Unsere Worte
Der verstorbene Mawlana konnte dieses Werk zu seinen Lebzeiten nicht vollenden. Nachdem er bis zur Hidschra geschrieben hatte, verstarb er. Dieser Teil wurde bis zur Hidschra in Urdu in zwei Bänden veröffentlicht. Den ersten Urdu-Band haben wir auf Bengalisch in zwei Bände aufgeteilt. Das vorliegende Werk ist dessen zweiter Teil. Wir hoffen, den zweiten Urdu-Band auf Bengalisch als dritten und vierten Band zu veröffentlichen.
Die Sayyid Abul Ala Maududi Research Academy bemüht sich, sämtliche Werke des Mawlana den bengalischsprachigen Lesern schnell zugänglich zu machen. Das vorliegende Werk wurde von Mawlanas engem Mitarbeiter, dem hoch angesehenen Schriftsteller Herrn Abbas Ali Khan, übersetzt. Über seine Beherrschung der Übersetzungsarbeit, seine Meisterschaft im Gebrauch der Wörter und die Kraft seiner Sprache gibt es unserer Meinung nach den gebildeten Lesern nichts Neues zu sagen.
Wir danken Allah, dem Erhabenen, dafür, dass wir dieses Werk im Namen der Akademie veröffentlichen durften. Möge Er allen Lesern dieses Werkes die Fähigkeit schenken, die wahre Mission des Prophetentums zu begreifen. Amin.
Abdus Shahid Nasim
Direktor
Sayyid Abul Ala Maududi Research Academy, Dhaka.
Der Islam ist in Wahrheit die Bezeichnung für jene Bewegung, die das gesamte Gebäude des menschlichen Lebens auf der Vorstellung und dem Glauben an die Souveränität des einen Allah errichten will. Diese Bewegung besteht seit frühester Zeit auf derselben Grundlage und nach derselben Methode. Geleitet wurde sie von jenen, die Allah, der Erhabene, als Propheten und Gesandte bezeichnet. Wenn wir diese Bewegung führen müssen, sind wir zwangsläufig gehalten, der Vorgehensweise jener Führer zu folgen. Denn außer dieser gibt es für eine Bewegung dieser besonderen Art keine andere Vorgehensweise, und es kann auch keine geben. Wenn wir in dieser Hinsicht versuchen, den Spuren der edlen Propheten (a.s.) nachzugehen, stoßen wir auf große Schwierigkeiten. Über das Wirken der Propheten, die in alter Zeit ihr Leben verbrachten, können wir nicht viel erfahren. Im Qur’an finden sich einige kurze Hinweise. Doch aus ihnen lässt sich der gesamte Plan nicht erschließen. Im Neuen Testament der Bibel finden sich einige unzuverlässige Aussagen über Jesus (a.s.), die in gewissem Maße einen Aspekt beleuchten, nämlich wie die Islamische Bewegung in ihrer allerersten Phase geführt werden kann und welchen Problemen sie dabei begegnen muss. Doch Jesus (a.s.) musste sich der späteren Phase nicht stellen, und darüber findet sich ebenfalls kein Hinweis. In dieser Hinsicht erhalten wir nur aus einer einzigen Quelle eine klare und vollständige Anleitung, und zwar aus dem Leben des Propheten Muhammad Mustafa (s.a.w.). Wir wenden uns ihm nicht deshalb zu, weil wir ihm Verehrung entgegenbringen, sondern sind in Wahrheit gezwungen, uns ihm zuzuwenden, um Erkenntnis über die Höhen und Tiefen dieses Weges zu erlangen. Unter allen Führern der Islamischen Bewegung ist allein der Prophet Muhammad (s.a.w.) derjenige Führer, in dessen Leben wir eine vollständige und äußerst zuverlässige Darstellung jeder einzelnen Phase und jedes einzelnen Aspekts kennenlernen können: von der anfänglichen Daʿwa dieser Bewegung über die Errichtung des Islamischen Staates bis hin zu dessen Staatsstruktur, Verfassung, Innen- und Außenpolitik sowie den Grundsätzen und Methoden der Staatsführung.
Kapitel 13 – Der Niedergang früherer Ummahs und ihre Ruinen
Einleitung
Wenn wir die Geschichte der Menschheit betrachten, erfahren wir, welchem schrecklichen Schicksal nach dem anderen jene Völker begegneten, die die von den Propheten verkündete Wahrheit zurückwiesen, die Welt als bloßen Ort des Genusses und des Spiels betrachteten und ihr Leben auf der Grundlage irriger Glaubensvorstellungen führten. (Tafhim al-Qur’an, Sure al-Anbiya, Anmerkung 17)
Die verfluchten und vernichteten Völker betrachteten die alten Ruinen lediglich aus Schaulust und Neugier. Doch sie zogen daraus keine Lehre. Daraus wird deutlich, wie sehr sich die Sichtweise derjenigen, die an das Jenseits glauben, von der Sichtweise der Ungläubigen unterscheidet. Der eine betrachtet sie als bloße Sehenswürdigkeit oder verfasst bestenfalls Geschichte darüber. Der andere hingegen gewinnt daraus eine moralische Lehre und gelangt zu Erkenntnissen und Wahrheiten, die nicht mit dem irdischen Leben verbunden sind. (Tafhim al-Qur’an, Sure al-Furqan, Anmerkung 54)
Alle, die zur Besserung und Läuterung der Menschen entsandt wurden, waren Bewohner ihrer jeweiligen Völker. Wer waren Hazrat Nuh (a.s.), Hazrat Ibrahim (a.s.), Hazrat Musa (a.s.) und Hazrat Isa (a.s.)? Seht nun, welches Ende jene Völker nahmen, die ihre Da’wa nicht annahmen und ihren haltlosen Vorstellungen sowie ihren ungezügelten Begierden folgten. Viele Menschen haben auf Geschäftsreisen die zerstörten Siedlungen von ‘Ad, Thamud, Madyan, dem Volk Lots und anderen Völkern passiert. Haben sie dort gar nichts gesehen? Das Schicksal, das jene in dieser Welt erlitten, deutet doch darauf hin, dass sie im Jenseits ein noch schrecklicheres Schicksal erleiden werden. Diejenigen dagegen, die sich in dieser Welt selbst gebessert haben, waren nicht nur hier edel, sondern werden auch im Jenseits in einer weitaus besseren und glücklicheren Lage sein. (Tafhim al-Qur’an, Sure Yusuf, Anmerkung 79)
Jene Völker, die nicht auf die Worte der Propheten hörten und ihr Leben unter Leugnung von Tauhid, Risalat und Akhirat führten, wurden schließlich des Niedergangs und der Vernichtung würdig. Die fortlaufenden Ereignisse der Geschichte bezeugen, dass die sittlichen Gebote, die Allah Ta‘ala durch die Propheten herabgesandt hat, und die Befragung des Menschen im Jenseits über seine Taten gemäß diesen Geboten unbestreitbare Wahrheiten sind. Denn jedes Volk, das diese sittlichen Gebote missachtete, sich für jeder Verantwortung enthoben hielt und annahm, es müsse vor niemandem Rechenschaft ablegen, sah sich schließlich der Vernichtung gegenüber. (Tafhim al-Qur’an, Sure adh-Dhariyat, Anmerkung 21)
Der Grund für die Vernichtung der Völker, die in der Vergangenheit untergingen, war, dass sie, nachdem Allah Ta‘ala ihnen großen Reichtum und Einfluss verliehen hatte, berauscht von Wohlleben und Macht damit begannen, auf der Erde Verderben zu stiften. Der allgemeine sittliche Niedergang der Gesellschaft wurde schließlich so umfassend, dass es unter ihnen überhaupt keinen rechtschaffenen Menschen mehr gab, der sie von schlechten Taten hätte abhalten können. Und falls es doch jemanden gab, war ihre Zahl so gering, dass ihre schwache Stimme sie nicht von schlechten Taten abhalten konnte. Aus diesen Gründen wurden jene Völker des Fluchs Allahs Ta‘alas würdig. (Tafhim al-Qur’an, Sure Hud, Anmerkung 115)
Für diejenigen, die nach der Wahrheit suchen, sind auf Allahs Erde überall Zeichen über Zeichen ausgebreitet. Wenn sie diese betrachten, können sie die Wahrheit erkennen. Die Starrsinnigen jedoch nahmen trotz dessen, was sie sahen, keinen Iman an. Bis von Allah Frieden kommt, bleiben sie stets in der Irre gefangen. In diesem Zusammenhang wird in der Sure asch-Schu‘ara der Zustand von sieben Völkern der Geschichte geschildert. Sie verhielten sich ebenso hartnäckig wie die Ungläubigen von Mekka zur Zeit des Propheten Mustafa (s.a.w.). Bei der Darstellung dieser historischen Berichte lenkt Allah Ta‘ala die Aufmerksamkeit auf einige Punkte.
Erstens gibt es zwei Arten von Zeichen. Die eine Art sind Zeichen, die überall auf Allahs Erde verbreitet sind. Ein vernünftiger Mensch kann anhand dieser Zeichen erkennen, ob der Weg, zu dem Allahs Propheten aufrufen, richtig ist oder nicht. Die zweite Art sind solche Zeichen, wie sie das Volk Lots und die Gefährten von al-Aika zu sehen bekamen. Nun liegt es an den ungläubigen Mekkanern zu entscheiden, welche Art von Zeichen sie sehen wollen.
Zweitens waren in jeder Epoche die Denkweise, die Argumente, die Vorwürfe und die Einwände der Ungläubigen von gleicher Art. Auch ihre Machenschaften und Ausreden, mit denen sie den Glauben verweigerten, waren stets gleich. Folglich war auch ihr Ende immer gleich. Demgegenüber waren in allen Epochen die Lehren der Propheten gleich, ebenso wie ihr Charakter und ihr Verhalten. Auch die Art ihrer Argumentation gegenüber den Gegnern war dieselbe, und ebenso war Allahs Gunst ihnen gegenüber gleichermaßen vorhanden. Diese beiden Beispiele sind in der Geschichte überliefert. (Tafhīm al-Qurʾān, Sure asch-Schuʿarāʾ, Einleitung)
Den Völkern der Vergangenheit war in ihrer jeweiligen Epoche Gelegenheit gegeben worden, zu wirken. Doch sie schlugen den Weg des Unrechts, der Ungerechtigkeit und der Auflehnung ein. Auf die Worte der Propheten, die zu ihnen gesandt worden waren, um ihnen den rechten Weg zu zeigen, hörten sie nicht. So scheiterten sie in der Prüfung und wurden von der Erde entfernt. Schließlich kam die Reihe an die Araber. An die Stelle der Vorangegangenen wurde ihnen Gelegenheit zum Wirken gegeben. Auf dem Prüfungsfeld, von dem ihre Vorgänger vertrieben worden waren, standen nun sie, die Araber. Ihnen wurde gesagt, dass sie aus der ihnen gewährten Gelegenheit Nutzen zum Guten ziehen sollten, wenn sie nicht dasselbe Schicksal wie ihre Vorgänger erleiden wollten. Sie sollten aus dem Ende der vergangenen Völker Lehren ziehen und nicht die Fehler wiederholen, derentwegen jene zugrunde gegangen waren. (Tafhīm al-Qurʾān, Sure Yūnus, Anmerkung 18)
Das Volk Noahs (Friede sei mit ihm)
Aus den Hinweisen des Qurʾān und dem Bericht der Bibel wird deutlich, dass das Land, in dem das Volk Noahs (Friede sei mit ihm) lebte, heute Irak genannt wird. Auch die vorbiblischen alten Inschriften und Steintafeln, die unter den antiken Überresten Babylons gefunden wurden, bestätigen dies. Unter ihnen findet sich eine Geschichte von ungefähr dieser Art, die sowohl im Qurʾān als auch in der Bibel erwähnt wird und besagt, dass ihr Wohnsitz in der Umgebung von Mosul lag. Auch aus den Überlieferungen, die in Kurdistan und Armenien von Generation zu Generation weitergegeben werden, geht hervor, dass die Arche Noahs (Friede sei mit ihm) nach Sturm, Regen und Sintflut an irgendeinem Ort dieser Region anlegte. In der Umgebung der Insel Ibn Umar nördlich von Mosul und am Ararat-Gebirge an der Grenze zu Armenien werden noch heute verschiedene Spuren Noahs (Friede sei mit ihm) gezeigt. Unter den Bewohnern von Nachitschewan ist außerdem bis heute die Überlieferung verbreitet, dass Noah (Friede sei mit ihm) die Grundlage dieser Stadt gelegt habe.
Abbildung
(Das Gebiet des Volkes Noahs und der Berg Dschudi)
Abbildung eines historischen Beweises für einen gewaltigen Sturm
Eine Legende, die der oben erwähnten Geschichte von Hadhrat Nuh (a. s.) entspricht, findet sich in der alten Literatur Griechenlands, Ägyptens, Indiens und Chinas. Darüber hinaus sind derartige Legenden seit frühester Zeit in Birma, Malaysia, den ostindischen Inselgruppen, Australien, Amerika und verschiedenen Regionen Europas überliefert. Daraus wird klar ersichtlich, dass diese Geschichte aus einer Zeit stammt, in der die gesamte Menschheit in einem einzigen Gebiet lebte und sich später von dort aus über verschiedene Teile der Welt verbreitete. Deshalb erwähnt jedes Volk in seiner frühen Geschichte einen gewaltigen Sturm. Im Laufe der Zeit haben sie jedoch die genaue Schilderung vergessen und das tatsächliche Ereignis entsprechend ihren eigenen Vorstellungen mit einer gewaltigen Schicht fantastischer Ausschmückungen überzogen. (Tafhim al-Qur’an, Sure al-A’raf, Anmerkung 47)
Der Berg Judi, an dem die Arche von Hadhrat Nuh (a. s.) zum Stillstand kam, liegt in der Region Kurdistan nordöstlich der Insel Ibn Umar. In der Bibel wird als Ort, an dem die Arche anlegte, Ararat genannt, der Name eines Berges in Armenien. Dabei handelt es sich um ein Gebirge. Das als Ararat bezeichnete Gebirge erstreckt sich von den hohen Gipfeln Armeniens im Norden bis nach Kurdistan im Süden. Einer der Berge dieses Gebirgsstocks heißt Judi und ist bis heute unter diesem Namen bekannt. In den alten Geschichtswerken wird berichtet, dass die Arche an diesem Ort zum Stillstand kam. Tatsächlich bezeichnete ein babylonischer Religionsgelehrter namens Berasus (Berasus), der zweihundertfünfzig Jahre vor der Geburt von Hadhrat Isa (a. s.) auf der Grundlage alter Überlieferungen eine Geschichte seines Landes verfasste, darin den Berg Judi als den Ort, an dem die Arche von Hadhrat Nuh (a. s.) anlegte. Auch Abydenus (Abydenus), ein Schüler des Aristoteles, bestätigte dies in seiner Geschichte. Darüber hinaus beschreibt er die Zustände jener Zeit und berichtet, dass viele Menschen im Irak Bruchstücke dieser Arche aufbewahrten, die sie abwuschen und den Kranken das Wasser davon zu trinken gaben. (Tafhim al-Qur’an, Sure Hud, Anmerkung 46)
Der moralische Verfall des Volkes von Nuh
Aus der im Qur’an geschilderten Lage von Hadhrat Nuh (a. s.) und seinem Volk wird eindeutig ersichtlich, dass dieses Volk weder die Existenz Allahs leugnete noch in Unkenntnis über Ihn war. Es hatte auch nichts dagegen, Allah anzubeten. Doch die Irreleitung, in der es befangen war, bestand in der Irreleitung des Schirk. Das heißt, sie betrachteten neben Allah auch andere Wesen als Teilhaber an der Göttlichkeit und glaubten, dass auch diese Anspruch auf Lobpreis und Anbetung hätten. Aus dieser grundlegenden Irreleitung traten in diesem Volk vielerlei Formen des Unrechts hervor. Um die selbstgemachten Götter und Göttinnen zu vertreten, die sie als Teilhaber an der Göttlichkeit betrachteten, bildete sich aus der Mitte des Volkes eine besondere Klasse heraus. Sie bemächtigte sich sämtlicher religiöser, politischer und wirtschaftlicher Macht. Sie schuf unter den Menschen eine Unterscheidung zwischen Höheren und Niederen. Sie erfüllte das gesellschaftliche Leben mit Ungerechtigkeit und Unrecht, und moralisches Fehlverhalten sowie Sündhaftigkeit höhlten das innere Wesen der Menschlichkeit aus.
Das Volk von Hadhrat Nuh (a. s.)
Die Reformbemühungen von Hadhrat Nuh (a. s.)
*****Arabisch*******
Sie hatten ein gewaltiges Netz der Täuschung ausgespannt. – Sure an-Nuh: 22
Die Täuschung war die Taktik jener Führer, mit der sie versuchten, die einfachen Leute gegen die Lehren Noahs (a. s.) aufzubringen. Sie sagten beispielsweise: „Noah ist doch nur ein Mensch wie ihr. Wie kann man annehmen, dass ihm von Allah eine Offenbarung zuteilgeworden ist?“ (Sure al-Aʿrāf: 63; Sure Hūd: 27) „Die Gefolgschaft Noahs haben doch nur die Angehörigen unserer niedrigsten Schicht angenommen, ohne die Sache zu verstehen. Wenn seine Worte wirklich irgendeine Bedeutung hätten, hätten unsere angesehenen Leute sie gewiss angenommen.“ (Sure Hūd: 27) „Wenn Allah es für nötig hielte, einen Propheten und Gesandten zu schicken, hätte Er gewiss einen Engel gesandt.“ (Sure al-Muʾminūn: 24) „Wenn er tatsächlich von Allah gesandt wäre, hätte er Schätze bei sich und Kenntnis des Verborgenen. Außerdem wäre er, wie die Engel, frei von allen menschlichen Bedürfnissen.“ (Sure Hūd: 31) „Welches Wunderzeichen ist denn zwischen Noah und seinen Anhängern zu sehen, aufgrund dessen man seine Würde anerkennen könnte?“ (Sure Hūd: 27) „Dieser Mann will in Wahrheit seine Anführer- und Herrscherstellung über euch ausüben.“ (Sure al-Muʾminūn: 24) „Hat ihn etwa der Schatten eines Dschinns getroffen, sodass er verrückt geworden ist?“ (Sure al-Muʾminūn: 25) (Tafhīm al-Qurʾān, Sure al-Aʿrāf, Anmerkung 48)
Noah (a. s.) bemühte sich lange Zeit mit Geduld und Weisheit aufs Äußerste darum, diesen Zustand zu verändern. Doch sie hatten die einfachen Leute so fest im Netz der Täuschung gefangen, dass kein Versuch der Reform etwas bewirkte. Schließlich betete Noah (a. s.) zu Allah: „O mein Herr, lass keinen einzigen dieser Ungläubigen auf der Erde am Leben! Denn wenn Du sie verschonst, werden sie Deine Diener irreleiten, und alle, die aus ihrer Nachkommenschaft hervorgehen, werden als Frevler, undankbare Ungläubige geboren werden.“ (Hier wird auf das Bittgebet Noahs (a. s.) hingewiesen, das er nach seinen lang andauernden und unablässigen Bemühungen um die Reform und Besserung seines Volkes gesprochen hatte. Er betete:*****Arabisch *****O Allah, ich kann nicht mehr; hilf mir! (Sure al-Qamar: 10)*****Arabisch ******O Herrscher! Lass keinen einzigen Ungläubigen auf der Erde zurück. – (Sure Nūh: 26) (Tafhīm al-Qurʾān, Sure Nūh, Anmerkung 16)
Göttliche Strafe
Das Bittgebet Noahs (a. s.) vor Allah (Im Koran wird von dem mehrere Jahrhunderte währenden langen Konflikt berichtet, der sich um Noahs (a. s.) Einladung und das beharrliche Festhalten seines Volkes am Unglauben drehte. In der Sure al-ʿAnkabūt wird gesagt, dass dieser Konflikt neuneinhalb Jahrhunderte andauerte.*****Arabisch******Als Noahs (a. s.) Nachkommenschaft im Laufe der Zeit all ihre Handlungen beobachtete, gelangte sie nicht nur zu der Einschätzung, dass sie überhaupt nicht fähig waren, die Wahrheit anzunehmen, sondern äußerte auch die Ansicht, dass es künftig keinerlei Aussicht geben würde, dass aus ihrer Nachkommenschaft auch nur ein rechtschaffener und gläubiger Mensch hervorgehen würde.*****Arabisch *******O Allah! Wenn Du sie verschonst, werden sie Deine Diener irreleiten, und alle, die aus ihrer Nachkommenschaft hervorgehen, werden Frevler und Gegner der Wahrheit sein. Allah der Erhabene hielt selbst diese Einschätzung Noahs für richtig und sagte auf der Grundlage Seines vollkommenen und unfehlbaren Wissens:*****Arabisch ******„Von deinem Volk haben diejenigen geglaubt, die glauben würden; und niemand wird mehr glauben. So betrübe dich nicht über ihr Schicksal.“ (Sure asch-Schuʿarāʾ, Anmerkung 85) Es wurde angenommen. Danach kam Allahs Strafe über jenes Volk. Aus der eindeutigen Darstellung des Korans geht hervor, dass die Flut bei einem bestimmten Herd begann, unter dessen Boden eine Wasserquelle hervorbrach. Dann setzte einerseits ein heftiger Regen vom Himmel ein, während andererseits an verschiedenen Stellen Quellen aus der Erde hervortraten. In der Sure Hūd wird lediglich erwähnt, dass heißes Wasser aus dem Herd hervorquoll. Später wird jedoch auf den Regen hingewiesen. In der Sure al-Qamar wird dies folgendermaßen beschrieben:
(*****Arabisch******)
Ich öffnete die Tore des Himmels, aus denen unaufhörlich Regen herabströmte. Und Ich spaltete die Erde, sodass überall nur Quellen hervorbrachen. Beide Arten von Wasser vereinigten sich zur Erfüllung Allahs Ratschlusses.
Außerdem scheint die Verwendung des Wortes tannūr im Koran(*****Arabisch***)(Alif–Lam) darauf hinzudeuten, dass Allah einen bestimmten Herd für diese Aufgabe ausgewählt hatte. Auf ein bloßes Zeichen hin begann daraus zur festgesetzten Zeit heißes Wasser emporzusteigen. Später wurde er als der Herd bezeichnet, der Sturm und Flut hervorbrachte. (Tafhīm al-Qurʾān, Sure al-Aʿrāf, Anmerkung 48)
Erfasste die Flut die ganze Welt?
Erfasste diese Flut die ganze Welt oder war sie nur auf jene Gegend beschränkt, in der das Volk Noahs lebte? Das ist eine Frage, auf die bis heute keine Antwort gefunden wurde. Nach den israelitischen Überlieferungen herrscht allgemein die Auffassung, dass die Flut die gesamte Welt erfasste (Genesis 7,18–24). Im Koran wird dies jedoch nirgends gesagt. Aus den Andeutungen des Korans lässt sich durchaus verstehen, dass die Menschheit der Zeit nach der Sintflut aus eben jener Menschengruppe hervorging, die vor der Flut Noahs bewahrt worden war. Daraus folgt jedoch nicht notwendigerweise, dass die Flut Noahs die ganze Welt umfasste. Denn ebenso lässt sich zutreffend sagen, dass die Nachkommenschaft Adams damals auf jenen Teil der Welt beschränkt war, in dem sich die Flut ereignete. Die nach der Flut geborenen Menschengeschlechter breiteten sich dann allmählich über die ganze Welt aus. Zwei Tatsachen sprechen für diese Auffassung. Erstens finden sich in dem vom Tigris und Euphrat durchströmten Gebiet anhand historischer Berichte, alter Überreste und verschiedener Erdschichten Belege für eine gewaltige Flut. Zweitens ist in den meisten Völkern der Erde seit ältester Zeit die Legende von einer großen Flut überliefert. Selbst in den alten Legenden so entfernter Länder wie Australien, Amerika und Neuguinea findet sich ein Hinweis darauf. Daraus lässt sich schließen, dass die Vorfahren dieser Völker einst vielleicht in derselben Siedlung lebten, in der diese Flut hereinbrach. Als sie sich danach über verschiedene Teile der Welt ausbreiteten, nahmen sie diese Legenden mit sich. (Tafhīm al-Qurʾān, Sure Hūd, Anmerkung 42.)
Die Arche Noahs wurde zu einem lehrreichen Zeichen
*****Arabisch *******
Und Wir ließen sie zu einem lehrreichen Zeichen für die Welten werden. – Sure al-ʿAnkabūt: 15
Dies kann auch bedeuten, dass diese schreckliche Strafe oder dieses gewaltige Ereignis für die späteren Generationen zu einem lehrreichen Zeichen gemacht wurde. Doch aus der Art, wie dies hier in Sure al-Qamar (Vers 115) beschrieben wird, scheint hervorzugehen, dass das lehrreiche Zeichen selbst jene Arche war, die auf dem Gipfel des Berges erhalten blieb und den späteren Generationen die Kunde übermittelte, dass sich auf der Welt eine solche Flut ereignet hatte, infolge deren diese Arche auf dem Berg festgesetzt worden war. In der Erläuterung des Verses aus Sure al-Qamar führt Ibn Jarīr eine Überlieferung von Qatāda an und sagt, dass die Muslime zur Zeit der Gefährten, als sie in das Gebiet al-Dschazīra gelangten, jene Arche auf dem Berg al-Dschūdī (nach einer anderen Auffassung nahe einem Ort namens Bāqirwā) sahen. Auch in der heutigen Zeit hört man gelegentlich, dass von Zeit zu Zeit Expeditionen auf die Suche nach der Arche Noahs ausgesandt werden. Als Grund wird angegeben, dass Piloten, wenn ein Flugzeug über das Ararat-Gebirge fliegt, bisweilen auf dem Gipfel des Berges etwas sehen, das einer Arche ähnelt. Imām al-Buchārī, Ibn Abī Hātim, ʿAbd al-Razzāq und Ibn Jarīr führen Überlieferungen von Qatāda an und sagen, dass diese Arche zur Zeit der Eroberung des Irak und al-Dschazīras durch die Muslime auf dem Berg al-Dschūdī (nach einer anderen Auffassung nahe dem Ort Bāqirwā) vorhanden war und von den Muslimen der frühen Zeit gesehen wurde. (Tafhīm al-Qurʾān, Sure Hūd, Anmerkung 46)
Das Volk ʿĀd
Namensgebung
Dies war ein äußerst altes Volk Arabiens. Die Geschichte dieses Volkes wurde unter den Arabern mündlich weitererzählt. Selbst kleine Jungen und Mädchen kannten seinen Namen. Seine Pracht, sein Ansehen und sein Einfluss waren beispiellos. Ebenso beispiellos war jedoch, dass sein Name und jede Spur von ihm von der Welt getilgt wurden. Wegen dieses Ruhmes wird im Arabischen jede alte Sache ʿādī genannt. Alte Überreste und Denkmäler werden ebenfalls ʿādiyyāt genannt. Ein Land, das keinen Besitzer hat und brachliegt, wird ʿādiyy al-arḍ genannt. In der alten arabischen Dichtung wird dieses Volk sehr häufig erwähnt. Die Genealogen Arabiens nennen dieses Volk als erstes unter allen vergangenen Völkern ihres Landes. In einem Hadith heißt es, dass einmal ein Mann aus Banū Zuhal ibn Schaibān zum edlen Propheten (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) kam, der in der Gegend des Volkes ʿĀd lebte. Er erzählte dem Propheten jene Geschichten über dieses Volk, die die Menschen seiner Gegend seit ältester Zeit von Generation zu Generation überliefert hatten.
Der Wohnsitz des Volkes ʿĀd
Nach der Darstellung des Korans lag der eigentliche Wohnsitz dieses Volkes in der Region al-Ahqāf, die zwischen dem Hedschas, Jemen und al-Yamāma gelegen war. Al-Ahqāf ist der Plural von Hikf; lexikalisch bezeichnet das lange Sandhügel, die allerdings hinsichtlich ihrer Höhe nicht Bergen gleichen. Als Fachbegriff wird damit der westliche Teil der arabischen Wüste, des Rubʿ al-Chālī, bezeichnet, in dem es keine Siedlungen gibt. Von dort aus breiteten sie sich aus und errichteten ihre Herrschaft und ihren Einfluss vom westlichen Jemen bis in den Irak. Was die Geschichte betrifft, so sind die Überreste dieses Volkes fast vollständig von der Erde verschwunden. Doch im südlichen Arabien findet man an einigen Stellen antike Ruinen, die dem Volk ʿĀd zugeschrieben werden.
An einem Ort soll sich das Grab des Propheten Hūd (Friede sei mit ihm) befinden. Im Jahr 1837 entdeckte ein britischer Marineoffizier (James R. Wellested) in Hisn al-Ghurāb eine Inschrift, in der der Prophet Hūd (Friede sei mit ihm) erwähnt wurde. Aus dem Text geht deutlich hervor, dass er von Menschen verfasst wurde, die der Scharia des Propheten Hūd (Friede sei mit ihm) folgten. (Tafhīm al-Qurʾān, Sūrat al-ʿAnkabūt, Anmerkung 25)
Ibn Isḥāq sagt, dass sich die Siedlungen des Volkes ʿĀd von Oman bis zum Jemen erstreckten. Der Koran teilt uns mit, dass ihr eigentlicher Wohnsitz al-Ahqāf war. Von dort zogen sie aus, breiteten sich in den angrenzenden Gebieten aus und unterwarfen die schwächeren Völker. Bis heute ist unter den Bewohnern Südarabiens die Auffassung verbreitet, dass das Volk ʿĀd in dieser Gegend lebte. Etwa 125 Meilen nördlich der heutigen Stadt al-Mukallā gibt es in Hadramaut einen Ort, an dem man ein Grab des Propheten Hūd (Friede sei mit ihm) errichtet hat, das als Hūds Grab bekannt ist. Jedes Jahr am 15. Schaʿbān findet dort ein ʿUrs-Fest statt. Tausende Menschen aus verschiedenen Gegenden Arabiens versammeln sich dort. Obwohl dieses Grab historisch nicht belegt ist, beweist die Tatsache, dass dort zahlreiche Bewohner Südarabiens zusammenkommen, wahrscheinlich, dass die örtliche Überlieferung diese Gegend als Wohnsitz des Volkes ʿĀd bestimmt. Außerdem gibt es in Hadramaut heute verschiedene Ruinen, die darauf hindeuten, dass die Einheimischen dieses Gebiet noch immer als den Wohnsitz des Volkes ʿĀd betrachten.
Der heutige Zustand des Wohnsitzes des Volkes ʿĀd
Beim Anblick des heutigen Zustands von al-Ahqāf kann niemand annehmen, dass dort einst ein zivilisiertes und mächtiges Volk lebte. Wahrscheinlich war dieses Gebiet vor Tausenden von Jahren eine fruchtbare, grüne Landschaft und verwandelte sich im Laufe der Zeit durch klimatische Veränderungen in eine Wüstengegend. Heute ist es eine derart alles verschlingende Wüstenlandschaft, dass niemand den Mut aufbringen kann, sich in ihrer Mitte aufzuhalten. Im Jahr 1843 erreichte ein Militärbeamter aus Baviringya ihren südlichen Rand. Er berichtet, dass man diese Wüste, wenn man nördlich von Hadramaut auf einer Anhöhe steht, tausend Fuß tiefer liegen sieht. An manchen Stellen gibt es eine so weiße Bodenfläche, dass alles, was hineinfällt, im Sandmeer versinkt und zerfällt. Selbst die Beduinen Arabiens fürchten diese Gegend gewaltig. Unter keinen Umständen sind sie bereit, dorthin zu gehen. Als die Beduinen sich einmal weigerten, den Militärbeamten dorthin zu bringen, ging er allein dorthin. Er berichtet: Der Sand hier ist so fein und zart wie Pulver. Ich warf aus der Ferne einen Eimer dorthin. Innerhalb von fünf Minuten war er versunken. Auch das Seil, mit dem ich ihn befestigt und hinabgelassen hatte, zerschmolz sofort. (Ausführliche Informationen hierzu finden sich in: 1. Arabia and the Isles, Harold Ingrams, London, 1946; 2. The Unveiling of Arabia, R. H. Kirman, London, 1937; 3. The Empty Quarter, Philby, London, 1933.) (Tafhīm al-Qurʾān, Sūrat al-Aʿrāf, Anmerkung 51)
Der Wohlstand vor der Vernichtung
Aus den historischen Berichten der Araber und den heutigen archäologischen Entdeckungen lässt sich erkennen, dass das Volk ʿĀd der ersten Epoche vollständig untergegangen ist und auch seine Spuren von der Erde getilgt wurden. Arabische Historiker betrachten es als ein untergegangenes Volk. Ebenso besteht in der arabischen Geschichtsschreibung Einigkeit darüber, dass nur jener Teil des Volkes ʿĀd übrig blieb, der dem Propheten Hūd (Friede sei mit ihm) gefolgt war. Dieser verbliebene Teil des Volkes ʿĀd wird das zweite ʿĀd genannt. Die Inschrift von Hisn al-Ghurāb, die wir oben erwähnt haben, ist eines ihrer Erinnerungszeugnisse. Man nimmt an, dass diese Inschrift etwa aus dem Jahr 1800 v. Chr. stammt. Einige Sätze aus dem ursprünglichen Text, den die Fachleute der Inschrift entnommen haben, lauten wie folgt: Wir leben seit langer Zeit in dieser Festung mit solcher Macht und solchem Einfluss, dass weder Armut noch Wohlstand uns berühren konnten. Unsere Flüsse waren stets randvoll, und die Herrscher waren Könige, deren Gedanken rein und geläutert waren und die gegen Unrecht und Frevel streng vorgingen. Sie herrschten gemäß der Scharia des Propheten Hūd (Friede sei mit ihm) über uns, und die guten Entscheidungen wurden in einem Buch niedergeschrieben. Wir glaubten an übernatürliche Vorgänge und an die Auferweckung nach dem Tod.
Diese Aussage bezeugt die Wahrheit jener Darstellung des Korans, wonach schließlich diejenigen die Erben des früheren Einflusses, Ansehens und Wohlstands des Volkes von ʿĀd wurden, die an den Propheten Hūd (a. S.) glaubten. (Tafhīm al-Qurʾān, Sure al-Aḥqāf, Anmerkung 25)
Die Erwähnung ihres Wohlstands sowie ihres Stolzes und ihrer Überheblichkeit im Koran
(******Arabisch ******)
Erinnert euch an jene Gunst und Wohltat Allahs, dass Er euch nach dem Volk Noahs zu dessen Nachfolgern machte. (Sure al-Aʿrāf: 69)
Körperlich waren sie sehr kräftig und stark.
(*****Arabisch *****)
Er hatte euch körperlich sehr gesund und kräftig gemacht.
In ihrer Zeit waren sie ein beispielloses Volk. Kein anderes Volk war ihnen ebenbürtig.
(*****Arabisch******)
Kein anderes Volk ist ihnen gleichartig im Land hervorgebracht worden. Sure al-Fadschr: 8
Ihre Zivilisation war hoch entwickelt. Zu ihren besonderen Merkmalen gehörte der Bau hoher Gebäude auf hoch aufragenden Säulen. Deshalb erlangten sie in der Welt Berühmtheit.
(*****Arabisch********)
Hast du nicht gesehen, wie dein Herr mit Ād, Iram, den Besitzern hoher Säulen, verfuhr? Sure al-Fadschr: 6–7.)
Ihre materielle und körperliche Stärke und Tapferkeit machten sie stolz. Sie wurden von ihrer Macht berauscht.
(*****Arabisch******)
Nun zu Ād: Sie waren auf der Erde vom Weg der Wahrheit abgewichen, verhielten sich hochmütig und begannen zu sagen: „Wer ist stärker als wir?“ Sure Hā Mīm as-Sadschda: 15
Ihre politische Macht lag in den Händen einiger weniger großer Tyrannen, vor denen niemand auch nur ein Wort zu sagen wagte.
(*****Arabisch *****)
Und sie gehorchten dem Befehl jedes Tyrannen, der ein Feind der Wahrheit war. – Sure Hud: 59
In religiöser Hinsicht leugneten sie Allah nicht, sondern waren dem Schirk verfallen. Sie akzeptierten nicht, dass Dienstbarkeit und Gehorsam ausschließlich Allah gelten müssen.
(*****Arabisch********)
Sie sagten zu (Hud): „Bist du zu uns gekommen, damit wir nur Allah dienen und diejenigen verlassen, die unsere Vorväter angebetet haben?“ Sure al-A’raf: 70 (Tafhim al-Qur’an, Sure al-Ahqaf, Anmerkung 25)
Der Grund für das Herabkommen der Strafe über sie
Das alte Volk der ‘Ad wurde nicht deshalb vernichtet, weil Allah ihnen gegenüber Feindschaft gehegt und deshalb ihre Vernichtung gewollt hätte. Vielmehr nahmen sie selbst eine Lebensweise an, die sie ins Verderben führte. Allah, der Erhabene, hatte ihnen doch Gelegenheit gegeben, nachzudenken und sich zu beherrschen. Zu ihrer Rechtleitung sandte Er Gesandte. Durch die Gesandten warnte Er sie vor den Folgen des Beschreitens eines irreführenden Weges. Er erklärte ihnen deutlich, welcher Weg zu ihrem Wohl und welcher Weg ins Verderben führte. Doch als sie keine Gelegenheit zur Reform und Verbesserung nutzten und darauf beharrten, den Weg ins Verderben zu beschreiten, trat unausweichlich genau das ein, was ihr Schicksal sein musste. (Tafhim al-Qur’an, Sure al-A’raf, Anmerkung 56
Die koranische Darstellung der Strafe
(*****Arabisch****)
Schließlich sandte Ich an einigen unheilvollen Tagen einen furchtbaren Sturm über sie, damit Wir sie schon im diesseitigen Leben die Schmach kosten ließen. – (Sure Fussilat: 16)
Die an verschiedenen Stellen des Edlen Korans über diese Strafe überlieferte Schilderung lautet folgendermaßen: Ein heftiger Sturmwind wütete sieben Nächte und acht Tage lang ununterbrochen. Durch seine Gewalt starben die Menschen einer nach dem anderen und lagen da, als wären sie die Stämme verdorrter Palmen. (Sure al-Haqqa: 7.) Alles, worüber dieser Wind hinwegfegte, machte er völlig mors und zerfallen. (Sure adh-Dhariyat: 42.) Als dieser Wind zu wehen begann, freuten sich die Leute des Volkes von ʿAd. Sie sagten: „Ah! Eine dichte Wolke ist aufgezogen; es wird regnen, und die vertrockneten Dinge werden wieder lebendig werden.“
Doch der Wind kam mit solcher Gewalt, dass er die gesamte Siedlung zerstörte. (Tafhim al-Qur’an, Sure asch-Schuʿara, Anmerkung 86)
( *****Arabisch******)
Ich sandte an einem unheilvollen Tag einen gewaltigen Sturm über sie. Dieser Sturm hob sie immer wieder hoch und schleuderte sie so zu Boden, als wären sie die Stämme entwurzelter Palmen. – Sure al-Qamar: 19–20)
Das heißt: ein Tag, dessen Unheil mehrere Tage lang ununterbrochen andauerte. In Vers 16 der Sure Fussilat (*****Arabisch***) wurden die Worte verwendet. In Vers 7 der Sure al-Haqqa heißt es, dass dieser Sturm sieben Nächte und acht Tage lang anhielt. (Es wird behauptet, dass der Tag, an dem diese Strafe begann, ein Mittwoch gewesen sei. Dadurch entstand bei den Menschen die Vorstellung, der Mittwoch sei ein unheilvoller Tag und man solle an diesem Tag keine Arbeit beginnen. Zur Unterstützung dieser Ansicht werden auch einige schwache Hadithe angeführt. Infolgedessen verfestigte sich die Vorstellung von der Unheilbringendheit dieses Tages unter den Menschen. So etwa in der Überlieferung von Ibn Mardūya und al-Chaṭīb al-Baghdādī(*****Arabisch******) nämlich, dass der letzte Mittwoch des Monats ein unheilvoller Tag sei, dessen Unheil fortdauere. Ibn al-Dschauszi bezeichnete diesen Hadith als erfunden. Ibn Radschab sagt, dieser Hadith sei nicht authentisch. Hafiz as-Sachawi sagt, alle Überlieferungsformen dieses Hadiths seien frei erfunden. Ebenso haben die Hadith-Gelehrten auch den folgenden Hadith at-Tabaranis als schwach bezeichnet:(*****Arabisch******) Das heißt, der Mittwoch sei ein unheilvoller oder Unglück bringender Tag. In einigen anderen Überlieferungen heißt es, man solle mittwochs nicht reisen, keine Geschäfte tätigen und sich nicht die Nägel schneiden. Auch die Pflege eines Kranken sei nicht erlaubt, weil die Lepra an diesem Tag begonnen habe. Doch all diese Überlieferungen sind schwach und unzuverlässig und können nicht zur Grundlage irgendeines Glaubenssatzes gemacht werden. Der Hadith-Forscher Munadi sagt: (*****Arabisch****) Das heißt, es ist streng verboten, diesbezüglich eine Vorstellung wie die Wahrsager zu hegen. Denn alle Tage gehören Allah. Kein Tag ist aus sich selbst heraus glück- oder unheilbringend.
Allama Alusi sagt: Alle Tage sind gleich. Der Mittwoch besitzt keine besondere Eigenschaft. Es gibt keinen Augenblick zwischen Nacht und Tag, der für den einen gut und für den anderen schlecht wäre. Zu jeder Zeit schafft Allah für den einen geeignete und für den anderen ungeeignete Zustände. Der Verfasser (Tafhim-ul-Qur’an, Sure Hamim as-Sadschda, Anmerkung 20)
Das Volk der Thamud
Identität
Unter den ältesten Völkern Arabiens war das Volk der Thamud das zweite, das nach dem Volk Ad die größte Berühmtheit erlangte. Schon vor der Herabsendung des Korans waren ihre Geschichten in ganz Arabien in aller Munde. In den Gedichten und Reden des Zeitalters der Unwissenheit wurde größtenteils auf sie Bezug genommen. Auch in assyrischen Inschriften sowie in den Büchern der alten Historiker und Geographen Griechenlands, Alexandrias und Roms finden sich Hinweise auf sie. Bis kurze Zeit vor der Geburt des Messias (a.) waren noch einige Überreste dieses Volkes vorhanden. Römische Historiker berichten, dass Angehörige dieses Volkes in die römische Armee eintraten und gegen die Nabatäer kämpften, weil sie mit den Nabatäern verfeindet waren.
Der Siedlungsraum des Volkes der Thamud
Die Angehörigen dieses Volkes lebten in jener Region im Nordwesten Arabiens, die noch heute Al-Hidschr genannt wird. Heute heißt eine Station der Hedschas-Bahn zwischen Medina und Tabuk Mada’in Salih; eine Station der Hedschas-Bahn zwischen Medina und Tabuk heißt Mada’in Salih. Dies war der Hauptsitz des Volkes der Thamud und wurde in alter Zeit Hidschr genannt. Bis heute kann man dort auf einer Fläche von Tausenden Acres steinerne Gebäude sehen, die die Angehörigen des Volkes der Thamud aus den Bergen herausgemeißelt hatten. Schon beim Anblick dieser stillen und verlassenen Stadt lässt sich vermuten, dass ihre Einwohnerzahl einst nicht weniger als vier- bis fünfhunderttausend betragen haben kann. (Das gesamte Gebiet im Norden des Hedschas, von Rabigh bis Uqba und von Medina und Chaibar bis Tema und Tabuk, ist noch heute voller Ruinen der Thamud. Zur Zeit der Herabsendung des Korans müssen diese Ruinen noch deutlicher sichtbar gewesen sein als heute. Der Verfasser (Sure Al-Qamar, Anmerkung 16))
Zur Zeit der Herabsendung des Korans zogen die Handelskarawanen des Hedschas durch diese Ruinen. Dennoch zeigte der edle Prophet (s.) den Muslimen während seines Feldzugs, als er diesen Weg passierte, diese Ruinen und forderte sie auf, aus diesen alten Überresten eine Lehre zu ziehen. An einer Stelle deutete er auf einen Brunnen und sagte: Dies ist der Brunnen, aus dem die Kamelstute des Propheten Salih (a.) Wasser trank. Er erlaubte den Muslimen, nur aus diesem Brunnen Wasser zu trinken. Er zeigte auf ein Bergtal und sagte: Von hier trank eben diese Kamelstute Wasser. Dieser Ort ist noch heute unter dem Namen Fadsch an-Naqa bekannt. (Auf dem Weg zum Feldzug von Tabuk besichtigten die Muslime immer wieder die Ruinen der Thamud. Der edle Prophet (s.) versammelte sie und sagte: Zieht eine Lehre aus dem Schicksal des Volkes der Thamud. Weiter sagte er: Dies war der Wohnort eines Volkes, auf das Allahs Strafe herabgesandt worden war. Dies ist kein Ort für einen Vergnügungsausflug, sondern ein Ort des Weinens. Zieht daher rasch weiter und verlasst diesen Ort. Der Verfasser (Tafhim-ul-Qur’an, Sure Al-A’raf, Anmerkung 59) (Tafhim-ul-Qur’an, Sure Al-Qamar, Anmerkung 16))
Die Ruinen des Volkes der Thamud
(*****Arabisch******)
Erinnert euch daran, wie Allah, der Erhabene, euch nach dem Volk ʿĀd zu dessen Nachfolgern machte und euch einen solchen Rang verlieh, dass ihr heute auf für die Bebauung geeigneten Landstrichen gewaltige Paläste errichtet und durch das Aushöhlen der Berge Wohnhäuser baut. – Sure al-Aʿrāf: 74
Die Baukunst des Volkes Thamūd, insbesondere das Aushöhlen der Berge, war genau von jener Art, wie man sie in Indien, in Ellora, Ajanta und anderen Orten sehen kann. In Mada’in Salih stehen diese Gebäude noch heute völlig unverändert. Bei ihrem Anblick gewinnt man den Eindruck, wie weit dieses Volk die Ingenieurskunst entwickelt hatte. (Tafhīm al-Qurʾān, Sure al-ʿAnkabūt, Anmerkung 65)
al-Hidschr war der zentrale Siedlungsort des Volkes Thamūd. Seine Ruinen kann man wenige Meilen von der heutigen Stadt al-ʿUlā nordwestlich von Medina entfernt sehen. Auf dem Weg von Medina nach Tabuk liegt dieser Ort direkt an der Hauptstraße. Durch dieses Tal ziehen die Karawanen. Doch gemäß der Anweisung des Gesandten (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) hält sich dort niemand auf.
Im achten Jahrhundert der Hidschra gelangte Ibn Battuta auf seiner Reise zur Haddsch hierher. Er berichtet, dass hier in den roten Bergen die Gebäude des Volkes Thamūd stehen. Sie hatten sie durch das Aushöhlen der Berge errichtet. Die von ihnen geschaffenen kunstvollen Arbeiten sind bis heute so lebendig erhalten, dass man meint, sie seien gerade erst angefertigt worden. An diesen Orten sieht man noch immer die zerfallenen Knochen von Menschen. (Tafhīm al-Qurʾān, Sure al-Aʿrāf, Anmerkung 57)
Materieller Fortschritt und moralischer Niedergang
Aus den Darstellungen über dieses Volk im Edlen Koran – in den Versen 73–79 der Sure al-Aʿrāf, 61–68 der Sure Hūd, 80–84 der Sure al-Hidschr, 45–53 der Sure an-Naml, 43–45 der Sure adh-Dhāriyāt, 23–31 der Sure al-Qamar, 4–5 der Sure al-Hāqqa, Vers 9 der Sure al-Fadschr und Vers 11 der Sure asch-Schams – erfahren wir, dass dieses Volk Thamūd dasjenige war, dem nach dem Volk ʿĀd Wohlstand verliehen worden war. (*****Arabisch****)Doch der Ausgang seines zivilisatorischen Fortschritts und seines Wohlstands war derselbe wie beim Volk ʿĀd. Das heißt: In dem Maße, wie der Lebensstandard zu den Gipfeln des Fortschritts emporstieg, sank das Niveau der Menschlichkeit immer weiter. Einerseits wurden in der offenen Ebene durch das Aushöhlen von Felsen Palast um Palast errichtet, wie in Ellora und Ajanta. Andererseits breiteten sich Schirk und Götzendienst in der Gesellschaft aus. Die Gesellschaft wurde von Unterdrückung und Gewalttätigkeit heimgesucht. Die Führung der Gesellschaft war in die Hände charakterloser Menschen gelangt. Die Angehörigen der Oberschicht waren in ihrem Hochmut und ihrer Überheblichkeit der Ansicht, die ganze Welt sei nichts. Auf den Aufruf zur Wahrheit, den der Prophet Salih (Friede sei mit ihm) verkündete, antworteten nur die Menschen aus den unteren Schichten. Die Angehörigen der Oberschicht weigerten sich, dem Aufruf des Propheten zu folgen, und sagten:
(*****Arabisch *****)
Wir erkennen denjenigen nicht an, an den ihr glaubt.
Drei Gründe für die Zurückweisung der Wahrheit
Das Volk der Thamud weigerte sich aus drei Gründen, dem Propheten Salih (a. s.) zu folgen. Der erste war, dass er ein Mensch war. Er war kein Übermensch. Deshalb konnten sie seine Überlegenheit nicht anerkennen. Zweitens gehörte er zu ihrem eigenen Volk. Ihrer Ansicht nach konnte es daher keinen Grund für seine Überlegenheit über sie geben. Drittens war er ihrer Meinung nach einer unter den gewöhnlichen Menschen. Er war kein mächtiger Anführer, hatte weder Gefolgsleute noch ein Heer bei sich und besaß weder Einfluss noch Ansehen. Deshalb konnte man seine Überlegenheit nicht anerkennen. Sie glaubten, ein Prophet müsse ein Übermensch sein. Und wenn er schon ein Mensch sein sollte, dürfe er nicht in ihrem Land und unter ihrem Volk geboren sein; er müsse von anderswoher kommen oder von außerhalb zu ihnen gesandt werden. Wenn auch das nicht zutreffe, müsse er zumindest ein wohlhabender Mann sein. Er müsse einen guten Ruf, Einfluss und Ansehen besitzen, sodass man annehmen könne, Allahs Aufmerksamkeit sei auf ihn gefallen und Er habe ihn dazu bestimmt, den Weg zu weisen. (Tafhim al-Qur’an, Sure al-A’raf, Anmerkung 57)
Der Widerstreit zwischen Gut und Böse
Nachdem der Prophet Salih (a. s.) mit seiner Botschaft begonnen hatte, spaltete sich sein Volk in zwei Gruppen.
(*****Arabisch****)
Sie spalteten sich plötzlich in zwei miteinander streitende Gruppen. Sure an-Naml: 45
Eine Gruppe glaubte, während die andere sich weigerte zu glauben. Aufgrund dieser Meinungsverschiedenheit kam es zu Auseinandersetzungen unter ihnen. An anderer Stelle im Koran heißt es:
(*****Arabisch******)
Die stolzen Anführer jenes Volkes sagten zu den schwachen Gläubigen: „Wisst ihr wirklich, dass Salih von seinem Herrn gesandt wurde?“ Sie antworteten: „Wir glauben an die Wahrheit, mit der er gesandt wurde.“ Da sagten jene stolzen Leute: „Wir glauben nicht an das, woran ihr glaubt.“
Anderswo wird die Äußerung der Anführer dieses Volkes folgendermaßen wiedergegeben: „O Salih, bring doch die Strafe herbei, vor der du uns warnst, wenn du wirklich einer der Gesandten bist.“ – Sure al-A’raf 7:77.
Die Forderung, ein Wunder zu zeigen
(*****Arabisch****)
„Wir senden ihnen die Kamelstute als Prüfung. Nun beobachte geduldig, welches Ende sie nehmen. Teile ihnen mit, dass das Wasser zwischen ihnen und der Kamelstute aufgeteilt wird. Jede Partei wird an ihrem zugeteilten Tag zum Wasser kommen.“ – Sure al-Qamar 54:27–28.
Die Aussage „Wir senden ihnen die Kamelstute als Prüfung“ bedeutet, dass plötzlich eine Kamelstute vor ihnen erschien und ihnen gesagt wurde: Sie allein wird an einem Tag Wasser trinken, und ihr sowie eure Tiere dürft am anderen Tag Wasser trinken. An ihrem Tag darf keiner von euch zu einem Brunnen oder einer Quelle kommen, um Wasser zu holen, und ihr dürft auch eure Tiere nicht zum Trinken dorthin bringen. Diese Herausforderung ging von jenem Mann aus, von dem sie selbst sagten, dass er weder Soldaten noch Gefolgsleute habe und dass keine Gruppe hinter ihm stehe. (Tafhim al-Qur’an, Sure al-Qamar, Anmerkung 17)
Das entscheidende Zeichen
In den Versen 154–156 der Sure asch-Schuʿarāʾ wird gesagt, dass die Leute der Thamūd von Hadhrat Sālih (a.s.) ein Zeichen verlangten, das ein unmittelbarer Beweis dafür sein sollte, dass er von Allah beauftragt worden war. Daraufhin führte Hadhrat Sālih (a.s.) diese Kamelstute vor. (Dasselbe wird in Vers 73 der Sure al-Aʿrāf gesagt. Der Verfasser.) Daraus geht eindeutig hervor, dass die Kamelstute als ein Wunder erschienen war. Es war eine Art von Wunder, die manche Propheten als Beweis ihres Prophetentums vorführten, um die Forderungen der Leugner zu erfüllen. Ein weiterer Beweis für das wundersame Erscheinen der Kamelstute ist, dass Hadhrat Sālih (a.s.) sie vorführte und den Ungläubigen drohend sagte: Euer Leben ist untrennbar mit dem Leben dieser Kamelstute verbunden. Sie wird sich frei auf euren Feldern und in euren Gärten bewegen. An einem Tag wird sie Wasser trinken, und am nächsten Tag werden alle eure Tiere Wasser trinken. Wenn ihr sie anrührt, wird Allahs Strafe unverzüglich über euch kommen. Es ist gewiss, dass man eine derart vollständige Sicherheit und Überzeugung nur bei etwas zeigen kann, das man mit eigenen Augen als etwas Außergewöhnliches wahrnimmt. Danach streifte die Kamelstute einige Zeit frei hierhin und dorthin umher; an einem Tag trank sie allein Wasser und am anderen Tag die übrigen Tiere. All dies ertrugen sie, wenn auch äußerst widerwillig. Schließlich berieten und verschworen sie sich vielfach und töteten die Kamelstute, obwohl Hadhrat Sālih (a.s.) über keine Macht verfügte, wegen derer sie ihn hätten fürchten müssen. Ein weiterer Beweis dafür ist, dass sie wegen der Kamelstute in Angst und Schrecken versetzt waren und wussten, dass hinter ihr gewiss eine Macht stehen musste, durch deren Kraft sie sich so unbekümmert unter ihnen bewegte. (Der Koran gibt keine ausführliche Erklärung darüber, wie die Kamelstute aussah und wie sie erschien. Auch in keinem authentischen Hadith findet sich eine entsprechende Darstellung. Daher ist es nicht notwendig, die Berichte anzunehmen, auf deren Grundlage die Korankommentatoren die Entstehungsgeschichte der Kamelstute schildern. Dass die Kamelstute jedoch auf wundersame Weise erschien, ist aus dem Koran erwiesen.) (Tafhīm al-Qurʾān, Sure an-Naml, Anmerkung 58)
Die Tötung der Kamelstute
(*****Arabisch******)
Sie töteten die Kamelstute und verstießen gegen das Gebot ihres Herrn. – Sure al-Aʿrāf: 77
Lange Zeit war die Kamelstute für das gesamte Volk zu einem Problem geworden. Innerlich waren die Menschen ihrer überdrüssig geworden. Dann wurden Beratungen abgehalten, bis schließlich ein eigensinniger Anführer die Verantwortung übernahm, das Volk aus dieser Bedrängnis zu befreien. In der Sure asch-Schams wird diese Person wie folgt erwähnt(*****Arabisch******) Plötzlich erklärte sich ein Mann, der der größte Übeltäter des Volkes war, bereit, diese Aufgabe zu erfüllen. In der Sure al-Qamar heißt es(*****Arabisch*****) Sie forderten ihren Gefährten dazu auf, und er übernahm diese Aufgabe. Dann schnitt er der Kamelstute die Kehle durch. (Tafhīm al-Qurʾān, Sure al-Qamar, Anmerkung 19)
Obwohl ein einzelner Mann die Kamelstute getötet hatte, wie in den Suren asch-Schams und al-Qamar gesagt wird, wurde das gesamte Volk zu Schuldigen erklärt, weil es hinter ihm stand und er mit diesem Verbrechen in Wirklichkeit den Willen des gesamten Volkes erfüllte. (Tafhīm al-Qurʾān, Sure al-Aʿrāf, Anmerkung 58) (Ein Verbrechen, das dem Willen eines Volkes entsprechend begangen wird, oder ein Verbrechen, über das sich das Volk zufrieden zeigt, gilt als ein nationales Verbrechen, auch wenn nur eine einzelne Person der Täter ist. Der Koran sagt sogar, dass auch ein offen angekündigtes Verbrechen, das vom Volk akzeptiert wird, als nationales Verbrechen gilt. – Der Verfasser.)
Die Verschwörung der Übeltäter gegen Hadhrat Sālih (a.s.)
(*****Arabisch******)
In jener Stadt gab es neun Anführer, die im Land Unordnung stifteten und keinerlei Verbesserungsarbeit leisteten. Sie sagten zueinander: „Schwört bei Allah und gelobt, dass wir Salih und seine Familie nachts plötzlich überfallen werden. Danach werden wir seinem Verantwortlichen sagen: Bei der Vernichtung seiner Familie waren wir überhaupt nicht anwesend. Wir sagen wirklich die Wahrheit.“
Diesen bösen Plan führten sie aus. Doch auch Wir schmiedeten einen Plan, den sie überhaupt nicht bemerkten. Nun seht, welches Ende ihr böser Plan nahm. Wir vernichteten sie und ihr gesamtes Volk. – Sure an-Naml: 48–51
Noch bevor sie zu dem von ihnen festgelegten Zeitpunkt über den Propheten Salih (a.s.) herfallen konnten, vernichtete Allah, der Erhabene, sie und ihr gesamtes Volk.
Offenbar schmiedeten sie diesen Anschlag, nachdem sie den Höcker der Kamelstute aufgeschnitten hatten. In der Sure Hud wird erwähnt, dass der Prophet Salih (a.s.), nachdem sie die Kamelstute getötet hatten, sie mit den Worten warnte: „Gut, dann genießt noch drei Tage lang in euren Häusern, und danach kommt Allahs Strafe über euch(*****Arabisch****).“ Vielleicht dachten sie dann: Ob die von Salih angekündigte Strafe nun kommt oder nicht – warum sollten wir nicht gemeinsam sowohl mit der Kamelstute als auch mit ihm kurzen Prozess machen? Sehr wahrscheinlich beschlossen sie, noch in derselben Nacht anzugreifen, in der die Strafe über sie kommen sollte. Doch dann geschah Folgendes: Noch bevor sie Hand an den Propheten Salih (a.s.) legen konnten, traf sie Allahs harte Hand. (Tafhim al-Qur’an, Sure al-A’raf, Anmerkung 58)
Beschreibung der Strafe
(*****Arabisch*****)Die Strafe kam über sie.
Die an anderen Stellen des Qur’an geschilderte Beschreibung dieser Strafe lautet: Als sie die Kamelstute getötet hatten, sagte der Prophet Salih (a.s.)
(*****Arabisch***)
Bleibt noch drei Tage in euren Häusern wohnen.
Nachdem die Frist dieser Ankündigung abgelaufen war, ereignete sich gegen Ende der letzten Nacht eine gewaltige Explosion, und zugleich begann ein Erdbeben, das innerhalb eines Augenblicks das gesamte Volk vernichtete. Am nächsten Morgen sah man die zerquetschten Leichen daliegen. Es war, als wäre ein mit einem Zaun umgebenes Dornengestrüpp durch das Vorüberziehen von Tieren niedergetrampelt, zermahlen und zerstört worden. Weder ihre aus Stein errichteten Paläste noch ihre in die Berge gehauenen Häuser konnten sie retten. (Tafhim-ul-Qur’an, Sure al-A‘raf, Anmerkung 61) (Siehe Sure al-Qamar, Vers 31, Sure al-A‘raf, Vers 78, und Sure al-Hidschr, Verse 83–84. Der Verfasser.)
Die Gläubigen wurden gerettet
(*****Arabisch****)
Als schließlich der Zeitpunkt unseres Beschlusses gekommen war, retteten wir durch Meine Barmherzigkeit Salih und diejenigen, die mit ihm geglaubt hatten, und bewahrten sie an jenem Tag vor der Erniedrigung. Sure Hud 66
Aus den auf der Sinai-Halbinsel verbreiteten Überlieferungen erfährt man, dass der Prophet Salih (a.s.) dorthin auswanderte, als die Strafe über das Volk der Thamud hereinbrach. In unmittelbarer Nähe des Berges des Propheten Musa (a.s.) befindet sich ein weiterer Berg, der Berg des Propheten Salih genannt wird. Der Überlieferung zufolge befand sich hier sein Wohnsitz. (Tafhim-ul-Qur’an, Sure an-Naml, Anmerkung 65)
Die zivilisatorische Entwicklung der Thamud und ihre Ruinen
So wie es ein deutliches Kennzeichen des Volkes ‘Ad war, dass es Bauwerke auf hoch aufragenden Säulen errichtete, so bestand auch das deutliche Kennzeichen des Volkes der Thamud darin, dass es Berge aushöhlte und darin Bauwerke errichtete. Deshalb waren sie unter den Völkern der Vorzeit berühmt. In der Sure al-Fadschr wird ‘Ad der Beiname Dhatu-l-‘Imad („die Besitzer der Säulen“) gegeben; über die Thamud hingegen wird gesagt, dass sie in den Tälern Berge aushöhlten(*****Arabisch******)Darüber hinaus wird im Qur’an gesagt, dass sie in steinigem Gelände große Paläste errichteten(*****Arabisch******)Was war der Grund dafür, dass sie solche Paläste errichteten? Der Qur’an(*****Arabisch***)hat dies durch das Wort erhellt. Das heißt, all dies taten sie aus Hochmut und Stolz, zur Zurschaustellung ihres Reichtums und ihrer Macht sowie ihrer Baukunst. Kein wirklicher Bedarf hatte sie zu dieser Arbeit bewogen. So ist der Zustand einer zügellosen Zivilisation. Wenn einerseits die Besitzlosen in der Gesellschaft nicht einmal einen kleinen Ort finden, an dem sie ihr Haupt niederlegen können, während andererseits die Vornehmen und Wohlhabenden über den Bedarf hinaus Paläste errichten, beginnen sie, zur Schau gestellte monumentale Paläste zu bauen.
Unter diesen Palästen des Volkes der Thamud sind noch einige erhalten. Ich habe sie im Dezember 1959 selbst besichtigt. Einige Aufnahmen davon werden hier beigefügt. Dieser Ort liegt wenige Meilen nördlich von al-ʿUlā, einem berühmten Ort im Hedschas, zwischen Medina und Tabuk. Zur Zeit des Propheten (s.a.w.) wurde er Wādī al-Qurā genannt. Noch heute erinnern sich die Bewohner dieses Ortes an ihn unter den Namen al-Hidschr und Madā’in Sālih.
Al-ʿUlā ist in dieser Gegend noch immer ein üppig grünes Tal. Dort findet man zahlreiche Quellen und Gärten. Doch in der Umgebung von al-Hidschr herrscht eine furchtbar unheilvolle Atmosphäre. Die Einwohnerzahl ist verschwindend gering. Es fehlt an Fruchtbarkeit. Dort gibt es einige Brunnen; unter den Einheimischen kursiert folgende Legende über einen dieser Brunnen. In einem verfallenen Militärlager ist dieser Brunnen noch heute zu sehen; er ist völlig trocken. Auch ein Bild davon wird beigefügt.
Als wir dieses Gebiet betraten, erblickten wir schon bei der Annäherung an al-ʿUlā Berge, die völlig verbrannt und versengt waren. Es war deutlich zu erkennen, dass ein gewaltiges Erdbeben sie von unten bis oben umgewälzt, zerrissen und in Stücke gerissen hatte. Auch Aufnahmen dieser Berge werden beigefügt. Berge dieser Art waren im Osten auf dem Weg von al-ʿUlā nach Chaibar etwa vierzig Meilen weit und im Norden innerhalb Jordaniens dreißig bis vierzig Meilen weit zu sehen. Das bedeutet, dass ein Gebiet von drei- bis vierhundert Meilen Länge und hundert Meilen Breite durch ein Erdbeben verwüstet worden ist. Einige Gebäude dieser Art, wie jene Gebäude der Thamud, die wir in al-Hidschr gesehen hatten, sahen wir auch in Madian am Ufer des Golfes von ʿAqaba und an dem Ort Petra im Königreich Jordanien. Besonders in Petra (petra) stehen die Gebäude der Thamud und die von den Nabatäern errichteten Gebäude nebeneinander. Zwischen ihrer Ornamentik und ihrer Bauweise besteht ein so deutlicher Unterschied, dass jeder auf den ersten Blick erkennen kann, dass sie weder aus derselben Epoche noch von demselben Volk stammen.
Der englische Orientalist (Dayghty) behauptet über die Gebäude von al-Hidschr, um den Koran zu widerlegen, dass diese nicht von den Thamud, sondern von den Nabatäern errichtet worden seien. Doch der Unterschied zwischen den Gebäuden beider Arten ist so deutlich, dass nur ein Blinder sie für Bauwerke desselben Volkes halten könnte. Meiner Ansicht nach begann die Kunstfertigkeit, Gebäude aus Bergen herauszumeißeln, beim Volk der Thamud. Einige tausend Jahre später entwickelten die Nabatäer diese Baukunst im zweiten und ersten Jahrhundert v. Chr. weiter. Danach erreichte diese Architektur in Ellora den Höhepunkt ihrer Entwicklung. Die Höhlen von Ellora stammen allerdings aus einer Zeit, die etwa siebenhundert Jahre nach Petra liegt. (Tafhīm al-Qurʾān, Sure asch-Schuʿarāʾ, Anmerkung 106)
Das Volk Ibrāhīms (a.s.)
Nach Noah (a.s.) war Ibrāhīm (a.s.) der erste Prophet, den Allah der Erhabene dazu berief, die universale Botschaft des Islam zu verkünden. Zunächst reiste er selbst vom Irak bis nach Ägypten sowie von Scham und Palästina bis in verschiedene Gebiete der arabischen Wüste und rief die Menschen zum Gehorsam gegenüber Allah dem Erhabenen und zu Seiner Anbetung, das heißt zum Islam, auf. Danach setzte er zur Verbreitung seiner Mission in verschiedenen Gebieten seine Stellvertreter ein. In Ostadjordanien setzte er seinen Neffen Lot (a.s.) ein, in Scham und Palästina seinen Sohn Isaak (a.s.) und im Inneren Arabiens seinen ältesten Sohn Ismael (a.s.). Danach errichtete er auf Allahs Befehl in Mekka ein Haus, das Kaaba genannt wird. Dieses Haus bestimmte er auf Allahs Geheiß zum Mittelpunkt seiner Mission. (Tafhīm al-Qurʾān, Sure Hūd, Anmerkung 74)
Ibrāhīms (a.s.) Geburtsort
Die Stadt, in der Ibrāhīm (a.s.) geboren wurde, ist nicht nur durch die Ergebnisse der modernen archäologischen Forschung bekannt geworden; diese Forschung hat auch Aufschluss über die Lebensverhältnisse der Menschen in dieser Region zu seiner Zeit gegeben. Sir Leonard Woolley hat in seinem Werk Abraham Lindon 1953 die Ergebnisse seiner Forschungen veröffentlicht. Im Folgenden wird eine kurze Zusammenfassung davon gegeben.
Historisch und zivilisatorisch Wissenswertes über die Stadt Ur
Fachleute erkennen heute allgemein an, dass Hadrat Ibrahim (a.s.) etwa um 2100 v. Chr. hervortrat. Zu jener Zeit hatte die Stadt Ur annähernd 250.000 Einwohner; vielleicht waren es sogar 500.000. Die Stadt war ein bedeutendes Handels- und Industriezentrum. Einerseits gelangten Waren vom Pamir und aus den Blauen Bergen dorthin, andererseits unterhielt sie auch Handelsbeziehungen mit Anatolien. Das Reich, dessen Hauptstadt sie war, erstreckte sich im Norden etwas weniger weit und im Westen etwas weiter als das heutige Irak. Der überwiegende Teil der Bevölkerung war in Industrie und Handel tätig. Aus den Inschriften jener Zeit, die in den alten Ruinen gefunden wurden, lässt sich erkennen, dass ihre Lebensauffassung rein materialistisch war. Reichtum zu erwerben und in großen Mengen Luxusgüter anzusammeln, war das Ziel ihres Lebens. Der Markt für Zinsgeschäfte war äußerst lebhaft. Die Menschen waren von kaufmännischer Gesinnung. Sie misstrauten einander, und zwischen ihnen kam es sehr häufig zu Rechtsstreitigkeiten. Ihre Gebete zu ihren Göttern und Göttinnen galten größtenteils einem langen Leben, Wohlstand und dem Erfolg ihrer Geschäfte. Die Einwohner waren in drei Klassen geteilt.
Erstens: Amilu. Dies waren die Angehörigen der Oberschicht. Priester und gewöhnliche zivile Beamte gehörten dieser Klasse an.
Zweitens: Mishkinu. Dies waren Händler, Industrielle und Bauern.
Drittens: Ardu, das heißt Sklaven.
Von diesen drei Klassen genoss die erste besondere Vorrechte. Ihre strafrechtlichen und zivilrechtlichen Rechte unterschieden sich von denen der anderen. Auch das Leben und Eigentum ihrer Angehörigen wurde höher bewertet als das der anderen.
—————— Abbildung:
Der Weg der Hidschra von Hadrat Ibrahim (a.s.)
Dies war die Stadt und Gesellschaft, in der Hazrat Ibrahim (a.s.) seine Augen öffnete. Nach dem Zustand, in dem wir ihn und seine Familie im Talmud vorfinden, gehörte er zur Klasse der Amilu. Sein Vater bekleidete das höchste Amt im Reich. Bei Nimrod war er der ranghöchste Beamte des Staates (Chief officer of the state).
Götter und Göttinnen, Tempel und Götzendienst
In den Inschriften von Ur finden sich die Namen von beinahe fünftausend Göttern und Göttinnen. In den verschiedenen Städten des Landes gab es jeweils verschiedene verehrte Gottheiten. Jede Stadt hatte einen Schutzgott. Man nannte ihn Rabb-ul-Balad oder den Herrn der Stadt. Er galt als der höchste Gott oder Rais-ul-Aleha und wurde mehr verehrt als alle anderen Götter und Göttinnen. Der Rabb-ul-Balad der Stadt Ur war Nannar (der Mondgott). Nach seinem Namen nannten spätere Menschen den Herrn dieser Stadt Kamrina. Die zweitgrößte Stadt war Larsa, die später anstelle von Ur zur Hauptstadt wurde. Ihr Rabb-ul-Balad war Schammas (der Sonnengott). Unter diesen großen Göttern und Göttinnen gab es außerdem viele kleinere Götter und Göttinnen. Die meisten von ihnen wurden unter den Gestirnen am Himmel ausgewählt, einige wenige von der Erde. Mit ihnen standen die kleinen Bedürfnisse der Menschen in Verbindung. Man fertigte ihre Abbilder in Form von Puppen an und vollzog vor ihnen jede Art von Riten und Opferhandlungen. Mit ihnen standen die geringfügigen Bedürfnisse der Menschen in Verbindung. Ihre Abbilder wurden in Form von Puppen angefertigt und vor ihnen wurden alle möglichen Riten und Opferhandlungen vollzogen. Das Abbild Nannars stand auf dem höchsten Berg der Stadt Ur in einem prächtigen Gebäude. In seiner Nähe befand sich der Tempel von Nangul, der Frau Nannars. Der Tempel Nannars glich einem Königspalast. In seinem Schlafgemach spielte jede Nacht eine Priesterin die Rolle seiner Braut. Im Tempel waren viele Frauen im Namen des Gottes geweiht. Man nannte sie Tempeldienerinnen (religiöse Prostituierte). Frauen, die ihre Jungfräulichkeit im Namen ihres Gottes oder ihrer Gottheit opferten, wurden mit großer Hochachtung betrachtet. Vermutlich hielt man es für einen Weg zur Erlösung, sich einmal auf dem Weg des Gottes einem unbekannten Mann als Gefährtin hinzugeben. Dass die meisten Priester an diesem religiösen Prostitutionswesen ihre Freude und ihr Vergnügen hatten, versteht sich von selbst.
Der Rang des Gottes Nannar
Nannar war nicht nur eine Gottheit. Vielmehr war er der größte Grundbesitzer des Landes, ein gewaltiger Kaufmann, ein bedeutender Industrieller und der mächtige Herrscher auf der politischen Bühne des Landes. Zahlreiche Gärten, Ländereien und Häuser wurden auf den Namen dieses Tempels als Waqf gestiftet. Zusätzlich zu den Erträgen daraus schickten Bauern, Grundbesitzer und Kaufleute alle Arten von Getreide, Milch, Gold und Silber, Kleidung und dergleichen als Opfergaben in den Tempel. Im Namen des Tempels wurde in großem Umfang Handel betrieben. All diese Tätigkeiten galten den Priestern und ihren Göttern als Mittel, die Nähe der Gottheit zu erlangen. Auch die Quelle der Herrschaft und Macht der königlichen Familie selbst war der Gott Nannar. Der eigentliche König war Nannar, und der Herrscher des Landes regierte das Land in seinem Namen. Demzufolge wurde der König des Landes selbst zu den verehrten Göttern gerechnet, und auch er wurde wie die Götter verehrt.
Beginn, Aufstieg und Ende des Reiches Nimrods
Der Name des ersten Gründers der königlichen Dynastie von Ur, die zur Zeit Hazrat Ibrahims (a.s.) herrschte, war Urnamu. Zweitausenddreihundert Jahre vor der Geburt Hazrat Isas (a.s.) errichtete er ein gewaltiges Reich. Es erstreckte sich im Osten bis Susa und im Westen bis zum Libanon. Von ihm übernahm diese Familie den Namen Namu, der im Arabischen zu Nimrod wurde. Nachdem Hazrat Ibrahim (a.s.) aus seinem Land ausgewandert war, begann über diese Familie eine Reihe von Verwüstungen hereinzubrechen. Zuerst zerstörten die Elamiter die Stadt Ur und verschleppten Nimrod zusammen mit seinem Gott Nannar. Danach wurde in Larsa eine elamitische Herrschaft errichtet, unter der die Bewohner der Region Ur zu Sklaven wurden. Später gewann eine arabischstämmige Familie in Babylon an Macht und unterwarf sowohl Larsa als auch Ur. Nach diesen Verwüstungen war der Glaube, den die Bewohner von Ur an Nannar gehegt hatten, erschüttert. Denn Nannar hatte sie nicht schützen können.
Der Einfluss der Lehren Hazrat Ibrahims (a.s.) in späterer Zeit
Wie stark die Lehren Hazrat Ibrahims (a.s.) in späteren Zeiten auf die Menschen dieses Landes einwirkten, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Doch bei dem Gesetz, das der babylonische König Hammurabi (der Amrafel der Bibel) im Jahr 1910 v. Chr. verfasste, wurde mittelbar oder unmittelbar das Licht genutzt, das von der Fackel der Propheten übernommen worden war. Die ausführliche Inschrift dieser Gesetze gelangte 1902 n. Chr. in die Hände eines französischen Forschers der antiken Archäologie. Er veröffentlichte seine englische Übersetzung 1903 unter dem Titel „C. H. W. John, The dldest Code of Law“. Zwischen den Grundsätzen und Einzelbestimmungen dieser Gesetze und der Scharia Hazrat Musas (a.s.) besteht eine Ähnlichkeit.
