Einige Worte zur dritten bengalischen Ausgabe
Das berühmte Werk Sīrat-e Sarwar-e ʿĀlam des Maulana Sayyid Abul Aʿla Maududi (r.) hatten wir in bengalischer Sprache in drei Bänden, nämlich als 3., 4. und 5. Band, veröffentlicht. Im Hinblick auf die Bequemlichkeit der Leser haben wir nun beschlossen, den 3. und 4. bengalischen Band künftig in einem einzigen Band zu veröffentlichen; diese Ausgabe erscheint dementsprechend.
Im ersten bengalischen Band wurde im Wesentlichen eine theoretische Erörterung über das Prophetentum und die Gesandtschaft behandelt. Im zweiten Band wurde die Geschichte des Untergangs vergangener Völker behandelt. Ab dem dritten Band beginnt die Darstellung der Geschichte der Sīra von Muhammad, dem Gesandten Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm).
Die in Dhaka ansässige Sayyid Abul Aʿla Maududi Research Academy hat geplant, sämtliche Werke des Maulana den bengalischsprachigen Lesern schnell zugänglich zu machen. Inzwischen sind alhamdulillah alle seine Werke ins Bengalische übersetzt und veröffentlicht worden. Das vorliegende Werk wurde von dem engen Mitarbeiter des Maulana, dem angesehenen Schriftsteller Herrn Abbas Ali Khan, übersetzt. Über seine hervorragende Beherrschung der Übersetzungsarbeit, seine meisterhafte Wortwahl und seine kraftvolle Sprache müssen wir den verehrten Lesern wohl nichts Neues sagen.
Wir danken Allah, dem Erhabenen, dafür, dass wir dieses Werk veröffentlichen konnten. Möge Er allen Lesern dieses Werkes die Fähigkeit schenken, die wahre Mission des Prophetentums zu verstehen. Amin.
Abdus Shahid Nasim
Direktor
Sayyid Abul Aʿla Maududi Research Academy.
19.10.2000 n. Chr.
Der Islam ist im Grunde der Name jener Bewegung, die das gesamte Gebäude des menschlichen Lebens auf der Vorstellung und dem Glauben an die Souveränität des einen Allah errichten will. Diese Bewegung besteht seit frühester Zeit auf derselben Grundlage und nach derselben Methode fort. Geleitet wurde sie von jenen, die Allahs Propheten und Gesandte genannt werden. Wenn wir diese Bewegung leiten müssen, müssen wir zwangsläufig der Vorgehensweise jener Führer folgen. Denn abgesehen davon gibt es für diese besondere Art von Bewegung keine andere Vorgehensweise und kann es auch keine geben. Wenn wir in dieser Hinsicht versuchen, den Spuren der ehrwürdigen Propheten (a.s.) nachzugehen, stoßen wir auf gewaltige Schwierigkeiten. Über das Wirken der Propheten, die in alter Zeit ihr Leben verbrachten, können wir nicht viel erfahren. Im Koran finden sich einige kurze Hinweise. Doch daraus lässt sich der gesamte Plan nicht erschließen. Im Neuen Testament der Bibel finden sich einige unzuverlässige Aussprüche des Jesus (a.s.), die anhand einiger Belege einen Aspekt beleuchten, nämlich wie die islamische Bewegung in ihrer allerersten Phase geführt werden kann und welchen Problemen sie dabei begegnen muss. Doch mit den Problemen der späteren Phase musste Jesus (a.s.) nicht konfrontiert werden, und darüber findet sich auch kein Hinweis. In dieser Angelegenheit erhalten wir nur aus einer einzigen Quelle eine klare und vollständige Anleitung, und zwar aus dem Leben des Propheten Muhammad Mustafa (s.a.s.). Unsere Hinwendung zu ihm erfolgt nicht nur aus Verehrung für ihn; vielmehr sind wir tatsächlich dazu verpflichtet, uns ihm zuzuwenden, um Wissen über die Höhen und Tiefen dieses Weges zu erlangen. Unter allen Führern der islamischen Bewegung ist der Prophet Muhammad (s.a.s.) der einzige Führer, in dessen Leben wir eine vollständige und äußerst zuverlässige Darstellung jedes einzelnen Aspekts finden können – von der anfänglichen Einladung zu dieser Bewegung bis zur Errichtung des islamischen Staates und danach bis hin zur Struktur des Staates, seiner Verfassung, seiner Innen- und Außenpolitik sowie den Grundsätzen und Methoden der Staatsführung.
Vorwort
Herr Na’im Siddiqi und Herr Abdul Wakil Alawi haben die Erörterungen über Risalat und die gesegnete Sira aus meinen verschiedenen Schriften auf wunderbare Weise zusammengetragen und den ersten Teil dieses Werkes (auf Bengalisch die Bände 1 und 2) erstellt. Dort sah ich keinen besonderen Bedarf für Erweiterungen und Überarbeitungen.
Doch die von ihnen für diesen Band zusammengestellten Texte wiesen stellenweise Lücken auf. Mit solchen Lücken kann keinesfalls ein Sira-Werk verfasst werden. Daher habe ich umfangreiche Ergänzungen und Erweiterungen vorgenommen. Nun ist daraus ein zusammenhängendes und fortlaufendes Sira-Werk geworden.
Dieser (ursprüngliche) zweite Band endet mit der Darstellung der Hidschra. Unmittelbar danach beginnt das medinensische Kapitel. Dieses Kapitel ist im Grunde wie ein uferloses Meer. Ich bitte den Erhabenen Allah darum, mir die Kraft und Tawfiq zu schenken, dieses Werk zu vollenden, und es für Seine Diener segensreich zu machen.
Abul A’la
Im Namen Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen
Erstes Kapitel
In welchem Rang präsentiert der Koran seinen Überbringer?
Auf der Welt werden seit jeher solche frommen und reinen Gelehrten geboren, die den Menschen durch ihre Worte und Taten den geraden, einfachen Weg der Wahrheit und Aufrichtigkeit gezeigt haben. Doch in den meisten Fällen haben die Menschen sich ihnen nicht nur entgegengestellt, ihre Botschaft missachtet, sie zurückgewiesen und versucht, sie durch Leid und Qual vom Weg der Wahrheit abzubringen; vielmehr haben auch ihre gläubigen Anhänger sie bedrängt, indem sie nach ihrem Fortgang ihre Lehren und Unterweisungen entstellten, ihre Rechtleitung veränderten, die von ihnen gebrachten Schriften falsch auslegten und ihre eigene Persönlichkeit zum Spielzeug der Neugier machten, indem sie sie mit einem göttlichen Anstrich versahen. Die erste Art von Unrecht war auf die Lebenszeit jener reinen und frommen Gelehrten oder höchstens auf einige Jahre nach ihrem Tod beschränkt. Die zweite Art dieses Unrechts jedoch dauert seit ihrem Hinscheiden Jahrhundert um Jahrhundert an, und vielen von ihnen wird dieses Unrecht bis heute zugefügt.
Alle Wahrheitsrufer, die bis heute auf der Welt gesandt wurden, haben ihr Leben damit verbracht, die Göttlichkeit jener falschen Götter zu beseitigen, die die Menschen anstelle des einen Gottes zu Göttern gemacht hatten. Doch stets geschah es, dass ihre Anhänger sie nach ihrem Abschied aus dieser Welt aufgrund unwissender Glaubensvorstellungen selbst zu Göttern oder zu Teilhabern Gottes machten. Sie reihten auch sie unter jene Götzen ein, deren Zerschlagung sie ihr ganzes Leben lang angestrebt hatten.
Die eigentliche Tatsache ist, dass der Mensch von einer gewissen Unsicherheit und einem gewissen Zweifel befallen ist und kaum an die Möglichkeit und das Vorhandensein von Reinheit und engelsgleichen Eigenschaften im Menschen glaubt. Er betrachtet sich selbst lediglich als eine Ansammlung von Schwäche und Minderwertigkeit. Sein Geist bleibt der Erkenntnis und dem Glauben an diese große Wahrheit beraubt, dass der erhabene Schöpfer in seinem aus Erde geschaffenen Körper solche Kräfte geschaffen hat, die ihn trotz seiner Menschlichkeit und menschlichen Eigenschaften mit einem höheren Rang als die Engel der erhabenen Welt auszeichnen können, die Allah nahe sind. Deshalb haben die Volksgenossen eines Menschen, der auf der Welt für sich in Anspruch nahm, ein Gesandter Gottes zu sein, sich gänzlich geweigert, ihn als von Gott gesandt anzuerkennen, weil sie ihn als einen Menschen aus Fleisch und Blut wie sich selbst sahen. Als sie schließlich angesichts des Ausdrucks außergewöhnlich edler Eigenschaften in seinem Wesen ehrfürchtig ihr Haupt neigten, bemerkten sie, dass jemand mit solchen außergewöhnlichen Eigenschaften niemals ein Mensch sein könne. Daraufhin machte die eine Gruppe ihn zu Gott; andere ersannen die Vorstellung der Seelenwanderung und glaubten, Gott habe sich in seiner Gestalt offenbart. Wieder andere vertraten die Vorstellung, dass er göttliche Eigenschaften und göttliche Befugnisse und Herrschaftsrechte besitze. Wieder andere verkündeten, er sei der Sohn Gottes. (Gepriesen und erhaben ist Er über das, was sie Ihm zuschreiben.)
Die Vorstellungen verschiedener Religionsanhänger über ihre Religionsstifter
Wenn man die Lebensgeschichte irgendeines religiösen Führers der Welt betrachtet, stellt man fest, dass ihm von seinen gläubigen Anhängern das größte Unrecht zugefügt wurde. Sie haben ihn mit einer so dicken Schicht haltloser Vorstellungen und abergläubischer Erfindungen überzogen, dass seine wirkliche Gestalt, seine Erscheinung und seine Persönlichkeit kaum noch erkennbar sind. Nicht nur das: Aus ihren entstellten und veränderten Schriften können wir nicht einmal erfahren, wer er selbst eigentlich war. Seine Geburt, Kindheit, Jugend und sein Alter sind allesamt von äußerstem Wunderbaren umhüllt. Jede Aussage und jede Tat seines Lebens ist von Wundern erfüllt, und selbst sein Tod ist von Wundersamkeit umgeben. Kurz gesagt, von Anfang bis Ende scheint alles eine erfundene Geschichte zu sein. Er wird in einer solchen Gestalt präsentiert, als sei er selbst Gott oder der Sohn Gottes gewesen, oder als habe Gott seine Gestalt angenommen und sich offenbart, oder als sei er zumindest in gewissem Maß an den göttlichen Eigenschaften beteiligt gewesen.
Buddha
Nehmen wir Gautama Buddha. Nach einem eingehenden Studium des Buddhismus lässt sich zumindest so viel vermuten, dass dieser entschlossene Mann viele Mängel des Brahmanismus korrigierte und insbesondere die Göttlichkeit jener zahllosen Wesen leugnete, die die Menschen jener Zeit zu ihren Göttern gemacht hatten. Doch kaum war nach seinem Tod ein Jahrhundert vergangen, da veränderten seine Anhänger auf der Versammlung von Vaiśālī seine gesamten Lehren und Unterweisungen, verfassten anstelle der ursprünglichen Lehrsätze neue und nahmen in den Haupt- und Nebenlehren nach ihrem eigenen Verlangen und ihren eigenen Vorstellungen beliebige Änderungen und Erweiterungen vor. Einerseits bekannten sie sich im Namen Buddhas zu Glaubensvorstellungen ihrer Religion, in denen die Existenz Gottes überhaupt nicht anerkannt wurde, und andererseits erklärten sie Buddha zu einem Allwissenden, zum Lenker des Weltalls und zu einem Wesen, das in jedem Zeitalter in der Gestalt Buddhas erscheint, um auf der Welt Reformen herbeizuführen. Über seine Geburt, sein Leben sowie seine vergangenen und künftigen Geburten wurden derart absonderliche Geschichten erfunden, dass der gelehrte Forscher Professor Wilson nach ihrer Lektüre erstaunt bemerkte, in der Geschichte lasse sich überhaupt keine Existenz des wirklichen Buddha finden. Innerhalb von drei oder vier Jahrhunderten haben diese sagenhaften Erzählungen Buddha mit göttlichen Zügen ausgestattet. Während der Herrschaft Kaniṣkas fand in Kaschmir eine Versammlung hochrangiger buddhistischer Würdenträger und Führer statt. Dort wurde der Beschluss verkündet, dass er in Wirklichkeit eine übernatürliche oder körperliche Manifestation Bhagavans sei. Mit anderen Worten: Bhagavan offenbare sich im Körper Buddhas.
Rama
Eine solche Behandlung wurde auch Rama zuteil. Beim Lesen des Ramayana wird deutlich, dass König Rama lediglich ein Mensch war. Zwar war er mit den Tugenden der Großherzigkeit, Gerechtigkeit, Tapferkeit, Freigebigkeit, Bescheidenheit, Sanftmut, Geduld, Nachsicht und Aufopferung ausgestattet. Doch nicht die geringste Spur von Göttlichkeit oder Gottheit war in ihm vorhanden. Die Verbindung menschlicher Eigenschaften mit einer solchen Fülle dieser Tugenden nahm jedoch eine derartige rätselhafte Gestalt an, dass der gesunde Menschenverstand der Inder an ihrer Lösung scheiterte. Daher wurde einige Zeit nach Ramas Tod der Glaube vertreten, Vishnu habe in ihm [nach dem gegenwärtigen religiösen Glauben der Hindus wird Vishnu als der erhaltende Gott oder die Gottheit der Welt bezeichnet. Möglicherweise lag dem ursprünglich die Vorstellung von Allahs Rububiyya zugrunde, die später als eine dauerhafte Persönlichkeit betrachtet wurde. Der Ursprung des Götzenkults unter den Hindus liegt darin, dass die einzelnen Eigenschaften Allahs von Seinem eigentlichen Wesen getrennt und jeweils als ein eigener Gott oder eine eigene Gottheit bezeichnet wurden. – Der Verfasser.] Gestalt angenommen. Und er sei eines jener Wesen, in deren Gestalt Vishnu zu verschiedenen Zeiten erscheint, um die menschliche Welt zu reformieren.
Krishna
In dieser Hinsicht ist Shri Krishna im Vergleich zu den beiden Genannten noch stärker Unrecht widerfahren. Nach wiederholten Verfälschungen, Bearbeitungen und Verstümmelungen ist die Bhagavad-Gita in der Gestalt zu uns gelangt, in der sie heute vorliegt. Bei eingehendem Studium lässt sich zumindest so viel erkennen, dass Shri Krishna ein Monotheist war und verkündete, der große Schöpfer sei ein souveränes und allmächtiges Wesen. Doch der Mahabharata, die Vishnu-Purana, die Bhagavata-Purana und auch die Gita selbst stellen ihn so dar, dass er einerseits als körperliche Erscheinung Vishnus, als Schöpfer und Lenker der Schöpfung erscheint, während ihm andererseits derartige Schwächen zugeschrieben werden, dass es äußerst schwerfällt, ihn – von Gott ganz zu schweigen – überhaupt als einen Menschen von reiner Gesinnung anzuerkennen. Von Shri Krishna finden sich in der Gita die folgenden Aussprüche:
Ich allein bin der Vater, die Mutter und der Schöpfer dieser Welt. Was immer erkennbar und heilig ist, das bin ich. Ich bin der Laut Brahman, Om; ich bin der Rig-, der Sama- und der Yajurveda. Ich bin das höchste Ziel und der Lenker aller Lebewesen. Ich bin der Herr, der Aufenthaltsort aller Wesen und der Beobachter ihres Guten und Bösen. Ich bin der Beschützer und Wohltäter. Ich bin der Schöpfer und der Vernichter. Ich bin die Grundlage und der Ort der Auflösung. Ich bin die unvergängliche Ursache der Welt. In Gestalt der Sonne strahle ich Hitze aus, ziehe Wolken heran und lasse Regen fallen. Ich bin die Unsterblichkeit der Götter und der Tod der Sterblichen. Ich bin die unvergängliche Seele. Ich bin die vergängliche Welt. (Gita 9:17–19; siehe dort.)
Keiner der Götter, angefangen mit Brahma, und keiner der großen Weisen, angefangen mit Bhrigu, kennt die Wahrheit über meinen Ursprung. Denn ich bin die ursprüngliche Ursache aller Arten von Göttern und großen Weisen. Wer mich als anfangslos, ungeboren und als den höchsten Herrn aller Welten erkennt, wird unter den Menschen frei von Täuschung und von jeder Art Sünde erlöst. (Gita 10:2–3)
O Arjuna, der du deine Sinne beherrschst! Ich allein bin die bewusstseinsvolle Seele, die im Herzen aller Lebewesen wohnt, und ich bin Ursprung, Bestand und Vernichtung der Lebewesen. Unter den zwölf Adityas bin ich der Aditya namens Vishnu. Unter den Himmelskörpern bin ich die strahlende Sonne. Unter den neunundvierzig Winden bin ich Marīci, und unter den Sternen bin ich der Mond. (Gita 10:20–21)
Ich bin der König unter den Nāgas. Unter den unendlichen Wasserwesen bin ich König Varuṇa – ich umfasse nur einen Teil dieses gesamten Universums. (Gita, 10:29–44)
Durch diese in der Gita enthaltenen Worte hat Krishna den Anspruch erhoben, Bhagavān zu sein. [Wenn die Gita behaupten würde, dass sie das Buch Gottes und Śrī Krishna dessen Überbringer sei, dann würden die oben angeführten Worte als Worte Gottes gelten, und Krishna würde kein Anspruch auf Göttlichkeit zugeschrieben. Das Problem besteht jedoch darin, dass dieses Buch sich selbst als eine Sammlung der Unterweisungen Śrī Krishnas darstellt. Nirgendwo im gesamten Buch wird auch nur im Geringsten gesagt, dass es sich um Gottes Worte handelt oder dass es durch Offenbarung und Eingebung auf Śrī Krishna herabgesandt wurde. – Der Verfasser.] Andererseits stellt das Bhāgavata Purāṇa denselben Śrī Krishna so dar, dass er während des Badens die Kleidung der Gopīs versteckt. Er verkörpert sich in so vielen Gopīs, um mit ihnen sexuellen Genuss zu haben. Als König Parīkṣit Śukadeva fragte: „Bhagavān erscheint doch in Gestalt einer Inkarnation, um die wahre Religion zu verkünden. Wie kann er aber ein Bhagavān sein, der alle Grundsätze der Religion verletzt und eine unerlaubte Beziehung mit den Ehefrauen anderer Männer eingeht?“
Um diesen Vorwurf zu widerlegen, muss der Weise zu dem Kunstgriff greifen, dass sogar die Götter bisweilen vom Weg der Tugend abweichen. Ihre Sünden hinterlassen jedoch keinen Makel auf ihrer persönlichen Existenz, ebenso wie man das Feuer nicht anklagen kann, obwohl es alles verbrennt.
Kein Mensch mit gesundem Gewissen kann anerkennen, dass das Leben eines hochrangigen religiösen Führers derart unrein gewesen sein könnte. Ebenso wenig kann er sich vorstellen, dass ein wahrer religiöser Führer sich tatsächlich selbst als Herrn der Menschen und der gesamten Natur dargestellt haben könnte. Aus dem vergleichenden Studium des Korans und der Bibel wird uns jedoch deutlich, wie verschiedene Völker während ihres geistigen und moralischen Verfalls die Lebensgeschichten der tugendhaften und edlen Persönlichkeiten der Welt auf äußerst schändliche Weise dargestellt haben, um für ihre eigenen Schwächen eine Rechtfertigung zu finden, während sie andererseits über deren Persönlichkeit unzählige märchenhafte Geschichten erfanden. Daher sind wir der Ansicht, dass die wahre Lehre und Persönlichkeit dieser Persönlichkeit von der Weise, in der sie dargestellt worden ist, völlig verschieden gewesen sein muss.
Sayyidunā ʿĪsā, Friede sei mit ihm
Unter den Persönlichkeiten, deren Prophetentum allgemein bekannt und anerkannt ist, ist Sayyidunā ʿĪsā, Friede sei mit ihm, der am meisten zu Unrecht behandelte. Wie alle Menschen war auch ʿĪsā ein Mensch; alle Eigenschaften der Menschlichkeit, die bei anderen Menschen vorhanden sind, waren auch in ihm vorhanden. Der einzige Unterschied bestand darin, dass Allah, der Erhabene, ihm Weisheit, Prophetentum und Wunderkräfte verliehen und ihn beauftragt hatte, ein verfallenes Volk zu reformieren. Doch zunächst weigerte sich sein Volk, ihn anzunehmen, und ertrug nicht einmal drei Jahre lang seine gesegnete Anwesenheit. Ja, es beschloss sogar, ihn bereits in seiner Jugend zu töten. Als sie nach seinem Entschwinden seine Größe anerkannten, gingen sie erneut so weit, alle Grenzen zu überschreiten: Sie machten ihn nicht nur zum Sohn Gottes, sondern schlechthin zu Gott. Danach schrieben sie ihm den Glauben zu, Gott sei in der Gestalt des Messias erschienen, damit er durch seine Kreuzigung die Masse der Sünden der Menschheit sühne oder büße. Denn der Mensch sei von Natur aus sündig und könne durch seine eigenen Taten und Werke keine Erlösung erlangen. Allah bewahre! Wie könnte ein wahrhaftiger Prophet seinem Herrn eine derart große Lüge zuschreiben? Doch seine ergebenen Anhänger erhoben in einer Welle ehrfürchtiger Gefühle diese falsche Anschuldigung gegen ihn. Ihrer Neigung folgend, entstellten sie seine Lehre derart, dass heute außer im Koran in keinem Buch der Welt die wahre Lehre des Messias und seine eigene wahre Identität zu finden ist. Wenn man die vier Bücher mit dem Namen Evangelien studiert, die im Neuen Testament der Bibel enthalten sind, wird man feststellen, dass sie von den irrigen Vorstellungen erfüllt sind, Gott habe sich in ʿĪsā offenbart, er sei der Sohn Gottes und sogar Gott selbst. An einer Stelle wird Maryam die frohe Botschaft verkündet: „Dein Kind wird Sohn Gottes genannt werden“ [Lukas (St. LUKE) 1:25]. An anderer Stelle steigt der Geist Gottes in Gestalt einer Taube auf Jesus herab und verkündet laut: „Dies ist mein geliebter Sohn“ (Matthäus, St. Mathew: 16–17). An anderer Stelle sagt der Messias selbst: „Ich bin der Sohn Gottes, und ihr werdet mich zur Rechten des Allmächtigen sitzen sehen“ (Markus 14:62). Am Tag des Jüngsten Gerichts wird der Messias anstelle Gottes auf den Thron Gottes gesetzt, und er erlässt die Befehle über Strafe und Belohnung (Matthäus 15:31–46). An anderer Stelle werden dem Messias folgende Worte in den Mund gelegt: „Der Vater ist in mir, und ich bin im Vater“ (Johannes 1:38). An anderer Stelle werden diesem wahrhaftigen Menschen folgende falsche Worte in den Mund gelegt: „Ich bin aus dem Inneren Gottes hervorgekommen“ (Johannes 8:42). An anderer Stelle werden Gott und er gleichgesetzt, und ihm werden folgende Worte zugeschrieben: „Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen, und der Vater wirkt aus mir heraus seine Werke“ (Johannes 14:9–10). An anderer Stelle wird dem Messias alles von Gott übertragen (Johannes 3:35). An anderer Stelle überträgt Gott dem Messias alle seine Aufgaben (Johannes 5:20–22).
Der eigentliche Grund für den ganzen Unrat und Abfall falscher Anschuldigungen und Vorwürfe, den diese verschiedenen Völker ihren religiösen Führern und Wegweisern aufgeladen haben, ist jene Übertreibung, die wir bereits zu Beginn erwähnt haben. Was dieses Unrecht und diese Ungerechtigkeit außerdem begünstigt hat, ist die Tatsache, dass die Anleitung und Lehre dieser Persönlichkeiten in den meisten Fällen nach ihrem Hinscheiden nicht schriftlich festgehalten wurde. Selbst wenn man sich in einigen Fällen darum bemühte, wurden keine Maßnahmen zu ihrer Bewahrung getroffen. Daher kam es bereits nach kurzer Zeit zu so viel Vermischung, Entstellung, Veränderung, Erweiterung und Überarbeitung, dass es schwierig wurde, zwischen dem Original und der Fälschung zu unterscheiden. Die Folge des Fehlens einer klaren Rechtleitung und Führung war, dass mit dem Verstreichen der Zeit der Unrat aus fantastischen Vorstellungen und Aberglauben über der wahren Wahrheit immer weiter anwuchs und innerhalb weniger Jahrhunderte die ursprüngliche Wahrheit verschwand. Übrig blieben nur märchenhafte Erzählungen.
Sayyidunā Muḥammad, Allahs Segen und Friede seien auf ihm
Unter allen Wegweisern der Welt ist allein Hadhrat Muhammad (s) mit dieser Besonderheit ausgezeichnet: Seine Lehre und seine Persönlichkeit sind seit dreizehn oder vierzehn Jahrhunderten völlig in ihrer ursprünglichen Gestalt bewahrt geblieben. Durch Allahs Gnade sind Vorkehrungen getroffen worden, die eine Veränderung nun unmöglich machen. Angesichts der menschlichen Neigung und Verhaftung an Aberglauben sowie an wunderbare Dinge und Ereignisse wäre es nicht unmöglich gewesen, dass man auch diese große, auserwählte Persönlichkeit, das Sinnbild der Vollkommenheit, zum Gegenstand legendärer Geschichten machte, ihr einige göttliche Eigenschaften zuschrieb und sie statt zum Vorbild zum Gegenstand des Staunens und der Anbetung werden ließ. Doch Allahs fester Ratschluss war es, am Ende der Sendung von Propheten einen solchen Wegweiser zu entsenden, dessen Person der Menschheit als ewiges Muster für alle Handlungen und als universelle Quelle der Rechtleitung dienen würde. Deshalb bewahrte Er die Person Muhammad ibn Abdullahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, vor jenen Verfälschungen und Übertreibungen, die unwissende Verehrer anderen Propheten und den Wegweisern verschiedener Völker zufügten. Zunächst trafen die Gefährten und die Tabi’in des Propheten Muhammad (s) und später die Hadith-Gelehrten – im Gegensatz zu den früheren Gemeinschaften – selbst außergewöhnliche Vorkehrungen zur Bewahrung des Lebens ihres Propheten. Dadurch können wir seine Persönlichkeit auch heute, vierzehnhundert Jahre später, nahezu so unmittelbar betrachten, wie die Menschen seiner Zeit sie sehen konnten. Sollte jedoch dieser gewaltige Schatz an Büchern, den die islamischen Gelehrten durch langjährige mühevolle Arbeit zusammengetragen haben, von der Welt verschwinden, sollte kein einziges Blatt über Hadith und Lebensgeschichte mehr auf Erden vorhanden sein, aus dem man etwas über das Leben des Propheten Muhammad (s) erfahren könnte, und sollte nur noch Allahs Buch, der Koran, bestehen, so könnten wir dennoch in diesem erhabenen Buch Antworten auf jene grundlegenden Fragen finden, die sich einem Schüler beim bloßen Betrachten seiner äußeren Erscheinung stellen würden.
Betrachten wir, in welchem Licht der Koran seinen Überbringer darstellt.
Die Menschlichkeit des Gesandten
Das Koranische Majestätische Buch hat in Bezug auf das Prophetentum als allererstes ganz eindeutig dargelegt, dass der Gesandte ein Mensch war. Jahrhundertealte Vorstellungen und Überzeugungen vor der Offenbarung des Korans verkündeten als unumstößliche Tatsache, dass ein Mensch niemals Allahs Gesandter und Stellvertreter sein könne. Wenn es zur Reform und Verbesserung der Welt nötig sei, so trete Gott selbst in menschlicher Gestalt in Erscheinung oder entsende einen Engel beziehungsweise eine Gottheit. Kurz gesagt: Alle großen Persönlichkeiten, die zur Reform der Welt erschienen, seien übermenschlich gewesen. Diese Vorstellung war im Denken der Menschen so tief verwurzelt, dass sie, wenn ein rechtschaffener Diener Allahs zu ihnen kam, um ihnen Allahs Botschaft zu überbringen, zunächst voller Verwunderung sagten: „Was ist das für ein Prophet, der wie wir isst und trinkt, schläft und umhergeht? Was ist das für ein Gesandter, der wie wir allen möglichen Mängeln und Schwächen unterliegt, also krank wird und Leid und Kummer ebenso wie Glück und Wohlergehen erlebt? Wenn Allah wirklich unsere Rechtleitung gewollt hätte, warum hätte Er dann einen schwachen Menschen wie uns gesandt? Hätte Gott nicht selbst kommen können?“ Nach dem Erscheinen jedes Propheten wurden solche Fragen gestellt, und die Menschen machten sie zum Vorwand, um die Propheten zu leugnen. Als Hadhrat Nuh (a) mit Allahs Botschaft zu seinem Volk kam, sagten sie:
(Arabisch******************)
„Dieser Mann ist nichts anderes als ein Mensch wie ihr. Er will sich über euch erheben. Wenn Gott jedoch gewollt hätte, hätte Er Engel entsandt. Eine derart abwegige Behauptung haben wir noch nie aus dem Mund unserer Vorfahren gehört (dass ein Prophet jemals ein Mensch sein könne).“ – (Al-Mu’minun: 24)
Als Hadhrat Hud (a) zur Rechtleitung seines Volkes entsandt wurde, wurde auch gegen ihn als allererstes dieser Vorwurf erhoben:
(Arabisch******************)
– Dieser Mann ist nichts anderes als ein Mensch wie ihr. Er isst, was ihr esst, und trinkt, was ihr trinkt. Wenn ihr einem Menschen wie euch gehorcht, werdet ihr gewiss einen schweren Verlust erleiden (Al-Mu’minun: 33–34).
Als Hadhrat Musa (a.s.) und Hadhrat Harun (a.s.) mit der Botschaft der Wahrheit zum Pharao kamen, wurde ihre Botschaft gerade deshalb zurückgewiesen, weil sie beide Menschen waren:(Arabisch******************)
Sollen wir etwa zwei Menschen Glauben schenken, die uns gleichen? (Al-Mu’minun: 47)
Eine ganz ähnliche Frage wurde auch damals aufgeworfen, als ein ungebildeter Mann aus Mekka, nachdem er vierzig Jahre lang ein zurückgezogenes Leben geführt hatte, plötzlich verkündete: „Ich bin von Gott als Gesandter eingesetzt und entsandt worden.“
Die Menschen konnten einfach nicht verstehen, wie ein Mensch mit Händen und Füßen, Augen, einer Nase, einem Körper und einer Seele wie sie ein Gesandter Allahs sein könne. Voller Verwunderung fragten sie:
(Arabisch****************)
– Was ist das für ein Gesandter, der isst und auf den Märkten umhergeht? Warum wurde nicht ein Engel mit ihm herabgesandt, der bei ihm bleibt und die Menschen warnt? Oder warum wurde ihm wenigstens kein Schatz herabgesandt, oder warum wurde ihm kein Garten mit Früchten gegeben, von dem er essen könnte? (Al-Furqan: 7–8).
Da falsche Vorstellungen das größte Hindernis für die Anerkennung des Gesandtenamtes waren, hat der Edle Koran sie in unmissverständlicher Sprache widerlegt. Anschließend wird mit überzeugenden Argumenten erklärt, dass ein Mensch am besten geeignet ist, Menschen den Weg zu weisen. Denn der Zweck der Entsendung eines Propheten besteht nicht nur darin, zu lehren, sondern auch darin, selbst vorzumachen, wie man handelt, und ein Beispiel für Gehorsam und Befolgung zu geben. Würde zu diesem Zweck ein Engel oder ein übermenschliches Wesen entsandt, dem menschliche Eigenschaften und Schwächen fehlen, könnten die Menschen sagen: „Wie sollen wir so handeln wie er? Er hat doch nicht wie wir Triebe und deren Begierden, und die Kräfte, die den Menschen zu sündigen Handlungen antreiben, gehören nicht zu seiner Natur und seinem Wesen.“
(Arabisch*****************)
-Wenn sich Engel auf der Erde unbesorgt (auf natürliche Weise) bewegen könnten, dann hätten auch Wir einen Engel des Himmels als Gesandten zu ihnen (den Bewohnern der Erde) herabgesandt- (Banī Isrāʾīl: 95).
Danach erläutert Allah, der Erhabene, ausdrücklich, dass alle Propheten und Rechtleiter, die zuvor zu den verschiedenen Völkern gekommen waren, ebenso Menschen waren. So wie Muhammad, der Gesandte Allahs, (s) ein Mensch ist. Wie die Menschen aßen, tranken und umhergingen, so aßen, tranken und gingen auch sie umher.(Arabisch***********************)
-Auch die Gesandten, die Wir vor dir entsandt hatten, waren nur Menschen, denen Wir die Offenbarung eingaben. Fragt die Gelehrten, wenn ihr es nicht wisst. Wir gaben keinem dieser Propheten einen Körper, der nicht aß, und sie waren auch nicht unsterblich- (Al-Anbiyāʾ: 7–8).
(Arabisch******************)
-Und alle Propheten, die Wir vor dir entsandt haben, aßen und gingen auf den Märkten umher- (Al-Furqān: 20).
(Arabisch*****************)
-Und Wir hatten bereits vor dir viele Gesandte entsandt und ihnen Ehefrauen und Nachkommen gegeben- (Ar-Raʿd: 38).
Danach wurde dem Propheten Muhammad (s) befohlen: „Verkünde ausdrücklich, dass du ein Mensch bist, damit die Menschen nach dir dich nicht ebenfalls mit göttlichen Eigenschaften ausstatten, so wie es mit deinen früheren Propheten geschehen ist.“
An verschiedenen Stellen des Korans findet sich dieser Vers:
(Arabisch******************)
– O Prophet, sprich: Ich bin nur ein Mensch wie ihr. Mir wird offenbart, dass euer Gott nur ein einziger Gott ist. – (Kahf: 111; Ha-Mim Sajda: 6).
Durch diese ausführlichen Darlegungen wurde nicht nur jedes Tor zu allen irrigen Vorstellungen über den Propheten Muhammad (s) verschlossen, sondern auch die Persönlichkeiten aller früheren Propheten und islamischen Gelehrten von falschen Vorstellungen gereinigt.
Die Macht und die außergewöhnlichen Fähigkeiten des Gesandten
Ein weiteres Thema, das im Koran ausdrücklich dargelegt wird, betrifft die Macht und die außergewöhnlichen Fähigkeiten des Propheten. Als die Menschen aus Unwissenheit und Dummheit irgendeinen von Gott gesandten großen Mann Gott gleichsetzten, entstand naturgemäß auch die Vorstellung, dass ein von Gott gesandter Mensch außergewöhnliche Fähigkeiten besitze. Sie hätten besondere Befugnisse im Wirkungsbereich Gottes. Ihnen stünden die Befugnisse zur Belohnung und Bestrafung zu. Alles Sichtbare und Unsichtbare sei ihnen klar. Die Entscheidungen des Schicksals würden nach ihrem Willen und ihrem Urteil geändert. Auch über Nutzen und Schaden hätten sie Macht. Sie seien die Herren über Gut und Böse. Alle Kräfte der Schöpfung seien ihnen untergeordnet. Mit einem einzigen Blick könnten sie die Herzen der Menschen verändern und ihre Finsternis und ihren Irrweg beseitigen. Von solchen Vorstellungen beherrscht, stellten die Menschen dem Gesandten Allahs (s) äußerst merkwürdige und absurde Forderungen. Der Koran sagt
(Arabisch**************)
–und sie sagten: „Wir werden dir keineswegs glauben, solange du für uns nicht eine Quelle aus der Erde hervorströmen lässt oder für dich einen Garten mit Dattelpalmen und Weinreben anlegst und darin Bäche fließen lässt. Oder du lässt, wie du behauptest, den Himmel in Stücke zerbersten und auf uns herabfallen. Oder du bringst Allah und die Engel vor uns. Oder du lässt für dich ein Haus aus Gold errichten. Oder du steigst in den Himmel hinauf; doch selbst wenn du in den Himmel hinaufsteigst, werden wir dir nicht glauben, solange du uns nicht ein Buch herabsendest, das wir lesen können.“
O Muhammad! Sag ihnen: „Mein Herr ist frei von allen Mängeln und erhaben über sie. Bin ich etwa etwas anderes als ein Mensch und ein Gesandter?“ – (Banī Isrāʾīl: 90–93).
Allah, der Erhabene, widerlegt alle derartigen Irrvorstellungen, die unter den Menschen über die von Gott entsandten großen Männer und Gelehrten verbreitet waren, und erklärt unmissverständlich, dass der Gesandte nicht den geringsten Anteil an göttlicher Macht und göttlichem Wirken besitzt. Vielmehr wird auch gesagt: Ein Prophet besitzt ohne Unsere Erlaubnis nicht einmal die Macht, einen anderen vor Schaden zu bewahren – geschweige denn, den Schaden von sich selbst abzuwenden.
(Arabisch*****************)
– (O Prophet!) Wenn Gott dir einen Schaden zufügt, gibt es außer Ihm keinen, der diesen Schaden beseitigen kann. Und wenn Er dir etwas Gutes zukommen lassen will, so hat Er Macht über alle Dinge (Anʿām: 17).
(Arabisch)
– (O Prophet!) Sag: „Ich habe nicht einmal die Macht, mir selbst Nutzen oder Schaden zuzufügen. Anders ist es nur, wenn Allah es will.“ – (Yūnus: 49).
Von Allah, dem Erhabenen, wird außerdem gesagt, dass der Prophet nicht über die Schlüssel zu Allahs Schätzen verfügt, kein Wissen über die Zukunft besitzt und auch keine übernatürlichen Kräfte hat.
(Arabisch***********)
Ich bin ein Engel (das heißt, über menschliche Schwächen erhaben). Ich befolge nur das, was mir offenbart wird (das heißt, was mir durch die Offenbarung befohlen wird). (Al-An’am: 50).
(Arabisch*****************)
-Wenn ich Kenntnis vom Verborgenen oder von der Zukunft hätte, würde ich für mich selbst viele Vorteile erlangen, und kein Schaden könnte mich treffen. Ich bin nur ein Warner und ein Überbringer froher Botschaft für denjenigen, der meine Worte befolgt. (Al-A’raf: 188).
Weiter wird gesagt, dass der Prophet in Bezug auf die Abrechnung im Jenseits sowie auf Bestrafung und Belohnung keinerlei Macht besitzt. Seine Aufgabe besteht lediglich darin, die Botschaft zu übermitteln und den geraden Weg zu weisen. Die Abrechnung im Jenseits vorzunehmen und zu bestrafen oder zu belohnen, ist Gottes Sache.
(Arabisch**************)
-(O Muhammad,) sag ihnen: Ich bin mit eindeutigen Beweisen von meinem Herrn zu euch gekommen, doch ihr habt sie für eine Lüge gehalten und sie zurückgewiesen. Nun liegt es nicht in meiner Macht, die Strafe, deren Beschleunigung ihr verlangt, selbst über euch zu bringen. Die Entscheidung liegt allein bei Allah. Er legt den wahren Sachverhalt dar und trifft die beste Entscheidung.
Sag ihnen: Wenn jene Strafe, wegen derer ihr so ungeduldig geworden seid, in meiner Macht läge, wäre die Entscheidung zwischen euch und mir längst gefallen. Doch Allah weiß am besten, wie mit den Ungerechten abschließend zu verfahren ist. (Al-An’am: 57–58).(Arabisch**************)
(O Prophet,) Deine Aufgabe besteht nur darin, die Botschaft zu übermitteln. Die Abrechnung obliegt Mir. (Ar-Ra’d: 40).
(Arabisch**************)
(O Prophet,) Wir haben dir dieses Buch mit der Wahrheit zur Rechtleitung der Menschen hinabgesandt. Wer nun die Rechtleitung annimmt, tut dies zu seinem eigenen Besten. Und wer dem Irrweg verfällt, tut dies zu seinem eigenen Schaden und Unheil. Du bist nicht ihr Wächter. (Az-Zumar: 41).
Weiter wurde gesagt, dass es nicht in der Macht des Propheten steht, die Herzen der Menschen zu verändern und in denen, die kein Verlangen haben, die Wahrheit anzunehmen, den Glauben hervorzubringen. Er ist insofern ein Wegweiser, als er das Recht der Ermahnung vollständig erfüllt und demjenigen, der den Weg sehen will, den Weg weist.
(Arabisch**************)
-Du kannst die Toten nicht hören lassen, noch kannst du den Tauben den Ruf vernehmbar machen, wenn sie sich abwenden und fortgehen. Auch kannst du die Blinden nicht aus dem Irrweg herausführen und auf den geraden Weg bringen. Du kannst nur diejenigen hören lassen, die an Unsere Zeichen glauben und sich daraufhin in Gehorsam niederwerfen- (An-Naml: 80–81).
(Arabisch**************)
-Du kannst die Toten in den Gräbern nicht hören lassen. Du kannst nur warnen. Wir haben dich mit der Wahrheit als Verkünder froher Botschaft und als Warner entsandt.[An einer Stelle im Koran wird klar gesagt-
(Arabisch**************)
O Prophet! Du kannst nicht jeden rechtleiten, den du möchtest. Doch Allah kann rechtleiten, wen Er will. Er kennt diejenigen am besten, die die Rechtleitung annehmen.
In Sahih al-Buchari und Sahih Muslim wird überliefert, dass dieser Vers hinsichtlich des Onkels des Propheten (s), Abu Talib, offenbart wurde. Als sein Ende nahte, bemühte sich der Prophet (s) nach Kräften darum, dass er, sein Onkel, das Glaubensbekenntnis „La ilaha illallah“ sprach und ein gutes Ende nahm, das heißt, im Glauben starb. Doch er, Abu Talib, zog es vor, seinen letzten Atemzug im Glauben Abd al-Muttalibs zu tun. Deshalb sagt Allah: Du kannst nicht rechtleiten, wen du liebst.
Doch es ist eine wohlbekannte Methode der Hadith-Gelehrten und Tafsir-Gelehrten, dass sie einen Vers, der mit einem Ereignis aus der Zeit des Propheten verbunden ist, als Anlass seiner Offenbarung anführen. Daher kann aus dieser Überlieferung und anderen Überlieferungen zu diesem Thema – die in Hadith-Sammlungen wie at-Tirmidhi und dem Musnad Ahmad von Abu Huraira (ra), Ibn Abbas (ra), Ibn Umar (ra) und anderen überliefert werden – nicht geschlossen werden, dass dieser Vers der Sure al-Qasas zum Zeitpunkt des Todes Abu Talibs offenbart wurde. Daraus lässt sich lediglich erkennen, dass sich die Wahrheit dieses Verses gerade in diesem Ereignis am deutlichsten zeigt. Obwohl der innigste Wunsch des edlen Propheten (s) darin bestand, jeden Diener Allahs auf den rechten Weg zu führen, war Abu Talib derjenige, dessen Tod im Unglauben für den Propheten (s) am schmerzlichsten gewesen sein musste und für dessen Rechtleitung er aufgrund persönlicher Liebe und Verwandtschaft am sehnlichsten wünschte. Doch da es dem Propheten (s) nicht gelang, auch ihn auf den Weg der Rechtleitung zu führen, wurde klar, dass es die Macht des Propheten übersteigt, irgendeinen Menschen rechtzuleiten oder jemanden der Rechtleitung zu versagen. Diese Angelegenheit liegt vollständig in Allahs Hand. Und diese Gabe von Allah – die Gabe der Rechtleitung – wird nicht aufgrund von Verwandtschaft oder Bruderschaft verliehen, sondern aufgrund der Empfänglichkeit des Menschen, seiner Aufrichtigkeit und seiner vollkommenen Liebe zur Wahrheit. (Fatir: 22–24).
Dies macht ebenfalls unmissverständlich deutlich, dass die ganze Ehre und Würde des Propheten darin begründet liegt, dass er Allah gehorcht, Seine Gebote genau befolgt und alles, was ihm offenbart wird, unverändert Allahs Dienern übermittelt. Hätte er sich hingegen vom Gehorsam abgewandt und in Allahs Wort eigene erdachte Aussagen eingefügt, wäre keine seiner besonderen Eigenschaften oder Auszeichnungen übrig geblieben; ja, er wäre nicht einmal dem Zugriff Gottes entkommen.
(Arabisch**************)
Und wenn du trotz des Wissens, das zu dir gekommen ist, ihrer Neigung folgst, wirst du in diesem Fall zu einem Ungerechten werden. (al-Baqara: 145).
(Arabisch**************)
– (O Prophet,) wenn du, nachdem dir Wissen zuteilgeworden ist, ihren Neigungen folgst, wirst du keinen Schutzfreund und keinen Helfer haben, der dich vor Allahs Strafe bewahren könnte. (Al-Baqara: 120).
(Arabisch**************)
– (O Muhammad,) sprich: Ich habe keinerlei Befugnis, dieses Wort von meiner Seite aus abzuändern. Ich folge nur dem, was mir durch die Offenbarung eingegeben wird. Wenn ich meinem Herrn ungehorsam wäre, fürchte ich die Strafe eines furchtbaren Tages. (Yunus: 15).
Diese Worte wurden nicht deshalb gesagt, weil – Gott bewahre – auch nur die geringste Befürchtung eines Ungehorsams oder einer Abänderung seitens des ehrwürdigen Gesandten (r) bestanden hätte. Vielmehr besteht ihr Zweck darin, der Welt unmissverständlich diese Wahrheit vor Augen zu führen: Auch seitens des heiligen Propheten (s) bestand nicht die geringste Befürchtung eines Ungehorsams oder einer Abänderung. In Wirklichkeit besteht der Zweck darin, der Welt unmissverständlich diese Wahrheit vor Augen zu führen: Die Nähe, die der heilige Prophet (s) am Hofe Allahs, des Herrn der Erhabenheit, erlangt hat, beruht nicht darauf, dass zwischen dem Wesen des Propheten und Allah ein verwandtschaftliches Verhältnis bestünde; vielmehr liegt der Grund für diese Nähe darin, dass er Allah in höchstem und vollkommendem Maße gehorsam und aufrichtig Sein Diener ist.
Der Prophet Muhammad (s) ist einer unter den Propheten.
Der dritte Punkt, der im Heiligen Koran wiederholt ausführlich erwähnt wird, ist, dass Muhammad (s) kein neuer Prophet ist. Vielmehr ist er einer unter den Propheten und ein verbindendes Glied oder ein Ring in der Kette des Prophetentums, die vom Beginn der Schöpfung bis zu seinem Erscheinen fortbestand und alle Propheten und Gesandten jedes Volkes und jedes Zeitalters umfasste. Der Weise Koran beschränkt oder bestimmt das Prophetentum und die Gesandtschaft nicht auf eine bestimmte Person, ein bestimmtes Land oder ein bestimmtes Volk. Vielmehr verkündet er unmissverständlich, dass Allah, der Erhabene, in jedem Volk, jedem Land und jedem Zeitalter solche reinen und geheiligten Menschen hervorgebracht hat, die die Menschheit zum geraden Weg eingeladen und sie vor den schrecklichen Folgen des Irrwegs gewarnt haben.
(Arabisch**************)
– Es gab kein Volk, bei dem nicht ein Warner erschienen wäre. (Fatir: 24)
(Arabisch**************)
–Und Wir haben in jeder Gemeinschaft einen Propheten und Gesandten entsandt (mit der Botschaft): Dient Allah und haltet euch von der Anbetung und dem Gehorsam gegenüber dem Taghut fern. (An-Nahl: 36).
Einer unter diesen Propheten und Warnern war der Prophet Muhammad Mustafa, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm. An vielen Stellen wird gesagt –(Arabisch**************)
–Ich bin einer der Warner unter den früheren Warnern. (An-Nadschm: 56).
(Arabisch**************)
–O Muhammad! Du bist einer der Gesandten. (Ya-Sin: 3).(Arabisch**************)
–O Muhammad, sag: Ich bin kein neuartiger Gesandter. Ich weiß nicht, was mit mir geschehen wird und was mit euch geschehen wird. Ich folge nur dem, was mir durch die Offenbarung aufgetragen wird. Ich bin lediglich ein Warner in klarer Sprache. (Al-Ahqaf: 9).
(Arabisch**************)
–Muhammad ist nur ein Gesandter, und vor ihm sind bereits viele Gesandte dahingegangen– (Āl ʿImrān: 144).
Nicht nur dies, vielmehr wurde auch gesagt, dass die Botschaft des arabischen Gesandten genau das war, wozu seit dem Beginn der Entstehung der Menschheit jeder Prophet aufgerufen hat, der zum Weg der Wahrheit aufrief. Der Prophet Muhammad (s) rief die Menschen eben zu jener natürlichen Religion auf, zu der jeder Prophet und Gesandte aufgerufen hatte.
(Arabisch**************)
–Sag: Wir glauben an Allah und an die Lehre, die uns herabgesandt worden ist, sowie an das, was Ibrāhīm (a), Ismāʿīl (a), Isḥāq (a), Yaʿqūb (a) und ihren Nachkommen herabgesandt worden ist, und an das, was Mūsā (a), ʿĪsā (a) und den übrigen Propheten von ihrem Herrn erhalten haben. Wir machen zwischen keinem von ihnen einen Unterschied und sind Allah ergeben. Wenn sie ebenso an das glauben, woran ihr glaubt, dann befinden sie sich gewiss auf dem geraden Weg. (Al-Baqara: 136–137)
Diese Darlegung des Korans lässt keinen Zweifel daran, dass der Prophet Muhammad (s) nicht mit einer neuen Religion oder einem neuen Dīn gekommen ist. Er kam auch nicht, um einen der früheren Propheten der Lüge zu bezichtigen oder die von jemandem überbrachte Botschaft zu widerlegen. Vielmehr wurde er dazu entsandt, die wahre Religion, die die Propheten aller Völker von Anfang an verkündet hatten und die die Menschen später entstellt hatten, von allen Verfälschungen zu befreien und sie so darzulegen.
Der Zweck der Entsendung der Propheten
Nachdem der Edle Koran auf diese Weise die wahre Identität und den Rang seines Überbringers dargelegt hat, beschreibt er jene Tätigkeiten, um derentwillen er entsandt worden war. Diese Aufgabe steht insgesamt mit zwei Bereichen in Verbindung: dem Bereich der Unterweisung und dem Bereich des Handelns.
Die unterweisungsbezogenen Aufgaben des Propheten
Die Aufgaben dieses Abschnitts sind wie folgt:
(1) Das Vortragen der Verse, die Läuterung der Seele und die Vermittlung von Kitab und Hikma.
(Arabisch**************)
Wahrlich, Allah, der Erhabene, hat den Gläubigen eine große Gunst erwiesen, indem Er für sie aus ihrer Mitte einen Gesandten erweckt hat, der ihnen die Verse Allahs vorträgt, sie läutert und sie Kitab und Hikma lehrt. Zuvor befanden sie sich nämlich in offenbarem Irrtum – (Āl ʿImrān: 164).
Das Vortragen der Verse beziehungsweise das Vorlesen der Verse bedeutet, Allahs Gebote unverändert zu übermitteln. Tazkiya bedeutet, den Charakter und das Leben der Menschen von schlechten Eigenschaften, Bräuchen und Verhaltensweisen zu läutern und in ihnen vorzügliche Charaktereigenschaften, gute Umgangsformen und richtige Verhaltensweisen zu entwickeln. Kitab und Hikma zu lehren bedeutet, ihnen die richtige Bedeutung des erhabenen Buches Allahs zu erläutern und ihnen eine solche Weitsicht zu vermitteln, dass sie die wahren verborgenen Geheimnisse des Buches Allahs erkennen können. Danach wird ihnen jene Hikma beziehungsweise jenes besondere Wissen vermittelt, durch das sie die weitreichenden verschiedenen Bereiche ihres gesamten Lebens gemäß Allahs Geboten gestalten können.
(2) Die Vervollkommnung der Religion
(Arabisch**************)
– Heute habe Ich für euch eure Religion vervollkommnet, Meine Gunst an euch vollendet und für euch den Islam als Religion erwählt. (Al-Māʾida: 3).
Mit anderen Worten: Der Sender des Qur’an hat von seinem Überbringer nicht lediglich den Dienst angenommen, Seine Zeichen vorzutragen, die Menschen innerlich zu läutern (Tazkiya) und sie das Buch und die Weisheit zu lehren, sondern durch diese rechtschaffenen Diener hat Er diese Aufgaben zur Vollendung gebracht. Durch ihn (den Propheten) hat Er alle Zeichen und Worte übermitteln lassen, die der Menschheit zu überbringen waren. Alles Unrecht und Unheil, von dem das menschliche Leben gereinigt werden sollte, hat Er durch dessen Hand beseitigt. Unter der Führung des Propheten hat Er leuchtende Beispiele für die Eigenschaften und Vorzüge gegeben, die sich in Menschen und in der Gesellschaft in der ihnen gebührenden Würde entwickeln sollten. Darüber hinaus hat Er durch ihn eine solche Unterweisung in Buch und Weisheit vermittelt, dass in allen künftigen Zeitaltern das menschliche Leben gemäß dem erhabenen Qur’an gestaltet werden kann.
(3) Die dritte erzieherische Aufgabe des ehrwürdigen Propheten bestand darin, die Hintergründe jener Meinungsverschiedenheiten aufzudecken, die unter den Gemeinschaften der früheren Propheten entstanden waren. Darüber hinaus legte er alle Schleier offen, beseitigte jede Verfälschung, löste alle Zweifel und Verwicklungen und erhellte den richtigen Weg, dessen Befolgung zu allen Zeiten der einzige Weg war, das Wohlgefallen Gottes zu erlangen.
(Arabisch**************)
Bei Gott, o Muhammad, Wir haben vor dir den verschiedenen Völkern Rechtleitung gesandt. Doch danach ließ Satan ihre verderblichen Taten ihnen anziehend erscheinen. In der Tat ist er heute ihr Schutzherr, und sie sind der schmerzhaften Strafe verfallen. Wir haben dir dieses Buch nur deshalb offenbart, damit du ihnen jene Wahrheit darlegst, über die unter ihnen Meinungsverschiedenheit herrscht. Und auch deshalb, damit dieses Buch für diejenigen, die seiner Führung folgen, eine Rechtleitung und Barmherzigkeit sei (an-Naml: 63–64).
(Arabisch**************)
-O Leute der Schrift! Zu euch ist Unser Gesandter gekommen, der euch vieles ausführlich darlegt, was ihr aus dem Buch verborgen haltet, und vieles verzeiht. Zu euch sind von Allah ein Licht und ein klares Buch gekommen. Diejenigen, die ihr Leben im Licht dieses Buches führen, führt Allah durch dieses Buch zu Glück, Frieden und Sicherheit; Er führt sie aus der Finsternis ins Licht und leitet sie auf den geraden Weg (al-Ma’ida: 15–16).
(4) Die Strafe für die Ungehorsamen anzudrohen, den Gehorsamen die frohe Botschaft von Allahs Barmherzigkeit zu verkünden sowie Allahs Religion zu verbreiten und ihr zur Geltung zu verhelfen, gehörte ebenfalls zu den erzieherischen Aufgaben des Propheten.
(Arabisch**************)
O Prophet! Wir haben dich als Zeugen, als Überbringer froher Botschaft, als einen im Auftrag Allahs zu Allah Rufenden und als eine leuchtende Sonne entsandt. (Ahzab: 45–46)
Die praktischen Aufgaben des Propheten
Die Aufgaben, die dem Propheten im praktischen Leben und in seinem Wirken oblagen, waren folgende:
(1) Das Gute gebieten, vom Bösen abhalten, die Grenzen zwischen Halal und Haram festlegen, die Menschen von den Fesseln der Verbote und Beschränkungen anderer als Allahs befreien und die ihnen auferlegten Lasten erleichtern.
(Arabisch**************)
Er gebietet ihnen das Gute und hält sie vom Bösen ab. Er erlaubt ihnen die reinen Dinge und verbietet ihnen die unreinen. Er nimmt ihnen ihre Lasten ab und hebt die Beschränkungen auf, durch die sie gebunden und bedrückt waren. Diejenigen daher, die an ihn glauben, ihn unterstützen und dem Licht folgen, das mit ihm herabgesandt wurde, sind es, die Erfolg haben. (al-A’raf: 157)
(2) Unter den Dienern Allahs in Wahrheit und Gerechtigkeit zu richten.
(Arabisch**************)
O Muhammad, Wir haben dir dieses Buch in Wahrheit herabgesandt, damit du zwischen den Menschen nach den von Allah bestimmten Gesetzen entscheidest und nicht als Anwalt derer auftrittst, die sich fremdes Eigentum aneignen (an-Nisāʾ: 105).
(3) Allahs Dīn so zu errichten, dass sämtliche Ordnungen des menschlichen Lebens ihm untergeordnet werden und alle anderen Systeme und Lebensweisen ihm gegenüber unterdrückt werden.
(Arabisch**************)
Er ist Allah allein, der Seinen Gesandten mit der Rechtleitung und der Religion der Wahrheit entsandt hat, damit er sie über alle Ordnungen siegen lasse (al-Fatḥ: 28).
Auf diese Weise umfasst dieser Bereich des Wirkens des Propheten sämtliche Aspekte der Politik, des Rechtswesens, der moralischen und kulturellen Reform sowie der lauteren und heiligen Wahrhaftigkeit.
Die Prophetenschaft Muhammads ist universell und ewig
Dieses Wirken Muhammads, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, ist nicht auf eine bestimmte Nation, ein bestimmtes Land oder eine bestimmte Epoche beschränkt. Vielmehr gilt es gleichermaßen für die gesamte Menschheit und für alle Zeitalter.
(Arabisch**************)
-O Muhammad! Wir haben dich als Warner und Überbringer froher Botschaft für alle Menschen gesandt. Doch die meisten Menschen wissen es nicht (Saba: 28). (Arabisch**************)
-O Muhammad, sprich: O ihr Menschen, ich bin zu euch allen als Gesandter Gottes gesandt worden, jenes Gottes, dem die Herrschaft über die Himmel und die Erde gehört, außer dem es keinen Gott gibt, der Herr über Leben und Tod. So glaubt an Gott und an Seinen Gesandten, den ungelehrten Propheten, der an Gott und Seine Gebote glaubt, und folgt ihm. Auf dass ihr den geraden, richtigen Weg finden möget (Aʿrāf: 158).
(Arabisch**************)।
-O Muhammad, sprich: Dieser Koran ist mir durch Offenbarung gesandt worden, damit ich euch durch ihn warnen kann und jeden, den er erreicht (Anʿām: 19).
(Arabisch**************)
-Dieser Koran ist wahrlich eine Ermahnung für alle Welten, für jeden unter euch, der den rechten Weg beschreiten möchte (Takwīr: 27–28).
Das Siegel der Prophetenschaft
Ein weiteres Merkmal des Prophetentums Muhammads ist, dass die Reihe der Prophetenschaft und der Gesandtschaft mit ihm abgeschlossen worden ist. Nach ihm besteht für die Welt kein Bedarf mehr an einem Propheten.
(Arabisch**************)
Muhammad (S) ist nicht der Vater irgendeines eurer Männer. Vielmehr ist er Allahs Gesandter und das Siegel der Propheten (Ahzab: 40).
Dies ist in Wirklichkeit eine notwendige Folge der Universalität und Ewigkeit des Prophetentums Muhammads sowie der Vollkommenheit des Din. Denn nach der obigen Darstellung ist das Prophetentum Muhammads (S) für die Menschen der ganzen Welt bestimmt – nicht für irgendein einzelnes Volk –, und für alle Zeiten – nicht für irgendeine bestimmte Epoche. Da das Werk, dessentwegen die Propheten auf der Welt erscheinen mussten, seine endgültige Vollendung erreicht hat, ist es daher nur folgerichtig, dass mit ihm die Reihe des Prophetentums beendet worden ist. Der Prophet (S) selbst hat diesen Sachverhalt in einem Hadith auf sehr schöne Weise erklärt. Er sagte: „Mein Gleichnis unter den Propheten ist wie das eines Mannes, der ein schönes Haus errichtete. Nachdem er das gesamte Haus gebaut hatte, ließ er nur den Platz für einen einzigen Ziegel frei. Wenn nun die Menschen um das Haus herumgingen, befiel sie ein Zweifel, und sie sagten: Wenn auch dieser letzte Ziegel hier eingesetzt worden wäre, wäre das Haus vollkommen gewesen. Der Ziegel, dessen Platz im Haus des Prophetentums noch frei ist, bin ich.“
Aus diesem Gleichnis lässt sich der Grund für den Abschluss des Prophetentums klar verstehen. Als der Din vollendet war, die Verse Allahs ausführlich dargelegt waren, die Gebote und Verbote, die Glaubensüberzeugungen, die gottesdienstlichen Handlungen, die Kultur, das gesellschaftliche Leben, die Staatsordnung und die Politik – kurz, detaillierte Anweisungen für jeden Bereich des menschlichen Lebens – erläutert worden waren und Allahs Wort sowie das vortreffliche Vorbild des Gesandten der Welt so vorgelegt worden waren, dass sie von jeder Art der Entstellung und Abweichung frei bewahrt blieben und man in jeder Epoche daraus Rechtleitung erlangen konnte, bestand kein weiterer Bedarf an Prophetentum. Erforderlich sind nur Ermahnung und Erneuerung (Renaissance). Dafür genügen die aufrichtigen Gelehrten und die Gemeinschaft der wahrhaft gläubigen Menschen.
Die lobenswerten Eigenschaften des Propheten Muhammad (S)
Die letzte Frage lautet: Welchen Charakter besaß der Träger dieses Buches persönlich? Als Antwort auf diese Frage beschreitet der Edle Koran nicht, wie andere verbreitete Schriften, den Weg einer übertriebenen Lobpreisung ihrer Träger. Seine Lobpreisung wurde auch nicht zu einem ständigen Gegenstand gemacht. Vielmehr wurden seine charakterlichen Eigenschaften lediglich beiläufig und andeutungsweise erwähnt.
(1) Der Koran sagt, dass sein Träger auf dem höchsten Gipfel charakterlicher Tugenden stand.
(Arabisch**************)
– Und, o Muhammad (s), du besitzt den höchsten Rang an Charakter (Nūn: 4).
(2) Der Koran sagt, dass sein Träger ein entschlossener, standhafter und in jeder Lage auf Allah vertrauender Mensch war, der, als sein ganzes Volk entschlossen war, ihn auszurotten, gezwungen war, zusammen mit einem Gefährten in einer Berghöhle Zuflucht zu suchen, in dieser schwierigen und gefährlichen Lage jedoch nicht den Mut verlor, sondern an seiner eigenen Entschlossenheit festhielt.
(Arabisch**************)
Erinnere dich an jene Zeit, als die Ungläubigen ihn vertrieben hatten, als er der Zweite von zweien war und als die beiden sich in der Höhle befanden und er zu seinem Gefährten sagte: „Mach dir keine Sorgen, Allah ist mit uns.“ (Tauba: 40).
(3) Der Koran sagt, dass sein Träger ein äußerst großherziger und barmherziger Mensch war, der sogar für seine erbittertsten Feinde um Vergebung bat, bis Allah schließlich die endgültige Entscheidung verkündete, dass Er ihnen nicht vergeben werde.
(Arabisch**************)
– Ob du für sie um Vergebung bittest oder nicht, selbst wenn du siebzigmal für sie um Vergebung bittest, wird Allah ihnen dennoch nicht vergeben – (Tauba: 80).
(4) Der Koran sagt, dass das Wesen seines Trägers äußerst sanftmütig war. Niemals zeigte er jemandem gegenüber Härte, und deshalb wurde die Welt ihm zugeneigt.
(Arabisch**************)
– Durch Allahs Barmherzigkeit bist du ihnen gegenüber sanftmütig. Wärst du jedoch schroff im Reden und hartherzig, dann wären diese Menschen von deiner Seite gewichen. – (At-Tauba: 151).
(5) Der Koran sagt, dass sein Träger in seinem Herzen Unruhe verspürte, die Diener Gottes auf den geraden Weg der Wahrheit zu führen, und großen Schmerz empfand, wenn sie auf ihrer Irreleitung beharrten. Ja, er wurde angesichts ihres Kummers sogar ungeduldig und verzweifelt.
(Arabisch**************)
– O Muhammad (S), es scheint, als würdest du dich aus Kummer über sie zu Tode grämen, wenn sie nicht an diese Botschaft glauben (Al-Kahf: 6).
(6) Der Koran sagt, dass sein Träger für seine Umma tiefe Liebe hegte. Er war ihr aufrichtig zugetan. Wenn ihnen ein Schaden widerfuhr, war er zutiefst bekümmert. Für sie war er ein Sinnbild der Barmherzigkeit, Zuneigung und liebevollen Fürsorge.
(Arabisch**************)
– Zu euch ist ein Gesandter aus eurer eigenen Mitte gekommen, dem alles, was euch schadet, schwerfällt, der um euer Wohl besorgt und gegenüber den Gläubigen überaus liebevoll und barmherzig ist – (At-Tauba: 128).
(7) Der Koran sagt, dass sein Überbringer nicht nur für sein eigenes Volk, sondern vielmehr eine Barmherzigkeit für die ganze Welt ist.
(Arabisch**************)
– O Muhammad (S), Wir haben dich als Barmherzigkeit für die ganze Welt gesandt – (Al-Anbiya: 107).
(8) Der Koran sagt, dass sein Überbringer nachts Stunde um Stunde wach bleibt, Gottesdienst verrichtet und im Gedenken an Gott aufrecht steht.
(Arabisch**************)
– O Muhammad (S), dein Herr weiß, dass du fast zwei Drittel der Nacht, bisweilen die halbe Nacht und bisweilen ein Drittel der Nacht im Gebet stehst – (Al-Muzzammil: 20).
(9) Der Koran sagt, dass sein Überbringer ein wahrhaftiger Mensch war. Niemals in seinem Leben wich er vom geraden Weg ab. Er ließ sich nicht von bösen Gedanken beeinflussen. Und niemals äußerte er, von seinen eigenen Neigungen beherrscht, auch nur ein Wort gegen die Wahrheit.
(Arabisch**************)
– (O ihr Menschen,) euer Gefährte ist niemals vom geraden Weg der Wahrheit abgewichen und niemals von der richtigen Denkweise abgewichen. Und er spricht auch nicht aus eigener Neigung heraus (an-Nadschm: 203).
(10) Der Koran sagt, dass sein Überbringer für die ganze Welt ein nachzuahmendes Vorbild ist und sein gesamtes Leben den vollkommenen Maßstab für eine vorbildliche Moral darstellt.(Arabisch**************)
Für euch gibt es im Gesandten ein vortreffliches Vorbild – (al-Ahzab 21).
Wenn man den Koran studiert, wird man feststellen, dass darin noch einige weitere Eigenschaften seines Überbringers beleuchtet werden. Doch bietet dieser Aufsatz keinen Raum für eine ausführliche Erörterung derselben.
Jeder, der den Koran liest, wird selbst erkennen, wie klar, deutlich und frei von jeder Trübung dieses Buch seinen Überbringer im Gegensatz zu den üblichen anderen religiösen Schriften zeichnet. Ihm wird kein göttliches Wesen zugeschrieben. Ebenso findet sich darin keinerlei Übertreibung oder maßlose Überhöhung des Lobes. Ihm werden auch keinerlei außergewöhnliche Kräfte zugeschrieben. Er wird nicht zu einem Teilhaber an Gottes Wirken gemacht. Ebenso wenig wird er mit solchen Schwächen, Mängeln und Fehlern belastet, die der Würde eines Wegweisers und eines Aufrufers zur Wahrheit widersprechen. Selbst wenn sämtliche anderen Werke der islamischen Literatur aus der Welt verschwänden und nur der Koran übrig bliebe, gäbe es dennoch keinen Anlass für ein Missverständnis, keinen Zweifel oder Verdacht und keinen Raum für einen Mangel an Verehrung und Achtung gegenüber der Persönlichkeit des heiligen Propheten. Wir können deutlich erkennen, dass der Überbringer dieses Buches ein vollkommener Mensch war. Er war mit den vorzüglichsten Charaktereigenschaften ausgestattet. Er bestätigte die Wahrhaftigkeit der früheren Propheten. Er war kein Erfinder einer neuen Religion. Er erhob auch keinen Anspruch darauf, ein Übermensch zu sein. Seine Botschaft galt dem gesamten Universum. Von Allah, dem Erhabenen, war ihm aufgetragen worden, bestimmte Aufgaben zu erfüllen. Nachdem er diese Aufgaben vollständig ausgeführt hatte, fand mit ihm die Reihe des Prophetentums ihren Abschluss. [Tatsächlich war dieser Aufsatz 1927 für eine Sondernummer der Zeitschrift „Al-Dschayit“ verfasst worden. Vor seiner Aufnahme im Jahr 1944 wurden einige Änderungen daran vorgenommen – der Verfasser.]
Zweites Kapitel
Die Abstammung des Propheten Muhammad (s)
Der ehrwürdige Ibrahim (a)
Es besteht historisch allgemeiner Konsens darüber, dass die Familie des Propheten Muhammad (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) aus jenem Zweig der Nachkommenschaft des Hazrat Ibrahim (a.s.) hervorgegangen ist, der von dessen ältestem Sohn Hazrat Ismail (a.s.) abstammt. Diese Abstammungslinie ist unter dem Namen Banu Ismail bekannt. Ihr Zusammenhang mit der Biografie des Propheten Muhammad (s.a.s.) ist so eng, dass jede Erörterung seines Lebens bei den Ereignissen im Leben des Hazrat Ibrahim (a.s.) und des Hazrat Ismail (a.s.) beginnen muss. Denn sonst wäre überhaupt nicht zu verstehen, wie dieser aus dem Irak stammende Familienzweig in einer abgelegenen Gegend im Inneren Arabiens angesiedelt wurde, wie hier die Grundlage der Qibla der Anhänger des Tauhid errichtet wurde und in welcher Beziehung der Prophet Muhammad (s.a.s.) zu den meisten arabischen Stämmen stand, aufgrund derer er kein Unbekannter, sondern vielmehr eine äußerst bekannte Persönlichkeit war.
Es wurde erwähnt, dass Hazrat Ibrahim (a.s.) aus dem Irak stammte. Seine Heimatstadt Ur war die Hauptstadt der Familie Nimruds im Irak. Nach Ansicht von Gelehrten und Forschern trat Hazrat Ibrahim (a.s.) ungefähr um 2100 v. Chr. auf. Ur war damals ein bedeutendes Zentrum von Zivilisation, Kultur sowie Handel und Gewerbe. Zugleich war es die Festung des Schirks und Kufrs jenes Volkes. Als Hazrat Ibrahim (a.s.) begann, sich dem Schirk dieses Volkes zu widersetzen und zum Tauhid aufzurufen, wurden die Regierung, das gesamte Volk, seine eigene Familie und sogar sein Vater zu seinen Feinden. Als es ihnen trotz gemeinsamer Drohungen und Einschüchterungen nicht gelang, ihn davon abzubringen, warfen sie ihn einstimmig in einen gewaltigen Feuerofen, um ihn bei lebendigem Leib zu verbrennen. Doch Allah, der Erhabene, machte das Feuer für ihn kühl, und er kam lebendig und unversehrt aus diesem Feuerofen hervor. Dieses Ereignis wird im Quran ausführlich beschrieben (Al-Anbiya: 68–69, Al-Ankabut: 24, As-Saffat: 97–98; siehe dort).
Nach der Darstellung des Quran verließ Hazrat Ibrahim (a.s.) daraufhin seine Heimat und wanderte in Richtung Scham und Palästina aus. Diese Gebiete wurden damals das Land Kanaan genannt. In diesem Zusammenhang sagt der Quran:
(Arabisch**************)
„Sie berieten sich untereinander: Errichtet für ihn einen Feuerofen und werft ihn in dieses lodernde Feuer. Sie wollten gegen ihn einen Anschlag unternehmen. Doch Wir machten sie zu den Erniedrigten, und Ibrahim (a.s.) sagte: Ich ziehe zu meinem Herrn, das heißt, ich wandere aus. Er allein wird mich rechtleiten.“ (As-Saffat: 97–98)
(Arabisch**************)
„Die Antwort seines Volkes bestand daraufhin in nichts anderem als den Worten: Tötet ihn oder verbrennt ihn! Schließlich rettete Allah ihn vor dem Feuer. Lot nahm damals Hazrat Ibrahim an. Und Ibrahim sagte: Ich wandere zu meinem Herrn aus. Er ist der Allmächtige und Allweise.“ (Al-Ankabut: 24–26)
(Arabisch**************)]
–Wir erretteten ihn und Lot und brachten sie in das Land, in dem Wir für die Welten unzählige Segnungen hinterlegt haben. (Al-Anbiyāʾ 21:71) [Mit dem gesegneten Land ist das Gebiet von Schām und Palästina gemeint. In den Versen 137 der Sure al-Aʿrāf, 1 der Sure Banū Isrāʾīl und 81 der Sure al-Anbiyāʾ wird diese Gegend als gesegnet bezeichnet (siehe Tafhīm, 4. Band, Saba, Anmerkung 31).
Und Lot gaben Wir Weisheit und Wissen, das heißt das Prophetentum. (Al-Anbiyāʾ 21:74)
(Arabisch**************)
Und auch Lot gehörte zu denen, die zu Gesandten gemacht wurden. (As-Sāffāt 37:133)
Der Qurʾān enthält keine ausführliche Darstellung darüber, was nach der Auswanderung Ibrāhīms mit seinem Volk geschah. Doch in Vers 70 der Sure at-Tauba wird dieses Volk zusammen mit den Völkern erwähnt, die Rettung erlangten.
Nun stellt sich die Frage, ob bei dieser Auswanderung neben Lot auch Sarah mit Ibrāhīm zusammen war. Der Qurʾān enthält hierzu keine nähere Darlegung. Aus einigen qurʾānischen Aussagen wird jedoch deutlich, dass Ibrāhīm verheiratet war und seine Frau ihn bei der Auswanderung begleitete. So heißt es in der Sure as-Sāffāt, dass Ibrāhīm während seiner Auswanderung folgendes Bittgebet sprach:
(Arabisch**************)
–O Allah, schenke mir ein rechtschaffenes Kind. Dieses Bittgebet konnte nur ein verheirateter Mann sprechen, und zwar zu einer Zeit, als er seine Heimat verlassen hatte und sich auf der Auswanderung befand. Auch die historischen Berichte der Bibel liefern dafür eine Bestätigung. Dort heißt es, dass Sarah ihn bei dieser Auswanderung begleitete. Die übrigen biblischen Berichte sind jedoch völlig haltlos. So wird beispielsweise behauptet, Sarah sei die leibliche Schwester Lots und die eigene Nichte Ibrāhīms gewesen. Später habe er sie geheiratet. Außerdem wird behauptet, dass bei dieser Auswanderung auch der Vater Ibrāhīms bei ihm war (Genesis, Kapitel 11, Vers 27). An der gegen Ibrāhīm verübten Unterdrückung und Verfolgung habe auch sein Vater Anteil gehabt. (Ausgewählt aus dem Talmud – H. Polano, London, S. 40–42.) Darüber hinaus gestattet keine von Allahs Rechtsordnungen die Heirat mit der eigenen Nichte; für einen Propheten wäre eine solche Handlung erst recht undenkbar.
Die Verkündigungstätigkeit Hadrat Ibrahims (a.s.)
Nach Hadrat Nuh (a.s.) war Hadrat Ibrahim (a.s.) der erste Prophet, den Allah, der Erhabene, damit beauftragte, die universale Botschaft des Islam zu verbreiten. Zunächst zog er selbst jahrelang vom Irak nach Ägypten, von Syrien und Palästina bis in verschiedene Gebiete der arabischen Wüste und verkündete den Menschen die Botschaft des Islam: die Anbetung, den Gottesdienst und den Gehorsam gegenüber Allah, dem Erhabenen. Danach setzte er für seine Verkündigungsarbeit in diesen Gebieten seine Stellvertreter ein: in Transjordanien seinen Neffen Lut (a.s.), in Syrien und Palästina seinen jüngeren Sohn Ishaq (a.s.) und im Inneren Arabiens seinen älteren Sohn Ismail (a.s.). Auf Allahs Geheiß errichtete er danach in Mekka jenes Haus, das Kaaba genannt wird, und bestimmte es ebenfalls auf Allahs Geheiß zum Zentrum seiner Mission.
Aus dem Geschlecht Hadrat Ibrahims (a.s.) gingen zwei gewaltige Zweige hervor. Der eine bestand aus den Nachkommen Hadrat Ismails (a.s.), die in Arabien blieben. Die Quraisch und einige arabische Stämme gehörten diesem Zweig an. Auch jene arabischen Stämme, die ihrer Abstammung nach keine Nachkommen Hadrat Ismails (a.s.) waren, hatten durch seine verkündete Religion mehr oder weniger Einfluss erfahren; deshalb führten auch sie ihre Abstammung auf ihn zurück. [Bis zur Zeit des edlen Propheten (s.a.w.) gingen verschiedene Familien des Propheten Ismail zweieinhalb Jahrtausende lang eheliche Verbindungen mit zahlreichen arabischen Familien ein. Nach menschlicher Natur hielten diese es für ehrenvoll, mit der reinen und geheiligten Familie Hadrat Ismails ehelich verbunden zu sein, und erwähnten dies in ihren Stammbäumen – der Verfasser.]
[Da bis zur Zeit des Propheten (s.a.w.) zweieinhalbtausend Jahre lang verschiedene Familien Hadrat Ismails (a.s.) mit zahlreichen Familien der Araber durch Heirat verbunden gewesen waren, betrachteten diese verschiedenen Familien es ihrer menschlichen Natur entsprechend als ehrenvoll, mit dieser bedeutenden Familie verwandt zu sein, und erwähnten dies in ihren Stammbäumen – der Verfasser.]
Der zweite Zweig bestand aus den Nachkommen Hadrat Ishaqs (a.s.). In diesem Geschlecht wurden Hadrat Yaqub (a.s.), Hadrat Yusuf (a.s.), Musa (a.s.), Dawud (a.s.), Sulaiman (a.s.), Yahya (a.s.), Isa (a.s.) und noch viele andere Propheten geboren. Da Hadrat Yaqub (a.s.) Israel genannt wurde, wurde dieses Geschlecht Bani Israil genannt. Die Völker, die infolge ihrer Verkündigung ihre Religion annahmen, verschmolzen entweder ihre Eigenständigkeit mit ihnen oder blieben ihrer Abstammung nach getrennt. Dennoch blieben sie in religiöser Hinsicht ihre Anhänger. Als in diesem Zweig Entstellung und Niedergang einsetzten, entstanden zunächst das Judentum und später das Christentum.
Hadrat Ibrahims (a.s.) eigentliche Aufgabe bestand darin, die Welt zum Gehorsam gegenüber Allah aufzurufen und das persönliche und gesellschaftliche Leben der Menschen entsprechend der von Allah gesandten Rechtleitung auf den rechten Weg zu führen. Er selbst war Allah ergeben. Er folgte dem Wissen, das Ihm gegeben worden war, und verbreitete dieses Wissen in der Welt. Für diesen großartigen Dienst wurde er mit der Führerschaft über die Welt ausgezeichnet. Nach ihm wurde diese Stellung der Führerschaft jenem Zweig seiner Nachkommenschaft anvertraut, der mit Hadrat Ishaq (a.s.) und Hadrat Yaqub (a.s.) begann und Bani Israil genannt wurde. In diesem Geschlecht wurden weiterhin Propheten geboren. Ihnen wurde das Wissen um den rechten Weg gegeben. Ihnen wurde die Verantwortung übertragen, die Völker der Welt auf dem rechten Weg zu führen. Dies war jene Gunst, an die Allah, der Erhabene, sie im Koran immer wieder erinnerte. Dieser Zweig saß auf dem Sitz der Führerschaft. Bayt al-Maqdis blieb das Zentrum des Aufrufs zu Allah und die Gebetsrichtung der Gottesfürchtigen.
Die Geburt Hadrat Ismails (a.s.)
Der zweite Zweig der Nachkommen Ibrahims (a.s.) war Bani Israil. Zu den Mängeln dieses Zweiges gehörte, dass er die Geschichte verfälschte und jeden Gegenstand des Stolzes für sich selbst beanspruchte. Völker, mit denen er in den verschiedenen Epochen der Geschichte in Konflikt, Auseinandersetzung und Wettbewerb stand, versuchte er mit allen Mitteln zu brandmarken. Ein Beispiel unter vielen in der Bibel ist, dass Hadrat Lut (a.s.) ihrer Darstellung zufolge überhaupt kein Prophet war. Hadrat Ibrahim (a.s.) soll ihn auch nicht zu irgendeiner Verkündigungsaufgabe in das Gebiet von Sodom gesandt haben. Vielmehr soll es zwischen Onkel und Neffe zu Streit gekommen sein, woraufhin der Onkel seinen Neffen aufgefordert habe, anderswo seinen Wohnsitz zu nehmen (Genesis, Kapitel 13, Verse 5–13). Ein noch abscheulicheres Beispiel ist dieses: Nach der Darstellung der Bibel, als die Strafe über das Volk Luts kam, verließ Lut (a.s.) den Ort mit seinen beiden Töchtern. Statt zu seinem Onkel Hadrat Ibrahim (a.s.) zu gehen, der in der nahe Sodom gelegenen palästinensischen Stadt Hebron lebte, hielt er sich in einer Höhle auf. Dort – Gott bewahre – machten seine beiden Töchter ihn durch Weintrinken betrunken und verkehrten mit ihm, woraufhin beide schwanger wurden. Aus dem Schoß der einen wurde Moab geboren, der Stammvater der Moabiter, und aus dem Schoß der anderen Ben-Ammi, der Stammvater der Ammoniter (Genesis, Kapitel 19, Verse 30–38). Auf diese Weise ließ Bani Israil seinen Hass gegen die Moabiter und Ammoniter aus. Denn die spätere Geschichte bezeugt, dass es zwischen ihnen und Bani Israil zu äußersten Konflikten und Auseinandersetzungen kam.
Ein solches Verhalten haben sie auch gegenüber den Banū Ismāʿīl gezeigt. In der Bibel wird berichtet, dass Hadschar, die Mutter des ehrwürdigen Ismāʿīl, die Sklavin der ehrwürdigen Sara gewesen sei. Da Sara kinderlos war, sagte sie eines Tages zu dem ehrwürdigen Ibrāhīm: „Verkehre mit meiner Sklavin, damit unsere Familie fortbestehen kann.“ Daher verkehrte der ehrwürdige Ibrāhīm ihrem Wunsch gemäß mit Hadschar, und der ehrwürdige Ismāʿīl wurde geboren – (Genesis, Kapitel 16, Verse 10, 15–16). Dabei heißt es in diesem Genesis-Abschnitt der Bibel in Kapitel 16 und Vers 16, dass der damalige Pharao dem ehrwürdigen Ibrāhīm große Reichtümer, Vieh und Dienerinnen und Diener als Geschenke gab. Zu diesen gehörte auch Hadschar. [Die ehrwürdige Hadschar (möge Allah mit ihr zufrieden sein) war Bewohnerin eines Dorfes namens Umm al-ʿArab oder Umm al-ʿArīq. Es lag im östlichen Ägypten, zwei Meilen vom Ufer des Rūm-Meeres entfernt, gegenüber von Farama oder al-ʿAṭīna. Zur Zeit der Pharaonen befand sich dort eine Festung; heute nennt man sie Tallul Farān – der Verfasser.] Deshalb ist es selbst nach dem Zeugnis der Bibel falsch, Hadschar als Sklavin Saras zu bezeichnen. Für den Geschlechtsverkehr mit ihr bedurfte es auch keiner Erlaubnis Saras.
In der Bibel heißt es außerdem, dass der ehrwürdige Ismāʿīl in Palästina beim ehrwürdigen Ibrāhīm war. Als er sogar vierzehn Jahre alt war, wurde Isḥāq, der Sohn des ehrwürdigen Ibrāhīm und der ehrwürdigen Sara, geboren (Genesis, Kapitel 18, Verse 24–26, Kapitel 21, Verse 1–5). Danach sagt die Bibel:
„Und der Knabe, das heißt der ehrwürdige Isḥāq, wuchs heran und wurde entwöhnt. An dem Tag seiner Entwöhnung veranstaltete Ibrāhīm ein großes Festmahl und bewirtete die Gäste. Als Sara sah, dass der Ägypterin Hadschar – die Ibrāhīms leiblicher Sohn war – dies Freude bereitete, sagte Sara zu Ibrāhīm: ‚Schicke diese Sklavin und ihren Sohn fort, denn der Sohn dieser Sklavin soll nicht Erbe mit meinem Sohn sein.‘ Dies missfiel Ibrāhīm sehr. Gott sagte zu Ibrāhīm: ‚Gräme dich nicht wegen des Knaben und deiner Sklavin. Alles, was Sara dir sagt, sollst du befolgen.‘ Am nächsten Morgen stand Ibrāhīm auf, legte Hadschar Brot und einen Wasserschlauch auf die Schulter und schickte sie zusammen mit ihrem Sohn fort. Sie zog davon und begann, in der einsamen Gegend am Brunnen von Saba wie eine Umherziehende umherzuirren. Als das Wasser im Schlauch zu Ende war, setzte sie ihren Sohn unter einen Busch. Sie ging ein kleines Stück weiter, setzte sich dort nieder und sagte: ‚Ich will den Tod dieses Knaben nicht sehen.‘ Sie setzte sich ihm gegenüber und begann laut zu weinen. Gott hörte die Stimme des Knaben, und die Engel Gottes riefen Hadschar vom Himmel aus zu: ‚Hadschar, was ist mit dir? Fürchte dich nicht, denn Gott hat die Stimme des Knaben von dem Ort gehört, an dem er liegt. Steh auf und heb den Knaben auf. Halte ihn mit deiner Hand fest. Denn ich werde ihn zu einem großen Volk machen.‘ Gott öffnete ihr die Augen, und sie sah einen Wasserbrunnen. Sie ging dorthin, füllte den Wasserschlauch und gab dem Knaben zu trinken. Gott war mit diesem Knaben. Er wuchs heran und lebte in der einsamen Gegend. Er wurde ein Bogenschütze. Er wohnte in der Gegend von Paran. Seine Mutter nahm ihm aus Ägypten eine Frau.“ – (Genesis, Kapitel 21, Verse 8–21).
Diese falsche Geschichte wurde erdichtet, damit keine Verbindung des ehrwürdigen Ibrāhīm und des ehrwürdigen Ismāʿīl mit Arabien, Mekka, der Kaʿba und dem Zamzam-Brunnen nachgewiesen werden kann. Denn wenn man Ibrāhīms Reise nach Arabien verschleiert, wird damit jener bedeutende Abschnitt der islamischen Geschichte ausgelöscht, der mit dem arabischen Zentrum der Religion Ibrāhīms verbunden ist: der Aufenthalt des ehrwürdigen Ismāʿīl bis zu seinem vierzehnten Lebensjahr in Palästina und danach sein Aufenthalt in der einsamen Gegend von Paran sowie seine Heirat und anderes. Nach den verschiedenen Stellen der Bibel, an denen die einsame Gegend von Paran erwähnt wird, lag sie südlich von Palästina, westlich des Tals von al-ʿAqaba, nördlich der Sinaiwüste sowie östlich von Ägypten und dem Rūm-Meer. Der Berg Paran hatte keinerlei Verbindung zu Arabien, wo Mekka liegt. Darüber hinaus wird in dieser Geschichte der ehrwürdigen Sara (möge Allah mit ihr zufrieden sein) und dem ehrwürdigen Ibrāhīm ein abscheulicher Charakter zugeschrieben, wobei zugleich Allah, der Erhabene, beschuldigt wird. Dadurch kommt ein abscheuliches und niederträchtiges Bild der moralischen Vorstellungen der Banū Isrāʾīl selbst zum Ausdruck. Darin werden die Frau eines Propheten, des ehrwürdigen Ibrāhīm, und der Name eines weiteren Propheten, des ehrwürdigen Isḥāq, so dargestellt, dass die Mutter nicht einmal das Lachen des Sohnes ihrer Nebenfrau erträgt und den Ehemann zwingt, den Sohn vom Erbe auszuschließen und aus der Familie zu vertreiben. Der Ehemann, ein hochgeehrter Prophet, wird so dargestellt, als habe er seinen fünfzehn- oder sechzehnjährigen Sohn zusammen mit dessen Mutter mit nichts weiter als Brot und einem Wasserschlauch in die einsame Gegend verbannt und sich nicht um ihr Leben oder ihren Tod gekümmert. Die Würde Allahs, des Erhabenen, wird andererseits so dargestellt, als habe Er dem ehrwürdigen Ibrāhīm im Interesse des Vorfahren der Banū Isrāʾīl, des ehrwürdigen Isḥāq, und dessen Mutter befohlen, die Forderung der Mutter Isḥāqs zu erfüllen, die aus Eifersucht und Feindschaft gegenüber ihrer Nebenfrau deren Unterdrückung und Ungerechtigkeit verlangt habe. Die ganze Geschichte ist eine Ansammlung falscher und frei erfundener Vorstellungen.
Demgegenüber können wir aus dem Koran und den Hadithen die richtige Geschichte erfahren. Unzählige Menschen unter den Arabern haben diese Geschichte über viertausend Jahre hinweg von Generation zu Generation immer wieder überliefert und bezeugt.
Der Koran berichtet, dass der ehrwürdige Ibrāhīm bei seiner Auswanderung aus seiner Heimat dieses Bittgebet an Allah richtete:
(Arabisch**************)
„O mein Herr! Schenke mir rechtschaffene Nachkommen.“ (as-Sāffāt: 100).
Nach langer Zeit wurde das Bittgebet erhört, als Ibrahim (a. S.) ein sehr hohes Alter erreicht hatte. Im Koran wird folgende Aussage von Ibrahim (a. S.) überliefert: (Arabisch***************)
Lob sei Allah, der mir in meinem hohen Alter Ismail und Ishaq (zwei Söhne) geschenkt hat – (Ibrahim: 39).
Vor der Geburt dieser beiden Söhne hatte Allah, der Erhabene, Ibrahim (a. S.) bereits frohe Kunde gegeben. Zuerst wurde ihm die frohe Kunde von Ismail (a. S.) mit folgenden Worten überbracht:
– Daraufhin verkündeten Wir ihm die frohe Kunde von einem geduldigen Sohn (as-Saffat: 101). Einige Jahre später, als Ismail (a. S.) beinahe die Jugend erreicht hatte, wurde die frohe Kunde von dem zweiten Sohn folgendermaßen überbracht –(Arabisch***************)
(und die Engel verkündeten ihm, das heißt Ibrahim (a. S.), die frohe Kunde von einem wissenden Sohn – (adh-Dhariyat: 28). Als ihm diese zweite frohe Kunde überbracht wurde, sagte Ibrahim (a. S.):
(Arabisch***************)
– Verkündet ihr mir etwa die frohe Kunde von einem Sohn in meinem hohen Alter? Bedenkt doch, was für eine frohe Kunde ihr mir verkündet – (al-Hidschr: 54). Infolge dieser frohen Kunde war Sarah in folgendem Zustand:
(Arabisch***************)
–Seine Frau trat schreiend vor, bedeckte ihr Gesicht und sagte: »Ich bin alt und unfruchtbar.« (Adh-Dhariyat: 29).
Auf Grundlage dieser Verse kann die folgende Darstellung der Bibel als zutreffend angesehen werden: Im Alter von 86 Jahren wurde Abraham Ismael und im Alter von 100 Jahren Isaak geboren (Genesis 16, Vers 16; Kapitel 21, Vers 5).
Die Wiederansiedlung Ismaels (Friede sei mit ihm) in Mekka
Aus der vorangegangenen Erörterung wurde deutlich, dass Ismael (Friede sei mit ihm) der erste Sohn seines Vaters war und im hohen Alter seines Vaters geboren wurde. Unter solchen Umständen durfte jeder Vater erwarten, dass er seinen Erstgeborenen und bis zu dessen vierzehntem Lebensjahr einzigen Sohn liebevoll an seine Brust drücken würde. Er hätte es nicht ertragen, ihn aus den Augen zu verlieren. Doch Abraham (Friede sei mit ihm) war ein Prophet und räumte deshalb dem Aufruf zur Wahrheit den Vorrang ein. Dafür ertrug er in seiner Heimat unendliche Unterdrückung und Ungerechtigkeit, wanderte aus, zog in fremden Ländern umher und setzte an jedem Ort seine Kraft und Mühe dafür ein, Allahs Botschaft zu übermitteln. Nach der Geburt dieses geliebten Kindes kam ihm als allererster Gedanke, wie im arabischen Land jenes Zentrum für den Aufruf zum Tauhid errichtet werden könnte, von dem aus der Letzte der Propheten erscheinen sollte und das bis zum Jüngsten Tag als Zentrum des Aufrufs zum Tauhid bestehen bleiben würde. Der Koran teilt uns mit, dass Allah Abraham (Friede sei mit ihm) diesen Ort von Anfang an bezeichnete, an dem dieses Zentrum errichtet werden sollte. Tatsächlich heißt es in der Sure al-Hadsch:(Arabisch***************)
–Erinnere dich an die Zeit, als Wir für Abraham den Standort dieses Hauses (der Kaaba) bestimmten. (Al-Hadsch: 26).
Gemäß diesem Befehl ließ dieser große Diener Allahs seinen noch gestillten Sohn zusammen mit dessen außergewöhnlich geduldiger und ganz auf Allah vertrauender Mutter genau an jenem Ort zurück, an dem er schließlich die Kaaba errichten sollte – äußerlich in völlig hilfloser Lage.
In al-Buchari wird, unter Berufung auf Abdallah ibn Abbas (Allahs Wohlgefallen sei mit ihm), ein ausführlicher Bericht über dieses Ereignis gegeben. Aus der Art, wie Ibn Abbas (Allahs Wohlgefallen sei mit ihm) in diesem Bericht an verschiedenen Stellen die Worte des edlen Propheten (Allahs Segen und Frieden seien mit ihm) anführt, geht hervor, dass er alles, was er überlieferte, unmittelbar vom Propheten gehört hatte. Er sagte: Abraham (Friede sei mit ihm) brachte Hadschar (Allahs Wohlgefallen sei mit ihr) und ihren noch gestillten Sohn Ismael (Friede sei mit ihm) und ließ sie unter einem Baum an einem Ort zurück, an dem später die Quelle Zamzam entsprang. Im damals menschenleeren Tal von Mekka gab es keinen Menschen und nirgends Wasser. Abraham (Friede sei mit ihm) gab Hadschar (Allahs Wohlgefallen sei mit ihr) einen ledernen Beutel mit Datteln und einen Wasserschlauch und ging fort. Hadschar lief hinter ihm her und sagte immer wieder: »O Abraham! Wohin gehst du und lässt uns in dieser trockenen, pflanzenlosen, verlassenen Gegend zurück?« Hadschar (Allahs Wohlgefallen sei mit ihr) wiederholte dies mehrere Male. Doch Abraham (Friede sei mit ihm) wandte sich nicht einmal um. ****1 Schließlich sagte Hadschar (Allahs Wohlgefallen sei mit ihr): »Hat Allah dir befohlen, dies zu tun?« Abraham (Friede sei mit ihm) sagte nur: »Ja.« Darauf sagte Hadschar: »Wenn es so ist, wird Allah uns nicht zugrunde gehen lassen.« Damit kehrte sie zurück und setzte sich zu ihrem Kind.
Abraham (Friede sei mit ihm) ging hinter einen Berg, von wo aus er Mutter und Sohn nicht mehr sehen konnte, wandte sich dem Baytullah zu (an dem Ort, an dem er dieses Haus errichten sollte) und sprach folgendes Bittgebet:
(Arabisch***************)
– O mein Gott, ich habe einen Teil meiner Nachkommen in einem wasser- und pflanzenlosen Tal nahe Deinem heiligen Haus angesiedelt, damit sie das Gebet verrichten. So lass die Herzen der Menschen ihnen zugeneigt sein und versorge sie mit Früchten, damit sie vielleicht dankbar sein mögen – (Ibrahim: 37).
Währenddessen stillte Ismails (a) Mutter ihn weiter und trank selbst aus dem Wasserschlauch. Als das Wasser zu Ende war, wurden sie und ihr Kind durstig. Als sie sah, wie ihr Kind sich vor Durst quälte, konnte sie nicht ruhig bleiben. Sie lief in Richtung des Tales, um zu sehen, ob sie Menschen entdecken konnte. Doch sie sah niemanden. Dann stieg sie vom Berg Safa hinab und gelangte in die Mitte des Tales. Daraufhin hob sie beide Arme und begann so zu laufen, wie ein verzweifelter Mensch läuft. Dann stieg sie auf den Berg Marwa und hielt Ausschau, ob sie irgendwo einen Menschen erblicken konnte. Doch sie sah niemanden. So lief sie siebenmal zwischen Safa und Marwa hin und her. Ibn Abbas (ra) berichtet, dass der Prophet (s) sagte:
[Nicht zurückzublicken bedeutet nicht Grausamkeit, Vernachlässigung oder Geringschätzung. Obwohl Ibrahim (a) ein großer Prophet war, war er selbstverständlich ein Mensch. Um Allahs Befehl zu erfüllen, hatte er ein so großes Wagnis auf sich genommen, dass er sein noch gestilltes Kind und dessen Mutter in einer von Bergen umgebenen, menschenleeren Gegend zurückließ. Wie es damals in seinem Herzen ausgesehen haben muss, lässt sich angesichts dieser Lage gewiss erahnen. Wenn er in dieser Situation nach seiner Frau und seinem Sohn gesehen hätte, wäre sein Herz unruhig und aufgewühlt geworden. Deshalb ging er weiter, als hätte er einen Stein auf seine Brust gelegt. Auf die wiederholten Fragen seiner hinter ihm gehenden Frau antwortete er, ohne sich nach ihr umzusehen, nur mit einem „Ja“.]
Deshalb vollziehen die Menschen den Sa’i zwischen Safa und Marwa. (****1) Als sie beim letzten Mal auf den Berg Marwa stieg, hörte sie eine Stimme. Darauf sagte sie zu sich selbst: „Sei still“ (das heißt: „Mach keinen Lärm“), und begann aufmerksam zuzuhören. Als die Stimme erneut ertönte, sagte sie: „O du, dessen Stimme ich höre, hast du etwas, womit du meine Bitte erfüllen kannst?“
Plötzlich sah sie an der Stelle von Zamzam einen Engel. In den Überlieferungen von Ibrahim ibn Nafi und Ibn Dschuraidsch heißt es, dass sie Dschibril sah, wie er mit seiner Ferse oder seiner Hand die Erde aufgrub. Dann trat Wasser hervor. Hadschar (ra) begann, das Wasser mit ihren Händen zu schöpfen und den Wasserschlauch zu füllen. Je mehr sie Wasser schöpfte, desto stärker quoll es hervor und stieg empor. Ibn Abbas (ra) berichtet, dass der Prophet (s) sagte: „Möge Allah der Mutter Ismails barmherzig sein! Wenn sie Zamzam in jenem Zustand gelassen hätte (das heißt, wenn sie es nicht ringsum mit einem Wall umgeben hätte), wäre Zamzam eine fließende Quelle geworden.“
So trank Hadschar (ra) weiterhin Wasser und stillte ihr Kind. Der Engel sagte zu ihr: „Fürchte nicht, dass das Wasser versiegen könnte. Hier befindet sich das Haus Allahs, das dieses Kind und sein Vater errichten werden. Allah wird die Bewohner dieses Hauses nicht zugrunde richten.“
Nachdem dieser Zustand einige Zeit angedauert hatte, kamen einige Angehörige des Stammes Dschurhum (***1) aus der Gegend von Kada und machten im unteren Teil von Mekka Halt. Von dort aus sahen sie einen Vogel um eine bestimmte Stelle herumfliegen. Sie sagten: „Dieser Vogel kreist offenbar über Wasser.“ Wir sind schon früher durch dieses Tal gezogen, doch nirgends gab es Wasser. Dann schickten sie zwei oder drei Männer. Diese sahen dort Wasser. Sie kehrten zurück und teilten den anderen die Nachricht mit. Darauf kamen sie dorthin und fanden dort Ismails (a) Mutter. Sie sagten zu Hadschar (ra): „Erlaubst du uns, hier zu bleiben?“ Hadschar antwortete: „Ja, aber es wird nicht euch, sondern mir unterstehen.“ Sie stimmten dem zu.
Ibn Abbas (r.a.) berichtet, dass der Prophet (s.a.s.) gesagt hat: Der Stamm der Jurhum fand die Mutter Ismails sehr umgänglich. Auch sie selbst wünschte, dass sich einige Menschen hier niederlassen sollten. So blieben sie dort und holten auch die übrigen Mitglieder ihrer Familien dorthin. Mehrere Familien ließen sich dort nieder. Hadrat Ismail (a.s.) wuchs unter ihnen auf und erlernte bei ihnen die arabische Sprache. (***1) Die Jurhum-Leute mochten diesen Jungen sehr und hegten den Wunsch, dass er ein Mädchen aus ihrem eigenen Stamm heiraten möge.
(****1) Dies ist ein äußerst wichtiger historischer Beweis für jenes Ereignis. Nach der Errichtung der Kaaba wurden die fortlaufenden Hadsch-Riten in der Zeit Hadrat Ibrahims (a.s.) begonnen. Seit jener Zeit bis heute haben Hunderte, Tausende und Millionen von Menschen zur Erinnerung an dieses Ereignis den Sa’i zwischen Safa und Marwa vollzogen. Diese sich über Jahrtausende wiederholende Praxis wird bis heute fortgesetzt, ohne jemals unterbrochen worden zu sein. Es gibt kein anderes historisches Zeugnis für ein Ereignis auf der Welt, das stärker wäre als dieses. Im Gegensatz dazu wird von dem Ereignis in der öden Wüste von Paran (Fortsetzung auf der vorherigen Seite) berichtet, dass dort weder zuvor ein solcher Sa’i vollzogen wurde noch heute vollzogen wird.
() Dies ist ein Stamm der alten qahtanitischen Araber des Jemen.
(1) Auch die Sprache Hadrat Ibrahims (a.s.) war nicht Arabisch. Er stammte aus dem Irak. Später ließ er sich in Kanaan nieder. Auch die Sprache Hadrat Hadschars war nicht Arabisch. Sie war Ägypterin.]
Das Ereignis der Opferung des Sohnes
Nachdem Hadrat Ibrahim (a.s.) seinen geliebten Sohn in jener Talwüste zurückgelassen hatte, überließ er ihn keineswegs sich selbst. Vielmehr kam er von Zeit zu Zeit, um sich nach ihm zu erkundigen, und blieb auch einige Tage bei seiner Frau und seinem Sohn. Als er seine Frau und das noch gestillte Kind an diesem Ort zurückließ, sprach er ein Bittgebet.(Arabisch*********************)
-O mein Herr, mach diese Stadt sicher. Genau entsprechend diesem Bittgebet ist dieser einst menschenleere Ort inzwischen zu einer Siedlung geworden. Es ist anzunehmen, dass Hadrat Ibrahim (a.s.) unter den Jurhum-Leuten bis dahin gewiss auch den Islam verkündet hatte. Danach ereignete sich etwas, das in der Menschheitsgeschichte ohnegleichen ist. Hadrat Ibrahim (a.s.) war bereit, seinen im hohen Alter geborenen, ersten und einzigen Sohn in dessen früher Jugend auf Gottes Geheiß zu opfern. Im Koran wird dieses Ereignis folgendermaßen geschildert-
(Arabisch*********************)
– Als der Junge das Alter erreicht hatte, in dem er mit ihm umherlaufen konnte, sagte Ibrahim eines Tages: „Mein Sohn, ich habe im Traum gesehen, dass ich dich schlachte. Was meinst du dazu?“ Er antwortete: „Vater, führe aus, was dir befohlen wurde. Du wirst mich, so Allah will, geduldig finden.“ Als sie sich schließlich beide in völliger Hingabe vor Allah niederwarfen und Ibrahim (a.s.) seinen Sohn mit dem Gesicht nach unten legte, riefen Wir ihm zu: „O Ibrahim, du hast den Traum wahr gemacht.“ So belohnen Wir die Rechtschaffenen. Wahrlich, dies war eine offenkundige Prüfung, und Wir gaben als Lösegeld ein großes Opfer und bewahrten dadurch dieses Kind (as-Saffat: 102–107). Dieses Ereignis trug sich in Mekka zu [im Quran wird dieser Ort auch „Bakka“ genannt (Al-i-Imran: 96). Aus der Überlieferung Ibn Hischams (Band 1, S. 119) geht jedoch hervor, dass dies nicht sein ursprünglicher Name war, sondern dass er erst später, als der Ort den Rang eines Heiligtums erlangte, ebenfalls so genannt wurde. Ibn Hischam sagt, Mekka werde deshalb Bakka genannt, weil es den Nacken der Gewalttätigen bricht. Er erklärt weiter, dass Mekka im Zeitalter der Unwissenheit weder Unterdrückung noch Übergriffe lange bestehen ließ. Alle, die Übergriffe begingen, wurden aus dieser Stadt vertrieben – (der Verfasser)]. Der Ort, an den Hadhrat Ibrahim (a.s.) seinen Sohn zur Opferung brachte, war Mina; dort wird dieses Opfer bis heute am selben Datum, dem 10. Dhul-Hiddscha, vollzogen. [Der Grund, warum er ihn nach Mina bringen musste, war, dass sich damals in Mekka bereits eine Siedlung gebildet hatte und auch die Mutter Hadhrat Ismails (a.s.) dort lebte. Deshalb brachte Hadhrat Ibrahim (a.s.) seinen Sohn außerhalb Mekkas in die dünn besiedelte Bergregion von Mina.] Außerdem ereignete sich dies, als Hadhrat Ismail (a.s.) nicht älter als zwölf oder dreizehn Jahre war. Hadhrat Ishaq war zu jener Zeit noch nicht geboren. Denn nachdem Allah diese Begebenheit in der Sure as-Saffat berichtet, sagt Er:
(Arabisch*********************)
– Und Wir verkündeten Ibrahim die frohe Botschaft von einem der rechtschaffenen Propheten (Vers 112).
Zu den oben genannten Versen sind einige Erläuterungen erforderlich, die im Folgenden gegeben werden:
(1) Hadhrat Ibrahim (a.s.) sah im Traum nicht, dass er seinen Sohn bereits geschlachtet hatte. Vielmehr sah er, dass er ihn schlachtete. Doch damals verstand er den Traum so, dass Allah ihm befahl, seinen Sohn zu opfern, um seinen aufrichtigen Glauben zu prüfen. Deshalb machte er sich mit kühlem Kopf bereit, seinen geliebten Sohn zu opfern.
(2) Der Zweck der Frage an den Sohn bestand nicht darin, dass er Allahs Befehl nur dann ausführen würde, wenn der Sohn zustimmte, und andernfalls nicht. Vielmehr wollte Hadhrat Ibrahim (a.s.) sehen, wie rechtschaffen der Sohn war, um den er Allah um ein frommes Kind gebeten hatte. Wenn auch er bereit war, um Allahs Wohlgefallen willen sein Leben hinzugeben, bedeutete dies, dass das Bittgebet vollständig erhört worden war und der Sohn nicht nur leiblich sein Kind, sondern auch in moralischer und geistiger Hinsicht ein wahrhaft lobenswerter Sohn war.
(3) Hadhrat Ismails (a.s.) Aussage: „Führe aus, was dir befohlen wurde“, bedeutet, dass er den Traum seines prophetischen Vaters als Allahs Befehl und als an die Stelle der Offenbarung tretend betrachtete. Wäre diese Auffassung nicht richtig gewesen, hätte Hadhrat Ibrahim (a.s.) gesagt, dass dies kein bloßer Traumbefehl sei, und auch Allah der Erhabene hätte seine Auffassung in diesen Versen widerlegt. Dies ist eines der Argumente, auf deren Grundlage im Islam der Traum eines Propheten als eine der Arten der Offenbarung gelten kann.
(4) Hadhrat Ibrahim (a.s.) legte seinen Sohn zur Opferung nicht auf den Rücken, sondern mit dem Gesicht nach unten, damit seine Hand beim Anblick des Gesichts seines Kindes nicht aus väterlicher Liebe zittern würde. Deshalb wollte er das Messer von unten an die Kehle führen.
(5) Noch bevor Hadrat Ibrahim (a. s.) seinen Sohn schlachtete, sagte Allah, der Erhabene: „O Ibrahim, du hast den Traum wahr gemacht.“ Diese Erklärung Allahs war deshalb vollkommen gerechtfertigt, weil ihm im Traum nicht gezeigt worden war, dass er seinen Sohn tatsächlich geschlachtet hatte. Vielmehr war ihm gezeigt worden, dass er dies tat. Als er nun erfüllte, was ihm im Traum gezeigt worden war, erging die Erklärung: „Du hast den Traum wahr gemacht und jene gewaltige Prüfung bestanden, der Wir dich unterzogen hatten. Den rechtschaffenen Dienern unter euch vergelten Wir auf diese Weise, wie Wir es dir vergolten haben. Ohne zuzulassen, dass du deinen Sohn mit eigener Hand tötest, haben Wir durch dich zum Ausdruck gebracht, dass du aus Liebe zu Uns sogar dein eigenes Kind opfern kannst.“
(6) Mit dem Ausdruck „ein großes Opfer“ kann auch ein Widder gemeint sein, den die Engel Allahs Hadrat Ibrahim brachten, damit er ihn anstelle Hadrat Ismails schlachte. Damit kann aber auch das Opfer gemeint sein, das von jener Zeit bis in die Epoche des Propheten Muhammad (s. a. w.) dargebracht wurde und das seit der Zeit des Propheten bis heute von allen Muslimen der Welt während der Hadsch und zum Eid al-Adha vollzogen wird.
Wurde das Opfer für Hadrat Ishaq dargebracht oder für Ismail?
Wie bereits oben dargelegt wurde, pflegten die Kinder Israels jede bedeutende Angelegenheit als ihre eigene zu bezeichnen, anderen falsche Anschuldigungen zuzuschreiben oder viele Ehren für sich selbst zu beanspruchen. Dieser Gewohnheit entsprechend schreiben sie das Ereignis des Sohnesopfers nicht Hadrat Ismail (a. s.), sondern Hadrat Ishaq (a. s.) zu. Die Bibel sagt:
„Gott prüfte Abraham und sagte zu ihm: Nimm deinen geliebten und einzigen Sohn Ishaq, geh in das Land Moria und opfere ihn dort als Brandopfer auf einem der Berge, den Ich dir nennen werde“ (Genesis, Kapitel 22, Verse 1–2).
In dieser Darstellung wird einerseits gesagt, dass Allah, der Erhabene, das Opfer Ishaqs (a. s.) verlangt habe, und andererseits, dass er der einzige Sohn gewesen sei. Aus anderen Darstellungen der Bibel geht jedoch eindeutig hervor, dass Hadrat Ishaq nicht der einzige Sohn war. Dazu siehe die folgende biblische Erläuterung:
„Und Saras, Abrahams Frau, hatte kein Kind. Sie hatte eine ägyptische Sklavin, deren Name Hadschar war. Und Sara sagte zu Abram: Siehe, Allah hat mich kinderlos gelassen. Geh deshalb zu meiner Sklavin. Vielleicht werde ich durch sie ein Kind in meinem Haus bekommen. Und Abram stimmte Saras Worten zu. Er hatte zehn Jahre im Land Kanaan gewohnt; in dieser Zeit gab Sara ihm ihre ägyptische Sklavin, damit sie seine Frau werde. Und er ging zu Hadschar, und sie wurde schwanger“ (Genesis, Kapitel 65, Verse 1–3).
„Der Engel Allahs sagte zu ihr: Du bist schwanger und wirst einen Sohn gebären. Nenne ihn Ismail“ (Genesis 16:11).
„Als Ismael im Schoß Hagars geboren wurde, war Abram sechsundachtzig Jahre alt“ (Genesis 16:16). Und Gott sprach zu Abram: „Auch von deiner Frau Sara werde ich dir einen Sohn geben; du sollst ihm den Namen Isaak geben. Zur festgesetzten Zeit im kommenden Jahr wird er aus Saras Schoß geboren werden.“ Da nahm Abram seinen Sohn Ismael und alle Männer seines Hauses und beschnitt sie noch am selben Tag auf Gottes Befehl. Abram war bei der Beschneidung neunundneunzig Jahre alt, und Ismael wurde im Alter von dreizehn Jahren beschnitten“ (Genesis 17:15–25).
„Und als ihm sein Sohn geboren wurde, war Abram hundert Jahre alt“ (Genesis 21:5).
Dadurch wird der Widerspruch in der babylonischen Überlieferung deutlich. Es ist klar, dass der edle Ismael (a.s.) bis zu seinem vierzehnten Lebensjahr der einzige Sohn des edlen Ibrahim (a.s.) war. Wenn die Opferung des einzigen Sohnes verlangt worden war, dann war nicht die Opferung des edlen Isaak (a.s.), sondern die des edlen Ismael (a.s.) verlangt worden, denn er allein war der einzige Sohn. Wenn jedoch die Opferung Isaaks verlangt worden war, dann ist die Aussage falsch, dass die Opferung des einzigen Sohnes verlangt worden sei.
Wenn wir uns danach den islamischen Überlieferungen zuwenden, stoßen wir auf eine große Meinungsverschiedenheit. Unter den Überlieferungen, die die Kommentatoren von den Gefährten und den Tabi’un angeführt haben, besagt die Überlieferung einer Gruppe, dass jener Sohn der edle Isaak war. Zu dieser Gruppe gehören die folgenden Gelehrten:
der edle Umar (r.a.), der edle Ali (r.a.), der edle Abdullah ibn Mas’ud (r.a.), der edle Abbas ibn Abd al-Muttalib (r.a.), der edle Abdullah ibn Abbas (r.a.), der edle Abu Huraira (r.a.), Qatada, Ikrima, Hasan al-Basri, Mujahid, Scha’bi, Masruq, Makhul, Zuhri, Ata, Muqatil, Suddi, Ka’b al-Ahbar, Zaid ibn Aslam und weitere Gelehrte.
Die zweite Gruppe sagt, dass er der edle Ismael (a.s.) war. Zu dieser Gruppe gehören die folgenden Gelehrten:
der edle Abu Bakr (r.a.), der edle Ali (r.a.), der edle Abdullah ibn Umar (r.a.), der edle Abdullah ibn Abbas (r.a.), der edle Abu Huraira (r.a.), der edle Muawiya (r.a.), Ikrima, Mujahid, Yusuf ibn Mihran, Hasan al-Basri, Muhammad ibn Ka’b, al-Qurazi, Scha’bi, Said ibn al-Musayyab, Dahhak, Muhammad ibn Ali ibn Husain (Imam Muhammad al-Baqir), Rabi ibn Anas, Ahmad ibn Hanbal und weitere Gelehrte.
Bei einer Prüfung dieser beiden Listen wird deutlich, dass einige Namen in beiden Gruppen vorkommen. Das bedeutet, dass von ein und derselben Person zwei einander widersprechende Überlieferungen angeführt wurden. So überlieferte Ikrima von dem edlen Abdullah ibn Abbas (r.a.) die Aussage, der Sohn sei der edle Isaak gewesen. Von demselben überlieferte jedoch Ata ibn Abi Rabah wiederum die Aussage: „Die Juden behaupten, er sei der edle Isaak gewesen.“ Doch die Juden sagen die Unwahrheit.“ Ebenso findet sich von Hasan al-Basri eine Überlieferung, wonach er die Schlachtung des edlen Isaak (a.s.) befürwortete. Amr ibn Ubaid sagt jedoch, dass Hasan al-Basri in dieser Angelegenheit keinen Zweifel daran hatte, dass der Sohn des edlen Ibrahim (a.s.), dessen Schlachtung befohlen worden war, der edle Ismael (a.s.) war. Diese Meinungsverschiedenheit führte dazu, dass einige Gelehrte mit großer Gewissheit für den edlen Isaak eintraten, etwa Ibn Jarir und Qadi Iyad. Andere erklären hingegen mit Gewissheit, dass der edle Ismael geschlachtet wurde, etwa Ibn Kathir. Wieder andere blieben unschlüssig, wie etwa Dschalaluddin as-Suyuti. Wenn man die Angelegenheit jedoch unter dem Gesichtspunkt der Forschung und Untersuchung betrachtet, bleibt nicht der geringste Zweifel daran, dass der edle Ismael (a.s.) geschlachtet werden sollte; die Beweise dafür sind folgende:
(1) In der Sure as-Saffat findet sich die Aussage Allahs des Erhabenen, dass Hadhrat Ibrahim (a.s.) beim Auswandern aus seiner Heimat um einen rechtschaffenen Sohn bat. Daraufhin verkündete Allah ihm die frohe Botschaft von einem geduldigen Sohn. Aus der Ausdrucksweise wird eindeutig verständlich, dass er dieses Bittgebet sprach, als er kinderlos war. Der Sohn, dessen Geburt ihm anschließend angekündigt wurde, war sein erstgeborener Sohn. Der weitere Verlauf dieser Sure macht deutlich, dass eben dieser Sohn, als er alt genug war, mit seinem Vater umherzulaufen und herumzutollen, zur Opferung bestimmt wurde. Nun ist mit Gewissheit erwiesen, dass Hadhrat Ibrahims (a.s.) erstes Kind Hadhrat Ismail (a.s.) war, nicht Hadhrat Ishaq.
Im Heiligen Quran wird die Reihenfolge der beiden Söhne folgendermaßen beschrieben:
(Arabisch***************)
– Lob sei Allah, der mir in meinem hohen Alter Ismail und Ishaq geschenkt hat – (Ibrahim: 39).
(2) An der Stelle, an der im Heiligen Quran die frohe Botschaft von Hadhrat Ishaq (a.s.) verkündet wird, werden die beiden Worte „Ghulamin Alim“ (ein wissender Sohn) verwendet (adh-Dhariyat: 28), und in der Sure heißt es:(Arabisch*************)
„Fürchte dich nicht, ich verkünde dir die frohe Botschaft von einem wissenden Sohn“ – (al-Hidschr: 53). In der Sure as-Saffat hingegen, in der die frohe Botschaft von dem Sohn verkündet wird, werden die Worte „Ghulamin Halim“ (ein geduldiger Sohn) verwendet. Daraus wird eindeutig ersichtlich, dass die besonderen Eigenschaften der beiden Söhne jeweils verschieden waren und der Befehl zur Opferung nicht für den wissenden Sohn, sondern für den geduldigen Sohn erging; denn das Ereignis der Opferung des Sohnes ereignete sich, nachdem dieser Sohn geboren worden und beinahe das Jugendalter erreicht hatte, während die frohe Botschaft von der Geburt des zweiten Sohnes erst danach verkündet wurde.
(3) Bei der Verkündung der frohen Botschaft von der Geburt Hadhrat Ishaqs (a.s.) wird im Heiligen Quran zugleich die frohe Botschaft verkündet, dass in ihrer Nachkommenschaft auch ein Sohn wie Yaqub (a.s.) geboren werden werde:(Arabisch***************)।
– Wir verkündeten ihm die frohe Botschaft von Ishaq und nach Ishaq von Yaqub – (Hud: 71).
Es ist eindeutig, dass zugleich mit der Verkündung der Geburt eines Sohnes die Nachricht überbracht wurde, dass ihm ein tüchtiger Sohn geboren werde. Wenn Hazrat Ibrahim (a. s.) in diesem Zusammenhang im Traum gezeigt worden wäre, dass er ihn schlachtet, hätte Hazrat Ibrahim daraus niemals verstehen können, dass angedeutet wurde, diesen Sohn zu opfern. Denn nach seiner Opferung wäre die Geburt eines Sohnes aus seinem Samen, nämlich Hazrat Yaqubs (a. s.), überhaupt nicht mehr möglich gewesen.
Allama Ibn Dscharir beantwortet dieses Argument folgendermaßen: Vielleicht wurde Hazrat Ibrahim dieser Traum zu jener Zeit gezeigt, als Hazrat Yaqub im Hause Hazrat Ishaqs geboren worden war. Doch dies ist eine äußerst schwache Antwort. Die Worte des Heiligen Qur’an lauten: „Als der Junge alt genug war, mit seinem Vater umherzulaufen“ – damals wurde dieser Traum gezeigt. Wer diese Worte unvoreingenommen liest, wird sich das Bild eines acht-, zehn- oder höchstens zwölf- bis dreizehnjährigen Jungen vorstellen. Niemand kann annehmen, dass diese Worte für einen Sohn verwendet wurden, der bereits erwachsen und selbst Vater eines Kindes geworden war.
(4) Nachdem Allah Taala die gesamte Geschichte geschildert hat, sagt Er am Ende: „Wir verkündeten ihm die frohe Botschaft von Ishaq, einem rechtschaffenen Propheten.“ Daraus lässt sich eindeutig erkennen, dass dies nicht der Sohn war, dessen Schlachtung angedeutet worden war. Vielmehr war zunächst die Geburt eines anderen Sohnes angekündigt worden. Als dieser dann alt genug war, mit seinem Vater umherzulaufen, wurde ihm befohlen, ihn zu schlachten. Nachdem Hazrat Ibrahim (a. s.) diese Prüfung bestanden hatte, wurde ihm die Geburt eines weiteren Sohnes, Ishaq, angekündigt. Diese Abfolge der Ereignisse führt mit Gewissheit zu dem Schluss, dass der Sohn, dessen Schlachtung befohlen worden war, nicht Hazrat Ishaq (a. s.) war, sondern dass dieser Sohn einige Jahre vor ihm geboren worden war. Allama Ibn Dscharir weist dieses eindeutige Argument mit der Aussage zurück, zunächst sei die frohe Botschaft von der Geburt Hazrat Ishaqs (a. s.) verkündet worden. Als dieser sich dann bereitgemacht habe, um Allahs Wohlgefallen willen sein Leben hinzugeben, sei ihm als Belohnung die frohe Botschaft seiner Berufung zum Propheten gegeben worden. Doch diese Antwort ist noch schwächer als die erste. Wenn die Angelegenheit tatsächlich so gewesen wäre, hätte Allah Taala im Zusammenhang mit diesem Ereignis nicht gesagt: „Wir verkündeten ihm die frohe Botschaft von Ishaq“, sondern vielmehr: „Wir verkündeten ihm diese frohe Botschaft: Dein Sohn wird ein rechtschaffener Prophet sein.“
(5) Durch zuverlässige Überlieferungen ist erwiesen, dass die Hörner des Widders, der als Lösegeld für Hazrat Ismail (a. s.) geschlachtet worden war, bis zur Zeit von Hazrat Abdullah ibn az-Zubair (r. a.) im Hause der Kaaba aufbewahrt wurden. Später, als Haddschadsch ibn Yusuf Ibn az-Zubair (r. a.) im Heiligtum belagerte und das Haus der Kaaba zerstörte, gingen diese Hörner verloren. Ibn Abbas (r. a.) und Amir asch-Schaʿbi (r. h.) bezeugen, dass sie diese Hörner der Kaaba selbst gesehen hatten (Ibn Kathir). Dies beweist, dass sich dieses Opferereignis nicht im syrischen Land ereignet hat, sondern in Mekka und mit Ismail (a. s.). Deshalb wurden im von Hazrat Ibrahim (a. s.) und Ismail (a. s.) errichteten Hause der Kaaba Erinnerungszeichen an sie bewahrt.
(6) Viele Jahrhunderte lang war in der Tradition Arabiens bewahrt worden, dass sich dieses Opferereignis in Mina zugetragen hatte. Es handelt sich dabei nicht nur um eine Überlieferung. Vielmehr gehörte es von jener Zeit bis in die Epoche des edlen Propheten (s. a. w.) stets zu den Riten der Haddsch, dass die Menschen genau an jener Stelle in Mina opferten, an der Hazrat Ibrahim (a. s.) geopfert hatte. Als dann der Prophet Muhammad (s. a. w.) als der letzte Prophet entsandt wurde, hielt auch er an diesem Brauch fest. Bis zum heutigen Tag wird während der Haddsch am 10. Dhul-Hiddscha in Mina geopfert. Diese ununterbrochene Praxis von viereinhalbtausend Jahren ist ein unwiderlegbarer Beweis dafür, dass die Banu Ismail, nicht die Banu Ishaq, die Erben der Opferung Hazrat Ibrahims (a. s.) geworden sind. Im Geschlecht Hazrat Ishaqs (a. s.) gab es keinen solchen Brauch, bei dem die gesamte Nation zur gleichen Zeit unter demselben Namen opferte und dies als Erinnerung an die Opferung Hazrat Ibrahims (a. s.) betrachtet wurde.
Nachdem man diese Beweise und Argumente betrachtet hat, ist es erstaunlich, wie sich gerade innerhalb der muslimischen Umma die Vorstellung verbreiten konnte, Hazrat Ishaq (a. s.) sei zur Opferung bestimmt gewesen. Wenn die Juden Hazrat Ismail (a. s.) seiner Würde berauben und versuchen wollten, diese Würde ihrem Vorfahren Hazrat Ishaq (a. s.) zuzuschreiben, wäre dies verständlich. Doch wie konnte eine große Gruppe unter den Muslimen diese Täuschung von ihnen akzeptieren? Eine äußerst befriedigende Antwort auf diese Frage hat der große Gelehrte Ibn Kathir in seinem Tafsir-Werk gegeben. Er sagt: „Tatsächlich stammen alle Aussagen zugunsten der Opferung Hazrat Ishaqs (a. s.) von Ka’b al-Ahbar. Als dieser Mann zur Zeit Umars (r. a.) Muslim wurde, pflegte er ihm die in den alten Schriften der Juden und Nasara erwähnten Dinge vorzutragen, und Hazrat Umar (r. a.) hörte ihm zu. Deshalb begannen auch andere, ihm zuzuhören, und sie überlieferten wiederum alles, was er an allerlei Unsinn von sich gab. Dabei hatte diese Umma keinerlei Bedürfnis, irgendetwas über diese Dinge zu wissen.“
Zusätzliches Licht auf diese Frage wirft die Überlieferung von Muhammad ibn Ka’b al-Qurazi. Er berichtet: Einmal wurde in meiner Gegenwart bei Hazrat Umar ibn Abd al-Aziz (r. h.) die Frage aufgeworfen, ob Hazrat Ishaq (a. s.) oder Hazrat Ismail (a. s.) zur Opferung bestimmt worden sei. In dieser Versammlung war ein Mann anwesend, der früher zu den jüdischen Gelehrten gezählt hatte und später aufrichtig den Islam angenommen hatte. Er sagte: „O Befehlshaber der Gläubigen, bei Gott, derjenige, der geopfert werden sollte, war Ismail. Auch die Juden wussten das. Doch aus Neid auf die Araber behaupteten sie, Hazrat Ishaq (a. s.) sei zur Opferung bestimmt gewesen.“ (Ibn Dscharir)
Führt man diese beiden Aussagen zusammen, so wird deutlich, dass es sich in Wirklichkeit um jüdische Propaganda handelte, die sich unter den Muslimen verbreitet hatte. Die Muslime hegten in intellektuellen Fragen jedoch keine Engstirnigkeit. Deshalb akzeptierten viele unter ihnen jene Überlieferungen der Juden als intellektuelle Realität, die diese unter dem Deckmantel historischer Tradition und unter Berufung auf alte Schriften vortrugen; sie bemerkten nicht, dass darin anstelle von Wissen Parteilichkeit und Feindseligkeit lagen.
Der Bau der Kaaba
Zunächst wurde gesagt, dass sich durch den Segen des Zamzam verschiedene Familien des Stammes Jurhum in der Nähe von Hazrat Ismail (a.s.) und Hazrat Hadschar (r.a.) niederließen und Mekka allmählich die Gestalt einer Stadt annahm. Es wurde auch erwähnt, dass sich aufgrund der Geselligkeit von Hazrat Hadschar ein gutes Verhältnis zwischen der Mutter und ihrem Sohn einerseits und den neu hinzugekommenen Siedlern andererseits entwickelte. Hazrat Ismail
(Karte der edlen Kaaba)
(a.s.) wurde unter ihnen aufgezogen und erzogen. Als er ins heiratsfähige Alter kam, waren die Jurhum-Leute von seinem einzigartigen Charakter und seinen hervorragenden Eigenschaften so beeindruckt, dass sie den Wunsch hegten, Hazrat Ismail (a.s.) mit einer ihrer Frauen zu verheiraten. Nach einer in al-Buchari überlieferten Aussage von Hazrat Abdullah ibn Abbas (r.a.) heiratete Hazrat Ismail (a.s.) zunächst ein Mädchen. Doch diese Schwiegertochter gefiel Hazrat Ibrahim (a.s.) nicht. Deshalb trennte sich Hazrat Ismail (a.s.) von ihr und heiratete ein Mädchen, das Hazrat Ibrahim (a.s.) gefiel. Mit ihr wurden ihm zwölf Söhne geboren. Nach der Überlieferung von al-Buchari ging Hazrat Hadschar (r.a.) unmittelbar nach der ersten Heirat Hazrat Ismails (a.s.) ins Paradies ein.
Danach kam Hazrat Ibrahim (a.s.) nach Mekka, um seine eigentliche Aufgabe zu erfüllen, für deren Zweck er dreißig Jahre zuvor diesen Teil seiner Familie in einer wasser- und pflanzenlosen Talgegend angesiedelt hatte. In der oben erwähnten Überlieferung von Ibn Abbas (r.a.) in al-Buchari wird weiter berichtet, dass Hazrat Ismail (a.s.) eines Tages unter einem Baum am Zamzam saß und Pfeile anfertigte. Da kam plötzlich Ibrahim (a.s.) dort an. Sobald Hazrat Ismail (a.s.) ihn erblickte, stand er auf, und Vater und Sohn begrüßten einander so, wie ein Vater seinen Sohn und ein Sohn seinen Vater begrüßt. Dann sagte Hazrat Ibrahim (a.s.): „Ismail! Allah, der Erhabene, hat mir eine Aufgabe befohlen.“ Hazrat Ismail (a.s.) erwiderte: „Führe die Aufgabe aus, die dein Herr dir befohlen hat.“ Ibrahim (a.s.) fragte: „Wirst du mir bei dieser Aufgabe helfen?“ Er antwortete: „Ja, gewiss werde ich dir helfen.“ Darauf zeigte Hazrat Ibrahim (a.s.) auf den Teil des Tales, der etwas höher lag als das umliegende Land, und sagte: „Allah hat mir befohlen, hier ein Haus zu bauen.“ So errichteten Vater und Sohn gemeinsam das Fundament des Hauses Allahs. Hazrat Ismail (a.s.) brachte die Steine, während Ibrahim (a.s.) die Mauer weiter aufmauerte. Als die Mauer eine beträchtliche Höhe erreicht hatte, holte Hazrat Ibrahim (a.s.) den Stein, der als Maqam Ibrahim bekannt ist. Hazrat Ibrahim (a.s.) stieg auf ihn und fügte weiter Steine ein, wodurch er die Mauer noch höher machte.
Die Bedeutung der Kaaba für Arabien und die ganze Welt
Dieses Haus war keineswegs nur ein Ort der Anbetung, wie es die Moscheen sind. Vielmehr galt es vom ersten Tag an als Zentrum zur Verkündung und Verbreitung der weltweiten Bewegung der Religion des Islam. Der Zweck war, dass diejenigen, die an den einen Gott glauben, von jedem Ort hierherkommen und sich versammeln, gemeinsam Gott anbeten und die Botschaft des Islam weiterverbreiten. Wie dieses Zentrum errichtet wurde, mit welcher Hingabe und welchen Gebeten beide Väter und Söhne die Mauern dieses Hauses errichteten und wie sie den Haddsch einführten, wird im Edlen Koran folgendermaßen ausführlich dargelegt.
(Arabisch***************)
-In der Tat, das erste Haus, das für die Menschen bestimmt wurde, ist jenes Haus, das in Mekka errichtet wurde. Es ist ein gesegnetes Haus und ein Zentrum der Rechtleitung für alle Bewohner der Welt. In ihm befinden sich deutliche Zeichen Allahs und der Standplatz Ibrahims. Wer es betritt, erlangt Sicherheit (Al-Imran: 96).
(Arabisch***************)
-Haben sie denn nicht gesehen, dass Wir ein sicheres Heiligtum geschaffen haben, während die Menschen in seiner Umgebung gewaltsam weggerissen werden? (Al-Ankabut: 67)
Das heißt: Während ringsum zweitausend Jahre lang Plünderungen, Morde, Verwüstungen und heftige Kriege wüteten, herrschte in diesem Heiligtum stets Sicherheit. Selbst ein unzivilisierter Beduine wagte es nicht, Hand an den Mörder seines Vaters zu legen, wenn er ihn innerhalb seiner Grenzen erblickte.
(Arabisch***************)
-Und gedenke, als Wir dieses Haus zu einem Mittelpunkt für die Menschen, zu einem Ort der Rückkehr und der Sicherheit machten und befahlen: Halte Mein Haus für diejenigen rein, die es umschreiten und sich verbeugen und niederwerfen. Und als Ibrahim betete: O unser Herr! Mache diesen Ort zu einer sicheren Stadt und gewähre ihren Bewohnern Früchte als Versorgung, all jenen unter ihnen, die an Allah und den Jüngsten Tag glauben. Und als Ibrahim und Ismail die Grundmauern dieses Hauses errichteten, beteten sie: O unser Herr! Nimm unser Bemühen von uns an. Wahrlich, Du bist der Allhörende, der Allwissende. O unser Herr! Mache uns beide Dir ergeben und erwecke aus unserer Nachkommenschaft eine Gemeinschaft, die Dir ergeben ist. Zeige uns die Wege und Formen unserer Anbetung und wende uns Deine Gnade zu; wahrlich, Du bist der große Vergeber, der Barmherzige. O unser Herr! Erwecke unter diesen Menschen aus ihrer eigenen Gemeinschaft einen Gesandten, der ihnen Deine Verse vorträgt, sie das Buch und die Weisheit lehrt und sie läutert. Wahrlich, Du bist der Allmächtige, der Allweise (Al-Baqara: 125–129).(Arabisch***************)
Und als Ibrahim betete: O unser Herr! Mache diese Stadt zu einer sicheren Stadt und bewahre mich und meine Kinder vor dem Götzendienst. O unser Herr! Diese Götzen haben viele Menschen irregeführt. Wer mir daher folgt, gehört zu mir; und wer von meinem Weg abweicht – wahrlich, Du bist vergebend und barmherzig. O unser Herr! Ich habe einen Teil meiner Nachkommenschaft bei Deinem heiligen Haus in diesem wasser- und pflanzenlosen Tal angesiedelt, o unser Herr, damit sie das Gebet verrichten. So lass die Herzen der Menschen ihnen zugeneigt sein, damit sie zu ihnen kommen, und versorge sie mit Früchten; vielleicht werden sie dankbar sein (Ibrahim: 35).
(Arabisch***************)
Und als Wir Abraham den Platz dieses Hauses zuwiesen: „Verbinde Mir nichts als Teilhaber und halte Mein Haus für diejenigen rein, die es umschreiten sowie sich verbeugen und niederwerfen; und rufe unter den Menschen den allgemeinen Aufruf zur Hadsch aus, damit sie zu dir kommen, zu Fuß oder auf mageren Kamelstuten aus den fernsten Gegenden, damit sie die vielfältigen religiösen und weltlichen Vorteile sehen, die ihnen zuteilwerden. Dann sollen sie an den bestimmten Tagen den Namen Allahs über den Tieren aussprechen, die Er ihnen gegeben hat – das heißt, sie sollen sie opfern. Von ihnen sollen sie selbst essen und auch die Bedürftigen und Armen“ (Hadsch: 26–28).
Der Segen der Kaaba in der Zeit der Dschahiliya
Die Bedeutung der Kaaba im arabischen Land beschränkte sich nicht darauf, lediglich ein Gebetshaus zu sein. Vielmehr wurde sie aufgrund ihrer zentralen Bedeutung und ihrer Heiligkeit zur Stütze des wirtschaftlichen und kulturellen Lebens des gesamten Landes. Zur Hadsch und Umra kamen aus allen Teilen des Landes Scharen von Menschen zur Kaaba, und durch diese Zusammenkünfte entstand unter den in zahllose Gruppen zersplitterten Arabern ein Band der Einheit. Menschen aus verschiedenen Regionen und Stämmen knüpften untereinander kulturelle Beziehungen. Durch die Dichterwettbewerbe wurden ihre Sprache und Literatur weiterentwickelt. Durch die Handelsgeschäfte wurden die wirtschaftlichen Bedürfnisse des ganzen Landes erfüllt. Dank der heiligen Monate [Die heiligen Monate sind: der Radschab für die Umra sowie Dhu l-Qa’da, Dhu l-Hiddscha und Muharram für die Hadsch. In diesen Monaten waren Kriegshandlungen eingestellt. Reisende, die zur Umra oder Hadsch unterwegs waren, wurden auf ihrem Weg von niemandem belästigt – der Verfasser.] erhielten die Araber während eines Drittels des Jahres die Möglichkeit zu Frieden und Sicherheit. Es war die Zeit, in der ihre verschiedenen Karawanen ungehindert von einem Ende des Landes zum anderen reisen konnten. Wenn sie Opfertiere mit sich führten, denen man zu diesem Zweck Bänder um den Hals gelegt hatte, erleichterte dies ihre Reise von einem Ort zum anderen. Denn beim Anblick der Tiere, deren Hälse als Zeichen eines Gelübdes mit Bändern geschmückt waren, senkten die Araber ehrerbietig das Haupt. Keine räuberische Stammesgemeinschaft wagte es, sich an ihnen zu vergreifen.
Die Sendung Hazrat Ismails (a.s.) und ihr Einfluss auf die Araber
Als Hazrat Ibrahim (a.s.) und Hazrat Ismail (a.s.) die Kaaba erbauten, das Haus zum Mittelpunkt und Zufluchtsort erklärten und dazu aufgerufen wurde, jedes Jahr zur Hadsch zur Kaaba zu kommen, wurde Hazrat Ismail (a.s.) sehr wahrscheinlich gerade zu jener Zeit mit der Würde des Prophetentums ausgezeichnet, damit er im arabischen Land die Aufgabe übernehmen konnte, die Religion des Islam zu verkünden. Über ihn heißt es im Koran:(Arabisch***************)
„Und gedenke Ismails in diesem Buch. Er war wahrhaftig in seinem Versprechen und war ein Gesandter und ein Prophet. Er pflegte seine Angehörigen zum Gebet und zur Zakat anzuhalten und war seinem Herrn wohlgefällig“ (Maryam: 54–55).
Obwohl in der Geschichte keine ausführlichen Angaben über das Leben Hazrat Ismails (a.s.) und über seine Sendung zu finden sind, ist der Beweis für den Erfolg seiner Sendung doch darin zu sehen, dass der Kaaba in ganz Arabien eine zentrale Bedeutung zukam. Zur Hadsch und Umra kamen die Menschen in Scharen, voller Eifer und Begeisterung, aus den entlegensten Gegenden Arabiens. Die Regeln der Hadsch waren dieselben, die schon zu Beginn festgelegt worden waren. Auch die Sa’i zwischen Safa und Marwa sowie das Opfern in Mina am Tag von Dhu l-Hiddscha waren unter den Arabern verbreitet; zweifellos erinnerten sie an den Sa’i von Hazrat Hadschar (r.a.) und an das Opfer Hazrat Ibrahims (a.s.). Auch das Verbot für vier Monate im Zusammenhang mit Hadsch und Umra war in ganz Arabien allgemein anerkannt. Viele weitere Kennzeichen der Religion Ibrahims waren unter den Arabern verbreitet, etwa die Beschneidung, die Ganzkörperwaschung nach einer Unreinheit (aufgrund des Samenergusses), das Schlachten von Tieren, das Opfern von Kamelen, das Begraben der Toten, die Regeln von Eheschließung und Scheidung, die Trauerzeit der Witwe, das Betrachten von Mutter, Schwester und Tochter als für die Ehe verboten, Blutrache und anderes mehr. Darüber hinaus pflegten einige gelehrte Männer auch die Gebetswaschung. Manche verrichteten das Gebet, wie Quss ibn Sa’idat al-Iyadi. Auch Hazrat Abu Dharr begann drei Jahre vor seiner Annahme des Islam zu beten, obwohl nicht bekannt ist, welche Art von Gebet dies war. Außerdem war unter den Arabern das Fasten verbreitet. Sie praktizierten auch den I’tikaf. In einem Hadith heißt es, dass Hazrat Umar (r.a.) in seinem Leben zur Zeit der Dschahiliya gelobt hatte, eine Nacht im I’tikaf zu verbringen. Es gab viele Handlungen, die die Araber als gute Taten betrachteten und lobten, etwa Gäste und Reisende zu bewirten, den Bedürftigen zu helfen, die Rechte der Verwandten zu erfüllen und anderes mehr. Hätte die Sendung Hazrat Ismails (a.s.) keinen außergewöhnlichen Erfolg gehabt, wäre es nicht möglich gewesen, dass trotz zweieinhalbtausend Jahren des Versunkenseins in der Finsternis der Dschahiliya bis zur Ankunft des Heiligen Propheten (s.a.s.) die Zeichen der von ihm verkündeten Religion in ganz Arabien erhalten geblieben wären. Das Wichtigste aber ist, dass gerade die Verkündigung durch ihn und durch die von ihm beeinflussten Menschen bewirkte, dass man unter den Arabern bis zur Zeit der Ankunft des Propheten Vorstellungen über Allah vorfand, wie sie im Heiligen Koran erwähnt werden (siehe beispielsweise Sure az-Zukhruf: 87; al-Ankabut: 61–63; al-Mu’minun: 61–63; Yunus: 22–23 und 31; Bani Isra’il: 67).
Ein weiterer Einfluss der Sendung Ismails bestand darin, dass es in Arabien bis zur Ankunft des Propheten Muhammad (s.a.s.) eine Gruppe von Menschen gab, die in der Geschichte als Hanifen bezeichnet werden. Man fand sie an verschiedenen Orten und in verschiedenen Stämmen Arabiens. Sie lehnten den Schirk ab und bekannten sich zum Tauhid; sie waren bestrebt, der Religion Ibrahims zu folgen. Im vierten Band von Tafhim al-Qur’an haben wir eine Liste von ihnen aufgenommen. Im Folgenden schildern wir das Leben einiger von ihnen:
An-Nābigha al-Dschadī – Er gehörte zum Stamm Banū ʿĀmir ibn Ṣaʿṣaʿa. In der Zeit der Dschāhilīya sprach er von der Religion Ibrāhīms und von der Hanīfīya, das heißt davon, sich von allen Seiten abzuwenden und allein Allah zu gehorchen. Er fastete und bat um Vergebung. In seinen Äußerungen aus der Zeit der Dschāhilīya finden sich Hinweise auf den Tauḥīd, das Leben nach dem Tod, Strafe und Belohnung, das Paradies, die Hölle und anderes. Später nahm er den Islam an (al-Istīʿāb, Band 1, S. 31).
Ṣirma ibn Anas – Er stammte vom Stamm Banū ʿAdī ibn an-Nadschdschār ab. In der Zeit der Dschāhilīya führte er ein asketisches Leben. Er gab den Götzendienst auf, vollzog die Ganzkörperwaschung nach ritueller Unreinheit und hielt sich von menstruierenden Frauen fern. Wein und andere Rauschmittel verabscheute er. Zunächst wollte er Christ werden, nahm jedoch davon Abstand. Er errichtete ein hausähnliches Gebäude wie eine Moschee. Er gestattete weder jemandem, der die verpflichtende Ganzkörperwaschung benötigte, noch einer menstruierenden Frau, es zu betreten. Er sagte:
„Ich verehre den Herrn Ibrāhīms und folge der Religion Ibrāhīms.“
Im Folgenden werden zwei Verse aus seinem Gedicht zitiert:(Arabisch***************)
– Lob gebührt Allah, meinem Herrn, der keinen Teilhaber hat. Wer dies nicht anerkennt, tut sich selbst Unrecht.
Als der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, nach Medina kam, war jener Mann hochbetagt. Er begab sich zum Propheten, nahm den Islam an und trat vor ihn (al-Istīʿāb, Band 1, S. 323; al-Iṣāba, Band 2, S. 179; Ibn Hišām, Band 2, S. 156).
ʿAmr ibn ʿAbasa – Er gehörte zum Stamm Banū Sulaim. Ibn Saʿd berichtet, dass er bereits vor seiner Annahme des Islam den Götzendienst aufgegeben hatte. Aḥmad ibn Ḥanbal zitiert seine Aussage: „Ich war der Ansicht, dass die Menschen in der Zeit der Dschāhilīya in die Irre gegangen waren, und meine Auffassung von den Götzen war, dass sie überhaupt nichts seien.“
Eine weitere seiner Aussagen lautet:
„In meinem Herzen war bereits die Überzeugung fest verankert, dass der Götzendienst irrig sei. Als jemand dies hörte, sagte er zu mir: In Mekka gibt es einen Mann, der solche Dinge sagt. Daher kam ich nach Mekka. Ich begegnete dem Propheten Muhammad (s.) und lernte seine Lehre kennen; daraufhin nahm ich den Glauben an.“ – (Al-Istiʿāb, Bd. 2, S. 431).
Die lehrreichste Begebenheit betrifft ʿAmr ibn Nufail, der der Cousin väterlicherseits von Umar (r.a.) und der Vater von Saʿid ibn Zaid [dem Schwager von Umar (r.a.)] war. Er war fest im monotheistischen Glauben verwurzelt. Er hielt den Götzendienst, den Verzehr von Aas und Blut sowie Opfer im Namen von Götzen für verboten. Die Tötung von Töchtern hielt er für ein großes Übel und versuchte, sie zu retten. Auch die Religion der Juden und der Christen wies er zurück. Er pflegte zu sagen: „Wo liegt der Unterschied zwischen dem Schirk unseres Volkes und ihrem Schirk?“
Hadhrat Asma bint Abi Bakr (r.a.) berichtet: Ich sah Zaid ibn Amr. Er saß mit dem Rücken an die Wand der Kaaba gelehnt. Er sagte: „O Quraischiten! Bei Gott, ich werde kein Fleisch von einem Tier essen, das im Namen eines anderen als Allah geschlachtet wurde. Bei Gott, außer mir gibt es niemanden, der dem Glauben Ibrahims folgt.“
Er sagte ferner: „O Gott! Wenn ich wüsste, welche Art und Weise deiner Anbetung dir am liebsten ist, dann würde ich dich genau auf diese Weise anbeten.“ Er pflegte sich niederzuwerfen, während er den Kopf auf seine Handflächen legte. Auf der Suche nach dem Glauben Ibrahims reiste er bis nach Syrien. Doch auch in der Religion der Juden und der Christen fand er ihn nicht. Danach hob er seine Hände und sprach im Bittgebet:
„O Gott! Ich nehme dich zum Zeugen dafür, dass ich dem Glauben Ibrahims folge.“
Schließlich wurde er fünf Jahre vor dem Erscheinen des Propheten Muhammad (s.) in der Stadt Lachm von jemandem getötet. Sein Onkel und sein väterlicher Halbbruder al-Chattab setzten ihm wegen der Aufgabe der Religion seiner Vorfahren schwer zu. Schließlich wurde er gezwungen, Mekka zu verlassen. Die Quraisch ließen Schläger aufstellen, damit er die Stadt Mekka nicht betreten konnte.
In der islamischen Zeit baten Umar (r.a.) und Saʿid ibn Zaid (r.a.) den ehrwürdigen Propheten (s.): „Ist dir die Geisteshaltung Z aids bekannt? Dürfen wir für ihn um Vergebung beten?“
Der Prophet antwortete: „Ja. Am Tag der Auferstehung wird er allein als eine Gemeinschaft auferstehen.“ – (Al-Istiʿāb, Bd. 2, S. 539; Al-Isāba, Bd. 1, S. 552; Ibn Hischam, Bd. 1, S. 239–240).
Dennoch lässt sich anhand der Talbiya, die die gewöhnlichen Araber während der Hadsch rezitierten, erkennen, welcher Art der Schirk war, in den sie verstrickt waren. Ihre Talbiya lautete folgendermaßen:
(Arabisch***************)
– Hier bin ich, o mein Allah, hier bin ich. Hier bin ich; Du hast keinen Teilhaber außer einem Teilhaber, der Dir gehört. Du bist sowohl sein Herr als auch der Herr dessen, was ihm gehört.
Das bedeutet, dass sie Allah trotz ihrer Anerkennung vieler von ihnen geschaffener Götter als den einzigen höchsten Rabb anerkannten und glaubten, dass all diese Götter Diener und Sklaven jenes erhabenen und höchsten Wesens seien. Wie anders lässt sich dies als ein Einfluss der Botschaft Ismails bezeichnen, dass sie trotz ihres Versunkenseins in der niedrigsten Dschahiliya und im Schirk einen solchen Glauben an Allah in ihren Herzen bewahrten?
Die Verwaltung der Kaaba nach dem Propheten Ismail (a.)
Solange der Prophet Ismail (a.) lebte, lag die Verwaltung der Kaaba in seinen Händen. Nach seinem Tod wurde sein ältester Sohn Nabit ihr Verwalter. Nach Nabits Tod übernahmen jedoch die Angehörigen des Stammes Dschurhum, die sich zur Zeit von Hadschar (r.a.) in Mekka niedergelassen hatten, gewaltsam die Verwaltung der Kaaba. Denn die Nachkommen Ismails (a.) waren zahlenmäßig gering, während die Zahl der Dschurhumiten in Mekka stark angewachsen war. Gemeinsam mit ihnen war auch ein Zweig der Amalekiter, Qatura oder Banu Qaytur, kurze Zeit an der Verwaltung Mekkas beteiligt. Von denen, die aus den Außenbezirken der Stadt kamen, erhoben die Dschurhumiten den Zehnten. Diejenigen, die aus den unteren Gegenden kamen, zwangen sie, den Zehnten an die Amalekiter zu entrichten. Schließlich vertrieben sie die Amalekiter nach einiger Zeit aus der Verwaltung der Kaaba. Danach beherrschten sie selbst mehrere Jahrhunderte lang die Kaaba und Mekka (Marudsch adh-Dhahab, Band 2, S. 50; Ibn Hischam, Band 1, S. 118). Unter ihnen kam es allmählich zu einer solchen Verderbnis, dass sie begannen, die Würde Mekkas zu verletzen. Die Reichtümer, die der Kaaba als Geschenke dargebracht wurden, verzehrten sie unrechtmäßig. Sie belästigten die Besucher, die zur Wallfahrt kamen. Wenn jemand unter ihnen keinen anderen Ort für Unzucht fand, beging er diese Sünde sogar in der Kaaba. Eine Begebenheit aus jener Zeit berichtet, dass ein Mann namens Isaf in der Kaaba mit einer Frau namens Na’ila eine unerlaubte Handlung beging und Allah, der Erhabene, beide verkrüppelte. Einige Zeit später fertigten sie Statuen von ihnen an, stellten die eine auf Safa und die andere auf Marwa und begannen, sie anzubeten. So tief sank der Verwalter der Kaaba in äußerste Niedertracht.
Als die Übergriffe der Dschurhumiten schließlich ihren Höhepunkt erreichten, kämpften Banu Bakr ibn Abd Manat aus dem Stamm Kinana und Ghubshan aus dem Stamm Khuzāʿa gemeinsam gegen sie und vertrieben sie aus Mekka. Beim Fortgehen warfen sie die Schätze der Kaaba in den Zamzam-Brunnen, verschütteten und beseitigten ihn und machten sich auf den Weg in ihre Heimat Jemen. Danach wurde die Verwaltung der Kaaba jenem Zweig der Banu Khuzāʿa übertragen, der Ghubshan genannt wurde. Drei- oder vierhundert Jahre lang blieben sie die Verwalter der Kaaba; in ihrer Zeit verwandelte sich die Kaaba in ein vollständiges Götzenhaus. Dies begann damit, dass der Stammesführer Amr ibn Luhayy aufgrund seines Reichtums und seiner Freigebigkeit zum ungekrönten König der Khuzāʿa wurde. Jede neue religiöse Sitte (Bidʿa), die er einführte, übernahmen alle ohne Zögern. Einmal reiste er in das Land Scham. Dort sah er die Amalekiter verschiedene Götzen anbeten, was ihm sehr gefiel. Von dort brachte er einen Götzen namens Hubal mit und stellte ihn in der Kaaba auf. Allmählich nahm die Zahl der neuen Götzen zu. Darunter befanden sich auch Statuen des Propheten Ibrahim (a.), des Propheten Ismail (a.) und Maryams (a.). Die Statue Maryams wurde vermutlich aufgestellt, damit die Christen Arabiens sich der Kaaba zuwenden würden. In einer Überlieferung von Abdullah ibn Abbas (r.a.) im Kitab al-Anbiya von al-Buchari heißt es, dass sich im Haus der Kaaba auch Statuen des Propheten Ibrahim (a.) und Maryams (a.) befanden. Eine zweite Überlieferung berichtet, dass die Statuen des Propheten Ibrahim (a.) und des Propheten Ismail (a.) so dargestellt waren, dass sie in ihren Händen Würfel zum Glücksspiel hielten. Ibn Ishaq sagt, dass Amr ibn Luhayy die Neuerungen Bahira, Sa’iba, Wasila und Ham eingeführt habe, die in Vers 103 der Sure al-Ma’ida widerlegt werden. Es ist jedoch nicht richtig zu behaupten, dass gerade dieser Mann den Götzendienst unter den Anhängern der Religion Ibrahims eingeführt habe. Ibn Ishaq sagt, dass jeder, der Mekka verließ und in einen anderen Teil Arabiens zog, einen Stein aus Mekka mitnahm. Wo immer er sich niederließ, stellte er ihn dort auf und begann, ihn zu umschreiten (Ibn Hischam, Band 1, S. 79–80).
Die Vormundschaft über die Kaaba, das heißt das Recht auf ihre Verwaltung, endete für die Khuzāʿa, als Qusayy ibn Kilab aus dem Stamm Quraisch diese Aufgabe von seinem Schwiegervater übernahm. Näheres dazu wird später berichtet werden.
Die Nachkommen Ismails (a.s.)
Die arabischen Genealogen und die übereinstimmende Darstellung der Bibel zufolge hatte der Prophet Ismail (a.s.) zwölf Söhne. Nachdem die Jurhumiten in Mekka ihre Herrschaft errichtet hatten, blieb jedoch nur eine sehr geringe Zahl der Nachkommen Ismails in der Stadt Mekka zurück, während alle anderen sich über verschiedene Teile Arabiens verstreuten. Die Geschichte schweigt darüber, wohin die Nachkommen seiner zwölf Söhne gingen und welche Personen aus ihren Linien hervorgingen. Was in der arabischen Genealogie überliefert und zuverlässig ist und worüber keine Meinungsverschiedenheit besteht, ist Folgendes: Adnan war einer der Nachkommen Nabits, des ältesten Sohnes des Propheten Ismail (a.s.). Darüber, wie viele Generationen vor Adnan bis zum Propheten Ismail (a.s.) vergangen sind, besteht Uneinigkeit, und die über Adnan hinausgehende Stammtafel ist nicht überliefert. Urwa ibn az-Zubair (r.a.) sagte: »Wir haben niemanden gefunden, der die Genealogie zwischen Adnan und dem Propheten Ismail (a.s.) kannte.«
Ibn Mas’ud (r.a.) und Ibn Abbas (r.a.) sagen beide, dass diejenigen lügen, die eine Genealogie über Adnan hinaus angeben. Umar (r.a.) sagte: »Diejenigen, die eine Genealogie über Adnan hinaus angeben, lügen; die Abstammung sollte nur bis zu Adnan angegeben werden.« In den Tabaqat von Ibn Sa’d und in al-Baladhuris Ansab al-Aschraf wird selbst vom heiligen Propheten (s.a.w.) folgender Ausspruch überliefert: Nachdem er die Genealogie bis Ma’ad ibn Adnan ibn Udad angegeben hatte, sagte er: »Diejenigen, die die darüber hinausgehende Abstammung angeben, sind Lügner.« Dass die aufwärtsgerichtete Genealogie nicht überliefert ist, bedeutet jedoch nicht, dass irgendein Zweifel daran bestünde, dass Adnan zu den Nachkommen Ismails gehörte. Alle Araber waren sich darin einig, dass Adnan zu den Nachkommen Ismails gehörte. Ihre Einigkeit in dieser Angelegenheit ist ein unbestreitbarer Beweis für ihre Zivilisation. Denn die Araber legten großen Wert auf Genealogie. Ohne eine durch die Generationen hindurch fortlaufend überlieferte Darstellung wäre es ihnen nicht möglich gewesen, sich über die Abstammung eines Menschen einig zu sein.
Die Genealogie des ehrwürdigen Gesandten und seine Beziehungen zu den arabischen Stämmen
Die Genealogie der arabischen Stammesgruppen, die nach Adnan aus seinen Nachkommen hervorgegangen sind, ist überliefert. Unter den Genealogen besteht in dieser Angelegenheit kein Meinungsunterschied. Hier fügen wir die Genealogie des Propheten Muhammad (s) ein. Danach werden wir darlegen, bei welchen Vorfahren sich die einzelnen arabischen Stämme mit der Abstammung des Propheten verbinden. Die Genealogie des Propheten (s) lautet wie folgt:
Muhammad ibn Abdullah ibn Abd al-Muttalib ibn Hashim ibn Abd Manaf ibn Qusayy ibn Kilab ibn Murra ibn Ka’b ibn Lu’ayy ibn Ghalib ibn Fihr ibn Malik ibn an-Nadr ibn Kinana ibn Khuzayma ibn Mudrika ibn al-Ilyas [Einige Verfasser sprechen diesen Namen Ilyas aus; Suhayli jedoch erklärte in seinem Werk die Aussprache al-Ilyas als die richtige. Auch al-Baladhuri schrieb in seinem Ansab al-Ashraf diese Aussprache nieder – der Verfasser.] ibn Mudar ibn Nizar ibn Ma’ad ibn Adnan.
Innerhalb dieser Abstammungslinie verbinden sich die folgenden Stämme, indem man bei jedem Mann bis zu dessen Vorfahren zurückgeht, mit der Abstammung des Propheten (s):
Die aufsteigende Abstammung der Nachkommen von Akk, dem Sohn Adnans, reicht bis zu Adnan zurück und verbindet sich dort mit den Vorfahren des Propheten (s). Die Nachkommen von Akk ließen sich im Jemen nieder und gingen Heiratsverbindungen mit den Asch’ariten ein. Hadhrat Abu Musa al-Asch’ari (r.a.) gehörte diesem Stamm an.
Die Banū Quḍāʿa und die Stämme, zu denen Banū Bakr ibn Wāʾil, Taghlib, Nāḍila und andere gehören, haben sich mit Banū ʿAbd al-Qays, ʿAnaza und Namir ibn Qāsit aus der Nachkommenschaft von Nizār zusammengeschlossen.
Alle Stämme von Qays – Sulaym, Māzin, Fazāra, ʿAbs, Aschjaʿ, Murra, Dhubyān, Ghatafān, ʿUqayl, Quschayr, Dschuschām, Thaqīf, Bāhila und Banū Saʿd – stammen von Saʿd ibn Bakr ab.
Banū Tamīm, Banū Ḍabba, Muzaina, Chuzāʿa, Aslam, Kalb, Taym und andere haben sich mit al-Iyās zusammengeschlossen.
Budhail, der Stamm, in dem ʿAbdullāh ibn Masʿūd (ra) geboren wurde, hat sich mit Mudrika zusammengeschlossen.
Banū Asad, Qāra und alle Banū al-Hūn ibn Chuzayma haben sich mit Chuzayma zusammengeschlossen.
Banū ʿAbd Manāt, zu denen Banū Bakr und Banū Ḍamīra gehören, Banū Mālik, Banū Qalqān, ʿAtba, Milqān, Banū Hudhail, Banū Firās, Banū Fukaym und andere haben sich mit Kināna zusammengeschlossen. Der Stamm von Abū Dharr al-Ghifārī (ra), Banū Mālikān, stammt von ihnen ab.
Quraisch
Eine Gruppe von Genealogen sagt, dass Quraisch ein Beiname von an-Naḍr ibn Kināna gewesen sei. Gelehrte Forscher sagen jedoch, dass Quraisch in Wirklichkeit der Beiname von Fihr, dem Enkel von an-Naḍr und Sohn von Mālik ibn an-Naḍr, gewesen sei.
Diejenigen, die von ihm abstammen, gehören zu den Quraisch, und diejenigen, die nicht von ihm abstammen, gehören nicht zu den Quraisch. [Über die Bedeutung des Wortes „Quraisch“ gibt es unterschiedliche Auffassungen. Eine Bedeutung ist, sich nach einer Zerstreuung wieder zu versammeln. In diesem Sinne könnte „Quraisch“ der Beiname von Qusayy ibn Kilab gewesen sein, denn zu seiner Zeit versammelten sich alle Familien der Quraisch in Mekka. Die zweite Bedeutung ist Erwerb und Handel, was der Beruf der Quraisch war. Die dritte Bedeutung ist Nachforschung; in diesem Sinne wäre Quraisch der Beiname von Nadr ibn Kinana, denn in der arabischen Überlieferung wird berichtet, dass er den Bedürftigen nachspürte und ihnen half. Eine weitere Bedeutung ist die gewaltige Größe des Meeres, das alles verschlingt. Einer Überlieferung zufolge war Quraisch ibn Badr ein Mann aus dem Stamm der Banu Nadr ibn Kinana, der für die Organisation von Reisebegleitern () und die Versorgung mit Waren sorgte. Daher pflegten die Araber beim Anblick der Karawane dieses Stammes zu sagen: „Die Karawane der Quraisch ist angekommen.“ Es gibt verschiedene derartige Auffassungen. Die durch Forschung gewonnene Erkenntnis ist jedoch, dass Quraisch der Beiname von Banu Fihr war – der Verfasser.]
Die Versammlung der Quraisch in Mekka und die Übernahme der Verwaltung der Kaaba
Wie wir bereits erwähnt haben, zerstreuten sich die Nachkommen Ismaels nach der Errichtung der Vorherrschaft der Dschurhum in Mekka über verschiedene Gegenden Arabiens. Auch während die Verwaltung der Kaaba in den Händen von Schaqa und Gubschan, Angehörigen der Banu Chuza’a, lag, war dies der Fall. Wie die anderen Zweige der Banu Ismael verstreuten sich auch die Quraisch in verschiedenen Siedlungen der Banu Kinana. Nur ein sehr kleiner Teil von ihnen war in Mekka ansässig. Um das Jahr 400 n. Chr. [Nach der Überlieferung Ibn Kathirs lagen zwischen dem Tod von Ka’b ibn Lu’ayy, dem Urgroßvater von Qusayy, und der Berufung des Propheten Muhammad (s) 560 Jahre. Demnach könnte Ghalib ibn Fihr ein Zeitgenosse von Jesus (a) gewesen sein. Ibn Kathir berichtet unter Berufung auf as-Suhayli und andere Imame ferner, dass Bakht-Nasr zur Zeit Ma’ads ibn Adnan Jerusalem zerstörte und die Juden gefangen wegführte. Dieses Ereignis fand 587 v. Chr. statt. al-Baladhuri bezeichnete Ma’ad ibn Adnan als einen Zeitgenossen Bakht-Nasrs – der Verfasser.] beendete Qusayy ibn Kilab diesen Zustand. Mekka kam unter die Herrschaft der Quraisch, und auch die Verwaltung der Kaaba wurde ihnen übertragen.
Dies begann damit, dass nach dem Tod von Qusayys Vater Kilab ibn Murra seine Mutter Fatima, die Tochter Sa’ds (aus dem Stamm der Azd Schanua), einen Mann der Banu Qudha’a namens Rabia ibn Haram heiratete und nach Syrien zog. Von diesem zweiten Ehemann bekam sie dort einen Sohn namens Yarah ibn Rabia. Als Qusayy das Erwachsenenalter erreicht hatte, geriet er einmal mit einem Mann der Banu Qudha’a in Streit. Dieser tadelte Qusayy mit den Worten: „Du bist unter uns aufgezogen worden und erhebst nun deine Stimme gegen uns. Warum gehst du nicht zu deinen eigenen Leuten?“
Darauf fragte Qusayy seine Mutter: „Wer bin ich?“ Sie sagte: „Du bist der Sohn von Kilab und gehörst zum Stamm der Quraisch. Dein Volk lebt neben dem Heiligen Haus in der Stadt Mekka und ihrer Umgebung.“ Da fasste Qusayy den festen Entschluss und sagte: „Ich werde zu meinem Volk gehen.“
Als anschließend die Zeit der Pilgerfahrt kam, gelangte er mit den Pilgern der Banu Qudha’a nach Mekka. Dort war sein leiblicher Bruder Zuhra, der beim Tod Kilabs noch ein junger Mann gewesen war, bereits ansässig. Qusayy blieb bei ihm. Zu jener Zeit war Hulail ibn Hubschiyya al-Chuza’i der Verwalter der Kaaba und Herrscher von Mekka. Qusayy hielt um die Hand von Hulails Tochter Hubba an. Hulail war von Qusayys vornehmer Abstammung und seiner edlen Persönlichkeit angetan und stimmte bereitwillig zu. Danach finden sich unterschiedliche Überlieferungen darüber, wie die Verwaltung der Kaaba und die Führerschaft über Mekka in seine Hände gelangten. Einer Überlieferung zufolge bestimmte Hulail selbst in seinem Testament, dass Qusayy nach seinem Tod das Recht habe, Verwalter der Kaaba zu werden. Eine andere Überlieferung berichtet, dass Qusayy nach Hulails Tod beanspruchte, für dieses Amt geeigneter zu sein als die anderen. Da Banu Chuza’a und Banu Bakr dem nicht zustimmten, rief er seinen Halbbruder Riza sowie die Banu Kinana und die Banu Chazaim zu Hilfe. Danach versammelte er auch die Quraisch, die in der Umgebung lebten. Anschließend vertrieb er Chuza’a und Banu Bakr gewaltsam aus Mekka. Später, als beide Parteien Yamur ibn Auf aus dem Stamm der Banu Abd Manaf ibn Kinana als Schiedsrichter anerkannten, entschied dieser, dass Qusayy gegenüber Chuza’a eher Anspruch darauf habe, Verwalter der Kaaba zu werden, da seine Abstammung eindeutig auf die Banu Ismael zurückgehe.
Nachdem Qusayy den Streit mit Chuza’a beigelegt hatte, wandte er sich den Banu al-Ghauth ibn Mur zu. Sie wurden Sufa genannt. Zur Zeit der Dschurhum und der Chuza’a hatten sie den Rang erlangt, dass man während der Pilgerfahrt nicht ohne ihre Erlaubnis von Arafat zurückkehren durfte. Erst mit ihrer Erlaubnis durfte man nach Mina gehen. Niemand durfte von Mina nach Hause aufbrechen, bevor die Sufa die Steine an den Dschamarat geworfen hatten. Erst danach durften die übrigen Pilger den Rami, das Steinwerfen, vollziehen und aufbrechen. Durch die lange Dauer dieses Brauchs war er gleichsam zu einer Religion geworden, deren Befolgung als verpflichtend galt. Qusayy kämpfte während der Pilgerfahrt gegen die Sufa und entmachtete sie – (Ibn Hischam).
Nachdem Qusayy auf diese Weise die Verwaltung der Kaaba und die Führerschaft über Mekka erlangt hatte, versammelte er alle Nachkommen von Fihr, die als Quraisch bezeichnet wurden, aus den verschiedenen Teilen Arabiens in Mekka. Er teilte Mekka unter ihnen auf und ließ jede Familie in einem bestimmten Stadtviertel ansässig werden. [Qusayy teilte die Stadt Mekka unter den Familien der Quraisch so auf, dass er die verschiedenen Zweige der Banu Ka’b ibn Lu’ayy in den an das Heiligtum angrenzenden Gebieten sowie in den Tälern und auf den Anhöhen zu beiden Seiten der Berge ansiedelte. Zu ihnen gehörten Banu Adi, Banu Dschumah, Banu Sahm, Banu Taim, Banu Machzum, Banu Zuhra, Banu Abd Uzza, Banu Abd ad-Dar, Banu al-Muttalib, Banu Haschim, Banu Abd Schams und Banu Naufal. Sie wurden Quraisch al-Bitah genannt, das heißt diejenigen, die im inneren Teil Mekkas wohnen und von Natur aus Bewohner des Heiligtums sind. Die Familien der Nachkommen von Fihr, dem Vorfahren der Kaaba, darunter Banu Muharib, Banu al-Harith, Banu Taim ul-Adram, Banu Amir ibn Lu’ayy und andere, gehörten zu den „Quraisch az-Zawahir“. Ihnen wurde der äußere Teil Mekkas zugewiesen – der Verfasser.] Aus diesem Grund nannten die Quraisch ihn „Mudscharriʿ“.
Chuzafa ibn Ghanim al-Adawi sagte:
(Arabisch*******************)
– Euer Vater wurde Mujammi genannt. Durch ihn vereinigte Allah die Stämme von Fihr.
Der Stadtstaat Mekka und die Verwaltung des Haddsch
Aufgrund dieses gewaltigen Dienstes von Qusay erkannten ihn alle Quraisch-Stämme als ihren Anführer an. Wenn ein Mädchen aus einer Familie der Quraisch die Pubertät erreichte, wurde sie im Haus des Qusay in einen Kamis gekleidet; wenn eine Hochzeit stattfand, wurde sie ebenfalls im Haus des Qusay gefeiert. Wenn sich eine wichtige Angelegenheit ereignete oder ein Krieg mit einem Stamm drohte, versammelten sich die Oberhäupter aller Familien in seinem Haus zur Beratung. Deshalb wurde dieses Haus „Dar an-Nadwa“ genannt. Es hatte eine Tür zur heiligen Bezirkszone. In Kriegszeiten wurde jeweils einer der Söhne des Qusay zum Fahnenträger ernannt. Diese Würde wurde „al-Liwa“ genannt. Die gesamte Verwaltung des Haddsch lag in den Händen der Nachkommen des Qusay. Eine ihrer Aufgaben war „as-Siqaya“, also die Versorgung der Pilger mit Wasser. Die zweite war „ar-Rifada“, also die Versorgung der Pilger mit Nahrung. Dafür sammelten alle Familien der Quraisch gemeinsam Beiträge und übergaben sie Qusay. Bis zu seiner Rückkehr vom Haddsch sorgte er für die Verpflegung all jener Pilger, die sich nicht selbst versorgen konnten.
Die dritte war „al-Hijaba“, das heißt die Bewahrung der Schlüssel der Kaaba. Ihre Aufgabe bestand darin, die Kaaba für die Besucher zu öffnen und wieder zu schließen.
Qusay war zu seinen Lebzeiten der alleinige Herrscher über den Staat Mekka. Als sich Qusay seinem Lebensende näherte, sah er, dass sein Sohn Abd Manaf in Arabien Berühmtheit erlangt hatte und seine Stellung anerkannt wurde. Daher übertrug er seinem zweiten Sohn Abdud-Dar sämtliche Aufgaben des Staates Mekka (Nadwa, Hijaba, Rifada und Liwa). Nach Qusays Tod wurde seine Entscheidung noch einige Zeit respektiert. Später kam es jedoch zu einem Streit über die Verteilung dieser Würden. In diesem Streit schlossen sich einige Familien der Quraisch Abdud-Dar und andere Abd Manaf an. Zu den Quraisch-Familien, die sich Abd Manaf anschlossen, gehörten die Banu Asad ibn Abd al-Uzza, die Banu Zuhra ibn Kilab, die Banu Taym ibn Murra und die Banu al-Harith ibn Fihr. Ihr Anführer war Abd Schams. Diejenigen, die sich Abdud-Dar anschlossen, waren die Banu Machzum, die Banu Sahm, die Banu Dschumah und die Banu Adi. Ihr Anführer war Amir ibn Haschim. Die Banu Amir ibn Lu’ayy und die Banu Muharib ibn Fihr verhielten sich in diesem Streit neutral.
Der Streit drohte sich in die Länge zu ziehen, doch noch vor dem Ausbruch eines Bürgerkriegs wurde eine gütliche Einigung erzielt. Infolgedessen blieben Hijaba, Liwa und Nadwa unter der Zuständigkeit Abdud-Dars, während Siqaya und Rifada Abd Manaf übertragen wurden. Die Nachkommen Abd Manafs berieten sich untereinander und übertrugen diese beiden Würden Haschim. Diese Regelung blieb bis zur Eroberung Mekkas durch den Gesandten Allahs in genau der Weise bestehen, in der sie den beiden Familien zugewiesen worden war. Nach der Eroberung Mekkas hob der Gesandte Allahs alle diese Zuständigkeiten außer Hijaba und Siqaya auf. Die Hijaba wird bis heute von Schayba ibn Uthman, einem Zweig der Nachkommen Abdud-Dars, ausgeübt. Die Verantwortung für die Siqaya gelangte schließlich in die Hände von Abbas ibn Abd al-Muttalib und blieb einige Zeit bei den Banu Abbas. Danach gab der erste Kalif sie selbst auf – der Verfasser.
Haschim
Haschims eigentlicher Name war Amr. Den Beinamen „Haschim“ erhielt er, als einst in Mekka eine Hungersnot herrschte. Damals brachte Haschim Lebensmittel aus Scham, bereitete Brot zu, schlachtete zahlreiche Kamele und stellte daraus eine Brühe her. Darin zerkleinerte er das Brot, bereitete eine Art Malida zu und gab den Menschen davon zu essen. Das Wort „Haschm“ bedeutet Zerbrechen und Zerreiben. Weil er Brotstücke zerbrach, sie in die Brühe gab und daraus Malida zubereitete, wurde er Haschim genannt.
Nachdem Haschim die Verantwortung für Rifada und Siqaya übertragen worden war, pflegte er, sobald die Zeit der Hadsch kam, die Menschen der Quraisch zu versammeln und zu sagen: „Diese Menschen sind Allahs Nachbarn und die Bewohner Seines Hauses. Zu dieser Zeit kommen sie zu euch, um den Besuch zu vollziehen. Sie sind Allahs Gäste. Allahs Gäste haben den größten Anspruch auf Bewirtung.
Allah hat euch diese Besonderheit verliehen und euch dadurch mit Ansehen und Ehre ausgezeichnet. Er hat euch auf eine Weise beschützt, wie kein Nachbar seinen Nachbarn beschützt. Ehrt daher Allahs Gäste und die Besucher. Sie kommen aus weit entfernten, staubbedeckten Gegenden. Sie kommen auf dem Rücken abgemagerter, schwacher Kamelstuten. Ihre Kleidung ist schmutzig geworden, und ihre Vorräte sind aufgebraucht. Gebt ihnen daher zu essen und zu trinken.“
Zu diesem Zweck steuerten alle Familien der Quraisch Beiträge bei. Haschim selbst gab große Summen aus seinem eigenen Vermögen aus. Danach wurden die ledernen Wasserbehälter gefüllt, indem man Wasser aus allen Brunnen Mekk as herbeischaffte. Denn die Dschurhumiten hatten Zamzam zerstört und seine Spuren beseitigt. Brot und Brühe wurden gemeinsam gekocht und ebenso Brot und Milch gemeinsam zubereitet und gegessen. Auch Sattu, Datteln und andere Speisen wurden gereicht. Bis die Pilger Mina verließen, wurden sie auf verschiedene Weise bewirtet. Haschims Dienst am Volk war der Grund dafür, dass er bei allen Stämmen beliebt war; denn jedes Jahr während der Hadsch hatten sie Gelegenheit, von seiner großzügigen Fürsorge zu profitieren.
Der Handel der Quraisch und seine Entwicklung
Der Handel der Quraisch wird in der Sure Quraisch erwähnt.(Arabisch************)
Die Sommer- und Winterreisen werden als eine Gunst Allahs bezeichnet. Dieser Gedanke kam zuerst Haschim in den Sinn. Gemeinsam mit seinen drei Brüdern Abd Schams, Muttalib und Nawfal fasste er den Plan, sich an jenem internationalen Handel zu beteiligen, der auf den Wegen der Araber zwischen den Städten des Ostens, Scham und Ägypten betrieben wurde. Zugleich sollten die für die Araber notwendigen Waren eingekauft und herbeigeschafft werden, damit die Stämme entlang des Weges sie kaufen konnten und Händler aus den Ländern auf den Markt von Mekka kamen, um Waren zu erwerben. Damals hatte die herrschende Regierung Irans ihre Vorherrschaft über diesen internationalen Handel errichtet. Dieser Handel verlief über die nördlichen Wege und den Persischen Golf zwischen dem Römischen Reich und den Städten des Ostens. Daher war der Handel auf der großen Handelsstraße, die sich von Südarabien am Roten Meer entlang bis nach Scham und Ägypten erstreckte, besonders rege. Gegenüber den Handelskarawanen der übrigen Araber hatten die Quraisch den Vorteil, dass alle ihnen dankbar waren, weil sie neben ihrem Dienst am Gotteshaus auch den Pilgern dienten. Sie mussten nicht befürchten, dass jemand ihre Karawanen unterwegs überfallen würde. Die Stämme entlang des Weges erhoben von ihnen auch nicht die hohen Wegzölle, die von anderen Karawanen verlangt wurden. Haschim berücksichtigte all diese Umstände, entwarf einen Handelsplan und bezog auch seine drei Brüder in diesen Plan ein. Haschim erhielt vom ghassanidischen König von Scham, Abd Schams vom König von Abessinien, Muttalib von den Emiren des Jemen und Nawfal von den Regierungen des Irak und Persiens Handelserleichterungen. Tabari berichtet, dass Haschim vom Kaiser von Rom sowie von den Königen von Scham und Ghassan, Abd Schams vom König von Abessinien, dem Nadschaschi, Nawfal vom König von Iran und Muttalib von den Königen Himyars Handelserleichterungen und Zusagen für die Sicherheit während der Reisen erhielt. Ibn Saad berichtet, dass der römische Kaiser Haschim besondere Achtung entgegenbrachte und dass dieser zu Handelszwecken bis nach Ankara vordrang – der Verfasser. Auf diese Weise entwickelte sich ihr Handel rasch weiter.
Deshalb wurden diese vier Brüder unter dem Namen der reisenden Kaufleute bekannt. Aufgrund der Beziehungen, die sie zu den umliegenden Stämmen und Staaten aufgebaut hatten, wurden sie auch als die Aṣḥāb al-Īlāf bezeichnet, was so viel wie „Freundschaftstifter“ bedeutet. Als Fachbegriff bezeichnet Īlāf jedoch eine freundschaftliche Beziehung, auf deren Grundlage man während des Durchquerens von Wegen Sicherheit sowie Sicherheit beim Aufenthalt in den Gebieten befreundeter Stämme genoss. Es handelte sich um eine Vereinbarung, die sich von einem politischen Bündnis unterschied.
Durch den Handel hatten die Quraisch Gelegenheit erhalten, Beziehungen zu Syrien, Ägypten, Iran, Irak, Jemen und Abessinien aufzubauen. Durch den Kontakt mit der Zivilisation und Kultur verschiedener Länder entwickelten sich ihre Intelligenz und ihr Weitblick so weit, dass kein anderer arabischer Stamm ihnen ebenbürtig war. Auch hinsichtlich des Reichtums standen sie in Arabien an erster Stelle. So wurde Mekka zu einem wichtigen Handelszentrum der Arabischen Halbinsel. Ein großer Vorteil dieser internationalen Beziehungen bestand darin, dass sie aus dem Irak die Schrift mitbrachten, die kein anderer Stamm besaß. Deshalb sagte der Prophet (s):
(Arabisch**************)
– Der Führer der Menschen ist Quraisch (Musnad Aḥmad, überliefert von ʿAmr ibn al-ʿĀṣ).
Bei al-Bayhaqī findet sich folgende Überlieferung von ʿAlī (r):
(Arabisch**************)
Zunächst lag die Führung Arabiens in den Händen der Himyariten. Dann nahm Allah, der Erhabene, sie ihnen weg und gab sie den Quraisch.
Während die Quraisch auf diese Weise auf dem Weg des Aufstiegs voranschritten, ereignete sich der plötzliche Angriff Abrahās. Wenn Abraha damals in der Lage gewesen wäre, diese heilige Stadt zu erobern und die Kaaba zu zerstören, wäre in Arabien nicht nur das Ansehen der Quraisch, sondern auch das Ansehen der Kaaba selbst vernichtet worden. Der Glaube der Araber im Zeitalter der Unwissenheit daran, dass dieses Haus tatsächlich Allahs Haus sei, wäre erschüttert worden. Auch das Ansehen, das die Quraisch im ganzen Land genossen, weil sie die Hüter dieses Hauses waren, wäre vollständig verschwunden. Nachdem die Abessinier bis nach Mekka vorgedrungen wären, hätte das Römische Reich seinen Vormarsch fortgesetzt und die Handelsstraße zwischen Syrien und Mekka unter seine Kontrolle gebracht. Die Quraisch wären in eine noch schlimmere Lage geraten als vor Kusai ibn Kilab. Doch als Allah, der Erhabene, ein wunderbares Zeichen Seiner Macht offenbarte – als Scharen von Vögeln das sechzigtausend Mann starke abessinische Heer Abrahās mit Steinen nach und nach vernichteten und auslöschten und die Angehörigen dieses vernichteten Heeres auf dem gesamten Weg von Mekka bis zum Jemen einer nach dem anderen sterbend liegen blieben –, wurde der Glaube aller Araber daran, dass die Kaaba Allahs Haus sei, um ein Vielfaches fester und stärker. Zugleich stieg das Ansehen der Quraisch im ganzen Land. Nun entstand bei den Arabern die feste Überzeugung, dass über ihnen Allahs besondere Gnade walte. Daher zogen die Quraisch ohne jede Furcht mit ihren Handelskarawanen überall in Arabien umher. Niemand wagte es, sie zu belästigen. Selbst wenn sie einer Person, die kein Quraischit war, Schutz gewährten, erhob niemand dagegen Einwände.
