Wort des Herausgebers
Der verehrte Abbas Ali Khan ist einer der bedeutendsten islamischen Denker Bangladeschs. Sein Beitrag zum Bemühen um die Verbreitung und Etablierung des Islam ist besonders hervorzuheben. Auch auf dem Gebiet der Abfassung und Übersetzung islamischer Literatur ist seine Feder unermüdlich. Zu den von ihm verfassten Werken gehört „Der ewige Konflikt zwischen Islam und Dschahiliya“. In diesem Werk hat der Autor auf meisterhafte Weise den Konflikt zwischen dem Islam und der Dschahiliya dargestellt, der in der Vergangenheit stattfand und bis in die Gegenwart andauert. Zugleich hat er auf schöne Weise aufgezeigt, was diejenigen tun müssen, die den Islam etablieren wollen. Wir sind überzeugt, dass sein Werk für alle, die den Islam etablieren wollen, eine wertvolle Wegzehrung sein wird.
Islam und Dschahiliya
Islam und Dschahiliya sind zwei entgegengesetzte Glaubensvorstellungen, Lehren und Handlungsweisen. Ihre Wege, Ziele und Bestimmungen sind verschieden – vielmehr entgegengesetzt. Daher sind Konflikt und Auseinandersetzung zwischen ihnen natürlich und unvermeidlich. Seit den Anfängen der Menschheit besteht dieser Widerstreit und Kampf, und solange die Menschheit existieren wird, wird dieser Konflikt andauern.
Das eine ist gut, das andere böse. Das eine ist Wahrheit und Gerechtigkeit, das andere Lüge und Unrecht. Das eine ist segensreich, das andere schädlich. Das eine ist Licht, das andere Dunkelheit. Das eine ist schöpferisch, das andere zerstörerisch. Das eine ist der von Allah, dem Erhabenen, dem Schöpfer der Welt, erwählte Weg, das andere ist Sein unerwünschter und verbotener Weg. Von diesen beiden Wegen und Lehren ist der erste der Islam und der zweite die Dschahiliya. Was Islam ist, ist nicht Dschahiliya, und was Dschahiliya ist, ist nicht Islam.
Das Wort „Dschahiliya“ wird im Gegensatz zum Islam verwendet. Alle Wege und Methoden des Islam beruhen auf Wissen. Denn Gott selbst hat diesen Weg und diese Methode gelehrt, und Er allein besitzt das Wissen um alle verborgenen Geheimnisse. Demgegenüber gilt jeder Weg und jede Methode, die vom Islam abweicht, als Weg und Methode der Dschahiliya. Die vorislamische Zeit Arabiens wurde in diesem Sinne das Zeitalter der Dschahiliya genannt, weil die Menschen in jener Zeit ihre eigene Lebensweise nicht auf Wissen, sondern ausschließlich auf Aberglauben, Vermutungen und Wünsche und Leidenschaften gegründet und festgelegt hatten. Wo und wann immer die Menschen diese Methode übernehmen, muss sie als die Handlungsweise der Dschahiliya bezeichnet werden.
Kurz gesagt bezeichnet Dschahiliya in der islamischen Terminologie jene Handlungsweisen, die der islamischen Zivilisation und Kultur, ihren Grundsätzen und ihrer Ethik, ihren guten Sitten sowie ihrer Gesinnung und Mentalität widersprechen. – „Er ist es, der euch erschaffen hat. Danach gibt es unter euch einige, die ungläubig sind, und einige, die gläubig sind. Und Allah sieht alles, was ihr tut.“ – (At-Taghabun: 2).
Die Tafsir-Gelehrten haben dafür vier Bedeutungen angeführt, und alle vier sind richtig.
Erstens: Er ist euer Schöpfer. Doch manche leugnen, dass Er ihr Schöpfer ist, während andere diese große Wahrheit anerkennen. Daher werden sie jeweils Kafir und Mumin genannt.
Zweitens: Nachdem Er euch erschaffen hatte, zeigte Er euch sowohl den guten als auch den schlechten Weg und teilte euch auch deren jeweilige Folgen mit. Danach gab Er euch die volle Freiheit, einen dieser beiden Wege zu wählen und ihn zu beschreiten. Wenn ihr Kufr annehmen wollt, das heißt, euch weigern wollt, Allahs Weg zu beschreiten, könnt ihr dies tun; und wenn ihr durch den Iman auf Seinem Weg gehen wollt, könnt ihr auch dies tun. Er zwingt euch nicht, entweder Iman oder Kufr anzunehmen. Daher seid ihr selbst für beides verantwortlich: für Iman und Kufr, das heißt, dafür, Allahs Herrschaft, Autorität und Gebote anzuerkennen oder nicht anzuerkennen. Indem Er euch die Freiheit der Wahl zwischen diesen beiden Möglichkeiten gab, stellte Er euch auf die schrecklichste Probe. Er beobachtet, wie ihr diese Wahlfreiheit nutzt. In den Worten „Er beobachtet, was ihr tut“ liegt ein Hinweis auf eine Warnung. So wie ihr die Freiheit habt, einen von zwei entgegengesetzten Wegen zu beschreiten, müsst ihr auch deren entgegengesetzte Folgen ertragen. Die Folgen des guten und des schlechten Weges können niemals gleich sein. Es bedarf keiner besonderen Erklärung, dass man den guten Weg beschreiten muss, wenn man ein gutes Ergebnis genießen will. Darin besteht die Prüfung des Menschen. Geprüft wird man um der Belohnung und der Bestrafung willen; andernfalls wäre die Prüfung sinnlos.
Drittens: Er hat euch in einer gesunden und rechten natürlichen Veranlagung erschaffen, deren Forderung es ist, dass ihr den Weg des Iman einschlagt. Doch nachdem ihr in dieser gesunden und rechten natürlichen Veranlagung erschaffen worden wart, haben einige von euch Kufr angenommen, was Seiner Schöpfung widerspricht. Andere wiederum haben den Weg des Iman eingeschlagen, der mit ihrer natürlichen Veranlagung übereinstimmt.
Man muss sich vor Augen halten, dass der Mensch mit einer natürlichen Gesinnung und einem natürlichen Bewusstsein ohne Neigung zur Sünde erschaffen wurde. Danach nimmt er entweder den rechten oder den unrechten Weg.
Es sei darauf hingewiesen, dass keiner der Propheten und Gesandten, die auf der Welt erschienen sind, und keines der ihnen gegebenen himmlischen Bücher den Menschen als von Geburt an sündig bezeichnet hat. Dennoch hält die christliche Welt seit anderthalb Jahrhunderten an dem religiösen Glauben fest, dass der Mensch von Geburt an sündig sei. Ihrer Auffassung nach hat sich infolge der Sünde Adams und Evas eine erbliche Neigung zur Sünde unter den Menschen fortgesetzt. Statt darüber nachzudenken und sich darum zu bemühen, diese Neigung zur Sünde zu unterdrücken, haben sie die gesamte Verantwortung Adam und Eva angelastet und nach Ausreden gesucht, um ein sündhaftes Leben zu führen. Dies ist eine äußerst irrige Denkweise und Weltanschauung – und genau das ist Jahiliya.
Inzwischen haben katholische Gelehrte jedoch begonnen zu sagen, dass diese Vorstellung und dieser Glaube in der Bibel keinerlei Grundlage haben. Der bekannte Bibelgelehrte Reverend Hubat Hag schreibt in seinem Buch „Is Original Sin in Scripture?“, dass es unter den Christen bis zum dritten Jahrhundert keinen solchen Glauben gegeben habe, wonach der Mensch von Geburt an sündig sei. Als sich eine solche Vorstellung und ein solcher Glaube durch die Propaganda einiger Leute immer weiter auszubreiten begann, leisteten christliche Gelehrte zwei Jahrhunderte lang Widerstand dagegen. Doch schließlich nahm der heilige Augustinus im fünften Jahrhundert durch sein Netz sophistischer Argumente den Gedanken in die grundlegenden Glaubenslehren des Christentums auf, dass die Menschheit den Fluch von Adams Sünde durch Erbschaft übernommen habe. Und weil Jesus Christus sein Leben am Kreuz hingab und Sühne leistete, sei die Erlösung des Menschen ermöglicht worden – einen anderen Weg gebe es nicht. Dies ist ein irriger, erdichteter und unvernünftiger Aberglaube und eine äußerst gefährliche Waffe der Jahiliya.
Viertens: Allah, der Erhabene, hat euch aus dem Nichtsein ins Sein gebracht. Ihr wart nicht da und seid dann ins Dasein getreten. Wenn ihr über diese Angelegenheit mit einem einfachen, unvoreingenommenen Gemüt nachdenken würdet, könntet ihr gewiss verstehen, dass eure Existenz selbst eine besondere Gabe Gottes ist, durch die ihr die unzähligen Gnaden genießen könnt, die für euch erschaffen wurden. Doch viele unter euch denken darüber nicht nach. Daher haben sie den Weg der Rebellion und der Sünde eingeschlagen. Einige wenige hingegen haben durch die Wahl des Weges des Iman richtiges und unfehlbares Denken bewiesen.
Auch das, was in der Sure ar-Rum des Heiligen Korans gesagt wurde, ist besonders bedeutsam: „Richtet daher, o Prophet und ihr Anhänger des Propheten, all eure Ziele ausschließlich auf diese Religion aus. Haltet an der natürlichen Veranlagung fest, auf der Allah die Menschen erschaffen hat. Allahs Schöpfungsordnung kann nicht verändert werden. Dies ist die vollkommen wahre und richtige Religion beziehungsweise Lebensordnung.“ (Ar-Rum: 30)
In dem oben genannten Vers wird der Prophet Muhammad (s.a.w.) sowie den Muslimen gesagt: Wenn euch diese Tatsache klar ist, dass es außer Allah niemanden gibt, der Schöpfer und Eigentümer dieses Universums ist, dann muss eure Vorgehensweise folgendermaßen aussehen: Richtet euer Ziel ausschließlich auf diese Religion aus. Diese Religion ist eben jene, die der Koran verkündet. Nach dieser Religion besitzt niemand außer Allah, dem Einen und Unteilbaren, das Recht, dass ihm Anbetung, Gottesdienst, Dienstbarkeit und Gehorsam erwiesen werden. Wendet euch nicht von dieser Religion ab und keiner anderen Richtung zu. Nachdem ihr diesen Weg für euer Leben gewählt habt, schaut nicht nach irgendeinem anderen Weg. Die gesamte Menschheit wurde mit der natürlichen Veranlagung erschaffen, dass sie außer dem Einen Allah keinen Schöpfer, keinen Herrn, keinen Gott und kein Wesen hat, dem sie im eigentlichen Sinne Gehorsam leisten dürfte. Der Mensch muss auf dieser natürlichen Veranlagung fest gegründet sein.
Der Satz „Allahs Schöpfungsordnung kann nicht verändert werden“ bedeutet, dass Allah den Menschen als Seinen Diener erschaffen hat, damit der Mensch allein Ihm dient. Diese natürliche Ordnung und Beschaffenheit der Schöpfung kann niemand verändern. Es ist nicht möglich, aus diesem Zustand in den Zustand „nicht Allahs Diener“ überzugehen. Wenn man jemanden, der nicht Allah ist, als Gott betrachtet, kann er dadurch im eigentlichen Sinne nicht zu Gott werden. Wie viele Götzen der Mensch auch für sich erschaffen mag: Außer Allah ist der Mensch niemandes Diener und kann es auch nicht sein.
Die Zusammenfassung dieser Erörterung lautet: Allah hat dem Menschen einerseits die vollständige Freiheit gegeben, seinen eigenen Lebensweg frei zu wählen und entsprechend zu handeln. Andererseits macht Er ihm die eigentliche Wahrheit deutlich und ruft ihn dazu auf, diese Wahrheit anzunehmen.
Weil Allah den Menschen erschaffen hat, liebt Er ihn sehr. Um alle Bedürfnisse seines Lebens zu erfüllen, hat Er unzählige Dinge und Güter in der Welt um ihn herum verteilt. Sonne, Mond und Sterne, Tag und Nacht, Licht und Luft, die Wolken des Himmels und der Regen, Berge und Gebirge, Flüsse, Pflanzen, Tiere und Vögel sowie verschiedenste Nahrungsmittel – all dies hat Er für den Menschen erschaffen. Dies sind Zeichen Seiner Liebe zum Menschen. Und gerade weil Er den Menschen liebt, wird Er ihm gewiss den richtigen Weg für sein Leben zeigen. Das ist ganz natürlich. Es ist undenkbar, dass Er dem Menschen nicht die Vorschriften, Regeln und das Lebensprogramm mitteilen sollte, durch die sein vorübergehendes Leben auf der Welt glücklich und schön werden kann und auch das ewige Leben im Jenseits nach dem Leben auf der Welt erfolgreich sein kann. Tatsächlich hat Er dies mitgeteilt. Durch die Propheten und Gesandten hat Er dem Menschen eine vollständige Lebensordnung verkündet. Genau dies wird als die der natürlichen Veranlagung entsprechende Religion bezeichnet, die oben erwähnt wurde.
Indem dem Menschen Wissen, Verstand und Gewissen gegeben wurden, ist er zu seiner Prüfung frei gelassen worden; ihm wurde die Möglichkeit gegeben, irgendeinen Weg für sein Leben zu wählen und entsprechend frei zu handeln. Wenn er will, kann er dem von Allah gewiesenen Weg folgen und dessen gute Folgen erlangen, oder er kann diesen Weg verlassen und einem von ihm selbst erdachten, irrigen Weg folgen. Er kann Allah als seinen einzigen Schöpfer, Erhalter, Herrn und Herrscher anerkennen und Ihm vollkommen gehorchen, oder er kann auch die vielen eingebildeten und falschen Götter anbeten. Obwohl er die Freiheit besitzt, einen dieser beiden Wege zu wählen, hat Allah im Laufe der Zeitalter zu jedem Volk und jeder Gemeinschaft Propheten und Gesandte geschickt und den Menschen immer wieder an den richtigen Weg für sein Leben erinnert. Er wollte die ihm gewährte Freiheit, den richtigen Weg zu beschreiten, nicht einschränken; vielmehr wurde versucht, ihn durch die Darlegung des Nutzens dieses Weges zu überzeugen und anzuspornen. Andererseits wurde auch versucht, ihn durch die Aufklärung über die schrecklichen Folgen des irrigen Weges davon abzuhalten, ihn zu beschreiten.
In der gesamten Menschheitsgeschichte gab es keine Epoche und keinen Zeitraum, in dem nicht ein Prophet oder dessen Stellvertreter vorhanden gewesen wäre, um die Menschen zum Weg Allahs aufzurufen. Diese ununterbrochene Kette und fortwährende Einladung der Menschen auf den Weg Allahs war notwendig und ist es noch immer. Denn jeden anderen Weg zu wählen und den Weg Allahs zu verlassen, bedeutet letztlich, gegen die Natur zu kämpfen. Dadurch brechen im Leben der Menschen verschiedene Katastrophen und Unglücke herein. Die Herrschaft und Autorität des Menschen über den Menschen wird errichtet. Der Starke setzt sich als Gott des Schwachen ein. Unzählige Menschen werden in die Ketten der Versklavung durch andere Menschen gelegt. Durch die Unterdrückung und Zermürbung seitens grausamer und tyrannischer Herrscher werden Himmel und Erde von den Schreien und Klagen der Menschen erfüllt. Um diese Unterdrückung und Zermürbung der Menschen zu beenden und ihre Freiheit, ihr Glück, ihren Frieden sowie die Sicherheit ihres Lebens und Besitzes zu gewährleisten, war es in der Vergangenheit notwendig, die Menschen auf den Weg Allahs zu rufen; es ist auch heute notwendig und wird es in Zukunft sein. Dies ist Allahs unveränderliche Ordnung. Dieser Ordnung zu folgen, wird Islam genannt; die Gesamtheit von allem, was ihr widerspricht, heißt Dschāhilīya. Was wahr ist, ist Islam, und was falsch und irrig ist, ist Dschāhilīya.
Wahrheit und Falschheit – gegensätzliche Kräfte
Aus der obigen Erörterung ist klar geworden, dass Īmān und Kufr ebenso Gegensätze sind wie Islam und Dschāhilīya. Islam ist der von Allah gewiesene Weg und die von Ihm vorgegebene Lebensweise sowie ein auf das Wohl ausgerichtetes Lebensprogramm. Die unfehlbare, von Allah verliehene Erkenntnis ist seine Quelle. Auch Wissen, Verstand und Gewissen des Menschen bestätigen dies, und es steht mit seiner natürlichen Veranlagung in Einklang. Dschāhilīya hingegen entspringt dem Kufr, also der Dunkelheit der Unwissenheit, bloßen Vermutungen und haltlosen Einbildungen. Daher ist das Erste wahr und schön, das Zweite falsch und hässlich. Das Erste ist Licht, das Zweite Finsternis. Keines von beiden kann das andere jemals dulden. Deshalb ist jedes das Gegenstück und die gegnerische Kraft des anderen. Ihr gegenseitiger Konflikt und Kampf sind ebenfalls ewig.
Wissen–Verstand–Gewissen
Allah, der Erhabene, hat dem Menschen Wissen, Verstand und Gewissen verliehen; eben dadurch gilt er als das edelste aller Lebewesen. Diese besondere Eigenschaft hat einen gewaltigen Unterschied zwischen dem Menschen und den übrigen Lebewesen geschaffen. Der Verstand vermittelt dem Menschen das Bewusstsein, dass er für jede seiner Handlungen selbst verantwortlich ist. Für jemanden hingegen, dem kein Verstand verliehen wurde, gilt dieser Grundsatz nicht. Wenn beispielsweise ein schwerer Stein oben plötzlich seinen Halt verliert, herabstürzt und einen Menschen erschlägt, kann der Stein keineswegs als schuldig betrachtet werden. Denn er ist lediglich ein lebloser, bewusstloser Gegenstand. Ebenso kann ein Tier nicht als schuldig bezeichnet werden, wenn es in das Getreidefeld eines Menschen eindringt, die Ernte auffrisst und verwüstet. Denn obwohl es Bewusstsein und Empfindungsvermögen besitzt, fehlt ihm der Verstand. Begeht jedoch ein Mensch eine solche Tat, muss er unbedingt als schuldig betrachtet werden und nach dem Gesetz bestraft werden. Denn ihm wurden neben Bewusstsein und Empfindungsvermögen auch Wissen, Verstand und Gewissen verliehen. Dadurch kann er Recht und Unrecht erkennen. Da leblosen und anorganischen, bewusstlosen Dingen sowie allen anderen Lebewesen außer dem Menschen die genannten Eigenschaften und die Fähigkeit zur Unterscheidung zwischen Gut und Böse fehlen, müssen sie für keine ihrer Handlungen Rechenschaft ablegen. Der Mensch ist für seine Handlungen selbst verantwortlich, weil er mit Wissen und Verstand ausgestattet wurde.
Wissen–und die gute Nutzung des Verstandes
Obwohl der Mensch durch die Verleihung von Wissen und Verstand mit höchster Würde ausgezeichnet wurde, missbraucht er sein Wissen. Auch nachdem ihm Verstand und Gewissen verliehen und er dazu befähigt wurde, Gut und Böse sowie Recht und Unrecht zu erkennen, kann man nicht sagen, dass jede seiner Handlungen von Gewissenhaftigkeit geprägt ist. Dafür gibt es unzählige Beispiele. Vielmehr sehen wir in unserer Umgebung zahllose Beispiele dafür. Nehmen wir etwa die Schüler. Die Eltern schicken ihre Kinder zu Bildungseinrichtungen, damit sie Wissen und menschliche Eigenschaften erwerben. Dafür tragen sie sämtliche Kosten ihrer Ausbildung. Nach den Forderungen des Gewissens sollte jeder Schüler regelmäßig lernen, entsprechend seinen Fähigkeiten und seiner Begabung bei den Prüfungen möglichst gute Ergebnisse erzielen und sich das Lob verdienen, ein guter Schüler zu sein. Was sehen wir jedoch, obwohl dieses Wissen, dieser Glaube und dieses Bewusstsein in jedem Schüler vorhanden sind? Einige Schüler bemühen sich, ihre Pflichten vollständig zu erfüllen. Andere hingegen vernachlässigen ihre Pflichten und Verantwortlichkeiten und vergeuden ihre Zeit mit allerlei verwerflichen Tätigkeiten, die in keiner Hinsicht wünschenswert sind. Als Menschen besitzen beide Arten von Schülern Wissen, Verstand und Gewissen. Doch man sieht nicht, dass beide Arten ihren Verstand und ihr Gewissen in gleicher Weise einsetzen. Daraus wird ersichtlich, dass nicht alle ihr Gewissen gut zu nutzen vermögen.
Wiederum gibt es eine Gruppe machthungriger Menschen, die nicht davor zurückschreckt, zur Erlangung der Macht jedes noch so niederträchtige Mittel anzuwenden. Viele von ihnen sind hochgebildet und besitzen hohe akademische Abschlüsse. Doch durch Korruption, Gewaltanwendung, Mord, Terror und Ähnliches ergreifen sie die Macht und setzen sich als Herren über die Menschen. Statt anschließend deren grundlegende Rechte zu gewährleisten, fesseln sie sie in den Ketten der Sklaverei und zwingen sie zu einem menschenunwürdigen Leben. Dieses Bild war in der Welt an vielen Orten auch in der Vergangenheit zu sehen und ist es noch heute. Plünderungen, Morde, die Veruntreuung staatlichen Eigentums, Diebstahl und Raub und ähnliche Vorfälle ereignen sich in der Gesellschaft ständig. Alle, durch die diese Taten begangen werden, sind Menschen und gelten als gebildet. Auch sie müssten selbstverständlich Wissen, Verstand und Gewissen besitzen. Doch wo machen sie davon guten Gebrauch?
Es gibt auf der Welt noch immer einige Länder, die als unterentwickelt gelten: bildungsmäßig rückständig und von Armut geplagt. In solchen Ländern betrachten manche einen derartigen Zustand nicht als allzu verwerflich. Auch wenn es keinen Grund gibt, ihnen zuzustimmen: Was geschieht in den Ländern, die in jeder Hinsicht als entwickelt und hochzivilisiert gelten? Gegenwärtig werden England und die Vereinigten Staaten als Länder betrachtet, die den Gipfel des Fortschritts und der Zivilisation erklommen haben. Menschen strömen weiterhin in diese beiden Länder, um sich in Wissen und Zivilisation unterweisen zu lassen. Obwohl diese beiden Länder in Wissenschaft und Technologie führende Positionen einnehmen, haben sie beim guten Gebrauch von Wissen, Verstand und Gewissen völliges Versagen gezeigt. In der Unterdrückung und Ungerechtigkeit gegenüber anderen Völkern sind sie äußerst erfahren. Auch in ihrer eigenen Gesellschaft sind sie in den Abgrund des moralischen Niedergangs versunken. Eine in der Newsweek vom 27. Juni 1988 veröffentlichte Meldung lässt ihren äußersten moralischen Verfall und ihre zunehmende Neigung zu Verbrechen erkennen. In der Meldung heißt es, dass im vergangenen Jahr (1987) in London, einer Stadt mit sieben Millionen Einwohnern, 194 Morde und 22.626 schwere Gewaltverbrechen begangen wurden. In New York hingegen wurden 1.672 Morde und 148.313 Gewaltverbrechen begangen. Dies ist nur die Lage in zwei Städten zweier Länder. Wohin sind Wissen, Verstand und Gewissen dieser Verbrecher verschwunden?
Es genügt nicht, Wissen, Verstand und Gewissen zu besitzen; ihr guter Gebrauch ist die eigentliche Aufgabe des Menschen. Aus den oben genannten Beispielen wurde deutlich, dass nicht alle ihren Verstand und ihr Gewissen gut zu nutzen vermögen. Manche sind dazu in der Lage, während andere ihr Versagen zeigen.
Was ist der Grund für dieses Versagen??
Warum begeht der Mensch einen derart großen, verhängnisvollen Fehler? Warum fügt er seinem äußerst wertvollen Besitz – Wissen und Verstand – ein solches Unrecht zu? Bevor wir weitergehen, müssen wir unbedingt eine Antwort darauf erhalten.
Das Erste ist, dass der Mensch zwei einander entgegengesetzte, ihm innewohnende Neigungen besitzt. Die eine ist die Gottesfurcht beziehungsweise die Neigung zum Guten, die andere die Neigung zum Bösen. Zwischen diesen beiden herrscht ständig Konflikt und Auseinandersetzung. Beide spornen den Menschen an, erregen ihn und verleiten ihn dazu, ihre jeweiligen Forderungen zu erfüllen. Wenn die Neigung zum Guten siegt, nutzt der Mensch sein Wissen und seinen Verstand richtig und verrichtet gute Taten. Wenn dagegen die Neigung zum Bösen siegt, führt sie ihn zu allerlei Sünden.
Die Neigung zum Bösen siegt aus mehreren Gründen. Ihre grundlegenden Ursachen sind folgende.
Der erste ist der starke niedere Trieb des Menschen und sein Begehren und Verlangen. Dieses Begehren und Verlangen ist so mächtig, dass der Mensch ihm gewöhnlich hilflos gegenübersteht. Wenn er die Kraft verliert, es zu bezwingen, wird er zum Sklaven seiner Triebe. Dann zögert er nicht im Geringsten, irgendein Unrecht, eine Missetat, eine Sünde oder eine tierische Handlung zu begehen. Er macht seinen Trieb zu seinem »Ilah« und wird selbst völlig zum Sklaven seiner Triebe. Nachdem er zum Sklaven seiner Triebe geworden ist, verliert er das Wissen um Gut und Böse. Oft fehlt ihm sogar dann die Kraft, sich von einer Sünde fernzuhalten, wenn er sie als Sünde anerkennt. Obwohl der Mensch beispielsweise Diebstahl, Raub, Mord, Ehebruch und dergleichen für schlecht hält, kann er sich aufgrund seiner Versklavung durch die Triebe nicht von solchen Sünden fernhalten.
Der niedere Trieb schreitet weiter voran und macht den Menschen zu einem Verehrer der Welt. Genuss und Luxus werden dann zum Ziel seines Lebens. Man sagt, dass die stärkste Anhänglichkeit des Menschen drei Dingen gilt: Geld, Frauen und Rauschmitteln. Die Geschichte ist voll von Beispielen für die zahllosen Unruhen und Katastrophen, die ihretwegen in der Welt geschehen sind. Die Sklaven ihrer Triebe liefern sich einen Wettstreit darum, wer in der Welt größer und mächtiger werden kann, wer größere Berge von Reichtum anhäufen kann, wer mehr Menschen zu seinen Sklaven machen kann und wer die Jugend und Schönheit von mehr Frauen genießen kann. Damit die Furcht vor Gott und dem Jenseits ihre Herzen nicht einmal für einen Augenblick beunruhigt, wurden erdachte Philosophien und Lehren geschaffen. Es gibt keine Macht namens Gott oder Schöpfer. Das Jenseits ist das Ergebnis einer unrealistischen und völlig absurden Vorstellung. Diese Welt und das Leben in dieser Welt sind alles. Das Leben ist ein Kampf ums Überleben und um das Sichbehaupten – STRUGGLE FOR EXISTENCE.
Hier hat nur der Starke das Recht, fortzubestehen, Herrschaft und Oberhoheit auszuüben und das Leben in vollen Zügen zu genießen. Der Schwache hat kein Recht zu leben – SURVIVAL OF THE FITTEST.
Wer an diese Philosophie glaubt, dürfte sich keine Frage nach Recht und Unrecht, Erlaubtem und Verbotenem, Gut und Böse, Barmherzigkeit und Grausamkeit stellen. Um das Ziel zu erreichen, wird alles Notwendige getan. Man macht Gebrauch von Lüge, Betrug, Verrat, dem Brechen von Versprechen, Mord, Plünderung, Terror, Gewaltanwendung, falschen und erfundenen Verleumdungen und dergleichen. Dies sind keine erfundenen Geschichten. Es sind reale Ereignisse der vergangenen und der gegenwärtigen Geschichte. Dies ist eine furchtbare Erscheinungsform der Dschahiliyya.
Der zweite grundlegende Grund ist der nationale, parteiliche und stammesbezogene Hochmut und Stolz sowie die blinde Zuneigung dazu. Die blinde Nachahmung der Vorväter und religiösen Führer, der überlieferten Denkweisen und Bräuche sowie verschiedenster Aberglauben. Diese blinde Zuneigung und Nachahmung beraubt den Menschen seines Urteilsvermögens zwischen Gut und Böse sowie zwischen Recht und Unrecht. Für das, was für die eigene Nation, Partei oder den eigenen Stamm gut und vorteilhaft ist, setzt der Mensch all seine Kräfte ein und stürzt sich in Kriege, ganz gleich, wie schädlich es für andere sein mag. In der Geschichte Englands werden der Siebenjährige Krieg, der Dreißigjährige Krieg und der Hundertjährige Krieg erwähnt. Dies sind die Folgen eben dieses nationalen und stammesbezogenen Hochmuts und dieser blinden Zuneigung. Auch auf der Arabischen Halbinsel wurden in vorislamischer Zeit solche blutigen Kriege über Generationen hinweg geführt. Um die Wünsche und Begierden der Triebe zu befriedigen, wurden Ströme menschlichen Blutes vergossen.
Der unstillbare Drang, mit Gewalt fremde Gebiete zu erobern und schwache Nationen zu unterwerfen, führte zu zwei Weltkriegen. Durch die Dämonen der Dschahiliyya breitete der Erste Weltkrieg seine gewaltigen und grausamen Klauen über achtundzwanzig Länder und sechs Kontinente aus. In diesem Krieg verloren zehn Millionen Soldaten und zehn Millionen Zivilisten ihr Leben. Aufgrund der durch den Krieg verursachten Hungersnöte, Seuchen und politischen Unruhen schieden weitere zwanzig Millionen Menschen für immer von der Erde.
Einundzwanzig Jahre später brachte der Zweite Weltkrieg noch größere Grausamkeit, Tötung und Zerstörung, um die unersättliche Machtgier der Dämonen der Dschahiliyya zu befriedigen. Dieser große Krieg verwickelte jedes Land und jede Nation der Erde auf irgendeine Weise in den Krieg. Siebzehn Millionen Soldaten und einundvierzig Millionen Zivilisten fielen dem tödlichen Rachen des Todes zum Opfer. Durch die von den Vereinigten Staaten eingesetzten unmenschlichen Atombomben wurden in Hiroshima und Nagasaki in Japan Hunderttausende Menschen getötet; Hunderttausende wurden verkrüppelt und behindert. Millionen Menschen starben unter qualvollen Leiden. Eine größere Barbarei und Bestialität hat es im Zeitalter der vergangenen Dschahiliyya niemals gegeben. Wissenschaft und Technik haben die moderne Dschahiliyya noch grausamer gemacht als die vergangene Dschahiliyya.
Überlieferte Vorstellungen und Glaubenssätze, Bräuche und Sitten sowie die blinde Gefolgschaft gegenüber religiösen Führern sind eine verhängnisvolle geistige Krankheit, hinter der ein starker Antrieb der eigenen Triebe wirkt. Die Geschichte des Islam bezeugt, dass die Menschen, wenn die Propheten und Gesandten ihnen die Einladung zum Islam überbrachten, diese mit der Begründung zurückwiesen, dass der Prophet das Gegenteil von dem verkünde, was sie und ihre Vorväter von Generation zu Generation geglaubt hätten, was sie seit undenklichen Zeiten an Bräuchen und Sitten befolgten und was ihre religiösen Führer sagten. Daher könne dies unter keinen Umständen angenommen werden. Diese Erörterungen werden an der entsprechenden Stelle geführt werden.
Unbegrenzte Verehrung und Ehrfurcht gegenüber religiösen Führern sowie Pīrs und Priestern setzt sie auf den Platz Gottes. Man hält sie für unfehlbar und glaubt alles, was aus ihrem Mund kommt, ohne dessen Wahrheit zu prüfen, als unumstößliche Wahrheit – wie einen Vedenspruch oder eine Offenbarung Gottes. Allah selbst sagt:
„Diese Menschen haben ihre Gelehrten, Pīrs und Derwische unter Ausschluss Allahs zu ihren Göttern gemacht“ (At-Tauba: 31).
In einem Hadith heißt es, dass Hadhrat Adi ibn Hatim Christ war. Später erschien er beim Propheten und nahm den Islam an. Er fragte den Propheten (s.) nach dem oben genannten Vers: Was bedeutet der Vorwurf gegen uns, wir hätten die Gelehrten, Pīrs und Derwische zu Göttern gemacht? Der Prophet (s.) sagte: Ist es nicht so, dass ihr alles, was diese Leute für haram erklärten, als haram anerkanntet und alles, was sie für halal erklärten, als halal anerkanntet? Hadhrat Adi (r.) sagte: Ja, das haben wir gewiss getan.
Der Prophet (s.) sagte: Eben dadurch macht man sie zu Göttern.
Daraus wurde ersichtlich, dass diejenigen, die ohne Allahs Bestätigung die Grenzen zwischen Erlaubtem und Verbotenem für das menschliche Leben festlegen, sich in Wahrheit selbst auf den Thron der Göttlichkeit setzen. Diejenigen, die ihre Gesetzgebung als Scharia anerkennen, machen sie zu Göttern.
Ganz gleich, wie bedeutend jemand sein mag: Das Maß, an dem jede seiner Aussagen oder Entscheidungen geprüft wird, sind Allah und Sein Gesandter. Was den Worten Allahs und Seines Gesandten widerspricht oder nicht mit ihrem grundlegenden Sinn übereinstimmt, ist zurückzuweisen. Dieser Gedanke und diese Überzeugung haben die menschliche Gesellschaft in zahlreiche Gruppen und Untergruppen gespalten und Fitna und Unfrieden hervorgerufen.
Der dritte grundlegende Grund ist ein zutiefst islamfeindliches Umfeld. Wenn das Umfeld eines Landes, eines Ortes oder sogar einer Bildungseinrichtung beziehungsweise eines Studentenwohnheims so beschaffen ist, dass dort alle islamfeindlich sind, ausschließlich islamfeindliche Literatur und Zeitschriften verbreitet werden und man darin geschult wird, eine islamfeindliche Gesinnung zu entwickeln, dann kann in einem solchen Umfeld niemand am Islam festhalten. In einem solchen Umfeld werden der Jugend alle möglichen Mittel für einen ungezügelten Umgang mit dem anderen Geschlecht, für Umarmungen und körperliche Nähe zur Verfügung gestellt, um ihren Glauben an Religion, Gott und das Jenseits zu erschüttern. Auf diese Weise wird zunächst ihr moralisches Rückgrat gebrochen und zerschmettert. Dadurch können sie die späteren Maßnahmen leicht und bereitwillig annehmen. Diese Aussagen sind keineswegs eine erfundene Geschichte aus einer bloßen Gedankenwelt. In kommunistischen Ländern wie Russland werden eben solche Maßnahmen ergriffen.
Danach werden auch in den nichtkommunistischen Ländern außerhalb Russlands, in die kommunistisches Gedankengut und kommunistische Bewegungen exportiert werden, wenn auch in begrenztem Umfang, auf dieselbe Weise Aktivitäten eingeleitet – teils offen, teils heimlich. Die Arbeitstechniken, die Rekrutierung von Kadern und ihre Ausbildung werden jedoch wie gewohnt fortgesetzt. Es wird versucht, die Jugend mit allerlei Tricks und Methoden unter Kontrolle zu bringen. Dafür wird aus Russland jede erdenkliche Hilfe und Unterstützung geleistet. Auf diese Weise wird nach und nach in neuen Ländern die kommunistische Herrschaft errichtet. Afghanistan ist das jüngste Opfer ihrer Falle.
Wo die kommunistische Herrschaft errichtet wird, verschwinden Meinungs- und Gedankenfreiheit. Wissen, Verstand und Gewissen werden gelähmt. Selbst wenn jemand seinen Verstand sinnvoll einsetzen möchte, hat er dazu keine Möglichkeit. Freiwillig oder widerwillig muss man sich der geistigen Sklaverei der kommunistischen Herrscher unterwerfen.
Einladung der edlen Propheten
Aus der vorangegangenen Erörterung ist deutlich geworden, dass nicht alle Menschen das von Allah dem Erhabenen verliehene Wissen, den Verstand und das Gewissen sinnvoll nutzen und auch nicht wissen, wie sie dies tun sollen. Daher müssen die Menschen die schrecklichen Folgen davon tragen. Außerdem weist der Mensch von Natur aus zahlreiche menschliche Schwächen auf. Der erhabene Allah kann nicht schweigend zusehen, wie der Mensch sich in einer hilflosen Lage befindet. Es ist nicht so, dass im Kampf zwischen Islam und Jahiliyyah die Verantwortung für alle Anstrengungen und Maßnahmen zum Sieg der Wahrheit allein dem Verstand, dem Gewissen und den natürlichen Fähigkeiten des Menschen überlassen worden wäre. Der Mensch gelangt durch seine intellektuellen Überlegungen nicht immer zu den richtigen Entscheidungen. Denn seine Welt des Wissens und Denkens ist äußerst klein und begrenzt. An einem bestimmten Punkt des Denkens wird sein Weg versperrt. Dann empfindet er seine Hilflosigkeit und trifft falsche Entscheidungen. Viele Denker der Menschheit haben trotz guter Absichten, nachdem sie zu falschen Entscheidungen gelangt waren, neue Philosophien und Ideologien entwickelt, die im menschlichen Leben außer Unheil keinen Nutzen hervorbringen konnten. Deshalb hat der barmherzige Allah aus übergroßer Barmherzigkeit gegenüber den Menschen dafür gesorgt, dass von Ihm unfehlbares Wissen vermittelt wird. Dieses nennt man das Wissen der Offenbarung oder göttliches Wissen. Dieses Wissen vermittelt Er den Menschen nicht unmittelbar; vielmehr erwählt Er den besten Menschen aus der Gesellschaft und gewährt ihm durch die Offenbarung alles erforderliche Wissen. Nach der Ausstattung des Menschen mit gesunder Natur sowie Wissen und Verstand ist dies ein zusätzliches Wissen. Wenn zahlreiche Gedanken und Vorstellungen, Ängste, Einflüsterungen und der Einfluss seiner sechs Leidenschaften von innen und außen versuchen, ihn vom Weg abzubringen, kommt dieses zusätzliche Wissen ihm zu Hilfe und weist ihm den richtigen Weg. Obwohl es für ihn äußerst unglücklich ist, dieses zusätzliche Wissen zurückzuweisen, wurde ihm auch die Freiheit dazu gegeben. Allah der Erhabene stellt den Menschen auf diese Weise auf die Probe und hat ihm zugleich die Mittel verliehen, sie zu bestehen, damit er die höchste Würde des Menschseins erlangen kann.
Dieses zuvor beschriebene zusätzliche Wissen wurde das Wissen der Offenbarung genannt. Zugleich sandte Er auch den Überbringer dieser Offenbarung, der ebenso wie andere Menschen ein Mensch ist. Er soll den Menschen das Wissen der Offenbarung vermitteln, es erklären und auslegen und durch sein eigenes praktisches Leben zeigen, wie dieses Wissen umgesetzt wird. Diese Person, der Überbringer der Offenbarung, wird Prophet oder Gesandter genannt. Um den Menschen den Weg zu weisen, ihren wahren menschlichen Charakter zu formen und ihr Leben glücklich und schön zu machen, wurden im Laufe der Zeitalter Propheten und Gesandte auf der Erde entsandt.
Die Daʿwa der Propheten und der Konflikt mit der Dschahiliya
Der Islam und die Dschahiliya werden mit Wahrheit und Falschheit sowie mit Licht und Finsternis verglichen. So wie Wahrheit und Falschheit, Licht und Finsternis nicht einmal für einen Augenblick nebeneinander bestehen können, so ist auch ein Zusammenleben von Islam und Dschahiliya keineswegs möglich. Wenn daher im Laufe der Zeitalter durch die Propheten der Ruf zum Islam und zur Wahrheit an die Menschen erging, konnte die Dschahiliya dies nicht dulden. Somit ist die gesamte Geschichte der Menschheit ein Ringen zwischen Islam und Dschahiliya, also zwischen Wahrheit und Falschheit.
Die erhabenen Propheten Allahs brachten der Menschheit, die in Verwirrung, Irreleitung und der Finsternis der Unwissenheit versunken war, das Licht des geraden und wahren Weges. Deshalb errichtete die Dschahiliya auf ihrem Weg äußerste Hindernisse. Darüber hinaus wurden die Propheten von den Bannerträgern der Dschahiliya grausam verfolgt, und viele von ihnen verloren sogar ihr Leben. Im Folgenden wird kurz einiges über die Daʿwa der Propheten, also über den Konflikt zwischen Islam und Dschahiliya, dargestellt.
Hazrat Nūḥ (a. S.)
Seit der Zeit von Hazrat Nūḥ (a. S.) können wir etwas über die Geschichte der Menschheit erfahren. Über einen sehr langen Zeitraum der Menschheitsgeschichte gibt es keine von Menschen verfasste Geschichte. Diese lange Epoche wird als Vorgeschichte bezeichnet. Die Geschichte der Propheten dieser Epoche wurde jedoch in den himmlischen Büchern überliefert, und im Koran findet sich eine äußerst zuverlässige Darstellung. Hazrat Nūḥ (a. S.) wandte sich an sein Volk und sagte:
„Er (Nūḥ) sagte: O mein Volk! Ich bin für euch ein Warner in klarer Sprache. (Ich warne euch mit diesen Worten:) Dient Allah, fürchtet Ihn und folgt mir. Allah wird euch eure Sünden vergeben und euch bis zu einer festgesetzten Frist am Leben lassen. Wenn Allahs festgesetzte Frist eintritt, kann sie tatsächlich nicht mehr aufgehalten werden. Wenn ihr dies nur wüsstet, wie gut wäre es doch!“ – (Nūḥ: 2–4).
Seine Daʿwa war klar und gerecht. Es ist nur natürlich und gerecht, die Anordnungen und die Herrschaft jenes Allahs zu befolgen, der den Menschen erschaffen und von Beginn seiner Geburt bis zum Augenblick vor seinem Tod jedes seiner Bedürfnisse erfüllt hat. Doch die Oberhäupter und das einfache Volk seines Stammes wiesen diese Daʿwa zurück. Hazrat Nūḥ (a. S.) setzte seine Arbeit der Daʿwa jedoch mit außergewöhnlicher Geduld fort. Über einen sehr langen Zeitraum, nämlich neunhundertfünfzig Jahre, rief er sie weiterhin zur Wahrheit auf.
Er versprach ihnen nicht nur das Wohlergehen in einer fernen Zukunft, nämlich im Leben nach dem Tod, sondern sprach auch über das Wohlergehen im Leben dieser Welt.
„Ich sagte: Bittet euren Herrn um Vergebung. Wahrlich, Er ist überaus vergebend. Er wird euch Regen vom Himmel herabsenden, euch mit Reichtum und Kindern beschenken, euch Gärten anlegen und Bäche fließen lassen.“ – (Nūḥ: 10–14).
Um das Wohl in dieser Welt und im Jenseits zu erlangen, sagte er: Meidet eure falschen und selbst erdichteten Götter und dient dem einen Allah. Die Oberhäupter des Volkes wiesen seine Einladung zurück und erließen dem einfachen Volk strenge Anweisungen,
„Keinesfalls werdet ihr eure Götter verlassen. Ihr werdet Wadd, Suwāʿ, Yaghūth, Yaʿūq und Nasr nicht verlassen.“ – (Nūḥ: 23).
Darauf sagten sie zu dem ehrwürdigen Nūḥ (a.s.):
„Wir sehen dich wahrlich in offenbarem Irrtum befangen.“ – (al-Aʿrāf: 60).
In den Augen der sogenannten Intellektuellen des Volkes war es ein schwerwiegender Fehler und offenkundiger Irrtum, an einen einzigen Gott zu glauben. Ihre Worte lauteten:
Obwohl diese Welt von einem einzigen Gott erschaffen wurde, wird sie doch von vielen Göttern gelenkt. Daher haben auch die anderen Götter das Recht, dass auch sie verehrt werden müssen. Ihre Intellektuellen und Oberhäupter – diejenigen, die sich weigerten, Nūḥs (a.s.) Worten zu folgen – sagten: „In unseren Augen bist du nichts anderes als ein Mensch wie wir. Außerdem sehen wir, dass gerade diejenigen unter uns, die völlig niedrig und verachtenswert sind, dir ohne jedes Nachdenken folgen. Wir sehen nichts, was darauf hindeutet, dass ihr besser oder fortschrittlicher seid als wir. Vielmehr halten wir euch für Lügner.“ – (Hūd: 22).
Damals waren es diese Anführer und Oberhäupter, die das Volk beherrschten und ausbeuteten. Auch die Schlüssel zu den Lebensgrundlagen der Menschen lagen in ihren Händen. Sie waren die Besitzer der Gärten, Felder und landwirtschaftlichen Güter sowie des Handels und Gewerbes. Sie waren in weltliche Vergnügungen und Luxus versunken. Unter ihrer Einschüchterung wagte niemand, die Einladung des Propheten anzunehmen. Wer es doch tat, über den brach ein Berg verschiedenster Tyrannei und Verfolgung herein. Einige wenige unterdrückte und geknechtete Menschen – zahlenmäßig äußerst unbedeutend – nahmen die Einladung des ehrwürdigen Nūḥ an. Die Oberhäupter blickten auf diese Menschen mit Verachtung herab. Wie dem auch sei, der ehrwürdige Nūḥ (a.s.) fuhr fort, zu versuchen, ihnen auf verschiedenste Weise mit freundlichen Worten und anhand von Argumenten die Wahrheit verständlich zu machen.
„Er sagte: O Leute meines Volkes! Denkt doch einmal gründlich darüber nach: Wenn ich auf einem eindeutigen Beweis von meinem Herrn stehe und Er mich danach durch Seine besondere Gunst beschenkt hat, während ihr dies nicht erkennen könnt, welche Möglichkeit habe ich dann, wenn ihr es nicht annehmen wollt? Soll ich es euch etwa mit Gewalt aufzwingen? O meine Volksgenossen! Für diese Sache verlange ich von euch keinerlei Besitz oder Vermögen. Mein Lohn obliegt allein Allah. Ich bin auch nicht bereit, diejenigen, die meine Worte angenommen haben, fortzustoßen. Sie werden selbst vor ihrem Herrn erscheinen. Doch ich sehe, dass ihr völlig in der Dschahiliyya versunken seid.“ (Hud: 28–29)
Obwohl ihnen über einen sehr langen Zeitraum hinweg immer wieder auf unterschiedliche Weise die Einladung zur Wahrheit dargeboten wurde, konnten ihre Halsstarrigkeit, der Hochmut über ihre gesellschaftliche Stellung und ihr Einfluss und Ansehen in der Gesellschaft sie keineswegs zur Wahrheit hinziehen. Als der Prophet Nuh sie dazu aufrief, seine Sendung anzuerkennen, wiesen sie dies mit großem Erstaunen zurück. Sie sagten: Nun gut, wenn man zugestehen muss, dass es nur einen einzigen Gott gibt, und wir auch annehmen, dass Er den Menschen einen Propheten schicken will, wie kann es dann sein, dass Er einen Menschen wie uns zum Propheten entsendet? Wenn Er jemanden schicken wollte, hätte Er doch einen Ihm nahestehenden Engel als Propheten schicken können.
Die einflussreichen Männer seines Volkes, die sich weigerten, seine Einladung anzunehmen, sagten: „Dieser ist nichts anderes als ein Mensch wie ihr. Sein Ziel ist es, seine Herrschaft über euch zu errichten. Wenn Allah jemanden hätte schicken wollen, hätte Er gewiss Engel geschickt. Davon haben wir zu Lebzeiten unserer Vorväter niemals gehört – dass ein Mensch zum Gesandten wird. Nichts weiter: Diesen Mann hat offenbar irgendeine Verrücktheit befallen. Wartet noch eine Weile ab – vielleicht wird seine Verrücktheit vorübergehen.“ (Al-Muʾminun: 23–24)
Mit diesem Argument leugneten sie nicht nur die Prophetenschaft des Propheten Nuh, sondern die gesamte Reihe der Propheten. Denn alle Propheten und Gesandten, die Allah entsandt hat, waren Menschen.
Schließlich bedrohten sie den Propheten Nuh auf furchterregende Weise.
„O Nuh! Wenn du von diesen Dingen nicht ablässt, werden wir dich zu Tode steinigen.“ (Asch-Schuʿara: 116)
Danach lässt sich leicht erahnen, welche Verfolgung gegen den Propheten Nuh und seine wenigen Anhänger begonnen haben muss. Denn unter einem ganzen Volk hatten nicht einmal fünfzig Menschen die Einladung zum Islam angenommen.
Schließlich erreichte der Konflikt und Zusammenstoß zwischen Islam und Dschahiliyya einen solchen Punkt, dass der Prophet Nuh gezwungen war, Allah um Schutz zu bitten.
„Und Noah sagte: O mein Herr! Lass unter diesen Ungläubigen keinen einzigen Bewohner dieser Erde übrig. Wenn Du sie verschonst, werden sie Deine Diener irreleiten. Und alle, die aus ihrer Nachkommenschaft hervorgehen werden, werden hartnäckige, sündhafte Ungläubige sein.“ (Noah 26–27)
Allah erhörte das Gebet Seines geliebten, verfolgten Propheten und ließ das gesamte Volk durch eine gewaltige Flut ertrinken und vernichten.
