Auch im landwirtschaftlichen Bereich leistete die Muslimbruderschaft einen großen Beitrag. Ihre Landwirtschaftsabteilung informierte die Bauern über neue Methoden der Landwirtschaft und lehrte sie, wie sie die Ernte vor allen Gefahren von Himmel und Erde schützen konnten. Die Muslimbruderschaft musste all diese Aufgaben übernehmen, weil der Staat ihnen keinerlei Beachtung schenkte. Zusammen mit der religiösen Daʿwa entfaltete diese religiöse Bewegung dadurch einen tiefen und weitreichenden Einfluss, den sie allein durch Reden und Vorträge nicht hätte erzielen können.
Auch für das soziale Wohlergehen war ein eigenständiger Ausschuss tätig. Diese Abteilung bestand aus Fachleuten und Professoren mit Erfahrung in sozialen Fragen. Sie setzte Pläne zur sozialen Entwicklung um und beaufsichtigte sie. In ihrer letzten Zeit hatte die Muslimbruderschaft begonnen, den Plan zum Bau einer idealen Stadt in jenem Gebiet Kairos, das als das alte Ägypten bezeichnet wurde, in die Tat umzusetzen. Zu diesem Zweck kaufte sie Land und wollte dort eine saubere Siedlung für Menschen aus der Mittel- und Unterschicht errichten.
Im wirtschaftlichen Bereich
Der Beitrag der Muslimbruderschaft im wirtschaftlichen Bereich war umfassend. Zur Stärkung der Volkswirtschaft gründete sie verschiedene Unternehmen. Deren Gewinne wurden nach dem Prinzip der Mudaraba verteilt, wobei auch die Arbeiter an diesen Gewinnen beteiligt waren.
1. Islamisches Unternehmen: Mit einem Kapital von viertausend Pfund nahm es 1939 seine Tätigkeit auf. Auch die Mitglieder der Muslimbruderschaft zeigten großes Interesse daran, und sein Kapital stieg von viertausend auf zwanzigtausend Pfund. Dieses Unternehmen nahm mehrere öffentliche Buslinien in Betrieb. Es errichtete eine Fabrik zur Herstellung von Petroleumöfen, für die nicht nur in Ägypten, sondern auch außerhalb Ägyptens Nachfrage entstand. Außerdem gründete dieses Unternehmen eine Zementfabrik.
2. Arabisches Unternehmen: 1947 nahm es mit einem Kapital von sechstausend Pfund seine Tätigkeit auf. Dieses Unternehmen importierte moderne Steinschneidemaschinen im Wert von vielen tausend Pfund. Als die Organisation jedoch für illegal erklärt wurde, blieben seine Rücklagen herrenlos zurück, und das Unternehmen erlitt Verluste in Höhe von vielen tausend Pfund.
3. Textilunternehmen: 1948 eröffnete dieses Unternehmen mit einem Kapital von achttausend Pfund eine Textilfabrik. In dieser Fabrik arbeiteten sechzig Handwerker. Die Fabrik stellte hochwertigen Popeline, Seidenstoffe, Gabardine und andere erstklassige Stoffe her, die zu angemessenen Preisen verkauft wurden.
4. Islamische Publikationsgesellschaft: Sie wurde mit einer Investition von siebzigtausend Pfund gegründet.
5. Tageszeitungsgesellschaft: Ihr Anfangskapital betrug fünfzigtausend Pfund. Am 5. Mai 1946 brachte diese Gesellschaft eine Tageszeitung heraus, die eine bedeutende Rolle im Unabhängigkeitskampf sowie bei der Verbreitung islamischer Zivilisation und Kultur spielte.
6. Handels- und Ingenieurgesellschaft: Sie nahm mit einem Kapital von vierzehntausend Pfund ihre Tätigkeit auf. Im Ingenieurwesen und im Wohnungsbau erwarb diese Gesellschaft einen ausgezeichneten Ruf.
7. Handelsgesellschaft: Ihr Hauptsitz befand sich in Kairo, und sie hatte auch in verschiedenen Teilen des Landes Filialen. Diese Gesellschaft arbeitete nach dem Grundprinzip gegenseitiger Unterstützung. Sie versorgte die Menschen mit lebensnotwendigen Haushaltsgegenständen zu niedrigen Preisen.
Darüber hinaus bestand der Beitrag der Ikhwan im medizinischen Bereich darin, dass es allein in Kairo siebzehn wohltätige Kliniken und ein Krankenhaus gab. In diesem Krankenhaus wurden Patienten aufgenommen. Millionen Menschen erhielten in diesen Kliniken kostenlos medizinische Versorgung. Fachärzte für verschiedene Krankheiten behandelten die Menschen dort unentgeltlich oder gegen eine geringe Vergütung.
Dies ist eine kurze Darstellung des Beitrags der großen religiösen Bewegung der islamischen Welt. Um diese Bewegung auszurotten, hatte Ägyptens Präsident Nasser zwölf Jahre lang all seine Kräfte und Mittel eingesetzt. Darüber hinaus stellte sie für den Westen, den kapitalistischen Imperialismus und Israel, denen sie ein großes Hindernis war, ein bedeutendes Hindernis dar.
Ägypten und die Ikhwan
(Dieser Artikel wurde im September 1966 anlässlich des Märtyrertodes von Sayyid Qutb verfasst. Das darin gezeichnete Bild Ägyptens bezieht sich auf jene Zeit.)
Der seit 1945 andauernde Konflikt zwischen Nasser und der Muslimbruderschaft hat inzwischen erneut einen äußerst beklagenswerten Höhepunkt erreicht. Im Jahr 1954 wurden sechs bedeutende Führer der Muslimbruderschaft hingerichtet. Nun wurden wiederum drei Personen hingerichtet, darunter auch die herausragende Persönlichkeit Sayyid Qutb. Gegen sie wurde eine lange Liste von Anschuldigungen erhoben. Die größte und erschreckendste Anschuldigung darunter lautet jedoch, dass sie Präsident Nasser hätten ermorden wollen. Außerdem hätten sie geplant, mit Waffen eine blutige Revolution im Land herbeizuführen. Bevor die Hintergründe dieser Anschuldigungen und die Antwort der Muslimbruderschaft darauf beleuchtet werden, muss nach den Ursachen gesucht werden, die in Wirklichkeit im Kern dieses Konflikts wirkten.
Die denkenden und patriotischen Kreise Ägyptens waren mit der Art und Weise, wie die ägyptische Regierung in den vergangenen Jahren ihre Außenpolitik betrieb, nicht zufrieden, und diese Unzufriedenheit wandelte sich zunehmend in äußersten Zorn, Verdruss und eine angespannte Lage. Das ägyptische Volk ist im Grunde islamliebend und tief mit der islamischen Geschichte verbunden. Seit Jahrhunderten werden dort die islamischen Wissenschaften und Kenntnisse gepflegt. Stets bestanden Verbindungen zur islamischen Welt. In jüngerer Vergangenheit wirkten unter ihnen zahlreiche Reformer, Gelehrte und starke Gemeinschaften der Daʿwa. Abgesehen von bestimmten Kreisen der Stadtbevölkerung waren die einfachen Bewohner, von denen die meisten Bauern aus ländlichen Gebieten waren, tief mit dem Islam verbunden, und in ihrem gesellschaftlichen Leben war ein starker Einfluss der islamischen Lebensweise und islamischer Verhaltensformen erkennbar. Die internationale Politik, deren Opfer dieses muslimische Volk werden musste, stellt sich wie folgt dar:
Die Außenpolitik Ägyptens betrachtete die Probleme und Krisen der islamischen Welt nicht als Probleme des Islam oder der Muslime. Vielmehr beurteilte sie sie durch die kurzsichtige Brille jener Gruppen, deren Gefolgschaft ihr Ansehen begründete. Oder sie richtete sich nach den persönlichen Interessen und dem Nutzen der ägyptischen Herrscher. Diese falsche Sichtweise hielt die ägyptische Außenpolitik grundlos und opportunistisch. Einerseits betrachtete die ägyptische Regierung die Feindschaft gegenüber Israel als ihr oberstes und letztes Ziel; andererseits unterhielt sie enge Beziehungen zu jenen Ländern, die nicht nur Israel unterstützten, sondern sich auch seiner Entwicklung und seines Fortschritts widmeten. Zu Jugoslawien unterhielt sie freundschaftliche Beziehungen. Mit dem abessinischen Kaiser Haile Selassie bestanden äußerst enge Beziehungen. Dabei war dieser ein Mörder von Muslimen und ebnete Israel den Weg auf dem afrikanischen Kontinent. In den von Muslimen bewohnten Gebieten Eritreas gestattete er mehreren israelischen Unternehmen, Handel und Geschäfte zu betreiben. Einmal sagte er bei einer Rede vor dem amerikanischen Kongress:
„Ich werde innerhalb der nächsten zwanzig Jahre all diese abessinischen Muslime, die in meinem Reich leben, zu Christen machen.“
Makarios war in den Augen der ägyptischen Regierung derart beliebt, dass man ihm sogar Waffenhilfe gegen die Türkei gewährte. Kürzlich wurde wiederum aus Nikosia verkündet, dass Ägyptens Raketen dort zu Hilfe kommen würden, falls die Türkei Zypern angreife. Makarios war keine unbekannte und unbedeutende Persönlichkeit. Er ließ die türkischen Zyprer grausam töten und diente damit in Wirklichkeit hinter dem Deckmantel der orthodoxen Kirche dem britischen Imperialismus. Als Makarios Ägypten besuchte, sagte er bei seinem Lob für Präsident Nasser:
„Er war unser äußerst enger Freund; nicht einmal das Palästina-Thema erwähnte er während des Gesprächs.“
Die ungerechtfertigte Gewaltanwendung der ägyptischen Regierung und der ägyptischen Herrscher stürzte Syrien für immer in den Abgrund einer dunklen Zukunft. Die emotionale Freundschaft, die Syrien mit Ägypten geschlossen hatte, beruhte auf der Erwartung, dass dieses große historische Opfer der Syrer gewürdigt würde und Ägypten bei der Lösung der inneren Krise helfen würde, aufgrund derer sie unter dem Schutz Ägyptens Zuflucht gesucht hatten. Jeder wusste, dass Syrien sich aus Angst vor den Machenschaften der Kommunisten an Ägypten gebunden hatte. Doch aufgrund des Raubzuges, den die ägyptischen Behörden in Syrien entfesselten, sah sich Syrien gezwungen, sich von Ägypten zu trennen, und mittlerweile ist die Lage so, dass es vom Himmel gefallen und an einer Dattelpalme hängen geblieben ist. Zuvor hatte Ägypten den Sudan handlungsunfähig gemacht. Kaum war die Falle einer Einheit des Niltals errichtet, da zerriss sie auch schon. Das tyrannische Vorgehen der ägyptischen Regierung gegen Nadschib machte das sudanesische Volk Ägypten gegenüber feindselig. Und nun begeht die ägyptische Regierung, statt ihre früheren Fehler zu korrigieren, das Verbrechen, noch mehr Fehler zu machen. Da die gegenwärtige Regierung des Sudan die Vereinigung mit Ägypten nicht befürwortet, hetzen die ägyptischen Herrscher die Kommunisten im Südsudan gegen die Regierung des Sudan auf, um diese herabzuwürdigen und in Bedrängnis zu bringen. Die sudanesische Regierung spürte sogar die Herkunft jener ägyptischen Waffen auf, die aus Ägypten in den Südsudan gelangt waren.