ʿAbd al-Muṭṭalib ibn Hāschim
Auf seinen Handelsreisen nach Syrien hielt sich Hāschim gewöhnlich eine Zeit lang in Medina auf. Zuvor hatte er bereits eine Frau aus dem Stamm der Chazradsch von Medina geheiratet; von ihr wurden eine Tochter namens Ḥayya und ein Sohn namens Ṣayfī geboren. Auf einer weiteren Reise erblickte er eine junge Frau namens Salmā bint ʿAmr ibn Zayd aus der Familie Banū Nadschdschār, die ebenfalls dem Stamm der Chazradsch angehörte. Sie saß auf einem erhöhten Platz auf dem Markt und gab Anweisungen, was für sie gekauft und was in ihrem Namen verkauft werden sollte. Von ihrer Schönheit, ihrem Glanz, ihrem feinen Urteilsvermögen und ihrer Intelligenz angezogen, machte Hāschim ihr einen Heiratsantrag. Sie wollte sich nur unter der Bedingung mit jemandem verheiraten, dass sie nach ihrem eigenen Willen handeln und sich von ihm trennen dürfe, wenn er ihr nicht mehr gefiel. Hāschim akzeptierte ihre Bedingung. Die Frau stimmte der Ehe zu, nachdem sie Hāschims vornehme Abstammung und seine Persönlichkeit erkannt hatte. Die Eheschließung beider fand in Medina statt, und hier wurde ihr um das Jahr 495 n. Chr. ʿAbd al-Muṭṭalib geboren. Auf dieser Reise erkrankte Hāschim, als er Ghazza erreichte, und starb. So blieb ʿAbd al-Muṭṭalib bis zu seinem Eintritt in die Jugend bei seiner Mutter in Medina. Bei seinem Tod verfügte Hāschim, dass nach seinem Tod sein Bruder al-Muṭṭalib an seiner Stelle die Aufsicht über Siqāya und Rifāda übernehmen und sich um seine Familie und sein Vermögen kümmern solle. Von jener Zeit an standen Banū Hāschim und Banū al-Muṭṭalib eng zusammen und blieben es bis zuletzt. Demgegenüber wurden Banū ʿAbd Schams (aus denen die Banū Umaiya hervorgingen) und Banū Nawfal miteinander verbündet und blieben es auch in späterer Zeit. Als während der prophetischen Berufung Muhammads (ṣ) alle Stämme der Quraisch ihre Beziehungen zu ihm abbrachen und ihn im Schiʿb Abī Ṭālib einschlossen, standen neben Banū Hāschim auch Banū al-Muṭṭalib bei diesem Boykott auf der Seite des Propheten. Banū Nawfal und Banū ʿAbd Schams hingegen standen auf der Seite der Gegner.
Der eigentliche Name ʿAbd al-Muṭṭalibs war Schaiba; wegen seiner körperlichen Schönheit wurde er auch „Schaibat al-Ḥamd“ genannt. Während er in Medina aufwuchs, ging eines Tages Thābit ibn Mundhir, der Vater von Ḥassān ibn Thābit (ra), nach Mekka und traf sich mit al-Muṭṭalib. Mit Thābit war er bereits zuvor bekannt. Im Verlauf des Gesprächs sagte Thābit zu ihm: „Dein Neffe Schaiba – geh ihn einmal ansehen, dein Herz wird vor Freude erfüllt sein. Ein äußerst schöner, kräftiger junger Mann.“
Als al-Muṭṭalib dies hörte, wurde er ungeduldig, reiste nach Medina und brachte seinen Neffen gemeinsam mit sich auf dem Rücken eines Kamels nach Mekka. Als die Quraisch-Leute den jungen Mann mit al-Muṭṭalib kommen sahen, sagten sie: „ʿAbd al-Muṭṭalib“ (das heißt: der Sklave al-Muṭṭalibs). Al-Muṭṭalib fuhr sie an und sagte: „Er ist Schaiba, der Sohn meines Bruders Hāschim – nicht mein Sklave.“
Doch der Name ʿAbd al-Muṭṭalib wurde so bekannt, dass sein eigentlicher Name in Vergessenheit geriet. Einige Zeit später reiste al-Muṭṭalib zu einer Handelsreise in den Jemen und starb dort. ʿAbd al-Muṭṭalib trat seine Nachfolge an und erhielt beide Ämter, Siqāya und Rifāda.
Ibn Saʿd sagt zu seinem Lob, dass er unter den Quraisch der Schönste, der Gesündeste, der Bedächtigste und Geduldigste sowie der Freigebigste gewesen und von all jenen Lastern am weitesten entfernt war, die Männer ins Verderben führen.
Ibn Hischām sagt ferner, dass er bei seinem Volk ein Maß an Ehre und Achtung erlangt hatte, wie es keiner seiner Vorfahren erreicht hatte. Sein Volk liebte ihn, und unter den Menschen besaß er ein hohes Ansehen. Ibn Athīr berichtet, dass auch ʿAbd al-Muṭṭalib sich im Ramadan in die Höhle von Ḥirāʾ begab, um Taḥannuth (Gottesdienst) zu verrichten, und den Bedürftigen den ganzen Monat über Speise gab.
aṭ-Ṭabarī, Ibn Athīr und al-Balādhurī berichten, dass Nawfal, der Onkel ʿAbd al-Muṭṭalibs, einen Teil des von Hāschim hinterlassenen Besitzes an sich genommen hatte. ʿAbd al-Muṭṭalib beschwerte sich bei einflussreichen Männern. Sie weigerten sich jedoch, sich in den Streit zwischen Onkel und Neffe einzumischen. Daraufhin bat ʿAbd al-Muṭṭalib die Sippe seines Großvaters, die Banū ʿAdī ibn Tuddschār aus Medina, um Hilfe. Da gelangte sein Onkel mütterlicherseits, Abū Saʿīd ibn ʿAdās, mit achtzig Männern nach Mekka, und sie setzten den Anspruch ihres Neffen gegenüber Nawfal mit Gewalt durch. Danach verbündete sich auch Nawfal mit Banū ʿAbd Schams gegen Banū Hāschim, und bis in die Zeit der Sendung des Propheten blieb Banū Nawfal jener Partei angeschlossen, die gegen Banū Hāschim eingestellt war und Banū ʿAbd Schams unterstützte. Als ʿAbd al-Muṭṭalib sah, dass Banū Nawfal sich seiner gegnerischen Partei angeschlossen hatte, beriet er sich mit den Anführern der Chuzāʿa und ließ ordnungsgemäß einen Vertrag aufsetzen. In den Berichten von Ibn Saʿd und al-Balādhurī findet sich ein gewisser Unterschied. Sie sagen, dass Banū Chuzāʿa selbst an ʿAbd al-Muṭṭalib herantraten und einen Vertrag über gegenseitige Freundschaft, Hilfe und Unterstützung schlossen. An diesem Vertrag beteiligten sich sowohl Banū ʿAbd al-Muṭṭalib als auch Banū Hāschim. Banū ʿAbd Schams und Banū Nawfal blieben ihm fern. Der Vertrag wurde im Dār an-Nadwa schriftlich niedergelegt und in der Kaaba aufgehängt. Dementsprechend hinterließ ʿAbd al-Muṭṭalib seinen Söhnen die Weisung, die Freundschaft mit Banū Chuzāʿa zu bewahren. Dies wirkte sich so aus, dass zur Zeit des Vertrags von Ḥudaibiyya, als zu den Bedingungen des Vertrags gehörte, dass jeder arabische Stamm, der dies wünschte, sich einer der beiden Parteien anschließen konnte, Chuzāʿa beschloss, sich dem Gesandten Allahs (ṣ) anzuschließen.
Die erneute Wiederentdeckung von Zamzam durch ʿAbd al-Muttalib
Dieser Ruhm gebührt ʿAbd al-Muttalib: Der Brunnen Zamzam, den die Dschurhumiten vollständig zugeschüttet und dessen Spuren sie sogar beseitigt hatten, trat durch seine Hand erneut ans Licht. Muhammad ibn Ishaq berichtet unter Berufung auf ʿAlī (ra), dass ʿAbd al-Muttalib im Traum der Ort von Zamzam gezeigt und ihm befohlen wurde, dort zu graben und diesen heiligen Brunnen freizulegen. Zu jener Zeit hatte ʿAbd al-Muttalib außer al-Harith keinen Sohn. Er ging mit al-Harith, Hacke und Schaufel zu jener Stelle und begann zu graben. Als das Wasser hervortrat, rief ʿAbd al-Muttalib laut den Takbīr. Dadurch erfuhren die Quraisch, dass Zamzam freigelegt worden war. Sie versammelten sich alle und sagten: „ʿAbd al-Muttalib! Dies ist doch der Brunnen unseres Vaters Ismāʿīl (as), und auch wir haben ein Anrecht darauf. Lass uns daran teilhaben.“ Er sagte: „Das kann ich nicht tun. Er ist mir im Besonderen gegeben worden, nicht einem von euch.“ Als sie darüber streiten wollten, sagte ʿAbd al-Muttalib: „Nun gut, akzeptiert einen Schiedsrichter.“ Sie nannten eine Wahrsagerin aus den Banū Saʿd ibn Hudhaim, die im Hochland von Syrien lebte. ʿAbd al-Muttalib nahm diesen Vorschlag an und brach mit einigen Gefährten sowie einigen Männern aus den Banū Umayya und aus jedem der Quraisch-Stämme nach Syrien auf. Unterwegs erreichten sie eine Wüste, in der ʿAbd al-Muttalib und seinen Gefährten das Wasser vollständig ausging. Sie gerieten wegen des Wassermangels in Lebensgefahr. Sie baten die anderen Quraisch, die mit ihnen reisten, um Wasser. Diese verweigerten es ihnen mit den Worten: „Weit und breit ist kein Anzeichen von Wasser zu sehen. Wenn wir euch unter diesen Umständen an unserem Wasser teilhaben lassen, werden auch wir dem Untergang anheimfallen, den ihr fürchtet.“
Schließlich sagte ʿAbd al-Muttalib zu seinen Gefährten: „Kommt, solange noch Leben in unseren Körpern ist. Jeder von uns soll für sich ein Loch graben; wer stirbt, wird in seinem eigenen Loch begraben.“ Daraufhin grub jeder ein Loch, und alle warteten auf den Tod. Dann sagte ʿAbd al-Muttalib zu seinen Gefährten: „Wir liefern uns unnötigerweise dem Tod aus. Kommt, lasst uns mutig weitergehen; vielleicht finden wir irgendwo Wasser.“ Danach machten sie sich alle zum Aufbruch bereit. Doch siehe da: Als ʿAbd al-Muttalib sein Kamel aufstehen ließ und dessen Fuß den Boden berührte, sprang plötzlich unter ihm eine Quelle süßen Wassers hervor. ʿAbd al-Muttalib und seine Gefährten riefen ihretwegen laut den Takbīr. Sie stiegen von ihren Kamelen herab, tranken sich satt und füllten ihre Wasserschläuche. Dann rief ʿAbd al-Muttalib auch die übrigen Quraisch, die ihnen Wasser verweigert hatten, und sagte: „Trinkt auch ihr und füllt eure Wasserschläuche.“
Sie kamen alle herbei, tranken sich satt und sagten: „O ʿAbd al-Muttalib! Gott hat zugunsten von euch und gegen uns entschieden. Bei Gott, wir werden mit dir nicht mehr über Zamzam streiten. Derselbe Gott, der dir in dieser Wüste Wasser gegeben hat, hat dir auch Zamzam gegeben. Kehre nun wohlbehalten zu deinem Wasser zurück.“
So kehrten sie nach Mekka zurück, anstatt zu jener Wahrsagerin weiterzureisen.
Dieses Amt der Siqāya – zu dessen wichtigsten Aufgaben heute die Versorgung mit Zamzam-Wasser gehört – blieb ʿAbd al-Muttalib sein ganzes Leben lang erhalten. Nach seinem Tod übernahm sein Sohn Abū Tālib dieses Amt. Wegen seiner Freigebigkeit gab Abū Tālib jedoch mehr aus, als seine Mittel erlaubten, um die Pilger mit Wasser, Scherbet, Milch und Ähnlichem zu versorgen. Deshalb musste er mehrmals bei seinem Bruder al-ʿAbbās Darlehen aufnehmen, die er nicht zurückzahlen konnte. Schließlich sagte al-ʿAbbās unter dieser Bedingung: „Wenn du jetzt nicht zurückzahlen kannst, musst du mir das Amt der Siqāya überlassen.“ Auf diese Weise ging die Siqāya an al-ʿAbbās über. Dies geschah in der vorislamischen Zeit. Auch in der islamischen Zeit blieb dieses Amt bei den Banū ʿAbbās.
ʿAbdallāh ibn ʿAbd al-Muttalib
Muhammad ibn Ishaq sagt: Als ʿAbd al-Muttalib beim Graben von Zamzam sah, dass nur einer seiner Söhne bei ihm war, während die Quraisch sich versammelt hatten und ihn umringten, gelobte er, Allah möge ihm zehn Söhne schenken, die ihn unterstützen könnten. Dann würde er einen von ihnen neben der Kaaba auf Allahs Weg opfern. Allah erhörte dieses Gebet und schenkte ihm zehn Söhne. Sie alle erreichten das Mannesalter. Eines Tages versammelte ʿAbd al-Muttalib schließlich alle und erzählte ihnen von seinem Gelübde. Alle sagten: „Erfülle das Gelübde, das du Allah gegenüber abgelegt hast.“ Daraufhin ging ʿAbd al-Muttalib mit all seinen Söhnen zur Kaaba, zu einem Götzen namens Hubal. Dort wurden Lose gezogen. Um zu bestimmen, welchen seiner zehn Söhne er opfern sollte, ließ er das Los ziehen, und der Name von ʿAbdallāh kam heraus. Er war der schönste von allen Söhnen und ʿAbd al-Muttalibs meistgeliebter Sohn. [Einige Biografen haben gesagt, dass ʿAbdallāh der jüngste Sohn ʿAbd al-Muttalibs gewesen sei. Das ist falsch. Muḥaylī sagt, dass Ḥamza (ra) und al-ʿAbbās (ra) wesentlich jünger als ʿAbdallāh waren. Ḥamza (ra) war vier Jahre älter als der Gesandte Allahs (sas), und al-ʿAbbās (ra) war drei Jahre älter. Nach eigener Aussage von al-ʿAbbās (ra) war er drei Jahre alt, als der Prophet (sas) geboren wurde. Er sagt: „Ich erinnere mich, dass die Frauen des Hauses mich zum Propheten (sas) brachten und sagten: ‚Liebkose deinen Bruder.‘ Da liebkoste ich ihn.“ (Rawḍ al-Unuf) – der Verfasser.]
Abd al-Muttalib nahm ohne zu zögern Abdallahs Hand, ergriff ein Messer und führte ihn zu den beiden Götzen Isaf und Na’ila, um ihn zu schlachten. Als die Quraisch dies sahen, erhoben sie sich von ihren Versammlungen, eilten herbei und riefen: „Abd al-Muttalib! Was tust du da? Wenn du dies tust, wird täglich jemand seinen Sohn herbeibringen, um ihn zu schlachten. Komm, lass uns zu jener Frau im Hidschas gehen. Tu, was sie sagt. Vielleicht kann sie dieses Problem lösen.“ Suhaili bezeichnet diese Frau als Qutba. Sie lebte an einem Ort namens Hidschr in der Nähe von Medina – der Verfasser.
Gemäß diesem Vorschlag kamen sie nach Medina und erfuhren, dass diese Frau in Chaibar lebte. Sie gingen zu ihr und erzählten ihr alles. Sie fragte: „Wie hoch ist bei euch das Lösegeld für einen Menschen?“
Sie antworteten: „Zehn Kamele.“
Sie sagte: „Geht und lost aus, ob Abdallah geopfert werden soll oder zehn Kamele. Wenn das Los auf den Namen des Sohnes fällt, fügt zehn weitere Kamele hinzu und lost erneut. Erhöht die Zahl jedes Mal um zehn Kamele und lost weiter. Wenn schließlich das Los auf die Kamele fällt, bedeutet dies, dass euer Herr bereit ist, anstelle des Sohnes diese Anzahl an Kamelen als Opfer anzunehmen.“
Sie folgten dem Rat der Wahrsagerin, kehrten alle nach Mekka zurück und begannen zu losen. Zehn, zwanzig, dreißig und sogar bis zu neunzig Mal fiel das Los auf den Namen Abdallahs. Als sie schließlich hundert Kamele erreicht hatten, fiel das Los auf die Kamele. Die Leute der Quraisch sagten: „Jetzt ist der Wille deines Herrn offenbar geworden. Verschone Abdallah und schlachte nun die Kamele.“
Doch Abd al-Muttalib akzeptierte dies nicht. Er sagte: „Ich werde noch dreimal losen lassen.“ Daraufhin wurden die Lose dreimal geworfen, und alle drei Male fiel das Los auf die Kamele. Daraus geht hervor, dass das Lösegeld für einen Menschen in Arabien ursprünglich zehn Kamele betrug. Nach diesem Ereignis legten die Araber hundert Kamele dauerhaft als Lösegeld für einen Menschen fest. Danach schlachtete Abd al-Muttalib hundert Kamele und ließ unter der Bevölkerung bekanntgeben, dass Menschen, Tiere und sogar Raubtiere so viel Fleisch mitnehmen dürften, wie sie wollten.
Auf diese Weise wiederholte sich unter den Nachkommen Ibrahims einmal mehr jenes Opferereignis, das den Beginn der Wiederansiedlung dieser glückseligen Familie in Mekka markiert hatte. Obwohl zwischen den beiden Ereignissen hinsichtlich ihrer grundsätzlichen Bedeutung und ihres Sinns ein gewaltiger Unterschied besteht, sind die Geheimnisse des Wirkens Allahs unergründlich. Zuerst war das Opfer des ersten Angehörigen dieser Familie auf andere Weise gefordert worden; von ihm aus sollte der Aufruf zur Religion des Islam in Arabien seinen Anfang nehmen. Nun wurde das Opfer des Vaters jenes letzten Propheten auf andere Weise gefordert – jenes Propheten, der damit beauftragt werden sollte, diesen Aufruf der gesamten Menschheit zu verkünden und zu verbreiten. Das Lösegeld für das erste Opfer war ein Schafbock, für das zweite waren es hundert Kamele.
Die Vermählung von Abdallah
Als Hazrat Abdullah fünfundzwanzig Jahre alt war, verheiratete ihn sein Vater mit Amina Khatun, der Tochter von Wahab ibn Abd Manaf, dem Oberhaupt der Banu Zuhra ibn Kilab. Amina war das vorzüglichste Mädchen ihres Volkes. Nachdem sie einige Monate als Eheleute gelebt hatten, wurde Hazrat Amina schwanger. Zu dieser Zeit reiste ihr Ehemann Hazrat Abdullah mit einer Handelskarawane in die palästinensische Stadt Gaza. Nach seiner Rückkehr von dort nach Medina erkrankte er. Er sagte zu seinen Gefährten: „Geht ihr alle nach Mekka; ich werde bei der Familie meiner Großmutter, Adi ibn Nadschdschār, bleiben.“ Einen Monat später starb er dort. Er wurde in Dar an-Nābigha al-Dschundī beigesetzt.
Seine Gefährten erreichten Mekka und berichteten Abd al-Muttalib von Hazrat Abdullahs Krankheit. Abd al-Muttalib schickte unverzüglich seinen ältesten Sohn Harith nach Medina. Doch noch bevor dieser Medina erreichte, verstarb Hazrat Abdullah.
Dies ist eine äußerst authentische Überlieferung, die im Allgemeinen von allen Gelehrten anerkannt wird. In einigen Berichten heißt es jedoch, Hazrat Abdullah sei zu einer Zeit verstorben, als der Gesandte Allahs (s) achtundzwanzig Monate alt war. Manche nennen zwei Monate, andere sieben Monate. Doch die äußerst zuverlässige und allgemein anerkannte Auffassung ist, dass der Vater starb, während Huzur Akram (s) sich noch im Mutterleib befand. Auf diese Wahrheit weist der Koran hin:
(Arabisch**************)
– O Prophet! Hat Er dich nicht als Waise vorgefunden und dir dann Zuflucht gewährt?
Drittes Kapitel
Von der Geburt bis zum Beginn der Prophetenschaft
Die gesegnete Geburt
Schließlich kam jene Zeit, für die der geehrte Ibrahim, Friede sei mit ihm, einen Teil seiner Familie in einer wasser- und pflanzenlosen, abgelegenen Talgegend angesiedelt hatte und während des Baus der Kaaba gemeinsam mit seinem Sohn, dem geehrten Ismail (a. s.), betete:
(Arabisch*****************)
„O unser Herr! Erwecke unter ihnen einen Gesandten aus ihrer Mitte, der ihnen Deine Zeichen vorträgt, sie das Buch und die Weisheit lehrt und ihr Leben läutert und veredelt.“ (Al-Baqara: 129)
Kurz bevor dieser glückverheißende Augenblick eintrat, war Abraha mit sechzigtausend Soldaten gekommen, um gegen sein Schicksal anzukämpfen. Doch nicht nur mit sechzigtausend: Selbst wenn er sechs Millionen mitgebracht hätte, wäre das Ergebnis dasselbe gewesen. Wo ein so gewaltiger Plan Allahs wirksam ist, dass an diesen Ort ein Wesen gebracht werden soll, das die Geschichte der Welt verändern, der letzte aller Propheten sein wird und dessen Kommen seit zweieinhalbtausend Jahren vorbereitet wird, dort muss jede noch so große menschliche Macht im Zusammenprall mit Allahs Macht zerschmettert werden.
Hadith-Gelehrte und Historiker sind sich in dieser Frage weitgehend einig, dass sich das Ereignis der Leute des Elefanten (Abrahas Angriff auf Mekka) im Monat Muharram ereignete. Der Gesandte Allahs (s. a. s.) wurde im Monat Rabi al-awwal geboren. Dies geschah an einem Montag. Der Prophet (s. a. s.) selbst sagte dies als Antwort auf die Frage eines Beduinen: (Sahih Muslim, Überlieferer: Qatada).
Über den genauen Tag im Rabi al-awwal besteht Meinungsverschiedenheit. Ibn Schaiba überliefert jedoch die Aussagen von Abdullah ibn Abbas (r. a.) und Dschabir ibn Abdullah (r. a.) und sagt, dass er am 12. Rabi al-awwal geboren wurde. Muhammad ibn Ishaq hat dies erläutert, und nach der Ansicht der meisten Gelehrten ist dieses Datum das bekannteste. Auch darüber, wie viel Zeit zwischen dem Ereignis des Elefanten und der Geburt des Gesandten (s. a. s.) lag, gibt es unterschiedliche Auffassungen. Am weitesten verbreitet ist jedoch, dass der Gesandte (s. a. s.) fünfzig Tage nach diesem Ereignis geboren wurde. Die Abstimmung zwischen Sonnen- und Mondmonaten sowie -jahren ist eine schwierige Angelegenheit. Daher lässt sich nur schwer mit Sicherheit sagen, in welchem Sonnenjahr und -monat seine Geburt stattfand. Üblicherweise wird als Geburtsjahr 570 oder 571 n. Chr. angegeben. Suhaili nennt in Rawd al-unuf den 20. April, ohne das Jahr anzugeben. Einige Forscher nennen den 23. April 571 n. Chr. Mahmud Pascha Falaki gibt den 20. April 571 n. Chr. an und meint, dies sei der 9. Rabi al-awwal, ein Montag, gewesen. Caussin de Perceval nennt in seinem Werk Geschichte der Araber den 20. August 570 n. Chr. als das Geburtsdatum des Propheten (s. a. s.). Hitti sagt, der Prophet (s. a. s.) sei im Jahr 571 n. Chr. oder ungefähr zu dieser Zeit geboren worden. Einige Orientalisten datieren seine Geburt zwei Jahre früher und nennen 569 n. Chr. als sein Geburtsjahr. Nach zuverlässigen Quellen ereignete sich die gesegnete Geburt im Morgengrauen, also bei Tagesanbruch.
Die frohe Botschaft und der gesegnete Name
In zuverlässigen Quellen wird überliefert, dass Bibi Amina während ihrer Schwangerschaft träumte, aus ihr sei ein Licht hervorgegangen, das bis nach Scham erstrahlte. Ein anderes Mal wurde ihr im Traum gesagt: „In deinem Leib befindet sich der Anführer dieser Gemeinschaft. Wenn er geboren ist, gib ihm den Namen Muhammad.“ Ibn Saad überliefert, dass ihr im Traum gesagt wurde, sein Name solle Ahmad sein. [Im vorislamischen Arabien trug nur selten jemand den Namen Muhammad. Für den Namen Ahmad lässt sich jedoch bei niemandem ein Beleg finden. Der Grund dafür, den wir in Tafhim al-Quran, Band fünf, Sure as-Saff, Anmerkungen 7–8 ausführlich dargelegt haben, ist folgender: Durch die Schriftbesitzer konnten die Araber bisweilen erfahren, dass ein weiterer Prophet kommen werde, dessen Name Muhammad sein und der aus der Nachkommenschaft Ismails stammen werde. Nachdem sie dies gehört hatten, gaben einige Araber ihren Söhnen den Namen Muhammad, in der Hoffnung, dass einer von ihnen jener Prophet sein könnte. Qadi Iyad nennt sechs Personen, die vor dem Propheten (s. a. s.) Muhammad hießen. Ibn Khalawayh und Suhaili nennen drei, Abdān al-Marwazi vier. Hafiz Ibn Hadschar sagt jedoch in Fath al-Bari: „Durch Nachforschungen habe ich die Namen von fünfzehn solchen Personen erfahren.“ Danach sagt er in al-Isaba, dass einige von ihnen die Zeit des Propheten erreichten und den Islam annahmen. Bei der Darstellung des Lebens von Muhammad ibn Adi ibn Rabi’a schreibt er, man habe ihn gefragt, wie sein Vater ihn im Zeitalter der Unwissenheit Muhammad genannt habe. Sein Vater antwortete: „Wir reisten durch das Land Scham. Eines Tages kamen wir zu einem christlichen Kloster. Der Vorsteher des Klosters sagte: ‚Unter eurem Volk wird ein Prophet erscheinen, der der letzte Prophet sein wird.‘ Wir fragten: ‚Wie wird er heißen?‘ Er sagte: ‚Muhammad.‘ Seitdem gaben wir jedem Sohn, der in unserem Haus geboren wurde, den Namen Muhammad.“ – Der Verfasser.] Wahrscheinlich wurden diese beiden Namen bei zwei verschiedenen Gelegenheiten genannt, denn beide Namen sind durch Hadithe belegt. In zahlreichen Überlieferungen wird außerdem von Bibi Amina berichtet, dass sie bei seiner Geburt sagte: „Ich spürte, wie aus meinem Inneren ein Licht hervortrat, durch das der Osten und der Westen erleuchtet wurden.“ Al-Bayhaqi und Ibn Abd al-Barr überliefern die Aussage der Mutter von Uthman ibn Abi al-As, dass sie bei der Geburt des Gesandten (s. a. s.) bei Bibi Amina anwesend war. Wohin sie damals auch blickte, sah sie nur Licht über Licht. Als Hebamme bei seiner Geburt wirkte Schifa bint Auf bint Abd al-Harith az-Zuhri, die Mutter des geehrten Abd ar-Rahman ibn Auf.
Am siebten Tag nach seiner Geburt vollzog Hadhrat Abd al-Muttalib für ihn die Aqiqa und lud die Menschen zu einem Festmahl ein. Nach dem Essen fragte man ihn: „Abd al-Muttalib, welchen Namen hast du dem Kind gegeben, für das du uns zu diesem Mahl eingeladen hast?“
Er antwortete: „Ich habe ihm den Namen Muhammad gegeben.“ Die Leute sagten: „Warum hast du ihm nicht einen Namen gegeben, der sich von den Namen der anderen Mitglieder deiner Familie unterscheidet?“
Abd al-Muttalib antwortete: „Ich wünsche, dass Allah ihn im Himmel und Seine Schöpfung auf Erden lobpreisen mögen.“
Ein Leben in Armut begonnen
Hadhrat Abdullah war zur Zeit seiner Heirat noch jung und hatte gerade begonnen, Handel zu treiben. Da ereilte ihn der Tod. Daher konnte er für sein verwaistes Kind und seine Frau kein großes Vermögen hinterlassen. Ibn Saʿd berichtet, dass er fünf Kamele, eine Herde Ziegen und eine Sklavin als Erbe hinterließ. Diese Sklavin war Umm Aiman (ra), die den Propheten (s) mit großer Zuneigung aufzog. Ihr eigentlicher Name war Baraka, und sie stammte aus Abessinien. Später verheiratete der Prophet (s) sie mit seinem freigelassenen Sklaven Hadhrat Zayd ibn Haritha (ra). Ihnen wurde Usama ibn Zayd (ra) geboren.
Eine Phase der Armut in seinem heiligen Leben wird im Koran wie folgt erwähnt:
(Arabisch*************)
– Allah fand dich bedürftig und machte dich dann reich.
Stillen
Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, trank zunächst einige Tage die Milch von Suwaiba, der Sklavin des Abu Lahab. Bei al-Buchari und Muslim wird berichtet, dass auch Hadhrat Abu Salama (r.a.) [der erste Ehemann der Mutter der Gläubigen Umm Salama] ihre Milch trank. Ibn Sa’d und Ibn Hischam berichten, dass auch Hadhrat Hamza (r.a.) und Abdullah ibn Dschahsch (r.a.) von ihr gestillt wurden. Abdullah ibn Dschahsch war der Bruder der Mutter der Gläubigen Hadhrat Zaynab (r.a.). Daher waren sie die Milchbrüder des Propheten (s.a.w.s.). Als Dank für diesen Dienst behandelte der Prophet (s.a.w.s.) Suwaiba, nachdem er das Erwachsenenalter erreicht hatte, stets außerordentlich gütig. Nach seiner Heirat ehrte und achtete Hadhrat Chadidscha (r.a.) sie und behandelte sie gut. Später wollte Hadhrat Chadidscha sie kaufen und freilassen, doch Abu Lahab lehnte dies ab. Danach ließ er sie selbst frei. Auch nach der Auswanderung schickte der Prophet (s.a.w.s.) ihr Kleidung und Geld. Im siebten Jahr nach der Auswanderung erfuhr der Prophet (s.a.w.s.) von ihrem Tod und erkundigte sich nach dem Schicksal ihres Sohnes Masruh. Auch er war der Milchbruder des Propheten. Man stellte fest, dass auch er gestorben war und niemanden auf der Welt hinterlassen hatte.
Halima Sa’diyya
Bei den vornehmen Familien Mekkas bestand der Brauch, ihre Kinder zum Stillen in ein gutes Haus in der Wüstenregion zu schicken, damit sie in einer schönen, freien Umgebung aufwuchsen und die reine arabische Sprache erlernten. Zu diesem Zweck kamen von Zeit zu Zeit Frauen aus den Stämmen der umliegenden Gebiete nach Mekka. Sie nahmen die Kinder der Vornehmen mit und erhielten dafür eine angemessene Vergütung. Außerdem erwarteten sie eine gute Behandlung. Einige Zeit nach der Geburt des Propheten (s.a.w.s.) kamen zu diesem Zweck einige Frauen aus Banu Sa’d ibn Bakr, einem Zweig des Stammes Hawazin, nach Mekka. Halima bint Abi Dhu’aib war mit ihrem Ehemann Harith ibn Abdullah unter ihnen. Ibn Hischam überliefert Halimas eigenen Bericht. Sie sagt: Unsere Lage war äußerst beklagenswert. Unsere Gegend litt unter einer Hungersnot. Im Vergleich zu den anderen Frauen waren wir in einer noch schlechteren Lage. Unsere Eselin war so schwach, dass sie hinter der Karawane zurückblieb. Auch unsere Kamelstute gab nicht viel Milch. Meine Brüste enthielten so wenig Milch, dass ich die Kinder nicht satt machen konnte. Sie weinten die ganze Nacht, und auch wir konnten nicht schlafen. Als wir Mekka erreichten, erfuhren wir, dass keine der Frauen bereit war, den Propheten (s.a.w.s.) aufzunehmen. Jede sagte: Er ist eine Waise. Wenn sein Vater noch lebte, könnten wir auf eine angemessene Behandlung hoffen. Ob wir von seiner verwitweten Mutter und seinem Großvater etwas bekommen würden, war nicht abzusehen.
Hadhrat Halima berichtet: Die anderen Frauen nahmen andere Kinder mit, aber für mich war kein einziges übrig geblieben. Als alle sich zur Rückkehr nach Hause bereitmachten, sagte ich zu meinem Mann: „Ich möchte nicht mit leeren Händen zurückkehren. Ich werde hingehen und jenes Kind mitnehmen.“
Mein Mann sagte: „Was ist schon dabei, wenn du das tust? Vielleicht wird Allah uns durch ihn Segen schenken.“
Also ging ich und nahm jenes Kind mit, weil ich kein anderes bekommen hatte. Dann ging ich zu unserem Zelt und legte meine Brust an den Mund des Kindes. Da stellte ich fest, dass so viel Milch herauskam, dass es sich satt trank und auch sein Milchbruder Abdullah sich den Bauch füllen konnte. Als mein Mann danach die Milch unserer Kamelstute molk, gab sie so viel Milch, dass wir beide uns satt trinken konnten und die Nacht ruhig verbrachten. Am nächsten Morgen sagte mein Mann: „Bei Gott, Halima, du hast wirklich ein überaus gesegnetes Kind mitgenommen.“
Halima berichtet weiter: Auf dem Rückweg war unsere Eselin in einem solchen Zustand, dass sie alle Reittiere der Karawane hinter sich ließ. Die Frauen, die mit mir unterwegs waren, sagten: „Halima, ist das etwa dieselbe Eselin, auf der du mit uns hergekommen bist?“
Ich sagte: Ja.
Sie sagten: Bei Allah, sein Zustand hat sich völlig verändert.
Halima berichtet: Als wir nach Hause kamen, gab es damals wohl kein Gebiet auf der Erde, das so unfruchtbar war wie unseres. Doch wohin die Ziegen auch zum Weiden gingen, sie kehrten mit vollem Bauch zurück, nachdem sie sich satt gefressen hatten, und gaben reichlich Milch. So sahen wir von Tag zu Tag immer mehr den Segen dieses Kindes. Als nach Ablauf von zwei Jahren die Zeit des Abstillens kam, war das Kind gesünder und kräftiger als die Kinder aller anderen Stämme. Es schien, als wäre es bereits vier Jahre alt. Wir brachten es in Mekka zu seiner Mutter. Doch wir wünschten, dass es noch länger bei uns bliebe. Ich sagte zu seiner Mutter: Lassen Sie mein liebes Kind noch eine Weile bei mir bleiben, damit es noch größer und kräftiger wird. Ich fürchte, dass das Klima von Mekka seiner Gesundheit schaden könnte.
Kurz gesagt, ich drängte so sehr, dass sie sich bereit erklärte, ihn mit mir zurückzuschicken. Ibn Saʿd berichtet, dass der Prophet (s) auf diese Weise noch zwei weitere Jahre bei Halima blieb.
Die Spaltung der Brust
Halima berichtet: Zwei oder drei Monate waren vergangen, seit wir nach Hause zurückgekehrt waren. Eines Tages befand sich das Kind mit seinem Milchbruder hinter unserem Haus bei unserer Ziegenherde. Da kam sein Milchbruder plötzlich angerannt und sagte: „Zwei Männer in weißen Gewändern haben meinen Quraischiten-Bruder dort niedergeworfen und ihm den Bauch aufgeschlitzt.“ Mein Mann und ich liefen hin und sahen, dass das Kind stand und sein Gesicht bleich geworden war. Sein Vater nahm es in die Arme und sagte: „Mein Junge, was ist mit dir geschehen?“ Es sagte: „Zwei Männer in weißen Gewändern kamen, warfen mich nieder und schnitten mir den Bauch auf. Dann holten sie etwas daraus heraus, warfen es weg und machten meinen Bauch wieder wie zuvor.“ Einer anderen Überlieferung zufolge suchten sie in meinem Bauch nach etwas. Ich weiß nicht, was es war. [Anmerkung: Das Ereignis der Spaltung der Brust ist ein Geheimnis Allahs, das der Mensch nicht enträtseln kann. Den Propheten (a) sind unzählige derartige erstaunliche Ereignisse widerfahren, die sich weder erklären noch analysieren lassen. Dass man ihre Erklärung nicht kennt, ist jedoch kein vernünftiger Grund, sie zu leugnen – der Verfasser.]
Halima berichtet: Nachdem wir ihn nach Hause gebracht hatten, sagte mein Mann: „Halima, ich fürchte, dass ihm etwas zustoßen könnte. Es wäre besser, ihn zu seiner Familie zurückzubringen.“ Daher machten wir uns mit ihm auf den Weg zu seiner Mutter nach Mekka.
Seine Mutter sagte: „Was ist geschehen, Amme? Warum hast du ihn hergebracht? Du wolltest ihn doch bei dir behalten.“ Ich sagte: „Allah hat das Kind wachsen lassen, und ich habe meine Aufgabe vollständig erfüllt. Nun fürchte ich, dass ihm ein Unglück zustoßen könnte.“
Bibi Amina sagte: „Sag mir, was eigentlich geschehen ist.“
Auf ihr Drängen erzählte Halima ihr die ganze Geschichte.
Bibi Amina sagte: „Fürchtest du wegen dieses Kindes etwa den Satan?“
Halima sagte: „Ja.“
Bibi Amina sagte: „Bei Gott, dem Satan steht für ihn kein Weg offen; dieses mein Kind ist von außerordentlichem Rang.“
Danach berichtete Bibi Amina ihr, was sich während der Schwangerschaft und bei seiner Geburt ereignet hatte.
Aufgrund seines Aufenthalts in der Wüste während seiner Kindheit wurde die arabische Sprache des heiligen Propheten (s.) äußerst rein. Denn er war Quraischit und verbrachte seine Kindheit bei den Banū Saʿd, deren Sprache reines Arabisch war. Aus diesem Grund sagte der Prophet (s.): (Arabisch****************)
-Ich kenne von euch allen das Arabische am besten. Ich bin ein Quraischit, und meine Stillzeit verbrachte ich bei der Familie der Banū Saʿd ibn Bakr.
Wie Suwaiba behandelte der Prophet (s) Halima stets mit außerordentlicher Liebe und Güte. Einmal, nach der Heirat des Propheten (s) mit Hadhrat Chadidscha (ra), kam sie zu ihm und sagte: „In unserer Gegend herrscht eine schreckliche Hungersnot, und alle Haustiere sind verendet.“
Als der Prophet (s) dies hörte, schenkte er ihr vierzig Ziegen und ein Kamel, beladen mit Waren. Ibn Saʿd berichtet unter Berufung auf Muhammad ibn al-Munkadir: Eine Frau bat um die Erlaubnis, am Hof des Huzur (s) vorzusprechen; sie hatte ihn in seiner Kindheit gestillt. Als sie kam, breitete der Prophet (s) unter den Worten „Mutter, kommt, kommt“ seinen Mantel aus und ließ sie darauf Platz nehmen.
Zur Zeit der Eroberung Mekkas kam Halimas Schwester zum Dienst des Propheten und überbrachte ihm die Nachricht von Halimas Tod. Als der Prophet (s) dies hörte, begannen ihm Tränen aus den Augen zu strömen. Danach schenkte er ihr zweihundert Dirham, Kleider, ein Bündel und ein Kamel mit einem Polster. Unter den Gefangenen, die aus dem Krieg von Hawazin gebracht wurden, befand sich auch Halimas Tochter Schaima, die den Propheten (s) in seiner Kindheit auf dem Arm getragen hatte. Als er sie sah, erkannte er sie, behandelte sie liebevoll und schickte sie ehrenvoll zu ihrer Familie zurück. Als die Gesandtschaft der Hawazin den Propheten (s) um Gnade bat und sagte: „Unter diesen Gefangenen befinden sich auch Ihre Tanten und Ihre Milchmütter“, sagte der Prophet (s): „Den Anteil, der mir und den Banū ʿAbd al-Muttalib zusteht, gebe ich frei.“ Auf diese Weise wurden sechstausend Gefangene freigelassen. Der Wert des Vermögens, das ihnen zurückgegeben wurde, betrug fünfzig Crore Dirham. Nach dem Propheten (s) achteten auch Hadhrat Abu Bakr (ra) und Hadhrat Umar (ra) besonders auf diese Familie und erwiesen ihr Güte und Ehre.
Der Tod der Mutter des Propheten
Ibn Saʿd und Ibn Ishaq sagen, dass der Prophet Muhammad (s) sechs Jahre alt war; nach Ibn Hazm und Ibn al-Qayyim, [Ibn Kathir sagt über Bibi Halima, dass sie vor der Berufung des Propheten Muhammad (s) zum Prophetenamt gestorben sei. Ibn al-Barr führt jedoch in seinem Werk al-Istiʿab unter Berufung auf die Überlieferung von ʿAta ibn Yasar an, dass die Milchmutter des Propheten (s), Halima, während des Krieges von Hunain zum Hof des Propheten kam. Als der Prophet (s) sie erblickte, stand er auf, breitete seinen eigenen Mantel aus und ließ sie darauf Platz nehmen. Ibn al-Barr sagt ferner, dass Hadhrat Halima (ra) Hadithe vom Propheten (s) überliefert habe und dass Hadhrat ʿAbdullah ibn Jaʿfar von ihr überlieferte. Hafiz Abu Yaʿla und Ibn Hibban haben die Überlieferung von Hadhrat Halima unter Berufung auf ʿAbdullah ibn Jaʿfar (ra) aufgezeichnet. Hafiz Ibn Hadschar sagt in al-Isaba über Halimas Ehemann unter Berufung auf Ibn Ishaq, dass dieser nach Mekka kam und beim Propheten (s) den Islam annahm. Ibn Saʿd sagt jedoch, dass es ʿAbdullah, der Sohn von Harim, und der Milchbruder des Propheten war. Ibn Hadschar erwähnt in al-Isaba, dass Schaima Muslimin geworden war – der Verfasser.] Als er sieben Jahre alt war, reiste Bibi Amena mit dem kleinen Muhammad und Umm Aiman nach Medina, um die Verwandten seiner Urgroßmutter väterlicherseits (der Mutter von ʿAbd al-Muttalib), die Banū ʿAdi ibn an-Nadschdjar, zu besuchen, und blieb dort einige Zeit. Sie zeigte dem kleinen Muhammad den Ort, an dem sein Vater gestorben war. Sie zeigte ihm auch den Ort, an dem er begraben worden war. Der kleine Muhammad erinnerte sich später gut an die Ereignisse dieser Reise. Nach der Hidschra, als er nach Medina kam, erzählte er seinen Gefährten von diesem Erlebnis aus seiner Kindheit mit seiner Mutter. Sobald er die Festung der Banū ʿAdi ibn an-Nadschdjar erblickte, erkannte er sie wieder. Er sagte: „Hier spielte ich mit einem Ansar-Mädchen namens Unaisa. Zusammen mit den Jungen aus dem Haus meines Großvaters mütterlicherseits scheuchte ich die Vögel auf, die hier herabkamen.“
Als er Dar an-Nabigha sah, sagte er: „Hier stieg ich mit meiner Mutter aus, und in diesem Haus wurde mein Vater begraben. Ich pflegte in den Quellen der Banū ʿAdi ibn an-Nadschdjar zu schwimmen.“
Als seine Mutter danach mit dem Propheten (s) nach Mekka aufbrach und den Ort namens Abwa erreichte, starb sie, und dort wurde sie begraben. Umm Aiman brachte den Propheten (s) nach Mekka. Ibn Saʿd sagt, dass der Prophet sich auch an den Ort erinnerte, an dem seine Mutter begraben worden war. Als er daher während der Umra von Hudaibiya über Abwa hinwegzog, sagte er:(Arabisch***********************)
„Allah erlaubte Muhammad (s), das Grab seiner Mutter zu besuchen. Daraufhin ging er dorthin. Er richtete das Grab her und begann zu weinen. Als die Muslime ihn weinen sahen, weinten auch sie. Man fragte ihn: ‚Hast du nicht etwa das Weinen verboten?‘ Darauf antwortete er:(Arabisch******************)
– Da erinnerte ich mich an seine Güte, Zuneigung und Liebe, und ich brach in Tränen aus.
In verschiedenen Hadithen wird erwähnt, dass der Huzur (s) das Grab seiner eigenen Mutter besuchte und dort in Tränen ausbrach. In Musnad Ahmad, bei al-Bayhaqi und in den Tabaqat von Ibn Saʿd wird dies von Hazrat Buraida (ra), Hazrat Abdullah ibn Masʿud (ra) und Hazrat Abu Huraira überliefert.
unter der Obhut von Abd al-Muttalib
Nach dem Tod von Bibi Amina nahm der Großvater des Propheten (s), Abd al-Muttalib, ihn ganz zu sich und liebte ihn mehr als alle anderen. Deshalb hielt er ihn stets in seiner Nähe, ließ ihn neben sich sitzen und ging zu ihm, wann immer er wollte – ob dieser allein war oder schlief. Aus Furcht vor ihm wagten die anderen Kinder dies nicht. Wenn er nicht bei ihm saß, aß Abd al-Muttalib nicht; bisweilen nahm er ihn während des Essens auf den Schoß. Im Schatten der Wand der Kaaba wurde für ihn ein Lager ausgebreitet, und aus Achtung vor ihm setzte sich kein anderes Kind auf dieses Lager, sondern sie saßen ringsumher. Der kräftig gebaute Knabe Muhammad (s) setzte sich geradewegs auf dieses Lager. Wenn sein Onkel ihn aufforderte aufzustehen, sagte Abd al-Muttalib: „Lasst meinen Jungen sitzen. Bei Gott, er besitzt eine ganz besondere Würde. Es ist zu hoffen, dass er eine solche Stellung erlangt, wie sie zuvor kein Araber erlangt hat.“
In manchen Überlieferungen heißt es, Abd al-Muttalib habe gesagt: „Er hat ein wahrhaft königliches Wesen.“ Dann ließ er ihn neben sich sitzen, strich ihm über Rücken und Kopf, küsste ihn auf den Mund und freute sich sehr, seine Bewegungen zu beobachten.
Ibn Saʿd sagt, die Leute des Stammes Banu Mudlij konnten anhand des Gesichts und der körperlichen Gestalt eines Menschen seine Zukunft voraussagen. Sie sagten zu Abd al-Muttalib: „Kümmere dich ganz besonders um dieses Kind. Denn wir haben noch keine Fußspur gesehen, die der Fußspur des Hazrat Ibrahim (a) auf dem Maqam Ibrahim so ähnlich wäre wie die Fußspur dieses Kindes.“
Zu dieser Zeit war Abu Talib dort anwesend. Abd al-Muttalib sagte zu ihm: „Höre aufmerksam, was diese Leute sagen, und bewahre es.“
Doch der kleine Muhammad (s) konnte die liebevolle Zuneigung seines Großvaters nicht lange genießen. Als er acht Jahre alt war, verstarb sein Großvater. Ibn Saʿd und Hafiz Sakhāwī führen diese Überlieferung von Umm Ayman an. Umm Ayman berichtet: Als Abd al-Muttalib starb, stand der Prophet (s) an seinem Kopfende und weinte.
Als der Prophet später gefragt wurde: „Erinnern Sie sich an den Tod Ihres Großvaters?“, sagte er: „Ja, damals war ich acht Jahre alt.“
Unter der Obhut von Abu Talib
Nach dem Tod von Abd al-Muttalib übernahm Abu Talib nach manchen Überlieferungen entsprechend dessen letztwilliger Verfügung und nach anderen aus eigenem Entschluss die Verantwortung für die Erziehung des Propheten. Sein eigentlicher Name war Abd Manāf. Doch aufgrund seines ältesten Sohnes Talib wurde seine Kunya Abu Talib so bekannt, dass sein eigentlicher Name in Vergessenheit geriet. Talib war gleichaltrig mit dem Propheten (s), und zwischen den beiden bestand eine tiefe Zuneigung. Als die Quraisch die Banū Hāschim zwangen, in den Krieg von Badr zu ziehen, gehörte auch Talib zu ihnen. Er nahm jedoch nicht an der Schlacht teil, sein Name stand auch nicht auf der Liste der Gefallenen, und er kehrte ebenfalls nicht nach Mekka zurück. Es konnte keine Spur von ihm gefunden werden.
Abu Talib war der leibliche Onkel des Propheten (s). Er liebte seinen Neffen mehr als seine eigenen Kinder. Er ließ ihn neben sich schlafen und nahm ihn überallhin mit. Wenn der Prophet Muhammad (s) zur Mahlzeit kam und sich zu ihnen setzte, begannen auch die anderen zu essen. Wāqidī berichtet aus verschiedenen Quellen, dass die Angehörigen von Abu Talibs Haushalt, wenn sie ohne Muhammad (s) aßen, sei es allein oder gemeinsam, nicht satt wurden. Wenn Muhammad jedoch mit ihnen aß, wurden sie satt und es blieb sogar noch Essen übrig. Als Abu Talib diese Segenswirkung bemerkte, führte er die Gewohnheit ein, sich beim Essen hinzusetzen und zu sagen: „Wartet, lasst meinen Jungen kommen.“ Wenn dann der Prophet (s) kam, begannen alle zu essen. Abu Talib sagte: „Mein Junge, du bist wahrlich gesegnet (ein Träger des Segens).“ Wenn die Kinder beim Essen wie gewohnt begannen, sich um das Essen zu streiten, saß der Prophet (s) mit zurückgezogenen Händen da. Als Abu Talib dies bemerkte, ließ er für ihn und für sich selbst getrennte Speisen bereiten. Eine Matte wurde ausgebreitet, und niemand sonst setzte sich dort hin. Nur der Prophet (s) setzte sich zu ihm. Abu Talib sagte: „Bei dem Gott von Rabīʿa, meinem Jungen steht die Würde der Führung wahrlich gut an.“
Das Hüten der Ziegen des Propheten
Wahrscheinlich handelt es sich um die Zeit, als der Prophet (s) angesichts der finanziellen Notlage seines Onkels und zugleich dessen großer Familie daran dachte, selbst etwas zu verdienen. Während seines Aufenthalts im Haus seiner Amme hütete er in seiner Kindheit zusammen mit seinen Milchgeschwistern die Ziegen ihrer Familie. Nachdem er Verstand und Urteilsfähigkeit erlangt hatte, begann er diese Arbeit in Mekka gegen Bezahlung auszuüben. In einem Hadith wird von ʿUbayd ibn ʿUmayr überliefert, dass der Prophet (s) sagte: „Es gab keinen Propheten, der nicht Ziegen gehütet hätte.“ Die Leute fragten: „Haben auch Sie Ziegen gehütet?“ Er antwortete: „Ja.“
In al-Buchārīs Kitāb al-Iǧāra findet sich eine Überlieferung von Abū Huraira (ra). Auf diese Frage antwortete der Prophet (s): „Ich hütete die Ziegen der Mekkaner gegen einige Qirāṭ.“ [Ibn Māǧa überliefert über Suwayn ibn Saʿīd, dass die Worte des Propheten (s) hierzu lauteten:
(Arabisch*************)
–Ich hütete gegen einige Qirāṭ die Ziegen der Bewohner von Mekka. Diese Überlieferung aus al-Buchārī bedeutet, dass der Hochgeehrte (s) gegen Entlohnung die Ziegen der Bewohner von Mekka hütete. Ibrāhīm al-Harbī behauptet jedoch, dass Qarārīṭ nicht Geld oder Vermögen bedeutet, sondern der Name eines Ortes in der Nähe von Adschyād sei, wo der Prophet Ziegen hütete. Dies wird von Ibn al-Dschauzī und dem ehrwürdigen Gelehrten al-ʿAinī unterstützt. Erstens ist jedoch in der Geografie von Mekka kein Ort namens Qarārīṭ belegt. Zweitens ist es keineswegs anstößig, gegen Entlohnung Ziegen zu hüten, sodass man den Hochgeehrten (s) von diesem vermeintlichen Makel freisprechen müsste. –Der Verfasser.
Qirāṭ ist der Plural von Qarārīṭ (ein Zehntel oder ein Zwanzigstel eines Dinars wird Qirāṭ genannt). Abū Salama ibn ʿAbd ar-Raḥmān berichtet: Einmal gingen die Menschen gemeinsam mit dem Propheten (s) durch eine Ansammlung von Pilu-Bäumen. Da sagte der Prophet (s): „Pflückt die Früchte davon, die schwarz geworden sind, und bringt sie her.“ Er sagte: „Damals, als ich Ziegen hütete, pflückte ich diese Früchte.“ (Ibn Saʿd, London, S. 79–80.)
Die außergewöhnliche Persönlichkeit des Propheten zeigte sich bereits in jungen Jahren
Aus den Ereignissen, die sich seit der Geburt des Propheten bis zu seinem zehnten oder zwölften Lebensjahr zugetragen haben, wird ganz deutlich, dass sich bei allen, die mit ihm in Berührung kamen, die Überzeugung festsetzte, dass er, obwohl unter ihnen geboren, eine außergewöhnliche Persönlichkeit besaß. Nicht nur gingen von ihm auf vielfältige Weise Segnungen aus, sondern sein Wesen und sein Charakter unterschieden sich völlig von denen gewöhnlicher Kinder. Auch aus seinem Gesicht und seinen Gesichtszügen trat seine außergewöhnliche Persönlichkeit deutlich hervor.
Al-Baihaqī und Ibn Dscharīr führen eine Überlieferung von ʿAlī (ra) an, wonach der Prophet (s) sagte: „Mehr als zweimal verspürte ich in mir keinen Drang, jene Dinge zu tun, die die Menschen in der Zeit der Unwissenheit zu tun pflegten, und beide Male bewahrte mich der erhabene Allāh davor, sie zu tun. Danach kam mir der Gedanke an solche Dinge nie wieder. Eines Tages sagte ich zu den Jungen, die mit mir Ziegen hüteten: ‚Passt ein wenig auf meine Ziegen auf. Ich gehe nach Mekka und nehme nachts an den Vergnügungen teil, an denen die anderen Jungen teilnehmen.‘ Sie erklärten sich einverstanden, und ich machte mich auf den Weg zur Stadt. Schon im ersten Haus hörte ich Lärm von Gesang und Musikinstrumenten. Ich fragte: ‚Was geschieht hier?‘ Die Leute sagten: ‚Der und der heiratet.‘ Ich setzte mich hin, und sogleich überkam mich ein solcher Schlaf, dass es Morgen wurde und ich erst durch die Hitze der Sonne erwachte.“
„Als ich ein anderes Mal dasselbe zu meinen Gefährten sagte, erklärten sie sich einverstanden. Nachdem ich dann Mekka betreten hatte, sah ich, dass dort derselbe Gesang und dieselbe Musik erklangen. Ich setzte mich hin, wurde auch an jenem Tag vom Schlaf überwältigt und schlief bis zum Morgen. Ich ging zu meinen Gefährten und sagte: ‚Auch heute habe ich nichts gesehen.‘ Danach verspürte ich keinerlei Neigung mehr zu solchen Dingen.“ Ibn Saʿd berichtet nach Umm Aiman: Es gab ein Götzenbild namens Buʿāna, zu dessen Besuch die Quraisch zu gehen pflegten. Dort brachten sie auch Gelübde dar. Abū Ṭālib ging zu diesem Zweck ebenfalls mit seinen Familienangehörigen dorthin. Auch der junge Muḥammad sollte mit ihnen gehen. Doch jedes Jahr kam es zu demselben Streit: Muḥammad (s) weigerte sich zu gehen, worüber Onkel und Tanten äußerst ungehalten waren. Einmal verschwand der Prophet Muḥammad (s) während dieses Festes für lange Zeit an einen unbekannten Ort, weil er die Vorwürfe und den Tadel der älteren Familienmitglieder nicht mehr ertragen konnte. Alle im Haus wurden seinetwegen unruhig. Als er zurückkehrte, wirkte er äußerst verängstigt, und sein Gesicht war blass geworden. Seine Tanten umarmten ihn und fragten: ‚Mein Junge, was ist mit dir geschehen?‘ Er sagte: ‚Ich fürchte, dass mir etwas zustoßen könnte.‘ Die Tanten sagten: ‚Allāh wird niemals zulassen, dass der Satan dir Schaden zufügt, da du diese Eigenschaften besitzt.‘ Er sagte: ‚Wann immer ich mich einem der Götzen in diesem Götzenhaus nähere, kommt es mir vor, als stünde dort ein hochgewachsener Mann mit hellem Teint und sagte: „Muḥammad, halte dich fern und berühre es nicht!“‘ Umm Aiman sagt: Danach nahm er nie wieder an diesem Fest teil.
Ibn Hišām berichtet nach Ibn Isḥāq: In Mekka lebte ein Mann, der auf dem Gebiet der Charakterbestimmung anhand der Gesichtszüge (Physiognomie) kundig war. Er gehörte zum Stamm der Luḥāb, einem Zweig der Azd Šanūʾa, und kam regelmäßig nach Mekka. Wann immer er eintraf, brachten die Quraisch ihre Kinder zu ihm, damit er mithilfe dieser Kunst etwas über sie sagen konnte. Als er eines Tages kam, brachte Abū Ṭālib den Hochgeehrten (s) zusammen mit seinen übrigen Kindern zu ihm. Als der Mann ihn erblickte, wandte er sich zunächst einer anderen Tätigkeit zu. Nachdem er diese beendet hatte, sagte er: ‚Wo ist der Junge, den ich gerade gesehen habe? Bringt ihn her.‘ Als Abū Ṭālib bemerkte, wie unruhig der Mann den jungen Muḥammad sehen wollte, brachte er ihn an einen anderen Ort. Der Mann sagte: ‚Bringt ihn zu mir. Bei Gott, aus ihm wird ein gewaltiger großer Mann werden.‘
Muḥammad ibn Isḥāq berichtet, dass der Prophet (s) sagte: „Eines Tages trug ich beim Spielen mit den Jungen der Quraisch einen solchen Stein herbei. Alle Jungen hatten zum Tragen der Steine ihre Izārs, ihre Untergewänder, ausgezogen und um den Hals gebunden, weshalb sie alle nackt waren. Kaum hatte auch ich dasselbe getan, da traf mich plötzlich ein Schlag, und jemand sagte zu mir: ‚Binde deinen Izār um.‘ Daher band ich meinen Izār um.“
Auf diese Weise wurde der Prophet Muhammad bereits in seiner Kindheit davon abgehalten, nackt zu sein. Ein ganz ähnlicher Vorfall ereignete sich, als die Quraisch im 35. Jahr des Elefanten – als der Prophet 35 Jahre alt war und nur noch fünf Jahre bis zum Empfang der Prophetenschaft verblieben – mit dem erneuten Bau der Kaaba begannen. Zu dieser Zeit hatten alle Quraisch ihre Izār gelöst, um den Hals gebunden und trugen Steine herbei. Unter ihnen – ob Kinder, Jugendliche oder Alte – empfand niemand Scham über Nacktheit. Hadhrat Abbas (ra) forderte auch den Knaben Muhammad (s) auf, dasselbe zu tun. Sobald er dies tun wollte, wurde er ohnmächtig, und sein Blick richtete sich zum Himmel. Als er wieder zu sich kam, sagte er: „Wo ist mein Izār?“ Daraufhin wurde ihm sein Izār angelegt, und er stand auf. Dieser Vorfall ist von Hadhrat Dschābir ibn Abdullāh überliefert und findet sich bei Buchari und Muslim. Abd ar-Razzāq, Tabarānī und Hākim berichten unter Berufung auf Abū Tufail, dass eine Stimme aus dem Verborgenen ertönte: „O Muhammad, bedecke deine Scham.“ Aus der Überlieferung geht jedoch nicht hervor, dass der Gesandte (s) völlig nackt gewesen wäre. Noch bevor er den Izār ablegte und nackt wurde, war er ohnmächtig geworden.
Abscheu vor dem Götzendienst
Seit seiner Kindheit empfand er äußersten Abscheu vor Schirk, Götzenverehrung sowie deren Zurschaustellung und entsprechenden Praktiken. Auch in seinem vorprophetischen Leben konnte deren Unreinheit ihn nicht berühren. In Bucharis Kapitel „Al-Manāqib“, im Hadith über Zaid ibn Amr ibn Nufail, findet sich eine Überlieferung von Hadhrat Abdullāh ibn Umar (ra).
Darin heißt es, dass man dem Propheten (s) einmal Speisen, die den Götzen geopfert worden waren, sowie das Fleisch von Tieren, die ihnen zu Ehren geschlachtet worden waren, zu essen gab, er dies jedoch ablehnte. In Musnad Ahmad berichtet Urwa ibn az-Zubair: „Ein Nachbar von Hadhrat Chadidscha (ra) erzählte mir: Ich hörte den Propheten (s) zu Hadhrat Chadidscha (ra) sagen:
(Arabisch******************)
„O Chadidscha! Bei Gott, ich werde niemals al-Lāt und Manāt verehren. Bei Gott, ich werde sie niemals verehren.“
Darauf erwiderte Chadidscha (ra): „Lass al-Lāt sein, und lass Manāt sein.“
Nachdem dieser Nachbar diese Begebenheit geschildert hatte, sagte er zu Hadhrat Urwa, dass die Quraisch diese beiden Götzen zu verehren pflegten, bevor sie nachts schlafen gingen. Wahrscheinlich ereignete sich dies zu Beginn des Ehelebens des Propheten (s).
Die Reise nach Syrien und das Ereignis mit dem Einsiedler Bahira
Einmal brach Abu Talib mit einer Handelskarawane zu einer Reise nach Syrien auf. Der Prophet (s) war damals zwölf Jahre alt. Als Abu Talib aufbrechen wollte, umklammerte ihn der Prophet (s) und sagte, wie Ibn Saʿd überliefert: „O mein lieber Onkel, bei wem lässt du mich zurück? Ich habe doch weder Vater noch Mutter, die sich um mich kümmern könnten.“
Da wurde Abu Talibs Herz erweicht, und er sagte: „Bei Gott, ich werde ihn weder zurücklassen noch mich von ihm trennen. Er wird mit mir gehen.“
Als die Karawane Busra in Syrien erreichte und in der Nähe der Kirche des Einsiedlers Bahira Halt machte, kam dieser entgegen seiner Gewohnheit aus der Kirche heraus. Für keine Karawane war er jemals aus der Kirche herausgekommen. Er bereitete für die gesamte Karawane Essen zu und lud alle zum Mahl ein. Alle Mitglieder der Karawane gingen zum Essen. Nur Muhammad (s) wurde wegen seines jungen Alters im Lager zurückgelassen. Bahira fragte:
– Sind alle gekommen?
Sie sagten: „Nur ein kleiner Junge wurde im Lager zurückgelassen, um auf das Gepäck aufzupassen.“
Bahira sagte: „Nein, ruft auch ihn.“
Einer der Quraisch sagte: „Bei al-Lāt und al-ʿUzzā, es wäre sehr schlecht für uns, wenn Muhammad (s) nicht mit uns am Mahl teilnimmt.“ Dann ging er und holte Muhammad (s).
Nachdem man ihn herbeigerufen hatte, betrachtete Bahira ihn sehr aufmerksam und untersuchte sein Gesicht und seine Gesichtszüge.
Nach dem Essen kam Bahira zu dem Knaben Muhammad (s) und fragte: „O Knabe, ich beschwöre dich bei Lat und Uzza: Beantworte genau, was ich dich fragen werde.“
Der Prophet (s) sagte: „Beschwöre mich nicht bei Lat und Uzza. Gegen nichts hege ich größeren Hass als gegen sie.“
Er sagte: „Nun gut, dann beantworte mir um Allahs willen all das, wonach ich dich frage.“
Der Prophet (s) sagte: „Frage, was du möchtest.“
Daraufhin befragte Bahira den Propheten (s) über seinen Zustand, seinen Schlaf, seine körperliche Gestalt und andere Dinge, und der Prophet (s) beantwortete seine Fragen. Danach ging Bahira um ihn herum und untersuchte seinen Körper. Dann fragte er Abu Talib: „In welchem Verhältnis steht dieser zu dir?“ Abu Talib sagte: „Er ist mein Sohn.“
Bahira: „Sein Vater kann unmöglich noch leben.“
Abu Talib: „Er ist mein Neffe.“
Bahira: Was ist mit seinem Vater geschehen?
Abu Talib: Sein Vater starb, als er noch im Mutterleib war.
Bahira: Du hast die Wahrheit gesagt. Bring deinen Neffen nach Hause zurück. Beschütze ihn vor den Juden. Bei Allah, wenn sie ihn sehen und jene Zeichen erkennen, die ich erkannt habe, werden sie ihm Schaden zufügen. Denn dein Neffe wird eine herausragende Persönlichkeit werden.
Daher erledigte Abu Talib sehr schnell seine geschäftlichen Angelegenheiten und kehrte mit dem Hochgeehrten (s) in die Heimat zurück.
Im Zusammenhang mit diesem Ereignis haben die Orientalisten viele Schlösser aus Luft gebaut und die tiefgründigen Worte, die der Hochgeehrte (s) nach dem Empfang der Prophetenschaft äußerte, als von christlichen Mönchen übernommenes Wissen angesehen. Darüber hinaus gibt es auch in unseren eigenen Überlieferungen einige Aussagen, die solche Vorstellungen teilweise zu stützen scheinen. Wenn ein vollendeter Asket durch geistige Übungen seine spirituellen Kräfte entwickelt hat, außergewöhnliche Zeichen des Segens wahrnimmt, daraus schließt, dass sich in dieser Karawane eine herausragende Persönlichkeit befindet, und sich diese Vermutung nach seiner Begegnung mit dem Hochgeehrten (s) bestätigt, besteht darin nichts Verwunderliches. Ebenso ist es durchaus möglich, dass er die Juden für ein feindseliges Volk hielt, das das Erscheinen einer herausragenden Persönlichkeit unter den Analphabeten Arabiens als Bedrohung für sich ansehen und ihm deshalb Schaden zufügen könnte. Aus diesem Grund dürfte er Abu Talib geraten haben, ihn vor ihnen zu schützen. Nicht akzeptabel ist jedoch die Annahme, dass er geglaubt habe, gerade dieser Hochgeehrte (s) sei der zukünftige Prophet, dessen Kommen in den früheren Schriften angekündigt worden war. Denn aus den Prophezeiungen war zwar bekannt, dass ein Prophet kommen und Muhammad heißen würde. Es war jedoch nicht mit Gewissheit zu erkennen, dass der Knabe Muhammad (s) eben dieser Prophet sein würde.
Werfen wir nun einen Gesamtblick auf die Überlieferungen, die die Hadith-Gelehrten und Biographen hierzu aufgezeichnet haben. Tirmidhi, Baihaqi, Ibn Asakir, Hakim, Abu Nu’aim, Abu Bakr al-Kharaiti und Ibn Abi Schaiba überliefern von Abu Musa al-Aschari, dass Bahira die Hand des Hochgeehrten (s) ergriff und sagte: „Dies ist der Sayyid al-Mursalin, dies ist der Sayyid al-Alamin. Allah, der Erhabene, wird ihn schon bald als Rahmat li-l-Alamin entsenden.“
Man fragte ihn (nach den Überlieferungen einiger Hadith-Gelehrter, darunter Tirmidhi, fragten die Anführer der Quraisch): „Woher hast du dieses Wissen erlangt?“
Bahira sagte: „Als ihr von vorn auf uns zukamt, warfen sich Bäume, Pflanzen, Berge und Felsen vor euch nieder. Und niemandem außer einem Propheten werfen sie sich nieder. Außerdem konnte ich das Siegel der Prophetenschaft sehen und erkennen, das sich auf seinem Rücken zwischen seinen beiden Schultern befindet. Seine Erwähnung finden wir auch in unseren Schriften.“
Darauf sagte Bahira zu Abu Talib: „Vonseiten der Juden besteht diesbezüglich eine Gefahr. Deshalb bringe ihn zurück.“ In der Überlieferung, die Ibn Abi Schayba von Abu Musa al-Aschari zitiert, wird erwähnt, dass, als der Gesandte (s) zur Kirche kam, eine Wolke ihn beschattete. Es wird auch überliefert, dass Abu Talib den Gesandten (s) auf Bahiras Drängen zusammen mit Abu Bakr (r) und Bilal (r) nach Mekka zurückschickte. Abu Bakr (r) war damals jedoch zehn Jahre alt, und Bilal war noch jünger als er. Zweitens ist es äußerst befremdlich, Bilal mitzuschicken. Denn zu jener Zeit hatte er keinerlei Beziehung zu den Banu Abd al-Muttalib, aufgrund derer Abu Talib seine Dienste hätte in Anspruch nehmen können. Über diese Reise wird außerdem berichtet, dass sieben Römer auszogen, um den Gesandten (s) zu töten, und bei Bahiras Kirche eintrafen. Bahira fragte: „Warum seid ihr gekommen?“ Sie antworteten: „Wir haben erfahren, dass dieser Prophet in diesem Monat in diese Gegend kommen soll. Deshalb wurden überall Leute ausgesandt, und wir sind hierhergekommen.“ Bahira sagte: „Was meint ihr? Kann jemand verhindern, was Allah beschlossen hat?“ Sie sagten: „Nein.“ Darauf gaben sie ihr Vorhaben auf.
Dies bedeutet, dass bereits im Alter von zwölf Jahren der Gesandte selbst (s), die Quraisch und sogar die Herrscher Roms wussten, dass der Knabe Muhammad (s) ein Prophet werden würde.
Hafiz Ibn Hadschar sagt im Werk al-Isaba, unter Berufung auf Scharaf al-Mustafa von Abu Said an-Naisaburi, dass Muhammad (s) dreizehn Jahre nach diesem Ereignis, als er mit den Handelswaren von Hadhrat Chadidscha (r) nach Syrien reiste, Bahira zum zweiten Mal begegnete. Dieses Mal sagte er:(Arabisch********************)
– Ich bezeuge, dass es keine Gottheit außer Allah gibt, und ich bezeuge, dass du Allahs Gesandter bist, der schriftunkundige Prophet, dessen Kommen Isa ibn Maryam angekündigt hat.
Auf dieser Grundlage zählten Ibn Mandah und Abu Nuʿaim Bahira zu den Gefährten. Hafiz adh-Dhahabi sagte in Tadschrid as-Sahaba, dass Bahira bereits vor dem Erscheinen des Propheten an ihn geglaubt hatte.
Über die zweite Reise nach Syrien wird auch berichtet, dass der Gesandte (s) sich in Busra unter einem Baum niederließ, der sich in der Nähe der Kirche des Einsiedlers Nestor befand. Nestor kam heraus und fragte Maysara, den Begleiter des Gesandten (s), wer sich unter dem Baum aufhalte. Er antwortete: „Ein Mann aus den Quraisch, ein Bewohner des Heiligtums.“ Al-Waqidi und Ibn Ishaq sagen, dass Nestor darauf erwiderte: „Seit Isa (a) hat sich unter diesem Baum zweihundert Jahre lang niemand außer einem Propheten aufgehalten.“ Abu Said fügt in Scharaf al-Mustafa hinzu, dass Nestor anschließend zum Gesandten (s) ging, seinen Kopf und seine Füße küsste und sagte: „Ich bezeuge, dass du Allahs Gesandter bist, der schriftunkundige Prophet, dessen Kommen Isa (a) angekündigt und gesagt hatte: Nach mir wird sich unter diesem Baum niemand außer einem schriftunkundigen, haschemitischen, arabischen, mekkanischen Propheten, dem Besitzer des Hawd und der Fürsprache sowie dem Besitzer des Banners des Lobpreises aufhalten.“
Maysara merkte sich diese Aussage. Danach ging der Gesandte (s) zum Handel auf den Markt von Busra. Dabei kam es mit einem Mann zu einer Meinungsverschiedenheit über den Preis einer Ware. Da sagte dieser: „Schwöre bei Lat und Manat.“ Der Gesandte (s) sagte: „Bei ihnen habe ich noch nie geschworen.“ Darauf sagte der Mann: „Ich akzeptiere dein Wort.“ Dann rief er Maysara heimlich zu sich und sagte: „Dieser Mann ist ein Prophet. Bei Dem, in dessen Hand mein Leben liegt: Er ist jener Prophet, dessen Erwähnung unsere Priester in ihren Schriften finden.“ Auch diese Aussage merkte sich Maysara.
Abu Nuʿaim überliefert, dass Maysara auf dieser Reise sah, wie zwei Engel den Gesandten (s) beschatteten. Als die Karawane zur Mittagszeit in Mekka eintraf, befand sich Hadhrat Chadidscha (r) in ihrem Obergeschoss. Auch sie sah, dass der Gesandte (s) auf dem Rücken eines Kamels saß und zwei Engel ihn beschatteten. Außer Abu Nuʿaim berichten andere zusätzlich, dass Hadhrat Chadidscha (r) auch die anderen Frauen bei sich dieses Schauspiel sehen ließ und sie ihr Erstaunen bekundeten. Danach kam Maysara zu Hadhrat Chadidscha (r) und berichtete ihr von all den Erscheinungen, die er gesehen hatte. Er erzählte ihr auch, was Nestor gesagt hatte, sowie das Ereignis mit einem Händler aus Syrien. Wenn all diese Überlieferungen angenommen werden, bedeutet dies, dass Muhammad (s) bereits fünfzehn Jahre zuvor erfahren hatte, dass er ein Prophet werden würde. Maysara, Chadidscha (r) und auch viele der Quraisch-Frauen, die bei ihr saßen, wussten davon. Auch die Angehörigen der Karawane der Quraisch, mit der Muhammad (s) nach Syrien gereist war, sowie die Bewohner von Mekka wussten, dass ein Engel ihn beschattet hatte. Denn wie hätte diese Sache vor den anderen verborgen bleiben können, wenn Maysara, Hadhrat Chadidscha (r) und die Frauen bei ihr dieses Schauspiel gesehen hatten?
Obwohl diese Aussagen aus den Überlieferungen gelehrter Autoritäten niedergeschrieben wurden, sind sie aus mehreren Gründen nicht akzeptabel. Erstens stehen sie eindeutig im Widerspruch zum Koran, in dem der Prophet (s.) angesprochen und gesagt wird –(Arabisch****************)
– Du hättest niemals erwartet, dass dir ein Buch offenbart werden würde (al-Qasas: 86).
(Arabisch**********************)
Du wusstest ja nicht, was das Buch ist, und wusstest auch nicht, was der Glaube bedeutet (asch-Schura: 52).
Die beiden oben genannten Verse sind ein unumstößlicher Beweis dafür, dass er vor seiner Erhebung zum Propheten völlig unwissend darüber war, dass er zum Propheten gemacht werden würde. Wenn er dies bereits im Alter von zwölf Jahren gewusst hätte und es ihm im Alter von fünfundzwanzig Jahren erneut bestätigt worden wäre, hätte es keinen Grund gegeben, weshalb er nicht hätte erwarten sollen, dass ihm ein Buch offenbart werden würde. Wie hätte er dann auch vergessen können, dass er eines Tages die Menschen dazu aufrufen müsse, den Glauben anzunehmen?
Abgesehen vom Heiligen Koran widersprechen diese Überlieferungen auch jenen authentischen Überlieferungen, die über die Herabsendung der ersten Offenbarung an den Propheten (s.), über seinen körperlichen und seelischen Zustand zu jener Zeit sowie über seine Gespräche mit Hazrat Chadidscha (r.a.) überliefert worden sind. Wie hätte der Zustand, in den er damals geriet, entstehen können, wenn er bereits seit seinem fünfundzwanzigsten Lebensjahr gewusst hätte, dass er ein Prophet werden würde? In diesem Fall wäre die Herabsendung der Offenbarung ganz nach seiner Erwartung erfolgt. Auch das, was Hazrat Chadidscha (r.a.) nach dem Hören des Geschehens in Hira sagte, hätte sie unter diesen Umständen keineswegs gesagt, wenn sie fünfzehn Jahre lang gewusst hätte, dass er ein Prophet werden würde. Sie hätte dann vielmehr gesagt: „Genau das, was ich erwartet hatte, ist eingetreten.“
Auf diese Weise widersprechen diese Überlieferungen auch der gesamten Geschichte, die nach seiner Verkündung des Prophetentums in Mekka aufgrund einer umfangreichen Sammlung vielfach und wiederholt überlieferter Berichte dargelegt wurde. Wenn die Quraisch dreiunddreißig Jahre lang gewusst hätten, dass er (Muhammad, s.) ein Prophet werden würde, wäre seine Verkündung des Prophetentums nicht ihren Erwartungen entgegengesetzt gewesen, und ihre Reaktion wäre völlig anders ausgefallen als die Reaktion, die sie nach einem unerwarteten Ereignis zeigten.
Der Fidschar-Krieg
Nun kehren wir wieder zu jenen historischen Ereignissen zurück.
Ibn Hischam sagt, dass der Fidschar-Krieg stattfand, als der Prophet (s) vierzehn oder fünfzehn Jahre alt war. [Nach den Berichten von Ikd al-Farid, Agani und Dschauhari fanden zuvor bereits dreimal Fidschar-Kriege statt. Am vierten Fidschar-Krieg nahm der Hochgeehrte (s) teil. Ibn Saʿd sagt, dieser Krieg habe im Elefantenjahr stattgefunden. Dschauhari schreibt in seinem Sihah, dass die Quraisch diesen Krieg deshalb Fidschar nannten, weil er in einem heiligen Monat stattfand. Da es sündhaft ist, in einem heiligen Monat Krieg zu führen, sagten die Quraisch: „Wir haben eine Sünde begangen.“ Deshalb wurden diese vier in heiligen Monaten ausgetragenen Kriege „Hirb al-Fidschar“ genannt. – Der Verfasser.]
Ibn Ishaq, Ibn Saʿd, Baladhuri und Ibn Dscharir at-Tabari sagen, dass dieser Krieg im 20. Elefantenjahr stattfand. [Das Elefantenjahr war das Jahr, in dem Abraha Mekka angriff. Es war ein so außergewöhnliches Ereignis, dass die Araber von diesem Jahr an begannen, ihre Jahres- und Datumsberechnung zu führen. – Der Verfasser.]
Demnach müsste der Hochgeehrte (s) zwanzig Jahre alt gewesen sein. In diesem Krieg stand auf der einen Seite Banu Kinana, zu dem auch die Quraisch gehörten, und auf der anderen Seite Qais Ailan, zu dem unter anderem die Thaqif und die Hawazin gehörten. Anlass des Krieges war, dass ein Anführer der Banu Hawazin namens Urwa ar-Rahhal der Handelskarawane von Ibn Munadhir unter seinem persönlichen Schutz den Weg zum Markt von Ukaz freigab. Ein Anführer der Banu Kinana namens Barras ibn Qais sagte: „Willst du ihm gegenüber den Kinana Schutz gewähren?“ Er antwortete: „Ja, und gegenüber der ganzen Welt.“ Darüber geriet Barras in furchtbaren Zorn. Daraufhin tötete er Urwa an einem Ort namens Taiman im äußeren Gebiet des Nadschd. Als die Quraisch sich auf dem Markt von Ukaz befanden, erreichte sie diese Nachricht. Sofort machten sie sich auf den Weg zum Haram. Noch bevor sie das Gebiet des Haram betreten konnten, holten die Hawazin sie ein, und der Kampf dauerte den ganzen Tag. In der Nacht betraten die Quraisch das Gebiet innerhalb der Grenzen des Haram. Der Prophet (s) tat dabei nur so viel, dass er, wenn ein Pfeil von der Seite des Feindes herabfiel, ihn aufhob und seinen Onkeln gab. Ibn Saʿd sagt, dass der Prophet (s) später zu sagen pflegte: „Es wäre besser gewesen, wenn ich daran nicht einmal in diesem geringen Maß teilgenommen hätte.“ Suhaili sagt, der Prophet (s) sei in diesem Krieg zwar mit seinen Onkeln mitgezogen, habe jedoch tatsächlich nicht am Kampf teilgenommen. Außer an diesem Krieg nahm er vor seinem Prophetentum an keinem weiteren Krieg teil. Auch irgendeine militärische Erfahrung erwarb er nicht. Daraus ist ersichtlich, dass er von den Kriegen und Kämpfen des Zeitalters der Unwissenheit unberührt blieb. Daraus erkennen wir auch, dass die einzigartige Fähigkeit zur militärischen Führung, die er als Prophet zeigte, ihm von Allah verliehen war. Er war kein Berufsfeldherr, sondern ein geborener Feldherr.
„Hilf al-Fudul“
Als der Heilige Prophet (s) zwanzig Jahre alt war, schlossen einige Stämme der Quraisch einen Vertrag, der „Hilf al-Fudul“ genannt wurde. Ibn Athir erklärt in seinem Werk an-Nihaya den Grund für die Bezeichnung dieses Vertrages mit dem Wort „Fudul“ und sagt, dass es bereits zur Zeit der Dschurhum einen ähnlichen Vertrag gegeben habe, dessen Mitglieder allesamt Fadl geheißen hätten. Deshalb sei er Hilf al-Fudul genannt worden. Der wahre Grund ist jedoch derjenige, den Hafiz Ibn Kathir unter Berufung auf al-Humaidi von Muhammad und Abd ar-Rahman, den beiden Söhnen Hazrat Abu Bakrs (r.a.), überliefert hat. Er berichtet, dass der Prophet (s) gesagt habe: „Ich nahm im Haus von Abdullah ibn Dschudʿan an einem Vertrag teil, und wenn im Islam zu einem ähnlichen Vertrag aufgerufen würde, würde ich dies begrüßen.“ Anschließend erläuterte er diesen Vertrag folgendermaßen:
(Arabisch********************)
Sie verpflichteten sich gegenseitig dazu, das Fudul seinem Anspruchsberechtigten zurückzugeben und nicht zuzulassen, dass der Unterdrücker dem Unterdrückten weiteres Unrecht zufügt. (Al-Bidaya wa-n-Nihaya, Band 2, S. 291).
Mit „die Fudul zu ihren Berechtigten zurückzuführen“ ist gemeint, dass alles, was ein Unterdrücker den Berechtigten gewaltsam entrissen hat, ihnen zurückgegeben und dem Unterdrücker nicht gestattet werden soll, in seinem Unrecht zu verharren.
Ibn Saʿd sagt über diesen Vertrag, dass sie gemeinsam beschlossen, den Unterdrückten beizustehen und ihm sein Recht zu verschaffen.
Ibn Hischam berichtet in seiner Darstellung dieses Vertrags, dass sie es in Mekka weder einem Einwohner noch einem Fremden erlauben würden, Unrecht zu erleiden, und dass sie dem Unterdrückten gegen den Unterdrücker beistehen würden. Ibn Saʿd datiert diesen Vertrag auf den 20. Dhul-Qaʿda im Jahr des Elefanten. Anlass dafür war, dass ein Mann aus dem Stamm der Zubaidi im Jemen mit einigen Waren nach Mekka kam. Ein mekkanischer Anführer namens al-ʿAs ibn Waʾil kaufte seine Waren, zahlte jedoch den Preis nicht. Der arme Mann ging daraufhin zu den Angehörigen der Banu ʿAbd ad-Dar, der Banu Machzum, der Banu Dschumah, der Banu Sahm und der Banu ʿAdi und bat sie einzeln um Hilfe. Doch alle wiesen sein Gesuch in groben Worten zurück und weigerten sich, ihm gegen ʿAs ibn Waʾil as-Sahmi beizustehen. Nachdem er von allen Seiten enttäuscht worden war, bestieg er am frühen Morgen den Berg Abu Qubais und rief laut den Angehörigen der Fihr zu, dass ihm Unrecht widerfahren sei. Daraufhin antwortete der Onkel des Propheten, Zubair ibn ʿAbd al-Muttalib, und sagte: „Diese Angelegenheit darf nicht auf diese Weise belassen werden.“ Dann versammelte er die Banu Haschim, die Banu al-Muttalib, die Banu Asad ibn ʿAbd al-ʿUzza, die Banu Zuhra und die Banu Taim im Haus von ʿAbdullah ibn Dschudʿan. Dieser war ein Cousin von Hadhrat ʿAischa (ra). Dort schworen alle, jedem Unterdrückten in Mekka, ob Einwohner oder Fremder, beizustehen und ihm sein Recht vom Unterdrücker zu verschaffen. Danach gingen sie gemeinsam zu ʿAs, nahmen die Waren des Zubaidi von ihm zurück und übergaben sie ihrem Eigentümer.
Muhammad ibn Ishaq berichtet unter Berufung auf Imam Zuhri, dass der Prophet (s) gesagt habe: „Ich nahm im Haus von ʿAbdullah ibn Dschudʿan an einem Vertrag teil, für den ich, selbst wenn ich als Gegenleistung ein rotes Kamel erhalten hätte, keinen Ersatz angenommen hätte. Wenn heute, in der islamischen Zeit, zu einem solchen Vertrag aufgerufen würde, würde ich ihn annehmen.“
Beteiligung am Handelsgeschäft von Hadhrat Chadidscha (ra)
Die natürliche Tüchtigkeit des Propheten (s), die seit seiner Kindheit in einem begrenzten Kreis wohlbekannt gewesen war – seine Höflichkeit, Vertrauenswürdigkeit und Zuverlässigkeit, seine Wahrheitsliebe, sein liebenswürdiger Charakter, seine Aufrichtigkeit, Ernsthaftigkeit, Intelligenz, Selbstbeherrschung, Geduld und Selbstachtung, seine Großzügigkeit und seine Führungsqualitäten –, kurz gesagt: Jede seiner edlen Eigenschaften entwickelte sich immer weiter. Dadurch entstanden in den Herzen der Menschen tiefe Achtung und Vertrauen zu ihm, und sein Einfluss auf sie nahm ebenfalls zu. Zu dieser Zeit beschloss Hadhrat Chadidscha (ra), sich mit ihm an Handelsgeschäften zu beteiligen.
Hadhrat Chadidscha (ra) trug unter den Quraisch wegen ihrer Keuschheit und ihres makellosen Charakters den Beinamen „Tahira“. Tahira bedeutet „makellos rein“. Der gesamte Stamm betrachtete sie wegen ihrer Intelligenz, Weitsicht, ihres edlen Charakters und ihrer zahlreichen Tugenden mit größter Achtung. Zugleich hatte Allah, der Erhabene, sie auch mit körperlicher Schönheit ausgestattet. Keine Frau der Quraisch war schöner als sie. Oft waren die Handelskarawanen der Quraisch allein auf ihr Vermögen angewiesen. Ihre erste Ehe schloss sie mit Abu Hala ibn Zurara at-Tamimi. Ihm gebar sie zwei Söhne, Hind und Hala. Beide nahmen zur Zeit des Propheten den Islam an. Nach dem Tod Abu Halas heiratete sie ʿUtaik ibn ʿAbd al-Machzumi. Ihm gebar sie eine Tochter namens Hind. Auch sie nahm später, in der Zeit der Prophetie, den Islam an. [Nach Ansicht mancher war ʿUtaik ihr erster und Abu Hala ihr zweiter Ehemann – der Verfasser.] Nach dem Tod ihres zweiten Ehemanns blieb sie Witwe. Viele Anführer der Quraisch äußerten den Wunsch, sie zu heiraten, doch sie lehnte ihre Wünsche ab. Sie betrieb mit ihrem Vermögen Handel und schickte jeweils irgendeinen Mann mit ihren Waren einer Handelskarawane mit; dieser erhielt dafür seinen festgelegten Anteil.
Als Hadhrat Chadidscha (ra) von der Wahrhaftigkeit, Zuverlässigkeit und dem edlen Charakter des Propheten (s) erfuhr, sagte sie zu ihm: „Nimm meine Handelswaren und reise ins Land Scham. Ich werde dir einen größeren Anteil am Gewinn geben als den, den ich anderen zu geben pflege.“
Dies ist die Überlieferung Ibn Ishāqs.
Die zweite Überlieferung führt Ibn Saʿd auf Nufaisa bint Munayya zurück; ihre ausführliche Darstellung findet sich bei Zurqānī. Demnach sagte Abū Tālib zum Gesandten (s): „Neffe, ich bin kein wohlhabender Mann. Unsere Lage verschlechtert sich, und wir besitzen auch keine Handelsware. Die Karawane, die deine Stammesleute nach Syrien schicken, wird bald aufbrechen. Auch Chadīdscha möchte ihre Waren mit dieser Karawane durch jemanden versenden. Wenn du zu ihr gehst, wird sie dir den Vorzug vor den anderen geben, denn sie kennt deinen vortrefflichen Charakter.“
Der Gesandte (s) sagte: „Ich fürchte, dass sie jemand anderen auswählt.“
Hadhrat Chadīdscha erfuhr von diesem Gespräch zwischen Onkel und Neffe. Doch die Worte des Gesandten (s) erwiesen sich als zutreffend, denn sie schickte ihm bereits zuvor das erwähnte Angebot für dieses Handelsgeschäft, von dem oben durch Ibn Ishāq berichtet wurde.
In einer von Muhammad ibn ʿAqīl überlieferten Darstellung in den Ṭabaqāt Ibn Saʿds heißt es, dass Abū Tālib zu Hadhrat Chadīdscha ging und sagte: „Chadīdscha, möchtest du, dass ich statt jemand anderen für deine Handelsgeschäfte Muhammad (s) damit beauftrage?“
Chadīdscha erwiderte: „Wenn du von jemandem gesprochen hättest, der fernsteht und den ich nicht mag, hätte ich das akzeptiert. Doch du hast von jemandem gesprochen, der ein naher Freund ist.“
Kurz gesagt, die Angelegenheit des Handelsgeschäfts des Gesandten (s) mit Hadhrat Chadīdscha (r.a.) wurde festgelegt, und sie sandte ihren Sklaven Maisara zusammen mit dem Propheten (s) zu Handelszwecken nach Syrien. Diese Reise begann am 15. oder 16. Tag des Monats Dhū l-Hiddscha im 25. Jahr des Elefanten. Unterwegs war Maisara vom Charakter, Wesen und den hervorragenden Eigenschaften des Gesandten (s) zutiefst beeindruckt. Nach seiner Rückkehr berichtete er Hadhrat Chadīdscha ausführlich von allem. Im Handel erzielte der Gesandte (s) besonderen Erfolg. Ibn Saʿd führt unter Berufung auf Nufaisa bint Maniyya an, dass der Gesandte (s) Chadīdscha den doppelten Gewinn brachte, den andere zuvor für sie erwirtschaftet und ihr gegeben hatten, und dass er ihm den doppelten Betrag dessen gab, was Hadhrat Chadīdscha (r.a.) ihm zu geben versprochen hatte. [Neben dieser Reise werden in den Hadith- und Sīra-Werken auch andere Reisen des Gesandten (s) erwähnt. Auf diesen Reisen hatte er Gelegenheit, viele Gegenden Arabiens mit eigenen Augen zu sehen. al-Hākim erwähnt in seinem Mustadrak zwei Reisen des Gesandten (s) nach Dschurāsch, dem berühmten Handelszentrum im Jemen, und Imām adh-Dhahabī (r) bestätigt dies. Im Musnad Ahmad heißt es, dass der Gesandte (s), als eine Delegation der ʿAbd al-Qais aus Bahrain nach Mekka kam, nach den Verhältnissen der einzelnen Orte dort fragte und jeden Ort namentlich nannte. Als die Leute darüber staunten, sagte er: „Ich habe euer Land gründlich bereist und gesehen.“ Es sei angemerkt, dass man damals die gesamte östliche Meeresküste Arabiens Bahrain nannte; damit war nicht die Insel gemeint, die heute Bahrain heißt. – Der Verfasser.]
Die Heirat mit Hadhrat Chadīdscha (r.a.)
Auf dieser langen Reise von Mekka nach Syrien und von Syrien zurück nach Mekka genoss Maysara Tag und Nacht die Gesellschaft des Propheten Mustafa (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm). Nachdem er jede Seite seines Lebens kennengelernt hatte, fasste er Zuneigung zu ihm. Nachdem Hadhrat Chadidscha (möge Allah mit ihr zufrieden sein) alles von ihm gehört hatte, beschloss sie, den Propheten (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) zu heiraten. Zwar war sie schon zuvor nicht unwissend über den Propheten (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm), und sie hatte auch von den Tugenden gehört, die sich unter den Quraisch über ihn verbreiteten. Doch nun war sie überzeugt, dass sie keinen besseren Ehemann als ihn finden könne. In den Überlieferungen gibt es einige Meinungsverschiedenheiten darüber, wie die Eheschließung endgültig zustande kam.
Ibn Ishaq berichtet, dass Hadhrat Chadidscha direkt mit dem Propheten (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) sprach. Sie sagte: „O Neffe, du bist mit mir verwandt [Safiyya, die Tante väterlicherseits des Propheten (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm), war die Ehefrau des Bruders von Hadhrat Chadidscha und die Mutter von Hadhrat Zubair (möge Allah mit ihm zufrieden sein) – der Verfasser]. Aufgrund deiner Vertrauenswürdigkeit, deiner Aufrichtigkeit, deines edlen Charakters, deiner vornehmen Herkunft und deiner lobenswerten Eigenschaften möchte ich mit dir die Ehe eingehen.“
Die zweite Überlieferung wurde von Ibn Saʿd von Nufaisa bint Munaiya übernommen [Manche Verfasser sagen bint Umaiya. Richtig ist jedoch bint Munaiya. Sie nahm nach der Eroberung Mekkas den Islam an – der Verfasser]. Nufaisa berichtet: Bevor Hadhrat Chadidscha ihren Heiratswunsch äußerte, schickte sie mich zu Muhammad (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm), um seine Haltung zu erfahren. Ich ging zu ihm und sagte: „O Muhammad (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm), warum heiratest du nicht?“ Er sagte: „Was besitze ich denn, um heiraten zu können?“
Ich sagte: „Dafür ist bereits gesorgt. Dir wird eine Frau zur Ehe vorgeschlagen, die Schönheit, Vermögen, vornehme Herkunft und Tüchtigkeit besitzt. Wirst du sie annehmen?“
Er sagte: „Von wem sprichst du?“
Ich sagte: „Von Chadidscha.“
Er sagte: „Wie könnte ich sie heiraten?“
Ich sagte: „Überlass diese Angelegenheit mir.“
Er sagte: „Wenn dem so ist, bin ich einverstanden.“
Daraufhin ließ Hazrat Chadidscha eine Nachricht überbringen und bat ihn, zur festgesetzten Zeit zur Eheschließung zu kommen. Sie bat ihren Onkel ʿAmr ibn Asad, zur Durchführung der Eheschließung zu kommen.
Da Hazrat Chadidschas Vater Chuwailid verstorben war, kam ʿAmr ibn Asad an ihrer Stelle; und der Prophet (s) kam mit seinem Onkel Hazrat Hamza und Abu Talib.
Daraufhin wurde die Eheschließung vollzogen [Ibn Saʿd sagt: Nach unseren Untersuchungen sind all jene Überlieferungen falsch, in denen gesagt wird, dass Chadidschas Vater Chuwailid ihre Eheschließung vollzogen habe. Noch unglaubwürdiger ist die Überlieferung, dass Chuwailid betrunken gemacht worden sei und in diesem Zustand die Eheschließung vollzogen habe. Nachdem er wieder zu sich gekommen sei, soll er sehr zornig geworden sein. Unserer Ansicht nach ist durch die Aussagen der Gelehrten erwiesen und überliefert, dass Chuwailid vor dem Krieg von Fidschar starb und ihr Onkel ʿAmr ibn Asad ihre Eheschließung vollzog. Der Verfasser.]
Bei der Eheschließung waren Hazrat Abu Bakr (r), die Oberhäupter des Stammes Mudar und die führenden Männer der Quraisch anwesend. Als Brautgabe gab der Gesandte (s) zwanzig Kamele. [Nach einigen Überlieferungen betrug die Brautgabe acht Dinar, nach anderen 500 Dirham – der Verfasser.]
Ibn ʿAbd al-Barr sagt, dass diese Eheschließung zwei Monate und fünfundfünfzig Tage nach der Rückkehr des Gesandten (s) von der Reise nach Scham stattfand. Er war damals fünfundzwanzig Jahre alt und Hazrat Chadidscha vierzig.
[Siehe al-Istīʿāb, S. 128.]
(Zur Zeit der Eheschließung waren der Gesandte (s) und Hazrat Chadidscha vierzig Jahre alt. In einigen seltenen Überlieferungen wird das Alter des Gesandten (s) jedoch mit einundzwanzig, neunundzwanzig, dreißig oder siebenunddreißig Jahren und das Alter Hazrat Chadidschas (r) mit fünfundzwanzig, achtundzwanzig, dreißig, fünfunddreißig oder fünfundvierzig Jahren angegeben. Die meisten Gelehrten haben dies nicht akzeptiert. Einige haben jedoch der Überlieferung den Vorzug gegeben, dass Hazrat Chadidscha fünfundzwanzig bis dreißig Jahre alt gewesen sei, weil es nicht möglich sei, dass eine vierzigjährige Frau sechs Kinder zur Welt bringe. Denn wenn zwischen jeder Geburt durchschnittlich eineinhalb Jahre lägen, müsste das jüngste Kind im Alter von neunundvierzig Jahren geboren worden sein. Wenn man auch jene Überlieferungen akzeptiert, in denen erwähnt wird, dass Hazrat Chadidscha nach Beginn der Prophetenschaft ein Kind empfangen habe, müsste sie zu diesem Zeitpunkt sechsundfünfzig Jahre alt gewesen sein. Das ist völlig unvorstellbar. Unserer Ansicht nach ist diese Auffassung verstandesmäßig nicht richtig. In der Frauenheilkunde (GYNAECOGY) gibt es ein anerkanntes Werk, das unter der Aufsicht von zehn Lehrern dieses Fachs () verfasst wurde. In der zwölften Auflage dieses Werkes wird zu diesem Thema folgende auf Forschungsarbeiten beruhende Ansicht dargelegt:–
Im Alter von achtundvierzig bis zweiundfünfzig Jahren setzt die Menstruation gewöhnlich aus. Oft verzögert sich das Ausbleiben der Menstruation jedoch bis zum fünfundfünfzigsten Lebensjahr oder sogar noch länger. Andererseits setzt sie in manchen Fällen bereits im Alter von vierzig Jahren oder sogar noch früher aus. Wenn eine Frau früh die Pubertät erreicht, setzt ihre Menstruation später aus; beginnt sie dagegen spät, setzt sie früher aus. Ebd., S. 101.
Auf der Grundlage dieser medizinischen Auffassung ist es keineswegs erstaunlich, dass Hazrat Khadija (ra) im Alter von fünfzig bis sechsundfünfzig Jahren ein Kind gebären konnte. Überliefert wird, dass der Prophet Mustafa (s) einundvierzig Jahre und Hazrat Khadija (ra) sechsundfünfzig Jahre alt war, als Hazrat Fatima (ra) geboren wurde.]
Die Kinder des Propheten (s), die von Hazrat Khadija geboren wurden
Alle Kinder des Propheten (s) wurden von Hazrat Khadija (ra) geboren. Nur Hazrat Ibrahim (ra) stammte von Maria al-Qibtiyya (ra). Hazrat Khadija (ra) hatte zwei Söhne und vier Töchter, nämlich: (1) Qasim (ra), weshalb der Ehrwürdige (s) Abu l-Qasim genannt wurde; (2) Abdullah (ra), der auch Tayyib und Tahir genannt wurde; (3) Hazrat Zaynab (ra); (4) Hazrat Ruqayya (ra); (5) Hazrat Umm Kulthum (ra) und Hazrat Fatima (ra). Darüber, wer von ihnen älter war als die anderen, bestehen unterschiedliche Auffassungen. Bekannt ist jedoch, dass der Ehrwürdige (s) fünfundzwanzig Jahre alt war, als Hazrat Zaynab (ra) geboren wurde (Isaba), und dass Hazrat Fatima (ra) geboren wurde, als der Prophet einundvierzig Jahre alt war (Schahr-e Muzahir). Historisch ist ebenfalls erwiesen, dass Hazrat Ruqayya (ra) bei der ersten Auswanderung nach Abessinien im fünften Jahr der Prophetenschaft gemeinsam mit ihrem Ehemann Hazrat Uthman (ra) auswanderte. Das bedeutet, dass sie zwei Jahre jünger als Hazrat Zaynab (ra) war und somit im fünften Jahr der Prophetenschaft bereits verheiratet war.
Die verwerfliche Anmaßung einer Gruppe
Einige Menschen behaupten ohne Gottesfurcht ausdrücklich, Hazrat Khadija (ra) habe vom Propheten (s) nur ein einziges Kind, nämlich Hazrat Fatima (ra), gehabt, während die übrigen Töchter nicht vom Ehrwürdigen, sondern von einem anderen Ehemann Hazrat Khadijas (ra) abstammten. Im Koran wird dies jedoch eindeutig widerlegt.
(Arabisch********************)
O Prophet, sage deinen Frauen und deinen Töchtern … (Al-Ahzab). Aus der Geschichte ist unzweifelhaft erwiesen, dass Maria al-Qibtiyya (ra) außer Ibrahim (ra) keine weiteren Kinder vom Ehrwürdigen (s) hatte. Diese Worte bringen eindeutig zum Ausdruck, dass der Ehrwürdige (s) nicht nur eine, sondern mehrere Töchter hatte. Auch aus der Geschichte ist erwiesen, dass außer Maria al-Qibtiyya (ra) keine andere Ehefrau des Propheten (s) ein Kind von ihm hatte. Daher müssen all diese Töchter im Schoß Hazrat Khadijas (ra) geboren worden sein. Von Feindschaft verblendet, bedenken diese Leute nicht, welch große Sünde sie begehen, wenn sie die leiblichen Kinder des Gesandten leugnen, und wie strenge Rechenschaft sie dafür im Jenseits ablegen müssen. Aufgrund aller zuverlässigen Überlieferungen herrscht Einigkeit darüber, dass Hazrat Khadija (ra) nicht nur eine Tochter des Ehrwürdigen (s), Hazrat Fatima (ra), gebar, sondern noch drei weitere Töchter hatte. Muhammad ibn Ishaq, der älteste Verfasser einer Biografie des Propheten (s), sagt nach der Erwähnung der Ehe des Ehrwürdigen (s) mit Hazrat Khadija (ra), dass alle Kinder des Propheten (s) außer Ibrahim (ra) von ihr geboren wurden. Ihre Namen waren Tahir (Tayyib), Zaynab (ra), Ruqayya (ra), Umm Kulthum (ra) und Fatima (ra) (Sira von Ibn Hisham, Bd. 1, S. 202).
Der berühmte Genealoge Hischam ibn Muhammad ibn as-Sa’ib al-Kalbi überliefert unter Berufung auf Abdullah ibn Abbas (r.a.), dass in Mekka vor Beginn der Prophetenschaft als Erstes Qasim (r.a.) vom Propheten (s.) geboren wurde. Danach wurden nacheinander Zainab (r.a.), Ruqayya (r.a.), Fatima (r.a.) und Umm Kulthum (r.a.) geboren. Nach Beginn der Prophetenschaft wurde Abdullah (r.a.) geboren, der auch Tayyib und Tahir genannt wurde. Die Mutter all dieser Kinder war Hadhrat Chadidscha (r.a.). – Tabaqat ibn Saʿd, Band 1, S. 133.
Ibn Hazm sagt in seinem Werk Dschawamiʿ as-Sira, dass Hadhrat Chadidscha vier Töchter vom Gesandten hatte. Die älteste war Hadhrat Zainab (r.a.), danach kamen Ruqayya (r.a.), Fatima (r.a.) und als jüngste Umm Kulthum (r.a.). (S. 38–40.)
At-Tabari, Ibn Saʿd, Abu Dschaʿfar ibn Habib, der Verfasser des Kitab al-Mudschassar, und Ibn Abd al-Barr, der Verfasser von al-Istiʿab, überliefern aus zuverlässigen Quellen, dass Hadhrat Chadidscha vor dem Propheten zwei Ehemänner gehabt hatte. Der eine war Hala at-Tamimi, mit dem sie Hind und Hala hatte. Ihr zweiter Ehemann war ʿAtiq ibn ʿAbid al-Machzumi, von dem sie eine Tochter namens Hind hatte. Danach heiratete sie den Propheten (s.). Alle Genealogen sind sich darin einig, dass die oben genannten vier Töchter von ihm geboren wurden. (At-Tabari, Band 2, S. 11; Tabaqat ibn Saʿd, Band 8, S. 14–16; Kitab al-Mudschassar, S. 78, 79 und 452; al-Istiʿab, Band 2, S. 718, siehe dort.) Al-Baihaqi sagt unter Berufung auf Musʿab ibn Abdullah az-Zubairi, dass der älteste Sohn des Gesandten Allahs Qasim (r.a.) war, danach in dieser Reihenfolge Zainab (r.a.), Abdullah (r.a.), Umm Kulthum (r.a.), Fatima (r.a.) und Ruqayya (r.a.) kamen. Yunus ibn Bukair überliefert unter Berufung auf Ibn Abbas (r.a.), dass Hadhrat Chadidscha vom Propheten zwei Söhne und vier Töchter gebar: al-Qasim (r.a.), Abdullah (r.a.), Umm Kulthum (r.a.), Zainab (r.a.), Ruqayya (r.a.) und Fatima (r.a.). Abd ar-Razzaq berichtet in seinem Werk al-Musannaf unter Berufung auf Ibn Dschuraidsch, dass Hadhrat Chadidscha vom Propheten (s.) zwei Söhne, Abdullah (r.a.) und Qasim (r.a.), sowie vier Töchter bekam. Die älteste von ihnen war Zainab und die jüngste Fatima (r.a.).
All diese Überlieferungen beweisen in Übereinstimmung mit der Darstellung des Heiligen Korans eindeutig, dass der Gesandte nicht nur eine einzige Tochter, sondern vier Töchter hatte.
Eheleben
Obwohl zwischen dem Propheten (s.) und Chadidscha (r.a.) ein Altersunterschied von fünfzehn Jahren bestand, erinnerte der Prophet (s.) sich nach dem Tod Hadhrat Chadidschas sein ganzes Leben lang an sie.
In al-Buchari wird eine Überlieferung von Hadhrat Ali (r.a.) zitiert. Darin heißt es, dass der Prophet (s.) sagte:
(Arabisch***************)
Eine Bedeutung davon ist, dass Maryam die vortrefflichste Frau ihrer eigenen Gemeinschaft war, während Khadidscha (möge Allah mit ihr zufrieden sein) die vortrefflichste Frau dieser Gemeinschaft war. In Sahih Muslim wird jedoch unter Berufung auf Wakiʿ berichtet, dass Wakiʿ, als er diese Aussage überlieferte, auf Himmel und Erde deutete und diese Worte des Propheten (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) zitierte. Der Sinn davon ist, dass Wakiʿ oder diejenigen, durch die diese Aussage zu ihm gelangte, sie alle dahingehend verstanden, dass diese beiden Frauen die vortrefflichsten Frauen der Welt seien. In al-Buchari findet sich eine Überlieferung von ʿAischa (möge Allah mit ihr zufrieden sein), in der sie sagt: Unter den Ehefrauen des Propheten (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) empfand ich auf niemanden solche Eifersucht wie auf Khadidscha. Dabei war sie bereits vor meiner Heirat verstorben. Der Grund dafür war, dass ich den Propheten häufig ihren Namen erwähnen hörte. Wenn der Prophet (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) eine Ziege schlachtete, schickte er gewiss einen Teil ihres Fleisches zu den Freundinnen Khadidschas. In einer anderen Überlieferung von al-Buchari sagt ʿAischa (möge Allah mit ihr zufrieden sein): Einmal kam Hala bint Chuwailid, die Schwester Khadidschas, und bat um Erlaubnis einzutreten. Als der Prophet (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) ihre Stimme hörte, war er tief bewegt und sagte:
(Allah, das ist doch Hala!) Denn ihre Stimme ähnelte der Stimme Khadidschas (möge Allah mit ihr zufrieden sein).
Hazrat ʿAischa (möge Allah mit ihr zufrieden sein) sagt: Darüber war ich sehr ungehalten und sagte: Erinnern Sie sich so oft an eine alte Frau aus den Quraisch? Dabei ist sie schon vor langer Zeit verstorben, und Allah hat Ihnen eine bessere Ehefrau gegeben.
In einer Überlieferung bei Musnad Ahmad und at-Tabarani heißt es, dass Hazrat ʿAischa (möge Allah mit ihr zufrieden sein) sagte: Darauf wurde der Hochgeehrte zornig, und als ich seinen Zorn bemerkte, schwor ich: Bei dem Gott, der Sie mit der Wahrheit gesandt hat, werde ich sie künftig nur noch in wohlwollender Weise erwähnen.
Ibn Saʿd berichtet, dass im Feldzug von Badr auch der Schwiegersohn des Gesandten Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm), Abul-ʿAs, gefangen genommen wurde. Die Tochter des Propheten, Hazrat Zainab, befand sich damals in Mekka. Um ihren Ehemann freizubekommen, schickte sie ein Lösegeld, darunter jene Halskette von Hazrat Khadidscha (möge Allah mit ihr zufrieden sein), die diese Abul-ʿAs anlässlich seiner Heirat mit Hazrat Zainab in der Zeit der Unwissenheit als Hochzeitsgeschenk gegeben hatte. Sobald der Prophet (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) diese Halskette sah, wurde sein Herz von Zuneigung überwältigt. Er sagte zu seinen Leuten: Wenn ihr es für gut haltet, dann lasst Zainabs Gefangenen ohne Weiteres frei und gebt ihr auch ihr Lösegeld zurück. Alle stimmten dem zu, und Abul-ʿAs wurde ohne Lösegeld freigelassen.
Al-Baladhuri führt in seinem Werk Ansab al-Aschraf eine Überlieferung von Hazrat ʿAischa (möge Allah mit ihr zufrieden sein) an und berichtet: Eine dunkelhäutige Frau kam zum Propheten. Der Prophet (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) begrüßte sie mit großer Freude und erwies ihr einen herzlichen Empfang. Nachdem sie gegangen war, fragte ich (Hazrat ʿAischa): Warum haben Sie sich über ihren Besuch so sehr gefreut? Der Prophet (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) sagte: Sie pflegte häufig zu Khadidscha (möge Allah mit ihr zufrieden sein) zu kommen. Daraus lässt sich ermessen, wie tief die Liebe des Propheten (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) zu Hazrat Khadidscha war – eine Liebe, die auch nach ihrem Tod sein ganzes Leben lang in seinem Herzen fortbestand.
Hazrat Khadidscha (möge Allah mit ihr zufrieden sein) lebte vor Beginn der Prophetenschaft fünfzehn Jahre und nach deren Beginn zehn Jahre als Ehefrau des Propheten. Sie verstarb im zehnten Jahr der Prophetenschaft, als der Prophet fünfzig Jahre alt war; sie selbst war fünfundsechzig Jahre alt. Der Heilige Prophet verbrachte jedoch seine gesamte Jugend mit dieser einzigen, älteren Ehefrau. Während dieser Zeit kam ihm nicht einmal der Gedanke an eine andere Frau. Dabei galt es unter den Arabern damals keineswegs als anstößig, wenn ein Mann mehrere Ehefrauen nahm. Auch die Frauen erhoben dagegen keinen Einwand. In allen Familien der Quraisch, einschließlich der Familie Hazrat Khadidschas, finden sich zahlreiche Beispiele dafür, dass ein Mann mehrere Ehefrauen hatte. Trotzdem bis zum Alter von fünfzig Jahren mit einer einzigen Ehefrau, die fünfundsechzig Jahre alt war, in ehelicher Gemeinschaft zufrieden und erfüllt zu leben, ist eine schlagende Antwort an jene Kritiker, die die Eheschließung des Heiligen Propheten mit mehreren Frauen in den letzten zehn Jahren seines Lebens – Gott bewahre – als Erfüllung seiner persönlichen Begierden bezeichnen. Später werden wir noch erörtern, aus welchen Gründen er in seinem späteren Leben verschiedene Frauen heiratete.
Die Zeit des Wohlstands und die charakterliche Größe des Heiligen Propheten
Nachdem der Prophet (S) mit Hadhrat Chadidscha (r.) die Ehe eingegangen war, schwand die Bedürftigkeit des edlen Propheten (S). Zunächst betrieb Hadhrat Chadidscha mit Hilfe anderer Handel, doch der Gewinn war gering. Denn angesichts des Charakters der anderen konnte man nicht erwarten, dass sie die Waren anderer mit vollkommener Treue und aufrichtigem Wohlwollen kaufen und verkaufen würden. Als ihr Handelsgeschäft jedoch in die Hände eines äußerst vertrauenswürdigen und klugen Mannes wie des Propheten (S) gelangte und er als ihr Ehemann naturgemäß sehr um das Wohl seiner Frau bemüht war, florierte ihr Geschäft. So erfüllte sich Allahs Ermahnung buchstäblich:
(Arabisch*******************)
und Er fand ihn bedürftig und machte ihn danach wohlhabend (ad-Duha 8).
Zu jener Zeit traten die zahlreichen Eigenschaften des edlen Propheten – seine Aufrichtigkeit und Vertrauenswürdigkeit, seine außerordentliche Gewissenhaftigkeit und Wahrhaftigkeit in seinem Handeln und seinen Geschäften, seine Almosen und Wohltätigkeit, seine Hilfe und Fürsorge für Verwandte, seine Unterstützung hilfloser Menschen, die Versorgung der Armen sowie seine Klugheit und Weisheit – gegenüber der gesamten Quraisch und den umliegenden Stämmen so deutlich hervor, dass sie nun sichtbar wurden, obwohl sie zuvor mangels Gelegenheit, sich zu zeigen, verborgen gewesen waren. Sein Ansehen in der Gesellschaft stieg nun nicht nur in moralischer, sondern auch in weltlicher Hinsicht so sehr, dass er als einer der Anführer der Quraisch angesehen wurde. Die Menschen fassten ein so großes Vertrauen zu ihm, dass sie begannen, ihre wertvollen Besitztümer bei ihm zu hinterlegen. Dieser Zustand dauerte sogar noch an, als die Bevölkerung von Mekka nach der Verkündung seiner Prophetie nach dem Blut des Propheten dürstete. Trotz ihrer äußersten Feindschaft gegen ihn ließen sie ihm alle ihre anvertrauten Güter zur Aufbewahrung. Aus diesem Grund musste man Hadhrat Ali (r.) während der Auswanderung in Mekka zurücklassen, damit er allen ihre anvertrauten Besitztümer zurückgeben konnte. Dies ist ein deutlicher Beweis dafür, dass nicht nur vor der Prophetie, sondern auch danach das Bild seiner Redlichkeit und Treue in den Herzen der Feinde des Islam eingeprägt war und sie ihn für den vertrauenswürdigsten Menschen unter ihnen hielten.
In geschäftlichen Angelegenheiten war er so gewissenhaft, dass einer seiner Geschäftspartner aus der Zeit der Unwissenheit bezeugte, er sei der beste Geschäftspartner gewesen. Dieser Mann bezeugte außerdem, dass er niemals betrogen, getäuscht oder gestritten habe. Sein Name wird in den verschiedenen Überlieferungen unterschiedlich angegeben. In Ibn Abd al-Barrs al-Isti’ab wird er Qais ibn as-Sa’ib, Uwaims al-Machzumi, genannt. In einer Überlieferung bei Musnad Ahmad heißt er Sa’ib ibn Abdullah al-Machzumi, in einer anderen Sa’ib ibn Abi as-Sa’ib. In Abu Dawud (Kitab al-Adab, Kapitel über die Missbilligung des Streitens) wird sein Name ebenfalls als Sa’ib angegeben. Seine eigene folgende Überlieferung wird angeführt: Als ich zum Gesandten Allahs kam, begannen die Menschen, mich zu loben. Er sagte: „Ich kenne ihn besser als ihr.“ Ich sagte: „Mögen meine Eltern für dich geopfert werden, du hast die Wahrheit gesagt. Du warst mein Geschäftspartner, hast aber deine Geschäfte stets sauber gehalten. Du hast weder jemals betrogen noch gestritten.“
In Abu Dawud findet sich auch die Überlieferung eines anderen Mannes, Abdullah ibn Abi al-Chamsa. Er berichtet: Einmal wickelte ich in der Zeit der Unwissenheit ein Geschäft mit dem Propheten (S) ab. Einige Punkte wurden vereinbart, andere blieben noch offen. Ich sagte: „Ich werde an diesen Ort kommen und mich mit dir treffen.“ Danach vergaß ich es. Drei Tage später fiel es mir wieder ein. Als ich dann an diesen Ort kam, stellte ich fest, dass er noch dort war. Er sagte: „O junger Mann, du hast mir große Mühe bereitet. Seit drei Tagen warte ich hier auf dich.“ (Kitab al-Adab, Kapitel über die Einhaltung von Versprechen).
Die Geschichte von Zaid ibn Haritha
Die Geschichte, die das großartige Wesen des edlen Propheten am eindrucksvollsten bezeugt, ist die Geschichte von Zaid ibn Haritha. Er war der Sohn eines Mannes namens Haritha ibn Schurahbil (oder Scharahbil) aus dem Stamm der Kalb. Seine Mutter, Su’da bint Tha’laba, stammte aus dem Stamm Mayana, einem Zweig des Stammes Tayy. Als er acht Jahre alt war, nahm seine Mutter ihn mit zum Haus seines Vaters. Dort griffen Leute aus dem Stamm Banu Qayn ibn Jasr plötzlich ihr Zelt an. Bei dem anschließenden Raubzug gehörte Zaid zu denen, die sie gefangen nahmen. Danach verkauften sie ihn auf dem Markt von Ukaz in der Nähe von Ta’if. Der Käufer war Hakim ibn Hizam, der Neffe Chadidschas. Er brachte ihn nach Mekka und schenkte ihn seiner Tante, Hadhrat Chadidscha. Als Hadhrat Chadidscha den Propheten (S) heiratete, befand sich Zaid bei ihr und wurde dort vom edlen Propheten (S) vorgefunden. Sein Wesen, sein Charakter und sein Verhalten gefielen dem Propheten so sehr, dass er ihn von Hadhrat Chadidscha erbat. So gelangte dieser glückliche Junge in den Dienst eines so vortrefflichen Menschen, den Allah, der Erhabene, wenige Jahre später zum Propheten machen wollte. Damals war Hadhrat Zaid fünfzehn Jahre alt. Einige Zeit später erfuhren sein Vater und sein Onkel, dass sich ihr Sohn in Mekka befand.
Nach ihrer Suche fanden sie ihn beim Propheten. Sie sagten zum Propheten: „Nimm das Lösegeld, das du verlangst, und gib uns unseren Sohn zurück.“
Der Prophet (s) sagte: „Gut, ich werde ihn rufen und ihm die freie Wahl lassen, ob er mit euch gehen oder bei mir bleiben möchte. Wenn er mit euch gehen möchte, werde ich überhaupt kein Lösegeld nehmen, sondern ihn einfach freigeben. Wenn er jedoch bei mir bleiben möchte, bin ich nicht jemand, der einen, der bei mir bleiben möchte, grundlos fortschickt.“
Sie sagten: „Damit haben Sie etwas gesagt, das noch besser ist als Gerechtigkeit. Rufen Sie den Jungen und fragen Sie ihn.“
Der Prophet (s) rief Zaid und fragte ihn: „Kennst du diese beiden Männer?“
Zaid sagte: „Ja, dieser ist mein Vater und jener mein Onkel.“ Der Prophet (s) sagte: „Gut, du kennst sie beide und kennst auch mich. Jetzt bist du völlig frei. Wenn du möchtest, geh mit ihnen, und wenn du möchtest, bleib bei mir.“ Zaid sagte: „Ich möchte Sie nicht verlassen und zu jemand anderem gehen.“
Zaids Vater und Onkel sagten: „Zaid, ziehst du die Sklaverei der Freiheit vor? Und willst du deine eigenen Eltern verlassen, um bei einem anderen zu bleiben?“
Zaid sagte: „Ich habe die Eigenschaften dieser großartigen Persönlichkeit gesehen, und aufgrund seiner Erfahrung kann ich niemanden auf der Welt ihm vorziehen.“
Als Zaids Vater und Onkel seine Antwort hörten, waren sie einverstanden. Der Prophet (s) gab Zaid sofort die Freiheit. Danach ging er zum Haram Sharif und verkündete vor der versammelten Menge: „Seid Zeugen: Von heute an ist Zaid mein Sohn. Er wird mein Erbe sein, und ich werde seines sein.“
Aufgrund dieser Erklärung begannen die Menschen, ihn Zaid ibn Muhammad (s) zu nennen. Diese Ereignisse trugen sich vor dem Beginn der Prophetenschaft zu. Als der Prophet mit dem Rang der Prophetenschaft ausgezeichnet wurde, hatte Hazrat Zaid bereits fünfzehn Jahre im Dienst des Propheten verbracht. Als er den Glauben annahm, war er dreißig Jahre alt.
Hazrat Ali (ra) unter der Obhut des Propheten (s)
Der Prophet bewahrte die Erinnerung an die Güte, Zuneigung und liebevolle Fürsorge, die sein Onkel Abu Talib ihm von seiner Kindheit bis zu seiner Jugend erwiesen hatte. Ibn Ishaq berichtet, dass die Preise in Mekka und der Umgebung einmal außerordentlich stark gestiegen waren. Der Prophet (s) dachte, dass die finanzielle Lage seines Onkels sehr schlecht sei und er zudem viele Kinder habe. Man müsse etwas tun, um seine Last zu erleichtern. Daher ging er zu seinem wohlhabenderen Onkel Hazrat Abbas und sagte: „Die Familie deines Bruders ist sehr groß, und seine finanzielle Lage ist ebenfalls nicht gut. Du siehst, in welch großer Not sich die Menschen wegen der gestiegenen Preise befinden. Lass uns mit ihm darüber sprechen, wie wir seine Last erleichtern können. Übernimm du den Unterhalt eines seiner Söhne, und ich übernehme den eines weiteren.“
Hazrat Abbas stimmte dem zu, und Onkel und Neffe gingen gemeinsam zu Abu Talib und teilten ihm ihre Absicht mit. Er sagte: „Lasst Aqil – oder nach Ibn Hisham Talib – bei mir und nehmt von den übrigen, wen von ihnen ihr wollt.“ Daraufhin nahm der Prophet (s) Hazrat Ali zu sich, und Hazrat Abbas (ra) nahm Hazrat Ja’far (ra) zu sich. Hazrat Ali (ra) war von allen der Jüngste. Ja’far, Aqil und Talib waren jeweils zehn Jahre älter als er. Außerdem hatte Abu Talib noch weitere Kinder.
So kam Hazrat Ali (ra) bereits in seiner Kindheit unter die Obhut des Propheten. Der Prophet (s) und Hazrat Khadija (ra) erzogen ihn wie ihr eigenes Kind. Vermutlich war Hazrat Ali damals nicht älter als vier oder fünf Jahre.
Der Wiederaufbau der Kaaba
Als der Prophet (s) fünfunddreißig Jahre alt war und nur noch fünf Jahre bis zum Empfang der Prophetenschaft verblieben, beschlossen die Quraisch, die Kaaba neu zu errichten. Denn das Gebäude war äußerst baufällig geworden und drohte infolge von Überschwemmungen einzustürzen. Die Mauern waren sehr niedrig, oben gab es kein Dach, und das Mauerwerk bestand lediglich darin, dass man Stein auf Stein gelegt hatte. Sie waren durch nichts miteinander verbunden. Auch die Tür befand sich ebenerdig. Die Schätze der Kaaba lagen in einer in den Boden gegrabenen Grube innerhalb des Gebäudes. Manche Menschen kletterten über die Mauer, gelangten dorthin und stahlen die Schätze. Noch bevor der Beschluss zum Neubau gefasst wurde, hatte ein Sklave der Banu Mulayh namens Duwaik die Schätze der Kaaba gestohlen oder ein Dieb sie bei ihm deponiert. Die gestohlenen Güter wurden bei ihm gefunden. [Ibn Athir sagt, dass drei Personen des Diebstahls verdächtigt wurden. Einer von ihnen war auch Abu Lahab. Da die Güter jedoch bei Duwaik gefunden wurden, wurde nur er bestraft – der Verfasser.]
Aus diesen Gründen wollten die Quraisch ein hohes und solides Gebäude errichten und es mit einem Dach versehen. Zu jener Zeit wurde das Handelsschiff eines römischen Kaufmanns durch die stürmischen Wellen des Meeres und einen heftigen Sturm zertrümmert: nach Ibn Ishaqs Bericht im Hafen von Dschidda, nach Ibn Sa’ds Bericht im Hafen von Schaiba, der vor Dschidda als Hafen diente. An Bord befand sich ein römischer Baumeister namens Bakum. In Mekka gab es außerdem einen koptischen Zimmermann, der Holzarbeiten ausführte. Als Walid ibn al-Mughira von dem Schiffsunglück hörte, ging er mit einigen Quraisch zu dem Ort und kaufte das Holz des Schiffes. Er sprach mit Bakum und brachte ihn dazu, sich bereit zu erklären, den Bau der Kaaba zu vollenden. Danach stand ein Mann aus den Banu Makhzum namens Abu Wahab ibn Amr ibn A’is auf – er war der Onkel mütterlicherseits des Vaters des Propheten –, löste einen Stein aus der Kaaba und setzte ihn wieder an seinen Platz. Dann sagte er: „O Quraisch! Verwendet für diesen Bau nur eure rechtmäßig erworbenen Einkünfte. Niemand soll dafür Geld verwenden, das durch Unzucht, Zinsen oder Unterdrückung erworben wurde.“
Eine andere Überlieferung lautet folgendermaßen: Verwendet beim Bau dieses Hauses kein Geld, das ihr durch Gewalt, durch den Abbruch verwandtschaftlicher Beziehungen oder durch die Verletzung gegenseitiger Pflichten erworben habt. [Dies ist die Überlieferung von Ibn Ishaq. Musa ibn Uqba al-Maghazi berichtet, dass die obige Aussage von Walid ibn al-Mughira stammte – der Verfasser.]
Die Quraisch hatten jedoch große Angst davor, das Haus der Kaaba abzureißen. Schließlich nahm Walid ibn al-Mughira eine Hacke zur Hand, um das alte Haus abzureißen, und sagte: „O Allah! Wir sind nicht von der Religion abgewichen. Wir reißen dieses Haus nur zum Guten ab.“ Damit schlug er auf einen Teil des Hauses der Kaaba ein. Danach hielt er inne. Die Leute warteten die ganze Nacht darauf, ob Walid ein Unglück widerfahren würde. Sie sagten: Wenn ein Unglück eintritt, werden wir die Arbeit einstellen und den entfernten Stein wieder an seinen Platz legen. Wenn kein Unglück eintritt, werden wir die Arbeit fortsetzen. Als Walid bis zum Morgen kein Unglück widerfuhr, übernahmen verschiedene Stämme den Abriss von den verschiedenen Seiten. Die Mauern wurden bis zu dem von Ibrahim (a.s.) errichteten Fundament abgetragen. Danach beteiligten sich die Angehörigen aller Stämme am Bau, indem sie die Steine herbeitrugen. [Wegen des Mangels an Baumaterialien wurde bei diesem Neubau ein Teil der Kaaba außerhalb belassen und daneben eine Mauer errichtet, damit man erkennen konnte, dass er zu dieser Kaaba gehörte. Dieser Teil wird auch Hijr und Hatim genannt. An dieser Stelle wurden Hadschar und Ismail (a.s.) beigesetzt (Ibn Hischam). Ibn Saʿd berichtet, dass die Quraisch das Tor des Baitullah so groß machten, wie es noch heute ist. Sie öffneten das Tor montags und donnerstags, während ein Torhüter dort stand. Wenn jemand die Treppe hinaufstieg, ließ er nach seinem Belieben manche eintreten und stieß andere hinunter – der Verfasser.] Als das Mauerwerk bis zu der Stelle fertiggestellt war, an der der Hadschar al-Aswad eingesetzt werden sollte, wollte jeder Stamm die Ehre erlangen, diesen Stein einzusetzen. Darüber kam es zu einem solchen Streit, dass ein Kampf unmittelbar bevorstand. Vier oder fünf Tage lang dauerten diese Auseinandersetzungen an. Schließlich versammelten sich alle an jenem Tag im Heiligtum, um sich zu beraten. Ein Mann aus dem Stamm der Banu Machzum, Abu Umaiya ibn al-Mughira (der Bruder von Walid ibn al-Mughira), war der älteste von ihnen. Er erhob sich und schlug vor: „O Quraisch! Einigt euch zur Beilegung dieser Meinungsverschiedenheit darauf, dass derjenige die Angelegenheit entscheiden soll, der als Erster durch die Tür dieser Moschee eintritt.“ [Mit der Tür ist die Tür der Banu Schaiba gemeint. Einer Überlieferung zufolge sollte derjenige entscheiden, der als Erster durch Bab as-Safa eintrat. Musa ibn Uqba sagt, dass Walid selbst diesen Vorschlag machte. Al-Fakihi, al-Waqidi und Ibn Ishaq nennen jedoch Abu Umaiya – der Verfasser.]
Alle akzeptierten seinen Vorschlag. Es war Allahs Fügung, dass derjenige, der als Erster eintrat, der Gesandte Allahs (s.a.s.) war. Sobald die Leute ihn sahen, riefen sie aus: -(Arabisch******************)
„Dieser Vertrauenswürdige – wir sind einverstanden; das ist Muhammad.“ In einer Überlieferung im Musnad Ahmad heißt es, dass die Leute, sobald sie ihn sahen, ausriefen: (************)
„Zu euch ist der Amīn (der äußerst vertrauenswürdige Mann) gekommen.“
Als der Gesandte Allahs (s.a.s.) erfuhr, dass er diesen Streit beilegen sollte, ließ er ein Tuch bringen. Die Leute brachten ein Tuch. Darauf legte er den Hadschar al-Aswad. Dann forderte er jeden Stamm auf, eine Seite des Tuches zu ergreifen und den Hadschar al-Aswad anzuheben. Als sie die Stelle erreichten, an der der Stein eingesetzt werden sollte, hob er ihn eigenhändig an und setzte ihn an seinen vorgesehenen Platz ein.
Dieses Ereignis ereignete sich nur fünf Jahre vor der Berufung zum Prophetentum. Bei dieser Gelegenheit bezeugte die gesamte Gesellschaft, dass der ehrwürdige Gesandte (s.a.s.) amīn, also der äußerst zuverlässige und vertrauenswürdige Mann, war. Die gesamte Nation erkannte auch, wie weise er war: Er löste einen derart gefährlichen Streit auf vortreffliche Weise und bewahrte sein Volk dadurch vor einem Bürgerkrieg. Ibn Saʿd sagt, dass dies nicht das einzige Ereignis war, bei dem der ehrwürdige Gesandte (s.a.s.) einen Streit unter den Quraisch schlichtete; vielmehr suchten die meisten von ihnen ihn bereits vor seiner Berufung zum Prophetentum auf, um ihre Angelegenheiten von ihm entscheiden zu lassen.
Diejenigen, die den Propheten vor seiner Berufung zum Prophetentum aus nächster Nähe gesehen hatten
Zu denjenigen, die vor Beginn der Prophetenschaft die Gelegenheit hatten, das Leben des Propheten Muhammad (s) aus nächster Nähe zu beobachten und seinen gesamten Zustand kennenzulernen, gehörten Mitglieder seiner Familie: erstens Hazrat Chadidscha (r.a.), die fünfzehn Jahre lang als seine Ehefrau mit ihm lebte; zweitens Hazrat Ali (r.a.), der seit seiner Kindheit im Haushalt des Propheten aufgezogen wurde; und drittens Hazrat Zaid ibn Haritha, der es vorzog, seine Eltern zu verlassen und beim Propheten zu bleiben, woraufhin der Prophet (s) ihn zu seinem eigenen Sohn erklärte. Danach war Umm Aiman (r.a.) da, die den Propheten in seiner Kindheit versorgte und als Familienmitglied stets bei ihm blieb. Über sie sagte der Prophet (s): „Nach meiner Mutter ist sie meine Mutter.“ Er redete sie stets mit „Amma“ an. Außer diesen Menschen gab es noch viele außerhalb der Familie, die die Ehre erlangten, den Propheten zu begleiten, und die längere Zeit mit ihm verkehrten.
Unter ihnen war Hazrat Abu Bakr (r.a.) der engste Freund des Propheten. Ibn Maddah führt eine Überlieferung von Ibn Abbas (r.a.) an und sagt, dass Hazrat Abu Bakr (r.a.) seit seinem achtzehnten Lebensjahr mit dem Propheten verkehrte, als der edle Prophet (s) zwanzig Jahre alt war. Von dieser Zeit an bestand zwischen beiden Freundschaft. Denn in Mekka gab es keine zwei Menschen, deren Wesen, Auftreten und Umgangsformen eine solche Ähnlichkeit aufwiesen wie der Prophet (s) und Hazrat Abu Bakr. Im Zeitalter der Unwissenheit war Hazrat Abu Bakr eine äußerst angesehene Persönlichkeit und einer der führenden Stammesvorsteher. Sein Beruf war der Handel. Aufgrund seines Charakters war er sehr beliebt. Er gehörte zu den Menschen, die niemals in ihrem Leben Alkohol angerührt hatten. Die Quraisch überließen ihm die Festsetzung der Diya, also der als Ausgleich für einen Mord festgelegten Geldstrafe. Er übernahm auch die Verantwortung für deren Zahlung. Der gesamte Stamm erklärte sich bereit, sie gemeinsam zu entrichten. Wenn jemand anderes diese Verantwortung übernahm, akzeptierten sie ihn nicht.
Im Hinblick auf die Genealogie vertrauten die Quraisch am meisten auf sein Wissen. Sein moralischer Einfluss erstreckte sich nicht nur auf die Quraisch, sondern auch auf die umliegenden Stämme. Das lässt sich daran erkennen, dass Abu Bakr, als in Mekka die äußerste Verfolgung der Muslime einsetzte, ebenfalls zur Auswanderung aufbrach. Nachdem er ein oder zwei Tagesreisen zurückgelegt hatte, traf er Ibn ad-Dughunna, den Anführer der Ahabis. Die Ahabis waren der Name für einen Zusammenschluss von drei Stämmen: darunter die Banu al-Harith ibn Abd Manat ibn Kinana, die Banu al-Hun ibn Chuzaima ibn Mudrika (das heißt die Stämme Adl, Qara und Disch) sowie unter den Qudaa die Banu al-Mustaliq. Gemeinsam schlossen sie in einem Tal namens Ahbasch im unteren Teil von Mekka einen Vertrag über gegenseitige Freundschaft, Hilfe und Unterstützung. Deshalb wurden sie Ahabis genannt – der Verfasser. Er fragte: „Abu Bakr, wohin gehst du?“
Abu Bakr (r.a.) sagte: „Mein Volk hat mich vertrieben und mein Leben durch viel Leid und Mühsal unerträglich gemacht; durch viel Leid und Mühsal hat es mein Leben unerträglich gemacht.“
Er sagte: „Bei Gott, du bist wahrlich eine Zierde der Gesellschaft. Du hilfst den Menschen in schwierigen Zeiten, tust Gutes und unterstützt die Armen. Komm, ich werde dir Schutz gewähren.“
Dann brachte er ihn nach Mekka und verkündete: „Ich habe Ibn Abi Quhafa Schutz gewährt. Niemand soll ihm nun etwas antun, außer Gutes.“
Die zweite Person war Hazrat Suhaib ibn Sinan ar-Rumi. In Wirklichkeit stammte er von den Banu Namir ibn Qasit ab. Er lebte in einer Gegend nahe Mosul, die dem iranischen Staat unterstand. Während eines Krieges zwischen Iran und Rom wurde er in seiner Kindheit gefangen genommen und lebte einige Zeit als Sklave unter den Römern. Nachdem er so mehrfach den Besitzer gewechselt hatte, gelangte er nach Mekka, wo ihn Abdullah ibn Judan kaufte. Da Ibn Judan ein naher Verwandter von Hazrat Abu Bakr (r.a.) war, lernte er durch ihn den Propheten (s) kennen. Häufig verbrachte er Zeit in der Gesellschaft des Propheten. Er genoss ein so hohes Ansehen, dass Hazrat Umar (r.a.), als er auf dem Sterbebett lag, verfügte, Suhaib solle so lange die Gebete in der Prophetenmoschee leiten, bis sich die Schura auf die Ernennung einer Person zum Kalifen geeinigt habe.
Die dritte Person war Hazrat Ammar ibn Yasir (r.a.). Al-Baihaqi führt seine eigene Aussage an. Darin heißt es, dass er sagte: „Wer weiß mehr als ich über die Heirat des Gesandten Allahs (s) mit Hazrat Chadidscha?“
Hazrat Suhaib (r.a.) und Hazrat Ammar (r.a.) nahmen gemeinsam den Islam an.
Der vierte Mann war Hazrat Hakim ibn Hizam (r.a.). Er war einer der angesehensten Männer der Quraisch. Er besaß die Ehre der Rifāda, das heißt, die Pilger mit Speise und Trank zu versorgen. Er war der Neffe von Hazrat Chadidscha (r.a.). Er war fünf Jahre älter als der Prophet (s). In der Überlieferung von Irāq ibn Mālik im Musnad Ahmad heißt es, dass er sagte: „Ich liebte den Propheten (s) am meisten.“ Zubair ibn Bakkār sagt, dass ihre Zuneigung auch nach Beginn der Prophetenschaft unerschütterlich blieb, obwohl er erst bei der Eroberung von Mekka den Glauben annahm.
Der fünfte Mann war Dima ibn Saʿlaba aus dem Stamm der Azd Schanūʾa. Er arbeitete als Arzt für Verletzungen. Ibn Abd al-Barr sagt in seinem al-Istīʿāb, dass er bereits im Zeitalter der Unwissenheit ein Freund des Propheten (s) gewesen war. In einer Überlieferung von Ibn Abbas (r.a.) im Musnad Ahmad heißt es, dass er, als er zur Zeit der Prophetenschaft nach Mekka kam, von den Leuten hörte: „Muhammad (s) ist verrückt geworden.“
Da ging er geradewegs zu ihm und sagte: „Sagen Sie mir, woran Sie leiden; ich werde Sie behandeln.“
Daraufhin rezitierte der Prophet (s) ihm einige eindrucksvolle Verse oder Worte, die in den überlieferten Gebetsschriften gelesen werden. Als er dies hörte, wurde er Muslim.
Daneben gab es einige Menschen, die den Propheten (s) wegen ihrer nahen Verwandtschaft sehr gut kannten und vor denen nichts aus seinem Leben verborgen war. Dazu gehörte Hazrat Uthman ibn Affan (r.a.). Er war mit Umm Hakim al-Baida, der Tante des Propheten (s), verheiratet. Hazrat Zubair ibn al-Awwam war der Sohn der Tante des Propheten, Hazrat Safiyya (r.a.). Hazrat Abd ar-Rahman ibn Auf (r.a.), Hazrat Saʿd ibn Abi Waqqas (r.a.) und Hazrat Umair ibn Abi Waqqas waren mütterlicherseits mit dem Propheten verwandt. Hazrat Abu Salama (r.a.) war der Cousin und Milchbruder des Propheten (s). Hazrat Abd Allah ibn Dschahsch war der Sohn der Tante des Propheten, Umaiya. Hazrat Dschafar ibn Abi Talib war sein Cousin.
Sie nahmen als Erste den Glauben an. Dass sie den Glauben annahmen, bedeutet, dass sich, nachdem sie das Leben des Propheten aus nächster Nähe gesehen hatten, seine Vorzüglichkeit und Größe so tief in ihre Herzen eingeprägt hatten, dass sie ohne den geringsten Zweifel sofort bereit waren, ihn als Propheten anzuerkennen. Dieser Glaube kann nicht auf Verwandtschaft, Freundschaft oder persönliche Zuneigung zurückgeführt werden. Denn aus solchen Gründen kann niemand seine religiöse Überzeugung oder seine Religion ändern.
Die edle Beschreibung seiner äußeren Erscheinung
Bevor wir die Darstellung der Zustände der vorprophetischen Zeit abschließen, halten wir es für angemessen, auch die ehrwürdige äußere Erscheinung des Propheten (s) zu beschreiben. Denn zwischen der Persönlichkeit eines Menschen und seinem Körperbau sowie seinen Gesichtszügen besteht ein enger Zusammenhang. Auf Grundlage der Überlieferungen zu diesem Thema, die sich in den Hadith-Sammlungen von Buchari, Muslim, Musnad Ahmad, Tirmidhi, Nasai, Baihaqi, Darqutni und anderen finden und von Hadhrat Ali (ra), Abu Huraira (ra), Hadhrat Anas (ra), Hadhrat Bara bin Azib (ra), Hadhrat Hind bin Abi Hala (ra) sowie einigen weiteren ehrwürdigen Gefährten überliefert wurden, geben wir hier insgesamt die gesegnete äußere Erscheinung des Heiligen Propheten (s) wieder. Er war weder sehr groß noch klein, sondern etwas größer als von mittlerer Statur. Wenn er sich in einer Versammlung befand, fiel er deutlich ins Auge. Sein Gesicht war weder länglich noch völlig rund, sondern leicht rundlich. Seine Hautfarbe war weder bräunlich noch rötlich und auch nicht völlig weiß, sondern hell und strahlend. Sein Kopf war groß, seine Brust breit, und zwischen seinen beiden Schultern lag ein beträchtlicher Abstand. Er war kräftig gebaut, aber nicht beleibt. Seine Gelenke waren sehr stark. Seine Arme waren muskulös, und der untere Teil seiner Beine war im Verhältnis zu seinem Körper gut proportioniert. An seinen Armen und am unteren Teil seiner Beine war eine leichte Behaarung zu sehen; der übrige Körper war unbehaart. Von der Brust bis zum Nabel verlief eine Linie, die wie eine Haarspur wirkte. Das Haar auf seinem Kopf und in seinem Bart war dicht. Es war weder wie das der Abessinier kraus noch völlig glatt, sondern leicht gewellt. Bis zu seinem Tod waren höchstens zwanzig Haare an seinem Kopf und in seinem Bart weiß geworden. Das war jedoch nur zu sehen, wenn er Öl auftrug. Sein Kopfhaar reichte bisweilen bis zur Hälfte der Ohren, bisweilen bis zu deren Unterrand und bisweilen darunter. Seine beiden Augen waren groß und schön. Auch wenn er kein Surma auftrug, schienen sie mit Surma geschmückt zu sein. In den Augäpfeln beziehungsweise in den Augenwinkeln befanden sich leicht rötliche Linien. Die Wimpern waren dicht und lang. Seine Augenbrauen waren voneinander getrennt und nicht miteinander verbunden. Sein Mund war groß. Die Araber betrachteten dies als ein Zeichen der Schönheit; kleine Münder mochten sie nicht. Seine Fußsohlen waren leicht, und die Finger und Zehen waren lang und kräftig. Der mittlere Zeh war etwas länger als der große Zeh. Seine Handflächen waren fleischig. Beim ersten Anblick empfanden die Menschen ein wenig Furcht. Doch je näher sie ihm kamen, desto mehr wurden sie durch seine Bescheidenheit, Sanftmut und seinen großartigen Charakter beeindruckt und fühlten sich ihm verbunden. Beim Gehen setzte er seine Schritte so entschlossen, als ginge er einen Abhang hinunter oder stiege hinauf. Wenn er in eine Richtung blickte, wandte er sich ihr ganz zu; und wenn er sich abwandte, tat er dies vollständig. Er pflegte weder aus den Augenwinkeln zu schauen noch nur den Hals zu drehen. Auf seinem Gesicht war ein leises Lächeln zu sehen. Beim Lachen lachte er nicht laut schallend. Seine körperliche Kraft war so groß, dass Rukana, ein starker Ringkämpfer unter den Quraisch, den noch niemand besiegt hatte, mit dem Propheten rang. Der Prophet schleuderte ihn zu Boden und streckte ihn nieder. Er wagte es nicht, wieder aufzustehen und weiterzukämpfen. Der Prophet warf ihn erneut zu Boden. Da sagte er: „Muhammad! Ist es möglich, dass du mich zu Boden wirfst?“ Das bedeutet, dass der Prophet weder jemals Leibesübungen betrieben noch Ringkampf trainiert hatte. Dennoch warf er den Ringkämpfer Rukana zweimal zu Boden. Dieser Mann wurde später Muslim – möge Allah mit ihm zufrieden sein.
Ein Ereignis aus der Kindheit des Propheten war folgendes: Einmal war man zu einem Essen im Haus von Abdullah bin Judan eingeladen. Abu Dschahl begann, sich mit dem ehrwürdigen Propheten zu streiten. Auch er war damals noch ein Kind. Der ehrwürdige Prophet schleuderte ihn so heftig zu Boden, dass sein Knie verletzt wurde; die Narbe blieb sein ganzes Leben lang sichtbar. Ibn Hischam berichtet, dass der ehrwürdige Prophet nach dem Tod Abu Dschahls in der Schlacht von Badr sagte: „Sucht unter den Getöteten nach Abu Dschahls Leichnam; an seinem Knie wird man eine Verletzung erkennen.“ Tatsächlich fand man an seinem Leichnam die Verletzung am Knie. Der Prophet erzählte diese Geschichte von seiner Narbe.
Aus dieser ausführlichen Darstellung wird deutlich, dass der Prophet nicht nur ein Vorbild an edlem Charakter war, sondern auch ein Vorbild an männlichen Tugenden und Tapferkeit.
Viertes Kapitel
Der Beginn der Gesandtschaft und die ersten drei Jahre der geheimen Einladung zum Islam
Die Betrachtung, das Nachdenken und die Forschung der Propheten vor ihrer Erhebung zum Propheten
Der edle Koran sagt, dass das Wissen, über das die Propheten vor dem Herabkommen der Offenbarung verfügten, sich nicht vom Wissen der gewöhnlichen Menschen unterschied. Vor dem Herabkommen der Offenbarung hatten sie keine Quelle für den Erwerb eines Wissens, über die nicht auch andere verfügten. Zum Propheten (s) wird gesagt –
(Arabisch******************)
–O Prophet! Du wusstest nicht, was das Buch ist und was der Glaube ist – (asch-Schura: 52).
(Arabisch*****************)
–Und Allah fand dich den Weg nicht kennend und leitete dich danach recht – (ad-Duha: 7).
Von intellektueller Weisheit bis zum inspirierten Glauben
Der Koran sagt uns auch, dass die Propheten (a.s.) vor ihrer Berufung zum Prophetentum die Stufe des Glaubens an das Verborgene durch eben jene allgemeinen Quellen des Wissens und insbesondere der Weisheit überschritten, aus denen auch gewöhnliche Menschen Erkenntnis gewinnen. Nachdem die Offenbarung gekommen ist, besteht ihre Wirkung darin, dass sie hinsichtlich jener Wahrheiten, für die ihre Herzen Zeugnis ablegten, ein unwiderlegbares Zeugnis dafür ablegt, dass sie vollkommen wahr sind; anschließend werden ihnen diese Wahrheiten in der Wirklichkeit gezeigt, damit sie der Welt mit fester Überzeugung davon Zeugnis geben können. Dieser Sachverhalt wird in der Sure Hud wiederholt dargelegt–
(Arabisch******************)
–Kann etwa derjenige an dieser Wahrheit zweifeln, der zunächst auf einem klaren Beweis von seinem Herrn stand, nämlich auf intellektueller und natürlicher Rechtleitung, und zu dem dann noch ein Zeuge von Gott kam (das heißt, der Koran), während zuvor bereits das Buch Moses’ als Rechtleitung und Barmherzigkeit vorhanden war? – (Hud: 17).
Danach wird eben diese Aussage durch den Mund des Propheten Noah (a.s.) vorgetragen–
(Arabisch*******************)
– O Leute meines Volkes! Denkt einmal gründlich darüber nach: Ich stand auf einem deutlichen Beweis von meinem Herrn, und Er hat mich aus Seiner eigenen Gnade mit Barmherzigkeit (Offenbarung und Prophetentum) ausgestattet. Wenn ihr dies jedoch nicht erkennen könnt, sollen wir es euch dann gegen euren Willen aufzwingen?
Dann haben der geehrte Salih (a.s.) im Vers 63 und der geehrte Shuʿayb (a.s.) im Vers 88 diese Aussage wiederholt. Daraus wird klar, dass die Propheten (a.s.) vor dem unmittelbaren Wissen über die Wahrheit durch die Offenbarung ihre natürliche Fähigkeit zur Beobachtung sowie zum Nachdenken und Forschen auf richtige Weise nutzten (******************* was im obigen Vers)
Damit ist gemeint, dass sie zur Wahrheit des Tauhid und des Jenseits gelangten. Diese Erkenntnis der Wahrheit war nicht von Gott verliehen, sondern erworben. Danach schenkte Allah der Erhabene ihnen das Wissen der Offenbarung. Dieses jedoch war nicht erworben, sondern von Gott verliehen.
Die Beobachtung der Zeichen in der Natur, Nachdenken und Forschen sowie der Gebrauch des gesunden Menschenverstands (COMMON SENSE) sind etwas völlig anderes als bloßes Raten, Vermuten und weit hergeholte Spekulationen (seiculation), und solche Spekulationen betreiben gerade die Philosophen. Genau dies ist es, wozu der Heilige Koran die Menschen anzuspornen versucht. Immer wieder fordert er den Menschen auf: Öffne deine Augen, betrachte die Zeichen der Macht Gottes und ziehe daraus die richtige Schlussfolgerung. Durch die Beobachtung der Zeichen Gottes gelangt ein unparteiischer Wahrheitssucher zur Wahrheit. (***1)
Aus dem Zustand des Gesandten Allahs (s.) vor seinem prophetischen Leben, den wir im vorherigen Kapitel beschrieben haben, wird deutlich, dass der ehrwürdige Prophet (s.) bereits vor seiner Berufung zum Propheten frei von Schirk und dem Tauhid zugetan war. Nachdem er Erkenntnis erlangt hatte, akzeptierte er niemals die schirkhaltigen Glaubensvorstellungen seines Volkes und nahm nicht an dessen schirkhaltigen Festen und Gottesdiensten teil. Von Götzen und Götzenverehrung hielt er sich stets fern. Auch von den Opfern, die den Göttern dargebracht wurden, hielt er sich fern. Sein Zustand vor der Berufung zum Propheten ähnelte dem jener aufrichtigen Anhänger des Tauhid, die wir im zweiten Kapitel dieses Buches erwähnt haben. Keine der Veränderungen, die die beiden Stämme Jurhum und Quzaʿa in der Zeit der Dschahiliya in die Religion Ibrahims eingeführt hatten, akzeptierte er vor seiner Berufung zum Propheten. Ebenso hatten die Quraisch zu ihrer Zeit das Ausmaß der religiösen Verfälschungen noch vergrößert, und auch davon hielt er sich fern. So hatten die Quraisch für sich einige diskriminierende Besonderheiten geschaffen, aufgrund derer sie sich gegenüber den übrigen Arabern für überlegen hielten. Ibn Hischam und Ibn Saʿd berichten, dass sie während der Hadsch die Gewohnheit aufgegeben hatten, nach Arafat zu gehen und von dort zurückzukehren. Sie gingen nur nach Muzdalifa und kehrten von dort zurück. Sie sagten: „Wir sind die Bewohner des Haram. Es gehört sich nicht für uns, wie die gewöhnlichen Pilger außerhalb des Haram nach Arafat zu gehen und dort zu verweilen. Wenn wir dies täten, worin läge dann noch ein Unterschied zwischen den außerhalb des Haram Wohnenden und uns, und dadurch würde unser Ansehen geschmälert.“
Dabei wussten sie, dass der Aufenthalt in Arafat und anschließend die Rückkehr von dort nach Muzdalifa und Mina zu den verbindlichen Riten der Hadsch gehörten und Bestandteil der Religion Ibrahims waren. Nach und nach begannen auch jene außerhalb des Haram lebenden Stämme, die durch verwandtschaftliche Beziehungen mit den Quraisch verbunden waren, diese Unterschiede zu übernehmen, etwa Banu Kinana, Chuzaʿa und ʿAmir ibn Saʿsaʿa. Sogar der Rang derjenigen, die freundschaftliche Beziehungen zu den Quraisch unterhielten, stieg über den der gewöhnlichen Araber, und sie hörten ebenfalls auf, nach Arafat zu gehen. Doch der Prophet (s.) wies diese Neuerung bereits vor seiner Berufung zurück. Ibn Ishaq führt einen Bericht von Jubair ibn Mutʿim (r.a.) an. Darin sagt Jubair (r.a.): „Ich sah den ehrwürdigen Propheten (s.) bereits vor dem Herabkommen der Offenbarung gemeinsam mit den gewöhnlichen Arabern in Arafat verweilen.“
Zu den von den Quraisch eingeführten Neuerungen gehörte auch, dass die außerhalb des Haram Wohnenden, wenn sie zur Hadsch oder Umra kamen, keine von außerhalb mitgebrachten Speisen essen und mitgebrachte Kleidung nicht zum Tawaf tragen durften. Sie mussten von den Speisen des Heiligen Haram essen; und wenn sie im Heiligen Haram keine Kleidung fanden, mussten sie den Tawaf nackt vollziehen. Wenn sie beim Tawaf Kleidung von außerhalb trugen, mussten sie diese wegwerfen. Sie selbst durften diese Kleidung danach nicht mehr tragen, und auch niemand anders durfte sie berühren. Die Araber nahmen diesen üblen Brauch oder diese Neuerung schweigend als Religion hin, und so verbreitete sich der Brauch des nackten Tawaf. (****2)
Die gottesdienstliche Hingabe des ehrwürdigen Propheten (s) in der Abgeschiedenheit
Die Hadith-Gelehrten überliefern den Bericht über den Beginn der Offenbarung mit ihren jeweiligen Überlieferungsketten von Imam Zuhri, von Zubair und von dessen Tante, Hadhrat Aischa (r.a.). Sie, das heißt Hadhrat Aischa (r.a.), sagte: Die Offenbarung an den Gesandten Allahs (s) begann durch wahre und schöne Träume. Jeder Traum, den er sah, war so, als würde er ihn bei hellem Tageslicht sehen. [Bayhaqi sagt, dass dieser Zustand sechs Monate vor der Herabsendung der Offenbarung eintrat.]
Danach begann er, die Abgeschiedenheit zu suchen und in der Höhle Hira Gottesdienst zu verrichten. [Nachdem der oben erwähnte Zustand eingetreten war, suchte der ehrwürdige Prophet (s) noch stärker die Abgeschiedenheit. Seine Neigung zu dieser Abgeschiedenheit hatte jedoch schon lange zuvor begonnen. Nach den Berichten von Ibn Hischam und Tabari führen Ibn Ishaq sowie Abdullah ibn Zubair den Bericht von Ubaid ibn Umair al-Laithi an und sagen, dass der ehrwürdige Prophet (s) jedes Jahr einen Monat in Hira verbrachte. Er nahm Verpflegung für einige Tage mit. Nach seiner Rückkehr umrundete er zunächst siebenmal die Kaaba und kehrte dann mit weiteren Vorräten für einige Tage von zu Hause nach Hira zurück.]
Außerdem berichtet Hadhrat Aischa (r.a.), dass er während dieses Rückzugs und seiner gottesdienstlichen Hingabe den Bedürftigen reichlich zu essen gab. Sie sagt jedoch nicht, wann der ehrwürdige Prophet (s) damit begann, sich nach Hira zurückzuziehen und dort zu verweilen. Es kann jedoch angenommen werden, dass er dies bereits seit mehreren Jahren tat – (der Verfasser).]
Hadhrat Aischa (r.a.) bezeichnete diese Tätigkeit des Propheten (s) mit dem Wort „Tahannuth“. Imam Zuhri erklärte es als gottesdienstliche Hingabe. Es war eine Art Gottesdienst, den er verrichtete, denn bis dahin war ihm von Allah, dem Erhabenen, keine bestimmte Form des Gottesdienstes mitgeteilt worden. Er nahm Verpflegung für einige Tage von zu Hause mit. Danach kam er zu Hadhrat Chadidscha (r.a.), und sie versorgte ihn mit weiteren Vorräten für einige Tage. (****3)
Der Grund für den Rückzug in der Höhle Hira
Die Gründe, aus denen der edle Prophet (s) zu jener Zeit die bewohnte Gegend von Mekka verließ und sich in der Höhle Hira zwischen den Bergklüften in Zurückgezogenheit aufhielt, werden durch den folgenden Vers aus der Sure „Alam Nashrah“ teilweise erhellt:
(Arabisch****************)
Wir haben dir die schwere Last abgenommen, die deinen Rücken gebrochen hatte.
Das Wort (***) in diesem Vers bedeutet schwere Last. Der Anblick der Unwissenheit und der Handlungen der Gottlosigkeit seines eigenen Volkes hatte durch Trauer, inneren Schmerz, Sorgen und Bekümmernis seine empfindsame Natur mit einer schweren Last beschwert. Vor seinen Augen wurde Götzendienst betrieben, und Schirk, Kufr, Aberglaube und Ähnliches waren weit verbreitet. Das gesellschaftliche Leben war in moralischer Unreinheit, Nacktheit und Obszönität versunken. Mädchen wurden lebendig begraben. Unterdrückung, Unrecht und Unzucht hatten sich in der Gesellschaft weit ausgebreitet. Die Schwachen waren von der Unterdrückung durch die Starken völlig erschöpft. Die Stämme griffen einander unvermittelt an. Manchmal dauerten gegenseitige Streitigkeiten und Feindseligkeiten Hunderte von Jahren an. Niemandes Leben, Besitz, Ehre und Scham waren sicher, wenn nicht eine mächtige Gruppe hinter ihm stand. Beim Anblick all dieser Zustände litt er innerlich schwer. Doch er fand keinen Weg, das Volk vor diesem äußersten moralischen Verfall zu bewahren. Diese Sorge hatte seinen Körper und seine Seele gebrochen. Allah, der Erhabene, nahm ihm diese schwere Last ab, indem Er ihm den Weg der Rechtleitung zeigte. Sobald er mit der Würde des Prophetentums ausgezeichnet worden war, erkannte er, dass allein der Glaube an Tauhid, Risalat und das Jenseits alle Probleme des Lebens lösen und jeden Bereich des Lebens vollständig reformieren konnte. Diese Rechtleitung Allahs, des Erhabenen, erleichterte dem Propheten Mustafa (s) jede Last, und er war beruhigt und gewiss, dass dadurch nicht nur die Menschen Arabiens, sondern auch die Menschengruppen anderer Länder der Welt vor den Ungerechtigkeiten und dem Unrecht, in denen sie verstrickt waren, bewahrt werden konnten. (****4)
Wahre Träume
In der Überlieferung von Hadithen durch Hazrat Aischa (r.a.) wird berichtet, dass die Offenbarung an den Propheten (s) in Form wahrer Träume begann (Buchari und Muslim). Diese Folge setzte sich in jeder Phase der prophetischen Zeit fort. In den Hadithen werden viele seiner Träume erwähnt, durch die ihm etwas gelehrt oder er über eine Angelegenheit informiert wurde. Auch im Heiligen Koran wird ausdrücklich ein Traum von ihm erwähnt (al-Fath: 127). Außerdem wird in verschiedenen Hadithen erwähnt, dass der Prophet (s) sagte: „Diese und jene Angelegenheit wurde in meinem Herzen erweckt“, oder: „Mir wurde dies gesagt“, oder: „Mir wurde ein Befehl erteilt“, oder: „Mir wurde diese Angelegenheit verboten.“ Die meisten Hadithe Qudsi beziehen sich auf solche Dinge. (***5)
Der Beginn der Offenbarung
Als der Prophet Mustafa (s) vierzig Jahre und sechs Monate alt war [gewöhnlich wird gesagt, dass er im Alter von vierzig Jahren zum Propheten berufen wurde. Er wurde jedoch im Monat Rabi al-Awwal des ersten Jahres des Elefanten geboren, und die Berufung zum Propheten erfolgte im Ramadan des Jahres des Elefanten. Daher war er zu Beginn der Offenbarung vierzig Jahre und sechs Monate alt – der Verfasser
Abdullah ibn az-Zubair (r.a.) berichtet unter Berufung auf die Überlieferung von Ibn Ishaq durch Ubaidullah ibn Umair al-Laithi: Der Prophet (s) sagte: Im Traum kam Dschibril (a.s.) und zeigte mir etwas, das auf einem seidenen Tuch geschrieben war und die ersten Verse der Sure al-Alaq enthielt. Dann sagte er mir, ich solle lesen. Ich sagte: „Ich kann nicht lesen.“ Daraufhin drückte er mich so fest, dass ich glaubte, meine Seele würde meinen Körper verlassen. Dann ließ er mich los und sagte: „Lies!“ Danach lehrte er mich bis (****). Als ich aus dem Schlaf erwachte, hatte ich den Eindruck, als seien die Worte in meine Brust geschrieben worden (Tabari, Ibn Hischam, Suhaili). Ibn Kathir führt diese Überlieferung an und sagt: Dies war offenbar eine Einleitung zu jener Angelegenheit, die ihm im Wachzustand vorgetragen wurde und deren Erwähnung sich im Hadith von Hazrat Aischa (r.a.) findet. – der Verfasser]
Dann wurde ihm eines Tages im Monat Ramadan in der Höhle Hira die Offenbarung zuteil. Der Engel stand ihm gegenüber und sagte: *** Lies! An mehreren Stellen des Sahih al-Buchari wird dieses Ereignis von Hazrat Aischa (r.a.) überliefert. Sie führt selbst die Worte des Gesandten Allahs (s) an, in denen er sagte: Ich sagte: „Ich kann doch nicht lesen.“ Da drückte mich der Engel so fest, dass ich es nicht mehr ertragen konnte. Dann ließ er mich los und sagte zu mir: „Lies!“ Ich sagte: „Ich kann doch nicht lesen.“ Daraufhin drückte er mich ein zweites Mal fest, und ich konnte es nicht mehr ertragen. Er ließ mich los und sagte wieder: „Lies!“ Ich sagte: „Ich kann doch nicht lesen.“ Er drückte mich ein drittes Mal fest, und ich konnte es nicht mehr ertragen. Dann ließ er mich los und sagte: ()Arabisch*********************)
„Lies im Namen deines Herrn, der erschaffen hat“, und las ihm anschließend bis zu den Worten „was er nicht wusste“ vor.
Hazrat Aischa (ra) berichtet: Danach kam der Gesandte Allahs (s) in angstvoll zitterndem Zustand zu Hazrat Chadidscha (ra) und sagte: „Bedeckt mich, bedeckt mich!“ Als seine Angst und Furcht nachließen, sagte er: „O Chadidscha, was ist mit mir geschehen?“
Nachdem er ihr alles erzählt hatte, sagte er: „Ich fürchte um mein Leben.“ Die Gelehrten nennen zwölf Gründe für diese Angst. Unserer Ansicht nach ist die natürliche und richtige Erklärung jedoch, dass er angesichts des Gedankens, die schwere Verantwortung des Prophetentums zu übernehmen, vor Angst zitterte und immer wieder dachte, wie er diese gewaltige Last tragen sollte. Daraus lässt sich schließen, dass der Prophet (s) sich nicht für etwas Außergewöhnliches hielt und auch nicht den Wunsch hegte, dass jemand wie er ein Prophet werden sollte. Er war keineswegs stolz auf die Vorstellung, die Kraft und Fähigkeit zu besitzen, eine solch gewaltige Aufgabe zu erfüllen – der Verfasser.
Hazrat Chadidscha (ra) sagte: „Keineswegs! Freue dich vielmehr. Bei Allah, Allah, der Erhabene, wird deine Würde niemals herabsetzen. In einer anderen Überlieferung heißt es: Allah, der Erhabene, wird dich niemals in Kummer und Leid stürzen – der Verfasser.“
„Du behandelst deine Verwandten gut. Du sprichst die Wahrheit. Einer Überlieferung zufolge erfüllst du die dir anvertrauten Güter. Du trägst die Last der Hilflosen, verschaffst den Bedürftigen ihren Lebensunterhalt, bewirtest Gäste und hilfst bei guten Taten. In einer anderen Überlieferung heißt es außerdem: Dein Charakter ist von höchster Erhabenheit.“ Danach ging Hazrat Chadidscha (ra) mit dem Propheten (s) zu dessen Cousin Waraqa ibn Nawfal. Dieser hatte im Zeitalter der Unwissenheit den Götzendienst aufgegeben und war Christ geworden. Er schrieb das Evangelium auf Arabisch und Hebräisch. Inzwischen war er hochbetagt und blind geworden. Hazrat Chadidscha (ra) sagte zu ihm: „Lieber Bruder, höre dir die Geschichte deines Neffen an.“
Nach Abu Nuʿaims Überlieferung erzählte Chadidscha (ra) Waraqa selbst die ganze Geschichte. Waraqa sagte zum Propheten (s): „Mein Neffe, was hast du gesehen?“ Der Gesandte Allahs (s) berichtete, was er gesehen hatte. Waraqa sagte: „Das ist derselbe Nāmūs, der zu Musa (a) herabgesandt wurde, der Engel, der die Offenbarung vom höchsten Himmel herabbringt. Wenn ich doch zu der Zeit deiner prophetischen Sendung noch Kraft und Stärke hätte! Wenn ich doch noch lebte, wenn dein Volk dich aus deinem Land vertreibt!“
Der Gesandte Allahs (s) sagte: „Werden diese Leute mich vertreiben?“
Waraqa sagte: „Ja, niemals ist jemand mit etwas aufgetreten, mit dem du aufgetreten bist, ohne dass man ihm feindselig begegnet wäre. Wenn ich in jener Zeit noch lebte, würde ich dich von ganzem Herzen unterstützen und dir beistehen.“
Doch schon nach kurzer Zeit verstarb Waraka. [Der Gesandte (s.) wird deshalb als Neffe Warakas bezeichnet, weil ʿAbd al-ʿUzzā, sein Vorfahre dritten Grades, der Bruder von ʿAbd al-Mannāf, dem Vorfahren des Gesandten vierten Grades, war – der Verfasser.]
Was lässt sich aus diesem Ereignis erkennen?
Dieses Ereignis macht von selbst deutlich, dass dem Propheten (s.) bis unmittelbar vor dem Erscheinen des Engels nicht einmal der Gedanke gekommen war, dass er zum Propheten gemacht werden würde. Ganz zu schweigen davon, dass er sich dies gewünscht hätte – ein solches Ereignis lag völlig außerhalb seiner Vorstellung. Die Herabsendung der Offenbarung und sein Erscheinen vor dem Engel waren für ihn ein völlig unerwartetes Ereignis. Seine Reaktion darauf war daher genau die, die natürlicherweise ein ahnungsloser Mensch zeigt, wenn ihm etwas Derartiges widerfährt. Als er deshalb begann, zum Islam aufzurufen, erhoben die Bewohner Mekkas allerlei Vorwürfe gegen ihn. Doch niemand sagte: „Wir hatten schon vorher befürchtet, dass du irgendeinen Anspruch erheben würdest, denn seit einiger Zeit bereitest du dich darauf vor, ein Prophet zu werden.“
Aus diesem Ereignis wird außerdem ersichtlich, wie rein und lauter das Leben des Propheten Mustafa vor seiner Berufung zum Propheten gewesen war und wie vortrefflich sein Charakter war. Chadidscha (r.) war keineswegs eine junge Frau; sie war damals fünfundfünfzig Jahre alt. Fünfzehn Jahre lang war sie die Lebensgefährtin des Propheten gewesen. Einer Ehefrau bleibt keine Schwäche ihres Mannes verborgen. Während dieses langen Ehelebens hatte sie den Gesandten (s.) als einen Menschen von so hoher Würde kennengelernt, dass sie, als er ihr von dem Geschehen in der Höhle Hira berichtete, ohne jedes Zögern akzeptierte, dass tatsächlich Allahs Engel mit der Offenbarung zu ihm gekommen war. Ebenso war Waraka ibn Nawfal ein hochbetagter Mann aus Mekka. Seit dessen Kindheit hatte er das Leben des Gesandten (s.) beobachtet. Aufgrund seiner fünfzehnjährigen engen Verwandtschaft besaß er noch tiefere Kenntnis von seinem Wesen. Als er von diesem Ereignis hörte, hielt er es nicht für eine Einflüsterung oder Verführung. Vielmehr erklärte er sofort: „Das ist genau der Namus, der zu Musa (a.) herabgesandt wurde.“ Das bedeutet, dass der Prophet Mustafa (s.) für ihn ein Mensch von so hoher Würde war, dass seine Erhebung in den Rang eines Propheten nichts Verwunderliches darstellte. [Obwohl diese Persönlichkeit von beispielloser Größe war, stand sie doch so weit über Hochmut und Selbstgefälligkeit, dass sie selbst nach ihrer plötzlichen Erhebung in das Amt des Propheten noch einige Zeit nicht davon überzeugt sein konnte, dass gerade sie unter den Milliarden Menschen der Welt vom Herrn und Gebieter des Universums für dieses Amt auserwählt worden war.]
Betrachtung des Ereignisses
Um den Zustand bei der Herabsendung der Offenbarung richtig zu verstehen, muss man zunächst bedenken, dass dieses Ereignis den Propheten (s.) völlig unerwartet traf. Zuvor hatte er nicht einmal die Vorstellung gehabt, dass er zum Propheten gemacht werden würde. In keinem Winkel seines Herzens hatte er einen solchen Wunsch gehegt, und er hatte sich auch in keiner Weise darauf vorbereitet. Er hatte nicht erwartet, dass ein Engel mit einer Botschaft zu ihm kommen würde. Gewiss saß er in der Abgeschiedenheit und versenkte sich in Murāqaba sowie in Anbetung und Gottesdienst. Doch der Gedanke, ein Prophet zu werden, hatte in seinem Herzen keinen Platz gefunden. Als nun unter diesen Umständen plötzlich ein Engel in der Einsamkeit der Höhle Hira erschien, war er ebenso bestürzt und ratlos, wie unter solchen Umständen jeder Mensch zwangsläufig wäre. Obwohl er eine überaus erhabene Persönlichkeit war, bestand seine Bestürzung nicht aus einem einzigen Gefühl. Vielmehr sammelten sich in ihm zahlreiche Gedanken. Das heißt, in seinem Herzen tauchten verschiedene Fragen auf, und sein Gemüt füllte sich mit großer Unruhe und Sorge. Er dachte: „Bin ich tatsächlich zum Propheten gemacht worden? Bin ich nicht einer gewaltigen Feuerprobe ausgesetzt worden? Wie soll ich die Last dieser großen Verantwortung tragen? Wie soll ich den Menschen sagen, dass ich als Prophet zu ihnen gesandt worden bin? Wie werden die Menschen meine Worte annehmen? Die Gesellschaft, in der ich bis heute in Ehren gelebt habe, wird mich nun verspotten und verhöhnen und mich für verrückt erklären. Wie soll ich gegen diese Umgebung der Unwissenheit ankämpfen?“ Kurz gesagt, Fragen dieser Art stiegen in großer Zahl in seinem Herzen auf und brachten ihn in große Verlegenheit.
Deshalb zitterte er, als er nach Hause kam. Kaum war er eingetroffen, sagte er: „Hüllt mich ein, hüllt mich ein.“
Die Angehörigen des Hauses hüllten ihn ein. Als er nach einiger Zeit wieder zu sich gekommen war, erzählte er Chadidscha (r.) das gesamte Geschehen. Er sagte:(Arabisch********************)
Ich habe Angst um mein Leben.
Hazrat Chadidscha (r.a.) tröstete ihn und sagte:
(Arabisch*******************)
Niemals, bei Gott! Allah wird Ihnen niemals Leid und Kummer zufügen. Sie kümmern sich doch um Ihre Verwandten, sprechen die Wahrheit, helfen den Hilflosen, lindern die Not der Bedürftigen und Mittellosen, bewirten die Gäste und unterstützen jedes gute Werk.
Darauf brachte sie den Propheten (s.) zu Waraqa ibn Nawfal. Denn er gehörte zu den Leuten der Schrift und war über den Zustand der früheren Propheten unterrichtet. Nachdem er vom Zustand des Propheten (s.) gehört hatte, rief er spontan aus: „Das ist derselbe Namus, der zu Hazrat Musa (a.s.) gekommen ist.“
Das sagte er, weil er den edlen und reinen Charakter des Propheten Muhammad (s.) seit dessen Kindheit bis zu seiner Jugend kannte. Er wusste auch, dass es keinerlei Anzeichen dafür gegeben hatte, dass dieser sich darauf vorbereitete, das Prophetentum zu beanspruchen. Als er diese beiden Tatsachen mit dem Geschehen verglich – dass plötzlich jemand aus der unsichtbaren Welt zu diesem Mann gekommen war und ihm in diesem Zustand Botschaften überbrachte, die ganz den Lehren der Propheten entsprachen –, erkannte er, dass dies zweifellos das wahre Prophetentum war. (9)
Wenn zuvor ein Wunsch nach dem Prophetentum bestanden hätte
Wenn der Prophet Muhammad (s.) zuvor darüber nachgedacht hätte, ein Prophet zu werden, wenn er von sich selbst gedacht hätte, dass er ein Prophet werden sollte, und durch ständige Murāqaba in Erwartung eines Engels, der ihm eines Tages eine Botschaft überbringen würde, einen solchen Druck auf sich ausgeübt hätte, dann wäre er unmittelbar nach dem Geschehen in der Höhle von Hira voller Freude und ungeduldig mit großen Ansprüchen vom Berg herabgestiegen, direkt zu seinem Volk gegangen und hätte sein Prophetentum verkündet. Doch tatsächlich war es genau umgekehrt: Über alles, was er gesehen hatte, war er erstaunt und völlig überwältigt. Dann kam er in Angst und Zittern nach Hause. Er wickelte sich in eine Decke und legte sich hin. Nachdem er sich ein wenig beruhigt hatte, sagte er leise zu seiner Frau: „Heute ist dieses Ereignis in der abgeschiedenen Umgebung der Höhle von Hira geschehen. Ich weiß nicht, was geschehen wird. Ich sehe keinerlei Gutes für mein Leben.“
Wie sehr unterscheidet sich dieser Zustand doch vom Zustand eines Menschen, der das Prophetentum anstrebt. Und wer könnte das Leben, den Zustand, die Gedanken und Überzeugungen eines Ehemannes besser kennen als seine Frau? Wenn sie aus Erfahrung gewusst hätte, dass ihr Mann das Prophetentum anstrebte und ständig auf das Kommen eines Engels wartete, hätte ihre Antwort niemals so gelautet, wie die von Hadhrat Chadidscha (ra). Sie sagte: „Mein Lieber, warum erschrickst du?“
Das, worauf Sie seit so vielen Tagen gewartet haben, ist Ihnen doch zuteilgeworden. Kommen Sie, richten Sie den Laden des Pīr-Wesens ein; um die Opfergaben und Gaben werde ich mich kümmern.
Aufgrund dessen, was sie während fünfzehn Jahren des Zusammenlebens am Leben ihres Mannes beobachtet hatte, brauchte sie nicht einmal einen Augenblick, um zu verstehen, dass Satan nicht zu einem so frommen und selbstlosen Menschen kommen konnte und dass Allah ihn auch keiner bösen Prüfung unterziehen wollte. Alles, was er gesehen hatte, war vollkommen wahr. Dasselbe war auch bei Waraqa ibn Nawfal der Fall. Er war kein Außenstehender, sondern gehörte zur eigenen Verwandtschaft des Hochgeehrten (s). Durch Heirat war er ein Schwager des Hochgeehrten. Da er einige Jahre älter war, hatte er das gesamte Leben des Propheten Mustafa von dessen Kindheit bis zu jener Zeit vor Augen gehabt. Sobald auch er aus dessen Mund von dem Geschehen in Hira hörte, sagte er sogleich: „Der, der gekommen ist, ist derselbe Engel, der zu Musa (a) die Offenbarung gebracht hat.“ Denn auch hier war er genau mit dem Zustand konfrontiert worden, mit dem Hadhrat Musa (a) konfrontiert worden war. Er war ein vollkommen reiner, einfacher, argloser und lauter Mensch. Nicht nur hatte er nie über das Prophetentum nachgedacht – nicht einmal die geringste Vorstellung davon, es zu erlangen, hatte jemals in seinem Herzen Raum gefunden. Plötzlich machte er diese Erfahrung bei vollem Bewusstsein und in aller Öffentlichkeit. Daher gelangte er mit derselben Gewissheit wie bei der Rechnung zwei plus zwei gleich vier zu der sicheren Überzeugung, dass es sich hier weder um Selbsttäuschung noch um eine satanische Sinnestäuschung handelte; vielmehr hatte dieser wahrhaftige Mensch alles, was er ohne jeden eigenen Wunsch oder Anspruch gesehen hatte, tatsächlich in Wahrheit gesehen.
Dies ist ein so eindeutiger Beweis für das Prophetentum Muhammads (s), dass es für einen wahrheitsliebenden Menschen sehr schwer ist, diese Wahrheit zu leugnen. Deshalb wird dies an verschiedenen Stellen des Korans als Beweis für das Prophetentum angeführt. [Allah sagt: (Arabisch***********************)
– O Muhammad, sag: „Wenn Allah es gewollt hätte, hätte ich ihn euch niemals vorgetragen, und Er hätte euch auch nichts davon wissen lassen. Außerdem habe ich doch schon zuvor ein ganzes Leben unter euch verbracht. Wollt ihr denn nicht euren Verstand gebrauchen?“ (Yunus: 16).
(Arabisch******************)
Du wusstest nicht, was das Buch ist und was der Glaube bedeutet. Doch jene Rūh haben Wir zu einem Licht gemacht, durch das Wir von unseren Dienern führen, wen Wir wollen. (Asch-Schura: 52)]
Der Inhalt der ersten Offenbarung
Die erste Offenbarung, die Rasulullah (s) herabgesandt wurde, bestand aus den ersten fünf Versen der Sure Al-Alaq, in denen es heißt:
„Lies im Namen deines Herrn, der erschaffen hat. Er hat den Menschen aus einem Blutklumpen erschaffen. Lies! Und dein Herr ist überaus gnädig, Er hat durch den Schreibgriffel gelehrt und den Menschen gelehrt, was er nicht wusste.“
Dies war die erste Erfahrung mit der Herabsendung der Offenbarung, die der Huzur (s) machte. In dieser Botschaft wurde ihm nicht gesagt, dass er mit einer gewaltigen Aufgabe betraut werde und was er künftig zu tun habe. Vielmehr wurde ihm nach einer ersten Einführung eine gewisse Zeit des Aufschubs gewährt, damit die Wirkung des gewaltigen Drucks, der durch diese erste Erfahrung auf sein Wesen und seine Natur ausgeübt worden war, nachlasse und er sich innerlich darauf vorbereiten könne, künftig Offenbarung zu empfangen und die Verantwortung des Prophetentums zu erfüllen. [Als nach dieser Unterbrechung zum zweiten Mal die Herabsendung der Offenbarung einsetzte, wurden die ersten sieben Verse der Sure Al-Muddaththir herabgesandt. Darin wurde dem Propheten erstmals befohlen: Erhebe dich und warne die von Gott erschaffenen Menschen vor den Folgen der Weltanschauung, der sie folgen. Eine ausführliche Darstellung folgt weiter vorn – der Verfasser.]
Erklärung des Inhalts der Offenbarung
Denken Sie über jedes einzelne Wort der ersten Offenbarung nach, die auf den Propheten herabgesandt wurde:
(Arabisch*****************)
Lies (o Prophet) im Namen deines Herrn, der erschaffen hat (Al-Alaq: 1)
Als der Engel zum Huzur (s) sagte: „O Prophet, lies!“, antwortete er: „Ich kann doch nicht lesen.“ Daraus lässt sich schließen, dass der Engel ihm diese Worte der Offenbarung in schriftlicher Form vorgelegt hatte. Denn wenn die Worte des Engels bedeutet hätten: „Lies so, wie ich lese“, wäre es nicht nötig gewesen, dass der Huzur sagte: „Ich kann nicht lesen.“
„Lies im Namen deines Herrn“ – das heißt: Lies, indem du den Namen deines Herrn nennst. Mit anderen Worten: Sprich die Basmala und lies. Daraus geht auch hervor, dass der Gesandte Allahs (s), bevor diese Offenbarung zu ihm kam, allein Allah, den Erhabenen, als seinen Gebieter oder Herrn kannte und anerkannte. Daher war es nicht nötig zu sagen, wer sein Herr ist. Vielmehr wurde gesagt: Lies im Namen deines Herrn. Das heißt: Lies im Namen des Herrn, den du kennst.
„Der erschaffen hat“ – es wurde nicht gesagt, wen Er erschaffen hat. Daraus ergibt sich von selbst die Bedeutung: Lies im Namen jenes Herrn, der der Schöpfer ist, der die gesamte Schöpfung und jedes einzelne ihrer Dinge erschaffen hat.
(Arabisch************************)
Er hat den Menschen aus einem Blutklumpen erschaffen. Nach der allgemeinen Erwähnung der Erschaffung der Welt wird hier eigens der Mensch erwähnt: Seine Erschaffung begann aus einem äußerst geringfügigen Zustand, und er wurde zu einem vollständigen Menschen gemacht. Das betreffende Wort ist ein Pluralwort und bedeutet Blutklumpen. Dies ist der erste Zustand, der einige Tage nach der Empfängnis sichtbar wird. Danach nimmt er die Gestalt eines Fleischklumpens an. Anschließend beginnt sich in ihm allmählich die menschliche Gestalt herauszubilden.