„Als schließlich Unser Befehl eintraf und der Ofen überzukochen begann, da sagten Wir: Nimm von jeder Tierart ein Paar mit auf das Schiff. Nimm auch deine Familienangehörigen mit an Bord – außer jenen, über die bereits entschieden worden ist. Nimm auch diejenigen mit, die gläubig geworden sind. Doch die Zahl der Gläubigen, die mit Noah waren, war sehr gering.“ (Hud 40)
Die Geschichte von Noahs großer Flut ist allgemein bekannt. Es heißt, insgesamt seien vierzig Menschen – mit oder ohne seine Familienangehörigen – vor dieser Strafe Allahs gerettet worden. Nach einem fast tausendjährigen Konflikt zwischen Islam und Dschahiliya wurde die Dschahiliya vollständig beseitigt.
Im Heiligen Koran findet sich eine ausführliche Darstellung der Bewegung des Propheten Noah. Hier wurde lediglich eine Zusammenfassung wiedergegeben.
Das Volk der ʿAd
Historiker sagen, dass der Prophet Noah seine Daʿwa-Arbeit in einer Region verrichtete, die heute Irak genannt wird. Nach seinem Ableben nahm die Zahl der Menschen zu, und sie breiteten sich in alle Richtungen aus. Sie vergaßen die Lehren des Propheten und verfielen erneut der Irreleitung. Nach dem Volk Noahs war das Volk der ʿAd dasjenige, das besonders mächtig und einflussreich wurde. Die Araber jeden Alters und Geschlechts waren über das Volk der ʿAd informiert. Ebenso wie die Araber von ihrer Tapferkeit und Stärke wussten, kannten sie auch den Bericht über ihre Vernichtung. Nachdem sie den Gipfel des Fortschritts erreicht hatten, wurden sie mitsamt ihrer Zivilisation und Kultur erneut in den Abgrund der Vernichtung gestürzt. Sie lebten in der Region al-Ahqaf, die südwestlich der Wüste Rub al-Chali zwischen Hidschas, Jemen und al-Yamama lag. Der Koran beschreibt sie folgendermaßen.
Zur Rechtleitung des Volkes der ʿAd sandte Allah den Propheten Hud. Dieses Volk war in die schwarze Finsternis der Dschahiliya versunken. Als der Prophet Hud seine islamische Daʿwa verkündete, begann zwischen beiden ein Konflikt und Zusammenstoß; jedes Wort über die Religion der Wahrheit, das ihnen vorgetragen wurde, wiesen sie spöttisch und höhnisch zurück. So wie das Volk Noahs durch das Erheben von Einwänden und das Ausbreiten eines Netzes von Scheinargumenten die Daʿwa des Propheten zurückwies, taten es auch die Angehörigen des Volkes der ʿAd.
„Bist du etwa zu uns gekommen, damit wir einem einzigen Gott dienen und all jene Götter meiden, denen unsere Vorväter gedient haben?“ – (al-Aʿrāf: 70).
Dieser Konflikt und Streit zwischen dem Volk von ʿĀd und Hūd (a.s.) dauerte an. Allahs Prophet Hūd (a.s.) rief sie weiterhin mit großer Anteilnahme zum dauerhaften Wohlergehen auf. Schließlich forderten sie von ihm, zu beweisen, dass Allahs geliebter Prophet tatsächlich ein wahrer Prophet sei.
„Nun gut, wenn du wahrhaftig bist, dann bringe doch die Strafe herbei, mit der du uns drohst!“ – (al-Aḥqāf: 22).
Weil sie immer wieder die Strafe verlangten, traf sie schließlich genau das, was ihnen bestimmt war.
„ʿĀd wurde durch einen gewaltigen Wirbelsturm vernichtet. Allah ließ ihn sieben Nächte und acht Tage lang ununterbrochen über ihnen wüten. Hättest du dort sein können, so hättest du gesehen, wie sie dort verstreut dalagen wie die Stämme alter, vertrockneter Dattelpalmen. Siehst du etwa noch einen von ihnen übrig?“ – (al-Ḥāqqa: 6–8).
So verschwand die Existenz des Volkes von ʿĀd vom Antlitz der Erde. Bei Hūd (a.s.) befanden sich jedoch gewiss einige rechtschaffene Menschen, die seine Einladung angenommen hatten und als rechtschaffene Diener Allahs lebten. Allah rettete sie auf vielfältige Weise vor dieser furchtbaren Naturkatastrophe.
„Und zum Volk von ʿĀd sandten Wir ihren Bruder Hūd. Er sagte: O mein Volk! Dient Allah; ihr habt keinen anderen Gott außer Ihm. Ihr habt lediglich Lügen erdichtet. O mein Volk! Ich verlange von euch für diese Sache keinen Lohn. Mein Lohn obliegt dem, der mich erschaffen hat. Wollt ihr denn nicht ein wenig vernünftig handeln? O mein Volk! Bittet euren Herrn um Vergebung! Dann wendet euch Ihm zu; Er wird den Himmel für euch in Strömen regnen lassen und eure gegenwärtige Kraft noch vermehren. Wendet euch nicht als Schuldige von der Anbetung ab!“
„Sie antworteten: O Hūd! Du hast uns keinen eindeutigen Beweis gebracht, und wir können unsere Götter nicht auf dein Geheiß verlassen; auch werden wir nicht an euch glauben. Wir meinen vielmehr, dass dich einer unserer Götter mit einem Fluch getroffen hat.“
„Hud sagt: Ich rufe Allah zum Zeugen an, und ihr sollt Zeugen sein: Ich bin wahrlich nicht damit einverstanden, dass ihr andere Allah beigesellt und sie zu Göttern macht. Tut gemeinsam gegen mich, was ihr vermögt, und gewährt mir keinen Aufschub. Ich vertraue auf Allah, meinen Herrn und euren Herrn. Kein Lebewesen gibt es, dessen Scheitel nicht in Seiner Hand wäre. Wahrlich, mein Herr befindet sich auf dem geraden Weg. Wenn ihr euch abwenden wollt, dann wendet euch ab. Die Botschaft, mit der ich zu euch gesandt wurde, habe ich euch übermittelt. Nun wird mein Herr an eurer Stelle ein anderes Volk einsetzen. Ihr könnt Ihm keinerlei Schaden zufügen. Mein Herr wacht gewiss über alle Dinge. Als dann Unser Befehl erging, erretteten Wir durch Unsere Barmherzigkeit ihn und diejenigen, die mit ihm gläubig waren, und bewahrten sie vor einer harten Strafe.“
„Das waren die ʿAd. Sie verleugneten die Zeichen ihres Herrn, gehorchten weder dem Wort der Propheten und Gesandten noch folgten sie jemand anderem als jedem übermächtigen Feind der wahren Religion. Schließlich traf sie der Fluch sowohl in dieser Welt als auch am Tag der Auferstehung. Wisset: Die ʿAd verleugneten ihren Herrn, und ferngehalten wurden die Leute der ʿAd, das heißt, die Angehörigen von Hud.“ (Hud 54–60)
Nach der Vernichtung des Volkes Noahs gewährte Allah dem Volk Hud die Möglichkeit, die Gipfel des Fortschritts zu erklimmen. Damals konnte sich hinsichtlich Mut und Tapferkeit niemand mit ihnen messen. Allein wegen des Verbrechens ihrer Auflehnung gegen Gott wurden sie vom Erdboden ausgelöscht.
Das Volk Thamud
Nach der Vernichtung des Volkes ʿAd lebten diejenigen, die Allah wegen ihrer guten Taten gerettet hatte, gemäß den Lehren und der Erziehung Huds (Friede sei mit ihm). Doch nach einiger Zeit gerieten sie in die Fänge der Dschahiliyya und gingen vom rechten Weg ab. Zu ihrer Rechtleitung sandte Allah den Propheten Salih (Friede sei mit ihm). Wieder begann der Konflikt zwischen Islam und Dschahiliyya.
Unter den ältesten Völkern Arabiens waren die Thamud das zweitälteste und nach dem Volk ʿAd das berühmteste. Schon vor der Offenbarung des Korans waren ihre Geschichten in aller Munde, bei Jung und Alt in Arabien. In den Gedichten und Reden der Zeit der Dschahiliyya wurde auf sie Bezug genommen. Auch in den Inschriften Assyriens sowie in den alten Geschichtswerken Griechenlands, Alexandrias und Roms finden sich Erwähnungen von ihnen. Die Nachkommen derjenigen unter ihnen, die nach der Vernichtung des Volkes ʿAd überlebt hatten, bestanden bis einige Zeit vor der Geburt Jesu (Friede sei mit ihm) fort. Römische Historiker berichten, dass diese Menschen, nachdem sie in das römische Heer aufgenommen worden waren, gegen die Nabatäer kämpften, mit denen sie seit alters her verfeindet waren. Ihr Wohngebiet lag in jenen Regionen im Nordwesten Arabiens, die bis heute unter dem Namen al-Hidschr bekannt sind. Heute gibt es zwischen Medina und Tabuk eine Station der Hedschasbahn, die Madāʾin Salih genannt wird. Dieser Ort war der zentrale Wohnsitz des Volkes Thamud. Noch immer sind dort auf einem Gebiet von mehreren tausend Acres die Überreste von Berggebäuden zu sehen, die sie durch das Aushauen der Berge errichtet hatten. Beim Anblick dieser Ruinen scheint es, als habe die Einwohnerzahl dieser Stadt nicht weniger als vier- oder fünfhunderttausend betragen. Zur Zeit der Offenbarung des Korans zogen die Handelskarawanen des Hedschas an diesen Ruinen vorbei. Während des Feldzugs nach Tabuk zeigte der edle Prophet (Allahs Segen und Friede seien mit ihm) diese lehrreichen Ruinen, als er dort vorbeikam, und forderte dazu auf, daraus eine Lehre zu ziehen. An einer Stelle kennzeichnete er einen Brunnen und sagte: „Aus diesem Brunnen trank die Kamelstute des Propheten Salih (Friede sei mit ihm).“ Er wies die Muslime an, nicht aus den anderen Brunnen zu trinken, sondern nur aus diesem einen. Der Prophet (Allahs Segen und Friede seien mit ihm) zeigte auf ein Tal und sagte, dass die Kamelstute von dorther zum Trinken gekommen sei. Dieser Ort ist noch immer unter dem Namen „Faddsch an-Nāqa“ bekannt.
Der Prophet Salih (Friede sei mit ihm) verkündete ihnen dieselbe Botschaft, die die grundlegende Botschaft aller Propheten und Gesandten war.
„Und zum Volk Thamud sandten Wir ihren Bruder Salih. Er sagte: O mein Volk! Dient einzig Allah; ihr habt keinen anderen Gott außer Ihm.“ (al-Aʿraf 73)
Es sei darauf hingewiesen, dass Hadhrat Salih (a.) vor seiner Berufung zum Propheten bei seinem Volk äußerst beliebt war und alle ihre Hoffnungen und Erwartungen auf ihn setzten. Nachdem er die Botschaft des Islam verkündet hatte, wurde er ihnen verhasst. Als Antwort auf seine Botschaft sagten sie:
„O Salih! Bis gestern hatten wir große Hoffnungen in dich gesetzt. (Doch was ist heute geschehen, dass) du uns verbietest, jene Götzen anzubeten, die unsere Vorfahren angebetet haben?“ – (Hud: 63).
Auch die Einladung zum Tauhid betrachteten sie als eine Täuschung und äußerten sich dazu folgendermaßen:
„Du bist nichts weiter als ein von Zauberei Beeinflusster. Du bist nichts anderes als ein Mensch wie wir“ – (Asch-Schu’ara: 154).
Sie erhoben dieselben Ausflüchte und Anschuldigungen wie das Volk Noahs und das Volk Huds. Hadhrat Salih (a.) ermahnte sie auf vielfältige Weise und warnte sie vor den schrecklichen Folgen. Doch sie wiesen jedes seiner Worte zurück. Schließlich wurden sie von einem schrecklichen Schicksal heimgesucht:
„Das Volk Thamud erklärte die Warnung für eine Lüge und wies sie zurück. Sie sagten: ‚Sollen wir einem Menschen folgen, der nur ein Mensch wie wir ist? Wenn wir ihm folgen, würden wir wahrlich vom Weg abgeirrt und unserer Vernunft beraubt sein. Ist etwa gerade dieser eine unter uns auserwählt worden, auf den die Ermahnung Gottes herabgesandt wurde? Nein, vielmehr ist er ein maßloser Lügner und Selbstverirrter.‘ (Wir sagten zu unserem Propheten:) Morgen werden sie wissen, wer der maßlose Lügner und Selbstverirrte ist. Wir werden ihnen die Kamelstute als Prüfung schicken. Warte geduldig ab und sieh, welches Ende sie nehmen. Teile ihnen mit und warne sie, dass das Wasser zwischen ihnen und der Kamelstute aufgeteilt wird und jeder an seinem festgesetzten Tag zum Trinken kommen soll. Schließlich riefen sie einen ihrer Übeltäter herbei. Er übernahm die Aufgabe und schlachtete die Kamelstute. Dann sieh, wie schrecklich Meine Strafe und Meine Warnung waren. Wir sandten nur einen einzigen furchtbaren Schrei über sie, und da wurden sie wie zermahlenes und zerbröseltes Stroh eines Stallbesitzers“ – (Al-Qasas: 23–31).
An anderer Stelle im Heiligen Quran heißt es:
„Dann schlachteten sie die Kamelstute und widersetzten sich in voller Überheblichkeit dem Gebot ihres Herrn. Danach sagten sie zu Salih: ‚Bring uns doch die Strafe, die du uns androhst, wenn du wirklich einer der Propheten bist.‘ Schließlich überwältigte sie ein gewaltiges Unheil, und sie lagen in ihren Häusern auf dem Gesicht und waren tot. Da verließ Salih ihr Gebiet und sagte: ‚O mein Volk! Ich habe euch die Botschaft meines Herrn überbracht und euch aufrichtig Gutes gewünscht. Doch was soll ich tun? Ihr habt meine Ermahnung und meinen guten Rat nicht angenommen‘“ – (Al-A’raf: 77–78).
Das Volk Lots
Nach Hazrat Salih (a.) kamen noch einige weitere Propheten, und die Angehörigen ihres jeweiligen Volkes behandelten jeden von ihnen auf dieselbe Weise. Das heißt, sie wiesen die Einladung zur Wahrheit zurück. Sie scheuten sich nicht, die Propheten zu beleidigen und zu erniedrigen und sie auf vielfältige Weise zu verfolgen. Schließlich kam Hazrat Lut (a.). Auch er musste all jene Hindernisse, Schwierigkeiten, Widerstände, Spötteleien und Schmähungen ertragen, denen die früheren Propheten begegnet waren. Darüber hinaus musste er sich mit einer neuartigen, erstaunlichen und abscheulichen moralischen Lehre auseinandersetzen. Dabei handelte es sich um die in der Gesellschaft weit verbreitete Homosexualität. Der Kern ihrer Lehre war, dass die Freiheit des Handelns nicht durch moralische Regeln eingeschränkt werden dürfe. Das Volk Lots nahm diese brutale Freiheitslehre mit fester Überzeugung an, wodurch es in abscheulicher moralischer Verderbtheit versank. Hazrat Lut (a.) kritisierte neben seiner Widerlegung von Götzendienst und Unglauben auch ihre abscheuliche Geschmacksverirrung scharf. Doch sie schenkten all seinen Worten keinerlei Beachtung.
„Und Wir entsandten Lot als Propheten. Denke daran, als er zu den Leuten seines Volkes sagte: Seid ihr denn so schamlos geworden, dass ihr solche schamlosen Taten begeht, die vor euch auf der Welt niemand begangen hat? Ihr befriedigt eure sexuelle Lust mit Männern statt mit Frauen. Ihr seid wahrlich maßlose Übertreter. Doch die Antwort seines Volkes bestand in nichts anderem als den Worten: Vertreibt diese Leute aus eurer Stadt; sie halten sich für besonders rein und fromm.“ – (Al-Aʿraf: 80–82).
Ihre Haltung war offenbar: Wenn Lot und seinen Anhängern unser Tun nicht gefällt, dann soll es ihnen eben nicht gefallen. Aber welches Recht haben sie, sich unserem Tun in den Weg zu stellen?
Die Ermahnung, die Hazrat Lut (a.) ihnen gab, ein charaktervolles und geschmackvolles Leben zu führen, konnten sie keineswegs ertragen; deshalb beschlossen sie, ihn aus ihrer Stadt zu vertreiben. Die irrigen Gedanken und Lehren der Dschahiliya hatten dieses unglückselige Volk so weit vom Licht der Wahrheit entfernt und seinen Verstand, seine Vernunft und sein Gewissen so gelähmt und verdorben, dass es auf die Einladung zu Tauhid, Risalat und Akhirat wohl kaum reagieren konnte. Vielmehr betrachteten sie den Rufer zur Wahrheit als Feind ihres Lebens. Als sich trotz aller Bemühungen keine innere Veränderung bei ihnen zeigte, ergriff Allah der Erhabene sie gemäß Seiner ewigen Ordnung und tilgte sie vom Antlitz der Erde.
Der Bericht über die Vernichtung dieses Volkes ist im Heiligen Koran überliefert.
„O Prophet Muhammad! Ist dir die Geschichte von den geehrten Gästen Ibrahims zu Ohren gekommen? Sie traten bei ihm ein und sagten: Friede sei mit dir. Er erwiderte: Auch mit euch sei Friede. Ihm kamen sie wie unbekannte Leute vor. Dann ging er heimlich zu seiner Frau, brachte ein kräftiges, frisches, gebratenes Kalb und setzte es den Gästen zum Essen vor. Dann sagte er: Warum esst ihr nicht? Als er sah, dass sie nicht aßen, bekam er ihretwegen innerlich Angst. Sie sagten: Fürchte dich nicht! Und sie verkündeten ihm die frohe Botschaft von einem wissenden Sohn. Als seine Frau dies hörte, trat sie schreiend hervor, schlug sich auf die Wangen und rief: Ein Sohn für eine alte, unfruchtbare Frau?“
Sie sagten: So hat es dein Herr bestimmt. Er ist allweise und weiß alles.
Ibrahim sagte: „O von Gott gesandte Engel, zu welchem Auftrag seid ihr gekommen?“
Sie sagten: „Wir sind zu einem verbrecherischen Volk gesandt worden, um Steine aus gebranntem Lehm auf sie herabregnen zu lassen, die für die Übertreter der Grenzen deines Herrn bestimmt sind.“ – (adh-Dhariyat: 24–34).
An anderer Stelle im Koran heißt es:
„Und Wir sandten Lot, als er zu seinem Volk sagte: Ihr begeht wahrhaftig eine schamlose, verwerfliche Tat, die vor euch niemand auf der Welt begangen hat. Ist es etwa euer Zustand, dass ihr zu Männern geht (um den Geschlechtsverkehr mit ihnen zu vollziehen), den Wegelagerer macht und in euren Versammlungen (vor aller Augen) Schändliches tut?
Die Antwort seines Volkes war nichts anderes als: ‚Bring die Strafe deines Gottes herbei, wenn du zu den Wahrhaftigen gehörst.‘
Lot sagte: „O mein Herr! Hilf mir gegen diese Übeltäter.“
Als dann Unsere gesandten Engel mit der frohen Botschaft zu Ibrahim kamen, sagten sie: „Wir werden die Bewohner dieser Ortschaft vernichten. Sie sind zu großen Frevlern geworden.“
Ibrahim sagte: „Aber dort ist doch auch Lot.“ Sie sagten: „Wir wissen sehr wohl, wer sich dort befindet. Wir werden ihn und die übrigen Angehörigen seiner Familie retten, außer seiner Frau. Sie gehörte zu denen, die zurückblieben (und deshalb nicht gerettet wurden).“ Als dann Unsere Engel zu Lot kamen, wurde er ihretwegen sehr bedrückt und traurig. Sie sagten: „Hab keine Angst und sei weder bekümmert noch traurig. Wir werden dich und deine Angehörigen retten, außer deiner Frau, die zu denen gezählt wird, die zurückbleiben. Wir werden über diese Leute eine Strafe vom Himmel herabkommen lassen für all das Unrecht, das sie begehen.“ – (al-Ankabut: 28–30).
Allahs Engel nahmen die Gestalt schöner und ansehnlicher Knaben an und wurden zu Gästen des Propheten Lot. Der Prophet Lot (Friede sei mit ihm) erkannte nicht, dass sie Engel waren. Die sündhaften Bewohner der Stadt gerieten bei der Nachricht von der Ankunft der schönen Knaben in große Freude und begannen, sich vor dem Haus des Propheten Lot zu versammeln. Im Koran wird dies folgendermaßen beschrieben:
„Unterdessen stürzten sich die Bewohner der Stadt voller Freude auf Lots Haus. Lot sagte: Leute, das sind meine Gäste; beschämt mich nicht. Fürchtet Allah und demütigt mich nicht. Sie sagten: Haben wir dir nicht immer wieder verboten, der Gastgeber der ganzen Welt zu sein? Schließlich ereilte sie im Morgengrauen eine gewaltige Explosion. Wir kehrten die gesamte Siedlung um und machten sie dem Erdboden gleich. Und Wir ließen Steine aus gebranntem Ton auf sie niederregnen.“ (Al-Hidschr: 67–74).
Es ist auch möglich, dass diese Steine durch den Ausbruch eines Vulkans aus dem Erdinneren geschleudert wurden und die Siedlung zerstörten. Oder es ist auch möglich, dass ein gewaltiger Sturm Steine herabregnen ließ.
Das Wirkungsgebiet des Propheten Lot
Der Prophet Lot (Friede sei mit ihm) war der Neffe Abrahams (Friede sei mit ihm). Sein Wirkungsgebiet war eine Region, die man heute Transjordanien (Trans Jordan) nennt und die zwischen dem Irak und Palästina liegt. Der Name der Hauptstadt und des Zentrums dieser Region wird in der Bibel als Sodom (SODOM) bezeichnet. Da die Bewohner Sodoms, das Volk Lots, der Sünde der Homosexualität verfallen waren, wird der gegenseitige Geschlechtsverkehr zwischen Männern auch heute noch als sodomy bezeichnet. Diese Stadt lag irgendwo in der Nähe des Toten Meeres (DEAD SEA) und versank in diesem Meer.
Die abscheuliche und schändliche Untat, für die das Volk Lots berüchtigt ist, konnten charakterlose Menschen bis heute nicht aufgeben. Griechische Philosophen bezeichneten dieses abscheuliche Verbrechen als eine moralische Tugend, und in verschiedenen westlichen Ländern, darunter Deutschland, wurde es gesetzlich erlaubt. Was die Menschen im Zeitalter der vergangenen Unwissenheit nicht als Verbrechen betrachteten, wird im heutigen westlichen beziehungsweise modernen Zeitalter der Unwissenheit als gerechtfertigt propagiert.
Gleichgeschlechtlicher Verkehr ist eine naturwidrige Handlung. Außer beim Menschen lässt sich bei keinem anderen Lebewesen gleichgeschlechtlicher Verkehr beobachten. Dem Menschen wurde die Freiheit des Handelns gegeben, um ihn zu prüfen. Der Mensch missbraucht diese Freiheit und hat sich auf einen Kampf gegen die Natur eingelassen.
Allah, der Erhabene, hat bei allen Lebewesen Männchen und Weibchen zum Zweck der Fortpflanzung unterschieden. Beim Menschen liegt dahinter noch ein weiterer großer Zweck: Mann und Frau sollen gemeinsam eine Familie gründen, aus der Gesellschaft und Zivilisation hervorgehen. Zu diesem Zweck wurden ihre Geschlechter unterschiedlich geschaffen. Auch ihre Gestalt, ihr Körperbau, ihre jeweiligen Fähigkeiten und ihre Tätigkeitsweisen wurden unterschiedlich gestaltet. Dem einen wurde die Fähigkeit zum Handeln gegeben, während dem anderen die Aufgabe übertragen wurde, die Wirkung dieses Handelns aufzunehmen. Ihre gegenseitige Vereinigung und ihr Geschlechtsverkehr wurden mit einem außergewöhnlichen Genuss versehen, der sie zueinander hinzieht. Ein Mensch, der seine sexuelle Begierde durch naturwidrigen gleichgeschlechtlichen Verkehr befriedigt — kein anderes Lebewesen außer dem Menschen tut dies — begeht zugleich mehrere Arten von Verbrechen.
Erstens – Er selbst kämpft gegen die Art und Beschaffenheit seiner Handlungen sowie gegen seine psychische Natur an und verursacht dadurch eine extreme Entstellung und einen tiefgreifenden Verfall, wodurch sein Körper, sein Geist und seine Moral stark beeinträchtigt werden.
Zweitens – Er begeht auch gegenüber der Natur einen äußerst schweren Verrat. Denn den Genuss sexueller Lust, der als Lohn für den Dienst an Gesellschaft und Zivilisation angesehen wird und für dessen Erlangung bestimmte Verantwortungen und Pflichten auferlegt wurden, will er erlangen, ohne irgendeine dieser Verantwortungen und Pflichten zu erfüllen.
Drittens – Er begeht auch gegenüber der Gesellschaft einen Verrat. Er zieht Nutzen aus den verschiedenen in der Gesellschaft etablierten zivilisatorischen Einrichtungen. Doch ohne selbst irgendeinen Dienst an ihnen zu leisten, verwendet er aus reinem Egoismus seine körperliche Kraft und seine Zeit für Tätigkeiten, die für Gesellschaft, Zivilisation und Moral äußerst schädlich sind. Er macht sich völlig unfähig, seiner eigenen Sippe und Familie zu dienen. Er zieht neben sich mindestens einen Mann zu abnormen, weibischen Handlungen heran und öffnet für mindestens zwei Frauen die Tore zu sexueller Ausschweifung, moralischem Verfall und Verderben. Aus diesem Grund ließ Allah der Erhabene das Volk Lots vom Antlitz der Erde tilgen, damit vernünftige Menschen daraus eine Lehre ziehen können.
Das Volk Schuʿaibs
Die Bewohner von Madyan und die Bewohner von al-Aykah werden als das Volk Schuʿaibs bezeichnet. Zu ihrer Rechtleitung sandte Allah der Erhabene den Propheten Schuʿaib. Es besteht Uneinigkeit darüber, ob die Bewohner von Madyan und die Bewohner von al-Aykah dasselbe Volk oder zwei getrennte Völker waren. Einige haben diese beiden als zwei verschiedene Völker bezeichnet, während andere die Ansicht vertreten haben, beide seien ein und dasselbe Volk. Bei näherer Untersuchung zeigt sich, dass beide Auffassungen richtig sind. Obwohl die Bewohner von Madyan und die Bewohner von al-Aykah zwei getrennte Völker waren, waren sie zwei Zweige desselben Geschlechts. Die Nachkommen Ibrahims, die ihm von seiner Frau Qatura geboren wurden, sind unter dem Namen Banu Qatura bekannt. Der unter ihnen bekannteste Stamm ist nach Madyan ibn Ibrahim als „Gefährten von Madyan“ bekannt. Ihr Siedlungsgebiet erstreckte sich vom nördlichen Hidschas über den südlichen Teil Palästinas und von dort bis zum Ende des Sinai-Tals, bis zu den Ufern des Roten Meeres und des Golfs von Aqaba. Ihr zentraler Hauptort war die Stadt Madyan. Unter den übrigen Stämmen der Banu Qatura waren die Dedaniten (Dedanites) vergleichsweise bekannter. Sie lebten in Nordarabien in Tayma sowie in der Gegend zwischen Tabuk und al-Ula. Ihre zentrale Stadt war Tabuk, das in alter Zeit al-Aykah genannt wurde. Der Grund dafür, dass zu den Bewohnern von Madyan und den Bewohnern von al-Aykah derselbe Prophet gesandt wurde, lag vermutlich darin, dass beide vom selben Geschlecht abstammten und dieselbe Sprache sprachen. Ihre Gebiete grenzten aneinander. Vielleicht waren auch Eheschließungen zwischen ihnen üblich, und beide lebten vom Handel. Ihr moralischer und religiöser Zustand war gleich. Im Geschäftsleben waren sie äußerst betrügerisch. Auch in Schirk und Kufr waren sie versunken.
„Und zu den Bewohnern von Madyan sandten Wir ihren Bruder Schuʿaib. Er sagte: O mein Volk! Dient Allah und gehorcht Ihm. Ihr habt keinen Gott außer Ihm. Und kürzt nicht Maß und Gewicht. Heute sehe ich euch in guter Lage. Doch ich fürchte, dass morgen ein Tag über euch kommen wird, dessen Strafe euch alle umschließen wird. O mein Volk! Gebt volles Maß und Gewicht in gerechter Weise. Und fügt den Gütern der Menschen keinen Schaden zu, indem ihr verfälschte oder schlechte Waren liefert. Und verbreitet auf der Erde nicht Verderben!“ – (Hud 11:84–85).
Weil sie die Lehren und Unterweisungen des früheren Propheten vergessen hatten, waren sie zu Sklaven der Natur geworden. Statt den wahren Gott anzubeten, verehrten sie von Menschen erdachte Götter und Göttinnen. Sie leugneten Tawhid, Risalat und die Akhira. Dadurch wurden sie zu Betrügern, Unterdrückern und Sündern. Wie das Volk Lots waren sie neben ihrem glaubensmäßigen Irrtum auch für moralischen Verfall, Unehrlichkeit im Geschäftsleben und Korruption berüchtigt. Der Prophet Schuʿaib lud sie zum Islam ein und ermahnte sie zur charakterlichen Besserung, wobei er sie auch zum Gebet aufforderte. Sie waren keineswegs bereit, dies anzunehmen.
Die Angehörigen des Volkes Schuʿaibs antworteten:
„O Schuʿaib! Befiehlt dir dein Gebet, dass wir jene Götter aufgeben sollen, die unsere Vorfahren verehrten?“ – (Hūd: 87).
In den Worten „die unsere Vorfahren verehrten“ verbirgt sich ein lahmes Argument jenes Prinzips der blinden Nachahmung, das der Dschāhilīya eigen ist. Ihr Einwand lautet: Welchen Wert haben deine Worte im Vergleich zu unseren gelehrten, vortrefflichen Denkern? Dass sie diesen und jenen als Gott anerkannten, soll falsch gewesen sein – und deine Worte sollen richtig sein?
Spöttisch über seinen Anspruch auf das Prophetentum sagten sie: Es ist eine Lüge, dass du ein von Allah Gesandter bist. Wie kannst du, obwohl du nur ein Mensch wie wir bist, vom Herrn der Welt gesandt worden sein? Du bist doch verrückt. Durch Zauberei sind dein Verstand und dein Urteilsvermögen geschädigt und verdorben worden.
„Du bist ein Verzauberter und nichts weiter als ein Mensch wie wir. Wir halten dich gewiss für einen Lügner“ – (asch-Schuʿarāʾ: 186).
In der Art und den unsinnigen Argumenten, mit denen sie die grundlegenden Punkte der Daʿwa zurückwiesen, lag nichts Neues. Ebenso wie die Anhänger der Dschāhilīya und der eigenen Neigungen die Daʿwa der früheren Propheten mit lahmen Entschuldigungen und Einwänden zurückgewiesen hatten, tat es auch das Volk von Schuʿaib. Als der Prophet Schuʿaib (a.) ihre Korruption, ihren Betrug und ihre Unehrlichkeit im Handel scharf kritisierte, kam eine neue Sichtweise der Dschāhilīya zum Vorschein. Ihr Argument lautete: Was hat die Moral mit dem Lebensunterhalt und dem Erwerb zu tun? Sie sagten dem Propheten unverblümt: Sollen wir wegen deiner törichten Worte unsere wirtschaftlichen Interessen opfern? Sollen wir die Vorteile aufgeben, die wir im Handel durch das Verfälschen von Maßen und Gewichten erlangen, nur weil wir im Jenseits Schaden erleiden werden? Und was dieses Jenseits überhaupt sein soll, verstehen wir ohnehin nicht. Und selbst wenn es eines Tages einträte, sollten wir dafür unser diesseitiges Leben ruinieren? Auf sofortige Gewinne zu verzichten und auf etwas auf Kredit zu hoffen, halten wir für äußerste Dummheit. Tu, was dir gefällt. Warum willst du es uns aufzwingen?
Die Würdenträger des Volkes besprachen sich untereinander und warnten einander.
„Die Anführer, die sich weigerten, seinen Worten zu folgen, begannen zueinander zu sagen: Wenn ihr Schuʿaib folgt, werdet ihr zugrunde gehen (in finanzieller Hinsicht)“ – (al-Aʿrāf: 90).
Die Bedeutung dieses kurzen Ausspruchs ist sehr weitreichend. Die Würdenträger und Führer von Madyan meinten: Wie können wir die Worte akzeptieren, die Hadhrat Schuʿaib (a.) spricht, die Einladung zu Glaubenstreue und Ehrlichkeit, und die dauerhaften sittlichen Grundsätze, an die er uns binden will? Wir kontrollieren die beiden größten Handelsrouten der Welt. Wir leben an den Grenzen zweier fortschrittlicher Staaten wie Ägypten und dem Irak. Wenn wir unseren Einfluss und Druck auf die Handelskarawanen nicht ausüben und uns nicht wie ehrliche und gute Menschen verhalten, werden all die Vorteile, die wir aufgrund unserer geografischen Lage genießen, verloren gehen. Danach wird auch unser Einfluss und unsere Macht über die benachbarten Völker ein Ende haben.
Diese Befürchtung eines Verlusts weltlicher Interessen war nicht nur auf die einflussreichen Männer des Volkes von Schuʿaib beschränkt; Menschen mit verdorbener Gesinnung und verdorbenem Charakter in jedem Zeitalter haben beim Verhalten in Aufrichtigkeit und Vertrauenswürdigkeit dieselbe Befürchtung empfunden. Die Unruhestifter jedes Zeitalters waren der Ansicht, dass Handel und Geschäftsleben, Politik sowie andere weltliche Angelegenheiten ohne Lüge, Untreue, List und Betrug nicht funktionieren könnten. Unter den schrecklichen Einwänden und Ausreden, die in jedem Zeitalter und an jedem Ort gegen den Aufruf zur Wahrheit vorgebracht wurden, befand sich auch der Einwand, dass der Untergang des Volkes unvermeidlich sei, wenn es die überlieferten Wege und Methoden der Welt aufgäbe und diesen Aufruf annähme. Auch die Anhänger der Dschāhilīya unserer Zeit vertreten dieselbe Ansicht.
Die Bewohner von Madyan leugneten nicht nur den Aufruf des Propheten, sondern drohten auch damit, ihn und seine Anhänger aus dem Land zu vertreiben.
„Die von Stolz und Hochmut berauschten Anführer und einflussreichen Männer seines Volkes sagten: ‚O Schuʿaib! Wir werden dich und diejenigen, die mit dir glauben, ganz gewiss aus unserer Stadt vertreiben, oder ihr müsst zu unserer Glaubensgemeinschaft zurückkehren.‘“ (Al-Aʿrāf: 88).
Als keinerlei Möglichkeit mehr bestand, dass sie auf den rechten Weg zurückkehrten, ließ Allah, der Erhabene, sie vernichten.
„Dann kam ein verheerendes Unglück über sie. Danach lagen sie in ihren eigenen Häusern mit dem Gesicht nach unten tot da.“ (Al-Aʿrāf: 91).
Ihre Vernichtung wird folgendermaßen beschrieben:
„Diejenigen, die den Aufruf Schuʿaibs für eine Lüge hielten und ihn zurückwiesen, wurden so vollständig ausgelöscht, als hätten sie niemals an diesen Orten gewohnt.“ (Al-Aʿrāf: 92).
Die Vernichtung der Bewohner von Madyan blieb viele Jahre lang für die Menschen der umliegenden Gebiete ein denkwürdiges Beispiel. So werden die Anhänger des Falschen vernichtet.
Das Volk des Pharaos
Das Rad der Zeit dreht sich unaufhörlich, und auch der Konflikt zwischen Islam und Dschahiliyya setzt sich fort. Schließlich, einige Jahrhunderte nach dem Hinscheiden des geliebten Propheten Allahs, Hadrat Yusuf (a.S.), erreichte das koptische Volk im Land Ägypten den Gipfel seiner Entwicklung, und die Herrschaft der Pharaonenfamilie wurde errichtet. Während der Herrschaft der Pharaonen war das gesamte Volk in die Finsternis der Dschahiliyya versunken. Gegenüber den an den Islam glaubenden Banu Isra’il begann eine äußerste Verfolgung und Unterdrückung. Unter dem Einfluss der irrigen Zivilisation und Kultur der Kopten wurden auch die Banu Isra’il Opfer der Entartung. Als Hadrat Musa (a.S.) zur Reform, Verbesserung und Rechtleitung dieses Volkes sowie zu seiner Befreiung aus dem Würgegriff der Herrschaft der Pharaonen in jenes Land entsandt wurde, wurde ihm auch die Verantwortung für die islamische Da’wa unter dem koptischen Volk übertragen. Gemäß der Vorgehensweise bei der Da’wa der Propheten wählte Hadrat Musa (a.S.) als Herrscher des Volkes den Pharao und seine Höflinge zu den ersten Zielen seiner Da’wa. Genau dies wurde ihm von Allah aufgetragen.
„Geh zum Pharao. Er ist aufsässig geworden. Und sage ihm: Bist du bereit, dich zu läutern, und soll ich dich zu deinem Herrn führen, damit du Ehrfurcht vor Ihm entwickelst?“ – (an-Nazi’at: 17–19).
„Geh zu dem ungerechten Volk – zum Volk des Pharaos. Wollen sie sich denn nicht vor einem schrecklichen Ende retten?“ – (asch-Schu’ara: 11).
An vielen Stellen des Heiligen Korans werden im Zusammenhang Hadrat Musa (a.S.) und der Pharao erwähnt. Fügte man diese Hinweise zusammen, ergäbe sich daraus eine lange Geschichte. Statt diese zusammenhängende Geschichte zu erzählen, werden hier die grundlegenden Aspekte der immerwährenden sophistischen Argumente, der Halsstarrigkeit, der blinden Nachahmung und des Aberglaubens der Dschahiliyya dargestellt. Zunächst wird ihr Aberglaube und blinder Glaube kurz erörtert.
Die Bedeutung des Namens Pharao
Das Wort Pharao bedeutet „Sohn des Sonnengottes“. Die höchste Gottheit der alten Ägypter war die Sonne, und sie nannten die Sonne Ra. Mit Pharaonen waren die Kinder dieses Gottes gemeint. Die Ägypter glaubten, dass nur derjenige die Macht zur Herrschaft über das Land erlangen könne, der in der Gestalt des Gottes Ra als dessen Inkarnation erscheine. Gemäß diesem Glauben wurde jede in Ägypten gegründete Dynastie als Nachkommenschaft des Sonnengottes ausgegeben. Jeder, der den Herrscherthron bestieg, bezeichnete sich selbst als Pharao. Tatsächlich ist dies kein Eigenname, sondern lediglich ein Königstitel. Damit wurde zugleich die Vorstellung vermittelt, dass er, da er die Inkarnation eines Gottes sei, der höchste Herr oder die höchste Gottheit der Bewohner dieses Landes sei.
Es sei erwähnt, dass im Heiligen Koran im Zusammenhang mit der Geschichte Hadrat Musas (a.S.) zwei Pharaonen genannt werden. Der eine war derjenige, während dessen Herrschaft Hadrat Musa (a.S.) geboren und von ihm aufgezogen wurde. Nach Ansicht der Forscher hieß er Amenemhet II. Derjenige, zu dem Hadrat Musa (a.S.) mit der Da’wa des Islam und der Forderung nach der Befreiung der Banu Isra’il entsandt wurde, war der zweite Pharao; sein Name war „Merenptah“ oder „Merneptah“.
Allah selbst bezeichnet das Volk des Pharao als ein frevelhaftes Volk. Das gesamte Volk war frevelhaft, und der Pharao war der Anführer dieser Frevler. Daraus lässt sich ermessen, wie grausam, teuflisch und erschreckend seine Unterdrückung und Verfolgung gewesen sein müssen. Daher verhielten sie sich als Antwort auf die islamische Daʿwa ebenso wie die früheren Widersacher Gottes. Sie sagten:
„Solche Worte haben wir zu Lebzeiten unserer Vorväter niemals gehört.“ – (al-Qasas: 36).
Auch hinter der Zurückweisung der Daʿwa des Propheten stand genau dieses Argument: die blinde Nachahmung der Vorfahren. Ihr Hauptargument lautete: Unsere Vorfahren waren gewiss gelehrte und angesehene Menschen. Wenn sie Gott nicht als den Einen und Einzigen anerkannten, keine Vorstellung vom Jenseits hatten und auch nicht glaubten, dass ein gewöhnlicher Mensch von Gott gesandt sein könne, wie kann man dann den Worten dieses Mannes Glauben schenken?
Über diese Haltung, die in allen Zeitaltern anzutreffen ist, heißt es im Qurʾan in klaren Worten:
„Wenn ihnen gesagt wird: ‚Befolgt, was Allah herabgesandt hat‘, antworten sie: ‚Wir werden vielmehr den Bräuchen folgen, bei deren Befolgung wir unsere Vorväter gesehen haben.‘“
„Wie aber, wenn ihre Vorväter nichts mit Verstand und Einsicht getan haben und nicht den geraden, richtigen Weg gefunden haben? Werden sie ihnen dennoch folgen?“ – (al-Baqara: 170).
„Der Zustand derjenigen, die sich weigern, den Weg Allahs zu beschreiten, gleicht dem eines Hirten, der seine Tiere ruft, während sie außer dem Klang seines Rufes nichts hören. Sie sind taub, stumm und blind. Deshalb verstehen sie nichts.“ – (al-Baqara: 171).
Die Furcht vor Gott und dem Jenseits, Rechtschaffenheit und die Vorstellung großer charakterlicher Tugenden sind Wünsche eines gesunden Gewissens. Dadurch kann die Seele vollkommenen Frieden erlangen. Doch die meisten Menschen weisen dies zurück. Der Grund für dieses törichte Verhalten ist in allen Zeitaltern derselbe. Selbstvergessenheit, die Vergessenheit der eigenen geistigen Verfassung und des eigenen Denkens, die Anbetung der eigenen Begierden, die Neigung zur blinden Nachahmung der Vorfahren sowie der von Macht berauschte Stolz und Hochmut wirken wie ein so undurchdringlicher Vorhang oder eine eiserne Mauer, dass das Licht der Rechtleitung sie nicht überwinden und in den innersten Bereich des menschlichen Herzens eindringen kann. Deshalb werden sie mit Tauben, Stummen und Blinden verglichen.
Zu allen Zeiten, sowohl in vergangenen als auch in der modernen Epoche, lässt sich derselbe Zustand beobachten. Genau das war auch bei Pharao und seinen Würdenträgern zu sehen. Der von Macht berauschte Pharao leugnete die Einheit, Herrschaft, Autorität und Souveränität Allahs sowie Seine uneingeschränkte Herrschaft über die Schöpfung. Hadhrat Musa (a.) und sein Bruder Hadhrat Harun (a.) erklärten auf Gottes Geheiß in eindeutigen Worten vor allen Anwesenden bei der Sitzung des Ministerrats Pharaos:
„Gewiss, wir sind vom Herrn der Welten entsandt worden.“ – (asch-Schuʿara: 16).
„Sofort riefen sie: ‚Und was ist das nun wieder – der Herr der Welten?‘“ – (asch-Schuʿara: 23).
In ihrer Frage lagen Verwunderung und auch ein gewisser Spott. Das bedeutete nicht, dass sie völlig atheistisch waren oder die Existenz Gottes leugneten. Vielmehr glaubten sie an Allah, den Schöpfer des Universums, und sogar an die Existenz Seiner Engel.
„Eines Tages rief Pharao sein Volk zusammen und sagte: ‚O mein Volk! Gehört mir nicht die Herrschaft über Ägypten? Und fließen diese Flüsse nicht unter meiner Herrschaft? Seht ihr das denn nicht? Bin ich nicht besser als dieser Mann, der verächtlich und erniedrigt ist und kaum imstande ist, sich klar auszudrücken? Warum sind ihm keine goldenen Armreifen angelegt worden? Oder warum ist nicht eine Schar von Engeln vor ihm und hinter ihm erschienen, um ihn zu bewachen, wenn er doch von Allah entsandt worden wäre?‘“ – (az-Zuchruf: 51–53).
Seine irrige und engstirnige Denkweise sowie seine Sichtweise waren folgende: Allah ist der Schöpfer des gesamten Universums, und in der gewaltigen Welt der Natur herrschen Seine Autorität und Seine Anordnung und Regierung – das soll ruhig so sein. Doch da ich der König des Landes Ägypten und der Besitzer seiner Berge und Gebirge, Flüsse, Pflanzen, Menschen und aller Lebewesen bin, kann in meinem Land keine andere Herrschaft und Regierung als meine eigene gelten. Er war äußerst machtstolz. Deshalb betrachtete er das gesamte Volk als nichts anderes denn als ihm gehorsame Sklaven und Knechte. Er hielt alle für gering, unbedeutend, verachtenswert und erniedrigt. Seine Macht, sein Einfluss, sein Stolz und seine Überheblichkeit ließen ihn das Prophetentum Hadhrat Musas (a.) nicht anerkennen. Außerdem war er fest davon überzeugt, dass ein Mensch niemals ein von Allah entsandter Gesandter sein könne. Wenn Allah jemanden zum Gesandten machen wolle, dann passe es sich, denjenigen zum Gesandten zu machen, der in der Gesellschaft über Reichtum, Wohlstand und Macht verfüge. Hadhrat Musa (a.) war kein angesehener, einflussreicher und wohlhabender Mann in der Gesellschaft; er trug auch keine goldenen Armreifen. Wenn er tatsächlich ein von Allah entsandter Vertreter wäre, müsste ihm unbedingt eine gewaltige Schar von Engeln vorangehen und folgen, und er müsste sich mit der Pracht und dem Glanz eines Königs bewegen. Da nichts davon vorhanden war, waren all seine Behauptungen falsch.
Obwohl zahlreiche unwiderlegbare Argumente, klare Zeichen und wundersame Taten vorgeführt worden waren, ließ er nicht von seinem blinden Starrsinn, seiner Überheblichkeit und seiner Widerspenstigkeit ab, sondern wurde gegenüber Allahs Propheten immer härter. In scharf drohendem Ton sagte er zu Musa (a.):
„Pharao sagte: ‚Wenn du außer mir noch jemanden als Gott anerkennst, dann wirst du zu denen gehören, die in den dunklen Zellen des Gefängnisses qualvoll dahinsiechen und sterben.‘“ – (asch-Schuʿara: 29).
„Wir sandten Musa zu Pharao, Haman und Qarun mit unseren Zeichen und einem eindeutigen Beleg für seine Ernennung zum Propheten. Doch sie sagten: ‚Er ist ein Zauberer, ein Lügner.‘ Als er ihnen dann von Uns die Wahrheit brachte, sagten sie: ‚Tötet ihn und auch die Söhne derer, die mit ihm den Glauben angenommen haben, und lasst die Frauen am Leben.‘ Doch ihre hinterhältigen Pläne scheiterten. Und Pharao sagte: ‚Lasst mich ihn töten; er soll seinen Herrn anrufen. Ich fürchte, dass er eure Religion verändern oder im Land Unfrieden stiften wird.‘ Musa sagte: ‚Ich nehme Zuflucht bei meinem und eurem Herrn vor jedem hochmütigen Stolzen, der nicht an den Tag der Abrechnung glaubt.‘“ (Al-Mu’min: 23–27).
Das heißt: Das Ziel der Botschaft der Propheten war es, alle Fesseln menschlicher Unterwerfung und Knechtschaft zu sprengen und sich ausschließlich Allahs Dienst beziehungsweise Seiner Herrschaft und Gesetzgebung zu unterstellen. Despotische Herrscher aller Zeiten, wie Pharao und Nimrod, wollen die alleinigen Herren aller Menschen ihres Landes bleiben. Ihre Herrschaft soll über alle ausgeübt werden, und das Volk soll ihren Gesetzen unterworfen sein. Durch die islamische Botschaft von Musa (a.s.) befürchtete Pharao, dass seine uneingeschränkte Herrschaft und Vorherrschaft nicht länger fortbestehen würden. Musas Botschaft würde unter den Menschen eine solche geistige Revolution auslösen, dass sie sich von der Knechtschaft durch Menschen befreien würden. Von dieser Befürchtung erfüllt, sagte Pharao zu seinen Höflingen: ‚Ich befürchte, dass Musa eine Revolution auslösen wird.‘ Selbst wenn es ihm nicht gelänge, eine Revolution herbeizuführen, bestand zumindest zweifellos die Gefahr, dass seine Verkündigung und Propaganda im Land Unordnung und Anarchie hervorrufen und den Frieden und die Sicherheit der Menschen beeinträchtigen würden. Daher müsse man ihn, auch wenn er keines Mordverbrechens schuldig sei, allein im Interesse der öffentlichen Sicherheit (Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung) töten.
