Vorwort

Das Wort „Mujaddid“ gehört zu den am häufigsten verwendeten Fachbegriffen des Islam. Eine ungefähre Bedeutung dieses Wortes kennt beinahe jeder: Ein Mujaddid ist demnach jemand, der die Religion neu belebt und erfrischt. Doch nur sehr wenige richten ihre Aufmerksamkeit auf die ausführliche Bedeutung dieses Begriffs. Was die Bedeutung der „Tajdid“ – der Erneuerung der Religion – ist, welche Art von Tätigkeit als vollständige „Tajdid“ bezeichnet werden kann, in wie viele Bereiche diese Tätigkeit gegliedert ist und was partielle Tajdid bedeutet, wissen nur wenige. Wegen dieser Unkenntnis sind die einfachen Menschen unfähig, die Tätigkeiten jener großen Gelehrten, die in der Geschichte des Islam als Mujaddids bezeichnet wurden, genau zu beurteilen. Sie wissen lediglich, dass Umar ibn Abd al-Aziz, Imam Ghazali, Ibn Taymiyya, Scheich Ahmad Sirhindi und Shah Waliullah allesamt Mujaddids waren. Sie wissen jedoch nicht, welcher Rang von Mujaddid ihnen zugeschrieben werden kann und welcher Art ihre reformerischen Tätigkeiten waren und welchen Stellenwert sie besaßen. Einer der wesentlichen Gründe für diese Unfähigkeit und Nachlässigkeit liegt darin, dass der Verstand und das Herz gegenüber denjenigen, deren Namen mit Wörtern wie „Hazrat“, „Imam“, „Hujjat al-Islam“, „Qutb al-Arifin“, „Zubdat as-Salikin“ und ähnlichen Bezeichnungen verbunden werden, so sehr von Verehrung und Ehrfurcht erfüllt sind, dass es danach unmöglich wird, ihre Tätigkeiten unabhängig zu untersuchen und zu einem zutreffenden Urteil darüber zu gelangen, wer von ihnen wie viel und auf welcher Stufe für diese Bewegung geleistet hat und wie groß sein eigener Anteil daran war. Im Allgemeinen werden die Tätigkeiten dieser großen Gelehrten nicht in der abwägenden Sprache eines Forschers, sondern in einer von Verehrung und Ehrfurcht durchdrungenen poetischen Sprache dargestellt. Daher denkt der Leser – und vermutlich ist dies auch die Vorstellung des Verfassers –, dass derjenige, von dem die Rede ist, ein „vollkommener Mann“ gewesen sei und alles, was er getan habe, in jeder Hinsicht die höchste Stufe der „Kamalijjat“, der Vollkommenheit, erreicht habe. Wenn wir jedoch heute irgendwelche Anstrengungen zur Reform und Wiederbelebung der islamischen Bewegung unternehmen wollen, können wir mit einer solchen Verehrung, Ehrfurcht und Unklarheit nichts erreichen. Wir müssen diese reformerische Aufgabe vollständig verstehen. Wir müssen den Blick auf die Seiten unserer vergangenen Geschichte richten und feststellen, wie viel und auf welche Weise unsere Führer in den vergangenen Jahrhunderten geleistet haben, welchen Nutzen wir aus ihren Tätigkeiten ziehen können und welche ihrer Aufgaben unvollendet geblieben sind. Diesen Dingen sollten wir uns jetzt zuwenden.

Für die Erörterung dieses Themas wäre ein eigenes Buch erforderlich. Doch wann hätte man schon Muße, ein Buch zu schreiben? Dass der Name Shah Waliullahs zur Sprache gekommen ist, genügt bereits. Auch aus diesem Grund erhielt ich Gelegenheit, das Thema wenigstens kurz zu erörtern. Vielleicht wird diese bescheidene Erörterung einem geeigneten Menschen den Weg ebnen, eine Geschichte der Reform und Wiederbelebung des Islam zu verfassen.

Obwohl dieser Aufsatz nun in Buchform gedruckt wird, wurde er ursprünglich für die Shah-Waliullah-Ausgabe der Zeitschrift „Al-Quran“ aus Berili geschrieben. Daher werden die reformerischen Tätigkeiten Shah Sahibs darin vergleichsweise ausführlicher behandelt, während die Tätigkeiten der anderen Mujaddids nur im Zusammenhang dargestellt werden. Beim Lesen dieses Aufsatzes sollte man bedenken, dass es nicht sein Ziel ist, sämtliche Tätigkeiten aller Mujaddids vollständig zu schildern; vielmehr werden hier nur diejenigen Mujaddids behandelt, die in der Geschichte des Islam eine herausragende Stellung erlangt haben. Außerdem sollte man bedenken, dass viele Menschen Tajdid-Arbeit geleistet haben und in jedem Zeitalter viele Menschen dies tun, doch nur sehr wenige von ihnen haben Anspruch darauf, den Titel „Mujaddid“ zu erhalten.

Abul A’la

Februar 1940

Die jüngsten Unruhestifter haben begonnen, dieses Buch besonders ins Visier zu nehmen. Deshalb habe ich das Buch ein zweites Mal durchgesehen und jene Formulierungen präzisiert, aus denen verschiedene Unruhen hervorgerufen wurden. Zugleich habe ich die Quellenangaben zu all jenen Aussagen und Zitaten hinzugefügt, zu denen Fragen aufgeworfen worden waren, in der Annahme, sie könnten meiner eigenen Erfindung entsprungen sein. Darüber hinaus habe ich am Ende des Buches als Anhang verschiedene Antworten hinzugefügt. Diese Antworten hatte ich zu unterschiedlichen Zeiten verschiedenen Fragestellern durch „Tarjuman al-Quran“ gegeben. Auch danach werden die Fragesteller zwar nicht verstummen. Dennoch werden die Ohren der Zuhörer weitgehend davor bewahrt bleiben, getäuscht zu werden.

Abul A’la

Oktober 1960 n. Chr.

 

Der ideologische und historische Konflikt zwischen Islam und Dschahiliyya

Welche Lebensordnung auch immer für den Menschen auf der Erde entworfen wird, ihr unvermeidlicher Ausgangspunkt werden übernatürliche oder religiöse Fragen sein. Solange keine klare und unmissverständliche Vorstellung vom Menschen und von dieser Erde, auf der er lebt, geschaffen worden ist, kann kein Plan für das Leben ausgearbeitet werden. Wie soll sich der Mensch in der Welt verhalten und wie soll er hier handeln? Diese Frage steht in engem Zusammenhang mit den folgenden Fragen: Was ist der Mensch? Welchen Rang hat er in dieser Welt? Welche Art von Ordnung hat diese Welt, mit der die Lebensordnung des Menschen in Einklang stehen muss? Auf der Grundlage der Lösung, die für diese Fragen gefunden wird, wird eine bestimmte Auffassung von der Moral festgelegt werden. Danach werden sich entsprechend der Natur dieser Lehre verschiedene Bereiche im menschlichen Leben herausbilden. Innerhalb dieses Rahmens werden dann auch der persönliche Charakter und das persönliche Handeln sowie die Regeln für die gesellschaftlichen Beziehungen und den Umgang ihre detaillierte Gestalt annehmen. So wird schließlich auf dieser Grundlage der gewaltige Palast der Zivilisation errichtet werden. Jede der Religionen sowie der Anschauungen und Wege, die bis heute für das menschliche Leben in der Welt entwickelt worden sind, musste eine eigene, eigenständige grundlegende Philosophie und eine grundlegende moralische Lehre formulieren. Diese grundlegende Philosophie und moralische Sichtweise unterscheidet ein System vom anderen, von den Grundprinzipien bis hin zu den Einzelheiten. Denn entsprechend ihrer Natur hat sich die Natur jeder einzelnen Lebensordnung herausgebildet. Sie sind für die Lebensordnung wie die Seele für den Körper.

Vier Auffassungen vom Leben

Wenn man von den Einzelheiten absieht und nur anhand der Grundprinzipien urteilt, lassen sich hinsichtlich des Menschen und des Weltalls vier übernatürliche (metaphysische) Auffassungen feststellen. Jede der in der Welt vorfindlichen Lebensordnungen hat notwendigerweise eine dieser vier Auffassungen angenommen.

Die unverfälschte Dschahiliyya

Die erste Auffassung können wir als unverfälschte Dschahiliyya bezeichnen. Ihr Grundgedanke lautet:

Die Ordnungen des Weltalls sind lediglich die tatsächliche Erscheinung eines zufälligen Ereignisses. Dahinter wirken weder Weisheit noch guter Wille oder ein Zweck. Es ist einfach spontan entstanden, wird spontan gelenkt und wird eines Tages plötzlich, ohne irgendeine Ursache, spontan enden. Es hat keinen Gott; und selbst wenn es einen gäbe, hätte er keinerlei Beziehung zum menschlichen Leben.

Der Mensch ist eine Art Tier. Wie andere Dinge ist er vermutlich zufällig hier entstanden. Wer ihn erschaffen hat und warum er erschaffen wurde, ist für uns eine irrelevante Frage. Wir wissen nur so viel, dass er auf dieser Erde lebt und gewisse Hoffnungen und Wünsche hat, zu deren Erfüllung ihn seine Natur von innen heraus drängt. Er verfügt über gewisse Kräfte und einige Werkzeuge, die dazu dienen können, seine Hoffnungen und Wünsche zu erfüllen. Um ihn herum sind, soweit die weite Brust der Welt reicht, zahlreiche Dinge und Ausrüstungsgegenstände zu sehen; indem er jene Kräfte und Werkzeuge auf sie anwendet, kann er seine Hoffnungen und Wünsche erfüllen. Daher hat das menschliche Leben keinen anderen Zweck, als die Forderungen seiner biologischen Natur zu erfüllen. Und außer bessere Mittel und Wege zur Erfüllung dieser Forderungen zu sammeln, hat seine menschliche Kraft und Fähigkeit keine weitere Funktion.

Es gibt keine höhere Quelle des Wissens und keinen Ursprung des Guten und der Wahrheit als den Menschen selbst, von dem er eine Lebensordnung beziehen könnte. Daher sollte er aus der Prüfung seiner eigenen Umgebung, seiner Verhältnisse, der Zeichen und seiner eigenen Geschichte selbst eine Lebensordnung entwerfen.

Äußerlich ist keine Regierung erkennbar, vor der der Mensch Rechenschaft ablegen müsste. Daher ist der Mensch von Natur aus ein verantwortungsloses Wesen. Und wenn er irgendwie Rechenschaft ablegen muss, dann vor sich selbst oder vor jener Autorität, die aus den Menschen hervorgegangen ist und über ihnen steht.

Die Folgen der Handlungen bleiben auf den Rahmen dieses irdischen Lebens beschränkt. Es gibt kein zweites Leben. Daher wird allein im Hinblick auf die in dieser Welt zutage tretenden Folgen entschieden werden, was falsch und richtig, schädlich und nützlich sowie akzeptabel und inakzeptabel ist.

Wenn der Mensch sich im Zustand der unverfälschten Jahiliya befindet, das heißt, wenn er keine Wahrheit erreicht, die außerhalb seiner Wahrnehmung liegt, oder sie aufgrund seiner Unterwerfung unter die Sinne nicht erreichen will, dann gerät seine gesamte Gedankenwelt unter die Herrschaft dieser Lehre. In jedem Zeitalter haben Menschen, geblendet vom Zauber weltlicher Interessen, diese Lehre angenommen. Mit wenigen Ausnahmen haben im Allgemeinen alle Könige und Herrscher, Emire und Würdenträger, Ratgeber, die herrschenden Kreise, die Wohlhabenden und diejenigen, die ihr Leben dem Streben nach Reichtum widmeten, dieser Lehre den Vorzug gegeben. Und fast allen Völkern, deren fortgeschrittene Zivilisation und Kultur in der Geschichte besungen werden, lag diese Lehre im Kern ihrer Zivilisation und Kultur zugrunde. Auch der heutigen westlichen Zivilisation liegt diese Lehre zugrunde. Zwar leugnen nicht alle Menschen in den westlichen Ländern Allah und das Jenseits, und nicht alle sind in ihrer Denkweise Anhänger einer materialistischen Ethik; dennoch ist die Kraft, die im Gesamtsystem ihrer Zivilisation und Kultur wirksam ist, die Kraft der Leugnung Allahs und des Jenseits sowie der materialistischen Ethik. Diese Kraft ist so tief in ihr Leben eingedrungen, dass selbst jene, die auf dem Gebiet des Denkens Allah und das Jenseits anerkennen und auf dem Gebiet der Ethik eine nichtmaterialistische Sichtweise verfolgen, in ihrem praktischen Leben unbewusst nichts anderes als Atheisten und Materialisten sind. Denn die Lehre, der sie auf dem Gebiet des Denkens folgen, steht in keinerlei wirksamer Verbindung zu ihrem praktischen Leben.

Ebenso war die Lage ihrer früheren wohlhabenden und Allah vergessenden Menschen. Die wohlhabenden Menschen von Bagdad, Damaskus, Delhi und Granada leugneten Allah und das Jenseits nicht, weil sie Muslime waren. Doch alle Programme ihres Lebens wurden so gestaltet, als gäbe es Allah und das Jenseits überhaupt nicht; die Frage, vor jemandem Rechenschaft abzulegen oder von jemandem Anweisungen entgegenzunehmen, stellte sich für sie überhaupt nicht. In dieser Welt existierten für sie allein ihre Begierden, Wünsche und Hoffnungen. Und zur Erfüllung dieser Begierden und Wünsche waren sie frei, jedes beliebige Mittel und jede beliebige Methode zu verwenden. Die Zeitspanne, die ihnen zum Leben in dieser Welt gegeben war, konnte ihrer Ansicht nach nur durch „Genuss und Luxus“ sinnvoll genutzt werden.

Wie ich bereits gesagt habe, liegt es im Wesen dieser Lehre, dass auf ihrer Grundlage ein durch und durch materialistisches ethisches System entsteht. Ob es auf den Seiten eines Buches niedergeschrieben oder lediglich im geistigen Bereich entworfen ist, spielt dabei keine Rolle. Aus dieser Geisteshaltung gehen sodann die Strömungen von Wissen, Kunst, Denken und Planung hervor, und die subtileren Kräfte des Atheismus und Materialismus dringen in das gesamte Bildungssystem ein. Danach wird auf eben dieser Grundlage der individuelle Charakter geformt. Nach diesem Muster nehmen sämtliche Regeln und Verfahren für die zwischenmenschlichen Beziehungen, das Verhalten und die geschäftlichen Transaktionen Gestalt an. Die Entwicklung und der Fortschritt von Gesetzen und Verfassungen beruhen ebenfalls darauf. Die größten Betrüger, Treulosen, Veruntreuer, Lügner, Schwindler, Grausamen und Menschen mit verdorbenem Herzen gelangen an die Spitze einer solchen Gesellschaft. Die gesamte Autorität und Macht der Gesellschaft sowie die Verantwortung für die Staatsführung werden in ihre Hände gelegt. Und wie entfesselte Tiger beginnen sie, von jeder Furcht und jeder Pflicht zur Rechenschaft befreit, die Menschen hemmungslos anzugreifen. Ihre gesamte Politik baut auf der Politik Machiavellis auf. In ihrem Gesetzbuch heißt die Macht „Recht“ und die Schwäche „Batil“. Wo kein materielles Hindernis besteht, kann nichts sie davon abhalten, Unrecht zu tun. Dieses Unrecht nimmt im Inneren des Staates eine derart schreckliche Gestalt an, dass die starke Klasse beginnt, die Angehörigen der schwachen Klasse ihres eigenen Volkes niederzutrampeln; jenseits der Landesgrenzen tritt es in der Außenwelt als Nationalismus, Imperialismus, Eroberung von Ländern und Vernichtung von Völkern in Erscheinung.

Mit Schirk vermischte Jahiliya

Die zweite übernatürliche Weltanschauung gründet auf dem Schirk. Ihr Kern ist: Die Ordnung des Weltalls ist weder eine zufällige Erscheinung noch besitzt sie eine gottlose Existenz; sie hat jedoch nicht nur einen Gott, sondern viele Götter.

Diese Vorstellung beruht nicht auf wissenschaftlichen Beweisen, sondern ist reine Einbildung. Daher konnte unter den Polytheisten bis heute keine Einigkeit darüber erzielt werden und wird es auch künftig niemals werden, die Macht Gottes mit imaginären, sinnlich wahrnehmbaren und sichtbaren Dingen in Verbindung zu bringen. Menschen, die sich in der Finsternis verirrt hatten, machten alles, worauf sie ihre Hand legten, zu einem Gott. Die Zahl der Götter nahm ständig zu und ab. Engel, Dschinn, Seelen, Sterne, lebende und verstorbene Menschen, Bäume, Berge, Tiere, Flüsse, die Erde, das Feuer und alles Mögliche wurden in Götter verwandelt. Auch viele abstrakte Vorstellungen wie Liebe, Begehren, Schöpferkraft, Krankheit, Krieg, Lakshmi und Macht wurden auf den Thron der Götter gesetzt. Löwenmenschen, Fischmenschen, Vogelmenschen, Vierköpfige, Tausendarmige und Menschen mit Elefantenrüsseln wurden ebenfalls zu Gottheiten der Polytheisten.

Um dieses göttliche Geflecht herum wurde wiederum eine zauberhafte Welt der Fantasie und Mythologie (Mytholgy) geschaffen. Jede ungebildete und unwissende Nation hat hier derart erstaunliche und amüsante Beispiele ihrer fruchtbaren Vorstellungskraft und Kunstfertigkeit hervorgebracht, dass man darüber staunen muss. Wo bei Völkern die Vorstellung eines höchsten Gottes, also Allahs, deutlich erkennbar war, setzte Allah seine Herrschaft so ein, als wäre Allah ein König und die anderen Götter seine Wesire, Höflinge, Vertrauten und Beamten; doch da die Menschen diesen erhabenen König nicht erreichen konnten, wurden alle Angelegenheiten durch die untergeordneten Götter erledigt und stand man mit ihnen in unmittelbarer Verbindung. Wo hingegen die Vorstellung eines höchsten Gottes äußerst undeutlich oder praktisch nicht vorhanden war, wurde die gesamte göttliche Herrschaft auf verschiedene mächtige Menschen verteilt.

Nach der unverfälschten Dschahiliyya nimmt diese zweite Art der Dschahiliyya den nächsten Platz ein. Seit der vorgeschichtlichen Zeit bis heute sind die Menschen in ihrem Strom dahingetrieben worden. Immer wenn sie auf die niedrigste geistige Stufe herabsinken, gelangen sie auf diese Ebene. Wo die Menschen unter dem Einfluss der Lehren der Propheten Gottes die Herrschaft des einzigen allmächtigen Gottes anerkannt haben, ist es zwar wahr, dass die Existenz anderer Götter verschwunden ist; dennoch konnten die göttlichen Herrschaftsansprüche von Propheten, Walis, Märtyrern, Derwischen, Ghauses, Qutbs, Gelehrten, Pirs und den gesegneten Söhnen Gottes in irgendeiner Form im religiösen Glauben Fuß fassen. Unwissende Menschen verließen die Götter der Polytheisten und erhoben jene frommen Diener Allahs auf den Thron Gottes, deren ganzes Leben darauf verwendet worden war, die Herrschaft des Menschen zu beseitigen und ausschließlich die Herrschaft Allahs zu errichten. Einerseits wurde anstelle der Anbetungs- und Verehrungsformen der Polytheisten eine neue Scharia geschaffen, die Fatiha-Rezitationen, Ziyarat, Nazr und Niyaz, Urs, das Auflegen von Chadars, Tazia und viele weitere religiöse Handlungen umfasste. Andererseits wurde ohne theoretische Belege eine Mythologie über Geburt und Tod, Erscheinen und Entschwinden, verborgene Erkenntnisse und Wunderkräfte, Macht und Herrschaft dieser frommen Menschen sowie die Art ihrer Nähe zum Hof Allahs geschaffen, die in jeder Hinsicht mit der Mythologie der götzendienerischen Polytheisten übereinstimmte. Drittens wurden unter dem schönen Deckmantel von Wörtern wie „Wasila“, „Ruhani“, „Madad“ und „Faiz“ sämtliche Beziehungen zwischen Allah und seinen Dienern mit jenen frommen Menschen verknüpft. Dort entsteht praktisch derselbe Zustand wie bei jenen Polytheisten, die zwar die Existenz Allahs anerkennen, aber meinen, der Mensch könne den Herrn der Welt nicht erreichen und alle mit dem menschlichen Leben verbundenen Angelegenheiten stünden mit Amtsträgern und Wirkenden auf unteren Ebenen in Verbindung. Der Unterschied besteht lediglich darin, dass jene diese unteren Amtsträger offen als angebetete Wesen, Götter, Inkarnationen oder Söhne Gottes bezeichnen, während diese sie unter Bezeichnungen wie Ghaus, Qutb, Abdal, Awliya und Ahlullah verbergen.

Diese zweite Art der Dschahiliyya hat im Laufe der Zeitalter häufig mit der ersten Art der Dschahiliyya, also der unverfälschten Dschahiliyya, zusammengewirkt. In der Antike bestanden diese beiden Formen der Dschahiliyya in der Zivilisation und Kultur Babyloniens, Ägyptens, Hindustans, Irans, Griechenlands, Roms und anderer Länder nebeneinander. Auch die japanische Zivilisation und Kultur weist in der Gegenwart denselben Zustand auf. Für diese Zusammenarbeit gibt es verschiedene Gründe; einige davon führe ich hier an.

Erstens:

In einer vom Schirk durchsetzten Dschahiliyya besteht die Beziehung des Menschen zu seinen Gottheiten darin, dass er sie lediglich für mächtig und für die Herren über Nutzen und Schaden hält und durch verschiedene Rituale der Anbetung und Verehrung versucht, ihre Gnade und Hilfe zur Verwirklichung seiner weltlichen Ziele zu erlangen. Von ihnen ist keinerlei moralische Anleitung oder Gesetzgebung für die Lebensführung zu erwarten. Denn nur wenn dort tatsächlich ein Gott vorhanden wäre, könnte er Gesetze und Anweisungen erteilen. Wo ein solches Wesen also fehlt, entwickeln die Polytheisten zwangsläufig selbst eine moralische Lehre und erlassen auf deren Grundlage selbst eine Scharia. Auf diese Weise wird in Wirklichkeit die Herrschaft eben jener unverfälschten Dschahiliyya errichtet. Deshalb besteht zwischen der Zivilisation und Kultur der unverfälschten Dschahiliyya und der vom Schirk durchsetzten Dschahiliyya kein anderer Unterschied, als dass an einem Ort zusammen mit der Dschahiliyya Tempelverehrung und verschiedene Formen der Anbetung und Verehrung verbreitet sind, am anderen jedoch nicht. Hinsichtlich des moralischen Charakters und des Handelns gibt es an beiden Orten keinen Unterschied. Auch die Ähnlichkeit zwischen dem moralischen Wesen und Charakter des antiken Griechenlands und des götzendienerischen Roms einerseits und dem moralischen Wesen und Charakter des heutigen Europa andererseits hat genau darin ihren Grund.

Zweitens:

Für Bildung, Kunst, Philosophie, Literatur, Politik, Wirtschaft und dergleichen liefert eine mit Schirk vermischte Lehre keine eigenständigen Grundsätze. Auch auf diesem Gebiet beschreitet der Polytheist den Weg der unverfälschten Jahiliya. Und entlang des gesellschaftlichen Ideals der unverfälschten Jahiliya vollzieht sich die gesamte geistige und gedankliche Entwicklung der polytheistischen Gesellschaft. Der einzige Unterschied besteht darin, dass die Vorstellungskraft der Polytheisten maßlos ist und ihr Denken einen ungewöhnlichen Überschuss an Fantasie aufweist. Die Atheisten hingegen sind eher realistisch; deshalb haben sie keinerlei Interesse an einer auf Fantasie beruhenden Philosophie. Wenn diese Atheisten jedoch versuchen, das Gefüge dieser Welt ohne Gott zu entschlüsseln, werden ihre Argumente und Beweise ebenso lächerlich und unvernünftig wie die Mythologie der Polytheisten. Kurz gesagt gibt es zwischen Schirk und unverfälschter Jahiliya in der Praxis keinen Unterschied. Das heutige Europa ist ein leuchtendes Beispiel dafür. Es hat die Grundlagen seiner modernen Lehren so eng mit dem antiken Griechenland und Rom verbunden, dass es den Anschein erweckt, deren Nachkomme zu sein.

Drittens:

Die unverfälschte jahilische Gesellschaft ist bereit, sämtliche zivilisatorischen Mittel zu übernehmen, auf die sie sich stützt; auch die polytheistische Gesellschaft ist dazu vollständig bereit – obwohl zwischen den Methoden von Schirk und unverfälschter Jahiliya beim Aufbau der Gesellschaft gewisse Unterschiede bestehen. Im Reich des Schirk werden die Könige auf den Thron der Götter gesetzt. Eine Klasse geistlicher und religiöser Führer erlangt besondere Ehren. Die königlichen Dynastien und die religiösen Führer bilden gemeinsam einen Bundesstaat. Es wird eine dauerhafte Lehre von der Überlegenheit und Vorrangstellung einer Dynastie über eine andere und einer Klasse über eine andere entwickelt. In der unverfälscht jahilischen Gesellschaft nehmen diese Übel dagegen die Gestalt von Dynastiekult, Rassenkult, nationalem Imperialismus, Diktatur, Kapitalismus und Klassenkampf an. Doch was die Lebenskraft und die grundlegende Motivation betrifft, stehen beide auf derselben Stufe: Sie zwingen die Herrschaft des Menschen über den Menschen auf, zerstückeln die Menschen durch Menschen und spalten die Menschheit, bis sie die Bevölkerung einer Klasse in blutdürstige Feinde der Bevölkerung einer anderen Klasse verwandeln.

Die asketische Jahiliya

Die dritte übernatürliche Lehre gründet sich auf den Asketismus. Ihre Kurzfassung lautet:

Diese Erde und diese weltliche Existenz sind für den Menschen eine Strafe in Gestalt eines Gefängnisses. Die Seele des im Käfig des Körpers eingeschlossenen Menschen ist in Wahrheit eine leidende Gefangene. Alle Freuden und Vergnügungen, Begierden und Wünsche, Genüsse und körperlichen Bedürfnisse sind lediglich die Ketten und Eisenfesseln dieses Gefängnisses. Je enger der Mensch mit dieser Welt und ihren Dingen verbunden ist, desto mehr wird sein ganzer Körper mit Unrat angefüllt und desto mehr Strafe wird ihm zuteil. Es gibt nur einen Weg zur Erlösung und zum Moksha. Dazu muss man sich von allen Freuden und Entzückungen des Lebens lossagen. Alle Begierden und Wünsche müssen ausgelöscht werden. Jede Art von Genuss muss gemieden werden. Die körperlichen Bedürfnisse und die Forderungen der Sinne müssen verleugnet werden. Jegliche Zuneigung, Liebe und Verbundenheit, die mit der Gesamtheit der weltlichen Dinge und den Beziehungen des Fleisches verbunden sind, müssen vollständig aus dem Herzen getilgt werden. Vor allem muss man den eigenen Körper und den Feind in Gestalt der Sinne durch Entsagung und Askese quälen, und zwar so sehr, dass ihre Herrschaft über die Seele nicht bestehen bleiben kann. Auf diese Weise wird die Seele fein, rein und heilig und erlangt die Kraft, zu den erhabenen Stufen der Erlösung emporzuschweben.

Dies ist in Wahrheit eine antisoziale Lehre. Dennoch übt diese Lehre auf Gesellschaft, Zivilisation und Kultur vielfältigen Einfluss aus. Auf ihrer Grundlage entsteht eine besondere Art von Lebensphilosophie. Ihre verschiedenen Formen sind unter anderem unter den Namen Vedanta, Manulehre, Platonismus, Yoga, Tasawwuf, christlicher Asketismus und Buddhismus bekannt. Mit dieser Philosophie entsteht zugleich ein ethisches System, das nur sehr wenig Positives und vielmehr, ja vollständig, Negatives enthält. Beide Dinge dringen gemeinsam in Literatur, Glaubensvorstellungen sowie in das sittliche und praktische Leben ein. Wo ihr Einfluss hingelangt, wirken sie wie Opium und Kokain.

Mit den ersten beiden Arten der Jahiliya wirkt diese dritte Art der Jahiliya gewöhnlich auf drei Weisen zusammen:

(1) Diese asketische Dschāhilīya befreit die guten und gottesfürchtigen Menschen von den Mühen der Welt und macht sie zu Einsiedlern; zugleich ebnet sie den Menschen mit schlechtem Charakter den Weg. Die schlechten Menschen erlangen in Gottes Welt Herrschaft und Macht und verbreiten ungehindert Unruhe und Verderben, während die guten Menschen sich in dem Gedanken an ihre eigene Erlösung und Befreiung der Askese und der religiösen Übung widmen.

(2) Unter dem Einfluss dieser Dschāhilīya entstehen unter dem Volk unerwünschte Geduld, übermäßige Nachsicht und eine pessimistische Sichtweise, sodass es zu ihrer leichten Beute wird. Deshalb haben Könige und Herrscher, Amīre und Würdenträger sowie die religiös maßgeblichen Schichten stets besonderes Interesse daran gezeigt, diese asketische Philosophie als moralisches Ideal zu verbreiten. Unter ihrem Schutz konnte sich diese Lehre ungehindert ausbreiten. In der Geschichte findet sich kein einziges Beispiel dafür, dass diese asketische Philosophie jemals mit Imperialismus, Kapitalismus oder dem Papsttum in Konflikt geraten wäre.

(3) Wenn diese asketische Philosophie vor der menschlichen Natur besiegt wird, beginnt sie, nach allerlei Ausflüchten zu suchen. Mancherorts wird das Prinzip der Sühneleistung erfunden. Dadurch kann man einerseits seine Herzenswünsche befriedigen und sündigen, ohne andererseits das Paradies zu verlieren. Andernorts wird zur Befriedigung der Sinneslust der Vorwand einer körperbezogenen Liebe geschaffen. Dadurch wird einerseits Öl ins Feuer des Herzens gegossen, während zugleich kein Unterschied zwischen der Heiligkeit und Reinheit des „Huzūr-e Ālā“ und irgendetwas anderem anerkannt wird. Wieder anderswo wird hinter dem Vorwand der Weltentsagung im Einvernehmen mit Königen, Herrschern und Reichen ein Netz der Spiritualität ausgespannt. Ihre abscheulichste Form wurde von der Gemeinschaft der Päpste Roms und den Königen und Herrschern der östlichen Welt gezeigt.

Diese Dschāhilīya behandelt ihre eigenen Anhänger auf diese Weise. Ihr Eindringen in die Gemeinschaften der Propheten bringt jedoch ein anderes Bild hervor. Ihr erster Angriff auf Gottes Dīn besteht darin, dass sie diese Welt den Menschen nicht als Ort des Wirkens, der Prüfung und als Ackerfeld für das Jenseits vor Augen führt, sondern als „Dār al-ʿAdhāb“ und „Scheinwelt“. Aufgrund dieser grundlegenden Veränderung der Sichtweise vergisst der Mensch, dass er auf dieser Erde zum Stellvertreter Gottes eingesetzt worden ist. Er beginnt zu denken: „Ich bin nicht hierhergekommen, um zu wirken und alle Angelegenheiten der Erde zu leiten; vielmehr bin ich in Schmutz und Unreinheit geworfen worden. Ich muss mich davor schützen und mich davon entfernen. Ich muss hier als Nicht-Kooperierender leben und, statt Verantwortung zu übernehmen, ihr aus dem Weg gehen.“ Aufgrund dieser Vorstellung wird der Mensch gegenüber der Erde und all ihren Tätigkeiten gleichsam misstrauisch und ängstlich; und von der Übernahme der Verantwortung für Gottes Stellvertretung ganz zu schweigen, fürchtet er sich sogar davor, Verantwortung in der Gesellschaft zu übernehmen. Für ihn wird das gesamte System der Scharia bedeutungslos. Die Bedeutung von Gottesdienst und Anbetung sowie von Gottes Geboten und Verboten – dass sie den Menschen zur Verbesserung des irdischen Lebens und zur Erfüllung der Verantwortung der Stellvertretung Gottes vorbereiten – wird von ihnen nicht anerkannt. Stattdessen beginnt er zu glauben, Gottesdienst und Anbetung sowie einige besondere religiöse Handlungen seien eine Sühne für die Sünden des Lebens. Daher solle man nur diese mit voller Aufmerksamkeit und in angemessenem Maß gewissenhaft verrichten; dann könne man im Jenseits Erlösung und Befreiung erlangen.

Diese Geisteshaltung hat einen Teil der Gemeinschaften der Propheten in das Labyrinth philosophischer Erklärungen zu Murāqaba, Mushāhada, Kashf, Riyāḍat, Tschilla-Gebet, dem Rezitieren von Awzīfa, ʿAmaliyyāt¹, Maqāmāt², Reisen und Ḥaqīqa³ gestürzt. Bei der Verrichtung von Mustaḥabb- und Nafl-Gebeten sind sie eifriger geworden als bei den Pflichtgebeten. Auf diese Weise sind sie von der Aufgabe abgewichen, Gottes Stellvertretung auszuüben, zu deren Einführung die Propheten gekommen waren. In einem anderen Teil von ihnen entstand dagegen die Krankheit, Kashf und Wundertaten überzubetonen, die Anweisungen des Dīn unnötig zu übertreiben, belanglose Fragen aufzuwerfen, kleine Dinge bis ins Kleinste zu vermessen und sich den Einzelheiten mit ungewöhnlicher Aufmerksamkeit und Sorgfalt zu widmen. Ja, Gottes Dīn wurde für sie zu einem so dünnen Glasgefäß, das bei der geringsten Berührung oder wegen einer Kleinigkeit zerbricht und in Stücke zerspringt. Deshalb herrscht in ihren Herzen ständig Angst: Sie verbringen ihre gesamte Zeit in der Furcht, dass nichts ein wenig aus dem Gleichgewicht gerät und das über ihrem Haupt aufbewahrte Glasgefäß nicht zerbricht und in Stücke zerfällt. Nachdem im Dīn der Weg zu dieser tiefgründigen Spitzfindigkeit eröffnet worden war, entstanden unausweichlich Erstarrung, enges Denken und geringer Mut. Wie sollten da noch Anzeichen höherer Befähigung im Menschen fortbestehen können? (1) ʿAmaliyyāt – bis heute hat der Mensch keine größere Methode des Tatenlosen erfunden. (2) Nicht Maqāmāt dieser Welt, sondern geistliche Maqāmāt – die geistige Welt. (3) Nehmen wir etwa den Pantheismus. Wie kann er mit einem Blick, der nur die Erde betrachtet, die größten Probleme des menschlichen Lebens untersuchen? Wie kann er, indem er die universalen Grundsätze des Islam und die Einzelheiten vollständig erkennt, die Menschheit in jeder Wendung des Zeitalters und auf jeder neuen Entwicklungsstufe führen?

Islam

Die vierte übernatürliche Lehre wurde von den Propheten Gottes verkündet. Ihre Zusammenfassung lautet:

Die Schöpfung, die uns überall umgibt und deren Teil auch wir selbst sind, ist in Wirklichkeit das Reich eines Königs. Er hat sie erschaffen. Er allein ist ihr Eigentümer. Er allein ist ihr Herrscher und Lenker. In diesem Reich gilt kein Befehl eines anderen; alle sind Seinem Befehl unterworfen, und sämtliche Macht ist vollständig in den Händen dieses einen Eigentümers und Herrschers konzentriert.

In diesem Reich ist der Mensch von Geburt an Untertan. Das heißt, ob er Untertan ist oder nicht, hängt nicht von seinem Willen ab. Vielmehr ist er als Untertan geboren worden, und es ist ihm überhaupt nicht möglich, etwas anderes als ein Untertan zu sein.

In diesem Staatswesen gibt es für die Freiheit und Verantwortungslosigkeit des Menschen keinerlei Raum. Auch seiner Natur nach kann es gar nicht anders sein. Weil er von Geburt an Untertan und ein Teil des Reiches ist, muss auch er dem Befehl des Kaisers gehorchen, so wie die anderen Teile ihm gehorchen; einen anderen Weg gibt es für ihn nicht. Er hat nicht das Recht, selbst die Lebensordnung für sich zu schaffen und seine Pflichten selbst festzulegen. Seine einzige Aufgabe besteht darin, jeden Befehl auszuführen, der vom Malik al-Mulk, dem Kaiser, ergeht. Das Mittel, durch das dieser Befehl übermittelt wird, ist die Offenbarung, und die Menschen, zu denen dieser Befehl gelangt, sind die Propheten.

Doch der erhabene Herr hat zur Prüfung der Menschen eine besonders feine Methode angewandt. Er selbst hat sich verborgen und auch alle Einrichtungen zur Erteilung der Befehle und zur Verwaltung seines Reiches verborgen gehalten. Dieses Staatswesen funktioniert so, dass äußerlich kein Herrscher sichtbar und kein Beamter zu sehen ist. Der Mensch sieht nur, dass eine Fabrik in Betrieb ist. In ihr nimmt er seine eigene Existenz wahr. Durch seine äußeren Sinne empfindet er nirgends, dass er jemandem untersteht und jemandem Rechenschaft ablegen muss. Unter den Dingen in seiner Umgebung gibt es auch kein eindeutiges Zeichen, durch das die Herrschaft des Regenten des Weltalls sowie sein eigener Zustand der Unterordnung und Verantwortlichkeit zweifelsfrei sichtbar werden könnten und ihm nach ihrem Sichtbarwerden nichts anderes bliebe, als sie anzuerkennen. Die Propheten kommen, doch niemand sieht mit eigenen Augen die Offenbarung, die auf sie herabgesandt wird, und es wird ihnen auch kein eindeutiges Zeichen mitgegeben, nach dessen Wahrnehmung nichts anderes bliebe, als ihre Prophetenschaft anzuerkennen. Zugleich kann der Mensch sich innerhalb einer bestimmten Grenze als völlig frei betrachten. Ihm wird sogar die Fähigkeit zum Aufstand gegeben, alle dafür erforderlichen Mittel werden ihm zur Verfügung gestellt und ihm wird lange Zeit gewährt. Ja, auf seinem Weg bis an die äußerste Grenze von Frevel und Sünde stößt er auf kein Hindernis. Wenn er jemand anderem als dem Eigentümer dienen will, wird er auch daran nicht gehindert. Ihm wird daher vollkommene Freiheit gewährt: Er kann dienen, sich versklaven und gehorchen, wem er will. Ob er sich auflehnt oder einem anderen dient, in seinem Lebensunterhalt zeigt sich in beiden Fällen kein Unterschied; vielmehr erhält er weiterhin ununterbrochen seinen Lebensunterhalt. Alle Mittel zum Leben, die Mittel und Möglichkeiten zur Arbeit sowie Güter des Wohlstands und der Bequemlichkeit erhält er entsprechend seiner Stellung in recht ausreichendem Maß, und bis zu seinem Tod wird ihm dieser Anteil zuteil. Niemals wird einem Gottesleugner oder einem Diener anderer wegen dieses Vergehens die Versorgung mit weltlichen Ausstattungen und den zum Leben notwendigen Gütern eingestellt. Für die Menschen des Weltalls ist diese besondere Verfahrensweise gewählt worden. Ihr einziger Zweck ist, dass der Schöpfer den Menschen durch die Fähigkeit zur Vernunft, zum Verstehen, zum rationalen Denken, zum Begehren und zum freien Willen, die Er ihm gegeben hat, sowie durch eine gewisse Herrschafts- und Machtbefugnis, die Er ihm über zahlreiche seiner Geschöpfe verliehen hat, prüfen will. Um diese Prüfung vollständig zu machen, hat Er die Wahrheit unsichtbar gehalten. So wird die Vernunft des Menschen geprüft. Er hat dem Menschen unbeschränkte Entscheidungsfreiheit gegeben, damit geprüft werde, ob der Mensch, nachdem er die Wahrheit erkannt hat, ohne Druck oder Zwang freiwillig und mit Eifer ihr gehorcht oder sich der Knechtschaft seiner Begierden unterwirft und sich von ihr abwendet. Würden ihm die Mittel zum Leben, die Möglichkeiten und Mittel zur Tätigkeit sowie die Gelegenheit zum Handeln nicht gegeben, könnte seine Eignung oder Untauglichkeit nicht geprüft werden.