(Arabisch********************)
„Lies, und dein Herr ist der Allgütige, der durch den Schreibstift Wissen gelehrt hat.“ (Alak: 304). Das heißt: Es ist ein Ausdruck Seiner großen Güte, dass Er, ausgehend von diesem geringfügigen Zustand, den Menschen wissend gemacht hat – eine der herausragendsten Eigenschaften der Schöpfung. Er hat ihn nicht nur wissend gemacht, sondern ihm auch mithilfe des Schreibstifts die Kunst des Schreibens gelehrt, die zu einem Mittel für die umfassende Verbreitung, Weiterentwicklung und generationenübergreifende Weitergabe und Bewahrung des Wissens wurde.
Wenn Er den Menschen nicht auf inspirierte Weise die Kenntnis des Schreibstifts und des Schreibens gelehrt hätte, wären seine geistigen Fähigkeiten eingeschränkt und verkümmert. Es hätte keinerlei Möglichkeit gegeben, dass sie sich verbreiten, entfalten und von einer Generation zur nächsten auf einem Weg immer größerer Vervollkommnung voranschreiten konnten.
(Arabisch****************)
Er hat dem Menschen ein Wissen gegeben, das er zuvor nicht besaß.
Das heißt: Ursprünglich war der Mensch völlig ohne Wissen; jedes Wissen, das er erlangte, erlangte er nur, weil Allah es ihm gegeben hatte. Allah, der Erhabene, öffnet dem Menschen die Tore des Wissens in dem Maß, in dem Er es will, und in diesem Maß öffnen sie sich fortwährend. Genau dies wird in der Ayat al-Kursi folgendermaßen gesagt:(Arabisch*******************)
– und der Mensch kann nichts von Seinem Wissen erfassen, außer was Er selbst will. Wenn Er selbst es will, ist es natürlich etwas anderes.
Was immer der Mensch für etwas hält, das er durch sein Wissen erlangt hat, lag in Wirklichkeit außerhalb seines Wissens. Als Allah es wollte, gab Er dem Menschen von Seinem Wissen. Der Mensch kann allerdings nicht wahrnehmen, dass Allah ihm dieses Wissen geschenkt hat.
Bis hierher reichen jene Verse, die auf den Propheten (s) herabgesandt worden waren. Aus dem Hadith von Hazrat Aischa (r.a.) lässt sich erfahren, dass diese erste Erfahrung so schwer war, dass der geehrte Prophet (s) nicht mehr davon hätte ertragen können. Deshalb hielt man es damals für ausreichend, ihm lediglich zu sagen, dass der Herr, den er bereits zuvor kannte und als seinen Herrn anerkannte, sich unmittelbar an ihn wandte. Von Ihm aus hatte die Folge der Offenbarungen an ihn begonnen, und Er hatte ihn zu Seinem Propheten gemacht.
Einige Zeit später wurden die ersten sieben Verse der Sure al-Muddaththir herabgesandt. Darin wurde ihm gesagt, was er nach seiner Einsetzung zum Propheten zu tun hatte. [In diesem Zusammenhang sollte man wissen, dass der Gesandte Allahs (s) Hazrat Dschibril (a.s.) nur zweimal in dessen eigener Gestalt gesehen hatte. Ansonsten kam er stets in menschlicher Gestalt zum Propheten. Aus der Überlieferung von Hazrat Aischa (r.a.) in al-Bucharis Kitab at-Tauhid ist bekannt, und in Muslims Kitab al-Iman überliefert Hazrat Aischa (r.a.) selbst vom Gesandten Allahs (s), dass Hazrat Dschibril (a.s.) beim ersten Mal am östlichen Horizont erschien – in der Sure an-Nadschm wird dies al-Ufuq al-Aʿla und in der Sure at-Takwir Ufuq Mubīn genannt – und sich allmählich auf den Gesandten Allahs (s) zubewegte. Schließlich blieb er über ihm in der Luft stehen. Dann neigte er sich dem Propheten zu und kam ihm so nahe, dass zwischen ihnen nur noch der Abstand zweier Bogenlängen blieb. Hazrat Aischa (r.a.) sagt, dass Dschibril (a.s.) sich damals in seiner eigenen Gestalt befand und den gesamten oberen Raum bedeckte. (al-Buchari.) Der Prophet (s) selbst sagt: „Ich sah ihn in der Gestalt, in der Allah ihn erschaffen hatte.“ Der gesamte Raum zwischen Himmel und Erde wurde von seiner gewaltigen Gestalt erfüllt. (Muslim.)
Wann begann die Herabsendung der Offenbarung?
Wann wurde diese allererste Offenbarung, die die ersten fünf Verse der Sure al-ʿAlaq enthielt, herabgesandt? Dazu gibt es verschiedene Aussagen der Überlieferer. Ibn Abd al-Barr und Masʿudi sagen, der Gesandte Allahs (s) sei am 8. Rabi al-awwal des 41. Jahres nach dem Elefanten zum Propheten berufen worden. Ibn al-Qayyim führt dies in seinem Zad al-Maʿad als die Auffassung der Mehrheit an. Doch diejenigen, die diese Ansicht vertreten, haben den Beginn der Verkündung des Prophetentums vermutlich von der Zeit an gerechnet, als der Prophet (s) – der Überlieferung al-Bayhaqis zufolge sechs Monate vor der Herabsendung der Offenbarung – begann, wahre Träume zu sehen. Hinsichtlich der Herabsendung der Offenbarung wird im Koran jedoch eindeutig gesagt:
(Arabisch******************)
–Der Ramadan ist ein Monat, in dem der Koran herabgesandt wurde (al-Baqara: 185)
Keine Aussage, die dieser eindeutigen Aussage des Korans widerspricht, kann zuverlässig sein.
Nun stellt sich die Frage, an welchem Tag des Ramadan die Herabsendung der Offenbarung begann; auch hierzu gibt es unterschiedliche Aussagen. Einige nennen den 7. Ramadan. Ibn Saʿd nennt an einer Stelle den 12. Ramadan und an einer zweiten Stelle, unter Berufung auf Imam al-Baqir (r.a.), den 17. Ramadan. Al-Baladhuri hat dies überliefert. At-Tabari und Ibn Kathir nennen unter Berufung auf Abu Qilaba al-Dscharmi den 18. Ramadan, einige andere den 19. Ramadan. Wathila ibn al-Asqa, Dschabir ibn Abdullah (r.a.) und Abu al-Dschulat nennen den 24. Ramadan. Doch im Edlen Koran heißt es –(Arabisch******************)
–Wir haben diesen Koran in der Nacht der Bestimmung herabgesandt. Die überwältigende Mehrheit der Gelehrten der Umma vertritt die Auffassung, dass die Nacht der Bestimmung eine der ungeraden Nächte der letzten zehn Nächte des Ramadan ist. Die meisten von ihnen nennen wiederum die 27. Nacht des Ramadan als die Nacht der Bestimmung. [Beim zweiten Mal sah der Prophet ihn nahe dem Sidrat al-Muntaha.
In einer Überlieferung von Abd Allah ibn Masʿud (r.a.) im Musnad Ahmad heißt es, dass der Prophet (s.a.w.) sagte: „Ich sah Dschibril (a.s.) nahe dem Sidrat al-Muntaha. Er hatte sechshundert Flügel.“ (Tafhim, Sure an-Nadschm, Anmerkungen 5, 7, 8, 11 und 14).]
Zuverlässige Hadithe über das Datum der Herabsendung des Korans
Von Abu Huraira (r.a.) wird überliefert, dass der Gesandte Allahs (s.a.w.) über die Nacht der Bestimmung sagte: „Sie ist die Nacht des 27. oder des 29. (Ramadan).“ (Abu Dawud und at-Tayalisi) Eine zweite Überlieferung von Abu Huraira (r.a.) besagt, dass sie die letzte Nacht des Ramadan ist (Musnad Ahmad).
Als Zir ibn Hubaisch Hazrat Ubayy ibn Ka’b (r.a.) nach der Nacht der Bestimmung fragte, schwor dieser und sagte, dass sie die Nacht des 27. (Ahmad, Muslim, Abu Dawud, at-Tirmidhi, an-Nasa’i und Ibn Hibban) sei.
Als Hazrat Abu Dharr (r.a.) danach gefragt wurde, sagte er, dass Hazrat Umar (r.a.), Hazrat Hudhaifa (r.a.) und viele andere unter den Gefährten des Gesandten keinen Zweifel daran hatten, dass sie die Nacht des 27. Ramadan sei (Ibn Abi Schayba).
Hazrat Ubada ibn Samit (r.a.) berichtet, dass der Gesandte Allahs (s.a.s.) gesagt hat: „Die Nacht der Bestimmung liegt in einer der ungeraden Nächte der letzten zehn Nächte des Ramadan – der 21., 23., 25., 27. oder 29. Nacht“ (Musnad Ahmad).
Hazrat Abdullah ibn Abbas (r.a.) berichtet, dass der Gesandte Allahs (s.a.s.) gesagt hat: „Sucht sie (die Nacht der Bestimmung) in den letzten zehn Nächten – wenn noch neun oder fünf Tage bis zum Monatsende verbleiben“ (Buchari). Die meisten Gelehrten haben daraus geschlossen, dass der Gesandte (s.a.s.) die ungeraden Nächte meinte.
In einem Bericht von Hazrat Abu Bakr (r.a.) heißt es: Wenn noch neun, sieben, fünf oder drei Tage verbleiben oder in der letzten Nacht. Das heißt, sucht die Nacht der Bestimmung in diesen Nächten (at-Tirmidhi, an-Nasa’i).
In einem Bericht von Hazrat Aischa (r.a.) heißt es, dass der Prophet (s.a.s.) gesagt hat: „Sucht die Nacht der Bestimmung in den ungeraden Nächten der letzten zehn Nächte des Ramadan“ (Buchari, Muslim, Ahmad, at-Tirmidhi). Nach einem Bericht von Hazrat Aischa (r.a.) und Hazrat Abdullah ibn Umar (r.a.) hielt sich der Prophet (s.a.s.) in den letzten zehn Nächten des Ramadan zum I’tikaf zurück.
Aufgrund der Überlieferungen, die diesbezüglich von Hazrat Muawiya (r.a.), Hazrat Umar (r.a.), Hazrat Ibn Abbas (r.a.) und anderen großen Gelehrten überliefert wurden, hielten zahlreiche Personen unter den frommen Altvorderen die 27. Nacht des Ramadan für die Nacht der Bestimmung. (**ঁ**14)
Die erste Pflicht nach dem Prophetentum: das Gebet
At-Tabari sagt: Nach dem Bekenntnis zum Glauben an den Tauhid und der Abkehr vom Götzendienst war das erste, was in der islamischen Scharia zur Pflicht gemacht wurde, das Gebet. Überliefert wird von Ibn Hischam und Muhammad ibn Ishaq unter Berufung auf Hadhrat Aischa (ra), dass das Gebet das Erste war, was dem Propheten (s) zur Pflicht gemacht wurde. Anfangs bestand es aus jeweils zwei Rakʿat. Imam Ahmad überlieferte in einer Überlieferung von Ibn Lahia von Hadhrat Zaid ibn Haritha (ra), dass Dschibril (a) den Propheten (s), nachdem zum ersten Mal Offenbarung auf ihn herabgesandt worden war, die Gebetswaschung lehrte. Auch Ibn Madscha und at-Tabarani berichten dieses Ereignis, wenn auch mit gewissen Abweichungen in den Überlieferungsketten. Seine Erklärung ergibt sich aus der Überlieferung von Ibn Ishaq, wonach sich der Prophet (s) in einem höher gelegenen Teil von Mekka befand und Dschibril (a) in schöner Gestalt und mit vorzüglichem Wohlgeruch vor ihm erschien und sagte: „O Muhammad! Allah lässt dich grüßen und sagt, dass Er dich als Seinen Gesandten zu den Dschinn und den Menschen entsandt hat. Lade sie daher zum Bekenntnis ‚La ilaha illallah‘ ein.“
Dann stieß Dschibril (a) mit seinem Fuß auf den Boden, worauf eine Quelle hervortrat. Danach vollzog er die Gebetswaschung, damit der Prophet die Art und Weise der Reinigung für das Gebet erlernen konnte. Dann sagte er: „Nun vollziehe du die Gebetswaschung.“
Dann betete Dschibril (a) gemeinsam mit dem Propheten (s) zwei Rakʿat mit vier Niederwerfungen. Danach brachte der Prophet (s) Hadhrat Chadidscha (ra) dorthin, ließ sie die Gebetswaschung vollziehen und betete mit ihr zwei Rakʿat. Auch Ibn Hischam, Ibn Dscharir und Ibn Kathir berichten dieses Ereignis.
Imam Ahmad, Ibn Madscha und at-Tabarani überliefern von Usama ibn Zaid (ra), der es von seinem Vater Hadhrat Zaid ibn Haritha (ra) überlieferte, dass die erste Handlung, die nach der Herabsendung der Offenbarung zur Pflicht gemacht wurde, darin bestand, dass Dschibril (a) kam und dem Propheten die Regeln der Gebetswaschung lehrte. Danach stellte er sich zum Gebet auf und sagte zum Propheten: „Bete mit mir.“ Dann kam der Prophet (s) nach Hause und erzählte Hadhrat Chadidscha (ra) von diesem Ereignis. Sie geriet vor Freude außer sich. Daraufhin forderte der Prophet (s) sie auf, dort die Gebetswaschung zu vollziehen, und betete mit ihr auf dieselbe Weise, wie er mit Hadhrat Dschibril (a) gebetet hatte. Somit war dies die erste Pflicht, die nach der Herabsendung der Offenbarung festgelegt wurde. Vermutlich ereignete sich dies am Morgen jener Nacht, in der ***** herabgesandt wurde. Von da an verrichteten der Prophet (s) und Chadidscha (ra) das Gebet heimlich.
Die ersten vier Muslime
Es besteht Einigkeit darüber, dass Hadhrat Chadidscha (ra) die erste Muslimin war. Danach besteht darüber Uneinigkeit, wer von Hadhrat Ali (ra), Hadhrat Abu Bakr (ra) und Hadhrat Zaid ibn Haritha (ra) als Erster den Islam annahm. Einig ist man sich jedoch darin, dass diese drei nach Hadhrat Chadidscha (ra) als Erste den Islam annahmen. *****)
Über Hadhrat Ali (ra) berichtet Hafiz Ibn Kathir in Al-Bidaya, indem er die Überlieferung von Ibn Ishaq sowie die Überlieferung von al-Baladhuri und al-Waqidi anführt: Als der Prophet (s) und Hadhrat Chadidscha (ra) heimlich mit dem Gebet begannen, sah Hadhrat Ali (ra) sie bereits am folgenden Tag in diesem Zustand. Er fragte: „Was ist das?“ Der Prophet sagte: „Dies ist Allahs Religion, die Er für Sich erwählt hat und mit der Er Seinen Gesandten entsandt hat. Deshalb lade ich dich dazu ein, an Allah, den Einen und ohne jeden Teilhaber, zu glauben, Ihn anzubeten und al-Lat und al-Uzza zu verleugnen.“
Hadhrat Ali war damals zehn Jahre alt. Er sagte: „Davon hatte ich zuvor noch nie gehört. Ich kann keine Entscheidung treffen, bevor ich nicht einmal meinen Vater gefragt habe.“
Zu jener Zeit wollte der Hochgeehrte (s), dass sein Geheimnis nicht vorzeitig offenbar wurde. Daher sagte er: „Wenn du meinen Worten nicht folgst, halte die Angelegenheit geheim.“ In jener Nacht schwieg Hazrat Ali (ra). Daraufhin erweckte Allah in seinem Herzen den Antrieb zum Islam, und am Morgen trat er vor den Propheten und sagte: „Was hast du mir gestern gesagt?“
[In den Geschichts- und Sira-Werken werden diese ersten vier als Muslime genannt. Es ist jedoch nicht anzunehmen, dass jene Töchter des Hochgeehrten (s), die damals bereits Verstand und Einsicht besaßen, nicht gemeinsam mit ihrer erhabenen Mutter den Glauben annahmen. Hazrat Zaynab (ra) war zur Zeit der Berufung des Hochgeehrten (s) zum Propheten zehn Jahre alt. Hazrat Umm Kulthum (ra) und Hazrat Ruqayya (ra) waren bereits so alt, dass man sie noch vor Beginn des öffentlichen Aufrufs mit den Söhnen Abu Lahabs verheiratete. Hazrat Fatima (ra) wurde allerdings ein Jahr nach der Berufung zum Propheten geboren. Sie wuchs in einer islamischen Umgebung auf. Daher sollten wir unserer Ansicht nach die drei Töchter zu den ersten Muslimen zählen. Über Hazrat Fatima sollte man annehmen, dass sie ihr geistiges Auge als gläubige Muslimin öffnete – der Verfasser.]
Der Hochgeehrte (s) sagte: „Bezeuge, dass es außer Allah, dem Einen und ohne jeden Teilhaber, keine andere Gottheit gibt; verleugne Lat und Uzza und löse dich von allen Teilhabern außer Allah.“
Hazrat Ali (ra) nahm dies unverzüglich an. Aus Furcht vor Abu Talib hielt er den Islam jedoch geheim. Auch er begann, gemeinsam mit dem Hochgeehrten (s) das Gebet zu verrichten.
Imam Ahmad, Ibn Jarir und Ibn Abd al-Barr führen eine Überlieferung von Afif al-Kindi an, dem Halbbruder mütterlicherseits und Cousin von Ash’ath ibn Qays. Er berichtet: „Abbas ibn Abd al-Muttalib war ein alter Freund meines Onkels und kam häufig in den Jemen, um Duftstoffe zu kaufen und sie während der Hadsch zu verkaufen. Einmal, während der Hadsch, traf ich ihn in Mina. Da sah ich, wie ein angesehener Mann kam, eine gründliche Gebetswaschung vollzog und sich anschließend zum Gebet aufstellte. Dann kam ein Junge, der noch nicht die Pubertät erreicht hatte, vollzog ebenfalls sorgfältig die Gebetswaschung und stellte sich zum Gebet auf. Ich sagte: ‚O Abbas, welcher Religion gehört dies an? Davon weiß ich nichts.‘“
Abbas (ra) sagte: „Das ist mein Neffe Muhammad (s), der Sohn Abd Allahs, des Sohnes Abd al-Muttalibs. Er behauptet, dass Allah ihn als Gesandten entsandt habe.“ Einer anderen Überlieferung zufolge bestand seine Behauptung darin, dass die Schätze und Reichtümer von Caesar und Chosrau unter seine Herrschaft kommen würden. „Und dieser Zweite ist mein Neffe Ali ibn Abi Talib. Er folgt seiner Religion. Und dies ist Muhammads Ehefrau Khadidscha bint Khuwaylid. Auch sie ist seiner Religion gefolgt.“
Als al-Kindi später selbst Muslim wurde, sagte er voller Bedauern: „Ach, wäre ich doch der Vierte unter ihnen gewesen!“
Ibn Hisham und Ibn Jarir berichten, dass Abu Talib Hazrat Ali später einmal beim Gebet sah. Er sagte: „Mein Junge, welcher Religion folgst du?“ Dieser antwortete: „O Vater, ich habe an Allah und Seinen Gesandten (s) geglaubt, seine Wahrhaftigkeit anerkannt und gemeinsam mit ihm gebetet.“
Abu Talib sagte: „Er wird dich zu nichts anderem als zum Guten aufrufen. Halte dich an ihn.“
Ibn Kathir überliefert eine Aussage Abu Talibs: „Bleibe bei deinem Cousin und unterstütze ihn.“ Über Hazrat Abu Bakr (r.a.) schreibt al-Zurqani in seinem Sharh al-Mawahib, dass er bei Hakim ibn Hizam, dem Neffen von Hazrat Khadija (r.a.), saß. Da kam Hakims Dienerin zu ihm und sagte: „Deine Tante hat heute gesagt, dass ihr Ehemann ein Prophet wie Hazrat Musa (a.s.) ist, den Allah gesandt hat.“ Sobald Hazrat Abu Bakr (r.a.) dies hörte, ging er geradewegs zum Propheten (s). Nachdem er erfahren hatte, dass die Aussage der Dienerin wahr war, nahm er ohne jedes Zögern den Islam an. Ibn Ishaq überliefert von Abdullah ibn al-Husain al-Tamimi folgende Aussage des Gesandten Allahs (s): „Wem auch immer ich den Islam anbot, der zögerte stets zumindest ein wenig und dachte darüber nach. Als ich Abu Bakr davon berichtete, zögerte er nicht und ließ auch nicht die geringste Zeit verstreichen, bevor er ihn annahm.“
Über Hazrat Zaid ibn Haritha (r.a.) ist kein ausführlicher Bericht überliefert, wie er den Islam annahm. Doch fünfzehn Jahre lang lebte er im Haushalt des Hochgeehrten wie ein Mitglied seiner Familie. Sicherlich sah er den Hochgeehrten (s) und Hazrat Khadija (r.a.) beten, und dies dürfte der Grund für seinen Übertritt zum Islam gewesen sein.
Aus diesen Ereignissen lässt sich nebenbei auch erkennen, dass zwar der Hochgeehrte (s) anfangs im Verborgenen wirkte, die nahen Verwandten von ihm und Hazrat Khadija (r.a.) jedoch wussten, dass er entgegen der Religion seiner Vorväter eine andere Religion verkündete und den Anspruch erhob, von Allah zum Propheten berufen worden zu sein. Seine Angehörigen und zumindest seine Freunde nahmen diesen Anspruch nicht nur an, sondern begannen dementsprechend auch mit der Anbetung und anderen Praktiken. Da diese Dinge jedoch seinen Feinden nicht bekannt waren, sondern nur seinen wohlgesinnten Anhängern, hielten sie sie geheim, so wie der Hochgeehrte (s) dies zu Beginn geheim halten wollte. Sie sprachen auch mit niemandem darüber; andernfalls hätte der Widerstand vor der dafür vorgesehenen Zeit begonnen.
Wurde der Hochgeehrte (s) in den ersten drei Jahren zu seiner Unterweisung der Auftrag des geehrten Israfil (a) anvertraut?
Ibn Jarir hat in seiner Geschichte, Ibn Saʿd in den Tabaqat, Qastallani in den Mawahib al-Ladunniyya und Zurqani in seinem Kommentar zu den Mawahib diese Überlieferung des berühmten Tabiʿi-Imams Schaʿbi angeführt: Während der ersten drei Jahre der Prophetenschaft wurde der geehrte Israfil (a) dem Gesandten Allahs (s) zur Unterweisung an die Seite gestellt. Er brachte keine Offenbarung. Denn die Aufgabe, die Offenbarung zu überbringen, oblag dem geehrten Jibril (a). Er lehrte den Hochgeehrten (s) jedoch auf andere Weise als durch Offenbarung Wissen. [Vielleicht geschah dies durch Ilqa() oder durch unmittelbare Unterweisung – der Verfasser.]
Imam Ahmad ibn Hanbal, der Hafiz Yaʿqub ibn Sufyan und al-Bayhaqi haben diese Überlieferung von Schaʿbi überliefert, und bis zu ihm ist ihre Überlieferungskette zuverlässig. Doch ich weiß nicht, aus welcher Quelle Schaʿbi selbst davon Kenntnis erlangte. Denn er hat keine Überlieferungskette bis zum Hochgeehrten (s) angegeben. Ibn Saʿd und Ibn Jarir berichten, dass al-Waqidi ihre Authentizität bestritten habe. Er erklärte mit Nachdruck, dass außer dem geehrten Jibril niemand mit dem Hochgeehrten (s) betraut worden sei.
Dies ist eine Angelegenheit, die man weder völlig zurückweisen noch mit Gewissheit annehmen kann. Ihre Zurückweisung ist deshalb schwierig, weil Schaʿbi ein zuverlässiger Hadith-Gelehrter ist und seine mursal überlieferte Aussage nicht so schwach ist, dass man sie völlig verwerfen könnte. Dennoch kann man sie auch nicht als ein gesichertes Ereignis bezeichnen. Denn hinsichtlich der Überlieferungskette ist sie nicht so stark, dass man sie unbedingt annehmen müsste. Gleichwohl liegt diese Angelegenheit nicht außerhalb des Möglichen. Denn der unerschöpfliche Schatz an Wissen über alle Lebensbereiche, den wir nach der Prophetenschaft in den Worten und Taten des Hochgeehrten finden, mit dem die Hadith- und Sira-Werke angefüllt sind und für den sich auch nicht die geringste Entsprechung in den Worten und Taten irgendeines anderen Menschen findet – dieser Schatz war ihm gewiss aus der unsichtbaren Welt tief in sein Herz eingegeben worden. Und möglicherweise ließ Allah, der Erhabene, den Dienst der Vermittlung dieses Wissensschatzes durch den geehrten Israfil (a) vollbringen.
Fatrat al-Wahy
Nach der Herabsendung der ersten Offenbarung unterließ Dschibril (a.) eine Zeit lang, Offenbarungen zu überbringen. Je länger dieser Zustand andauerte, desto größer wurde der seelische Schmerz des Gesandten (s.). Schließlich ging er manchmal unbewusst zum Berg Schabir in Mekka und manchmal zum Berg Hira und dachte daran, sich hinabzustürzen. Als er in diesem Zustand einmal auf den Rand eines Berges zuging, hörte er eine Stimme vom Himmel und blieb stehen. Als er nach oben blickte, sah er den ehrwürdigen Dschibril, der zwischen Himmel und Erde auf einem Stuhl saß. Er sagte: „O Muhammad! Du bist wahrlich Allahs Gesandter, und ich bin Dschibril.“
Ibn Saʿd überliefert diese Begebenheit von dem ehrwürdigen ʿAbdullah ibn ʿAbbas (r.) in Ibn Dscharirs Tafsir, und ʿAbd ar-Razzaq überliefert sie von Imam Zuhri in seinem al-Musannaf. Auch bei Buchari, Muslim und im Musnad Ahmad findet sich eine ausführliche Darstellung davon. (****15)
In der Überlieferung von Imam Zuhri heißt es:
Eine Zeit lang blieb die Herabsendung der Offenbarung auf den Gesandten Allahs (s.) aus. In dieser Zeit litt er seelisch so sehr, dass er oft auf die Gipfel der Berge stieg und sich anschickte, sich von dort hinabzustürzen. Doch sobald er den Rand des Berggipfels erreichte, erschien Dschibril (a.) vor ihm und sagte: „Du bist Allahs Prophet.“ Dadurch fand er innere Ruhe, und seine Unruhe verschwand. – (Ibn Dscharir).
Dann führt Imam Zuhri in der Überlieferung des ehrwürdigen Dschabir ibn ʿAbdullah (r.) an und sagt: Der Gesandte Allahs (s.) erwähnte die Fatrat al-Wahy (das Ausbleiben der Offenbarung) und sagte: „Ich ging gerade einen Weg entlang, als ich plötzlich eine Stimme vom Himmel hörte. Als ich den Kopf hob, sah ich jenen Engel, den ich bereits in der Höhle Hira gesehen hatte. Er saß zwischen Himmel und Erde auf einem Stuhl. Als ich ihn sah, wurde ich von großer Furcht und Bestürzung erfasst. Zu Hause angekommen, sagte ich: ‚Hüllt mich in eine Decke ein!‘ Daraufhin hüllten mich die Leute des Hauses in eine Decke ein. Da wurde mir von Allah die Offenbarung herabgesandt:“
(Arabisch*****************)
(O du, der du dich in eine Decke gehüllt hast und daliegst!) Danach wurde mir fortwährend Offenbarung herabgesandt. – (Buchari, Muslim, Musnad Ahmad – Ibn Dscharir).
Die ersten sieben Verse der Sure al-Muddaththir wurden offenbart
So verstrich die Zeit, in der die Offenbarung ausblieb, und die ersten sieben Verse der Sure al-Muddaththir wurden offenbart. Durch sie wurde dem Ehrwürdigen (S) die Würde der Gesandtschaft verliehen und ihm die notwendige Rechtleitung gegeben, die für die Erfüllung der Aufgabe der Gesandtschaft erforderlich war. Hier sollte man den Unterschied deutlich verstehen: Die ersten fünf Verse der Sure al-Alaq verkündeten lediglich, dass die Offenbarung an den Ehrwürdigen (S) begonnen hatte und er von Allah zum Propheten gemacht worden war. Durch diese Verse der Sure al-Muddaththir wird ihm neben dem Prophetentum auch die Aufgabe der Gesandtschaft auferlegt. Ihm wird befohlen: Erhebe dich und beginne, deine Aufgabe zu erfüllen. In einigen Überlieferungen wird über diese Verse sogar gesagt, dass sie die allerersten Verse des Edlen Korans seien. In den Hadith-Sammlungen von Buchari, Muslim, Tirmidhi, Musnad Ahmad und anderen wird dies ausführlich von Hadrat Dschabir ibn Abdullah al-Ansari (R) überliefert. Doch unter der Umma besteht nahezu allgemeiner Konsens darüber, dass zuerst—
(Arabisch*************)bis (*************)
offenbart wurden. Danach blieb nach Ibn Athir die Offenbarung bis zur Offenbarung dieser Verse der Sure al-Muddaththir aus. Danach begann die Offenbarung erneut. Imam Zuhri überliefert selbst von Hadrat Dschabir ibn Abdullah al-Ansari (R), dass der Gesandte Allahs (S) vor der Offenbarung dieser Verse eben jenen Engel am Ort zwischen Himmel und Erde sah, der zu ihm in der Höhle Hira gekommen war. Diese Überlieferung haben wir oben unter Berufung auf Buchari, Muslim und andere angeführt. (****17
Die Rechtleitung, die in dieser Sure gegeben wird
Beachten Sie nun diese Verse der Sure al-Muddaththir und sehen Sie, welche Rechtleitung darin gegeben wird.
(Arabisch***************)
– O du, der du dich in eine Decke oder ein Tuch gehüllt hast und daliegst. Hier wird der Gesandte Allahs nicht mit „O Gesandter, o Prophet“, sondern mit „O du, der du dich in eine Decke gehüllt hast und daliegst“ angesprochen. Als der Ehrwürdige (S) Dschibril auf einem Stuhl zwischen Himmel und Erde sitzen sah, geriet er in Angst und Verwirrung. Als er in diesem Zustand nach Hause kam, sagte er zu den Leuten seines Hauses: „Hüllt mich ein, hüllt mich ein.“ Deshalb spricht Allah, der Erhabene, ihn als „Muddaththir“ an. Die Bedeutung, die sich ganz von selbst aus dieser liebevollen Anrede ergibt, ist: O mein geliebter Diener, warum liegst du in eine Decke gehüllt da? Dir ist eine gewaltige Aufgabe auferlegt worden, und um sie zu erfüllen, musst du mit fester Entschlossenheit auf das Feld treten.
(Arabisch***********)
–Steh auf und warne.
Dies ist eine Anweisung jener Art, wie sie Noah (a.s.) nach der Verleihung des Prophetentums erteilt wurde. Zum Beispiel:
(Arabisch*****************)
–Warne dein Volk vor der schmerzhaften Strafe, die von Mir über sie kommen wird. (Nūḥ: 1)
Der Sinn des entsprechenden Verses aus der Sura al-Muddaththir ist: O du, der du dich in eine Decke gehüllt hingelegt hast! Steh auf und warne die Menschen in deiner Umgebung, die in Achtlosigkeit leben. Wenn sie in diesem Zustand verharren, dann warne sie vor den unvermeidlichen Folgen. Warne sie, dass sie nicht in einem gesetzlosen Reich leben, in dem sie tun können, was sie wollen, ohne dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden.
(Arabisch**************)
Und verkünde die Erhabenheit deines Herrn.
Dies ist die allererste Aufgabe eines Propheten, die er in dieser Welt erfüllen muss. Seine erste Aufgabe besteht darin, all jene für nichtig zu erklären, denen die unwissenden Menschen hier Vorrang und Größe zugestehen, und öffentlich in der ganzen Welt zu verkünden, dass es im gesamten Weltall außer dem Einen Gott niemanden gibt, der Vorrang und Größe besitzt. Deshalb wird der Formel „Allahu akbar“ im Islam die größte Bedeutung beigemessen. Der Gebetsruf beginnt mit der Verkündung „Allahu akbar“. Auch beim Gebet tritt ein Muslim mit den Worten „Allahu akbar“ ein. Danach vollzieht er immer wieder die Bewegungen des Aufstehens und Niedersetzens mit den Worten „Allahu akbar“. Wenn einem Tier die Kehle durchgeschnitten wird, geschieht dies mit den Worten „Bismillah, Allahu akbar“. Der Takbīr-Ruf ist heute das deutlichste und markanteste Kennzeichen der Muslime in der ganzen Welt. Denn der Prophet dieser Gemeinschaft hat sein Wirken mit „Allahu akbar“ begonnen.
Hier wird auf einen feinen Aspekt hingewiesen, den man gründlich begreifen sollte. Aus dem Anlass der Offenbarung dieser Verse ist bekannt, dass dem allerersten Gesandten Allahs, dem Gesandten Allahs (S), befohlen wurde, den Schritt zur Übernahme der gewaltigen Verantwortung des Gesandtenamtes zu unternehmen. Ebenso ist klar, dass die Stadt und das Umfeld, in denen er sich mit dieser Mission aufstellen sollte, ein Tummelplatz des Schirks waren. Es ging nicht nur darum, dass die dortige Bevölkerung wie die übrigen Araber Polytheisten waren; vielmehr war Mekka al-Mukarrama der größte Wallfahrtsort des polytheistischen Arabiens, und die Quraisch waren seine Priester. An solchen Orten allein aufzutreten und gegenüber dem Schirk das Banner des Tauhīd zu erheben, war eine äußerst riskante Aufgabe. Deshalb wurde zusammen mit den Worten „Steh auf und warne“ gesagt: „Verkünde die Größe deines Herrn.“ Das bedeutet: Fürchte die furchterregenden Mächte, die du als Hindernis für diese Aufgabe ansiehst, überhaupt nicht. Sag in klaren Worten: Mein Herr ist größer als all jene Mächte, die sich mir in den Weg stellen könnten, um den Weg meiner Einladung zu versperren.
Welche größere Ermutigung und Ansporn könnte einem Menschen gegeben werden, um das Werk Allahs zu beginnen? Wer das Bild von Allahs Größe tief in seinem Herzen eingeprägt trägt, zögert nicht im Geringsten, allein für Allah gegen die ganze Welt zu kämpfen.
(Arabisch**************)
– und halte deine Kleidung rein.
Diese Worte haben eine umfassende Bedeutung, und ihre Tragweite reicht weit. Eine ihrer Bedeutungen ist: Halte deine Kleidung rein und sauber. Denn die Reinheit der Kleidung und die Reinheit der Seele sind eng miteinander verbunden. Eine reine Seele kann nicht in einem schmutzigen, ungepflegten Körper und unreiner Kleidung wohnen. Das Umfeld, in dem der Gesandte Allahs (S) seine Arbeit der islamischen Einladung begann, war nicht nur bis in die tiefsten Abgründe des Verfalls von Glaubensvorstellungen und Charakter versunken, sondern entbehrte auch der grundlegendsten Vorstellungen von Tahāra und Sauberkeit. Die Aufgabe des Propheten bestand darin, sie in jeder Hinsicht Reinheit und Sauberkeit zu lehren. Deshalb wurde ihm befohlen, auch in seinem äußeren Leben den höchsten Standard der Tahāra (Reinheit) zu verwirklichen. So ist es eine Folge eben dieser Rechtleitung, dass der Prophet (S) der Menschheit eine so umfassende Unterweisung über die Reinheit des Körpers und der Kleidung gab, wie sie nicht einmal die zivilisiertesten Völker der modernen Zeit zu erlangen das Glück hatten – von den Völkern des arabischen Zeitalters der Unwissenheit ganz zu schweigen. In den meisten Sprachen der Welt gibt es nicht einmal ein Wort, das dem Begriff Tahāra entsprechen könnte. Im Islam hingegen beginnen die Bücher über Hadīth und Fiqh die islamischen Rechtsbestimmungen mit der Tahāra. Darin werden der Unterschied zwischen rein und unrein sowie die Methoden der Reinigung ausführlich dargelegt.
Die zweite Bedeutung dieser Worte ist: Halte deine Kleidung sauber und gepflegt. Die Vorstellung von Askese hat der Religiosität in dieser Welt einen Maßstab gegeben, nach dem ein Mensch umso religiöser oder heiliger sein soll, je schmutziger und ungepflegter er ist. Wenn jemand saubere und gepflegte Kleidung trug, hielt man ihn für weltlich gesinnt. Doch die menschliche Natur verabscheut Schmutz und Unsauberkeit. Wer ein gewöhnliches Empfinden für Höflichkeit und guten Geschmack besitzt, möchte gerade zu sauberen und gepflegten Menschen freundschaftliche Beziehungen pflegen. Deshalb ist es für diejenigen, die die Menschen zum Weg Allahs einladen, notwendig, dass ihr äußeres Erscheinungsbild so rein und gepflegt ist, dass die Menschen sie mit Achtung betrachten und an ihrer Persönlichkeit nichts Unangenehmes finden, was naturgemäß Abscheu erregen könnte.
Die dritte Bedeutung dieser Anweisung ist: Halte deine Kleidung von moralischen Mängeln und Fehlern rein. Deine Kleidung soll selbstverständlich sauber und rein sein. Doch an ihr dürfen sich weder Stolz und Hochmut noch die Neigung zur Zurschaustellung, Prunk oder Zeichen von Einfluss und Ansehen zeigen. Die Kleidung gibt den Menschen als Erstes Aufschluss über die Persönlichkeit ihres Trägers. Welche Kleidung jemand auch tragen mag – schon auf den ersten Blick schließen die Menschen daraus, was für eine Art Mensch er ist. Die Kleidung von Grundbesitzern und Nawabs, die Kleidung von Vertretern eines Geschäfts mit der Religion, die Kleidung von Schurken, Taugenichtsen und Landstreichern – sie alle geben Aufschluss über die Wesensart ihrer Träger. Die Wesensart derjenigen, die zu Allah einladen, unterscheidet sich von Natur aus von der dieser Menschen. Daher sollte sich auch ihre Kleidung naturgemäß von deren Kleidung unterscheiden. Sie sollten eine Kleidung tragen, bei der jeder denken kann, dass dieser Mensch äußerst anständig und geschmackvoll ist, sich nicht von seinen Trieben leiten lässt und sich nicht in deren Ausschweifungen verstrickt.
Die vierte Bedeutung ist, deine Kleidung und dein Gewand rein zu halten. Wie im Urdu wird auch im Arabischen der Ausdruck, die Kleidung rein zu halten (Pak-Damani), im Sinne davon gebraucht, über charakterliche Mängel erhaben und mit edlem Charakter ausgestattet zu sein. Ibn Abbas (möge Allah mit ihm zufrieden sein), Imam Nachai, Schaʿbi, Mudschahid, Qatada, Said ibn Dschubair, Hasan al-Basri und andere bedeutende Tafsir-Gelehrte haben diesen Vers dahingehend ausgelegt: Halte deinen Charakter lauter und halte dich von jeder Art von Unmoral fern. Im Arabischen sagt man als Redewendung –
(Arabisch*********************)
– Das Gewand dieses und jenes Menschen ist rein und seine Kleidung ist sauber. Das bedeutet, dass sein Wesen und sein Charakter vortrefflich sind. Demgegenüber sagt man
(*****************)
– Seine Kleidung ist schmutzig, das heißt, er ist ein Mensch von schlechtem Charakter. Seinen Worten kann man nicht trauen.
(Arabisch*************************)
Halte dich von Schmutz und Unreinheit fern. Mit Schmutz oder Unsauberkeit sind hier alle Arten von Unreinheit gemeint: sei es die Unreinheit des Glaubens, der Überzeugungen und der Denkweise, die Unreinheit in Taten und im Charakter, die Unreinheit des Körpers und der Kleidung oder die Unreinheit der Lebensweise. Das heißt, du musst dich von den verschiedenen Arten der Unreinheit fernhalten, die sich in der gesamten Gesellschaft um dich herum ausgebreitet haben. Niemand darf dir vorwerfen können, dass sich bei dir selbst Spuren jener Unreinheiten und Verfehlungen finden, von denen du die Menschen abhältst.
(Arabisch*****************)
– und erweise keine Wohltat in der Erwartung, dafür mehr zu bekommen.
Die Bedeutung dieser Worte ist so umfassend, dass sich ihr vollständiger Sinn nicht in einem einzigen Satz wiedergeben lässt. Eine ihrer Bedeutungen ist, dass du jedem, dem du Barmherzigkeit und Gunst erweist, dies uneigennützig tun sollst. Deine Gaben, deine Gunst und dein gutes Verhalten müssen allein um Allahs willen geschehen. Du sollst im Austausch für Hilfe und Wohltätigkeit keinen weltlichen Vorteil erlangen wollen, und nicht die geringste derartige Absicht oder Begierde in dir tragen. Mit anderen Worten: Wenn du jemandem Gutes tust, dann tue es um Allahs willen; hilf oder nütze niemandem, um daraus einen Vorteil zu ziehen.
Die zweite Bedeutung ist: Auch wenn die prophetische Aufgabe, die du erfüllst, eine überaus segensreiche Aufgabe ist und durch dich Allahs gesamte Schöpfung Rechtleitung erlangt, sollst du dich deshalb nicht vor den Menschen damit brüsten, dass du ihnen einen großen Nutzen bringst, und daraus keinen persönlichen Vorteil ziehen.
Die dritte Bedeutung ist: Auch wenn du einen gewaltigen Dienst verrichtest, sollst du deine eigene Tätigkeit in deinen Augen nicht für etwas Großartiges halten. In deinem Herzen soll nicht der Gedanke aufkommen, dass du deinem Herrn dadurch, dass du die prophetische Verantwortung erfüllst und dein Leben dieser Aufgabe widmest, einen Gefallen tust.
(Arabisch*************)
– und harre um deines Herrn willen geduldig aus.
Das bedeutet: Die Aufgabe, die dir anvertraut wurde, ist eine äußerst schwierige Aufgabe. Bei ihrer Erfüllung wirst du schweren Gefahren, Leid, Mühsal und furchtbaren Schwierigkeiten ausgesetzt sein.
Dein eigenes Volk wird zu deinem Feind werden. Ganz Arabien wird sich gegen dich zusammenschließen. Doch was auch immer dir auf diesem Weg begegnen mag, du musst dafür Geduld bewahren und deine anvertraute Pflicht unbeirrbar und mit festem Herzen erfüllen. Um dich von dieser Aufgabe abzubringen, werden Furcht und Einschüchterung, Verlockungen, Freundschaft und Feindschaft, Zuneigung und Liebe – alles wird sich dir entgegenstellen. All dem musst du mit Standhaftigkeit begegnen und unbeirrt an deinem Entschluss festhalten.
Dies war die erste Rechtleitung, die Allah seinem Gesandten zu jener Zeit gab, als Er ihm befahl: Erhebe dich und beginne deine Aufgabe. Wenn jemand über diese kurzen Sätze und ihre Bedeutung nachdenkt, wird sein Herz bezeugen, dass einem Propheten beim Beginn seiner Aufgabe keine bessere Ermahnung und Weisung hätte gegeben werden können. Darin wird auch gesagt, was zu tun ist. Zugleich wird gelehrt, mit welcher Absicht, welcher inneren Haltung und welcher Denkweise diese Aufgabe erfüllt werden soll. Ebenso wird davor gewarnt, welchen Umständen man sich bei dieser Aufgabe gegenübersieht und wie man ihnen begegnen muss. Diejenigen, die heute aus blindem Hass behaupten, diese Worte seien – Gott bewahre – nach einem epileptischen Anfall wie wirres Gerede aus dem Mund des Gesandten Allahs (Allahs Segen und Friede seien auf ihm) gekommen, sollen diese Sätze einmal mit offenen Augen betrachten und selbst darüber nachdenken: Sind sie etwa ein wirres Gerede aus einem Zustand der Epilepsie, oder hat der Herrgott seinem Diener bei der Übertragung der prophetischen Verantwortung diese Weisung gegeben? (******18)
Die Gewohnheit, die Offenbarung auswendig zu lernen
Wir haben zuvor unter Berufung auf Hadhrat Dschabir ibn Abdallah (möge Allah mit ihm zufrieden sein) erwähnt, dass nach der Sure al-Muddaththir die fortlaufende Offenbarung an den ehrwürdigen Propheten (Allahs Segen und Friede seien auf ihm) begann. In der Anfangszeit hatte der edle Prophet jedoch beim Herabkommen der Offenbarung die Schwierigkeit, dass er aus Angst, sie zu vergessen, versuchte, sie durch Auswendiglernen im Gedächtnis zu behalten. Bisweilen fragte er auch während des Herabkommens der Offenbarung nach der Bedeutung von etwas. Daher war es zu jener Zeit ebenfalls notwendig, dem Propheten die richtige Weise, die Offenbarung aufzunehmen, gründlich beizubringen. In der Sure Ta-Ha heißt es:
فَتَعَالَى اللَّهُ الْمَلِكُ الْحَقُّ وَلَا تَعْجَلْ بِالْقُرْآنِ مِنْ قَبْلِ أَنْ يُقْضَى إِلَيْكَ وَحْيُهُ وَقُلْ رَبِّ زِدْنِي عِلْمًا
Allah, der Erhabene und Große. Er ist der wahrhaftige König. Und sieh zu, o Prophet, dass du beim Lesen des Korans nicht voreilig bist, bevor die Offenbarung dir vollständig übermittelt worden ist. Und sprich im Gebet: O mein Herr, mehre mein Wissen. (Ta-Ha: 114)
Der Zusammenhang der Ausführungen macht eindeutig deutlich, dass die Ansprache bis(Arabisch*******************)zu diesem Punkt beendet war. Danach warnte der Engel beim Abschied den Propheten (Allahs Segen und Friede seien auf ihm) auf Allahs Geheiß vor einer Sache, die er während des Herabkommens der Offenbarung beobachtet hatte. Es wurde nicht für angemessen gehalten, die Ausführungen in der Mitte zu unterbrechen. Daher warnte er den ehrwürdigen Propheten erst nach Abschluss der Übermittlung der Botschaft in dieser Angelegenheit. Was war es, wovor er gewarnt wurde? Schon die Worte der Warnung selbst bringen dies zum Ausdruck. Während der Prophet (Allahs Segen und Friede seien auf ihm) die Botschaft der Offenbarung empfing, versuchte er, sie zu wiederholen, um sie sich zu merken. Durch diesen Versuch wurde seine Aufmerksamkeit wahrscheinlich immer wieder gestört. Vielleicht wurde dadurch auch der fortlaufende Empfang der Offenbarung unterbrochen. Möglicherweise konnte er der Botschaft nicht seine ungeteilte Aufmerksamkeit widmen. Angesichts dieses Zustands wurde es für notwendig erachtet, ihm die richtige Art und Weise des Empfangs der Offenbarung zu erklären und ihm den Versuch zu untersagen, sie sich zwischendurch einzuprägen.
Auch bei der Offenbarung der Sure al-Qiyāma trat dieser Zustand ein. Deshalb wurde er gewarnt, wobei der Zusammenhang der Rede unterbrochen wurde.
(Arabisch*******************)
Bewege deine Zunge nicht immer wieder hastig, um es dir einzuprägen. Es ist Unsere Aufgabe, es dir einzuprägen und es dir vorzutragen. Wenn Wir es dir also vortragen, dann höre aufmerksam zu; anschließend ist es ebenfalls Unsere Aufgabe, dir seine Bedeutung zu erklären. [Die von mir gegebene Erklärung dafür, dass dieser Satz in der Sure al-Qiyāma im Zusammenhang erscheint, beruht keineswegs lediglich auf einer Vermutung. Vielmehr wird diese Erklärung in zuverlässigen Überlieferungen gegeben. Aḥmad in seinem Musnad, al-Buḫārī, Muslim, at-Tirmiḏī, an-Nasāʾī, Ibn Abī Ṭabarānī, al-Bayhaqī und andere Hadith-Gelehrte überliefern über verschiedene Überlieferungswege von ʿAbdullāh ibn ʿAbbās (ra), dass der Gesandte (s), als der Qurʾān auf ihn herabgesandt wurde, aus Angst, ihn zu vergessen, die Worte der Offenbarung gemeinsam mit Ǧibrīl (a) wiederholte. Daraufhin wurde gesagt: ………..
لَا تُحَرِّكْ بِهِ لِسَانَكَ لِتَعْجَلَ بِهِ (16) إِنَّ عَلَيْنَا جَمْعَهُ وَقُرْآنَهُ (17) فَإِذَا قَرَأْنَاهُ فَاتَّبِعْ قُرْآنَهُ (18) ثُمَّ إِنَّ عَلَيْنَا بَيَانَهُ
Dasselbe wird auch von asch-Schaʿbī, Ibn Zaid, aḍ-Ḍaḥḥāk, al-Ḥasan al-Baṣrī, Qatāda, Mudschāhid und anderen bekannten Hadith-Gelehrten überliefert. ]
Auch in der Sure al-Aʿlā wurde dem Propheten (s) die Zusicherung gegeben: „Wir werden dich vortragen lassen, und danach wirst du es nicht vergessen.“ [Al-Ḥākim überliefert von Saʿd ibn Abī Waqqāṣ (ra), und Ibn Muʿāwiya überliefert von ʿAbdullāh ibn ʿAbbās (ra), dass der Gesandte Allahs (s) die Worte des Qurʾān aus Angst, sie zu vergessen, wiederholte. Mudschāhid und al-Kalbī sagen: Kaum hatte Ǧibrīl (a) die Offenbarung vorgetragen und sich entfernt, begann der Gesandte (s) aus Angst, sie zu vergessen, den Anfang zu wiederholen. Deshalb versicherte Allah, der Erhabene, dem Propheten (s): Während der Offenbarung wirst du schweigend zuhören. Wir werden sie dir vortragen lassen, und sie wird dir zur Erinnerung im Gedächtnis bleiben. Du brauchst nicht zu befürchten, eines ihrer Worte zu vergessen.]
سَنُقْرِئُكَ فَلَا تَنْسَى
Später, als der Prophet Erfahrung im Empfang der Botschaften der Offenbarung gewonnen hatte, trat ein solcher Zustand nicht mehr auf. Deshalb finden wir in den späteren Suren keine derartigen Warnungen mehr.
Drei Jahre der geheimen Verkündigung
Gemäß der Weisheit, die Allah, der Erhabene, Seinem Propheten lehrte, damit er die Botschaft der Gesandtschaft übermittelte, begann er nicht sofort, seine Prophetenschaft öffentlich bekannt zu geben und die Menschen allgemein zur Religion einzuladen. Vielmehr verkündete er während der ersten drei Jahre den Islam vor allem solchen bedeutenden Persönlichkeiten, die bereit waren, aufgrund von Beweisen und durch Verständnis den Tauhid anzunehmen und den Schirk zu meiden. Zugleich wandte er sich an Menschen, von denen man erwarten konnte, dass sie die Geheimhaltung wahren würden, solange er nicht auf Allahs, des Erhabenen, Befehl hin beschloss, seine Einladung zu Allah öffentlich und vor der Allgemeinheit zu verkünden. In dieser Hinsicht war der Einfluss von Hadhrat Abu Bakr (r.a.) – sein eigentlicher Name war Abdullah ibn Uthman. Doch seine Kunya Abu Bakr wurde so berühmt, dass sein eigentlicher Name in Vergessenheit geriet. Zamachschari sagt, man habe ihn Abu Bakr genannt, weil er hinsichtlich seiner reinen und tugendhaften Wesensart allen anderen voraus war. Dieser Name war bereits im Zeitalter der Dschahiliyya berühmt – der Verfasser – am wirksamsten. Tabari und Ibn Hischam nennen als Grund dafür, dass er ein äußerst geselliger und entgegenkommender Mensch gewesen sei und wegen seiner Eigenschaften bei seinen Stammesangehörigen sehr beliebt war. Niemand unter den Quraisch kannte die Stammbäume besser als er. Auch wusste niemand besser als er, wer gut und wer schlecht war und welche Eigenschaften jeder Einzelne besaß. Er war Kaufmann und für sein gutes Benehmen bekannt. Seine Stammesangehörigen suchten ihn wegen seiner Klugheit, seines Geschäfts und seines guten Benehmens häufig auf und saßen bei ihm. Diese Gelegenheit nutzte er, um denjenigen, denen er vertraute, die Einladung zum Islam zu überbringen. Unter seinem Einfluss nahm eine große Zahl von Menschen den Islam an. Danach suchten alle, die Muslime geworden waren, in ihrem Freundeskreis nach guten Menschen und verbreiteten unter ihnen den Islam. Zu jener Zeit verrichteten die Muslime in den menschenleeren Randgebieten Mekkas heimlich das Gebet, damit niemand bemerkte, dass sie ihre Religion gewechselt hatten.
Errichtung eines Zentrums für die Verkündigung und von Versammlungen im Haus von Dar al-Arqam
Nach zweieinhalb Jahren, kaum war einige Zeit vergangen, ereignete sich ein Vorfall, der die Befürchtung weckte, dass es vorzeitig zu einem Zusammenstoß mit den ungläubigen Mekkanern kommen könnte.
Ibn Ishaq berichtet, dass die Muslime eines Tages auf einer Ebene bei Mekka das Gebet verrichteten. Da bemerkte sie eine Gruppe von Götzendienern und begann, sie als Abtrünnige zu beschimpfen. Im Verlauf des Wortwechsels drohte ein Kampf auszubrechen. Hadhrat Saʿd ibn Abi Waqqas (r.a.) warf einem von ihnen einen Kamelknochen entgegen und spaltete ihm den Kopf. Ibn Dscharir und Ibn Hischam haben diesen Vorfall kurz geschildert. Al-Hakim al-Umari jedoch hat in seinem Werk über die Maghazi einen ausführlichen Bericht darüber aufgezeichnet. Er sagt, der Mann, dessen Kopf gespalten wurde, sei Abdullah ibn Khatal aus den Banu Taim gewesen. Daraufhin machte der Prophet (s.a.w.) unverzüglich das Haus von Hadhrat Arqam ibn Abi al-Arqam nahe Safa zu einem Zentrum für Versammlungen sowie für die Einladung zum Islam und die Verkündigung. So konnten die Menschen dort zusammenkommen und beten, und diejenigen, die weiterhin heimlich Muslime wurden, konnten ebenfalls dorthin kommen. In der Geschichte des Islam erlangte dieses Dar al-Arqam bleibenden Ruhm. Auch nachdem die dreijährige Zeit der geheimen Einladung vorüber war und die Einladung unter der Allgemeinheit öffentlich begonnen hatte, blieb es das Zentrum der Muslime. Der Prophet (s.a.w.) hielt sich hier auf. Die Muslime kamen hierher, um sich mit ihm zu treffen. Bis zur Gefangenschaft im Tal von Abu Talib war dies das Zentrum der islamischen Verkündigung.
Das Ergebnis der dreijährigen geheimen Einladung
Bevor wir die Zeit der öffentlichen islamischen Einladung erörtern, sollten wir sehen, wie viel in diesen drei Jahren erreicht wurde: Wer aus welchen Stämmen der Quraisch Muslim geworden war und wie viele Menschen aus den Reihen der Quraisch, wie viele Mawali, Sklaven und Sklavinnen den Islam angenommen hatten. Im Folgenden wird eine entsprechende Liste vorgelegt. Diese Arbeit konnte erst nach großen Anstrengungen und umfangreichen Nachforschungen vollbracht werden, denn eine vollständige Liste findet sich nirgendwo an einer einzigen Stelle.
Der Stamm der Banu Haschim
1. Jaʿfar ibn Abī Tālib
2. Seine Ehefrau Asmāʾ bint ʿUmays al-Chaschʿamiyya (diese Frau gehörte nicht zum Stamm der Quraisch)
3. Safiyya (r.a.), Tochter von ʿAbd al-Muttalib [die väterliche Tante des Propheten und Mutter von Ḥazrat az-Zubair (r.a.)]
4. ʿArwā (r.a.), Tochter von ʿAbd al-Muttalib [Mutter von Ṭulaib ibn ʿUmair (r.a.) und väterliche Tante des Ehrwürdigen]
Der Stamm Banū al-Muṭṭalib
5. Umaida (r.a.), Tochter von al-Ḥārith ibn al-Muṭṭalib.
Der Stamm Banū ʿAbd Schams ibn ʿAbd Manāf
6. Abū Ḥudhaifa (r.a.), Sohn von ʿUtba ibn Rabīʿa
7. Seine Ehefrau Sahla (r.a.), Tochter des Suhail ibn Amr
Stamm der Banū Umayya
8. Uthman (r.a.), Sohn des Affan
9. Seine Mutter Arwa (r.a.), Tochter des Qurayz
10. Khalid (r.a.), Sohn des Saʿid ibn al-As ibn Umayya
11. Seine Ehefrau Umayma (r.a.), Tochter des Khalaf al-Khuzaʿi (Manche nennen sie auch Umayna.)
12. Umm Habiba (r.a.), Tochter des Abu Sufyan (Zunächst war sie mit Umayta ibn Jahsh verheiratet, später erlangte sie die Würde der Mutter der Gläubigen.)
Verbündete des Stammes Banū Umayya (durch ein Bündnis mit den Banū Umayya verbunden).
13. Abdullah bin Jahsch
14. Abu Ahmad bin Jahsch
15. Ubaidullah bin Jahsch [Er wanderte gemeinsam mit seiner Ehefrau Hazrat Umm Habiba nach Abessinien aus. Dort nahm er das Christentum an und starb. – Der Verfasser.]
Diese drei stammten von den Banu Ghanam bin Dudan ab. Sie waren Söhne von Imama bint Abd al-Muttalib, der väterlichen Tante des Huzur (r.a.), und Brüder der Umm al-Mu’minin Hazrat Zaynab.]
Der Stamm der Banu Taim
16. Asma bint Abi Bakr (r.a.)
17. Umm Ruman (r.a.) [Ehefrau von Hazrat Abu Bakr (r.a.) und Mutter von Hazrat Aisha (r.a.) sowie Hazrat Abd ar-Rahman bin Abu Bakr (r.a.).]
18. Talha (r.a.) bin Ubaidullah
19. Seine Mutter war Saʿba (r.a.), die Tochter von al-Hadramī.
20. al-Hārith (r.a.) ibn Khālid
Ein durch ein Bündnis mit den Banū Taym verbundener Stamm
21. Suhayb (r.a.) ibn Sinān ar-Rūmī
Der Stamm der Banū Asad ibn ʿAbd al-ʿUzzā
22. az-Zubayr (r.a.) ibn al-ʿAwwām (der Neffe Hazrat Khadīǧas und der Cousin des Gesandten (s.a.w.).
23. Khālid (r.a.) ibn Ḥizām (der Bruder von Ḥakīm ibn Ḥizām und der Neffe Hazrat Khadīǧas (r.a.)).
24. al-Aswad (r.a.) ibn Nawfal
25. Amr bin Umayya
Stamm der Banu Abd al-Uzza bin Qusayy
26. Yazid bin Zama’a bin al-Aswad (r.a.)
Stamm der Banu Zuhra
27. Abd ar-Rahman bin Auf (r.a.)
28. Seine Mutter Schifa bint Auf (r.a.)
29. Sa’d bin Abi Waqqas (r.a.). Abu Waqqas’ eigentlicher Name war Malik bin Usaib.
30. Sein Bruder Umair bin Abi Waqqas (r.a.).
31. Sein Bruder Amir (r.a.), Sohn des Abi Waqqas
32. al-Muttalib (r.a.), Sohn des Azhar (Cousin von Abd ar-Rahman ibn Auf)
33. Seine Ehefrau Ramla (r.a.), Tochter des Abi Auf al-Sahmiya
34. Tulaib (r.a.), Sohn des Azhar
35. Abdullah (r.a.), Sohn des Schihab.
Stämme, die durch ein Freundschaftsbündnis mit den Banu Zuhra verbunden waren
36. Abdullah (r.a.), Sohn des Masud. Er gehörte zum Stamm der Hudhail und war durch ein Freundschaftsbündnis mit den Banu Zuhra von Mekka verbunden.
37. Utba (r.a.), Sohn des Masud (Bruder von Abdullah ibn Masud)
38. Miqdad (ra) ibn Amr al-Kindi
39. Khabbab (ra) ibn al-Aratt
40. Shurahbil (ra) Hasanat al-Kindi
41. Jabir (ra) ibn Hasanat (Bruder von Shurahbil)
42. Junada (ra) ibn Hasanat (ebenso)
Der Stamm der Banu Adi
43. Sa’id (ra) ibn Zayd ibn Amr ibn Nufayl (väterlicher Cousin und Schwager von Hazrat Umar (ra))
44. Seine Ehefrau Fatima (ra) bint al-Khattab (Schwester von Hazrat Umar (ra))
45. Zaid (r.a.) ibn Khattab (der ältere Bruder von Hazrat Umar)
46. Amir (r.a.) ibn Rabia al-Anzi (Khattab hatte ihn als Sohn angenommen.)
47. Seine Ehefrau Layla (r.a.), Tochter des Abu Hasma
48. Ma’mar (r.a.) ibn Abdullah ibn Nadla
49. Nu’aim (r.a.) ibn Abdullah ibn al-Lakhkham.
50. Adi (r.a.) ibn Nadla
51. Urwa (r.a.) ibn Abi Usas (der Halbbruder von Amr ibn al-As)
52. Ma’us (r.a.) ibn Sa’id ibn Haritha ibn Nadla.
Ein Stamm, der durch ein Freundschaftsbündnis mit den Banū ʿAdī verbunden war.
53. Wāqid ibn ʿAbdullāh (Khattāb nahm ihn als Sohn an).
54. Chālid ibn Bukair ibn ʿAbd Yalīl al-Laitī
55. Iyās (r.a.), ibn Bukair ibn ʿAbd Yalīs al-Laitī
56. Iyās (r.a.), ibn Bukair ibn ʿAbd Yalīs al-Laitī
56. ʿĀmir (r.a.)
57. ʿAqīl (r.a.)
Der Stamm Banū ʿAbd ad-Dār
58. Mus’ab (ra), Sohn des Umair
59. Sein Bruder Abu Rum (ra), Sohn des Umair
60. Firās (ra), Sohn des an-Nadr
61. Jahm (ra), Sohn des Qais
62. Uthmān (ra), Sohn des Maz’ūn
63. Sein Bruder Qudāma (ra), Sohn des Maz’ūn
64. Sein Bruder Abdullāh (ra), Sohn des Maz’ūn
65. Sā’ib ibn Uthmān (ra), Sohn des Maz’ūn
66. Ma’mar (r.a.) bin al-Harith bin Ma’mar
67. Sein Bruder Hatib (r.a.) bin al-Harith
68. Seine Ehefrau Fatima, Tochter des Mujallil al-Amiriyya
69. Ma’mars Bruder Hattab (r.a.) bin al-Harith
70. Seine Ehefrau Fukaia, Tochter des Yasaar
71. Sufyan bin Ma’mar (r.a.)
72. Nubaina (r.a.) bin Osman
Stamm der Banu Sahm
73. Abdullah (r.a.) bin Huzafa
74. Khunais (r.a.) bin Huzafa (Schwiegersohn von Hazrat Umar (r.a.). Erster Ehemann von Hazrat Hafsa (r.a.), der Mutter der Gläubigen.
75. Hischam (r.a.) bin al-Asa bin Wa’il
76. Harith (r.a.) bin Qais
77. Sein Sohn Baschir bin Harith (r.a.)
78. Sein zweiter Sohn Ma’mar bin Harith (r.a.)
79. Qais (r.a.) bin Huzafa (Bruder von Abdullah bin Huzafa)
80. Abu Qais (r.a.) bin al-Harith
81. Abdullah (ra) bin al-Harith
82. Sa’ib (ra), ebenso
83. Hajjaj (ra), ebenso
84. Bishar (ra), ebenso
85. Sa’id (ra), ebenso
Verbündeter Stamm der Banū Sahm
86. Umay (ra) bin Riyab
87. Mahmiya (ra) bin al-Dschazu [der Halbbruder von Umm al-Fadl (ra), der Ehefrau von Hadhrat Abbas (ra).]
Stamm der Banū Machzūm
88. Abū Salama (ʿAbdullāh ibn ʿAbd al-Asad (r.a.), ein Cousin väterlicherseits und Pflegebruder des Propheten (s.a.w.s.) sowie der erste Ehemann der Mutter der Gläubigen, Umm Salama (r.a.).]
89. Seine Frau Umm Salama (r.a.) (sie und ihr Ehemann Abū Salama waren nahe Verwandte Abū Dschahls.)
90. al-Arqam (r.a.) ibn Abī al-Arqam (dessen Dār al-Arqam bereits zuvor erwähnt wurde.)]
91. ʿAyyāsch (r.a.) ibn Abī Rabīʿa (der Halbbruder Abū Dschahls und Cousin von Hazrat Chālid ibn al-Walīd).
92. Seine Frau Asmāʾ (r.a.), die Tochter Salama at-Tamīmiyyas.
93. al-Walīd (r.a.) ibn al-Walīd ibn al-Mughīra.
94. Hischām (r.a.) ibn Abī Hudhaifa
95. Salma (ra), Sohn des Hischam
96. Haschim (ra), Sohn des Abi Hudhaifa
97. Habbar (ra), Sohn des Sufyan
98. Sein Bruder Abdullah ibn Sufyan
Der verbündete Stamm der Banu Machzum
99. Yasir (ra) (der Vater von Ammar ibn Yasir).
100. Ammar ibn Yasir (ra).
101. Sein Bruder Abdullah ibn Yasir (ra).
Stamm der Banū ʿĀmir ibn Luḥai
102. Abū Ḥabra (ra), Sohn des Abū Ruʿaim (Sohn von Barra (ra), der Tochter ʿAbd al-Muṭṭalibs, der väterlichen Tante des Gesandten).
103. Seine Ehefrau Umm Kulthūm (ra), Tochter des Suhail ibn ʿAmr. (Schwester von Abū Jandal (ra).
104. ʿAbdullāh (ra), Sohn des Sahīl ibn ʿAmr.
105. Ḥāṭib (ra), Sohn des ʿAmr (Bruder des Suhail ibn ʿAmr).
106. Salīṭ (ra), Sohn des ʿAmr.
107. Sakrān (ra), Sohn des ʿAmr (Bruder des Suhail ibn ʿAmr. Er war der erste Ehemann der Umm al-Muʾminīn Sawda (ra), Tochter des Zamʿa).
108. Seine Ehefrau Sawda (ra), Tochter des Zamʿa (nach Sakrāns Tod wurde ihr die Ehre zuteil, Umm al-Muʾminīn zu werden).
109. Salīt ibn ʿAmr: seine Frau Yaqāza (r.a.), Tochter des ʿAlqama (in al-Iṣāba wird sie Umm Yaqāza genannt, während Ibn Saʿd sie Fāṭima, Tochter des ʿAlqama, nennt).
110. Mālik ibn Zamʿa (r.a.), der Bruder von Sawda (r.a.).
111. Ibn Umm Maktūm (r.a.).
Der Stamm der Banū Fihr ibn Mālik
112a. Abū ʿUbayda (r.a.) ibn al-Jarrāḥ
113. Sahīl (r.a.) ibn Bayḍāʾ
114. Saʿīd (r.a.) ibn Qays
115. ʿAmr (r.a.) ibn al-Ḥārith ibn Zuhayr
116. Uthman (r.a.), Sohn des Abd Ghanam ibn Zuhair (mütterlicher Cousin von Abd ar-Rahman ibn Auf (r.a.)).
117. al-Harith (r.a.), Sohn des Sa’id
Der Stamm der Banu Abd Qusay
118. Tushaib (r.a.), Sohn des Umair (Sohn von Arwa bint Abd al-Muttalib, der Tante väterlicherseits des Propheten). Die Angehörigen dieses Stammes standen mit den vornehmen Familien der Quraisch in Verbindung. Außerdem besaßen sie eine große Zahl von Sklaven und Sklavinnen. Infolge der drei Jahre geheimen Aufrufs zum Islam nahmen sie den Islam an. Ihre Namen sind wie folgt:
119. Umm Aiman Baraka (r.a.), Tochter des Tha’laba, die den Propheten seit seiner Kindheit auf ihrem Schoß aufzog.
120. Zinnira ar-Rumiyya (r.a.) (eine freigelassene Sklavin des Amr ibn al-Mu’ammil).
121. Bilal (r.a.), Sohn des Rabah.
122. Seine Mutter Hamama (r.a.)
123. Abu Fukaiha (r.a.), Sohn des Yasar al-Dschuhami (freigelassener Sklave von Safwan bin Umaiya)
124. Labiba (r.a.) (Sklavin von Muʿammal bin Habib).
125. Umm Umais (r.a.) (Sklavin der Banu Tamim bin Munra oder der Banu Zuhra. Die erste Ansicht stammt von Zubair bin Bakkar, die zweite von al-Baladhuri).
126. Amir bin Fuhaira (Sklave von Tufail bin Abdullah).
127. Sumayya (r.a.) (Mutter von Ammar bin Yasir und Sklavin von Abu Hudhaifa bin al-Mughira al-Machzumi).
Die Namen derjenigen unter den Quraisch, die in der frühen Zeit in Mekka den Islam annahmen, werden im Folgenden genannt:
128. Mihdschan (r.a.), Sohn des al-Adra al-Aslami.
129. Masʿud (r.a.), Sohn des Rabia bin Amr. Er gehörte zum Stamm der Qara von den Banu al-Hun bin Chuzaima.
Wenn man zu den ersten vier Muslimen 129 weitere hinzuzählt, beläuft sich ihre Zahl auf einhundertdreiunddreißig (133). Noch bevor der Ehrwürdige (s.a.w.s.) begann, öffentlich zur Religion einzuladen, waren all diese glückseligen Menschen der Gemeinschaft der Muslime beigetreten.
[Abdul Bar hat in seinem Werk al-Istiʿab und Ibn Athir in Usd al-Ghaba geschrieben: „Es wird gesagt, dass Umm al-Fadl (r.a.), die Ehefrau von Hazrat Abbas (r.a.), die erste Frau war, die nach Hazrat Chadidscha (r.a.) Muslimin wurde.“ Wenn dies zutrifft, beträgt die Zahl dieser frühen Muslime 134. Der eigentliche Name dieser Frau war Lubaba bint al-Harith. Sie war die Schwester der Mutter der Gläubigen, Hazrat Maymuna (r.a.), die Tante von Hazrat Khalid ibn al-Walid (r.a.) und die Halbschwester von Asma bint Umais, der Ehefrau von Hazrat Dschafar ibn Abi Talib (r.a.). Wir haben ihren Namen deshalb nicht in diese Liste aufgenommen, weil die Aussage „es wird gesagt“ beziehungsweise „es heißt“ nur in schwacher Überlieferungsform angeführt wurde – der Verfasser]
Sie waren Menschen von gesundem Verstand und unverfälschter Natur. Allein durch vernünftige Beweise und gegenseitiges Verständnis erkannten sie die Schädlichkeit des Schirk, akzeptierten die Wahrheit des Tauhid, bekannten Muhammad, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, als Allahs Gesandten, betrachteten den Qur’an als Allahs Wort und als Quelle der Rechtleitung für sich selbst und nahmen das Leben im Jenseits als unumstößliche Wahrheit an. Nachdem eine solche Zahl aufrichtiger und religiös verständiger Mitarbeiter herangebildet worden war, begann der Ehrwürdige (s.a.w.s.) auf Anweisung Allahs, öffentlich zur Botschaft des Islam einzuladen. (****21)
Hinweise
1. Rasail und Masail – erster Band, S. 29
2. Erweiterung durch den Verfasser
3. Tafhim al-Qur’an – Einführung in die Sure al-Alaq
4. Ebenda – Alam Nashrah, Anmerkung 2
5. Ebd. – asch-Schura, Anmerkung 83
6. Ebd. – Einführung zur Sure al-Alaq
7. Ebd., Einführung zur Sure al-Alaq
8. Rasā’il wa Masā’il, Band 3, S. 232
9. Ebd., ebd., S. 229–232
10. Tafhīm al-Qur’an – al-Qasas, Anmerkung 109
11. Ebd., Einführung zur Sure al-Muddaththir
12. Ebd., al-Alaq, Anmerkungen 1–6
13. Ergänzung durch den Verfasser
14. Tafhim-ul-Qur’an – al-Qadr, Anmerkung 1
15. Ergänzung durch den Verfasser
16. Tafhim-ul-Qur’an – Einführung in die Sure al-Muddaththir
17. Ergänzung durch den Verfasser
18. Tafhim-ul-Qur’an, Anmerkung 11 zu al-Qiyama
19. Ebenda – al-A‘la, Anmerkung 7
20. Ebenda: Ta-Ha, Anmerkung; al-Qiyama 11, al-A‘la 7
21. Erweiterung durch den Verfasser.
Fünftes Kapitel
Welche Anleitung dem Propheten (s) für die Daʿwa gegeben wurde
Wir haben den Verlauf der ersten drei Jahre der geheimen Tabligh dargelegt. Bevor wir nun die Geschichte der zehnjährigen mekkanischen Periode der öffentlichen Daʿwa schildern, halte ich es für notwendig, zwei Dinge klar darzulegen. Dadurch wird es möglich sein, die späteren Ereignisse besser zu verstehen.
Das erste ist: Welche Anleitung war dem Propheten (s) für die Erfüllung seiner Aufgabe des Prophetenamtes gegeben worden, die so wirkungsvoll war, dass sie die Herzen der Menschen gewann, ihre innere Verworfenheit beseitigte und ein unzivilisiertes, barbarisches Volk völlig veränderte?
Das zweite ist: Was war das eigentliche Wesen der islamischen Daʿwa, dass sich gegen den Propheten (s) ein solcher Sturm des Widerstands erhob, wie er sich in Arabien niemals gegen diejenigen erhoben hatte, die lediglich den Schirk ablehnten und den Tauhid annahmen? Doch mit welcher Entschlossenheit wurde diese Daʿwa vorgetragen, dass sie die Bannerträger der Dschahiliya letztlich hilflos und machtlos machte?
In diesem Kapitel werden wir das erste Thema erörtern und das zweite im folgenden Kapitel. (1****)
Kurze Darstellung der frühen Daʿwa
Allah, der Erhabene, erwählte in Mekka, der berühmten zentralen Stadt Arabiens, einen Seiner Diener, Muhammad, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, für das prophetische Amt und wies ihn an, die Tätigkeit der Einladung in seiner eigenen Stadt und unter seinem eigenen Stamm zu beginnen. Die für den Beginn dieser Aufgabe zunächst erforderlichen Weisungen wurden ihm erteilt; sie bezogen sich auf drei Dinge.
Erstens: den Propheten darin zu unterweisen, wie er sich selbst für diese gewaltige Aufgabe vorbereiten und nach welcher Methode er wirken sollte.
Zweitens: eine grundlegende Kenntnis vom Wesen der Wirklichkeit sowie die Widerlegung jener falschen Vorstellungen über die eigentliche Wahrheit, die unter den Menschen in seiner Umgebung verbreitet waren und deren Verhalten fehlerhaft machten.
Drittens: der Aufruf zu richtigem Verhalten und die Darlegung jener grundlegenden moralischen Prinzipien der göttlichen Rechtleitung, durch deren Befolgung die Menschen Wohlergehen und Glück erlangen können.
In der Anfangszeit wurden diese Botschaften in kurzen, knappen Worten übermittelt. Die Sprache war äußerst kultiviert und geschmackvoll, wohlklingend und zu Herzen gehend. Zu den Angesprochenen sprach man in einer ihrem Geschmack entsprechenden literarischen Sprache, damit die Worte tief in ihr Herz eindringen, ihre Ohren durch den Wohlklang und die Anmut der Rede gefesselt werden und sie sie wegen ihrer Geschlossenheit und Ausgewogenheit spontan immer wieder aufsagen würden. Außerdem wurde in diesen Worten und Erörterungen sehr häufig auf die örtlichen Verhältnisse und Umstände Bezug genommen. Zwar wurde eine universale Wahrheit verkündet, doch wurden dafür Beweise, Argumente, Zeugnisse und Beispiele aus der nächstliegenden Umgebung angeführt, mit der die angesprochenen Menschen eng vertraut waren. Es wurde über ihre eigene Geschichte und Überlieferung, die von ihnen täglich beobachteten Denkmäler und Ruinen sowie über ihre eigenen Glaubensvorstellungen, ihren moralischen und sozialen Verfall gesprochen, damit sie daraus Lehren ziehen konnten.
Diese Anfangsphase der Einladung dauerte etwa vier bis fünf Jahre, wobei die ersten drei Jahre die Phase der geheimen Bewegung waren. In dieser Zeit zeigte sich die Reaktion auf die Einladung und Verkündigung des Propheten, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, in drei Formen.
(1) Einige rechtschaffene Menschen nahmen diese Einladung an und bereiteten sich darauf vor, Mitglieder der muslimischen Umma zu werden.
(2) Eine große Zahl von Menschen trat aus Unwissenheit und persönlichem Eigeninteresse oder aus Ehrfurcht und Liebe zur Religion ihrer Vorfahren zur Opposition an.
(3) Über die Grenzen Mekkas und der Quraisch hinaus dringt der Ruf dieser neuen Daʿwa in einen vergleichsweise größeren Wirkungskreis vor.
Von nun an beginnt die zweite Phase dieser Daʿwa. In dieser Phase setzt zwischen der islamischen Bewegung und der alten Dschāhilīya ein erbitterter Konflikt ein, der acht oder neun Jahre andauert. Nicht nur in Mekka und unter dem Stamm der Quraisch, sondern in den meisten Gebieten Arabiens waren diejenigen, die die alte Dschāhilīya bewahren wollten, entschlossen, diese Bewegung mit Gewalt zunichtezumachen. Zu diesem Zweck wandten sie jede Art von üblen Machenschaften an und verbreiteten falsche Propaganda; sie entfachten einen Sturm von Anschuldigungen, Zweifeln, Verdächtigungen, Fehlersuche und scharfer Kritik. Sie stifteten in den Herzen der einfachen Menschen allerlei Verwirrung und falsche Vorstellungen. Unbekannte Menschen wurden daran gehindert, die Worte des Propheten (s.a.s.) anzuhören. Diejenigen, die den Islam annahmen, wurden unmenschlicher Unterdrückung und Folter ausgesetzt. Die finanziellen und gesellschaftlichen Beziehungen zu ihnen wurden abgebrochen. Ihr Leben wurde derart unerträglich gemacht, dass sie zweimal gezwungen waren, ihre Häuser zu verlassen und nach Abessinien auszuwandern. Schließlich mussten sie alle ein drittes Mal nach Medina auswandern. Doch trotz solcher harten und immer neuen Hindernisse breitete sich diese Bewegung weiter aus. In Mekka gab es keine Familie und kein Haus, in dem nicht wenigstens eine Person den Islam angenommen hatte. Der Grund für die Härte und Bitterkeit im feindseligen Verhalten der meisten Gegner des Islam war, dass ihre eigenen Brüder, Neffen, Söhne, Töchter, Schwestern, Schwiegersöhne und andere nicht nur Anhänger der islamischen Daʿwa geworden waren, sondern sich zu ergebenen Helfern des Islam entwickelt hatten. Sogar ihre eigenen Blutsverwandten waren bereit, gegen sie zu kämpfen. Das Erstaunliche ist, dass diejenigen, die aus der tiefen Finsternis der alten Dschāhilīya herausgetreten waren und sich dieser neuen Bewegung angeschlossen hatten, schon zuvor zu den aufrichtigsten Menschen der Gesellschaft gehört hatten. Nachdem sie sich dieser Bewegung angeschlossen hatten, wurden sie zu Menschen von solcher Wahrhaftigkeit und sittlicher Reinheit, dass die Welt ihre Überlegenheit anerkennen musste: Eine Bewegung, die solche edlen Menschen anzog und sie zu solch großartigen Menschen machte.
Während dieses langen und harten Konflikts ließ Allah, dem jeweiligen Anlass und Bedarf entsprechend, derart eindringliche Ansprachen herabkommen, in denen gleichsam der Strom eines Flusses, die Kraft einer Flut und die Wirkung eines gewaltigen Feuers lagen. In diesen Ansprachen wurden einerseits den Gläubigen ihre grundlegenden Pflichten und Aufgaben dargelegt und in ihnen das Bewusstsein für ein Leben in Gemeinschaft geweckt. Sie wurden zu Taqwā, vornehmer Charakterhaltung und einem reinen Leben erzogen. Ihnen wurde die Methode zur Verbreitung der Religion der Wahrheit dargelegt. Durch das Versprechen des Erfolgs und die frohe Botschaft vom Paradies wurde ihnen Mut eingeflößt. Sie wurden dazu angespornt, mit Geduld, Standhaftigkeit und großem Eifer und Enthusiasmus auf Allahs Weg zu kämpfen. In ihnen wurde ein solcher Eifer und eine solche Begeisterung dafür geweckt, ihr Leben hinzugeben, dass sie bereit waren, jeder Gefahr entgegenzutreten und dem gewaltigen Sturm der Feindschaft zu widerstehen.
Andererseits wurden die Gegner, die den Weg der Wahrheit zurückwiesen und achtlos ihr Leben verbrachten, vor dem Schicksal jener Völker gewarnt, deren Geschichte ihnen bekannt war. Sie wurden aufgefordert, aus den Ruinen jener untergegangenen Siedlungen zu lernen, an denen sie auf ihren Reisen bei Tag und Nacht vorbeikamen. Anhand solcher eindeutigen Zeichen, die Tag und Nacht am Himmel und auf der Erde vor ihren Augen erschienen, wurden Beweise für den Tauḥīd und das Jenseits vorgetragen. Diese Zeichen sahen und empfanden sie sogar in ihrem eigenen Leben in jeder Hinsicht. Die Irrtümer des Schirk, der Willkürherrschaft, des Unglaubens an das Jenseits und der blinden Verehrung der Nachahmung ihrer Vorfahren wurden ihnen mit klaren Argumenten dargelegt, die tief in ihre Herzen eindrangen. Jeder einzelne ihrer Zweifel und Verdächtigungen wurde ausgeräumt, jede einzelne Anschuldigung wurde gerecht beantwortet. Jede Verwirrung, unter der sie litten oder die unter anderen hervorgerufen wurde, wurde beseitigt. Die Dschāhilīya wurde als derart inhaltsleer erwiesen, dass sie in der Welt des Verstandes und des Gewissens keinen Platz mehr hatte. Zugleich wurden ihnen Allahs Zorn, die furchtbaren Zustände am Tag der Auferstehung und die Strafe der Hölle vor Augen geführt. Wegen ihres schlechten Charakters, ihrer irrigen Lebensweise, ihrer dschāhilitischen Bräuche, ihres Widerstands gegen die Wahrheit und ihrer Quälerei der Gläubigen wurden sie getadelt. Ihnen wurden jene grundlegenden Prinzipien von Ethik, Moral und Zivilisation vorgelegt, auf deren Grundlage seit jeher die von Allah auserwählte, aufrichtige und gerechte Zivilisation begründet worden ist.
Diese Phase hatte verschiedene Stufen, und auf jeder Stufe wurde die Daʿwa umfassender. Der Kampf und die Hindernisse wurden immer härter. Die Muslime traten Menschen mit unterschiedlichen Glaubensüberzeugungen und Verhaltensweisen gegenüber, und entsprechend nahm auch die Vielfalt der Inhalte in den von Allah kommenden Botschaften immer mehr zu. (*****2)
Wenn man über die ausführliche Rechtleitung nachdenkt, die dem Propheten (s.a.s.) zur Erfüllung dieser gewaltigen Aufgabe der islamischen Daʿwa gegeben wurde, kann man leicht verstehen, welche gewaltige moralische Kraft in der Zeit des erbitterten Widerstands in Mekka den Weg für das Vorrücken der islamischen Verkündigung ebnete und welche wirksame Lehre und Verkündigung die von ihr beeinflussten Menschen dazu anspornte, auf Allahs Weg mit allen Kräften in den Kampf einzutreten und jede Gefahr und jedes Unglück auf sich zu nehmen. Im Folgenden beschreiben wir diese Anweisungen einzeln.
Auf Weisheit und Ermahnung bei der Daʿwa achten
ادْعُ إِلَى سَبِيلِ رَبِّكَ بِالْحِكْمَةِ وَالْمَوْعِظَةِ الْحَسَنَةِ
O Prophet, rufe auf dem Weg deines Herrn mit Weisheit und vortrefflicher Ermahnung (an-Nahl: 125). Weisheit bedeutet, dass man nicht wie ein Unverständiger unterschiedslos die Botschaft verkündet, sondern nach einem verständigen Erfassen der geistigen Haltung, der Fähigkeiten und der Lage des Angesprochenen zur passenden Gelegenheit spricht. Man darf nicht mit Menschen aller Art in derselben Ausdrucksweise sprechen und diskutieren. Bei der Person oder Gruppe, der man die Botschaft vermitteln will, muss man zunächst ihre Krankheit diagnostizieren. Danach muss man diese Krankheit mit solchen Beweisen und Argumenten behandeln, dass sie die Krankheit aus den tiefsten Bereichen ihres Herzens vollständig beseitigen können.
Die vortreffliche Ermahnung hat zwei Bedeutungen. Die eine ist, dass es nicht genügt, den Angesprochenen allein durch Argumente und Beweise zu überzeugen. Vielmehr muss man auch an seine Gefühle appellieren. Sündhaftigkeit, Unrecht und Irregehen dürfen nicht nur durch Argumente widerlegt werden; vielmehr muss man seine Aufmerksamkeit auf den angeborenen Widerwillen lenken, der ihnen in der menschlichen Natur entgegengebracht wird. Man muss ihn vor den schrecklichen Folgen warnen. Es genügt nicht, die Wahrheit und die Vorzüge der Rechtleitung und der guten Taten lediglich durch Argumente zu beweisen; vielmehr muss man in ihm Zuneigung zu ihnen und das Verlangen danach wecken.
Die zweite Bedeutung ist, dass die Ermahnung in einer Weise erteilt werden muss, in der sich Anteilnahme und Wohlwollen zeigen. Der Angesprochene, also derjenige, dem die Ermahnung gilt, darf nicht den Eindruck gewinnen, man halte ihn für gering und unbedeutend und der Ratgeber erfreue sich am Gefühl seiner eigenen Überlegenheit. Vielmehr soll der Angesprochene spüren, dass im Herzen des Ratgebers eine sehnsüchtige Unruhe um seine Besserung besteht und dass dieser in Wahrheit nur sein Wohl wünscht.
Das Gespräch und die Erörterung dürfen nicht in einen Streitkampf oder einen Ringkampf des Verstandes ausarten. Unfaire Wortgefechte, gegenseitige Vorwürfe, verletzende Äußerungen, Spott und Hohn und dergleichen müssen vermieden werden. Es darf nicht das Ziel sein, den Gegner zum Schweigen zu bringen und die eigene Klugheit zur Schau zu stellen. Vielmehr sollen die Worte freundlich und angenehm sein, und der Charakter muss von höchster Erhabenheit und vornehmer Haltung geprägt sein. Die Argumente und Beweise sollen gerecht und überzeugend sein. Beim Angesprochenen dürfen weder Trotz noch ein Gefühl der eigenen Macht und Geltung noch Starrsinn hervorgerufen werden. Man muss versuchen, es ihm mit einfachen Worten verständlich zu machen. Wenn es den Anschein hat, dass er sich auf Spitzfindigkeiten einlässt, muss man ihn in diesem Zustand sich selbst überlassen, damit er sich nicht noch tiefer in die Irre verstrickt. (****৩)
Eine besonnene und geschmackvolle Methode für den Aufruf zur Wahrheit
وَقُلْ لِعِبَادِي يَقُولُوا الَّتِي هِيَ أَحْسَنُ إِنَّ الشَّيْطَانَ يَنْزَغُ بَيْنَهُمْ إِنَّ الشَّيْطَانَ كَانَ لِلْإِنْسَانِ عَدُوًّا مُبِينًا () رَبُّكُمْ أَعْلَمُ بِكُمْ إِنْ يَشَأْ يَرْحَمْكُمْ أَوْ إِنْ يَشَأْ يُعَذِّبْكُمْ وَمَا أَرْسَلْنَاكَ عَلَيْهِمْ وَكِيلًا
– Und, o Muhammad (s.a.s.), richte Meinen Dienern aus: Sie sollen das sagen, was am besten ist. Wahrlich, Satan ist es, der versucht, unter den Menschen Unfrieden zu stiften. In der Tat ist er der offenkundige Feind des Menschen. Euer Herr weiß sehr wohl über euren Zustand Bescheid. Wenn Er will, kann Er sich eurer erbarmen, und wenn Er will, kann Er euch bestrafen. Und, o Prophet, Wir haben dich nicht als ihren Hüter gesandt. (Bani Isra’il: 53–54)
Das bedeutet: Im Gespräch und in der Auseinandersetzung mit den Gläubigen, den ungläubigen Götzendienern und den Gegnern der Religion soll man keine grobe oder schroffe Sprache verwenden und nichts übertreiben. Ganz gleich, wie provozierend die Gegner auch sprechen mögen: Muslime dürfen niemals etwas sagen, das der Wahrheit widerspricht, und sie sollen im Zorn nicht törichte Worte mit törichten Worten beantworten. Vielmehr müssen sie ruhig und überlegt Worte wählen, die vollkommen wahr sind und mit der Würde des islamischen Aufrufs übereinstimmen.
Und wenn ihr jemals spürt, dass beim Beantworten der Worte der Gegner in euch das Feuer des Zorns brennt und sich in eurem Wesen eine extreme Erregung entwickelt, dann müsst ihr verstehen, dass Satan euch aufstachelt, damit die Arbeit des Aufrufs zur Religion zunichtegemacht wird. Sein Bestreben ist, dass auch ihr, wie die Gegner, die Arbeit der Reform und Verbesserung aufgebt und euch in eben jene Streitigkeiten und Auseinandersetzungen verstrickt, in die er die Menschheit verwickelt halten will.
Es ist nicht richtig, dass den Gläubigen die Worte über die Lippen kommen: „Wir gehören ins Paradies, und diese oder jene Person beziehungsweise Gruppe gehört in die Hölle.“ Das Urteil in dieser Angelegenheit steht allein Allah, dem Erhabenen, zu. Auch die Aufgabe des Propheten selbst besteht nur darin, den Aufruf zu überbringen. Ihm wurde nicht das Schicksal der Menschen in die Hand gelegt, sodass er für den einen Barmherzigkeit und für den anderen Bestrafung verkünden könnte. (****)
Die Stellung und Verantwortung des Da’i
قَدْ جَاءَكُمْ بَصَائِرُ مِنْ رَبِّكُمْ فَمَنْ أَبْصَرَ فَلِنَفْسِهِ وَمَنْ عَمِيَ فَعَلَيْهَا وَمَا أَنَا عَلَيْكُمْ بِحَفِيظٍ
– Siehe, von deinem Herrn ist das Licht der Erkenntnis zu dir gekommen. Wer diese Erkenntnis nutzt, dem wird es selbst zum Nutzen gereichen. Wer aber blind bleibt, der schadet nur sich selbst. Und Ich bin nicht euer Hüter. (Al-An’am: 104)
„Ich bin nicht euer Hüter“ – das bedeutet, dass meine Aufgabe nur darin besteht, euch jenes Licht vor Augen zu führen, das von eurem Herrn gekommen ist. Danach liegt es an euch, die Augen zu öffnen und es zu sehen oder nicht zu sehen. Mir ist nicht die Verantwortung übertragen worden, die Augen derer gewaltsam zu öffnen, die sie selbst verschlossen halten, und diejenigen, die nicht sehen wollen, mit Zwang zum Sehen zu bringen. (****5)
مَنْ يُصْرَفْ عَنْهُ يَوْمَئِذٍ فَقَدْ رَحِمَهُ وَذَلِكَ الْفَوْزُ الْمُبِينُ (16) وَإِنْ يَمْسَسْكَ اللَّهُ بِضُرٍّ فَلَا كَاشِفَ لَهُ إِلَّا هُوَ وَإِنْ يَمْسَسْكَ بِخَيْرٍ فَهُوَ عَلَى كُلِّ شَيْءٍ قَدِيرٌ
– O Prophet, folge der Offenbarung, die von deinem Herrn zu dir herabgesandt wurde. Es gibt keinen Gott außer Ihm. Und kümmere dich nicht um diese Götzendiener. Wenn Allah gewollt hätte, dass sie keinen Schirk begehen, hätten sie keinen Schirk begangen. Wir haben dich nicht zu ihrem Bewacher gemacht, und du bist nicht ihr Hüter. (Al-Anʿām: 16–17) Das bedeutet: Du bist zum Rufer und Verkünder gemacht worden, nicht zum Polizisten oder Polizeichef. Es ist nicht deine Aufgabe, ihnen nachzulaufen. Deine einzige Aufgabe besteht darin, dieses Licht den Menschen vor Augen zu führen und bei der klaren Darlegung der Wahrheit keine deiner Kräfte und Fähigkeiten ungenutzt zu lassen. Wenn jemand diese Wahrheit nicht annimmt, dann soll er sie eben nicht annehmen. Dir wurde für diese Aufgabe nicht befohlen, die Menschen unbedingt zu Anhängern der Wahrheit zu machen. Und wenn innerhalb des Bereichs deines Prophetentums jemand auf dem Weg des Falschen bleibt, musst du dafür ebenfalls keine Rechenschaft ablegen. Bemühe dich daher nicht unnötig und quäle dich nicht mit der Frage, wie man einen Blinden sehend machen oder wie man denen das Sehen ermöglichen kann, die ihre Augen nicht öffnen wollen. Wenn es tatsächlich Allahs Weisheit entspräche, dass auf der Welt niemand auf dem Weg des Falschen bleiben dürfte, warum hätte Allah dann diese Aufgabe durch dich übernehmen lassen? Hätte Er nicht durch einen einzigen schöpferischen Wink die gesamte Menschheit zu Anhängern der Wahrheit machen können? Doch das ist keineswegs der eigentliche Zweck. Der Zweck ist vielmehr, dass der Mensch die Freiheit besitzt, zwischen Wahrheit und Falschheit zu wählen. Dann wird ihm das Licht der Wahrheit vorgelegt, und er wird geprüft, was von den beiden er wählt. Daher besteht die richtige Vorgehensweise für dich darin, auf dem geraden Weg weiterzugehen, im Licht, das dir gezeigt wurde, und auch andere dazu aufzurufen. Diejenigen, die diesen Aufruf annehmen, sollst du zu den Deinen machen und dich niemals von ihnen trennen, ganz gleich, wie gering und unbedeutend sie in den Augen der Welt auch sein mögen. Denjenigen aber, die deinen Aufruf nicht annehmen, sollst du nicht nachlaufen. Lass diejenigen dorthin gehen, wohin sie selbst zu einem schlimmen Ende gehen wollen und entschlossen sind zu gehen. (****6)
Die einfache Methode der Verkündigung
وَنُيَسِّرُكَ لِلْيُسْرَى () فَذَكِّرْ إِنْ نَفَعَتِ الذِّكْرَى
– Und, o Prophet, Wir eröffnen dir den Weg der Erleichterung. Ermahne daher, wenn die Ermahnung Nutzen bringt – (Al-Aʿlā: 8–9).
Das heißt: O Prophet, Wir wollen dich bei der Verkündigung der Religion nicht in Schwierigkeiten bringen, indem du einem Tauben predigst und einem Blinden den Weg zeigst. Vielmehr eröffnen Wir dir den Weg der Erleichterung. Das bedeutet: Wenn du bemerkst, dass jemand bereit ist, eine Ermahnung anzunehmen und daraus Nutzen zu ziehen, dann ermahne ihn. Nun stellt sich die Frage: Wer ist bereit, daraus Nutzen zu ziehen, und wer ist es nicht? Gewiss, dies lässt sich erst durch die Verkündigung und Verbreitung unter der Allgemeinheit erkennen. Deshalb muss die Verkündigung unter den Menschen fortgesetzt werden. Ihr Zweck sollte jedoch darin bestehen, unter den Dienern Allahs diejenigen ausfindig zu machen, die diese Gelegenheit nutzen und den Weg der Wahrheit einschlagen werden. Diesen Menschen musst du besondere Aufmerksamkeit schenken und ihrer Ausbildung und Erziehung besondere Beachtung widmen. Du solltest deine Zeit nicht mit Menschen verschwenden und sie den anderen vorziehen, bei denen du die Erfahrung gemacht hast, dass sie deine Ermahnung nicht annehmen wollen. (****7)
Wem kommt nach islamischer Auffassung bei der Verkündigung die eigentliche Bedeutung zu?
وَلَا تَطْرُدِ الَّذِينَ يَدْعُونَ رَبَّهُمْ بِالْغَدَاةِ وَالْعَشِيِّ يُرِيدُونَ وَجْهَهُ مَا عَلَيْكَ مِنْ حِسَابِهِمْ مِنْ شَيْءٍ وَمَا مِنْ حِسَابِكَ عَلَيْهِمْ مِنْ شَيْءٍ فَتَطْرُدَهُمْ فَتَكُونَ مِنَ الظَّالِمِينَ
– Und, o Prophet, verstoße nicht diejenigen von dir, die ihren Herrn morgens und abends anrufen und Sein Wohlgefallen begehren. Du trägst keine Verantwortung für das, worüber sie Rechenschaft ablegen müssen, und sie tragen keine Verantwortung für das, worüber du Rechenschaft ablegen musst. Wenn du sie dennoch verstößt, gehörst du gewiss zu den Ungerechten. – (Al-Anʿām: 52).
Unter denen, die als Erste an den Gesandten Allahs (s) glaubten, waren viele äußerst arme und arbeitende Menschen. Zu den verschiedenen Vorwürfen, die die großen Anführer und wohlhabenden Männer der Quraisch gegen den Gesandten Allahs (s) erhoben, gehörte auch dieser: „Um dich herum haben sich all die Sklaven und Angehörigen der niedrigsten Schichten unserer Gesellschaft versammelt.“
Spöttisch sagten sie: „Sieh nur, was für ehrenvolle Gefährten er gefunden hat! Bilāl (rA), ʿAmmār (rA), Suhaib (rA), Chabbāb (rA). Hat Allah denn unter uns niemand anderen gefunden als gerade diese Leute, die man hätte auswählen können?“
Sie begnügten sich nicht damit, sich über die armen Menschen, die den Glauben angenommen hatten, lustig zu machen. Vielmehr erwähnten sie, wenn jemand von ihnen vor der Annahme des Glaubens irgendeine Schwäche gehabt hatte, diese und sagten: „Seht nur, dieser, der bis gestern noch so war, und jener, der dies und jenes getan hatte – heute gehören auch sie zur auserwählten und geehrten Gruppe.“ Tatsächlich wird ihre Äußerung im 53. Vers der Sure Al-Anʿām zitiert: „Sind das etwa diejenigen unter uns, denen Allah Seine Gunst und Seine Gnade erwiesen hat?“ In diesem Vers wird eben darauf geantwortet. Das bedeutet: Verstoße diejenigen, die in ihrem Verlangen nach der Wahrheit zu dir kommen, nicht um dieser vornehmen Männer willen. Auch wenn sie vor der Annahme des Islam Fehler begangen haben sollten, ist dir dafür keine Verantwortung auferlegt worden. (****8)
Die Begebenheit von Ibn Umm Maktūm
Eines Tages saßen einige einflussreiche Anführer von Mekka beim Gesandten Allahs (s), und der Prophet (s) versuchte, sie zur Annahme des Islam zu bewegen.
[In verschiedenen Überlieferungen werden die Namen derjenigen genannt, die damals beim Propheten (s) saßen. Auf dieser Liste finden sich die Namen erbitterter Feinde des Islam wie ʿUtba, Schaiba, Abū Dschahl, Umaiya ibn Chalaf und Ubayy ibn Chalaf. Daraus ist ersichtlich, dass sich dieses Ereignis zu einer Zeit ereignete, als der Gesandte Allahs (s) noch Umgang mit ihnen pflegte und die Auseinandersetzungen noch nicht einen solchen Grad erreicht hatten, dass ihr Kommen zu ihm und ihre Begegnungen mit ihm völlig aufgehört hätten. – (Der Verfasser).]
Zu dieser Zeit erschien ein blinder Mann namens Ibn Umm Maktūm beim Propheten und wollte ihn etwas über den Islam fragen. Sein Eingreifen missfiel dem Propheten, und er zeigte ihm gegenüber ein wenig Unmut. Aus diesem Anlass wurde diese Sure, ʿAbasa, von Allah, dem Erhabenen, herabgesandt.
عَبَسَ وَتَوَلَّى () أَنْ جَاءَهُ الْأَعْمَى
Er war ungehalten und wandte sich ab, weil der Blinde zu ihm kam (Abasa: 1–2).
Der äußeren Ausdrucksweise, mit der die Rede eingeleitet wird, zufolge könnte man meinen, dass in dieser Sure dem Propheten (s.a.w.s.) Missbilligung dafür ausgesprochen wurde, dass er den Blinden vernachlässigte und den großen Anführern besondere Aufmerksamkeit schenkte. Wenn man jedoch die gesamte Sure eingehend betrachtet, wird klar, dass sich die Missbilligung in Wirklichkeit gegen jene Anführer der Quraisch richtete, die aufgrund von Stolz, Hochmut, Starrsinn und ihrer Abkehr von der Wahrheit die Verkündigung der Wahrheit durch den Gesandten Allahs (s.a.w.s.) voller Verachtung zurückwiesen. Zugleich damit, dass dem Propheten (s.a.w.s.) der richtige Weg der Verkündigung gezeigt wurde, wurden ihm auch die Mängel der Methode verdeutlicht, die er zu Beginn seines Wirkens angewandt hatte. Er wandte sich dem Blinden nicht deshalb ab und schenkte den Anführern der Quraisch nicht deshalb seine Aufmerksamkeit, weil er die Reichen und Vornehmen ehrte und den Blinden für gering und unbedeutend hielt oder – Allah bewahre! – weil sich in seinem Wesen irgendeine Härte zeigte, wegen derer Allah, der Erhabene, ihn zur Rechenschaft zog. Vielmehr verhielt es sich in Wirklichkeit so: Wenn ein Daʿi (Aufrufer) seine Daʿwa beginnt, neigt er naturgemäß dazu, dass einflussreiche Menschen der Gesellschaft seine Daʿwa annehmen, damit die Aufgabe leichter wird. Andernfalls ist es ihm nicht sonderlich wichtig, wenn sich die Daʿwa unter gewöhnlichen, einflusslosen, unfähigen, untätigen oder schwachen Menschen ausbreitet. Zu Beginn der Daʿwa hatte auch der Gesandte Allahs (s.a.w.s.) im Wesentlichen diese Vorgehensweise gewählt. Ihn bewegten vollkommene Aufrichtigkeit und der Wunsch, die Verkündigung der Wahrheit zu verbreiten; der Gedanke, die Großen zu ehren und die Kleinen zu verachten, lag ihm fern. Doch Allah, der Erhabene, machte ihm verständlich, dass dies nicht die richtige Methode der islamischen Daʿwa ist. Aus der Sicht dieser Daʿwa besitzt vielmehr jeder Mensch Bedeutung, der nach der Wahrheit verlangt, ganz gleich, wie schwach, einflusslos oder untätig er auch sein mag. Dagegen besitzt ein Mensch, der sich von der Wahrheit abwendet, keinerlei Bedeutung, ganz gleich, wie einflussreich er in der Gesellschaft sein mag. Daher wird der Prophet (s.a.w.s.) gewiss öffentlich unter den Menschen die islamische Lehre verkünden. Doch diejenigen, die tatsächlich ein Recht auf seine Aufmerksamkeit haben, sind jene, in denen sich der Wunsch und das Bestreben zeigen, die Wahrheit anzunehmen. Die Würde der großartigen Daʿwa des Propheten wird beeinträchtigt, wenn seine Daʿwa Menschen vorgetragen wird, die so hochmütig sind, dass sie stolz meinen, nicht sie hätten es nötig, sondern er, der Prophet.
وَمَا يُدْرِيكَ لَعَلَّهُ يَزَّكَّى () أَوْ يَذَّكَّرُ فَتَنْفَعَهُ الذِّكْرَى () أَمَّا مَنِ اسْتَغْنَى () فَأَنْتَ لَهُ تَصَدَّى () وَمَا عَلَيْكَ أَلَّا يَزَّكَّى () وَأَمَّا مَنْ جَاءَكَ يَسْعَى () وَهُوَ يَخْشَى () فَأَنْتَ عَنْهُ تَلَهَّى () كَلَّا إِنَّهَا تَذْكِرَةٌ () فَمَنْ شَاءَ ذَكَرَهُ
– O Prophet (s.a.s.), woher solltest du wissen, vielleicht wird er sich läutern oder der Ermahnung Beachtung schenken, und die Ermahnung wird ihm nützen? Du wendest dich denen zu, die keinerlei Interesse zeigen. Doch welche Verantwortung obliegt dir, wenn sie sich nicht läutern? Und denjenigen, der von selbst zu dir geeilt kommt und voller Furcht ist, den weist du ab. Keineswegs! Dies ist eine Ermahnung. Wer will, der möge sie annehmen. (ʿAbasa: 3–12).
Dies ist die grundlegende, subtile Weisheit, die der Prophet (s.a.s.) hier bei der Verkündung des Din außer Acht gelassen hatte. Um dies verständlich zu machen, kritisierte Allah zunächst das Verhalten des Propheten (s.a.s.) gegenüber Ibn Umm Maktum. Danach erklärte Er, wem der Rufer zur Wahrheit wirkliche Bedeutung beimessen sollte und wem nicht. Der eine ist derjenige, dessen äußeres Verhalten deutlich zeigt, dass er die Wahrheit sucht und nach ihr verlangt. Er ist stets besorgt, dass er womöglich durch die Befolgung des Falschen den Zorn Gottes auf sich zieht. Deshalb ist er aus eigenem Antrieb gekommen, um Wissen über die Wahrheit und den richtigen Weg zu erlangen. Der andere ist derjenige, dessen Verhalten deutlich zeigt, dass er keinerlei Verlangen nach der Wahrheit hat. Vielmehr hält er sich für niemanden bedürftig, der ihm den wahren und richtigen Weg zeigen müsste. Bei diesen beiden Arten von Menschen geht es nicht darum, wessen Annahme des Glaubens für den Din besonders nützlich wäre und wessen Glaube für die Verbreitung und Ausbreitung des Din weniger Wirkung hätte. Entscheidend ist vielmehr, wer bereit ist, die Rechtleitung anzunehmen und sich zu läutern, und wer dieses kostbare Gut überhaupt nicht achtet. Der Mensch der ersten Art ist für den Rufer zur Wahrheit eine wertvolle Persönlichkeit, selbst wenn er blind, lahm, gelähmt oder mittellos ist oder offensichtlich nicht in besonderem Maße dazu fähig ist, einen bedeutenden Dienst bei der Verbreitung und Ausbreitung des Din zu leisten. Ihm sollte Aufmerksamkeit geschenkt werden. Denn das eigentliche Ziel dieser Daʿwa ist die Verbesserung und Läuterung der Diener Allahs. Dieser Mensch wird, wenn man ihn ermahnt, die Verbesserung und Läuterung annehmen. Was nun den Menschen der zweiten Art betrifft: Ganz gleich, wie einflussreich und angesehen er in der Gesellschaft sein mag, es besteht keine Notwendigkeit, sich an ihn zu hängen. Denn sein Verhalten verkündet offen, dass er sich nicht läutern will. Zeit darauf zu verwenden, ihn zu bessern, ist daher nichts als Zeitverschwendung. Wenn er sich nicht läutern will, dann soll er eben unrein bleiben. Den Schaden wird letztlich er selbst tragen; der Rufer zur Wahrheit wird dafür keine Verantwortung übernehmen müssen.
Der Blinde, der hier erwähnt wird, war der berühmte Gefährte Ibn Umm Maktum (r.a.). Hafiz Ibn ʿAbd al-Barr sagt in seinem Werk al-Istīʿāb und Hafiz Ibn Hadschar in al-Isāba, dass er ein Cousin mütterlicherseits der Mutter der Gläubigen, Hadhrat Chadidscha (r.a.), war. Seine Mutter Umm Maktum und der Vater Hadhrat Chadidschas, Chuwailid, waren Geschwister. Wenn man diese Beziehung zu dem Propheten (s.a.s.) kennt, besteht kein Zweifel daran, dass er ihn nicht etwa für arm oder von niedrigem Rang hielt und ihn deshalb vernachlässigte, während er den Reichen Aufmerksamkeit schenkte. Denn er war der Schwager des Propheten (s.a.s.) und gehörte seinem eigenen Stamm an. Er war kein Angehöriger einer niedrigen Schicht. Der eigentliche Grund für das Verhalten des Propheten (s.a.s.) ihm gegenüber geht schon aus dem Wort (******) hervor. Genau dies nennt Allah selbst als Grund für die mangelnde Beachtung und Vernachlässigung durch den Propheten. Das heißt, der Prophet (s.a.s.) war der Ansicht, dass die Rechtleitung irgendeines derjenigen, die er gerade auf den rechten Weg zu führen versuchte, ein gewaltiger Grund für die Stärkung des Islam sein könnte. Ibn Maktum hingegen war blind. Wegen seiner Behinderung würde er für den Islam nicht so nützlich sein, wie es der Fall sein könnte, wenn einer dieser Anführer Muslim würde. Deshalb sollte er sich zu diesem Zeitpunkt nicht in das Gespräch einmischen. Was immer er verstehen und wissen wollte, konnte er auch später jederzeit erfahren und verstehen. (*****৯)
Die Weisheit der Daʿwa
وَلَا تُجَادِلُوا أَهْلَ الْكِتَابِ إِلَّا بِالَّتِي هِيَ أَحْسَنُ
– Und streitet nicht mit den Leuten der Schrift, außer auf die beste Weise (al-ʿAnkabut: 46). Das heißt, die Auseinandersetzung oder das Gespräch muss mit gerechten Argumenten und Beweisen sowie in äußerst höflicher und anständiger Sprache geführt werden. Es muss von einer Haltung gegenseitigen Verständnisses getragen sein, damit sich das Denken und Bewusstsein des Gegenübers korrigiert. Der Verkünder sollte sich dessen bewusst sein, dass er die Tür zum Herzen des anderen öffnen, dorthin das Wort der Wahrheit gelangen lassen und ihn auf den richtigen Weg führen kann.
Es ist nicht richtig, wie ein Ringer zu kämpfen, der seinen Gegner besiegen muss. Vielmehr muss man die Krankheit wie ein Arzt behandeln. Ein Arzt achtet während der Behandlung eines Patienten stets besonders darauf, dass sich dessen Krankheit nicht durch einen seiner Fehler noch verschlimmert. Er bemüht sich mit aller Kraft darum, dass der Patient mit möglichst wenig Schmerzen von seiner Krankheit geheilt wird. Zwar wird hier im Zusammenhang mit dem Gespräch mit den Leuten der Schrift eine entsprechende Anweisung hinsichtlich Ort, Zeit und Person gegeben. Doch ist sie nicht nur auf die Leute der Schrift beschränkt. Vielmehr handelt es sich im Hinblick auf die Verkündung des Din um eine allgemeine Anweisung, die an verschiedenen Stellen im Edlen Koran erteilt wird, zum Beispiel:
ادْعُ إِلَى سَبِيلِ رَبِّكَ بِالْحِكْمَةِ وَالْمَوْعِظَةِ الْحَسَنَةِ وَجَادِلْهُمْ بِالَّتِي هِيَ أَحْسَنُ
Rufe zum Weg deines Herrn mit Weisheit und guter Ermahnung und führe mit den Menschen Gespräche auf die beste Weise (an-Nahl: 125).
(Arabisch*************)
– Das Gute und das Böse sind nicht gleich. Wehre (die Angriffe des Gegners) auf die bestmögliche Weise ab. Dann wirst du sehen, dass derjenige, zwischen dem und dir Feindschaft bestand, so wird, als wäre er ein enger Freund (Hāmīm as-Sadschda: 34).
(Arabisch*****************)
– Wehre das Unrecht auf gute Weise ab. Ich weiß, was sie gegen dich sagen (al-Muʾminūn: 96). (****10)
Die richtige Vorgehensweise zur Wahrung des Rechts der Daʿwa
(Arabisch*******************)
(O Prophet,) übe Nachsicht und Vergebung, ermutige weiterhin zu guten Taten und streite nicht mit den Unwissenden. Wenn Satan dich jemals aufstachelt, so suche Zuflucht bei Allah. Er hört und weiß alles. Wahrlich, diejenigen, die Allah fürchten, sind so beschaffen: Wenn infolge des schlechten Einflusses Satans einmal ein böser Wunsch in ihnen aufkommt, werden sie sogleich wachsam und erkennen danach klar, welches ihr richtiger Weg des Handelns ist. Was nun ihre Brüder – die Satane – betrifft: Sie ziehen sie in die Irre und lassen nichts unversucht, um sie vom rechten Weg abzubringen. (Al-Aʿrāf: 199–202)
In diesen Versen wurden dem Propheten (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) einige wichtige Methoden (Hikma) der Einladung, Verkündigung, Rechtleitung sowie der Reform und Verbesserung gelehrt. Dabei ging es nicht nur darum, allein den ehrwürdigen Propheten (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) zu unterweisen; vielmehr wurde durch ihn all jenen diese Hikma gelehrt, die nach ihm seine Stellung einnehmen und die Verantwortung übernehmen würden, die Menschen auf der Welt zum rechten Weg zu führen. Ihre Reihenfolge ist folgende:
(1) Zu den Eigenschaften, die ein Rufer zur Wahrheit unbedingt benötigt, gehört, dass er nachsichtig, geduldig und großzügig gesinnt sein muss. Gegenüber seinen Gefährten muss er liebevoll, gegenüber der Allgemeinheit barmherzig und gegenüber seinen Gegnern tolerant sein. Er muss sowohl die Schwächen seiner Mitstreiter als auch die Härte seiner Widersacher übersehen. Selbst in äußerst erregenden Situationen muss er seine Stimmung und sein Wesen ruhig und ausgeglichen bewahren. Selbst äußerst unerträgliche Äußerungen muss er großmütig ertragen. Wie harte Worte die Widersacher auch sprechen, welche Verleumdungen und Hetzkampagnen sie auch verbreiten und ob sie nun ihre Absicht zu ungerechtem und gewaltsamem Widerstand bekunden – all dies sollte er unbeachtet lassen. Härte und Rauheit zu zeigen, unhöfliche und unschickliche Äußerungen sowie eine rachsüchtige Wesensart führen zu schlimmen Folgen. Dadurch scheitert das Ziel, anstatt verwirklicht zu werden. Der Prophet (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) hat dies folgendermaßen beschrieben: „Mein Herr hat mir befohlen, sowohl im Zustand des Zorns als auch im gewöhnlichen Zustand gerecht zu handeln. Mit demjenigen, der sich von mir lossagen will, soll ich verbunden bleiben. Demjenigen, der mich meines Rechts beraubt, soll ich sein Recht gewähren. Und demjenigen, der mir Unrecht tut, soll ich vergeben.“
Der heilige Prophet (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) gab diese Anweisungen auch jenen, die er in seinem Auftrag zur Verrichtung religiöser Aufgaben entsandte. Er sagte:
(Arabisch****************)
Das heißt: Wohin auch immer ihr geht, eure Ankunft soll den Menschen frohe Botschaft bringen und keinen Hass hervorrufen. Ihr sollt für die Menschen eine Quelle von Erleichterung und Annehmlichkeiten sein, nicht von Enge und Härte.
Allah, der Erhabene, hat diesbezüglich ein Lobwort zugunsten des Propheten (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) verkündet:
(Arabisch****************)
– Es ist eine Barmherzigkeit Allahs, dass du ihnen gegenüber sanftmütig bist. Wärst du hingegen schroff und hartherzig gewesen, wären diese Menschen von deiner Umgebung davongelaufen. – (Āl ʿImrān: 159).
(2) Der Weg zum Erfolg bei der Einladung zur Wahrheit besteht darin, die Menschen statt zu philosophischen und theoretischen Erörterungen zu den allgemein bekannten, einfachen, geradlinigen und klaren Formen des Guten und des Wohlergehens anzuspornen, die alle Menschen kennen und deren Nutzen der gesunde Menschenverstand (Common Sense) zu erkennen vermag. Auf diese Weise erreicht die Botschaft desjenigen, der zur Wahrheit aufruft, Menschen aller Schichten und dringt tief in das Herz des Zuhörers ein. Wer sich einer solchen allgemein verständlichen Einladung entgegenstellt, besiegelt damit nur seinen eigenen Misserfolg und ebnet den Weg zum Erfolg der Einladung. Denn wenn die einfachen Leute – mögen sie auch noch so sehr in Aberglauben versunken sein – sehen, dass auf der einen Seite ein frommer, charaktervoller Mensch unmittelbar zum Guten aufruft, während auf der anderen Seite viele Menschen bei ihrem Widerstand gegen ihn sitten- und moralwidrige, unmenschliche Methoden anwenden, werden sie allmählich aus eigenem Antrieb eine Abneigung gegen die Gegner der Wahrheit entwickeln und sich zum Rufer zur Wahrheit hingezogen fühlen. Schließlich bleiben auf dem Feld der Gegner nur diejenigen zurück, deren persönliche Interessen mit dem ungerechten System verbunden sind oder deren Herzen durch die blinde Nachahmung der Vorfahren und die Feindseligkeit des Zeitalters der Unwissenheit jede Fähigkeit verloren haben, das Licht der Wahrheit aufzunehmen. Dies ist jene weise Methode, durch die der Prophet (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) in Arabien Erfolg erlangte. Danach breitete sich die Flut des Islam innerhalb kurzer Zeit auch in anderen Ländern derart aus, dass sich mancherorts einhundert Prozent und andernorts achtzig bis neunzig Prozent der Einwohner im kühlen Schatten des Islam Schutz suchten.
(3) Bei dieser Einladung ist es ebenso wichtig, diejenigen, die das Gute wünschen, zu guten Taten anzuspornen, wie es wichtig ist, sich nicht auf Diskussionen mit Unwissenden einzulassen, ganz gleich, wie sehr diese versuchen, einen in eine solche Auseinandersetzung hineinzuziehen. Der Rufer zur Wahrheit oder ihr Bannerträger muss in dieser Hinsicht äußerst vorsichtig sein und darf nur diejenigen ansprechen, die bereit sind, eine Aussage auf vernünftige Weise zu verstehen. Wenn jedoch jemand wie ein Unwissender mit Starrsinn, Streit und spöttischem Verhalten beginnt, sollte der Rufer zur Wahrheit es ablehnen, die Rolle des Gegners zu übernehmen. Denn eine solche Auseinandersetzung bringt keinen Nutzen. Der Schaden besteht vielmehr darin, dass die Zeit, die er für die Verbreitung und Ausbreitung der Einladung sowie für die Bildung des Charakters des Einzelnen verwenden könnte, mit dieser törichten Beschäftigung vergeudet wird.
(4) Im Zusammenhang mit dem zuvor Gesagten ist zusätzlich zu beachten: Wenn der Rufer zur Wahrheit irgendwann angesichts der Gewalttätigkeit und des Unheils seiner Gegner sowie ihrer aus Unwissenheit geborenen Kritik und Anschuldigungen eine Erregung in seinem Wesen verspürt, sollte er sofort daran denken, dass dies eine Einflüsterung des Satans ist, und unverzüglich Allahs Schutz erbitten, damit Er Seinen Diener davor bewahrt, von der Welle der Gefühle fortgerissen zu werden und die Beherrschung zu verlieren, sodass er keinen für die Einladung zur Wahrheit schädlichen Schritt unternimmt. Die Arbeit der Einladung zur Wahrheit kann unter allen Umständen nur mit kühlem Kopf ausgeführt werden, und richtig kann nur ein Schritt sein, der nicht von Gefühlen geleitet, sondern nach gründlichem Nachdenken im Licht der jeweiligen Umstände unternommen wird. Da der Satan die Ausbreitung dieser Arbeit nicht ertragen kann, wird er stets versuchen, durch seine Anhänger verschiedene Angriffe auf den Bannerträger der Wahrheit zu richten, und ihn mit jedem Angriff aufstacheln, indem er ihm einredet, der Angriff müsse beantwortet werden. Die Eingebung, die der Satan dem Herzen des Rufers zur Wahrheit vorträgt, ist meistens mit großen betrügerischen Auslegungen versehen und in das Gewand religiöser Begriffe gehüllt. Dahinter verbirgt sich jedoch nichts als Eigennutz. Deshalb wird in den beiden oben erwähnten letzten Versen gesagt, dass diejenigen, die gottesfürchtig sind (das heißt, Allah fürchten und den Wunsch haben, sich von Sünde fernzuhalten), sobald sie den Einfluss satanischer Einflüsterungen in ihrem Inneren oder die Berührung einer sündhaften Neigung verspüren, wachsam werden und dann klar erkennen, welchen Weg sie in dieser Lage einschlagen müssen, um das Ziel der Einladung zur Religion zu erreichen und worin die Forderung der Wahrhaftigkeit besteht. Dagegen können diejenigen, deren Handeln vom Eigennutz bestimmt wird und die deshalb mit den Satanen vertraut sind, den satanischen Angriffen nicht standhalten; sie erleiden eine Niederlage und gehen auf dem falschen Weg weiter. Dann führt der Satan sie in jedes Gebiet, in das er sie führen will, und nirgendwo können sie eine feste Stellung gewinnen. Auf jede Beschimpfung des Gegners haben sie eine Beschimpfung und auf jede List eine noch größere List zur Antwort.
Die Aussage Allahs hat auch eine allgemeine Bedeutung. Sie besteht darin, dass sich die Handlungsweise der gottesfürchtigen Menschen gewöhnlich von derjenigen der Menschen ohne Gottesfurcht unterscheidet. Wer Allah wirklich fürchtet und von Herzen den Wunsch hat, sich von Frevel und Sünde fernzuhalten, dessen Zustand ist so, dass er schon bei der geringsten Berührung mit einem schlechten Gedanken einen stechenden Schmerz empfindet, wie wenn ein scharfer, spitzer Gegenstand in den Finger dringt oder etwas ins Auge gerät. Da er an sündhafte Gedanken, Wünsche und schlechte Absichten nicht gewöhnt ist, widerspricht all dies seinem Wesen, so wie ein Tintenfleck oder ein Spritzer Schmutz auf dem Kleid eines Menschen, der stets Reinlichkeit und Sauberkeit anstrebt, seinem Wesen widerspricht. Sobald er dieses Unbehagen verspürt, öffnen sich ihm die Augen, sein Gewissen erwacht und beginnt, die Staubkörnchen des Unrechts und der Verfehlung von ihm abzuschütteln. Im Gegensatz dazu verhärten sich bei denjenigen, die weder Allah fürchten noch sich vom Schlechten fernhalten wollen und mit dem Satan verbunden sind, schlechte Gedanken, Wünsche, Absichten und Ziele in ihrem Inneren, ohne dass diese schmutzigen Dinge in ihnen auch nur Unruhe hervorrufen. Es ist, als würde in einem Topf Schweinefleisch gekocht, während der Besitzer des Topfes nicht weiß, was darin zubereitet wird. Oder als wäre der Körper und die Kleidung eines Müllers mit Exkrementen beschmiert, ohne dass er überhaupt empfindet, wodurch er schmutzig und unrein geworden ist. (****11)
Die Einladung zu Allah unter Bedingungen äußerster Gegnerschaft
(Arabisch******************)
– Wessen Wort wäre besser als das Wort dessen, der zu Allah ruft, gute Taten verrichtet und sagt: „Ich bin Muslim“? – (Fuṣṣilat: 33).
In den vorhergehenden Versen wurden die Gläubigen getröstet und ermutigt. Danach wurden sie in diesem Vers zu jener eigentlichen Aufgabe angespornt, deretwegen sie Muslime geworden waren. In den vorhergehenden Versen wurde ihnen gesagt, dass sie in der Anbetung und im Gehorsam gegenüber Allah standhaft bleiben sollten und dass es die grundlegende gute Tat sei, nach der Einschlagung dieses Weges nicht von ihm abzuweichen; sie macht den Menschen zu einem Freund der Engel und zu einem Bewohner des Paradieses. Nun wird ihnen gesagt, dass die nächsthöhere Rangstufe, über der es für den Menschen keine höhere gibt, darin besteht, selbst gute Werke zu tun und andere zur Dienerschaft gegenüber Allah aufzurufen. Wo immer aber die Verkündung des Islam bedeutet, Unglück und Gefahren auf sich zu ziehen, soll er in einer solchen feindseligen und widrigen Umgebung furchtlos sagen: „Ich bin Muslim – Allah ergeben.“
Um die volle Bedeutung dieser Aussage zu verstehen, muss man sich die damaligen Verhältnisse vor Augen halten, unter denen sie ausgesprochen wurde. Die Lage war so, dass jeder, der erklärte, Muslim zu sein, plötzlich das Gefühl hatte, als sei er in einen Wald voller Raubtiere eingetreten und als liefen alle Raubtiere herbei, um ihn zu zerreißen und zu verschlingen. Wer darüber hinaus den Mund zur Verkündung des Islam öffnete, schien die Raubtiere geradezu aufzufordern: „Kommt, zerbeißt und verschlingt mich!“ Unter solchen Umständen wurde gesagt, dass es zweifellos eine große grundlegende gute Tat ist, wenn jemand Allah als seinen Herrn anerkennt, den geraden Weg einschlägt und nicht von ihm abweicht. Die gute Tat auf höchster Stufe besteht jedoch darin, dass dieser Mensch sich öffentlich hinstellt und erklärt: „Ich bin Muslim“, die Menschen ohne Rücksicht auf die Folgen zur Dienerschaft gegenüber Allah einlädt und dabei sein eigenes Handeln so rein und lauter hält, dass der Islam keinen Anlass findet, an seinen Fahnenträgern einen Mangel zu beanstanden. (****12)
Das Böse mit dem Besten vergelten
(Arabisch********************)
O Prophet, Gutes und Böses sind nicht gleich. Wehre das Böse mit jener guten Tat ab, die die beste ist. Dann wirst du sehen, dass derjenige, der dir feindselig gegenüberstand, zu deinem engsten Freund geworden ist. – (Hamim Sadschda: 34).
Um die volle Bedeutung dieser Aussage zu verstehen, muss man sich die Lage vor Augen halten, in der dem Propheten und durch ihn seinen Anhängern diese Weisung gegeben wurde. Die Einladung wurde mit äußerster Halsstarrigkeit und äußerst aggressiver Ablehnung bekämpft. Um den Propheten zu verleumden und die Menschen gegen ihn aufzubringen, wurden alle Arten von hinterhältigen Methoden angewandt. Gegen ihn wurden Anschuldigungen verschiedenster Art erhoben. Eine Gruppe von Gegnern bemühte sich, die Menschen gegen den Propheten aufzuhetzen. Er und seine Gefährten wurden vielfachen Verfolgungen ausgesetzt. Eine beträchtliche Zahl von Muslimen wurde schließlich gezwungen, das Land zu verlassen. Danach wurde, um die Verkündung des Propheten zu verhindern, die Maßnahme ergriffen, dass sie sich in seiner Nähe auf die Lauer legten, um Lärm und Tumult zu veranstalten. Sobald er den Mund öffnete, um die Einladung zu verkünden, machten sie einen solchen Lärm, dass kein einziges seiner Worte zu hören war. Es war eine derart entmutigende Lage, dass scheinbar alle Wege der Einladung versperrt waren. Zu dieser Zeit wurde dem Propheten eine Gegenmaßnahme gelehrt, um die Kräfte des Widerstands zu zerschlagen.
Als Erstes wird gesagt, dass Gutes und Böses beziehungsweise Tugend und Sünde nicht gleich sein können. Auch wenn deine Gegner äußerlich einen noch so heftigen Sturm des Unrechts und der Sünde entfachen, gegenüber dem gute Taten, Aufrichtigkeit und Rechtschaffenheit völlig hilflos und kraftlos erscheinen, kann der Mensch, solange er als Mensch gilt, nicht anders, als in seiner Natur Abscheu vor Unrecht und Sünde zu empfinden. Nicht nur derjenige, der an sündhaftem Handeln beteiligt ist, sondern sogar dessen Fahnenträger selbst glaubt insgeheim, dass er ein Lügner und ein Unterdrücker ist und nur aus Eigennutz starrsinnig handelt. Dadurch gewinnt er keineswegs die Achtung anderer; vielmehr erniedrigen sie sich sogar in den eigenen Augen, und in ihrem Inneren verbirgt sich eine Angst, die ihren Mut und ihre Entschlossenheit bei den Schritten des Widerstands von innen her beeinträchtigt. Wenn diesem schlechten Handeln jene gute Tat unablässig entgegengesetzt wird, wird sie am Ende stets siegreich sein. Denn gute Taten tragen eine eigene Kraft in sich, die das Herz bezwingt, und ganz gleich, wie tief ein Mensch gesunken sein mag, kann er nicht verhindern, in seinem Inneren Achtung vor ihnen zu empfinden. Wenn dann Sünde und Tugend miteinander ringen und die Eigenschaften beider in der Öffentlichkeit deutlich sichtbar werden, gibt es nach einiger Zeit des Konflikts und der Auseinandersetzung nur noch wenige Menschen, die nicht von der Sünde abgestoßen und der Tugend zugeneigt sind.
Als Zweites wird gesagt, dass man der Sünde nicht nur mit Tugend begegnen soll, sondern mit einer Tugend, die von besonders hoher Qualität ist. Wenn jemand sich dir gegenüber schlecht verhält und du ihm vergibst, ist das lediglich eine gute Tat. Eine gute Tat von besonders hohem Rang besteht jedoch darin, dass du demjenigen, der sich dir gegenüber schlecht verhalten hat, bei passender Gelegenheit Gutes erweist.
Als seine Frucht wird gesagt, dass selbst der erbittertste Feind zum engsten Freund werden wird. Denn dies entspricht der menschlichen Natur. Wenn man auf eine Beschimpfung mit Schweigen antwortet, ist das zweifellos eine gute Tat. Doch dadurch wird der Beschimpfende nicht zum Schweigen gebracht. Wenn Sie jedoch als Antwort auf seine Beschimpfung für ihn beten, wird selbst Ihr äußerst schamloser Feind beschämt werden, und vielleicht wird er nur selten noch den Mund gegen Sie aufmachen. Nehmen wir an, jemand lässt keine Gelegenheit aus, Ihnen zu schaden, und Sie ertragen seine Übergriffe weiterhin; dann kann es geschehen, dass er noch mutiger wird, Ihnen zu schaden. Wenn es aber einmal so kommt, dass er selbst Schaden erleidet und Sie ihn vor diesem Schaden bewahren, wird er Ihnen zu Füßen fallen. Denn kaum ein Übeltäter vermag angesichts einer solchen guten Tat standzuhalten. Dennoch wäre es nicht richtig, diesen allgemeinen Grundsatz so zu verstehen, dass diese edle und höchst vorzügliche gute Tat ausnahmslos jeden erbitterten Feind in einen engsten Freund verwandeln werde. Auf der Welt gibt es auch Menschen von so niederträchtiger Natur, dass sie, ganz gleich, wie groß Ihre Großmut ist, mit der Sie ihre Übergriffe verzeihen und auf ihr Böses mit Güte antworten, nicht davon ablassen werden, wie ein Skorpion seinen giftigen Stachel zu stechen.
Doch Menschen, die eine Verkörperung solchen Übeltuns darstellen, findet man nur äußerst selten, ebenso wie Menschen, die eine Verkörperung des Guten darstellen, nur sehr wenige sind. (***13)
Die Bedeutung der Geduld bei der Daʿwa zur Wahrheit
(Arabisch***********************)
Daraufhin wurde gesagt:
„Diese Eigenschaft wird nur denen zuteil, die Geduld üben, und diese Stufe können nur jene erreichen, die überaus glückselig sind.“ (Vers 35)
Das heißt: Auch diese Anweisung ist äußerst wirksam. Ihre Anwendung ist jedoch keine einfache Sache. Dafür bedarf es einer gewaltigen inneren Stärke. Es bedarf eines festen Entschlusses, großen Mutes, großer Geduldskraft und einer gewaltigen Herrschaft über die eigenen Neigungen. Vorübergehend kann ein Mensch einer üblen Tat mit einer guten Tat begegnen. Das ist nichts Außergewöhnliches. Doch wenn jemand jahrelang für die Wahrheit gegen solche Übeltäter kämpfen muss, die falschen Wegen folgen, keine Scheu haben, irgendeine Grenze der Moral zu überschreiten, und vom Rausch der Macht berauscht sind, dann ist es für einen gewöhnlichen Menschen unmöglich, dem Bösen weiterhin mit Gutem zu begegnen, und zwar mit Gutem von höchster Art, ohne auch nur einmal die Geduld zu verlieren. Dies vermag nur derjenige zu tun, der in ruhiger Besonnenheit fest entschlossen ist, für die Erhöhung der Wahrheit zu wirken. Wer seine Neigungen vollständig der Vernunft, dem Verstand und dem Gewissen unterworfen hat, den kann kein Übeltun und keine Niedrigkeit von seiner hohen Stellung herabziehen oder ihn die Geduld verlieren lassen.
Wenn dann gesagt wird: „Diese Stufe können nur jene erlangen, die überaus glückselig sind“, so ist dies ein Naturgesetz. Nur Menschen von großer Würde werden mit diesen Eigenschaften ausgestattet. Und diejenigen, die diese Eigenschaften besitzen, kann keine Macht der Welt daran hindern, die Schwelle des Erfolgs zu erreichen. Es ist keineswegs möglich, dass Menschen von niederer Art sie durch ihre Niederträchtigkeit, ihre verwerflichen Machenschaften und ihr unhöfliches Verhalten besiegen können. (****14)
Zuflucht bei Gott vor den Einflüsterungen des Satans
Schließlich heißt es:(Arabisch*****************)
Und wenn du vonseiten des Satans eine Einflüsterung verspürst, dann suche Zuflucht bei Allah (Vers: 36).
Der Satan gerät in große Unruhe, wenn er sieht, dass der Kampf zwischen Wahrheit und Falschheit geführt wird, indem Unflätigkeit mit Höflichkeit und böse Taten mit guten Taten beantwortet werden. Er möchte um jeden Preis, dass diejenigen, die für die Wahrheit kämpfen – insbesondere ihre führenden Verantwortlichen –, wenigstens einmal irgendeinen Fehler begehen, auf dessen Grundlage man der Bevölkerung sagen kann: „Seht, zum Streit gehören immer zwei.“ Wenn die eine Seite sich tatsächlich schlecht verhalten hat, dann ist die andere Seite eben auch kein Muster an Anständigkeit. Auch sie hat sich jenes unhöfliche Verhalten zuschulden kommen lassen. Die gewöhnlichen Menschen sind nicht in der Lage, aus einer Perspektive der Gerechtigkeit einen vergleichenden Maßstab zwischen dem Übermaß der einen Seite und der Gegenreaktion der anderen anzulegen. Solange sie sehen, dass die Gegner jede Art von Niederträchtigkeit anwenden, während die Gegenseite nicht im Geringsten vom Weg der Höflichkeit, des Anstands, der Aufrichtigkeit und der Frömmigkeit abweicht, bleiben die Menschen davon beeinflusst. Wenn jedoch irgendwo vonseiten dieser Menschen ein ungerechtes oder ihre Würde verletzendes Verhalten gezeigt wird, selbst wenn es als Antwort auf ein äußerstes Übermaß geschieht, dann gelten in ihren Augen beide Seiten als gleich. Dadurch erhalten die Gegner einen Vorwand, auf ein einziges Wort mit tausend Beschimpfungen zu antworten. Deshalb wird befohlen: Hütet euch vor den Täuschungen des Satans. Er wird euch, indem er sich als besonders fürsorglich und wohlmeinend ausgibt, mit folgenden Worten aufstacheln: „Dieses Übermaß kann man auf keinen Fall hinnehmen; jenem Wort muss man eine schlagende Antwort geben; auf diesen Angriff muss ein Gegenangriff erfolgen. Sonst wird man euch für Feiglinge halten und euer Ansehen wird Schaden nehmen.“ Wenn ihr bei irgendeiner Angelegenheit eine solche Einflüsterung in euch verspürt, dann seid wachsam: Der Satan will euch durch seine Einflüsterungen erregen und zornig machen, damit ihr einen falschen Schritt unternehmt. Nachdem ihr gewarnt worden seid, dürft ihr nicht aus Hochmut sagen: „Wir haben uns vollkommen unter Kontrolle. Der Satan kann uns nicht zu einem Fehler bringen.“ Dieser Hochmut über die eigene Willens- und Entscheidungskraft wäre die zweite, noch größere und furchtbarere Täuschung des Satans. Stattdessen solltet ihr bei Gott Zuflucht suchen. Denn nur wenn Er allein euch Erfolg gewährt und euch beschützt, kann der Mensch davor bewahrt bleiben, einen Fehler zu begehen.
Eine sehr schöne Erklärung hierzu findet sich in einem Ereignis, das Imam Ahmad in seinem Musnad überliefert und auf Abu Huraira (r.a.) zurückführt. Er berichtet, dass einst ein Mann in Gegenwart des Propheten (s.a.w.) Abu Bakr (r.a.) aufs Äußerste beschimpfte. Abu Bakr (r.a.) hörte sich seine Beschimpfungen schweigend an. Auch der Prophet (s.a.w.) beobachtete dies und lächelte sanft. Schließlich riss Abu Bakrs (r.a.) Geduldsfaden, und auch er äußerte als Antwort ein scharfes Wort. Kaum war dieses Wort über seine Lippen gekommen, da fühlte sich der Prophet (s.a.w.) sehr unbehaglich, was sich auf seinem Gesicht zeigte. Dann stand er auf und ging von dort weg. Abu Bakr (r.a.) folgte ihm. Er fragte: „Was ist geschehen? Er hat mich beschimpft, und du hast immer wieder gelächelt. Doch sobald ich ihm antwortete, wurdest du unzufrieden.“
Der Prophet (s.a.w.) sagte: „Solange du geschwiegen hast, war ein Engel bei dir, der an deiner Stelle antwortete. Doch als du den Mund geöffnet hast, kam an die Stelle des Engels der Satan. Ich kann nicht mit dem Satan zusammensitzen.“ (15)
Der Verkünder der Wahrheit muss selbstlos sein
Der Verkünder der Einladung zur Wahrheit muss über seinen persönlichen Interessen stehen; dies wird der deutlichste Beweis für seine Aufrichtigkeit und Hingabe sein. Im Heiligen Quran wird immer wieder gesagt, dass der Prophet (s.a.w.) bei seiner Arbeit der Einladung zu Allah keinerlei persönlichen Vorteil verfolgt. Vielmehr hat er sich ausschließlich dem Wohl der von Gott erschaffenen Geschöpfe gewidmet. In der Sure al-An’am heißt es:
(Arabisch***************)
– O Prophet, sprich: Ich verlange von euch für diese Arbeit der Verkündigung und Rechtleitung keinen Lohn. Dies ist vielmehr eine allgemeine Ermahnung für alle Bewohner der Welt. – (al-Anʿām: 90).
– Und o Prophet, verlangst du von ihnen für diese Arbeit etwa einen Lohn? Dies ist doch nur eine Ermahnung, die den Bewohnern der Welt allgemein gegeben wird. – (Yūsuf: 104).
Diese Anrede richtet sich äußerlich an den Propheten, doch ihr eigentliches zweites Gegenüber ist die Menge der Ungläubigen. Ihnen wird auf diese Weise zugerufen: O Diener Allahs, denkt doch ein wenig nach! Wie unbegründet ist eure Halsstarrigkeit. Wenn der Prophet diese Arbeit der Einladung und Verkündigung aus persönlichem Interesse verrichten würde oder wenn er selbst daraus irgendeinen Vorteil ziehen wollte, dann hättet ihr gewiss Anlass zu sagen: Warum sollten wir den Worten dieses eigennützigen Mannes folgen? Doch ihr seht, dass dieser Mann uneigennützig ist. Er ermahnt euch und die Bewohner der Welt zu eurem Wohl. Er selbst hat daraus keinerlei Vorteil. Welchen vernünftigen Grund könnt ihr haben, ihm halsstarrig entgegenzutreten? Warum beharrt ihr grundlos auf eurem Widerstand gegen jemanden, der zum Wohl aller uneigennützig etwas sagt? Hört ihm unvoreingenommen zu. Wenn es euch einleuchtet, nehmt es an; wenn nicht, dann lasst es. (16)
In der Sure al-Muʾminūn heißt es:
(Arabisch***************)
– O Prophet, verlangst du etwa etwas von ihnen? Die Gabe deines Herrn für dich ist besser, und Er ist der beste Versorger. – (al-Muʾminūn: 72).
Mit anderen Worten: Niemand kann dem Propheten guten Glaubens vorwerfen, dass hinter allem, was er tut, ein persönliches Interesse stehe. Einst besaß er einen umfangreichen Handel und ein großes Geschäft. Nun ist er arm und leidet Not. Einst blickte sein Volk voller Achtung zu ihm auf, und jeder erwies ihm höchsten Respekt. Nun muss er Beschimpfungen und Steinwürfe ertragen. Jetzt ist sogar sein Leben in Gefahr. Einst führte er mit Frau und Kindern ein glückliches Leben. Nun ist er in einen solchen Kampf und Konflikt verwickelt, dass er keinen Augenblick in Frieden leben kann. Darüber hinaus ist er nun mit einer Botschaft hervorgetreten, durch die das ganze Land zu seinem Feind geworden ist. Selbst seine eigenen Angehörigen sind durstig nach seinem Blut geworden. Wer kann behaupten, dass dies das Werk eines eigennützigen Menschen sei? Ein eigennütziger Mensch trägt doch die Vorurteile seines Volkes und Stammes zur Schau und versucht durch allerlei Kunstgriffe, die Führung über die Menschen zu erlangen. Ein selbstsüchtiger Mensch verkündet kein Ideal, das nicht nur eine Herausforderung an die Stammesvorurteile ist, sondern auch die Grundlage beseitigt, auf der die vorherrschende Herrschaft der Götzendiener Arabiens errichtet ist. (17)
In der Sure Saba heißt es:
(Arabisch*****************)
– O Prophet (s.a.w.), sag: Wenn ich von euch irgendeine Vergütung verlangt habe, so ist sie zu eurem eigenen Nutzen. Meine Belohnung obliegt Allah. Er ist wahrlich Zeuge über alles – (Saba: 47).
Der erste Teil des Verses kann auf zweierlei Weise verstanden werden. Die eine Bedeutung ist: Wenn ich von euch irgendeine Vergütung verlangt haben sollte, so möge sie euch selbst zuteilwerden. Die zweite Bedeutung ist: Falls ich von euch eine Vergütung verlangt habe, so bezweckt dies nichts anderes als euer Wohlergehen. Die letztgenannte Bedeutung ist: Die Beschwerdeführer mögen mich so viel sie wollen beschuldigen. Doch Allah weiß alles. Er allein ist Zeuge dafür, dass ich diese Aufgabe uneigennützig erfülle und nicht zu irgendeinem persönlichen Vorteil. (18)
(Arabisch*****************)
– O Prophet (s.a.w.), sag: Ich verlange von euch keine Vergütung. Und ich bin auch keiner von den künstlichen, erdichteten Menschen – (Sad: 86).
Das heißt: Ich gehöre nicht zu denen, die mit falschen Behauptungen auf den Plan treten, um ihre Vorrangstellung zu begründen, und sich als etwas ausgeben, was sie in Wirklichkeit nicht sind.
Dies wurde dem Propheten (s.a.w.) nicht nur in den Mund gelegt, um es den Ungläubigen in Mekka mitzuteilen. Vielmehr zeugt das gesamte Leben des ehrwürdigen Propheten (s.a.w.) davon – ein Leben, das er vierzig Jahre lang unter diesen Ungläubigen verbracht hatte. In Mekka wusste sogar jedes Kind, dass Muhammad (s.a.w.) kein erdichteter Mensch war. Niemand im ganzen Volk hatte je aus seinem Mund ein Wort gehört, aus dem man hätte schließen können, dass er etwas werden wolle und sich darum bemühe, sich berühmt zu machen. (19)
In der Sure at-Tur und der Sure al-Qalam heißt es:
(Arabisch****************)
– O Prophet (s.a.s.), verlangst du von ihnen etwa einen Lohn, sodass sie unter der Last einer erzwungenen Abgabe niedergedrückt werden? – (at-Tur: 40, al-Qalam: 46).
Mit dieser Frage werden in Wirklichkeit die Ungläubigen angesprochen. Das bedeutet: Wenn der Gesandte von euch irgendeinen Vorteil erlangen wollte und all diese Anstrengungen um seines eigenen Vorteils willen unternähme, hättet ihr zumindest einen stichhaltigen Grund, euch von ihm abzuwenden. Doch ihr wisst selbst, dass er in seiner Daʿwa völlig uneigennützig ist und sein Leben ausschließlich für euer Wohl einsetzt. Welchen Grund könntet ihr dann noch haben, dass ihr nicht einmal bereit seid, seine Worte in Ruhe anzuhören? In dieser Frage liegt ein feiner Hinweis verborgen. Wie die künstlichen und falschen Führer der ganzen Welt und die Priester der religiösen Institutionen betrieben auch die religiösen Führer, Gelehrten und Priester der Götzendiener in Arabien offen ein religiöses Geschäft. Deshalb wurde ihnen diese Frage vorgelegt: Auf der einen Seite stehen diese religiösen Geschäftemacher, die von euch offen Opfergaben und Gaben verlangen und für jeden religiösen Dienst eine Vergütung fordern. Auf der anderen Seite bemüht sich dieser Mann völlig uneigennützig – ja, er ruiniert sogar sein eigenes Geschäft und seinen Handel –, euch mit vernünftigen Argumenten den geraden Weg der Religion zu zeigen. Was kann es also anderes als offenkundige Unwissenheit sein, dass ihr vor ihm flieht und den religiösen Geschäftemachern eilig zulauft? (20)
In diesem Zusammenhang gibt es nur einen Vers, der Anlass zu einer gewissen Kontroverse geben könnte. Er lautet:
(Arabisch***************)
– O Prophet (s.a.s.), sprich: Ich verlange von euch keinerlei Lohn; ich verlange nur die Liebe zu den Nahestehenden – (asch-Schura: 23).
In diesem Vers
Bei der Auslegung des verwendeten Wortes herrschte unter den Kommentatoren große Uneinigkeit. Eine Gruppe verstand es im Sinne von Verwandtschaft. Sie erklärten die Bedeutung des Verses folgendermaßen: „Für diese Aufgabe verlange ich von euch keinerlei Lohn. Ich bitte euch jedoch unbedingt darum, dass ihr – das heißt, ihr Quraisch – wenigstens die Verwandtschaft berücksichtigt, die zwischen euch und mir besteht. Ihr hättet meine Worte annehmen sollen. Wenn ihr sie aber nicht annehmt, so tut wenigstens nicht dieses Unrecht, dass gerade ihr unter allen Arabern am eifrigsten meine Feindschaft betreibt.“
Dies ist die Auslegung von ʿAbdullah ibn ʿAbbas (möge Allah mit ihm zufrieden sein). Zahlreiche Gelehrte wie Imam Ahmad, al-Buchari, Muslim, at-Tirmidhi, Ibn Dsch Jarir, at-Tabarani, al-Bayhaqi und Ibn Saʿd haben sie über zahlreiche Überlieferer überliefert. Diese Auslegung wurde außerdem von Mujahid, ʿIkrima, Qatada, as-Suddi, Abu Malik, ʿAbd ar-Rahman ibn Zayd ibn Aslam, ad-Dahhak, ʿAta ibn Dinar und anderen berühmten Korankommentatoren vertreten.
Eine weitere Gruppe(Arabisch**********)
verstand es im Sinne von Nähe. Sie erklärten die Bedeutung dieses Verses folgendermaßen: „Für diese Aufgabe verlange ich von euch keinen anderen Lohn, als dass in euch das Verlangen entsteht, Allah, dem Erhabenen, nahe zu sein. Das heißt: Bessert euch. Das ist mein Lohn.“ Diese Auslegung wird von Hasan al-Basri überliefert. Zu ihrer Unterstützung wird auch eine Aussage von Qatada angeführt. Vielmehr wird in einer Überlieferung von at-Tabarani eine solche Aussage auch Ibn ʿAbbas (möge Allah mit ihm zufrieden sein) zugeschrieben. Im Edlen Koran wird dieselbe Angelegenheit an einer anderen Stelle folgendermaßen ausgedrückt:
(Arabisch***************)
„Sag ihnen: Ich verlange von euch für diese Aufgabe keinen Lohn. Mein Lohn besteht vielmehr darin, dass jeder, der will, den Weg zu seinem Herrn einschlägt.“ (Al-Furqan: 57)
Eine andere Gruppe
verstand es im Sinne von Verwandten. Nach ihrer Auffassung lautet die Bedeutung des Verses: „Für diese Aufgabe verlange ich von euch keinen anderen Lohn, als dass ihr meine Verwandten liebt.“ Einige Angehörige dieser Gruppe verstanden unter den Verwandten die gesamte Banu ʿAbd al-Muttalib. Andere beschränkten dies auf ʿAli (möge Allah mit ihm zufrieden sein), Fatima (möge Allah mit ihr zufrieden sein) und ihre Kinder. Es wird überliefert, dass diese Auslegung von Saʿid ibn Dschubair und ʿAmr ibn Schuʿaib vertreten wurde. In manchen Überlieferungen wird sie auch als die Auslegung von Ibn ʿAbbas (möge Allah mit ihm zufrieden sein) und ʿAli ibn Husain (möge Allah mit ihm zufrieden sein), also Zain al-Abidin, bezeichnet. Aus verschiedenen Gründen kann diese Auslegung jedoch nicht akzeptiert werden. Erstens: Als diese Sure in Mekka offenbart wurde, war die Ehe zwischen ʿAli (möge Allah mit ihm zufrieden sein) und Fatima (möge Allah mit ihr zufrieden sein) noch nicht geschlossen worden. Von Kindern konnte daher überhaupt keine Rede sein. Außerdem waren keineswegs alle Angehörigen der Banu ʿAbd al-Muttalib Unterstützer des Propheten (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm). Einige von ihnen waren vielmehr offen feindselig. Die Feindschaft Abu Lahabs ist ja der ganzen Welt bekannt. Zweitens beschränkte sich die Verwandtschaft des Propheten (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) nicht auf die Banu ʿAbd al-Muttalib. Durch seine Mutter, seinen Vater und seine Ehefrau war er mit allen Familien der Quraisch verwandt. In diesen Familien gab es sowohl herausragende Gefährten als auch erbitterte Feinde des Propheten. Wie hätte es dem Gesandten (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) daher möglich sein sollen, unter all diesen Verwandten nur die Banu ʿAbd al-Muttalib als seine Verwandten zu bezeichnen und die Forderung nach Liebe ausschließlich auf sie zu beschränken? Möge Allah mit ihm zufrieden sein.“
Der dritte und wichtigste Punkt ist folgender: Ein Prophet steht auf einer erhabenen Höhe und erhebt von dort den Ruf zur Einladung zu Allah. Von einem solchen Standpunkt aus eine Vergütung zu verlangen – „und die Verwandten zu lieben“ – ist eine derart niedrige Forderung, dass kein vernünftiger Mensch sich auch nur vorstellen kann, Allah der Erhabene habe Seinem Propheten solche Worte gelehrt und der Prophet habe sie unter den Quraisch verkündet. In den im Heiligen Qur’an überlieferten Geschichten der Propheten, Allahs Segen sei auf ihnen allen, sehen wir, dass ein Prophet nach dem anderen zu seinem Volk sprach: „Ich verlange von euch keinerlei Vergütung; meine Vergütung obliegt Allah.“ (Siehe Yunus 72, Hud 19 und 51 sowie asch-Schuʿara 109, 117, 145, 164 und 180.)
In der Sure Ya-Sin wird als Maßstab zur Prüfung der Wahrhaftigkeit des Propheten genannt, dass er bei seiner Einladung völlig uneigennützig ist (Vers 21). Durch den gesegneten Mund des Propheten selbst wurde wiederholt gesagt: „Ich verlange von euch keine Vergütung.“ Wir haben dies oben angeführt. Wo bleibt danach noch Raum für die Aussage: „Liebt im Gegenzug für die Aufgabe, mit der ich euch im Auftrag Allahs einlade, meine Verwandten“? Dies erscheint noch bedeutsamer, wenn wir sehen, dass in dieser Ansprache nicht die Gläubigen, sondern die Ungläubigen angesprochen werden. Von Anfang bis Ende werden sie angesprochen, und auch im Folgenden richtet sich die Rede an sie. Wie könnte in einer solchen zusammenhängenden Ansprache überhaupt die Frage entstehen, von den Gegnern irgendeine Vergütung zu verlangen? Eine Vergütung kann man nur von denen verlangen, die die für sie geleistete Arbeit anerkennen und schätzen. Welche Wertschätzung erwiesen die Ungläubigen denn dieser Arbeit des Hochverehrten, sodass er ihnen hätte sagen können: „Liebt für den Dienst, den ich leiste, meine Verwandten“? Im Gegenteil, sie betrachteten dies als ein Verbrechen und versuchten, sein Leben zu vernichten. (***21)
Die Bedeutung des Glaubens an das Jenseits zu Beginn der Einladung
Als der Prophet, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, in Mekka erstmals mit der Verkündigung des Islam begann, beruhte sie auf drei Grundsätzen. Erstens: Niemand darf neben Allah als Gott verehrt und Ihm in Seiner Göttlichkeit beigesellt werden. Zweitens: Allah, der Erhabene, hat Muhammad, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, zu Seinem Gesandten erwählt. Drittens: Diese Welt wird eines Tages untergehen, und danach wird eine zweite Welt entstehen. Dort werden alle Menschen, vom ersten bis zum letzten, wieder zum Leben erweckt und mit demselben Körper auferstehen, mit dem sie in dieser Welt gehandelt haben. Danach werden ihr Glaube und ihre Taten zur Rechenschaft gezogen. Bei dieser Abrechnung werden diejenigen, die sich als Gläubige und rechtschaffen erweisen, für immer ins Paradies eingehen, während diejenigen, die sich als Ungläubige und Frevler erweisen, für immer in der Hölle bleiben werden.
Obwohl der erste dieser Punkte für die Bewohner Mekkas äußerst schwer hinzunehmen war, leugneten sie dennoch niemals die Existenz Allahs, des Erhabenen. Sie anerkannten, dass Er der große Herr, der Schöpfer und der Versorger sei. Sie anerkannten auch, dass diejenigen, die sie als ihre Götter betrachteten, ebenfalls von Allah erschaffen waren. Der Streit drehte sich daher lediglich um die Frage, ob diese Götter an den Eigenschaften, der Verfügungsgewalt und der Göttlichkeit Gottes Anteil hätten.
Den zweiten Punkt waren die Bewohner Mekkas keineswegs bereit anzuerkennen. Doch sie konnten nicht leugnen, dass der Hochverehrte, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, vor seinem Anspruch auf das Prophetentum vierzig Jahre unter ihnen verbracht hatte und sie ihn während dieser ganzen Zeit niemals als Lügner, Betrüger oder jemanden erlebt hatten, der aus persönlichem Interesse einen ungerechten Weg einschlug. Sie selbst erkannten seine Intelligenz, seine Umsicht und seine vornehme Charakterstärke an. Deshalb war es trotz all ihrer Suche nach hundert Ausreden und trotz aller gegen ihn erhobenen Anschuldigungen nicht nur schwer, andere davon zu überzeugen, sondern auch für sie selbst schwer zu glauben, dass er in allen anderen Angelegenheiten wahrhaftig, aber allein hinsichtlich seines Anspruchs auf die Gesandtschaft – Allah bewahre – ein Lügner sei. So waren die ersten beiden Punkte für sie nicht annähernd so problematisch wie der dritte. Als dieser ihnen vorgetragen wurde, wurde darüber am meisten gespottet und gehöhnt, man zeigte darüber das größte Erstaunen und begann überall davon als von etwas Abwegigem und Unwirklichem zu reden. Doch um sie auf den Weg des Islam zu führen, war es unbedingt erforderlich, den Glauben an das Jenseits fest in ihren Herzen zu verankern; denn ohne diesen Glauben war es ihnen überhaupt nicht möglich, hinsichtlich Wahrheit und Falschheit richtig zu denken. Ebenso war es ihnen nicht möglich, ihre Maßstäbe für Gut und Böse zu verändern und den Weg der Weltverehrung zu verlassen, um einen Schritt auf dem aufrichtigen Weg voranzugehen, auf den der Islam sie führen wollte. Aus diesem Grund wurde in den frühen mekkanischen Suren überwiegend großer Nachdruck darauf gelegt, den Glauben an das Jenseits fest im Herzen zu verankern. Die Beweise dafür wurden jedoch so vorgetragen, dass dadurch zugleich auch die Vorstellung von der Einheit Allahs ganz von selbst im Herzen befestigt wurde. Daneben wurden gelegentlich auch kurz Beweise für die Wahrhaftigkeit des Gesandten, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, und des Qur’an vorgelegt. (****22)
Hinweise
1. Erweiterung durch den Verfasser
2. Tafhim-ul-Quran, 1. Band, Einleitung
3. Tafhim-ul-Quran, 2. Band, An-Nahl, Anmerkungen 122–123
4. Tafhim-ul-Quran, Bani Isra’il, Anmerkungen 57–61
5. Tafhim-ul-Quran, Al-An’am, Anmerkung 69
6. Tafhim-ul-Quran, Al-An’am, Anmerkung 71
7. Tafhim-ul-Quran, Al-A’la, Anmerkung 10
8. Tafhim-ul-Quran, Al-An’am, Anmerkungen 24–25
9. Tafhim-ul-Quran, Abasa, Einleitung und Anmerkung 201
10. Tafhim-ul-Qur’an, al-Ankabut, Anmerkung 81
11. Tafhim-ul-Qur’an, al-A’raf, Anmerkung 15
12. Tafhim-ul-Qur’an, Ha-Mim Sadschda, Anmerkung 36
13. Tafhim-ul-Qur’an, Ha-Mim Sadschda, Anmerkung 37
14. Tafhim-ul-Qur’an, Ha-Mim Sadschda, Anmerkung 40
16. Tafhim-ul-Qur’an, Yusuf, Anmerkung 73
17. Tafhim-ul-Qur’an, al-Mu’minun, Anmerkung 70
18. Tafhim-ul-Qur’an, Saba, Anmerkungen 28–29
19. Tafhim al-Qur’an, Ṣād, Anmerkung 72
20. Tafhim al-Qur’an, aṭ-Ṭūr, Anmerkung 31
21. Tafhim al-Qur’an, asch-Schūrā, Anmerkung 41
22. Tafhim al-Qur’an, Einleitung zur Sure an-Naba’
Karte von Mekka al-Mukarrama
Beginn des 4. Bandes
Im Namen Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen
Sechstes Kapitel
Das wahre Wesen der islamischen Daʿwa
Der Grund für die Feindschaft der Polytheisten und ihren Misserfolg
Nun möchte ich den zweiten Teil jener Erörterung darlegen, die im vorigen Kapitel begonnen wurde. Wir haben dargelegt, welche Anweisungen dem Propheten (s.a.s.) und durch ihn seinen Gefährten hinsichtlich der Verbreitung der islamischen Daʿwa gegeben wurden, damit sie dem Widerstand der Bannerträger der Dschāhilīya mit den Waffen der Moral begegnen konnten. Durch Weisheit, Großzügigkeit, Geduld und Toleranz konnten sie ihre Herzen gewinnen, die Berge von Starrsinn, blindem Hass und Eigensinn in etwas Gerechtfertigtes und Herzerwärmendes verwandeln und aus der Bevölkerung gezielt jene für ihre Gemeinschaft gewinnen, bei denen sich Liebe zur Wahrheit und die Fähigkeit fanden, ihr zu folgen.
Danach wollen wir darlegen, worin das wahre Wesen der Daʿwa bestand, mit der der Prophet (s.a.s.) gekommen war, und welche besonderen und vollendeten Eigenschaften sie besaß, derentwegen sich zunächst die Quraisch und danach die übrigen Araber gegen sie stellten. Welche Kraft besaß diese Daʿwa ferner, die ihre Gegner schließlich zum Schweigen brachte und einen so gewaltigen Erfolg errang, wie man ihn in der Geschichte beispiellos findet?
Da dieses Thema eine ausführliche Erörterung verlangt, werden wir es unter sieben Überschriften darlegen. Diese sind:
1. Die Lehre vom Tauḥīd und die Widerlegung des Schirk.
2. Die Einladung zum Glauben an die Gesandtschaft Muhammads.
3. Die Einladung zum Glauben daran, dass der Qurʾān das Wort Allahs ist.
4. Die Einladung zum Glauben an das Jenseits.
5. Die ethische Erziehung.
6. Die Errichtung einer weltumspannenden muslimischen Umma.
7. Der Unterschied zwischen der Vorgehensweise von Propheten und Nichtpropheten.
Erster Abschnitt
Die Lehre des Tauhid und die Widerlegung des Schirk
Der allererste, wichtigste und grundlegende Punkt der islamischen Daʿwa ist die Anerkennung des Tauhid und die Widerlegung des Schirk. Obwohl der Prophet (s.a.w.) bereits vor seiner Berufung zum Prophetentum an den Tauhid glaubte und den Schirk ablehnte und sich auch unter den Arabern seiner Zeit sowie unter denen früherer Generationen Menschen mit dieser ʿAqida fanden, besteht doch ein gewaltiger Unterschied zwischen den beiden Arten von Menschen. Die einen vertreten lediglich die ʿAqida, den Tauhid anzunehmen und den Schirk abzulehnen, und halten es höchstens für ausreichend, dies zum Ausdruck zu bringen. Die anderen treten für die Verbreitung und Ausbreitung dieser ʿAqida ein und beginnen, die Menschen dazu aufzurufen, den Schirk zu meiden und den Tauhid anzunehmen. Was dann einen gewaltigen Unterschied zwischen dem bloßen Glauben an diese ʿAqida und dieser offenen Daʿwa und Verkündung bewirkt, ist, dass der Betreffende die Verantwortung für diese Aufgabe auf seine Schultern nimmt und nicht nur die Einheit Gottes ausführlich und mit Beweisen darlegt, sondern auch die Bedeutung und das Wesen dieser Einheit sowie die unvermeidlichen Forderungen ihrer Annahme eine nach der anderen erläutert und den Menschen sagt: „Glaubt mit dieser ausführlichen Erklärung an Allahs Tauhid.“
Dies war die Aufgabe, die der Prophet (s.a.w.) nach seiner Berufung zum Prophetentum erfüllte. Und dies war auch der erste Grund für seinen Widerstand gegen die Ungläubigen. Denn jedes einzelne ihrer Worte stand im Widerspruch zu deren ʿAqida, ihren Überzeugungen, ihrem Aberglauben und den Vorstellungen, die sich über Hunderte von Jahren angesammelt hatten.
Die klare und unmissverständliche Lehre des Tauhid
In der polytheistischen Gesellschaft Arabiens ging es bei der eigentlichen Frage nicht um die Existenz Allahs des Erhabenen, sondern darum, Seine Einheit anzuerkennen. Sie erkannten Allah als den Schöpfer ihrer selbst und des gesamten Weltalls an. Sie leugneten auch nicht, Ihn als Rabb und Ilah anzuerkennen. Auch gegen Seine Anbetung hatten sie keinen offensichtlichen Einwand. Die Irreführung, der sie jedoch verfallen waren, bestand darin, dass sie nicht glaubten, Göttlichkeit sowie Herrschaft und Autorität seien ausschließlich Allah vorbehalten. Zugleich betrachteten sie viele andere Götzen als Allahs Teilhaber. Sie glaubten daran, neben der Anbetung Allahs auch jene anzubeten. (****1) Ihr Zustand war folgender:
(Arabisch***************)
– Und wenn du im Koran von deinem einzigen Rabb sprichst, wenden sie sich voller Abscheu ab. (Bani Isra’il: 56)
Das heißt, es war für sie unerträglich, dass du nur Allah allein als Herrn anerkanntest und keinerlei Erwähnung ihrer vielen selbstgemachten Herren und Götter machtest. Diese wahhabitisch anmutende (in der heutigen Terminologie) Haltung, dass der Mensch nur „Allah, Allah“ rezitiert, war ihnen nicht einen Augenblick lang genehm. Keine Erwähnung von Ausgaben für die Heiligen und keine Anerkennung dafür, an den Schreinen Fayz zu erlangen. Ebenso wenig eine lobende Würdigung jener Persönlichkeiten, denen Allah, ihrer Auffassung nach, einen Teil Seiner Göttlichkeit übertragen hatte. Sie sagen: „Das ist ja ein merkwürdiger Mensch! Seiner Ansicht nach gehört das Wissen um die Zukunft einzig Allah, die Macht einzig Allah, und sowohl die Fähigkeit zum Handeln als auch die Verfügungsgewalt einzig Allah. Sind also diejenigen, die sich an unseren ganzen Schreinen befinden, etwa gar nichts? Dabei erlangen wir von ihnen Wissen, durch ihren Willen werden Kranke geheilt, Handel und Geschäfte florieren und Wünsche werden erfüllt. Sind diese also überhaupt nichts?“ (2)
An anderer Stelle im Koran wird ihr Widerwille gegen den Tauhid und ihr Versunkensein im Schirk folgendermaßen beschrieben:
(Arabisch*****************)
Und wenn Allah allein erwähnt wird, empfinden diejenigen, die nicht an das Jenseits glauben, quälenden Schmerz; wenn jedoch andere neben Ihm erwähnt werden, beginnt ihr Herz plötzlich vor Freude zu tanzen. (Zumar: 54)
Dies gilt in gleicher Weise für fast alle Menschen auf der Welt, deren Denkweise von Polytheismus geprägt ist. Mit ihrem Mund sagen sie: „Wir glauben an Allah.“ Doch sobald nur Allah erwähnt wird, verziehen sich ihre Gesichter. Dann sagen sie: „Dieser Mann erkennt die Frommen und die Gottesfreunde überhaupt nicht an. Deshalb sagt er nur immer Allah, Allah.“
Wenn jedoch die Namen anderer erwähnt werden, leuchten ihre Gesichter vor Freude auf. Durch dieses Verhalten wird deutlich, wem ihre Zuneigung und Liebe gilt. (3)
(Arabisch***************)
Ihre Haltung war folgende: Wenn man zu ihnen sagte: „Es gibt keinen Ilah außer Allah“, erwiderten sie voller Hochmut: „Sollen wir etwa um eines besessenen Dichters willen unsere Götter verlassen?“ (as-Saffāt: 35–36)
Der Prophet (s.a.w.) stieß bei ihnen auf großen Widerstand gegen diese Aussage:
(Arabisch*************)
„Macht dieser Mann etwa aus allen Göttern nur einen einzigen Gott? Das ist wahrlich eine höchst erstaunliche Sache!“ (Sād: 5)
In dieser Gesellschaft und unter Menschen mit einer solchen Denkweise stand der Gesandte Allahs (s.a.w.) und verkündete wiederholt mit fester Stimme: Allah allein ist der einzige Ilah und Rabb. An Seiner Göttlichkeit und Seiner Herrschaft und Verfügungsgewalt hat niemand Anteil.
(Arabisch**************)
–Euer Gott ist Allah, außer dem es keinen anderen Gott gibt. Sein Wissen umfasst alle Dinge. (Taha: 98)
(Arabisch*****************)
–Vielmehr ist euer Herr derjenige, der der Herr der Himmel und der Erde ist und sie erschaffen hat. (Al-Anbiya: 65)
(Arabisch****************)
–Wahrlich, euer Herr ist nur einer. Er ist der Herr der Himmel und der Erde und dessen, was zwischen beiden ist, und Er ist auch der Herr der Orte des Sonnenaufgangs. (As-Saffat: 4–5)
Das heißt: Derjenige, der Besitzer und Herr der Weltordnung ist, ist auch der Gott (Mabud und Ilah) der Menschheit; tatsächlich kann nur Er der Mabud sein, und nur Er sollte der Mabud sein. Es ist völlig falsch anzunehmen, dass der Herr der Weltordnung, einschließlich euch – also ihr Besitzer, Herrscher, Erzieher und Erhalter – der eine ist, während ein anderer der Ilah (derjenige, dem Anbetung zusteht) ist.
(Arabisch******************)
– (O Prophet!) Sprich: »Ich bin nur ein Warner. Es gibt keinen Gott außer Ihm, dem Einen. Er ist der über alle Siegreiche, der Herr der Himmel, der Erde und alles dessen, was zwischen ihnen ist. Er ist der Allmächtige und der große Vergebende. (O Prophet!) Sprich: Dies ist eine wichtige Nachricht, von der ihr euch abgewandt habt.« (Sad: 4–5)
(Arabisch*******************)
– Allah hat gesagt: »Nehmt euch nicht zwei Götter zum Gott und Herrn. Er ist nur ein einziger Gott. So fürchtet allein Mich.« (Nahl: 51)
(Arabisch****************)
Und Er allein ist der Gott im Himmel und der Gott auf der Erde. Und Er ist der Allweise, der Allwissende. (Zukhruf: 53)
(Arabisch*****************)
– Und rufe neben Allah keinen anderen Gott an. Es gibt keinen Gott außer Ihm. Alles ist dem Untergang geweiht außer Seinem Wesen. Die Herrschaft und das Gebieten gehören allein Ihm, und zu Ihm kehrt alles zurück. (Qasas: 88)
Die Götzendiener fragten den Propheten (s.a.w.s.): »Nenne uns die Abstammung des Herrn, zu dem du uns rufst. Woraus ist Er entstanden? Von wem hat Er die Erbschaft der Welt erhalten? Und wer wird diese Erbschaft nach Ihm erhalten?«
Als Antwort wurde eine so klare, umfassende und zugleich kurze Definition des Tauhīd dargelegt, dass sie mit großer Wucht in das Innerste des Herzens eindringt. Nicht die geringste Spur des Schirk kann im Herzen Raum gewinnen. Jedes einzelne ihrer Wörter bringt die Vorstellung des Tauhīd unmissverständlich zum Ausdruck. Das Wichtigste aber ist: Da sie in vier kurzen und kunstvoll formulierten Sätzen dargelegt wurde, war kein Zuhörer imstande, sie aus seinem Gedächtnis zu tilgen oder davon abzusehen, sie mit seinem Mund auszusprechen. Es wurde verkündet:
(Arabisch******************)
—Sprich (als Antwort auf ihre Worte): Er ist Allah, der Eine und Einzige. Allah ist auf nichts angewiesen, während alle auf Ihn angewiesen sind, und niemand ist Ihm ebenbürtig.
Der Sinn des ersten Satzes ist: Der Rabb, nach dem ihr mich fragt, den ich als den Einen Gott anerkenne und von dem ich möchte, dass auch andere Ihn anerkennen, ist kein neu erfundener oder von mir erdachter Gott. Vielmehr ist Er derselbe Gott, den ihr mit eurem Mund Allah nennt, dessen Haus (die Kaaba) ihr Baitullah (das Haus Allahs) nennt und zu dem ihr vor gerade vierzig Jahren während des Angriffs Abrahas gebetet habt, Er möge euch retten; damals habt ihr eure anderen Götter vergessen. Über Ihn selbst erkennt ihr an, dass Er der Schöpfer eurer Erde und eures Himmels sowie jedes einzelnen Dinges in der Welt ist.
Danach wurde über Allah, den Erhabenen, gesagt, dass Er Einer und Einziger ist. Jeder Araber wusste, was es bedeutet, dass Allah hier nicht als Wāhid, sondern als Ahad bezeichnet wird. Das Wort Wāhid („eins“) wird in der arabischen Sprache für jedes Ding gebraucht, das in einer bestimmten Hinsicht eins ist, selbst wenn sich in ihm in unzähligen anderen Hinsichten verschiedene Formen von Vielheit finden; etwa ein Haus, ein Mensch, eine Familie, ein Volk, ein Land oder eine Welt. Das entgegengesetzte Wort Ahad dagegen als Eigenschaft auf jemanden anzuwenden, um seine Einzigkeit zu beschreiben, war ein allgemeiner Sprachgebrauch, für den man in der arabischen Sprache vor der Offenbarung der Sure al-Ichlās kein Beispiel finden konnte. [Es sei angemerkt, dass im Qur’an für Allah, den Erhabenen, nirgendwo ausschließlich das Wort Wāhid verwendet wurde. Vielmehr wurde durch seine Verbindung mit einem anderen Wort der Rang der Einzigkeit Allahs, des Erhabenen, vom Rang der Einzigkeit irgendeines anderen Dinges in der Welt unterschieden, etwa in entsprechenden Formulierungen. In der Sure al-Ichlās jedoch wurde das Wort Ahad uneingeschränkt als Eigenschaft Allahs verwendet. Diese Verwendung ist dem Wesen Allahs vorbehalten – der Verfasser.]
(Dass Allah als „Ahad“ bezeichnet wird, bringt somit zum Ausdruck, dass Er in jeder Hinsicht Einer und Einziger ist. Er gehört nicht zu einer Gattung der Götter, sodass auch andere Wesen derselben Gattung Götter wären. Vielmehr ist Er in Seinem Dasein ohnegleichen und ohne Rivalen allein, und auch hinsichtlich Seiner Göttlichkeit ist Er vollkommen allein. In Ihm gibt es in keiner Hinsicht Vielheit. Er ist kein aus materiellen Bestandteilen zusammengesetztes Wesen, das teilbar und aufteilbar wäre, eine Form und Gestalt hätte, sich an einem Ort befände, aus dem etwas heraus- oder in den etwas hineinginge, eine Farbe oder Glieder hätte, von einer Richtung abhängig wäre oder in dem Veränderung und Zunahme stattfänden. Heilig und frei von jeder Art der Vielheit ist das göttliche Wesen, das in jeder Hinsicht Einer und Einziger ist. Wenn Er „Ahad“ ist, kann niemand an Seiner Göttlichkeit, Seiner Herrschaft und Seiner Autorität Anteil haben. Niemand teilt Seine Wesenheit, Seine Eigenschaften, Seine Verfügungsgewalt oder Seine Rechte. Nichts aus der erschaffenen Welt, was existiert, ist Ihm gleich oder ähnlich.)
Danach wird gesagt, dass Er unabhängig ist. Das Wort „Samad“ war in der arabischen Sprache sehr verbreitet, und jeder Araber kannte seine Bedeutung. Es wurde für eine Person gebraucht, die auf niemanden angewiesen ist und zu der die Menschen eilen, um ihre Bedürfnisse erfüllt zu bekommen.
Auch eine Person, die über allen anderen steht und über der niemand steht, der man gehorchte und ohne deren Entscheidung nichts beschlossen werden konnte, die keine Schwäche hatte, fehlerlos war, von keinem Unglück heimgesucht wurde, alles nach eigenem Willen tat, deren Entscheidung nicht revidiert werden konnte und die Eigenschaften der Macht besaß, wurde „Samad“ genannt. Es bezeichnete auch einen festen, vollkommen gefüllten Körper, der nicht hohl oder leer war, aus dem nichts heraus- und in den nichts hineinging. Für Allah, den Erhabenen, wurde jedoch nicht einfach nur „Samad“, sondern „as-Samad“ verwendet. Dies bedeutet, dass alles andere zwar in einer Hinsicht Samad sein kann, in vielen anderen Hinsichten jedoch nicht Samad ist. Der in jeder Hinsicht vollkommen Samad Seiende ist ausschließlich Allah.
Dann wird gesagt, dass Er kein Kind hat und selbst auch nicht das Kind irgendeines anderen ist. Diese Aussage widerlegt all jene polytheistischen Vorstellungen, auf deren Grundlage man annahm, dass auch die Götter einer Gattung angehörten, innerhalb derer sich eine solche Folge der Fortpflanzung vollziehe, wie sie bei den Menschen besteht. Er wird diese Vorstellung für immer ausrotten. Vor Ihm gab es keinen Gott, von dem Er abstammte, und nach Ihm gibt es keinen Gott und kann es keinen geben, der von Ihm abstammt.
Schließlich wird gesagt, dass niemand Sein „Kufu“ ist. Kufu bedeutet: Vergleichbares, Ihm Ähnliches, Ihm Gleichrangiges, Ihm Ebenbürtiges und Ihm Gleiches. Damit wurde den Menschen verkündet, dass es in der gesamten Weltordnung niemanden gibt, der Allah gleicht oder Ihm gleichrangig ist oder irgendeine Ähnlichkeit mit Ihm hinsichtlich Seiner Eigenschaften, Seiner Werke und Seiner Macht und Verfügungsgewalt aufweist – weder jemals gegeben hat noch jemals geben kann.
Beweise für den Tauhid
Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, beschränkte sich nicht darauf, der polytheistischen Gesellschaft diese klare Vorstellung vom Tauhid vorzulegen; vielmehr bewies er sie mit Nachdruck durch unwiderlegbare rationale Beweise.