Wenden wir uns nun dem Jemenproblem zu. Die tatsächliche Lage ist, dass das Jemenproblem aufgrund der rechtswidrigen Politik der ägyptischen Regierung nicht nur zu einer Ursache für Ägyptens schlechten Ruf geworden ist. Vielmehr hat es, wie das israelische Radio sagt, der gesamten islamischen Welt Schande bereitet. Drei Jahre lang waren ägyptische Soldaten im Jemen stationiert. Eine ausführliche Darstellung der Unterdrückung und Misshandlungen, die sie in diesen drei Jahren den jemenitischen Stämmen zufügten, verdient eine gesonderte Behandlung. In diesen drei Jahren gab Ägypten eine Milliarde Pfund für seine Soldaten aus; bis heute werden täglich fünfhunderttausend Pfund ausgegeben. Nahezu hunderttausend Menschen kamen im Krieg ums Leben, darunter zehntausend ägyptische Soldaten und im Übrigen Bewohner des Jemen. Einerseits die Forderungen der arabischen Nationalisten, andererseits dieses Massaker an arabischen Brüdern – beides wurde für jeden patriotischen Bürger zu einer Quelle der Sorge. Besonders die Ägypter, deren Söhne in den Bergen von Sanaa und Taizz den Tod fanden, äußerten ihren entschiedenen Unmut über diesen Krieg. Die ägyptische Regierung verbreitete, die im Jemenkrieg Gefallenen seien für die Freiheit zu Märtyrern geworden. Doch wie kann das Gewissen eines Muslims akzeptieren, dass Muslime Muslimen die Kehle durchschneiden und dennoch die Würde des Martyriums erlangen? In dieser Lage war die gesamte arabische Welt, das jemenitische Volk und die ägyptische Nation ratlos. Selbst die ägyptische Armee war darüber verärgert. Sogar Abd al-Latif al-Baghdadi und Kamal al-Din Husayn, enge Freunde Präsident Nassers, die als seine rechte Hand galten, äußerten ihren Unmut über diesen Krieg. Als Gegenleistung wurden sie dafür getadelt.
Die Beziehungen Ägyptens zur Palästinafrage sind äußerst eng. Je weiter diese Frage voranschreitet, desto weiter entfernt sie sich angesichts ihrer Entwicklung von allen möglichen Lösungen, und nun sehen sich die arabischen Völker zu der Annahme gezwungen, dass die ägyptische Regierung offenbar keine aufrichtigen Bemühungen um eine vernünftige Lösung dieses Problems unternehmen will, während der Einfluss Israels von Tag zu Tag wächst. Erstens hat die ägyptische Regierung freundschaftliche Beziehungen zu jenen Ländern aufgebaut, die Israel nicht nur unterstützen. Vielmehr hat die ägyptische Regierung gegenüber denjenigen, die bei der Eindämmung Israels helfen könnten, eine unmenschliche Politik verfolgt. Ja, die Angelegenheit ist sogar bis zum offenen Konflikt eskaliert. Die deutlichen Mängel der ägyptischen Politik in der Palästinafrage bestanden darin, dass sie das unrechtmäßige Eindringen der UN-Notstandstruppe in Gaza unterstützte und dieses Gebiet faktisch für Israels freie Bewegungen öffnete. Dabei handelt es sich um genau das Gebiet, von dem aus arabische Freiwillige heimlich nach Israel eindrangen und Guerillaaktionen durchführten. Die UN-Polizei gestattet arabischen Freiwilligen nun nicht mehr, dieses Gebiet zu betreten, während Israel hier ungestört seine wirtschaftlichen Ziele verwirklicht. Ebenso übergab die ägyptische Regierung durch ihre Unterstützung der UN-Kontrolle auch im Westjordanland dieses Gebiet faktisch den Juden. Vor der Errichtung der UN-Kontrolle hätten die Juden nicht den Mut gehabt, in diesem Gebiet auch nur einen Schritt zu tun; nun aber haben sie in der Region Eilat einen gewaltigen Hafen errichtet, und ihre Schiffe verkehren stolz in den afrikanischen Ländern. Damit wurden alle Beschränkungen für die Öffnung dieses Golfs beseitigt, deren Fortbestehen Israel große Sorgen bereitet und es in eine schwere wirtschaftliche Krise gestürzt hatte. Nun errichten sie ungehindert ihre Handelsmärkte in den afrikanischen Ländern, und die meisten dieser Länder verfangen sich in ihren Täuschungsnetzen.
Diese Veränderungen ereigneten sich vor den Augen der ägyptischen Regierung aufgrund ihrer eigenen Fehler. Beim Anblick dessen entbrannte im Herzen der arabischen Völker ein Feuer. Statt jedoch angemessene Schritte zu unternehmen, um dies wiedergutzumachen, verkündet die ägyptische Regierung im Gegenteil, die einzige Lösung der Palästinafrage bestehe in der Vereinigung der sozialistischen und revolutionären Regierungen der arabischen Länder. Das heißt, die Muslime der Welt sollten sich in dieser Angelegenheit unter dem Banner des Sozialismus vereinen. Auf einer Sitzung der Palästinensischen Befreiungsorganisation erklärte Präsident Nasser:
Ich sage ganz klar, dass wir nicht einmal über die Kraft zur Selbstverteidigung verfügen, obwohl wir uns in einer Position zum Angriff befinden. Die Frage der Umleitung des Laufs des Jordan sollte zu diesem Zeitpunkt vertagt werden.
Während seines Frankreichbesuchs erklärte Abd al-Hakim Amer in Paris: Die Vereinigte Arabische Republik hegt weder den Wunsch noch die Absicht, Krieg gegen Israel zu führen.
Während dieses Besuchs erhielt die ägyptische Regierung von Frankreich Zehntausende Dollar. Ein ägyptischer Armeeoffizier, Brigadegeneral Muhammad Fawzi, erwähnt dies auf Seite 131 seines Buches mit dem Titel „Zionismus und Israel“.
Manche erkennen den Krieg als Mittel zur Lösung der Palästinafrage an. Das ist völlig unvernünftig. Diese Lösung widerspricht jener Vereinbarung der Vereinten Nationen, die die arabischen Länder unterzeichnet haben. Sie steht sogar im Widerspruch zum Grundsatz des dauerhaften Friedens, dessen Bannerträger Ägypten ist.