Ein vollständig polytheistisches Zivilisationssystem
Wenn die bisherigen archäologischen Forschungen zutreffen, wird daraus deutlich, dass der Schirk, in den Hazrat Ibrahims (a.s.) Volk verstrickt war, nicht lediglich aus einem religiösen Glauben und einer Ansammlung von Götzenverehrung und kultischen Festen bestand. Vielmehr beruhte in Wirklichkeit die gesamte wirtschaftliche, kulturelle, politische und soziale Ordnung dieses Volkes auf diesem Glauben. Die Tauhid-Dawa, mit der Hazrat Ibrahim (a.s.) sich ihr entgegenstellte, wirkte sich nicht nur auf die Götzenverehrung aus; vielmehr versetzte sie auch dem Anspruch der königlichen Familie, Götter zu sein, ihrer Herrschaft und Autorität, der wirtschaftlichen und politischen Stellung der Priester und der Oberschicht sowie der gesamten Lebensordnung des Landes einen schweren Schlag. Seine Dawa zu tragen bedeutete, die gesamte Gesellschaftsordnung vom Untersten bis zum Obersten, diesen ganzen Palast, in Stücke zu zerschlagen. Danach musste sie erneut aufgebaut und auf dem Fundament des Tauhid errichtet werden. Deshalb waren, sobald die Stimme Hazrat Ibrahims (a.s.) erklang, die breite Bevölkerung, Nimrod und die Priester allesamt entschlossen, diese Stimme gemeinsam zum Schweigen zu bringen. (Tafhim al-Qur’an, Sure asch-Schu‘ara, Anmerkung 99)
Eine Analyse von Nimrods polytheistischem System
Von den frühesten Zeiten bis heute weisen alle polytheistischen Gesellschaften dasselbe Merkmal auf: Sie erkennen Allah, den Erhabenen, zwar als Rabb al-Arbab, das heißt als den Herrn aller Herren und den Gott aller Götter, an, erkennen aber nur Ihn allein nicht als Ma‘bud, als den allein Anbetungswürdigen, an.
Die Polytheisten haben die Göttlichkeit stets in zwei Bereiche geteilt. Der eine ist die übernatürliche Göttlichkeit, die über die Kausalzusammenhänge herrscht und zu der sich die Menschen wenden, um ihre Bedürfnisse erfüllt und ihre Nöte beseitigt zu bekommen. In diesem Bereich machen sie neben Allah, dem Erhabenen, Geister, Engel, Dschinn und viele andere Wesen zu Teilhabern. Sie richten Bittgebete an sie, vollziehen vor ihnen Anbetungsrituale und bringen an ihren Heiligtümern Gelübdegaben und Opfer dar. Der zweite Bereich ist die Göttlichkeit beziehungsweise Herrschaft und Autorität in kulturellen und politischen Angelegenheiten, die das Recht besitzt, Gesetze für die Lebensführung zu erlassen und Gehorsam zu verlangen. Alle Polytheisten der Welt haben diese zweite Art der Göttlichkeit in fast jeder Epoche von Allah, dem Erhabenen, losgelöst oder sie zwischen Ihm und den königlichen Familien, den religiösen Priestern sowie den früheren und späteren Großen der Gesellschaft aufgeteilt. Die meisten königlichen Familien erhoben in diesem zweiten Sinn Anspruch auf Göttlichkeit. Um ihre Göttlichkeit fest zu verankern, behaupteten sie, Kinder des Gottes im ersten Sinn zu sein. Dabei verschworen sich die religiösen Klassen mit ihnen.
Auch Nimrods Anspruch auf Göttlichkeit gehörte zur zweiten Art. Er leugnete nicht die Existenz Allahs, des Erhabenen. Sein Anspruch bestand nicht darin, dass er selbst der Schöpfer von Erde und Himmel und der Lenker der Schöpfung sei. Vielmehr behauptete er, der uneingeschränkte Herrscher über dieses Land Irak und seine Bewohner zu sein. Sein Wort war Gesetz, und über ihm gab es keine höhere Macht oder Wesenheit, vor der er Rechenschaft hätte ablegen müssen. Daher war jeder Bewohner des Irak, der ihn nicht als Herrn anerkannte und jemand anderen außer ihm für seinen Herrn hielt, ein Aufständischer und Verräter.
Der Schlag von Hazrat Ibrahims (a.s.) Tauhid-Dawa
Als Hazrat Ibrahim (a.s.) sagte: „Ich erkenne nur den Einen Rabb al-ʿAlamin als Gott, Maʿbud und Rabb an und lehne jede andere Autorität und Herrschaft vollständig ab“, ging es nicht nur darum, inwieweit sein neuer Glaube hinsichtlich der nationalen Religion und ihrer Gottheiten akzeptabel sei. Zugleich stellte sich die Frage, wie man den Schlag, den dieser Glaube gegen den Nationalstaat und die zentrale Herrschaftsgewalt führte, unbeachtet lassen könne. Aus diesem Grund wurde Hazrat Ibrahim (a.s.) unter dem Vorwurf des Aufruhrs Nimrod vorgeführt.
Hazrat Ibrahims (a.s.) unwiderlegbare Argumente
Als Hazrat Ibrahim (a.s.) zu Nimrod sagte, dass sein Herr derjenige sei, in dessen Hand Leben und Tod liegen, erwiderte Nimrod: „Leben und Tod liegen in meiner Hand.“
Ibrahim (a.s.) sagte: „Gut, Allah lässt die Sonne im Osten aufgehen; dann lass du sie einmal im Westen aufgehen, damit wir sehen.“ Als der hartnäckige Leugner dies hörte, blieb er sprachlos zurück.
Obwohl durch Hazrat Ibrahims (a.s.) erste Aussage klar geworden war, dass außer Allah niemand Rabb oder Herr sein kann, gab Nimrod ihr dennoch dreist eine Antwort. Nach der zweiten Aussage fiel es ihm schwer, noch dreister zu antworten. Denn auch er wusste, dass Sonne und Mond dem Befehl ebenjenes Allah unterstehen, den Ibrahim (a.s.) als Rabb anerkannt hatte. Was sollte er nun darauf erwidern? Doch anzuerkennen, wie sich die Wahrheit vor ihm offenbarte, hätte bedeutet, seine uneingeschränkte Herrschaft und Autorität aufzugeben; dazu war der Taghut in seinem Inneren nicht bereit. So blieb er lediglich sprachlos. Er trat nicht aus dem Heiligtum der Selbstverehrung heraus und kam nicht in das Licht der Wahrheit. Hätte er Allah statt jenes Taghut als seinen Wali und Helfer anerkannt, wäre ihm nach dieser Verkündigung Hazrat Ibrahims (a.s.) der Weg der Wahrheit offen gestanden.
Nimrods Feuergrube und der Blumengarten des Khalil
Im Talmud wird erwähnt, dass Hazrat Ibrahim (a.s.) danach auf Befehl des Königs gefangen genommen wurde und zehn Tage im Gefängnis verbrachte. Der Rat des Königs beschloss, ihn lebendig zu verbrennen. (Tafhim al-Qur’an, Sure al-Baqara, Anmerkung 123)
Auch nach der Darstellung des Qurʾan setzten sie ihren Beschluss in die Tat um. Nachdem die Feuergrube errichtet worden war, warfen sie Hazrat Ibrahim (a.s.) hinein. (Zum Hineinwerfen Hazrat Ibrahims (a.s.) ins Feuer siehe die folgenden Stellen im Qurʾan: Sure al-Anbiya 68–70, Sure al-Ankabut 24, as-Saffat 97–98. Die beiden Herausgeber.)
Da befahl Allah, der Erhabene, dem Feuer: „Werde für Ibrahim kühl und unschädlich.“ (Auch dies ist eindeutig eines jener Wunder, die im Qur’an beschrieben werden. Wenn jemand all diese Wunder deshalb erklärt, weil es seiner Ansicht nach selbst für Allah unmöglich sei, unter Abweichung vom gewöhnlichen Ablauf der Weltordnung (Routine) etwas Außergewöhnliches zu tun, warum erspart er sich dann nicht gleich die Mühe, an Allah zu glauben? Und wenn er eine solche Erklärung deshalb gibt, weil die sogenannten Rationalisten der heutigen Zeit nicht bereit sind, derartige Dinge anzuerkennen, dann möchten wir ihn fragen: O Diener Allahs, wer hat dir diese Last auferlegt, dass du diese Aussage unbedingt auf irgendeine Weise anerkennen musst? Überlasse denjenigen, der nicht bereit ist, den Qur’an genau so anzuerkennen, wie er ist, seinem eigenen Standpunkt. Welche Art von Verkündigung des Islam wäre es, den Qur’an für ihn nach seinem Willen umzugestalten, damit er ihn anerkennt, und welcher vernünftige Mensch könnte das für gerechtfertigt halten? (Tafhim al-Qur’an, Sure al-An’am, Anmerkung 52) (Tafhim al-Qur’an, Sure al-Baqara, Anmerkung 258)
Das Volk Ibrahims ist vom Antlitz der Erde so vollständig verschwunden, dass nirgends auch nur eine Spur von ihm geblieben ist. Wenn irgendjemand von ihnen das Glück hatte, fortzubestehen, dann nur in den Nachkommen von Hazrat Ibrahim und seinen beiden glückseligen Söhnen, Hazrat Ismail und Hazrat Ishaq. Allah, der Erhabene, verkündete, indem Er Hazrat Ibrahim ansprach, folgende Erklärung:(*****Arabisch*****)Das heißt: „Ich mache dich zum Führer der gesamten Menschheit.“ Heute stehen alle Anhänger der auf Offenbarung beruhenden Religionen (Muslime, Juden und Christen) auf gleiche Weise mit Hazrat Ibrahim in Verbindung. Die Herausgeber. Obwohl der Qur’an die Strafe, die nach Hazrat Ibrahims Auswanderung über sein Volk kam, nicht erwähnt, wird es dennoch zu den bestraften Völkern gezählt. (Tafhim al-Qur’an, Sure al-Baqara, Anmerkungen 291–292)
Jene Herrscher und gelehrten Priester Babylons, die Ibrahims Daʿwa zum Schweigen bringen wollten, und jene polytheistischen Bewohner, die diesen Unterdrückern gehorchten, sind vom Antlitz der Erde so vollständig verschwunden, dass nirgends eine Spur von ihnen geblieben ist. Doch dem Mann, den sie wegen des Verbrechens, Allahs Wort zu erhöhen, verbrennen und zu Asche machen wollten und der schließlich mit leeren Händen seine Heimat verlassen musste, erwies Allah, der Erhabene, die Gnade, dass sein Name seit viertausend Jahren auf der Welt in hellem Glanz erstrahlt und bis zum Tag der Auferstehung erstrahlen wird. Alle Muslime, Juden und Christen der Welt erkennen diesen geliebten Menschen des Herrn der Welten einmütig als religiösen Führer an. Alles Licht der Rechtleitung, das in den vergangenen vierzig Jahrhunderten auf die Welt gekommen ist, kam durch diesen einen Mann und seine heiligen Nachkommen. Den gewaltigen Lohn, den sie im Jenseits erhalten werden, werden sie gewiss erhalten. Doch auch auf dieser Welt haben sie eine solche Ehre erlangt, wie sie unter denjenigen, die in ihrem irreführenden Streben nach dem Gewinn der Welt kämpfen, niemandem zuteilgeworden ist. (Tafhim al-Qur’an, Sure al-Anbiya, Anmerkung 62)
Die Darstellung des Talmud
Eine Erwähnung dieses wichtigen Ereignisses aus dem Leben Hazrat Ibrahims findet sich in der Bibel nicht. Nicht einmal irgendein Ereignis aus seinem Leben im Irak hat in diesem Buch Aufnahme gefunden. Seine persönliche Begegnung mit Nimrod, sein Konflikt und Kampf mit seinem Vater und seinem Volk, seine Bemühungen und sein Einsatz gegen den Götzendienst, der Vorfall, dass er ins Feuer geworfen wurde, und schließlich seine erzwungene Auswanderung – all dies war in den Augen des Verfassers des ersten Buches des Alten Testaments nicht erwähnenswert. Er erwähnt lediglich seine Auswanderung, und zwar so, als ob eine Familie auf der Suche nach ihrem Lebensunterhalt von einem Land in ein anderes zieht und sich dort niederlässt. Ein noch größerer Unterschied zwischen Qur’an und Bibel besteht darin, dass nach der Darstellung des Qur’an Hazrat Ibrahims polytheistischer Vater bei der Unterdrückung seines Sohnes führend war. Die Bibel hingegen sagt, dass sein Vater selbst mit seinem Sohn, seinem Enkel und seinen Schwiegertöchtern nach Harran übersiedelte (Altes Testament, Genesis, Kapitel 11, Verse 27–32). Dann sagt Gott plötzlich zu Hazrat Ibrahim: „Verlasse Harran und siedle dich in Kanaan an. Ich will aus dir ein großes Volk machen und dich segnen, sodass du eine Quelle des Segens wirst. Diejenigen, die dich segnen, werde Ich segnen, und wer dich verflucht, den werde Ich verfluchen; und in dir sollen alle Geschlechter der Erde gesegnet werden.“ (Ebenda, Genesis, Kapitel 12, Verse 2–3.) Es ist nicht zu verstehen, warum Hazrat Ibrahim plötzlich diese Gunst zuteilwurde. Im Talmud finden sich zwar die meisten jener Berichte aus der irakischen Epoche von Ibrahims Lebensgeschichte, die an verschiedenen Stellen im Qur’an erwähnt werden. Doch wenn man beide miteinander vergleicht, stellt man in den wichtigen Teilen der Geschichte nicht nur Unterschiede fest, sondern kann deutlich erkennen, dass die Darstellung des Talmud größtenteils voller widersprüchlicher und unvorstellbarer Aussagen ist. Im Qur’an hingegen finden sich klare Berichte über die wichtigen Ereignisse aus dem Leben Hazrat Ibrahims. Darin gibt es keinerlei Unsinn. Zur Information führen wir hier eine kurze Zusammenfassung der im Talmud dargestellten Geschichte an. Dadurch wird der Irrtum jener Menschen offenkundig, die den Qur’an für abhängig von der Bibel und der jüdischen Literatur halten.
Der Talmud berichtet, dass die Astrologen zur Zeit von Hazrat Ibrahims Geburt bestimmte Zeichen am Himmel sahen und Nimrod rieten, das Kind zu töten, das im Haus Tarahs geboren worden war. Nimrod war bereit, es zu töten. Doch Tarah stellte anstelle seines eigenen Kindes das Kind eines Sklaven vor und rettete auf diese Weise sein eigenes Kind. Danach versteckte Tarah seine Frau und seinen kleinen Sohn in einer Höhle. Dort verbrachten sie zehn Jahre. Im elften Jahr schickte Tarah Hazrat Ibrahim zu Hazrat Nuh. Hazrat Ibrahim blieb neununddreißig Jahre bei Hazrat Nuh und heiratete dessen eigene Nichte Sarah, die zweiundvierzig Jahre jünger war als er. Dass Sarah Ibrahims Nichte war, wird in der Bibel nicht erwähnt. Nach der Bibel betrug der Altersunterschied zwischen den beiden lediglich zehn Jahre (Altes Testament, Genesis, Kapitel 11, Vers 29, und Kapitel 17, Vers 17).
Weiter berichtet der Talmud, dass Hazrat Ibrahim im Alter von fünfzig Jahren das Haus Hazrat Nuhs verließ und zu seinem Vater kam. Er sah, dass sein Vater ein Götzendiener war und sich in dessen Haus zwölf Götzen befanden, entsprechend den zwölf Monaten des Jahres. Nachdem er vergeblich vielfach versucht hatte, seinen Vater zu überzeugen, ergriff er eines Tages die Gelegenheit und zertrümmerte alle Götzen im Familientempel. Als Tarah den jämmerlichen Zustand seiner Götter und Göttinnen sah, ging er geradewegs zu Nimrod und beschwerte sich: „Der Sohn, der vor fünfzig Jahren in meinem Haus geboren wurde, hat diese Tat in meinem Haus begangen. Nun richte du.“
Nimrod ließ Hazrat Ibrahim zu sich rufen und verhörte ihn. Dieser antwortete in scharfen Worten. Nimrod schickte ihn sofort ins Gefängnis und legte die Angelegenheit seinem Rat vor. Nach der Beratung empfahl der Rat, ihn zu verbrennen und zu töten. Dementsprechend wurde ein gewaltiges Freudenfeuer (Bonjire) vorbereitet, in das Hazrat Ibrahim geworfen wurde. Zusammen mit Hazrat Ibrahim wurden auch sein Bruder und sein Schwiegervater Haran ins Feuer geworfen. Denn als Nimrod Tarah gefragt hatte: „Deinen kleinen Sohn wollte ich doch schon am Tag seiner Geburt töten. Warum hast du mir stattdessen ein anderes Kind zur Tötung ausgeliefert?“
Darauf erwiderte Tareh: „Ich habe dies auf Harans Rat hin getan.“ Nach diesen Worten ließ man zwar denjenigen frei, der die Tat selbst begangen hatte, doch der Ratgeber wurde gemeinsam mit Ibrahim (a.) ins Feuer geworfen. Kaum war Haran ins Feuer gefallen, da verbrannte er vollständig und wurde zu Asche. Die Leute aber sahen, dass Ibrahim seelenruhig umherging. Man meldete dies Nimrod. Als Nimrod daraufhin kam und dieses erstaunliche Geschehen mit eigenen Augen sah, rief er: „O Diener des himmlischen Gottes! Komm aus dem Feuer heraus und tritt dann vor mich.“ Hazrat Ibrahim (a.) kam aus dem Feuer heraus. Nimrod fühlte sich zu ihm hingezogen und verabschiedete ihn mit zahlreichen kostbaren Geschenken.
Nach der Darstellung des Talmud blieb Hazrat Ibrahim (a.) anschließend zwei Jahre dort. Inzwischen hatte Nimrod einen schrecklichen Traum. Die Astrologen deuteten ihn und erklärten, Ibrahim (a.) werde den Niedergang dieses Reiches verursachen. Daher solle er getötet werden. Man schickte Leute aus, um ihn zu töten. Doch der Sklave, den Nimrod selbst Hazrat Ibrahim (a.) als Geschenk gegeben hatte, verriet den Mordplan Alaiyazars noch rechtzeitig. Daraufhin floh Hazrat Ibrahim (a.) und fand Zuflucht im Haus Hazrat Nuhs (a.). Dort begann Tareh, ihn heimlich zu besuchen. Schließlich beschlossen Vater und Sohn gemeinsam, dass sie das Land verlassen sollten. Hazrat Nuh (a.) und Sam stimmten diesem Vorschlag zu. Daraufhin zog Tareh mit seinem Sohn Ibrahim (a.), seinem Enkel Lut (a.) und seiner Schwiegertochter Sara von Ur nach Harran. – Ausgewählt aus dem Talmud, H. Pulanew, London, S. 30–42; Tafhim-ul-Quran, Sure al-Anbiya, Anmerkung 62.
Das Volk Luts
Der Bibel zufolge hatte Hazrat Ibrahim (a.) zwei Brüder, Nahor und Haran. Hazrat Lut (a.) war der Sohn Harans (Altes Testament, Buch Genesis, Kapitel 11, Vers 26). Aus der Erwähnung Hazrat Ibrahims (a.) im 26. Vers der Sure al-Ankabut geht offensichtlich hervor, dass unter seinem Volk nur Lut (a.) an ihn glaubte. (Tafhim-ul-Quran, Sure asch-Schu’ara, Anmerkung 73)
Hazrat Lut (a.) war der Neffe Hazrat Ibrahims (a.). Er verließ gemeinsam mit seinem Onkel den Irak und sammelte einige Zeit lang Erfahrungen in Da’wa und Tabligh, während er durch Scham, Palästina und Ägypten reiste. Nachdem er dauerhaft in das Amt des Prophetentums berufen worden war, wurde er mit der Reform und Verbesserung eines vom rechten Weg abgeirrten Volkes beauftragt. Dieses Volk wurde als das Volk Luts bezeichnet. Die Bewohner von Sodom werden deshalb sein Volk genannt, weil er vermutlich verwandtschaftliche Beziehungen zu diesem Volk hatte.
Das Gebiet des Volkes Luts
Dieses Volk lebte in jener Gegend, die heute Transjordanien genannt wird. Sie liegt zwischen dem Irak und Palästina. In der Bibel wird der Hauptort dieses Volkes Sodom genannt. Er lag irgendwo in der Nähe des Toten Meeres. Im Talmud heißt es, dass es außer Sodom noch vier weitere große Städte in dieser Gegend gab. Die Gebiete zwischen diesen Städten waren so prachtvoll, dass es dort einen einzigen, mehrere Meilen ausgedehnten Garten gab, dessen Schönheit die Menschen in Staunen versetzte. Heute jedoch sind der Name und die Existenz dieses Volkes vollständig von der Erde verschwunden. Man kann nicht einmal mehr genau sagen, wo seine Siedlungen tatsächlich gelegen hatten. Nur das Tote Meer ist heute noch als einziges Erinnerungszeichen an sie vorhanden; heute wird es Lut-Meer genannt. (Zu den Verleumdungen, die der von den Juden verfälschten Bibel über das Leben Hazrat Luts (a.) hinzugefügt wurden, gehört auch die Behauptung, er sei nach einem Streit mit Hazrat Ibrahim (a.) in die Gegend von Sodom gezogen [Altes Testament, Buch Genesis, Kapitel 13, Verse 1–12]. Der Quran widerlegt diese Aussage jedoch und erklärt, dass Allah ihn zum Propheten machte und zu diesem Volk entsandte. (Tafhim-ul-Quran, Sure al-Anbiya, Anmerkung 66; Tafhim-ul-Quran, Sure al-Ankabut, Anmerkung 49)
Auf dem Weg vom Hedschas nach Scham und vom Irak nach Ägypten kann man dieses zerstörte Gebiet sehen. Reisegruppen sehen gewöhnlich diese Ruinen, die bis heute deutlich erkennbar sind. Das Gebiet liegt südöstlich des Toten Meeres. Besonders über seinen südlichen Teil sagen Geografen, dass man dort eine solche Menge an Ruinen findet, wie sie sonst nirgendwo auf der Welt zu sehen ist. (Tafhim-ul-Quran, Sure al-Anbiya, Anmerkung 63)
Der Niedergang des Volkes Lots
(*****Arabisch*****)
Erstens: Geht ihr unter allen Geschöpfen auf der Erde zu den Männern und lasst das, was euer Herr für euch in euren Gattinnen erschaffen hat, beiseite? Vielmehr seid ihr Leute, die das Maß überschreiten. – Sure asch-Schuʿarāʾ: 165–166
(*****Arabisch****)
Zweitens: Begeht ihr jene Schandtat, die vor euch noch kein Geschöpf auf der Welt jemals begangen hat? Sure al-ʿAnkabūt: 28
(*****Arabisch*****)
Drittens: Ist es etwa so, dass ihr zu den Männern geht, den Wegelagerer macht und in euren Versammlungen Unrecht begeht? Sure al-ʿAnkabūt: 29
Das heißt, dass ihr mit ihnen Geschlechtsverkehr habt. Wie es in der Sure al-Aʿrāf heißt –
(*****Arabisch*****)
Ihr wendet euch zur Befriedigung eurer sexuellen Begierden den Männern zu und lasst die Frauen beiseite. Und dann ist das Erstaunliche, dass ihr diese schändliche Tat nicht heimlich begeht, sondern sie öffentlich in euren Versammlungsstätten voreinander ausübt. Genau dies wird in der Sure an-Naml gesagt: (*****Arabisch*****)Seid ihr denn so tief gesunken, dass ihr diese schändliche Tat vor den Augen der Zuschauer begeht? (Tafhīm al-Qurʾān, Sure al-Aʿrāf, Anmerkung 63)
Von der abscheulichen Tat, für die das Volk Lūṭs für alle Zeiten berüchtigt bleiben wird, haben sich die charakterlosen Übeltäter niemals ferngehalten. Doch den Anspruch auf diese(?) Ehre hat allein das griechische Volk erlangt, dessen Philosophie versucht, dieses abscheuliche Verbrechen mit dem Rang einer charakterlichen Schönheit zu schmücken. Was in dieser Hinsicht noch fehlte, haben das moderne Europa und Amerika ergänzt. Zu ihren Gunsten wurde öffentlich eine gewaltige Propaganda betrieben. Sogar das Parlament eines Landes wie Deutschland erklärte sie für legal. Auch in den übrigen westlichen Ländern wurde sie rechtlich legalisiert. Dabei ist es eine offenkundige Tatsache, dass Gleichgeschlechtlichkeit der natürlichen Ordnung völlig widerspricht. Allah, der Erhabene, hat alle Lebewesen erschaffen. Bei der Menschheit besteht ein weiterer Zweck darin, dass Frauen und Männer gemeinsam eine Familie bilden und darauf die Grundlage einer Zivilisation errichten. Zu diesem Zweck wurden Mann und Frau als zwei verschiedene Geschlechter erschaffen. Zwischen ihnen wurde gegenseitige sexuelle Anziehung geschaffen. Ihre körperliche Beschaffenheit und psychologische Veranlagung wurden durch die gegenseitige Erfüllung ihrer Wünsche für den Zweck des ehelichen Lebens vollkommen geeignet gemacht. In ihrer Anziehung und ihrer Befriedigung liegt ein Genuss, der zur Erfüllung des Zweckes der Natur zugleich anregend und wirksam ist und außerdem die Belohnung für diese Handlung darstellt. Wer jedoch entgegen dieser Ordnung der Natur durch Gleichgeschlechtlichkeit sexuelle Befriedigung sucht, begeht zugleich verschiedene Verbrechen. Erstens kämpft er gegen seine eigene allgemeine natürliche körperliche Beschaffenheit und psychologische Veranlagung. Auf diese Weise verursacht er in sich eine gewaltige Unordnung und Verwirrung, wodurch Körper, Geist und Charakter beider Beteiligten nachteilig beeinflusst werden. Zweitens begeht er das Verbrechen des Verrats an der Natur und der Veruntreuung ihrer Gaben. Denn die Natur hatte den sexuellen Genuss zu einem Geschenk im Dienst der Fortpflanzung und der Zivilisation gemacht und seinen Erwerb mit Pflichten, Verantwortlichkeiten und Rechten verbunden; er erlangt ihn jedoch auf einem heimlichen Weg, ohne irgendeinen Dienst zu leisten und ohne irgendeine Pflicht, irgendein Recht oder irgendeine Verantwortung zu erfüllen. Drittens begeht er gegenüber der menschlichen Gesellschaft einen offenkundigen Akt des Egoismus und des Verrats. Er zieht zwar Nutzen aus den in der Gesellschaft etablierten zivilisatorischen Einrichtungen, doch wenn seine eigene Reihe an ihn kommt, trägt er statt der Last von Rechten, Pflichten und Verantwortlichkeiten seine eigenen Kräfte und Fähigkeiten in völlig egoistischer Weise auf eine Art und Weise ein, die für Gesellschaft, Zivilisation und Moral nicht nur nutzlos, sondern gewiss schädlich ist. Er macht sich für den Dienst an Nachkommenschaft und Familie untauglich. Mindestens einen Mann bringt er dazu, sich zusammen mit ihm an einer unnatürlichen, weibischen Tätigkeit zu beteiligen, und eröffnet dadurch mindestens zwei Frauen den Weg zu sexueller Ausschweifung und moralischem Verfall. (Tafhīm al-Qurʾān, Sure al-Aʿrāf, Anmerkung 63)
( *****Arabisch****)
Viertens: Als Unsere Engel zu Lūṭ gelangten, geriet Lūṭ bei ihrer Ankunft in Bestürzung und wurde bedrückt. Da sagte er: „Heute ist ein schlimmer Tag.“ Als die Leute seines Volkes die Ankunft dieser Gäste bemerkten, liefen sie aus eigenem Antrieb zu seinem Haus. Schon zuvor waren sie an solche schändlichen Taten gewöhnt. Lūṭ sagte zu ihnen: „Meine Leute, hier sind meine Töchter. Sie sind für euch am reinsten. Fürchtet Allah und bringt mich wegen meiner Gäste nicht in Schande und Erniedrigung. Gibt es unter euch denn keinen anständigen Mann?“ Sie antworteten: „Du weißt doch, dass wir mit deinen Töchtern nichts zu tun haben, und du weißt auch, was wir wollen.“ Sure Hūd 77–79
Aus der Darstellungsweise der ausführlichen Schilderung dieses Ereignisses im Qurʾān wird eindeutig ersichtlich, dass diese Engel in Gestalt schöner Jünglinge zum Haus des Propheten Lūṭ (a. s.) gelangten. Dass sie Engel waren, wusste er nicht. Deshalb wurde er durch die Ankunft dieser Gäste sehr beunruhigt und von Sorge erfüllt. Er wusste, wie sittenlos und schamlos sein Volk war.
Vielleicht bezog sich der Prophet Lūṭ (a. s.) auf die Töchter seines Volkes. Denn ein Prophet ist gleichsam der Vater seines Volkes, und die Töchter des Volkes sind in seinen Augen wie seine eigenen Töchter. Es ist aber auch möglich, dass er auf seine eigenen Töchter hinwies. Wie dem auch sei, in keiner der beiden Möglichkeiten gibt es einen Grund für die Annahme, dass der Prophet Lūṭ (a. s.) ihnen vorgeschlagen hätte, mit ihnen Unzucht zu treiben. Die Aussage „Sie sind für euch am reinsten“ lässt keinerlei Raum für eine solche Fehlinterpretation. Die klare Absicht des Propheten Lūṭ (a. s.) war vielmehr, dass sie ihren sexuellen Trieb auf jene natürliche und erlaubte Weise befriedigen sollten, die Allah, der Erhabene, bestimmt hat, und dass es dafür keinen Mangel an Frauen gebe.
(*****Arabisch******)„Und bringt mich wegen meiner Gäste nicht in Schande und Erniedrigung“ zeichnet ein vollständiges Bild ihrer Gesinnung und zeigt, wie tief sie in Ausschweifung versunken waren. Es geht nicht nur darum, dass sie den Weg der Natur und der Reinheit verlassen hatten und einen unnatürlichen, schändlichen Weg eingeschlagen hatten; vielmehr war ihr Verfall so weit fortgeschritten, dass sich all ihre Neigungen und Wünsche nun ausschließlich auf diesen einen unreinen und schmutzigen Weg richteten. In ihren Herzen war nur noch das Verlangen nach jener Unreinheit und jenem Schmutz vorhanden, und sie schämten sich nicht zu sagen, dass der Weg der Natur und der Reinheit nichts für sie sei. Dies ist ein Tiefpunkt des moralischen und geistigen Verfalls, der sich kaum noch tiefer denken lässt. Sehr gering ist noch die Angelegenheit eines Menschen, der sich aufgrund geistiger Schwäche auf eine verbotene Tat einlässt, das Erlaubte jedoch als etwas Begehrenswertes betrachtet und das Verbotene als etwas, von dem man sich fernhalten muss. Ein solcher Mensch kann sich irgendwann bessern. Und selbst wenn er sich nicht bessert, kann man höchstens sagen, dass er ein irregeleiteter Mensch ist. Wenn jedoch alle Neigungen eines Menschen ausschließlich auf verbotene Taten ausgerichtet sind und er meint, das Erlaubte sei nichts für ihn, dann kann er nicht zu den Menschen gezählt werden. Er ist in Wirklichkeit ein abscheuliches, unreines Ungeziefer, das nur im Kot aufgezogen wird und dessen Wesen und Natur keinerlei Verbindung zur Reinheit haben. Wenn ein solches Ungeziefer im Haus eines sauberen und kultivierten Menschen geboren würde, würde dieser bei der ersten Gelegenheit Phenol ausschütten, um sein Haus von seiner Existenz zu reinigen und sauber zu halten. Wie lange sollte Allah dann auf Seiner Erde die Plage solcher abscheulichen und unreinen Kreaturen ertragen? (Tafhīm al-Qurʾān, Sure al-Ḥiǧr, Anmerkung 42)
(*****Arabisch*****)
Fünftens: Inzwischen gerieten die Bewohner der Stadt außer sich vor Freude und stürmten in das Haus von Hadhrat Lut. Lut sagte: „Brüder, sie sind meine Gäste. Bringt mich nicht in Verruf. Fürchtet Allah und fügt mir keine Demütigung und Schande zu.“ Sie sagten: „Haben wir dir nicht immer wieder verboten, dich zum Sachwalter der ganzen Welt aufzuspielen?“ Da sagte Lut notgedrungen: „Wenn ihr unbedingt etwas tun müsst, hier sind doch meine Töchter.“ – Sure al-Hidschr: 66–71
Daraus lässt sich ermessen, welches Ausmaß die Sittenlosigkeit dieses Volkes erreicht hatte. Sobald einige gut aussehende Gäste im Haus eines Bewohners des Ortes eintrafen, sammelte sich dort eine Menschenmenge, die offen forderte: „Übergib uns deine Gäste; wir werden Unzucht mit ihnen treiben.“
In ihrer gesamten Ortschaft gab es niemanden, der gegen ihre Missetaten die Stimme erhoben hätte. Auch jedes sittliche Empfinden war ihnen abhandengekommen, sodass sie angesichts solcher Ausschreitungen, die offen vor ihren Augen geschahen, keinerlei Scham empfanden. Wenn Schurken sogar das Haus eines großen Mannes und Lehrers der Moral wie Hadhrat Lut (a.) furchtlos angreifen konnten, lässt sich leicht ermessen, wie die gewöhnlichen Menschen in dieser Ortschaft behandelt worden sein müssen. (Tafhim al-Qur’an, Sure al-Ankabut, Anmerkungen 51–52)
Die Darstellung im Talmud
Hier wird eine kurze Zusammenfassung dessen gegeben, was der Talmud über den Zustand dieses Volkes überliefert hat. Daraus wird klar ersichtlich, auf welch niedrige Stufe moralischer Anarchie dieses Volk gesunken war. Im Talmud heißt es, dass einst ein elamischer Reisender durch ihre Gegend zog. Da es unterwegs Nacht wurde, musste er in der Stadt Sodom (Sadom) bleiben. Er hatte Proviant bei sich. Niemand lud ihn als Gast ein. So ließ er sich unter einem Baum nieder. Später nahm ihn ein Sodomiter auf sein beharrliches Drängen mit zu sich nach Hause und gewährte ihm dort für die Nacht Unterkunft. Noch vor Tagesanbruch wurden sein Esel samt seinem Gepäck fortgeschafft. Er begann zu schreien, doch niemand hörte auf ihn. Im Gegenteil: Die Bewohner des Ortes raubten ihm auch alles Übrige, was er noch bei sich hatte, und wiesen ihn aus der Stadt.
Einmal schickte Hadhrat Sara (a.), die Ehefrau von Hadhrat Ibrahim (a.), ihren Diener Ali Jazar nach Sodom, um sich nach Hadhrat Lut (a.) zu erkundigen. Als Ali Jazar die Stadt betrat, sah er, wie ein Sodomiter einen Fremden festhielt und schlug. Als Ali Jazar fragte, warum ein hilfloser Reisender geschlagen werde, schlugen sich alle auf dem Markt zusammen und schlugen ihm den Kopf ab.
Einmal kam ein armer Mann in diese Stadt. Da er nirgends etwas zu essen bekam, blieb er völlig erschöpft vor Hunger an einem Ort liegen. Als die Tochter von Hadhrat Lut (a.) ihn sah, brachte sie ihm Essen. Dafür wurden Lut (a.) und seine Tochter heftig getadelt und ihnen drohend gesagt, dass man ihnen bei einem solchen Verhalten nicht erlauben werde, im Ort zu bleiben. Nachdem der Verfasser des Talmud verschiedene derartige Begebenheiten geschildert hat, sagt er, dass diese Menschen im täglichen Leben äußerst ungerecht, betrügerisch und unehrlich im Geschäftsverkehr waren. Kein Reisender konnte ihr Gebiet sicher passieren. Kein armer Mensch bekam von ihnen auch nur ein Stück Brot zu essen. Oft kam es sogar vor, dass jemand von außerhalb zu ihnen gelangte und verhungerte. Dann zogen sie ihm die Kleidung aus und beerdigten ihn nackt. Wenn ein auswärtiger Händler unglücklicherweise zu ihnen gelangte, wurde ihm sein gesamtes Eigentum geraubt. Niemand schenkte seinem Klagen Gehör. In ihrem Tal hatten sie über mehrere Meilen hinweg Gärten und Plantagen angelegt. In diesen Gärten begingen sie öffentlich und in äußerster Schamlosigkeit Unzucht. Außer der Stimme von Lut (a.) erhob sich keine einzige Stimme gegen sie.
Kurze Darstellung des Korans
Im Edlen Koran wird diese ganze Geschichte lediglich in zwei Sätzen geschildert(*****Arabisch****)hatte schon zuvor große Freveltaten begangen.(*****Arabisch******)Ihr befriedigt eure sexuellen Triebe an Männern, überfallt Reisende und begeht in euren Versammlungen offen Geschlechtsverkehr. (Tafhīm al-Qurʾān, Sure al-Aʿrāf, Anmerkung 64)
Die Reaktion auf den Aufruf des Propheten
Als Hazrat Lut (a.s.) sie zur Besserung aufrief, wurden die Angehörigen seines Volkes zornig und sagten:
(*****Arabisch*******)
(O Lut,) wenn du von all dem nicht ablässt, wirst auch du zu denen gehören, die aus dieser Stadt vertrieben worden sind. – Sure asch-Schuʿarāʾ: 167
Das heißt: Du weißt, dass zuvor jeder, der gegen uns das Wort ergriffen, gegen unser Tun protestiert oder entgegen unserem Willen gehandelt hat, aus unserer Stadt vertrieben wurde. Wenn du nun so handelst, wird dich dasselbe Schicksal ereilen.
In Sure al-Aʿrāf und Sure an-Naml wird berichtet, dass die Übeltäter dieses Volkes bereits vor dieser Ankündigung an Hazrat Lut (a.s.) beschlossen hatten:(*****Arabisch*****)Vertreibt Lut und seine Angehörigen aus ihrer Stadt. Diese Leute wollen unbedingt in großer Reinheit leben. (Tafhīm al-Qurʾān, Sure Hūd, Anmerkungen 86–88)
Die Ankunft der Engel
(*****Arabisch********)
Und als unsere Engel mit einer frohen Botschaft zu Ibrahim kamen, begaben sie sich zunächst zu Ibrahim (a.s.). Sie verkündeten ihm die Geburt von Hazrat Ishaq (a.s.) und danach von Hazrat Yaqub (a.s.). Dann sagten sie, dass sie gesandt worden seien, um das Volk Lots zu vernichten, weil die Angehörigen dieses Volkes die Grenzen überschritten hatten. (Tafhim al-Qur’an, Sure al-Hidschr, Anmerkung 39)
(*****Arabisch*****)
Ibrahim sagte: „Dort ist doch Lot.“ Sure al-Ankabut: 32
Zunächst war Hazrat Ibrahim (a.s.) erschrocken, als er die Engel in menschlicher Gestalt sah. Denn wenn Engel in einer solchen Gestalt erscheinen, steckt dahinter ein furchterregender Auftrag. Als sie ihm daraufhin die frohe Botschaft verkündeten, wich seine Sorge. Doch als er erfuhr, dass dieser Auftrag gegen das Volk Lots gerichtet war, bat er um Gnade für dieses Volk(*****Arabisch********)Doch seine Bitte wurde nicht angenommen. Ihm wurde gesagt: „Sprich darüber nicht. Die Entscheidung deines Herrn ist bereits gefallen, und nun wird sie sich unter keinen Umständen mehr ändern.“(*****Arabisch**********) Als Hazrat Ibrahim (a.s.) dadurch jede Hoffnung verloren hatte, begann er sich um Hazrat Lot (a.s.) zu sorgen. Deshalb sagte er: „Dort ist Lot.“ Das heißt: Wenn diese Strafe in Anwesenheit von Hazrat Lot (a.s.) eintritt, wie sollen dann er und seine Familie davor gerettet werden? (Tafhim al-Qur’an, Sure al-Hidschr, Anmerkung 39)
( *****Arabisch*******)
Sie sagten: „Wir wissen sehr genau, wer sich dort befindet. Mit Ausnahme seiner Frau werden wir ihn und die übrigen Mitglieder seiner Familie retten. Seine Frau gehört zu denen, die zurückbleiben.“ – Sure al-Ankabut: 32
Über die Ehefrau von Hazrat Lut (a.s.) wird in Vers 10 der Sure at-Tahrim gesagt, dass sie Hazrat Lut (a.s.) nicht gehorsam war. Deshalb wurde über sie entschieden, dass sie trotz ihrer Eigenschaft als Ehefrau eines Propheten der Strafe ausgeliefert werden sollte. Vermutlich heiratete Hazrat Lut (a.s.), als er auswandert war und sich in der Region Jordanien niedergelassen hatte, innerhalb jenes Volkes. Doch obwohl sie lange Zeit in seiner Gesellschaft verbracht hatte, nahm sie keinen Glauben an, und ihre Zuneigung galt weiterhin ihrem eigenen Volk. Da bei Allah der Verwandtschaft und Bruderschaft keinerlei Wert zukommt, wird jeder nach seinem Glauben und seinem Charakter behandelt. Deshalb nützte es ihr nichts, die Ehefrau eines Propheten zu sein, und ihr Schicksal wurde nicht mit dem ihres Mannes, sondern mit demjenigen Volkes verbunden, mit dem sie in Religion und Moral verbunden war. (Tafhim-ul-Qur’an, Sure asch-Schuʿara, Anmerkung 111)
Die Sorge von Hazrat Lut (a.s.)
(*****Arabisch*******)
Und als Unsere Engel zu Lut kamen, wurde er ihretwegen von Sorge und Niedergeschlagenheit ergriffen. – Sure al-Ankabut: 33
Der Grund für diese Sorge war, dass die Engel in Gestalt äußerst schöner junger Männer gekommen waren. Hazrat Lut (a.s.) war über den Charakter seines Volkes unterrichtet. Deshalb geriet er sofort bei ihrem Eintreffen in Unruhe: Wenn er für die Unterbringung dieser Gäste sorgte, wie sollte er sie vor den Händen seines sündigen Volkes schützen? Wenn er ihnen jedoch keinen Aufenthalt gewährte, wäre das äußerst unhöflich gewesen. Zudem bestand die Befürchtung, dass diese Reisenden, wenn man ihnen keinen Schutz gewährte, den Wölfen zum Fraß vorgeworfen würden. (Tafhim-ul-Qur’an, Sure al-Ankabut, Anmerkung 53)
In der Sure Hud wird gesagt, dass Hazrat Lut (a.s.), als die Leute begannen, in sein Haus einzudringen, dachte, dass die Gäste nun unter keinen Umständen mehr gerettet werden könnten. Da rief er aus:(*****Arabisch*******) „O wenn ich doch die Macht hätte, euch zurechtzuweisen, oder mich auf eine starke Stütze stützen könnte!“ Da sagten die Engel:(*****Arabisch*******) „O Lut! Wir sind von deinem Herrn gesandte Engel. Sie werden dich keineswegs erreichen können. (Tafhim-ul-Qur’an, Sure al-Ankabut, Anmerkung 55)
( *****Arabisch********)
Sie sagten: „Fürchte dich nicht, und sei auch nicht besorgt.“ – Sure al-Ankabut: 33
Das heißt: Mach dir weder Gedanken darüber, ob sie uns etwas antun können, noch darüber, wie wir vor ihnen geschützt werden können. Bei dieser Gelegenheit enthüllten die Engel Hazrat Lut (a. S.) das Geheimnis, dass sie keine Menschen, sondern Engel waren. Sie waren entsandt worden, um diese Nation mit der Strafe zu treffen. (Tafhim al-Qur’an, Sure al-ʿAnkabut, Anmerkung 56)
Aus der inneren Bedeutung der ausführlichen Darstellung dieses Ereignisses im Edlen Qur’an wird eindeutig klar, dass die Engel in der Gestalt schöner junger Männer zu Hazrat Luts (a. S.) Haus gekommen waren. Hazrat Lut (a. S.) wusste nicht, dass sie Engel waren. Daher war er bei der Ankunft der Gäste äußerst beunruhigt, und sein Herz wurde bedrückt. Er kannte sein eigenes Volk. Er wusste, wie ausschweifend sie waren und welches Maß an Schamlosigkeit sie erreicht hatten. (Sobald diese Gäste eintrafen, begannen die Angehörigen seines Volkes ungeniert zu seinem Haus zu eilen. Schon zuvor waren sie an derartige üble Taten gewöhnt. Lut sagte zu ihnen: „Brüder! Seht, hier sind meine Töchter; sie sind für euch reiner. Fürchtet Allah und entehrt mich nicht in Bezug auf meine Gäste. Gibt es unter euch denn keinen einzigen rechtschaffenen Mann?“ Sie antworteten: „Du weißt doch, dass wir an deinen Töchtern kein Interesse haben, und du weißt auch, was wir wollen.“ – Sure Hud 78 (Sure al-ʿAnkabut, Anmerkung 57)
( *****Arabisch********)
Danach versuchten sie, Hazrat Lut daran zu hindern, seine Gäste zu schützen. Schließlich machten Wir ihre Augen blind. (Wir sagten:) „Kostet nun Meine Strafe und Meine Warnung!“ – Sure al-Qamar 37
Hazrat Lut (a. S.) flehte die rasende Menge eindringlich an, von diesem abscheulichen Vorhaben abzulassen. Doch sie hörten nicht auf ihn. Sie drangen in das Haus ein und versuchten, die Gäste gewaltsam hinauszuführen. In diesem letzten Augenblick wurden sie plötzlich blind. Daraufhin forderten die Engel Hazrat Lut (a. S.) auf, noch vor dem Anbruch des Morgens gemeinsam mit seiner Familie diese Ortschaft zu verlassen. Kaum waren sie hinausgegangen, da kam eine furchtbare Strafe über dieses Volk.
In der Bibel wird dieses Ereignis folgendermaßen beschrieben: Da sagten sie: „Geh beiseite!“ Sie sagten weiter: „Dieser Fremde ist erst vor kurzem hierhergekommen und will nun unser Richter sein; jetzt werden wir dir noch übler mitspielen als ihnen.“ Damit stürmten sie heftig auf Lot ein und wollten die Tür aufbrechen. Da streckten die beiden Männer ihre Hände aus, zogen Lot zu sich ins Haus und schlossen die Tür; und sie schlugen alle Leute, Kleine wie Große, die sich vor der Haustür befanden, mit Blindheit, sodass sie müde wurden, während sie die Tür suchten. – Genesis 19:9–11 (Tafhim al-Qur’an, Sure al-ʿAnkabut, Anmerkung 58)
(*****Arabisch********)
Sie sagten: „Wir sind zu einem sündigen Volk gesandt worden. Wir werden Steine aus gebranntem Lehm auf sie herabregnen lassen. Diese sind von deinem Herrn für die Übertreter gekennzeichnet.“ Sure adh-Dhariyat 32–34
Das heißt, jeder einzelne Stein war gekennzeichnet, damit feststand, auf welchen der Frevler er geworfen werden sollte. (Sure al-Ankabut, Anmerkung 58)
Das Herabkommen der Strafe
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Als dann die von Uns festgesetzte Frist eintrat, kehrten Wir diese Ortschaft um und ließen unablässig Steine aus gebranntem Lehm auf sie niederregnen. Jeder dieser Steine war bei deinem Herrn gekennzeichnet, und diese Strafe war von den Ungerechten nicht fern. Sure Hud 82–83(*****Arabisch********)
Und Wir ließen einen heftigen Regen auf sie niedergehen. Dieser Regen traf diejenigen, die zuvor gewarnt worden waren. – Sure asch-Schuʿara 173
Wahrscheinlich kam diese Strafe in Form eines gewaltigen Erdbebens und von Ausbrüchen vulkanischen Materials. Das Erdbeben kehrte jene Ortschaft um, und das ausgebrochene vulkanische Material explodierte und ließ Steine auf sie niederregnen. Die Steine aus gebranntem Lehm waren vermutlich jenes Erdreich, das in vulkanischen Gebieten durch das Zusammenspiel unterirdischer Hitze und geschmolzenen Materials die Gestalt von Steinen annimmt. Im Südosten des Toten Meeres sind die Überreste des Steinregens noch heute überall zu sehen. (Tafhim al-Quran, Sure Hud, Anmerkung 86)
( *****Arabisch*******)
wo Wir außer einem einzigen Haus kein weiteres Haus von Muslimen vorfanden.
In der gesamten Nation und in der ganzen Region gab es nur ein einziges Haus, in dem das Licht des Glaubens und des Islam zu finden war. Und dieses eine Haus gehörte Hadhrat Lut (a.). Die gesamte übrige Nation war in Sündhaftigkeit verstrickt, und ihr Land war von Sündenschmutz erfüllt. Deshalb führte Allah, der Erhabene, die Bewohner dieses einen Hauses lebend heraus. Danach kam über dieses Land eine solche Vernichtung, dass kein Einziger aus jenem sündigen Volk am Leben bleiben konnte. (Das Gesetz Allahs, des Erhabenen, hinsichtlich Vergeltung oder Bestrafung (Gesetz der Vergeltung) besteht darin, dass kein Volk vollständig vernichtet wird, solange in ihm noch ein beachtliches Maß an Gutem vorhanden ist. Wenn es im Vergleich zur großen Zahl der schlechten Menschen auch nur eine kleine Gruppe gibt, die sich bemüht, Unrecht zu bekämpfen und die Menschen zum rechten Weg aufzurufen, gewährt Allah, der Erhabene, ihr Gelegenheit, ihre Aufgabe zu erfüllen. Wenn jedoch ein Zustand erreicht ist, in dem sich in einem Volk nicht einmal die geringste Spur von Gutem finden lässt, besteht Allahs, des Erhabenen, Vorgehensweise darin, die wenigen Menschen, die im Kampf gegen das Unrecht in der Bevölkerung erschöpft geworden sind, durch Seine Macht zu retten und mit den übrigen Menschen so zu verfahren, wie ein vernünftiger Besitzer mit seinen verdorbenen Früchten verfährt. (Tafhim-ul-Qur’an, Sure adh-Dhariyat, Anmerkung 32) (Tafhim-ul-Qur’an, Sure al-Qamar, Anmerkung 22)
Die Schilderung der Bestrafung in der Bibel
Eine kurze Zusammenfassung der Erkenntnisse, die sich aus der biblischen Schilderung, den antiken Schriften Griechenlands und Italiens, den archäologischen Forschungen der Neuzeit sowie der Untersuchung alter Ruinen über jene Bestrafung ergeben, wird im Folgenden dargelegt.
In der östlich und südlich des Toten Meeres gelegenen, heute menschenleeren Region finden sich die Ruinen zahlreicher alter Siedlungen. Sie bezeugen, dass dieses Gebiet einst dicht besiedelt war. Noch heute sind dort die Spuren Hunderter zerstörter Siedlungen zu finden. Heute ist diese Region nicht mehr so fruchtbar, dass sie eine derart große Bevölkerung ernähren könnte. Archäologische Fachleute nehmen an, dass dieses Gebiet von 2300 bis 1900 v. Chr. besiedelt und wohlhabend war. Über Hadhrat Ibrahim (a.) sind Historiker der Ansicht, dass er zweitausend Jahre vor Jesus Christus lebte. In dieser Hinsicht bezeugen die Ruinen, dass diese Region bereits zur Zeit Hadhrat Ibrahims (a.) und seines Neffen Hadhrat Luts (a.) zerstört wurde.
Der am dichtesten besiedelte und fruchtbarste Teil dieser Region wird in der Bibel das Tal Siddim genannt. Es war äußerst fruchtbar, wie der Garten des Herrn (Eden) und Ägypten (Genesis 13:10). Nach Ansicht moderner Fachleute ist dieses Tal inzwischen im Toten Meer versunken. Verschiedene Ruinen liefern dafür Zeugnisse. In alter Zeit erstreckte sich das Tote Meer nach Süden nicht so weit wie heute. Vor der heutigen Stadt al-Karak in Transjordanien lag westlich im Meer eine kleine Insel namens al-Lisan; in alter Zeit bildete sie die äußerste Grenze des Wassers. Unterhalb davon, wo sich heute das Wasser ausbreitet, lag früher ein fruchtbares Tal. Dies war das Tal Siddim, in dem die großen Städte des Volkes von Lut – Saduum, Amura, Adma, Sanbuyeem und Dugar – lagen. Etwa zweitausend Jahre vor Jesus Christus spaltete und versenkte ein gewaltiges Erdbeben dieses Tal, und das Wasser des Toten Meeres ergoss sich darüber. Noch heute ist dies der am stärksten bewegte Teil des Toten Meeres. Während der römischen Herrschaft war es jedoch nicht so bewegt und wellenreich, sodass die Menschen von al-Lisan aus über das Wasser bis zum Westufer gelangen konnten. Bis zu jener Zeit waren entlang des Südufers die im Wasser versunkenen Wälder deutlich zu sehen. Man vermutete auch, dass sich einige versunkene Gebäude dort befanden.
Aus der Bibel und den alten Schriften Griechenlands und Italiens ist bekannt, dass es an verschiedenen Stellen dieser Region Erdöl- und Sphaleritquellen gab und an manchen Orten auch brennbares Gas aus der Erde austrat. Noch heute werden dort unterirdische Erdöl- und Gasvorkommen gefunden. Aufgrund archäologischer Forschungen wurde vermutet, dass infolge der heftigen Erschütterungen des Erdbebens Erdöl, Gas und Sphalerit aus der Erde hervorbrachen und die gesamte Region durch diese Explosion in die Luft gesprengt wurde. Die Bibel berichtet, dass Hadhrat Ibrahim (a.), nachdem er von dieser Zerstörung erfahren hatte, von Hebron aus kam, um den Zustand dieses Tals zu betrachten. Da sah er, wie Rauch aus der Erde aufstieg, so wie er aus einem Brennofen aufsteigt. (Genesis, Kapitel 19, Vers 28) (Tafhim-ul-Qur’an, Sure Hud, Anmerkung 91)
( *****Arabisch****)
Wir haben in dieser Stadt ein deutliches Zeichen zurückgelassen.
Mit diesem eindeutigen Zeichen ist das Tote Meer (Dead Sea) gemeint. An verschiedenen Stellen des Edlen Korans wird den Ungläubigen in Mekka gesagt, dass noch immer ein Zeichen der Strafe, die wegen der Taten dieses frevelhaften Volkes hereinbrach, an der gewöhnlichen Handelsstraße vorhanden ist, das ihr auf eurem Weg nach Scham zu Handelszwecken Tag und Nacht sehen könnt.
(*****Arabisch*****)
Neuere Entdeckungen
Heutzutage wird mit nahezu völliger Gewissheit anerkannt, dass der südliche Teil des Toten Meeres durch das Versinken im Untergrund infolge eines gewaltigen Erdbebens seine heutige Gestalt angenommen hat. Gerade in diesem versunkenen Gebiet lag die zentrale Stadt des Volkes Lots, Sodom. In diesem Gebiet wurden unter Wasser die Überreste einiger versunkener Siedlungen gefunden. Kürzlich wurde mithilfe moderner Tauchausrüstungen versucht, unter Wasser nach den Überresten zu suchen. Über einen Erfolg dieses Versuchs ist jedoch nichts bekannt. (Tafhim-ul-Qur’an, Sure adh-Dhariyat, Anmerkung 34)
(****Arabisch*****)
Und Wir hinterließen dort ein Zeichen für jene, die eine schmerzhafte Strafe fürchten. – Sure adh-Dhariyat 51:37
Dieses Zeichen ist das Tote Meer (Dead Sea), dessen südlicher Teil noch immer die Spuren einer gewaltigen Zerstörung trägt. Archäologen sind der Ansicht, dass die große Stadt des Volkes Lots vermutlich durch ein gewaltiges Erdbeben unter der Erde versank und sich das Wasser des Toten Meeres darüber ausbreitete. Denn der Teil dieses Meeres, der südlich der kleinen Insel Al-Lisan liegt, scheint später entstanden zu sein, und die Überreste des alten Toten Meeres, die innerhalb dieser Insel zu sehen sind, unterscheiden sich von den Überresten im Süden. Daraus lässt sich schließen, dass der südliche Teil zunächst höher als die Oberfläche jenes Meeres lag. Später ist er irgendwann abgesunken. Auch scheint dieser Untergang etwa zweitausend Jahre vor Jesus Christus stattgefunden zu haben. Historisch gesehen handelt es sich dabei um die Zeit von Hadhrat Ibrahim und Lot (Friede sei mit ihnen). Im Jahr 1965 entdeckte ein amerikanisches Team, das nach Überresten suchte, in Al-Lisan einen gewaltigen Friedhof mit mehr als zwanzigtausend Gräbern. Daraus lässt sich schließen, dass sich in der Nähe eine große Stadt befunden haben muss. In der Umgebung gibt es jedoch keine Überreste einer Stadt, in deren Nähe sich ein derart großer Friedhof befunden haben könnte. Dadurch erhärtet sich der Verdacht (siehe Abbildung), dass die Stadt, zu der dieser Friedhof gehörte, im Meer versunken ist. Auch in dem Gebiet südlich des Meeres sind ringsum Spuren der Zerstörung zu sehen. Im Erdreich finden sich Schwefel, Teer, Erdgas und Ähnliches in einer solchen Menge, dass man beim Anblick meinen könnte, hier sei einst durch einen Blitzeinschlag oder durch die Explosion geschmolzener Stoffe infolge eines Erdbebens eine Hölle entstanden. (Tafhim-ul-Qur’an, Sure adh-Dhariyat, Anmerkung 34)
Das Volk von Saba
Das Gebiet des Volkes von Saba
Saba war ein weithin berühmtes Handelsvolk Südarabiens. Ihre Hauptstadt Marib lag fünfundfünfzig Meilen nordöstlich der heutigen jemenitischen Hauptstadt Sanaa. Nach dem Untergang des Reiches Ma’in begann um 1100 v. Chr. der Aufstieg des Volkes von Saba, und fast tausend Jahre lang behauptete es eine herausragende Stellung in Arabien. Dann wurde es 115 v. Chr. vom Himyar, dem zweitberühmten Volk Südarabiens, abgelöst. Seine Herrschaft erstreckte sich im Westen über Jemen und Hadramaut sowie in Afrika über das Gebiet Abessiniens.
Ein weithin berühmtes, großes Volk
Der größte Teil des Handels zwischen Ostafrika, Indien, dem Fernen Osten und Arabien selbst einerseits sowie Ägypten, Syrien, Griechenland und Rom andererseits lag in den Händen der Sabäer. Deshalb war dieses Volk in der Antike für seinen Reichtum berühmt. Ja, griechische Historiker bezeichneten es als das wohlhabendste Volk der Welt. Neben dem Handel war ein wesentlicher Grund für ihren Wohlstand, dass sie an verschiedenen Orten des Landes Dämme errichteten und ein ausgezeichnetes Bewässerungssystem anlegten. Dadurch war ihr gesamtes Gebiet fruchtbar und von üppigem Getreide, Früchten und Blumen bedeckt. Auch griechische Historiker erwähnen die außergewöhnliche Fruchtbarkeit und den reichen Ertrag ihres Landes. Im zweiten Rukūʿ der Sure as-Saba wird ebenfalls darauf hingewiesen. Aus historischer Sicht bezeichnet Saba den Namen eines sehr großen Volkes Südarabiens. Es setzte sich aus zahlreichen großen Stammesverbänden zusammen. Imam Ahmad, Ibn Dscharir, Ibn Abi Hatim, Ibn Abd al-Barr und at-Tirmidhi führen eine Überlieferung vom Gesandten Allahs (s.a.w.) an und sagen, dass Saba der Name eines Mannes aus Arabien war, von dessen Nachkommenschaft die folgenden Stämme abstammten: Kinda, Himyar, Azd, Aschʿariyyun, Madhhidsch, Anmar (mit den beiden Zweigen Chath’am und Badsila), Amila, Dschudham, Lachm und Ghassan.
Seit den frühesten Zeiten war dieses arabische Volk in der Welt berühmt. Eine Inschrift aus Ur aus dem Jahr 2400 v. Chr. erwähnt dieses Volk unter dem Namen Sabum. Danach wird es in den Inschriften Babyloniens und Assyriens und ebenso wiederholt in der Bibel erwähnt (zum Beispiel in Psalm 72:15, Jeremia 6:20, Ezechiel 27:22 und 38:13 sowie Hiob 6:19). Griechische und römische Historiker sowie der Geograf Theophrastos (Theofrastes) erwähnen es fortlaufend von 288 v. Chr. bis in mehrere Jahrhunderte nach Jesus Christus. Sein Wohngebiet lag im Südwesten Arabiens. Heute wird dieses Gebiet Jemen genannt. Sein goldenes Zeitalter begann um 1100 v. Chr.; in der Zeit der Propheten David (a.s.) und Salomo (a.s.) verbreitete sich sein Ruf als wohlhabendes Volk. (Tafhim al-Qur’an, Sure asch-Schuʿara, Anmerkung 114)
Die Religionsgeschichte von Saba
Anfangs war dieses Volk ein Sonnenanbetervolk. (Aus Vers 24 der Sure an-Naml im Edlen Qur’an geht hervor, dass sie damals die Sonne anbeteten, als der Wiedehopf den Propheten Salomo (a.s.) über den Zustand dieses Volkes unterrichtete. Auch aus der alten Überlieferung Arabiens ist bekannt, dass dies ihre Religion war. Ibn Ishaq führt die Aussage der Genealogen an und sagt, der Vorfahr des Volkes von Saba sei Abd Schams (Sonnenanbeter) gewesen und sein Beiname sei Saba gewesen. Auch in der Überlieferung der Kinder Israels findet sich eine Bestätigung dafür. Darin heißt es, dass der Wiedehopf, als er den Brief Salomos (a.s.) zur Königin von Saba brachte, auf dem Weg war, den Sonnengott anzubeten. Unterwegs warf der Wiedehopf den Brief vor der Königin nieder.) Als ihre Königin im Jahr 965–926 v. Chr. durch den Propheten Salomo (a.s.) den Iman annahm, wurden wahrscheinlich die meisten von ihnen Muslime. Später jedoch breiteten sich irgendwann Schirk und Götzendienst unter ihnen aus, und sie begannen, Almaqah (Mondgott), Athtar (Zohra), Dhat Hamim und Dhat Badan (Sonnengötter), Hawbis, Harshatam oder Harimat sowie viele andere Götter und Göttinnen anzubeten. Ihr größter Gott war Almaqah. Ihr König hielt sich selbst für dessen Stellvertreter und daher für berechtigt, Gehorsam zu fordern. Im Jemen wurden zahlreiche Inschriften gefunden, aus denen hervorgeht, dass das ganze Land mit Tempeln dieser Götter und Göttinnen, insbesondere mit Tempeln Almaqahs, übersät war. In jeder Angelegenheit wurde ihnen Dank erwiesen. (Aus der Geschichte ist bekannt, dass es in alter Zeit unter dem Volk von Saba eine Gruppe gab, die statt der Götter und Göttinnen an den einen Allah glaubte. Bei jüngsten archäologischen Untersuchungen wurden in den Ruinen des Jemen Inschriften gefunden, die Spuren dieser kleinen Gruppe erkennen lassen. Einige Inschriften aus der Zeit um 650 v. Chr. bezeugen, dass an verschiedenen Orten des Reiches Saba einige Gotteshäuser errichtet worden waren, die der Anbetung des Herrn des Himmels, Rabb as-Samāʾ, gewidmet waren. An manchen Orten fand man den Namen dieses Gottes – eines Königs, der der Herr des Himmels ist – niedergeschrieben. Diese Gruppe bestand im Jemen mehrere Jahrhunderte lang fort. In einer Inschrift aus dem Jahr 378 n. Chr. fanden sich diese Worte:(*****Arabisch***)Das heißt: mit der Hilfe jenes Gottes, der Herr des Himmels und der Erde ist. In einer weiteren Inschrift aus jener Zeit (458 n. Chr.) wurde für diesen Gott das Wort ar-Rahman verwendet. Die eigentlichen Worte lauten:(*****Arabisch****)Das heißt: mit der Hilfe des Rahman. (Tafhim al-Qur’an, Sure adh-Dhariyat, Anmerkung 35)
Im Zuge moderner Untersuchungen der antiken Ruinen wurden im Jemen etwa dreitausend Inschriften gesammelt, die Aufschluss über die Geschichte dieses Volkes geben. Wenn man dazu die Berichte arabischer, römischer und griechischer Geschichtsschreiber hinzunimmt, lässt sich seine ausführliche Geschichte verfassen. Nach diesen Berichten lassen sich die wichtigen Epochen seiner Geschichte wie folgt zusammenfassen:
Die Zeit vor 650 v. Chr.
Zu dieser Zeit trugen die sabäischen Könige den Titel Mukarrib; sehr wahrscheinlich war dieses Wort bedeutungsgleich mit dem(*****Arabisch***) Wort. Das bedeutet, dass dieser König sich als Vermittler zwischen den Menschen und Gott betrachtete; mit anderen Worten, sie waren Wahrsagerkönige (Priest Kings). Zu jener Zeit war ihre Hauptstadt Sirwah, deren Ruinen noch heute westlich von Marib, einen Tagesmarsch entfernt, unter dem Namen Khariba zu sehen sind. In dieser Zeit wurden die Grundmauern des berühmten Damms von Marib gelegt, und die sabäischen Könige erweiterten ihn zu verschiedenen Zeiten.
Der Zeitraum von 650 bis 115 v. Chr.
In dieser Epoche legten die sabäischen Könige den Titel Mukarrib ab und nahmen den Titel Malik (das heißt: König) an. Das bedeutet, dass bei der Führung des Staates an die Stelle der Religion zunehmend die Politik und der Einfluss der Gottlosigkeit traten. Zu jener Zeit verlegten die sabäischen Könige ihre Hauptstadt von Sirwah nach Marib und entwickelten diesen Ort außerordentlich. Er liegt 3900 Fuß über dem Meeresspiegel, sechzig Meilen östlich von Sanaa. Noch heute bezeugen seine Ruinen, dass hier einst eine hochzivilisierte Nation lebte.
Der Zeitraum von 115 v. Chr. bis 300 n. Chr.
Zu dieser Zeit siegte im Reich von Saba der Stamm Himyar, der selbst ein Stamm der Sabäer war und zahlenmäßig alle anderen Stämme übertraf. Damals wurde die Hauptstadt von Marib, das entvölkert wurde, nach Raydan verlegt. Dies war das zentrale Siedlungsgebiet des Stammes Himyar. Später wurde diese Stadt Zafar genannt. Heutzutage sind ihre Ruinen auf einem runden Berg in der Nähe der heutigen Stadt Yarim zu sehen. In der nahegelegenen Gegend lebt ein kleiner Stamm namens Himyar. Wenn man ihn sieht, kann man sich kaum vorstellen, dass dieser Stamm das Andenken jener Menschen bewahrt, die einst weltweite Macht besaßen. In dieser Zeit wurde erstmals als Bezeichnung für einen Teil des Königreichs das(Arabisch***) Wort verwendet, und allmählich wurde der Name der gesamten Region zu Jemen. Jemen liegt in der südwestlichen Ecke Arabiens und erstreckt sich von Asir bis Aden sowie von Bab al-Mandab bis Hadramaut. In dieser Epoche begann auch der Niedergang der Sabäer.
Der Zeitraum von 300 n. Chr. bis zum Aufkommen des Islam
Diese Epoche war die Zeit des Untergangs der Sabäer. Da unter ihnen in dieser Zeit fortwährend Bürgerkriege ausgetragen wurden, begannen fremde Völker einzugreifen. Handel und Landwirtschaft erlebten einen schweren Niedergang, und schließlich verloren die Sabäer auch ihre Unabhängigkeit. Unter Ausnutzung der Streitigkeiten zwischen Raydana, den Himyaren und den Hamdaniden hielten die Abessinier den Jemen von 340 bis 378 n. Chr. unter ihrer Herrschaft. Zwar wurde die Unabhängigkeit danach wiederhergestellt, doch am berühmten Damm von Marib begannen Risse aufzutreten. Schließlich kam es 450 oder 451 n. Chr. infolge des Dammbruchs zu einer gewaltigen Überschwemmung, die in der Sure Saba erwähnt wird. Zwar wurde der Damm danach bis zur Zeit Abrahahs fortlaufend repariert, doch die Bevölkerung, die sich in alle Richtungen zerstreut hatte, konnte nicht wieder zusammengeführt werden. Nachdem das Bewässerungswesen und die Landwirtschaftsverwaltung zugrunde gegangen waren, konnten sie nicht wiederhergestellt werden. (Die Sabäer zerstreuten sich derart vollständig, dass dies zu einem Sprichwort wurde. Wenn heute ein Araber die Zerstreuung eines Menschen erwähnt, sagt er, er sei wie die Sabäer auseinandergerissen und verstreut worden. Als auf Allahs Geheiß ihr Wohlstand und ihr angenehmes Leben zu schwinden begannen, verließen ihre verschiedenen Stämme ihre Heimat und zogen in verschiedene Gegenden Arabiens. Die beiden Stämme Aws und Chazradsch ließen sich in Yathrib nieder. Der Stamm Khuza’a siedelte sich in der Region Tihama nahe Dschidda an. Der Stamm Azd ließ sich im Oman nieder. Lakham, Dschudham und Qimmah waren gezwungen, das Land zu verlassen. Schließlich blieb auf der Welt nicht einmal mehr der Name eines Volkes namens Saba bestehen. Seine Erwähnung blieb nur in Geschichten und Erzählungen erhalten.) (Sure an-Naml, Anmerkung 29) Im Jahr 523 n. Chr. verübte der jüdische König des Jemen, Dhu Nuwas, schwere Verfolgungen und Grausamkeiten gegen die Christen von Nadschran; im Heiligen Koran werden sie als die Leute des Grabens erwähnt. Daraufhin griff die christliche Regierung Abessiniens den Jemen an und eroberte das gesamte Land, um Vergeltung zu üben. Anschließend griff der abessinische Vizekönig des Jemen, Abrahah, im Jahr 570 oder 571 n. Chr. — einige Tage vor der Geburt des Propheten (Friede und Segen seien auf ihm) — Mekka an, um die zentrale Stellung der Kaaba zu beseitigen und den gesamten Westen von Marib unter römisch-abessinischen Einfluss zu bringen. Doch über sein gesamtes Heer kam eine solche Vernichtung, wie sie im Heiligen Koran unter der Bezeichnung „die Leute des Elefanten“ beschrieben wird. Schließlich eroberten die Iraner 575 n. Chr. den Jemen. Als der iranische Statthalter Badhan im Jahr 628 n. Chr. den Islam annahm, endete die iranische Herrschaft im Jemen.
Der materielle Aufstieg des Volkes von Saba
Der Aufstieg des Volkes von Saba beruhte im Wesentlichen auf zwei Faktoren: erstens auf der Landwirtschaft und zweitens auf Handel und Gewerbe. Durch eine hervorragende Bewässerungsorganisation war die Landwirtschaft so weit entwickelt worden, dass es in früherer Zeit außer in Babylon nirgendwo ein Bewässerungssystem dieser Art gegeben hatte. In ihrem Land gab es keine natürlichen Flüsse. Während der Regenzeit floss Wasser in Rinnen von den Bergen herab. An verschiedenen Stellen wurden in diesen Wasserläufen Dämme errichtet und dadurch Wasserreservoirs angelegt. Von dort aus wurde durch das Ausheben zahlreicher Kanäle das Wasser so im ganzen Land verteilt, dass nach der Darstellung des Korans ringsum nur Gärten und Haine zu sehen waren. Das größte Reservoir dieses Bewässerungssystems lag in einem Tal zwischen den Balak-Bergen in der Nähe der Stadt Marib und war durch den Bau eines Dammes entstanden. Als Allah, der Erhabene, ihnen jedoch Seine Gnade entzog, brach dieser gewaltige Damm irgendwann im fünften christlichen Jahrhundert. Die gewaltige, einer Sturzflut gleichende Strömung, die sich daraus ergoss, riss einen Damm nach dem anderen nieder, und auf diese Weise wurde das gesamte Bewässerungssystem zerstört. Es war nicht mehr möglich, dieses System wiederherzustellen. (Im Heiligen Koran findet sich eine ausführliche Darstellung dieser zerstörerischen Strafe.) Für den Handel hatte Allah diesem Volk ein geografisch äußerst günstig gelegenes Gebiet gegeben, dessen großen Nutzen es auch ausschöpfte. Mehr als tausend Jahre lang fungierte dieses Volk als Vermittler des Handels zwischen dem Osten und dem Westen. Einerseits gelangten in ihre Häfen chinesische Seide, Gewürze aus Indonesien und Malabar, Stoffe und Gemüse aus Indien sowie schwarze Sklaven, Affen, Straußenfedern und Elfenbein aus Ostafrika. Andererseits schickten sie diese Waren auf die Märkte Ägyptens und Schams, von wo aus sie nach Rom, Griechenland und in andere Länder weitergelangten. Außerdem gab es in ihrem Land Weihrauch, Sandelholz, Moschus und verschiedenste andere Duftstoffe und Essenzen. Die Menschen aus Ägypten, Scham, Rom und Griechenland nahmen diese Waren unmittelbar mit. Für diesen umfangreichen Handel gab es zwei Wege: einen Seeweg und einen Landweg. Die Vorherrschaft über den Seehandel lag tausend Jahre lang in den Händen der Sabäer. Denn nur sie kannten die Geheimnisse der Monsunwinde im Roten Meer, der untermeerischen Berge und der Stellen, an denen Schiffe ankern konnten. Kein anderes Volk wagte es, auf diesem gefährlichen Meer Schiffe zu führen. Auf diesem Seeweg brachten sie ihre Waren zu den Häfen Jordaniens und Ägyptens. Der Landweg führte von Aden und Hadramaut nach Marib und vereinigte sich dort. Von dort aus führte eine große Straße über Mekka, Dschidda, Yathrib, al-Ula, Tabuk und Aila bis nach Petra. Danach führte ein Weg nach Ägypten und ein anderer nach Scham, wie es im Koran heißt. Ihre Siedlungen erstreckten sich ununterbrochen vom Jemen bis zur Grenze von Scham, und Tag und Nacht zogen Handelskarawanen auf diesem Weg dahin. Noch heute finden sich in dieser Region die Überreste zahlreicher ihrer Siedlungen, und dort wurden Inschriften in sabäischer und himyarischer Sprache entdeckt.
Der Beginn des wirtschaftlichen Niedergangs
Um das erste christliche Jahrhundert begann der Niedergang ihres Handels. Als sich im Nahen Osten zunächst die Griechen und später die Römer als starke Herrscher etabliert hatten, wurde von ihrer Seite zunehmend die Forderung erhoben: Da die arabischen Händler ein Monopol auf den Handel besäßen und für die Waren des Ostens nach Belieben Preise verlangten, sei es nun notwendig, selbst vorzurücken und diesen Handel in Besitz zu nehmen. Zu diesem Zweck ließ zunächst der griechischstämmige Herrscher Ägyptens, Ptolemaios II. (285–246 v. Chr.), den alten Kanal wieder öffnen, den der Pharao Sesostris siebzehnhundert Jahre zuvor angelegt hatte, um den Nil mit dem Roten Meer zu verbinden. Durch diesen Kanal fuhr erstmals ein ägyptisches Kriegsschiff in das Rote Meer ein. Doch gegenüber den Sabäern blieb dieser Versuch ohne nennenswerten Erfolg. Danach errichteten die Römer ihre Herrschaft über Ägypten. Nun schickten sie noch stärkere Handelsschiffe in das Rote Meer und ließen hinter ihnen auch ein Kriegsschiff folgen. Dieser Macht entgegenzutreten, lag außerhalb der Kräfte der Sabäer. Die Römer gründeten an verschiedenen Stellen in den Häfen Handelskolonien und sorgten dort für alles, was die Schiffe benötigten. Anschließend stationierten sie überall dort Truppen, wo sie es für notwendig hielten. Schließlich errichteten sie in Aden ihre militärische Herrschaft. In dieser Angelegenheit schlossen sich die römischen und die abessinischen Herrscher zusammen und beraubten die Sabäer ihrer Unabhängigkeit.