1. Alle Propheten lehrten den Tauhid
Ein äußerst stichhaltiges Argument in diesem Zusammenhang war, dass alle Propheten, die vor ihm auf der Welt erschienen waren, den Tauhid gelehrt und befohlen hatten, sich vom Schirk fernzuhalten. Tatsächlich wird im Koran über alle Propheten allgemein gesagt:
(Arabisch***************)
– Wir haben zu jedem Volk einen Propheten gesandt mit der Lehre: Dient Allah und meidet den Taghut. [Der berühmte Imam Ibn Dscharir at-Tabari, ein Gelehrter der Koranexegese, hat den Taghut folgendermaßen erklärt:
Jedes Wesen, das sich gegen Allah auflehnt und anstelle Allahs verehrt wird – sei es, dass der Verehrer gezwungen ist, es unter Anwendung von Gewalt zu verehren, oder dass er es freiwillig und aus eigenem Antrieb verehrt – (das heißt: das verehrt wird) ist ein Taghut. Ob es sich um einen Menschen, einen Satan, Götzen oder irgendetwas anderes handelt. (Dschamiʿ al-Bajan fi Tafsir al-Qur’an, Band 3, S. 13) – der Verfasser. Er hält sich von der Verehrung fern. (an-Nahl: 36)
(Arabisch**************)
– und Wir haben vor dir (o Prophet) keinen Gesandten entsandt, dem Wir nicht offenbart hätten: „Es gibt keinen Gott außer Mir. So dient nur Mir.“ (al-Anbiya: 25)
Über alle vergangenen Gemeinschaften wurde gesagt:
(Arabisch**********************)
– und ihnen wurde nichts anderes befohlen, als Allah zu dienen, Ihm allein ihren Glauben zu widmen und sich Ihm völlig zuzuwenden, das Gebet zu verrichten und die Zakat zu entrichten. Dies ist die völlig aufrichtige und geradlinige Religion. (al-Bajjina: 5)
Danach wird über die einzelnen Propheten gesagt, dass dies ihre Lehre war. Hadhrat Noah (a.s.), Hadhrat Hud (a.s.), Hadhrat Salih (a.s.), Hadhrat Schuʿaib (a.s.) und jeder andere dieser Propheten lehrte seinem Volk als Erstes genau diese Lehre:
(Arabisch****************)
– O mein Volk! Dient Allah. Ihr habt keinen anderen Gott außer Ihm. (Al-Aʿrāf: 59, 65, 73, 85; Hūd: 50a, 61, 84; al-Muʾminūn: 23, 32)
Als Hazrat Yaʿqūb im Sterben lag, fragte er seine Söhne: „Wem werdet ihr nach mir dienen?“ Sie antworteten: „Wir werden demselben Gott dienen, der dein Gott und der Gott deiner Väter Abraham, Ismael und Isaak war.“ (Al-Baqara: 133) Hazrat Yūsuf wandte sich an seine Gefährten im Gefängnis und sagte:
(Arabisch*****************)
– O meine Gefährten im Gefängnis! Sind viele verschiedene Götter besser oder Allah, der Eine, der alles bezwingt? Was ihr außer Ihm verehrt, sind nichts als einige Namen, die ihr und eure Väter ihnen gegeben habt. Allah hat keinerlei Beweis zu ihren Gunsten herabgesandt. Die Befugnis zu herrschen und Autorität auszuüben steht allein Allah zu. Sein Befehl lautet, dass ihr niemandem außer Ihm dienen sollt. Das ist die rechte Religion. Doch die meisten Menschen wissen es nicht. (Yūsuf: 39–40)
Auf Hazrat Mūsā (a.S.) wurde als erste Offenbarung herabgesandt:
(Arabisch******************)
– Ich bin Allah! Es gibt keinen anderen Gott außer Mir. So bete allein Mich an und verrichte das Gebet zu Meinem Gedenken. (Tā-Hā: 14)
Als die Kinder Israels danach begannen, das Kalb anzubeten, geriet Hazrat Mūsā (a.S.) in furchtbaren Zorn über sie. Er verbrannte das von ihnen angefertigte Götzenbild und sagte:
(Arabisch****************)
-Euer wahrer Gott ist einzig Allah; es gibt keinen Gott außer Ihm. (Ta-Ha: 98)
Der Prophet Jesus (a. S.) sagte zu den Kindern Israels immer wieder Folgendes:
(Arabisch****************)
In Wahrheit ist Allah mein Herr und auch euer Herr. So dient Ihm. Das ist der gerade Weg. (Al-i Imran: 51, Maryam: 36, Az-Zuhruf: 64)
(Arabisch******************)
-O Kinder Israels! Dient Allah, der mein Herr und auch euer Herr ist. Wer Allah jemanden beigesellt, dem hat Allah das Paradies für haram erklärt; sein Aufenthaltsort ist die Hölle. Und für solche Ungerechten gibt es keinen Helfer. (Al-Ma’ida: 72)
Das stärkste Argument für die Götzendiener Arabiens im Allgemeinen und insbesondere für die Götzendiener von Quraisch war jenes, das im Qur’an in der Geschichte des Propheten Ibrahim (a. S.) vorgetragen wird. Denn alle Götzendiener Arabiens erkannten ihn als ihren Führer und Wegweiser an. Sie betrachteten ihre Religion als die von ihm aufgezeigte Religion. Der Stolz, die Überheblichkeit sowie das Ansehen und der Einfluss der Quraisch beruhten auf ihrer verwandtschaftlichen Verbindung mit ihm und darauf, dass sie die von ihm errichtete Baytullah betreuten. Im Heiligen Qur’an wird den Quraisch und den Arabern ausführlich dargelegt, dass der Auszug ihres Vorfahren und religiösen Führers aus dem Reich Nimrods (Irak) gerade auf diesem Streit beruhte: Sein Vater, sein Volk und die Regierung seines Landes waren allesamt Götzendiener. Er, das heißt der Prophet Ibrahim (a. S.), widerlegte diesen Götzendienst öffentlich, lud sein Volk offen zum Tauhid ein und zerschlug die Götzen, weshalb er in einen gewaltigen Feuerofen geworfen wurde. Doch der erhabene Allah ließ ihn lebendig und unversehrt daraus hervorkommen. Danach verließ er sein Land und zog in das Gebiet Kanaans. Später gelangte er nach Mekka und errichtete dort dieses Haus Allahs, damit dort niemand außer dem einen Gott angebetet werde. Für seine Kinder sprach er das Bittgebet, dass sie nicht in die Irre der Götzenverehrung geraten mögen. Die ausführliche Darstellung dieser Geschichte wird an verschiedenen Stellen des Qur’an kraftvoll und treffend erzählt. Wer sie liest, kann sich vorstellen, wie sehr die Quraisch und die gewöhnlichen Götzendiener in Mekka erschüttert gewesen sein müssen, als der Gesandte Allahs (s. A. w.) ihnen dies vortrug. Ohne die Rede unnötig in die Länge zu ziehen, fügen wir hier lediglich die Übersetzung der Verse ein:
– Und erinnere dich an die Begebenheit Ibrahims, als er zu seinem Vater Āzar sagte: „Nimmst du Götzen zu Göttern? Wahrlich, ich sehe dich und dein Volk in offenbarer Verirrung.“
.. Ibrahim sagte: „O mein Volk! Ich bin frei von all dem, was ihr Allah als Teilhaber zur Seite stellt. Ich habe mein Antlitz in völliger Aufrichtigkeit demjenigen zugewandt, der die Himmel und die Erde erschaffen hat, und ich gehöre keineswegs zu den Götzendienern.“ Sein Volk begann, mit ihm zu streiten. Er sagte: „Streitet ihr mit mir über Allah, obwohl Er mich rechtgeleitet hat? Ich fürchte eure Teilhaber nicht. Ja, wenn mein Herr etwas will, kann es gewiss geschehen. Das Wissen meines Herrn umfasst alles. Wollt ihr dennoch nicht zur Besinnung kommen? Warum sollte ich eure Teilhaber fürchten, während ihr euch nicht davor fürchtet, Allah Dinge beizugesellen, für die Er euch keine Ermächtigung herabgesandt hat? Sagt also, wenn ihr Wissen besitzt: Welche der beiden Parteien ist eher der Sicherheit und des Friedens würdig?“ (Al-Anʿām: 74–81)
– Und erwähne in diesem Buch Ibrahim. Wahrlich, er war ein aufrichtiger Mann und ein Prophet. (Erzähle ihnen) die Begebenheit, als er zu seinem Vater sagte: „O mein Vater! Warum dienst du dem, was weder hört noch sieht und dir in keiner Sache nützen kann? O mein Vater! Zu mir ist Wissen gekommen, das dir nicht zuteilgeworden ist. Folge mir, ich werde dich auf einen geraden Weg führen. O mein Vater! Diene nicht dem Satan. Der Satan ist wahrlich dem Allerbarmer ungehorsam. O mein Vater! Ich fürchte, dass dich eine Strafe des Allerbarmers treffen könnte und du ein Gefährte des Satans wirst.“
„Der Vater sagte: ‚O Ibrahim! Wendest du dich von unseren Göttern ab? Wenn du nicht davon ablässt, werde ich dich gewiss zu Tode steinigen. Trenne dich für immer von mir.‘“
„Ibrahim sagte: ‚Friede sei mit dir! Ich werde meinen Herrn bitten, dir zu vergeben. Mein Herr ist wahrlich sehr gütig zu mir. Ich ziehe mich von euch und von jenen Wesen zurück, die ihr anstelle Allahs anruft. Ich werde nur meinen Herrn anrufen. Ich hoffe, dass ich nicht enttäuscht werde, wenn ich meinen Herrn anrufe.‘“ (Maryam: 41–48)
„Und Ibrahims Bitte um Vergebung für seinen Vater entsprach dem Versprechen, das er ihm gegeben hatte. Als ihm jedoch klar wurde, dass jener ein Feind Allahs war, sagte er sich von ihm los.“ (At-Tauba: 114)
„Und zuvor hatten Wir Ibrahim Wissen gegeben und kannten ihn wohl. Erinnere dich an die Begebenheit, als er zu seinem Vater und seinem Volk sagte: ‚Was sind das für Statuen, denen ihr so ergeben seid?‘ Sie antworteten: ‚Wir haben unsere Väter und Vorväter gesehen, wie sie ihnen dienten.‘ Er sagte: ‚Ihr und eure Vorväter befanden sich wahrlich in offenkundiger Verirrung.‘ Sie sagten: ‚Bringst du uns deine eigenen Gedanken vor oder scherzt du?‘ Er sagte: ‚Nein, vielmehr ist euer Herr der Herr der Himmel und der Erde und derjenige, der sie erschaffen hat. Dafür lege ich vor euch Zeugnis ab. Bei Allah, ich werde gewiss, wenn ihr abwesend seid, gegen eure Götzen vorgehen.‘ Dann zerschlug er sie in Stücke und ließ nur das größte unter ihnen unversehrt, damit sie sich an es wenden würden.“
„(Als sie kamen und den beklagenswerten Zustand ihrer Götzen sahen,) sagten sie: ‚Wer hat unseren Göttern dies angetan? Wahrlich, er ist ein großer Frevler.‘ (Einige Leute) sagten: ‚Wir haben einen jungen Mann gehört, der über sie sprach; er heißt Ibrahim.‘ Sie sagten: ‚Bringt ihn vor aller Augen her, damit sie sehen können, was mit ihm geschehen soll.‘ (Als Ibrahim kam,) sagten die Leute: ‚O Ibrahim! Hast du unseren Göttern dies angetan?‘ Er sagte: ‚Nein, vielmehr hat es dieser Größte unter ihnen getan. Fragt ihn, wenn er reden kann.‘ Daraufhin kamen sie, von ihrem Gewissen bedrängt, zu sich und sagten zueinander: ‚Ihr selbst seid die großen Frevler, weil ihr diese hilflosen Statuen anbetet.‘ Dann waren sie verwirrt und sagten: ‚Du weißt doch, dass diese nicht sprechen können.‘ Ibrahim sagte: ‚Betet ihr dann anstelle Allahs jene an, die euch weder nützen noch schaden können? Schande über euch und über eure Götter, die ihr anstelle Allahs anbetet!‘
„Sie sagten: Verbrennt ihn und helft euren Göttern, wenn ihr etwas unternehmen wollt. Wir sagten: O Feuer, sei kühl und sicher für Abraham! Sie wollten Abraham Schaden zufügen, doch Wir vereitelten ihren Plan.“ (Al-Anbiya: 51–70)
„Und trage ihnen die Geschichte Abrahams vor, als er zu seinem Vater und seinem Volk sagte: Was sind das für Dinge, die ihr anbetet?“
„Sie sagten: Das sind Götzen, die wir anbeten und deren Dienst wir ergeben verrichten. Er sagte: Hören sie euch etwa, wenn ihr sie anruft? Oder können sie euch irgendeinen Nutzen oder Schaden bringen? Sie antworteten: (Das wissen wir nicht,) aber wir haben unsere Väter und Vorväter so handeln sehen. Abraham sagte: Habt ihr je mit offenen Augen gesehen, was das eigentlich ist, dem ihr und eure früheren Väter gedient habt? Sie sind allesamt meine Feinde, außer dem Herrn der Welten, der mich erschaffen hat. Er ist es, der mich rechtleitet, der mir zu essen und zu trinken gibt. Wenn ich krank bin, ist Er es, der mich heilt. Er ist es, der mich sterben lässt und mich danach wieder zum Leben erweckt. Und von Ihm hoffe ich, dass Er mir am Tag des Gerichts meine Fehler vergeben wird.“ (Asch-Schu’ara: 69–82)
„Und Wir sandten Abraham. Als er zu seinem Volk sagte: Dient Allah und fürchtet Ihn. Das ist besser für euch, wenn ihr nur wisst. Diejenigen, die ihr anstelle Allahs anbetet, sind nicht in der Lage, euch Versorgung zu geben. Bittet Allah um Versorgung, dient Ihm und seid Ihm dankbar. Zu Ihm werdet ihr zurückgebracht werden. … Die Antwort seines Volkes war nichts anderes als: Tötet ihn oder verbrennt ihn! Doch Allah rettete ihn vor dem Feuer. Darin liegen gewiss Zeichen für die Gläubigen. Und Abraham sagte: Ihr habt die Götzen anstelle Allahs zu einem Mittel gegenseitiger Liebe im diesseitigen Leben gemacht. Doch am Tag der Auferstehung werdet ihr einander verleugnen und einander verfluchen. Das Feuer wird eure Herberge sein, und es wird für euch keinen Helfer geben. Da glaubte Lot ihm, und Abraham sagte: Ich wandere zu meinem Herrn aus. Er ist wahrlich der Allmächtige, der Allweise.“ (Al-Ankabut: 16–26)
„Und Abraham folgte dem Weg Noahs. Als er mit lauterem Herzen zu seinem Herrn kam und zu seinem Vater und seinem Volk sagte: Was sind das für Dinge, denen ihr dient? Wollt ihr anstelle Allahs erdichtete Götter? Was ist eure Meinung über den Herrn der Welten? Dann warf er einen Blick auf die Sterne und sagte zu den Leuten seines Volkes: Ich fühle mich krank. Da gingen sie (und ließen ihn auf ihrem Fest) fort. Danach schlich er sich in den Tempel ihrer Götzen und sagte: Warum esst und trinkt ihr nicht? Was ist mit euch, dass ihr nicht redet? Dann stürzte er sich auf sie und schlug sie mit der rechten Hand heftig.“
„(Nach ihrer Rückkehr) liefen die Leute seines Volkes zu ihm. Er sagte: Betet ihr die Dinge an, die ihr selbst gemeißelt habt? In Wahrheit hat Allah euch und auch das erschaffen, was ihr anfertigt. Sie sagten: Entzündet für ihn ein Feuer und werft ihn in dieses lodernde Feuer! Sie wollten einen Anschlag gegen ihn unternehmen, doch Wir erniedrigten sie. Und Abraham sagte: Ich gehe zu meinem Herrn, das heißt: Ich wandere aus. Er wird mich rechtleiten.“ (As-Saffat: 83–99)
Der ehrwürdige Abraham wurde vor den König des Landes gebracht, weil dieser den Anspruch erhob, Herr zu sein. Abraham aber war nicht bereit, irgendjemanden außer Allah als Herrn anzuerkennen. Das Gespräch, das zwischen ihnen stattfand, überliefert der Koran folgendermaßen:
„Als Abraham sagte: Mein Herr ist derjenige, der Leben gibt und sterben lässt. Er sagte: Über Leben und Tod verfüge ich selbst. Abraham sagte: Nun gut, Allah lässt die Sonne im Osten aufgehen; lass du sie im Westen aufgehen. Da blieb der Ungläubige sprachlos zurück.“ (Al-Baqara: 258)
Auf diese Weise wurde die Heimat Ibrahims (a. s.) wegen seines Widerstands gegen den Schirk und seines Aufrufs zum Tauhid zu eng für ihn. Daher verließ er sein Land, sein eigenes Volk, seine eigene Familie und sogar seinen eigenen Vater und machte sich zur Hidschra auf. Als er fortging, erklärte er gemeinsam mit den Gläubigen seinem Volk in klaren Worten:
„Wir haben uns von euch und von diesen euren Göttern, die ihr anstelle Allahs verehrt, völlig losgesagt. Wir weisen euch zurück, und zwischen euch und uns sind Feindschaft und Hass entstanden, bis ihr an den einen Allah glaubt. (Al-Mumtahina: 4)
Zugleich wird im Koran erklärt, dass Hadhrat Ibrahim (a. s.) nach seiner Ankunft in Mekka die Kaaba an dem von ihm bestimmten Ort nicht deshalb errichtete, damit sie zu einem Götzentempel und einem Wallfahrtsort der Muschrikun gemacht würde, dort die Anbetung anderer als Allah stattfinden und anderen als Allah geopfert werden sollte.
(Arabisch******************)
„Und gedenke der Zeit, als Wir Ibrahim den Platz dieses Hauses (der Kaaba) bestimmten und ihm die Weisung gaben: ‚Geselle Mir nichts bei und halte Mein Haus rein für diejenigen, die den Tawaf vollziehen, sich verbeugen und sich niederwerfen. Dann rufe die Menschen allgemein zum Hadsch auf, damit sie zu Fuß und auf mageren Kamelen aus fernen Gegenden zu dir kommen und allerlei Nutzen erlangen, der ihnen bestimmt ist. Dann sollen sie an bestimmten Tagen den Namen Allahs über den Tieren nennen, die Er ihnen gegeben hat.‘“ (Al-Hadsch: 26–18)
Darüber hinaus werden die Menschen im Koran daran erinnert, welches Gebet Hadhrat Ibrahim (a. s.) für die Bewohner Mekkas und ihre künftigen Nachkommen gesprochen hatte.
(Arabisch****************)
„O mein Herr! Mache diese Stadt zu einer Stadt der Sicherheit und halte mich und meine Kinder von der Anbetung der Götzen fern. O mein Herr! Diese Götzen haben viele Menschen irregeführt. Wer mir also folgt, gehört zu mir; und wer einen anderen Weg als meinen einschlägt – Du bist ja Allvergebend und Barmherzig.“ (Ibrahim: 35–36)
Dieses Beispiel für Hadhrat Ibrahim war für die Religion der Quraisch und der arabischen Götzendiener zerschmetternd. Sie konnten darüber zwar aufschreien, es aber nicht leugnen. Denn unter ihnen war allgemein anerkannt, dass Hadhrat Ibrahim (a.) kein Götzendiener und kein Götzenanbeter gewesen war. Die Kaaba hatte er ausschließlich zur Anbetung Allahs erbaut, und erst lange danach wurde der Schirk unter den Arabern eingeführt. In ihren Überlieferungen war festgehalten, wann der Schirk in Mekka begonnen hatte und wann und von woher die einzelnen Götzen gebracht worden waren. Deshalb ruft der Koran die Menschen offen auf:
(Arabisch****************)
„Diejenigen, die am meisten Anspruch darauf haben, mit Ibrahim verbunden zu sein, sind jene, die seiner Lebensweise folgen, sowie der Prophet (Muhammad, s.) und seine Anhänger. Und Allah ist der Schutzherr und Helfer der Gläubigen.“ (Āl ʿImrān: 68)
2. Beweis aus dem Zeugnis im Inneren der Götzendiener
Als zweiter starker Beweis für den Tauhid wird angeführt, dass die Götzendiener, wenn sie von einer schweren Not heimgesucht werden und dem Tod oder der Vernichtung gegenüberstehen, all ihre erdichteten Götter vergessen und ausschließlich Allah anrufen. Im Heiligen Koran wird ihr Zustand auf eindringliche Weise geschildert, um in ihnen das Bewusstsein zu wecken, dass in ihrem eigenen Inneren der Beweis dafür vorhanden ist, dass der Schirk falsch und der Tauhid wahr ist – ein Beweis, der sich in Zeiten der Prüfung durch Not offenbart. Doch nachdem diese Zeit vorüber ist, legt ihr den Schleier der Achtlosigkeit darüber. (4)
(Arabisch*****************)
– (O Prophet,) sage ihnen: Denkt nach und sagt: Wenn Allahs Strafe jemals über euch käme oder der letzte Augenblick über euch hereinbräche, würdet ihr dann jemanden außer Allah anrufen? Sag: Wenn ihr (in Bezug auf euren Schirk) wahrhaftig seid. Zu jener Zeit ruft ihr Allah allein an. Wenn Er will, beseitigt Er die Not, wegen derer ihr Ihn angerufen habt, und dann vergesst ihr jene, die ihr Ihm in der Göttlichkeit beigesellt habt. (Al-Anʿām: 40–41)
Ikrimah (ra.), der Sohn Abu Dschahls, hatte nach der Betrachtung dieser Zeichen das Glück, den Glauben anzunehmen. Als Mekka durch den Propheten (s.) erobert worden war, floh Ikrimah in Richtung Dschidda und fuhr mit einem Schiff nach Abessinien. Unterwegs brach ein furchtbarer Sturm aus, und das Schiff geriet in Gefahr. Zunächst flehte man alle möglichen Götter um Hilfe an. Doch als der Sturm immer stärker wurde und die Reisenden fest davon überzeugt waren, dass das Schiff sinken würde, begannen alle zu sagen: „Jetzt kann niemand außer Allah angerufen werden. Nur wenn Er will, können wir gerettet werden.“ In diesem Augenblick gingen Ikrimah die Augen auf, und sein Herz verkündete: Wenn es hier außer Allah keinen Helfer gibt, warum sollte es dann anderswo so sein? Genau das ist es, was jener rechtschaffene Diener Allahs uns seit zwanzig Jahren erklärt – und wir streiten uns grundlos mit ihm.
Dies war ein entscheidender Augenblick im Leben Ikrimas (r.a.). In diesem Moment gelobte er Gott, dass er, sollte er diesen Sturm überleben, unverzüglich zu Muhammad, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, gehen und seine Hand in dessen Hand legen werde. Tatsächlich hielt er sein Versprechen; später wurde er nicht nur Muslim, sondern verbrachte den Rest seines Lebens im Dschihad für den Islam.(5)
Dieser Beweis wird an verschiedenen Stellen im Koran vorgebracht. Ohne den Aufsatz unnötig in die Länge zu ziehen, werden wir lediglich die Übersetzungen der Verse wiedergeben.
„Er ist es, Allah, der euch zu Lande und zu Wasser reisen lässt. Wenn ihr also ein Schiff besteigt und mit günstigem Wind fröhlich dahinfahrt, dann kommt plötzlich ein heftiger Sturm auf, die Wellen schlagen von allen Seiten gegen euch, und die Reisenden erkennen, dass sie vom Sturm eingeschlossen sind, dann wenden sich alle in aufrichtiger Hingabe an Allah und rufen Ihn an: ‚Wenn Du uns aus dieser Not rettest, werden wir gewiss Deine dankbaren Diener sein.‘ Doch wenn Er sie rettet, beginnen eben diese Menschen auf der Erde gegen die Wahrheit aufzubegehren, indem sie vom rechten Weg abweichen.“ (Yunus: 22–23)
„Euer wahrer Gott ist Er, der euer Schiff auf dem Meer lenkt, damit ihr nach Seiner Gunst, das heißt nach Lebensunterhalt, trachten könnt. Wahrlich, Er ist euch gegenüber sehr barmherzig. Wenn euch auf dem Meer ein Unglück befällt, verschwinden alle, die ihr außer Ihm anruft. Doch wenn Er euch rettet und euch ans Land bringt, wendet ihr euch von Ihm ab. Der Mensch ist wahrlich undankbar.“ (Bani Isra’il: 66–67)
„Die Lage der Menschen ist so, dass sie, wenn sie von Not und Bedrängnis heimgesucht werden, zu ihrem Herrn eilen. Wenn Er sie dann etwas von Seiner Barmherzigkeit kosten lässt, beginnen einige von ihnen plötzlich, ihrem Herrn andere beizugesellen (das heißt, sie bringen anderen Göttern ihre Gelübde und Opfergaben dar). Dadurch zeigen sie sich undankbar für Meine Gunst.“ (Rum: 32)
„Wenn den Menschen ein Unglück widerfährt, wendet er sich seinem Herrn zu und ruft Ihn an. Wenn sein Herr ihn dann mit Seiner Gunst beschenkt, vergisst er jenes Unglück, dessentwegen er Ihn zuvor angerufen hatte, und setzt Allah andere gleich, um die Menschen von Seinem Weg abirren zu lassen.“ (Az-Zumar: 8)
Das heißt: Er bleibt nicht bei seinem eigenen Irrweg stehen, sondern führt auch andere in die Irre, indem er sagt: ‚Das Unglück, das mich heimgesucht hatte, ist dadurch beseitigt worden, dass ich für den und den Ehrwürdigen, den und den Frommen oder für diese und jene Gottheit ein Opfergelübde abgelegt habe.‘ Dadurch wenden sich viele andere Menschen den neben Allah erdichteten Göttern zu, und jeder Unwissende trägt, indem er auf diese Weise seine Erfahrung erzählt, zur Irreführung der Allgemeinheit bei.(7)
An verschiedenen Stellen des Korans wurden auf diese Weise die innersten Adern und Verzweigungen des Schirk der Götzendiener getroffen und das schlummernde Gefühl für den Tauhid in ihnen erweckt. Das arabische Land war von Gefahren und Unglück erfüllt. Die allgemeine Unsicherheit im Land war für jeden äußerst beunruhigend. Bei Krankheiten gab es weit und breit keinerlei Versorgung mit Medikamenten oder ärztlicher Behandlung.
In den furchtbaren Staubstürmen der Wüste verloren die Menschen das Bewusstsein. In einer solchen Lage wurde jeder Götzendiener irgendwann in seinem Leben mit einer Not konfrontiert, in der er, von allen Seiten verzweifelt, seine Hände im Gebet vor Allah, dem Einen ohne Teilhaber, erhob und glaubte, dass ihm in diesem Augenblick niemand außer dem Reinen Wesen helfen könne. Besonders auf Seereisen kam es häufig zu solchen Ereignissen. Zur Zeit des Angriffs Abrahas auf die Quraisch zeigte sich genau dieser Zustand. Sie verließen alle falschen Götter und riefen allein Allah um Hilfe an. Zur Zeit der Offenbarung des Korans lebten viele Menschen, die Augenzeugen dieses Ereignisses gewesen waren. In der Sure al-Fil wird ihre Aufmerksamkeit gerade darauf gelenkt: „Wer war damals außer eurem wahren Herrn, der die sechzigtausend Angreifer vernichtete und euch vor der Zerstörung bewahrte?“ Und in der Sure Quraisch wird ihre Aufmerksamkeit ebenfalls darauf gelenkt: „Dient jenem erhabenen Gott, in dessen Haus ihr Zuflucht gefunden habt und dadurch vor der Zerstörung bewahrt wurdet und in Arabien diese Sicherheit, Geborgenheit und diesen Wohlstand erlangt habt. Der Geber dieser Gunst ist Allah, nicht jene Götzen, die ihr in Seinem Haus versammelt habt und von denen ihr selbst wisst, dass sie euch nicht vor der Zerstörung hätten bewahren können.“
3. Beweisführung aus der natürlichen Ordnung
Zusätzlich zu den beiden oben genannten Beweisen wird im Koran an vielen Stellen ausführlich anhand der gesamten Ordnung der Welt ein äußerst starker Beweis dafür vorgebracht, dass der Gott der gesamten Schöpfung einer und nur einer sein kann. Auch hier geben wir lediglich die Übersetzung der Verse wieder.
„O ihr Menschen! Dient eurem Herrn, der euch und diejenigen erschaffen hat, die vor euch vergangen sind, auf dass ihr euch (vor den Folgen der Anbetung anderer) hüten möget. Er ist es, der für euch die Erde als Lager und den Himmel als Dach gemacht und vom Himmel Wasser herabgesandt hat. Dann hat Er dadurch Früchte verschiedenster Art hervorgebracht, die zu eurem Lebensunterhalt geworden sind. So stellt Allah nicht wissentlich andere als Ihm gleich.“ (al-Baqara: 21–22)
„Zu Seinen Zeichen gehört, dass Er euch aus Erde erschaffen hat. Danach habt ihr euch als Menschen auf der Erde ausgebreitet. Und zu Seinen Zeichen gehört, dass Er euch aus eurer eigenen Art Gattinnen erschaffen hat, damit ihr bei ihnen Ruhe findet, und dass Er zwischen euch Liebe und Barmherzigkeit geschaffen hat. Darin liegen gewiss Zeichen für Menschen, die nachdenken. Und zu Seinen Zeichen gehören die Erschaffung der Himmel und der Erde sowie die Verschiedenheit eurer Sprachen und eurer Farben. Darin liegen gewiss viele Zeichen für die Wissenden. Und zu Seinen Zeichen gehören euer Schlaf in der Nacht und am Tag sowie euer Streben nach Seiner Gunst und eure Suche nach Lebensunterhalt. Darin liegen gewiss Zeichen für jene, die aufmerksam zuhören. Und zu Seinen Zeichen gehört, dass Er euch den Blitz sehen lässt, in Furcht und Hoffnung, und dass Er vom Himmel Wasser herabsendet und dadurch die tote Erde wieder belebt. Darin liegen gewiss viele Zeichen für Menschen mit Verstand. Und zu Seinen Zeichen gehört auch, dass Himmel und Erde auf Seinen Befehl hin Bestand haben. Wenn Er euch dann aus der Erde herausruft, werdet ihr sogleich auf diesen einen Ruf hin hervorkommen. Ihm gehört alles, was in den Himmeln und auf der Erde ist; alles ist Ihm untertan. Er ist es, der die Schöpfung beginnt, und Er wird sie wiederholen; dies ist für Ihn noch leichter. Ihm gehören die erhabensten Eigenschaften in den Himmeln und auf der Erde, und Er ist der Allmächtige, der Allweise.“ (ar-Rum: 20–27)
„In Wahrheit ist euer Herr Allah, der die Himmel und die Erde in sechs Tagen erschaffen hat und sich danach auf dem Thron niederließ (dem Thron der Herrschaft über das Reich der Schöpfung). Er lässt die Nacht den Tag bedecken, worauf der Tag der Nacht eilends folgt. Er hat die Sonne, den Mond und die Sterne erschaffen; alle sind Seinem Befehl unterworfen. Wahrlich, die Schöpfung und der Befehl gehören Ihm. Segensreich ist Allah, der Herr und Erhalter der Welten.“ (al-A’raf: 54)
„Preis sei Ihm, der alle Arten von Paaren erschaffen hat: aus dem, was die Erde hervorbringt, aus ihrer eigenen Art, den Menschen, und aus anderem, was sie nicht kennen. Und ein Zeichen für sie ist die Nacht: Wir ziehen von ihr den Tag weg, und schon befinden sie sich in Finsternis. Und die Sonne läuft zu ihrem Aufenthaltsort. Das ist die Bestimmung des Allmächtigen, des Allwissenden. Und für den Mond haben Wir Stationen festgelegt, bis er wie ein vertrockneter Dattelzweig zurückkehrt. Die Sonne kann den Mond nicht einholen, und die Nacht kann dem Tag nicht zuvorkommen. Alle schweben in ihrer Umlaufbahn. Und ein Zeichen für sie ist, dass Wir ihre Nachkommenschaft auf das beladene Schiff getragen haben und ihnen später Schiffe gleicher Art erschaffen haben, auf denen sie fahren. Wenn Wir wollten, könnten Wir sie ertrinken lassen; dann gäbe es niemanden, der ihren Ruf erhörte, und niemand könnte sie auf irgendeine Weise retten. Nur durch Unsere Barmherzigkeit werden sie ans andere Ufer gebracht und können für eine bestimmte Zeit das Leben genießen.“ (Yasin: 36–44)
„Sein Befehl ist nur: Wenn Er etwas will, spricht Er zu ihm: ‚Sei!‘, und es ist. So sei denn gepriesen Er, in dessen Hand die vollständige Herrschaft über alle Dinge liegt und zu dem ihr zurückgebracht werdet.“ (Yasin: 81–83)
„O Muhammad, sprich: Sollte ich etwa einen anderen Herrn als Allah suchen, obwohl Er doch der Herr aller Dinge allein ist?“ (Al-An’am: 164)
„Es gibt kein Lebewesen, das sich auf der Erde bewegt, dessen Versorgung nicht Allah obläge und von dem Er nicht wüsste, wo es sich befindet und wo es (nach dem Tod) niedergelegt wird. Alles ist in einem Buch niedergeschrieben.“ (Hud: 6)
„Er ist es, der die Himmel und die Erde in sechs Tagen erschuf und sich danach auf dem Thron niederließ. Er weiß, was in die Erde eindringt und was aus ihr hervorkommt, und Er weiß auch, was vom Himmel herabkommt und zu ihm emporsteigt. Wo immer ihr seid, Er ist mit euch, und was immer ihr tut, Er sieht es. Sein ist die Herrschaft über die Himmel und die Erde, und zu Allah werden alle Angelegenheiten (zur endgültigen Entscheidung) zurückgebracht. Er lässt die Nacht in den Tag und den Tag in die Nacht übergehen, und Er kennt auch den Zustand der Herzen genau.“ (Al-Hadid: 4–6)
„Er lenkt alle Angelegenheiten der Himmel und der Erde. Dann steigt ihr Bericht zu Ihm empor an einem Tag, dessen Dauer nach eurer Rechnung tausend Jahre beträgt. Er kennt alles Verborgene und Offenkundige. Er ist der Allmächtige, der Barmherzige.“
„Er hat alles, was Er erschuf, vollkommen erschaffen. Den Anfang der Erschaffung des Menschen machte Er aus Lehm. Danach setzte Er seine Nachkommenschaft aus einem geringgeschätzten Tropfen fort.“ (As-Sajda: 5–8)
„Allah allein spaltet die Körner und die Fruchtkerne (im Inneren der Erde). Er bringt das Lebendige aus dem Toten hervor und bringt das Tote aus dem Lebendigen hervor. Derjenige, der all dies vollbringt, ist Allah. Wie könnt ihr euch also von der Wahrheit abwenden? Er ist es, der die Dunkelheit der Nacht spaltet und den Morgen hervorbringt, und Er hat die Nacht zur Ruhe bestimmt. Er hat für Sonne und Mond ihre berechneten Umlaufbahnen festgelegt. Das ist die unwiderrufliche Bestimmung des Allmächtigen, des Allwissenden. Und Er ist es, der für euch die Sterne zu einem Mittel gemacht hat, durch das ihr euch in der Dunkelheit des Landes und des Meeres orientieren könnt. Seht, Wir haben die Zeichen ausführlich dargelegt für Menschen, die Wissen besitzen. Und Er ist es, der euch aus einem einzigen Menschen erschuf. Danach gibt es für jeden einen Aufenthaltsort und einen Ort der Rückkehr. Diese Zeichen haben Wir deutlich gemacht für Menschen, die verstehen und vernünftig handeln.“ (Al-An’am: 95–98)
„(O Prophet,) sag zu ihnen: Wer besitzt die Macht und Befugnis, Allahs Entscheidung über euch abzuweisen, wenn Er euch Schaden oder Nutzen zufügen will?“ (Al-Fath: 11)
„Und wenn Allah dir ein Unglück zufügen will, gibt es außer Ihm niemanden, der dieses Unglück abwenden kann. Und wenn Er dir Gutes zuteilwerden lassen will, gibt es niemanden, der Sein Gutes abwehren kann.“ (Yunus: 107)
„Niemand kann den Weg der Barmherzigkeit, den Allah für die Menschen öffnet, versperren, und was Er verschließt, kann niemand öffnen (…) Gibt es außer Allah einen anderen Schöpfer, der euch aus dem Himmel und der Erde versorgt? Es gibt keinen Gott außer Ihm. Wohin also lasst ihr euch abbringen?“ (Fāṭir: 2–3)
„Wenn es außer Allah noch andere Götter im Himmel und auf der Erde gäbe, dann wäre die Ordnung von Erde und Himmel gewiss zugrunde gegangen. Allah, der Herr des Thrones, ist frei und erhaben über das, was sie Ihm zuschreiben. Er wird für Sein Handeln von niemandem zur Rechenschaft gezogen, doch alle werden vor Ihm zur Rechenschaft gezogen. Haben sie etwa außer Ihm andere zu Göttern genommen? Sag: Bringt euren Beweis vor!“ (Al-Anbiyāʾ: 22–24)
„Allah hat sich keinen Sohn genommen, und es gibt neben Ihm keinen anderen Gott. Wenn es so wäre, würde jeder Gott sich mit seiner Schöpfung absondern und der eine sich über den anderen erheben. Erhaben und frei ist Er über das, was sie Ihm zuschreiben.“ (Al-Muʾminūn: 91)
„Sag ihnen, o Prophet: Wenn es neben Ihm andere Götter gäbe, wie sie behaupten, dann würden sie gewiss danach streben, zum Herrn des Thrones vorzudringen. Er ist heilig, überaus erhaben und höher als das, was sie sagen.“ (Banī Isrāʾīl: 42–43)
Dies sind einige jener Verse, in denen so stichhaltige Beweise für den Tauhid vorgebracht werden, dass jeder, der auch nur ein wenig Verstand und Wissen besitzt, anerkennen muss, dass die gewaltige Ordnung dieser Schöpfung, von der Erde bis zum Himmel, ohne den einen Gott nicht bestehen kann. Alles ist erschaffen worden, weil Er es erschaffen hat, und alles besteht, weil Er es lenkt. Die Weisheit, Erkenntnis, Macht, Barmherzigkeit, Fürsorge und Erhaltungskraft, die Ordnung und Gesetzmäßigkeit sowie die Harmonie, die sich zwischen den zahllosen und unzähligen Dingen der Schöpfung findet, machen offenkundig, dass all dies ohne die Gottesherrschaft des einen Gottes nicht möglich wäre. Es gibt darin nicht die geringste Möglichkeit, dass irgendjemand anderes auch nur ein kleines Maß an göttlicher Macht oder Verfügungsgewalt besitzt. Andernfalls könnte diese Ordnung niemals derart regelmäßig und mit solcher Weisheit und Harmonie funktionieren. Nun ist klar: Wenn Er der Schöpfer ist, dann ist Er auch der Versorger, Ihm allein obliegt die Macht, Nutzen und Schaden zukommen zu lassen, und Er ist der Besitzer aller Macht und Verfügungsgewalt. Wer bleibt dann noch, der das Recht hätte, als Gott verehrt zu werden? Und wie könnte unter Seiner Schöpfung überhaupt die Herrschaft und das Gebot eines anderen gelten? Wenn ein Mensch jemanden verehrt, tut er dies in dem Glauben, dass dieser irgendeine Macht und Verfügungsgewalt besitzt und Nutzen oder Schaden zufügen kann. Wenn er jedoch erkennt, dass dieser keinerlei Macht und Verfügungsgewalt besitzt, kann niemand so töricht und dumm sein, ihn ohne jeden Grund zu verehren.
4. Beweisführung zur Widerlegung des Schirk
So wie der Tauhid im Koran mit überzeugender Kraft bewiesen wurde, werden darin ebenso überzeugende Beweise zur Widerlegung des Schirk vorgebracht. Dadurch wird der Schirk vollständig zerschmettert. Auch hier werden wir lediglich die Übersetzungen der Koranverse vorlegen.
„Achtet darauf: Alles, was im Himmel und auf der Erde ist, gehört Allah. Und diejenigen, die außer Allah andere Teilhaber anrufen, folgen bloßen Vermutungen und frönen nichts als Einbildungen.“ (Yūnus: 66)
„Diejenigen, die ihr an Seiner Statt anbetet, sind nichts. Es sind lediglich Namen, die ihr und eure Väter festgelegt habt. Allah hat keine Ermächtigung dafür herabgesandt, dass sie Seine Partner seien.“ (Yusuf: 40)
„So hege du, o Prophet, keinerlei Zweifel hinsichtlich der Götzen, die diese Leute anbeten. Sie verrichten ihre Anbetung ganz blind, genau so, wie ihre Väter es zuvor getan haben.“ (Hud: 109)
„Und wenn zu ihnen gesagt wird: Folgt dem, was Allah herabgesandt hat!, sagen sie: Nein, vielmehr folgen wir dem, bei dem wir unsere Väter vorgefunden haben. Werden sie etwa weiterhin blind ihren Vätern folgen, selbst wenn Satan sie zur Strafe des lodernden Feuers ruft?“ (Luqman: 21)
„Hatten Wir ihnen etwa schon zuvor ein Buch gegeben, auf das sie sich bei ihrer Verehrung der Engel stützen könnten? Nein, vielmehr sagen sie: Wir haben unsere Väter auf einem bestimmten Weg vorgefunden, und wir folgen ihren Spuren. Ebenso sagten die wohlhabenden Leute jeder Stadt, in die Wir vor dir einen Warner entsandt hatten: Wir haben unsere Väter auf einem bestimmten Weg vorgefunden, und wir folgen ihren Spuren. Jeder Prophet fragte sie: Soll ich euch nicht einen rechtgeleiteteren Weg zeigen als den, auf dem ihr eure Väter vorgefunden habt? Sie antworteten allen Propheten: Wir leugnen das, womit ihr gesandt worden seid, um uns dazu aufzurufen.“ (Zukhruf: 21–24)
„Sie beten anstatt Allahs Wesen an, für deren Göttlichkeit Allah keine Ermächtigung herabgesandt hat. Und sie besitzen darüber auch keinerlei Wissen.“ (Hadsch: 71)
In diesen und ähnlichen Versen wird klar gesagt, dass die Götzendiener keinerlei Beweis oder Argument dafür besitzen, andere zu Allahs Partnern und zu Berechtigten der Anbetung zu erklären. Sie folgen lediglich blind ihren Vätern. Sie nehmen aufgrund bloßer Vermutungen an, dass bestimmte Wesen einen Anteil an den Befugnissen und der Macht der Göttlichkeit erhalten hätten und deshalb ihre Wünsche erfüllten. Doch Allah hat ihnen niemals erklärt, dass Er irgendeinem Wesen irgendeinen Teil Seiner Befugnisse übertragen habe. Sie verfügen über kein direktes Wissen darüber, dass irgendein ehrwürdiger Mann oder irgendeine Gottheit eine dieser Befugnisse Allahs erlangt habe. Zugleich werden im Quran wiederholt Beweise dafür vorgelegt, dass der Schirk eine irrige und haltlose Vorstellung ist.
„Wer ist es denn, der die Himmel und die Erde erschaffen und für euch Wasser vom Himmel herabgesandt hat, durch das Wir prächtige Gärten hervorbringen, deren Bäume zu ziehen euch nicht möglich gewesen wäre? Gibt es neben Allah etwa einen anderen Gott, der daran beteiligt ist? Nein! Vielmehr weichen diese Leute vom richtigen Weg ab. Und wer ist es, der die Erde zu einer festen Wohnstätte gemacht, durch sie Flüsse fließen lassen, auf ihr Berge wie Pflöcke verankert und zwischen den beiden Gewässern – dem süßen und dem salzigen – eine trennende Schranke errichtet hat? Gibt es neben Allah etwa einen anderen Gott, der daran beteiligt ist? Nein! Vielmehr wissen die meisten von ihnen nicht. Wer erhört den in Not Geratenen, wenn er Ihn anruft, und wer beseitigt das Unheil? Wer hat euch zu Nachfolgern auf der Erde gemacht? Gibt es neben Allah etwa einen anderen Gott, der daran beteiligt ist? Wie wenig bedenken sie! Wer führt euch durch die Finsternisse des Landes und des Meeres, und wer sendet die Winde als frohe Botschaft vor Seiner Barmherzigkeit? Gibt es neben Allah etwa einen anderen Gott, der dies tut? Erhaben und hoch über allem ist Allah, über das, was sie Ihm beigesellen. Wer bringt die Schöpfung zum ersten Mal hervor und lässt sie sich dann wiederholen? Und wer versorgt euch vom Himmel und von der Erde? Gibt es neben Allah etwa einen anderen Gott, der daran beteiligt ist? Sprich: Bringt euren Beweis vor, wenn ihr mit eurem Schirk wahrhaftig seid.“ (Naml: 60–64)
„Überaus segensreich ist Derjenige, der dieses Furqan auf Seinen Diener herabgesandt hat, damit er für die Bewohner der Welt ein Warner sei. Ihm gehört die Herrschaft über die Erde und die Himmel. Er hat sich keinen Sohn genommen, und niemand ist an Seiner Herrschaft beteiligt. Er hat jedes Ding erschaffen und ihm dann sein Maß bestimmt. Doch die Menschen haben sich an Seiner Statt Götzen genommen, die nichts erschaffen, sondern selbst erschaffen werden, die weder über Nutzen noch Schaden verfügen, weder den Tod herbeiführen noch Leben schenken und auch die Toten nicht wieder zum Leben erwecken können.“ (Furqan: 1–3)
Nachdem in den Versen 3 bis 16 der Sure an-Nahl viele Beispiele für Allahs Schöpfungskunst dargelegt worden sind, heißt es: „Sind etwa derjenige, der erschafft, und derjenige, der überhaupt nichts erschaffen kann, gleich? Wollt ihr nicht zur Besinnung und zur Einsicht gelangen?“ (Vers 17)
„(O Prophet,) frage sie: Wer ist der Herr der Himmel und der Erde? Sag: Allah. Dann frage sie: Habt ihr außer Ihm andere zu Herren gemacht, die selbst keinerlei Macht über ihren eigenen Nutzen oder Schaden besitzen? Sag zu ihnen: Können etwa der Blinde und der Sehende gleich sein? Oder können Finsternis und Licht gleich sein? Oder haben jene, die sie Allah beigesellen, etwa etwas geschaffen wie Er, sodass ihnen die Schöpfung verwirrend geworden ist? Sag: Allah ist der Schöpfer aller Dinge, und Er ist der Eine, der alles bezwingt.“ (ar-Raʿd: 16)
„O Prophet! Sag zu ihnen: Habt ihr jene Teilhaber von euch gesehen, die ihr anstelle Allahs anruft? Sagt mir: Was haben sie auf der Erde erschaffen? Oder haben sie einen Anteil an den Himmeln? Oder haben Wir ihnen etwa ein Buch gegeben, auf dessen Grundlage sie einen Beweis für ihren Schirk besitzen? Nichts dergleichen. Vielmehr machen diese Ungerechten einander lediglich trügerische Versprechungen.“ (Fatir: 40)
„Und wenn du sie fragst, wer die Himmel und die Erde erschaffen hat, werden sie gewiss sagen: Allah! Sag zu ihnen: Was meint ihr dann? Wenn Allah mir einen Schaden zufügen will, können eure Göttinnen – jene, die ihr anstelle Allahs anruft – mich vor dem von Ihm bestimmten Schaden bewahren? Oder wenn Allah mir Barmherzigkeit erweisen will, können sie Seine Barmherzigkeit zurückhalten? (Wenn sie nicht behaupten können, dass sie dazu imstande sind,) dann sag zu ihnen: Allah genügt mir. Auf Ihn verlassen sich diejenigen, die sich auf jemanden verlassen.“ (az-Zumar: 38)
Die Muschrikun pflegten zu sagen: Unsere Götter sind für uns Mittel, durch die wir Allah nahekommen, und unsere Fürsprecher bei Ihm. Deshalb beten wir sie an. Wir richten Bittgebete an sie und rufen sie um Hilfe an, damit sie uns beistehen, uns nützen und uns vor Schaden bewahren. Auch diese Vorstellung wird im Koran ausführlich widerlegt.
„Diese Menschen verehren anstelle Allahs Dinge, die ihnen weder Nutzen noch Schaden bringen können. Und sie sagen: Diese sind unsere Fürsprecher bei Allah. (O Prophet,) sag zu ihnen: Wollt ihr Allah etwa über etwas in Kenntnis setzen, von dem Er weder in den Himmeln noch auf der Erde weiß? Erhaben und frei ist Er von dem Schirk, den diese Menschen begehen.“ (Yunus: 18)
Und diejenigen, die sich anstelle Allahs andere Schutzherren genommen haben, sagen: „Wir verehren sie nur deshalb, damit sie uns zu Allah näherbringen.“ „Allah wird gewiss zwischen ihnen über das entscheiden, worüber sie uneinig sind. Allah leitet niemanden recht, der ein Lügner und ein Leugner der Wahrheit ist.“ (az-Zumar: 13)
„Diese Menschen haben sich anstelle Allahs andere Götter genommen, damit diese ihnen beistehen. Doch niemand wird ihnen beistehen. Sie alle werden ihre Verehrung verleugnen und ihnen am Jüngsten Tag sogar als Gegner gegenübertreten.“ (Maryam: 81–82)
„Diese Leute haben sich neben Allah andere Götter genommen und hoffen, dass sie ihnen helfen werden. Sie können ihnen jedoch überhaupt nicht helfen. Vielmehr sind diese Leute ihrerseits ständig als Heerschar für sie im Einsatz (wodurch ihre Göttlichkeit aufrechterhalten wird).“ (Yasin: 74–75)
„Wer kann bei Allah Fürsprache einlegen, außer mit Seiner Erlaubnis?“ (Al-Baqara: 55)
„O Prophet! Sprich (zu diesen Götzendienern): Ruft jene an, die ihr anstelle Allahs zu euren Herren gemacht habt. Sie besitzen nicht einmal das Geringste, weder im Himmel noch auf der Erde. Sie haben weder an der Herrschaft über Himmel und Erde einen Anteil, noch ist jemand unter ihnen Allahs Helfer. Und bei Allah wird die Fürsprache nichts nützen, außer für denjenigen, dem Allah die Erlaubnis zur Fürsprache und zur Fürsprache für jemanden gegeben hat.“ (Saba: 22–23)
„Wer ist weiter vom Irrtum entfernt als jemand, der anstelle Allahs jene anruft, die ihm bis zum Tag der Auferstehung keine Antwort geben können, ja, die nicht einmal bemerken, dass diese Leute sie anrufen? Und wenn die Menschen zur Versammlung zusammengebracht werden, werden jene die Feinde ihrer Anrufer sein und ihre Anbetung leugnen.“ (Al-Ahqaf: 5–6)
„Das Anrufen gebührt allein Allah. Diejenigen aber, die sie außer Allah anrufen, können ihnen auf ihren Ruf überhaupt nicht antworten. Sie anzurufen ist wie der Fall eines Menschen, der seine Hände nach dem Wasser ausstreckt und es bittet: ‚Komm in meinen Mund!‘ Doch das Wasser kann ihn nicht erreichen. Ebenso ist das Gebet der Ungläubigen vergeblich, nur ein fehlgeleiteter Pfeil.“ (Ar-Ra’d: 14)
„Das Gleichnis derjenigen, die sich anstelle Allahs andere zu Schutzherren genommen haben, ist das der Spinne. Sie baut sich ein Haus, doch das Haus der Spinne ist das schwächste aller Häuser. O wenn sie doch Wissen hätten!“ (Al-Ankabut: 41)
„O ihr Menschen! Es wird ein Gleichnis angeführt, so hört ihm aufmerksam zu. Diejenigen, die ihr außer Allah anruft, haben nicht einmal eine Fliege erschaffen. Selbst wenn sie sich alle dafür zusammentäten, könnten sie es nicht. Und wenn die Fliege ihnen etwas wegnimmt, können sie es ihr nicht wieder entreißen. Schwach sind sowohl diejenigen, die um Hilfe bitten, als auch diejenigen, bei denen um Hilfe gebeten wird. Sie haben Allah nicht die Ehre erwiesen, wie es Ihm gebührt. Wahrlich, Allah allein ist der Starke, der Allmächtige.“ (Al-Haddsch: 73–74)
„Schreiben sie Allah solche als Teilhaber zu, die nichts erschaffen haben, sondern selbst erschaffen wurden? Sie können weder ihnen helfen noch sich selbst helfen.“ (Al-A’raf: 191–192)
Nachdem in den Versen 65 bis 72 der Sure an-Nahl Allahs Gnade, Huld und seine Gaben gegenüber den Menschen erwähnt worden sind, heißt es:
„Glauben die Menschen trotz alledem an das Falsche und leugnen Allahs Gnade und Huld? Und sie verehren außer Allah jene, die keinerlei Befugnis besitzen, ihnen Versorgung vom Himmel oder von der Erde zu gewähren. Sie können dies überhaupt nicht.“ (an-Nahl: 72–73)
„Haben sie sich anstelle Allahs etwa einige Wesen zu Fürsprechern genommen? Sag: Werden sie Fürsprache einlegen, obwohl sie über nichts verfügen und nichts verstehen? Sag: Die gesamte Angelegenheit der Fürsprache liegt in Allahs Hand. Ihm gehört die Herrschaft über die Himmel und die Erde. Danach werdet ihr zu Ihm zurückgebracht.“ (az-Zumar: 43–44)
„Wir haben viele Städte in eurer Umgebung vernichtet. Wir haben ihnen die Zeichen gesandt und sie auf verschiedene Weise verständlich gemacht, damit sie auf den rechten Weg zurückkehren. Warum halfen ihnen dann jene Wesen nicht, die sie anstelle Allahs zu Göttern gemacht und als Mittel zur Erlangung der Nähe Allahs betrachtet hatten? Vielmehr wandten sie sich bei Eintreffen der Strafe von ihnen ab. Dies war die Folge ihrer falschen und erfundenen Glaubensvorstellungen, die sie sich zurechtgelegt hatten.“ (al-Ahqaf: 27–28)
Nachdem in den Versen 11 bis 13 der Sure Fatir die Wunder der Macht Allahs beschrieben worden sind, heißt es: „Jener Allah, durch den all diese Dinge geschehen, ist euer Herr. Ihm allein gehört die Herrschaft. Diejenigen, die ihr statt Ihm anruft, besitzen nicht einmal etwas so Geringfügiges wie ein Halmstück. Wenn ihr sie anruft, hören sie euren Ruf nicht. Selbst wenn sie ihn hören würden, könnten sie ihn nicht beantworten. Und am Tag der Auferstehung werden sie eure Beigesellung von Teilhabern Allah gegenüber verleugnen.“ (Fatir: 13–14)
„Allah allein fällt das richtige Urteil. Diejenigen aber, die diese Götzendiener anstelle Allahs anrufen, können über nichts urteilen. Wahrlich, Allah allein hört alles und sieht alles.“ (al-Mu’min: 20)
Danach wird den Menschen gesagt, dass diejenigen, die Ehre suchen (und die Hilfe irgendeiner helfenden Macht wünschen), keinen Fürsprecher brauchen, weder nach einem Mittel suchen müssen, um Allahs Nähe zu erlangen, noch Votivgaben darzubringen. Dafür gibt es nur einen einzigen Weg –
(Arabisch*****************)
Wer auch immer Ehre und Ansehen begehrt, der sollte wissen: Alle Ehre gehört ganz Allah. Zu Ihm steigt nur ein reines Wort empor, und eine rechtschaffene Tat lässt es emporsteigen. (Fatir: 10)
Die Götzendiener haben Allah einen Sohn zugeschrieben, betrachten die Engel als Allahs Töchter und beten sie an. Der Koran weist dies mit scharfen Worten zurück und beweist die Haltlosigkeit dieses Glaubens.
Sie haben die Dschinn Allah zu Teilhabern gemacht, obwohl Er sie erschaffen hat. Und unwissentlich haben sie Ihm Söhne und Töchter angedichtet. Erhaben und frei von dem, was sie behaupten, ist Er. Er ist der Schöpfer der Himmel und der Erde. Wie könnte Er Kinder haben, wo Er doch keine Gefährtin hat? Er hat alles erschaffen und weiß über alles Bescheid. Dieser ist Allah, euer Herr. Es gibt keinen Gott außer Ihm; Er ist der Schöpfer aller Dinge. So dient Ihm allein. Er ist der Sachwalter über alle Dinge. (Al-An’am: 100–102)
„Sie sagen: ‚Der Allerbarmer hat ein Kind.‘ Gepriesen sei Er! Vielmehr sind sie – die Engel – geehrte Diener. Sie sprechen Ihm gegenüber nicht laut, sondern handeln nach Seinem Befehl. Er weiß, was vor ihnen liegt, und ebenso, was ihnen verborgen ist. Sie legen nur für denjenigen Fürsprache ein, dessen Fürsprache Allah zu hören bereit ist. Sie sind aus Furcht vor Allah erschrocken. Und wenn jemand von ihnen sagen sollte: ‚Ich bin ein Gott außer Allah‘, dann würden Wir ihm mit der Hölle vergelten. So vergelten Wir den Ungerechten.“ (Al-Anbiya: 26–29)
„Diese Leute haben einige Seiner Diener zu einem Teil von Ihm gemacht. Wahrlich, der Mensch ist offenkundig undankbar. Hat Allah aus Seinen Geschöpfen für Sich Töchter erwählt und euch mit Söhnen ausgezeichnet? Wenn einem von ihnen die frohe Kunde von der Geburt dessen überbracht wird, was sie dem Allerbarmer zuschreiben, wird sein Gesicht schwarz und er ist voller Kummer. Haben sie etwa Ihm diejenigen zugeschrieben, die mit Schmuck aufgezogen werden und sich im Streit nicht klar ausdrücken können? Haben sie die körperliche Gestalt der Engel gesehen, die sie für weibliche Wesen halten und die Diener des Allerbar mers sind? Ihre Zeugenaussage wird aufgezeichnet, und sie werden zur Rechenschaft gezogen werden.“ (Az-Zukhruf: 15–19)
„Frage sie nun: Würde es ihrem Herzen gefallen, dass eurem Herrn Töchter und ihnen – oder euch – Söhne gehören? Haben Wir etwa die Engel zu weiblichen Wesen gemacht, und waren sie dabei Augenzeugen? Hört gut zu: In Wirklichkeit erfinden sie die Behauptung, Allah habe Kinder. Wahrlich, sie sind Lügner.“
Hat Allah für Sich Töchter statt Söhne erwählt? Was ist mit euch? Was für ein Urteil fällt ihr? Kommt ihr nicht zur Besinnung? Wenn ihr für diese Behauptungen irgendeinen Beweis habt, dann bringt ein Buch vor, in dem dies steht, wenn ihr wahrhaftig seid. (As-Saffat: 149–157)
„Habt ihr jemals über die Wirklichkeit dieser drei nachgedacht: al-Lat, al-Uzza und Manat, die dritte der anderen? Söhne für euch und Töchter für Allah? Was für eine ungerechte Aufteilung! Das sind nichts als Namen, die ihr und eure Vorväter erfunden habt. Allah hat keinerlei Beweis für sie herabgesandt – keinen, in dem Er selbst erklärt hätte, dies seien Meine Töchter. In Wirklichkeit folgen diese Leute bloß Aberglauben und Vermutungen und sind Sklaven ihrer Neigungen geworden, obwohl von ihrem Herrn bereits die Rechtleitung zu ihnen gekommen ist.“ (An-Najm: 19–23)
Während im Koran jede einzelne Ausprägung des Schirk widerlegt wird, wird den Muschrikun auch gesagt, dass das, was ihr für eure Götzen tut, auf nichts anderes hinausläuft, als ihnen Opfergaben darzubringen, weiterhin Feste und Rituale zu feiern und sie darum zu bitten, eure Wünsche in dieser Welt zu erfüllen. Ihr habt keinen einzigen Maʿbud, der euch die Rechtleitung geben könnte, welche die richtigen Grundsätze für das Leben in dieser Welt sind und welche falsch, welcher Weg richtig und welcher irrig ist. Wenn überhaupt jemand das Recht auf Anbetung besitzt, dann kann es nur Derjenige sein, der auch Seinen Dienern und den Anbetenden den Weg weist.
„Fragt sie: Gibt es unter euren festgelegten Teilhabern jemanden, der zur Wahrheit führt? Ist etwa derjenige, der zur Wahrheit führt, eher zu befolgen, oder derjenige, der selbst nicht den Weg findet? Das wäre etwas anderes, wenn er selbst geführt würde. In Wahrheit folgt die Mehrheit von ihnen bloßen Vermutungen. Doch Vermutungen können den Bedarf der Wahrheit in keiner Weise decken.“ (Yunus: 36)
Auf diese Weise wird der Schirk durch Beweise und Argumente vollständig widerlegt und die Menschen eindringlich davor gewarnt, dass Schirk eine Sünde ist, die Allah niemals verzeiht, solange der Mensch nicht davon Reue zeigt. Ganz gleich, wie viele guten Taten der Mensch neben dieser Sünde nach seiner eigenen Auffassung auch vollbringen mag – alles wird zunichtewerden.
„Allah verzeiht die Sünde, Ihm Teilhaber beizugesellen, niemals. Andere Sünden kann Er vergeben, wenn Er will. Wer Allah einen anderen als Teilhaber beigesellt, hat eine gewaltige Lüge ersonnen und eine gewaltige Sünde begangen.“ (Nisa: 48)
„O Muhammad! Sag ihnen: Wollt ihr mir dann, o ihr Unverständigen, befehlen, jemand anderen als Allah anzubeten? Dabei ist euch und den Propheten vor euch offenbart worden: Wenn ihr Schirk begeht, werden gewiss all eure Taten zunichtewerden und ihr werdet zu den Verlierenden gehören. So dient allein Allah und werdet zu den dankbaren Dienern.“ (Zumar: 64–66)
5. Die Forderungen des Tauhid
Neben dem klaren Beweis, dass der Tauhid wahr und der Schirk in jeder Hinsicht falsch ist, wird im Koran auch unmissverständlich dargelegt, dass nach der Anerkennung Allahs als des einen, Ihm nicht beigesellten Rabb und Maʿbud –
(1) es unabdingbar wird, niemand anderen außer Allah anzubeten und Ihm zu dienen.
(Arabisch***************)
– Ich habe die Dschinn und die Menschen nicht dazu erschaffen, irgendjemanden außer Mich anzubeten, sondern dazu, dass sie allein Mich anbeten. (Adh-Dhariyat: 56)
(Arabisch*******************)
– Werft euch weder vor der Sonne noch vor dem Mond nieder. Werft euch vielmehr vor Allah nieder, Der euch erschaffen hat, wenn ihr tatsächlich nur Ihn anbetet. (Fussilat: 37)
(Arabisch***************)
(O Muhammad!) Wir haben dir dieses Buch in Wahrheit herabgesandt. So bete Allah allein an und widme Ihm die Religion aufrichtig. Wahrlich, die aufrichtige Religion gebührt allein Allah. (Az-Zumar: 2–3)
(Arabisch*****************)
– Sag: Mir ist verboten worden, diejenigen anzubeten, die ihr außer Allah anruft. (Al-Mu’min: 66)
(2) Damit wird es ebenfalls unabdingbar, dass man niemanden außer Allah anruft. Man darf niemanden um Hilfe bitten, in dem Glauben, er könne auf übernatürliche Weise Bedürfnisse erfüllen und Aufgaben vollbringen.
(Arabisch**************)
– O Allah! Dir allein dienen wir, und nur Dich bitten wir um Hilfe.
(Arabisch****************)
– Und rufe außer Allah niemanden um Hilfe an, der dir weder nützen noch schaden kann.
(Arabisch****************)
– Und rufe neben Allah keine andere Gottheit um Hilfe an. Es gibt keine wahre Gottheit außer Ihm.
(Arabisch****************)
—Und euer Herr sagt: »Ruft Mich an, Ich werde euer Bittgebet erhören. Diejenigen, die sich aus Hochmut von Meiner Anbetung abwenden, werden gedemütigt in die Hölle eingehen.« (Al-Mu’min: 60) [Aus diesem Vers wird deutlich, dass das Wesen des Bittgebets und der Anbetung dasselbe ist. Wenn jemand einen anderen um ein Bittgebet bittet, betet er in Wirklichkeit diesen anderen an. —Der Verfasser]
(Arabisch*****************)
Und wenn Meine Diener dich nach Mir fragen, dann sage ihnen, dass Ich nahe bin. [Das heißt: Um zu Mir zu beten, ist kein Vermittler erforderlich. Ich höre die Bittgebete unmittelbar. —Der Verfasser] Wenn der Bittende Mich anruft, erhöre Ich sein Bittgebet. (Al-Baqara: 186) [Das bedeutet nicht, dass der Bittende diese Antwort hören wird. Vielmehr bedeutet es, dass Ich allein auf alle Bitten und Anliegen hin Maßnahmen ergreife. —Der Verfasser]
(3) Es ist ebenfalls unerlässlich, niemanden außer Allah als »Kenner des Verborgenen« zu betrachten. Man darf von niemandem annehmen, dass er alle verborgenen und offenbaren Geheimnisse der Schöpfung kennt und über das Wissen jedes einzelnen Dinges von der Vergangenheit bis in die Zukunft verfügt. (আরঈ**************)
Sag: Niemand von denen, die sich in den Himmeln und auf der Erde befinden, kennt das Verborgene außer Allah allein. (An-Naml: 65)
(Arabisch****************)
—In Seiner Hand liegen die Schlüssel des Verborgenen; niemand kennt sie außer Ihm. Er weiß, was sich auf dem Land und im Meer befindet. Kein Blatt fällt von einem Baum, ohne dass Er davon weiß. Kein Samenkorn gibt es in der tiefsten Finsternis der Erde, nichts Feuchtes und nichts Trockenes, das nicht in einem deutlichen Buch verzeichnet wäre. (Al-An’am: 59)
(4) Es ist ebenfalls unumgänglich, dass kein Tier im Namen eines anderen als Allah oder an irgendeinem Heiligtum geschlachtet oder geopfert werden darf. Jedes Tier ist haram, bei dessen Schlachtung nicht Allahs Name genannt wurde oder zusammen mit Allah der Name eines anderen genannt wurde. Im Koran wird an vier Stellen ausdrücklich gesagt, dass ein Tier, bei dessen Schlachtung der Name eines anderen als Allah genannt wurde, haram ist (Al-Baqara: 173, Al-Ma’ida: 3, Al-An’am: 145, An-Nahl: 115). In der Sure Al-Ma’ida wird außerdem ausführlich dargelegt, dass auch die Tiere haram sind, die an den Heiligtümern geschlachtet wurden, welche die Götzendiener errichtet hatten, um dort als Weihgabe für jemand anderen als Allah geopfert zu werden. (Vers: 3)
Danach heißt es in der Sure al-Anʿām ausdrücklich:
(Arabisch******************)
– Esst daher von dem Fleisch der Tiere, über denen bei der Schlachtung Allahs Name genannt wurde.
(Arabisch****************)
– Und esst nicht vom Fleisch eines Tieres, über dem bei der Schlachtung Allahs Name nicht genannt wurde. Denn das ist wahrer Ungehorsam gegenüber Gott.
(5) Ebenso ist es unerlässlich, die Herrschaft und Hoheitsgewalt Allahs, des Herrn der gesamten Schöpfung, in allen Angelegenheiten der Menschen anzuerkennen (in Fragen der Moral, der Bildung und Zivilisation, des gesellschaftlichen Lebens, der Politik, der Wirtschaft, der Gesetzgebung und Rechtsprechung, des Krieges und Friedens sowie in allen ähnlichen Belangen). Sein Gesetz soll das maßgebliche Gesetz sein; niemand sonst darf ihm gegenüber Gesetze erlassen. Was Er für haram erklärt hat, ist haram, und was Er für halal erklärt hat, ist halal. Niemand hat das Recht, von sich aus festzulegen, was halal und was haram ist. Die Menschen sollen weder als Einzelne noch als Gruppen ihren eigenen Willen unabhängig durchsetzen, noch Gesetze und Vorschriften befolgen, die nach dem Willen irgendjemandes außer dem einen Gott geschaffen wurden. Das Recht, in allen Angelegenheiten der Menschen zu entscheiden, gehört Allah und nicht den Dienern.
(Arabisch**************)
Worin immer ihr untereinander uneinig seid, die Entscheidung darüber obliegt Allah. (asch-Schūrā: 10)
(Arabisch****************)
-Haben diese Leute etwa Teilhaber neben Gott, die ihnen eine der ihren eigenen religiösen Vorstellungen entsprechende Scharia vorgeschrieben haben, obwohl Gott dies nicht erlaubt hat? (asch-Schura: 21)
Aus diesem Vers wird eindeutig ersichtlich, dass mit den hier erwähnten Teilhabern nicht jene gemeint sind, zu denen man betet, denen man Gelübde und Opfergaben darbringt und vor denen man religiöse Feste und Kulthandlungen vollzieht. Vielmehr sind damit zwangsläufig jene Menschen gemeint, die die Leute in Fragen der Herrschaft und Gesetzgebung als Teilhaber betrachten. Die Menschen glauben an die von ihnen dargelegten Denkweisen, Glaubensvorstellungen, Lehren und Philosophien; sie folgen den von ihnen festgelegten Wertvorstellungen, erkennen die von ihnen aufgestellten moralischen Grundsätze sowie die Maßstäbe ihrer Zivilisation und Kultur an und übernehmen die von ihnen erlassenen Gesetze, Verfahrensweisen und Traditionen in ihren religiösen Zeremonien, ihrem persönlichen Leben, in Gesellschaft und Kultur, im Geschäfts- und Handelsverkehr, bei gegenseitigen Geschäften, vor Gericht sowie in Politik und Staatsführung derart, als wäre dies ihre Scharia, der sie folgen müssten. (8)
(Arabisch****************)
-Sie haben neben Gott ihre Gelehrten und ihre frommen Scheiche zu ihren Herren genommen und ebenso den Messias, den Sohn Maryams. Dabei wurde ihnen doch nur befohlen, keinem außer dem Einen Gott zu dienen; es gibt keinen, der außer Ihm das Recht hätte, verehrt zu werden. Er ist erhaben und rein von dem, was sie Ihm beigesellen. (at-Tauba: 21)
In einem Hadith heißt es, dass Hadhrat Adi bin Hatim (r.a.) zuvor Christ gewesen war. Als er am Hof des Propheten (s.a.s.) erschien und Muslim wurde, stellte er unter anderem auch folgende Frage: „In diesem Vers wird uns vorgeworfen, wir hätten unsere Gelehrten und frommen Mönche zu Göttern gemacht – was ist die eigentliche Bedeutung davon?“
Der Gesandte (s.a.s.) erwiderte: „Ist es etwa nicht so, dass ihr das, was sie für haram erklärten, ebenfalls als haram betrachtet habt, und das, was sie für halal erklärten, ebenfalls als halal?“ Er sagte: „Doch, das haben wir gewiss getan.“ Der Prophet (s.a.s.) sagte: „Genau darin bestand es, sie zu Göttern zu machen.“
Daraus wird ersichtlich, dass diejenigen, die ohne den Beleg aus Gottes Buch die Grenzen des Erlaubten und Verbotenen für das Leben der Menschen festlegen, in Wirklichkeit voller Stolz auf dem Thron der Göttlichkeit Platz nehmen. Diejenigen, die ihr Recht anerkennen, eine solche Scharia zu erlassen, machen sie zu Göttern. (9)
(Arabisch****************)
– O Prophet, sprich zu ihnen: Habt ihr jemals darüber nachgedacht, dass ihr von den Lebensmitteln, die Allah für euch herabgesandt hat, eigenmächtig manches für harām und manches für halāl erklärt habt? Frage sie: Hat Allah euch dies erlaubt, oder ersinnt ihr eine Lüge gegen Allah? (Yūnus: 59)
(Arabisch*****************)
Und dass ihr mit euren Mündern diese lügnerischen Urteile verkündet: „Dies ist harām und dies ist halāl“ – und mit solchen Urteilen keine Lüge gegen Allah ersinnt. Wahrlich, diejenigen, die gegen Allah eine Lüge ersinnen, werden niemals Erfolg haben. (an-Naml: 116)
(Arabisch******************)
Und diejenigen, die nicht nach dem von Allah herabgesandten Gesetz richten, sind eben die Kāfir … sie sind eben die Zālim … sie sind eben die Fāsiq. (al-Māʾida: 44–47)
(Arabisch*******************)
Hast du denjenigen gesehen, der seine eigene Neigung zu seinem Gott gemacht hat (das heißt, der eigenmächtig handelt und begonnen hat, seiner Neigung zu dienen)? (al-Dschāthiya: 23)
Die Lehre des Tauhīd, die der Gesandte Allahs (s.a.s.) verkündete, verlangte lediglich, dass die Menschen außer dem einen Gott niemanden anbeten, niemanden um Bittgebete ersuchen und in niemandes Namen Opfer darbringen sollten. Seine Lehre bestand außerdem darin, dass die Menschen alle ihre Bräuche und Sitten sowie alle von ihnen selbst oder von anderen erlassenen Gesetze, Vorschriften und Regeln aufgeben und allein Allah als Gesetzgeber anerkennen sollten und dass sie sich an das von Ihm gegebene Gesetz halten sollten. Der Prophet (s.a.s.) selbst bildete in dieser Hinsicht keine Ausnahme. Auch ihm war befohlen, sich an das von Allah herabgesandte Gesetz zu halten und nicht nach eigenem Gutdünken etwas für erlaubt oder verboten zu erklären.
(Arabisch*************)
O Muhammad (s.a.s.), gehorche dem, was dir durch die Offenbarung von deinem Herrn herabgesandt worden ist.
(Arabisch*************)
O Prophet, warum erklärst du das für verboten, was Allah dir erlaubt hat?
Dies war der Aufruf zu einer umfassenden Revolution, die nicht nur die Religion, sondern die gesamte Lebensordnung verändern wollte. Es war zu erwarten, dass dies unter den Götzendienern Arabiens große Aufregung hervorrufen würde. Doch insbesondere der gewaltige Schlag gegen die Interessen der Quraisch versetzte sie in Unruhe. Denn da dieser Aufruf aus ihrem eigenen Stamm und ihrer eigenen Stadt hervorgegangen war, sahen sie darin ihren Untergang. (10)
Der große und grundlegende Grund für den Widerstand der Quraisch
Im Edlen Koran wird gesagt, dass die Gefahr, die die Quraisch bei der Annahme des Aufrufs des Gesandten Allahs (s.a.s.) befürchteten, folgende war:
(Arabisch***************)
Sie sagen: „Wenn wir beginnen, dieser Rechtleitung gemeinsam mit euch zu folgen, werden wir aus dem Land vertrieben werden.“ (Al-Qasas: 57)
Bei eingehender Betrachtung wird deutlich, dass dies der grundlegende Grund dafür war, dass die Quraisch die Wahrheit leugneten. Um dies richtig zu verstehen, müssen wir untersuchen, welchen Rang die Quraisch damals aus historischer Sicht innehatten und dessen Verlust sie befürchteten.
Das Erste, was ihnen in Arabien Bedeutung verlieh, war die Tatsache, dass sie gemäß den arabischen Stammbäumen als Nachkommen des Propheten Ismail (a. s.) galten. Aufgrund dessen genossen sie in den Augen der Araber den Rang einer Familie von Nachkommen heiliger Männer. Als sie später durch die Bemühungen von Qusai ibn Kilab zu Verwaltern der Kaaba wurden und Mekka zu ihrem Wohnsitz machte, nahm ihre Bedeutung noch weit stärker zu. Denn nun waren sie zu Priestern der größten Pilgerstätte Arabiens geworden. Sie erlangten die religiöse Führung über alle arabischen Stämme. Es gab keinen arabischen Stamm, der nicht aufgrund der Hadsch irgendeine Verbindung zu ihnen unterhielt. Dank dieser zentralen Stellung entwickelten sie ihr Handelsgeschäft allmählich weiter. Glücklicherweise verlieh ihnen der gegenseitige Konflikt zwischen Rom und Iran auf dem internationalen Handelsmarkt eine besondere Stellung. Zu jener Zeit hielt Iran den gesamten Handel zwischen China, Indien, Indonesien und Ostafrika einerseits sowie Rom, Griechenland, Ägypten und Syrien andererseits blockiert. Der letzte verbleibende Weg führte durch das Rote Meer. Doch nachdem Iran auch den Jemen unter seine Herrschaft gebracht hatte, wurde dieser Weg ebenfalls versperrt. Danach blieb zur Aufrechterhaltung des Handels kein anderer Weg, als dass die arabischen Händler auf der einen Seite die Waren aus den von Rom beherrschten Gebieten zu den Häfen am Arabischen Meer und am Persischen Golf brachten und auf der anderen Seite die Waren des Ostens von diesen Häfen in die von Rom beherrschten Gebiete transportierten. Dadurch wurde Mekka zu einem internationalen Handelszentrum. Das Monopol über diesen Handel lag damals bei den Quraisch. In der chaotischen und gesetzlosen Umgebung Arabiens war jedoch ein ungehinderter Warenverkehr nicht möglich. Er konnte nur auf den Handelswegen stattfinden, die durch die Gebiete der Stämme führten, zu denen die Quraisch enge Beziehungen unterhielten. Zu diesem Zweck hielten die Anführer der Quraisch ihren eigenen religiösen Einfluss allein nicht für ausreichend. Deshalb waren sie durch Verträge mit allen Stämmen verbunden. Man gab diesen Stämmen einen Teil des Handelsgewinns und hielt die Scheichs und Anführer der Stämme zusätzlich durch Geschenke bei Laune. Außerdem hatte man ein solches Netz von Wuchergeschäften gespannt, dass die Kaufleute und Anführer aller benachbarten Stämme darin verstrickt waren.
Als der Prophet (s. a. w.) unter diesen Umständen zum Tauhid aufrief, war nicht so sehr die religiöse Engstirnigkeit aus Verehrung der Vorfahren der Grund für die Erregung der Quraisch gegen den Propheten, sondern vielmehr die Tatsache, dass sie durch diesen Aufruf ihre Interessen gefährdet sahen. Sie waren der Ansicht, dass es für sie verhängnisvoll wäre, den Schirk und die Vielgötterei aufzugeben und den Tauhid anzunehmen, selbst wenn durch stichhaltige Beweise nachgewiesen würde, dass Schirk und Vielgötterei falsch und der Tauhid richtig waren. Wenn sie den Tauhid annähmen, würde sich ganz Arabien gegen sie empören. Man würde sie aus dem priesterlichen Amt an der Kaaba verdrängen. Alle vertraglichen Beziehungen zu den polytheistischen Stämmen würden abgebrochen werden, dank derer ihre Händler Tag und Nacht durch deren Gebiete reisten. So würde diese neue Religion nicht nur ihren religiösen Einfluss und ihr Ansehen zerstören, sondern zugleich auch ihre wirtschaftliche Grundlage. Ja, es war sogar nicht ausgeschlossen, dass alle arabischen Stämme sie zwingen würden, Mekka zu verlassen.
Hier tritt den Menschen ein erstaunliches Bild der Kurzsichtigkeit der Weltverehrer vor Augen. Der Gesandte Allahs (s. a. w.) versicherte ihnen immer wieder: „Wenn ihr das von mir verkündete Glaubensbekenntnis annehmt, wird Arabien und Nichtarabien euch unterworfen werden.“ Doch sie sahen darin nur ihren Untergang. Sie glaubten, dass der Reichtum und der Einfluss, über den sie verfügten, unmittelbar nach der Annahme dieses Aufrufs ein Ende finden würden – von der Unterwerfung Arabiens und Nichtarabiens unter sie ganz zu schweigen. Sie befürchteten, dass sie schon im Augenblick der Annahme dieses Glaubensbekenntnisses in diesem Land völlig mittellos und schutzlos dastehen würden, sodass man sie aus diesem Gebiet vertreiben würde, wie ein Habicht oder eine Krähe mit einem Fleischstück davonfliegt, und sie nirgendwo Zuflucht finden würden. Ihre beschränkte Sicht konnte jene Lage nicht erkennen, in der bereits wenige Jahre später ganz Arabien unter einer einheitlichen Herrschaft unter Muhammad (s. a. w.) stehen sollte. Noch zu Lebzeiten dieses Mannes sollten dann Iran, Irak, Syrien und Ägypten nacheinander diesem Reich unterworfen werden. Und noch bevor ein Jahrhundert danach vergangen war, sollten Vertreter der Quraisch über einen gewaltigen Teil der Welt herrschen – vom Sindh bis nach Spanien und vom Kaukasus bis zur Küste des Jemen.
Als Antwort auf ihren Einwand sagt der Koran
Sehen wir uns an, wie wirkungsvoll die Antwort war, die der Edle Koran in der Sure Al-Qasas auf all diese Ausreden und Einwände gab:
(Arabisch***************)
– Ist es etwa nicht so, dass Wir ihnen ein sicheres Heiligtum zur Wohnstätte gemacht haben, in das Früchte aller Art als Versorgung von Uns eingeführt werden? Doch die meisten von ihnen wissen es nicht. (al-Qasas: 57)
Dies ist die erste Antwort Allahs des Erhabenen auf ihre Entschuldigung. Das bedeutet: Werden etwa dank der vollkommenen Sicherheit des Heiligtums und seiner zentralen Stellung Waren aus aller Welt in dieses unfruchtbare Tal eingeführt, ohne dass ihr irgendeine Anstrengung oder Vorkehrung dafür getroffen hättet? Vor zweieinhalbtausend Jahren kam ein Diener Allahs mit seiner Ehefrau und seinem säugenden Kind zwischen die steinernen Gebirgsketten in dieses wasser- und pflanzenlose Tal. Er legte Stein auf Stein, errichtete eine kleine Kammer und rief laut: „Allah hat dies zu einem Heiligtum gemacht. Kommt zu diesem Haus und vollzieht den Tawaf.“
Was könnte es nun anderes sein als eine von Allah gewährte Segnung, dass dieser Ort seit fünfundzwanzig Jahrhunderten das Zentrum Arabiens geblieben ist? Selbst inmitten einer schrecklichen Atmosphäre der Unsicherheit ist dies der einzige Ort im Land, an dem Sicherheit herrscht. Jedes arabische Kind betrachtet ihn mit Ehrfurcht. Jedes Jahr kommen Tausende von Menschen, um ihn zu umschreiten. Der Nutzen dieser Gunst besteht doch darin, dass ihr zu den Führern der Araber geworden seid und einen großen Anteil am Handel der Welt in euren Händen haltet. Glaubt ihr etwa, dass ihr, indem ihr euch von dem Gott abwendet, der euch diese Gunst erwiesen hat, und gegen Ihn rebelliert, die Gipfel des Fortschritts erklimmen werdet, aber allein durch die Befolgung Seiner Religion zugrunde gehen werdet? Danach wurde gesagt:
(Arabisch******************)
– Und wie viele Ortschaften haben Wir vernichtet, deren Bewohner über ihren Lebensunterhalt äußerst stolz gewesen waren. Nun sieh: Ihre Häuser stehen leer; nach ihnen haben nur wenige darin gewohnt. Schließlich wurden Wir selbst ihre Erben.“ (al-Qasas: 58)
Dies war die zweite Antwort auf ihre Entschuldigung und ihren Einwand. Das bedeutet: All der Reichtum und Wohlstand, auf den ihr stolz seid und dessen Verlust ihr fürchtet, weshalb ihr euch dem Falschen annähern und euch vom Weg der Wahrheit abwenden wollt – all dies hatten einst auch die Völker von ʿĀd, Thamūd, Saba, Madyan und das Volk Lots erlangt. Konnte all dies sie vor der Vernichtung bewahren? Die Verbesserung des Lebensstandards ist keineswegs ein Ziel, dem der Mensch, unbekümmert um Wahrheit und Falschheit, einfach nur nachjagen und die Wahrheit deshalb ablehnen darf, weil er fürchtet, dieses Ziel könne ihm dadurch entgehen. Habt ihr irgendeine Gewissheit, dass ihr gerettet werdet, wenn ihr an jener Irreleitung und Sündhaftigkeit festhaltet, die die wohlhabenden Völker der Vergangenheit vernichtet hat? Wird euch nicht dasselbe Schicksal ereilen wie sie? Danach heißt es:
(Arabisch***************)
– Und dein Herr hat die Städte nicht vernichtet, bevor Er in ihrem Mittelpunkt einen Gesandten entsandt hatte, der ihnen Unsere Zeichen verlas. Und Wir vernichten keine Städte, solange ihre Bewohner keine Ungerechten sind. (Al-Qasas: 59)
Dies war die dritte Antwort auf ihre Ausrede. Die Menschen der früheren Völker, die vernichtet wurden, waren ungerecht; doch bevor Gott sie vernichtete, sandte Er ihnen Seinen Gesandten und warnte sie. Obwohl sie gewarnt worden waren, ließen sie nicht von ihrem Irrweg ab, und so wurden sie vernichtet. Nun seid ihr mit eben dieser Lage konfrontiert: Auch ihr seid ungerecht geworden. Ein Gesandter ist bereits gekommen, um euch zu warnen. Jetzt könnt ihr nicht durch die Annahme von Unglauben und Atheismus euren Wohlstand und eure Behaglichkeit bewahren, sondern werdet sie im Gegenteil gefährden. Die Vernichtung, die ihr befürchtet, wird nicht wegen des Glaubens eintreten, sondern wegen der Leugnung. Dann wurde gesagt:
(Arabisch***************)
– Was immer euch gegeben wurde, ist nur ein Nießbrauch und Schmuck des diesseitigen Lebens. Was aber bei Allah ist, ist besser und bleibender als dies. Wollt ihr denn nicht euren Verstand gebrauchen? Kann etwa derjenige, dem Wir ein Versprechen gegeben haben und der dieses Versprechen gewiss erhalten wird, demjenigen gleich sein, dem Wir nur die Güter des Diesseits gegeben haben und der am Tag der Auferstehung zur Bestrafung vorgeführt wird? (Al-Qasas: 60–61)
Dies ist die vierte Antwort auf ihre Ausrede. Um diese Antwort zu verstehen, müssen zunächst zwei Dinge verinnerlicht werden.
Das erste ist, dass die Dauer des diesseitigen Lebens nicht mehr als einige Jahre beträgt. Es ist lediglich eine vorübergehende Etappe auf einer Reise. Das eigentliche, bleibende Leben wird erst danach kommen. Wie viele Güter ein Mensch im gegenwärtigen, vorübergehenden Leben auch anhäufen und wie sehr er auch ein Leben des Vergnügens führen mag – es wird gewiss enden, und alle Güter dieser Welt muss er hier zurücklassen. Ein vernünftiger Mensch wird im Austausch für dieses Vergnügen sogar in Kauf nehmen, hier einige Jahre lang Not und Leid zu ertragen, wenn er dafür von hier aus solche guten Taten mitnimmt, die zum Grund für sein ewiges Fortbestehen im kommenden, unvergänglichen Leben werden.
Das Zweite ist, dass Allahs Religion vom Menschen nicht verlangt, keinen Nutzen aus den Gütern dieses diesseitigen Lebens zu ziehen oder seine Schönheit und seinen Schmuck grundlos voller Abscheu zurückzuweisen. Sie verlangt nur, dass er dem Jenseits den Vorrang vor dem Diesseits gibt. Denn das Diesseits ist vergänglich, während das Jenseits ewig ist. Die Freuden des Diesseits sind minderwertig, die Glückseligkeit und der Frieden des Jenseits dagegen vortrefflich. Daher sollte der Mensch gewiss jene Güter und jenen Schmuck des Diesseits erwerben, die ihm im bleibenden Leben des Jenseits Erfolg verschaffen – oder ihn zumindest nicht einem bleibenden Schaden dort aussetzen. Wenn jedoch zwischen beiden ein Wettstreit entsteht, das heißt, wenn der Erfolg im Diesseits und der Erfolg im Jenseits einander entgegenstehen, dann wird der Mensch das Diesseits für das Jenseits opfern und niemals um des vorübergehenden Genusses dieser Welt willen einen Weg einschlagen, dessen Folge für ihn ein ewiger schlechter Ausgang wäre.
Betrachtet vor diesem Hintergrund, was Allah in den obigen Worten sagt. Er sagt nicht: Gebt Handel und Gewerbe auf, stellt eure Geschäfte ein und nehmt Armut auf euch, indem ihr Unseren Propheten folgt. Vielmehr sagt Er: Der Reichtum dieser Welt, in dem ihr versinkt, ist sehr gering, und ihr könnt im diesseitigen Leben nur kurze Zeit Nutzen daraus ziehen. Was sich dagegen bei Allah befindet, ist ihm hinsichtlich Qualität und Umfang überlegen und bleibt ewig. Deshalb würdet ihr töricht handeln, wenn ihr euch um des begrenzten Genusses der Gaben dieses vorübergehenden Lebens willen so verhaltet, dass ihr dafür schließlich den ewigen Verlust im Jenseits erleiden müsst. Vergleicht selbst und seht: Wer ist der Erfolgreiche – derjenige, der seinem Herrn unter großer Anstrengung und mit äußerstem Einsatz gehorcht und dann für immer mit Seinen Gaben ausgezeichnet wird, oder derjenige, der als Verbrecher festgenommen und vor Allahs Gericht gebracht wird, selbst wenn er vor seiner Festnahme einige Tage lang Gelegenheit gehabt haben sollte, auf verbotene Weise erworbenen Reichtum zu genießen? Abschließend wurde gesagt:
(Arabisch*************)
– und (damit sie es nicht vergessen) an dem Tag, an dem Er sie rufen und sagen wird: „Wo sind Meine Teilhaber, die ihr behauptet habt?“ (al-Qasas: 63)
Auch dies wurde im Zusammenhang mit dieser vierten Antwort gesagt. Es steht mit dem letzten Satz des vorhergehenden Verses in Verbindung. Darin wird gesagt, dass sie aus bloßem Eigeninteresse an den weltlichen Dingen darauf beharrt haben, in der Irre des Schirk, des Götzendienstes und der Leugnung des Prophetentums zu verharren – und welche schrecklichen Folgen sie davon im ewigen Leben des Jenseits zu sehen bekommen werden. Damit soll in ihnen das Bewusstsein geweckt werden: Angenommen, euch widerfährt in dieser Welt keinerlei Unglück und ihr genießt das kurze Leben hier in größtem Wohlstand und Vergnügen – wenn die Folgen davon im Jenseits dennoch derart ausfallen, dann denkt selbst darüber nach: Ist das Geschäft, das ihr betreibt, ein Geschäft mit Gewinn oder eines, bei dem ihr vollkommenen Verlust macht? (11)
Zweiter Abschnitt
Die Aufforderung zum Glauben an die Gesandtschaft Muhammads
Der zweite wichtige Punkt der islamischen Einladung bestand darin, dass man Allah als den Einen und ohnegleichen, als die einzige zu verehrende Gottheit, den einzigen Herrscher und den alleinigen Besitzer von Herrschaft und Autorität anerkennt und außerdem akzeptiert, dass der Gesandte der einzige zuverlässige Prophet ist, durch den Allah den Menschen Rechtleitung gewährt, Gebote und Vorschriften übermittelt, sie die Wege und Methoden der Anbetung lehrt, ihnen die richtige Glaubensüberzeugung vermittelt und sie den Unterschied zwischen den richtigen und falschen Grundsätzen von Taten und Charakter lehrt. Darüber hinaus übermittelt Er ihnen jene Gesetze, deren Befolgung und Nachahmung die Menschen in jedem Bereich ihres Lebens obliegt. Deshalb ist es für die Menschen nach dem Glauben an Allahs Einheit unerlässlich, an die Gesandtschaft des Gesandten zu glauben, ihn als den alleinigen Vertreter des göttlichen Willens anzuerkennen, jede andere Gefolgschaft aufzugeben und nur ihm zu gehorchen. Sie müssen jede andere Form des Gehorsams zurückweisen und den Geboten und der Rechtleitung folgen, die der Gesandte im Auftrag des einen Gottes, der ihn gesandt hat, übermittelt. Auf diese Weise verlieh der Glaube an diese Gesandtschaft jener gewaltigen Revolution Wirklichkeit, die der Islam durch die Anerkennung der Einheit Allahs im menschlichen Leben herbeiführen wollte. Denn nachdem der Mensch Allahs Einheit anerkannt hat und davon überzeugt ist, dass er nun Allah allein anbeten und Seiner Rechtleitung folgen muss, stellt sich die Frage: Wie soll er diesen Glauben in die Tat umsetzen? Wie soll er erfahren, welches der richtige Weg zur Anbetung Allahs ist und worin jene Rechtleitung besteht, der er nun folgen muss? Der Koran sagt, dass der Weg und die Methode zu allen Zeiten darin bestanden haben, dass Allah aus der Mitte Seiner Diener einen von ihnen zu Seinem Gesandten machte und ihm Kenntnis über all jene Dinge verlieh, die nach Seinem Willen in die Tat umgesetzt werden sollen. Es gibt keinen anderen praktischen Weg, Ihm zu dienen, als die Gesandtschaft des Gesandten anzuerkennen und ihm nachzufolgen. So wird die in unterschiedlichen Glaubensvorstellungen und Denkweisen, in Aberglauben und Vorstellungen, in verschiedenen Religionen, Bräuchen und Sitten sowie in der Knechtschaft und dem Gehorsam gegenüber verschiedenen falschen Göttern gespaltene Menschheit in einem einzigen Zentrum vereint, und jene Religion wird in der Wirklichkeit aufgerichtet, in der die Menschheit zu versammeln und zu einen das Ziel der islamischen Einladung ist.
Wenn man die Lehren des Edlen Korans in der folgenden Reihenfolge betrachtet, wird man die Sache vollständig verstehen.
Die Ankündigung der Entsendung von Propheten zu Beginn der Schöpfung
Das Erste, was der Koran über das Prophetentum sagt, ist dies: Bereits bei den Anfängen der Menschheit auf der Erde wurden die Kinder Adams gewarnt, dass sie der Rechtleitung, die ihnen durch die Gesandten übermittelt werden würde, gehorchen müssen.
(Arabisch**************)
– O Kinder Adams! Wenn aus eurer eigenen Mitte, das heißt aus der Mitte der Menschen, ein Gesandter zu euch kommt, der euch Meine Zeichen vorträgt, dann wird für diejenigen, die sich vom Ungehorsam fernhalten und ihr Verhalten bessern, weder Furcht noch Kummer ein Grund zur Sorge sein. Diejenigen aber, die Unsere Zeichen verleugnen und sich gegen sie auflehnen, werden Bewohner der Hölle sein, in der sie ewig bleiben werden. (Aʿrāf: 35–36)
Der Erfolg oder das Scheitern der Menschen hängt davon ab, ob sie den Gesandten gehorchen oder nicht.
Dasselbe wird in den Versen 38–39 der Sure al-Baqara und in den Versen 123–124 der Sure Tā-Hā gesagt, wo die Entsendung Adams und Evas, Friede sei mit ihnen, auf die Erde erwähnt wird. Dort wird nicht nur mitgeteilt, dass zur Rechtleitung der Menschen Gesandte entsandt werden, sondern auch ausdrücklich gewarnt, dass ihr Erfolg oder ihr Scheitern davon abhängt, ob sie die Rechtleitung der Gesandten annehmen und den Weg der Gottesfurcht und Besserung einschlagen oder nicht! Wenn sie dies nicht tun, werden sie sowohl in dieser Welt als auch in der Hölle Strafe erleiden. Tatsächlich wird an verschiedenen Stellen gesagt, der Grund dafür, dass verschiedene Völker auf der Erde heimgesucht wurden, sei gewesen, dass sie sich weigerten, die Worte der zu ihnen entsandten Gesandten anzunehmen, zum Beispiel:
(Arabisch*****************)
– Sind sie denn nicht im Land umhergereist, damit sie das Ende jener sehen konnten, die vor ihnen vergangen sind? Jene waren stärker als sie, das heißt als die Quraisch, und haben auf der Erde weitaus mächtigere Spuren hinterlassen. Dann ergriff Allah sie wegen ihrer Sünden, und niemand konnte sie vor Allah schützen. Dieses Ende ereilte sie deshalb, weil die Gesandten mit deutlichen Zeichen zu ihnen gekommen waren. Doch sie weigerten sich, diese anzunehmen. Schließlich ergriff Allah sie. Wahrlich, Er ist überaus mächtig und äußerst streng im Bestrafen.
Eine nahezu gleichartige Aussage findet sich auch in den Versen 25–16 der Sure Fāṭir und in den Versen 5–6 der Sure at-Taghābun. Der Koran ist voller Geschichten über jene Völker, die ihre zeitgenössischen Gesandten verleugneten und schließlich bereits in dieser Welt der Strafe begegneten.
Danach wird über das Jenseits gesagt, dass dort Allahs Beweis gegen die Menschen darauf gegründet sein wird, dass ihnen durch die Entsendung von Gesandten der Unterschied zwischen Wahrheit und Falschheit sowie der gerade Weg der Wahrheit klar dargelegt worden war. Trotzdem glaubten sie ihnen nicht und gehorchten ihnen nicht. Deshalb sind sie nun der Strafe würdig.
(Arabisch*************)
O Muhammad! Wir haben dir ebenso Offenbarung eingegeben, wie Wir sie Nuh und den nach ihm gekommenen Propheten eingegeben haben; diese Gesandten wurden als Verkünder froher Botschaft und als Warner entsandt, damit die Menschen nach ihrer Entsendung Allah gegenüber keinen Einwand mehr vorbringen könnten. (Nisa: 123–124)
Das heißt, die Aufgabe dieser Propheten bestand darin, denen, die an die von ihnen überbrachte Lehre glaubten und ihre Denkweise und ihr Handeln entsprechend läuterten, frohe Botschaft von Erfolg und Glück zu verkünden. Denjenigen aber, die nicht glaubten und nicht davon abließen, auf den falschen Wegen des Denkens und Handelns zu wandeln, kündigten sie ein schreckliches Ende an. Der Zweck der Entsendung dieser Propheten war, dass Allah durch sie der Menschheit den geraden Weg klar darlegte und Seinen Beweis gegen sie vollendete, damit am Gericht des Jenseits kein Ungläubiger und kein Schuldiger als Entschuldigung vorbringen könne, es sei keine Vorkehrung getroffen worden, ihnen die eigentliche Wahrheit mitzuteilen, und sie würden nun in Unwissenheit zur Rechenschaft gezogen.
Im Zusammenhang mit dem Jenseits wird im Quran warnend verkündet, dass dort alle Taten derjenigen, die die Gesandtschaft leugnen und bekämpfen – Taten, die sie für gut hielten –, zunichtewerden. Wenn sie dann in die Hölle geworfen werden, wird zu ihnen gesagt werden: „Durch die Gesandten ist der Beweis und der Nachweis für euch vollständig erbracht worden. Deshalb erleidet ihr jetzt die Strafe, und in Wahrheit seid ihr eben dieser Strafe würdig.“
(Arabisch*****************)
Diejenigen, die sich weigerten zu glauben [das heißt, sich weigerten, dem Gesandten (s.a.w.) und der von ihm überbrachten Lehre zu glauben – der Verfasser] und vom Weg Allahs abhielten [ursprünglich wurde der Ausdruck „saddū ʿan sabīlillāh“ verwendet. Das Wort „sadd“ wird in der arabischen Sprache sowohl transitiv als auch intransitiv gebraucht. Daher bedeutet dieser Satz auch, dass sie selbst davon Abstand nehmen, den Weg Allahs einzuschlagen. Er kann aber auch bedeuten, dass sie andere daran hindern, diesen Weg zu beschreiten. Das Abhalten hat mehrere Formen. Erstens hält eine Person jemanden gewaltsam davon ab, den Glauben anzunehmen. Zweitens fügt sie demjenigen, der den Glauben angenommen hat, solche Unterdrückung und Peinigung zu, dass es ihm schwerfällt, an seinem Glauben festzuhalten, und dass es anderen in einer derart angsterregenden Lage schwerfällt, den Glauben anzunehmen. Drittens verleumden sie Allahs Religion und den Gesandten, der sie verkündet, und flößen den Menschen durch solche Einflüsterungen Zweifel ins Herz, dass diese irregeführt werden und davon absehen, zum Weg Allahs zu kommen. Darüber hinaus ist jede ungläubige Gesellschaft eine gewaltige Kraft, die dem Weg Allahs im Wege steht. Denn durch ihre Bildung und Kultur, ihre gesellschaftliche Ordnung, ihre Bräuche und Sitten sowie ihren religiösen Fanatismus errichten sie ein starkes Hindernis für die Ausbreitung der wahren Religion – der Verfasser] und mit dem Gesandten stritten, obwohl ihnen der wahre Weg klar geworden war, können Allah keinerlei Schaden zufügen. Vielmehr wird Allah all ihre Taten zunichtemachen. (Muhammad: 32)
Unter diesen Umständen wird Allah, der Erhabene, sie fragen:
(Arabisch******************)
– O ihr Gemeinschaft der Dschinn und der Menschen! Ist nicht zu euch ein Gesandter aus eurer eigenen Mitte gekommen, der euch Meine Zeichen vortrug und euch vor dem Ausgang dieses Tages warnte? Sie werden sagen: „Wir bezeugen gegen uns selbst.“
Das Leben dieser Welt hatte sie betrogen. Doch im Jenseits werden sie gegen sich selbst bezeugen, dass sie Ungläubige waren. Dieses Zeugnis wird ihnen abverlangt, damit bewiesen wird, dass dein Herr die Städte nicht zu Unrecht vernichtet hat, während ihre Bewohner über die Wahrheit ahnungslos waren. (Anʿām: 130–191)
(Arabisch**********************)
– Jedes Mal, wenn eine Gruppe von Menschen in es hineingeworfen wird, werden seine Wächter sagen: „Ist nicht ein Warner zu euch gekommen?“ [Die Frage ist nicht so gemeint, dass die Wächter der Hölle von ihnen wissen wollen, ob ein Warner zu ihnen gekommen war oder nicht. Vielmehr soll ihnen durch diese Frage klargemacht werden, dass ihnen kein Unrecht widerfahren ist, als sie in die Hölle geworfen wurden. Deshalb wollen sie sie mit ihrem eigenen Mund bezeugen lassen, dass Allah, der Erhabene, sie nicht ahnungslos gelassen hatte, sondern dass Gesandte zu ihnen geschickt worden waren. Doch sie hatten nicht auf die Gesandten gehört. Daher sind sie der Strafe würdig, die ihnen auferlegt wird (Anmerkung des Verfassers).] Sie werden sagen: „Ja, ein Warner ist zu uns gekommen. Doch wir wiesen sie zurück und sagten: ‚Allah hat nichts herabgesandt, und ihr befindet euch in großem Irrtum.‘“ Dann werden sie sagen: „O weh! Hätten wir nur zugehört und vernünftig gehandelt, dann müssten wir nicht die Strafe dieses lodernden Feuers erleiden.“ So werden sie ihre Sünde eingestehen. Fluch über diese Bewohner der Hölle! (Mulk: 8–10)
Eine Aussage, die mit dieser Darstellung übereinstimmt, wird in den Versen 71–72 der Sure az-Zumar gemacht. Daraus wird ganz deutlich, dass die Bedeutung des Gesandtseins im Islam so groß ist, dass das Glück oder Unglück des Menschen von dieser Welt bis zum Jenseits davon abhängt, ob er es anerkennt oder nicht.
Al
Zu allen Völkern waren Propheten gekommen, und ihre Einladung war dieselbe
Im Quran wird auch gesagt, dass seit dem Beginn der Menschheit in allen Völkern Propheten erschienen sind. Ihre Religion war eine einzige. Auch ihre Daʿwa war eine einzige. Ebenso war der Zweck ihres Kommens derselbe. Ihre gemeinsame Forderung lautete, dass die Menschen sich vor dem Ungehorsam gegenüber Allah hüten und Ihm gehorchen sollten.
(Arabisch**************)
-Es gab keine Gemeinschaft, zu der nicht ein Warner gekommen wäre. (Fatir: 24)
(Arabisch**************)
Für jedes Volk gab es einen Wegweiser. (Raʿd: 7)
(Arabisch************)
-Wir haben keine Ortschaft vernichtet, zu der nicht ein Warner gekommen wäre. (Schuʿara: 208)
(Arabisch***************)
Wir haben für jedes Volk einen Gesandten entsandt, der verkündete: „Dient Allah und haltet euch fern vom Dienst am Taghut.“ (Nahl: 36)
Von dem Propheten Noah (a.s.) bis zum Propheten Jesus (a.s.) wird über jeden Propheten berichtet, dass jeder von ihnen zu seinem Volk sagte: (Arabisch*********)„Fürchtet Allah und gehorcht mir.“ (Siehe Al-i Imran: 50; Schu’ara: 108, 110, 126, 131, 141, 150, 163, 171; Zuhruf: 63; Nuh: 3)
Der Zweck des Kommens der Propheten
Danach wird über den Zweck des Kommens aller Propheten gesagt:
(Arabisch*************)
„Wir haben Unsere Gesandten mit klaren Zeichen entsandt und mit ihnen die Schrift und die Waage herabgesandt, damit die Menschen sich für die Gerechtigkeit einsetzen können.“ (Hadid: 25)
Sich für die Gerechtigkeit einzusetzen bedeutet, gegenüber sich selbst, gegenüber Allah und gegenüber jedem Menschen, mit dem man in Beziehung steht, gerecht zu sein. Gerechtigkeit in der eigenen Gesellschaft, bei jedem Geschäft, in der eigenen Kultur und Zivilisation, in Politik und Staatsführung, vor Gericht und in den internationalen Beziehungen. Kurz gesagt: Die Herstellung von Gerechtigkeit in jeder Abteilung und jedem Bereich des Lebens, sowohl individuell als auch gemeinschaftlich und in jeder Hinsicht, ist der Zweck der Entsendung aller Propheten.
Die Sendung Muhammads, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm
Vor dem Hintergrund der Geschichte der Prophetenschaft und des Gesandtentums sowie ihrer Wahrhaftigkeit wurde zunächst den Quraisch, dann den Arabern und schließlich der ganzen Welt gesagt, dass Muhammad (s.a.w.) zu jenen Gesandten gehört, die vor ihm entsandt worden waren. Er brachte eine Religion, die seit dem Beginn der Menschheit die Religion aller Propheten gewesen war. Der Prophet Muhammad (s.a.w.) kam, um diese Religion von allen Beimischungen und Entstellungen zu reinigen und sie in ihrer ursprünglichen und reinen Form darzulegen. Nun sind Allahs Religion, Seine Scharia, Seine Gesetze und Seine Gebote so beschaffen, dass der Prophet (s.a.w.) sie nicht aus eigener Eingebung, sondern auf der Grundlage der von Allah gesandten Offenbarung verkündet. Ihm zu gehorchen bedeutet, Allah zu gehorchen, und ihm ungehorsam zu sein bedeutet, Allah ungehorsam zu sein. Daher genügt es für die Menschen nicht, lediglich daran zu glauben, dass er Allahs Gesandter ist. Vielmehr müssen sie nach dem Glauben an ihn allen anderen Gehorsam aufgeben und ihm ohne jeden Vorbehalt gehorchen. Denn sich von seiner Rechtleitung abzuwenden bedeutet, sich von dem Gehorsam gegenüber Allah abzuwenden, der ihn als Gesandten in die Welt gesandt hat.
Vor dem Kommen des Propheten (s.a.w.) warteten die Araber auf einen Propheten.
Es sei darauf hingewiesen, dass die Araber angesichts des verdorbenen sittlichen Zustands und der schlechten Taten der Christen, Juden und Angehörigen anderer Religionen in ihrer Umgebung selbst zu sagen pflegten: „Wenn das, was zu diesen Völkern gekommen war, zu uns käme – das heißt, das Gesandtentum und die von Allah gesandte Rechtleitung –, dann würden wir uns als besser und vortrefflicher erweisen als all diese Völker.“
Im Koran wurde diese Aussage verkündet, doch niemand war da, der sie bestritten hätte.
(Arabisch**************)
Diese Leute (die Quraisch und die Araber) pflegten unter schweren Eiden zu sagen: Wenn ein Warner (das heißt, ein Gesandter) zu ihnen käme, würden sie gewiss mehr Rechtleitung erlangen als die übrigen Völker der Welt. Doch als der Warner zu ihnen kam, bewirkte sein Kommen nichts anderes, als dass ihre Flucht vor der wahren Religion noch zunahm. Sie wurden auf der Erde immer hochmütiger und überheblicher und begannen, die schlimmsten Ränke zu schmieden, um ihm Leid zuzufügen. Doch die Ränke, die jene schmieden, zerstören letztlich nur sie selbst. (Fatir 42–43)
(Arabisch****************)
Diese Leute pflegten zuvor zu sagen: „O wenn wir doch jene Ermahnung (die Botschaft von Allahs Ermahnung) hätten, die die früheren Völker erhalten hatten, dann wären wir gewiss aufrichtig Allah ergebene Diener.“ Doch als sie zu ihnen kam, verleugneten sie sie sogleich. Bald werden sie erfahren, welches Ende dies für sie nehmen wird. (Saffat 167–170)
Daraus wurde ersichtlich, dass die Ankunft des Gesandten ihr sehnlichster Wunsch gewesen war. Doch als diese Gunst sie erreichte, begannen sie, Widerstand zu leisten, trotzig zu sein und sich hartnäckig zu widersetzen.
Der Gesandte (s.a.w.) gehört zu den Propheten, und die Quelle seines Wissens ist jene Offenbarung, die allen Propheten
Betrachten Sie vor diesem Hintergrund, wie der Koran die Gesandtschaft des Gesandten vorstellte und welche Stellung er ihm zuschrieb –
(Arabisch************)
– Beim weisen Koran, o Muhammad, du gehörst gewiss zu den Gesandten, auf einem geraden Weg. Das heißt: Du gehörst zu den Gesandten, und der eindeutige Beweis für deine Gesandtschaft ist, dass du diesen weisen Koran vorträgst. (Yasin: 1–4)
(Arabisch****************)
– Und auf diese Weise haben Wir dir, o Muhammad, diesen arabischen Koran offenbart, damit du das Zentrum der Ortschaft (Mekka) und diejenigen in seiner Umgebung warnst. (Schura: 7)
(Arabisch***************)
O Muhammad, sag: O Menschheit! Ich bin für euch alle der von Allah entsandte Gesandte – jenem Allah, dem die Herrschaft über die Himmel und die Erde gehört. (Aʿrāf: 158)
(Arabisch*****************)
Gesegnet ist Er, der dieses Qurʾān (den Unterscheider zwischen Wahrheit und Falschheit) auf Seinen Diener herabgesandt hat, damit er die Bewohner der Welt warne. (Furqān: 1)
(Arabisch****************)
O Muhammad! Wir haben dir die Offenbarung ebenso eingegeben, wie Wir sie Nūḥ und denjenigen nach ihm eingegeben haben, und wie Wir Ibrāhīm, Ismāʿīl, Isḥāq, Yaʿqūb und den Nachkommen Yaʿqūbs sowie ʿĪsā, Ayyūb, Yūnus, Hārūn und Sulaymān die Offenbarung eingegeben haben; und Dāwūd haben Wir den Zabūr gegeben. (Nisāʾ: 63)
Der Zweck der Entsendung des Propheten Muḥammad (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm)
Wir haben bereits zuvor gesagt, dass der Zweck seiner Entsendung (Sure al-Ḥadīd, Vers 25) derselbe ist wie der Zweck der Entsendung aller Propheten. Dennoch wird im Heiligen Qurʾān ausführlich dargelegt, zu welchem besonderen Zweck er als Gesandter eingesetzt wurde – gegenüber den Quraisch und den Arabern. Dies führen wir nun der Reihe nach an.
Sein Prophetentum ist ewig und weltumfassend
Er ist nicht nur für ein bestimmtes Volk und auch nicht nur für alle Menschen seiner Zeit, sondern ein Gesandter für alle Menschen bis zum Jüngsten Tag – für all jene, zu denen seine Botschaft gelangt.
(Arabisch**************)
– und dieser Koran ist mir durch Offenbarung zu diesem Zweck herabgesandt worden, damit ich euch und all jene warne, zu denen er gelangt. (Anʿām: 19)
Er verkündet die von jeder Entstellung freie, reine Religion
nicht zur Widerlegung der von seinen Vorgängerpropheten gebrachten Lehren, sondern zu deren Bestätigung. Ihm wurde die Verantwortung übertragen, die späteren Vermischungen, die sich in die Lehren der früheren Propheten eingeschlichen hatten, auszusondern und jene wahre Religion in ihrer reinen Gestalt darzulegen, die seit Beginn der Schöpfung die eine wahre Religion war, die Gott für die Menschheit bestimmt hatte.
Dass er nicht zur Widerlegung der Lehren der früheren Propheten gekommen war, sondern sie bestätigte, wird an verschiedenen Stellen des Korans dargelegt. Zum Beispiel:
(Arabisch*************)
– vielmehr ist er (Muhammad, Friede sei mit ihm) mit der Wahrheit gekommen, und er bestätigt die Wahrheit aller von Gott gesandten Propheten. (Saffāt: 37)
(Arabisch*************)
-Und dieser Koran ist nichts, was man ohne die Offenbarung Gottes selbst erdichten könnte. Vielmehr bestätigt er die Wahrheit all dessen, was zuvor offenbart wurde, und legt das Buch (jedes von Gott stammende Buch) ausführlich dar. Es besteht kein Zweifel daran, dass er vom Herrn der Welten stammt. (Yūnus: 37)
Die Bedeutung der „ausführlichen Darlegung des Buches“ ist, dass die grundlegenden Lehren und die Rechtleitung, die ursprünglich durch Gottes Bücher übermittelt wurden, in zusammengefasster Form in diesem Buch enthalten sind. Vielmehr werden sie darin noch ausführlicher dargelegt. Auch wird an verschiedenen Stellen des Erhabenen Korans erklärt, dass diejenigen, die Erben der früheren Bücher geworden waren, vieles aus eigener Initiative verändert und hinzugefügt haben. Daher gehört es ebenfalls zu den Aufgaben des Huzur (s.a.w.), ihnen gesondert zu erklären, was nach der Scharia Gottes tatsächlich haram und was tatsächlich halal ist, und es entsprechend als haram beziehungsweise halal festzulegen.
(Arabisch*************)
-Wehe also denen, die eigenhändig ein Buch schreiben und dann sagen: „Dies ist von Allah.“ (al-Baqara: 79)
(Arabisch*****************)
-Unter ihnen gibt es einige, die beim Verlesen des Buches ihre Zunge so verdrehen, dass ihr annehmt, das, was sie verlesen, sei der eigentliche Wortlaut des Buches. Doch es ist nicht der eigentliche Wortlaut des Buches. Sie sagen: „Dies ist von Allah.“ Doch es ist nicht von Allah. Wissentlich dichten sie Allah eine Lüge an. (Āl ʿImrān: 78)
Auf dieser Grundlage wurde dem Propheten (s.a.w.) die Verantwortung auferlegt, die Lehre der reinen Religion der Wahrheit, frei von jeder Verfälschung, darzulegen. Und was darin haram ist, soll er als haram und was darin halal ist, als halal gelten lassen.
(Arabisch*************)
– Diejenigen unter den Leuten der Schrift und den Götzendienern, die ungläubig waren, waren nicht bereit, von ihrem Unglauben abzulassen, bis ein eindeutiger Beweis zu ihnen kam – nämlich ein Gesandter von Allah, der ihnen gereinigte Blätter verliest, in denen vollkommen wahre und richtige Aussagen niedergeschrieben sind. (al-Bayyina: 1–3)
(Arabisch******************)
– (Dieser ummī-Prophet) gebietet ihnen das Gute und verbietet ihnen das Böse. Er erklärt ihnen die reinen Dinge für erlaubt und die unreinen Dinge für verboten (das heißt, er hebt die von ihnen eigenmächtig festgelegten Erlaubtheiten und Verbote auf), nimmt ihnen ihre Last ab und löst die Fesseln, die ihnen auferlegt waren. (al-Aʿrāf: 157)
Die Erklärung der göttlichen Gebote durch Wort und Tat sowie die Läuterung der Seele
Die Aufgabe des Propheten Muhammad (Friede sei mit ihm) bestand nicht nur darin, den Menschen das Wissen zu übermitteln, das ihm durch die Offenbarung von Allah gegeben worden war. Vielmehr hatte er auch die Aufgabe, entsprechend dem Sinngehalt all jener Gebote und Anordnungen, der ihm von Allah selbst mitgeteilt worden war, durch seine Worte und Taten die Glaubensgrundsätze, Rechtsbestimmungen, Weisungen, Gesetze und sonstigen Vorschriften der Religion zu erläutern und auf dieser Grundlage durch Erziehung und Unterweisung unter den Menschen ihre verdorbene Lebensweise zu läutern und zu ordnen.
– Uns obliegt es, dir diesen Qurʾān in Erinnerung zu rufen und ihn dir vorzutragen. Wenn Wir ihn daher vortragen, o Prophet, dann höre seinem Vortrag aufmerksam zu. Danach obliegt es Uns auch, dir seinen Sinn zu erklären. (al-Qiyāma: 17–29)
(Arabisch***************)
–Und (o Prophet) Wir haben diese Ermahnung (das heißt den Qur’an) zu dir hinabgesandt, damit du den Menschen jene Lehre erklärst, die für sie herabgesandt worden ist. (Naml: 44) [Durch dieses Gebot erläutert Allah der Erhabene jene Ordnung, deren zwingende Forderung darin bestand, zusammen mit der Ermahnung einen Menschen als Gesandten zu entsenden. Die „Ermahnung“ hätte zwar auch durch Engel herabgesandt werden können, und es lag keineswegs außerhalb der Macht Allahs, sie zu drucken und den Menschen unmittelbar zukommen zu lassen. Doch dadurch hätte der eigentliche Zweck nicht erfüllt werden können. Zu seiner Erfüllung war es notwendig, dass ein besonders geeigneter Mensch sie überbringt. Wenn jemand etwas nicht verstand, sollte er es ihm erklären. Wenn in jemandem Zweifel oder Bedenken aufkamen, sollte er sie beseitigen. Wenn jemand Einwände oder Beschwerden hatte, sollte er sie beantworten. Mit denen, die nicht glauben, Widerstand leisten und Hindernisse bereiten würden, sollte er so umgehen, wie es sich für den Überbringer der Ermahnung geziemt. Und diejenigen, die sie annehmen würden, sollte er in jedem Bereich und unter jedem Aspekt des Lebens rechtleiten. Er sollte ihnen sein eigenes Leben als Vorbild vor Augen führen. Danach sollte er sie erziehen und der ganzen Welt eine solche vorbildliche Gesellschaft vorführen, deren Gesamtsystem den Willen dieser Ermahnung widerspiegelt. –Anmerkung des Verfassers]
(Arabisch*************)
–Er ist Allah, der unter den Ungebildeten einen Gesandten aus ihrer Mitte erweckt hat, der ihnen Seine Zeichen verliest, sie läutert und sie das Buch und die Weisheit lehrt, obwohl sie sich zuvor in offenbarem Irrtum befanden. (Dschumuʿa: 2)
(Arabisch****************)
–Er ist Allah, der Seinem Diener (Muhammad, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) klare Zeichen herabgesandt hat, damit Er euch aus den Finsternissen ins Licht hinausführt. (Hadid: 9)
Die Religion der Wahrheit über alle Lebensordnungen siegen zu lassen
Das endgültige Ziel des Kommens des Propheten Muhammad (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) besteht darin, jene Religion und Rechtleitung, die er von Gott gebracht hat, über jede Form der Unterwerfung und über alle Wege und Methoden des Lebens siegen zu lassen. Im Qur’an wird dieses Ziel an drei Stellen erläutert. In den Suren At-Tauba und As-Saff heißt es:
–Er ist Allah, der Seinen Gesandten mit der Rechtleitung und der Religion der Wahrheit gesandt hat, damit er sie über jede Art von Religion oder Lebensordnung siegen lasse. [In den beiden Versen wird das Wort „ad-Din“ verwendet, das wir mit „Religion aller Arten“ übersetzt haben. In der arabischen Sprache wird das Wort Din für eine Lebensordnung oder Lebensweise gebraucht, deren Urheber als maßgebend und als zur Gehorsamspflicht berechtigt anerkannt werden und denen man deshalb gehorcht. Somit wird in diesem Vers als Zweck des Kommens des Gesandten erklärt, dass er jene Rechtleitung und Religion der Wahrheit, die sein Gesandter von Gott gebracht hat, über alle Arten von religiösen Methoden und Ordnungen siegen lassen wird. Mit anderen Worten: Der Gesandte ist nicht gekommen, damit die Lebensordnung, die dadurch besteht, dass anderen außer Allah Autorität und das Recht auf Gehorsam zuerkannt werden, der von ihm gebrachten Religion untergeordnet wird und sich mit den von ihr gewährten Möglichkeiten und Vergünstigungen zufriedengibt. Vielmehr ist der Gesandte der Vertreter des Königs der Erde und des Himmels und will deshalb die wahre Ordnung seines Königs über alle Methoden und Ordnungen siegen lassen. Jede andere Ordnung, die in der Welt besteht, muss unter der göttlichen Ordnung bleiben und sich mit den von ihr gewährten Möglichkeiten und Vergünstigungen begnügen. So können beispielsweise die Schutzbefohlenen, wenn sie die Dschizya entrichten, ihre eigene Lebensordnung beibehalten. –Anmerkung des Verfassers]
auch wenn dies für die Götzendiener noch so unerträglich sein mag. (At-Tauba: 33, as-Saff: 18)
Das Gebot, an den Propheten Muhammad (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) zu glauben und ihm zu gehorchen
Im Hinblick auf dieses Ziel wurde den Menschen befohlen, an ihn zu glauben, ihm zu gehorchen und den Gehorsam gegenüber jenen zu meiden, die Allah gegenüber achtlos sind und die Grenzen des Gehorsams überschreiten.
(Arabisch**************)(
– So glaubt an Allah, Seinen Gesandten und das Licht, das Wir herabgesandt haben. Und Allah ist über das, was ihr tut, wohlunterrichtet. (At-Taghabun: 8)
(Arabisch***************)
– So glaubt an Allah und Seinen gesandten ungelehrten Propheten, der an Allah und Seine Worte glaubt, und gehorcht ihm, damit ihr den wahren und richtigen Weg findet. (Al-Aʿraf: 158)
(Arabisch************)
-Befolgt die Rechtleitung, die euch von eurem Herrn herabgesandt wurde, und folgt keinen anderen Schutzherren außer Ihm. [Das heißt: Für den Wegweiser, den ihr zur Lebensführung in dieser Welt benötigt, für das Wissen, das ihr braucht, um die Geheimnisse eurer selbst und der Schöpfung sowie den Zweck eures eigenen Daseins zu erkennen, und für die Grundsätze, auf die ihr angewiesen seid, um eure Religion, eure Moral, eure Kultur, euer gesellschaftliches Leben und eure Zivilisation auf einem richtigen Fundament zu errichten, sollt ihr ausschließlich jener Rechtleitung folgen, die Allah durch Seinen Gesandten herabgesandt hat. Die von Allah herabgesandte Rechtleitung zu meiden, sich an eine andere Führung zu wenden und sich ihrer Befolgung zu unterwerfen, ist für den Menschen grundsätzlich ein falscher Weg, dessen Folgen stets die Gestalt des Verderbens angenommen haben und stets annehmen werden. Das Wort Awliya (Schutzherren) wird hier in dem Sinne verwendet, dass derjenige, dessen Worten ein Mensch folgt, in Wirklichkeit zu seinem Wali oder Schutzherrn gemacht wird. – Anmerkung des Verfassers.]
(Arabisch*******************)
-Wir haben den Gesandten nur dazu entsandt, damit ihm mit Allahs Erlaubnis gehorcht werde. (An-Nisa: 64) [Das heißt: Der Gesandte ist nicht von Allah dazu gekommen, damit man lediglich an seine Gesandtschaft glaubt und danach gehorcht, wem immer man will. Vielmehr besteht der Zweck des Kommens des Gesandten darin, dass man das Gesetz, das er für das Leben bringt, befolgt und alle anderen Gesetze verwirft. Die Anweisung, die er von Allah übermittelt, muss befolgt werden, während alle anderen Anweisungen zurückgewiesen werden müssen. Wenn jemand dies nicht tut, hat es keinen Sinn, seinen Gesandten als Gesandten anzuerkennen. – Anmerkung des Verfassers.]
(Arabisch****************)
-Wer dem Gesandten gehorcht, gehorcht in Wirklichkeit Allah. (An-Nisa: 80)
(Arabisch***************)
-Was der Gesandte euch gibt, das nehmt an; und wovon er euch abhält, davon haltet euch fern. (Al-Haschr: 7)
(Arabisch****************)
-Und wer Allah und Seinem Gesandten gehorcht und Allah fürchtet und sich von seinem Ungehorsam fernhält – solche Menschen sind erfolgreich. (Nur: 52)
(Arabisch***************)
-Ein gläubiger Mann oder eine gläubige Frau hat nicht das Recht, in einer Angelegenheit, über die Allah und Sein Gesandter entschieden haben, anschließend selbst eine andere Entscheidung über die eigene Angelegenheit zu treffen. Diejenigen, die Allah und Seinem Gesandten ungehorsam waren, sind in offenbarem Irrtum versunken. (Ahzab: 36)
(Arabisch*************)
-Und gehorche niemandem, dessen Herz Wir von Unserem Gedenken abgewandt haben, der seinen Neigungen folgt und dessen Handlungsweise die Grenzen überschreitet. (Kahf: 28)
(Arabisch****************)
-Und gehorcht nicht jenen zügellosen Menschen, die auf der Erde Verderben stiften und keinerlei Reform oder Verbesserung herbeiführen. [Das heißt: Meidet den Gehorsam gegenüber jenen Emiren, Würdenträgern, gesellschaftlichen Führern, Anführern und Herrschern, unter deren Führung dieses falsche Lebenssystem von euch besteht. Sie sind Grenzüberschreiter. Sie haben alle moralischen Grenzen überschritten und sind zügellos geworden. Durch sie ist keine Reform möglich. In dem System, das sie einführen werden, sind Unordnung und Anarchie unvermeidlich. Wenn es überhaupt einen Weg zu eurem Wohl gibt, dann besteht er darin, dass ihr in euch Gottesfurcht entwickelt, den Gehorsam gegenüber denjenigen meidet, die Verderben stiften, und dem Propheten Allahs gehorcht – (Anmerkung des Verfassers).]
(asch-Schuʿarāʾ: 151–152)
(Arabisch**************)
– O Prophet, sage: Gehorcht Allah und dem Gesandten. Wenn er sich jedoch abwendet, soll er sich daran erinnern, dass Allah solche Ungläubigen nicht liebt. (Āl ʿImrān: 32)
Nun ist das Gesetz und die Ordnung allein das, was Allah durch Muhammad (s.a.w.) gegeben hat.
So wird zusammen mit der Verkündigung des Gesandtenamtes des Propheten Muhammad (s.a.w.) und seiner Befolgung und Nachahmung auch verkündet, dass das Gesetz Gottes nun allein das ist, was durch Muhammad (s.a.w.) gegeben wurde. Niemand hat das Recht, darüber anderer Meinung zu sein. Alles, was dem widerspricht, ist Dschāhilīya und die Verehrung des Tāghūt. Der Gesandte (s.a.w.) ist ein von Gott eingesetzter Herrscher; seine Aufgabe ist es, die Angelegenheiten der Menschen gemäß der von Gott herabgesandten Rechtleitung zu entscheiden.
(Arabisch****************)
– Danach (nach den Kindern Israels), o Prophet, haben Wir dich in der Angelegenheit der Religion auf einen klaren Weg (die Scharia) gestellt. Folge daher eben diesem Weg und folge nicht den Neigungen jener, die kein Wissen besitzen. (Al-Dschāthiya: 18)
(Arabisch***************)
– Für jede Gemeinschaft haben Wir eine gottesdienstliche Ordnung festgelegt, der sie folgt. Daher sollen sie in dieser Angelegenheit nicht mit dir streiten, o Muhammad (s.a.w.). Rufe zu deinem Herrn auf. Gewiss, du befindest dich auf dem geraden Weg. (Al-Haddsch: 67)
(Arabisch******************)
– O Prophet! Wir haben dir dieses Buch in Wahrheit herabgesandt, damit du zwischen den Menschen nach dem richtest, was Allah dir gezeigt hat. (Sure an-Nisāʾ: 105)
Im Heiligen Qur’an werden die für die menschliche Gesellschaft an verschiedenen Stellen beschriebenen Regeln und Ordnungen als „Allahs Grenzen“ bezeichnet. Das bedeutet: Es sind Grenzen, innerhalb derer zu bleiben geboten ist. An anderer Stelle wird nachdrücklich davor gewarnt, sich diesen Grenzen auch nur zu nähern. Anderswo wird gesagt, dass diejenigen, die sie überschreiten, Frevler sind. An anderer Stelle heißt es, dass diejenigen, die sie überschreiten, sich selbst Unrecht zufügen. Wiederum wird warnend verkündet, dass für die Grenzübertreter das Feuer der Dschahannam oder eine schmerzhafte Strafe bestimmt ist. (Siehe Sure al-Baqara, Verse 187, 229 und 230; Sure an-Nisāʾ, Verse 13 und 14; Sure al-Mudschādila, Vers 4; Sure at-Tauba, Vers 97; sowie Sure at-Talāq, Vers 1.)
Daraus wird ersichtlich, welche Bedeutung die Gesetze haben, die der Menschheit durch den Propheten (s.a.w.s.) gegeben wurden. Danach wurde in klaren Worten gewarnt:
(Arabisch***************)
–Begehren sie etwa das Urteil der Dschāhilīya? Für diejenigen aber, die fest an Allah glauben: Wer könnte eine bessere Entscheidung treffen als Allah? (al-Māʾida: 50)
(Arabisch**************)
–Sie wollen den Tāghūt aufsuchen, damit ihre Angelegenheiten von ihm entschieden werden. [Mit Tāghūt ist hier eindeutig jener Herrscher gemeint, der nach einem anderen Gesetz als dem Gesetz Allahs entscheidet; ebenso ist jenes Rechtssystem gemeint, das weder Allahs Souveränität anerkennt noch Allahs Buch und die Rechtleitung des Gesandten als endgültige Autorität akzeptiert – der Verfasser.] Obwohl ihnen doch befohlen wurde, den Tāghūt zu verleugnen. Satan will sie in die Irre führen und weit vom Weg abbringen. (an-Nisāʾ: 60)
In Fragen der Religion gibt es keinerlei Raum für Kompromisse oder Nachgiebigkeit.
Während den Menschen unmissverständlich befohlen wird, dem Gesandten zu gehorchen und ihm zu folgen, werden sie zugleich davor gewarnt, dass es in der Religion Gottes keinerlei Kompromisse oder Nachgiebigkeit geben kann. In keiner Glaubensüberzeugung, keinem Grundsatz, keiner Lebensordnung und keinem Gebot darf irgendjemandem zuliebe auch nur die geringste Änderung vorgenommen werden. Wer sich unterwerfen will, muss jene vollkommene Religion annehmen, die der Gesandte Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) verkündet hat. Wer sich nicht unterwerfen will, der soll es lassen. Wer sie annimmt, dem gereicht es selbst zum Wohl; wer sie nicht annimmt, dem gereicht es selbst zum Schaden. Hier stellt sich überhaupt keine Frage des Feilschens, des Tauschhandels oder einer Verständigung.
(Arabisch*********************)
– O Prophet, gib angesichts des Drucks derer, die die Wahrheit verleugnen, niemals nach. Sie wünschen, dass du ein wenig nachgiebig bist, dann würden auch sie nachgiebig sein. (Das heißt: Wenn du bei der Verkündung des Islam etwas nachlässig bist, werden auch sie in ihrem Widerstand gegen dich etwas nachgiebiger sein. Mit anderen Worten: Wenn du ihnen Gelegenheit zu ihrer Irreführung lässt und deine Religion in gewissem Maß abänderst, werden sie mit dir einen Kompromiss eingehen.)
(Arabisch********************)
– Und wenn ihnen Unsere Verse klar und deutlich vorgetragen werden, sagen diejenigen, die nicht hoffen, Uns im Jenseits zu begegnen: „Bring einen anderen Koran als diesen oder ändere ihn ab.“ Aus der obigen ausführlichen Darlegung wird deutlich, wie überaus wichtig die zweite Phase der islamischen Bewegung ist, nämlich von den Menschen die Anerkennung des Gesandtenamtes des Propheten Muhammad (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) zu erlangen und sie dazu zu bringen, dass sie ihm in allen Angelegenheiten jedes Lebensbereichs – angefangen bei den Glaubensüberzeugungen und der Anbetung – vollkommen gehorchen. Ihre Bedeutung liegt darin, dass die Religion ohne dies praktisch nicht errichtet werden kann. Ohne den Glauben an den Gesandten und ohne ihm tatsächlich zu gehorchen, ist der Glaube an die Einheit Allahs bedeutungslos. Wenn der Mensch darüber nachdenkt, kann er verstehen, dass die Anerkennung der Einheit Allahs
[Die Äußerungen der Götzendiener beruhten zunächst auf der Vorstellung, dass das, was der Prophet (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) verkündet hatte, nicht von Gott stamme, sondern von ihm selbst erdacht sei. Dass er es Gott zuschrieb und verkündete, sollte lediglich die Bedeutung seiner Worte erhöhen. Zweitens bedeuteten ihre Worte: Was redest du da von der Einheit Gottes, vom Jenseits und von diesen moralischen Verboten und Geboten? Wenn du gekommen bist, um den Weg zu weisen, dann bringe etwas vor, durch das das Wohl des Volkes gefördert wird und sein weltlicher Fortschritt sichtbar wird. Wenn du jedoch deine Botschaft keinesfalls ändern willst, dann schaffe wenigstens ein wenig Leichtigkeit und Nützlichkeit in ihr, damit zwischen dir und uns eine gewisse Verständigung zustande kommen kann. Wir werden einiges von dem annehmen, was ihr lehrt, und auch du wirst einiges von uns annehmen. In deiner Lehre von der Einheit Gottes soll etwas Raum für unseren Götzendienst bleiben, in deiner Verehrung Gottes für etwas Selbst- und Weltverehrung und in deinem Glauben an das Jenseits für einige unserer Hoffnungen und Wünsche, damit wir auf der Welt tun können, was wir wollen. Im Jenseits werden wir auf irgendeine Weise gewiss gerettet werden. Und dann ist da noch dein unnachgiebiger moralischer Grundsatz – der ist für uns doch unannehmbar. In all dem sollte etwas Raum für unseren Aberglauben, etwas für unsere Bräuche und Sitten, etwas für unsere persönlichen und nationalen Interessen und auch etwas für die Wünsche unseres Herzens bleiben. Es darf nicht so sein, dass die Forderungen der Religion in einem angemessenen Rahmen, auf den du und wir uns geeinigt haben, festgelegt werden und wir damit Gottes Recht erfüllen. Danach soll man uns die Freiheit lassen, unsere weltlichen Angelegenheiten so zu führen, wie wir wollen. Doch du begehst diese Härte, dass du das gesamte Leben und alle Angelegenheiten an den Glauben an die Einheit Gottes und das Jenseits sowie an die Vorschriften der Scharia binden willst – der Verfasser.]
(O Muhammad!) Sag ihnen: Es steht mir nicht zu, daran eigenmächtig etwas zu ändern. Ich folge nur der Offenbarung, die mir eingegeben wird. (Yunus: 15)
(Arabisch******************)
– Und sag: „Dies ist die Wahrheit von eurem Herrn. Wer will, soll glauben, und wer nicht will, soll nicht glauben.“ (Kahf: 29)
– Wer danach der Rechtleitung folgt, tut dies zu seinem eigenen Wohl; und wer irregeht, dem sage: „Ich bin nur ein Warner.“ (Naml: 92)
Für die Quraisch und die Götzendiener unter den Arabern war es weitaus schwieriger, die Risāla anzunehmen, als für die gewöhnlichen Götzendiener Arabiens. Zunächst war es für sie keineswegs leicht, zu akzeptieren, dass derjenige, der vierzig Jahre lang unter ihnen wie ein gewöhnlicher Mensch gelebt hatte, plötzlich von Allah zum Gesandten bestimmt worden war und bei ihm die Offenbarung begonnen hatte. Für Menschen, die seit Generationen an eine ungezügelte Freiheit gewöhnt waren, war es nicht weniger schwierig, nun einem einzigen Menschen bedingungslos zu gehorchen und sich in ihrem gesamten Leben vollständig an das von ihm verkündete Gesetz zu halten. Noch schwieriger war dies für jene Anführer, die sich zu uneingeschränkten Herren ihrer Stämme und Gruppen gemacht hatten. Schwierig war es für jene religiösen Führer, die im ganzen Land gewaltige Zentren des Schirk errichtet und ein florierendes Geschäft daraus gemacht hatten. Schwierig war es für jene Wahrsager, die den Anspruch erhoben, die Zukunft vorherzusagen, und zu denen die Menschen kamen, um verlorene Dinge aufzuspüren und den künftigen Zustand zu erfahren. Für jeden von ihnen war die Risāla eine eindeutige Todesbotschaft. Sie anzunehmen kam gar nicht infrage; ja, es war ihnen nicht einmal möglich, sie mit kühlem Kopf anzuhören. Kurz gesagt: Für all jene, deren Interessen mit der Aufrechterhaltung der alten dschāhilīya-Ordnung verbunden waren, entstand die Befürchtung, dass ihre Bedeutung in der Gesellschaft für immer erlöschen würde, wenn die Menschen die Risāla des Propheten Muhammad (s.a.w.) annähmen und sich ihm unterwarfen, in der Erkenntnis, dass alles, was er verkündete, vom Gott des Himmels und der Erde stammte. Daher waren diese Menschen zum Schutz ihrer jeweiligen Interessen fest entschlossen, diese Einladung zur Risāla unter keinen Umständen bestehen zu lassen. Denn sie begriffen, dass auch sie letztlich ihre Waffen niederlegen und statt zu herrschen gehorsam folgen müssten, sobald die Allgemeinheit die Nachfolge des von Allah eingesetzten Wegweisers sowie den Gehorsam gegenüber der von Allah herabgesandten Religion und dem von Ihm offenbarten Gesetz akzeptierte.
Auf der einen Seite standen diese Schwierigkeiten; auf der anderen Seite gab es für sie eine noch furchtbarere Schwierigkeit: Aus ihrer eigenen Mitte war ein Mann mit dem Anspruch auf die Risāla hervorgetreten, der der vortrefflichste Mensch ihres Volkes war. Seine moralische Überlegenheit wurde von der gesamten Nation anerkannt. Fünf Jahre zuvor hatte ihn das ganze Volk einmütig mit dem Beinamen „al-Amīn“ geehrt. Noch bevor er den Anspruch auf die Risāla erhob, war er auf den Berg Safā gestiegen und hatte zu ihnen gesagt: „Wenn ich euch sage, dass jenseits dieses Berges ein Heer bereitsteht, um euch anzugreifen, werdet ihr mir dann glauben?“ Da hatten alle einstimmig geantwortet: „Ja, wir werden dir glauben, denn wir haben dich nie eine Lüge sagen hören.“
Danach ihn als Lügner zu bezeichnen und die Menschen davon zu überzeugen, dass derjenige, der in seinem ganzen Leben nie gelogen hatte, eine derart große Lüge behaupten würde – dass Gott ihn zum Gesandten bestimmt habe und Gottes Wort auf ihn herabgesandt werde –, war keine leichte Aufgabe.
Hierüber heißt es an einer Stelle im Koran:
(Arabisch***************)
– O Muhammad (s.a.w.)! Wir wissen, dass das, was diese Leute sagen, dir Kummer bereitet. Doch sie erklären nicht dich für einen Lügner, sondern diese Frevler leugnen die Zeichen Allahs. (Anʿām: 33)
Diese Aussage weist auf eben diese Tatsache hin: Solange der Prophet Muhammad (s.a.w.) noch nicht begonnen hatte, Allahs Zeichen vorzutragen, hielten ihn alle Angehörigen seines Volkes für vertrauenswürdig und wahrhaftig. Sie hatten vollkommenes Vertrauen in seine Aufrichtigkeit. Sie hielten ihn erst dann für einen Lügner, als er begann, ihnen die Botschaft Allahs zu übermitteln. Auch in dieser zweiten Phase gab es niemanden, der den Mut gehabt hätte, ihn persönlich der Lüge zu bezichtigen. Selbst sein erbittertster Feind hatte ihn niemals beschuldigt, in irgendeiner weltlichen Angelegenheit je der Lüge schuldig geworden zu sein. Alle Lügen, die sie ihm zuschrieben, taten sie nur wegen seines Prophetentums. Sein größter Feind war Abu Jahl. Von Hadhrat Ali (r.a.) wird überliefert, dass er (Abu Jahl) einmal zum Propheten (s.a.w.) sagte:
(Arabisch***************)
„Wir halten dich keineswegs für einen Lügner; vielmehr halten wir das für eine Lüge, was du gebracht hast.“ [Imam Sufyan ath-Thawri und al-Hakim haben diese Überlieferung von Hadhrat Ali (r.a.) überliefert – der Verfasser.]
Während der Schlacht von Badr fragte Akhnas ibn Shurayq Abu Jahl unter vier Augen: „Hier gibt es außer dir und mir keinen dritten Menschen. Sag mir ehrlich: Hältst du Muhammad (s.a.w.) für wahrhaftig oder für einen Lügner?“
Er antwortete: „Bei Allah, Muhammad ist ein wahrhaftiger Mann. Sein ganzes Leben lang hat er keine einzige Lüge ausgesprochen. Aber wenn die Würde des Fahnenträgers (liwāʾ), die Würde des Trägers der Schlüssel zur Kaaba (hijāba), die Würde, den Pilgern Wasser zu reichen (siqāya), und das Prophetentum allesamt den Nachkommen von Qusayy zufallen, dann sag mir: Was bleibt dann noch für die übrigen Quraisch übrig?“ [Ibn Jarir hat diese Überlieferung in seinem Tafsir angeführt. Akhnas ibn Shurayq war durch ein Bündnis mit den Banu Zuhra, dem Stamm des Großvaters mütterlicherseits des edlen Propheten (s.a.w.), verbunden. Obwohl er mit den Quraisch zum Kampf gekommen war, nahmen weder er noch irgendeiner der Banu Zuhra an der Schlacht teil – der Verfasser.]
Auf dieser Grundlage tröstet Allah, der Erhabene, den edlen Propheten (s.a.w.) mit den Worten: Die Bezichtigung der Lüge richtet sich nicht gegen dich, sondern gegen Mich. Ich ertrage sie mit Langmut und gewähre ihnen immer wieder Aufschub. Warum bist du nun ungeduldig?
Ausflüchte und Einwände, Anschuldigungen und Forderungen nach außergewöhnlicher Art
Nachdem sie mit diesen beiden Schwierigkeiten konfrontiert worden waren, blieb den Quraisch und den anderen Götzendienern kein anderer Weg, als allerlei Ausreden dafür vorzubringen, die Gesandtschaft des Hochgeehrten (s.a.w.) nicht anzuerkennen, verschiedenartige und widersprüchliche Vorwürfe zu erheben und die Vorführung immer neuer, erstaunlicher Wunder zu verlangen. Doch ebenso, wie ihr es im Zusammenhang mit dem Tauhid gesehen habt – dass nämlich zur Widerlegung des Schirk, ja vielmehr zum Beweis der Einheit Gottes, derart schlüssige Argumente und Beweise vorgebracht wurden, dass einem jeden vernünftigen Menschen keine Möglichkeit blieb, diese Wahrheiten zu leugnen –, wurde auch allen Ränken der Götzendiener gegen die Gesandtschaft auf eine derart überzeugende Weise begegnet, dass jeder, der auch nur ein wenig Verstand besaß, sie anerkennen musste, selbst wenn er aus Starrsinn und Halsstarrigkeit weiterhin dagegen ankämpfte. (12)
Der Einwand, dass der Hochgeehrte (s.a.w.) ein Mensch war
Ihr erster Einwand bestand darin, dass sie sagten: Wie können wir einen Menschen als Gesandten Gottes anerkennen, der ein Mensch wie wir ist? Er isst und trinkt, hat Kinder und verrichtet all jene weltlichen Tätigkeiten, die auch andere Menschen verrichten. Im Koran werden diese Ausreden und Einwände von ihnen erwähnt und beantwortet.
(Arabisch***************)
Und diese Frevler flüstern einander zu und sagen: Dieser Mann ist doch nur ein Mensch wie ihr. Wollt ihr sehenden Auges der Zauberei zum Opfer fallen? (Al-Anbiya: 3)
Diese vertraulichen Gespräche führten die großen Anführer der ungläubigen Mekkaner untereinander, wenn sie zusammensaßen. Sie sagten: Dieser Mann kann unmöglich ein Prophet sein. Schließlich ist er ein Mensch wie wir: Er isst und trinkt, geht auf dem Markt umher und hat Frau und Kinder. Was ist so Außergewöhnliches an ihm, dass es einen Unterschied zwischen ihm und uns begründet und ihn uns gegenüber mit einer besonderen Beziehung zu Gott ausstattet? Allerdings liegt in seiner Rede und in seiner Persönlichkeit eine Art Zauber. Deshalb wird jeder, der ihm aufmerksam zuhört und sich ihm nähert, zu seinem Anhänger. Wenn ihr also euer eigenes Wohl wollt, dann hört ihm keinesfalls zu und pflegt keinen Umgang mit ihm. Denn ihm zuzuhören und sich ihm zu nähern bedeutet, sehenden Auges der Zauberei zum Opfer zu fallen. (13)
(Arabisch****************)
-Und sie sagen: Was ist das für ein Gesandter, der Nahrung zu sich nimmt und auf den Märkten umhergeht? Warum wurde nicht ein Engel zu ihm gesandt, der ihn begleitet und die Leugner einschüchtert? Wenn schon sonst nichts, hätte doch wenigstens ein Schatz für ihn herabgesandt werden können, oder er hätte einen Garten haben müssen, aus dem er sorglos seinen Lebensunterhalt bestreiten konnte?
Die Ungerechten sagen: „Ihr seid einem Verzauberten gefolgt.“ (Al-Furqan: 7–8)
Ihre Absicht war zunächst zu sagen, dass es schon höchst sonderbar sei, einen Menschen zum Gesandten zu machen. Wenn jemand mit einer Botschaft Gottes käme, hätte es entweder ein Engel sein müssen oder kein Mensch aus Fleisch und Blut, der zum Leben Nahrung benötigt. Und wenn tatsächlich ein Mensch zum Gesandten gemacht worden wäre, dann hätte er zumindest eine Persönlichkeit wie ein König oder einer der Großen dieser Welt besitzen müssen, bei deren Anblick die Augen ungeduldig würden und deren Nähe man nur mit größter Mühe und durch glückliche Fügung erlangen könnte. Stattdessen wurde ein gewöhnlicher Mensch zum Propheten des Herrn der Welten gemacht, der auf dem Markt umhergeht? Jemandem, den man auf dem Weg täglich trifft und an dem man nichts Außergewöhnliches gegenüber uns feststellen kann – wer sollte ihn mit Achtung betrachten? Mit anderen Worten: Ihrer Ansicht nach diente die Entsendung eines Gesandten nicht der Rechtleitung der gewöhnlichen Menschen, sondern dazu, etwas Wundersames zu zeigen oder durch Pracht und äußeren Glanz Einfluss und Ansehen zu schaffen.
Dann sagten sie: Wenn ein Mensch zum Propheten gemacht worden wäre, hätte man ihm einen Engel zur Seite stellen müssen, der ständig einen Stock in der Hand hielte und den Menschen sagte: „Nehmt seine Worte an, sonst seht her, ich lasse gerade die Strafe Gottes auf euch herabregnen.“ Wie überaus sonderbar sei es doch, dass der Schöpfer des Universums jemanden mit der erhabenen Würde des Prophetentums ausstattet, ihn dann ganz allein lässt und den armen Mann die Beschimpfungen und Steinwürfe der Menschen ertragen lässt. Ihre letzte Forderung lautete, dass Allah zumindest so viel hätte tun können, für den Lebensunterhalt Seines Gesandten auf angemessene Weise zu sorgen. Was ist das für ein Gesandter Gottes, der noch viel mittelloser ist als unsere gewöhnlichen wohlhabenden Leute? Für seine Ausgaben besitzt er weder Geld noch einen Garten, aus dem er Früchte essen könnte. Und gleichzeitig behauptet er: „Ich bin der Gesandte Allahs, des Herrn der Welten.“
Nachdem sie all dieses wirre Gerede vorgebracht hatten, sagten sie, dieser Mann sei verzaubert worden. Das heißt, jemand habe ihn verzaubert und infolgedessen sei er verrückt geworden.
Das Erstaunliche ist, dass sie ihn in den oben angeführten Aussagen einen Zauberer nannten. Nun behaupten sie, er sei verzaubert worden. Auch der Vorwurf, er sei ein Dichter, wurde gegen ihn erhoben; darauf wird später eingegangen. (14)
Die Antwort auf diese Ausflüchte und Einwände
(Arabisch************)
„Auch vor euch haben Wir viele Gesandte entsandt und ihnen Ehefrauen und Kinder gegeben.“ (Ar-Ra’d: 38)
Dies ist die Antwort auf jene Fragen, die sie dem Propheten (Segen und Frieden seien auf ihm) stellten: Wie kann ein so vorzüglicher Prophet Frau und Kinder haben? Haben denn auch die Propheten etwas mit sexuellen Bedürfnissen zu tun? Selbst die Propheten und Gesandten, die zuvor entsandt worden waren, hatten doch Frauen und Kinder. Ihr selbst erkennt doch Noah als Propheten an. Wenn er keine Nachkommen gehabt hätte, wie konntet ihr dann aus seiner Nachkommenschaft hervorgegangen sein? Dass Abraham und Ismael Propheten waren, ist euch doch allgemein anerkannt. Ihr führt eure Abstammung und euer Geschlecht auf sie zurück. Wenn sie keine Nachkommen gehabt hätten, woher wärt ihr dann Banu Ismael? (15)
(Arabisch*************)
—Und auch vor dir, o Muhammad, haben Wir nur Menschen zu Gesandten gemacht, denen Wir die Offenbarung eingaben. Fragt die Leute der Schrift, wenn ihr kein Wissen habt. Wir gaben ihnen keine Körper, die keine Nahrung zu sich nahmen, und sie waren auch nicht unsterblich. (Al-Anbiya: 7–8)
—Das heißt: Fragt gerade jene jüdische Gemeinschaft, die in ihrer Feindschaft gegen den Islam mit euch übereinstimmt und euch die Methoden des Widerstands gegen den Islam beibringt: Wer waren Moses und die Propheten der Banu Israel? Waren sie etwa keine Menschen, sondern eine andere Schöpfung? (16)
(Arabisch***************)
—Ist euch nicht die Kunde von jenen zugekommen, die zuvor ungläubig waren und die schlimmen Folgen ihrer schlechten Taten zu kosten bekamen? Und im Jenseits erwartet sie eine schmerzhafte Strafe. Dieses Ende traf sie deshalb, weil ihre Gesandten immer wieder mit deutlichen Zeichen zu ihnen kamen, sie aber sagten: „Sollten Menschen uns den rechten Weg weisen?“ So weigerten sie sich, zu glauben, und wandten sich ab. Daraufhin wurde auch Allah ihrer überdrüssig. Und Allah ist wahrlich derjenige, Der auf niemanden angewiesen und in Seinem Wesen preiswürdig ist. (At-Taghabun: 5–6)
Das heißt: Die Propheten kamen mit so eindeutigen Zeichen, dass sie deutlich bezeugten, von Allah eingesetzt worden zu sein. Alles, was sie sagten, war vollkommen vernünftig, und sie legten es mit stichhaltigen Argumenten und Beweisen dar. In ihrer Lehre gab es keine Unklarheit. Vielmehr erklärten sie in klaren Worten, was wahr und was falsch ist, was erlaubt und was nicht erlaubt ist, auf welchem Weg die Menschen gehen sollen und auf welchem Weg sie nicht gehen sollen. Doch sie verweigerten sich ihrer Botschaft mit den Worten: „Sollten Menschen uns nun den rechten Weg weisen?“ Und genau dies wurde zur Ursache ihres Untergangs. Denn es gab keinen anderen Weg, auf dem die Menschheit die richtige Lebensweise hätte erfahren können, als dass ihr Schöpfer ihr das wahre Wissen verlieh und die Propheten damit beauftragte, dieses Wissen in der Praxis zu verwirklichen und es den anderen zu übermitteln. Zu diesem Zweck sandte Er die Propheten mit deutlichen Zeichen, damit es keinen berechtigten Grund gab, an ihrer Wahrhaftigkeit zu zweifeln. Doch sie weigerten sich entschieden, überhaupt anzuerkennen, dass ein Mensch der Gesandte Allahs sein könne. Danach blieb ihnen kein Weg mehr, den rechten Weg zu finden. In dieser Hinsicht zeigt sich vor uns ein erstaunliches Bild von der Unwissenheit und Torheit der irregeleiteten Menschen: Sie hatten niemals gezögert, menschliche Wegweiser anzunehmen. Ja, sie machten sogar aus aus Holz und Stein gefertigten Statuen, die den Weg bestimmter Menschen weisen sollten, ihre Götter. Sie erkannten sogar Menschen selbst als Gott, als Verkörperung Gottes und als Sohn Gottes an. Dann schlugen sie unter der blinden Gefolgschaft irreleitender Führer derart wunderliche Wege ein, dass dadurch menschliche Zivilisation, Kultur und Charakter verdorben wurden. Als aber der Gesandte Allahs zu ihnen kam, die Wahrheit brachte und sie ihnen frei von persönlichen Interessen und ohne Parteilichkeit vorlegte, sagten sie: „Sollten Menschen uns nun den rechten Weg weisen?“ Damit meinten sie: Wenn ein Mensch in die Irre führt, muss man seine Führung annehmen; wenn er aber den geraden Weg zeigt, ist es nicht angebracht, seiner Führung zu folgen.
Als sie sich also von der von Allah gesandten Rechtleitung abwandten, kümmerte Allah sich auch nicht mehr darum, in welchen Abgrund des Verderbens sie stürzten. Allah hatte keinerlei eigenen Vorteil davon, dass sie Ihn als Gott anerkannten; andernfalls wäre Sein göttlicher Thron Ihm aus der Hand genommen worden. Er war weder auf ihre Anbetung noch auf ihre Lobpreisungen angewiesen. Er wollte ihnen nur zu ihrem eigenen Wohl den geraden Weg zeigen. Als sie sich jedoch von Ihm abwandten, wurde auch Allah ihrer überdrüssig. Danach gewährte Er ihnen weder Rechtleitung noch übernahm Er ihren Schutz. Er bewahrte sie weder davor, in den Abgrund des Verderbens zu stürzen, noch hielt Er das Verderben davon ab, über sie selbst hereinzubrechen. Denn sie selbst waren weder auf Seine Rechtleitung noch auf Seinen Schutz angewiesen. (17)
(Arabisch***************)
Als den Menschen eine Rechtleitung zuteilwurde, hinderte sie nichts daran, an sie zu glauben, außer ihrer Aussage: „Hat Allah etwa einen Menschen als Gesandten geschickt?“ Sag ihnen: Wenn auf der Erde Engel in aller Ruhe umhergingen, hätten Wir ihnen gewiss einen Engel vom Himmel als Gesandten geschickt. (Banī Isrāʾīl: 94–95)
Die Aufgabe eines Propheten besteht also nicht nur darin, zu kommen und den Menschen lediglich die Botschaft Gottes zu verkünden. Vielmehr gehört zu seiner Aufgabe auch, das menschliche Leben gemäß dieser Botschaft zu reformieren und zu verbessern. Er muss die Lebensverhältnisse der Menschen mit den Grundsätzen dieser Botschaft in Einklang bringen. In seinem eigenen Leben muss er die praktische Verwirklichung dieser Grundsätze sichtbar machen. Die geistigen und seelischen Verknotungen der zahllosen Menschen verschiedenster Art, die versuchen, seine Botschaft zu hören und zu verstehen, muss er lösen. Diejenigen, die seine Botschaft annehmen, muss er organisieren, und er muss sie organisieren und erziehen, damit entsprechend der Lehre dieser Botschaft eine Gesellschaft entstehen kann. Gegen jene, die sie ablehnen, bekämpfen und Hindernisse errichten, muss er kämpfen, damit die Kräfte, die das Unrecht unterstützen, überwältigt werden und sie zur Reformarbeit geführt werden – zu jener Arbeit, für die Allah, der Erhabene, die Propheten entsandt hat. Wenn all diese Aufgaben unter Menschen zu erfüllen sind, wen hätte man für ihn außer einem Menschen entsenden können? Ein Engel hätte höchstens kommen, die Botschaft überbringen und wieder fortgehen können. Sich unter Menschen wie ein Mensch aufzuhalten, wie ein Mensch zu handeln und im menschlichen Leben gemäß dem Willen Gottes Reformen praktisch vorzuführen, lag nicht in der Macht eines Engels. Für diese Aufgabe konnte nur ein Mensch geeignet sein. (18)
(Arabisch***************)
O Muhammad, alle Propheten, die Wir vor dir entsandt haben, waren Menschen, Bewohner dieser Ortschaften, denen Wir die Offenbarung zukommen ließen. (Yūsuf: 109)
Hier ist ein überaus bedeutender Sachverhalt in einem einzigen Satz zum Ausdruck gebracht. Ausführlich lässt er sich folgendermaßen darlegen:
O Prophet! Diese Leute schenken deinen Worten deshalb keine Aufmerksamkeit, weil sie sich fragen: Wie können wir von demjenigen, der gestern in ihrer Stadt geboren wurde, unter ihnen von der Kindheit bis zur Jugend und von der Jugend bis ins Greisenalter heranwuchs, einfach annehmen, dass Gott ihn eines Tages plötzlich zu Seinem Gesandten bestimmt hat?
Doch dies ist keineswegs etwas Neues, dem er in dieser Welt als Erster begegnet wäre. Auch vor ihm hat Gott Seine Propheten entsandt, und sie alle waren Menschen. Ebenso ist es niemals geschehen, dass plötzlich ein unbekannter Fremder in einer Stadt auftauchte und sagte: „Ich bin als Prophet entsandt worden.“ Vielmehr waren alle, die zur Reform und Verbesserung der Menschen entsandt wurden, Bewohner ihrer jeweiligen Ortschaften. Wer waren also der Messias, Mose, Abraham und Noah, Friede sei mit ihnen? Sind sie nicht gerade in den Städten aufgetreten, in denen sie geboren worden waren? Oder waren sie etwa von anderswoher gekommen? (19)
(Arabisch****************)
Ist es für die Menschen etwa so erstaunlich, dass Wir einem aus ihrer eigenen Mitte Offenbarung zukommen ließen, damit er die Menschen warne und denjenigen, die glauben, die frohe Botschaft verkünde, dass ihnen bei ihrem Herrn wahrhaftige Ehre und Ansehen zuteilwerden? (Ist es etwa) deshalb, dass die Ungläubigen sagen: „Dieser ist gewiss ein offenkundiger Zauberer“? Das heißt: Was ist daran erstaunlich? Wenn zur Warnung der Menschen kein Mensch eingesetzt würde, wer dann – ein Engel, ein Dschinn oder ein Tier? Und wenn der Mensch gegenüber der Wahrheit achtlos wird und ein irriges Leben führt, wäre es dann nicht vielmehr erstaunlich, dass sein Schöpfer und Erhalter ihn in diesem Zustand sich selbst überließe, statt für seine Rechtleitung zu sorgen? Oder dass ihm vonseiten Allahs Ehre und Ansehen zuteilwerden sollten, die er entweder annimmt oder zurückweist? Daher sollten diejenigen, die sich wundern, darüber nachdenken, worüber sie sich eigentlich wundern.
Wenn sie dann die Warner als Zauberer bezeichnen, sollten sie darüber nachdenken, ob diese Anschuldigung auf ihn zutrifft. Es genügt nicht, einem Menschen, der durch eine herausragende Rede die Herzen und den Verstand der Menschen gewinnt, einfach vorzuwerfen, er betreibe Zauberei. Man sollte vielmehr prüfen, was er in dieser Rede sagt und in wessen Interesse er seine Redekunst einsetzt. Und welcher Art ist die Wirkung seiner Rede auf diejenigen, die glauben? Ein Redner, der die Kraft einer zauberischen Rede benutzt, um unrechtmäßige Ziele zu erreichen, ist ein Schwätzer, zügellos und verantwortungslos. Ohne auf Wahrheit und Aufrichtigkeit zu achten, sagt er alles, was die Zuhörer bezaubert, mag es noch so falsch, übertrieben und belanglos sein. In seinen Worten findet sich statt Weisheit etwas, das die Allgemeinheit täuscht. Statt geordneten Denkens finden sich darin Widersprüchlichkeit und Unstimmigkeit. Seine Worte schaffen kein Gleichgewicht, sondern Ungleichgewicht. Um den Sieg davonzutragen, gebärdet er sich schamlos; oder er verabreicht den Menschen das Opium der Rede, damit sie gegeneinander kämpfen und streiten und damit eine Gruppe gegen eine andere aufgebracht wird. Unter seinem Einfluss entsteht in den Menschen weder ein moralischer Maßstab, noch ist in ihrem Leben irgendeine heilsame Veränderung festzustellen. Ebenso entsteht weder ein aufrichtiger Gedanke noch eine tatsächlich gute Umwelt und gesellschaftliche Lage. Im Gegenteil: Die Menschen beginnen, einen noch schlechteren Charakter zu zeigen als zuvor. Hier aber seht ihr, dass die Botschaft, die der Prophet verkündet, Weisheit, eine harmonisch geordnete Denkweise, vollkommene Ausgewogenheit und eine strenge Verpflichtung gegenüber Wahrheit und Wahrhaftigkeit enthält. Jedes Wort ist abgewogen, jeder Satz äußerst wertvoll. In seiner Rede könnt ihr kein anderes Ziel erkennen als die Verbesserung der Schöpfung Allahs. In dem, was er sagt, findet sich nicht die geringste Spur eines persönlichen, familiären, nationalen oder irgendeines sonstigen weltlichen Interesses. Er will nur die Menschen vor den bösen Folgen der Achtlosigkeit und Gleichgültigkeit warnen, in denen sie versunken sind, und sie auf einen Weg führen, auf dem ihr eigenes Wohlergehen liegt. Die Wirkung seiner Rede unterscheidet sich dann völlig von der Wirkung der Rede eines Zauberredners. Jeder, der hier ihrem Einfluss ausgesetzt war, dessen Leben ist geordnet worden. Er ist ein Mensch von edlerem Charakter geworden als zuvor. In seiner Lebensweise sind die Zeichen des Guten sichtbar geworden. Nun denkt selbst darüber nach: Spricht die Zauberei etwa solche Worte, und kann ihre Wirkung solche guten Früchte hervorbringen? (20)
(Arabisch****************)
Wir haben einige Propheten über andere im Rang bevorzugt und Dawud die Zabur gegeben. (Bani Isra’il: 55)
In dem Zusammenhang, in dem dies gesagt wurde, wird die Verleihung des Buches Zabur an den Propheten Dawud eigens erwähnt, weil er König und zugleich Prophet war. Der Grund, weshalb die Zeitgenossen des Propheten Muhammad (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) sich weigerten, sein Prophetentum anzuerkennen, bestand ihrer eigenen Auffassung nach darin, dass er wie gewöhnliche Menschen Frau und Kinder hatte, aß und trank, auf dem Markt umherging, kaufte und verkaufte und all jene Dinge tat, die andere weltlich gesinnte Menschen aus menschlichen Bedürfnissen heraus tun. Die Bewohner von Mekka sagten: „Du bist ein weltlicher Mensch. Was hast du mit der Gottesnähe zu tun? Gottesgesandte sind doch Menschen, die von ihren körperlichen Bedürfnissen nichts wissen. Sie sitzen einfach in einer Ecke und sind in die Andacht zu Allah versunken. Was haben sie mit der Sorge um Reis und Linsen zu schaffen?“ Darauf wird erwidert: Was könnte weltlicher sein als die Verwaltung eines vollständigen Königreichs? Trotzdem wurden dem Propheten Dawud (Friede sei mit ihm) das Prophetentum und ein Buch verliehen. (21)
(Arabisch***************)
(O Prophet, sag ihnen:) „Ich bin kein neuartiger Gesandter. Ich weiß nicht, was mit mir geschehen wird, und weiß auch nicht, was mit euch geschehen wird. Ich folge lediglich der Offenbarung, die mir eingegeben worden ist, und bin nichts anderes als ein deutlicher Warner.“ (Al-Ahqaf: 9)
Der Hintergrund dieser Aussage ist folgender: Als der Prophet (s.a.) sich selbst als Gesandten Allahs vorstellte, begannen die Bewohner Mekkas, allerlei Kritik zu äußern. Sie sagten: Was ist das für ein Gesandter, der eine Frau und Kinder hat, auf dem Markt umhergeht, isst und trinkt und genauso lebt wie wir? Was ist eigentlich das Besondere an ihm, wodurch er sich von den gewöhnlichen Menschen unterscheidet, sodass wir erkennen können, dass Allah gerade diesen Mann in besonderer Weise zu Seinem Gesandten gemacht hat? Dann sagten sie: Wenn Allah diesen Mann tatsächlich zu Seinem Gesandten gemacht hätte, dann hätte Er ihm doch einen Engel als Diener geschickt. Dieser hätte verkündet, dass er der Gesandte Allahs sei, und jeden, der sich vor ihm auch nur die geringste Unhöflichkeit oder Respektlosigkeit erlaubt hätte, mit der Peitsche geschlagen. Wie kann es sein, dass Allah jemanden zu Seinem Gesandten ernannte und ihn dann hilflos durch die Gassen Mekkas ziehen und Gewalttaten und Verfolgung ertragen ließ? Wenn schon sonst nichts, dann hätte Allah für Seinen Gesandten wenigstens einen königlichen Palast und einen blühenden Garten errichten lassen. Dann wäre es nicht dazu gekommen, dass die Frau Seines Gesandten mittellos war und Hunger litt, oder dass er kein Reittier für seine Reise nach Taif hatte.
Dann verlangten sie vom Propheten (s.a.) verschiedene Arten von Wundern. Sie wollten von ihm auch über die Zukunft Auskunft erhalten. Ihrer Vorstellung nach bedeutete es, dass ein Mensch, der Gesandter Allahs ist, über übermenschliche Kräfte verfügen müsse. Durch eine Bewegung seines Fingers würden Berge versetzt und Wüsten in grüne, üppige Ackerflächen verwandelt. Er müsse über die gesamte Kenntnis der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft verfügen, und jeder verborgene Gegenstand müsse ihm offenliegen.
Als Antwort auf diese Einwände wurde gesagt: Sag ihnen: Ich bin kein außergewöhnlicher Gesandter. Dass ich zum Gesandten ernannt wurde, ist kein erstmaliges Ereignis in der Geschichte der Welt, sodass es euch schwerfallen müsste zu verstehen, wie ein Gesandter ist und wie er nicht ist. Vor mir sind viele Gesandte gekommen. Ich unterscheide mich nicht von ihnen. Gab es jemals einen Propheten oder Gesandten auf der Welt, der keine Frau und keine Kinder hatte? Oder einen, der nicht wie ein gewöhnlicher Mensch lebte? Ist jemals ein Engel mit einem Gesandten herabgestiegen, der dessen Gesandtschaft verkündete und mit einem Stock in der Hand vor ihm herging? Für welchen Gesandten wurden Königspaläste und Gärten errichtet, und wer von ihnen musste bei seinem Aufruf zu Allah keine Verfolgung erdulden, wie ich sie erdulde? Gab es jemals einen Gesandten, der aus eigener Macht Wunder zeigen und aus eigenem Wissen alles wissen konnte? Woher nehmt ihr also diesen außergewöhnlichen Maßstab, um meine Gesandtschaft zu prüfen?
Darauf wurde ihnen auch erwidert: Ich weiß nicht, was morgen mit mir geschehen wird und was mit euch geschehen wird. Ich folge nur der Offenbarung, die mir zugesandt wird. Das heißt: Ich bin kein Wahrsager, dem alles aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft klar wäre und der Kenntnis von jedem Ding der Welt besäße. Von eurer Zukunft ganz zu schweigen: Ich kenne nicht einmal meine eigene Zukunft. Ich weiß nur so viel, wie mir durch die Offenbarung an Wissen gegeben wird. Wann habe ich je behauptet, darüber hinaus Wissen zu besitzen? Hat es jemals auf der Welt einen Gesandten gegeben, der solche Vorhersagen machen konnte, dass ihr meine Gesandtschaft anhand meiner Kenntnis der Zukunft prüft? Seit wann gehört es zu den Aufgaben eines Gesandten, verlorene Gegenstände ausfindig zu machen, vorherzusagen, ob eine schwangere Frau einen Jungen oder ein Mädchen gebären wird, oder zu sagen, ob ein Kranker genesen oder sterben wird? (22)
Warum wurde der Hochgeehrte (s.a.) zum Propheten gemacht?
Ihr zweiter Einwand lautete: Wenn Allah tatsächlich einen Propheten schicken musste und dafür jemanden aus den Reihen der Menschen entsenden wollte, warum fiel Seine Wahl ausgerechnet auf Muhammad (s.a.), den Sohn Abdallahs, aus unserer Mitte? Waren etwa alle bedeutenden Männer Mekkas und Taifs gestorben, sodass Er niemanden aus ihren Reihen auswählen konnte? Das war ihre Aussage.
(Arabisch***********)
Gab es unter uns wirklich nur diesen einen Mann, auf den die Ermahnung Allahs herabgesandt wurde? (Sad: 8)
(Arabisch***************)
–Und sie sagen: „Warum wurde dieser Koran nicht einem der angesehensten Männer aus einer der beiden Städte offenbart? Verteilen etwa diese Leute die Barmherzigkeit deines Herrn? Die Mittel für ihren Lebensunterhalt im diesseitigen Leben verteilen Wir unter ihnen. Und Wir haben einige von ihnen über andere im Rang erhöht, damit die einen die anderen in Dienst nehmen können. Doch die Barmherzigkeit deines Herrn ist besser als all die Reichtümer, die diese angesehenen Leute anhäufen.“ (As-Suhruf: 32)
Mit den beiden Städten sind Mekka und Taif gemeint. Die Aussage der Ungläubigen lautete: Wenn Gott tatsächlich die Notwendigkeit gesehen hätte, einen Gesandten zu schicken, und wenn Er beabsichtigt hätte, ihm Sein Buch zu offenbaren, dann hätte Er für diese Aufgabe einen bedeutenden Mann aus einer dieser beiden Städte ausgewählt. Für die Ernennung eines Gesandten fand Allah ausgerechnet einen Mann, der als Waise geboren wurde. Er hatte keinen ererbten Besitz. Seine Jugend verbrachte er damit, Ziegen zu hüten. Nun verbringt er seine Tage damit, mit dem Geld seiner Frau Handel zu treiben. Er ist weder Stammesoberhaupt noch das Oberhaupt einer Familie. Gab es in Mekka etwa keinen angesehenen Anführer wie al-Walid ibn al-Mughira oder Utba ibn Rabi’a? Gab es in Taif keine wohlhabenden Männer wie Urwa ibn Mas’ud, Habib ibn Amr, Kinana ibn Abd Amr und Abd Yalil? Das waren ihre Argumente. Zunächst waren sie überhaupt nicht bereit anzuerkennen, dass ein Mensch ein Gesandter sein könne. Als der Koran diese Vorstellung jedoch immer wieder mit Beweisen widerlegte und ihnen gesagt wurde, dass stets Menschen als Gesandte gekommen seien und nur ein Mensch die Menschen rechtleiten könne – kein anderer –, änderten sie ihre Taktik. Jeder Gesandte, der auf die Welt kam, stieg nicht plötzlich vom Himmel herab, sondern wurde in einer menschlichen Siedlung geboren. Er ging auf den Märkten umher, hatte eine Frau und Kinder und war nicht frei von den Bedürfnissen des Essens und Trinkens. Danach begannen sie zu sagen: Gut, meinetwegen soll ein Mensch Gesandter sein. Aber gewiss muss er ein großer Mann sein: reich, einflussreich und Anführer einer Gruppe. Unter den Menschen muss er eine herausragende Persönlichkeit besitzen. Wie könnte Muhammad ibn Abdallah, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, für eine solche Würde geeignet sein?
Als Antwort auf diese Vorwürfe wurde in wenigen Worten eine wichtige Aussage gemacht.
Erstens: Ist diesen Leuten etwa die Verantwortung übertragen worden, die Barmherzigkeit deines Herrn zu verteilen? Bestimmen sie etwa, über wen Allah Seine Barmherzigkeit herabsenden wird und über wen nicht? (Mit Barmherzigkeit ist hier Seine allgemeine Barmherzigkeit gemeint, von der jeder einen gewissen Anteil erhält.)
Zweitens: Das Prophetenamt ist wahrlich eine äußerst bedeutende Angelegenheit. Auch die Verantwortung für die Verteilung all jener gewöhnlichen Mittel und Voraussetzungen des diesseitigen Lebens haben Wir in Unsere eigene Hand genommen. Wir haben sie niemand anderem übertragen. Wir erschaffen den einen schön und den anderen hässlich, den einen mit angenehmer Sprache und den anderen mit rauer Sprache, den einen gesund und den anderen verkrüppelt, blind oder taub; den einen reich und den anderen arm; den einen als Angehörigen eines angesehenen Volkes und den anderen als Sklaven oder als Angehörigen eines unentwickelten Volkes. In die Festlegung dieses angeborenen Schicksals kann niemand auch nur im geringsten eingreifen. Jeder muss das sein, wozu Wir ihn gemacht haben. Und welche Auswirkungen diese unterschiedlichen angeborenen Zustände auch auf das Schicksal eines Menschen haben mögen – niemand ist in der Lage, sie zu verändern. Auch den Lebensunterhalt, die Kraft, die Ehre, den Ruhm, den Besitz und die Herrschaftsmacht unter den Menschen verteilen Wir. Wenn Wir das Schicksal eines Menschen verbessern, kann niemand sein Schicksal ins Unglück stürzen. Und wenn von Uns der Niedergang über jemanden kommt, kann ihn niemand retten. Angesichts Unserer Entscheidung scheitern alle Kniffe, Bemühungen und Anstrengungen der Menschen. Wollen diese Leute in dieser weltumspannenden göttlichen Ordnung etwa entscheiden, wen der Herrscher des gesamten Universums zu Seinem Propheten machen wird und wen nicht?
Drittens: In dieser göttlichen Ordnung wurde als beständige Regel vorgesehen, dass nicht einem Einzelnen alles und auch nicht allen alles gegeben wird. Öffnet die Augen und schaut: In jeder Hinsicht werdet ihr unter den Menschen nur Unterschiede feststellen. Wenn Wir jemandem etwas gegeben haben, haben Wir ihn dafür einer anderen Sache beraubt und diese einem anderen gegeben. Dies geschieht aufgrund der Weisheit, dass kein Mensch von anderen Menschen unabhängig sein soll. Vielmehr ist jeder in irgendeiner Hinsicht auf andere angewiesen. Wie konnte sich nun in euch diese törichte Vorstellung festsetzen, dass jemandem, dem Wir Staat und Herrschaft gegeben haben, auch das Prophetenamt verliehen werden müsse? Wollt ihr auf diese Weise etwa auch sagen, dass Verstand, Wissen, Reichtum, Schönheit, Macht, staatliche Gewalt und alle anderen Eigenschaften in ein und derselben Person vereint werden sollen und dass jemandem, der nicht eine einzige Sache besitzt, auch nichts anderes gegeben werden dürfe?
Im letzten Satz bedeutet die Barmherzigkeit des Herrn Seine besondere Barmherzigkeit, das heißt das Prophetenamt. Das bedeutet: Ihr haltet eure wohlhabenden Männer wegen ihres Reichtums, ihrer Persönlichkeit und ihres Einflusses für bedeutende Menschen, doch sie sind des Reichtums nicht würdig, der Muhammad, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, gegeben wurde. Dieser Reichtum besitzt einen weit höheren Rang als jener ihrer Reichtümer, und der Maßstab für diese Würdigkeit ist ein anderer. Wenn ihr meint, jeder von euch sei aufgrund seines Einflusses und seiner Stellung geeignet, ein großer Prophet zu sein, dann ist das der Gipfel eures geistigen Niedergangs. Warum erwartet ihr von Allah eine solche Torheit? (23)
(Arabisch*******************)
–Die Wahrheit ist, dass diejenigen, die über Allahs Zeichen streiten, ohne dass ihnen ein Beweis oder eine klare Darlegung zukam, deren Herzen von Hochmut und Stolz erfüllt sind. Doch sie werden die Größe, nach der sie sich hochmütig sehnen, niemals erreichen. Darum suche Zuflucht bei Allah. Er sieht und hört alles. (Mumin: 56)
Das heißt: Der eigentliche Grund für ihren unvernünftigen Widerstand und ihre haltlosen Spitzfindigkeiten ist nicht, dass sie die Wahrheiten und segensreichen Lehren, die ihnen aus Allahs Zeichen vorgetragen werden, nicht verstehen konnten und deshalb in guter Absicht darüber beraten wollten. Vielmehr liegt der wahre Grund ihres Verhaltens darin, dass ihr eigener Hochmut nicht bereit ist zu ertragen, dass sie, solange sie leben, in Arabien die Führung Muhammads, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, anerkennen müssen, obwohl sie sich selbst für weit eher zur Führung berechtigt halten. Deshalb setzen sie all ihre Kräfte dafür ein, dass sich die Worte des Propheten Muhammad, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, unter keinen Umständen durchsetzen. Zu diesem Zweck werden sie nicht davor zurückschrecken, auch die niederträchtigsten Mittel anzuwenden. Doch wer von Allah groß gemacht wurde, wird groß bleiben. Und die Anstrengungen dieser kleinen Leute, ihre eigene Größe zu behaupten, werden letztlich scheitern. (24)
(Arabisch*****************)
–Er lässt diesen Geist, das heißt die Offenbarung der Prophetenschaft, durch die Engel nach Seinem Befehl auf denjenigen herab, den Er will. (Nahl: 2)
Dies ist die Antwort auf jene Ausreden und Einwände der Ungläubigen über den Ehrwürdigen, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm. Sie sagten: Wenn Allah einen Propheten hätte senden müssen, war Muhammad ibn Abdullah, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, etwa der einzige Mensch? Waren die großen Anführer von Mekka und Taif etwa gestorben, sodass Allah keinen von ihnen beachtete? Was hätte die Antwort auf derartige unsinnige Einwände und Vorwürfe anderes sein können? Eine solche Antwort wird an verschiedenen Stellen des Korans gegeben: Allah weiß selbst, was Er tut. Er braucht euch nicht um Rat zu fragen. Aus der Mitte Seiner Diener erwählt Er für Seine Aufgabe denjenigen, den Er für geeignet hält. (25)
Wenn seine Worte wahr gewesen wären, hätten die großen Männer des Volkes geglaubt
(Arabisch***************)
– Diejenigen, die sich weigerten, ihm zu gehorchen, sagen zu den Gläubigen: „Wenn dieser Mann wahrhaftig wäre, hätten diese Leute uns darin nicht zuvorkommen können.“ Da sie also keine Rechtleitung annahmen, werden sie nun gewiss sagen: „Das ist ja nur die alte Lüge.“ (Ahqāf: 11)
Dies war eines der Argumente, die die Anführer der Quraisch vorbrachten, um die Allgemeinheit gegen den Propheten (s) aufzubringen. Sie sagten: Wenn dieser Qur’an wahr wäre und der Prophet (s) die Menschen tatsächlich zur Wahrheit aufriefe, dann wären die Anführer des Volkes, die Stammesoberhäupter und die angesehenen Männer vorangeschritten und hätten ihn angenommen. Wie kann es sein, dass einige unerfahrene junge Leute und einige unbedeutende Sklaven eine vernünftige Sache angenommen haben, während die angesehenen Männer des Volkes, die gelehrt und weithin bekannt sind und auf deren Wissen, Verstand und Urteilsvermögen das Volk vertraut, sie ablehnen? Mit diesem trügerischen Argument versuchten sie, in der Bevölkerung die Überzeugung zu erwecken, dass in dieser neuen Daʿwa gewiss etwas Schlechtes stecken müsse. Deshalb nähmen die angesehenen Männer des Volkes sie ja nicht an. Haltet euch also auch von ihr fern.
Die vorangegangene Erörterung bedeutet, dass diese Leute sich selbst zum Maßstab für Wahrheit und Falschheit gemacht hatten. Sie glaubten, dass jede Rechtleitung, die sie nicht annahmen, zwangsläufig Irreführung sein müsse. Sie wagten jedoch nicht, sie als eine neuartige Lüge zu bezeichnen, denn schon vor ihnen hatten die Propheten (a) eben diese Lehre verkündet. Und die himmlischen Bücher, die sich bei den Leuten der Schrift befinden, sind allesamt von diesem Glauben, dieser Überzeugung und dieser Rechtleitung erfüllt. Deshalb bezeichneten diese Leute sie als eine alte oder überholte Lüge. Nach ihrer Auffassung mussten diejenigen, die diese Lehren seit Jahrtausenden verkündet und befolgt hatten, ohne Wissen und Verstand gewesen sein. Als Besitzer von Wissen, Vernunft und Urteilskraft betrachteten sie offenbar nur sich selbst. (26)
Nach der Überlieferung Ibn ʿAbbās’ sagten die Anführer der Quraisch zum Propheten (s): „Leute wie Bilāl (r), Suhaib (r), ʿĀmir (r), Khabbāb (r) und Ibn Masʿūd (r) verkehren bei dir. Mit ihnen können wir nicht zusammensitzen. Schicke sie fort. Dann können wir zu dir kommen und erfahren, was du sagen willst.“ Nachdem der Cäsar von Rom, Herakleios, den Brief des Heiligen Propheten (s) erhalten hatte, ließ er Abū Sufyān zu sich rufen und stellte ihm einige Fragen über den Propheten (s). Zu dem, was Abū Sufyān als Antwort sagte, gehörte auch Folgendes:
(Arabisch*************)
Die Schwachen und sehr Armen unter uns nehmen seine Gefolgschaft an. Ihre Denkweise war offenbar, dass nur das wahr sei, was die Großen des Volkes als wahr anerkennen. Denn in ihren Augen waren nur diese im Besitz von Wissen und Verstand. Nun bleiben noch die Armen und Besitzlosen. Dass sie mittellos sind, galt ihnen als Beweis dafür, dass sie töricht und unvernünftig seien. Deshalb sei es völlig widersinnig, ihre Worte anzunehmen und die der Wohlhabenden zurückzuweisen.
Genau solche Worte hatten auch die Anführer des Volkes des Propheten Nūḥ (a) zu ihm gesagt: „Die niedrigste Schicht der Gesellschaft folgt dir. Können wir dir unter solchen Umständen folgen?“ In Vers 27 der Sure Hūd werden ihre Worte wie folgt wiedergegeben: „Wir sehen, dass dir nur jene folgen, die unter uns die niedrigste Art von Menschen sind und dir ohne Verständnis folgen.“ (27)
(Der Vorwurf gegen den Ehrwürdigen Propheten (s), dass er nach Vorrangstellung strebe
In der Sure Sad wird erwähnt, dass die angesehenen Männer der Quraisch, als der Prophet (s.a.w.) ihnen einst seine Daʿwa vortrug, neben anderen Vorwürfen auch Folgendes sagten:
(Arabisch*************)
– Dies wird doch nur zu einem anderen Zweck gesagt. Das heißt, diese Daʿwa wird vorgetragen, damit wir Muhammad (s.a.w.) folgen und er über uns seine Herrschaft ausübt. (28)
Es sei klargestellt, dass dies lediglich eine Anschuldigung ohne jede Grundlage war, außer ihrem Unglauben. Daher wird im Qurʾan, ohne darauf eine Antwort zu geben, gesagt, dass auch gegen jene Diener Allahs, die bereits in früheren Zeiten zur Reform und Verbesserung der Menschen erschienen waren, ein solcher Vorwurf erhoben wurde. So sagten die Würdenträger des Pharao zu Musa (a.s.) und Harun (a.s.):
(Arabisch******************)
– (O Musa!) Bist du etwa zu uns gekommen, um uns von den Bräuchen und Lebensweisen abzubringen, bei denen du unsere Vorväter vorgefunden hast, und damit euch beiden die Herrschaft im Land zufällt? (Yunus: 7)
Dasselbe sagten die Oberhäupter seines Volkes zu Nuh (a.s.):
(Arabisch**************)
Dieser Mann ist doch nur ein Mensch wie ihr. Er will die Vorherrschaft über euch errichten. (Muminun: 24)
Ein uraltes Mittel derjenigen, die sich der Wahrheit widersetzen, besteht darin, jedem, der den Versuch einer Reform und Verbesserung unternimmt, den Vorwurf zu machen: „Nichts weiter – er ist lediglich darauf aus, Macht zu erlangen.“
Diesen Vorwurf erhob der Pharao gegen Moses (a.) und Aaron (a.). Er sagte: „Ihr seid nur deshalb aufgetreten, damit ihr im Land eure Herrschaft errichtet.“ Auch gegen Jesus (a.) wurde der Vorwurf erhoben, dieser Mann wolle König der Juden werden. Die Anführer der Quraisch hegten denselben Verdacht gegenüber dem Propheten Muhammad (s.). Tatsächlich führten sie mehrmals Verhandlungen dieser Art mit dem Propheten (s.): „Wenn du tatsächlich darauf aus bist, Macht zu erlangen, dann gib den Widerstand auf und schließe dich der herrschenden Gruppe an. Dann machen wir dich zum König.“
Tatsächlich fällt es denjenigen, die ihr ganzes Leben all ihre Kräfte dem Diesseits, seinen Vergnügungen und dem Einfluss und Ansehen widmen, äußerst schwer, ja es ist ihnen geradezu unmöglich, sich vorzustellen, dass ein Mensch auf dieser Welt sein Leben aufrichtig und uneigennützig dem Wohl der Menschen widmen könnte. Da sie selbst Tag und Nacht mit betrügerischen und wohlklingenden Parolen falsche Versprechen zum Wohl des Volkes machen, um ihre eigene Macht und ihren Einfluss zu festigen, wird diese Lüge und Täuschung für sie zu etwas Selbstverständlichem. Sie meinen, man könne das Wohl der Menschen ohne Betrug und Täuschung, in Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit, überhaupt nicht zum Thema machen. Jeder, der davon spricht, muss ihrer Ansicht nach einer von ihnen sein. Das Erstaunliche ist, dass der Vorwurf des „Machtstrebens“ gegenüber den gesellschaftlichen Reformern stets von den herrschenden Parteien und ihren schmeichlerischen Handlangern erhoben worden ist. Die Macht, die sie innehaben, betrachten sie, als sei sie ihr Geburtsrecht. Was immer sie tun, um sie zu erlangen und sich auf dem Thron zu halten, darf offenbar nicht beanstandet werden.