Dieses Buch gehörte in Kairo zum Lehrplan des Militärischen Ausbildungskollegs. Ist es etwa eine komplizierte Angelegenheit, die das muslimische Volk Ägyptens nicht verstehen könnte: dass die ägyptische Regierung im Jemen eine Milliarde Pfund ausgeben und sechzigtausend Soldaten einsetzen kann, während ihr zur Lösung der Palästinafrage angeblich weder Mittel noch Möglichkeiten zur Verfügung stehen?
In der arabischen Welt und überhaupt in der islamischen Welt ist heute das Thema, das in aller Munde ist, die islamische Einheit. Die Konferenz der arabischen Führer verabschiedete auf ihrer letzten Sitzung den Vorschlag, die Palästinafrage nicht auf die Araber zu beschränken, sondern sie als eine Angelegenheit aller Muslime anzuerkennen; deshalb müsse die Unterstützung und Hilfe der muslimischen Regierungen gewonnen werden. Der Führer des Goldenen Landes brachte den Vorschlag ein, dass man sich in einigen Fragen der muslimischen Länder zusammenschließen solle. Zu diesem Zweck solle eine Konferenz der muslimischen Führer abgehalten werden. König Faisal von Saudi-Arabien unterstützte diesen Vorschlag und wurde tatsächlich aktiv, um für diese Sache zu werben. Nun hätte es dem Gebot des Gewissens entsprochen, dass die ägyptische Regierung diese Initiative unterstützt und nicht nur das, sondern sich auch ihrer Vorhut anschließt. Doch im Gegenteil war es gerade die ägyptische Regierung, die sich als Erste gegen diese Initiative stellte. Sie war weder bereit, sich selbst an diesem Plan zu beteiligen, noch gestattete sie den anderen von ihr abhängigen Ländern, sich ihm anzuschließen. Statt diesen Plan mit sachlichen Argumenten zu beantworten, griff sie vielmehr zu Beschimpfungen. Die Frage lautet: Wenn sich die sozialistischen und revolutionären Regierungen der arabischen Länder vereinigen und die Ideologien der Revolution und des Sozialismus zur Grundlage ihrer Einheit machen können, warum sollte dann eine Vereinigung auf den grundlegenden Prinzipien des Islam verboten sein? Darüber hinaus entsprachen die Sprache und die Methoden, die die ägyptische Regierung bei der Kritik an ihren Gegnern verwendete – wenn man die arabischen Führer in die Reihen der Gegner einordnet – weder dem islamischen Charakter noch den arabischen Prinzipien. Vielmehr könnten selbst dämonische Grundsätze und Moral dies nicht ertragen. Etwa: Der Betreffende stammt nicht aus dem Geschlecht der Sayyiden, sondern aus dem Geschlecht des Satans; dieser oder jener ist ein Kind der Juden, und so weiter. Kann dies etwa die Sprache der Verleumdung einer höflichen und kultivierten Regierung sein? Und das ägyptische Volk ist nicht so töricht, dass es beim Anblick eines solchen Sprachgebrauchs durch den Sprecher seines eigenen Landes nicht beunruhigt wäre.
Auch die innere Lage Ägyptens ist hier bemerkenswert. Wie ich bereits eingangs erwähnt habe, ist die Mehrheit der ägyptischen Bevölkerung aus unschuldigen und einfältigen Bauern zusammengesetzt. Die Verbundenheit der Bauern mit dem Islam ist so fest, wie der Glaube einer alten Frau stark sein kann. Wie die Muslime anderer Länder haben sie nur einen Wunsch und ein Verlangen: dass sich der Islam in Ägypten ausbreitet, die islamische Bildung gefördert wird, das islamische Recht Anerkennung findet und ihre Führer der islamischen Scharia folgen und in den Fußstapfen ihrer Vorgänger wandeln. Doch die Lage vereitelt die Wünsche des Volkes nicht nur, sondern tritt sie mit Füßen.
Die Ägyptische Charta, die verfassungsmäßig mit Macht ausgestattet war, verkündete unmissverständlich, dass im Land ein sozialistisches System eingeführt werden sollte. Präsident Nasser erklärte dieses sozialistische System mit den Begriffen des ideologischen Sozialismus, während die ägyptische Presse es als Marxismus deutete. Bis zur Herrschaft Faruks war in der Verfassung zumindest der Satz enthalten, dass der Islam die Staatsreligion sei. Die Ägyptische Charta jedoch war von dieser konservativen Haltung vollständig frei. Das sozialistische System wurde in Ägypten nicht nur dem Wort, sondern auch der Tat nach eingeführt. Die einzige Partei Ägyptens, die Arabische Sozialistische Partei, übernahm selbst die Verantwortung für seine Umsetzung. Die Sozialistische Partei Ägyptens erklärte, ihre eigene Existenz aufzulösen und sich mit der Arabischen Sozialistischen Partei zu vereinigen. Nach dem Eindringen des Sozialismus führte die ägyptische Regierung eine umfassende Kontrolle über Privateigentum und Unternehmen ein, wodurch in der Bevölkerung Angst und Rachedurst entfacht wurden. Die wirtschaftliche Lage Ägyptens gelangte an den Rand des Zusammenbruchs. Nach der Darstellung der Zeitung al-Ahram wurde Kairo selbst zu einer Stadt der Bettler. Von diesem Sozialismus profitierten in Wirklichkeit nicht die Bauern und Arbeiter, sondern die Führer der Arabischen Sozialistischen Partei, vor deren Betrug und Plünderungen kein angesehener Mensch verschont blieb. Unter moralischem Gesichtspunkt zeigt sich, dass die großen ägyptischen Städte Kairo und Alexandria zu Zentren der Obszönität und des Sittenverfalls wurden. In der Welt der Zeitungen und Zeitschriften sammelten sich Kommunisten und Atheisten. Sie steigerten nach Belieben die Förderung des Konsumismus und des moralischen Niedergangs. In den Augen derjenigen, die regelmäßig beteten, Kaffee tranken und Theater und Kino mieden, galten diese Menschen als Konservative, Agenten des Imperialismus und des Todes würdig.
Die größte Gefahr, die über Ägypten hereinbrach, war die Wiederbelebung der pharaonischen Zivilisation. Die Ägyptische Charta verkündete, dass man den Entwurf für die eigene Entwicklung aus der Zivilisation der pharaonischen Epoche übernehmen werde. Eine Statue Ramses’, des Pharaos von Ägypten, wurde in die Mitte Kairos versetzt und dort aufgestellt; die Kosten dieser Aufstellung beliefen sich auf fünfhunderttausend Pfund. In einer seiner Reden wandte sich Präsident Nasser an das Volk und sagte: „O Nachkommen von Tah tamut und Ramses!“ Bei einer anderen Gelegenheit sagte er in einer Rede: „Heute, nach zweitausend Jahren, haben die Ägypter erstmals wieder die Möglichkeit erhalten, selbst den Staat Ägypten zu regieren.“ Das bedeutet, dass in seinen Augen die Epoche aller nichtägyptischen muslimischen Herrscher von der Zeit Hadhrat Omars bis dahin eine Epoche des Imperialismus gewesen war. Und erst nach der pharaonischen Epoche habe Ägypten die Unabhängigkeit vom Joch des Imperialismus erlangt. Diese Kühnheit ging sogar so weit, dass die Ägyptische Charta am Fundament des Tempels und der Statue von Abu Simbel je zwei Exemplare der Bibel und des edlen Korans beisetzen ließ. Können wir selbst von einem ungebildeten Muslim erwarten, dass er angesichts der Niederlegung des Korans unter einer pharaonischen Statue schweigt und sein gläubiges Ehrgefühl dies hinnimmt?
All dies geschah unter Umständen, in denen die bürgerlichen Freiheiten entzogen worden waren, die Zeitungen unter staatlicher Kontrolle standen und die Pressefreiheit abgeschafft war. Der Herausgeber der bekannten ägyptischen Zeitung al-Misri, Abul Fahat, lebte im Exil. Der Herausgeber einer anderen berühmten Zeitung, Mustafa Amin, der die ägyptische Regierung überschwänglich gelobt hatte, stand im Gefängnis unter Hausarrest; anschließend wurde er beschuldigt, für Amerika Spionage betrieben zu haben. Kommunistische Zeitungen und Zeitschriften strömten wie Wasser auf den Markt. Der Herausgeber der Zeitung al-Ahram, Muhammad Hasnain Haikal, und der Sprecher von Radio Kairo, Asad Ahmad, erläuterten dem Volk regelmäßig den Sozialismus. Eine Gruppe brachte sogar die Gelehrten von al-Azhar auf ihre Seite, die den Islam als sozialistisch erwiesen. Die ägyptische Atmosphäre erzitterte unter dem Echo des Lobes und der Verherrlichung des Sozialismus; der Himmel schien sich zu spalten. Nach den Berichten der ägyptischen Presse wurde täglich ein Komplott zur Ermordung Präsident Nassers geschmiedet. Dahinter wurde jeweils die aktive Hand irgendeiner konservativen Gruppe vermutet. Tatsächlich war die Lage so, dass nach der Verstaatlichung verschiedener Fabriken sowie von Büros und Behörden in Ägypten – oder, einfach gesagt, nach ihrer Unterstellung unter die Kontrolle der Sozialistischen Partei – deren Produktion und Einnahmen auf null sanken, während sich die Ausgaben im Vergleich zu früher verdoppelten.