Nachdem der Seehandel verloren gegangen war, blieb den Sabäern nur noch der Handel auf dem Landweg. Doch es gab zahlreiche Hindernisse, durch die ihre Macht allmählich gebrochen wurde. Zunächst vertrieben die Nabatäer die Sabäer aus dem Hochland des Hedschas zwischen Petra und al-Ula sowie aus sämtlichen Siedlungen in Jordanien. Dann beendeten die Römer im Jahr 106 n. Chr. das Sabäische Reich und brachten alle Gebiete von Scham und Jordanien entlang der Grenze des Hedschas unter ihre Herrschaft. Danach verfolgten Abessinien und Rom gemeinsam das Ziel, den Handel der Sabäer unter Ausnutzung ihrer gegenseitigen Streitigkeiten und Konflikte zu zerstören. Zu diesem Zweck griff Abessinien wiederholt in den Jemen ein. Schließlich brachten sie das gesamte Land unter ihre Herrschaft.
Ihre luxuriöse Zivilisation vor dem Hereinbrechen der Strafe
So schleuderte Allahs Zorn dieses Volk vom Gipfel des Aufstiegs in einen solchen Abgrund der Vernichtung, dass kein verfluchtes Volk von dort je wieder sein Haupt erheben konnte. Es gab eine Zeit, in der den Griechen und Römern beim Hören der Geschichten über ihren Reichtum das Wasser im Mund zusammenlief. Strabon berichtet, dass sie Gefäße aus Gold und Silber benutzten. Die Dächer, Wände und Türen ihrer Häuser waren mit Elfenbein, Gold, Silber und Edelsteinen verziert. Plinius berichtet, dass der Reichtum Roms und Persiens zu ihnen strömte. Dieses Volk war das reichste der damaligen Welt; sein wasserreiches, fruchtbares Land war voller Gärten, Felder und Haustiere. R. T. Midoras berichtet, dass sie in Luxus und Vergnügen schwelgten und anstelle von Brennholz Zimt, Sandelholz und andere duftende Hölzer verbrannten. Ebenso berichten andere römische Historiker, dass man den Duft dieser aromatischen Hölzer wahrnehmen konnte, wenn Handelsschiffe an der Meeresküste nahe ihrem Gebiet entlangfuhren. In der Geschichte errichteten sie als Erste auf dem Hochland von San’a himmelstürmende Bauwerke (Wolkenkratzer), die unter dem Namen Qasr Ghumdan (Ghumdan-Palast) mehrere Jahrhunderte lang berühmt waren. Arabische Historiker sagen, das Bauwerk habe zwanzig Stockwerke besessen, und die Höhe jedes Stockwerks habe 36 Fuß betragen.
Solange Allahs Gunst währte, dauerten auch ihre glücklichen Tage an. Als sie jedoch statt Dankbarkeit für die von Allah gegebenen Gaben die Grenzen der Undankbarkeit und Treulosigkeit überschritten, entzog der mächtige Herr Allah ihnen für immer Seinen gnädigen Blick, und jede Spur ihrer Existenz verschwand. (Tafhim al-Qur’an, Sure an-Naml, Anmerkung 30)
Abbildung – das Gebiet des Volkes von Thamūd.
Die Leute von Midian und die Leute von al-Aika
Unter den Korankommentatoren besteht Uneinigkeit darüber, ob die Leute von Midian und die Leute von al-Aika zwei verschiedene Völker oder zwei verschiedene Bezeichnungen für dasselbe Volk waren. Eine Gruppe ist der Ansicht, dass es sich um zwei getrennte Völker handelte. Der wichtigste Beweis dafür ist, dass Hadrat Schuʿaib im Sūrat al-Aʿrāf als Bruder der Leute von Midian bezeichnet wird(*****Arabisch****)und im Zusammenhang mit der Erwähnung der Leute von al-Aika lediglich gesagt wird:(*****Arabisch****)„Als Schuʿaib zu ihnen sagte.“ Die Bezeichnung „ihr Bruder“ wird dabei nicht verwendet. Demgegenüber bezeichnen einige Korankommentatoren beide als dasselbe Volk. Denn im Sūrat al-Aʿrāf und im Sūrat Hūd wird auch hinsichtlich der Leute von al-Aika gesagt, dass die Einladung und Ermahnung durch Hadrat Schuʿaib gleicher Art waren und dass es letztlich keinen Unterschied in ihrem Schicksal gab.
Historische Untersuchung
Die historische Untersuchung zeigt, dass beide Auffassungen zutreffen. Die Leute von Midian und die Leute von al-Aika waren zweifellos zwei verschiedene Stämme, jedoch zwei verschiedene Zweige desselben Geschlechts. Unter den Nachkommen Hadrat Ibrāhīms wurden diejenigen, die von seiner Sklavin Qatūra geboren waren, in der arabischen und israelitischen Geschichtsschreibung Banu Qatūra genannt. Einer ihrer besonders berühmten Stämme wurde, da er von Midian ibn Ibrāhīm abstammte, Midianiter oder Leute von Midian genannt. Ihre Bevölkerung erstreckte sich von Nordhidschāz bis in den Süden Palästinas und von dort bis zum Ende des Sinai-Tals, entlang der Küsten des Golfs von Aqaba und des Roten Meeres. Die Stadt Midian war ihr Hauptzentrum und lag nach Abu l-Fidāʾs Auffassung fünf Tagesreisen von Aila (dem heutigen Aqaba) am Westufer des Golfs von Aqaba entfernt. Der übrige Teil der Banu Qatūra ließ sich im nördlichen Arabien im Gebiet zwischen Taymāʾ, Tabūk und al-ʿUlā nieder. Unter ihnen waren die Banu Dadan (Dedaniten) besonders berühmt. Tabūk war ihr Hauptzentrum und wurde in alter Zeit al-Aika genannt. (Im Muʿǧam al-buldān heißt es bei der Erklärung des Wortes al-Aika, dies sei der alte Name von Tabūk gewesen; unter den Bewohnern von Tabūk sei allgemein überliefert, dass al-Aika einst genau an diesem Ort gelebt habe.)
Warum wurde beiden Stämmen derselbe Prophet gesandt?
Der Grund dafür, dass den Leuten von Midian und den Leuten von al-Aika wahrscheinlich derselbe Prophet gesandt wurde, war, dass beide von derselben Abstammung waren. Sie sprachen dieselbe Sprache, und ihre Siedlungsgebiete grenzten aneinander. Es ist auch möglich, dass sie in manchen Gebieten gemeinsam lebten und durch Heiratsverbindungen zu einer einzigen Gesellschaft geworden waren. Außerdem betrieben die Angehörigen dieser Zweige der Banu Qatūra Handel, und bei beiden bestanden in ihrem Handels- und Geschäftsleben dieselben Formen der Korruption. Auch in religiöser und sittlicher Hinsicht litten sie an denselben Übeln. In den verschiedenen Teilen der Genesis wird erwähnt, dass sie Baal-Peor verehrten; als die Banu Isrāʾīl aus Ägypten auszogen und in ihr Gebiet kamen, verbreiteten sie auch unter ihnen die Seuche des Schirk und der Unzucht (Numeri, Kapitel 25, Verse 1–5). Ihre Siedlungen lagen an zwei großen Handelsstraßen des internationalen Handels. Die eine führte vom Jemen nach Syrien und die andere vom Persischen Golf nach Ägypten. Aufgrund der Lage ihrer Siedlungen an diesen beiden Handelsstraßen betrieben sie in großem Umfang Straßenraub und Plünderung.(*****Arabisch****)Sie ließen die Handelskarawanen fremder Völker nicht passieren, ohne von ihnen hohe Abgaben zu erheben. Um ihr Monopol über den internationalen Handel zu bewahren, hielten sie die Sicherheit auf diesen beiden Straßen ständig in Gefahr. Über ihren Zustand sagt der Heilige Qurʾān: „Diese beiden Völker (das Volk Lūts und die Leute von al-Aika) hielten sich an der offenen Handelsstraße auf.“ Ihr Straßenraub wird im Sūrat al-Aʿrāf folgendermaßen erwähnt:(*****Arabisch****)„Sitzt nicht an jedem Weg und bedroht die Menschen.“ Aus all diesen Gründen sandte Allah, der Erhabene, beiden Stämmen denselben Propheten und erteilte ihnen dieselbe Art von Unterweisung. (Tafhīm al-Qurʾān, Sūrat as-Sabaʾ, Anmerkung 35)
Weitere ausführliche Angaben über die Leute von Midian (Da es sich um einen größeren Stamm handelte und der Qurʾān Hadrat Schuʿaib als jemanden bezeichnet, der in sehr enger verwandtschaftlicher Beziehung zu ihnen stand, werden über sie einige ausführliche Angaben gemacht. – Der Herausgeber)
Die eigentliche Heimat von Madyan lag nordwestlich des Hidschas und südlich von Palästina an der Küste des Roten Meeres und des Golfs von Aqaba, obwohl sich auch am östlichen Ufer des Sinai-Tals einige ihrer Siedlungen erstreckten. Sie waren ein Handelsvolk. An der Kreuzung zweier Handelsstraßen lag ihre Siedlung: Die eine führte in alter Zeit am Roten Meer entlang von Jemen über Mekka und Yanbu nach Syrien (Scham), die andere vom Irak nach Ägypten. Auch nach ihrer Auslöschung blieb ihr Ruf unvergessen. Denn die Handelskarawanen der Araber zogen auf ihrem Weg nach Ägypten und Syrien Tag und Nacht an ihren Ruinen vorbei.
Eine weitere wichtige Tatsache über die Bewohner von Madyan, die man sich besonders merken muss, ist, dass sie Nachkommen von Midyan waren, dem Sohn aus der Ehe von Hadhrat Ibrahim (a.s.) mit seiner dritten Frau Katura. Nach dem Brauch der alten Zeit wurden diejenigen, die mit einem bedeutenden Mann genealogisch verbunden waren, als Banu Soundso bezeichnet. Alle, die durch die Nachkommen von Hadhrat Yaqub (a.s.) den Islam annahmen, wurden Bani Israel genannt. Ebenso wurden alle Bewohner der Region Madyan, die unter dem Einfluss von Midyan ibn Ibrahim (a.s.) standen, Bani Midyan genannt, und der Name ihres Landes wurde Madyan oder Midyan. Nachdem man diese historische Tatsache kennt, gibt es keinerlei Grund zu der Annahme, dass Hadhrat Shu’aib (a.s.) dieses Volk als Erster zum Din al-Haqq aufgerufen habe. Tatsächlich waren auch sie zu Beginn, ebenso wie Bani Israel, Muslime, und zur Zeit des Auftretens von Hadhrat Shu’aib (a.s.) befanden sie sich im Zustand eines verfallenen Volkes, so wie sich Bani Israel zur Zeit des Auftretens von Hadhrat Musa (a.s.) befanden. Nachdem sie sechs- oder siebenhundert Jahre lang nach Hadhrat Ibrahim (a.s.) unter polytheistischen und sittenlosen Völkern gelebt hatten, wurden sie von der Krankheit des Schirks befallen und versanken in Sittenlosigkeit. Dennoch blieben ihr Anspruch auf den Glauben und ihr Stolz darauf ungebrochen. (Tafhim al-Qur’an, Sure as-Saba, Anmerkung 35)
Die Reaktion auf den Aufruf zu Reform und Erneuerung
(*****Arabisch*****)
Die Anführer des Volkes, die sich weigerten, seinen Worten, Hadhrat Shu’aib (a.s.), zu folgen, sagten zueinander: „Wenn ihr Shu’aib gehorcht, werdet ihr zugrunde gehen.“ – Sure al-A’raf 90
Als Antwort auf den Aufruf zu Reform und Erneuerung, den Hadhrat Shu’aib (a.s.) vorgetragen hatte, sagten die Häuptlinge und Anführer von Madyan und versicherten dem Volk: Wenn ihr dem Aufruf zu Glaubenstreue und Ehrlichkeit folgt, den Shu’aib (a.s.) verkündet, und euch an die ewigen Grundsätze von Rechtschaffenheit und Vertrauenswürdigkeit haltet, zu denen er euch auffordert, dann werdet ihr zugrunde gehen. Wie soll unser Handel weitergehen, wenn wir der Ehrlichkeit folgen und beim Kaufen und Verkaufen völlig redlich sind? Wir leben an der Kreuzung der größten Handelsstraßen der Welt und befinden uns an den Grenzen zweier großer, hochzivilisierter Reiche wie Ägypten und dem Irak. Wenn wir aufhören, die Handelskarawanen zu bedrängen, und selbst wie gute Menschen friedliebend werden, dann werden all die wirtschaftlichen und politischen Vorteile wegfallen, die wir aufgrund unserer gegenwärtigen geografischen Lage genießen. Danach wird auch unser Einfluss auf die benachbarten Völker nicht bestehen bleiben.
Diese Auffassung und Sichtweise war nicht nur auf die Anführer des Volkes von Shu’aib (a.s.) beschränkt. In jedem Zeitalter haben irregeleitete Menschen in Bezug auf Wahrheit, Ehrlichkeit und Vertrauenswürdigkeit dieselben Befürchtungen gehegt. Die Übeltäter jedes Zeitalters waren stets der Ansicht, dass Handel, Politik und andere weltliche und materielle Tätigkeiten ohne Betrug und Korruption nicht funktionieren könnten. Zu den Einwänden und Ausflüchten, die überall gegen den Aufruf zur Wahrheit vorgebracht wurden, gehört auch dieser: Wenn ein Volk von den üblichen Wegen und Methoden der Welt abweicht und dem Aufruf zur Wahrheit folgt, wird es zugrunde gehen. (Tafhim al-Qur’an, Sure as-Saba, Anmerkung 37)
Die Strafe über die Bewohner von Madyan
Über die Bewohner von Midian kam eine Strafe in Gestalt einer furchtbaren Explosion und eines Erdbebens (arabisch*). Ihre Vernichtung blieb lange Zeit ein warnendes Beispiel für die benachbarten Völker. An einer Stelle in den Psalmen heißt es: „O Gott! Diese und jene Völker haben sich gegen dich verschworen. So verfahre mit ihnen, wie du mit Midian verfahren bist“ (83:5–9). Der Prophet Jesaja sagt an einer Stelle, um die Israeliten zu trösten: „Fürchtet die Assyrer nicht. Zwar sind sie für euch ebenso zu Unterdrückern geworden wie die Ägypter, doch bald wird der Herr aller Heerscharen seine Geißel über sie schwingen, und ihr Ende wird dem der Midianiter gleichen.“ (Jesaja 10:21–26) (Sure asch-Schuʿara, Anmerkung 115)
Die Strafe über die Bewohner von al-Aika
(*****Arabisch*****)
Sie hielten ihn für einen Lügner. Schließlich kam die Strafe des Tages mit dem Schatten spendenden Wolkendach über sie. Und es war die Strafe eines furchtbaren Tages. Sure asch-Schuʿara: 189
Im Koran oder in einem authentischen Hadith findet sich keine Beschreibung der Strafe, die über sie herabgesandt wurde. Aus dem äußerlichen Wortlaut lässt sich lediglich entnehmen, dass Allah, da sie eine himmlische Strafe verlangt hatten, eine Wolke über sie sandte, die ihnen Schatten wie ein Schirm spendete, bis die Strafe sie vernichtet hatte. Aus dem Koran geht eindeutig hervor, dass die Art der Strafe über die Bewohner von Midian sich von der Strafe über die Bewohner von al-Aika unterschied. Hier wird nämlich gesagt, dass sie durch die Strafe des Schattens vernichtet wurden, während die Strafe über die Bewohner von Midian in Gestalt einer Explosion und eines Erdbebens kam. Daher ist der Versuch, daraus eine einzige Geschichte zu machen, nicht richtig. Einige Korankommentatoren haben die Strafe des Tages mit dem Wolkendach teilweise erklärt. Wir wissen jedoch nicht, worauf dieses Wissen bei ihnen beruht. Ibn Dscharir führt unter Berufung auf eine Aussage von ʿAbdullah ibn ʿAbbas (möge Allah mit ihm zufrieden sein) an: „(*****Arabisch****)
Wenn jemand unter den Gelehrten sagt, was die Strafe des Tages mit dem Wolkendach war, so haltet dies nicht für richtig. (Tafhim al-Qur’an, Sure al-Aʿraf, Anmerkung 69)
Das Volk des Propheten Yunus (Friede sei mit ihm)
Die Lebensgeschichte des Propheten Yunus (Friede sei mit ihm)
In der Bibel wird Hadhrat Yunus (a. s.) Jona genannt; seine Lebenszeit wird mit 860–784 v. Chr. angegeben.
Hadhrat Yunus (a. s.) wird im Koran an einer Stelle mit seinem Namen, an einer anderen als Dhun-Nun und an einer weiteren als Sahib al-Hut oder Mawlā erwähnt. Er wurde nicht deshalb „der Mann mit dem Fisch“ genannt, weil er Fische gefangen oder mit ihnen Handel getrieben hätte, sondern weil ein Fisch ihn auf Allahs Befehl verschlungen hatte. Siehe Sure as-Saffat, Vers 142.
Obwohl er ein Israelit war, wurde er zur Rechtleitung der Assyrer in den Irak gesandt. Deshalb wurden die Assyrer als das Volk Jonas bezeichnet. Der zentrale Wohnort dieses Volkes war damals die berühmte Stadt Ninive, deren zahlreiche Ruinen noch heute genau gegenüber der Stadt Mosul am östlichen Ufer des Tigris zu sehen sind. In dieser Gegend gibt es auch einen Ort, der nach dem Propheten Yunus benannt ist. Wie wohlhabend dieses Volk war, lässt sich daran ermessen, dass seine Hauptstadt Ninive sich über eine Fläche von etwa sechzig Quadratmeilen erstreckte.
Die Erwähnung von Yunus (a. s.) im Koran und in der Bibel
Im Koran wird nur an vier Stellen auf diese Geschichte hingewiesen. Eine ausführliche Darstellung wird nicht gegeben. Daher lässt sich nicht mit Gewissheit sagen, aus welchem besonderen Grund dieses Volk von Allahs Gesetz ausgenommen wurde, wonach der Glaube eines Menschen nach dem Beschluss, eine Strafe herabzusenden, für ihn nicht mehr von Nutzen ist. In der Bibel, in der sich eine kurze Schrift namens Jona befindet, finden sich zwar einige Einzelheiten, doch sind sie nicht glaubwürdig. Erstens kann sie nicht als eine himmlische Schrift bezeichnet werden, und sie wurde auch nicht eigenhändig von Yunus (a. s.) verfasst. Vielmehr schrieb sie vier- oder fünfhundert Jahre nach ihm ein unbekannter Verfasser als Geschichte Jonas nieder und fügte sie der Bibel ein. Zweitens enthält sie allerlei abwegige Aussagen, die nicht glaubwürdig sind. Dennoch wird aus den Hinweisen des Korans und dem Bericht der Schrift des Yunus deutlich, was die Korankommentatoren überliefert haben. Nämlich, dass Hadhrat Yunus (a. s.) seinen Wirkungsort verlassen hatte, nachdem er von der bevorstehenden Strafe erfahren hatte, und fortgegangen war, ohne Allahs Erlaubnis zu haben. (Das heißt: Er verließ sein Land, weil er seinem Volk gegenüber unwillig geworden war, noch bevor von Allah der Befehl zur Auswanderung ergangen war. Hätte er seinen Wirkungsort nach Erhalt dieses Befehls verlassen, wäre dies zulässig gewesen. (Siehe Sure al-A’raf, Anmerkung 74.)) Als die Assyrer daher, nachdem sie die Strafe gesehen hatten, Buße taten und um Vergebung baten, vergab Allah, der Erhabene, ihnen. (Für eine ausführliche Erörterung siehe Tafhim al-Qur’an, Sure as-Saffat, Anmerkung 85. Dort werden viele Einwände beantwortet.) Ein bleibendes Prinzip und Verfahren von Allahs Gesetz, wie es im Heiligen Koran dargelegt wird, besteht darin, dass Allah kein Volk bestraft, solange die hierfür geltenden Voraussetzungen nicht erfüllt sind. Als der Prophet daher seine Ermahnung dieses Volkes nicht bis zum Ende der ihm gewährten Frist fortsetzte und vor der von Allah festgesetzten Zeit eigenmächtig auswanderte, wollte Allahs Gerechtigkeit dieses Volk nicht bestrafen. Denn an ihm waren die rechtlichen Voraussetzungen, also die Vollendung des Beweises, noch nicht erfüllt.
Die endgültige Vernichtung des Volkes von Hadhrat Yunus (a. s.)
Nachdem dieses Volk gläubig geworden war, wurde ihm eine längere Lebensfrist gewährt. Danach verfiel es jedoch in seiner Denkweise und seinem Handeln erneut dem Irrweg. Der Prophet Nahum (720–698 v. Chr.) warnte es, doch dies blieb ohne Wirkung. Danach ermahnte der Prophet Zephanja (640–609 v. Chr.) es zum letzten Mal. Auch das blieb erfolglos. Schließlich ließ Allah, der Erhabene, um 602 v. Chr. die Meder über dieses Volk siegen. Der König von Medien griff mit Unterstützung der Babylonier die Assyrer an. Das assyrische Heer wurde geschlagen und in Ninive belagert. Eine Zeit lang leisteten sie Widerstand. Dann brach eine Flut des Tigris die Stadtmauer ein, und die Angreifer drangen ins Innere ein. Anschließend wurde die ganze Stadt durch Feuer zerstört. Auch die umliegenden Gebiete wurden verwüstet. Der König der Assyrer legte in seinem eigenen Palast Feuer und beging Selbstmord. Damit wurden das assyrische Reich und seine Zivilisation für immer ausgelöscht. Bei den archäologischen Ausgrabungen, die in jener Gegend in der heutigen Zeit durchgeführt werden, findet man zahlreiche Spuren von Bränden. (Tafhim al-Qur’an, Sure al-A’raf, Anmerkung 75.)
Die Kinder Israels
Zwei Linien aus dem Geschlecht Ibrahims (a. S.)
Aus dem Geschlecht Hazrat Ibrahims (a. S.) gingen zwei große Linien hervor. Aus einer dieser Linien gingen die Nachkommen Hazrat Ismaʿils (a. S.) hervor, die sich in Arabien niederließen. Die Quraisch und einige andere arabische Stämme gehörten dieser Linie an. Auch jene arabischen Stämme, die nicht von Hazrat Ismaʿil (a. S.) abstammten, führten ihre Herkunft auf ihn zurück, weil sie von der von ihm verkündeten Religion beeinflusst waren.
Die zweite Linie ging aus Hazrat Ishaq (a. S.) hervor. Aus dieser Linie gingen Hazrat Yaʿqub (a. S.), Yusuf (a. S.), Musa (a. S.), Dawud (a. S.), Sulaiman (a. S.), Yahya (a. S.), Isa (a. S.) und viele andere Propheten hervor. Da Hazrat Yaʿqub (a. S.) den Namen Israel trug, wurde dieses Geschlecht Banu Israel genannt. Infolge seiner Verkündigung vermischten die Völker, die seine Religion annahmen, entweder ihre eigene Identität mit der ihren oder wurden, obwohl sie ihrer Abstammung nach verschieden waren, in religiöser Hinsicht seine Anhänger. Als diese Linie Demütigung und Niedergang erlitt, entstanden unter ihnen das Judentum und das Christentum. (Sure asch-Schuʿara, Anmerkung 117)
In Vers 20 der Sure al-Ma’ida weist Allah, der Erhabene, auf den früheren Einfluss und die Macht der Banu Israel hin. Die Zeit ihres Einflusses und ihres Wohlstands lag lange vor Hazrat Musa (a. S.). Einerseits wurden unter diesem Volk große Propheten wie Hazrat Ibrahim (a. S.), Hazrat Ishaq (a. S.), Hazrat Yaʿqub (a. S.) und Hazrat Yusuf (a. S.) geboren; andererseits hatten sie zur Zeit Hazrat Yusufs (a. S.) und auch danach das Glück, in Ägypten eine gewaltige Herrschaft und Regierungsgewalt zu erlangen. Lange Zeit waren sie die mächtigsten Herrscher der damals zivilisierten Welt. Überall herrschten ihr Einfluss und ihre Macht. Gewöhnlich beginnt man die Geschichte des Aufstiegs der Banu Israel mit Hazrat Musa (a. S.). Der Koran sagt jedoch ausdrücklich, dass die Zeit des Aufstiegs der Banu Israel bereits vor Hazrat Musa (a. S.) vergangen war. Hazrat Musa (a. S.) stellte gerade diese Zeit als die vergangene Überlieferung seines Volkes dar. (Sure al-Anbiya, Anmerkung 83)
Das Zeitalter der schlimmsten Formen des Götzendienstes in Palästina
Nach dem Tod Hazrat Musas (a. S.), als die Banu Israel in Palästina einzogen, lebten dort verschiedene Völker, etwa die Hethiter, Amoriter, Kanaaniter, Jebusiter und Philister. Unter ihnen war die schlimmste Form des Götzendienstes verbreitet. Der Name ihres höchsten Gottes war El, der als Vater der Götter galt. Man verglich ihn mit einem Stier. Seine Frau hieß Aschera. Aus ihnen ging ein umfangreiches Geschlecht von Göttern und Göttinnen hervor, deren Zahl bis auf siebzig anwuchs. Unter ihren Kindern war Baal der mächtigste.(***Arabisch***)Man hielt ihn für den Gott, der den Regen und das Wachstum der Feldfrüchte bewirkte, sowie für den Herrn des Himmels und der Erde. Im Norden wurde die weibliche Gottheit Unas genannt, in Palästina dagegen Geshtarata. Diese beiden weiblichen Gottheiten galten als Götter der Liebe und der Fruchtbarkeit. Außerdem war einer der Götter der Herr des Todes. Einem anderen oblag die Bewahrung der Gesundheit. Einem weiteren Gott war die Hervorrufung von Seuchen und Hungersnöten übertragen. Auf diese Weise waren die gesamten göttlichen Aufgaben auf viele Götter verteilt. Diesen Göttern und Göttinnen wurden derart abscheuliche Eigenschaften und Handlungen zugeschrieben, dass selbst ein moralisch völlig verdorbener Mensch keinen Umgang mit ihnen wünschte. Nun ist klar, wie diejenigen, die solche obszönen und niederträchtigen Wesen zu Göttern machen und sie anbeten, davor bewahrt bleiben könnten, auf die niedrigste Stufe der Moral zu sinken. Darin liegt der Grund, weshalb der Zustand, der durch archäologische Ausgrabungen unter ihnen ans Licht kam, von einem äußersten moralischen Verfall zeugt. In ihrer Gesellschaft war die Opferung von Kindern üblich. Ihre Heiligtümer waren Stätten der Unzucht. Frauen zu Tempeldienerinnen (religiösen Prostituierten) zu machen, sie in den Heiligtümern zu halten und mit ihnen Unzucht zu treiben, galt als Teil des Gottesdienstes. Viele weitere Formen der Sittenlosigkeit verbreiteten sich unter ihnen.
Die Ursachen des moralischen Verfalls der Banu Israel
In der Rechtleitung, die den Banu Israel durch Musa (a. S.) in der Tora gegeben worden war, wurde klar gesagt, dass Palästina den Händen dieser götzendienerischen Völker entrissen werden müsse und dass man sich sowohl vom gemeinsamen Wohnen und Umgang mit ihnen als auch von den schädlichen Auswirkungen ihrer Moral und ihrer Glaubensvorstellungen fernhalten müsse. Als die Banu Israel jedoch in Palästina einzogen, vergaßen sie diese Rechtleitung. Sie errichteten kein geeintes Reich. Sie verfielen dem Stammesfanatismus. Jeder Stamm zog es vor, einen Teil des eroberten Gebietes zu nehmen und sich abzusondern. Wegen dieser Aufsplitterung konnte keiner ihrer Stämme so stark werden, dass er sein Gebiet vollständig von den Götzendienern hätte reinigen können. Schließlich fanden sie sich damit ab, mit den Götzendienern zusammenzuleben. Mehr noch: An verschiedenen Orten ihrer eroberten Gebiete bestanden kleine Stadtstaaten dieser götzendienerischen Völker, die die Israeliten nicht unter ihre Kontrolle bringen konnten. Diese Anklage wird im Buch Zabur erhoben. (Aus dem Mund Hazrat Dawuds (a. S.) wird folgende Anklage überliefert: Sie vernichteten jene Völker nicht gemäß dem Befehl Allahs, sondern vermischten sich mit ihnen, lernten ihre schlechten Taten und begannen, ihre Götter zu verehren, was ihnen zur Schlinge um den Hals wurde. Sie opferten ihre Töchter dem Satan. Und sie vergossen das Blut ihrer unschuldigen Söhne und Töchter – deshalb entbrannte Allahs Zorn gegen sie, sie wurden ihrem eigenen Erbe verhasst, und Er überließ es dem Besitz jener Völker, sodass ihre Feinde über sie herrschten. Zabur, Kapitel 106, Verse 34–41.)
Sühne
Die erste Sühne, die die Israeliten erleiden mussten, bestand darin, dass durch diese Völker der Schirk in ihre Mitte eindrang und zugleich anderen moralischen Krankheiten der Weg bereitet wurde. Im Buch der Richter der Bibel wird dies folgendermaßen beklagt: Die Kinder Israels sündigten vor Gott und begannen, den Baal zu verehren. Sie verließen den Gott ihrer Väter, der sie aus Ägypten herausgeführt hatte, und begannen, sich vor den Göttern der benachbarten Völker niederzuwerfen, wodurch sie Gott erzürnten. Sie verließen Gott und verehrten Baal und Astarot, woraufhin der Zorn Gottes über die Kinder Israels entbrannte. Kapitel 2, Verse 11–13
Die zweite Sühne, die sie erleiden mussten, bestand darin, dass jene Völker, deren Stadtstaaten sie unabhängig gelassen hatten, sich mit den Philistern, deren gesamtes Gebiet nicht erobert worden war, vereinigten und ein Bündnis gegen die Israeliten bildeten. Danach griffen sie wiederholt an und vertrieben sie aus großen Teilen Palästinas. Ja, sie nahmen ihnen sogar die Bundeslade Gottes (Tabut) weg. Schließlich erkannten die Israeliten die Notwendigkeit, unter einem Herrscher ein geeintes Königreich zu errichten. Auf ihre Bitte hin machte der Prophet Samuel (1020 v. Chr.) Talut zu ihrem König. (Dies wird in Sure al-Baqara, Ruku 32, berichtet.)
Das Zeitalter von Wohlstand und Segen
Dieses geeinte Königreich hatte drei Herrscher: Talut (1020–1004 v. Chr.), Hazrat Dawud (a. S.) (1004–965 v. Chr.) und Hazrat Sulayman (a. S.) (965–926 v. Chr.). Diese Herrscher vollendeten die Aufgaben, die die Kinder Israels nach Hazrat Musa (a. S.) unvollendet gelassen hatten. Nur die Reiche der Phönizier an der nördlichen Meeresküste und der Philister an der südwestlichen Meeresküste blieben bestehen. Sie konnten nicht erobert werden; man hielt es für ausreichend, sie zu tributpflichtigen Verbündeten zu machen.
Das Zeitalter von Anarchie und Krisen
Nach Hazrat Sulayman (a. S.) versanken die Kinder Israels erneut in der Gier und Begehrlichkeit nach den Dingen dieser Welt. In gegenseitigen Streitigkeiten und Auseinandersetzungen errichteten sie zwei getrennte Königreiche. Das Königreich der Israeliten in Nordpalästina und im östlichen Jordanien hatte Samaria zur Hauptstadt, während Jerusalem die Hauptstadt des in Südpalästina und Edom gegründeten Königreichs Juda war. Zwischen diesen beiden Königreichen herrschten vom ersten Tag an Rivalität und Konflikte, die bis zum Ende andauerten. Die Herrscher und Bewohner des israelitischen Königreichs wurden als Erste und am stärksten von den polytheistischen Glaubensvorstellungen und den moralischen Ausschweifungen der benachbarten Völker beeinflusst. Dieser Zustand erreichte seinen Höhepunkt, als der Herrscher Ahab die polytheistische sidonische Prinzessin Isebel heiratete. Damals begannen Schirk und Sittenlosigkeit mithilfe der Staatsmacht und all ihrer Mittel und Möglichkeiten wie eine gewaltige Flut unter den Israeliten um sich zu greifen. Hazrat Ilyas (a. S.) und Hazrat al-Yasa (a. S.) bemühten sich mit aller Kraft, diese Flut aufzuhalten. Doch dieses Volk ließ sich von dem Niedergang, auf den es zueilte, nicht abbringen. Schließlich kam Allahs Strafe in Gestalt der Assyrer über das israelitische Königreich, und ab dem neunten Jahrhundert v. Chr. folgten die assyrischen Angriffe unaufhörlich aufeinander. In jener Zeit warnten der Prophet Amos (787–747 v. Chr.) und danach der Prophet Hosea (747–735 v. Chr.) die Israeliten wiederholt. Doch sie waren so sehr in Gleichgültigkeit und Unachtsamkeit versunken, dass die Warnungen das Gegenteil bewirkten. Schließlich gab der israelitische Herrscher dem Propheten Amos den Befehl, das Land zu verlassen und seine prophetische Tätigkeit im Königreich Samaria einzustellen. Bald darauf kam Allahs Strafe über das israelitische Königreich und seine Bewohner. Im Jahr 721 v. Chr. eroberte Sargon, der mächtige Herrscher der Assyrer, Samaria und setzte dem israelitischen Königreich ein Ende. Tausende Israeliten wurden getötet. Mehr als siebenundzwanzigtausend einflussreiche Israeliten wurden aus dem Land vertrieben und gezwungen, sich verstreut und vereinzelt in den östlichen Bezirken des assyrischen Reiches niederzulassen. Menschen anderer Völker wurden von außerhalb herbeigebracht und in den israelitischen Gebieten angesiedelt. Die wenigen Israeliten, die zurückgeblieben waren, lebten mit den Neuankömmlingen zusammen und vergaßen allmählich ihre eigene nationale Zivilisation und Kultur.
Auch der zweite Staat der Kinder Israels, der unter dem Namen Juda in Südpalästina errichtet worden war, verfiel nach Hazrat Sulayman (a. S.) sehr bald dem Schirk und der Sittenlosigkeit. Im Vergleich dazu verlief ihr Niedergang jedoch langsamer als im israelitischen Königreich. Deshalb wurde ihnen etwas mehr Aufschub gewährt. Obwohl die Assyrer, ebenso wie gegen das israelitische Königreich, wiederholt gegen sie vorgingen, ihre Städte zerstörten und ihre Hauptstadt belagerten, wurde dieser Staat dennoch nicht von den Assyrern vernichtet. Er blieb lediglich als tributpflichtiger Verbündeter bestehen. Als sich die Bewohner Judas trotz der fortwährenden Bemühungen von Hazrat Jesaja und Hazrat Jeremia nicht vom Götzendienst und der Sittenlosigkeit abbringen ließen, nahm 598 v. Chr. der König von Babylon, Bakht Nasr, das gesamte Königreich Juda einschließlich Jerusalem in Besitz, und der König von Juda geriet in Gefangenschaft. Doch auch dadurch endeten ihre Missetaten nicht. Trotz der Ermahnungen Hazrat Jeremias versuchten sie, statt ihren Charakter zu bessern, durch eine Rebellion gegen Babylon ihr Schicksal zu verändern. Schließlich führte Bakht Nasr 587 v. Chr. einen plötzlichen Angriff durch und zerstörte alle großen und kleinen Städte Judas. Jerusalem und der Tempel Salomos wurden so vollständig dem Erdboden gleichgemacht, dass keine einzige Mauer von ihnen übrigblieb. Eine große Zahl von Juden wurde aus dem Land vertrieben und überallhin zerstreut. Auch diejenigen, die zurückblieben, blieben den benachbarten Völkern ausgeliefert und unterworfen. (Sure Yunus, Anmerkungen 98–100)
Die Rolle der Bani Isra’il während ihres Lebens in Gefangenschaft unter Babylon(**********Arabisch***************)
Und sie begannen, all das anzunehmen, was die Satane unter Berufung auf Salomos Herrschaft vortrugen. Doch Salomo hatte niemals Kufr begangen. Kufr begingen jene Satane, die die Menschen Zauberei lehrten. Sie waren besonders von dem angezogen, was in Babylon (Babel) auf die beiden Engel Harut und Marut herabgesandt worden war. Doch wann immer die beiden Engel jemanden diese Dinge lehrten, warnten sie ihn unmissverständlich: „Seht, wir sind nur eine Prüfung. Verfallt nicht dem Kufr.“ Trotzdem lernten sie von den Engeln gerade das, womit man eine Trennung zwischen Ehemann und Ehefrau herbeiführen konnte. Dabei ist klar, dass sie auf diese Weise niemandem ohne Allahs Erlaubnis schaden konnten. Dennoch lernten sie Dinge, die für sie nicht nützlich, sondern schädlich waren, und sie wussten sehr wohl, dass derjenige, der diese Dinge erwerben würde, im Jenseits keinen Anteil am Guten haben würde. Wie schlecht ist doch das, wofür sie ihr eigenes Leben verkaufen! Wenn sie es nur wüssten! – Sure al-Baqara: 102
Mit Satan sind sowohl die Satanwesen unter den Dschinn als auch die Satanwesen unter den Menschen gemeint. Hier sind beide gemeint. Als die Zeit des moralischen und materiellen Niedergangs der Bani Isra’il anbrach, ließen Knechtschaft, Unwissenheit, Unglück, Armut sowie Erniedrigung und Beschimpfung in ihnen jeglichen Eifer, jede Begeisterung und jede feste Entschlossenheit erlöschen. Da richtete sich ihre Aufmerksamkeit auf Zauberei, Talismane, Amaliyat und Ta’wiz-Tumar. Sie begannen nach allen möglichen Mitteln und Methoden zu suchen, durch die sich sämtliche Angelegenheiten ohne jede Mühe oder Anstrengung allein durch Blasen und Zaubersprüche erledigen ließen. In jener Zeit täuschte Satan sie mit der Behauptung, das gewaltige Reich und die erstaunliche Macht Salomos (a. s.) seien vollständig das Ergebnis bestimmter Zeichnungen und Zaubersprüche gewesen. Und eben diese würden sie ihnen nun mitteilen. Sie hielten diese Dinge für unerwartete Gnaden und verfielen ihnen völlig. Danach verspürten sie weder Interesse noch Zuneigung gegenüber dem Buch Allahs, noch drang die Stimme eines Aufrufers zur Wahrheit an ihre Ohren.
Zur Auslegung des oben genannten Verses sind verschiedene Ansichten geäußert worden. Was ich jedoch verstanden habe, ist Folgendes: Zu der Zeit, als das gesamte Volk der Bani Isra’il in Babylon gefangen war und ein Leben in Knechtschaft führte, dürfte Allah zu ihrer Prüfung zwei Engel in menschlicher Gestalt zu ihnen gesandt haben. So wie die Engel zum Volk Lots in der Gestalt schöner Knaben gingen, dürften auch diese beiden Engel zu den Bani Isra’il in der Gestalt von Pirs und Fakiren gegangen sein. Dort eröffneten sie einerseits einen Markt der Zauberei und warnten sie andererseits mit endgültigem Beweis und Nachdruck: „Seht, wir sind nur zu eurer Prüfung gekommen. Ruiniert nicht euer Jenseits.“ Trotzdem wurden sie wahnsinnig darauf, die von den Engeln angebotenen Amaliyat und Ta’wiz-Tumar anzunehmen.
Es gibt keinen Grund, sich darüber zu wundern, dass Engel menschliche Gestalt annehmen und Aufgaben ausführen. Sie sind Diener im gewaltigen Reich Allahs. Bei der Erfüllung ihrer Pflichten können sie jeweils diejenige Vorgehensweise wählen, die zu der betreffenden Zeit erforderlich ist. Wie viel wissen wir schon darüber, wie viele Engel in unserer Umgebung gegenwärtig in menschlicher Gestalt tätig sind? Ja, ein Beispiel dafür, dass Engeln etwas gelehrt wird, das an sich schlecht ist, wäre etwa Folgendes: Ein Polizist in Zivil übergibt einem bestechlichen Beamten als Bestechungsgeld gekennzeichnete Geldscheine. Der Zweck besteht darin, ihn bei der Begehung dieses Verbrechens auf frischer Tat zu ertappen, sodass er danach keinerlei Möglichkeit mehr hat, seine Unschuld zu behaupten.
Das, wonach die Menschen damals am meisten verlangten, waren Amaliyat und Ta’wiz-Tumar, durch die ein Mann eine fremde Ehefrau von ihrem Ehemann trennen und sie in sich verliebt machen konnte. Dies war die tiefste Stufe des moralischen Niedergangs, auf die sie gelangt waren. Wenn das, was die Menschen eines Volkes am meisten liebten, darin bestand, zu versuchen, die Ehefrau eines anderen zu verführen, eine verheiratete Frau von ihrem Ehemann zu trennen und sie zu sich hinzuziehen, und wenn sie eben dies als einen gewaltigen Sieg für sich betrachteten – welcher moralische Niedergang könnte dann noch größer sein?
Die eheliche Beziehung ist in Wahrheit das Fundament der menschlichen Zivilisation. Wenn die Beziehung zwischen Frau und Mann gesund und richtig ist, wird auch die menschliche Zivilisation gesund und richtig sein. Wenn dagegen ein Riss in die Beziehung zwischen Frau und Mann kommt, wird auch die menschliche Zivilisation zerbrechen. Derjenige, der die Axt an einen solchen Baum legt, von dessen festem Stand seine eigene Existenz und die der gesamten Gesellschaft abhängen, ist daher der übelste Frevler und Unruhestifter. In einem Hadith heißt es, dass Iblis von seinem zentralen Sitz aus für jeden Ort der Erde einen Vertreter entsendet. Danach kehren diese Vertreter zurück und erstatten Bericht. Einer sagt: „Ich habe diese oder jene Fitna oder dieses oder jenes Unheil verursacht.“ Ein anderer sagt: „Ich habe diese oder jene Sünde eingeführt.“ Doch Iblis sagt zu jedem von ihnen: „Du hast nichts getan.“ Dann kommt einer und sagt: „Ich habe eine Trennung zwischen Ehemann und Ehefrau herbeigeführt.“ Daraufhin umarmt Iblis ihn am Hals und sagt: „Du hast wahrhaftig etwas Großartiges vollbracht.“
Wenn man über diesen Hadith nachdenkt, wird deutlich verständlich, warum den Engeln, die zur Prüfung der Bani Isra’il entsandt wurden, befohlen worden war, ihnen die Praxis zur Herbeiführung einer Trennung zwischen Ehemann und Ehefrau zu lehren. (Sure al-Baqara, Anmerkung 100)
Die Epoche der Wiederbelebung
Die Samariter und die Israeliten konnten sich aus dem Abgrund des moralischen und glaubensmäßigen Niedergangs, in den sie versunken waren, nicht wieder erheben. Unter den Judäern, die sich behauptet hatten, gab es jedoch einen, der am Guten festhielt und zum Guten aufrief. Unter den verbliebenen Judäern setzte er die Reform- und Erneuerungsarbeit fort. Auch die nach Babylonien und in andere Gebiete Verschleppten spornte er zur Reue an. Schließlich kam ihnen die Barmherzigkeit Allahs zu Hilfe. Das Babylonische Reich fiel. Im Jahr 539 v. Chr. eroberte der iranische Welteroberer Kyros (oder Chosrau) Babylon. Im darauffolgenden Jahr erließ er einen Erlass, der den Israeliten die Rückkehr in ihre ursprüngliche Heimat und ihre Wiederansiedlung dort gestattete. Danach begaben sich die Juden gruppenweise nach Judäa. Diese Unternehmung zog sich lange hin. Kyros gestattete den Juden, den salomonischen Tempel erneut zu errichten. Doch einige benachbarte Völker, die sich dort seit einiger Zeit angesiedelt hatten, leisteten Widerstand. Schließlich ernannte Dareios I. (Dara) im Jahr 522 v. Chr. Serubbabel, den Enkel des letzten Königs von Judäa, zum Statthalter von Judäa. Unter der Aufsicht des Propheten Haggai, des Propheten Sacharja und Jeschuas errichtete er den heiligen Tempel neu. Dann traf der Prophet Esra, Hazrat Usair, im Jahr 450 v. Chr. mit einer Gruppe von Verbannten in Judäa ein. Durch einen Erlass des iranischen Kaisers Artaxerxes wurden ihm folgende Befugnisse verliehen: Du sollst auf Grundlage der Erkenntnis, die dir dein Gott gegeben hat, Herrscher und Richter einsetzen, damit allen jenseits des Stromes, die das Gesetz deines Gottes kennen, Recht widerfahre. Diejenigen, die es nicht kennen, sollst du belehren; und diejenigen, die das Gesetz deines Gottes oder den Erlass des Königs missachten, sollst du unverzüglich gesetzlich bestrafen, sei es mit dem Tod, mit Verbannung, mit Einziehung des Besitzes oder mit Gefängnis. Buch Esra, Kapitel 8, Verse 25–26.
Unter Ausnutzung dieses Erlasses vollbrachte Hazrat Usair eine große Aufgabe: die Religion Moses’ (a.) wiederzubeleben. Er versammelte die rechtschaffenen Männer des jüdischen Volkes aus allen Richtungen und errichtete eine starke Gemeinschaft. Das fünfte Buch der Bibel, in dem die Tora enthalten ist, gab er nach seiner Bearbeitung heraus. Er richtete eine religiöse Unterweisung der Juden ein. Die Fehler und Mängel in Glauben und Moral, die unter dem Einfluss anderer Völker in die Kinder Israels eingedrungen waren, versuchte er durch die Durchsetzung des Gesetzes der Scharia zu beseitigen. Er befahl den Juden, sich von den polytheistischen Frauen scheiden zu lassen, die sie geheiratet hatten. Von den Kindern Israels nahm er einen neuen Eid entgegen, Allah zu dienen und Sein Gesetz zu befolgen.
Im Jahr 445 v. Chr. kehrte unter der Führung Nehemias eine weitere Gruppe von Verbannten nach Judäa zurück. Der iranische Kaiser ernannte Nehemia zum Statthalter von Jerusalem und gestattete ihm, die Stadt zur Besiedlung wiederaufzubauen. So wurde Bait al-Maqdis nach anderthalb Jahrhunderten wieder bewohnt und zum Zentrum der jüdischen Religion und Zivilisation. Die Israeliten in Nordpalästina und Samarien zogen jedoch keinerlei Nutzen aus der Reform- und Erneuerungsarbeit Hazrat Usairs. Im Gegenteil: Sie errichteten auf dem Berg Garizim gegenüber Bait al-Maqdis ein eigenes religiöses Zentrum und versuchten, es zur Gebetsrichtung der Leute der Schrift zu machen. Auf diese Weise vergrößerte sich die Kluft zwischen Juden und Samaritern noch weiter.
Die griechische Vorherrschaft und der Kampf gegen sie
Der Niedergang des iranischen Reiches, Alexanders Welteroberung und der erneute Aufstieg der Iraner führten dazu, dass sich das Schicksal der Juden eine Zeit lang verschlechterte. Nach Alexanders Tod wurde sein Reich in drei Staaten geteilt. Unter ihnen fiel die Region Syrien dem Seleukidenreich zu, dessen Hauptstadt Antiochia war. Dessen Herrscher Antiochos III. eroberte 198 v. Chr. Palästina. Er war religiös ein Polytheist und konnte die jüdische Religion und Zivilisation nicht dulden. Durch politischen und wirtschaftlichen Druck begann er, die griechische Zivilisation auszubreiten. Auch ein bedeutender Teil der Juden selbst wurde zu seinen Werkzeugen. Diese äußere Einmischung führte zu Spaltungen innerhalb des jüdischen Volkes. Die einen übernahmen griechische Kleidung, Sprache, Lebensweise und griechische Spiele. Die anderen blieben ihrer eigenen Zivilisation treu. Als 175 v. Chr. Antiochos IV. den Thron bestieg – sein Beiname war Epiphanes, das heißt „Erscheinung Gottes“ –, versuchte er mit seiner despotischen Macht, die jüdische Religion und Zivilisation auszurotten. Im Tempel von Bait al-Maqdis ließ er ein gewaltiges Götzenbild aufstellen und zwang die Juden, sich davor niederzuwerfen. Er untersagte die Opfer am Opferaltar. Stattdessen befahl er den Juden, an den Opferstätten der Polytheisten Opfer darzubringen. Für alle, die in ihren Häusern ein Exemplar der Tora aufbewahrten, die Sabbatgebote einhielten oder ihre Kinder beschneiden ließen, setzte er die Todesstrafe fest. Doch die Juden beugten sich diesem Despotismus nicht. Unter ihnen begann eine große Bewegung, die in der Geschichte als Makkabäeraufstand bezeichnet wird. Zwar bekundeten die hellenistisch gesinnten Juden in diesem Konflikt den Griechen jede Art von Sympathie und halfen den Tyrannen Antiochias tatsächlich dabei, den Makkabäeraufstand zu vereiteln; doch der Einfluss der von Hazrat Usair in die Herzen der gewöhnlichen Juden eingepflanzten religiösen Hingabe war so gewaltig, dass sich alle den Makkabäern anschlossen und schließlich die Griechen vertrieben. Sie errichteten einen unabhängigen religiösen Staat, der bis 67 v. Chr. Bestand hatte. Die Grenzen dieses Staates dehnten sich über das gesamte Gebiet aus, das einst den Staaten Judäa und Israel unterstanden hatte. Ja, auch ein großer Teil Philistäas kam unter seine Herrschaft, der sich selbst in der Zeit Hazrat Davuds (a.) und Hazrat Sulaymans (a.) nicht ihrer Oberhoheit unterworfen hatte. (Sure al-Maida, Anmerkung 42)
Die Epoche des zweiten Unheils
Die moralische und religiöse Kraft, mit der die Makkabäerbewegung begonnen hatte, schwand allmählich. Danach ergriff die Weltverfallenheit von ihnen Besitz. Schließlich kam es unter ihnen zu einer Spaltung, und sie selbst luden den römischen Welteroberer Pompeius ein, Palästina in Besitz zu nehmen. Daher eroberte Pompeius im Jahr 63 v. Chr. Bait al-Maqdis und raubte den Juden ihre Unabhängigkeit. Es war die ständige Politik der römischen Eroberer, in den eroberten Gebieten nicht unmittelbar Recht und Ordnung herzustellen, sondern ihre Ziele lieber durch einheimische Herrscher zu erreichen. Deshalb errichteten sie in Palästina unter ihrer Aufsicht einen einheimischen Staat, der 40 v. Chr. in die Hände eines klugen Juden namens Herodes gelangte. Er wurde als Herodes der Große bekannt. Seine Herrschaft über ganz Palästina und das östliche Jordanien dauerte von 40 v. Chr. bis 4 v. Chr. Einerseits gewann er die Juden durch die Unterstützung der religiösen Führer für sich, andererseits demonstrierte er durch die Förderung der römischen Zivilisation seine äußerste Loyalität gegenüber dem Römischen Reich. Auf diese Weise erlangte er die Zufriedenheit des römischen Kaisers. In dieser Zeit erreichte der religiöse und moralische Niedergang der Juden seinen Höhepunkt.
Nach Herodes wurde sein Reich in drei Teile geteilt:
Einer seiner Söhne, Archelaos, wurde Herrscher über Samaria, Judäa und das nördliche Idumäa. Doch im Jahr 6 n. Chr. setzte ihn der römische Kaiser Augustus ab und stellte sein gesamtes Gebiet unter die Verwaltung eines eigenen Statthalters; diese Ordnung blieb bis zum Jahr 41 n. Chr. bestehen. In eben dieser Zeit trat Hazrat Isa (a.s.) auf, um die Kinder Israels zu reformieren und zu verbessern. Sämtliche religiösen Führer der Juden widersetzten sich ihm gemeinsam, und der römische Statthalter Pontius Pilatus versuchte, ihn zum Tode verurteilen zu lassen.
Herodes’ zweiter Sohn, Herodes Antipas, wurde Herrscher über die Region Galiläa in Nordpalästina und über das Gebiet östlich des Jordan. Er war es, der auf Geheiß einer Tänzerin den Kopf Hazrat Yahyas (a.s.) abschlagen und ihn ihr als Geschenk überreichen ließ.
Sein dritter Sohn Philippus wurde König über das weitläufige Gebiet vom Hermongebirge bis zum Jarmuk. Er war der römischen und griechischen Zivilisation noch stärker ergeben und zugetan als sein Vater und seine Brüder. In seinem Gebiet gab es nicht einmal so viel Raum für die Verkündung einer heilsamen Botschaft, wie es ihn in den übrigen Regionen Palästinas gab.
Im Jahr 41 n. Chr. machten die Römer Herodes Agrippa, den Enkel Herodes’ des Großen, zum Statthalter über jene Gebiete, deren Herrscher Herodes der Große gewesen war. Nachdem er die Macht erlangt hatte, begann er eine äußerst brutale Verfolgung der Anhänger Hazrat Isas (a.s.) und setzte all seine Kräfte dafür ein, die unter der Führung der Apostel laufende Bewegung für Gottesfurcht und sittliche Läuterung auszurotten.
Um den tatsächlichen Zustand der einfachen Juden und ihrer religiösen Führer in jener Zeit richtig einzuschätzen, muss man jene Ansprachen Hazrat Isas (a.s.) lesen, in denen er sie kritisierte. Diese Ansprachen sind in den vier Evangelien aufgezeichnet. Für eine Einschätzung genügt allerdings schon die Tatsache, dass kein einziges Wort des Protests gegen diese äußerste Grausamkeit zu hören war, als vor den Augen dieses Volkes der Kopf eines so heiligen und frommen Gelehrten wie Hazrat Yahya (a.s.) abgeschlagen wurde. Mehr noch: Die religiösen Führer des gesamten Volkes forderten die Hinrichtung Hazrat Isas (a.s.). Außer einer kleinen Zahl aufrichtiger Menschen fand sich jedoch niemand, der dieses Unglück beklagte. Das Äußerste an Unglück war, dass Pontius Pilatus jene vom Schicksal heimgesuchten Menschen fragte: »Heute ist euer Freudentag. Nach dem Gesetz habe ich das Recht, einen der zum Tode Verurteilten freizulassen. Sagt: Soll ich Isa freilassen oder den Räuber Barabbas?« Die Menge rief einstimmig: »Lasst Barabbas frei!« Dies war gleichsam die letzte Gelegenheit, die Gott diesem Volk gab, die Wahrheit anzunehmen.
Die Strafe des Verderbens
Kurz darauf kam es zwischen den Juden und den Römern zu äußersten Spannungen und gewaltsamen Auseinandersetzungen. Zwischen 64 und 66 n. Chr. erklärten die Juden offen den Aufstand. Sowohl Herodes Agrippa II. als auch der römische Prokurator Florus scheiterten daran, diesen Aufstand niederzuschlagen. Schließlich ergriff das Römische Reich harte militärische Maßnahmen, schlug den Aufstand nieder, und Titus eroberte im Jahr 70 n. Chr. Jerusalem mit dem Schwert. Bei dem anschließenden Massaker wurden 130.000 Menschen getötet. 67.000 Menschen wurden gefangen genommen und zu Sklaven gemacht. Tausende wurden gefangen genommen und zur Arbeit in die Bergwerke Ägyptens geschickt. Tausende wurden gefangen genommen und in verschiedene Städte gebracht; dort wurden sie zur Belustigung vor wilde Raubtiere in Amphitheatern und im Kolosseum getrieben oder zu Schwertkämpfen gezwungen. Alle hochgewachsenen und schönen Mädchen wurden für das Vergnügen der Sieger ausgewählt. Die Stadt Jerusalem und der Tempel wurden in Ruinen verwandelt. Danach wurde der Einfluss und die Macht der Juden in Palästina derart ausgelöscht, dass sie zweitausend Jahre lang keine Möglichkeit mehr hatten, ihr Haupt zu erheben. Auch der heilige Tempel von Jerusalem konnte nicht wieder aufgebaut werden. Später ließ Kaiser Hadrian die Stadt erneut besiedeln und gab ihr den Namen Aelia. Danach war den Juden lange Zeit der Zutritt dorthin verboten. (Sure al-Isra, Anmerkung: 6–7)
Die letzte Gelegenheit
Da die Banu Isra’il mehrere Jahrhunderte lang fortwährend in Sündhaftigkeit verstrickt waren, verschlechterten sich ihre nationalen Sitten und Gebräuche trotz wiederholter Warnungen und Ermahnungen immer weiter. Sie ermordeten nacheinander mehrere Propheten, und gegenüber jedem vornehmen Menschen, der sie zu guten Taten sowie auf den wahrhaftigen und richtigen Weg aufrief, wurden sie blutdürstig. Deshalb sandte Allah, der Erhabene, gleichzeitig zwei große Propheten wie Hazrat Isa (a.s.) und Hazrat Yahya (a.s.), um den Beweis gegen sie zu vollenden und ihnen die Wahrheit endgültig darzulegen. Sie verfügten über so klare Zeichen ihrer Sendung von Allah, dass nur jene Menschen sie leugnen konnten, deren blinder Hass auf die Wahrheit und deren Vermessenheit gegenüber der Wahrheit ihren Höhepunkt erreicht hatten. Doch die Banu Isra’il verspielten auch diese letzte Gelegenheit. Sie begnügten sich nicht damit, die Da’wa dieser beiden Propheten zurückzuweisen, sondern ließen vielmehr einen ihrer führenden Männer einen Gelehrten wie Hazrat Yahya (a.s.) auf den Befehl einer Tänzerin hin enthaupten. Danach noch zusätzliche Zeit und Kraft für die Ermahnung und Zurechtweisung der Banu Isra’il aufzuwenden, war sinnlos. Deshalb rief Allah, der Erhabene, Seinen Propheten zu Sich und schrieb dem Lebensschicksal der Banu Isra’il bis zum Jüngsten Tag den Fluch der Erniedrigung ein. (Sure al-Baqara, Anmerkungen 104–106)
Hazrat Yahya (a.s.) und das Verhalten der Banu Isra’il ihm gegenüber
Hier wird aus den an verschiedenen Stellen der Bibel verstreuten Berichten über Hazrat Yahya (a.s.) ein Bild seines heiligen Lebens zusammengefügt:
Nach dem Bericht des Lukas war Hazrat Yahya (a.s.) sechs Monate älter als Hazrat Isa (a.s.). Ihre beiden Mütter waren miteinander nahe verwandt. Im Alter von ungefähr dreißig Jahren wurde ihm die Aufgabe des Prophetentums übertragen. Nach dem Bericht des Johannes begann er im Gebiet östlich des Jordan mit der Da’wa zu Allah. Er pflegte zu sagen: „Ich bin die Stimme eines Rufenden in der Wüste. Ebnet den Weg Gottes.“ Johannes 1:23
Markus berichtet, dass er die Menschen zur Reue über ihre Sünden veranlasste und die Reumütigen taufte (Baptize – religiöse Unterweisung), das heißt, sie nach der Reue baden ließ, damit Seele und Körper rein würden. Viele Menschen aus Judäa und Jerusalem wurden seine Anhänger. Sie gingen zu ihm und ließen sich taufen (Markus 1:4–5). Deshalb erlangte er als der taufende Johannes (John the Baptist) Berühmtheit. Im Allgemeinen hatten die Banu Isra’il sein Prophetentum anerkannt. Eine Aussage von Isa (a.s.) (Matthäus 21–26): „Unter den von einer Frau Geborenen ist keiner größer als Johannes oder John, der Täufer“ (Matthäus 11:11). Er trug ein Gewand aus Kamelhaar und um seine Hüften einen Gürtel. Seine Nahrung bestand aus Heuschrecken und wildem Honig (Matthäus 3:4). In Verbindung mit diesem asketischen Leben verkündete er: „Kehrt um, denn das Himmelreich ist nahe“ (Matthäus 3:2). Das heißt, der Beginn der Da’wa von Hazrat Isa (a.s.) stand unmittelbar bevor. Deshalb wurde er Hazrat Samihar (Isa) Arhas (der Wahrheitsbestätiger) genannt. Eben dies wird über ihn im Koran gesagt(*****Arabisch****)der die Wahrheit eines von Allah stammenden Erlasses (über Hazrat Isa, a.s.) bestätigt.
Er ermahnte die Menschen zum Gebet und zum Fasten. Matthäus 9:14, Lukas 5:33, Lukas 11:1.
Er pflegte den Menschen zu sagen: „Wer zwei Gewänder hat, soll eines davon dem geben, der keines hat. Und wer Nahrung hat, soll es ebenso tun.“ Die Zöllner fragten: „Ehrwürdiger Herr, was sollen wir tun?“ Er sagte: „Nehmt nicht mehr, als für euch festgesetzt ist.“ Die Soldaten fragten: „Welcher Befehl gilt für uns?“ Er sagte: „Unterdrückt niemanden und nehmt von niemandem zu Unrecht etwas. Seid mit eurem Sold zufrieden.“ Lukas 3:10–14.
Als die verdorbenen Gelehrten der Kinder Israels, die Pharisäer und die Sadduzäer zu ihm kamen, um sich von ihm unterweisen zu lassen, fuhr er sie an und sagte: „Ihr Schlangenbrut, wer hat euch darauf aufmerksam gemacht, dass ihr dem bevorstehenden Zorn entkommen könnt? Denkt ja nicht daran zu sagen: Abraham ist unser Vater. Jetzt liegt die Axt bereits an der Wurzel der Bäume. Jeder Baum, der keine gute Frucht bringt, wird gefällt und ins Feuer geworfen.“ Matthäus 3:7–10
Er verkündete die Botschaft der Wahrheit im Herrschaftsgebiet des jüdischen Herrschers Herodes Antipas seiner Zeit. Herodes Antipas war völlig in die römische Zivilisation versunken. Seinetwegen breiteten sich im ganzen Land Sünde und Unrecht aus. Er hatte die Frau seines eigenen Bruders Philipp, Herodias, in sein Haus geholt und sie zu seiner Bettgefährtin gemacht. Deshalb tadelte Hazrat Yahya Herodes und kritisierte seine Sündhaftigkeit. Wegen dieses Vergehens ließ Herodes ihn festnehmen und ins Gefängnis bringen. Dennoch hielt er ihn für einen heiligen und wahrhaftigen Menschen, erwies ihm Achtung und war angesichts seines gewaltigen Einflusses unter dem Volk zugleich verängstigt und beunruhigt. Herodias jedoch meinte, dass Hazrat Yahya dem Volk eine moralische Lebenskraft einflößte, wodurch eine Frau wie sie in den Augen der Menschen als äußerst verächtlich und gemein erschien. Deshalb fasste sie den festen Entschluss, ihn töten zu lassen. Schließlich nutzte sie die Gelegenheit beim Geburtstagsfest des Herodes. Bei den Feierlichkeiten führte ihre Tochter einen sehr anmutigen Tanz auf. Herodes war von ihr bezaubert und sagte: „Sag, was du dir wünschst.“ Das Mädchen fragte ihre ehebrecherische Mutter, was sie verlangen solle. Die Mutter sagte: „Fordere den abgeschlagenen Kopf Yahyas.“ Daraufhin legte sie die Hände zusammen und sagte zu Herodes: „Befiehl sofort, dass man den abgeschlagenen Kopf Yahyas auf einer Schale vor mich stellt.“ Herodes wurde nachdenklich. Doch wie konnte er den Wunsch seiner geliebten Tochter zurückweisen? Sofort ließ er den abgeschlagenen Kopf des Propheten Yahya auf einer Schale der Tänzerin als Geschenk überreichen. Matthäus 14:3–12; Markus 6:17–29; Lukas 3:19–20. (Sure al-Isra, Anmerkung 8)
Hazrat Isa und das Verhalten der Kinder Israels ihm gegenüber(**********Arabisch*******)
Und gedenke in diesem Buch, o Muhammad, der Geschichte Maryams, als sie sich von ihren Leuten absonderte und sich an einen abgeschiedenen Ort im Osten zurückzog und einen Vorhang aufhängte, um sich vor ihnen zu verbergen. – Sure Maryam: 16
In der Sure Al-i ʿImran wird berichtet, dass die Mutter Hazrat Maryams sie gemäß ihrem Gelübde zur Anbetung im Bayt al-Maqdis untergebracht hatte und Hazrat Zakariya die Verantwortung für ihre Betreuung, Versorgung und ihren Unterhalt übernommen hatte. Dort wird erwähnt, dass der Gebetsraum, in dem Hazrat Maryam sich zum Gottesdienst zurückgezogen hatte, im östlichen Teil des Bayt al-Maqdis lag. Nach der üblichen Sitte hängte sie einen Vorhang auf, um sich den Blicken der Menschen zu entziehen. Diejenigen, die allein zur Wahrung der Übereinstimmung mit der Bibel(*****Arabisch*****)die Bedeutung davon als Nasira verstanden haben, haben sich geirrt. Denn Nasira liegt nördlich von Jerusalem und nicht östlich davon.(*****Arabisch********)
In diesem Zustand sandte Ich meinen Geist (Engel) zu ihr. Er erschien ihr in Gestalt eines vollkommenen Menschen. Maryam rief plötzlich aus: „Wenn du ein gottesfürchtiger Mensch bist, suche ich Zuflucht vor dir beim Allerbarmer.“ Er sagte: „Ich bin nur der Engel deines Herrn. Ich bin gesandt worden, um dir einen reinen Sohn zu schenken.“ Maryam sagte: „Wie soll ich einen Sohn bekommen, wo mich doch kein Mensch berührt hat und ich keine unsittliche Frau bin?“ Der Engel sagte: „So wird es geschehen. Dein Herr hat gesagt: Das ist für Mich sehr leicht. Und dies tue Ich, damit Ich diesen Jungen zu einem Zeichen für die Menschen und zu einer Barmherzigkeit von Mir mache. Und es wird geschehen.“ – Sure Maryam: 17–21
Als Hazrat Maryam erstaunt war, sagte der Engel: „So wird es geschehen.“ Dies kann keinesfalls bedeuten, dass ein Mensch dich berühren und du von ihm einen Sohn empfangen wirst. Vielmehr ist die eindeutige Bedeutung, dass du einen Sohn bekommen wirst, obwohl dich kein Mensch berührt hat. In ähnlicher Weise entstand auch das Erstaunen Hazrat Zakariyas, und auch dort gab der Engel dieselbe Antwort. Es ist klar, dass die dort zugrunde gelegte Bedeutung auch hier gelten muss. Als der Engel in der Sure adh-Dhariyat (Verse 28–30) Hazrat Ibrahim die frohe Botschaft von einem Sohn überbrachte, sagte Hazrat Sara: „Wie soll eine alte, unfruchtbare Frau wie ich noch einen Sohn bekommen?“ Auch ihr gab der Engel eben diese Antwort:(*****Arabisch*****)„So wird es geschehen.“ Das bedeutet, dass sie trotz ihres hohen Alters und ihrer Unfruchtbarkeit ein Kind bekommen würde. Außerdem, wenn(*****Arabisch*****)die Bedeutung dieses Ausdrucks so verstanden wird, dass ein Mensch dich berühren und du auf dieselbe Weise einen Sohn bekommen wirst, wie alle Frauen der Welt Kinder bekommen, dann werden die beiden folgenden Sätze bedeutungslos. Wozu hätte dann gesagt werden müssen, dass dein Herr spricht: „Das zu tun ist für Mich sehr leicht, und Ich will diesen Jungen zu einem Zeichen machen“? Das Wort „Zeichen“ wird hier eindeutig im Sinne eines offensichtlichen Wunders gebraucht, und genau darauf weist dieser Satz hin: „Das zu tun ist für Mich sehr leicht.“ Die Bedeutung der Aussage Allahs kann daher nur sein, dass Er gerade diesen Jungen als ein Wunder vor den Kindern Israels präsentieren will. Die folgende Darstellung macht selbst deutlich, wie das Wesen Hazrat Isas als Wunder präsentiert wird.(*****Arabisch****)Maryam empfing dieses Kind und zog während ihrer Schwangerschaft an einen entfernten Ort. Dann trieben sie die Wehen unter eine Dattelpalme. Sie sagte: „O wäre ich doch schon vorher gestorben und völlig vergessen gewesen!“ Da rief ihr der Engel von ihrem Fußende zu: „Sei nicht traurig! Dein Herr hat unter dir einen Bach fließen lassen. Schüttle den Stamm dieser Dattelpalme zu dir, dann werden frische, reife Datteln auf dich herabfallen. Iss von den Datteln, trink vom Wasser und sei guten Mutes. Und wenn du irgendeinen Menschen siehst, dann sage ihm: Ich habe dem Allerbarmer ein Fastengelübde abgelegt. Deshalb werde ich heute mit keinem Menschen sprechen.“ Danach ging sie mit ihrem Kind zu ihrem Volk. Sie sagten: „O Maryam, du hast wahrlich etwas Ungeheuerliches getan! O Schwester Haruns, dein Vater war kein schlechter Mann, und deine Mutter war keine unsittliche Frau.“ Sure Maryam: 22–28
Der entfernte Ort bedeutet Bayt Lahm. Es war sehr natürlich, dass Hazrat Maryam den Ort ihres Rückzugs verließ und dorthin ging. Die Tochter der äußerst frommen Familie der Kinder Haruns war im Bayt al-Maqdis der Anbetung Allahs geweiht und dort geblieben. Plötzlich wurde sie schwanger. Wenn sie unter diesen Umständen an ihrem Rückzugsort geblieben wäre und die Menschen von ihrer Schwangerschaft erfahren hätten, dann hätten nicht nur ihre Angehörigen, sondern auch andere Menschen der Gesellschaft ihr das Leben schwer gemacht. Deshalb verließ die Ärmste, nachdem sie dieser schweren Feuerprüfung ausgesetzt worden war, still ihre Kammer und ihren Rückzugsort. Danach würde sie, solange Allah es wollte, vor dem Tadel und den Vorwürfen ihres Volkes sowie vor dem allgemeinen schlechten Ruf geschützt bleiben. Dieses Ereignis selbst ist ein großer Beweis dafür, dass Hazrat Isa ohne Vater geboren wurde. Wenn Hazrat Maryam verheiratet gewesen wäre und das Kind durch ihren Ehemann in ihrem Leib entstanden wäre, hätte es keinen Grund gegeben, dass sie ihr Elternhaus oder das Haus ihrer Schwiegereltern verließ und allein an einen entfernten Ort ging, um dort zu gebären.
Daraus lässt sich erahnen, welche Bedrängnis sie durchmachte. Wenn man die heikle Lage berücksichtigt, kann jeder verstehen, dass diese Worte nicht wegen der Wehen aus ihrem Mund kamen. Vielmehr war sie von dem Gedanken bedrückt, wie sie der schweren Prüfung, in die Allah der Erhabene sie gestellt hatte, auf gute Weise entrinnen sollte. Die Schwangerschaft hatte sie bislang irgendwie geheim gehalten. Doch wohin sollte sie nun mit diesem Kind gehen? Dass auch Hazrat Maryam diese Worte gesprochen hatte, wird durch die nachfolgenden Worte des Engels eindeutig klargestellt: Eine verheiratete Frau braucht sich bei der Geburt ihres ersten Kindes, so sehr sie sich auch in den Wehen windet, keinerlei Sorgen zu machen. Die Worte „Mach dir keine Sorgen“ bedeuten, dass du hinsichtlich des Kindes nichts zu sagen brauchst. Sollte jemand nach seiner Geburt fragen, liegt es in unserer Verantwortung, darauf zu antworten. (Es sei darauf hingewiesen, dass es in der Gesellschaft der Kinder Israels den Brauch gab, durch Schweigen zu fasten. Aus diesen Worten wird klar ersichtlich, worin der eigentliche Grund für Hazrat Maryams Sorge lag. Zu bemerken ist: Wenn das erste Kind einer verheirateten Frau auf gewöhnliche Weise zur Welt kommt, welchen Sinn hätte dann ein Fasten durch Schweigen?)
(*****Arabisch****)„O Schwester Aarons“ kann zwei Bedeutungen haben. Die eine besteht darin, die äußere Bedeutung anzunehmen und davon auszugehen, dass Maryam einen Bruder namens Aaron hatte. Die zweite besteht darin, gemäß dem Sprachgebrauch des Arabischen „Schwester Aarons“ als „Mädchen aus der Familie Aarons“ zu verstehen. Denn im Arabischen ist eine solche Ausdrucksweise üblich. So pflegte man beispielsweise eine Person aus dem Stamm Mudar mit den Worten(*****Arabisch***)„O Bruder Hamdans“ anzureden. Für die erste Bedeutung spricht der Beleg, dass auch vom Propheten (sallallahu alaihi wa sallam) eine solche Auslegung überliefert ist. Für die zweite Bedeutung spricht, dass die Umstände und die Situation diese Auslegung nahelegen. Denn angesichts der Aufregung, die dieses Ereignis unter den Menschen des Volkes ausgelöst hatte, scheint der Grund dafür äußerlich betrachtet nicht darin zu liegen, dass die unbekannte jungfräuliche Schwester eines Mannes namens Aaron ein Kind im Arm trug. Vielmehr kann der Grund für die Ansammlung der Menschen um Maryam nur gewesen sein, dass man in einer der heiligsten Familien der Kinder Israels ein Mädchen aus dem Hause Aarons in diesem Zustand vorgefunden hatte. Obwohl bei Vorliegen eines marfūʿ-Hadiths grundsätzlich keine andere Auslegung angenommen werden kann, lässt sich aus der Ausdrucksweise, in der dieser Hadith in den Werken von Muslim, Nasāʾī, Tirmidhī und anderen überliefert wird, nicht ableiten, dass diese Worte ausschließlich „Schwester Aarons“ bedeuten müssten. Was in der Überlieferung von Hazrat Mughīra ibn Shuʿba berichtet wird, ist Folgendes: Die Christen von Nadschrān fragten Hazrat Mughīra, weshalb Maryam im Koran als Schwester Aarons bezeichnet werde, obwohl Aaron bereits mehrere Jahrhunderte zuvor gelebt hatte. Was bedeute diese Aussage des Korans?
Hazrat Mughīra (möge Allah mit ihm zufrieden sein) konnte diese Frage nicht beantworten. Später trug er die Angelegenheit dem Propheten (sallallahu alaihi wa sallam) vor. Der Prophet (sallallahu alaihi wa sallam) sagte: „Warum hast du ihnen nicht geantwortet: Die Kinder Israels pflegten sich nach den Namen der Propheten und rechtschaffenen Menschen zu benennen?“ Aus dieser Aussage des Propheten (sallallahu alaihi wa sallam) wird deutlich, dass man einer solchen Frage, statt sprachlos zu bleiben, mit einer solchen Antwort begegnen kann.(*****Arabisch****)Maryam deutete auf das Kind. Die Leute sagten: „Wie sollen wir mit ihm sprechen? Es ist doch nur ein Säugling, der in der Wiege liegt.“ Da sagte das Kind: „Ich bin Allahs Diener. Er hat mir die Schrift gegeben und mich zu einem Propheten gemacht. Wo immer ich mich befinde, hat Er mich gesegnet. Er hat mir befohlen, das Gebet und die Zakat regelmäßig zu entrichten, solange ich lebe. Er hat mich zu einem Menschen gemacht, der die Rechte seiner Mutter erfüllt. Er hat mich weder gewalttätig noch charakterlos gemacht. Friede sei auf mir am Tag meiner Geburt, am Tag meines Todes und am Tag, an dem ich wieder auferweckt werde.“ Dies ist Jesus, der Sohn Maryams, und dies ist die wahre Aussage über ihn, über den die Menschen Zweifel hegen. – Sure Maryam 19:29–34
Dies ist das Zeichen, das den Kindern Israels in Gestalt Hazrat Jesas vorgelegt wurde. Allah der Erhabene wollte den Kindern Israels, bevor Er sie für ihre fortwährenden Übeltaten, ihr Unrecht und ihre Sünden mit einer beispielhaften Strafe belegte, die grundlegende Wahrheit endgültig vor Augen führen und ihnen eine letzte Gelegenheit zur Besserung geben. Zu diesem Zweck wählte Er folgende Vorgehensweise: Er machte das fromme und gottesdienstlich hingebungsvolle Mädchen aus dem Hause Aarons, das sich im Bait al-Maqdis im Iʿtikāf befand und unter der Obhut und Erziehung Hazrat Zakariyyas (Friede sei mit ihm) stand, unverheiratet schwanger. Er tat dies, damit bei ihrer Rückkehr in die bewohnte Gegend mit dem neugeborenen Kind im gesamten Volk ein Aufruhr entstehen und die Aufmerksamkeit aller auf sie gerichtet werden würde. Als sich dann gemäß diesem Plan eine Menschenmenge vor Hazrat Maryam zu versammeln begann, ließ Allah der Erhabene durch den Mund des neugeborenen Kindes sprechen. Dies geschah, damit, wenn dieses Kind herangewachsen und mit der Würde des Prophetentums ausgezeichnet worden war, zahlreiche Menschen aus dem Volk Zeugnis davon ablegen konnten, dass sie bereits in seiner Kindheit ein erstaunliches Wunder an ihm gesehen hatten. Wenn dieses Volk sich dennoch weigerte, sein Prophetentum anzuerkennen, und statt seine Gefolgschaft anzuerkennen, versuchte, ihn als Verbrecher darzustellen und zu kreuzigen, sollte es mit einer so harten, lehrreichen Strafe belegt werden, wie sie keinem Volk der Welt zuteil geworden war. (Sure al-Isra, Anmerkung 9)
(Für eine ausführliche Erklärung siehe Tafhīm al-Qurʾān, Band 1, Sure Āl ʿImrān, Anmerkungen 44 und 53, Sure an-Nisāʾ, Anmerkungen 212 und 213; Band 3, Sure al-Anbiyāʾ, Anmerkungen 88–90, sowie Sure al-Muʾminūn, Anmerkung 43.) Erstmals werden sie in Sure al-Furqān, Vers 38, erwähnt. Danach werden sie ein zweites Mal in Sure Qāf, Vers 12, erwähnt. An beiden Stellen werden ihre Namen jedoch zusammen mit denen derjenigen genannt, die die Propheten als Lügner zurückweisen wollten. Eine nähere Beschreibung wird nicht gegeben. (Über die Aṣḥāb ar-Rass konnte nicht ermittelt werden, wer sie waren. Die Korankommentatoren haben verschiedene Überlieferungen angeführt, doch keine davon ist mit Sicherheit annehmbar. Höchstens lässt sich sagen, dass es sich um ein Volk handelte, das seinen Propheten tötete, indem es ihn in einen Brunnen warf oder dort aufhängte. „Rass“ bezeichnet im Arabischen einen alten Brunnen. – Tafhīm al-Qurʾān, Band 3, al-Furqān, Anmerkung 52.)