Hier sollte man sich klar vor Augen führen, dass jemand, der darum kämpft, die Mängel und Abweichungen der bestehenden Lebensordnung zu beseitigen, und ihr eine reformorientierte Sichtweise und Ordnung entgegensetzt, zwangsläufig versuchen muss, jede Kraft zu beseitigen, die der Reform im Wege steht, und diejenigen Kräfte an die Macht zu bringen, die eine reformorientierte Sichtweise und Ordnung verwirklichen können. Wenn der Aufruf eines solchen Menschen Erfolg hat, ist es außerdem eine natürliche Folge, dass er die Stellung eines Führers des Volkes erlangt. Dann liegt der Schlüssel zur Macht der neuen Ordnung entweder in seiner eigenen Hand oder in den Händen seiner Unterstützer und Anhänger. Gibt es unter den Propheten und den Reformern der Welt jemanden, dessen Ziel es nicht war, seinen Aufruf praktisch umzusetzen? Gibt es überhaupt jemanden, dessen erfolgreicher Aufruf ihn nicht tatsächlich auf den Führungsplatz erhoben hätte? Reicht das etwa aus, um ihm den Vorwurf zu machen, er habe Macht erlangen wollen und sein eigentliches Ziel sei die Führung gewesen, die er nun erlangt hat? Nur ein von Feindschaft erfüllter Gegner der Wahrheit könnte diese Frage bejahen. Die Wahrheit ist: Es besteht ein himmelweiter Unterschied zwischen der Aneignung von Macht im eigenen Interesse und ihrer Aneignung für einen großen Zweck – so groß wie der Unterschied zwischen dem Dolch eines Räubers und dem Messer eines Arztes oder Chirurgen. Wenn jemand bei Räuber und Arzt nur die Bedeutung des Besitzergreifens von etwas erkennt, muss man das als einen Fehler seines Verstandes bezeichnen. Andernfalls unterscheiden sich ihre Absichten, Vorgehensweisen und Rollen so grundlegend, dass kein vernünftiger Mensch einen Räuber für einen Räuber und einen Arzt für einen Arzt halten kann. (30)
Genau dieses Verhalten wurde auch Hud (a.) gegenüber an den Tag gelegt. Die Anführer seines Volkes wandten sich ebenfalls an die Menschen und sagten:
(Arabisch*****************)
Dieser Mann ist nichts anderes als ein Mensch wie ihr. Er isst, was ihr esst, und trinkt, was ihr trinkt. Wenn ihr nun einem Menschen wie euch gehorcht, werdet ihr gewiss Schaden erleiden. (Muminun: 33–34)
Als die Oberhäupter des Volkes befürchteten, dass die breite Masse durch die makellose Persönlichkeit und die bezaubernden Worte des Propheten beeinflusst werden könnte, fragten sie sich: Wie lange würde dann unser Schwindel noch funktionieren? Deshalb verwirrten sie die Menschen immer wieder mit solchen Äußerungen. Sie sagten: „Das ist keineswegs ein Prophetentum von Gott oder irgendein Prophetentum; er sagt all dies nur aus Machtgier.“ Brüder, denkt einen Augenblick nach: Inwiefern unterscheidet sich dieser Mann von euch? Er ist ebenso ein Mensch aus Fleisch und Blut wie ihr. Zwischen euch und ihm besteht überhaupt kein Unterschied. Warum sollte also er der Herrscher sein und ihr nach seinem Befehl handeln?
In ihrer Propaganda galt es offenbar als selbstverständlich, dass wir, obwohl wir Menschen sind, eure Anführer oder Oberhäupter der Gesellschaft sein sollten. Es kam überhaupt nicht infrage, auf unser Fleisch und Blut oder unser Essen und Trinken zu achten. Nicht unsere Vorherrschaft ist hier das Thema, denn sie besteht ja ohnehin und wird von allen anerkannt. Das Thema ist vielmehr diese neue Führung und Vorherrschaft, die, wie es scheint, nun errichtet werden soll.
So unterschieden sich ihre Worte in keiner Weise von denen der Oberhäupter des Volkes Noahs. Was sie anstößig fanden, war die „Machtgier“, die sie bei irgendeinem Neuankömmling wahrnahmen oder deren Aufkommen sie befürchteten. Was nun ihren eigenen Bauch betraf: Sie meinten, Macht sei ihr natürlicher Hunger. Selbst wenn sie davon Verdauungsbeschwerden bekämen, sei das kein Problem. (31)
Der Vorwurf gegen den Propheten, er sei ein Wahrsager und der Satan komme zu ihm
Die Ungläubigen von Mekka erhoben den Vorwurf, Muhammad (s.a.s.) sei ein Wahrsager gewesen. Und den Koran, den er verkünde, bringe nicht ein Engel, sondern der Satan zu ihm. An verschiedenen Stellen des Korans wurde darauf geantwortet.
(Arabisch****************)
Darum, o Prophet, erteile weiterhin gute Ermahnungen. Bei der Barmherzigkeit deines Herrn bist du weder ein Wahrsager noch verrückt. (Tur: 29)
Im Arabischen wird kāhin (***) im Sinne von Wahrsager, Zukunftsdeuter, äußerst gewandter Mann und Ähnlichem verwendet. Im Zeitalter der Unwissenheit war dies ein fest etablierter Beruf. Die Kahins behaupteten – und auch leichtgläubige Menschen glaubten –, sie seien Wahrsager oder hätten eine besondere Verbindung zu Geistern und Dschinn-Teufeln, durch die sie die Zukunft oder verborgene Dinge erfahren könnten. Wenn etwas verloren ging, konnten sie sagen, wo es sich befand. Wenn jemand bestohlen wurde, sagten sie, wer der Dieb sei. Wenn jemand nach seinem Schicksal fragte, sagte man ihm, was darin geschrieben stehe. Zu solchen Zwecken gingen die Menschen zu ihnen, und gegen einige Opfergaben verrieten sie ihnen verborgene Dinge. Die Kahins riefen selbst in den Straßen und zogen umher, damit die Menschen ihre Hilfe suchten. Sie trugen eine besondere Kleidung, an der man sie deutlich erkennen konnte. Auch ihre Sprache unterschied sich von der gewöhnlichen Umgangssprache. Mit einer wohlklingenden, rhythmischen Stimme, ähnlich dem Versmaß von Gedichten, sprachen sie und verwendeten gewöhnlich eine so unklare Sprache, dass jeder daraus seine eigenen Gedanken herauslesen konnte. Die Oberhäupter der Quraisch beschuldigten den Propheten (s.a.s.) des Wahrsagens, um die breite Masse zu täuschen, weil er geheime Informationen und Wahrheiten verkündete, die dem menschlichen Blick verborgen waren. Der Prophet (s.a.s.) behauptete, ein Engel komme von Gott zu ihm und überbringe ihm die Offenbarung; auch die Botschaft Gottes, die er verkündete, war in wohlklingender Sprache gehalten. Doch kein Araber ließ sich durch diesen Vorwurf täuschen. Denn der Beruf der Wahrsager und Sterndeuter, ihre Kleidung, ihre Sprache und ihre Tätigkeit waren niemandem unbekannt. Jeder wusste, was sie taten, aus welchem Grund die Menschen zu ihnen gingen, was sie ihnen sagten, wie ihre gereimten Worte klangen und womit sie sich befassten. Vor allem aber kann es keineswegs die Aufgabe eines Wahrsagers sein, mit einem Glauben aufzutreten, der dem in der Gesellschaft verbreiteten Glauben widerspricht, sich Tag und Nacht seiner Verbreitung zu widmen und schließlich die ganze Nation zu seinen Feinden werden zu lassen. Deshalb konnte der Vorwurf, der Gesandte Allahs (s.a.s.) sei ein Wahrsager oder Sterndeuter, keineswegs überzeugend sein. Aus diesem Grund wurde es nicht für nötig gehalten, zur Widerlegung dieses Vorwurfs ein Argument vorzubringen, denn er war in sich widersprüchlich. Es wurde lediglich für ausreichend erachtet zu sagen: O Prophet, kümmere dich nicht um ihre Vorwürfe, sondern warne die Menschen wegen ihrer Nachlässigkeit gegenüber ihren Pflichten und mache sie mit der wahren Wahrheit vertraut. Denn du bist weder ein Wahrsager noch verrückt. (32)
(Arabisch****************)
– und dies ist nicht das Wort irgendeines verstoßenen Satans. Wohin also wollt ihr gehen? (At-Takwir: 25–26)
Mit anderen Worten: Eure Vorstellung ist falsch, dass irgendein Satan gekommen sei und dem Propheten Muhammad (s.a.s.) diese Worte ins Ohr geflüstert habe. Wie könnte Satan dazu fähig sein, die Menschen von Schirk, Götzendienst, Materialismus und Atheismus zu befreien und sie Gottesverehrung und den Tauhid zu lehren? Könnte Satan ihnen anstelle eines zügellosen Lebens das Bewusstsein für Verantwortung, Pflichten und Rechenschaft vor Gott einflößen? Könnte er sie von den Bräuchen der Dschahiliyya, von Unterdrückung, Charakterlosigkeit und Übeltaten abhalten und ihnen den Weg zu einem reinen Leben, zur Gerechtigkeit, zu Gottesfurcht und edlem Charakter weisen? (33)
(Arabisch***************)
Dieses Buch ist nicht durch Satan herabgesandt worden. Weder ziemt sich eine solche Aufgabe für ihn, noch ist er dazu fähig. Und vom Anhören dessen ist er ferngehalten worden. (Asch-Schuʿara: 210–212)
Die große Schwierigkeit bei der Verleumdungskampagne, welche die ungläubigen Quraisch gegen den Propheten (s.a.s.) begonnen hatten, bestand darin, dass den Menschen in Gestalt des Qurans eine erstaunliche Botschaft vorgetragen wurde, die tief in ihre Herzen eindrang. Wie sollte sich das erklären lassen? Sie waren nicht in der Lage, seine Verbreitung unter der Bevölkerung zu verhindern. Nun bestand ihr großes Problem darin, welche Mittel sie einsetzen sollten, um falsche Vorstellungen über den Quran zu verbreiten und die Menschen vor seinem Einfluss zu bewahren. In dieser bedrängten Lage verbreiteten sie unter der Bevölkerung unter anderem die Behauptung, Muhammad (s.a.s.) sei – Gott behüte – ein Wahrsager, und Satan flöße ihm, wie einem gewöhnlichen Wahrsager, diese Worte in den Sinn ein. Sie hielten diese Behauptung für ihre wirksamste Waffe. Ihrer Ansicht nach gab es für niemanden eine Möglichkeit zu überprüfen, ob diese Botschaft von einem Engel oder von Satan gebracht wurde. Und wenn jemand die Behauptung widerlegen wollte, sie werde ihm von Satan eingegeben, wie sollte er das tun?
Hierzu sagt Allah, dass diese Worte und dieser Inhalt niemals aus dem Mund Satans hervorgehen könnten. Wer über Verstand und Einsicht verfügt, kann selbst erkennen: Können die Worte, die aus dem Quran vorgetragen werden, jemals von Satan stammen? Gibt es in eurer Ortschaft keine Wahrsager? Hört ihr nicht, was sie sagen, nachdem sie Kontakt zu den Dschinn und den Satanen aufgenommen haben? Habt ihr jemals gehört, dass ein Satan durch einen Wahrsager die Menschen Gottesverehrung und Gottesfurcht gelehrt hätte? Dass er sie von Schirk und Götzendienst abgehalten hätte? Dass er ihnen Aufrichtigkeit, Wahrhaftigkeit und gutes Verhalten gegenüber den Menschen empfohlen hätte? Ist eine solche Gesinnung und Wesensart jemals Satan eigen gewesen? Die Gesinnung und Wesensart der Satane besteht vielmehr darin, Unfrieden und Verderben unter den Menschen zu stiften und sie zu Sündhaftigkeit anzuspornen. Die Menschen gehen zu Wahrsagern und Astrologen, die Beziehungen zu Satan unterhalten, um von ihnen zu erfahren, ob der Verliebte seine Geliebte bekommen wird, welcher Schritt beim Glücksspiel vorteilhaft sein wird, welche Strategie nötig ist, um den Feind zu besiegen, oder wer das Kamel einer bestimmten Person gestohlen hat. Haben Wahrsager und ihre satanischen Gönner außer solchen Machenschaften jemals daran gedacht, die Menschen zu bessern und zu reformieren, sie zu guten Taten anzuleiten oder das Unrecht auszurotten? Selbst wenn Satan dies wollte, läge es außerhalb seiner Macht, sich auch nur für kurze Zeit an die Stelle eines wahren Lehrers und Reformers der Menschen zu setzen und ihnen die Wahrheit und das Gute zu lehren, wie es der Quran tut. Selbst wenn sie zu Täuschungszwecken eine solche Gestalt annehmen, können ihre Taten niemals so lauter sein, dass sie nicht ihre Unwissenheit und ihre verborgene satanische Wesensart erkennen ließen.
Im Leben und in der Lehre eines religiösen Führers, der seine Eingebungen von Satan erhält, werden sich unweigerlich unehrenhafte Absichten, schlechte Beweggründe und charakterliche Unsauberkeit offenbaren. Unverfälschte Wahrhaftigkeit und aufrichtige Frömmigkeit kann Satan niemals jemandem eingeben, und auch diejenigen, die mit Satan in Verbindung stehen und Kontakt zu ihm pflegen, können diese Eigenschaften nicht besitzen.
Danach wird gesagt, dass – wenn der Koran durch die Offenbarung in das Herz eingegeben wird – von einem Eingreifen Satans überhaupt keine Rede sein kann. Wenn der Engel Dschibril (a) im Auftrag Allahs mit dem Koran unterwegs ist und ihn in das Herz des Propheten Muhammad (s) hinabsendet, hat Satan von Anfang bis Ende zu keiner Zeit und an keinem Ort auch nur die geringste Möglichkeit, heimlich zuzuhören. Er kann auch nicht irgendwo in der Umgebung lauern, einige Worte aufschnappen und seinen Freunden im Voraus mitteilen: Heute trägt Muhammad (s) diese Botschaft vor, oder in seiner Ansprache wird jenes Thema erwähnt werden. (34)
Der Vorwurf, jemand bringe ihm dies bei
Die ungläubigen Quraisch behaupteten einerseits, Gott bewahre, Satan pflanze dem Propheten (s) den Koran ins Herz ein, und erhoben andererseits genau den entgegengesetzten Vorwurf, dass er den Koran, nachdem er ihn von jemandem gelernt und auswendig gelernt habe, vortrage.
(Arabisch*****************)
–Dann wandten sie sich vom Gesandten ab und sagten: „Er ist doch nur ein Gelehrter und unterrichteter Besessener.“ – (Duchan: 14)
Der Sinn ihrer Worte war: Der arme Mann sei doch ein schlichter, argloser Mensch gewesen. Einige andere Leute hätten ihn in eine Falle gelockt. Heimlich verfassten sie unter dem Namen von Koranversen irgendwelche Texte und brachten sie ihm bei. Danach trat er vor die einfachen Leute und trug sie ihnen vor. Sie saßen inzwischen belustigt dabei, während dieser arme Mann Beschimpfungen und Steinwürfe ertragen musste. Mit dieser irreführenden Behauptung machten sie all jene Argumente und Beweise, guten Ratschläge sowie Belehrungen und Erziehung zunichte, die der Gesandte Allahs (s) ihnen jahrelang vorgetragen hatte. Den gerechten Worten des Korans schenkten sie keinerlei Beachtung. Ebenso achteten sie nicht darauf, welchen Rang derjenige einnahm, der diese Dinge vortrug, und machten sich bei ihren Anschuldigungen nicht einmal die Mühe, darüber nachzudenken, was für unsinniges Gerede sie von sich gaben. Tatsächlich gilt: Wenn es jemanden gegeben hätte, der ihn hinter einem Vorhang heimlich unterrichtete und ihm diese Dinge beibrachte, wie hätte dies dann vor Hadhrat Chadidscha (r), Hadhrat Abu Bakr (r), Hadhrat Ali (r), Hadhrat Zaid ibn Haritha (r) und vielen anderen frühen Muslimen verborgen bleiben können? Niemand stand dem Gesandten (s) näher und war ständig bei ihm als diese Menschen. Welchen Grund hätte es dann geben können, dass gerade diese Menschen zu seinen glühendsten Verehrern und Anhängern wurden? Wenn das prophetische Wirken tatsächlich dadurch fortgeführt worden wäre, dass ein anderer ihn hinter einem Vorhang unterrichtete und ihm alles beibrachte, dann wären gerade diese Menschen seine entschlossensten Gegner geworden.
(Arabisch******************)
–Wir wissen, dass sie sagen: Jemand unterrichtet diesen Mann. Doch die Sprache dessen, auf den sie anspielen, ist eine fremde Sprache, während dies eine klare arabische Sprache ist. (Nahl: 103)
In den Überlieferungen werden die Namen verschiedener Personen genannt, von denen die Ungläubigen in Mekka annahmen, dass einer von ihnen dem Propheten (s) Lesen und Schreiben beigebracht habe. In einer Überlieferung wird sein Name als Dschabar angegeben; er war ein römischer Sklave von ʿĀmir ibn al-Hadramī. In einer anderen Überlieferung ist von einem Sklaven von Huwayṭib ibn ʿAbd al-ʿUzzā die Rede, dessen Name ʿĀʾisch oder Yaʿīsch gewesen sein soll. In einer weiteren Überlieferung wird der Name Yasār genannt, dessen Kunya Abū Fukayha war. Er war der jüdische Sklave einer Frau aus Mekka. In einer anderen Überlieferung wird ein römischer Sklave namens Balʿān oder al-Aʿlam erwähnt. Wer auch immer von ihnen gemeint gewesen sein mag: Die Ungläubigen in Mekka sahen, dass er die Tora und das Evangelium las und mit dem Propheten Muhammad (s) zusammentraf. Deshalb erhoben sie ohne jedes Zögern den Vorwurf, dass in Wirklichkeit dieser Mann den Koran verfasst habe und Muhammad (s) ihn dann in eigenem Namen als Wort Gottes ausgegeben habe. Daraus lässt sich nicht nur erkennen, wie furchtlos die Gegner des Propheten Verleumdungen gegen ihn vorbrachten; man erfährt auch, wie ungerecht Menschen bei der Einschätzung ihrer Zeitgenossen sein können. Vor ihren Augen stand eine so außergewöhnliche Gestalt der Menschheitsgeschichte, wie es zu jener Zeit nirgendwo auf der Welt ihresgleichen gab und bis heute nirgendwo gegeben hat. Doch im Vergleich zu ihm erschien diesen geistig beschränkten und gewissenlosen Menschen ein nichtarabischer Sklave, der lediglich einiges aus Tora und Evangelium lesen konnte, als der Fähigere. Sie glaubten, dass dieser seltene Edelstein seine Leuchtkraft aus dieser Kohle bezog. (36)
Ein eindeutiger Beweis dafür, dass der heilige Prophet Empfänger der Offenbarung war
Nachdem im Heiligen Koran die Geschichte des ehrwürdigen Mose (a) erzählt worden ist, sagt Allah, der Erhabene, an einer Stelle:
O Prophet! Du warst nicht an der westlichen Seite jener Zeit (am Fuß des Berges Sinai) anwesend, als Wir Mose diese gesetzliche Anordnung gaben, und du gehörtest auch nicht zu den Augenzeugen dieses Geschehens. Doch danach bis zu deiner Zeit haben Wir viele Menschengeschlechter entstehen lassen, und seit ihnen ist viel Zeit vergangen. Du warst auch nicht unter den Bewohnern von Midian, um ihnen Unsere Zeichen vorzutragen. Aber Wir selbst übermitteln dir diese Nachrichten. Du warst nicht am Fuß des Berges Sinai, als Wir Mose zum ersten Mal riefen. Doch dies ist die Barmherzigkeit deines Herrn, (durch die dir diese Informationen übermittelt werden), damit du ein Volk warnst, zu dem vor dir kein Warner gekommen ist. (al-Qaṣaṣ: 44–46)
Diese drei Aussagen wurden als Beweis für die Prophetenschaft des Gesandten Allahs (s) vorgebracht: Außer durch Allahs Offenbarung gibt es keine Möglichkeit, diese Informationen zu kennen. Als dies im Koran gesagt wurde, waren alle führenden Männer Mekkas und die gewöhnlichen Ungläubigen fest entschlossen, ihn um jeden Preis als Nichtpropheten und – Allah bewahre – als falschen Propheten hinzustellen. Zu ihrer Unterstützung waren jüdische Gelehrte und christliche Mönche in den Ortschaften des Hedschas vorhanden. Doch der Prophet Muhammad (s) kam nicht vom hohen Himmel herab, um ihnen diesen Koran vorzutragen; vielmehr war er selbst ein Bewohner dieser Stadt Mekka. Kein einziger Lebensbereich von ihm war den Menschen aus seinem Viertel und seinem Stamm unbekannt. Deshalb konnte, als der Gesandte Allahs (s) diese drei Aussagen in der Sprache einer offenen Herausforderung als Beweis für seine Prophetenschaft vorbrachte, in Mekka, im Hedschas und in ganz Arabien niemand aufstehen und jene unsinnigen Behauptungen vorbringen, die heute die islamfeindlichen Orientalisten aufstellen. Zwar standen sie ihnen im Erfinden von Lügen in nichts nach. Aber wie hätten sie eine derart offensichtliche Lüge vorbringen können, die nicht einmal einen Augenblick Bestand gehabt hätte? Wie hätten sie sagen können: „O Muhammad (s), du hast diese Informationen von diesem oder jenem jüdischen Gelehrten und christlichen Mönch gesammelt und mitgebracht“? Denn im ganzen Land konnten sie zu diesem Zweck nicht einmal den Namen einer einzigen Person nennen. Sobald sie einen Namen genannt hätten, wäre bewiesen gewesen, dass der Gesandte (s) von dieser Person keine Informationen erhalten hatte. Wie hätten sie sagen können: „O Muhammad (s), du besitzt eine ganze Bibliothek mit Kenntnissen der Geschichte, der Wissenschaften und der Literatur der Vergangenheit, mit deren Hilfe du diese Reden hältst“? Denn von einer Bibliothek ganz zu schweigen: Nirgendwo in der Umgebung Muhammads (s) ließ sich auch nur ein Stück Papier finden, auf dem diese Informationen geschrieben standen. Alle Menschen in Mekka, jung und alt, wussten, dass Muhammad (s) des Lesens und Schreibens unkundig war, und niemand konnte behaupten, dass er die Hilfe von Übersetzern in Anspruch genommen habe, die ihm Bücher in persischer, syrischer und griechischer Sprache übersetzten. Danach wagte selbst der schamloseste unter ihnen nicht zu behaupten, er habe diese Informationen auf seinen Handelsreisen nach Syrien und Palästina erworben. Denn diese Reisen hatte er nicht allein unternommen. Die Handelskarawanen aus Mekka waren auf jeder Reise bei Muhammad (s). Hätte jemand dies behauptet, hätten Hunderte lebender Zeugen bezeugt, dass er dort von niemandem Unterricht erhalten hatte. Außerdem begannen die Muslime bereits zwei Jahre nach seinem Tod den Krieg gegen das Römische Reich. Wenn jemand fälschlicherweise behauptet hätte, der Gesandte (s) habe mit einem christlichen Mönch oder jüdischen Rabbi aus Syrien und Palästina Gespräche geführt, hätte das Römische Reich nicht den geringsten Skrupel gehabt, daraus eine große Propaganda zu machen: Muhammad habe – Allah bewahre – all dies dort gelernt und sei dann nach Mekka gegangen und Prophet geworden. Kurz gesagt: In jener Zeit, als diese Herausforderung des Korans für die ungläubigen Quraisch und die Götzendiener einer Todesglocke gleichkam und die Notwendigkeit, sie als Lüge zurückzuweisen, für sie um ein Vielfaches größer war als für die modernen Orientalisten, konnte dennoch niemand irgendwo Informationen zusammentragen, durch die er hätte beweisen können, dass Muhammad (s) außer durch die Offenbarung irgendeine erkennbare andere Möglichkeit gehabt habe, diese Informationen zu erlangen. (37)
Der Vorwurf, er sei wahnsinnig
Zu den haltlosen Vorwürfen, die gegen den Gesandten (s) erhoben wurden, gehörte auch, dass er – Allah bewahre – wahnsinnig sei. In diesem Sinne nannten sie ihn auch verhext. (Er sei verhext worden.) Damit meinten sie ebenfalls, dass er vom Einfluss oder der Besessenheit durch Dschinn betroffen sei. Im Koran wird ihre Aussage folgendermaßen wiedergegeben:
(Arabisch****************)
„Und sie sagen: Sollen wir etwa um eines verrückten Dichters willen unsere Götter verlassen?“ (As-Saffat: 36)
An anderer Stelle heißt es:
(Arabisch***************)
„Und diese Frevler sagen: Ihr folgt wahrlich einem verzauberten Mann.“ (Al-Furqan: 8)
Und an einer anderen Stelle heißt es:
(Arabisch****************)
„Oder sagen sie etwa, dass er von einem Dschinn besessen ist?
(Das heißt, dass er durch den Einfluss eines Dschinn verrückt geworden ist.) (Al-Mu’minun: 70)
All diese Anschuldigungen hatten denselben Zweck. Denn nach der Auffassung der Araber gab es zwei Gründe dafür, dass jemand verrückt wurde: Entweder hatte jemand ihn durch Zauberei verrückt gemacht, oder ein Dschinn war von ihm Besitz ergriffen. (38)
Im heiligen Qur’an werden diese Anschuldigungen angeführt, um zu zeigen, wie blind der Hass der Ankläger war. Unter den Anschuldigungen, die hier und an anderen Stellen erwähnt werden, findet sich keine einzige, die einer ernsthaften Erörterung wert wäre. Sie werden erwähnt, um zu zeigen, dass die Gegner keinerlei Beweise besaßen und mit welch sinnlosem Gerede sie einem auf Vernunft gegründeten reformerischen Aufruf entgegentraten. Einer sagt: „Brüder! Der Schirk, auf dem die Grundlage eurer Religion und eurer Zivilisation ruht, ist ein Irrglaube, und dafür, dass er irrig ist, gibt es diese und jene Argumente.“ Als Antwort werden keinerlei Beweise dafür vorgebracht, dass der Schirk wahr und richtig sei. Stattdessen wird lediglich gesagt: „Dieser Mann steht offensichtlich stark unter dem Einfluss von Zauberei.“ Er sagt: „Ihr seid nicht dazu geschaffen worden, in dieser Welt zügellos und ohne jede Einschränkung zu leben. Vielmehr müsst ihr zu eurem Herrn zurückkehren und über eure jeweiligen Taten Rechenschaft ablegen. Für diese Wahrheit sprechen diese und jene moralischen, historischen, intellektuellen und gerechten Handlungen.“ Darauf wird erwidert: „Das sind die Worte eines Dichters.“ Er sagt: „Ich bin von Gott gekommen, um euch die Wahrheit zu lehren. Und dies sind jene Lehren.“ Auf diese Lehren wird überhaupt nicht eingegangen. Stattdessen wird ohne jeden Beweis behauptet, er habe dies irgendwo abgeschrieben. Er legt als Beweis für seine Gesandtschaft Gottes wunderbare Worte vor. Er führt sein eigenes Leben, seine Lebensführung und seine Taten als Beweis an. Zugleich weist er auf die moralische Revolution hin, die unter seinen Anhängern durch seinen Einfluss einsetzt. Die Gegner beachten nichts davon. Stattdessen fragen sie: „Warum isst und trinkst du? Warum gehst du auf den Märkten umher? Warum ist kein Engel bei dir, der dir dient? Warum besitzt du keine Schatzkammer und keinen Garten?“ All diese Äußerungen beweisen von selbst, wer von diesen beiden Parteien auf der Wahrheit steht und wer, weil er unfähig ist, sich auseinanderzusetzen, unsinniges Gerede von sich gibt. (39)
(Arabisch****************)
– O Prophet (S)! Sag ihnen: „Ich ermahne euch in einer Sache: Setzt um Gottes willen, jeder für sich allein und zu zweit, euren Verstand ein und denkt darüber nach, was es in eurem Gefährten gibt, das man als Verrücktheit bezeichnen könnte. Er warnt euch doch vor dem Eintreffen einer schweren Strafe.“ (Saba: 46)
Das heißt: Denkt aufrichtig um Allahs willen darüber nach, frei von jeder Art von Eigennutz, den Wünschen der eigenen Triebe und Hass. Prüft es jeder für sich allein mit guter Absicht sowie zu zweit, zu viert oder in kleinen Gruppen, indem ihr gründlich miteinander sprecht und die Sache erörtert: Was ist geschehen, dass ihr heute jenen Mann verrückt nennt, den ihr bis gestern für den Weisesten unter euch hieltet? Kurz vor seiner Berufung zum Propheten geschah doch Folgendes: Als die Quraisch-Stämme nach dem Bau der Kaaba wegen der Einsetzung des Hadschar al-Aswad miteinander in Streit gerieten, habt ihr Muhammad (S) doch einmütig als Schiedsrichter anerkannt. Dann schlichtete er den Streit auf eine Weise, mit der ihr alle zufrieden wart. Was ist nach dieser Erfahrung der gesamten Nation mit dem Wissen, dem Verstand und der Weisheit dieses Mannes plötzlich geschehen, dass ihr ihn jetzt verrückt nennt? Starrsinn und Trotz sind eine andere Sache. Aber glaubt ihr im Innersten wirklich das, was ihr mit eurem Mund sagt? Er warnt euch vor dem Eintreffen einer schweren Strafe. Ist das etwa sein Verbrechen, dessentwegen ihr ihn heute verrückt nennt? Ist in euren Augen der Weise etwa derjenige, der euch auf dem Weg ins Verderben sieht und sagt: „Bravo, ausgezeichnet, ihr tut etwas ganz Hervorragendes!“ Und ist der Verrückte derjenige, der euch vor eurem schlechten Zustand warnt und euch anstelle von Unruhe und Unrecht den Weg der Reform und Besserung weist? (40)
(Arabisch*****************)
Oder sagen sie etwa: „Dieser Mann ist von einem Dschinn besessen“? (Al-Mu’minun: 70)
Das heißt: War ihr Grund, den Propheten Muhammad (S) abzulehnen, wirklich der, dass sie ihn für verrückt hielten? Gewiss war dies nicht ihr wahrer Grund. Denn ganz gleich, was sie mit ihrem Mund sagten, insgeheim erkannten sie seine Weisheit und seine Umsicht an. Außerdem ist der Unterschied zwischen einem Verrückten und einem geistig gesunden Menschen kein verborgenes Geheimnis, sodass es schwierig wäre, zwischen beiden zu unterscheiden. Wer außer einem sturen und schamlosen Menschen könnte nach dem Hören dieser Rede sagen, sie stamme von einem Verrückten? Und wer könnte nach dem Betrachten des Lebens dieses Mannes die Ansicht vertreten, dies sei das Leben eines Geistesgestörten> Eine erstaunliche Art von Geistesstörung (oder, nach Ansicht der islamfeindlichen Menschen im Westen, Epilepsie), bei der aus dem Mund dieses Mannes Worte von der Erhabenheit des Qur’an hervorgehen und er eine so erfolgreiche Bewegung anführt, dass sie nicht nur das Schicksal seines eigenen Landes, sondern das der ganzen Welt verändert. (41)
(Arabisch******************)
– O Prophet, du bist durch die Gnade deines Herrn nicht verrückt. Und gewiss erwartet dich ein unerschöpflicher Lohn. Und wahrlich, du besitzt einen erhabenen Charakter. (Al-Qalam: 2–4)
Beachtenswert ist, dass die Anrede hier dem Anschein nach an den Propheten Muhammad (s.a.w.) gerichtet wird. Doch in Wirklichkeit bestand der Zweck darin, die Verleumdung der Ungläubigen zu widerlegen. Daher soll niemand auf den Gedanken kommen, dieser Vers sei offenbart worden, um den Hochgeehrten (s.a.w.) damit zu trösten, dass er nicht verrückt sei. Tatsächlich hegte der Prophet keinerlei derartige Zweifel, deren Beseitigung ein Trost für ihn notwendig gemacht hätte. Der eigentliche Zweck war, den Ungläubigen zu sagen: „Gerade der Qur’an, dessentwegen ihr seinen Überbringer verrückt nennt, ist der Beweis dafür, dass eure Anschuldigung falsch ist.
Was dem Hochgeehrten (s.a.w.) jedoch zum Trost gesagt wird, ist, dass für ihn ein unerschöpflicher und unermesslicher Lohn bestimmt ist. Denn für seine Bemühungen um die Rechtleitung der Menschheit muss er solch schmerzhafte Worte anhören. Dennoch erfüllt er weiterhin seine Aufgabe.
Dann wird gesagt, dass sein erhabener Charakter ein klarer Beweis dafür ist, dass die Verleumdung, die die ungläubigen Götzendiener gegen ihn vorbringen, er sei verrückt, völlig falsch ist. Denn vorzügliche Charaktereigenschaften und geistige Zerrüttung können nicht miteinander vereint sein. Als verrückt wird jemand bezeichnet, dessen geistiges Gleichgewicht zerstört ist und dessen Temperament und Wesen ebenfalls kein Gleichgewicht aufweisen. Ein hoher und edler Charakter hingegen bezeugt, dass ein Mensch einen gesunden Verstand und ein gesundes Wesen besitzt. Zwischen seinem Geist und seinem Temperament und Wesen herrscht Ausgewogenheit. Den Bewohnern von Mekka war der Charakter des Gesandten Allahs (s.a.w.) nicht unbekannt. Daher genügte ihnen gegenüber schon dieser bloße Hinweis, damit jeder gewissenhafte Mensch in Mekka darüber nachdenken musste, wie schamlos sie waren, einen Menschen von solch erhabenem Charakter als verrückt zu bezeichnen. Ihre maßlosen Äußerungen schadeten nicht dem Gesandten Allahs (s.a.w.), sondern ihnen selbst: Von blindem Widerstand berauscht, sagten sie über den Propheten (s.a.w.) Dinge, die kein vernünftiger Mensch auch nur hätte erdenken können. Dasselbe gilt für jene Vertreter des modernen Zeitalters, die Anspruch auf Wissen, Wissenschaft und intellektuelle Forschung erheben und dem Propheten Muhammad (s.a.w.) unterstellen, an Epilepsie gelitten zu haben. Der Heilige Qur’an ist überall auf der Welt zugänglich, und auch die Lebensgeschichte des Heiligen Propheten liegt in ausführlichen Darstellungen vor. Jeder kann selbst erkennen, welch maßlose Äußerungen diejenigen von sich geben, die den Überbringer dieses unvergleichlichen Buches und den Träger eines solch erhabenen Charakters für geistig gestört erklären, weil sie im blinden Hass ihrer Feindschaft die Orientierung verloren haben. (42)
(Arabisch****************)
Haben sie denn nie darüber nachgedacht? Ihr Gefährte ist in keiner Weise vom Wahnsinn betroffen. Er ist vielmehr ein deutlicher Warner. (Al-A’raf: 184)
Mit „Gefährte“ ist der Prophet Muhammad (s.a.w.) gemeint. Denn er wurde unter den Bewohnern Mekkas geboren. Er lebte unter ihnen. Von der Kindheit über die Jugend bis ins hohe Alter verbrachte er sein Leben unter ihnen. Vor seiner Berufung zum Propheten kannte ihn die gesamte Gemeinschaft als einen Menschen von gesundem Wesen und gesundem Verstand. Nachdem er als Prophet begonnen hatte, die Botschaft Allahs zu übermitteln, fingen sie plötzlich an, ihn verrückt zu nennen. Bemerkenswert ist, dass diese Bezeichnung „verrückt“ nicht auf die Taten angewandt wurde, die er vor seiner Berufung zum Propheten vollbracht hatte. Sie wurde ihm erst wegen jener Aussagen gegeben, deren Verkündung er nach seiner Berufung begann. Deshalb wird gefragt: Haben sie jemals über diese Dinge nachgedacht? Welche dieser Aussagen stammt von einem Verrückten? Welche Aussage von ihm ist ungerecht, widersinnig oder haltlos? Wenn sie über die Ordnung von Himmel und Erde nachgedacht oder irgendeine Schöpfung Allahs aufmerksam und forschend betrachtet hätten, hätten sie ohne Zweifel erkannt, dass die Ordnung des Universums und jedes kleinste Teilchen der Schöpfung Allahs die Wahrheit dessen bezeugen, was ihr Gefährte, ihr Bruder, der Prophet Muhammad, ihnen über die Widerlegung des Götzendienstes, das Bekenntnis zur Einheit Allahs, den Aufruf zur Anbetung Allahs sowie die Verantwortung und Rechenschaftspflicht des Menschen erklärt. (43)
Der Vorwurf, ein Dichter zu sein
Die ungläubigen Quraisch erhoben gegen den Gesandten (s.a.w.) auch den Vorwurf, ein Dichter zu sein. Sie sagten: „Soll ich etwa aufgrund der Worte eines verrückten Dichters unsere Götter verlassen?“ Darauf wurde erwidert:
(Arabisch**************)
„Und die Irregehenden folgen den Dichtern.“ (asch-Schuʿarāʾ: 224)
Das heißt: Die Menschen, die mit den Dichtern verbunden sind, unterscheiden sich ihrem Wesen und Charakter nach völlig von jenen, die ihr beim Propheten Muhammad (s.a.w.) seht. Der Unterschied zwischen beiden ist so offensichtlich, dass man auf den ersten Blick erkennt, was für Menschen diese sind und was für Menschen jene sind. Auf der einen Seite sieht man äußerste Ernsthaftigkeit, Höflichkeit, Kultiviertheit, Aufrichtigkeit und Gottesfurcht. Bei jedem Wort ist ein Verantwortungsgefühl zu spüren. Im Verhalten werden die Rechte der Menschen gewahrt. In allen Taten herrschen vollkommene Treue und Redlichkeit. Wenn sie den Mund öffnen, dann nur zum Guten und zum Wohlergehen. Kein schlechtes Wort kommt je über ihre Lippen. Vor allem aber wird beim Anblick dieser Menschen deutlich, dass ihr Leben von einem heiligen, reinen und erhabenen Ziel bestimmt ist, in dessen Betrachtung sie Tag und Nacht versunken sind. Ihr gesamtes Leben ist einem großen Zweck geweiht.
Auf der anderen Seite sieht man, wie irgendwo von Liebeswerbung und Alkoholkonsum die Rede ist und die Zuhörer mit begeisterten Stimmen Beifall spenden. An anderer Stelle wird die Schönheit einer Dirne oder einer verheirateten Frau zum Gesprächsthema, und die Zuhörer genießen die Schilderung von ganzem Herzen. Irgendwo wird eine Geschichte über Geschlechtsverkehr erzählt, und in den Herzen der Zuhörer wird das Feuer der Begierde entfacht. An anderer Stelle werden Possen gerissen oder spöttische Worte gesprochen, und überall ergießt sich eine Flut von Gelächter und Scherzen. Irgendwo wird jemand verspottet, und die Zuhörer erfreuen sich daran. An anderer Stelle wird jemand unangemessen gelobt, und man stimmt dem mit Beifall zu. Irgendwo werden Hass, Zorn und Feindschaft gegen jemanden zum Ausdruck gebracht und der Antrieb zur Rache geschaffen, sodass in den Herzen der Zuhörer das Feuer der Vergeltung gegen ihn brennt. In solchen Versammlungen drängen sich die Menschen in großer Zahl zusammen, um den Dichtern zuzuhören. Wer die Anhänger solcher bedeutenden Dichter betrachtet, kann nicht anders, als zu denken, dass sie von den Fesseln der Moral befreit sind und sich von der Strömung ihrer Triebe und Wünsche treiben lassen. Sie sind Götzendiener des Genusses und der Lust und gleichen Tieren. Der Gedanke, dass das Leben der Menschen auf dieser Welt einem erhabenen Zweck dienen könnte, berührt ihre Herzen niemals. Wer den deutlichen Unterschied zwischen diesen beiden Gruppen nicht erkennt, ist blind. Wenn jemand nach alledem dennoch mit dem bloßen Ziel, die Wahrheit herabzusetzen, sagt, Muhammad (s.a.w.) und seine Gefährten seien wie die Dichter und deren Anhänger, dann muss man sagen, dass sie beim Lügen alle Grenzen überschritten haben. (44)
(Arabisch****************)
„Seht ihr denn nicht, dass sie – die Dichter – in jedem Tal irrend umhergehen?“ (asch-Schuʿarāʾ: 225)
Das heißt, es gibt keinen bestimmten Weg, über den sie nachdenken und für den sie ihr dichterisches Talent einsetzen. Vielmehr irren ihre Gedanken wie ein zügelloses Pferd in jedem Tal umher. Jede neue Strömung von Wünschen, Begierden, Interessen und Absichten bringt aus ihrem Mund einen neuen Inhalt hervor; dabei wird überhaupt nicht darauf geachtet, ob das, worüber sie nachdenken und was sie schildern, richtig und wahr ist. Manchmal erhebt sich eine Welle des Denkens, und es werden Worte der Weisheit und der guten Ermahnung gesprochen. Dann erhebt sich zuweilen eine zweite Welle, und aus demselben Mund beginnt der Honig äußerster Obszönität und abscheulicher Begierden zu fließen. Wenn sie mit jemandem zufrieden sind, heben sie ihn in den Himmel; wenn sie über jemanden erzürnt sind, schicken sie ihn in die Unterwelt. Sie zögern nicht, einen Geizhals dem Hatim und einen ängstlichen Feigling dem Rustam und Iskandar gleichzustellen, sofern damit irgendein eigener Vorteil verbunden ist. Erleiden sie umgekehrt durch jemanden eine Kränkung, so schämen sie sich nicht, dessen reines Leben zu verleumden, seine Ehre und sein Ansehen zu zerstören und sogar seine Abstammung zu verspotten. Gottesverehrung und Auflehnung gegen Gott, Materialismus und Spiritualität, charakterliche Größe und Charakterlosigkeit, Reinheit und Schmutz und Unsauberkeit, Ernsthaftigkeit und Kinderei, Schmeichelei und Spott – all dies findet man nebeneinander in den Gedichten ein und desselben Dichters. Wie hätte jemand, der diese wohlbekannten Eigenschaften der Dichter kannte, den abwegigen Gedanken fassen können, den Überbringer dieses Qurʾān als Dichter zu verleumden? Seine Worte hingegen waren vollkommen wohlabgewogen und klar. Sein Weg war eindeutig und genau bestimmt. Kein einziges Wort kam über seine Lippen, nachdem er sich von der Aufforderung zu Wahrheit, Aufrichtigkeit und Wohlergehen abgewandt hätte.
An einer anderen Stelle des Qurʾān wird über den Propheten (s.a.w.) gesagt, dass das Dichten von Versen mit seiner natürlichen Veranlagung überhaupt nicht vereinbar war.
(Arabisch*****************)
Wir haben ihn nicht das Dichten gelehrt, und es ziemt sich auch nicht für ihn. (Yā Sīn: 69)
Dies ist eine so offenkundige Wahrheit, dass alle, die den Propheten Muhammad (s.a.w.) persönlich kannten, davon wussten. Zuverlässigen Überlieferungen zufolge hatte der Hochgeehrte (s.a.w.) kein Gedicht vollständig im Gedächtnis. Wenn ihm im Gespräch gelegentlich ein schöner Vers eines Dichters über die Lippen kam, trug er ihn entweder unpassend vor oder veränderte darin Wörter.
Hazrat Hasan Basri (r.a.) berichtet: Einmal, als der Hochgeehrte (s.a.w.) eine Ansprache hielt, trug er den Vers eines Dichters auf diese Weise vor.
(Arabisch**************)
Hazrat Abu Bakr (r.a.) sagte: O Gesandter Allahs! Der Vers lautet eigentlich so.
(Arabisch*************)
Einmal fragte der Prophet (saw) ʿAbbās ibn Mirdās as-Sulamī: „Hast du dieses Gedicht verfasst?“
(Arabisch*************)
Er sagte: „Der letzte Teil sollte nicht so, sondern so lauten.“
(Arabisch***********)
Der Prophet (saw) sagte: „Die Bedeutung beider Ausdrücke ist doch dieselbe.“
ʿĀ’ischa (ra) wurde gefragt, ob der Prophet (saw) in seinen Ansprachen jemals Gedichte verwendete. Sie sagte: „Nichts verabscheute er mehr als Gedichte. Gelegentlich rezitierte er ein oder zwei Verse eines Dichters aus dem Stamm Banū Qais. Doch er trug den letzten Teil zuerst und den ersten Teil zuletzt vor.“ Ḥadrat Abū Bakr (ra) sagte: „O Gesandter Allahs, nicht so, sondern so lautet es.“
Der Prophet (saw) sagte: „Bruder, ich bin kein Dichter, und Gedichte zu verfassen ist auch nicht meine Aufgabe.“
Die arabische Dichtkunst war von sexuellen Begierden, Liebesleidenschaft, Trunkenheit, Stammesfeindschaften und -hass, Streit und Zank oder Stolz und Hochmut erfüllt. Religiöse und wohltätige Inhalte waren darin nur sehr selten zu finden. Hinzu kamen Lügen, Übertreibungen, Verleumdungen, Spott, unangemessenes Lob, Selbstgefälligkeit, Scherze und Spott sowie die mythologischen Erzählungen des Götzendienstes; all dies gehörte zu dieser Dichtkunst. Deshalb äußerte sich der Prophet (s) über diese Dichtkunst folgendermaßen:
(Arabisch*****************)
Es wäre besser, wenn der Bauch eines von euch mit Eiter gefüllt wäre, als wenn er mit Gedichten gefüllt wäre.
Wenn ein Gedicht jedoch gute Worte enthielt, lobte der Prophet (s) es. Er sagte:
(Arabisch*************)
Manche Gedichte enthalten Weisheit.
Nachdem er das Gedicht von Umayya ibn Abi as-Salt gehört hatte, sagte er:
(Arabisch**************)
Seine Dichtung ist gläubig, doch sein Herz ist ungläubig.
Einmal trug ein Gefährte dem Propheten (s) etwa hundert hervorragende Gedichte vor, und dieser sagte immer wieder: „Ah, wie schön! Trag noch mehr vor.“ (45)
(Arabisch*****************)
und er sagt Dinge, die er nicht tut. (asch-Schuʿarāʾ: 226)
Dies war eine weitere Eigenschaft der Dichter, die der Vorgehensweise des Propheten (s) widersprach. Denjenigen, die ihn kannten, war bekannt, dass er tat, was er sagte, und sagte, was er tat. Die Übereinstimmung zwischen seinen Worten und seinen Taten war eine so offenkundige Tatsache, dass sie niemand in seinem gesellschaftlichen Umfeld leugnen konnte. Wer hingegen wusste von den Dichtern nicht, dass ihre Worte eine Sache und ihre Taten eine andere waren? Sie hielten über Freigebigkeit so eindringliche Reden, dass die Menschen glaubten, niemand könne großzügiger sein als sie; doch wenn man ihre Taten betrachtete, erwiesen sie sich als furchtbar geizig. Sie sprachen von Tapferkeit, waren aber selbst feige und mutlos. Sie redeten von Bedürfnislosigkeit, Genügsamkeit und Selbstachtung, waren aber selbst der niedrigsten Stufe von Gier, Begierde und Niedertracht verfallen. Sie griffen die geringste Schwäche anderer auf, waren aber selbst in äußerste Schwäche verstrickt. (46)
Die Widersprüchlichkeit in den Vorwürfen der Gegner und ihre Zurückweisung durch den Koran
Aus allem, was zuvor dargelegt wurde, wird deutlich, dass die mekkanischen Ungläubigen gegen den Propheten (s) einander widersprechende Vorwürfe erhoben und keinen einzigen Vorwurf eindeutig bestimmen konnten. Der Koran hat diese Schwäche bei ihnen aufgedeckt und ihre Behauptungen als falsch erwiesen.
(Arabisch*******************)
(O Prophet!) Fahre fort, zu ermahnen. Bei der Gnade deines Herrn bist du weder ein Wahrsager noch ein Verrückter. Sagen die Leute etwa: „Dieser Mann ist ein Dichter, und wir warten darauf, dass die Zeit über ihn hinweggeht“? Sag ihnen: „Gut, dann wartet! Auch ich warte mit euch.“ Fordert ihr Verstand sie etwa auf, solche Dinge zu sagen? Oder sind sie in Wirklichkeit aus Feindseligkeit über jedes Maß hinausgegangen? (At-Tur: 29–32)
Diese wenigen Sätze legen die ganze Täuschung der Propaganda der Gegner offen. Der Kern des Beweises ist folgender: Die Anführer und Stammesoberhäupter der Quraisch behaupten, besonders vernünftig zu sein. Sagt ihnen ihr Verstand jedoch, einen Menschen, der kein Dichter ist, einen Dichter zu nennen? Einen Menschen, den die gesamte Gemeinschaft als gebildet kennt, einen Verrückten zu nennen? Einen Menschen, der nicht die geringste Verbindung zur Wahrsagerei hat, grundlos einen Wahrsager zu nennen? Wenn sie auf der Grundlage von Vernunft und Verstand ein Urteil fällten, könnten sie nur ein einziges Urteil fällen. Viele einander widersprechende Urteile können sie jedoch nicht gleichzeitig fällen. Wie kann ein und derselbe Mensch zugleich Dichter, Verrückter und Wahrsager sein? Ist er verrückt, kann er weder Wahrsager noch Dichter sein. Ist er Wahrsager, kann er kein Dichter sein, und ist er Dichter, kann er kein Wahrsager sein. Denn die Sprache der Dichtung und ihr Inhalt sind von anderer Art, ebenso die Sprache des Wahrsagers und sein Inhalt. Ein und dieselbe Aussage zugleich als Dichtung und als Aussage eines Wahrsagers zu bezeichnen, kann nicht das Werk eines Menschen sein, der den Unterschied zwischen Dichtung und den Aussagen eines Wahrsagers kennt. Somit ist klar, dass diese einander widersprechenden Aussagen im Widerstand gegen den Propheten Muhammad (s.a.s.) keineswegs vernünftig sind. Sie werden lediglich aus Starrsinn und Eigensinn vorgebracht. Die großen Anführer und Parteiführer der Gemeinschaft erheben aus Feindseligkeit haltlose Anschuldigungen, denen ein vernünftiger Mensch keinerlei Bedeutung beimisst. (47)
(Arabisch******************)
(O Prophet!) Sieh, was für Dinge sie gegen dich vorbringen! Sie sind vom Weg abgeirrt und finden keinen Weg. (Die Kinder Israels: 48)
Das heißt: Sie äußern über dich nicht nur eine einzige Einschätzung, sondern bringen ganz unterschiedliche und einander widersprechende Aussagen vor. Manchmal sagen sie, du selbst seist ein Zauberer. Manchmal sagen sie, jemand anderes habe dich verzaubert. Manchmal sagen sie, du seist ein Dichter, dann wieder, du seist verrückt, und zuweilen, du seist ein Wahrsager. Ihre einander widersprechenden Aussagen sind selbst der Beweis dafür, dass sie über die tatsächliche Angelegenheit unwissend sind. Andernfalls hätten sie nicht an jedem Tag etwas anderes gesagt, sondern eine klare, eindeutige Einschätzung geäußert. Darüber hinaus lässt sich daraus erkennen, dass sie in dieser Sache selbst nicht sicher sind. Nachdem sie eine Anschuldigung erhoben haben, denken sie selbst, dass sie nicht zutrifft. Dann bringen sie eine andere Anschuldigung vor. (48)
(Arabisch******************)
Als die Wahrheit zu ihnen kam, wiesen sie sie sofort als Lüge zurück. Deshalb befinden sie sich nun in Verwirrung und Unentschlossenheit. (Qaf: 5)
In diesem kurzen Satz wird eine gewaltige Angelegenheit beschrieben. Sein Sinn ist, dass sie sich nicht damit begnügten, Verwunderung zu äußern und die Sache als unbegreiflich zu bezeichnen. Vielmehr erklärten sie, sobald der Prophet Muhammad (s.a.s.) seine wahre Daʿwa vortrug, diese ohne jedes Zögern für eine Lüge. Das Ergebnis musste so ausfallen, und genau so kam es: Sie legten sich hinsichtlich dieser Daʿwa und ihres Überbringers auf keine einzige Einschätzung fest. Bald nannten sie ihn einen Dichter, bald einen Verrückten, bald einen Wahrsager. Manchmal sagten sie, er habe all dies selbst verfasst und vorgebracht, um seine Vorrangstellung zu begründen. Ein anderes Mal erhoben sie die Anschuldigung, hinter ihm stünden andere Menschen, die diese Dinge verfassten und ihm übergäben. Diese einander widersprechenden Aussagen beweisen, dass sie hinsichtlich ihrer Haltung und dessen, was sie tun sollten, in Unentschlossenheit gefangen waren. In diese Unentschlossenheit wären sie niemals geraten, wenn sie nicht überstürzt den Propheten (s.a.s.) von Anfang an für einen Lügner gehalten und vorschnell, mit scheinbarer Entschlossenheit, ein Urteil verkündet hätten, sondern ernsthaft darüber nachgedacht hätten, welcher Mensch diese Daʿwa vortrug, was er sagte und welche Argumente er dafür vorbrachte. Tatsache ist, dass dieser Mann ihnen nicht unbekannt war. Er war nicht plötzlich irgendwoher herbeigeflogen und hatte sich ihnen angeschlossen. Er war einer aus ihrem eigenen Volk, ein von ihnen selbst erprobter Mann. Sein Charakter, sein Verhalten und seine Fähigkeiten waren ihnen nicht unbekannt. Wenn ein solcher Mann etwas sagte, musste man es nicht sofort annehmen; doch ebenso wenig durfte man es beim ersten Hören zurückweisen. Seine Aussage war auch nicht ohne Beweise und Argumente. Er legte dafür in aller Form Beweise und Argumente vor. Man hätte sie anhören und prüfen müssen, wie stichhaltig sie waren. Stattdessen hielten sie sie aus Starrsinn zunächst für eine Lüge. Das führte dazu, dass sie selbst die Tür zur Erkenntnis der wahren Wahrheit für sich verschlossen und zahlreiche Wege eröffneten, auf denen sie orientierungslos umherirrten. Nun können sie zwar zehn einander widersprechende Aussagen zur Verteidigung ihres ursprünglichen Fehlers vorbringen. Doch zu dem einen Gedanken sind sie nicht bereit: dass der Prophet wahr sein könnte und dass das, was er vorträgt, wahr sein könnte. (49)
(Arabisch*****************)
O Prophet, sobald diese Leute dich sehen, beginnen sie sofort, dich zu verspotten, und sagen: „Ist das derjenige, den Gott als Gesandten geschickt hat? Er hätte uns von unseren Göttern abgebracht, wenn wir nicht standhaft an ihnen festgehalten hätten.“ (Koran: 41–42)
Diese beiden Aussagen der Ungläubigen widersprechen einander. Aus der ersten Aussage geht hervor, dass sie den Propheten (s.a.w.) geringschätzen. Sie wollen ihn durch Spott herabwürdigen. Ihrer Ansicht nach hat der Prophet Muhammad (s.a.w.) eine sehr große Behauptung aufgestellt.
Aus der zweiten Aussage geht hervor, dass sie die Stärke seiner Beweisführung und die Überlegenheit seiner Persönlichkeit anerkennen und unbewusst eingestehen: Wenn wir nicht aus Feindseligkeit und Starrsinn an der Anbetung unserer Götter festgehalten hätten, hätte dieser Mann uns zu Fall gebracht. Solche widersprüchlichen Aussagen beweisen von selbst, wie sehr die islamische Bewegung sie aus dem Gleichgewicht gebracht hat. Obwohl sie sich herabgesetzt fühlen, verspotten sie ihn; zugleich bringt ihre Minderwertigkeit sie dazu, gegen ihren eigenen Willen Worte hervorzubringen, aus denen deutlich wird, wie stark sie von dieser Kraft beeinflusst worden sind. (50)
Forderungen nach verschiedenen Arten von Wundern
Zusammen mit dem Sturm der Anschuldigungen forderten die ungläubigen Quraisch immer wieder, dass Wunder gezeigt würden. Tatsächlich werden diese Forderungen an verschiedenen Stellen im Koran erwähnt und auch beantwortet.
(Arabisch******************)
Und sie sagten: „Wir werden dir nicht glauben, solange du nicht aus der Erde eine Quelle hervorbrechen lässt. Oder solange für dich kein Garten mit Dattelpalmen und Weinreben entsteht und du darin Quellen sprudeln lässt. Oder solange du nicht, wie du behauptest, den Himmel in Stücke zerreißt und ihn auf uns herabfallen lässt. Oder solange du nicht Gott und die Engel unmittelbar vor uns erscheinen lässt. Oder solange für dich kein Haus aus Gold entsteht. Oder solange du nicht zum Himmel emporsteigst; doch auch deinem Aufstieg werden wir nicht glauben, solange du nicht etwas Schriftliches für uns herabbringst, das wir lesen können.“ (O Prophet,) sprich: „Mein Herr ist frei von allen Mängeln. Bin ich denn etwas anderes als ein Überbringer der Botschaft?“ (Bani Isra’il: 90–93)
Die Antwort auf die Forderung nach einem Wunder lautet in dieser Sure in folgendem Vers—(Arabisch**************)
wurde gegeben. [Die Antwort lautete: Wenn ein Volk, nachdem es all die Wunder gesehen hat, die als Beweis für das Prophetentum eines Propheten vorgeführt wurden, den Propheten dennoch für einen Lügner hält, wird unweigerlich eine Strafe über es herabgesandt. Dafür gibt es in der Geschichte zahlreiche Beispiele. Es ist nun Allahs Barmherzigkeit, dass Er kein solches Wunder herabsendet. Doch ihr seid so töricht, dass ihr es fordert. – Der Verfasser] Nun wird hier die zweite Antwort auf diese Forderung gegeben. Die Beredsamkeit dieser kurzen Antwort übersteigt jedes Lob. Die Forderung der Widersacher lautete: Wenn du ein Prophet bist, dann richte deinen Blick auf die Erde, und sogleich soll sie sich spalten und eine Quelle hervorbrechen. Oder augenblicklich soll ein grüner, frischer, jugendlich blühender Garten entstehen, in dem eine Quelle fließt. Weise zum Himmel, und der Himmel soll auf jene herabstürzen, die dich für einen Lügner halten. Blase einmal, und im Handumdrehen soll ein Palast aus Gold entstehen. Erhebe deine Stimme, und sogleich sollen Gott und die Engel vor uns erscheinen und sagen, dass sie Muhammad zum Propheten gesandt haben. Oder steige vor unseren Augen zum Himmel empor und bringe uns von Allah einen auf unseren Namen ausgestellten Brief, den wir mit unseren Händen berühren und mit eigenen Augen sehen können.
Auf solch maßlose Forderungen wurde nur diese eine Antwort gegeben: O ihr Toren! Habe ich jemals behauptet, Gott zu sein, dass ihr solche Forderungen an mich stellt? Wann habe ich euch gesagt, dass ich allmächtig bin? Wann habe ich gesagt, dass Erde und Himmel meinem Befehl unterstehen? Meine ganze Behauptung bestand doch darin, dass ich ein Mensch und ein Überbringer der Botschaft von Gott bin. Wenn ihr mich prüfen wollt, dann prüft meine Botschaft. Wenn ihr glauben wollt, dann glaubt angesichts der Wahrheit und Vernünftigkeit dieser Botschaft. Wenn ihr sie zurückweisen wollt, dann weist ihre Mängel und Fehler nach. Wenn ihr euch von meiner Wahrhaftigkeit überzeugen wollt, dann betrachtet mein Leben und mein Handeln als Mensch. Stattdessen: Was verlangt ihr da von mir – dass ich die Erde spalte und den Himmel herabbringe? Was haben solche Dinge mit dem Prophetentum zu tun? (51)
(Arabisch****************)
Diese Leute sagen: „Warum sind diesem Mann keine Zeichen (Wunder) herabgesandt worden?“ O Prophet, sprich: „Die Zeichen sind bei Allah, und ich bin nur ein deutlicher Warner.“ Ist es für diese Leute etwa nicht genug, dass Wir dir das Buch herabgesandt haben, das ihnen vorgetragen wird? Wahrlich, darin liegen Barmherzigkeit und Ermahnung für jene, die glauben. (Al-Ankabut: 50–51)
Mit anderen Worten: Ist es nicht schon selbst ein großes Wunder, dass dem Propheten Muhammad trotz seiner Ungelehrtheit ein so großartiges Buch wie der Koran herabgesandt wurde, sodass es allein genügen sollte, an seine Gesandtschaft zu glauben?
Bleibt danach überhaupt noch Bedarf an einem weiteren Wunder? Für diejenigen, die früher Wunder gesehen haben, waren jene Wunder eben Wunder. Dieses Wunder aber befindet sich ständig vor euren Augen. Es wird euch jeden Tag vorgetragen. Ihr könnt es jederzeit sehen. (52)
(Arabisch******************)
Doch jeder von ihnen möchte, dass ihm ein offen verkündeter Brief in seinem Namen geschickt wird. Keineswegs! Der eigentliche Grund ist, dass sie keine Furcht vor dem Jenseits haben. Keineswegs! Dies ist eine Ermahnung. Wer nun will, der möge daraus eine Lehre ziehen. (Al-Muddaththir: 52–55)
Das heißt, sie sagen: Wenn Allah den Muhammad (s.a.) tatsächlich zum Propheten berufen hat, dann soll Er an jeden einzelnen Anführer und Stammesoberhaupt von Mekka einen Brief schreiben und darin erklären: „Muhammad (s.a.) ist unser Prophet. Erkennt seine Gefolgschaft an.“ Dieser Brief müsste so beschaffen sein, dass beim Anblick desselben der Glaube entstünde, Allah Selbst habe ihn geschrieben und gesandt.
An einer anderen Stelle des Korans wird diese Aussage der Ungläubigen von Mekka überliefert: „Wir werden nicht glauben, bis uns selbst das gegeben wird, was den Gesandten Allahs gegeben wurde.“ (Al-An’am: 124) [In der Sure Al-An’am wurde darauf kurz geantwortet –
(Arabisch***************)
Allah weiß Selbst am besten, durch wen und auf welche Weise Er das prophetische Amt ausüben lassen wird. (Der Verfasser)]
An einer anderen Stelle wird ihre Forderung folgendermaßen wiedergegeben: „Steige vor unseren Augen zum Himmel empor und bringe von dort ein geschriebenes Buch herab, das wir lesen können.“(Arabisch**************)
Als Antwort wurde gesagt, dass diese Forderung niemals erfüllt werden würde. Der eigentliche Grund dafür, dass sie nicht glauben, besteht keineswegs darin, dass ihre Forderung nicht erfüllt wird. Vielmehr liegt der wahre Grund darin, dass sie keine Furcht vor dem Jenseits haben. Sie halten diese Welt für alles, was es gibt. Sie haben keine Vorstellung davon, dass es nach dem Leben dieser Welt noch ein anderes Leben gibt, in dem sie über ihre Taten Rechenschaft ablegen müssen. Gerade dies hat sie in dieser Welt sorglos und verantwortungslos gemacht. Die Frage nach Wahrheit und Falschheit halten sie für völlig bedeutungslos. Denn in dieser Welt erkennen sie keine Wahrheit, deren Befolgung zwangsläufig zu einem guten Ergebnis führt. Ebenso erkennen sie keine Falschheit, deren Folgen in dieser Welt zwangsläufig schlecht wären. Daher halten sie es für sinnlos, darüber nachzudenken, was die eigentliche Wahrheit und was die eigentliche Falschheit ist. Diese Frage ist nur für jene von Bedeutung, die das gegenwärtige Leben dieser Welt für ein vorübergehendes Leben halten und anerkennen, dass das wahre und ewige Leben das Leben im Jenseits ist, in dem die Wahrheit zwangsläufig gute und die Falschheit zwangsläufig schlechte Folgen haben wird. Ein solcher Mensch wird angesichts jener vernünftigen Beweise und großartigen Lehren glauben und sich fragen: Was ist tatsächlich falsch an den Glaubensvorstellungen, Überzeugungen und Handlungen, die der Koran als irrig bezeichnet? Wer jedoch das Jenseits leugnet und überhaupt kein Interesse an der Suche nach der Wahrheit hat, wird jeden Tag neue Forderungen vorbringen, um nicht glauben zu müssen. Selbst wenn eine seiner Forderungen erfüllt würde, würde er nach einem anderen Vorwand suchen, um weiterhin zu leugnen. Genau dies wird in der Sure Al-An’am gesagt: „O Prophet, selbst wenn Wir dir ein Buch auf Papier herabsenden würden und die Menschen es sogar mit ihren Händen berührten, würden diejenigen, die die Wahrheit verleugnen, dennoch sagen: ,Das ist ja offenkundige Zauberei.‘“ (Al-An’am: 7) (53)
(Arabisch*******************)
– Sie sagen: Warum wurde auf diesen Propheten kein Engel herabgesandt? Wenn Wir einen Engel herabgesandt hätten, wäre die Angelegenheit inzwischen in jeder Hinsicht entschieden worden, und ihnen wäre kein Aufschub mehr gewährt worden. Und selbst wenn Wir einen Engel herabgesandt hätten, hätten Wir ihn in menschlicher Gestalt gesandt. Auf diese Weise wären sie in denselben Zweifel gestürzt worden, in dem sie sich jetzt befinden. (Anʿām: 8–9)
Ihre Behauptung lautete, dass, wenn dieser Mann zum Propheten entsandt worden sei, vom Himmel ein Engel herabkommen müsse. Er sollte den Menschen sagen: „Dieser ist der Prophet Gottes. Hört auf ihn, sonst werdet ihr bestraft.“ Den unwissenden Anklägern erschien es unbegreiflich, dass der Schöpfer von Himmel und Erde jemanden zum Propheten ernennen und ihn dann einem so hilflosen Menschen gleich dem Steinewerfen und den Beschimpfungen der Leute aussetzen würde. Selbst wenn der Gesandte eines so mächtigen Königs nicht mit einer großen Gruppe gekommen wäre, hätte doch wenigstens ein Engel als sein Diener kommen müssen, der ihn beschützte, seiner Persönlichkeit Wirkung verlieh, die Gewissheit seines Auftrags bezeugte und seine Aufgaben auf übernatürliche Weise ausführte.
Die erste Antwort darauf lautet, dass, wenn ein Engel in seiner wirklichen Gestalt herabgesandt worden wäre, der Zeitpunkt der Verkündung des Urteils gekommen wäre und dann kein Aufschub mehr gewährt würde. Der Aufschub, der euch gewährt wurde, damit ihr glaubt und eure Lebensweise verbessert, dauert nur so lange an, wie die tatsächliche Wahrheit hinter dem Vorhang des Verborgenen verborgen ist. Sobald jedoch der Vorhang des Verborgenen gelüftet wird, gibt es keine Möglichkeit des Aufschubs mehr. Dann bleibt nur noch die Abrechnung. Denn das diesseitige Leben ist für euch eine Prüfungszeit, und bei dieser Prüfung geht es darum, ob ihr die eigentliche Wahrheit, ohne sie zu sehen, allein durch den richtigen Gebrauch eures Verstandes und eures Denkens erkennen könnt, und ob ihr danach eure Neigungen und Wünsche beherrschen und eure Taten entsprechend dieser Wahrheit richtig ausrichten könnt. Für diese Prüfung ist es eine unabdingbare Voraussetzung, dass das Verborgene verborgen bleibt. Euer diesseitiges Leben – der Aufschub zu eurer Prüfung – wird nur so lange andauern, wie das Verborgene verborgen bleibt. Sobald das Verborgene offen zutage tritt, wird dieser Aufschub zwangsläufig enden, und an die Stelle der Prüfung wird der Zeitpunkt der Bekanntgabe ihres Ergebnisses treten. Daher lautet die Antwort auf eure Forderung, dass es nicht möglich ist, vor euch die Frist eurer Prüfung zu beenden.
Dann wird als zweite Antwort gegeben, dass, wenn ein Engel in menschlicher Gestalt käme, in euch derselbe Zweifel entstehen würde, der jetzt hinsichtlich des Propheten besteht. Gewiss hätte das Kommen der Engel auch die Form annehmen können, dass sie den Menschen in ihrer wahren, verborgenen Gestalt erschienen wären. Doch oben wurde gesagt, dass die Zeit dafür noch nicht gekommen ist. Somit bleibt als zweite Möglichkeit, dass sie in menschlicher Gestalt kommen. Dazu heißt es: Wenn sie in menschlicher Gestalt kämen, würde in euch hinsichtlich ihrer Entsendung von Gottes Seite derselbe Zweifel entstehen, wie er hinsichtlich des Kommens Muhammads (Allahs Segen und Friede seien auf ihm) als von Allah entsandtem Propheten besteht. (54)
(Arabisch***************)
Diese Leute sagen: Warum ist diesem Propheten von seinem Herrn kein Zeichen – ein wahrnehmbares Wunder – herabgesandt worden? Sag ihnen: Allah besitzt uneingeschränkte Macht, Zeichen herabzusenden. Doch die meisten von ihnen verharren in Unwissenheit. Sieh dir jedes Tier an, das auf der Erde umhergeht, und jeden Vogel, der mit seinen Flügeln durch die Luft fliegt: Sie alle sind Geschöpfe gleich euch. Wir haben in der Niederschrift ihres Schicksals nichts ausgelassen. Danach werden sie alle vor ihrem Herrn versammelt. Doch diejenigen, die Unsere Zeichen für Lügen erklären, sind taub und stumm und befinden sich in Finsternis. (Anʿām: 37–39)
Die Bedeutung dieser Aussage ist, dass das Ausbleiben eines Wunders nicht bedeutet, dass Allah nicht die Macht besäße, eines zu zeigen. Vielmehr liegt dahinter ein anderer Grund, den ihr aufgrund eurer Unwissenheit nicht versteht. Wenn ihr nicht bloß aus Spielerei und zum Zeitvertreib ein Zeichen verlangt, sondern wirklich wissen wollt, ob die Sache, zu der der Prophet (Allahs Segen und Friede seien auf ihm) aufruft, wahr ist, dann öffnet eure Augen und seht: Um euch herum gibt es unzählige Zeichen. Denkt über das Leben irgendeines Tieres auf der Erde oder irgendeines Vogels nach, der durch die Luft fliegt. Betrachtet, wie sein Körperbau passend zu seiner Lebensweise gestaltet worden ist. Betrachtet, wie ihm innerhalb seiner natürlichen Anlagen entsprechend seinen gewöhnlichen Bedürfnissen Kräfte verliehen worden sind. Betrachtet, wie für seinen Lebensunterhalt gesorgt wird. Betrachtet, wie für jedes von ihnen ein Schicksal festgelegt ist, dessen Grenzen es weder überschreiten noch hinter sich lassen kann. Betrachtet, wie für jedes Tier und selbst für das kleinste Insekt an seinem jeweiligen Platz angemessen gesorgt wird, wie es beaufsichtigt, erhalten und geleitet wird. Betrachtet, wie von ihnen nach einem festgelegten Plan Leistungen erbracht werden. Betrachtet, wie sie einem bestimmten System unterworfen sind und wie ihre Geburt, ihre Fortpflanzung und ihr Tod nach einer vollkommenen Ordnung aufeinanderfolgen. Wenn ihr unter den unzähligen Zeichen Gottes auch nur über eines nachdenkt, werdet ihr erkennen, dass die Vorstellung von Gottes Einzigkeit und Seinen Eigenschaften, die dieser Prophet euch vorträgt, und die Lebensauffassung, zu der er euch aufruft, damit ihr euer Leben auf der Welt entsprechend dieser Vorstellung führt, die unbestreitbare Wahrheit ist. Doch ihr öffnet weder eure Augen, um zu sehen, noch wollt ihr auf irgendjemanden hören. Ihr liegt in der Finsternis der Undankbarkeit und wünscht, dass man euch durch die Vorführung der wunderbaren Erscheinungen der Natur ablenkt. (55)
(Arabisch***************)
Und was wäre, wenn der Koran auf diese Weise herabgesandt worden wäre: sodass dadurch die Berge sich in Bewegung gesetzt hätten oder die Erde gespalten worden wäre oder die Toten aus ihren Gräbern hervorgekommen wären und zu sprechen begonnen hätten? (Raʿd: 31)
Um den Sinn dieses Verses zu verstehen, muss man sich vor Augen halten, dass hier nicht die Ungläubigen angesprochen werden, sondern die Muslime. Als sie immer wieder die Forderungen der Ungläubigen hörten, ein Zeichen zu sehen, entstand in ihnen die Unruhe: Ach, wenn ihnen doch ein solches Zeichen gezeigt würde, durch das sie Gewissheit erlangten! Als sie dann dachten, dass die Ungläubigen wegen des Ausbleibens eines solchen Zeichens Gelegenheit erhielten, in den Herzen der Menschen Zweifel an der Gesandtschaft des Propheten (s.a.) zu erwecken, nahm ihre Unruhe noch zu. Deshalb wurde den Muslimen gesagt: Wenn zusammen mit einer der Suren des Korans plötzlich solche Zeichen gezeigt würden, glaubt ihr dann, dass diese Leute den Glauben annehmen würden? Habt ihr wirklich eine so gute Meinung von ihnen, dass sie bereit wären, die Wahrheit anzunehmen, und ihnen lediglich ein Zeichen fehlt? Diejenigen, die in den Lehren des Korans, den Zeichen im Reich der Natur, dem lauteren Leben des Propheten und dem revolutionären Leben der Gefährten des Propheten kein Licht der Wahrheit erkennen konnten – glaubt ihr, dass sie durch die Bewegung der Berge, das Aufbrechen der Erde und das Hervorkommen eines Toten aus seinem Grab irgendein Licht gewinnen würden? (65)
Ein klarer Beweis für die Gesandtschaft des verehrten Propheten (s.a.)
Auf jede einzelne derartigen Anschuldigungen, die die Ungläubigen gegen den Propheten Muhammad (s.a.) erhoben haben, und auf jede ihrer Forderungen, zum Beweis dafür ein Wunder zu zeigen, wurde eine äußerst gerechte Antwort gegeben. Danach blieb niemandem mehr die Möglichkeit, durch Vernunft, Verstand und Beweise die Gesandtschaft als zweifelhaft darzustellen. Anschließend wurden drei so klare Beweise für die Gesandtschaft vorgelegt, dass es den Bewohnern von Mekka und seiner Umgebung unmöglich war, sie zu leugnen. Im Folgenden werden sie der Reihe nach dargelegt.
(Arabisch**************)
O Prophet! Du hast zuvor weder ein Buch gelesen noch mit deiner eigenen Hand geschrieben. Sonst hätten die Anhänger des Falschen Zweifel hegen können. (ʿAnkabūt: 48)
Die Grundlage des Beweises in diesem Vers ist, dass der Prophet (s.a.) des Lesens und Schreibens unkundig war. Seine Landsleute, Nachbarn und Verwandten, vor deren Augen sich sein ganzes Leben von der Kindheit bis ins hohe Alter abgespielt hatte, wussten alle sehr genau, dass er in seinem Leben niemals ein Buch gelesen und auch nie einen Stift in die Hand genommen hatte. Indem Allah dieses tatsächliche Geschehen anführt, sagt Er: Gerade dies ist der schlagende Beweis dafür, dass die umfassenden und tiefgehenden Kenntnisse über die Lehren der himmlischen Schriften, die Lebensumstände der früheren Propheten, verschiedene religiöse Glaubensvorstellungen, die Geschichte, Zivilisation, Ethik und wichtigen wirtschaftlichen Probleme der alten Völker, die aus dem Mund dieses des Lesens und Schreibens unkundigen Mannes hervorgehen, auf keinem anderen Weg als durch die Offenbarung zu ihm gelangt sein konnten. Wenn er des Lesens und Schreibens kundig gewesen wäre und die Menschen ihn jemals beim Lesen und Erforschen von Büchern gesehen hätten, hätten die Anhänger des Falschen einen gewissen Grund für ihren Zweifel gehabt, dass dieses Wissen nicht durch Offenbarung gegeben, sondern durch Studium und Übung erworben worden sei. Seine Unkundigkeit im Lesen und Schreiben ließ jedoch nicht einmal das geringste Fundament für einen solchen Zweifel bestehen. Nun gibt es, außer äußerster Verstocktheit, keinen Grund, seine Prophetenschaft zu leugnen, der sich auch nur in irgendeiner Hinsicht rechtfertigen ließe. (57)
(Arabisch******************)
O Prophet (S), sage ihnen: Wenn es Allahs Wille gewesen wäre, dass ich nicht zum Propheten gemacht werde, hätte ich euch diesen Koran niemals vorgetragen, und Allah hätte euch darüber auch keine Nachricht gegeben. Schon zuvor habe ich ein ganzes Leben unter euch verbracht. Wollt ihr denn nicht ein wenig Vernunft und Verstand gebrauchen? (Yunus: 16)
Dies ist ein stichhaltiges Argument zur Widerlegung der Vorstellung der mekkanischen Ungläubigen, der Prophet Muhammad (S) habe den Koran aus seinem eigenen Sinn heraus verfasst und Allah zugeschrieben; zugleich unterstützt es die Behauptung des Propheten, dass er selbst nicht dessen Verfasser ist, sondern dass er ihm durch die Offenbarung von Allah herabgesandt wird. Selbst wenn man alle anderen Argumente und Beweise beiseitelässt, liegt doch das Leben des Propheten Muhammad (S) unmittelbar vor ihren Augen. Vierzig volle Jahre vor seinem Prophetentum hat er unter ihnen verbracht. Er wurde in ihrer Stadt geboren. Vor ihren Augen verbrachte er seine Kindheit, trat ins Jugendalter ein und erreichte das reife Alter. Sein Wohnsitz, seine Begegnungen, seine Geschäfte, seine Heirat – kurz, alle Arten gesellschaftlicher Beziehungen bestanden mit ihnen. Kein einziger Aspekt seines Lebens war ihnen verborgen. Welches deutlichere Zeugnis könnte es geben als etwas, das sie so gut kannten, verstanden und mit eigenen Augen gesehen hatten?
Im Leben des edlen Propheten (S) gab es zwei Dinge, die jedem Menschen in Mekka völlig klar waren. Erstens: Während seines gesamten vierzigjährigen Lebens vor dem Prophetentum hatte er keinerlei Ausbildung oder Umgang erfahren, aus dem er diese Kenntnisse hätte erwerben können und aus dem plötzlich, zusammen mit dem Anspruch auf das Prophetentum, ein Strom solchen Wissens aus seinem Mund hervorzuquellen begann. In den Suren, die nun fortlaufend im Koran offenbart wurden, wurden Themen behandelt, für die er zuvor niemals Interesse gezeigt, über die er nie Gespräche geführt oder zu denen er je eine Meinung geäußert hatte. Nicht einmal seine engsten Freunde und nächsten Verwandten hatten während dieser vollen vierzig Jahre in seinen Worten oder seinem Verhalten irgendetwas wahrgenommen, das als Vorbereitung auf diese große Daʿwa hätte gelten können, die er plötzlich im Alter von vierzig Jahren vorzutragen begann. Dies war ein eindeutiger Beweis dafür, dass der Koran nicht seine eigene Erfindung oder eine von ihm ausgedachte Sache war, sondern etwas, das von außen in sein Herz eingedrungen war. Denn ein menschlicher Geist kann auf keiner Stufe seines Lebens etwas hervorbringen, für dessen Entfaltung und fortschreitende Entwicklung sich in den vorhergehenden Stufen keine deutlichen Spuren finden. Als daher einige schlaue Leute in Mekka selbst erkannten, dass die Behauptung, der Koran sei dem Geist des Propheten Muhammad (S) entsprungen, eine völlig haltlose Anschuldigung war, begannen sie schließlich zu sagen, es gebe einen anderen Mann, der Muhammad (S) diese Worte lehre. Doch diese zweite Behauptung war noch unsinniger als die erste. Denn weder in Mekka noch in ganz Arabien gab es einen Menschen von solcher Befähigung, auf den man hätte zeigen und sagen können: Dieser Mann ist oder könnte der Verfasser dieser Rede sein. Wie hätte ein Mensch von solcher Befähigung in der Gesellschaft verborgen bleiben können?
Das zweite besonders bemerkenswerte Merkmal seines früheren Lebens war, dass sich in ihm nicht die geringste Spur irgendeiner Eigenschaft wie Lüge, Täuschung, Betrug, Falschspiel, List oder Verschlagenheit finden ließ. Es gab niemanden in der Gesellschaft, der hätte sagen können, er habe während dieses vierzigjährigen Zusammenlebens irgendein solches Verhalten an ihm erlebt. Im Gegenteil: Jeder, mit dem er in Kontakt gekommen war, kannte ihn als einen äußerst wahrhaftigen, makellosen, zuverlässigen und vertrauenswürdigen Menschen. Konnte man nun annehmen, dass ein Mann, der in seinem ganzen Leben selbst in den kleinsten Dingen niemals zu Lüge, Täuschung oder Betrug gegriffen hatte, plötzlich mit einer derart gewaltigen Lüge und Fälschung vortrat, etwas aus seinem eigenen Sinn verfasste und es mit Nachdruck Allah zuschrieb? Auf dieser Grundlage sagt Allah als Antwort auf ihre unsinnige Anschuldigung: Sag ihnen: O Diener Allahs! Gebraucht ein wenig Vernunft und Verstand und seht: Ich bin kein fremder, unbekannter Mann, der von außerhalb gekommen ist. Vielmehr habe ich bereits ein ganzes Leben unter euch verbracht. Nachdem ihr mein früheres Leben gesehen habt, wie könnt ihr da von mir erwarten, dass ich euch diesen Koran ohne Allahs Befehl und Lehre hätte vortragen können? (58)
(Arabisch***************)
O Prophet: Du hast doch niemals erwartet, dass dir ein Buch herabgesandt werden würde. Es ist einzig die Barmherzigkeit deines Herrn, dass es dir herabgesandt worden ist. (Al-Qasas: 86)
Ein weiterer Beweis, der zugunsten des Prophetentums Muhammads (صلى الله عليه وسلم) vorgebracht wurde, ist folgender: Hadhrat Musa (عليه السلام) wusste überhaupt nichts davon, dass er zum Propheten gemacht werden sollte. Dass er mit einer großen und bedeutenden Mission betraut werden würde, lag ihm nicht nur fern; er hatte nicht einmal die geringste Vorstellung davon. Plötzlich wurde er auf dem Weg herbeigerufen, zum Propheten gemacht und durch ihn wurden erstaunliche Dinge vollbracht, die keinerlei Zusammenhang mit seinem früheren Leben hatten. Genau so war es auch bei dem Propheten Muhammad (صلى الله عليه وسلم). Die Menschen von Mekka wussten selbst, wie sein Leben bis zu dem Tag ausgesehen hatte, an dem er aus der Höhle Hira mit der Botschaft des Prophetentums hervortrat. Sie wussten, welcher Arbeit er nachging und welchen Beruf er ausübte, worüber er sprach, welche Themen er erörterte und welcher Art seine Interessen, Neigungen und Tätigkeiten waren. Sein ganzes Leben war von Wahrhaftigkeit, Vertrauenswürdigkeit und Reinheit erfüllt. In ihm waren außergewöhnliche Vornehmheit und Würde, Friedfertigkeit, die Einhaltung von Versprechen, die Durchsetzung von Rechten und ein ausgeprägter Drang zum Dienst an den Menschen besonders bemerkenswert. Doch es gab nichts an ihm, worauf man hätte schließen können, dass dieser große Mann eines Tages mit dem Anspruch auf das Prophetentum hervortreten würde. Niemand unter seinen engen Vertrauten, Verwandten, Nachbarn und Freunden hätte sagen können, dass er sich von Anfang an darauf vorbereite, ein Prophet zu werden. Die Themen und Probleme, von denen er nach jenem umwälzenden Augenblick in der Höhle Hira plötzlich zu sprechen begann, hatte zuvor niemand auch nur ein einziges Mal aus seinem Mund gehört. Niemand hatte ihn jene besondere Sprache, jene Wörter und jene Fachbegriffe verwenden hören, die die Menschen nun in Gestalt des Qur’an von ihm zu hören begannen. Er hatte sich nie hingestellt, um eine Predigt zu halten. Er war nie mit einer Daʿwa oder einer Bewegung aufgetreten. Vielmehr ließ keine seiner Tätigkeiten vermuten, dass er daran dachte, soziale Probleme zu lösen oder eine religiöse oder moralische Reform einzuleiten. Noch am Tag vor jenem umwälzenden Augenblick erschien sein Leben als das Leben eines Kaufmanns, der auf einfache und erlaubte Weise seinen Lebensunterhalt verdiente. Er lebte heiter mit seinen Kindern zusammen, bewirtete und ehrte seine Gäste, half den Armen und behandelte seine Verwandten gut. Bisweilen zog er sich zum Gottesdienst in die Einsamkeit zurück. Dass ein solcher Mensch plötzlich mit Reden erscheinen würde, die eine ganze Welt erschütterten, eine revolutionäre Daʿwa beginnen, eine neuartige Literatur hervorbringen und mit einer beständigen Lebensauffassung, Denkweise, Moral und Kultur vor die Menschen treten würde – eine solche Veränderung und Revolution hätte sich aus psychologischer Sicht keinesfalls durch Künstlichkeit, Vorbereitung oder bewusstes Bemühen vollziehen können. Denn jede derartige Anstrengung und Vorbereitung durchläuft Entwicklungsstufen, und diese Stufen bleiben den Menschen, in deren Mitte jemand Tag und Nacht sein Leben verbringt, nicht verborgen. Wenn das Leben des Propheten (صلى الله عليه وسلم) solche Stufen durchlaufen hätte, dann hätte man aus den Hunderttausenden von Stimmen in Mekka hören können: „Haben wir nicht gesagt, dass dieser Mann eines Tages eine gewaltige Behauptung aufstellen würde?“ Doch die Geschichte bezeugt, dass die Ungläubigen in Mekka alle möglichen Vorwürfe gegen ihn erhoben; für den letztgenannten Vorwurf jedoch gab es keinen einzigen Ankläger.
Ein weiterer Beleg dafür, dass er das Prophetentum weder begehrt noch erwartet hatte, sondern plötzlich und ohne sein eigenes Wissen damit konfrontiert wurde, findet sich in jenem Ereignis, das in den Hadith-Werken im Zusammenhang mit dem Beginn der Offenbarung überliefert ist. Seine Darstellung wurde bereits im Kapitel „Der Beginn der Risala“ gegeben; ich halte es daher für unnötig, sie hier noch einmal zu wiederholen. (59)
Dritter Abschnitt
Der Aufruf zum Glauben daran, dass der Qur’an das Wort Allahs ist
Der dritte grundlegende Punkt der islamischen Daʿwa besteht darin, dass die Menschen den heiligen Qur’an als das Buch Allahs anerkennen, jedes seiner Worte als wahr und von Allah stammend annehmen und jede Lehre darin über Glaubensüberzeugungen, Denkweise, Moral, Gottesdienst und Verhalten als grundlegendes Gesetz für ihr eigenes Leben betrachten. Sie müssen alles zurückweisen, was seiner Rechtleitung widerspricht. Zu dieser Glaubensüberzeugung gehört notwendigerweise auch, dass der Qur’an Wort für Wort das Wort Allahs ist, das dem Propheten (صلى الله عليه وسلم) durch die Offenbarung herabgesandt wurde. Es ist nicht so, dass lediglich die Bedeutung in sein Herz gelegt wurde und er sie dann in seiner eigenen Sprache und mit seinen eigenen Worten ausdrückte. Vielmehr wurden die Wortfolgen, in denen dieses Buch dem Gesandten Allahs (صلى الله عليه وسلم) offenbart wurde, genau in derselben Form bewahrt. Nichts wurde darin verändert, hinzugefügt oder weggenommen. Und das Falsche wird niemals einen Zugang zu ihm finden. Da es unmittelbar das Wort Allahs, des Herrn der Welten, ist, besitzt es auch Autorität über den Gesandten selbst. Obwohl es durch den Gesandten übermittelt wurde, steht der Gesandte unter seiner Herrschaft. Ihm wurde befohlen, sich daran zu halten. Er hat keinerlei Recht, darin etwas hinzuzufügen oder wegzulassen. Vielmehr besteht seine Aufgabe darin, ihm von allen und vor allen anderen am stärksten zu folgen und entsprechend der Absicht dieses göttlichen Wortes die Din, das heißt die vollständige Lebensordnung, zu errichten.
Dieser Glaube verlieh der Revolution, deren Verwirklichung das Ziel des Islam war, noch größere Festigkeit. Denn von Allah war ein ewiges Buch bereitgestellt worden, in dem Allah selbst in seiner eigenen Sprache klar dargelegt hatte, was Wahrheit und was Falschheit ist. So können die Menschen sich in jeder Zeit und jedem Zeitalter stets an es wenden und erfahren, was sie tun und was sie unterlassen sollen, um die Zufriedenheit ihres Herrn zu erlangen. Dass zusammen mit der Ernennung eines Menschen zum Gesandten auch ein Buch auf ihn herabgesandt wurde und den Menschen befohlen wurde, an beide zu glauben und beiden zu folgen, bedeutet, dass überall dort, wo in den Menschen und in der Gesellschaft dieser Glaube und Gehorsam verwirklicht werden, die Freiheit der Willkür verschwindet. Der Einzelne wie auch die Gesellschaft als Ganzes wird einem Führer und einem Gesetzbuch untergeordnet. Auch nachdem der Führer diese Welt verlassen hat, wird das Gesetzbuch, der Qur’an, in dieser Welt immer bestehen bleiben, um zu verkünden, welche Handlungen Allah angeordnet und welche Er verboten hat. Die nach dem Propheten (صلى الله عليه وسلم) fortbestehende Sunna – die aus Sicht des Qur’an als verlässliche offizielle Erläuterung des göttlichen Wortes gilt – lässt keinen Raum dafür, dass Sklaven ihrer Begierden oder Anhänger anderer Lebensanschauungen das Gesetzbuch fortwährend falsch auslegen.
Aus dieser kurzen Darstellung wird deutlich, warum es bereits zu Beginn der islamischen Verkündigung notwendig war, zusammen mit dem Tauhid und der Risala Muhammads zum Glauben an den Qur’an aufzurufen und ihn als das Wort Allahs anzuerkennen, und welche Bedeutung dies hatte. Nun werden wir ausführlich darlegen, welcher Rang dem Qur’an zugesprochen wurde, als er vorgetragen wurde, und wie überzeugende Beweise dafür denjenigen vorgelegt wurden, die sich weigerten, dieses Buch anzuerkennen, dass der Qur’an das Wort Allahs ist.
Der Qur’an ist das Wort Allahs; jedes seiner Worte wurde dem Propheten (صلى الله عليه وسلم) offenbart
Dies war die grundlegende Aussage, die im Koran mit solcher außerordentlichen Bestimmtheit und so häufig dargelegt worden ist, dass es hier nicht möglich ist, alle diesbezüglichen Verse anzuführen. Nirgendwo im Koran findet sich auch nur ein Wort, aus dem der Verdacht entstehen könnte, dies seien die eigenen Worte des Propheten Muhammad (s.a.w.). Das gesamte Buch wurde vielmehr als von Gott herabgesandte Offenbarung vorgelegt. Zur Veranschaulichung werden im Folgenden einige Verse angeführt.
(Arabisch*****************)
Und, o Muhammad (s.a.w.), Wir haben dir dieses Buch mit der Wahrheit herabgesandt; es bestätigt und bewahrt die Wahrheit all dessen, was von den himmlischen Büchern zuvor herabgesandt worden und noch vorhanden ist. Richte daher zwischen ihnen nach dem, was Allah herabgesandt hat, und folge nicht ihren Neigungen, indem du dich von dem abwendest, was zu dir von der Wahrheit gekommen ist. (Al-Maida: 48)
In diesem Vers wird nicht nur ausdrücklich gesagt, dass Allah dieses Buch auf den Propheten Muhammad (s.a.w.) herabgesandt hat, welches die Wahrheit in rechter Weise gebracht hat; vielmehr werden zusätzlich zwei weitere Aussagen gemacht. Die eine lautet, dass es die Wahrheit all dessen bestätigt, was in den zuvor herabgesandten Büchern in ursprünglicher und richtiger Form vorhanden ist. Zweitens ist es der Bewahrer jener Bücher: Das heißt, es hat die in ihnen enthaltenen wahren Lehren aufgenommen und in sich bewahrt. Danach wurden mithilfe dieses Buches all jene Aussagen, die im Widerspruch zur Wahrheit in diese Bücher aufgenommen worden waren, ausgesondert und getrennt.
(Arabisch****************)
Und Wir haben diesen Koran mit der Wahrheit herabgesandt, und mit der Wahrheit ist er herabgesandt worden. Außerdem wurde er nicht zu irgendeinem anderen Zweck als Gesandter entsandt, außer um demjenigen frohe Botschaft zu verkünden, der ihn annimmt, und denjenigen zu warnen, der ihn nicht annimmt. (Bani Isra’il: 105)
(Arabisch****************)
Und, o Prophet, verlese ihnen das Buch deines Herrn, das dir offenbart worden ist. (Al-Kahf: 27)
(Arabisch*******************)
O Muhammad (s.a.w.)! Wir haben dir dieses Buch für die Menschen mit der Wahrheit herabgesandt. Wer nun die Rechtleitung annimmt, tut dies zu seinem eigenen Wohl. Und wer irregeht, dessen Folgen muss er selbst tragen. Du bist nicht für sie verantwortlich. (As-Sumar: 41)
(Arabisch*****************)
Und ebenso haben Wir dir, o Prophet, den Koran in arabischer Sprache offenbart, damit du die Bewohner der Mutter aller Städte (Mekka) und der Umgebung warnst. (Asch-Schura: 7)
(Arabisch**************)
Dieses Buch ist von Allah, dem Allmächtigen und Barmherzigen, herabgesandt worden. (Al-Ahqaf: 1)
(Arabisch****************)
Dies ist ein gesegnetes Buch, das Wir, o Muhammad (s.a.w.), zu dir herabgesandt haben, damit die Menschen über seine Verse nachdenken und die nachdenkenden und verständigen Menschen daraus Lehren ziehen können. (Sad: 29)
(Arabisch******************)
Und, o Muhammad (s), du empfängst diesen Quran gewiss von einem weisen und allwissenden Wesen. (Naml: 6)
(Arabisch******************)
Und gewiss ist er vom Rabbul-Alamin herabgesandt. Ein vertrauenswürdiger Geist [Mit dem Ausdruck „treuer“ oder „vertrauenswürdiger Geist“ ist hier Dschibril (a.s.) gemeint, der mit dem Quran zum Propheten Muhammad (s) kam. Statt seinen Namen zu nennen, werden hier die Worte „treuer“ oder „vertrauenswürdiger Geist“ verwendet. Damit soll gesagt werden, dass er eine reine Seele und ein unkörperliches Wesen ist und so treu und zuverlässig, dass er die Offenbarung, die Allah der Erhabene ihm übermittelt, genau so und ohne jede Verminderung oder Vermehrung bis zum Propheten weitergibt – der Verfasser.] ist damit in dein Herz herabgekommen, damit du, o Muhammad (s), zu den Warnern (den Propheten, die die Menschheit warnen) gehörst – in deutlicher arabischer Sprache. (Schuʿara: 192–195)
(Arabisch******************)
– O Prophet, bewege deine Zunge nicht, um diese Offenbarung schnell auswendig zu lernen. Es obliegt Mir, sie dir einzuprägen und sie dir vorzutragen. Wenn Ich sie daher vortrage, so höre diesem Vortrag aufmerksam zu. Auch ihre Bedeutung zu erklären obliegt Mir. (Qiyama: 16–19)
Diese Verse machten nicht nur unmissverständlich deutlich, dass dieses gesamte Buch durch Offenbarung von Allah an Muhammad (s) herabgesandt worden war; vielmehr machen die beiden letztgenannten Verse in dieser Hinsicht ganz klar, dass nicht nur seine Bedeutung im Herzen des Propheten offenbart wird, die er dann in seinen eigenen Worten zum Ausdruck bringt, sondern dass auch seine Wortlaute von Allah herabgesandt werden. Dass der Geist des Vertrauens (Dschibril (a.s.)) vonseiten des Rabbul-Alamin mit der Offenbarung in arabischer Sprache herabkommt, sie vor dem Propheten vorträgt, der Prophet sich bemüht, sie schnell auswendig zu lernen, und Allah der Erhabene sagt: „Bemühe dich nicht, sie auswendig zu lernen, sondern höre zu, wenn sie vorgetragen wird. Danach obliegt Uns alles: sie dir einzuprägen, sie dir vorzutragen und dir ihre Bedeutung zu erklären“ – all dies ergibt nur dann einen Sinn, wenn auch die Worte der Offenbarung von Allah herabgesandt werden. Wenn dagegen im Herzen des Propheten lediglich eine Bedeutung und Vorstellung entstanden wäre, hätte es keinen Sinn, dass sie vorgetragen, gehört, eingeprägt und in arabischer Sprache herabgesandt wird.
Der Gesandte Allahs (s) war selbst dazu verpflichtet, dem Quran zu folgen
Im Koran wird ebenfalls klar gesagt, dass der Gesandte Allahs (s.a.) dem Gebot des Korans untersteht. Ihm wurde befohlen, sich daran zu halten. Er hat kein Recht, darin irgendeine Änderung vorzunehmen, und untersteht. Ihm wurde befohlen, sich daran zu halten. Er hat kein Recht, darin irgendeine Änderung vorzunehmen oder etwas hinzuzufügen beziehungsweise wegzulassen.
(Arabisch******************)
Und, o Muhammad (s.a.), halte dich an alles, was dir von deinem Herrn offenbart worden ist. Allah ist über das, was ihr tut, wohlunterrichtet. (Ahzab: 2)
(Arabisch***************)
O Muhammad (s.a.), halte dich an alles, was dir von deinem Herrn offenbart worden ist. Es gibt keinen Gott außer Ihm; und wende dich von den Götzendienern ab. (An’am: 106)
(Arabisch*******************)
– O Muhammad (s.a.)! Sag ihnen: Ich folge nur der Offenbarung, die mir gesandt wird, und ich bin nichts anderes als ein eindeutiger Warner. (Ahqaf: 9)
(Arabisch******************)
Und wenn du, o Prophet, diesen Leuten kein Zeichen (Wunder) vorträgst, sagen sie: „Warum hast du nicht selbst ein Zeichen für dich ausgewählt?“ Sag ihnen: „Ich folge nur jener Offenbarung, die mir von meinem Herrn gesandt wurde.“ Dies ist das Licht der Weisheit von deinem Herrn sowie eine Rechtleitung und Barmherzigkeit für jene, die an Ihn glauben. (Al-Aʿrāf: 203)
Das heißt: Es ist nicht meine Aufgabe, alles, was verlangt wird oder dessen Bedarf ich selbst verspüre, eigenständig zu entdecken, herzustellen oder vorzulegen. Ich bin nur ein Gesandter, und meine Aufgabe besteht allein darin, nach der Rechtleitung dessen zu handeln, der mich gesandt hat. Anstelle eines Wunders hat mein Sender mir dieses Buch gesandt: den Koran. In ihm liegt das Licht der Weisheit, und seine bemerkenswerte Schönheit besteht darin, dass diejenigen, die ihn annehmen, den richtigen Weg im Leben finden und sich in ihrem schönen Charakter die Zeichen der Barmherzigkeit Allahs deutlich zeigen.
(Arabisch******************)
Und wenn ihnen Unsere klaren Verse vorgetragen werden, sagen jene, die nicht hoffen, Uns im Jenseits zu begegnen: „Bring einen anderen Koran als diesen oder ändere etwas daran.“ O Muhammad, sag ihnen: „Es steht mir nicht zu, ihn von mir aus zu ändern. Ich folge nur jener Offenbarung, die mir eingegeben wird. Wenn ich meinem Herrn ungehorsam wäre, fürchtete ich die Strafe eines gewaltigen Tages.“ (Yūnus: 15)
(Arabisch******************)
Und wenn dieser Prophet von sich aus etwas erdichtet und Uns zugeschrieben hätte, hätten Wir ihn mit der rechten Hand gepackt und ihm die Halsader durchtrennt. Dann hätte keiner von euch dies verhindern können. (Al-Hāqqa: 44–47)
Der Koran ist in jeder Hinsicht bewahrt, und jedes seiner Worte ist unveränderlich
Auch im Koran ist unmissverständlich erklärt worden, dass Allah selbst die Verantwortung dafür übernommen hat, den Koran mit jedem einzelnen Wort zu bewahren. Jedes seiner Worte ist fest und unveränderlich. Keine Lüge wird einen Weg in ihn finden. Allah wird fortwährend am Horizont und unter den Menschen solche Zeichen zeigen, durch die sich seine Wahrheit erweisen wird.(Arabisch*******************)
Wir selbst haben diesen Koran herabgesandt, und Wir selbst sind sein Bewahrer. (Hidschr: 9)
Das bedeutet, dass er unmittelbar unter Unserem Schutz steht. Wenn jemand ihn auslöschen oder unterdrücken will, wird er dazu nicht in der Lage sein. Durch die Anschuldigungen und die Kritik irgendjemandes wird seine Würde nicht gemindert werden. Selbst wenn jemand seine Botschaft aufzuhalten versucht, wird er es nicht vermögen. Niemand wird die Möglichkeit haben, ihn zu entstellen oder zu verändern.
(Arabisch******************)
Vielmehr ist der edle Koran auf einer hochgeehrten, geschützten Tafel niedergeschrieben. (Burudsch: 21–22)
Das bedeutet, dass die Schrift dieses Korans nicht ausgelöscht werden kann. Er ist auf jener geschützten Tafel Gottes niedergeschrieben, in der keine Veränderung möglich ist. Was darin niedergeschrieben wurde, wird gewiss geschehen. Selbst wenn die gesamte Welt sich vereinigte, um ihn zurückzuweisen, wäre sie dazu nicht imstande.
(Arabisch*****************)
Und die tatsächliche Wahrheit ist, dass dieser Koran ein mächtiges Buch ist. Nichtigkeit kann weder von vorne an ihn herankommen noch von hinten. Er ist von einem Wesen herabgesandt, das allwissend und aus eigener Kraft gepriesen ist. (Hā-Mīm Sadschda: 46)
Dass die Nichtigkeit nicht von vorne an ihn herankommen kann, bedeutet, dass niemand durch einen offenen Angriff auf den Koran in der Lage sein wird, irgendeine seiner Aussagen als falsch oder irgendeine seiner Lehren als unwahr und ungerecht zu erweisen. Dass sie nicht von hinten herankommen kann, bedeutet, dass später keine Wahrheit enthüllt werden wird, die den vom Koran dargelegten Tatsachen widerspricht; es kann keine Erkenntnis geben, die wahrhaftig „Erkenntnis“ ist und die im Koran beschriebene Erkenntnis widerlegt. Keine Erfahrung und keine Beobachtung kann zu dem Nachweis führen, dass das, was der Koran über Glaubensüberzeugung, Moral, Gesetze, Zivilisation, Kultur, Wirtschaft, Sozialwissenschaften und Politik dargelegt hat, falsch ist.
(Arabisch*****************)
Bald werden Wir ihnen Unsere Zeichen an den Horizonten und in ihnen selbst zeigen, bis ihnen schließlich deutlich werden wird, dass dieser Koran in Wahrheit die Wahrheit ist. (Fussilat: 53)
Dies hat zwei Bedeutungen. Erstens: Schon bald wird sich die Einladung dieses Korans in einem großen Teil der Welt verbreiten, und diese Menschen werden mit eigenen Augen sehen, welch gewaltige religiöse, sittliche, geistige, politische, wirtschaftliche und kulturelle Revolution sich durch ihn im menschlichen Leben vollzieht.
Die zweite Bedeutung ist, dass immer deutlicher werden wird, dass der Koran die Wahrheit ist, je weiter die Kenntnisse des Menschen über die höhere Welt und über die menschliche Existenz selbst zunehmen.
Die Leugnung des Korans ist Kufr
Der Glaube an den Koran (Iman bil-Quran) ist ein ebenso wichtiger Bestandteil der islamischen Einladung wie der Glaube an den Tauhid und die Sendung des Gesandten. Deshalb wurde den Menschen in unmissverständlichen Worten diese Einladung ausgesprochen: Dies ist das Wort Allahs; glaube daran. Wer nicht daran glaubt, ist ein Kafir. Unter den Eigenschaften jener, die in den ersten Versen der Sure al-Baqara als auf der Rechtleitung gefestigt gelten, wird ebenfalls diese Eigenschaft genannt.
(Arabisch****************)
Wir senden von diesem Koran herab, was für diejenigen, die an ihn glauben, Heilung und Barmherzigkeit ist; den Ungerechten aber, die nicht an ihn glauben, bringt er nichts als Schaden. (Bani Isra’il: 82)
(Arabisch****************)
-Nur die Ungläubigen leugnen Unsere Zeichen. (Al-ʿAnkabūt: 47)
Die Reaktion der Ungläubigen
Als der Qur’an in seiner wahren Würde dargelegt wurde, fiel es den ungläubigen Quraisch und den gewöhnlichen Götzendienern Arabiens noch schwerer, ihn anzunehmen, als den Propheten Muhammad (s.a.w.s.) als Gesandten Gottes anzuerkennen. Denn selbst wenn sie, nachdem sie Muhammad (s.a.w.s.) als Gesandten anerkannt hatten, seinen Gehorsam akzeptierten, konnten sie hoffen, diese Last des Gehorsams nach seinem Abschied von dieser Welt von ihren Schultern abzuwerfen. Hier aber wurde ein Buch in einer solchen Würde dargelegt, dass jedes seiner Worte vom Herrn der Welten herabgesandt war. Die Muslime lernten dieses Buch Wort für Wort auswendig, denn seine Rezitation war im Gebet unerlässlich. Der Ehrwürdige Prophet (s.a.w.s.) ließ jede Offenbarung unmittelbar nach ihrer Herabsendung niederschreiben. Es gab für sie keinerlei Hoffnung, sich davon befreien zu können. Sie waren der Ansicht, dass ihr Leben, sobald sie es als das Wort Allahs anerkannten, dauerhaft an eine Ordnung und Disziplin gebunden würde, deren Ablehnung eine Abkehr vom Herrn der Welten bedeuten würde. Deshalb setzten sie all ihre Kräfte ein, um sich zu weigern, den Qur’an als das Wort Allahs anzuerkennen, und wandten alle möglichen Kunstgriffe an, damit der Prophet Muhammad (s.a.w.s.) dies keinesfalls verkünden konnte.
Die Leugnung aller göttlichen Bücher
Ihr erster Kunstgriff in dieser Angelegenheit bestand darin, alle göttlichen Bücher zu leugnen.
(Arabisch******************)
Und die Leugner sagten: „Wir werden weder diesen Qur’an noch irgendeines der Bücher annehmen, die ihm vorausgingen.“ (Saba: 31)
Doch die Araber selbst konnten diese Aussage keineswegs akzeptieren. Sie glaubten selbst daran, dass die Schriftblätter Ḥazrat Ibrāhīms (a. s.) von Gott herabgesandt worden waren. Tatsächlich wird im Koran an zwei Stellen in einer Weise auf sie hingewiesen, aus der hervorgeht, dass dies unter den Arabern allgemein anerkannt war, obwohl kein einziges Blatt davon bei ihnen erhalten geblieben war. Erwähnt wird dies in Vers 37 der Sure an-Naǧm und in Vers 19 der Sure al-Aʿlā.
Außerdem lebten in Arabien zahlreiche Juden und Christen, die an die göttlichen Schriften glaubten. Im Gegensatz zum Gesandten Allahs (s. a. s.) benötigten die arabischen Ungläubigen die Hilfe dieser Juden und Christen. Deshalb konnten sie nicht lange an dieser Behauptung festhalten. (60)
Die Anschuldigung gegen den Propheten (s. a. s.), er habe den Koran selbst verfasst
Danach verbreiteten sie mit größtem Nachdruck die Anschuldigung, dass der Hochgeehrte (s. a. s.) diesen Koran selbst verfasst und ihn Allah zugeschrieben habe. Im Koran wurde darauf ausführlich geantwortet und mit überzeugenden Argumenten bewiesen, dass es sich um göttliche Rede handelt.
(Arabisch******************)
Die Offenbarung dieses Buches ist zweifellos vom Rabbul-Alamin herabgesandt worden. (as-Saǧda: 2)
Verschiedene Suren des Korans beginnen mit bestimmten identifizierenden Sätzen dieser Art. Ihr Zweck besteht darin, gleich zu Beginn der Rede mitzuteilen, woher diese Rede kommt. Äußerlich handelt es sich um eine Art einleitenden Satz, ähnlich dem, mit dem ein Rundfunksprecher zu Beginn eines Programms ankündigt, dass die Nachrichten von diesem oder jenem Sender verlesen werden. Wenn jedoch im Gegensatz zu einer solchen gewöhnlichen Rundfunkansage eine Koransure mit der außergewöhnlichen Bekanntmachung beginnt, dass diese Botschaft vom souveränen Herrn der Weltordnung kommt, dann wird damit nicht bloß die Aussage eines Ansagers wiedergegeben; vielmehr sind darin zugleich eine gewaltige Forderung, eine nachdrückliche Herausforderung und eine furchterregende Warnung enthalten. Denn diese Bekanntmachung teilt sofort mit, dass es sich nicht um die Rede eines Menschen, sondern um die Rede des Herrn der Welten handelt. Zugleich stellt diese Bekanntmachung dem Menschen die gewaltige Frage vor: Soll er diese Forderung annehmen oder nicht? Wenn er sie annimmt, muss er für immer sein Haupt in Gehorsam vor Ihm beugen. Danach bleibt ihm Ihm gegenüber keine Freiheit mehr. Wenn er sie jedoch nicht annimmt, muss er die Gefahr auf sich nehmen, dass er, falls dies tatsächlich Allahs Rede ist, infolge ihrer Zurückweisung für immer dem Unglück ausgeliefert sein wird. Gerade deshalb zwingt der einleitende Satz durch seinen außergewöhnlichen Charakter den Menschen dazu, diese Rede wachsam und mit größter Aufmerksamkeit anzuhören und zu entscheiden, ob er sie als göttliche Rede annehmen will oder nicht.
Hier hielt man es nicht für ausreichend, lediglich zu sagen, dass dieses Buch vom Rabbul-Alamin herabgesandt worden sei. Vielmehr wurde mit voller Eindringlichkeit gesagt:
(*Arabisch******)
Wahrlich, dies ist das Buch Gottes. Es besteht nicht der geringste Zweifel daran, dass es von Allah herabgesandt worden ist. Betrachtet man diesen nachdrücklichen Satz vor dem Hintergrund der Begleitumstände des Korans und im Zusammenhang mit den vorausgehenden und nachfolgenden Ausführungen des Korans selbst, so zeigt sich, dass in dieser Aussage neben der Behauptung auch ein Beweis enthalten ist. Und dieser Beweis war denjenigen Mekkanern, vor denen diese Behauptung aufgestellt wurde, keineswegs verborgen. Das gesamte Leben desjenigen, der dieses Buch vortrug, lag vor ihren Augen: sein Leben vor der Darlegung des Buches ebenso wie sein Leben danach. Sie wussten, dass der Mann, der dieses Buch mit diesem Anspruch vortrug, in ihrem Volk der aufrichtigste, würdevollste und charakterfesteste Mensch war. Sie wussten auch, dass er nach seinem Anspruch auf das Prophetentum plötzlich begonnen hatte, in dieser Weise zu sprechen. Sie sahen einen deutlichen Unterschied zwischen der Sprache und Ausdrucksweise dieses Buches und der Sprache und Ausdrucksweise Muhammads al-Mustafas (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm). Sie wussten ebenfalls, dass die Ausdrucksweise ein und desselben Menschen nicht zwei derart deutlich voneinander verschiedene Formen annehmen kann. Sie bemerkten auch die übernatürliche literarische Schönheit dieses Buches und wussten als Arabischsprachige selbst, dass all ihre Literaten und Dichter unfähig waren, ein ähnliches Werk hervorzubringen. Sie wussten sehr wohl, welch himmelweiter Unterschied zwischen den Worten ihrer Volksdichter, Wahrsager und Redner und dieser Botschaft bestand. Hinzu kam, wie erhaben und vortrefflich die heiligen und reinen Dinge waren, die in dieser Botschaft dargelegt wurden. Das persönliche Interesse, das den Worten und Taten eines falschen Anspruchstellers anhaftet, war weder in diesem Buch noch in seinem Überbringer auch nur im Geringsten zu finden. Die Gegner konnten beim besten Willen nicht erkennen, welchen Gewinn Hadhrat Muhammad (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) durch seinen Anspruch auf das Prophetentum für sich selbst, für seine Familie oder für sein eigenes Volk und seinen Stamm zu erlangen beabsichtigte oder welches persönliche Interesse er mit diesem Werk verbunden haben könnte. Sie sahen auch, welche Menschen aus ihrem Volk von dieser Botschaft angezogen wurden und welch gewaltige Veränderung sich in ihrem Leben vollzog, nachdem sie sich ihr angeschlossen hatten. All dies zusammen nahm die Gestalt von Beweisen zugunsten der Behauptung selbst an. Vor diesem Hintergrund genügte es daher zu sagen, dass hinsichtlich der Herabsendung dieses Buches vom Herrn der Welten nicht der geringste Raum für Zweifel besteht. Weitere Beweise waren nicht erforderlich. (61)
(Arabisch******************)
Sagen sie etwa: „Hat dieser Mann es selbst verfasst?“ Nein, vielmehr ist dies die Wahrheit von deinem Herrn, damit du ein Volk warnst, zu dem vor dir kein Warner gekommen ist; vielleicht werden sie rechtgeleitet. (As-Sadschda: 3)
Nach dem zuvor erwähnten einleitenden Satz wird nun auf den ersten Vorwurf der Götzendiener von Mekka gegen das Prophetentum des Propheten Muhammad (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) geantwortet. Die Antwort lautet sinngemäß: Obwohl die Aussagen, aufgrund derer die Tatsache, dass dieses Buch von Allah herabgesandt wurde, zweifellos feststeht, äußern diese Leute dennoch die offenkundig starrsinnige Behauptung, Muhammad (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) habe es selbst verfasst und Allah, dem Herrn der Welten, zugeschrieben. Schämen sie sich nicht, eine derart unsinnige und haltlose Anschuldigung vorzubringen? Können sie nicht begreifen, was diejenigen, die mit dem Wirken und den Worten des Propheten Muhammad (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) vertraut sind und dieses Buch verstehen, über eine solche unsinnige Anschuldigung denken werden?
So wie es im ersten Vers als ausreichend erachtet wurde, (Arabisch***********)zu sagen: „Daran besteht kein Zweifel“, und anschließend kein Beweis dafür für erforderlich gehalten wurde, dass der Koran das Wort Allahs ist, ebenso wird auch in diesem Vers angesichts des Vorwurfs der Ungläubigen von Mekka lediglich Folgendes für ausreichend erachtet: „Dies ist von deinem Herrn.“ Der Grund dafür ist derselbe, den wir bei der Erläuterung des zweiten Verses genannt haben. Die Zuhörer wussten, unter welchen Umständen und mit welchem Rang dieser Gesandte dieses Buch vorgelegt hatte. Das Buch lag mit seiner Sprache, seiner Literatur und seinem Inhalt vor aller Augen. Seine Wirkung und seine Folgen sahen alle Mitglieder jener mekkanischen Gesellschaft mit eigenen Augen. Unter diesen Umständen war die Tatsache, dass dieses Buch von Allah, dem Herrn der Welten, stammte, eine so offenkundige Realität, dass ihre kurze Darlegung genügte, um den Vorwurf der Ungläubigen zu entkräften. Der Versuch, dafür Beweise und Argumente vorzubringen, hätte die Sache nicht bekräftigt, sondern geschwächt. Stellen Sie sich etwa vor, dass am helllichten Tag die Sonne helles Licht spendet und irgendein Starrsinniger behauptet, dies sei eine dunkle Nacht. Als Antwort genügt es zu sagen: „Du nennst das Nacht? Der helle Tag liegt doch vor deinen Augen.“ Wenn Sie dann beginnen, zum Beweis logische Argumente und Belege vorzubringen, werden Sie die Überzeugungskraft Ihrer Antwort nicht steigern, sondern vielmehr vermindern. (62)
(Arabisch****************)
Dieser Koran ist nichts, was ohne Allahs Offenbarung und Lehre verfasst worden wäre. Vielmehr bestätigt er die Wahrheit all dessen, was zuvor offenbart worden war, und erläutert das Buch ausführlich. Es besteht kein Zweifel daran, dass er vom Herrn der Welten stammt. (Yunus: 37)
„Die Anerkennung der Wahrhaftigkeit dessen, was zuvor gekommen ist“ bedeutet: die grundlegende Lehre, die seit Anbeginn durch die Propheten den Menschen übermittelt wurde. Dieser Koran bringt nichts Neues vor, indem er sich von ihr entfernt; vielmehr bestätigt er all dies. Wäre er das Ergebnis der geistigen Vorstellungskraft eines Begründers einer neuen Religion, so hätte sich darin gewiss das Bestreben gezeigt, der alten Wahrheit einige eigene, neuartige Farben beizumischen, um seine eigenständige Stellung deutlich hervorzuheben.
„Eine ausführliche Darlegung des Buches“ bedeutet, dass diese grundlegenden Lehren, in denen die Quintessenz aller himmlischen Bücher enthalten ist, mit Argumenten und Beweisen, mit Ermahnungen und Erläuterungen sowie in Übereinstimmung mit den tatsächlichen Verhältnissen dargelegt worden sind. (63)
(Arabisch******************)
Sag: Selbst wenn sich die Menschen und die Dschinn zusammentäten, um etwas hervorzubringen, das diesem Koran gleich wäre, könnten sie es dennoch nicht hervorbringen, selbst wenn sie einander dabei unterstützten. (Banī Isrāʾīl: 88)
Außer an dieser Stelle ist diese Herausforderung noch an vier weiteren Stellen im Koran ausgesprochen worden: in der Sure al-Baqara, Verse 23–24; Yūnus, Vers 38; Hūd, Vers 13; und aṭ-Ṭūr, Verse 33–34. An diesen Stellen wurde dies als Antwort auf die Behauptung der Ungläubigen gesagt, dass Muḥammad (s.a.w.) diesen Koran selbst verfasst habe und ihn zu Unrecht als Gottes Wort ausgebe. Außerdem wird diese Behauptung in der Sure Yūnus, Vers 16, widerlegt, wo es heißt:
(Arabisch******************)
O Muḥammad (s.a.w.), sage ihnen: Wenn Allah gewollt hätte, dass ich euch den Koran nicht vortrage, hätte ich ihn euch keineswegs vortragen können. Vielmehr hätte Er euch nicht einmal von ihm Nachricht gegeben. Ich habe doch ein ganzes Leben unter euch verbracht. Wollt ihr denn nicht einmal dies begreifen? (Yūnus: 16)
In den Argumenten, die diese Verse dafür vorbringen, dass der Koran das Wort Allahs ist, liegen tatsächlich drei Argumente. Erstens ist der Koran hinsichtlich seiner Sprache, seines Darstellungsstils, seiner Art der Argumentation, seines Inhalts, seiner Erörterungen, seiner Lehren und der Übermittlung von Nachrichten aus der unsichtbaren Welt ein Wunder (ein übernatürliches Werk); etwas ihm Gleichartiges hervorzubringen liegt außerhalb menschlicher Kraft. Ihr sagt, ein Mensch habe ihn verfasst. Wir aber sagen, dass selbst alle Menschen der Welt vereint kein Buch dieser Art verfassen könnten. Selbst das Volk der Dschinn, das die Götzendiener zu seinen Gottheiten gemacht haben und dessen Verehrung dieser Koran mit äußerster Härte getroffen hat, wäre nicht in der Lage, diese Herausforderung zu widerlegen, selbst wenn es sich zur Unterstützung der Leugner des Korans zusammenschlösse und ein Buch von der Würde des Korans verfasste.
Zweitens ist Muhammad (Friede und Segen seien auf ihm) nicht plötzlich aus einer fremden Welt unter euch aufgetaucht. Vielmehr lebte er bereits vierzig Jahre vor der Herabsendung dieses Korans unter euch. Hattet ihr auch nur einen Tag vor seinem Anspruch auf das Prophetentum aus seinem Mund eine Botschaft dieser Art gehört, eine Botschaft mit solchen Problemen und einem solchen Inhalt? Wenn ihr das nicht gehört habt – und gewiss habt ihr es nicht gehört –, sagt euch dann euer Verstand, dass Sprache, Vorstellungen, Kenntnisse, Denkweise sowie Rede und Ausdrucksweise eines Menschen sich plötzlich derart gewaltig verändern können?
Drittens hat sich der Prophet Muhammad (Friede und Segen seien auf ihm) nicht verborgen, nachdem er euch den Koran vorgetragen hatte; vielmehr lebt er mitten unter euch. Ihr hört den Koran aus seinem Mund, ebenso wie andere Gespräche und Ansprachen. Zwischen der Sprache und Ausdrucksweise des Korans und den Worten des Propheten Muhammad (Friede und Segen seien auf ihm) besteht ein derart gewaltiger Unterschied, dass ein und dieselbe Person niemals zwei so verschiedene Arten des Sprechens hervorbringen könnte. Dieser Unterschied war nicht nur damals deutlich, als der Prophet Muhammad (Friede und Segen seien auf ihm) unter seinem Volk lebte. Vielmehr sind auch heute noch unzählige seiner Aussprüche und Ansprachen in den Hadith-Sammlungen überliefert. Seine Sprache und Darstellungsweise unterscheiden sich so sehr von der Sprache und Darstellungsweise des Korans, dass kein feinsinniger Kenner der arabischen Sprache und Literatur zu behaupten wagen würde, beide Arten von Worten stammten von ein und derselben Person. (64)
(Arabisch********************)
Sagen sie etwa, der Prophet habe dieses Buch selbst verfasst? Sprich: Gut, dann bringt zehn verfasste Suren von dieser Art hervor. Und ruft außer Allah eure Gottheiten, die ihr habt, zu Hilfe und bringt sie herbei, wenn ihr darin, sie für Gottheiten zu halten, wahrhaftig seid. Wenn sie euch nun nicht zu Hilfe kommen, dann wisst, dass es aus Allahs Wissen herabgesandt worden ist, und wisst, dass es außer Allah keine wahre Gottheit gibt. Wollt ihr euch danach diesem Wissen gehorsam unterwerfen? (Hud: 13–14)
Hier wird mit demselben Argument sowohl der Beweis dafür erbracht, dass der Koran Allahs Wort ist, als auch der Beweis für die Einheit Allahs. Die Zusammenfassung der Argumentation lautet wie folgt:
1. Wenn dies das Wort eines Menschen wäre, wie ihr behauptet, dann müsste dieser Mensch auch die Fähigkeit besitzen, Worte dieser Art hervorzubringen. Eure Behauptung, ich, Muhammad (Friede und Segen seien auf ihm), hätte dieses Buch selbst verfasst, kann nur dann wahr sein, wenn ihr alle gemeinsam nicht in der Lage seid, ein Buch hervorzubringen, das ihm gleicht. Dann ist meine Behauptung wahr, dass ich nicht der Verfasser dieses Buches bin. Vielmehr ist es durch Allahs Wissen herabgesandt worden.
2. Außerdem wird in diesem Buch euren Gottheiten offen widersprochen und klar gesagt: Gebt ihre Verehrung auf, denn sie haben keinen Anteil an der Göttlichkeit. Wenn ihr das nicht anerkennt, dann müssten eure Gottheiten – falls sie tatsächlich Götter sind – euch dabei helfen, meine Behauptung zu widerlegen und ein Werk hervorzubringen, das diesem Buch gleicht. Doch in diesem entscheidenden Augenblick können sie euch weder irgendeine Hilfe leisten noch euch eine solche Kraft verleihen, dass ihr etwas hervorbringen könntet, das diesem Buch gleicht. Damit ist eindeutig erwiesen, dass ihr sie zu Unrecht zu Göttern gemacht habt. Andernfalls hätten sie in Wirklichkeit eine solche Kraft und auch nur den geringsten Anteil an Göttlichkeit, aufgrund dessen sie der Gottheit würdig wären. (65)
(Arabisch*******************)
Sagen sie etwa, dass der Gesandte dieses Buch selbst verfasst habe? Sprich: Wenn ihr mit eurer Behauptung wahrhaftig seid, dann bringt eine einzige Sure gleicher Art hervor und ruft außer dem einen Gott zu Hilfe, wen immer ihr wollt. (Yunus: 38)
Im Allgemeinen glauben die Menschen, diese Herausforderung sei lediglich hinsichtlich der sprachlichen Schmuckformen und der literarischen Schönheit des Korans ergangen. Aus den Erörterungen über die Wundertätigkeit des Korans kann durchaus ein solcher Irrtum entstehen. Doch die Stellung des Korans ist weit höher. Der Koran hat die Grundlage seines Anspruchs auf Einzigartigkeit, Besonderheit und Unvergleichlichkeit nicht ausschließlich auf die sprachliche und literarische Schönheit gegründet. Es besteht kein Zweifel, dass der Koran sprachlich unvergleichlich ist. Doch der Grund, weshalb gesagt wurde, dass der menschliche Verstand kein solches Buch verfassen könne, liegt in seinem Gegenstand und seinen Lehren. Die darin enthaltene wunderbare Seite und der Grund, weshalb er von Allah herabgesandt wurde und eine solche Schrift die menschlichen Möglichkeiten übersteigt, werden vom Koran selbst an verschiedenen Stellen dargelegt. (66)
(Arabisch*****************)
– Oder sagen sie etwa, dass dieser Mann den Koran selbst verfasst habe? Die Wahrheit ist vielmehr, dass sie nicht glauben wollen. Wenn sie mit ihrer Aussage wahrhaftig sind, dann sollen sie eine Rede von gleichem Rang hervorbringen. (At-Tur: 33–34)
Mit anderen Worten bedeutet diese Aussage: Diejenigen unter den Quraisch, die behaupten, der Koran sei das selbst verfasste Wort des Propheten Muhammad (s.a.w.), spüren in ihrem eigenen Inneren, dass dies nicht sein Wort sein kann. Die Sprachkundigen unter den anderen erkennen deutlich, dass er weit höher und erhabener ist als menschliche Rede. Vielmehr konnten selbst diejenigen unter ihnen, die den Propheten Muhammad (s.a.w.) kannten, niemals annehmen, dass dies sein eigenes Wort, das Wort des Propheten, sei. Somit ist ganz klar: Diejenigen, die behaupten, der Koran sei vom Propheten Muhammad (s.a.w.) verfasst worden, wollen in Wirklichkeit überhaupt nicht glauben. Deshalb erfinden sie verschiedene falsche Ausreden, und dies ist eine davon.
Es geht nicht nur darum, dass dies nicht das Wort des Propheten Muhammad (s.a.w.) ist; in Wirklichkeit ist es überhaupt keine menschliche Rede oder Aussage. Eine solche Rede zu verfassen übersteigt die menschlichen Möglichkeiten. Wenn ihr behaupten wollt, es handle sich um von einem Menschen verfasste Rede, dann bringt eine Rede von gleichem Rang hervor, wie sie irgendein Mensch verfasst haben könnte. Diese Herausforderung wurde zunächst nicht nur den Quraisch, sondern allen Ungläubigen der Welt in diesem Vers gestellt. Danach wurde diese Herausforderung dreimal in Mekka al-Mukarrama und zum letzten Mal in Medina al-Munawwara wiederholt. (Sure Yunus, Vers 38; Hud: 13; Bani Isra’il: 88; Al-Baqara: 237 ff.)
Doch weder damals hatte jemand den Mut, diese Herausforderung zu beantworten, noch hat ihn heute jemand, indem er dem Koran etwas von Menschen Verfasstes entgegenstellt.
Da manche Menschen die eigentliche Art dieser Herausforderung nicht verstehen, sagen sie, dass niemand – und nicht nur beim Koran – ein prosaisches oder poetisches Werk nach der Schöpfungsweise irgendeines anderen Menschen verfassen könne. Homer, Rumi, Shakespeare, Goethe, Paleb, Rabindranath und Iqbal seien allesamt in dieser Hinsicht unvergleichlich. Etwas genau wie sie zu verfassen, sei für niemanden möglich. Wer die Herausforderung des Korans beantworten will, befindet sich in Wirklichkeit in dem falschen Glauben, dass
(Arabisch*****************)
Das bedeutet, ein Werk dieser Art entsprechend der Darstellungsweise zu verfassen. Tatsächlich bedeutet es jedoch nicht, dass die Darstellungsweise ähnlich sein soll. Vielmehr bedeutet es: Bringt ein Buch von diesem Rang und dieser Würde hervor, das nicht nur im Arabischen, sondern in jeder Sprache der Welt aufgrund jener Eigenschaften als ebenbürtiger Konkurrent des Qurʾān gelten könnte, auf deren Grundlage er ein übernatürliches Werk ist. Kurz gesagt werden einige Eigenschaften beschrieben, aufgrund derer der Qurʾān schon früher übernatürlich war und es auch heute noch ist.
1. Der Qurʾān ist ein außerordentlich hohes und großartiges Beispiel für die Literatur der Sprache, in der er offenbart wurde. Im gesamten Qurʾān findet sich kein einziges Wort und kein einziger Satz, der unter diesem Niveau läge. Jeder behandelte Gegenstand wird mit den passendsten und angemessensten Worten und in der treffendsten Ausdrucksweise dargestellt. Dasselbe Thema wird wiederholt behandelt, doch jedes Mal in einer neuen Darstellungsweise, und nirgends zeigt sich die Geschmacklosigkeit der Wiederholung. Im gesamten Buch ist die Fügung der Wörter von Anfang bis Ende so kunstvoll, dass man meint, eine Perlenkette sei geschaffen worden. Die Aussagekraft ist so überwältigend, dass kein sprachkundiger Mensch sie hören kann, ohne von Freude ergriffen zu werden. Selbst im Herzen des Leugners und des Widersachers weckt sie Freude. Auch nach vierzehn Jahrhunderten ist dieses Buch bis heute das vortrefflichste Beispiel der arabischen Sprache und Literatur; ganz zu schweigen davon, ihm gleichzukommen, hat kein Buch dieser Sprache mit seiner literarischen Würde und seinem Wert auch nur seine Nähe erreicht. Mehr noch: Trotz dieses großartigen Buches ist der von ihm begründete Schmuck und literarische Rang der Sprache bis heute erhalten geblieben. Dabei verändern sich Sprachen über einen so langen Zeitraum und nehmen eine andere Gestalt an. Keine Sprache der Welt ist über viele Jahrhunderte hinweg in Rechtschreibung, Satzbau, Ausdrucksweise, Grammatik und Wortschatz unverändert geblieben. Doch allein die Kraft dieses Qurʾān hat verhindert, dass die arabische Sprache ihren angestammten Platz verlor. Kein einziges seiner Wörter ist bis heute aufgegeben worden. Jede seiner Redewendungen wird noch heute in der arabischen Literatur verwendet. Seine Literatur gilt auch heute noch als anspruchsvolle arabische Literatur. Gibt es in irgendeiner Sprache der Welt ein von Menschen verfasstes Buch von einem solchen Rang?
2. Er ist das einzige Buch auf dieser Welt, das einen so umfassenden, tiefgreifenden und allseitigen Einfluss auf das Denken, die Moral, die Zivilisation und die Lebensweise der Menschheit ausgeübt hat, dass es dafür in der Welt kein Beispiel gibt. Zunächst löste sein Einfluss in einem Volk eine Revolution aus. Danach leitete dieses Volk in einem großen Teil der Welt tiefgreifende Veränderungen ein. Kein anderes Buch hat je eine derart revolutionäre Wirkung entfalten können. Dieses Buch ist nicht bloß auf den Seiten von Papier niedergeschrieben geblieben. Vielmehr hat jedes einzelne seiner Worte in der wirklichen Welt Gestalt in Gedanken, Vorstellungen und Überzeugungen angenommen und eine dauerhafte Zivilisation geschaffen. Seit eineinhalb Jahrtausenden hält dieser Einfluss an, und Tag für Tag breitet er sich weiter aus.
3. Der Gegenstand, den dieses Buch behandelt, ist vielfältig und umfassend; sein Umfang erstreckt sich vom Anfang bis zum Ende über das gesamte Weltall. Es beleuchtet die verborgenen Geheimnisse des Weltalls, seinen Ursprung und sein Ende sowie die Ordnung, die es zusammenhält. Es erklärt, wer der Schöpfer, Lenker und Beherrscher dieses Weltalls ist, welche Eigenschaften Er besitzt, welche Befugnisse Er hat und worin das eigentliche Geheimnis der Sache liegt, um derentwillen Er diese gesamte Ordnung eingerichtet hat. Es beschreibt die Würde und Stellung des Menschen in dieser Welt richtig und erklärt, dass dies seine natürliche Stellung und sein angeborenes Recht ist, das zu verändern er nicht die Macht besitzt. Es legt dar, welches angesichts dieser Stellung und Würde der richtige Weg für das Denken und Handeln des Menschen ist, der vollkommen mit der Natur übereinstimmt, und welche Wege irrig und mit der Wahrheit unvereinbar sind. Anhand unzähliger Beweise aus jedem einzelnen Ding auf Erden und im Himmel, aus den verschiedenen Aspekten der Ordnung des Weltalls, aus dem eigenen Wesen und Dasein des Menschen sowie aus der gesamten Geschichte der Menschheit hat es die Richtigkeit des Weges der Wahrheit und den Irrtum der falschen Wege nachgewiesen. Zugleich erklärt es, wie und aus welchen Gründen der Mensch auf falsche Wege geleitet wird, wie der richtige Weg, der immer derselbe war und immer derselbe bleiben wird, erkannt werden kann und wie er den Menschen in jedem Zeitalter verkündet wird. Es weist den richtigen Weg nicht nur aus und schweigt dann. Vielmehr entwirft es für das Beschreiten dieses Weges das Bild einer vollständigen Lebensordnung. Darin werden für jeden Bereich des Lebens – Glaubensgrundsätze, Charakterbildung, Tazkiya an-nafs (Läuterung der Seele), Gottesdienst und Frömmigkeit, Gesellschaftsordnung, Zivilisation und Kultur, Wirtschaft, Politik, Rechtsprechung, Gesetzgebung und alles Übrige – äußerst ausgewogene Regeln und Methoden dargelegt. Außerdem erklärt es ausführlich, welche Folgen es in dieser Welt haben wird, wenn man dem richtigen Weg folgt oder den falschen Weg beschreitet. Danach wird auch dargelegt, welche Folgen sich in der kommenden Welt ergeben werden, wenn die gegenwärtige Ordnung dieser Welt zu Ende geht. Es schildert ausführlich das Ende dieser Welt und den Beginn der zweiten Welt und beschreibt jede einzelne Stufe dieses Wandels. Die vollständige Gestalt jener anderen Welt wird vor Augen geführt. Anschließend beschreibt es ausführlich, wie der Mensch dort ein zweites Leben erhalten wird, wie dort über seine Taten im irdischen Leben abgerechnet wird, zu welchen Dingen er befragt werden wird, wie ihm sein vollständiges „Tatenbuch“ in unwiderlegbarer Weise vorgelegt wird, welche überzeugenden Zeugnisse zu deren Beweis vorgebracht werden und warum diejenigen, die Belohnung oder Strafe erhalten, diese erhalten werden. Es beschreibt, welche Gaben die Belohnten erhalten werden und in welcher Gestalt die Bestraften die Folgen ihrer Taten erleiden werden. Die Darlegungen dieses Buches zu diesem umfassenden Gegenstandsbereich beruhen nicht darauf, dass sein Verfasser einige Argumente aufstellt und darauf ein Gebäude aus Vorstellungen und Vermutungen errichtet. Vielmehr beruhen sie darauf, dass sein Verfasser unmittelbare Kenntnis der Wirklichkeit besitzt. Sein Blick reicht vom Anfang bis zum Ende. Alle Wirklichkeit liegt vor Ihm klar offen. Das gesamte Weltall ist vor Ihm wie ein aufgeschlagenes Buch. Er überblickt alles von den Anfängen der Menschheit bis zu ihrem Ende und darüber hinaus bis zu ihrem zweiten Leben nach dem Ende und leitet die Menschen nicht auf der Grundlage von Vorstellungen und Vermutungen, sondern auf der Grundlage von Wissen. Die Informationen, die Er auf der Grundlage dieses Wissens vorlegt, konnten bis heute nicht ein einziges Mal als falsch erwiesen werden. Das Bild, das Er von Weltall und Mensch entwirft, liefert eine vollständige Erklärung für alle wahrnehmbaren Dinge und Ereignisse und kann zur Grundlage der Forschung in jedem Zweig von Wissen und Wissenschaft werden. In Seinen Worten finden sich Lösungen für alle Grenzprobleme der Philosophie, der Naturwissenschaften und der Sozialwissenschaften, und zwischen ihnen besteht ein so folgerichtiger Zusammenhang, dass sich darauf ein vollständiges, kohärentes und umfassendes Denksystem errichten lässt. Darüber hinaus ist die praktische Lebensführung, die Er den Menschen für jeden Bereich ihres Lebens gegeben hat, nicht nur äußerst vernünftig und überaus rein, sondern wird seit eineinhalb Jahrtausenden tatsächlich von unzähligen Menschen in verschiedenen Teilen der Welt befolgt. In der Erfahrung hat sie sich als die beste erwiesen. Gibt es in der Welt ein von Menschen verfasstes Buch von solchem Rang, das dem Qurʾān gegenübergestellt werden könnte?
4. Das Buch wurde der Welt nicht vollständig und auf einmal in schriftlicher Form vorgelegt. Vielmehr wurde mit einigen grundlegenden Anweisungen eine Reformbewegung ins Leben gerufen. Danach wurden die Teile des Buches entsprechend den Umständen und Erfordernissen der einzelnen Entwicklungsstufen, welche diese Bewegung während dreiundzwanzig Jahren durchlief, durch den Mund ihres Anführers bald in längeren Ansprachen, bald in Form verschiedener Aussprüche verkündet. Nach Abschluss dieser Mission wurden diese zu verschiedenen Zeiten offenbarten Teile vollständig gesammelt und der Welt vorgelegt; dieses Werk wird Koran genannt. Nach der Erklärung des Anführers der Bewegung waren diese Ansprachen und Aussagen nicht von ihm selbst verfasst, sondern ihm von dem Herrn der Welten offenbart worden. Wenn jemand sie als eigene Schöpfung des Anführers der Bewegung betrachtet, soll er aus der Weltgeschichte ein Beispiel dafür vorlegen, dass irgendein Mensch während der jahrelangen, ununterbrochenen persönlichen Leitung einer gewaltigen sozialen Bewegung – bald als Prediger und Lehrer von Moral und Ethik, bald als Anführer einer unterdrückten Gemeinschaft, bald als Staatsoberhaupt, bald als Befehlshaber einer im Krieg stehenden Armee, bald als siegreicher Held, bald als Gesetzgeber und Verfasser religiöser Vorschriften, bald als Richter, kurz: in verschiedenen Situationen und zu verschiedenen Zeiten in verschiedenen Rangstellungen – aus seinen unterschiedlichen Ansprachen und Aussagen ein vollständiges, zusammenhängendes und umfassendes System des Denkens und Handelns errichtet hätte. Darin findet sich keinerlei Ungleichheit oder Widerspruch. Von Anfang bis Ende wirkt darin derselbe zentrale Gedanke. Derjenige Mensch, der vom ersten Tag an die Grundlage seiner Berufung dargelegt hatte, errichtete bis zum letzten Tag auf eben dieser Grundlage ein umfassendes System des Glaubens und Handelns, dessen jeder Teil mit allen anderen Teilen vollkommen übereinstimmt. Wer all dies betrachtet, kann als vorausschauender Mensch nicht anders, als zu erkennen, dass dem Anführer zu Beginn der Bewegung bereits das vollständige Bild der Bewegung bis zu ihrer letzten Entwicklungsstufe vor Augen stand. Niemals geschah es, dass sich in einer mittleren Phase in seinem Denken eine Vorstellung bildete, die anfangs nicht vorhanden gewesen war oder später geändert werden musste. Wenn jemals ein Mensch von solchem Rang gelebt hat, der den Gipfel seiner eigenen schöpferischen Kraft gezeigt hat, so soll man ihn benennen.
5. Der Anführer, aus dessen Mund diese Ansprachen und Aussagen hervorgingen, tauchte nicht plötzlich irgendwoher auf, trat nur auf, um dies vor den Menschen vorzutragen, und verschwand danach wieder irgendwohin. Schon vor dieser Bewegung hatte er in der menschlichen Gesellschaft gelebt, und auch danach blieb er bis zu seinem letzten Augenblick ununterbrochen in eben dieser Gesellschaft. Die Sprache und Ausdrucksweise seiner Gespräche und Ansprachen waren allen wohlbekannt. Ein großer Teil davon ist noch heute in den Hadithen überliefert, sodass arabischsprachige Menschen später ohne Weiteres selbst erkennen können, wie dieser Anführer oder Wegweiser zu sprechen pflegte. Seine eigenen Landsleute waren schon damals eindeutig der Auffassung, und auch heute sind arabischsprachige Menschen der Auffassung, dass sich die Sprache und der Schreibstil dieses Buches deutlich von der Sprache und dem Schreibstil jenes Anführers, Muhammad (s.a.s.), unterscheiden. Selbst wenn er in einer seiner Ansprachen einen Teil dieses Buches rezitierte, war der Unterschied zwischen den beiden Sprachweisen völlig klar erkennbar. Die Frage lautet: Hat jemals irgendein Mensch auf der Welt vermocht oder könnte er vermögen, jahrelang fortwährend die Kunst vorzuführen, in zwei völlig verschiedenen Arten und Stilen zu sprechen, ohne dass jemals das Geheimnis gelüftet würde, dass diese beiden Arten des Sprechens von ein und derselben Person stammen? Gewiss kann es gelingen, eine solche Künstlichkeit zeitweilig und für kurze Zeit vorzutäuschen. Aber dies ununterbrochen dreiundzwanzig Jahre lang zu tun, ist ganz und gar unmöglich.
6. Dieser große Anführer sah sich während der Leitung der Bewegung immer wieder unterschiedlichen Situationen gegenüber. Über lange Zeit wurde er von seinen Nachbarn und Angehörigen seines eigenen Stammes dem Spott, der Verhöhnung, der Erniedrigung und grausamer Unterdrückung ausgesetzt. Mitunter wurden seine Gefährten so schwer verfolgt, dass sie gezwungen waren, das Land zu verlassen. Manchmal schmiedeten die Feinde einen Plan zu seiner Ermordung. Manchmal musste auch er das Land verlassen. Bisweilen musste er äußerste finanzielle Not ertragen. Mitunter musste er sich kriegerischen Auseinandersetzungen stellen, in denen es sowohl Siege als auch Niederlagen gab. Manchmal triumphierte er über die Feinde, und diejenigen, die ihn einst aufs Äußerste unterdrückt hatten, mussten sich ihm unterwerfen. Bisweilen erlangte er Herrschaft und Autorität – ein Glück, das nur wenigen zuteilwird. Wenn er unter all diesen Umständen aus eigener Person etwas sagte, traten darin die Gefühle und Erregungen hervor, die Menschen in solchen Situationen zu empfinden pflegen. Doch die Worte, die zu verschiedenen Zeiten auf der Grundlage der vom Herrn herabgesandten Offenbarung aus seinem Mund zu hören waren, erwiesen sich als völlig frei von menschlicher Gefühlsregung, und so sind sie auch heute noch. Kein noch so großer Kritiker kann auf irgendeine Stelle des Korans zeigen und behaupten, dass darin menschliche Gefühlsregungen wirksam seien.
7. Das umfassende und allumfassende Wissen, das sich in diesem Buch findet, war weder bei den Arabern, Römern, Griechen und Iranern jener Zeit zu finden, noch findet es sich bei irgendeinem der großen Gelehrten und Wissenschaftler des zwanzigsten Jahrhunderts. Heute geschieht es, dass jemand sein ganzes Leben dem Studium eines einzelnen Zweiges der Philosophie, der Naturwissenschaften oder der Sozialwissenschaften widmet und schließlich erkennt, dass dieses Buch am äußersten Rand jenes Wissenszweiges eine klare Antwort auf die betreffenden Probleme enthält. Diese Angelegenheit beschränkt sich nicht auf ein bestimmtes Wissensgebiet. Vielmehr gilt sie in gleicher Weise für alle Wissensgebiete, die mit dem Weltall und dem Menschen zusammenhängen. Wie kann man glauben, dass ein ungebildeter Mensch in der arabischen Wüste vor anderthalbtausend Jahren in jedem Bereich des Wissens über ein derart umfassendes Wissen verfügte und über jedes grundlegende Problem nachgedacht und eine klare, unwiderlegbare Antwort darauf gefunden hatte?
Obwohl es noch viele weitere Gründe für die Wunderhaftigkeit des Korans gibt, kann der Mensch allein durch Nachdenken und Forschen über diese wenigen Gründe erkennen, dass die Wunderhaftigkeit des Korans heute noch vielfach deutlicher ist, als sie zur Zeit seiner Offenbarung war, und dass sie, so Allah will, bis zum Tag der Auferstehung immer deutlicher werden wird. (67)
Obwohl nach allem, was oben dargelegt wurde, kein Raum für Zweifel daran bleibt, dass der Koran das Wort Allahs ist, bestand das Argument, auf das sich die Ungläubigen immer wieder beriefen, um ihn als ein von Menschen verfasstes Buch darzustellen, in Folgendem: Wenn dies wirklich das Wort Allahs wäre, wäre es vollständig auf einmal offenbart worden. Dass es uns von Zeit zu Zeit in kleinen Teilen vorgelegt werde, bedeute, dass es nach langem Nachdenken verfasst worden sei. Im Koran wird dieser Vorwurf entweder zitiert oder auf ihn hingewiesen, und in eindringlicher Sprache wird erklärt, warum er schrittweise offenbart wurde und welches tiefe Geheimnis in dieser schrittweisen Offenbarung liegt.
(Arabisch*******************)
Die Ungläubigen sagen: „Warum ist ihm der gesamte Koran nicht auf einmal offenbart worden?“ Ja, so geschah es, damit Wir ihn (o Prophet) fest in deinem Herzen verankern; und zu diesem Zweck haben Wir ihn in einer besonderen Ordnung in einzelne Teile gegliedert. Und (darin lag auch die Weisheit), dass Wir dir jedes Mal, wenn sie dir eine ungewöhnliche Frage stellten, zur rechten Zeit die genaue Antwort gaben und die Sache auf beste Weise erklärten. (Al-Furqan: 32–33)
Dies war ein besonders beliebter Vorwurf der Ungläubigen von Mekka. Sie hielten ihn für einen äußerst gewichtigen Vorwurf und wiederholten ihn immer wieder. Doch im Koran wurde dieser Vorwurf durch eine überzeugende Antwort vollständig widerlegt. Ihre Frage oder ihr Vorwurf bedeutete Folgendes: Wenn dieser Mann all diese Dinge nicht aus eigenem Nachdenken, durch Befragung anderer oder durch Abschreiben aus Büchern vortrug, sondern es sich tatsächlich um Gottes Buch handelte, warum war es dann nicht auf einmal und zur selben Zeit herabgesandt worden? Gott selbst weiß doch, was das Ganze ist, was Er ihnen mitteilen will. Wenn Er beabsichtigt hätte, es herabzusenden, hätte Er alles auf einmal herabgesandt. Dass nun nach Überlegung bald dies und bald jenes gesagt wird, ist ein deutlicher Beweis dafür, dass die Offenbarung nicht von oben kommt. Vielmehr wird sie irgendwo zusammengetragen oder eigenmächtig erdichtet und vorgelegt.
Als Antwort darauf werden zahlreiche Weisheiten dafür angeführt, dass der Koran nach und nach und in einzelnen Teilen herabgesandt wurde:
(1) Dies geschieht unter anderem, damit er mit jedem einzelnen Wort im Gedächtnis bewahrt wird. Denn seine Verkündung und Verbreitung erfolgt nicht in schriftlicher Form, sondern in Form mündlicher Ansprachen durch einen ungebildeten Propheten unter ungebildeten Zuhörern.
(2) Damit seine Lehre sich fest im Herzen verankert. Zu diesem Zweck ist es wirksamer, die Worte mit Unterbrechungen und in kleinen Abschnitten vorzutragen und denselben Gedanken auf verschiedene Weise darzustellen.
(3) Damit die Menschen ihre Aufmerksamkeit auf die von ihm vorgezeichnete Lebensweise richten. Zu diesem Zweck ist es wissenschaftlich sinnvoller, die Anweisungen und die Rechtleitung nach und nach herabzusenden. Würde man andernfalls alle Gesetze und die gesamte Lebensordnung zugleich darlegen und ihre Umsetzung anordnen, wären die Menschen ratlos. Darüber hinaus entspricht es der Wirklichkeit, dass sich die Weisheit und Lebenskraft jedes Gebots gut erkennen lassen, wenn es zur passenden Zeit ergeht. Werden dagegen sämtliche Anweisungen systematisch zusammengefasst und gleichzeitig gegeben, lässt sich dies nicht erkennen.
(4) Damit während der islamischen Bewegung, wenn der fortwährende Konflikt zwischen Wahrheit und Falschheit andauert, Mut sowie Begeisterung und Tatkraft im Propheten und seinen Anhängern geweckt werden. Statt ihnen nach einer einzigen ausführlichen Rechtleitung einfach die Auseinandersetzung mit dem Widerstand der ganzen Welt zu überlassen, ist es weit wirksamer, wenn von Gott wiederholt, von Zeit zu Zeit und zur rechten Zeit Botschaften eintreffen. In diesem zweiten Fall empfindet der Mensch, dass der Gott, der ihm diesen Auftrag gegeben hat, über ihn wacht, ihm in Not und Bedrängnis den Weg weist und sich bei jedem Bedarf an ihn wendet, wodurch Er die Beziehung zu ihm lebendig hält. Dadurch nehmen Begeisterung und Tatkraft zu und die Entschlossenheit wird gefestigt. Im ersten Fall glaubt der Mensch hingegen, dass nur er selbst da ist und ihn ringsum nichts als Sturm und Unwetter erwarten.
Schließlich wird noch eine weitere Weisheit der schrittweisen Herabsendung dargelegt. Der Anlass und die Art der Herabsendung des Edlen Korans bestehen nicht darin, dass Allah ein Buch mit Rechtleitung verfassen wollte und den Propheten zu seinem Agenten für dessen Verbreitung gemacht hätte. Wäre es so gewesen, dann wäre die Forderung berechtigt gewesen, das gesamte Buch zu verfassen und es dem Agenten vollständig zu übergeben. Tatsächlich besteht der Anlass seiner Herabsendung jedoch darin, dass Allah gegenüber Unglauben, Unwissenheit und Frevel eine Bewegung des Glaubens, des Islam, des Gehorsams und der Gottesfurcht ins Leben rufen wollte und dafür einen Propheten als Rufer und Führer auftreten ließ. Während diese Bewegung andauerte, übernahm Er einerseits die Verantwortung dafür, dem Führer und seinen Anhängern nach Bedarf Unterweisung und Rechtleitung zu geben; andererseits übernahm Er auch die Verantwortung dafür, die von den Gegnern vorgebrachten Ausreden und Einwände sowie von ihnen verursachte Zweifel und Verwirrung auszuräumen. Wenn jemand eine Aussage falsch auslegt, wird Er sie richtig erklären. Die Gesamtheit der Ansprachen, die von Allah zu solchen verschiedenen Anlässen herabgesandt wurden, trägt den Namen Koran. Er ist weder ein Gesetzbuch noch ein Buch über Charakterbildung oder Philosophie, sondern ein Buch der Bewegung. Die richtige und natürliche Weise seines Entstehens besteht darin, dass der Koran vom Beginn der Bewegung bis zu ihrem Ende, während sie fortschreitet, entsprechend der jeweiligen Zeit und den jeweiligen Erfordernissen fortlaufend herabgesandt wird. (68)
(Arabisch********************)
-Wenn Wir einen Vers durch einen anderen ersetzen – und Allah weiß am besten, was Er herabsendet –, sagen diese Leute: „Du hast diesen Koran selbst erdichtet.“ In Wahrheit kennen die meisten von ihnen die eigentliche Angelegenheit nicht. Sag ihnen: „Der Heilige Geist hat ihn nach und nach wahrheitsgemäß von meinem Herrn herabgebracht, damit Er den Glauben der Gläubigen festige, den Gehorsamen in den Angelegenheiten des Lebens den rechten Weg weise und ihnen frohe Botschaft von Wohl und Glück verkünde.“ (Nahl 101–102)
Die Herabsendung eines anderen Verses anstelle dieses Verses kann auch bedeuten, dass nach einer Vorschrift eine zweite Vorschrift gesandt wurde. Denn die Vorschriften des Korans wurden nach und nach herabgesandt; in derselben Angelegenheit wurden in Abständen von mehreren Jahren nacheinander zwei oder drei Vorschriften erlassen, etwa in Bezug auf den Wein oder die Strafe für Unzucht. Wir zögern jedoch, diese Bedeutung anzunehmen, weil die Sure Nahl in der mekkanischen Zeit herabgesandt wurde. Soweit wir wissen, liegt aus jener Zeit kein Beispiel für die schrittweise Herabsendung von Vorschriften vor. Deshalb verstehen wir hier unter „der Herabsendung eines anderen Verses anstelle eines Verses“ Folgendes: An verschiedenen Stellen des Korans wird ein und dieselbe Angelegenheit manchmal anhand eines Beispiels erläutert und manchmal durch ein anderes Beispiel verständlich gemacht. Bisweilen wird in derselben Angelegenheit eine zweite Seite hervorgehoben. Für dieselbe Sache wird einmal ein Argument und ein anderes Mal ein anderes Argument vorgebracht. Dieselbe Geschichte wird wiederholt erzählt, doch jedes Mal mit anderen Worten. Von einer Angelegenheit wird einmal die eine Seite dargelegt und ein anderes Mal ihre zweite Seite. Ein Gedanke wird zu einer Zeit kurz und zu einer anderen Zeit ausführlich dargelegt. Gerade dies betrachteten die Ungläubigen von Mekka als Beweis dafür, dass der Prophet Muhammad – Allah bewahre! – diesen Koran selbst verfasst habe. Ihre Argumentation lautete: Wenn die Quelle dieser Botschaft göttliches Wissen wäre, dann wären alle Aussagen auf einmal gemacht worden. Ist Allah etwa hinsichtlich des Wissens so begrenzt wie die Menschen, dass Er erst nachdenken und dann sprechen müsste? Dass Er nach und nach Informationen sammeln und, wenn eine Aussage sich als nicht zweckmäßig erweist, auf andere Weise sprechen müsste? All dies seien doch Schwächen menschlichen Wissens, die sich in deinen Worten zeigten.
Als Antwort wurde zunächst gesagt, dass dieses Buch von Allah durch den „Ruh al-Qudus“ gebracht werde. Die wörtliche Bedeutung von „Ruh al-Qudus“ ist reiner Geist oder heiliger Geist. Als Bezeichnung wurde dieser Titel Gabriel (Friede sei mit ihm) verliehen. An anderer Stelle (in der Sure asch-Schu’ara) werden für ihn die beiden Worte „Ruh al-Amin“ verwendet, das heißt: der treue Geist. Dadurch, dass hier nicht der Name des Engels genannt wird, der die Offenbarung überbringt, sondern sein Titel verwendet wird, werden die Zuhörer auf folgende Wahrheit aufmerksam gemacht: Diese Botschaft wird von einem Geist gebracht, der über menschliche Schwächen und Fehler erhaben ist. Er ist kein Verräter, der, nachdem Allah etwas herabgesandt hat, von sich aus etwas daran ändert und daraus etwas anderes macht. Er ist kein Lügner oder Verleumder, der selbst etwas verfasst und es Allah zuschreibt. Er ist auch kein unehrlicher oder gewinnsüchtiger Mensch, der zum eigenen persönlichen Vorteil täuschen und betrügen würde. Er ist vielmehr ein vollkommener, erhabener und heiliger Geist, der Allahs Botschaft mit vollkommener Treue übermittelt. Danach wird gesagt, dass der Grund dafür, dass er diese Botschaft nach und nach bringt und nicht alles auf einmal übermittelt, nicht etwa ein Mangel in Allahs Wissen ist, wie ihr es aufgrund eurer Unwissenheit glaubt. Vielmehr liegt der Grund darin, dass die menschliche Auffassungsgabe und Aufnahmefähigkeit begrenzt sind: Der Mensch kann nicht alles gleichzeitig verstehen, und selbst wenn er alles auf einmal verstünde, könnte er es nicht behalten. Daher erfordert Allahs Weisheit, dass der Ruh al-Qudus (Gabriel) diese Botschaft nach und nach bringt. Manchmal wird etwas kurz und manchmal ausführlich erklärt, manchmal auf eine Weise und manchmal auf eine andere. Manchmal wird eine bestimmte Darstellungsweise gewählt und manchmal eine andere. Es wird versucht, denselben Gedanken auf verschiedene Weise im Herzen zu verankern, damit Wahrheitssuchende mit unterschiedlichen Fähigkeiten und Kräften glauben können und nach ihrem Glauben ihr Wissen, ihr Vertrauen und ihr Verständnis gefestigt werden.
Als zweite Weisheit der schrittweisen Herabsendung des Korans wird genannt, dass denjenigen, die nach dem Glauben den Weg des Gehorsams beschreiten, die Führung, die sie bei der islamischen Verkündigung und in den verschiedenen Problemen des Lebens benötigen, zur jeweils passenden Zeit gegeben wird. Es ist richtig, dass es nicht sinnvoll sein kann, diese Anweisungen vor ihrer Zeit herabzusenden; ebenso wenig wäre es wirksam, alle Anweisungen gleichzeitig zu geben.
Die dritte Weisheit besteht darin, dass die Gehorsamen aufgrund der Hindernisse und des Widerstands, denen sie begegnen, und aufgrund der Art und Weise, wie man ihnen das Leben verbittert und unerträglich macht, sowie wegen der Berge von Gefahren, die ihnen auf dem Weg der islamischen Verkündigung entgegengestellt werden, immer wieder darauf angewiesen sind, durch frohe Botschaften ermutigt und der endgültige Erfolg ihnen zugesichert zu werden, damit sie hoffnungsvoll bleiben und nicht den Mut verlieren. (69)
Der Vorwurf, dass andere Leute den Koran verfassen und ihn dem Propheten übergeben
In Mekka erhoben die Ungläubigen – ganz im Gegensatz zu ihrem früheren Vorwurf – noch einen anderen Vorwurf dieser Art: Andere Leute würden dem Propheten beim Verfassen dieses Korans helfen. Er lasse schriftliche Geschichten aus alter Zeit abschreiben und trage sie ihnen vor. Und dies geschehe Tag und Nacht.
(Arabisch******************)
Diejenigen, die sich weigerten, die Worte des Propheten anzunehmen, sagen: „Dieser Qur’an ist eine Erdichtung, die dieser Mann selbst verfasst hat, wobei andere Leute ihm dabei geholfen haben.“ Damit sind sie zu einem Höchstmaß an Unrecht und einer ungeheuerlichen Lüge herabgesunken. Sie sagen: „Dies sind die Schriften der Alten, die ein Mann für ihn abschreiben lässt und die ihm morgens und abends vorgetragen werden.“ (O Muhammad (s.a.s.), sprich zu ihnen: „Nein, er wurde von Demjenigen herabgesandt, Der die Geheimnisse der Erde und der Himmel kennt.“ Wahrlich, Er ist überaus verzeihend und barmherzig.) (Al-Furqan: 4–6)
Ihre Behauptung lautete: Dieser Mann sei selbst ungebildet gewesen. Durch Studium könne er kein neues Wissen erwerben; zunächst habe er überhaupt nichts gelernt. Die Worte, die heute aus seinem Mund kommen, habe er bis zu seinem vierzigsten Lebensjahr nicht ein einziges Mal gekannt. Woher stammt also all dieses Wissen? Seine Quelle seien gewiss die Schriften einiger früherer Völker, deren Inhalt nachts übersetzt und abgeschrieben werde. Er lasse sie sich von jemandem vorlesen, merke sie sich dann und trage sie uns vor. Aus einigen Überlieferungen ist bekannt, dass sie in diesem Zusammenhang auch die Namen einiger gebildeter Einwohner Mekkas nannten. Einer von ihnen hieß Addas; er war der freigelassene Sklave von Huwaytib ibn Abd al-Uzza. Ein anderer war La’ab, der freigelassene Sklave von Ala ibn al-Hadrami. Der dritte war Jabr, der freigelassene Sklave von Amir ibn Rabi’a.
Auf den ersten Blick scheint dies eine sehr gewichtige Anschuldigung zu sein. Was könnte zur Widerlegung des Anspruchs auf Offenbarung gewichtiger sein, als die Quelle des Wissens des Propheten zu benennen? Doch zunächst wundert man sich, dass man auf eine derart schwerwiegende Anschuldigung keinerlei Beweis entgegensetzt, sondern die Angelegenheit lediglich mit den Worten beendet: „Ihr greift die Wahrheit an, sprecht offenkundiges Unrecht und entfesselt einen Sturm der Lüge – und dies ist doch die Botschaft Gottes, Der die Geheimnisse der Erde und der Himmel kennt.“
Die Frage ist: Warum wurde eine solche gewichtige Anschuldigung in jener äußerst widrigen Lage derart geringschätzig zurückgewiesen? Warum verlangten die Gegner keine ausführliche Antwort? Warum sagten sie nicht: „Unsere Anschuldigung wird einfach als Unrecht und Lüge abgetan“? Und warum entstand nach dieser Anschuldigung in den Herzen derjenigen, die neu zum Islam kamen, kein Zweifel?
Wenn man über das Umfeld in Mekka nachdenkt, in dem diese Anschuldigung erhoben wurde, findet man die Antwort auf diese Frage. Erstens wäre es für die tyrannischen Anführer Mekkas, die damals Muslime körperlich misshandelten und ihr Leben unerträglich machten, keineswegs schwierig gewesen, gegen diese Männer die Anschuldigung zu erheben, sie würden die Schriften der Alten übersetzen und dem Propheten Muhammad (s.a.s.) vortragen. Sie hätten ihre Häuser plötzlich umzingeln, all dieses Material herausholen und es der Öffentlichkeit vorlegen können. Sie hätten sie sogar genau in dem Augenblick ertappen können, in dem sie dem Propheten die Übersetzung vortrugen. Doch nicht ein einziges Mal taten sie dies, um einen Beweis für ihre Anschuldigung vorzulegen. Außerdem waren die Männer, deren Namen sie in diesem Zusammenhang nannten, Einwohner Mekkas. Ihre Fähigkeiten waren niemandem unbekannt. Kein vernünftiger Mensch hätte glauben können, dass diese Männer auch nur annähernd die Befähigung besaßen, ein Werk von der Qualität des Qur’an zu verfassen.
Außerdem waren diese Männer freigelassene Sklaven einiger Anführer der Stadt Mekka. Im Stammesleben Arabiens konnte ein Sklave auch nach seiner Freilassung ohne den Schutz seines früheren Herrn nicht überleben. Wie kann man sich da vorstellen, dass diese schwachen Männer es gewagt hätten, sich den Zorn ihrer Schutzherren zuzuziehen und sich in jener schrecklichen Atmosphäre von Unrecht und Verfolgung gemeinsam mit dem Propheten Muhammad (s.a.s.) – Gott bewahre – an einer Verschwörung zur Erfindung des Prophetentums zu beteiligen?
Noch erstaunlicher ist, dass die drei oben genannten Männer an den Propheten Muhammad (s.a.s.) glaubten und ihm dieselbe Achtung entgegenbrachten wie die übrigen ehrwürdigen Gefährten. Wegen ihres Glaubens wurden auch sie gemeinsam mit den anderen Gefährten verfolgt und misshandelt. Wer hätte unter diesen Umständen glauben können, dass diejenigen, die selbst an der Abfassung des Qur’an beteiligt gewesen wären, an eben diesen Qur’an und an denjenigen, der ihn überbrachte, glauben und für dieses „Verbrechen“ Verfolgung und Misshandlung ertragen würden? (70)
Ein erstaunliches Beispiel für die Halsstarrigkeit der Ungläubigen
Nachdem sie auf jede ihrer Einwände eine vernünftige Antwort erhalten hatten, nahm die Widerspenstigkeit der Ungläubigen eine geradezu neuartige Gestalt an. Sie sagten: Wir würden Muhammad, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, als Propheten anerkennen, wenn er uns den Koran fließend in einer Sprache vortragen würde, die er nicht kennt. Darauf wurde erwidert:
(Arabisch*)
-Wenn Wir ihn als einen nichtarabischen Koran herabgesandt hätten, würden diese Leute sagen: Warum sind seine Verse nicht klar dargelegt worden? Was für eine merkwürdige Sache: Die Rede ist in einer nichtarabischen Sprache, und sie richtet sich an Araber. Sag: Dieser Koran ist für die Gläubigen eine Rechtleitung und Heilung. Für diejenigen aber, die nicht glauben, ist er ein Pfropfen in den Ohren und eine Binde vor den Augen. Sie sind so, als würden sie aus weiter Ferne gerufen. (Hā-Mīm as-Sadschda: 44)
Dies war ein Beispiel für die Widerspenstigkeit, mit der man dem Propheten Muhammad, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, entgegentrat. Die Ungläubigen sagten: Muhammad ist ein Araber, und Arabisch ist seine Muttersprache. Wenn er den Koran auf Arabisch vorträgt, wie kann man dann glauben, dass er ihn nicht selbst verfasst hat, sondern dass er von Gott herabgesandt wurde? Seine Rede könne man erst dann als von Gott herabgesandte Rede anerkennen, wenn er beginne, fließend in einer Sprache zu sprechen, die er nicht kenne, etwa auf Persisch, Römisch oder Griechisch. Allah erwidert darauf: Nun ist der Koran in ihrer eigenen Sprache herabgesandt worden, sodass sie ihn verstehen können. Doch ihr Einwand lautet: Warum wurde dieser Koran durch einen Araber für die Araber in arabischer Sprache herabgesandt? Wäre er jedoch in einer anderen Sprache herabgesandt worden, hätten sie eingewandt: Wie merkwürdig! Inmitten der arabischen Nation wird ein Araber zum Gesandten gemacht, aber die Botschaft wird ihm in einer Sprache herabgesandt, die weder der Gesandte selbst noch seine Nation versteht. (71)
Es wurde nicht als ausreichend erachtet, lediglich ihren sinnlosen Protest zu widerlegen. Vielmehr wurde ihnen auch erklärt, dass es eine Gunst Allahs ist, dass Er in eurer eigenen Sprache ein Buch herabgesandt hat, das ihr gut verstehen und durch das ihr auch erkennen könnt, was wahr und was falsch ist.
(Arabisch******************)
Es ist vom gnädigen und barmherzigen Gott herabgesandt. Dies ist ein Buch, dessen Verse klar dargelegt worden sind: ein Koran in arabischer Sprache für diejenigen, die über Wissen verfügen. Er verkündet frohe Botschaft und warnt. Doch die meisten von ihnen weisen ihn zurück und wollen nicht zuhören. (Hā-Mīm as-Sadschda: 2–4)
Hier wird zunächst gesagt, dass diese Botschaft von Gott herabgesandt wird. Das heißt: Redet ruhig so lange Unsinn, wie ihr wollt, und behauptet, Muhammad (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) habe sie selbst verfasst; die Tatsache ist jedoch, dass diese Botschaft vom Herrn der Welten herabgesandt worden ist. Darüber hinaus werden die Zuhörer mit diesen Worten gewarnt: Wenn ihr nach dem Hören dieser Botschaft die Stirn runzelt, dann richtet sich dies nicht gegen den Propheten Muhammad (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm), sondern gegen Gott selbst. Wenn ihr sie zurückweist, weist ihr nicht die Worte eines Menschen zurück, sondern die Worte Gottes. Und wenn ihr euch von ihr abwendet, wendet ihr euch nicht von einem Menschen ab, sondern von Gott selbst.
Als zweite Aussage wird dargelegt, dass derjenige, der ihn herabgesandt hat, jener Gott ist, der Sich Seiner Schöpfung gegenüber überaus barmherzig erweist. Dass anstelle anderer Eigenschaften des herabsendenden Gottes gerade die Eigenschaft der Barmherzigkeit erwähnt wird, weist darauf hin, dass Er diese Botschaft herabgesandt hat, um der Forderung Seiner Barmherzigkeit und Gnade gerecht zu werden. Dadurch werden die Zuhörer gewarnt: Wenn jemand dieser Botschaft den Rücken kehrt, sie zurückweist oder ihr mit gerunzelter Stirn begegnet, so richtet er seine Feindschaft gegen sich selbst. Dies ist eine gewaltige Gabe, die Gott unmittelbar aus Seiner Barmherzigkeit zur Rechtleitung und zum Wohlergehen der Menschen herabgesandt hat. Hätte Gott Sich von den Menschen abgewandt, hätte Er sie umherirrend in der Finsternis zurückgelassen und Sich nicht darum gekümmert, in welche Höhle sie schließlich stürzen würden. Doch es gehört zu Seiner Gnade und Barmherzigkeit, dass Er es als Seine Pflicht erachtet, den Menschen neben der Erschaffung und Versorgung auch das Licht der Erkenntnis zu zeigen, damit sie ihr Leben richtig ordnen und lenken können. Auf dieser Grundlage hat Er diese Botschaft einem Seiner Diener herabgesandt. Wer könnte nun undankbarer und mehr sein eigener Feind sein als derjenige, der, anstatt diese Gelegenheit zu Seiner Barmherzigkeit zu nutzen, gegen sie zu kämpfen beginnt?
Als dritte Aussage wird dargelegt, dass die Verse dieses Buches klar erläutert worden sind. Das heißt, darin findet sich nichts so Unverständliches oder Kompliziertes, dass jemand seine Annahme mit der Begründung ablehnen könnte, er könne den Inhalt dieses Buches nicht begreifen. Darin wird ganz klar gesagt, was Wahrheit und was Falschheit ist, welcher Glaube richtig und welcher irrig ist, welches Verhalten gut und welches schlecht ist, was eine gute Tat und was eine schlechte Tat ist, und welcher Weg zum Wohlergehen und welcher zum Verderben des Menschen führt. Wenn jemand eine derart deutliche Rechtleitung zurückweist oder ihr keinerlei Interesse entgegenbringt, kann er keine Entschuldigung vorbringen. Das bedeutet eindeutig, dass er im Irrtum bleiben will.
Als vierte Aussage gilt, dass dies ein Koran in arabischer Sprache ist. Wäre dieser Koran in einer anderen Sprache herabgesandt worden, hätten die Araber als Entschuldigung vorbringen können, dass sie die Sprache, in der Gott dieses Buch herabgesandt hat, nicht beherrschten. Da es jedoch ihre eigene Sprache ist, konnten sie keine Ausrede dafür vorbringen, ihn nicht zu verstehen.
Als fünfte Aussage wird dargelegt, dass dieses Buch für diejenigen bestimmt ist, die Wissen besitzen. Das heißt, nur wissende Menschen können daraus Nutzen ziehen. Für Unwissende ist es ebenso nutzlos wie ein kostbarer Edelstein für jemanden, der den Unterschied zwischen Stein und Edelstein nicht kennt.
Als sechste Aussage gilt, dass dieses Buch frohe Botschaft verkündet und warnt. Es ist also nicht bloß eine Vorstellung, eine Philosophie oder ein Beispiel literarischer Gestaltung, bei dem es keine Folgen hätte, ob man es annimmt oder nicht. Vielmehr warnt es offen die ganze Welt, dass seine Annahme zu einem äußerst erfreulichen Ergebnis führen wird, seine Ablehnung hingegen zu einem höchst schrecklichen. Nur ein Tor kann ein solches Buch zurückweisen. (72)
Die Taktiken der Ungläubigen, die Verkündigung des Korans zu behindern
Nachdem die oben beschriebenen Machenschaften gescheitert waren, bestand ihre letzte Taktik darin, offen trotzig aufzutreten. Sie würden versuchen, die Verkündigung des Korans gewaltsam zu behindern. Während der Koran vorgetragen würde, sollte ein furchtbarer Tumult veranstaltet und von allen Seiten Spott und Hohn ausgestoßen werden. Der Koran hat diese Verhaltensweisen von ihnen einzeln geschildert, sodass jeder vernünftige Mensch erkannte, dass solche Ungläubigen auf Argumente keine Gegenargumente vorzubringen haben. Nun waren sie besiegt und entschlossen, durch Gewalt die Stimme der Wahrheit zum Schweigen zu bringen.
(Arabisch***************)
–Und sie sagten: Über dem, wozu du uns aufrufst, liegt eine Hülle. (Das heißt: Es gibt keinen offenen Weg bis zu unseren Herzen, und unsere Ohren sind verstopft. (Das heißt: Wir werden es nicht hören.)) Und zwischen dir und uns befindet sich ein Vorhang. (Das heißt: Wir sind voneinander getrennt.)
Darum geh du deiner eigenen Arbeit nach, und wir gehen der unseren nach. (Das heißt: Wir sind damit beschäftigt, dir Widerstand zu leisten.) (Hamīm as-Sadschda: 5)
(Arabisch********************)
–Wenn diese Ungläubigen die Ermahnungsbotschaft (den Koran) hören, scheint es, als würden sie dich mit ihren (zornblinden) Blicken zu Fall bringen. Sie sagen: Dieser Mann ist doch verrückt. Dabei ist dieser Mann eine Ermahnung für alle Welten. (al-Qalam: 51–52)
(Arabisch*******************)
–Diese Ungläubigen sagen: Hört niemals auf diesen Koran und verursacht mit Lärm Störungen, damit ihr vielleicht siegreich seid. (Hamīm as-Sadschda: 26)
(Arabisch*)
–O Prophet! Was ist mit den Ungläubigen, dass sie von rechts und links auf dich zugelaufen kommen? (Das heißt: Sie eilen herbei, um sich über dich lustig zu machen, nachdem sie den Klang der Koranrezitation gehört haben.) (73) (al-Maʿāriǧ: 36–37)
Der vierte Abschnitt
Der Aufruf zum Glauben an das Jenseits
Die vierte Grundlage des islamischen Aufrufs besteht im Glauben an das Jenseits. Dies ist keine einzelne, kurz gefasste Grundlage; vielmehr umfasst sie zahlreiche wichtige Themen. Die gemeinsame Bezeichnung für deren Anerkennung lautet Īmān bil-Āchira (Glaube an das Jenseits).
Erstens: Der Mensch wurde in dieser Welt nicht ohne Verantwortung zurückgelassen, sodass er tun könnte, was er wollte, ohne dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden. Vielmehr ist diese Welt ein Prüfungsfeld. Der Mensch wurde hierher geschickt, um geprüft zu werden. Für alles, was er hier tut, muss er sich anschließend vor Allah verantworten.
Zweitens: Allah der Erhabene hat für diese Rechenschaft einen bestimmten Zeitpunkt festgesetzt. Der Menschheit wurde für ihr Wirken in dieser Welt eine bestimmte Frist gewährt. Wenn diese abgelaufen ist, wird die Auferstehung eintreten und die gesamte Ordnung dieser Welt wird zusammenbrechen. Danach wird eine zweite Weltordnung errichtet. Alle Menschen, die vom Beginn der Schöpfung bis zur Auferstehung vergangen sind, werden zur selben Zeit wieder zum Leben erweckt und in jene neue Welt erhoben. Dieses zweite Leben wird nicht vorübergehend sein wie das gegenwärtige Leben in dieser Welt, sondern dauerhaft. Dort wird niemals der Tod eintreten.
Drittens: Zu jener Zeit werden alle früheren und späteren Menschen versammelt und vor das Gericht Allahs des Erhabenen gebracht. Dort muss jeder Einzelne persönlich für die Taten Rechenschaft ablegen, die er in eigener Verantwortung während seines Lebens in dieser Welt begangen hat.
Viertens: Obwohl Allah alles, was der Mensch in dieser Welt tut, unmittelbar weiß, lässt Er zur Erfüllung aller Bedingungen vollkommener Gerechtigkeit ein vollständiges und genaues Verzeichnis seiner Taten anfertigen. Unzählige Belege für jedes seiner Worte und jede seiner Handlungen werden durch die Engel gesammelt und aufbewahrt, ganz gleich, ob er sie offen oder heimlich begeht. Vielmehr werden auch die Beweise für die Absicht und den Willen, mit denen er etwas sagt, sowie für die Vorstellungen und Wünsche, die er in seinem Herzen hegt, aufbewahrt. Außerdem hat Allah der Erhabene auch Zeugen dafür geschaffen, dass dem Menschen Mittel gegeben worden waren, den Unterschied zwischen Wahrheit und Falschheit zu erkennen, und dass ihm eine irreführende Ordnung gegeben worden war. Diese Beweise werden vor dem Gericht Allahs des Erhabenen so vorgelegt werden, dass der Mensch sie nicht abstreiten kann.
Fünftens: Vor dem Gericht Allahs des Erhabenen werden keinerlei Bestechung, ungerechte und unzulässige Fürsprache oder eine der Wahrheit widersprechende Verteidigung gelten. Die Last des einen wird keinem anderen auferlegt werden. Kein vertrauter Freund und kein engster Verwandter wird die Last eines Freundes oder Verwandten auf seine eigenen Schultern nehmen. Jene wirklichen oder eingebildeten Wesen, die der Mensch für seine Beschützer und Helfer hält, werden ihm in keiner Weise nützen. Dort wird der Mensch ganz allein, ohne Freunde und ohne Helfer, selbst Rechenschaft über seine Taten ablegen.
Das letzte Wort ist, dass das Urteil ganz davon abhängen wird, ob der Mensch in dieser Welt, nachdem er die Wahrheit der Propheten angenommen hat, dementsprechend Allahs Gebote richtig befolgt hat oder nicht; ob er sein Leben im Bewusstsein der Rechenschaft im Jenseits geführt hat oder dies vergessend alles nur für diese Welt getan hat. Im ersten Fall ist für ihn das Paradies bestimmt, im zweiten die Hölle.
Diese Glaubenslehre vom Jenseits war für die islamische Daʿwa ebenso wichtig wie die Glaubenslehren vom Tauhid, von der Gesandtschaft und vom Glauben an den Edlen Koran. Denn kein Mensch kann auch nur einen Schritt auf dem Weg tun, zu dem der Islam durch die entsprechende Art des Denkens und Handelns aufrief und auf dem er zu wandeln aufforderte, solange er die Welt nicht als Prüfungsstätte und sich selbst als Allah gegenüber rechenschaftspflichtig betrachtet und solange nicht die Vorstellung aus seinem Herzen verschwunden ist, dass das Leben nur das Leben dieser Welt sei, in der die sichtbaren Ergebnisse der eigentliche Maßstab für Gut und Böse seien. Solange er nicht aufrichtig annimmt, dass das eigentliche und ewige Leben jenes ist, das nach dem Tod beginnt, und dass er auf dem Weg des Guten oder des Bösen einem guten oder schlechten Ausgang begegnen wird, kann er nicht auf dem rechten Weg wandeln. Ohne diese Glaubenslehre wird der Mensch die Daʿwa zum Tauhid, zur Gesandtschaft und zum Glauben an den Koran überhaupt nicht als annehmbar betrachten. Und selbst wenn er sie aus irgendeinem Grund annimmt, wird er sich in der Anbetung Allahs, im Gehorsam gegenüber dem Gesandten und in der Befolgung des Korans nicht aufrichtig zeigen. Denn wenn der Mensch glaubt, dass am Ende alle zu Staub zerfallen werden und es danach kein zweites Leben gibt, in dem für den Gehorsam gegenüber Allah, dem Gesandten und dem Koran unbedingt Belohnung und für den Ungehorsam Strafe zu erwarten ist, wird er sich niemals aufrichtig den Regeln und Grundsätzen unterordnen wollen, an die der Islam ihn binden möchte. Vielmehr wird er in jeder Angelegenheit des Lebens den Weg einschlagen, auf dem er in dieser Welt irgendeinen Vorteil oder Genuss erlangen kann, und jeden Weg meiden, durch den er des Genusses des weltlichen Lebens beraubt oder Schaden und Leid ausgesetzt würde.