Dies ist die eine Seite des Gesamtbildes. Nun soll die andere Seite erwähnt werden: Den bitteren Bissen, den die Arabische Sozialistische Partei und die ägyptische Herrschergruppe dem Volk in den Hals zu zwingen versucht hatten, konnten sie ihm nicht hinunterschlucken lassen. Millionen Pfund wurden ausgegeben, um die Vorzüge und Leistungen der Ägyptischen Charta für das ägyptische Volk akzeptabel zu machen. Doch das Volk weigerte sich, sie anzunehmen. Es betrachtete sie nicht nur als Täuschung, sondern auch als dünne Hülle einer kommunistischen Verfassung. Die gesamte Staatsmaschinerie war für die Wiederbelebung der pharaonischen Zivilisation aktiv eingesetzt worden. Auf die ägyptischen Pfundnoten wurde das Bild eines Pharaos gedruckt. Auch auf den Briefmarken erschien das Abbild eines Pharaos. Auf der ägyptischen Währung wurde zudem der Adler als Zeichen der pharaonischen Epoche eingeprägt. Straßen wurden Ramses-Straße genannt, Parks Ramses-Gärten und Kinos Ramses-Kino. Die in Ägypten hergestellten Kraftfahrzeuge erhielten den Namen Ramses. Doch das muslimische Volk Ägyptens verflucht diese Zivilisation tausendfach und betrachtet den Pharao aus genau jenem Blickwinkel, aus dem die Anhänger Hadhrat Moses’ und Muhammads, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, ihn betrachten sollten. Ebenso wurden unablässige und grenzenlose Anstrengungen unternommen, die fortwährenden Fehler und Mängel der Regierung im Jemen zu verbergen. Die im Jemen ums Leben gekommenen Soldaten wurden als Märtyrer bezeichnet. Man versuchte, ihre Angehörigen auf verschiedene Weise zufriedenzustellen. Dennoch waren ein Teil der ägyptischen Armee und das ägyptische Volk über diese Schmeichelei zutiefst verärgert.
Andererseits waren die Äußerungen aller Islamisten, ob sie nun Anhänger oder Gegner der Muslimbruderschaft waren, überall unter der Bevölkerung zu hören. Die Führer und Mitglieder der Muslimbruderschaft lebten seit Ende 1954 als Gefangene in den Gefängnissen. An politische Aktivitäten auch nur zu denken, war für sie unmöglich. Dennoch taten ihre Gelehrten im Gefängnis oder außerhalb alles, was ihnen möglich war, um den Islam im Land in wissenschaftlicher und geistiger Hinsicht zu bewahren. Sie verfassten Schriften über verschiedene Themen des Islam. In Ägypten entstand im vergangenen Jahrzehnt eine umfangreiche Literatur über Tafsir, Hadith, Fiqh, islamische Geschichte und die islamische Lebensordnung. Sie war thematisch so vielfältig und umfangreich, dass die Menschen die Autoren ermutigen und den Verlegern Anerkennung zollen mussten. Heute finden wir neben den zwei Bänden des berühmten Werkes des Märtyrers Abd al-Qadir Audah über das islamische Strafrecht auch sechs umfangreiche Bücher des bekannten ägyptischen Forschers und Philosophen Fathi Wasdi zu diesem Thema. Über das internationale Recht des Islam liegt eine seltene Sammlung vor, die von einem Richter des Linterschen Berufungsgerichts zusammengestellt wurde. Zur philosophischen Erörterung der islamischen Lebensordnung liegen gesammelte Werke von Muhammad Qutb, Abdullah as-Samman und Muhammad Husain vor. Eine lange Reihe von Biografien berühmter islamischer Persönlichkeiten – von Rechtsgelehrten, Mufassirun, Muhaddithun, Führern, Linguisten und Historikern der islamischen Geschichte – ist uns zugänglich; ägyptische Verleger haben sie veröffentlicht. Kurz gesagt: In dieser Zeit verfassten Gelehrte und Wissenschaftler zehntausende Bücher und bemühten sich darum, die Überlegenheit des Islam auf geistiger und intellektueller Ebene zu beweisen. Diese konservative Literatur fand bei der ägyptischen Bevölkerung breite Anerkennung. Die Bibliotheken Ägyptens waren mit solchen Schriften gefüllt, und bei den meisten Käufern sah man gerade diese Bücher unter dem Arm.
Für die Kommunistische Partei Ägyptens (heute unter dem Namen Arabische Sozialistische Partei bekannt) war diese Lage herzzerreißend. Um die sozialistische – schlicht gesagt: kommunistische – Gesellschaft Ägyptens zu verändern, war es äußerst notwendig, diese konservativ geprägten Denkweisen und die konservativen Autoren vollständig zu vernichten. Unserer Kenntnis nach verfassten die kommunistischen Führer einen ausführlichen Bericht und schickten ihn nach Moskau. Darin wurde unmissverständlich erklärt, dass Ägypten für sie niemals zu einem kommunistischen Land werden würde, solange auch nur ein Angehöriger der konservativen Gruppe in Ägypten existiere.
Wie die Lage Ägyptens auch politisch beschaffen war, lässt sich daran ermessen, dass die Syrer infolge der maßlosen Ausgaben der ägyptischen Herrscher bereits innerhalb von drei Jahren aufbegehrten und schließlich die Unabhängigkeit Syriens durchsetzten. Wo jedoch zwölf Jahre lang dieses unverantwortliche Vorgehen fortgeführt worden war, lässt sich leicht ermessen, welches äußerste Ausmaß Verbitterung und Unzufriedenheit erreicht hatten. Die offene Äußerung des Unmuts der ägyptischen Bevölkerung über die ägyptischen Herrscher erfolgte, als Mustafa an-Nahhas Pascha 1964 starb, Hunderttausende an seinem Totengebet teilnahmen und es dabei zu Zusammenstößen zwischen Polizei und Bevölkerung kam. Um diese Unzufriedenheit einzudämmen, wurde am 11. Oktober 1965 ein Gesetz verabschiedet. Es gab dem Präsidenten die Befugnis, jeden aus politischen Gründen ohne Einleitung eines Gerichtsverfahrens festzunehmen; gegen ihn durfte nirgendwo Berufung eingelegt werden.
Andererseits hatte auch die Jemen-Frage einen solchen Stand erreicht, dass es nicht einmal ausreichen würde, wenn die ägyptische Bevölkerung sich in ihrer Erregung die Köpfe einschlüge. Drei Jahre lang richtete die ägyptische Armee im Jemen ein Unheil an. Zehn Millionen Pfund wurden ausgegeben. Zehntausend ägyptische junge Männer – nach einer anderen Angabe fünfundzwanzigtausend – wurden diesem Krieg geopfert. Das wirtschaftliche Rückgrat Ägyptens zerbrach. Auch die letzte noch vorhandene Kraft für die Auseinandersetzung mit Israel wurde vernichtet. Schließlich würden die verschiedenen jemenitischen Parteien, darunter die Anhänger Sallals und die Unterstützer al-Badrs, gemeinsam zusammensitzen und dieses Problem lösen – sei es heute oder morgen, unmittelbar und direkt oder durch Vermittlung anderer. Was aber war letztlich das Ergebnis dieses gewaltigen Fehlers? Er führte zu seelischer Unruhe und zu schwerem Aufruhr innerhalb der ägyptischen Armee. Als Lösung dieser Unruhen wurde außerdem beschlossen, im Land Furcht und Schrecken zu verbreiten. Sollte irgendwo Kritik oder eine scharfe Meinung sichtbar werden, würde man sie noch vor dem geeigneten Zeitpunkt zum Schweigen bringen.
Die Versammlung der Kommunisten im Sudan war äußerst gefährlich. Die ägyptischen Kommunisten bemühten sich mit aller Kraft, den sudanesischen Kommunisten Zuflucht zu gewähren. Die Aufständischen im Südsudan wurden aufgestachelt, um im Inneren des Sudan Unordnung zu schaffen und die Aufmerksamkeit der Muslime von den Kommunisten abzulenken. Doch durch die vereinten Anstrengungen aller islamisch gesinnten Menschen der Muslimbruderschaft im Sudan wurden die Kommunisten im Sudan in Schach gehalten. Die ägyptischen Kommunisten und die Russische Kommunistische Partei beschlossen, dafür an der Muslimbruderschaft in Ägypten Vergeltung zu üben. Für sie waren die Mitglieder der Bruderschaft gleich, ganz gleich, ob sie aus Ägypten, dem Sudan, Jordanien, Syrien, dem Irak oder Saudi-Arabien stammten. Ihre Daʿwa und ihre Organisation seien ebenfalls ein und dieselbe.