Pharao sprach von einer Revolution in dem Sinne, dass Musa (a.s.) die bestehende Religion verändern würde.
„Ich fürchte, dass er eure Religion verändern wird.“
Mit „Religion“ ist hier das Regierungssystem gemeint. Das auf der Souveränität Pharaos und seiner Familie beruhende System aus Religion, Politik, Wirtschaft und Kultur, das in Ägypten bestand, war die „Religion“ dieses Landes. Durch die Botschaft von Musa (a.s.) war die Befürchtung aufgekommen, dass diese Religion verändert und damit seine eigene Königsherrschaft sowie seine Vorherrschaft und Autorität beendet würden. Daher müsse man denjenigen, der die Religion veränderte, unbedingt töten. In jeder Epoche, auch in der modernen Zeit, haben despotische Pharaonen, sobald sie erkannten, dass die islamische Bewegung die Grundlagen ihrer despotischen Herrschaft erschütterte, entweder falsche und erfundene Anschuldigungen gegen die Aktivisten erhoben, in Schauprozessen die Anführer der Bewegung zum Tode verurteilt, viele zu Gefängnisstrafen verurteilt und viele grausam misshandelt. Doch am Ende wurde stets die gottfeindliche despotische Macht vernichtet. Pharao konnte trotz des Einsatzes all seiner staatlichen Macht weder Musa (a.s.) noch seine islamische Bewegung und ihre Kraft ausrotten. Er selbst wurde vom Antlitz der Erde ausgelöscht und vollständig vernichtet.
Als Pharao alle Vorbereitungen getroffen hatte, um Musa (a.s.) zu töten, erging von Allah an ihn der Befehl, mit der gesamten islamischen Gemeinschaft das Gebiet Ägyptens zu verlassen.
„Zieh noch in der Nacht mit Meinen Dienern fort. Ihr werdet jedoch verfolgt werden. Lass das Meer in seinem eigenen (fließenden) Zustand. Dieses gesamte Heer wird ertrinken und sterben. Wie viele Gärten, Quellen, Felder und prächtige Paläste hatten sie zurückgelassen! Wie viele Luxusgüter, die sie genossen hatten, blieben zurück! Dies ist ihr Ende, und Wir machten andere Leute zu deren Erben. Weder Himmel noch Erde weinten um sie, und ihnen wurde nicht einmal Aufschub gewährt.“ (Ad-Duchan: 23–29).
Sobald Musa (a.s.) auf Allahs Geheiß mit seinem wundertätigen Stab auf das Rote Meer schlug, entstand von einem Ufer zum anderen ein schöner, trockener Weg. Die gesamte islamische Gemeinschaft überquerte das Meer sicher. Als Pharao anschließend mit seinem gewaltigen Heer begann, auf diesem Weg zu marschieren, nahm das Meer plötzlich wieder seine natürliche Gestalt an, und das gesamte Heer ertrank und kam ums Leben. Wie laut auch immer die Siegestrommeln solcher despotischen Herrscher erklingen mögen und wie sehr ihre Schmeichler sie auch in den Himmel loben mögen – nach ihrem Tod vergießt niemand um sie eine Träne der Trauer. Vielmehr atmen alle erleichtert auf.
In jedem Kapitel der Geschichte sehen wir eben diesen Konflikt und Kampf zwischen Islam und Dschāhilīya, zwischen Wahrheit und Falschheit. Obwohl die Bannerträger der Wahrheit von den islamfeindlichen, gottfeindlichen Mächten verfolgt und unterdrückt wurden, sind letztlich doch die Mächte der Falschheit zugrunde gegangen.
Die Ankunft des Weltenpropheten
In einer Phase des Konflikts und Kampfes zwischen Islam und Dschāhilīya erschien zu Beginn des siebten Jahrhunderts der Weltenprophet Muhammad Mustafa (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) in der Stadt Mekka, um zum Islam aufzurufen. Damals war die gesamte Welt einschließlich Arabiens in die tiefe Finsternis der Dschāhilīya versunken.
Allah der Erhabene sandte den Propheten Mustafa (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) als den letzten Propheten für die Menschheit und sandte durch ihn der Menschheit seine letzte Wegweisung. Der letzte Prophet und die letzte Wegweisung beweisen, dass für das umfassende Wohlergehen der Menschen eine vollständige Religion beziehungsweise Lebensordnung dargelegt wurde. Deshalb wurde diese Religion „Al-Islam“ genannt; eines ihrer wichtigsten Merkmale ist die leicht verständliche Ausdrucksweise, in der die Botschaft des ihr offenbarten großartigen Buches, des Al-Kur’an, dargelegt wird.
Obwohl der Qur’an bei der Darlegung seiner Botschaft statt einer befehlenden Sprache eine ermahnende Sprache verwendet, führt er zugleich überzeugende Argumente und Beweise an. Um die Wahrheit des Glaubens zu beweisen, den der Qur’an im Herzen des Menschen hervorbringen möchte, legt er ihn zusammen mit überzeugenden Argumenten in einer zu Herzen gehenden Sprache dar. Diese Argumente und Beweise sind verschiedener Art: intellektuell, naturbezogen, intuitiv und historisch. Die Darlegung der Botschaft mit überzeugenden Argumenten und Beweisen beweist, dass der Qur’an an die Vernunft und das Gewissen des Menschen appelliert. Zum Beispiel:
„Wahrlich, in der Schöpfung der Himmel und der Erde und im Wechsel von Nacht und Tag liegen zahlreiche Zeichen für die Verständigen.“ – (Āl ʿImrān: 190).
Im heiligen Qur’an gibt es viele Verse dieser Art, aus denen deutlich hervorgeht, dass der Mensch gerade deshalb als fähig angesehen wird, die Botschaft anzunehmen, weil er ein mit Vernunft und Gewissen begabtes Wesen ist. Das heißt: Jeder, der sein Wissen, seine Vernunft und sein Gewissen richtig gebraucht, wird die Wahrheit dieser Botschaft klar erkennen. Wer mit Wahrheitsliebe und Aufrichtigkeit nachdenkt, kann vom Licht dieser Wahrheit nicht ausgeschlossen bleiben.
Eine von der Finsternis der Dschāhilīya umhüllte Umgebung
Obwohl die islamische Daʿwa mit überzeugenden Worten sowie mit Beweisen, historischen Zeugnissen und verschiedenen Zeichen vorgetragen wurde, wies auch die Dschahiliya Arabiens diese Daʿwa wie in der Vergangenheit zurück. Der Grund dafür war, dass es der Gesellschaft an Wissen, Verstand, Gewissen und innerer Einsicht mangelte. Wenn die Sonne aufgeht, breitet sich ihr Licht überall aus. Von diesem Licht können jedoch nur diejenigen profitieren, die über Sehkraft verfügen. Für einen Blinden oder jemanden, der sein Augenlicht verloren hat, scheint alles von dichter Dunkelheit bedeckt zu sein. Genauso verhält es sich mit der inneren Einsicht. Wenn dieses innere Auge seine Sehkraft verliert oder von einem dicken, einem grauen Star gleichenden Schleier bedeckt ist, kann es die Wahrheit nicht erkennen. Zur Zeit des Kommens des letzten Propheten war die Gesellschaft von solchen blinden und tauben Menschen erfüllt. Der Koran beschreibt den Zustand jener Zeit mit folgenden Worten:
„Sie haben Herzen, mit denen sie nicht begreifen; sie haben Augen, mit denen sie nicht sehen, und sie haben Ohren, mit denen sie nicht hören. Sie sind wie Vieh, ja, noch weiter abgeirrt. Sie sind völlig in Achtlosigkeit versunken.“ – (al-Aʿrāf: 171)
Das bedeutet, dass diese Menschen – denen der Prophet Muhammad (sallallahu alaihi wa sallam) die islamische Daʿwa vortrug – die Fähigkeit verloren hatten, über die Daʿwa der Wahrheit nachzudenken. Allah hatte ihnen Mittel und Fähigkeiten gegeben, um die Wahrheit und die Wirklichkeit aller Dinge zu erkennen. Mit diesen Mitteln tun sie zwar alles andere, aber die eigentliche Aufgabe, die sie erfüllen sollten, tun sie nicht: nämlich die Wahrheit zu erkennen. Ihre Augen, also ihre Sehkraft, waren ihnen gegeben worden, damit sie durch sie die wahren Wirklichkeiten des Universums betrachten. Das Hörvermögen war ihnen gegeben worden, damit sie die Daʿwa der Wahrheit aufmerksam hören und über sie nachdenken. Verstand oder Erkenntnisvermögen war ihnen gegeben worden, damit sie das, was sie mit ihren Augen betrachtet und mit ihren Ohren gehört hatten, mit Verantwortungsbewusstsein richtig bewerteten und zu einer richtigen Entscheidung gelangten. Doch sie spielten lediglich die Rolle von Vierfüßlern. Was ein Tier durch seine Augen und Ohren an Wissen erlangt, genau das tun auch sie. Der Zustand dieser Vierfüßler ist der, dass ein Hirte oder ihr Besitzer ihnen etwas zuruft, sie aber nicht verstehen, was tatsächlich gesagt wird. Sie nehmen lediglich wahr, dass jemand einen Laut von sich gibt. Genau so verhält es sich bei den arabischen Götzendienern und Ungläubigen gegenüber der Daʿwa des Islam. Sie haben die Fähigkeit, sie zu betrachten und über sie nachzudenken, vollständig verloren. Die Worte des Rufer verhallen in der Luft. Der Heilige Koran hat ihren geistigen Zustand folgendermaßen dargestellt:
„Der Zustand derer, die sich weigern, den Weg Gottes zu gehen, ist wie folgt: Der Hirte ruft die Tiere, doch sie hören von diesem Ruf nichts außer dem Klang der Stimme. Sie sind taub, stumm und blind. Deshalb verstehen sie nichts.“ – (al-Baqara: 17)
An einer anderen Stelle heißt es:
„Denken sie denn nicht über den Koran nach? Oder sind ihre Herzen etwa mit Schlössern verschlossen?“ – (Muhammad: 24)
Die Bedeutung des oben angeführten Verses ist, dass sie überhaupt nicht über den Koran nachdenken. Und selbst wenn sie es gelegentlich tun, dringen sein Sinn und seine Bedeutung nicht in die Tiefe ihrer Herzen ein. Der Grund dafür ist, dass sie die Wahrheit gar nicht annehmen wollen. Der Zugang zu ihren Herzen bleibt verschlossen. Danach besitzen sie keinerlei Fähigkeit mehr, Gut und Böse zu unterscheiden. Und genau das ist die Blindheit des Herzens.
Die Ursachen der Blindheit
Der erste Grund für diese Blindheit ist die nationale und familiäre Engstirnigkeit. Ihre Haltung war: Die religiösen Glaubensvorstellungen, Bräuche und Sitten, die von ihren Vorfahren überliefert worden sind, sind richtig. Denn es ist doch undenkbar, dass sie sich geirrt haben könnten. Wenn wir also die Einladung des Propheten Muhammad (s.a.w.) zu seiner neuen Religion ablehnen, wird dies unser Glück bedeuten, und indem wir nicht von der Religion unserer Vorfahren abfallen, werden wir auch ihrem Fluch entgehen.
„Wir haben unsere Väter und Vorväter als Anhänger einer bestimmten Lebensweise vorgefunden, und wir folgen ihren Fußstapfen.“ – (Sure az-Zuḫruf: 23).
In keinem Buch gibt es für sie irgendeinen göttlichen Beweis. Ihr einziger Beweis ist, dass all dies seit der Zeit ihrer Väter und Vorväter überliefert worden ist. Deshalb werden auch wir alles tun, was sie getan haben. Bemerkenswert ist, dass es in jeder Epoche gerade die wohlhabenden Kreise der Gesellschaft waren, die sich den Propheten entgegenstellten und das Banner der blinden Nachahmung ihrer Vorfahren hochhielten. Ein Grund dafür war, dass sie so sehr in den Genüssen dieser Welt versunken waren, dass sie keineswegs bereit waren, sich mit dem Streit zwischen Wahrheit und Falschheit zu befassen – aus Angst, ihr luxuriöses Leben könnte dadurch beeinträchtigt werden. Der zweite Grund war, dass ihre Interessen eng mit der in der Gesellschaft bestehenden Ordnung verflochten waren. Sobald sie die von den Propheten dargelegte Ordnung betrachteten, erkannten sie, dass unter dieser Ordnung ihre Führung und ihr Einfluss enden und alle Wege versperrt würden, auf denen sie sich zu Unrecht all dessen erfreuten, was sie besaßen.
Nicht nur die blinde Gefolgschaft gegenüber den Vorfahren hielt sie davon ab, die Wahrheit anzunehmen; auch die Stammesengstirnigkeit und die Interessen ihrer Abstammung hinderten sie daran, die islamische Einladung anzunehmen. Die Familie des Propheten war mit dem Clan Banu Qusai des Stammes Quraisch verbunden. Deshalb wurden die anderen gegen Banu Qusai aufgebracht. Die anderen weigerten sich, die Prophetenschaft Muhammads (s.a.w.) anzuerkennen, weil dadurch die Vorherrschaft von Banu Qusai begründet worden wäre.
Während der Schlacht von Badr fragte Achnas ibn Schuraik, ein Gefährte Abu Dschahls, Abu Dschahl unter vier Augen: „Sag die Wahrheit: Hältst du Muhammad für wahrhaftig oder für einen Lügner?“
Darauf antwortete er unmissverständlich: „Bei Gott, Muhammad ist ein wahrhaftiger Mann, der in seinem Leben niemals gelogen hat. Aber wenn Liwā (1), Siqāya (2), Hijāba (3) und die Prophetenschaft allesamt an Banu Qusai fallen, dann sag du selbst: Was bleibt für die übrigen Quraisch?“
Selbst ein Mann wie Abu Talib, der Onkel des Propheten (s.a.w.), konnte den Islam nur deshalb nicht annehmen, weil sein blinder Glaube an die Religion seiner Väter und Vorväter ihm nicht erlaubte, den Islam anzunehmen. Dabei war seine Zuneigung und Liebe zum Propheten unvergleichlich. Gegenüber den Feinden war er wie ein Schutzschild. Doch trotz der wiederholten Bitten des heiligen Propheten sprach er das Glaubensbekenntnis nicht aus. Der Prophet (s.a.w.) sagte zu ihm mit größter Verehrung und inniger Zuneigung: „Lieber Onkel, sprich doch einmal: Lā ilāha illā llāh. Dann werde ich am Tag der Auferstehung für dich Zeugnis ablegen und um deine Vergebung bitten.“
Abu Dschahl und andere Anführer der Götzendiener waren dort anwesend. Sie sagten: „Abu Talib, wirst du aus Angst vor dem Tod die Religion deines ehrwürdigen Vaters Abd al-Muttalib verlassen?“
Der Pfeil ihrer Dschāhilīya traf sein Ziel. In Abū Tālib wurde ein starkes Gefühl der Ahnenverehrung geweckt, und er sagte: „Ich werde auf der Religion ʿAbd al-Muttalibs sterben.“ Ibn Hischām hat dieses Ereignis in seiner Geschichte überliefert.
Aus den beiden genannten Ereignissen wird deutlich, wie ausgeprägt im arabischen Gesellschaftssystem der nationale, parteiliche, stammesbezogene und familiäre Fanatismus sowie die blinde Nachahmung waren und wie bedenkenlos sie um ihrer bestehenden Interessen willen die Wahrheit, den Aufruf des Propheten und den Weg des Wohlergehens zurückwiesen.
Der zweite Grund ist intellektuelle Blindheit und die Anbetung der eigenen Begierden. Die Neigung zur Begierdenanbetung hatte sich durch ihre Adern und Blutgefäße verbreitet. Um ihre Wünsche und Begierden zu befriedigen, erfanden sie verschiedene Wege, Methoden und Bräuche und versahen sie mit einem faszinierenden Gewand. Es wurden Beweise und Argumente geliefert, um sie zu legitimieren. Dem Alkoholkonsum, dem Glücksspiel, dem Zins, der Nacktheit, der Obszönität, Tanz und Gesang, der sexuellen Zügellosigkeit, dem Morden und Töten, der Tötung von Kindern und Ähnlichem wurde bald das Gewand eines natürlichen Bedürfnisses, bald das des wirtschaftlichen Wohlergehens, bald das der schönen Künste und bald das der religiösen Heiligkeit angelegt. Auf diese Weise war die menschliche Natur unter der Last satanischer Begierden und abscheulicher Taten so zermalmt worden, dass sie nicht einmal ein Wort gegen diese zu äußern vermochte. Da der Islam für all dies keine Erlaubnis erteilen kann, sondern sich vielmehr dagegenstellt, betrachteten sie ihn als eine Gefahr für sich. Sie hielten ihn für ein schreckliches Unrecht und eine himmelschreiende Ungerechtigkeit gegen sie. Denn in Wirklichkeit hatten sie ihre eigenen Begierden zu ihrem Gott gemacht. Als der Prophet der Barmherzigkeit angesichts dieser Gesinnung und ihres Verhaltens Schmerz in seinem Herzen empfand, sagte Allah der Erhabene:
„Hast du jemals den Zustand dessen betrachtet, der seine eigene Begierde zu seinem Gott gemacht hat? Kannst du die Verantwortung übernehmen, einen solchen Menschen auf den rechten Weg zu führen?“ – (al-Furqān: 43).
Die eigene Begierde zum Gott zu machen bedeutet, ihr zu dienen und sich ihr zu unterwerfen; der tatsächlichen Sachlage nach ist auch dies Schirk, ebenso wie Götzendienst. In einem von Hadhrat Abū Umāma überlieferten Hadith sagte der Prophet (s): „Unter all den angeblichen Göttern, die unter diesem Himmel außer Allah verehrt werden, ist die Begierde, deren Anordnungen man folgt, der verwerflichste Gott.“ – (at-Tabarānī).
Wer seine Begierden der Vernunft unterordnet und vernünftige Entscheidungen trifft, kann, selbst wenn er in irgendeine Form von Schirk oder Kufr verfällt, durch Aufklärung und Ermahnung auf den richtigen Weg zurückgeführt werden. Doch der Sklave seiner Begierden gleicht einem nicht angeleinten Kamel und kann keineswegs gebessert werden. Er geht dorthin, wohin seine Begierden ihn führen.
Das Dritte sind die seit alters her überlieferten Bräuche und Sitten. Sie sind nicht bereit, irgendein Wort gegen diese zu hören, und nicht einmal den Gedanken, die seit so langer Zeit bestehenden Bräuche und Sitten aufzugeben, sind sie zu fassen bereit.
Diese drei Dinge halten ihren Geist und Verstand gleich einer unheilbaren Krankheit befallen. Sie weisen den Ruf der Wahrheit nicht nur zurück, vielmehr steigert der Klang der Wahrheit auch ihren Zorn.
„Wir haben in diesem Koran auf vielfältige Weise die wesentlichen Aussagen der Religion dargelegt, damit sie sie begreifen und sich ihrer bewusst werden; doch sie fliehen immer weiter vor der eigentlichen Wahrheit.“ – (Bani Isra’il: 41).
Menschen dieser Art, geistige Kinder der Dschahiliyya, wird es in jedem Zeitalter geben.
Die Reaktionen der Anhänger der Dschahiliyya
Mit der Verkündung der Prophetenschaft Muhammads (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) wurden die Reaktionen der Götzendiener und Ungläubigen von Mekka nach und nach immer heftiger. Zunächst erschien ihnen diese Verkündung als äußerst erstaunlich. Wie konnte der Mensch, der ihrer Ansicht nach der beste, wahrhaftigste, äußerst vertrauenswürdigste und zuverlässigste Mann der Gesellschaft und von unvergleichlichem Charakter war, solche unrealistischen und unsinnigen Dinge von sich geben?
„Hat Allah einen Menschen zu Seinem Gesandten gesandt?“ – (Bani Isra’il: 14).
„Es war für sie erstaunlich, dass ein Warner aus ihrer Mitte selbst (aus der Mitte der Menschen) zu ihnen gekommen war. Da sagten die Ungläubigen: Das ist wirklich etwas höchst Seltsames.“ – (Qaf: 2).
Wie Menschen ohne Verstand und Vernunft begannen sie überall das aufsehenerregende Gerücht zu verbreiten, Gott würde angeblich niemals einen Menschen zu Seinem Gesandten senden. Sie sagten: Wenn aus dem Mund unseres allseits beliebten, wahrhaftigen und vertrauenswürdigen Mannes solche unsinnigen Worte zu hören sind, dann ist sein Verstand gewiss gestört. Oder er ist von einem Dschinn besessen. Auf diese Weise begann eine Kampagne, um die Menschen gegen den Propheten Muhammad (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) aufzubringen.
Dann die Rede vom Leben nach dem Tod, von der Auferstehung und vom Jenseits. Das war für sie erst recht lächerlich und unglaublich.
Ihre Aussage lautete etwa so: „Sollen wir euch von einem Mann erzählen, der euch die absonderliche Nachricht überbringt, dass ihr, wenn ihr nach dem Tod verwest und zerfallen seid, angeblich von Neuem erschaffen werdet?“ – (Saba 7).
So lehnten die Bannerträger der Dschahiliya zunächst unter Spott, Hohn und Verachtung die Einladung zum Islam ab. Danach wiesen sie auch Tauhid und das Jenseits als unsinnig zurück, weil sie von ihren Vorfahren niemals etwas derart Unrealistisches gehört hatten. Dann begann der Widerstand gegen den Propheten (s.a.s.), der allmählich die Form von Verfolgung und Unterdrückung annahm. Sobald jemand den Islam annahm, brach über ihn ein Berg von Unglück herein. Als dadurch das Leben der Muslime während ihres Aufenthalts in Mekka unerträglich wurde, warnte Allah die Feinde des Propheten und des Islam mit den Worten: „Haben diejenigen, die Übeltaten begehen, etwa geglaubt, sie könnten Mir entkommen? Wie falsch haben sie entschieden!“ – (Al-Ankabut 4).
Dies kann zweierlei bedeuten. Erstens: Sie glaubten, dass Allah die islamische Bewegung nicht zum Erfolg führen werde. Vielmehr werde ihr Vorhaben, sie auszulöschen, Erfolg haben. Zweitens: Sie würden der Bestrafung entgehen, mit der Allah sie wegen ihrer maßlosen Überschreitungen ergreifen wollte.
Die Feinde des Islam hegen stets die Vorstellung, dass sie die islamische Bewegung und ihre Anhänger vom Erdboden tilgen werden. Sie glauben keineswegs daran, dass der allmächtige Allah sie für ihre Feindschaft gegenüber dem Islam und für die Gewaltherrschaft und Verfolgung, die sie den Muslimen zufügen, angemessen bestrafen kann.
Doch trotz all ihres Widerstands sowie ihrer Grausamkeit und Verfolgung nahm die Zahl der Muslime stetig zu. Der Hauptgrund dafür war das auf Arabisch offenbarte Wort Allahs, der Koran. Der Koran besitzt einige allgemeine Eigenschaften. Erstens ist er Literatur von höchstem Rang; auch nur einige wenige Zeilen von gleicher Qualität zu verfassen, übersteigt die menschlichen Fähigkeiten. Zweitens ist seine Sprache klar, verständlich, äußerst anziehend und unmittelbar zu Herzen gehend. Sie übt auf den Zuhörer eine gewaltige Wirkung aus. Seine Bedeutung und sein innerer Gehalt dringen tief in das Herz des Zuhörers ein und bewirken eine Revolution des Denkens. Jedes Wort des Korans ist ebenso außerordentlich wahr wie unwiderlegbar logisch. Die Wahrheit besitzt einen eigenen Geschmack, der Wahrheitssuchende leicht anzieht und fasziniert. Die Aussagen des Korans stehen im Einklang und in Übereinstimmung mit der menschlichen Natur und Wesensart, der menschlichen Vernunft sowie dem Reich der Natur und seiner Ordnung. Daher ereignet sich in der inneren Welt derjenigen, die dem Koran aufmerksam zuhören und über ihn nachdenken, eine Revolution, und sie antworten spontan auf seinen Ruf.
Die Behinderung des Hörens des Korans
Als die Träger und Bewahrer der Dschahiliya, also die Feinde des Islam, erkannten, dass die Menschen aus dem Mund eines der besten und von allen geachteten Männer der Gesellschaft Worte hörten, die sie beeinflussten, sodass sie die Religion ihrer Vorfahren aufgaben und eine Abneigung gegen die gegenwärtige Gesellschaft und ihre Führung entwickelten, gerieten sie in Verwirrung und schlossen sich gegen das Wort Allahs, den Koran, zusammen. Danach erließen sie ein Verbot gegen das Hören des Korans. Über sie sagt der Koran:
„Diejenigen, die die Wahrheit leugnen, sagen: Hört diesem Koran niemals zu. Und wenn er vorgetragen wird, dann macht Lärm und verursacht Störungen, damit ihr dabei die Oberhand gewinnt.“
Allah sagt:
„Wir werden diese Leugner der Wahrheit eine schwere Strafe kosten lassen. Und wir werden ihnen das volle Entgelt für ihre schlimmsten Taten geben. Die Vergeltung für Allahs Feinde ist die Hölle. In ihr werden sie ewig verweilen. Diese Strafe ist dafür, dass sie Meine Zeichen verleugnet hatten.
Diese Kafir, die die Wahrheit leugnen, werden, wenn sie in die Hölle kommen, sagen: ‚O unser Herr, zeige uns doch jene Dschinn und Menschen, die uns in die Irre geführt haben. Wir werden sie unter unseren Füßen zertreten, damit sie gründlich erniedrigt und gedemütigt werden.‘“ – (Sure Ha-Mīm as-Sadschda: 27–29).
So wie die Träger und Verfechter der alten Dschāhilīya die Verkündigung und Verbreitung des Korans nicht dulden konnten und keinen Versuch und keine List ungenutzt ließen, um sie zu unterbinden, so konnten auch die Träger und Verfechter der modernen Dschāhilīya, also die Feinde des Islams, den Koran keineswegs mit Wohlwollen betrachten. Doch der Versuch, die Verkündigung des Korans zu unterbinden, war niemals erfolgreich; vielmehr trat das Gegenteil ein. Hazrat Umar (ra), einst ein erbitterter Feind des Islams, war mit gezogenem Schwert unterwegs, um den Propheten Muhammad (s) zu töten. Als er unterwegs zufällig einige Zeilen aus dem Koran las, wurde er von ihm angezogen und die Wahrheit offenbarte sich in seinem Herzen. So wurde der Feind des Propheten von leidenschaftlicher Liebe zum Propheten ergriffen. Der christliche Kaiser von Abessinien konnte, als er die Lesung des Korans hörte, seine Freudentränen nicht zurückhalten. Die christlichen Gesandten aus Nadschran waren tief beeindruckt, als sie den Koran aus dem heiligen Mund des Propheten Muhammad (s) hörten, und suchten Zuflucht im kühlen Schatten des Islams. Seitens der britischen Regierung wurde damit gedroht, die Verkündigung und Verbreitung des Korans zu unterbinden. Doch das Ergebnis war genau das Gegenteil. Englische Übersetzungen des Heiligen Korans haben sich in unzähligen Exemplaren überall auf der Welt verbreitet, und viele angesehene Persönlichkeiten Englands haben durch die Lektüre des Korans den Islam angenommen und tun dies noch immer. Überall auf der Welt ist dieselbe Entwicklung zu beobachten. Auch von Indien aus wurde versucht, den Koran zu verbieten. Doch dieser Versuch scheiterte. Der Koran wurde in mehrere indische Sprachen übersetzt. Auch unter Nichtmuslimen wächst das Interesse an der Lektüre des Korans. Viele hochgebildete und gelehrte Menschen Indiens verlassen den Hinduismus und nehmen den Islam an. Doch auch die vorgeblichen Muslime, die lediglich muslimische Namen tragen, versuchen in Nachahmung der Kafir weiterhin, die Verkündigung und Verbreitung des Korans zu unterbinden. Zum ersten Mal begann man damit in der Türkei während der Herrschaft Kemal Paschas. Das arabische Alphabet wurde in der Türkei verboten. Ziel war es, die Verbreitung des auf Arabisch offenbarten Korans zu unterbinden. Doch dieses Ziel wurde nicht erreicht.
Wenn jemand nach der Annahme des muslimischen Namens zu einem Scheinmuslim wird, tritt er gegen den Islam noch lautstärker auf als ein nichtmuslimischer Kafir. Bei einer Betrachtung der Geschichte zeigt sich daher, dass der Islam durch nichtmuslimische Kafir zwar Schaden erlitten hat, durch Scheinmuslime und Schein-Gelehrte jedoch weitaus größeren Schaden.
Ob es sich nun um einen dem Islam ungläubig gegenüberstehenden Kafir oder um einen geistigen Sklaven der Kafir, einen Scheinmuslim, handelt: Sie sollten wissen, dass der Koran das ewige Wort Allahs ist und Allah selbst die Verantwortung dafür übernommen hat, ihn für alle Zeiten in seiner ursprünglichen Form zu bewahren. Niemand ist in der Lage, seine Verkündigung und Verbreitung zu stoppen oder ihn auch nur im Geringsten zu verfälschen. Ich möchte diejenigen, die dazu aufrufen, die Verkündigung des Korans zu unterbinden, und diejenigen, die diesem Befehl blind gehorchen, auf den Feldern und Straßen tanzen und springen, in faschistischer Weise sprechen und Widerstand leisten, an die oben erwähnten Koranverse erinnern. Es wäre für diese faschistischen Scheinmuslim-Führer und ihre blinden Anhänger zum Wohle, aus ihrem Schicksal im Jenseits zu lernen und aufrichtig zum Koran zurückzukehren.
Wege, der Dschāhilīyagegenüberstandhaftzubleiben
Einige der äußerst wichtigen Wege und Methoden, die der Weltprophet Muhammad Mustafa, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, dafür aufgezeigt hat, gegenüber der Dschāhilīya auf dem Weg des Islams standhaft zu bleiben, werden im Folgenden erwähnt.
Erstens: Wahre Klugheit
Für die richtige Erfüllung der eigenen Aufgabe in jedem Lebensbereich aus islamischer Sicht und für den Erfolg im Leben ist Klugheit unerlässlich. Diese Klugheit muss auf gesundem und richtigem Denken beruhen. Was im Islam mit wahrer Klugheit gemeint ist, besteht darin, dass der Mensch in jedem Augenblick darauf bedacht ist, die Zufriedenheit Gottes zu erlangen. Er soll sich nicht so verhalten, dass er dadurch die Sorge um die Erlangung der Zufriedenheit Allahs vergisst und sich von ihr abwendet und dass dies zu Seinem Missfallen führt. Deshalb hat Allah der Erhabene die Menschen immer wieder darauf hingewiesen und gesagt:
„O ihr verständigen Menschen! Fürchtet Mich.“ – (Al-Baqara: 197).
Man fürchtet Ihn, damit Er nicht unzufrieden wird. Stets daran zu denken, dass Er niemals unzufrieden sein soll, und Ihn durch das eigene Verhalten zufriedenzustellen – genau das ist wahre Klugheit.
„In der Erschaffung der Himmel und der Erde und im Wechsel von Nacht und Tag liegen zahlreiche Zeichen für jene verständigen Menschen, die Allah im Gehen und Kommen, im Sitzen und im Liegen gedenken.“ – (Āl ʿImrān: 190).
Wenn jemand mit Verstand richtig über die Geheimnisse der Erschaffung der Himmel und der Erde nachdenkt und dabei das Gedenken an Gott in seinem Herzen lebendig ist, die Zeichen der Schöpfung nicht wie Tiere betrachtet, sondern über sie nachsinnt, sie erforscht und beobachtet, dann erklärt er spontan, dass dieses gesamte Reich der Schöpfung einer weisen Ordnung unterliegt.
Diese Art des Denkens und Handelns beschreibt der heilige Prophet (s.a.w.) mit seinen eigenen Worten folgendermaßen: „Der Kluge ist derjenige, der seine Begierde bezwingt und für das Leben nach dem Tod handelt.“ – (Tirmidhi, Ibn Madscha).
Wenn das intensive Bewusstsein, dass man für jede Handlung im Jenseits vor Allah dem Erhabenen Rechenschaft ablegen muss, im Herzen stets lebendig bleibt, kann man Handlungen und Verhaltensweisen vermeiden, die Allahs Missfallen hervorrufen. Dies wird Klugheit genannt. Der Prophet Mustafa (s.a.w.) hat das vollständige Verständnis von Klugheit deutlich dargelegt. Für das Leben nach dem Tod zu handeln bedeutet: Wenn die Forderung von Din und Glauben darin besteht, die unmittelbaren weltlichen Gewinne, Interessen und Annehmlichkeiten zurückzuweisen, muss diese Forderung unbedingt erfüllt werden; und wenn die Zufriedenheit Gottes verlangt, dass man sein Leben, sein Vermögen sowie Bequemlichkeit und Wohlleben opfert, muss man dies ohne jedes Zögern tun.
Zweitens: Die richtige Sichtweise in Bezug auf Reichtum und gesellschaftliche Stellung
Der Islam lehrt, dass der Besitz von Reichtum, das Erlangen einer hohen Stellung und das Geliebtsein bei Gott nicht ein und dasselbe sind. Es ist nicht richtig zu behaupten, dass Allah mit denjenigen zufrieden sei, die diese beiden Dinge besitzen. Allahs Wohlgefallen hängt in jeder Hinsicht vom Glauben und den Taten ab. Ein Mensch kann trotz des Mangels an Reichtum und gesellschaftlicher Stellung durch seinen Glauben und seine Taten in den Augen Gottes als geehrt gelten und von Ihm geliebt werden. Umgekehrt kann jemand, obwohl er über großen Reichtum und eine hohe Stellung verfügt, von Ihm verflucht sein. Denn diese Welt ist für den Menschen ein Ort des Handelns, nicht der Vergeltung. Hier muss er weiter handeln; die vollständige Vergeltung wird er im Jenseits erhalten. Dass jemand hier wohlhabend ist, beweist nicht, dass Allah mit seinen Taten zufrieden ist und er deshalb zu Seinen Geliebten gehört. Ebenso beweist die Not und Armut eines Menschen nicht, dass Gott mit ihm unzufrieden ist. Ob Überfluss oder Armut, politische und gesellschaftliche Vornehmheit oder Erniedrigung und Schmach – diese beiden Dinge stehen mit dem göttlichen Gesetz in Zusammenhang, nach dem die Menschen zu einem bestimmten Zweck geprüft werden. Die Prüfung der Menschen auf unterschiedliche Weise im Leben dieser Welt ist der Hauptzweck ihrer Erschaffung. Die gesamte Ordnung der Schöpfung bezeugt diese Wahrheit. Weil dies das wichtigste und grundlegendste Thema im menschlichen Leben war, hat der edle Koran wiederholt daran erinnert. Der Zweck der Erschaffung des Menschen und das göttliche Gesetz, nach dem er geprüft wird, wurden ausführlich und in verschiedener Weise dargelegt. Doch die von der Dschahiliya hervorgebrachte Denkweise konnte dies nicht akzeptieren. In dieser Sichtweise der Dschahiliya hält sich die Vorstellung fest, dass Reichtum und gesellschaftliche Stellung eng mit Gottes Wohlgefallen und Liebe verbunden seien. Je größer der Reichtum und je höher die Stellung eines Menschen, desto mehr werde er Gottes geliebter Diener sein. Armut und das Fehlen einer hohen Stellung seien ein Zeichen dafür, dass man von Gottes Gnade ausgeschlossen sei. Auf Grundlage dieser Sichtweise wird man die Wahrheit nicht nach dem Maßstab der Wahrheit beurteilen, sondern nach dem Maßstab von Reichtum und gesellschaftlicher Stellung. Als der Prophet Muhammad (Allahs Segen und Friede seien auf ihm) sein Prophetentum verkündete, äußerten die Söhne der Dschahiliya ihr Erstaunen und sagten, dass seine Stellung ihren selbst geschaffenen Maßstäben nicht entspreche. Immer wieder sagten sie: Erstens müsse der Gesandte Gottes unbedingt ein Engel sein. Und wenn ein Mensch Gesandter sein solle, dürfe er keinesfalls ein gewöhnlicher Mensch sein. Vielmehr müsse er eine so außergewöhnliche Stellung besitzen, dass sie seiner erhabenen Beziehung zu Allah angemessen sei. Wenn also ein Mensch Gesandter wäre, müsste beispielsweise ein Engel öffentlich zu ihm herabgesandt werden (Sure al-An’am: 8); zumindest müsste für ihn ein Schatz vom Himmel herabgesandt werden oder er müsste einen Garten besitzen, aus dem er reichlich Lebensunterhalt gewinnen könnte (al-Furqan: 8). Und wenn er schon kein derart außergewöhnlicher Mensch wäre, müsste er wenigstens ein reicher Mann, das Oberhaupt eines Volkes oder der Anführer eines berühmten Stammes und Besitzer von Reichtum und gesellschaftlicher Stellung sein. Doch hier lag die Sache anders. Ein ganz gewöhnlicher Mensch behauptete, er sei der Gesandte Allahs, des Majestätischen – obwohl er keinerlei Eigenschaften besaß, die zu dieser Behauptung berechtigten. Einerseits beanspruchte er, eine Barmherzigkeit für die ganze Welt zu sein, andererseits kaufte er selbst auf dem Markt ein und brachte die Waren nach Hause. Er hatte auch keine Diener, weshalb er alle Arbeiten selbst verrichten musste.
Sie sagten ferner: Warum wurde dieser Koran nicht auf einen angesehenen Anführer aus einer der beiden berühmten Städte – Mekka und Taif – herabgesandt? (az-Zukhruf: 31).
Solche und viele andere unsinnige Dinge sagten sie weiterhin über den Propheten Muhammad (Allahs Segen und Friede seien auf ihm). Ihre fest verwurzelte Vorstellung war, dass jemand, der bei Allah beliebt sein wolle, unbedingt über alle Mittel des Lebensunterhalts, über Reichtum und eine hohe Stellung verfügen müsse. Doch die Revolution, die an jenem glückverheißenden Tag der Eroberung Mekkas stattfand, beseitigte den Irrtum in ihrem Denken und ihrer Sichtweise.
Drittens: Die Befolgung des Islam im gesamten Leben
Der Islam hat die Welt daran erinnert, dass der Schöpfer des Universums den Menschen nicht ohne Zweck erschaffen hat. Vielmehr hat Er ihn zu Seiner Dienerschaft und zum Gehorsam gegenüber Ihm erschaffen, was in der islamischen Terminologie Ibadat und Gottesdienst genannt wird. Diese Dienerschaft bedeutet, das gesamte Leben nach Allahs Rechtleitung und Seinem Willen zu führen. Sie besteht nicht lediglich darin, in einem Gebetshaus einige gottesdienstliche Handlungen und religiöse Rituale zu verrichten und anschließend das ganze übrige Leben nach Belieben zu verbringen. Diese teilweise Dienerschaft ist mit dem Wesenskern, Allah uneingeschränkt und umfassend zu gehorchen, nicht vereinbar. Ebenso steht sie nicht im Einklang mit der von Ihm herabgesandten Religion und Rechtleitung. Als der Islam zu diesem Zweck die tatsächliche Verwirklichung der Gottesverehrung in jedem Lebensbereich forderte und begann, alle Gedanken, Empfindungen und Handlungen der Menschen an Wahrheit und Aufrichtigkeit zu binden, staunten die Träger und Verteidiger der Dschahiliya und begannen, spöttische Pfeile abzufeuern. Als sie im Gegensatz zu der dschahilischen Vorstellung von Religion, die ihre Herzen und Verstand beherrscht hatte und nach der sie die Religion als einen zusätzlichen Teil des Lebens betrachteten, sahen, dass diese neue Religion an den Kreuzungen der geistigen Freiheit Wachen aufstellte, bei jedem Schritt von Lohn und Strafe sprach, die verschiedenen Probleme des Lebens in die Fesseln einer geordneten und festen Ordnung band und keinen Lebensbereich ausließ, den sie nicht kontrollieren wollte, erschien ihnen all dies als Barbarei. Jahrhundertelang hatte ihr religiöses Leben darin bestanden, sich gelegentlich vor den von ihnen selbst gefertigten Götzen niederzuwerfen, ihnen Kamele und Schafe zu opfern, das Blut der Opfertiere an die Wände der Heiligtümer zu schmieren, sich in der Nähe der Kaaba mit Pfeifen und Händeklatschen zu vergnügen sowie religiöse Jahrmärkte, Feste und allerlei Belustigungen zu veranstalten. Dies alles waren ihre religiösen Zeremonien. In der übrigen Zeit ihres Lebens aber waren sie mit verwerflichen Tätigkeiten wie Plünderung, Mord, Unzucht, Trunksucht und Wuchergeschäften beschäftigt.
Dies war die verbreitete Auffassung der Religion der Dschahiliyya. In dem äußerst engen Bereich des Lebens einige religiöse Riten und Bräuche (obwohl sie weder auf einer gesunden und kultivierten Denkweise noch auf Vernunft beruhten), und im weiteren Bereich des Lebens Religionslosigkeit sowie uneingeschränkte Freiheit zu Unrecht und Sünde. Dies wird in der modernen Terminologie als Säkularismus beziehungsweise Laizismus bezeichnet; diese Denkweise und Philosophie gehört zur Dschahiliyya, nicht zum Islam. Die revolutionäre Verkündigung Muhammad Mustafas (s.a.), des letzten Propheten der Prophetenreihe und des Propheten der gesamten Welt, lautete, dass der Islam für die Menschheit ein umfassendes Lebenssystem ist. Das heißt, man muss sich in jedem Bereich und in jedem Augenblick des Lebens der Gehorsamspflicht gegenüber Allah unterwerfen. Gesellschaft, Staat, Bildung, Zivilisation und Kultur, Kunst und dergleichen sollen unter der uneingeschränkten Hingabe an Allah, den Schöpfer und Herrn der Menschen, gestaltet werden. Die blinden Verehrer der Dschahiliyya konnten dies nicht akzeptieren. Auch Iblis, der Satan, kann daran keinen Gefallen finden. Denn wenn auch nicht in allen Lebensbereichen, so erwartet er doch in manchen Bereichen den Gehorsam der Menschen. In den Bereichen, in denen der Gehorsam gegenüber Allah verweigert wird, gibt es keine andere Möglichkeit, als Satan zu gehorchen, oder man muss anstelle Allahs jemand anderem gehorchen. Der Gehorsam gegenüber jemand anderem als Allah wird jedoch als die größte Sünde (Schirk) bezeichnet. Die Dschahiliyya lässt den Menschen nicht vom Schirk Abstand nehmen.
Vier: Die Einheit der Menschheit
Der Islam lehrt, dass alle Menschen Kinder derselben Eltern sind. Allah sagt: „O ihr Menschen! Fürchtet euren Herrn, der euch aus einem einzigen Wesen erschaffen hat, aus ihm dessen Gattin erschuf und aus beiden viele Männer und Frauen über die Erde verbreitete“ (Sure an-Nisa 4:1).
Da alle Menschen denselben Ursprung haben und alle einander gleich Familienmitgliedern sind, kann aufgrund von Abstammung, Stamm, Hautfarbe oder Sprache niemand unter ihnen höher oder niedriger, adlig oder nicht adlig sein. Wenn dies die Wahrheit ist, kann niemand aufgrund von Hautfarbe, Abstammung, Land oder Nationalität über einem anderen stehen. Nichts davon kann ein Grund für Stolz und Hochmut sein. Um diese falsche Vorstellung zu widerlegen, verkündete der Prophet Muhammad (s.a.): Alle Menschen sind Kinder Adams, und Adam wurde aus Erde erschaffen (Tirmidhi).
Er sagte ferner: „O ihr Menschen! Euer Herr ist nur einer. Kein Araber ist einem Nichtaraber überlegen und kein Nichtaraber einem Araber, außer aufgrund der Gottesfurcht. Ebenso ist kein Schwarzer einem Weißen überlegen und kein Weißer einem Schwarzen“ (al-Bayhaqi).
Diese revolutionäre Verkündigung des Propheten war weder eine willkürliche Lehre noch aus Opportunismus hervorgegangen. Vielmehr war sie mit entschlossener Stimme eine Verkündigung des Glaubens und der Glaubensüberzeugung. Es war eine Verkündigung in einer Zeit, in der die Menschen, ob Araber oder Nichtaraber, aufgrund von Hautfarbe, Abstammung und Stammeszugehörigkeit in verschiedene Klassen geteilt wurden. Viele von ihnen hielten sich selbst für den anderen weit überlegen und vornehm, und das Leben und Eigentum anderer besaßen für sie keinerlei Wert. Wie konnten diejenigen, die auf ihre vornehme Abstammung stolz waren, die anderen zu Sklaven machten und durch deren blutigen, schweißtreibenden Dienst ihr eigenes Glück begründeten, diese revolutionäre Verkündigung akzeptieren? Doch diejenigen, die nicht ständig von der blinden Leidenschaft der Dschahiliyya in die Irre geführt wurden und ein wenig Gewissen und Verstand besaßen, erkannten in dieser revolutionären Verkündigung die Einheit der Menschheit und die wahre Würde des Menschen. Und der Islam ist der einzige Träger und Bewahrer dieser Würde der Menschheit.
Bilal aus Abessinien war in die Ketten der Sklaverei eines ungläubigen Quraischiten geschmiedet. Er nahm das revolutionäre Glaubensbekenntnis des Islam von ganzem Herzen an und wurde Muslim. Sein Herr Umayya setzte ihn Tag für Tag unmenschlichen und schrecklichen Qualen aus. Abu Bakr (r.a.), der einer angesehenen Quraisch-Familie entstammte, kaufte Bilal zu einem unerwartet hohen Preis frei. Ein Mann ohne vornehme Abstammung, ein Sklave, ein Angehöriger eines fremden Volkes, erlangte die hohe Würde der Menschlichkeit, durchbrach die über viele Jahre errichtete Mauer der Ungleichheit und erhielt wie alle anderen den Anspruch auf gleiche Würde. Hadhrat Bilal (r.a.) war nicht nur eine tragende Säule des Islam; vielmehr ist und bleibt er für immer eine höchst erinnerungswürdige und geehrte Persönlichkeit der muslimischen Gemeinschaft. Ebenso erlangten viele andere, nachdem sie die Ketten der Sklaverei überwunden hatten, am Hofe des heiligen Propheten (s.a.) die gleiche Würde wie die übrigen.
Fünf: Alle sind vor dem Gesetz gleich
Die natürliche Forderung nach Einheit und Gleichheit der Menschheit besteht darin, dass auch die rechtliche Stellung aller Menschen gleich ist. Vor dem Gesetz ist niemand größer und niemand geringer. Die Verkündung des Islam lautet: Das Leben, das Eigentum, die Ehre und die Würde aller sind gleichermaßen zu achten. Das Gesetz Allahs gilt für alle in gleicher Weise. Dieses Gesetz beendet das seit Langem währende Wehklagen und die Klagen der unterdrückten Menschheit und stellt ihre Menschenrechte sicher. Doch die Kinder der Dschāhilīya gerieten durch diese revolutionäre Ordnung in Verwirrung. Denn ihre etablierten Interessen wurden beeinträchtigt, und der Palast ihres Stolzes und ihrer Überheblichkeit aufgrund einer falschen Vornehmheit wurde in Stücke zerschlagen. Seit vielen Jahrhunderten war es üblich, die Würde eines Menschen nach seiner Abstammung und Stammeszugehörigkeit, seinem Reichtum und seiner gesellschaftlichen Stellung zu bemessen. Das Leben eines Angehörigen eines vornehmen Stammes galt so viel wie das Leben von zwanzig Angehörigen eines niedrigeren Stammes. Wurde ein vornehmer Mann getötet, so wurde anstelle des Täters neben diesem auch dessen gesamte Familie getötet. Diese ungerechte Ordnung war nicht nur in der Gesellschaft der Kāfir und Muschrik verbreitet, sondern allgemein auch unter den Ahl al-Kitāb, die den Anspruch erhoben, dem Gesetz Allahs zu folgen. Eine ihrer Bestimmungen lautete, dass man einen vornehmen Menschen freiließ, wenn er stahl. Wenn jedoch ein gewöhnlicher Mensch stahl, wurde an ihm die gesetzlich vorgeschriebene Strafe vollzogen (Buchārī, zweiter Band; Kitāb al-Hudūd).
Wenn also eine einflussreiche und mächtige Person Ehebruch beging, wurde sie mit Schlägen und dem Schwärzen des Gesichts bestraft. Wenn jedoch ein gewöhnlicher Mensch dieses Verbrechen beging, wurde er gemäß der Vorschrift der Scharia durch Steinigung getötet (Tafsīr al-Qurtubī).