Die Quraisch hielten das Jenseits für unvernünftig und unmöglich
Diese Bedeutung der Glaubenslehre vom Jenseits erklärt, weshalb die Quraisch und die Götzendiener Arabiens äußerst beunruhigt waren, als der Prophet (s.a.s.) ihnen diese Glaubenslehre vortrug. Sie erkannten, dass ihre gesamte Freiheit ein Ende finden würde, wenn sie sie annähmen. Selbst an einem abgelegenen Ort, an dem niemand sie sah, könnten sie nichts Verbotenes tun, das Allah und Sein Gesandter untersagt hatten. Sie meinten, diese Glaubenslehre würde ihnen auch dort die Hände binden, wo sie durchaus in der Lage waren, sich unrechtmäßige Vorteile oder Vergnügungen zu verschaffen. Diese Glaubenslehre würde hinter jedem von ihnen einen unsichtbaren Soldaten aufstellen, der ihnen keinesfalls erlauben würde, nach ihrem Belieben zu handeln. Deshalb begannen sie, sie aufs Heftigste zu bekämpfen. Mit Nachdruck versuchten sie unter den Menschen die Vorstellung zu verbreiten, was Muhammad (s.a.s.) sage, widerspreche völlig der Vernunft und sei unmöglich sowie wirklichkeitsfremd. Das sei geradezu Wahnsinn und eine lächerliche Behauptung. (74)
Die Vorstellung jener, die Zweifel am Jenseits hegten
Unter den Quraisch gab es auch eine kleine Gruppe, die sagte: „Wir vermuten zwar, dass es vielleicht ein Jenseits geben wird. Aber wir glauben nicht daran.“ Diese Gruppe wird im Koran nur an einer einzigen Stelle erwähnt, damit bekannt ist, dass es nur sehr wenige waren, die diese Vorstellung hegten.
(Arabisch***************)
Wenn gesagt wurde, dass Allahs Versprechen wahr sei und kein Zweifel daran bestehe, dass die Auferstehung stattfinden werde, sagtet ihr: „Wir wissen nicht, was die Auferstehung ist. Wir haben lediglich eine Vorstellung davon, aber wir glauben nicht daran.“ (Dschāthiya: 32)
Auf den ersten Blick besteht zwischen dieser Gruppe und den Leugnern des Jenseits insofern ein großer Unterschied, als jene das Jenseits völlig leugnen, während diese Gruppe seine Möglichkeit für denkbar hält. Hinsichtlich der Folgen und Konsequenzen besteht jedoch zwischen beiden kein Unterschied. Denn die moralische Folge sowohl der Leugnung des Jenseits als auch des fehlenden Glaubens daran ist dieselbe. Ob ein Mensch das Jenseits leugnet oder es zwar für möglich hält, aber nicht daran glaubt – in beiden Fällen wird er sich gewiss von dem Gefühl der Rechenschaftspflicht gegenüber Gott frei machen, und dieser Mangel an Verantwortungsbewusstsein wird ihn zwangsläufig in falsche Gedanken und Taten verwickeln. Nur der Glaube an das Jenseits kann das Verhalten des Menschen in dieser Welt richtig halten. Andernfalls werden sowohl Zweifel als auch Leugnung ihn zu einer gleichermaßen verantwortungslosen Lebensweise treiben. Da dieses verantwortungslose Verhalten die eigentliche Ursache der schrecklichen Folgen im Jenseits ist, kann weder der Leugner noch derjenige, der nicht daran glaubt, dem Eintritt in die Hölle entgehen. (75)
Die Vorstellungen der Leugner des Jenseits
Außer an dieser einen Stelle werden an allen übrigen Stellen im Koran die Aussagen der Leugner des Jenseits ausdrücklich wiedergegeben.
(Arabisch******************)
Diese Leute sagen: „Das Leben ist doch nur unser Leben in dieser Welt. Hier leben wir und hier sterben wir. Nichts außer dem Lauf der Zeit kann uns zugrunde richten.“ In Wahrheit verfügen sie über kein Wissen. Sie sagen all dies lediglich aufgrund von Vermutungen. Wenn ihnen unsere deutlichen Zeichen vorgetragen werden, haben sie keinen anderen Einwand als: „Wenn du wahrhaftig bist, dann bringe unsere Vorväter (wieder lebendig) hervor.“ (Dschāthiya: 24–25)
Das heißt, es gibt keine Erkenntnisquelle, durch die sie das sichere Wissen erlangt hätten, dass es nach diesem Leben kein zweites Leben für den Menschen gibt, und dass sie außerdem wüssten, dass die Seele des Menschen nicht auf Gottes Befehl hinweggenommen wird. Vielmehr sterbe der Mensch im Lauf der Zeit und werde vollständig ausgelöscht. Die Leugner des Jenseits äußern diese Aussagen nicht auf der Grundlage von Wissen, sondern lediglich aufgrund von Vermutungen. Vom Standpunkt der Vernunft aus können sie höchstens sagen: Wir wissen nicht, ob es nach dem Tod ein Leben gibt oder nicht. Keinesfalls können sie sagen: Wir wissen, dass es nach diesem Leben kein zweites Leben gibt.
Ebenso können sie aus vernünftiger Sicht nicht behaupten, zu wissen, dass die Seele des Menschen nicht auf Gottes Befehl hinweggenommen wird, sondern dass der Mensch einfach auf dieselbe Weise stirbt und endet, wie eine Uhr nach ihrem Weiterlaufen stehen bleibt. Sie können höchstens sagen: Wir wissen in Bezug auf keine der beiden Möglichkeiten, was tatsächlich geschieht.
Nun stellt sich die Frage: Wenn es nach dem Maßstab des menschlichen Wissens in gleicher Weise möglich ist, dass es nach dem Tod ein Leben gibt oder nicht gibt und dass die Seele hinweggenommen wird oder der Tod im Lauf der Zeit eintritt, welchen Grund kann es dann haben, dass sie die Möglichkeit des Jenseits aufgeben und sich mit Gewissheit für die Leugnung des Jenseits entscheiden? Welcher andere Grund kann dafür bestehen, als dass sie in Wirklichkeit nicht auf der Grundlage von Argumenten, sondern nach ihrem eigenen Verlangen entscheiden? Da sie nicht wünschen, dass es nach dem Tod ein Leben gibt und dass der Tod nicht Leere oder Nichtexistenz bedeutet, sondern den Übergang der Seele, machen sie das Verlangen ihres Herzens zu ihrer eigenen Glaubensüberzeugung und leugnen alles andere. (76)
(Arabisch****************)
– Sie sagen: Wenn wir mit der Erde vermischt und zu einem Skelett aus Knochen geworden sind, werden wir dann wieder zum Leben erweckt? Dieses Versprechen haben wir schon oft gehört, und auch unsere Vorväter vor uns haben es gehört. Das sind nichts anderes als alte Geschichten. (Muʾminūn: 81–82)
(Arabisch******************)
– Und wenn ihr euch wundern wollt, dann wundert euch über ihre Worte: „Wenn wir sterben und zu Erde werden, sollen wir dann wieder neu erschaffen werden?“ Das sind jene, die ihren Herrn verleugnet haben. (Raʿd: 5)
Das heißt: Ihre Leugnung des Jenseits und ihre Auffassung, es sei unmöglich, ist in Wirklichkeit eine Leugnung der Allmacht und Weisheit Allahs. Sie sagen nicht nur, dass eine erneute Erschaffung nach der Vermischung mit der Erde unmöglich sei; in ihren Worten liegt vielmehr auch die Vorstellung verborgen – Allah bewahre –, dass derjenige, der sie erschaffen hat, unfähig, schwach und unwissend sei. (77)
(Arabisch********************)
– Die Ungläubigen sagen zu den Menschen: „Sollen wir euch von einem Mann erzählen, der euch verkündet, dass ihr neu erschaffen werdet, wenn die kleinsten Teilchen eurer Körper zerstreut sind? Vielleicht erfindet dieser Mann Lügen über Allah, oder er ist von einem Dschinn besessen.“ (Saba: 7–8)
Die Anführer der Quraisch wagten es gewiss nicht, den Propheten Muhammad, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, einen Lügner zu nennen. Denn das ganze Volk kannte ihn als wahrhaftig. Während seines gesamten Lebens hatte niemand eine Lüge aus seinem Mund gehört. Deshalb trugen sie ihre Anschuldigung den Menschen gegenüber in folgender Form vor: „Wenn dieser Mann solche absurden Worte über ein Leben nach dem Tod von sich gibt, kann sein Zustand nur einer von zwei Möglichkeiten entsprechen: Entweder sagt dieser Mann – Allah bewahre – bewusst die Unwahrheit, oder er ist verrückt.“ Doch auch die Bezeichnung als verrückt war ebenso unbegründet wie die Bezeichnung als Lügner. Denn jeder gewissenlose Mensch kann einen Menschen mit völlig gesundem Verstand für verrückt halten. Aus diesem Grund hielt es Allah, der Erhabene, nicht für nötig, auf diese unsinnige Aussage ein Argument vorzubringen, sondern sprach nur als Antwort auf jene erstaunliche Behauptung, die sie über die Möglichkeit eines Lebens nach dem Tod äußerten. (78)
(Arabisch***************)
–Diese Leute sagen: „Sollen wir wirklich aus den Gräbern auferweckt werden, wenn wir zu verfallenen Knochengerippen geworden sind?“ Sie sagten: „Diese Rückkehr wäre ja äußerst verlustreich.“ (an-Nāziʿāt: 10–12)
Das heißt: Als ihnen gesagt wurde: „Ja, genau so wird es sein“, begannen sie spöttisch zueinander zu sagen: „Ach, Bruder, wenn wir tatsächlich wieder lebendig zurückkehren müssen, dann sind wir wahrhaftig verloren. Danach gibt es für uns keinerlei Wohlergehen mehr.“ (79)
(Arabisch*****************)
–Und sie pflegten zu sagen: „Wenn wir gestorben und mit der Erde vermischt sein werden und nur noch Knochengerippe übrig bleiben, sollen wir dann wieder auferweckt und aufgerichtet werden? Sollen auch unsere Vorväter, die schon vor langer Zeit dahingegangen sind, auf diese Weise auferweckt werden?“ (O Prophet,) sag ihnen: „Gewiss, alle früheren und späteren Menschen werden eines Tages versammelt werden, zu einer festgesetzten Zeit.“ (al-Wāqiʿa: 47–50)
Rationale Beweise für die Möglichkeit des Jenseits
Aus den an verschiedenen Stellen im Heiligen Koran dargelegten Argumenten, die im Zusammenhang mit den Aussagen der Leugner des Jenseits zur Rechtfertigung ihrer Leugnung angeführt werden, geht hervor, dass das Eintreten des Jenseits durchaus möglich ist. Nicht an seine Möglichkeit zu glauben, sondern es für unmöglich zu halten, widerspricht vielmehr der Vernunft.
(Arabisch*****************)
–Sieht der Mensch etwa nicht, dass Wir ihn aus einem Tropfen Samen erschaffen haben, woraufhin er zu einem streitsüchtigen Widersacher wurde? Nun führt er Uns Gleichnisse an und vergisst dabei seine eigene Erschaffung. Er sagt: „Wer wird diese vermorschten und zerfallenen Knochen wieder zum Leben erwecken?“ Sag: „Derjenige wird sie wieder zum Leben erwecken, der sie zum ersten Mal erschaffen hat; und Er weiß über jede Art der Schöpfung bestens Bescheid.“ (Yasin: 77–79)
Das heißt, er vergisst, dass Wir aus lebloser Materie den ursprünglichen Keim (MICRO) erschaffen haben, der zum Mittel seiner Erschaffung wurde. Danach wurde dieser Keim gehegt und gepflegt und ihm eine so vollkommene Gestalt verliehen, dass er heute fähig ist, vor Uns Wortkaskaden auszustoßen. Sie halten Uns im Allgemeinen für ebenso unfähig zur Erschaffung wie sich selbst. Sie unterliegen dem Irrtum, dass Wir ebenso wenig wie der Mensch die Toten wieder zum Leben erwecken können. Deshalb sagen sie: „Wer wird diese zerfallenen Knochen wieder zum Leben erwecken?“
Es wird von Hadhrat Ibn Abbas (ra), Qatada (r) und Said ibn Dschubair (r) überliefert, dass einmal in Mekka ein Mann aus den Reihen der Quraisch vom Friedhof einen zerfallenen Knochen eines Verstorbenen mitbrachte. Er zerbröselte ihn vor dem Propheten (saw), ließ ihn in den Wind fliegen und sagte: „Muhammad (saw), du behauptest, dass die Toten wieder zum Leben erweckt werden. Nun sag mir: Wer wird diese zerfallenen Knochen wieder zum Leben erwecken?“
Die kurze und überzeugende Antwort darauf lautete: Derjenige, der ihn zum ersten Mal erschaffen hat, wird ihn erneut zum Leben erwecken. (80)
(Arabisch***************)
–Sie sagen: „Wenn wir nur noch Knochen und Erde geworden sind, sollen wir dann etwa aufs Neue erschaffen und auferweckt werden?“ Sag zu ihnen: „Möget ihr zu Steinen oder Eisen werden oder zu irgendeinem noch härteren Stoff, von dem ihr glaubt, dass Leben darin völlig ausgeschlossen sei – dennoch werdet ihr wieder zum Leben erweckt werden.“ Sie werden gewiss fragen: „Wer wird uns wieder zum Leben zurückbringen?“ Erwidere: „Derjenige, der uns zum ersten Mal erschaffen hat.“ Sie werden darauf spöttisch mit den Köpfen wackeln und sagen: „Wann wird das geschehen?“ Sag: „Was ist daran verwunderlich? Vielleicht steht diese Zeit schon sehr nahe bevor.“ An dem Tag, an dem Er euch ruft, werdet ihr Seinen Ruf beantworten und unter Seinem Lobpreis hervorkommen, und ihr werdet meinen: „Wir sind nur eine ganz kurze Zeit in diesem Zustand gewesen.“ (Bani Israil: 49–52)
Das heißt, den Zeitraum vom Eintritt des Todes in dieser Welt bis zur Auferstehung am Tag der Auferstehung werdet ihr für nicht länger als einige Stunden halten. Dann werdet ihr meinen: „Wir lagen in einem langen Schlaf. Plötzlich hat uns der Lärm auf dem Versammlungsplatz der Auferstehung geweckt.“ (81)
(Arabisch****************)
Der Mensch sagt: Wird man uns wirklich nach unserem Tod wieder lebendig hervorbringen? Erinnert sich der Mensch denn nicht daran, dass Wir ihn zuerst erschaffen haben, als er noch nichts war?
(Arabisch********************)
O ihr Menschen! Wenn ihr in Bezug auf das Leben nach dem Tod irgendeinen Zweifel hegt, dann solltet ihr wissen, dass Ich euch aus Erde erschaffen habe, dann aus einem Samentropfen, dann aus einem Blutklumpen und schließlich aus einem Fleischklumpen, der gestaltet oder ungestaltet ist. (Dies sage Ich,) damit Ich euch die Wahrheit deutlich machen kann. Und Wir lassen, was Wir von den Samentropfen wollen, bis zu einer bestimmten Zeit im Mutterleib verweilen. Dann bringen Wir euch als Kind hervor. (Wir ziehen euch auf,) damit ihr das Erwachsenenalter erreicht. Manche von euch werden schon vorher abberufen, während andere in das hinfälligste Lebensalter zurückgeführt werden, sodass sie nach all ihrem Wissen nichts mehr wissen. Du siehst, dass die Erde trocken daliegt. Doch sobald Wir Regen auf sie herabkommen lassen, wird sie lebendig, blüht auf und bringt allerlei schöne Pflanzen hervor. (Al-Hadsch: 5)
Die Erschaffung aus Erde bedeutet zum einen, dass jeder Mensch aus den Bestandteilen erschaffen wird, die aus der gesamten Erde gewonnen werden, und dass der Beginn der Schöpfung aus einem Samentropfen erfolgt. Oder der Anfang des Menschengeschlechts wurde mit Adam (a.s.) gemacht, der unmittelbar aus Erde erschaffen wurde. Die Abstammungslinie der nachfolgenden Generationen des Menschengeschlechts begann mit dem Samentropfen. So heißt es in der Sure as-Sadschda:
(Arabisch******************)
Er begann die Erschaffung des Menschen aus Lehm. Dann setzte Er seine Nachkommenschaft aus etwas fort, das wie minderwertiges Wasser ist. (As-Sadschda: 7–8)
In beiden Fällen steht fest, dass der lebendige Mensch durch die Zusammenfügung lebloser, stofflicher Bestandteile erschaffen wird. Nachdem diese Wahrheit dargelegt worden ist, wird auf jene verschiedenen Entwicklungsstufen hingewiesen, durch die die Empfängnis zustande kommt und das Kind im Mutterleib Halt findet. Eine ausführliche Darstellung dessen, was heute mit leistungsstarken Mikroskopen sichtbar gemacht werden kann, wird nicht gegeben. Stattdessen werden jene großen und markanten Veränderungen erwähnt, von denen damals sogar die einfachen Beduinen Kenntnis hatten. Das heißt: Nachdem der Samentropfen sich festgesetzt hat, nimmt er zunächst die Gestalt eines geronnenen Blutklumpens an. Danach verwandelt er sich in einen Fleischklumpen, der anfangs noch keine Gestalt besitzt. Später werden die menschlichen Züge immer deutlicher. Da diese Vorgänge der menschlichen Entwicklung in ihren verschiedenen Stadien bei Fehlgeburten beobachtet werden konnten, wird auf sie hingewiesen. Danach wird die Beantwortung der Frage dem eigenen Verstand und Gewissen des Menschen überlassen: Wie könnte es für den Gott, der den Menschen auf diese Weise erschafft und ihn wachsen lässt, unmöglich sein, ihn ein zweites Mal zu erschaffen? (82)
(Arabisch****************)
Und diese Menschen sagen: Wenn wir mit der Erde vermischt worden sind, werden wir dann wieder neu erschaffen werden?
Die eigentliche Tatsache ist, dass sie die Begegnung mit ihrem Herrn leugnen. Sprich zu ihnen: Der Todesengel, der für euch bestimmt ist, wird euch vollständig in seine Obhut nehmen; danach werdet ihr zu eurem Herrn zurückgebracht werden. (As-Sadschda: 10–11)
Zwischen dem ersten und dem letzten Satz liegt eine vollständige Argumentationskette, die dem Denken des Zuhörers überlassen wurde. Der Einwand der Ungläubigen, der im ersten Satz angeführt wird, ist so sinnlos, dass man es nicht für nötig hielt, ihn zu widerlegen. Man hielt es offenbar für ausreichend, ihn lediglich anzuführen, um seine Sinnlosigkeit sichtbar zu machen. Denn beide Teile, aus denen ihr Einwand besteht, sind völlig unvernünftig. „Wir werden mit der Erde vermischt werden“ – was kann diese Aussage bedeuten? Wann wird dasjenige, was mit dem Wort „wir“ bezeichnet wird, mit der Erde vermischt? Mit der Erde vermischt sich nur der Körper, aus dem das „Wir“ herausgeht. Dieser Körper heißt doch nicht „Wir“. Wenn zu Lebzeiten die Gliedmaßen dieses Körpers abgetrennt werden und ein Körperteil nach dem anderen abgeschnitten wird, bleibt das „Wir“ dennoch vollständig an seinem jeweiligen Ort bestehen. Kein Teil des „Wir“ geht mit einem abgetrennten Körperteil fort. Und wenn dieses „Wir“ aus einem Körper herausgeht, besteht zwar der gesamte Körper weiter, doch das „Wir“ hat nicht die geringste Beziehung mehr zu ihm. Deshalb begräbt ein hingebungsvoller Liebender den Leichnam seines Geliebten. Denn sein Geliebter ist aus diesem Körper herausgegangen. Der Liebende begräbt daher nicht seinen Geliebten, sondern diesen leeren Körper, in dem sein Geliebter gewohnt hatte. Somit erwies sich bereits der erste Teil des Einwands als gegenstandslos. Nun bleibt sein zweiter Teil: „Werden wir etwa neu erschaffen werden?“
Diese Leugnung und diese erstaunliche Frage wären überhaupt nicht aufgekommen, wenn der Fragende vor seiner Frage auch nur einen Augenblick über dieses „Wir“ und die Bedeutung seiner Erschaffung nachgedacht hätte. Was kann die gegenwärtige Erschaffung dieses „Wir“ anderes sein, als dass man von hier Kohle, von dort Eisen, von anderswo Kalk und andere derartige Bestandteile zusammentrug und dieses „Wir“ im aus Erde bestehenden Körper seinen Wohnsitz nahm? Und was geschieht nach seinem Tod? Wenn das „Wir“ diesen Körper aus Erde oder dieses Haus verlässt, kehren alle Bestandteile, die für den Bau seines Hauses aus verschiedenen Teilen der Erde zusammengetragen worden waren, eben zu dieser Erde zurück. Die Frage lautet: Kann derjenige, der diesem „Wir“ zuerst aus jenen Bestandteilen oder jenem Material ein Haus gebaut hat, nicht ein zweites Mal aus denselben Bestandteilen jenes Haus errichten und es darin neu ansiedeln? Wenn diese Handlung zunächst möglich war – ja, nicht nur möglich war, sondern tatsächlich verwirklicht wurde –, was könnte dann ihrer Möglichkeit und ihrer tatsächlichen Verwirklichung ein zweites Mal im Wege stehen? Das ist etwas, was jeder bei geringfügigem Gebrauch seines Verstandes selbst verstehen kann. Warum aber lässt er sein Wissen und seinen Verstand nicht in diese Richtung arbeiten? Welchen Grund kann es dafür geben, dass er ohne jedes Nachdenken derartige Einwände gegen das Leben nach dem Tod und das Jenseits erhebt? Unter Auslassung aller dazwischenliegenden Erörterungen beantwortet Allah der Erhabene diese Frage im zweiten Satz so: „In Wirklichkeit leugnen sie die Begegnung mit ihrem Herrn.“ Das heißt: In Wahrheit geht es nicht darum, dass eine zweite Erschaffung eine gewaltige und unmögliche Angelegenheit wäre, die sie nicht begreifen könnten. Vielmehr hält sie ihr Wunsch davon ab, dies zu erkennen: dass sie sich überall auf der Welt ungezügelt bewegen, sich nach Herzenslust dem Sündigen hingeben und ungehindert von hier fortgehen können, ohne dass sie danach jemand zur Rechenschaft zieht oder von ihnen Rechenschaft über ihre Taten verlangt.”
Dann wird gesagt, dass das Haus, in dem euer „Wir“ gewohnt hat, gewiss mit der Erde vermischt werden wird. Das „Wir“ selbst aber wird nicht mit der Erde vermischt werden. Sobald vielmehr die ihm gewährte Frist zum Handeln abgelaufen ist, wird von Allahs Seite der Todesengel kommen, es aus dem Körper herausnehmen und vollständig in seine eigene Obhut nehmen. Nicht der geringste Teil davon wird zusammen mit dem Körper in die Erde gelangen können. Es wird vollständig in Verwahrung genommen (CUSTODY) und seinem eigenen Herrn vorgeführt werden.
Dieser kurze Vers beleuchtet zahlreiche Sachverhalte. Es genügt nicht, ihn nur oberflächlich (CURSORY) zu betrachten. Die folgenden Punkte verdienen besondere Beachtung:
1. Hier wird ausführlich dargelegt, dass der Tod nicht einfach so eintritt, wie eine Uhr, die nicht aufgezogen wurde und deshalb während ihres Laufens plötzlich stehen bleibt. Vielmehr hat Allah, der Erhabene, für diese Aufgabe einen besonderen Engel eingesetzt. Er nimmt die Seele ordnungsgemäß in Besitz, genau so, wie ein staatlicher Steuereinnehmer oder Vermögensverwalter (OFFICIAL RECEIVER) etwas in seine Obhut nimmt. Aus den zusätzlichen Darstellungen, die der Koran an verschiedenen Stellen hierzu gibt, erfahren wir, dass dem Todesengel eine vollständige Schar von Bediensteten untersteht. Sie bewirken den Tod, führen die Seelen aus den Körpern heraus und nehmen sie anschließend in ihre Obhut. Ihr Verhalten gegenüber den rechtschaffenen Seelen wird anders sein als ihr Verhalten gegenüber den schuldigen Seelen. Für eine ausführliche Darstellung siehe Sure an-Nisa, Vers 97; al-An’am, Vers 93; an-Nahl, Vers 28; al-Waqi’a, Verse 83–94.
2. Daraus lässt sich auch erkennen, dass der Mensch durch den Tod nicht aufhört zu existieren. Vielmehr bleibt seine Seele bestehen, nachdem sie vom Körper getrennt worden ist. Die Worte des Korans – „Der Todesengel wird euch vollständig in seine Obhut nehmen“ – weisen auf diese Wahrheit hin. Denn etwas, das nicht existiert, kann nicht in Obhut genommen werden. Etwas in Obhut zu nehmen bedeutet ja gerade, dass es, sobald es in Obhut genommen wurde, beimjenigen vorhanden bleibt, der es in seine Obhut genommen hat.
3. Ferner lässt sich erkennen, dass das, was im Augenblick des Todes in Besitz genommen wird, durch die auf das menschliche biologische Wesen bezogenen Wörter „ich“, „wir“, „du“ und „ihr“ zum Ausdruck gebracht wird. Dieses „Ich“ wird, welche Art von Persönlichkeit es auch durch seine Taten in dieser Welt erworben haben mag, vollständig und unverändert herausgelöst, ohne irgendeine Minderung oder Mehrung seiner Eigenschaften, und nach dem Tod seinem Herrn (Allah) vorgeführt. Eben diesem wird im Jenseits ein neues Leben und ein neuer Körper gegeben. Gegen eben dieses Ich wird Anklage erhoben, von ihm wird Rechenschaft über seine begangenen Taten verlangt, und eben ihm werden Strafe oder Belohnung zuteil. (83)
(Arabisch****************)
– Frag sie einmal: Ist es schwieriger, diese zu erschaffen, oder jene Dinge, die Ich erschaffen habe? Wir haben sie aus klebrigem Lehm erschaffen. (as-Saffāt: 11)
Dies war die Antwort auf den Zweifel der Ungläubigen von Mekka, den sie hinsichtlich des Jenseits vorbrachten. Sie waren der Ansicht, das Jenseits sei unmöglich, weil es unmöglich sei, einen Toten ein zweites Mal zu erschaffen. Um die Möglichkeit des Jenseits zu begründen, stellte Allah, der Erhabene, ihnen zunächst diese Frage: In euren Augen ist es eine äußerst schwierige Aufgabe, einen Toten ein zweites Mal zu erschaffen, und eurer Meinung nach fehlt Uns die Kraft dazu. Sagt also: Ist es etwa eine leichte Aufgabe, diese Erde und den Himmel sowie die unzähligen Dinge zwischen Himmel und Erde zu erschaffen? Wo sind euer Wissen und euer Verstand abhandengekommen, dass ihr von dem Schöpfer denkt, die Erschaffung dieses gewaltigen Universums sei für Ihn keine schwierige Aufgabe gewesen, während ihr über Denjenigen, der euch einmal erschaffen hat, glaubt, Er sei unfähig, euch ein zweites Mal zu erschaffen? Dann sagt Er, dass der Mensch ja nichts so Gewaltiges ist. Er wurde aus Erde erschaffen und kann aus eben dieser Erde erneut erschaffen werden. Alle Bestandteile seiner Existenz wurden der Erde entnommen. Der Same, aus dem er erschaffen wird, entsteht aus Nahrung. Von der Zeit der Empfängnis bis zu seinem Tod wird sein ganzes Wesen aus den Bestandteilen der Mischstoffe (INGREDIENTS) gebildet, die sämtlich aus der Nahrung gewonnen werden. Ob diese Nahrung tierischen oder pflanzlichen Ursprungs ist – ihre Quelle ist jene Erde, die sich mit Wasser vermischt und eine solche Kraft ansammelt, dass sie für die Ernährung des Menschen Getreide, Gemüse und Früchte hervorbringt und jene Tiere ernährt, deren Milch und Fleisch der Mensch verzehrt. Die Grundlage dieses Arguments ist: Wenn diese Erde nicht fähig wäre, Leben aufzunehmen, wie könntet ihr heute lebendig existieren? Und wenn es heute möglich ist, in ihr Leben entstehen zu lassen – wofür eure eigene Existenz selbst ein klarer Beweis der Möglichkeit ist –, warum sollte es dann künftig nicht möglich sein, euch ein zweites Mal aus dieser Erde zu erschaffen? (84)
(Arabisch****************)
Die Erschaffung des Himmels und der Erde ist eine weit schwierigere Aufgabe als die Erschaffung des Menschen. Doch die meisten Menschen wissen es nicht. (al-Muʾminūn: 57)
Dies ist die Antwort auf die Vorstellung der Ungläubigen, der Mensch werde nach dem Tod wieder zum Leben erweckt – dies sei eine unmögliche Sache. Es wird gesagt, dass diejenigen, die so etwas behaupten, in Wirklichkeit töricht sind. Wenn sie mit etwas Verstand und Vernunft darüber nachdächten, wäre es für sie nicht schwer zu erkennen, dass es für Denjenigen, der dieses gewaltige, riesige Reich der Natur erschaffen hat, keineswegs schwierig ist, den Menschen ein zweites Mal zu erschaffen. (85)
(Arabisch**************)
Ist es etwa schwieriger, euch zu erschaffen, oder den Himmel zu erschaffen? Allah hat ihn erschaffen. (An-Nāziʿāt: 27)
Mit dem Erschaffen ist hier gemeint, den Menschen ein zweites Mal zu erschaffen, und mit dem Himmel ist die gesamte obere Welt gemeint. In ihr befinden sich unzählige Planeten und Sterne, zahllose Sonnensysteme und Galaxien. Eure Auffassung ist, dass ihr ein zweites Leben nach dem Tod für unmöglich haltet und immer wieder sagt: Wie kann es möglich sein, dass, wenn unser Skelett vollständig zerfallen und verwest ist, diese verstreuten und zerstreuten Teile des Körpers wieder zusammengefügt und mit Leben erfüllt werden? Habt ihr darüber nachgedacht, ob es schwieriger ist, dieses gewaltige, unermessliche Reich der Natur zu erschaffen, oder euch nach eurer Erschaffung in dieser Gestalt ein zweites Mal in eben dieser Gestalt zu erschaffen? Wie könnte diese Aufgabe für denjenigen, für den die Erschaffung all dessen keine schwierige Sache war, so schwierig sein, dass Er sie nicht vollbringen könnte? (86)
(Arabisch****************)
Und sie sagen: Das ist nichts als offenkundige Zauberei. Wie kann es denn sein, dass wir sterben, zu Staub zerfallen und nur noch Skelette übrig bleiben? Werden wir dann wieder zum Leben erweckt und aufgerichtet? Und auch unsere früheren Vorväter – werden auch sie auferweckt? Sag ihnen: Ja, und ihr werdet Allah gegenüber völlig hilflos sein. Dann wird nur ein einziger Stoß erfolgen, und plötzlich werden sie mit eigenen Augen all das sehen, was ihnen angekündigt wird. Zu jener Zeit werden sie sagen: Wehe uns! Das ist ja der Tag des Gerichts! (As-Sāffāt: 15–20)
Ihre Aussage war: Das ist doch die Rede von einer Zauberwelt. Gibt es etwa eine solche Zauberwelt, von der dieser Mann erzählt, in der die Toten wieder lebendig werden, ein Gericht abgehalten wird, das Paradies erschaffen wird und die Qual der Hölle stattfindet? Mit ihren Worten könnten sie auch gemeint haben: Dieser Mann redet Dinge, die beweisen, dass ihn jemand verzaubert hat, weshalb ein vernünftiger Mensch solche Aussagen macht. Darauf wurde erwidert: Ja, so wird es sein. Ihr seid Allah gegenüber hilflos. Er kann euch zu allem machen, was Er will. Als Er es wollte, habt ihr allein durch Seinen Wink Dasein erlangt. Wenn Er es will, werdet ihr durch Seinen einzigen Wink sterben; und wenn Er es dann will, werdet ihr durch Seinen Wink auferweckt und aufgerichtet werden. Wenn die Zeit dafür gekommen ist, wird es keine gewaltige, langwierige Aufgabe sein, die Welt erneut entstehen zu lassen. Ein einziger Stoß und eine einzige Erschütterung werden genügen, um die Schlafenden zu wecken. Das Wort „Stoß“ oder „heftiges Schütteln“ ist hier bedeutungsvoll. Dadurch entsteht vor unseren Augen ein Bild vom Leben nach dem Tod: Alle, die seit dem Beginn der Menschheit bis zum Tag der Auferstehung gestorben waren, lagen gleichsam im Schlaf. Plötzlich ruft jemand in tadelndem Ton: „Steht auf!“ Und im selben Augenblick stehen alle auf. (87)
(Arabisch*****************)
(Diese Leute glauben nicht an das Jenseits.) Schauen sie denn nicht auf die Kamele, wie sie erschaffen wurden? Und auf den Himmel, wie er emporgehoben wurde? Und auf die Berge, wie sie festgefügt wurden? Und auf die Erde, wie sie ausgebreitet wurde? (Al-Ghāschiya: 17–20)
Wenn diese Leute also von den Dingen des Jenseits hören und sagen, wie all dies geschehen könne, haben sie dann jemals die Welt um sich herum betrachtet und darüber nachgedacht, wie das Kamel erschaffen wurde, wie dieser Himmel so hoch emporgehoben wurde, wie die Berge errichtet wurden und wie die Erde ausgebreitet wurde? Wenn all dies möglich ist und nach seiner Entstehung tatsächlich vor ihren Augen besteht, warum sollte dann die Auferstehung nicht möglich sein? Warum sollte im Jenseits keine zweite Welt erschaffen werden können? Warum sollten auch Hölle und Paradies nicht erschaffen werden können? Es ist das Verhalten eines törichten und achtlosen Menschen, dass er nach dem Öffnen seiner Augen in dieser Welt bei den Dingen, die er vor sich sieht, denkt, ihre Existenz sei selbstverständlich möglich; bei den Dingen aber, die noch nicht in seine Beobachtung und Erfahrung eingegangen sind, schließt er die Augen und sagt, sie seien unmöglich. Wenn er Verstand besitzt, sollte er darüber nachdenken, wie all das, was existiert, überhaupt ins Dasein gelangt ist. Wie wurde dieses Kamel mit all den Eigenschaften erschaffen, die ein solches Tier für die Bewohner der arabischen Wüste benötigten? Wie wurde dieser Himmel erschaffen, in dessen Atmosphäre sich Luft zum Atmen befindet, dessen Wolken Regen bringen, dessen Sonne das Tageslicht und die Wärme liefert und dessen Mond und Sterne in der Nacht funkeln? Wie wurde diese Erde zu einem Lager, auf dem die Menschen leben, dessen Ernten all ihre Bedürfnisse decken und von dessen Quellen und Brunnen ihr Leben abhängt? Wie wurden diese Berge auf der Erde emporgehoben, festgefügt und mit verschiedenfarbigen Böden und Gesteinen sowie unterschiedlichen Arten mineralischer Bodenschätze ausgestattet? Ist all dies etwa ohne die kunstvolle Gestaltung eines mächtigen, weisen Schöpfers entstanden? Kein nachdenkender und verständiger Mensch kann diese Frage verneinen. Wenn er nicht starrsinnig und aufsässig ist, muss er anerkennen, dass jedes dieser Dinge unmöglich wäre, wenn nicht ein überaus mächtiges und weises Wesen sie möglich gemacht hätte. Und wenn durch die Macht eines Mächtigen all diese Dinge der Welt möglich wurden, gibt es keinen Grund, das, dessen künftiges Entstehen angekündigt wird, für unmöglich zu halten. (88)
أَلَمْ يَكُ نُطْفَةً مِنْ مَنِيٍّ يُمْنَى – ثُمَّ كَانَ عَلَقَةً فَخَلَقَ فَسَوَّى – فَجَعَلَ مِنْهُ الزَّوْجَيْنِ الذَّكَرَ وَالْأُنْثَى – أَلَيْسَ ذَلِكَ بِقَادِرٍ عَلَى أَنْ يُحْيِيَ الْمَوْتَى-( القيامة-40)
– War er nicht ein Tropfen verächtlichen Samens, der ausgestoßen wurde? Dann wurde er zu einem Blutklumpen, woraufhin Allah ihn erschuf und seine Glieder wohlgestaltete. Aus ihm machte Er zwei Arten von Menschen: den Mann und die Frau. Ist Er etwa nicht fähig, die Toten wieder lebendig zu machen? (Al-Qiyāma: 40)
Dies ist ein weiteres Argument für die Möglichkeit des Lebens nach dem Tod, das den Leugnern vorgelegt wird. Für diejenigen, die anerkennen, dass alle Vorgänge von der Einleitung der Erschaffung des Menschen aus einem Tropfen bis zur vollständigen Erschaffung des Menschen ein Zeichen der Schöpfungskunst Allahs des Erhabenen sind, gab es in Wahrheit keine Antwort auf dieses Argument. Denn so schamlos sie auch sein mögen, ihr Gewissen kann nicht anders, als anzuerkennen, dass der Gott, der den Menschen auf diese Weise in der Welt erschafft, auch fähig ist, diesen Menschen erneut ins Dasein zu rufen. Doch wer als Atheist die von Weisheit erfüllte Tätigkeit als bloßes Ergebnis eines Zufalls betrachtet, konnte in Wahrheit – wie hartnäckig er dies auch mit Worten behaupten mag – keine Erklärung dafür geben, wie es von den Anfängen der Menschheit bis heute in jedem Teil der Welt und unter jedem Volk infolge desselben Schöpfungsvorgangs fortwährend in einem solchen Verhältnis zur Geburt von Söhnen und Töchtern kommt, dass es nirgendwo und zu keiner Zeit geschehen ist, dass in einem Gemeinwesen ausschließlich Jungen oder ausschließlich Mädchen geboren wurden, wodurch die Möglichkeit des Fortbestands ihrer Nachkommenschaft zunichtegemacht worden wäre. So schamlos sie auch sein mögen, sie konnten nicht behaupten, all dies geschehe zufällig. Wenn ihr Verstand einmal bezeugt hätte, dass all dies das Zeichen der kunstvollen Schöpfung eines weisen Schöpfers ist, blieb ihnen nichts anderes übrig, als anzuerkennen, dass dieser weise Schöpfer das von Ihm Geschaffene zerstören und aufs Neue erschaffen kann. (89)
فَلْيَنْظُرِ الْإِنْسَانُ مِمَّ خُلِقَ – خُلِقَ مِنْ مَاءٍ دَافِقٍ – يَخْرُجُ مِنْ بَيْنِ الصُّلْبِ وَالتَّرَائِبِ – إِنَّهُ عَلَى رَجْعِهِ لَقَادِرٌ-( الطارق-5–8)
– Der Mensch soll also betrachten, woraus er erschaffen wurde: Er wurde aus einer hervorschießenden Flüssigkeit erschaffen, die zwischen den Lenden und den Brustknochen hervorkommt. Wahrlich, Er ist fähig, ihn ein zweites Mal zu erschaffen. (At-Tāriq: 5–8)
Das heißt: Der Mensch soll über seine eigene Existenz nachdenken und darüber, wie er erschaffen wurde. Die Eltern kommen bei zahlreichen geschlechtlichen Vereinigungen zusammen – wer macht eine dieser Vereinigungen zum Mittel der Empfängnis und zum Grund für die Geburt eines bestimmten Menschen? [Durch die modernen wissenschaftlichen Entdeckungen ist diese Angelegenheit für die Menschen der heutigen Zeit um ein Vielfaches komplizierter geworden, als sie es für die Araber jener Zeit war. Nach den heutigen Entdeckungen werden während des ehelichen Lebens von Mann und Frau zahllose Spermien aus dem Körper des Mannes ausgestoßen und gelangen in den Körper der Frau. Auch im Körper der Frau werden über viele Jahre hinweg fortwährend Eizellen oder Keimzellen gebildet; in jeder Eizelle ist die Möglichkeit der Empfängnis vorhanden, wenn sich eines der Spermien des Mannes mit ihr verbindet. Diese sind zudem nicht alle gleich, sondern jedes Spermium und jede Eizelle besitzt eigene, unterschiedliche Merkmale. Aus der Verbindung jedes einzelnen Paares kann ein Mensch besonderer Art hervorgehen, der sich zwangsläufig von den Menschen unterscheidet, die aus der Verbindung anderer Paare hervorgehen. Nun stellt sich die Frage: Wer entscheidet, welches der zahllosen Spermien des Mannes sich mit welcher der zahllosen Eizellen der Frau verbindet, um zu einem bestimmten Zeitpunkt einen Menschen bestimmter Art zu erschaffen? Weder der Mann noch die Frau haben darüber auch nur die geringste Verfügungsgewalt. Kein Arzt und kein sonstiger Fachkundiger kann dabei eingreifen. Es wäre ebenfalls falsch zu sagen, die Verbindung eines bestimmten Spermiums mit einer bestimmten Eizelle sei lediglich das Ergebnis eines zufälligen Ereignisses (ACCIDENTAL). Denn die Menschen, die infolge dieses erstaunlichen Schöpfungsvorgangs zu verschiedenen Zeiten in verschiedenen Ländern und unter verschiedenen Völkern geboren werden, üben einen entscheidenden Einfluss auf die Höhen und Tiefen der Menschheitsgeschichte aus. Und dieser Einfluss wird mit einer solchen kunstvollen Weisheit verwirklicht, dass im menschlichen Geist der Gedanke entstehen konnte, die Geschichte könne eine Philosophie besitzen. Wenn die Menschen ohne jede Weisheit wahllos geboren würden, hätte man niemals einen Begriff von einer Philosophie der Geschichte entwickeln können. Daher bleibt nichts anderes übrig, als anzuerkennen, dass die Erschaffung des Menschen aus dieser hervorschießenden Flüssigkeit von einem weisen Gott nach Seinem besonderen Plan vollzogen wurde. (Der Verfasser)] Gibt es danach nicht ein Wesen, das ihn seit der Empfängnis im Mutterleib schrittweise wachsen lässt, bis er den Zustand erreicht, als lebendiges Kind geboren zu werden? Welche Kraft ist es, die bereits im Mutterleib die körperliche Gestalt des Kindes bildet und das Gleichgewicht seiner körperlichen und geistigen Fähigkeiten herstellt? Gibt es nicht ein Wesen, das ihn von der Geburt bis zum Tod fortwährend betreut, ihn vor Krankheiten schützt und ihn vor Unfällen bewahrt? Das ihn vor den verschiedensten Gefahren schützt? Das ihm unzählige Mittel und Möglichkeiten zum Leben zur Verfügung stellt? Das ihm bei jedem Schritt in der Welt solche Möglichkeiten und Annehmlichkeiten zum Weiterleben schafft, dass er sie nicht nur niemals selbst bereitstellen könnte, sondern vieles davon nicht einmal wahrnimmt? Geschieht all dies etwa ohne die Verwaltung und Fürsorge eines Gottes? Wenn ein vernünftiger Mensch diese Frage nicht verneint, ist es nicht schwer zu erkennen, dass Er, so wie Er dem Menschen das Dasein verleiht, ihn auch nach dem Tod zurückbringen und ihm erneut Dasein verleihen kann. Wenn Er zur ersten Angelegenheit fähig ist und die Menschen durch Seine Kraft gegenwärtig lebendig in der Welt existieren, welches vernünftige Argument kann dann dafür vorgebracht werden, anzunehmen, dass Er zur zweiten Angelegenheit nicht fähig sei? Um diese Fähigkeit zu leugnen, müsste der Mensch zugleich vollständig leugnen, dass Gott ihm das Dasein verliehen hat. Und wer dies leugnen kann, dem ist es auch nicht unmöglich, dass eines Tages eine geistige Störung ihn dazu bringt zu behaupten, alle Bücher der Welt seien durch Zufall gedruckt worden, alle Städte und Häfen der Welt durch Zufall errichtet worden und es habe sich ein solcher Zufall ereignet, dass alle Fabriken entstanden und von selbst zu laufen begonnen hätten. In Wahrheit ist die Erschaffung des Menschen, der Aufbau seines Körpers, die Hervorbringung seiner Arbeitskraft und seiner Fähigkeiten sowie sein Fortbestehen als lebendes Wesen eine Aufgabe, die um ein Vielfaches schwieriger ist als all jene Werke, die durch den Menschen in der Welt vollbracht wurden und werden. Wenn ein derart komplexes und schwieriges Werk nun mitsamt Weisheit, Maß und Ordnung als Ergebnis eines Zufalls über Millionen von Jahren hinweg fortlaufend bestehen kann, was gäbe es dann, das ein geistig gestörter Mensch nicht als Zufall bezeichnen könnte? (90)
بَلْ عَجِبُوا أَنْ جَاءَهُمْ مُنْذِرٌ مِنْهُمْ فَقَالَ الْكَافِرُونَ هَذَا شَيْءٌ عَجِيبٌ – أَإِذَا مِتْنَا وَكُنَّا تُرَابًا ذَلِكَ رَجْعٌ بَعِيدٌ – قَدْ عَلِمْنَا مَا تَنْقُصُ الْأَرْضُ مِنْهُمْ وَعِنْدَنَا كِتَابٌ حَفِيظٌ-( ق-2–4)
–Vielmehr fanden sie es erstaunlich, dass ein Warner aus ihrer eigenen Mitte zu ihnen gekommen war. Da sagten die Ungläubigen: „Was für eine unglaubliche Sache! Wenn wir gestorben und zu Erde geworden sind (werden wir dann wieder auferweckt werden?) Eine solche Rückkehr ist für den Verstand unbegreiflich.“ Doch alles, was die Erde von ihren Körpern verzehrt, ist Uns bekannt. Und bei Uns befindet sich ein Buch, in dem alles bewahrt ist. (Qaf: 2–4)
Ihr erstes Erstaunen bestand darin, dass jemand aus ihrem eigenen Volk, ein Mensch wie sie, behauptete: „Ich bin von Gott zu euch gekommen, um euch zu warnen.“ Noch erstaunlicher erschien ihnen dann, dass die Angelegenheit, vor der dieser Mann sie warnte, darin bestand, dass nach dem Tod alle Menschen aufs Neue zum Leben erweckt würden. Sie würden alle versammelt und vor Allahs Gericht gestellt werden. Dort würden ihre Taten abgerechnet und sie anschließend belohnt oder bestraft werden. Danach wurde gesagt: Wenn diese Aussage in den Verstand und das Verständnis dieser Menschen nicht Eingang findet, so muss dies als Beschränktheit ihres Verstandes bezeichnet werden. Daraus folgt keineswegs, dass Allahs Wissen und Macht beschränkt wären. Sie meinen, dass die Körperteile der unzähligen Menschen, die seit dem Beginn der Menschheit bis zum Tag der Auferstehung gestorben sind, in der Erde verstreut und voneinander getrennt liegen und auch künftig verstreut werden. Es sei völlig unmöglich, sie wieder zusammenzufügen. In Wahrheit aber kennt Allah jedes einzelne dieser Teile unmittelbar – in welcher Gestalt und an welchem Ort es sich auch befindet. Außerdem wird ihr vollständiges Verzeichnis in Allahs Aufzeichnungen bewahrt, sodass kein noch so geringfügiger Teil daraus fehlt. Wenn Allahs Befehl ergeht, werden Seine Engel unverzüglich aus diesem Verzeichnis die einzelnen Teile hervorholen und für alle Menschen genau jene Körper wiederherstellen, die sie getragen haben, als sie auf der Erde lebten.
Auch dieser Vers gehört zu jenen Versen, in denen ausführlich dargelegt wird, dass das Leben im Jenseits nicht nur ein körperliches Leben wie dasjenige in dieser Welt sein wird, sondern dass auch jeder seinen eigenen Körper wiederhaben wird, den er in dieser Welt besaß. Wäre dies in Wirklichkeit nicht so, dann wäre die Antwort auf die Worte der Ungläubigen sinnlos, dass Uns bekannt ist, was die Erde von euren Körpern verzehrt, und dass ein Verzeichnis ihrer kleinsten Teilchen vorhanden ist. (91)
أَفَعَيِينَا بِالْخَلْقِ الْأَوَّلِ بَلْ هُمْ فِي لَبْسٍ مِنْ خَلْقٍ جَدِيدٍ-( ق–15)
—Waren Wir etwa bei der ersten Erschaffung unfähig? Doch sie bezweifeln die neue Erschaffung. (Qaf: 15)
Mit wenigen Worten wurde den Leugnern des Jenseits eine so klare und einfache Wahrheit entgegengehalten, dass sie sich im Herzen jedes vernunftbegabten Menschen fest einprägen muss. Wer nicht zu den Leugnern Gottes gehört und nicht einen solchen Grad geistiger Beschränktheit erreicht hat, dass er dieses wohlgeordnete Reich der Natur und die Entstehung des Menschen darin als bloße Folge eines Zufalls betrachtet, dem bleibt nichts anderes übrig, als anzuerkennen, dass allein Gott uns und dieses Weltall erschaffen hat. Diese Tatsache sehen wir in dieser Welt vor Augen, und alle Einrichtungen von Erde und Himmel funktionieren unmittelbar vor uns. All dies ist ein eindeutiger Beweis dafür, dass Gott nicht unfähig war, dieses Reich der Natur zu erschaffen. Wenn nun jemand behauptet, dass derselbe Gott nach dem Eintreten des Tages der Auferstehung keine zweite Weltordnung errichten und uns nach dem Tod nicht wieder erschaffen könne, so muss man sagen, dass er etwas Vernunftwidriges behauptet. Wäre Gott unfähig, hätte Er es nicht einmal bei der ersten Erschaffung zustande bringen können. Nachdem Er uns zum ersten Mal erschaffen hat und wir durch diese Seine Schöpfung ins Dasein gelangt sind, aus welchem vernünftigen Grund sollte man dann annehmen, dass Er unfähig wäre, das von Ihm Geschaffene zu zerstören und anschließend erneut zu erschaffen? (92)
Das Argument für die Unvermeidlichkeit des Jenseits
Der Koran hielt es nicht für ausreichend, die Möglichkeit des Jenseits mit unwiderlegbaren Argumenten zu beweisen. Vielmehr bewies er auch, dass sein Eintreten notwendig ist. Die Forderung der Vernunft, der Gerechtigkeit und der Moral besteht darin, dass es ein Jenseits geben muss, in dem alle Taten der Menschen abgerechnet werden: all das, was sie von dem Zeitpunkt an, da sie Erkenntnis erlangten, bis zum Augenblick vor ihrem Tod getan haben, ebenso wie all die guten oder schlechten Wirkungen ihrer Taten, die sie hinter sich zurückgelassen haben und die über lange Zeit hinweg die künftigen Generationen beeinflussen. Wenn diese Abrechnung nicht stattfindet und gute Taten nicht belohnt sowie schlechte Taten nicht bestraft werden, bedeutet dies, dass es in Gottes Welt keine Gerechtigkeit gibt. Hier wären die Menschen mit Verstand und Vernunft, mit der Fähigkeit, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden, sowie mit der Befugnis über unzählige Dinge und andere Menschen grundlos und sinnlos erschaffen worden. Im gegenwärtigen Leben dieser Welt sind weder eine vollständige Abrechnung noch vollkommene Gerechtigkeit oder eine vollständige Belohnung und Bestrafung möglich. Daher muss es notwendigerweise eine zweite Welt geben, in der alle Menschen, die vom Beginn der Schöpfung bis zum Tag der Auferstehung ins Dasein gelangt sind, zur selben Zeit versammelt werden können, in der alle offenen und verborgenen Taten sowie die daraus entstandenen Folgen abgerechnet und die Verantwortung jedes Einzelnen bestimmt werden kann und in der das Leben nicht begrenzt, sondern ewig ist, damit jeder Mensch die Strafe, deren er würdig ist, vollständig erleiden und jeder die Belohnung, deren er würdig ist, vollständig erhalten kann. Der Koran hat diese Angelegenheit ausführlich und auf verschiedene Weise dargelegt, damit die Ungläubigen keinen Grund haben, das Jenseits zu leugnen. (93)
أَيَحْسَبُ الْإِنْسَانُ أَنْ يُتْرَكَ سُدًى-( القيامة-36)
-Meint der Mensch etwa, dass er ohne Zweck sich selbst überlassen worden sei? (Al-Qiyāma: 36)
In der arabischen Sprache ابل سدىwird ein Kamel so genannt, das frei umherläuft, weidet, wo und wann es will, und von niemandem beaufsichtigt wird. In diesem Sinne verwenden wir die Ausdrücke „ein Kamel ohne Zügel“. Die Bedeutung des Verses ist daher: Hält sich der Mensch etwa für ein Kamel ohne Zügel, sodass sein Schöpfer ihn auf der Erde ohne jede Verantwortung zurückgelassen hat? Wurde ihm keine Verpflichtung auferlegt? Wurde ihm nichts verboten? Wird niemals die Zeit kommen, in der er für seine Taten zur Rechenschaft gezogen wird? Genau dies wird im Qur’an an anderer Stelle folgendermaßen gesagt: Am Tag der Auferstehung wird Allah, der Erhabene, die Ungläubigen fragen: –
أَفَحَسِبْتُمْ أَنَّمَا خَلَقْنَاكُمْ عَبَثًا وَأَنَّكُمْ إِلَيْنَا لَا تُرْجَعُونَ-( المؤمنون-115)
-Hattet ihr etwa geglaubt, dass Wir euch ohne Zweck erschaffen hätten und dass ihr niemals zu Uns zurückgebracht werden müsstet? (Al-Mu’minūn: 115)
An diesen beiden Stellen wird der Beweis für die Unvermeidlichkeit des Lebens nach dem Tod in Form einer Frage vorgebracht. Die Bedeutung der Frage ist: Haltet ihr euch tatsächlich für Tiere? Fällt euch nicht der deutliche Unterschied zwischen euch und den Tieren auf: Ihnen wurde keine Entscheidungsfreiheit gegeben, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden, euch aber schon. Bei ihren Handlungen stellt sich überhaupt nicht die Frage nach moralischem Gut und Böse, bei eurem Tun jedoch wird sich diese Frage unweigerlich stellen. Wie könnt ihr dann von euch annehmen, dass ihr ebenso wie die Tiere ohne Verantwortung seid und nicht zur Rechenschaft gezogen werdet? Der Grund, weshalb Tiere nicht ein zweites Mal zum Leben erweckt werden, ist verständlich: Sie haben lediglich die Forderungen ihres Instinkts erfüllt, keine Philosophie durch den Gebrauch ihres Verstandes entwickelt, keine Religion begründet, niemanden zu Gott gemacht und sich selbst nicht zum Gott eines anderen erklärt. Sie haben nichts getan, was man als gut oder böse bezeichnen könnte, und keine gute oder schlechte Lebensweise eingeführt, deren Einfluss sich über Generationen hinweg fortgesetzt hätte. Wenn ein Tier also stirbt und vergeht, mag dies verständlich sein. Denn ihm wird für keine seiner Handlungen Verantwortung auferlegt, sodass es zur Befragung über diese Handlungen wiederbelebt werden müsste. Doch wie könnt ihr dem Leben nach dem Tod entkommen? Denn bis zu eurem eigenen Tod verrichtet ihr fortwährend moralische Handlungen, deren Gut- oder Schlechtsein und deren Würdigkeit von Strafe oder Belohnung euer Gewissen euch anzeigt. Wenn jemand einen Unschuldigen ermordet und unmittelbar danach einem Unfall zum Opfer fällt, sollte er dann eurer Ansicht nach ungestraft davonkommen und sollte der Ermordete keinen Ausgleich für dieses Unrecht erhalten? Wenn jemand auf der Erde die Saat von Unordnung und Verderbnis sät, deren Folgen die Menschen noch mehrere Jahrhunderte lang ertragen, sagt dann euer Gewissen über ihn ohne jedes Zögern, dass auch er wie ein Insekt sterben und vergehen sollte, anstatt wieder zum Leben erweckt zu werden und für seine Übeltaten Rechenschaft abzulegen, durch die das Leben unzähliger Menschen zugrunde ging? Ist auch derjenige, der sein ganzes Leben lang in Not und Bedrängnis leidet, eurer Ansicht nach nur ein Geschöpf wie ein Ungeziefer? (94)
لَا أُقْسِمُ بِيَوْمِ الْقِيَامَةِ – وَلَا أُقْسِمُ بِالنَّفْسِ اللَّوَّامَةِ-( القيامة-1–2)
-Nein, ich schwöre beim Tag der Auferstehung, und nein, ich schwöre bei der tadelnden Seele. Das heißt: Eure Vorstellung, dass die Auferstehung nicht stattfinden werde, ist falsch. Ich schwöre beim Tag der Auferstehung und bei der tadelnden Seele, dass die Auferstehung gewiss stattfinden wird.
Hier sagt Allah der Erhabene nicht, wofür Er beim Tag der Auferstehung und bei der tadelnden Seele schwört. Denn der folgende Satz macht dies deutlich. Er schwört, dass Allah den Menschen nach seinem Tod wiedererschaffen wird und dazu vollkommen fähig ist. Nun stellt sich die Frage: Aus welchem vernünftigen Grund wurde bei diesen beiden Dingen geschworen? Für nachdenkliche Menschen war dieser Grund damals schon deutlich; heute ist er noch viel deutlicher.
Nehmen wir zunächst den Tag der Auferstehung. Der Grund dafür, bei ihm zu schwören, ist, dass sein Eintreten unausweichlich ist. Die gesamte Ordnung der Welt zeugt davon, dass diese Ordnung weder anfangslos noch endlos ist. Schon ihre Beschaffenheit sagt aus, dass sie nicht immer bestanden hat und nicht immer bestehen wird. Auch früher hatte das menschliche Gewissen keine stichhaltige Begründung für die haltlose Vorstellung, diese sich ständig wandelnde Welt könne anfangslos und endlos sein. Doch je mehr das Wissen des Menschen über diese Welt zunimmt, desto sicherer wird für ihn die Tatsache, dass dieses Universum einen Anfang hat, vor dem es nicht existierte, und unausweichlich auch ein Ende, nach dem es nicht mehr existieren wird. Deshalb hat Allah der Erhabene für das Eintreten der Auferstehung bei der Auferstehung selbst geschworen. Es ist wie der Schwur, mit dem wir zu jemandem, der an seiner eigenen Existenz zweifelt, sagen: „Bei deinem Leben, du existierst.“ Das heißt: Deine Existenz selbst bezeugt, dass du existierst.
Der Schwur beim Tag der Auferstehung beweist jedoch nur, dass diese Weltordnung eines Tages zerbrechen und völlig zerstört werden wird. Nun bleibt die Frage, dass danach die Menschen wieder zum Leben erweckt werden, über ihre Taten Rechenschaft ablegen und für ihr Gutes und Böses Lohn beziehungsweise Strafe erhalten sollen. Dafür wurde der zweite Schwur bei der tadelnden Seele geleistet. Es gibt keinen Menschen auf der Welt, in dem nicht etwas vorhanden wäre, das man Gewissen nennt. In diesem Gewissen findet sich notwendigerweise ein Empfinden für Gut und Böse. Wie irregeleitet und auf Abwege geraten ein Mensch auch sein mag, sein Gewissen hält ihn gewiss davon ab, Böses zu tun und Gutes zu unterlassen. Ob der Maßstab für Gut und Böse, den er festgelegt hat, nun richtig ist oder nicht – dies beweist, dass der Mensch nicht bloß ein Tier, sondern ein moralisches Wesen ist. Von Natur aus besitzt er die Fähigkeit, Gut und Böse zu unterscheiden. Er selbst hält sich für seine guten und schlechten Taten verantwortlich. Wenn er daher wegen des schlechten Verhaltens, das er anderen gegenüber gezeigt hat, den Tadel seines Gewissens unterdrückt und dadurch sogar Selbstzufriedenheit erlangt, so fordert sein Inneres umgekehrt, sobald ein anderer sich ihm gegenüber schlecht verhält, dass derjenige, der ihm dieses Unrecht zugefügt hat, unbedingt bestraft werden müsse. Wenn die Existenz einer solchen tadelnden Seele (Nafs al-Lawwāma) im Menschen eine unbestreitbare Realität ist, dann ist ebenso unbestreitbar, dass diese tadelnde Seele ein im Wesen des Menschen selbst vorhandenes Zeugnis für das Leben nach dem Tod ist. Denn die Forderung der menschlichen Natur, dass der Mensch für gute und schlechte Taten verantwortlich ist und dafür unbedingt Lohn oder Strafe erhalten muss, kann ohne ein Leben nach dem Tod nicht erfüllt werden. Kein vernünftiger Mensch kann leugnen, dass der Mensch, wenn er nach dem Tod vergeht, um den Lohn für viele seiner guten Taten gebracht wird und der gerechten Strafe für viele seiner ungerechten Taten entgeht. Daher kann der Mensch das Leben nach dem Tod nicht leugnen, solange er nicht den Unsinn akzeptiert, dass ein vernunftbegabter Mensch in einer sinnlosen Weltordnung geboren wurde und ein mit moralischem Empfinden ausgestatteter Mensch in einer Welt lebt, in deren gesamter grundlegender Ordnung keinerlei Moral vorhanden ist. Ebenso ist die Lehre von der Wiedergeburt keine Antwort auf diese Forderung der Natur. Denn wenn der Mensch immer wieder in dieser Welt geboren würde, um die Strafe oder den Lohn für seine moralischen Handlungen zu erhalten, dann würde er bei jeder Geburt erneut zusätzliche moralische Handlungen begehen, die wiederum Strafe oder Lohn forderten; in dieser endlosen Kette würde seine Abrechnung statt abgeschlossen vielmehr immer größer werden. Die Forderung der Natur kann daher nur erfüllt werden, wenn der Mensch in dieser Welt nur ein einziges Leben hat. Danach muss es, nachdem die gesamte Menschheit zugrunde gegangen ist, ein zweites Leben geben, in dem die Taten der Menschen angemessen abgerechnet und ihnen vollständige Strafe oder vollständiger Lohn zuteilwerden. (95)
وَمَا خَلَقْنَا السَّمَاءَ وَالْأَرْضَ وَمَا بَيْنَهُمَا بَاطِلًا ذَلِكَ ظَنُّ الَّذِينَ كَفَرُوا فَوَيْلٌ لِلَّذِينَ كَفَرُوا مِنَ النَّارِ – أَمْ نَجْعَلُ الَّذِينَ آمَنُوا وَعَمِلُوا الصَّالِحَاتِ كَالْمُفْسِدِينَ فِي الْأَرْضِ أَمْ نَجْعَلُ الْمُتَّقِينَ كَالْفُجَّارِ-(ص-27-28)
– Wir haben diesen Himmel, diese Erde und die Welt zwischen ihnen nicht sinnlos erschaffen. Das ist die Vorstellung derjenigen, die ungläubig sind, und für solche Ungläubigen gibt es Verderben im Feuer der Hölle. Sollen Wir etwa diejenigen, die glauben und rechtschaffene Werke tun, denen gleichstellen, die auf der Erde Verderben stiften? Oder sollen Wir die Gottesfürchtigen den Sündhaften gleichstellen? (Sād: 27–28)
Das heißt: Wir haben diese Welt nicht als bloßes Spielzeug erschaffen, ohne Weisheit in ihr, ohne Zweck, ohne dass Gerechtigkeit verwirklicht oder die Folgen guter und schlechter Taten sichtbar würden. Hier wurde der Mensch nicht wie ein zügelloses Kamel freigelassen, und diese Welt ist auch kein rechtsfreier Raum, in dem jeder tun kann, was er will, ohne dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden. Wer nicht bereit ist, Lohn und Strafe anzuerkennen, und sich einredet, dass alle Menschen – ob gut oder böse – letztlich sterben und zu Erde werden, dass niemand befragt wird und niemand die Folgen guter oder schlechter Taten zu tragen hat, betrachtet in Wahrheit die Welt als ein Spiel und ihren Schöpfer als einen Spieler. Seiner Vorstellung nach hat der Schöpfer des Universums einen sinnlosen Akt begangen, indem Er die Welt und in ihr den Menschen erschuf. Ist es aber in Wahrheit nach eurem Ermessen vernünftig, dass Rechtschaffene und Unrechtmäßige gleichgestellt werden? Ist es für euch akzeptabel, dass ein Mensch weder für eine gute Tat belohnt noch für eine schlechte Tat bestraft wird? Es ist offensichtlich: Wenn es kein Jenseits, keine Rechenschaft seitens Allahs und weder Lohn noch Strafe für die Taten der Menschen gibt, dann gibt es weder Weisheit noch Gerechtigkeit Allahs des Erhabenen. Folglich muss die gesamte Ordnung der Welt in Unordnung geraten. Auf dieser Vorstellung beruhte jeder Antrieb zum Guten in der Welt und jede Hemmung, die vom Unrecht abhält, auf nichts. Wenn die Herrschaft Gottes – Allah bewahre! – derart verstandlos wäre, dann wäre derjenige äußerst töricht, der in dieser Welt viele Mühen auf sich nimmt, selbst ein rechtschaffenes Leben führt und sich für die Verbesserung und Reform der Menschheit einsetzt. Verständig wäre vielmehr derjenige, der günstige Umstände vorfindet, die Gelegenheit zu Übergriffen nutzt und sein Leben mit jeder Art von Unrecht und Sündhaftigkeit genießt. (96)
زَعَمَ الَّذِينَ كَفَرُوا أَنْ لَنْ يُبْعَثُوا قُلْ بَلَى وَرَبِّي لَتُبْعَثُنَّ ثُمَّ لَتُنَبَّؤُنَّ بِمَا عَمِلْتُمْ وَذَلِكَ عَلَى اللَّهِ يَسِيرٌ-(التغابن-7)
Die Leugner erklärten mit lauter Stimme, dass sie nach dem Tod keinesfalls wieder zum Leben erweckt werden würden. Sag ihnen: Nein, bei meinem Herrn, ihr werdet gewiss auferweckt werden. Danach wird euch gewiss mitgeteilt werden, was ihr auf der Erde getan habt. Und dies ist für Allah sehr leicht. (Taghābun: 7)
Obwohl ein Leugner des Jenseits weder früher noch heute irgendeine Möglichkeit hatte oder hat, zu wissen, dass es nach dem Tod kein zweites Leben gibt, haben diese Toren dies seit jeher mit lauter Stimme behauptet. Doch für eine sichere Leugnung gibt es weder eine vernünftige noch eine intellektuelle Grundlage.
Auf ihre Aussage erwidert Allah, der Erhabene, Seinem Propheten: Schwöre bei Mir und sage ihnen, dass ihr gewiss auferweckt werdet und dass euch gewiss mitgeteilt werden wird, was ihr auf Erden getan habt. Im Qur’an ist dies die dritte Stelle, an der Allah Seinem Propheten aufträgt, den Menschen bei seinem Herrn zu beschwören und ihnen zu sagen, dass es gewiss so kommen wird. Zuerst heißt es in der Sura Yunus: Sie fragen: „Ist das wirklich wahr?“ Sag: „Bei meinem Herrn, es ist gewiss wahr, und ihr könnt dies keinesfalls verhindern.“ (Vers 53)
Danach heißt es in der Sura Saba: Die Leugner sagen: „Warum kommt die Stunde nicht über uns?“ Sag: „Bei meinem Herrn, sie wird gewiss über euch kommen.“
Nun stellt sich die Frage: Welcher Unterschied ergibt sich dadurch, ob Sie einem Leugner des Jenseits die Nachricht vom Jenseits unter einem Schwur mitteilen oder ohne zu schwören? Wenn er dies ohnehin nicht anerkennt, warum sollte er dann bloß deshalb anerkennen, dass Sie es ihm unter einem Schwur sagen? Die Antwort lautet zunächst: Der Gesandte Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) sprach jene Menschen an, die aufgrund ihres eigenen Wissens und ihrer eigenen Erfahrung wussten, dass niemals in seinem Leben eine Lüge über seine Lippen gekommen war. Daher konnten sie sich in ihrem Inneren keinesfalls vorstellen, dass ein so wahrhaftiger Mann jemals bei Gott auf etwas schwören könnte, von dessen Wahrheit er nicht vollkommen überzeugt war, ganz gleich, wie sehr sie ihn äußerlich verleumdeten. Zweitens verkündete er nicht bloß die Glaubenslehre vom Jenseits, sondern führte dafür äußerst vernünftige Beweise und Argumente an. Doch der Unterschied zwischen einem Propheten und einem Nichtpropheten besteht darin, dass ein Nichtprophet, selbst wenn er starke Argumente für das Jenseits vorbringt, höchstens erreichen kann, dass man seine Existenz für wahrscheinlicher hält als ihre Nichtexistenz. Der Rang eines Propheten dagegen steht weit über dem Rang eines Philosophen. Seine eigentliche Würde besteht nicht darin, dass er durch vernunftgemäße Argumente zu dem Schluss gelangt wäre, dass es ein Jenseits geben sollte. Vielmehr besteht seine eigentliche Würde darin, dass er Wissen darüber besitzt, dass es das Jenseits geben wird, und mit fester Überzeugung sagt, dass es gewiss eintreten wird. Deshalb kann nur ein Prophet bei dieser Aussage schwören. Ein Philosoph kann auf keine seiner Aussagen schwören. Der Glaube an das Jenseits kann erst aufgrund der Verkündigung eines Propheten entstehen. Die Argumentation des Philosophen besitzt nicht die Kraft, dass nicht nur andere Menschen, sondern sogar der Philosoph selbst sie aufgrund seiner eigenen Argumente zu seinem Glaubensbekenntnis machen könnte. Wenn der Philosoph richtig denkt, kann er nur sagen, dass es so sein sollte. Mehr kann er nicht sagen; „es wird gewiss sein“ kann nur ein Prophet sagen.
Darauf wurde unter dem Schwur nicht nur gesagt, dass ihr nach dem Tod wieder auferweckt werdet. Vielmehr wurde auch gesagt, dass euch zu jener Zeit gewiss mitgeteilt werden wird, was ihr auf der Erde getan habt. Dies ist der eigentliche Zweck, zu dem die Menschheit nach dem Tod ein zweites Mal auferweckt werden wird. Darin liegt zugleich die Antwort auf die Frage, warum dies notwendig ist. Es entspricht der Wahrheit, dass in der richtigen Ordnung der Welt dem Geschöpf die Freiheit gegeben wurde, einen der beiden Wege – den des Unglaubens oder den des Glaubens – zu wählen. Einem Menschen wurde in dieser Welt die Freiheit gegeben, vieles zu nutzen; indem er den Weg des Unglaubens oder des Glaubens einschlägt und diese Freiheit sein ganzes Leben lang richtig oder falsch gebraucht, lädt er die Verantwortung für viele gute oder viele schädliche Taten auf sich. Es wäre völlig unvernünftig anzunehmen, dass, nachdem er all dies getan hat, keine Notwendigkeit für die Folgen des Guten und des Bösen bestehe und niemals ein Zeitpunkt kommen solle, an dem seine Taten geprüft und beurteilt werden könnten. Wer eine solche haltlose Aussage macht, begeht gewiss eine von zwei Torheiten. Entweder meint er, dass diese Welt zwar eine von Weisheit geprägte Wirklichkeit sei, hier aber ein Wesen mit freiem Willen wie der Mensch ohne Verantwortung sich selbst überlassen worden sei. Oder er meint, dass dies ein ungeordnetes Reich der Schöpfung sei, hinter dem keine Weisheit wirksam gewesen sei. Die erste Vorstellung ist widersprüchlich, denn dass ein Wesen mit freiem Willen in einer weisen Weltordnung ohne Verantwortung wäre, widerspricht Weisheit und Gerechtigkeit. Zur zweiten Vorstellung kann er jedoch keine vernünftige Erklärung geben: Wie konnte in einem ungeordneten und weisenlosen Schöpfungsreich ein vernunftbegabtes Geschöpf wie der Mensch entstehen? Und woher kam in seinem Herzen die Vorstellung von Gerechtigkeit? Die Entstehung von Bewusstsein aus Bewusstlosigkeit und die Entstehung der Vorstellung von Gerechtigkeit aus Ungerechtigkeit ist eine Behauptung, deren Vertreter entweder ein Starrsinniger sein kann oder jemand, der durch übermäßige Beschäftigung mit Philosophie an einer geistigen Störung erkrankt ist.
Danach heißt es, dass dies für Allah sehr leicht ist. Dies ist das zweite Argument für das Jenseits. Das erste Argument betraf die Notwendigkeit des Jenseits, dieses Argument seine Möglichkeit: Für Denjenigen, für den es keine schwierige Aufgabe war, die gewaltige Ordnung der Welt zu erschaffen, wie sollte es schwierig sein, den Menschen ein zweites Mal zu erschaffen, sie vor Sich treten zu lassen und sie zur Rechenschaft zu ziehen? (97)
إِنَّ هَؤُلَاءِ لَيَقُولُونَ – إِنْ هِيَ إِلَّا مَوْتَتُنَا الْأُولَى وَمَا نَحْنُ بِمُنْشَرِينَ – فَأْتُوا بِآبَائِنَا إِنْ كُنْتُمْ صَادِقِينَ – أَهُمْ خَيْرٌ أَمْ قَوْمُ تُبَّعٍ وَالَّذِينَ مِنْ قَبْلِهِمْ أَهْلَكْنَاهُمْ إِنَّهُمْ كَانُوا مُجْرِمِينَ – وَمَا خَلَقْنَا السَّمَاوَاتِ وَالْأَرْضَ وَمَا بَيْنَهُمَا لَاعِبِينَ – مَا خَلَقْنَاهُمَا إِلَّا بِالْحَقِّ وَلَكِنَّ أَكْثَرَهُمْ لَا يَعْلَمُونَ – إِنَّ يَوْمَ الْفَصْلِ مِيقَاتُهُمْ أَجْمَعِينَ-(الدخان(Duchān: 34–40)
-Diese Leute sagen: „Es gibt nichts außer unserem ersten Tod. Danach werden wir kein zweites Mal auferweckt werden. Wenn du wahrhaftig bist, dann bring unsere verstorbenen Vorväter herbei und zeige es uns.“
Sind diese etwa besser als das Volk von Tubba und jene, die vor ihnen lebten? Wir vernichteten sie, weil sie Frevler waren. Wir haben Himmel und Erde und alles, was zwischen ihnen ist, nicht zum Spiel und Zeitvertreib erschaffen. Wir haben sie in Wahrheit erschaffen, doch die meisten Menschen wissen es nicht. Der festgesetzte Zeitpunkt für ihre Auferweckung ist der Tag der Entscheidung. (Duchan: 34–40)
Die Aussage der Ungläubigen lautete, dass sie beim ersten Sterben einfach vergehen würden. Danach gebe es kein weiteres Leben. Aus den Worten „erster Tod“ folgt jedoch keineswegs zwingend, dass es danach einen zweiten Tod geben werde.
Wenn wir sagen, dass eine bestimmte Person ihr erstes Kind bekommen hat, ist es für die Wahrheit dieser Aussage nicht erforderlich, dass sie danach unbedingt ein zweites Kind bekommt. Es genügt vielmehr, dass sie zuvor kein Kind hatte. Deshalb verwendeten die Ungläubigen die Worte „erster Tod“ nicht in dem Sinne, dass danach ein weiteres Leben und ein zweiter Tod kommen würden. Sie betrachteten den ersten Tod als den einzigen und endgültigen Tod. Ihre Argumentation lautete: „Da wir nach dem Tod noch niemanden ein zweites Mal auferstehen gesehen haben, sind wir fest davon überzeugt, dass es nach dem Tod kein zweites Leben geben wird. Wenn ihr behauptet, dass es ein zweites Leben geben wird, dann erweckt unsere Vorväter aus den Gräbern, damit wir an ein Leben nach dem Tod glauben können. Wenn ihr dazu nicht imstande seid, werden wir erkennen, dass eure Behauptung unbegründet ist.“
In ihren Augen schien dies ein unumstößlicher Beweis gegen das Leben nach dem Tod zu sein. Doch es war völlig belanglos. Wer hatte ihnen denn gesagt, dass der Verstorbene ein zweites Mal zum Leben erwachen und in diese Welt zurückkehren werde? Haben der Prophet (a. s.) oder irgendein Muslim jemals behauptet, sie könnten die Toten wieder zum Leben erwecken?
Die erste Antwort auf ihren Einwand lautete, dass diese Leute nicht besser seien als das Volk von Tubba [Tubba war der Titel der Könige des Stammes Himyar. Im Jahr 115 v. Chr. erlangten sie die Herrschaft im Jemen und regierten bis 300 n. Chr. – Der Verfasser] und die Völker vor ihnen. Wir vernichteten sie ja wegen ihrer Sünden. Mit anderen Worten lag der Sinn dieser Antwort darin, dass die Leugnung des Jenseits etwas ist, das jeden Menschen, jede Gruppe oder jedes Volk zwangsläufig zu einem frevelhaften Leben führt. Ihr unausweichliches Ergebnis ist der moralische Niedergang, und die Menschheitsgeschichte bezeugt, dass jedes Volk, das diese Sicht des Lebens angenommen hat, schließlich zugrunde gegangen ist. Die Ungläubigen von Mekka hatten nicht den Einfluss, die Macht und den Wohlstand erlangt, die das Volk von Tubba und vor ihm die Sabäer, das Volk des Pharao und andere Völker besessen hatten. Doch wann hätte materieller Wohlstand und irdischer Einfluss sie je vor den Folgen des moralischen Niedergangs bewahren können, sodass diese hier mit ihren geringen Mitteln und begrenzten Möglichkeiten davor bewahrt bleiben sollten?
Die zweite Antwort auf ihren Einwand lautete, dass jeder, der das Leben nach dem Tod sowie die Belohnung und Bestrafung im Jenseits leugnet, diese Weltordnung in Wirklichkeit für ein Spielzeug und ihren Schöpfer für ein unverständiges Kind hält. Auf dieser Grundlage gelangt er zu dem Schluss, dass der Mensch, nachdem er auf der Erde jede Art von Unordnung gestiftet hat, eines Tages einfach so zu Staub zerfallen werde und keine seiner guten oder schlechten Taten irgendwelche Folgen haben werde. In Wahrheit ist diese Schöpfung nicht das Werk eines Spielers, sondern von einem Schöpfer geschaffen worden, und von einem Weisen ist nicht zu erwarten, dass Er etwas Sinnloses tut. Dieses Argument wird im Koran an verschiedenen Stellen als Antwort auf die Leugnung des Jenseits vorgebracht.
Nun bleibt noch ihre Forderung: „Erweckt unsere Vorväter, wenn ihr wahrhaftig seid.“ Darauf wurde geantwortet, dass das Leben nach dem Tod doch kein Scherz ist, sodass schon die Leugnung durch jemanden genügte, um einen Toten aus dem Grab zu holen und vor ihn hinzustellen. Dafür hat der Herr der Welten einen Zeitpunkt festgesetzt: Dann wird Er alle Früheren und Späteren ein zweites Mal zum Leben erwecken, sie vor Seinem Gericht versammeln und das Urteil über ihre Angelegenheiten verkünden. Ob ihr daran glaubt oder nicht, es wird zu der festgesetzten Zeit geschehen. Wenn ihr glaubt, wird es zu eurem eigenen Vorteil sein, denn ihr könnt euch rechtzeitig warnen lassen und euch darauf vorbereiten, vor jenem Gericht erfolgreich zu bestehen. Oder habt ihr etwa Anspruch auf alles, was ihr euch wünscht? Oder habt ihr von Uns ein bis zum Tag der Auferstehung bindendes Versprechen, dass euch alles gewährt werden wird, was ihr sagt? Frage sie, wer von ihnen dafür verantwortlich ist. Oder haben sie bestimmte Teilhaber, die dafür einstehen? Dann sollen sie ihre Teilhaber herbeirufen, wenn sie wahrhaftig sind. (Qalam: 35–41)
Die Anführer in Mekka pflegten zu den Muslimen zu sagen: „Die Wohltaten, die wir in dieser Welt genießen, sind ein Zeichen dafür, dass wir unserem Herrn lieb sind. Und der beklagenswerte Zustand, in dem ihr euch befindet, beweist, dass ihr von eurem Herrn verstoßen seid. Wenn es also, wie ihr sagt, überhaupt ein Jenseits gibt, dann werden auch dort wir in Freude leben, und die Strafe wird euch treffen, nicht uns.“ Darauf wurde erwidert: Es widerspricht der Vernunft, dass Gott zwischen dem Gehorsamen und dem Schuldigen keinen Unterschied machen sollte. Wie konntet ihr erkennen, dass der Schöpfer dieser Welt ein blinder König sei, der nicht darauf achten würde, wer auf der Erde seinen Befehlen gehorcht und sich vom Bösen fernhält und wer, ohne Furcht vor Ihm, alle Arten von Sünde, Unrecht und Unterdrückung begeht? Ihr habt zwar den beklagenswerten Zustand der Gläubigen und euer eigenes Glück und euren Frieden gesehen. Aber ihr habt den Unterschied zwischen eurem Charakter und euren Taten und denen der Gläubigen nicht gesehen und ohne jedes Zögern erklärt, dass die Gehorsamen vor Gott ebenso behandelt würden wie die Schuldigen und dass Schuldigen wie euch das Paradies gewährt werde. Worauf gründet ihr diese Behauptung? Habt ihr etwa ein Buch Gottes bei euch, in dem dies geschrieben steht? Oder habt ihr einen Vertrag mit Gott geschlossen? Wenn dem so ist, wer von euch kann vortreten und behaupten, dass Allah ein solches Versprechen gegeben hat? In Wahrheit entbehren all die Behauptungen, die ihr zu eurer eigenen Verteidigung aufstellt, jeder Grundlage. Auch sie widersprechen der Vernunft. Ihr könnt nicht zeigen, dass dies in irgendeinem Buch Gottes geschrieben steht. Auch keiner von euch kann behaupten, von Gott ein solches Versprechen erhalten zu haben. Keinen von denen, die ihr zu Göttern gemacht habt, könnt ihr dazu bringen zu bezeugen, dass er bei Gott die Verantwortung übernommen habe, euch das Paradies zu verschaffen. Woher kommt diese irrige Vorstellung bei euch? (101)
وَإِذَا الْمَوْءُودَةُ سُئِلَتْ – بِأَيِّ ذَنْبٍ قُتِلَتْ-(التكوير-8–9)
„Und wenn das lebendig begrabene Kind gefragt wird, wegen welcher Schuld es getötet wurde. (At-Takwir: 8–9)
In der Ausdrucksweise dieses Verses wird ein Zorn von solcher Heftigkeit zum Ausdruck gebracht, dass man sich keinen größeren vorstellen kann. Am Tag der Auferstehung werden die Eltern, die ihre Tochter lebendig begraben haben, in den Augen Allahs, des Erhabenen, so verabscheuungswürdig sein, dass sie nicht angesprochen und gefragt werden: „Warum habt ihr dieses unschuldige Kind getötet?“ Vielmehr wird der Blick von ihnen abgewandt und das unschuldige Kind wird gefragt: „Unglückselige, wegen welcher Schuld bist du getötet worden?“ Es wird seine Geschichte erzählen und berichten, welches Unrecht die tyrannischen Eltern ihm angetan haben und wie sie es unter der Erde begraben und getötet haben. Darüber hinaus sind in diesem kurzen Vers zwei gewaltige Aussagen enthalten, die nicht durch ausdrückliche Worte, sondern von selbst durch die Darstellungsweise zum Ausdruck kommen. Erstens wurde dadurch unter den Arabern das Bewusstsein geweckt, dass die Dschāhilīya sie in eine solche abgrundtiefe moralische Verderbtheit versenkt hatte, dass sie ihre eigenen Kinder eigenhändig lebendig begruben. Und dennoch waren sie so starrsinnig, an dieser Dschāhilīya festzuhalten und die Reform und Erneuerung, die der Prophet Muhammad (Friede sei mit ihm) in ihrer entstellten und verderbten Gesellschaft herbeiführen wollte, nicht anzunehmen. Zweitens wird darin ein klarer Beweis dafür vorgelegt, dass das Jenseits notwendig ist. Das Kind, das lebendig begraben wurde, muss doch irgendwo Genugtuung und Gerechtigkeit erfahren. Und für diejenigen, die dieses Unrecht begangen haben, muss eine Zeit kommen, in der sie für diese grausame Gewalttat zur Rechenschaft gezogen werden. Auf der Erde gab es niemanden, der den Hilferuf des begrabenen Mädchens hätte hören können. In der Gesellschaft der Dschāhilīya galt diese unmenschliche Tat nicht als etwas, dessen Unterlassung rechtlich geboten gewesen wäre. Weder schämten sich die Eltern ihrer Tat, noch gab es in der Familie jemanden, der sie dafür getadelt hätte. Auch in der Gesellschaft gab es niemanden, der sie hätte zur Rechenschaft ziehen können. Sollte dann auch in Gottes Herrschaft dieses gewaltige Unrecht ohne Wiedergutmachung bleiben? (102)
Die moralischen Folgen der Leugnung des Jenseits
Neben der Darlegung so starker Beweise für die Möglichkeit und Notwendigkeit des Jenseits ist im Heiligen Koran auch gesagt worden, dass allein der Glaube an das Jenseits den Charakter und das Verhalten des Menschen auf einer richtigen und festen moralischen Grundlage bewahrt. Ohne ihn gibt es nichts, was ihn von Unrecht und Unterdrückung, Ausschweifung und Sünde, Vertragsbruch, Veruntreuung, üblen Taten und Ähnlichem zurückhält. Denn ganz gleich, wie viele Argumente diejenigen, die das Jenseits leugnen, auch mit Worten vorbringen mögen: Aus ihrem tatsächlichen Verhalten wird deutlich, dass sie in Wirklichkeit die Freiheit von jeder moralischen Zügelung wünschen und das Jenseits leugnen, um diese Freiheit unversehrt zu bewahren. Zugleich werden im Koran jene moralischen Verfehlungen gekennzeichnet, die in der arabischen Gesellschaft allgemein verbreitet waren. Danach wird den Menschen die Frage vorgelegt, ob diese Verfehlungen auch dann begangen worden wären, wenn in ihnen das Bewusstsein entstanden wäre, dass sie eines Tages vor Gott erscheinen und für jede einzelne ihrer Taten Rechenschaft ablegen müssen. (103)
أَيَحْسَبُ الْإِنْسَانُ أَلَّنْ نَجْمَعَ عِظَامَهُ – بَلَى قَادِرِينَ عَلَى أَنْ نُسَوِّيَ بَنَانَهُ – بَلْ يُرِيدُ الْإِنْسَانُ لِيَفْجُرَ أَمَامَهُ-(القيامة-3–5)
Wenn sie daran festhalten, werden sie nur sich selbst schaden. Denn sie werden ihr ganzes Leben in der irrigen Vorstellung verbringen, dass alles Gute und Böse auf diese Welt begrenzt sei. Nach dem Tod werde es kein Gericht geben, bei dem sich die dauerhaften Folgen unserer guten und schlechten Taten zeigen würden. (98)
أَمْ حَسِبَ الَّذِينَ اجْتَرَحُوا السَّيِّئَاتِ أَنْ نَجْعَلَهُمْ كَالَّذِينَ آمَنُوا وَعَمِلُوا الصَّالِحَاتِ سَوَاءً مَحْيَاهُمْ وَمَمَاتُهُمْ سَاءَ مَا يَحْكُمُونَ- وَخَلَقَ اللَّهُ السَّمَاوَاتِ وَالْأَرْضَ بِالْحَقِّ وَلِتُجْزَى كُلُّ نَفْسٍ بِمَا كَسَبَتْ وَهُمْ لَا يُظْلَمُونَ(الجاثية-21-22)
Glauben diejenigen, die Unrecht und Frevel begangen haben, etwa, dass Wir sie denjenigen, die glauben und rechtschaffene Werke tun, gleichstellen werden, sodass ihr Leben und ihr Tod gleich wären? Wie schlecht sie doch urteilen! Allah hat Himmel und Erde in Wahrheit erschaffen. Und dies, damit jedem Menschen für das vergolten wird, was er erworben hat, und den Menschen kein Unrecht zugefügt wird. (Dschāthiya: 21–22)
Dies ist das moralische Argument für die Wahrheit des Jenseits. Die notwendige Forderung des Unterschieds zwischen Gut und Böse in der Moral sowie zwischen Sünde und Tugend im Handeln ist, dass das Ende der rechtschaffenen und der verderbten Menschen nicht gleich sein darf. Vielmehr soll der rechtschaffene Mensch den Lohn für seine rechtschaffenen Taten und der verderbte Mensch den Lohn für seine verderbten Taten erhalten. Wenn es nicht so wäre und Sünde und Tugend gleich vergolten würden, dann würde der Unterschied zwischen Gut und Böse in der Moral völlig sinnlos werden. Dadurch würde Gott außerdem Ungerechtigkeit vorgeworfen. Diejenigen, die auf Erden den Weg verderbter Taten beschreiten, wünschen natürlich, dass es weder Strafe noch Belohnung gebe. Denn gerade dieser Glaube behindert ihr Leben des Genusses. Doch es widerspricht der Weisheit und Gerechtigkeit des Schöpfers und Herrn des Weltalls, dass Er mit den verderbten und den rechtschaffenen Menschen gleich verfährt und nicht sieht, wie der fromme Gläubige gelebt hat und welche Unordnung der Ungläubige und der Sünder hier angerichtet haben. Ein Mensch auferlegt sich sein ganzes Leben lang moralische Beschränkungen, erfüllt weiterhin die Rechte der Anspruchsberechtigten, versagt sich ungerechte Vorteile und den Luxus des Genusses und nimmt um der Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit willen verschiedene Arten von Verlusten auf sich. Andere Menschen befriedigen die Begierden ihrer Triebseele auf jede mögliche Weise, erkennen weder Gottes Rechte an noch enthalten sie sich des Eingriffs in die Rechte der Menschen, sondern tun alles, wodurch sie Vorteile und Wohlleben erlangen und genießen können. Kann man nun von Gott erwarten, dass Er diesen Unterschied zwischen dem Leben dieser beiden Arten von Menschen unbeachtet lässt? Wenn das Leben derjenigen bis zum Tod nicht gleich war, ihr Ende nach dem Tod aber gleich wäre, welche größere Ungerechtigkeit könnte es dann in Gottes Herrschaft geben?
Dann wird gesagt, dass die Erschaffung von Erde und Himmel kein Spiel ist, sondern eine zweckgerichtete und weise Ordnung. In einer solchen Ordnung ist es undenkbar, dass beide Arten von Menschen – diejenigen, die die von Allah verliehenen Fähigkeiten und Mittel richtig eingesetzt und Gutes getan haben, und diejenigen, die sie auf falsche Weise eingesetzt und dadurch Unrecht und Verderben verursacht haben – letztlich sterben und zu Erde werden, ohne dass es nach dem Tod ein zweites Leben gibt, in dem ihre guten und schlechten Taten auf der Grundlage der Gerechtigkeit gute beziehungsweise schlechte Folgen haben. Wenn es so wäre, dann wäre dieses Weltgefüge das Spielzeug eines Spielers und keine zweckgerichtete Ordnung, die von einem weisen Wesen geschaffen wurde. (99)
Die Verse 21–23 der Sure Dschāthiya machen unmissverständlich deutlich, dass diejenigen das Jenseits leugnen, die ihren Begierden dienen wollen und den Glauben an das Jenseits als ein Hindernis für diese Freiheit betrachten. Wenn sie dann das Jenseits leugnen, nimmt ihre Knechtschaft gegenüber den eigenen Begierden weiter zu, und sie verstricken sich Tag für Tag stärker in ihrer Irreleitung. Es gibt keinen Frevel, von dem sie sich fernhalten. Sie scheuen sich nicht, jemandem sein Recht zu rauben. Wenn sich ihnen eine Gelegenheit zu Unrecht und Übergriffen bietet, kann man von ihnen nicht erwarten, dass sie deshalb davon ablassen, weil sie in ihrem Herzen irgendeine Achtung vor Wahrheit und Gerechtigkeit hätten. Ereignisse, aus denen der Mensch eine Lehre ziehen kann, sehen sie vor ihren Augen. Doch ziehen sie daraus gerade den umgekehrten Schluss: Was sie tun, sei richtig und sie sollten es daher tun. Kein guter Gedanke ist für sie annehmbar. Ein Argument, das geeignet sein könnte, einen Menschen von einer schlechten Tat abzuhalten, vermag in ihnen keine Wirkung zu erzeugen. Vielmehr suchen sie alle möglichen Argumente zur Verteidigung ihrer ungezügelten Freiheit hervor. Ihr Denken und ihr Verstand sind nicht auf gute Gedanken, sondern darauf gerichtet, die Begierden ihrer Triebseele auf jede Weise zu befriedigen. Dies beweist, dass die Leugnung des Jenseits die Ursache für den Verfall des menschlichen Charakters ist. Was den Menschen innerhalb der Grenzen der Menschlichkeit halten kann, ist allein das Bewusstsein, dass wir nicht verantwortungslos sind, sondern uns bei Gott für jede unserer Taten verantworten müssen. Fehlt dieses Bewusstsein, kann selbst jemand, der ein großer Gelehrter ist, das abscheulichste Verhalten an den Tag legen. (100)
أَفَنَجْعَلُ الْمُسْلِمِينَ كَالْمُجْرِمِينَ – مَا لَكُمْ كَيْفَ تَحْكُمُونَ – أَمْ لَكُمْ كِتَابٌ فِيهِ تَدْرُسُونَ – إِنَّ لَكُمْ فِيهِ لَمَا تَخَيَّرُونَ – أَمْ لَكُمْ أَيْمَانٌ عَلَيْنَا بَالِغَةٌ إِلَى يَوْمِ الْقِيَامَةِ إِنَّ لَكُمْ لَمَا تَحْكُمُونَ – سَلْهُمْ أَيُّهُمْ بِذَلِكَ زَعِيمٌ – أَمْ لَهُمْ شُرَكَاءُ فَلْيَأْتُوا بِشُرَكَائِهِمْ إِنْ كَانُوا صَادِقِينَ-(القلم-35-41)
Sollen Wir etwa den Zustand der gehorsamen Menschen dem der Verbrecher gleichstellen? Was ist mit euch? Wie könnt ihr nur urteilen? Oder habt ihr etwa ein Buch, in dem ihr lest, dass
إِنَّ هَؤُلَاءِ يُحِبُّونَ الْعَاجِلَةَ وَيَذَرُونَ وَرَاءَهُمْ يَوْمًا ثَقِيلًا-(الدهر-27)
Diese Menschen lieben das, was schnell erlangt werden kann (die diesseitige Welt), und ignorieren den schweren Tag, der vor ihnen liegt. (Dahr: 27)
Mit anderen Worten: Der Grund, weshalb diese ungläubigen Quraisch sich aus Trotz in moralischer und glaubensmäßiger Irre festklammern wollen und weshalb ihre Ohren für die Einladung des Gesandten Allahs taub geworden sind, ist in Wirklichkeit ihre Verehrung der diesseitigen Welt und ihre Gleichgültigkeit gegenüber dem Jenseits. Deshalb ist der Weg eines wahrheitsgetreuen Menschen von ihrem Weg so verschieden, dass von irgendeinem Kompromiss zwischen ihnen überhaupt keine Rede sein kann. (106)
أَلْهَاكُمُ التَّكَاثُرُ – حَتَّى زُرْتُمُ الْمَقَابِرَ – كَلَّا سَوْفَ تَعْلَمُونَ – ثُمَّ كَلَّا سَوْفَ تَعْلَمُونَ – كَلَّا لَوْ تَعْلَمُونَ عِلْمَ الْيَقِينِ- لَتَرَوُنَّ الْجَحِيمَ – ثُمَّ لَتَرَوُنَّهَا عَيْنَ الْيَقِينِ – ثُمَّ لَتُسْأَلُنَّ يَوْمَئِذٍ عَنِ النَّعِيمِ-(التكاثر–1-8)
–Der Wunsch, im Vergleich zu anderen ein größeres Maß an Wohlstand und Annehmlichkeiten dieser Welt zu erlangen, hat euch in Achtlosigkeit und Gleichgültigkeit versinken lassen. Schließlich gelangt ihr in diesem Streben bis zu den Gräbern. Keineswegs! Bald werdet ihr wissen. Dann nochmals: Keineswegs! Bald werdet ihr wissen. Wenn ihr das Ergebnis dieses Verhaltens mit Gewissheit wüsstet, wäre euer Handeln nicht so. Danach werdet ihr gewiss über diese Gnaden befragt werden. (at-Takāthur: 1–8)
الهكم das Wort لهوstammt von ab. Seine eigentliche Bedeutung ist Gleichgültigkeit. In der arabischen Sprache bezeichnet man mit diesem Wort eine Tätigkeit, durch die das Interesse eines Menschen so stark anwächst, dass er, darin vertieft, gegenüber anderen wichtigen Aufgaben gleichgültig wird. Wenn aus dieser Wurzel das Wort الهكم verwendet wird, bedeutet es, dass irgendeine Gleichgültigkeit dich so sehr in Beschlag genommen hat, dass dir jedes Bewusstsein für andere wichtige Angelegenheiten fehlt. Deren Nachdenken nimmt dich völlig in Anspruch. Und diese Vertiefung macht dich gänzlich unachtsam.
تكاثر stammt von كثرت ab. Es hat drei Bedeutungen: Erstens bemühen sich die Menschen darum, an Zahl oder Besitz zuzunehmen. Zweitens versucht jeder, den anderen beim Erlangen von mehr zu übertreffen. Drittens rühmen sich die Menschen einander gegenüber damit, dass sie mehr als die anderen erlangt haben.
Daher الهكم التكاثرbedeutet, dass die Gier nach Mehr, also danach, übermäßig viel zu erlangen, euch so sehr miteinander beschäftigt hat, dass sie euch von wichtigeren Dingen abgelenkt hat. Hier wird nicht erklärt, worin bei Takāthur das Streben nach Mehr besteht und wovon bei alhākum abgelenkt wird. Hier wird auch nicht erklärt, an wen sich الهاكم richtet. Weil diese Erklärung fehlt, haben diese Worte eine umfassende Bedeutung. Die Bedeutung von „Takāthur“ ist nicht begrenzt; dazu gehören vielmehr das Streben, möglichst alle Vorteile und Möglichkeiten dieser Welt, alle Mittel des Gewinns und des Genusses sowie alle Mittel für Herrschaft, Macht und Stärke zu erlangen, der Versuch, beim Erwerb all dessen im Wettbewerb anderen vorauszugehen, und der Stolz auf den eigenen größeren Besitz im Vergleich zu anderen. Ebenso bleibt die Zahl derjenigen, an die sich الهاكم richtet, nicht begrenzt. Vielmehr fallen die Menschen jedes Zeitalters einzeln wie auch als Gemeinschaft unter diese Anrede. Das Streben, möglichst viele weltliche Vorteile zu erlangen und durch Wettbewerb darin voranzukommen, findet sich sowohl bei Einzelpersonen als auch bei Völkern.
Ebenso ist, da in الهاكم التكاثر keine Erklärung dafür enthalten ist, wovon abgelenkt wird, auch dies in umfassendem Sinn zu verstehen. Das heißt: Der Mensch hat sich von Gott abgewandt, vom Ausgang im Jenseits und von den moralischen Grenzen und Pflichten. Sein ganzes Denken gilt nur der Steigerung des Lebensstandards. Er denkt nicht darüber nach, wie tief der Wert der Menschlichkeit sinkt. Er will immer mehr Reichtum und kümmert sich nicht darum, wie dieser erworben wird. Luxus, Genuss und körperliche Vergnügungen sind sein größtes Begehren. In diesen Genüssen versunken, ist er völlig unachtsam dafür geworden, welche Folgen dieses Verhalten haben kann. Er denkt nur daran, möglichst viel Macht, möglichst viele Soldaten und möglichst viele Waffen anzusammeln, und wetteifert darin mit anderen. Sie bedenken nicht, dass all dies Mittel dazu sind, Gottes Erde mit Ungerechtigkeit und Unterdrückung zu füllen und die Menschlichkeit zu zerstören. Kurz gesagt: Takāthur hat viele Formen, die den Einzelnen und die Völker so sehr in Anspruch nehmen, dass sie an nichts anderes denken als an diese Welt und ihre Genüsse; und dieser Gedanke hält sie bis zum letzten Augenblick vor dem Tod gefangen.
Nachdem die Menschen vor diesem Irrtum gewarnt worden sind, wird gesagt: Ihr seid in der falschen Vorstellung befangen, dass dieser Überfluss an weltlichen Gütern und das Vorankommen im Wettbewerb um sie Fortschritt und Erfolg bedeute. Doch das kann keineswegs Fortschritt und Erfolg sein. Sehr bald werdet ihr dessen schlimme Folgen erkennen, und ihr werdet erkennen, welch großer Irrtum es war, in dem ihr euer ganzes Leben versunken wart. Mit „sehr bald“ kann auch das Jenseits gemeint sein. Denn für Denjenigen, dessen Blick sich von Ewigkeit zu Ewigkeit erstreckt, sind selbst einige tausend oder einige hunderttausend Jahre nur ein winziger Abschnitt der Zeit. Es kann damit aber auch der Tod gemeint sein, denn er ist keinem Menschen fern. Und unmittelbar mit dem Tod wird dem Menschen klar werden, ob die Tätigkeiten, mit denen er sein ganzes Leben verbracht hat, Ursache seines Glücks oder seines Unglücks waren. (107)
Danach führt der Koran selbst einige Beispiele aus der arabischen Gesellschaft an und zeigt, welche Übel die Abwendung vom Jenseits unter den Menschen hervorgebracht hat.
– Meint der Mensch etwa, Wir könnten seine Knochen nicht wieder zusammenfügen? Wir sind sogar imstande, seine Fingerknöchel genau wiederherzustellen. Doch der Mensch will auch künftig in Sünde verharren. (Qiyāma: 3–5)
In den ersten beiden Versen wird den Leugnern auf ihre Einwände geantwortet. Sie sagten etwa: Wie kann es möglich sein, dass die Körperteile jener Menschen wieder zusammengefügt werden und jeder Mensch genau derselbe Mensch wird, der er zehntausend oder zwanzigtausend Jahre zuvor war, nachdem seit ihrem Tod Tausende von Jahren vergangen sind, ihre winzigsten Körperteile sich mit der Erde vermischt und aufgelöst haben, ihre Knochen verwest und wer weiß wohin verstreut worden sind, manche von ihnen im Feuer verbrannt, manche von wilden Tieren verschlungen und manche im Meer versunken und Fischen zur Nahrung geworden sind? Allah hat darauf in Form dieser kurzen Frage eine äußerst vernünftige und äußerst überzeugende Antwort gegeben: „Meint der Mensch etwa, dass Wir seine Knochen nicht zusammenfügen können?“ Das heißt: Wenn euch gesagt worden wäre, diese verstreuten Körperteile würden sich irgendwann von selbst zusammenfügen und ihr würdet aus eigener Kraft mit diesem Körper wieder lebendig werden, dann wäre es verständlich gewesen, dass ihr dies für unmöglich haltet. Doch euch wurde ja gesagt, dass dies nicht von selbst geschehen wird, sondern dass Allah es vollbringen wird. Glaubt ihr nun wirklich, dass der Schöpfer des Universums, Den ihr selbst als Schöpfer anerkennt, dazu unfähig ist? Diese Frage ist so beschaffen, dass kein Mensch, der Gott als Schöpfer anerkennt, damals hätte sagen können und heute sagen kann, dass Gott, selbst wenn Er diese Tat vollbringen will, dazu nicht imstande sei. Wenn ein Dummkopf dies behauptet, kann man ihn fragen: Wie hat jener Gott, von Dem du behauptest, Er könne diese Teile nicht zusammenfügen, den Körper erschaffen, in dem du jetzt lebst, indem Er seine zahllosen Bestandteile aus Luft, Wasser, Erde und wer weiß von wie vielen Orten zusammenbrachte? Danach heißt es: Warum sollten Wir nicht imstande sein, dein Körperskelett erneut aufzubauen, indem Wir die großen Knochen zusammenfügen? Ja, Wir sind sogar dazu fähig, die feinsten Teile eures Körpers, ja selbst die Gelenke eurer Finger, genau so wiederherzustellen, wie sie zuvor waren.
Im letzten Satz wird die eigentliche Krankheit der Leugner des Jenseits diagnostiziert. Was sie tatsächlich dazu bewegt, das Jenseits zu leugnen, ist nicht, dass sie es für unmöglich halten. Der wahre Grund für ihre Leugnung ist vielmehr, dass ihnen mit der Anerkennung des Jenseits zwangsläufig gewisse moralische Gebote und Verbote auferlegt würden und dies für sie unerträglich ist. Sie wollen, dass sie auch künftig so umherstreifen können, wie sie bisher wie Rinder ohne Halfter (ohne Nasenstrick) überall herumgezogen sind. Für die Unterdrückung, Gewalttätigkeit, Treulosigkeit, Sündhaftigkeit und das Unwesen, die sie bisher verübt haben, möchten sie auch in Zukunft eine uneingeschränkte Erlaubnis erhalten. Der Gedanke, dass sie eines Tages vor ihrem Gott erscheinen und für ihre Taten Rechenschaft ablegen müssen, soll sie nicht daran hindern, diese ungerechte Freiheit zu genießen. Tatsächlich hält also nicht ihr Gewissen sie vom Glauben an das Jenseits ab, sondern die Begierden und Wünsche ihrer Triebseele stehen dem entgegen. (104)
Genau dies wird im folgenden Vers gesagt?
وَمَا يُكَذِّبُ بِهِ إِلَّا كُلُّ مُعْتَدٍ أَثِيمٍ-(المطففين-12)
Und niemand hält es für eine Lüge außer einem maßlosen Frevler. (Mutaffifīn: 12)
إِنَّ الَّذِينَ يَضِلُّونَ عَنْ سَبِيلِ اللَّهِ لَهُمْ عَذَابٌ شَدِيدٌ بِمَا نَسُوا يَوْمَ الْحِسَابِ-(ص-26)
-Für diejenigen, die sich vom Weg Allahs abwenden, gibt es eine schwere Strafe, weil sie den Tag der Abrechnung vergessen haben. (Sad: 26)
كَلَّا بَلْ تُحِبُّونَ الْعَاجِلَةَ – وَتَذَرُونَ الْآخِرَةَ-(القيامة-20–21)
Keineswegs! Die eigentliche Wahrheit ist, dass ihr das sofort Verfügbare (das Diesseits) liebt und das Jenseits vernachlässigt. (Al-Qiyama: 20–21)
Dies ist der zweite Grund für die Leugnung des Jenseits durch diejenigen, die es leugnen. Der erste Grund wurde bereits oben genannt: Sie wünschen sich völlige Freiheit zur Sündhaftigkeit und wollen sich den moralischen Einschränkungen und Verboten entziehen, die ihnen nach der Anerkennung des Jenseits zwangsläufig auferlegt werden. In Wirklichkeit ist es daher die Begierde der eigenen Triebe, die sie dazu bewegt, das Jenseits zu leugnen; anschließend greifen sie auf argumentative Erörterungen zurück, um diese ihre Leugnung zu beweisen.
Nun wird als zweiter Grund genannt, dass die Leugner des Jenseits einen beschränkten Blick und einen kurzsichtigen Horizont haben. Daher messen sie in ihrer Sicht den Vorteilen dieser Welt, die hier sichtbar werden, die größte Bedeutung bei, dem Ergebnis jedoch, das im Jenseits sichtbar werden wird, überhaupt keine Bedeutung. Sie meinen, man solle hier Annehmlichkeiten, Genuss und Vergnügen erlangen und dafür alle Mühe und Anstrengung einsetzen; denn wenn man dies erlangt habe, sei gleichsam alles gewonnen, ganz gleich, wie schlecht die Folgen im Jenseits auch sein mögen. So ist es ihrer Auffassung nach die wichtigste Aufgabe, sich vor dem Schaden und den Leiden zu bewahren, die hier eintreten können, ohne darauf zu achten, welche große Belohnung man im Jenseits vielleicht für das Ertragen dieser Dinge erhalten wird. Sie wollen ein Geschäft mit sofortiger Auszahlung. Für eine so ferne Zukunft wie das Jenseits sind sie weder bereit, auf einen gegenwärtigen Gewinn zu verzichten, noch irgendeinen Verlust hinzunehmen. Wenn sie mit dieser Denkweise über das Jenseits diskutierten, war darin keine Weisheit zu erkennen; vielmehr wirkte hinter ihren Argumenten eben diese Denkweise, aufgrund derer sie zu dem Schluss gelangten, dass man das Jenseits nicht anerkennen könne, obwohl ihr Gewissen in ihrem Inneren bezeugte, dass die im Koran angeführten Argumente für die Möglichkeit und Notwendigkeit des Jenseits äußerst stichhaltig und die von ihnen dagegen vorgebrachten Argumente völlig haltlos waren. (105)
الَّذِي خَلَقَ الْمَوْتَ وَالْحَيَاةَ لِيَبْلُوَكُمْ أَيُّكُمْ أَحْسَنُ عَمَلًا-(الملك-2)
-Derjenige, der den Tod und das Leben erschaffen hat, um euch zu prüfen und zu sehen, wer von euch die vorzüglichsten Taten vollbringt. (Al-Mulk: 2)
Das heißt, Allah, der Erhabene, hat die Abfolge von Leben und Tod der Menschen auf der Erde deshalb begonnen, um sie zu prüfen und zu sehen, wessen Taten vortrefflicher sind. In diesem kurzen Satz wird auf viele Wahrheiten hingewiesen.
Erstens: Tod und Leben kommen von Ihm. Es gibt niemanden außer Ihm, der Leben und Tod geben kann.
Zweitens: Dem Menschen ist als Geschöpf die Fähigkeit gegeben worden, Gutes und Böses zu tun. Weder sein Leben noch sein Tod sind zwecklos. Der Schöpfer hat ihn hier zur Prüfung erschaffen. Das Leben ist für ihn die Gelegenheit zur Prüfung. Der Tod bedeutet, dass die Zeit seiner Prüfung beendet ist.
Drittens: Zum Zweck dieser Prüfung hat der Schöpfer jedem Gelegenheit zum Handeln gegeben, damit er durch seine Taten auf der Erde Gutes und Böses zum Ausdruck bringen und in der Wirklichkeit zeigen kann, was für ein Mensch er ist.
Viertens: Der Schöpfer entscheidet, wessen Taten gut und wessen Taten schlecht sind. Es ist selbstverständlich nicht Aufgabe des Prüflings, den Maßstab für Gut und Böse festzulegen. Vielmehr ist der Prüfende derjenige, der den Maßstab bestimmt. Wer also diese Prüfung erfolgreich bestehen will, muss wissen, was beim Prüfenden als gute Tat gilt.
Fünftens: Der eigentliche Sinn der Prüfung besteht darin, dass jeder entsprechend seinen Taten belohnt wird. Denn ohne Belohnung hätte die Prüfung überhaupt keinen Sinn. (111)
إِنَّا خَلَقْنَا الْإِنْسَانَ مِنْ نُطْفَةٍ أَمْشَاجٍ نَبْتَلِيهِ فَجَعَلْنَاهُ سَمِيعًا بَصِيرًا – إِنَّا هَدَيْنَاهُ السَّبِيلَ إِمَّا شَاكِرًا وَإِمَّا كَفُورًا-( الدهر-2-3)
Wir haben den Menschen aus einem vermischten Samentropfen erschaffen, um ihn zu prüfen, und zu eben diesem Zweck haben Wir ihn hörend und sehend gemacht. Wir haben ihm den Weg gezeigt. Danach kann er dankbar oder undankbar sein. (Dahr: 2–3)
Dies ist der eigentliche Stellenwert der Welt für den Menschen und des Menschen für die Welt. Der Mensch ist nicht wie Pflanzen und Tiere, deren Schöpfungszweck sich bereits hier erfüllt und die nach den Naturgesetzen bis zu einer bestimmten Zeit ihre jeweilige Aufgabe verrichten, hier sterben und vergehen. Außerdem ist diese Welt für den Menschen weder ein Ort der Bestrafung, wie die Mönche meinen, noch ein Ort der Belohnung, wie die Anhänger der Lehre von der Wiedergeburt meinen. Sie ist auch weder eine Weide noch ein Ort der Zerstreuung, wie die Materialisten meinen. Ebenso ist sie kein Kampfplatz, wie die Anhänger Darwins und Marx’ glauben. Vielmehr ist sie für den Menschen ein Prüfungsfeld. Was er für seine Lebenszeit hält, ist in Wirklichkeit die Prüfungszeit, die ihm hier gewährt wurde. Die Kräfte, Fähigkeiten und Fertigkeiten, die ihm in der Welt gegeben wurden, die Dinge, deren Gebrauch ihm ermöglicht wurde, die Aufgaben, mit denen er hier tätig ist, sowie die Beziehungen, die zwischen ihm und anderen Menschen bestehen – all dies sind in Wirklichkeit unzählige Prüfungsaufgaben, und diese Prüfung dauert bis zum letzten Augenblick seines Lebens an. Ihr Ergebnis soll in dieser Welt nicht bekannt gegeben werden; vielmehr wird erst im Jenseits, nachdem diese Prüfungsaufgaben überprüft worden sind, entschieden, ob er erfolgreich oder erfolglos war. Sein Erfolg oder Misserfolg hängt davon ab, als was er sich selbst betrachtet und wie er hier gehandelt hat und wie er die ihm gestellten Prüfungsaufgaben beantwortet hat. Wenn er sich selbst für den Diener keines Gottes hielt oder sich für den Diener vieler Götter hielt und alle Prüfungsaufgaben unter der Annahme beantwortete, dass er sich im Jenseits vor seinem Schöpfer nicht verantworten müsse, dann waren alle Handlungen seines Lebens falsch. Wenn er sich jedoch als Diener des einen Gottes betrachtete, in einer Weise handelte, die dem Willen Gottes entsprach, und die Rechenschaft im Jenseits als Ziel annahm, dann hat er die Prüfung bestanden.
Dann heißt es: Wir haben ihn hörend und sehend gemacht. Obwohl die beiden arabischen Wörter سميع und بصير dasselbe bedeuten, nämlich hörend und sehend, weiß doch jeder Arabischsprachige, dass diese beiden Wörter bei Tieren niemals verwendet werden. Obwohl Tiere hören und sehen können, bedeutet Hören und Sehen hier also nicht die Fähigkeit des Hörens und Sehens, die auch dem Tier gegeben wurde. Vielmehr sind damit jene Mittel gemeint, durch die der Mensch Wissen erlangt und daraus Nutzen zieht. Da Hören und Sehen außerdem zu den wichtigsten Mitteln des menschlichen Wissenserwerbs gehören, wurden der Kürze halber nur diese beiden erwähnt. In Wirklichkeit ist jedoch beabsichtigt, dem Menschen alle Sinneswahrnehmungen zu geben, durch die er Wissen erlangt. Darüber hinaus unterscheiden sich die dem Menschen gegebenen Sinneswahrnehmungen ihrem Wesen nach vollständig von jenen Sinnesempfindungen, die dem Tier gegeben wurden. Denn hinter jeder seiner Empfindungen steht ein denkendes Gehirn, das die durch die Empfindungen erhaltenen Informationen sammelt, sie ordnet, daraus Schlussfolgerungen zieht, sich eine Meinung bildet und dann zu Entscheidungen gelangt, auf denen seine Lebensanschauung und sein Verhalten beruhen. Nachdem also gesagt worden war, dass Wir den Menschen erschaffen haben, um ihn zu prüfen, heißt es, dass Wir ihn zu diesem Zweck hörend und sehend gemacht haben. Das bedeutet in Wirklichkeit, dass Allah der Erhabene ihm die Kraft des Wissens und der Vernunft gegeben hat, damit er fähig sei, die Prüfung abzulegen. Es steht fest: Wenn mit der Aussage des göttlichen Wortes nicht dies gemeint wäre und der Zweck, ihn hörend und sehend zu machen, lediglich darin bestünde, ihm die Fähigkeit des Hörens und Sehens zu geben, dann würde ein blinder und tauber Mensch der Prüfung entgehen. Solange jedoch ein Mensch nicht des Wissens und der Vernunft beraubt ist, kommt eine Befreiung von der Prüfung überhaupt nicht in Frage.سميع und بصير die beiden Wörter niemals verwendet werden. Obwohl Tiere hören und sehen können, bedeutet Hören und Sehen hier also nicht die Fähigkeit des Hörens und Sehens, die auch dem Tier gegeben wurde. Vielmehr sind damit jene Mittel gemeint, durch die der Mensch Wissen erlangt und daraus Nutzen zieht. Da Hören und Sehen außerdem zu den wichtigsten Mitteln des menschlichen Wissenserwerbs gehören, wurden der Kürze halber nur diese beiden erwähnt. In Wirklichkeit ist jedoch beabsichtigt, dem Menschen alle Sinneswahrnehmungen zu geben, durch die er Wissen erlangt. Darüber hinaus unterscheiden sich die dem Menschen gegebenen Sinneswahrnehmungen ihrem Wesen nach vollständig von jenen Sinnesempfindungen, die dem Tier gegeben wurden. Denn hinter jeder seiner Empfindungen steht ein denkendes Gehirn, das die durch die Empfindungen erhaltenen Informationen sammelt, sie ordnet, daraus Schlussfolgerungen zieht, sich eine Meinung bildet und dann zu Entscheidungen gelangt, auf denen seine Lebensanschauung und sein Verhalten beruhen. Nachdem also gesagt worden war, dass Wir den Menschen erschaffen haben, um ihn zu prüfen, heißt es, dass Wir ihn zu diesem Zweck hörend und sehend gemacht haben. Das bedeutet in Wirklichkeit, dass Allah der Erhabene ihm die Kraft des Wissens und der Vernunft gegeben hat, damit er fähig sei, die Prüfung abzulegen. Es steht fest: Wenn mit der Aussage des göttlichen Wortes nicht dies gemeint wäre und der Zweck, ihn hörend und sehend zu machen, lediglich darin bestünde, ihm die Fähigkeit des Hörens und Sehens zu geben, dann würde ein blinder und tauber Mensch der Prüfung entgehen. Solange jedoch ein Mensch nicht des Wissens und der Vernunft beraubt ist, kommt eine Befreiung von der Prüfung überhaupt nicht in Frage.
وَيْلٌ لِلْمُطَفِّفِينَ – الَّذِينَ إِذَا اكْتَالُوا عَلَى النَّاسِ يَسْتَوْفُونَ – وَإِذَا كَالُوهُمْ أَوْ وَزَنُوهُمْ يُخْسِرُونَ – أَلَا يَظُنُّ أُولَئِكَ أَنَّهُمْ مَبْعُوثُونَ – لِيَوْمٍ عَظِيمٍ – يَوْمَ يَقُومُ النَّاسُ لِرَبِّ الْعَالَمِينَ-( المطففين–1–6)
–Verderben sei über die, die beim Maß betrügen. Ihr Verhalten ist so: Wenn sie von den Menschen nehmen, nehmen sie das volle Maß. Wenn sie ihnen jedoch abmessen oder abwiegen, schädigen sie sie, indem sie ihnen weniger geben. Begreifen diese nicht, dass sie an einem gewaltigen Tag auferweckt werden? An einem Tag, an dem alle Menschen vor dem Herrn der Welten stehen werden. (Al-Mutaffifin: 1–6)
مطففينDas Wort طفيف leitet sich von تطفيف ab. Im Arabischen bedeutet es einen kleinen und unbedeutenden Gegenstand. Als Fachausdruck bezeichnet es, beim Wiegen zu betrügen und weniger zu geben. Denn wer dies tut, unterschlägt beim Wiegen oder Abwiegen nicht eine große Menge. Vielmehr betrügt er jeden Kunden heimlich um eine kleine Menge, sodass der bedauernswerte Kunde überhaupt nicht merkt, wie viel Verlust der Händler ihm zufügt. Es steht fest, dass dieses in der Gesellschaft verbreitete Unrecht niemals hätte um sich greifen können, wenn die Menschen an das Jenseits gedacht hätten. (108)
كَلَّا بَلْ لَا تُكْرِمُونَ الْيَتِيمَ – وَلَا تَحَاضُّونَ عَلَى طَعَامِ الْمِسْكِينِ – وَتَأْكُلُونَ التُّرَاثَ أَكْلًا لَمًّا – وَتُحِبُّونَ الْمَالَ حُبًّا جَمًّا-( الفجر–Keineswegs. (Al-Fadschr: 17–20)
–Keineswegs. (Der Fortschritt oder Niedergang in dieser Welt ist kein Maßstab für Ehre und Unehre.) Doch ihr behandelt die Waisen nicht ehrenvoll. Ihr spornt einander nicht dazu an, den Bedürftigen Nahrung zu geben. Ihr verschlingt das gesamte Erbe in einem Zug und seid von der Liebe beziehungsweise der Gier nach Vermögen besessen. (Al-Fadschr: 17–20)
Mit anderen Worten: Dass ihr den Fortschritt und den Niedergang in dieser Welt als Maßstab für Ehre und Unehre betrachtet, ist lediglich Ausdruck eurer materialistischen Sichtweise. Der wahre Maßstab hingegen sind Charaktered und schlechte Eigenschaften. Euer Zustand ist der folgende: Solange der Vater der Waise lebt, behandelt ihr sie auf eine bestimmte Weise; wenn ihr Vater jedoch stirbt, kümmert sich niemand um sie – weder die Nachbarn und entfernten Verwandten noch der Onkel väterlicherseits, der Onkel mütterlicherseits oder sogar der ältere Bruder. In eurer Gesellschaft ist es nicht üblich, den Armen Nahrung zu geben. Niemand ist von sich aus bereit, einen Hungernden zu speisen, und unter den Menschen findet sich auch keine Ermutigung, sich Gedanken darüber zu machen, wie der Hunger der Bedürftigen gestillt werden kann, und einander dazu anzuspornen, dies zu organisieren. Im Erbrecht habt ihr Frauen und Kinder um ihr Recht gebracht. Außerdem eignet sich unter den Erben des Verstorbenen derjenige, der mächtig und einflussreich ist, ohne jedes Zögern das gesamte Erbe an. Der Anteil jener, die nicht die Kraft und Möglichkeit haben, ihren Anteil zu erlangen, geht verloren. In euren Augen gibt es keinen Unterschied zwischen Recht und Pflicht, sodass ihr dem Berechtigten in aller Ehrlichkeit und aus Pflichtgefühl sein Recht geben würdet, unabhängig davon, ob er die Kraft besitzt, es einzufordern oder nicht. Beim Erwerb von Vermögen macht ihr euch keinerlei Gedanken darüber, ob etwas erlaubt oder unerlaubt, halal oder haram ist. Ihr habt keinerlei Bedenken, Vermögen auf welchem Weg auch immer zu erlangen. Und wie viel Vermögen ihr auch erwerben mögt, das Feuer eurer Gier und Habgier erlischt niemals.
أَرَأَيْتَ الَّذِي يُكَذِّبُ بِالدِّينِ – فَذَلِكَ الَّذِي يَدُعُّ الْيَتِيمَ – وَلَا يَحُضُّ عَلَى طَعَامِ الْمِسْكِينِ-( الماعون-1–3)
–Hast du denjenigen gesehen, der die Belohnung und Bestrafung im Jenseits für Lüge hält? Das ist derjenige, der die Waise fortstößt und nicht dazu anspornt, den Bedürftigen zu speisen. (Al-Ma’un: 1–3)
Hier hat Allah, der Erhabene, anhand zweier eindrücklicher Beispiele in Wirklichkeit dargelegt, welche moralischen Übel die Leugnung des Jenseits im Menschen hervorbringt. Der eigentliche Zweck besteht nicht darin, gerade diese beiden Verfehlungen hervorzuheben, als ob bei der Leugnung des Jenseits nur diese beiden Übel sichtbar würden, nämlich dass der Mensch Waisen beschimpft und nicht dazu anspornt, den Bedürftigen zu speisen. Vielmehr sind unter den zahllosen Verfehlungen, die aus dieser Irreleitung entstehen, zwei Dinge als Beispiele angeführt worden, bei denen jeder gesunde Mensch anerkennen wird, dass es sich um äußerst abscheuliche Charakterzüge handelt. Dadurch soll sich im Herzen die Überzeugung festigen, dass dieser Mensch, wenn er an sein Erscheinen vor Gott und an die Rechenschaft geglaubt hätte, sich nicht so abscheulich verhalten würde: Er würde nicht das Recht der Waise verletzen, sie nicht unterdrücken oder beschimpfen und weder selbst den Bedürftigen speisen noch jemand anderen dazu auffordern. Die Eigenschaften derjenigen, die an das Jenseits glauben, sind in den Suren Al-Balad und Al-‘Asr beschrieben worden. Es heißt, dass sie einander dazu ermahnen, gegenüber den Geschöpfen Gottes Barmherzigkeit zu zeigen, und einander dazu ermahnen, wahrhaftig zu sein und die Rechte zu erfüllen. (110)
Die Welt ist ein Prüfungsfeld für den Menschen
Einerseits hat der Koran jeden Zweifel und jede Unsicherheit des Menschen hinsichtlich der Möglichkeit und Notwendigkeit des Jenseits auf äußerst vernünftige Weise beseitigt; andererseits hat er dem Menschen auch erklärt, dass er aufgrund seiner Achtlosigkeit die Welt für nichts weiter als eine Weide oder einen Ort des Zeitvertreibs hält. Dabei ist sie ein Prüfungsfeld, in dem er fortwährend im gesamten persönlichen und gesellschaftlichen Bereich seines Lebens tatsächlich geprüft wird. Diese Prüfung findet nicht in seiner Unkenntnis statt; vielmehr hat Allah, der Erhabene, umfassend dafür gesorgt, ihm zu erklären, wovon sein Erfolg und sein Misserfolg hier abhängen.
Sie blieben hinsichtlich der Unterschiede zwischen den Taten sowie der von ihnen dargelegten charakterlichen Grundsätze und rechtlichen Anweisungen nicht unwissend. Ob ihnen nun bewusst war oder nicht, dass sie dieses Wissen aus der Lehre der Propheten und den Büchern Allahs erlangt hatten: Auch diejenigen, die heute die Propheten und die offenbarten Bücher leugnen oder keinerlei Kenntnis von ihnen haben, halten sich an vieles, was in Wirklichkeit auf irgendeine Weise aus der Lehre der Propheten und der Bücher zu ihnen gelangt ist, ohne zu wissen, was deren eigentliche Quelle ist. (112)
Ein Tag der Entscheidung ist bestimmt
Dann wird an verschiedenen Stellen des Korans erklärt, dass das Ergebnis der Prüfung in dieser Welt nicht offenbar werden wird. Vielmehr ist dafür eine Zeit bestimmt, in der die früheren und späteren Generationen der Welt ein zweites Mal zum Leben erweckt und alle zur Rechenschaft gezogen werden. Jeder wird entsprechend seinen Taten belohnt oder bestraft werden.
إِنَّ يَوْمَ الْفَصْلِ مِيقَاتُهُمْ أَجْمَعِينَ-( الدخان-40)
-Für alle gibt es eine festgesetzte Zeit des Gerichts. (Duchan: 40)
قُلْ إِنَّ الْأَوَّلِينَ وَالْآخِرِينَ – لَمَجْمُوعُونَ إِلَى مِيقَاتِ يَوْمٍ مَعْلُومٍ-( الواقعة-49–50)
-Sag ihnen: Wahrlich, die Früheren und die Späteren werden an einem bestimmten Tag gewiss alle versammelt werden. (Al-Waqia: 49–50)
وَنُفِخَ فِي الصُّورِ فَصَعِقَ مَنْ فِي السَّمَاوَاتِ وَمَنْ فِي الْأَرْضِ إِلَّا مَنْ شَاءَ اللَّهُ ثُمَّ نُفِخَ فِيهِ أُخْرَى فَإِذَا هُمْ قِيَامٌ يَنْظُرُونَ-( الزمر-68)
-Und an jenem Tag wird in die Posaune geblasen, und alle in den Himmeln und auf der Erde werden zu Boden stürzen und sterben, außer denen, die Allah am Leben erhalten will (wie die Engel). Danach wird ein zweites Mal in die Posaune geblasen, und plötzlich werden alle aufstehen und schauen. (Az-Zumar: 68)
وَقِيلَ لِلظَّالِمِينَ ذُوقُوا مَا كُنْتُمْ تَكْسِبُونَ-( الزمر-24)
-Und zu den Ungerechten wird gesagt werden: Kostet die Früchte eurer Taten. (Az-Zumar: 24)
Oben كسبwurde das Wort verwendet. In der Terminologie des Korans bezeichnet es den Anspruch auf Belohnung und Bestrafung, den der Mensch durch seine Taten erwirbt. Der eigentliche Erwerb eines rechtschaffenen Menschen besteht darin, dass er Anspruch auf Allahs Vergeltung erlangt. Der Erwerb derjenigen, die den Irrweg einschlagen, ist die Strafe, die sie im Jenseits erhalten werden. (113)
الْيَوْمَ تُجْزَى كُلُّ نَفْسٍ بِمَا كَسَبَتْ لَا ظُلْمَ الْيَوْمَ-(المؤمن-17)
-(Zu jener Zeit wird gesagt werden:) Heute wird jeder Mensch für das vergolten, was er auf der Welt erworben hat. Niemandem wird Unrecht getan. (Mumin: 17)
Das heißt, es wird keinerlei Unrecht geschehen. Es sei darauf hingewiesen, dass es im Hinblick auf die Vergeltung verschiedene Arten von Unrecht geben kann. Erstens: Ein Mensch hat Anspruch auf eine Vergeltung, doch sie wird ihm nicht gewährt. Zweitens: Ihm wird nicht vollständig gewährt, worauf er Anspruch hat. Drittens: Er hat keinen Anspruch auf Bestrafung, wird aber bestraft. Viertens: Er hat Anspruch auf Bestrafung, wird aber nicht bestraft. Fünftens: Jemand verdient eine geringe Strafe, erhält aber eine schwerere Strafe. Sechstens: Der Unterdrückte wartet, während der Unterdrücker vor seinen Augen freigesprochen davonkommt. Siebtens: Einer wird für das Verbrechen eines anderen zur Verantwortung gezogen. Allah, der Erhabene, will, dass keine einzige der möglichen Formen des Unrechts von seinem Gericht ausgeht. (114)
Alles, was der Mensch auf der Welt tut, ist Allah, dem Erhabenen, unmittelbar bekannt
Im Heiligen Koran wird ebenfalls gesagt, dass Allah, der Erhabene, unmittelbar weiß, was der Mensch in diesem Prüfungsfeld tut. Keine Handlung des Menschen, nicht einmal ein Gedanke oder Wunsch in seinem Inneren, kann Allah verborgen bleiben. Deshalb wird der Mensch am Tag des Gerichts vor jenem Gott erscheinen, der über alle Taten seines Lebens Bescheid weiß.
وَأَسِرُّوا قَوْلَكُمْ أَوِ اجْهَرُوا بِهِ إِنَّهُ عَلِيمٌ بِذَاتِ الصُّدُورِ-( الملك-13)
-Sprecht heimlich oder laut – für Ihn ist es gleich –, denn Er kennt auch den Zustand der Herzen. (Mulk: 13
أَمْ يَحْسَبُونَ أَنَّا لَا نَسْمَعُ سِرَّهُمْ وَنَجْوَاهُمْ بَلَى وَرُسُلُنَا لَدَيْهِمْ يَكْتُبُونَ-( الزخرف-80)
Glauben sie etwa, dass Wir ihr Geheimnis und ihre heimlichen Gespräche nicht hören? Doch, Wir hören alles. Außerdem schreiben Unsere Engel, die bei ihnen sind, alles auf. (as-Suchruf: 80)
وَنَعْلَمُ مَا تُوَسْوِسُ بِهِ نَفْسُهُ وَنَحْنُ أَقْرَبُ إِلَيْهِ مِنْ حَبْلِ الْوَرِيدِ-( ق-16)
Wir wissen sogar von den bösen Gedanken, die in ihrem Inneren entstehen. Und Wir sind ihm näher als seine Halsader. (Qaf: 16)
Dann heißt es, dass Wir ihm nicht nur die Kraft des Wissens und der Vernunft gegeben, sondern ihm zugleich auch den Weg gewiesen haben, damit er erkennen kann, welcher der Weg der Dankbarkeit und welcher der Weg des Unglaubens ist. Welchen Weg er dann auch einschlägt, dafür trägt er selbst die Verantwortung. In der Sure al-Balad wird dies folgendermaßen gesagt:
وَهَدَيْنَاهُ النَّجْدَيْنِ
Wir haben ihm beide Wege – den guten und den schlechten – deutlich aufgezeigt.
In der Sure asch-Schams wird dasselbe nochmals folgendermaßen gesagt:
وَنَفْسٍ وَمَا سَوَّاهَا – فَأَلْهَمَهَا فُجُورَهَا وَتَقْوَاهَا
– und bei der menschlichen Seele und bei dem, der sie mit all ihren sichtbaren und verborgenen Kräften wohlgeordnet erschaffen hat. Dann hat Er ihr ihre Neigung zur Sünde und ihre Gottesfurcht eingegeben.
Wenn man all dies berücksichtigt und zugleich die ausführlichen Darlegungen im Heiligen Koran betrachtet, in denen gesagt wird, welche Vorkehrungen Allah für die Rechtleitung der Menschen getroffen hat, wird deutlich, dass die in diesem Vers erwähnte Rechtleitung nicht nur eine einzige Form der Wegweisung bedeutet, sondern unzählige Formen umfasst. Zum Beispiel:
1. Jedem Menschen wurde zusammen mit der Fähigkeit zu Wissen und Vernunft auch ein moralisches Empfinden gegeben, durch das er zwischen Gut und Böse unterscheiden kann. Manche Handlungen und Eigenschaften hält er für böse, obwohl er sich ihnen hingibt, und manche Handlungen und Eigenschaften hält er für gut, obwohl er sich von ihnen fernhält. Selbst diejenigen, die aus Gründen ihrer Interessen und ihrer Begierden Philosophien erfunden haben, aufgrund deren sie zahlreiche Sünden und Freveltaten für sich erlaubt haben, befinden sich in der Lage, dass sie aufschreien, wenn jemand anderes dieselben Freveltaten ihnen gegenüber begeht. Daran erkennt man, dass sie diese Dinge trotz ihrer eigenen irrigen Philosophien in Wirklichkeit für böse halten. Ebenso zwingt die menschliche Natur jeden, der durch das rechtschaffene Verhalten eines anderen selbst Nutzen zieht, diesen als der Achtung würdig zu betrachten, ganz gleich, wie sehr er rechtschaffene Taten und Tugenden auch als Ergebnis von Unwissenheit, Dummheit oder Rückständigkeit ansehen mag.
2. Allah hat in jeden Menschen etwas gelegt, das Gewissen genannt wird – das tadelnde Selbst (nafs al-lawwāma) –, und dieses hält ihn davon ab, eine böse Tat zu begehen. Mag der Mensch dieses Gewissen auch noch so liebevoll einschläfern oder noch so sehr versuchen, es gefühllos zu machen, er wird es niemals vollständig auslöschen können. Er kann sich schamlos stellen und versuchen, sich als völlig gewissenlos zu erweisen; durch erfundene Beweise und Argumente kann er alles daransetzen, die Welt zu täuschen, und um sogar sein eigenes Herz zu betrügen, kann er für seine Taten unzählige Entschuldigungen vorbringen. Dennoch ist der Kritiker, den Allah in seine Natur und sein Wesen eingesetzt hat, so lebendig, dass selbst einem unmoralischen Menschen nicht verborgen bleiben kann, wie er in Wirklichkeit ist. Genau dies wird in der Sure al-Qiyāma folgendermaßen gesagt:
– vielmehr kennt der Mensch sich selbst sehr wohl, mag er auch noch so viele Entschuldigungen und Einwände vorbringen.
3. In der eigenen Existenz des Menschen und in allen Richtungen der gesamten Welt und Natur – von der Erde um ihn herum bis zu den Himmeln – sind unzählige Zeichen verstreut, die bezeugen, dass all dies ohne Gott nicht hätte entstehen können. Ebenso wenig können mehrere Götter die Erbauer und Lenker dieser Welt sein. Auf diese Weise liefern die Zeichen der oberen und der inneren Welt Beweise für die Auferstehung und das Jenseits. Wenn der Mensch seine Augen davor verschließt, oder wenn er, von seinem Gewissen geleitet, nicht über sie nachdenkt, oder wenn er zögert, die Wahrheiten anzuerkennen, auf die diese Zeichen hinweisen, dann ist dies seine eigene Schuld. Allah hat von Seiner Seite nichts unterlassen, um dem Menschen Zeichen vor Augen zu führen, die ihm die Wahrheit verkünden.
4. Im eigenen Leben des Menschen, in der Welt seiner Zeit und in den Erfahrungen der vergangenen Geschichte finden sich zahllose Ereignisse, die beweisen, dass eine höhere Herrschaft über ihn und die gesamte Welt und Natur regiert. Vor ihr ist der Mensch völlig hilflos; ihr Wille setzt sich in jeder Angelegenheit durch, und der Mensch ist auf ihre Hilfe angewiesen. Diese Erfahrungen und Beobachtungen verkünden die Wahrheit nicht nur in der äußeren Welt, sondern auch in der menschlichen Natur findet sich das Zeugnis für die Existenz dieser höheren Herrschaft und Autorität. Darauf beruht es, dass selbst die größten Atheisten in äußerster Gefahr ihre Hände im Gebet vor Gott erheben.
5. Das menschliche Gewissen und die von ihm beeinflusste Natur weisen mit aller Deutlichkeit darauf hin, dass es notwendig ist, für Verbrechen bestraft und für gute Taten belohnt zu werden. Darauf beruht es, dass in jeder Gesellschaft in irgendeiner Form ein Rechtssystem eingerichtet und auch eine Belohnung für das vorgesehen wird, was als lobenswert gilt. Dies ist ein klarer Beweis dafür, dass zwischen der Moral und dem Gesetz der Vergeltung (LAW OF RETRIBUTION) ein so notwendiger Zusammenhang besteht, dass der Mensch ihn nicht leugnen kann. Wenn nun allgemein anerkannt ist, dass es auf der Welt unzählige Verbrechen gibt, für die nicht nur keine vollständige, sondern überhaupt keine Strafe verhängt werden kann, und ebenso unzählige gute Taten, für die der tugendhafte Mensch nicht nur keine angemessene, sondern überhaupt keine Belohnung erhält, dann bleibt keine andere Möglichkeit, als das Jenseits anzuerkennen. Freilich wäre es etwas anderes, wenn irgendein Dummkopf dies glaubt oder irgendein Halsstarriger zu dem Schluss kommen will, dass ein Mensch, der die Vorstellung von Gerechtigkeit in sich trägt, in einer Welt geboren wurde, die selbst keinerlei Vorstellung von Gerechtigkeit besitzt. Dann bleibt es seine Aufgabe, die Frage zu beantworten: Woher kam im Geist des Menschen, der in einer solchen Welt geboren wurde, die Vorstellung von Gerechtigkeit?
6. Allah hat Propheten in die Welt gesandt und Schriften herabgesandt, um den Menschen den klaren Weg zu weisen; darin wurde deutlich dargelegt, welches der Weg des Dankes und welches der Weg des Unglaubens ist und welches dann das Ergebnis des Beschreitens dieser beiden Wege sein wird. Die von den Propheten und den Schriften Allahs überbrachten Lehren sind direkt und indirekt so umfassend über die ganze Welt verbreitet, dass es keine menschliche Siedlung gibt, in der nicht die Vorstellung von Gott, die Vorstellung vom Jenseits, das Gute und das Böse
وَهُوَ مَعَكُمْ أَيْنَ مَا كُنْتُمْ وَاللَّهُ بِمَا تَعْمَلُونَ بَصِيرٌ-( الحديد-4)
– Er (Allah) ist mit euch, wo immer ihr seid. Und Allah sieht alles, was ihr tut. (Hadid: 4)
يَعْلَمُ خَائِنَةَ الْأَعْيُنِ وَمَا تُخْفِي الصُّدُورُ – وَاللَّهُ يَقْضِي بِالْحَقِّ-( المؤمن-19–20)
Allah kennt sogar eure verstohlenen Blicke und kennt auch alle Geheimnisse, die in den Herzen verborgen sind. Allah wird nach der Wahrheit richten. (Mumin: 19–20). (115)
Im Jenseits wird durch unwiderlegbare Zeugenaussagen ein Beweis seiner Taten vorgelegt werden
Im Heiligen Koran wird ausführlich dargelegt, dass Allah im Jenseits nicht auf der Grundlage Seines eigenen Wissens richten wird. Vielmehr lässt Er über die Taten jedes Einzelnen eine vollständige, detaillierte und genaue Aufzeichnung anfertigen. Danach werden im Gericht des Jenseits solche Zeugnisse über die Taten der Menschen vorgelegt werden, dass es keine Möglichkeit geben wird, sie zu leugnen.
إِذْ يَتَلَقَّى الْمُتَلَقِّيَانِ عَنِ الْيَمِينِ وَعَنِ الشِّمَالِ قَعِيدٌ – مَا يَلْفِظُ مِنْ قَوْلٍ إِلَّا لَدَيْهِ رَقِيبٌ عَتِيدٌ-( ق–17–18)
Zwei Schreiber sitzen zu seiner Rechten und zu seiner Linken und schreiben alles auf. Kein Wort kommt aus seinem Mund, ohne dass ein stets gegenwärtiger Bewahrer da wäre, der es festhält. (Qaf: 17–18)
Der Sinn dieser Aussagen ist, dass Allah einerseits selbst unmittelbar die Bewegungen, das Verhalten, die Gesten und die inneren Regungen des Menschen kennt; andererseits sind für jeden Menschen zwei Engel eingesetzt, die jedes einzelne seiner Worte niederschreiben. Kein Wort und keine Tat von ihm bleibt aus ihrem Register ausgeschlossen. Das bedeutet: Wenn der Mensch vor Allahs Gericht gestellt wird, wird Allah selbst wissen, was jeder getan und wie er gehandelt hat. Zugleich werden die beiden Engel anwesend sein, um die Belege und Dokumente seiner Handlungen als Beweismittel vorzulegen. Es ist für uns sehr schwer, genau einzuschätzen, welcher Art diese Belege sein werden. Doch angesichts der Erkenntnisse, die uns heute eröffnet werden, lässt sich mit Gewissheit erkennen, dass in der Umgebung, in der der Mensch lebt und handelt, überall die Spuren seiner Töne, Bilder, Bewegungen und Gesten in jedes kleinste Teilchen eingeprägt werden. Daraus kann eines so unverändert in derselben Gestalt und mit demselben Ton ein zweites Mal wiedergegeben werden, dass zwischen Original und Kopie nicht der geringste Unterschied besteht. Heute vollbringt der Mensch dies mit technischen Geräten, wenn auch nur in sehr begrenztem Umfang. Die Engel Allahs sind jedoch weder auf solche Geräte angewiesen noch an deren Beschränkungen gebunden. Der eigene Körper des Menschen und jeder Gegenstand in seiner Umgebung sind für sie ein Film, auf dem sie jeden Ton und jedes Bild in seiner äußerst feinen und vollständigen Beschaffenheit genau aufzeichnen können. Am Tag der Auferstehung können sie den Menschen mit seinen eigenen Ohren und in seiner eigenen Stimme all das hören lassen, was er in der Welt getan hat. Sie können seinen eigenen Augen die bewegten Bilder all seiner Handlungen zeigen, deren Wahrheit er nicht bestreiten kann.
Hier muss man auch klar erkennen, dass Allah im Gericht des Jenseits niemanden aufgrund Seines eigenen Wissens bestrafen wird. Vielmehr wird Er ihn bestrafen, nachdem alle Voraussetzungen vollkommener Gerechtigkeit erfüllt sind. Deshalb wird auf der Welt von den Worten und Taten jedes Menschen ein vollständiges Register angefertigt, damit der vollständige Beweis für seine Handlungen durch unwiderlegbare Zeugnisse erbracht werden kann. (116)
وَإِنَّ عَلَيْكُمْ لَحَافِظِينَ – كِرَامًا كَاتِبِينَ – يَعْلَمُونَ مَا تَفْعَلُونَ-( الانفطار–10–12)
(Über euch sind Bewacher eingesetzt. Sie sind ehrenvolle Schreiber, die über jede eurer Taten Bescheid wissen. (Al-Infitar: 10–12)
Das heißt: Ob ihr den Tag des Gerichts leugnet, ihn für eine Lüge haltet oder ihn verspottet – an der Wahrheit ändert das nichts. Die eigentliche Wahrheit ist, dass euer Herr euch auf der Welt nicht wie zügellose Kamele freigelassen hat. Vielmehr hat Er für jeden von euch einen äußerst wahrhaftigen Bewacher eingesetzt. Keine eurer Taten ist ihnen verborgen, gleichgültig, ob ihr sie in der Dunkelheit, an einem abgelegenen Ort, in menschenleeren Wäldern oder unter solchen Umständen begeht, in denen ihr sicher seid, dass alles, was ihr getan habt, den Blicken der Menschen verborgen geblieben ist.
Für diese aufsichtführenden Engel hat Allah die beiden Wörter كراما كاتبينverwendet. Das heißt, sie sind Schreiber von höchstem Rang. Sie hegen weder persönliche Freundschaft noch Feindschaft gegenüber jemandem, sodass sie dem einen ungerechtfertigt Barmherzigkeit erweisen und aus ungerechtfertigter Gegnerschaft gegenüber einem anderen einen Bericht erstellen würden, der den Tatsachen widerspricht. Sie sind auch keine Verräter, die, ohne bei der Tat anwesend gewesen zu sein, eigenmächtig einen erfundenen Bericht niederschreiben. Ebenso sind sie keine Bestechlichen, die gegen eine Gegenleistung für oder gegen jemanden einen falschen Bericht verfassen. Ihr Rang steht über all diesen moralischen Schwächen. Daher sollten sowohl die rechtschaffenen als auch die schlechten Menschen gewiss sein, dass die guten Taten eines jeden ohne jede Verkürzung aufgezeichnet werden und niemandem eine Sünde zugeschrieben wird, die er nicht begangen hat.
Danach wird als zweite Eigenschaft jener Engel beschrieben, dass sie alles wissen, was ihr tut.“ Das heißt: Ihr Zustand ist nicht wie der der Mitarbeiter der CID- und DIB-Abteilungen dieser Welt, denen trotz aller Bemühungen vieles unbekannt bleibt. Sie sind über die Taten jedes Einzelnen vollständig informiert. An jedem Ort und in jeder Situation bleiben sie jedem Menschen so eng verbunden, dass er nicht einmal bemerkt, dass jemand ihn überwacht. Sie wissen auch, mit welcher Absicht jemand eine bestimmte Tat begangen hat. Daher ist das von ihnen angefertigte Protokoll ein vollständiges Protokoll, in dem nichts unerfasst bleibt. Diesbezüglich wird in Vers 49 der Sure al-Kahf gesagt, dass die Sünder am Tag der Auferstehung erstaunt sein werden, wenn sie sehen, dass in dem ihnen vorgelegten Namā-e Aʿmāl (Verzeichnis ihrer Taten) nichts, weder klein noch groß, ausgelassen wurde. Alles, was sie getan haben, sehen sie unverändert vor sich. (117)
وَأَخْرَجَتِ الْأَرْضُ أَثْقَالَهَا – وَقَالَ الْإِنْسَانُ مَا لَهَا – يَوْمَئِذٍ تُحَدِّثُ أَخْبَارَهَا – بِأَنَّ رَبَّكَ أَوْحَى لَهَا-( الزلزلة-2-5)
-Und die Erde wird alle ihre Lasten aus ihrem Inneren hervorholen und nach außen werfen. Und der Mensch wird sagen: Was geschieht mit ihr? An jenem Tag wird sie (die Erde) über alles berichten, was sich auf ihr ereignet hat. Denn dein Herr wird ihr befohlen haben, dies zu tun. (az-Zilzāl: 2–5)
Dies ist der Sachverhalt, der in Vers 4 der Sure al-Inschiqāq folgendermaßen beschrieben wird:
وَأَلْقَتْ مَا فِيهَا وَتَخَلَّتْ
-und leer werden, indem sie alles, was sich in ihr befindet, nach außen wirft.
Dies kann mehrere Bedeutungen haben. Erstens: Sie wird die toten Menschen, die an den verschiedensten Orten der Erde in unterschiedlicher Gestalt und unter verschiedenen Umständen liegen, hervorholen und nach außen werfen. Der folgende Satz macht deutlich, dass zu jener Zeit alle voneinander getrennten und verstreuten Teile ihrer Körper zusammengetragen werden und sie in eben jener Gestalt und Erscheinung wieder zum Leben erweckt werden, in der sie während ihres ersten Lebens waren. Denn wenn es nicht so wäre und sie völlig neue Menschen wären, wie könnten sie dann sagen: Was ist mit der Erde geschehen? Wann würden neue Menschen eine solche Aussage machen, selbst wenn sie den ursprünglichen Zustand der Erde gesehen hätten?
Die zweite Bedeutung ist, dass sie sich nicht damit begnügen wird, nur die Toten nach außen zu werfen. Vielmehr wird sie auch all die Zeugnisse ihrer Taten, Gesten, Bewegungen und Verhaltensweisen aus ihrem ersten Leben hervorholen und nach außen werfen, die in ihr aufgeschichtet und verborgen lagen.
Mit den darauffolgenden Worten wird eben dies erklärt: Die Erde wird von den Geschehnissen berichten, die sich auf ihr ereignet haben.
Dritte Bedeutung: Einige Tafsir-Gelehrte haben auch gesagt, dass die aufgehäuften Mengen an Gold, Silber, Edelsteinen und verschiedenen Vermögenswerten, die sich unter der Erde befinden, herausgeholt und nach außen geworfen werden. Der Mensch wird sehen: Das sind jene Dinge, für die er auf der Erde sein Leben hingab, für die er so viele Menschen ermordete, die Rechte der Berechtigten verletzte, stahl und raubte, zu Wasser und zu Land Plünderungen verübte, Kriege und Konflikte entfachte und wie viele Völker er vernichtete. An diesem Tag werden all diese Dinge vor ihm liegen, doch sie werden ihm keinerlei Nutzen bringen, sondern nur ein Grund für seine Bestrafung sein.
Mit „Mensch“ im zweiten Satz kann auch jeder einzelne Mensch gemeint sein. Denn sobald sie wieder zum Leben erweckt werden, wird ihre erste Reaktion sein: Was geschieht hier?
Später wird ihnen die Wahrheit offenbar werden, dass dies der Tag der Auferstehung ist. Mit „Mensch“ können aber auch Menschen gemeint sein, die das Jenseits leugnen. Denn das, was sie für unmöglich hielten, geschieht nun vor ihren Augen. Deshalb werden sie völlig bestürzt und ratlos sein. Für die Gläubigen hingegen gibt es keinen Grund zur Bestürzung, denn all dies geschieht gemäß ihrer Überzeugung und ihrem Glauben.
Im dritten Vers beziehungsweise Satz heißt es, dass die Erde von ihrem Zustand berichten wird, weil ihr Herr ihr befohlen haben wird, dies zu tun. Von Abu Huraira (ra) wird überliefert, dass der Prophet (s) diesen Vers rezitierte und fragte: „Wisst ihr, was ihr Zustand sein wird?“ Die Gefährten sagten: „Allah und Sein Gesandter wissen es am besten.“ Der Prophet (s) sagte: „Ihr Zustand wird darin bestehen, dass die Erde von den Taten jedes Mannes und jeder Frau Zeugnis ablegen wird, die sie auf ihrem Rücken begangen haben. Sie wird sagen: Er oder sie hat an jenem Tag jene Tat begangen.“ Dies ist der Zustand, von dem die Erde berichten wird. (Musnad Ahmad, Tirmidhi, Nasa’i, Ibn Dscharir, Abd ibn Humayd, Abu al-Mundhir, Hakim, Ibn Marduwaihi, Baihaqi)
Rabia al-Dschuraschi sagte, dass der Prophet (s) sprach: „Hütet euch davor, der Erde Unrecht zu tun, denn sie ist eure ursprüngliche Grundlage. Es gibt keinen Handelnden, dessen Taten sie nicht offenlegen wird, seien sie gut oder böse.“ (Mu’dscham at-Tabarani)
Anas (ra) sagte, dass der Prophet (s) sprach: „Am Tag der Auferstehung wird die Erde jede einzelne Tat hervorbringen, die auf ihrem Rücken begangen wurde.“ Danach rezitierte er diesen Vers. (Marduwaihi, Baihaqi)
Über Ali (ra) wird berichtet, dass er, wenn er das gesamte Vermögen des Bayt al-Mal verteilt und die Schatzkammer geleert hatte, zwei Rakʿa Gebet verrichtete und sagte: „Du musst bezeugen, dass ich dich mit dem Recht erfüllt und dich mit dem Recht geleert habe.“ Über die Erde heißt es, dass sie von allen Geschehnissen berichten wird, die sich auf ihr ereignet haben. Für die Menschen früherer Zeiten war es gewiss äußerst erstaunlich, wie die Erde sprechen sollte. Doch im Zeitalter der Entdeckungen der Physik, des Kinos, des Lautsprechers, des Radios, des Fernsehens, der Tonbandaufnahme, der Elektronik und Ähnlichem ist es nicht schwer zu verstehen, wie die Erde von ihrem Zustand berichten wird. Alles, was der Mensch mit seinem Mund sagt, hinterlässt Spuren in der Luft, in den Lichtwellen, an den Wänden des Hauses, auf dem Boden, in jedem Teilchen der Decke sowie auf Feldern, Ebenen, Äckern und in den Gärten. Wann immer Allah will, kann Er all diese Stimmen genau so wiedergeben lassen, wie sie aus dem Mund des Menschen hervorgegangen sind. Der Mensch wird sie dann mit eigenen Ohren hören und erkennen, dass es seine eigene und ihm vertraute Stimme ist. Jeder wird erkennen, dass alles, was er hört, die Stimme und der Ton jenes Menschen sind. Ebenso hat jede Bewegung des Menschen bei jeder Tat, die er an irgendeinem Ort und unter irgendwelchen Umständen auf der Erde vollbracht hat, ihre Spur auf jedem Gegenstand in seiner Umgebung hinterlassen, und ihr Bild ist darauf eingeprägt worden. Selbst wenn er eine Tat in völliger Dunkelheit begangen hat, gibt es durch Allahs Allmacht Lichtstrahlen, sodass die Frage von Licht und Finsternis überhaupt nicht aufkommt. Er kann unter allen Umständen ihr Bild aufnehmen. All diese Bilder werden am Tag der Auferstehung wie ein laufender Film vor dem Menschen sichtbar werden und ihm zeigen, wann, wo und was er in seinem ganzen Leben getan hat.
Die Wahrheit ist, dass Allah der Erhabene zwar die Taten jedes Menschen unmittelbar selbst kennt, doch wenn Er im Jenseits Gericht halten wird, wird Er jeden, den Er bestraft, erst nach vollständiger Erfüllung aller Erfordernisse der Gerechtigkeit bestrafen. Die Anklage, die in Seinem Gericht gegen jeden Schuldigen vorgebracht wird, wird durch so offenkundige Zeugnisse bewiesen werden, dass kein Raum bleiben wird, seine Schuld auch nur zu erörtern.
Zuerst wird dem Menschen sein Tatenbuch vorgelegt werden, in das die stets bei ihm weilenden edlen Schreiber jede seiner Aussagen und jede seiner Taten eintragen. Dieses Tatenbuch wird ihm in die Hand gegeben werden, und man wird zu ihm sagen: „Lies das Buch deiner Lebenswerke. Du selbst genügst als Abrechner über dich.“ (Banī Isrāʾīl: 14) Beim Lesen wird der Mensch bestürzt feststellen, dass nichts Kleines oder Großes ausgelassen wurde, sondern alles darin verzeichnet ist. Danach wird der Körper des Menschen Zeugnis ablegen, mit dessen Hilfe er in der Welt gehandelt hat. In Allahs Gericht wird seine eigene Zunge bezeugen, was er alles durch sie gesagt hat. Seine eigenen Hände und Füße werden bezeugen, welche Taten er durch sie begangen hat. (Nūḥ: 24) Seine Augen werden bezeugen, was er durch sie alles gesehen hat. Seine Ohren werden bezeugen, was er durch sie alles gehört hat. Die gesamte Haut seines Körpers wird Zeugnis über seine Taten ablegen. Verwirrt wird er zu seinen Gliedmaßen sagen: „Legt auch ihr Zeugnis gegen mich ab?“ Seine Gliedmaßen werden antworten: „Heute spricht jedes Ding auf Allahs Befehl. Auch wir sprechen auf Seinen Befehl.“ (Ḥā-Mīm as-Sadschda: 20–22) Danach werden zusätzlich die Erde und die Dinge in ihrer Umgebung als Zeugen angeführt werden, wenn der Mensch seine eigene Stimme mit eigenen Ohren hören und das genaue Abbild seiner Taten mit eigenen Augen sehen wird.
Darüber hinaus werden auch alle Vorstellungen, Wünsche, Absichten und Beweggründe, die im Inneren des Menschen verborgen waren und mit denen er seine Taten verrichtet hatte, hervorgeholt und vorgelegt werden. Wie es in der Sure al-ʿĀdiyāt gesagt wird: Deshalb wird der Mensch, nachdem all diese unwiderlegbaren, eindeutigen und unbestreitbaren Beweise vorgelegt worden sind, bestürzt sein und keine Möglichkeit haben, sich dafür zu rechtfertigen. (Siehe Sure al-Mursalāt, Verse 35–36.) (118)
وَوُضِعَ الْكِتَابُ فَتَرَى الْمُجْرِمِينَ مُشْفِقِينَ مِمَّا فِيهِ وَيَقُولُونَ يَا وَيْلَتَنَا مَالِ هَذَا الْكِتَابِ لَا يُغَادِرُ صَغِيرَةً وَلَا كَبِيرَةً إِلَّا أَحْصَاهَا وَوَجَدُوا مَا عَمِلُوا حَاضِرًا وَلَا يَظْلِمُ رَبُّكَ أَحَدًا-( الكهف-49)
Und das Tatenbuch wird vorgelegt werden. Dann wirst du sehen, wie die Schuldigen beim Anblick dessen, was in ihrem Lebensbuch verzeichnet ist, von Furcht erfüllt sein und ausrufen werden: „Wehe uns! Was für ein Buch ist das, das keine unserer kleinen oder großen Taten ausgelassen hat, sondern alles darin verzeichnet ist!“ Alles, was sie getan haben, werden sie vor sich gegenwärtig finden, und dein Herr wird niemandem Unrecht tun. (al-Kahf: 49)
Das heißt, es wird niemals geschehen, dass jemand ein Verbrechen nicht begangen hat und es dennoch zu Unrecht in sein Tatenbuch eingetragen wird. Ebenso wird niemand strenger bestraft werden, als es sein Verbrechen verdient, und kein Unschuldiger wird bestraft werden. (119)
وَكُلُّ شَيْءٍ فَعَلُوهُ فِي الزُّبُرِ – وَكُلُّ صَغِيرٍ وَكَبِيرٍ مُسْتَطَرٌ-( القمر-52–53)
Alles, was sie getan haben, ist in den Büchern aufgezeichnet. Jede kleine und große Sache ist aufgezeichnet. (al-Qamar: 52–53)
Das heißt, diese Leute sollen nicht dem Irrglauben verfallen, ihre Taten seien irgendwo verschwunden. Nein, die vollständige Aufzeichnung jedes Einzelnen, jeder Gruppe und jedes Volkes ist bewahrt. Zur rechten Zeit wird sie vorgelegt werden. (120)
يَوْمَ يَبْعَثُهُمُ اللَّهُ جَمِيعًا فَيُنَبِّئُهُمْ بِمَا عَمِلُوا أَحْصَاهُ اللَّهُ وَنَسُوهُ وَاللَّهُ عَلَى كُلِّ شَيْءٍ شَهِيدٌ-( المجادلة-6)
(Diese erniedrigende Strafe wird eintreten) an jenem Tag, an dem Allah sie alle wieder zum Leben erwecken und ihnen mitteilen wird, was sie getan haben. Sie haben es vergessen. Allah aber hat ihre Taten vollständig und genau aufgezeichnet, und Allah ist Zeuge jeder einzelnen Sache. (Al-Mudschādala: 6)
Das heißt, auch wenn sie es vergessen haben, ist die Angelegenheit nicht erledigt. Für sie mag der Ungehorsam gegenüber Gott und die Missachtung Seiner Gebote und Anordnungen etwas so Gewöhnliches sein, dass sie es nach ihrer Begehung nicht einmal im Gedächtnis behalten. Vielmehr halten sie es überhaupt nicht für etwas Anstößiges, um sich deswegen Sorgen zu machen. Bei Gott jedoch ist dies keineswegs eine belanglose Sache. In Seinem Buch ist jede ihrer Taten niedergeschrieben. Welche Person wann, mit welcher Absicht und welche Handlung begangen hat, welche Reaktion sie selbst darauf zeigte und wo und in welcher Gestalt deren Folgen sichtbar wurden – all dies ist in Seinem Buch verzeichnet. (121)
الْيَوْمَ نَخْتِمُ عَلَى أَفْوَاهِهِمْ وَتُكَلِّمُنَا أَيْدِيهِمْ وَتَشْهَدُ أَرْجُلُهُمْ بِمَا كَانُوا يَكْسِبُونَ-( يس-65)
– Heute versiegeln Wir ihren Mund. Ihre Hände werden zu Uns sprechen, und ihre Füße werden bezeugen, was sie auf der Erde erworben haben. (Yasin: 65)
Dieser Befehl wird jene hartnäckigen Verbrecher betreffen, die sich weigern, ihre Schuld einzugestehen, die Zeugnisse für Lügen halten und die Wahrheit des Buches der Taten ebenfalls nicht anerkennen. Dann wird Allah befehlen: Nun, beendet euer Geschwätz und seht, welchen Bericht eure eigenen Körperteile über eure Taten vorlegen. (122)
يَوْمَ تَشْهَدُ عَلَيْهِمْ أَلْسِنَتُهُمْ وَأَيْدِيهِمْ وَأَرْجُلُهُمْ بِمَا كَانُوا يَعْمَلُونَ-(النور-24)
(damit sie jenen Tag nicht vergessen,) an dem ihre Gesichter, ihre Hände und Füße gegen sie Zeugnis über ihre Taten ablegen werden. (An-Nur: 24)
Hier stellt sich die Frage: In dem oben erwähnten Vers der Sure Ya-Sin sagt Allah, dass Wir ihre Münder versiegeln werden. Andererseits heißt es in der Sure An-Nur, dass ihre Gesichter Zeugnis ablegen werden. Wie lässt sich dies miteinander in Einklang bringen?
Die Antwort lautet: Das Versiegeln ihrer Münder bedeutet, dass ihnen das Recht zu sprechen genommen wird. Das heißt, danach werden sie nicht mehr nach eigenem Willen sprechen können. Dass ihre Münder Zeugnis ablegen, bedeutet, dass ihre Münder selbst beginnen werden, diese Geschichte zu erzählen: Welche Taten diese Frevler begangen hatten, welche Formen des Unglaubens sie gezeigt hatten, welche Lügen sie ausgesprochen hatten, welche Unruhen sie gestiftet hatten und was sie zu welchen Zeiten mit ihrem Mund gesagt hatten. (123)
حَتَّى إِذَا مَا جَاءُوهَا شَهِدَ عَلَيْهِمْ سَمْعُهُمْ وَأَبْصَارُهُمْ وَجُلُودُهُمْ بِمَا كَانُوا يَعْمَلُونَ-وَقَالُوا لِجُلُودِهِمْ لِمَ شَهِدْتُمْ عَلَيْنَا قَالُوا أَنْطَقَنَا اللَّهُ الَّذِي أَنْطَقَ كُلَّ شَيْءٍ وَهُوَ خَلَقَكُمْ أَوَّلَ مَرَّةٍ وَإِلَيْهِ تُرْجَعُونَ-(حم السجده-20-21)
–Wenn sie dann alle dort angelangt sind, werden ihre Ohren, ihre Augen und die Haut ihres Körpers gegen sie Zeugnis darüber ablegen, was sie in der Welt alles getan haben. Sie werden die Haut ihres eigenen Körpers fragen: »Warum habt ihr gegen uns ausgesagt?« Sie wird antworten: »Uns hat derselbe Gott die Fähigkeit zu sprechen verliehen, der jedem Ding die Fähigkeit zu sprechen gegeben hat. Er hat euch zum ersten Mal erschaffen, und zu Ihm werdet ihr zurückgebracht werden.« (Hamim as-Sadschda: 20–21)
In den Hadithen wird dies so erklärt: Wenn ein besonders hartnäckiger, trotziger Verbrecher seine Schuld weiterhin leugnet und alle Beweise als Lügen zurückweist, werden auf Allahs Befehl seine Körperglieder eines nach dem anderen Zeugnis darüber ablegen, welche Taten er mit ihnen begangen hat. Dies wurde von den Prophetengefährten Anas, Abu Musa al-Aschʿari, Abu Saʿid al-Chudri und Ibn Abbas – Allahs Wohlgefallen sei auf ihnen – vom Propheten – Allahs Segen und Frieden seien auf ihm – überliefert. Die Hadithgelehrten Muslim, Ibn Dscharir, Ibn Abi Hatim, al-Bazzar und andere haben diese Überlieferung aufgezeichnet.
Dieser Vers gehört zu jenen Versen, durch die bewiesen wird, dass das Jenseits nicht lediglich eine geistige Welt ist. Vielmehr wird der Mensch dort erneut mit Körper und Seele auferweckt werden, so wie er jetzt in der Welt existiert. Ja, ihm wird derselbe Körper gegeben werden, in dem er sich gegenwärtig befindet. Die Körperglieder und kleinsten Teilchen, aus denen sein Körper in dieser Welt besteht, werden am Tag der Auferstehung zusammengefügt, und er wird mit seinem früheren Körper auferweckt werden – mit jenem Körper, mit dem er in der Welt seine Taten begangen hat. Es ist offensichtlich, dass die Körperglieder des Menschen dort nur dann in diesem Zustand Zeugnis ablegen können, wenn es eben jene Körperglieder sind, mit denen er in seinem irdischen Leben die Verbrechen begangen hat. Auch die folgenden Verse führen hierzu schlagende Beweise an: Bani Israil: 49–51, 98; al-Muʾminun: 35–38, 82–83; An-Nur: 24; as-Sadschda: 10; Ya-Sin: 65, 78–79; as-Saffat: 16–18; al-Waqiʿa: 47–50; an-Naziʿat: 10–14. (124)
إِنَّا نَحْنُ نُحْيِي الْمَوْتَى وَنَكْتُبُ مَا قَدَّمُوا وَآثَارَهُمْ وَكُلَّ شَيْءٍ أَحْصَيْنَاهُ فِي إِمَامٍ مُبِينٍ-(يس-12)
Wir werden die Toten gewiss eines Tages wieder zum Leben erwecken. Alles, was sie getan haben, schreiben Wir auf. Auch die Spuren, die sie hinterlassen haben, bewahren Wir auf. Jede einzelne Sache haben Wir in einem offenkundigen Buch zusammengetragen. (Yasin: 12)
Daraus wird ersichtlich, dass das Tatenbuch des Menschen auf drei verschiedene Arten zusammengestellt werden wird. Erstens: Alles Gute und Böse, das jeder Einzelne tut, wird von Allah dem Erhabenen in einem Register niedergeschrieben. Zweitens: Jeder Eindruck, den der Mensch in den ihn umgebenden Dingen und in den Gliedern seines eigenen Körpers hinterlässt, wird vollständig bewahrt. Dann werden all diese Aufzeichnungen zu jener Zeit auf eine solche Weise sichtbar werden, dass ihre eigenen Stimmen zu hören sein werden. Er wird eine vollständige Darstellung seiner eigenen Gedanken, Wünsche und Sehnsüchte auf der Tafel des Herzens eingeprägt vorfinden. Drittens: Der Einfluss des Guten und Bösen, den er nach seinem Tod auf seine künftigen Nachkommen, seine eigene Gesellschaft und die gesamte Menschheit ausgeübt hat, wird so lange und überall dort in seinem Rechenbuch niedergeschrieben werden, wie und wo dieser Einfluss wirksam bleibt. Alles Gute oder Böse, das er seinen Kindern gelehrt hat, alles Wohlergehen oder jede Verderbnis, die er in seiner Gesellschaft verbreitet hat, und jede Blume oder jeder Dorn, den er zum Wohl der Menschheit gesät hat – davon wird bis zu dem Zeitpunkt eine vollständige Aufzeichnung angefertigt werden, an dem die von ihm gesäte Ernte in dieser Welt weiterhin gute oder schlechte Früchte trägt. (125)
وَتَرَى كُلَّ أُمَّةٍ جَاثِيَةً كُلُّ أُمَّةٍ تُدْعَى إِلَى كِتَابِهَا الْيَوْمَ تُجْزَوْنَ مَا كُنْتُمْ تَعْمَلُونَ – هَذَا كِتَابُنَا يَنْطِقُ عَلَيْكُمْ بِالْحَقِّ إِنَّا كُنَّا نَسْتَنْسِخُ مَا كُنْتُمْ تَعْمَلُونَ-(الجاثية-28–29)
-An jenem Tag wirst du alle Gemeinschaften kniend sehen. Jede Gemeinschaft wird aufgerufen werden: Kommt und seht euer Tatenbuch! Zu ihnen wird gesagt werden: Heute wird euch der Lohn für die Taten gezeigt, die ihr zu tun pflegtet. Dies ist unser Tatenbuch, das wahrheitsgetreu über euch Zeugnis ablegt. Alles, was ihr zu tun pflegtet, schrieben Wir auf. (al-Dschathiya: 28–29)
Das Aufzeichnen geschieht nicht nur auf eine einzige Weise, nämlich indem etwas auf Papier geschrieben wird. Der Mensch hat bereits in dieser Welt verschiedene weitere Methoden entdeckt, die Worte und Taten eines Menschen abzubilden und sie anschließend genau in derselben Gestalt und Form wiederzugeben; und wir können uns nicht einmal vorstellen, welche weiteren Möglichkeiten in der Zukunft verborgen liegen, die der Mensch beherrschen können wird. Wer kann nun wissen, auf welche Weise Allah der Erhabene jedes einzelne Wort, jede Bewegung und Gebärde des Menschen sowie jedes noch so verborgene Detail seiner Gedanken, Wünsche und Sehnsüchte aufzeichnen lässt? (126)
وَإِذَا الرُّسُلُ أُقِّتَتْ-(المرسلات-11)
-und wenn die Zeit gekommen sein wird, die Gesandten vorzuladen. (al-Mursalat: 11)
An verschiedenen Stellen des erhabenen Quran wird gesagt, dass auf dem Feld der Auferstehung, wenn der Fall der Menschheit vorgetragen wird, der Gesandte jeder Nation als Zeuge vorgeladen werden wird, damit er bezeugen kann, dass sie ihnen die Botschaft Allahs des Erhabenen übermittelt haben. Dies wird gegen die Irregegangenen und die Sünder Allahs allererstes und gewichtigstes Beweismittel sein, durch das nachgewiesen werden wird, dass sie selbst für ihr irrendes Verhalten verantwortlich sind. Vonseiten Allahs des Erhabenen ist nichts unterlassen worden, um sie zu warnen. Siehe zur Erläuterung beispielsweise die folgenden Verse: Sure al-A’raf: 172–173; az-Zumar: 69; al-Mulk: 8. (127)
وَوُضِعَ الْكِتَابُ وَجِيءَ بِالنَّبِيِّينَ وَالشُّهَدَاءِ وَقُضِيَ بَيْنَهُمْ بِالْحَقِّ وَهُمْ لَا يُظْلَمُونَ-(الزمر-69)
-Und das Buch der Taten wird herbeigebracht und niedergelegt werden. Die Propheten und alle Zeugen werden herbeigebracht werden. Zwischen den Menschen wird in aller Wahrhaftigkeit entschieden werden, und ihnen wird kein Unrecht widerfahren. (Zumar: 69)
Die Propheten werden bezeugen, dass sie Gottes Botschaft überbracht haben. Mit den anderen Zeugen sind jene Menschen gemeint, die bezeugen werden, dass sie nach den Propheten den Menschen Gottes Botschaft überbracht haben. Zu den Zeugen können auch diejenigen gehören, die die Taten der Menschen bezeugen werden. Es ist nicht notwendig, dass diese Zeugen nur Menschen sind. Engel, Dschinn, Tiere und Vögel sowie die Gliedmaßen des Menschen, Häuser, Bäume und Pflanzen, Erde und Steine – all dies gehört zu den Zeugen. (128)
أَفَلَا يَعْلَمُ إِذَا بُعْثِرَ مَا فِي الْقُبُورِ-وَحُصِّلَ مَا فِي الصُّدُورِ-( العاديات-9-10)
-Weiß er etwa nicht, wann das, was in den Gräbern begraben liegt, herausgeholt wird? Und wann das, was in den Herzen verborgen ist, herausgeholt, offengelegt und geprüft wird? (Adiyat: 9–10)
Das heißt: Nach dem Tod wird der Verstorbene aus dem Zustand und dem Ort, an dem er liegt, herausgeholt und in Gestalt eines lebenden Menschen auferweckt werden. Die Wünsche, Begierden, Absichten, Ziele, Vorstellungen und Gedanken, die im Herzen verborgen waren, sowie die hinter den äußerlich sichtbaren Taten verborgenen Beweggründe (MOTIVE) werden offengelegt und vorgelegt werden. Danach wird all dies geprüft und gesichtet, und das Gute wird vom Bösen getrennt. Mit anderen Worten: Das Urteil wird nicht allein danach gefällt werden, was der Mensch äußerlich tatsächlich getan hat; vielmehr werden auch die im Herzen verborgenen Geheimnisse herausgeholt und wird gezeigt werden, aus welcher Gesinnung und mit welcher Absicht er seine Tat begangen hat. Wenn man darüber nachdenkt, kann man nicht umhin anzuerkennen, dass wirkliche und vollkommene Gerechtigkeit nirgendwo außer im Gericht Gottes zu finden ist.
Auch das religionslose weltliche Recht hält es grundsätzlich für erforderlich, dass niemand allein aufgrund der äußerlich sichtbaren Tat bestraft wird. Vielmehr muss auch geprüft werden, mit welcher Absicht er diese Tat begangen hat. Doch kein Gericht auf der Welt verfügt über die Mittel und Möglichkeiten, durch die es die wahre Beschaffenheit dieser Absicht erkennen könnte. Nur Allah, der Erhabene, kann die verborgene Motivation prüfen, die hinter jeder äußerlich sichtbaren Tat des Menschen wirksam ist, und anschließend entscheiden, welche Strafe oder Belohnung er verdient.
Darüber hinaus zeigen die Worte des Verses, dass dieses Urteil nicht lediglich auf dem Wissen Allahs, des Erhabenen, beruhen wird, das Er über die Wünsche und Absichten des Herzens hatte. Vielmehr werden am Tag der Auferstehung all diese Geheimnisse offengelegt und öffentlich vorgelegt werden, und vor dem öffentlichen Gericht wird durch Prüfung und Untersuchung festgestellt werden, wie viel Gutes und wie viel Böses in ihm vorhanden war. Aus diesem Grund تحصيل wurden diese Worte verwendet. حصل ما فى الصدور bedeutet auch, etwas herauszuholen und nach außen zu bringen, etwa wenn man die Schale oder Rinde entfernt, um den Kern herauszuholen. Danach werden verschiedene Dinge gesichtet und voneinander getrennt. Daher werden diese beiden Bedeutungen verwendet, um die Geheimnisse des Herzens zu erkennen: Sie offenzulegen und das Gute vom Bösen zu trennen. (129)
يَوْمَ تُبْلَى السَّرَائِرُ – فَمَا لَهُ مِنْ قُوَّةٍ وَلَا نَاصِرٍ – وَالسَّمَاءِ ذَاتِ الرَّجْعِ وَالْأَرْضِ ذَاتِ الصَّدْعِ – إِنَّهُ لَقَوْلٌ فَصْلٌ – وَمَا هُوَ بِالْهَزْلِ-(الطارق-9–14)
-An jenem Tag, an dem die verborgenen Geheimnisse geprüft werden, wird der Mensch weder eigene Kraft noch irgendeinen Helfer haben. Beim Himmel, der Regen niedergehen lässt, und bei der Erde, die (zur Zeit des Hervorbringens der Feldfrüchte) aufbricht: Dies ist eine wohlabgewogene Aussage, kein Scherz. (Tāriq: 9–14)
Mit den verborgenen Geheimnissen sind all jene Taten jedes Menschen gemeint, die in der Welt ein verborgenes Geheimnis geblieben sind, ebenso jene Handlungen, die zwar ihrer äußeren Gestalt nach vor der Welt offen zutage lagen, deren dahinter wirksame Absichten, Ziele und Bestrebungen sowie die inneren Gefühle und Antriebe den Menschen jedoch verborgen waren. Am Tag der Auferstehung wird all dies offengelegt und sichtbar werden. Dann wird nicht nur geprüft werden, was ein Mensch getan hat, sondern auch, warum er es getan hat, in wessen Interesse, mit welcher Absicht und zu welchem Zweck. Ebenso ist der gesamten Welt und sogar dem Handelnden selbst verborgen geblieben, welche Auswirkungen seine Tat in der Welt hatte, wohin sie gelangte und wie lange sie fortbestand. Auch dieses Geheimnis wird am Tag der Auferstehung enthüllt werden, und es wird umfassend geprüft werden, auf welchen Feldern und wie lange die Saat, die jemand in der Welt ausgesät hatte, Früchte trug und wer sie nach Hause brachte.
Der Sinn des letzten Satzes ist, dass der Regen, der vom Himmel herabkommt, und das Aufbrechen der Erde, aus der Pflanzen sprießen, ebenso wenig ein Gegenstand von Scherz und Spott sind, sondern eine Wirklichkeit, wie auch das, wovon der Koran spricht – dass der Mensch zu seinem Herrn zurückkehren muss – kein Gegenstand von Scherz und Spott ist, sondern eine ganz sichere Aussage, eine unwiderlegbare Realität und eine ewige Wahrheit, die sich unausweichlich verwirklichen wird. (130)
يُنَبَّأُ الْإِنْسَانُ يَوْمَئِذٍ بِمَا قَدَّمَ وَأَخَّرَ – بَلِ الْإِنْسَانُ عَلَى نَفْسِهِ بَصِيرَةٌ – وَلَوْ أَلْقَى مَعَاذِيرَهُ-(القيامة-13–15)
-An jenem Tag wird dem Menschen all sein früheres und späteres Tun mitgeteilt werden. Vielmehr kennt der Mensch sich selbst genau, mag er auch noch so viele Entschuldigungen vorbringen. (Qiyāma: 13–15)
Die eigentlichen Worte lauten بما قدم واجر Dies ist ein Ausdruck von umfassender Bedeutung, der mehrere Deutungen zulässt. Wahrscheinlich sind alle diese Bedeutungen gemeint. Eine davon ist, dass dem Menschen an jenem Tag auch mitgeteilt werden wird, welche guten oder schlechten Taten er in seinem irdischen Leben vor seinem Tod als Vorauszahlung für das Jenseits vorausgeschickt hatte. Ebenso wird ihm vor Augen geführt werden, welche Auswirkungen seiner guten oder schlechten Taten er hinter sich zurückgelassen hatte und was davon unter den künftigen Generationen lange Zeit fortbestand.
Die zweite Bedeutung ist, dass ihm all das mitgeteilt werden wird, was er hätte tun sollen, aber nicht getan hat, und was er nicht hätte tun sollen, aber getan hat.
Die dritte Bedeutung ist, dass alles, was er zuerst und was er später getan hat, mit einer detaillierten Aufstellung und unter Angabe der Daten vorgelegt wird.
Die vierte Bedeutung ist, dass ihm sowohl die guten als auch die schlechten Taten, die er begangen hat, genannt werden und dass er auch darüber informiert wird, welche guten oder schlechten Taten er unterlassen hat.
Doch der eigentliche Zweck, weshalb das Buch der Taten des Menschen vor ihn gelegt wird, besteht nicht darin, dem Schuldigen seine Schuld bekanntzugeben. Vielmehr wird dies notwendig sein, weil die Forderung der Gerechtigkeit nicht erfüllt ist, solange ein Verbrechen nicht vor Gericht bewiesen wird. Andernfalls weiß jeder genau, wer er selbst ist. Ein Lügner kann die ganze Welt täuschen. Doch er selbst weiß, dass er lügt. Ein Dieb kann unzählige Mittel anwenden, um seinen Diebstahl zu verbergen. Doch vor seinem eigenen Gewissen bleibt nicht verborgen, dass er ein Dieb ist. Ein vom rechten Weg abgeirrter Mensch kann tausend Argumente und Beweise vorbringen, um die Menschen davon zu überzeugen, dass der Kufr, der Atheismus oder der Schirk, an den er glaubt, tatsächlich seiner aufrichtigen Überzeugung entspricht. Doch sein eigenes Gewissen ist keineswegs unwissend darüber, woran er bei diesen Überzeugungen hängt und was ihn in Wirklichkeit davon abhält, ihren Irrtum zu erkennen und ihn einzugestehen. Ein Tyrann, ein treuloser Mensch, ein Wüstling und jemand, der sich von Verbotenem ernährt, kann versuchen, durch verschiedene Entschuldigungen und Ausreden für seine Vergehen auch den Mund seines Gewissens zu verschließen, damit es ihn nicht tadelt und anerkennt, dass es tatsächlich gewisse Zwänge, gewisse Vorteile und gewisse Notwendigkeiten gibt, derentwegen er all dies tut. Dennoch weiß er ganz gewiss, wem er welches Unrecht zugefügt und wessen Recht er verletzt hat. Deshalb wird bei seinem Erscheinen vor dem Gericht des Jenseits jeder Kafir, jeder Heuchler, jeder Sünder und jeder Verbrecher selbst wissen, in welcher Eigenschaft er vor Gott steht. (131)
فَإِذَا جَاءَتِ الطَّامَّةُ الْكُبْرَى – يَوْمَ يَتَذَكَّرُ الْإِنْسَانُ مَا سَعَى-(النازعات-34–35)
-Dann, wenn die gewaltige Katastrophe hereinbricht, wird der Mensch an jenem Tag all seine Taten in Erinnerung rufen. (An-Nāziʿāt: 34–35)
Das heißt: Wenn der Mensch sehen wird, dass der Tag der Prüfung gekommen ist, dessen Ankündigung in der Welt ergangen war, werden ihm, noch bevor ihm das Buch seiner Taten ausgehändigt wird, nach und nach all die Dinge in den Sinn kommen, die er auf der Welt getan hat. Manche Menschen machen bereits in dieser Welt die Erfahrung, dass ihnen, wenn sie plötzlich in eine so bedrohliche Lage geraten, dass der Tod unmittelbar bevorzustehen scheint, das ganze Bild ihres Lebens auf einmal vor ihrem inneren Auge erscheint. (132)
وَجِيءَ يَوْمَئِذٍ بِجَهَنَّمَ يَوْمَئِذٍ يَتَذَكَّرُ الْإِنْسَانُ وَأَنَّى لَهُ الذِّكْرَى-يَقُولُ يَا لَيْتَنِي قَدَّمْتُ لِحَيَاتِي-(الفجر-23–24)
-Und an jenem Tag wird die Hölle herbeigebracht werden. An jenem Tag wird der Mensch alles verstehen. Doch was wird es ihm nützen, wenn er es verstanden hat? Er wird sagen: O wäre ich doch für dieses Leben etwas vorausgeschickt! (Al-Fadschr: 23–24)
–Der erste Vers oder Satz kann zwei Bedeutungen haben. Die eine ist, dass der Mensch sich an jenem Tag daran erinnern wird, was er in der Welt alles getan hat, und es bereuen wird. Doch das wird ihm nichts nützen. Die zweite Bedeutung ist, dass der Mensch an jenem Tag zur Besinnung kommen und erkennen wird, dass alles, was die Propheten gesagt hatten, richtig war und dass es töricht von ihm war, ihren Worten nicht zu folgen. Doch auch wenn er an jenem Tag zur Besinnung kommt und seinen Irrtum erkennt, wird ihm das nichts nützen.