Vor diesem Hintergrund und aus diesen Erwägungen heraus sagte Präsident Nasser bei seinem Besuch in Moskau im August 1965 während einer Rede auf einer Konferenz: „Die Muslimbruderschaft hatte geplant, mich zu ermorden. Doch der Plan wurde aufgedeckt. In der Vergangenheit habe ich ihnen vergeben, aber jetzt werde ich ihnen nicht mehr vergeben.“
Einerseits enthüllte er in Moskau den angeblichen Mordplan, andererseits begannen in Ägypten Massenverhaftungen. Indem Präsident Nasser gegen die Muslimbruderschaft vorging, gewann er die Zustimmung mehrerer Kreise und erreichte verschiedene Ziele: Er stellte die Russen zufrieden und erfreute die ägyptische Kommunistische Partei (die pro-russische). Dadurch, dass er die Russen zufriedenstellte, nahm die ausländische Hilfe zu, und auch der schlechte Ruf der ägyptischen Kommunistischen Partei verschwand – ein Ruf, der sich aufgrund der umfangreichen Veröffentlichung konservativer Schriften über sie im Land festgesetzt hatte. Ebenso wurden die Amerikaner zufriedengestellt. Denn aus amerikanischer Sicht war die Unterdrückung der Islamisten tausendmal besser und nützlicher als die Unterdrückung der Kommunisten. Auch die Juden wurden damit zufriedengestellt. Denn die Muslimbruderschaft unterstützte die aufständischen Muslime in Eritrea, und deren Wohlwollen wurde für die dortigen salamischen Herrscher zu einem Problem. In Ägypten entstand eine mächtige Hand, um Furcht und Schrecken zu verbreiten. Denn wenn sich jemand anderes vom Teufel verleiten ließe, würde er aus dem Schicksal der Muslimbruderschaft lernen und den Sozialismus sowie die Jemen-Frage nicht zum Gegenstand der Kritik machen.
Nach der Aufdeckung der sogenannten Verschwörung ist es unmöglich, vollständig zu schildern, wie rücksichtslos die ägyptische Geheimpolizei Mitglieder der Ikhwan festnahm und sich bei den Hausdurchsuchungen in den Häusern der Ikhwan gegenüber deren Frauen barbarisch verhielt. Es gibt sogar Fälle, in denen Ehemann und Ehefrau festgenommen wurden, während ihr unschuldiges kleines Kind allein im Haus zurückblieb. Die Eltern bestanden darauf, auch ihr gestilltes Baby festzunehmen, damit es nicht allein im Haus verhungere oder verdurste, sondern im Gefängnis seine Tage verbringen könne. Doch die ägyptische Polizei wies ihren Antrag zurück, und niemand war bereit, sich um das Kind zu kümmern, denn wer den Wunsch geäußert hätte, es zu versorgen, wäre selbst unter Verdacht geraten. Durch diese Verhaftungswelle entstand überall in Ägypten eine erschreckende Lage. Da die Ikhwan unter den Bauern besonders großen Einfluss hatte, wurde diese arme Bevölkerungsschicht zum Hauptziel der Vergeltungsmaßnahmen der ägyptischen Polizei. Zwei Vorfälle ereigneten sich, die die Lage äußerst kritisch machten: der eine war der Vorfall von Kardasa, der andere der von Miyat.
Kardasa ist ein Dorf an der Küste. Einige Angehörige der Geheimpolizei kamen in dieses Dorf, um nach Mitgliedern der Ikhwan zu suchen, und drangen bei dieser Suchaktion in ein Haus ein. Als sie erfuhren, dass sich dort kein Mitglied der Ikhwan befand, nahmen sie eine Frau aus dem Haus fest und schleiften sie fort. Als die Bauern des Dorfes davon erfuhren, ließen sie ihre Arbeit liegen, eilten ins Dorf und griffen den Polizeiposten an. Beide Seiten warfen mit Knüppeln und Steinen. Bei diesem Vorfall wurde ein Polizist getötet, die übrigen flohen. Die siegreiche Gruppe der Bauern kehrte unter dem Ruf „Nieder mit ihnen!“ ins Dorf zurück. Später erfuhren sie, dass die Polizei militärische Unterstützung angefordert hatte und das gesamte Dorf mit Kanonen umstellt wurde. Daraufhin trafen auch die Bauern in ihrer Umgebung Verteidigungsmaßnahmen. Doch durch den Beschuss der Armee wurde das gesamte Dorf verwüstet. Unzählige Menschen starben; die Überlebenden wurden festgenommen und ihre Häuser geplündert. Die Schweizer Zeitung Eliberte berichtete in ihrer Ausgabe vom 10. Dezember 1965, die Bewohner von Kardasa hätten sich mit Waffen den Truppen Abd an-Nasirs entgegengestellt, die über das Dorf hergefallen waren, um ein Mitglied der Ikhwan al-Muslimun festzunehmen.
Der andere Vorfall ereignete sich in Miyat, das an der Küste des Mittelmeers, 130 Meilen östlich von Kairo, liegt. Auf der Suche nach Mitgliedern der Ikhwan drang eine Polizeieinheit in dieses Dorf ein. Die Polizei wollte hier das Boot eines Fischers durchsuchen. Doch aus Angst, die Polizei werde alle von ihm gefangenen Fische mitnehmen, zögerte er. Ein solcher Wagemut des Fischers widersprach der Macht und dem Ansehen der Polizei. Daher erschoss die Polizei ihn kurzerhand. Seine Fischerkollegen schrien auf, als sie diesen grausamen Anblick der Misshandlung sahen, und die Menschen aus der Umgebung eilten den Fischern zu Hilfe. Im Nu versammelten sich Tausende. Von der Hilflosigkeit der armen Fischer bewegt, begannen sie in Miyat gegen die Polizei und die Regierung zu demonstrieren und riefen: „Nieder mit dem Herrscher Ägyptens!“ In ihrer Erregung zertrampelten sie die in den Geschäften aufgehängten Bilder des syrischen Führers. Die örtliche Verwaltung nahm Kontakt mit der übergeordneten Verwaltung auf und forderte zur Niederschlagung der Demonstration militärische Unterstützung an. Daraufhin trafen ägyptische Truppen ein und umstellten Miyat. Was danach geschah, ist unvorstellbar. Die Kairoer Zeitungen berichteten in ihrer Ausgabe vom 4. Dezember 1965 über den Vorfall als einen Zusammenstoß zwischen einem Schmuggler und der Polizei. Nach einem Bericht von Joint Press News of America wurden bei diesem Vorfall jedoch mindestens sechzehn Dorfbewohner getötet, und Marschall Abd al-Hakim Amer nahm dies ganz selbstverständlich hin. United Press of America berichtete, die Toten seien ohne rituelle Waschung und ohne Leichentuch beigesetzt worden. Außerdem nahmen die Soldaten Tausende von Menschen gefangen und führten sie ab. Reuters und die Agence France-Presse veröffentlichten ausführliche Berichte über diesen Vorfall.
Den neuesten Nachrichten zufolge waren bis Ende Dezember 1965 mehr als vierzigtausend Mitglieder der Ikhwan festgenommen worden. Der Londoner Daily Telegraph schrieb am 11. Oktober 1965, bis dahin seien zwanzigtausend Menschen festgenommen worden und die Verhaftungswelle halte im ganzen Land weiterhin an.
Unter den Festgenommenen befanden sich etwa achtundzwanzig Frauen. Außerdem wurden die Familien der Festgenommenen in entlegene Gebiete des Landes deportiert. Daher verkündete eine jüdische Londoner Zeitung, der Jewish Observer, in ihrer erfreut veröffentlichten Ausgabe vom 28. November 1965 die „gute Nachricht“, dass die Meldungen dieser Woche bestätigt hätten, 4.500 Familien festgenommener Mitglieder der Ikhwan seien in weit entfernte, abgelegene Gegenden deportiert worden.
Nach Einschätzung offizieller ägyptischer Stellen sind die Festgenommenen in zwei Gruppen geteilt. Eine kleinere Zahl sind Personen, gegen die vonseiten der ägyptischen Regierung Anklage erhoben wurde; ihre Zahl liegt unter vierhundert. Die Mehrheit jedoch besteht aus Personen, gegen die keinerlei Anklage erhoben wurde.
Zu den bedeutenden unter den Festgenommenen gehören:
1. Hasan Ismail al-Hudaybi: Er war etwa vierundsiebzig Jahre alt. Bevor er formelle Beziehungen zur Ikhwan aufnahm, war er Rechtsberater am Obersten Gericht Kairos. Nach dem Märtyrertod des verstorbenen Hasan al-Banna im Jahr 1948 wurde er zum Murshid al-am (Zentralvorsitzenden) der Ikhwan gewählt. Da er Jurist war, bemühte er sich während seiner Amtszeit umfassend darum, dass die Organisation die Gesetze einhielt. In einigen Kreisen der Ikhwan wurde er jedoch wegen seiner juristischen Strenge und seiner Unnachgiebigkeit in kleinen Angelegenheiten kritisiert. Als 1954 zum zweiten Mal ein Unglück über die Ikhwan hereinbrach, wurde auch er festgenommen und zum Tode verurteilt. Später wurde dieses Urteil jedoch aufgrund seines Alters umgewandelt. Im Gefängnis wurde er grenzenlosen Misshandlungen ausgesetzt. Dadurch verschlechterte sich sein körperlicher Zustand so sehr, dass die Regierung gezwungen war, ihn freizulassen. Danach verbrachte er seine Tage in seinem eigenen Haus unter Hausarrest. Später wurde er erneut unter dem Vorwurf festgenommen, einen Mord geplant zu haben, und zu drei Jahren Zwangsarbeit verurteilt.