Über der von Islam errichteten Herrschaft des Gesetzes konnte niemand stehen. Selbst ein Qādī (Richter) zögerte nicht, ein Urteil gegen den Kalifen zu fällen. Diese Gleichheit und Gerechtigkeit des Gesetzes konnten die der Dschāhilīya folgenden Kāfir und Muschrik, die Ahl al-Kitāb sowie viele neue Muslime, die sich nicht vom Einfluss der Dschāhilīya befreien konnten, nicht akzeptieren. Der Stolz und die Überheblichkeit ihrer Vornehmheit erlaubten es ihnen nicht, sich diesem gerechten göttlichen Gesetz zu unterwerfen. Während der Regierungszeit des zweiten Kalifen kam ein wohlhabender und einflussreicher neuer Muslim namens Jabala ibn Aiham al-Ghassānī zur Hadsch. Während des Tawāf trat ein Mann aus Tāif auf seinen Umhang. Darüber erzürnt, schlug er ihn so heftig ins Gesicht, dass dessen Nase aufplatzte und blutete. Der unglückliche Mann aus Tāif brachte beim Kalifen Umar (r.a.) eine Beschwerde vor. Der Kalif wandte sich an Jabala und sagte: „Bitte den unterdrückten Mann inständig um Vergebung. Andernfalls mach dich auf Vergeltung gefasst.“ Jabala war grenzenlos erstaunt. Der Stolz auf seine Vornehmheit ließ ihn die Gleichheit und Gerechtigkeit des Islam nicht akzeptieren. Er meinte, ein Gesetz, das keinen Unterschied zwischen Vornehmen und Nichtvornehmen mache, beleidige Vernunft, Gewissen und Menschlichkeit. Danach verließ er den Islam und wurde zum Abtrünnigen.
Sechstens: Das Ziel des Dschihad ist es, das Wort Allahs emporzuheben
Die Welt kannte den erhabenen Zweck, den der Islam für Krieg und Kampf beschreibt, nicht. Überall, bei Arabern wie Nichtarabern, waren die Menschen der Ansicht, der Zweck des Krieges bestehe in der Errichtung eines Reiches, seiner Ausweitung und dem Erwerb von Kriegsbeute. Doch als der Islam kam, veränderte er diesen Zweck des Krieges vollständig. Krieg darf nicht um persönlicher oder nationaler Interessen willen geführt werden, sondern zum Wohl der Menschheit; dadurch erlangt der Krieg den Rang einer gottesdienstlichen Handlung, statt eine verwerfliche Tat ungerechten Blutvergießens zu sein. Der Islam verkündete, dass der Gebrauch des Schwertes zur Eroberung von Ländern und zum Erwerb von Reichtum Unterdrückung, Verderben und eine gewaltige Sünde sei. Für Charakter und Menschlichkeit ist er wie ein tödliches Gift. Das Schwert darf nicht für derartige verwerfliche Zwecke eingesetzt werden, sondern zum Wohl der Menschheit, zu ihrem Schutz und ihrer Förderung. Das Ziel dessen, der das Schwert trägt, muss sein, die Zufriedenheit Allahs zu erlangen, der kein Unheil und keine Verderbtheit liebt. Er will, dass Aufruhr und Verderben, Unrecht und Unfrieden vom Antlitz der Welt beseitigt werden. Nur zu diesem Zweck ist der Gebrauch des Schwertes gerechtfertigt. Für irgendeinen weltlichen Vorteil ist sein Gebrauch nicht gerechtfertigt. Richtig und gerecht ist er, wenn er nicht zum Erlangen weltlicher Vorteile erfolgt, sondern zum Wohl des Jenseits. Auch wenn im Krieg kostbare Menschenleben verloren gehen, so schenkt der Krieg, der zur Errichtung der Wahrheit geführt wird, der Menschheit neues Leben. Im Einklang mit diesem erhabenen und heilsamen Zweck, den der Islam für den Krieg beschreibt, wurde er „Dschihād fī sabīlillāh“ genannt.
Die ehrwürdigen Gefährten (r.a.) traten aus einer solchen Umgebung in die ideelle Umgebung des Islam ein, dass sie durch eine revolutionäre Veränderung ihres Denkens und Bewusstseins den erhabenen Zweck dieses Krieges von Herzen verstanden hatten. Dies lässt sich leicht an einem Beispiel erkennen. Einmal warf Hadhrat Ali (r.a.) im Kampf gegen einen Feind des Islam diesen zu Boden, setzte sich auf seine Brust und wollte sein Schwert gegen ihn führen. Genau in diesem Augenblick spuckte der Mann Hadhrat Ali ins Gesicht. Daraufhin bezwang Hadhrat Ali (r.a.) seine Hand und erhob sich von dessen Brust. Als der Mann erstaunt nach dem Grund für dieses Verhalten fragte, sagte er: „Ich wollte dich um der Wahrheit willen töten. Doch als du mir ins Gesicht gespuckt hast, hast du meinen persönlichen Wunsch nach Rache erregt. Wenn ich dich unter diesen Umständen getötet hätte, wäre es nicht um der Wahrheit willen geschehen, sondern um meines persönlichen Interesses willen, und dies hätte für mich schlimme Folgen gehabt. Deshalb habe ich dich freigelassen.“ Aus diesem einen Ereignis wird das islamische Verständnis von Krieg deutlich, und aus der Sicht dieser menschlichen Psychologie lässt sich auch die innere Haltung der gewöhnlichen ehrwürdigen Gefährten leicht ermessen. Diese Gruppe der ehrwürdigen Gefährten war mit den höchsten menschlichen Tugenden ausgestattet, und all ihr Tun stand über persönlichen Interessen und diente dem Ziel, die Zufriedenheit Allahs zu erlangen. Sie waren lebendige Verkörperungen von Uneigennützigkeit und Lillāhiyyat. Diese Eigenschaften waren in ihnen durch ihren Aufenthalt in der Nähe des edlen Propheten und seine ununterbrochene Erziehung entstanden. Der edle Prophet sagte ihnen immer wieder, dass jemand, der in der Erwartung von Kriegsbeute am Krieg teilnehme, von Allah keine Belohnung erhalte. Wie könnten diese Allah liebenden Menschen sich also wegen persönlicher Interessen oder in der Hoffnung auf Kriegsbeute selbst der Zufriedenheit Allahs berauben?
Ist jemals in irgendeinem Land und zu irgendeiner Zeit, in der Vergangenheit oder Gegenwart, ein Krieg zu einem anderen erhabenen Zweck als persönlichen, gruppenbezogenen oder nationalen Interessen geführt worden? Nur der Islam hat der Menschheit diesen erhabenen Zweck und dieses Verständnis des Krieges vorgelegt.
Der Verlust von Leben und Besitz auf Allahs Weg ist wahrer Gewinn
Nach der Sichtweise und den Vorstellungen der Dschahiliya galten die Verluste an Leben und Besitz im Krieg im eigentlichen Sinne als Schaden und Verlust. Der Islam stellt hierzu eine entgegengesetzte Auffassung vor, die die Träger und Verfechter der Dschahiliya in Erstaunen und Bestürzung versetzt. Diejenigen, die im Kampf oder im Ringen auf Allahs Weg ihr Leben hingeben, gehen nicht zugrunde. Vielmehr erlangt ihre Seele nach der Trennung vom Körper ein neues und ewiges Leben. Auch wenn der Besitz, der im Krieg aufgewendet wird, aus oberflächlicher Sicht als verloren erscheint, bleibt er für das Leben nach dem Tod bewahrt.
Da diese Angelegenheit nicht leicht zu begreifen war, blieb sie auch einigen Sahaba unklar. Wegen des Märtyrertodes vieler Sahaba in der Schlacht von Uhud begann unter den Muslimen eine Trauerklage. Um sie zu trösten, wurde gesagt:
„Haltet diejenigen, die auf Allahs Weg getötet wurden, nicht für tot; vielmehr sind sie lebendig. Sie erhalten von Allah ihren Lebensunterhalt.“ – (Āl ʿImrān: 169).
Die Länge des Lebens lässt sich mit keinem Maßband dieser Welt messen. Das Leben hat keinen Endpunkt. Was man Tod nennt, ist in Wirklichkeit nicht das Ende des Lebens, sondern ein Vorgang des Übergangs von einer Lebensstufe in eine andere. Die Gläubigen sollten sich vor Augen halten: Wenn dieser Übergang nicht auf dem eigenen Lager, sondern auf dem Feld des Dschihad erfolgt, schenkt er, statt Vernichtung zu bedeuten, ein ewiges, unvergleichlich schönes Leben. Danach wird man eines solch großartigen und glückseligen Lebens und Lebensunterhalts teilhaftig, dass es jede Vorstellung übersteigt.
In einem Hadith des Propheten wird diese Angelegenheit auf schöne Weise erläutert. Der Hadith ist im Musnad Ahmad überliefert. Sein wesentlicher Inhalt ist folgender: Wer die Welt mit guten Taten verlässt, erhält die Möglichkeit, ein so freudenreiches Leben zu genießen, dass er keinerlei Wunsch hegen wird, in die Welt zurückzukehren. Die Märtyrer jedoch bilden eine Ausnahme. Sie wünschen, erneut in die Welt zurückgesandt zu werden, damit sie die höchste Freude erfahren können, ihr Leben auf Allahs Weg hinzugeben. Nachdem ein wahrer Mu’min diese große Wahrheit mit dem Herzen erfasst hat, hält er es für das höchste und innigste Verlangen, sein Leben auf Allahs Weg hinzugeben. Diejenigen, die nicht an das Jenseits glauben und deren Lebensziel weltlicher Genuss und Wohlleben ist, die an die Lebensphilosophie „EAT, DRINK AND BE MERRY“ glauben, fürchten den Tod am meisten. Die Mu’minun hingegen, die sich Allah mit Leib und Seele hingegeben haben, sehnen sich stets danach, ihr Leben freiwillig und zufrieden auf Allahs Weg hinzugeben und den Trank des ewigen Lebens des Märtyrertums zu kosten. Dschahiliya und Islam haben diese beiden entgegengesetzten Auffassungen vom Leben dargelegt. Die von der Hand des edlen Propheten selbst geformten Sahaba hegten genau diese islamische Auffassung von Leben und Tod. Mit Ausnahme einer kleinen Zahl von Munafiqun sehnten sich alle Sahaba danach, in der Hoffnung auf den Nektar des Märtyrertums davon zu kosten. Ein Beispiel liefert den Beweis für dieses aufrichtige Verlangen von ihnen.
Nach der Eroberung Mekkas fühlte sich ein ungebildeter Beduinenjunge aus einem abgelegenen Dorf zum Islam hingezogen und verzichtete auf das große Vermögen, das ihm sein Onkel gegeben hatte. Danach zerriss er eine von seiner Mutter erhaltene Decke in zwei Stücke, bedeckte notdürftig seine Blöße und seinen Körper und machte sich nach Medina auf, in dem Wunsch, mit dem Propheten des Islam zusammenzutreffen. Nachdem er die ganze Nacht auf unbekannten und fremden Wegen unterwegs gewesen war, erreichte er am frühen Morgen die Prophetenmoschee. Er war erschöpft und am ganzen Körper mit Staub bedeckt. Er sah aus wie ein verstörter Verrückter. Tatsächlich war er verrückt – vor Liebe zum Islam und zum Propheten des Islam hatte er der Welt entsagt und war in Medina erschienen. Auf Feldern und in der Wildnis, in Bergen und Schluchten, in Luft und Wind hatte der süße Klang des Islam in seinen Ohren widergehallt und ihn der Name des Propheten Muhammad in Aufregung versetzt. Doch seinen Geliebten hatte er noch nie gesehen. Deshalb hatte er die ganze Nacht den Wüstenweg durchquert, um seinen Geliebten zu erblicken.
Bilals laute Stimme – „As-salātu chairun minan-naum“ – hallte durch die Häuser, Bäume und Berge Medinas. Auch in der Herzenskammer des Fremden hallte sie wider.
Kurz darauf trat der Prophet der Barmherzigkeit heraus und sah einen Fremden dastehen. Er war von der Sehnsucht nach etwas, das er zu erlangen hoffte, zutiefst ergriffen. In seinem Gesicht schien eine unerschöpfliche Frage zu liegen, und sein Herz sehnte sich dürstend nach der Wahrheit.
Der Prophet (s.a.w.s.) sagte in liebevoller und mitfühlender Weise: „Wer bist du, und woher kommst du?“
Der Fremde: „Mein Name ist Abd al-Uzza. Ich habe gehört, dass ein neuer Prophet erschienen ist. Von seiner Liebe überwältigt, bin ich von so weit hergekommen.“ Danach schilderte er seine gesamten familiären und weltlichen Verhältnisse.
Der edle Prophet sagte: „Das ist sehr gut. Von nun an bist du mein besonderer Gast. Du gehörst zu den Leuten der Suffa. Doch von heute an heißt du Abdullah.“
Der Prophet (s.a.w.s.) sagte mit besonderem Nachdruck zu den ehrwürdigen Gefährten: „Ich übernehme seinen Lebensunterhalt. Lehrt ihn den Koran und erzieht ihn in den Lehren des Islam.“
Einmal lernte Abdullah während der Gebetszeit einiger Menschen in der Moschee laut den Koran zu rezitieren. Umar (r.a.) wies ihn streng zurecht und sagte: „Lies leise! Siehst du nicht, dass gebetet wird?“
Als der Prophet der Barmherzigkeit (s.a.w.s.) Umars Stimme hörte, kam er schnell aus dem Haus und sagte: „Umar! Sag ihm nichts. Er hat alles für Allah und Seinen Gesandten geopfert und ist hierhergekommen.“
Kurze Zeit danach begannen die Vorbereitungen für den Feldzug nach Tabuk. Auf den Aufruf des Propheten hin begann unter den ehrwürdigen Gefährten ein Wettbewerb im Spenden auf Allahs Weg. Hazrat as-Siddiq al-Akbar (r.a.) erschien mit seinem gesamten Vermögen beim Propheten.
Abdullah sah diesen Wettbewerb im Spenden. Doch es betrübte ihn, dass er sich daran nicht beteiligen konnte, denn er war mittellos und stand unter dem Schutz des edlen Propheten.
Abdullah konnte nicht schweigen. Er sagte zum Propheten: „O Gesandter Allahs! Du weißt doch, dass ich nichts zu geben habe. Ich besitze nur diesen Körper und dieses Leben. Beides übergebe ich Allah. Bete darum, dass ich den Märtyrertod erlangen darf.“
Der Prophet Muhammad (sallallahu alaihi wa sallam) brach mit einem Heer von dreißigtausend Mujahidin in Richtung Tabuk auf. Auch Abdullah war dabei. Doch vom Verlangen nach dem Märtyrertod war er so unruhig und sehnsüchtig geworden, dass er unterwegs eines Tages vor den Propheten trat und sagte: „O Gesandter Allahs! Hebe bitte deine Hände und bete darum, dass ich in diesem Krieg den Märtyrertod erlangen darf.“
Als der Prophet seine aufrichtige Begeisterung erkannte, sagte er: „Schau doch einmal, ob du irgendwo in der Nähe die Rinde eines Baumes finden und herbringen kannst.“
Abdullah sammelte Baumrinde und brachte sie ihm. Der Prophet (sallallahu alaihi wa sallam) band sie um Abdullahs Hand und betete: „O Allah! Mache Abdullahs Blut für die Ungläubigen unantastbar.“
Als Abdullah dieses Gebet hörte, sagte er mit sehnsüchtiger Stimme: „O Gesandter Allahs! Ich möchte doch den Märtyrertod erlangen. Warum hast du dieses Gebet gesprochen?“
Der Prophet sagte: „Abdullah! Wenn du danach sogar an Fieber sterben solltest, wirst du ein wahrer Märtyrer sein.“
Das Heer der Mujahidin erreichte den Ort namens Tabuk und schlug dort sein Lager auf. Plötzlich verbreitete sich nach Einbruch des Abends die Nachricht, dass Abdullah an Fieber erkrankt und verstorben sei. Sobald die Nachricht den Propheten erreichte, ließ er seine Beerdigung vorbereiten.
Das Schlachtfeld von Tabuk. Eine dunkle Nacht. Für Abdullah war bereits ein Grab ausgehoben worden. Hazrat Bilal (möge Allah mit ihm zufrieden sein) stand mit einer Fackel da und beleuchtete das Grab und seine Umgebung. Einer war in das Grab hinabgestiegen, um den Verstorbenen zu halten und niederzulegen. Zwei Männer ließen den Verstorbenen gemeinsam in das Grab hinab. Der im Grab stehende Mann sagte mit tadelnder Stimme zu den beiden: „Adāban ilā akhākumā – Lasst euren Bruder mit Ehrerbietung und Respekt ins Grab hinab.“
Die beiden herausragendsten Männer der Umma nach dem Propheten, Hadhrat Abu Bakr (möge Allah mit ihm zufrieden sein) und Hadhrat Umar (möge Allah mit ihm zufrieden sein), lassen den Verstorbenen ins Grab hinab. Im Grab stehend, spricht der Prophet der Barmherzigkeit selbst, der liebevolle Beschützer des Märtyrer-Gefährten Hadhrat Abdullah, in tadelndem Ton.
Nachdem der heilige Prophet den Verstorbenen ordnungsgemäß niedergelegt hatte, kam er wieder herauf und sagte zu allen: „Geht alle fort.“
Die Gefährten wichen erschrocken und bestürzt nach allen Seiten zurück. Der heilige Prophet bedeckte das Grab eigenhändig mit Sand, Steinen und Erde von allen Seiten. Dann hob er die Hände und betete: „O Herr! Bis zu diesem Abend war ich mit Abdullah zufrieden. Sei auch Du mit ihm zufrieden.“
Der Hadith-Überlieferer Abdullah ibn Masʿud (möge Allah mit ihm zufrieden sein) berichtet: Ganz spontan kamen mir diese Worte über die Lippen: „Wäre ich doch anstelle Abdullahs derjenige, der in diesem Grab liegt.“
So hatten die Gefährten die Würde des Märtyrertums von ganzem Herzen erkannt. Diese Würde ist niemals verblasst. Im Laufe der Zeitalter hat diese Sehnsucht nach dem Märtyrertum die Soldaten Allahs dazu angespornt, ihr Leben bereitwillig für Allah hinzugeben. In der Geschichte des Islam gibt es dafür unzählige Beispiele.
Selbst in der heutigen Zeit, im Zeitalter des tiefsten Niedergangs der Muslime, betrachten die Mudschahidin der islamischen Religion es als ihren höchsten und größten Gewinn, ihr Leben auf Allahs Weg bereitwillig hinzugeben. Angesichts der hochmodernen Waffen der großen Supermacht Russland geben die afghanischen Mudschahidin freiwillig und frohen Herzens ihr Leben in der Hoffnung, den Nektar des Märtyrertums zu trinken. Nach allgemeiner Auffassung werden sie den Lohn für dieses Märtyrertum nicht nur im jenseitigen Leben erhalten, sondern auch hier sind ihre Aussichten auf den Sieg glänzend.
Auch hinsichtlich des Ausgebens von Geld und Vermögen sind die Vorstellungen des Islam und der Jahiliyyah völlig verschieden. Das Denken, die Sichtweise, das Streben und Handeln sowie die Hoffnungen und Wünsche der Jahiliyyah kreisen ausschließlich um das diesseitige Leben. Die Jahiliyyah erkennt nicht an, dass es nach dem diesseitigen Leben noch ein anderes Leben gibt. Daher hält die Jahiliyyah den Menschen stets dazu an, das diesseitige Leben glücklich und schön zu gestalten, das Leben bis zum Rand auszukosten sowie Ehre, Ruhm, Macht, Rang und Stellung, Autorität und Herrschaft zu erlangen. Natürlich besteht kein Zweifel daran, dass all dies von Natur aus Gegenstände menschlicher Begierde sind. Doch es gibt noch erhabenere Dinge, nach denen der Mensch streben sollte. So sagt der Koran:
„Den Menschen sind die Dinge, die ihnen gefallen, zu starken Wünschen gemacht worden: Frauen, Kinder, aufgehäufte Schätze aus Gold und Silber, edle Pferde, Vieh und Felder. Doch all dies ist in Wahrheit nur der vergängliche Besitz des zeitweiligen diesseitigen Lebens.“ (Āl ʿImrān: 14)
Aufgrund ihrer übermäßigen Verhaftung an diese begehrten Dinge des Diesseits vergessen die Bannerträger der Dschahiliya und ihre Anhänger das ewige Leben nach dem Tod.
Allah sagt: „Wahrlich, Allahs Verheißung (hinsichtlich des Jenseits) ist ganz gewiss wahr. So soll euch das Leben dieser Welt nicht täuschen, und der Täuscher (Satan) soll euch nicht über Allah täuschen können“ – (Luqman: 33).
Die im oben erwähnten Vers 14 der Sure Al-i Imran genannten begehrten Dinge sind den Menschen allesamt als Prüfung gegeben worden. Sie sind lediglich Mittel der Täuschung. Diese Dinge stürzen Menschen mit oberflächlichem Blick in allerlei Irrungen. Infolge dieser Irrungen glaubt mancher, dass es nach dem Leben dieser Welt kein weiteres Leben gebe. Deshalb solle man die Welt genießen, so viel und auf welche Weise man könne. Dafür müsse man sich nirgendwo und vor niemandem verantworten. Manche, vom Rausch der Macht berauscht, meinen, ihre Macht, Herrschaft, Autorität, ihr luxuriöses Leben und ihr ungezügelter Genuss würden niemals enden. Andere machen, unter Missachtung der moralischen und geistigen Seite, ausschließlich materielle Annehmlichkeiten und ein von Vergnügen erfülltes Leben zum Ziel ihres Daseins. Außer der Verbesserung des Lebensstandards bleibt ihnen kein anderer Lebenszweck. Daher kümmern sie sich nicht darum, wie niedrig und verabscheuungswürdig das Niveau ihrer Menschlichkeit auch sein mag. Manche halten das Wohlleben des Lebens für den eigentlichen Maßstab von Wahrheit und Lüge, Recht und Unrecht. Die Grundsätze und Methoden, durch deren Befolgung man das gewünschte Ziel erreicht, seien wahr; alles, was ihnen widerspricht, sei falsch. Wieder andere betrachten Wohlleben und ein glückliches Leben als Zeichen dafür, Allah besonders nahe zu stehen. Sie glauben: Wer ein umso glücklicheres Leben führt – ganz gleich, ob durch unerlaubte Einkünfte –, ist Allahs Liebling. Wer dagegen ein von großem Leid und großer Not geprägtes Leben auf der Welt führt – selbst wenn dies darauf zurückzuführen ist, dass er auf dem Weg der Gerechtigkeit und der wahrhaftigen Wahrheit bleibt –, dem sei Allah zürnend und sein Ende müsse zwangsläufig schlecht sein. All solche irrigen Vorstellungen hat Allah als Täuschung des materiellen Lebens bezeichnet.
Es sei darauf hingewiesen, dass die Täuschung, vor der die Menschen im oben angeführten Vers der Sure Luqman gewarnt und vor der sie sich schützen sollen, vom glänzenden Leben dieser Welt und von Satan ausgeht. An zweiter Stelle wird im Koran das Wort „Gharur“ verwendet. Mit „Gharur“ ist nicht nur Iblis, der Satan, gemeint, sondern auch die Dschinn und Menschen, die Iblis folgen. Gemeint sind die Personen, Gruppen, Gemeinschaften und Stämme, die Träger und Bewahrer der Dschahiliya sind, ebenso das Bildungswesen, die Gesellschaft, die Künste, die Kultur und das Umfeld der Dschahiliya. All dies zieht den Menschen vom Islam in die Finsternis der Dschahiliya. Die verschiedenen von Menschen hervorgebrachten irrigen Ideologien und Philosophien führen die Menschen in die Irre. Sie löschen den Glauben an Allah und das Jenseits aus ihren Herzen. Aus der Gesellschaft verschwinden Gerechtigkeit, Aufrichtigkeit, Wahrhaftigkeit, Barmherzigkeit, Zuneigung, Liebe, gegenseitiges Wohlwollen und Mitgefühl, faire Rechtsprechung sowie Achtung und Ehrfurcht vor Leben, Besitz, Ehre und Ansehen. Dann bleibt die Gesellschaft der Menschen keine menschliche Gesellschaft mehr; sie verwandelt sich in eine Gesellschaft wilder Tiere.
Die oben genannten irrigen Vorstellungen und Ansichten über die Welt und das Leben halten die Menschen im Wettbewerb um die Vermehrung ihres Besitzes und die Verbesserung ihres Lebensstandards gefangen. Ihre Haltung zum Geldausgeben lautet: Sie werden Geld nur für die Tätigkeiten und auf den Wegen ausgeben, durch die sie einen unmittelbaren Gewinn erzielen können. Das Ausgeben auf Allahs Weg lehnen sie aus zwei Gründen ab. Der erste Grund ist, dass diese Ausgabe keinen unmittelbaren oder sofortigen Gewinn gewährleistet. Zweitens glauben sie überhaupt nicht an das Jenseits. Daher halten sie es für Dummheit und Verschwendung, für dieses unglaubwürdige und unrealistische Jenseits Geld auszugeben. Diese Vorstellung und dieser Glaube sind ein unmittelbares Erzeugnis des Denkens der Dschahiliya. Selbst diejenigen, deren Glaube nach ihrem Bekenntnis zum Islam noch nicht fest genug ist oder die den Einfluss des Denkens der Dschahiliya noch nicht vollständig überwunden haben, zeigen allerdings ebenfalls Unwillen, auf Allahs Weg auszugeben. Über sie sagt Allah: „Gebt auf Allahs Weg von eurem Besitz aus und stürzt euch nicht mit eigener Hand ins Verderben“ – (Al-Baqara: 195).
Der Sinn dieser Worte ist: Wenn ihr keinen Besitz für den Sieg von Allahs Din ausgebt, sondern ihn als das Liebste in eurem Leben betrachtet und anhäuft, dann wird er sowohl für euer Diesseits als auch für euer Jenseits zum Grund eures Untergangs. Im Diesseits werdet ihr ein Leben in Knechtschaft führen, und im Jenseits werdet ihr die schmerzhafte Strafe der Jahannam erleiden.
Siebtens: Ausgaben auf Allahs Weg
Allah der Erhabene hat die Menschen wiederholt dazu aufgerufen, auf Allahs Weg auszugeben, das heißt, Geld und Besitz mit dem Ziel auszugeben, Allahs Din als siegreiche Kraft zu etablieren. Darüber hinaus wurde hinsichtlich dieser Ausgabe ein neuer Gedanke vermittelt: Der Besitz, der um Allahs Wohlgefallen willen auf Seinem Weg ausgegeben wird, ist zwar dem äußeren Anschein nach ausgegeben, wird in Wirklichkeit jedoch weder ausgegeben noch verbraucht. Vielmehr wird er auf dem Sparkonto (Saving Account) des Ausgebenden für sein späteres Leben gutgeschrieben und in mehrfach vermehrter Höhe zurückgegeben; das heißt, als Gegenleistung wird ihm eine entsprechend große Vergütung gewährt. Genau dies wird an vielen Stellen im Heiligen Koran gesagt.
„Und verrichtet das Gebet. Entrichtet die Zakat und gebt Allah ein vortreffliches Darlehen. Was immer ihr an Gutem und Wohltätigem für euch vorausgesandt habt, werdet ihr bei Allah als angesammelten Vorrat vorfinden. Das ist überaus gut, und sein schöner Lohn ist gewaltig.“ – (Al-Muzzammil: 20).
„Und kämpft, o ihr Muslime, auf Allahs Weg und wisst genau, dass Allah alles hört und alles weiß. Wer von euch ist bereit, Allah ein Qard Hasan (ein vortreffliches Darlehen) zu geben? Dann wird Er es ihm vielfach zurückerstatten.“ – (Al-Baqara: 244–245).
Der Sinn der oben genannten Verse über Qard Hasan (das vortreffliche Darlehen) oder die Gewährung eines guten Darlehens besteht darin, auf Allahs Weg Vermögen auszugeben, einzig um Allahs Wohlgefallen zu erlangen. Zuvor wurde auch vom Kampf auf Allahs Weg gesprochen. Für den Kampf, der zur Errichtung von Allahs Religion unerlässlich ist, müssen selbstverständlich die erforderlichen finanziellen Mittel aufgebracht werden. Diejenigen, die zu diesem Zweck ihr Vermögen ausgeben, nimmt Allah diese Ausgaben für sich als Qard Hasan entgegen und verspricht, sie um ein Vielfaches vermehrt zurückzuerstatten. Es ist wahr, dass Allah keinerlei Bedarf an Geld hat. Er ist auf niemanden und nichts angewiesen. Vielmehr ist jede Schöpfung in jedem Augenblick auf Seine Barmherzigkeit angewiesen. Das Ziel der Errichtung von Allahs Religion ist das Wohlergehen der Menschen. Vermögen für dieses erhabene Ziel auszugeben, geschieht in Wirklichkeit zum Wohle der Menschheit. Um dieser Tat die höchste Würde zu verleihen, hat Allah sie als Qard Hasan für sich bezeichnet.
Im Heiligen Koran heißt es ferner:
„Wer ist es, der Allah ein vortreffliches Darlehen gibt? Allah kann es vielfach vermehren und zurückerstatten, und für ihn (den Darlehensgeber) gibt es eine überaus herrliche Belohnung.“ (Sure al-Hadid: 11)
Im Zusammenhang mit diesem Darlehen hat Allah der Erhabene zwei Versprechen gegeben. Das eine ist, dass Er es vielfach vermehrt zurückerstatten wird. Das zweite ist, dass Er von sich aus zusätzlich eine überaus gute Belohnung gewähren wird.
Wie herzergreifend und wie anziehend ist dieses Versprechen Allahs des Erhabenen! Und jeder Gläubige hegt gewiss die feste Überzeugung, dass Er Sein Versprechen vollständig erfüllen wird.
In diesem Zusammenhang wird ein Hadith von Abdullah ibn Masud (Allahs Wohlgefallen sei auf ihm) überliefert. Nachdem der oben erwähnte Vers offenbart worden war und die Gefährten ihn aus dem gesegneten Mund des Heiligen Propheten (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) gehört hatten, fragte der Gefährte Abu ad-Dahdah al-Ansari (Allahs Wohlgefallen sei auf ihm): „O Gesandter Allahs! Bittet Allah uns etwa um ein Darlehen?“
Der ehrwürdige Prophet (s.a.w.) antwortete: „O Abu ad-Dahdah! Ja, Er bittet um ein Darlehen.“
Abu ad-Dahdah sagte: „Zeigen Sie mir bitte einmal Ihre Hand.“
Der edle Prophet streckte seine Hand jenem Gefährten entgegen. Der Gefährte nahm die gesegnete Hand des Propheten in seine eigene und sagte: „Ich habe meinem Herrn meinen Garten als Darlehen gegeben.“ Hadhrat Abdullah ibn Masʿud (r.a.) berichtet, dass sich in diesem Garten sechshundert erstklassige Dattelpalmen befanden. In eben diesem Garten stand das Haus jenes Gefährten, in dem er mit seiner Familie lebte. Nachdem Hadhrat Abu ad-Dahdah (r.a.) dieses Gespräch mit dem Propheten geführt hatte, ging er geradewegs nach Hause. Er rief seine Frau und sagte: „O Mutter des Dahdah! Komm aus dem Haus heraus. Ich habe diesen Garten meinem Herrn als Darlehen gegeben.“
Seine Frau sagte: „O Vater des Dahdah! Damit hast du ein äußerst gewinnbringendes Geschäft gemacht.“ Danach verließen sie gemeinsam mit all ihrem Hausrat, ihrem Gepäck und ihren Kindern den Garten (Ibn Abi Hatim).
Kann man außerhalb des Islam irgendwo ein solches Beispiel dafür finden, dass jemand auf Allahs Weg alles hingibt? Die Jahiliyyah vertritt genau die entgegengesetzte Sichtweise. Iblis, der Satan, der wichtigste Verkünder und oberste Anführer der Jahiliyyah, und seine Gefolgsleute bezeichnen eine solche Spende als Ursache für Dummheit und Armut und halten die Menschen davon ab.
Wenn Allah, der Erhabene, die gläubigen Diener zu einem solchen Opfer ermutigt, sagen Satan und seine Anhänger: „Verschwendet euren Besitz nicht in unrealistischen und falschen Hoffnungen und zieht nicht den Fluch der Armut auf euch. Gebt euer Geld vielmehr dafür aus, das Leben zu genießen. Denn nach dem Tod wird es keine Gelegenheit mehr geben, es zu genießen.“
„Satan droht euch mit Armut und verleitet euch zu schändlichen Taten. Allah aber gibt euch Hoffnung auf Vergebung und Gnade“ (al-Baqara: 268).
Wenn man diejenigen, die auf erlaubte oder unerlaubte Weise großen Reichtum erworben haben, um finanzielle Unterstützung für irgendein edles Werk, für die Erhöhung des Islam, für Waz-Mahfil-Veranstaltungen, Sira-Mahfil-Veranstaltungen, islamische Konferenzen oder zur Beendigung von Sünde und Unrecht bittet, erklären sie ihre Unfähigkeit. Für die Hochzeiten ihrer Söhne und Töchter, für die Verbreitung und Förderung von Tanz, Gesang und verschiedenen Formen der Unkultur sowie für obszöne und sexuell stimulierende Filme, die das moralische Rückgrat zerstören, scheuen sie jedoch keine Ausgaben in Millionenhöhe. All dies ist eine Frucht des Denkens und der Gesinnung der Jahiliyyah. Ihr gesamtes Streben und all ihre Wünsche sind auf das diesseitige Leben ausgerichtet. Allah gewährt ihnen von dem, was sie in dieser Welt erlangen wollen, vieles, wenn auch nicht alles. Im Jenseits aber bleibt ihnen nichts von ihrem Anteil. Allah, der Erhabene, selbst hat dies im Koran verkündet.
Andererseits verändert der Islam gegenüber der Dschāhilīya die Vorstellung und Sichtweise vom Leben vollständig. Erst das Leben in dieser Welt und das jenseitige Leben zusammen bilden das vollständige Leben des Menschen. Das Leben in dieser Welt ist das Tätigkeitsfeld für das jenseitige Leben. Die Früchte der Taten im diesseitigen Leben wird der Mensch im Jenseits genießen oder erleiden. Um das jenseitige Leben glücklich und schön zu machen, hat der Islam ein vollständiges Programm vorgelegt, und bei jeder Handlung muss dem Jenseits Vorrang gegeben werden. Wer fest an diesen Glauben glaubt, wird sein diesseitiges Leben und all seinen Besitz um des Jenseits willen hingeben. Unter den ehrwürdigen Gefährten waren dieser Glaube und die auf ihm beruhende Gesinnung und Charakterbildung entstanden. Wann immer für den Islam irgendeine Art von Opfer erforderlich war, erbrachten sie bereitwillig beispielhafte Opfer. Im neunten Jahr der Hidschra bereitete der Prophet (s.a.w.) angesichts der Nachricht vom Angriff von mehr als hunderttausend römischen Soldaten auf den neu gegründeten islamischen Staat den Krieg vor. Es wurde beschlossen, dem Feind bei Tabūk entgegenzutreten.
Für den Krieg wurden große Geldmittel benötigt. Der Prophet rief dazu auf, sie bereitzustellen. Um den Antrieb zum Dschihad zu verstärken, wurde ein Teil einer Korān-Sure offenbart. Unter den Gefährten begann ein Wettstreit um die Bereitstellung von Geld und Kriegsmaterial. Umar (r.a.) teilte sein gesamtes Vermögen in zwei Hälften und spendete eine davon für den Dschihad-Fonds. Abu Bakr as-Siddīq (r.a.) brachte sein gesamtes Vermögen und stellte es zur Verfügung. Als der Prophet (s.a.w.) dies sah, sagte er: „Mā abqaita li-ahlik, yā Abā Bakr?“ – „Abu Bakr! Was hast du für deine Familie zurückgelassen?“
„Für meine Familie gibt es außer Allah und Seinem Gesandten nichts“, antwortete as-Siddīq al-Akbar (r.a.) mit unbeschwertem Gesicht.
Das ist die erhabene Lehre, der Charakter und das Opfer des Islam. Sie haben sogar ihr diesseitiges Leben in seiner Gesamtheit für das jenseitige Leben hingegeben.
Die Einheitlichkeitdes Islamund seineAusrichtung auf ein einziges Ziel
Das Wesen und die Art des Islam sind vollständig auf ein einziges Ziel ausgerichtet. Sich von allen Richtungen, allen Idealen, Lehren und Sichtweisen abzuwenden und sich Allah zuzuwenden – das ist die Forderung des Islam. Der Islam möchte in den Gedanken, Empfindungen und Handlungen seiner Anhänger dieselbe Färbung und Übereinstimmung sehen, die unter ihnen eine besondere Eigenständigkeit und Unverwechselbarkeit hervorbringt. Der Islam duldet nicht die geringste Vermischung mit irgendeinem fremden Glauben, einer fremden Denkweise oder Vorstellung. Er hält es für notwendig, eine solche Vorsicht walten zu lassen, dass er nicht einmal die Bräuche und Zeremonien der Anhänger der Dschāhilīya zu übernehmen und zu praktizieren erlaubt, in denen nichts von Schirk, Kufr oder Sündhaftigkeit zu erkennen ist, sondern die lediglich einer herkömmlichen oder verbreiteten Tradition folgen. Diese Vorsicht wird weder deshalb geübt, weil etwas einer anderen Nation entstammt, noch aus bloßer Sturheit. Vielmehr wird sie aufgrund einer besonderen Bedeutung, Zielsetzung und Weitsicht der Religion unerlässlich. Ihre Bedeutung besteht darin, dass die Tendenz der Anhänger des Islam, sich in ihren Gedanken und Taten ausschließlich Allah zuzuwenden, bewahrt bleibt. Es soll nicht dazu kommen, dass man einen kleinen, scheinbar harmlosen Bestandteil der Dschāhilīya nachahmt und diese Neigung zur Nachahmung später durch das Eindringen des dschāhilītischen Gedankenguts den Weg zur Irreführung ebnet. Diese Befürchtung ist keine eingebildete, sondern eine tatsächliche Befürchtung. Die menschliche Psychologie und Erfahrung haben in der Vergangenheit zahlreiche Beispiele dafür geliefert.
Dies ist eine so tiefgründige Wahrheit, dass die innere Einsicht des Menschen sie gewöhnlich nicht erreicht. Sogar von einigen ehrwürdigen Gefährten gibt es Beispiele dafür, dass sie in dieser Angelegenheit Vorsicht walten ließen. Abu Wāqid al-Laisī (r.a.) berichtet: Als der ehrwürdige Prophet (s.a.w.) auf dem Weg nach Hunain vorrückte, musste das muslimische Heer an einem besonderen Baum vorbeiziehen, der „Dhāt Anwāt“ genannt wurde. Es war bekannt, dass die Götzendiener ihre Waffen an diesem Baum aufzuhängen pflegten. Als einige Muslime dies sahen, sagten sie: „O Gesandter Allahs! Bestimme auch für uns einen ‚Dhāt Anwāt‘, so wie die Götzendiener einen ‚Dhāt Anwāt‘ haben.“
Einige der ehrwürdigen Gefährten, die den Propheten begleiteten, hatten gedacht, dass sie ihre Kriegsausrüstung und Waffen an einem beliebigen Baum aufhängen würden, wenn der Prophet einen solchen Baum für sie bestimmte. Sie hielten dies nicht für verwerflich. In dieser Handlung lag auch nicht der geringste Anschein von Schirk oder Kufr. Mit solchen Gedanken im Sinn äußerten sie gegenüber dem Propheten die oben genannte Bitte. Man kann wohl auch nicht sagen, dass in einer solchen Überlegung von ihnen ein Fehler lag. Doch die feinsinnige Einsicht des Propheten hatte die Möglichkeit erkannt, dass sich auf diese Weise unter den Muslimen eine solche Gesinnung entwickeln könnte, dass sie nicht mehr so frei von den irrigen Vorstellungen der Dschāhilīya blieben, wie es nötig war. Eine solche Bitte steht nicht im Einklang mit dem auf Allah ausgerichteten Wesen der Religion. Deshalb sagte der ehrwürdige Prophet (s.a.w.) als Antwort auf ihre Bitte: „Subhānallāh! Das ist genau die Art von Aussage, die das Volk von Musa (a.s.) zu ihm sagte: ,Mache auch für uns einen Götzen, so wie sie viele Götzen haben.‘“ Im Tirmidhī Sharīf wird dieses Ereignis überliefert.
Zwischen dem oben erwähnten Anliegen der Kinder Israels und dem Anliegen der Gefährten des Propheten besteht ein grundlegender Unterschied. Dennoch gab es keinen anderen Grund, ihre Anliegen als gleichartig zu betrachten, als dass die diesem Anliegen zugrunde liegende Geisteshaltung allmählich glaubensmäßige und praktische schädliche Folgen hervorbringen konnte und die scheinbar harmlose und schlichte Befolgung einer Gepflogenheit der Anhänger der Dschāhilīya die Neigung schaffen konnte, den Gedankengängen und Handlungen der Dschāhilīya zu folgen. Deshalb äußerte der weitsichtige und scharfsinnige Prophet nach diesen Worten aus Sorge darüber auch eine Prophezeiung. Er sagte:
„Bei dem, in dessen Hand mein Leben liegt: Ihr werdet dem Verhalten eurer Vorangegangenen folgen.“ – (Tirmidhi).
Mit „ihr“ in dieser Prophezeiung des Propheten waren nicht die ehrwürdigen Gefährten gemeint, sondern die Muslime späterer Zeiten. Mit „den Vorangegangenen“ waren die Juden und Christen gemeint. Der edle Prophet (s.a.w.s.) wollte damit sagen: Heute werde ich euch vor dem Irrtum dieses Denkens und seinen schrecklichen Folgen bewahren. Wenn jedoch künftig das Glaubensempfinden der Muslime schwächer wird, wird der Einfluss der Dschāhilīya weiter zunehmen. So wie die Juden und Nasārā den Weg für das Eindringen der Dschāhilīya immer weiter öffnen, werden auch die Muslime dasselbe tun.
der MuslimeEinheitundauf Beratung beruhendeEntscheidung
Die Einheit unter den Muslimen ist unerlässlich, damit sie sich vor den Angriffen der Dschāhilīya schützen und vollständig auf dem Weg des Islam gehen können. Der Dschāhilīya muss gemeinsam begegnet werden. Zu diesem Zweck wurde den Muslimen ein Leben in der Jamaat zur Pflicht gemacht. Im Koran und in den Hadithen finden sich hierzu klare Anweisungen.
Allah sagt: „Haltet allesamt fest am Seil Allahs und spaltet euch nicht.“ – (Āl-i ʿImrān: 103).
Mit dem Seil ist hier Allahs Din gemeint. Der Din wird deshalb mit einem Seil verglichen und so beschrieben, weil dieses Seil des Din die Gläubigen einerseits an Allah bindet, das heißt, eine tiefe und innige Beziehung zu Allah zwischen ihnen entstehen lässt, während es sie andererseits alle miteinander vereint und in einem tiefen Band der Brüderlichkeit verbindet. Es vereint sie und macht sie zu einer Jamaat. Da das Ziel des Lebens der Muslime die Iqāmat ad-Din ist, das heißt, den Din zu errichten und aufrechtzuerhalten, ist dies nur durch vereinte Anstrengung und gemeinsames Ringen möglich. Und um diese Aufgabe zu erfüllen, muss man der Dschāhilīya entgegentreten und sie aus allen Lebensbereichen beseitigen. Deshalb ist ein vereintes Ringen in der Jamaat unerlässlich.
Den Din beziehungsweise am Seil des Din festzuhalten bedeutet, dass der Din in den Augen der Muslime von wahrer Bedeutung ist. Für seine Errichtung und dafür, ihn nach seiner Errichtung unversehrt und makellos zu bewahren, werden sie ihre ganzen Kräfte einsetzen. Bei dieser Aufgabe werden sie einander helfen. Wenn sich die Muslime jedoch von den grundlegenden Lehren des Din und dem Ziel seiner Errichtung abwenden und wegen kleiner, nebensächlicher und unnötiger Dinge Uneinigkeit entstehen lassen, werden sie sich wie die früheren Ummahs in Gruppen und Untergruppen spalten, vom eigentlichen Lebensziel abweichen und in dieser Welt wie im Jenseits äußerste Erniedrigung erleiden. Wenn die Einheit zerstört wird und sie sich in Gruppen und Untergruppen spalten, kann die Dschāhilīya, das heißt die Macht des Falschen, ihren Einfluss und ihre Herrschaft ausweiten. Daher hat Allah ausdrücklich zum gemeinsamen Kampf gegen das Falsche angewiesen.
Obwohl das staatliche Gebäude des Islams durch den vereinten Kampf unter der Führung des Propheten Muhammad (S.) fest gegründet worden war, zerfiel es später aufgrund der gegenseitigen Meinungsverschiedenheiten und Differenzen unter den Muslimen – diese Erörterung wird später erfolgen.
In den Hadithen finden sich ausführliche Darstellungen über die Bildung der islamischen Gemeinschaft, ihre Zwecke und Ziele sowie die schrecklichen Folgen ihres Verlassens.
Um die islamische Gemeinschaft, die Gesellschaft und den Staat vor dem Verfall zu bewahren, wurde neben zahlreichen anderen Glaubenseigenschaften der Muslime einer weiteren Angelegenheit besondere Bedeutung beigemessen: der Entscheidungsfindung auf Grundlage von Beratung. Im Heiligen Qur’an wurde hierzu eine klare Anweisung gegeben.
Wenn in den Angelegenheiten der Gemeinschaft, der Gesellschaft und des Staates keine Entscheidungen nach Beratung getroffen werden, entsteht Misstrauen gegenüber der Führung, und dem Weg zu Uneinigkeit und Gruppenstreit wird der Weg geebnet. Deshalb wurde der Entscheidungsfindung auf Grundlage von Beratung besondere Bedeutung beigemessen.
Der Qur’an sagt: „O Prophet! Sieh über ihre Fehler und Verfehlungen hinweg, bitte für sie um Vergebung und berate dich mit ihnen in den Angelegenheiten der Religion“ – (Al Imran: 189).
An anderer Stelle im Qur’an heißt es: „Und diejenigen, die auf den Ruf ihres Herrn antworten (jedes Gebot ihres Herrn befolgen), das Gebet verrichten und ihre Angelegenheiten durch gegenseitige Beratung regeln“ – (Asch-Schura: 38).
Hier wird das Handeln nach gegenseitiger Aussprache und Beratung zu den vorzüglichsten Eigenschaften des Glaubens gezählt. Auch in der oben erwähnten Sure Al Imran wurde dies angeordnet. Deshalb wird die Entscheidungsfindung auf Grundlage von Beratung als eine wichtige Säule der islamischen Lebensweise beschrieben. Ohne Beratung nach dem eigenen Gutdünken eines Einzelnen oder einer bestimmten Gruppe und Gemeinschaft zu handeln, ist nicht nur eine Sitte und Vorgehensweise der Unwissenheit, sondern steht auch völlig im Gegensatz zu der von Allah bestimmten Ordnung und Vorgehensweise.
Wenn man gründlich darüber nachdenkt, warum dem Handeln auf Grundlage von Beratung eine so große Bedeutung beigemessen wird, treten drei Punkte klar hervor.
Erstens ist es zweifellos Unrecht und eine übermäßige Anmaßung, in einer Angelegenheit, an der die Interessen zweier oder mehrerer Personen beteiligt sind, nach dem eigenen Gutdünken einer einzelnen Person zu entscheiden und die anderen Betroffenen nicht zu berücksichtigen. Bei gemeinschaftlichen Angelegenheiten, die viele Personen betreffen, darf niemand das Recht auf Willkür haben. Wenn die Interessen vieler Menschen berührt sind, ist es wünschenswert, die unabhängige Meinung aller einzuholen, und die Gerechtigkeit verlangt genau das. Ist die Zahl der Betroffenen sehr groß, ist es wünschenswert, ihre vertrauenswürdigen Vertreter an der Beratung zu beteiligen.
Zweitens will nur derjenige in gemeinschaftlichen Angelegenheiten seine Willkür ausüben, ohne sich mit den anderen zu beraten, der lediglich seine eigenen Interessen durchsetzen will. Hinter seinem Verzicht auf Beratung steht die Haltung, dass er sich für größer und klüger als alle anderen hält und die anderen für unbedeutend und zur Beratung ungeeignet erachtet. Das ist eine von der Dschahiliya hervorgebrachte Haltung, nämlich eine teuflische Haltung. Ein gläubiger Mensch kann nicht so selbstsüchtig sein, dass er durch einen Eingriff in die Rechte anderer seine eigenen Interessen durchsetzt, und er kann sich auch nicht in dem Hochmut und Stolz gefallen, allein klug und allwissend zu sein. Und all die Dummköpfe und Esel! Ein Mu’min kann nicht einmal an eine solche Art zu denken denken.
Drittens ist die Entscheidung über Angelegenheiten, die mit den Rechten und Interessen anderer verbunden sind, eine gewaltige Verantwortung. Der Islam erklärt unmissverständlich, dass jeder, dem eine Verantwortung übertragen wurde, sich im Jenseits vor Gott dafür verantworten muss, ob er seine Verantwortung ordnungsgemäß erfüllt hat. Wer daher Gott fürchtet und von ganzem Herzen glaubt, wie schwer er sich vor Gott verantworten muss, kann es nicht wagen, eine derart schwere Verantwortung freiwillig auf sich zu nehmen. Eine solche Tat kann nur jemand begehen, der weder Gott fürchtet noch sich um die Verantwortung im Jenseits kümmert. Wer Gottesfurcht und das Bewusstsein der Verantwortung im Jenseits besitzt, wird gewiss bemüht sein, alle Personen, deren Interessen mit einer Angelegenheit verbunden sind, oder von ihnen gewählte maßgebliche Vertreter an der Beratung über die Entscheidung in dieser Angelegenheit zu beteiligen, damit eine richtige und gerechte Entscheidung erreicht wird.