Dieses irdische Leben ist eine Prüfungszeit. Daher gibt es hier weder Abrechnung noch Strafe und Belohnung! Was hier gegeben wird, ist keine Belohnung für eine gute Tat, sondern Prüfmaterial; und auch all das Leid, die Mühsal und die Heimsuchungen, die eintreten, sind keine Strafe für schlechte Taten, sondern treten hauptsächlich im Rahmen des Naturgesetzes, auf dem diese Ordnung der Welt beruht, spontan in Erscheinung. 1 Die eigentliche Abrechnung über die Taten, ihre Prüfung und die Zeit, in der über sie ein Urteil gefällt wird, kommt nach dem Ende dieses irdischen Lebens; dies wird Jenseits genannt. Daher kann das, was in dieser Welt als Folge von Taten sichtbar wird, nicht zum Maßstab dafür gemacht werden, ob eine Ordnung oder eine Tat richtig oder falsch, gut oder schlecht, annehmbar oder abzulehnen ist. Der eigentliche Maßstab ist das Ergebnis im Jenseits. Welche Ordnung und welche Tat im Jenseits ein gutes oder schlechtes Ergebnis haben werden, kann man allein durch die Offenbarung erfahren, die von Allah auf die Propheten herabgesandt wurde. Ohne auf eine ausführliche Erörterung einzugehen, lässt sich kurz sagen, dass Gewinn und Verlust im Jenseits davon abhängen: Erstens, ob der Mensch durch den richtigen Gebrauch seiner feinen Einsicht und seines rationalen Denkens erkennen kann, dass Allah allein sein wahrer Herrscher ist, und ob er die von Ihm gesandten Anweisungen erkennen kann. Zweitens, ob er, nachdem er diese Wahrheit erkannt hat, trotz seiner freien Entscheidung freiwillig und mit Eifer sein Haupt in Unterwerfung unter Allahs Herrschaft und Seine Anweisungen beugt.

(1) Das bedeutet nicht, dass in dieser Welt überhaupt kein Vergeltungssystem wirksam wäre. Vielmehr will ich sagen, dass Vergeltung und Gegenleistung hier nicht eindeutig, endgültig und klar sind und dass der Prüfungsaspekt über alle Arten weltlicher Strafe und Belohnung vorherrscht. Daher kann das, was hier als Folge von Taten sichtbar wird, nicht als Maßstab für moralisch Gut und Böse gelten. Seit dem Beginn der Schöpfung haben die Propheten diese Lehre verkündet. Auf ihrer Grundlage lässt sich eine vollständige Erklärung aller Ereignisse im Weltall geben. Die sichtbaren Erscheinungen der Welt erhalten eine klare Bedeutung. Durch keine Beobachtung oder Prüfung wird diese Lehre widerlegt. Auf ihrer Grundlage entsteht eine eigenständige Lebensanschauung, die sich grundlegend von der Lebensanschauung der Dschāhilīya unterscheidet. Diese Lebensanschauung sammelt und vermittelt die umfangreichen Erkenntnisse über das Weltall und die Existenz des Menschen auf eine der Dschāhilīya völlig entgegengesetzte Weise. Für die Entwicklung und den Fortschritt von Literatur und Kunst eröffnet sie einen völlig anderen Weg; die von der Dschāhilīya hervorgebrachten Wege der Literatur und Kunst weisen in die entgegengesetzte Richtung. Sie entwickelt für alle Bereiche des Lebens eine besondere Sichtweise und ein besonderes Ziel, die hinsichtlich Lebenskraft und schöpferischer Ursprünglichkeit keinerlei Übereinstimmung mit den Zielen und der Sichtweise der Dschāhilīya haben. Sie schafft ein eigenes ethisches System, das keinen Zusammenhang mit der Ethik der Dschāhilīya besitzt. Und der Palast der Zivilisation und Kultur, der auf diesen theoretischen und ethischen Grundlagen errichtet wird, ist seinem Wesen nach völlig verschieden von jeder Zivilisation und Kultur der Dschāhilīya. Um ihn aufrechtzuerhalten, bedarf es eines eigenen Bildungssystems. Die Grundsätze dieses Bildungssystems sind denen des Bildungssystems der Dschāhilīya völlig entgegengesetzt. Kurz gesagt: Die Lebenskraft, die in den Adern und Verzweigungen dieser Zivilisation wirksam ist, verkündet die Herrschaft eines allmächtigen Gottes, den Glauben an das Jenseits sowie die Unterordnung und Verantwortlichkeit des Menschen. Umgekehrt dringen in das gesamte System jeder Zivilisation der Dschāhilīya die Impulse der unbeschränkten Freiheit des Menschen, seiner zügellosen und ausschweifenden Triebe und seiner Verantwortungslosigkeit ein. Daher unterscheidet sich das durch die von den Propheten gegründete Zivilisation und Kultur hervorgebrachte Menschenbild in Gestalt, Wesen, Form und Farbe völlig von dem durch die Zivilisation und Kultur der Dschāhilīya geschaffenen Menschenbild; und dieser Unterschied zeigt sich spontan in jedem seiner Teile und in jeder seiner Seiten.

Daraufhin nimmt die Zivilisation, die sich auf dieser Grundlage in detaillierter Gestalt herausbildet, eine völlig andere Form an als alle übrigen Systeme der Welt. Reinheit, Kleidung, Nahrung, Lebensweise, gesellschaftliche Sitten und Gebräuche, persönlicher Charakter, der Erwerb des Lebensunterhalts, der Umgang mit Geld, das Eheleben, das häusliche Leben, Regeln des geselligen Beisammenseins, die verschiedenen Formen der Beziehungen zwischen den Menschen, Geschäftsverkehr, die Verteilung des Vermögens, die Staatsverwaltung, die Bildung der Regierung, die Stellung und die Pflichten des Staatsoberhauptes, das Beratungssystem, die Organisation des öffentlichen Dienstes, die Grundsätze des Rechts, die auf diesen Grundsätzen beruhenden detaillierten Vorschriften, Gerichte, Polizei, Rechnungswesen, Steuern, Finanzen, Tätigkeiten zum Wohle der Allgemeinheit, Industrie, Handel und Gewerbe, Nachrichtenübermittlung, Bildung und Organisation sowie die Grundsätze von Krieg und Frieden besitzen in dieser Zivilisation jeweils ein besonderes und eigenständiges Wesen. In jedem Bereich hält eine klare Trennlinie sie von den übrigen Zivilisationen getrennt. Von Anfang bis Ende ist in jedem Bereich eine besondere Sichtweise, ein besonderer Zweck und ein besonderes ethisches Verhalten wirksam; all dies steht in Beziehung zur souveränen Herrschaft des einen Gottes, zur Unterordnung und Knechtschaft des Menschen sowie dazu, dass sein Ziel nicht diese Welt, sondern das Jenseits ist.

 

Was ist die Aufgabe des Mujaddid??

Bevor man die Tätigkeiten der Mujaddids der muslimischen Gemeinschaft analysiert, sollte man sich angemessenes Wissen über die Tadschdid- beziehungsweise reformerischen Tätigkeiten aneignen, die sie vollbringen.

Der Unterschied zwischen Neuerung und Reform

Im Allgemeinen wird kein Unterschied zwischen einer neuartigen Tätigkeit und einer reformerischen Tätigkeit gemacht, und jeder, der eine neuartige Handlung vollbringt, wird als Reformer oder Mujaddid bezeichnet. Die Menschen meinen, dass derjenige ein Mujaddid sei, der eine neue Methode entdeckt und ihre Verbreitung energisch einleitet. Insbesondere werden diejenigen als Mujaddids bezeichnet, die angesichts des Niedergangs der muslimischen Gemeinschaft Anstrengungen unternehmen, sie in weltlicher Hinsicht zu retten, sich mit der herrschenden Dschahiliyya ihrer Zeit arrangieren und eine neuartige „Mischung“ aus Islam und Dschahiliyya schaffen oder, während sie lediglich den muslimischen Namen bewahren, die gesamte Gemeinschaft vollständig in der Farbe der Dschahiliyya einfärben. Doch sie sind keine Mujaddids, sondern Mutajaddids, die neuartige Tätigkeiten vollbringen. Sie führen keinerlei reformerische Arbeit aus; durch sie wird lediglich etwas Neues hervorgebracht. Die Aufgabe des Mujaddid ist jedoch von völlig anderer Art. Eine Methode zu ersinnen, sich mit der Dschahiliyya zu arrangieren, ist keine Reform. Auch die Schaffung einer neuartigen Mischung aus Islam und Dschahiliyya ist keine reformerische Tätigkeit. Vielmehr besteht die Aufgabe des Mujaddid darin, den Islam aus dem verunreinigten Wasser der Dschahiliyya herauszufiltern und ihn auf irgendeiner Stufe in seiner wahrhaft reinen Gestalt wieder voranzubringen. In dieser Hinsicht ist der Mujaddid von einer strengen, kompromisslosen Haltung gegenüber der Dschahiliyya geprägt. Nicht einmal in einem noch so unbedeutenden Teil seines Lebens befürwortet er die Existenz der Dschahiliyya.

Die Definition des Mujaddid

Der Mujaddid ist kein Prophet, doch sein Wesen steht dem Wesen des Prophetentums sehr nahe. Der Mujaddid besitzt klares Denken. Eine tiefe Einsicht, die es ihm ermöglicht, die Wahrheit zu erkennen, ist ihm angeboren. Sein geistiges Leben ist von einer geradlinigen Vernunft erfüllt, die von jeder Art von Verdrehtheit frei ist. Zu seinen besonderen Eigenschaften gehört die Fähigkeit, seine Ausgeglichenheit zu bewahren, indem er frei von den Gefahren des Extremismus den Mittelweg einschlägt. Die Kraft, frei von den in seinem Umfeld und in den angesammelten und fest verankerten Vorurteilen eines Jahrhunderts zu denken, die Fähigkeit und der Mut, gegen den entstellten Strom der Zeit anzukämpfen, eine angeborene Eignung zur Führung sowie eine außergewöhnliche Fähigkeit zu Idschtihad und Erneuerung sind besondere Eigenschaften des Mujaddid. Darüber hinaus besitzt er vollständiges und von jedem Zweifel freies Wissen über den Islam. Hinsichtlich seiner Sichtweise sowie seines Verstandes und Wissens ist er ein vollkommener Muslim. Es ist die Aufgabe des Mujaddid, selbst in den feinsten Einzelheiten zwischen Islam und Dschahiliyya zu unterscheiden und durch Nachforschung die Wahrheit aus den verwickelten Wirren langer Zeit herauszuheben. Ohne diese besonderen Eigenschaften kann niemand ein Mujaddid werden. All diese Eigenschaften finden sich auch im Propheten, dort jedoch in einem weit höheren Maß.

Der Unterschied zwischen Mujaddid und Prophet

Doch ein grundlegender Punkt unterscheidet den Mujaddid vom Propheten. Der Prophet wird durch eine göttliche Weisung für seinen Weg bestimmt. Er ist sich seiner Ernennung bewusst. Ihm wird „Wahy“ offenbart. Er beginnt sein Wirken mit dem Anspruch auf Prophetentum. Er ruft die Menschen zu sich. Davon, ob die Menschen seine Daʿwa annehmen oder nicht, hängt ab, ob sie zu Gläubigen oder Ungläubigen werden. Der Mujaddid besitzt dagegen keines dieser Merkmale. Wenn ein Mujaddid eingesetzt ist, dann geschieht dies durch die Naturgesetze – nicht durch einen Befehl Gottes. Oft ist er sich nicht einmal bewusst, dass er ein Mujaddid ist. Vielmehr erkennen die Menschen erst nach seinem Tod, dass er ein Mujaddid war, indem sie die Werke seines Lebens untersuchen. Es ist nicht erforderlich, dass ihm Ilham zuteilwird (das Entstehen von Erkenntnis im Herzen durch Gott). Und selbst wenn ihm Ilham zuteilwird, bedeutet dies keineswegs, dass er sich dessen unbedingt bewusst sein muss. Er beginnt sein Wirken nicht mit irgendeinem Anspruch, und er hat auch nicht das Recht dazu. Denn die Frage, ob man an ihn glaubt oder nicht, stellt sich überhaupt nicht. Die starken, aufrichtigen und charakterlich hervorragenden Menschen seiner Zeit sammeln sich allmählich um ihn; von ihm bleiben lediglich jene Menschen fern, die tatsächlich von irgendeiner Art von Verdrehtheit und Verderbtheit befallen sind. Dennoch ist es keine Bedingung, Muslim zu werden, ihn anzuerkennen. 1 Trotz all dieser Unterschiede muss der Mujaddid im Großen und Ganzen eine Aufgabe erfüllen, die der Aufgabe eines Propheten gleichkommt.

Das Wirken des Mujaddid

Die folgenden Bereiche des Wirkens des Mujaddid sind besonders erwähnenswert:

1. Eine genaue Bestandsaufnahme seines eigenen Umfelds. Das heißt, nach einer umfassenden Untersuchung der Lage richtig zu verstehen, wo und in welchem Ausmaß die Dschahiliya eingedrungen ist, auf welchem Weg sie gekommen ist, wo ihre Wurzeln liegen und wie weit sie sich erstrecken und auf welcher Stufe sich der Islam gegenwärtig befindet.

2. Die Ausarbeitung eines Reformplans. Das heißt festzulegen, an welcher Stelle man gegenwärtig ansetzen muss, damit die Fesseln der Dschahiliya zerbrechen und der Islam wieder die Möglichkeit erhält, über das gesellschaftliche Leben zu herrschen.

3. Die Bestimmung der eigenen Grenzen und Möglichkeiten. Das heißt, eine genaue Einschätzung darüber vorzunehmen, über wie viel Kraft man selbst verfügt und auf welchem Weg man die Kraft zur Reform besitzt.

(1) Manche stellen in diesem Zusammenhang die Frage, ob jemand unter den Mujaddids für sich beansprucht habe, ein Mujaddid zu sein. Sie nennen beispielsweise Mujaddid Alf-e Sani (rahimahullah) und Shah Waliullah (rahimahullah). Dabei vergessen sie jedoch, dass diese beiden verehrten Mujaddids lediglich zum Ausdruck gebracht haben, dass sie diese Stellung innehatten. Sie haben keinen Anspruch erhoben. Aus keiner ihrer Handlungen lässt sich entnehmen, dass sie die Menschen zu sich gerufen und verlangt hätten, sie als Mujaddids anzuerkennen. Sie haben auch nicht gesagt, dass nur derjenige gläubig sei und Erlösung erlange, der sie als Mujaddids anerkennt. 4. Das Bemühen, im Bereich des Denkens eine Revolution hervorzurufen. Das heißt, die Denkweise der Menschen zu verändern, ihre Glaubensüberzeugungen, ihr Denken und ihre moralische Sichtweise nach dem islamischen Vorbild zu formen, das Bildungs- und Ausbildungssystem zu reformieren, die islamische Bildung wiederzubeleben und insgesamt die islamische Mentalität aufs Neue zu beleben.

5. Aktive Reformbemühungen. Das heißt, die Bräuche und Sitten der Dschahiliya zu beseitigen, den moralischen Charakter und die Neigungen zu läutern, in den Menschen erneut einen starken Antrieb zum Gehorsam gegenüber der Scharia zu wecken und Menschen heranzubilden, die zu einer umfassenden islamischen Führung fähig sind.

6. Das Bemühen um Idschtihad in den verschiedenen Bereichen der Religion. Das bedeutet, die Grundprinzipien der Religion zu erfassen, aus islamischer Sicht die richtige Richtung für die zeitgenössischen zivilisatorischen Verhältnisse und die zivilisatorische Entwicklung zu bestimmen und im Rahmen der Grundprinzipien der Scharia eine Methode zur Veränderung des überlieferten alten Musters der Zivilisation zu finden, durch die das Wesentliche der Scharia unversehrt bleibt, ihre Ziele verwirklicht werden und der Islam die Welt bei der richtigen Entwicklung der Zivilisation führen kann.

7. Defensive Bemühungen. Das bedeutet, den politischen Kräften entgegenzutreten, die darauf aus sind, den Islam zu unterdrücken oder auszulöschen, ihre Macht zu beseitigen und dadurch den Weg für die Entwicklung des Islam zu ebnen.

8. Die Wiederbelebung der islamischen Ordnung. Das bedeutet, der Dschahiliyya die Schlüssel der Herrschaft zu entreißen und die Regierung erneut auf jener Ordnung zu gründen, die der edle Prophet, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, als Kalifat bezeichnet hat.

9. Die Herbeiführung einer weltweiten Revolution. Das bedeutet, sich nicht damit zu begnügen, die islamische Ordnung nur in einem einzigen Land oder nur in den Ländern zu errichten, in denen bereits Muslime leben. Vielmehr soll eine so starke weltweite Bewegung geschaffen werden, dass die reformerische und revolutionäre Daʿwa des Islam in der Öffentlichkeit Verbreitung findet, die islamische Zivilisation und Kultur in der ganzen Welt die Vorherrschaft erlangen können, im zivilisatorischen System der gesamten Welt eine islamische Revolution eingeleitet wird und die moralische und politische Führung der Menschheit in den Händen des Islam konzentriert wird.

Bei einer eingehenden Betrachtung dieser Bereiche wird deutlich, dass die ersten drei Bereiche für diejenigen, die die Aufgabe der islamischen Wiederbelebung erfüllen, unerlässlich sind. Die übrigen sechs Bereiche hingegen zählen nicht jeweils zu den unabdingbaren Voraussetzungen dafür, ein Mujaddid zu sein. Vielmehr kann jemand als Mujaddid gelten, wenn er in einem, zwei, drei oder vier dieser Bereiche nennenswerte Leistungen vollbringt. Ein solcher Mujaddid wäre jedoch ein teilweiser Mujaddid. Ein vollkommener Mujaddid wird nur derjenige sein, der in jedem der genannten Bereiche die volle Aufgabe erfüllt und das Recht des Erbes der Prophetie einlöst.

Der vollkommene oder ideale Mujaddid

Bei der Betrachtung der Geschichte zeigt sich, dass bislang noch kein vollkommener Mujaddid erschienen ist. Hadhrat Umar ibn Abd al-Aziz (r.) war im Begriff, diesen Rang zu erlangen, konnte jedoch keinen Erfolg haben. Alle Mujaddids, die nach ihm geboren wurden, wirkten jeweils in einem bestimmten oder in mehreren Bereichen; der Platz des vollkommenen Mujaddid ist bis heute unbesetzt. Doch Vernunft und Verstand, die menschliche Natur und die Weltlage verlangen die Geburt eines solchen Führers. Er kann in diesem Zeitalter oder nach Tausenden von Umläufen der Zeitalter geboren werden. Sein Name ist Imam al-Mahdi. Der edle Prophet (s.) hat in einem Hadith eine eindeutige Prophezeiung über ihn ausgesprochen. 2

Ich kann nicht sagen, welchen Rang dieser Hadith hinsichtlich seiner Überlieferungskette besitzt. Seinem Inhalt nach stimmt er jedoch mit allen anderen Hadithen überein, die zu diesem Thema überliefert wurden. Dieser Hadith weist auf fünf Phasen der Geschichte hin. Drei dieser Phasen sind bereits vorüber, und die vierte Phase ist gegenwärtig im Gang. Was die letzte, fünfte Phase betrifft, über die eine Prophezeiung gemacht wurde, so haben alle Anzeichen verkündet, dass die Geschichte der Menschheit rasch auf sie zuschreitet. Alle von Menschen geschaffenen Ideologien sind geprüft worden und kläglich gescheitert. Den heute erschöpften und ermatteten Menschen bleibt nichts anderes, als sich dem Islam zuzuwenden.

Heutzutage rümpfen viele Menschen schon beim Hören dieses Namens aus Unwissenheit die Nase. Ihr Vorwurf lautet, dass die Tatkraft der unwissenden und ungebildeten Muslime durch das Warten auf den künftig erscheinenden „vollkommenen Menschen“ gelähmt worden sei. Ihrer Ansicht nach könne das, dessen falsche Auslegung dazu führe, dass ungebildete Menschen untätig würden, im Grunde keine Wahrheit sein. Außerdem sagen sie, dass es bei jedem religiösen Volk irgendeinen Glauben an eine aus der unsichtbaren Welt kommende Person gebe. Daher handle es sich hierbei um nichts weiter als eine irrige Vorstellung. Doch ich verstehe nicht: Wenn auch die anderen Propheten – ebenso wie der letzte Prophet, Hazrat Muhammad Mustafa (s.a.w.) – ihren Völkern die frohe Botschaft überbracht haben, dass der Islam sich noch vor dem Ende des irdischen Lebens der Menschheit einmal über die ganze Welt ausbreiten werde, dass die bedrängten und unglücklichen Menschen nach dem Scheitern aller von Menschen geschaffenen Systeme schließlich gezwungen sein würden, im Schatten dieses von Gott geschaffenen Systems Zuflucht zu suchen, und dass sie diese Gnade Gottes durch einen gewaltigen und großen Führer erlangen würden, der nach der Methode der Propheten wirken und den Islam in seiner richtigen Gestalt vollständig verwirklichen werde – wo bleibt dann Raum für eine irrige Vorstellung? Wahrscheinlich hat sich diese Sache unabhängig von den Botschaften der Propheten unter den verschiedenen Völkern der Welt verbreitet. Und aus Unwissenheit haben die Menschen sie von ihrer ursprünglichen Bedeutung abweichen lassen und in die Hülle einer irrigen Vorstellung gehüllt.

(2) Obwohl diese Prophezeiungen an zahlreichen Stellen in den Büchern Muslim, Tirmidhi, Ibn Madscha, Mustadrak und anderen erwähnt werden, dürfte es nützlich sein, hier den Hadith anzuführen, den Imam Schatibi in seinem Buch „Muwafaqat“ und Maulana Ismail Schahid in seinem Buch „Mansab-e-Imamat“ überliefert haben:

Arabisch——————————————————————

„Der Beginn eurer Religion wird durch Prophetentum und Barmherzigkeit bestimmt sein, und sie wird unter euch bestehen, solange Allah es will. Danach wird der Erhabene Allah sie hinwegnehmen. Dann wird das Kalifat nach der Methode des Prophetentums geführt werden, solange Allah es will. Danach wird Allah auch dieses hinwegnehmen.“

Danach wird die Ära der despotischen Monarchie beginnen und bestehen bleiben, solange Allah es will; danach wird Allah auch diese hinwegnehmen.

Danach wird die Herrschaft der Tyrannei beginnen, und auch sie wird bestehen, solange Allah es will; danach wird Allah auch sie hinwegnehmen.

Danach wird das Kalifat erneut nach der Methode des Prophetentums errichtet werden. Gemäß der Sunna des Propheten wird es unter den Menschen wirken. Und der Islam wird seine Stellung auf der Erde festigen. Alle Bewohner des Himmels und der Erde werden mit dieser Regierung zufrieden sein. Der Himmel wird mit offenem Herzen seinen Segen herabregnen lassen, und die Erde wird all ihre verborgenen Schätze aus ihrem Inneren hervorbringen.

Imam Mahdi

Diejenigen unter den Muslimen, die an das Kommen des Imam Mahdi glauben, befinden sich in beträchtlicher Verwirrung, und ihre Verwirrung ist keineswegs geringer als die der gegenüber ihm ungläubigen Neuerer. Sie meinen, Imam Mahdi werde irgendein Sufi-artiger Mann aus alter Zeit sein. Er werde plötzlich, den Tasbih in der Hand, aus einer Madrasa oder einer Khanqah hervortreten. Kaum draußen, werde er überall verkünden: „Anal Mahdi“ – „Ich bin der Mahdi“. Die Ulama und Scheiche würden, die Bücher unter den Armen, zu ihm eilen und ihn erkennen, indem sie seine körperlichen Merkmale mit den in den schriftlichen Zeichen beschriebenen abglichen. Danach werde die Huldigung beginnen und der Dschihad ausgerufen werden. In der geistlichen Übung vollendete Derwische und altmodische, orthodoxe Gläubige würden sich unter seinem Banner versammeln. Um die Bedingung dem Namen nach zu erfüllen, werde man zwar ein Schwert benutzen müssen, doch im Grunde werde alles allein durch Baraka und geistige Kraft vollbracht werden. Durch die Kraft von Gebeten, Segenssprüchen, Zikr und Tasbih werde der Krieg gewonnen werden. Jeder Kāfir, den man anblicke, werde sich unter Qualen windend bewusstlos zu Boden stürzen, und allein durch die Wirkung eines Fluchgebets würden Panzer und Kampfflugzeuge zerstört werden.

Unter den einfachen Leuten findet man über das Erscheinen des Mahdi ungefähr diese Art von Vorstellungen. Doch nach allem, was ich erkannt habe, sehe ich, dass die Sache völlig umgekehrt liegt. Meiner Ansicht nach wird der kommende Mann ein vollkommen moderner Führer seiner eigenen Zeit sein. In allen zeitgenössischen Wissenschaften wird er, einem Mudschtahid gleich, über tiefes Wissen verfügen. Er wird alle großen Probleme des Lebens gut verstehen. Hinsichtlich politischer Weisheit und Umsicht sowie der Beherrschung der Kriegskunst wird er sich in der ganzen Welt als der Beste erweisen und sich als moderner als alle Modernen erweisen. Ich befürchte, dass gerade die Maulawis und Sufi-Herren zuerst gegen seine Modernität aufschreien werden. Außerdem wird meiner Ansicht nach sein körperlicher Bau sich nicht von dem gewöhnlicher Menschen unterscheiden, und man wird ihn auch nicht anhand von Zeichen erkennen können. Er wird auch nicht verkünden, dass er der Mahdi sei. Vielmehr wird er vielleicht selbst nicht wissen, dass er der Mahdi ist. Nach seinem Tod werden die Menschen vermutlich durch die Betrachtung seiner Taten erkennen, dass er der Mahdi war, der das Kalifat nach der Methode des Prophetentums errichtet hatte. Von seinem Kommen war all diese Zeit die frohe Botschaft verkündet worden. 3

(3) Die an dieser Stelle vorgebrachten Einwände werden im Anhang des Buches beantwortet.

Ich habe bereits gesagt, dass außer einem Propheten niemand das Recht hat, durch eine Behauptung mit einer Tätigkeit zu beginnen, und dass außer einem Propheten niemand mit Gewissheit weiß, zu welchem Dienst er eingesetzt worden ist. „Mahdismus“ ist nichts, was man beansprucht; er ist etwas, das man durch sein Handeln unter Beweis stellt und hinter sich lässt. Meiner Ansicht nach geben sowohl diejenigen, die solche Ansprüche erheben, als auch diejenigen, die an ihn glauben, durch ihre Unwissenheit und ihre niedrige geistige Haltung ein Zeugnis ihrer selbst ab.

Auch meine Vorstellung von der Art der Tätigkeit des Mahdi unterscheidet sich völlig von der Vorstellung dieser Leute. In keinem Teil seines Wirkens sehe ich irgendeinen Raum für wundersame Außergewöhnlichkeit, Kaschf, Ilham, Tschilla oder Mudschahada-Murakaba. Ich bin der Ansicht, dass auch der Mahdi jene Phasen des Konflikts, des Kampfes und des Strebens durchlaufen muss, die ein revolutionärer Führer in dieser Welt zu durchlaufen hat. Auf der Grundlage des unverfälschten Islam wird er eine neue Denkrichtung (School of Thought) aufbauen. Er wird das Denken und die geistige Haltung der Menschen verändern. Er wird eine gewaltige, starke Bewegung aufbauen. Diese Bewegung wird zugleich politisch und kulturell sein. Die Dschahiliyya wird ihn mit all ihrer Kraft zermalmen wollen, doch am Ende wird er die Herrschaft der Dschahiliyya umstürzen und weit von sich schleudern und einen starken islamischen Staat errichten. In diesem Staat wird einerseits die volle Lebenskraft des Islam wirksam sein, während andererseits die wissenschaftliche Entwicklung ihren höchsten Stand erreichen wird. In diesem Zusammenhang heißt es im Hadith, dass unter seiner Herrschaft die Bewohner sowohl des Himmels als auch der Erde zufrieden sein werden. Der Himmel wird seine Segnungen in Fülle herabsenden, und die Erde wird alle in ihrem Inneren bewahrten Schätze hervorbringen.

Wenn die Hoffnung berechtigt ist, dass der Islam eines Tages einen gewaltigen Einfluss auf das Denken, die Zivilisation und die Politik der gesamten Welt ausüben wird, dann ist auch die Geburt eines großen Führers gewiss, unter dessen umfassender und machtvoller Führung diese Revolution stattfinden wird. Über die geistige Beschaffenheit derjenigen, die beim Hören von der Erscheinung eines solchen Führers erstaunt sind, bin ich selbst erstaunt. Wenn in dieser Welt Gottes das Erscheinen lügenhafter Führer wie Lenin und Hitler möglich ist, warum wird dann das Erscheinen eines wahrhaftigen Imams der Rechtleitung für fern und unwahrscheinlich gehalten?

Die Mission der Propheten

Um diese Zivilisation und Kultur auf der Erde zu errichten, wurden die Propheten nacheinander entsandt.

Abgesehen von der asketischen Zivilisation wollen alle anderen Formen der Dschahiliya oder die auf dem Islam beruhenden Zivilisationen, die hinsichtlich des Lebens ein vollständiges Ideal verkörpern und über ein umfassendes System zur Ordnung der Welt verfügen, von Natur aus die Autorität und die Macht ergreifen, die Herrschaft selbst in die Hand nehmen und das Leben nach ihrem eigenen Entwurf gestalten. Ohne staatliche Macht eine Ordnung und eine Lehre vorzulegen oder ihr anzuhängen, ist völlig sinnlos. Der weltabgewandte Asket ist sogar nicht bereit, die Ordnung der Welt zu gestalten. Vielmehr ist er durch eine besondere Methode des „Sulūk“ damit beschäftigt, auf diesem Weg von außen den Rang seiner eingebildeten Errettung zu erreichen. Deshalb empfindet er kein Bedürfnis nach staatlicher Macht und strebt auch nicht danach. Eine Zivilisation jedoch, die für die Ordnung der Welt ein bestimmtes System beansprucht und in dessen Befolgung das Wohlergehen und die Errettung der Menschheit sieht, hat keine andere Wahl, als sich darum zu bemühen, die Schlüssel ihrer Herrschaft in die Hand zu bekommen. Denn solange sie nicht die Kraft erlangt, ihren Entwurf umzusetzen, kann dieser in der wirklichen Welt nicht verwirklicht werden. Ja, er kann nicht einmal in den Herzen der Menschen und auf dem Papier lange Bestand haben. Die Zivilisation, in deren Händen die Herrschaft liegt, lenkt sämtliche Angelegenheiten der Welt nach ihrem eigenen Entwurf. Sie weist Wissenschaft, Forschung, Denken, Kunst und Literatur den Weg. Sie formt das Gerüst des sittlichen Charakters. Sie organisiert die allgemeine Bildung und Erziehung. Auf der Grundlage ihrer Ordnung wird das gesamte System der Kultur errichtet. Ihre Grundsätze sind in allen Bereichen des Lebens wirksam. Deshalb gibt es im Leben nirgends auch nur den geringsten Raum für eine Zivilisation, die über keine eigene staatliche Macht verfügt. Selbst wenn die übermächtige Herrschaft einer siegreichen Zivilisation lange Zeit fest etabliert ist, ziehen sich die besiegten Zivilisationen aus der Welt des Handelns zurück. Selbst in den Herzen derjenigen, die ihr mit wohlwollendem Blick gegenüberstehen, entstehen Zweifel, ob dieses System in der Welt Bestand haben kann. Ihre sogenannten Träger und Bewahrer sowie die selbsternannten Erben ihrer Führung sind dann bereit, mit der gegnerischen Zivilisation Kompromisse zu schließen und die Angelegenheit durch ein gewisses Geben und Nehmen zu bereinigen. Doch in der Frage der Herrschaft können zwei Zivilisationen und Kulturen, die grundsätzlich völlig verschieden sind, eine solche Partnerschaft nicht dulden. Eine Partnerschaft und Aufteilung für möglich zu halten, ist ein Zeichen von Kurzsichtigkeit; nur aus Mangel an Īmān und Himma kann man hierzu seine Zustimmung geben.

Daher bestand das endgültige Ziel ihrer Mission darin, durch die Errichtung der „Hukūmat-e Ilāhiyya“ die von den Propheten im Auftrag Gottes gebrachte Lebensordnung vollständig zu verwirklichen. 4 (4) In der heutigen Zeit sagen viele gottesfürchtige Menschen häufig, dass der Erwerb staatlicher Macht nicht der Zweck des Lebens sei, sondern dass versprochen worden sei, sie ihnen zu verleihen. Denjenigen, die dies sagen, ist in Bezug auf staatliche Macht lediglich die Vorstellung gegenwärtig, dass sie eine von Gott verliehene Belohnung sei. Die Vorstellung, dass sie eine Pflicht und ein Dienst sei, fehlt ihnen. Sie wissen nicht, dass der Erwerb der staatlichen Macht, die zur praktischen Verwirklichung der Dīn erforderlich ist, zu den Zielen und Absichten der Scharia Gottes gehört und dass der Dschihād hierfür verpflichtend ist.

Sie waren bereit, den Anhängern der Dschahiliya das Recht zuzugestehen, an ihren Vorstellungen und Glaubensüberzeugungen der Dschahiliya festzuhalten, wenn sie dies wollten. Doch waren sie niemals bereit und konnten es von Natur aus auch nicht sein, ihnen die Schlüssel der Herrschaft zu übergeben und ihnen das Recht einzuräumen, sämtliche Angelegenheiten des menschlichen Lebens mit Gewalt nach den Gesetzen und Vorschriften der Dschahiliya zu regeln. Deshalb hat jeder Prophet versucht, eine politische Revolution herbeizuführen. Bei manchen beschränkte sich das Bemühen darauf, den Boden vorzubereiten – wie etwa bei Ibrāhīm, Friede sei mit ihm. Manche hatten tatsächlich eine revolutionäre Bewegung begonnen, doch ihr Werk endete, bevor sie die Hukūmat-e Ilāhiyya errichten konnten – wie etwa bei ʿĪsā, Friede sei mit ihm. Andere wiederum führten diese Bewegung zum Ziel des Erfolgs – wie etwa Yūsuf, Friede und Segen seien mit ihm, Mūsā, Friede und Segen seien mit ihm, und Muhammad Mustafa, Allahs Segen und Friede seien auf ihm.

Die Aufgabe der Propheten

Wenn wir das Wirken der Propheten untersuchen, erkennen wir im Großen und Ganzen die folgenden Punkte:

1. Eine Revolution des Denkens unter den gewöhnlichen Menschen herbeizuführen. Eine unverfälschte islamische Sichtweise, Denkweise und sittliche Haltung muss ihnen in einem solchen Maß vermittelt werden, dass ihre Denkweise, der Zweck ihres Lebens, ihre Maßstäbe für Wert und Würde sowie ihre Handlungsweise vollständig in die Form des Islam gegossen werden.

2. Eine starke Gruppe von Menschen zu bilden, die von dieser Lehre beeinflusst sind, und sich darum zu bemühen, der Dschahiliya die Herrschaft zu entreißen. Bei diesem Bemühen sind sämtliche zeitgenössischen Mittel und Möglichkeiten der Kulturordnung zu nutzen.

3. Durch die Errichtung einer islamischen Staatsordnung alle Bereiche der Kulturordnung auf der Grundlage des unverfälschten Islam neu zu gestalten. Dabei ist eine Methode anzuwenden, durch die einerseits die Grenzen der islamischen Revolution in der Welt immer weiter ausgedehnt werden und andererseits die neuen Mitglieder, die durch Verkündigung und natürliche Vermehrung fortlaufend in die islamische Gemeinschaft aufgenommen werden, nach islamischer Methode weiterhin geistig und sittlich erzogen werden.

Das rechtgeleitete Kalifat

Der letzte Prophet, Hadhrat Muhammad Mustafa, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, vollendete all diese Aufgaben innerhalb von dreiundzwanzig Jahren. Danach wurde dem Islam das Glück zuteil, zwei vorbildliche Führer wie Abu Bakr as-Siddiq (Allahs Wohlgefallen sei auf ihm) und Umar al-Faruq (Allahs Wohlgefallen sei auf ihm) als Anführer zu haben. Wie der Gesandte Allahs setzten sie die un umfassende Aufgabe kontinuierlich fort. Danach gelangte die Herrschaft in die Hände von Hadhrat Uthman (Allahs Wohlgefallen sei auf ihm), und in den ersten Jahren blieb die vom Gesandten Allahs begründete Ordnung vollständig bestehen.