2. Mamun al-Hudaybi: Er war der Sohn von Hasan al-Hudaybi und ebenfalls Rechtsberater am Obersten Gerichtshof von Kairo. Er wurde zu drei Jahren Gefängnis verurteilt.
3. Ismail al-Hudaybi: Er war ein weiterer Sohn von Hasan al-Hudaybi. Von Beruf war er Rechtsanwalt. Er wurde zu einem Jahr Zwangsarbeit verurteilt.
4. Sayyid Qutb: Er war etwa sechzig Jahre alt. Vor seinem Beitritt zur Muslimbruderschaft war er als Schulinspektor im ägyptischen Bildungsministerium tätig. 1953 wurde er Mitglied der Muslimbruderschaft. 1954 wurde auch er verhaftet, und das Volksgericht verkündete gegen ihn ein Todesurteil, das aufgrund seines Alters in eine andere Strafe umgewandelt wurde. Im August 1964 ließ die ägyptische Regierung ihn auf Empfehlung des verstorbenen Abdus Salam Arif frei. Doch bereits ein Jahr später, im August 1965, wurde er erneut verhaftet und gehängt.
5. Muhammad Qutb: Er war der ältere Bruder von Sayyid Qutb. Er war Autor mehrerer Bücher. Organisatorische Verbindungen zur Muslimbruderschaft hatte er nicht. Zu seinen bekannten Büchern gehören:
1. Der Mensch aus der Sicht des Materialismus und des Islam,
2. Der Islam im Netz der Irrtümer,
3. Die Dschahiliyya des zwanzigsten Jahrhunderts,
Die große Popularität dieser Bücher wurde zum Grund für seine Verhaftung. Er gründete auch einen eigenen Verlag, der seine Werke sowie Bücher von Sayyid Qutb und anderen islamischen Autoren veröffentlichte. Als er verhaftet wurde, beschlagnahmte die Regierung auch seinen Verlag. Im Gefängnis wurde Muhammad Qutb unmenschlich gefoltert; ebenso wurde seine Schwester Amina Qutb solchen Folterungen ausgesetzt.
6. Professor Saleh Abu Raqiq: Er war der zentrale Rechtsberater der Arabischen Liga.
7. Muhammad Farid Abd al-Khaleq: Er war einer der bekannten Gelehrten Ägyptens.
8. Professor Munir Walla: Während der Regierungszeit Faruks war er Rechtsberater des Staatsrats.
Zu den nennenswerten Frauen unter den Verhafteten gehörten:
1. Sayyida Zaynab al-Ghazali. Sie war über sechzig Jahre alt und die Leiterin der Frauenorganisation. Als sie vor dem Tribunal aussagte, sagte sie: „Warum war es nötig, mich mit falschen Anschuldigungen zu belasten? Und wenn man mein Leben brauchte, dann ist es doch hier.“ Sie wurde zu zehn Jahren Zwangsarbeit verurteilt.
2. Die Ehefrau von Hasan al-Hudaybi, dem Oberhaupt der Muslimbruderschaft.
3. Sayyida Khalida, die Tochter von Hasan al-Hudaybi.
4. Die Ehefrau von Ismail al-Hudaybi (die Schwiegertochter von Hasan al-Hudaybi).
5. Sayyida Hamida Qutb. Die Schwester von Sayyid Qutb. Sie wurde zu drei Jahren Zwangsarbeit verurteilt.
6. Die Ehefrau von Professor Abdul Halim Oshahi.
Es ist ebenfalls notwendig zu erwähnen, wie die Verhafteten im Gefängnis behandelt wurden und was ihren Familien widerfuhr. Wie ich oben beschrieben habe, wurden die meisten Familien der Verhafteten in weit entfernte, abgelegene Gegenden geschickt, damit sie keinerlei Hilfe oder Unterstützung ersuchen konnten und auch der Anteilnahme der Bevölkerung beraubt blieben. Den Familienangehörigen der Verhafteten wurde weder erlaubt, ihre Verwandten und Freunde zu besuchen, noch mit ihnen Briefe auszutauschen. Die meisten Menschen wurden unter solchen Umständen verhaftet oder, anders gesagt, entführt, dass ihre Familien überhaupt nichts über sie wussten. Tausende Familien hatten niemanden, der für sie sorgte oder ihnen Schutz bot.
Darüber hinaus wurden auf Grundlage eines staatlichen Gesetzes diejenigen unter den Verhafteten, die im Staatsdienst standen, ihrer Gehälter, Zulagen und sonstigen gesetzlich zustehenden Rechte beraubt. Wenn beispielsweise jemand unter den Verhafteten Angestellter war, wurde auch er aus dem Dienst entlassen und sein Gehalt eingestellt; keinem seiner nahen Angehörigen wurde finanzielle Unterstützung gewährt. Auch der einfachen Bevölkerung wurde befohlen, niemandem unter den Verwandten der Verhafteten Bargeld oder irgendeine andere Hilfe zukommen zu lassen. Zugleich wurde angekündigt, dass jeder, der dieses Vergehen beging, angemessen bestraft werden würde. Das gesamte unbewegliche und bewegliche Eigentum der Verhafteten wurde beschlagnahmt. In der Pariser Zeitung Ravmyndi wurde in ihrer Ausgabe Nr. 65 vom 23. Dezember berichtet, dass die von der ägyptischen Regierung erlassenen Gesetze der Regierung das Recht einräumten, das Eigentum politischer Häftlinge zu beschlagnahmen. Familien, die zur Miete oder in staatlichen Wohnungen lebten, wurden auf Anweisung der Polizei aus diesen Wohnungen vertrieben und hilflos unter freiem Himmel zurückgelassen.
Da hinter diesen Verhaftungen die Absichten kommunistischer Berater standen, beschränkten sie sich nicht nur auf die Muslimbruderschaft. In Wirklichkeit gab es zwei Ziele dieser gesamten Verfolgungs- und Unterdrückungsmaßnahmen: erstens die Existenz konservativer Schriftsteller und Prediger, zweitens konservatives Denken und konservative Anschauungen. Es ist offensichtlich, dass der Kommunismus in diesem Land keinen Segen erhalten wird, solange das Land nicht von diesen beiden Dingen gesäubert ist.
Um konservative Schriftsteller und Prediger auszurotten, richtete sich der erste Angriff gegen die Muslimbruderschaft. Danach wandte man sich den anderen religiösen Organisationen Ägyptens zu. Jede von ihnen wurde in irgendeiner Weise als an Mordplänen beteiligt dargestellt. Die Muhammad-(s.a.w.)-Jugendorganisation, die Jamʿiyyat al-Sharīʿa, die Tablighi Jamaat und die Ansar as-Sunna al-Muhammadiyya vertraten starke Meinungsverschiedenheiten mit der Muslimbruderschaft und hielten Politik grundsätzlich für verboten. Dennoch wurden diese Organisationen verfolgt, ihre Anhänger verhaftet und ihnen vorgeworfen, die Mitglieder der Muslimbruderschaft würden die religiösen Gefühle dieser Jugendlichen ausnutzen und sie in ihren Einflussbereich ziehen. Die meisten Einwohner von Assiut waren Christen. Für die muslimische Minderheit dort hatte die Jamʿiyyat al-Sharīʿa eine Moschee errichtet und daneben einen Club zur Unterhaltung der Jugendlichen gegründet. Der Vorwurf lautete, dass jemand einen solchen Club besuche, dessen Verwaltung in den Händen einer religiösen Organisation liege.
Um das Land vom konservativen Denken zu befreien, wurden die Schulen versiegelt, und jene Bücher wurden beschlagnahmt, in denen man dessen Keime gefunden hatte. Uns liegt eine lange Liste jener Bücher vor, die in den vergangenen Monaten in Ägypten für illegal erklärt wurden. Darunter befinden sich neben den Büchern von Autoren der Muslimbruderschaft auch Werke anderer Schriftsteller, die von einer solchen Regierung ausgewählt worden waren. Auch jene Druckereien wurden versiegelt, die gewöhnlich islamische Literatur druckten. Ich traf in Kairo mit Muhammad al-Madani, dem Besitzer der berühmten al-Madani-Druckerei, zusammen. Als er mir persönlich von der Zerstörung seiner Druckerei berichtete, sagte er, diese Zerstörung sei allein deshalb verübt worden, weil die Druckerei statt kommunistischer Literatur islamische Literatur druckte. Deshalb werde ich ohne Umschweife sagen, dass dieser Konflikt in Wirklichkeit ein Konflikt zwischen Islam und Kommunismus sowie zwischen Gläubigen und Atheisten ist. Es ist keine zutreffende Betrachtung der Lage, dies lediglich als den Wahnsinn einiger Personen zu beurteilen und sein Ende mit deren Hinrichtung anzunehmen.