Wenn man gründlich über die drei genannten Punkte nachdenkt, wird klar, dass die Entscheidungsfindung auf der Grundlage gegenseitiger Beratung eine unabdingbare Forderung für die Art charaktervoller Menschen ist, die der Islam hervorbringen will, und für die Gerechtigkeit, die er durch sie in der Gesellschaft errichten will. Diese Forderung nicht zu erfüllen, entspricht dem Wesen der Dschahiliya. Die Forderung der islamischen Lebensordnung lautet, dass jede kleine oder große gemeinschaftliche Angelegenheit auf der Grundlage gegenseitiger Beratung geregelt werden muss. Dieses Prinzip muss auf allen Ebenen der Gesellschaft befolgt werden. Handelt es sich um eine Familienangelegenheit, sollen Ehemann und Ehefrau gemeinsam beraten und entscheiden; sobald die Söhne erwachsen sind, sollen auch sie an der Beratung beteiligt werden. Geht es um Stammes- oder Nachbarschaftsangelegenheiten und ist eine gemeinsame Beratung aller nicht möglich, sollen sie durch ein auf gemeinsamer und annehmbarer Grundlage gewähltes sowie vertrauenswürdiges Schiedsgericht oder durch Vertreter geregelt werden. Handelt es sich um die Angelegenheit einer Gemeinschaft (COMMUNITY), wird jemand mit ihrer Leitung betraut, und zwar auf der Grundlage der freien Meinung aller Mitglieder der Gemeinschaft oder ihrer führenden Persönlichkeiten. Diese Person wird dann durch Beratung mit allen oder, falls dies nicht möglich ist, mit ihren gewählten Vertretern Entscheidungen treffen. Ihre Führung oder die ihr übertragene Verantwortung dauert so lange an, wie die Menschen ihr Vertrauen in sie setzen. Wenn das Vertrauen schwindet, können sie sie auch aus der Führung entfernen. Kein gläubiger Mensch kann versuchen, sich durch Gewalt zum Führer zu machen oder Führer zu bleiben. Er kann auch keinen solchen Betrug begehen, dass er die Führung der Nation mit Gewalt an sich reißt und durch Unterdrückung ihre Unterstützung erzwingt. Ebenso kann er nicht auf eine solche List zurückgreifen, dass das Volk die Mitglieder des Beratungsgremiums (Schura oder Parlament) nicht nach eigenem Willen frei wählen konnte, sondern sie entsprechend dem Wunsch der Person wählte, die die Macht an sich gerissen hatte. Nur jemand, in dessen Herzen weder Gottesfurcht noch ein Bewusstsein der Verantwortung im Jenseits vorhanden ist, kann unter Umgehung der von Islam festgelegten Methoden zu Gewalt, Täuschung und Betrug greifen.
Der Heilige Prophet (Allahs Segen und Friede seien auf ihm) befolgte dieses Prinzip selbst. Durch Allahs Offenbarung erhielt er klare Anweisungen. Eine klare Anweisung Allahs steht selbstverständlich außer Frage. Dazu sind weder Beratung noch Erörterung erforderlich. Es kann jedoch notwendig werden, darüber zu beraten und sich zu besprechen, wie, auf welche Weise und unter welchen Umständen eine Anweisung umgesetzt werden soll; in solchen Fällen tat dies der Prophet Mustafa. Auch in der Zeit der rechtgeleiteten Kalifen nach dem Propheten wurde dieses Prinzip vollständig befolgt.
Wiedererstarken der Dschahiliya
Da der Konflikt zwischen Islam und Dschahiliya dauerhaft und ewig ist, versucht die Dschahiliya nach ihrer Niederlage und Unterwerfung durch den Islam unaufhörlich, allmählich wieder aufzusteigen. Allah, der Erhabene, hat zu allen Zeiten Propheten und Gesandte entsandt, um die Menschen vom Einfluss der Dschahiliya zu befreien und sie auf den richtigen Weg des Lebens zu führen. Sie befreien das Denken, den Glauben, das Wesen und den Charakter sowie die Bräuche und das Verhalten der Menschen vom Einfluss der Dschahiliya, reinigen sie davon und führen sie auf den von Allah erwählten Weg; so machen sie das Leben glücklich und schön. Unter ihrer Führung führen die Menschen ein geläutertes Leben. Nach ihrem Hinscheiden jedoch entfernen sich die Menschen allmählich von ihren Vorbildern und Lehren, und die Dschahiliya erhält die Gelegenheit, sie in die Irre zu führen, indem sie sie in den Netzen verschiedenster Irrtümer gefangen hält. Danach wird die gesamte menschliche Gesellschaft von den Fangarmen der Dschahiliya umschlungen. Solange die Menschen an den Vorbildern und Grundsätzen der Propheten festhalten, verbirgt sich die Dschahiliya und wartet auf eine Gelegenheit; immer wieder ruft sie in den Herzen der Wahrhaften und der Anhänger der Wahrheit Waswasa (Einflüsterungen) hervor. Der Urheber dieser Einflüsterungen ist selbst Iblis, der Satan, zusammen mit seinen zahllosen Anhängern unter den Dschinn und den Menschen sowie der Nafs oder den schlechten Neigungen des Menschen selbst. Die Pfeile dieser Einflüsterungen werden immer wieder abgeschossen; nachdem sie mehrmals ihr Ziel verfehlt haben, erreichen sie schließlich die richtige Stelle, und das Wiedererstarken der Dschahiliya beginnt.
Gewiss hat Allah den Menschen angewiesen, bei Ihm Zuflucht vor den Einflüsterungen dieser Verführer zu suchen. Weil sie diese Anweisung missachten und wegen verschiedener weltlicher Interessen, werden die Menschen Opfer der Einflüsterungen. Auf diese Weise rückt die Dschahiliya mit allen Waffen ihrer Irreführung vor.
Die Geschichte bezeugt, dass der umfassende Sieg des Islams nicht erst in der ersten Hälfte des siebten Jahrhunderts seinen Anfang nahm. Vielmehr hat es auch schon zuvor wiederholt ein goldenes Zeitalter des Islams gegeben. Denn es ist eine historische Tatsache, dass die Propheten und Gesandten immer wieder auf die Welt kamen, um die Diener Gottes auf den rechten Weg zu führen. Sie verließen die Welt in einem Zustand, in dem die Dschāhilīya sich vor der Wahrheit verneigt hatte. Doch nach einiger Zeit begann die Dschāhilīya ihre verderblichen Aktivitäten erneut, und die Menschen gerieten zunehmend in Verwirrung und auf Abwege und verfielen dem Schirk und dem Kufr. Auch in der Geschichte der Kinder Israels findet sich dafür ein Beispiel. Nach Mose, Friede sei mit ihm, war während des Lebens seines fähigen und wahrhaftigen Nachfolgers Josua, des Sohnes Nuns, und noch einige Zeit danach Allahs Religion in allen Lebensbereichen der Menschen etabliert; dadurch war ihre Überlegenheit über die Völker der Welt begründet. Im Heiligen Koran heißt es hierzu: „O Kinder Israels! Gedenkt der Gunst, die Wir euch erwiesen haben. Und gedenkt auch, dass Ich euch vor den Völkern der Welt ausgezeichnet habe.“ (Sure al-Baqara 2:47, 122).
Doch als später ihre religiöse Lebenskraft erlahmte und sich Verzerrungen in ihrem Denken, ihrem Charakter und ihrem Verhalten immer deutlicher zeigten, stürzte sich die Dschāhilīya mit aller Macht auf sie. Schließlich kam es so weit, dass die Kinder Israels völlig in der Dschāhilīya aufgingen. Es lässt sich nicht leugnen, dass die Dschāhilīya angesichts der jeweiligen Umstände zwar zeitweilig schweigt; sie verlässt das Schlachtfeld jedoch nicht, sondern wartet lediglich auf eine Gelegenheit. Da die Quelle der Dschāhilīya Iblis, der Satan, selbst ist und es aufgrund der besonderen Weisheit und des Willens Allahs, des Schöpfers der Welt, beschlossen wurde, dass Satan bis zum Tag der Auferstehung am Leben bleiben wird, werden der Kampf und Konflikt zwischen Wahrheit und Falschheit, zwischen Gutem und Bösem, für immer andauern. Dieser Kampf und Konflikt dient in Wirklichkeit der Prüfung des Menschen und ist gerade zu diesem Zweck erschaffen worden.
Daher ist es angesichts der Tatsache, dass Iblis, der Satan, bis zum Tag der Auferstehung fortleben wird, nur ganz natürlich, dass sein späteres Verhalten gegenüber dem Islam und der muslimischen Umma dem Verhalten entspricht, das er gegenüber den Gemeinschaften aller früheren Propheten an den Tag gelegt hat.
Der Prophet Muhammad, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, hat diesbezüglich ebenfalls eine Prophezeiung ausgesprochen. Er sagte: „Ihr werdet Schritt für Schritt denen folgen und sie nachahmen, die vor euch waren. Selbst wenn sie in das Loch eines Warans gekrochen wären, würdet ihr ihnen dorthin folgen.“ Die Gefährten fragten: „O Gesandter Allahs! Meinst du mit denen, die vor euch waren, die Juden und die Christen?“ Er sagte: „Wen sonst?“ (Buchari).
Die Bedeutung der oben erwähnten Prophezeiung des heiligen Propheten war, dass ihr ganz selbstverständlich Verbindungen und Beziehungen zu den Völkern aufbauen werdet, die auf der religiösen und kulturellen Bühne der Welt von Bedeutung sind. Solange die Festigkeit eures Glaubens unerschüttert bleibt, werdet ihr jedoch nicht von ihnen beeinflusst werden, sondern vielmehr sie beeinflussen. Schließlich werden die Muslime beginnen, ihnen Schritt für Schritt zu folgen. Ihr werdet ihre Sitten und Gebräuche, ihre Denkweisen und ihre Riten übernehmen. Ihr werdet keinerlei Bedenken haben, fehlgeleiteten Völkern und sündhaften Gemeinschaften Gefolgschaft zu leisten. Wenn dies geschieht, werden sie naturgemäß ihre Eigenständigkeit, ihre Besonderheit und ihr religiöses Selbstbewusstsein nicht bewahren können. Danach wird die undurchdringliche Mauer, die im Hinblick auf Denken, Verhalten und sämtliche Tätigkeiten zwischen dem Islam und der Dschāhilīya errichtet worden war und deren Bewahrung ebenso notwendig war wie die Bewahrung von Religion und Glauben, an verschiedenen Stellen einzustürzen beginnen, und die Muslime werden ihre nationale Eigenständigkeit und Identität verlieren.
Der Vierfrontenangriff der Dschāhilīya
Die Dschāhilīya schüttelte die Schande ihrer Niederlage ab und erhob sich erneut. Nicht nur das: Mit voller Kraft führte sie einen Vierfrontenangriff auf den Islam. Ihr Angriff richtete sich gegen die religiösen Glaubensüberzeugungen, gegen die islamische Scharia, gegen die Grundprinzipien und Vorstellungen des Islams sowie gegen die nationale Einheit der Muslime. Ihr allererstes Ziel waren die grundlegenden Glaubensüberzeugungen des Islams. Wenn man das Fundament zerstören kann, auf dem das gesamte religiöse Gebäude errichtet ist, lassen sich auch die übrigen Vorstellungen, die Rechtleitung und die Gebote und Bestimmungen leicht beseitigen. So verstärkte sie ihren Angriff Schritt für Schritt auf die grundlegenden Bereiche des Islams.
Der Glaube an das Prophetentum
Der Glaube an den Tauhid war für die Jahiliya völlig unerträglich. Doch zunächst hatte sie keine Möglichkeit, ihn direkt anzugreifen. Daher begann ihr Angriff mit dem Glauben an das Prophetentum Muhammads. Das heißt: Wenn man den Glauben an das Prophetentum Muhammads erschüttern oder zerstören könnte, wäre es leicht, die anderen grundlegenden Glaubensinhalte des Islam aus den Herzen zu tilgen. Zu diesem Zweck schuf die Jahiliya mehrere Schlachtfelder.
Das erste Schlachtfeld bestand darin, falsche Propheten hervorzubringen. Das heißt, auch nach dem letzten Propheten Muhammad (s) würden weiterhin Menschen auftreten, die das falsche Prophetentum für sich beanspruchten. Obwohl die Vorbereitungen dafür bereits zu Lebzeiten des Propheten Muhammad (s) im Gange waren, wurde diese Aktivität nach seinem Tod verstärkt, und zwei Personen namens Musailima und Aswad al-Ansi wurden als Anwärter auf das Prophetentum präsentiert. Einige Menschen, darunter der Stamm der Banu Hanifa, unterstützten Musailima, während die Jemeniten Aswad al-Ansi unterstützten. Doch der erste Kalif, der ehrwürdige Abu Bakr as-Siddiq (r), rottete diese Fitna mit aller Kraft aus.
Gegen Ende des rechtgeleiteten Kalifats trat daraufhin die schiitische Sekte in Erscheinung. Als sie später in zahlreiche Gruppen und Untergruppen zerfiel, traten aus ihren Reihen immer wieder falsche Propheten hervor. So erklärte Abu Mansur, der Begründer der Mansuriyya: „Ali (r) war Allahs Gesandter und ein Prophet. Danach waren auch Hasan (r), Husain (r), Ali ibn Husain und Muhammad ibn Ali allesamt Gesandte und Propheten. Auch ich bin ein Gesandter und Prophet, und nach mir wird die Reihe des Prophetentums noch sechs Generationen lang fortbestehen.“
Er sagte außerdem, dass die Reihe des Prophetentums niemals enden werde (al-Milal wa-n-Nihal, asch-Schahrastani).
Abu Chattab, der Begründer der Chattabiyya, sagte, alle Imame der Schiiten seien Propheten. Mugira, der Begründer der Mughiriyya, beanspruchte selbst das Prophetentum. Auch Muhammad ibn Nasirun an-Nusairi, der Anführer der Nusairiyya, beanspruchte das Prophetentum (ebd.). Für diese Behauptungen gibt es keinerlei Argumente, keinerlei Beweise und keinerlei von Gott verliehene Legitimation. Wozu auch? Sobald man die Frage nach Argumenten und Beweisen aufwirft, entsteht nur Unruhe, und alles müsste scheitern. Es genügt, unter Muslimen mit schwachem Iman und verdorbener Gesinnung religiösen Fanatismus zu entfachen. Im Hintergrund stehen dann die heftige Verführung und Täuschung durch den Satan.
Obwohl diese Anspruchsteller des falschen Prophetentums im Allgemeinen zurückgewiesen wurden, gerieten zweifellos einige wenige Menschen in die Irre. Sie wurden durch die von der Jahiliya gestellte Falle irregeführt und vom rechten Weg abgebracht.
Dies ist die Geschichte der ersten hundert bis hundertfünfzig Jahre der neuen Offensive der Jahiliya. Vielleicht haben sich an anderen Orten der muslimischen Welt weitere derartige Ereignisse zugetragen. Besonders im Zeitalter des Niedergangs der Muslime ist es ganz natürlich, dass solche Ereignisse stattfinden – und tatsächlich sind sie auch geschehen. Wenn Muslime sich ein Stück weit von den grundlegenden Glaubensinhalten des Tauhid, der Risala und des Jenseits entfernen, in allen Lebensbereichen auf Allahs Gehorsam und die Führung des Gesandten verzichten und sich vor den Kräften des Taghut beugen, dann führt die Jahiliya mit ihrer ganzen Kraft einen vernichtenden Angriff auf die Aqida und den Glauben der Muslime und erringt, wenn auch keinen vollständigen, so doch einen teilweisen Sieg.
Die Einführung einer neuen Religion
Der indische Großmogul Akbar versuchte, zur Auslöschung des Islam unter dem Namen „Dīn-e Ilāhī“ eine seltsame Religion einzuführen. Akbar beabsichtigte, diese neue Religion als Alternative zum Islam zu etablieren. Die dahinterstehende Motivation war, dass er die Herzen der mehrheitlich hinduistischen Bevölkerung und der anderen Gemeinschaften unbedingt gewinnen musste, wenn er seine Herrschaft in einem so riesigen Land wie Indien dauerhaft und festigen wollte. Er hielt es für angebracht, ihre Herzen mit der Waffe der Religion zu gewinnen. Daher zielte sein Bestreben darauf, durch die Verbindung aller Religionen eine neue Religion einzuführen. In dieser neuen Religion wurden die grundlegenden Lehren des Islam aufgegeben, und zahlreiche hinduistische Bräuche und Riten wurden für die Muslime verpflichtend gemacht. So durften Muslime ihre überlieferten muslimischen Namen nicht mehr tragen, ihre Söhne nicht beschneiden lassen, keinen Bart tragen und kein Rindfleisch essen. Zwischen Muslimen und Nichtmuslimen durften uneingeschränkt eheliche Beziehungen eingegangen werden, und der Nichtmuslim musste dafür nicht zum Islam übertreten.
Das Bemerkenswerte war, dass unter dieser Religion Anhänger aller Religionen, darunter Hindus, Jains und Buddhisten, ihre jeweiligen Religionen ordnungsgemäß praktizieren durften. Lediglich zahlreiche Bestimmungen der islamischen Scharia wurden aufgehoben. Es ist völlig offensichtlich, dass diese Religion gerade zum Zweck der Auslöschung des Islam erfunden worden war.
Die nichtmuslimische Bevölkerung war Akbar zwar überaus wohlgesinnt, doch auch sie war nicht bereit, diese Religion anzunehmen. Allerdings fühlten sich einige wenige opportunistische und irregeleitete Muslime zu dieser Religion hingezogen. Die große Mehrheit der Muslime wies sie zurück. Der damals berühmte Gelehrte und Asket Scheich Ahmad Sirhindī, Mujaddid Alf-e Thānī (rah), erklärte den Dschihad gegen die Verbreitung dieser neuen Religion. Nach Akbars Tod bemühte sich sein Sohn Dschahangir als Träger und Förderer der Religion „Dīn-e Ilāhī“ mit aller Kraft, sie zu verbreiten. Obwohl er Alf-e Thānī in der Festung von Gwalior gefangen hielt und seine gesamte Staatsmacht einsetzte, konnte er den Untergang dieser absurden Religion nicht verhindern. Schließlich ließ er Alf-e Thānī allein zur Sicherung seines Thrones frei, bereute vor ihm und wurde aufs Neue Muslim. Die Strategie, die Akbar zur dauerhaften und festen Verankerung seiner eigenen Herrschaft beziehungsweise der Mogulherrschaft verfolgte, legte den Keim für den Untergang des Mogulreichs.
Das Wiederauftreten des falschen Propheten
Während der britischen Herrschaft in Indien wurde ein Netz der Verschwörung um die falsche Prophetie Mirza Ghulam Ahmads gesponnen. Die britische Regierung unterstützte diese Verschwörung in jeder Hinsicht. Die Aussicht auf hohe Staatsämter, Beförderungen und verschiedene wirtschaftliche Vergünstigungen betrog viele über den Islam unwissende Muslime und führte sie in die Irre. Die umfangreichen Aktivitäten christlicher Missionare unter dem Schutz des Staates vermochten nur eine kleine Zahl von Muslimen zum Christentum zu bekehren. Doch dadurch, dass man aufgrund des Glaubens an die falsche Prophetie einen neuen Propheten und eine neue muslimische Gemeinschaft erfand, wurde einerseits die Wahrheit des Korans geleugnet und andererseits jeder, der diesen neuen Propheten nicht anerkannte, zum Kāfir erklärt. Dies war zweifellos ein vorübergehender Erfolg der Dschāhilīya. Obwohl jedoch fast alle muslimischen Länder der Welt zu Kolonien ausländischer und religionsfremder Mächte wurden und eine große Zahl von Muslimen sich von islamischen Bräuchen und Verhaltensweisen entfernte, wies die muslimische Umma insgesamt den Anspruch Mirza Ghulam Ahmad Qadianis auf die falsche Prophetie voller Abscheu zurück.
Da Mirza Ghulam Ahmad an einem Ort namens Qadian im östlichen Punjab geboren wurde, werden seine Anhänger Qadianis genannt. Sie werden auch Ahmadiyya genannt. Bereits im ersten Viertel dieses Jahrhunderts erklärte die Gelehrtenschaft der Welt die qadianische oder ahmadiyya Gemeinschaft zu Nichtmuslimen beziehungsweise Kāfir. Zahlreiche maßgebliche Werke wurden verfasst, um diese Prophetie als falsch und betrügerisch zu erweisen. Nachdem infolge der Teilung Indiens im Jahr 1947 der unabhängige Staat Pakistan gegründet worden war, begann eine verstärkte Bewegung gegen diese falsche Prophetie. In den arabischen Ländern wurde ihre Propaganda verboten. Schließlich wurde 1974 in der pakistanischen Nationalversammlung ein Gesetz verabschiedet, das die qadianische Gemeinschaft zu Nichtmuslimen erklärte.
Schirk in der Prophetie
Die erste Front der Dschāhilīya gegen den Islam entstand aufgrund des Anspruchs auf eine falsche Prophetie. Dieser Anspruch wurde in verschiedenen Epochen erhoben. Die zweite Front der Dschāhilīya ist der Schirk in der Prophetie. Das heißt, es wurde ein absurser Glaubenssatz von einer Teilhaberschaft an der Prophetie erfunden. Zu diesem Zweck wurde zunächst die Person Hadrat Alīs, möge Allah mit ihm zufrieden sein, in besonderer Weise als Deckmantel benutzt. Es war ein äußerst schmerzliches Ereignis in der islamischen Geschichte, dass eine unerwünschte Auseinandersetzung über das Kalifat die muslimische Umma spaltete und zur Entstehung einer dauerhaften Sekte namens Schia führte. Die Angehörigen dieser Sekte nahmen als Bestandteil ihres Imans den Glauben an, dass der Prophet Muhammad Mustafa (s) Hadrat Ali (r) als seinen Stellvertreter und Kalifen testamentarisch bestimmt habe. Noch schmerzlicher ist, dass sie Hadrat Ali (r) und ihre Imame für sündlos halten. Der grundlegende Glaubenssatz der Muslime war bis dahin, dass unter der Menschheit nur die Propheten sündlos sind und diese Sündlosigkeit nicht ihr eigenes Verdienst ist. Vielmehr hat Allah sie aus der Menschheit für die erhabene Aufgabe der Prophetie auserwählt und sie durch Seine besondere Gnade sündlos bewahrt. Wenn nun jemand außer einem Propheten für sündlos erklärt wird, besteht der grundlegende Unterschied zwischen einem Propheten und einem Nichtpropheten nicht mehr.
Im Herzen der Schiiten verfestigte sich der Glaube, dass nicht nur Hadhrat Ali (r.a.), sondern auch sämtliche Imame aus seiner Nachkommenschaft ebenso sündlos gewesen seien wie Muhammad ar-Rasulullah (s.a.w.). Dies ist eine gewaltige Errungenschaft der Dschahilija, die dem islamischen Glauben in Bezug auf das Prophetentum widerspricht. Denn die Übertreibung in der Verehrung und Wertschätzung der Ahl al-Bait, der Familie des Propheten, erreicht die Stufe des Schirk in Bezug auf das Prophetentum. Einen Nichtpropheten für sündlos zu halten, bedeutet in Wirklichkeit, ihm denselben Rang und dieselben Rechte wie dem Prophetentum zuzuerkennen. Danach bleibt der Glaube an die Risalat Muhammadiya kein islamischer Glaube mehr. Somit besteht keine Hoffnung, jenes große Ziel zu erreichen, dessentwegen Allah, der Herr der Welten, dieser universalen und ewigen Risalat ihre Würde verliehen und den Propheten Muhammad (s.a.w.) als den letzten Propheten gesandt hatte. Denn unter diesen Umständen war er, der Prophet Mustafa (s.a.w.), nicht mehr die alleinige Quelle der Rechtleitung und der einzige anerkannte Maßstab für die Wahrheit. Auch das Recht auf bedingungslose Gehorsamkeit blieb nicht mehr allein ihm vorbehalten. Vielmehr erlangten auch jene, die für sündlos gehalten wurden, in diesen Dingen denselben Rang wie der Prophet.
Vom Kalifat zur Monarchie
Die Abschaffung des rechtgeleiteten Kalifats und die Errichtung der Monarchie waren ein gewaltiger Sieg der Dschahilija. Nach dem Märtyrertod des vierten Kalifen, Hadhrat Ali (r.a.), wurde der Weg zur Monarchie geebnet, und mit der Übernahme der Herrschaft über den islamischen Staat durch Hadhrat Muawiya (r.a.) fiel das rechtgeleitete Kalifat.
Der Untergang des rechtgeleiteten Kalifats wird deshalb als ein gewaltiger Sieg der Dschahilija bezeichnet, weil das rechtgeleitete Kalifat nicht bloß eine politische Macht oder Regierung war, sondern die vollständige Stellvertretung des Prophetentums Muhammads. Seine Aufgabe bestand nicht lediglich darin, die Gesetzesordnung des Landes zu verwalten, Frieden und Sicherheit zu gewährleisten und die Grenzen zu schützen. Vielmehr erfüllte es im gemeinschaftlichen Leben der Muslime jene Aufgaben eines Lehrers, Erziehers und Wegweisers, die der edle Prophet (s.a.w.) während seines Lebens erfüllt hatte. Zu den Aufgaben des Kalifats gehörte auch, im Dar al-Islam das gesamte Gefüge der Religion der Wahrheit in seiner eigentlichen Gestalt, seinem Wesen und seiner Lebenskraft lebendig zu erhalten und die gesamte Kraft der Muslime in der Welt dafür einzusetzen, das Wort Allahs zu erhöhen. Hier ist nicht der Raum, die lange Geschichte darzustellen, wie während des Kalifats von Hadhrat Uthman Dhun-Nurain (möge Allah mit ihm zufrieden sein) der Prozess des Niedergangs des rechtgeleiteten Kalifats begann und es nach dem Kalifat Hadhrat Alis (r.a.) in eine Monarchie umgewandelt wurde. Jeder Geschichtsstudent sollte dies ohnehin wissen. Nach dem Ende des rechtgeleiteten Kalifats wurde es der Dschahilija jedoch leichter, weitere Schlachtfelder gegen den Islam zu eröffnen.
Nach dem rechtgeleiteten Kalifat
Nach dem Ende des rechtgeleiteten Kalifats wurde eine Monarchie errichtet (obwohl sie weiterhin als Kalifat bezeichnet wurde), in der die islamischen Ideale und Grundsätze außer Acht gelassen wurden. Das vollkommene, auf Gerechtigkeit gegründete Gesellschaftssystem, das der Prophet Muhammad Mustafa (s.a.w.) errichtet hatte, blieb im Zeitalter des rechtgeleiteten Kalifats unversehrt und unverfälscht; unter der Monarchie aber blieb davon nichts mehr bestehen. An die Stelle der dem Gemeinwohl dienenden Herrschaft des Islam trat die Erzwingung eines Bekenntnisses zur Loyalität durch Gewalt. Den Menschen blieb keinerlei Möglichkeit mehr, ihre freie Meinung zu äußern, und viele mussten sogar ihr Leben lassen, weil sie ihre freie Meinung zum Ausdruck brachten.
Es trifft zu, dass unter der Monarchie Land um Land erobert und das Staatsgebiet erweitert wurde. Doch dadurch, dass anstelle von Entscheidungen auf Grundlage der islamischen Beratung Entscheidungen nach dem Willen eines Einzelnen getroffen wurden, ging die Einheit des Denkens unter den Muslimen verloren, und sie begannen, sich in zahlreiche Parteien und Untergruppen zu spalten. Islamfeindliche Ideale und Denkweisen begannen, sie zu beeinflussen.
Nachdem die Herrschaft des rechtgeleiteten Kalifats, das heißt die Herrschaft von Koran und Sunna, abgeschafft worden war, setzte in der muslimischen Gesellschaft und im muslimischen Denken, in ihrer Denkweise und ihrem Charakter, eine Verfälschung ein. Menschen, die über islamisches Wissen und islamischen Charakter verfügten, zeigten unter der Monarchie Abneigung dagegen, staatliche Ämter zu übernehmen, und zogen sich aus dem Blickfeld der Gesellschaft zurück.
Es sei darauf hingewiesen, dass sich mit der Errichtung eines vollständigen islamischen Staates durch den Propheten Mustafa Menschenmassen unter dem Banner des Islam versammelten. Viele von ihnen erhielten danach jedoch nicht einmal die Gelegenheit, ihr Leben zu läutern. Vielen war auch nicht das Glück beschieden, den heiligen Propheten zu treffen.
Nach dem Tod des heiligen Propheten setzten sich während des Kalifats von Hadhrat Abu Bakr (r.a.) und Hadhrat Uthman (r.a.) die islamische Daʿwa und die Eroberungen fort. In dieser Zeit verließen unzählige Menschen aus verschiedenen Ländern, Regionen, Völkern und Gesellschaftsschichten die Religion ihrer Vorfahren und suchten Zuflucht im kühlen Schatten des Islam. Im Allgemeinen nahmen sie den Islam von ganzem Herzen als die wahre Religion an. Unter ihnen gab es jedoch auch viele, die beim Übertritt zum Islam keine aufrichtige Absicht hatten. In ihrem Inneren litten sie aus Verbitterung gegen den Islam und hegten Rachsucht und Feindschaft gegen ihn. Sie warteten auf eine Gelegenheit, dem Islam einen vernichtenden Schlag zu versetzen. Um dieses böse Ziel zu erreichen, reihten sie sich in die Reihen der Muslime ein. In Wirklichkeit waren sie Heuchler. Unter ihnen war ein jüdischer Gelehrter namens Abdullah ibn Saba besonders bemerkenswert. Im Namen des Islam gelang es ihm, die muslimische Umma zu spalten und unter ihr eine eigenständige Glaubensüberzeugung, Denkweise sowie eigene Bräuche und Verhaltensweisen einzuführen.
Nachdem die Monarchie errichtet worden war, gelangte der Schlüssel zur Herrschaft anstelle des Islam in die Hände der Dschahiliya. Und nachdem sie die Staatsmacht verloren hatte, besaß der Islam nicht die Kraft, den Aufstieg der Dschahiliya aufzuhalten. Darüber hinaus war es für den Islam besonders schwierig, der Dschahiliya entgegenzutreten, weil die Dschahiliya nicht in ihrer wahren Gestalt auftrat, sondern vielmehr in der Gestalt eines „Muslims“. Wäre die Dschahiliya als offener Feind des Islam in der Gestalt eines Atheisten, Ungläubigen oder Götzendieners aufgetreten und hätte sie den Islam angegriffen, hätte sich die gesamte muslimische Umma vereint, um ihr entgegenzutreten. Doch auf den Lippen der Dschahiliya lag das Bekenntnis zu Tauhid und Risalat, und alles, was sie tat, geschah im Namen des Islam. Unter dem Deckmantel des Islam begann die Dschahiliya, ihre Wurzeln zu festigen.
Die Dschahiliya bemächtigte sich des Staates und des Reichtums und nannte dies Kalifat. In Wirklichkeit aber war es eine Monarchie, deren Beseitigung das Ziel des Islam gewesen war. Unter dem Schutz dieser Monarchie breiteten sich die Denkweise und die Sichtweise der Dschahiliya im Leben der herrschenden Gruppe, der ihr unterstellten Emire und Würdenträger, der Gouverneure, der Armee und der einflussreichen Personen der Gesellschaft aus. Zugleich begannen sich auch die Philosophie, die Literatur und die Künste der Dschahiliya auszubreiten.
Da die Dschahiliya im Besitz der Staatsmacht war, übte sie auch auf die Ulama, die Sufis und die gottesfürchtigen Menschen Einfluss aus. Infolgedessen verbreiteten sich in der muslimischen Gesellschaft die Philosophie Platons, ein asketisches Charakterideal und eine pessimistische Sichtweise auf alle Bereiche des Lebens.
Indem sie die charakterfesten Menschen der Gesellschaft unter dem Vorwand von Taqwa und Frömmigkeit aus den Herrschafts- und Führungspositionen der Gesellschaft entfernte, übergab sie die Macht den Bannerträgern der Dschahiliya.
Nichtislamischer Tasawwuf
Wie oben dargelegt wurde, waren das erste und das zweite Schlachtfeld der Dschahiliya gegen den Islam durch die Ansprüche auf eine falsche Prophetie und auf eine Teilhabe an der Prophetie entstanden. Obwohl die Dschahiliya an der ersten dieser beiden Fronten keinen Sieg erringen konnte, gewann sie an der zweiten zunehmend die Oberhand, zerstörte die Einheit der muslimischen Umma und zerschmetterte das Gebäude des islamischen Kalifats. Danach begann die Dschahiliya unter dem Schutz der errichteten Monarchie ihre schwarze Hand auszustrecken. Auch dort, wohin sich die aufrichtigen und gottesfürchtigen Menschen unter dem Druck der Verhältnisse aus dem politischen Feld zurückgezogen und dem Tasawwuf, das heißt der Läuterung der Seele, der Pflege und Lehre von Dhikr und Adhkar sowie dem Studium der religiösen Wissenschaften, gewidmet hatten, begann die Dschahiliya ihren Einfluss auszubreiten. So entstand dem islamisch begründeten Tasawwuf gegenüber der dschahilische Tasawwuf. Dies war die dritte WAR FRONT oder das dritte Schlachtfeld der Dschahiliya gegen den Islam.
Dieser dschāhilitische Tasawwuf wollte den Glauben an das Prophetentum aus den Herzen tilgen. Der Grundgedanke dieses Tasawwuf war, dass für die Anbetung, deren Ziel es ist, zu Gott zu gelangen, weder die Vermittlung eines Propheten noch der Gehorsam gegenüber ihm erforderlich sei. Auch ohne dies könne der Mensch das ersehnte Ziel erreichen. Wahrscheinlich übernahmen diese Vertreter des nichtigen Tasawwuf diesen Gedanken von einer schiitischen Sekte. Ahmad ibn al-Qayyāl, der Begründer der schiitischen Sekte der Qayyāliyya, vertrat die Ansicht, dass nur diejenigen blind den Propheten folgen, denen es an innerer Einsicht mangelt.
Dieser Gedanke wird etwas verfeinert folgendermaßen formuliert: So wie die Vermittlung eines Rechtsanwalts unerlässlich ist, um dem Herrscher sein Anliegen vorzutragen, so sei auch die Vermittlung eines Pīr unerlässlich, wenn man im Namen des Dieners etwas vor Gott vortragen wolle. Auf diese Weise wird die Vermittlung des Propheten zwischen dem Diener und Gott – das heißt, der Gehorsam gegenüber Gott durch den Gehorsam gegenüber dem Propheten – sowie der einfache und gerade Königsweg zur Erlangung Gottes, den der Prophet gezeigt hat, aufgegeben; stattdessen wird der Gehorsam gegenüber dem Pīr als einziges Mittel zur Erlangung Gottes betrachtet. In Wirklichkeit bleibt jedoch der gesamte Gehorsam des Dieners auf den Pīr beschränkt, und sein Verständnis von Gehorsam kann nicht über ihn hinausgehen. So wird der Pīr zum alleinigen Maßstab für Erlaubtes und Verbotenes, für Gut und Böse sowie für Anbetung und Ungehorsam. Auf diese Weise wird die Beziehung des Dieners zu Gott und zum Propheten abgebrochen.
Wenn diese Denkweise und Philosophie angenommen wird, werden sowohl das „muhammadische Prophetentum“ als auch der „Glaube an die Gesandtschaft“ überflüssig. Kann jemand, der an den Islam, den Koran und den Propheten glaubt, eine solche Denkweise vertreten? Doch äußerst bedauerlich ist, dass die Dschāhilīya diese schwere Krankheit der irrigen Denkweise unter einer Gruppe von Muslimen verbreitet hat und dass sich im Namen des Islam eine Gruppe von Menschen zu deren Trägern, Vertretern und Verkündern gemacht hat.
Es sei darauf hingewiesen, dass es in der Gesellschaft zwar islamgemäßen Tasawwuf und Vertreter des Tasawwuf gibt, ihre Zahl jedoch äußerst gering ist. Da die Anhänger des nichtigen Tasawwuf keinerlei Notwendigkeit sehen, die Gebote der Scharia zu befolgen, neigt die Gruppe der Opportunisten eher dieser Richtung zu. Auch die Propaganda der Dschāhilīya ist ihr gegenüber äußerst nachdrücklich.
DietödlichenWaffen der Dschāhilīya
Es besteht kein Zweifel, dass der dschāhilitische Tasawwuf einige Muslime irregeführt und sie vom wahrhaftigen, richtigen, einfachen und geraden Weg des Islam (Sirāt al-Mustaqīm) abgebracht hat. Später jedoch haben die drei äußerst gefährlichen Waffen der Dschāhilīya die Grundfesten des Islam erschüttert. Diese drei sind: (1) eine gottlose oder gegen Gott gerichtete Lebensordnung (Säkularismus), (2) die Verehrung der Nation, also Nationalismus, und (3) die Demokratie, die für sich die Souveränität beansprucht. Eine Erörterung dieser drei gefährlichen Waffen wird zeigen, in welchem Maß sie den islamischen Glauben sowie das islamische Denken und Empfinden beeinflusst und wie sehr sich eine dem Islam widersprechende Lebensphilosophie und Ideologie durchgesetzt hat.
Säkularismus
Zunächst soll der SÄKULARISMUS (Säkularismus) erörtert werden. Sein Wesen besteht darin, in jedem Lebensbereich die Ordnung und Führung des Schöpfers der Welt zurückzuweisen und das Leben nach den von den Menschen selbst geschaffenen Ordnungen und Leitlinien zu führen. Mit großer Raffinesse wird jedoch gesagt: Wenn das Gewissen eines Menschen bezeugt, dass es einen Gott gibt und dass man Ihn preisen und verehren soll, dann darf er dies in seinem persönlichen Leben tun. Doch mit der Welt, der Gesellschaft und allen damit verbundenen Angelegenheiten habe Gott und die Religion nichts zu tun. In dem auf dieser Theorie errichteten Gebäude der Lebensordnung sind alle Ebenen der Beziehungen des Menschen zu anderen Menschen und zur Welt völlig unabhängig von Gott und der Religion. Die gesamte Gesellschaftsordnung ist von der Religion unabhängig, ebenso das Bildungswesen, die Gesetze, das Parlament des Landes, die Politik, die Wirtschaft, die gesamte Verwaltung des Landes sowie die internationalen Beziehungen; bei jeder Entscheidung in den verschiedenen Bereichen und Sphären des menschlichen Lebens gilt die Frage, ob Gott für diese Angelegenheiten grundlegende Prinzipien und Anweisungen für uns festgelegt habe, als gegenstandslos, im Grunde als bedeutungslos und als Ausdruck eines blinden, abergläubischen Denkens. Und selbst wenn Er sie festgelegt hätte, sei es angesichts der jeweiligen Umstände und Verhältnisse nicht möglich, sich daran zu halten. Nun bleibt noch das persönliche Leben. Doch unter dem Einfluss eines religionslosen Bildungswesens und einer religionslosen Gesellschaft ist auch das persönliche Leben in den meisten Fällen religionsfrei geworden und wird es weiterhin. Denn heute bezeugt nur noch eine sehr kleine Zahl von Menschen in ihrem Herzen, dass es einen Gott gibt und dass man Seinen Befehlen gehorchen muss. Insbesondere für diejenigen, die an der Spitze der auf Grundlage dieses Säkularismus entstandenen Gesellschaft und Zivilisation stehen, ist die Religion nicht einmal mehr eine Angelegenheit des persönlichen Lebens. Auch ihre persönliche Beziehung zu Gott ist abgebrochen.
Dieser Säkularismus, das heißt Religionslosigkeit beziehungsweise Auflehnung gegen Gott, entstand in Europa, und dafür gibt es auch einen historischen Hintergrund (BACKGROUND). Ohne diesen auch nur kurz zu erörtern, dürfte es schwierig sein, die Angelegenheit zu verstehen.
Die christlichen Priester verfassten auf der Grundlage eines verfälschten Christentums ihre eigenen erdachten Scharia- beziehungsweise religiösen Vorschriften und begannen, im Namen der Religion zu herrschen. In der Tora waren Bestimmungen der Scharia enthalten, die zur Verwaltung der Gesellschaft geeignet waren. Obwohl die jüdischen Gelehrten die Tora so weit wie möglich verfälscht hatten, lehnten die Christen gerade die ursprüngliche Tora ab. Durch die Bibel war keine neue Scharia offenbart worden. Daher verfälschten die christlichen Priester die Religion in ihrem eigenen Interesse und führten im Namen der Religion weiterhin die Regierungsgeschäfte. Anstelle des von Gott gesandten Gesetzes war es keineswegs möglich, durch von Menschen erdachte Gesetze Frieden, Sicherheit und Gerechtigkeit in der Gesellschaft zu verwirklichen. Obwohl unter dieser Herrschaft Unrecht, Ungerechtigkeit, Unterdrückung und Verfolgung fortbestanden, nahm das einfache Volk dies zwangsläufig schweigend hin, weil all dem der Anschein der Religion anhaftete. In ganz Europa gab es zahlreiche kleine und große Staaten, die von Priestern regiert wurden und PAPAL STATES genannt wurden. Über all diesen war ein christliches Reich errichtet worden, das HOLY ROMAN EMPIRE genannt wurde.
Es sei darauf hingewiesen, dass zu Beginn des achten Jahrhunderts in Spanien eine muslimische Herrschaft errichtet wurde, die mehrere hundert Jahre Bestand hatte (711–1492 n. Chr.). Während der muslimischen Herrschaft wurden in Córdoba und Granada die beiden größten Universitäten gegründet, und wissbegierige Menschen aus verschiedenen Teilen Europas strömten in Scharen zu diesen erhabenen Bildungsstätten, um Wissen zu erwerben. Diese Einrichtungen entzündeten durch ihre höhere Bildung in Europa die Fackel des Wissens und der Wissenschaft. Im damaligen Weltgeschehen waren Bagdad, Córdoba und Konstantinopel (CONSTANTINOPLE) die Zentren von Bildung, Zivilisation und Kultur in der ganzen Welt. Doch Córdoba nahm unter allen den höchsten Rang ein. Córdoba (CORDOVA) genoss auf dem Gebiet der Pflege von Wissen und Wissenschaft weltweiten Ruhm. Infolge der umfassenden Beschäftigung mit Wissen und Wissenschaft begann sich in der gebildeten Gesellschaft freies und unabhängiges Denken zu entwickeln. Zugleich kam es zu immer neuen wissenschaftlichen Entdeckungen. Zwischen dem morschen, alten und abergläubischen Denken der Priester und dem wissenschaftlichen Denken begann ein heftiger Konflikt. Um wissenschaftliches Denken und Entdeckungen zu unterbinden, wurden immer neue Gesetze erlassen. Gegen diejenigen, die die Gesetze missachteten, wurden strenge und grausame Strafen vorgesehen. Da all dies unter Berufung auf die Religion geschah, begann die gebildete Gesellschaft, eine Abneigung gegen die Religion selbst zu entwickeln.
Die christlichen Gelehrten und Philosophen der alten Zeit errichteten das gesamte Gebäude ihrer religiösen Überzeugungen sowie ihrer Vorstellungen vom Menschen und der Natur der Welt auf den Ideen und Lehren, den Argumenten und Beweisen sowie den Erkenntnissen der griechischen Philosophie und Wissenschaft. Sie waren zudem der Auffassung, dass das gesamte Gebäude ihrer Lehren einstürzen und in Stücke zerfallen würde, wenn auch nur eines der Fundamente, auf denen es errichtet war, erschüttert würde. Zugleich würde auch die christliche Religion untergehen. Sie waren keineswegs bereit, irgendeine Kritik oder Forschung zu dulden, die Zweifel an den allgemein anerkannten Wahrheiten der griechischen Philosophie und Wissenschaft wecken konnte. Ebenso wenig waren sie bereit, irgendeine philosophische Denkweise anzuerkennen, die diese allgemein anerkannten Wahrheiten außer Acht ließ und andere Gedanken vorlegte, aufgrund derer sich die Priesterschaft gezwungen sehen könnte, ihre Philosophie zu überdenken. Auch durfte keine Forschungsarbeit erlaubt werden, durch die irgendein Teil der in der Bibel dargestellten Vorstellungen über den Menschen und die Natur der Welt oder der von den Philosophen angenommenen Vorstellungen und Lehren als falsch erwiesen werden konnte. Jede derartige Angelegenheit betrachteten sie als eine unmittelbare Gefahr für die Religion und für das gesamte auf ihr errichtete kulturelle, politische und wirtschaftliche System. Dagegen wurden bei jedem Schritt derjenigen, die im Rahmen der Renaissancebewegung und entsprechend ihren Forderungen Kritik übten, forschten und Erkenntnisse suchten, die Schwächen jener Philosophie und Wissenschaft deutlich sichtbar, auf deren Grundlage das gesamte Gebäude des religiösen Glaubens errichtet worden war. Doch je weiter sie auf dem Gebiet der Forschung voranschritten, desto entschlossener versuchte die Priesterschaft beziehungsweise die christliche Gemeinschaft, ihnen durch den Einsatz ihrer religiösen oder politischen Macht immer strenger den Weg zu versperren. Vieles, was den zahlreichen anerkannten Wahrheiten früherer Zeiten widersprach, trat sonnenklar zutage. Die Priesterschaft sagte, statt die allgemein anerkannten Wahrheiten zu überprüfen, müsse man den Kritikern die Augen ausstechen. Den Forschern schien es, als enthielten jene Lehren, die als unanfechtbare Belege und Beweise des religiösen Glaubens angesehen wurden, zahlreiche Fehler. Die Priesterschaft sagte, man müsse denjenigen, in deren Geist und Verstand solche Gedanken aufkamen, eben diesen Verstand zerschmettern. Das Ergebnis dieses Konflikts und Zusammenstoßes war, dass bereits beim ersten Morgengrauen des Wissens, der Wissenschaft und der intellektuellen Wiedergeburt eine starrsinnige Haltung gegen die Religion und die Frommen entstand und sich in den Adern und feinsten Verzweigungen der neuen Zivilisation eine Haltung der Gottabgewandtheit und der Religionslosigkeit ausbreitete. Von den Verfechtern dieses freien Denkens konnte man danach nicht erwarten, dass sie andere Religionen von der christlichen Religion der Kirche unterscheiden würden. Daher blieb ihr Starrsinn ganz natürlich nicht auf das Christentum und seine Kirche beschränkt. Vielmehr wurde alles, was man unter Religion verstand, zum Opfer ihres Starrsinns. Als dieser Konflikt und Zusammenstoß, verbunden mit einer solchen psychologischen Haltung des Starrsinns gegenüber der Religion, aus dem Bereich des Wissens in die verschiedenen Bereiche der Politik, der Wirtschaft und der gesellschaftlichen Ordnung eindrang, wurde nach der Niederlage der kirchlichen Autorität unter der Führung der Bannerträger der neuen Zivilisation ein neues religiöses Gebäude des Lebens mit einer dauerhaften Lebensanschauung errichtet, das den Namen „Säkularismus“ erhielt. Sein Grundprinzip lautet, dass die Religion in keinem Bereich der Politik, der Wirtschaft, der Moral, der Gesetze und Vorschriften, kurz gesagt in keinem Bereich des gesellschaftlichen Lebens, irgendein Recht auf Einmischung haben darf. Religion ist lediglich eine persönliche Angelegenheit. Wer in seinem Privatleben an Gott und die Propheten glauben möchte, darf dies tun. Bei der Gestaltung der gesamten Ordnung des gesellschaftlichen Lebens ist es jedoch eine gegenstandslos gewordene Frage, welche Weisung Gott diesbezüglich erteilt.
Die grundlegende Basis der geistigen, sozialen, politischen und wirtschaftlichen Ordnung der neuen Zivilisation der modernen Welt ist der Säkularismus (SECULARISM). Faschismus, Kapitalismus, Nazismus, Sozialismus, Kommunismus, Nationalismus, die Souveränität beanspruchende Demokratie, Hedonismus (EPICURIANISM), Utilitarismus (UTILITARIANISM), Atheismus, Darwinismus (DARWINISM) und ähnliche Ideologien sind lediglich Zweige und Äste des Säkularismus; seine Lebenskraft durchdringt sie alle.