عَلِمَتْ نَفْسٌ مَا قَدَّمَتْ وَأَخَّرَتْ-( الانفطار-5)
–Zu jener Zeit wird jeder Mensch alle seine vorangegangenen und späteren Taten erfahren. (Al-Infitar: 5)
– مَا قَدَّمَتْ وَأَخَّرَتْ – kann mehrere Bedeutungen haben. Hier wird es in all diesen Bedeutungen verwendet. Zum Beispiel:
1. Die guten oder schlechten Taten, die der Mensch vorausgeschickt hat, sind مَا قَدَّمَتْ und das, was er zu tun unterlassen hat, ist أَخَّرَتْ مَاIn dieser Hinsicht sind diese Wörter den englischen Wörtern COMMISSION und OMMISSION bedeutungsgleich.
2. Alles, was er zuerst getan hat, ist ما قدمت und alles, was er später getan hat, ist ما اخرتDas heißt, die vollständige Auflistung der Taten des Menschen wird in chronologischer Reihenfolge und mit Jahres- und Datumsangaben veröffentlicht werden.
3. Die guten und schlechten Taten, die der Mensch in seinem Leben begangen hat, sind ما قدمت und die Auswirkungen dieser Taten, die er im menschlichen Gemeinwesen hinterlassen hat, sind (134) ما اخرت
يَوْمَئِذٍ يَصْدُرُ النَّاسُ أَشْتَاتًا لِيُرَوْا أَعْمَالَهُمْ – فَمَنْ يَعْمَلْ مِثْقَالَ ذَرَّةٍ خَيْرًا يَرَهُ – وَمَنْ يَعْمَلْ مِثْقَالَ ذَرَّةٍ شَرًّا يَرَهُ-( الزلزلة-6–8)
–An jenem Tag werden die Menschen in verschiedenen Zuständen hervorkommen, damit ihnen ihre Taten gezeigt werden. Dann wird jeder, der auch nur das geringste Maß an Gutem getan hat, es sehen. Und jeder, der auch nur das geringste Maß an Bösem getan hat, wird es sehen. (Sura az-Zilzal: 6–8)
Der erste Satz kann zwei Bedeutungen haben. Die eine ist, dass jeder allein als Einzelperson erscheinen wird. Familien, Gruppen, Bündnisse und Völker werden alle voneinander getrennt sein. Dies wird auch an anderen Stellen des Qurans gesagt. So heißt es in der Sura al-An’am, dass Allah an jenem Tag zu den Menschen sagen wird: „Nun seid ihr ebenso allein vor Uns erschienen, wie Wir euch beim ersten Mal erschaffen haben.“ (Vers 94) In der Sura Maryam heißt es: „Sie werden allein zu Uns kommen“ (Vers 80). „Jeder von ihnen wird am Tag der Auferstehung allein vor Allah erscheinen.“ (Vers 95)
Die zweite Bedeutung ist, dass diejenigen, die über Jahrtausende hinweg an verschiedenen Orten gestorben sind, aus allen Winkeln der Erde in Gruppen herbeikommen werden. So heißt es in der Sura an-Naba: „An dem Tag, an dem in die Trompete geblasen wird, werdet ihr in Gruppen kommen.“ (Vers 18)
Dass ihnen ihre Taten gezeigt werden, bedeutet, dass jeder gute und schlechte Mensch sein Tatenregister erhalten wird, damit er sehen kann, was er auf der Welt getan hat. An verschiedenen Stellen im Heiligen Quran wird ausführlich dargelegt, dass allen – Kafirs und Mu’mins, Rechtschaffenen und Sündern, Gehorsamen und Ungehorsamen – ihre Tatenregister ausgehändigt werden. (Siehe al-Haqqa, Verse 19 und 25, sowie al-Inschiqaq, Verse 7–10.)
Es sei darauf hingewiesen, dass es keinen Unterschied macht, ob jemandem seine Taten gezeigt oder sein Tatenregister ausgehändigt wird. Wenn die Erde darüber hinaus die auf ihr geschehenen Ereignisse vorlegen wird, wird vor allen das vollständige Bild des Konflikts zwischen Wahrheit und Falschheit sichtbar werden, der vom Beginn der Welt bis zum Tag der Auferstehung andauerte. Alle werden dann sehen, was diejenigen getan haben, die für die Wahrheit kämpften, und welche Anstrengungen die Unterstützer der Falschheit ihnen gegenüber unternommen haben. Es ist auch nicht ausgeschlossen, dass die Menschen alle Aussagen und Reden derjenigen, die zur Rechtleitung aufriefen, und derjenigen, die die Irreführung verbreiteten, mit eigenen Ohren hören werden. Die vollständigen Aufzeichnungen der Schriften und Veröffentlichungen beider Seiten werden unverändert vor allen ausgebreitet werden. Die Menge auf dem Feld der Auferstehung wird mit eigenen Augen alle Bilder der Unterdrückung und Verfolgung der Anhänger der Falschheit gegenüber den Anhängern der Wahrheit sowie aller zwischen beiden Seiten ausgetragenen Auseinandersetzungen und Kämpfe sehen können.
Dann heißt es, dass auch derjenige, der noch so wenig Gutes getan hat, es sehen wird, und ebenso derjenige, der noch so wenig Böses getan hat. Die einfache und völlig zutreffende Bedeutung davon ist, dass keine noch so geringfügige gute oder schlechte Tat eines Menschen davon ausgenommen sein wird, in sein Tatenregister aufgenommen zu werden. Er wird sie gewiss sehen können. Wenn man jedoch unter dem Sehen versteht, dass man die Belohnung oder Bestrafung dafür erhält, wäre es völlig falsch, daraus zu schließen, dass im Jenseits jedem die Belohnung für eine geringfügige gute Tat und die Bestrafung für eine geringfügige Sünde jeweils einzeln zuteilwerden. Dort wird niemand der Belohnung für seine guten Taten beraubt und niemand der Bestrafung für seine Sünden entgehen. Denn erstens würde dies bedeuten, dass die Strafe für jede einzelne schlechte Tat und die Belohnung für jede einzelne gute Tat gesondert verhängt beziehungsweise gewährt würden. Zweitens würde es bedeuten, dass selbst ein besonders rechtschaffener Mu’min der Bestrafung für jeden noch so kleinen Fehler nicht entgehen könnte und dass selbst der schlimmste Kafir, Tyrann und Übeltäter der Belohnung für jede noch so geringfügige gute Tat nicht beraubt würde. Beide Bedeutungen widersprechen den Erläuterungen und Auslegungen des Qurans und der Hadithe; auch die Vernunft erkennt nicht an, dass dies den Anforderungen der Gerechtigkeit entspräche. Überlegen Sie mit Verstand und Vernunft: Wie könnte es annehmbar sein, dass Ihr Diener oder Angestellter äußerst treu und hingebungsvoll ist, Sie ihm aber keinen noch so unbedeutenden Fehler verzeihen und ihm neben dem Lohn und der Belohnung für jede einzelne Dienstleistung auch für jeden einzelnen, sorgfältig gezählten Fehler eine Strafe auferlegen? Ebenso ist es für die Vernunft nicht überzeugend, dass ein von Ihnen aufgezogener Hausdiener, dem Sie große Fürsorge und Güte erwiesen haben, Sie verrät und Ihre Wohltaten mit Undank vergilt, Sie aber sein gesamtes Verhalten außer Acht lassen und für jeden einzelnen Verrat eine gesonderte Strafe sowie für jede einzelne Dienstleistung – sei es, dass er Ihnen einmal etwas Wasser gebracht oder den Fächer bewegt hat – eine gesonderte Belohnung gewähren. Was nun den Quran und die Hadithe betrifft: Der Quran und die Hadithe legen ausführlich ein umfassendes Gesetz über die Belohnung und Bestrafung verschiedener Menschengruppen dar, darunter Mu’mins, Munafiqs, Kafirs, rechtschaffene Mu’mins, sündige Mu’mins, tyrannische und frevelhafte Mu’mins, bloße Kafirs, Unruhe stiftende Kafirs und Tyrannen. Diese Belohnung und Bestrafung regeln das gesamte Leben des Menschen von dieser Welt bis zum Jenseits.
Der Quran erläutert hierzu einige Grundsätze ausführlich. Erstens: Die Taten der Kafirs, Mushriks und Munafiqs, die als gute Taten gelten, werden zunichtegemacht. Im Jenseits werden sie dafür keinerlei Vergeltung erhalten. Falls ihnen irgendeine Vergeltung dafür zusteht, werden sie sie bereits in dieser Welt erhalten. Siehe beispielsweise al-A’raf: 127; at-Tauba: 17, 67–69; Hud: 15–16; Ibrahim: 18; al-Kahf: 104–105; an-Nur: 39; al-Furqan: 23; al-Ahzab: 19; az-Zumar: 65; al-Ahqaf: 20.
Zweitens: Die Strafe für eine Sünde wird nur ihrem Umfang entsprechend bemessen. Die Belohnung für eine gute Tat wird jedoch größer sein als die Tat selbst. Vielmehr wird an manchen Stellen erklärt, dass jede gute Tat zehnfach vergolten wird. An anderer Stelle heißt es auch, dass Allah die Vergeltung für gute Taten, so sehr Er will, vervielfachen wird. (Siehe al-Baqara: 261; al-An’am: 16; Yunus: 66–67; an-Nur: 38; al-Qasas: 48; Saba: 37; al-Mu’min: 40.)
Drittens: Wenn ein Gläubiger sich von den großen Sünden fernhält, werden ihm seine kleinen Sünden vergeben. (Siehe an-Nisa: 31; asch-Schura: 37; an-Nadschm: 32).
Viertens: Mit dem rechtschaffenen Gläubigen wird eine leichte Abrechnung vorgenommen. Seine schlechten Taten werden übergangen, und er wird für seine vortrefflichsten Taten belohnt. (Siehe al-Ankabut: 7; az-Zumar: 35; al-Ahqaf: 16; al-Inschaqaq: 8).
Die Hadithe machen diese Angelegenheit noch deutlicher. Hadhrat Anas (möge Allah mit ihm zufrieden sein) berichtet: Einmal aß Hadhrat Abu Bakr (möge Allah mit ihm zufrieden sein) gemeinsam mit dem Propheten (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm). In diesem Augenblick wurde dieser Vers offenbart (der letzte Vers der Sure az-Zilzal). Hadhrat Abu Bakr (möge Allah mit ihm zufrieden sein) zog seine Hand vom Essen zurück und fragte: „O Gesandter Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm), werde ich die Vergeltung für selbst die geringsten Fehler und Verfehlungen sehen, die ich begangen habe?“ Der Prophet (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) sagte: „O Abu Bakr (möge Allah mit ihm zufrieden sein), du wirst Dinge erleben, die dir unerträglich sind; das ist der Ausgleich für jene geringfügigen Fehler und Verfehlungen, die du begangen hast. Die noch so geringen guten Taten, die du besitzt, hat Allah, der Erhabene, jedoch für dich im Jenseits aufbewahrt.“ (Ibn Dscharir, Ibn Abi Hatim, at-Tabarani in al-Awsat, al-Bayhaqi in asch-Schu’ab, Ibn al-Mundhir, al-Hakim, Ibn Marduwaih, Abd ibn Hamid).
Über diesen Vers sagte der Gesandte Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) zu Hadhrat Abu Ayyub al-Ansari (möge Allah mit ihm zufrieden sein): „Wer auch immer unter euch eine gute Tat vollbringt, dessen Lohn liegt im Jenseits. Wer aber irgendeine Sünde begeht, wird deren Strafe bereits in dieser Welt in Form von Unglück und Krankheiten erleiden.“ (Ibn Marduwaih). Qatada überlieferte von Hadhrat Anas (möge Allah mit ihm zufrieden sein) folgende Aussage des Gesandten Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm): „Allah, der Erhabene, fügt dem Gläubigen kein Unrecht zu. Für seine guten Taten in dieser Welt wird ihm durch die Gewährung von Lebensunterhalt vergolten; damit ist die Vergeltung für seine guten Taten beglichen. Wenn dann die Auferstehung eintritt, wird er in seiner Abrechnung keine gute Tat mehr haben.“ (Ibn Dscharir).
Masruq berichtet von Hadhrat Aischa (möge Allah mit ihr zufrieden sein), dass sie den Gesandten Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) fragte: „Abdullah ibn Dschud’an pflegte in der Zeit der Unwissenheit seine Verwandten gut zu behandeln, Bedürftige zu speisen, Gäste zu bewirten und Gefangene freizulassen. Wird ihm das im Jenseits nützen?“
Der Prophet (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) sagte: „Nein. Er hat vor seinem Tod niemals gesagt
(Arabisch***********344*************)
– O mein Gott! Vergib mir am Tag des Gerichts meine Sünden. (Ibn Dscharir)
Eine solche Antwort gab der Prophet (s.a.w.) auch in Bezug auf einige andere Menschen, die im Zeitalter der Dschāhilīya gute Taten zu vollbringen pflegten, jedoch im Zustand von Kufr und Schirk starben. Aus einigen Aussagen des Propheten (s.a.w.) geht jedoch hervor, dass die guten Taten eines Kāfir ihn nicht vor der Strafe der Dschahannam bewahren können, ihm aber nicht eine ebenso harte Strafe auferlegt wird wie den ungerechten, sündhaften und übeltätigen Kāfirūn. So heißt es beispielsweise in einem Hadith, dass Hātim at-Tāʾī wegen seiner Freigebigkeit eine mildere Strafe erhalten wird. (Rūḥ al-Maʿānī)
Dennoch macht dieser Vers die Menschen auf eine äußerst wichtige Wahrheit aufmerksam: Jede noch so geringfügige gute Tat besitzt ihre eigene Bedeutung und ihren eigenen Wert. Das Gleiche gilt auch für Sünden: Selbst eine geringfügige Sünde wird in die Abrechnung einbezogen und darf keineswegs einfach übergangen werden. Deshalb sollte man eine kleine gute Tat nicht als unbedeutend ansehen und unterlassen. Denn viele solcher guten Taten können zusammen im Abrechnungsbuch Allahs als eine große gute Tat gewertet werden. Ebenso sollte man auch kleine Sünden nicht begehen, denn viele solcher kleinen Sünden können sich zusammen zu einem Berg von Sünden auftürmen. Genau dies hat der Prophet (s.a.w.) in verschiedenen Hadithen gesagt. In einer von al-Buchārī und Muslim überlieferten Erzählung von ʿAdī ibn Ḥātim (r.a.) heißt es, dass der Prophet (s.a.w.) sagte: „Schützt euch vor dem Feuer der Dschahannam, sei es auch nur durch das Spenden eines Stücks Dattel oder durch ein gutes Wort.“ Von ʿAdī ibn Ḥātim (r.a.) wird außerdem eine weitere Aussage des Propheten (s.a.w.) zuverlässig überliefert. Der Prophet (s.a.w.) sagte: „Haltet keine gute Tat für gering, sei es, einem Durstigen etwas Wasser in sein Gefäß zu gießen oder eurem Bruder mit einem freundlichen Lächeln zu begegnen.“
In al-Buchārī findet sich eine Überlieferung von Abū Huraira (r.a.), der berichtet, dass der Gesandte (s.a.w.) die Frauen ansprach und sagte: „O muslimische Frauen! Keine Nachbarin soll es für eine unbedeutende Sache halten, ihrer Nachbarin etwas zu schicken, selbst wenn es nur der Huf einer Ziege ist.“
In Musnad Aḥmad, an-Nasāʾī und Ibn Māǧa findet sich eine Überlieferung von ʿĀʾischa (r.a.), dass der Prophet (s.a.w.) zu sagen pflegte: „O ʿĀʾischa (r.a.), halte dich auch von den Sünden fern, die für gering gehalten werden, denn auch über sie wird Allah Rechenschaft fordern.“ In Musnad Aḥmad wird von ʿAbdullāh ibn Masʿūd (r.a.) überliefert, dass der Gesandte (s.a.w.) sagte: „Hütet euch vor den kleinen Sünden! Denn sie werden für einen Menschen zusammengetragen und bringen ihn schließlich ins Verderben.“ (135)
Im Jenseits wird niemand jemand anderem von Nutzen sein
Die letzte wichtige Aussage, die der Koran über das Jenseits macht, lautet, dass dort niemand jemand anderem von Nutzen sein wird. Jeder wird nur um sich selbst besorgt sein. Niemand wird daran denken, seinen Vater, seinen Sohn, seinen Bruder, seinen Ehemann, seine Ehefrau, seine Freunde, seinen Murīd oder seinen Pīr zu retten. Jeder wird die Last seiner eigenen Taten tragen. Niemand wird auch nur das geringste Gewicht der Last eines anderen tragen. Die gerechte Ordnung Allahs wird die Last des einen nicht dem anderen auferlegen. Zu jener Zeit liegt die Entscheidung allein in der Hand Allahs, des Herrn des Gerichtstages. An jenem Tag wird niemand die Kraft haben zu sprechen. Wenn Allah jedoch jemandem die Erlaubnis erteilt, wird er nur das Richtige sagen.
وَلَا تَزِرُ وَازِرَةٌ وِزْرَ أُخْرَى وَإِنْ تَدْعُ مُثْقَلَةٌ إِلَى حِمْلِهَا لَا يُحْمَلْ مِنْهُ شَيْءٌ وَلَوْ كَانَ ذَا قُرْبَى-( فاطر-18)
-Kein Lasttragender wird die Last eines anderen tragen. Wenn jemand, der mit einer Last beladen ist, einen anderen ruft, damit dieser seine Last auf sich nimmt, wird niemand auch nur den geringsten Teil davon tragen, selbst wenn es ein engster Verwandter wäre. (Fāṭir: 18)
Mit „Last“ ist die Last der Verantwortung für die eigenen Taten gemeint. Das heißt, jeder Mensch ist selbst für seine Taten verantwortlich. Jedem wird nur die Verantwortung für seine eigenen Taten auferlegt. Es ist keineswegs möglich, dass die Verantwortung eines Menschen von Allah auf jemand anderen übertragen wird. Ebenso ist es nicht möglich, dass jemand die Verantwortung eines anderen auf seine eigenen Schultern nimmt und sich, um ihn zu retten, dessen Vergehen zurechnen lässt. Dies wurde hier gesagt, weil die Verwandten und Angehörigen derjenigen, die in Mekka den Islam annahmen, zu ihnen sagten: „Verlasst auf unser Wort hin diese neue Religion und haltet am Glauben eurer Vorväter fest. Für deren Strafe und Belohnung stehen wir ein.“
Im ersten Satz wird Allahs Gesetz der Gerechtigkeit dargelegt: Er wird nicht den einen für die Sünde eines anderen zur Rechenschaft ziehen. Vielmehr wird jeder für seine eigene Sünde verantwortlich gemacht. Im folgenden Satz wird gesagt, dass diejenigen, die heute sagen: „Begeht unter unserer Verantwortung weiterhin Kufr und Sünden; am Tag der Auferstehung werden wir die Last eurer Sünden tragen“ – in Wirklichkeit eine falsche Zusicherung geben. Wenn die Auferstehung eintritt und die Menschen sehen, welchen Folgen sie aufgrund ihrer Taten gegenüberstehen, wird jeder von ihnen von Sorge erfüllt sein. Der Bruder wird sich vom Bruder abwenden und der Vater vom Sohn. Niemand wird bereit sein, auch nur die Last eines Staubkorns für jemand anderen auf seine eigenen Schultern zu nehmen. (136)
يَوْمَ يَفِرُّ الْمَرْءُ مِنْ أَخِيهِ – وَأُمِّهِ وَأَبِيهِ – وَصَاحِبَتِهِ وَبَنِيهِ – لِكُلِّ امْرِئٍ مِنْهُمْ يَوْمَئِذٍ شَأْنٌ يُغْنِيهِ-( عبس-34–37)
-An jenem Tag wird der Mensch vor seinem Bruder, seiner Mutter, seinem Vater, seiner Frau und seinen Kindern fliehen. Jeder von ihnen wird an jenem Tag einer solchen Lage gegenüberstehen, dass er außer um sich selbst um niemand anderen Sorge tragen können wird. (Abasa: 34–37)
Das Fliehen bedeutet, dass die Menschen an jenem Tag, wenn sie ihre liebsten Freunde in Bedrängnis sehen, statt ihnen zu helfen, fliehen werden, damit jene nicht nach ihrer Hilfe rufen können. Es kann auch bedeuten, dass sie auf der Welt, ohne Furcht vor Gott und gleichgültig gegenüber dem Jenseits, einander zuliebe Sünden begingen und einander irreleiteten. Wenn nun jeder von ihnen die Folgen vor Augen sieht, wird er voreinander fliehen, damit sie ihnen nicht die Verantwortung für ihre Sündhaftigkeit und Irreführung aufbürden können. Der Bruder wird den Bruder, die Kinder werden ihre Eltern, der Ehemann wird seine Frau und die Eltern werden ihre Kinder fürchten, weil diese Unglücklichen gegen sie als Zeugen in einem Gerichtsverfahren aussagen könnten. (137)
وَلَا يَسْأَلُ حَمِيمٌ حَمِيمًا- يُبَصَّرُونَهُمْ يَوَدُّ الْمُجْرِمُ لَوْ يَفْتَدِي مِنْ عَذَابِ يَوْمِئِذٍ بِبَنِيهِ – وَصَاحِبَتِهِ وَأَخِيهِ – وَفَصِيلَتِهِ الَّتِي تُؤْوِيهِ – وَمَنْ فِي الْأَرْضِ جَمِيعًا ثُمَّ يُنْجِيهِ-( المعارج-10–14)
-Kein enger Freund wird einen engen Freund nach seinem Befinden fragen. Dennoch werden sie einander gezeigt werden. Der Übeltäter wird sich wünschen, sich an jenem Tag vor der Pein zu retten, indem er seine eigenen Kinder, seine Frau, seinen Bruder, seine engste Familie, die ihm Schutz gewährt, und alle Menschen auf der Erde als Lösegeld hingibt; und dieses Vorgehen würde ihn befreien. (Al-Ma’aridsch: 10–14)
Das heißt nicht, dass sie einander nicht sehen werden und deshalb nicht fragen werden. Vielmehr werden sie mit eigenen Augen sehen, in welcher Not sie sich befinden. Danach werden sie nicht mehr fragen, denn die Not liegt ja auf ihren eigenen Schultern. Stattdessen werden sie sich wünschen, alle als Lösegeld hinzugeben und selbst freizukommen. (138)
مَا لِلظَّالِمِينَ مِنْ حَمِيمٍ وَلَا شَفِيعٍ يُطَاعُ-(المؤمن-18)
-Für die Ungerechten wird es weder einen Freund noch einen Fürsprecher geben, dessen Fürsprache erhört wird. (Mumin: 187)
Mit „Zalim“ ist jeder Mensch gemeint, der das Recht unterdrückt und den Weg der Unwahrheit eingeschlagen hat.
Das im genannten Vers vorkommende حميمbedeutet den Freund eines Menschen, der, sobald er ihn angegriffen sieht, erregt zu seinem Schutz eilig herbeikommt. Der letzte Teil wurde gesagt, um die Vorstellung der Ungläubigen von der Fürsprache zu widerlegen. Die Wahrheit ist, dass es dort überhaupt keinen Fürsprecher für die Ungerechten geben wird. Denn wenn jemand die Erlaubnis zur Fürsprache erhält, können dies nur die rechtschaffenen Diener Allahs sein. Und die rechtschaffenen Diener Allahs können niemals Freunde der Ungläubigen, Götzendiener und Frevler sein, sodass sie daran denken würden, für deren Schutz Fürsprache einzulegen. Da jedoch die Ungläubigen, Götzendiener und Irregeführten gewöhnlich – und teilweise noch immer – der Ansicht waren, dass die ehrwürdigen Personen, an deren Gewand sie sich festhalten, sie niemals in die Hölle gehen lassen, sondern sich schützend vor sie stellen, ihnen Vergebung erwirken und dass ihre Fürsprache unbedingt angenommen werden müsse, wird dies hier erwähnt. (139)
يَوْمَ يَقُومُ الرُّوحُ وَالْمَلَائِكَةُ صَفًّا لَا يَتَكَلَّمُونَ إِلَّا مَنْ أَذِنَ لَهُ الرَّحْمَنُ وَقَالَ صَوَابًا-( النبأ-38)
-An jenem Tag, an dem der Geist (Dschibril) und die Engel in Reihen stehen werden, wird niemand sprechen außer denen, denen Allah, der Rahman und Rahim, die Erlaubnis gibt, und sie werden das Richtige sagen. (Naba: 38)
Das heißt, auf dem Versammlungsfeld wird die furchterregende Macht und Erhabenheit des göttlichen Hofes so groß sein, dass kein Bewohner der Erde oder des Himmels den Wagemut haben wird, aus eigenem Antrieb vor Allah den Mund zu öffnen oder in das Gericht einzugreifen. Das Sprechen bedeutet, Fürsprache einzulegen, und es wird gesagt, dass dies unter zwei Bedingungen möglich sein wird. Erstens darf derjenige nur für den Sünder Fürsprache einlegen, für den ihm von Allah die Erlaubnis zur Fürsprache erteilt wurde. Die zweite Bedingung ist, dass der Fürsprecher selbst das Richtige sagt und keine ungerechte Fürsprache einlegt. Darüber hinaus ergibt sich noch die Bedingung, dass derjenige, für den Fürsprache eingelegt wird, auf der Welt zumindest das Glaubensbekenntnis gesprochen haben muss, also lediglich ein Sünder und kein Ungläubiger sein darf. (140)
يَوْمَ لَا تَمْلِكُ نَفْسٌ لِنَفْسٍ شَيْئًا وَالْأَمْرُ يَوْمَئِذٍ لِلَّهِ-( الانفطار-19)
– Dies ist der Tag, an dem niemand etwas für irgendeinen Menschen zu tun vermag, und an dem die Entscheidung vollständig bei Allah liegen wird. (Al-Infitar: 19)
Zusammenfassung der Erörterung
Dies war der vierte Punkt der islamischen Daʿwa, der mit einer solchen Überzeugungskraft, logischen Beweisführung und Ausführlichkeit dargelegt wurde, dass der Spott und Hohn der Ungläubigen sowie törichte Forderungen dieser Art – „Bringe unsere Vorväter zurück!“ – ihm keineswegs standhalten konnten. Abgesehen von jenen, die um ihrer eigenen Interessen willen kämpften und unbedingt kämpfen mussten, konnte kein vernünftiger Mensch umhin, zu erkennen, dass das Jenseits weder unmöglich noch dem gesunden Verstand widersprechend ist. Ebenso wenig ist es möglich, dass die Lebensweise der Menschen auf der Erde, losgelöst vom Verantwortungsgefühl gegenüber Gott, dauerhaft auf den festen Grundsätzen von Wahrheit und Gerechtigkeit errichtet werden kann. Und der Mensch kann wirkliche und vollkommene Gerechtigkeit auf keine andere Weise erlangen als dadurch, dass nach dem Ende der gegenwärtigen Weltordnung die Auferstehung stattfindet, alle Nachkommen der früheren und späteren Menschengeschlechter versammelt und vor den Herrn des Weltalls geführt werden und in völliger Unparteilichkeit die Verantwortung jedes Einzelnen festgestellt und jedem, der Strafe oder Belohnung verdient, diese zuteilwird. (141)
Fünfter Abschnitt
Moralische Erziehung
Neben der Darlegung dieser Glaubensüberzeugungen mit überzeugenden Argumenten und Beweisen in einer zu Herzen gehenden Weise hat die islamische Daʿwa den Menschen auch ein äußerst klares Verständnis von Moral vermittelt. Dadurch konnte jeder Zuhörer und Leser des Korans deutlich erkennen, welche Art von Charakter der Islam gutheißt und welche er missbilligt. Welches Bild oder Ideal der Menschlichkeit betrachtet er als schlecht und will es verändern und beseitigen? Und welches Ideal der Menschlichkeit betrachtet er als gut und will es hervorbringen, pflegen und entwickeln? Was ist in seinen Augen das Böse und Verderbliche, aus welchen Gründen entsteht es, welche Formen nimmt es im menschlichen Leben an und was lässt es sich entfalten? Was ist demgegenüber in seinen Augen das Gute, und was ist seine Quelle? Wie wird der Weg zu seinem Hervortreten geöffnet, und in welchen Formen und Gestalten tritt es in Erscheinung?
Die islamische Daʿwa erklärt, dass das Ziel des Islam darin besteht, alle Ursachen von Übel und Verderben an der Wurzel auszurotten, den Weg zum Guten zu ebnen und immer weiter zu öffnen sowie in allen Lebensbereichen – vom Einzelnen bis zur Gesellschaft – an die Stelle des Schlechten das Gute zu setzen. Diese Darstellung wurde innerhalb der islamischen Daʿwa so ausführlich, so klar, so zu Herzen gehend und in einer für den gewöhnlichen gesunden Menschenverstand so verständlichen Sprache gegeben, dass selbst jene Menschen der Gesellschaft der Dschāhilīya, die jahrhundertelang in den Tiefen des moralischen Niedergangs versunken waren, ohne Mühe erkennen konnten, dass das von Islam als schlecht bezeichnete Menschenbild tatsächlich das schlechteste und jenes, nach dessen Muster er Mensch und Gesellschaft neu gestalten will, das beste Menschenbild ist. (142)
Einige grundlegende Tatsachen über die Moral
In dieser Hinsicht wurden den Menschen zunächst einige Tatsachen vorgelegt, damit sie das moralische Problem in seinen grundlegenden Aspekten verstehen können.
وَنَفْسٍ وَمَا سَوَّاهَا – فَأَلْهَمَهَا فُجُورَهَا وَتَقْوَاهَا – قَدْ أَفْلَحَ مَنْ زَكَّاهَا- وَقَدْ خَابَ مَنْ دَسَّاهَا-( الشمس-7-10)
-Und bei der Seele des Menschen und bei Dem, der sie wohlgeformt hat, und ihr dann ihre Sündhaftigkeit und ihre Gottesfurcht eingegeben hat. Wahrlich, erfolgreich ist, wer sie läutert, und gescheitert ist, wer sie verderben lässt. (Schams: 7-10)
Die wohlgeformte Erschaffung der menschlichen Seele bedeutet, dass der Schöpfer ihr einen Körper gegeben hat, der in seiner Gestalt und Form richtig und durch seine Hände, Füße, seinen Verstand und sein Gehirn vollständig dazu geeignet ist, ein menschliches Leben zu führen. Er hat ihr verschiedene Sinne zum Sehen, Hören, Tasten, Schmecken und Riechen gegeben, die aufgrund ihres angemessenen Verhältnisses und ihrer besonderen Eigenschaften die vortrefflichsten Mittel zur Erlangung von Erkenntnis sein konnten. Ihr wurden Verstand und Denkvermögen, die Fähigkeit, durch Argumentation Entscheidungen zu treffen, Vorstellungsvermögen, Gedächtnis, die Fähigkeit zur Unterscheidung zwischen Gut und Böse, Willenskraft sowie weitere geistige Kräfte gegeben, durch die sie befähigt wird, in dieser Welt jene Aufgaben zu erfüllen, die dem Menschen obliegen. Sie wurde nicht als von Natur aus lasterhaft und als geborene Sünderin erschaffen, sondern auf einer richtigen und geraden Natur. In ihrer Gestalt und ihrem Aufbau wurde keine Art von Krümmung oder Entstellung belassen, aufgrund deren sie den rechten Weg nicht einschlagen könnte, selbst wenn sie dies wollte.
Das Wort Ilham wird für das Eingeben eines Gedankens oder einer Vorstellung vonseiten Allahs in Herz und Verstand des Dieners verwendet, ohne dass dieser davon weiß. Das Eingeben der Neigung zu Sünde, guten Taten und Gottesfurcht in den menschlichen Geist kann zwei Bedeutungen haben. Die eine ist, dass der Schöpfer in ihn sowohl die Neigung und den Wunsch zu guten Taten als auch zu Sündentaten gelegt hat. Und dies ist etwas, was jeder Mensch in sich verspürt. Die zweite Bedeutung ist, dass Allah jedem Menschen in seinem Unterbewusstsein die Vorstellung eingegeben hat, was in Charakter und Verhalten gut und was schlecht ist und dass das Gute und die Taqwa, also das Fernbleiben von schlechten Taten, edle Dinge sind. Diese Vorstellung ist dem Menschen nicht fremd; vielmehr ist seine Natur über diese Dinge vollständig im Bilde. Der Schöpfer hat ihm von Geburt an die Fähigkeit verliehen, Gut und Böse zu unterscheiden.
Tazkiya wird im Sinne von Reinigen, Vermehren und Entwickeln gebraucht. Andererseits wird Tazkiya im Sinne von Unterdrücken, Verbergen, Verführen und Irreführen verwendet. In diesem Vers wird in entschiedener Weise dargelegt, dass der Erfolg und das Scheitern des Menschen davon abhängen, welche der guten und schlechten Neigungen seines Inneren er mithilfe der Kräfte, die Allah ihm gegeben hat, vermehrt und welche er unterdrückt. Erfolg hat nur derjenige, der sein Inneres von Sünde rein hält, es vermehrt, es zu den höchsten Stufen der Taqwa führt und darin das Gute entwickelt. Erfolglos ist derjenige, der die in ihm vorhandene gute Neigung unterdrückt, sein Inneres verführt und es zur schlechten Neigung führt. Danach macht er die sündhafte Neigung so stark, dass die Taqwa darunter verborgen liegt, für die Augen unsichtbar, wie ein Leichnam, nachdem er im Grab mit Erde bedeckt worden ist. (143)
إِنَّا خَلَقْنَا الْإِنْسَانَ مِنْ نُطْفَةٍ أَمْشَاجٍ نَبْتَلِيهِ فَجَعَلْنَاهُ سَمِيعًا بَصِيرًا – إِنَّا هَدَيْنَاهُ السَّبِيلَ إِمَّا شَاكِرًا وَإِمَّا كَفُورًا-(الدهر-2-3)
-Wir erschufen den Menschen aus vermischtem Samen, um ihn zu prüfen, und zu diesem Zweck machten Wir ihn hörend und sehend. Wir zeigten ihm den Weg, sei er nun dankbar oder undankbar. (Dahr: 2-3)
Aus dem miteinander verbundenen Samen der Eltern wird ebenso wie der Mensch auch das Tier geboren. Der Unterschied zwischen Mensch und Tier besteht jedoch darin, dass das Tier nicht zu einer Prüfung in dieser Welt erschaffen wurde. Der Mensch hingegen wurde zur Prüfung erschaffen. Deshalb hat Allah, im Gegensatz zum Tier, ihn zu einem Hörenden und Sehenden gemacht, das heißt, ihm die Fähigkeit zu Verstand und Erkenntnis verliehen, damit er der Prüfung gewachsen sei. Doch dann wurde er nicht mit dieser Fähigkeit allein gelassen. Vielmehr wurde ihm auch der Weg gezeigt, damit er erkennen kann, welches unter seiner Eigenschaft als Diener Gottes der Weg des Dankes und welches der Weg der Undankbarkeit oder des Verrats ist. Seine Prüfung besteht nun darin, dass er, nachdem er den Unterschied zwischen den beiden Wegen erkannt hat, seine Fähigkeiten nutzt und den Weg des Dankes oder den des Unglaubens einschlägt. (144)
(Arabisch**************)
Haben Wir ihm nicht zwei Augen, eine Zunge und zwei Lippen gegeben? Und haben Wir ihm nicht beide deutlichen Wege gezeigt? (Balad: 8–10)
Mit den zwei Augen sind nicht die Augen eines Rindes oder Büffels gemeint, sondern menschliche Augen, die, wenn er sie öffnet und hinsieht, ringsum jene Zeichen erkennen lassen, die die Wirklichkeit deutlich machen und ihm den Unterschied zwischen Wahrheit und Falschheit verständlich machen. Mit Zunge und Lippen sind nicht nur die Werkzeuge des Sprechens gemeint, sondern vielmehr ein mit Urteilsvermögen ausgestatteter Verstand (Reasoning mind), der mithilfe dieser beiden Werkzeuge denkt und die Gedanken des Herzens zum Ausdruck bringt. Danach sagt Allah: Wir haben ihn nicht mit Verstand, Erkenntnis und Denkfähigkeit ausgestattet und dann sich selbst überlassen, sodass er seinen Weg allein wählen müsste. Vielmehr haben Wir zur Leitung seines Weges zwei Wege vor ihm klar dargelegt: das Gute und das Böse, Tugend und Sünde, damit er nach gründlichem Nachdenken einen von beiden aus eigener Verantwortung wählen kann. (145)
(Arabisch**************)
Wir haben den Menschen gewiss in der besten Gestalt erschaffen. Danach haben Wir ihn in die niedrigste der niedrigen Stufen zurückfallen lassen. Ausgenommen sind nur diejenigen, die glauben und rechtschaffene Werke tun. (At-Tin: 4–6)
Das bedeutet, dass Allah dem Menschen einen Körper von so hohem Rang gegeben hat, wie Er ihn keinem anderen Lebewesen gegeben hat. Und Er verlieh ihm die besten Fähigkeiten zum Nachdenken, zur Erkenntnis und zum Verstand, wie Er sie keinem anderen Geschöpf verliehen hat. Wenn er jedoch statt des Weges des Glaubens und der rechtschaffenen Werke die Kräfte seines Körpers und seines Geistes auf dem bösen Weg einsetzt, gewährt Allah ihm nur noch die Fähigkeit zu bösen Taten und lässt ihn einen solchen äußersten Niedergang erreichen, den nicht einmal das niedrigste aller Geschöpfe erreichen kann.
Dies ist eine Wirklichkeit, die in der menschlichen Gesellschaft häufig zu beobachten ist. Wer in Gier und Habgier, Eigennutz, Selbstdarstellung, Rauschgiftsucht, Niedertracht, blindem Zorn und ähnlichen Charaktereigenschaften versinkt, sinkt in moralischer Hinsicht auf die niedrigste Stufe. Wenn man als Beispiel nur eine dieser Eigenschaften betrachtet, zeigt sich, wie eine Nation, die gegenüber einer anderen Nation von Feindschaft geblendet ist, an Grausamkeit alle Raubtiere übertrifft. Ein Raubtier jagt ein anderes Tier nur, um sich zu ernähren; es rottet nicht alle Tiere gemeinsam aus. Der Mensch aber begeht an Menschen seiner eigenen Art einen Massenmord. Das Raubtier jagt mit seinen Klauen und Zähnen. Der Mensch jedoch, der in der besten Gestalt erschaffen wurde, stellt mithilfe seiner Vernunft und Erfindungsgabe eine zerstörerische Waffe nach der anderen her, damit er ganze Siedlungen vernichten kann. Das Raubtier verwundet oder tötet nur. Der Mensch aber wendet zur Misshandlung von Menschen wie sich selbst so qualvolle Methoden an, wie sie keinem Raubtier in den Sinn kommen könnten. Danach sinkt er, um seine Feindschaft und seine Lust an der Vergeltung zu befriedigen, auf eine derart niedrige Stufe der Niedertracht, dass er die Frauen seiner Feinde nackt durch die Straßen führt; zehn oder zwanzig Männer vergewaltigen jeweils eine Frau, um ihren sexuellen Hunger zu stillen. Vor den Augen ihrer Väter, Brüder und Ehemänner rauben sie ihren Töchtern, Schwestern und Ehefrauen die Ehre. Vor den Augen der Eltern töten sie deren Kinder. Sie zwingen die Mutter, das Blut ihres Kindes zu trinken. Lebende Menschen werden verbrannt und getötet oder bei lebendigem Leibe begraben. Auf der Welt gibt es kein noch so grausames Raubtier, das es in irgendeiner Hinsicht mit dieser Bestialität des Menschen aufnehmen könnte. Dasselbe gilt für die übrigen schlechten Eigenschaften: In welche von ihnen der Mensch auch abgleitet, er beweist, dass er ein äußerst niederes Geschöpf ist. Selbst die Religion, die für den Menschen doch etwas Heiligstes sein sollte, erniedrigt er derart, dass er, nachdem er durch die Verehrung von Pflanzen, Tieren und Büchern die niedrigste Stufe des Verfalls erreicht hat, zur Verehrung der Geschlechtsorgane von Frauen und Männern übergeht. Um die Götter und Göttinnen zufriedenzustellen, führt er in den Tempeln sogar Tempeldienerinnen ein, und der Ehebruch mit ihnen wird als gute Tat betrachtet. Ihren Mythen oder religiösen Schriften werden derart obszöne Fantasiegeschichten zugeschrieben, dass sie selbst für den niedrigsten Menschen beschämend wären. (146)
Neben der Darlegung dieser Realitäten beschreibt der Koran drei verschiedene Formen der menschlichen Seele. Eine davon ist die Nafs al-Ammāra, die den Menschen zu schlechten Taten anspornt. (Yusuf: 53)
Die zweite ist die Nafs al-Lawwāma. Ihre Aufgabe besteht darin, den Menschen bis zur Fassung eines Entschlusses in gewissem Maß zu warnen. Nachdem er dann eine schlechte Tat begangen hat, macht sie ihm ständig Vorwürfe. (Qiyāma: 2) Die dritte ist die Nafs al-Mutma’inna. Sie meidet mit völliger innerer Gewissheit den schlechten Weg und wählt den rechten Weg. Dabei bedauert sie nicht, dass sie den Genuss und die Vorteile schlechter Taten gemieden und um des Guten willen Entbehrung, Verzicht und Opfer sowie Leid, Mühsal und Unglück ertragen hat. Statt darüber traurig zu sein, ist ihr Herz vielmehr darüber zufrieden, dass sie vor der Unreinheit und Befleckung schlechter Taten bewahrt geblieben ist und die Reinheit des Guten erlangt hat. Diese dritte Art der Nafs bezeichnet der Koran als eine Seele, die Gott wohlgefällig ist. Ihr hat Er die frohe Botschaft vom Paradies verkündet. (Fadschr: 27–30)
Ursachen der Irreleitung
Danach hat der Heilige Koran eine nach der anderen jene Ursachen dargelegt, durch die der Mensch gewöhnlich in die Irreleitung gerät. Auch die Ungläubigen Arabiens waren aus diesen Gründen in die Irreleitung geraten. Die Ursachen sind folgende:
1. Blinde Nachahmung der Vorfahren
Das Erste darunter ist die blinde Nachahmung der Religion der Vorfahren. All dies wurde einzig deshalb getan, weil es seit der Zeit der Väter und Großväter so üblich war. Sie versuchten niemals, mit ihrem Verstand darüber nachzudenken, ob das, was ihre Väter und Großväter taten, vernünftig war oder nicht. Der blinden Nachahmung lag als einziger Beweis und einzige Begründung nichts anderes zugrunde als dies: Es ist der Brauch unserer Väter und Großväter. In diesem Zusammenhang hat der Koran aus der Geschichte zahlreiche Beispiele angeführt.
Als der Prophet Hud (a. s.) das Volk der ʿĀd wegen seines Abweichens vom rechten Weg tadelte und ihm riet, auf den richtigen Weg zurückzukehren, wiesen sie all seine Beweise, Argumente und Ermahnungen mit den Worten zurück: „Bist du etwa zu uns gekommen, damit wir nur Allah allein dienen und jene Götter aufgeben, denen unsere Väter und Großväter gedient haben?“ (Aʿrāf: 70)
Als der Prophet Salih (a. s.) versuchte, dem Volk der Thamūd die Sache verständlich zu machen, lautete seine Antwort: „O Salih! Zuvor warst du doch jemand, von dem wir große Hoffnungen hatten. Willst du uns nun davon abhalten, jene Götter zu verehren, die unsere Väter und Großväter verehrt haben? Über den Weg, zu dem du uns rufst, bestehen große Zweifel und Bedenken, die uns schreckliche Unruhe und Besorgnis bereiten.“ (Hud: 62)
Als Hazrat Schuʿaib (a.s.) die Bewohner von Madyan vor ihrem offenkundigen Irrweg warnte, lautete ihre Antwort:
O Schuʿaib! Lehrt dich dein Gebet etwa, dass wir die Götter unserer Vorväter verlassen sollen? (Hud: 87)
Als Hazrat Ibrahim (a.s.) seinen Vater und sein Volk fragte: „Was sind das für Statuen, denen ihr euch so hingebt?“, hatten sie keine andere Antwort als: „Wir haben unsere Vorväter gesehen, wie sie diese verehrten.“ Darauf sagte Hazrat Ibrahim (a.s.) klar: „Auch ihr seid im Irrtum, und eure Vorväter waren eindeutig dem Irrweg verfallen.“ (Al-Anbiya: 52–54)
Hazrat Ibrahim (a.s.) fragte sie: „Antworten diese euch etwa, wenn ihr sie anruft? Können sie euch irgendeinen Nutzen oder Schaden zufügen?“
Ihre Antwort lautete: „Das kümmert uns überhaupt nicht. Wir tun dies doch nur, weil wir unsere Vorväter dabei vorgefunden haben.“ (Asch-Schuʿara: 72)
Als Hazrat Musa (a.s.) Pharao und seinen Würdenträgern mit eindeutigen Wundern zur Wahrheit aufrief, sagten auch sie: „Bist du etwa zu uns gekommen, um uns von dem Weg abzubringen, auf dem wir unsere Vorväter vorgefunden haben?“ (Yunus: 78)
Bei der Anführung dieser Beispiele sagt der Heilige Koran, dass alle unwissenden Völker den Ruf ihrer Propheten mit diesem widersinnigen Argument zurückgewiesen haben. Über die früheren Völker sagt der Koran, dass sie auf die eindeutigen Beweise, Ermahnungen und Warnungen ihrer Propheten, sofern sie überhaupt darauf antworteten, Folgendes erwiderten: „Du bist nur ein Mensch wie wir. Du willst uns von der Anbetung jener Götter abhalten, die unsere Vorväter zu verehren pflegten.“ (Ibrahim: 10)
An einer anderen Stelle heißt es: O Prophet! Wann immer Wir vor dir in einer Stadt einen Warner entsandten, sagten deren wohlhabende Bewohner: „Wir haben unsere Vorväter auf einer bestimmten Weise vorgefunden, und wir folgen ihren Fußspuren.“ Jeder Prophet fragte sie: „Werdet ihr diesem Weg weiterhin folgen, selbst wenn ich euch einen geraderen und richtigeren Weg zeige als den Weg, auf dem ihr eure Vorväter vorgefunden habt?“ Sie antworteten allen Propheten: „Wir leugnen das, wozu ihr entsandt worden seid, um aufzurufen.“ (Az-Zukhruf: 23–24)
Dies war nicht nur der Zustand der Völker vergangener Zeiten; vielmehr war und ist es die Gepflogenheit der unwissenden Menschen jeder Epoche, über Allah zu disputieren, ohne über Wissen, Licht oder ein wegweisendes Buch zu verfügen. Wenn zu ihnen gesagt wird: „Kommt zu der Lehre, die Allah herabgesandt hat“, sagen sie: „Nein, wir werden genau den Weg einschlagen, auf dem wir unsere Väter vorgefunden haben.“
Und sollte Satan ihre Väter auch zum Höllenfeuer rufen. (Luqman: 20–21)
Nachdem der Koran diese Beispiele angeführt hat, warnt er Quraisch und die Araber unmittelbar: Auch ihr seid wie jene. Ihr denkt weder mithilfe eures Verstandes darüber nach, ob die Religion, der ihr folgt, richtig ist, noch macht ihr euch Gedanken über die Irrtümer eurer Religion und eurer Bräuche und Sitten, die euch mit schlüssigen Beweisen vor Augen geführt werden. Ihr haltet lediglich deshalb starr an einer Irrlehre fest, weil sie von euren Vätern überliefert worden ist.
In der Sure as-Saffat heißt es, dass diese Leute ihre Väter auf dem Irrweg vorgefunden haben. Deshalb folgten sie ihnen eilends, obwohl die meisten derer, die vor ihnen gelebt hatten, irregegangen waren. (Verse: 69–71)
In der Sure Hud wird der edle Gesandte (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) angesprochen: Hege keinen Zweifel hinsichtlich jener Götzen oder Gottheiten, die diese Leute verehren. Sie werden genau so verehrt, wie ihre Väter sie zuvor verehrt haben. (Vers: 109)
Als Quraisch und die Araber dazu aufgefordert wurden, sich von äußerst schändlichen Dingen wie Unbekleidetheit und Nacktheit fernzuhalten, und ihnen gesagt wurde, dass sie nicht einmal davor zurückschreckten, nackt um das heilige Kaba-Haus zu kreisen – etwas Abscheulicheres als dies kann es kaum geben –, und dass sie sich deswegen schämen sollten, versuchten sie auch dies aufgrund der Befolgung ihrer Väter für erlaubt zu erklären. Tatsächlich heißt es in der Sure al-A’raf: Wenn sie eine schändliche Tat begehen, sagen sie: „Wir haben unsere Väter dies tun sehen, und Allah hat uns befohlen, es zu tun.“
O Prophet! Sag ihnen: „Allah befiehlt niemals Schändlichkeit. Wollt ihr etwa im Namen Allahs etwas behaupten, von dem ihr nicht wisst, ob Allah es befohlen hat?“ (Vers: 28)
Die Ungläubigen Arabiens hielten unbeirrt an verschiedenen unvernünftigen heidnischen Bräuchen und Sitten fest und waren ohne jeden Beweis zu der Überzeugung gelangt, dass diese von Allah vorgeschrieben seien. Hierzu heißt es in der Sure al-Ma’ida: „Und wenn zu ihnen gesagt wird: ‚Kommt zu der Lehre, die Allah herabgesandt hat, und kommt zum Gesandten‘, sagen sie: ‚Für uns genügt das, worauf wir unsere Väter vorgefunden haben.‘ Werden sie etwa weiterhin blind ihren Vätern folgen, selbst wenn diese über keinerlei Wissen verfügten und nicht auf dem rechten Weg waren?“ (Vers: 104)
Auf diese Weise haben die Ungläubigen Arabiens zahlreiche Verbote und Einschränkungen in Bezug auf Halal und Haram für sich verbindlich gemacht. Sie haben all dies selbst geschaffen und es damit begründet, dass es schon seit früherer Zeit so überliefert werde. Dabei wurden viele erlaubte Dinge für verboten erklärt und viele verbotene, schändliche und abscheuliche Dinge für erlaubt erklärt. Über diese Angelegenheit heißt es in der Sure al-Baqara: Wenn ihnen gesagt wird: „Befolgt jene Rechtleitung, die Allah herabgesandt hat“, sagen sie: „Nein, vielmehr werden wir dem Weg folgen, auf dem wir unsere Vorväter vorgefunden haben.“ Und würden sie ihnen etwa auch dann folgen, wenn ihre Vorväter keinerlei Verstand besaßen und nicht rechtgeleitet waren? (Vers 170)
In der Sure al-Anʿam wurde diese blinde Nachahmung mit so starken Beweisen als widersinnig und unvernünftig erwiesen, dass selbst der starrsinnigste Mann unter den Arabern vielleicht einmal aus tiefstem Herzen zugab: „Wahrhaftig, wir folgen tatsächlich einer absonderlichen Sache.“
In der genannten Sure heißt es: Diese Leute bestimmten von den Früchten der Felder und Gärten und vom Vieh, das Allah selbst erschaffen hat, einen bestimmten Anteil für Allah und sagen: „Dies ist für Allah“ – so behaupten sie jedenfalls –, „und dies ist für unsere selbst erdachten Teilhaber.“ Doch was für ihre erdachten Teilhaber bestimmt ist, gelangt nicht zu Allah, während das, was für Allah bestimmt ist, zu ihren erdachten Teilhabern gelangt. [Das heißt: Wenn von den Feldfrüchten oder Früchten und Ähnlichem, die im Namen Allahs ausgesondert worden waren, etwas abfiel, wurde es dem Anteil der Teilhaber zugerechnet. Wenn dagegen etwas vom Anteil der Teilhaber abfiel oder auf dem Anteil Allahs gefunden wurde, wurde es ihrem Anteil zurückgegeben. Wenn einmal Wasser aus dem Teil des Feldes, der für die Opfergaben an die Teilhaber bestimmt war, in den Teil floss, der für die Opfergaben an Allah bestimmt war, wurde die gesamte Ernte dem Anteil der Teilhaber zugerechnet. Im umgekehrten Fall wurde dem Anteil Allahs jedoch nichts hinzugefügt. Wenn sie wegen einer Dürre den für Opfergaben bestimmten Anteil selbst verwenden mussten, verzehrten sie den Anteil Allahs. Den Anteil der Teilhaber anzurühren, fürchteten sie jedoch aus Angst, irgendein Unglück könnte sie treffen. Wenn der Anteil der Teilhaber aus irgendeinem Grund geringer ausfiel, wurde er aus dem Anteil Allahs ergänzt. War aber der Anteil Allahs geringer, wurde ihm kein einziges Korn aus dem Anteil der Teilhaber hinzugefügt. – Der Verfasser.]
Und ebenso haben ihre Teilhaber für viele Götzendiener die Tötung ihrer eigenen Kinder äußerst verlockend erscheinen lassen, damit sie diese ins Verderben stürzen und ihnen ihre Religion zweifelhaft machen. [Das heißt: Sie stürzten sie in die Verwirrung, dies sei ebenfalls ein Bestandteil jener Religion, die sie von Ibrahim und Ismail erhalten hatten. Hier wird deutlich, dass mit „Teilhabern“ nicht Götzen oder andere angebetete Wesen gemeint sind, sondern jene religiösen Führer, die in späterer Zeit falsche Glaubensvorstellungen und religiöse Bräuche verbreiteten. Die Menschen befolgten diese so, wie man eigentlich Allahs Gesetz befolgen sollte. – Der Verfasser.]
Sie sagen: „Dieses Vieh und diese Feldfrüchte sind geschützt. Niemand darf davon essen außer denen, die wir ernähren.“ Dies sind ihre eigenen Erfindungen. Und es gibt Tiere, auf denen zu reiten und mit denen Lasten zu tragen verboten wurde. Und es gibt Tiere, über denen sie Allahs Namen nicht nennen, wobei sie Allah fälschlich zuschreiben, Er habe verboten, Seinen Namen über ihnen zu nennen. … Und sie sagen ferner: „Was sich im Bauch dieser Tiere befindet, ist ausschließlich für unsere Männer bestimmt und den Frauen verboten. Ist es jedoch tot geboren, so haben Männer und Frauen gleichermaßen Anteil daran.“ Betrachtet diese acht Tiere, männliche und weibliche: zwei aus der Schafgattung und zwei aus der Ziegengattung. Frage sie, o Prophet: „Hat Allah deren männliche Tiere verboten oder deren weibliche? Oder die Jungen, die sich im Bauch der Schafe und Ziegen befinden?“ Nennt mir auf der Grundlage wahrer und zuverlässiger Kenntnis eine Antwort, wenn ihr wahrhaftig seid. Ebenso gibt es zwei Arten von Kamelen und zwei Arten von Rindern. Frage sie: „Hat Allah deren männliche Tiere verboten oder deren weibliche? Oder das Junge, das sich im Bauch der Kamelstute und der Kuh befindet?“ Wart ihr etwa zugegen, als Allah euch diese Verbote auferlegte? Wer ist ungerechter als jener, der Allah eine Lüge zuschreibt, um die Menschen ohne Wissen in die Irre zu führen? Wahrlich, Allah weist solche Ungerechten nicht den geraden Weg. (Verse 136–144)
2. Die irrige Nachahmung der Reichen und Führer
Der Koran hat neben der blinden Nachahmung der Vorfahren eine weitere Ursache der Irreführung aufgezeigt, die hinsichtlich der Zügellosigkeit der Menschen und des Verderbens der Gesellschaft keineswegs weniger schädlich ist. Es handelt sich um die Nachahmung der angesehenen Männer, Führer, religiösen Gelehrten und reichen Gesellschaftsführer des eigenen Volkes oder der Welt. Ohne darüber nachzudenken, wohin sie führen, folgen die Menschen ihnen allein aus diesem Grund. Deshalb werden solche Gefolgsleute am Tag der Auferstehung voller Reue sagen: „O unser Herr! Wir haben unseren Anführern und Großen gehorcht, und sie haben uns vom Weg abgebracht. O unser Herr! Verdopple ihre Strafe und belege sie mit einem schweren Fluch.“ (al-Ahzab: 67–68)
„O unser Erhalter! Zeige uns jene Dschinn und Menschen, die uns in die Irre geführt haben. Wir werden sie mit unseren Füßen zertreten, damit sie zutiefst erniedrigt und gedemütigt werden.“ (Hamim as-Sadschda: 29)
-(Wenn Allah die Strafe verhängen wird) dann wird sich folgende Lage ergeben: Die Führer und einflussreichen Personen, denen man auf der Welt gefolgt ist, werden erklären, dass sie jede Beziehung zu ihren Anhängern abbrechen. Doch sie werden die Strafe sehen, und alle Verbindungen ihrer Mittel und Möglichkeiten werden abreißen. Diejenigen, die ihnen auf der Welt gefolgt sind, werden sagen: „O wenn uns doch noch einmal eine Gelegenheit gegeben würde, dann würden wir uns ebenso von ihnen lossagen, wie sie sich heute von uns lossagen!“ Allah wird ihnen gewiss all ihre Taten, die sie in dieser Welt begangen haben, derart vor Augen führen, dass sie nur Scham und Reue empfinden werden. Doch sie werden keinen Weg finden, dem Feuer der Hölle zu entkommen. (Al-Baqara: 166–167)
-O wenn du doch sehen könntest, wie es diesen Frevlern ergeht, wenn sie vor ihren Herrn gestellt werden und einander gegenüber streiten! Diejenigen, die auf der Welt unterdrückt worden waren, werden zu den Vornehmen sagen: „Wenn es euch nicht gegeben hätte, wären wir gewiss Muslime geworden.“ Die Vornehmen werden zu den Unterdrückten sagen: „Haben wir euch etwa daran gehindert, die Rechtleitung anzunehmen, als sie zu euch kam? Nein, ihr selbst wart Schuldige.“ Die Unterdrückten werden zu den Vornehmen sagen: „Nein! Vielmehr war es eure Täuschung bei Tag und bei Nacht, als ihr uns sagtet: ‚Wir werden Allah verleugnen und andere Ihm gleichsetzen.‘“ (Saba: 31–33)
Der Koran hat diese Tatsache als ein universelles Gesetz beschrieben: Was eine Gesellschaft letztlich zugrunde richtet, ist der moralische Verfall ihrer wohlhabenden und hochgestellten Schichten. Wenn für ein Volk die Zeit seines Unglücks gekommen ist, geben sich seine Reichen und einflussreichen Personen dem Sündhaften hin und beginnen, Gewalttaten, Unterdrückung, Unzucht und andere Übeltaten zu begehen. Schließlich richtet dieses Unrecht und diese Verderbtheit das gesamte Volk zugrunde. Der Koran sagt:
(Arabisch*****************)
-Wenn Wir beschließen, eine Stadt zu vernichten, erteilen Wir ihren Wohlhabenden einen Befehl, doch dann beginnen sie dort allerlei Frevel zu begehen. So wird das Strafurteil über diese Stadt vollstreckt, und Wir vernichten sie. (Bani Isra’il: 16)
3. Stolz und Hochmut
Der dritte wichtige Grund für die Irreleitung, den der Koran benennt, ist folgender: Der Mensch weigert sich, die Wahrheit anzunehmen, weil er es als Erniedrigung empfindet, zuzugeben, dass seine Sichtweise falsch ist. Oder er glaubt, dass er seinen hohen Rang in der irregeleiteten Gesellschaft verlieren würde, wenn er diese Wahrheit annähme. Oder er meint, es würde seinem hohen Ansehen schaden, seine eigene Ansicht aufzugeben und die Ansicht eines anderen anzunehmen – ganz gleich, wie falsch seine eigene Aussage und wie wahr die von dem anderen vorgebrachte Aussage sein mag.
Der Koran hat diesen Grund für die Irreleitung den Menschen immer wieder vor Augen geführt, damit sein Stolz und Hochmut gebrochen werde, der ihn daran gehindert hatte, die Wahrheit anzunehmen, und damit er den Grund für die Irreleitung jener Bannerträger der Irreleitung erkennen könne, die in seiner eigenen Zeit oder in vergangenen Zeiten dem rechten Weg im Wege standen.
Als Beispiel wird in der Sure Nūḥ diese Aussage des Propheten Nūḥ (a. s.) angeführt: „O mein Herr! Ich habe die Menschen meines Volkes bei Tag und bei Nacht dazu aufgerufen, zur Wahrheit zu kommen. Doch das Ergebnis meines Aufrufs war, dass sie sich noch weiter entfernten. Und jedes Mal, wenn ich sie zur Wahrheit aufrief, damit Du ihnen vergeben mögest, steckten sie ihre Finger in die Ohren, bedeckten ihre Gesichter mit ihren Gewändern, verharrten in ihrem Verhalten und verhielten sich hochmütig und stolz.“ (Nūḥ: 6–7) [Hochmut bedeutet hier, dass sie es als eine Beeinträchtigung ihrer Ehre und ihres Ansehens betrachteten, sich vor der Wahrheit zu beugen und den Rat des Gesandten Gottes anzunehmen. Stellen wir uns etwa vor, dass ein guter Mensch einen moralisch verdorbenen Menschen ermahnt und dieser daraufhin den Kopf schüttelt, aufsteht und mit lautem Stampfen davonläuft. Das ist die Zurückweisung eines Ratschlags aus Hochmut. – (Der Verfasser)]
In der Sure al-Mu’min wird berichtet, dass, als der Pharao seine Absicht bekundete, den Propheten Mūsā (a. s.) zu töten, ein aufrichtiger Mann an seinem Hof ihn mit Mitgefühl und Wohlwollen in vernünftiger Weise zu überzeugen und ihm zu raten versuchte, sein falsches Verhalten aufzugeben und den richtigen Weg einzuschlagen. Doch jener schenkte dem keinerlei Beachtung und verharrte in seiner Sturheit. Allah sagt, dies analysierend:
(Arabisch***********)
„So versiegelt Allah die Herzen jedes Hochmütigen und Gewalttätigen.“ (al-Mu’min: 35)
Das heißt: Wenn ein Herz sich mit Hochmut, Gewalttätigkeit und Unterdrückung erfüllt, werden seine Türen für jede Ermahnung und jedes wahre Wort verschlossen. Danach prägt Allah ihm das Siegel Seines Fluches so auf, dass es sich in keiner Weise bessert, ganz gleich, wie sehr jemand versucht, es auf den rechten Weg zu bringen.
In der Sure al-Aʿrāf heißt es, dass Allah, als Er dem Propheten Mūsā (a. s.) die Weisung auf den Tafeln niederschrieb, ihn zugleich warnte und sagte: „Ich werde diejenigen von Meinen Zeichen abwenden, die sich ohne jedes Recht auf der Erde hochmütig und stolz gebärden. Selbst wenn diese Menschen jedes Zeichen sehen, werden sie niemals daran glauben. Auch wenn der rechte Weg vor ihnen liegt, werden sie ihm nicht folgen. Wenn ihnen jedoch der krumme Weg ins Auge fällt, werden sie ihm folgen.“ (al-Aʿrāf: 146)
In der Sure al-Baqara heißt es: „Unter den Menschen gibt es auch jemanden, dessen Worte euch im diesseitigen Leben sehr gefallen. Er schwört immer wieder bei Allah hinsichtlich seiner guten Absicht. Doch er ist ein großer Feind der Wahrheit. Sobald er sich nach diesen Worten abwendet, setzt er all seine Bemühungen dafür ein, Unruhe und Verderben zu stiften und Ernten und die Nachkommenschaft der Menschen zu vernichten. Dabei liebt Allah das Stiften von Verderben nicht. Und wenn ihm gesagt wird: ‚Fürchte Allah!‘, hält ihn sein Ehrgefühl umso entschlossener an der Sünde fest.“ (al-Baqara: 204–206)
In der Sure al-Muddaththir wird das Verhalten eines Anführers von Mekka selbst dargestellt. Dieser hatte den Quraisch-Anführern ausdrücklich gesagt: „Alles, was ihr Muhammad (s. a. s.) vorwerft, ist falsch. Der Koran ist eine überaus süße und wohlklingende Botschaft. Seine Wurzel reicht tief, und seine Zweige tragen reiche Früchte.“ Doch als er vor die Frage gestellt wurde: „Soll ich durch eine Lüge gegen diesen Gesandten meine Führerschaft bewahren?“, gab er Letzterem den Vorrang und rang mit sich selbst, bis er schließlich einen Vorwurf ersann. Sein Herz wusste jedoch, dass er nur zur Aufrechterhaltung seiner Überlegenheit eine offenkundige Lüge vorbrachte. Der Koran stellt dieses Bild von ihm dar und enthüllt dadurch sein verborgenes Inneres:
-Er dachte nach und versuchte, einige Worte zu ersinnen. Verflucht sei er! Wie hat er doch versucht, Worte zu ersinnen! Dann blickte er zu den Leuten. Daraufhin zog er die Stirn in Falten und verzog das Gesicht. Danach wandte er sich ab und geriet in die Falle des Hochmuts. Schließlich sagte er: „Das ist nichts anderes als Zauberei. Sie ist lediglich Zauberei. Das ist nur menschliche Rede.“ (Al-Muddaththir: 18–25)
4. Weltlichen Wohlstand und Bedürftigkeit als Maßstab für Gut und Böse betrachten
Der Koran sagt anschließend, dass eine weitere große Ursache der Irreführung in der Vorstellung besteht, die in dieser Welt sichtbaren Ergebnisse seien der Maßstab für Gut und Böse. Wenn hier jemand wohlhabend ist, gilt er als erfolgreich und vom Glück begünstigt, selbst wenn sein Wohlstand auf einem schlechten Werk beruht. Wer hier dagegen arm ist, gilt als erfolglos, selbst wenn seine Armut mit guten Taten verbunden ist. Mit anderen Worten: Gut ist das, dessen Ergebnis hier äußerlich gut erscheint, und schlecht ist das, dessen Ergebnis hier äußerlich schlecht erscheint. Dabei wird nicht betrachtet, wie viel unerlaubter Lebensunterhalt und wie viele schlechte Taten sich hinter jenem äußerlich sichtbaren Guten verbergen. Ebenso wird nicht betrachtet, wie viele gute Taten und welcher Reichtum an vorzüglichem Charakter hinter jenem äußerlich sichtbaren Schlechten stehen. Der Koran hat Beispiele für diese irrige Sichtweise sowohl aus der Geschichte der Vergangenheit angeführt als auch in den Worten und im Verhalten der Mekkaner und Araber selbst deutlich aufgezeigt.
In der Geschichte des Propheten Noah wird berichtet, dass die Anführer seines Volkes seine Lehre und Rechtleitung mit der Begründung zurückwiesen, diejenigen, die an ihn glaubten, seien arm gewesen und hätten in der Gesellschaft keine hohe Stellung besessen.
(Arabisch************)
-Sie sagten: Sollen wir dir etwa folgen, wo dir doch die Niedrigsten folgen? (Asch-Schuʿarāʾ: 111)
Auch in der Geschichte des Propheten Salih (a.) wird ausdrücklich erwähnt, dass die reichen und einflussreichen Leute seines Volkes seine armen Anhänger fragten-
(Arabisch**************)
Wisst ihr wirklich, dass Salih der Gesandte seines Herrn ist?
Sie antworten: (Arabisch*******************)
Wir glauben an das, womit er gesandt wurde.
Die Vornehmen antworten:
(Arabisch*************)
– Wir glauben nicht an das, woran ihr glaubt. (Al-Aʿrāf: 75–76)
Das heißt: Was Leute niedrigerer Klasse wie ihr angenommen habt, erkennen wir nicht an.
Über alle Propheten sagt der Koran, dass die wohlhabenden Leute ihrer Völker sich ihnen widersetzten und ihre Sichtweise darin bestand, dass derjenige, dem es vergönnt war, in dieser Welt großen Reichtum und viele Kinder zu erlangen, auf dem Recht gegründet sei.
(Arabisch*************)
—Und niemals ist es geschehen, dass Wir einen Warner in eine Stadt entsandten, ohne dass deren wohlhabende Bewohner gesagt hätten: „Wir glauben nicht an die Botschaft, mit der du entsandt worden bist.“ Und sie sagen: „Wir besitzen mehr Reichtum und mehr Kinder als ihr, und wir werden niemals bestraft werden.“ (Saba: 34–35)
Dies war zur Zeit des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, die Denkweise der Ungläubigen von Mekka und Arabien. Dass sie irrig war, hat der Koran wiederholt hervorgehoben.
In der Sure Maryam heißt es: Wenn ihnen Unsere deutlichen Zeichen vorgetragen werden, sagen die Ungläubigen zu den Gläubigen: „Sagt uns: Wer von unseren beiden Gruppen befindet sich in der besseren Lage, und wessen Versammlungen sind prächtiger?“
Dabei haben Wir vor ihnen schon so manche Völker vernichtet, die wohlhabender waren als sie und sie an äußerem Prunk übertrafen. (Maryam: 73–74)
In der Sure al-Mu’minun heißt es: Meinen sie etwa, dass Wir sie mit Reichtum und Kindern unterstützen, weil Wir ihnen Gutes zukommen lassen wollen? Nein, keineswegs! Sie haben kein Bewusstsein für die wahre Angelegenheit. Wahrlich, diejenigen, die aus Furcht vor ihrem Herrn erschauern, die an die Zeichen ihres Herrn glauben, die ihrem Herrn niemanden beigesellen und deren Zustand so ist, dass ihre Herzen erbeben, wenn sie geben – was auch immer sie geben –, weil sie daran denken, dass sie zu ihrem Herrn zurückkehren müssen: Sie eilen zum Guten und werden darin die Ersten sein. (Vers: 55–61)
Um dies verständlich zu machen, schildert die Sure al-Fajr zunächst die Übertretungen und die Auflehnung gegen Gott hochentwickelter Völker und Reiche wie die von ʿAd, Thamud und Pharao. Danach sagt sie, dass der Mensch noch immer der irrigen Vorstellung verhaftet ist, die Gnadengaben und der Reichtum dieser Welt seien die wahre Ehre und Armut sowie wirtschaftliche Not hier die wahre Erniedrigung. Doch dies ist kein Maßstab für Ehre und Erniedrigung. (al-Fajr: 15–16)
5. Den Begierden des eigenen Triebes folgen und nach Vermutungen und Mutmaßungen handeln
Bei der Darlegung der Ursachen der Irreleitung weist der Koran auf eine weitere wichtige Ursache hin: Der Mensch erklärt etwas aufgrund bloßer Vermutungen und Spekulationen für wahr und anderes für falsch. Oder er macht seine eigenen Neigungen zu seinem Gott und dient ihnen derart, dass er seinen Willen gewaltsam in diese Richtung zerrt. Der Koran hat den Menschen jedoch wiederholt davor gewarnt, ob der Weg, den er aufgrund göttlicher Führung eingeschlagen hat, oder der Weg, den er im Folgen seiner eigenen Neigungen beschreitet, tatsächlich richtig und vernünftig ist, damit er nicht im Tal der Vermutungen und Begierden umherirrt, sondern auf den geraden Weg der Vernunft und des Wissens gelangt.
In der Sure al-Aʿrāf wird das Beispiel eines Menschen angeführt, der trotz seines Wissens der Knechtschaft seiner Neigungen verfällt und dadurch zu einem Hund dieser Welt wird. Bei der Betrachtung derartiger Menschen heißt es anschließend: „Wir haben viele Dschinn und Menschen für die Hölle erschaffen. Sie haben Herzen, mit denen sie nicht begreifen; sie haben Augen, mit denen sie nicht sehen; und sie haben Ohren, mit denen sie nicht hören. Sie sind wie Vieh, ja, sie sind noch weiter abgeirrt. Das sind diejenigen, die in der Schlaf des Unachtsamkeit und Nachlässigkeit versunken sind.“ (Verse 173–179)
In der Sure al-Anfāl werden jene Menschen erwähnt, die, obwohl sie alles hören, so tun, als hätten sie überhaupt nichts gehört. Danach heißt es: „Wahrlich, bei Allah sind unter allen Geschöpfen die schlechtesten jene Stummen und Tauben, die ihren Verstand und ihre Vernunft nicht gebrauchen.“ (Vers 22) Mit „stumm und taub“ sind nicht körperlich Stumme und Taube gemeint, sondern jene Menschen, die weder die Wahrheit hören noch die Wahrheit sprechen.
Keiner der Götzen, die die Götzendiener zu Teilhabern des Herrn der Welten in der Göttlichkeit gemacht haben, besitzt göttliche Eigenschaften oder Befugnisse. Nachdem in der Sure Yūnus in den Versen 31 bis 35 nacheinander die Beweise dafür dargelegt worden sind, wird klar gesagt, dass sie nicht auf der Grundlage irgendeines Wissens zu Göttern gemacht wurden. Vielmehr hat der Mensch aufgrund bloßer Vermutungen angenommen, dass auch sie einen Anteil an der Göttlichkeit besitzen. Die meisten von ihnen folgen nichts als Vermutungen. Doch Vermutungen können in keiner Weise dem Anspruch der Wahrheit genügen. (Vers 46)
In der Sure al-Ḥaddsch wird mit dem Hinweis auf die Ruinen der untergegangenen Völker der Vergangenheit gesagt: „Sind diese Menschen nicht auf der Erde umhergereist, sodass sie Herzen bekommen hätten, mit denen sie verstehen, und Ohren, mit denen sie hören? In Wahrheit werden nicht die Augen blind, sondern blind wird das Herz, das in der Brust ist.“ (Vers 46)
Auf diese Weise wird in der Sure al-Furqān, nachdem auf das Ende des Volkes Noachs, der ʿĀd, der Thamūd, der Leute von ar-Rass, des Volkes des Pharao und des Volkes Lots hingewiesen worden ist, der Gesandte Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) angesprochen: „Hast du denjenigen betrachtet, der seine eigene Neigung zu seinem Gott genommen hat? Kannst du die Verantwortung übernehmen, einen solchen Menschen auf den rechten Weg zu führen? Oder meinst du, dass die meisten von ihnen hören und ihren Verstand gebrauchen? Sie sind wie Vieh, ja, sie sind noch weiter abgeirrt.“ (Verse 43–44)
Auch in der Sure al-Dschāthiya heißt es: „O Prophet, hast du jemals über den Zustand dessen nachgedacht, der seine eigene Neigung zu seinem Gott genommen hat und den Allah trotz seines Wissens in die Irre gehen ließ? Sein Herz und seine Ohren sind versiegelt, und über seine Augen ist eine Hülle gelegt. Wer könnte ihn außer Allah rechtleiten?“ (Vers 23)
6. Das Böse für schön halten und in der Unwahrheit versunken sein
Ein weiterer Punkt, den der Koran als eine wichtige Ursache für die Irreführung der Gesellschaft betrachtet, ist, dass die Menschen anfangen, schlechte Taten für gut zu halten. Sie verspüren keinerlei innere Beklemmung, wenn sie gegen die Wahrheit handeln. Im Gegenteil: Sie gehen darin auf, empfinden dabei Stolz und sehen überhaupt keine Notwendigkeit, die Wahrheit zu erkennen. In der Sure Fāṭir heißt es tatsächlich: Hat etwa die Irreführung eines Menschen, dessen schlechte Taten für ihn schön und glänzend gemacht wurden und der sie für gut hält, ein Ende? (Vers: 8)
Und in der Sure al-Muʾmin heißt es: Wenn die Menschen in der Hölle bestraft werden, wird zu ihnen gesagt werden: Dieses Schicksal ist euch deshalb widerfahren, weil ihr euch im Diesseits der Falschheit hingegeben und darauf stolz gewesen seid. (Vers: 75a)
7. Die Vorstellung, dass die Welt eines Menschen durch gute Taten und Wahrhaftigkeit zugrunde geht
Auch diese Vorstellung hat der Heilige Koran als eine wichtige Ursache der Irreführung erwähnt. In der Sure al-Aʿrāf heißt es: Als der Prophet Schuʿaib (a.s.) sein Volk aufforderte, sich davon fernzuhalten, das Maß zu verkürzen, Karawanen zu berauben und Wegelagerei zu betreiben, sagten die Anführer des Volkes zu den Leuten:
(Arabisch************)
– Wenn ihr Schuʿaib folgt, werdet ihr mit Sicherheit zugrunde gehen. (Vers: 90) Als ob der Sinn ihrer Worte gewesen wäre: Kann der Handel überhaupt funktionieren, wenn man im Geschäftsleben ehrlich ist? Und da wir an der Straße der Handelskarawanen leben: Wie sollte unser finanzieller Wohlstand fortbestehen, wenn wir keine Wegelagerei betrieben, die Wege unsicher machten und von den Karawanen keine hohen Abgaben eintrieben? Genau dies sagten die Anführer der Quraisch zum Propheten (s.a.s.).
(Arabisch**************)
– Wenn wir dieser Rechtleitung gemeinsam mit dir folgen, werden wir gewiss vom Land hinweggerissen und vertrieben werden. (al-Qaṣaṣ: 75) Das heißt: Unser Einfluss und unser Ansehen unter den Arabern beruhen darauf, dass wir hier die religiösen Führer der arabischen Götzendiener sind. Deshalb floriert unser Handel so sehr. Deshalb herrscht für unsere Karawanen auf allen Wegen und in allen Gegenden des Landes Sicherheit. Und deshalb betrachten uns alle arabischen Stämme mit Respekt. Wenn wir deiner Aufforderung folgen und den Weg einschlagen, den du darlegst, wird sich ganz Arabien gegen uns wenden. Unser Ansehen im Land wird ein Ende haben, und auch in Mekka werden wir nicht mehr sicher leben können.
8. Die polytheistische Vorstellung von der Fürsprache
Seit den frühesten Zeiten war dies in allen Epochen eine der großen Ursachen für die Irreführung. Als in Arabien der islamische Aufruf begann, sah er sich dieser Irreführung gegenüber. Die Menschen glaubten, dass es einige geliebte Diener Allahs gebe, deren Wort unter keinen Umständen zurückgewiesen werden könne. Wenn man sich fest an ihren Saum klammerte und sie durch Gelübde, Opfergaben und Verehrung zufriedenstellte, könne man danach in der Welt tun, was man wolle. Ihre Fürsprache werde die Menschen vor allen Verbrechen und Sünden bewahren. Wenn eine so einfache Möglichkeit vorhanden ist, Allahs Gunst zu erlangen und die Wünsche des Herzens zu erfüllen, wer sollte dann noch das Bedürfnis haben, sich die Fesseln der Gottesfurcht und Frömmigkeit anzulegen und sich selbst den Genuss jeder Sünde sowie jede Gelegenheit zu Unterdrückung und Maßlosigkeit zu versagen? Die Ungläubigen Arabiens sagten:
(Arabisch**************)
„Wir verehren sie ja nur deshalb, damit sie uns zu Allah hinführen.“ (Az-Zumar: 3) Mit anderen Worten: Allahs Hof ist so hoch, dass wir nicht die Kraft haben, direkt zu Ihm zu gelangen. Deshalb haben wir diese frommen Männer zu Vermittlern gemacht, die uns dorthin führen sollen.
(Arabisch**********)
„Diese sind unsere Fürsprecher bei Allah.“ (Yunus: 18)
Solange diese irrige Glaubensüberzeugung besteht, kann kein Aufruf zu guten Taten und zum Guten Erfolg haben. Deshalb wird sie im Koran immer wieder angegriffen, und ihre Haltlosigkeit wird mit solchen Argumenten bewiesen, dass es keinem vernünftigen Menschen mehr möglich ist, eine derart törichte Vorstellung von Fürsprache zu unterstützen.
In der Sure al-Mu’min heißt es: „O Prophet! Warne diese Menschen vor dem Tag, der nahe ist, wenn die Herzen bis zu den Kehlen steigen und sie schweigend ihren Kummer hinunterschluckend dastehen werden. Es wird keinen vertrauten Freund der Ungerechten geben und auch keinen Fürsprecher, dessen Wort angenommen wird. Allah kennt den Verrat der Augen und auch das, was die Herzen verbergen. Allah wird unparteiisch und gerecht entscheiden. Und diejenigen, die diese Polytheisten außer Allah anrufen, werden überhaupt nichts entscheiden können. Wahrlich, Allah hört und weiß alles.“ (Verse 18–20)
Diese Verse haben die abergläubische Vorstellung von der Fürsprache völlig zunichtegemacht. Zunächst widerspricht es der Vernunft und der Gerechtigkeit, dass für einen Unterdrücker Fürsprache eingelegt wird. Ebenso widerspricht es der göttlichen Erhabenheit, dass unter Seinen Dienern jemand ein Fürsprecher sein könnte, dessen Wort angenommen werden müsste – das heißt, dass Gott gezwungen wäre, seiner Fürsprache Folge zu leisten. Noch weniger ist vorstellbar, dass bei Gott die Fürsprache solcher Menschen gelten sollte, die sich auf der Welt schützend vor Unterdrücker und Verbrecher stellen und wünschen, dass Gott ihretwegen einen schuldigen Unterdrücker begnadigt. Noch schwerer wiegt, dass ein Richter, der über das Verbrechen eines Menschen vollständig informiert ist und dessen Fall gerecht entscheiden muss, jemandem das Recht zugestehen sollte, für diesen Verbrecher Fürsprache einzulegen, obwohl er nicht einmal weiß, was dieser Mensch getan hat.
An anderer Stelle wird diese Vorstellung von der Fürsprache mit stichhaltigen Argumenten widerlegt. Es heißt, dass diejenigen, die diese Menschen anstelle Allahs anrufen, keinerlei Recht auf Fürsprache besitzen. Davon ausgenommen ist nur jemand, der aufgrund von Wissen die Wahrheit bezeugt. (Zuchruf: 86)
Das heißt: Wer über irgendeine Gottheit oder einen Frommen die Vorstellung hegt, dass ihm unbedingt das Recht auf Fürsprache zustehe und dass er über eine Fürsprache verfüge, die nicht zurückgewiesen werden könne, sollte vorgebracht werden und in dieser Angelegenheit auf der Grundlage von Wissen wahrheitsgemäß Zeugnis ablegen. Es ist völlig sinnlos, allein aufgrund von Legenden oder bloßen Vermutungen einen solchen Glauben anzunehmen, dessen Wahrheit nicht auf der Grundlage von Wissen bezeugt werden kann. Mit anderen Worten: Wer behauptet, dass bestimmte Wesen über ein solches Recht verfügen, kann niemals sagen: „Wir wissen, dass sie dieses Recht besitzen, und wir legen darüber ein wahrheitsgemäßes Zeugnis ab.“
Doch der Qur’an hat die Fürsprache nicht grundsätzlich geleugnet. Vielmehr hat er wiederholt erklärt, dass nur der Fürsprache leisten kann, dem Allah dies erlaubt hat, und dass nur für den Fürsprache eingelegt werden kann, mit dessen Fürsprache Allah einverstanden ist. Eine weitere Bedingung besteht darin, dass dieser Mensch in Übereinstimmung mit der Wahrheit Fürsprache einlegt und nichts sagt, was der Wahrheit und der Gerechtigkeit widerspricht. Dennoch liegt es bei Allah, ob Er die Fürsprache annimmt oder nicht. Er ist niemals verpflichtet, die Fürsprache irgendeines Menschen anzunehmen. Die ausführliche Darstellung dieses Themas im Qur’an lautet wie folgt:
(Arabisch****************)
– Wer ist es, der bei Ihm Fürsprache einlegen kann, ohne Seine Erlaubnis? (al-Baqara: 255)
(Arabisch**************)
– Und bei Ihm wird die Fürsprache niemandem nützen außer dem, dem Er Erlaubnis gegeben hat. (Saba’: 23)
(Arabisch***************)
-An dem Tag, an dem der Geist (Hadhrat Dschibril) und die Engel in Reihen aufgereiht stehen werden. Niemand wird sprechen, außer dem, dem der Allerbarmer Erlaubnis erteilt hat; und er wird das Richtige sagen. (Naba: 38)
(Arabisch*****************)
-O Prophet! Sprich: Die Fürsprache steht gänzlich in Allahs Macht. Ihm gehört die Herrschaft über die Himmel und die Erde. (Zumar: 44)
Das heißt: Ob die Fürsprache angehört oder nicht angehört, angenommen oder zurückgewiesen wird, liegt vollständig in Allahs Macht. Er ist der Besitzer der Herrschaft über die Welten. Niemand ist imstande, ohne Seine Erlaubnis Fürsprache einzulegen, und niemand besitzt einen solchen Rang, dass Allah seine Fürsprache unbedingt anhören und annehmen müsste.
Beispiele für gutes und schlechtes Verhalten aus der Menschheitsgeschichte
Alle Gründe für die Irreleitung, deren ausführliche Darstellung der Koran vorgelegt hat, waren in der Gesellschaft der Quraisch und der Araber vorhanden. Wenn sie diese Worte hörten, erkannten sie, dass tatsächlich all diese Gründe für die Irreleitung unter ihnen vorhanden waren. Danach werden im Heiligen Koran aus der Menschheitsgeschichte nach und nach Beispiele für Charakter und Verhalten angeführt, die von hoher Qualität waren, ebenso wie Beispiele für Verhalten, das von niedrigster Art war, damit die Menschen deutlich verstehen konnten, welche Art von Menschen der Islam hervorbringen will und welche Art von Menschen ihm missfällt, deren Verbesserung notwendig ist oder von deren Existenz die Gesellschaft gereinigt werden sollte, oder die Allah der Erhabene schließlich selbst zu Zielen Seines Zorns machte und in dieser Welt vernichtete. Betrachten wir diese Darstellung des Korans der Reihe nach in historischer Abfolge.
Die Geschichte der beiden Söhne Adams
Das erste lehrreiche Ereignis, das uns in der Geschichte der Menschheit überliefert ist, betrifft die beiden Söhne Adams (a. s.). In ihrem Verhalten zeigen sich zwei gegensätzliche Haltungen. Die beiden Brüder bringen ein Opfer dar. Das Opfer des einen wird angenommen, das des anderen jedoch nicht. Der zweite gerät aus Neid in Zorn und sagt zu seinem Bruder: „Ich werde dich töten.“ Sein Bruder sagt: „Allah nimmt doch die Opfer der Gottesfürchtigen an. (Das heißt: Ich bin nicht dafür verantwortlich, dass dein Opfer nicht angenommen wurde. Bemühe dich, die Mängel in deinem Charakter und deinen Handlungen zu beseitigen, weshalb dein Opfer nicht angenommen wurde.) Wenn du jedoch fest entschlossen bist, mich zu töten, werde ich dich nicht töten, denn ich fürchte Allah, den Herrn der Welten. Statt mit dir zu kämpfen und dadurch an der Sünde des ungerechten Mordes teilzuhaben, ziehe ich es vor, dass du deine und meine Sünden selbst auf dich lädst.“
Schließlich tötete dieser ungerechte Bruder seinen eigenen Bruder. Danach empfand er große Reue.
Nachdem der Quran dieses Ereignis geschildert hat, verkündet er den Menschen in einer Umgebung, in der das menschliche Leben keinerlei Wert besaß und Mord und Gewalttätigkeit zum Alltag gehörten, eine äußerst bedeutende Lehre. Der Quran sagt: Wer einen Menschen tötet, ohne dass es als Vergeltung für einen Mord oder wegen der Verbreitung von Verderben auf der Erde geschieht, ist, als hätte er die gesamte Menschheit getötet. Und wer einem Menschen das Leben rettet, ist, als hätte er der gesamten Menschheit das Leben geschenkt. (Maida: 27–32, siehe dort.)
Hazrat Noah (a. s.) und sein Volk
Das erste Volk in der Geschichte, das einen Sturm des Aufruhrs gegen Gott über die Welt entfesselte, war das Volk Hazrat Noahs (a. s.). An mehreren Stellen des Quran wird die Geschichte dieses Volkes erzählt: Einerseits werden das Verhalten dieses Volkes und seiner Anführer geschildert, weshalb sie schließlich allesamt bestraft wurden; andererseits wird das leuchtende Beispiel des Verhaltens Hazrat Noahs (a. s.) vor Augen geführt. In der Sure al-Ankabut heißt es, dass er sich angesichts äußersten Widerstands neunhundertfünfzig Jahre lang mit größter Geduld und Nachsicht um die Besserung dieses Volkes bemühte (Vers 14). Mit allen ihm möglichen Mitteln versäumte er nichts, um die Menschen mit tiefem Mitgefühl auf den rechten Weg zu führen. Doch die Anführer des Volkes ließen keinen seiner Versuche erfolgreich sein. (Die gesamte Sure Noah.) Man nannte ihn verrückt und verspottete und beschimpfte ihn. (Qamar: 9.) Er und seine armen Anhänger wurden herabgesetzt und gedemütigt. (Hud: 27.) Man drohte ihm und sagte, wenn er nicht aufhöre, werde er gesteinigt werden. (Schuara: 116.) Doch er erklärte mit fester Stimme: „Wenn meine Existenz und meine Ermahnung euch unerträglich sind, dann tut gegen mich, was ihr wollt, und gewährt mir keinen Aufschub. Ich vertraue auf Allah.“ (Yunus: 71.) Als der Streit schließlich seinen Höhepunkt erreichte, sagte sein Volk: „Bring nun die Flut, vor der du uns warnst.“ Tatsächlich begann Hazrat Noah (a. s.) vor ihren Augen mit dem Bau der Arche, in der er selbst und die Gläubigen mit ihm vor der kommenden Flut gerettet werden sollten. Doch als sein Volk sah, wie er die Arche baute, begann es, ihn zu verspotten und sich über ihn lustig zu machen. Sie sagten: „Die Verrücktheit des alten Mannes geht so weit, dass er sich nun anschickt, auf dem Land ein Schiff zu fahren.“ Sie wussten nicht, dass dieses Land schon sehr bald zu einem Meer werden würde, dessen eine Welle die Höhe eines Berges erreichen sollte. Darin würden die Menschen des gesamten Volkes, einschließlich Noahs (a. s.) Sohn, ertrinken und ihr Leben verlieren. Und die auf der Erde befindliche Arche würde an einem Berg anlegen. (Hud: 32–44.)
Der letzte Abschnitt dieser Geschichte wird folgendermaßen dargestellt: Als Hazrat Noah (a. s.) sah, dass auch sein Sohn zusammen mit den Ungläubigen ertrank, wurde er von menschlicher Zuneigung und väterlicher Liebe überwältigt und betete zu Allah, ihn zu retten. Allah wies ihn zurecht und sagte: „Sei nicht unwissend. Er ist zwar dein Sohn, gehört aber nicht zu deiner Familie. Vielmehr ist er ein unrechtes Handeln.“ Sobald Hazrat Noah (a. s.) die Antwort auf sein Gebet vernommen hatte, bat er um Vergebung und sagte: „O mein Herr! Ich suche bei Dir Zuflucht davor, Dich um etwas zu bitten, worüber ich kein Wissen habe. Wenn Du mir nicht vergibst, werde ich zugrunde gehen.“ (Hud: 44–47.)
Das Volk von Ad und Hazrat Hud (a. s.)
Ad war ein berühmtes Volk Arabiens, über das sogar die Kinder Arabiens Bescheid wussten. Die Menschen wussten über dieses Volk auch, dass es durch die Strafe Gottes vernichtet worden war. Über sie sagt der Quran: Welche charakterlichen Mängel hatten sie neben Schirk und Götzenverehrung? In der Sure Hamim as-Sajda heißt es, dass sie sich ohne jedes Recht auf der Erde hochmütig gebärdeten und sagten: „Wer ist stärker als wir?“ (Vers 15.) In der Sure al-Fajr heißt es, dass sie auf der Welt gegen Gott rebellierten und viel Verderben stifteten. (Siehe Verse 6–12.) In der Sure asch-Schuara heißt es, dass Hazrat Hud (a. s.) zu ihnen sagte: „Was ist das für ein Verhalten von euch, dass ihr auf jedem erhöhten Ort ein Denkmalgebäude errichtet und gewaltige Paläste baut, als würdet ihr ewig leben? Und wenn ihr jemanden ergreift, tut ihr dies als Gewalttäter.“ (Verse 128–130.) Sie folgten dem Befehl jedes tyrannischen Feindes der Wahrheit. (Hud: 59.) Trotz aller Bemühungen Hazrat Huds (a. s.), sie zur Einsicht zu bringen, beantworteten sie dies mit Grenzüberschreitung, Feindschaft und oppositionellen Ränken. Schließlich musste auch er, wie Hazrat Noah (a. s.), zu seinem Volk sagen: „Tut gemeinsam gegen mich, was ihr vermögt, und gewährt mir keinen Aufschub. Mein Vertrauen ruht auf Allah, meinem Herrn ebenso wie eurem Herrn. Kein Lebewesen gibt es, dessen Scheitel Er nicht in Seiner Hand hält.“ (Hud: 55–56.) Schließlich sagte Gott zu dem Propheten: „Wenn du wahrhaftig bist, dann bring die Strafe, vor der du uns warnst.“ Als man diese Strafe dann von vorn herankommen sah, meinten diese Toren, es sei eine Wolke, die ihr Tal bewässern werde. Doch es war ein vernichtender Sturm, der alles zerstörte. (Ahqaf: 22–25.)
Thamud und Hazrat Salih (a. s.)
Nach den ʿĀd war Thamūd unter den alten Völkern Arabiens ein äußerst berühmtes Volk. Seine verlassenen Ruinen sind über den gesamten nördlichen Hedschas verstreut und noch heute zu sehen. Die Handelskarawanen der Quraisch zogen an ihnen vorbei in Richtung Schām (Syrien). Es war ebenfalls allgemein bekannt, dass ein gewaltiges Erdbeben dieses Volk vernichtet hatte, weshalb die Berge in jener Gegend bis heute einstürzen. Im Koran wird gesagt, dass dieses Volk sich gegen Gott auflehnte und nicht nur Schirk und Götzendienst beging, sondern auf Gottes Erde auch eine Flut von Aufruhr und Verderben entfesselte. (al-Fadschr: 6–12; al-Aʿrāf: 74) Die Anführer und führenden Männer dieses Volkes waren Übertreter und Unheilstifter, durch die keinerlei Reform oder Verbesserung zustande kam. (asch-Schuʿarāʾ: 151–152) Zum Zweck ihres ausschweifenden Lebens und zur Zurschaustellung ihres Ansehens errichteten sie an offenen Orten prunkvolle Paläste und meißelten sich Wohnsitze in die Berge. (al-Aʿrāf: 74; asch-Schuʿarāʾ: 149) Ein Kennzeichen einer solchen verkommenen Gesellschaft ist, dass die Armen einerseits keinen Ort haben, an dem sie ihr Haupt niederlegen können, während die wohlhabende Klasse andererseits prächtige Paläste baut. Für diese Reichen war Hazrat Salih (a. s.) nicht würdig, dass man an ihn glauben könnte, weil die Armen an ihn geglaubt hatten. (al-Aʿrāf: 75–76) Als Hazrat Salih (a. s.) sie zum Gottesdienst aufrief und ihnen gebot, von Unterdrückung, Verderben und Luxus abzulassen, berieten sich neun mächtige, Unheil stiftende Stammesbündnisse miteinander und sagten: „Schwört bei Gott und beschließt, dass wir Salih und seine Familie nachts plötzlich angreifen werden. Danach werden wir Salihs Wali, also dem Oberhaupt seines Stammes, sagen, dass wir zum Zeitpunkt der Tötung seiner Familie nicht dort waren und dass wir vollkommen die Wahrheit sagen.“ (an-Naml: 48–49) Allah vereitelte ihre Verschwörung. Sie verlangten von Hazrat Salih (a. s.) ein Wunder. Daraufhin brachte Allah ihnen eine Kamelstute vor. Ihre bloße Existenz war selbst ein Wunder. Dann wurde ihnen durch Hazrat Salih (a. s.) mitgeteilt, dass diese Kamelstute auf ihren Feldern und Weiden umherstreifen dürfe, wo immer sie wolle. An einem Tag werde sie allein Wasser trinken, und am zweiten Tag würden ihr alle von euch und eure Tiere Wasser trinken. Wenn ihr sie jedoch mit böser Absicht antastet, wird eine Strafe über euch kommen. (Siehe al-Aʿrāf: 73; Hūd: 64; asch-Schuʿarāʾ: 155)
Eine Zeit lang gingen sie dieser Kamelstute aus Furcht aus dem Weg. Schließlich riefen sie, obwohl sie wussten, dass die Kamelstute ein Wunder war, den mutigsten Anführer unter ihnen und sagten: „Befreie uns von dieser Gefahr.“ Er übernahm diese Aufgabe und tötete sie. Nach dieser anmaßenden Tat forderten sie Hazrat Salih (a. s.) heraus und sagten: „Bring nun jene Strafe herbei, mit der du uns gedroht hast.“ (al-Aʿrāf: 77) Hazrat Salih (a. s.) sagte: „Gut, dann genießt noch drei Tage lang Freude und Vergnügen in euren Häusern.“ Danach kam ein furchtbares Erdbeben mit Donnergrollen, das das gesamte Volk mit Ausnahme von Hazrat Salih (a. s.) und den Gläubigen vernichtete; ihre Häuser wurden so vollständig zu Trümmern, als hätte dort niemals jemand gewohnt. (al-Aʿrāf: 78; Hūd: 65; al-Qamar: 31)
Hazrat Ibrahim (a. s.)
Der beispielhafteste Charakter und das vorbildlichste Verhalten werden im Koran am Leben Hazrat Ibrahims, des Friedens sei mit ihm, dargestellt. Die Araber erkannten ihn als Führer ihrer Religion an. Gerade aufgrund ihrer Verbindung zu ihm waren der gesamte Ruhm, der Stolz, das Ansehen und der Einfluss der Quraisch begründet. Der Koran sagt ihnen, welche besondere Schönheit und Eigenschaft er besaß, dessentwegen Allah, der Herr der Welten, diesen Seinen Diener zu Seinem Khalil (Freund) nahm. (an-Nisāʾ: 125) Allah sagte: „Ich mache dich zum Führer aller Völker.“ (al-Baqara: 124) Als ihm klar geworden war, dass es außer Allah keinen Herrn und keine Gottheit gibt und dass sein Vater und sein ganzes Volk irregeleitet waren, gab er die blinde Nachahmung der Vorfahren auf. Er zögerte keinen Augenblick, seine nationale Religion aufzugeben und sich völlig auf die eine Richtung auszurichten, indem er allein dem Schöpfer der Erde und des Himmels gehorchte. Er blieb nicht nur an seinem eigenen Ort ein aufrichtiger Gottesdiener, sondern erklärte öffentlich seinen Vätern und Vorvätern sowie den Angehörigen seines Volkes: „Ich bin eurer Religion des Schirk überdrüssig und angewidert, und meiner Ansicht nach befindet ihr euch in offenem Irrweg.“ (al-Anʿām: 74–81) Seinem Vater sagte er deutlich: „Durch die Verehrung blinder, tauber und machtloser Götter dienst du in Wirklichkeit dem Satan.“ Sein Vater tadelte ihn heftig und vertrieb ihn aus dem Haus. (Maryam: 43–46) Nachdem er versucht hatte, sie mit Argumenten zur Einsicht zu bringen, sie aber nicht darauf hörten, betrat er bei passender Gelegenheit ihren Götzentempel und zertrümmerte ihre Götzen. Damit zeigte er ihnen praktisch, dass jene, denen sie dienten, nicht nur unfähig waren, Verehrung zu verdienen, sondern sich nicht einmal selbst zu schützen vermochten. (al-Anbiyāʾ: 53–67; as-Sāffāt: 85–96) Hazrat Ibrahim (a. s.) wurde zu dem König des Landes gebracht, der den Anspruch erhob, Herr zu sein. Furchtlos sagte er: „Ich erkenne niemanden außer Dem als Herrn an, in Dessen Hand mein Leben und mein Tod liegen.“ Jener sagte: „Auch Leben und Tod liegen in meiner Hand.“ Hazrat Ibrahim (a. s.) sagte: „Allah lässt die Sonne im Osten aufgehen; so lass du sie im Westen aufgehen.“ Mit diesen Worten machte er den hochmütigen König zum Narren. (al-Baqara: 258)
Für ihn wurde ein gewaltiger Scheiterhaufen errichtet. Es wurde beschlossen, Hazrat Ibrahim (a. s.) hineinzuwerfen und ihn bei lebendigem Leib zu verbrennen. Dennoch war er bereit, den Kopf nicht vor dem Falschen zu beugen und für die Wahrheit verbrannt zu werden und zu sterben. Es war Allahs Gunst und Barmherzigkeit, dass Er das Feuer kühl machte und es für ihn unschädlich werden ließ. Doch versäumte er seinerseits nicht zu beweisen, dass er es hinnehmen konnte, ins Feuer geworfen zu werden, aber niemals, die Wahrheit aufzugeben und den Dienst am Falschen anzunehmen. (al-Anbiyāʾ: 68–70; as-Sāffāt: 97–98)
Als sich ihm schließlich die Frage stellte, ob er die Religion oder das Land aufgeben solle, gab er nicht die Religion auf, sondern verließ sich auf Gott, gab für immer sein Haus, seine Familie, sein Volk und sein Land auf und zog fort. Er wusste, wie riskant es war, das eigene Land zu verlassen und in der Fremde zu leben; besonders wusste er, wie gefährlich es damals sein konnte, den Schutz des eigenen Volkes zu verlassen und in eine unbekannte Gegend aufzubrechen. Doch furchtlos sagte er:(Arabisch***********)Ich gehe zu meinem Herrn; Er wird mich gewiss führen. (as-Sāffāt: 99)
Nachdem er im hohen Alter lange gebetet und inständig gefleht hatte, wurde ihm ein Sohn geboren. Da stellte sein Herr ihn vor eine weitere schwere Feuerprobe. Er deutete ihm an: „Bringe dieses gestillte Kind zusammen mit seiner Mutter an jenen menschenleeren Ort in der Wüste von Mekka und lass sie dort zurück, wo Ich Mein Haus errichten will.“ Auch zur Erfüllung dieses Befehls war er bereit. Von seinem Wohnort Palästina aus reiste er Hunderte von Meilen mit seiner Frau und seinem Sohn und ließ sie, einzig auf Gott vertrauend, dort zurück. (al-Haddsch: 26; Ibrahim: 37) Danach musste er sich einer noch härteren Feuerprobe stellen. Als dieser Sohn herangewachsen und in einem Alter war, in dem er mit seinem Vater laufen konnte, erhielt er den Hinweis, dass er ihn um Allahs willen opfern müsse. Auch zur Erfüllung dieses Befehls war er bereit. Als er seinem Sohn das Messer an die Kehle setzen wollte, nahm Allah sein Opfer an und gab ihm als Lösegeld ein „großes Schlachtopfer“. (as-Sāffāt: 100–107)
In Angelegenheiten Gottes und Seiner Religion war er nicht bereit, irgendjemandem gegenüber Parteilichkeit zu zeigen. Als er seine Heimat verließ, sagte er seinem Volk unmissverständlich: „Zwischen uns und euch ist für immer Feindschaft entstanden, und die Trennung hat begonnen, bis ihr an den einen Gott glaubt“ (al-Mumtahina: 4). Er versprach, für die Vergebung seines Vaters zu beten, und betete auch. Als er jedoch erkannte, dass sein Vater ein Feind Allahs war, löste er auch das Band der Liebe zu ihm (at-Tauba: 114). Dies war jener Charakter und jenes Verhalten, das die islamische Daʿwa den Menschen als Vorbild vor Augen stellt.
Hazrat Lut (a.S.) und das Volk Lots
Hazrat Lut (a.S.) war der Neffe Hazrat Ibrahims (a.S.) und wanderte gemeinsam mit ihm in Richtung Palästina aus. Ganz in der Nähe des Ortes, den er zu seinem Wohnsitz gemacht hatte, lebte ein äußerst verderbtes Volk, dessen Ausschweifungen und Lasterhaftigkeit in der Welt ihresgleichen suchten. Allah, der Erhabene, übertrug ihm die schwierige Aufgabe, dieses Volk zu bessern, machte ihn zum Propheten und entsandte ihn in ihr Gebiet. Der Zustand dieses Volkes war derart, dass Unzucht zwischen Männern eine gewöhnliche Sache war. Sie taten dies nicht heimlich, sondern offen voreinander und inmitten von Menschenansammlungen. Darüber hinaus betrieben sie Straßenraub. Kein Einzelner und keine Karawane konnte dieses Gebiet sicher durchqueren (an-Naml; al-Ankabut: 29).
Hazrat Lut (a.S.) warnte sie viele Jahre lang vor der Furcht vor Gott und forderte sie auf, von diesen schlechten Taten abzulassen. Ihre Antwort lautete: „O Lut! Wenn du nicht aufhörst, solche Dinge zu sagen, werden wir dich von hier vertreiben“ (asch-Schuʿara: 167). Hazrat Lut ließ sich durch keine dieser Drohungen einschüchtern und setzte seine Verkündigung fort. Daraufhin berieten sie sich miteinander und beschlossen, die Familie Lots aus ihrer Ortschaft zu vertreiben, weil sie sich als besonders rein und unschuldig darstellten (al-Aʿraf: 82; al-Ankabut: 56). Schließlich beschloss Allah, der Erhabene, sie zu bestrafen, und wandte zur Ausführung einen erstaunlichen Weg an. Er sandte einige Engel in Gestalt schöner Jünglinge als Gäste in das Haus Hazrat Lots. Mit ihrer Ankunft ergoss sich eine Welle der Freude und des Jubels über die ganze Stadt. Die Menschen eilten in Gruppen zum Haus Hazrat Lots (a.S.), in der Absicht, mit diesen Jünglingen Unzucht zu treiben. Hazrat Lut (a.S.) flehte sie wiederholt an: „Bringt mich wegen meiner Gäste nicht in Schande.“ Sie hörten jedoch nicht auf ihn, sondern beschimpften ihn im Gegenteil und sagten: „Haben wir dir nicht immer wieder verboten, zum Gespött der ganzen Welt zu werden?“ (al-Hidschr: 70)
Da sagten die Engel zu Hazrat Lut (a.S.): „Wir sind von Gott gesandte Engel und wurden entsandt, um diese Menschen mit der Strafe zu treffen. Brich noch vor dem Morgengrauen mit den Angehörigen deines Hauses von hier auf.“ Die Menschen, die gegen das Haus Hazrat Lots vorgedrungen waren, wurden blind gemacht. Ihre Ortschaft wurde umgestürzt, und Steine wurden in solcher Weise auf sie herabregnen gelassen, dass jeder einzelne davon gekennzeichnet war, welcher Stein welchen Menschen vernichten sollte (Hud: 82–83). Es war ein derart elendes Volk, dass es in der gesamten Gegend außer dem Haus Lots (a.S.) kein einziges Haus eines Gläubigen gab (adh-Dhariyat: 36). Doch auch in diesem einen Haus war die Ehefrau Lots (a.S.) ungläubig; ihm wurde befohlen, sie nicht mitzunehmen, denn auch sie sollte die Strafe erleiden (Hud: 81). Der Koran schildert diese Geschichte an verschiedenen Stellen, um den Menschen zu zeigen, wie ein sittenloses Volk beschaffen ist, welches Ende es nimmt und unter welchen Umständen die Propheten Allahs gewirkt haben.
Die Geschichte von Yusuf (a.S.)
Danach kommt in historischer Hinsicht die Geschichte Hazrat Yusufs (a.S.) an die Reihe. Über sie wurde im Koran eine vollständige Sure offenbart, in der guter und schlechter Charakter einander gegenübergestellt werden. Einerseits wird darin der Charakter von Yusufs (a.S.) Brüdern gezeigt: Weil ihr verehrter Vater Hazrat Yaqub (a.S.) seinen jüngeren Sohn Yusuf (a.S.) besonders liebte, beschlossen sie nach einer Beratung, ihn zu töten oder ihn irgendwohin zu werfen und danach wieder rechtschaffene Menschen zu sein. Dann führten sie ihren Bruder, nachdem sie ihren Vater getäuscht hatten, unter dem Vorwand, mit ihm eine Reise zu unternehmen und sich zu vergnügen, hinaus und warfen ihn in einen trockenen Brunnen. Anschließend brachten sie sein Hemd zurück, nachdem sie es zum Schein mit Blut beschmiert hatten, und sagten zu ihrem Vater: „Ein Wolf hat ihn gepackt und aufgefressen.“
Das Verhalten jener Angehörigen der Hand karawane bestand darin, dass sie Hazrat Yusuf (a.S.) im trockenen Brunnen fanden, den schutzlosen Jungen zu ihrer Ware machten, nach Ägypten gingen und ihn dort verkauften.
Betrachten wir den Charakter der Frau des ägyptischen Aziz, dessen Ehemann Hazrat Yusuf (a.s.) gekauft hatte und in dessen Haus er aufwuchs und das Erwachsenenalter erreichte. Ihre Schamlosigkeit ging so weit, dass sie Hazrat Yusuf (a.s.) zur Sünde aufforderte. Er floh entschlossen, doch sie lief ihm nach. In diesem Augenblick kam ihr Ehemann herein. Da erhob sie umgekehrt den Vorwurf gegen ihn, er habe versucht, ihre Keuschheit zu verletzen. Als ihre Lüge bewiesen war und die Frauen der Oberschicht begannen, über ihre Liebe zu ihm zu reden, lud sie sie ein, ließ sie zu sich kommen und führte Hazrat Yusuf (a.s.) ihnen vor, um zu sagen: „Wenn ich mich nicht in einen so schönen jungen Mann verliebt habe, was habe ich dann überhaupt getan?“ Dann sagte sie vor allen Versammelten: „Wenn er sich nicht bereit erklärt, eine unerlaubte Beziehung mit mir einzugehen, werde ich ihn gewiss ins Gefängnis werfen lassen.“
Betrachten wir das Verhalten der Frauen aus der Oberschicht Ägyptens: Als sie bei jener Zusammenkunft die Schönheit Hazrat Yusufs (a.s.) sahen, schnitten sie sich in die Hände. Auch sie verliebten sich in ihn und versuchten, ihn für sich zu gewinnen.
Betrachten wir das Verhalten der Richter Ägyptens: Sie bestraften Hazrat Yusuf (a.s.) für den moralischen Verfall ihrer eigenen Frauen und ließen ihn ohne jedes Vergehen für mehrere Jahre ins Gefängnis werfen.
Auf der anderen Seite tritt die Reinheit des Charakters in Hazrat Yusufs (a.s.) Verhalten nach und nach deutlich hervor. Er ertrug die Gefangenschaft, doch er ertrug es nicht, sich durch Sünde zu beflecken. Dennoch erwuchs daraus in ihm keinerlei Stolz auf seine Gottesfurcht. In großer Demut und Bescheidenheit betete er zu Allah dem Erhabenen: „O mein Herr! Die Gefangenschaft ist mir lieber als das, wozu mich diese Menschen auffordern. Wenn Du mich nicht vor den Fallen dieser Frauen bewahrst, werde ich mich ihnen zuneigen und zu den Unwissenden gehören.“
Auch im Gefängnis bemühte er sich, Allahs Diener durch Ermahnung und Rat auf den rechten Weg zu führen, und ließ keine Gelegenheit zur Verkündung der Wahrheit ungenutzt. Ein einziger solcher Vorfall wird in Sure Yusuf, in den Versen 36 bis 40, berichtet. Daraus erfahren wir, wie er während seiner langen Gefangenschaft weiterhin die Pflicht des Aufrufs zu Allah erfüllte.
Als er anschließend einen Traum des Königs von Ägypten deutete, war der König so beeindruckt, dass er seine Freilassung und eine Begegnung mit ihm wünschte. Doch er lehnte seine Freilassung ab, bis die Frau des ägyptischen Aziz und die anderen Frauen, die bei ihr gewesen waren, bezeugt hatten, dass er von reinem Charakter und sie selbst schuldig waren.
Dann kam die Zeit, in der er die Herrschaft über Ägypten erlangte. Zu jener Zeit kamen seine Brüder, die ihn in einen trockenen Brunnen geworfen hatten, immer wieder zu ihm, um Getreide zu erbitten. Und er gab ihnen weiterhin Getreide. Doch niemals kam ihm der Gedanke, sich für das Unrecht zu rächen, das sie ihm zugefügt hatten. Anfangs wussten sie nicht einmal, wer der Herrscher in Ägypten war, bei dem sie Getreide erhielten. Nur Hazrat Yusuf (a.s.) erkannte sie. Als sie jedoch ein drittes Mal kamen, sagte Yusuf (a.s.) zu ihnen: „Ich bin euer Bruder, dem ihr jenes Unrecht zugefügt habt, von dem ihr wisst.“ Da gestanden sie ihre Schuld ein. Yusufs Antwort lautete:
(Arabisch*****************)
– Heute werdet ihr wegen eurer Vergehen nicht zur Rechenschaft gezogen. Möge Allah euch vergeben – Er ist der Barmherzigste aller Barmherzigen. Dann ließ er nicht nur seinen geehrten Vater, den Propheten Yaqub (a), nach Ägypten kommen, sondern rief auch seine Brüder mit ihren Familien zu sich und gewährte ihnen eine ehrenvolle Neuansiedlung.
In der Sure Yusuf wird als letzte große Eigenschaft dieses edlen Mannes gezeigt, dass er angesichts dieser hohen Stellung keinerlei Stolz oder Hochmut zeigte. Vielmehr wandte er sich mit demütig gesenktem Haupt an Allah, den Erhabenen, und flehte Ihn an:
– O mein Herr! Du hast mir Herrschaft verliehen und mich gelehrt, die feinen Zusammenhänge aller Dinge zu erkennen. O Schöpfer der Himmel und der Erde! Du allein bist mein Beschützer und Freund im Diesseits und im Jenseits. Lass mich als Muslim sterben und vereine mich mit den Rechtschaffenen. (Yusuf: 101)
Der Prophet Shuʿayb (a), die Bewohner von Madyan und die Bewohner von al-Aykah
Im Heiligen Koran wird auch über die Bewohner von Madyan und die Gefährten von al-Aykah berichtet, die im nördlichen Hedschas lebten. Über sie wird gesagt, dass sie neben der Anbetung anderer neben Allah folgende sittliche Mängel aufwiesen: Sie gaben beim Maß zu wenig, betrieben Wegelagerei und sorgten für Streit und Unfrieden. Allah, der Erhabene, sandte den Propheten Shuʿayb (a) als Propheten zu den Bewohnern von Madyan. Auch die Aufgabe, die Bewohner von al-Aykah zu bessern, wurde ihm übertragen. Lange Zeit ermahnte er sie, Allah zu fürchten und von diesen üblen Taten abzulassen. Doch nur sehr wenige glaubten an ihn, während die übrigen an ihrem Verhalten festhielten. Die Anführer von Madyan sagten zu Shuʿayb: „Befiehlt dir dein Gebet etwa, dass wir die Götter unserer Vorväter verlassen? Oder dass wir mit unserem Vermögen nicht tun, was wir wollen?“ (Hud: 87) Mit anderen Worten: Sie bestanden darauf, andere neben Allah anzubeten, weil ihre Vorväter diese angebetet hatten. Außerdem bestanden sie darauf, die Freiheit zu haben, nach eigenem Belieben Reichtum zu erwerben – sei es durch Plünderung, durch Betrug im Handel oder durch Unterdrückung der Schwachen. Sie sagten zu ihren Leuten: „Wenn ihr Shuʿayb folgt, werdet ihr zugrunde gehen.“ (al-Aʿraf: 9) Ihrer Auffassung nach hing der Aufstieg und Fortschritt des Volkes davon ab, dass es auf jede unrechtmäßige Weise Reichtum erwarb. Einen rechtmäßigen Weg einzuschlagen bedeutete ihrer Meinung nach, dass das Volk zugrunde gehen würde. Sie drohten dem Propheten Shuʿayb (a): „Wir werden dich und diejenigen, die mit dir glauben, vertreiben.“ (al-Aʿraf: 88) Weiter sagten sie: „Wir halten dich nur für einen Schwachen unter uns. Wenn dein Stamm nicht wäre, würden wir dich steinigen. Du besitzt nicht genügend eigene Kraft und Macht, um dich gegen uns durchzusetzen.“ (Hud: 91) Darauf beschämte sie der Prophet Shuʿayb (a) mit den Worten: „Ist mein Stamm euch gegenüber etwa mächtiger als Allah? Doch ihr habt Ihn hinter euch geworfen.“ (Hud: 92)
Ein solches Verhalten zeigten auch die Gefährten von al-Aykah gegenüber dem Propheten Shuʿayb. Sie nahmen keine seiner Ermahnungen an und antworteten: „Wenn du wahrhaftig bist, dann lass ein Stück des Himmels auf uns herabfallen.“ (asch-Schuʿara: 87)
Schließlich wurden beide Völker von Allahs Strafe heimgesucht und vernichtet. Wenn die Quraisch auf ihren Handelsreisen nach Scham reisten, durchquerten sie jene Gebiete, in denen diese beiden Völker von der Strafe getroffen worden waren. Deshalb konnten sie von dieser Darstellung im Koran nicht unberührt bleiben.
Die Geschichte von Pharao und Musa (a)
In der ganzen Welt war dieses schreckliche historische Ereignis bekannt: Pharao und seine Heerscharen wurden von der Strafe Gottes heimgesucht und versanken in den Tiefen des Meeres. In Arabien lebten zahlreiche Juden und Christen, durch die alle Araber wussten, dass Moses (Friede sei mit ihm) als Prophet zu ihnen gesandt worden war und ihnen durch die Vorführung erstaunlicher Wunderzeichen die Einladung zur Wahrheit überbrachte. Doch sie nahmen trotz aller Wunderzeichen keinen Glauben an. Auch die Quraisch selbst waren über diese Wunderzeichen des Moses (Friede sei mit ihm) unterrichtet. Tatsächlich gehörte dies zu ihren Vorwürfen gegen den Propheten (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm):
(Arabisch***************)
„Warum wurden diesem Propheten nicht jene Wunderzeichen gegeben, die Moses (Friede sei mit ihm) gegeben worden waren?“ (Al-Qasas: 48)
Auf dieser Grundlage wird im Koran an zahlreichen Stellen ausführlich über die Geschichte von Moses (Friede sei mit ihm) und Pharao berichtet. Darin werden den Menschen das gute und das schlechte Verhalten mitsamt ihren jeweiligen Merkmalen klar vor Augen geführt.
Pharaos Verbrechen werden eines nach dem anderen aufgezeigt. Er zeigte auf der Erde schreckliche Überheblichkeit, spaltete die Bevölkerung in zwei Gruppen, erniedrigte und demütigte eine dieser Gruppen zutiefst, ließ ihre Söhne töten und verschonte ihre Töchter. In Wahrheit gehörte er zu den Unheilstiftern. (Al-Qasas: 4) Das heißt, die Regel seiner Regierung bestand nicht darin, dass alle Bürger des Landes vor dem Gesetz gleich waren und allen gleiche Rechte gewährt wurden. Vielmehr verfolgte er eine politische Methode, durch die die Bewohner des Landes in verschiedene Gruppen geteilt werden konnten. Einige wurden durch die Gewährung von Privilegien zur herrschenden Gruppe gerechnet, andere als Beherrschte betrachtet, unterdrückt und zermalmt. Besonders die Kinder Israels wurden innerhalb dieser zweiten Gruppe grausam verfolgt und unterdrückt. Ihre Söhne ließ er töten, während er ihre Töchter am Leben ließ, damit ihr Geschlecht allmählich ausgelöscht würde und die Frauen, nachdem sie in die Gewalt der Ägypter gelangt waren, durch die Geburt einer ägyptischen Nachkommenschaft ein ägyptisches Volk hervorbringen sollten. Aus diesem Grund wies Gott, als Moses (Friede sei mit ihm) in einer israelitischen Familie geboren wurde, seine Mutter an, ihn in einen Korb zu legen und in den Fluss zu werfen, sobald sie befürchten musste, dass ihr Kind getötet werden könnte. (Al-Qasas: 7)
Pharaos Verhalten gegenüber seinem eigenen ägyptischen Volk ist in einem einzigen Satz der Sure Az-Zukhruf vollständig zusammengefasst worden.
„Er hielt sein eigenes Volk für gering und unbedeutend, und sie gehorchten ihm. Sie waren in Wahrheit frevlerische Menschen.“ (Az-Zukhruf: 54)
Darin treten sowohl Pharaos Politik als auch der Zustand des moralischen Niedergangs seines Volkes deutlich hervor.
Wenn jemand versucht, in einem Land eine tyrannische Herrschaft auszuüben, und dafür alle möglichen Taktiken anwendet, alle Arten von Täuschung und Betrug begeht, auf dem offenen Markt mit dem Gewissen handelt und diejenigen, die sich nicht verkaufen, grausam unterdrückt, dann bringt er durch seine Taten – ob er es nun ausspricht oder nicht – zum Ausdruck, dass er die Bewohner dieses Landes in Wirklichkeit hinsichtlich Gewissen, Charakter und Tapferkeit für unbedeutend hält. Er gelangt zu der Überzeugung, dass er diese Dummen, Feiglinge und Gewissenlosen nach Belieben überallhin führen kann. Wenn seine Methoden dann im Land erfolgreich eingeführt sind und die Bewohner mit gefalteten Händen zu Sklaven geworden sind, beweist er durch sein Verhalten, dass sie tatsächlich genau so sind, wie er sie eingeschätzt hatte. Der eigentliche Grund dafür, dass sie in diesen entehrenden Zustand geraten, liegt darin, dass sie im Grunde Frevler sind. Es kümmert sie nicht, was Wahrheit und was Falschheit ist, was Gerechtigkeit und was Unterdrückung ist, ob Wahrhaftigkeit, Treue und Anstand Achtung verdienen oder Lüge, Verrat und Niedertracht. Stattdessen hat für sie allein der persönliche Eigennutzen wirkliche Bedeutung; dafür sind sie bereit, jeden Unterdrücker zu unterstützen, sich vor jedem Mächtigen zu verbeugen, jede Lüge anzunehmen und jede Stimme der Wahrheit zum Schweigen zu bringen.
Als der ehrwürdige Moses (a.s.) zusammen mit seinem Bruder, dem ehrwürdigen Aaron (a.s.), als Gesandter Allahs am Hof des Pharao eintraf und ein Wunder nach dem anderen vorführte, konnte selbst der größte Narr nicht annehmen, dass dies ein Zaubertrick sei. Doch jener bezeichnete es allein aus Stolz und Hochmut weiterhin als Zauberei. Seine Höflinge stimmten ihm eifrig zu. Als sich der Stab in eine Schlange verwandelte, erkannten sogar die von ihm eingeladenen, erfahrenen Zauberer an, dass dies nicht ihrer Kunst entsprang, sondern ein Wunder Allahs war.
Nun bleiben noch die anderen Wunder: So wurde, wie der ehrwürdige Moses (a.s.) es zuvor angekündigt hatte, ganz Ägypten von einer Hungersnot heimgesucht, die durch sein Bittgebet wieder verschwand; nach seiner Ankündigung ging ein furchtbarer Sturmregen über das ganze Land nieder und hörte durch sein Bittgebet wieder auf; nach seiner Ankündigung kam eine verheerende Heuschreckenplage, die durch sein Bittgebet vollständig beseitigt wurde. Ebenso breiteten sich gemäß seiner Ankündigung Läuse, kleine Ungeziefer, Frösche und die Plage des Blutes nacheinander im ganzen Land aus und verschwanden allein durch sein Bittgebet wieder. Dies ließ keinen Zweifel daran, dass es sich nicht um die Zauberei eines Zauberers handeln konnte. Denn eine solche Tat hatte noch kein Zauberer vollbringen können und hätte sie auch nicht vollbringen können. Diese Wunder offenbarten, dass sie erstaunliche Manifestationen der Macht Allahs, des Herrn der Welten, waren. Deshalb pflegten der Pharao und seine Höflinge nach dem Eintreffen jeder Plage zum ehrwürdigen Moses (a.s.) zu sagen: „Richte aufgrund deines Ranges bei deinem Herrn ein Bittgebet an deinen Herrn, damit Er diese Plage von uns nimmt. Dann werden wir deiner Botschaft folgen.“ Doch sobald die Not vorüber war, brachen sie ihr Versprechen. (al-Aʿrāf: 134–135; az-Zuḫruf: 49–50)
Im Koran wird eindeutig gesagt, dass sie im Innersten davon überzeugt waren, dass der ehrwürdige Moses (a.s.) auf der Wahrheit stand. Dennoch leugneten sie aus Ungerechtigkeit und Hochmut weiter. (an-Naml: 14) Diese Wahrheit trat dann völlig offen zutage, als der Pharao mit seinen Heerscharen zu ertrinken begann und ausrief: „Ich erkenne an, dass es keinen Gott gibt außer Dem, an Den die Kinder Israels glauben, und ich gehöre zu den Muslimen.“ (Yūnus: 90)
Obwohl er auf diese Weise die Wahrheit kannte, beging er zusammen mit seinen Höflingen, die Anbeter der Falschheit waren, maßlose Unterdrückung und war von Stolz und Hochmut erfüllt. Seine Höflinge sagten zu ihm: „Mein Herr! Wirst du etwa Moses und sein Volk weiterhin gewähren lassen, damit sie im Land Unruhe stiften und es unterlassen, dir und deinen Göttern zu dienen?“
Er sagte: „Nein! Ich befehle jetzt, dass ihre Söhne getötet und ihre Töchter am Leben gelassen werden.“ (al-Aʿrāf: 127)
Tatsächlich wurde der Befehl, der bereits vor der Geburt des ehrwürdigen Moses (a.s.) erlassen worden war, erneut erlassen. Dann wurde zusätzlich angeordnet, dass auch die Söhne derjenigen, die an Moses (a.s.) glaubten, getötet und die Töchter am Leben gelassen werden sollten. (al-Muʾmin: 25)
Er sagte zum ehrwürdigen Moses (a.s.): „Wenn du außer mir einen anderen als Gott anerkennst, werde ich dich ins Gefängnis werfen.“ (asch-Schuʿarāʾ: 29) In seinem überfüllten Hof sagte er: „Ihr vornehmen Herren! Ich weiß von keinem anderen Gott für euch außer mir.“ (al-Qasas: 38) Furchtlos sagte er: „Ich bin euer höchster Gott.“ (an-Nāziʿāt: 24) Äußerst schamlos sagte er zu seinem Minister Haman: „Baue mir einen hohen Turm. Ich will hinaufsteigen und sehen, wo der Gott des Moses ist.“ (al-Qasas: 38; al-Muʾmin: 36–37) Einmal beschloss er sogar, Moses (a.s.) zu töten, und sagte zu seinen Höflingen: „Lasst mich gewähren; ich werde diesen Moses töten. Dann soll er seinen Gott anrufen und sehen.“ (al-Muʾmin: 26)
Eine Art von Verhalten ist dasjenige, das in diesen Geschichten bei Pharao, seinen Höflingen und seinem Volk zu beobachten ist. Ein zweites lehrreiches Verhalten zeigten die ägyptischen Zauberer, die aus verschiedenen Teilen des Landes zusammengekommen waren, um Moses (Friede sei mit ihm) zur Unterstützung ihrer Religion entgegenzutreten. Sie sagten zu Pharao: „Werden wir, wenn wir siegen, irgendeine Belohnung erhalten?“
Pharao sagte: „Nicht nur eine Belohnung; vielmehr werdet ihr zu denen gehören, die mir nahestehen.“
Doch als eben jene Zauberer sahen, wie ihre Zauberei durch das Wunder von Moses (Friede sei mit ihm) besiegt wurde, erkannten sie, dass hier keine Zauberei, sondern göttliche Macht wirksam war. Daraufhin fielen sie nieder und riefen: „Wir glauben an den Herrn der Welten, den Herrn von Moses (Friede sei mit ihm) und Aaron (Friede sei mit ihm).“
Unter ihnen vollzog sich plötzlich eine gewaltige Wandlung: Selbst nachdem Pharao ihnen angedroht hatte, ihnen Hände und Füße abschlagen und sie kreuzigen zu lassen, kümmerten sie sich nicht darum. Sie sagten ihm unmissverständlich: „Tu, was du zu tun hast. Wir werden uns weder von der offenkundigen Wahrheit abwenden, die wir um deinetwillen erkannt haben, noch von unserem Schöpfer.“ (Siehe al-Aʿrāf: 113–126, Tā-Hā: 70–73, asch-Schuʿarāʾ: 41–51.)
Ein weiteres Verhalten zeigte einer aus den Höflingen Pharaos. Er hatte im Innersten den Glauben angenommen und ihn geheim gehalten. Als Pharao jedoch beschloss, Moses (Friede sei mit ihm) zu töten, erhob er sich im gesamten Hof und sagte: „Wollt ihr einen Mann etwa nur deshalb töten, weil er sagt: ‚Mein Herr ist Allah‘?“
Danach hielt er eine lange und eindringliche Rede, die in der Sura al-Muʾmin, in den Versen 28 bis 44, vollständig und fortlaufend angeführt wird. In seiner Rede warnte er Pharao, die hohen Beamten und Mitglieder seines Staates sowie das Volk offen vor der Strafe Gottes. Er ermahnte sie alle, den richtigen Weg einzuschlagen. Dabei kümmerte er sich nicht darum, welche Folgen er für das Aussprechen dieser Wahrheit würde tragen müssen.
Durch diese Geschichte wird das herausragendste Verhalten an Moses (Friede sei mit ihm) sichtbar. Er gehörte zu einem Volk, das ein zutiefst beschämendes Leben führte. Es besaß nicht einmal so viel Mut, um über die Ermordung seiner Kinder ein wenig zu klagen. Gegen Moses (Friede sei mit ihm) selbst lag die Anschuldigung vor, einen Ägypter getötet zu haben, und gegen ihn war auch ein Haftbefehl erlassen worden. Er verließ das Land und fand mehrere Jahre lang Zuflucht in Madyan. Unter diesen Umständen machte Allah, der Erhabene, ihn zum Propheten und befahl ihm, sich mit einem Stock und der leuchtenden Hand als Wundern einem tyrannischen Herrscher wie Pharao entgegenzustellen. Im Vertrauen auf Allah gelangte er ohne jede militärische Macht an den Hof Pharaos. Er ließ sich durch dessen Drohungen nicht einschüchtern. Vor dessen Unterdrückung und Gewalttaten beugte er nicht das Haupt. Jahr um Jahr stellte er sich unablässig den äußerst schwierigen Umständen entgegen. Als Pharao öffentlich seine Tötung ankündigte, brachte er ihn mit folgenden Worten zum Schweigen:
(Arabisch**************)
–Ich nehme Zuflucht bei meinem und eurem Herrn vor jedem hochmütigen Gewaltherrscher, der nicht an den Tag der Abrechnung glaubt. (Al-Mu’min: 27)
Weitere historische Beispiele
Auf diese Weise wird im Koran durch zahlreiche weitere historische Beispiele deutlich gemacht, welche Art von Verhalten und Charakter der Islam bei den Menschen schätzt und welche Art von Menschen er missbilligt. Auf der einen Seite standen David und Salomo, die, obwohl sie auf dem Thron der Königsherrschaft saßen, weder Gottesfurcht noch den Dienst an Gott aufgaben. Statt Hochmut und Überheblichkeit hielten sie an Dankbarkeit und Gehorsam fest. Wann immer sie spürten, dass sie von Allah geprüft wurden, neigten sie sich in jenem Augenblick demütig und bescheiden vor Allah. (Sad: 17–24, 34–35; An-Naml: 19–40, siehe dort.)
Auch die Königin von Saba nahm, obwohl sie Herrscherin eines polytheistischen Volkes war, die Wahrheit vorbehaltlos an, als sie von ihr Kenntnis erlangte, und kümmerte sich nicht darum, ob ihr polytheistisches Volk sie dabei unterstützen würde oder nicht. (An-Naml: 44)
In der Sure Ya-Sin wird ein Mann der Wahrheit erwähnt, dessen Volk drei Propheten bekämpfte und sie zu steinigen und zu töten beabsichtigte. In dieser gefährlichen Lage kam er vom anderen Ende der Stadt herbeigerannt, ermahnte sein Volk, bewies ihnen mit schlüssigen Argumenten, wie irregeleitet sie waren, weil sie die Propheten nicht anerkannten, und verkündete offen seinen eigenen Glauben; schließlich gab er jede Hoffnung auf sein Leben auf. Das heißt, sie töteten ihn. Dennoch kam kein Fluchgebet gegen die Frevler über seine Lippen. Vielmehr hoffte er: „O wenn doch nur mein Volk jetzt wüsste, durch welche Tat mir von meinem Herrn die Ehre und das Glück der Vergebung zuteilgeworden sind.“ (Ya-Sin: 13–27)
Danach werden die Leute der Höhle erwähnt, die sich allein auf Gott verließen und sich in einer Berghöhle verborgen, um ihren Glauben vor der Unterdrückung eines polytheistischen Volkes zu bewahren; dabei dachten sie nicht darüber nach, wie lange sie an diesem Zufluchtsort in hilfloser Lage bleiben würden. Ihr einziges Anliegen war, nicht vom Weg des Glaubens abzuweichen. (Al-Kahf: 13–20)
Andererseits wird im Koran auch Qarun erwähnt. Er gehörte zum Volk von Mose. Doch aus Weltverhaftung schloss er sich den engsten Höflingen des Pharao an. Auf unrechtmäßige Weise wurde er Besitzer unermesslicher Reichtümer und begann, damit zu prahlen. Als rechtschaffene Menschen ihn zu einem rechtschaffenen Lebenswandel ermahnten, wies er ihre Bemühungen mit den Worten zurück: „Was immer ich erworben habe, ist das Ergebnis meiner eigenen Fähigkeiten.“ Die von der Welt verblendeten Menschen hielten ihn angesichts seines Prunks für einen überaus glücklichen Menschen und wünschten sich, ebenfalls ein solches Glück zu besitzen. Doch als Allah ihn mitsamt seinem Reichtum und seinem Palast in der Erde versinken ließ, wurde dies zu einer Lehre für jene, die sich ein Glück wie das seine gewünscht hatten. (Al-Qasas: 76–82)
Das Land, in dem das Volk von Saba lebte, hatte Allah zu einem Paradies auf Erden gemacht. Als sie jedoch den Weg des Ungehorsams gegenüber Allah einschlugen, vernichtete Allah sie durch eine furchtbare Flut. Ihre Gärten verwandelten sich in Ansammlungen nutzloser Dornsträucher, und sie wurden so zerstreut, dass ihre Geschichte in Arabien zu einem sprichwörtlichen Beispiel wurde. (Saba: 15–19)
Das schlechteste Beispiel bieten die Juden. Sie widersetzten sich Gott und verursachten im Laufe der Geschichte zweimal großes Unheil, wofür sie auch die Strafe erleiden mussten. Einmal vertrieben die strengen Herrscher der Babylonier und Assyrer sie. Ein zweites Mal zerstreuten die Römer sie von Palästina aus über die ganze Welt. Nach dieser letzten Zerstreuung gelangten sie nach Arabien. Jeder ihrer moralischen Fehler war den Arabern bekannt. Indem der Koran diese Fehler aufzeigte, erklärte er den Menschen, dass Allah solche fehlerhaften Menschen zutiefst missbilligt. Bewusst und vorsätzlich begingen sie entgegen den Lehren der Religion Sünden, um ihre weltlichen Interessen und die Wünsche ihrer Triebe zu befriedigen, in dem Vertrauen, dass ihnen gewiss vergeben würde. (Aʿrāf: 169)
Sie pflegten zu sagen: „Es ist keine Sünde für uns, das Vermögen der Nichtjuden an uns zu nehmen und sie schlecht zu behandeln.“ (Āl ʿImrān: 175) Ihre Gelehrten, Pīre und Derwische pflegten das Vermögen der Menschen zu Unrecht zu verzehren. (Tawba: 34) Der Wucher war unter ihnen allgemein verbreitet, obwohl er in ihrer Religion verboten war. (Nisāʾ: 161)
Die satanischen Machenschaften, deren Geschäft sie mithilfe von Zauberei und der Unterstützung von Geistern florieren ließen, schrieben sie Hazrat Sulaimān zu Unrecht zu. (Baqara: 102)
Unter ihnen hatten sich alle Arten von Frevel und Sündhaftigkeit verbreitet, und sie hatten es aufgegeben, einander vom Bösen abzuhalten. Deshalb versanken sie immer tiefer im Abgrund des moralischen Niedergangs. (Māʾida: 79) Dies sind Fehler, die der Koran als allgemeine Ursache für den Untergang aller Völker bezeichnet hat. Tatsächlich wurde in der Sure Hūd nach der Schilderung, wie frühere Völker wiederholt der Strafe verfielen, gesagt: Gab es unter den Völkern, die vor euch vergangen sind, nicht Menschen, die die Leute davon abhielten, auf der Erde Unheil zu stiften? Wenn es solche Menschen gab, waren sie nur wenige – jene, die Wir aus ihrer Mitte retteten. Andernfalls waren die Ungerechten dem Wohlleben verfallen, dessen Mittel Wir ihnen im Übermaß gegeben hatten, und sie waren Sünder. (Verse: 116–117)
Die Übeltaten, die der Koran verurteilt hat
Dies war eine Darstellungsweise, durch die der Koran im Zusammenhang mit der Schilderung historischer Ereignisse seine moralischen Lehren vermittelt hat. Die zweite Darstellungsweise besteht darin, dass er unmittelbar schlechte Verhaltensweisen, Taten und Charakterzüge verurteilt hat, die bei den Quraisch, den Arabern und der menschlichen Gesellschaft im Allgemeinen anzutreffen waren. Es handelte sich um solche schlechten Taten, die niemand als gut zu bezeichnen gewagt hätte. Demgegenüber erklärt der Koran, welche guten Eigenschaften, welchen Charakter und welche Taten der Islam den Einzelnen und die Gesellschaft zu verleihen wünscht. Es sind solche Tugenden, deren moralische Erhabenheit niemand zu leugnen vermochte.
Nun werden wir die Fehler darlegen, die der Koran verurteilt hat und von denen er den Menschen gesagt hat, dass der Islam das menschliche Leben rein und lauter machen will.
—Sicheres Verderben erwartet jeden, der die Menschen offen beschimpft und hinter ihrem Rücken gewohnt ist, ihre Fehler zu verbreiten; der Vermögen angehäuft und es immer wieder gezählt hat. Er meint, sein Vermögen werde für immer bei ihm bleiben. (Humaza: 1–3)
–Hast du denjenigen gesehen, der das jenseitige Gericht und die jenseitige Strafe leugnet? Das ist derjenige, der die Waise grob wegstößt und nicht dazu anspornt, den Bedürftigen zu speisen. (Das heißt: Er spornt weder sich selbst dazu an noch andere dazu, etwas zur Stillung des Hungers der Armen und Bedürftigen zu tun.) Wehe also den Betenden, die ihrem Gebet gegenüber nachlässig und achtlos sind, die nur den Menschen etwas vormachen, und die sich weigern, gewöhnliche notwendige Dinge zu geben. (Al-Ma’un)
Der Mensch ist so: Wenn sein Herr ihn prüft und ihm zur Prüfung Ehre und Gnaden gewährt, sagt er: „Mein Herr hat mich geehrt.“ Wenn Er ihn aber prüft und ihm daraufhin seinen Lebensunterhalt beschränkt, sagt er: „Mein Herr hat mich erniedrigt.“ Keineswegs! (Das heißt: Dies ist nicht der Maßstab für Ehre und Erniedrigung.) Vielmehr behandelt ihr die Waisen nicht ehrenvoll, spornt einander nicht dazu an, den Bedürftigen zu speisen, verzehrt das gesamte Erbe gemeinsam und seid dann völlig von der Liebe zum Besitz gefesselt. (Al-Fadschr: 15–20)
–Diejenigen, die das Vermögen der Waisen zu Unrecht verzehren, füllen ihre Bäuche mit Feuer. (An-Nisa: 10)
–Der Wunsch, immer mehr und mehr und mehr als die anderen vom Diesseits zu erlangen, hat euch in Achtlosigkeit versinken lassen. Schließlich gelangt ihr mit diesem Streben bis zu den Gräbern. Keineswegs! (Das heißt: Darin liegt kein Gutes.) Bald werdet ihr es wissen. (At-Takathur: 1–3)
–Gehorche niemals einem Menschen, der ständig schwört und nichtswürdig ist, der beschimpft, verflucht und verleumderisch herumgeht, der gute Werke verhindert und sich an Unrecht und Grenzüberschreitungen beteiligt, der überaus verderbt, widerspenstig und charakterlos sowie zudem von unehrenhafter Abstammung ist. (Gib seinem Druck nicht allein deshalb nach,) weil er viel Besitz und viele Kinder hat. (Al-Qalam: 10–14)
–Wehe den Betrügern, deren Verhalten darin besteht, von den Menschen das volle Maß zu nehmen, ihnen aber, wenn sie für sie abmessen, weniger zu geben. Begreifen sie denn nicht, dass sie an einem gewaltigen Tag auferweckt werden? An jenem Tag, an dem alle Menschen vor dem Herrn der Welten stehen werden. (Al-Mutaffifin: 1–6)
–Messt gerecht und genau ab und lasst den Zeiger der Waage nicht (um den Käufer zu betrügen) nach oben oder unten ausschlagen. (Ar-Rahman: 9)
–(Am Tag der Auferstehung) werden die Bewohner des Paradieses die schuldigen Bewohner der Hölle fragen: „Was hat euch in die Hölle gebracht?“ Sie werden sagen: „Wir gehörten nicht zu den Betenden, speisten die Waisen nicht, schlossen uns denjenigen an, die der Wahrheit widersprechende Worte ersinnen, und leugneten den Tag der Vergeltung.“ (Al-Muddaththir: 40–46)
-(Am Tag der Auferstehung wird, während der Höllenbewohner in Ketten abgeführt wird, gesagt werden:) Dieser Mensch glaubte weder an den erhabenen Gott noch ermunterte er dazu, den Bedürftigen zu speisen. Daher hat er heute hier weder einen mitfühlenden Freund noch irgendeine Nahrung außer Eiter, die niemand außer den Schuldigen isst. (Al-Hāqqa: 33–37)
-Er sagt: „Ich habe ein überreiches Vermögen verschleudert.“ Glaubt er etwa, dass ihn niemand gesehen hat? (Al-Balad: 6–7)
-Mit dem Verschleudern eines überreichen Vermögens ist gemeint, dass er übermäßig viel Geld ausgibt, um seinen Reichtum zur Schau zu stellen und seinen Stolz und Hochmut zu zeigen. Der Sinn des letzten Satzes ist: Glaubt dieser Zurschausteller von Stolz und Hochmut etwa, dass niemand sieht, wie er seinen Reichtum erworben hat und für welche Zwecke und mit welcher Absicht er ihn verschleudert?)
-Diejenigen, die ihr Vermögen auf Allahs Weg ausgeben, danach von niemandem eine Gegenleistung verlangen und dem Begünstigten keine Kränkung zufügen – ihr Lohn ist bei ihrem Herrn, und für sie gibt es weder Grund zur Trauer noch zur Furcht.
Ein freundliches Wort und Verzeihen in einer unerträglichen Angelegenheit sind besser als eine Almosengabe, auf die eine Kränkung folgt. (Al-Baqarah: 162–163)
-Macht eure Almosen nicht dadurch zunichte, dass ihr eine Gegenleistung verlangt und Kränkungen zufügt, wie jener, der sein Vermögen ausgibt, um von den Menschen gesehen zu werden. (Al-Baqarah: 264)
-Wer sich weigert, das Vermögen auszugeben, das Allah ihm aus Seiner Gunst gegeben hat, soll nicht meinen, dies sei gut für ihn; vielmehr ist es äußerst schlecht für ihn. Was immer sie aus Geiz anhäufen, wird ihnen am Tag der Auferstehung zu Fesseln um den Hals gemacht werden. (Āl ʿImrān: 180)
Geiz besteht nicht nur darin, dass jemand sein Vermögen weder für sich selbst noch für seine Kinder ausgibt. Geiz nennt man vielmehr, dass er alles für seinen Genuss, seine Vergnügungen und die Zurschaustellung seines Reichtums verschleudert, aber keine Lust hat, etwas für ein gutes Werk auszugeben.
-Allah liebt niemals jemanden, der selbstgefällig und stolz auf seine eigene Überlegenheit ist. Jemanden, der geizt und auch anderen befiehlt, geizig zu sein, und verheimlicht, was Allah ihm aus Seiner Gnade gegeben hat. (Nisa: 36–37)
-Diejenigen, die sich vor der Engherzigkeit ihrer Herzen bewahren, werden Erfolg haben. (Taghabun: 16)
-Wende den Menschen nicht dein Gesicht ab und schreite nicht hochmütig auf der Erde einher. Allah liebt keinen selbstgefälligen Prahler. Halte beim Gehen die Mitte ein und senke deine Stimme ein wenig. Unter allen Stimmen ist die Stimme des Esels die unangenehmste. (Luqman: 18–19)
-Begehrt nicht das, womit Allah einige von euch gegenüber anderen bevorzugt hat. (Nisa: 32)
Die Unruhe darüber, jemanden in irgendeiner Hinsicht höhergestellt zu sehen als sich selbst, ist die eigentliche Ursache von Neid und Rivalität, unter denen der Mensch innerlich leidet. Zum eigenen Wohl wünscht er jenem Unheil. Und weil er diesen Fortschritt nicht auf rechtmäßige Weise erlangen kann, beschreitet er dafür unrechtmäßige Wege.
-O Prophet! Sage den Menschen: Mein Herr hat verboten: schändliche Taten, seien sie offen oder verborgen, sündige Taten und maßlose Überschreitung des Rechts. Und Er hat verboten, Allah jemanden beizugesellen, wofür Er keinerlei Beweis herabgesandt hat, und über Allah etwas zu sagen, von dem ihr kein Wissen habt, dass es von Allah stammt. (A’raf: 33)
-Benutzt den Namen Allahs nicht für Eide, deren Zweck darin besteht, euch von guten Taten, Gottesfurcht und der Aussöhnung unter den Menschen fernzuhalten. (Baqara: 224)
-Erfüllt den Bund mit Allah, wenn ihr einen Vertrag mit Ihm geschlossen habt. Und brecht eure Eide nicht, nachdem ihr sie bekräftigt habt und Allah zu eurem Zeugen gemacht habt. Allah weiß über all eure Taten Bescheid. Seid nicht wie jene Frau, die ihr Garn mit eigener Mühe gesponnen und es dann selbst in Stücke gerissen hat. Macht eure Eide nicht zu einem Mittel des Betrugs und der Täuschung gegeneinander, sodass eine Gruppe größere Vorteile als eine andere erlangen kann. Allah prüft euch durch diese Eide und Verträge. (Nahl: 91–92)
– und diejenigen, die den mit Allah fest geschlossenen Bund brechen, nachdem sie ihn bekräftigt haben, und alle Beziehungen zerschneiden, deren Aufrechterhaltung Allah befohlen hat, und auf der Erde Unheil stiften – auf ihnen liegt der Fluch, und im Jenseits erwartet sie eine äußerst schlimme Wohnstätte. (Ar-Raʿd: 25)
– Wenn ein König in ein Land einzieht, verwüstet er es und erniedrigt seine angesehenen Bewohner. So pflegen sie es zu tun. (An-Naml: 34)
– Zu den moralischen Verfehlungen, die in der Sure al-Hudschurāt verurteilt werden, gehören: einander zu verspotten, einander zu beschimpfen, einander mit schlechten Namen zu rufen, ungerechtfertigt schlechte Gedanken über andere zu hegen, die Angelegenheiten anderer heimlich auszuspionieren und hinter ihrem Rücken üble Nachrede über sie zu verbreiten. (Siehe die Verse 11–12.)
– Wahrlich, verloren haben diejenigen, die aus Unwissenheit ihre Kinder getötet haben. (Al-Anʿām: 140)
– Wenn einem von ihnen die Nachricht von der Geburt eines Mädchens überbracht wird, wird sein Gesicht dunkel, und er schluckt nur einen Schluck wie Blut. Er verbirgt sich vor den Menschen und fragt sich, wie er ihnen nach dieser schlechten Nachricht noch unter die Augen treten soll. Er überlegt, ob er das Mädchen trotz der Schande behalten oder es in der Erde begraben soll. (An-Nahl: 58–59)
– (Am Tag der Auferstehung, wenn die Menschen vor ihrem Herrn erscheinen, wird) das lebendig begrabene Mädchen gefragt werden: „Für welches Verbrechen wurdest du getötet?“ (At-Takwīr: 8–9)
– Wer selbst ein Verbrechen oder eine Sünde begeht und dann einen Unschuldigen dafür beschuldigt, lädt eine große Verleumdung und eine schwere Sündenlast auf sich. (An-Nisāʾ: 112)
– Sei kein Fürsprecher für irgendeinen Verräter. Allah liebt weder einen Verräter noch jemanden, der sich an Verbrechen gewöhnt hat. (An-Nisāʾ: 105–107)
-Der Verräter wird am Tag der Auferstehung mit seinem Verrat erscheinen. Dann wird jedem Menschen sein Verdienst vollständig vergolten, und den Menschen wird kein Unrecht getan. (Āl ʿImrān: 161)
-Veruntreut nicht wissentlich das anvertraute Gut anderer. (Al-Anfāl: 27)
-Was ihr an Zinsen gebt, damit das Vermögen der Menschen sich vermehrt, vermehrt sich bei Allah nicht. Doch die Zakāt, die ihr in der Hoffnung auf Allahs Wohlgefallen gebt – diese entrichtenden Menschen mehren in Wahrheit ihr Vermögen. (Ar-Rūm: 39)
-Verzehrt nicht gegenseitig euer Vermögen auf unrechtmäßige Weise, es sei denn, es handelt sich um einen Handel im gegenseitigen Einvernehmen. Und tötet einander nicht. … Wer von euch dies in Unrecht und Maßlosigkeit tut, den werden Wir gewiss ins Höllenfeuer werfen. (An-Nisāʾ: 29–30)
-Verzehrt nicht gegenseitig euer Vermögen auf unrechtmäßige Weise. Und bringt es nicht zu den Richtern, um dadurch wissentlich einen Teil des Vermögens der Menschen zu verzehren. (Al-Baqara: 188)
-Das bedeutet auch, dass ihr nicht versuchen sollt, durch Bestechung des Richters unrechtmäßige Vorteile zu erlangen. Bringt einen Fall nicht allein zu dem Zweck vor Gericht, dass ihr gewinnt, obwohl ihr wisst, dass das Vermögen in Wirklichkeit einem anderen gehört, nur weil diese Person ihren Eigentumsanspruch nicht beweisen kann oder ihr durch irgendeine Manipulation den Prozess gewinnen könnt.
-Zeugen sollten die Aussage nicht verweigern, wenn sie zur Zeugenaussage aufgefordert werden, und verschweigt die Aussage nicht. Wer sie verschweigt, dessen Herz wird mit dem Makel der Sünde befleckt. (Al-Baqara: 282–283)
-Haltet euch von Lügen fern. (Al-Haddsch: 30)
Dazu gehört auch falsches Zeugnis, worüber der Prophet (s.a.w.s.) sagt: Falsches Zeugnis ist gleichbedeutend mit Schirk gegenüber Allah.
-Wer Fürsprache für eine gute Tat einlegt, wird daran Anteil haben, und wer Fürsprache für eine schlechte Tat einlegt, wird daran Anteil haben. (Nisa: 85) Das heißt, auch er wird an der guten oder schlechten Tat beteiligt sein.
-In den Versen 4 bis 23 der Sure Nur wird das Verleumden keuscher Frauen, das Zuhören und Weiterverbreiten solcher Verleumdungen sowie die Verbreitung von Unzucht in der Gesellschaft scharf verurteilt. Ohne die Einzelheiten ausführlich darzulegen, halte ich es für ausreichend, lediglich auf diese Verse zu verweisen. Dies ist nicht nur auf Frauen beschränkt; auch die falsche Bezichtigung oder Verleumdung von Männern ist eine Sünde.
-Lebt mit euren Ehefrauen in guter Weise zusammen. (Nisa: 19)
-Wenn ihr Frauen scheidet und ihre Wartezeit sich ihrem Ende nähert, dann behaltet sie in guter Weise oder lasst sie in guter Weise gehen. Haltet sie nicht zurück, um ihnen Schaden zuzufügen und gegen sie Übergriffe zu begehen. Wer dies tut, fügt sich selbst Unrecht zu. (Baqara: 231)
-Heiratet Frauen mit der Erlaubnis ihrer Vormünder und zahlt ihnen ihre Brautgabe in angemessener Weise, damit der Ehebund bewahrt bleibt. Verhaltet euch nicht ungezügelt sexuell und geht keine verbotenen sexuellen Beziehungen im Geheimen ein. (Nisa: 25)
-O Prophet! Nimm von den Frauen das Versprechen entgegen, dass sie Allah nichts beigesellen, keinen Ehebruch begehen, ihre eigenen Kinder nicht töten, keine falsche Verleumdung erfinden und vorbringen und dir in keiner allgemein bekannten guten und gerechten Angelegenheit ungehorsam sein werden. (Mumtahina: 12)
-Über die Bedeutung des Erfindens und Vorbringens einer falschen Verleumdung gibt es zwei Auffassungen. Erstens: Eine Frau beschuldigt andere Frauen, unerlaubte Beziehungen mit fremden Männern zu unterhalten, und verbreitet diese Anschuldigung. Zweitens: Ein Kind wurde von einem anderen Mann gezeugt, und der Ehemann wurde auf diese Weise getäuscht, dass das Kind von ihm sei.
– O ihr Kinder Adams! Wir haben euch Kleidung herabgesandt, um die Schamstellen eures Körpers zu bedecken. Und sie ist auch ein Mittel des Schmuckes. O ihr Kinder Adams! Lasst Satan euch nicht der Versuchung aussetzen, wie er eure Eltern – den geehrten Adam und Eva – aus dem Paradies vertrieb –
und ihnen ihre Kleidung entzogen wurde, sodass ihre Schamstellen voreinander sichtbar wurden. (Aʿrāf: 26–27)
– O Prophet! Sprich zu ihnen: Wer hat den Schmuck Allahs verboten, den Er für Seine Diener hervorgebracht hat, und wer hat die guten Dinge der Nahrung verboten? (Aʿrāf: 32)
– Die Neuerung des Mönchtums haben die Christen selbst eingeführt. Wir haben es ihnen nicht zur Pflicht gemacht. (Hadīd: 27)
– Aus den Früchten der Dattelpalmen und Weinreben stellt ihr berauschende Getränke her und erlangt gute Versorgung. (Nahl: 67) Das heißt: Die gute Versorgung, die Allah euch gegeben hatte, verwendet ihr dazu, eine schlechte Sache daraus zu machen, nämlich einen Stoff, der Berauschung hervorruft.
Diese schlechten Charakterzüge, Eigenschaften und Taten werden im Koran verurteilt. Niemand konnte ihre Schädlichkeit leugnen. Kein Mensch unter den Quraisch oder den Arabern hatte den Mut zu behaupten, seine Gesellschaft sei von diesen Missständen frei gewesen. Ebenso konnte niemand sagen, dass irgendeiner von denjenigen, die der Koran von allen Missständen und Übeln abhielt, unter dem Gesandten Allahs oder seinen Gefährten zu finden gewesen sei. Abgesehen von sturen und halsstarrigen Menschen blieb jedem, der eine reine und vorurteilsfreie Gesinnung besaß, nichts anderes übrig, als anzuerkennen, dass die Menschen und die Gesellschaft sich von diesen Übeln tatsächlich fernhalten sollten und dass derjenige kein Verbrechen beging, der das menschliche Leben von ihnen rein halten wollte.
Umfassende moralische Rechtleitung
Neben der Kennzeichnung dieser schlechten Taten wurde im Koran immer wieder eine umfassende moralische Rechtleitung gegeben, deren edle Eigenschaften Herz und Gemüt beeinflussten, sodass ein Mensch mit gesunder Natur keine andere Möglichkeit hatte, als sie als wahr anzuerkennen. Besonders anziehend war dies auch deshalb, weil diese Eigenschaften nicht nur beschrieben wurden. Vielmehr hielten sich der Gesandte Allahs, der sie verkündete, und diejenigen, die an ihn glaubten, vollständig daran. Im Folgenden werden sie der Reihe nach angeführt:
—Allah gebietet Gerechtigkeit, Güte und das Geben an die Verwandten. Er verbietet Schändlichkeit, Verwerfliches, Unrecht und Überschreitung. Er ermahnt euch, damit ihr daraus eine Lehre zieht. (Nahl: 90)
—O Muhammad (Friede sei mit ihm)! Sage den Menschen: Kommt her, ich will euch verkünden, welche Verbote euer Herr euch auferlegt hat. Nämlich: Stellt Ihm in Seiner Göttlichkeit niemanden zur Seite. Behandelt eure Eltern gut. Tötet eure Kinder nicht aus Furcht vor Armut. Wir versorgen euch und auch sie. Nähert euch schändlichen Taten nicht, seien sie offen oder verborgen. Tötet keinen Menschen, den Allah für ehrwürdig erklärt hat, außer nach Recht und Gerechtigkeit. Dies sind die Dinge, zu deren Befolgung Er euch angewiesen hat, damit ihr verständig handelt. Nähert euch dem Besitz der Waisen nicht, es sei denn auf die beste Weise, bis sie das Alter der Reife erreicht haben. Messt und wiegt mit Gerechtigkeit. Wir legen jedem Menschen nur eine Verantwortung auf, die er zu tragen vermag. Und wenn ihr sprecht, dann sprecht gerecht, auch wenn es einen nahen Verwandten betrifft. Und erfüllt den Bund, den ihr mit Allah geschlossen habt.
[Mit dem Bund, den man mit Allah schließt, sind die Versprechen gemeint, die ein Mensch Allah gibt, ebenso jene Versprechen, die im Namen Allahs mit Menschen geschlossen werden. Gemeint ist auch der Bund, der sich zwischen Mensch und Allah sowie zwischen Mensch und Mensch von selbst ergibt, sobald ein Mensch auf Allahs Erde in eine menschliche Gemeinschaft hineingeboren wird. Obwohl der Mensch bei diesem letzten und natürlichen Vertrag () weder durch seinen Willen noch durch sein Bewusstsein etwas bewirkt, steht er hinsichtlich seiner Würde dem bewusst geschlossenen Versprechen oder Vertrag in keiner Weise nach. —Der Verfasser.]
Allah hat euch diese Dinge ans Herz gelegt, damit ihr daraus eine Lehre zieht. (Anʿām: 151–152)
—Euer Herr hat bestimmt: Erstens: Ihr sollt niemanden anbeten, sondern nur Ihn.
Zweitens: Behandelt eure Eltern gut. Wenn einer von ihnen oder beide bei euch das hohe Alter erreichen, dann sagt nicht einmal „Pfui“ zu ihnen. Fahrt sie nicht an, sondern sprecht in achtungsvoller Weise mit ihnen. Und senkt euch in Demut und Bescheidenheit vor ihnen. Und betet: „O Herr, erbarme Dich ihrer, wie sie mich in meiner Kindheit mit Barmherzigkeit, Liebe und Zuneigung großgezogen haben.“ Euer Herr weiß am besten, was in euren Herzen ist. Wenn ihr rechtschaffen seid, dann ist Er gewiss verzeihend gegenüber all jenen, die sich ihrer Verfehlungen bewusst werden und sich in Gehorsam und Dienstbarkeit verhalten.
Drittens: Gebt den Verwandten, was ihnen zusteht, und ebenso dem Bedürftigen und dem Reisenden, was ihnen zusteht.
Viertens: Gebt nicht verschwenderisch aus. Die Verschwender sind die Brüder Satans, und Satan ist undankbar gegenüber seinem Herrn.
Fünftens: Wenn ihr euch von ihnen – das heißt, den Bedürftigen – abwenden müsst, weil ihr nach der Barmherzigkeit Allahs sucht, auf die ihr hofft, dann antwortet ihnen mit freundlichen und sanften Worten.
Sechstens: Bindet eure Hände nicht an eure Hälse – seid also nicht geizig –, sonst werdet ihr getadelt und handlungsunfähig sein. Dein Herr erweitert die Versorgung für wen Er will und beschränkt sie für wen Er will. Wahrlich, Er kennt Seine Diener genau und sieht sie.
Siebtens: Tötet eure Kinder nicht aus Furcht vor Armut. Wir werden sie und auch euch versorgen. Wahrlich, sie zu töten ist ein gewaltiges Unrecht.
Achtens: Nähert euch nicht der Unzucht. Sie ist wahrlich eine schändliche Tat und ein sehr schlechter Weg.
Neuntens: Begeht nicht das Verbrechen, ein Leben zu töten, das Allah für unverletzlich erklärt hat, außer aus einem rechtmäßigen Grund. Wenn jemand zu Unrecht getötet worden ist, haben Wir seinem Rechtsvertreter das Recht auf Vergeltung gegeben. Doch soll er beim Töten nicht maßlos sein. Ihm wird geholfen werden.
Zehntens: Nähert euch nicht dem Besitz der Waisen, außer auf die beste Weise, bis sie die Volljährigkeit erreichen.
Elftens: Erfüllt eure Versprechen und Verpflichtungen. Über die Versprechen wird man zur Rechenschaft gezogen werden.
Zwölftens: Wenn ihr mit einem Gefäß abmesst, dann füllt es vollständig; und wenn ihr mit einer Waage wiegt, dann mit einer einwandfreien Waage. Das ist die beste Vorgehensweise und auch hinsichtlich des Ergebnisses die beste.
Dreizehn: Folge nicht Dingen nach, über die du kein Wissen hast. Wisse gewiss, dass über alles – über Augen, Ohren und Herz – Rechenschaft gefordert werden wird.
Vierzehn: Schreite nicht hochmütig auf der Erde einher. Du wirst weder die Erde aufreißen noch so hoch wie die Berge werden können.
Jede schlechte Seite dieser Gebote ist deinem Herrn verhasst. Dies sind die weisen Worte, die dein Herr dir offenbart hat. (Bani Isra’il: 23–30)
– Dient Allah und gesellt Ihm in dieser Dienerschaft nichts bei. Behandelt eure Eltern gut. Seid gütig zu den Verwandten, den Waisen und den Bedürftigen. Begegnet dem verwandten Nachbarn, dem fremden Nachbarn, dem Gefährten an eurer Seite, dem Reisenden und den Sklaven und Sklavinnen, die sich in eurem Besitz befinden, mit Barmherzigkeit und Güte. (Nisa: 36)
– Frömmigkeit besteht nicht darin, dass ihr eure Gesichter nach Osten oder nach Westen wendet. Vielmehr besteht Frömmigkeit darin, dass der Mensch an Allah, den Jüngsten Tag, die Engel, die Bücher und die Propheten aufrichtig glaubt und aus Liebe zu Allah von seinem geliebten Besitz den Verwandten, den Waisen, den Bedürftigen, den Reisenden und den Bittenden gibt. Er soll ihn dafür ausgeben, Menschen aus der Sklaverei zu befreien. Er soll das Gebet verrichten und die Zakat entrichten. Fromm sind diejenigen, die, wenn sie einen Vertrag schließen, ihre Versprechen erfüllen, in Armut und Not geduldig bleiben und im Kampf für Wahrheit und Falschheit standhaft sind. Diese sind die Wahrhaftigen und die Gottesfürchtigen. (Baqara: 177)
– Wahrlich, erfolgreich sind die Gläubigen, die in ihren Gebeten Demut und Bescheidenheit zeigen und ihre Scham bewahren (vor Nacktheit und sexueller Unsittlichkeit), außer gegenüber ihren Ehefrauen und den Sklavinnen in ihrem Besitz; ihnen gegenüber sind sie nicht zu tadeln. Doch diejenigen, die darüber hinaus etwas begehren, gehen über das Maß hinaus. Und erfolgreich sind die Gläubigen, die ihre anvertrauten Güter und ihre Versprechen und Verträge bewahren und ihre Gebete bewahren. (Mu’minun: 1–9)
– Die wahren Diener des Allerbarmers sind diejenigen, die demütig auf der Erde umhergehen und, wenn die Unwissenden sie mit streitlustigen Worten ansprechen, sagen: „Friede sei mit euch.“ Sie verbringen die Nacht, indem sie sich vor ihrem Herrn niederwerfen und im Gebet stehen. Sie beten: „Unser Herr! Bewahre uns vor der Strafe der Hölle. Ihre Strafe ist wahrlich verderblich für das Leben. Wahrlich, sie ist ein übler Aufenthaltsort und eine üble Wohnstätte.“ Wenn sie ausgeben, sind sie weder verschwenderisch noch geizig, sondern ihre Ausgaben sind ausgewogen zwischen diesen beiden Grenzen. Sie rufen neben Allah niemand anderen an, töten niemanden unrechtmäßig, dessen Tötung Allah verboten hat, und begehen keine Unzucht. Wer dies tut, wird die Vergeltung für seine Sünde erhalten. Am Tag der Auferstehung wird ihm die Strafe wiederholt auferlegt, und er wird darin unter Schande verweilen. Doch wenn jemand nach diesen Sünden bereut, den Glauben annimmt und beginnt, rechtschaffene Werke zu tun, wird Allah die schlechten Taten solcher Menschen in gute Taten umwandeln. Er ist überaus vergebend. Wer bereut und beginnt, rechtschaffene Werke zu tun, der wendet sich Allah so zu, wie man sich Ihm zuwenden soll.
Die wahren Diener des Allerbarmers sind diejenigen, die kein falsches Zeugnis ablegen und, wenn sie an einer sinnlosen Tätigkeit vorbeikommen, mit großer Höflichkeit und Anstand daran vorübergehen. Wenn ihnen die Verse ihres Herrn zur Ermahnung vorgetragen werden, sind sie ihnen gegenüber nicht blind und taub. Sie beten: „Unser Herr! Schenke uns durch unsere Ehefrauen und unsere Kinder Augenfreude und mache uns zu Anführern der Gottesfürchtigen.“ (Furqan: 63–74)
– Was immer euch hier gegeben worden ist, ist lediglich ein Mittel für den Lebensunterhalt während einiger Tage in dieser Welt. Doch was bei Allah ist, ist besser und von bleibender Dauer. Es ist für jene, die den Iman angenommen haben und auf ihren Rabb vertrauen. [Das heißt: Sie vertrauen nicht auf ihre eigene Kraft, ihren Verstand, ihre Fähigkeiten und ihre Mittel, sondern auf die Gnade Allahs, und sie glauben, dass allein die von Ihm gegebene Rechtleitung wahr und richtig ist. Sie glauben außerdem, dass bei Ihm keine Belohnung für irgendeine gute Tat verlorengehen wird – der Verfasser.]
Sie halten sich von großen Sünden und schändlichen Taten fern. Wenn sie zornig werden, verzeihen sie. Sie befolgen die Gebote ihres Rabb. Sie verrichten das Gebet. Sie erledigen ihre Angelegenheiten auf der Grundlage gegenseitiger Beratung. Und sie geben von dem aus, womit Wir sie versorgt haben. [Mit Versorgung ist erlaubte Versorgung gemeint. Im Koran wird verbotener Besitz nirgendwo als Versorgung Allahs bezeichnet. Die Bedeutung des Verses ist also, dass
a. er von der erlaubten Versorgung ausgibt, die Wir ihm gegeben haben.
b. er diese Versorgung nicht hortet, sondern ausgibt.
c. er davon auch auf Allahs Weg ausgibt. Er spendet nicht alles für sich selbst.]
Wenn ihnen Unrecht zugefügt wird, setzen sie sich dagegen zur Wehr. Die Vergeltung für eine böse Tat ist eine gleichartige böse Tat. Wer aber verzeiht und Versöhnung stiftet, dessen Lohn obliegt Allah. Allah liebt die Ungerechten nicht. Und diejenigen, die Vergeltung üben, nachdem ihnen Unrecht zugefügt worden ist, dürfen dafür nicht getadelt werden. Tadel verdienen nur jene, die anderen Unrecht zufügen und auf der Erde zu Unrecht Übermaß üben. Für solche Menschen gibt es eine schmerzhafte Strafe. Doch wer geduldig bleibt und Nachsicht übt, der vollbringt wahrlich eine der entschlossensten Taten. (asch-Schura: 36–43)
– Der Mensch ist mit engem Herzen erschaffen worden. Wenn ihn daher ein Unglück trifft, gerät er in große Verzweiflung, und wenn er Wohlstand erlangt, wird er geizig. Von diesen Fehlern sind jedoch jene frei, die das Gebet verrichten, die das Gebet stets gewissenhaft einhalten (also die Regeln und Vorschriften des Gebets richtig befolgen), in deren Besitz ein festgelegter Anteil für die um Hilfe Bittenden und die Bedürftigen liegt [Das heißt: Sie haben festgelegt, dass in ihrem Besitz ein bestimmter Anteil den um Hilfe Bittenden und den Bedürftigen gehört, den sie fortwährend abgeben werden. Ein um Hilfe Bittender ist ein bedürftiger Mensch, der um Hilfe bittet. Ein Bedürftiger ist jemand, von dem er erfährt, dass dieser arme Mensch zur Deckung seines Bedarfs von den Lebensmitteln ausgeschlossen ist, unabhängig davon, ob er kommt und bittet oder nicht. Nachdem er von seiner Lage erfahren hat, hilft er ihm von sich aus. – Der Verfasser.] , die den Tag des Gerichts für wahr halten und die Strafe ihres Rabb fürchten. Denn die Strafe ihres Rabb ist nichts, vor dem man sich sicher fühlen dürfte. Diejenigen, die ihre Scham bewahren (vor Nacktheit und Unzucht), außer gegenüber ihren Ehefrauen und Sklavinnen, werden nicht getadelt (wenn sie ihre Scham ihnen gegenüber nicht bewahren). Wer aber etwas anderes als dies begehrt, das sind die Übertreter – diejenigen, die ihre anvertrauten Versprechen und Verpflichtungen erfüllen, die bei ihrem Zeugnis auf Wahrhaftigkeit beharren und die ihre Gebete bewahren. (al-Ma’aridsch: 19–34)
– Eilt auf dem Weg, der zur Vergebung eures Rabb und zu jenem Paradies führt, dessen Weite der Erde und den Himmeln entspricht und das für die Gottesfürchtigen vorbereitet worden ist.
Diejenigen, die sowohl in Wohlstand als auch in Not von ihrem Besitz auf Allahs Weg ausgeben, ihren Zorn zügeln und die Fehler anderer verzeihen. Solche rechtschaffenen Menschen sind Allahs Lieblinge. Ihr Zustand ist der, dass sie, wenn ihnen eine schlechte Tat unterläuft (das heißt, wenn sie eine Sünde begehen) und sich selbst Unrecht tun, Allah gedenken und Ihn um Vergebung ihrer Sünde bitten. Und wer außer Allah kann Sünden vergeben? Und sie verharren nicht wissentlich und absichtlich starrsinnig in ihren begangenen Taten. (Āl ʿImrān: 133–135)
Die Bewohner des Paradieses sind diejenigen, die ihre Gelübde erfüllen [Mit einem Gelübde ist eine gute Tat gemeint, zu deren Verrichtung ein Mensch aus eigenem Antrieb schwört, um Allahs Wohlgefallen zu erlangen – der Verfasser.] und jenen Tag fürchten, dessen Unheil sich nach allen Seiten ausbreiten wird. Sie geben den Waisen, den Bedürftigen und den Gefangenen aus Liebe zu Allah zu essen und sagen: „Wir geben euch nur um Allahs willen zu essen. Wir erwarten von euch weder eine Belohnung noch Dankbarkeit. Wir fürchten Allah wegen der Strafe jenes Tages, der ein schrecklich langer Tag voller Unheil sein wird.“ (ad-Dahr: 7–10)
Eilt auf dem Weg, der euch zur Vergebung und zum Paradies führt, dessen Weite den Himmeln und der Erde gleicht. Dieses Paradies ist für die Gottesfürchtigen bereitet, die sowohl in Wohlstand als auch in Not von ihrem Vermögen ausgeben, ihren Zorn besänftigen, die Fehler anderer verzeihen; und solche rechtschaffenen Menschen liebt Allah. Ihr Zustand ist der, dass sie, wenn ihnen irgendwann eine schändliche Tat unterläuft oder sie sich durch eine Sünde selbst Unrecht tun, Allah gedenken und um Vergebung für die Sünde bitten. Und wer außer Allah kann Sünden vergeben? Sie beharren nicht wissentlich auf ihren begangenen Taten. (Āl ʿImrān: 133–135)
Die Lehre von vorzüglichem Charakter
Diese ausführlichen ethischen Anweisungen sind von solcher Art, dass kein reformorientierter Mensch, in dem ein gewisses moralisches Empfinden sowie die Fähigkeit zur Unterscheidung von Gut und Böse vorhanden ist, unberührt bleiben kann. Der Koran hielt dies jedoch nicht für ausreichend. Vielmehr erläutert er jede einzelne moralische Tugend und macht deutlich, mit welchen Eigenschaften der Islam den Menschen ausstatten will. Der Gesandte Allahs (Allahs Segen und Friede seien auf ihm) und seine Gefährten haben durch ihr praktisches Beispiel gezeigt, dass diese Eigenschaften nicht bloß etwas sind, worüber man mit dem Mund spricht; vielmehr hat der Islam jedes Leben, in das er Eingang gefunden hat, mit diesen Eigenschaften geschmückt. Da es hier nicht möglich ist, dies ausführlich darzustellen, führe ich beispielhaft einige Zitate an.
Helft einander zu guten Taten und zur Gottesfurcht und helft einander nicht zu Sünde und Übertretung. Fürchtet Allah. Wahrlich, Allah ist streng im Bestrafen. (al-Māʾida: 2)
— (Der edle Mūsā, Friede sei auf ihm, ) sagte: „O mein Herr! Nachdem Du mir diese Gunst erwiesen hast, werde ich niemals ein Helfer der Übeltäter sein.“ (al-Qaṣaṣ: 17)
— Vergilt das Böse mit etwas, das besser ist. Wir wissen sehr wohl, was sie gegen dich ersinnen. Und bete: „O mein Herr! Ich suche Zuflucht bei Dir vor den Einflüsterungen der Satane, und ich suche Zuflucht bei Dir davor, dass sie sich mir nähern.“ [Das heißt: Suche bei Allah Zuflucht, damit Satan dich niemals dazu verleiten kann, eine Beschimpfung mit einer Beschimpfung, eine Lüge mit einer Lüge, Unrecht mit Unrecht sowie Ungerechtigkeit und die Verletzung von Rechten mit Ungerechtigkeit und der Verletzung von Rechten zu vergelten – der Verfasser.] (al-Muʾminūn: 96–98)
-Sie weisen das Böse durch das Gute zurück und geben von der Versorgung aus, die Wir ihnen gewährt haben. Wenn sie irgendeine nichtige Rede hören, enthalten sie sich ihrer Erwiderung und sagen: „Unsere Taten sind für uns und eure Taten sind für euch. Friede sei mit euch. Wir wollen nicht den Weg der Unwissenden einschlagen.“ (Qasas: 54–55)
-Dieses Haus des Jenseits (das Paradies) werden Wir für diejenigen bestimmen, die auf der Erde keine Überlegenheit anstreben und kein Unheil stiften wollen. (Qasas: 83)
-(Gläubig sind) diejenigen, denen Wir, wenn Wir ihnen auf der Erde die Herrschaft geben, die Einrichtung des Gebets und des Zakat-Systems anvertrauen. Sie gebieten das Rechte und halten vom Unrechten ab. (Hadsch: 41)
-(Die zum Licht Allahs rechtgeleiteten) Menschen findet man in Häusern, deren Erhöhung und in denen die Erwähnung Seines Namens Allah erlaubt hat. Dort preisen sie Ihn morgens und abends; Menschen, die weder Handel und Geschäfte noch Kaufen und Verkaufen davon abhalten, Allahs zu gedenken, das Gebet zu verrichten und Zakat zu geben. Sie fürchten den Tag, an dem sich die Herzen umkehren und die Augen zu Stein werden. (Nur: 36–37)
-O ihr Menschen, die ihr den Iman angenommen habt! Euer Besitz und eure Kinder sollen euch nicht vom Gedenken an Allah ablenken. Diejenigen, die dies tun, sind die Verlierenden. (Munafiqun: 9)
-O ihr Menschen, die ihr den Iman angenommen habt! Tretet als Bannerträger der Gerechtigkeit auf und werdet um Allahs willen zu Zeugen, auch wenn die Gerechtigkeit und euer Zeugnis euch selbst, euren Eltern und euren nahen Verwandten zum Nachteil gereichen sollten.
Ob die betreffende Person reich oder arm ist, Allah ist ihnen gegenüber ein größerer Fürsprecher als ihr. Folgt daher beim Streben nach euren Neigungen nicht davon ab, ihnen gegenüber Gerechtigkeit zu üben. Und wenn ihr sprecht, um ihnen zu gefallen, oder von der Wahrhaftigkeit abweicht, dann wisst, dass Allah über alles, was ihr tut, Bescheid weiß. (Nisa: 135)
-O ihr Menschen, die ihr den Iman angenommen habt! Steht fest in der Wahrheit für Allah und werdet zu Zeugen der Gerechtigkeit. Die Feindschaft gegenüber irgendeiner Gruppe soll euch nicht so weit aufbringen, dass ihr nicht gerecht sein könnt. Seid gerecht; das ist der Takwa näher. Und fürchtet Allah. Allah ist über alles, was ihr tut, vollkommen unterrichtet. (Maida: 8)
-Kämpft auf Allahs Weg gegen diejenigen, die gegen euch kämpfen, aber begeht keine Übertretung. Allah liebt die Übertretenden nicht. (al-Baqara: 194)
-Wenn jemand gegen euch eine Übertretung begeht, dann begeht gegen ihn eine Übertretung in demselben Maß, wie er sie gegen euch begangen hat, und fürchtet Allah. Und wisst, dass Allah mit denjenigen ist, die sich vom Bösen fernhalten. (al-Baqara: 194)
-Wenn ihr Vergeltung üben wollt, dann übt sie in dem Maß, in dem euch Unrecht zugefügt wurde. Wenn ihr jedoch Geduld übt, so ist dies besser für die Geduldigen. (an-Nahl: 126)
-Ihr werdet vonseiten der Leute der Schrift und der Götzendiener gewiss sehr schmerzliche Worte hören. Wenn ihr angesichts solcher (aufwiegelnder) Worte Geduld übt und an der Gottesfurcht festhaltet, so ist dies wahrlich eine Sache großer Entschlossenheit. (Al Imran: 186)
-Allah liebt es nicht, dass man böse Worte äußert. Davon ausgenommen ist derjenige, dem Unrecht zugefügt wurde. [Das heißt: Der Unterdrückte hat das Recht, gegen den Unterdrücker seine Stimme zu erheben – der Verfasser.] (an-Nisa: 148)
-Allah befiehlt euch, die anvertrauten Güter ihren Eigentümern auszuhändigen. [Mit dieser Anweisung Gottes wird den Bürgern der muslimischen Gesellschaft nahegelegt, das ihnen Anvertraute nicht zu verraten. Vielmehr sollen sie jedes anvertraute Gut, das man ihnen im Vertrauen übergeben hat, ordnungsgemäß zurückgeben. Der gesamten Gesellschaft und ihren Verantwortlichen wird allgemein nahegelegt, verantwortungsvolle Ämter (Vertrauenspositionen) solchen Menschen zu übertragen, die fähig sind, diese Last der Verantwortung zu tragen. Übertragt religiöse Führung, nationale Führung und verantwortungsvolle Positionen in der Staatsführung nicht unfähigen, korrupten, engstirnigen und charakterlosen Menschen. Denn die Führung durch schlechte Menschen richtet die gesamte Gesellschaft zugrunde – der Verfasser.]
Und wenn ihr zwischen den Menschen urteilt, dann urteilt gerecht.