Der Angriff der Dschāhiliyya

Einerseits wurde diese Aufgabe aufgrund der raschen Ausbreitung des islamischen Staates von Tag zu Tag schwieriger, und andererseits verfügte Hadhrat Uthman (Allahs Wohlgefallen sei auf ihm), dem die Last dieser gewaltigen Aufgabe anvertraut worden war, nicht über sämtliche Eigenschaften, die seine großen Vorgänger besessen hatten. 5 (5) Einige Muftis haben diesen Satz als eine Herabwürdigung Hadhrat Uthmans (Allahs Wohlgefallen sei auf ihm) bezeichnet. Meine Aussage beschränkt sich jedoch lediglich darauf, dass Hadhrat Uthman (Allahs Wohlgefallen sei auf ihm) einige für die Führung eines Staates erforderliche Eigenschaften nicht in dem Maße besaß, in dem Hadhrat Abu Bakr as-Siddiq (Allahs Wohlgefallen sei auf ihm) und Hadhrat Umar al-Faruq (Allahs Wohlgefallen sei auf ihm) sie besaßen. Dies ist eine Frage der Geschichte, und Geschichtsschüler können hierzu unterschiedliche Auffassungen vertreten. Es ist keine Frage der Fiqh oder des Kalām. Daher kann eine Institution, die Fatwas erlässt, hierzu nicht in Form einer Fatwa ein Urteil verkünden. So erhielt während seines Kalifats das gesellschaftliche System der Dschāhiliyya Gelegenheit, in die islamische Gesellschaftsordnung einzudringen. Hadhrat Uthman (Allahs Wohlgefallen sei auf ihm) versuchte, dieser Gefahr dadurch den Weg zu versperren, dass er sein eigenes Leben hingab, doch sie konnte nicht aufgehalten werden. Danach trat Hadhrat Ali (Allahs Wohlgefallen sei auf ihm) vor. Er unternahm äußerste Anstrengungen, um die politische Herrschaft des Islam aus den Klauen der Dschāhiliyya zu befreien, doch selbst durch die Hingabe seines Lebens konnte er den Weg dieser Gegenrevolution nicht versperren. Schließlich ging die Zeit des nach der Methode des Prophetentums geführten Kalifats zu Ende. Eine despotische Monarchie nahm seinen Platz ein. Auf diese Weise wurde das Fundament des Staates anstelle des Islam wieder auf der Dschāhiliyya errichtet.

Nachdem die Dschāhiliyya die Staatsmacht ergriffen hatte, begann sie, wie eine Krebskrankheit allmählich ihre Arme im Körper der Gesellschaft auszubreiten. Denn nun lagen die Schlüssel der Herrschaft anstelle des Islam in ihren Händen, und nachdem der Islam der Staatsmacht beraubt worden war, besaß er nicht mehr die Fähigkeit, die Ausbreitung ihres Einflusses aufzuhalten. Das größte Problem bestand darin, dass die Dschāhiliyya nicht nackt und unverhüllt auftrat, sondern in Gestalt eines Muslims gekommen war. Wäre man einem offenkundigen Atheisten, Polytheisten oder Ungläubigen gegenübergestanden, wäre die Auseinandersetzung vielleicht leicht gewesen. Doch zunächst gab es dort das Bekenntnis zum Tauhid, das Bekenntnis zur Gesandtschaft, die Verrichtung des Gebets und des Fastens sowie das Heranziehen von Beweisen aus Koran und Hadith, während dahinter die Dschāhiliyya ihr eigenes Werk betrieb. Das Zusammentreffen von Islam und Dschāhiliyya in ein und derselben Sache erzeugte eine derart schwierige Komplikation, dass sich die Auseinandersetzung mit ihr stets als schwieriger erwies als die Auseinandersetzung mit der offenen Dschāhiliyya. Wenn man gegen die unverhüllte Dschāhiliyya in den Krieg zieht, werden Millionen Mudschahedin mit dem Leichentuch um den Kopf zur Unterstützung herbeieilen, und kein Muslim kann die Dschāhiliyya offen unterstützen. Wenn man jedoch gegen diese vermischte Dschāhiliyya in den Krieg zieht, werden nicht nur die Heuchler, sondern auch viele aufrichtige Muslime sich zu ihrer Unterstützung gürten und voranschreiten; ja, derjenige, der gegen diese Dschāhiliyya kämpft, wird umgekehrt beschuldigt werden. Dass ein Muslim auf dem Thron der dschāhilitischen Führung und auf dem Sitz der dschāhilitischen Politik Platz nimmt, an einer dschāhilitischen Lehranstalt unterrichtet und als Murschid der Dschāhiliyya auf ihrem Sitz Platz nimmt, ist nichts anderes als eine gewaltige Täuschung. Und nur sehr wenige Menschen können dieser Täuschung entkommen.

Das Schrecklichste an dieser Gegenrevolution ist, dass alle drei Arten der Dschāhiliyya begannen, unter dem Deckmantel des Islam Wurzeln zu schlagen, und ihr Einfluss sich von Tag zu Tag weiter ausbreitete. Die unverfälschte Dschāhiliyya bemächtigte sich des Staates und des Vermögens. Dem Namen nach war es ein Kalifat, tatsächlich aber jene Monarchie, zu deren Beseitigung der Islam gekommen war.

Niemand wagte es, den König „Ilah“ zu nennen, daher suchte man nach dem Ausdruck „as-Sultanu Dhillullah“⁶. Unter diesem Vorwand erlangten auch die Könige das Recht auf Gehorsam, das dem Ilah zusteht. Unter dem Schutz dieser Monarchie breitete sich die Sichtweise der mehr oder weniger unverfälschten Dschāhiliyya im Leben der Emire und Würdenträger, der Herrscher, Gouverneure, Armeen und einflussreichen Menschen der Gesellschaft aus. Diese Sichtweise zerstörte ihre moralische Haltung und ihr gesellschaftliches Verhalten vollständig. Danach breiteten sich ganz natürlich zugleich auch die Philosophie, Literatur und Kunst der Dschāhiliyya aus. Auch die verschiedenen Wissenschaften und Disziplinen wurden nach diesem Muster gesammelt und verfasst. Denn auch diese Dinge hängen finanziell von der staatlichen Förderung ab. Wo jedoch Finanzen und Staat der Dschāhiliyya unterstehen, ist ihre Herrschaft über diese Bereiche unvermeidlich. Deshalb fand die griechische, nichtarabische Philosophie, Wissenschaft und Literatur einen Weg, in die Gesellschaft einzudringen, die angeblich mit dem Islam verbunden war. Unter dem Einfluss dieser Literatur begannen unter den Muslimen die Debatten der Wissenschaft des Kalām; die Lehre der Muʿtazila entstand; Atheismus und Religionsfeindlichkeit breiteten sich in zahlreichen Zweigen aus, und die feinsten Spitzfindigkeiten der ʿAqida brachten immer neue Sekten hervor. Damit war es noch nicht zu Ende: Unter den Völkern, die der Islam aus den Händen unverfälschter dschāhilitischer Kunst und Kultur wie Tanz, Gesang und Malerei errettet hatte, begannen diese Dinge erneut Fuß zu fassen. 7

(6) Zweifellos wird dieses Wort im Hadith erwähnt, doch man hat ihm eine völlig falsche Bedeutung gegeben. Im Arabischen bedeutet Sultan ursprünglich Herrschaft beziehungsweise Autorität. Für einen Machthaber wird dieses Wort lediglich in einer übertragenen Bedeutung verwendet. Der Prophet (s) gebrauchte dieses Wort jedoch nicht in der übertragenen, sondern in seiner ursprünglichen Bedeutung. Die Bedeutung der Aussage des edlen Propheten (s) ist, dass Staat und Herrschaft in Wirklichkeit nur ein Abbild der Herrschaft Allahs des Erhabenen sind. Wenn dieses Abbild auf einen Menschen fällt und er dessen Würde wahrt, das heißt, den Staat nach Recht und Gerechtigkeit führt, wird Allah der Erhabene ihm Ehre verleihen. Wer aber diesen Schatten Gottes entehrt, das heißt, den Staat mit Unterdrückung und Eigennutz regiert, den wird Allah erniedrigen. Die Menschen entstellten diese weise Aussage des edlen Propheten, erklärten den König zum Abbild Gottes und machten sie entgegen der Absicht des edlen Propheten (s) zur Grundlage der Königverehrung. (7) Menschen wie Maulana Schibli Numani und Justice Amir Ali betrachteten die derartigen Taten jener Könige als einen Dienst an der islamischen Zivilisation und Kultur. Die mit Schirk vermischte Dschahiliya fiel über die Bevölkerung her, brachte sie vom Weg des Tauhid ab und zerstreute sie auf zahllosen Irrwegen. Nur ein offenkundiger Götzendienst konnte nicht eingeführt werden; andernfalls gab es keine Form des Schirk, die nicht unter den Muslimen verbreitet worden wäre. Viele Angehörige von Völkern, die an die alten Vorstellungen der Dschahiliya glaubten und in den Islam eintraten, brachten die Vorstellungen und Lehren des Schirk mit sich. Sie mussten sich hier lediglich ein wenig bemühen: Anstelle der alten Gottheiten mussten sie unter den muslimischen Gelehrten einige neue Gottheiten suchen, sich anstelle der alten Klöster und Tempel mit den Gräbern der Awliya und Derwische zufriedengeben und anstelle der alten gottesdienstlichen Bräuche neue Riten und Zeremonien erfinden. Die weltlichen Gelehrten halfen ihnen bei diesem Werk in großem Umfang und beseitigten die Hindernisse, die sich der Verankerung des Schirk im Islam entgegenstellten. Mit äußerstem Wagemut entstellten sie Koranverse und Aussagen des Hadith, um im Islam Raum für die Verehrung der Awliya und der Gräber zu schaffen. Für die Ausübung des Schirk entnahmen sie der islamischen Terminologie Wörter und entwickelten für diese neue Scharia solche Riten und Zeremonien, dass sie nicht unter den offenkundigen und großen Schirk fielen. Ohne diese subtile, kunstvolle Unterstützung wäre es dem Schirk niemals möglich gewesen, einen Weg zum Eindringen in den Islam zu finden.

Die asketische Dschahiliya griff die Ulama, die Maschayikh, die Sufis und die frommen Menschen an und begann, unter ihnen jene Fehler zu verbreiten, auf die ich zuvor hingewiesen habe. Unter dem Einfluss dieser Dschahiliya breiteten sich in der muslimischen Gesellschaft die platonische Philosophie, ein asketisches Charakterideal und eine pessimistische Sichtweise in allen Lebensbereichen aus. Diese Lebensanschauung beeinflusste nicht nur Literatur und das Streben nach Wissen, sondern versetzte die rechtschaffenen Menschen der Gesellschaft gleichsam durch Morphiuminjektionen in einen Zustand der Erstarrung, stärkte das unwissende System der Monarchie, ließ in islamischem Wissen, Wissenschaft und Kunst Trägheit und engstirniges Denken entstehen und beschränkte die gesamte Frömmigkeit auf einige wenige besondere religiöse Handlungen.

Die Notwendigkeit der Mujaddids

Um den Islam aus dem Gedränge dieser drei Arten der Dschahiliya zu retten und ihn wieder stark und frisch zu machen, entstand die Notwendigkeit der Mujaddids. Daraus darf man nicht schließen, dass der Islam in dieser Flut der Dschahiliya völlig untergegangen und die Dschahiliya vollständig siegreich gewesen sei. In Wahrheit bleibt im Leben der Völker, die vom Islam beeinflusst wurden oder später beeinflusst werden, der reformierende Einfluss des Islam mehr oder weniger für immer bestehen. Unter dem Einfluss des Islam zitterten selbst große tyrannische und verantwortungslose Könige bisweilen vor Furcht und schlugen den Weg der Aufrichtigkeit und Gerechtigkeit ein. Gerade durch den Islam erblicken wir in verschiedenen Kapiteln der finsteren Geschichte der Monarchie leuchtende Flammen der Frömmigkeit und moralischen Aufrichtigkeit. In Herrscherhäusern, die sich selbst für so mächtig wie Gott hielten, gingen allein durch den Islam viele fromme, gottesfürchtige und gerechte Persönlichkeiten hervor. Obwohl sie über königliche Macht verfügten, regierten sie den Staat so weit wie möglich verantwortungsvoll. Ebenso übte der Islam unaufhörlich, wenn auch in unterschiedlichem Maß, seinen indirekten Einfluss an den königlichen Höfen, in den Lehranstalten für Philosophie und Wissenschaft, an den Wirkungsstätten von Handel und Gewerbe, in den Khanqahs der Läuterung des Herzens und der Weltentsagung sowie in den übrigen Lebensbereichen aus. Trotz des Eindringens der mit Schirk vermischten Dschahiliya unter die Bevölkerung setzte der Islam stets sein Eindringen in Glaubensüberzeugung, moralischem Charakter und Sozialverhalten sowohl in reformierender als auch in widerständiger Weise fort. Dadurch blieb der charakterliche Beitrag der muslimischen Nation insgesamt stets besser als der nichtmuslimischer Völker. Außerdem gab es in jeder Epoche immer Menschen, die die islamischen Grundsätze entschlossen befolgten und sich bemühten, islamisches Wissen und islamisches Handeln in ihrem eigenen Leben und in ihrem begrenzten Umfeld lebendig zu erhalten. Für den eigentlichen Zweck der Sendung der Propheten waren diese beiden Dinge jedoch unzureichend. Es genügte weder, dass die Herrschaft in den Händen der Dschahiliya blieb und der Islam lediglich als eine Kraft zweiter Ordnung wirkte, noch genügte es, dass hier und dort einige wenige Menschen den Islam in begrenzten Lebensbereichen verwirklichten, während sich im größeren gesellschaftlichen Leben eine Mischung aus islamischen und dschahilischen Elementen weiter ausbreitete. Daher war und ist die Religion in jeder Epoche auf starke Persönlichkeiten, Gruppen und Institutionen angewiesen, die eine auf Abwege geratene Lebensweise zu verändern und sie wieder auf den Weg des Islam zu führen vermögen.

Erklärung des Hadith „Man yudschaddidu laha dinaha“

Der edle Prophet (s) hat dies in einem seiner Hadithe angekündigt. Der Hadith wurde von Abu Huraira (r) überliefert und findet sich bei Abu Dawud. Der Hadith lautet:

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„Zu Beginn jedes Jahrhunderts wird Allah der Erhabene für diese Umma jemanden hervorbringen, der ihre Religion für sie stärken und erneuern wird.“

Doch viele Menschen haben aus diesem Hadith völlig falsche Vorstellungen über Tadschdid und die Mudschaddidun gewonnen. Aus „ala ra’si kulli mi’a“ – an der Spitze jedes Jahrhunderts – haben sie die Bedeutung abgeleitet, dass dies am Anfang oder am Ende jedes Jahrhunderts geschehe, und aus „man yudschaddidu laha dinaha“ – derjenige, der für Ihn Seine Religion stärken und erneuern wird –, dass diese Aufgabe unbedingt von nur einer Person erfüllt werde. Deshalb begannen sie in der islamischen Geschichte nach Menschen zu suchen, die am Anfang oder am Ende jedes Jahrhunderts geboren worden oder gestorben waren und zugleich die Erneuerung der Religion betrieben hatten. Doch „ra’s“ bedeutet nicht Anfang oder Ende. Die klare Bedeutung davon, dass an der Spitze jedes Jahrhunderts eine Person oder eine Gruppe entsandt wird, ist vielmehr, dass sie auf den Strom des zeitgenössischen Wissens, der Wissenschaft, des Denkens und des Handelns einen deutlichen Einfluss ausüben werden. Das Wort „man“ wird in der arabischen Sprache sowohl für den Singular als auch für den Plural verwendet. Daher kann „man“ eine einzelne Person, mehrere Personen oder auch eine ganze Institution bedeuten. Die eindeutige Bedeutung der Nachricht, die der edle Prophet (s) übermittelt hat, ist, dass – so Gott will – kein Jahrhundert der islamischen Geschichte ohne Menschen bleiben wird, die sich dem Sturm der Dschahiliya entgegenstellen und sich darum bemühen werden, den Islam mit seiner ursprünglichen Lebenskraft und Gestalt wiederherzustellen. Es besteht keinerlei Notwendigkeit, dass es in einem Jahrhundert nur einen Mudschaddid gibt. In einem Jahrhundert können mehrere Personen und Gruppen diese Aufgabe erfüllen. Ebenso besteht keinerlei Notwendigkeit, dass es für die gesamte muslimische Welt nur einen Mudschaddid gibt. Zur selben Zeit können sich in verschiedenen Ländern verschiedene Menschen um den Tadschdid der Religion bemühen. Auch ist keineswegs vorgeschrieben, dass jeder, der auf diesem Gebiet eine Aufgabe erfüllt, den Titel „Mudschaddid“ erhält. Dieser Titel kann nur jenen verliehen werden, die für den Tadschdid der Religion eine große und herausragende Leistung vollbringen.

Einige der großen Mudschaddidun der muslimischen Gemeinschaft und ihre Leistungen

Unterbrechung der historischen Abfolge habe ich die bedeutendsten Mudschaddidun der Zukunft bereits vorweg erwähnt. Der Grund dafür ist, dass die Menschen schon im Voraus über den Rang und die Stellung der vollkommenen Mudschaddidun Bescheid wissen. Dadurch wird es ihnen leichter fallen, Rang und Stellung der teilweisen Erneuerungsleistungen im Vergleich zu der von ihnen erwarteten Vollkommenheit zu erkennen. Nun werde ich ein kurzes Bild von den bisher vollbrachten Erneuerungsleistungen zeichnen.

Umar ibn Abd al-Aziz

Der erste Mudschaddid des Islam war Hadhrat Umar ibn Abd al-Aziz (r). Er wurde in einer königlichen Familie geboren. Als er erwachsen war, sah er, dass sein Vater Statthalter eines so großen Landes wie Ägypten war. Als er noch älter geworden war, wurde auch er selbst unter der Regierung der Umayyaden zum Statthalter ernannt. An den Lehen, durch die die Könige aus dem Hause der Umayyaden ihre Familie zu unermesslichem Reichtum gebracht hatten, hatten auch er und seine Angehörigen einen großen Anteil. Sogar die Einkünfte aus seinem persönlichen Besitz beliefen sich jährlich auf fünfzigtausend Aschrafi. Er lebte mit dem Glanz und der Pracht eines Wohlhabenden. Kleidung und Ausstattung, Essen und Trinken, Häuser, Fahrzeuge, Charakter und Lebensweise – alles war eines Prinzen würdig. Unter diesen Umständen stand das Werk, das er später vollbrachte, in keinerlei, auch nicht in der entferntesten Beziehung zu seiner Umgebung. Seine Mutter jedoch war eine Enkelin Hadhrat Umars (ra). (8) Er wurde im Jahr 61 nach der Hidschra geboren und starb im Jahr 101 nach der Hidschra. Seine Geburt erfolgte fünfzig Jahre nach dem Tod des edlen Propheten. Zu seiner Zeit lebten unzählige Sahaba und Tabi’un. Schon früh erhielt er eine vollständige Ausbildung in Hadith und Fiqh. Ja, er wurde zu den Mudschaddidun ersten Ranges gezählt und besaß die Befähigung zum Idschtihad in der Rechtswissenschaft. Daher war es für ihn theoretisch keineswegs schwierig zu wissen und zu verstehen, worauf das Fundament der Zivilisation zur Zeit des edlen Propheten (s) und der rechtgeleiteten Kalifen gegründet gewesen war und welche Veränderungen an diesen Fundamenten nach dem Übergang des Kalifats zur Monarchie eingetreten waren. Dasjenige, was ihm praktisch ein Hindernis in den Weg hätte legen können, war allerdings, dass seine eigene Familie die Schöpferin dieser dschahilischen Revolution gewesen war. Von dieser Revolution hatten seine Familie, seine Verwandten, er selbst und seine Kinder und Nachkommen vollständig und in großem Umfang profitiert. Im Interesse seiner Abstammung, seiner persönlichen Begierden und des weltlichen Wohlergehens seiner künftigen Nachkommen hätte auch er sich wie ein Pharao fest auf seinem Königsthron niederlassen sollen. Es wäre für ihn besser gewesen, seine Bildung, seinen Verstand, sein Wissen und sein Gewissen nicht dem rein materiellen Gewinn zu opfern und nicht in das Labyrinth von Wahrheit, Gerechtigkeit, Moral und Prinzipientreue einzutreten. Doch als er im Alter von siebenunddreißig Jahren durch einen bloßen Zufall zum Besitzer des Königsthrons wurde und spürte, welche gewaltige Verantwortung auf seine Schultern gelegt worden war, änderte sich plötzlich der Lauf seines Lebens. Ohne auch nur einen Augenblick zu zögern, wählte er angesichts der Dschahiliya den Weg des Islam für sich. Es war, als wäre dies sein zuvor gefasster Entschluss gewesen.

Auf dynastischem Wege gelangte er in den Besitz des Königsthrons. Doch als die Bai’a – der Treueeid – entgegengenommen werden sollte, sagte er in aller Öffentlichkeit klar: „Ich entbinde euch von eurer Bai’a mir gegenüber. Ihr könnt nach eurem eigenen Willen irgendjemanden zum Kalifen wählen.“ Als die Menschen daraufhin einstimmig und bereitwillig sagten: „Wir wählen gerade Sie“, übernahm er eigenhändig die Verantwortung des Kalifats.

Daraufhin schaffte er den königlichen Prunk, die Herrschaftsweise des Pharao sowie die Hofregeln und Hofgebräuche von Caesar und Kisra allesamt ab. Schon am ersten Tag gab er alles auf, was eines Königs würdig war, und nahm unter den Muslimen die Lebensweise an, die ihrem Kalifen angemessen war.

Danach richtete er seine Aufmerksamkeit auf die Vorrechte, die die Angehörigen der Herrscherfamilie besaßen. Er setzte sie in jeder Hinsicht auf die gleiche Stufe wie die gewöhnlichen Muslime herab und führte sämtliche Ländereien, die sich im Besitz der Herrscherfamilie befanden, einschließlich seiner eigenen Domäne, an das Bayt al-Mal zurück. Über den Schaden, der ihm durch diese Veränderung entstand, genügt es zu sagen, dass sein Jahreseinkommen von fünfzigtausend auf nur noch zweihundert Ashrafi sank. Die Gelder des Bayt al-Mal erklärte er für sich und seine Familie für verboten. Selbst als Kalif nahm er kein Gehalt an. Er veränderte die gesamte Lebensweise seines Lebens. Vor seiner Ernennung zum Kalifen hatte er in fürstlichem Glanz gelebt, und unmittelbar nach seiner Ernennung zum Kalifen ein Leben in Armut anzunehmen, war 9 gewiss erstaunlich.

Nachdem er sein eigenes Haus und seine Angehörigen اصلاحiert hatte, wandte er sich der Staatsordnung zu. Er entließ die tyrannischen Gouverneure und suchte rechtschaffene Menschen aus, die ihre Aufgaben übernehmen sollten. Die Verwaltungsbeamten der Regierung hatten sich von den Regeln und Vorschriften gelöst und sich das Recht angemaßt, unbefugt in Leben, Eigentum und Ehre der Untertanen einzugreifen. Er unterstellte sie wieder Recht und Ordnung und errichtete die Herrschaft des Gesetzes. Die gesamte Politik und alle Vorschriften der Steuererhebung änderte er. Alle unrechtmäßigen und sonstigen Steuern, die die umayyadischen Herrscher, einschließlich der Verbrauchssteuer, eingeführt hatten, schaffte er umgehend ab. Das bestehende Verfahren zur Erhebung der Zakat reformierte er grundlegend und widmete die Gelder des Bayt al-Mal wieder dem Wohl der gewöhnlichen Muslime. Das Unrecht, das den nichtmuslimischen Untertanen zugefügt worden war, ließ er sofort wiedergutmachen. Die Gotteshäuser, die ihnen zu Unrecht weggenommen worden waren, gab er ihnen zurück. (9) Die Biographen berichten, dass Umar ibn Abd al-Aziz vor seiner Ernennung zum Kalifen keine Kleidung im Wert von tausend Dirham mochte, nach seiner Ernennung zum Kalifen jedoch selbst ein Gewand im Wert von vier oder fünf Dirham für sich als sehr kostbar empfand. Die Ländereien, die ihnen weggenommen worden waren, gab er ihnen zurück. Alle Rechte, die ihnen nach der Scharia zustanden, gewährte er ihnen wieder. Die Justiz befreite er von der Abhängigkeit von der staatlichen Verwaltung. Sowohl die Regeln als auch den Geist der Herstellung von Gerechtigkeit unter den Menschen löste er vom Einfluss der staatlichen Verwaltung und gründete sie auf islamische Grundsätze. So wurde unter Umar ibn Abd al-Aziz die islamische Staatsordnung wiederbelebt.

Danach machte er sich mithilfe der politischen Macht daran, die Erscheinungsformen der Dschahiliya, die sich infolge eines halben Jahrhunderts einer dschahilischen Staatsordnung in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens ausgebreitet hatten, aus dem geistigen, sittlichen und gesellschaftlichen Leben der Menschen zu beseitigen. Er unterband die Verbreitung und Ausweitung entstellter Glaubensvorstellungen. Er richtete eine umfassende Volksbildung ein. Er lenkte die Aufmerksamkeit der gebildeten Schichten wieder auf das Studium des Korans, der Hadithe und der Fiqh und schuf eine theoretische Bewegung, unter deren Einfluss im Islam Rechtsgelehrte wie Abu Hanifa, Malik, asch-Schafi’i und Ahmad ibn Hanbal hervortraten. Er belebte den Antrieb zur Befolgung der Scharia unter den Menschen neu. Die durch die Monarchie entstandenen Übel des Weintrinkens, der Malerei und der Verschwendung beseitigte er. Und die Ziele, zu deren Verwirklichung der Islam einen Staat errichten will, erfüllte er im Wesentlichen, nämlich

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Schon nach sehr kurzer Zeit begann diese Regierungsänderung das öffentliche Leben und die internationale Lage zu beeinflussen. Ein Überlieferer berichtet: In der Zeit al-Walids pflegten die Menschen bei ihren Gesprächen und Versammlungen über Paläste und Gärten zu sprechen. Zur Zeit von Sulayman ibn Abd al-Malik waren die Menschen den Sinnesfreuden zugeneigt. Doch nachdem Umar ibn Abd al-Aziz Kalif geworden war, entstand ein Zustand, in dem überall, wo vier Menschen zusammenkamen, sogleich Gespräche über das Gebet, das Fasten und den Koran begannen. Diese Regierung übte einen so großen Einfluss auf die nichtmuslimischen Untertanen aus, dass innerhalb dieser kurzen Zeit Tausende von Nichtmuslimen den Islam annahmen und die Einnahmen aus der Dschizya plötzlich so stark zurückgingen, dass dadurch auch die Staatskasse beeinträchtigt wurde. Umar ibn Abd al-Aziz lud die nichtmuslimischen Staaten rings um den islamischen Staat zum Islam ein. Mehrere von ihnen nahmen den Islam an. Der größte Rivale des islamischen Staates war damals das Römische Reich. Seit fast einem Jahrhundert herrschte Krieg zwischen ihnen. Auch zur Zeit von Umar ibn Abd al-Aziz dauerten die politischen Auseinandersetzungen mit ihnen an. Doch auf das Römische Reich übte er einen gewaltigen moralischen Einfluss aus. Das lässt sich bereits an der Bemerkung ermessen, die der römische Kaiser beim Eintreffen der Nachricht von seinem Tod machte:

„Wenn ein weltentsagender Asket die Welt verlässt, seine Tür schließt und sich dem Gottesdienst widmet, überrascht mich das überhaupt nicht. Doch ich staune über den Menschen, zu dessen Füßen der gewaltige Reichtum und Besitz der Welt lag und der ihn leichtfertig von sich stieß und wie ein Bettler lebte.“

Der erste Erneuerer des Islam erhielt nur zweieinhalb Jahre Gelegenheit zu wirken. In dieser kurzen Zeit bewirkte er eine gewaltige Revolution. Doch jeder Angehörige der Banu Umayya wurde sein Feind. Ihr Tod war im Leben des Islam beschlossen. Wie hätten sie daher diese reformerische Arbeit dulden können? Schließlich verschworen sie sich gegen ihn, vergifteten ihn, und im Alter von nur 39 Jahren schied dieser selbstlose Diener der Religion und der Gemeinschaft aus der Welt. Die reformerische Arbeit, die er begonnen hatte, war beinahe zur Vollendung gelangt. Nur die Beseitigung des erblichen Nominierungsverfahrens und die Errichtung eines auf Wahl beruhenden Kalifats standen noch aus. Dieser Reformplan lag vor ihm. Er hatte seinen Plan auch öffentlich bekanntgegeben. Doch den Einfluss der umayyadischen Herrschaft aus dem gesellschaftlichen Leben zu beseitigen und die sittliche und geistige Verfassung der gewöhnlichen Muslime darauf vorzubereiten, die Last des Kalifats zu tragen, war keineswegs einfach. In nur zweieinhalb Jahren konnte dies nicht vollbracht werden.

Die vier Imame

Nach dem Tod von Umar II. (r.) wurde der Hebel der politischen Herrschaft erneut vom Islam zur Dschāhiliyya hinüberverlagert, und das, was er auf politischem Gebiet geleistet hatte, wurde vollständig zunichtegemacht. Dennoch besaß niemand die Kraft, das Erwachen zu verhindern, das er im islamischen Denken hervorgerufen, und die Grundlage der theoretischen Bewegung zu zerstören, die er gelegt hatte. Die Peitschen der Banu Umayya und der Banu Abbas sowie ihre Beutel voller Ashrafis stellten sich dieser Bewegung in den Weg. Doch all ihre Machenschaften blieben erfolglos. Unter dem Einfluss dieser Bewegung wurde eine gewaltige Arbeit zur Erforschung der Koran- und Hadith-Wissenschaften sowie zur Durchführung des Idschtihad und zur Sammlung und Ausarbeitung von Richtlinien geleistet. Aus den Grundsätzen der Religion wurde ein umfassendes islamisches Recht entwickelt, und nahezu alle Regeln und Verfahrensweisen, die erforderlich waren, um eine umfassende zivilisatorische Ordnung nach islamischer Methode zu führen, wurden bis in die Einzelheiten ausgearbeitet. Diese Arbeit wurde vom Beginn des zweiten Jahrhunderts bis ungefähr zum vierten Jahrhundert mit voller Kraft fortgesetzt.

Unter den Mudschar­didun dieser Epoche sind vor allem die Namen der vier Imame (10) zu nennen. Die vier Madhhabs der Fiqh stehen mit diesen vier Männern in Verbindung. Daneben gab es noch zahlreiche andere Mudschtahids. Der Grund jedoch, aus dem ihr Rang von der Stufe der Mudschtahids auf die Stufe der Mudschaddids erhoben wurde, ist folgender: Erstens brachten sie mit Hilfe ihrer tiefen Einsicht und ihrer außergewöhnlichen Geisteskraft eine Denkweise hervor, deren gewaltige Kraftquelle noch sieben bis acht Jahrhunderte lang Mudschtahids hervorbrachte. (10) Imam Abu Hanifa (r.) wurde im Jahr 80 nach der Hidschra (699 n. Chr.) geboren und starb im Jahr 150 nach der Hidschra (767 n. Chr.). Imam Malik (r.) wurde im Jahr 95 nach der Hidschra (714 n. Chr.) geboren und starb im Jahr 179 nach der Hidschra (798 n. Chr.). Imam Schafiʿi (r.) wurde im Jahr 150 nach der Hidschra (767 n. Chr.) geboren und starb im Jahr 240 nach der Hidschra (854 n. Chr.). Imam Ahmad ibn Hanbal (r.) wurde im Jahr 164 nach der Hidschra (780 n. Chr.) geboren und starb im Jahr 214 nach der Hidschra (885 n. Chr.). Sie führten eine umfassende Methode ein, aus den Grundprinzipien der Religion Einzelbestimmungen abzuleiten und die praktischen Angelegenheiten des Lebens auf den Grundsätzen der Scharia aufzubauen. Dadurch wurde es später möglich, sämtliche Arbeiten des Idschtihad auf der Grundlage ihrer Methode durchzuführen; auch künftig wird keine diesbezügliche Arbeit ohne ihre Unterstützung möglich sein.

Zweitens vollbrachten sie all diese Arbeiten ohne jede Einmischung der Staatsmacht; vielmehr traten sie deren Einmischung entschieden entgegen. Dabei erlitten sie solche Leiden, dass schon die Vorstellung davon den Körper erschauern lässt. Imam Abu Hanifa (r.) wurde sowohl unter der Herrschaft der Banu Umayya als auch der Banu Abbas ausgepeitscht und eingekerkert. Schließlich wurde er sogar durch Gift getötet. Imam Malik (r.) erhielt unter der Herrschaft des Abbasidenkönigs Mansur siebzig Peitschenhiebe und wurde so grausam mit auf dem Rücken gefesselten Händen gebunden, dass sich seine Hände vom Körper lösten. Imam Ahmad ibn Hanbal wurde während der Herrschaft von al-Ma’mun, al-Mu’tasim und al-Wathiq ununterbrochen misshandelt. Er wurde so heftig geschlagen, dass vermutlich weder ein Kamel noch ein Elefant diese Schläge überlebt hätte. Danach wurden ihm unter der Herrschaft al-Mutawakkils derart königliche Belohnungen, Ehren und Zeichen der Verehrung erwiesen, dass er erschrocken aufschrie:

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„Diese Dinge sind für mich eine noch größere Prüfung als jene Schläge und die Gefangenschaft.“ Trotz alledem verhinderten diese großen Gelehrten bei der Sammlung und Ausarbeitung des religiösen Wissens nicht nur den Einfluss und die Einmischung des Hofes, sondern führten auch eine Methode ein, durch die später sämtliche Werke des Idschtihad und alle grundlegenden Schriften vollständig frei vom Einfluss des Königshofes blieben. Das ist der Grund, weshalb die zuverlässigen und vertrauenswürdigen Bücher über das islamische Recht sowie über die Koran- und Hadith-Wissenschaften, die wir heute besitzen, nicht einmal den geringsten Hauch der Dschāhiliyya enthalten. Diese Werke wurden in einer derart reinen und makellosen Gestalt von Generation zu Generation überliefert, dass die über Jahrhunderte anhaltende Sinneslust und Verschwendungssucht der Könige und Fürsten, der moralische Verfall der Bevölkerung sowie die Flut der Entstellungen von Glaubensüberzeugungen und Zivilisation diese Wissensschätze offenbar nicht einmal berühren konnten und keinerlei Einfluss auf ihnen erkennbar ist.

Imam al-Ghazali (r.)

Nach Umar ibn Abd al-Aziz gingen die Zügel von Staat und Politik dauerhaft in die Hände der Dschāhiliyya über, und die Herrschaftsepoche der Banu Umayya, der Banu Abbas und danach der Könige türkischer Abstammung begann. Die von diesen Königen vollbrachten Taten lassen sich kurz so zusammenfassen: Einerseits führten sie die heidnischen Philosophien der Griechen, Römer und nichtarabischen Länder unverändert unter den Muslimen ein; andererseits verbreiteten sie durch ihre finanziellen Mittel und ihre Macht in Wissenschaft, Gelehrsamkeit, Kunst, Kultur und gesellschaftlichem Leben umfassend sämtliche ausgeprägten Einrichtungen der Dschāhiliyya aus der vorislamischen Zeit. Durch den Niedergang der Dynastie der Abbasiden vergrößerte sich das Ausmaß des Schadens noch weiter. Nach den frühen abbasidischen Kalifen waren diejenigen, auf die die staatliche Herrschaft überging, des religiösen Wissens völlig beraubt. Sie besaßen nicht einmal die Fähigkeit, geeignete Personen für die Ämter des Qadi und des Mufti auszuwählen. Aufgrund ihrer Unwissenheit und ihrer Vorliebe für ein bequemes Leben wollten sie die Durchsetzung der Vorschriften der Scharia nach einer rein herkömmlichen Methode betreiben, bei der keinerlei Anstrengung erforderlich war. Dafür war der Weg der blinden Nachahmung besonders geeignet. Zudem gewöhnten eigennützige Gelehrte sie daran, Streitkämpfe zwischen den Madhhabs zu veranstalten. Unter königlicher Gunst und Förderung breitete sich diese Krankheit schließlich so weit aus, dass in allen muslimischen Staaten Parteinahme für Sekten, Meinungsverschiedenheiten und gegenseitige Feindseligkeiten sich wie eine Seuche verbreiteten. Für die Emire, Fürsten und Könige war dies lediglich eine Unterhaltung und ein Luxus. Für die Allgemeinheit aber wirkte es wie eine Schere und zerschnitt ihre religiöse Einheit in Stücke. Als das fünfte Jahrhundert erreicht war, hatte die Lage folgenden Punkt erreicht:

(1) Durch die Verbreitung der griechischen Philosophie geriet das Fundament der Glaubensüberzeugungen ins Wanken. Die Hadith-Gelehrten und die Rechtsgelehrten waren völlig unwissend in der Logik. Daher konnten sie die Religion nicht auf eine den Erfordernissen der Zeit entsprechende rationale Weise erklären und versuchten, die Verirrung in den Glaubensüberzeugungen durch Einschüchterung zu unterdrücken. Diejenigen, die als herausragend kundig in der Logik galten, waren nicht nur in den islamischen Wissenschaften bewandert. Vielmehr besaßen sie auch nicht die Fähigkeit, in der Logik eigenständige Urteile zu fällen. Sie waren Sklaven der griechischen Philosophen. Unter ihnen gab es auch niemanden mit einem so tiefen Blick, dass er diese griechische Literatur aus einer kritischen Perspektive hätte untersuchen können. Sie hielten die griechische Offenbarung für unveränderlich, akzeptierten sie Wort für Wort und bemühten sich, die himmlische Offenbarung zu entstellen, um sie nach Maßgabe der griechischen Offenbarung zu formen. Aufgrund dieser Lage begannen die einfachen Muslime, den Islam für unvereinbar mit der Vernunft zu halten. Jeder einzelne seiner Bestandteile erschien ihnen als zweifelhaft. Sie begannen zu glauben, unsere Religion sei so empfindlich wie eine Mimose und welkte schon bei der geringsten Berührung durch die Prüfung des Verstandes. Imam Abu al-Hasan al-Aschʿari und seine Anhänger versuchten, diese Entwicklung zu ändern. Diese Gruppe war mit der ilm al-kalam vertraut, aber mit den Schwächen der Logik überhaupt nicht bekannt. Daher konnten sie die Richtung dieser umfassenden und alle Ebenen erfassenden Entstellung der Glaubensüberzeugungen nicht vollständig ändern. Vielmehr übernahmen sie aus Trotz gegenüber den Muʿtaziliten viele Dinge, die tatsächlich nicht zu den religiösen Glaubensüberzeugungen gehörten.

(2) Unter dem Einfluss unwissender Herrscher und weil die religiösen Wissenschaften der materiellen Mittel und Voraussetzungen beraubt wurden, versiegte die Strömung des Idschtihad, die Krankheit der blinden Nachahmung breitete sich aus, die konfessionellen Meinungsverschiedenheiten wurden umfassender und heftiger, neue Sekten entstanden aufgrund von Einzelheiten, und die gegenseitigen Auseinandersetzungen dieser Sekten versetzten die Muslime in den Zustand, der einem ———– (auf einem brennenden Feuerbecken) entspricht.