Der Grundpfeiler dieser Lebensordnung ist Religionslosigkeit, Auflehnung gegen Gott oder bloße Weltlichkeit. Die Auffassung, dass die Beziehung zwischen Gott und der Religion ausschließlich auf das persönliche Leben des Menschen beschränkt sei, ist eine sinnlose und haltlose Lehre, die nicht die geringste Verbindung zu Wissen und Gewissen hat. Eines von zwei Dingen muss im Verhältnis zwischen Gott und dem Menschen unbedingt zutreffen: Entweder ist Gott der Schöpfer, Herr, Herrscher und Gesetzgeber des Menschen und dieses Universums, oder er ist nichts davon. Wenn Er nicht der Schöpfer, Herr und Herrscher ist, besteht auch keinerlei Notwendigkeit, eine persönliche Beziehung zu Ihm zu unterhalten. Und die Anbetung eines Wesens, zu dem keine Beziehung besteht, ist völlig sinnlos. Es zeugt sogar von Gewissenlosigkeit, zu denken, Gott sei zwar der Schöpfer, habe aber dem Menschen nicht vorgeschrieben, wie er sein Leben auf der Erde führen, wie seine politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und sozialen Verhältnisse gestaltet sein sollten, oder – Gott bewahre – Er sei dazu nicht in der Lage gewesen. Gibt es irgendeinen Grund, an einen solchen Gott zu glauben? Wenn Er jedoch der Schöpfer, Herr und Herrscher von uns und des gesamten Universums ist, dann ist es nichts anderes als äußerste Torheit, zu denken, Seine Herrschaft beschränke sich allein auf das persönliche Leben oder – und nicht auf Herrschaft – lediglich auf Anbetung und Gottesdienst. Wenn nach der Verbindung eines Menschen mit einem anderen soziale Beziehungen entstehen, dann kann die Behauptung, dort werde die Herrschaft und Kontrolle des Schöpfers nicht mehr gelten, nur die Äußerung eines Gewissenlosen sein. Wenn der Mensch im gesellschaftlichen Leben, anstatt von seinem Schöpfer abhängig zu sein, unabhängig und eigenmächtig handelt, so ist dies eine äußerste Rebellion gegen seinen Schöpfer, Herrn und Herrscher. Wer nach dieser Rebellion sagt: »Ich richte mich in meinem persönlichen Leben nach Gott«, bei dem muss man sagen, dass sein Verstand gestört ist. Dies kann gegenüber diesem Schöpfer nichts anderes sein als Betrug, Täuschung und Heuchelei.
Ist es nicht eine Äußerung eines Menschen ohne Verstand, dass jeder Einzelne für sich ein Diener Gottes ist und verpflichtet ist, Seinem Gebot zu folgen, dass diese einzelnen Personen aber, sobald sie sich zu einer Gesellschaft zusammenschließen, keine Diener Gottes mehr sein sollen? Jeder Teil ist ein Diener, aber die Gesamtheit der Teile ist kein Diener. Eine solche Aussage kann nur von einem geistig völlig beschränkten Verrückten stammen. Wie kann man akzeptieren, dass wir Gott und Seiner Rechtleitung in unserem Familienleben, in unseren Elendsvierteln und Städten, in unseren Bildungseinrichtungen, auf unseren Märkten, in unseren Parlamenten und Regierungssitzen, in der Verwaltung, am Obersten Gerichtshof, in den Militärkasernen, bei der Polizei, im Krieg und im Frieden nicht bedürfen? Wo sonst sollten wir Ihn dann brauchen? Wenn Gott so schwach und unfähig wäre – Gott bewahre –, dass Er uns in keinem Bereich des Lebens Rechtleitung geben, uns nicht sagen könnte, was für uns gut und was schädlich ist, und keine Lösung für unsere Lebensprobleme nennen könnte, welchen Nutzen hätte es dann, an einen solchen Gott zu glauben? Wenn Er jedoch tatsächlich all dessen würdig ist und uns eine Lebensordnung gegeben hat, dann bedeutet ihre Zurückweisung, gegen Ihn Auflehnung zu erklären. Deshalb kann die treffende bengalische Übersetzung des englischen Wortes SECULARISM nur „Auflehnung gegen Gott“ sein. Im wirklichen Leben sind die Folgen dieser Lehre äußerst verhängnisvoll. Wenn man irgendeinen Bereich oder Aspekt des Lebens von Gott oder der Religion loslöst, muss er zwangsläufig dem Einfluss Satans unterliegen. Ein vom Menschen getrenntes Privatleben gibt es überhaupt nicht. Vom Augenblick an, in dem ein menschliches Kind aus dem Mutterleib geboren wird, beginnt sein gesellschaftliches Leben. Es sieht um sich herum seine Mutter, seinen Vater, seine Geschwister, Großvater und Großmutter, Onkel, Tanten und viele weitere Verwandte. Sobald sich seine Augen des Verstandes öffnen, wird es mit einer Gesellschaft, einer Verwandtschaftsgruppe, einem Viertel, einer Nation sowie einem kulturellen, wirtschaftlichen und politischen System verbunden. Viele derartige Beziehungen verbinden es mit anderen Menschen und andere Menschen mit ihm. Nur wenn diese Beziehungen richtig, schön und gerecht sind, können das Wohlergehen und der Wohlstand jedes Einzelnen und der Menschen insgesamt verwirklicht werden. In dieser Hinsicht ist allein Allah, der Erhabene, jenes allwissende Wesen, das den Menschen für diese Beziehungen gerechte und beständige Grundsätze und Grenzen vorgeschrieben hat. Wenn man in irgendeinem Bereich oder auf irgendeinem Gebiet des Lebens die Rechtleitung und Führung Allahs, des Erhabenen, zurückweist und nach eigenem Willen und völlig unabhängig handelt, bleibt für beständige Grundsätze, Gerechtigkeit und Aufrichtigkeit kein Raum. Nachdem der Mensch der Rechtleitung Gottes beraubt ist, bleibt ihm außer seinen Neigungen, seinem Aberglauben sowie seinem fehlerhaften und unvollständigen Wissen und seiner Erfahrung nichts, an das er sich zur Rechtleitung wenden könnte. Die Folgen davon sind in jeder Gesellschaft sichtbar, die nach den Grundsätzen der Religionslosigkeit oder der bloßen Weltlichkeit (SECULARISM) geführt wird. Dort sieht man, dass täglich neue Grundsätze aufgestellt und wieder aufgehoben werden, um die Wünsche der Triebe zu befriedigen. Wie sehr die einzelnen Bereiche und Seiten der menschlichen Beziehungen durch Unrecht, Gewalt, Unterdrückung und gegenseitiges Misstrauen verdorben sind, ist für die Menschen in aller Welt offensichtlich. In allen menschlichen Angelegenheiten besteht ein starker Einfluss persönlicher, parteilicher, nationaler und stammesbezogener Selbstsucht. Jede Nation und jedes Land hat unter seiner jeweiligen Zuständigkeit nach Kräften und im größtmöglichen Maß von Selbstsucht Grundsätze, Gesetze, Vorschriften, Bräuche und Verfahren geschaffen, um die eigenen Wünsche zu erfüllen. Es kümmert sich nicht darum, welche Auswirkungen dies auf andere Einzelpersonen, Gruppen und Nationen haben kann. Daher kann ohne jeden Zweifel gesagt werden, dass die Folge des Säkularismus, also der Auflehnung gegen Gott oder der Weltlichkeit, lediglich darin besteht, dass jeder, der seine Handlungsweise nach dieser Lehre ausrichtet, zu einem zügellosen, verantwortungslosen Sklaven seiner eigenen Triebe wird – ganz gleich, ob es sich um einen Einzelnen, eine Gruppe, ein Land, eine Nation oder die Gesamtheit der Nationen handelt.
Aus der obigen Erörterung lässt sich zunächst Folgendes erkennen: Der Säkularismus entstand in Europa während der Epoche des tiefsten Niedergangs des Judentums und des Christentums. Er verdrängte Gott und die Religion aus allen Bereichen des menschlichen Lebens und erlaubte nur noch, die Religion im äußerst engen Rahmen des Privatlebens zu praktizieren. Kurz gesagt bedeutet Säkularismus, unter Missachtung der Souveränität und Führung Gottes über alle Angelegenheiten des menschlichen Lebens zu entscheiden und anstelle des Erfolgs im Jenseits den irdischen Erfolg und das diesseitige Leben zum Ziel des Lebens zu machen. Der „Säkularismus“ hat sich mitsamt dieser Bedeutung und Auslegung wie ein Oktopus mit seinen Armen über die ganze Welt ausgebreitet. Zwar ist die Zahl der Menschen, die an Gott und die Religion glauben, auf der Welt noch immer am größten, doch diese Religiosität ist auf den äußerst engen Bereich des vom gesellschaftlichen Leben isolierten Privatlebens beschränkt. Selbst unter denen, die sich in diesem Bereich als religiös gläubig bezeichnen, sind die meisten ihrer Religiosität nicht aufrichtig ergeben. Unter dem Einfluss des äußeren Umfelds verlieren sie zunehmend ihr Vertrauen in die Religion und in Gott. In Europa und Amerika ist zu beobachten, dass Kirchen und Synagogen aufgegeben werden. Die jüdisch-christliche Jugend wendet sich dem Atheismus zu. Außerhalb des äußerst engen Rahmens des Privatlebens herrschen über das gesamte Leben anstelle Gottes die Vorherrschaft und Autorität des „Säkularismus“; man kann geradezu sagen, dass über die gesamte Menschheit nicht die Religion, sondern das „Königtum des Säkularismus“ regiert. Die anderen daraus hervorgegangenen Ideologien, wie etwa Faschismus, Sozialismus, Nazismus, Kommunismus und Nationalismus, die bereits zuvor erwähnt wurden, haben allesamt einen gemeinsamen universellen Wert: Sie gründen nicht auf dem Wohlgefallen Allahs, des Erhabenen, sondern auf den menschlichen Trieben. All diese Ideologien und Systeme wurden nicht auf Grundlage der Führung Allahs, des Erhabenen, angenommen, sondern sind Erzeugnisse gottfeindlicher Denkweisen und Sichtweisen. Daher kann ohne jedes Zögern gesagt werden, dass Religionslosigkeit und Auflehnung gegen Gott nichts anderes als „Säkularismus“ sind.
Der „Säkularismus“ wird deshalb als eine gefährliche Waffe der Dschāhilīya gegen den Islam bezeichnet, weil selbst die muslimische Gemeinschaft, die an Tauḥīd, Risāla und Āḫira glaubt, den „Säkularismus“ bedenkenlos als richtungsweisende Ideologie in ihrem gesellschaftlichen und staatlichen Leben angenommen hat. Diese Ideologie entstand dadurch, dass moderne Denker und Wissenschaftler den von christlichen Religionsgelehrten im Namen der Religion errichteten willkürlichen Herrschaftssystemen und dem Aberglauben den Aufstand erklärten. Die Tora und das Evangelium (die Bibel) sind derart verfälscht und verändert worden, dass sich darin nur ein äußerst kleiner Teil der ursprünglich von Gott offenbarten Botschaft finden lässt. Außerdem enthält die Bibel keine Grundsätze für Politik, Wirtschaft, Justiz, Krieg und Frieden sowie für andere derartige Bereiche. Daher war es nicht möglich, bei der Staatsführung und bei sämtlichen politischen und wirtschaftlichen Tätigkeiten ausgewogene und gerechte Grundsätze anzuwenden. Die Religionsgelehrten, also die Priester, hielten im eigenen Interesse im Namen der Religion eine religionslose und ausbeuterische Herrschaft aufrecht, als deren Gegenreaktion der „Säkularismus“ entstand. Die Angelegenheit der Muslime ist jedoch völlig anders. Der Koran und die Sunna lagen vor ihnen und liegen noch immer vor ihnen. Auch das Beispiel eines beispiellosen islamischen Wohlfahrtsstaates, der fast ein halbes Jahrhundert lang unverfälscht bestand, liegt vor ihnen. Trotz alledem muss es als ein großer Erfolg der Dschāhilīya bezeichnet werden, dass sie die Souveränität Allahs – das heißt Seine Herrschaft und Autorität in allen Lebensbereichen – zurückwiesen und sich den von Menschen geschaffenen Ideologien und Gesetzen unterwarfen.
Allerdings trifft es zu, dass die Muslime, nachdem sie aufgrund ihres moralischen Verfalls aus der politischen Macht verdrängt worden waren und ein Leben in Knechtschaft führten, von den Gedanken, der Lebensanschauung und den Wertvorstellungen der siegreichen Mächte beeinflusst wurden. Schließlich wurden sie zu solchen geistigen Sklaven der siegreichen Mächte, dass sie alles mit deren Verstand zu durchdenken und mit deren Augen zu sehen begannen.
Der Säkularismus unter der europäischen Kolonialherrschaft
Im östlichen Teil dieses Subkontinents, also in Bengalen, Bihar und Orissa, begann die koloniale Herrschaft der Engländer im Jahr 1757. Durch List, Betrug, Bestechung und Verrat besiegten und töteten sie Siradsch ud-Daulah, den unabhängigen Herrscher von Bengalen, Bihar und Orissa, ohne dass es zu einem Krieg kam. So errichteten sie in dieser Region und innerhalb der folgenden hundert Jahre im gesamten Subkontinent ihre Herrschaft. Vor der englischen Herrschaft hatte im ganzen Subkontinent mehrere Jahrhunderte lang eine muslimische Herrschaft bestanden. Es sei darauf hingewiesen, dass während der muslimischen Herrschaft überall im Land das islamische Recht eingeführt war und unter Angehörigen aller Völker und Religionen vollkommene Gerechtigkeit herrschte. Nachdem die Muslime von der Macht verdrängt worden waren, setzten sich die englischen Herrscher an ihre Stelle und hoben anschließend das im Land geltende islamische Recht auf; an seine Stelle wurden von Menschen geschaffene Gesetze in Kraft gesetzt.
Das Ende der muslimischen Herrschaft war durch den extremen moralischen Verfall, die Genusssucht und die Verantwortungslosigkeit der muslimischen Herrscher herbeigeführt worden. Doch die Muslime konnten die Herrschaft von Ausländern und Nichtmuslimen aus zwei Gründen nicht akzeptieren. Erstens mussten sie als Angehörige eines Herrschervolkes die Ketten der Unterwerfung, also der Knechtschaft, tragen, was für sie zutiefst beschämend und unerträglich war. Zweitens war ihnen anstelle des islamischen Rechts ein gottloses, von Menschen geschaffenes, also säkulares Recht auferlegt worden. Dies stand im Widerspruch zu ihrem Īmān und ihrer ʿAqīda.
Nach dem grundlegenden Glauben des Islam ist Allah nicht nur der Schöpfer des gesamten Universums einschließlich der Menschheit, sondern auch der Versorger, Erhalter, Herr, König und Gesetzgeber aller Lebewesen. In der Koran-Sure „an-Nās“ wird Allah als König der Menschheit bezeichnet und dazu aufgefordert, bei Ihm Zuflucht zu suchen. Allah ist der König der Menschheit, und die Menschen sind Seine Untertanen. Vonseiten des Königs müssen für die Untertanen selbstverständlich die notwendigen Gesetze und Regeln festgelegt sein, deren Befolgung für die Untertanen verpflichtend ist. Andernfalls müssen sie wegen des Verbrechens des Gesetzesbruchs zweifellos strafwürdig sein.
Für die Muslime dieses Subkontinents stellte sich die Frage mit aller Deutlichkeit, wie man anstelle der Gesetze Allahs von Menschen geschaffene Gesetze akzeptieren könne. Wer oder welche Kräfte die Herrschaft und Gesetzgebung Allahs abschaffen und ihre eigene Gesetzgebung in der menschlichen Gesellschaft durchsetzen wollen, sind nichtige Kräfte, die den Anspruch auf Göttlichkeit erheben und im koranischen Sprachgebrauch „Ṭāġūt“ genannt werden. Erst durch die Zurückweisung von Ṭāġūts Befehlsgewalt, Herrschaft, Vorherrschaft und Autorität kann man an Allah glauben. Zugleich ist es unvernünftig und steht im Widerspruch zu den grundlegenden Glaubensüberzeugungen des Islam, Allah und Ṭāġūt zugleich zu gehorchen. Gewiss trifft es zu, dass die britische Regierung während ihrer fast zweihundertjährigen Herrschaft auf diesem Subkontinent die Muslime nicht an ihren religiösen Pflichten wie Gebet, Fasten, Haddsch und Zakāt hinderte. Ihre Haltung war, dass jeder die vollständige Freiheit genießen solle, seine jeweiligen religiösen Pflichten zu erfüllen. Doch auf die Gesetze des Landes, das Justizwesen, die Politik, die Wirtschaft, Zivilisation und Kultur, Bildung und Erziehung und dergleichen sollte die Religion keinerlei Einfluss haben. In moderner Terminologie wird dies „Säkularismus“ genannt. Dadurch werden außerhalb des persönlichen Lebens in allen Lebensbereichen die Gesetze Allahs sowie Seine Herrschaft und Autorität vollständig geleugnet. Wie könnte man dies anders als äußerste Auflehnung gegen Gott bezeichnen?
Diese islamwidrige Ideologie und Gesellschaftsordnung konnten die Muslime nicht akzeptieren; deshalb begann Sayyid Ahmad Schahid Barelwi (raḥimahu llāh) unter dem Namen „Taḥrīk-i Mujāhidīn“ wahrhaftig eine islamische Bewegung. Tausende Muslime aus allen Regionen des Subkontinents schlossen sich dieser Bewegung freiwillig an. Danach führten sie auf Allahs Weg einen bewaffneten Kampf und errichteten sogar einen wahrhaft islamischen Staat. Obwohl dieser aus verschiedenen Gründen nicht von Dauer sein konnte, erfüllten die wahren Diener Allahs ihre Glaubenspflicht, indem sie die Herrschaft des Ṭāġūt-Rechts stürzten und, wenn auch nur für kurze Zeit, die Herrschaft des Gesetzes Allahs errichteten.
Es muss als eine gewaltige Errungenschaft der Dschahiliyya, also des Satans, bezeichnet werden, dass es ihr gelungen ist, die muslimische Gemeinschaft insgesamt für diese gottfeindliche Weltanschauung (Säkularismus) zu beeinflussen und zu begeistern. Für diejenigen, die nicht an die Existenz Gottes glauben oder an die Existenz dreier beziehungsweise vieler Götter glauben, gibt es keine Schwierigkeit, diese Weltanschauung anzunehmen. Denjenigen, die an andere Religionen als den Islam glauben, ist von ihrer Religion keine Lebensordnung verkündet worden. Abgesehen von einigen Anbetungshandlungen und religiösen Zeremonien wurden ihnen keine Anweisungen für die verschiedenen Bereiche und Seiten des Lebens gegeben. Selbst im himmlischen Buch Injil wurde über die Gesellschafts- und Staatsordnung nichts gesagt. Im letzten offenbarten Buch Allahs, dem „Al-Qur’an“, ist für das gesamte Leben des Menschen eine vollständige Ordnung gegeben worden. Wenn in irgendeinem Lebensbereich über eine Angelegenheit entschieden werden soll, muss dies nach den von Allah offenbarten Gesetzen und Bestimmungen geschehen. Diejenigen, die dies nicht tun, werden ausdrücklich als „Kafir“, „Zalim“ und „Fasiq“ bezeichnet. Doch Personen und Personengruppen, die als Muslime bekannt sind, verletzen diese eindeutige Anweisung bedenkenlos weiterhin. Was könnte der einzige Grund dafür sein, wenn nicht der, dass diese unglückseligen Muslime unter der politischen Herrschaft islamfeindlicher Mächte ein Leben in Knechtschaft führen und die von ihnen eingeführte Bildung angenommen haben? Das ist nichts anderes als ihre äußerste Minderwertigkeit und geistige Sklaverei.
Es ist zutiefst bedauerlich, dass die Türkei unter den Ländern der muslimischen Welt als erstes den Säkularismus zur Grundlage des Wiederaufbaus von Gesellschaft, Staat sowie Zivilisation und Kultur machte. Der Architekt dieses gottfeindlichen Staats- und Gesellschaftssystems war Mustafa Kemal Pascha.
Kemal Pascha wurde 1881 in einer heruntergekommenen Hütte in Saloniki geboren. Sein Vater Ali Rıza arbeitete als Schreiber in einem Regierungsbüro. Da er die Not der Armut nicht ertragen konnte, gab er seine Anstellung auf und begann in der Hoffnung auf eine Verbesserung seiner Lage ein Geschäft. Doch geschäftlich konnte er keinen Erfolg erzielen. Stattdessen geriet er zunehmend in größere Armut. Schließlich trieb ihn seine völlige Verzweiflung über das Leben in die Drogensucht, und er starb an Tuberkulose. Seine Frau, also Mustafa Kemals Mutter, war eine äußerst gottesfürchtige und verschleierte Muslimin. Sie wollte aus ihrem Sohn einen frommen Gelehrten machen. Doch Kemal war schon seit seiner Kindheit von aufsässigem und zügellosem Charakter. Lehrer öffentlich zu beleidigen und zu beschimpfen, lag in seiner Art. Daher erhielt er in der Schule keine Bildung. Später ließ sein Onkel ihn an einer Militärschule einschreiben. Auf diese Weise erhielt er die Möglichkeit, in die Armee einzutreten.
Kemal Pascha war Islam und den islamischen Bräuchen und Zeremonien bereits seit seiner Kindheit völlig abgeneigt. In diesen Angelegenheiten wies er den Rat und die Ermahnungen seiner Mutter nicht nur zurück, sondern behandelte sie auch äußerst grob. Auch gegenüber Gott, der Offenbarung, dem Prophetentum und dem Jenseits begann sein Unglaube immer stärker zu werden, und im Erwachsenenalter trat er als Atheist hervor.
Der Erste Weltkrieg
Im vergangenen Ersten Weltkrieg kämpfte die Türkei, der „kranke Mann Europas“ (The Sick Man of Europe), aufseiten Deutschlands gegen die Engländer. Bis zu jener Zeit galt das Osmanische Reich der Türkei als Hüter des Kalifats. Um dem Gegner einen schweren Schlag zu versetzen und die muslimische Einheit völlig zu zerschlagen, entsandten die Engländer „Lawrence von Arabien“ als Propagandisten des arabischen Nationalismus in die arabischen Länder. Der damalige Herrscher von Mekka, Scharif Husain Haschimi, wurde von dieser nationalistischen Propaganda so stark beeinflusst, dass er Mitte 1915 für die nationale Unabhängigkeit der Araber zu den Waffen griff, gegen die Muslime kämpfte und der Türkei in den Rücken fiel. Im Ersten Weltkrieg errangen die Engländer beziehungsweise die alliierten Streitkräfte (Allied Force) den Sieg. Bereits zu Beginn des Krieges hatten sie das Osmanische Reich durch ein geheimes Abkommen untereinander aufgeteilt. Nach dem Ende des Krieges wurde das Türkische Reich 1919 zerstückelt. Sein europäischer Teil ging verloren. Infolge der Giftwirkung des arabischen Nationalismus lösten sich die arabischen Länder zwar vom Türkischen Reich, wurden jedoch unter England, Frankreich und Griechenland aufgeteilt. Schließlich blieb das Osmanische Reich auf das alte Anatolien (Istanbul) beschränkt. Im Mai 1919 blieb in der osmanischen Hauptstadt nur noch die Existenz eines Sultans dem Namen nach bestehen. Doch auch hier war seine Unabhängigkeit gefährdet.
Unterdessen hatten die muslimischen Führer Britisch-Indiens beziehungsweise dieses Subkontinents in den Muslimen die Überzeugung geweckt, dass der Kalif der Muslime und das Kalifat ein wesentlicher Bestandteil ihres wahren Glaubens seien. Als sie danach den Untergang des Osmanischen Reiches und dessen Zerstückelung sahen, entstand unter den Muslimen des Subkontinents der Verdacht, dass die Briten vielleicht gerade das Zentrum des Kalifats zerstören würden, das die Muslime als ihr religiöses und geistliches Zentrum betrachteten.
Daraufhin suchten die muslimischen Führer den Vizekönig von Indien auf und legten ihm ihre Haltung dar. Ihr Treffen verlief nicht zufriedenstellend. Anschließend reiste unter der Leitung von Führern wie Maulana Muhammad Ali Dschauhar und Maulana Sayyid Sulaiman Nadwi eine Delegation nach London, um mit den britischen Behörden zusammenzutreffen und ihnen ihre Anliegen vorzutragen. Als Antwort wurde ihnen mitgeteilt, dass ihnen außer den eigentlichen türkischen Gebieten keine anderen Territorien überlassen werden könnten.
Aufgrund des muslimfeindlichen Verhaltens der britischen Regierung wurden die Muslime des Subkontinents äußerst zornig, und in Indien begann eine heftige Khilafat-Bewegung, um die Existenz des Kalifats zu bewahren. Am 10. August dieses Jahres (1919) wurde im gesamten Subkontinent der Khilafat-Tag begangen. Von dieser Zeit an kam es an verschiedenen Orten zu Streiks. Kurz gesagt, im Subkontinent begann eine gewaltige Explosion des Widerstands gegen die Briten. Innerhalb eines Monats stellten sich etwa zwanzigtausend Muslime freiwillig zur Inhaftierung. Diese Bewegung dauerte bis 1922 an. Doch äußerst bedauerlich ist, dass diese so große Bewegung und all die Proteste und Ausbrüche gegen die Briten letztlich vollständig scheiterten.
Der Grund dafür war, dass Kemal Pascha die dschihadistische Begeisterung der türkischen Muslime nutzte, den Krieg mit außergewöhnlichem Heldenmut und großer Umsicht führte und zahlreiche Gebiete von den Engländern zurückeroberte. Er vereinte die Türken und konnte ihre verlorene Würde und ihren Ruhm wiederherstellen. Nachdem Kemal Pascha auf diese Weise die unumschränkte Macht erlangt hatte, setzte er im November 1922 Sultan Muhammad Haschim, den Sultan des Osmanischen Kalifats, ab und beseitigte im März 1924 das Kalifat, indem er den letzten Sultan, Abdülmecid, aus dem Land verbannte und ihn zu einer bloßen Marionette machte.
Unmittelbar nach seiner Machtübernahme erklärte Kemal Pascha, er werde alle Spuren des Islam aus dem Leben der türkischen Nation tilgen. Erst nach der Beseitigung der Herrschaft des Islam könnten die Türken Fortschritte machen und sich zu einer angesehenen modernen Nation entwickeln. Auf diese Weise hielt er in der Öffentlichkeit eine Rede nach der anderen gegen den Islam und alle seine Aspekte.
Am 3. März 1924 brachte er im Parlament einen Gesetzentwurf zur Errichtung einer vollständig „säkularen“ türkischen Nation ein. Er sagte, Religion und Staat müssten voneinander getrennt werden. Die Türkische Republik müsse wahrhaftig in einen säkularen Staat verwandelt werden.
Er erklärte den Widerstand gegen den Gesetzentwurf zu einem schweren Verbrechen und warnte alle vor den schrecklichen Folgen. In der Folge wurde der Gesetzentwurf ohne jede Debatte angenommen.
Dass die dem Wort „säkular“ zugrunde liegende Bedeutung Religionslosigkeit oder Gottesfeindschaft ist, wurde durch die staatlichen Maßnahmen bewiesen. Nach dem Vorbild der gottlosen, materialistischen westlichen Zivilisation wurden Essen und Trinken, Kleidung, Umgangsformen, obszöne Tänze und Gesänge, Alkoholkonsum sowie andere islamfeindliche Kulturerscheinungen zu nationalen Symbolen der Türkei erklärt. Aus den islamischen Bildungseinrichtungen wurde die islamische Lehre entfernt. Infolgedessen wurden zahlreiche Madrasas und Maktabs zerstört. Die alte Schrift der türkischen Sprache wurde durch die Einführung des lateinischen Alphabets ersetzt. Der Gebetsruf auf Arabisch wurde verboten. Allein durch den Druck der Macht wurde eine muslimische Nation plötzlich in eine islamferne Nation verwandelt.
Einige Zeit später traf eine türkische Delegation in Delhi ein. Sie waren wiederholt stolz darauf, sich als europäische Nation zu bezeichnen. Die Muslime Delhis luden sie ein, in der Freitagsmoschee von Delhi das Freitagsgebet zu verrichten. Doch sie lehnten diese Einladung ab. Auch die Einladung der Muslim-Universität Aligarh lehnten sie ab. Obwohl zuvor kein entsprechendes Programm vorgesehen war, besuchten sie hingegen mit Freude die Hindu-Universität von Benares. Mit anderen Worten: Sie waren nicht bereit, sich als Muslime zu erkennen zu geben. Das ist die tatsächliche Folge des Säkularismus.
Die Bannerträger des Säkularismus sagen, der Säkularismus sei nicht religionsfeindlich. Er betrachte Religion jedoch als vom Staat getrennt. Das ist nichts weiter als eine beschwichtigende Täuschung. Der Begründer des türkischen Säkularismus glaubte überhaupt nicht an die Religion und wollte den Islam ausrotten. Er sagte, der Islam sei eine tote Sache, die von einem theologisch prinzipienlosen Araber eingeführt worden sei. Es besteht kein Zweifel, dass er damit auf den Propheten Muhammad (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) anspielte.
Er sagte ferner, dass dies vielleicht für die Stämme der Wüste geeignet gewesen sei. Für den modernen und fortschrittlichen Staat der Gegenwart habe es jedoch kaum einen Wert. Offenbarung Gottes? Es gibt doch gar keinen Gott! Das sind Ketten, mit denen die Mullahs und unehrlichen Herrscher das Volk zwingen, mit gesenktem Haupt zu leben.
Wessen Herz ohne Glauben an Gott und die Religion ist, dessen Charakter ist ebenfalls entsprechend. Er wird äußerst willkürlich, grausam, charakterlos und hochmütig. Auch Kemal Pascha war von diesem Charakter. Er heiratete eine gebildete und schöne Frau namens Latife. Er ermutigte diese Frau, Männerkleidung zu tragen und die uneingeschränkte Gleichberechtigung der Frauen zu fordern. Als sie jedoch, von Selbstachtung erfüllt, verlangte, wie eine ehrenvolle Ehefrau behandelt zu werden, ließ Kemal sich im Zorn von ihr scheiden. Nach der Scheidung überschritt seine Schamlosigkeit alle Grenzen. Er begann, so viel Alkohol zu trinken, dass er zu einem maßlosen Trinker wurde und beinahe ständig betrunken war. Schöne junge Männer wurden zum Ziel seiner sexuellen Begierde. Sein Verhalten gegenüber den Ehefrauen und Töchtern seiner politischen Unterstützer wurde so unanständig, dass diese versuchten, ihre Frauen möglichst weit von ihm fernzuhalten. Seine Gesundheit zerbrach an einer Geschlechtskrankheit.
Er vertraute niemandem. Auf jede Meinung, die seiner eigenen widersprach, hörte er nicht im Geringsten. Er beurteilte alle Handlungen nach dem Maßstab seines Eigennutzes.
Kein despotischer Herrscher kann seinen Rivalen auch nur im Geringsten dulden. Auch Kemal Pascha ließ keine Gelegenheit aus, seine politischen Gegner zu beseitigen. Zu ihrer Aburteilung wurde ein despotisches Tribunal eingerichtet. Ohne jedes Gerichtsverfahren und ohne Beweise wurden sie zum Tode verurteilt.
Das islamfeindliche Reformprogramm Kemals konnten die Türken nicht hinnehmen. Ihr Protest nahm immer festere Gestalt an. 1926 erklärten die kurdischen Stämme der Bergregion offen den Aufstand gegen die Verwaltung Kemals. Kemal Pascha begann im türkischen Kurdistan mit barbarischer Unterdrückung. Dorf um Dorf ließ er niederbrennen. Haustiere und Felder wurden zerstört. Frauen und Kinder wurden massenhaft vergewaltigt und getötet. Zahlreiche kurdische Anführer wurden öffentlich gehängt. Unter Schreien, Wehklagen und Trauerklagen festigte Kemal seine despotische und islamfeindliche säkulare Herrschaft.
Doch der Islam konnte aus der Türkei nicht ausgelöscht werden. Der Niedergang des Kemalismus hat begonnen, und ebenso die islamische Wiedergeburt. In der Jugend, in den Bildungseinrichtungen, in den Kasernen. Der Kemalismus, die Waffe der Dschahiliyya, ist nun im Niedergang. Er besitzt nicht mehr die Kraft, die islamische Wiedergeburt aufzuhalten.
Der Einfluss und die Wirkungskraft der auf der Grundlage des „Säkularismus“ geschaffenen Lebensanschauung, der festgelegten Maßstäbe für Recht und Unrecht, Gut und Böse, Gewinn und Verlust, Sieg und Niederlage sowie Sünde und Tugend und des darauf errichteten Palastes von Zivilisation und Kultur breiteten sich allmählich über die ganze Welt aus. Durch den Fortschritt von Wissenschaft und Technik erzeugte diese neue Zivilisation in den Menschen Staunen und Anziehung. Die neuen Denkweisen gelehrter Denker wie Francis Bacon, Voltaire, Darwin, Hegel, Karl Marx und Freud machten diese Zivilisation und Kultur zu einem Bannerträger des Atheismus und Materialismus. Die muslimischen Länder beugten sich eines nach dem anderen dieser Zivilisation und Kultur sowie ihrer politischen Vorherrschaft. Das Leben in Knechtschaft bewirkte in ihnen eine geistige Veränderung. Sie verloren den islamischen Glauben, den Charaktermaßstab sowie den unerschütterlichen Mut, die große Willenskraft und die Tapferkeit, die aus dem Glauben an den Tauhid erwachsen. Das säkulare, also gottlose, Bildungssystem unter der siegreichen Zivilisation machte sie völlig gottabgewandt. Dem Namen nach blieben sie zwar Muslime, doch in ihren Herzen blieb jedes Gefühl dafür verschwunden, dass sie sich im Jenseits vor Gott verantworten müssen.
Doch die Lage der gesamten muslimischen Gesellschaft war nicht überall gleich. Unter der einfachen Bevölkerung gab es eine Mehrheit, in der trotz gewisser Verformungen islamisches Bewusstsein und Lebenskraft vorhanden waren. Sie waren jedoch nicht geeint, und es herrschte großer Mangel an Menschen, die sie auf den richtigen Weg führen konnten. Die Gelehrtenschaft tat zur Bewahrung des Islam lediglich Folgendes: Sie unterhielt aus eigener Initiative Madrasas und Maktabs sowie Dar-ul-Ulums für die islamische Bildung und hielt das Studium von Koran und Hadith aufrecht. An verschiedenen Orten wurden auch Chanqas zur Vermittlung der Lehre des Tasawwuf errichtet. Doch dadurch konnten sie den Fortschritt der Dschahiliyya nicht aufhalten. Die Dschahiliyya hat im gesamten menschlichen Leben ihre uneingeschränkte Autorität und Herrschaft errichtet – von Bildungseinrichtungen bis zur staatlichen Verwaltung und den Gerichten; von den verschiedenen Nachrichtenmedien bis zu internationalen Kontakten, Beziehungen und Verbindungen; in Essen und Trinken, Sport, Vergnügungen und Bewirtung, bei Hochzeiten, verschiedenen Veranstaltungen und Festen. Die taghutischen Regierungen ließen durch ihr eingeführtes Bildungssystem Menschen heranbilden, die ihnen bei der Verwaltung helfen und denen zu gegebener Zeit die Herrschaft über das Land übertragen werden sollte. Diese Menschen, denen islamisches Wissen und islamischer Charakter fehlten, ahmten ihre westlichen Herren blind nach, um ihnen zu gefallen. In ihrem Herzen hatten sie sich bereits vom Islam verabschiedet. Denn sie glaubten, der Islam sei ein großes Hindernis auf dem Weg zum Aufstieg und Fortschritt der muslimischen Nation.
Den von der westlichen Zivilisation und Kultur geprägten, verdorbenen und vom rechten Weg abgeirrten Menschen wurde eines Tages seitens der britischen Regierung eine gute Nachricht verkündet. Lord Cromer sagte in seinem Werk „History of Modern Egypt“ als Sprecher der britischen Regierung:
England ist bereit, allen seinen Kolonialbesitzungen letztlich politische Freiheit zu gewähren, sobald eine Generation von Intellektuellen und Politikern, die durch eine englische Erziehung mit unseren Idealen und unserer Kultur erfüllt ist, bereit ist, die Macht zu übernehmen. Doch werden wir die Errichtung eines unabhängigen islamischen Staates irgendwo auf der Welt nicht einen einzigen Augenblick lang dulden.
Das heißt: England ist bereit, den seiner kolonialen Herrschaft unterstehenden Ländern endgültig politische Unabhängigkeit zu gewähren, sobald eine Generation von Politikern und Intellektuellen durch eine englische Erziehung für unsere Ideale und unsere Kultur begeistert und bereit sein wird, die Macht zu übernehmen. Doch werden wir nirgendwo auf der Welt auch nur einen Augenblick lang einen unabhängigen islamischen Staat dulden.
Lord Cromer sprach nicht nur die Gedanken der britischen Herrscher aus; es waren zugleich die Gedanken aller imperialistischen Mächte Europas. Wir sehen, dass die muslimische Bevölkerung, als nach dem Zweiten Weltkrieg in den muslimischen Ländern die Unabhängigkeitsbewegungen einsetzten, von islamischem Dschihad-Geist erfüllt in den Kampf um die Unabhängigkeit zog. Doch überall bot sich dasselbe Bild. Nach Erlangung der Unabhängigkeit bemächtigte sich eine bestimmte Gruppe – blinde Anhänger der westlichen Zivilisation – der Macht und errichtete, indem sie die Hoffnungen und Bestrebungen der Muslime zunichtemachte, anstelle der islamischen Herrschaft eine Herrschaft des Taghut. So errang die Dschahiliya den Sieg. In nahezu jedem neu unabhängig gewordenen muslimischen Land war dieselbe Lage zu beobachten.
Unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg begann auf dem Subkontinent die Unabhängigkeitsbewegung. In den dreißiger Jahren gewann diese Bewegung an Stärke. Obwohl Hindus und Muslime, zwei verschiedene Nationen, seit mehreren Jahrhunderten auf diesem Subkontinent nebeneinander leben, haben sie ihre jeweilige nationale Eigenart und Identität bewahrt. Die Hindus sind hier die zahlenmäßige Mehrheit. Sie erhoben den Anspruch auf eine auf der Geografie beruhende Nationalität und erklärten: In diesem Land bilden alle Menschen ungeachtet ihrer Nation und Religion gemeinsam eine Nation; eine eigenständige Nation namens „Muslime“ gibt es hier nicht. Dieser Anspruch war lächerlich, unrealistisch und widersprach der Wahrheit.
Im Namen der hundert Millionen Muslime des Subkontinents wurde der Anspruch der Hindus zurückgewiesen und erklärt: Die Muslime bilden auf der Grundlage ihres religiösen Glaubens eine völlig eigenständige Nation. Muslime und Nichtmuslime waren niemals eine einzige Nation und können es auch niemals werden.
Die politische Organisation der Hindus, der Indische Nationalkongress, forderte die Errichtung eines säkularen Staates auf der Grundlage einer einzigen Nationalität.
Die Forderung der Muslime lautete: Da die Muslime eine eigene Nation sind und gemäß den Erfordernissen ihres Iman und ihrer Aqida die vollständige Herrschaft des Islam, also des Korans, errichtet werden muss, brauchen die Muslime für diese islamische Herrschaft unbedingt ein eigenes Siedlungsgebiet. Aus den mehrheitlich muslimischen Regionen des Subkontinents sollte ein eigener Staat der Muslime gebildet werden – sein Name sollte Pakistan sein.
Nach fast acht Jahren heftiger Bewegung und Kampf entstand am 14. August 1947 ein eigener Staat für die Muslime, genannt Pakistan. Millionen Menschen des Subkontinents gaben im Verlangen nach Pakistan und einer islamischen Herrschaft dort bedenkenlos ihr Leben. Die Erde wurde vom frischen Blut von Millionen Frauen und Kindern rot gefärbt – nach dem 14. August betraten Millionen Menschen das Land des neugeborenen Pakistan, indem sie durch ein Meer von Blut schwammen.
Alle waren voller Hoffnung: Der seit Langem ersehnte Islamische Staat sollte errichtet werden. All das Unrecht und die Unterdrückung, all die Schreie und das Wehklagen würden gesühnt werden. Eine vollkommen auf Wahrheit und Gerechtigkeit gegründete Gesellschaft würde entstehen. Die Mauern der Ungleichheit und der Trennung zwischen den Menschen würden zerbrochen und zerschmettert werden – Plünderung, Ausbeutung und Entrechtung würden ein Ende finden. Unter dem Gesetz des Korans und der Sunna würde auf der Welt von Neuem eine himmlische Gesellschaft aufgebaut werden.
Doch es kam anders. Die Worte der Lords Cromer und seinesgleichen erfüllten sich buchstäblich. Zum einen war niemand für die Führung eines Islamischen Staates ausgebildet worden, und es gab auch keinen entsprechenden Plan. Viele hegten den verhängnisvollen Irrglauben, für die Führung eines Islamischen Staates genüge es, Muslim zu sein. Weitere Eigenschaften seien nicht erforderlich. Diese Denkweise erwies sich als völlig falsch.
Der Grund dafür war, dass das von den Briten auf dem Subkontinent eingeführte Bildungssystem die Muslime in eine Richtung gedrängt hatte, die den ewigen Geboten des Islam völlig entgegengesetzt war. Das moralische Rückgrat eines Volkes, dessen Bildungspolitik darin besteht, sich von der Masse mitreißen zu lassen, kann niemals stark sein. Der Islam lehrt uns, dass wir unabhängig davon, wohin die Strömung verläuft und in welche Richtung sie auch weist, unter allen Umständen mit größter Entschlossenheit ausschließlich den von Allah bestimmten Weg gehen müssen. Selbst nachdem sie die Herrschaft über einen unabhängigen Staat erlangt hatten, konnten die unter einem säkularen oder religionslosen Bildungssystem ausgebildeten Führer ihn unmöglich nach den Idealen des Islam regieren. Denn es war keinerlei Vorkehrung getroffen worden, Menschen mit der für die Führung von Polizei, Gerichten, Armee, Verwaltung und Bildungswesen sowie für die Wirtschafts- und Außenpolitik eines Islamischen Staates erforderlichen geistigen Haltung und charakterlichen Stärke auszubilden. Es trifft zu, dass die unter dem bestehenden Bildungssystem vermittelte Ausbildung für einen nichtislamischen oder taghutischen Staat Verantwortliche auf allen Ebenen hervorbringen konnte, angefangen beim Staatsoberhaupt. Doch sie konnte für einen Islamischen Staat nicht einmal einen Pförtner oder einen gewöhnlichen Polizisten für die islamische Polizei ausbilden.
Bedauerlicherweise gab es auf dem Subkontinent unzählige Madrasas, Dar-ul-Ulums und dergleichen. Doch unser traditionelles Madrasa-Bildungssystem konnte in der modernen Zeit nicht einmal einen einzigen Richter, Abteilungssekretär oder Botschafter hervorbringen, wie sie für einen Islamischen Staat erforderlich sind. Damit erwies sich, wie irrig die Vorstellungen jener gewesen waren, die glaubten, die Errichtung eines Islamischen Staates werde bereits dadurch verwirklicht, dass die Staatsgewalt in die Hände von Menschen namens „Muslime“ gelangte.
Aus den Schulen, Colleges und Universitäten des Subkontinents war niemand für das Ziel ausgebildet worden, eine islamische Herrschaft zu führen, und auch die Madrasas und Dar-ul-Ulums hatten diese Aufgabe nicht erfüllt. Infolgedessen fiel die Verantwortung für die Führung des Landes in die Hände eben jener von den Herren Cromer ausgebildeten Menschen. Mit aller Kraft versperrten sie in dem im Namen des Islam gegründeten Pakistan jeden Weg, auf dem der Islam Einzug halten konnte.
Herr Altaf Gauhar hat anschaulich geschildert, wie nach der Entstehung Pakistans die Verantwortung für seine Regierung in die Hände der von den Briten ausgebildeten einheimischen Menschen gelangte, die sich Muslime nannten. Er trat bereits während der britischen Herrschaft in den Staatsdienst ein und bekleidete später bis in die sechziger Jahre hinein äußerst wichtige Ämter in der pakistanischen Regierung. Er sagt:
Die Briten hatten unserer herrschenden Schicht beigebracht, koloniale Interessen zu wahren und besondere Institutionen zu führen. Die einheimischen Herrscher (Bürokraten) waren zu der Überzeugung gelangt, dass ihre eigene Existenz untrennbar mit dem Fortbestand der Institutionen der früheren Herrscher verbunden sei. Die Unabhängigkeit hatte sie aus der Stellung indirekter Vorherrschaft unmittelbar in die Position von Herrschern erhoben. Ihrer Ansicht nach konnte es zum Schutz der Interessen des Landes kein besseres System geben als die früheren Institutionen und das frühere System (die britische Regierungsweise).
Altaf Gauhar sagte außerdem: Damals waren es ausgesprochene Engländer, die als Richter und Magistrate an unseren Gerichten tätig waren. Sehen Sie sich die blinde Nachahmungssucht unserer neuen Herrscher an: Obwohl es keine Möglichkeit gab, in die Familien jener Richter einzuheiraten oder an ihren Hochzeiten und Beerdigungen teilzunehmen, übernahmen sie blind deren Sitten und Gebräuche sowie die der Anglo-Sachsen (Anglo-Saxons). Ebenso waren sie nicht bereit, auch nur einen Zoll von der herkömmlichen britischen Regierungsweise und dem britischen Wirtschaftssystem abzuweichen.
Die Bevölkerung brachte für die Erlangung Pakistans bereitwillig alles zum Opfer, weil sie in ihrer eigenen Heimat ihre Glaubensüberzeugungen und ihre Lebensweise verwirklichen wollte. Doch sie wurde aufgebracht, zutiefst verletzt und hoffnungslos. Ihr Mut brach völlig zusammen, als sie sah, dass Pakistan lediglich zu einer anderen Bezeichnung für die Fortsetzung der englischen Herrschaft geworden war.
Wir hörten aus dem Mund Lord Cromers, dass Großbritannien beziehungsweise die Dschahiliyya nirgendwo auf der Welt auch nur einen Augenblick lang einen unabhängigen islamischen Staat dulden würde. Alle islamfeindlichen Kräfte der Welt sind gegen die islamische Herrschaft, und auch diejenigen, die im neuen Pakistan an die Macht kamen, waren gegen die islamische Herrschaft. Doch die Bevölkerung des Landes und die Gelehrten setzten ihre Bewegung für die Ausarbeitung einer islamischen Verfassung und für eine islamische Herrschaft fort. Angeführt wurde diese Bewegung von der von Maulana Sayyid Abul Ala Maududi gegründeten Jamaat-e-Islami Pakistan. Diese Jamaat wurde 1941 gegründet. Zu jener Zeit tobte in ganz Asien und Europa der verheerende Zweite Weltkrieg. Auf dem Subkontinent betrieb einerseits der Indische Nationalkongress eine Bewegung zur Übernahme der Macht von den Briten, mit dem Ziel, auf der Grundlage des Einheitsnationalismus einen säkularen Staat zu errichten; andererseits kämpften die Muslime dafür, für sich eine eigene Heimat festzulegen und dort die göttliche Herrschaft, Hukumat-e-Ilahiya, beziehungsweise einen islamischen Staat zu errichten. Viele fragten sich daher, warum in einer solchen Zeit eine Partei namens Jamaat-e-Islami gegründet werden müsse. Um diese Frage richtig zu beantworten, muss man ein klares Verständnis davon gewinnen, worum es bei der Pakistanbewegung ging, die zur Errichtung der göttlichen Herrschaft, Hukumat-e-Ilahiya, beziehungsweise eines islamischen Staates geführt wurde.
Das gesamte Gefüge der göttlichen Herrschaft, also des islamischen Staates, gründet auf dem Fundament der Herrschaft und Autorität Allahs. Der alleinige Schöpfer, Herr, König und Gesetzgeber des Universums ist Allah. Dies ist das grundlegende Konzept der islamischen Politik. Kein Einzelner, keine Familie, Gruppe oder Nation hat das Recht, über Menschen zu herrschen oder Macht über sie auszuüben. Da die gesamte Schöpfung Allah gehört, steht allein Ihm das Recht zu, über sie zu gebieten und zu herrschen. Der Mensch aber soll als Sein Statthalter oder Stellvertreter handeln. Der Mensch muss stets daran denken, dass ihm die Verantwortung für Allahs Statthalterschaft oder Stellvertretung nicht deshalb übertragen wurde, damit er sich zum Herrn über andere Menschen aufschwingt, sie zu seinen Sklaven macht, sich als ihr Herr aufspielt und seine Begierden und tierischen Triebe befriedigt. Vielmehr wurde ihm die Verantwortung der Statthalterschaft deshalb übertragen, damit alle gemeinsam Allahs Gesetz über Allahs Diener durchsetzen. Auch sie selbst sollen sich diesem Gesetz vollständig unterwerfen. In ihnen soll stets der Glaube lebendig sein, dass sie im Jenseits vor Allahs Gericht unbedingt bestraft werden, wenn sie es versäumen oder versäumen, Allahs Gesetz über andere durchzusetzen, oder dabei auch nur geringfügige Selbstsucht, Willkür, Hass und Feindschaft, Parteilichkeit oder Verrat zeigen, selbst wenn sie dafür im irdischen Leben nicht zur Rechenschaft gezogen werden.