Der arabischen Überlieferung zufolge sind zwei Orte namens Rass berühmt: einer im Nadschd und der andere im nördlichen Hidschāz. Heute lässt sich nur schwer feststellen, an welchem dieser beiden Orte die Aṣḥāb ar-Rass lebten. In keiner Überlieferung findet sich eine zuverlässige Darstellung ihrer Geschichte. Mit Sicherheit lässt sich höchstens sagen, dass es sich um ein Volk handelte, das seinen Propheten in einen Brunnen warf. Da der Heilige Koran auf sie lediglich mit einem Hinweis Bezug nimmt und es dabei bewenden lässt, kann man annehmen, dass die Araber zur Zeit der Herabsendung des Korans im Allgemeinen über dieses Volk Bescheid wussten. Später konnte keine Beschreibung von ihnen in der Geschichte bewahrt werden. (Sure Āl ʿImrān, Anmerkung 51)
Ein umfassender Blick auf die gesamte Menschheit
Als der Prophet Muhammad (s.a.s.) den Auftrag erhielt, zur islamischen Botschaft aufzurufen, verlangten die verschiedenen moralischen, zivilisatorischen, wirtschaftlichen und politischen Probleme der Welt nach einer Lösung. Damals bestanden auch die Reiche von Rom und Iran. Es gab Klassenunterschiede, und eine ungerechte wirtschaftliche Ausbeutung (Economics Exploitation) war im Gange. Auch moralische Ausschweifungen waren weit verbreitet. Selbst im Heimatland des Propheten gab es zahlreiche komplizierte Probleme. Die östlichen und südlichen Gebiete Arabiens bis hin zum Jemen, einschließlich der fruchtbaren Provinzen des Irak, standen unter iranischer Herrschaft. Im Norden erstreckte sich die römische Herrschaft bis zur Grenze des Hedschas. Im Hedschas selbst gab es große Festungen jüdischer Kapitalisten. Sie hatten die Araber im Netz des Zinses gefangen. Genau gegenüber der Westküste bestand die christliche Regierung Abessiniens, die erst wenige Jahre zuvor Mekka angegriffen hatte. Eine Gruppe ihrer Glaubensgenossen, die mit ihnen in einer gewissen wirtschaftlichen und politischen Beziehung stand, lebte in Nadschran zwischen dem Hedschas und dem Jemen. (Sure al-Maryam, Anmerkung 12)
Rom, Griechenland und Indien
Die Geschichten über das Kolosseum von Rom (Colodseum) sind bis heute auf den Seiten der Geschichte überliefert. Tausende unglückliche Menschen fielen den Schwertkämpfen (Gladiatory) und der Unterhaltung der römischen Fürsten und Vornehmen zum Opfer. Sklaven wilden Tieren zum Fraß vorzuwerfen, sie wie Tiere zu schlachten oder sie zum Vergnügen der eingeladenen Gäste beziehungsweise zur Bewirtung von Freunden ins Feuer zu werfen und sich daran zu ergötzen, galt in den meisten Ländern Europas und Asiens nicht als verwerflich. Gefangene und Sklaven auf verschiedene Weise zu bestrafen und zu töten, war damals allgemeine Praxis. Nicht nur für die unwissenden und blutdürstigen Fürsten und Vornehmen, sondern auch in den Überlegungen und Forschungen der großen Denker und Philosophen Griechenlands und Roms galten viele barbarische Methoden zur Tötung unschuldiger Menschen als erlaubt. Sittenlehrer wie Aristoteles und Platon hielten es nicht für verwerflich, der Mutter das Recht zu geben, einen Teil ihres Körpers – den Embryo oder das ungeborene Kind – von sich abzutrennen. Daher galt der Schwangerschaftsabbruch in Griechenland und Rom nicht als rechtswidrig. Der Vater hatte das Recht, seinen Sohn zu töten, und die römischen Gesetzgeber waren stolz darauf, dass dieses Merkmal des Gesetzes die väterliche Verfügungsgewalt über die Kinder so grenzenlos machte. Für die Schüler Zenons, die gegenüber Glück und Leid gleichgültig waren (Stoiker), war Selbstmord nicht falsch; vielmehr galt es als ehrenvoll, eine Versammlung einzuberufen und sich in ihrer Mitte das Leben zu nehmen. Selbst ein Denker wie Platon betrachtete dies nicht als Verbrechen. Die Tötung der Ehefrau durch den Ehemann galt als ebenso selbstverständlich, wie er sein Haustier hätte schlachten dürfen. Nach griechischem Recht wurde sie dafür nicht bestraft. Indien, die Wiege des Schutzes des Lebens, war in dieser Hinsicht allen anderen weit voraus. Dort galt es als rechtmäßig, die lebende Witwe zusammen mit dem Leichnam ihres Mannes zu verbrennen. (Man könnte fragen, ob die Frau nicht auf dem Scheiterhaufen ihres Mannes verbrannt wurde, sondern sich selbst verbrannte. Doch in Wirklichkeit war es der gesellschaftliche Druck in seinen verschiedenen Formen, der sie zu diesem schrecklichen Selbstmord zwang, und auch die Religion forderte dies von ihr.) Das Leben der Schudra hatte keinerlei Wert. Da diese Unglücklichen aus den Füßen Brahmas geboren worden seien, galt es als für Brahma erlaubt, ihr Blut zu vergießen. Für die Schudra war es eine derart große Sünde, die Worte der Veden zu hören, dass es nicht nur erlaubt, sondern sogar zwingend war, sie zu töten, indem man ihnen geschmolzenes Metall in die Ohren goss. Der Brauch des Jal-Parva war seit jeher üblich; diesem Brauch entsprechend übergaben Eltern ihr erstes Kind dem Ganges. Diese Grausamkeit betrachteten sie als Ursache von Glück. (Sure al-Maryam, Anmerkungen 14–19, 21)
Die weltweite Seuche des Schirk
Wie waren die religiösen Vorstellungen der Welt, als der Gesandte Allahs (s.a.s.) begann, zum Tawhid aufzurufen? Die polytheistischen Götzendiener verehrten jene Götter oder Gottheiten, die aus verschiedenen Materialien wie Holz, Stein, Gold und Silber hergestellt waren. Sie hatten Gestalt, Form und einen Körper. Die Götter und Göttinnen vermehrten sich regelrecht. Keine Göttin war ohne Ehemann und kein Gott ohne Ehefrau. Auch sie benötigten Nahrung und Getränke. Ihre Priester machten daraus ein Geschäft. Viele Polytheisten glaubten, dass Gott in menschlicher Gestalt erscheine und einige Menschen seine Inkarnationen seien. Obwohl die Christen vorgaben, an den einen Allah zu glauben, hatte auch ihr Allah wenigstens einen Sohn. Neben Vater und Sohn hatte auch der Ruh al-Qudus die Ehre, an der Gottheit teilzuhaben. Sogar eine Mutter und eine Schwiegermutter Gottes gab es. Auch die Juden behaupteten, an einen einzigen Gott zu glauben. Doch auch ihr Gott war nicht frei von weltlichen, körperlichen und anderen menschlichen Eigenschaften. Er bewegte sich, erschien in menschlicher Gestalt und rang sogar mit einem seiner Diener. Er hatte auch einen Sohn (Uzair). Neben diesen religiösen Gruppen waren die Magier Feueranbeter, während die Sabier die Sterne verehrten. (Der Weg der islamischen Revolution, S. 24–25, Urdu)
Das Unheil der falschen Aufteilung der Menschheit in Völker
Seit den ältesten Zeiten bis heute pflegten die Menschen in jeder Epoche gewöhnlich, unter Missachtung der Menschlichkeit einen Kreis um sich zu ziehen: Die innerhalb dieses Kreises Geborenen betrachteten sie als die Ihren, die außerhalb Geborenen als Fremde. Dieser Kreis wurde nicht auf einer intellektuellen oder moralischen Grundlage gezogen, sondern auf der Grundlage einer zufälligen Geburt. Mancherorts war die Geburt in einer bestimmten Familie, einem Stamm oder einer Sippe die Grundlage; anderswo galt die Geburt in einer bestimmten geografischen Region oder unter einem Volk einer bestimmten Rasse oder einer bestimmten Sprache als Grundlage. Die Unterschiede, die auf dieser Grundlage zwischen den Eigenen und den Fremden geschaffen wurden, beschränkten sich danach nicht bloß darauf, dass man denjenigen, den man auf diese Weise als zugehörig betrachtete, im Vergleich zu anderen mehr Liebe, Hilfe und Mitgefühl entgegenbrachte. Vielmehr nahm dieser Unterschied gegenüber den anderen die übelste Form von Hass, Feindschaft, Verachtung, Unterdrückung und Misshandlung an. Dafür wurden Philosophien entwickelt, Religionen erfunden, Gesetze geschaffen und moralische Grundsätze aufgestellt. Völker und Staaten nahmen dies als dauerhafte Lehre an und setzten sie Jahrhunderte hindurch in die Tat um. Auf dieser Grundlage betrachten die Juden die Kinder Israels als Allahs auserwählte Geschöpfe; gemäß ihren religiösen Vorschriften wurden sogar die Rechte und die gesellschaftliche Stellung der Nichtisraeliten niedriger als die der Israeliten angesetzt. Diese soziale Schichtung brachte unter den Hindus das Kastensystem hervor, in dessen Rahmen die hohe Stellung der Brahmanen festgeschrieben wurde. Im Vergleich zu den Angehörigen der höheren Kaste wurden alle Menschen als niedrig und unrein betrachtet, und die Shudras wurden dem Stolz äußerster Erniedrigung preisgegeben. Es ist nicht nötig, in den Geschichtsbüchern nach der Unterdrückung und dem Unrecht zu suchen, die die Unterscheidung zwischen Weißen und Schwarzen den Schwarzen in Afrika und Amerika zugefügt hat. Im gegenwärtigen zwanzigsten Jahrhundert kann jeder dies mit eigenen Augen sehen. Die Haltung, die hinter dem Verhalten der Europäer gegenüber den Menschen indianischer Abstammung stand, als sie den amerikanischen Kontinent betraten, ebenso wie hinter ihrem Verhalten gegenüber den schwachen Völkern Asiens und Afrikas, über die sie ihre Herrschaft ausdehnten, war die folgende: Das Leben, der Besitz und die Ehre der außerhalb der Grenzen des eigenen Landes und Volkes Geborenen seien ihnen rechtmäßig verfügbar, und sie hätten das Recht, sie zu berauben, zu Sklaven zu machen und, wenn nötig, vom Erdboden zu vertilgen. Das Nationalismus- beziehungsweise Rassenkult der westlichen Völker hat eine Nation gegenüber anderen Nationen in einer Weise grausam gemacht, deren schlimmste Beispiele sich in den Kriegen der jüngsten Vergangenheit gezeigt haben und noch heute zeigen. Betrachtet man insbesondere, welches Entsetzen die rassistische Philosophie Nazi-Deutschlands und die Vorstellung von der Überlegenheit der nordischen Rasse im vergangenen Weltkrieg hervorgebracht haben, kann man leicht ermessen, wie gewaltig und zerstörerisch jene Irreleitung war, zu deren Korrektur und Reform dieser Vers des Koran herabgesandt wurde.(****Arabisch******)
O ihr Menschen! Wir haben euch aus einem Mann und einer Frau erschaffen. Dann haben Wir euch zu Völkern und Stämmen gemacht, damit ihr einander erkennen könnt. Wahrlich, der Angesehenste von euch bei Allah ist derjenige, der unter euch am gottesfürchtigsten und rechtschaffensten ist. Gewiss, Allah weiß alles und ist über alle Dinge bestens unterrichtet. – Sure al-Hudschurat: 13
Die Religion und die gesellschaftlichen Bräuche und Sitten der arabischen Götzendiener
Die Gesellschaft der arabischen Götzendiener auf einen Blick
In jenem Zeitalter der Finsternis gab es einen Teil der Erde, an dem die Finsternis noch dichter geworden war. Gemessen an der Zivilisation jener Zeit war Arabien unter den zivilisierten Ländern völlig zurückgeblieben. In seiner Umgebung fand man in Iran, Rom und Ägypten einige Lichtstrahlen des Wissens, der Wissenschaften, der Künste, der Zivilisation und der guten Umgangsformen. Doch gewaltige Sandmeere hielten die Araber von ihnen getrennt. Arabische Kaufleute ritten auf Kamelen und legten monatelange Strecken zurück, um in diese Länder Handel zu treiben; sie kamen jedoch nur mit Waren zurück, die sie ausgetauscht hatten. Kein Licht des Wissens und der Zivilisation kam mit ihnen. In ihrem Land gab es weder Lehrer noch Bibliotheken. Unter den Menschen wurde weder Bildung gepflegt, noch bestand irgendein Interesse an den Wissenschaften, dem Wissen und den Künsten. Im ganzen Land gab es nur einige wenige Menschen, die lesen und schreiben konnten. Allerdings besaßen sie eine hochentwickelte Sprache, durch die sie eine außergewöhnliche Fähigkeit hatten, ihre hohen Vorstellungen auszudrücken. Unter ihnen gab es auch einen sehr ausgeprägten literarischen Geschmack. Doch aus den Überresten ihrer Literatur, die zu uns gelangt sind, lässt sich erkennen, wie begrenzt ihr Wissen war, wie niedrig ihr Rang in Zivilisation und Kultur, wie stark sie dem Aberglauben verfallen waren, wie sehr ihre Denkweise und ihr Wesen von Unwissenheit und Bestialität geprägt waren und wie hässlich ihre moralischen Vorstellungen waren.
Dort gab es erwartungsgemäß weder eine Regierung noch Gesetze und Rechtsvorschriften. Jeder Stamm war an seinem eigenen Ort unabhängig. Es galt ausschließlich das Gesetz des Dschungels (Law of Jungle). Wer Macht über einen anderen hatte, tötete ihn und nahm seinen Besitz an sich. Ein arabischer Beduine konnte überhaupt nicht verstehen, warum er jemanden, der nicht seinem Stamm angehörte, nicht töten und warum er nicht auch dessen Besitz an sich nehmen sollte.
Was immer sie an Vorstellungen von Moral, Zivilisation und guten Umgangsformen besaßen, war äußerst niedrig und ungeordnet. Den Unterschied zwischen rein und unrein, erlaubt und verboten sowie höflich und unhöflich kannten sie kaum. Ihre Lebensweise war äußerst schmutzig. Ihre Bräuche und Sitten waren bestialisch. Unzucht, Trunksucht, Diebstahl, Wegelagerei, Mord und Blutvergießen waren zu gewöhnlichen Gewohnheiten ihres Lebens geworden. Ohne jede Scheu entblößten sie sich voreinander. Sogar ihre Frauen umrundeten nackt die Kaaba. Sie begruben ihre eigenen Töchter eigenhändig bei lebendigem Leibe, aus dem unwissend hervorgebrachten Gedanken, dass niemand ihr Schwiegersohn werden solle. Nach dem Tod des Vaters heirateten sie dessen Ehefrau. Selbst über gewöhnlichen gesunden Menschenverstand in Bezug auf Essen und Trinken, Kleidung und Erscheinung sowie Tahārat oder Reinheit verfügten sie nicht. In religiösen Fragen waren sie an jener Unwissenheit und Irreleitung beteiligt, in der die Welt jener Zeit versunken war (der religiöse Zustand Arabiens wird weiter vorn behandelt. – Die Herausgeber). Götzenverehrung, Verehrung von Geistern, Verehrung von Planeten und Sternen – kurz gesagt, alle Arten der Verehrung und Anbetung, die es damals in der Welt anstelle der Anbetung und des Gehorsams gegenüber dem einen Gott gab, waren auch unter ihnen verbreitet. Über die früheren Propheten und ihre Lehren besaßen sie keinerlei zuverlässige Kenntnis. Sie wussten lediglich, dass Hazrat Ibrahim (a.s.) und Hazrat Ismail (a.s.) ihre Vorfahren gewesen waren. Doch sie wussten nicht, worin der Din dieser beiden Väter und Söhne bestand und wen sie anbeteten. Auch die Geschichten von ʿAd und Thamud waren ihnen gut bekannt. Doch wenn man die Berichte liest, die arabische Historiker darüber niedergeschrieben haben, wird man feststellen, dass darin nicht einmal die geringste Spur der Lehren von Hazrat Salih (a.s.) und Hazrat Hud (a.s.) zu finden ist. Durch Juden und Christen waren auch die Lebensgeschichten der Propheten der Kinder Israels zu ihnen gelangt. Um zu erahnen, wie diese gewesen sein sollen, genügt bereits ein kurzer Blick auf die israelitischen Überlieferungen, die islamische Kommentatoren angeführt haben. Daraus wird ersichtlich, was für Menschen die Propheten waren, von denen die Araber und sogar die Kinder Israels Kenntnis hatten, und wie verderbt ihre Vorstellung vom Prophetentum gewesen war. (Tafhim al-Qur’an, Einleitung zu Sure al-Ichlas)
Der Stolz auf die Befolgung von Hazrat Ibrahim (a.s.) und Hazrat Ismail (a.s.)
Die Araber der vorislamischen Zeit hielten sich für Anhänger von Hadhrat Ibrahim (a.s.) und Hadhrat Ismail (a.s.). Daher waren sie der Ansicht, dass die Religion, der sie folgten, die von Allah gutgeheißene Religion sei. Doch in die Lehren des Din, die sie von Hadhrat Ibrahim (a.s.) und Hadhrat Ismail (a.s.) erhalten hatten, fügten religiöse Führer, Stammesoberhäupter, Familienälteste und andere Menschen im Laufe der folgenden Jahrhunderte verschiedene Glaubensvorstellungen, Gebote, Bräuche und Gepflogenheiten hinzu. Die späteren Generationen hielten diese Zusätze für Bestandteile der wahren Religion und befolgten sie mit Verehrung und Ehrfurcht. Da in den Überlieferungen, in der Geschichte oder in irgendwelchen Büchern keine Aufzeichnungen bewahrt worden waren, anhand derer man hätte feststellen können, worin die wahre Religion bestanden hatte und wann, von wem und auf welche Weise später etwas hinzugefügt worden war, war für die Araber ihre gesamte Religion zweifelhaft geworden. Sie konnten über nichts mit Sicherheit sagen, dass es zu jener wahren Religion gehörte, die von Allah offenbart worden war. Ebenso wussten sie nicht, dass es sich bei diesen Dingen um Bidʿa (unter dem Namen der Religion neu erfundene Dinge) sowie um irrige Bräuche und Gepflogenheiten handelte, die die Menschen später hinzugefügt hatten. (Sure al-Hudschurat, Anmerkung 12)
Einige sehr berühmte Götzen der arabischen Polytheisten
Lat
Ihr Tempel befand sich in Taif. Die Banu Thaqif verehrten sie so sehr, dass sie, als Abraha mit seinem Elefantenheer zum Angriff auf Mekka vorrückte, um die Kaaba zu zerstören, dem tyrannischen Abraha allein zum Schutz des Heiligtums ihrer Göttin eine bewaffnete Eskorte stellte, die ihm den Weg nach Mekka weisen sollte. So sollte er nicht Hand an Lat legen. Dennoch erkannten auch die Angehörigen der Banu Thaqif, ebenso wie alle Araber, an, dass die Kaaba das Haus Allahs ist.
Unter den Gelehrten besteht Uneinigkeit über die Bedeutung von Lat. Nach der Untersuchung Ibn Dscharīr at-Tabarīs handelt es sich um die feminine Form von Allah. Mit anderen Worten: Das ursprüngliche Wort war (***Arabisch***) (Allahātun), das zu (***Arabisch***) (al-Lāt) gemacht wurde. Nach Zamachschari ist dies aus (***Arabisch****) entstanden. Das bedeutet, das Gesicht abzuwenden oder sich jemandem zuzuneigen. Da die Götzendiener ihr beim Gottesdienst das Gesicht zuwandten, sich vor ihr verbeugten und sie umschritten, wurde sie Lat genannt. Ibn Abbas (r.a.) sagte (***Arabisch***) daraus entstanden. Das bedeutet, etwas zu stampfen und zu kneten. Er und Mudschahid sagen, es sei ein Mensch gewesen, der auf einem Bergfelsen nahe Taif lebte und den Pilgern Sattu und Kana zu essen gab. Nach seinem Tod errichteten die Menschen auf diesem Felsen einen Tempel für ihn und begannen, ihn anzubeten. Doch bei der Aussage dieser beiden ehrwürdigen Männer, Ibn Abbas (r.a.) und Mudschahid, über Lat wurde dieses Wort (Lat) verwendet und nicht (Arabisch). Zweitens bezeichnet der Koran Lat, al-Uzza und Manat allesamt als Göttinnen, während Lat gemäß der obigen Darstellung ein Mann und keine Frau war.
al-Uzza
Das Wort Uzza (***Arabisch leitet sich von (ʿizzat) ab, und seine Bedeutung ist „die Trägerin der Ehre“. Sie war die bedeutendste Göttin der Quraisch, und ihr Tempel befand sich im Nakhla-Tal zwischen Mekka und Taif an einem Ort namens Huraz(***Arabisch . Die Angehörigen der Banu Schaiban, der Verbündeten der Banu Haschim, waren die Hüter dieses Tempels. Angehörige der Quraisch und anderer Stämme besuchten ihn und brachten ihm Opfergaben dar. In ihrem Namen brachten sie ebenfalls Opfer dar. Wie zur Kaaba wurden Opfertiere zu ihr gebracht, und sie wurde mehr verehrt als alle anderen Götter und Göttinnen. Ibn Hischam berichtet: Als Abu Luhaiha im Sterben lag, besuchte Abu Lahab ihn. Er sah, dass er weinte. Abu Lahab fragte: „Warum weinst du?“ Er antwortete: „Ich weine nicht aus Angst vor dem Tod. Ich weine, weil ich mich frage, wie Uzza nach meinem Tod verehrt werden wird.“ Abu Lahab sagte: „Ihre Verehrung geschah weder zu deinen Lebzeiten deinetwegen, noch wird ihre Verehrung nach deinem Tod aufhören.“ Abu Luhaiha sagte: „Nun bin ich beruhigt, dass sich nach meinem Tod jemand an meine Stelle setzen wird.“
Manat
Sein Tempel befand sich an einem Ort namens Qudayma am Ufer des Roten Meeres zwischen Mekka und Medina, und insbesondere die Angehörigen der Banū Chuzāʿa sowie der Stämme Aws und Chazradsch waren ihm sehr ergeben. Man besuchte ihn und vollzog den Tawāf um ihn; für ihn wurden Gelübdeopfer dargebracht. Während der Hadsch, nachdem die Pilger den Tawāf um das Haus Allahs sowie die Riten von Arafat und Mina beendet hatten, zogen sie von dort aus zum Besuch von Manāt weiter und riefen dabei immer wieder „Labbayka, labbayka“. Diejenigen, die diesen zweiten Hadsch beabsichtigten, vollzogen den Saʿy zwischen Safa und Marwa nicht.
Die Götter und Göttinnen des Volkes Noahs
Unter den Göttern und Göttinnen des Volkes Noahs werden in der Sure Noah nur die Namen jener Gottheiten erwähnt, die die Araber später zu verehren begannen. Zu Beginn des Islam standen an verschiedenen Orten Arabiens ihre Tempel. Es ist möglich, dass die späteren Nachkommen aus dem Mund derjenigen, die die Flut überlebt hatten, von den alten Göttern und Göttinnen des Volkes Noahs hörten und dass sie, als unter seinen Nachkommen erneut die Dschāhilīya um sich griff, Abbilder jener Gottheiten anfertigten und ihre Verehrung wieder aufnahmen.
Die Götter und Göttinnen des Volkes Noahs
Unter den Göttern und Göttinnen des Volkes Noahs werden in der Sure Noah nur die Namen jener Gottheiten erwähnt, die die Araber später zu verehren begannen. Zu Beginn des Islam standen an verschiedenen Orten Arabiens ihre Tempel. Es ist möglich, dass die späteren Nachkommen aus dem Mund derjenigen, die die Flut überlebt hatten, von den alten Göttern und Göttinnen des Volkes Noahs hörten und dass sie, als unter seinen Nachkommen erneut die Dschāhilīya um sich griff, Abbilder jener Gottheiten anfertigten und ihre Verehrung wieder aufnahmen.
Erstens: Wadd war die Gottheit der Banū Kalb ibn Wabra, eines Zweigs des Stammes Qudāʿa. Sie hatten für ihn in Dūmat al-Dschandal einen Tempel errichtet. In alten arabischen Inschriften findet sich sein Name als Waddām Abām geschrieben. Nach der Überlieferung al-Kalbīs war das Standbild in Gestalt eines großgewachsenen Mannes angefertigt. Auch die Quraisch hielten ihn für einen Gott; bei ihnen lautete sein Name Wudd. In der Geschichte wird ein Mann namens ʿAbd Wudd erwähnt, der nach ihm benannt war.
Zweitens: Suwāʿ(***Arabisch***)
Sie war die Göttin des Stammes Hudhail, und ihr Standbild hatte die Gestalt einer Frau. Ihr Tempel befand sich an einem Ort namens Rūbīt in der Nähe von Yanbuʿ.
Drei: Yaghus
Yaghus war der Gott des Zweigs An’um des Stammes Tai sowie einiger Zweige des Stammes Muzhij. Die Angehörigen des Stammes Muzhij hatten sein Standbild an einem Ort namens Jurna zwischen Jemen und Hidschas aufgestellt. Es hatte die Gestalt eines Tigers. Auch unter den Quraisch gab es Personen mit dem Namen Abd Yaghus.
Vier: Ya’uq
Er war der Gott von Khaiwan, einem Zweig des Stammes Hamdan in der Region Jemen. Er hatte die Gestalt eines Pferdes.
Fünf: Nasr
Nasr war der Gott von Dhulkula, einem Zweig des Stammes Himyar in der Region Himyar. An einem Ort namens Balkha war sein Standbild in Gestalt eines Esels aufgestellt. In den alten Felsinschriften des Volkes von Saba findet sich sein Name als Nasur geschrieben. Sein Tempel wurde von den Menschen Bayt Nasur genannt und die Anbeter Ahl Nasur. Unter den Ruinen alter Tempel, die man in Arabien und den angrenzenden Gebieten findet, sieht man an den Türen vieler Tempel Eselsfiguren. (Tafhim al-Qur’an, Sure al-An’am, Anmerkung 109)
Der berühmte Götze Baal(***Arabisch***)
Ruft ihr Baal an und verlasst den besten Schöpfer? – Sure as-Saffat: 125
Die lexikalische Bedeutung von Baal ist: Herr, Oberhaupt, Besitzer. Dieses Wort wird auch für den Ehemann verwendet. Auch im Koran wird dieses Wort an verschiedenen Stellen in der letztgenannten Bedeutung gebraucht, etwa in Sure al-Baqara, Vers 228, Sure an-Nisa, Vers 128, Sure Hud, Vers 72, und Sure an-Nur, Vers 31. Die semitischen Völker der Antike verwendeten dieses Wort jedoch im Sinne von Gottheit oder Gott. Sie bezeichneten eine bestimmte Gottheit als Baal. Insbesondere war Baal die höchste Gottheit der Phönizier des Libanon, und seine Frau Astarte war die größte Göttin von allen. Unter den Forschern besteht Uneinigkeit darüber, ob Baal die Sonne oder den Planeten Jupiter bezeichnete und ob Astarte den Mond oder den Planeten Venus bezeichnete. Jedenfalls ist historisch erwiesen, dass sich die Verehrung des Baal im gesamten Nahen Osten von Babylonien bis Syrien ausbreitete. Besonders die polytheistischen Völker im Libanon, in Syrien und Palästina waren ihr in hohem Maße verfallen.
Als die Kinder Israels aus Ägypten auszogen, sich in Palästina und im östlichen Jordanland niederließen und entgegen den strengen Verboten der Tora begannen, Ehen und gesellschaftliche Beziehungen mit polytheistischen Völkern einzugehen, wurden auch sie von dieser Krankheit befallen. Die Bibel berichtet, dass dieser moralische und religiöse Niedergang unter den Kindern Israels unmittelbar nach dem Tod Josuas, des ersten Nachfolgers Moses (a. s.), begann.
Die Kinder Israels taten, was in den Augen des HERRN böse war, und dienten den Baalen. Sie verließen den HERRN und folgten anderen Göttern, den Göttern der Völker rings um sie her, und warfen sich vor ihnen nieder. Richter 2:11–13
So wohnten die Kinder Israels inmitten der Kanaaniter, Hetiter, Amoriter, Perisiter, Hiwiter und Jebusiter; sie nahmen deren Töchter zu Frauen, gaben ihre eigenen Töchter deren Söhnen zur Frau und dienten deren Göttern. – Richter 3:5–6
Zu jener Zeit hatte die Verehrung des Baal unter den Israeliten derart um sich gegriffen, dass nach dem Bericht der Bibel in einer ihrer Ortschaften eine Opferstätte des Baal errichtet worden war, an der Opfer dargebracht wurden. Ein gottesfürchtiger Israelit konnte diesen Zustand nicht ertragen und zerstörte nachts heimlich die Opferstätte. Am folgenden Tag verlangte die Menge bei einer großen Versammlung die Hinrichtung jenes Mannes, der diesen Ort des Schirks zerstört hatte. Schließlich führten Hadrat Samuel, Talut, Hadrat David (a. s.) und Hadrat Salomo (a. s.) eine grundlegende Veränderung dieses Zustands herbei. Sie reformierten nicht nur die Kinder Israels, sondern unterdrückten allgemein den Schirk und den Götzendienst in ihrem gesamten Königreich. Nach dem Tod Hadrat Salomos (a. s.) erhob sich die Fitna jedoch erneut; insbesondere versank der israelitische Staat im nördlichen Palästina in der Baalverehrung. (Sure an-Nadschm, Anmerkung 15)
Eine höhere Vorstellung von Allah im Zusammenhang mit dem Götzendienst
Die Polytheisten Arabiens erkannten an, dass Allah der Schöpfer der Himmel und der Erde ist. Er allein lässt Tag und Nacht einander folgen. Er allein hat Sonne und Mond ins Dasein gerufen. Keiner von ihnen glaubte, dass diese Dinge von Lat, Hubal, Uzza oder irgendeiner anderen Gottheit bewirkt worden seien. (Sure Nuh, Anmerkung 17)
Was die Vorstellung und der Glaube der arabischen Polytheisten in Bezug auf Allah waren, wird im Koran an verschiedenen Stellen dargelegt. So heißt es in Sure az-Zuchruf: Wenn du sie fragst, wer sie erschaffen hat, werden sie gewiss sagen: Allah. (Vers 87) In Sure al-Ankabut heißt es: Wenn du sie fragst, wer die Himmel und die Erde erschaffen und wer Sonne und Mond dienstbar gemacht hat, werden sie gewiss sagen: Allah. Und wenn du sie fragst, wer Wasser vom Himmel herabgesandt und die tote Erde wiederbelebt hat, werden sie gewiss sagen: Allah. Verse 61, 63
In der Sure al-Mu’minun heißt es: „Sprich zu ihnen: Wem gehören diese Erde und alle ihre Bewohner, wenn ihr es wisst? Sie werden gewiss sagen: Allah. Frage sie: Wer ist der Herr der sieben Himmel und des gewaltigen Thrones? Sie werden gewiss sagen: Allah. Sprich zu ihnen: Wenn ihr es wisst, sagt mir, wem gehört die Herrschaft und Macht über alle Dinge? Und wer gewährt Schutz, während niemand gegen Ihn Schutz gewähren kann? Sie werden gewiss antworten: All dies gehört Allah.“ – Verse 84–89
In der Sure Yunus heißt es: „Frage sie: Wer versorgt euch mit dem Lebensunterhalt aus Himmel und Erde? Wer verfügt über das Gehör und das Augenlicht, die euch gegeben wurden? Wer bringt das Lebendige aus dem Toten und das Tote aus dem Lebendigen hervor? Und wer lenkt die Ordnung des Weltalls? Sie werden gewiss sagen: Allah.“ (Vers 31.) An einer anderen Stelle der Sure Yunus heißt es: „Wenn ihr auf dem Schiff unterwegs seid und euch bei günstigem Wind freudig auf der Reise befindet, dann aber ein heftiger Gegenwind aufkommt, die Wellen euch von allen Seiten treffen und die Reisenden meinen, sie seien von Sturm und Unwetter umgeben, dann wenden sie sich Allah in aufrichtiger Hingabe zu und beten zu Ihm: Wenn Du uns aus dieser Gefahr rettest, werden wir gewiss zu Deinen dankbaren Dienern gehören. Doch wenn Er sie gerettet hat, wenden sie sich selbst von der Wahrheit ab und beginnen auf Erden mit Aufruhr.“ (Verse 22–23.) In der Sure Bani Isra’il wird dies folgendermaßen dargestellt: „Wenn euch auf dem Meer ein Unglück widerfährt, verschwinden alle, die ihr außer dem einen Allah anruft. Wenn Er euch jedoch rettet und euch ans Land bringt, wendet ihr euch von Ihm ab.“ (Vers 67.) (Sure as-Saffat, Anmerkung 71)
Der Anteil der Götter und Göttinnen an Allahs Gaben
Sie (die Götzendiener) erkannten selbst an, dass die Erde Allah gehört und dass Er allein das Getreide hervorbringt. Auch der Schöpfer jener Tiere ist Allah, und sie nutzten diese Tiere in ihrem Leben. Ihre Vorstellung war jedoch, dass jene Götter und Göttinnen, Engel, Dschinn, die Sterne am Himmel und die Seelen verstorbener Frommer ihnen wohlwollend zugeneigt seien und dass Allahs Gunst ihnen durch deren Vermittlung und Segen zuteilgeworden sei. Deshalb sonderten sie von den Erträgen ihrer Felder und von ihren Tieren zwei Anteile ab. Einen Anteil brachten sie im Namen Allahs dar, um ihre Dankbarkeit dafür auszudrücken, dass Er ihnen dieses Getreide und diese Tiere gegeben hatte. Der zweite Anteil war für die Opfergaben an die Schutzgötter und -göttinnen ihres Stammes oder ihrer Familie bestimmt, damit deren Gunst über ihnen ausgegossen werde. (Sure al-Ikhlas, Anmerkung 2)
Die Götzen Allah vorziehen
Den Anteil an den Gaben, den sie im Namen Allahs absonderten, verringerten sie durch allerlei Täuschungen ebenfalls. Mit allen Mitteln versuchten sie, den Anteil ihrer selbst geschaffenen Teilhaber zu vergrößern. Daraus wird ersichtlich, dass sie diesen Teilhabern nicht weniger Bedeutung beimaßen als Allah. Wenn zum Beispiel etwas von den Speisen, Früchten und dergleichen, die im Namen Allahs ausgesondert worden waren, herunterfiel, wurde es dem Anteil der Teilhaber gegeben. Wenn hingegen etwas vom Anteil der Teilhaber herunterfiel oder sich mit Allahs Anteil vermischte, wurde es dem Anteil der Teilhaber zugerechnet. Im umgekehrten Fall wurde Allahs Anteil jedoch um nichts vermehrt. Wenn sie wegen einer Dürre die für die Opfer bestimmten Erträge selbst essen mussten, verzehrten sie den Anteil Allahs. Den Anteil der Teilhaber Allahs anzurühren, fürchteten sie jedoch aus Angst, es könne sie irgendein Unheil treffen. Wenn der Anteil der Teilhaber aus irgendeinem Grund geringer ausfiel, wurde er aus Allahs Anteil ergänzt. Fiel dagegen Allahs Anteil geringer aus, wurde ihm nicht ein einziges Getreidekorn aus dem Anteil der Teilhaber hinzugefügt. Wenn jemand ein solches Verhalten kritisierte, brachten sie allerlei beschwichtigende Ausreden vor. Sie sagten etwa: Allah ist reich; wenn Sein Anteil etwas geringer ausfällt, schadet Ihm das nicht. Diese armen Diener aber sind nicht so reich wie Allah. Wenn ihr Anteil etwas geringer oder größer ausfällt, werden sie darauf bestehen.
Um zu verstehen, was diesen Aberglauben zugrunde lag, muss man wissen, dass der Anteil ihres Vermögens, den die unwissenden Araber für Allah absonderten, zur Unterstützung von Armen, Bedürftigen, Waisen, Reisenden und anderen verwendet wurde. Der Anteil hingegen, den sie für die Opfergaben an Allahs Teilhaber absonderten, gelangte entweder unmittelbar in die Taschen der religiösen Würdenträger oder wurde den Heiligtümern als Gabe dargebracht. So landete er mittelbar im Bauch der Götzendiener. Deshalb hatten ihre eigennützigen religiösen Führer ihnen durch Hunderte von Jahren religiöser Belehrung unauslöschlich eingeprägt, dass es nichts ausmache, wenn Allahs Anteil etwas geringer ausfalle. Der Anteil von Allahs Lieblingen dürfe dagegen nicht geringer sein; vielmehr sei es besser, wenn er etwas größer ausfalle. (Sure al-Ikhlas, Anmerkung 2)
Worin bestand die eigentliche Irreführung der Götzendiener?
Obwohl die Götzendiener von Mekka nicht leugneten, dass aller Besitz von Allah gegeben ist, erkannten sie auch Allahs Gunst über diesen Besitz an. Ihr Fehler bestand jedoch darin, dass sie neben dem Dank, den sie Allah für diese Güter und Gnaden durch Worte und Taten erwiesen, auch vielen anderen Wesen Dank dafür erwiesen. Denn ohne jeden Beweis oder jedes Argument hielten sie diese für solche, die bei der Gewährung dieser Gnaden oder Güter Einfluss hätten und daran beteiligt seien.
Genau dies bezeichnet der Koran als Leugnung der Gunst Allahs. Im Koran wird als umfassende Regel dargelegt: Wenn man die Gunst des Wohltäters gegenüber jemandem, der kein Wohltäter ist, mit Undank vergilt, so ist dies in Wirklichkeit eine Verweigerung des Dankes gegenüber dem wahren Wohltäter und ein Verrat an ihm. Ebenso stellt der Koran als Grundsatz heraus: Wenn man ohne jeden Beweis oder jedes Argument über den Wohltäter oder Geber von Gütern annimmt, dass er diese nicht aus eigener Gunst und Barmherzigkeit gewährt habe, sondern durch diese oder jene Person, zu Ehren dieser oder jener Person oder aufgrund ihrer Fürsprache beziehungsweise ihres Einflusses, dann ist auch dies in Wirklichkeit eine Leugnung seiner Gabe. (Sure al-Anʿām, Anmerkung 105)
Die Vorstellung der Araber von ihren Göttern
Obwohl die Araber dem Schirk verfallen waren und dabei äußerst fanatisch vorgingen, beschränkte sich die Wurzel ihres Schirk doch nur auf die Oberfläche und konnte nicht in die Tiefe vordringen. Nirgendwo und zu keiner Zeit konnte die Wurzel des Schirk tief in das menschliche Wesen eindringen. Im Gegensatz dazu war die Erhabenheit der reinen Anbetung Allahs tief in ihrem Inneren vorhanden. Um sie anzuregen und zu entflammen, bedurfte es lediglich eines kräftigen Reibens an der Oberfläche.
Verschiedene Ereignisse aus der Geschichte der Dschahiliya bezeugen diese beiden Tatsachen. So wusste während des Angriffs Abrahas jeder in Quraisch, ob alt oder jung, Mann oder Frau, dass die im Haus der Kaaba aufbewahrten Götzen diese Gefahr nicht abwehren konnten; vielmehr konnte nur Allah allein dieses Haus schützen. Bis heute sind jene Gedichte und Lobgesänge überliefert, die die Dichter jener Zeit aus Freude über die Vernichtung der Leute des Elefanten vortrugen. Jedes ihrer Worte bezeugt, dass sie dieses Ereignis lediglich als einen erstaunlichen Ausdruck der Macht Allahs betrachteten. Nicht im Geringsten hegten sie die Vorstellung, dass ihre Götter dabei irgendeine Rolle gespielt hätten. Bei diesem Ereignis wurde Quraisch und allen Götzendienern auch die niederträchtigste Auswirkung des Schirk vor Augen geführt: Als Abraha auf dem Weg nach Mekka Taif erreichte, gerieten die Bewohner von Taif in Angst und Schrecken, aus Furcht, er könne sogar den Tempel ihres Gottes al-Lat zerstören. Deshalb boten auch sie Abraha ihre Dienste zur Zerstörung der Kaaba an und schickten ihre eigene bewaffnete Wachtruppe mit ihm, damit sie ihn auf dem Gebirgspfad sicher nach Mekka geleiten konnte. Die bittere Erfahrung dieses Ereignisses quälte Quraisch noch lange, und mehrere Jahre lang warfen sie weiterhin Steine auf das Grab jenes Mannes, der die Wachtruppe von Taif angeführt hatte.
Außerdem führten Quraisch und die übrigen Araber ihre Religion auf den ehrwürdigen Ibrahim (Friede sei mit ihm) zurück. Viele ihrer religiösen und sozialen Bräuche, insbesondere die Regeln und Riten des Hajj, betrachteten sie als Bestandteil der Religion Ibrahims.
Sie wussten auch, dass der ehrwürdige Ibrahim (Friede sei mit ihm) ein reiner Anbeter Allahs gewesen war. Niemals hatte er Götzen angebetet. In ihrer Überlieferung war zudem festgehalten, wann der Götzendienst bei ihnen eingeführt worden war und wer welchen Götzen wann und von woher gebracht hatte.
Wie groß die Verehrung und Hochachtung der gewöhnlichen Araber gegenüber ihren Göttern war, lässt sich daran ermessen, dass sie ihre Götter oft sogar beschimpften und ihnen ihre Opfergaben und Gelübde vorenthielten, wenn etwas geschah, das ihren Gebeten und Wünschen zuwiderlief. Ein Araber wollte den Mord an seinem Vater rächen und ging zu der Gottheit Dhū l-Chalasa, um durch das Ziehen eines Loses die Zukunft zu erkunden. Das Los, das als Antwort gezogen wurde, besagte: „Tu es nicht.“ Darüber wurde er wütend und begann zu sagen(*****Arabisch****)
O Dhul-Chalasa, wärest du an meiner Stelle gewesen und hätte man deinen Vater getötet, dann würdest du niemals diese Lüge sagen: „Nimm keine Vergeltung an dem Unterdrücker.“
Ein anderer Araber brachte seine Kamelherde zu einem Tempel namens Saʿd, in der Hoffnung, dadurch etwas Segen zu erlangen. Doch das Götzenbild war hoch, breit und grotesk und mit Opferblut beschmiert. Als die Kamele es erblickten, flohen sie voller Angst in alle Richtungen. Als er sah, wie die Kamele ringsum davonliefen, wurde er furchtbar wütend. Während er Steine nach dem Götzen warf, rief er: „Möge Allah dich zugrunde richten! Ich bin gekommen, um Segen zu erlangen, und du hast meine Kamele verjagt?“ Wenn man die verschiedenen Seiten betrachtet, wird leicht verständlich, dass sie in ihrem Inneren eine tiefe Ehrfurcht vor der Verehrung Allahs besaßen. Doch einerseits hielten sie aus Unwissenheit an überlieferten Vorstellungen fest, und andererseits waren die quraischitischen Götzendiener und Priester damit beschäftigt, Feindschaft gegen die Verehrung Allahs zu verbreiten. Denn sie befürchteten, dass ihre zentrale Stellung in Arabien enden und darüber hinaus ihr Lebensunterhalt versiegen würde, wenn die Verehrung und Ehrfurcht vor den Göttern und Göttinnen verschwände. Die Religion des Schirk, die auf solchen Stützen errichtet war, konnte der Einladung zum Tauhid nicht ehrenvoll standhalten. Deshalb sagt der Koran, indem er die Götzendiener anspricht, dass der wichtigste Grund, aus dem die Anhänger des Propheten Muhammad (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) in eurer Gesellschaft Überlegenheit erlangt haben, darin besteht, dass sie frei vom Schirk sind und auf der reinen Verehrung Allahs beruhen. In dieser Hinsicht empfanden die Götzendiener die Bedeutung der Überlegenheit der Muslime in ihrem Inneren, ob sie sie nun mit dem Mund anerkannten oder nicht. (Sure an-Nahl, Anmerkung 64)
Über viele Götter und Göttinnen wurden abscheuliche und obszöne Geschichten erzählt. Die Götzen von Isaf und Na’ila waren auf den beiden Bergen Safa und Marwa aufgestellt. Über sie war die Geschichte verbreitet, dass sie ein Mann und eine Frau gewesen seien und im Haus der Kaaba Unzucht begangen hätten. Wegen dieses Vergehens habe Allah sie in Stein verwandelt. Wenn dies die wahre Geschichte solcher Götter und Göttinnen ist, kann in den Herzen ihrer Verehrer keine Verehrung oder Ehrfurcht für sie Platz finden. (Sure al-An’am, Anmerkung 106)
Die Verehrung der Götzen der frommen Vorfahren
Unter den verschiedenen arabischen Stämmen, etwa den Rabia, Ghassan, Kalb, Taghlib, Qudaa, Kinana, Harith, Ka’b und Kinda, gab es zahlreiche Juden und Christen. Beide Religionen waren mit der Verehrung von Propheten, Gottesfreunden und Märtyrern befasst. Außerdem waren viele der von den arabischen Götzendienern verehrten Wesen, wenn auch nicht die meisten, ursprünglich Menschen. Spätere Generationen machten sie zu Göttern. In al-Buchari wird von Ibn Abbas (Allahs Wohlgefallen sei auf ihm) überliefert, dass Wadd, Suwa, Jaghuth, Ja’uq und Nasr die Namen frommer Männer waren. Spätere Menschen machten sie zu verehrten Göttern. Von Aischa (Allahs Wohlgefallen sei auf ihr) wird überliefert, dass auch Isaf und Na’ila Menschen gewesen seien. Ähnliche Überlieferungen finden sich über Lat, Manat und Uzza. Auch wird die Vorstellung der Götzendiener überliefert, Lat und Uzza seien Allah so nahegestanden, dass Allah sich im Winter bei Lat und im Sommer bei Uzza aufhielt. Allah bewahre! Erhaben und frei ist Er von dem, was sie Ihm zuschreiben. (Sure al-Furqan, Anmerkung 84)
Die Verehrung der Bewohner der Gräber
Die in Vers 21 der Sure an-Nahl insbesondere widerlegten erfundenen Gottheiten sind weder Engel, Dschinn, Satane noch aus Holz und Stein gefertigte Götzen. Vielmehr sind es die Bewohner der Gräber. Denn Engel und Satane sind lebendige Wesen. Für sie kann die Verwendung von(*****Arabisch****)Bezeichnungen nicht in Betracht kommen, und bei den aus Holz und Stein gefertigten Götzen stellt sich die Frage einer Auferstehung nach dem Tod überhaupt nicht. Deshalb(***Arabisch****)rechnen auch diese Begriffe sie nicht zu ihnen. Was nun in diesem Vers(***Arabisch****)gemeint ist, sind zwangsläufig Propheten, Gottesfreunde, Märtyrer, Fromme und andere herausragende Muslime, die von Gruppen fanatischer Verehrer mit verschiedenen Beinamen wie Geber, Beseitiger von Not, Erhörer von Hilferufen, Fürsorger für die Armen, Retter der Armen oder Ganj Bakhsh tituliert wurden und an die sie sich zur Erfüllung ihrer Wünsche zu wenden und Bitten zu richten begannen. Wenn jemand darauf erwidert, dass es in Arabien keine solchen Gottheiten gegeben habe, dann sagen wir, dass dies lediglich seine Unkenntnis der Geschichte Arabiens in der Zeit der Unwissenheit beweist. (Sure al-Furqan, Anmerkung 84)
Die Verehrung der weiblichen Gestalten der Engel
Aus den grundlegenden Überlieferungen ist bekannt, dass die Quraisch, Dschuhaina, Banu Salima, Chuza’a, Banu Mulaiha und andere Stämme in Arabien glaubten, die Engel seien Allahs Töchter gewesen. (An verschiedenen Stellen des Korans wird ihre aus Unwissenheit entstandene Auffassung widerlegt. Siehe zum Beispiel Sure an-Nisa, Vers 117; Sure an-Naml, Verse 57–58; Banu Isra’il, Vers 40; az-Zuchruf, Verse 16–19; an-Nadschm, Verse 21–27.) Sie hielten die Engel für Göttinnen, fertigten von ihnen Standbilder in weiblicher Gestalt an, kleideten sie in Frauenkleider und schmückten sie mit Schmuck und sagten: „Das sind alles Töchter Allahs.“ Sie beteten sie an und gelobten in ihrem Namen Opfer, um ihre Wünsche erfüllt zu bekommen.
Berufung auf das Schicksal
Wenn man diesen Unwissenden widersprach, beriefen sie sich auf das Schicksal. Sie sagten: „Wenn Allah diese Handlung nicht gewollt hätte, wie hätten wir dann diese Standbilder anbeten können?“
Das Mittel, Allahs Wohlgefallen und Missfallen zu erkennen, sind jedoch Seine Bücher, nicht jene Dinge, die sich in der Welt nach Seinem Willen ereignen. In der Welt geschehen nach Seinem Willen nicht nur der Götzendienst, sondern auch Diebstahl, Raub, Mord und Unzucht. Kann man mit diesem Argument jede dieser schlechten Handlungen, die auf Erden geschehen, als erlaubt oder gerecht bezeichnen? Dass etwas in der Welt nach Allahs Willen geschieht, bedeutet nicht, dass Allah daran Wohlgefallen hat.
Blinde Nachahmung der Väter und Großväter
Wenn man sie fragte, ob sie außer diesem irrigen Argument noch irgendeinen stichhaltigen Beweis hätten, antworteten sie: „Das wird doch seit den Zeiten unserer Väter und Großväter so überliefert.“ Mit anderen Worten: Für sie war dies ein ausreichender Beweis für die Wahrheit einer Religion. Dabei hatte gerade die Abstammung von Ibrahim (a. s.) ihnen allen Grund zu Stolz und Selbstbewusstsein gegeben, und doch hatte er die Religion seiner Väter und Großväter aufgegeben und sein Haus verlassen. Er hatte diese blinde Nachahmung seiner Vorfahren zurückgewiesen, weil sie auf keinem vernünftigen Beweis beruhte. Wenn diese Leute schon ihren Vorfahren folgen mussten, warum folgten sie dann nicht ihren edelsten Vorfahren, Hadhrat Ibrahim (a. s.) und Hadhrat Ismail (a. s.), sondern ihren unwissendsten Vätern und Großvätern?
Die Argumentation der polytheistischen Araber mit der Irreleitung der Christen
Wenn man sie fragte, ob irgendein Prophet oder irgendein von Allah herabgesandtes Buch jemals gelehrt habe, dass außer Allah jemand anderes der Anbetung würdig sei, führten sie das Verhalten der Christen als Beweis an und sagten: „Auch sie haben doch Isa ibn Maryam als Sohn Allahs anerkannt und beten ihn an.“ Doch die Frage war nicht, ob die Anhänger irgendeines Propheten Schirk begangen hatten. Vielmehr ging es darum, ob irgendein Prophet selbst die Lehre des Schirk verkündet hatte. Hatte Isa ibn Maryam jemals gesagt: „Ich bin Allahs Sohn, und ihr sollt mich anbeten“? Die Lehre jedes Propheten auf der Welt war auch seine Lehre: „Mein Ilah ist Allah und euer Ilah ist Allah. So betet allein Ihn an.“ (Sure an-Nahl, Anmerkung 19)
Arten der Götter und Göttinnen, die von den Polytheisten verehrt wurden
Die Wesen, bei denen die Polytheisten überall auf der Welt außer Allah um Hilfe und Fürsprache baten und bei denen auch die Araber darum baten, waren von drei Arten. (Der Verfasser hat dies an anderer Stelle auch anders formuliert: In den polytheistischen Religionen finden sich drei voneinander verschiedene Dinge. Erstens jene Götzenbilder, Abbildungen oder Zeichen, die zum Gegenstand der Anbetung (Objects of worship) werden. Zweitens jene Personen oder Dinge, die tatsächlich als verehrt gelten und die in Form von Statuen, Abbildungen und Ähnlichem dargestellt werden. Drittens jene Vorstellungen und Überzeugungen, die diese polytheistischen Anbetungsrituale und Handlungen bestimmen. (Sure an-Nahl, Anmerkung 19.) Erstens: ein lebloses und unwissendes Geschöpf. Zweitens: jene frommen und ehrwürdigen Menschen, die diese Welt verlassen haben. Drittens: jene irregeführten Menschen, die selbst vom rechten Weg abgekommen waren und auch andere in die Irre führten. Dass die Götter oder Herren der ersten Art über die Gebete ihrer Verehrer völlig unwissend sind, ist ganz offensichtlich. Auch bei den Herren der zweiten Art, die auf der Erde Allahs Lieblinge waren, gibt es zwei Gründe für ihre Unwissenheit. Der erste ist, dass sie sich bei Allah in einem Zustand befinden, in dem keine menschliche Stimme sie von der Nachricht erreicht, dass jene, die sie ihr ganzes Leben lang gelehrt hatten, Allah um Hilfe zu bitten, nun umgekehrt bei ihnen selbst um Hilfe bitten. Diese Nachricht wird ihnen nicht übermittelt, weil es für sie keine schmerzlichere Nachricht geben könnte. Allah, der Erhabene, will die Seelen Seiner frommen Diener keinesfalls quälen. Wenn man sodann über die Herren der dritten Art nachdenkt, wird man erkennen, dass auch für ihre Unwissenheit zwei Gründe bestehen. Der eine ist, dass sie als Angeklagte im Gefängnis Allahs festgehalten werden, wo keine Stimme aus dieser Welt hingelangt. Der zweite ist, dass Allah, der Erhabene, und Seine Engel ihnen nicht die Nachricht übermitteln, dass ihre Mission auf der Erde außerordentlich erfolgreich ist und die Menschen sie nach ihrem Tod zu Göttern gemacht haben. Eine solche Nachricht wäre für sie sehr erfreulich. Allah, der Erhabene, will jedoch keinesfalls die Seelen der ungerechten Sünder erfreuen. (Sure az-Zuhruf, Einleitung.)
Jene Engel, die auf der Erde für Götter und Göttinnen gehalten und verehrt wurden, sowie jene Dschinn, Seelen, Vorfahren, Propheten, Gottesfreunde, Märtyrer und andere, denen man, weil man sie als Teilhaber an den Eigenschaften Allahs betrachtete, Rechte zugestand, die in Wirklichkeit Allah vorbehalten waren, werden dort im Jenseits ihren Verehrern unmissverständlich sagen: Wir wussten überhaupt nicht, dass ihr uns verehrt habt. Kein Gebet von euch, kein Flehen, keine Bitte, kein Klageruf, keine Opfergabe, kein Weihegeschenk, kein Lobpreis, kein Rezitieren oder Gedenken in unserem Namen, keine Niederwerfung, kein Küssen unserer Heiligtümer und kein Verehren unserer Gräber ist zu uns gelangt. (Sure al-A’raf, Anmerkung 148.)
Arten der Prostitution in Arabien
In Arabien waren zwei Arten der Prostitution verbreitet. Die eine war die häusliche Prostitution (Private Prostitution), die andere die Prostitution in öffentlichen Bordellen. Die häusliche Prostitution wurde meist von freigelassenen Sklavinnen ausgeübt, die keinen Vormund hatten, oder von einer freien Frau, unter deren Schutz keine Familie oder kein Stamm stand. Diese Frauen hielten sich zu diesem Zweck in einem Haus auf und schlossen mit mehreren Männern einen Vertrag, wonach diese für ihren Unterhalt sorgen und ihre Bedürfnisse erfüllen würden. Wenn ein Kind geboren wurde, erkannte der Mann, den die Frau als Vater ihres Kindes bezeichnete, es als sein Kind an. Es war gleichsam eine gesellschaftlich anerkannte Einrichtung, die die Menschen der Zeit der Unwissenheit als eine Art Ehe betrachteten. Abu Dawud
Die zweite Art, also die eigentliche Prostitution, wurde von allen Sklavinnen ausgeübt. Auch sie trat in zwei Formen auf. Zum einen legten die Männer ihren jungen Sklavinnen einen bestimmten Betrag auf und sagten ihnen, sie müssten jeden Monat so viel verdienen. Die Unglücklichen erfüllten durch Prostitution die Forderungen ihrer Herren. Auf keine andere Weise hätten sie einen derart hohen Betrag verdienen können. Außerdem gab es für junge Sklavinnen keine andere Möglichkeit, ein Entgelt zu erhalten, das um ein Mehrfaches über dem gewöhnlichen Lohn lag.
Die zweite Form bestand darin, dass die Männer ihre jungen Sklavinnen in Häuser setzten und über deren Türen Fahnen aufhängen ließen. Schon von Weitem konnte man daran erkennen, dass man hier seine Bedürfnisse befriedigen konnte. Diese Frauen wurden Kalikiyāt(***Arabisch***) genannt, und ihre Häuser wurden Mawākhīr(***Arabisch***) genannt. Bedeutende Zuhälter unterhielten solche Bordelle. Auch ʿAbdullah ibn Ubayy, der Anführer der Heuchler, besaß ein solches Bordell. Dabei hatten die Einwohner von Medina vor der Ankunft des edlen Propheten (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) in Medina beschlossen, ihn zu ihrem König zu machen; und er war derjenige, der bei der Verbreitung der falschen Anschuldigung gegen Hadhrat ʿA’ischa (möge Allah mit ihr zufrieden sein) allen voranging. In seinem Bordell hielten sich sechs schöne Sklavinnen auf. Durch sie verdiente er nicht nur Geld, sondern ließ sie auch die Gäste bewirten, die aus verschiedenen Gegenden Arabiens kamen. Die unehelichen Kinder, die von ihnen geboren wurden, vermehrten die Zahl seiner Diener und Bediensteten. (Sure al-Ahqaf, Anmerkung 6.)
Wahrsagerei im Götzentempel
Die Götzendiener von Mekka hatten den im Inneren der Kaaba befindlichen Gott Hubal für die Wahrsagerei bestimmt. Bei ihm erkundigte man sich nach dem Schicksal, erfuhr Nachrichten über die Zukunft oder ließ gegenseitige Streitigkeiten entscheiden. In seinem Heiligtum wurden sieben Pfeile aufbewahrt, auf denen verschiedene Wörter und Sätze eingraviert waren. Wenn sich die Frage stellte, ob man eine bestimmte Handlung ausführen sollte oder nicht, ging man zum Hüter der Pfeile Hubals. Der Pfeilhüter bestimmte mithilfe der Pfeile das Schicksal. Was auf dem gezogenen Pfeil geschrieben stand, wurde als Hubals Entscheidung anerkannt. (Sure Yunus, Anmerkung 37)
Die Methode der Gelübde- und Opfergaben
Es war Brauch der Araber, im Hinblick auf ein Tier oder den Ertrag eines Feldes ein Gelübde abzulegen und zu bestimmen, dass es für die Opfergabe an dieses bestimmte Heiligtum oder jenen bestimmten Götzen vorgesehen sei. Diese Opfergabe durfte nicht von allen gegessen werden. Dafür gab es bestimmte Regeln, nach denen jeweils nur bestimmte Gruppen von Menschen die verschiedenen Opfergaben verzehren durften. (Sure an-Nur, Anmerkung 59)
Unter den Tieren, die die Araber aufgrund bestimmter Gelübde und Opfergaben freigaben, gab es einige, bei denen es ihrer Ansicht nach nicht erlaubt war, Allahs Namen zu nennen. Es war verboten, auf ihnen reitend die Hadsch zu vollziehen, denn während der Hadsch musste man „Labbaika Allahumma labbaika“ sprechen. Ebenso achtete man beim Melken, beim Reiten, beim Schlachten oder beim Essen ihres Fleisches darauf, Allahs Namen nicht auszusprechen. (Sure al-Ma’ida, Anmerkung 14)
Im Hinblick auf ihre Gelübdetiere hatten die Araber auch eine von ihnen selbst erdachte religiöse Vorschrift: Wenn ein solches Tier ein Junges zur Welt brachte, durften nur Männer es essen; Frauen war dies verboten. Wenn das Junge jedoch tot geboren wurde oder später starb, war es Männern wie Frauen gleichermaßen erlaubt, es zu essen. (Sure al-An’am, Anmerkung 111)
Tiere im Namen der Religion freigeben
In der vorislamischen Zeit ließen die Araber auf verschiedene Weise Tiere im Namen der Religion frei. Für die auf diese Weise freigelassenen Tiere gab es verschiedene Bezeichnungen.
Bahira nannte man jene Kamelstuten, die fünfmal geboren und beim letzten Mal ein männliches Junges zur Welt gebracht hatten. Man spaltete ihnen das Ohr und ließ sie frei umherlaufen. Danach durfte niemand mehr auf ihnen reiten. Weder durfte ihre Milch getrunken noch durften sie geschlachtet oder ihre Wolle geschoren werden. Sie durften frei weiden, wo immer sie wollten, und dort Wasser trinken, wo immer sie wollten.
Saiba wurden jene Kamele oder Kamelstuten genannt, die man nach der Erfüllung eines Gelübdes, der Genesung von einer Krankheit oder dem Abwenden eines Unglücks aus Dankbarkeit frei ließ. Außerdem wurde auch eine Kamelstute, die zehnmal geboren und jedes Mal ein weibliches Jungtier zur Welt gebracht hatte, frei laufen gelassen.
Wasila: Wenn das erste Junge einer Ziege männlich war, wurde es im Namen Allahs geschlachtet. War das erste Junge weiblich, behielt man es für sich. Wenn sie jedoch gleichzeitig ein männliches und ein weibliches Junges gebar, wurde das männliche nicht geschlachtet, sondern im Namen Allahs freigelassen. Es wurde Wasila genannt.
Ham: Wenn der Enkel eines Kamels zum Reiten geeignet war, ließ man dieses alte Kamel frei laufen. Außerdem ließ man auch ein Kamel frei laufen, von dem zehn Junge gezeugt worden waren (Sure al-An’am, Anmerkung 112).
Der Haddsch der Araber im Zeitalter der Unwissenheit
Kurz gesagt: Unter den abergläubischen Kult- und Festbräuchen, die in Arabien verbreitet waren, bestand einer darin, dass jemand, der den Ihram für den Haddsch anlegte, sein Haus nicht durch die Tür betrat, wenn er nach Hause kam. Stattdessen kletterte er von hinten über die Mauer oder machte ein Loch in die Mauer und trat dort hindurch. Außerdem betrat er nach der Rückkehr von einer Reise das Haus ebenfalls, indem er von hinten über die Mauer kletterte oder durch ein Loch in der Mauer hineinging. Außerdem betrat er nach der Rückkehr von einer Reise das Haus durch die Hintertür. (Sure al-An’am, Anmerkung 114) Eine weitere aus Unwissenheit entstandene Vorstellung der alten Araber war, dass man es als anstößig betrachtete, während des Haddsch etwas zum Erwerb des Lebensunterhalts zu tun. Denn für sie war der Erwerb des Lebensunterhalts eine weltliche Tätigkeit, und sie hielten es für äußerst verwerflich, dies während einer religiösen Handlung wie dem Haddsch zu tun. (Sure al-Ma’ida, Anmerkung 118) Nach dem Haddsch versammelten sich die Araber gemeinsam, und bei diesem Treffen erzählten sie voller Stolz von den Taten ihrer Väter und Großväter und priesen ihren eigenen Stolz und Hochmut. (Sure al-Baqara, Anmerkung 199)
Aus Naturerscheinungen gute und schlechte Vorzeichen ableiten
Das Zu- und Abnehmen des Mondes ist eine Erscheinung, die in jedem Zeitalter die Aufmerksamkeit der Menschen auf sich gezogen hat; und darüber waren und sind bei den Völkern der Welt verschiedene Arten von Aberglauben, Vorstellungen, Überzeugungen und Bräuchen verbreitet. Auch unter den Arabern war diese Art von Aberglauben verbreitet. Sie entnahmen dem Mond gute oder schlechte Vorzeichen, legten fest, an welchem Datum eine Reise unternommen und an welchem Datum eine Tätigkeit begonnen werden sollte, hielten bestimmte Daten für günstig oder ungünstig für Hochzeiten und glaubten, dass der Auf- und Untergang des Mondes, sein Zu- und Abnehmen, seine Bewegung und die Gestirne unter anderem das Schicksal der Menschen beeinflussten. Solche Vorstellungen und Überzeugungen gab es wie bei anderen Völkern auch unter den Arabern. Bei ihnen waren verschiedene abergläubische Bräuche und Verfahren in diesem Zusammenhang verbreitet. (Sure al-Baqara, Anmerkung 221)
Aberglaube über die Dschinn
Hadhrat Ibn Abbas berichtet: Wenn in der Zeit der Unwissenheit ein Araber die Nacht in einer menschenleeren Wildnis verbrachte, rief er laut: „Wir suchen Schutz beim Besitzer dieser Wildnis (dem Dschinn).“ Auch in anderen Überlieferungen aus der Zeit der Unwissenheit wird dies erwähnt. Wenn beispielsweise an einem Ort das Wasser und das Futter für die Tiere zur Neige gingen, schickten die nomadischen Beduinen einen der Ihren an einen anderen Ort, um nach Wasser und Futter für die Tiere zu suchen. Wenn sie anschließend zu dem neuen Ort kamen, den dieser Mann ausfindig gemacht hatte, riefen sie noch vor dem Absteigen von ihren Reittieren laut: „Wir suchen Schutz beim Herrn dieser Wildnis, damit wir hier vor allen Gefahren sicher bleiben.“ Sie glaubten, dass ein Ort, an dem kein Mensch lebte, dem Herrschaftsbereich irgendeines Dschinn gehörte und dass dieser Dschinn, wenn man nicht bei ihm Schutz suchte und sich dort niederließ, selbst Unheil stiften oder anderen Dschinn erlauben würde, Unheil zu stiften. (Sure an-Nisāʾ, Anmerkung 88)
Polygamie
In der Zeit der Unwissenheit gab es für die Eheschließung keine zahlenmäßige Begrenzung. Manche Männer hatten zehn oder zwölf Ehefrauen. Wenn ihre Ausgaben wegen der vielen Ehefrauen stiegen, griffen sie notgedrungen in die Rechte ihrer verwaisten Neffen und Nichten sowie anderer hilfloser Verwandter ein. (Sure al-Baqara, Anmerkung 198) Sie heirateten sogar ihre Stiefmütter. (Sure al-Dschinn, Anmerkung 7)
Der Umgang mit menstruierenden Frauen
Da die Bewohner Medinas von den Juden beeinflusst waren, galten die Frauen in ihrer Gesellschaft, ebenso wie bei den Juden, während ihrer Menstruation als unrein. Die von ihnen zubereiteten Speisen durften nicht gegessen und das von ihnen gereichte Wasser nicht getrunken werden. Man durfte nicht mit ihnen auf demselben Lager sitzen. Selbst ihre Berührung galt als etwas Schlechtes. Während dieser wenigen Tage wurde die Frau sogar im eigenen Haus wie eine Ausgestoßene behandelt. (Sure an-Nisāʾ, Anmerkung 4)
Die Gepflogenheit, die Scheidung immer wieder auszusprechen
Eine große soziale Ungerechtigkeit in der Zeit der Unwissenheit in Arabien bestand darin, dass ein Mann das Recht hatte, seine Frau immer wieder zu scheiden. Wenn ein Ehemann mit seiner Frau unzufrieden war, sprach er wiederholt die Scheidung aus und nahm sie danach wieder zurück. Dadurch konnte die Unglückliche weder mit ihrem Ehemann zusammenleben noch sich aus seiner Bindung lösen und einen anderen Ehemann heiraten. (Sure an-Nisāʾ, Anmerkung 88)
Übergriffe gegen Waisen
In der Zeit der Unwissenheit heirateten sie jene Mädchen, die als Waisen unter der Obhut anderer lebten, weil sie deren Vermögen und Schönheit sahen oder meinten, dass man sie nach Belieben unterdrücken könne, da sie keinen Vormund hätten, und fügten ihnen Unrecht zu. (Sure an-Nisāʾ, Anmerkung 49)
Hazrat Aischa (möge Allah mit ihr zufrieden sein) erklärt, dass sie den Waisenmädchen, die unter der Obhut solcher Menschen lebten und deren von den Eltern hinterlassenes Vermögen sich in ihrer Verfügung befand, auf verschiedene Weise Unrecht und Gewalt antaten. Wenn das Mädchen neben ihrem Reichtum auch schön war, wollten sie es selbst heiraten und sowohl sein Vermögen als auch seine Schönheit genießen. Wenn es dagegen hässlich aussah, heirateten sie es selbst nicht und erlaubten auch keinem anderen, es zu heiraten, damit niemand als sein Vormund auftreten und seine Rechte einfordern konnte. (Sure al-Baqara, Anmerkung 250)
Wie wurden die Waisenmädchen behandelt?
Eine erstaunliche Begebenheit hierzu berichtet Qadi Abu l-Hasan al-Mawardi in seinem Werk Aʿlām an-Nubuwwa. Er sagt: Abu Dschahl war der Vormund eines Waisenmädchens. Eines Tages kam das Mädchen unbekleidet zu ihm und bat darum, ihr etwas von dem von ihrem Vater hinterlassenen Vermögen zu geben. Doch der ungerechte Abu Dschahl würdigte sie nicht einmal eines Blickes. Die Arme blieb daraufhin stehen und kehrte enttäuscht zurück. Die Anführer der Quraisch verspotteten sie und sagten: „Geh zu Muhammad (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) und beklage dich bei ihm. Er wird bei Abu Dschahl Fürsprache einlegen und dafür sorgen, dass er dir dein Vermögen gibt.“ Das arme Mädchen wusste weder, in welcher Beziehung der Prophet Muhammad (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) zu Abu Dschahl stand, noch zu welchem Zweck diese Übeltäter ihr diesen Rat gaben. Sie ging direkt zum ehrwürdigen Propheten (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) und schilderte ihm ihre Lage. Der Prophet (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) erhob sich sofort und ging mit ihr zu Abu Dschahl, seinem schlimmsten Feind. Als Abu Dschahl ihn sah, begrüßte er ihn. Als der Prophet (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) Abu Dschahl dann aufforderte, dem Waisenmädchen ihr Recht zu geben, händigte dieser ihr unverzüglich ihr Vermögen aus. Die Anführer der Quraisch hatten darauf gewartet, was zwischen den beiden geschehen würde, um sich daran zu ergötzen. Als sie dies jedoch sahen, kamen sie erstaunt zu Abu Dschahl und tadelten ihn: „Hast du deine Religion aufgegeben?“ Abu Dschahl sagte: „Bei Allah, ich habe meine Religion nicht aufgegeben. Doch mir war, als hätte Muhammad zu meiner Rechten und zu meiner Linken je eine Waffe, und wenn ich seinem Befehl nicht gehorcht hätte, wären diese Waffen in meinen Körper eingedrungen.“ (Sure an-Nisāʾ, Anmerkung 4) Aus dieser Begebenheit erfahren wir nicht nur, wie die Anführer des damals angesehensten und vornehmsten Stammes Arabiens mit Waisen und anderen hilflosen Menschen umgingen; wir erfahren auch, welch großartigen Charakter der Prophet Muhammad (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) besaß und wie viel Schrecken dieser Charakter im Herzen seines erbittertsten Feindes hervorrief. Eine weitere Begebenheit dieser Art wird in Tafhīm al-Qurʾān, Band drei, auf Seite 146 erwähnt. 390)
Methoden der Kindestötung
Unter den Arabern waren drei Methoden der Kindestötung verbreitet.
1. Wenn die Tochter am Leben bliebe, würde sie irgendwann jemand heiraten; in einem Stammeskrieg könnte sie in die Hände des Feindes geraten oder auf andere Weise zur Schande werden. Unter dem Einfluss dieser Vorstellung wurden Mädchen getötet.
2. Aus der Vorstellung heraus, dass sie, wenn der Verdienst gering sei, zu einer unerträglichen Last würden, wurden Kinder getötet, damit man nicht für ihren Unterhalt aufkommen musste.