(3) Vom Osten bis zum Westen zeigte sich überall in der muslimischen Welt ein moralischer Niedergang. Keine einzige gesellschaftliche Gruppe blieb von seinem Einfluss verschont. Das gesellschaftliche Leben der Muslime wurde weitgehend des Lichts des Korans und des Prophetentums beraubt. Die Gelehrten, die Emire und Würdenträger sowie die breite Bevölkerung vergaßen allesamt, dass man sich auf der Suche nach Rechtleitung und dem richtigen Weg dem Buch Gottes und der Sunna des Gesandten zuwenden sollte.

(4) Wegen der luxuriösen Lebensweise der Hofleute, der königlichen Familien und der herrschenden Klasse sowie ihrer eigennützigen Kriege litten die Untertanen an den meisten Orten unter äußerstem Elend. Die Last unrechtmäßiger Steuern hatte ihr wirtschaftliches Rückgrat gebrochen. Die Wissenschaften, die Kultur und Zivilisation tatsächlich zum Nutzen gereichten, wurden zerstört und geschädigt. An den Königshöfen wurden nur jene Künste gefeiert, die dort Ansehen genossen, während sie für die moralische Bildung und die Zivilisation zerstörerisch waren. Die Zustände und Anzeichen ringsum verkündeten unmissverständlich, dass die Zeit einer umfassenden Zerstörung nahe war.

In der Mitte des fünften Jahrhunderts wurde Imam al-Ghazali unter solchen Umständen geboren11. Zunächst erwarb er jene Art von Bildung, die in jener Zeit als Vehikel des weltlichen Aufstiegs dienen konnte. Er erlangte gerade in den Wissenschaften Meisterschaft, für die auf dem Bildungsmarkt Nachfrage bestand. Danach gelangte er mit diesem Rüstzeug genau dorthin, wofür es geschaffen worden war, und stieg so weit auf, wie ein Gelehrter jener Zeit sich überhaupt Aufstieg vorstellen konnte.

Er wurde zum Rektor der Nizamiyya-Universität in Bagdad ernannt, der größten Universität der damaligen Welt. Nizam al-Mulk al-Tusi erlangte eine angesehene Stellung am Hof von Malik Schah, dem Seldschuken, und beim Kalifen von Bagdad. Er gewann in der zeitgenössischen Politik so großen Einfluss, dass seine Dienste in Anspruch genommen wurden, um die zwischen dem seldschukischen Herrscher und dem abbasidischen Kalifen entstandenen Meinungsverschiedenheiten zu beseitigen. Nachdem er diese Stufe des weltlichen Aufstiegs erreicht hatte, kam es plötzlich zu einer Wende in seinem Leben. Je eingehender er die theoretischen, moralischen, religiösen, politischen und zivilisatorischen Lebensformen seiner Zeit beobachtete, desto stärker brannte in ihm das Feuer des Aufbegehrens, und desto lauter rief sein Gewissen: Es ist nicht deine Aufgabe, in diesem stinkenden Meer zu schwimmen; deine Aufgabe ist etwas anderes. Schließlich warf er alle königlichen Ehren, Vorteile, Gewinne und angesehenen Tätigkeiten verächtlich von sich, denn gerade sie hatten ihm Ketten an die Füße gelegt. Danach zog er im Gewand eines Derwischs durch das Land. In Wäldern, im Dschungel und an einsamen Orten saß er zurückgezogen und versank in Gedanken. Er verkehrte in verschiedenen Gegenden mit einfachen Muslimen und beobachtete ihre Lebensweise eingehend. Durch langjährige Anstrengung und geistliche Übung läuterte er fortwährend seine Seele. Im Alter von 38 Jahren brach er auf und kehrte nach vollen zehn Jahren, im Alter von 48 Jahren, zurück. Nach diesen lang andauernden Überlegungen und Beobachtungen bestand seine vollbrachte Leistung darin, dass er die Beziehungen zu den Königen abbrach und die Annahme ihrer Zuwendungen einstellte. Er schwor, sich von Streit und Feindschaft fernzuhalten. Er weigerte sich, an Bildungseinrichtungen zu arbeiten, die unter staatlichem Einfluss standen, und gründete in Tus eine eigene unabhängige Einrichtung. Durch diese Einrichtung wollte er ausgewählte Personen nach einer besonderen Methode ausbilden und formen. Doch wahrscheinlich war sein Bemühen nicht imstande, eine große revolutionäre Tat zu vollbringen, denn sein Leben ließ ihm für diese Arbeitsweise nicht mehr als fünf oder sechs Jahre Zeit.

Eine Zusammenfassung der Reformarbeit von Imam al-Ghazali (möge Gott ihm Barmherzigkeit erweisen) lautet wie folgt:

Erstens.

Nachdem er die griechische Philosophie eingehend studiert hatte, unterzog er sie einer Kritik, und zwar einer äußerst scharfen Kritik. Dadurch wurde ihre Überlegenheit und Macht, die die Muslime in ihren Bann gezogen hatte, geschwächt, und das eigentliche Wesen jener Lehren, die die Menschen als die absolute Wahrheit angenommen hatten und durch die es ihnen schien, als gebe es keine andere Möglichkeit zur Rettung der Religion, als die Lehren des Korans und der Hadithe in ihre Form zu gießen, wurde der Öffentlichkeit weitgehend enthüllt. Die Wirkung der Kritik des Imams blieb nicht auf die muslimischen Länder beschränkt, sondern erreichte auch Europa und trug dort dazu bei, die Vorherrschaft der griechischen Philosophie zu beenden und das Zeitalter der modernen Kritik und Forschung einzuleiten.

Zweitens.

Er korrigierte die Fehler, die die Verteidiger des Islam aufgrund ihrer mangelnden tiefen Kenntnis der Logik im Umgang mit den Philosophen und den Mutakallimūn begingen. Diese Verteidiger des Islam machten im Grunde genau dieselben Fehler, die später die Priester Europas begingen: Sie hielten die Beweise für die religiösen Glaubensüberzeugungen für abhängig von bestimmten offensichtlich unvernünftigen Dingen, erhoben diese unnötigerweise zu Grundprinzipien, nahmen anschließend auch diese erdachten Grundprinzipien in die religiösen Glaubensüberzeugungen auf und erklärten diejenigen zu Ungläubigen, die sie ablehnten; zugleich betrachteten sie alle Belege, durch die sich mithilfe von Erfahrung oder Beobachtung die Fehlerhaftigkeit jener erdachten Prinzipien nachweisen ließ, als eine Gefahr für die Religion. Gerade dies trieb Europa zum Atheismus und wirkte auch in den muslimischen Ländern mit großer Wucht, wodurch unter der Bevölkerung Unglaube entstand. Doch Imam al-Ghazālī korrigierte dies rechtzeitig. Er erklärte den Muslimen, dass der Beweis für ihre religiösen Glaubensüberzeugungen nicht von unvernünftigen Dingen abhänge, sondern dass dahinter geeignete Beweise stünden. Daher sei es sinnlos, auf jenen Dingen zu beharren.

Drittens.

Er legte die Glaubensüberzeugungen und Grundprinzipien des Islam so vernünftig dar, dass gegen ihn zumindest in jener Zeit und noch mehrere Zeitalter danach keinerlei auf der Logik beruhender Einwand hätte erhoben werden können. Zugleich erläuterte er die Vorschriften der Scharia sowie die tiefen Geheimnisse und die Vernünftigkeit der gottesdienstlichen Handlungen und entwarf ein Bild, durch das die in den Köpfen der Menschen verankerte irrige Vorstellung beseitigt wurde, der Islam könne die Prüfung durch Logik und Vernunft nicht bestehen.

Viertens.

Nachdem er alle zeitgenössischen konfessionellen Gruppierungen und ihre Meinungsverschiedenheiten vollständig untersucht und kritisch geprüft hatte, bestimmte er die jeweiligen Grenzen zwischen Islam und Unglauben. Er erläuterte, innerhalb welcher Grenzen den Menschen Freiheit zur Äußerung und Auslegung zusteht, und dass das Überschreiten welcher Grenzen den Austritt aus dem Islam bedeutet. Er legte dar, worin die eigentlichen Glaubensüberzeugungen des Islam bestehen und welche Dinge ihnen zu Unrecht als islamische Glaubensüberzeugungen hinzugefügt worden waren. Durch diese Untersuchung wurde aus den Tunneln der miteinander streitenden und einander gegenseitig des Unglaubens bezichtigenden Gruppierungen viel Sprengstoff entfernt, und der Blickwinkel der Muslime wurde umfassender.

Fünftens.

Er belebte und erfrischte das Wissen über die Religion. Eine ihrer Bewusstheit beraubte Frömmigkeit erklärte er für sinnlos. Er widersetzte sich entschieden der blinden Nachahmung. Er lenkte das Volk erneut zu den ursprünglichen Quellen des Buches Gottes und der Sunna des Gesandten. Er bemühte sich, die Lebenskraft des Idschtihad wiederzubeleben. Zugleich kritisierte er die Irrtümer und Schwächen nahezu jeder Gruppierung seiner Zeit und rief sie zu einer umfassenden Reform auf.

Sechs.

Er kritisierte das alte, verfallene Bildungssystem und legte den Plan für ein neues Bildungssystem vor. Das unter den Muslimen bis dahin übliche Bildungssystem wies zwei Arten von Mängeln auf. Der erste bestand darin, dass die Bildung in Religion und weltlichen Angelegenheiten getrennt war. Infolgedessen kam es zu einer Trennung zwischen Religion und Welt, die der Islam grundsätzlich für falsch hält. Der zweite bestand darin, dass unter dem Vorwand des Wissens über die Scharia viele Fächer in den Lehrplan aufgenommen waren, die aus Sicht der Scharia nicht wichtig waren. Dadurch wurden die Vorstellungen der Menschen von der Religion von Irrtümern erfüllt, und weil einige unnötige Themen an Bedeutung gewannen, begannen sektiererische Auseinandersetzungen. Imam al-Ghazali (r.) beseitigte diese Mängel und etablierte ein ausgewogenes System. Seine Zeitgenossen widersetzten sich diesem großen Werk heftig. Schließlich wurde dieses Prinzip jedoch in allen muslimischen Ländern anerkannt, und alle später eingerichteten Bildungssysteme wurden auf dem von ihm vorgezeichneten Weg aufgebaut. Den grundlegenden Entwurf für die Bücher, die bis heute im Lehrplan der arabischen Madrasas enthalten sind, fertigte Imam al-Ghazali (r.) an.

Sieben.

Er untersuchte den moralischen Charakter der breiten Bevölkerung umfassend. Er hatte Gelegenheit, die Lebensweise der Gelehrten, der Scheiche, der Emire und Würdenträger, der Könige und der einfachen Menschen zu studieren. Auf seinen Reisen beobachtete er selbst den Zustand eines Teils der östlichen Welt. Sein Buch Ihyāʾ ʿulūm ad-dīn war das Ergebnis dieser Untersuchung. In diesem Buch kritisierte er den moralischen Zustand jeder muslimischen Gesellschaftsschicht, erforschte die Wurzeln jedes Fehlverhaltens sowie dessen psychologische und zivilisatorische Ursachen und bemühte sich, die einwandfreien und wahren moralischen Maßstäbe des Islam darzulegen.

Acht.

Er übte auch uneingeschränkte Kritik am zeitgenössischen Staatswesen. Er forderte die zeitgenössische Herrschergruppe weiterhin unmittelbar zur Reform auf und bemühte sich zugleich, im Volk den Anstoß zu einer freien Kritik zu wecken, statt sich angesichts von Unterdrückung und Misshandlung freiwillig zu beugen. An einer Stelle in Ihyāʾ ʿulūm ad-dīn schreibt er: „Das gesamte oder zumindest der größte Teil des Vermögens der Sultane unserer Zeit ist haram.“ An anderer Stelle schreibt er, diese Sultane sollten ihr eigenes Gesicht anderen nicht zeigen und die Gesichter anderer nicht ansehen. Jeder Mensch müsse ihren Unrechtsakten mit Hass begegnen, ihre Existenz ablehnen, keinerlei Beziehung zu ihnen unterhalten und sich auch von den mit ihnen verbundenen Personen fernhalten. An einer weiteren Stelle kritisiert er die am Hof üblichen Umgangsformen und die Verehrung des Königs, verurteilt die gesellschaftlichen Bräuche der Könige und Emire und Würdenträger und erklärt sogar ihre Gebäude, Kleidung, häusliche Ausstattung und alles Übrige für unrein. Damit gab er sich nicht zufrieden, sondern schrieb den Königen seiner Zeit einen ausführlichen Brief. Darin rief er sie zu dem vom Islam eingeführten Staatswesen auf, erläuterte ihnen die Pflichten eines Herrschers und teilte ihnen mit, dass sie für jedes Unrecht verantwortlich seien, das in ihrem Land geschah, unabhängig davon, ob sie selbst es begingen oder ihre Untergebenen. Als er einmal gezwungen war, an den königlichen Hof zu gehen, sagte er dem König im Verlauf des Gesprächs ins Gesicht:

„Was nützt es, dass der Rücken deines Pferdes unter der Last goldener Ornamente nicht gebrochen ist, wenn doch die Rücken der hungernden und halb verhungerten Muslime gebrochen sind?“

In seiner letzten Lebensphase schrieb er an fast alle Wesire, die eingesetzt wurden, und lenkte ihre Aufmerksamkeit auf die Notlage des Volkes. An einen Wesir schrieb er:

„Die Unterdrückung hat jedes Maß überschritten. Da ich all dies mit eigenen Augen ansehen musste, habe ich meinen Wohnsitz in Tus bereits vor fast einem Jahr aufgegeben, um die Taten schamloser und erbarmungsloser Unterdrücker nicht mitansehen zu müssen.“

Nach der Darstellung Ibn Chalduns lässt sich so viel feststellen, dass er erwartete, irgendwo auf der Welt einen islamischen Staat auf der Grundlage unverfälschter islamischer Prinzipien und Ideale zu errichten. Auf sein Geheiß gründete daher einer seiner Schüler im fernen Westen, in Afrika, den Muwahhid-Staat. Doch bei den Aktivitäten Imam al-Ghazalis waren diese politische Gestalt und Färbung nur von untergeordneter Bedeutung. Zur Herbeiführung einer politischen Revolution führte er keine systematische Bewegung durch und war nicht in der Lage, auch nur den geringsten Einfluss auf das Staatswesen auszuüben oder ihn auszuweiten. Nach ihm verschlechterte sich die Lage der muslimischen Völker unter der Herrschaft der Dschahiliyya zunehmend. Ja, ein Jahrhundert später stürmten die Tataren gleich einem Orkan über die muslimischen Länder hinweg und zerstörten ihre gesamte Zivilisation.

Unter den reformerischen Arbeiten Imam al-Ghazalis gab es auch einige theoretische und gedankliche Mängel. Diese lassen sich in drei Kategorien einteilen. Aufgrund seiner Schwäche in der Hadith-Wissenschaft trat in seinen Arbeiten eine Art von Mangel auf. 12 Der Mangel der zweiten Art entstand dadurch, dass Rationalismus und die Autorität der Logik sein Denken beherrschten. Die dritte Art von Mangel entstand daraus, dass er sich übermäßig stark dem Tasawwuf zuwandte.

Derjenige, der diese Schwächen überwand und Imam al-Ghazalis eigentliche Aufgabe – die gedankliche und moralische Beweiskraft des Islam wiederzubeleben und die Kennzeichen von Bidʿa und Irreleitung aus der Welt des Denkens und der zivilisatorischen Lebensweise auszusondern – weiterführte, war Imam Ibn Taymiyya (r).

12. Imam al-Ghazali hat in seinem Werk Ihya al-ʿUlum viele Hadithe zitiert, für die sich keine Überlieferungskette finden lässt. Tadsch ad-Din as-Subki hat sie in seinen Tabaqat asch-Schafiʿiyya zusammengestellt. – (Siehe: Tabaqat, Band vier, Seiten 145 bis 182.)

Ibn Taymiyya (r)

Etwa einhundertfünfzig Jahre nach Imam al-Ghazālī wurde in der zweiten Hälfte des siebten Jahrhunderts nach der Hidschra Imam Ibn Taymiyya geboren. Damals war die muslimische Gemeinschaft durch die Angriffe der Tataren in dem gewaltigen Gebiet vom Indus bis zu den Ufern des Euphrat verwüstet worden. Nun rückten sie in Richtung Syrien vor. Diese ununterbrochene fünfzigjährige Niederlage, die unaufhörliche Angst, der Zustand von Unruhe und Chaos sowie die Zerstörung der Zentren von Wissenschaft, Zivilisation und Kultur hatten die Muslime in den Abgrund des Niedergangs hinabgestürzt. Nicht einmal Imam al-Ghazālī hatte unter ihnen einen derart tiefen Verfall erlebt. Obwohl die neuen tatarischen Eroberer den Islam annahmen, waren diese Herrscher hinsichtlich der Dschāhilīya der früheren türkischen Herrscher um mehrere Schritte voraus. Unter ihrem Einfluss verfiel der sittliche Charakter des Volkes, der Gelehrten, der Scheiche, der Fuqahā und der Qādīs noch weiter. Die blinde Nachahmung erreichte einen solchen Grad, dass die verschiedenen, auf Fiqh und Kalām beruhenden Madhāhib gleichsam zu eigenständigen Religionen wurden. Iǧtihād wurde zur Sünde. (13) Er wurde im Jahr 661 nach der Hidschra (1262 n. Chr.) geboren und starb im Jahr 728 nach der Hidschra (1327 n. Chr.). (14) Der Zustand der damaligen Gelehrten war so beklagenswert, dass sie, als Hülāgü Khan nach der Eroberung Bagdads von den Gelehrten ein Rechtsgutachten über die Frage verlangte, ob ein gerechter ungläubiger Sultan oder ein tyrannischer muslimischer Sultan höher zu stellen sei, ohne jeden Widerspruch das Rechtsgutachten erteilten, der gerechte ungläubige Sultan sei dem tyrannischen muslimischen Sultan überlegen. Der Zustand der damaligen gesellschaftlichen Führer war folgender: Von den großen Staaten der Muslime waren allein Ägypten und Syrien von den Verwüstungszügen der Tataren verschont geblieben. Die Gesetze dieser beiden Staaten waren in zwei Teile gegliedert. Erstens: das Personenrecht. Sein Geltungsbereich war auf religiöse Angelegenheiten wie Ehe, Scheidung und Erbrecht beschränkt. In diesen Angelegenheiten wurde gemäß der Scharia entschieden. Zweitens: das Staatsrecht. Dieses Recht galt im Zivilrecht und in der gesamten Ordnung des Landes. Seine Grundlage bildeten vollständig die Regeln und Methoden Dschingis Khans. Darüber hinaus galt der Teil des Scharia-Rechts, der sich im Land auf persönliche Angelegenheiten bezog, ausschließlich für die Bevölkerung. Obwohl die herrschende Klasse muslimisch war, folgte sie selbst in persönlichen Angelegenheiten meist dem Dschingis-Recht statt der Scharia Muhammads. Über ihre unislamische Gesinnung genügt die Feststellung, dass sie nach dem Bericht al-Maqrīzīs in ihrem Staatsgebiet die Errichtung von Bordellen weitgehend erlaubte. Sie erhob von den Prostituierten Steuern, und sämtliche daraus stammenden Einnahmen wurden in die Schatzkammer des islamischen Staates eingezahlt. Die meisten der zeitgenössischen Gelehrten und Sufis Ibn Taymiyyas waren von diesen Regierungen besoldet. Der beklagenswerte Zustand der Religion Allahs bewegte sie nicht einmal für einen Augenblick. Als Ibn Taymiyya jedoch zur Verbesserung der Zustände schritt, erwachte plötzlich ihr islamischer Eifer, und sie begannen Rechtsgutachten zu erteilen: Dieser Mann sei selbst irregeleitet und führe die Menschen in die Irre. Dieser Mann glaube, Gott habe einen Körper. Dieser Mann sei vom Weg der Früheren abgewichen. Dieser Mann sei ein Feind des Tasawwuf und seiner Anhänger. Dieser Mann kritisiere die Sahāba und die Imame. Dieser Mann führe neue Dinge in den Islam ein. Hinter ihm zu beten sei nicht erlaubt, und alle seine Bücher müssten verbrannt werden. (15) Um diese Lage zu verstehen, genügt ebenfalls ein einziges Beispiel. Der Gründer einer Madrasa in Damaskus, der Madrasa ar-Rawāsiya, hatte in seiner Wakf-Urkunde festgehalten, dass Christen, Juden und Hanbaliten in diese Madrasa nicht aufgenommen werden dürften. Daraus lässt sich ermessen, einen Grad die Auseinandersetzungen über Einzelheiten von Fiqh und Kalām erreicht hatten: Ein schafiitischer und aschʿaritischer Gelehrter (ein Anhänger des Imams Abū al-Hasan al-Aschʿarī, eines Imams der Kalām-Wissenschaft) zögerte nicht, die Anhänger Imam Ahmad ibn Hanbals den Juden und Christen gleichzustellen. Neuerungen und heidnische Bräuche wurden zu Vorschriften der Scharia. Das Festhalten am Koran und an der Sunna wurde als unverzeihliche Sünde betrachtet. Damals bildete das Dreierbündnis aus dem unwissenden und irregeleiteten Volk, den weltlichen oder engstirnigen Gelehrten und der unwissenden, tyrannischen Herrscherklasse eine derart mächtige Zwangsgewalt, dass jemand, der mit einem Programm der Reform und Verbesserung gegen dieses vereinte Bündnis vorging, kaum weniger tat, als seinen Hals unter das Messer eines Schlächters zu legen. Deshalb fehlte es damals zwar nicht an Gelehrten mit richtigem Denken, weitem Horizont und wahrer Erkenntnis, und auch die Zahl der Wahrheitsgetreuen, die auf dem Weg der Wahrheit voranschritten, sowie der echten Sufis war beträchtlich; dennoch besaß in jener finsteren Zeit nur ein einziger Diener Allahs den Mut, das Banner der Reform zu erheben.

Ibn Taymiyya war tief im Koran bewandert. Sogar der Hadith-Gelehrte adh-Dhahabī bezeugt, dass Ibn Taymiyya insbesondere in der Koranauslegung über ein gewaltiges Wissen verfügte. Er war ein Imam des Hadith. Man sagt sogar: „Der Hadith, den Ibn Taymiyya nicht kennt, ist in Wirklichkeit kein Hadith.“ Sein Wissen in der Fiqh-Wissenschaft war so tiefgehend, dass er zweifellos den Rang eines eigenständigen Muǧtahid erlangte. Selbst diejenigen, die stolz auf ihre tiefen Kenntnisse der Logik und der Kalām-Wissenschaft waren, galten ihm gegenüber als Kinder. Seine Kenntnis der jüdischen und christlichen Literatur sowie der Auseinandersetzungen zwischen ihren religiösen Gemeinschaften war so scharfsinnig, dass nach Goldziher jeder, der die in der Tora erwähnten Personen erörtern wolle, unbedingt auf die Forschung Ibn Taymiyyas angewiesen sei. Zusammen mit diesem tiefen Wissen waren auch sein Mut und seine Entschlossenheit ohnegleichen. Bei der Verkündung der Wahrheit fürchtete er niemals irgendeine größere Macht. Deshalb wurde er vielfach inhaftiert und hauchte schließlich im Gefängnis seinen letzten Atemzug aus. So war er imstande, die von Imam al-Ghazālī aufgegebene Aufgabe mit größerer Meisterschaft weiterzuführen.

Eine kurze Zusammenfassung der reformerischen Tätigkeit Ibn Taymiyyas lautet:

1. Er kritisierte die griechische Logik und Philosophie noch weit schärfer und nachdrücklicher als Imam al-Ghazālī und legte ihre Schwächen auf eine Weise offen, durch die ihre Vorherrschaft auf dem Gebiet der Logik und des Verstandes für immer geschwächt wurde. Der Einfluss der Kritik dieser beiden Imame blieb nicht auf den Orient beschränkt, sondern erreichte auch den Westen. Daher erhob sich in Europa die erste Stimme der Kritik gegen den Rationalismus des Aristoteles und gegen die von der griechischen Philosophie beeinflussten philosophischen Systeme der christlichen Kommentatoren zweihundertfünfzig Jahre nach Imam Ibn Taymiyya.

2. Zur Unterstützung der islamischen Glaubensgrundsätze, Gebote und Rechtsvorschriften brachte er derart starke Argumente und Beweise vor, dass sie verständlicher waren als die Argumente und Beweise Imam al-Ghazalis und dass er ihm auch darin weit voraus war, die wahre Lebenskraft des Islam zu verkörpern. Die Darlegungen Imam al-Ghazalis (r) standen ebenfalls stark unter dem Einfluss der terminologischen Logik auf die Darstellung und Beweisführung. Ibn Taymiyya (r) gab diesen Weg auf und gründete Darstellung, Ausdrucksweise und Beweisführung auf den gesunden Menschenverstand. Dies war natürlicher, wirkungsvoller und dem Koran und der Sunna näher. Dieser neue Weg unterschied sich vollständig von den früheren Wegen. Diejenigen, die Träger und Bewahrer der Religion waren, führten lediglich die Vorschriften der Scharia an, ohne sie verstehen zu können. Jene aber, die sich im Labyrinth der Kalam-Wissenschaft verfangen hatten, hatten durch ihren Versuch, die Dinge mithilfe philosophischer Spitzfindigkeiten und der terminologischen Logik zu verstehen, den höheren geistigen Gehalt von Koran und Sunna mehr oder weniger verloren. Ibn Taymiyya (r) legte die islamischen Glaubensgrundsätze und die Vorschriften der Scharia mitsamt ihrem eigentlichen geistigen Gehalt vollständig dar. Anschließend beschritt er zu ihrem Verständnis einen so einfachen und natürlichen Weg, dass dem Verstand angesichts dessen, außer sich ihm zu beugen, kein anderer Weg blieb. Bei der Würdigung dieses großen Werkes des Imams sagte der Hadith-Imam, der Gelehrte al-Dhahabi:

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Das heißt: Ibn Taymiyya unterstützte die unverfälschte Sunna und die Methode der früheren Generationen und griff zu ihrer Unterstützung auf Argumente und Beweise sowie auf eine Methode zurück, die vor ihm noch niemand in Betracht gezogen hatte.

3. Er begnügte sich nicht damit, die blinde Nachahmung zu kritisieren, sondern zeigte auch durch die Ausübung des Ijtihad auf dem von den Glaubenskämpfern der Frühzeit des Islam beschrittenen Weg, wie dies zu tun war. Er führte unmittelbar aus dem Koran, der Sunna und dem Leben der Gefährten Beweise zusammen und behandelte zahlreiche Fragen, indem er die Meinungsverschiedenheiten der verschiedenen auf dem Fiqh beruhenden Rechtsschulen unabhängig und gerecht untersuchte. Dadurch wurde der Weg des Ijtihad neu entdeckt, und die Menschen konnten verstehen, wie die Fähigkeit zum Ijtihad anzuwenden ist. Zugleich führten er und sein großer Schüler Ibn Qayyim so tiefgehende Untersuchungen über die Weisheiten der Scharia und die gesetzgeberische Methode des ehrwürdigen Propheten (s) durch, dass es in der früheren schariatischen Literatur nur wenige vergleichbare Beispiele gibt. Denjenigen, die nach ihnen Ijtihad betrieben, diente diese Literatur als vorzüglicher Wegweiser und wird dies auch künftig tun.

4. Er führte einen entschlossenen Kampf gegen Bid’a, polytheistische Bräuche und Sitten sowie gegen den Verfall von Glaubensgrundsätzen und Moral. Deshalb war er schweren Gefahren ausgesetzt. Keine der trüben Strömungen, die bis dahin in den klaren Strom des Islam eingedrungen waren, ließ Imam Ibn Taymiyya ungeschoren davonkommen. Gegen jede einzelne führte er einen entschlossenen Kampf, entfernte sie und stellte der Welt die Methode des unverfälschten Islam in ihrer Reinheit gesondert vor. Bei dieser Kritik und Untersuchung zeigte er niemandem gegenüber Parteilichkeit. Selbst äußerst berühmte und verdienstvolle Männer, deren Ruhm und Leistungen in der gesamten muslimischen Welt gepriesen wurden und bei deren Namen sich die Häupter der Menschen in Ehrfurcht neigten, blieben von Ibn Taymiyyas Kritik nicht verschont. Viele Handlungen und Methoden, die sich über Jahrhunderte hinweg eine religiöse Gestalt angeeignet hatten, für deren Rechtmäßigkeit oder sogar deren Einstufung als mustahabb Beweise angeführt worden waren und in deren Hinsicht selbst die aufrichtigen Gelehrten Schwäche gezeigt hatten, erklärte Imam Ibn Taymiyya als vollständig islamwidrig und bekämpfte sie mit Nachdruck. Wegen dieser freien und wahrhaftigen Rede wurde ein gewaltiger Teil der Welt zu seinem Feind, und die Folgen dieser Feindschaft dauern bis heute an. Seine Zeitgenossen führten Prozesse gegen ihn und ließen ihn mehrfach ins Gefängnis werfen, während spätere Generationen sich dadurch Genugtuung verschafften, dass sie gegen ihn Fatwas wegen Kufr und Irreleitung erließen. Doch durch das Signalhorn zur Befolgung des unverfälschten und wahren Islam, in das er gestoßen hatte, entstand in der ganzen Welt eine dauerhafte Bewegung; ihr Widerhall ist noch heute zu hören. Neben diesen reformerischen Tätigkeiten trat er auch bewaffnet in den Kampf gegen die Barbarei und die bestialische Unterdrückung der Tataren ein. Ägypten und Syrien waren damals von dieser Flut erfasst. Imam Ibn Taymiyya weckte unter der einfachen Bevölkerung und den Wohlhabenden dort das Ehrgefühl und führte sie zum Kampf gegen die Tataren. Seine Zeitgenossen bezeugen, dass die Muslime vor den Tataren so entsetzt waren, dass sie schon bei der Erwähnung ihres Namens zitterten und sich fürchteten, gegen sie ins Feld zu ziehen. Ibn Taymiyya aber entzündete unter ihnen das Feuer des Dschihad und erweckte ihren schlummernden Heldenmut. Dennoch ist es wahr, dass es ihm nicht gelang, eine politische Bewegung aufzubauen, durch die eine Revolution in der Staatsordnung eingeleitet und die Schlüssel der Herrschaft aus den Händen des Staates der Jahiliyya in die Hände des Islam übertragen worden wären.

Scheich Ahmad Sirhindi (r)

Im siebten Jahrhundert der Hidschra verwüstete die tatarische Fitna das gesamte Land jenseits des Hindukusch, doch Hindustan blieb von ihrem verderblichen Biss verschont. Weil es der Hand der Zerstörung entgangen war, entstand in den Kreisen der Gebildeten und Führenden dort eine irrige Vorstellung. Menschen, die vom äußeren Glanz der Welt geblendet sind, sind dieser irrigen Vorstellung immer wieder begegnet. Sämtliche Übel aus Chorasan und dem Irak wurden hier weiter gepflegt. Auch hier herrschte die vergöttlichte Macht des Königs. Die Verschwendungssucht der Emire, Würdenträger und Wohlhabenden, das ungerechte Erwer­ben und ungerechte Ausgeben von Geld sowie die Herrschaft von Unterdrückung und Tyrannei gingen ungehindert weiter. Eine Haltung der Nachlässigkeit gegenüber Gott und der Abkehr vom einfachen und geraden Weg der Religion setzte sich hier durch. Allmählich erreichte die Irreleitung unter der Herrschaft von König Akbar ihre äußerste Grenze.

Am Hofe Akbars war die Vorstellung äußerst stark verbreitet, dass der Islam unter unwissenden, ungebildeten Dummköpfen entstanden sei. Er sei für kein hochzivilisiertes und kultiviertes Volk geeignet. Die grundlegenden Glaubensinhalte des Islam – Prophetentum, Offenbarung, Auferstehung, Paradies und Hölle – wurden zum Gegenstand des Spottes. Es wurde bezweifelt, dass der Koran das Wort Gottes sei. Die Herabsendung der Offenbarung galt als vernunftwidrig. Strafe und Belohnung nach dem Tod wurden als ungewiss betrachtet. Dagegen wurde die Lehre von der Wiedergeburt in jeder Hinsicht als möglich und wahr angenommen. Die Himmelfahrt des Propheten wurde öffentlich als unmöglich bezeichnet. Die Persönlichkeit des ehrwürdigen Propheten wurde kritisiert. Insbesondere wurde öffentlich gegen die Zahl seiner Ehefrauen und gegen die unter seiner Führung geführten Dschihads Einspruch erhoben. Sogar die Wörter Ahmad und Muhammad erschienen anstößig, und die Namen derjenigen, die diese beiden Wörter trugen, wurden geändert. Die eigennützigen Gelehrten hörten auf, in den Vorworten ihrer Bücher Lobgedichte auf den Propheten zu verfassen. Viele Frevler gingen bis an die äußerste Grenze der Respektlosigkeit und entdeckten die Zeichen des Daddschal im großen Führer, dem ehrwürdigen Muhammad, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm. – Im königlichen Diwan wagte niemand, ein Gebet zu verrichten. Abul Fazl erhob scharfe Einwände gegen das Gebet, das Fasten, die Pilgerfahrt und andere islamische Überlieferungen und verspottete sie. Die Dichter verfassten Gedichte, in denen sie diese Überlieferungen verurteilten. Diese Gedichte und Verse gelangten auch zum einfachen Volk.

Die Grundlage der Baha’i-Lehre wurde eigentlich in der Zeit Akbars gelegt. Damals wurde die Auffassung vertreten, dass seit Muhammad, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, tausend Jahre vergangen seien und auch die Geltungsdauer dieser Religion tausend Jahre betragen habe. Daher sei diese Religion nunmehr aufgehoben, und an ihre Stelle müsse eine neue Religion treten. Die Verbreitung dieser Lehre begann mithilfe von Münzen, denn zu jener Zeit war dies das wirksamste Mittel der Propaganda. Danach wurde die Grundlage für eine neue Religion und eine neue Scharia gelegt. Ihr Hauptzweck bestand darin, die Religionen der Hindus und der Muslime miteinander zu vermischen und eine neue Mischreligion zu schaffen, damit die Herrschaft der Regierung gestärkt und verlängert werden konnte. Die schmeichlerischen Hindus am Hof begannen im Namen ihrer religiösen Führer Prophezeiungen zu verkünden, dass in einem bestimmten Zeitalter ein großer, die Kühe beschützender Mahatma-König geboren werde. Ebenso versuchten die geldgierigen Gelehrten, Akbar als Mahdi, Schöpfer des Zeitalters, Mudschtahid und Imam darzustellen. Ein gewisser Taj-ul-Arifin ging so weit, Akbar aufgrund seiner Eigenschaft als vollkommener Mensch und Führer des Zeitalters als Spiegelbild Gottes zu verkünden. Um es dem einfachen Volk verständlich zu machen, sagte man, Wahrheit und Aufrichtigkeit, also die universelle Wahrheit, seien in allen Religionen der Welt vorhanden. Keine einzelne Religion besitze das Monopol auf die Wahrheit. Deshalb müsse aus all den Wahrheiten, die in den verschiedenen Religionen enthalten seien, ein vollständiges System entwickelt werden. Man müsse die Menschen umfassend dazu aufrufen, damit die Auseinandersetzungen zwischen allen Religionen ein Ende fänden. Dieses vollständige System wurde Dīn-i Ilāhī genannt. „Lā ilāha illā llāh, Akbar chalīfatullāh“ wurde als Glaubensbekenntnis dieser neuen Religion festgelegt. Wer in die neue Religion eintrat, musste der von seinen Vätern und Großvätern überlieferten Religion des Islam abschwören und in Dīn-i Ilāhī Akbar Schāhī eintreten. Nach ihrem Eintritt in Dīn-i Ilāhī wurden sie „Tschela“ genannt. Die Form des Grußes wurde geändert und festgelegt, dass der Grüßende „Allāhu akbar“ und der Antwortende „Jalla jalāluhu“ sagen solle. Man beachte, dass der Name des Königs Jalaluddin und sein Beiname Akbar war. Den Tschelas wurden Bildnisse des Königs gegeben, die sie an ihren Turbanen befestigten. Die Verehrung des Königs war ein Bestandteil dieser Religion. Jeden Morgen wurde dem König eine Audienz gewährt. Nach dem Glück, den König gesehen zu haben, warf man sich vor ihm nieder. Die Gelehrten und Sufis warfen sich hemmungslos vor dieser Qibla und Kaaba ihrer Wünsche und Begierden nieder und verhüllten diesen offenkundigen Schirk mit Ausdrücken wie „Niederwerfung aus Ehrerbietung“ und „Küssen der Erde“. Der Prophet, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, prophezeite über diese verfluchte Ausflüchtelei, dass eine Zeit kommen werde, in der die Menschen die Namen verbotener Dinge ändern und sie dadurch für erlaubt erklären würden.