Die auf der Grundlage der oben dargelegten Ideale, Glaubensvorstellungen und geistigen Haltung errichtete Staatsordnung nennt man islamischen Staat, und jede seiner Abteilungen unterscheidet sich von den Grundfesten bis zu den Verästelungen vollständig von einem religionslosen Staat (Secular State). Mit keiner anderen Staatsordnung ist er überhaupt vergleichbar. Seine Armee, Polizei, Gerichte, Politik, Wirtschaft sowie seine Grundsätze und Tätigkeiten in Bezug auf Krieg und Frieden und alles Weitere unterscheiden sich vollständig von denen eines religionslosen Staates. Die ranghöchste verantwortliche Person eines säkularen Staates wäre nicht einmal würdig, ein unbedeutendes Amt in einem islamischen Staat zu bekleiden. Für jede Abteilung und jedes Amt eines islamischen Staates braucht man selbstlose Menschen, die weder nach Reichtum gieren noch Verlangen nach Luxus und Genuss haben. Sie müssen äußerst vertrauenswürdig und treuhänderisch zuverlässig sein. Jede Aufgabe werden sie mit vollem Verantwortungsbewusstsein erfüllen. Selbst wenn sie in den Besitz gewaltiger Schätze gelangen, werden sie keinen einzigen Pfennig veruntreuen. In ihrem Herzen bleibt stets das Bewusstsein lebendig, dass sie sich im Jenseits vor Allah dafür verantworten müssen, ob sie ihre Pflichten richtig und ehrlich erfüllt haben. Keine Vorstellung der Dschahiliyya kann ihren Geist und ihr Denken beherrschen.
Aber wurde für den geplanten oder ersehnten islamischen Staat eine solche Belegschaft ausgebildet, oder gibt es überhaupt einen Plan, sie auszubilden?
Vor der Gründung der Jamaat-e-Islami schilderte ihr Gründer, Maulana Sayyid Abul Ala Maududi, die erschütternde moralische und religiöse Lage der muslimischen Gesellschaft und sagte:
„In dieser Gesellschaft sind Menschen jeder Art vorhanden, Gute wie Schlechte. Was den Charakter betrifft, gibt es unter diesem Volk, das sich muslimisch nennt, genau dieselben Menschentypen, die man unter den nichtmuslimischen Völkern der Welt findet. Was die Fähigkeit betrifft, vor Gericht eine falsche Aussage zu machen, steht ein Muslim einem Nichtmuslim in nichts nach. Wucher und Bestechung, Diebstahl und Raub, Unzucht, Lüge, Betrug und Täuschung sowie alle anderen Arten von Verbrechen begehen die Muslime nicht im Geringsten seltener als die Nichtmuslime. Die Methoden, zu denen die Ungläubigen greifen, um besondere Vorteile zu erlangen und Geld zu verdienen, wenden auch die Muslime ohne Bedenken an. Ein muslimischer Rechtsanwalt plädiert wissentlich und vorsätzlich gegen die tatsächliche Wahrheit. In dem Augenblick, in dem ein Nichtmuslim Allah vergisst, vergisst Ihn auch ein muslimischer Rechtsanwalt in gleichem Maße. … Wenn man die gewaltige Menge von Menschen verschiedenster Ansichten und Wesensarten, deren moralischer Zustand so niedrig und verdorben ist, zu einer Armee formiert, sie durch politische Erziehung und Ausbildung listiger als Füchse macht oder sie in der Kriegskunst schult und ihnen die Wildheit von Tigern verleiht, mag es vielleicht leicht werden, die Herrschaft über die Welt der Wildnis zu erlangen. Doch mit ihrer Hilfe kann eine islamische Herrschaft unter keinen Umständen errichtet werden. Denn in einem solchen Zustand wird niemand ihre moralische Überlegenheit anerkennen, und niemand wird den Blick vor ihnen ehrfürchtig senken. Beim Anblick dieser Menschen wird in niemandem der leidenschaftliche Geist und die Inspiration des Islam erwachen. Deshalb wird ihnen niemals das Glück zuteilwerden, das bezaubernde Schauspiel zu erleben, wie die Menschen der Welt in Scharen in den Bereich des Islam eintreten.“
Maulana sagt ferner: „Dadurch, dass die Staatsgewalt solchen Menschen anvertraut wird, werden wir selbst nach der Erlangung eines unabhängigen Staates gezwungen sein, unser Leben genau unter den Bedingungen zu führen, unter denen wir vor der Unabhängigkeit unter der Herrschaft eines nichtmuslimischen Staates lebten. Vielmehr könnte eine noch schlimmere und gefährlichere Lage entstehen. Denn ein Staat, der das Etikett ‚islamischer Staat‘ trägt, wird bei der Verhinderung des Weges zur islamischen Revolution noch mutiger und unerschrockener vorgehen als ein nichtmuslimischer Staat. Vergehen, für die ein nichtmuslimischer Staat eine Gefängnisstrafe verhängen würde, wird dieser ‚muslimische Nationalstaat‘ sogar mit der Todesstrafe oder Verbannung ahnden.“
Die Vorhersagen des scharfsinnigen und weitsichtigen Maulana haben sich in Pakistan buchstäblich bewahrheitet. Seit 1947 dauert dort bis heute der heftige Konflikt zwischen Islam und Dschahiliyya ununterbrochen an. Der Islam konnte sich noch immer nicht als siegreiche Kraft etablieren.
Die Antwort auf die Frage, warum die Jamaat-e Islami gegründet wurde, lässt sich nun sehr leicht finden. Durch die Bewegung würde man vielleicht ein Land namens Pakistan gewinnen können. Um dieses Land davor zu bewahren, zu einer zweiten Türkei zu werden, und um die vierzig bis fünfzig Millionen Muslime zu schützen, die nach der Teilung des Landes zwangsläufig in Indien zurückbleiben würden, war die Gründung einer starken, idealistisch ausgerichteten islamischen Gemeinschaft unerlässlich. Zu diesem Zweck wurde die Organisation gegründet. Von 1941 bis 1947 wandte sie sich von allen anderen Arten von Aktivitäten ab und bildete ihre Mitarbeiterschaft in Ruhe aus, damit sie allen antiislamischen Aktivitäten entgegentreten und mit letzter Kraft darum kämpfen konnte, das ersehnte Pakistan tatsächlich in einen islamischen Staat zu verwandeln.
Die Geschichte Pakistans während der vergangenen Jahrzehnte bezeugt, dass die Jamaat-e Islami seit der Entstehung Pakistans bis heute genau für den Zweck gekämpft hat und weiterhin kämpft, zu dem sie gegründet worden war.
Nach der Entstehung des Staates Pakistan begann die Dschahiliyya, in ihrer vollständigen Gestalt und Ausprägung hervorzutreten. Die Aufgabe, für die die Jamaat während der vergangenen sieben Jahre ausgebildet worden war, die sie jedoch nicht hatte erfüllen müssen, nahm sie nun in Angriff. Um die erhobene Haube der Dschahiliyya-Schlange niederzudrücken und ihren Lauf aufzuhalten, begann die Jamaat-e Islami mit all ihrer Kraft die islamische Bewegung. Die Fahnenträger der Dschahiliyya waren entschlossen, Pakistan wie die Türkei zu einem säkularen oder religionslosen Staat zu machen. Unter dem starken Druck der islamischen Bewegung waren sie am 12. Februar 1949 gezwungen, die historische Grundsatzresolution als Grundlage der islamischen Herrschaft anzunehmen. Sie mussten dies gegen ihren Willen unter dem Druck der Volksbewegung tun. Deshalb wurde Maulana Sayyid Abul Ala Maududi, der Führer der islamischen Bewegung, zum Ziel all des Zorns und der Feindseligkeit der herrschenden Gruppe. Durch eine Verschwörung wurden haltlose Anschuldigungen gegen ihn erhoben, ein Scheinprozess vor einem Militärgericht veranstaltet und gegen ihn die Todesstrafe verhängt. Die Dschahiliyya glaubte, wenn es ihr gelänge, den großen Führer des Islam von der Erde zu beseitigen, werde niemand mehr in der Lage sein, den Weg der Dschahiliyya aufzuhalten. Doch die Dschahiliyya musste besiegt und gedemütigt werden. Das Todesurteil gegen den Maulana konnte nicht vollstreckt werden. Vielmehr mussten die Fahnenträger der Dschahiliyya lange vor seinem natürlichen Tod einen äußerst schmachvollen Tod erleiden. Dennoch gehen der Konflikt zwischen Islam und Dschahiliyya sowie deren Siege und Niederlagen unaufhörlich weiter und dauern bis heute an.
Ein weiteres schmerzliches Bild, das in diesem Konflikt und Kampf zwischen Islam und Dschahiliyya sichtbar wird, besteht darin, dass einige als Buzurgan-e Din bekannte und anerkannte Personen durch ihr Verhalten statt des Islam gerade die Hand der Dschahiliyya gestärkt haben. Gegen den Führer der islamischen Bewegung wurden fortwährend allerlei haltlose und unbegründete Anschuldigungen erhoben, und aus dem Maschinengewehr der Fatwa-Verfasser wurde unablässig ein Geschosshagel von Fatwas abgefeuert. Neben zahlreichen anderen Vorwürfen wurde auch behauptet, der Führer der islamischen Bewegung und seine Organisation glaubten nicht an Ilm-e Tasawwuf. In ihnen gebe es überhaupt nichts, was man Spiritualität nennen könne, und zudem herrsche bei ihnen ein erschreckender Mangel an Taqwa. Ja, der Führer der Bewegung wurde sogar als irregeleitet und schlechter als Juden und Qadianis bezeichnet. Doch kein einziges Wort gegen die Dschahiliyya kam über ihre Lippen.
Viele islamisch gesinnte Menschen, insbesondere die dem Tasawwuf zugeneigten Muslime, wurden durch die erwähnte Propaganda irregeführt und von der islamischen Bewegung abgeneigt. In verschiedenen Kreisen wurden darüber allerlei Gespräche geführt und Vermutungen angestellt. Viele spürten, dass eine islamisch konforme und intellektuelle Erklärung und Analyse der Angelegenheit erforderlich war. So konnte man hoffen, dass die eigentliche Wahrheit ans Licht käme und alle Verwirrung beseitigt würde. Sehen wir nun, ob der Führer der islamischen Bewegung hierzu etwas erläutert hat.
Tazkiya-e Nafs (Tasawwuf) und Spiritualität
Der bedeutende islamische Denker und Mujahid des Jahrhunderts, Sayyid Abul A’la Maududi, unterzog die Angelegenheit einer eingehenden Prüfung und äußerte eine sachkundige Einschätzung, die zweifellos Beachtung verdient. Er sagt:
„Während infolge des Niedergangs und der Entartung über mehrere Jahrhunderte hinweg unter den Muslimen vielfältige Veränderungen einsetzten, unterschied sich auch ihre Vorstellung von der Tazkiya-e-Nafs (der geistigen Läuterung der Seele) erheblich von der wahrhaft islamischen Vorstellung. Ihr Ziel hatte sich ebenfalls verändert, ihr Blickwinkel war begrenzter geworden, und auch die Methoden der ‚Tazkiya-e-Nafs‘ waren andere geworden als jene Methoden, die in der Zeit des Propheten befolgt worden waren. Dies hatte zur Folge, dass dank der großen Institutionen und der seit Jahrhunderten bestehenden Kette der Unterweisung und Erziehung durch die Buzurgan-e-Din auch Menschen von großer Persönlichkeit hervorgebracht wurden. Doch Menschen jener Art, die den gewaltigen Kräften entgegentreten würden, welche die Welt auf dem Weg der Jahiliyyah lenken, und die sich auf eine Kraftprobe mit ihnen einließen, um den Islam als die führende und maßgebende Religion in der Welt zu etablieren, konnten bisher nicht hervorgebracht werden. Das ist eine gewaltige Aufgabe. Nicht einmal ein einziger Mensch wurde hier hervorgebracht, der zumindest so viel hätte leisten können, den Vormarsch der Jahiliyyah in dem vom Islam beeinflussten Bereich aufzuhalten. Es gab und gibt große, von höchster Reinheit geprägte, bedeutende Persönlichkeiten. Für ihr Wissen und ihre Taten, ihre Gottesfurcht, ihre Frömmigkeit und ihr untadeliges Leben verdienen sie gewiss Lob. Doch gerade in der Gegenwart dieser großen Männer besiegte und besiegt die Jahiliyyah mithilfe ihres Schwertes, ihrer Feder, ihrer Naturwissenschaften und Künste sowie ihrer Zivilisation und Kultur nicht nur die Welt, sondern auch die muslimischen Länder und Völker. Für diese Schwäche muss es natürlich einen Grund geben. Und unabhängig davon, welcher Grund es sein mag, sollte eine unangemessene und unvernünftige Verehrung einer Person die Ermittlung dieses Grundes nicht behindern.“
Bei einer Gruppe unter uns bestand das Ziel der ‚Tazkiya-e-Nafs‘ darin, dass man bereits in diesem Leben die unmittelbare Schau der Wahrheit erlangen möge. Man sollte die Stufe des Iman bil-Ghaib überschreiten und den Reichtum des Iman bish-Shahadah erlangen. Äußerlich betrachtet ist dies ein äußerst erhabenes und heiligstes Ziel. Doch nirgends lehrt uns der Koran, dass wir dies zu unserem Ziel machen und unsere Bemühungen auf diesem Weg fortsetzen sollen. Im Gegenteil: Selbst wenn wir es zu unserem Ziel erklären, gibt uns der Koran die Gewissheit, dass in diesem Leben außer den Propheten niemand diesen Schatz erlangen kann.
Im Koran heißt es:
Er besitzt das Wissen über das Verborgene. Er enthüllt Sein Verborgenes niemandem, außer dem Gesandten, den Er dazu erwählt hat (um ihm irgendein verborgenes Wissen zu verleihen). Dann stellt Er vor ihm und hinter ihm Wachen auf, damit Er weiß, dass sie die Botschaften ihres Herrn übermittelt haben – (Sure al-Dschinn 26–28).
Daraus geht hervor, dass der Versuch, die in den Schleiern des Unsichtbaren verborgenen tatsächlichen Informationen – mit anderen Worten: die übernatürlichen Informationen – zu beobachten, sowohl unnötig als auch falsch ist. Es besteht keinerlei Aussicht auf Erfolg. Das Wissen über diese Informationen, das der Mensch benötigte und in welchem Umfang er es benötigte, hat Allah durch Seine Gesandten vermittelt. Und es ist eine gewaltige Gunst Allahs, dass Er den Menschen auf diese Weise vor der Mühsal solcher Nachforschungen bewahrt hat. Die Aufgabe des Menschen besteht nun lediglich darin, auf Grundlage des von den Gesandten übermittelten Wissens den Iman bil-Ghaib zu bewahren und sich daran zu machen, die ihm auferlegte Verantwortung mit zufriedenem Herzen zu erfüllen.
Als ein Ziel der ‚Tazkiya-e-Nafs‘ auf einer niedrigeren Stufe wird die ‚geistige‘ Entwicklung bezeichnet. Doch diese ‚geistige Entwicklung‘ ist derart zweideutig und rätselhaft, dass der Mensch selbst nach einem ganzen Leben, in dem er dem Licht einer Irrlichtflamme nachgejagt ist, nichts darüber erfahren kann, welche Stufe er erreicht hat. Ihre Terminologie, ihre Stufen und ihre Ergebnisse sind allesamt von Geheimnissen umhüllt und für gewöhnliche Menschen wie uns unverständlich. Was wir erkennen können, ist lediglich, dass unter den Stufen, die auf diesem Weg durchschritten werden, niemals jene Stufe vorkommt, die Bilal (ra.), Ammar (ra.) und Suhaib (ra.) durchschritten haben. Ebenso wenig ist zu erwarten, dass jemals jene Stufe erreicht wird, die Abu Bakr (ra.) und Umar (ra.) durchschritten haben.
Diejenigen, die durch die ‚Tazkiya-e-Nafs‘ Taqwa erlangen wollen, verfolgen ein Ziel, das den Zielen des Islam am nächsten steht. Die Gefahr besteht jedoch darin, dass die allgemeine Vorstellung der Menschen von Taqwa sehr begrenzt geblieben ist. Für die meisten Buzurgan bedeutet Taqwa, das Leben in Bezug auf Kleidung, deren besondere Art, das Sitzen und Aufstehen, Essen und Trinken und dergleichen nach einem äußerlich erkennbaren Muster zu gestalten, dessen Einzelheiten in den Hadithen dargelegt sind. Darüber hinaus könne man Vollkommenheit in der Taqwa erlangen, wenn man bestimmte madhhabbezogene Handlungen regelmäßig ausführt und mehr Gottesdienste verrichtet als es der herkömmlichen Gewohnheit entspricht. Die Folge davon ist, dass diejenigen, die diese äußerliche Form und Gestalt der Taqwa angenommen haben, als Muttaqi bezeichnet und angesehen werden. Auch sie selbst sind dann beruhigt und überzeugt, Taqwa in sich hervorgebracht zu haben. In Wirklichkeit fehlt es ihnen jedoch in hohem Maße an Taqwa, und im tatsächlichen Leben begehen sie bei den verschiedenen Feuerproben häufig Verhaltensweisen, die der Taqwa widersprechen, wodurch sogar die Würde jener äußerlichen Form und Gestalt der Taqwa zerstört wird. Die höhere und umfassendere Vorstellung, die manche besonderen Personen von Taqwa haben, geht ebenfalls nicht über Folgendes hinaus: Der Mensch soll in seinem persönlichen Leben gottesfürchtig, dem Gottesdienst ergeben, Allahs gedenken und Ihm dankbar sein. In seinen Geschäften soll er vertrauenswürdig und ehrlich sein und sich an Allahs Grenzen halten. Zugleich soll er im Umgang mit anderen Menschen in der Gesellschaft die Wege und Methoden des guten Benehmens, des Mitgefühls, der Brüderlichkeit, der Gerechtigkeit und der Gewährung von Rechten befolgen. Doch diese begrenzte Vorstellung bietet keinerlei Möglichkeit, die umfassenderen sozialen und gemeinschaftlichen Probleme zu begreifen. Daher besteht selbst bei unseren besonders frommen Menschen der Nutzen der praktizierten ‚Tazkiya-e-Nafs‘ in nichts anderem, als für gottfeindliche Regierungen gottesfürchtige Untertanen und religiöse Beamte bereitzustellen. Die Untertanen und Beamten, die diese Regierungen durch ihre eigene Ausbildung hervorbringen, verfügen zwar über andere Fähigkeiten, nicht aber über Glaubenstreue und Ehrlichkeit. Deshalb fügen sie der Regierung sogar großen Schaden zu. Dieser Mangel wird durch die Institutionen unserer ‚Tazkiya-e-Nafs‘ ausgeglichen. Diese Institutionen bilden wahrhaftige Menschen aus, die für die Errichtung der Vorherrschaft kufrischer Kräfte und für die Durchführung einer kufrischen Herrschaft kämpfen, und sie bringen für die kufrische Herrschaft solche Untertanen hervor, die ihnen nur sehr selten Anlass zur Sorge geben. Selbst wenn sich bei uns jemand öffentlich der Errichtung eines gottlosen Systems widmet, bleibt er dennoch ganz und gar ein Muttaqi. Voraussetzung ist lediglich, dass die oben genannten Einzelheiten der Taqwa in seinem Leben zu finden sind. Dies ist die unvermeidliche Folge jener begrenzten Vorstellung von Taqwa und Tazkiya-e-Nafs, die in unseren religiösen Kreisen unter allen Menschen, den einfachen wie den besonderen, verbreitet ist.“ (Tarjuman al-Qur’an, Juli–August 1953).
Der Einfluss des Säkularismus auf das menschliche Leben
Obwohl der „Säkularismus“ dem Anschein nach eine einfache Vorstellung oder Lehre ist, hat er sich inzwischen zu einer umfassenden Weltanschauung entwickelt, die einen weitreichenden Einfluss auf das menschliche Leben ausübt und das gesamte Leben nach einem neuen Muster gestaltet. Einige seiner grundlegenden Auswirkungen wollen wir erörtern. Das erste unvermeidliche Übel des „Säkularismus“ beziehungsweise der Religionslosigkeit besteht darin, dass er dem Menschen uneingeschränkte Freiheit gewährt und das Gefühl der Rechenschaftspflicht gegenüber einer höheren Macht auslöscht. Diese verantwortungslose Geisteshaltung gilt gleichermaßen für Einzelpersonen und Völker. Wenn eine mächtige Person oder ein mächtiges Volk in der menschlichen Gesellschaft Unterdrückung und Unrecht hervorruft und das Leben der Menschen unerträglich macht, welche Macht kann sie davon abhalten? Einige Personen und Völker berauschen sich an ihrer Macht und beflecken gewöhnlich ihre Hände mit dem Blut schwacher Menschen und Völker. Denn in ihren Herzen hat sich die Vorstellung festgesetzt, dass sie dafür niemandem Rechenschaft ablegen müssen. Wenn man die Existenz des allmächtigen Gottes anerkennen muss, der die Taten jedes Menschen und jedes Volkes bis ins Kleinste abrechnen und dafür belohnen oder bestrafen wird, dann bricht die Grundlage der Philosophie des „Säkularismus“ zusammen. Den Menschen gegenüber Gott und dem Jenseits gleichgültig zu machen, ist ja gerade die Aufgabe des „Säkularismus“. Daher lautet der Kern dieser Weltanschauung: (MIGHT IS RIGHT, SURVIVAL OF THE FITTEST), das heißt: Wer die Macht hat, hat das Sagen. Sich etwas gewaltsam anzueignen, gilt als gerecht. Dafür muss man niemandem Rechenschaft ablegen. Die Frage nach Recht und Unrecht ist gegenstandslos. Der Stärkste wird sich durchsetzen, selbst wenn dies auf ungerechte Weise geschieht. Und wie sehr der Schwache auch auf dem Recht gegründet sein mag – er hat kein Recht zu überleben.
In der modernen Welt kann man beobachten, dass diese Philosophie des „Säkularismus“ überall wirksam ist. Trotz der gewaltigen Fortschritte in Wissenschaft und Wissen sowie in Kultur und Zivilisation ist der religionslose Mensch (SECULAR MAN) machthungrig und blutrünstig geworden. Dadurch wird die unaufhörliche Flamme von Krieg und Feindseligkeit zwischen Menschen, Völkern und Nationen am Brennen gehalten, von der die Welt bis heute nicht befreit werden konnte. Sowohl der Völkerbund als auch die UNO (Vereinte Nationen) sind vollständig daran gescheitert, den Kriegswahn zu beenden. Denn die betreffenden Völker, insbesondere die mächtigen Völker, sind von jedem Verantwortungsgefühl befreit. Sie glauben nicht daran, dass sie gegenüber einer mächtigen Instanz Rechenschaft ablegen müssen. Daher können die Schreie und Klagen der unterdrückten Menschen und Völker niemals von der Erde verschwinden.
Das zweite Übel des „Säkularismus“ ist die Knechtschaft unter den Trieben. Die Knechtschaft unter den Trieben oder die Anbetung der Triebe ist die Grundlage der Charakterlosigkeit und die Ursache allen Übels. Die unersättlichen Begierden und Wünsche der Triebe führen den Menschen auf den falschen Weg, wenn es auf diesem Weg keine hemmende Kraft gibt. Dann keimen in der Gesellschaft allerlei Unfrieden und Unrecht auf.
Diese unersättlichen Begierden und Wünsche der Triebe stoßen den Menschen auf die niedrigste Stufe der Tierhaftigkeit hinab; und um diese Begierden zu befriedigen, müssen die Hände mit dem Blut von Einzelnen und Völkern befleckt werden, während die Schreie von Kindern, Frauen und Männern Himmel und Luft erfüllen. Die einzige Kraft, die den Weg zur Befriedigung der Begierden und Wünsche der Triebe versperrt, ist die Gottesfurcht und das intensive Gefühl, Ihm im Jenseits Rechenschaft ablegen zu müssen. Diese Gottesfurcht und dieses Verantwortungsgefühl treten jeden Augenblick in der Rolle einer unsichtbaren Polizei auf und halten den Menschen von bösen Taten ab. Doch weil der „Säkularismus“ den Glauben an Gottes „Hāzir und Nāzir“ (Sein Dasein als Allsehender) zu jeder Zeit und überall sowie an Sein unmittelbares Wissen um jede verborgene und offenkundige Tat des Menschen aus dessen Herzen ausgelöscht hat, gibt es keine andere Möglichkeit mehr, Unrecht und Ungerechtigkeit, Korruption, Vetternwirtschaft, Mord, Raub und Plünderung sowie andere Sünden aus der menschlichen Gesellschaft zu beseitigen.
Es sei darauf hingewiesen, dass infolge der Errichtung eines säkularen Bildungssystems, in dem Gott und die Religion aus allen Lebensbereichen, insbesondere aus allen Stufen des Bildungssystems von der Grundstufe an, ausgeschlossen werden, die Kriminalitätsneigung unter der Jugend außergewöhnlich stark zugenommen hat und Verbrechen begangen werden, bei deren Erinnerung sich einem der Körper mit Gänsehaut überzieht. Die menschliche Gesellschaft wird von Angst erfasst. Schon in sehr frühem Alter gewöhnen sich junge Frauen und Männer sowie Jugendliche an Sexualverbrechen und die daraus resultierenden Morde, an Diebstahl und Raub, Überfälle und Plünderungen. Aus demselben Grund nimmt die Krankheit der Neigung zum Schummeln bei Prüfungen unter ihnen ein ausgeprägtes Ausmaß an. All dies sind verhängnisvolle Übel des Säkularismus.
Das dritte Übel des Säkularismus ist Selbstsucht und Opportunismus. Es ist eine unbestreitbare Wahrheit, dass die Arbeit und Anstrengung des Menschen, sein Streben und sein Leben unbedingt einen Zweck und ein Ziel haben sollten. Für diejenigen, die an Gott und das Jenseits glauben, besteht der Zweck ihres Lebens in der Zufriedenheit Allahs, und das Ziel all ihres Strebens ist Erfolg und Erlösung im Jenseits. Ihr gesamtes Augenmerk ist auf diese beiden Dinge gerichtet: die Zufriedenheit Allahs und den Erfolg im Jenseits. Statt an den unbedeutenden und vergänglichen Interessen dieser Welt hängen sie am großen und ewigen Erfolg des Jenseits. Sie unterhalten zur Welt nur so viel Beziehung, wie dem Erfolg im Jenseits dienlich ist. Um weltliche Vorteile und Interessen zu erlangen, halten sie sich von jeder Art von Konflikt und Kampf fern. Sie ergreifen Maßnahmen zur Verwirklichung von Wahrhaftigkeit, Gerechtigkeit, Frieden und Sicherheit und betrachten eben diese als die Hauptstraße, die zum Ziel führt.
Ganz anders ist es bei denen, die keine feste Überzeugung von Gott und dem Jenseits besitzen: Das Ziel all ihres Strebens im Leben besteht darin, niedrige weltliche Interessen zu erlangen. Daher werden Konflikte, Auseinandersetzungen und Kriege zur Erlangung weltlicher Interessen unvermeidlich. In der heutigen Welt, die in Wirklichkeit eine säkulare Welt ist (SECULAR WORLD), sieht man, wie zwischen Menschen, Ländern und Völkern das Feuer von Krieg und Feindseligkeit brennt. Was könnte außer dieser Selbstsucht und diesem Opportunismus darin zum Ausdruck kommen? Der endlose Konflikt und Kampf unter den sogenannten Intellektuellen, die heute nach Vorteilen streben und ihre eigenen Interessen verfolgen, hat und wird die Menschheit immer wieder in schreckliche, blutige Kriege treiben. Wer sind diese eigennützigen Intellektuellen? Sie sind die Träger und Verbreiter des „Säkularismus“.
Der Opportunismus korrumpiert auch die Politik und schafft in manchen Ländern, statt ein nützliches und stabiles politisches System zu errichten, Anarchie und Chaos und damit die Möglichkeit, den nationalen Reichtum in die Hände von Plünderern gelangen zu lassen. Er zerstört die Achtung der Menschen vor dem Gesetz und versperrt den Weg zur Herstellung der Herrschaft des Gesetzes im Land. Die Regierungspartei etabliert den Opportunismus im nationalen Leben, indem sie politische Führer und Aktivisten gegen Geld und gesellschaftliche Stellung kauft und verkauft, und zerbricht dadurch das charakterliche Rückgrat der Nation. Eigeninteresse und Opportunismus sind zwei äußerst attraktive Dinge des Säkularismus, von denen sich ohne einen edlen menschlichen Charakter nur sehr schwer fernhalten lässt. Sie als „unantastbar“ zu meiden, ist nur denen möglich, die sich bemühen, ihr Leben auf Grundlage der Lehren des Islam zu gestalten.
Der vierte verderbliche Einfluss des Säkularismus ist der äußerste moralische Verfall. Da die Grundlage moralischer Werte in der menschlichen Natur und Veranlagung vorhanden ist, ist es keineswegs schwierig, sie zu kennen und zu begreifen. Vielmehr ist es gewiss schwierig, moralische Werte tatsächlich zu befolgen und das Leben nach ihrem bestimmten Muster zu gestalten. Diese Werte verlangen vom Menschen auf Schritt und Tritt gewisse Einschränkungen und Verbote. Und nichts ist für den Menschen schwieriger als diese Einschränkungen und Verbote. Die Befolgung dieser Werte wird äußerst schwierig, wenn sie mit den unersättlichen Begierden und Wünschen des Menschen sowie mit seinen geliebten Dingen in Konflikt gerät. Gerade die Forderungen der moralischen Werte bestehen darin, jene Begierden und Wünsche der Triebe, niedrige Eigeninteressen und weltliche Annehmlichkeiten mit Abscheu zurückzuweisen. Deshalb genügt es keineswegs, der Menschheit zur moralischen Verbesserung lediglich die moralischen Werte vor Augen zu führen. Vielmehr ist vor allem ein kraftvoller, anspornender Handlungsprozess erforderlich, der das menschliche Gemüt darauf vorbereiten kann, moralische Einschränkungen und Verbote anzunehmen. Der Säkularismus hat dieses Erfordernis nicht erfüllt. Vielmehr hat er die Forderungen der Begierden und Wünsche der Triebe, anstatt sie zu verringern, um ein Vielfaches gesteigert und den Menschen zu ihrem Sklaven gemacht. Als natürliche und unausweichliche Folge des Säkularismus haben die Leere des Verantwortungsgefühls, die Knechtschaft der Triebe sowie Konflikte und Auseinandersetzungen um die Durchsetzung eigener Interessen und den Gewinn von Vorteilen den moralischen und geistigen Niedergang des Menschen herbeigeführt. Unbeschreiblich grausame Misshandlungen von Menschen ohne Unterschied zwischen Frauen, Männern und Kindern, jahrelanges und in manchen Fällen fast lebenslanges Gefängnis ohne Gerichtsverfahren, Massaker und Vergewaltigung von Frauen, die durch Imperialismus und Kolonialismus schwachen Ländern und Völkern aufgezwungenen Ketten politischer und wirtschaftlicher Knechtschaft sowie andere unmenschliche Handlungen lassen den Eindruck entstehen, als sei die Menschlichkeit gestorben und herrsche auf der ganzen Welt in Menschengestalt das Reich wilder Tiere. Die Menschheit muss nun die verderblichen Folgen jenes äußersten Verfalls ertragen, den der Säkularismus im Denken und Bewusstsein sowie auf moralischem und geistigem Gebiet herbeigeführt hat. Es gibt nur eine Lösung: den Säkularismus aus allen Bereichen des Denkens, des Geistes und des Lebens zu beseitigen, sich dem Gesetz des barmherzigen Schöpfers der Welt, das der Menschheit gegeben wurde, demütig zu unterwerfen und das gesamte Leben auf Grundlage eines starken Verantwortungsgefühls im Jenseits zu gestalten. Die Grundlage für diese Lebensgestaltung muss das nationale Bildungssystem bilden.
Nationalismus
Nachdem wir das erste Werkzeug der Dschahiliya, den Säkularismus, erörtert haben, wollen wir nun den Nationalismus, das zweite Werkzeug, betrachten und sehen, wie verhängnisvoll er für die gesamte Menschheit ist.
Der Nationalismus beziehungsweise die Verehrung der Nation nahm seinen Anfang in der Explosion der Reaktion gegen die weltweite despotische Herrschaft der christlichen Päpste und der römischen Kaiser. Zu Beginn bedeutete er lediglich, dass die verschiedenen Nationen uneingeschränkte Verfügungsgewalt über ihre eigene Politik sowie ihre eigenen Entscheidungen und Urteile haben sollten. Sie sollten nicht als Schachfiguren irgendeiner universalen geistlichen oder politischen Macht benutzt werden. Als sich dieses Denken jedoch von diesem unschuldigen Anfang aus weiterentwickelte, gelangte es an einen Punkt, an dem es den Nationalismus dort einsetzte, wo die Bewegung der Religionslosigkeit, also des Säkularismus, Gott beseitigt hatte. Nach und nach wurden nun die nationalen Interessen, Hoffnungen, Wünsche und Ambitionen zum höchsten moralischen Wert jeder Nation. Als tugendhaft gilt nun alles, was der Nation nützt, sei es Lüge, Verrat, Unterdrückung und Gewalt oder irgendeine andere Handlung, die nach den Maßstäben der alten Religion und Moral noch so große Sünde sein mag. Als sündhaft gilt dagegen alles, was den nationalen Interessen schadet, sei es Wahrhaftigkeit, Gerechtigkeit, die Erfüllung von Rechten oder irgendeine Handlung, die einst als charakterliche Tugend angesehen wurde. Der Maßstab für die Eigenschaften, das Leben und die Tätigkeit der Angehörigen einer Nation besteht darin, dass sie ohne jedes Zögern zu jedem Opfer bereit sein müssen, das die nationalen Interessen von ihnen fordern, sei es ein Opfer von Leben und Besitz oder ein Opfer von Moral, Menschlichkeit und Selbstachtung, und dass sie vereint entschlossen bleiben müssen, die wachsenden Ambitionen der Nation zu erfüllen. Das Ziel aller Anstrengungen besteht nun darin, dass jede Nation unter ihren Angehörigen Einheit und Disziplin schafft, damit sie ihre eigene Nationalflagge gegenüber anderen Nationen hochhalten kann.
Gegen Nationalität (NATIONALITY) sollte selbstverständlich niemand etwas einzuwenden haben. Denn sie ist eine natürliche Gegebenheit. Daher kann man dem Wohlwollen gegenüber der eigenen Nation nicht widersprechen, sofern darin keine Haltung von Neid, Hass und Feindschaft gegenüber anderen Nationen liegt. Liebe und Zuneigung zur eigenen Nation können niemals tadelnswert sein, sofern diese Liebe und Zuneigung nicht zu ungerechter Parteilichkeit zugunsten der eigenen Nation sowie zu Neid und Feindschaft gegenüber anderen Nationen führen. Die Unabhängigkeit jeder Nation muss selbstverständlich unterstützt werden. Denn es ist das Recht jeder Nation, ihre eigenen Angelegenheiten selbst zu regeln und ihre inneren Belange selbst zu verwalten; und die Vorherrschaft einer Nation über eine andere kann unter keinen Umständen gerecht sein. Ungerecht und zu vermeiden ist der Nationalismus (NATIONALISM) oder die Anbetung der Nation. Nationalismus ist nichts anderes als blinder nationaler Eigennutz. Sein Grundsatz lautet: Wahr und richtig ist ausschließlich das, was den nationalen Interessen entspricht, und falsch und ungerecht ist ausschließlich das, was ihnen nicht entspricht. Im blinden Rausch nationaler Interessen das Blut anderer Nationen zu trinken, andere Länder gewaltsam zu besetzen, die Reichtümer anderer Länder und Nationen zu plündern und uneingeschränkten Anspruch auf den Genuss aller Güter und Frauen eines besiegten Landes zu erheben, gilt nicht als Unrecht, sondern vielmehr als nationaler Ruhm. Um die eigene Nation im Vergleich zu anderen als überlegen und mächtiger zu erweisen, ein Gebiet nach dem anderen zu erobern, ist geradezu eine Forderung des Nationalismus. Deshalb gilt der Nationalismus in der Welt als ein gewaltiger Fluch für die Menschheit. Wenn innerhalb einer Gesellschaft die Existenz eines Menschen ein Fluch ist, der zum Sklaven seiner Triebe und Interessen geworden ist und für seine eigenen Interessen zu allem bereit ist; wenn innerhalb einer Gemeinschaft eine Familie ein Fluch ist, deren Angehörige zu blinden Verehrern familiärer Interessen geworden sind und entschlossen sind, die Interessen der Familie mit beliebigen Mitteln, gleich ob recht oder unrecht, durchzusetzen; wenn innerhalb eines Landes eine Klasse ein Fluch ist, die ihre Klasseninteressen blind verehrt, sich um das Wohl und Wehe anderer nicht kümmert und nur ihre eigenen Interessen verfolgt, indem sie sich etwa an gesellschaftsschädlichen Tätigkeiten wie Diebstahl, Raub, Überfällen, Schwarzhandel und Schmuggel beteiligt – warum sollte dann in einem gewaltigen und umfassenden Rahmen jene von Eigennutz verblendete Nation kein Fluch sein, deren Verhalten soeben beschrieben wurde? Die Leidenschaft und Begeisterung dieser blinden Nationsverehrung haben, indem sie neben zwei Weltkriegen zahlreiche kleine und große Kriege entfachten, wie viele Nationen und Länder verwüstet, wie viele Millionen Menschenkinder dem Tod ausgeliefert und wie viele Millionen Menschen zu Krüppeln und körperlich Behinderten gemacht.
Nicht der Nationalismus, sondern die weltweite Bruderschaft hätte die Menschheit vor der Vernichtung bewahren können, und den großzügigen Aufruf zu dieser weltweiten Bruderschaft hatte der Islam verkündet. Doch leider hat die muslimische Nation, die Trägerin der Botschaft des Islam, heute den Nationalismus auf den Thron Gottes erhoben. Heute ist dieser Nationalismus in der ganzen Welt – geografischer Nationalismus, sprachbezogener Nationalismus oder auf Abstammung, Stamm und Rasse beruhender Nationalismus – zu einem gewaltigen Fluch für die Menschheit geworden. Das Prinzip des Nationalismus, also der Nationsverehrung, lautet: Wahr und richtig ist ausschließlich das, was den nationalen Interessen nützt, und falsch und ungerecht ist ausschließlich das, was ihnen nicht nützt. Das Gewissen eines jeden Menschen muss bezeugen, dass ebenso wie jede Form von Eigennutz und Selbstverehrung auch dieser nationale Eigennutz und die Verehrung der Nation ein gewaltiger Fluch sind. Unter diesem Fluch leidet heute die ganze Welt.
Es ist zutiefst bedauerlich, dass die Muslime, unter denen das heilige Wort Allahs und die Sunna des Gesandten (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) vollkommen unverfälscht vorhanden sind und die islamische Botschaft der weltweiten Bruderschaft verkündet wird, heute unter dem Fluch des geografischen und sprachbezogenen Nationalismus leiden – und genau darin besteht der Sieg beziehungsweise das Verdienst der Dschahiliya.
In der Zeit der alten Dschahiliya herrschten zwischen Abstammungsgemeinschaften, Stämmen und Regionen über Zeitalter und Jahrhunderte hinweg gegenseitige Feindschaft, Streit und Konflikt. Der Islam setzte dem ein Ende, vereinte alle in den Banden der Bruderschaft und machte auf der Grundlage des islamischen Ideals alle Gruppen und Gemeinschaften zu einer einzigen, geeinten Gemeinschaft. Diese islamische Zugehörigkeit und weltweite Bruderschaft schufen für die Muslime eine ruhmreiche Geschichte und ließen das Siegesbanner des Islam über nahezu der Hälfte der Welt wehen. Danach spornte die Dschahiliya sie zur Nationsverehrung an. Das einzige Ziel im Leben eines Muslims ist es, Allahs Wohlgefallen zu erlangen; dafür bringen sie all ihre Anstrengungen, ihre Bemühungen und ihr Leben und Vermögen zum Opfer. Nun wurden all ihre Anstrengungen und Bemühungen darauf ausgerichtet, das Wohlgefallen des Nationsgottes zu erlangen. Um dieses Wohlgefallen zu erlangen, wird keinerlei Unrecht gegenüber anderen Nationen – selbst eine Aggression gegen ein brüderliches muslimisches Land – unter keinen Umständen als verwerflich betrachtet. Zur Durchsetzung der Interessen der Nation gilt die gewaltsame Besetzung jedes Landes, sei es muslimisch oder nichtmuslimisch, als gute Tat. Wer nicht an Gott und das Jenseits glaubt, kann sich dem Glaubensbekenntnis des Nationalismus anschließen, im Interesse der eigenen Nation Leben, Besitz, Ehre und Würde anderer Nationen plündern; und diese nationalen Ambitionen und Begierden haben zwei Weltkriege ausgelöst. Da ihnen das Bewusstsein fehlt, sich vor einem höchsten, allmächtigen Wesen verantworten zu müssen, haben sie die nationalen Interessen zum Lebensziel gemacht. Doch die Muslime auf diesen Weg zu ziehen, muss zweifellos als ein Verdienst der Dschahiliya bezeichnet werden.
Demokratie
Die Demokratie, also die Volkssouveränität, ist die dritte tödliche Waffe der Dschahiliya. Die Idee der Demokratie wurde vorgebracht, um die uneingeschränkte Vorherrschaft von Königen, Monarchen und anderen despotischen Herrschern zu beenden, die über unbeschränkte Regierungsmacht verfügten. Das heißt, die Regierung sollte unter Berücksichtigung der Bedürfnisse und Beschwerden der Bevölkerung und auf der Grundlage ihrer Meinung geführt werden. Die Vorstellung ist äußerst gerecht, dass eine einzelne Person, eine Familie oder eine Gruppe keinerlei Recht haben kann, Millionen und Abermillionen Menschen ihre Launen und ihren Willen aufzuzwingen und sie zur Befriedigung ihrer eigenen Interessen und Wünsche zu benutzen. Mit dieser negativen Seite war jedoch auch eine positive Seite verbunden: Die Bewohner jedes Landes und jeder Region waren selbst die Herrscher und selbst die Eigentümer. Nachdem die Demokratie sich auf dieser positiven Seite weiterentwickelt hatte, nahm sie folgende Gestalt an: Jede Nation besitzt das uneingeschränkte Recht, ihren Willen und ihre Wünsche zu verwirklichen. Niemand besitzt mehr die Macht, ihren Gesamtwillen oder den Willen ihrer Mehrheit zu unterdrücken. Ob es um Moral und Ethik, Zivilisation und Kultur, gesellschaftliches Leben oder Politik geht – in jedem Bereich gilt als richtiges Prinzip ausschließlich das, was auf Grundlage der nationalen Wünsche bestimmt wird. Ein Prinzip, das die öffentliche Meinung ablehnt, gilt als falsch und ungerecht. Das Gesetz hängt vom Willen der Nation ab. Sie erlässt jedes beliebige Gesetz, wenn sie es will, und hebt jedes beliebige Gesetz auf, wenn sie es will. Die Regierung wird nach dem Willen der Nation gebildet und ist verpflichtet, den Willen der Nation zu erfüllen. Die Regierung wird all ihre Kräfte dafür einsetzen, den Willen der Nation zu erfüllen.
Die drei oben genannten, von der Dschahiliya erfundenen Ideologien – der Säkularismus, also Religionslosigkeit beziehungsweise Auflehnung gegen Gott, der Nationalismus und die Demokratie – haben die Herrschaft, Autorität und Gefolgschaft Gottes aus allen Bereichen des Lebens, der Gesellschaft und des Staates zurückgewiesen. Sie haben die Nation und das Volk auf den Thron Gottes erhoben.
Die klare Verkündung des Islam lautet, dass allein Allah die Souveränität besitzt (SOVEREIGNTY BELONGS TO ALLAH ALONE). Dies ist eine grundlegende Glaubensüberzeugung des Islam. Der einzige Schöpfer jedes Lebewesens und jedes Tieres, einschließlich der Himmel, der Erde und des Menschen, ist Allah. Er ist der Herr und Erhalter aller. Er ist auch der König der Menschheit. Die Herrschaft des Gesetzes und die Oberhoheit des Schöpfers und Königs über die Schöpfung und die Untertanen gelten zu lassen – das ist äußerst natürlich und gerecht. Dieses natürliche und gerechte Recht auf Gesetzesherrschaft, das Souveränität genannt wird, wird Allah entzogen und der Allgemeinheit übertragen. Der erste und grundlegende Grundsatz der Demokratie lautet: SOVEREIGNTY BELONGS TO THE PEOPLE – die Souveränität gehört dem Volk. Es wird für Land und Nation Gesetze erlassen, wie es ihm beliebt, und jedes Gesetz aufgehoben, wann immer es will. Wenn dem Volk das Recht zur Gesetzgebung gegeben wird, zeigt sich, dass ein und dieselbe Sache einmal für rechtmäßig und ein anderes Mal für unrechtmäßig erklärt wird. In Amerika wurde der Alkoholkonsum einst angesichts seiner verheerenden Folgen gesetzlich verboten. Doch unter dem Druck eben jener Bevölkerung, die zur Gesetzgebung befugt ist, wurde der Alkoholkonsum später wieder für rechtmäßig erklärt. Abtreibung oder die Tötung des Embryos ist in allen Religionen verboten, und auch das Gewissen bezeugt dies. Doch wenn die öffentliche Meinung infolge äußersten moralischen Verfalls und sexueller Zügellosigkeit Abtreibung fordert, wird sie durch Gesetz für rechtmäßig erklärt. Homosexualität ist eine äußerst verabscheuungswürdige und schändliche Handlung (HOMO SEXUALITY). Als sich die Krankheit der Homosexualität unter der Bevölkerung epidemisch ausbreitete, wurde diese äußerst abscheuliche Sünde gesetzlich für rechtmäßig erklärt. Wenn man einem Menschen, der niemals frei von Fehlern und Irrtümern sein kann und dessen Wissen äußerst begrenzt ist, völlige Freiheit zur Gesetzgebung gibt, kann die menschliche Gesellschaft nur mit Unordnung, Ungerechtigkeit und Sündhaftigkeit erfüllt werden.
Die Wahrheit ist, dass allein Allah der Allmächtige vollständiges Wissen darüber besitzt, was gut und was böse, was nützlich und was schädlich ist. Deshalb hat Er für die Menschen festgelegt, was gut und böse, halal und haram ist, und das Gesetz beziehungsweise die Grundsätze des Gesetzes verkündet; dies ist unfehlbar und für die Menschen allein zum Wohl. Derjenige, der die Welt und die Natur erschaffen hat und sie verwaltet, steht über allen Fehlern. Daher muss auch Sein Gesetz fehlerlos sein. Kein Einzelner, keine Gruppe und kein Parlament irgendeines Landes hat das Recht, Sein Gesetz oder Seine Entscheidung in einer Angelegenheit zu ändern. Wer dies tut, begeht einerseits Auflehnung gegen Gott und zieht andererseits das Unheil der Menschen herauf.
„Allah sagt: Kein gläubiger Mann und keine gläubige Frau hat das Recht, in einer Angelegenheit, über die Allah und Sein Gesandter entschieden haben, selbst eine Entscheidung zu treffen.“ – (Sure al-Ahzab: 36).
Als Schöpfer, Herr und König der gesamten Natur und der Menschen kann allein Allah, der Allmächtige, für die Menschen ein ausgewogenes und nützliches Gesetz erlassen, und auch Sein Gesandter konnte auf Seinen Befehl hin Gesetze erlassen. Doch die Dschahiliyya hat das Recht zur Gesetzgebung uneingeschränkt der Allgemeinheit, das heißt den Volksvertretern, übertragen. Dies steht im Widerspruch zur islamischen Glaubensüberzeugung, zum Gewissen und zum Wohl der Menschheit.
Als Antwort auf die drei verhängnisvollen Lehren oder Grundsätze der Dschahiliyya, die oben erörtert wurden, legt der Islam drei andere Grundsätze vor. Wir appellieren gewiss an das Gewissen der Menschen, diese drei zu prüfen und zu untersuchen, um festzustellen, in welchen von ihnen das Wohl der Menschheit tatsächlich liegt. Diese drei Grundsätze des Islam sind:
1. Gegenüber dem Säkularismus beziehungsweise der Gottlosigkeit: die Knechtschaft und der Gehorsam gegenüber Gott in allen Lebensbereichen.
2. Gegenüber der Vergötzung der Nation: die Menschlichkeit.
3. Gegenüber der Volkssouveränität: die Souveränität Gottes und das Kalifat des Volkes.
Der Kern des ersten Grundprinzips besteht darin, dass wir alle jenen Gott als unseren Herrn anerkennen werden, der unser Schöpfer, Eigentümer und Herrscher sowie der Schöpfer, Eigentümer und Herrscher der gesamten Welt ist. Wir werden unser Leben nicht in Unabhängigkeit von Ihm und unbekümmert um Ihn führen, sondern in Seiner Ergebenheit und indem wir Seine Führung annehmen. Wir werden nicht nur Ihn anbeten, sondern Ihm auch gehorchen und Ihm dienen. Wir werden Seine Gebote und Seine Rechtleitung nicht nur in unserem persönlichen Leben befolgen, sondern Ihm auch in jedem Bereich und jeder Abteilung unseres gemeinschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens ergeben bleiben. Unsere Gesellschaft, Zivilisation und Kultur, Politik, Wirtschaft, unser Bildungswesen, unser Regierungs- und Justizsystem, unser Krieg und unser Frieden, unsere internationalen Beziehungen – kurz gesagt, alles wird innerhalb jener Grundsätze und Grenzen geschehen, die Gott festgelegt hat. Bei der Regelung weltlicher Angelegenheiten werden wir nicht völlig frei sein; vielmehr wird unsere Freiheit auf jene Grenzen beschränkt bleiben, die durch die von Gott festgelegten Grundsätze gezogen sind. Diese Grundsätze und Grenzen liegen unter allen Umständen außerhalb unserer Zuständigkeit.