3. Um die Gunst der Götter und Göttinnen zu erlangen, wurden Kinder geopfert. (Sure al-Māʿūn, Anmerkung 5)
Frauen und Kinder wurden vom Erbrecht ausgeschlossen
In Arabien wurden Frauen und Kinder vom Erbe ausgeschlossen, und die verbreitete Vorstellung hierzu war, dass nur jene Männer erb- und anspruchsberechtigt seien, die kämpfen und für den Unterhalt der Familie sorgen konnten. Außerdem vereinigte der Stärkste unter den Erben des Verstorbenen ohne Widerstand das gesamte Erbe in seiner Hand und eignete es sich an; diejenigen, die nicht die Kraft hatten, ihren Anteil einzufordern, beraubte er ihres Erbes. Rechte und Pflichten hatten in ihren Augen keine Bedeutung, sodass sie nicht aus Glaubenstreue und im Bewusstsein ihrer eigenen Verantwortung die Rechte jener Menschen hätten erfüllen können, ob diese nun die Kraft besaßen, ihr Recht zu erlangen, oder nicht. (Sure al-Māʿūn, Anmerkung 5)
Ein Brauch beim Erbrecht
Unter den Arabern bestand der Brauch, dass diejenigen, mit denen man einen Freundschafts- oder Bruderschaftsvertrag geschlossen hatte, gegenseitig die Erben ihres Vermögens wurden. Auf diese Weise erbten auch Adoptivsöhne oder diejenigen, die man als Söhne bezeichnete. (Sure al-Anʿām, Anmerkung 107)
Das lebendige Begraben von Mädchen
In Arabien war der grausame Brauch, Mädchen lebendig zu begraben, in alter Zeit aus verschiedenen Gründen verbreitet. Der erste Grund war die wirtschaftliche Notlage: Man wollte die Zahl der Esser möglichst gering halten und sich nicht der schweren Verantwortung für die Erziehung vieler Kinder aussetzen. Söhne wurden in der Hoffnung aufgezogen, dass sie später beim Erwerb des Lebensunterhalts helfen würden. Mädchen dagegen wurden getötet, weil man sie bis zur Geschlechtsreife hätte versorgen müssen. Der zweite Grund war die Unsicherheit. Söhne wurden aufgezogen, weil man davon ausging, dass ein Mann umso mehr Helfer haben würde, je mehr Söhne er besaß. Mädchen hingegen wurden getötet, weil man sie während der Stammeskämpfe hätte schützen müssen. Für die Verteidigung waren sie zu keinerlei Nutzen. Drittens bestand innerhalb der allgemeinen Unsicherheit die Befürchtung, dass die feindlichen Stämme, wenn sie einander plötzlich angriffen, die Frauen, die ihnen in die Hände fielen, mitnahmen und zu Sklavinnen machten oder sie irgendwo an jemand anderen verkauften. Aus diesen Gründen hatte sich in Arabien der Brauch eingebürgert, bereits während der Wehen vor der Frau eine Grube auszuheben, damit man das Mädchen, sobald es geboren war, hineinwerfen und mit Erde bedecken konnte. Wenn die Mutter damit nicht einverstanden war oder ihre Familie sich dagegen wehrte, zog der Vater das Kind trotz seiner Abneigung einige Zeit auf. Irgendwann nahm er es dann hinaus aufs Feld und begrub es lebendig. Ein Mann berichtete dem Propheten (s.a.s.) von einer Begebenheit aus seiner Zeit der Unwissenheit, die mit dieser Schandtat zusammenhing. Er sagte: „Ich hatte eine Tochter, die sehr an mir hing. Wenn ich sie rief, kam sie sofort zu mir. Eines Tages rief ich sie und nahm sie mit. Unterwegs kamen wir an einen Brunnen. Ich ergriff ihre Hand, stieß sie in den Brunnen und warf sie hinein. Ihre letzten Worte, die ich hörte, waren: ‚O mein Vater! O mein Vater!‘“ Als der Prophet (s.a.s.) dies hörte, begann er zu weinen, und Tränen strömten aus seinen Augen. Einer der Anwesenden sagte: „Mann, du hast den Gesandten (s.a.s.) traurig gemacht.“ Der Prophet (s.a.s.) sagte: „Hindere ihn nicht daran; lass ihn zu dem, was ihn tief bewegt, befragt werden.“ Dann sagte er zu ihm: „Berichte deine Geschichte.“ Der Mann erzählte seine Geschichte erneut. Nun weinte der Prophet der Barmherzigkeit (s.a.s.) so sehr, dass sein gesegneter Bart von Tränen durchnässt wurde. Dann sagte er: „Allah hat alles vergeben, was in der Zeit der Unwissenheit geschehen ist. Beginne nun dein Leben von Neuem.“ (Sunan ad-Dārimī, erstes Kapitel)
Es wäre falsch anzunehmen, dass die Araber keinerlei Empfinden für eine derart extreme, unmenschliche Grausamkeit besaßen. Zwar trifft es zu, dass der Mensch selbst in einer noch so verkommenen Gesellschaft gegenüber solchen unterdrückenden Handlungen nicht gefühllos werden kann. Deshalb hat der Heilige Koran die Grausamkeit dieser Tat nicht ausführlich geschildert. In einer den Körper erschaudern lassenden Ausdrucksweise wird lediglich gesagt, dass der Tag kommen wird, an dem diese lebendig begrabenen Mädchen gefragt werden, aus welchem Verbrechen sie getötet wurden. („Und wenn die lebendig begrabenen Mädchen gefragt werden, wegen welches Verbrechens sie getötet wurden.“ – Sure at-Takwīr 81:8–9.) In der Ausdrucksweise dieses Verses wird ein solcher Zorn zum Ausdruck gebracht, dass man sich keinen noch größeren vorstellen kann. In den Augen Allahs sind die Väter und Mütter, die ihre eigenen Töchter lebendig begraben haben, so verabscheuungswürdig, dass nicht sie angesprochen und gefragt werden: „Warum habt ihr diese unschuldigen Kinder getötet?“ Vielmehr wird der Blick von ihnen abgewandt und das unschuldige Kind wird gefragt: „Ihr unglücklichen Frauen, wegen welches Verbrechens wurdet ihr getötet?“ Darauf werden sie ihre haarsträubende Geschichte erzählen: wie viel Unrecht die ungerechten Eltern ihnen zugefügt und wie sie sie lebendig begraben haben. Darüber hinaus liegen in diesem kurzen Vers zwei gewaltige Aussagen, die zwar nicht ausdrücklich in Worte gefasst sind, sich aber aus der Art der Rede erkennen lassen. Die erste ist, dass unter den Arabern das Bewusstsein geweckt wurde, dass die Zeit der Unwissenheit sie an die äußerste Grenze des moralischen Verfalls geführt hatte: Sie töteten ihre eigenen Kinder mit eigener Hand, indem sie sie lebendig begruben. Dennoch bestanden sie starrsinnig auf dieser ihrer Unwissenheit und waren keineswegs bereit, jene Reform anzunehmen, die der Prophet Muhammad (s.a.s.) in ihrer irregeleiteten und moralisch verkommenen Gesellschaft herbeiführen wollte. Die zweite ist, dass darin ein klarer Beweis für die Unausweichlichkeit des Jenseits erbracht wurde. Für die Kinder, die lebendig begraben und getötet wurden, muss es irgendwo eine Wiedergutmachung geben, und für die Gewalttäter, die eine solche unmenschliche Unterdrückung verübt haben, muss irgendwann der Zeitpunkt ihrer Befragung kommen. Auf der Erde gab es niemanden, der die Klage jener Kinder hören konnte, die lebendig begraben worden waren. In der Gesellschaft der Unwissenheit war dies sogar vollständig legalisiert worden. Weder empfanden die Eltern deswegen Scham, noch gab es in der Familie jemanden, der sie zurechtgewiesen hätte. Auch in der Gesellschaft gab es niemanden, der sie für diese Tat zur Rechenschaft gezogen hätte. Sollte dieses Unrecht dann im Reich Gottes ohne Vergeltung bleiben? (Sure an-Nisāʾ, Anmerkung 55)
Auch aus der Geschichte Arabiens lässt sich erkennen, dass viele Menschen selbst in der Zeit der Dschāhilīya ein Empfinden für diese grausame Sitte hatten. At-Tabarānī berichtet: Farazdaq Kabīr Sasāya ibn Nāǧatī al-Muǧāschiʿī erschien beim Gesandten (s.a.s.) und sagte: „O Gesandter Allahs! Auch in der Zeit der Dschāhilīya habe ich einige gute Taten vollbracht. Eine davon war, dass ich 360 Mädchen davor bewahrte, lebendig begraben zu werden. Für die Rettung jedes einzelnen Lebens gab ich jeweils zwei Kamele als Lösegeld. Werde ich dafür irgendeine Belohnung erhalten?“ Der Prophet (s.a.s.) sagte: „Gewiss steht dir dafür eine Belohnung zu, und zwar diese: Allah, der Erhabene, hat dir die Gnade des Islams geschenkt.“
Vergeltung für einen Mord
In der Zeit der Dschāhilīya galt die Regel, dass die Angehörigen eines Stammes oder einer Gruppe von der Familie, dem Stamm oder der Gruppe des Mörders genau so viel Blutvergießen fordern wollten, wie sie den Tod ihres Getöteten wertschätzten. Es genügte ihnen nicht, zur Vergeltung für den Getöteten lediglich das Leben des Mörders zu nehmen. Sie waren bereit, anstelle eines einzigen Lebens Hunderte von Leben zu nehmen. Wenn eine angesehene Person von einem Angehörigen einer anderen Gruppe aus einer niedrigeren sozialen Schicht getötet wurde, hielten sie es nicht für ausreichend, den tatsächlichen Mörder zu töten. Vielmehr wünschten sie, dass eine angesehene Person aus dem Stamm des Mörders getötet werde oder dass anstelle des Getöteten mehrere Angehörige der gegnerischen Seite getötet würden. Wenn der Getötete in ihren Augen hingegen eine Person niedrigerer Stellung und der Mörder eine weitaus angesehenere Person war, konnten sie es keinesfalls dulden, dass der Mörder im Austausch für den Getöteten getötet wurde. (Sure at-Tanwīr, Anmerkung 9)
Die Auffassung von Kleidung und Nacktheit
Die Araber trugen Kleidung lediglich, um den Körper vor den Einflüssen von Schönheit und Witterung zu schützen. Dem grundlegendsten Zweck der Kleidung, nämlich die schamhaften Körperteile zu bedecken, maßen sie jedoch keinerlei Bedeutung bei. Sie empfanden weder Furcht noch Scham dabei, ihre Schamteile vor anderen zu entblößen. Nackt an öffentlichen Orten zu baden, sich während des Gehens zum Urinieren oder zur Darmentleerung hinzusetzen und sich keine Sorgen darum zu machen, dass die Schamteile entblößt wurden, wenn die getragene Kleidung sich öffnete, gehörte zu ihren alltäglichen Gewohnheiten. Noch beschämender war, dass die meisten von ihnen während der Hadsch nackt die Kaaba umrundeten, und die Frauen unter ihnen waren in dieser Hinsicht noch schamloser als die Männer. In ihren Augen war dies eine religiöse Handlung, und sie taten all dies in dem Glauben, es seien gute Taten. (Sure at-Tanwīr, Anmerkung 9)
Überall in Arabien herrschten Unsicherheit und Anarchie
Überall in Arabien herrschte Unsicherheit, wodurch sich im ganzen Land Terror ausbreitete; überall kam es zu Mord und Plünderung. Die Stämme griffen einander plötzlich an. Niemand konnte eine Nacht in Sicherheit verbringen, denn jeder befürchtete, dass der Feind jederzeit seine Siedlung angreifen könnte. Es war ein Zustand, über den alle Bescheid wussten und dessen Schrecken jeder empfand. Diejenigen, deren Besitz geplündert worden war, klagten zwar, und die Plünderer jubelten; wenn jedoch das Unglück an die Plünderer selbst kam, erkannten auch sie, dass dies eine verwerfliche Tat war, in die sie verstrickt waren. (Sure al-Baqara, Anmerkung 177)
Die Araber pflegten, wenn sie eine Siedlung angreifen wollten, in der Dunkelheit der Nacht vorzurücken, damit der Feind nicht gewarnt wurde, und im Morgengrauen plötzlich über ihn herzufallen. So konnten sie im ersten Licht alles sehen, während das Tageslicht noch nicht so hell war, dass der Feind ihre Bewegungen hätte beobachten, sich vorbereiten und ihnen entgegentreten können. (Sure al-Aʿrāf, Anmerkung 15)
Der Zustand Arabiens in jener Zeit war derart, dass es im ganzen Land keinen einzigen Ort gab, dessen Bewohner in Frieden leben konnten. Denn sie lebten ständig in Angst, dass jederzeit eine plündernde Gruppe plötzlich über sie herfallen könnte. Es gab niemanden, der sich über die Grenzen seines Stammes hinaus begeben konnte. Denn für ein oder zwei Menschen war es nahezu unmöglich, lebend zurückzukehren und der Gefangennahme und Versklavung zu entgehen. Keine Karawane konnte sicher reisen, weil sie an verschiedenen Stellen des Weges befürchten musste, überfallen zu werden. Allerdings konnte eine Karawane den gesamten Weg sicher zurücklegen, wenn sie die einflussreichen Stammesführer entlang der Strecke bestach. (Sure al-ʿĀdiyāt, Einleitung)
Einige weitere Religionen der Araber
Die Hanifen
Obwohl die Menschen im Zeitalter der Dschāhilīya keine ausführliche Kenntnis von der Religion hatten, war ihnen doch nicht verborgen, dass die wahre Religion der Tauhid ist und dass die Propheten niemals die Verehrung von Götzen gelehrt hatten. Diese Wahrheit war in den Berichten bewahrt, die die Araber von den Propheten ihres eigenen Landes erhalten hatten. Auch durch die Lehren von Propheten wie Mose, David, Salomo und Jesus, die in den benachbarten Ländern erschienen waren, waren sie über diese Wahrheit unterrichtet.
In der arabischen Überlieferung war weithin bekannt, dass in alter Zeit in Arabien die wahre Religion, die Religion Abrahams, geherrscht hatte und dass die Götzenverehrung dort durch einen Mann namens ʿAmr ibn Luhayy eingeführt worden war. Trotz der allgemeinen Verbreitung von Schirk und Götzendienst gab es an verschiedenen Orten Menschen, die den Schirk ablehnten, den Tauhid verkündeten und die Götzenverehrung öffentlich verurteilten. Kurz vor der Zeit des Propheten (sallallahu alaihi wa sallam) gab es viele Menschen, von denen aus der Geschichte bekannt ist, dass sie Hanifen waren. Zu ihnen gehörten Quss ibn Sāʿida al-Iyādī, Umayya ibn Abi as-Salt, Suwaid ibn ʿAmr al-Mustaliqī, Wāqiʿ ibn Salām ibn Zuhair al-Iyādī, ʿAmr ibn Jundub al-Dschuhanī, Abū Qais Salama ibn Abi Anas, Zaid ibn ʿAmr ibn ʿAmr ibn Dschundub al-Dschuhanī, Abū Qais Salama ibn Abi Anas, Zaid ibn ʿAmr ibn ʿAmr ibn Nufail, Waraqa ibn Naufal, ʿUthmān ibn al-Huwairith, ʿUbaidullah ibn Dschahsch, ʿĀmir ibn az-Zarib al-ʿAdwānī, ʿAllāf ibn Schihāb at-Tamīmī, al-Mutalammis ibn Umayya al-Kinānī, Zuhair ibn Abi Sulmā, Chālid ibn Sinān ibn Qais al-ʿAbsī, ʿAbdullah al-Qudāʿī und viele andere. Diese Menschen erklärten öffentlich, dass allein der Tauhid die ursprüngliche Religion sei, und sagten klar, dass sie keinerlei Verbindung zur Religion der Götzendiener hätten. Es trifft zu, dass diese Vorstellung in ihren Herzen durch den Einfluss der Lehren der Propheten entstanden war. Außerdem lässt sich aus den Inschriften, die infolge archäologischer Forschungen im vierten und fünften Jahrhundert n. Chr. im Jemen gefunden wurden, erkennen, dass dort zu jener Zeit eine monotheistische Religion bestand, deren Anhänger ar-Rahmān und den Herrn des Himmels und der Erde als den einzigen Gott anerkannten. Eine Inschrift aus dem Jahr 378 n. Chr. wurde in den Ruinen eines Gebetshauses gefunden; darin stand, dass dieses Gebetshaus für die Verehrung des Gottes oder Herrn des Himmels errichtet worden sei. Auf einer Inschrift aus dem Jahr 465 n. Chr. waren Worte eingraviert, die den Beweis für den monotheistischen Glauben lieferten. Eine weitere Inschrift aus jener Zeit wurde in einem Grab gefunden, in dem Worte eingraviert waren.(***Arabisch***)Die Worte lauteten: Ebenso wurde in Nordarabien, an einem Ort namens Zabad zwischen dem Euphrat und dem Fluss Kinnasrin, eine Inschrift aus dem Jahr 512 n. Chr. gefunden, auf der(****Arabisch*****)Worte eingraviert waren. All dies beweist, dass der Einfluss der Lehren der Propheten vor dem Kommen des Propheten Muhammad (sallallahu alaihi wa sallam) nicht vollständig aus Arabien verschwunden war. Es gab zumindest zahlreiche Mittel und Hinweise, die daran erinnerten, dass euer Gott nur einer ist. (Sure al-ʿĀdiyāt, Anmerkung 3)
Die unter den Arabern anzutreffenden Monotheisten hielten sich von drei Sünden fern, in die sich die meisten Araber verstrickt hatten: Schirk gegenüber Allah, ungerechtfertigte Tötung und Unzucht. (Der Prophet (sallallahu alaihi wa sallam) hat dies in zahlreichen Hadithen überliefert. So berichtet ʿAbdullah ibn Masʿud (möge Allah mit ihm zufrieden sein), dass der Gesandte (sallallahu alaihi wa sallam) einmal gefragt wurde: Welche Sünde ist die größte? Der Prophet (sallallahu alaihi wa sallam) sagte:(*****Arabisch****)Das heißt: Du setzt Allah einen Ebenbürtigen zur Seite, obwohl Er dich erschaffen hat. Man fragte: Und danach? Der Prophet (sallallahu alaihi wa sallam) sagte:(****Arabisch*****)Du tötest dein Kind aus Angst, dass es mit dir um Nahrung konkurrieren wird. Dann wurde gefragt: Und danach? Der Prophet (sallallahu alaihi wa sallam) sagte:(****Arabisch****)Das heißt: Du begehst Unzucht mit der Frau deines Nachbarn. (Buchari, Muslim, Tirmidhi, Nasa’i, Ahmad.) Obwohl es noch viele weitere schwere Sünden gibt, waren diese drei in der damaligen arabischen Gesellschaft besonders verbreitet. Deshalb wird als Eigenschaft der Muslime hervorgehoben, dass es in der gesamten Gesellschaft einige Menschen gibt, die sich von diesen Sünden fernhalten. (Sure al-Quraisch, Anmerkung 5)
Sabäer
In der Antike waren zwei Gruppen unter dem Namen Sabäer bekannt. Die eine Gruppe waren Anhänger des Propheten Johannes; viele von ihnen lebten in al-Dschazira, dem nördlichen Gebiet des Irak. In Befolgung des Propheten Johannes vollzogen sie die religiöse Initiation (Baptismus). Die zweite Gruppe verehrte die Sterne. Sie behauptete, ihre Religion stamme von den Propheten Seth und Idris. Sie glaubte, dass die Gestirne über die Elemente und die Engel über die Gestirne herrschten. Harran war ihr Zentrum. Ihre Zweige waren über verschiedene Teile des Irak verbreitet. Diese zweite Gruppe war wegen ihrer außerordentlichen Fortschritte in Philosophie, Wissenschaft und Medizin bekannter. Sehr wahrscheinlich ist hier jedoch die erste Gruppe gemeint, denn die zweite Gruppe war zur Zeit der Offenbarung des Korans vermutlich nicht unter diesem Namen bekannt. (Mahmud Schukri al-Alusi hat hierzu folgende Informationen zusammengetragen: Die Sabäer gehören zu den vorzüglichen Gemeinschaften. So viel die Menschen über ihre Religion wissen, so unterschiedlich sind auch die Ansichten darüber. Sie bestehen aus zwei Gruppen, den Gläubigen und den Ungläubigen. Sie waren das Volk Abrahams, des engen Freundes Allahs, und Abraham war zu ihnen gesandt worden. Ihr Wohnort war Harran, und dort befanden sich auch die Häuser der Sabäer. Sie teilten sich in zwei Gruppen: Die eine hielt an der hanifischen Religion fest, die andere war Götzendienerin. Die Götzendiener verehrten sieben Gestirne und zwölf Große und stellten ihre Abbilder in ihren Tempeln auf. Für diese Gestirne hatten sie jeweils besondere Tempel. Dies waren ihre größten Kultstätten, so wie die Kirchen der Christen und die Synagogen der Juden. Sie hatten einen gewaltigen Tempel für die Sonne errichtet, einen für den Mond, einen für die Venus, einen für den Jupiter, einen für den Merkur, einen für den Mars, einen für den Saturn und auch einen für die oberste Ursache. Für jedes Gestirn waren bei ihnen besondere Formen der Verehrung und besondere Bittgebete festgelegt. Wie die Muslime hatten auch sie fünf Gebete am Tag.)
Einige von ihnen fasteten auch im Ramadan. Sie verrichteten das Gebet mit dem Gesicht zur Kaaba. Sie verehrten auch Mekka und glaubten daran, zur Pilgerfahrt nach Mekka zu reisen. Sie hielten Aas, Blut und Schweinefleisch für haram. Was die Muslime in Bezug auf die Ehe für haram erklärten, erklärten auch sie für haram. Eine Gruppe im königlichen Rat von Bagdad gehörte dieser Religion an. Einer von ihnen, namens Bilal ibn al-Muhsin as-Sabi, war geschickt im Verfassen von Abhandlungen und Gedichten und Redakteur einer berühmten Militärzeitschrift. Er fastete mit den Muslimen, verrichtete mit ihnen Gottesdienste, entrichtete die Zakat und hielt das Verbotene für haram. Man nimmt an, dass der Kern ihrer Religion darin bestand, die guten Seiten der in der Welt verbreiteten Religionen anzunehmen und sich von den schlechten Seiten fernzuhalten. Deshalb wurden sie Sabäer genannt, oder Charedsch, das heißt: jemand, der herausgegangen ist. Sie verwarfen die Gesamtheit der Bräuche und Regeln jeder Religion und befolgten nur so viel davon, wie sie für recht hielten.
Die ungläubigen Quraisch nannten den Propheten Muhammad (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) einen Sabäer und seine Gefährten Subat. Wenn jemand aus einer Sache austrat und zu einer anderen überging, pflegte man dieses Sprichwort zu verwenden (****Arabisch***) Aus der Urdu-Übersetzung von Bulugh al-Adab übernommen. – Die beiden Herausgeber) (Sure as-Sadschda, Anmerkung 5)
Madschus
Da die Völker, denen außer den Juden und den Christen himmlische Bücher offenbart worden waren, ihre Bücher entweder beseitigt oder verfälscht hatten und sich in ihren Glaubensvorstellungen und Handlungen nichts von den Lehren der Propheten mehr finden ließ, können sie nicht als Schriftbesitzer bezeichnet werden. Aus diesem Grund wurden die Madschus nicht als Schriftbesitzer bezeichnet, obwohl sie Zarathustra anerkannten, bei dem man vermuten kann, dass er ein Prophet war. Über die Madschus von Hadschar sagte der Prophet Muhammad (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm): (****Arabisch****)Behandelt sie wie die Schriftbesitzer. Er sagte nicht, dass sie Schriftbesitzer seien. Als er dann den Madschus von Hadschar schrieb, formulierte er ausdrücklich:( ****Arabisch*****)Wenn ihr den Islam annehmt, werden euch dieselben Rechte zustehen wie uns, und euch werden dieselben notwendigen Pflichten auferlegt wie uns. Denjenigen unter euch, die den Islam ablehnen, wird die Dschizya auferlegt. Doch weder darf etwas von dem, was sie geschlachtet haben, gegessen werden, noch dürfen ihre Frauen geheiratet werden.
Die Feueranbeter Irans (Über die Feueranbeter unter den Arabern sagt Mahmud Schukri al-Alusi: Unter den Arabern gab es verschiedene Arten solcher Menschen. Es scheint, dass diese Religion durch die Iraner und die Madschus zu ihnen gelangte. Man sagt, dass sie seit der Zeit der Feueranbeter in der Welt verbreitet ist. Kain war der erste Mensch, der einen Tempel für die Feuerverehrung errichtete und sie praktizierte. Danach fand diese Religion Eingang bei den Madschus. Sie errichteten zahlreiche Tempel für die Feuerverehrung und sorgten für Stiftungen, Verwalter, Wächter und Ähnliches. Sie ließen zu keiner Zeit zu, dass dieses Feuer entweiht wurde. Die Fariditen errichteten einen Feuertempel und einen weiteren in Buchara. Bahman errichtete einen Feuertempel in Sidschistan und Abu Qatada einen in der Nähe von Buchara.
Die Feueranbeter lassen sich in mehrere Gruppen einteilen. Eine Gruppe hält es für haram, ein Lebewesen ins Feuer zu werfen und den Körper damit zu verbrennen. Eine andere Gruppe geht in der Feuerverehrung so weit, dass sie sich selbst und ihre Kinder dem Feuer opfert.
Unter den Feueranbetern gibt es auch einige, die fromm sind. Sie sitzen neben dem Feuer, während sie fasten, und vollziehen eine Chilla. Ihre Lehre besteht darin, zu Wahrhaftigkeit, Vertrauenswürdigkeit, Ehrbarkeit, Keuschheit und Gerechtigkeit anzuspornen.
Ibn Qutaiba sagt in seinem Werk Kitab al-Ma’arif, dass der Brauch der madschusischen Religion unter den Banu Tamim verbreitet war. Zur Gruppe gehörten Zurara ibn Udas at-Tamimi und sein Sohn Hadschib ibn Zurara. Er hatte seine Tochter geheiratet, bereute dies jedoch später. Einer von ihnen, Aqra ibn Habis, nahm später den Islam an und wurde in die Reihen der Gefährten aufgenommen. Auch Abu al-Aswad, der Großvater von Waki ibn Hassan, war ein Madschus. – Aus der Übersetzung von Bulugh al-Adab übernommen, 3. Band, S. 138–141.) Zwei Götter des Lichts und der Dunkelheit (Unserer Auffassung nach gelangten verschiedene Gruppen der Madschus und ihre unterschiedlichen Formen nach Arabien. Unter den Arabern verfasste man ein Kapitel über die Glaubensvorstellung der zarathustrischen Gruppe von zwei Göttern sowie über Licht und Dunkelheit, das folgendermaßen lautet:
Diese Leute sagten, es gebe zwei Schöpfer. Der Schöpfer des Guten sei das Nūr bzw. das Licht, und der Schöpfer des Bösen die Dunkelheit. Beide seien anfangslos und ewig, mächtig, empfindungsfähig und mit Sinneswahrnehmung ausgestattet, hörend und sehend.
Manche Leute waren der Ansicht, dass Gott, nachdem Er einige Zeit allein gewesen sei, schwermütig geworden sei und böse Gedanken in Ihm aufgekommen seien (Gott bewahre), woraufhin Er eine körperliche Gestalt angenommen und in die Dunkelheit gefallen sei und aus Ihm Iblīs entstanden sei. – Übernommen aus der Übersetzung von Bulūgh al-adab, Band drei, S. 130–131 – die beiden Herausgeber.) Manāt. Sie bezeichneten sich selbst als Anhänger Zarathustras. Ihre Religion und ihre Moral wurden durch die Irreführung der Mazdakiten entstellt. Sogar der Brauch, die leibliche Schwester zu heiraten, verbreitete sich unter ihnen.
Atheismus
Das Wesen des Atheismus
Diejenigen, die nur die Oberfläche der Dinge betrachten, werden durch das diesseitige Leben in große Verwirrung gestürzt. Manche meinen, Leben und Tod seien auf diese Welt beschränkt. Danach gebe es kein weiteres Leben. Deshalb sollst du alles, was du zu tun hast, hier tun. (Tafhīmāt, Band 2, S. 322–323).
Manche Leute erkennen keineswegs an, dass Allah der Erhabene der Schöpfer all dessen ist. All dies sei das Ergebnis der Bewegung der Materie. Oder das Ergebnis eines Zufalls, an dem weder die Hand eines Handwerkers noch irgendeine Kunstfertigkeit beteiligt sei. (Es sei darauf hingewiesen, dass der Qurʾān ebenfalls eine kurze Darstellung der Atheisten enthält und die Irrigkeit ihrer Lehre widerlegt. Das bedeutet, dass diese Gruppe auch in Arabien existierte, wenn auch nur in sehr geringer Zahl. Auf dieser Grundlage hat Mawlānā Mawdūdī diese Gruppe kurz erörtert. Über die arabischen Atheisten hat Allāma Maḥmūd ʿAlī die folgende Bemerkung angeführt. Über die arabischen Atheisten hat Allāma Shukrī al-Ālūsī die folgende Bemerkung gemacht: In Arabien gab es eine Gruppe von Atheisten, die das Kunstwerk völlig vom Künstler getrennt betrachtete. Ihre Aussage lautet, wie es im Qurʾān heißt, nämlich:(Arabisch******)Das heißt: Das Leben ist nur das Leben dieser Welt. (Wir werden geboren und sterben), und nichts außer der Zeit oder dem Lauf der Zeit vernichtet uns.
Die überzeugendere Lehre unter ihren beiden Gruppen wird folgendermaßen beschrieben:
Tatsächlich gibt es überhaupt keinen Ursprung und keinen Anfang. In Wirklichkeit geht alles lediglich von der Energie zur Tätigkeit über. Wenn daher etwas zunächst mit Energie ausgestattet ist und zur Tätigkeit hervortritt, entstehen die zusammengesetzte Materie und ihre Eigenschaften von selbst; sie werden nicht aus etwas anderem erschaffen. Außerdem sagen sie, dass die Welt seit Anbeginn existiert und auf diese Weise bis in alle Ewigkeit fortbestehen wird. Weder wird sich in ihr irgendeine Veränderung vollziehen, noch wird sie trotz ihrer Aktivität zugrunde gehen.
In Schahrastānīs Werk al-Milal wa-n-Niḥal wird über die Atheisten berichtet; die kurze Zusammenfassung lautet wie folgt:
Sie leugnen die Wiederbelebung der Schöpfung. Sie sagen: Die Natur schenkt das Leben, und die Zeit zerstört es. – Entnommen der Urdu-Übersetzung von Bulūgh al-Adab – die beiden Herausgeber
Widerlegung des Polytheismus und zugleich des Atheismus
Siehe hierzu den Vers 60 der Sure an-Naml. Es heißt: Wer ist es, der die Himmel und die Erde erschaffen und für euch Wasser vom Himmel herabgesandt hat, durch das Er schöne Gärten hervorbringt, deren Bäume ihr nicht hervorbringen könntet? Gibt es neben Allah etwa einen anderen Gott, der an diesen Werken beteiligt ist? (Nein.) Vielmehr weichen diese Menschen vom rechten Weg ab. – Tafhīm al-Qurʾān
In diesen Fragen und den darauffolgenden wird nicht nur der Polytheismus der Götzendiener widerlegt, sondern auch der Atheismus. So wird in der ersten Frage gefragt: Wer lässt den Regen herabfallen und bringt durch ihn verschiedenartige Pflanzen hervor? Wenn man gründlich darüber nachdenkt, wird man verstehen, dass die für das Leben verschiedener Pflanzen erforderlichen Bestandteile in genau der richtigen oder zumindest annähernd richtigen Menge in der Erde enthalten sind, dass sie fortwährend aus dem Meer emporgehoben und zu verschiedenen Zeiten genau an verschiedene Orte herabregnen, dass zwischen den Kräften der Erde, des Wassers, der Luft, der Wärme und dergleichen ein gegenseitiges Verhältnis sowie gegenseitige Unterstützung und Zusammenarbeit eingerichtet sind, um die Pflanzenwelt zu ernähren und wachsen zu lassen und alle Bedürfnisse der Vogelwelt zu erfüllen. Können all diese Dinge ohne den wohlgeordneten Plan, die weise Verwaltung, die unbezwingbare Macht und den unerschütterlichen Willen eines Allwissenden von selbst zufällig geschehen? Ist es möglich, dass jedes zufällige Ereignis nicht nur Tausende, sondern vielmehr Milliarden von Jahren hindurch derart vollkommen abläuft? Nur ein törichter Mensch kann aus blindem Hass darauf bestehen, dies als Zufall zu bezeichnen. Für einen wahrheitsliebenden, vernünftigen Menschen ist es unter keinen Umständen möglich, eine derart sinnlose Behauptung aufzustellen und sie als Wahrheit anzuerkennen. (Sure Saba, Anmerkung 76)
Ordnung und Harmonie sind kein Zufall
Dass die Erde zahlreichen Siedlungen verschiedenster Art Raum bietet, ist ebenfalls keine einfache Angelegenheit. Dieser Erdkörper schwebt im Weltraum, ohne sich auf irgendetwas zu stützen. Dennoch herrschen in ihm weder Unruhe noch Erschütterungen. Wäre er auch nur geringfügigen Erschütterungen ausgesetzt, könnten wir die furchtbaren Folgen bei einem Erdbeben leicht ermessen. Dann wäre jegliche Besiedlung seiner Oberfläche überhaupt nicht möglich. Um diesen Erdkörper ist bis zu einer Höhe von fünfhundert Meilen eine feine, dichte Luftschicht erhalten, die die Erde vor den verheerenden Einschlägen gefährlicher Meteoriten bewahrt. Andernfalls würden die täglich zwanzig Millionen Meteoriten, die mit einer Geschwindigkeit von dreißig Meilen pro Sekunde auf die Erde herabstürzen, auf ihr eine katastrophale Zerstörung anrichten. Diese Luftschicht reguliert auch die Temperatur. Sie lässt aus diesem Meer Dampf aufsteigen, bildet Wolken und sorgt dafür, dass an verschiedenen Orten Regen fällt. Sie liefert den Menschen, den Tieren und der Pflanzenwelt die notwendigen Gase. (Sie ist das Medium für die Übertragung und den Empfang unserer Laute, ohne das ein Gespräch nicht möglich wäre.) Mineralische und chemische Stoffe sind in großen Mengen bereitgestellt worden, die für Pflanzen, Tiere und Menschen unerlässlich sind. Auf dieser Erde sind in Form von Meeren, Flüssen, Seen, Teichen, Wasserfällen und Quellen unerschöpfliche Wasservorräte im Erdinneren vorhanden. Selbst auf den Gipfeln der Berge ist dafür gesorgt, dass Wasser gefriert und anschließend schmilzt und abfließt. Außerdem ist eine Anziehungskraft vorhanden, damit dieses Wasser, die Luft und alle auf der Erde verfügbaren Stoffe zusammengehalten werden. – Darüber hinaus ist eine Anziehungskraft vorhanden, damit alle auf dieser Erde verfügbaren Stoffe zusammengehalten werden. – Außerdem wurde diese Erde in einer besonderen Entfernung von der Sonne gehalten, die für alle auf ihr lebenden Wesen äußerst günstig ist. –
Hier wurden nur einige der zahlreichen Harmonieverhältnisse erwähnt, durch die die Erde gegenwärtig bewohnbar geworden ist. Wenn ein vernünftiger Mensch diese Dinge vor Augen führt und darüber nachdenkt, kann er auch nur für einen Augenblick nicht annehmen, dass diese Harmonieverhältnisse ohne den Plan eines weisen Schöpfers infolge eines Unfalls von selbst entstanden seien. Ebenso wenig kann er annehmen, dass irgendeine Gottheit, irgendein Dschinn, Prophet, Heiliger oder Engel auch nur das geringste Maß an Macht bei der Ausarbeitung und Umsetzung dieses gewaltigen Schöpfungsplans besitzt. (Rasāʾil wa-Masāʾil, Band 1, Seite 38)
Das Leben und seine Wiederbelebung oder Wiederholung
Die Lehre, dass sich alle für den Ursprung des Lebens erforderlichen Faktoren ganz zufällig und genau in der nötigen Menge zusammengefunden hätten und dadurch das Leben von selbst ins Dasein getreten sei, kann gewiss als eine unwissenschaftliche Fantasie der Atheisten gelten. Wendet man jedoch das mathematische Gesetz des plötzlichen Eintretens (Law of Changes) darauf an, so wird die Wahrscheinlichkeit eines solchen Ereignisses nichts anderes als null sein.
Das Leben findet sich nicht nur in einer einzigen Gestalt, sondern in unzähligen verschiedenen Formen. Bis heute sind auf der Erde etwa eine Million Tierarten und etwa zweihunderttausend Pflanzenarten entdeckt worden. Diese Millionen von Lebewesen unterscheiden sich in ihrem Aufbau und ihren artbedingten Merkmalen deutlich voneinander. Diese Verschiedenheit ist so eindeutig und unumstößlich, dass sie seit den frühesten Zeiten, von denen wir Kenntnis haben, ihre jeweiligen artspezifischen Formen und Gestalten ununterbrochen bewahrt haben. Daher wäre es selbst für einen Darwin unmöglich, für die gewaltigen Unterschiede zwischen den Lebensarten eine andere vernünftige Erklärung und Analyse zu liefern als den schöpferischen Plan (Design) des einen Allah.
Betrachten wir nun ein wenig die Wiederholung der Schöpfung. Der Schöpfer hat in der Gestalt, dem Aufbau und der Zusammensetzung jeder Tier- und Pflanzenart einen solchen mechanischen Apparat (Mechanism) eingerichtet, der aus ihren unzähligen individuellen Wesen ständig zahllose Nachkommen mit genau derselben artspezifischen Gestalt, demselben Verhalten und denselben Merkmalen hervorbringt. In diesen Milliarden kleiner Fabriken erzeugt keine Fabrik zur Hervorbringung einer bestimmten Art, selbst durch einen Fehler, ein Exemplar einer anderen Art. Die Untersuchungen und Beobachtungen der modernen Vererbungswissenschaft (Genetik) haben hierzu erstaunliche Erkenntnisse zutage gefördert. In jedem Pflanzensetzling ist die Fähigkeit angelegt, die Kontinuität seiner eigenen Art bis zu den folgenden Nachkommengenerationen durch eine derart vollständige Einrichtung fortzusetzen, dass die Nachkommen alle artspezifischen Unterscheidungsmerkmale besitzen und jedes einzelne Individuum gegenüber allen Individuen anderer Arten seine eigene artspezifische Gestalt und Beschaffenheit in unverwechselbarer Form richtig bewahren kann. Die Elemente dieser artspezifischen Beständigkeit und Fortpflanzung sind in einem Teil einer Zelle (Cell) jedes Setzlings geschützt. Ohne ein besonders leistungsfähiges Mikroskop können sie keineswegs gesehen werden. Dieser winzigste Ingenieur lenkt die Pflege und Entwicklung der Pflanze fehlerlos auf einen solchen Weg oder vielmehr auf den eigenen Weg ihres artspezifischen Abbilds!— Im Tierreich und bei der Menschheit zeigt sich ein entsprechender Zustand.
Bei keinem von ihnen ist die Schöpfung nach einem einzigen Hervorgehen zum Stillstand gekommen. Vielmehr lässt sich kaum ermessen, wie umfassend überall eine gewaltige Fabrik der Wiederholung der Schöpfung in Betrieb ist. Dort treten aus den verschiedenen individuellen Wesen jeder Art unzählige Wesen derselben Art weiterhin ins Dasein.—
Der Beginn all dieser Einrichtungen macht nicht nur die Existenz eines allwissenden und tiefgründigen Schöpfers unvermeidlich, sondern es bedarf auch unbedingt eines Lenkers und Regulators sowie eines ewig lebendigen, unvergänglichen Wesens (Gottes), damit sie in jedem Augenblick ordnungsgemäß fortbestehen können—eines Wesens, das nicht einen einzigen Augenblick bei der Leitung dieser Fabrik unachtsam sein wird.
So wie diese großen Wahrheiten und Erkenntnisse den Atheismus des Atheisten an der Wurzel beseitigen, beseitigen sie ebenso den Schirk des Mushrik an der Wurzel (Tafhim-ul-Qur’an, Sure an-Naml, Anmerkung 73).
Zwei Aspekte des Wesens der Weltordnung
(Arabisch*****)
Haben sie denn nie in sich selbst darüber nachgedacht? Allah hat die Erde und den Himmel und alles, was zwischen ihnen ist, in Wahrheit und für eine bestimmte Frist erschaffen. – Sure ar-Rum: 8
In diesem Abschnitt werden zwei weitere Beweise für das Jenseits vorgebracht. Es wird gesagt, dass der Mensch, wenn er die Weltordnung außerhalb seines eigenen Wesens und seiner Existenz aufmerksam betrachtet, zwei Wahrheiten erkennen wird.
Die eine ist, dass diese Welt in Wahrheit erschaffen worden ist. Sie ist kein Kinderspiel, bei dem jemand bloß zur Zerstreuung aus Lehm ein Spielhaus baut. Sowohl das Errichten dieses Hauses als auch sein Niederreißen wären sinnlos. Vielmehr ist diese Welt eine verantwortungsvoll eingerichtete Ordnung. Jedes ihrer kleinsten Teilchen bezeugt deutlich, dass sie mit vollkommener Weisheit und feinstem Bedacht gestaltet worden ist. In jedem ihrer Dinge wirken ein Gesetz und bestimmte Regeln. Alles in ihr ist zweckgerichtet. Die gesamte Kultur des Menschen, sein gesamtes Wirtschaftssystem sowie alle Wissenschaften und Künste bezeugen von selbst, dass es hier keinerlei Wissenschaft und keinerlei Zivilisation oder Kultur geben könnte, wenn man, nachdem man die hinter jedem Ding der Welt wirksamen Gesetzmäßigkeiten erkannt hätte, jedes Geschöpf als ein zweckloses Spielzeug wie eine Puppe hingestellt hätte. Wie könnte der menschliche Verstand und das menschliche Gewissen auf den Gedanken kommen, dass der Allweise, der diese Welt mit solch feiner Weisheit, mit Zweck und Ziel erschaffen, in ihr ein Wesen wie den Menschen mit hohen geistigen und körperlichen Kräften, mit Macht und Entscheidungsfähigkeit, mit der Freiheit zur Wahl und mit moralischem Empfinden ausgestattet und ihm die unzähligen Dinge seiner selbst geschaffenen Welt anvertraut hat, den Menschen ohne jeden Zweck erschaffen habe? Der Mensch soll auf der Erde Aufbauendes oder Zerstörerisches tun, Sünde oder Tugend, Gerechtigkeit oder Unrecht üben und Aufrichtigkeit oder Lüge annehmen, um dann einfach zu sterben und sich mit der Erde zu vermischen, ohne dass seine guten oder schlechten Taten irgendeine Vergeltung erfahren? Er soll durch jede einzelne seiner Taten im Leben seiner selbst und unzähliger Menschen wie ihm sowie an unzähligen Dingen der Welt gute oder schlechte Wirkungen hinterlassen und dann unmittelbar mit seinem Tod die gesamte Akte seiner Taten zusammengepackt und in den Fluss geworfen werden? Was könnte lächerlicher sein als das? Wenn man die Ordnung dieses Universums eingehend betrachtet, tritt die zweite Wahrheit deutlich hervor. Sie lautet: Hier ist nichts dauerhaft. Für jedes Ding ist eine bestimmte Lebensfrist festgelegt, und sobald diese Frist erreicht ist, endet es. Dasselbe gilt im Ganzen auch für die gesamte Schöpfung. Alle Kräfte, die hier wirksam sind, sind begrenzt. Sie bleiben bis zu einer bestimmten Zeit wirksam. Zu irgendeinem Zeitpunkt erlischt ihre Existenz unausweichlich, und damit findet auch diese Ordnung ihr Ende. Die Philosophen und Wissenschaftler früherer Zeiten, die die Erde für anfangslos und unvergänglich hielten, konnten wegen des begrenzten Wissens ihrer Zeit mit dieser Auffassung noch einigermaßen bestehen. Doch in dem lang andauernden Streit zwischen Atheisten und Allahgläubigen über die immerwährende Erneuerung und das Alter der Erde hat die moderne Wissenschaft endgültig die Ansicht der Allahgläubigen bestätigt. Den Atheisten bleibt unter Berufung auf ihre Klugheit und ihre Wissenschaft kein Raum mehr zu behaupten, die Welt bestehe seit aller Ewigkeit, werde bis in alle Ewigkeit fortbestehen und der Tag der Auferstehung werde niemals eintreten. Der alte Materialismus beruhte auf der Vorstellung, dass Materie niemals zerstört werde, sondern nur ihre Gestalt verändern könne. Auf dieser Grundlage konnte man sagen, dass diese materielle Welt weder einen Anfang noch ein Ende habe. Doch durch die heutige Entdeckung der Atomenergie hat sich diese Vorstellung als völlig falsch erwiesen. Heute ist entdeckt worden, dass Energie in Materie und Materie in Energie umgewandelt wird, sodass sie dann weder Gestalt noch irgendeine gestaltlose Form besitzt. Nun hat das zweite Gesetz der Thermodynamik bewiesen, dass diese materielle Welt weder anfangslos noch ewig und unvergänglich ist. Sie muss unausweichlich einen Anfang und ein Ende haben. Deshalb ist es auf wissenschaftlicher Grundlage nicht mehr möglich, den Tag der Auferstehung zu leugnen. Wenn die Wissenschaft sich in dieser Frage bereits ergeben hat, mit welcher Begründung sollte dann die Philosophie den Tag der Auferstehung leugnen? (Tafhim al-Qur’an, Sure an-Naml, Anmerkung 74)
Die Epoche vor Hazrat Musa (a.s.)
In der Nachkommenschaft von Hazrat Yaqub (a.s.), dem Sohn von Hazrat Ishaq (a.s.), wurden Hazrat Yusuf, Hazrat Musa, Hazrat Dawud, Hazrat Sulaiman, Hazrat Isa und weitere geehrte Propheten, Friede sei mit ihnen allen, geboren. Da der Name Hazrat Yaqubs (a.s.) Israel war, wurden seine Nachkommen Banu Isra’il genannt. Die Völker, die infolge ihrer Verkündigung ihre Religion annahmen, gaben entweder ihre Eigenständigkeit auf und gingen in ihnen auf, oder sie blieben zwar ihrer Abstammung nach von ihnen getrennt, wurden aber ihrer Religion nach zu ihren Anhängern. (Tafhim al-Qur’an, Sure an-Naml, Anmerkung 80)
Der Mythos dieses Volkes besagt, dass Allah mit ihrem erhabenen Vorfahren Hazrat Yaqub (a.s.) rang. Den ganzen Abend und die ganze Nacht dauerte der Ringkampf an. Es wurde Morgen, doch Allah konnte ihn nicht besiegen. Da sagte Allah: »Lass mich jetzt gehen.« Yaqub (a.s.) sagte: »Nein, ich werde dich nicht gehen lassen, solange du mir nicht einen Segen gewährst.« Allah sagte: »Dein Name soll nicht Yaqub, sondern Israel sein, denn du hast den Kraftvergleich zwischen Gott und dem Menschen gewonnen.« (Allah bewahre!) (Siehe die moderne Übersetzung von The Holy Sepulchre, Jewish Publications Society of America, 1954, Genesis, Kapitel 32, Verse 25–29. Auch in der von den Christen übersetzten Bibel wird dies so wiedergegeben. In der Anmerkung einer jüdischen Übersetzung wird die Bedeutung des Wortes Israel mit »He who striveth with God« – »derjenige, der mit Gott ringt« – angegeben. Anschließend haben christliche Gelehrte in der Enzyklopädie der biblischen Literatur das Wort Israel mit »Wrestler with God«, also »der mit Gott Ringende«, erklärt. Im Buch Hosea (Arabisch***)(Arabisch***) wird Hazrat Yaqub in folgenden Worten beschrieben: Er rang, solange er Kraft und Stärke besaß, mit Gott; danach auch mit den Engeln, und er siegte – Kapitel 12, Vers 4.418 (Sure ar-Rum, Anmerkung 6).
Die ruhmreiche Vergangenheit der Banu Isra’il
Einerseits wurden in diesem Geschlecht große Propheten wie Abraham (a.s.), Isaak (a.s.) und Josef (a.s.) geboren; andererseits wurde ihnen zur Zeit Josefs (a.s.) und auch danach das Glück zuteil, in Ägypten Herrschaft und Macht zu erlangen. Lange Zeit waren sie die bedeutendsten Herrscher der damals zivilisierten Welt, und ihr Einfluss und Ansehen erstreckten sich ringsum.
Gewöhnlich lässt man die Geschichte des Aufstiegs und Fortschritts der Kinder Israels mit Mose (a.s.) beginnen. Die koranische Erklärung hierzu lautet jedoch, dass die eigentliche Blütezeit und der wahre Fortschritt der Kinder Israels bereits vor Mose (a.s.) vergangen waren. Mose (a.s.) hielt seinem Volk seine ruhmreiche Vergangenheit vor Augen. (Sure al-Māʾida 5:20) – Sure al-Baqara, Anmerkung 123
Ursprung und Namensgebung des Judentums
Die Religion, die Mose (a.s.) und die früheren Propheten verkündeten, war nichts anderes als der Islam. Keiner dieser Propheten war Jude, und auch zu ihrer Zeit entstand das Judentum nicht. Der Ursprung dieser Religion unter diesem Namen liegt in einer viel späteren Epoche. Diese Religion wurde Juda, dem vierten Sohn Jakobs (a.s.), zugeschrieben, als diese Familie jenes Reich beherrschte, das Judäa genannt wurde. Die übrigen Stämme der Kinder Israels errichteten einen eigenen Staat, der unter dem Namen Samaria bekannt wurde. Danach zerstörten die Assyrer nicht nur Samaria, sondern löschten auch jede Spur jener israelitischen Stämme aus, die diesen Staat gegründet hatten. Daraufhin blieben nur die Nachkommen Judas und Benjamins übrig. Wegen des Einflusses und Ansehens des Stammes Juda wurden sie Judäer oder Juden genannt. Die Priester, Rabbiner und Gelehrten dieses Stammes schufen im Laufe von Jahrhunderten entsprechend ihren jeweiligen Vorstellungen, Neigungen und Tendenzen ein Gefüge aus Glaubensvorstellungen, Bräuchen, Verfahrensweisen und religiösen Riten; dieses wird Judentum oder jüdische Religion genannt. Die Herausbildung dieses Gefüges begann im vierten Jahrhundert v. Chr. und setzte sich bis zum fünften Jahrhundert n. Chr. fort.
Von der göttlichen Rechtleitung, die zu den Propheten gelangt war, war darin nur ein sehr geringer Teil enthalten, und ihre wesentlichen Inhalte waren verfälscht worden. Deshalb werden sie im Koran an vielen Stellen als(Arabisch****)angesprochen, das heißt: als Menschen, die zu Juden geworden sind. Nicht alle unter ihnen waren Israeliten; vielmehr gehörten dazu auch Menschen, die das Judentum angenommen hatten. Wo der Koran die Kinder Israels anspricht, verwendet er die Worte „Kinder Israels“. Wo dagegen die Anhänger des Judentums angesprochen werden, verwendet er die(Arabisch***)Worte. (Sure al-Māʾida, Anmerkung 42)
Die Juden zur Zeit Josefs (a.s.)
Moderne Forscher vertreten nach einem Vergleich der Bibel mit der ägyptischen Geschichte die Ansicht, dass der Herrscher unter den Hirtenkönigen (Kykoss Kings), der in der ägyptischen Geschichte Apophis genannt wird, ein Zeitgenosse Josefs (a.s.) war.
Die Hauptstadt Ägyptens war Misfis. Ihre Ruinen kann man vierzehn Meilen südlich von Kairo sehen. Josef (a.s.) erreichte sie im Alter von siebzehn oder achtzehn Jahren. Zwei oder drei Jahre blieb er im Haus des Aziz von Ägypten. Acht Jahre verbrachte er im Gefängnis. Im Alter von dreißig Jahren wurde er Herrscher Ägyptens und leitete achtzig Jahre lang uneingeschränkt die Regierung des Landes. Im neunten oder zehnten Jahr seiner Herrschaft holte er seinen Vater mit der gesamten Familie aus Palästina nach Ägypten. Er siedelte sie in der Gegend zwischen Kairo und Damiette an. In der Bibel wird diese Gegend Goschen oder Doschen genannt. (Im Talmud heißt es, dass Josef (a.s.), als die Nachricht von der Ankunft Jakobs (a.s.) die Hauptstadt erreichte, mit den bedeutenden Emiren und Würdenträgern des Reiches sowie hohen militärischen und zivilen Beamten zu seinem Empfang auszog und ihn unter großem Gepränge in die Hauptstadt brachte. Zwei Tage lang wurden Festlichkeiten abgehalten. An den Festumzügen nahmen alle teil, Männer und Frauen ebenso wie Kinder. Das ganze Land wurde von einer Welle der Freude und des Jubels überflutet. (Sure al-Haschr, Anmerkung 4) Bis zur Zeit Moses (a.s.) lebten sie in dieser Gegend. Nach dem Bericht der Bibel lebte Josef (a.s.) einhundertzehn Jahre. Als er starb, gebot er den Kindern Israels, bei ihrem Auszug aus Ägypten auch seine Gebeine mitzunehmen. (Sure al-Dschumuʿa, Anmerkung 10)
Durch ihn erlangten sie in Ägypten eine gefestigte Stellung. Er, nämlich Hazrat Yusuf (a.s.), war selbst ein Prophet. Nach ihm lag die Herrschaft über Ägypten vier- bis fünfhundert Jahre lang in ihren Händen. In dieser Zeit werden sie gewiss eine umfassende Tätigkeit zur Verbreitung des Islam in Ägypten entfaltet haben. Die Ägypter, die den Islam annahmen, unterschieden sich nicht nur in ihrer Religion, sondern auch in ihrer Kultur und ihrer gesamten Lebensweise von den nichtmuslimischen Ägyptern und wurden in derselben Weise wie die Kinder Israels geprägt. So wie die Hindus Indiens die Muslime (in der Zeit vor der Teilung) für Fremde hielten, betrachteten auch die Ägypter sie alle als Zugewanderte. Sie bezeichneten die ägyptischen Muslime als Kinder Israels, so wie nichtarabische Muslime als Mohammedaner bezeichnet wurden. Auch sie selbst hatten sich aufgrund ihrer religiösen, kulturellen und ehelichen Beziehungen von den nichtmuslimischen Ägyptern abgesondert und mit den Kindern Israels verbunden. Als deshalb in Ägypten eine starke nationalistische Bewegung einsetzte, richteten sich Unterdrückung und Verfolgung nicht nur gegen die Kinder Israels, sondern auch die ägyptischen Muslime wurden gemeinsam mit ihnen zu deren Opfern. Als die Kinder Israels anschließend das Land verließen, zogen auch die ägyptischen Muslime mit ihnen aus und wurden den Kindern Israels zugerechnet. (Aus verschiedenen Hinweisen und Andeutungen in der Bibel lässt sich diese Auffassung von uns stützen. So sagt der Verfasser der Bibel bei der Darstellung des Auszugs der Kinder Israels aus Ägypten im Buch Exodus, dass sich bei ihnen eine entsprechend große Volksmenge befand (12:38). Diese nichtisraelitischen Muslime wurden als fremde Zugewanderte bezeichnet. Unter den Weisungen, die Hazrat Musa (a.s.) in der Tora gegeben wurden, findet sich: Für euch und für diese Zugewanderten, die bei euch wohnen, soll von Generation zu Generation dasselbe Gesetz gelten. Auch die Zugewanderten sollen bei Gott denselben Rang besitzen wie ihr (25:14–15). Der Verfasser. (Sure Yusuf, Anmerkung 69)
Die nationalistische Revolution in Ägypten
Nach dem Ende der Zeit Hazrat Yusufs (a.s.) ereignete sich in Ägypten eine nationalistische Revolution. Als die Kopten erneut die Herrschaft an sich rissen, unternahm die nationalistische Regierung alle Anstrengungen, die Macht der Kinder Israels zu zerschlagen. Sie begnügten sich nicht damit, die Kinder Israels zu erniedrigen und zu demütigen und sie zu niedriggestellten Arbeiten einzusetzen, sondern führten auch die Politik ein, ihre Söhne zu töten und ihre Töchter am Leben zu lassen, um ihre Bevölkerungszahl zu verringern, damit ihre Frauen allmählich unter die Kontrolle der Kopten gelangen und aus ihnen anstelle eines israelitischen ein koptisches Geschlecht hervorgehen könne. Der Talmud berichtet hierzu außerdem, dass diese Revolution etwas mehr als ein Jahrhundert nach dem Tod Hazrat Yusufs (a.s.) stattfand. Die neue nationalistische Regierung beraubte die Israeliten zunächst ihres fruchtbaren Landbesitzes, ihrer Häuser und ihres sonstigen Vermögens und enthob sie anschließend aller verantwortungsvollen Ämter in der Regierung. Als die koptischen Herrscher danach feststellten, dass die Kinder Israels und die ihnen religionsverwandten Ägypter noch immer großen Einfluss besaßen, begannen sie, sie auf vielfältige Weise zu erniedrigen und zu demütigen. Sie ließen sie für geringen Lohn schwere Arbeit verrichten. Dies ist die Erklärung jener koranischen Darstellung, in der gesagt wird, dass der Pharao einen Teil der Bewohner Ägyptens erniedrigte und demütigte(Arabisch****) und in der Sure al-Baqara, wo Allah, der Erhabene, erklärt, dass das Haus Pharaos die Kinder Israels einer schweren Strafe unterwarf. (Sure Yusuf, Anmerkung 68)
Das Erscheinen Hazrat Musas (a.s.)
Die Kinder Israels führten mehrere Jahrhunderte lang ein Leben in Erniedrigung und Armut. Unter diesen Umständen ließ Allah, der Erhabene, Musa (a.s.) aus ihrer Mitte hervorgehen. Durch ihn befreite Er dieses Volk aus den Ketten der Sklaverei. Danach sandte Er ihnen ein Buch herab, und unter dessen Einfluss erlangte dieses niedergetretene und unterdrückte Volk das Licht der Rechtleitung und wurde zu einem berühmten Volk der Welt. (Sure Yusuf, Anmerkung 68)
Die Botschaft Hazrat Musas (a.s.)
Hazrat Musa (a.s.) begab sich mit einer Botschaft in zwei Punkten zum Pharao. Erstens: Er sollte die Anbetung Allahs (den Islam) annehmen; und zweitens: Er sollte das Volk der Kinder Israels, die bereits zuvor Muslime gewesen waren, von seiner Unterdrückung und Verfolgung befreien. (Sure al-Qasas, Anmerkung 5)
Andererseits lehrte Hazrat Musa (a.s.) die Kinder Israels Folgendes:
Erbittet Allahs Hilfe und seid geduldig. Dieses Land gehört Allah, und Er macht, wen Er will, zum Erben dieses Landes. Den endgültigen Erfolg haben diejenigen, die Ihn fürchten und danach handeln.
Die niedere Gesinnung der Kinder Israels
In dieser Krisenzeit bewiesen einige junge Männer und Frauen den Mut, die Wahrheit anzunehmen und den Verkünder der Wahrheit (Musa, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) als ihren Führer anzuerkennen. Doch ihren Eltern und den älteren Menschen ihres Volkes wurde dieses Glück nicht zuteil. Die Haltung, jede Gelegenheit auszunutzen, weltliche Interessen zu verfolgen und ein ungestörtes Leben zu führen, hatte sie so sehr beherrscht, dass sie diese Wahrheit nicht annehmen konnten. Denn sie hielten diesen Weg für äußerst riskant. Vielmehr hinderten sie die jungen Leute daran und sagten: „Nähert euch Musa (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) nicht! Sonst werdet ihr selbst den Zorn des Pharaos auf euch ziehen und auch über uns Unheil bringen.“ (Sure as-Sadschda, Anmerkung 36)
Der Grund für ihr solches Verhalten war nicht, dass sie auch nur den geringsten Zweifel daran gehabt hätten, dass der ehrenhafte Musa (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) ein wahrhaftiger Mensch war und seine Botschaft auf der Wahrheit beruhte. Der Grund war vielmehr, dass weder sie noch ihre älteren und angesehenen Männer bereit waren, durch ihre Unterstützung Musas (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) der Grausamkeit des Pharaos zum Opfer zu fallen. Obwohl sie ihrer Abstammung und Religion nach zur Gemeinschaft Ibrahims, Ishaqs, Yaqubs und Yusufs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihnen) gehörten, hatte die durch ihr Sklavenleben entstandene Feigheit ihnen jede Kraft genommen, selbst die Bannerträger des Glaubens und der Rechtleitung gegenüber der Herrschaft des Unglaubens und des Irrwegs zu sein oder den Bannerträgern beizustehen. (Sure al-A’raf, Anmerkung 86) Es sei darauf hingewiesen, dass es eine Periode der Unterdrückung und Verfolgung gab, als vor der Geburt Musas (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) Ramses II. herrschte. Eine zweite Periode der Verfolgung begann nach dem Auftreten Musas, während der Herrschaft des Pharaos Merneptah. In beiden Perioden galt dieselbe Praxis: Die Söhne der Kinder Israels wurden getötet, während man ihre Töchter am Leben ließ. (Sure Yunus, Anmerkung 78)
Welche Rolle die gewöhnlichen Israeliten in diesem Konflikt zwischen Musa (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) und dem Pharao spielten, lässt sich aus dem folgenden Abschnitt der Bibel erahnen:
Als sie (Musa und Harun) vom Pharao herauskamen, sahen sie, dass sie (die Israeliten) auf der Straße standen, um ihnen zu begegnen. Sie sagten: „Der Herr richte zwischen euch und uns! Ihr habt uns beim Pharao und seinen Dienern verhasst gemacht und ihm ein Schwert in die Hand gegeben, mit dem er uns töten kann.“ Exodus 6:20–21.
Im Talmud wird berichtet, dass die Kinder Israels zu Musa (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) und Harun (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) sagten: „Unser Beispiel ist wie das einer Ziege, die von einem Wolf gepackt wurde, während der Hirte versucht, sie zu retten. Als dann beide an ihr zerrten, wurde die Ziege in Stücke gerissen. Genauso werden wir durch das Zerren zwischen euch und dem Pharao zugrunde gehen.“ (Sure Yunus, Anmerkung 79)
Die Auswanderung der Kinder Israels aus Ägypten (Anstatt ausführlich zu erörtern, auf welche Weise Musa (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) dem Pharao seine Botschaft darlegte, welche Vorwürfe gegen ihn erhoben wurden, welche warnenden Strafen während seiner Zeit über die Pharaonen kamen und in welchem Zustand sich die Israeliten selbst befanden, wollen wir den historisch bedeutsamen Aspekt hervorheben: Da sie auf die Botschaft Musas (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) nur mit Ablehnung antworteten, schlug Musa (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) auf Allahs Geheiß zur Befreiung der Kinder Israels den Weg der Auswanderung ein. – Die Herausgeber)
Das Wüstenleben des Volkes Moses
Der Prophet Moses (Friede sei mit ihm) zog mit den Kindern Israels durch die Sinai-Halbinsel und gelangte über Elim und Rephidim in Richtung des Berges Sinai. Danach blieben sie dort etwas mehr als ein Jahr. (Die Geschichte des Wüstenlebens der Kinder Israels ist in vielerlei Hinsicht von großer Bedeutung. In dieser Zeit wurden sie auf wundersame Weise mit besonderen Gaben bedacht. Zugleich kamen durch verschiedene irrige Verhaltensweisen die Spuren ihres früheren Sklavenlebens zum Vorschein. Zu ihrer Besserung arbeitete der Prophet Moses (Friede sei mit ihm) hart. In dieser Hinsicht war dies eine Zeit der Ausbildung. – Die beiden Herausgeber.) Hier wurden ihm die meisten Gebote der Thora offenbart.
Der Befehl zum Angriff auf Palästina
Danach wurde ihm befohlen, Palästina zusammen mit den Kindern Israels zu erobern. Es war euch zum Erbe gegeben worden. Daraufhin gelangte der Prophet Moses (Friede sei mit ihm) mit den Kindern Israels über den Weg von Abarim und Hazeroth in die Wüste Paran. Von dort aus entsandte er eine Abordnung, um die Lage in Palästina zu erkunden. An einem Ort namens Kadesch legte diese Abordnung ihren Bericht vor. Mit Ausnahme von Josua und Kaleb war der Bericht der Abordnung entmutigend. Als die Kinder Israels ihn hörten, erhoben sie ein Wehgeschrei und weigerten sich, zum Feldzug nach Palästina aufzubrechen.
Die zweite Zeit des ziellosen Umherwanderns in der Wüste als Strafe
Von Allah, dem Erhabenen, wurde beschlossen, dass die Kinder Israels vierzig Jahre lang wie Verirrte in dieser Gegend umherwandern und außer Josua und Kaleb keiner ihrer gegenwärtigen Nachkommen das Land Palästina erblicken sollte. Danach irrten die Kinder Israels zwischen der Wüste Paran, der Wüste Schur und der Wüste Zin umher und gerieten mit den Amalekitern, Amoritern, Edomitern, Midianitern, den Bewohnern Moabs und anderen in Streit und Auseinandersetzungen.
Die Eroberung Palästinas und die darauffolgende Zeit
Die Eroberung Palästinas
Kurz vor Ablauf der vierzig Jahre starb Hazrat Harun (a.s.) auf dem Berg Hor. Danach zog Hazrat Musa (a.s.) zusammen mit den Banū Isrāʾīl in die Region Moab ein, eroberte das gesamte Gebiet und gelangte bis nach Cheschbon und Schittim. Hier tat Hazrat Musa (a.s.) auf dem Berg Abarim seinen letzten Atemzug. Nach seinem Tod überquerte sein erster Nachfolger, Hazrat Josua, den Jordan von Osten her und eroberte die Stadt Jericho, auch Ariha genannt. Dies war die erste Stadt Palästinas, die in den Besitz der Banū Isrāʾīl gelangte; danach fiel ihnen innerhalb kurzer Zeit ganz Palästina in die Hände. (Vor der Eroberung Palästinas waren die Banū Isrāʾīl in verschiedene Versuchungen und Unruhen verstrickt. Nach der Eroberung erhoben sich unter ihnen Unrecht und Verderbnis. Auch die Folgen davon mussten sie tragen.
Die Warnung Hazrat Musas (a.s.) zum Schutz der Banū Isrāʾīl vor dem Niedergang
In Vers 7 der Sure Ibrahim ermahnte Hazrat Musa (a.s.) sie folgendermaßen: „Und denkt daran, dass euer Herr angekündigt hatte: Wenn ihr dankbar seid, werde Ich euch gewiss noch reichlicher beschenken; wenn ihr jedoch Meine Gaben verleugnet, so erwartet euch von Mir eine harte Strafe.“ (Derartige Ermahnungen waren notwendig, weil die Banū Isrāʾīl, nachdem sie mit den von Allah verliehenen Gaben beschenkt worden waren, immer wieder Ungehorsam und Undankbarkeit zeigten. Hazrat Musa, Friede sei mit ihm, bemühte sich um ihre Besserung und regte sie zur Reue an. Es war nicht unbegründet, ihnen gegenüber den Verdacht zu hegen, dass der Satan sie leicht in Ungehorsam versinken lassen würde, wenn sie den Gipfel des Sieges über Palästina erreicht hätten. Deshalb wurden sie auf dieses Gesetz Allahs aufmerksam gemacht, das sich in Form des Ungehorsams von Völkern auswirkt, die mit Reichtum beschenkt worden sind. – Die beiden Herausgeber)
Eine ausführliche Darstellung der zu diesem Thema gehaltenen Rede ist in der Bibel im fünften Buch der Tora überliefert. In dieser Rede, die Hazrat Musa (a.s.) einige Tage vor seinem Tod hielt, forderte er die Banū Isrāʾīl auf, sich an die wichtigen Ereignisse ihrer Geschichte zu erinnern. Danach wiederholte er anhand des Buches der Tora die Gebote, die durch ihn an die Banū Isrāʾīl übermittelt worden waren. Anschließend hielt er eine lange Ansprache. —- Einige Teile seiner Rede sind äußerst bewegend und lehrreich. Als Beispiel seien im Folgenden einige davon angeführt:
Wenn du aber nicht auf die Stimme des HERRN, deines Gottes, hörst und nicht sorgfältig alle Gebote und Satzungen befolgst, die ich dir heute gebiete, dann werden all diese Flüche über dich kommen und dich erreichen. Verflucht wirst du sein in der Stadt und verflucht wirst du sein auf dem Feld. —— Bei allem, woran du Hand anlegst, wird der HERR Fluch, Verwirrung und Verwünschung über dich senden. —- Bis du aus dem Land, in das du einziehst, um es in Besitz zu nehmen, ausgerottet bist, wird der HERR dich der Pest preisgeben. —- Der Himmel über deinem Haupt wird zu Bronze und die Erde unter dir zu Eisen werden. —- Der HERR wird dich vor deinen Feinden geschlagen werden lassen. Auf einem Weg wirst du gegen sie ausziehen, aber auf sieben Wegen wirst du vor ihnen fliehen. Du wirst eine Tochter zur Frau nehmen, aber ein anderer Mann wird mit ihr verkehren. Du wirst ein Haus bauen, aber nicht darin wohnen dürfen; du wirst einen Weinberg anlegen, aber seine Früchte nicht genießen. Dein Rind wird vor deinen Augen geschlachtet werden, — und du wirst den Feinden, die der HERR gegen dich senden wird, in Hunger, Durst, Blöße und völligem Mangel dienen; und sie werden ein eisernes Joch auf deinen Nacken legen, bis er dich vernichtet hat. — Und der HERR wird dich von einem Ende der Erde bis zum anderen unter alle Völker zerstreuen. – (28:15–16) (Sure Taha, Anmerkungen, 53–54)
Hazrat Josuas korrigierender Aufruf
Siebzig Jahre nach dem Auszug aus Ägypten (als Banū Isrāʾīl dem Götzendienst verfielen – der Herausgeber) lässt sich aus dem, was Hazrat Josua bin Nun, der erste Nachfolger von Hazrat Musa (a. s.), in seiner letzten Ansprache vor der versammelten Menge sagte, leicht ermessen, wie sehr das Leben in der ägyptischen Sklaverei die Gesinnung von Banū Isrāʾīl verdorben hatte. Seine Ansprache lautete wie folgt:
Darum fürchtet nun den HERRN und dient ihm in Aufrichtigkeit und Wahrheit. Entfernt die Götter, denen eure Väter jenseits des Flusses (Euphrat) und in Ägypten dienten, und dient dem HERRN. Wenn es euch schlecht erscheint, dem HERRN zu dienen, dann erwählt heute, wem ihr dienen wollt. —- Ich aber und mein Haus, wir wollen dem HERRN dienen. – Josua 24:14–15
Daraus lässt sich schließen, dass dieses Volk selbst nach einem vierzigjährigen Leben unter der Leitung und Tarbiyat von Musa und einem achtundzwanzigjährigen Leben unter der Leitung und Tarbiyat von Hazrat Josua jene Einflüsse nicht aus seinem Herzen und Verstand beseitigen konnte, die sich während der Zeit seiner Unterwerfung unter den Pharao bis in sein Mark und Bein ausgebreitet hatten. (Die Verdorbenheit und Feigheit dieses Volkes werden im Koran ausführlich beschrieben. Dazu gehören seine Abneigung, in Ägypten dem Ruf von Hazrat Musa zu folgen; die Verehrung des Kalbes unter dem Einfluss Samiris unmittelbar nach der Befreiung aus Ägypten; sein wiederholtes Fragen, als Hazrat Musa ihm befahl, das Rind zu schlachten, anstatt den Befehl aufrichtig zu befolgen; seine Forderung nach der alten Nahrung der Stadt, obwohl es in der Wüste Sinai Manna und Wachteln als eine Gabe Allahs kostenlos erhalten hatte, anstatt Dankbarkeit zu zeigen; seine Weigerung, im Dschihad den Anweisungen zu gehorchen; die Übertretung der Vorschriften des Yaum as-Sabt; die Verfälschung des Buches Allahs; die Tötung der Propheten und das Erteilen von Wissen gegen Geld, um ihnen fälschlich Schuld zuzuschreiben; das Verbergen der Wahrheit – kurzum, die gesamte Geschichte der Kinder Israels ist auf diese Weise von solchen Verfehlungen und Makeln gezeichnet. – Die beiden Sammler
Nach der Eroberung Palästinas
Nach dem Tod von Hazrat Musa, als die Kinder Israels in Palästina einzogen, lebten dort verschiedene Völker, etwa Hethiter, Amoriter, Kanaaniter, Hiwiter, Jebusiter, Philister und andere. Unter ihnen war eine äußerst verderbliche Form des Schirks verbreitet. Die gesamte göttliche Herrschaft war unter zahlreichen Göttern aufgeteilt. Diesen Göttern wurden derart abscheuliche Eigenschaften und Handlungen zugeschrieben, dass selbst ein moralisch völlig verkommener Mensch es nicht gewünscht hätte, mit ihnen bekannt zu werden. In ihrer Gesellschaft war die Opferung von Kindern allgemein üblich. Ihre Heiligtümer waren zu Treffpunkten der Unzucht geworden. Frauen zu Göttinnen zu machen, sie in den Heiligtümern zu halten und mit ihnen Unzucht zu treiben, wurde als Gottesdienst angesehen.
In den Weisungen, die den Kindern Israels durch Hazrat Musa in der Tora gegeben worden waren, war eindeutig festgelegt, dass sie jene Völker vernichten, Palästina aus ihrer Hand entreißen und sich sowohl vom Zusammenleben mit ihnen als auch von ihren moralischen und glaubensbezogenen Verfehlungen fernhalten sollten.
Doch als die Kinder Israels in Palästina einzogen, vergaßen sie diese Weisungen. Sie errichteten keinen einheitlichen Staat. Sie verfielen dem Stammesfanatismus. Jeder Stamm zog es vor, einen Teil des eroberten Gebietes für sich zu nehmen und sich abzusondern. (Die Stämme, unter die das kleine Gebiet Palästinas aufgeteilt wurde, waren: die Kinder Judas, die Kinder Simeons, die Kinder Dans, die Kinder Benjamins, die Kinder Ephraims, die Kinder Rubens, die Kinder Gads, die Kinder Manasses, die Kinder Issachars, die Kinder Sebulons, die Kinder Naphtalis, die Kinder Asers und andere. – Forschung des Verfassers.)
Da sie auf diese Weise getrennt voneinander lebten, war kein Stamm stark genug, sein eigenes Gebiet vollständig von den Götzendienern freizuhalten. Schließlich akzeptierten sie das Zusammenleben mit den Götzendienern. Die erste Folge, die sie zu erleiden hatten, war, dass durch jene Völker der Schirk unter ihnen eindrang und zugleich der Weg für weiteren moralischen Unrat und andere Verfehlungen geöffnet wurde. (Die zweite Folge, die sie zu erleiden hatten, war, dass jene Völker, deren Stadtstaaten man unabhängig bestehen gelassen hatte, sich mit den Philistern, deren gesamtes Gebiet unbesiegt geblieben war, gegen die Kinder Israels verbündeten und wiederholt Angriffe führten, durch die sie sie aus weiten Gebieten verdrängten. Sogar die Bundeslade nahmen sie ihnen weg. Schließlich erkannten die Kinder Israels die Notwendigkeit, unter einem Herrscher ein einheitliches Königreich zu errichten. – Die drei Herrscher dieses einheitlichen Königreichs waren Hazrat Talut, Hazrat Dawud und Hazrat Sulayman. Diese Herrscher vollbrachten jene Aufgaben, die die Kinder Israels nach Musa unerledigt gelassen hatten. – Verfasser, 437 (Sure Ibrahim, Anmerkung 12)
Aus der Bibel ist bekannt, dass bis zur Zeit Taluts die Städte Sidon, Tyrus, Dor, Megiddo, Bet-Schean, Geser, Jerusalem und andere im Besitz der Götzendiener waren und dass die heidnische Zivilisation dieser Städte großen Einfluss auf die Kinder Israels ausübte. Außerdem bestanden an den Grenzen der israelitischen Stämme ausgesprochen mächtige Staaten der Philister, Edomiter, Moabiter und Ammoniter. Sie führten immer wieder Angriffe durch und entrissen den Israeliten weite Gebiete. Schließlich war die Lage so weit gekommen, dass die Kinder Israels von dort schimpflich vertrieben worden wären, wenn Allah, der Erhabene, die Israeliten nicht rechtzeitig unter der Führung Taluts vereinigt hätte. (Sure al-A’raf, Anmerkung 98)
Die Zeit des ersten Niedergangs der Kinder Israels
Nach Hazrat Suleiman (a. s.) wurden die Israeliten auf schreckliche Weise von weltlicher Habgier und Begehrlichkeit ergriffen. Sie führten gegeneinander Kriege und errichteten zwei getrennte Königreiche. Im Norden Palästinas und im Osten Jordaniens entstand der Staat Israel. Schließlich wurde Samaria zu seiner Hauptstadt bestimmt. Im Süden Palästinas und in der Region Edom entstand der Staat Judäa. Jerusalem wurde seine Hauptstadt. Zwischen diesen beiden Staaten begannen vom ersten Tag an erbitterte Rivalität, Zwietracht und Streit, die bis zuletzt anhielten.
Unter ihnen wurden die Herrscher und Bewohner des israelitischen Staates zuerst und am stärksten von den polytheistischen Vorstellungen und Überzeugungen sowie dem moralischen Fehlverhalten der benachbarten Völker beeinflusst. Hazrat Ilyas und Hazrat al-Yasa, Friede sei mit ihnen beiden, unternahmen verzweifelte Anstrengungen, diese Flut einzudämmen. Doch dieses Volk kehrte von dem Niedergang, auf den es zueilte, nicht mehr um. Schließlich kam Gottes Zorn in Gestalt der Assyrer über die Israeliten, und bis zum neunten Jahrhundert v. Chr. setzten sich die fortwährenden Angriffe der siegreichen Assyrer auf Palästina fort.
Im Jahr 620 v. Chr. eroberte Sargon, der grausame Herrscher von Assur, Samaria und setzte damit dem Staat Israel ein Ende.