Bei der Begründung dieser neuen Religion wurde erklärt, man werde unparteiisch die guten Seiten aller Religionen in sie aufnehmen; tatsächlich aber fand jede Religion außer dem Islam darin ihren Platz. Nur gegen den Islam und das islamische Gesetz wurden Hass und Feindschaft geschürt. Von den Feueranbetern übernahm man die Feuerverehrung. Im Palast Akbars wurde ein ewiges Feuer entzündet, und es wurde üblich, beim Anzünden der Lampen ehrerbietig aufzustehen. Von den Christen übernahm man das Läuten von Glocken, die Verehrung von Abbildungen der drei göttlichen Personen und einige ähnliche Dinge. Die größte Gunst erwies man jedoch dem Hinduismus. Denn er war die Religion der Mehrheit des Landes, und um die Grundlage der königlichen Herrschaft zu stärken, musste man ihm entgegenkommen. Daher wurde Rindfleisch für haram erklärt. Die hinduistischen Feste wie Diwali, Dussehra, Rakhi, Purnima, Shivaratri und andere wurden vollständig nach hinduistischem Brauch begangen. Im königlichen Palast wurde täglich ein Havan abgehalten. Viermal am Tag wurde die Sonne verehrt. Man rezitierte die tausend Namen der Sonne. Wenn der Name der Sonne ausgesprochen wurde, sagte man zugleich: „Ihre Macht ist groß.“ Man trug ein Tilak auf der Stirn und die heilige Schnur um Taille und Schulter. Der Kuh wurde Ehrerbietung erwiesen. Die Lehre von der Wiedergeburt wurde anerkannt, und von den Brahmanen übernahm man viele weitere ihrer Glaubensvorstellungen. So verfuhr man mit allen Religionen außer dem Islam. Was den Islam betraf, bewies jede Handlung des Königs und seiner Höflinge, dass ihre Herzen von Feindschaft gegen ihn erfüllt waren. Was Angehörige anderer Religionen im Sinne der Hofstimmung in der Sprache der Philosophen und Sufis gegen die islamischen Lehren vorbrachten, wurde als himmlische Offenbarung betrachtet; im Gegenzug wurden die islamischen Lehren zurückgewiesen. Wenn muslimische Gelehrte etwas zugunsten des Islam sagten oder einer Irreleitung entgegentraten, nannte man sie Faqih. In ihrer besonderen Terminologie bedeutete dies einen widerspenstigen Menschen, dessen Worten man keine Beachtung zu schenken brauche. Zur Untersuchung der Religionen wurde ein Ausschuss aus vierzig Personen gebildet. Dieser Ausschuss studierte die verschiedenen Religionen mit größter Aufgeschlossenheit und Hingabe; sobald jedoch der Islam zur Sprache kam, wurde er mit Spott überschüttet, und wenn ein Anhänger des Islam darauf antworten wollte, brachte man ihn zum Schweigen. Man begnügte sich nicht mit dieser Behandlung des Islam, sondern änderte und erweiterte die islamischen Vorschriften tatsächlich offen und in großem Umfang. Zins, Glücksspiel und Wein wurden für halal erklärt. Beim Nowruz-Fest war der Ausschank von Wein am Hof verpflichtend. Selbst Qadis und Muftis tranken Wein. Die Mode, den Bart abzurasieren, wurde eingeführt, und man legte Beweise für ihre Zulässigkeit vor. Die Heirat mit Cousinen väterlicher- und mütterlicherseits wurde verboten. Das Heiratsalter wurde für Männer auf sechzehn und für Mädchen auf vierzehn Jahre festgesetzt. Die Mehrehe wurde verboten. Die Verwendung von Seide und Gold wurde für zulässig erklärt. Löwen- und Tigerfleisch wurde für halal erklärt, und aus Feindschaft gegen den Islam wurde das Schwein nicht nur als rein, sondern als äußerst heiliges Tier bezeichnet. Ja, selbst der erste Anblick eines Schweins nach dem Aufstehen am Morgen galt als besonders glückverheißend. Es wurde für besser gehalten, Leichname zu verbrennen oder ins Wasser zu werfen, statt sie zu bestatten. Wenn jemand unbedingt eine Bestattung wünschte, riet man ihm, die Füße in Richtung Qibla zu legen. Auch Akbar selbst schlief aus Feindschaft gegen den Islam mit den Füßen zur Qibla. Die Bildungspolitik der Regierung war ebenfalls vollständig islamfeindlich. Das Erlernen der arabischen Sprache sowie das Studium von Fiqh und Hadith wurden missbilligt. Wer diese Wissenschaften erwarb, wurde herabgesetzt. Anstelle der religiösen Wissenschaften erhielten Philosophie, Logik, Mathematik, Geschichte und ähnliche Fächer staatliche Förderung. Man zeigte besonderes Interesse daran, eine Hindi geprägte Sprachform zu schaffen. Es gab sogar den Vorschlag, arabische Wörter aus dem Sprachgebiet zu verbannen. Unter diesen Umständen begannen die religiösen Koranschulen sich zu leeren, und die meisten Gelehrten begannen, das Land zu verlassen.

Dies war die Lage der Regierung. Andererseits war auch die Lage des Volkes keineswegs besser. Die Einwanderer hatten die sittlichen und glaubensmäßigen Krankheiten Irans und Chorassans mitgebracht. Für diejenigen, die in Indien Muslime geworden waren, gab es keine besonderen Einrichtungen für islamische Bildung und Praxis. Daher hatten sie viele Bräuche und Gewohnheiten der alten Unwissenheit in ihr Denken und ihr praktisches Leben aufgenommen. Durch das gemeinsame Wirken dieser beiden Arten von Muslimen war eine seltsame Mischung entstanden. Man nannte sie islamische Zivilisation. Sie enthielt eine Beimischung von Schirk, Unterschiede nach Abstammung und Stand, erfundene und mythische Vorstellungen sowie eine neue Scharia mit neu eingeführten Bräuchen und Sitten. Die weltlichen Gelehrten und Scheiche begnügten sich nicht damit, mit dieser seltsamen Mischung zusammenzuarbeiten, sondern übernahmen sogar die priesterliche Leitung dieser neuen „Lehre“. Das Volk brachte ihnen Gaben dar, und sie beschenkten das Volk mit konfessionellen Streitigkeiten.

Durch die Pirs hatte sich außerdem eine weitere Krankheit ausgebreitet. Aus einer Vermischung des Neuplatonismus, des Stoizismus, des Manuismus und des Vedanta entstand eine eigentümliche, philosophisch begründete Form des Tasawwuf. Man räumte ihr einen Platz in der islamischen Glaubenslehre und im islamischen Moralsystem ein. Tariqa und Haqiqa wurden als vom islamischen Gesetz getrennt und von ihm unabhängig betrachtet. Das Gebiet des Verborgenen wurde vom Sichtbaren getrennt. Nach dem Gesetz dieses Gebietes wurden die Grenzen zwischen halal und haram aufgehoben, die islamischen Einschränkungen faktisch außer Kraft gesetzt und alle Macht den sinnlichen Begierden überlassen. Es war ein Kennzeichen dieses Gesetzes, nach Belieben etwas Halales für haram und etwas Haram für halal zu erklären. Selbst unter den gewöhnlichen Pirs war jeder, dessen Zustand besser war, mehr oder weniger von diesem philosophisch begründeten Tasawwuf beeinflusst. Besonders die irrige Vorstellung des Pantheismus raubte jede Tatkraft.

In einer solchen Lage wurde Scheich Ahmad Sirhindi zu Beginn der Herrschaft Akbars geboren.¹⁶ Er erhielt seine Ausbildung bei den charakterlich edelsten Menschen jener Zeit. Zwar waren sie nicht in der Lage, den Verderbnissen in ihrer Umgebung entgegenzutreten, doch bewahrten sie zumindest ihren Iman und ihre guten Werke und bemühten sich nach Kräften, andere zu bessern. Besonders großen Nutzen zog Scheich Ahmad aus der Gesellschaft von Hazrat Baqi Billah. Hazrat Baqi Billah war einer der charakterlich vorzüglichsten Gottesfreunde jener Zeit. Doch auch Scheich Ahmad selbst besaß außerordentliche Fähigkeiten. Als sein erster Kontakt zu Baqi Billah zustande kam, schrieb dieser sogleich einem Freund den folgenden Brief über ihn:

„Vor kurzem ist aus Sirhind ein Mann namens Scheich Ahmad gekommen. Er besitzt umfassende religiöse Kenntnisse und verfügt auch über große Tatkraft. Dieser Faqir hat einige Tage mit ihm gesprochen. Nach dem, was ich während dieser Zeit an ihm beobachtet habe, ist zu hoffen, dass dieser Mann später als eine Leuchte die ganze Welt erhellen wird.“

Diese Prophezeiung erwies sich später als wahr. In verschiedenen Teilen Indiens lebten damals zahlreiche aufrichtige Gelehrte und Sufis. Doch unter ihnen trat nur er hervor, um den zeitgenössischen Fitnas entgegenzutreten und der islamischen Scharia beizustehen. Im Kampf gegen die königliche Macht führte allein er den Kampf für die islamische Erneuerung. Dieser hilflose und mittellose Derwisch stellte sich allein, öffentlich und offen der staatlich geförderten Irreführung entgegen. Und er ergriff Partei für die Scharia, die dem Zorn der Regierung ausgesetzt war. Die Regierung setzte alle Mittel ein, um ihn zu unterdrücken, und schickte ihn sogar ins Gefängnis. Doch schließlich gelang es ihm, die Richtung der Fitna zu wenden. Weil er sich nicht zur „Ehren-Niederwerfung“ bereitfand, ließ Jahangir ihn in die Festung Gwalior bringen. Doch schließlich wurde Jahangir selbst sein Verehrer und nahm seinen Sohn Khurram – der später unter dem Titel Schahdschahan den Thron bestieg – in den Kreis seiner Schüler auf. Dadurch verwandelten sich der Widerstand und die Feindseligkeit der Regierung gegenüber dem Islam in Achtung. Die Religion Din-i Ilahi des Kaisers Akbar verabschiedete sich mitsamt allen Neuerungen, die ihre höfischen Gesetzgeber geschaffen hatten. Alle Veränderungen und Zusätze zu den islamischen Vorschriften wurden selbstverständlich hinfällig. Obwohl die Regierung weiterhin königstreu blieb, wurde zumindest in dieser Hinsicht eine Veränderung erreicht: Ihre Haltung gegenüber der islamischen Lehre und den Vorschriften der Scharia war nicht mehr von einer Haltung wie die eines Ungläubigen, sondern von Verehrung geprägt. Drei oder vier Jahre nach dem Tod des Scheichs wurde Aurangzeb geboren. Wahrscheinlich war es der Einfluss der weitreichenden Reformarbeit des Scheichs, der es diesem Prinzen aus der Timuriden-Dynastie ermöglichte, eine derart tiefgehende und sittliche Bildung zu erlangen, dass der Urenkel eines Scharia-Zerstörers wie Akbar zu einem Diener der Scharia wurde.

Die Tätigkeit des Scheichs beschränkte sich nicht darauf, dass er dem vollständigen Abgleiten der staatlichen Herrschaft Indiens in den Unglauben Einhalt gebot und die Richtung der gewaltigen Flut der Fitna änderte, die vor drei- oder vierhundert Jahren hier dahinströmte, um jede Spur des Islams auszulöschen. Darüber hinaus vollbrachte er noch zwei weitere große Werke. Erstens reinigte und läuterte er den reinen Quell des Tasawwuf von dem Schmutz und den Verunreinigungen, die sich infolge philosophischer und asketischer Irrlehren mit ihm vermischt hatten, und legte den unverfälschten und ursprünglichen Tasawwuf des Islams dar. Zweitens widersetzte er sich entschieden all den vorislamischen Bräuchen und Sitten, die sich damals unter der Bevölkerung ausbreiteten, und führte durch geistliche Leitung und Reform einen machtvollen Kampf für die Befolgung der Scharia. Tausende hochqualifizierte Mitarbeiter dieser Bewegung gelangten nicht nur in verschiedene Gegenden Indiens, sondern auch nach Zentralasien und bemühten sich dort um die Reform des Charakters und der Aqida der Bevölkerung. Aufgrund dieser Tätigkeiten fand Hadhrat Scheich Sirhindi einen Platz unter den muslimischen Erneuerern.

Die Tätigkeiten Schah Waliullah Dehlawis

Vier Jahre vor dem Tod des Kaisers Alamgir und nach dem Tod Hadhrat Mujaddid Alf-i Sani (Allah erbarme sich seiner) wurde Hadhrat Schah Waliullah in einem Vorort von Delhi geboren17. Wenn man einerseits seine Zeit und sein Umfeld und andererseits seine Tätigkeiten betrachtet, ist man verblüfft und fragt sich, wie in jener Epoche ein Mann mit einer derart tiefen Einsicht, einem solchen Denkvermögen und einer solchen intellektuellen Kraft geboren werden konnte! Wer kennt nicht das Indien von Farrukh Siyar, Muhammad Schah Rangila und Schah Alam? In jener finsteren Zeit trat in der Öffentlichkeit ein Denker und Kommentator mit freiem Urteilsvermögen hervor, der frei von allen Fesseln seiner Zeit und seines Umfelds dachte, die Fesseln des verschleierten und erstarrten Wissens sowie des über Jahrhunderte verhärteten Hasses zerriss, auf jedes Problem des Lebens den prüfenden Blick eines Mujtahid richtete und ein Schrifttum hinterließ, dessen Sprache und Darstellungsweise, dessen Gedanken, Ideale, Forschungsergebnisse und Schlussfolgerungen keinerlei Prägung durch das zeitgenössische Umfeld erkennen ließen. Beim Lesen seiner Werke kommt nicht einmal der geringste Zweifel auf, dass sie an einem Ort verfasst wurden, rings um den eine ungehemmte Herrschaft von Luxus, Sinnesverehrung, Mord, Plünderung, Unterdrückung, Verfolgung, Unruhe und Chaos herrschte.

Schah Waliullah gehört zu jener besonderen Klasse von Führern in der Geschichte der Menschheit, die stets einen klaren und geraden Weg des Denkens und Forschens schaffen, indem sie ihn von der Verwirrung der Lehrmeinungen befreien, und im geistigen Bereich angesichts der zeitgenössischen Verhältnisse Unruhe hervorrufen, sodass eine Bewegung zur Zerstörung der durch eine neue Schöpfung entstandenen Hässlichkeit und zum Wiederaufbau von Gerechtigkeit, Wahrheit und Schönheit entsteht. Nur selten errichtet ein solcher Führer selbst nach seinem Denken und seiner Weltanschauung eine Bewegung und stürzt sich ins praktische Leben, um die entstellte Welt eigenhändig niederzureißen und eine neue Welt aufzubauen. Beispiele dafür sind in der Geschichte selten. Die eigentliche Aufgabe solcher Führer besteht darin, mit dem Messer der Kritik die Irrgewebe von Jahrhunderten zu zerreißen, in der Welt des Wissens und Denkens das Aufleuchten eines neuen Lichts zu entfachen und das entstellte, wenn auch mächtige Gerüst des Lebens niederzubrechen, um aus seinen Trümmern die ursprüngliche und dauerhafte Wahrheit herauszulösen und sie der Welt vorzulegen. Diese Aufgabe ist äußerst umfassend und gewaltig. Daher bleibt demjenigen, der sie erfüllt, nur selten die Gelegenheit, selbst wieder ins praktische Leben hinabzusteigen und sich tatsächlich auch dem Aufbau einer Nation zu widmen. Zwar deutete Schah Waliullah an einer Stelle seines Werkes Tafhimat-i Ilahiya an, dass er, sofern es Zeit und Ort erforderten, auch die Fähigkeit besessen hätte, durch Krieg praktisch Reformen durchzuführen18. Doch tatsächlich unternahm er keine derartige Tätigkeit. Seine ganze Kraft war der Kritik und dem Wiederaufbau des Denkens gewidmet. Für diese gewaltige Aufgabe blieb ihm nicht einmal ein Augenblick Muße. Er hatte nicht einmal die Gelegenheit, den kleinsten Schritt zur Reform seines unmittelbaren Umfelds zu unternehmen. (17) Geboren 1114 n. H. (1703 n. Chr.), gestorben 1176 n. H. (1763 n. Chr.). (18) Tafhimat, Band I, S. 101: Das heißt: Wenn es in jener Zeit möglich gewesen wäre, die Menschen durch Krieg zu reformieren, und wenn dafür die erforderlichen Mittel und Möglichkeiten verfügbar gewesen wären, hätte dieser Mann (Schah Waliullah) regelrecht Krieg geführt. Auch in der Kriegsführung war er äußerst bewandert. Die Kriegskunst und der Heldenmut der großen Kämpfer Rustam und Asfandiyar waren in seinen Augen geradezu unbedeutend. Später werden wir erörtern, dass es für aktive Bemühungen auf dem von ihm freigemachten Weg einer anderen Gruppe von Menschen bedurfte und dass sie bereits innerhalb eines halben Jahrhunderts aus seiner eigenen Lehr- und Ausbildungsstätte Kraft und Reife schöpften und ins praktische Leben traten.

Wir können die reformerischen Tätigkeiten Schah Waliullahs (Allah erbarme sich seiner) hauptsächlich in zwei Teile gliedern: erstens in die kritischen und reformierenden Tätigkeiten und zweitens in die aufbauenden Tätigkeiten. Beide Tätigkeitsbereiche werde ich gesondert darstellen.

Kritik und Korrektur

Schah Waliullah untersucht die gesamte islamische Geschichte mit dem Blick eines Kritikers. Soweit wir wissen, war Schah Waliullah der erste, dessen Blick den grundlegenden Unterschied zwischen der Geschichte des Islam und der spezifischen Geschichte der Muslime erfasste und der die Geschichte der Muslime aus der Perspektive der islamischen Geschichte kritisierte und untersuchte. Auf diese Weise war er auch der Erste, der zu erkennen suchte, in welchem Zustand sich der Islam unter den Völkern befand, die ihn in den verschiedenen Jahrhunderten annahmen. Dies ist ein äußerst heikles Thema. Schon früher wurden einige Menschen in dieser Frage irregeführt, und auch heute ist dies geschehen. Nach Schah Waliullah ist niemand aufgetreten, der neben der muslimischen Geschichte überhaupt eine eigenständige Vorstellung von der eigentlichen islamischen Geschichte besaß. In verschiedenen Teilen der Schriften Schah Waliullahs finden sich diesbezüglich klare Hinweise. Besonders im sechsten Kapitel des Werkes „Izalat al-Khafa“ erörtert er von Seite 122 bis Seite 158 fortlaufend die muslimische Geschichte. Mit außerordentlichem Erfolg beschreibt er die Besonderheiten und die Fitna jedes Zeitalters und führt im Zusammenhang damit auch die entsprechenden, deutliche Hinweise enthaltenden Prophezeiungen des edlen Propheten (s) an. In dieser Erörterung wird im Großen und Ganzen auf alle Formen der Dschahiliyya hingewiesen, die sich in die Glaubensüberzeugungen, die Bildung, den Charakter, die Zivilisation und die Politik der Muslime eingemischt haben.

(19) Diese Darstellung habe ich dem in Barelly im Jahre 1286 n. H. veröffentlichten Werk „Izalat al-Khafa“ entnommen. Danach forschte er in dem Haufen von Fehlern weiter und versuchte herauszufinden, welches die grundlegenden Fehler darin waren, von denen die ganze Kette der Fehler ihren Ausgang genommen hatte. Schließlich wies er auf zwei Dinge hin. Das eine war die Veränderung der politischen Herrschaft vom Kalifat zur Königsherrschaft, das andere der Tod der Lebenskraft des Idschtihad und die überwältigende Vorherrschaft blinder Nachahmung über Geist und Verstand.

Den ersten Fehler erörtert er in „Izalat“ ausführlich. Wie klar er den prinzipiellen und terminologischen Unterschied zwischen Kalifat und Königsherrschaft beschreibt und wie er ihn mithilfe der Hadithe erklärt, dafür finden sich in den Schriften seiner früheren Autoren nur selten Beispiele. Ebenso findet sich in den Schriften der früheren Autoren nichts Vergleichbares zu der Klarheit, mit der er die Folgen dieser Revolution beschreibt. An einer Stelle schreibt er:

„Bei der Verwirklichung der Grundpfeiler des Islam ist ein gewaltiger Fehler aufgetreten. … Nach Hadhrat Uthman (r. a.) hat kein Herrscher mehr den Haddsch durchgeführt, sondern weiterhin Stellvertreter entsandt. Dabei gehört die Durchführung des Haddsch zu den wesentlichen Erfordernissen des Kalifats. So wie das Besteigen des Throns, das Tragen der Königskrone und das Einnehmen des Platzes der früheren Könige für den Kaiser als Zeichen der Königsherrschaft galten, so ist im Islam die Durchführung des Haddsch unter eigener Herrschaft als Zeichen des Kalifats bekannt.“ 20

An einer anderen Stelle schreibt er:

„Früher hingen sowohl die religiöse Beratung als auch die Fatwa vom Urteil des Kalifen ab. Niemand außer dem Kalifen hatte das Recht, religiöse Beratung zu erteilen und Fatwas zu erlassen. Nach dieser Revolution jedoch wurden sowohl die religiöse Beratung als auch die Fatwa von jeder Aufsicht befreit; vielmehr war später für den Erlass einer Fatwa nicht einmal mehr die Beratung einer Gruppe rechtschaffener Menschen eine Voraussetzung.“ 21

Danach sagt er:

„Ihre Regierung gleicht der Regierung der Feueranbeter. Der einzige Unterschied besteht darin, dass sie beten und mit dem Mund das Glaubensbekenntnis der Schahāda sprechen. Inmitten dieses Wandels sind wir geboren worden. Ich weiß nicht, was Allah, der Erhabene, später noch zeigen will.“ 22

Was diesen zweiten grundlegenden Fehler betrifft, so bringt Schah Walīullāh in Izālat al-Chafā, Huddschatullāh al-Bāligha, Budūr al-Bāzigha, Tafhīmāt, Musaffā, Musawwā und beinahe all seinen übrigen Werken sein Bedauern darüber zum Ausdruck.

In Izālat sagt er:

„Bis zum Untergang der syrischen Herrscher (der umayyadischen Regierung) erhob niemand den Anspruch, hanafitisch oder schafiitisch zu sein. Vielmehr leiteten alle nach der Methode ihrer Imame und Gelehrten die Beweise für die Scharia ab. In der Zeit der irakischen Herrscher (der abbasidischen Regierung) legte jeder für sich eine bestimmte Bezeichnung fest. Ihr Zustand gelangte schließlich an einen Punkt, an dem sie keine Entscheidung auf Grundlage der Beweise aus Koran und Sunna trafen, solange sie nicht eine eindeutige Entscheidung der großen Führer ihrer jeweiligen Rechtsschule gefunden hatten. Auf diese Weise wurden die Meinungsverschiedenheiten, die sich zwangsläufig aus der Auslegung von Koran und Sunna ergaben, auf dauerhaften Grundlagen verankert. 23

Danach, nach dem Untergang der arabischen Herrscher, also während der türkischen Herrschaft, zerstreuten sich die Menschen über verschiedene Länder. Jeder machte aus dem, woran er sich aus seiner auf der Fiqh beruhenden Rechtsschule erinnern konnte, die eigentliche Religion. Was zuvor eine aus den Quellen von Koran und Hadith hervorgegangene Rechtsschule gewesen war, wurde nun zu einer unveränderlichen Sunna. Ihr Wissen und ihre Gelehrsamkeit begannen nun davon abzuhängen, die aus Koran und Sunna gesammelten Rechtsbestimmungen zusammenzutragen und Einzelheiten auf der Grundlage der aus Koran und Sunna gesammelten Einzelheiten zusammenzustellen.“ 24

In Musaffā schreibt er:

„Die Toren unserer Zeit geraten beim Namen des Idschtihād in Aufregung. An ihre Nasen sind Stricke wie bei Kamelen gebunden. Sie wissen nicht, in welche Richtung sie gehen. Ihre Angelegenheit ist ganz anderer Art. Diesen armen Kerlen fehlt sogar die Fähigkeit, jene Dinge zu verstehen.“ 25

(20) Izālat al-Chafā, erster Band, S. 123–124.

(21) Izālat al-Chafā, Band I, S. 130.

(22) Izālat al-Chafā, Band I, S. 157.

(23) Izālat al-Chafā, Band I, S. 157.

(24) Izālat al-Chafā, Band I, S. 157.

(25) Musaffā, Band I, S. 11.

Im siebten Kapitel von „Hujjatullāh al-Bāligha“ und in „Insāf“ schildert Schāh Walīullāh (r.) die vollständige Geschichte dieser Krankheit und weist auf sämtliche durch sie verursachten Mängel hin.

Nach der historischen Kritik untersucht Schāh Walīullāh die zeitgenössischen Verhältnisse und legt unter Nennung der Namen die Fehler und Mängel jedes Einzelnen dar.

An einer Stelle in den „Tafhīmāt“ schreibt er:

„Dieser Verfasser dieses Vermächtnisses (das heißt Schah Walīullāh) wurde in einer Zeit geboren, in der die Menschen drei Dinge miteinander vermischt hatten:

(1) Spitzfindige Streitgespräche: Dies entstand durch die Vermischung mit den griechischen Wissenschaften. Die Menschen waren in den Debatten der Kalām-Wissenschaft versunken. Es gab nicht einmal eine Erörterung über Fragen des Glaubens, die nicht von überflüssigen, auf Argumenten beruhenden Streitigkeiten geprägt war.

(2) Das Folgen der Gefühle: Dies entstand aufgrund der Beliebtheit der Sufis und weil die Menschen sich ihren Anhängerscharen anschlossen. Diese Sache hatte sich über das gesamte Gebiet des Morgen- und Abendlandes ausgebreitet. Die Worte und Taten dieser Sufis beherrschten sogar die Herzen der einfachen Menschen stärker als der Koran, die Sunna und alles andere. Wer ihre Lehren und Andeutungen leugnete oder sie nicht in die Praxis umsetzte, konnte keine Beliebtheit erlangen und wurde nicht zu den Rechtschaffenen gezählt. Es gab niemanden, der auf der Kanzel stand und eine Predigt hielt, ohne die Hinweise und Andeutungen der Sufis einzubeziehen. Ebenso gab es unter den Gelehrten, die an den Madrasas lehrten, niemanden, der nicht an ihre Worte glaubte und von ihnen fest überzeugt war. Andernfalls galten sie als Dummköpfe. Auch gab es keine Versammlung der Emire und Befehlshaber, in der nicht wegen ihrer Anmut, ihres feinen Geschmacks und ihrer Kunstfertigkeit in großem Umfang Gedichte und Lehrsprüche der Sufis verwendet wurden.

(3) Der Gehorsam gegenüber Gott: Aufgrund ihrer Zugehörigkeit zur muslimischen Gemeinschaft war dies für die Muslime unerlässlich. „Eine weitere bedeutende Krankheit dieser Zeit besteht darin, dass jeder nach seiner eigenen Meinung handelt. Diese Menschen gehen zügellos ihren Weg, ohne jede Kontrolle. Sie schrecken nicht einmal bei irgendeiner nebensächlichen Frage des Korans und der Hadithe zurück und enthalten sich auch nicht, in Dinge einzudringen, die außerhalb ihres Wissensbereichs liegen. Jeder hat mit Hilfe seines eigenen Verstandes die Bedeutung und den Sinn der Weisungen Gottes und Seines Gesandten zu erfassen versucht und beteiligt sich auf Grundlage dessen, was er selbst dabei zu verstehen vermochte, an Streit und spitzfindigen Auseinandersetzungen mit anderen. Darüber hinaus ist eine weitere Krankheit aufgetreten: Zwischen den Anhängern der Rechtsschulen, etwa den Hanbaliten und Schafiiten, ist ein heftiger Gegensatz zu beobachten. Jeder hielt seine eigene Methode für die einzig wahre und erhob Einwände gegen die anderen. In jeder Rechtsschule gab es eine Überfülle an Einzelheiten und ausführlichen Darstellungen, und inmitten dieser ausführlichen Darstellungen blieb die Wahrheit verborgen.“

An einer anderen Stelle in jenem Buch schreibt er:

„Zu den Pirzadas, die ohne rechtmäßigen Anspruch die Sitze ihrer Väter und Großväter erblich übernommen haben, sage ich: Warum habt ihr diese voneinander getrennten Gruppen gebildet? Warum folgt jeder von euch seinem eigenen Weg? Warum habt ihr den Weg verlassen, den Allah Muhammad, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, offenbart hatte? Jeder von euch ist zu einem Imam geworden und ruft die Menschen zu sich. Ihr haltet euch selbst für Führer und Wegweiser, obwohl ihr selbst irregeht und die Menschen in die Irre führt. Wir sind nicht im Geringsten zufrieden mit jenen, die um weltlicher Interessen willen von den Menschen den Treueid entgegennehmen. Ebenso sind wir nicht zufrieden mit jenen, die um weltlicher Interessen willen Wissen erwerben oder die Menschen zu sich rufen und dadurch ihre weltlichen Wünsche befriedigen. Sie alle sind Räuber, Daddschāle, Lügner, Betrüger und Betrogene. …“

„Auch zu den Studenten, die sich selbst als Gelehrte bezeichnen, sage ich: Ihr Toren! Ihr seid im Labyrinth der griechischen Wissenschaften, der Grammatik und der Rhetorik gefangen und meint, Wissen und Verstand bestünden darin. Doch Wissen findet sich in den deutlichen Versen des Buches Gottes oder in der durch Seinen Gesandten überlieferten Sunna. … Ihr seid in den Einzelheiten und ausführlichen Darstellungen der früheren Rechtsgelehrten versunken. Wisst ihr denn nicht, dass allein das, was Allah und Sein Gesandter gesagt haben, als Gebot gilt? Die meisten von euch verhalten sich so, dass sie einen Hadith des Propheten, sobald er sie erreicht, nicht danach befolgen. Sie sagen: ‚Wir handeln nach der Rechtsschule des soundso, nicht nach dem Hadith.‘ Dann bringen sie als Ausrede vor: ‚Mein Herr, das Verstehen eines Hadith und das Fällen eines darauf beruhenden Urteils ist die Aufgabe von Fachleuten und Menschen mit vollkommenem Wissen. Außerdem kann dieser Hadith den früheren Imamen gewiss nicht unbekannt gewesen sein. Daher muss es sicherlich einen Grund dafür geben, dass sie diesen Hadith nicht befolgten.‘ Wisset: Das ist keineswegs der Weg der Religion. Wenn ihr an euren Propheten (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) glaubt, dann folgt ihm, ganz gleich, ob dies für oder gegen eine Rechtsschule spricht. …“

„Zu den Predigern und Ermahnern, den Gottesdienern und den Bewohnern der Khanqahs sage ich: O ihr, die ihr Anspruch auf Gottesfurcht und Frömmigkeit erhebt! Ihr lauft überall umher und greift nach Gutem wie nach Schlechtem. Ihr ruft die Menschen zu falschen und erdichteten Dingen auf. Ihr habt den Lebensraum der Diener Gottes eingeengt, obwohl euch Weite und nicht Enge geboten war. Ihr habt die Worte geistig verwirrter Gottliebender als maßgeblich anerkannt. Dabei sind diese Dinge nicht dazu bestimmt, auseinanderzustreuen, sondern zusammenzubinden und festzuhalten …“

„Ich sage zu den Amiren und Befehlshabern: Fürchtet ihr Allah nicht? Ihr seid der Suche nach vergänglichem Wohlleben verfallen und gebt den einfachen Menschen dadurch weitreichende Gelegenheit, gegeneinander zu kämpfen. Öffentlich wird Alkohol getrunken, und ihr hindert niemanden daran. Öffentlich bestehen Stätten der Unzucht, des Alkoholkonsums und des Glücksspiels, doch ihr unternehmt nichts, um sie zu schließen. In diesem gewaltigen Land ist seit langer Zeit niemand nach dem Gesetz der Scharia bestraft worden. Ihr verschlingt den, den ihr für schwach haltet, und lasst den frei, den ihr für mächtig haltet. Ihr seid völlig in den Genuss verschiedenster Speisen, in den Launen eurer Frauen sowie in der Verschwendung bei Häusern und Kleidung versunken. Denkt doch wenigstens einmal an Allah ….“

„Ich sage zu den Soldaten: Allah hat euch zu Soldaten gemacht, damit ihr den Dschihad führt, das Wort der Wahrheit erhöht und die Macht des Schirk und der Muschrikūn vernichtet. Doch unter Missachtung dieser Pflicht habt ihr das Reiten und den Waffendienst zu eurem Beruf gemacht. Gegenwärtig habt ihr keinerlei Beziehung zu den Regeln und Zielen des Dschihad. Ihr seid in den Militärdienst eingetreten, um Geld zu verdienen. Ihr trinkt Bhang und Alkohol, rasiert eure Bärte und lasst eure Schnurrbärte wachsen und fügt den Menschen Unrecht und Leid zu. Unter euch ist der Unterschied zwischen erlaubtem und verbotenem Erwerb verschwunden. Bei Allah, eines Tages müsst ihr diese Welt verlassen; dann wird Allah euch darüber unterrichten, was ihr getan habt ….“

„Ich sage zu den Arbeitern und einfachen Menschen: Ehrlichkeit und Vertrauenswürdigkeit haben euch verlassen. Ihr seid der Anbetung eures Herrn gegenüber achtlos geworden und habt euch dem Schirk gegenüber Allah hingegeben. Ihr bringt für andere als Allah Opfer dar und vollzieht die Pilgerfahrt zu den Gräbern von Madar Sahib und Salar Sahib. Dies sind eure abscheulichsten Taten. Wer unter euch in einigermaßen wohlhabenden Verhältnissen lebt, gibt so viel für seine Nahrung, Getränke und Kleidung aus, dass sein Einkommen für ihn nicht ausreicht. Dann verzehrt er die Rechte seiner Angehörigen oder ruiniert sich durch Alkohol und Prostituierte sowohl in dieser Welt als auch im Jenseits ….“

„Danach wende ich mich gemeinsam an die verschiedenen Gruppen und Untergruppen der Muslime und sage: O Kinder Adams! Ihr zerstört euren eigenen Charakter. Ihr seid von Engstirnigkeit umfangen. Der Satan ist zu eurem Beschützer geworden. Eure Männer halten die Frauen in Erniedrigung und treten sie mit Füßen. Das Erlaubte ist eurem Mund geschmacklos geworden …….“

„O Kinder Adams! Ihr seid Anhänger so verwerflicher Bräuche und Sitten geworden, dass sich die Religion dadurch verändert hat. So versammelt ihr euch am Tag von Aschura und begeht Übeltaten. Eine Gruppe hat diesen Tag zu einem Trauertag gemacht. Wisst ihr denn nicht, dass Allah der Herr aller Tage ist und dass jedes Unglück durch Seinen Willen geschieht? Wenn Husain (Allahs Wohlgefallen sei auf ihm) an jenem Tag als Märtyrer getötet wurde, gibt es dann irgendeinen Tag, an dem nicht ein geliebter Diener Allahs gestorben ist? Einige Menschen haben diesen Tag zu einem Tag des Spiels gemacht. Am Tag von Schab-e-Barat seid ihr dann, wie unwissende Völker, mit Spielen und Vergnügungen beschäftigt. Eine eurer Gruppen meint, man müsse an diesem Tag den Toten besonders viel Nahrung schicken. Wenn eure Vorstellung irgendeine Grundlage hat, dann bringt einen Beleg für diese Vorstellung und diese Handlung vor. Außerdem habt ihr solche Bräuche geschaffen, durch die eure Lebensführung immer beengter wird: etwa Verschwendung bei Hochzeiten, die Scheidung zu einer verbotenen Handlung zu machen und Witwen unverheiratet sitzen zu lassen. Wegen solcher Bräuche habt ihr euer Leben und euer Vermögen vergeudet. Dabei hättet ihr diese Bräuche aufgeben und einen Weg einschlagen sollen, der nicht schwierig, sondern leicht ist. Ihr habt Tod und Trauer zu Festen gemacht. Es scheint, als sei euch vorgeschrieben worden, dass die Angehörigen eines Verstorbenen bei dessen Tod ein großes Festmahl veranstalten müssen. Ihr seid gegenüber dem Gebet achtlos geworden. Manche sind derart mit ihren Geschäften beschäftigt, dass sie keine Zeit zum Beten finden. Andere sind so sehr mit Luxus und belanglosem Gerede beschäftigt, dass sie das Gebet vergessen. Ihr seid gegenüber der Zakat achtlos geworden. Unter euch gibt es keinen Reichen, der nicht die Versorgung vieler Außenstehender mit Nahrung übernommen hätte. Sie sorgen für die Verpflegung und Kleidung dieser Menschen, fassen dies jedoch niemals als Zakat oder Gottesdienst auf. Ihr brecht auch das Fasten im Ramadan. Dafür bringt ihr allerlei Entschuldigungen vor. Ihr seid völlig untätig und unvernünftig geworden. Euer Lebensunterhalt hängt von den vom König gewährten Zuwendungen und von euren Amtsstellungen ab. Wenn die Schatzkammern der Könige nicht mehr imstande sind, eure Last zu tragen, beginnen sie, die Untertanen zu Unrecht zu unterdrücken und zu quälen ….“ 26

An einer anderen Stelle der Tafhimat sagt er:

„Diejenigen, die zur Erfüllung ihrer Wünsche zu den Gräbern in Ajmer oder von Salar Masud oder an ähnliche Orte gehen, begehen eine so große Sünde, dass die Sünden des Mordes und der Unzucht im Vergleich dazu nichts sind. Wo liegt der Unterschied zwischen ihnen und einem von ihnen selbst erdachten Gott? Inwiefern unterscheidet sich ihr Handeln von dem derjenigen, die zu al-Lāt und al-ʿUzzā beteten? Ja, es gibt allerdings diesen einen Unterschied: Im Gegensatz zu jenen zögern wir, diese Menschen unmissverständlich als Kāfirūn zu bezeichnen, weil es in dieser besonderen Angelegenheit keine eindeutige Anweisung des edlen Propheten gibt. Doch wer einen Verstorbenen für lebendig hält und zu ihm betet, damit seine Wünsche erfüllt werden, dessen Herz ist grundsätzlich in Sünde verfallen. 27

Dieses Zitat ist ziemlich lang geworden. Dennoch halte ich es für unbedingt notwendig, den Lesern noch einige weitere Zitate aus dem zweiten Band der Tafhimat vorzulegen. Shah Waliullah sagt:

„In einem Hadith wird überliefert: Der edle Prophet (s) sagte, dass auch ihr schließlich die Wege der Völker vor euch übernehmen werdet. Ihr werdet genau dort auftreten, wo sie aufgetreten sind. Ja, wenn sie ihre Hand in das Loch einer Eidechse gesteckt haben, werdet auch ihr eure Hand dort hineinstecken. Die ehrwürdigen Gefährten fragten: ‚O Gesandter Allahs! Meinst du mit den früheren Gemeinschaften die Juden und die Christen?‘ Der edle Prophet (s) sagte: ‚Wer sonst könnten sie sein?‘ Diesen Hadith haben sowohl Buchari als auch Muslim überliefert.“

„Der Gesandte Allahs (s) hat wahr gesprochen. Mit eigenen Augen habe ich jene Muslime mit schwachem Glauben gesehen, die rechtschaffene Menschen anstelle Allahs zu Göttern gemacht und sich, wie die Juden und Christen, vor den Gräbern ihrer Aulija und Heiligen niedergeworfen haben. Wir haben auch Menschen gesehen, die die Worte des edlen Propheten (s) verfälschen und behaupten, er selbst habe gesagt: ‚Die Rechtschaffenen gehören Allah, und die Sünder gehören mir.‘ Das gleicht der Aussage der Juden: ‚Das Höllenfeuer wird uns niemals berühren, und selbst wenn, dann nur einige wenige Tage.‘ Wahrlich, heutzutage hat sich in jeder Gruppe die Neigung verbreitet, die Religion zu verfälschen. Betrachtet den Zustand der Sufis: Unter ihnen sind Äußerungen weit verbreitet, die nicht mit dem Koran und der Sunna übereinstimmen, besonders in der Frage des Tauhid. Nach den Umständen zu urteilen, scheinen sie sich nicht um die Scharia zu kümmern. Betrachtet die Fiqh-Lehren der Rechtsgelehrten: Darin finden sich Aussagen, deren Ursprung sich überhaupt nicht feststellen lässt, etwa die Bestimmung über das Wasser in einem Becken von zehn Ellen Länge und zehn Ellen Breite²⁸ sowie die Frage, wie Brunnenwasser gereinigt wird²⁹. Und die Verfälschungen durch Logiker, Dichter, Wohlhabende und die breite Bevölkerung sind ohne Ende.“³⁰

Aus diesen Zitaten lässt sich ungefähr erkennen, wie eingehend Shah Waliullah die Vergangenheit und Gegenwart der Muslime untersucht und wie umfassend er sie kritisiert hat.