Nun werden die Vorwürfe angeführt, die in der offiziellen Pressemitteilung gegen die Muslimbruderschaft erhoben wurden:
Als erste Anschuldigung wurde vorgebracht, die Muslimbruderschaft habe eine geheime Organisation gegründet, deren Leiter Sayyid Qutb gewesen sei. Die Organisation habe für die Angeklagten finanzielle Unterstützung und andere Hilfsmittel beschafft. Sie habe die Ermordung Präsident Nassers geplant, ihre Mitglieder im Zerstören von Sonderzügen ausgebildet und bei dieser Ausbildung auch die Unterstützung einiger Frauen in Anspruch genommen.
Im Grunde war dies keine neue Anschuldigung. Für die ägyptische Regierung und auch für die Muslimbruderschaft war sie nichts Besonderes. Jeder Machthaber hat zu allen Zeiten auf diese Weise Anschuldigungen gegen seine Gegner erhoben; insbesondere die kommunistischen Länder und die von ihnen abhängigen Staaten haben sich als äußerst geschickt darin erwiesen, derartige Anschuldigungen zu konstruieren. In der offiziellen Pressemitteilung wurde dies behauptet – doch kann allein deshalb diese Anschuldigung schon als glaubwürdig gelten? Jeder Mensch mit gesundem Menschenverstand wird fragen: Im Jahr 1954 wurden Tausende Mitglieder der Muslimbruderschaft ins Gefängnis geworfen. Ihre Familien führten ein Leben in grenzenlosem Elend und völliger Mittellosigkeit. Sayyid Qutb selbst wurde nach zehn Jahren freigelassen, und kaum war ein Jahr vergangen, wurde er zum zweiten Mal verhaftet. Auch nach seiner Freilassung wurde er streng überwacht. Wie sollte es da das Gewissen zulassen zu glauben, dass er in so kurzer Zeit eine derart große Verschwörung plante und dafür eine solche Menge an Waffen beschaffte, die geeignet gewesen wäre, die Regierung zu stürzen? Kann irgendjemand angesichts einer Polizei, die Verdächtige aus Rom in Kisten verpackt und nach Kairo bringen lässt, überhaupt annehmen, dass jemand unter ihrer Aufsicht eine solche Verschwörung hätte planen können? Bemerkenswert ist auch, dass in der Anklageschrift erwähnt wurde, die Angeklagten hätten bis 1959 ununterbrochen Pläne zum Sturz der Regierung ausgearbeitet. Beaufsichtigte Sayyid Qutb diese Pläne etwa aus dem Gefängnis heraus und nahm er die Hilfe seiner leiblichen Schwester sowie einer weiteren sechzigjährigen Frau, Zaynab al-Ghazali, in Anspruch, um ihnen Anweisungen zur Umsetzung dieser Pläne zu erteilen? Wo sind also die Beweise für diese Anschuldigung? Die Propaganda im Radio und in den Zeitungen ist in Wirklichkeit kein Beweis. Das Geheimnis darüber, auf welche Weise und vor welchem Gericht diese Anschuldigung vorgebracht wurde, wurde vielmehr von der einzigen unabhängigen Organisation der Welt, Amnesty International, enthüllt.
Die wichtigste Tat, die die Muslimbruderschaft in den vergangenen Jahren vollbrachte, bestand jedoch darin, den mittellosen und hilflosen Familien der Tausenden von Menschen, die 1954 inhaftiert worden waren, finanzielle Unterstützung zukommen zu lassen. Die ägyptische Regierung überschüttete ihre Geheimdienstpolizei, die Propagandamedien, die Arabische Sozialistische Partei und andere derartige Institutionen bedenkenlos mit Geld und Mitteln, hielt es aber nie für nötig, auch nur einen einzigen Piaster für den Lebensunterhalt der Familien der Gefangenen bereitzustellen. Dabei wäre es ihre Pflicht gewesen, den unschuldigen Kindern, Ehefrauen und alten Müttern jener Menschen, die aus politischen Gründen lange Zeit inhaftiert worden waren, finanzielle Hilfe für ihren notwendigsten Lebensunterhalt zu gewähren. Gibt es im Marxismus nicht wenigstens ein Grundprinzip, das diese Familien vor dem Verhungern bewahrt? Gestattet es der Marxismus etwa nur der herrschenden Partei, sich mit den finanziellen Mitteln vollzustopfen, während niemand sonst darauf Anspruch hat? Werden etwa nur die nichtägyptischen Kinder des Märtyrers Lumumba durch staatliche Zuschüsse der ägyptischen Regierung sämtliche Möglichkeiten zur Bildung und Ausbildung erhalten? Haben die hilflosen, armen Kinder von Abd al-Qadir Audah daran keinerlei Anteil? Dabei gibt es eine lange Liste naher Angehöriger, die in den Häusern Tausender Gefangener leben. Hat irgendjemand darüber nachgedacht, ob ihre Mütter, Ehefrauen, Töchter und Säuglinge zweimal täglich etwas zu essen bekommen?
Doch Ägypten war keineswegs frei von mitfühlenden und hilfsbereiten Menschen. Eine Gruppe von Schülerinnen und Schülern sowie Studentinnen und Studenten besuchte die Häuser von Wohltätern, sammelte bei ihnen Spenden und brachte sie je nach Bedarf zu den mittellosen Familien der einzelnen Gefangenen. Die ägyptische Regierung betrachtete auch diese Gruppe als geheime Organisation. Sie blieb den Augen des ägyptischen Geheimdienstes nicht verborgen. Diese Menschen gehörten auch nicht der Muslimbruderschaft an; viele junge Leute verrichteten diese Arbeit lediglich aus Menschlichkeit und im Bewusstsein, damit dem Gemeinwohl zu dienen. Außerdem unterstützten viele rechtschaffene Menschen, die nicht die geringste Beziehung zur Muslimbruderschaft hatten, diese wohltätige Arbeit allein aus Gottesfurcht und menschlichem Mitgefühl finanziell. Kein anständiger Mensch hätte sich vorstellen können, dass auch dies als politische Tätigkeit angesehen werden könnte. Daher sahen sie weder Anlass, es geheim zu halten, noch gründeten sie dafür eine geheime Organisation. Menschen, die die Haltung der ägyptischen Regierung kannten, rieten diesen aufrichtigen jungen Leuten sogar, von dieser Arbeit abzulassen. Denn sie wussten, dass dieses öffentliche Wohlwollen ihnen eines Tages zum Verhängnis werden würde. Doch dieser Rat hinterließ in ihren Herzen keinerlei Wirkung. Stattdessen gingen sie unermüdlich ihrer Tätigkeit nach. Schließlich wurde ihre Furchtlosigkeit für sie zur Gefahr. Während sie einerseits ihrer Arbeit nachgingen, erstellte andererseits die ägyptische Geheimpolizei stillschweigend ihre Listen. Eines Tages wurden eben diese Menschen als Mitglieder der geheimen Organisation der Muslimbruderschaft bezeichnet, und viele dieser rechtschaffenen Personen, die den hungernden Familien finanzielle Hilfe zukommen ließen, wurden unter dem Vorwurf der Verschwörung verhaftet.