Auch der zweite Staat der Kinder Israels, der im Süden Palästinas unter dem Namen Judäa gegründet worden war, verfiel nach Hazrat Suleiman (a. s.) sehr bald dem Polytheismus und der Sittenlosigkeit.
Obwohl die Assyrer auch diesen Staat wie den Staat Israel fortwährend angriffen, seine Städte zerstörten und seine Hauptstadt belagerten, ging er nicht durch die Assyrer unter. Er blieb lediglich ein tributpflichtiger Verbündeter. Schließlich führte der König von Babylon, Nebukadnezar, im Jahr 587 v. Chr. einen umfassenden Angriff durch und verwandelte alle großen und kleinen Städte Judäas in Ruinen. Jerusalem und den Tempel Salomos ließ er so vollständig dem Erdboden gleichmachen, dass keine einzige seiner Mauern stehen bleiben konnte. Eine große Zahl von Juden vertrieb er aus ihrem Gebiet und zerstreute sie über verschiedene Länder. (Sure al-Isra, Anmerkung 7)
Eine weitere von Allah gewährte Gelegenheit
Nach dem Sieg der Assyrer konnten die Bewohner Samarias und Israels sich aus dem tiefsten Niedergang in Glauben, Glaubensüberzeugung und Moral nicht mehr erheben. Unter den Bewohnern Judäas jedoch gab es noch einige Menschen. Unter den in Judäa Verbliebenen setzten sie ihre Reform- und Verbesserungsarbeit fort. Unter denjenigen, die nach Babylon und in andere Gebiete verbannt worden waren, weckten sie den Antrieb zur Reue. Danach kam ihnen die Gnade Allahs zu Hilfe. Das babylonische Reich fiel. Im Jahr 531 v. Chr. eroberte der iranische Welteroberer Kyros (Khurs oder Chosrau) Babylon. In seinem zweiten Regierungsjahr erließ er einen Erlass, wonach den Israeliten die Rückkehr in ihr eigenes Land und ihre dortige Wiederansiedlung gestattet wurde.
Kyros erlaubte den Juden den Wiederaufbau des Tempels Salomos. Doch die benachbarten Stämme, die sich in jener Region angesiedelt hatten, stellten einige Zeit lang Hindernisse auf. Schließlich ernannte Dareios I. (Dara) im Jahr 522 v. Chr. Serubbabel, den Enkel des letzten Königs von Judäa, zum Statthalter von Judäa. Unter der Aufsicht des Propheten Haggai, des Propheten Sacharja und des Hohepriesters Esra ließ er den heiligen Tempel wiederaufbauen.
Zu dieser Zeit leistete Esra (a.s.) Bedeutendes für die Wiederbegründung der Religion des Propheten Moses (a.s.). Er versammelte alle rechtschaffenen und wohlgesinnten Angehörigen des jüdischen Volkes aus allen Gegenden und gründete eine feste Organisation. Er redigierte und veröffentlichte die Bücher der Bibel einschließlich der Tora. Er sorgte für die religiöse Unterweisung der Juden. Nachdem er die Gesetze der Scharia in Kraft gesetzt hatte, begann er, jene geistigen und moralischen Mängel zu korrigieren, die durch den Einfluss fremder Völker bei den Israeliten Eingang gefunden hatten. Die Juden wurden gezwungen, sich von den polytheistischen Frauen scheiden zu lassen, die sie geheiratet hatten. Von den Kindern Israels wurde erneut der Eid abgenommen, Allah zu dienen und Seine Gesetze zu befolgen. Nach einhundertfünfzig Jahren wurde Bayt al-Maqdis wieder besiedelt und entwickelte sich zum Zentrum der jüdischen Religion und Zivilisation.
Die griechische Vorherrschaft und die Makkabäerbewegung
Im Jahr 98 v. Chr. eroberte Antiochos III. Palästina. Er war der Herrscher des Seleukidenreiches, dessen Hauptstadt Antiochia war. Dieser griechische Eroberer war religiös ein Polytheist und zudem ein Willkürherrscher. Er duldete weder die jüdische Religion noch deren Zivilisation und Kultur. Um ihr entgegenzutreten, übte er politischen und wirtschaftlichen Druck aus und begann, die griechische Zivilisation zu verbreiten; und aus den Reihen der Juden selbst wurde ein großer Teil zu seinen Marionetten. Diese Einmischung von außen führte zu einer Spaltung innerhalb des jüdischen Volkes. Die eine Gruppe übernahm die griechische Kleidung, Sprache, Gesellschaftsordnung und die griechischen Sportarten, während die andere an ihrer eigenen Zivilisation festhielt.
Als Antiochos IV. im Jahr 157 v. Chr. den Thron bestieg – sein Beiname war Epiphanes, das heißt „Erscheinung Gottes“ –, wollte er durch den Einsatz diktatorischer Gewalt die jüdische Religion und Zivilisation vollständig beseitigen. Die ausführlichen Erlasse, durch die der allgemeine religiöse Glaube der Juden, ihre gottesdienstlichen Handlungen, religiösen Symbole und die Grundsätze ihrer Gesellschaftsordnung ins Visier genommen wurden, werden hier nicht erwähnt. Doch die Juden unterwarfen sich dieser Tyrannei nicht. Vielmehr begann unter ihnen eine große Bewegung, die in der Geschichte als Makkabäeraufstand bekannt ist. Zwar zeigten die von den Griechen beeinflussten Juden Sympathie für die Griechen und unterstützten die Tyrannen Antiochias bei der Niederschlagung des Makkabäeraufstands uneingeschränkt, doch die geistige Kraft der Frömmigkeit, die Esra (a.s.) den gewöhnlichen Juden eingehaucht hatte, war so stark, dass sie sich allesamt den Makkabäern anschlossen. Schließlich vertrieben sie die Griechen und errichteten ihren religiösen Staat. Dieser Staat bestand bis zum Jahr 67 v. Chr. fort. Sein Gebiet dehnte sich aus und umfasste das gesamte Gebiet, das einst den beiden Staaten Juda und Israel unterstanden hatte. Darüber hinaus gelangte auch ein großer Teil Philistäas in ihre Hände, der selbst zur Zeit des Propheten David (a.s.) nicht hatte erobert werden können. (Sure al-Isra, Anmerkung 7)
Die zweite Katastrophe und ihre Folgen
Die religiösen und moralischen Impulse, unter denen die Makkabäerbewegung begonnen hatte, verfielen allmählich. Der religiöse Antrieb erschöpfte sich in weltlicher Habgier und leblosen äußerlichen Zeremonien. Schließlich kam es unter ihnen zu einer Spaltung, und sie riefen den römischen Eroberer Pompeius nach Palästina. Daher wandte sich Pompeius im Jahr 63 v. Chr. der Eroberung Palästinas zu, nahm Bayt al-Maqdis ein und zerstörte die Unabhängigkeit der Juden. Die feste Politik der römischen Eroberer bestand jedoch darin, in den eroberten Gebieten nicht unmittelbar zu regieren, sondern örtliche Herrscher einzusetzen und durch sie ihre Ziele zu verwirklichen. Deshalb errichtete er in Palästina einen einheimischen Staat unter seiner Oberhoheit. Schließlich gelangte dieser Staat im Jahr 40 v. Chr. in die Hände eines listigen Juden namens Herodes. Er war als Herodes der Große bekannt. Einerseits hielt er die Juden durch die Förderung der religiösen Führer zufrieden, andererseits stellte er den Kaiser zufrieden, indem er die römische Zivilisation verbreitete und äußerste Ergebenheit gegenüber dem Römischen Reich zeigte. Zu jener Zeit erreichte der religiöse und moralische Verfall der Juden seinen Höhepunkt.
Im Jahr 41 n. Chr. setzten die Römer Herodes Agrippa, den Enkel Herodes’ des Großen, als Herrscher über jene Gebiete ein, die unter der Herrschaft Herodes’ des Großen gestanden hatten. Nachdem Herodes Agrippa die Macht erlangt hatte, ließ er die Anhänger des Messias (a.s.) aufs Äußerste verfolgen.
Um sich ein zutreffendes Bild vom Zustand der jüdischen religiösen Führer jener Zeit zu machen, muss man die Kritik kennen, die der Prophet Jesus (a.s.) in seinen Reden an ihnen übte.
Vor den Augen dieses Volkes wurde ein so charaktervoller und untadeliger Mensch wie der geehrte Yahya (a.s.) enthauptet. Doch niemand von ihnen erhob seine Stimme gegen diese teuflische Tat. Danach forderte das gesamte Volk die Hinrichtung des geehrten Isa (a.s.). —- Ja, als Pontius Pilatus diese elenden Menschen fragte —– „Sagt: Soll ich Isa freilassen oder den Räuber Barabbas?“ Da sagte die gesamte Menge einstimmig: „Lasst Barabbas frei.“ Dies war gleichsam die endgültige Konsequenz aller Beweise und Argumente, die Allah gegen dieses Volk vorgebracht hatte.
Schon kurze Zeit später kam es zu einem erbitterten Konflikt zwischen den Juden und den Römern. Zwischen den Jahren 164 und 166 n. Chr. erklärten die Juden offen den Aufstand.——
Schließlich schlug das Römische Reich den Aufstand mit harten militärischen Maßnahmen nieder, und im Jahre 70 n. Chr. eroberte Titus Jerusalem mit Gewalt. Bei dem Massaker wurden damals einhundertdreiunddreißigtausend Menschen getötet. Sechsundsiebzigtausend wurden gefangen genommen und zu Sklaven gemacht. Tausende wurden zwangsweise zur Arbeit in ägyptische Bergwerke geschickt. Tausende Menschen wurden in verschiedenen Städten eingesetzt, um sie den wilden Tieren in Amphitheatern und Kolosseen zum Fraß vorzuwerfen oder sie zu Opfern von Schwertkämpfen zu machen. Großgewachsene, schöne Mädchen wurden für die Sieger ausgewählt. Die Stadt Jerusalem und der Tempel wurden in Ruinen verwandelt. Danach verschwand der jüdische Einfluss in Palästina derart, dass sie zweitausend Jahre lang keine Gelegenheit hatten, wieder den Kopf zu erheben. (Sure al-Isra, Anmerkung 7)
Verfälschungen in der Tora (Die Veränderungen und Erweiterungen, die jüdische Prediger, Kommentatoren, Redner und Schriftgelehrte aus eigener Hand in das Wort Allahs eingefügt haben, bildeten das Gerüst des Judentums. – Die Herausgeber)
In der fünften Schrift der Tora wird die letzte Ansprache des geehrten Musa (a.s.) wiedergegeben; darin wird von den Kindern Israels wiederholt der folgende Eid abgenommen:
Prägt euch die Anweisungen, die ich euch übermittelt habe, tief ins Herz ein, lehrt sie die künftigen Generationen, beschäftigt euch mit ihnen beim Aufstehen und beim Sitzen, im Wachsein und im Schlaf, und schreibt sie an die Türpfosten eurer Häuser.
Danach sagt er in seinem Vermächtnis: Nachdem ihr die Grenze Palästinas betreten habt, soll eure erste Aufgabe darin bestehen, auf dem Berg Ebal große Steine aufzustellen und darauf die Anweisungen der Tora einzumeißeln.
Außerdem übergab der geehrte Musa (a.s.) den Kindern Levi eine Abschrift der Tora und wies sie an, alle Menschen – Männer und Frauen, Kinder ohne Ausnahme – alle sieben Jahre am Tag des Chajjam-Festes an verschiedenen Orten zu versammeln und ihnen das gesamte Buch (die Tora) Wort für Wort vorzutragen. Dennoch nahm das Desinteresse der Kinder Israels am Buch Allahs allmählich so stark zu, dass siebenhundert Jahre nach dem geehrten Musa selbst der Erbe des Salomonischen Tempels und der jüdische Herrscher Jerusalems nicht einmal wusste, dass sich bei ihnen ein Buch namens Tora befand.
Der größte Fehler der jüdischen Gelehrten bestand darin, dass sie das Wissen aus dem Buch Allahs nicht verbreiteten, sondern es innerhalb einer besonderen Klasse von Rabbinen und religiösen Geschäftemachern geheim hielten und es, ganz zu schweigen von den gewöhnlichen Menschen, sogar dem Zugriff der jüdischen Allgemeinheit entzogen. Als sich dann aufgrund der allgemeinen Unwissenheit unter ihnen Missstände ausbreiteten, bemühten sich die Gelehrten nicht nur nicht darum, sie zu reformieren und zu korrigieren; vielmehr stellten sie, um ihre Beliebtheit beim Volk zu bewahren, den Irrlehren und Neuerungen, die sich unter den Menschen verbreiteten, durch ihre Worte und Taten oder durch stillschweigende Duldung einen Freibrief aus. (Sure al-Isra, Anmerkung 9)
Sie veränderten nicht nur die Bedeutung des göttlichen Wortes nach ihrem eigenen Belieben, sondern vermischten auch ihre eigenen Auslegungen, die nationale Geschichte, Aberglauben und Mutmaßungen, erfundene Philosophien sowie aufgrund ihrer eigenen Überlegungen entstandene Gesetze und Vorschriften mit dem göttlichen Wort. (Nach den Worten des Korans war der Zustand der jüdischen Gelehrten folgender: Die meisten jüdischen Gelehrten, Geistlichen und Asketen verzehrten den Besitz der Menschen unrechtmäßig und hielten sie vom Weg Allahs ab – Sure at-Tauba 34. Die Unterdrücker verkauften Rechtsgutachten, nahmen Bestechungsgelder an und plünderten Opfergaben und Gelübde. Sie erfanden solche religiösen Bräuche, dass die Menschen ihre Argumente bei ihnen kaufen konnten. Nichts in ihrem Leben und Sterben oder bei ihren Eheschließungen konnte geschehen, ohne dass sie damit zufrieden waren, und die Menschen betrachteten sie als ihre Beauftragten zur Bestimmung ihres Schicksals. Doch damit nicht genug: Diese religiösen Geschäftemacher verstrickten die Menschen um ihres eigenen Vorteils willen in die Netze der Irreführung. Wenn sich eine Stimme der Wahrheit erhob, waren sie entschlossen, als Erste ihre Netze der Täuschung auszuwerfen, um ihr den Weg zu versperren.) All dies stellten sie den Menschen so dar, als stamme es von Allah. Jede historische Philosophie, die Auslegung jedes Kommentators, die Vorstellungen und Glaubensüberzeugungen jedes philosophischen Gelehrten über Allah sowie die rechtlichen Forschungen jedes Schriftgelehrten fanden Eingang in die Bibel, und all dies wurde zum Wort Allahs (Word of God). Daran zu glauben wurde zur Pflicht erklärt, und sich davon abzuwenden bedeutete, sich von der Religion abzuwenden.
Unserer Kenntnis nach ist das fünfte Buch des Alten Testaments (Pentateuch) nicht die eigentliche Tora. Die eigentliche Tora ist vom Erdboden verschwunden. Eine Bestätigung dieser Auffassung findet sich sogar im Alten Testament selbst. Daraus erfahren wir, dass Hadhrat Musa, Friede sei mit ihm, am Ende seines Lebens mit Hilfe Hadhrat Yushas die Tora zusammenstellte und sie in einer Truhe aufbewahrte (Genesis 31:24–27). Nach seinem Tod, als Bakht Nasr im sechsten Jahrhundert v. Chr. Jerusalem in Brand setzte, verbrannte auch jene heilige Truhe mitsamt den Büchern, die die Erneuerer seiner Scharia nach Hadhrat Musa verfasst hatten. Zweihundertfünfzig Jahre nach dieser Zerstörung verfasste Hadhrat Uzair, Friede sei mit ihm, gemäß dem Bericht der Bibel dieses Buch gemeinsam mit den Priestern und Geistlichen der Kinder Israels mithilfe göttlicher Eingebung neu. Doch der Lauf der Zeit ließ auch dieses neu verfasste Buch nicht in seinem ursprünglichen Zustand bewahren. Als die Flut der weltweiten Eroberungen Alexanders des Großen sich zusammen mit dem griechischen Reich, mit Wissenschaft, Wissen und Literatur, über den Nahen Osten ausbreitete, wurden im Jahr 280 v. Chr. alle Bücher der Tora ins Griechische übersetzt. Danach wurden die hebräischen Abschriften nach und nach aufgegeben, und die griechische Übersetzung setzte sich durch. Daher reicht die Überlieferung der Tora, die heute vor uns liegt, keineswegs bis zu Hadhrat Musa zurück. Das bedeutet jedoch nicht, dass die gegenwärtige Tora keinen Teil der eigentlichen Tora enthält oder vollständig gefälscht ist. Was wir tatsächlich sagen wollen, ist Folgendes: In dieser Tora wurde vieles mit der ursprünglichen Tora vermischt. Was wir tatsächlich sagen wollen, ist Folgendes: In dieser Tora wurde vieles mit der ursprünglichen Tora vermischt. Ebenso ist es nicht ausgeschlossen, dass vieles aus der ursprünglichen Tora nicht in sie aufgenommen wurde. Wenn heute jemand dieses Buch mit tiefem Einblick studiert, wird er deutlich empfinden, dass in diesem Buch die Auslegungen der jüdischen Gelehrten, die nationale Geschichte der Kinder Israels, die rechtlichen Forschungen der israelitischen Schriftgelehrten und vieles andere derart mit dem Wort Allahs vermischt sind, dass es äußerst schwierig ist, daraus das Wort Allahs herauszulösen und gesondert zu erkennen. Es ist äußerst schwierig, daraus das Wort Allahs herauszulösen und gesondert zu erkennen.
In diesem Zusammenhang möchten wir auch unmissverständlich klarstellen, dass die Religion der Tora aus koranischer Sicht dieselbe war wie die Religion des Korans; und so wie Muhammad, Friede sei mit ihm, ein Prophet des Islam war, war auch Hadhrat Musa, Friede sei mit ihm, ein Prophet des Islam. Die Kinder Israels folgten anfangs eben dieser Religion. Später jedoch nahmen sie entsprechend ihren eigenen Neigungen zahlreiche Veränderungen an der ursprünglichen Religion vor und schufen unter dem Namen des Judentums ein neues religiöses System. (Das heißt: Die gegenwärtige Tora ist nicht der von Hadhrat Musa, Friede sei mit ihm, gebrachte Islam, sondern der Ausdruck des Judentums, der entstellten Form jener Religion des Islam. – Die Herausgeber) (Sure al-Baqara, Anmerkung 16)
Mit der Tora sind in Wirklichkeit jene Weisungen gemeint, die nach dem Beginn des Prophetentums von Moses (a.s.) bis zu seinem Tod etwa vierzig Jahre lang auf ihn herabgesandt wurden. Zehn dieser Gebote waren auf Steintafeln eingraviert und ihm übergeben worden. Die übrigen Weisungen ließ Moses (a.s.) niederschreiben, fertigte davon zwölf Abschriften an und verteilte sie unter den zwölf Stämmen der Kinder Israels. Eine Abschrift wurde auch den Kindern Levis gegeben, damit sie sie bewahren konnten. Der Name dieses Buches war Tora. Als dauerhaftes Buch wurde sie bis zur ersten Zerstörung von Bait al-Maqdis aufbewahrt. Die Abschrift, die den Kindern Levis gegeben worden war, wurde zusammen mit den Steintafeln in die Bundeslade gelegt. Die Kinder Israels kannten sie ausschließlich unter dem Namen Tora. Ihre Gleichgültigkeit ihr gegenüber ging so weit, dass während der Herrschaft des Königs Josia von Juda, als der Salomonische Tempel renoviert wurde, der Hohepriester – das heißt der Stellvertreter des Tempels und höchste religiöse Führer des Volkes – plötzlich an einem Ort ein aufbewahrtes Exemplar der Tora entdeckte. Er hielt es für eine erstaunliche Sache und übergab es dem königlichen Schreiber. Dieser legte es dem König wiederum so vor, als sei etwas Außergewöhnliches entdeckt worden. Daher kam es, dass das vergessene ursprüngliche Buch der Tora der Kinder Israels, von dem nur sehr wenige Exemplare existierten, für immer verschwand, als Nebukadnezar Jerusalem eroberte und die gesamte Stadt samt dem Tempel in Trümmer legte. Danach kehrten zur Zeit Esras die verbliebenen Kinder Israels aus der babylonischen Gefangenschaft nach Jerusalem zurück, und Bait al-Maqdis wurde wiederaufgebaut. Da verfasste Esra mit Unterstützung einiger Ältester des Volkes die gesamte Geschichte der Kinder Israels. Sie ist heute in den ersten siebzehn Büchern der Bibel enthalten. In vier Büchern dieser Geschichte – dem zweiten Buch (Exodus), dem dritten Buch (Levitikus), dem vierten Buch (Numeri) und dem fünften Buch (Deuteronomium) – wird das Leben von Moses (a.s.) beschrieben. Auch jene Aussagen der Tora, die Esra und seine älteren Mitarbeiter erhalten hatten, wurden entsprechend der chronologischen Reihenfolge ihrer Offenbarung an den passenden Stellen in diese Lebensbeschreibung eingefügt. Heute bezeichnet man als Tora die Gesamtheit jener Teile der Tora, die verstreut und voneinander getrennt in der Lebensgeschichte von Moses (a.s.) enthalten sind. Man erkennt sie daran, dass dort, wo der Verfasser der Lebensgeschichte sagt: „Gott sagte zu Moses (a.s.) dies“ oder „Moses (a.s.) sagte: Euer Gott sagt dies“, ein Teil der Tora beginnt. Wo erneut die eigentliche Lebensbeschreibung einsetzt, beginnt ebenfalls ein Teil der Tora. Und wo wiederum die Lebensbeschreibung einsetzt, endet ein Teil der Tora. Für den gewöhnlichen Leser ist es sehr schwer zu erkennen, ob das, was der Verfasser der Bibel dazwischen als Kommentar und Erklärung hinzugefügt hat, ein Teil der ursprünglichen Tora oder lediglich deren Auslegung und Erläuterung ist. Diese entstellte Tora ist die Quelle des Judentums. Lehrreich ist jedoch, dass die Juden niemals versucht haben, die Tora in der Form, in der sie sie vorfanden und anerkannten, zu verwirklichen. Sie haben ihre Weisungen weder gewissenhaft verkündet noch umgesetzt. Deshalb stellte der Koran die Frage:(Arabisch *****)(Sure al-Baqara, Anmerkung 90)
Die religiöse und gesellschaftliche Lage der Juden zur Zeit des Erscheinens des Propheten Muhammad (s.a.s.)
Es gibt keine zuverlässige Geschichte der Juden Arabiens
Nirgendwo auf der Welt existiert eine zuverlässige Geschichte der Juden Arabiens. In keinem Buch und keiner Inschrift haben sie eine Darstellung hinterlassen, die Aufschluss über ihre Vergangenheit geben könnte. Auch jüdische Historiker und Schriftsteller außerhalb Arabiens erwähnen sie nicht. Deshalb heißt es, dass sie sich nach ihrer Ankunft im arabischen Land von ihren Volksgenossen absonderten, sodass die Juden der Welt sie keineswegs zu den ihren zählten. Denn sie hatten sogar die hebräische Sprache, die Zivilisation und ihre Namen aufgegeben und die Lebensweise der Araber angenommen. In den Inschriften, die in den Ruinen des Hedschas gefunden wurden, findet sich kein Hinweis auf Juden aus der Zeit vor dem ersten christlichen Jahrhundert; man findet dort vielmehr nur einige jüdische Namen. Daher stützt sich der größte Teil der Geschichte der Juden Arabiens auf die unter den Arabern verbreiteten Legenden, von denen ein Teil von den Juden selbst verbreitet wurde.
Die Juden des Hedschas behaupteten, sie hätten sich erstmals gegen Ende der Zeit von Moses (a.s.) hier angesiedelt. Ihre Geschichte schildern sie folgendermaßen: Moses (a.s.) entsandte eine Gruppe von Soldaten, um die Amalekiter aus Yathrib zu vertreiben. Er gab ihnen außerdem den Befehl, keinen einzigen Angehörigen dieses Volkes am Leben zu lassen. Die Soldaten der Kinder Israels kamen hierher und führten den Befehl des Propheten aus. Doch ein junger Sohn des Königs der Amalekiter war außerordentlich ansehnlich. Sie ließen ihn am Leben und kehrten mit ihm nach Palästina zurück. Zu jener Zeit war Moses (a.s.) bereits verstorben. Seine Nachfolger kritisierten dies scharf und erklärten, einen Amalekiter am Leben zu lassen, stehe völlig im Widerspruch zum Befehl des Propheten und zu den Vorschriften der Scharia. Deshalb schlossen sie jene Soldaten aus ihrem Verband aus, und diese mussten nach Yathrib zurückkehren und sich dort niederlassen. – Kitāb al-Aġānī, Band 19, S. 94.
So behaupteten die Juden, sie hätten sich zwölfhundert Jahre vor Jesus (a.s.) hier angesiedelt. Dafür gibt es jedoch keinen historischen Beweis. Wahrscheinlich ersannen die Juden diese Geschichte, um bei den Arabern Einfluss und Ansehen zu gewinnen, indem sie sich als Nachkommen eines alten und vornehmen Geschlechts darstellten.
Nach den eigenen Berichten der Juden fand ihre zweite Auswanderung im Jahr 587 v. Chr. statt, als Nebukadnezar, der König von Babylon, Bait al-Maqdis zerstörte und die Juden über die ganze Welt zerstreute. Die Juden Arabiens sagten, dass ihre verschiedenen Stämme damals ins arabische Land kamen und sich in Wādī al-Qurā, Taymāʾ und Yathrib niederließen (Futūḥ al-Buldān – al-Balādhurī). Doch auch dafür gibt es keinen historischen Beweis. Wahrscheinlich wollten sie auch dadurch ihr hohes Alter und ihre frühe Ansässigkeit nachweisen.
Tatsächlich steht fest, dass im Jahr 77 n. Chr., als die Römer in Palästina die Juden massenweise töteten und sie anschließend im Jahr 102 n. Chr. von dort vertrieben, zahlreiche jüdische Stämme flohen und im Hedschas Zuflucht suchten. Diese Region grenzte im Süden an Palästina. Nach ihrer Ankunft blieben sie überall dort, wo sie Quellen und fruchtbares, wasserreiches Land vorfanden. Allmählich dehnten sie durch Verschwörungen und das Betreiben von Wuchergeschäften ihren Einfluss und ihre Macht über diese Gegend aus. Schon damals errichteten sie ihre Herrschaft über Aila, Maqna, Tabuk, Taymāʾ, Wādī al-Qurā, Fadak und Chaibar. Auch die Stämme Banū Quraiẓa, Banū Naḍīr, Banū Bahdal und Banū Qainuqāʿ sowie weitere Stämme bemächtigten sich damals Yathribs und ließen sich dort nieder.
Unter den Siedlern in Yathrib waren die Stämme Banu Nadir und Banu Quraiza besonders bekannt, weil sie der Priesterklasse angehörten. Unter den Juden galten sie als vornehm. Innerhalb ihres eigenen Volkes besaßen sie die Herrschaft über einen religiösen Staat. Als sie sich in Medina niederließen, lebten dort bereits einige arabische Stämme. Nachdem sie diese besiegt hatten, bemächtigten sie sich des fruchtbaren, wasserreichen Landes. Etwa drei Jahrhunderte später, im Jahr 450 oder 451 n. Chr., ereignete sich im Jemen eine große Überschwemmung, auf die im zweiten Ruku der Sure Saba hingewiesen wird. Wegen dieser Überschwemmung waren die verschiedenen Stämme des Volkes von Saba gezwungen, den Jemen zu verlassen und sich in verschiedenen Teilen Arabiens auszubreiten. Unter ihnen siedelten sich die Ghassaniden in Syrien, die Lachmiden in Hira (Irak), die Banu Chuza’a zwischen Dschidda und Mekka sowie Aws und Chazradsch in Yathrib an. Da die Juden ihre Herrschaft über Yathrib errichtet hatten, gewährten sie Aws und Chazradsch zunächst keinerlei Gelegenheit, sich zu behaupten. Diese beiden arabischen Stämme waren gezwungen, auf unfruchtbaren Landstrichen zu leben. Schließlich brachten sie ein Heer herbei und zerschlugen die Macht der Juden. Dadurch erlangten Aws und Chazradsch die vollständige Herrschaft über Yathrib. Die beiden großen jüdischen Stämme Banu Nadir und Banu Quraiza waren gezwungen, sich außerhalb der Stadt niederzulassen. Da der dritte Stamm, Banu Qaynuqa, mit diesen beiden Stämmen in Feindschaft lag, blieb er innerhalb der Stadt. Um dort bleiben zu können, musste er jedoch den Schutz des Stammes Chazradsch suchen. Dagegen stellten sich Banu Nadir und Banu Quraiza unter den Schutz des Stammes Aws, damit sie in den Vororten Yathribs sicher leben konnten.
Die Lage der Juden zur Zeit des Auftretens des Propheten (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm)
Vor der Ankunft des Gesandten Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) in Medina und bis zum Beginn der Hidschra war die Lage der Juden im Hedschas im Allgemeinen und insbesondere in Yathrib folgende:
In Kleidung und Tracht, Sprache, Zivilisation und Kultur waren sie in jeder Hinsicht von den Arabern geprägt. Sogar die Namen der überwältigenden Mehrheit von ihnen waren arabisch geworden. Von den zwölf jüdischen Stämmen, die sich im Hedschas niederließen, trug außer Banu Zawra kein einziger einen hebräischen Namen. Außer einigen wenigen ihrer Gelehrten beherrschte niemand auch nur die hebräische Sprache. In der Dichtkunst der jüdischen Dichter des Zeitalters der Unwissenheit, die uns überliefert ist, findet sich hinsichtlich Sprache, Gedankenwelt und Inhalt kein Merkmal, das sie von den arabischen Dichtern unterscheiden würde. Zwischen ihnen und den Arabern wurden auch eheliche Beziehungen geschlossen. Tatsächlich gab es zwischen ihnen und den gewöhnlichen Arabern außer der Religion keinen Unterschied. Dennoch gingen sie nicht völlig in der arabischen Bevölkerung auf, sondern bewahrten ihre jüdische Engstirnigkeit strikt. Nach außen hin nahmen sie das Arabertum an, weil sie andernfalls nicht in Arabien hätten leben können.
Abbildung: ——————–
Wegen dieser Annahme des Arabertums gerieten die Orientalisten in die Vorstellung, dass es sich möglicherweise nicht um die Kinder Israels, sondern um Araber jüdischen Glaubens gehandelt habe oder dass zumindest die Mehrheit von ihnen arabische Juden gewesen sei. Es gibt jedoch keinen historischen Beleg dafür, dass die Juden im Hedschas jemals religiöse Missionsarbeit betrieben oder dass ihre Gelehrten, wie christliche Priester und Missionare, die Araber zum Judentum eingeladen hätten. Im Gegenteil sehen wir, dass unter ihnen ein fanatischer Stolz darauf, Israeliten zu sein, sowie ein ausgeprägter Sippenstolz und Hochmut herrschten. Die Araber nannten sie Ummis. Ummi bedeutet nicht ungebildet, sondern wild und barbarisch. Ihre Überzeugung war, dass die Ummis nicht der Menschenrechte würdig seien, die den Israeliten zustünden. Für die Israeliten sei es erlaubt und geheiligt, ihren Besitz auf erlaubte oder unerlaubte Weise zu plündern und zu verzehren. Mit Ausnahme der arabischen Oberhäupter hielten sie die gewöhnlichen Araber nicht einmal für würdig, zum Judentum bekehrt und ihnen gleichgestellt zu werden. Es gibt keinen historischen Beleg und auch kein Zeugnis in der arabischen Überlieferung dafür, dass ein arabischer Stamm oder eine größere Familie das Judentum angenommen hätte. Allerdings wird durchaus erwähnt, dass einzelne Menschen Juden wurden. Außerdem waren die Juden nicht an der Verbreitung der Religion, sondern ausschließlich am Handel interessiert. Deshalb breitete sich das Judentum im Hedschas nicht als Religion aus. Es blieb vielmehr lediglich der Stolz und Hochmut einiger israelitischer Stämme als ihr einziges Kapital. Die jüdischen Gelehrten und frommen Männer betrieben jedoch den Handel mit Amuletten, Wahrsagerei und Zauberei sehr eifrig, wodurch ihr Wissen und ihre religiöse Praxis Einfluss auf die Araber ausübten. (Al-Dschihad fil-Islam, S. 380–382)
Ihre wirtschaftliche Lage
Im Vergleich zu den arabischen Stämmen war ihre wirtschaftliche Lage sehr stark. Da sie aus den stärker zivilisierten Regionen Palästinas und Syriens kamen, kannten sie viele Fertigkeiten und Kniffe, die den Arabern unbekannt waren. Sie unterhielten auch Handelsbeziehungen mit der Außenwelt. Aus diesen Gründen lag der Import von Getreide und anderen Nahrungsmitteln nach Yathrib und in den nördlichen Hedschas sowie der Export von Datteln aus diesen Gebieten in ihren Händen. Der größte Teil der Hühner- und Fischzucht befand sich unter ihrer Kontrolle. Sie stellten Textilien her. An verschiedenen Orten unterhielten sie Weinschenken; Wein wurde aus Syrien eingeführt und dort verkauft. Die meisten Goldschmiede, Schmiede und Gefäßhersteller unter den Banu Qaynuqa übten diese Berufe aus. In diesen Handelsgeschäften betrieben die Juden übermäßige Gewinnsucht. Ihr größtes Geschäft war jedoch der Wucher. In diesem Wuchernetz hielten sie die arabischen Bewohner der Umgebung gefangen. Besonders die Scheiche und Anführer der arabischen Stämme waren davon besessen, sich durch immer neue Schulden Prunk und Macht zu verschaffen. So gerieten sie in das Netz der Schulden bei den Juden. Diese verliehen Geld zu hohen Zinssätzen, und anschließend verstrickte sich der Schuldner durch den Zinseszins derart, dass es äußerst schwierig wurde, sich daraus zu befreien. Auf diese Weise hatten sie die Araber wirtschaftlich völlig ausgehöhlt. Die natürliche Folge davon war, dass unter den Arabern allgemein Hass gegen sie herrschte. Ihre Handels- und Wirtschaftsinteressen verlangten, dass sie nicht zum Freund des einen und zum Feind des anderen Arabers wurden und sich auch nicht in deren gegenseitige Streitigkeiten einmischten. Andererseits verlangten ihre Interessen auch, dass man den Arabern nicht gestattete, geeint zu bleiben, sondern sie vielmehr dazu gebracht wurden, gegeneinander zu kämpfen und zu streiten. Denn sie wussten, dass die arabischen Stämme, sobald sie sich miteinander vereinigten, ihnen die riesigen Grundstücke, Gärten und fruchtbaren Ländereien, deren Besitzer sie durch Wuchergeschäfte geworden waren, nicht belassen würden. Außerdem musste sich jeder ihrer Stämme zu seiner eigenen Sicherheit unter den Schutz eines mächtigen Stammes stellen, damit niemand Hand an ihn legen konnte. Deshalb mussten sie sich nicht nur an den Kämpfen zwischen den arabischen Stämmen beteiligen; oftmals schloss sich auch ein jüdischer Stamm gemeinsam mit seinem verbündeten arabischen Stamm dem Kampf gegen einen anderen jüdischen Stamm der Chazradsch an. In der blutigen Schlacht, die kurz vor der Hidschra bei einem Ort namens Bu’ath zwischen Aws und Chazradsch stattfand, kämpften sie jeweils an der Seite ihrer Verbündeten. (Tafhim al-Qur’an, Sure Al-i-Imran, Anmerkung 2)
die äußerliche Hülle zur demonstrativen Zurschaustellung von Frömmigkeit
Die Juden glaubten an den Tawhid, die Risala, die Offenbarung, das Jenseits und die Engel. Sie erkannten auch die von Allah ihrem Propheten, dem ehrwürdigen Musa (a.s.), auferlegten schariatischen Vorschriften an. Im Grunde war auch ihre Religion jener Islam, den der Prophet Muhammad (s.a.s.) lehrte. Doch jahrhundertelanger Niedergang hatte sie weit von der ursprünglichen Religion entfernt. (Damals waren seit dem Ableben Musas (a.s.) ungefähr neunzehn Jahrhunderte vergangen. Nach der israelitischen Geschichtsschreibung starb der ehrwürdige Musa (a.s.) im Jahr 1272 v. Chr., während der Prophet Muhammad (s.a.s.) im Jahr 610 n. Chr. mit dem Rang des Prophetentums ausgezeichnet wurde – der Verfasser.)
Sie bemühten sich darum, dass er bei seinem Reformwerk keinen Erfolg haben sollte. In Wirklichkeit waren sie vom rechten Weg abgekommene Muslime. Wegen Neuerungen in der Religion, der Verfälschung der Wahrheit, der Beschäftigung mit Haarspaltereien, dem Parteienstreit, dem Verschwenden von Zeit mit unwichtigen Dingen unter Vernachlässigung wichtiger Angelegenheiten (das Gehirn wegwerfen und an den Knochen nagen), dem Vergessen Allahs und dem Aufgehen in weltlicher Gier und Verlangen sowie aus ähnlichen Gründen erreichte ihr Niedergang einen derartigen Höhepunkt, dass sie sogar ihren ursprünglichen Namen Muslim vergaßen und nicht mehr Muslime sein wollten, sondern bloß Juden blieben. Sie machten Allahs Religion zu einem erblichen Besitz des israelitischen Stammes. (Sure al-Haschr, Einleitung)
religiöser und stammesbezogener Fanatismus
Die Juden waren der Auffassung, dass Treuhänderschaft, Gewissenhaftigkeit, Ehrlichkeit und Vertrauenswürdigkeit nur im gegenseitigen Umgang unter Juden gelten sollten. Es sei nicht falsch, das Vermögen derjenigen zu unterschlagen, die keine Juden sind. Dies war nicht bloß eine auf Unwissenheit beruhende Vorstellung der jüdischen Allgemeinheit; vielmehr war das gesamte religiöse System des Judentums so gestaltet, dass es in moralischen Angelegenheiten auf Schritt und Tritt zwischen Israeliten und Nichtisraeliten unterschied: Was für Israeliten unrechtmäßig ist, ist für andere erlaubt. Was den Israeliten zusteht, steht den Nichtisraeliten nicht zu. So heißt es beispielsweise in der Bibel: „Von den Fremden darfst du es eintreiben; was du aber bei deinem Bruder hast, soll deine Hand erlassen.“ (Deuteronomium 15:3.) An einer Stelle wird die Erhebung von Zinsen verboten. Doch heißt es: „Dem Fremden darfst du auf Zins leihen, aber deinem Bruder sollst du nicht auf Zins leihen.“ (Deuteronomium 23:20.) An einer anderen Stelle steht: „Wenn jemand von seinen Brüdern, den Kindern Israels, einen Menschen stiehlt und ihn wie einen Sklaven behandelt oder verkauft und dabei ertappt wird, so soll dieser Dieb getötet werden.“ (Deuteronomium 24:7.) Im Talmud heißt es: Wenn ein Ochse eines Israeliten den Ochsen eines Nichtisraeliten verletzt, muss dafür kein Schadensersatz geleistet werden. Verletze jedoch der Ochse eines Nichtisraeliten den Ochsen eines Israeliten, müsse Schadensersatz geleistet werden. Wenn jemand irgendwo einen liegen gebliebenen Gegenstand findet, soll er feststellen, zu welchen Leuten die benachbarte Ansiedlung gehört. Gehört sie Israeliten, muss er den Fund bekannt geben. Gehört sie Nichtisraeliten, soll er den Gegenstand an sich nehmen. Rabbi Ismael sagt: Wenn ein Rechtsstreit zwischen einem Nichtisraeliten und einem Israeliten vor den Richter kommt und der Richter seinen Glaubensbruder nach israelitischem Recht zum Sieger machen kann, soll er ihn zum Sieger erklären und sagen, dies sei nach ihrem Recht geschehen. Kann er ihn nach dem Recht der Nichtisraeliten zum Sieger machen, soll er ihn zum Sieger erklären und sagen, dies sei nach eurem Recht geschehen. Wenn er ihn jedoch nach keinem Recht zum Sieger machen kann, soll er ihn durch jede beliebige List im Prozess zum Sieger machen. Rabbi Schamuel sagt: Jede Gelegenheit zum Vorteil aus einem Fehler des Nichtisraeliten muss genutzt werden. (Sure al-Haschr, Einleitung)
das Hauptsächliche beiseitelassen und sich an Kleinigkeiten festklammern
Die jüdischen Gelehrten befolgten die kleineren Vorschriften der Scharia mit großer Sorgfalt. Vielmehr verbrachten sie ihre gesamte Zeit mit einer gründlichen Erörterung von Einzelheiten. Ihre Schriftgelehrten hatten nach langem Nachdenken über diese Einzelheiten entsprechende Entscheidungen getroffen. Doch der Schirk war in ihren Augen eine derart geringfügige Angelegenheit, dass sie weder selbst daran dachten, sich davon fernzuhalten, noch irgendeinen Versuch unternahmen, das Volk vor schirkischen Denkweisen und Handlungen zu bewahren. Auch ihr Gewissen hinderte sie nicht daran, Freundschaften mit den Götzendienern zu schließen und ihnen Hilfe und Unterstützung zu leisten. (Sure al-Baqara, Einleitung)
die Verfälschung der Scharia zugunsten vornehmer Leute
Wie die Juden sich von ihren religiösen Vorschriften abgewandt hatten, zeigt sich an jenem Fall, den die Juden von Chaibar dem Propheten (s.a.w.s.) zur Entscheidung vorlegten. Der Sachverhalt war folgender: Eine Frau aus einer angesehenen Familie von Chaibar hatte mit einem Mann eine unerlaubte sexuelle Beziehung. Nach der Tora bestand ihre Strafe in der Steinigung, das heißt, sie sollte durch Steinwürfe getötet werden (Deuteronomium 22:23–24). Die Juden wollten diese Strafe jedoch nicht vollstrecken. Daher berieten sie sich untereinander und beschlossen, den Propheten Muhammad (s.a.w.s.) in diesem Fall als Schiedsrichter anzuerkennen. Würde er ein anderes Urteil als die Steinigung fällen, wollten sie es akzeptieren. Würde er jedoch auf Steinigung erkennen, wollten sie es nicht annehmen. Daraufhin wurde der Fall dem Propheten vorgetragen. Er ordnete die Steinigung an, doch sie weigerten sich, dies zu akzeptieren. Der Prophet (s.a.w.s.) fragte sie: „Welche Strafe sieht eure Religion dafür vor?“ Sie antworteten: „Auspeitschen, das Gesicht mit Kalk beschmieren und die Person rückwärts auf einen Esel setzen.“ Der Prophet (s.a.w.s.) beschwor ihre Gelehrten und fragte sie: „Ist dies in der Tora die Strafe für einen verheirateten Ehebrecher beziehungsweise eine verheiratete Ehebrecherin?“ Sie gaben erneut eine lügnerische Antwort. Doch ein Mann namens Ibn Suriyya, der nach eigener Aussage der Juden zu jener Zeit ein großer Kenner der Tora war, schwieg. Der Prophet (s.a.w.s.) wandte sich an ihn und sagte: „Bei Allah, der euch aus der Hand des Pharao errettet und euch auf dem Berg Tur die Scharia gegeben hat, frage ich dich: Welche Strafe ist in der Tora tatsächlich für Ehebruch vorgeschrieben?“ Er antwortete: „Wenn du mich nicht mit diesem Eid beschworen hättest, hätte ich es nicht gesagt. Die Strafe für Ehebruch ist tatsächlich die Steinigung. Als jedoch der Ehebruch in unserer Gesellschaft zunahm, führten unsere Herrscher die Gepflogenheit ein, angesehene Leute freizulassen, wenn sie Ehebruch begingen. Angehörige der unteren Schichten wurden dagegen gesteinigt. Als daraufhin unter dem Volk Unzufriedenheit aufkam, änderte man das Gesetz dahingehend, dass der Ehebrecher beziehungsweise die Ehebrecherin nach der Auspeitschung mit kalkbeschmiertem Gesicht rückwärts auf einen Esel gesetzt werden sollte. (Sure Al-i Imran, Anmerkung 64)
Veränderung des Erlaubten und Verbotenen in der Scharia
Als die Juden gegen die von Allah, dem Erhabenen, herabgesandte Scharia rebellierten und sich selbst zu Gesetzgebern machten, unterzogen sie viele reine und erlaubte Dinge einer spitzfindigen Prüfung. Dazu gehörten zum einen Tiere mit gespaltenen Hufen, also Strauße, Schwäne und dergleichen, und zum anderen das Fett von Rindern und Ziegen. In der Bibel wurden diese beiden Arten des Verbotenen in die Tora aufgenommen. Dabei waren diese Dinge in der Tora nicht verboten, sondern erst nach Moses (a.s.) für verboten erklärt worden. Auch die Geschichte bezeugt, dass die heutige jüdische Gesetzesordnung gegen Ende des zweiten nachchristlichen Jahrhunderts von Rabbi Jehuda geschaffen wurde. (Sure An-Nisa, Anmerkung 80)
Das widersprüchliche Verhalten der Juden gegenüber dem Propheten Muhammad (s.a.w.s.)
Der Koran sagt:(Arabisch****)„Und als nun ein Buch von Allah zu ihnen kam, wie verhielten sie sich ihm gegenüber? Obwohl dieses Buch bestätigte, was sie bereits besaßen, und sie vor seinem Eintreffen Allah um Sieg und Hilfe gegen die Ungläubigen zu bitten pflegten. Doch als das, was sie erkannt hatten, zu ihnen kam, weigerten sie sich dennoch, es anzunehmen.“ – Sure Al-Baqara 89
Vor dem Kommen des Propheten erwarteten die Juden sehnsüchtig jenen Propheten, dessen Ankunft ihre Propheten vorausgesagt hatten. Sie beteten darum, dass mit seinem baldigen Erscheinen die Herrschaft der Ungläubigen enden und ihre Zeit des Aufstiegs beginnen möge. Die Bewohner von Medina selbst bezeugen, dass die Juden vor der Ankunft des Propheten Muhammad (s.a.w.s.) in Erwartung des künftig kommenden Propheten die Tage zählten und bei jeder Gelegenheit sagten: „Gut, tut nur weiter denen Unrecht, wem immer ihr wollt. Wenn jener Prophet kommt, werden wir es den Unterdrückern schon zeigen.“ Die Bewohner von Medina hörten diese Worte. Als sie deshalb die wahre Beschaffenheit des Propheten (s.a.w.s.) erkannten, sagten sie zueinander: „Seht zu, dass diese Juden euch nicht zuvorkommen. Kommt, lasst uns schon vorher an ihn glauben.“ Das Erstaunliche aber ist, dass eben jene Juden, die sehnsüchtig auf den kommenden Propheten gewartet hatten, nach seinem Erscheinen zu seinen erbittertsten Gegnern wurden.
Auch für die koranische Aussage, dass sie ihn erkannten, finden sich aus jener Zeit zahlreiche Belege. Das zuverlässigsten Zeugnis stammt von der Mutter der Gläubigen, Safiyya (r.a.). Sie war die Tochter eines berühmten jüdischen Gelehrten und die Nichte eines anderen Gelehrten. Sie berichtet: Als der Prophet (s.a.w.s.) nach Medina kam, gingen sowohl mein Vater als auch mein Onkel zu ihm und trafen ihn. Sie unterhielten sich lange mit ihm. Als sie nach Hause zurückkehrten, hörte ich mit eigenen Ohren, wie sie Folgendes sagten:
Onkel: „Ist er wirklich jener Prophet, dessen frohe Botschaft in unseren Schriften verkündet worden ist?“
Vater: Bei Allah, genau so ist es.
Onkel: Glaubst du wirklich daran?
Vater: Ja, das tue ich.
Onkel: Was willst du dann jetzt tun?
Vater: Solange ich lebe, werde ich mich ihm widersetzen und ihm nicht gestatten, irgendetwas zu sagen. (Ibn Hischam, 2. Band, S. 165, neue Ausgabe) (Sure al-Maida, Anmerkung 70)
Die feindselige Aufwiegelung der Juden
Die Araber waren im Allgemeinen ungebildet. Im Vergleich zu ihnen war die Bildung unter den Juden von vornherein stärker verbreitet. Unter ihnen gab es einzelne große Gelehrte, deren Ruhm sich über Arabien hinaus verbreitet hatte. Daher war der Bildungseinfluss der Juden in Arabien sehr groß. Ihre Gelehrten und geistlichen Führer verstärkten und erweiterten diesen Einfluss noch durch den äußeren Prunk ihrer religiösen Einrichtungen sowie durch das Geschäft mit Beschwörungen und Amuletten. Besonders die Bewohner Medinas standen unter ihrem Einfluss, denn in ihrer Umgebung lebten große jüdische Stämme. Tag und Nacht verkehrten sie mit ihnen. Durch diesen Umgang waren sie ebenso tief beeinflusst, wie eine ungebildete Bevölkerung von Nachbarn beeinflusst wird, die gebildeter, zivilisierter und mit herausragenden religiösen Persönlichkeiten ausgestattet sind. Als der Prophet (s) sich unter diesen Umständen als Prophet vorstellte und begann, zum Islam aufzurufen, gingen die ungebildeten Menschen ganz selbstverständlich zu den Juden, den Leuten der Schrift, und fragten: Ihr seid Anhänger eines Propheten und folgt einem Buch; sagt uns also: Was meint ihr über diesen Mann unter uns, der Anspruch erhebt, ein Prophet zu sein, und über seine Lehre und Unterweisung? Auch als der Prophet (s) nach Medina kam, gingen viele Menschen weiterhin auf diese Weise zu den jüdischen Gelehrten und fragten sie. Doch jene jüdischen Gelehrten sagten ihnen niemals die Wahrheit. Es wäre ihnen schwergefallen zu behaupten, der Tauhid, den er verkündete, sei falsch. Oder dass sich in seinen Aussagen über die Propheten, die himmlischen Bücher, die Engel und das Jenseits irgendein Fehler befinde. Oder dass eines der moralischen Grundprinzipien, die er lehrte, falsch sei. Doch ebenso wenig waren sie bereit, offen anzuerkennen, dass alles, was er verkündete, wahr war. Sie konnten die Wahrheit weder offen zurückweisen noch waren sie bereit, sie einfach anzunehmen. Zwischen diesen beiden Wegen wählten sie folgende Methode: Sie säten in den Herzen jedes Fragenden irgendeinen bösen Gedanken gegen den Propheten (s), gegen seine Gemeinschaft und gegen sein großes Werk, erhoben irgendeinen Vorwurf gegen ihn und legten ihm eine haltlose Anschuldigung zur Last, die im Herzen der Menschen Zweifel, Unentschlossenheit und Zwiespalt hervorrufen konnte. Außerdem brachten sie verschiedene peinliche Fragen auf, sodass die Menschen sich verlegen fühlten und versuchten, auch den Propheten und seine Gefährten in Verlegenheit zu bringen. Dies war ihr Verhalten, dessentwegen ihnen in der Sure al-Baqara gesagt wurde: Bedeckt die Wahrheit nicht mit dem Schleier des Falschen; versucht nicht, durch Lügenpropaganda, böswilliges Säen von Zweifeln und das Erheben von Vorwürfen die Wahrheit zu unterdrücken und zu verbergen; und versucht nicht, die Welt zu täuschen, indem ihr Wahrheit und Falschheit miteinander vermischt. – Sure al-Baqara 2:42 (Das Ausmaß der Schädlichkeit der Juden ist sehr groß. Indem sie sich in den Netzen ihrer Einflüsterungen verfingen, entstanden Heuchler innerhalb der islamischen Gemeinschaft. In jeder Angelegenheit zeigten sie irgendeine Dreistigkeit gegenüber dem Propheten (s), unternahmen wiederholt Versuche, ihn zu töten, und ihre äußerste Frechheit bestand darin, dass sie in entscheidenden Augenblicken des Krieges zerstörerische Handlungen begingen. Auf diese Dreistigkeiten wird an den entsprechenden Stellen eingegangen werden. – Der Verfasser)
Entstehung und Entwicklung des Christentums
Erklärung des Wortes Nasara
Die Annahme mancher Menschen, das Wort Nasara sei von Nasera abgeleitet, dem Heimatort von al-Masih (a. s.), ist falsch. In Wirklichkeit ist dieses Wort von Nusrat abgeleitet. Grundlage dafür ist jene Äußerung, die die Jünger auf die Frage al-Masihs(Arabisch*****) (Wer ist mein Helfer auf Allahs Weg?) als Antwort darauf gesagt hatten:(Arabisch***) (Wir sind Allahs Helfer). Christliche Verfasser sind gewöhnlich aufgrund der äußerlichen Ähnlichkeit der beiden Wörter zu der irrigen Annahme gelangt, dass der Name jener Gruppe, die in der frühen Geschichte des Christentums unter dem Namen Nazarener (Nazarenes) anzutreffen war und die verächtlich Nasarī und Ebioniten genannt wurde, vom Koran für alle Christen verwendet worden sei. Der Koran sagt jedoch ausdrücklich, dass sie selbst gesagt hatten: Wir sind Nasara – (Sure Āl ʿImrān: 52); und es ist eine Tatsache, dass die Christen sich niemals selbst Nasarī genannt haben. (Sure al-Baqara, Anmerkung 95)
Hierzu ist anzumerken, dass Hazrat Isa (a. s.) seine Anhänger niemals ʿĪsāʾī oder Masīhī genannt hat. Denn er war nicht gekommen, um in seinem eigenen Namen die Grundlage für eine neue Religion zu legen. Das Ziel seiner Daʿwa war vielmehr, den Dīn wiederzubeleben, den Hazrat Musa (a. s.) sowie die Propheten vor und nach ihm gebracht hatten. Deshalb bildete er keine von den gewöhnlichen Banī Isrāʾīl und den Anhängern der Scharia Musas gesonderte Gemeinschaft und gab ihr auch keinen festen Namen. Seine ersten Anhänger betrachteten sich selbst nicht als vom israelitischen Volk getrennt; sie bildeten auch keine dauerhafte Gruppierung und legten für sich weder einen unterscheidenden Namen noch ein Kennzeichen fest. Gemeinsam mit den gewöhnlichen Juden gingen sie im Tempel von Bait al-Maqdis zur Anbetung und betrachteten sich als der Scharia Musas verpflichtet. – Siehe Apostelgeschichte 3:1; 10:14,15; 21:21.
Die Trennung der ʿĪsāʾīs vom Volk Israel
Später begann die Trennung in zweifacher Hinsicht. Einerseits hob Sankt Paul unter den Anhängern Hazrat Isas (a. s.) die Verpflichtung zur Scharia auf und erklärte, allein der Glaube an den Messias genüge zur Erlösung. Andererseits erklärten die jüdischen Gelehrten die Anhänger des Messias zu einer irregeleiteten Gruppe und trennten sie vom Volk Israel. Trotz dieser Trennung wurde dieser neuen Gruppe zunächst kein besonderer Name gegeben. Die Anhänger des Messias selbst verwendeten für sich manchmal das Wort Jünger (Schüler), manchmal für ihre Gefährten die Wörter Gläubige und Glaubende. Mitunter wurden sie auch Mukaddas (Heilige) genannt – (Apostelgeschichte 2:44; 4:32; 9:26; 11:29; 13:52; 15:1–23; Römer 15:25; Kolosser 1:2). Die Juden dagegen nannten sie manchmal Galiläer und manchmal eine häretische Sekte der Nazarener – (Apostelgeschichte 24:5; Lukas 13:2). Man nannte sie spöttisch so, weil der Geburtsort Hazrat Isas (a. s.), Nasera, zur Region Galiläa in Palästina gehörte. Doch dieser spöttische Name konnte sich nicht so weit verbreiten, dass er unter den Anhängern des Messias Ansehen erlangte.
Wie wurden sie Masīhī oder Christen genannt?
Den christlichen Namen gab dieser Gruppe erstmals im Jahr 43 oder 54 n. Chr. die polytheistische Bevölkerung Antiochias, als Sankt Paul und Barnabas dort mit der religiösen Verkündigung begannen – (Apostelgeschichte 11:26). Vonseiten der Gegner wurden sie aus Spott so genannt, und die Anhänger des Messias weigerten sich, diesen Namen für sich anzunehmen. Als ihre Feinde sie jedoch weiterhin mit diesem Namen anredeten, sagten ihre Führer: Wenn ihr im Zusammenhang mit dem Messias Masīhī genannt werdet, was ist daran beschämend? (1. Petrus 4:16). So begannen sie selbst allmählich, sich mit dem Namen zu bezeichnen, den ihre Feinde ihnen spöttisch und verhöhnend gegeben hatten. Schließlich verschwand unter ihnen sogar das Bewusstsein, dass es sich um einen spöttischen Namen gehandelt hatte, mit dem man sie einst bezeichnete.
Deshalb bezeichnet der erhabene Koran die Anhänger des Messias nicht als Masīh oder ʿĪsāʾī. Vielmehr erinnert er sie daran, dass sie in Wirklichkeit Nachkommen jener Menschen sind, die Isa ibn Maryam (a. s.) angesprochen und zu denen er gesagt hatte(Arabisch*****) (Wer ist mein Helfer auf Allahs Weg?), worauf sie geantwortet hatten(Arabisch****) (Wir sind Allahs Helfer auf Allahs Weg). Ihrer ursprünglichen und grundlegenden Bedeutung nach sind sie daher Nasara oder Ansar. Doch die heutigen ʿĪsāʾī-Missionare beklagen sich, statt dem Koran für diese Erinnerung dankbar zu sein, darüber, dass der Koran sie Nasara nennt, anstatt sie Masīh oder Christen zu nennen. (Sure al-Baqara, Anmerkung 58)
Die Zeit des Aufkommens des Christentums
Judentum und Christentum sind Schöpfungen späterer Zeiten. Das Judentum entstand mit seinem Namen, seinen Eigenheiten und seinen Bräuchen im dritten und vierten Jahrhundert v. Chr. Die Gesamtheit jener Vorstellungen, Glaubensüberzeugungen und besonderen religiösen Lehren, die man Christentum nennt, erlangte erst lange nach dem Erscheinen des Messias Existenz. Nun stellt sich von selbst die Frage: Wenn Rechtleitung oder das Verbleiben auf dem geraden Weg vom Judentum oder Christentum beziehungsweise allein vom Christentum abhängig wäre, woran fanden dann der Prophet Ibrahim und die anderen Propheten, die viele Jahrhunderte vor diesen beiden Religionen geboren wurden und die auch von Juden und Christen als rechtgeleitet anerkannt werden, ihre Rechtleitung? Gewiss war diese Sache weder das Judentum noch das Christentum. Somit wird von selbst klar, dass die Rechtleitung der Menschen nicht von jenen religiösen Besonderheiten abhängt, durch die verschiedene Gruppen wie Juden und Christen entstanden sind. Vielmehr hängt sie in Wirklichkeit davon ab, den universellen geraden Weg zu beschreiten, durch den die Menschen in jedem Zeitalter Rechtleitung erlangen.
Zweitens bezeugen die heiligen Schriften der Juden und Christen selbst, dass der Prophet Ibrahim außer dem einen Allah niemanden verehrte, pries, anbetete oder als Herrn anerkannte. Seine Sendung bestand ebenfalls darin, niemanden außer Allah an Seinen Eigenschaften und Merkmalen teilhaben zu lassen. Somit ist völlig klar, dass sowohl das Judentum als auch das Christentum von jenem Weg der Wahrheit abgewichen sind, auf dem der Prophet Ibrahim wandelte. Denn in diese beiden Religionen ist Schirk eingedrungen. (Sure al-Māʾida, Anmerkung 36)
Dass die Christen den Propheten Isa als Gott bezeichnen
Erstens begehen die Christen den Fehler, die Persönlichkeit des Messias als eine zusammengesetzte Wesenheit aus Menschlichkeit und Göttlichkeit (Divinity) zu betrachten, wodurch die Wirklichkeit des Messias für sie zu einem Rätsel geworden ist. Je mehr ihre Gelehrten versuchten, dieses Rätsel mithilfe von Wortakrobatik und Vermutungen zu lösen, desto stärker verstrickten sie sich in Komplikationen. Bei demjenigen unter ihnen, in dessen Denken der menschliche Teil dieser zusammengesetzten Persönlichkeit vorherrschte, lag der Nachdruck darauf, dass der Messias der Sohn Gottes und einer von drei ewigen Göttern sei. Wer stärker vom Teil der Göttlichkeit (Ulūhiyya) beeinflusst war, betrachtete den Messias als eine körperliche Manifestation Allahs, machte ihn kurzerhand zu Allah und betete ihn als Allah an. Diejenigen, die einen Mittelweg zwischen diesen beiden Auffassungen finden wollten, setzten all ihre Kraft für solche wortwörtlichen Auslegungen ein, durch die der Messias weiterhin als Mensch bezeichnet und zugleich als Allah betrachtet wurde. Allah und der Messias sind zwei getrennte Wesenheiten und zugleich eins. (Sure al-Māʾida, Anmerkung 36)
Die Bedeutung dessen, dass der Prophet Isa Kalimatullah ist
(Arabisch*****)
Der Messias Isa, Sohn Maryams, ist nichts anderes als Allahs Gesandter und Sein Gebot. – Sure an-Nisāʾ 4:171
Tatsächlich wurde das Wort Kalima verwendet. Dass eine Kalima zu Maryam gesandt wurde, bedeutet, dass Allah taʿālā ihrem Mutterleib den Befehl eingab, eine Schwangerschaft anzunehmen, ohne dass zuvor der Samen eines Mannes in ihn gelangt war. Den Christen war zunächst genau dieses Geheimnis der Geburt des Messias ohne Vater mitgeteilt worden. Doch durch die griechische Philosophie irregeführt, hielten sie das Wort Kalima zunächst für gleichbedeutend mit „Wort“ oder „Sprachvermögen“. Danach verstanden sie dieses Wort und das Sprachvermögen als Allah taʿālās eigene Eigenschaft des Sprechens. Schließlich gelangten sie zu der vermutungsweisen Schlussfolgerung, dass diese eigene Eigenschaft Allah taʿālās in den Leib Maryams eingegangen sei, eine körperliche Gestalt angenommen habe und als Messias in Erscheinung getreten sei. So entstand unter den Christen die irrige Vorstellung von der Göttlichkeit des Messias, und die irrige Überzeugung verfestigte sich, Allah selbst oder die Eigenschaft des Sprachvermögens unter Seinen ewigen Eigenschaften habe sich in der Gestalt des Messias offenbart. (Sure al-Baqara, Anmerkung 135)
Die Vorstellung von der Dreieinigkeit
Im Vers 171 der Sure an-Nisāʾ wird der edle Messias als eine rūḥ von Allah bezeichnet, und in der Sure al-Baqara wird die Angelegenheit folgendermaßen ausgedrückt: „Wir haben ihn durch den heiligen Geist unterstützt.“(Arabisch*****)Die Bedeutung beider ursprünglichen Aussagen ist, dass Allah taʿālā dem Messias eine so reine rūḥ verlieh, die über der Sünde steht, vollkommene Wahrhaftigkeit besitzt und mit vollkommener charakterlicher Größe geschmückt ist. Diese Erklärung war den Christen mitgeteilt worden. Doch sie übertrieben darin. Sie betrachteten die von Allah gesandte rūḥ selbst als Allahs rūḥ und legten rūḥ al-qudus (Heiliger Geist) dahingehend aus, dass es Allahs heiliger Geist sei, der im Messias Gestalt angenommen habe. Auf diese Weise machten sie neben Allah und dem Messias die rūḥ al-qudus zu einem dritten Gott. Dies war die zweite extreme Übertreibung der Christen, durch die sie irregeleitet wurden. Bemerkenswert ist, dass sich bis heute im Matthäusevangelium folgende Aussage findet: Als der Engel zu Yusuf an-Nadschdschār im Traum sprach, sagte er: „O Yusuf, Sohn Davids, fürchte dich nicht, deine Frau Maryam zu dir zu nehmen. Denn das, was sich in ihrem Leib befindet, ist durch die Macht der rūḥ al-qudus.“ (Kapitel 1:2.) (Sure al-Māʾida, Anmerkung 39)
Die tatsächliche Angelegenheit ist, dass die Christen gleichzeitig den Tauhid und die Dreieinigkeit anerkennen. Aufgrund der eindeutigen Aussagen des Messias, die sich in den Evangelien finden, kann kein Christ leugnen, dass Allah nur einer ist und es außer Ihm keinen zweiten Gott gibt. Sie müssen anerkennen, dass der Tauhid die wahre Religion ist. Doch schon anfangs verfielen sie der irrigen Vorstellung, Allahs Wort sei in der Gestalt des Messias erschienen und Allahs rūḥ habe in ihm Gestalt angenommen. Deshalb machten sie es sich ohne jeden Grund zur Pflicht, neben der Göttlichkeit Allah taʿālās, des Schöpfers des Universums, auch die Göttlichkeit des Messias und der rūḥ al-qudus anzuerkennen. Weil sie sich dies gewaltsam auferlegten, wurde diese Angelegenheit für sie zu einem unlösbaren Rätsel: Wie kann man trotz des Bekenntnisses zum Tauhid an die Lehre der Dreieinigkeit und trotz des Bekenntnisses zur Dreieinigkeit an den Tauhid glauben? Seit nahezu achtzehnhundert Jahren zerbrechen sich die christlichen Gelehrten den Kopf darüber, dieses von ihnen selbst geschaffene Problem zu lösen. Aufgrund der verschiedenen Erklärungen sind zahlreiche kleine Gruppierungen entstanden; jede Gruppe bezeichnet die andere als ungläubig oder Kāfir, und wegen dieser Streitigkeiten trennen sich Kirche um Kirche voneinander. Ihre gesamte theologische Gelehrsamkeit wird für diese Aufgabe eingesetzt. Dabei hat weder Allah dieses Problem geschaffen noch der von Ihm gesandte Messias, und es gibt keine Lösung für die Forderung, gleichzeitig drei Götter anzuerkennen und dennoch Allahs Einheit zu bewahren. Ihre Übertreibung und Maßlosigkeit haben dieses Problem hervorgebracht. Die einzige Lösung besteht darin, dass sie Übertreibung und Übersteigerung aufgeben, die Vorstellung von der Göttlichkeit des Messias und der rūḥ al-qudus verwerfen, Allah allein als den einzigen Ilāh anerkennen und den Messias als Seinen Gesandten betrachten, ohne ihn in irgendeiner Hinsicht als Teilhaber an der Göttlichkeit oder Uluhiyya anzusehen. (Sure an-Nisāʾ, Anmerkung 212)
Schirk und die Verehrung religiöser Gelehrter
Um die Mitte des fünften christlichen Jahrhunderts nahm unter den gewöhnlichen Christen und besonders in den römisch-katholischen Kirchen der Schirk, die Verehrung religiöser Gelehrter und der Totenkult stark zu. Die Heiligtümer angesehener Männer wurden verehrt, und in den Kirchen wurden Statuen des Messias, Maryams und himmlischer Huris aufgestellt. Einige Zeit vor dem Auftreten der Gefährten der Höhle, im Jahr 431, fand in Ephesus eine Versammlung eines Konzils der religiösen Führer der gesamten christlichen Welt statt. Auf dieser Versammlung wurden die Vorstellung von der Göttlichkeit des edlen Messias und der Glaube, Maryam sei die Mutter Allahs, festgeschrieben. Wenn man diesen historischen Hintergrund betrachtet, wird deutlich, dass in dieser Aussage des Korans auf jene Menschen hingewiesen wird,(Arabisch***)die sich damals gegenüber den aufrichtigen Anhängern des edlen Messias zu Führern und Amtsträgern der christlichen Bevölkerung entwickelt hatten und in deren Händen die religiöse und politische Herrschaft lag. Sie waren in Wirklichkeit die Bannerträger des Schirk. Sie hatten beschlossen, über den Gefährten der Höhle ein Grabmal zu errichten und es zu verehren. (Sure an-Nisāʾ, Anmerkung 212)
Das heutige Christentum und Paulus
Die ersten Anhänger des edlen Isa hielten ihn für einen Propheten. Sie folgten der Scharia des Musa. Hinsichtlich Glaubensüberzeugungen, Geboten, Rechtsbestimmungen sowie Gottesdienst und Anbetung sahen sie sich in keiner Weise von den übrigen Israeliten unterschieden. Ihre Meinungsverschiedenheit mit den Juden bestand lediglich darin, dass sie den edlen Isa als Messias anerkannten und an ihn glaubten, während die Juden sich weigerten, ihn als Messias anzuerkennen. Später, als Paulus dieser Gruppe, also der Gruppe der Anhänger Isas, beitrat, begann er diese Religion unter den Römern, Griechen und anderen nichtjüdischen und nichtisraelitischen Menschen zu verbreiten. Zu diesem Zweck begründete er eine neue Religion, deren Glaubensüberzeugungen, Grundprinzipien und Vorschriften sich völlig von jener Religion unterschieden, die der edle Isa verkündet hatte. Paulus hatte keinerlei Umgang mit dem edlen Isa gehabt. Im Gegenteil: Zu dessen Lebzeiten war er sein erbitterter Gegner. Auch danach blieb er mehrere Jahre lang der größte Feind seiner Anhänger. Als er dann dieser Gruppe beitrat und mit der Einführung einer neuen Religion begann, führte er dennoch keine Aussage des edlen Isa als Beleg an. Vielmehr beruhte diese neue Religion auf seinen eigenen Enthüllungen und Eingebungen oder auf spontanem Gefühl, innerer Erregung und Begeisterung. Sein Ziel bei der Einführung dieser neuen Religion war, dass sie eine Religion sein sollte, die von der nichtjüdischen Bevölkerung der Welt angenommen würde. Er erklärte, ein Christ sei von allen Bindungen des jüdischen Religionsgesetzes befreit. Er hob die Verbote von Erlaubtem und Verbotenem bei Speisen und Getränken auf. Auch schaffte er die Beschneidung ab, die den nichtjüdischen Menschen der Welt missfiel. Schließlich führte er auch die Glaubensvorstellungen von der Göttlichkeit des Messias, seiner Sohnschaft Gottes und seinem Gekreuzigtwerden als Sühne für die Sünden der gesamten Menschheit ein. Denn dies entsprach der Wesensart und natürlichen Veranlagung der gewöhnlichen Götzendiener. Die Anhänger der frühen Zeit des Messias widersetzten sich dieser neuen Neuerung und diesem neuen Glauben. Doch durch das Tor, das Paulus geöffnet hatte, strömte eine derart gewaltige Flut nichtjüdischer Christen in diese neue Religion ein, dass jene wenigen Menschen ihr gegenüber nicht bestehen konnten. Dennoch gab es bis zum Ende des dritten christlichen Jahrhunderts noch zahlreiche Menschen, die den Glauben an die Göttlichkeit des Messias ablehnten.
Die Verbreitung der paulinischen Glaubensvorstellung
Zu Beginn des vierten Jahrhunderts (325 n. Chr.) erklärte das Konzil von Nicäa (Nicaea Council) die paulinische Glaubensvorstellung zur unumstößlichen und allgemein anerkannten Lehre des Christentums. Danach nahm der römische Kaiser das Christentum an, und unter Kaiser Theodosius wurde diese Religion zur Staatsreligion. Selbstverständlich wurden alle Schriften verworfen, die dieser Glaubensvorstellung widersprachen, während diejenigen als zuverlässig anerkannt wurden, die mit dieser neuen Glaubensvorstellung übereinstimmten. Im Jahr 367 n. Chr. wurde durch einen Brief des Athanasius I. erstmals die Sammlung der zuverlässigen und allgemein anerkannten Schriften bekanntgegeben. Danach wurde sie auf einer unter dem Vorsitz von Damasus (Damasias) abgehaltenen Versammlung bestätigt. Als Papst Gelasius (Gelasius) diese Sammlung von Schriften am Ende des fünften Jahrhunderts als allgemein anerkannt erklärte, erstellte er zugleich eine Liste jener Schriften, die nicht akzeptabel waren. Doch über die paulinische Glaubensvorstellung, auf deren Grundlage die Zuverlässigkeit oder Unzuverlässigkeit der religiösen Schriften beurteilt wurde, konnte kein christlicher Gelehrter jemals behaupten, dass irgendeine ihrer Glaubenslehren von Jesus, Allahs Frieden sei auf ihm, verkündet worden sei. Vielmehr findet sich selbst in den Bibelbüchern, die in der Sammlung der zuverlässigen Schriften enthalten sind, in keiner Äußerung Jesu, Allahs Frieden sei auf ihm, ein Beweis für diese neue Glaubensvorstellung. (Sure an-Nisāʾ, Anmerkung 215)
Das Aufkommen der Askese und ihre Ursachen
In den zweihundert Jahren nach Jesus, Allahs Frieden sei auf ihm, wurden die christlichen Kirchen von der Askese nicht berührt. Doch schon von Anfang an waren im (entstellten) Christentum ihre Ansätze erkennbar, und in ihm waren jene Vorstellungen vorhanden, die diese Erscheinung hervorbrachten. Der Askese liegen zwei Dinge zugrunde: Verzicht und Weltentsagung als vorbildlichen Charakter zu betrachten und ein asketisches Leben dem Eheleben und dem Leben in dieser Welt vorzuziehen. Beide Dinge waren von Anfang an im Christentum vorhanden. Insbesondere weil man das Zölibat als gleichbedeutend mit Reinheit betrachtete, galt es als unerwünscht, dass diejenigen, die in der Kirche religiöse Aufgaben verrichteten, heirateten und als Eltern von Kindern die Lasten des Familienlebens trugen. Bis zum dritten Jahrhundert nahm dies die Gestalt einer Versuchung an, und die Askese begann sich wie eine Seuche im Christentum auszubreiten.
Drei Ursachen
Aus historischer Sicht hatte dies drei wesentliche Ursachen:
Erstens: Um der weitverbreiteten sexuellen Unmoral, Sündhaftigkeit und Weltverhaftung in der alten polytheistischen Gesellschaft entgegenzuwirken, schlugen die christlichen Gelehrten keinen ausgewogenen, sondern einen extremen Weg ein. Sie legten so großen Wert auf Keuschheit, dass sie die Beziehung zwischen Mann und Frau als unrein betrachteten, selbst wenn sie durch die Ehe zustande kam. Gegen das weltliche Leben gingen sie mit solcher Strenge vor, dass es für einen frommen Menschen schon als Sünde galt, Besitz zu haben, und es zum Maßstab des Charakters wurde, mittellos und in jeder Hinsicht der Welt entsagend zu leben. Als Antwort auf den Genuss und Luxus der polytheistischen Gesellschaft schlugen sie auf diese Weise einen solchen extremen Weg ein, dass der Verzicht auf Vergnügen, die Vernichtung der Triebe und die Ausrottung von Wünschen und Begierden zum Ziel des Charakters wurden. Den Körper durch verschiedene Arten von Selbstkasteiung zu quälen, galt als Vollendung der Spiritualität und als deren Beweis.
Zweitens: Als das Christentum Erfolg hatte und sich unter dem Volk auszubreiten begann, nahm die Kirche in der Hoffnung auf die Verbreitung und Ausweitung ihrer Religion jede Sünde in ihren Bereich auf, die dem Volk gefiel. An die Stelle des alten Götzendienstes trat die Verehrung von Heiligen, Asketen und Weisen. An die Stelle der Götzenbilder von Horus und Isis trat die Verehrung von Bildern des Messias und Maryams. Anstelle der Saturnalien begann man, das Sams-Fest zu feiern. Alle Amulette, Talismane, magischen Praktiken, Wahrsagerei und Rituale zur Vertreibung von Dschinn und Gespenstern aus alter Zeit wurden von den christlichen Asketen aufgenommen.
Da die breite Bevölkerung jemanden, der schmutzig und nackt blieb und in irgendeinem Loch oder in einer Höhle im Gebirge lebte, für einen von Allah Gesandten hielt, fand diese Vorstellung, Allahs Liebling zu sein, in der christlichen Kirche Verbreitung, und unter den Christen wurden Bücher mit Wundergeschichten über solche Menschen verfasst.