Das unvermeidliche Ergebnis einer solchen Kritik ist, dass die rechtschaffenen Menschen in der Gesellschaft, in deren Gewissen und Glauben der Lebensstrom und in deren Herzen die Unterscheidung zwischen Gut und Böse lebendig sind, durch das Bewusstsein des Niedergangs der Verhältnisse und in ihrem Innersten beunruhigt werden. Ihr islamisches Empfinden wird stärker, und jedes Zeichen der Jahiliyya in der Lebensweise ihrer Umgebung sticht ihnen wie ein Dorn ins Auge. Ihre Fähigkeit zur Unterscheidung wächst so sehr, dass sie in jedem Lebensbereich eifrig die Vermischung von Islam und Jahiliyya analysieren. Ihre Glaubenskraft erwacht derart, dass jeder Dorn im Dorngestrüpp der Jahiliyya sie zur Reform und Verbesserung drängt. Danach wird es für den Mujaddid notwendig, ihnen einen klaren Plan für den Wiederaufbau vorzulegen, damit sie ihren Blick auf die neue Gestalt richten können, die der gegenwärtigen Lage verliehen werden muss, und all ihre Tätigkeiten und Anstrengungen diesem Ziel widmen können. Shah Waliullah hatte zuvor die Aufgabe der Kritik ebenso umfassend und eindrucksvoll erfüllt; ebenso erfüllte er auch diese konstruktive Aufgabe.

(26) Tafhimat-e Ilahiyya, Band 1, S. 214–219

(27) Tafhimat-e Ilahiyya, Band 2, S. 45

(28) Das heißt: Wenn ein Becken nicht zehn Ellen lang und zehn Ellen breit ist, gilt sein Wasser nicht als „Maʾ al-kathir“ oder als große Wassermenge.

(29) Das heißt: Wenn ein Tier in einen Brunnen fällt, wie viele Eimer Wasser müssen dann herausgeschöpft werden?

(30) Tafhimat-i Ilahiyya, zweiter Band, Seiten 134–135.

Konstruktive Arbeit

Seine erste bedeutende Leistung auf dem Gebiet der konstruktiven Arbeit bestand darin, dass er in der Fiqh-Wissenschaft einen auf Vernunft gegründeten Mittelweg aufzeigte. Dabei bevorzugte er keine bestimmte Rechtsschule und kritisierte auch keine andere. Wie ein gründlicher Forscher studierte er die Grundsätze und Methoden aller auf Fiqh beruhenden Rechtsschulen und bildete sich unabhängig sein Urteil. Wenn er Argumente und Beweise zugunsten einer bestimmten Auffassung einer Rechtsschule fand, unterstützte er diese deshalb; er tat es jedoch nicht, weil er sich verpflichtet fühlte, diese Rechtsschule zu verteidigen. Ebenso widersprach er bestimmten Auffassungen einer Rechtsschule, weil er Argumente und Beweise gegen sie gefunden hatte, nicht weil er irgendeine Abneigung gegen diese Rechtsschule hegte. Deshalb erscheint er an manchen Stellen als Hanafi, an anderen als Schafi‘i, an wieder anderen als Maliki und anderswo als Hanbali. Er widersetzte sich auch jenen, die das Joch einer bestimmten Rechtsschule auf ihre Schultern genommen und geschworen hatten, ihr in allen Angelegenheiten blind zu folgen. Ebenso wandte er sich gegen jene, die geschworen hatten, sich einem bestimmten Imam unter den Imamen der verschiedenen Rechtsschulen entgegenzustellen. Zwischen diesen beiden Wegen beschritt er einen ausgewogenen Weg, auf dem jeder Wahrheitssuchende beruhigt voranschreiten kann. In seinem Buch Insaf kommt diese Methode zum Ausdruck. Auch in seinem Musaffa und in anderen Büchern wird diese Auffassung wiederholt.

An einer Stelle der Tafhimat schreibt er:

„In meinem Inneren ist mir der Gedanke gekommen, dass die Rechtsschulen von Abu Hanifa und Schafi‘i unter der muslimischen Umma am weitesten verbreitet sind. Die größte Zahl der Menschen folgt diesen beiden Rechtsschulen, und auch die meisten Bücher gibt es über sie. Die Mehrzahl der Faqihs, Muhaddiths, Mufassirs, Mutakallims und Sufis folgt der schafiitischen Rechtsschule. Andererseits gehören die meisten Herrscher und die breite Bevölkerung der hanafitischen Rechtsschule an. Gegenwärtig besteht die mit der himmlischen Lehre übereinstimmende Wahrheit darin, diese beiden Rechtsschulen zu einer einzigen Rechtsschule zu verbinden und die Lehren beider Rechtsschulen anhand der Hadithe des Propheten, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, zu prüfen. Was mit den Hadithen übereinstimmt, soll beibehalten, und was keine Grundlage findet, soll verworfen werden. Wenn beide Rechtsschulen nach dieser Prüfung und Auswahl in den feststehenden Auffassungen übereinstimmen, muss man sich an ihnen mit aller Kraft festhalten. Wenn sie sich jedoch in diesen Fragen unterscheiden, sollte man beide Auffassungen anerkennen und die Umsetzung beider Auffassungen als richtig betrachten. Ihre Uneinigkeit wäre dann der Verschiedenheit der Lesarten des Korans gleichzustellen oder dem Unterschied zwischen Rukhsat und Azimat 31 oder dem Unterschied zwischen zwei Wegen, aus einer schwierigen Angelegenheit herauszukommen. So wäre es etwa bei mehreren Kaffaras 32 oder bei zwei gleichwertigen erlaubten Verfahrensweisen. So Gott will, gibt es außer diesen vier Möglichkeiten keine fünfte.“ 33

Im Insaf hat er sein Urteil noch ausführlicher dargelegt. Besonders das, was er im dritten Kapitel geschrieben hat, ist von solcher Bedeutung, dass sowohl die Ahl al-Hadith (die unmittelbar durch die Hadithe nach Lösungen für Probleme suchen) als auch die Ahl at-Takhridsch (die den Idschtihad der Imame folgen) gründlich darüber nachdenken und es analysieren sollten. In dieser Erörterung bevorzugte er eine Methode, die beide Wege, den der Ahl al-Hadith und den der Ahl at-Takhridsch, miteinander vertraut macht. Ebenso ist die Erörterung zu diesem Thema im siebten Kapitel der Hujjatullah al-Baligha beachtenswert.

Durch die Annahme dieses Mittelwegs werden Feindseligkeit, Engstirnigkeit, blinde Nachahmung und die nutzlose Verschwendung von Zeit durch langwierige Erörterungen beendet, und der Weg zu Forschung und Idschtihad mit einem umfassenden Blick wird eröffnet. Deshalb betonte Schah Waliullah zugleich die Notwendigkeit des Idschtihad. In nahezu jedem seiner Bücher wird in verschiedenen Erörterungen auf unterschiedliche Weise dazu ermutigt, Idschtihad zu üben und Nachforschungen anzustellen. Als Beispiel zitiere ich einige Sätze aus der Einleitung des Musaffa:

„Idschtihad ist in jedem Zeitalter eine gemeinschaftliche Pflicht. Mit Idschtihad ist hier gemeint, vollständige Kenntnis der Vorschriften der Scharia zu erlangen, ihre detaillierten und kleinsten Einzelheiten zu verstehen und die Gesetze und Regeln der Scharia angemessen zusammenzufügen und zu ordnen; dabei kann man auch Anhänger des Begründers einer bestimmten Rechtsschule sein. Ich habe gesagt, dass Idschtihad in jedem Zeitalter verpflichtend ist, weil in jedem Zeitalter unzählige Probleme entstehen. Es wird dann verpflichtend, Gottes Weisung in diesen Fragen zu kennen. Was zuvor niedergeschrieben und zusammengestellt wurde, reicht dafür jedoch nicht aus; vielmehr bestehen darin auch zahlreiche Meinungsverschiedenheiten. Diese können nicht beseitigt werden, ohne zu den grundlegenden Vorschriften der Scharia zurückzukehren. Auch die von den Mujtahids hierzu entwickelte Methode ist auf halbem Wege beinahe abgebrochen. Daher gibt es in dieser Angelegenheit keinen anderen Ausweg als den Idschtihad.“ 34

Schah Waliullah legte nicht nur Nachdruck auf den Idschtihad, sondern erläuterte auch ausführlich dessen Regeln, Grundsätze, System und Voraussetzungen. In den Werken Izalat al-Chifa, Huddschatullah al-Baligha, Aqd al-Dschid, Insaf, Budur al-Bazigha, Musaffa und anderen finden sich teils bloße Hinweise, teils ausführliche Darstellungen dazu. (31) Die von der Scharia gewährte Erleichterung, eine Handlung nicht auszuführen, wird Ruchsa genannt; der feste Entschluss, diese Handlung trotz der von der Scharia gewährten Erleichterung auszuführen, wird Azima genannt. Übersetzer

(32) Wenn man beispielsweise absichtlich ein Fasten bricht, besteht die Regel für die Leistung der Kaffara darin, sechzig Tage hintereinander zu fasten oder sechzig Bedürftige zu speisen. Es genügt, eine der beiden Möglichkeiten zu wählen.

(33) Tafhimat-i Ilahiyya, erster Band, Seiten 211–212

(34) Musaffa, erster Band, Seite 11

Darüber hinaus verfuhr er überall in seinen geschriebenen Büchern, wo er ein Thema erörterte, wie ein Wahrheitsforscher und Mudschtahid. Das heißt, durch das Studium dieser Bücher kann man nicht nur die Grundsätze und Regeln des Idschtihad kennenlernen, sondern zugleich auch auf diesem Gebiet unterrichtet werden. Die beiden genannten Arbeiten hatten bereits Gelehrte vor Schah Waliullah geleistet. Was jedoch vor ihm niemand getan hatte, war, dass er versuchte, das gesamte islamische Denken sowie das moralische, kulturelle und schariarechtliche System in schriftlicher Form darzustellen. In dieser Hinsicht war er seinen Vorgängern weit voraus. Zwar traten in den ersten drei oder vier Jahrhunderten sehr viele Imame hervor, und bei einer Betrachtung ihrer Werke wird deutlich, dass in ihrer Gedankenwelt ein vollständiges Bild der islamischen Lebensordnung vorhanden war; ebenso findet man in den folgenden Jahrhunderten viele Forscher, bei denen man sich nicht vorstellen kann, dass dieses Bild in ihrer Gedankenwelt gefehlt hätte. Dennoch richtete keiner von ihnen sein Augenmerk darauf, die islamische Ordnung in einer systematischen und rationalen Weise als ein zusammenhängendes System niederzuschreiben. Diese Ehre war Schah Waliullah vorbehalten: Er sollte der Wegbereiter auf diesem Gebiet sein. Unter seinen Werken bilden genau diese Fragen den Gegenstand der beiden Bücher Huddschatullah und Budur al-Bazigha. Im erstgenannten Werk ist die Erörterung ausführlicher, während sie im letztgenannten häufig eine philosophische Perspektive einnimmt.

In diesen Büchern begann er seine Erörterung mit den übernatürlichen Dingen. Zum ersten Mal in der Geschichte sehen wir hier einen Mann, der den Grundstein für die Niederschrift einer islamischen Philosophie legt. Was Muslime zuvor über die Philosophie gesagt und geschrieben hatten, wurde von den Menschen aus bloßer Unkenntnis als „islamische Philosophie“ bezeichnet. Tatsächlich war es jedoch keine islamische, sondern eine muslimische Philosophie. Ihre Abstammung steht mit Griechenland, Rom, Iran und Hindustan in Verbindung. Der erste, der tatsächlich den Grundstein für das legte, was diese Bezeichnung verdient, war dieser Scheich aus Delhi. Zwar griff er hinsichtlich der Terminologie auf den Wortschatz der alten Philosophie, der Kalām-Wissenschaft oder des philosophisch geprägten Tasawwuf zurück und übernahm unbewusst viele ihrer Gedanken und Vorstellungen – wie es für jeden Erschließer eines neuen Weges am Anfang naturgemäß unvermeidlich ist –, doch war dies bei der Eröffnung neuer Wege der Forschung und Untersuchung ein gewaltiges Unterfangen. Besonders in einer Zeit solch äußersten Niedergangs war das Auftreten einer derart starken und rational geprägten Persönlichkeit ein erstaunliches Ereignis.

In dieser Philosophie versuchte Schah Waliullah, eine Vorstellung vom Menschen im Verhältnis zum Weltall und zur Welt zu entwickeln, die mit der moralischen und kulturellen Ordnung des Islam vereinbar sein und ihr wesensmäßig entsprechen konnte. Oder anders gesagt: Wenn man sie als den Stamm des islamischen Baumes betrachtet, kann zwischen diesem Stamm und dem Baum, der aus ihm hervorgegangen ist, tatsächlich kein natürlicher Unterschied wahrgenommen werden35. Ich staune, wenn ich manche Menschen sagen höre: „Schah Waliullah habe versucht, die Vedanta-Philosophie mit den Grundlagen der islamischen Philosophie zu verbinden und daraus die gedankliche Grundlage für einen neuen indischen Nationalismus zu gewinnen.“ In seinen Werken finde ich keinerlei Hinweis auf einen solchen Versuch. Und hätte ich tatsächlich einen solchen Hinweis gefunden, dann hätte ich – bei Gott – den Namen Schah Sahib aus der Liste der Erneuerer gestrichen und ihn in die Reihe der Erneuerer gestellt.

Auf der moralischen Ordnung errichtete er das Gebäude einer Gesellschaftsphilosophie. Unter dem Titel „Irtifaqat“ (die täglichen Tätigkeiten des Menschen) begann er mit deren Darstellung. In diesem Zusammenhang beschrieb er ausführlich die Organisation des Familienlebens, die gesellschaftlichen Umgangsformen, die Politik, das Gerichtswesen, das Steuerwesen, die Staatsverwaltung, die militärische Organisation und anderes; zugleich beleuchtete er die Ursachen, die zum Verfall und zur Entartung der gesellschaftlichen Zivilisation führen.

Danach legte er ein vollständiges System der Scharia, der gottesdienstlichen Handlungen, der religiösen Bestimmungen sowie der Gesetze und Vorschriften vor und begann, die Bedeutung jedes einzelnen Elements darzulegen. Was Imam al-Ghazali (r.) vor ihm in dieser besonderen Hinsicht geleistet hatte, war von derselben Größenordnung wie sein eigenes Werk. Und selbstverständlich ist er auf diesem Weg weit über Imam al-Ghazali hinausgegangen.

Gegen Ende richtete er seine Aufmerksamkeit auf die Geschichte und die Gesetze verschiedener Völker. Soweit ich weiß, war er der Erste, der eine vage Vorstellung vom historischen Konflikt zwischen Islam und Dschahiliya darlegte.

(35) Die unter den Muslimen verbreitete Philosophie hatte keinerlei Beziehung zum praktischen ethischen und glaubensmäßigen System des Islam. Daher wurde das Leben der Muslime umso stärker entstellt, je weiter sich diese Philosophie verbreitete. Mit der Schwächung des Glaubens wurde auch der Charakter schwächer, und zugleich ließ die Tatkraft nach. Dies ist die natürliche Folge des Konflikts widersprüchlicher Denkweisen. Dasselbe Ergebnis zeigte sich auch bei der Verbreitung der modernen westlichen Philosophie. Denn auch die westliche Philosophie kann unter keinen Umständen zum gedanklichen Fundament der islamischen Ordnung werden.

Ergebnis

Die Vorlage eines derart vernünftigen und wohlgeordneten Entwurfs der islamischen Lebensordnung bedeutet, dass sie zum Lebensziel jedes Menschen von gesunder Natur und klarem Verstand werden wird und dass diejenigen unter ihnen, die über größere Fähigkeiten verfügen, ihr Leben für die Verwirklichung dieses Ziels einsetzen werden. Ob ein Mensch, der auf dieses Ziel zustrebt, tatsächlich die Führung einer solchen Bewegung übernimmt oder nicht, macht dabei keinen wesentlichen Unterschied. Noch aufrüttelnder war jedoch, dass Shah Sahib den Unterschied zwischen einem dschahilischen und einem islamischen Staat der Öffentlichkeit deutlich vor Augen führte. Er beschränkte sich nicht darauf, die Merkmale des islamischen Staates klar herauszustellen, sondern stellte diese Angelegenheit wiederholt in einer Weise dar, die es den Gläubigen unmöglich machte, untätig sitzen zu bleiben, ohne sich darum zu bemühen, den dschahilischen Staat zu beseitigen und an seiner Stelle einen islamischen Staat zu errichten. Diese Angelegenheit wird, wie es scheint, in der Huddschatullah al-Baligha ausführlich behandelt. In diesem Buch beweist er anhand der Hadithe, dass das islamische Kalifat und die Monarchie zwei völlig verschiedene Dinge sind. Danach zeigt er einerseits, wie die Monarchie im Laufe der Zeit auf diesem Weg in das gesellschaftliche Leben der Muslime eindrang, und legt andererseits die Merkmale und Bedingungen des islamischen Kalifats sowie jene Segnungen dar, die den Muslimen unter dem islamischen Kalifat tatsächlich zuteilwurden. Wie hätte man danach noch sorglos sitzen bleiben können?

 

Sayyid Ahmad Barelwi (r.) und Shah Ismail Shahid (r.)

Aus diesem Grund entstand in Indien noch vor Ablauf eines halben Jahrhunderts nach dem Tod Shah Waliullahs eine Bewegung. Diese Bewegung verfolgte dasselbe Ziel, das Shah Waliullah vor den Augen der Menschen erhellt hatte. Wenn man die Briefe und Aussprüche von Sayyid Sahib sowie Shah Ismail Shahids Schriften „Mansab-e Imamat“, „Iqbat“, „Taqwiyat al-Iman“ und andere Werke liest, wird man an beiden Stellen die vernehmbare Stimme Shah Waliullahs hören. Was Shah Sahib tatsächlich tat, war Folgendes: Durch die Lehren der Hadithe und des Korans sowie durch den Einfluss seiner Persönlichkeit bildete er eine große Gruppe aufrichtiger und denkender Menschen. Danach vergrößerten seine vier Söhne, insbesondere Shah Abdul Aziz (r.), diese Gruppe in großem Umfang. Durch seine Bemühungen verbreiteten sich Tausende von Menschen über verschiedene Gebiete Indiens. Sie waren Träger der Gedanken Shah Waliullahs, und in ihren Herzen war ein unverfälschtes Bild des Islam eingeprägt. Aufgrund ihres Wissens, ihrer Intelligenz und ihres vorbildlichen Charakters wurden sie dazu befähigt, unter dem einfachen Volk den Einfluss Shah Waliullahs und seiner Schüler zu festigen. Dies bereitete indirekt den Boden für jene Bewegung, die nicht aus der Schar der Anhänger Shah Sahibs, sondern aus seinem eigenen Haus hervorgehen sollte.

() Sayyid Ahmad wurde im Jahr 1201 nach der Hidschra (1786 n. Chr.) geboren und starb im Jahr 1246 nach der Hidschra (1831 n. Chr.) den Märtyrertod. Shah Ismail Shahid wurde im Jahr 1193 nach der Hidschra (1779 n. Chr.) geboren und starb im Jahr 1246 nach der Hidschra (1831 n. Chr.) den Märtyrertod. Vermutlich entzündete sich in Sayyid Ahmad um das Jahr 1810 die Flamme einer revolutionären Bewegung.

Sayyid Ahmad Barelwi (r) und Shah Ismail Shahid (r) waren sowohl geistig als auch hinsichtlich ihres Denkens Träger ein und derselben Existenz. Diese einheitliche Existenz betrachte ich jedoch nicht als einen eigenständigen Mujaddid, sondern als eine Fortsetzung der Tajdid-Arbeit Shah Waliullahs. Eine kurze Zusammenfassung ihrer Tätigkeit lautet:

(1) Sie übernahmen die Verantwortung für die Reform der Religion, des Charakters, der Sitten und des geschäftlichen Umgangs der einfachen Menschen. Wo immer ihr Einfluss reichte, vollzog sich im Lebenswandel eine derart gewaltige Revolution, dass vor den Augen der Menschen das Bild des Zeitalters der Sahaba wiedererstand.

(2) Wie sie zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts in einem dem Untergang zuneigenden Land wie Indien in großem Umfang Vorbereitungen für den Jihad trafen und dabei ihre organisatorischen Fähigkeiten zur Vollendung brachten, war geradezu etwas Unmögliches. Danach wählten sie mit außerordentlicher Weitsicht Nordwestindien als Ausgangspunkt ihres Handelns. Es versteht sich von selbst, dass dies in geografischer und politischer Hinsicht der geeignete Ort für diese Aufgabe war. In diesem Jihad wandten sie anschließend solche Grundsätze des Charakters und solche Kriegsgesetze an, dass dadurch ein auf Allahs Weg Jihad führender Kämpfer gegenüber einem weltlich gesinnten, eigennützigen Krieger seine Überlegenheit gewinnen konnte. Auf diese Weise ließen sie der Welt ein weiteres Mal das richtige islamische Ideal und die richtige islamische Denkweise vor Augen treten. Ihr Krieg war nicht auf die Interessen eines Landes, einer Nation oder der Welt ausgerichtet, sondern ausschließlich auf Allahs Weg. Außer der Befreiung von Allahs Geschöpfen von der Herrschaft der Jahiliyyah und der Errichtung der Herrschaft des Schöpfers und Eigentümers des gesamten Universums über ihnen hatten sie kein anderes Ziel. Als sie zu diesem Zweck in den Krieg zogen, riefen sie zunächst, der Vorschrift entsprechend, zum Islam oder zur Entrichtung der Jizya auf. Erst nachdem sie sich von ihrer eigenen Seite vollständig versichert hatten, griffen sie zu den Waffen. Und nachdem sie zu den Waffen gegriffen hatten, befolgten sie die vornehmen und fortschrittlichen Kriegsgesetze des Islam vollständig. Keine unterdrückerische oder brutale Handlung wurde von ihnen begangen. Wo immer sie einzogen, zogen sie als Reformer ein. Bei ihrem Heer gab es keinen Wein, es wurde keine Musik gespielt, keine Prostituierten begleiteten ihre Truppen, ihre Militärlager verwandelten sich nicht in Treffpunkte von Unzüchtigen, und es ist auch kein Beispiel bekannt, dass ihr Heer einen Ort durchquerte, woraufhin dessen Frauen ihre Keuschheit verloren und in Trauerklagen ausbrachen. Ihre Soldaten waren tagsüber auf dem Rücken ihrer Pferde und nachts auf dem Gebetsteppich. Sie fürchteten Allah und hielten die Abrechnung und Rechenschaft im Jenseits stets vor Augen. In dieser Angelegenheit kümmerten sie sich um keinerlei Gewinn oder Verlust. Wenn sie irgendwo besiegt wurden, erwiesen sie sich nicht als feige; und wenn sie irgendwo siegten, erwiesen sie sich nicht als grausam und hochmütig. Vor ihnen und nach ihnen hat es keinen derart unverfälschten islamischen Jihad mehr gegeben.

(3) Sie erhielten die Gelegenheit, für kurze Zeit in einem kleinen Gebiet einen Staat zu führen. In dieser Zeit errichteten sie einen Staat nach dem Muster des wahren Khilafat ala Minhaj an-Nubuwwah (Kalifat nach dem Weg der Prophetenschaft). Mit einer bescheidenen Herrschaft, Beratung auf der Grundlage der Gleichheit, Versammlungen, Rechtsprechung, Gerechtigkeit, dem Gesetz der Scharia, der Einnahme von Geld nach Recht und seiner Ausgabe nach Recht, der Unterstützung des Unterdrückten trotz eigener Schwäche, dem Widerstand gegen den Tyrannen trotz eigener Stärke, der Führung des Landes in Gottesfurcht und der auf Ehrlichkeit gegründeten Politik sowie in allen anderen Belangen boten sie ein vollständiges Muster jenes islamischen Kalifats. Sie erweckten das Bild des Kalifats aus der Zeit Siddiqs (ra) und Faruqs (ra) zu neuem Leben.

Aus einigen weltlichen Gründen scheiterten sie. Diese Gründe werde ich später darlegen36. Doch die Wirkung der Erschütterung, die sie in der Welt des Denkens ausgelöst haben, ist auch heute, mehr als ein Jahrhundert später, in Hindustan noch wahrnehmbar.

(36) Mit „Scheitern“ ist nicht ein wirkliches, sondern das Scheitern gemeint, das dem äußeren Anschein nach als solches erscheint. Der wahre Erfolg der Muslime besteht darin, nach Kräften die Religion zu errichten, um Allahs Wohlgefallen zu erlangen. In diesem Sinne waren sie zweifellos erfolgreich. Ihr Scheitern tritt jedoch im Hinblick auf die weltlichen Ergebnisse deutlich hervor. Tatsächlich konnten sie die Herrschaft der Jahiliyyah nicht beseitigen und die Herrschaft des Islam nicht errichten. Wir werden nun die Gründe dafür untersuchen, damit man bei späteren Bemühungen um die Errichtung der Religion hinsichtlich dieser Gründe vorsichtig sein kann.

 Die Gründe des Scheiterns

Die Untersuchung der Gründe für das Scheitern dieser jüngsten Reformbewegung widerspricht gewöhnlich dem Geschmack jener, die es vorziehen, große Gelehrte ausschließlich mit frommer Verehrung zu besprechen. Deshalb befürchte ich, dass das, was ich unter der oben genannten Überschrift vorbringen werde, viele meiner Brüder verletzen könnte. Wenn jedoch nicht die bloße Verteilung von Lobreden auf die früheren Gelehrten das Ziel unserer gesamten Erörterung ist, sondern unser Ziel darin besteht, für die künftige Reform der Religion aus ihrem Wirken zu lernen, dann gibt es keine andere Möglichkeit, als die Geschichte mit dem Blick eines Kritikers zu untersuchen, das Wirken dieser Gelehrten zu analysieren und zugleich die Gründe für ihr Scheitern bei der Verwirklichung ihres Ziels zu erforschen. Wir sind beim Lesen der Schilderung jenes großen Kreises wahrhaftiger Gelehrter und rechtschaffener Menschen, den Shah Waliullah (r) und seine Söhne hervorbrachten, und anschließend jener Schar rechtschaffener und gottesfürchtiger Menschen, die Sayyid Ahmad Barelwi (r) und Shah Ismail Shahid (r) bildeten, von Staunen überwältigt. Es scheint, als läsen wir die Lebensführung der Sahaba und Tabi’in aus der Frühzeit des Islam. Verwundert fragen wir uns, dass in einer uns so nahen Zeit Menschen mit einem derart außergewöhnlich erhabenen Charakter auftraten! Zugleich erhebt sich in uns ganz natürlich die Frage: Warum gelang es den Führern und Kämpfern dieser so großen Reform- und Revolutionsbewegung, die derart rechtschaffen, gottesfürchtig und unermüdliche Mujahidin waren, trotz ihrer äußersten Anstrengungen nicht, in Hindustan einen islamischen Staat zu errichten? Die Engländer dagegen, die von jenseits von sieben Meeren und dreizehn Flüssen hierherkamen, konnten hier einen unverfälscht jahilitischen Staat errichten. Sich in der Begeisterung der Verehrung zu verblenden und die Antwort auf diese Frage zu verweigern, bedeutet, dass die Menschen Wahrhaftigkeit, Rechtschaffenheit, Gottesfurcht und Jihad weiterhin für Kräfte mit nur schwachem Einfluss auf die Verbesserung der Welt Allahs halten werden. Dieser Gedanke wird sie entmutigen: Wenn durch die Anstrengungen so vieler rechtschaffener und gottesfürchtiger Menschen nichts erreicht wurde, wird auch in Zukunft nichts erreicht werden. Einen solchen Zweifel habe ich aus dem Mund von Menschen gehört. Als ich kürzlich nach Aligarh kam, wurde mir dieser Zweifel vielmehr bei der großen Versammlung in der Strachey Hall selbst vorgetragen. Um diesen Zweifel zu beseitigen, musste ich eine kurze Ansprache halten. Außerdem weiß ich, dass auch die Mehrheit des großen Kreises von Gelehrten und rechtschaffenen Menschen, die es heute unter uns gibt, in dieser Angelegenheit völlig gedankenlos ist. Wenn wir jedoch darüber Nachforschungen anstellen, können wir daraus solche Lehren gewinnen, in deren Licht künftig noch bessere und vollkommenere Arbeit geleistet werden kann.

Der erste Grund

Bei sämtlichen Reformbemühungen von der Zeit des Hazrat Mujaddid Alf-i Sani bis zur Zeit Shah Waliullahs und seiner Vertreter fällt mir zunächst eines auf: Sie haben die Krankheit der Muslime in Bezug auf den Tasawwuf nicht vollständig erkannt und ihnen unwissentlich erneut jene Nahrung gegeben, von der sie eigentlich vollständig ferngehalten werden mussten. Gegen das Grundgerüst des von ihnen vertretenen Tasawwuf habe ich keinen Einwand; vielmehr ist er seinem lebendigen Wesen nach der eigentliche Tasawwuf des Islam. Dieser Tasawwuf unterscheidet sich in keiner Weise vom „Ihsan“. Was ich jedoch als abzulehnen bezeichne, ist die Verwendung der bildhaften Gleichnisse und der Sprache des Tasawwuf sowie die Beibehaltung von Methoden, die mit dem Tasawwuf verbunden sind. Wahrer islamischer Tasawwuf ist selbstverständlich nicht auf diese besondere Hülle angewiesen. Er kann auch eine andere Form haben. Für ihn kann eine andere Sprache verwendet werden. Man kann sich auch von Gleichnissen und Metaphern befreien. Man kann die konkrete Form des Pir-Murid-Verhältnisses und alles, was damit zusammenhängt, aufgeben und eine andere Form annehmen. Warum bestand dann überhaupt die Notwendigkeit, jene alte Form anzunehmen, in der seit langer Zeit der unwissende Tasawwuf vorgeherrscht hatte? Die schweren sittlichen und glaubensbezogenen Krankheiten, die seine umfassende und weitverbreitete Verbreitung unter den Muslimen hervorgerufen hat, bleiben einem verständigen Menschen nicht verborgen. Die Lage ist inzwischen so weit gediehen, dass selbst bei völlig einwandfreier Unterweisung durch jemanden im Augenblick der Verwendung dieser Form aufgrund der jahrhundertelangen Gewohnheit all jene Krankheiten wieder auftreten, die mit ihr verbunden worden sind.

Daher wird selbst etwas Erlaubtes wie Wasser, sobald es sich als schädlich erweist, für den Kranken verboten; ebenso ist diese Form trotz ihrer grundsätzlichen Zulässigkeit allein deshalb abzulehnen, weil unter ihrem Deckmantel unter den Muslimen die Opiumsucht hervorgerufen worden ist. Schon ihre bloße Annäherung lässt im Bewusstsein der alten Kranken wieder jene einschläfernde Formel aufsteigen, die sie seit Jahrhunderten durch sanftes Streicheln von Rücken und Körper in Schlaf versetzt hat. Nachdem der Murid dem Pir die Baiʿa geleistet hat, entwickelt sich in ihm jene besondere Geisteshaltung, die ausschließlich für das Pir-Murid-Verhältnis bestimmt worden ist. Das heißt: eine Haltung nach dem Muster „Färbe dich nach den Worten des Pir in den Farben Schirazis“, wonach zwischen dem Pir und dem Ghayrullah kein Unterschied mehr bestehen bleibt. Ihr Denken und ihre Sichtweise erstarren, ihre Fähigkeit zur Kritik wird untätig, der Gebrauch von Verstand und Wissen kommt zum Stillstand, und über Geist und Gemüt gewinnt die völlige Herrschaft der Verehrung des Scheichs die Oberhand, sodass der Scheich als ihr Ernährer und sie als die von ihm Ernährten gelten. Sobald anschließend die Erörterung von Kashf und Ilham beginnt, werden die Fesseln der geistigen Sklaverei noch stärker. Dann setzt die Flut der Gleichnisse und Metaphern der Sufis ein. Dadurch rast die Vorstellungskraft der Murids wie ein ausgepeitschtes Pferd mit ihnen pfeilschnell davon. In diesem Zustand reisen sie jeden Augenblick durch eine wunderliche Welt der Zauberkünste und erhalten nur sehr selten Gelegenheit, in der wirklichen Welt zu verweilen.

Hazrat Mujaddid Alf-i Sani und Hazrat Shah Waliullah waren sich dieser Krankheit der Muslime nicht unbewusst. In den Schriften beider wird sie kritisiert. Wahrscheinlich hatten sie jedoch keine Vorstellung von ihrem Ausmaß. Deshalb verabreichten sie diesen Kranken erneut eine Arznei, die sich bei dieser Krankheit als schädlich erwiesen hatte. Infolgedessen wurden die mit ihnen beiden verbundenen Menschen allmählich wieder von jener alten Krankheit befallen³⁷. Obwohl Mawlana Shah Ismail Shahid (R) diese Wahrheit richtig erkannte und dem Weg Imam Ibn Taymiyyas (R) folgte, waren bereits in den Schriften Shah Waliullahs genügend Mittel dafür vorhanden, und auch die Schriften Shah Ismails konnten sich ihrem Einfluss nicht entziehen. Daher wurde auch in der Bewegung von Sayyid Ahmad die Kette des Pir-Murid-Verhältnisses eingeführt. Somit blieb auch diese Bewegung vom schädlichen Einfluss des Sufismus nicht frei. Ja, unmittelbar nach dem Märtyrertod Sayyid Ahmads entstand unter seinen Anhängern sogar eine Gruppe, die wie die Schiiten an sein Verschwinden glaubt und bis heute seine Wiederkehr erwartet.

Wer heute die Erneuerung der Religion betreiben will, muss die Muslime unbedingt von jeder Sache fernhalten, die sie an die Sprache und Terminologie der Sufis, ihre Gleichnisse und Metaphern, das Pir-Murid-Verhältnis und ihre Methoden erinnert. So wie man einen Patienten mit übermäßiger Harnbildung vom Zucker fernhält, müssen die Muslime in diesem Fall in gleicher Weise von den genannten Dingen ferngehalten werden.

(37) Bereits kurze Zeit nach dem Tod des Hazrat Mujaddid Alf-i Sani verliehen ihm seine Anhänger den Titel „Qayyum al-Awwal“ und seinen Kalifen den Titel „Qayyum al-Thani“. Qayyum ist eine Eigenschaft Gottes.

Der zweite Grund

Bei der kritischen Untersuchung dieser Bewegung wurde mir als Zweites Folgendes bewusst: Das Gebiet, in dem Sayyid Ahmad und Shah Ismail Shahid ihren Jihad führten und einen islamischen Staat errichteten, hatten sie nicht schon zuvor angemessen auf diese Revolution vorbereitet. Ihre Armee war zweifellos hervorragend sittlich und geistlich ausgebildet. Doch ihre Angehörigen waren aus verschiedenen Teilen Indiens zusammengeführt worden. Für die Durchführung einer Revolution im Nordwesten hätte zunächst die örtliche Bevölkerung die Fähigkeit erwerben können, den islamischen Staat zu verstehen und zu seinen Helfern (Ansar) zu werden. Beide Führer erlagen wahrscheinlich der irrigen Vorstellung, dass die Menschen an der Grenze, da sie Muslime und von nichtmuslimischen Herrschern unterdrückt seien, die islamische Herrschaft willkommen heißen würden. Deshalb begannen sie unmittelbar nach ihrer Ankunft dort den Jihad und errichteten in allen Ländern, die unter ihre Herrschaft gelangten, das Kalifat. Doch schließlich zeigte sich durch die Prüfung, dass es eine reine Täuschung gewesen war, einen dem Namen nach Muslim für einen wirklichen Muslim zu halten und von solchen Menschen jene Taten zu erwarten, die nur ein wahrer Muslim vollbringen kann. Sie besaßen nicht die Kraft, die Last des Kalifats zu tragen. Weil man diese Last auf sie gelegt hatte, stürzten sie selbst und brachten auch dieses heilige Bauwerk zum Einsturz.

Bei jeder künftigen reformerischen Arbeit muss diese Lehre der Geschichte vor Augen gehalten werden: Man sollte sich vollkommen zu Herzen nehmen, dass eine politische Revolution, deren Wurzeln nicht tief in das gesamte Denken, den Charakter und die Zivilisation eingedrungen sind, niemals erfolgreich sein kann. Selbst wenn eine solche Revolution irgendwo durch eine vorübergehende Kraft zustande kommt, kann sie keine Dauerhaftigkeit erlangen. Und wenn sie verschwindet, hinterlässt sie keinerlei Spuren. 38

(38) Aus diesem Grund ist heute selbst nach umfangreichen Nachforschungen im Grenzgebiet keinerlei Einfluss von Sayyid Ahmad Schahid und Schah Ismail Schahid festzustellen. Die dortige Bevölkerung erfährt ihre Namen sogar erst durch verschiedene gegenwärtige Urdu-Bücher.

Der dritte Grund

Es bleibt die Frage, welchen Vorzug die Engländer, die aus mehreren tausend Meilen Entfernung kamen, gegenüber diesen Gelehrten besaßen, sodass sie hier einen Staat der Dschahiliya errichten konnten, während diese nicht imstande waren, in ihrem eigenen Land einen islamischen Staat zu errichten. Eine genaue Antwort darauf lässt sich nicht finden, wenn man nicht die Geschichte Europas im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert vor Augen hat. Erst wenn man die gesamte Kraft der Arbeit, die Schah Sahib und seine Anhänger zur Reform des Islams leisteten, auf die eine Seite der Waage und die Kraft der zeitgenössischen Dschahiliya auf die andere Seite legt, kann man vollständig ermessen, wie das Verhältnis dieser beiden Kräfte im Hinblick auf die in dieser Welt wirksamen Gesetzmäßigkeiten tatsächlich war. Es wäre keineswegs übertrieben, wenn ich sage, dass zwischen diesen beiden Kräften das Verhältnis eines Tolas zu einem Mön bestand. Daher konnte in Wirklichkeit kein anderes Ergebnis eintreten als das, was sich tatsächlich gezeigt hat.