Die zweite Anschuldigung lautete, bei der Muslimbruderschaft sei ein Waffenlager gefunden worden. Mit diesen Waffen hätten sie geplant, die ägyptische Regierung zu stürzen, bedeutende Persönlichkeiten zu ermorden und große Gebäude dem Erdboden gleichzumachen. Doch die Bilder der Waffen, die in den Zeitungen abgedruckt wurden, zeigten lediglich gewöhnliche Messer und Dolche. Wenn die Polizei tatsächlich Waffen gefunden hätte, hätte sie selbstverständlich eine Ausstellung veranstaltet und sie im Fernsehen übertragen, um die ganze Welt davon zu überzeugen, dass diese Leute für eine bewaffnete Revolution die erforderlichen Mittel beschafft hatten. Ist es nicht erstaunlich, dass man die sichergestellten Waffen geheim hält und der Welt in den Zeitungen lediglich Messer und Dolche zeigt? Ist die ägyptische Regierung ein unmündiges Kind, das das von ihr entdeckte Waffenlager verborgen hält und der Welt für eine Ausstellung diese lächerlichen Gegenstände präsentiert? Ein berühmter Journalist, der Ägypten besuchte, berichtete, die Regierung habe eine Gruppe von Journalisten eingeladen, das Waffenlager im Dorf Kardasa zu besichtigen. Einerseits wurde dafür gesorgt, dass die Journalistengruppe nach Kardasa gelangte, andererseits wurde ein mit Waffen beladenes Armeefahrzeug nach Kardasa geschickt. Zufällig ging dieses Fahrzeug unterwegs aus irgendeinem Grund kaputt und konnte daher nicht rechtzeitig eintreffen. Dadurch hatte die Polizei keine Gelegenheit, ein Waffenlager herzurichten. Als die Journalisten darauf bestanden, das Waffenlager zu sehen, war die Polizei gezwungen, ihnen lediglich das Armeefahrzeug zu zeigen, und erklärte, dieses Fahrzeug sei mit dem Begriff „Waffenlager“ gemeint. Obwohl neben diesem Armeefahrzeug auch Bilder anderer Waffen in den Zeitungen zu sehen waren, wurden weder Waffenproben irgendwo vorgelegt noch der Bevölkerung gezeigt. Nach diesen beiden grundlegenden Anschuldigungen nahm die Zahl der Vorwürfe von Tag zu Tag zu; sie lauteten schließlich wie folgt:
1. Die Geschwister von Sayyid Qutb, Muhammad Qutb, Amina Qutb und Hamida Qutb seien die Anführer einer terroristischen Geheimorganisation. Unter ihrer Führung sei ein solcher Plan ausgearbeitet worden, dass Ägypten ohne seine Aufdeckung eine Katastrophe heimgesucht hätte. Dass leibliche Geschwister aus derselben Familie einen derart großen Plan ausarbeiteten, wäre allenfalls bei einer Familie von Dummköpfen und Idioten möglich; es kann jedoch nicht die Familie der Verfasser von Büchern wie der Koranexegese, der sozialen Gerechtigkeit des Islam, des Materialismus und der islamischen Sicht des Menschen sein. Ebenso wenig kann es die Familie von Menschen sein, deren jedes Mitglied zehn Jahre Zwangsarbeit verbüßt hat und deren eine Frau zehn lange Jahre darauf wartete, dass ihr zu lebenslanger Haft verurteilter Ehemann freigelassen würde.
2. Die Aufdeckung der Verschwörung eines Mannes namens Hussein Tawfiq. Obwohl der Polizeibericht sie als von der Verschwörung der Ikhwan verschieden einstufte, erklärten die ägyptische Nachrichtenagentur und die ägyptischen Zeitungen sie zu einem Teil eben jener Verschwörung der Ikhwan. Im Polizeibericht wurde Hussein Tawfiq als Agent der saudischen Regierung bezeichnet. Hätte man jedoch angenommen, dass diese Verschwörung mit Saudi-Arabien verbunden war, hätte dies die Gefahr heraufbeschworen, die Lösung des Jemen-Problems zu behindern. Dabei war die ägyptische Regierung in diesem Augenblick nachdrücklich daran interessiert, dass dieses Problem friedlich gelöst würde. Deshalb wurde die Verschwörung nicht mit Saudi-Arabien in Verbindung gebracht, sondern der Ikhwan angelastet. Denn sie waren ein solcher Sündenbock, dass sie früher oder später ohnehin geschlachtet worden wären.
3. Einige Zeit später wurde der Vorwurf erhoben und bewiesen, dass die terroristische Organisation der Ikhwan nicht nur die Ermordung von Präsident Nasser geplant, sondern auch die Sängerin und Kaiserin Umm Kulthum, den berühmten Musiker Abdel Wahab, den bekannten Filmschauspieler Abdel Halim Hafiz und den strahlenden Star der Filmwelt, Fayza Shadia, zu ermorden geplant habe. Der Zweck der Polizei, diese Namen zu verbreiten, bestand darin, dass die Bevölkerung, falls sie beim Hören von der geplanten Ermordung ihres geliebten Präsidenten nicht erregt würde, zumindest zwangsläufig Wut und Hass auf ihre geliebten Helden entwickeln sollte. Der interessante Aspekt dieses Geschehens ist ferner, dass, sobald die Namen der genannten führenden Musik- und Tanzkünstler in den Zeitungen veröffentlicht würden, andere Künstler ihresgleichen dagegen protestieren würden, dass man sie nicht zur Reihe der Helden zähle. Als Reaktion auf diese Forderung würde die Polizei weitere solche Dokumente herbeischaffen, durch die bewiesen werden sollte, dass neben den genannten Personen noch eine größere Zahl weiterer Menschen auf der Liste der Ikhwan gestanden habe. Auch deren Namen würden in den Zeitungen veröffentlicht werden.
Es heißt, diejenigen, die zum Tode oder zu einer anderen schweren Strafe verurteilt werden, hätten ihre Verbrechen freiwillig gestanden. In einem diktatorischen Herrschaftssystem bedarf die Geschichte eines freiwilligen Geständnisses jedoch weder eines parteilichen Beweises noch einer erläuternden Analyse. Die Welt ist mit den Geschichten der Geständigen aus der Zeit Stalins vertraut. Die Belastbarkeit jedes Menschen hat eine Grenze. Durch übermäßige Unterdrückung und Folter jenseits dieser Grenze kann man jeden dazu bringen, jedes nicht begangene Verbrechen zu gestehen. Doch wie lässt sich erklären, dass die Verhandlung vor dem Gericht, dem diese Angeklagten vorgeführt werden, im Fernsehen übertragen wird, während die Übertragung sofort abgebrochen und der Gefangene in einen verschlossenen Raum gebracht wird, sobald die Gefangenen beginnen, von ihren Leiden zu erzählen? Ägyptischen und ausländischen Journalisten wird nicht gestattet, den Verhandlungen beizuwohnen. Als ein Vertreter von Amnesty International das Gericht betreten wollte, wurde auch ihm dies untersagt. Danach wird von den Gerichtsverhandlungen in den Zeitungen nur so viel berichtet, wie von den staatlichen Medien veröffentlicht wird. Selbst wenn man zugesteht, dass die Gefangenen der Ikhwan ihre Verbrechen gestanden haben, ist dies für uns keineswegs erstaunlich. Angesichts der Behandlung, der sie im Gefängnis ausgesetzt sind, kann jeder Gefangene dazu gebracht werden, all jene Vorwürfe zu bestätigen, die in staatlichen Pressemitteilungen und in den Zeitungen anderer Länder veröffentlicht wurden. Das Genfer Büro des Roten Kreuzes hat dies veröffentlicht. Im Bericht eines Vertreters von Amnesty International wurde dies bestätigt. Das Wichtigste aber ist, dass selbst aus dem Mund kleiner Kinder in den arabischen Ländern das Echo dieser Wahrheit zu hören war.
Ich beschreibe hier nur die Zustände in den Militärgefängnissen Ägyptens, in denen ausschließlich diejenigen festgehalten wurden, die verhört werden sollten. Die folgende Beschreibung der Behandlung der Ikhwan dort wurde in der Tageszeitung Al-Misak al-Islami, Khartum, Sudan, Ausgabe vom 2./3. Februar 1966, in der Tageszeitung Al-Ilm, Rabat, Marokko, Ausgabe vom März 1966, sowie in Ukaz, Dschidda, Saudi-Arabien, Ausgabe vom 1. Mai 1966, veröffentlicht. Dies ist der Bericht jener Gefangenen, denen es auf irgendeine Weise gelang, die außerhalb des Gefängnisses herrschenden Zustände ihren Mitgefangenen bekannt zu machen; anschließend gelangte dieser Bericht in die Zeitungen des Sudan, Marokkos und Saudi-Arabiens:
Eine Gruppe von nahezu dreißig Angehörigen der Ikhwan wurde herbeigebracht. Sie wurden in drei Gruppen aufgeteilt. Die Beine jedes Einzelnen wurden an den Arm eines anderen gebunden, und sie wurden mit dem Rücken auf den Boden gelegt. Danach wurden zehn Kräne herbeigeschafft. Die beiden Arme des ersten Mannes wurden an Kran Nummer eins gebunden. Die beiden Beine des dritten Mannes wurden an Kran Nummer zwei gebunden. Auf diese Weise hängten diese zehn Kräne alle dreißig Männer in der Luft auf. Die Kräne standen in fünf Reihen. Auf diese und viele andere Arten wurden sie gefoltert. Ihre Folter übertraf sogar die Folter Stalins. Damit sei die Geschichte der Folter an der Ikhwan beendet.
Heute hat überall die islamische Wiedererweckung begonnen; dabei kommt der Ikhwanul Muslimun eine herausragende Rolle zu. Zwar konnten sie die angestrebte Gesellschaft nicht errichten, doch ihre Anstrengungen waren nicht vergeblich. Das Blut der Märtyrer ist niemals vergeblich geflossen und wird es auch künftig nicht tun. Auf dem von ihnen vergossenen Blut wird eines Tages, so Gott will, die islamische Gesellschaft errichtet werden.
Nicht nur Ägypten, sondern auch das heiße Blut der monotheistischen Völker Palästinas, Bosniens, Kaschmirs, des Irak und Afghanistans bezeugt dies.
Ende