Der Kern des zweiten Grundprinzips besteht darin, dass in einer auf Gottesverehrung gegründeten Lebensordnung keinerlei Raum für irgendeine Parteilichkeit oder Selbstsucht aufgrund von Unterschieden der Nation, Abstammung, Heimat, Rasse oder Sprache sein wird. Statt einer nationalen Ordnung sollte sie vielmehr eine prinzipiengeleitete Ordnung sein, deren Türen jedem Menschen offenstehen, der ihre Grundsätze annimmt. Jeder, der sie annimmt, kann sich ohne jede Diskriminierung auf der Grundlage gleicher Rechte an ihr beteiligen. Unter dieser Ordnung wird die Staatsbürgerschaft (CITIZENSHIP) nicht bloß auf die geografischen Grenzen eines Staates beschränkt sein, sondern auf der Grundlage der Grundsätze universell sein. Diejenigen, die mit diesen Grundsätzen nicht übereinstimmen oder aus irgendeinem Grund nicht bereit sind, sie anzunehmen, dürfen nicht unterdrückt oder ausgerottet werden. Vielmehr werden sie mit bestimmten Rechten unter dieser Ordnung sicher leben, und ihnen wird stets die Möglichkeit offenstehen, sich – sobald sie die Wahrheit dieser Grundsätze anerkennen und davon überzeugt sind – mit gleichen Rechten nach ihrem freien Willen an dieser Ordnung maßgeblich zu beteiligen.
Wir bezeichnen dies als das Prinzip der Menschlichkeit, und es steht nicht im Gegensatz zum Nationalismus. Vielmehr wollen wir ihn innerhalb seiner wahrhaft natürlichen Grenzen halten. Darin hat die Liebe zur Nation ihren Platz, nicht aber nationale Parteilichkeit. Wohlwollen gegenüber der eigenen Nation ist zulässig, nationale Selbstsucht jedoch verboten. Die nationale Unabhängigkeit wird allgemein anerkannt, und auch die Vorherrschaft einer Nation über eine andere kann nicht hingenommen werden – eine Vorherrschaft, die die Menschheit durch unüberwindbare Grenzen spaltet. Das Prinzip der Menschlichkeit fordert, dass zwar jede Nation ihre inneren Angelegenheiten selbst regelt und keine Nation als Nation einer anderen unterworfen ist, zwischen denjenigen Nationen jedoch, die mit den grundlegenden Prinzipien der menschlichen Zivilisation übereinstimmen, bei der Förderung des Wohls und des Fortschritts der Menschheit vollständige Zusammenarbeit herrscht. An die Stelle des Wettbewerbs (COMPETETION) tritt Zusammenarbeit. Gegenseitige Unterschiede, Feindschaft und Entfremdung wird es nicht geben. Zivilisation, Kultur sowie die Mittel und Möglichkeiten des Lebens werden frei ausgetauscht werden. Und jeder Mensch auf der Welt, der unter dieser zivilisierten Lebensordnung lebt, wird nicht Bürger einer einzigen Nation und eines einzigen Landes sein, sondern Bürger der ganzen Welt, sodass er sagen kann: Da alle Länder meinem Gott gehören, gehört jedes Land auch mir. Gegenwärtig herrscht ein solch unerwünschter Zustand, dass ein Mensch keinem anderen Volk und keinem anderen Land außer seinem eigenen Volk und Land treu sein kann. Ebenso kann keine Nation den Angehörigen einer anderen Nation außer den eigenen Leuten Vertrauen entgegenbringen. Sobald der Mensch die Grenze seines Landes überschreitet, empfindet er, dass ihn an jedem Ort in Gottes Welt nur Hindernisse erwarten. Überall wird er wie ein Dieb oder Räuber misstrauisch betrachtet. Überall gibt es Befragungen und Durchsuchungen. Einschränkungen in seiner Rede und in seiner Bewegungsfreiheit. Nirgendwo gibt es für ihn weder Freiheit noch Rechte. Demgegenüber wünschen wir uns eine solche weltumspannende Ordnung, in der sich die Nationen auf der Grundlage der Einheit der Grundsätze zu einer Föderation zusammenschließen und innerhalb dieser Föderation eine gleiche und allgemeine Staatsbürgerschaft (COMMON CITIZENSHIP) sowie ein freies Reiseverkehrssystem eingeführt werden. Mögen unsere Augen noch einmal den Anblick erleben, dass irgendein „Ibn Battuta“ unserer Zeit von der Atlantikküste bis zur Küste des Schwarzen Meeres reist, ohne irgendwo als Ausländer (FOREIGNER) zu gelten.
Betrachten wir nun das dritte Grundprinzip. Anstelle der Volkssouveränität oder Volksherrschaft (SOUVERÄNITÄT) wollen wir das Kalifat des Volkes. Wir lehnen die persönliche Monarchie oder Königsherrschaft (MONARCHIE), die Herrschaftsmacht der Amīre und Würdenträger sowie die ausschließlichen Vorrechte einzelner Klassen ebenso entschieden ab wie ein radikaler Demokrat der modernen Zeit. Wie die eifrigsten Befürworter der westlichen Demokratie fordern auch wir im gesellschaftlichen Leben gleiche Rechte und gleiche Chancen für alle. Auch wir sind der Auffassung, dass die Verwaltung der Regierungsgeschäfte und die Wahl der Regierenden auf der Grundlage der freien Willensäußerung des Volkes erfolgen müssen. Zugleich sind wir entschieden gegen eine Lebensordnung, in der es keine Freiheit von Versammlungen und Vereinigungen sowie keine Freiheit zu Bewegung und Kampf gibt oder in der bestimmten Menschen aufgrund ihrer Geburt, Abstammung oder Klassenzugehörigkeit besondere Rechte vorbehalten und anderen besondere Hindernisse auferlegt werden. Dies ist das grundlegende Wesen der Demokratie; in dieser Hinsicht besteht zwischen unserer Demokratie und der westlichen Demokratie kein Meinungsunterschied. Nichts davon hat der Westen uns gelehrt. Mit dieser Demokratie waren wir bereits zu jener Zeit vertraut und haben der Welt leuchtende Beispiele dafür vor Augen geführt, viele Jahrhunderte bevor die moderne Demokratie des Westens ihren Anfang nahm. Tatsächlich besteht unser Meinungsunterschied zu dem Aspekt dieser neu entstandenen Demokratie darin, dass sie das Prinzip der uneingeschränkten Volkssouveränität oder Volksherrschaft verkündet, das in Wirklichkeit falsch und in seinen Folgen äußerst verhängnisvoll ist. In Wahrheit steht das Recht auf Souveränität allein Demjenigen zu, der die Menschheit erschaffen hat, ihr die Mittel zu ihrer Versorgung und Entfaltung bereitstellt, durch dessen Willen die Existenz der Menschheit und der gesamten Schöpfung fortbesteht und dessen machtvollem Gesetz jedes Ding in der Schöpfung unterworfen ist. Welche Souveränität auch immer unter seiner wirklichen und wahren Souveränität beansprucht wird – sei es die Souveränität einer Person oder einer Familie oder die eines Volkes und seiner Bevölkerung –, sie ist unter allen Umständen nichts anderes als eine Täuschung. Der Schlag dieser Täuschung wird nicht den wahren Souverän treffen, sondern den törichten, seine eigene Würde nicht erkennenden Anspruchsteller auf die Souveränität. Im Lichte dieser Wahrheit ist es richtig, Allah als Gott anzuerkennen und die Ordnung des menschlichen Lebens auf dem Konzept und der Lehre des Kalifats zu begründen. Dieses Kalifat muss zweifellos demokratisch sein. Der Regierungschef muss auf der Grundlage der freien Meinung des Volkes gewählt werden. Die Mitglieder des Parlaments (Schura) müssen nach dem Willen des Volkes gewählt werden. Die gesamte Verwaltung der Regierung muss auf der Grundlage ihrer Beratung geführt werden. Das Volk muss das uneingeschränkte Recht haben, die Regierung zu kritisieren und zur Rechenschaft zu ziehen. All dies muss jedoch von dem Bewusstsein getragen sein, dass das Land Allah gehört. Wir sind nicht die Eigentümer, sondern seine Stellvertreter. Über jede unserer Handlungen müssen wir dem wahren Eigentümer Rechenschaft ablegen. Die von Allah für unser Leben festgelegten moralischen Grundsätze, rechtlichen Anweisungen und Grenzen müssen an ihrem jeweiligen Platz vollständig in Kraft und unveränderlich bleiben. Die grundlegende Auffassung unseres Parlaments muss sein, dass der Koran Allahs und die Sunna seines Gesandten (Allahs Segen und Friede seien auf ihm) die Quelle aller Gesetze bilden. In Angelegenheiten, zu denen Allah und sein Gesandter Anleitung und rechtliche Anweisungen gegeben haben, dürfen keine neuen Gesetze erlassen werden; vielmehr müssen detaillierte Maßnahmen zur Umsetzung ihrer Anweisungen ergriffen werden. In Angelegenheiten, zu denen es keine entsprechende Anleitung gibt, müssen wir davon ausgehen, dass uns darin Handlungsfreiheit gewährt wurde. Nur in diesen Angelegenheiten dürfen wir daher auf der Grundlage von Beratung Gesetze erlassen. Doch auch diese Gesetze müssen mit dem Wesen und der Grundstimmung jenes umfassenden Rahmens übereinstimmen, den Allahs grundlegende Rechtleitung für uns geschaffen hat.
Darüber hinaus ist vor allem erforderlich, dass die Verantwortung für die Leitung und Verwaltung dieser gesamten politischen und kulturellen Tätigkeit Menschen übertragen wird, die stets Allah fürchten, Ihm gehorchen und bei jeder ihrer Handlungen danach streben, Allahs Wohlgefallen zu erlangen. Ihr Leben bezeugt, dass sie fest daran glauben, vor Allah treten und Rechenschaft ablegen zu müssen.
Auf den vorangegangenen Seiten wurden drei verhängnisvolle Lehren und Philosophien der Dschāhilīya erörtert und zugleich die islamische ʿAqīda, Lehre und Weltanschauung dargelegt. Jeder vernünftige Mensch muss sich fragen, ob der auf der Grundlage dieser drei Lehren der Dschāhilīya in fast allen Ländern der Welt errichtete Palast des politischen, wirtschaftlichen und zivilisatorisch-kulturellen Lebens den Menschen irgendein Glück und Frieden, Sicherheit für Leib und Leben, Gerechtigkeit sowie Frieden und Ordnung bringen konnte. Sind die Kriege und Feindseligkeiten zwischen Menschen und zwischen Völkern, die unersetzlichen Verluste an Menschenleben und Vermögen, Hungersnöte, Hunger und Armut, Seuchen, unheilbare Geschlechtskrankheiten, der äußerste moralische Verfall, Hass und Feindschaft, Gewalttätigkeit und Missgunst – all dies, was die Hauptursachen der Unruhe in der menschlichen Gesellschaft sind – beendet worden, oder besteht irgendeine Aussicht, dass dies geschehen wird? Wenn dies nicht der Fall ist, dann ist nun die Zeit gekommen, eine Entscheidung zu treffen: Werden wir an der Lehre der Dschāhilīya festhalten und dadurch unseren Untergang herbeiführen, oder werden wir unser gesamtes Leben nach der von Allah, dem Schöpfer der Welt, gesandten Ordnung gestalten und auf dieser Welt Frieden, im Jenseits Erlösung und eine Wohnstätte ewigen Glücks errichten?
DieneueStrategie der Dschāhilīya
In der langen Erörterung unter dem Titel „Der ewige Konflikt zwischen Islam und Dschahiliyya“ ist, wie ich meine, deutlich geworden, dass in allen Zeitaltern der Konflikt zwischen der Dschahiliyya und dem Islam ausgetragen wurde, das heißt zwischen den Kräften, die sich gegen den Islam richten, und den Anhängern und Bannerträgern des Islam. Der Grund dafür, dass Islam und Dschahiliyya zwei entgegengesetzte Kräfte sind, liegt darin, dass die Existenz und Vorherrschaft der einen für die andere unerträglich ist. Trotz des Einsatzes all ihrer Kräfte konnte die Dschahiliyya den Islam nicht ausrotten, denn der Islam ist die höchste Wahrheit und die höchste Schönheit. Die Anziehungskraft von Wahrheit und Schönheit ist dem menschlichen Geist angeboren und natürlich. Doch weil das Wiedererwachen des Islam für die Dschahiliyya unerträglich ist, wandte sie eine neue Strategie oder Kriegstaktik an und errang damit zumindest vorübergehend Erfolg. Diese Kriegstaktik hat sie in allen Zeitaltern angewandt. Aus der Geschichte des Islam und der Muslime geht hervor, dass die Dschahiliyya den Muslimen nicht einmal nahekommen kann, wenn sie sich vereint am Seil des Islam festhalten. Daher verfolgte die Dschahiliyya die Strategie, den Islam durch Muslime selbst anzugreifen. Wenn die Dschahiliyya den Islam offen unter ihrem eigenen Namen angreift, besteht die Möglichkeit, dass die Muslime sich vereinen und diesen Angriff abwehren. Wenn jedoch ein Muslim im Namen des Islam dem Islam schaden will, muss dies zu einem Bruch in der Einheit der Muslime führen. Hinter dem Ende des islamischen Kalifats hat die Dschahiliyya im Verborgenen Ansporn und Antrieb geschaffen, während offen Muslime dem Namen nach handelten. Nachdem das Kalifat in eine Monarchie umgewandelt worden war, konnten diejenigen, die die Herrschaft in Händen hielten, ihre Aufmerksamkeit nicht darauf richten, islamische Gerechtigkeit, Rechtschaffenheit und die Sicherheit von Leben und Besitz zu verwirklichen. Sie bemühten sich jedoch, die Lebenskraft des Islam zu erhalten und seine grundlegenden Lehren unversehrt zu bewahren.
In verschiedenen Zeitaltern haben die Anhänger der Dschahiliyya einige Muslime durch Geld und hohe Ämter verführt und gegen den Islam und die Muslime eingesetzt. Ja, die Feinde des Islam konnten sogar einige Personen, die sich als Gelehrte ausgaben, gegen die muslimische Gemeinschaft und den Islam instrumentalisieren.
Die Siegesfanfaren der Dschahiliyya erschallten in der ganzen Welt, als bis auf zwei oder drei alle muslimischen Länder sich der Herrschaft der europäischen Kolonialmächte unterwarfen. Die Herrscher führten in den eroberten muslimischen Ländern eine säkulare Weltanschauung und ein säkulares Bildungssystem ein und schufen unter den Muslimen eine Generation islamfeindlicher Politiker und Intellektueller. Die westlichen Herrscher enthielten sich eigener Eingriffe in das, was von islamischen Bräuchen und Wertvorstellungen noch übrig war. Nachdem sie abgezogen waren, begannen die Muslime, die ihre Nachfolge antraten, den Islam mit Messerstichen anzugreifen. Die koloniale Herrschaft des Westens und das von ihr eingeführte Bildungssystem brachten zahlreiche große und kleine Kemal Atatürks, Oberst Nassers, Ayub Khans und Sukarnos hervor.
Diese verwirrten Politiker und Intellektuellen der neuen Generation machten sich daran, den Islam zu reformieren. Persönlichkeiten wie Scheich Muhammad Abduh, Sir Sayyid Ahmad und Ghulam Ahmad Parwez betrieben eine Kampagne, den Islam durch eine Verbindung mit dem westlichen Gedankengut in eine neue Form zu gießen. Mirza Ghulam Ahmad ging sogar so weit, einen neuen Islam zu erfinden. Doch der Verzicht auf die grundlegenden Gebote des Islam sowie gemischte Versammlungen von Frauen und Männern, Koedukation, Tanz und Musik, Alkoholkonsum und die Bewegung für die Freiheit der Frauen zogen die modern gebildeten Muslime an und beeinflussten sie. Wenn irgendwo die Möglichkeit eines islamischen Wiedererwachens sichtbar wurde oder eine islamische Bewegung im Gange war, schuf die oben genannte Gruppe von Muslimen als Erste Hindernisse. Darüber hinaus unternahm sie alle Anstrengungen, die islamische Bewegung durch Gewalt, faschistische Taktiken und sogar durch Morde auszurotten. Aus diesem Grund kann die Bewegung zur Errichtung einer wahrhaft islamischen Lebensordnung nirgendwo auf der Welt Erfolg haben.
Die Errichtung einer vollständigen islamischen Lebensordnung in allen Bereichen und auf allen Ebenen des Lebens ist für die Dschahiliyya, das heißt für Iblis, am unerträglichsten. Gegen einige Formen der Lobpreisung und Verehrung Gottes in den eng begrenzten Bereichen des Lebens, etwa Gebet, Fasten, das Gedenken an das Glaubensbekenntnis und gewisse Almosen, hat Iblis jedoch nichts einzuwenden. Es genügt ihm, wenn man seine Vorherrschaft in den umfassenderen Bereichen des Lebens anerkennt – in Gesellschaft, Staat und Bildungssystem, in Zivilisation und Kultur, Wirtschaft und Politik. So wie Iblis nicht dulden will, dass der Islam irgendwo als vollständige Lebensordnung errichtet wird, wollen dies auch die Bannerträger der westlichen Zivilisation und Kultur, seine ergebenen Diener, nicht dulden. Der scheinbare Erfolg der Dschahiliyya besteht jedoch darin, dass sie einige sogenannte, dem Namen nach muslimische Personen in die erste Reihe des offenen Kampfes gegen den Islam stellen konnte. Die islamfeindlichen staatlichen Kräfte liefern im Hintergrund Geld, Mittel, Antrieb und Mut. Trotz alledem sind starke Anzeichen für ein islamisches Wiedererwachen sichtbar geworden. Überall erkennen gebildete und nachdenkliche Menschen die Wahrheit, dass allein der Islam die Lösung für alle Probleme der von Problemen geplagten menschlichen Gesellschaft besitzt. Außerhalb des Islam gibt es keinen anderen Weg zum umfassenden Wohlergehen und zur Befreiung der Menschen.
Gleichzeitig muss man auch diese Wahrheit erkennen: Was als einziges Heilmittel für eine Krankheit angesehen wird, muss unbedingt rein und unverfälscht sein. Auch bei wiederholter Anwendung lindert ein verfälschtes Arzneimittel die Krankheit nicht, sondern wird vielmehr zum Grund für ihre Verschlimmerung. Daher muss man den vom letzten Propheten verkündeten und etablierten, unverfälschten Islam wählen. Nicht die geringste Veränderung oder Erweiterung seiner grundlegenden Lehren darf akzeptiert werden. In dieser Hinsicht muss man dem Weltenpropheten Muhammad Mustafa (s.a.w.) vollkommen folgen und ihn nachahmen.
Das Merkwürdige ist, dass die Dschahiliyya oder die Islamgegner gegen einen verfälschten Islam keinen Einwand haben. Es entspricht gerade den Wünschen der Islamgegner, die im Koran und in den Hadithen enthaltene Auslegung des Tauhid zu ignorieren, schirkhafte Handlungen wie die Verehrung von Gräbern zu betreiben, den Menschen als Inhaber souveräner Herrschaft und Macht anzusehen, die westliche materialistische Zivilisation nachzuahmen, Zins, Bestechung, Unzucht, Unrecht und Ungerechtigkeit und dergleichen zu begünstigen und all dies mit dem Gewand des Islam zu bekleiden. Die Aufgabe der Dschahiliyya besteht darin, die Menschheit auf der Grundlage von Regionalismus, Vetternwirtschaft, Parteilichkeit, Sprache, Rasse, Stammeszugehörigkeit und Aristokratie in verschiedene Gruppen und Untergruppen zu spalten. Gerade der Versuch, eine Gesellschaft auf der Grundlage des Glaubens an Tauhid, Risala und Akhira zu errichten, die all dem entgegengesetzt ist, ist der Grund für den äußersten Widerstand der islamfeindlichen Kräfte. Die Dschahiliyya bezeichnet dies als Fundamentalismus und hat ihm den Krieg erklärt. Mit diesem Krieg haben sich jene muslimischen Herrscher und die von ihnen begünstigten Gruppen solidarisiert, die den unverfälschten Islam als ihren Interessen entgegengesetzt betrachten. Auch die wahren Soldaten des Islam stehen auf dem Schlachtfeld und geben bereitwillig ihr Leben. Dieser Krieg ist nicht neu, denn auch der Konflikt zwischen Islam und Dschahiliyya ist nicht neu. Dieser Konflikt hat sich über lange Zeit von Karbala bis Balakot hingezogen. Er dauerte auch nach Balakot an und wird fortdauern, bis der vollständige Sieg des unverfälschten und reinen Islam anbricht.
Was für den endgültigen Sieg erforderlich ist
Das Allerwichtigste, was zunächst erforderlich ist, besteht darin, unter all jenen, die sich nach einer Wiedergeburt des Islam sehnen und wünschen, dass auf der von Allah erschaffenen Erde und in der menschlichen Gesellschaft ausschließlich Allahs vollständige Gesetzesherrschaft errichtet werde, um Allahs Wohlgefallen willen Einheit zu schaffen. Die Quelle dieser Einheit werden der Koran und die Sunna sein, und die brüderliche Beziehung der ehrwürdigen Gefährten zueinander wird das Vorbild und die Inspirationsquelle dieser Einheit bilden. Die Dschāhilīya darf die Anhänger des Islam nicht unter Bezeichnungen wie Hanafiten und Ahl al-Hadith, Schafiiten und Hanbaliten, Deobandis und Barelwis in hundert Gruppen spalten und voneinander getrennt und zerstreut halten.
Zweitens müssen der Islam und sein Wohltun der Bevölkerung aller Schichten in einer eindringlichen Sprache klar dargelegt werden. Die falschen Vorstellungen über den Islam, die durch das moderne gottlose Bildungssystem geschaffen worden sind, müssen beseitigt werden. Die islamische Bildung muss umfassend verbreitet und gefördert werden.
Drittens muss zur Beseitigung jener despotischen Herrschaften, die auf dem Weg zur Errichtung des Islam die größten Hindernisse darstellen, ein umfassender, geeinter Kampf geführt werden. Dabei muss dem Vorgehen der Propheten und Gesandten gefolgt werden.
Schließlich muss, da diese Aufgabe ohne die Hilfe Allahs keinesfalls möglich ist, eine äußerst tiefe und enge Beziehung zu Ihm hergestellt werden. Es muss die innere Bereitschaft entwickelt werden, das gesamte Leben für Sein Wohlgefallen hinzugeben. Auf diese Weise wurde unter der Führung des Weltenpropheten in Medina das Fundament eines islamischen Wohlfahrtsstaates gelegt. Wenn man auch heute noch das damals angenommene Programm sowie diese Methoden und Vorgehensweisen verfolgt, ist es ganz natürlich, dass dasselbe gute Ergebnis erzielt wird.
Schluss
In diesem Buch wurde versucht, die Wahrheit darzulegen, dass es das Ziel der Dschāhilīya ist, den Islam auszurotten, zu verfälschen oder ihre Vorherrschaft über ihn zu errichten. Von diesem Ziel ist sie niemals abgewichen. Daher lässt sich feststellen, dass die Angriffe der Dschāhilīya auf den Islam seit dem Beginn der Menschheit in allen Zeitaltern fortgesetzt wurden. Im Grunde ist die gesamte Geschichte der Menschheit eine Geschichte des Konflikts und Kampfes sowie von Sieg und Niederlage zwischen Islam und Dschāhilīya. Zu manchen Zeiten war der Islam siegreich, zu anderen die Dschāhilīya.
Nun stellt sich die Frage: Ist der Islam etwa etwas, das besiegt werden kann? Gewiss nicht. Der Islam ist niemals etwas, das besiegt, ausgelöscht oder ausgerottet werden kann. Der Islam ist ein ewig wahres, schönes und heilsames vollständiges Lebenssystem, das Allah, der Schöpfer der Welt, der Menschheit gegeben hat. Diejenigen, die an ihn glauben, werden Muslime genannt. Wenn ein Muslim in jedem Bereich und auf jedem Gebiet des Lebens die islamischen Vorschriften vollständig befolgt, wenn sich das islamische Ideal in seinem Herzen und Verstand, in seinem Denken, seinem Geschmack und seiner geistigen Haltung, in seinem Charakter und Verhalten sowie in seiner Zivilisation und Kultur widerspiegelt, wenn die Menschen auf allen Ebenen die Gebote des Islam befolgen und eine reine, gerechte und geordnete Gesellschaftsstruktur entsteht, dann wird eben dies der Sieg der Muslime beziehungsweise des Islam genannt. Wenn dagegen Muslime das islamische Ideal und die islamischen Vorschriften vergessen oder aufgeben oder wenn die Menschen eines Landes und einer Region den Islam ablehnen, dann sind nicht der Islam, die Wahrheit und das Schöne besiegt; besiegt sind vielmehr die Muslime, die den Islam vergessen, oder die Menschen, die den Islam ablehnen. Nun stellt sich die Frage, wie die Dschāhilīya dort Zugang erlangen kann, obwohl das Gefüge und die Bindungen des Islam so fest sind. Im Buch wurden hierzu einige Hinweise gegeben. Die Dschāhilīya lauert jederzeit darauf, den Islam anzugreifen. Daher dringt sie, wenn sich eine Gelegenheit bietet, selbst in einer siegreichen Lage des Islam in dessen Bereich ein: an manchen Orten in Gestalt harmloser und unschuldiger Bräuche und Zeremonien, an anderen in der Gestalt des Islam und wieder an anderen, indem sie eine maßlose Verehrung und Ehrfurcht gegenüber einer Persönlichkeit hervorruft. Danach breitet sie allmählich ihren Einfluss im Herzen des Menschen aus und beginnt, ihn Schritt für Schritt vom grundlegenden islamischen Denken und Bewusstsein, von den Grundprinzipien und vom geraden, wahrhaft richtigen Weg (Sirāt al-mustaqīm) abzubringen. Schließlich drängt sie ihn weit vom Islam fort und lässt die Dschāhilīya den Siegesruf erschallen. Gegen Ende des rechtgeleiteten Kalifats ist zu beobachten, wie die Dschāhilīya auf diese Weise in den Bereich des Islam eindrang.
Später war zu beobachten, wie die Dschāhilīya auf diese Weise von allen unbemerkt als eine faulende Wunde (KREBS) in den Körper des Islam eindrang. Auf dem Gebiet des Tasawwuf nahmen Sufi-Asketen in guter Absicht und mit dem Ziel, die Liebe zu Allah zu erlangen, einige zusätzliche religiöse Handlungen (ʿAmal) auf sich, die, obwohl der ehrwürdige Prophet (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) und die ehrwürdigen Gefährten (Allahs Wohlgefallen sei auf ihnen) sie nicht ausübten, aus islamischer Sicht nicht als verwerflich angesehen wurden. Doch im Laufe der Zeit und durch den zeitlichen Abstand wurden sie verfälscht und nahmen im Körpergefüge des Islam die Gestalt einer faulenden Wunde an.
Der Anführer der ersten dschihadistischen Bewegung auf dem indischen Subkontinent tauchte, während er im Dschihad mit dem Ziel kämpfte, allen Unrat der Dschāhilīya zu beseitigen und eine wahrhaftige und reine islamische Gesellschaft und einen islamischen Staat zu errichten, in Balakot in das süße Meer des Märtyrertums ein und wurde zu einem Bewohner des Paradieses.
Es sei darauf hingewiesen, dass der Islam den Menschen lehrt, zu lieben. Da der Schöpfer, Allah der Erhabene, selbst die von Ihm erschaffenen Menschen liebt, sollen auch die Menschen einander lieben. Doch für die Liebe und Achtung der Menschen untereinander wurde eine Grenze festgelegt, die niemals überschritten werden darf. Der höchste Gegenstand der Liebe ist Allah der Erhabene selbst. Die Liebe des Menschen zu Ihm soll das Maß für alle anderen Formen der Liebe sein. Allah muss mehr geliebt werden als das eigene Leben und der eigene Besitz, und alle anderen sollen um Seiner Liebe willen geliebt werden. Nach der Liebe zu Allah ist der geliebte Prophet Allahs, Muhammad Mustafa, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, der höchste Gegenstand der Liebe. Die Liebe zu Allah soll grenzenlos sein. Für die Liebe zum Propheten jedoch wurde eine Grenze festgelegt. Sie darf nicht so weit gehen, dass man ihn mit den Eigenschaften Allahs ausstattet, das heißt, ihn mit der Stellung der Ulūhīya, also der Göttlichkeit, ausstattet. Die früheren Gemeinschaften sind durch diesen Fehler, diese Grenze zu überschreiten, vollständig vom rechten Weg abgeirrt. Kein Mensch, der kein Prophet ist, verdient es, in gleicher Weise wie der Prophet geliebt zu werden. Ebenso kann die Liebe, die Kinder ihren Eltern entgegenbringen, kein anderer Mensch erhalten. Doch die Grenze der Liebe zu allen anderen wird am Prüfstein der Liebe zu Allah bestimmt.
Sobald die Liebe und Verehrung einer Persönlichkeit die Grenze überschreiten, betreten sie den Bereich des Personenkults, und genau das ist das Ziel der Dschāhilīya. Dem Anführer einer islamischen Bewegung muss selbstverständlich die ihm gebührende Achtung, Liebe und Ehre erwiesen werden. Eine maßlose Liebe zu ihm widerspricht jedoch dem islamischen Ideal und den grundlegenden Glaubensüberzeugungen. Der Dschihad beziehungsweise die islamische Bewegung steht zweifellos unter der Führung eines Amīrs oder Anführers. Eine übermäßige Achtung und Liebe gegenüber dem Anführer kann der Bewegung jedoch Schaden zufügen, was keinesfalls wünschenswert ist.
Obwohl der Anführer der ersten dschihadistischen Bewegung auf dem indischen Subkontinent, Hazrat Sayyid Ahmad Barelvi, und seine Gefährten, die Mudschahedin, allesamt Anhänger des Tasawwuf waren, trugen ihr Verhalten auf dem Schlachtfeld und im Kriegslager doch die Prägung des Verhaltens der ehrwürdigen Sahāba. Unter den Mudschahedin gab es jedoch, wenn auch nur wenige, einige, deren Verehrung und Ergebenheit gegenüber dem Amīr maßlos waren. Deshalb konnten sie den Märtyrertod Sayyid Sahibs nicht glauben. Sie glaubten, dass er sich den Blicken der Menschen verborgen halte und eines Tages gewiss wieder erscheinen werde. Diejenigen, die solche Vorstellungen und Überzeugungen hegten, zogen sich aus dem Dschihad zurück.
Einige der frommen Sufis vergangener Zeiten führten in ihren Zusammenkünften die Sitte des „Samāʿ“ ein. „Samāʿ“ ist ein arabisches Wort und bedeutet „Zuhören“ oder etwas, das des Zuhörens und der aufmerksamen Betrachtung würdig ist. Auf der Grundlage von Tauhīd und Risālat wurden Lobgedichte auf Allah und Seinen Gesandten verfasst und in den Zusammenkünften der Sufis mit wohlklingender Stimme vorgetragen. In den Zusammenkünften, in denen dies vorgetragen wurde, waren weder Jungen und Mädchen noch Frauen anwesend. Auch wurden keine Musikinstrumente verwendet. In einer äußerst andächtigen Atmosphäre wurde der von der Liebe zu Allah erfüllte „Samāʿ“ mit lieblicher Stimme gesungen, und die Zuhörer versanken in bewegter Hingabe. Obwohl dieser „Samāʿ“ weder äußerlich noch seiner Bedeutung nach offensichtlich islamwidrig war, konnten viele Sufis ihn nicht annehmen, weil er vom letzten Propheten Allahs weder gebilligt noch eingeführt worden war. Offenbar ist die heute verbreitete „Qawwali“ eine entstellte Form eben dieses Samāʿ.
Qawwali wird zur Melodie eines Liedes und unter Einsatz von Musikinstrumenten in gemischten Versammlungen von Männern und Frauen gesungen. Eine solche Qawwali-Veranstaltung dauert die ganze Nacht. Der Qawwali-Sänger, der Qawwal, ist ein professioneller Künstler. Der Qawwal und die Zuhörer haben nur wenig mit dem Islam zu tun. Auch bei der Bewirtung der Gäste werden die Grenzen des Islam überschritten.
Viele Bräuche und Zeremonien dieser Art legen das Gewand des Islam an und werden in die Reihe der islamischen Bräuche und Zeremonien aufgenommen. All dies sind Machenschaften der Dschāhilīya. Um den Islam und die islamische Kultur unverfälscht und frei von Verunreinigung zu bewahren, muss zwischen Islam und Dschāhilīya eine starke Mauer errichtet werden. Stets muss wachsam und aufmerksam darauf geachtet werden, dass die Dschāhilīya nicht einmal durch die kleinste Öffnung in dieser Mauer eindringen kann.
Zu den Erscheinungsformen der Dschāhilīya gehören: Regionalismus; von den Vorfahren überlieferte islamfeindliche Bräuche; die Anweisungen Allahs und Seines Gesandten nach eigenem Gutdünken auszulegen; angesichts des glücklichen und wohlhabenden Lebens der Nichtmuslime betrübt zu sein und den Islam als dessen Hindernis zu betrachten; die Verehrung von Gräbern; Gelübde und Opfergaben im Namen von Gräbern darzubringen; ein Bild eines Pīr oder irgendeines Menschen aus Verehrung im Haus aufzubewahren; ein Grab oder eine Säule aus Ziegeln oder Steinen mit einer Blumengirlande zu schmücken; nichtislamische Namen zu geben; einen Ort für ebenso verehrungswürdig wie das Baytullāh zu halten; sich für die Erlösung im Jenseits auf irgendeinen Menschen zu verlassen und dergleichen. Eine Erläuterung all dessen ist unnötig.
Die Muslime des Subkontinents
Abgesehen von einer kurzen Unterbrechung herrschten auf diesem Subkontinent vom Sieg Muhammad ibn Qasims über Sindh im Jahr 711 n. Chr. bis zur vollständigen Etablierung der britischen Herrschaft im Jahr 1865 n. Chr. achthundert bis neunhundert Jahre lang Muslime. Alle, die als Eroberer auf diesen Subkontinent kamen, waren Fremde. Doch sie kamen nicht mit der Absicht, von diesem Subkontinent wieder abzuziehen, und auch nicht aus dem Drang nach imperialistischer Expansion oder um eine koloniale Herrschaft zu errichten. Sie kamen, um in diesem Land ein schönes und gerechtes Regierungssystem zu etablieren sowie vollständigen Frieden, Ordnung und Sicherheit zu gewährleisten. Auch die unzähligen Menschen, die mit ihnen kamen – Angehörige des Militärs, Geschäftsleute, Dichter, Künstler, Schriftsteller und Gelehrte –, liebten dieses Land, betrachteten es als ihre Heimat und hauchten hier ihren letzten Atemzug aus. Auch ihre Nachkommen folgten ihren Spuren. Obwohl sie allesamt Muslime waren und der herrschenden Klasse angehörten, unternahmen sie keinerlei Versuch, die nichtmuslimischen Bewohner dieses Landes mit Gewalt zum Religionswechsel zu zwingen. Vielmehr lebten sie durch die Pflege herzlicher gegenseitiger Beziehungen Hunderte von Jahren Seite an Seite. Trotz ihres langen gemeinsamen Zusammenlebens verloren die beiden Gemeinschaften, Muslime und Nichtmuslime, nicht ihre jeweilige nationale Eigenständigkeit und verschmolzen nicht zu einer Einheit.
Doch sie übernahmen gewiss Einflüsse voneinander. Vielen fehlte das islamische Wissen und die Ausbildung, die für ein vollständig islamisches Leben erforderlich sind, und sie verfügten über kein Programm zur Herausbildung einer islamischen Gesinnung, Denkweise und eines islamischen Charakters. Daher wirkte bei vielen von ihnen der kulturelle Einfluss dieses Landes, und zahlreiche heidnische Bräuche und Zeremonien legten ein islamisches Gewand an und wurden in die muslimische Kultur aufgenommen. Auf diese Weise konnte die Jahiliya, wenn auch nur teilweise, ihre Herrschaft über den Körper der muslimischen Gesellschaft ausdehnen. Infolgedessen führten viele Muslime mehrere Jahrhunderte lang ein halbmuslimisches und halb hinduistisches Leben.
Der Einfluss der europäischen Herrschaft in muslimischen Ländern
Seit dem achtzehnten Jahrhundert wurde aus verschiedenen Gründen in muslimischen Ländern nach und nach die europäische Kolonialherrschaft errichtet. Die Jahiliya etablierte ihre Vorherrschaft über die Muslime, einschließlich durch staatliche Macht. Das europäische Denken, die Sichtweise auf das Leben, die Wertvorstellungen und die Lebensphilosophie beeinflussten zunehmend Geist und Denken der Muslime. Das von den siegreichen Herrschern eingeführte Bildungssystem entfernte die besiegten Muslime immer weiter vom Islam. Seine Grundlage bildeten Materialismus, Atheismus, Religionslosigkeit (SÄKULARISMUS) und Nationalismus. Auf diesen Grundlagen entstand die westliche Zivilisation. Wissenschaft und Technik stärkten diese Zivilisation.
Wissenschaft und Technik können für jedes gute oder schlechte Vorhaben eingesetzt werden. Hätten die Muslime der Welt, am islamischen Ideal festhaltend, Wissenschaft und Technik gepflegt, hätten sie beide zum Wohl der Menschheit einsetzen können. Doch sie entfernten sich sowohl vom Islam als auch von der Beschäftigung mit Wissenschaft und Technik. Die westlichen Mächte, die das Banner der Jahiliya trugen, nutzten diese doppelte Schwäche aus und wurden zu ihren politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Herren. Die Muslime verfielen einem extremen Minderwertigkeitsgefühl. Die Muslime nahmen die westliche Zivilisation, ihre Bildung und ihre politische Philosophie (Säkularismus) als Schlüssel zu Fortschritt und Entwicklung an.
Nach dem Zweiten Weltkrieg begannen die muslimischen Länder eines nach dem anderen, die Ketten der Knechtschaft zu sprengen und ihre Unabhängigkeit zu erlangen. Bedauerlicherweise fiel die Regierungsgewalt nach der Erlangung der Unabhängigkeit jenen in die Hände, die den Islam als Hindernis für Entwicklung und Fortschritt betrachteten. Dadurch wurde die Herrschaft der Jahiliya mit all ihrer Macht etabliert. Doch die muslimische Bevölkerung konnte diese Herrschaft in keinem Land akzeptieren. Abgesehen von der Herrscherclique, die geistige Sklaven der westlichen Zivilisation waren, forderte die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung die islamische Lebensordnung. Daher dauern fast überall Konflikte und Auseinandersetzungen zwischen Herrschern und Beherrschten an; ihr Ende ist noch immer nicht erreicht.
Erfreulicherweise hat überall unter den Muslimen und insbesondere unter der gebildeten Jugend eine neue Flut islamischer Inspiration eingesetzt. Auch die Bewegung, den Islam als eine vollständige Lebensordnung zu etablieren, ist im Gange. In der jugendlichen Flutwelle der islamischen Dschihad-Inspiration ist die russische Militärmacht in Afghanistan untergegangen und besiegt worden. In der palästinensischen Befreiungsbewegung hat die „Intifada“ das Banner des Dschihad erhoben. Auch die nach Befreiung dürstenden Muslime Kaschmirs kämpfen darum, von jeder schlechten Herrschaft und Unterdrückung durch den indischen Staat befreit zu werden. Die Jahiliya sitzt nicht untätig da. Um diese drei Kämpfe zunichtezumachen, besetzte Saddam Hussein, der irakische Spielball Indiens, Russlands und Amerikas, den unabhängigen muslimischen Staat Kuwait gewaltsam. Damit zerstörte er einerseits die Einheit der Muslime in der Welt und stach andererseits der palästinensischen, afghanischen und kaschmirischen Befreiungsbewegung in den Rücken. Im ewigen Konflikt zwischen Islam und Jahiliya spielte das Staatsoberhaupt eines muslimischen Staates die Rolle eines Spielballs der Jahiliya. Dies ist ein zutiefst beschämendes Ereignis in der Geschichte des Islam.
Es ist ein Grund zur Besorgnis, dass die muslimische Armee eines muslimischen Landes einen anderen unschuldigen muslimischen Staat gewaltsam besetzen, unzählige unschuldige muslimische Bürger töten, ihr Eigentum plündern und muslimischen, verschleierten und gottesfürchtigen Frauen brutal Gewalt antun sowie ihre kostbaren Güter, ihre Ehre und Scham rauben kann! Besitzen diese Unmenschen, auch wenn sie sich Muslime nennen, überhaupt irgendeinen Glauben an Allah und das Jenseits? Das ist wahrlich ein historischer Sieg der Dschahiliya, also des Kufr, über die Muslime. Werden die Anhänger des Islam daraus lernen können? Denn der Angriff der Dschahiliya auf den Islam wird in dieser Weise weitergehen.
Das Licht der Hoffnung
Auf dem indischen Subkontinent entfachte im vergangenen Jahrhundert die Tahrik-i-Mudschahidin von Sayyid Ahmad Schahid Barelwi (r) unter den Muslimen einen unbezwingbaren Geist des Dschihad. Die unmenschliche und haarsträubende Verfolgung und Unterdrückung durch die britischen Herrscher konnte den Geist des Dschihad aus den Herzen der Muslime nicht ausrotten. Hundert Jahre nach dem Märtyrertod von Sayyid Ahmad Schahid in Balakot im Jahr 1831 begann erneut der Dschihad fi sabilillah, das heißt die islamische Bewegung. Diese Bewegung wandelte sich 1941 in eine starke Organisation unter dem Namen Jamaat-e Islami um. Gründer und Gestalter dieser Bewegung und Organisation war einer der bedeutendsten islamischen Denker und Gelehrten der heutigen Welt, Maulana Sayyid Abul A’la Maududi (r). Dreizehn Jahre zuvor, im Jahr 1928, nahm in Ägypten eine islamische Bewegung unter dem Namen Ikhwan al-Muslimun ihren Anfang. Ihr Gründer war Scheich Hasan al-Banna Schahid (r). Diese beiden sind in der heutigen Welt die einzigen starken, disziplinierten und gefestigten Organisationen, die tatsächlich eine Bewegung zur Errichtung einer islamischen Gesellschaft und eines islamischen Staates führen.
Die islamfeindlichen Machthaber Ägyptens begnügten sich nicht damit, zahlreiche Führer und Aktivisten der Ikhwan al-Muslimun am Galgen aufzuhängen, sie innerhalb der Gefängnismauern körperlich und seelisch zu foltern und sie langsam dahinsiechen und sterben zu lassen sowie Hunderte von Führern und Aktivisten zur Auswanderung zu zwingen; vielmehr erklärten sie die Organisation für verboten – ein Verbot, das bis heute in Kraft ist.
Die Jamaat-e Islami hat ihre Tätigkeit andererseits nicht auf Pakistan, Indien, Bangladesch, Sri Lanka und Jammu und Kaschmir beschränkt. Zahlreiche verantwortliche Aktivisten dieser Bewegung haben sich über die ganze Welt verteilt und führen überall unter verschiedenen Namen islamische Bewegungen.
Es besteht Grund zur Hoffnung: Heute gibt es kein Land auf der Welt, in dem nicht in irgendeiner Form und unter irgendeinem Namen eine islamische Bewegung und eine islamische Organisation tätig ist. In diesen Bewegungen führen von der Ikhwan al-Muslimun und der Jamaat-e Islami ausgebildete Aktivisten den Vorsitz. In den wichtigsten Sprachen der Welt ist eine umfangreiche islamische Literatur entstanden, und überall wird Muslimen wie Nichtmuslimen islamisches Wissen vermittelt.
Gebildete Jugendliche und Gelehrte verschiedener Religionen, insbesondere des Christentums, des Judentums und des Hinduismus, fühlen sich zum Islam hingezogen und suchen Zuflucht in seinem kühlen, wohltuenden Schatten.
Man kann wohl sagen, dass überall auf der Welt eine Erneuerung des Islam begonnen hat. Auch in der materialistischen Gesellschaft des Westens ist eine Veränderung zu beobachten. In ungezügeltem Luxus, dem Tag und Nacht währenden Eintauchen in das Meer von Alkohol und Frauenliebe und in sexueller Ausschweifung gibt es weder Befriedigung noch Freude noch inneren Frieden. Die unstillbare Gier und Begierde nach Genuss macht den Menschen unruhig und rastlos, damit er noch mehr genießen kann. Im Rausch des Genusses vergisst er Ziel und Zweck des Lebens. Statt sich an etwas Dauerhaftes und Beständiges zu halten, klammert er sich an das Vergängliche. Schließlich wird sein Leben für ihn selbst zu einer gewaltigen Belastung. Die lodernde Flamme der einstigen Genussgier verwandelt sich in eine lodernde Flamme der Verzweiflung und falschen Hoffnung. Auch die familiäre Ordnung, die dem Glück und Frieden des Lebens dient, zerbricht und wird völlig zerschmettert. Auf der Suche nach innerem Frieden irrt er nun überall umher. Sein erwachtes Gewissen wählt nach vielen Prüfungen und Erprobungen den Islam als letzten Halt. Er erkennt, dass der Glaube an den Islam bedeutet, sich an ein starkes Seil zu klammern, das niemals reißen wird. In ihm gibt es kein Scheitern und keine Hoffnungslosigkeit, sondern vollkommenen Erfolg und eine Lösung für alle Probleme des Lebens. Die unmissverständliche Verkündung des Islam lautet: Mit dem Tod endet nicht alles, vielmehr öffnet sich das Tor zu einem neuen Leben – zu ewigem Glück und Frieden oder zu Leid und Qual.
Für diejenigen, in deren Herzen sich seit Langem angestauter Hass und falsche Vorstellungen über den Islam festgesetzt haben, bleibt nichts als Enttäuschung. Doch diejenigen, die sich mit unvoreingenommenem und gesundem Verstand darum bemühen, etwas über den Islam zu erfahren, fühlen sich von seinen universellen Idealen und Lehren angezogen. Sie zögern nicht, den Islam als eine dynamische, ewige und vollkommen schöne Lebensordnung anzunehmen. Dies ist ein eindeutiges Zeichen für die glänzende Zukunft des Islam.
Dass eine Großmacht wie Russland in jüngster Zeit nach einer vernichtenden Niederlage durch eine kleine Zahl von Mudschaheddin in Afghanistan zur Flucht gezwungen wurde, verkündet den Sieg des Islam. Unter den gewaltigen Wellen islamischen Bewusstseins und islamischer Begeisterung gerät die eiserne Mauer Russlands ins Wanken. Das Wiedererwachen des Islam ist für Russland heute die furchterregendste Erscheinung.
In nahezu allen Städten der westlichen Länder hat die Arbeit der islamischen Bewegung begonnen. Auch in Spanien, aus dem die Muslime einst ausgelöscht worden waren, hat das Wiedererwachen des Islam begonnen. In den europäischen Ländern sowie in Amerika, Kanada, Australien, Japan, Singapur, Südkorea, den Philippinen, Thailand und Taiwan sind seit geraumer Zeit islamische Organisationen tätig. Vor Kurzem wurden in Mexiko, Costa Rica, Ecuador, El Salvador, Nicaragua und auf den karibischen Inseln regelrechte islamische Organisationen gegründet. Überall werden Islamische Zentren errichtet und die Arbeit der islamischen Daʿwa weitreichend verbreitet. Alhamdulillah. Die Initiatoren dieser Bewegungen sind die Mitarbeiter der Ichwan und der Jamaat-e-Islami in verschiedenen Ländern. Überall weisen diese Bewegungen auf die glänzende Zukunft des Islam hin.
Die Dschahiliya versucht mit all ihren Kräften und Waffen, den Fortschritt des Islam aufzuhalten. Nun hängt der Sieg des Islam von der Standhaftigkeit der Muslime gegenüber dem Islam ab; von Einheit, Opferbereitschaft und Qurbani sowie von unablässigem Kampf mit Geduld und Ausdauer. Ohne die Hilfe Allahs ist kein Sieg möglich. Wenn wir daher in jedem Augenblick durch vollständigen Gehorsam Seine Zufriedenheit erlangen können, wird Seine Hilfe gewiss sein und der Sieg sehr nahe.
Möge Allah bei den Muslimen den Glauben und das Gewissen erwecken, ihren Glauben bewahren und ihnen die Kraft verleihen, die Gegenangriffe der Dschahiliya abzuwehren, damit der Islam als siegreiche Kraft auf der Welt wieder aufgerichtet werden kann.
।।Ende।।