In derselben Zeit, in der Schah Walīullāh, Schah Abd al-Aziz und Schah Ismail Schahid in unserem Land geboren wurden, erwachte Europa mit neuer Kraft und neuem Elan aus dem Schlaf des Mittelalters. Dort wurden so viele Erforscher des Wissens und der Künste, Erfinder und Entdecker geboren, dass sie gemeinsam das Gesicht dieser Welt veränderten. In dieser Epoche wurden Philosophen wie Hume, Kant, Fichte, Hegel, Comte, Schleiermacher und Mill geboren. Sie vollzogen in allen Zweigen der Logik, der Philosophie, der Psychologie und der Vernunftlehre eine Revolution. In derselben Zeit traten auf dem Gebiet der Physiologie Gelehrte wie Galvani und Volta, auf dem Gebiet der Chemie Lavoisier, Priestley, Davy und Berzelius sowie auf dem Gebiet der Biologie Linné, Haller, Bichat und Wolff hervor. Ihre Forschungen förderten nicht nur die Entwicklung der Wissenschaft, sondern brachten auch eine neue Auffassung von der Welt und vom Menschen hervor. In dieser Epoche entstand durch die Forschungen von Quesnay, Turgot, Adam Smith und Malthus die neue Wirtschaftswissenschaft. In derselben Zeit wurden in Frankreich Rousseau, Voltaire, Montesquieu, Denis Diderot, La Mettrie, Cabanis, Buffon und Robinet, in England Thomas Paine, William Godwin, David Hartley, Joseph Priestley und Erasmus Darwin sowie in Deutschland Goethe, Herder, Schiller, Winckelmann, Lessing, Holbach und viele andere Forscher geboren. Sie übten auf alle Zweige der Moralphilosophie, der Literatur, des Rechts, der Religion, der Politik und der Soziologie einen gewaltigen Einfluss aus. Furchtlos kritisierten sie die alten Lehren und Denkweisen und schufen eine neue Welt des Denkens.

Durch den Gebrauch der Presse, die weite Verbreitung ihrer Veröffentlichungen, moderne Ausdrucksformen und die Verwendung einer für die Allgemeinheit verständlichen Sprache anstelle einer schwer verständlichen Fachsprache fanden ihre Gedanken eine umfassende Verbreitung. Sie beeinflussten nicht nur eine Handvoll Einzelpersonen, sondern ganze Völker. In der gesamten Ordnung der alten Denkweise, der moralischen Einstellungen und Bräuche, des Bildungssystems, der Lebensideale und Lebensweise sowie der Zivilisation und Politik nahmen sie tiefgreifende Veränderungen vor.

In dieser Epoche fand die Französische Revolution statt. Aus ihr ging eine Zivilisation hervor. In derselben Zeit wurde durch die Erfindung der Maschinen eine Revolution im industriellen Bereich ausgelöst. Dadurch entstanden eine neue Zivilisation, neue Kräfte und neue Lebensprobleme. In dieser Epoche machte auch die Ingenieurskunst außerordentliche Fortschritte. Dadurch gelangte Europa in den Besitz von Kräften, über die zuvor kein anderes Volk verfügt hatte. In derselben Zeit wurden anstelle der alten Kriegskunst eine neue Kriegskunst, neue Waffen und neue Methoden der Kriegsführung eingeführt. Nach den Regeln des Drills wurde eine Methode zur Organisation der Soldaten übernommen. Dadurch bewegten sich die Truppen auf dem Schlachtfeld wie eine Maschine, und nach den alten Methoden ausgebildete Heere konnten ihnen nicht standhalten. Die Ausbildung der Soldaten, die Gliederung der Armee und die Kriegstaktik erfuhren gewaltige Veränderungen, und nach jeder Kriegserfahrung wurde unablässig versucht, diese Kunst weiterzuentwickeln. Durch fortlaufende Erfindungen kam es bei den Waffen zu gewaltigen Veränderungen. Das Gewehr wurde erfunden. Leichte, schnell zu transportierende Maschinengewehre wurden hergestellt, und Maschinengewehre zur Zerstörung von Festungen wurden stärker als zuvor gebaut. Vor allem aber ließ die Erfindung der Patrone das alte Pulvergewehr gegenüber dem neuen Gewehr völlig unbrauchbar erscheinen. Aus diesem Grund mussten die Türken in Europa und die einheimischen Staaten in Indien gegenüber Armeen, die nach modernen Methoden gründlich ausgebildet und mit modernen Waffen ausgerüstet waren, unaufhörlich Niederlagen hinnehmen. Und indem Napoleon in das Zentrum der muslimischen Welt einfiel, eroberte er mit Hilfe einer kleinen Zahl von Soldaten Ägypten.

Schon ein einigermaßen aufmerksamer Blick in die Seiten der zeitgenössischen Geschichte wird deutlich zeigen, dass bei uns nur wenige Einzelne erwachten. Hier wurde lediglich auf einem einzigen Gebiet des Lebens ein wenig gearbeitet. Dort hingegen wurden auf jedem Gebiet des Lebens Fortschritte erzielt, die um ein Tausendfaches schneller waren. Hier verfassten Shah Waliullah und seine Söhne einige Bücher in bestimmten Wissenschaftsbereichen. Diese Bücher erreichten nur ein äußerst begrenztes Umfeld und blieben dort stecken. Dort dagegen wurden Bücher über jede Wissenschaft und jede Kunst geschrieben, sodass Bibliothek um Bibliothek gefüllt wurde. Ihre Bücher verbreiteten sich über die ganze Welt und gewannen schließlich Macht und Einfluss über die Herzen und Köpfe der Menschen. Hier befand sich die Erörterung der Errichtung neuer Grundlagen auf der Basis von Philosophie, Ethik, Gesellschaftslehre, Politik, Wirtschaft und anderen Wissenschaften noch in einem ganz anfänglichen Stadium. Später wurde daran nicht weitergearbeitet. Dort hingegen hatte sich inzwischen über all diese Probleme ein umfassendes Gedankensystem herausgebildet. Dieses Gedankensystem veränderte das gesamte Bild. Hier befanden sich die Körperkunde und die Wissenschaften von der materiellen Kraft noch auf demselben Stand wie vor fünfhundert Jahren, während dort auf diesen Gebieten ein derart großer Fortschritt erzielt wurde und dadurch die Macht der Westler so stark zunahm, dass es völlig unmöglich war, ihnen mit den alten Waffen und Kriegsmitteln erfolgreich entgegenzutreten.

Erstaunlich ist, dass sich zur Zeit Shah Waliullahs die Engländer in Bengalen ausbreiteten und ihre Herrschaft bis Allahabad errichtet hatten. Doch Shah Sahib erkundigte sich in keiner Weise nach dieser neu aufkommenden Macht. Zur Zeit Shah Abdul Aziz’ bezog der Kaiser von Delhi von den Engländern eine Pension, und die englische Vorherrschaft war über nahezu ganz Indien errichtet worden. Doch in ihm kam niemals die Frage auf, wie dieses Volk einen solchen Fortschritt machte und welche Kraft hinter dieser neuen Macht wirksam war. Sayyid Sahib und Shah Ismail Shahid stürzten sich tatsächlich ins Arbeitsfeld, um eine islamische Revolution herbeizuführen. Sie trafen alle erforderlichen Vorbereitungen und Maßnahmen. Doch sie konnten keine Gruppe gelehrter und einsichtiger Ulama nach Europa entsenden, die dort untersucht hätten, durch welche Kraft sich dieses Volk mit der Geschwindigkeit eines Sturms vorwärtsbewegte und mithilfe neuer Werkzeuge, neuer Methoden und neuer Kenntnisse und Wissenschaften eine beispiellose Stärke und Entwicklung erlangte. Worin lag der Grund dafür? Welche Arten von Institutionen hatten sie in ihrem Land errichtet? Über welche Arten von Kenntnissen und Wissenschaften verfügten sie? Auf welcher Grundlage war ihre Zivilisation aufgebaut? Und was fehlte uns im Vergleich dazu? Als sie zum Dschihad aufbrachen, war niemandem unbekannt, dass in Indien nicht die Macht der Sikhs, sondern die Macht der Engländer die eigentliche Macht war und dass der Widerstand gegen die Engländer das größte Hindernis auf dem Weg zu einer islamischen Revolution sein konnte. Im Konflikt zwischen Islam und Jahiliyyah hätte man die eigene Stärke im Vergleich zu dem Gegner, mit dem man sich auseinandersetzen musste, messen und, nachdem man die eigenen Schwächen erkannt hatte, Anstrengungen zu ihrer Beseitigung unternehmen müssen, um in diesem Zusammenhang eine endgültige Entscheidung herbeizuführen. Ich kann nicht verstehen, wie dieser so wichtige Aspekt der Angelegenheit dem weitsichtigen Blick dieser ehrwürdigen Männer verborgen bleiben konnte. Zweifellos konnten sie, nachdem dieser Fehler durch sie begangen worden war, in dieser Welt von Ursache und Wirkung den Folgen eines solchen Fehlers nicht entkommen.

Schlusswort

Aus dem Scheitern dieser Bewegung zur islamischen Erneuerung im Angesicht der westlichen Jahiliyyah lernen wir zunächst, dass es für die islamische Erneuerung nicht genügt, lediglich die religiösen Kenntnisse wiederzubeleben und die Lebenskraft der Scharia neu zu beleben; vielmehr ist eine umfassende, weltweite islamische Bewegung erforderlich. Diese Bewegung muss ihren Einfluss auf alle Bereiche des Lebens ausdehnen – auf sämtliche Wissenschaften und Kenntnisse, das Denken, die Künste, den Handel und alle übrigen Lebensbereiche – und alle verfügbaren Kräfte in den Dienst des Islam stellen. Daraus ziehen wir als zweite Lehre, dass gegenwärtig für die Arbeit des Tadschdid eine neue Idschtihad-Kraft erforderlich ist. Die Idschtihad-Kraft, die in den Werken von Shah Waliullah (r) und den vor ihm lebenden Mujaddids und Mujtahids sichtbar wird, wird zur Lösung der Probleme der Gegenwart allein nicht ausreichen. Die moderne Jahiliyyah ist mit gewaltigen Mitteln aufgetreten und hat unzählige Probleme des Lebens hervorgebracht. Shah Waliullah oder seine Vorgänger hatten davon keinerlei Vorstellung. Nur Allah, der Allmächtige und Allwissende, und durch das von Ihm verliehene Wissen der edle Prophet (s), waren darüber unterrichtet. Daher kann die Arbeit an der Reform der Millat in dieser Zeit nur aus den Quellen des Buches Allahs und der Sunna des Gesandten Führung empfangen. Nach der Annahme dieser Führung ist für die Ausarbeitung eines umfassenderen Vorgehens unter den gegenwärtigen Bedingungen eine eigenständige Idschtihad-Kraft erforderlich. Sie darf zwar nicht dem Wissen, der Gelehrsamkeit und der Methode irgendeines Mujtahids verpflichtet sein, muss jedoch aus dem Idschtihad eines jeden von ihnen Nutzen ziehen und keinen von ihnen außer Acht lassen.

 

Anhang

Bereits im Vorwort zur fünften Ausgabe (auf Urdu) wurde erwähnt, dass diesem Buch ein Anhang beigefügt wurde. Dieser Anhang soll die verschiedenen Fragen, die gelegentlich zu den Themen gestellt wurden, die ich in der Besprechung dieses Buches angesprochen habe, sowie die Antworten, die ich darauf gegeben habe, zusammenfassen und den Lesern vorlegen. Die Fragen, die mir zu verschiedenen Zeiten von unterschiedlichen Personen gestellt wurden, führe ich hier zusammen mit den Antworten an. Ich hoffe, dass dies nach ihrer Lektüre auch für diejenigen, in deren Herzen sich ähnliche Fragen oder Zweifel befinden, zur Beseitigung dieser Fragen und Zweifel hinreichend hilfreich sein wird.

Das Wesen des Tadschdid und Imam Mahdi

Frage

Wie hochkarätig die Diskussionen in dem Buch „Die islamische Renaissancebewegung“ sind, kann jeder verständige Mensch sicherlich anhand des unter dem Titel „Was ist die Aufgabe eines Mujaddid?“ verfassten Aufsatzes und der ausführlichen Darstellung der Tätigkeiten verschiedener Mujaddids ermessen. Dennoch bedürfen einige ihrer Aspekte einer Erläuterung. Diese führe ich im Folgenden an:

(1) Gegen Ende Ihrer Erörterung über Imam al-Ghazālī (r.) haben Sie drei Schwächen erwähnt, nämlich: (a) die Schwäche des Imams in den Hadith-Wissenschaften, (b) die Vorherrschaft des Rationalismus über ihn und (c) seine übermäßige Neigung zum Tasawwuf. Lassen sich dafür Belege in den berühmten Werken des Imams, Iḥyāʾ ʿulūm ad-dīn und Kīmiyā-yi saʿādat, finden? Ist der Tasawwuf, den er in diesen Büchern darlegt, nicht frei von Mängeln? Wird dem Mujaddid einer Epoche darüber hinaus nicht ein größeres Maß an zuverlässigem Wissen verliehen als seinen Zeitgenossen? Weshalb wäre er sonst in der gesamten Epoche ausgezeichnet?

(2) Über Mujaddid Alf-i Thani und Shah Waliullah haben Sie geschrieben, dass Ihnen bei allen reformerischen Arbeiten von der Epoche des ehrwürdigen Mujaddid Alf-i Thani bis zur Zeit Shah Waliullahs und seiner Vertreter als Erstes auffällt, dass sie die Krankheit der Muslime in Bezug auf den Tasawwuf nicht vollständig erkannten und ihnen unbewusst erneut jene Nahrung gaben, von der sie unbedingt vollständig ferngehalten werden mussten. Es ist schwer zu akzeptieren, dass der ehrwürdige Mujaddid und Shah Sahib diesbezüglich einen so unreifen Blick hatten, dass sie die Krankheit der Muslime in Bezug auf den Tasawwuf nicht vollständig erfassen konnten. Neben den weltlichen Wissenschaften beherrschten sie auch die geistigen Wissenschaften (durch Kashf und Ilhām) in beträchtlichem Maße. Außerdem erhoben sie den Anspruch, Mujaddids zu sein; dies erwähnt Maulana Azad in seinem „Tadhkira“. Der ehrwürdige Mujaddid schrieb in seinen Briefen, dass er selbst tausend Jahre nach dem Prophetentum als Mujaddid erschienen sei. Angesichts dieser Aussagen ergeben sich ganz natürlich die folgenden Fragen:

(a) Stand die Erklärung, mit der der ehrwürdige Mujaddid und Shah Sahib sich selbst zu Mujaddids erklärten, nicht auf Gottes Anweisung hin? Welche Bedeutung haben außerdem die Hinweise auf Kashf und Ilhām in ihren Schriften? Wurden sie nach dem Gesetz der Scharia oder nach dem Naturgesetz zu Mujaddids?

(b) Ist die Auffassung richtig, dass ein Mujaddid notwendigerweise eine herausragende Persönlichkeit seiner Zeit ist? Ist er der bedeutendste Kenner der Scharia und der religiösen Lehren? Und ist er zugleich auch der Gott am nächsten stehende Mensch? Weshalb wird sonst gerade er unter Ausschluss aller anderen für die Ausführung dieser gewaltigen Aufgabe ausgewählt?

(c) Was ist die Bedeutung der „Mubashshirat“ – der frohen Botschaften?

(d) Ist der Hadith, dass am Anfang jedes Jahrhunderts ein Mujaddid erscheinen wird, nicht authentisch? Und wird er nicht über sein eigenes Mujaddid-Sein informiert sein? Ist dies für ihn nicht notwendig?

(3) Sie haben über Imam Mahdi geschrieben, dass er sich in vielerlei Hinsicht von der Darstellung der gewöhnlichen Gelehrten unterscheiden werde. Von den Gelehrten habe ich jedoch gehört, dass in den Hadithen neben dem Namen und der Abstammung des Imams noch weitere Zeichen erwähnt werden. Er werde unter besonderen Umständen und mit besonderen Zeichen erscheinen. Die Menschen würden ihn erkennen, ihm unter Zwang den Treueid leisten und ihn zum Herrscher ernennen. Inzwischen werde eine Stimme vom Himmel ertönen: „Dies ist Allahs Kalif, Imam Mahdi.“ Sie sagen jedoch, dass außer einem Propheten niemand das Recht habe, durch eine Behauptung sein Wirken zu beginnen, und dass außer einem Propheten niemand mit Gewissheit wisse, zu welchem Dienst er bestimmt worden sei. Der Anspruch, der Mahdi zu sein, ist nichts, was man behauptet; vielmehr ist es etwas, das man durch sein Wirken unter Beweis stellt und hinter sich lässt. Meiner Ansicht nach geben sowohl diejenigen, die solche Ansprüche erheben, als auch diejenigen, die daran glauben, durch ihr Verhalten Zeugnis von ihrem begrenzten Wissen und ihrer niedrigen geistigen Haltung ab.

Meine Frage lautet: Die oben genannten Zeichen und Umstände sind von vielen Gelehrten beschrieben worden (siehe zum Beispiel das Buch Beheschti Dschowar von Maulana Aschraf Ali Thanwi). Sind diese Beschreibungen nicht auf authentischen Hadithen begründet? Falls doch, worauf gründet sich Ihre Darstellung?

Antwort

Anstatt Ihre Fragen unmittelbar zu beantworten, halte ich es für notwendig, einige Punkte zu erläutern. Nachdem Sie diese verstanden haben, werden Sie die Antworten auf Ihre verschiedenen Fragen finden.

Erstens: Wir verfügen über keine Mittel und Wege, durch die wir mit Gewissheit sagen könnten, dass diese oder jene Person ein Mujaddid war und jene andere nicht. Indem spätere Generationen oder die Gesellschaft seiner Zeit die Taten einer Person betrachteten, fällten sie ein Urteil darüber, ob sie ein Mujaddid gewesen sei oder nicht. Über viele frühere Personen vertritt die Gemeinschaft der Gelehrten das Urteil, dass sie Mujaddids waren. Andere wiederum haben sie nicht als Mujaddids anerkannt. Für keine von ihnen gibt es ein bestimmtes Zeichen, anhand dessen ihr Rang festgestellt werden könnte.

Zweitens: Tadschdid ist nicht die Bezeichnung eines religiösen Ranges. Daher stellt sich überhaupt nicht die Frage, dass Allah, der Erhabene, einer Person gemäß den Bestimmungen der Scharia den Rang eines Mujaddid verliehen hätte; und ob man sie als Mujaddid anerkennt oder nicht, hat keine gute oder schlechte Auswirkung auf den religiösen Glauben irgendeines Menschen. Es handelt sich um eine Stellung. Diese Stellung wird einer Person im Hinblick auf ihre Taten verliehen. Wer auch immer auf irgendeiner Ebene eine Tätigkeit zur Wiederbelebung der Religion ausübt, kann Mujaddid genannt werden. Wenn jedoch jemand der Ansicht ist, dass die Tätigkeit dieser Person nicht den genannten Rang verdient, kann er ihren Rang als Mujaddid bestreiten. Unbesonnene Menschen haben dieser Angelegenheit eine unangemessene Bedeutung beigemessen. Die Nachricht, die der ehrwürdige Prophet (s) übermittelt hatte, bestand lediglich darin, dass Allah, der Erhabene, diese Religion nicht verschwinden lassen werde. Vielmehr werde Er zu Beginn jedes Jahrhunderts eine Person oder mehrere Personen erscheinen lassen, die die unklar gewordenen Vorstellungen des Islam aufs Neue verdeutlichen würden. Das im Hadith erwähnte Wort „man“ wird im Arabischen nicht ausschließlich im Sinne einer einzigen Person gebraucht; es kann auch mehrere Personen bedeuten. In diesem Hadith findet sich auch kein Wort, dessen Bedeutung wäre, dass es notwendig sei, den Mujaddid als solchen zu erkennen.

Drittens: Dass eine Person ein Mujaddid ist, bedeutet nicht, dass sie in jeder Hinsicht ein idealer „vollkommener Mensch“ und ihre Taten frei von Fehlern und Mängeln sind. Um sie als Mujaddid anzuerkennen, genügt es, dass ihre gesamten Tätigkeiten bezeugen, dass sie reformerischen Charakter haben. Wenn wir jedoch nach der Anerkennung jemandes als Mujaddid ihn für fehlerlos und sündlos halten und an jedes seiner Worte glauben, wäre das ein großer Fehler. Ein Mujaddid ist nicht wie ein Prophet unfehlbar.

Viertens: Die Bemerkungen, die ich über die Tätigkeiten der Mujaddids der Umma gemacht habe, sind selbstverständlich meine persönliche Meinung. Jeder hat das Recht, jeder meiner Ansichten zu widersprechen. Wenn Sie von den Argumenten überzeugt sind, auf deren Grundlage ich eine Meinung geäußert habe, ist das gut; wenn Sie nicht überzeugt sind, macht das ebenfalls nichts. Ich möchte jedoch unbedingt, dass Sie eine Meinung auf Grundlage von Argumenten und Untersuchungen verwerfen oder annehmen und sich dabei nicht von der Neigung zur Verehrung großer Persönlichkeiten beeinflussen lassen.

Fünftens: In vergangenen Zeiten haben manche Gelehrte durch Kashf und Ilham über sich selbst die Mitteilung erhalten, dass sie die Mujaddids ihrer jeweiligen Zeit seien. Sie haben jedoch nicht in dem Sinne behauptet, dass es für die Menschen verpflichtend sei, sie als Mujaddids anzuerkennen, und dass jeder, der sie nicht anerkenne, irregeleitet sei. Eine solche Behauptung aufzustellen, zur Anerkennung aufzurufen und zu versuchen, diese Anerkennung durchzusetzen, ist überhaupt nicht die Aufgabe eines Mujaddids. Wer dies tut, beweist durch eben dieses Tun selbst, dass er in Wirklichkeit kein Mujaddid ist.

Sechstens: Kashf und Ilham sind keine Gewissheit wie die Offenbarung. Es gibt dabei keinen Zustand, durch den derjenige, dem Kashf zuteilwird, mit der Klarheit des helllichten Tages erkennen könnte, dass dieser Kashf oder dieses Ilham von Gott kommt; vielmehr besteht dabei ein erheblicher Spielraum für Irrtum. Deshalb erkennen die Gelehrten an, dass durch Kashf und Ilham keine Bestimmung der Scharia begründet oder bewiesen werden kann. Das auf diesem Wege erlangte Wissen ist kein Beweis, und es ist nicht erlaubt, dem Inhalt dessen zu folgen, was jemand durch Kashf und Ilham erlangt hat.

Siebtens: Über Imam Mahdi habe ich in meinem Buch „Risail wa Masail“ ausführlicher gesprochen als in allem, was ich hier dazu geschrieben habe39. Bitte sehen Sie sich diese Ausführungen an. Daraus werden Sie erfahren, welche Untersuchungen ich zu den ausführlichen Darstellungen der Gelehrten über die oben erwähnten Hadithe angestellt habe. Ich hege aufrichtige Hochachtung vor all diesen Gelehrten. Aber es liegt nicht in meiner Gewohnheit, jedes Wort irgendeines Gelehrten anzunehmen. (Tarjuman-ul-Quran, Januar/Februar 1951.) (39) Siehe die ausführliche Darstellung auf den Seiten 161 bis 172 dieses Buches.

Die Bedeutung von Kashf und Ilham und die Behauptungen einiger Mujaddids

Frage

In der Januar-/Februarausgabe Ihrer Zeitschrift Tarjuman-ul-Quran aus dem Jahr 1951 haben Sie als Antwort auf eine Frage geschrieben: „Einige Fromme vergangener Zeiten haben durch Kashf und Ilham über sich selbst die Mitteilung erhalten, dass sie die Mujaddids ihrer Zeit seien. Sie haben jedoch nicht in dem Sinne behauptet, dass es für die Menschen, die sie anerkennen, verpflichtend sei, und dass jeder, der sie nicht anerkenne, irregeleitet sei.“ Diese Ihre Aussage erscheint mir nicht richtig. Denn Hadhrat Shah Waliullah (r.) hat ohne Weiteres behauptet: „Allah, der Erhabene, hat mir mitgeteilt: Du bist der Imam dieser Zeit. Die Menschen sollten deine Nachfolge als einen Weg zur Erlösung betrachten.“ Siehe beispielsweise Tafhimat-i Ilahiya, Band zwei, Seite 125. War die Behauptung von Hadhrat Shah Sahib wahr? Wenn seine Behauptung wahr war, dann ist Ihre Aussage nicht richtig, die Sie nach dem oben Angeführten geschrieben haben, nämlich:

„Eine Behauptung aufzustellen, zur Anerkennung aufzurufen und zu versuchen, diese Anerkennung durchzusetzen, ist überhaupt nicht die Aufgabe eines Mujaddids. Ferner haben Sie nach dem oben angeführten Satz geschrieben: ‚Wer dies tut, beweist durch sein eigenes Tun selbst, dass er in Wirklichkeit kein Mujaddid ist.‘“

Worauf gründen sich diese Ihre Aussagen? Haben Sie dieses Rechtsurteil auf Grundlage des Edlen Korans, der Hadithe des Edlen Propheten oder Ihrer eigenen Idschtihad gefällt? Auf derselben Seite derselben Zeitschrift haben Sie unter Punkt sechs geschrieben:

„Kaschf und Ilham sind keine Gewissheit wie die Offenbarung. Es gibt darin keinen Zustand, aufgrund dessen derjenige, dem ein Kaschf zuteilwird, mit der Klarheit des helllichten Tages unmittelbar erkennen könnte, dass dieser Kaschf oder dieses Ilham von Gott kommt.“

Sagen Sie auch dies aufgrund Ihrer persönlichen Erfahrung, oder ist auch das Ihr Idschtihad? Oder sagen Sie dies aufgrund des Edlen Korans oder der Hadithe des Gesandten?

Wenn der Zustand des Kaschf und Ilham bei den vollkommenen Persönlichkeiten der muslimischen Gemeinschaft so beschaffen ist, wie steht es dann um deren Vorzüglichkeit als beste Gemeinschaft? Dabei empfingen in den früheren Gemeinschaften sogar Frauen Offenbarung von Gott. Es gab auch solche Diener Gottes, deren Kaschf und Ilham einen so hohen Rang erreicht hatte, dass selbst ein großer Prophet durch eine Frage von ihnen in Verlegenheit gebracht wurde. Aber Subhanallah! Der Kaschf und das Ilham der vollkommenen Persönlichkeiten dieser Gemeinschaft – Muhammad (s) – waren von einer so merkwürdigen Art, dass sie nicht mit Gewissheit wussten, ob diese wirklich von Allah dem Erhabenen kamen. Wenn also jene Kaschf und Ilham, die für die Religion keinerlei Nutzen hatten, bei denjenigen, denen sie zuteilwurden, den Glauben dadurch nicht mehrten, sondern wegen ihrer vermeintlichen Vollkommenheit vielmehr eine Art Belastung waren, welchen Bedarf hatte Allah der Erhabene dann, ihnen solche Kaschf und Ilham zuteilwerden zu lassen?

Antwort

Sie haben einen Fehler begangen, indem Sie verschiedene Bedeutungen von Offenbarung und Ilham miteinander vermischt haben. Es gibt eine Art der Offenbarung, die man „jibillī“ oder natürliche Offenbarung nennt. Durch sie lehrt Allah der Erhabene jedes Geschöpf seine Pflichten. Diese Offenbarung wird im Vergleich zum Menschen häufiger den Tieren und vermutlich noch häufiger den Pflanzen und leblosen Dingen zuteil. Die zweite Art der Offenbarung wird partielle Offenbarung genannt. Durch diese Offenbarung lehrt Allah der Erhabene zu einer bestimmten Zeit einem Seiner Diener eine Erkenntnis, eine Rechtleitung oder eine bestimmte Methode in Bezug auf ein Problem aus den Schwierigkeiten des Lebens. Diese Offenbarung wird gewöhnlichen Menschen häufig zuteil. Dank der Offenbarung sind die großen Entdeckungen der Welt gemacht worden. Durch sie wurden große und wichtige Theorien und Ereignisse möglich. In den großen und bedeutenden historischen Ereignissen zeigt sich ihre Kraft wirksam. Zu einer bestimmten Zeit entsteht plötzlich, ohne irgendein Nachdenken, im Geist eines Menschen ein Gedanke, und durch ihn übt dieser Mensch einen gewaltigen Einfluss auf den Lauf der Geschichte aus. Eine solche Offenbarung wurde der Mutter des Propheten Moses (a) zuteil. Völlig verschieden von diesen beiden Arten der Offenbarung gibt es noch eine weitere Art, durch die Allah der Erhabene einen Seiner Diener über die unsichtbaren Dinge unterrichtet und ihm Anweisungen für die Lebensordnung erteilt, damit er diese Erkenntnis und diese Anweisungen den gewöhnlichen Menschen übermitteln und sie aus der Finsternis in das Reich des Lichts führen kann. Diese Offenbarung wird ausschließlich den Propheten zuteil. Aus dem Koran geht eindeutig hervor, dass diese Art von Erkenntnis – ganz gleich, ob man sie „Ilqā“, Kaschf oder Ilham nennt oder sie im terminologischen Sinne als Offenbarung bezeichnet – ausschließlich Gesandten und Propheten zuteilwird und niemand anderem. Darüber hinaus wird diese Erkenntnis den Propheten auf eine Weise gegeben, dass sie voll und ganz davon überzeugt sind und Gewissheit darüber erlangen, dass sie von Gott stammt, frei von satanischer Einmischung ist und nicht das geringste ihrer persönlichen Gedanken, Vorstellungen, Wünsche oder Begierden enthält. Diese Erkenntnis ist der Beleg und Beweis der Scharia, und ihr zu folgen ist für jeden Menschen Pflicht. Die Propheten werden zu dem Zweck eingesetzt, diese Erkenntnis anderen Menschen zu übermitteln und alle Diener Gottes dazu aufzurufen, an sie zu glauben.

Wenn irgendein Mensch außer einem Propheten jemals das Glück erlangt, diese Erkenntnis der dritten Art zu erlangen, bleibt sie doch auf derart vagen und unklaren Andeutungen beschränkt, dass es unerlässlich wird, zum richtigen Verständnis die Hilfe der dem Propheten zuteilgewordenen Offenbarung in Anspruch zu nehmen (das heißt, ihre Wahrheit oder Falschheit am Maßstab des Korans und der Sunna zu prüfen und, falls sie wahr ist, ihre Bedeutung zu bestimmen). Wer hingegen sein Ilham für einen eigenständigen Weg der Rechtleitung hält, es wirksam werden lässt, ohne es am Maßstab der dem Propheten zuteilgewordenen Offenbarung zu prüfen, und andere dazu aufruft, ihm zu folgen, gleicht einem Falschmünzer, der gegenüber der staatlichen Münzstätte seine eigene Münzstätte betreibt und falsche Münzen herstellt. Gerade dieses Verhalten beweist, dass ihm in Wirklichkeit kein Ilham von Gott zuteilgeworden ist.

Alles, was ich bis hierher gesagt habe, ist an verschiedenen Stellen des Korans klar dargelegt worden. Besonders in den Versen der Sure „Al-Dschinn“ wird diese Angelegenheit völlig unmissverständlich beschrieben:

——————————————– Wenn Sie versuchen, diese Aussage zu verstehen, werden Sie selbst erkennen können, warum denjenigen aus der Umma, die sich mit ihrer Läuterung und Verbesserung befassen, nicht wie den Propheten Kaschf und Ilham gegeben werden. Die erste Gabe hat Allah der Erhabene ihnen deshalb nicht verliehen, weil gerade auf dieser Grundlage der Unterschied zwischen dem Propheten und der Umma begründet wurde. Wie könnte dieser Unterschied also beseitigt werden? Der Grund für die Verleihung der zweiten Gabe besteht darin, dass diejenigen, die nach dem Propheten dessen Wirken fortzuführen versuchen, hinsichtlich der islamischen Vorschriften auf tiefe Einsicht und für die Etablierung des Islam auf die richtige Führung von Gott angewiesen sind. Diese Gabe wird jedem aufrichtig gesinnten Diener des Islam mit fehlerlosem Denken unbewusst verliehen. Wenn sie jemandem jedoch bewusst verliehen wird, ist sie eine Belohnung von Gott.

Ihr zweiter grundlegender Fehler besteht darin, dass Sie den prinzipiellen Unterschied zwischen dem Rang eines Propheten und dem eines Nichtpropheten überhaupt nicht verstanden haben. Nach Maßgabe des Korans besitzt allein der Prophet den Rang, von Gott gemäß den Bestimmungen der Scharia eingesetzt zu werden, und allein er hat das Recht, die Menschen dazu aufzurufen, an ihn zu glauben und ihm Gehorsam zu leisten. Ja, im religiösen System gilt sogar derjenige als Kāfir, der nicht an ihn glaubt, obwohl er Gott anerkennt; außer dem Propheten besitzt niemand diesen Rang. Wenn jemand diesen Rang für sich beansprucht, werden nicht wir Beweise gegen seinen Anspruch vorlegen, sondern er muss Beweise für seinen eigenen Anspruch erbringen. Er muss unbedingt nachweisen, wo im Koran und im Hadith außer einem Propheten jemand anderem das Recht verliehen wurde, vor den Menschen zu behaupten, in dieses Amt eingesetzt worden zu sein, und sie dazu aufzurufen, diesen Anspruch anzuerkennen. Darüber hinaus muss er auch beweisen, dass derjenige, der diesen Anspruch nicht anerkennt, allein deshalb, weil er den Anspruch des bloßen Anspruchstellers nicht anerkennt, ein Höllenbewohner und Kāfir wird.

Wenn jemand sich in seiner Antwort auf ———– beruft oder die Hadithe über das Erscheinen des Mahdi anführt, so werde ich sagen, dass dem Mujaddid oder dem Mahdi dort nirgends die oben genannten Rechte verliehen werden. Steht dort etwa geschrieben, dass sie sich selbst als Mujaddid oder Mahdi bezeichnen und dass nur diejenigen Muslime bleiben, die diesen Anspruch anerkennen, während alle anderen zu Kāfir werden?

Außerdem ist es unangemessen, darauf zu erwidern, dass der Widerstand gegen jemanden, der sich aktiv darum bemüht, die Religion wiederzubeleben und sie zu etablieren, statt mit ihm zusammenzuarbeiten, kein Grund für die Errettung sein könne. Es besteht kein Zweifel daran, dass eine solche Haltung stets zu einem Kriterium für die Unterscheidung zwischen Wahrheit und Falschheit wird. Die Unterstützung dieses Werkes ist ein Zeichen dafür, dass ein Mensch der Wahrheit verpflichtet ist. Auf der Grundlage dieses Prinzips ergibt sich jedoch der Unterschied, dass es für jeden Muslim verpflichtend ist, sich um die Wiederbelebung und Etablierung der Religion zu bemühen. Es gibt aber keine Aussage, wonach die Anerkennung des Anspruchs irgendeines Anspruchstellers eine Forderung des Glaubens sei und man schon deshalb der Errettung beraubt werde, weil man den Anspruch einer bestimmten Person, Mujaddid oder Mahdi zu sein, nicht anerkennt.

Kommen wir nun zur Erörterung der Ansprüche von Shah Waliullah und Mujaddid Alf-i Thani. Ich werde stark getadelt, weil ich die früheren Gelehrten nicht für sündlos halte und neben ihren richtigen Handlungen auch ihre Fehler als Fehler bezeichne. Ich fürchte, dass die eindeutige Erörterung auch dieser Angelegenheit um ein weiteres Vergehen in der Zahl meiner Vergehen vermehren wird. Doch man sollte Gott mehr fürchten als die Menschen der Welt. Deshalb kann ich ungeachtet dessen, was andere sagen, nicht umhin, festzustellen, dass der Anspruch dieser beiden Gelehrten, Mujaddid zu sein, und ihre wiederholte Berufung auf Kashf und Ilham bei der Darlegung ihrer Aussagen zu ihren wesentlichen Fehlern gehört. Gerade dieser Fehler hat später vielen kleingeistigen Menschen den Mut gegeben, verschiedene Ansprüche zu erheben und neue Fitna in der Umma zu schaffen. Wenn jemand die Möglichkeit erhält, etwas zur islamischen Wiederbelebung zu leisten, sollte er es tun und anschließend die Entscheidung darüber, welchen Rang er bei Gott einnehmen wird, Gott überlassen. Der eigentliche Rang eines Menschen ist der Rang, den Allah ihm aufgrund seiner Absichten und Taten sowie aus Seiner Barmherzigkeit gewährt, indem Er diese annimmt und ihm im Jenseits verleiht. Der Rang, den ein Mensch selbst für sich beansprucht, oder der Rang, den die Menschen ihm verleihen, ist nicht sein eigentlicher Rang. Für sich selbst Titel und Amtsbezeichnungen festzulegen, sie mit einem Anspruch zu verkünden und den eigenen Rang mit dem eigenen Mund bekanntzugeben, ist keine gute Handlung. Später tolerierten sufische Gesinnung und Geschmack diese Sache und verliehen ihr Glanz. Sogar große Männer erkannten darin keinen Fehler. Doch zur Zeit der ehrwürdigen Sahaba, der Tabi’un, der Tabi’ at-Tabi’in und der Mujtahid-Imame gab es sie überhaupt nicht. Ich achte die Leistungen von Shah Sahib und Mujaddid Sahib außerordentlich und verehre sie nicht weniger als irgendeiner ihrer Anhänger. Doch unter den Handlungen von ihnen, die ich nicht zu verstehen vermochte, gehört auch diese. Um die Wahrheit zu sagen: Ich habe niemals eine ihrer Aussagen allein deshalb anerkannt, weil sie sie unter Berufung auf Kashf und Ilham vorgetragen haben. Wenn ich eine ihrer Aussagen anerkannt habe, dann ausschließlich deshalb, weil dahinter ein starker Beweis stand oder sie sich hinsichtlich Argumenten und Tatsachen als wahr erwies. Ebenso ist es meine persönliche Auffassung, dass ich sie als Mujaddid anerkannt habe. Durch die Betrachtung ihrer Leistungen bin ich persönlich zu diesem Urteil gelangt. Aufgrund ihres eigenen Anspruchs habe ich dies nicht als eine Aqida angenommen.

Tasawwuf und die Meditation über den Scheich

Frage

Ich habe Ihre Da’wa mit vollkommener Aufrichtigkeit und Treue studiert. Obwohl ich Salafi bin (also keinem der Madhahib der vier Imame folge), betrachte ich mich als einen unbedeutenden Diener und Unterstützer Ihrer islamischen Bewegung. Und soweit es mir möglich ist, bemühe ich mich auch darum, diese Bewegung zu verbreiten. In letzter Zeit haben einige Fragen in Bezug auf die Beschäftigung mit Tasawwuf und die Meditation über den Scheich in meinem Herzen verschiedene Fragen aufgeworfen. Sie haben die nichtarabische Bid’a als „mubah“ eingestuft. Dabei legen all Ihre bisherigen Schriften einen entschiedenen Protest dagegen ein. Die Etablierung des Islam ist der Mittelpunkt unserer gesamten Da’wa. Wenn wir, Gott behüte, irgendeine Bid’a anerkennen, würde dies bedeuten, dass allen Bid’a die Möglichkeit gegeben wird, in diese Bewegung einzudringen. Bitte teilen Sie mir nach reiflicher Prüfung dieser meiner Ausführungen mit, wie Ihre Auffassung über die Beschäftigung mit Tasawwuf und die Meditation über den Scheich im Licht von Koran und Sunna lautet und welches in dieser Angelegenheit der richtige Weg ist. Ich hoffe, dass Sie diese Angelegenheit im Tarjuman al-Qur’an ausführlich behandeln werden.