Drittens: Zur Festlegung der Grenzen der Religion verfügten die Christen weder über eine ausführliche Scharia noch über eine eindeutige Sunna oder Überlieferung. Sie hatten die Scharia des Moses verworfen, und allein im Evangelium war keine vollständige Anleitung zu finden. Daher begannen christliche Gelehrte, beeinflusst von verschiedenen äußeren Philosophien und Bräuchen sowie aufgrund ihrer eigenen Neigungen und Tendenzen, unterschiedliche Arten von Neuerungen in die Religion einzuführen. Zu diesen Neuerungen gehörte auch die Askese.
Der Ursprung der Askese und ihre Wegbereiter
Die Gelehrten und Führer des Christentums übernahmen die Philosophie der Askese und ihre Methoden von den buddhistischen Mönchen, den hinduistischen Yogis und Asketen, den Einsiedlermönchen des alten Ägypten (Anchorites), den Asketen Irans sowie von Plato und seinen Anhängern. Sie betrachteten sie als Methode zur Läuterung der Seele, als Mittel zur geistigen Vervollkommnung und als Weg, Allahs Nähe zu erlangen. Dies war kein Fehler gewöhnlicher Menschen. Vom dritten bis zum siebten Jahrhundert, also bis zur Zeit der Offenbarung des Korans, galten im Osten wie im Westen jene als hochrangige religiöse Gelehrte, Denker und Führer des Christentums, die man verehrte, etwa Sankt Athanasius, Sankt Basilius, Sankt Gregor, Sankt Chrysostomos, Sankt Ambrosius, Sankt Hieronymus, Sankt Augustinus, Sankt Benedikt, Gregor der Große und andere. Sie alle entsagten der Welt und waren Bannerträger der Askese. Durch ihre Bemühungen wurde die Askese in der Kirche eingeführt.
Der erste Asket und das erste Khanqah oder Kloster
Aus der Geschichte ist bekannt, dass die Askese unter den Christen in Ägypten ihren Anfang nahm. Ihr Begründer war Sankt Antonius (250–350 n. Chr.). Er war der erste christliche Mönch. In der Region Fayyum errichtete er an einem Ort namens Pispir (heute Dayr al-Maymun genannt) sein erstes Khanqah. Danach baute er am Ufer des Roten Meeres ein zweites Khanqah oder Kloster (Monk), das heute Dayr Mar Antonios genannt wird. Die grundlegenden Regeln und Methoden der Askese unter den Christen wurden aus seinen Schriften und Anweisungen übernommen.
Überall werden Klöster errichtet
Nach diesem Beginn setzte in ganz Ägypten ein regelrechter Bauboom von Klöstern ein, und überall wurden Klöster für Mönche und Nonnen errichtet. Einige von ihnen wurden jeweils für bis zu dreitausend Mönche gebaut. Im Jahr 325 n. Chr. trat in Ägypten ein christlicher Mönch namens Pachomius auf, der zehn große Klöster für Mönche und Nonnen errichtete. Danach breitete sich diese Entwicklung nach Syrien, Palästina sowie in verschiedene Länder Afrikas und Europas aus. In Bezug auf diese Askese sahen sich die Verwalter der Kirche anfangs mit gewaltigen Schwierigkeiten konfrontiert. Denn sie betrachteten zwar den Verzicht auf die Welt, das Zölibat, die Armut und die völlige Mittellosigkeit als Ideale des geistlichen Lebens, hielten es aber nicht für Sünde, wie die Mönche zu heiraten, Kinder zu bekommen und Besitz zu haben. Schließlich drangen unter dem Einfluss von Athanasius (gest. 303 n. Chr.), Sankt Basilius (gest. 379 n. Chr.), Sankt Augustinus (gest. 430 n. Chr.), Gregor dem Großen (gest. 609 n. Chr.) und anderen zahlreiche Bräuche und Methoden der Askese ordnungsgemäß in die kirchliche Verwaltung ein.
Merkmale der Entwicklung des Asketentums
Einige Merkmale dieser asketischen religiösen Neuerung (Bid’a) werden im Folgenden kurz dargestellt:
Erstens: Sein erstes Merkmal besteht in strenger Askese und darin, den Körper auf immer neue Weise zu quälen.
Zweitens: Stets schmutzig und ungepflegt zu bleiben, ist das zweite Merkmal. Sie hielten sich von Sauberkeit und Reinlichkeit fern. Zu baden oder den Körper mit Wasser zu benetzen, galt ihnen als unvereinbar mit der Anbetung Allahs. Körperliche Reinlichkeit betrachteten sie als Unreinheit des Geistes.
Drittens: Das Asketentum erklärte das Eheleben praktisch vollständig für haram und beseitigte die eheliche Beziehung rücksichtslos. Sämtliche Schriften des vierten und fünften Jahrhunderts sind von der Aussage erfüllt, dass die Jungfräulichkeit der höchste moralische Maßstab sei und Keuschheit bedeute, dass der Mensch sexuelle Beziehungen vollständig meide, selbst wenn es sich um die Beziehung zwischen Ehemann und Ehefrau handle. Als Vollendung eines heiligen Lebens galt, dass der Mensch sein Nafs vollständig vernichte und in ihm keinerlei Verlangen nach körperlichem Genuss zurückbleibe. Ihrer Ansicht nach mussten Begierden und Wünsche ausgelöscht werden, weil dadurch die tierischen Triebe gestärkt würden. Genuss und Sünde wurden von ihnen im selben Sinne gebraucht. Sogar Freude zu empfinden, galt ihnen als der Vergesslichkeit gegenüber Allah gleichkommend. Der heilige Basilius erklärte sowohl Lachen als auch Lächeln für verboten. Aufgrund dieser Vorstellungen wurde die eheliche Beziehung zwischen Mann und Frau von ihnen als unrein betrachtet. Für einen Mönch war nicht nur die Heirat verboten, sondern sogar der Anblick einer weiblichen Gestalt. Wer verheiratet war, musste seine Frau verlassen und fortgehen. Auch den Frauen wurde die Vorstellung eingeprägt, dass sie, wenn sie in das Himmelreich eintreten wollten, lebenslang Jungfrauen bleiben müssten; sie würden die Braut oder Verlobte des Messias werden und hätten das Glück, die Mutter Gottes, das heißt die Schwiegermutter des Messias, zu werden (Mother in Law of God). An anderer Stelle sagt er: Die erste Aufgabe des Wanderers auf diesem Weg (des Sālik) besteht darin, mit der Axt der Keuschheit das Holz der ehelichen Beziehung zu zerschlagen. Infolge dieser Lehren bestand die erste Wirkung auf einen christlichen Mann und eine christliche Frau nach dem Erwachen religiöser Inspiration darin, dass ihr glückliches Eheleben für immer endete.
Die Kirchenleitung stellte sich drei Jahrhunderte lang nach Kräften gegen diese extremen und radikalen Vorstellungen. Im vierten Jahrhundert setzte sich allmählich die Auffassung durch, dass es äußerst verwerflich sei, wenn ein verheirateter Mann ein Amt in der Kirche ausübte. Die Synode von Gengra (Council of Gengra) im Jahr 362 n. Chr. war die letzte Körperschaft oder Versammlung, die solche Vorstellungen und Überzeugungen als der Religion widersprechend betrachtete. Doch schon kurze Zeit später, im Jahr 386 n. Chr., riet die Römische Synode allen Priestern, eheliche Beziehungen zu meiden. Im darauffolgenden Jahr ordnete Siricius an, dass jeder Priester, der heiratete oder nach der Heirat weiterhin Beziehungen zu seiner Frau unterhielt, seines Amtes enthoben werde.
Viertens: Das schmerzlichste am Asketentum ist, dass es auch die Beziehungen zu Eltern, Geschwistern und Kindern zerschnitt. In den Augen der christlichen Heiligen und Mönche war sogar die Liebe eines Kindes zu seinen Eltern, die Liebe eines Bruders zu seinen Geschwistern und die Liebe eines Vaters zu seinen Kindern eine Sünde. Ihrer Ansicht nach war es für den geistlichen Fortschritt unerlässlich, dass der Mensch alle Beziehungen abbrach. Die Auffassung des Asketentums in dieser Hinsicht war, dass jeder, der die Liebe zu Gott begehrt, alle Bande der menschlichen Liebe zerreißen müsse, die ihn in dieser Welt an Eltern, Geschwister und Kinder binden.
Fünftens: Durch ihre Gewohnheit, den nahen Verwandten gegenüber erbarmungslos, grausam und hart zu sein, verloren sie ihre menschlichen Gefühle. Dies führte dazu, dass sie diejenigen, mit denen sie religiöse Meinungsverschiedenheiten hatten, aufs Äußerste verfolgten und quälten. Bis zum vierten Jahrhundert war das Christentum in achtzig oder neunzig kleine Gruppen zerfallen. Der heilige Augustinus zählte zu seiner Zeit 88 solcher Gruppen. Diese Gruppen hegten gegeneinander äußersten Hass. Gerade die Mönche entfachten das Feuer dieses Hasses. Auch darin, Gegner mit abweichenden Ansichten auf dem Scheiterhaufen zu verbrennen, waren die Mönche führend. Den Höhepunkt dieser Auseinandersetzungen zwischen den Gruppen bildete Alexandria.
Sechstens: Auch der Erwerb weltlicher Güter wurde neben Entsagung, Gleichgültigkeit gegenüber materiellen Dingen und dem Leben als Fakir und Derwisch keineswegs vernachlässigt. Zu Beginn des fünften Jahrhunderts war die Lage so, dass der Bischof von Rom in seinem eigenen Palast wie ein König lebte. Wenn seine Gefährte auf die Straße hinausfuhren, standen ihre Pracht und ihr Prunk dem des römischen Kaisers in keiner Weise nach. Als der Strom von Reichtümern in Klöstern und Kirchen bis zum siebten Jahrhundert (dem Zeitalter der Offenbarung des Qur’an) anwuchs, nahm er schließlich das Ausmaß einer gewaltigen Überschwemmung an.—– Besonders entscheidend für diesen Niedergang war Folgendes: Als die Menschen angesichts der außergewöhnlichen Askese der Mönche und ihrer äußersten Anstrengungen zur Unterdrückung ihrer Begierden eine übermäßige Verehrung für sie zu empfinden begannen, schlossen sich viele habgierige Menschen, in der Kleidung von Derwischen, den Mönchen an. Unter dem Deckmantel des Verzichts auf die Welt betrieben sie das Geschäft des Erwerbs weltlicher Vorteile so erfolgreich, dass selbst die größten Weltmenschen hinter ihnen zurückblieben.
Siebtens: Auch in der Frage der Keuschheit erlitt die asketische Bewegung, die gegen die Natur ankämpfte, immer wieder Niederlagen. In den Klöstern gab es unter den strengen Übungen zur Beherrschung der Triebe auch solche, bei denen asketische Priester zusammenlebten und manchmal zur Durchführung noch strengerer Übungen gemeinsam in einem Bett übernachteten. Der heilige Evagrius (St. Evagrius) lobt die Triebezähmung solcher Priester in Palästina und sagt, sie hätten gemeinsam mit Frauen, die diese Übungen praktizierten, gebadet; sie hätten einander angesehen, berührt und sogar umarmt. Dennoch konnte die Natur nicht über sie siegen. —– Wer gegen die Natur ankämpft, entgeht nicht ihrer Vergeltung. Die beschämende Geschichte des tiefen Abgrunds der Charakterlosigkeit, in den die asketische Bewegung schließlich durch ihren Widerstand gegen die Natur stürzte, ist ein unauslöschlicher Schandfleck in der Religionsgeschichte vom achten bis zum elften Jahrhundert. —- In den von mittelalterlichen Autoren verfassten Schriften sind zahlreiche Anschuldigungen festgehalten, wonach die Khanqahs oder Klöster der Priester zu Schauplätzen der Unmoral geworden waren. Innerhalb ihrer vier Mauern wurden neugeborene Kinder bedenkenlos massakriert. Priester und religiöse Amtsträger der Kirche unterhielten auch zu Personen, mit denen ihnen eine Eheschließung verboten war, unerlaubte Beziehungen. Auch naturwidrige Verbrechen in den Klöstern nahmen ein großes Ausmaß an. (Sure al-Kahf, Anmerkung 20)
Der historische Rang der Bibelbücher
Ebenso wie bei den Juden konnte auch bei den Christen die himmlische Schrift nicht bewahrt werden. Deshalb drangen auf dem Weg der Verfälschung irrige Vorstellungen, Glaubensüberzeugungen und Vorschriften in die Religion ein. Wäre die ursprüngliche Bibel (Injil) bewahrt worden, hätte das Christentum nicht seine heutige Gestalt angenommen. Im Folgenden wird die Forschung von Maulana Sayyid Abul Ala Maududi über die Bibelbücher vorgelegt. (Die Herausgeber)
Untersuchung der Quellen
Die Schriften, die wir heute als Injil oder Bibel bezeichnen, umfassen in Wirklichkeit vier große Bücher, nämlich Matthäus (Mathew), Markus (Mark), Lukas (Luke) und Johannes (John). Doch keines von ihnen ist eine Schrift, die Hazrat Isa offenbart wurde. So wie im Heiligen Qur’an alle von Allah offenbarten Verse und Suren, die Muhammad offenbart wurden, zusammengetragen sind, findet sich auch die gesamte Offenbarung, die Hazrat Isa zuteilwurde, in keinem einzigen Buch zusammengefasst. Vielmehr haben die Apostel von Hazrat Isa oder deren Schüler die von ihm überlieferten guten Ratschläge und Rechtleitung in diesen Büchern nach ihrem Wissen über seinen Zustand und seine Lehren zusammengetragen.
Das dem Matthäus zugeschriebene Buch
Da die Quellen der oben genannten Bücher unbekannt sind, sind sie nicht besonders zuverlässig. Das erste Buch wurde dem Apostel Mati, einem Jünger des Messias, zugeschrieben; aus der Geschichte ist jedoch erwiesen, dass es nicht von Matthäus verfasst wurde. Das eigentliche Buch des Matthäus, Logia (Ligia), ist verloren gegangen. Der Verfasser des Buches, das Matthäus zugeschrieben wird, ist eine unbekannte Person. Bei der Abfassung dieses Buches bediente er sich neben anderen Schriften auch des Logia-Buches. Darin wird Matthäus selbst so geschildert, wie man einen Unbekannten schildert. (Matthäus, Kapitel 9, Vers 9, sagt: Jesus ging weiter und sah einen Mann namens Matthäus an der Zollstation sitzen. Es ist offensichtlich, dass ein Verfasser sich nicht auf diese Weise selbst schildern kann.) Aus der Lektüre dieses Buches geht ferner hervor, dass der größte Teil seines Inhalts dem Markus-Evangelium entnommen wurde. Denn von seinen 1068 Versen finden sich 470 wortgetreu im Markus-Evangelium. Wäre sein Verfasser ein Apostel gewesen, hätte er keinerlei Anlass gehabt, die Hilfe eines Mannes in Anspruch zu nehmen, der weder ein Apostel war noch Hazrat Isa jemals gesehen hatte. Christliche Gelehrte sagen, dass dieses Buch im Jahr 70 nach Christus, also 41 Jahre nach Hazrat Isa, verfasst wurde. Einige sagen, dass dieses Buch im Jahr 70 nach Christus abgefasst wurde.
Das dem Markus zugeschriebene Buch
Das zweite Buch wird Markus zugeschrieben, und allgemein wird anerkannt, dass Markus selbst der Verfasser dieses Buches ist. Es ist jedoch erwiesen, dass er Jesus niemals begegnet ist und auch nicht sein Jünger war. (Manche sagen, dass er bei der Kreuzigung Jesu dastand und dem Schauspiel zusah. Dafür gibt es allerdings ebenfalls keinen Beweis. – Der Verfasser.) Tatsächlich war er ein Jünger des Apostels Petrus (St. Peter). Was er von ihm hörte, schrieb er auf Griechisch nieder. Deshalb bezeichneten ihn christliche Autoren als den Sprecher des Petrus. Man nimmt an, dass dieses Buch zwischen 63 und 70 n. Chr. verfasst wurde.
Das dem Lukas zugeschriebene Buch
Das dritte Buch wird Lukas zugeschrieben. Es ist allgemein anerkannt, dass Lukas den Messias niemals gesehen und auch nichts von ihm empfangen hat. Er war ein Jünger des heiligen Paulus. Er war stets ein Begleiter des Paulus und schrieb in seinem Evangelium alles als dessen Sprecher nieder. Paulus selbst bezeichnet dieses Evangelium jedoch als sein eigenes Evangelium. Es ist aber erwiesen, dass der heilige Paulus selbst der Begleitung des Messias beraubt war und nach christlicher Überlieferung sechs Jahre nach der Kreuzigung des Messias das Christentum annahm. Daher findet sich zwischen Lukas und dem Messias überhaupt keine Verbindung in der Überlieferung. Auch die Entstehungsgeschichte des Lukasevangeliums ist nicht eindeutig festgelegt. Nach manchen wurde es im Jahr 57 n. Chr. verfasst, nach anderen im Jahr 74 n. Chr. Nach Ansicht von Forschungsgelehrten wie Hering, Micks-Giffert und Plummer wurde dieses Buch jedoch nicht vor 80 n. Chr. geschrieben.
Das dem Johannes zugeschriebene Buch
Das vierte Buch wird Johannes zugeschrieben. Nach der modernen Forschung wurde dieses Buch nicht von dem berühmten Apostel Johannes verfasst. Vielmehr ist es das Werk eines unbekannten Mannes, dessen Name Johannes war (Jahja oder John). Dieses Buch wurde lange nach dem Messias, im Jahr 90 n. Chr. oder noch später, geschrieben. Hering setzt es sogar in das Jahr 110 n. Chr. Keine der Überlieferungsketten dieser Bücher reicht bis zum Messias zurück. Hinsichtlich ihrer Überlieferungsketten kann nicht mit Sicherheit gesagt werden, was der Messias gesagt und was er nicht gesagt hat. Bei eingehender Forschung zeigt sich jedoch, dass die Belege und Nachweise dieser Bücher erheblichen Anlass zu Zweifeln geben.
Sechs Gründe für die Unzuverlässigkeit der Evangelien
In den Darstellungen der ersten vier Evangelien bestehen Meinungsverschiedenheiten. Selbst die Bergpredigt, die den Kern der christlichen Unterweisung bildet, wird in Matthäus, Markus und Lukas jeweils unterschiedlich und mit gegensätzlicher Bedeutung dargestellt.
Zweitens: In allen vier Evangelien treten die Gedanken und Reaktionen ihrer Verfasser deutlich hervor. Matthäus scheint sich an die Juden zu wenden, und es zeigt sich, dass er ihnen die letzte Gelegenheit gibt. Markus wendet sich an die Römer und möchte sie mit der israelitischen Lehre vertraut machen. Lukas ist der Sprecher des heiligen Paulus und möchte dessen Ansprüche gegenüber den übrigen Aposteln unterstützen. Er scheint von den philosophischen Vorstellungen beeinflusst zu sein, die sich gegen Ende des ersten Jahrhunderts unter den Christen verbreitet hatten. So sind die inhaltlichen Unterschiede zwischen diesen vier Evangelien größer als die wörtlichen Unterschiede.
Drittens: Alle Bücher der Evangelien wurden in griechischer Sprache verfasst. Die Sprache Jesu (Friede sei mit ihm) und all seiner Apostel war jedoch Syrisch. Aufgrund der Verschiedenheit der Sprachen sind auch Unterschiede in der Auslegung der Gedanken ganz natürlich.
Viertens: Vor dem zweiten christlichen Jahrhundert gab es keinen Versuch, die Evangelien schriftlich festzuhalten. Bis 150 n. Chr. herrschte allgemein die Auffassung, dass die mündliche Überlieferung nützlicher sei als die schriftliche. Gegen Ende des zweiten Jahrhunderts erwachte der Wunsch, sie schriftlich festzuhalten. Doch die zu jener Zeit niedergeschriebenen Texte galten nicht als zuverlässig. Der erste zuverlässige Grundtext des Neuen Testaments wurde auf dem 397 n. Chr. abgehaltenen Konzil von Karthago gebilligt.
Fünftens: Die ältesten heute verfügbaren Ausgaben der Evangelien stammen aus der Mitte des vierten christlichen Jahrhunderts. Die zweite Ausgabe stammt aus dem fünften Jahrhundert, und auch die dritte, unvollständige Ausgabe, die sich in der Bibliothek des römischen Papstes befindet, ist nicht älter als das vierte Jahrhundert. Daher lässt sich nur schwer sagen, inwieweit die heute vorliegenden Evangelien mit den in den ersten drei Jahrhunderten verbreiteten Evangelien übereinstimmen.
Sechstens: Anders als beim Koran wurde kein Versuch unternommen, die Bücher der Evangelien auswendig zu bewahren. Ihre Überlieferung beruhte auf sinngemäßen Berichten. Daher konnten sie ganz natürlich weder vom Mangel an Gedächtniskraft noch vom Einfluss der persönlichen Vorstellungen der Überlieferer frei bleiben. Als man später mit dem Aufschreiben begann, war dies der Willkür der Abschreiber überlassen. Beim Abschreiben konnte jeder leicht alles weglassen, was ihm seinen Vorstellungen zuwiderlief, und hinzufügen, was ihm nach seinem Geschmack fehlte.
Aus all diesen Gründen können wir nicht mit Gewissheit sagen, dass die vier Evangelien die wahrhaftige Lehre des Messias enthalten. Die gesamte vorstehende Erörterung wurde im Licht der folgenden Werke geführt:
Dummelow – Kommentar zur HEILIGEN BIBEL
W. K. Cheyne – ENCYCLOPAEDIA BIBLICA
Willman – Geschichte des Christentums
Die wahre Lehre Jesu (a.s.)
Das vortrefflichste Dokument über die Lehre und Unterweisung Jesu (a.s.)
Das Barnabasevangelium ist nicht das zuverlässige Mittel, um das Leben und die Lehre Jesu (a.s.) kennenzulernen, obwohl die christliche Kirche die vier Evangelien, die sie als zuverlässig und allgemein anerkannte heilige Schriften (Lanocical Gospcls) bezeichnet, dafür hält. Vielmehr ist es ein weitaus zuverlässigeres Mittel. Die Christen haben besondere Anstrengungen unternommen, es geheim zu halten. Mehrere Jahrhunderte lang war es nirgendwo auf der Welt auffindbar. (Im sechzehnten Jahrhundert befand sich ein Exemplar der italienischen Übersetzung dieses Buches in der Bibliothek von Papst Sixtas (Sixtas), und niemandem war erlaubt, es zu lesen. Zu Beginn des achtzehnten Jahrhunderts gelangte es in die Hände eines Mannes namens John Tuckland. Danach wechselte es mehrfach den Besitzer und erreichte 1738 die Kaiserliche Bibliothek in Wien. 1907 wurde die englische Übersetzung dieses Buches von der Clarendon Press in Oxford veröffentlicht. Wahrscheinlich erkannte die christliche Welt unmittelbar nach seiner Veröffentlichung, dass dieses Buch die Grundlage eben jener Religion untergrub, die Jesus zugeschrieben wird. Deshalb ließ man seine gedruckten Exemplare durch besondere Machenschaften verschwinden. Danach ergab sich keine Möglichkeit zu einem Neudruck. Ein weiteres Exemplar existierte im achtzehnten Jahrhundert; es wurde aus dem Italienischen ins Spanische übersetzt. George Sale erwähnt es im Vorwort zu seiner englischen Koranübersetzung. Auch dieses Exemplar wurde zum Verschwinden gebracht. Heute ist keinerlei Spur davon zu finden. – Der Verfasser.) Es ist ein Zeichen der geistigen Liberalität der westlichen Welt, dass man ein Buch weder aus rein wissenschaftlichen Gründen noch als historisches Beweisdokument (Aufzeichnung) fortbestehen ließ. – Die beiden Herausgeber
Kürzlich haben Lonsdale und Laura Ragg das in der Kaiserlichen Bibliothek in Wien aufbewahrte italienische Manuskript des Barnabasevangeliums übersetzt. Dieses Buch wurde vom Begum-Ayesha-Bawani-Waqf in Karachi veröffentlicht. – Der Übersetzer)
Ich hatte Gelegenheit, eine Fotokopie der in Oxford veröffentlichten englischen Übersetzung zu lesen, und habe sie von Anfang bis Ende gründlich studiert. Ich empfand sie als einen gewaltigen Schatz, dessen sich die Christen aufgrund ihrer äußersten Engstirnigkeit beharrlich selbst beraubt haben. (Wo immer in der christlichen Literatur auf das oben erwähnte Evangelium hingewiesen wird, wird es mit der Behauptung zurückgewiesen, es handle sich um ein gefälschtes Evangelium, das vermutlich ein Muslim verfasst und unter dem Namen Barnabas’ ausgegeben habe. Doch das ist eine ungeheuerliche Lüge. Der Grund für diese Lüge ist, dass darin an mehreren Stellen unmissverständlich Prophezeiungen über den Propheten Muhammad (s.a.s.) enthalten sind. Erstens wird beim Lesen des Buches klar, dass es kein Werk eines Muslims ist. Zweitens: Wäre es von einem Muslim verfasst worden, müsste es bei den Muslimen in großer Zahl vorhanden sein, und in den von muslimischen Gelehrten verfassten Büchern müsste darauf hingewiesen werden. Tatsächlich wusste vor dem Vorwort zu George Sales englischer Koranübersetzung kein Muslim von seiner Existenz. Unter den Autoren Tabari, Yaqubi, Masudi, al-Biruni, Ibn Hazm und anderen, die unter den Muslimen mit der christlichen Literatur vertraut waren, hat keiner bei der Erörterung des Christentums auch nur die geringste Andeutung auf das Barnabasevangelium gemacht. Zu den bedeutendsten Verzeichnissen der Bücher, die in den Bibliotheken der islamischen Welt vorhanden sind, gehören Ibn Nadims al-Fihrist und Hadschi Khalifas Kaschf az-Zunun. Auch dort findet sich keinerlei Hinweis darauf. Vor dem neunzehnten Jahrhundert hat kein muslimischer Gelehrter auch nur den Namen des Barnabasevangeliums ausgesprochen. Der dritte und größte Beweis ist, dass das Barnabasevangelium (Evngelium Barnabe) zu den Büchern gehörte, die in der Zeit des ersten Gelasius, 75 Jahre vor der Geburt des Propheten (s.a.s.), verboten wurden. Die Frage lautet also: Welcher Muslim sollte zu jener Zeit dieses gefälschte Buch verfasst haben? – Der Verfasser)
Keiner der Verfasser jener vier Schriften, die als gesetzmäßig und zuverlässig angesehen und in die Bibel aufgenommen wurden, war ein Gefährte Jesu (a.s.). Keiner von ihnen behauptete, er habe von den Gefährten Jesu (a.s.) etwas erfahren und es in sein eigenes Evangelium aufgenommen. Sie erwähnten keine ihrer Quellen, aus denen sie dieses Wissen erlangt hatten. Daher lässt sich nicht sagen, ob der Berichterstatter selbst die Ereignisse, die er schilderte, gesehen und alles, was er berichtete, gehört hatte oder ob diese Dinge ihm durch eine oder mehrere Quellen übermittelt worden waren. Demgegenüber erklärt der Verfasser des Barnabasevangeliums: „Ich bin einer der ersten zwölf Jünger des Messias. Von Anfang bis Ende war ich beim Messias, und ich schreibe in diesem Buch die Ereignisse nieder, die ich mit eigenen Augen gesehen und mit eigenen Ohren gehört habe.“ Darüber hinaus sagt er am Ende des Buches: „Als der Messias diese Welt verlassen sollte, sagte er zu mir: Es ist deine Pflicht, die falsche Vorstellung zu beseitigen, die sich unter den Menschen über mich verbreitet hat, und ihnen die tatsächlichen Verhältnisse darzulegen.“ (Wer war dieser Barnabas? Im ursprünglichen Buch der Bibel wird wiederholt eine Person dieses Namens erwähnt, die einer jüdischen Familie aus Zypern angehörte. Sein Beitrag zur Verbreitung des Christentums und zur Unterstützung des Messias wird gelobt. Doch nirgends wird gesagt, wann er das Christentum annahm. Sein Name steht nicht in der Liste der ersten zwölf Jünger, die im Evangelium aufgeführt wird. Daher lässt sich nicht sagen, ob der Verfasser dieses Evangeliums jener Barnabas oder jemand anderes war. In den von Matthäus und Markus überlieferten Listen der Apostel gibt es gegenüber der von Barnabas gegebenen Liste zwei Abweichungen. Die eine betrifft Lukas, an dessen Stelle Barnabas seinen eigenen Namen einträgt. Die zweite betrifft Schamun al-Kanani, an dessen Stelle er den Namen Judas, Sohn des Jakobus, nennt. Dieser zweite Name findet sich auch im Lukasevangelium. Daher ist die Annahme berechtigt, dass später zu irgendeinem Zeitpunkt der Name Lukas eingesetzt wurde, um Barnabas aus dem Kreis der Apostel auszuschließen und sich so vor seinem Evangelium zu schützen. Solche Veränderungen an religiösen Schriften gelten für christliche Gelehrte keineswegs als unrechtmäßige Handlung. – Der Verfasser)
Die besonderen Merkmale des Barnabasevangeliums
Wer diese Bibel frei von jeder blinden Feindseligkeit und mit unvoreingenommenem Herzen studiert und sie vergleichend mit den vier Evangelien des Neuen Testaments untersucht, wird nicht umhin können, zu dem Schluss zu kommen, dass das Barnabasevangelium den vier anderen Evangelien um ein Vielfaches überlegen ist. Darin wird der Zustand des Propheten Jesus (a.s.) ausführlich geschildert, und die Darstellung ist so aufgezeichnet, dass man den Eindruck gewinnt, jemand beobachte tatsächlich alles mit eigenen Augen. Im Vergleich zu den widersprüchlichen Erzählungen der vier Evangelien über jene Ereignisse sind die historischen Darstellungen des Barnabasevangeliums weitaus zusammenhängender, und durch sie lässt sich die Abfolge der Ereignisse besser verstehen.
Die richtige Lehre des Propheten Jesus (a.s.) und eine fesselnde Darstellungsweise
Im Barnabasevangelium wird die Lehre des Propheten Jesus (a.s.) im Vergleich zu den vier Evangelien ausführlich und in eindringlicher Sprache dargestellt. Die Lehre vom Tauhid, die Widerlegung des Schirk, die Eigenschaften Allahs, die innere Kraft der Gottesverehrung und der vorzügliche Charakter werden sehr logisch und detailliert behandelt. Von den lehrreichen Gleichnissen, mit deren Darstellungsweise der Messias diese Themen erläuterte, findet sich in den vier Evangelien nicht einmal ein Zehntel. Daraus wird auch deutlich, mit welch großer Weisheit der Messias seine Jünger lehrte und erzog. Wer auch nur eine geringe Kenntnis seiner Sprache, seiner Darstellungsweise, seines Wesens und seines Geschmacks besitzt, wird nach der Lektüre dieses Evangeliums zugeben müssen, dass es sich nicht um eine erfundene Geschichte handelt, die später jemand verfasst haben könnte. Vielmehr findet sich in diesem Werk keine Spur jener Widersprüche, die in den verschiedenen Aussprüchen des Messias in den vier Evangelien zutage treten.
Übereinstimmung mit der Lehre aller Propheten
Im hier behandelten Evangelium finden sich das Leben des Propheten Jesus (a.s.) und seine Lehre genau so, wie das Leben und die Lehre eines Propheten. Er stellte sich selbst als einen Propheten vor und bestätigte die Wahrheit aller früheren Propheten und Schriften. Er erklärte eindeutig, dass es außer der Lehre der Propheten keinen anderen Weg zur Erkenntnis der Wahrheit gibt. Wer die Propheten verlässt, verlässt in Wirklichkeit Allah. Er verkündete genau jene Auffassung von Tauhid, Risalat und dem Jenseits, die alle Propheten gelehrt haben. Er rief zum Gebet, zum Fasten und zur Zakat auf. Aus den zahlreichen Schilderungen seiner Gebete durch Barnabas ist ersichtlich, dass er zu den Zeiten des Fadschr, Zuhr, Asr, Maghrib, Ischa und Tahadschud betete. Vor dem Gebet vollzog er stets auch die Gebetswaschung. Er erkannte David (a.s.) und Salomo (a.s.) als Propheten an, obwohl Juden und Christen sie aus der Liste ihrer Propheten gestrichen haben. Er betrachtete Ismael (a.s.) als den für die Opferung bestimmten Sohn und ließ durch einen Gelehrten das Bekenntnis ablegen, dass in Wahrheit Ismael der zur Opferung bestimmte Sohn war. Die Israeliten haben durch Verdrehung Isaak (a.s.) zum zur Opferung bestimmten Sohn gemacht. Seine Lehre über das Jenseits, die Auferstehung, die Hölle und das Paradies entspricht nahezu der des Koran.
Der Zweck der Abfassung des Werkes
Oben wurde erwähnt, dass der Verfasser dieses Werkes zu Beginn den Zweck seiner Abfassung dargelegt hat. Er sagt, Zweck der Abfassung dieses Werkes sei es, die Denkweise jener zu korrigieren, die auf Anstiftung des Satans Jesus als Sohn Allahs betrachten, die Beschneidung für unnötig halten und Verbotenes für erlaubt erklären – zu ihnen gehört auch der getäuschte Paulus.
Weiter sagt er, dass zu Lebzeiten des Propheten Jesus (a.s.), als dieser noch auf der Welt war, zunächst vor allen anderen die römischen Soldaten angesichts seiner Wunder begannen, ihn Gott zu nennen, und einige von ihnen ihn sogar Sohn Gottes nannten. Danach griff diese Ansteckung auf die israelitische Bevölkerung über. Dadurch geriet der Prophet Jesus (a.s.) in größte Bedrängnis. Immer wieder widerlegte er diese irrige Vorstellung über ihn mit äußerster Strenge und verfluchte diejenigen, die derartige Aussagen über ihn machten. Danach sandte er seine Jünger in ganz Judäa aus, um diesen Glauben zu widerlegen, und ließ durch seine Jünger kraft seines Gebets dieselben Wunder geschehen, damit die Menschen die Vorstellung aufgaben, dass derjenige, durch den ein solches Wunder geschieht, Gott oder der Sohn Gottes sei. Der Verfasser zeichnet in diesem Werk ausführlich auf, wie entschieden der Prophet Jesus (a.s.) diese irrige Glaubensvorstellung zurückwies. An verschiedenen Stellen erwähnt er auch, wie sehr der Prophet Jesus (a.s.) dadurch bedrängt wurde, dass diese Irreführung immer weitere Verbreitung fand.
Darüber hinaus widerlegt er auch die Vorstellung und den Glauben des heiligen Paulus, dass der Messias gekreuzigt wurde und sein Leben verlor. In seinem Augenzeugenbericht sagt er, dass vier Engel Hazrat Isa (a.s.) auf Allahs Befehl hin forttrugen, als Judas Iskariot, nachdem er vom obersten jüdischen Priester Bestechungsgeld angenommen hatte, Soldaten mitbrachte, um Hazrat Isa (a.s.) festzunehmen; zugleich wurden Aussehen und Stimme Judas Iskariots völlig denen Hazrat Isas (a.s.) gleich. Er wurde gekreuzigt, nicht Hazrat Isa. Auf diese Weise schlägt dieses Evangelium die Wurzel des von Paulus begründeten Christentums ab, und die christlichen Priester verwarfen es gerade aufgrund des im Koran überlieferten Berichts. (Es ist das größte Unglück der Christen, dass sie die Gelegenheit, durch das Barnabas-Evangelium ihre Glaubensvorstellungen zu berichtigen und die wahre Lehre Hazrat Isas (a.s.) kennenzulernen, lediglich aus Starrsinn versäumt haben.) – Der Verfasser (Sure al-Hadid, Anmerkung 54)
Die Lehre Hazrat Isas (a.s.) in den vier verbreiteten Evangelien
Da die Lage und die Umstände, vor deren Hintergrund Sayyiduna al-Masih (a.s.) den Bewohnern Palästinas die Einladung zur göttlichen Herrschaft verkündete, unserer heutigen Lage gleichen, liegt in seiner Vorgehensweise eine Anleitung für uns.
Die Einladung zum Tauhid
Und einer der Schriftgelehrten fragte ihn: Welches ist das erste aller Gebote? Jesus antwortete: Das erste ist: Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist ein einziger Herr; und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen, mit deiner ganzen Seele, mit deinem ganzen Verstand und mit deiner ganzen Kraft. Der Schriftgelehrte sagte zu ihm: Gut, Meister, du hast die Wahrheit gesagt, dass er einer ist und dass es außer ihm keinen anderen gibt. – Markus 12,28–32
Du sollst den Herrn, deinen Gott, anbeten und nur ihm dienen. – Lukas 4,8
Die göttliche Herrschaft
Darum sollt ihr so beten: Unser Vater im Himmel, dein Name werde geheiligt, dein Reich komme, dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auch auf Erden. – Matthäus 6,9–10
Im letzten Vers macht der Messias (a. s.) sein Ziel deutlich. Die allgemeine irrige Vorstellung war, dass mit dem Reich Gottes ein geistliches Reich gemeint sei. Der obige Vers weist diese Vorstellung als falsch zurück. Sein klares Ziel war, dass Gottes Gesetz und die Vorschriften der Scharia ebenso wirksam werden sollten, wie sein Naturgesetz in der gesamten Schöpfung wirksam ist. Für diese Revolution bildete er Menschen aus.
Der Aufruf zum Kampf gegen das Falsche
Denkt nicht, dass ich gekommen sei, um der Welt Frieden zu geben; ich bin nicht gekommen, um Strafe zu geben, sondern um das Schwert zu bringen. Denn ich bin gekommen, um eine Trennung zwischen dem Vater und dem Sohn, zwischen der Mutter und der Tochter und zwischen der Schwiegermutter und der Schwiegertochter herbeizuführen; und die eigenen Angehörigen werden des Menschen Feinde sein. Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig, und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig.
Prüfungen sind auf dem Weg der Wahrheit unvermeidlich
Und wer nicht sein eigenes Kreuz auf sich nimmt und mir nachfolgt (das Aufnehmen des Kreuzes bedeutet, zum Tod bereit zu sein, wie man auf Urdu zu sagen pflegt: den Kopf auf die Handfläche legen, das heißt, zum Tod bereit sein – der Verfasser), ist meiner nicht würdig. Wer sein eigenes Leben retten will, wird es verlieren; wer aber um meinetwillen sein eigenes Leben verliert, wird es retten. – Matthäus 10,38–39
Wenn jemand mir nachfolgen will, soll er sich selbst verleugnen (»Ichbezogenheit« bedeutet Selbstvergötterung und persönliche Interessen – der Verfasser), sein Kreuz auf sich nehmen und mir nachfolgen. – Matthäus 16,24
Und der Bruder wird den Bruder und der Vater das Kind dem Tod ausliefern, und die Kinder werden sich gegen ihre Eltern erheben und sie töten lassen. Und um meines Namens willen werdet ihr von allen gehasst werden; wer aber bis zum Ende standhaft bleibt, wird gerettet werden. Matthäus 10,21–22
Wenn jemand zu mir kommt und seinen Vater, seine Mutter, seine Frau, seine Kinder, seine Brüder und seine Schwestern, ja sogar sein eigenes Leben, nicht gering achtet, kann er nicht mein Jünger sein. Wer nicht sein eigenes Kreuz trägt, kann nicht mein Jünger sein. Denn wer von euch, wenn er einen Turm bauen will, setzt sich nicht zuerst hin und berechnet die Kosten, um zu prüfen, ob er genügend Mittel hat, ihn fertigzustellen? Sonst könnte es geschehen, dass er, nachdem er den Grund gelegt hat, den Bau nicht vollenden kann; und alle, die es sehen, würden anfangen, ihn zu verspotten, und sagen: Dieser Mann hat begonnen zu bauen, konnte es aber nicht vollenden. Oder welcher König, der gegen einen anderen König in den Krieg ziehen will, setzt sich nicht zuerst hin und überlegt, ob er mit zehntausend Soldaten dem entgegentreten kann, der mit zwanzigtausend gegen ihn anrückt? Wenn er es nicht kann, wird er, solange jener noch fern ist, Gesandte schicken und nach den Bedingungen für einen Friedensschluss fragen. Ebenso kann auch unter euch keiner mein Jünger sein, der nicht auf seinen gesamten Besitz verzichtet. – Lukas 14,26–34
Eine revolutionäre Bewegung
Diese Verse oder Hymnen beweisen eindeutig, dass Hazrat Isa nicht lediglich erschienen war, um eine Religion zu verkünden. Vielmehr bestand sein Hauptziel darin, die gesamte kulturelle und politische Ordnung zu verändern; daher war ein Zusammenstoß mit dem jüdischen Staat, der Herrschaft der Rechtsgelehrten und der Pharisäer, kurz gesagt, mit all jenen zu erwarten, die ihren Begierden und Eigeninteressen huldigten. Deshalb erklärte er den Menschen in klaren Worten, dass das Werk, zu dem er im Begriff war, äußerst gefährlich sei und dass nur diejenigen mit ihm gehen könnten, die bereit waren, sich jeder Gefahr und jedem Unglück zu stellen.
Ansporn zur Duldsamkeit
Ich aber sage euch: Leistet dem Bösen keinen Widerstand; sondern wenn jemand dich auf deine rechte Wange schlägt, dann halte ihm auch die andere hin. Und wenn jemand mit dir vor Gericht streiten und deinen Mantel nehmen will, dann lass ihm auch dein Obergewand. Und wenn dich jemand nötigt, eine Meile mitzugehen, dann gehe zwei Meilen mit ihm. – Matthäus 5,39–41
Und fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, aber die Seele nicht töten können; fürchtet vielmehr den, der Seele und Leib in der Hölle verderben kann. – Matthäus 10,28
Der Aufruf, die Weltlichkeit aufzugeben und über das Jenseits nachzudenken
Sammelt euch auf der Erde keine Schätze; dort werden sie von Motten und Rost zerstört, und dort brechen Diebe ein und stehlen. Sammelt euch aber im Himmel Schätze; dort werden sie nicht von Motten und Rost zerstört, und dort brechen Diebe nicht ein und stehlen nicht. – Matthäus 6,19–20
Niemand kann zwei Herren dienen; denn entweder wird er den einen hassen und den anderen lieben, oder er wird dem einen anhängen und den anderen verachten. Ihr könnt nicht Gott und dem Reichtum dienen. Darum sage ich euch: Sorgt euch nicht um euer Leben, was ihr essen oder was ihr trinken sollt, und nicht um euren Leib, was ihr anziehen sollt. Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung? Seht die Vögel des Himmels an: Sie säen nicht, sie ernten nicht und sammeln nicht in Scheunen; doch euer himmlischer Vater ernährt sie. Seid ihr nicht viel wertvoller als sie? Wer von euch kann dadurch, dass er sich sorgt, seine Lebensspanne auch nur um eine Elle verlängern? Und warum sorgt ihr euch um die Kleidung? Betrachtet die Lilien auf dem Feld, wie sie wachsen: Sie arbeiten nicht und spinnen nicht. Doch ich sage euch: Auch Salomo in all seiner Herrlichkeit war nicht gekleidet wie eine von ihnen. Wenn nun Gott das Gras des Feldes, das heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird, so prächtig kleidet, wird er das nicht viel mehr für euch tun, ihr Kleingläubigen? Sorgt euch also nicht und sagt nicht: Was sollen wir essen? Was sollen wir trinken? Was sollen wir anziehen? Denn nach all dem trachten die Heiden. Euer himmlischer Vater weiß doch, dass ihr all dies braucht. Trachtet vielmehr zuerst nach seinem Reich und nach seiner Gerechtigkeit, dann wird euch all dies ebenfalls gegeben werden. – Matthäus 6,24–33
Bittet, so wird euch gegeben werden; sucht, so werdet ihr finden; klopft an, so wird euch geöffnet werden. – Matthäus 7,7
Der Zweck der Lehre von der Leidensfähigkeit
Eine verbreitete irrige Vorstellung ist, dass Hadhrat Isa (Friede sei mit ihm) die Lehre von der Weltentsagung und der Gleichgültigkeit gegenüber materiellen Dingen verkündet habe. Tatsächlich gab es zu Beginn dieser revolutionären Bewegung keine andere Möglichkeit, als die Menschen in Geduld, Standhaftigkeit, Vertrauen auf Allah und ähnlichen Tugenden zu unterweisen. Wo ein kulturelles und politisches System mit all seiner Macht auf der Welt fest etabliert ist und sich ausbreitet und alle Mittel des Lebens in seiner Hand hält, kann sich keine Gruppe für eine Revolution erheben, solange sie nicht die Liebe zu Leben und Besitz aus ihrem Herzen entfernt, sich nicht darauf vorbereitet, Leiden zu ertragen, und nicht bereit ist, zahlreiche Verluste hinzunehmen. Gegen das bestehende System zu kämpfen bedeutet in Wirklichkeit, alle Arten von Gefahren und Drangsalen über sich selbst heraufzubeschwören. Wer diese Aufgabe übernehmen muss, muss nach einem Schlag bereit sein, den nächsten hinzunehmen. Wenn ihm das Obergewand genommen wird, muss er auch bereit sein, seinen Mantel herzugeben. Die Sorge um Nahrung und Kleidung muss aus dem Herzen getilgt werden. Von denen, die die Schatzkammern des Lebensunterhalts in Händen halten, kann man nicht erwarten, dass man im Kampf gegen sie seinen Lebensunterhalt erlangt. Daher kann nur derjenige gegen sie kämpfen, der sich von allen materiellen Mitteln abwendet, allein auf Allah vertraut und sich auf diesen Weg stürzt.
Das umfassende Manifest der göttlichen Herrschaft
Kommt her zu mir, all ihr Mühseligen und Beladenen, ich will euch Ruhe geben. Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht. – Matthäus 11,28–30
In einer kürzeren und zugleich herzergreifenderen Sprache lässt sich das Manifest der göttlichen Herrschaft wohl kaum verfassen. Das Joch der Herrschaft von Menschen über Menschen ist äußerst hart und schwer. Die Botschaft, die der Verkünder der göttlichen Herrschaft den Menschen überbringen kann, die unter dieser harten und schweren Last niedergedrückt werden, lautet: Das Joch der Herrschaft oder die große Verantwortung, die er ihnen auferlegen will, ist ebenso sanft wie leicht.
Herrschaftsgewalt ist ein gewaltiger Dienst
Er aber sprach zu ihnen: Die Könige der Völker herrschen über sie, und ihre Machthaber werden Wohltäter genannt. Ihr aber sollt nicht so sein; vielmehr soll der Größte unter euch wie der Jüngste sein und der Führende wie ein Dienender. – Lukas 22,25–26
Diese Unterweisungen gab der Messias seinen Aposteln und Gefährten. In den Evangelien finden sich hierzu verschiedene Aussprüche. Ihr Sinn ist: Wenn ihr Pharao und Nimrod vertreibt, werdet nicht selbst zu Pharao und Nimrod.
Kritik an den jüdischen Gelehrten und geistlichen Führern
Da sprach Jesus zum Volk und zu seinen Jüngern: Die Schriftgelehrten und Pharisäer sitzen auf dem Stuhl des Mose. Alles nun, was sie euch sagen, das tut und haltet; aber nach ihren Werken sollt ihr nicht handeln, denn sie sagen es und tun es nicht. Sie binden schwere und unerträgliche Lasten zusammen und legen sie den Menschen auf die Schultern, wollen sie aber selbst nicht einmal mit einem Finger bewegen. Alle ihre Werke tun sie, damit sie von den Menschen gesehen werden; denn sie machen ihre Gebetsriemen breit und die Quasten an ihren Kleidern groß. Sie lieben den ersten Platz bei den Festmahlen und die ersten Sitze in den Synagogen, die Begrüßungen auf den Marktplätzen und von den Menschen Rabbi (Lehrer) genannt zu werden. – Matthäus 23:2–7
Wehe euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler! Denn ihr verschließt den Menschen das Himmelreich; ihr selbst geht nicht hinein, und die, die hineingehen wollen, lasst ihr nicht hinein. Wehe euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler! Denn ihr durchzieht Meer und Land, um einen Menschen zum Juden zu machen; und wenn er es geworden ist, macht ihr ihn zu einem doppelt so großen Kind der Hölle wie ihr selbst. – Matthäus 23:13–15
Blinde Wegweiser, ihr siebt die Mücke aus, verschluckt aber das Kamel. – Matthäus 23:24
Wehe euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler! Denn ihr gleicht weiß getünchten Gräbern, die außen schön aussehen, innen aber voll von den Gebeinen der Toten und allerlei Unreinheit sind. Ebenso erscheint auch ihr nach außen vor den Menschen als gerecht, innen aber seid ihr voller Heuchelei und Gesetzlosigkeit. – Matthäus 23:27–28
Dies war der Zustand der Träger und Bewahrer der Scharia jener Zeit. Obwohl sie über religiöses Wissen verfügten, führten sie sich aufgrund ihrer Anbetung der eigenen Begierden selbst in die Irre. Auf dem Weg dieser Revolution waren sie größere Hindernisse als die römischen Herrscher.
Die Verschwörung der religiösen Führer gegen Jesus
Da gingen die Pharisäer hin und berieten, wie sie Ihn durch eine Fangfrage zu Fall bringen könnten. Und sie schickten ihre Jünger zusammen mit den Herodianern (zur Zeit Hadhrat Isas bestand in einem Teil Palästinas ein jüdischer Staat, der einem einheimischen Königreich ähnelte und die Oberhoheit des Römischen Reiches anerkannte. Nach seinem Gründer Herodes wurde er gewöhnlich herodianischer Staat genannt. Hier bezeichnet „Herodianer“ die Angehörigen der Staatspolizei und des Geheimdienstes. – Der Verfasser) zu Ihm und ließen Ihm sagen: „Meister, wir wissen, dass du wahrhaftig bist und den Weg Gottes in Wahrheit lehrst und dich vor niemandem fürchtest, denn du siehst nicht auf die Person der Menschen. Nun sage uns: Was meinst du? Ist es recht, dem Kaiser Steuern zu zahlen oder nicht?“ Doch Jesus erkannte ihre Bosheit und sagte: „Ihr Heuchler, warum versucht ihr mich? Zeigt mir die Münze der Steuer.“ Da brachten sie Ihm einen Denar. Er sagte zu ihnen: „Wessen Bild und Name ist das?“ Sie sagten: „Des Kaisers.“ Da sagte Er zu ihnen: „So gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist.“ – Matthäus 22,15–21
Aus diesem Ereignis geht hervor, dass dies in Wirklichkeit ein hinterhältiger Plan war. Um diese Bewegung zu vereiteln, wollten die Pharisäer, dass Hadhrat Isa (Friede sei mit ihm) schon vorzeitig mit der Regierung in Konflikt geriet und die Bewegung, noch bevor sie stark wurde, durch die Macht der Regierung zerschlagen wurde. Deshalb wurde vor der herodianischen Geheimpolizei die Frage aufgeworfen, ob man dem Kaiser Steuern zahlen dürfe. Den bedeutungsvollen Ausspruch, den Hadhrat Masih zur Antwort gab, haben Christen wie Nichtchristen stets in dem Sinne verstanden, dass die Anbetung Gott gebührt und der Gehorsam der Regierung, die unter euch besteht. In Wirklichkeit sagte Er jedoch weder, dass es recht sei, dem Kaiser Steuern zu zahlen, denn das wäre seiner Daʿwa entgegengesetzt gewesen, noch sagte Er, dass man ihm keine Steuern zahlen dürfe. Denn zu jener Zeit war seine Bewegung noch nicht an einem Punkt angelangt, an dem Er die Einstellung der Steuerzahlungen hätte anordnen können. Deshalb sagte Er dieses feine Wort: Gebt dem Kaiser seinen Namen und sein Bild zurück, und verwendet das Gold, das Allah erschaffen hat, auf Seinem Weg. Nachdem ihre Verschwörung gescheitert war, bestachen die Pharisäer einen weiteren Mann aus den Reihen der Hawarijun des Masih und brachten ihn dazu, sich damit einverstanden zu erklären, den Masih zu einem Zeitpunkt festnehmen zu lassen, an dem keine Gefahr eines Volksaufstands bestand. Dieser Plan gelang. Der jüdische Iskaryuti ließ den Masih festnehmen.
Der Prozess der angesehenen Juden gegen Hadhrat Isa (Friede sei mit ihm)
Danach erhoben sie sich alle gemeinsam und führten Ihn zu Pilatus. Und sie erhoben Anklage gegen Ihn und sagten: „Wir haben festgestellt, dass dieser Mann unser Volk verführt, es davon abhält, dem Kaiser Steuern zu zahlen, und sagt: Ich bin Christus, der König.“ – Lukas 23,1–2. Da sagte Pilatus zu den Hohenpriestern und zu der versammelten Menge: „Ich finde keinerlei Schuld an diesem Mann.“ Sie aber beharrten noch eindringlicher auf ihrer Anklage und sagten: „Dieser Mann wiegelt das ganze Volk in Judäa auf, indem er lehrt, angefangen in Galiläa bis hierher.“ (Lukas 23,4–5.) —- Sie aber schrien weiterhin laut und heftig, dass Er gekreuzigt werden solle, und ihr Geschrei nahm überhand. – Lukas 23,23
Ähnlichkeit mit der Daʿwa des Propheten Muhammad (S) während seiner mekkanischen Zeit
Auf diese Weise wurde die Mission Hadhrat Masihs auf der Welt durch die Bemühungen jener Menschen vereitelt, die sich als Erben Hadhrat Musas (A) betrachteten. Nach Maßgabe der historischen Zeugnisse und Beweise dauerte die Prophetenschaft Hadhrat Masihs (A) insgesamt zwischen eineinhalb und drei Jahren. In dieser kurzen Zeit vollbrachte er ebenso viel, wie der Prophet Muhammad (S) in den ersten drei Jahren seines mekkanischen Lebens vollbrachte. Wenn jemand die oben erwähnten Aussagen des Evangeliums vergleichend mit den mekkanischen Suren des Korans und den Hadithen aus der Zeit seines Aufenthalts in Mekka untersucht, wird er zwischen beiden eine beträchtliche Ähnlichkeit feststellen. (Al-Dschihad fi-l-Islam, S. 407–410)
Der wahre Grund für die Irreleitung der Christen
(Arabisch)————————
Sprich: Ihr Leute der Schrift! Übertreibt in eurer Religion nicht zu Unrecht und folgt nicht den Vorstellungen jener, die schon vor euch selbst irregegangen sind, viele andere in die Irre geführt haben und vom geraden Weg abgewichen sind. – Sure al-Māʾida 5:77
Die Übertreibungen der Christen und die Krankheit der blinden Nachahmung bei anderen
Hier wird auf jene irregegangenen Völker hingewiesen, deren falsche Vorstellungen, Glaubensüberzeugungen und fehlerhafte Methoden die Christen übernommen haben. Insbesondere wird auf die griechische Philosophie hingewiesen, unter deren Einfluss sie vom geraden Weg abwichen, auf den sie ursprünglich hingewiesen worden waren. Die Vorstellungen und Glaubensüberzeugungen, die die ersten Anhänger des Messias vertraten, entsprachen weitgehend jener Wahrheit, die sie selbst erlebt hatten und die ihnen ihr Wegweiser und Führer gelehrt hatte. Die späteren Christen jedoch übertrieben einerseits maßlos in ihrer Verehrung des Messias und begannen andererseits, unter dem Einfluss des blinden Glaubens und der Philosophien der benachbarten Völker, ihre eigenen Glaubensüberzeugungen in übertriebener Weise philosophisch auszulegen. Danach schufen sie eine völlig neue Religion, die nicht einmal die entfernteste Beziehung zur eigentlichen Lehre des Messias hatte.
Eine kritische Betrachtung eines christlichen Gelehrten
In dieser Hinsicht ist die Darstellung eines christlichen Theologen namens Reverend Charles Anderson Scott besonders beachtenswert. Sein ausführlicher Artikel mit dem Titel Jesus Christus 0024462 0923620 ist in der vierzehnten Ausgabe der Encyclopaedia Britannica zu finden. In diesem Artikel sagt er:
In den ersten drei Evangelien (Matthäus, Markus und Lukas) gibt es nichts, aus dem man schließen könnte, dass die Verfasser dieser Evangelien Jesus für etwas anderes als einen Menschen hielten. In ihren Augen war er ein Mensch. Ein solcher Mensch, der dadurch gesegnet war, dass er Gottes Geist empfangen hatte, und der eine so ununterbrochene Beziehung zu Gott besaß, dass es angemessen wäre, ihn Gottes Sohn zu nennen. Matthäus selbst bezeichnet ihn als den Sohn eines Zimmermanns; an einer anderen Stelle berichtet er, dass Petrus, nachdem er ihn als den Messias anerkannt hatte, ihn beiseitenahm und tadelte – (Matthäus 16:22). Bei Lukas sehen wir, dass zwei Jünger Jesu nach der Kreuzigung auf dem Weg nach Emmaus von ihm sagten, er sei vor Gott und dem ganzen Volk ein mächtiger Prophet in Werk und Wort gewesen (Lukas 24:19).
Besonders beachtenswert ist, dass sich unter den Christen bereits vor der Abfassung des Markusevangeliums allgemein eingebürgert hatte, das Wort Herr für Jesus zu verwenden. Doch weder im Markusevangelium noch im Matthäusevangelium wird Jesus irgendwo mit diesem Wort bezeichnet. Dagegen wird dieses Wort in beiden Büchern weitaus häufiger für Allah verwendet. Alle drei Evangelien erwähnen Jesu Leiden nachdrücklich und mit der gebührenden Würde. Abgesehen von den Aussagen über das Lösegeld im Markusevangelium (Markus 10:45) und einigen Worten am Ende findet sich jedoch nirgends ein Hinweis darauf, dass Jesu Tod mit der Sünde der Menschen und ihrer Sühne in Zusammenhang steht.
Er sagt weiter:
Dass Jesus sich selbst als einen Propheten darstellte, wird aus den verschiedenen Reden der Evangelien deutlich. So sagte er beispielsweise: „Heute, morgen und am folgenden Tag muss ich weiterziehen; denn es kann nicht sein, dass ein Prophet außerhalb Jerusalems umkommt.“ (Lukas 13,33). Meistens bezeichnete er sich selbst als Menschensohn. Jesus bezeichnete sich niemals selbst als Sohn Gottes. Wenn seine Zeitgenossen diesen Ausdruck in Bezug auf ihn verwendeten, bedeutete dies nichts anderes, als dass sie ihn für den Messias hielten. Gewiss wollte er sich selbst lediglich durch das Wort „Sohn“ bezeichnen. Außerdem verwendete er das Wort „Vater“ bildlich, um seine Beziehung zu Gott zu beschreiben. Hinsichtlich dieser Beziehung betrachtete er sich nicht als einzigartig. Vielmehr sah er auch die Menschen der Frühzeit als seine Gefährten in dieser innigen Beziehung zu Gott an. Spätere Erfahrungen und ein tiefes Studium der menschlichen Natur zwangen ihn jedoch zu der Auffassung, dass er in dieser Hinsicht einzigartig und alleinstehend sei.
Dieser Verfasser sagt erneut:
Diese von Petrus zur Zeit des Pfingstfestes gesprochenen Worte stellen Jesus, einen von Gott gesandten Menschen, genau so dar, wie seine Zeitgenossen ihn kannten und auffassten. Aus den Evangelien erfahren wir, dass Jesus von seiner Kindheit bis zu seiner Jugend ganz normal die Stufen seiner körperlichen und geistigen Entwicklung durchlief. Er hatte Hunger und Durst, wurde müde und schlief. Er war erstaunt und ratlos. Auch musste er sich von den Menschen über die tatsächlichen Umstände informieren lassen. Er litt Not und Schmerz und starb. Er behauptete nicht nur nicht, alles hören und sehen zu können, sondern lehnte dies sogar ausdrücklich ab. Würde man ihm tatsächlich zuschreiben, der Allhörende und Allsehende zu sein, so stünde dies im Widerspruch zu dem Gesamtbild, das wir aus den Evangelien gewinnen. Darüber hinaus wäre eine solche Behauptung mit den Prüfungen, denen er an den Orten Gethsemane und Golgatha ausgesetzt war, überhaupt nicht vereinbar. Um eine Vereinbarkeit herzustellen, müsste man diese Ereignisse als völlig grundlos ansehen. Man muss anerkennen, dass der Messias, als er mit diesen Zuständen konfrontiert wurde, innerhalb der gewöhnlichen Grenzen menschlichen Wissens gebunden war. Wenn es innerhalb dieser Begrenzung eine Ausnahme gab, dann nur in dem Maße, dass in ihm prophetische Weitsicht und eine sichere unmittelbare Erkenntnis Gottes vorhanden waren. Noch weniger geben die Evangelien Anlass dazu, Christus für allmächtig zu halten. Nirgends findet sich ein Hinweis darauf, dass er unabhängig und unbekümmert um Gott gehandelt hätte. Im Gegenteil: Dadurch, dass er immer wieder solche Gebete sprach und erklärte, es gebe außer dem Gebet keinen anderen Weg, dieser Gefahr zu entkommen, erkannte er eindeutig an, dass er vollkommen von Gott abhängig war. Dass diese Evangelien historisch zuverlässig sind, wird auch dadurch wichtig bezeugt, dass in ihnen, obwohl sie erst verfasst wurden, bevor die christliche Kirche begann, Christus als Gottheit anzusehen, einerseits das Zeugnis dafür bewahrt ist, dass Christus tatsächlich ein Mensch war, während andererseits in ihnen kein Zeugnis dafür zu finden ist, dass Christus sich selbst für Gott hielt.
Reverend Scott sagt ferner:
Nur der heilige Paulus erklärt, dass Jesus im Augenblick der Auferstehung durch diesen Vorgang mit voller Macht öffentlich in den Rang des Sohnes Gottes erhoben wurde. Der Ausdruck „Sohn Gottes“ deutet eigentlich auf eine leibliche Abstammung hin. An anderer Stelle hat der heilige Paulus die Sache geklärt, indem er Jesus als Gottes eigenen Sohn bezeichnete. Wer den Anredetitel „Herr“ für den Messias im eigentlichen religiösen Sinn verwendete – die ersten Christen oder der heilige Paulus –, lässt sich derzeit nicht entscheiden. Wahrscheinlich waren es die zuerst genannte Gruppe. Doch besteht kein Zweifel daran, dass Paulus begann, diese Anrede im umfassenden Sinne zu verwenden. Danach gebrauchte er in Bezug auf den Herrn Jesus Christus zahlreiche Vorstellungen und Fachausdrücke, die in den alten heiligen Schriften dem Herrn Jehova (Allah) vorbehalten waren. Auf diese Weise machte er seine Aussage noch deutlicher. Zugleich betrachtete er Christus als ebenbürtig an Wissen, Verstand und Größe Gottes und nannte ihn im einfachen Sinne den Sohn Gottes. Dennoch vermied er es, Christus, nachdem er ihn in verschiedener Hinsicht Gott gleichgestellt hatte, schlechthin als Allah zu verkünden.
Die Untersuchung eines weiteren christlichen Fachgelehrten
In einem Artikel über das Christentum in der Encyclopaedia Britannica sagt Reverend George William Fox bei der Erörterung der grundlegenden Glaubenslehren der christlichen Kirche: „Das gedankliche Gerüst der Trinitätslehre wurde von den Griechen übernommen. Darüber wurde die jüdische Lehre neu gestaltet. In dieser Hinsicht ist dies für uns eine erstaunliche Art von Mischmasch. Das religiöse Gedankengut ist biblisch, wurde aber in die Gestalt einer fremden Philosophie umgearbeitet.“
Die Begriffe Vater, Sohn und Heiliger Geist wurden aus jüdischen Quellen übernommen. Obwohl Jesus den letzten Ausdruck nur sehr selten verwendete und seine Bedeutung selbst bei Paulus völlig unklar war, hatte dieses Wort in der jüdischen Literatur beinahe die Gestalt einer eigenen Persönlichkeit angenommen. Daher stammen die Bestandteile dieser Glaubenslehre aus der jüdischen Religion (obwohl auch diese vor ihrer Aufnahme in jenes zusammengesetzte Gebilde vom griechischen Gedankengut beeinflusst worden war), während die Angelegenheit selbst durch und durch griechisch ist. Die Frage, auf der die Entstehung dieser Glaubenslehre beruhte, war weder ethischer noch religiöser Art. Vielmehr handelte es sich um eine rein philosophische Frage: Wie ist das Verhältnis zwischen diesen drei – Vater, Sohn und Geist – beschaffen? Die Antwort, die die Kirche darauf gegeben hat, ist in der auf dem Konzil von Nicäa angenommenen Glaubenslehre enthalten. Sie ist in all ihren Merkmalen ein Sinnbild des griechischen Denkens.
Das Zeugnis der Kirchengeschichte
In dieser Hinsicht ist der Artikel „Church History“ in der Encyclopaedia Britannica besonders beachtenswert:
Noch vor dem Ende des dritten christlichen Jahrhunderts war man allgemein dazu gelangt, den Messias als die leibliche Erscheinung des Wortes anzuerkennen. Doch eine große Zahl von Christen erkannte den Messias nicht als Gott an. Im vierten Jahrhundert entbrannte darüber ein heftiger Streit, der die Grundfesten der Kirche erschütterte. Schließlich wurde auf dem Konzil von Nicäa im Jahr 325 die Vorstellung von der Göttlichkeit des Messias ordnungsgemäß auf offizieller Ebene als christliche Glaubenslehre anerkannt und in einer besonderen sprachlichen Formulierung festgehalten. Obwohl die Auseinandersetzung danach noch einige Zeit andauerte, setzte sich am Ende der Beschluss von Nicäa durch. Im Osten wie im Westen wurde er in dem Sinne anerkannt, dass Christen mit der richtigen Glaubenslehre daran glauben sollten. Mit der Anerkennung des Sohnes als Gott wurde auch der Geist als Gott anerkannt und neben dem Vater und dem Sohn in das Taufformular sowie in die gebräuchlichen religiösen Bekenntnisformeln aufgenommen. So wurde infolge der in Nicäa festgelegten Vorstellung vom Messias die Lehre von der Dreieinigkeit zu einem untrennbaren Bestandteil des Christentums. Danach führte auch die Behauptung, die Göttlichkeit des Sohnes habe in der Person des Messias Gestalt angenommen, zu einem zweiten Problem. Darüber wurde im vierten Jahrhundert und noch geraume Zeit danach gestritten. Die Frage lautete: In welchem Verhältnis standen in der Person des Messias Gottheit und Menschheit zueinander? Das Konzil von Chalcedon legte im Jahr 451 als Lösung vor, dass in der Person des Messias zwei vollständige Naturen vorhanden seien. Auch nachdem sie miteinander verbunden worden waren, seien beide ohne jede Veränderung ihrer jeweils eigenen Merkmale erhalten geblieben. Auf dem im Jahr 680 in Konstantinopel abgehaltenen Konzil wurde hinzugefügt, dass beide Naturen auch jeweils einen eigenen Willen besäßen. Das heißt, der Messias besitze gleichzeitig zwei Willen. —- In dieser Zeit beschäftigte sich die westliche Kirche eingehend mit den beiden Themen Sünde und Gnade, und über die Frage, welche Rolle Gott und welche Rolle der Mensch bei der Erlösung spiele, wurde lange gestritten. Schließlich wurde auf dem Zweiten Konzil von Orange im Jahr 529 folgende Lehre angenommen: Aufgrund Adams Vertreibung aus dem Paradies sei der Zustand jedes Menschen derart, dass er keinen einzigen Schritt auf die Erlösung zu tun vermöge, solange er nicht durch die christliche Taufe kraft der Gnade Gottes neues Leben erlange. Auch nach dem Beginn dieses neuen Lebens werde er nicht in einem guten Zustand fest bleiben, solange die Gnade Gottes ihm nicht auf ewig beistehe. Und diese ewige Gnade Gottes könne nur durch die katholische Kirche erlangt werden.
Das Ergebnis der Auseinandersetzung
Aus den Darstellungen christlicher Gelehrter wird klar, dass das Erste, was die Christen vom rechten Weg abbrachte, die Glaubenslehre sowie das Übermaß an Verehrung und Ehrerbietung war. Auf dieser Grundlage wurden für den Messias, Friede sei mit ihm, die Bezeichnungen Herr und Sohn Gottes verwendet. Ihm wurden göttliche Eigenschaften zugeschrieben, und die Lehre von der Sühne wurde erfunden. In der Lehre des Messias, Friede sei mit ihm, fand sich jedoch nicht die geringste Spur von alledem. Als dann die giftige Atmosphäre der Philosophie Geist und Gemüt der Christen durchdrang, versuchten sie nicht, diese anfängliche Irreführung zu erkennen und sich vor ihr zu bewahren; vielmehr begannen sie, die Irrtümer ihrer früheren geistlichen Führer zu verteidigen und zu erklären. Statt zur wahren Lehre des Messias zurückzukehren, erfanden sie mit Hilfe von bloßer Schriftgelehrsamkeit und Philosophie immer neue Glaubenslehren. In diesen Versen des Heiligen Qur’an sind die Christen vor diesen Irrwegen gewarnt worden. (Tafhīm al-Qurʾān, Sure as-Saff, Anmerkung 8)
Der Glaube an die Vorstellung von der angeborenen Sündhaftigkeit des Menschen
Die himmlischen Bücher haben keinerlei Vorstellung von der angeborenen Sündhaftigkeit des Menschen vorgelegt, die das Christentum seit anderthalb bis zweitausend Jahren als seine grundlegende Glaubenslehre betrachtet. Heute haben sogar katholische Gelehrte zu sagen begonnen, dass diese Lehre keine Grundlage besitzt. Der bekannte Bibelgelehrte Reverend Herbert Haag sagt in seinem kürzlich erschienenen Werk „Is Original Sin In Scripture“: Unter den Christen der Frühzeit habe es zumindest bis zum dritten Jahrhundert überhaupt keine solche Lehre gegeben, dass der Mensch von Geburt an sündig sei. Als diese Vorstellung unter den Menschen Verbreitung zu finden begann, protestierten christliche Gelehrte zwei Jahrhunderte lang dagegen. Schließlich begann im fünften Jahrhundert der heilige Augustinus dagegen zu protestieren. Schließlich nahm der heilige Augustinus sie im fünften Jahrhundert durch die Kraft seiner Argumentation in die grundlegenden Glaubenslehren der Christen auf: Die Menschheit habe durch Vererbung die Last der Sünde Adams übernommen. Nun gebe es keinen anderen Ausweg, als dank der Sühne des Messias Erlösung zu erlangen. (Die Freiheitsbewegung in Indien und die Muslime, Band 2, S. 191–199)
Hazrat Maryam als Mutter Gottes bezeichnen
Im Jahr 431 n. Chr. trat in Ephesus ein Konzil der religiösen Führer der christlichen Welt zusammen. Auf dieser Versammlung wurden der Glaube an die Göttlichkeit von Hazrat Isa und der Glaube, dass Hazrat Maryam allein die Mutter Gottes sei, zur offiziellen Lehre der Kirche erklärt. Die Christen begnügten sich nicht damit, nur den Messias und den Heiligen Geist zu Göttern zu machen, sondern machten auch die Mutter des Messias zu einer dauerhaften Gottheit. In der Bibel findet sich kein Hinweis darauf, dass Hazrat Maryam göttlich gewesen sei oder eine gottähnliche Heiligkeit besessen habe. Bis dreihundert Jahre nach dem Messias war die christliche Welt mit dieser Vorstellung unbekannt. Gegen Ende des dritten Jahrhunderts verbreiteten einige religiöse Gelehrte in Alexandria erstmals die Lehre von Maryams Göttlichkeit und die Verehrung Maryams. Anfangs war die Kirche jedoch nicht bereit, dies anzuerkennen. Vielmehr betrachtete sie die Verehrung Maryams als eine irrige Glaubenslehre. Als daraufhin in der christlichen Welt ein Sturm der Auseinandersetzung über Nestorius’ Vorstellung aufkam, im Wesen des Messias seien zwei dauerhaft getrennte Wesenheiten vereinigt, wurde im Jahr 431 n. Chr. in der Stadt Ephesus dieses Konzil zur Beilegung des Streits abgehalten. Nach diesem Konzil breitete sich diese Lehre innerhalb der Kirche rasch aus. Als zur Zeit der Offenbarung des Qurans die Entwicklung ihren Höhepunkt erreicht hatte, war Hazrat Maryam zu einer so großen Göttin geworden, dass Vater, Sohn und Heiliger Geist ihr gegenüber unbedeutend erschienen. An verschiedenen Orten wurden in den Kirchen Statuen von ihr aufgestellt. Vor ihren Statuen wurden Gottesdienste und Verehrungszeremonien abgehalten. Man bat sie um Bittgebete. Sie galt als Erhörerin der Klagen, als Beseitigerin von Not und Unglück und als Helferin der Hilflosen. Für einen christlichen Gläubigen bestand das größte Mittel zur Erlangung des Wohlgefallens darin, die Unterstützung und den Schutz der Mutter Gottes zu erlangen. Kaiser Justinian erklärte Hazrat Maryam in der Präambel eines Gesetzes zur Helferin seines Reiches. Sein berühmter General Narses bat Hazrat Maryam auf dem Schlachtfeld um Hilfe. Der zeitgenössische Kaiser des Propheten Muhammad, Heraklius, glaubte, dass dieses Banner durch den Segen ihres Bildnisses nicht niedersinken werde. Obwohl die protestantischen Christen später unter dem Einfluss der Reformation laut gegen die Verehrung Maryams auftraten, hält die römisch-katholische Kirche bis heute an dieser Lehre fest. (Tafhim al-Qur’an, Sure al-Ma’ida, Anmerkung 101)
Prophezeiungen über den letzten Propheten in der Tora und im Evangelium
(Die in der Tora überlieferten Prophezeiungen hätten im jüdischen Kapitel und die Aussagen des Evangeliums gesondert dargestellt werden sollen. Doch der gelehrte Verfasser hat beide Arten von Prophezeiungen so miteinander verbunden dargestellt, dass die Bedeutung der Erörterung geschmälert würde, wenn man sie trennte. Deshalb hat er sie gemeinsam dargestellt.)
(Arabisch———-)
Und erinnere an das Wort von Isa, dem Sohn Maryams, als er sagte: O ihr Kinder Israels! Ich bin Allahs Gesandter zu euch, der die Tora bestätigt, die vor mir gekommen ist und noch Bestand hat, und der die frohe Botschaft von einem Gesandten verkündet, der nach mir kommen wird und dessen Name Ahmad sein wird. – (Sure as-Saff: 6) (Über diesen umstrittenen Vers wurde eine wichtige Erörterung vorgelegt; die Erörterung wird später folgen.)
Diese Aussage von Hazrat Isa weist auf jene frohe Botschaft hin, die Hazrat Musa seinem Volk in Bezug auf den Gesandten Allahs verkündete, als er zu ihm sprach. (Auch die Christen glauben an die Lehren und die Tora von Hazrat Musa.) Darin heißt es:
Ich werde einen Propheten erwecken
Der HERR, dein Gott, wird dir aus deiner Mitte, aus der Mitte deiner Brüder, einen Propheten gleich mir erwecken; auf ihn sollt ihr hören. Denn als ihr am Tag der Versammlung am Horeb den HERRN, euren Gott, gebeten habt und sagtet: Ich möchte die Stimme des HERRN, meines Gottes, nicht wieder hören und dieses große Feuer nicht mehr sehen, damit ich nicht sterbe –, da sprach der HERR zu mir: Sie haben recht geredet. Ich will ihnen aus der Mitte ihrer Brüder einen Propheten gleich dir erwecken und meine Worte in seinen Mund legen; er wird ihnen alles sagen, was ich ihm gebieten werde. – Deuteronomium 18:15–19
Die eindeutige Prophezeiung der Tora
Dies ist die eindeutige Prophezeiung der Tora, die niemand anderem als dem Propheten Muhammad (s.a.w.s.) zugeschrieben werden kann. Hier übermittelt Hazrat Musa (a.s.) seinem Volk folgende Anweisung Allahs: „Ich werde für euch aus der Mitte eurer Brüder einen Propheten hervortreten lassen.“ Es sei darauf hingewiesen, dass mit den Brüdern einer Nation nicht ein Stamm oder Geschlecht ebenjener Nation selbst gemeint sein kann. Vielmehr kann damit eine Nation gemeint sein, zu der eine nahe verwandtschaftliche Beziehung besteht. Wenn damit gemeint wäre, dass ein Prophet aus den Reihen der Kinder Israels selbst kommen werde, hätte es geheißen: „Ich werde für euch aus eurer eigenen Mitte einen Propheten hervortreten lassen.“ Folglich können mit den Brüdern der Kinder Israels notwendigerweise nur die Kinder Israels gemeint sein, die aufgrund ihrer Abstammung von Hazrat Ibrahim (a.s.) ihre Verwandten sind. Außerdem kann sich diese Prophezeiung nicht auf irgendeinen Propheten der Kinder Israels beziehen, denn nach Hazrat Musa (a.s.) kamen unter den Kindern Israels nicht nur ein Prophet, sondern viele Propheten, deren Erwähnung sich überall in der Bibel findet.