-Nur die Verständigen nehmen Ermahnung an (ihr Verhalten ist so, dass sie) den mit Allah geschlossenen Bund erfüllen und den Vertrag nicht brechen. Sie pflegen die Beziehungen, deren Pflege Allah befohlen hat. Sie fürchten ihren Herrn und haben Angst davor, dass sie vielleicht streng zur Rechenschaft gezogen werden. Diejenigen, die um des Wohlgefallens ihres Herrn willen Geduld üben, das Gebet verrichten, von dem, womit Wir sie versorgt haben, offen und heimlich ausgeben und das Böse durch das Gute abwehren. (ar-Ra’d: 19–22)
-Ihr könnt die Würde guter Taten nicht erlangen, solange ihr nicht von den Dingen, die euch lieb sind, auf Allahs Weg ausgebt. Und was immer ihr ausgebt, Allah weiß darüber Bescheid. (Al-i-ʿImrān: 92)
-O ihr, die ihr glaubt! Gebt von dem besten Teil des Vermögens, das ihr erworben habt, und von dem, was Wir für euch aus der Erde hervorgebracht haben, auf Allahs Weg aus; und wählt nicht absichtlich das Schlechteste aus, um es zu geben. Denn ihr selbst würdet solche Dinge niemals annehmen, sondern ihre Annahme geringschätzen. Allah ist nicht auf solche Ausgaben von euch angewiesen. Er ist mit den vortrefflichsten Eigenschaften ausgestattet. (Al-Baqara: 267)
-Wenn ihr offen Almosen gebt, so ist das eine gute Tat. Wenn ihr sie jedoch geheim haltet und sie unter den Armen verteilt, ist das besser für euch. Dadurch werden euch viele eurer Sünden vergeben, und Allah weiß, was immer ihr tut. (Al-Baqara: 271)
-Wenn der Schuldner in finanzieller Bedrängnis ist, gewährt ihm Aufschub, bis es ihm besser geht. Und wenn ihr die Schuld als Almosen erlasst (das heißt, den Kredit vergebt), so ist das besser für euch, wenn ihr es nur begreifen würdet. (Al-Baqara: 280)
-Vom Höllenfeuer) wird der äußerst Gottesfürchtige ferngehalten werden, der sein Vermögen spendet, um sich zu läutern. Niemand hat ihm eine Gunst erwiesen, für die er eine Gegenleistung erbringen müsste. Er tut dies nur, um das Wohlgefallen Allahs, des Erhabenen und Höchsten, zu erlangen. (Al-Lail: 17–20)
-Gebt von dem Vermögen aus, das Wir euch gegeben haben, bevor einen von euch der Tod ereilt und er sagt: „O mein Herr, wenn Du mir nur einen kurzen Aufschub gewähren würdest, dann würde ich Almosen geben und zu den Rechtschaffenen gehören.“ (Al-Munāfiqūn: 10)
-Gebt den Waisen ihr Vermögen. Tauscht nicht das Gute gegen das Schlechte aus. Und verzehrt ihr Vermögen nicht, indem ihr es mit eurem eigenen Vermögen vermischt. Das ist eine große Sünde. (An-Nisāʾ: 2)
-O Prophet, sag den gläubigen Männern, sie sollen ihre Blicke senken und ihre Scham bewahren (vor Nacktheit und Unzucht). … Und sag den gläubigen Frauen, sie sollen ihre Blicke senken und ihre Scham bewahren. Sie sollen ihre Schönheit nicht zur Schau stellen, außer dem, was ohnehin sichtbar ist. Sie sollen ihre Schleier über ihre Brust schlagen und ihre Schönheit niemandem außer denjenigen zeigen, die in der Sure an-Nur genannt werden, nämlich ihren Ehemännern, Vätern, Schwiegervätern, Söhnen und anderen. Und sie sollen beim Gehen nicht mit den Füßen aufstampfen, sodass ihre verborgene Schönheit sichtbar wird. (An-Nur: 30–31)
-Wenn ihr Allah fürchtet, sprecht nicht in schmeichelndem Ton, damit kein Mensch mit verdorbenem Charakter Begehrlichkeit fasst. Sprecht vielmehr klare und gerade Worte. Bleibt in euren Häusern und zeigt euch nicht in der Weise des früheren Zeitalters der Unwissenheit geschmückt und herausgeputzt. (Ahzab: 32–33)
-O ihr Menschen! Erklärt nicht jene reinen Dinge für verboten, die Allah euch erlaubt hat. Und überschreitet nicht das Maß; Allah liebt diejenigen nicht, die das Maß überschreiten. Esst von den reinen und erlaubten Dingen, die Allah euch gegeben hat, und hütet euch vor dem Ungehorsam gegenüber Allah, an den ihr glaubt. (Ma’ida: 87–88)
-Die gläubigen Männer und Frauen sind einander Freunde. Sie gebieten das Gute und halten vom Bösen ab, verrichten das Gebet, entrichten die Zakat und gehorchen Allah und Seinem Gesandten. (Tauba: 71)
-Wer Ehre und Ansehen begehrt, soll wissen, dass alle Ehre Allah gehört. Was emporsteigt, ist ein gutes Wort, und die rechtschaffene Tat hebt es empor. (Fatir: 10)
-Und Wir prüfen euch, indem Wir euch Wohlstand und Not erfahren lassen. (Anbiya: 35)
[Das heißt, Wir prüfen, ob ihr im Wohlstand nicht hochmütig, tyrannisch, Allah vergessend und Sklaven eurer Begierden werdet und ob ihr in Not oder schlechten Verhältnissen nicht niederträchtige, verachtenswerte und unerlaubte Wege einschlagt. Es ist das Verhalten eines engstirnigen Menschen, dass er im Wohlstand zu einem Pharao wird, in der Not aber im Staub kriecht und zur Veränderung seiner Lage jeden erlaubten oder unerlaubten Weg beschreitet. Die Aufgabe des Gläubigen besteht darin, unter allen Umständen an Wahrhaftigkeit festzuhalten – der Verfasser.]
Nicht nur rechtschaffene Einzelpersonen, sondern auch eine rechtschaffene Gesellschaft ist erstrebenswert
Zusammen mit den oben erwähnten moralischen Vorzügen wird im Koran auch gesagt, dass das Ziel des Islam nicht nur darin besteht, rechtschaffene Menschen hervorzubringen, sondern sie auch zu einer rechtschaffenen Gesellschaft zu vereinen. Denn ohne dies ist es keineswegs möglich, die Menschheit vor Schaden zu bewahren und Wohlstand zu erlangen. Obwohl dieses Thema an vielen Stellen in unterschiedlicher Weise dargelegt wird, führen wir hier nur zwei Stellen als Beispiele an.
(Arabisch****************)
—Haben Wir dem Menschen nicht zwei Augen, eine Zunge und zwei Lippen gegeben? Und ihm nicht die beiden deutlichen Wege gezeigt, den Weg des Guten und den des Bösen? Hat er sich nicht daran gewagt, den schwierigen Aufstieg zu überwinden? Und weißt du, was dieser schwierige Aufstieg ist? Einen Menschen aus den Fesseln der Sklaverei zu befreien oder an einem Tag des Hungers einen nahen Waisen oder einen vom Staub bedeckten Bedürftigen zu speisen. Danach zu denen zu gehören, die glauben und einander zur Geduld und zur Barmherzigkeit ermahnen. (Balad: 8–17)
Die Merkmale einer rechtschaffenen Gesellschaft
Unter diesen werden die Befreiung eines Sklaven oder die Speisung eines nahen Waisen und eines vom Staub bedeckten Bedürftigen als Beispiele für die individuellen guten Taten angeführt, die Bestandteil der Rechtschaffenheit unzähliger Menschen sind und in jedem Einzelnen vorhanden sein sollten.
Doch zugleich wurde es als notwendig erachtet, dass solche rechtschaffenen Menschen nicht voneinander getrennt und zerstreut bleiben. Vielmehr sollen sie sich mit all jenen zusammenschließen und eine Gemeinschaft bilden, die glauben, einander zur Geduld ermahnen und einander dazu anhalten, Barmherzigkeit gegenüber den Geschöpfen Gottes zu zeigen, damit durch sie eine geduldige und barmherzige Gesellschaft entstehen kann. Eine solche Gesellschaft wird an einer reinen Moral festhalten, sich von sündigen Taten und der Anstiftung zur Sünde fernhalten, den Schwierigkeiten und Hindernissen auf dem Weg der Wahrheit mutig entgegentreten, fest auf dem Weg der Wahrheit bleiben und gegenüber den Geschöpfen Gottes weder tyrannisch noch hartherzig, sondern barmherzig und liebevoll sein. Eine solche Gesellschaft kann ohne den Glauben an Gott und das Jenseits sowie ohne unerschütterliches Vertrauen und feste Zuversicht in das von Ihm gebrachte Gesetz nicht aufgebaut werden. Daher können diese Eigenschaften zwangsläufig nur in einer muslimischen Gesellschaft auf einem festen Fundament verankert sein, die sich auch durch keine Prüfung, die ihr im diesseitigen Leben widerfährt, von ihren Eigenschaften abbringen lässt.
(Arabisch******************)
Bei der Zeit! Der Mensch befindet sich wahrlich in großem Verlust, außer jenen, die glauben, gute Werke tun und einander die Wahrheit ans Herz legen und einander zur Geduld ermahnen.
Hier kann „Zeit“ sowohl die vergangene Zeit oder die Geschichte bedeuten als auch die dahineilende Zeit, die in jedem Augenblick verzehrt wird. Bei ihr zu schwören bedeutet, dass sie Zeugin der nun dargelegten Wirklichkeit ist.
Hier wird das Wort „Mensch“ in seiner umfassenden Bedeutung verwendet. Daher kann es sowohl jeden einzelnen Menschen als auch die menschliche Gemeinschaft oder die gesamte Menschheit bezeichnen.
Das Wort „Chusr“ kann Schaden, Verlust und Misserfolg bedeuten – das Gegenteil von Wohlstand, Gewinn und Erfolg.
Die vier Eigenschaften, von denen Erfolg und Wohlstand der Menschheit abhängen
In diesen wenigen kurzen Sätzen wird unter einem Schwur mit Gewissheit erklärt, dass sowohl die vergangene Geschichte als auch der gegenwärtige Zustand bezeugen, dass der Mensch – als Einzelner, als Volk und als Spezies – nicht in Wohlstand, sondern in Verlust versunken ist. Vor diesem Verlust sind nur diejenigen sicher, in denen die folgenden vier Eigenschaften zu finden sind.
Iman
Das heißt, die feste Überzeugung, dass allein Allah, der Eine und Einzige, ohne Teilhaber, der Schöpfer, Eigentümer, Versorger, Bedürfnisstillende, derjenige, dem Anbetung gebührt, und Herrscher ist, dem Dienerschaft, Gehorsam und Lobpreis erwiesen werden sollen. Und dass allein die von Allahs Gesandtem überbrachte Rechtleitung die Wahrheit ist, der man folgen muss. Mit „Leben“ ist nicht nur das vorübergehende Leben dieser Welt gemeint, sondern danach beginnt auch ein ewiges Leben, in dem die Menschen für alle ihre in dieser Welt vollbrachten Taten zur Rechenschaft gezogen werden. Danach werden sie deren Lohn oder Strafe erfahren. Dieser Iman ist die erste Voraussetzung für Erfolg und Wohlstand. Denn außer ihm gibt es nichts, was für Sirat, Achlaq und das Verhalten ein so solides Fundament legen könnte, auf dem der Bau eines tugendhaften und reinen Lebens errichtet werden kann.
Ohne dies mag das menschliche Leben äußerlich noch so schön erscheinen; tatsächlich gleicht es einem Schiff ohne Anker, das von den Wellen der Eigeninteressen, Wünsche und Tagträume dahingetrieben wird. Es findet nirgendwo Halt.
Gute Taten
Die Beziehung dieser Eigenschaft zum Iman ist wie die zwischen einem Samen und einem Baum. Der Iman ist ein solcher Samen, ohne den der Baum der guten Taten nicht wachsen kann – ganz gleich, ob sich im Leben mancher Menschen ohne Iman einige äußerliche und vorübergehende gute Eigenschaften und gute Taten finden mögen. Der Baum aber sind all jene guten Taten, deren Keimung und Entfaltung im Leben eines Menschen die notwendige und vernünftige Folge davon ist, dass in seinem Leben der Samen des Iman gesät wurde. Wenn dieser Samen irgendwo gesät wurde, aber der Baum der guten Taten nicht wächst, muss man verstehen, dass sich das Herz dieses Menschen in ein Grab des Samens verwandelt hat und es keine Sicherheit mehr gibt, vor Verlust bewahrt zu bleiben. Denn gute Taten zusammen mit Iman sind die zweite Bedingung dafür, vor Verlust bewahrt zu bleiben.
Die beiden oben genannten Eigenschaften können beim Menschen individuell vorhanden sein und lediglich den persönlichen Erfolg gewährleisten. Ein umfassender Erfolg ist jedoch nur möglich, wenn eine Gesellschaft aus Menschen mit solchen Eigenschaften gebildet wird und auch in ihr jene beiden zusätzlichen Eigenschaften vorhanden sind, die in dieser Sure als Bedingungen dafür genannt werden, vor Verlust bewahrt zu bleiben.
Einander zur Wahrung des Haqq ermahnen
Das Wort Haqq ist das Gegenteil von Batil. Es wird gewöhnlich in zwei Bedeutungen verwendet. Erstens bezeichnet es etwas Richtiges, Wahres, Gerechtes und mit der Wirklichkeit Übereinstimmendes, sei es in Bezug auf Iman, Glaubensüberzeugungen und Vorstellungen oder auf die Angelegenheiten dieser Welt. Zweitens bezeichnet es ein Recht, dessen Erfüllung dem Menschen obliegt, ganz gleich, ob es sich um das Recht Allahs, das Recht der Menschen oder das eigene Recht handelt. Einander zum Haqq zu ermahnen bedeutet daher, dass die Gemeinschaft der aufrichtig Gläubigen nicht so gefühllos sein darf, dass Batil sein Haupt erhebt, die Rechte der Menschen zunichtemacht und die Menschen schweigend zuschauen. Vielmehr muss ihr gemeinsames Gewissen so lebendig sein, und ihre einzelnen Mitglieder müssen es als ihre Pflicht betrachten, dass überall dort, wo Batil sein Haupt erhebt oder wo das Haqq verletzt wird, Menschen zum Kampf gegen das Batil und zur Unterstützung des Haqq auf das Feld treten. Niemand darf es für ausreichend halten, selbst dem Haqq zu folgen, wahrhaftig und gerecht zu sein und den Anspruchsberechtigten ihre Rechte zu gewähren. Vielmehr soll er auch andere zu solchen Taten ermahnen. Das ist es, was die Gesellschaft vor moralischem Verfall schützt und dafür bürgt. Wenn diese edle Eigenschaft in einer Gesellschaft nicht vorhanden ist, kann sie nicht vor Verlust bewahrt bleiben. Wenn vielmehr die allgemeine Unordnung zunimmt, wird es sogar schwierig, die Rechte des Einzelnen aufrechtzuerhalten.
Einander zur Geduld ermahnen
Die wörtliche Bedeutung des Wortes „Sabr“ ist Widerstand und Hemmung oder Zurückhaltung und das Abstandnehmen von etwas. In der arabischen Sprache wird dieses Wort im Sinne von Nachsicht, Geduld, Selbstbeherrschung, Standhaftigkeit, Entschlossenheit und dem mutigen, entschlossenen Einsatz im Kampf gegen eine hindernde Kraft verwendet. Im Heiligen Koran jedoch wird dieses Wort in einem so umfassenden Sinn gebraucht, dass das gesamte Leben des Mu’min zu einem Leben des Sabr wird.
Die koranische Bedeutung von Sabr
Im Koran wird dieses Wort an mehr als hundert Stellen verwendet. Wenn man über diese Stellen nachdenkt, erkennt man, dass es in den folgenden Bedeutungen gebraucht wird.
Die eigenen Gefühle, Neigungen, Wünsche und Impulse innerhalb der von Allah gesetzten Grenzen halten.
Wie groß auch immer die Möglichkeiten zu Gewinn und luxuriösem Genuss durch Ungehorsam gegenüber Allah sein mögen: sich nicht durch deren Verlockung vom rechten Weg abbringen lassen und alle Verluste, Leiden und Entbehrungen, die der Gehorsam gegenüber Allah mit sich bringt, mit einem Lächeln ertragen.
Ein Leben lang die eigenen Triebe beherrschen, jede satanische Einflüsterung zur Sünde und jedes Verlangen der eigenen Triebe zurückweisen. Angesichts jeder Versuchung und jeder Angst an der Unterstützung der Wahrheit festhalten. Die Verluste und Leiden ertragen, die daraus entstehen, dass man auf Erden an der Aufrichtigkeit festhält. Alle Vorteile und Annehmlichkeiten zurückweisen, die durch unrechtmäßige Mittel erlangt werden können.
Beim Anblick des Glanzes derer, die sich von Verbotenem ernähren, nicht etwa von Neid und Begehrlichkeit aufgewühlt werden, sondern nicht einmal den Blick darauf richten und mit kühlem Verstand erkennen, dass die schmucklose Reinheit, die Allah ihm aus Seiner Gnade geschenkt hat, besser ist als jener glänzende Schmutz und jene Verkommenheit.
Alle Arten von Risiken auf sich nehmen, die mit dem Annehmen des Glaubens verbunden sind. Die Unterdrückung und Misshandlung durch die Feinde der Wahrheit tapfer ertragen. Inmitten des Sturms des Widerstands und des Ansturms von Not und Unglück die Wahrheit unbeirrt unterstützen. Sich der Falschheit nicht unterwerfen und dem Gedanken an einen Kompromiss mit ihr keinen Raum im Herzen geben.
Sich durch die maßlosen Angriffe, Spötteleien und die Verleumdungskampagnen der Gegner nicht spontan aufregen lassen, sondern ruhig und frei von Gefühlsregungen die Arbeit der Verkündigung und der Reform nach der richtigen Methode fortsetzen, selbst wenn in ferner Zukunft keinerlei Aussicht auf ihren Erfolg zu erkennen ist.
Bei äußerst provokativem Verhalten nicht die Geduld verlieren und vorschnell einen falschen Schritt unternehmen, der der geeigneten Strategie für die Verkündigung der Wahrheit widerspricht und dem Ziel der Verkündigung schadet.
Jahrelang gegen Anhänger der Falschheit kämpfen, die alle Grenzen von Sittlichkeit und Moral überschreiten und vom Rausch der Macht und Stärke berauscht sind. Doch unter keinen Umständen die Aufrichtigkeit aufgeben und nicht wie sie zu unrechtmäßigen Methoden greifen.
Nicht angesichts der Schwäche des Haqq gegenüber dem Bātil, des fortwährenden Scheiterns derer, die für die Errichtung des Haqq kämpfen, und des Erfolgs der Führer des Bātil verzweifelt und niedergeschlagen werden. Niemals darf man, weil man Opfer von Verwirrung, Entmutigung und Mutlosigkeit geworden ist, denken, dass der Kampf für die Errichtung des Haqq sinnlos sei und es nun richtig wäre, sich mit dem geringen Maß an Frömmigkeit zufriedenzugeben, das unter einer kufrischen und sündhaften Herrschaft möglich ist, und sich damit abzufinden. Selbst unter den schwierigsten Umständen muss man mit Entschlossenheit und Mut den Versuch fortsetzen, den Haqq hochzuhalten.
Ein gläubiger, geduldiger Mensch tut all dies nicht, um dessen Früchte noch in dieser Welt zu erlangen. Vielmehr glaubt er, dass er die Früchte davon in dem zweiten Leben erlangen wird, das nach dem Tod beginnt.
Er wird auch nicht so kindisch, dass er, wenn gute Zeiten kommen und er in der Welt Erfolg erlangt, aus Stolz und Hochmut zu einem Pharao wird. Und wenn schlechte Zeiten kommen, beginnt er nicht zu jammern und scheut auch nicht davor zurück, zur Überwindung der schlechten Zeiten den niedrigsten Weg einzuschlagen.
Unter allen Umständen bewahrt er sein inneres Gleichgewicht. Er ändert sich nicht mit dem Wandel der Zeiten. Vielmehr bleibt er stets einem gerechten und richtigen Verhalten verpflichtet. Wenn die Umstände günstig sind und er den Gipfel von Reichtum, Wohlstand, Ehre und Ansehen erreicht, berauscht er sich nicht am Rausch seiner eigenen Überlegenheit. Wenn er zu irgendeiner Zeit unter der Mühle von Gefahren, Unglück und Leid zermalmt wird, lässt er dadurch nicht zu, dass seine menschlichen Eigenschaften zugrunde gehen. Ob die Prüfung von Gott in Gestalt einer Gabe oder eines Unglücks kommt, seine Geduld bleibt unerschüttert.
Die Aussage der Sure al-ʿAsr ist, dass der Mensch nur dann vor dem Verlust bewahrt werden kann, wenn er sowohl als Einzelner gläubig, rechtschaffen, dem Haqq verpflichtet und geduldig ist und durch diese Menschen eine Gesellschaft entsteht, in der jeder den anderen zu Haqq und Geduld ermahnt.
Dieses Mittel der moralischen Erziehung war ein so mächtiges Mittel, dass die polytheistischen Quraisch und die Kafir der Araber über keinerlei Gegenmittel dagegen verfügten. Ganz gleich, welche Vorwürfe diejenigen auch gegen den Propheten (s.a.w.) und den Islam erhoben – kein vernünftiger Mensch konnte glauben, dass eine moralische Lehre von solch hohem Rang von einem selbstsüchtigen Menschen, einem Verrückten oder einem Zauberer stammen könne. (147)
Sechster Abschnitt
Die Errichtung der weltweiten Umma des Islam
Ein bedeutender Grundsatz der islamischen Daʿwa war, dass die Menschen auf der ganzen Welt in Wirklichkeit eine einzige Menschheit bilden und als Menschen alle gleich sind. Die Unterschiede in ihrer von Allah geschaffenen Natur, ihrer Volkszugehörigkeit, Abstammung, Stammeszugehörigkeit, Sprache und ihrem Heimatland bestehen lediglich zur gegenseitigen Identifizierung, damit unter ihnen ein Geist der Zusammenarbeit entstehen kann. Diese Unterschiede sollen nicht dazu führen, dass Meinungsverschiedenheiten und Uneinigkeit entstehen, Feindschaft hervorgerufen wird, eine Gruppe die andere verachtet und für niedrig hält, sich selbst aber für vornehm und adlig hält, oder dass eine Gruppe entschlossen ist, die andere zu unterdrücken, auszuplündern und zu vernichten. Innerhalb des Rahmens dieser grundlegenden menschlichen Gleichheit kann nur eines auf rechtmäßige und gerechte Weise ein Anlass zur Unterscheidung zwischen den Menschen sein: eine gemeinsame Glaubensüberzeugung und Denkweise, auf deren Grundlage sie sich zusammenschließen. Und innerhalb dieser Umma kann zu Recht nur eines der Grund für Rang und Größe sein: die Taqwa, das heißt, Allah zu fürchten, sich von Ungehorsam gegenüber Ihm fernzuhalten und im Bewusstsein der Rechenschaft im Jenseits davon abzusehen, einen falschen Weg einzuschlagen.
Auf der Grundlage dieser Lehre oder Weltanschauung ließ der Islam unter den Menschen der Welt nur einen einzigen Unterschied bestehen: den Unterschied zwischen Iman und Kufr. Jeder, ganz gleich, welchem Land, Volk, Stamm, welcher Rasse oder Abstammung er angehört und welche Sprache er spricht, der Allahs Tauhid in der Weise annimmt, wie Muhammad (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) ihn verkündet hat, Muhammad (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) als den letzten Gesandten für die gesamte Menschheit, den Koran als Allahs letztes Buch und das Jenseits als Wahrheit anerkennt, ist ein Mumin, ein Bruder der Muʾminun, ein Mitglied der Gemeinschaft der Muʾminun und ein Angehöriger der muslimischen Umma; in der muslimischen Gesellschaft sind ihm in jeder Hinsicht alle Rechte gleichermaßen gewährleistet. Wer dagegen diesen Glauben nicht annimmt, ist ein Kafir. Ganz gleich, ob es der Vater, die Mutter, der Bruder, die Schwester, der Sohn, die Tochter, die Ehefrau oder der Ehemann eines Mumin ist: Weder die Zugehörigkeit zum selben Stamm, zum selben Heimatland noch zur selben Rasse verleiht ihm einen höheren Rang. Der Mumin kann die menschlichen Beziehungen zu ihm aufrechterhalten, doch in allen anderen Belangen wird dessen Gesellschaft von der muslimischen Gesellschaft getrennt sein. In weltlichen Angelegenheiten kann er zu ihm jene Beziehungen unterhalten, die zwischen Menschen natürlicherweise bestehen. Doch in religiösen Angelegenheiten darf er mit ihm weder Freundschaft noch Liebe verbinden, mit ihm keine gemeinsame Gemeinschaft und keine gemeinsame Gesellschaft bilden. Selbst wenn sein Vater ein Kafir ist, darf er für ihn nicht um Vergebung bitten. Wenn er wegen der Religion in einen Krieg gerät, wird der Bruder gegen den Bruder und der Vater gegen den Sohn kämpfen; er wird auch nicht zögern, ihn zu töten. Wenn das Land und das Volk dem Weg der Religion im Wege stehen, wird er Haus, Besitz, Volk und Land verlassen und die Hidschra vollziehen, aber die Religion nicht dem Land und dem Volk opfern.
Der Name dieser Umma war Umma Muslimah. Die Umma jedes Propheten war muslimisch, und auch diejenigen, die an Muhammad (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) glaubten, wurden so genannt. Dadurch stand sie jedem Menschen auf der Erde offen, ganz gleich, aus welchem Land er kam, ob aus dem Osten oder dem Westen, aus dem Norden oder dem Süden. Keine Volksgemeinschaft besaß ein Merkmal, das den anderen Volksgemeinschaften nicht ebenfalls offenstand. Ihre Grundlage war nicht eine zufällige Geburt, sondern der bewusste und verständige Glaube. Alle Menschen der Welt, die an diesem Glauben teilhaben konnten, konnten sich mit gleichen Rechten dieser Umma anschließen.
Danach war dies keine Umma, die sich damit begnügte, lediglich zu glauben und untätig sitzen zu bleiben. Vielmehr war sie eine Umma von Daʿis (Aufrufern) und Muballighs (Verkündern). Jeder Einzelne von ihnen war ein Aktivist dieser Bewegung. Ihr höchstes Anliegen war, die Wahrheit, die durch Allah und Seinen Gesandten zu ihm gelangt war, anderen weiterzugeben und so viele Menschen wie möglich vor der Irreführung in dieser Welt und vor Allahs Strafe im Jenseits zu bewahren.
Dies war eine Angelegenheit, die nicht nur die Quraisch, sondern alle Stämme Arabiens beunruhigte. Seit Jahrtausenden beruhte ihre gesamte Gesellschaftsordnung auf dem Stammeswesen. Dieses war ihr Schutz und ihre Stütze. Die Blutsverwandtschaft bildete die Grundlage ihrer Beziehungen sowie ihrer gegenseitigen Hilfe und Unterstützung. Auf ihr beruhten auch ihr Adel und ihr gesellschaftliches Ansehen. Jeder Stamm rühmte sich gegenüber den anderen Stämmen damit, dass seine Vorfahren in dieser oder jener Hinsicht Verdienste erworben hätten. Nun sahen sie, dass unter ihnen eine Daʿwa entstand, die das Stammeswesen an der Wurzel beseitigte, aus jedem Volk und jedem Stamm Menschen herauslöste und sie unter einem eigenen Namen zu einer dauerhaften Gemeinschaft vereinte – zu einer Gemeinschaft, die weder von Volk noch Stamm bestimmt wurde, sondern auf der Grundlage einer Glaubensüberzeugung ein weltweites Band der Brüderlichkeit und Freundschaft errichtete. Sie beendete alle alten Vorstellungen von Stolz und Adel und machte Vornehme und Nichtvornehme gleich. Sie erklärte den Unterschied zwischen Kufr und Iman zur Grundlage von Freundschaft und Feindschaft und trennte dadurch den Sohn vom Vater, den Bruder vom Bruder und den Ehemann von der Ehefrau. Da riss bei ihnen der Geduldsfaden. Diese gewaltige gesellschaftliche Revolution konnten sie nicht hinnehmen. Sie beschlossen, diese Bewegung bereits im Keim zu ersticken, damit aus ihr niemals Blüten und aus den Blüten keine Gärten entstehen könnten. Doch diejenigen, die über Verstand und Einsicht verfügten und deren Herzen nicht durch Aberglauben und Engstirnigkeit verschlossen waren, erkannten, dass dies genau das Heilmittel war, das die stammesbedingte Feindschaft, den Hass und die gegenseitige Abneigung beenden und ganz Arabien einigen konnte. Ja, dass es darüber hinaus die Völker der ganzen Welt an ein einziges Band zu binden vermochte.
Die volle Bedeutung dieses oben zusammengefassten Abschnitts der islamischen Daʿwa wird erst dann erkannt werden können, wenn die Menschen seine ausführliche Darstellung aus dem Koran kennenlernen. (148)
Der Name dieser Umma war Umma Muslimah. Die Umma jedes Propheten war muslimisch, und auch diejenigen, die an Muhammad (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) glaubten, wurden so genannt. Dadurch stand sie jedem Menschen auf der Erde offen, ganz gleich, aus welchem Land er kam, ob aus dem Osten oder dem Westen, aus dem Norden oder dem Süden. Keine Volksgemeinschaft besaß ein Merkmal, das den anderen Volksgemeinschaften nicht ebenfalls offenstand. Ihre Grundlage war nicht eine zufällige Geburt, sondern der bewusste und verständige Glaube. Alle Menschen der Welt, die an diesem Glauben teilhaben konnten, konnten sich mit gleichen Rechten dieser Umma anschließen.
Danach war dies keine Umma, die sich damit begnügte, lediglich zu glauben und untätig sitzen zu bleiben. Vielmehr war sie eine Umma von Daʿis (Aufrufern) und Muballighs (Verkündern). Jeder Einzelne von ihnen war ein Aktivist dieser Bewegung. Ihr höchstes Anliegen war, die Wahrheit, die durch Allah und Seinen Gesandten zu ihm gelangt war, anderen weiterzugeben und so viele Menschen wie möglich vor der Irreführung in dieser Welt und vor Allahs Strafe im Jenseits zu bewahren.
Dies war eine Angelegenheit, die nicht nur die Quraisch, sondern alle Stämme Arabiens in Unruhe versetzte. Seit Jahrtausenden beruhte ihre gesamte Gesellschaftsordnung auf dem Stammeswesen. Der Stamm war dasjenige, dem sie angehörten und auf dessen Grundlage ihre Gesellschaft bestand. Er war ihr Schutzherr. Die Blutsverwandtschaft bildete die Grundlage ihrer Beziehungen sowie ihrer gegenseitigen Hilfe und Unterstützung. Darauf beruhten auch ihr Adel und ihr Ansehen. Jeder Stamm rühmte sich gegenüber den anderen Stämmen damit, dass seine Vorfahren in diesem oder jenem Bereich Beiträge geleistet hätten. Nun sahen sie, dass unter ihnen eine Daʿwa aufkam, die das Stammeswesen an der Wurzel beseitigte, aus jeder Gruppe und jedem Stamm Menschen herauslöste und aus ihnen unter einem eigenen Namen eine dauerhafte Gemeinschaft bildete – Menschen, die weder eine Volkszugehörigkeit noch einen Stamm anerkannten, sondern auf der Grundlage eines Glaubens universelle Brüderlichkeit und Freundschaft errichteten. Sie beendete alle alten Vorstellungen von Stolz und Adel, stellte Vornehme und Nichtvornehme gleich und machte den Unterschied zwischen Kufr und Īmān zur Grundlage von Freundschaft und Feindschaft, sodass sie den Sohn vom Vater, den Bruder vom Bruder und den Ehemann von der Ehefrau trennte. Da brach der Damm ihrer Geduld. Sie konnten diese gewaltige gesellschaftliche Revolution nicht hinnehmen. Sie beschlossen, diese Pflanze bereits im Keim zu vernichten, damit daraus niemals Blüten und aus den Blüten ein blühender Garten entstehen könnten. Doch diejenigen, die über etwas Verstand und Einsicht verfügten und deren Herzen nicht durch Aberglauben und Engstirnigkeit verschlossen waren, erkannten, dass dies genau jenes Heilmittel war, das die stammesbedingte Feindschaft, den Hass und die Abneigung beenden und ganz Arabien einigen konnte. Danach konnte es, über Arabien hinaus, die Völker der ganzen Welt an dasselbe Band binden.
Die vollständige Bedeutung der oben dargelegten Zusammenfassung dieses Abschnitts der islamischen Daʿwa wird erst dann erkannt werden können, wenn die Menschen ihre ausführliche Darstellung aus dem Qur’an kennenlernen. (148)
Alle Menschen sind ihrem grundlegenden Wesen nach gleich, und das einzige Maß ihrer Vorzüglichkeit ist die Taqwa
Die erste zentrale Aussage, die der Qur’an in diesem Zusammenhang darlegte, war, dass die gesamte Menschheit die Kinder eines einzigen Vaters und einer einzigen Mutter ist und daher alle Menschen ihrem grundlegenden Wesen nach gleich sind.
يَا أَيُّهَا النَّاسُ اتَّقُوا رَبَّكُمُ الَّذِي خَلَقَكُمْ مِنْ نَفْسٍ وَاحِدَةٍ وَخَلَقَ مِنْهَا زَوْجَهَا وَبَثَّ مِنْهُمَا رِجَالًا كَثِيرًا وَنِسَاءً – (النساء 1)
– O ihr Menschen! Fürchtet euren Herrn, der euch aus einem einzigen Menschen erschaffen und aus ihm seine Gattin erschaffen hat und aus diesen beiden viele Männer und Frauen (auf der Erde) verbreitet hat. (An-Nisāʾ 1)
Die zweite wichtige zentrale Aussage, die der Qur’an vorlegte, war, dass die Vielfalt an Völkern und Stämmen innerhalb der Einheit der Menschheit allein zum Zweck der gegenseitigen Erkennung geschaffen wurde. Das Maß ihrer Vorzüglichkeit sind weder Abstammung, Hautfarbe, Sprache noch Heimatland, sondern die ethische Eigenschaft der Taqwa.
يَا أَيُّهَا النَّاسُ إِنَّا خَلَقْنَاكُمْ مِنْ ذَكَرٍ وَأُنْثَى وَجَعَلْنَاكُمْ شُعُوبًا وَقَبَائِلَ لِتَعَارَفُوا إِنَّ أَكْرَمَكُمْ عِنْدَ اللَّهِ أَتْقَاكُمْ –( الحجرات– 13)
– O ihr Menschen! Wir haben euch aus einem Mann und einer Frau erschaffen. Dann haben Wir euch zu Völkern und Stämmen gemacht, damit ihr einander kennenlernt. Wahrlich, bei Allah ist unter euch derjenige am angesehensten, der unter euch am gottesfürchtigsten ist, das heißt, der sich am meisten davor schützt, Allah ungehorsam zu sein.
In diesem Vers wird die gesamte Menschheit angesprochen und jene gewaltige Verirrung aufgezeigt, die seit jeher die Ursache weltweiter Unruhe und Verderbnis ist: der Fanatismus hinsichtlich Abstammung, Hautfarbe, Sprache, Heimat und Nationalität. Von den frühesten Zeiten bis heute haben die Menschen in jeder Epoche gewöhnlich, ohne die Menschheit als Ganzes zu berücksichtigen, um sich herum kleine Kreise errichtet. Die in ihnen Geborenen betrachteten sie als die Eigenen und alle außerhalb dieser Kreise Geborenen als Fremde. Diese Kreise wurden nicht auf einer geistigen oder sittlichen Grundlage errichtet, sondern auf der Grundlage eines zufälligen Geburtsumstands. Manchmal bestand ihre Grundlage darin, in eine bestimmte Familie, einen Stamm oder ein Volk mit einer bestimmten Sprache hineingeboren zu sein. Der Unterschied zwischen Eigenen und Fremden, der auf diesen Grundlagen errichtet wurde, beschränkte sich nicht darauf, dass man den als eigenen Betrachteten mehr Liebe als den anderen entgegenbrachte und ihm mehr Hilfe und Unterstützung gewährte. Vielmehr nahm dieser Unterschied die schlimmsten Formen von Hass, Feindschaft, Verachtung, Unterdrückung und Ausbeutung an. Dafür wurden Philosophien entwickelt, Religionen erfunden und sittliche Grundsätze formuliert; Völker und Staaten machten dies zu ihrer dauerhaften Ideologie und setzten es jahrhundertelang in die Praxis um. Auf dieser Grundlage betrachteten die Juden die Kinder Israels als Allahs bevorzugte Geschöpfe, ja sogar als Allahs Söhne, und setzten in ihren religiösen Vorschriften die Rechte und die Stellung derjenigen, die keine Kinder Israels waren, sogar auf eine niedrigere Stufe als die der Israeliten. Bei den Hindus brachte dieser Unterschied das Kastensystem hervor, durch das die Überlegenheit der Brahmanen begründet wurde. Gegenüber der Oberschicht wurden alle anderen Menschen als niedrig und unrein betrachtet. Die Shudras wurden geradezu in den Abgrund von Erniedrigung und Schande gestoßen. Für die Unterdrückung der Schwarzen in Afrika und Amerika, die aus dem Unterschied zwischen Schwarz und Weiß hervorging, braucht man nicht erst die Seiten der Geschichte zu durchsuchen. Auch im zwanzigsten Jahrhundert kann jeder sie mit eigenen Augen sehen. Das Verhalten der Europäer gegenüber den amerikanischen Ureinwohnern nach ihrem Eindringen in den amerikanischen Kontinent sowie ihr Verhalten gegenüber den schwachen Völkern, nachdem sie in Asien und Afrika ihre Herrschaft über sie errichtet hatten, beruhte im Innersten auf der Vorstellung, dass das Leben, der Besitz, die Ehre und die Würde der außerhalb der Grenzen des eigenen Landes und Volkes Geborenen ihnen rechtmäßig zur Verfügung stünden. Sie glaubten, das Recht zu haben, sie zu berauben und zu versklaven, ja, wenn nötig, sie sogar vom Antlitz der Erde zu tilgen. Die Vergötzung der Nation durch die westlichen Völker, die ein Volk für andere Völker zu einem wilden Tier gemacht hat, zeigte ihre schlimmsten Auswirkungen in den Kriegen der jüngsten Vergangenheit und zeigt sie noch heute. Besonders wenn man die Rassenideologie Nazideutschlands und die Grausamkeit betrachtet, die die Vorstellung von der Überlegenheit der Nazirasse im vergangenen Weltkrieg hervorbrachte, lässt sich leicht ermessen, wie gefährlich und zerstörerisch jene Verirrung war, zu deren Beseitigung und Korrektur dieser Vers des edlen Qur’an herabgesandt wurde.
In diesem kurzen Vers hat Allah, der Erhabene, drei äußerst wichtige Tatsachen dargelegt, indem Er die gesamte Menschheit anspricht.
Erstens: Ihr seid alle im Ursprung eins. Eure gesamte Menschheit ist aus demselben Mann und derselben Frau hervorgegangen. Alle Abstammungslinien, die heute auf der Welt bestehen, sind in Wirklichkeit Zweige und Äste derselben ursprünglichen Abstammung, die mit demselben Vater und derselben Mutter begann. In dieser Abstammung gibt es keinerlei Grundlage für jenen Unterschied sowie jene Einteilung in Höher- und Minderwertige, deren falscher Vorstellung ihr anhängt. Derselbe Allah ist euer Schöpfer. Es ist nicht so, dass verschiedene Götter verschiedene Menschen erschaffen hätten. Alle sind aus derselben Materie und denselben Bestandteilen hervorgegangen und nicht etwa einige aus reinen und andere aus unreinen und minderwertigen Stoffen, aus denen die Bewohner verschiedener Regionen der Welt jeweils getrennt voneinander entstanden wären.
Zweitens: Obwohl ihr im Ursprung eins seid, ist es natürlich, dass ihr in Völker und Stämme aufgeteilt seid. Es ist offensichtlich, dass nicht alle Menschen auf der ganzen Welt eine einzige Familie sein können. Mit der Vermehrung der Nachkommenschaft war die Entstehung unzähliger Familien unvermeidlich; ebenso war es natürlich und unvermeidlich, dass aus den Familien Stämme und Völker hervorgingen. Nachdem sich die Menschen in verschiedenen Regionen der Erde niedergelassen hatten, mussten sich Hautfarbe, Körpergestalt, Sprache und Lebensweise zwangsläufig unterscheiden. Ebenso war es natürlich, dass die Bewohner derselben Region einander näherstanden und die Bewohner entfernter Regionen einander ferner waren. Doch diese natürlichen Unterschiede und Verschiedenheiten verlangten keineswegs, dass man auf ihrer Grundlage einen Unterschied zwischen Hoch- und Niedriggestellten, Vornehmen und Unvornehmen oder Minderwertigen und Höherstehenden errichtete. Dass eine Abstammung ihre Überlegenheit gegenüber einer anderen zur Schau stellte, dass die Angehörigen einer Hautfarbe die Angehörigen einer anderen Hautfarbe verachteten, dass ein Volk seine Überlegenheit und Herrschaft über ein anderes Volk errichtete und dass eine Gruppe bei den Menschenrechten gegenüber einer anderen bevorzugt wurde.
Der Grund, aus dem der Schöpfer die menschlichen Gruppen in der Gestalt von Völkern und Stämmen geordnet hatte, bestand einzig darin, dass dies der natürliche Weg zu gegenseitigem Kennenlernen sowie zu gegenseitiger Hilfe und Unterstützung war. Auf diese Weise konnten die Angehörigen einer Familie, einer Verwandtschaftsgruppe, eines Stammes und eines Volkes gemeinsam eine umfassende Gesellschaftsordnung bilden und einander bei den Angelegenheiten des Lebens beistehen. Doch es war eine rein satanische Unwissenheit, dass das, was Allah, der Erhabene, durch die natürliche Form gegenseitiger Kenntnis geschaffen hatte, durch Stolz, Hochmut und Hass entstellt und schließlich in Unterdrückung und Grausamkeit verwandelt wurde.
Drittens: Wenn es zwischen den Menschen überhaupt eine Grundlage für Überlegenheit gibt und geben kann, dann ist es allein die sittliche Überlegenheit. Hinsichtlich ihrer Geburt sind alle Menschen gleich, denn ihr Schöpfer ist einer. Ihr Ursprung und ihre Erschaffung sind gleich, und die Abstammungslinie aller reicht bis zu derselben Mutter und demselben Vater zurück. Außerdem ist es ein Zufall, dass ein Mensch in einem bestimmten Land oder unter einem bestimmten Volk geboren wird. Sein eigener Wille, seine Wahl und sein Bemühen haben darauf keinerlei Einfluss. Es gibt keinen gerechten Grund dafür, dass jemand in dieser Hinsicht einen höheren Rang als ein anderer erlangt. Der wahre Grund, aus dem ein Mensch einem anderen überlegen sein kann, besteht darin, dass er Allah mehr fürchtet als die anderen, sich von Sünden fernhält und den Weg der guten Taten und der Reinheit beschreitet. Ein solcher Mensch ist, ganz gleich, welcher Abstammung, welchem Volk oder welchem Land er angehört, aufgrund seiner persönlichen Eigenschaften der Achtung würdig. Wer das Gegenteil verkörpert, ist hingegen ein Mensch von niedrigem Rang, sei er schwarz oder weiß, aus dem Osten oder aus dem Westen.
Diese Tatsachen, die in einem kurzen Vers des Qur’an dargelegt wurden, erläuterte der Gesandte Allahs in seinen verschiedenen Ansprachen ausführlich. In der Ansprache, die er nach dem Umlauf um die Kaaba anlässlich der Eroberung von Mekka hielt, sagte er:
(Arabisch*******************)
Lob gebührt jenem Gott, der die Fehler und Mängel der Dschāhilīya sowie ihren Hochmut und ihre Überheblichkeit von euch beseitigt hat. O ihr Menschen! Alle Menschen lassen sich lediglich in zwei Gruppen einteilen. Die eine: der Rechtschaffene und Gottesfürchtige, der in den Augen Allahs geehrt ist. Die zweite: der Sünder und Unglückselige, der in den Augen Allahs verachtet ist. Im Übrigen ist die gesamte Menschheit die Nachkommenschaft Adams. Und Allah hat Adam aus Lehm erschaffen.
Während der Abschiedswallfahrt sagte der Prophet (s.) in einer Ansprache in der Mitte der Ayyām at-Taschrīq:
(Arabisch******************)
„O ihr Menschen! Seid gewarnt. Euer aller Gott ist einer. Kein Araber hat irgendeinen Vorrang vor einem Nichtaraber, kein Nichtaraber vor einem Araber, kein Weißer vor einem Schwarzen und kein Schwarzer vor einem Weißen, und kein Schwarzer vor einem Weißen – außer aufgrund der Taqwa. Der bei Allah angesehenste unter euch ist derjenige, der unter euch am gottesfürchtigsten ist. Sagt: Habe ich euch meine Botschaft übermittelt?“ Die versammelte Menge sagte: „Ja, o Gesandter Allahs (s.).“ Er sagte: „Gut, dann sollen diejenigen, die anwesend sind, diese Botschaft denjenigen übermitteln, die abwesend sind.“
In einem Hadith sagte er:
(Arabisch***************)
„Ihr alle seid Kinder Adams. Und Adam wurde aus Lehm erschaffen. Die Menschen sollen aufhören, sich ihrer Vorfahren zu rühmen. Andernfalls werden sie in den Augen Allahs noch verachtenswerter sein als das geringste Insekt.“
Er sagte ferner:
(Arabisch************)
Allah wird euch am Tag der Auferstehung nicht nach eurer Abstammung fragen. Derjenige unter euch, der bei Allah am geehrtesten ist, ist derjenige, der unter euch am gottesfürchtigsten ist.
Er sagte ferner:(Arabisch****************)
Allah betrachtet weder eure Gesichtszüge noch euren Reichtum. Er betrachtet eure Herzen und eure Taten.
Diese Lehren waren nicht nur auf Worte beschränkt. Vielmehr hat der Islam entsprechend eine weltumspannende Bruderschaft unter den Gläubigen errichtet und in der Praxis gezeigt, in der es keinen Unterschied hinsichtlich Hautfarbe, Abstammung, Sprache, Land oder Nationalität gibt. In ihr gibt es keine Vorstellungen von höher und niedriger, von Unberührbarkeit, von Diskriminierung, Ungleichheit oder Engstirnigkeit. Jeder Mensch, der sich ihr anschließen möchte, kann und konnte dies mit völlig gleichen Rechten tun, ganz gleich, welcher Abstammung, welchem Volk oder welchem Land er angehört. Selbst die Gegner des Islam mussten anerkennen, dass die Prinzipien menschlicher Gleichheit und Einheit mit einem solchen Erfolg in der muslimischen Gesellschaft verwirklicht worden sind, dass sich dafür in keiner Religion und in keinem System der Welt ein Beispiel findet. Und auch früher hat es ein solches Beispiel nie gegeben. Nur der Islam ist jene Religion oder Lebensordnung, die unzählige, über die ganze Welt verstreute Stämme und Völker vereint und sie auf der Grundlage einer einzigen Glaubensüberzeugung zu einer Umma gemacht hat. (149)
Diese ewige Ordnung wird auch im Jenseits wirksam sein.
Nachdem der Koran weiter vorangeschritten ist, macht er den Menschen mit der Tatsache vertraut, dass diese Ordnung und Methode der Trennung und Vereinigung auf der Grundlage von Glaubensüberzeugung und Taten anstelle von Abstammung, Volk und Land auch im zweiten Leben des Jenseits nach dem Ende dieser gegenwärtigen Welt auf dieselbe Weise wirksam sein wird. Alle Gruppen, die in dieser Welt auf anderen Grundlagen bestehen, werden auseinandergerissen werden.
وَيَوْمَ تَقُومُ السَّاعَةُ يَوْمَئِذٍ يَتَفَرَّقُونَ-( الروم-14)
-An dem Tag, an dem die Stunde eintritt, werden alle Menschen an jenem Tag in verschiedene Gruppen aufgeteilt sein. (Rūm: 14)
Alle Gruppen und Völker der Welt, die auf der Grundlage von Nation, Abstammung, Heimat, Sprache, Stamm, Verwandtschaft sowie politischen und wirtschaftlichen Interessen gebildet wurden, werden an jenem Tag zerfallen, und auf der Grundlage reiner Glaubensüberzeugung, charakterlicher Eigenschaften sowie des Verhaltens und der Lebensweise wird eine neue, zweite Einteilung in Gruppen erfolgen. Einerseits werden aus den früheren und späteren Völkern der Menschheit die gläubigen und rechtschaffenen Menschen ausgesondert und ausgewählt, und sie werden eine Gruppe bilden. Andererseits werden Anhänger verschiedenartiger irrender Lehren und Überzeugungen sowie Täter verschiedener Arten von Unrecht und Verbrechen aus jenem gewaltigen Menschenmeer ausgewählt und ausgesondert, und sie werden jeweils eigene Gruppen bilden. Mit anderen Worten: Das, was der Islam in dieser Welt als die eigentliche Grundlage der Trennung und der Vereinigung betrachtet und dessen Anerkennung die Götzendiener der Unwissenheit in dieser Welt ablehnen, wird im Jenseits eben jene Grundlage sein, auf der die Menschen sowohl getrennt als auch vereinigt werden. Der Islam lehrt, dass die eigentliche Sache, die Menschen voneinander trennt und miteinander verbindet, Glaubensüberzeugung und Charakter sind. Diejenigen, die glauben und ihre Lebensordnung auf der Rechtleitung Gottes begründen, bilden eine Umma, ganz gleich, aus welchem Gebiet der Welt sie stammen. Diejenigen hingegen, die den Weg des Unglaubens und der Sünde einschlagen, bilden eine andere Umma, ganz gleich, welchem Land oder welcher Abstammung sie angehören. Ihre Nationalität kann nicht dieselbe sein. Sie können weder in dieser Welt gemeinsam einen universalen Lebensweg bilden und ihn gemeinsam beschreiten, noch kann ihr Schicksal im Jenseits dasselbe sein. Von dieser Welt bis zum Jenseits sind ihr Weg und ihr Ziel voneinander verschieden. Die Götzendiener der Unwissenheit haben dies zu allen Zeiten nachdrücklich verkündet und halten bis heute daran fest, dass die Gruppenbildung auf der Grundlage von Abstammung, Land und Sprache erfolgen müsse. Diejenigen, die hinsichtlich dieser Grundlagen gleich seien, sollten ungeachtet ihrer Religion und Glaubensüberzeugung eine Nation bilden und sich im Kampf gegen andere derartige Nationen zusammenschließen. Diese Nationalität solle eine solche Lebensordnung besitzen, in der die Anhänger des Monotheismus, des Polytheismus und des Atheismus gemeinsam leben könnten. Diese Vorstellung hatten Abū Dschahl, Abū Lahab und die maßgeblichen Quraisch. Sie erhoben wiederholt gegen Muhammad (Friede sei mit ihm) den Vorwurf: Durch das Erscheinen dieses Mannes sei in unserer Nation Zwietracht entstanden. Gegen diese Vorstellung warnt der Koran hier und sagt, dass all diese Gruppierungen von euch, die ihr auf den in dieser Welt vorgefundenen Grundlagen errichtet habt, schließlich zerfallen werden. Eine dauerhafte Trennung innerhalb der Menschheit wird auf der Grundlage von Glaubensüberzeugung, Weltanschauung, Charakter sowie Verhalten und Lebensweise bestehen – eben auf jener Grundlage, die der Islam in diesem weltlichen Leben verwirklichen will. Wie können diejenigen, deren Ziel nicht dasselbe ist, denselben Lebensweg haben? (150)
Die muslimische Umma
Nachdem der Islam, wie oben beschrieben, alle Menschen als eine Einheit betrachtet hat, erklärt er unter ihnen nur die Taqwa zum Unterscheidungsmerkmal. Aus islamischer Sicht bedeutet Taqwa, die in Gottes Offenbarung und den darin überlieferten Glaubensüberzeugungen und Anweisungen enthaltenen Gebote Gottes, Seines Gesandten und Seiner Schrift zu befolgen. Zugleich bedeutet es, im Bewusstsein der Rechenschaft im Jenseits sündiges Verhalten zu meiden und sich ein Verhalten des Gehorsams gegenüber den Geboten anzueignen. Deshalb teilt der Islam die gesamte Menschheit in zwei Teile: Erstens diejenigen, die glauben, und zweitens diejenigen, die nicht glauben. Die Gläubigen macht er zu einer Umma und nennt sie die muslimische Umma, der alle Gläubigen der Welt angehören können. Dies ist kein neuer Name, den nur Muhammad (Friede sei mit ihm) denjenigen gegeben hätte, die an ihn glauben. Vielmehr hat Gott seit den frühesten Zeiten allen Ummen der Propheten eben diesen Namen gegeben.
هُوَ سَمَّاكُمُ الْمُسْلِمِينَ مِنْ قَبْلُ وَفِي هَذَا-( الحج-78)
-Gott hat euch schon zuvor und auch in diesem Koran Muslime genannt. (Haddsch: 28)
Die Anrede „euch“ richtete sich nicht ausschließlich an jene Gläubigen, die zur Zeit der Offenbarung dieses Verses existierten oder später in die Reihen der Gläubigen aufgenommen wurden. Vielmehr sind mit der zweiten Person der Anrede all jene Menschen gemeint, die seit dem Beginn der Menschheitsgeschichte an den Monotheismus, das Jenseits, die Gesandtschaft und die himmlischen Schriften geglaubt haben. Zusammengefasst bedeutet dies: Diejenigen, die dieser wahren Religion anhingen, wurden in der Vergangenheit nicht etwa als Nūhiten, Ibrāhīmisten, Mūsāisten und dergleichen bezeichnet; vielmehr lautete ihr Name Muslime, also Gott Ergebene. Auch heute sind sie keine Muhammadianer, sondern Muslime. Weil die Menschen dies nicht verstehen, ist für sie die Frage zu einem Rätsel geworden, in welchem Buch vor dem Koran die Bezeichnung für die Anhänger Muhammads (Friede sei mit ihm) festgelegt worden sei. Es ist nicht erforderlich, dass dieses arabische Wort „Muslim“ in jeder Sprache verwendet wurde. Doch wie auch immer diejenigen, die den Propheten folgten, in einer bestimmten Sprache genannt wurden: Diese Bezeichnung war in ihrer Bedeutung gleichbedeutend mit „Muslim“. (151)
Die Universalität und Zeitlosigkeit der muslimischen Umma
الَّذِينَ آتَيْنَاهُمُ الْكِتَابَ مِنْ قَبْلِهِ هُمْ بِهِ يُؤْمِنُونَ – وَإِذَا يُتْلَى عَلَيْهِمْ قَالُوا آمَنَّا بِهِ إِنَّهُ الْحَقُّ مِنْ رَبِّنَا إِنَّا كُنَّا مِنْ قَبْلِهِ مُسْلِمِينَ-( القصص-52-53)
Diejenigen, denen Wir bereits zuvor die Schrift gegeben hatten, glauben an ihn. Und wenn er ihnen vorgetragen wird, sagen sie: »Wir glauben an ihn. Dies ist wahrhaftig die Wahrheit von unserem Herrn. Wir waren schon zuvor Muslime.« (Al-Qasas: 52–53)
Das heißt: Auch zuvor glaubten wir an die Propheten und die himmlischen Schriften; deshalb hatten wir auch damals außer dem Islam keine andere Religion. Dann haben wir auch den Propheten angenommen, der nun mit einer Schrift von Allah gekommen ist. Somit hat sich unsere Religion in Wirklichkeit nicht verändert. Vielmehr waren wir, wie wir anfangs Muslime waren, auch weiterhin Muslime.
Die im Koran überlieferte Aussage der gläubig gewordenen Leute der Schrift legt unmissverständlich dar, dass Islam nicht nur der Name jener Religion ist, die der Prophet Muhammad (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) gebracht hat, und dass die Bezeichnung Muslim nicht bloß auf die Anhänger des ehrwürdigen Propheten (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) beschränkt ist. Vielmehr war die Religion aller Propheten zu allen Zeiten eben dieser Islam, und ihre Anhänger waren zu allen Zeiten Muslime. Diese Muslime wurden nur dann zu Ungläubigen, wenn sie sich zu der Zeit, als später ein wahrer Prophet kam, weigerten, an ihn zu glauben. Diejenigen jedoch, die zunächst an einen Propheten glaubten und anschließend an den später gekommenen Propheten glaubten, erlitten keinen Bruch in ihrem Islam: Wie sie zuvor Muslime gewesen waren, so blieben sie es auch danach.
Es ist erstaunlich, dass selbst einige große Gelehrte diese Tatsache nicht erkennen konnten. Selbst nachdem sie diesen eindeutigen Vers gesehen hatten, waren sie noch nicht zufrieden. Allama Suyuti verfasste zu diesem Thema eine ausführliche Abhandlung. Er sagt, die Bezeichnung Muslim sei ausschließlich für die Umma Muhammads (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) bestimmt. Als dieser Vers ihm dann vorgelegt wurde, sagte er selbst: »Meine Beweisführung ist zu Ende.« Doch er sagt, er habe Allah erneut darum gebeten, ihm in dieser Angelegenheit eine Öffnung des Herzens zu gewähren. Schließlich blieb er, statt seine Auffassung zu ändern, bei ihr und legte diesen Vers auf verschiedene Arten aus, von denen jede belangloser ist als die vorherige. Eine seiner Auslegungen lautet beispielsweise:ان كنا من قبله مسلمينDas bedeutet: Wir hatten bereits vor dem Kommen des Korans den Vorsatz gefasst, Muslime zu werden. Denn aus unserer Schrift hatten wir von seinem Kommen erfahren, und wir hatten auch den Wunsch, den Islam anzunehmen, sobald er kommen würde.
Seine zweite Auslegung lautet, dass in diesem Satzمسلمينdanachبهdas Wort ausgelassen ist. Das heißt: Wir glaubten von Anfang an an den Koran, weil wir hoffnungsvoll auf sein Kommen gewartet und schon im Voraus an ihn geglaubt hatten. Deshalb waren wir nicht aufgrund unseres Glaubens an die Tora und das Evangelium Muslime, sondern aufgrund dessen, dass wir bereits vor seiner Offenbarung an den Koran glaubten.
Seine dritte Auslegung lautete, dass von Anfang an in unserem Schicksal geschrieben stand, wir würden nach dem Kommen Muhammads (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) und des Korans den Islam annehmen. Deshalb waren wir eigentlich schon von Anfang an Muslime. Keine dieser Auslegungen lässt erkennen, dass die von Allah gewährte Öffnung des Herzens irgendeinen Einfluss auf ihn gehabt hätte.
Die Sache ist, dass im Koran nicht nur an dieser einen Stelle, sondern an vielen Stellen diese grundlegende Wahrheit dargelegt wird: In Wahrheit gibt es nur den Islam (die Unterwerfung unter Allah). Und im von Allah geschaffenen Reich kann es für Allahs Diener außer diesem keine andere Religion geben. Jeder Prophet, der seit dem Beginn der Menschheit zur Rechtleitung der Menschen entsandt wurde, kam mit dieser Religion. Und die Propheten (a.) waren stets selbst Muslime. Sie haben ihre Anhänger stets dazu angehalten, Muslime zu bleiben. Jene ihrer Anhänger, die ihr Haupt vor Allahs Gebot beugten, das durch die Prophetenschaft verkündet worden war, waren in allen Zeitaltern Muslime. Einige Beispiele hierzu werden im Folgenden angeführt:
إِنَّ الدِّينَ عِنْدَ اللَّهِ الْإِسْلَامُ-( آل عمران-19)
-In Wahrheit ist die Religion bei Allah einzig der Islam.
وَمَنْ يَبْتَغِ غَيْرَ الْإِسْلَامِ دِينًا فَلَنْ يُقْبَلَ مِنْهُ-( آل عمران-85)
-Und wer eine andere Religion als den Islam sucht, von dem wird sie niemals angenommen werden. (Āl ʿImrān: 85)
Hazrat Nūḥ (a.) sagt:
إِنْ أَجْرِيَ إِلَّا عَلَى اللَّهِ وَأُمِرْتُ أَنْ أَكُونَ مِنَ الْمُسْلِمِينَ-( يونس-72)
-Mein Lohn obliegt allein Allah. Und mir wurde befohlen, zu den Muslimen zu gehören. (Yūnus: 72)
Über Hadhrat Ibrahim (a.) und seine Nachkommen wird gesagt:
إِذْ قَالَ لَهُ رَبُّهُ أَسْلِمْ قَالَ أَسْلَمْتُ لِرَبِّ الْعَالَمِينَ – وَوَصَّى بِهَا إِبْرَاهِيمُ بَنِيهِ وَيَعْقُوبُ يَا بَنِيَّ إِنَّ اللَّهَ اصْطَفَى لَكُمُ الدِّينَ فَلَا تَمُوتُنَّ إِلَّا وَأَنْتُمْ مُسْلِمُونَ – أَمْ كُنْتُمْ شُهَدَاءَ إِذْ حَضَرَ يَعْقُوبَ الْمَوْتُ إِذْ قَالَ لِبَنِيهِ مَا تَعْبُدُونَ مِنْ بَعْدِي قَالُوا نَعْبُدُ إِلَهَكَ وَإِلَهَ آبَائِكَ إِبْرَاهِيمَ وَإِسْمَاعِيلَ وَإِسْحَاقَ إِلَهًا وَاحِدًا وَنَحْنُ لَهُ مُسْلِمُونَ-( البقرة–131–133)
–Als sein Herr zu ihm sagte: „Werde Muslim“, sagte er: „Ich bin Muslim (Allah ergeben) gegenüber dem Herrn der Welten geworden.“ Und Ibrahim (a.) hinterließ seinen Söhnen dies als Vermächtnis, ebenso Yaqub (a.): „O meine Söhne! Allah hat für euch diese Religion erwählt. So soll euch der Tod nicht ereilen, außer in einem Zustand, in dem ihr Muslime seid.“
(O Juden,) wart ihr etwa anwesend, als Yaqub der Tod nahte? Als er seine Söhne fragte: „Wem werdet ihr nach mir dienen?“ Sie antworteten: „Wir werden deinem Gott und dem Gott deiner Vorväter Ibrahim, Ismail und Ishaq dienen, Ihn als einen einzigen Gott anerkennen, und wir sind Ihm ergeben.“ (Al-Baqara: 131–133)
مَا كَانَ إِبْرَاهِيمُ يَهُودِيًّا وَلَا نَصْرَانِيًّا وَلَكِنْ كَانَ حَنِيفًا مُسْلِمًا-( آل عمران–67)
–Ibrahim war weder Jude noch Nazarener, sondern ein aufrichtig ergebener Muslim. (Āl ʿImrān: 67)
Hadhrat Ibrahim (a.) und Hadhrat Ismail (a.) beten selbst:
رَبَّنَا وَاجْعَلْنَا مُسْلِمَيْنِ لَكَ وَمِنْ ذُرِّيَّتِنَا أُمَّةً مُسْلِمَةً لَكَ-( البقرة–128)
– O unser Herr! Mache uns zu Muslimen und erwecke aus unserer Nachkommenschaft eine Umma, die Dir ergeben ist. (Al-Baqara: 128)
In der Geschichte des Propheten Lot (a.s.) heißt es:
فَمَا وَجَدْنَا فِيهَا غَيْرَ بَيْتٍ مِنَ الْمُسْلِمِينَ-(الذاريات–36)
– Wir fanden in der Stadt des Volkes Lots kein einziges Haus von Muslimen außer einem Haus (dem Haus des Propheten Lot selbst). (Adh-Dhariyat: 36)
Der Prophet Yusuf betet zu Gott:
تَوَفَّنِي مُسْلِمًا وَأَلْحِقْنِي بِالصَّالِحِينَ-(يوسف–101)
– Lass mich als Muslim sterben und reihe mich unter die Rechtschaffenen ein. (Yusuf: 101)
Der Prophet Musa (a.s.) sagt zu seinem Volk:
يَا قَوْمِ إِنْ كُنْتُمْ آمَنْتُمْ بِاللَّهِ فَعَلَيْهِ تَوَكَّلُوا إِنْ كُنْتُمْ مُسْلِمِينَ-(يونس-84)
-O Angehörige meines Volkes! Wenn ihr an Allah glaubt, dann vertraut auf Ihn, wenn ihr Muslime seid. (Yunus: 84)
Die wahre Religion der Kinder Israels war nicht das Judentum, sondern der Islam. Freunde und Feinde wussten dies allesamt. Als der Pharao im Meer ertrank, waren seine letzten Worte folgende:
آمَنْتُ أَنَّهُ لَا إِلَهَ إِلَّا الَّذِي آمَنَتْ بِهِ بَنُو إِسْرَائِيلَ وَأَنَا مِنَ الْمُسْلِمِينَ-( يونس-90)
-Ich erkenne an, dass es keine Gottheit außer Dem gibt, an Den die Kinder Israels geglaubt haben, und dass ich zu den Muslimen gehöre. (Yunus: 90)
Auch die Religion aller Propheten der Kinder Israels war dieser Islam.
إِنَّا أَنْزَلْنَا التَّوْرَاةَ فِيهَا هُدًى وَنُورٌ يَحْكُمُ بِهَا النَّبِيُّونَ الَّذِينَ أَسْلَمُوا لِلَّذِينَ هَادُوا-( المائدة-44)
-Wir haben die Tora hinabgesandt, in der Rechtleitung und Licht sind. Nach ihr urteilte der Prophet, der Muslim war, über die Angelegenheiten derjenigen, die Juden geworden waren. (Al-Ma’ida: 44)
Dies war die Religion Salomos (a.s.). Als die Königin von Saba an ihn glaubte, sagte sie:
أَسْلَمْتُ مَعَ سُلَيْمَانَ لِلَّهِ رَبِّ الْعَالَمِينَ-( النمل-44)
-Ich habe mich gemeinsam mit Salomo Allah, dem Herrn der Welten, ergeben. (an-Naml: 44)
Dies war die Religion des ehrwürdigen Jesus (a.s.) und seiner Jünger:
وَإِذْ أَوْحَيْتُ إِلَى الْحَوَارِيِّينَ أَنْ آمِنُوا بِي وَبِرَسُولِي قَالُوا آمَنَّا وَاشْهَدْ بِأَنَّنَا مُسْلِمُونَ-( المائدة-111)
-Als Ich den Jüngern offenbarte: „Glaubt an Mich und an Meinen Gesandten“, sagten sie: „Wir glauben, und sei Zeuge, dass wir Muslime sind.“ (al-Māʾida: 111)
Wenn jemand in dieser Angelegenheit aufgrund der Annahme Zweifel hegt, wie die arabischen Wörter Islam und Muslim in verschiedenen Ländern und Sprachen verwendet werden konnten, so ist dies eine offensichtlich unwissende Aussage. Denn entscheidend sind nicht diese arabischen Wörter, sondern jene Bedeutung, für die diese Wörter im Arabischen verwendet wurden. Tatsächlich wird in diesen Versen gesagt, dass die von Gott gesandte wahre Religion weder das Christentum noch der Mosaismus noch der Muhammadanismus ist, sondern dass man sich dem Befehl Gottes, der durch die Propheten und die himmlischen Bücher übermittelt wurde, in Unterwerfung beugt; und wer auch immer, wo und zu welcher Zeit auch immer, als Diener Gottes dieses Verhalten angenommen hat, ist ein Anhänger derselben universalen, zeitlosen wahren Religion geworden. Für alle, die diese Religion mit echtem Verständnis und aufrichtigem Glauben angenommen haben, ist es nach Mose (a.s.) und nach Jesus (a.s.) keine Änderung der Religion, Muhammad (s.a.w.s.) anzuerkennen, sondern eine natürliche und vernünftige Forderung, der wahren Religion zu folgen. Diejenigen dagegen, die ohne nachzudenken in die Reihen der Prophetenanhänger eingetreten oder hineingeboren worden waren und für die nationale, stammesbezogene und parteiliche Engstirnigkeit die Gestalt der wahren Religion angenommen hatte, blieben Juden und Christen; und mit dem Kommen Muhammads (s.a.w.s.) wurde die Verborgenheit ihrer Unwissenheit aufgedeckt. Denn dadurch, dass sie den letzten Propheten ablehnten, akzeptierten sie nicht nur nicht, künftig Muslime zu bleiben, sondern bewiesen durch ihr Verhalten, dass sie auch zuvor keine Muslime gewesen waren. Sie waren lediglich der Persönlichkeit eines Propheten oder bestimmter Propheten ergeben gewesen oder hatten die blinde Gefolgschaft gegenüber ihren Vorfahren zu ihrer Religion gemacht. (152)
Der Entstehungsprozess der muslimischen Umma
So ließ der Gesandte Allahs (s.a.w.) nicht nur die bereits bestehende Religion wieder lebendig werden. Vielmehr errichtete er auch jene Gemeinschaft neu, die seit der Zeit aller Propheten als muslimische Gemeinschaft bezeichnet worden war. Alle, die aus verschiedenen Stämmen, Familien und Regionen zu dieser Gemeinschaft hinzukamen und sich ihr anschlossen, machte er zu gegenseitigen Unterstützern und Helfern, zu Brüdern sowie zu Menschen, die einander mitfühlten und am Leid des anderen Anteil nahmen. Das Leben, das Eigentum und die Ehre aller erklärte er gleichermaßen für unantastbar, betrachtete die Rechte und Pflichten aller als gleich und gewährte niemandem eine Sonderstellung, die den anderen nicht zukam. Für das von Stammeskult und Engstirnigkeit geprägte arabische Umfeld war dies etwas Erstaunliches, dessen Annahme ihre Herzen und ihr Verstand keineswegs bereit waren. (153)
Es wird von Ibn Zaid überliefert, dass Abu Lahab, der Onkel des Gesandten (s.a.w.), ihn eines Tages fragte: „Was werde ich davon haben, wenn ich deine Religion annehme?“ Der Ehrwürdige (s.a.w.) sagte: „Du wirst dasselbe erhalten wie die anderen, die den Glauben annehmen.“ Er sagte: „Gibt es auch für mich – den Onkel des Gesandten – keine besondere Stellung?“ Der Ehrwürdige (s.a.w.) sagte: „Was willst du denn noch?“
Abu Lahab sagte: (Arabisch******************)
„Möge diese Religion zugrunde gehen, in der ich und die anderen Menschen gleich sind.“ (Ibn Dscharrir) (154)
Im Gegensatz zu dieser Vorstellung von Engstirnigkeit erklärte der Koran unmissverständlich:
لَنْ تَنْفَعَكُمْ أَرْحَامُكُمْ وَلَا أَوْلَادُكُمْ يَوْمَ الْقِيَامَةِ
„Am Tag der Auferstehung werden euch weder eure verwandtschaftlichen Beziehungen noch eure Kinder etwas nützen.“ (Al-Mumtahana: 3)
Die Blutsverwandtschaft wird hier vollständig bestehen bleiben, dort aber keinen Nutzen bringen. Das Wesentliche ist der Glaube, der am Tag der Auferstehung von Nutzen sein wird. Deshalb sollten auch in dieser Welt eure verwandtschaftlichen Beziehungen auf dem Fundament des Glaubens beruhen.
إِنَّمَا وَلِيُّكُمُ اللَّهُ وَرَسُولُهُ وَالَّذِينَ آمَنُوا الَّذِينَ يُقِيمُونَ الصَّلَاةَ وَيُؤْتُونَ الزَّكَاةَ وَهُمْ رَاكِعُونَ-( المائدة-55)
-Euer wahrer Freund sind Allah, Sein Gesandter und jene Gläubigen, die das Gebet verrichten, die Zakat entrichten und sich vor Gott demütig verneigen. (Al-Ma’idah: 55)
إِنَّمَا الْمُؤْمِنُونَ إِخْوَةٌ فَأَصْلِحُوا بَيْنَ أَخَوَيْكُمْ-( الحجرات-10)
-Die Gläubigen sind einander Brüder. So stiftet Frieden zwischen euren Brüdern. (Al-Hudschurat: 10)
Diese und andere ähnliche Verse haben eine weltweite Bruderschaft aller Muslime begründet. Der Segen dieser Lehre besteht darin, dass sich unter den Anhängern keiner anderen Religion oder Weltanschauung eine solche Brüderlichkeit findet, wie sie unter den Muslimen entstanden ist und bis heute besteht. Ihre Bedeutung und ihre Forderungen hat der Heilige Prophet (saw) in zahlreichen Ansprachen dargelegt, wodurch ihre gesamte Lebenskraft noch stärker erweckt wurde.
Hazrat Dscharir ibn Abdullah berichtet: Der Gesandte Allahs (saw) nahm von mir das Treuegelöbnis in drei Dingen entgegen: Erstens, dass ich das Gebet verrichte; zweitens, dass ich weiterhin die Zakat entrichte; und drittens, dass ich jedem Muslim aufrichtig wohlgesinnt sei. (Buchari, Kitab al-Iman)
Hazrat Abdullah ibn Mas’ud (ra) berichtet, dass der Prophet (saw) sagte: Einen Muslim zu beschimpfen ist Fisq (eine sündhafte Handlung), und gegen ihn zu kämpfen ist Kufr (Unglaube). (Buchari, Kitab al-Iman) Im Musnad Ahmad wird dies von Hazrat ibn Malik (ra) unter Berufung auf dessen Vater überliefert.
Hazrat Abu Huraira (ra) berichtet, dass der Prophet (saw) sagte: Für jeden Muslim sind das Leben, das Eigentum und die Ehre eines anderen Muslims unverletzlich. (Muslim, Kitab al-Birr wa-s-Sila)
Hadhrat Abu Sa’id al-Chudri (ra) und Hadhrat Huraira (ra) berichten, dass der Gesandte (saw) sagte: Ein Muslim ist der Bruder eines Muslims; er fügt ihm kein Unrecht zu, lässt ihn nicht im Stich und erniedrigt ihn nicht. Für einen Menschen ist es ein großes Übel, seinen muslimischen Bruder zu erniedrigen. (Musnad Ahmad)
Hadhrat Sahl ibn Sa’d as-Sa’idi (ra) überliefert die Aussage des Propheten (saw) und sagt: Das Verhältnis eines Gläubigen zur Gemeinschaft der Gläubigen gleicht dem Verhältnis des Kopfes zum Körper. Er empfindet das Leid eines Gläubigen genauso, wie der Kopf den Schmerz jedes einzelnen Körperteils empfindet. (Musnad Ahmad) (155)
Hadhrat Nu’man ibn Baschir (ra) überliefert diesen Hadith des Propheten (saw).
(Arabisch***************************)
Das Gleichnis der Gläubigen in ihrer gegenseitigen Barmherzigkeit, Liebe und ihrem Mitgefühl ist das eines einzigen Körpers. Wenn ein Teil des Körpers leidet, wird der ganze Körper seinetwegen von Schlaflosigkeit und Fieber befallen.
Hadhrat Abu Musa al-Asch’ari (ra) sagte, dass der Prophet (saw) sagte, (Arabisch**********************)
Der Gläubige ist für den anderen Gläubigen wie eine Mauer, deren einzelne Teile einander festigen.
Hadhrat Abdullah ibn Umar (ra) überliefert diesen Hadith des Gesandten (Arabisch***************)
–Der Muslim ist der Bruder des Muslims; er tut ihm weder Unrecht noch unterlässt er es, ihm zu helfen. Wer sich darum bemüht, einem Bedürfnis seines Bruders abzuhelfen, um dessen Bedürfnis kümmert sich Allah. Und wer einen Muslim aus einer Bedrängnis rettet, den wird Allah vor einer Bedrängnis am Tag der Auferstehung retten. Wer die Mängel eines Muslims verborgen hält, dessen Mängel wird Allah am Tag der Auferstehung verborgen halten. (156)
Hadhrat Dschābir ibn Abdullāh und Abū Talha ibn Sahl al-Ansārī (r.a.) überliefern diesen Hadith des Propheten (s.a.w.).
(Arabisch***********************)
–Wenn ein Muslim erniedrigt und beleidigt wird und seine Ehre angegriffen wird, und niemand ihm zu Hilfe kommt, wird Allah ihm ebenfalls nicht helfen, wenn er sich in einer Lage befindet, in der er Allahs Hilfe bedarf. Wenn aber jemand einem Muslim in einer solchen Lage hilft, in der seine Ehre angegriffen und er erniedrigt wird, wird Allah ihm ebenfalls in einer solchen Lage helfen, in der er wünscht, dass Allah ihm beisteht. (157)
Hadhrat Abdullāh ibn Amr ibn al-Ās (r.a.) berichtet, dass der Prophet (s.a.w.) sagte: (Arabisch****************)
–Ein Muslim ist derjenige, vor dessen Mund und Hand die Muslime sicher sind.
Hadhrat Abū Bakra Nufai ibn al-Hārith (r.a.) berichtet, dass der Prophet während der Abschiedspilgerfahrt in der Ansprache am Opfertag sagte:
(Arabisch******************)
–Hütet euch davor, nach mir wie die Ungläubigen zu werden, die einander den Hals abschlagen.
Hazrat Anas (ra) berichtet: Der Gesandte (sa) sagte einmal:(Arabisch******************)
–Hilf deinem Bruder, sei er ein Unterdrücker oder ein Unterdrückter. Einer fragte: Wenn er unterdrückt wird, werde ich ihm gewiss helfen; aber wie soll ich ihm helfen, wenn er ein Unterdrücker ist?
Der Prophet sagte:(Arabisch************************)
–Halte ihn von der Unterdrückung ab und entferne ihn davon. Denn gerade dadurch hilfst du ihm. (Buchari)
Hazrat Abdullah bin Amr bin As (ra) berichtet, dass der Prophet (sa) sagte:(Arabisch******************)
–Das Blut der Gläubigen ist gleichwertig. Gegenüber dem Feind sind sie alle wie eine einzige Hand.
Hazrat Anas bin Malik (ra) überliefert diesen Hadith des Propheten (sa):(Arabisch****************)
Mir wurde befohlen, so lange gegen die Menschen zu kämpfen, bis sie bezeugen, dass es keinen Gott außer Allah gibt und dass Muhammad (s.a.s.) Allahs Gesandter ist. Wenn sie dann dieses Zeugnis ablegen, sich unserer Qibla zuwenden, von unseren geschlachteten Tieren essen und so beten wie wir, sind ihr Blut und ihr Besitz für uns unverletzlich. Etwas anderes gilt nur, wenn ihnen ein Recht zusteht. Sie haben dieselben Rechte wie die Muslime, und ihnen obliegen dieselben Pflichten wie den Muslimen.
Eine Umma, die das Banner von Daʿwa und Bewegung trägt
Doch diese Umma ist nicht von der Art, dass einige Menschen, nachdem sie den Glauben angenommen haben, sich lediglich an ihrem eigenen Ort Allahs gedenken, gute Werke tun und einander unterstützen, helfen, wohlwollend begegnen und Mitgefühl zeigen. Darüber hinaus bestand die Aufgabe dieser Umma darin, die Einladung zum Islam unter allen Menschen zu verbreiten, das Gute zu gebieten und vom Bösen abzuhalten. Diese gesamte Umma wurde aus allen Völkern und Stämmen erwählt und hervorgebracht, damit sie diese Diener Gottes reformiere und verbessere. Ihr Verhältnis zu allen Völkern sollte ein Verhältnis von Wahrheit und Gerechtigkeit sein; zu niemandem sollte es ein Verhältnis von Unrecht und Ungerechtigkeit sein. Wäre die Angelegenheit auf den ersten Zustand beschränkt geblieben, wären die Quraisch und die Götzendiener Arabiens bis zu einem gewissen Grad bereit gewesen, dies zu dulden. Doch dieser zweite Zustand war derart, dass sie sahen, wie diese Umma nicht bloß wachsen und sich ausbreiten wollte, sondern dass vielmehr jeder Einzelne persönlich und die gesamte Gemeinschaft als Ganzes äußerst aktiv daran arbeiteten, ihre Bewegung zu verbreiten. Dadurch überschritt ihre, der Quraisch, Befürchtung die Grenze ihrer Geduld. Denn sie sahen, dass ihre Leute täglich ihre Gruppe verließen und sich der neuen Gruppe anschlossen. (158)
وَمَنْ أَحْسَنُ قَوْلًا مِمَّنْ دَعَا إِلَى اللَّهِ وَعَمِلَ صَالِحًا وَقَالَ إِنَّنِي مِنَ الْمُسْلِمِينَ-(همالسجده-33)
-Und wer könnte bessere Worte sprechen als jener, der zu Allah ruft, rechtschaffene Werke tut und sagt: »Ich bin einer der Muslime.« (Hamim as-Sajda: 33)
In den vorangegangenen Versen 30–32 wurde den Muslimen gesagt, dass das standhafte Verharren im Dienst Allahs und das Nichtabwenden von diesem Weg, nachdem man ihn eingeschlagen hat, bereits jene weltliche Tugend ist, die den Menschen zu einem Freund der Engel und zu einem Anwärter auf das Paradies macht. Dann wurde ihnen in diesem Vers gesagt, dass es keine höhere Stellung einer Tat geben kann als diese: selbst gute Werke zu tun und andere zum Dienst an Allah aufzurufen. In einer Atmosphäre äußerster Gegnerschaft furchtlos zu sagen: »Ich bin Muslim« – in einer Atmosphäre, in der die Verkündung des Islam und sein öffentliches Bekenntnis bedeuteten, für sich selbst Gefahr heraufzubeschwören. Um die volle Bedeutung dieser Anweisung zu verstehen, muss man sich jene Umgebung vor Augen halten, in der sie ausgesprochen wurde. Damals war die Lage so, dass jeder, der seinen Übertritt zum Islam bekannt gab, das Gefühl hatte, einen Wald voller Raubtiere zu betreten, in dem jedes einzelne auf ihn zulief, um ihn zu zerfleischen. Und wer darüber hinaus den Mund öffnete, um den Islam zu verkünden, glich jemandem, der die Raubtiere herbeirief und sagte: »Kommt, zerreißt mich und fresst mich auf.« Unter diesen Umständen wurde gesagt, dass es eine große und grundlegende Tugend ist, Allah als Herrn anzuerkennen, den geraden Weg einzuschlagen und nicht von ihm abzuweichen. Eine noch höhere Tugend aber besteht darin, aufzustehen und zu sagen: »Ich bin Muslim«, die Menschen ohne Rücksicht auf die Folgen zu Allah zu rufen und dabei die eigenen Taten so rein und untadelig zu halten, dass niemand Anlass zu einer Anschuldigung gegen den Islam und seinen Bannerträger findet. (159)
Eine Anweisung an die Muslime zur weltweiten Führung
وَكَذَلِكَ جَعَلْنَاكُمْ أُمَّةً وَسَطًا لِتَكُونُوا شُهَدَاءَ عَلَى النَّاسِ وَيَكُونَ الرَّسُولُ عَلَيْكُمْ شَهِيدًا-( البقرة-143)
-Und auf diese Weise haben Wir euch zu einer vorzüglichen Gemeinschaft gemacht, damit ihr Zeugen über die Menschen seid und der Gesandte Zeuge über euch ist. (Al-Baqara: 143)
Dies war die Verkündung der weltweiten Führerschaft der Gemeinschaft Muhammads (s). Zugleich war darin ein Hinweis auf jene Rechtleitung Allahs enthalten, durch die die Anhänger des Propheten Muhammad (s) den geraden Weg finden konnten und durch ihren stetigen Fortschritt eine solche Stellung erlangten, dass sie als „Ummat al-Wasat“ betrachtet wurden. Darin lag auch ein Hinweis auf die Änderung der Gebetsrichtung, die Unwissende lediglich als eine Wendung des Gesichts von einer Richtung in eine andere ansehen. Tatsächlich bedeutete die Änderung der Gebetsrichtung von Bayt al-Maqdis zur Kaaba, dass Allah die Kinder Israels auf geordnete Weise von der Stellung der weltweiten Führerschaft absetzte und die Gemeinschaft Muhammads in diese Stellung einsetzte.
Der Ausdruck „Ummat al-Wasat“ ist so umfassend, dass es unmöglich ist, seinem Übersetzungsanspruch mit einem einzigen anderen Wort gerecht zu werden. Er bezeichnet eine große und angesehene Gemeinschaft, die Gerechtigkeit, Ausgewogenheit und den mittleren Weg befolgte. Sie wird unter den Völkern der Welt eine führende Stellung einnehmen. Ihre Beziehung zu allen wird dieselbe sein, und es wird eine Beziehung der Wahrhaftigkeit sein, nicht der Lüge und des Unrechts.
Die Aussage, dass ihr zu „Ummat al-Wasat“ gemacht wurdet, damit ihr Zeugen über die Menschen seid und der Gesandte Zeuge über euch ist, bedeutete und bedeutet noch immer Folgendes: Wenn im Jenseits die gesamte Menschheit gemeinsam zur Rechenschaft gezogen wird, wird der Gesandte (s) als verantwortlicher Stellvertreter Allahs gegen euch bezeugen, dass er euch die Lehre über richtiges Denken, rechtschaffenes Handeln und eine gerechte Ordnung, die Allah ihm gegeben hatte, vollständig und unverfälscht übermittelt und sie euch in der Praxis vorgelebt hat. Danach müsst ihr, weil ihr die Nachfolger des Gesandten seid, als Zeugen für die gewöhnlichen Menschen auftreten und bezeugen, dass ihr ihnen nach Kräften ohne irgendeinen Mangel alles übermittelt habt, was der Gesandte euch übermittelt hat, und ihnen alles gezeigt habt, was der Gesandte euch gezeigt hat.
Wenn eine Person oder eine Gemeinschaft auf dieser Welt von Gott mit der Stellung eines Zeugen betraut wird, bedeutet dies in Wirklichkeit, dass sie mit der Stellung einer Führungspersönlichkeit betraut wird. Darin liegen einerseits Ansehen und Autorität, andererseits die schwere Last der Verantwortung. Das bedeutet: So wie der Gesandte Allahs (s) für diese Gemeinschaft ein lebendiges Zeugnis für Gottesfurcht, Wahrhaftigkeit, Gerechtigkeit und das Eintreten für das Recht war, so muss auch diese Gemeinschaft für die ganze Welt ein lebendiges Zeugnis sein. Die Welt soll allein durch ihre Worte und Taten, ihren Charakter und ihr Verhalten erkennen können: Das ist Gottesfurcht, so sieht Wahrhaftigkeit aus, das ist Gerechtigkeit, so zeigt sich das Eintreten für das Recht, und dazu ist der Islam gekommen, die Menschen auf der Welt zu machen. (160)
Die Merkmale der muslimischen Umma
كُنْتُمْ خَيْرَ أُمَّةٍ أُخْرِجَتْ لِلنَّاسِ تَأْمُرُونَ بِالْمَعْرُوفِ وَتَنْهَوْنَ عَنِ الْمُنْكَرِ وَتُؤْمِنُونَ بِاللَّهِ-( آل عمران-110)
Ihr seid die beste Gemeinschaft, die für die Menschen hervorgebracht wurde (zur Rechtleitung der Menschen und zu ihrer Reform und Verbesserung). Ihr gebietet das Rechte, haltet vom Unrecht ab und glaubt an Allah. (Al-i ʿImran: 110)
In diesem Vers wird den Anhängern des Propheten (S) gesagt, dass ihr nun in jenes Amt eingesetzt worden seid, aus dem die Banu Isra’il wegen ihrer Unfähigkeit entfernt wurden: das Amt der Führung und Rechtleitung der Welt. Denn in moralischer Hinsicht und im Hinblick auf eure Taten seid ihr nun zur besten Gemeinschaft der Welt geworden, und in euch sind jene Eigenschaften entstanden, die für eine gerechte Führung unerlässlich sind. Das heißt: der Antrieb und das Bestreben, gute Taten zu verwirklichen und schlechte Taten auszumerzen, sowie Allah, den Einen ohne Teilhaber, durch Glauben und Handeln als euren eigenen Gott und Herrn anzuerkennen. Daher wurde euch diese Aufgabe der Führung der Welt anvertraut. (161)
وَالْمُؤْمِنُونَ وَالْمُؤْمِنَاتُ بَعْضُهُمْ أَوْلِيَاءُ بَعْضٍ يَأْمُرُونَ بِالْمَعْرُوفِ وَيَنْهَوْنَ عَنِ الْمُنْكَرِ وَيُقِيمُونَ الصَّلَاةَ وَيُؤْتُونَ الزَّكَاةَ وَيُطِيعُونَ اللَّهَ وَرَسُولَهُ-( التوبة71)
—Die gläubigen Männer und die gläubigen Frauen sind einander zugetan. Sie gebieten das Gute und verwehren das Böse, verrichten das Gebet, entrichten die Zakat und gehorchen Allah und Seinem Gesandten. (At-Tauba: 71)
Das heißt: Die gläubigen Frauen und Männer sind zu einer Gemeinschaft geworden, deren Mitglieder all diese Eigenschaften gleichermaßen besitzen. Sie lieben die guten Taten so sehr, dass sie den Menschen auf der Welt befehlen, sie zu tun. Die schlechten Taten hassen sie so sehr, dass sie die Welt davon abhalten. Das Gedenken an Allah gehört für sie, wie für die Gefährten, zu den unverzichtbaren Bedürfnissen des Lebens. Um auf Allahs Weg ihr Vermögen auszugeben, stehen ihnen Herz und Hand offen. Der Gehorsam gegenüber Allah und dem Gesandten ist ihnen zur Lebensart geworden. Diese allumfassende moralische Wesensart, Lebenshaltung und Lebensweise hat sie miteinander verbunden. (162)
Der Antrieb, das Leben hinzugeben
Unter den Angehörigen dieser Gemeinschaft ist auch der Antrieb geschaffen worden, ihrer Religion den Vorrang vor allen Dingen zu geben. Sie werden bereit sein, alles für sie zu opfern, aber nicht bereit sein, sie für irgendetwas zu opfern.
Wenn es möglich ist, im eigenen Land, bei der Familie und im eigenen Zuhause Allah zu dienen, ist dagegen nichts einzuwenden. Wenn dies jedoch nicht möglich ist, wird sich die Prüfung darin zeigen, ob man um des eigenen Zuhauses, der Kinder, der Familie und der Liebe zum Vaterland willen den Dienst an Allah aufgibt oder ob man diese Dinge um des Dienstes an Allah willen zurücklässt und das Risiko der Auswanderung und des Exils auf sich nimmt.
وَالَّذِينَ هَاجَرُوا فِي اللَّهِ مِنْ بَعْدِ مَا ظُلِمُوا لَنُبَوِّئَنَّهُمْ فِي الدُّنْيَا حَسَنَةً وَلَأَجْرُ الْآخِرَةِ أَكْبَرُ لَوْ كَانُوا يَعْلَمُونَ-( النحل—41)
Denjenigen, die nach erlittenem Unrecht ausgewandert sind, werden Wir schon in dieser Welt eine gute Wohnstätte geben; doch der Lohn im Jenseits ist noch viel größer. (An-Nahl: 41)
يَا عِبَادِيَ الَّذِينَ آمَنُوا إِنَّ أَرْضِي وَاسِعَةٌ فَإِيَّايَ فَاعْبُدُونِ-كُلُّ نَفْسٍ ذَائِقَةُ الْمَوْتِ ثُمَّ إِلَيْنَا تُرْجَعُونَ-وَالَّذِينَ آمَنُوا وَعَمِلُوا الصَّالِحَاتِ لَنُبَوِّئَنَّهُمْ مِنَ الْجَنَّةِ غُرَفًا تَجْرِي مِنْ تَحْتِهَا الْأَنْهَارُ خَالِدِينَ فِيهَا نِعْمَ أَجْرُ الْعَامِلِينَ-الَّذِينَ صَبَرُوا وَعَلَى رَبِّهِمْ يَتَوَكَّلُونَ-وَكَأَيِّنْ مِنْ دَابَّةٍ لَا تَحْمِلُ رِزْقَهَا اللَّهُ يَرْزُقُهَا وَإِيَّاكُمْ وَهُوَ السَّمِيعُ الْعَلِيمُ-(العنكبوت56–60)
–O Meine Diener, die ihr den Iman angenommen habt! Wahrlich, Meine Erde ist weit; so dient allein Mir. Jede Seele wird den Tod kosten; danach werdet ihr allesamt zu Uns zurückgebracht. Diejenigen aber, die den Iman angenommen und gute Werke getan haben, werden Wir gewiss in den hohen Gemächern des Paradieses unterbringen, unter denen Flüsse fließen; ewig werden sie darin bleiben. Wie vortrefflich ist doch der Lohn derer, die gute Werke tun! Dies gilt für diejenigen, die geduldig waren und auf ihren Rabb vertrauten. Wie viele Lebewesen gibt es, die ihren Lebensunterhalt nicht mit sich herumtragen! Allah versorgt sie und auch euch mit Lebensunterhalt. Und Er ist der Allhörende, der Allwissende. (Al-Ankabut: 56–60)
Aus der Sure Al-Ankabut lässt sich erkennen, welcher Antrieb damals in der muslimischen Umma entfacht worden war.
Der erste Vers deutete auf die Hidschra hin: Wenn es in Mekka schwierig geworden ist, Allah zu dienen, dann verlasst das Land und zieht fort. Allahs Erde ist nicht eng. Zieht dorthin, wo ihr als Diener Allahs leben könnt. Ihr sollt nicht eurer Nation und eurem Land dienen, sondern eurem eigenen Gott. Daraus wird deutlich, dass nicht Nation, Heimat und Land das Wesentliche sind, sondern der Gottesdienst. Wenn die Liebe zur Nation, zur Heimat und zum Land einmal mit dem Anspruch des Gottesdienstes in Konflikt gerät, dann ist für den Iman eines Mu’mins die Stunde der Feuerprobe gekommen. Der aufrichtige Mu’min wird Allah allein dienen und Land und Nation zurückweisen. Diejenigen, die den Iman fälschlich für sich beanspruchen, werden den Iman aufgeben und an ihrem Land und ihrer Nation festhalten. Dieser Vers macht in dieser Hinsicht unmissverständlich klar: Ein aufrichtiger Gottesdiener kann durchaus Patriot und ein Liebender seiner Nation sein, aber er kann weder ein Anbeter der Nation noch ein Anbeter des Landes sein. Für ihn ist der Gottesdienst Allahs teurer als alles andere; für ihn wird er jedes Gut dieser Welt opfern, aber ihn niemals für irgendetwas in dieser Welt opfern.
Die Bedeutung des zweiten Verses ist: Macht euch keine Sorgen um das Leben. Denn es wird ohnehin jederzeit enden. Niemand kommt in diese Welt, um für immer zu bleiben. Daher soll eure Sorge nicht darin bestehen, wie das Leben gerettet werden kann. Die eigentliche Sorge muss vielmehr sein, wie der Iman bewahrt und der Anspruch des Gottesdienstes gegenüber Allah erfüllt werden kann. Am Ende müsst ihr zu Mir zurückkehren. Wenn ihr in dieser Welt den Iman verliert, um euer Leben zu retten, wird dies ein anderes Ende haben. Wenn ihr aber euer Leben verliert, um den Iman zu bewahren, wird das Ende ein anderes sein. Macht euch also nur darüber Gedanken, womit ihr zu Mir zurückkehren werdet, wenn ihr zu Mir zurückkehrt: mit einem Iman, der dem Leben geopfert wurde, oder mit einem Leben, das dem Iman geopfert wurde.
Im dritten Vers wird gesagt: Wenn ihr aufgrund eures Weges des Imans und der guten Werke aller Segnungen dieser Welt beraubt bleibt und sogar mit einem weltlich gesehenen Misserfolg sterbt, dann seid gewiss, dass dies unbedingt vergolten werden wird. Ihr werdet nicht nur Entschädigung erhalten, sondern vielmehr auch den allerbesten Lohn.
Im vierten Vers wird gesagt, dass dieser vortrefflichste Lohn im Jenseits für diejenigen bestimmt ist, die angesichts aller Arten von Gefahren, Nöten, Kummer, Leid und Verfolgung am Iman festhalten; die das Risiko des Imans auf sich nehmen und sich nicht von ihm abwenden; die nicht einmal auf die Vorteile und Gewinne blickten, die sie mit eigenen Augen sahen, wenn sie den Iman aufgegeben hätten; die trotz des Aufstiegs und Wohlstands der Ungläubigen, Frevler und Lasterhaften keinerlei Beachtung darauf richteten; die nicht auf ihren Besitz, ihre Geschäfte, ihren Handel und ihre Stammesfamilien vertrauten, sondern auf ihren eigenen Rabb; die bereit wurden, unter Missachtung weltlicher Mittel und Wege bloß dem Zusammenprall und Konflikt der Kräfte entgegenzutreten, und die nötigenfalls ihre Häuser und ihre Heimat verließen; die ihrem Rabb gegenüber den Glauben fassten, dass der Lohn für das Festhalten am Iman und an guten Werken niemals verlorengehen wird. Sie hegten außerdem das Vertrauen, dass Er Seinen gläubigen und rechtschaffenen Dienern bereits in dieser Welt helfen und ihnen auch im Jenseits den vortrefflichsten Lohn für ihre Taten geben wird.
Im letzten Vers wurde gesagt, dass ihr euch nach der Hidschra neben der Sorge um euer Leben auch keine Sorgen um euren Lebensunterhalt machen sollt. Seht nur: Unzählige Tiere und Vögel sowie im Wasser lebende Geschöpfe bewegen sich vor euren Augen zu Wasser, zu Lande und in der Luft. Wohin sie auch gehen, durch Allahs Gnade finden sie irgendeine Art von Lebensunterhalt. Deshalb sollt ihr nicht dadurch den Mut verlieren, dass ihr euch ständig darüber Gedanken macht: Wenn wir um des Glaubens willen unsere Häuser verlassen, woher werden wir dann zu essen bekommen? Wo Allah unzählige Seiner erschaffenen Geschöpfe mit Versorgung versorgt, wird Er auch euch versorgen. (163)
Die Art der Beziehungen der Ungläubigen zu den Gläubigen
Einerseits wurde klar dargelegt, welche gegenseitigen Beziehungen zwischen den Angehörigen der muslimischen Umma bestehen und wie eng sie mit der Religion und dem Glauben verbunden sind. Andererseits wurde gesagt, welcher Art die Beziehungen der Muslime zu den Ungläubigen sein sollten.
لَا يَتَّخِذِ الْمُؤْمِنُونَ الْكَافِرِينَ أَوْلِيَاءَ مِنْ دُونِ الْمُؤْمِنِينَ-( آل عمران-28)
-Die Gläubigen dürfen die Ungläubigen niemals anstelle der Gläubigen zu ihren Freunden machen. (Al-i-Imran: 28)
يَا أَيُّهَا الَّذِينَ آمَنُوا لَا تَتَّخِذُوا الْكَافِرِينَ أَوْلِيَاءَ مِنْ دُونِ الْمُؤْمِنِينَ-( النساء-144)
-O ihr Menschen, die ihr den Glauben angenommen habt! Macht die Ungläubigen nicht anstelle der Gläubigen zu euren Freunden. (An-Nisa: 144)
أَمْ حَسِبْتُمْ أَنْ تُتْرَكُوا وَلَمَّا يَعْلَمِ اللَّهُ الَّذِينَ جَاهَدُوا مِنْكُمْ وَلَمْ يَتَّخِذُوا مِنْ دُونِ اللَّهِ وَلَا رَسُولِهِ وَلَا الْمُؤْمِنِينَ وَلِيجَةً-( التوبة-16)
Glaubt ihr etwa, dass man euch einfach sich selbst überlassen wird, obwohl Allah noch nicht erkannt hat, wer von euch für Seinen Weg gekämpft und außer Allah, dem Gesandten und den Gläubigen niemanden zum engsten Freund genommen hat? (At-Tauba: 16)
In diesem Vers der Sure At-Tauba werden jene Menschen angesprochen, die erst vor kurzer Zeit Muslime geworden waren. Ihnen wurde gesagt: Solange ihr diese Feuerprobe nicht bestanden und bewiesen habt, dass ihr Allah und Seine Religion tatsächlich mehr liebt als euer eigenes Leben, euren Besitz und eure Verwandten und Freunde, werdet ihr nicht als wahre Gläubige gelten. Bis jetzt ist euer Zustand offensichtlich so, dass ihr Muslime geworden seid, weil der Islam durch die aufopferungsvolle Anstrengung der wahrhaftigen Gläubigen und der Sabiqun al-awwalun siegreich geworden war und sich im ganzen Land ausgebreitet hatte. (164)
يَا أَيُّهَا الَّذِينَ آمَنُوا لَا تَتَّخِذُوا آبَاءَكُمْ وَإِخْوَانَكُمْ أَوْلِيَاءَ إِنِ اسْتَحَبُّوا الْكُفْرَ عَلَى الْإِيمَانِ وَمَنْ يَتَوَلَّهُمْ مِنْكُمْ فَأُولَئِكَ هُمُ الظَّالِمُونَ – قُلْ إِنْ كَانَ آبَاؤُكُمْ وَأَبْنَاؤُكُمْ وَإِخْوَانُكُمْ وَأَزْوَاجُكُمْ وَعَشِيرَتُكُمْ وَأَمْوَالٌ اقْتَرَفْتُمُوهَا وَتِجَارَةٌ تَخْشَوْنَ كَسَادَهَا وَمَسَاكِنُ تَرْضَوْنَهَا أَحَبَّ إِلَيْكُمْ مِنَ اللَّهِ وَرَسُولِهِ وَجِهَادٍ فِي سَبِيلِهِ فَتَرَبَّصُوا حَتَّى يَأْتِيَ اللَّهُ بِأَمْرِهِ وَاللَّهُ لَا يَهْدِي الْقَوْمَ الْفَاسِقِينَ-( التوبة-23-24)
O ihr, die ihr den Iman angenommen habt! Nehmt nicht einmal eure Väter und Brüder zu engen Freunden, wenn sie dem Unglauben den Vorzug vor dem Iman geben. Diejenigen unter euch, die sie zu Freunden nehmen, sind die Ungerechten. O Prophet! Sag ihnen: Wenn eure Väter, eure Brüder, eure Ehefrauen, eure Freunde und Verwandten, euer Besitz, den ihr erworben habt, und eure Ehefrauen, eure Freunde und Verwandten und euer Besitz, den ihr erworben habt, sowie eure Geschäfte, deren Niedergang ihr fürchtet, und eure Häuser, an denen ihr Gefallen findet, euch lieber sind als Allah, Sein Gesandter und der Jihad auf Seinem Weg, dann wartet, bis Allah Seine Entscheidung über euch trifft. Allah leitet die frevlerischen Menschen nicht recht.
قَدْ كَانَتْ لَكُمْ أُسْوَةٌ حَسَنَةٌ فِي إِبْرَاهِيمَ وَالَّذِينَ مَعَهُ إِذْ قَالُوا لِقَوْمِهِمْ إِنَّا بُرَآءُ مِنْكُمْ وَمِمَّا تَعْبُدُونَ مِنْ دُونِ اللَّهِ كَفَرْنَا بِكُمْ وَبَدَا بَيْنَنَا وَبَيْنَكُمُ الْعَدَاوَةُ وَالْبَغْضَاءُ أَبَدًا حَتَّى تُؤْمِنُوا بِاللَّهِ وَحْدَهُ-( الممتحنة-4)
Für euch gibt es in Ibrahim (a.) und seinen Gefährten ein vortreffliches Vorbild: Sie erklärten ihrem Volk unmissverständlich: „Wir haben uns von euch und von jenen euren Göttern losgesagt, die ihr anstelle Allahs verehrt. Wir weisen euch zurück, und zwischen uns und euch sind für immer Feindschaft und Hass offenbar geworden, bis ihr an den einen Allah glaubt.“ (Al-Mumtahina: 4)
يَا أَيُّهَا الَّذِينَ آمَنُوا لَا تَتَّخِذُوا عَدُوِّي وَعَدُوَّكُمْ أَوْلِيَاءَ تُلْقُونَ إِلَيْهِمْ بِالْمَوَدَّةِ وَقَدْ كَفَرُوا بِمَا جَاءَكُمْ مِنَ الْحَقِّ يُخْرِجُونَ الرَّسُولَ وَإِيَّاكُمْ أَنْ تُؤْمِنُوا بِاللَّهِ رَبِّكُمْ إِنْ كُنْتُمْ خَرَجْتُمْ جِهَادًا فِي سَبِيلِي وَابْتِغَاءَ مَرْضَاتِي-( الممتحنة-1)
O ihr Gläubigen! Wenn ihr zum Jihad auf Meinem Weg und im Streben nach Meinem Wohlgefallen ausgezogen seid, dann nehmt nicht Meine und eure Feinde zu Freunden. Ihr begegnet ihnen mit Freundschaft, obwohl sie sich weigern, die Wahrheit anzunehmen, die zu euch gekommen ist. Sie vertreiben den Gesandten und euch aus euren Häusern, weil ihr an Allah, euren Herrn, glaubt. (Al-Mumtahina: 1)
لَا تَجِدُ قَوْمًا يُؤْمِنُونَ بِاللَّهِ وَالْيَوْمِ الْآخِرِ يُوَادُّونَ مَنْ حَادَّ اللَّهَ وَرَسُولَهُ وَلَوْ كَانُوا آبَاءَهُمْ أَوْ أَبْنَاءَهُمْ أَوْ إِخْوَانَهُمْ أَوْ عَشِيرَتَهُمْ أُولَئِكَ كَتَبَ فِي قُلُوبِهِمُ الْإِيمَانَ وَأَيَّدَهُمْ بِرُوحٍ مِنْهُ-( المجادلة-22)
-Ihr werdet niemals sehen, dass diejenigen, die an Allah und den Jüngsten Tag glauben, Freundschaft mit denen pflegen, die Allah und Seinem Gesandten entgegengetreten sind – seien es ihre Väter, ihre Söhne, ihre Brüder oder ihre Familienangehörigen. Das sind Menschen, in deren Herzen Allah den Glauben eingeprägt und die Er durch einen Geist von Sich gestärkt und mit Seiner Hilfe ausgezeichnet hat. (Al-Mudschādila: 22)
In diesem Vers der Sure al-Mudschādila werden zwei Dinge dargelegt: zum einen ein Grundsatz und zum anderen die Schilderung eines tatsächlichen Geschehens.
Als Grundsatz wird dargelegt, dass der Glaube an die wahre Religion und die Liebe zu den Feinden der Religion zwei einander widersprechende Dinge sind. Ihre Vereinigung ist unter keinen Umständen vorstellbar. Es ist völlig unmöglich, dass der Glaube und die Liebe zu den Feinden Allahs und des Gesandten in einem Herzen zusammenbestehen können. Ebenso können im Herzen eines Menschen die Liebe zur eigenen Person und die Liebe zu seinen eigenen Feinden nicht gleichzeitig miteinander vereint sein. Wenn ihr also jemanden seht, der den Anspruch erhebt, gläubig zu sein, und zugleich zu Menschen, die dem Islam feindlich gegenüberstehen, eine liebevolle Beziehung unterhält, dann dürft ihr euch nicht von dem Gedanken verwirren lassen, dass er trotz dieses Verhaltens vielleicht in seinem Anspruch auf Glauben aufrichtig ist. Diejenigen, die gleichzeitig zum Islam und zu dessen Gegnern dieselbe Beziehung aufrechterhalten, sollten selbst gründlich über ihren eigenen Rang nachdenken und sich fragen, was sie in Wirklichkeit sind: Gläubige oder Heuchler? Wenn in ihnen auch nur ein wenig Aufrichtigkeit vorhanden ist und sie zudem das Empfinden haben, dass Heuchelei in moralischer Hinsicht das schlechteste Verhalten des Menschen ist, dann sollten sie den Versuch aufgeben, gleichzeitig in zwei Booten zu sitzen. Der Glaube verlangt von ihnen eine entschlossene Entscheidung. Wer ein Gläubiger bleiben will, muss jede Verwandtschaft und jede Beziehung meiden, die mit dem Islam in Konflikt steht. Wenn er eine andere Beziehung als die Beziehung zum Islam für wertvoller und lieber hält, muss er den falschen Anspruch auf Glauben aufgeben.
So viel zum Grundsatz. Doch Allah, der Erhabene, hielt es hier nicht für ausreichend, lediglich den Grundsatz darzulegen. Vielmehr stellte Er denjenigen, die den Anspruch auf Glauben erheben, auch ein tatsächliches Geschehen als Beispiel vor Augen: Diejenigen, die wahrhaftig gläubig waren, brachen tatsächlich vor den Augen aller jene Beziehungen ab, die dem Din Allahs im Wege standen. Dies war ein wirkliches Geschehen, das ganz Arabien in den Schlachten von Badr und Uhud beobachten konnte. Die ehrwürdigen Gefährten, die aus Mekka auswanderten und nach Medina kamen, kämpften allein um Allahs und Seiner Religion willen gegen ihre eigenen Stämme und engsten Verwandten.
Hadhrat Abu Ubaida (Allahs Wohlgefallen sei auf ihm) tötete seinen Vater, Abdullah ibn al-Dscharrāh. Hadhrat Musʿab ibn Umair (Allahs Wohlgefallen sei auf ihm) tötete seinen eigenen Bruder, Ubaid ibn Umair. Hadhrat Umar (Allahs Wohlgefallen sei auf ihm) tötete seinen mütterlichen Onkel, As ibn Hischām ibn al-Mughīra. Hadhrat Abu Bakr (Allahs Wohlgefallen sei auf ihm) war bereit, gegen seinen eigenen Sohn Abd ar-Rahman zu kämpfen. Hadhrat Ali, Hadhrat Hamza und Hadhrat Ubaida ibn al-Hārith (Allahs Wohlgefallen sei auf ihnen) töteten Utba, Schaiba und al-Walid ibn Utba, die ihre nahen Verwandten waren. Hadhrat Umar (Allahs Wohlgefallen sei auf ihm) beantragte beim Propheten (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) hinsichtlich der Gefangenen der Schlacht von Badr, dass sie alle getötet werden sollten und jeder von uns seinen eigenen Verwandten töten solle. In eben dieser Schlacht von Badr fesselte ein Ansar den leiblichen Bruder von Musʿab ibn Umair, Abu Aziz ibn Umair. Als Hadhrat Musʿab dies sah, rief er: „Fessle ihn fest! Seine Mutter ist sehr reich. Für seine Freilassung wird sie dir ein hohes Lösegeld zahlen.“ Abu Aziz sagte: „Sprichst du als mein Bruder solche Worte?“ Hadhrat Musʿab erwiderte: „In diesem Augenblick bist du nicht mein Bruder. Vielmehr ist dieser Ansar mein Bruder, der dich gefangen nimmt.“ In derselben Schlacht von Badr gerieten auch der Onkel des Propheten selbst, Abbas, und sein Schwiegersohn Abu al-As (der Ehemann von Zainab, der Tochter des Propheten, Allahs Wohlgefallen sei auf ihr) in Gefangenschaft. Doch aufgrund ihrer Verwandtschaft mit dem Gesandten (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) wurden sie in keiner Weise bevorzugt behandelt oder anders behandelt als die übrigen Gefangenen. Auf diese Weise wurde den Menschen durch tatsächliche Ereignisse vor Augen geführt, wie ein wahrer Muslim ist und welcher Art seine Beziehung zu Allah und Seiner Religion ist.
Ad-Dailami hat dieses Bittgebet des Gesandten Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) von Hadhrat Muadh (Allahs Wohlgefallen sei auf ihm) überliefert:
-O Allah! Lass keinen Frevler – in einer anderen Überlieferung: keinen Ungehorsamen – mir Gunst erweisen, sodass in meinem Herzen Liebe zu ihm entsteht. Denn ich habe in der Offenbarung, die Du herabgesandt hast, gefunden, dass man bei denen, die an Allah und die Religion des Jenseits glauben, keine Liebe zu den Gegnern Allahs und Seines Gesandten finden wird. (165)
Um jemandes willen darf man den Glauben nicht aufgeben.
وَوَصَّيْنَا الْإِنْسَانَ بِوَالِدَيْهِ حَمَلَتْهُ أُمُّهُ وَهْنًا عَلَى وَهْنٍ وَفِصَالُهُ فِي عَامَيْنِ أَنِ اشْكُرْ لِي وَلِوَالِدَيْكَ إِلَيَّ الْمَصِيرُ – وَإِنْ جَاهَدَاكَ عَلَى أَنْ تُشْرِكَ بِي مَا لَيْسَ لَكَ بِهِ عِلْمٌ فَلَا تُطِعْهُمَا وَصَاحِبْهُمَا فِي الدُّنْيَا مَعْرُوفًا-( لقمان-14–15)
–Wir haben dem Menschen selbst nachdrücklich ans Herz gelegt, die Rechte seiner Eltern zu kennen. Seine Mutter trug ihn unter großen Mühen in ihrem Leib; zwei Jahre dauerte es, ihn zu entwöhnen. (Deshalb haben Wir ihn ermahnt:) Sei Mir und deinen Eltern dankbar. Zu Mir müsst ihr zurückkehren. Wenn sie dich jedoch dazu drängen, Mir jemanden beizugesellen, von dem du nicht weißt, dass er Mein Teilhaber ist, dann gehorche ihnen niemals. Behandle sie jedoch in dieser Welt auf gute Weise. (Luqman: 14–15)
وَوَصَّيْنَا الْإِنْسَانَ بِوَالِدَيْهِ حُسْنًا وَإِنْ جَاهَدَاكَ لِتُشْرِكَ بِي مَا لَيْسَ لَكَ بِهِ عِلْمٌ فَلَا تُطِعْهُمَا-( العنكبوت-8)
–Wir haben dem Menschen geboten, seine Eltern gut zu behandeln. Wenn sie dich jedoch dazu drängen, Mir jemanden beizugesellen, von dem du nicht weißt, dass er Mein Teilhaber ist, dann gehorche ihnen nicht. (Al-ʿAnkabut: 8)
Über diesen Vers aus der Sure al-ʿAnkabut wird in den Überlieferungen von Muslim, at-Tirmidhi, Ahmad, Abu Dawud und an-Nasa’i berichtet, dass er in Bezug auf Saʿd ibn Abi Waqqas (r.a.) offenbart wurde. Er nahm im Alter von 18 oder 19 Jahren den Islam an. Seine Mutter war Hamna bint Sufyan ibn Umayya (die Nichte Abu Sufyans). Als sie erfuhr, dass ihr Sohn Muslim geworden war, sagte sie: „Solange du Muhammad (s.a.w.s.) nicht verleugnest, werde ich weder essen noch trinken und mich nicht einmal in den Schatten setzen. Die Rechte der Mutter zu erfüllen, ist doch Allahs Gebot. Wenn du mir nicht gehorchst, dann widersetzt du dich auch Allah.“
Hazrat Saʿd geriet dadurch in große Bedrängnis, begab sich zum Dienst des Gesandten Allahs (s.a.w.s.) und berichtete ihm alles. In diesem Zusammenhang wurde dieser Vers offenbart. Wahrscheinlich waren auch andere Jugendliche, die in der frühen Zeit in Mekka Muslime geworden waren, mit einer solchen Situation konfrontiert. Deshalb wurde dieses Thema auch in jenem Vers der Sure Luqman, den wir oben zitiert haben, mit großem Nachdruck wiederholt.
Der Sinn des Verses ist: Wenn unter allen Geschöpfen überhaupt jemand dem Menschen gegenüber das größte Recht besitzt, dann sind es gewiss die Eltern. Wenn jedoch auch die Eltern ihn zum Schirk zwingen, darf man ihnen nicht gehorchen – geschweige denn, dies auf die Aufforderung irgendeines anderen hin zu tun. Die Worte der Anweisung lauteten وان جاهدك das heißt: Wenn beide ihre ganze Kraft einsetzen, um dich zu zwingen. Daraus wird ersichtlich, dass auch ein vergleichsweise geringerer Druck oder der Druck nur eines Elternteils zurückzuweisen ist. In diesem Zusammenhang ist auch ماليس لك به علم bemerkenswert. Es bedeutet: denjenigen, von dem du nicht weißt, dass er Mein Teilhaber ist. Damit wird eine vernünftige Begründung dafür gegeben, den Eltern nicht zu gehorchen. Die Eltern haben selbstverständlich auch das Recht, dass ihre Kinder ihnen dienen, sie ehren und respektieren und ihren erlaubten Anweisungen folgen. Niemand hat jedoch das Recht, blind den Eltern zu folgen, wenn dies seinem Wissen widerspricht. Es kann niemals richtig sein, dass ein Sohn oder eine Tochter allein deshalb einer Religion folgt, weil es die Religion des Vaters ist. Wenn die Kinder erkennen, dass die Religion ihrer Eltern irrig ist, sollten sie diese Religion aufgeben und eine richtige Religion annehmen. Auch trotz des Drucks der Eltern sollten sie keiner Methode folgen, deren Irreführung offensichtlich ist. Und wenn ein solches Verhalten gegenüber den Eltern gilt, kann es gegenüber jedem Menschen in der Welt gelten. Niemandem darf man blind folgen, solange nicht bekannt ist, dass dieser Mensch auf der Wahrheit steht. (166)
وَقَالَ الَّذِينَ كَفَرُوا لِلَّذِينَ آمَنُوا اتَّبِعُوا سَبِيلَنَا وَلْنَحْمِلْ خَطَايَاكُمْ وَمَا هُمْ بِحَامِلِينَ مِنْ خَطَايَاهُمْ مِنْ شَيْءٍ إِنَّهُمْ لَكَاذِبُونَ – وَلَيَحْمِلُنَّ أَثْقَالَهُمْ وَأَثْقَالًا مَعَ أَثْقَالِهِمْ وَلَيُسْأَلُنَّ يَوْمَ الْقِيَامَةِ عَمَّا كَانُوا يَفْتَرُونَ-( العنكبوت-12–13)
– Die Ungläubigen sagen zu den Gläubigen: „Folgt unserem Weg, und wir werden eure Lasten an Fehlern tragen.“ Doch sie werden nichts von deren Fehlern tragen. Sie sagen wahrhaftig die Unwahrheit. Ja, sie werden gewiss ihre eigenen Lasten tragen und zusätzlich zu ihren eigenen Lasten noch viele weitere Lasten. Und am Tag der Auferstehung werden sie gewiss für ihre Lügenbehauptungen zur Rechenschaft gezogen werden. (Al-ʿAnkabūt: 12–13)
Der Sinn dieser Aussage der Ungläubigen war: Die Dinge über das Leben nach dem Tod, die Auferstehung, die Abrechnung, die Belohnung und dergleichen seien Täuschung und Betrug. Doch falls es tatsächlich ein Leben nach dem Tod gebe und dort auch eine Befragung stattfinde, übernähmen wir die Verantwortung dafür und würden vor Allah jede Strafe selbst auf unsere Schultern nehmen. Wir sagen euch: Gebt diese neue Religion auf und kehrt zur Religion eurer Vorväter zurück.
Über verschiedene Anführer der Quraisch wird berichtet, dass diese Leute zu denjenigen, die anfangs den Islam annahmen, gingen und ihnen solche Worte sagten. Auch über Umar (möge Allah mit ihm zufrieden sein) wird berichtet, dass Abu Sufyan und Harb ibn Umayya ibn Khalaf zu ihm gingen und dasselbe zu ihm sagten, als er den Glauben annahm.
Deshalb wurde gesagt, dass es erstens überhaupt nicht möglich ist, dass jemand vor Allah die Verantwortung für einen anderen übernimmt und ein Sünder aufgrund der Aussage eines anderen der Strafe für seine eigenen Sünden entgeht. Denn dort wird jeder selbst für seine Taten verantwortlich sein.(Arabisch************************)
Doch selbst wenn es so wäre: Wenn die Folge von Unglauben und Schirk in Gestalt einer lodernden Hölle vor Augen steht, wer hätte dann den Mut, aus Scham wegen des Versprechens, das er in dieser Welt gegeben hat, zu sagen: „O Herr! Vergib demjenigen, der aufgrund meiner Worte den Glauben aufgegeben und den Weg des Abfalls oder der Apostasie eingeschlagen hat, und lass ihn ins Paradies eingehen. Ich bin bereit, neben der Strafe für meinen eigenen Unglauben auch die Strafe für seinen Unglauben zu ertragen.“ (167)
Das Erbitten von Vergebung für die Ungläubigen ist verboten
مَا كَانَ لِلنَّبِيِّ وَالَّذِينَ آمَنُوا أَنْ يَسْتَغْفِرُوا لِلْمُشْرِكِينَ وَلَوْ كَانُوا أُولِي قُرْبَى مِنْ بَعْدِ مَا تَبَيَّنَ لَهُمْ أَنَّهُمْ أَصْحَابُ الْجَحِيمِ-( التوبة-113)
Es steht dem Propheten und den Gläubigen nicht zu, für die Vergebung der Polytheisten zu bitten, selbst wenn sie mit ihnen verwandt sind, sobald ihnen klar ist, dass diese Bewohner der Hölle sind. (At-Tauba: 113)
Für jemanden um Vergebung zu bitten bedeutet erstens, Mitgefühl und Liebe für ihn zu empfinden, und zweitens, seine Fehler für verzeihlich zu halten. Dies gilt für einen Menschen, der zu den Gehorsamen gehört, aber lediglich sündig ist. Wer jedoch offen rebelliert, bei dem ist es nicht nur grundsätzlich falsch, Mitgefühl und Liebe für ihn zu empfinden und sein Verbrechen für verzeihlich zu halten; vielmehr wird dadurch sogar unser eigener Gehorsam – wir, die um Vergebung bitten – fragwürdig. Wenn wir allein aus Gründen der Verwandtschaft wünschen, dass ihm vergeben werde, bedeutet das, dass für uns das Verwandtschaftsverhältnis wertvoller ist als die Forderung des Gehorsams gegenüber Allah. Es bedeutet auch, dass unsere Liebe zu Allah und Seiner Religion nicht selbstlos und frei von Parteilichkeit ist. Und wir wünschen, dass Allah selbst das freundschaftliche Verhältnis, das wir zu den Feinden Allahs unterhalten, anerkennt und unseren Verwandten unbedingt vergibt, selbst wenn Er andere, die dasselbe Verbrechen begangen haben, in die Hölle stößt. All dies ist falsch und steht Aufrichtigkeit und Gehorsam entgegen. Es widerspricht auch dem Glauben, der fordert, dass unsere Liebe zu Allah und Seiner Religion völlig frei von Parteilichkeit sei: Allahs Freunde sind unsere Freunde, und Seine Feinde sind unsere Feinde. Deshalb sagte Allah nicht: „Bittet nicht um Vergebung für die Polytheisten“, sondern vielmehr: „Es ziemt sich für euch nicht; es ist nicht eure Aufgabe, für ihre Vergebung zu bitten.“ Das heißt: Wenn ihr erst nach Meinem Verbot davon abseht, ist das keine besondere Leistung. Das Gefühl des Gehorsams sollte in euch so stark sein, dass es euch schon an sich ungehörig erscheint, Mitgefühl für jemanden zu empfinden, der gegen Mich rebelliert, und sein Verbrechen für verzeihlich zu halten.
Hier sollte man außerdem verstehen, dass das Mitgefühl mit den Feinden Allahs nur insofern verboten wurde, als es in die Angelegenheiten der Religion eingreift. Menschliches Mitgefühl, Barmherzigkeit und Güte gegenüber nahen Verwandten in weltlichen Angelegenheiten sowie ein liebevoller Umgang sind hingegen nicht verboten, sondern vielmehr lobenswert. Ob ein Verwandter ungläubig oder gläubig ist: Seine weltlichen Rechte müssen unbedingt erfüllt werden. Menschen in Not muss geholfen werden. Bedürftigen muss ermöglicht werden, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Kranken und Verletzten darf es an Hilfe und Mitgefühl nicht fehlen. Waisen muss man mit liebevoller Zuwendung begegnen. In all diesen Angelegenheiten darf man keinesfalls danach unterscheiden, wer Muslim und wer Nichtmuslim ist.
Auch die Ehe mit ihnen und Erbverhältnisse sind verboten.
لَا هُنَّ حِلٌّ لَهُمْ وَلَا هُمْ يَحِلُّونَ لَهُنَّ-( الممتحنة-10)
-Weder sind muslimische Frauen für die Ungläubigen halal, noch sind die Ungläubigen für sie halal. (Al-Mumtahana: 10)
وَلَا تُمْسِكُوا بِعِصَمِ الْكَوَافِرِ-( الممتحنة-10)
-Und haltet auch selbst die ungläubigen Frauen nicht in euren Ehebindungen fest. (Al-Mumtahana: 10)
Allerdings besteht in dieser Anweisung der Unterschied, dass muslimische Männer Frauen aus dem Kreis der Leute der Schrift heiraten dürfen, wie es in Vers 5 der Sure al-Māʾida gesagt wird. Was nun die muslimischen Frauen betrifft, so gilt: Sie sind für niemanden außer muslimischen Männern halal beziehungsweise erlaubt.
وَلَا تَنْكِحُوا الْمُشْرِكَاتِ حَتَّى يُؤْمِنَّ وَلَأَمَةٌ مُؤْمِنَةٌ خَيْرٌ مِنْ مُشْرِكَةٍ وَلَوْ أَعْجَبَتْكُمْ وَلَا تُنْكِحُوا الْمُشْرِكِينَ حَتَّى يُؤْمِنُوا وَلَعَبْدٌ مُؤْمِنٌ خَيْرٌ مِنْ مُشْرِكٍ وَلَوْ أَعْجَبَكُمْ-( البقرة-221)
Heiratet niemals Götzendienerinnen, solange sie nicht den Glauben annehmen. Eine gläubige Sklavin ist besser als eine vornehme Frau aus einem polytheistischen Geschlecht, auch wenn sie euch sehr gefällt. Verheiratet eure Töchter niemals mit polytheistischen Männern, solange diese nicht den Glauben annehmen. Ein gläubiger Sklave ist besser als ein vornehmer Polytheist, auch wenn er euch sehr gefällt. (al-Baqara: 221)
Von Hazrat Usama ibn Zaid (r.a.) wird überliefert, dass der Gesandte Allahs (s.a.w.) sagte: (Arabisch*****************)
-Weder kann ein Muslim einen Ungläubigen beerben, noch kann ein Ungläubiger einen Muslim beerben. (Buchari, Muslim, Nasāʾī, Ahmad, Tirmidhi, Ibn Māǧa, Abu Dawud).
Die Ungläubigen sind von zweierlei Art, und der Unterschied im Umgang mit ihnen
Nachdem die muslimische Gemeinschaft auf diese Weise vollständig von den Ungläubigen getrennt worden war, wurde nur hinsichtlich eines Aspekts ein Unterschied im Verhalten der Muslime gegenüber den beiden Arten von Ungläubigen gemacht. Dieser besteht darin, dass Allah euch nicht verbietet, Güte und Gerechtigkeit gegenüber jenen Menschen zu zeigen, die euch nicht wegen eurer Religion bekämpft und euch nicht aus euren Häusern vertrieben haben. Allah liebt diejenigen, die gerecht handeln. Die Handlung, die Er euch verbietet, besteht darin, mit jenen Freundschaft zu schließen, die euch wegen eurer Religion bekämpft, euch aus euren Häusern vertrieben und einander bei eurer Vertreibung unterstützt haben. Diejenigen, die mit ihnen Freundschaft schließen, sind Frevler. (al-Mumtahana: 8–9)
Mit anderen Worten wurde den Muslimen befohlen, auf der Grundlage des Unterschieds zwischen feindlichen und nicht feindlichen Ungläubigen zu handeln. Mit jenen Ungläubigen soll man gütig umgehen, die ihnen niemals Böses angetan haben. Eine ausgezeichnete Erläuterung dafür findet sich in einem Ereignis. Es war so, dass die Ehefrau von Hazrat Abu Bakr (r.a.) eine Ungläubige war, von der Hazrat Asma bint Abi Bakr geboren wurde. Sie blieb in Mekka. Nachdem durch den Vertrag von Hudaybiya der Verkehr zwischen den Menschen von Mekka und Medina begonnen hatte, kam die ungläubige Ehefrau von Hazrat Abu Bakr (r.a.) nach Medina, um ihre Tochter zu besuchen. Sie brachte auch einige Geschenke mit.
Hazrat Asma (Allahs Wohlgefallen sei auf ihr) selbst berichtet: Darauf ging ich selbst zum Gesandten Allahs (Allahs Segen und Friede seien auf ihm) und fragte ihn, ob ich meine Mutter besuchen und mich ihr gegenüber verwandtschaftlich fürsorglich verhalten dürfe. Der Hochgeehrte (Allahs Segen und Friede seien auf ihm) sagte: Ja, besuche sie und verhalte dich ihr gegenüber auch fürsorglich (Musnad Ahmad, Buchari, Muslim). Daraus ergibt sich, dass es einem Muslim erlaubt ist, seine ungläubigen Eltern, Geschwister und Verwandten zu unterstützen, sofern sie keine Feinde des Islam sind. Ebenso darf man einem bedürftigen Dhimmi Almosen geben (Ahkam al-Qur’an, Ruh al-Ma’ani). (169)
Die wahre Stellung der muslimischen Umma
Die Gemeinschaft (Gruppe), die auf diese Weise entstand, war in keiner Hinsicht eine Nation. Ihre wahre Stellung lässt sich anhand jener Begriffe gut verstehen, die im Koran und in den Hadithen verwendet werden.
Hizb
Ein Begriff ist Hizb, der an zwei Stellen für die Muslime verwendet wird (Sure al-Ma’ida, Vers 56; Sure al-Mudschadala, Vers 22). Dieses Wort ist tatsächlich gleichbedeutend mit Partei oder Gruppe. An beiden Stellen werden die Muslime als Hizbullah (die Leute der Partei Allahs) bezeichnet. Das bedeutet: Es sind die Leute jener Partei, die sich dem Werk Allahs geweiht haben. Eine Nation wird auf der Grundlage von Abstammung und Familie gebildet, eine Partei dagegen auf der Grundlage von Prinzipien und Ideologie. In dieser Hinsicht sind die Muslime in Wirklichkeit keine Nation, sondern vielmehr eine Partei. Denn sie wurden von der übrigen Welt abgesondert und nur deshalb miteinander verbunden, weil jeder von ihnen an ein bestimmtes Prinzip und eine bestimmte Lehre glaubt und ihnen folgt. Diejenigen hingegen, deren Prinzipien und Lehren nicht mit den ihren übereinstimmen, haben keinerlei Gemeinsamkeit mit ihnen, selbst wenn sie ihre engsten Verwandten sind.
Der Koran erkennt unter den Bewohnern der Erde nur zwei Parteien an: die Partei Allahs (Hizbullah) und die Partei Satans (Hizb asch-Schaitan). Wie groß auch immer die Unterschiede innerhalb der Partei Satans in Bezug auf Prinzipien und Lehren sein mögen, der Koran betrachtet sie alle als ein und dieselbe Partei. Denn ihr Denken und ihre Handlungsweise sind nicht islamisch, und trotz geringfügiger Meinungsverschiedenheiten sind sie alle darin einig, Satan zu gehorchen. Der Koran sagt:
اسْتَحْوَذَ عَلَيْهِمُ الشَّيْطَانُ فَأَنْسَاهُمْ ذِكْرَ اللَّهِ أُولَئِكَ حِزْبُ الشَّيْطَانِ أَلَا إِنَّ حِزْبَ الشَّيْطَانِ هُمُ الْخَاسِرُونَ-(المجادلة-19)
– Satan hat von ihnen Besitz ergriffen und sie die Erinnerung an Allah vergessen lassen. Sie sind die Leute der Partei Satans. Seid gewarnt! Die Leute der Partei Satans sind wahrlich die Verlierer. (Al-Mudschadala: 19)
Ganz im Gegensatz dazu: Wie verschieden die Angehörigen der Partei Allahs auch hinsichtlich Abstammung, Heimat, Rasse, Sprache sowie Geschichte und Überlieferung sein mögen, und selbst wenn zwischen ihren Vorvätern erbitterte Feindschaften und gegenseitige Blutrache bestanden hätten – sobald sie in der von Gott bestimmten Denk- und Lebensweise übereinstimmten, waren sie gleichsam durch das göttliche Band (Hablullah) miteinander verbunden; und sobald sie dieser neuen Gemeinschaft beitraten, wurden sämtliche Beziehungen zu den Angehörigen der Partei Satans abgebrochen.
Umma
Das zweite Wort, das im Koran an vier Stellen (al-Baqara: 128, 143; Āl ʿImrān: 104, 110) im Sinne von Gemeinschaft verwendet wird, ist Umma. Auch in den Hadithen wird dieses Wort an vielen Stellen gebraucht. Als Umma bezeichnet man eine Gemeinschaft, deren Angehörige durch umfassende gemeinsame Angelegenheiten miteinander verbunden sind. So wurden beispielsweise die Menschen eines bestimmten Zeitalters als Umma bezeichnet. Auch die Angehörigen einer Abstammungsgemeinschaft oder eines Landes wurden Umma genannt. Doch die Grundlage der wahrhaft universalen Gemeinschaft der Muslime sind weder Abstammung, Heimat noch wirtschaftliche Interessen; vielmehr sind es ihre Lebensaufgabe, ihre Grundsätze und ihr Lebensweg. Tatsächlich sagt der Koran:
(Arabisch***************)
– Ihr seid die beste Umma, die für die Menschheit hervorgebracht worden ist. Ihr gebietet das Rechte, verbietet das Unrechte und glaubt an Allah. (Āl ʿImrān: 110)
(Arabisch***************)
– Und so haben Wir euch zu einer mittleren Umma gemacht, damit ihr Zeugen über die Menschheit seid und der Gesandte Zeuge über euch sei. (al-Baqara: 143)
Aus diesen beiden Versen wird klar ersichtlich, dass der „Muslim“ in Wirklichkeit eine internationale Gemeinschaft ist. Aus allen Völkern der Welt sind jene Menschen ausgewählt worden, die dazu bestimmt sind, einem besonderen Grundsatz zu folgen, ein besonderes Programm zu verwirklichen und eine Mission auszuführen. Da diese Menschen aus jedem Volk hervorgegangen sind und nach ihrer Vereinigung zu einer Gemeinschaft keine Verbindung mehr zu irgendeinem Volk haben, bilden sie untereinander eine Umma. Nachdem jedoch die Verbindung zu allen Völkern gelöst worden war, wurde eine zweite Beziehung zu allen Völkern hergestellt. Diese besteht darin, dass sie die Verantwortung übernehmen, die göttlichen Heerführer auf Erden zu sein. Die Worte „damit ihr Zeugen über die Menschheit seid“ besagen, dass der Muslim von Gott zum Heerführer auf Erden eingesetzt worden ist; und die Worte „für die Menschheit hervorgebracht worden ist“ sagen deutlich, dass die Mission der Muslime eine internationale Mission ist. Der Kern dieser Mission besteht darin, dass der Führer der Partei Allahs, unser Gebieter Muhammad (s.a.s.), die von Gott gegebenen Vorschriften für Denken und Handeln durch den Einsatz aller geistigen, sittlichen und materiellen Kräfte auf der Welt verwirklichen und ihnen gegenüber alle anderen Vorschriften und Methoden besiegen kann – (Arabisch****************)Dies ist dasjenige, auf dessen Grundlage der Muslim zu einer Umma gemacht worden ist.
Jama’at
Das dritte terminologische Wort, das der Prophet (s.a.) an vielen Stellen zur Bezeichnung des kollektiven Status der Muslime verwendet hat, ist „Jama’at“; auch dieses Wort ist, ebenso wie „Hizb“, ein Synonym für Partei. (****) und (******)
Wenn man viele Hadithe dieser Art aufmerksam betrachtet, wird deutlich, dass der Gesandte Allahs (s.a.) es vermieden hat, „Qaum“ oder Sha’b (***) oder ein anderes gleichbedeutendes Wort zu verwenden, und stattdessen den terminologischen Ausdruck „Jama’at“ gebrauchte. Er sagte niemals: „Haltet euch stets zur Qaum“, oder: „Die Hand Gottes ist über der Qaum.“ Vielmehr verwendete er in all diesen Fällen das Wort „Jama’at“. Der einzige Grund dafür war – und dies könnte der Grund sein –, dass es die Art und Weise, in der die Muslime miteinander verbunden sind, gerechter zum Ausdruck bringt. Das Wort „Qaum“ wird gewöhnlich in einem Sinn verwendet, in dem ein Mensch, ganz gleich, welcher Ideologie oder welchen Grundsätzen er folgt, einer Nation angehören kann, wenn er in ihr geboren wurde und durch seinen Namen, seine Lebensweise und seine sozialen Beziehungen mit ihr verbunden ist.
Der Unterschied zwischen einer ideologischen Partei und einer nationalen Partei
Die eine Partei ist nun eine solche, die angesichts der besonderen Verhältnisse einer Nation oder eines Landes eine bestimmte Ideologie und ein bestimmtes Programm für die politische Strategie besitzt. Eine solche Partei ist lediglich eine politische Partei. Daher kann und wird sie als Bestandteil jener Nation wirken, durch die sie ins Leben gerufen wurde.
Die zweite Partei ist eine solche, die mit einer universalen Ideologie und Weltanschauung hervortritt. Für die gesamte Menschheit besitzt sie unabhängig von Nation und Heimat eine universale Ideologie. Sie will das gesamte Leben auf eine bestimmte Weise gestalten. Von ihrer Ideologie und Lebensweise, ihrem Glauben und ihrer Denkweise sowie ihren Grundsätzen und ihrer Moral bis hin zu den Einzelheiten des persönlichen Verhaltens und der gesellschaftlichen Gesamtordnung will sie alles nach ihrem eigenen Muster formen. Sie strebt die Errichtung einer dauerhaften Kultur und einer besonderen Zivilisation an. Auch dies ist zwar eine Partei, aber nicht eine Partei von der Art, dass sie als Bestandteil einer Nation wirken könnte. Sie steht über einem begrenzten Nationalismus. Ihre Mission besteht darin, jene blinde Engstirnigkeit zu beseitigen, durch die in der Welt auf der Grundlage von Abstammung, Rasse, Sprache, Heimat und Tradition verschiedene Nationen entstanden sind. Wie kann diese Partei sich mit jenen Nationen verbinden? An die Stelle der erblichen und historischen Nationalität setzt sie eine vernunftgemäße Nationalität (). An die Stelle der Nationalität der Begrenzung setzt sie eine expansive Nationalität (). Sie selbst verwandelt sich in eine solche Nationalität, die auf der Grundlage der Einheit von Denken und Kultur darauf ausgerichtet ist, alle menschlichen Kräfte der Welt in ihren eigenen Rahmen aufzunehmen. Obwohl sie in diesem Sinne eine Nationalität ist, bleibt sie doch eine Partei. Denn ihre Aufnahme hängt nicht von der zufälligen Zugehörigkeit zur Bevölkerung ab, sondern von der bewussten Befolgung jener Ideologie und Lebensweise, auf deren Grundlage diese Partei gebildet wurde.
Die Muslime sind in Wirklichkeit die Bezeichnung für diese zweite Art von Partei. Sie ist keine Partei von der Art, wie sie innerhalb einer Nation gebildet wird. Vielmehr ist sie eine Partei, die mit dem Ziel hervortritt, ein dauerhaftes umfassendes Lebenssystem sowie eine dauerhafte Ordnung von Zivilisation und Kultur zu errichten, und die über die engen Grenzen kleiner Nationalismen hinaus auf einer vernunft- und gewissenhaften Grundlage eine große universale Nationalität () bilden will. Insofern ist es richtig, sie eine Nation zu nennen, als sie nicht aus emotionaler Verbundenheit danach strebt, sich mit einer der erblichen und historisch-traditionellen Nationen der Welt zu identifizieren. Vielmehr errichtet sie entsprechend ihrer eigenen Lebensanschauung und Gesellschaftsphilosophie selbstständig ihren eigenen kulturellen Bau. Obwohl sie in diesem Sinne eine eigenständige Nation ist, bleibt sie in Wirklichkeit doch eine Partei. Denn die bloße zufällige Geburt () kann keinen Menschen zum Mitglied dieser Partei machen, solange er nicht an ihre Ideologie glaubt und ihr folgt. Ebenso ist die Geburt eines Menschen in einer anderen Nation kein Hindernis dafür, dass er seine eigene Nation verlässt und sich der Partei anschließt, wenn er bereit ist, an ihre Ideologie zu glauben. Was wir also gesagt haben, bedeutet in Wirklichkeit, dass die Nationalität der Muslime auf ihrer Eigenschaft als Partei beruht. Der Parteistatus ist die Grundlage, der Status als Nation sein Zweig; wird der Parteistatus von ihm getrennt, bleibt dies bloß eine Nation, und das ist ihr Niedergang. Mehr noch: Es bedeutet in Wirklichkeit die Leugnung ihrer Existenz als Muslime. (170)
Zusammenfassung der Erörterung
Diese unter der Führung des Gesandten Allahs (s.a.w.) gebildete eigenständige Organisation der muslimischen Umma und die Herausbildung einer völlig von der nichtmuslimischen Gesellschaft getrennten Gesellschaft wurden zwar nicht über Nacht, sondern allmählich im Laufe einiger Jahre möglich. Doch aufgrund der Art und Weise, wie der islamische Aufruf vorgetragen wurde, erkannten die Menschen, in welche Richtung sich diese Bewegung entwickelte und welche Revolution sie schließlich herbeiführen würde. Daher gerieten diejenigen, die die alte Gesellschaft der Dschāhilīya bewahren wollten, in größte Unruhe und setzten all ihre Kräfte ein, um das Entstehen dieser neuen Umma aus ihrer Mitte zu verhindern. (171)
Siebter Abschnitt
Der Unterschied zwischen der Aufgabe eines Propheten und der eines Nichtpropheten
Am Ende dieser Erörterung halten wir es für notwendig, den Unterschied zwischen der Führung und der Arbeitsweise eines Propheten und der eines Nichtpropheten anhand all dessen, was bisher gesagt wurde, deutlich zu erfassen.
Als der Gesandte Allahs (s.a.w.) in Arabien mit dem islamischen Aufruf beauftragt wurde, gab es in der gesamten Welt und auch in seiner eigenen Heimat zahllose moralische, zivilisatorische, wirtschaftliche und politische Probleme, deren Lösung unerlässlich war. Die beiden Reiche Rom und Iran befanden sich auf dem Gipfel der Despotie. Die Ungleichheit aufgrund von Abstammung und Klassen hatte ein extremes Ausmaß erreicht. Die Unterdrückung der Schwachen durch die Mächtigen war unerträglich. Verschiedene Formen illegaler wirtschaftlicher Ausbeutung waren in vollem Gange. Die schlimmsten Formen moralischer Verderbtheit hatten sich ausgebreitet. Arabien war im Vergleich zu diesen Ländern von noch größeren Problemen heimgesucht. Das Volk, das im selben Land lebte und dieselbe Sprache sprach, war in unzählige Stämme geteilt, obwohl zwischen ihnen hinsichtlich Abstammung und Herkunft verwandtschaftliche Beziehungen bestanden. Eine Vorstellung von einer „arabischen Nation“ gab es unter ihnen nicht. Jeder betrachtete nur seinen eigenen Stamm als seine Nation. Überall herrschten Unordnung, Bürgerkriege, Unsicherheit, Unwissenheit, moralischer Niedergang, Unterdrückung und Verfolgung, Hunger und Armut. Ausländische Mächte drangen unter Ausnutzung dieser Schwächen Arabiens zunehmend in das Land ein. Im Norden hatte sich ihre Herrschaft bis an die Grenze des Hidschāz ausgedehnt. Die römische Regierung verbreitete Geld und Missionare im Inneren Arabiens und baute dadurch ihren Einfluss aus. Das christliche Reich Abessiniens, das gegenüber der Westküste lag, griff seit langer Zeit den Jemen an und bemühte sich, ihn zu erobern. Einmal waren seine Truppen sogar bis nach Mekka vorgedrungen. Iran hatte seine Herrschaft über die Ostküste Arabiens und einige Gebiete im Landesinneren ausgedehnt. Später reichte seine Herrschaft sogar bis in den Jemen. Die meisten fruchtbaren Gebiete des Hidschāz befanden sich seit mehreren Jahrhunderten in der Hand von Juden, die von außerhalb gekommen waren. Sie hatten die Araber in den Netzen ihres Wuchers gefangen.
Wenn unter solchen Umständen in Arabien ein Führer reformerischer Art aufgetreten wäre, hätte er seine Tätigkeit vielleicht mit dem Versuch begonnen, die Bräuche und Sitten der Dschāhilīya, die moralische Verderbtheit und die gegenseitigen Bürgerkriege zu bekämpfen. Oder er hätte unter dem Schlagwort des Gegensatzes zwischen Reichen und Armen die Armen gegen die Reichen aufgebracht und erregt, damit der Hunger der einfachen Menschen gestillt und die Armut beseitigt würde. Wäre hingegen ein Führer politischer Art aufgetreten, hätte er versucht, die Araber mit den Worten zu verführen und zu seinen Anhängern zu machen: „Ich werde euch in eine starke Nation verwandeln, die ausländischen Plünderer aus dem Land vertreiben, Arabien in ein großes Reich verwandeln und bei euch Handel, Gewerbe und Künste entwickeln. Ich werde eure wirtschaftlichen Mittel vermehren, euren Hunger beseitigen und, nachdem ich Stärke erlangt habe, die Nachbarländer angreifen, damit euer Reichtum sich in großem Maße vermehrt.“
Bei all diesen Tätigkeiten wäre die Frage des Charakters überhaupt nicht aufgekommen, und um seine politische Führung erfolgreich zu machen, hätte er nicht das geringste Bedenken gehabt, auf Betrug, Verschwörung, Täuschung, Gewalt und Massenmord zurückzugreifen. Außerdem wären beide Arten von Führung nationalistische Führungen gewesen. Selbst wenn sie sich über die Engstirnigkeit des eigenen Stammes erhoben hätten, wären sie höchstens bis zu einer arabischen Engstirnigkeit gelangt. Ihre Haltung gegenüber anderen Völkern und Ländern hätte diesen Horizont nicht überschritten.
Die besondere Arbeitsweise der islamischen Bewegung
Betrachten wir zunächst den von Gott gesandten Gesandten Allahs, Rasulullah (Allahs Segen und Friede seien auf ihm). Die Lage und die Probleme waren damals genau so, wie sie oben beschrieben worden sind. Alle waren wichtig, und keines davon durfte vernachlässigt werden. Auch der Prophet (Allahs Segen und Friede seien auf ihm) betrachtete sie nicht als Angelegenheiten, die man außer Acht lassen durfte. Er löste sie nicht nur zu gegebener Zeit eines nach dem anderen, sondern führte auch jene gewaltige Revolution herbei und stellte sie unter Beweis, deren Verwirklichung sich kein nichtprophetischer Reformer oder politischer Führer auch nur hätte vorstellen können. Doch zu Beginn seiner Sendung wandte er sich von all diesen Dingen ab und widmete seine ganze Aufmerksamkeit nur einer grundlegenden Reform, die der Schlüssel zur Lösung aller Probleme war. Obwohl er in einem Stamm und in einer Stadt geboren worden war, galt sein Blick vom ersten Tag der islamischen Bewegung an der gesamten Menschheit, zu der er aufgestanden war, um sie zum geraden Weg aufzurufen. Die grundlegende Reform, auf die er unter Vermeidung aller anderen Probleme seine gesamten Anstrengungen und Bemühungen konzentrierte, war folgende:
1. Die Menschen sollen an den Tauhid glauben, die Anbetung aller anderen aufgeben, allein Allah dienen und Seinen Befehl als unbedingt verbindlich betrachten.
2) Sie sollen Muhammad Rasulullah (Allahs Segen und Friede seien auf ihm) als Allahs Gesandten anerkennen und jene Rechtleitung, Lehren und Gesetze befolgen, die durch ihn von Allahs Weg zu ihnen gelangt sind.
3) Sie sollen den Koran als Allahs Wort anerkennen und Seine Anordnung jederzeit unbedingt befolgen.
4) Sie sollen an das Jenseits glauben und ihr weltliches Handeln in dem Bewusstsein verrichten, dass sie schließlich nach dem Tod vor Allah treten und für ihre Taten Rechenschaft ablegen müssen.
5) Sie müssen jene unveränderlichen Grundsätze für die guten und schlechten Seiten des Charakters befolgen, die Allah, Sein Gesandter und Sein Buch dargelegt haben.
6) Diejenigen unter den Menschen, die diese Da’wa annehmen, werden zu einer Ummah, die als Bannerträger dieser Da’wa auftritt. Sie müssen bereit sein, für ihren Sieg gewaltige Risiken für Leib und Leben sowie für ihren Besitz auf sich zu nehmen. Sie werden vollständig miteinander geeint sein und durch die Bildung einer eigenen künftigen Gesellschaft die Beziehungen der Freundschaft, Zuneigung und des tatsächlichen gesellschaftlichen Umgangs mit dem Kufr und den Ungläubigen abbrechen. (172)
Die Bedeutung dieser Vorgehensweise
Der Grund dafür, dass man sich zunächst von allen Seiten abwandte und alle Kräfte ausschließlich auf diese eine grundlegende Reform konzentrierte, war erstens, dass dies die richtige und wahre Sache war. Und die eigentliche Aufgabe eines Gesandten besteht darin, die Wahrheit vorzutragen. Der zweite Grund war, dass aus der Sicht der islamischen Bewegung die eigentliche Ursache all des Übels und Unheils, das im sittlichen und zivilisatorischen Leben des Menschen entsteht, darin liegt, dass der Mensch sich selbst für unabhängig und keiner Verantwortung unterworfen hält: dass er sich selbst zu seinem Ilah macht und neben dem Ilah des Universums andere für die Träger göttlicher Eigenschaften, Befugnisse und Rechte hält – seien es Menschen oder andere Wesen. Solange dieses Übel und Unheil im Kern vorhanden ist, kann nach islamischer Auffassung keine oberflächliche oder äußerliche Reform den persönlichen Verfall oder das gesellschaftliche Übel und Unheil beseitigen. Wird das Übel an einer Stelle entfernt, erhebt es sich an einer anderen wieder. Daher kann eine Reform nur auf folgende Weise beginnen: Einerseits muss man die eingebildete Vorstellung von Freiheit und fehlender Rechenschaft aus dem Herzen des Menschen entfernen und ihm sagen, dass die Welt, in der er lebt, in Wirklichkeit kein herrscherloses Reich ist. Vielmehr hat sie tatsächlich einen einzigen allumfassenden König, und er ist dessen geborener Untertan. Seine Königsherrschaft ist nicht davon abhängig, dass er sie anerkennt. Er kann diese Königsherrschaft nicht beenden und auch nicht aus ihr heraus und anderswohin gehen. Solange diese unveränderliche Wirklichkeit besteht, ist seine eingebildete Vorstellung von Freiheit nichts anderes als eine törichte Fehleinschätzung, deren Folgen er selbst tragen muss. Die Wirklichkeit verlangt, dass er sich unmittelbar vor Ihm verneigt und ein gehorsamer Diener oder Sklave bleibt. Andererseits muss ihm auch diese Seite der Wirklichkeit vor Augen geführt werden: In der gesamten Schöpfung gibt es nur einen einzigen König, einen einzigen Eigentümer und einen einzigen, der Anspruch auf Herrschaft und Autorität besitzt. Niemand sonst hat hier das Recht zu befehlen, und tatsächlich gehorcht niemand anderem. Daher soll er außer Ihm keinem anderen dienen, keinem anderen gehorchen und sich vor niemand anderem verneigen. Hier gibt es keine „His Majesty“; Majestät ist ausschließlich jenem Einen vorbehalten. Hier gibt es keine „His Highness“; Hoheit steht nur Ihm zu. Hier gibt es keine „His Holiness“; Heiligkeit ist ganz Ihm vorbehalten. Hier gibt es keine „His Lordship“; die gesamte Herrschaft gehört Ihm. Hier gibt es keinen Gesetzgeber. Das Gesetz gehört allein Ihm; das Recht, Gesetze zu erlassen und die Verletzung des Gesetzes zu bestrafen, gehört allein Ihm. Hier gibt es keine Regierung, keinen Wohltäter und Barmherzigen, keinen Schah oder Schahanschah, keinen Wali oder Amtsträger, keinen, der Unglück und Not beseitigt, keinen, der Gebete erhört, und keinen, der bedrängten Bittgebeten Abhilfe schafft. Niemand besitzt die Schlüssel zur Herrschaft. Niemand besitzt Vorrang. Von der Erde bis zum Himmel sind alle Diener, Sklaven und Gehorsame. Herr und Gebieter ist nur Einer. Daher muss jede Art von Knechtschaft, Gehorsam und Unterwerfung unter andere aufgegeben werden; man muss allein Sein Diener und Ihm allein gehorsam sein und nur Seinen Befehl und Seine Herrschaft anerkennen.
Dies ist die grundlegende Basis all dieser Reformen. Auf dieser Grundlage wird der gesamte Bau des persönlichen Charakters und der gesellschaftlichen Ordnung niedergerissen und nach einem besonderen Entwurf neu errichtet. Und alle Probleme des menschlichen Lebens, die von Adam (a) bis heute entstanden sind und von nun an bis zum Jüngsten Tag entstehen werden, werden auf dieser Grundlage auf neue Weise gelöst.
Die Methode, mit der der Prophet (s) seine Daʿwa begann
Muhammad (s) begann die Daʿwa zu dieser grundlegenden Reform nicht nach einer Methode, bei der er zunächst durch einige politische oder gesellschaftliche Aktivitäten Einfluss unter den Menschen gewinnen wollte, um dann diesen Einfluss zu nutzen, sich gewisse herrscherliche Befugnisse zu verschaffen und die Menschen durch deren Anwendung zu diesem Ziel zu führen. Nichts dergleichen. Wir sehen dort jemanden, der ausschließlich „La ilaha illallah“ verkündet. Auf irgendetwas Geringeres richtete sich sein Blick nicht. Der Grund dafür war nicht nur der prophetische Mut und der Eifer bei der Verkündigung; vielmehr ist dies tatsächlich die Vorgehensweise der islamischen Bewegung. Der Einfluss und die Macht, die durch andere Mittel erzeugt werden können, sind für die Arbeit dieser Reform überhaupt nicht hilfreich. Diejenigen, die die Unterstützung der Menschen auf einer anderen Grundlage als „La ilaha illallah“ gewinnen, werden dem Propheten (s) bei der Wiederaufbauarbeit auf dieser Grundlage nicht von Nutzen sein. Für diese Arbeit wird der Beitritt jener Menschen besonders fruchtbar sein, die beim bloßen Hören von „La ilaha illallah“ zum Rufer herbeieilen. Darin wird ihre Anziehungskraft liegen. Diese Wirklichkeit werden sie zur Grundlage ihres Lebens machen und auf dieser Grundlage voranschreiten. Daher verlangt die besondere Strategie und das Programm, die zur Durchführung der islamischen Bewegung erforderlich sind, dass die Arbeit ohne jede Einleitung mit dem Aufruf zum Tauhid begonnen werden muss.
Die umfassende Bedeutung des Tauhid-Begriffs
Diese Vorstellung vom Tauhid ist nicht nur ein religiöser Glaube. Durch sie wird das gesamte System des persönlichen und gesellschaftlichen Lebens, das auf der Grundlage der Freiheit des Menschen und der Herrschaft und Autorität anderer als Allah errichtet ist, mit der Wurzel ausgerottet. Und auf einer zweiten Grundlage wird ein neuer Bau errichtet. Heute hört man die Stimme des Muezzins, der „Aschhadu alla ilaha illallah“ ausruft, ganz gelassen an. Weder weiß der Rufer, was er sagt, noch erkennen die Zuhörer darin irgendeine Bedeutung oder Absicht. Wenn sie jedoch wüssten, dass diese Erklärung eine Rebellion gegen das gesamte gegenwärtig bestehende System und die Errichtung eines neuen Systems an dessen Stelle bezweckt, dann glauben Sie: Nirgendwo würde man dulden, dass diese Stimme erhoben wird. Ob Sie gegen jemanden kämpfen wollen oder nicht – die Welt selbst wird kommen, um gegen Sie zu kämpfen. Sobald diese Stimme erhoben wird, wird es scheinen, als seien plötzlich Erde und Himmel zu Ihren Feinden geworden, und überall werden Sie Schlangen, Skorpione und wilde Tiere sehen.
Der Grund für den Erfolg dieser Vorgehensweise
Dieser Zustand zeigte sich damals, als der Prophet Muhammad (s.a.s.) diese Botschaft öffentlich mit erhobener Stimme verkündete. Der Verkünder rief bewusst und wohlüberlegt auf, und auch die Zuhörer verstanden ihn; deshalb waren sie entschlossen, diese Stimme zum Schweigen zu bringen. Die Götzendiener und Priester sahen darin eine Bedrohung für ihren Brahmanismus und ihr Papsttum; die Reichen für ihren Reichtum, die Wucherer für ihr Wuchergeschäft, die Verehrer ihrer Abstammung für ihre Vorherrschaft aufgrund ihrer Herkunft, die Verehrer von Riten und Bräuchen für ihre Traditionen und Sitten, die Nationalisten für ihren Nationalismus und die Verehrer der Vorfahren für die von ihren Vätern und Großvätern ererbten Methoden und Lebensweisen. Mit einem einzigen Ruf sah jeder Götzendiener die Zerstörung seines eigenen Götzen drohen. Deshalb vereinigten sich gemäß al-kufru millatun wahidatun (*******) diejenigen, die miteinander im Streit lagen, um gegen diese neue Bewegung zu kämpfen. Unter diesen Umständen wandten sich nur jene dem Propheten Muhammad (s.a.s.) zu, deren Denken klar war, die fähig waren, die Wirklichkeit zu erkennen und anzunehmen, und in denen eine so starke Liebe zur Aufrichtigkeit lebte, dass sie, sobald sie erkannt hatten, dass etwas wahr war, bereit wurden, dafür ins Feuer zu springen und mit dem Tod zu spielen. Für diese Bewegung wurden gerade solche Menschen gebraucht. Einer, zwei, vier nach dem anderen kamen hinzu, und die Auseinandersetzungen und Konflikte nahmen ebenfalls zu. Manchen wurde der Lebensunterhalt entzogen, manche wurden von ihren Familien aus dem Haus vertrieben, und manche Freunde und Angehörige brachen die Beziehungen zu ihnen ab. Einige wurden gefangen genommen, andere wurden über den heißen Sand geschleift, manche wurden öffentlich mit Steinen und Beschimpfungen empfangen, manchen wurden die Augen ausgerissen, anderen der Kopf zerschmettert, und wieder andere versuchte man mit dem Angebot von Frauen, Reichtum, Königsherrschaft und allem nur möglichen zu kaufen. All dies geschah, und es musste geschehen. Ohne dies hätte die islamische Bewegung weder Festigkeit gewinnen noch voranschreiten können.
Der natürliche Weg zur Auswahl und Erziehung von Mitarbeitern
Der unvermeidliche Nutzen davon war, dass Menschen mit äußerst schwachem Charakter und schwachem Willen gar nicht erst zu ihr gelangen konnten. Diejenigen, die gekommen waren, gehörten zu den fähigsten unter den Kindern Adams und waren genau diejenigen, die tatsächlich gebraucht wurden. Es gab keinen anderen Weg, geeignete Mitarbeiter aus untätigen Menschen auszuwählen, als dass jeder, der kam, durch eine Feuerprobe gegangen war. Und diejenigen, die kamen, mussten den Gefahren nicht um persönlicher Interessen willen oder für ein Anliegen ihrer Abstammung oder ihres Volkes begegnen. Vielmehr mussten sie alles, was sie zu ertragen hatten, allein um der Wahrheit und Aufrichtigkeit willen sowie um Allahs und Seines Wohlgefallens willen ertragen. Dafür wurden sie geschlagen, litten Hunger und Durst und wurden der Unterdrückung und Verfolgung der ganzen Welt ausgesetzt. Das Ergebnis war, dass sich in ihnen allmählich die erforderliche richtige islamische Denkweise herausbildete. Ihr starkes und verlässliches islamisches Wesen wurde geformt. In ihrer Gottesverehrung entstand Aufrichtigkeit, und diese nahm weiter zu. Dass sich auf diesem kraftvollen Übungsfeld der Bedrängnisse und Leiden die islamische Wirklichkeit entfaltete, war ganz natürlich. Wenn sich ein Mensch erhebt, um ein Ziel zu erreichen, und auf diesem Weg Konflikte, erbitterte Anstrengungen, Gefahren, Leid, Unruhe, Gefängnis und Misshandlung, Hunger und Durst, Verbannung und dergleichen überwindet, dann erfüllt sich durch seine persönliche Erfahrung die gesamte Wirklichkeit dieses Ziels in seinem Inneren. Danach wird seine ganze Persönlichkeit von diesem Ziel geprägt. Um ihm dabei zur Vollkommenheit zu verhelfen, wurde ihm als Erstes das Gebet zur Pflicht gemacht, damit jede Gefahr einer Täuschung oder Unklarheit der Sicht beseitigt werde, sein Blick auf sein Ziel gerichtet bleibe und er durch die wiederholte Anerkennung der Herrschaft dessen, den er als seinen Herrscher angenommen hatte, in seinem Glauben gefestigt werde. Dass derjenige, nach dessen Befehl er in der Welt wirken muss, der Kenner des Verborgenen und des Sichtbaren, der vollkommene Herrscher und derjenige ist, der über Seine gesamte Schöpfung herrscht, sollte sich vollständig in seinem Herzen fest verankern, sodass unter keinen Umständen der Gedanke Raum in seinem Herzen fände, jemand anderem außer Ihm zu gehorchen.
Der Grund für die Ausbreitung der islamischen Botschaft
Einerseits wurden die Hinzugekommenen auf diese Weise erzogen, und andererseits breitete sich die islamische Bewegung aufgrund dieser Auseinandersetzungen und Konflikte aus. Wenn die Menschen sahen, dass eine kleine Gruppe geschlagen, gefangen genommen und aus ihren Häusern vertrieben wurde, erwachte in ihnen unweigerlich die Neugier, und sie versuchten herauszufinden, worum es bei all diesem Aufruhr ging. Wenn sie erfuhren, dass es weder um Frauen, Geld noch Grundbesitz ging und dass diese Diener Allahs keinerlei persönliche Interessen hatten, sondern nur deshalb geschlagen wurden, weil ihnen die Wahrheit einer Sache offenbar geworden war, entstand in ihnen spontan der Wunsch zu erfahren, was es eigentlich für eine Sache war, für die diese Menschen solche Gefahren und Leiden auf sich nahmen. Wenn sie dann erfuhren, dass diese Sache „La ilaha illallah“ war und dadurch eine solche Revolution im menschlichen Leben bewirkt wird, und dass mit dieser Botschaft Menschen auf das Kampffeld traten, die um der bloßen Wahrheit willen alle Annehmlichkeiten der Welt zurückwiesen und ihr Leben, ihren Besitz und ihre Kinder opferten, dann wurden ihre Augen geöffnet, und die Schleier, die ihre Herzen bedeckt hatten, begannen sich zu lüften. Vor diesem Hintergrund erreichte diese Wahrheit ihr Ziel wie ein Pfeil, der sein Ziel trifft. Das war der Grund, weshalb alle außer jenen, die durch den Hochmut über ihren persönlichen Rang, die Unwissenheit blinder Gefolgschaft gegenüber ihren Vorfahren oder die Verlockung weltlicher Interessen blind gemacht worden waren, von dieser Bewegung angezogen wurden. Manche fühlten sich rasch angezogen, während andere dieser Anziehung lange widerstanden. Doch ob spät oder früh: Jeder wahrheitsliebende und selbstlose Mensch musste sich mit dieser Wahrheit verbinden.
Die außergewöhnliche Wirkung des Charakters des Propheten (s.a.s.)
In dieser Zeit machte der Prophet (s.a.s.), der Führer der Bewegung, durch sein eigenes Leben die Grundsätze der Bewegung und alle Einzelheiten dessen, wofür diese Bewegung stand, deutlich. Aus jedem seiner Worte, jeder seiner Taten und jeder seiner Aktivitäten strömte die eigentliche Lebenskraft des Islam hervor, und die Menschen erkannten, was Islam bedeutet.
Seine Ehefrau, die ehrwürdige Chadidscha (r.a.), war die reichste Frau im Hedschas. Der Prophet (s.a.s.) betrieb mit ihrem Vermögen Handel. Als der Aufruf zum Islam begann, kamen all ihre Handelsgeschäfte zum Erliegen. Da er vollständig mit seiner Aufgabe der Verkündigung beschäftigt war und ganz Arabien zu seinem Feind gemacht hatte, konnte das Geschäft nicht weitergeführt werden. Alles, was aus den früheren Tagen übrig geblieben war, verbrauchten die Eheleute innerhalb weniger Jahre für die Verbreitung dieser Bewegung. Als er schließlich nach Taif ging, konnte der Mann, der einst der bedeutendste Kaufmann des Hedschas gewesen war, nicht einmal einen Esel für sein Reittier aufbringen.
Die Quraisch boten dem edlen Propheten (s) den Thron der Regierung des Hedschas an. Sie sagten: Wir werden dich zu unserem König machen, dich mit dem schönsten Mädchen Arabiens verheiraten und dir Berge von Reichtümern zu Füßen legen – unter der Bedingung, dass du diese Bewegung aufgibst. Doch derjenige, der zur Befreiung und zum Wohl der Menschheit erschienen war, wies all diese Angebote zurück und erklärte sich bereit, Beschimpfungen und Steinwürfe zu ertragen.
Die Quraisch und die arabischen Stammesführer sagten: Muhammad, wie können wir zu dir kommen und bei dir sitzen, und wie können wir deine Worte anhören, wenn in deiner Versammlung ständig Sklaven, Besitzlose und – Gott behüte – Menschen niedriger Herkunft sitzen? Du hast die Menschen, die bei uns zur untersten Schicht gehören, um dich versammelt. Schicke sie fort, damit wir uns mit dir treffen können. Doch derjenige, der gekommen war, um die Menschen auf eine gleiche Stufe zu stellen, weigerte sich, die Armen den Reichen zuliebe fortzuschicken.
Im Interesse der Bewegung nahm der Prophet (s) keinerlei Rücksicht auf die Interessen seines Landes, seines Volkes, seines Stammes oder seiner Familie. Diejenigen, die den Glauben annahmen, waren ihm nahestehend; diejenigen, die ihn nicht annahmen, waren ihm fern. Gerade dies gab den Menschen auf der ganzen Welt die feste Überzeugung, dass er als Mensch zum Wohl der Menschen erschienen war, und gerade dies zog jedes Land und jedes Volk zu seiner Einladung hin. Wenn er sich um seine Familie gesorgt hätte, welche Zuneigung hätten dann diejenigen, die keine Haschemiten waren, zu diesem Anliegen empfunden? Wenn er darauf bedacht gewesen wäre, die Vorherrschaft und Herrschaft der Quraisch um jeden Preis zu bewahren, warum hätten die Nicht-Quraisch an dieser Sache Anteil nehmen sollen? Wenn er für die Vorherrschaft der Araber gewirkt hätte, welche Notwendigkeit hätten dann Bilal (r) aus Abessinien, Suhaib (r) aus Rom und Salman (r) aus Iran gehabt, ihn bei seiner Arbeit zu unterstützen? In Wirklichkeit war es die reine Gottesverehrung und die Erhebung über persönliche, familiäre und nationale Interessen, die alle anzog. (173)
Hinweise
1. Ergänzung durch den Verfasser
2. Tafhim al-Qur’an: Band 2, Bani Isra’il, Anmerkung 92
3. Tafhim al-Qur’an: Band 4, Az-Zumar, Anmerkung 64
4. Ergänzung durch den Verfasser]
5. Tafhim al-Qur’an: 1. Band, al-An’am, Anmerkung 29
6. Ergänzung des Verfassers
7. Tafhim al-Qur’an: 4. Band, az-Zumar, Anmerkung 27
8. Tafhim al-Qur’an: 4. Band, asch-Schura, Anmerkung 38
9. Tafhim al-Qur’an: 2. Band, at-Tauba, Anmerkung 31
10. Ergänzung des Verfassers
11. Tafhim al-Qur’an: 3. Band, al-Qasas, Anmerkungen 80–85
12. Ergänzung des Verfassers
13. Tafhim-ul-Qur’an: 3. Band, Al-Anbiya, Anmerkung 5
14. Tafhim-ul-Qur’an: 3. Band, Al-Furqan, Anmerkungen 14–17
15. Vom Verfasser hinzugefügt
16. Tafhim-ul-Qur’an: 3. Band, Al-Anbiya, Anmerkung 10
17. Tafhim-ul-Qur’an: 5. Band, At-Taghabun, Anmerkungen 11–13
18. Tafhim-ul-Qur’an: 2. Band, Bani Isra’il, Anmerkung 108
19. Tafhim-ul-Qur’an: 2. Band, Yusuf, Anmerkung 79
20. Vom Verfasser hinzugefügt
21. Tafhim al-Qur’an: Band 2, Banī Isrā’īl, Anmerkung 63
22. Tafhim al-Qur’an: Band 4, Az-Zukhruf, Anmerkungen 30–32
24. Tafhim al-Qur’an: Band 4, Al-Mu’min, Anmerkungen 75–76
25. Tafhim al-Qur’an: Band 2, An-Nahl, Anmerkung 4
26. Tafhim al-Qur’an: Band 4, Al-Ahqaf, Anmerkungen 15–16
27. Tafhim al-Qur’an: Band 3, Asch-Schu’ara, Anmerkung 81
28. Tafhim al-Qur’an: Band 4, Sad, Anmerkung 8
29. Ergänzung durch den Verfasser
30. Tafhim al-Qur’an: Band 3, al-Mu’minun, Anmerkung 27
31. Tafhim al-Qur’an: Band 3, al-Mu’minun, Anmerkung 36
32. Tafhim al-Qur’an: Band 5, at-Tur, Anmerkung 22
33. Tafhim al-Qur’an: Band 6, at-Takwir, Anmerkung 21
34. Tafhim al-Qur’an: Band 3, asch-Schu’ara, Anmerkungen 130–133
35. Tafhim al-Qur’an: Band 4, ad-Duchan, Anmerkung 12
36. Tafhim al-Qur’an: Band 2, an-Nahl, Anmerkung 70
37. Tafhim al-Qur’an: Band 3, al-Qasas, Anmerkung 64
38. Ergänzung des Verfassers
39. Tafhim-ul-Quran: 3. Band, Furqan, Anmerkung 18
40. Tafhim-ul-Quran: 4. Band, Saba, Anmerkungen 66–67
41. Tafhim-ul-Quran: 3. Band, Saba, Anmerkungen 66–67
42. Tafhim-ul-Quran: 6. Band, Qalam, Anmerkungen 2–4
43. Tafhim-ul-Quran: 2. Band, Araf, Anmerkung 143
44. Tafhim-ul-Quran: 3. Band, Shuara, Anmerkung 142
45. Tafhim-ul-Quran: 3. Band, Shuara, Anmerkung 143
46. Tafhim al-Qur’an: 3. Band, Schu’ara, Anmerkung 144
47. Tafhim al-Qur’an: 5. Band, Tur, Anmerkung 25
48. Tafhim al-Qur’an: 2. Band, Bani Isra’il, Anmerkung 54
49. Tafhim al-Qur’an: 5. Band, Qaf, Anmerkung 5
50. Tafhim al-Qur’an: 3. Band, Furqan, Anmerkung 55
51. Tafhim al-Qur’an: 2. Band, Bani Isra’il, Anmerkung 106
52. Tafhim al-Qur’an: 3. Band, Ankabut, Anmerkung 91
53. Tafhim al-Qur’an: 6. Band, Muddaththir, Anmerkung 39
54. Tafhim-ul-Qur’an: 1. Band, Al-An’am, Anmerkungen 5–7
55. Tafhim-ul-Qur’an: 1. Band, Al-An’am, Anmerkungen 26–27
56. Tafhim-ul-Qur’an: 2. Band, Ar-Ra’d, Anmerkung 47
57. Tafhim-ul-Qur’an: 3. Band, Al-Ankabut, Anmerkung 88
58. Tafhim-ul-Qur’an: 2. Band, Yunus, Anmerkung 21
59. Tafhim-ul-Qur’an: 3. Band, Al-Qasas, Anmerkung 109
60. Ergänzung durch den Verfasser
61. Tafhim-ul-Qur’an: 4. Band, As-Sadschda, Anmerkung 1
62. Tafhim al-Qur’an: 4. Band, as-Sadschda, Anmerkungen 2–4
63. Tafhim al-Qur’an: 2. Band, Yunus, Anmerkung 45
64. Tafhim al-Qur’an: 2. Band, Bani Isra’il, Anmerkung 105
65. Tafhim al-Qur’an: 2. Band, Hud, Anmerkung 14
67. Tafhim al-Qur’an: 2. Band, Yunus, Anmerkung 46
68. Tafhim al-Qur’an: 3. Band, al-Furqan, Anmerkungen 44–46
69. Tafhim al-Qur’an: 2. Band, an-Nahl, Anmerkungen 102–106
70. Tafhim al-Qur’an: 3. Band, al-Furqan, Anmerkung 12
71. Tafhim-ul-Qur’an: 4. Band, Hāmīm Sadschda, Anmerkung 54
72. Tafhim-ul-Qur’an: 4. Band, Hāmīm Sadschda, Anmerkung 1
73. Ergänzung des Verfassers
74. Ergänzung des Verfassers
75. Tafhim-ul-Qur’an: 4. Band, Dschāthiya, Anmerkung 44
76. Tafhim-ul-Qur’an: 4. Band, Dschāthiya, Anmerkung 34
77. Tafhim-ul-Qur’an: 2. Band, Raʿd; Anmerkung 12
78. Tafhim-ul-Qur’an: 4. Band, Saba, Anmerkung 10
79. Tafhim-ul-Quran: Band 6, An-Nazi’at, Anmerkung 4
80. Tafhim-ul-Quran: Band 4, Ya-Sin, Anmerkungen 64–67
81. Tafhim-ul-Quran: Band 2, Bani Isra’il, Anmerkung 56
82. Tafhim-ul-Quran: Band 2, Al-Hadsch, Anmerkungen 5–6
83. Tafhim-ul-Quran: Band 4, As-Sadschda, Anmerkungen 20–21
84. Tafhim-ul-Quran: Band 4, As-Saffat, Anmerkungen 8–9
85. Tafhim-ul-Quran: Band 4, Al-Mu’min, Anmerkung 79
86. Tafhim-ul-Quran: Band 6, An-Nazi’at, Anmerkung 14
87. Tafhim-ul-Qur’an: 4. Band, as-Saffat, Anmerkungen 8–12
88. Tafhim-ul-Qur’an: 6. Band, al-Ghaschiya, Anmerkung 7
89. Tafhim-ul-Qur’an: 5. Band, Qaf, Anmerkung 4
90. Tafhim-ul-Qur’an: 5. Band, Qaf, Anmerkung 4
91. Tafhim-ul-Qur’an: 5. Band, Qaf, Anmerkung 4
92. Tafhim-ul-Qur’an: 5. Band, Qaf, Anmerkung 18
93. Ergänzung des Verfassers
94. Tafhim-ul-Qur’an: 6. Band, al-Qiyama, Anmerkung 24
95. Tafhim-ul-Qur’an: 6. Band, Qiyamah, Anmerkung 2
96. Tafhim-ul-Qur’an: 4. Band, Sad, Anmerkungen 29–30
97. Tafhim-ul-Qur’an: 5. Band, Taghabun, Anmerkungen 15–17
98. Tafhim-ul-Qur’an: 4. Band, Dukhan, Anmerkungen 31–32
99. Tafhim-ul-Qur’an: 4. Band, Dschathiya, Anmerkungen 27–28
100. Tafhim-ul-Qur’an: 4. Band, Dschathiya, Anmerkung 33
101. Tafhim-ul-Qur’an: 6. Band, Qalam, Anmerkungen 19–23
102. Tafhim-ul-Qur’an: 6. Band, Takwir, Anmerkung 9
103. Ergänzung des Verfassers
104. Tafhim-ul-Qur’an: 6. Band, Al-Qiyamah, Anmerkungen 3–5
105. Tafhim-ul-Qur’an: 6. Band, Al-Qiyamah, Anmerkung 15
106. Tafhim-ul-Qur’an: 6. Band, Ad-Dahr, Anmerkung 21
107. Tafhim-ul-Qur’an: 6. Band, At-Takathur, Anmerkungen 1–3
108. Tafhim-ul-Qur’an: 6. Band, Al-Mutaffifin, Anmerkung 1
109. Tafhim-ul-Qur’an: 6. Band, Al-Fajr, Anmerkungen 11–14
110. Tafhim-ul-Qur’an: 6. Band, Al-Ma’un, Anmerkung 7
111. Tafhim-ul-Qur’an: 6. Band, al-Mulk, Anmerkung 4
112. Tafhim-ul-Qur’an: 6. Band, ad-Dahr, Anmerkungen 3–5
113. Tafhim-ul-Qur’an: 4. Band, az-Zumar, Anmerkung 45
114. Tafhim-ul-Qur’an: 4. Band, al-Mu’min, Anmerkung 28
115. Ergänzung des Verfassers
116. Tafhim-ul-Qur’an: 5. Band, Qaf, Anmerkung 21
117. Tafhim-ul-Qur’an: 6. Band, al-Infitar, Anmerkung 7
118. Tafhim-ul-Qur’an: 6. Band, az-Zilzal, Anmerkungen 2–4
119. Tafhim-ul-Quran: 3. Band, Kahf, Anmerkung 46
120. Tafhim-ul-Quran: 5. Band, Qamar, Anmerkung 28
121. Tafhim-ul-Quran: 5. Band, Mujadala, Anmerkung 17
122. Tafhim-ul-Quran: 4. Band, Ya-Sin, Anmerkung 55
123. Tafhim-ul-Quran: 4. Band, Ya-Sin, Anmerkung 55
124. Tafhim-ul-Quran: 4. Band, Ha-Mim as-Sajda, Anmerkung 25
125. Tafhim-ul-Quran: 4. Band, Ya-Sin, Anmerkung 9
126. Tafhim-ul-Quran: 4. Band, Dschathiya, Anmerkung 42
127. Tafhim al-Qur’an: 4. Band, Az-Zumar, Anmerkung 80
128. Tafhim al-Qur’an: 6. Band, Al-Adiyat, Anmerkung 8
129. Tafhim al-Qur’an: 6. Band, At-Tariq, Anmerkungen 5–7
130. . Tafhim al-Qur’an: 6. Band, At-Tariq, Anmerkungen 5–7
131 Tafhim al-Qur’an: 6. Band, Al-Qiyamah, Anmerkungen 9–10
132. Tafhim al-Qur’an: 6. Band, Al-Qiyamah, Anmerkung 20
133. Tafhim al-Qur’an: 6. Band, Al-Fajr, Anmerkung 17
134. Tafhim al-Qur’an: 6. Band, Al-Infitar, Anmerkung 3
135. Tafhim al-Qur’an: 6. Band, az-Zilzal, Anmerkungen 5–7
136. Tafhim al-Qur’an: 4. Band, Fatir, Anmerkungen 39–40
137. Tafhim al-Qur’an: 6. Band, Abasa, Anmerkung 22
138. Tafhim al-Qur’an: 6. Band, al-Ma’aridsch, Anmerkung 11
139. Tafhim al-Qur’an: 4. Band, al-Mu’min, Anmerkung 31032
140. Tafhim al-Qur’an: 6. Band, an-Naba, Anmerkungen 23–24
141. Ergänzung des Verfassers
142. Ergänzung des Verfassers
143. Tafhim al-Qur’an: 6. Band, Schams, Anmerkungen 4–6
144. Ergänzung durch den Verfasser
145. Tafhim al-Qur’an: 6. Band, Balad, Anmerkungen 9–10
146. Tafhim al-Qur’an: 6. Band, Tin, Anmerkungen 2–4
147. Ergänzung durch den Verfasser
148. Ergänzung durch den Verfasser
149. Tafhim al-Qur’an: 5. Band, Hudschurat, Anmerkung 28
150. Tafhim al-Qur’an: 3. Band, Rum, Anmerkung 18
151. Tafhim-ul-Quran: 3. Band, Hagg, Anmerkung 132
152. Tafhim-ul-Quran: 3. Band, Qasas, Anmerkung 73
153. Ergänzung des Verfassers
154. Tafhim-ul-Quran: 6. Band, Lahab, Einleitung
155. Tafhim-ul-Quran: 5. Band, Hujurat, Anmerkung 18
156. Tafhim-ul-Quran: 6. Band, Balad, Anmerkung 14
157. Tafhim-ul-Quran: 5. Band, Hujuratk, Anmerkung 26
158. Ergänzung des Verfassers
159. Tafhim al-Qur’an: 4. Band, Hamim Sadschda, Anmerkung 136
160. Tafhim al-Qur’an: 1. Band, al-Baqara, Anmerkung 144
161. Tafhim al-Qur’an: 1. Band, Al-i-‘Imran, Anmerkung 88
162. Tafhim al-Qur’an: 2. Band, at-Tauba, Anmerkung 80
163. Tafhim al-Qur’an: 3. Band, al-‘Ankabut, Anmerkungen 94–99
164. Tafhim al-Qur’an: 2. Band, at-Tauba, Anmerkung 18
165. Tafhim al-Qur’an: 5. Band, al-Mudschadala, Anmerkung 37
166. Tafhim al-Qur’an: 3. Band, al-‘Ankabut, Anmerkungen 17–18
167. Tafhīm al-Qurʾān: 3. Band, al-ʿAnkabūt, Anmerkungen 17–18
168. Tafhīm al-Qurʾān: 2. Band, at-Tauba, Anmerkung 111
169. Tafhīm al-Qurʾān: 5. Band, al-Mumtaḥana, Anmerkung 13
170. Aus „Der islamische Staat“ entnommen: Seiten 159–176
171. Vom Verfasser hinzugefügt
172. Vom Verfasser hinzugefügt
173. Aus „Der Weg der islamischen Revolution“ entnommen