Antwort

Der Zweifel, der durch einen meiner Sätze in Ihnen entstanden ist, wäre niemals entstanden, wenn Sie zu diesem Thema auch meine anderen klaren Schriften gelesen hätten. Wie dem auch sei, ich gebe nun dennoch eine klare und kurze Antwort auf Ihre Fragen.

(1) Tasawwuf bezeichnet nicht eine einzige Sache; vielmehr wurden viele verschiedene Dinge mit diesem Namen bezeichnet. Der Tasawwuf, dessen Richtigkeit wir anerkennen, ist eine Sache, während derjenige, den wir bekämpfen, eine andere ist. Und der Tasawwuf, dessen Reform wir anstreben, ist wiederum etwas anderes als diese beiden:

Unter den Sufis der frühen islamischen Zeit findet sich eine bestimmte Art des Tasawwuf. Fudail ibn Iyad (r.), Ibrahim Adham (r.) und Ma’ruf al-Karkhi (r.) hatten beispielsweise weder eine eigene Philosophie noch eine eigene Methode. Ihr Denken und Handeln gründete auf dem Koran und der Sunna. Und der Zweck all dieses Denkens und Handelns war der im Koran dargelegte Zweck: nämlich auf Gott ausgerichtet und einzig um Gottes willen zu sein.

——————————————-

Wir erkennen die Richtigkeit dieses Tasawwuf an. Wir erkennen seine Richtigkeit nicht nur an, sondern wollen ihn auch lebendig und umfassend verbreiten.

In die zweite Art des Tasawwuf sind griechische Philosophie, Askese, zoroastrische Lehren und die Vedanta-Philosophie eingegangen. Auch die Methoden christlicher und hinduistischer Yogis wurden darin aufgenommen. Gedanken und Handlungen, die mit Schirk vermischt sind, wurden mit ihm verbunden. Scharia, Tariqa und Ma’rifa sind hier voneinander getrennte Bereiche. Ihre Beziehungen zueinander sind mehr oder weniger abgebrochen; vielmehr sind sie in vielen Fällen zu Gegensätzen geworden. Hier wird der Mensch nicht dazu erzogen, auf der Erde die Aufgabe eines Statthalters Gottes zu erfüllen, sondern zu einer völlig anderen Aufgabe. Wir bekämpfen diesen Tasawwuf. Ihn abzuschaffen, ist für uns ebenso dringend notwendig wie die Abschaffung der modernen Dschahiliyya, damit Gottes Religion aufgerichtet wird.

Neben diesen beiden gibt es eine dritte Art des Tasawwuf. In ihr finden sich einige Bestandteile der ersten Art mit einigen Bestandteilen der zweiten Art vermischt. Die Methoden dieses Tasawwuf wurden von bestimmten Gelehrten und aufrichtig gesinnten Männern entwickelt, die jedoch nicht vollständig vor dem Einfluss der vorangegangenen Zeit und den prägenden Faktoren ihrer eigenen Epoche geschützt waren. Sie bemühten sich nach Kräften, den ursprünglichen Tasawwuf des Islam zu verstehen und seine Methoden von den Beimischungen der dschahilischen Lehre zu reinigen. Trotz alledem sind in ihren Lehren gewisse Einflüsse des dschahilischen Tasawwuf und in ihren Praktiken gewisse Einflüsse äußerer Handlungen zurückgeblieben. Dies führte bei ihnen zu der Auffassung, diese Dinge stünden nicht im Widerspruch zur Lehre des Korans und der Sunna oder könnten zumindest durch Auslegung als widerspruchsfrei betrachtet werden. Außerdem unterscheiden sich auch Ziel und Ergebnisse dieses Tasawwuf mehr oder weniger vom Ziel des Islam und den notwendigen Ergebnissen, die er hervorbringen soll. Es ist nicht sein Ziel, Menschen eindeutig zur Erfüllung der Aufgabe des Kalifats zu erziehen; ebenso wenig ist es sein Ziel, das hervorzubringen, was der Koran mit seinen Worten beschreibt. Durch ihn sind auch keine Menschen hervorgebracht worden, die das vollständige Wesen der Religion erkennen, über ihre Etablierung nachdenken und die Fähigkeit erlangen können, sie zu verwirklichen. Wir lehnen diese dritte Kategorie des Tasawwuf weder vollständig ab noch unterstützen wir sie vollständig. Vielmehr bitten wir ihre Befürworter und Anhänger: Bitte richten Sie, bei aller gebotenen Achtung vor den großen Männern, im Licht des Korans und der Sunna einen kritischen Blick auf diesen Tasawwuf und bemühen Sie sich, ihn auf den richtigen Weg zu führen. Wenn jemand mit einem Bestandteil dieses Tasawwuf nicht übereinstimmt, weil er ihn als dem Koran und der Sunna widersprechend betrachtet, dann dürfen Sie, unabhängig davon, ob Sie seiner Ansicht widersprechen oder ihn unterstützen, keinesfalls sein Recht auf diese Kritik leugnen. Ebenso dürfen Sie nicht grundlos zu seiner Verurteilung aufrufen.

(2) Meine Ansicht über die Betrachtung des Bildes des Scheichs ist, dass in dieser Angelegenheit zwei Gesichtspunkte erörtert werden können. Der erste betrifft sie als eine Handlung, der zweite als ein Mittel, um Gott näherzukommen.

Im ersten Fall stellt sich lediglich die Frage nach der Erlaubtheit oder Unerlaubtheit dieser Handlung. Das Urteil darüber hängt von der Absicht ab, mit der ein Mensch sie vollzieht. Es gibt eine Absicht, unter deren Gesichtspunkt man sie zwangsläufig als haram bezeichnen muss. Eine andere Absicht ist derart, dass es einem Faqih schwerfällt, sie als unerlaubt zu bezeichnen. Ein Beispiel dafür ist folgendes: Wenn ich jemanden sehe, der unverwandt eine ihm fremde Frau anblickt, und ihn frage: „Was tust du?“, und er antwortet: „Ich stille meinen Durst nach Schönheit“, dann muss ich selbstverständlich sagen: „Du begehst zweifellos eine schlechte Tat.“ Wenn ich jedoch einen anderen bei derselben Handlung sehe und ihn frage, worum es ihm gehe, und er antwortet: „Ich möchte sie heiraten“, dann muss ich in diesem Fall sagen, dass deine Handlung nicht unerlaubt ist. Denn er hat einen Grund genannt, der nach der Scharia nicht als unerlaubt bezeichnet werden kann.

Über die zweite Methode der Betrachtung des Bildes des Scheichs hatte ich niemals Zweifel, und auch heute habe ich keine; selbst wenn man einen Zusammenhang mit vielen großen Männern herstellt, ist die auf diese Weise ausgeführte Handlung vollständig unerlaubt. Meiner Ansicht nach haben Allah und Sein Gesandter niemals einen Fehler darin gemacht, die Mittel zur Herstellung und Festigung einer Beziehung zu Allah darzulegen. Warum sollten wir uns also nicht allein auf die von ihnen dargelegten Mittel verlassen? Warum sollten wir uns bemühen, Mittel zu erfinden, die voller Zweifel sind und bei denen schon die geringste Unachtsamkeit den Menschen in eine sichere und offenkundige Irreleitung führen kann?

In diesem Zusammenhang ist die Erörterung grundsätzlich gegenstandslos, dass wir in allen anderen Angelegenheiten das Recht haben, erlaubte Mittel zu ergreifen, um das von der Scharia gesetzte Ziel zu erreichen, und dass wir daher auch bei der Läuterung der Seele und beim Erlangen der Nähe zu Gott das Recht haben müssten, solche Mittel zu verwenden. Dieses Argument ist grundsätzlich fehlerhaft. Denn die beiden Bereiche der Religion sind ihrem Wesen nach verschieden. Der eine Bereich betrifft die Beziehung zu Gott, der zweite die Beziehungen zu den Menschen und zur Welt. Für den ersten Bereich gilt der Grundsatz, dass wir uns auf die von Gott und Seinem Gesandten dargelegten Formen der Anbetung und Methoden verlassen sollen. Wir haben nicht das Recht, daran irgendetwas hinzuzufügen oder wegzulassen. Denn außer dem Koran und der Sunna gibt es für uns kein drittes Mittel, durch das wir Erkenntnis über Gott und über die Methode erlangen könnten, eine Beziehung zu Ihm herzustellen. Jede Verminderung oder Vermehrung in dieser Angelegenheit gehört zur Bidʿa, und jede Bidʿa ist gleichbedeutend mit Irreleitung. Der Grundsatz „Was nicht verboten ist, ist erlaubt“ ist hier nicht anwendbar. Im Gegenteil: Hier gilt der Grundsatz, dass alles, was nicht auf Koran und Sunna beruht, Bidʿa ist. Wenn hier durch Qiyas (das Ableiten eines Urteils aus einem ähnlichen Fall) eine Angelegenheit festgelegt wird, muss sie ebenfalls unbedingt eine Grundlage im Koran und in der Sunna haben. Demgegenüber sind in den Bereichen der Beziehungen zu den Menschen und zur Welt die erlaubten Angelegenheiten klar bestimmt. Befolgt das Gebot, das erteilt wurde. Haltet euch von dem fern, was untersagt wurde. Und wenn zu einer Angelegenheit, zu der kein Gebot erlassen wurde, ein Gebot zu einer ähnlichen Angelegenheit vorliegt, dann zieht daraus einen Qiyas. Oder wenn auch für einen Qiyas keine Möglichkeit besteht, dann nehmt gemäß den allgemeinen Grundsätzen des Islam unter den erlaubten Dingen jene Angelegenheit und Methode an, die ihr mit dem Wesen der islamischen Ordnung vereinbar findet. Der Grund, weshalb uns in diesem Bereich diese Freiheit gewährt wurde, ist, dass wir uns wenigstens in dem Maße die logischen und theoretischen Mittel zur Erkenntnis der Erde, der Menschen und der weltlichen Angelegenheiten aneignen sollen, das uns nach der Erlangung der Führung durch Gottes Buch und die Sunna Seines Gesandten befähigt, das Gute vom Bösen und die Wahrheit von der Lüge zu unterscheiden. Daher sollte diese Freiheit nur auf jenen Bereich beschränkt bleiben. Sie auf den ersten Bereich auszudehnen, alles, was nicht verboten ist, für erlaubt zu halten und auf dem Gebiet der Herstellung einer Beziehung zu Gott neue Methoden zu erfinden oder sie von anderen zu übernehmen, ist ein grundlegender Fehler. Aufgrund dieses Fehlers erfanden die Christen die „Rahbaniyyat“; im Koran wird dies getadelt. (Tarjuman-ul-Quran, Dschumada al-awwal 71 n. H., Februar 1952 n. Chr.)

Eine falsche Anschuldigung und ihre Antwort

Frage

Gegen Sie wird der Vorwurf erhoben, dass Sie in Wirklichkeit für sich selbst den Anspruch erheben, ein Mujaddid oder der Mahdi zu sein. Oder dass Sie aus dem Hintergrund versuchen, die Menschen dazu zu bringen, Sie selbst als Mujaddid oder Mahdi anzuerkennen. Was bedeutet dieser Vorwurf?

Antwort

Im Tarjuman al-Qur’an ist dieser Vorwurf mehrfach zurückgewiesen worden. Deshalb zitiere ich diesmal, statt eine neue Antwort zu geben, lediglich meine früheren Antworten.

Zum ersten Mal äußerte Maulana Munazir Ahsan Gilani im Jahr 1941 aus Mitgefühl und mit gedämpfter Stimme diesen Verdacht mir gegenüber. Darauf erwiderte ich in einem Aufsatz mit dem Titel „Die Beseitigung meines Verdachts“ Folgendes:

„Vielleicht ist durch meine mutigen Worte in Ihnen der Eindruck entstanden, dass ich mich für etwas Großes halte und eine herausragende Stellung anstrebe. Doch alles, was ich tue, tue ich ausschließlich, um die Vergebung meiner Sünden zu erlangen. Meinen eigenen Wert kenne ich sehr gut. Von einer herausragenden Stellung ganz zu schweigen: Selbst wenn ich lediglich der Strafe entkomme, würde ich das bereits als mehr ansehen, als ich zu hoffen gewagt hätte.“

(Tarjuman al-Qur’an, September, Oktober, November 1941)

Danach versuchte Maulana Sayyid Sulaiman Nadwi (r), einen meiner Sätze zu verdrehen und daraus die Bedeutung abzuleiten, dass ich den Anspruch erhebe, ein Mujaddid zu sein. In jenem Satz hatte ich jedoch meine bescheidenen Bemühungen als einen Beitrag zu den Bemühungen um den Tajdid des Din bezeichnet. Als Antwort auf diesen eindeutigen Vorwurf sagte ich:

„Eine Tätigkeit als Tätigkeit des Tajdid zu bezeichnen, bedeutet nicht, dass demjenigen, der die Arbeit des Tajdid verrichtet, auch der Titel Mujaddid verliehen werden muss. Und ein Mujaddid des Jahrhunderts zu sein, ist erst recht eine ganz andere Sache. Ziegel hochzuheben und eine Mauer zu errichten, ist gewiss eine schöpferische Arbeit. Das bedeutet jedoch nicht, dass man denjenigen, der einige Ziegel hochhebt und einsetzt, einen Ingenieur nennen würde – und nicht etwa nur einen gewöhnlichen Ingenieur, sondern den Ingenieur des Jahrhunderts? Ebenso ist es, wenn jemand seine Arbeit als eine Arbeit oder ein Bemühen des Tajdid bezeichnet und sie tatsächlich mit dem Ziel verrichtet, den Tajdid des Din herbeizuführen: Dann ist dies lediglich der Ausdruck einer tatsächlichen Begebenheit. Es bedeutet nicht, dass er den Anspruch erhebt, ein Mujaddid zu sein, oder Mujaddid seines Jahrhunderts werden möchte. Kleingeistige Menschen verrichten zwar eine geringe Arbeit und erheben danach große Ansprüche; ja, sie wünschen sich, in Gestalt von Ansprüchen zu handeln. Von einem verständigen Menschen kann man jedoch nicht erwarten, dass er anstelle des Handelns lediglich Ansprüche erhebt. Viele Menschen haben in Indien und außerhalb Indiens am Tajdid des Din gearbeitet. Auch den Maulana Sahib, den Ankläger, zählen wir dazu. Auch ich habe mich nach Maßgabe meiner Fähigkeiten bemüht, an dieser Aufgabe mitzuwirken, und gegenwärtig bemühen wir uns, diese Arbeit als eine Gemeinschaft einiger Diener des Din zu verrichten. Derjenige wird in Wahrheit ein Mujaddid sein, in dessen Arbeit Allah der Erhabene einen solchen Segen gewährt, dass durch ihn die Arbeit des Tajdid des wahren Din Allahs vollendet wird. Nicht der Anspruch und nicht die Verleihung des Titels Mujaddid an irgendjemanden in dieser Welt sind die eigentliche Sache. Die eigentliche Sache ist vielmehr, dass der Mensch durch eine solche Arbeit zu seinem wahren Herrn gelangt, dass er dort die Würde eines Mujaddid erlangen kann. Für den Maulana bete ich um genau diese Sache. Und wenn auch er für andere darum betet, dass Allah durch ihre Hilfe solche Werke des Din vollbringen lasse, dann wäre das umso besser. Ich wundere mich darüber, dass viele islamische Begriffe grundlos zu Schreckgespenstern gemacht worden sind. Wenn jemand auftritt und den Anspruch erhebt, den Ruhm des römischen Volkes wiederherzustellen, heißen ihn die Verehrer des römischen Nationalismus willkommen. Wenn jemand mit dem Anspruch voranschreitet, die vedische Zivilisation wiederzubeleben, unterstützen ihn die Hindus. Wenn jemand mit dem Wunsch vorangeht, die griechische Kunst wiederzubeleben, ermutigen ihn die Kunstliebhaber. Ist von all diesen reformerischen Tätigkeiten ausgerechnet die Reform des Din Allahs ein solches Verbrechen, dass man sich schämen müsste, ihren Namen auszusprechen, und dass die Anbeter Allahs jeden verfolgen würden, sobald jemand einen solchen Gedanken äußert?“ – (Tarjuman al-Qur’an, Dezember 1841, Januar und Februar 1842)

Trotz dieser eindeutigen Darlegung stellten unsere religiösen Führer ihre Propaganda nicht ein. Denn unter den Waffen, die eingesetzt werden mussten, um die Muslime gegen mich aufzuwiegeln, war auch der Vorwurf, ich hätte irgendeinen Anspruch erhoben. Daher wurde in den Jahren 1945 und 1946 unaufhörlich überall der Verdacht verbreitet, dieser Mann bereite sich darauf vor, den Anspruch zu erheben, der Mahdi zu sein. Dazu schrieb ich in der Juni-Ausgabe des Tarjuman al-Qur’an von 1946:

„Ich habe beschlossen, denen, die solche Verdächtigungen hegen und versuchen, die Menschen von der Einladung der Jamaat-e Islami fernzuhalten, eine so furchtbare Strafe zu bereiten, dass sie ihr keineswegs entkommen können. Diese Strafe besteht darin, dass ich mich, so Allah will, von jeder Art von Anspruch rein bewahren und vor meinem Herrn erscheinen werde. Dann werde ich sehen, welche Rechtfertigung sie vor Allah dafür vorbringen, dass sie solche Verdächtigungen gehegt, sie verbreitet und dadurch Menschen davon abgehalten haben, auf dem Weg der Wahrheit voranzuschreiten.“

Wenn diese Leute auch nur ein gewisses Maß an Gottesfurcht und Glauben an das Jenseits besäßen, wäre dieser Vorwurf nach meiner Antwort nicht noch einmal aus ihrem Mund zu hören gewesen. Doch alle können heute beobachten, wie furchtlos diese Vorwürfe erneut verbreitet werden. Obwohl sie gelesen haben, was ich dazu in den jüngsten Ausgaben des Tarjuman-ul-Quran geschrieben habe, hält keiner von ihnen auch nur ein wenig mit der üblen Nachrede inne. Das Urteil über das Jenseits liegt selbstverständlich in Gottes Hand; doch sagen Sie mir: Besteht angesichts solcher Handlungen irgendeine Hoffnung, dass das Ansehen der Gelehrten in dieser Welt aufrechterhalten bleibt?

Das Bemerkenswerte ist, dass diese Verdächtigungen auf verschiedenen Sätzen des Buches Die islamische Renaissancebewegung begründet werden und seine zitierten Passagen in verschiedenen Farben eingefärbt und öffentlich präsentiert werden, um die Menschen irrezuführen. Dabei stehen auf derselben Seite meine folgenden Worte:

„Das Recht, durch eine Behauptung ein Werk zu beginnen, steht niemandem außer einem Propheten zu, und niemand außer einem Propheten weiß mit Gewissheit, zu welchem Werk er beauftragt worden ist. Der Mahdi ist nichts, was man für sich beanspruchen kann. Meiner Ansicht nach legen sowohl diejenigen, die solche Ansprüche erheben, als auch diejenigen, die daran glauben, ein Zeugnis ihrer geringen Kenntnis und ihres geistigen Verfalls ab.“

Fragen Sie die Leute, die heute Passagen aus meinem Buch zitieren, ob ihnen die darin erwähnten Worte nicht aufgefallen sind. Oder haben sie sie wissentlich verschwiegen? – (Tarjuman-ul-Quran, Dhu l-Qaʿda, Dhu l-Hiddscha, 70 n. H. / September 1951)

Die Zeichen des al-Mahdi und sein Wesen im islamischen System

Frage

In Bezug auf das Erscheinen des Imam Mahdi besteht hinsichtlich dessen, was Sie im Buch Die islamische Renaissancebewegung geschrieben haben, Anlass zu anderer Auffassung. Sie sind nicht bereit, irgendein besonderes Zeichen für den Mahdi anzuerkennen. Doch in den Hadithen werden die Zeichen des Mahdi eindeutig erwähnt. Wie können diese Hadithe in diesem Fall umgangen werden?

Antwort

Die Hadith-Analytiker haben die überlieferten Aussagen über das Erscheinen des Imam Mahdi so scharf kritisiert, dass eine Gruppe unter ihnen das Erscheinen des Imam Mahdi überhaupt nicht anerkennt. Nach einer Kritik an den Überlieferern dieser Hadithe zeigt sich, dass die meisten von ihnen der schiitischen Gemeinschaft angehörten. Auch aus der Betrachtung der Geschichte wird ersichtlich, dass jede Gruppe diese Hadithe zur Durchsetzung ihrer politischen und religiösen Interessen benutzt und versucht hat, die entsprechenden Merkmale einer ihrer eigenen Personen zuzuschreiben. Aus diesen Gründen bin ich zu dem Schluss gelangt, dass die Überlieferungen über das bloße Erscheinen des Imam Mahdi wahr sind, dass jedoch die meisten Überlieferungen über die ausführlichen Merkmale wahrscheinlich erfunden sind und von Interessengruppen vermutlich später den ursprünglichen Worten des edlen Propheten hinzugefügt wurden. Auch in den Schriften jener Menschen, die in verschiedenen Zeitaltern fälschlich den Anspruch erhoben haben, der Mahdi zu sein, ist zu erkennen, dass gerade diese Überlieferungen die Grundlage für all ihre Unruhestiftung geliefert haben.

Nachdem ich die Weissagungen des Propheten (s) eingehend betrachtet habe, stellte ich fest, dass ihre Art niemals derjenigen der Hadithe über das Erscheinen des Mahdi gleicht. Der edle Prophet (s) hat niemals die Merkmale einer kommenden Person oder Sache auf diese Weise ausführlich beschrieben. Gewiss pflegte er die großen grundlegenden Merkmale zu nennen, doch eine detaillierte Schilderung von Einzelheiten war nicht seine Vorgehensweise.

Frage

Im Buch „Die islamische Renaissancebewegung“ wird die Notwendigkeit des Erscheinens des Mahdi anerkannt, doch es wurde versucht, seine Aufgabe ohne Bezug auf Hadithe lediglich mit eigenen Worten zu schildern. Es wäre angemessen, dies im Licht der Hadithe darzustellen. Darüber hinaus wurde weder der Rang des Mahdi noch seine besonderen Eigenschaften oder die Notwendigkeit des Gehorsams ihm gegenüber erörtert; vielmehr wurde er den gewöhnlichen Mujaddids gleichgestellt. Obwohl die Einteilung in vollkommene und unvollkommene Mujaddids den Eindruck erwecken kann, dass das Wort Mujaddid hier vielleicht in seiner lexikalischen und nicht in seiner terminologischen Bedeutung verwendet wurde, bleibt doch die Frage: Wenn ein Mujaddid nicht sündlos ist, während der Mahdi sündlos sein muss, wie kann der Mahdi trotz dieses klaren Unterschieds in die Reihe der Mujaddids aufgenommen werden?

Antwort

Erstens sollte man über das in den Hadithen verwendete Wort Mahdi nachdenken. Der edle Prophet (s) verwendete das Wort Mahdi. Es bedeutet „rechtgeleitet“; das Wort „Hadi“ wurde nicht verwendet. Jeder Mensch, der den rechten Weg beschreitet, kann ein Mahdi sein. Allenfalls wurde das Wort al-Mahdi verwendet, um seine besondere Eigenschaft zu kennzeichnen. Damit sollte in erster Linie eine besondere Eigenschaft des Kommenden zum Ausdruck gebracht werden. Über diese besondere Eigenschaft heißt es im Hadith, dass der Kommende, nachdem die auf der prophetischen Methode beruhende Ordnung des Kalifats (Khilafat ala Minhaj an-Nubuwwa) zerfallen und die Erde mit Unterdrückung und Tyrannei erfüllt sein wird, das Kalifat erneut nach der Methode der Prophetie errichten und die Erde mit Recht und Gerechtigkeit erfüllen wird. Um ihn als eine besondere Persönlichkeit zu kennzeichnen, wurde daher dem Wort Mahdi der Artikel al- vorangestellt. Es ist jedoch falsch anzunehmen, dass im Islam unter dem Namen Mahdi ein ehrenvolles Amt geschaffen worden sei und dass der Glaube an ihn und die Kenntnis über ihn ebenso wie der Glaube an die Propheten und der Gehorsam ihnen gegenüber eine Voraussetzung für Erlösung sowie für Islam und Iman seien. Ebenso gibt es in den Hadithen keinerlei Grundlage für die Vorstellung, der Mahdi werde ein sündloser Imam sein. Die Vorstellung von der Sündlosigkeit der Nichtpropheten ist in Wahrheit rein schiitischen Ursprungs. Im Koran und in der Sunna findet sich dafür kein Hinweis.

Man sollte gut verstehen, dass Allah die Verantwortung dafür übernommen hat, die Dinge darzulegen, von denen Iman und Kufr abhängen und von denen die Erlösung der Menschen abhängt. Diese Dinge sind im Koran dargelegt. Auch im Koran wurden sie nicht bloß durch Andeutungen und Hinweise beschrieben, sondern in eindeutiger und klarer Sprache. Allah selbst sagt: „Mir obliegt es, die Menschen auf den rechten Weg zu führen.“ Daher muss für eine Angelegenheit, die im Islam diesen Stellenwert erreicht, unbedingt ein Beweis aus dem Koran erbracht werden. Was die Grundlage für Iman und Kufr bildet, kann nicht allein auf einen Hadith gestützt werden. Ein Hadith gelangt durch einige Personen von einigen Personen zu anderen. Daraus kann man höchstens eine zutreffende Vorstellung gewinnen, aber kein sicheres Wissen. Es versteht sich von selbst, dass Allah seine Diener niemals in Bedrängnis bringen will. Angelegenheiten, die für Ihn so wichtig sind, dass durch sie der Unterschied zwischen Iman und Kufr entsteht, kann Er nicht den Aussagen nur einiger weniger Personen überlassen. Angelegenheiten von solcher Bedeutung wird Allah gewiss in eindeutiger Sprache in Seinem Buch darlegen. Der Gesandte Allahs wird sie als die eigentliche Aufgabe seines Prophetentums umfassend und öffentlich verkünden, und sie werden jedem Muslim auf völlig zweifelsfreie Weise übermittelt werden.

Wie sehr man die Aussagen über den Mahdi auch durch gezwungene und weit hergeholte Auslegungen zu erklären versucht, jeder kann erkennen, dass seine Stellung im Islam nicht derart ist, dass das Muslimsein und die Erlösung eines Menschen davon abhängen würden, ihn zu kennen und anzuerkennen. Hätte er diese Stellung, so wäre dies im Koran in eindeutiger Sprache dargelegt worden, und der edle Prophet (s) hätte es nicht für ausreichend erachtet, dies nur einigen wenigen Menschen mitzuteilen; vielmehr hätte er alles darangesetzt, es der gesamten Umma zu übermitteln. Bei der Verkündung von Tauhid und Akhira sehen wir ihn auf eine bestimmte Weise handeln; bei der Verkündung dieser Angelegenheit hätten wir ihn genau ebenso handeln sehen. Tatsächlich kann jemand, der auch nur einen etwas tieferen Einblick in das islamische Wissen besitzt, keinen Augenblick lang glauben, dass eine Angelegenheit, die im Islam von so großer Bedeutung ist, einfach dem Khabar al-Wahid überlassen werden könne (einem Hadith, dessen Überliefererkette auf einer bestimmten Stufe bei nur einer, zwei oder drei Personen ankommt). Und selbst der Khabar al-Wahid ist von solcher Art, dass Hadith-Gelehrte wie Imam Muslim (r) es nicht einmal vorzogen, diese in ihre Sammlungen aufzunehmen. (Tarjuman al-Quran, Rabi al-Awwal, Dschumada al-Achira 1364 n. H.; März–Juni 1945.)

Das Mahdi-Problem

Frage

Einige fromme und aufrichtige Menschen haben im Lichte der Hadithe Einwände gegen Ihre Ausführungen über den Imam Mahdi in dem Buch „Islamische Renaissancebewegung“ erhoben. Ich lege Ihnen ihre Einwände vor. Hinter dieser Äußerung steht mein Bewusstsein, dass die Befolgung der Scharia im gesamten Werk des Aufrufs zur Errichtung der Religion unerlässlich ist. Daher muss alles, was aus Ihrer Feder hervorgeht, der Scharia entsprechen. Und falls Ihre Feder jemals eine fehlerhafte Auffassung zum Ausdruck bringt, darf es keinerlei Zögern geben, diese zu korrigieren.

(1) Was Sie auf den Seiten 31 bis 33 über den Imam Mahdi geschrieben haben, widerspricht nach unserem Wissen den Hadithen. In diesem Zusammenhang habe ich sämtliche Hadithe von Tirmidhi und Abu Dawud studiert. Daraus geht hervor, dass einige Hadith-Überlieferer gewiss der Charidschiten- oder der Schia-Gemeinschaft angehörten; doch in Abu Dawud und Tirmidhi gibt es gewiss Hadithe, deren Überlieferer vertrauenswürdig und wahrhaftig sind. Diese beweisen nicht die Richtigkeit Ihrer Auffassung, sondern widersprechen ihr. Sehen Sie sich beispielsweise den Hadith von Abu Dawud an:

————————————————————-

(1) Lesen Sie in der gegenwärtigen Ausgabe von Seite 23 bis Seite 25, von diesem Hadith bis zum letzten Hadith. Sie werden sehen, dass alle Überlieferer vertrauenswürdig sind. Außerdem wurde eine Überlieferung von Baihaqi in Mishkats Kitab al-Fitan angeführt:

Der Mahdi wird sich seiner Eigenschaft als Mahdi nicht bewusst sein. Die oben genannten Hadithe widersprechen Ihrer Aussage. Beachten Sie insbesondere diese Worte:

————————————— Verstehen Sie außerdem diese Worte aus einer Überlieferung von Tirmidhi:

—————————————

(2) Sie haben gesagt, dass der Mahdi ein Führer modernen Typs sein werde usw. Für diese Behauptung gibt es keinen Hadith. Falls es einen gibt, teilen Sie ihn bitte schriftlich mit. Ein konkreter Beweis zugunsten derjenigen, die eine der Ihren entgegengesetzte Meinung vertreten, besteht darin, dass alle bisherigen Mujaddids hauptsächlich der Gruppe der Sufis angehörten.

(3) Aufgrund Ihrer Aussage, dass er ein Führer modernen Typs sein werde, wird vermutet, dass Sie selbst behaupten werden, Imam Mahdi zu sein.

(4) In dem Buch „Alamát-e Qiyamat“ (Autor: Maulana Schah Rafiuddin, Übersetzer: Maulwi Nur Muhammad) werden unter Berufung auf Muslim und Buchari mehrere Hadithe über Imam Mahdi angeführt. Nach einer Untersuchung habe ich jedoch in Muslim und Buchari keinen solchen Hadith gefunden. In einem in diesem Buch zitierten Hadith heißt es, dass zum Zeitpunkt der Bai’a auf den Mahdi eine Stimme vom Himmel erschallen werde:

—————————–

Was ist Ihre Meinung zu diesem Hadith?

Antwort

(1) Über die Hadithe bezüglich Imam Mahdi, die in verschiedenen Hadith-Sammlungen niedergeschrieben wurden, habe ich bereits eine Zusammenfassung meiner Untersuchung vorgelegt. Wer es für ausreichend hält, zur Anerkennung einer Aussage über Imam Mahdi lediglich deren Erwähnung in irgendeinem Hadith-Buch zu finden, oder wer zur Erfüllung der Pflicht zur Untersuchung lediglich wissen möchte, ob die Überlieferer wahrhaftig sind, für den ist es zulässig, einen Glauben derjenigen Art zu haben, die er in den Hadithen vorgefunden hat. Wer jedoch all diese Hadithe zusammenträgt, sie vergleichend untersucht und dabei in vielen Fällen Widersprüche unter ihnen feststellt, und wer darüber hinaus die vollständige Geschichte des Konflikts zwischen den Banu Fatima, den Banu Abbas und den Banu Umayya vor Augen hat und klar erkennt, dass es in diesem Konflikt unzählige Hadithe zugunsten der verschiedenen Parteien gibt und dass die Mehrheit der Überlieferer offen mit einer der Parteien verbunden war, für den ist es schwierig, sämtliche Einzelheiten dieser Hadithe als fehlerfrei anzunehmen. Auch unter den Hadithen, die Sie selbst überliefert haben, findet sich die Erwähnung schwarzer Banner. Aus der Geschichte ist bekannt, dass das schwarze Banner das Wahrzeichen der Banu Abbas war. Außerdem ist aus der Geschichte bekannt, dass man unter Berufung auf solche Hadithe den Versuch unternahm, den Abbasidenkönig al-Mahdi als den verheißenen Mahdi zu beweisen. Wenn nun jemand darauf besteht, diese Angelegenheit anzuerkennen, so kann er dies tun und die Auffassung zurückweisen, die ich in dem Buch „Islami Renaissance-Bewegung“ geäußert habe. Es gibt keinen Grundsatz, wonach meine Meinung in jeder historischen, theoretischen oder fiqhbezogenen Angelegenheit für alle verbindlich sein müsse. Wenn jemand meine Untersuchung in diesen Fragen nicht überzeugend findet, bedeutet das keineswegs, dass es ihm deshalb verboten wäre, bei den Bemühungen zur Errichtung des Islam mit mir zusammenzuarbeiten. Dass unter den Gelehrten in den Wissenschaften des Hadith, der Tafsir, des Fiqh und ähnlichen Disziplinen unterschiedliche Meinungen entstanden sind, ist keine neue Erscheinung unserer Zeit.

(2) Wenn ich sage, dass der verheißene Mahdi ein Führer modernen Typs sein wird, bedeutet das nicht, dass er seinen Bart abrasieren, einen Anzug tragen und sich nach der neuesten Mode richten wird. Vielmehr bedeutet es, dass er mit den wissenschaftlichen und sonstigen Kenntnissen, den Verhältnissen und den Erfordernissen der Zeit, in der er geboren wird, vollständig vertraut sein wird. Er wird eine praktische, seiner Zeit entsprechende Vorgehensweise annehmen und die durch zeitgenössische wissenschaftliche Forschung und Untersuchung entdeckten Geräte, Mittel und Hilfsmittel verwenden. Dies ist eine unwiderlegbare und vernünftige Aussage. Dafür ist kein Hadith erforderlich. Wenn der edle Prophet (s) die Gräben, den schweren Rammbock, das Steinschleudergerät und dergleichen seiner Zeit verwenden konnte, dann kann auch derjenige, der in irgendeiner kommenden Zeit voranschreitet, um die ihm obliegende Aufgabe als Nachfolger des edlen Propheten zu erfüllen, nicht handeln, ohne mit Panzern, Flugzeugen, den wissenschaftlichen Erkenntnissen sowie den zeitgenössischen Verhältnissen und Angelegenheiten vertraut zu sein. Die modernsten Mittel und Hilfsmittel der Macht zu erwerben und moderne Wissenschaft, Industrie und Arbeitsmethoden einzusetzen, um den eigenen Einfluss auszuweiten, ist der natürliche Weg, die Ziele einer Gruppe zu verwirklichen und den Sieg einer Bewegung zu erringen.

(3) Auf Ihre Aussage, dass man deshalb vermute, du selbst würdest den Anspruch erheben, Imam Mahdi zu sein, kann ich nur erwidern, dass eine solche Vermutung nicht von jemandem geäußert werden kann, der Gott fürchtet, sich seiner Verantwortung vor Gott bewusst ist und auch Gottes folgende Anweisung im Gedächtnis behält: ——————————————- Das heißt: „Haltet euch von den meisten Vermutungen fern; gewiss, manche Vermutungen sind Sünde.“ Denjenigen, die solche Vermutungen geäußert und versucht haben, die Menschen von der Einladung der Jamaat-e-Islami fernzuhalten, habe ich eine so schreckliche Strafe zugedacht, dass sie ihr keineswegs entkommen können. Diese Strafe besteht darin, dass ich mich, so Gott will, von allen Ansprüchen frei von Gottes Angesicht begeben werde. Danach werde ich sehen, welche Rechtfertigung diese Leute vor Gott für ihre Vermutungen und dafür vorbringen, dass sie durch deren Verbreitung die Menschen daran hinderten, den Weg der Wahrheit zu beschreiten.

(4) Zu dem Hadith, der in dem Buch „Zeichen des Jüngsten Tages“ angeführt wird, kann ich weder etwas Positives noch etwas Negatives sagen. Wenn er authentisch ist und der edle Prophet (s) tatsächlich die Nachricht übermittelt hat, dass bei der Huldigung des Mahdi eine Stimme vom Himmel ertönen wird, die sagt: Das ist Allahs Statthalter, der Mahdi; hört auf ihn und gehorcht ihm!, dann ist das Urteil, das ich in dem Buch „Islamische Renaissancebewegung“ hierzu vorgelegt habe, falsch. Ich hoffe jedoch nicht, dass der edle Prophet (s) so etwas gesagt haben wird. Aus dem Studium des Korans ist ersichtlich, dass bei der Ankunft keines Propheten eine solche Stimme vom Himmel ertönt ist. Nach dem letzten Propheten, dem geehrten Muhammad (s), wird es keine zweite Gelegenheit geben, zwischen Glauben und Unglauben zu unterscheiden; dennoch war bei seiner Ankunft keine solche Stimme vom Himmel zu hören. Die Götzendiener von Mekka pflegten zu fordern, dass ein Engel bei Ihnen sein müsse, der ihnen mitteile, dass dieser der Prophet Gottes sei. Oder es müsse ein so deutliches Zeichen geben, aus dem sich unzweideutig erkennen lasse, dass Sie ein Prophet seien. Allah jedoch wies all diese Forderungen zurück und erklärte an verschiedenen Stellen des Korans die Gründe dafür, sie nicht anzunehmen: Eine Methode, bei der die Wahrheit vollständig enthüllt wird, sodass keine Möglichkeit einer verstandesmäßigen Prüfung bleibt, widerspricht der Weisheit Gottes. Wie kann man nun akzeptieren, dass Allah diese Seine Regel einzig im Fall des Imam Mahdi ändern und bei seiner Huldigung vom Himmel verkünden werde: Das ist Allahs Statthalter, der Mahdi; hört auf ihn und gehorcht ihm! (Tarjuman al-Quran, Radschab 1365 n. H., Juni 1946.)

Ende