Das Zweite, was in dieser frohen Botschaft gesagt wird, ist, dass der Prophet, der gesandt werden soll, Hazrat Musa ähnlich sein wird. Es ist völlig offensichtlich, dass diese Ähnlichkeit nicht in Gesicht, Gestalt oder den Lebensumständen besteht. Denn in dieser Hinsicht gleicht kein Mensch einem anderen. Gemeint ist auch nicht bloß eine Ähnlichkeit in den Eigenschaften des Prophetentums, denn diese Eigenschaften finden sich in gleicher Weise bei jenen Propheten, die nach Musa (a.s.) kamen. Daher kann es kein besonderes Merkmal eines einzelnen Propheten sein, dass er hinsichtlich dieser Eigenschaft Hazrat Musa (a.s.) ähnelt. Nachdem also eine Ähnlichkeit in diesen beiden Hinsichten ausgeschlossen ist, kann der Grund für eine andere Ähnlichkeit, anhand derer die Besonderheit des kommenden Propheten erkannt werden kann, nur darin liegen, dass dieser Prophet – der künftig kommen soll – Hazrat Musa darin gleicht, dass er eine dauerhafte, in sich vollständige Scharia mitbringen wird. Diese Eigenschaft findet sich bei niemandem außer Hazrat Muhammad (s.a.w.s.). Denn jeder Prophet, der vor ihm unter den Kindern Israels kam, folgte der Scharia des Musa. Keiner von ihnen kam mit einer dauerhaften, in sich vollständigen Scharia.
Diese Erklärung wird durch folgende Worte der Prophezeiung noch nachdrücklicher bestätigt: „Dies wird gemäß jenem Gebet von dir – das heißt von den Kindern Israels – geschehen, das du an dem Tag der Versammlung bei deinem Gott, dem Herrn, am Horeb gesprochen hast: ‚Lass mich nicht noch einmal die Stimme meines Gottes, des Herrn, hören und dieses große Feuer nicht mehr sehen, damit ich nicht sterbe.‘ Da sprach der Herr zu mir: ‚Sie haben recht gesprochen. Ich werde für sie aus der Mitte ihrer Brüder einen Propheten wie dich erstehen lassen und meine Worte in seinen Mund legen.‘“
Mit Horeb ist hier jener Berg gemeint, an dem Hazrat Musa (a.s.) zum ersten Mal die Anweisungen der Scharia erhielt. Das hier erwähnte Gebet der Kinder Israels bedeutet, dass eine künftig offenbarte Scharia nicht unter jenen schrecklichen Umständen gegeben werden möge, die bei der Offenbarung der Scharia am Fuß des Berges Horeb entstanden waren. Dieser Zustand wird sowohl im Quran erwähnt als auch bei der Huldigung geschaffen. Dieser Zustand wird sowohl im Quran als auch in der Bibel erwähnt. (Sure al-Baqara, Verse 55–56; Sure al-A’raf, Verse 155 und 171; Bibel, Buch Exodus 19:17–18.) Als Antwort darauf sagte Musa (a.s.) zu den Kindern Israels, dass Allah, der Erhabene, ihr Gebet erhört habe. Seine Aussage lautet: „Ich werde für sie einen solchen Propheten senden, in dessen Mund ich Meine Worte legen werde.“ Das heißt: Bei der Offenbarung der künftigen Scharia werden nicht jene schrecklichen Umstände entstehen, die am Fuß des Berges Horeb geschaffen worden waren. Vielmehr werden, sobald er in das Amt dieses Propheten eingesetzt wird, Allahs Worte in seinen Mund gelegt werden. Er wird sie der Allgemeinheit verkünden. Wenn man diese eindeutigen Aussagen berücksichtigt, kann kein Zweifel mehr daran bestehen, dass derjenige, über den prophezeit wurde, niemand anderes als der Prophet Muhammad (s.a.w.s.) sein kann. Nach Hazrat Musa (a.s.) wurde allein dem Propheten Muhammad (s.a.w.s.) eine dauerhafte, in sich vollständige Scharia gegeben. Bei der Offenbarung dieser Scharia fand auch keine Volksversammlung statt, wie sie sich bei den Kindern Israels am Fuß des Berges Horeb ereignet hatte. Bei der Verkündung der Bestimmungen der Scharia wurden nicht jene Umstände geschaffen, die dort geschaffen worden waren. (Sure at-Taghabun, Anmerkung 5)
Ausführliche Erörterung des oben angeführten Verses aus der Sure as-Saff
Der Vers aus der Sure as-Saff, dessen Übersetzung gleich zu Beginn dieses Kapitels gegeben wurde, ist ein äußerst wichtiger Vers des Heiligen Quran. Die Gegner des Islam haben gegen diesen Vers heftige Einwände erhoben und den schlimmsten Vertrauensbruch begangen. Denn in diesem Vers wird berichtet, dass Hazrat Isa (a.s.) ausdrücklich namentlich die frohe Botschaft von seinem Kommen verkündet hat. Deshalb ist eine ausführliche Erörterung dieses Themas erforderlich.
Erstens: Darin wird der Name des Propheten (s.a.w.s.) als Ahmad genannt. Ahmad hat zwei Bedeutungen. Die eine ist: ein Mensch, der Allah, den Erhabenen, am meisten preist. Die zweite ist: jemand, der am meisten gepriesen wird, oder der unter den Dienern am meisten Lob verdient. Aus den sahih Hadithen ist erwiesen, dass dies ebenfalls ein Name des Propheten (s.a.w.s.) war. Nach der Überlieferung von Hazrat Abu Musa al-Asch’ari (r.a.) in Muslim und Abu Dawud sagte der Prophet (s.a.w.s.): (Arabisch——) „Ich bin Muhammad, ich bin Ahmad und ich bin al-Haschir.“ Diese Überlieferung wurde von Hazrat Dschubair ibn Mut’im durch Imam Malik, al-Buchari, Muslim, ad-Darimi, at-Tirmidhi und an-Nasa’i überliefert. Dieser Name des Propheten (s.a.w.s.) war unter den edlen Gefährten bekannt. Hazrat Hassan ibn Thabit (r.a.) sagt in seinem Gedicht: (Arabisch*******)(Arabisch*******)
Allah, die Engel, die sich rings um Seinen Thron drängen, und alle heiligen Wesen sprechen Segensgebete über den gesegneten Ahmad.
Auch aus der Geschichte geht hervor, dass der Name des Ehrwürdigen (Allahs Segen und Friede seien auf ihm) nicht nur Muhammad, sondern auch Ahmad war. In der gesamten arabischen Literatur findet sich kein Beispiel dafür, dass vor dem Propheten (Allahs Segen und Friede seien auf ihm) jemand Ahmad hieß. Nach ihm wurden unzählige Menschen Ahmad oder Ghulam Ahmad genannt. Welcher größere Beweis könnte es dafür geben, dass dieser Name in der gesamten muslimischen Umma von der Zeit seines Prophetentums bis heute so berühmt und bekannt ist? Wenn dies nicht sein Name gewesen wäre, welchen Ahmad hielten dann diejenigen, die ihre Söhne Ghulam Ahmad nannten, für ihren Herrn?
Zweitens: Das Johannesevangelium bezeugt, dass die Kinder Israels zur Zeit des Kommens des Messias drei Personen erwarteten: erstens den Messias, zweitens Elia, das heißt die Wiederkunft des Propheten Elias, und drittens jenen Propheten.
Der Wortlaut des Evangeliums lautet wie folgt:
Und dies ist das Zeugnis des Johannes: Als die Juden einige Priester und Leviten von Jerusalem zu ihm sandten, um ihn zu fragen: Wer bist du?, da bekannte er und leugnete nicht; er bekannte: Ich bin nicht der Christus. Und sie fragten ihn: Was dann? Bist du Elia? Er sagte: Ich bin es nicht. Bist du jener Prophet? Er antwortete: Nein. Da sagten sie zu ihm: Wer bist du?, damit wir denen, die uns gesandt haben, Antwort geben können. Was sagst du über dich selbst? Er sprach: Ich bin die Stimme eines Rufenden in der Wüste: Ebnet den Weg des Herrn!, wie der Prophet Jesaja gesagt hat. Sie waren von den Pharisäern gesandt. Und sie fragten ihn: Wenn du nicht der Christus bist, auch nicht Elia und auch nicht jener Prophet, warum taufst du dann? – Johannes 1,19–25
Aus diesen Worten geht hervor, dass die Kinder Israels neben dem Propheten Messias und dem Propheten Elias noch einen weiteren Propheten erwarteten. Er war auch nicht der Prophet Johannes. Der Glaube an das Kommen dieses Propheten war unter den Kindern Israels derart berühmt und allgemein bekannt, dass es genügte, einfach „jener Prophet“ zu sagen, um auf ihn hinzuweisen. Es war nicht nötig zu erwähnen, dass sein Kommen im Taurat angekündigt worden war. Außerdem wurde deutlich, dass das Kommen des Propheten, auf den sie hinwiesen, gewiss war. Denn als dem Propheten Johannes diese Fragen gestellt wurden, sagte er nicht: Es wird kein weiterer Prophet kommen; von wem sprecht ihr?
Die frohe Botschaft aus dem von Johannes verfassten Evangelium
Drittens: Betrachten wir nun jene Prophezeiungen, die im Johannesevangelium fortlaufend vom 14. bis zum 16. Kapitel überliefert werden: Und ich werde den Vater bitten, und Er wird euch einen anderen Beistand geben, damit Er für immer bei euch sei: den Geist der Wahrheit. Die Welt sieht Ihn nicht und kennt Ihn nicht; ihr aber kennt Ihn, denn Er bleibt bei euch und wird in euch sein. – Johannes 14,25–26
Ich werde nicht mehr viel mit euch reden, denn der Herrscher der Welt kommt, und er hat nichts an mir. – 14:30
Den ich vom Vater zu euch senden werde, den Geist der Wahrheit, der vom Vater ausgeht: Wenn jener Beistand kommt, wird er von mir Zeugnis geben. – 15:26
Dennoch sage ich euch die Wahrheit: Es ist gut für euch, dass ich fortgehe; denn wenn ich nicht fortgehe, wird jener Beistand nicht zu euch kommen. Wenn ich aber fortgehe, werde ich ihn zu euch senden. – 16:7
Ich habe euch noch vieles zu sagen, aber ihr könnt es jetzt nicht ertragen. Wenn aber jener, der Geist der Wahrheit, kommt, wird er euch den Weg weisen und euch in die ganze Wahrheit führen; denn er wird nicht aus sich selbst reden, sondern was er hört, das wird er reden, und auch die kommenden Ereignisse wird er euch verkünden. Er wird mich verherrlichen, denn er wird von dem, was mein ist, nehmen und es euch verkünden. Alles, was der Vater hat, ist mein; darum habe ich gesagt: Er nimmt von dem, was mein ist, und wird es euch verkünden. 16:12–15
Der Kommende wird der Führer der Welt sein
In den oben angeführten Aussagen des von Johannes verfassten Evangeliums verkündet Hazrat Isa (a. s.) die frohe Botschaft vom Kommen eines Menschen nach ihm. Über ihn sagt er, dass er der Herrscher der Welt oder der Führer der Welt sein und für immer bestehen werde. Er werde alle Wege der Wahrheit weisen und selbst Zeugnis für ihn (Hazrat Isa) ablegen. In diesen Aussagen des Johannes wurde durch die Verwendung von Ausdrücken wie Ruhul Qudus und Geist der Wahrheit versucht, den Sachverhalt zu verwirren. Wenn man jedoch alle Aussagen aufmerksam liest, wird klar, dass der angekündigte Kommende kein Geist, sondern ein Mensch, und zwar ein besonderer Mensch, ist, dessen Lehre umfassend und allumfassend sein und bis zum Jüngsten Tag unverändert fortbestehen wird. Für diese besondere Person wurde in der Urdu-Übersetzung das Wort „Beistand“ verwendet, und hinsichtlich des Wortes, das im griechischen Originalevangelium des Johannes gebraucht wird, betonen die Christen, dass es Paracletus gewesen sei.
Unter den Christen entsteht Verwirrung über das Wort Parakletus
Bei der Bestimmung der Bedeutung des Wortes sehen sich die christlichen Gelehrten selbst mit äußersten Schwierigkeiten konfrontiert. Im ursprünglichen Griechisch hat das Wort Paraclete mehrere Bedeutungen: jemanden zu einem Ort rufen, um Hilfe schreien, warnen, anspornen, erregen, beten und Ähnliches. Die griechische Bedeutung dieses Wortes wird auch folgendermaßen wiedergegeben: trösten, beruhigen, ermutigen. An keiner der Stellen, an denen dieses Wort in der Bibel verwendet wird, passt seine Bedeutung wirklich angemessen. Origenes hat in seiner Übersetzung an einer Stelle das Wort Consolator (Tröster) und an einer anderen Stelle Deperecator verwendet. Die übrigen Kommentatoren haben jedoch beide verworfen. Erstens ist dies nach der griechischen Grammatik nicht korrekt. Zweitens ist diese Bedeutung an keiner Stelle, an der das Wort vorkommt, passend. Einige andere Kommentatoren haben das Wort in ihrer Übersetzung mit Teacher wiedergegeben; nach den Regeln des griechischen Sprachgebrauchs kann diese Bedeutung jedoch nicht angenommen werden. Tertullian und Augustinus gaben dem Wort Advocate den Vorzug. Wieder andere verwendeten Wörter wie Assistant, Confortur und Consoler. – (Siehe Encyclopaedia of Biblical Literature, Stichwort „Paracleture“.)
Die Möglichkeit einer wörtlichen Abweichung
Nun ist bemerkenswert, dass es in der griechischen Sprache noch ein anderes Wort gibt – Periclytos. Es bedeutet „der Gepriesene“. Dieses Wort ist in seiner Bedeutung vollkommen gleichbedeutend mit dem Wort Muhammad, und auch in der Aussprache besteht eine große Ähnlichkeit zwischen Periclytos und Paracletus. Es ist durchaus nicht unmöglich, dass jene christlichen Gelehrten und Priester, die daran gewöhnt waren, in ihren religiösen Schriften nach eigenem Belieben und ohne Weiteres Änderungen vorzunehmen, dieses in der von Johannes angeführten Prophezeiung enthaltene Wort als unvereinbar mit ihren Glaubensüberzeugungen betrachteten und es daher etwas veränderten. Da das ursprüngliche Evangelium in der griechischen Sprache, wie es von Johannes verfasst wurde, heute nirgends mehr vorhanden ist, lässt sich nur schwer nachweisen, welches dieser beiden Wörter dort verwendet worden war.
Das ursprüngliche syrische Wort
Allein anhand dessen lässt sich nicht entscheiden, welches Wort Johannes tatsächlich in der griechischen Sprache verwendet hatte. Denn dabei handelte es sich um eine Übersetzung aus der ursprünglichen Sprache. Die Sprache des Messias war jedoch die syrische Sprache Palästinas. Folglich muss das Wort, das er in seinem Evangelium verwendete, zwangsläufig ein syrisches Wort gewesen sein. Glücklicherweise finden wir dieses ursprüngliche syrische Wort in der von Ibn Hischam verfassten Biografie (Sīrat Ibn Hischām). Aus demselben Buch erfahren wir auch, welches griechische Wort ihm bedeutungsgleich ist. Ibn Hischam führt, nach Muhammad ibn Ishaq, die vollständige Übersetzung von Kapitel 15, Vers 23–27, sowie Kapitel 16, Vers 1, des von Johannes verfassten Evangeliums an. Darin verwendet er anstelle des griechischen Wortes Farqlit (Paracletus/Periclytos) das Wort Munhamanna. Anschließend erklärt Ibn Ishaq oder Ibn Hischam, dass Munhamanna auf Syrisch Muhammad und auf Griechisch Periclytos bedeutet (Ibn Hischam, Band 1, S. 248).
Nun ist zu beachten, dass die Sprache der einfachen Bewohner Palästinas aus historischer Sicht bis zum neunten Jahrhundert Syrisch war. Diese Region wurde ab der Mitte des siebten Jahrhunderts Teil der von den Muslimen eroberten Gebiete. Ibn Ishaq starb im Jahr 768 n. Chr. und Ibn Hischam im Jahr 828 n. Chr. Das bedeutet, dass die Christen Palästinas zur Zeit dieser beiden Historiker Syrisch sprachen. Für diese beiden Historiker war es nicht besonders schwierig, mit den christlichen Untertanen ihres eigenen Landes in Kontakt zu treten. Außerdem lebten zu jener Zeit Millionen griechischsprachiger Christen in den islamisch eroberten Gebieten. Daher war es für sie keineswegs schwierig zu erfahren, welches griechische Wort dem jeweiligen syrischen Wort bedeutungsgleich war. Wenn nun in der Übersetzung Ibn Ishaqs das syrische Wort Munhamanna verwendet wurde und Ibn Ishaq in seiner Erläuterung dafür auf Arabisch das bedeutungsgleiche Wort Muhammad und auf Griechisch Periclytos angegeben hat, dann besteht kein Raum für Zweifel daran, dass Jesus (a.s.) das Kommen des Propheten Muhammad (s.a.) namentlich angekündigt hatte. Zugleich erfahren wir daraus, dass im griechischen, von Johannes verfassten Evangelium ursprünglich das Wort Periclytos verwendet worden war, das die christlichen Gelehrten später in Paracletus geändert haben.
Die Anerkennung der Wahrheit durch den König Negus
Ein noch älteres historisches Zeugnis findet sich in der Überlieferung von Abdullah ibn Masud (r.a.). Er berichtet: Als der Negus die Auswanderer nach Abessinien zu sich an den Hof rufen ließ und von Jaʿfar ibn Abi Talib über die Lehren und die Lebensweise des Propheten Muhammad (s.a.) hörte, sagte er:
Segen sei über euch und über denjenigen, von dem ihr gekommen seid. Ich bezeuge, dass er der Gesandte Allahs ist und dass er derselbejenige ist, dessen Kommen Jesus, der Sohn Marias, angekündigt hat.
Diese Geschichte wird in verschiedenen Hadithen von Hadhrat Dschaʿfar selbst und von Hadhrat Umm Salama überliefert. Daraus geht nicht nur hervor, dass der Nadschaschi zu Beginn des siebten Jahrhunderts wusste, dass Hadhrat Isa (a.s.) die Ankunft eines Propheten vorausgesagt hatte; vielmehr wird auch bestätigt, dass sich im Evangelium ein deutlicher Hinweis auf diesen Propheten findet, weshalb es dem Nadschaschi nicht schwerfiel, zu dem Schluss zu gelangen, dass der Prophet Muhammad (s.a.w.) eben dieser Prophet sei. Aus dieser Überlieferung lässt sich allerdings nicht erfahren, ob der Nadschaschi die frohe Botschaft Hadhrat Isas (a.s.) durch das von Johannes verfasste Evangelium erfahren hatte oder ob es dafür eine andere Quelle gab.
Die frohe Botschaft im Barnabas-Evangelium
In den von Barnabas in seinem Evangelium angeführten Prophezeiungen über den Gesandten Allahs (s.a.w.) nennt Hadhrat Isa (a.s.) ihn an einer Stelle beim Namen, an einer anderen bezeichnet er ihn als den Gesandten Allahs, an einer weiteren verwendet er für ihn das Wort Messias, an einer Stelle das Wort „der Bewundernswerte“ (Admirable), und an anderer Stelle gebraucht er so klare Worte, dass sie geradezu gleichbedeutend mit „La ilaha illallahu Muhammadur Rasulullah“ (s.a.w.) sind. Es ist nicht möglich, all diese frohen Botschaften vollständig anzuführen. Denn ihrer sind so viele, und sie werden an verschiedenen Stellen in unterschiedlichen Darstellungsweisen und Zusammenhängen wiedergegeben, dass man daraus ein eigenes Buch verfassen könnte. Im Folgenden werden beispielhaft einige Zitate angeführt: (Das Barnabas-Evangelium (The Gospel of Barnabas) wurde von Lonsdale und Laur Raag ins Englische übersetzt und 1907 n. Chr. von der Clarendon Press in Oxford veröffentlicht. Für englischkundige Leser werden die Zitate aus diesem Werk in englischer Sprache wiedergegeben – der Übersetzer.)
Die Propheten, die Allah in die Welt gesandt hat und deren Zahl einhundertvierundvierzigtausend beträgt, haben in zweideutiger Weise gesprochen. Doch nach mir wird der Glanz aller Propheten und Gottesmenschen erscheinen und die Dunkelheit der Worte der Propheten erhellen, denn er ist der Gesandte Allahs. (Denn alle Propheten, deren Zahl einhundertvierundvierzigtausend beträgt und die Gott in die Welt gesandt hat, haben dunkel gesprochen. Doch nach mir wird der Glanz aller Propheten und Heiligen kommen und die Dunkelheit all dessen erhellen, was die Propheten gesagt haben, denn er ist der Gesandte Gottes. (Kapitel 17, Barnabas-Evangelium).) (Kapitel 17)
Die Pharisäer und Leviten (Levites) sagten: Wenn du nicht der Messias, Elia oder irgendein anderer Prophet bist, warum verkündest du dann eine neue Lehre und stellst dich über den Messias? Jesus antwortete: Die Wunder, die Gott durch meine Hände wirkt, zeigen, dass ich nur das tue, was Gott will. In Wirklichkeit halte ich mich jedoch nicht für würdig, größer zu sein als jener (Messias), von dem ihr sprecht. Ich bin nicht würdig, die Schnüre seiner Sandalen oder die Riemen seiner Schuhe zu lösen – jenes Gesandten Gottes, den ihr den Messias nennt, der vor mir erschaffen wurde, nach mir kommen und das Wort der Wahrheit bringen wird, damit seine Religion kein Ende habe. – Vers 42 (Sie sagten: Wenn du nicht der Messias, Elia oder irgendein Prophet bist, warum verkündest du dann eine neue Lehre und stellst dich über den Messias?
Jesus antwortete: Die Wunder, die Gott durch meine Hände wirkt, zeigen, dass ich das spreche, was Gott will; ja, ich lasse mich keineswegs als derjenige gelten, von dem ihr sprecht. Denn ich bin nicht würdig, die Schnüre der Sandalen oder die Riemen der Schuhe des Gesandten Gottes zu lösen, den ihr Messias nennt, der vor mir erschaffen wurde, nach mir kommen und die Worte der Wahrheit bringen wird, sodass sein Glaube kein Ende haben wird – (Kapitel 42). Das Barnabas-Evangelium).
Wahrlich, ich sage euch: Jeder Prophet, der kommt, ist nur als Zeichen der Barmherzigkeit Gottes für ein einziges Volk geboren worden. Daher erreichen die Worte der Propheten niemanden außer dem Volk, zu dem sie gesandt wurden. Wenn aber der Gesandte Gottes kommen wird, wird Gott ihm gleichsam das Siegel seiner eigenen Hand verleihen. Er wird mit Herrschermacht über die Gottlosen kommen und den Götzendienst so vollständig ausrotten, dass Satan in Verlegenheit geraten wird. (Nach einem langen Gespräch mit den Jüngern) erklärt Hadhrat Isa, Friede sei mit ihm, in klaren Worten, dass jener Prophet unter den Nachkommen Ismails und nicht unter den Nachkommen Isaaks geboren werden werde. – Kapitel 43. (Wahrlich, ich sage euch: Jeder Prophet, wenn er kommt, ist nur für ein Volk geboren worden – als Zeichen der Barmherzigkeit Gottes. Daher wurden ihre Worte nur auf jenes Volk ausgedehnt, zu dem sie gesandt worden waren. Wenn aber der Gesandte Gottes kommen wird, wird Gott ihm gleichsam das Siegel seiner Hand geben, sodass er allen Völkern der Welt, die seine Lehre annehmen, Heil und Barmherzigkeit bringen wird. Er wird mit Macht über die Gottlosen kommen und den Götzendienst vernichten, sodass er Satan in Verwirrung stürzen wird. Glaubt mir, denn wahrlich, ich sage euch: Die Verheißung wurde Ismael und nicht Isaak gegeben. – Kapitel 43 – Barnabas-Evangelium.)
Daher sage ich euch: Der Gesandte Gottes ist ein Lichtglanz, durch den nahezu jedes Geschöpf Gottes Freude empfinden wird. Denn er ist mit dem Geist des Verstehens und des Rates, dem Geist der Weisheit und der Kraft, dem Geist der Furcht und der Liebe, dem Geist der Umsicht und der Mäßigung geschmückt. Er ist mit dem Geist der Wohltätigkeit und der Barmherzigkeit, dem Geist der Gerechtigkeit und der Gottesfurcht, dem Geist der Sanftmut und der Geduld bekleidet. Von diesen Eigenschaften hat Gott ihm dreimal mehr verliehen als denjenigen seiner Geschöpfe, denen Er sie gegeben hat. Wie gesegnet wird die Zeit sein, wenn er in die Welt kommen wird! Glaubt mir, ich habe ihn gesehen und ihm meine Ehrerbietung erwiesen. Ebenso haben ihn alle Propheten gesehen. Sobald Gott seinen Geist sah, verlieh Er ihm das Prophetentum, und als ich ihn sah, wurde meine Seele von Trost erfüllt. Da sagte ich: O Muhammad, möge Gott mit dir sein und mich würdig machen, die Riemen deiner Schuhe zu binden. Denn wenn ich diese Würde erlange, werde ich ein großer Prophet und ein heiliger Diener Gottes sein. – Kapitel 44 (Daher sage ich euch: Der Gesandte Gottes ist ein Glanz, der beinahe allem, was Gott erschaffen hat, Freude bringen wird; denn er ist mit dem Geist des Verstehens und des Rates, dem Geist der Weisheit und der Macht, dem Geist der Furcht und der Liebe, dem Geist der Klugheit und der Mäßigung geschmückt. Er ist mit dem Geist der Nächstenliebe und der Barmherzigkeit, dem Geist der Gerechtigkeit und der Frömmigkeit, dem Geist der Sanftmut und der Geduld geschmückt, die er von Gott dreimal mehr empfangen hat, als er sie all seinen Geschöpfen gegeben hat. O gesegnete Zeit, wenn er in die Welt kommen wird! Glaubt mir, ich habe ihn gesehen und ihm Ehrerbietung erwiesen, ebenso wie ihn jeder Prophet gesehen hat; denn aus seinem Geist gibt Gott ihnen die Prophetie. Und als ich ihn sah, wurde meine Seele von Trost erfüllt, und ich sagte: O Mohammed, Gott sei mit dir, und möge Er mich würdig machen, deine Schuhriemen zu binden; denn wenn ich dies erlange, werde ich ein großer Prophet und ein Heiliger Gottes sein. (Kapitel 44).)
Macht euch nicht kummervoll und habt keine Angst. Denn ich habe euch nicht erschaffen. Vielmehr ist Gott unser Schöpfer, und Er hat euch erschaffen. Er wird für euren Unterhalt sorgen. Was nun meine Angelegenheit betrifft: Ich bin jetzt auf die Welt gekommen, um den Weg für jenen Gesandten Gottes zu bereiten – er wird die Erlösung der Welt bringen. Doch seid wachsam, damit ihr nicht getäuscht werdet. Denn viele falsche Propheten werden kommen und in meinem Namen meine Bibel verfälschen.
Da sagte Andrew: „Meister, nennt uns einige seiner Zeichen, damit wir ihn erkennen können.“
Jesus sagte: „Er wird nicht in eurer Zeit kommen. Er wird einige Jahre nach euch kommen, wenn mein Evangelium (die Bibel) so sehr verfälscht sein wird, dass höchstens dreißig Gläubige übrig bleiben. Zu jener Zeit wird Gott sich der Welt erbarmen und Seinen Gesandten senden, über dem eine Wolke Schatten spenden wird. Daran wird man erkennen, dass er Gottes Auserwählter ist, und durch ihn wird Gott der Welt bekannt werden. Er wird große Macht gegen die Gottlosen besitzen und den Götzendienst auf der Erde ausrotten. Ich freue mich sehr, denn durch ihn wird unser Gott erkannt und Seine Heiligkeit verkündet werden. Meine Wahrhaftigkeit wird der Welt bekannt werden. Jene, die mich für mehr als einen Menschen halten, wird er bestrafen. Er wird eine Wahrheit bringen, die deutlicher sein wird als die Wahrheit aller Propheten.“ – Kapitel 72. Das Barnabasevangelium. „Lasst euer Herz nicht beunruhigt sein und fürchtet euch nicht; denn nicht ich habe euch erschaffen, sondern Gott, unser Schöpfer, der euch erschaffen hat, wird euch beschützen. Was mich betrifft, so bin ich jetzt in die Welt gekommen, um den Weg für den Gesandten Gottes zu bereiten, der der Welt die Erlösung bringen wird. Doch hütet euch, damit ihr nicht getäuscht werdet, denn viele falsche Propheten werden kommen, die meine Worte nehmen und mein Evangelium verderben werden. Da sagte Andrew: ‚Meister, nennt uns ein Zeichen, damit wir ihn erkennen können.‘ Jesus antwortete: ‚Er wird nicht zu eurer Zeit kommen, sondern einige Jahre nach euch, wenn mein Evangelium aufgehoben sein wird, sodass kaum dreißig Gläubige übrig bleiben. Zu jener Zeit wird Gott sich der Welt erbarmen und daher Seinen Gesandten senden. Über seinem Haupt wird eine weiße Wolke schweben; daran wird er als Gottes Auserwählter erkannt werden, und durch ihn wird er der Welt offenbart werden. Er wird mit großer Macht gegen die Gottlosen kommen und den Götzendienst auf der Erde zerstören. Und es erfüllt mich mit Freude, denn durch ihn wird unser Gott erkannt, verherrlicht und bekannt werden, und es wird sich zeigen, dass ich wahrhaftig bin. Er wird Rache an jenen üben, die sagen, ich sei mehr als ein Mensch. Er wird mit einer Wahrheit kommen, die klarer ist als die aller Propheten.‘ – Kapitel 72, Das Barnabasevangelium.
Bei Gott! Der Eid wurde in Jerusalem, in Salomos Moschee, abgelegt und nirgendwo sonst. Doch glaubt mir: Es wird eine Zeit kommen, in der Gott Seine Barmherzigkeit auf eine andere Stadt herabsenden wird. Dann wird es an jedem Ort möglich sein, Ihn wahrhaft anzubeten, und Gott wird an jedem Ort durch Seine Barmherzigkeit das richtige Gebet annehmen.
Jesus sagte: „In Wahrheit bin ich als Prophet der Erlösung für die Kinder Israels gesandt worden. Doch nach mir wird der Messias kommen, von Gott für die ganze Welt gesandt, um derentwillen Gott diese ganze Welt erschaffen hat. Dann wird in der ganzen Welt Allah angebetet werden und Seine Barmherzigkeit herabkommen. – Kapitel 82. Das Barnabasevangelium. Denn Gottes Verheißung war in Jerusalem, im Tempel Salomos, gegeben worden und nirgendwo sonst. Doch glaubt mir: Es wird eine Zeit kommen, in der Gott Seine Barmherzigkeit einer anderen Stadt schenken wird, und an jedem Ort wird es möglich sein, Ihn in Wahrheit anzubeten. Und Gott wird an jedem Ort das wahre Gebet in Barmherzigkeit annehmen. Ich bin wahrhaftig als Prophet der Erlösung zum Haus Israel gesandt worden; doch nach mir wird der Messias kommen, von Gott zu allen Welten gesandt, für die Gott die Welt erschaffen hat. Dann wird Gott in der ganzen Welt angebetet und Barmherzigkeit empfangen werden.“ – Kapitel 82, Das Barnabasevangelium.
Jesus sagte: „Bei dem ewig lebenden Gott, in dessen Hand mein Leben liegt: Ich bin nicht jener Messias, dessen Kommen alle Völker der Welt erwarten und über den Gott unserem Vater Abraham versprochen hat: Durch deine Nachkommenschaft werden alle Völker der Welt Segen erlangen.“
„Doch wenn Gott mich von der Welt hinwegnehmen wird, wird Satan einen solchen Aufruhr entfachen, dass die Gottlosen mich für Gott und den Sohn Gottes halten werden. Deshalb werden sie meine Worte und meine Lehre verfälschen. Ja, schließlich werden nur mit größter Mühe dreißig Gläubige übrig bleiben. Zu jener Zeit wird Gott der Welt Barmherzigkeit erweisen und Seinen Gesandten senden, um dessentwillen Er alle Dinge der Welt erschaffen hat. Er wird aus dem Süden mit Macht kommen und die Götzen samt den Götzendienern vernichten. Er wird Satan die Herrschaft entreißen, die dieser über die Menschen erlangt hat. Denen, die an ihn glauben, wird er Gottes Barmherzigkeit zur Erlösung bringen. Gesegnet seien jene, die seine Worte annehmen.“ – Kapitel 96. „Jesus antwortete: ‚So wahr Gott lebt, in dessen Gegenwart meine Seele steht: Ich bin nicht der Messias, dessen Kommen alle Stämme der Erde erwarten, wie Gott es unserem Vater Abraham versprochen hat, indem Er sagte: In deiner Nachkommenschaft werde Ich alle Stämme der Erde segnen. Doch wenn Gott mich aus der Welt hinwegnehmen wird, wird Satan diesen verfluchten Aufruhr erneut entfachen, indem er die Gottlosen glauben lässt, ich sei Gott und der Sohn Gottes. Daher werden meine Worte und meine Lehre verfälscht werden, sodass kaum noch dreißig Gläubige übrig bleiben. Daraufhin wird Gott sich der Welt erbarmen und Seinen Gesandten senden, um dessentwillen Er alle Dinge erschaffen hat. Er wird aus dem Süden mit Macht kommen und die Götzen samt den Götzendienern vernichten. Er wird Satan die Herrschaft entreißen, die dieser über die Menschen besitzt. Er wird Gottes Barmherzigkeit zur Erlösung derer mitbringen, die an ihn glauben. Gesegnet ist, wer seine Worte glaubt.‘ – Kapitel 96, Das Barnabasevangelium.“
Der Priester fragte: „Wie wird jener Messias genannt werden, und welche Zeichen werden sein Kommen ankündigen?“
Jesus antwortete: Der Name jenes Messias ist ehrwürdig. Denn als Gott Seine Seele erschuf, gab Er ihm selbst diesen Namen und verlieh ihm dort eine himmlische Würde. Gott sprach: O Muhammad, warte! Denn um deinetwillen werde Ich das Paradies, die Welt und vieles andere erschaffen und dir dies als Geschenk überreichen. Wer dich segnet, wird gesegnet werden, und wer dich verflucht, wird verflucht sein. Wenn Ich dich in die Welt senden werde, werde Ich dich als Propheten der Erlösung entsenden. Dein Wort wird wahr sein, sodass weder Erde noch Himmel bestehen bleiben werden, dein Din jedoch bestehen bleiben wird. Daher lautet Sein gesegneter Name Muhammad. – Kapitel 97)(Dann sagte der Priester: Wie wird der Messias genannt werden, und welches Zeichen wird sein Kommen ankündigen?
Jesus antwortete: Der Name des Messias ist Ehrwürdig. Denn Gott selbst gab ihm diesen Namen, als Er seine Seele erschaffen hatte, und versetzte sie in himmlischen Glanz. Gott sprach: Warte, Mohammed; um deinetwillen werde Ich das Paradies, die Welt und eine große Menge von Geschöpfen erschaffen, und Ich mache dir dies zum Geschenk, sodass jeder, der dich segnet, gesegnet sein wird, und jeder, der dich verflucht, verflucht sein wird. Wenn Ich dich in die Welt senden werde, werde Ich dich als meinen Boten der Erlösung entsenden, und dein Wort wird wahr sein, sodass Himmel und Erde vergehen werden, dein Glaube jedoch niemals vergehen wird. Mohammed ist sein gesegneter Name. (Kapitel 97 – Das Barnabasevangelium).
Der Priester fragte: Werden nach jenem Gesandten Gottes auch andere Propheten kommen? Jesus antwortete: Nach ihm wird kein wahrer, von Gott gesandter Prophet kommen. Aber viele falsche Propheten werden kommen, worüber ich sehr traurig bin. Denn Satan wird sie aufgrund des gerechten Beschlusses Gottes hervortreten lassen, und sie werden sich hinter dem Vorwand meines Evangeliums verbergen. – (Kapitel 97)(Der Priester antwortete: Werden nach dem Kommen des Gesandten Gottes andere Propheten kommen? Jesus antwortete: Nach ihm werden keine von Gott gesandten wahren Propheten kommen, aber eine große Zahl falscher Propheten wird kommen, worüber ich traurig bin; denn Satan wird sie durch das gerechte Urteil Gottes hervorbringen, und sie werden sich unter dem Vorwand meines Evangeliums verbergen. – (Kapitel 97 – Das Barnabasevangelium) Jesus sagte: Wisse, Barnabas, dass einer meiner Jünger mich für dreißig Münzen an die Feinde verkaufen wird. Ich bin gewiss, dass derjenige, der mich verkaufen wird, in meinem Namen getötet werden wird. Denn Gott wird mich von der Erde emporheben und das Aussehen des Verräters so verändern, dass jeder glauben wird, er sei ich. Dennoch wird, wenn er diesen schändlichen Tod stirbt, meine Schande lange Zeit hindurch geschildert werden. Wenn jedoch der heilige Gesandte Gottes, Muhammad, kommen wird, wird mein schlechter Ruf beseitigt werden. Gott wird dies tun, weil ich seine – Muhammads – Wahrhaftigkeit anerkannt habe. Er wird mich dadurch belohnen, dass die Menschen erfahren werden, dass ich lebe und mit diesem schändlichen Tod nichts zu tun habe. – (Kapitel 112)(Wisse, o Barnabas – ich werde von einem meiner Jünger für dreißig Geldstücke verkauft werden. Daher bin ich gewiss, dass derjenige, der mich verkaufen wird, in meinem Namen getötet werden wird; denn Gott wird mich von der Erde emporheben und das Aussehen des Verräters so verändern, dass jeder glauben wird, er sei ich. Dennoch werde ich, wenn er einen bösen Tod stirbt, lange Zeit in der Welt in jener Schande verbleiben. Wenn aber Muhammad, der heilige Gesandte Gottes, kommen wird, wird jene Schande hinweggenommen werden. Und dies wird Gott tun, weil ich die Wahrheit über den Messias bekannt habe; dieser wird mir diese Belohnung geben, sodass man erkennen wird, dass ich lebe und mit jenem schändlichen Tod nichts zu tun habe. (Kapitel 112 – Das Barnabasevangelium).
Wahrlich, ich sage euch: Wäre die Wahrheit nicht aus dem Buch Mose ausgelöscht worden, hätte Gott unserem Vater David nicht das zweite Buch gegeben. Und wäre das Buch Davids nicht verfälscht worden, hätte Gott mir nicht das Evangelium anvertraut, da unser Herrgott unveränderlich ist und allen Menschen nur eine Botschaft verkündet hat. Wenn daher der Gesandte Gottes kommen wird, wird er alles beseitigen, womit die Gottlosen mein Buch verfälscht haben. – (Kapitel 124) (Wahrlich, ich sage euch: Wäre die Wahrheit nicht aus dem Buch Mose ausgelöscht worden, hätte Gott unserem Vater David nicht das zweite gegeben. Und wäre das Buch Davids nicht verunreinigt worden, hätte Gott mir nicht das Evangelium anvertraut, da unser Herrgott unveränderlich ist und allen Menschen nur eine Botschaft verkündet hat. Wenn daher der Gesandte Gottes kommen wird, wird er kommen, um alles zu reinigen, womit die Gottlosen mein Buch verunreinigt haben. (Kapitel 124 – Das Barnabasevangelium).
Das Christentum in Arabien
Ergänzung durch die beiden Herausgeber
[Als unter dieser Überschrift einige Materialien oder Sachbeiträge zusammengetragen worden waren, wurde der Mangel empfunden, dass die für den Beginn der Erörterung erforderlichen Inhalte fehlten. Diese Lücke konnte nur dadurch geschlossen werden, dass Material aus den Werken anderer Verfasser gesammelt wurde. Diese werden im Folgenden als Zitate wiedergegeben. – [Die beiden Herausgeber]]
Erstens: Im dritten Jahrhundert christlicher Zeitrechnung gelangte das Christentum nach Arabien, als sich in den Kirchen des Ostens Unmoral und Bidʿa (eine neu eingeführte Lehre) zunehmend ausbreiteten. Die gewöhnlichen Historiker sagen, dies sei die Zeit von Dhu Nuwas gewesen. Ich stimme dem jedoch nicht zu, denn er starb ungefähr vierhundert Jahre zuvor. Diese Religion breitete sich in Nadschran am stärksten aus; in Arabien wurde sie nicht in größerem Umfang verbreitet. Allerdings breitete sich das Christentum unter den Stämmen der Banu Rabiʿa und Ghassan sowie teilweise unter den Qudaʿa aus. Aus den Anmerkungen zur Urdu-Übersetzung, erster Band, der Geschichte Ibn Chalduns, von Allama Hakim Ahmad Husain Allahabadi.
Zweitens: Das Christentum war in Rabia, Ghassan und einigen Teilen von Quda’a verbreitet. Es scheint, dass sie das Christentum von den Byzantinern annahmen, denn die Araber reisten zu Handelszwecken häufig in deren Land. In Hira nahmen die verschiedenen arabischen Stämme das Christentum gemeinsam an. Sie wurden ʿAbbad genannt. Zu ihnen gehörte auch ʿAdi ibn Zayd al-ʿAbbadi. Auch unter den Banu ʿAgl gab es arabische Christen. (Urdische Übersetzung von Bulugh al-Adab von Pir Muhammad Hasan, Band 3, S. 152.)
Drittens: Die Banu Ghassan nahmen im Jahr 330 n. Chr. das Christentum an. Danach breitete sich diese Religion im Iran, in Arabien, Bahrain, in der Wüste von Faran, in Dumat al-Dschandal sowie in den an Euphrat und Tigris gelegenen Gebieten aus. Der Negus und der Kaiser bemühten sich gemeinsam um die Verbreitung dieser Religion. Von 395 bis 513 n. Chr. wurde ihre Verbreitung besonders intensiv betrieben, und im Jemen wurden zahlreiche Evangelienbücher verbreitet. – Rahmat li-l-ʿAlamin, Band 1, S. 31, Anmerkung.
Viertens: Vor den Tubbaʿ waren alle Schichten von Saba Sternenanbeter. Ihre größten Gottheiten waren Schams und al-Makka. In der himyarischen Sprache wird der Mond al-Makka genannt. Im Jahr 330 n. Chr. entstand unter dem Einfluss der ägyptischen Byzantiner an der afrikanischen Küste hinter dem Jemen ein christlicher Aufruhr. Mit Hilfe der Byzantiner aus Syrien nahm die Stadt Nadschran am Rand des Jemen das Christentum an. Unter dem Einfluss all dieser Umstände konnten auch die Tubbaʿ des Jemen sich nicht vor dem Christentum schützen. Obwohl die Sternenanbetung aufhörte, wurden ihre Götzen nicht entfernt. Nun begann man neben Schams, al-Makka und Aschtar auch den Namen Rahman zu sehen, einen Namen, der in vorislamischer Zeit für Juden und Christen bestimmt war.
Fünftens: In dieser Region waren das Judentum und das Christentum die beiden zivilisierten und offenbarten Religionen. Sie waren Rivalen. Im vorherigen Kapitel wurde dargelegt, dass zwischen dem Volk von Saba in Himyar und den Byzantinern sowie den Abessiniern ständig Konflikte und Auseinandersetzungen stattfanden. Daher gaben die Tubbaʿ von Himyar dem Judentum gegenüber dem Christentum den Vorzug. Außer ʿAbd Kalil findet sich kein Beweis dafür, dass irgendein anderer Tubbaʿ das Christentum angenommen hätte. Nach den Berichten der Araber war auch ʿAbd Kalil Christ. Eine Steininschrift bestätigt ebenfalls, dass sie Christen waren. Unter den übrigen Tubbaʿ gab es wenige Sternenanbeter und mehrheitlich Juden. Die Geschichte at-Tabaris berichtet, dass als Erster Asʿad Abu Karib(Arabisch***)das Judentum annahm. Die königliche Religion breitete sich auch unter der einfachen Bevölkerung aus. So kam es im Jemen zum Konflikt zwischen Judentum und Christentum.
Sechstens: Die Römer setzten den Seeweg unter Segel und brachten dadurch den Markt von Saba zum Erliegen. Damit noch nicht zufrieden, griffen sie im Jahr 20 v. Chr. den Jemen an. Der abessinische Aksumite, der zunächst wie die römischen Ägypter im selben Land geboren worden war und später diesen Glauben annahm, brachte wiederholt seinen Unmut über die von den Römern geschürten Unruhen zum Ausdruck. Die Himyar ließen keine Gelegenheit ungenutzt. Sobald sich eine Gelegenheit bot, plünderten sie auf dem Meer römische Kaufleute. Im nördlichen Arabien lagen Iran und Rom miteinander im Streit. Es war nur natürlich, dass die Himyar den Iranern Sympathie entgegenbrachten.
Die Römer wollten die Angelegenheit durch einen Friedensschluss beenden. Gegen Ende des sechsten christlichen Jahrhunderts entsandte der römische Kaiser Justinus einen Gesandten in den Jemen zu Tubbaʿ. ——- Dieser Friedensvorschlag konnte das Feuer des Hasses nicht löschen. Zu jener Zeit war Dhu Nuwas der Herrscher.
Siebtens: Römische Kaufleute gelangten mit Handelswaren in die Küstengebiete des Jemen, und überall, wohin sie kamen, verbreiteten sie zusammen mit den Waren auch die Gaben des Christentums. Auch christliche Priester bereisten das Landesinnere zu besonderen Zwecken. Zuerst in Aden und danach in Adnan, wo zuvor die Anbetung von Bäumen praktiziert worden war, entfaltete sich das Christentum in voller Blüte. Die Kunstfertigkeiten und Techniken, die man heute in Europa sieht, gab es auch schon in der Vergangenheit. Stets wurden unter dem Deckmantel des Handels religiöse und politische Ziele verfolgt. Auch in jener Zeit wurden unter dem Deckmantel dieses Handels religiöse und politische Ziele verfolgt. Durch diese Machenschaften wurde Nadschran im Jemen zu einem Zentrum des Christentums. Das heißt, für die Römer und die Abessinier war es zu einem Ort der Hoffnung und Zuflucht geworden. Die Juden von Himyar brannten beim Anblick dessen vor Zorn.
Die Geschichte der Aṣḥāb al-Ukhdūd
(Hier beginnt die eigene Darstellung des Verfassers)
Es werden verschiedene Ereignisse geschildert, bei denen Feuer in Gruben entzündet und Gläubige hineingeworfen wurden. Daraus wird ersichtlich, dass in der Welt vielfach solche teuflischen Verfolgungen durchgeführt wurden.
Die von Suhaib ar-Rumi (möge Allah mit ihm zufrieden sein) überlieferte Begebenheit
Eine dieser Begebenheiten schilderte Suhaib ar-Rumi (möge Allah mit ihm zufrieden sein) dem Propheten (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm). Sie lautet: Ein König hatte einen Zauberer. Als dieser alt geworden war, sagte er zum König: „Gib mir einen Jungen, der bei mir die Zauberei erlernt.“ Der König stellte ihm einen Jungen für diese Aufgabe zur Verfügung. Auf seinen Wegen zum Zauberer begann der Junge, einen Priester zu treffen, der vermutlich ein Anhänger des Propheten Isa (Friede sei mit ihm) war. Unter dem Einfluss der Worte des Priesters nahm der Junge den Glauben an. Nachdem er vom Priester erzogen worden war, erhielt er die Gabe der Wundertaten. Durch ihn erlangten Blinde ihr Augenlicht wieder, und Aussätzige wurden geheilt. Als der König erfuhr, dass der Junge an den Tauhid glaubte, ließ er zunächst den Priester töten und wollte danach den Jungen töten. Doch mit keinem Werkzeug war es möglich, ihn zu töten. Schließlich sagte der Junge: „Wenn du mich töten willst, dann schieße vor einer Menschenmenge einen Pfeil auf mich und sage dabei: ‚Im Namen des Herrn dieses Jungen.‘“
Auf diese Weise tötete der König den Jungen. Daraufhin rief die Menge einstimmig: „Wir glauben an den Herrn dieses Jungen!“ Die Ratgeber des Königs sagten: „Genau das ist eingetreten, wovor du dich schützen wolltest. Die Menschen haben deine Religion aufgegeben und die Religion dieses Jungen angenommen.“ Als der König dies sah, geriet er in furchtbaren Zorn. Dann ließ er am Straßenrand Gruben ausheben und sie mit loderndem Feuer füllen. Danach wurde jeder, der nicht bereit war, seinen Glauben aufzugeben, ins Feuer geworfen (Ahmad, Muslim, an-Nasa’i, at-Tirmidhi, Ibn Dscharir, Abd ar-Razzaq, Ibn Abi Schaiba, at-Tabarani, Abd ibn Humayd).
Die von Ali (möge Allah mit ihm zufrieden sein) überlieferte Begebenheit
Eine zweite Begebenheit überlieferte Ali (möge Allah mit ihm zufrieden sein). Er berichtet: Ein König von Iran trank Wein und beging in betrunkenem Zustand Unzucht mit seiner eigenen Schwester. Dadurch entstand zwischen ihnen eine unerlaubte Beziehung. Als die Angelegenheit bekannt wurde, verkündete der König, Gott habe die Heirat mit der eigenen Schwester erlaubt. Die Menschen akzeptierten diese Aussage nicht. Daraufhin zwang der König die Bevölkerung durch verschiedene Arten von Strafen, dies anzuerkennen. Diejenigen, die sich weigerten, wurden weiterhin in feurige Gruben geworfen. Ali (möge Allah mit ihm zufrieden sein) sagt, dass seit dieser Zeit unter den Magiern (Feueranbetern) die Heirat mit verbotenen Frauen üblich wurde. – Ibn Dscharir
Israelitische Überlieferung
Das dritte Ereignis wird von Ibn Abbas (r.a.) überliefert. Wahrscheinlich hat er dieses Ereignis aus einer israelitischen Überlieferung zitiert. Er sagt: Die Babylonier zwangen die Kinder Israels, die Religion des Propheten Moses (a.s.) aufzugeben. Jene, die sich weigerten, diese Religion zu verlassen, warfen sie in feuergefüllte Gruben. – Ibn Dscharir, Abd ibn Humayd.
Das Ereignis von Nadschran
Das Ereignis von Nadschran ist das bekannteste. Islamische Historiker wie Ibn Hischam, Tabari, Ibn Chaldun, der Verfasser des Werkes Muʿdscham al-Buldan und andere haben dieses Ereignis überliefert. Zusammengefasst verhält es sich so: Der himyaritische König Tubban Asʿad Abu Karib begab sich einmal nach Jathrib und nahm, von den Juden beeinflusst, das Judentum an. Danach nahm er zwei Gelehrte der Banu Quraiza mit in den Jemen. Dort verbreitete er das Judentum in großem Umfang. Nach seinem Tod folgte ihm sein Sohn Dhu Nuwas auf den Thron. Dieser griff Nadschran an, die starke christliche Festung in Südarabien, um das Christentum dort auszulöschen und die Einwohner zur Annahme des Judentums zu zwingen. Ibn Hischam sagt, dass diese Menschen Anhänger der wahren Religion Jesu (a.s.) waren. Nachdem er Nadschran erreicht hatte, forderte er die Bevölkerung auf, das Judentum anzunehmen. Doch sie weigerten sich. Daraufhin wurden zahlreiche Menschen in feuergefüllte Gruben geworfen und verbrannt, und viele weitere wurden getötet. Insgesamt wurden zwanzigtausend Menschen getötet. Unter den Bewohnern Nadschrans floh ein Mann namens Dhu Thaʿlaban. Einer Überlieferung zufolge ging er zum Kaiser von Rom, nach einer anderen zum Negus, dem König von Abessinien, und forderte Abhilfe gegen diese Gewalttat. Nach der ersten Überlieferung informierte der Kaiser den Negus; nach der zweiten bat der Negus den Kaiser, ein Kriegsschiff zu entsenden. Jedenfalls griff schließlich ein abessinisches Heer von siebzigtausend Soldaten unter dem Befehl eines Feldherrn namens Aryat den Jemen an. Dhu Nuwas wurde getötet. Der jüdische Staat ging unter, und der Jemen wurde zu einem Teil des christlichen Reiches von Abessinien.
Christliche Missionare im Jemen
Die Berichte islamischer Historiker werden durch andere historische Quellen nicht nur bestätigt; aus ihnen lassen sich auch wesentlich ausführlichere Einzelheiten erfahren. Die Herrschaft der fanatischen christlichen Abessinier im Jemen begann erstmals im Jahr 34 n. Chr. und blieb bis 378 n. Chr. bestehen. Von jener Zeit an begannen christliche Missionare in den Jemen einzudringen. In einer nahe daran liegenden Epoche kam ein gottesfürchtiger Asket und christlicher Wanderprediger namens Faymiyun, der über die Gabe verfügte, verborgene Dinge zu enthüllen und Wunder zu wirken, nach Nadschran. Er erklärte den dortigen Menschen, wie schlecht der Götzendienst sei. Durch seine Predigt nahmen die Bewohner Nadschrans das Christentum an. Ihre Regierung wurde von drei Oberhäuptern geführt. Der erste war ein mächtiger Anführer, ähnlich den Stammeshäuptlingen. Ihm oblagen die auswärtigen Angelegenheiten, internationale Verträge und die Führung des Heeres. Der zweite war der Verwalter, der sich um die inneren Angelegenheiten kümmerte. Der dritte war der Usquf oder Bischof; seine Aufgabe bestand in der religiösen Führung. Nadschran war eine äußerst wichtige Stadt in Südarabien. Sie war ein Zentrum von Handel, Gewerbe und Industrie. Dort gab es Fabriken für Seide, Leder und Waffen. Auch die berühmten jemenitischen Hulla-Gewänder wurden dort hergestellt. Deshalb griff Dhu Nuwas diesen wichtigen Ort nicht nur aus religiösen, sondern auch aus politischen und wirtschaftlichen Gründen an. Er tötete Haritha, den führenden Mann Nadschrans (nach den syrischen Historikern Arethas). Vor dessen Frau Ruma wurden seine beiden Töchter getötet, und man zwang sie, ihr Blut zu trinken. Danach wurde auch sie getötet. Die Gebeine des Bischofs Paulus wurden aus dem Grab geholt und verbrannt. Frauen und Männer, Kinder und Greise, Priester und Geistliche wurden allesamt in die feuergefüllten Gruben geworfen. Es wird berichtet, dass insgesamt zwischen zwanzig- und vierzigtausend Menschen getötet wurden. Dieses Ereignis fand im Jahr 523 n. Chr. statt; im Jahr 525 n. Chr. griffen die Abessinier den Jemen an, töteten Dhu Nuwas und beendeten damit sein himyaritisches Reich. Einen Beweis für die Wahrheit dieses Berichts liefern die Inschriften von Hisn al-Ghurab, die von modernen Archäologen im Jemen entdeckt wurden.
Augenzeugen des Ereignisses der Gefährten der Grube
In verschiedenen Schriften und Abhandlungen des sechsten christlichen Jahrhunderts wird das Ereignis der Gefährten der Grube ausführlich beschrieben. Einige dieser Berichte wurden bereits zu jener Zeit verfasst oder nach Aussagen von Augenzeugen niedergeschrieben. Drei ihrer Verfasser waren Zeitgenossen des Ereignisses. Der erste hieß Prokopius, der zweite Cosmos Indico-Pleustis. Er übersetzte auf Befehl des Negus Elesboan die griechischen Werke des Ptolemäus ins Englische und lebte in der an der Küste Abessiniens gelegenen Stadt Adulis. Der dritte war Johannes Malalas. Spätere Historiker haben dieses Ereignis aus seinem Bericht zitiert. Danach hielt Johannes von Ephesus (gestorben 585 n. Chr.) in seiner Kirchengeschichte die Geschichte der Verfolgung der Christen von Nadschran fest. Er zitierte sie aus einem Brief des zeitgenössischen Berichterstatters, des Bischofs Simeon. Dieser Brief war im Namen des Abtes von Gabula verfasst worden. In seinem Brief zitierte Simeon den Bericht über dieses Ereignis aus den Augenzeugenberichten der Jemeniten. Der Brief wurde 1881 n. Chr. in Rom veröffentlicht und 1890 n. Chr. im Zusammenhang mit einer Darstellung des Zustands der christlichen Märtyrer herausgegeben. Auch der Patriarch Dionysius und Zacharias von Mitylene haben dieses Ereignis in ihren syrischen Geschichtswerken beschrieben. Der Bischof Pulus von Edessa verfasste ein Trauergedicht oder eine Elegie auf die in Nadschran Getöteten, die noch heute erhalten ist. Das in syrischer Sprache verfasste Werk Al-Himyar und seine englische Übersetzung Book of Himyarites wurden 1924 n. Chr. in London veröffentlicht. Dieses Werk bestätigt die Richtigkeit der Berichte der muslimischen Historiker. Im Britischen Museum befinden sich einige abessinische Handschriften aus jener Zeit und der ihr nahestehenden Epoche, die diese Geschichte bestätigen. Philby schrieb in seinem Reisebericht Arabian Highlands, dass der Ort in Nadschran, an dem sich das Ereignis der Gefährten der Grube zugetragen hatte, bis heute den Menschen wohlbekannt ist. In der Nähe von Umm Kharaq wurden an einem Ort einige in Stein gemeißelte Bilder gefunden, und die heutigen Bewohner Nadschrans wissen, wo sich Nadschrans Kaaba befand (sie hatten sie selbst Kaaba genannt, und sie war als Nadschrans Kaaba bekannt – der Verfasser).
Bau eines Palastes in der Gestalt der Kaaba
Nachdem die abessinischen Christen Nadschran erobert hatten, errichteten sie dort ein Gebäude in der Form der Kaaba. Sie wollten ihm anstelle der in Mekka befindlichen Kaaba eine zentrale Bedeutung verleihen. Seine Priester trugen Turbane und betrachteten es als Heiligtum. Aus dem Römischen Reich wurden finanzielle Mittel für diese Kaaba gesandt. Die Priester dieser Kaaba von Nadschran erschienen unter der Führung ihres obersten Bischofs und anderer Würdenträger am Hofe des Propheten Muhammad, um mit ihm zu disputieren; dabei ereignete sich das berühmte Ereignis der Mubāhala, das im 61. Vers der Sure Āl ʿImrān geschildert wird. (Sure as-Saff, Anmerkung 7)
Errichtung der christlichen Herrschaft im Jemen
Die christliche Regierung Abessiniens griff den Jemen an, um Vergeltung für die Verfolgung zu üben, die der jüdische Herrscher des Jemen, Dhū Nuwās, in Nadschran gegen die Anhänger des Messias geführt hatte. Sie beendete die Herrschaft der Himyaren und errichtete im Jahr 525 n. Chr. die abessinische Herrschaft über die gesamte Region. All dies geschah durch die gegenseitige Unterstützung der römischen Regierung in Konstantinopel und der Regierung Abessiniens. Denn die Abessinier besaßen zu jener Zeit keine nennenswerte Kriegsflotte. Die Römer stellten ihnen Schiffe zur Verfügung, und mit deren Hilfe landeten die Abessinier mit siebzigtausend Soldaten an der jemenitischen Küste. Zunächst muss man sich klarmachen, dass all dies keineswegs ausschließlich das Ergebnis religiöser Beweggründe war. Vielmehr lagen dahinter wirtschaftliche und politische Ziele, und diese bewogen sie zu diesem Vorgehen. Die Vergeltung für das Blut der unterdrückten Christen war nichts weiter als ein Vorwand. Seit dem Tag, an dem das Römische Reich seine Herrschaft über Ägypten und Syrien errichtet hatte, bestand sein Bestreben darin, den Arabern den Handel zu entreißen, den sie seit mehreren Jahrhunderten zwischen Ostafrika, Indien, Indonesien und anderen Ländern einerseits und den zum Römischen Reich gehörenden Gebieten andererseits monopolartig betrieben, und ihn selbst in die Hand zu nehmen. Dadurch konnte es den gesamten Gewinn einstreichen und die Vermittlung durch die arabischen Händler beseitigen. Zu diesem Zweck entsandte Kaiser Augustus im Jahr 24 oder 25 v. Chr. unter dem Kommando des Feldherrn Aelius Gallus eine gewaltige Flotte an die Westküste Arabiens, damit sie das Landgebiet von Südarabien bis Syrien unter ihre Herrschaft bringen konnte. Doch die schwierigen geografischen Verhältnisse Arabiens vereitelten diesen Versuch. Danach stationierten die Römer ihre Flotte im Roten Meer, wodurch der gesamte Seehandel der Araber zum Erliegen kam. Ihnen blieb nur noch die Möglichkeit, auf dem Landweg Handel zu treiben. Um auch diesen Landweg unter ihre Kontrolle zu bringen, schlossen sie ein Bündnis mit der christlichen Regierung Abessiniens und halfen ihr mit ihrer Flotte, den Jemen zu erobern.
Wie Abraha zum Herrscher des Jemen wurde
Über das abessinische Heer, das den Jemen angriff, berichten die Historiker Verschiedenes. Ibn Kathīr sagt, der Feldzug sei unter der Führung zweier Befehlshaber erfolgt: des einen namens Aryat und des anderen namens Abraha. Muhammad ibn Ishaq berichtet, beide seien sich darin einig, dass Aryat und Abraha später miteinander in Streit gerieten und Aryat getötet wurde. Abraha erlangte die Herrschaft über das Land. Danach bewog er den Kaiser dazu, ihn zum Vertreter des abessinischen Kaisers im Jemen zu ernennen. Die griechischen und syrischen Historiker hingegen berichten, dass die Abessinier nach der Eroberung des Jemen begannen, die jemenitischen Stammesführer, die Widerstand leisteten, einen nach dem anderen zu töten. Daraufhin unterwarf sich ein Stammesführer – die griechischen Historiker nennen ihn Esymphaesus – den Abessiniern, erklärte sich zur Zahlung eines Tributs bereit und erhielt vom Kaiser von Abessinien eine Ernennungsurkunde zum Gouverneur des Jemen. Doch das abessinische Heer rebellierte gegen ihn und machte Abraha an seiner Stelle zum Gouverneur. Dieser war der Sklave eines griechischen Händlers aus dem abessinischen Hafen Adulis. Im abessinischen Heer, das in den Jemen eingefallen war, gelang es ihm, seinen Einfluss auszubauen. Jede Armee, die der Kaiser von Abessinien zu seiner Unterwerfung entsandte, schloss sich entweder ihm an oder wurde besiegt. Schließlich erkannte der Nachfolger des verstorbenen Kaisers von Abessinien Abraha als dessen Vertreter im Jemen an. Die griechischen Historiker nennen ihn Abrames, die syrischen Historiker Abraham. Abraha ist wahrscheinlich die abessinische Aussprache; auf Arabisch lautet sein Name Ibrāhīm.
Allmählich wurde dieser Mann (Abraha) zum unabhängigen König des Jemen. Er erkannte jedoch weiterhin die bloß nominelle Oberhoheit des Kaisers von Abessinien an und gab sich als dessen Vertreter aus. Wie weit sein Einfluss reichte, lässt sich aus folgendem Ereignis ermessen: Als er nach der Vollendung der Reparaturarbeiten an der Talsperre von Maʾrib ein großes Fest veranstaltete, nahmen an diesem Fest die Gesandten des römischen Kaisers, des iranischen Kaisers, des Herrschers von Hira, des Herrschers von Ghassan und anderer teil. Ein Bericht darüber findet sich in einer an der Talsperre von Maʾrib angebrachten Inschrift. Diese Inschrift ist noch vorhanden und wurde von Glaser zitiert.
Der Feldzug zur Errichtung politischer, wirtschaftlicher und religiöser Herrschaft über die Araber
Nachdem Abraha seine Herrschaft über den Jemen vollständig gefestigt hatte, begann er mit genau dem Vorhaben, das das Römische Reich und seine habaschisch-christlichen Verbündeten seit Beginn dieses Feldzugs beabsichtigt hatten: einerseits die Verbreitung und Ausdehnung des Christentums in Arabien und andererseits die Kontrolle über den Handel, der durch die Araber zwischen den Ländern des Ostens und den unter römischer Herrschaft stehenden Ländern betrieben wurde. Dieses Bedürfnis wurde dadurch dringlicher, dass infolge des Machtkonflikts zwischen Rom und dem sassanidischen Reich Irans sämtliche Handelswege der Römer zu den Ländern des Ostens versperrt worden waren. Deshalb ließ Abraha in Sanʿa, der Hauptstadt des Jemen, eine gewaltige Kirche errichten. Die arabischen Historiker nannten sie al-Qalīs, al-Qulais oder al-Qulaiyās. Dies ist die arabische Aussprache des griechischen Wortes Ekklesia/Ecclesia. Das urdusprachige Wort Kalisa ist aus dem Griechischen hervorgegangen. Muhammad ibn Ishaq berichtet, dass er nach der Fertigstellung dieses Bauwerks dem Kaiser von Abessinien mitteilte, er werde nicht eher ruhen, als bis er die Pilgerfahrt der Araber von der Kaaba zu dieser Kirche umgelenkt habe. (Nach der Erlangung der politischen Herrschaft über den Jemen bemühten sich die Christen fortwährend darum, der Kaaba gegenüber eine zweite Kaaba zu errichten und sie zum zentralen Ort der Araber zu machen. Auch in Nadschran hatten sie eine Kaaba errichtet, die oben erwähnt wurde. – Der Verfasser) Ibn Kathir sagt, Abraha habe sein Vorhaben im Jemen offen verkündet und unter der Bevölkerung verbreitet. Ziel dieses Schrittes sei gewesen, die Araber zu erzürnen, damit sie etwas täten, was als Vorwand für einen Angriff auf Mekka und die Zerstörung der Kaaba dienen könnte. Muhammad ibn Ishaq berichtet, dass nach dieser Ankündigung ein Araber auf irgendeine Weise in seine Kirche eindrang und dort Kot und Urin absetzte. Ibn Kathir sagt, diese Tat sei von einem Quraischiten begangen worden. Muqatil ibn Sulayman berichtet, einige junge Männer der Quraisch seien hingegangen und hätten die Kirche in Brand gesteckt. Wenn sich ein solches Ereignis tatsächlich zugetragen hat, ist daran nichts Verwunderliches. Denn Abr ahas derartige Ankündigung hatte große Erregung hervorgerufen, und in der Zeit der alten Dschahiliyya war es unter diesen Umständen durchaus nicht unvorstellbar, dass irgendein Araber, irgendein Quraischit oder einige aufgebrachte junge Männer eine Kirche entweihten oder sie in Brand steckten. Ebenso wenig ist es unmöglich, dass Abraha selbst heimlich jemanden mit dieser Tat beauftragte, um einen Vorwand für den Angriff auf Mekka zu schaffen. Auf diese Weise wollte er beide Ziele erreichen: die Quraisch zu vernichten und alle Araber in Angst und Schrecken zu versetzen. Wie dem auch sei – welches der beiden Ereignisse sich auch zugetragen haben mag –, als Abraha erfuhr, dass Menschen, die die Kaaba verehrten, seine Kirche geschändet hatten, schwor er, nicht ruhig sitzen zu bleiben, bis er die Kaaba dem Erdboden gleichgemacht hätte.
Abr ahas Angriff auf Mekka
Daraufhin marschierte er im Jahr 570 oder 571 n. Chr. mit sechzigtausend Soldaten und einunddreißig Elefanten (anderen Berichten zufolge neun Elefanten) nach Mekka. Unterwegs stellte sich ihm zunächst ein jemenitischer Stammesführer namens Dhu Nafar mit einem arabischen Heer entgegen. Doch er wurde besiegt und gefangen genommen. Danach bereitete sich in der Region Chaschʿam ein arabischer Stammesführer namens Nufail ibn Habib al-Chaschʿami mit seinen Stammesleuten zum Kampf vor. Auch er wurde besiegt und gefangen genommen. Um sein Leben zu retten, erklärte er sich bereit, den Weg zu weisen. Als sie die Nähe von Taif erreichten, waren die Banu Thaqif der Ansicht, dass sie nicht in der Lage seien, dieses gewaltige Heer aufzuhalten. Sie befürchteten, dass es womöglich ihren Tempel der al-Lat zerstören könnte. Daher begab sich ihr Anführer Masʿud mit einer Delegation zu Abraha. Er sagte: „Der Tempel, den du zu zerstören gekommen bist, ist nicht dieser hier, sondern befindet sich in Mekka. Zerstöre diesen Tempel nicht; wir geben dir Leute als Eskorte, die dir den Weg nach Mekka zeigen.“ Abraha nahm ihre Worte an. Daraufhin schickten die Banu Thaqif einen Mann namens Abu Righal mit Abraha. Als Mekka noch drei Wegmeilen entfernt war, starb Abu Righal an einem Ort namens al-Mugh ammas oder al-Mugh ammis. Die Araber pflegten lange Zeit, Steine auf sein Grab zu werfen. Jahr für Jahr machten sie den Banu Thaqif Vorwürfe, weil diese den Angreifern auf Mekka geholfen hatten, um den Tempel der al-Lat zu schützen.
Die Reaktion der Bewohner von Mekka
Ibn Ishaq berichtet, Abraha habe seinem Vorausheer befohlen, von al-Mugh ammas aus weiter vorzurücken. Sie raubten den Bewohnern der Tihama und den Quraisch zahlreiche Haustiere, darunter zweihundert Kamele von Abd al-Muttalib, dem Großvater des Propheten (s.a.s.). Danach schickte Abraha einen Gesandten nach Mekka. Durch ihn ließ er mitteilen: „Ich bin nicht gekommen, um gegen euch zu kämpfen, sondern um jenes Haus der Kaaba zu zerstören. Wenn ihr nicht kämpft, werde ich weder euer Leben noch euren Besitz antasten.“
Durch seinen Gesandten ließ er außerdem mitteilen, dass die Mekkaner, falls sie etwas zu sagen hätten, ihren Anführer zu ihm schicken sollten. Der angesehenste Anführer Mekkas war damals Abd al-Muttalib. Der Gesandte Abrahas traf ihn und überbrachte ihm Abrahas Botschaft. Abd al-Muttalib sagte: „Wir sind nicht stark genug, um gegen Abraha zu kämpfen. Dies ist das Haus Allahs. Wenn Er will, wird Er es beschützen.“ Der Gesandte sagte: „Komm mit mir zu Abraha.“ Er willigte ein und brach mit ihm auf.
Abd al-Muttalib war ein so beeindruckender Mann, dass Abraha von ihm tief beeindruckt war. Er stieg von seinem Sitz herab, ging zu ihm und sagte: „Was möchtest du?“ Er antwortete: „Gib mir meine Kamele zurück, die du beschlagnahmt hast.“ Abraha sagte: „Als ich dich sah, war ich zutiefst beeindruckt. Doch du verlangst die Rückgabe deiner Kamele und sagst nichts über jenes Haus, das die Zuflucht eurer Religion und der Religion eurer Vorfahren ist. Dadurch bist du in meinen Augen gesunken.“ Er sagte: „Ich bin nur der Besitzer meiner Kamele und bitte dich um ihretwillen. Was nun das Haus betrifft, von dem du sprichst: Es hat einen Herrn, und Er selbst wird es beschützen.“ Abraha sagte: „Er kann sein Haus nicht vor meinem Angriff schützen.“ Abd al-Muttalib sagte: „Du weißt es, und Er weiß es.“ Damit erhob er sich, und Abraha gab ihm seine Kamele zurück.
Die Überlieferung von Ibn Abbas (r.a.) ist anders. Darin findet sich keine Erwähnung einer Forderung nach den Kamelen. In der von Abd ibn Humayd, Ibn al-Mundhir, Ibn Marduyah, al-Hakim, Abu Nuʿaim und al-Bayhaqi von ihm überlieferten Darstellung heißt es: Als Abraha einen Ort namens as-Safah erreichte, der zwischen den Bergen von Arafat und Taif nahe der Grenze des Haram lag, ging Abd al-Muttalib selbst zu ihm und sagte: „Was war dein Anlass, bis hierher zu kommen? Wenn du etwas brauchst, hättest du es uns sagen sollen; wir hätten es dir zukommen lassen.“ Er sagte: „Ich habe gehört, dass dieses Haus ein Haus des Friedens und der Sicherheit ist. Ich bin gekommen, um seine Sicherheit zu beenden.“ Abd al-Muttalib sagte: „Dies ist das Haus Allahs. Bis heute hat Er niemandem erlaubt, sich in dieses Haus einzumischen.“ Abraha sagte: „Wir werden es dem Erdboden gleichmachen und nicht davon ablassen.“ Abd al-Muttalib sagte: „Nimm von uns, was du willst, und kehre um.“ Doch Abraha stimmte dem nicht zu und befahl seinem Heer, unter Zurücklassung Abd al-Muttalibs weiter vorzurücken.
Wenn wir die Abweichung zwischen diesen beiden Überlieferungen an ihrem jeweiligen Platz belassen und keiner den Vorrang vor der anderen geben, wird daraus deutlich, dass Schankā und die Stämme in seiner Umgebung nicht die Kraft besaßen, gegen ein derart gewaltiges Heer zu kämpfen und die Kaaba zu schützen. Daraus lässt sich erkennen, dass die Quraisch keinerlei Versuch unternahmen, es aufzuhalten. Zur Zeit der Schlacht von al-Ahzāb hatten die Quraisch zusammen mit den polytheistischen und jüdischen Stämmen gerade einmal zehn- bis zwölftausend Männer aufbringen können. Wie sollten sie sechzigtausend Soldaten entgegentreten?
Muhammad ibn Ishāq berichtet: Nachdem ʿAbd al-Muttalib vom Standort des Heeres Abrahas zurückgekehrt war, forderte er die Quraisch auf, sich mit ihren Familien in den Bergen in Sicherheit zu bringen, damit sie nicht massenhaft getötet würden. Danach begab er sich gemeinsam mit einigen Anführern der Quraisch zum Haram und begann, an der Kette an der Tür der Kaaba im Gebet Allah, den Erhabenen, anzurufen, Er möge Sein Haus und dessen Diener beschützen. Damals befanden sich 360 Götzen in der Kaaba. Doch in diesem entscheidenden Augenblick vergaßen sie diese und erhoben ihre Hände ausschließlich im Gebet zu Allah. In den Gebeten, die von ihnen in der Geschichtsschreibung überliefert sind, wurde außer Allah, dem Einen, kein anderer Name erwähnt. Die Gedichte, die Ibn Hischām aus der Biografie ʿAbd al-Muttalibs überliefert hat, lauten wie folgt:(Arabisch**********)
O Allah! Der Diener beschützt sein eigenes Haus; so beschütze auch Du Dein Haus.
(Arabisch *******)
Möge morgen nicht über ihren Kreuzzug und ihre Ränke triumphieren.
(Arabisch*******)
Wenn Du sie und unsere Qibla ihrem eigenen Schicksal überlassen willst, dann tue, was Du willst.
Suhaylī hat in seinem Werk Rauḍ al-Unuf hierzu ein Gedicht angeführt:
(Arabisch ******)
Hilf heute deinem Nachfahren gegen die Nachkommen der Kreuzfahrer und ihre Anbeter.
Ibn Dscharir zitiert das folgende Gedicht von Abd al-Muttalib, das dieser während seines Bittgebets rezitierte:
(Arabisch******)
O Feind des Hauses, dein Feind! Halte sie davon ab, ihre eigene Stadt zu zerstören.
Allahs Wunder zum Schutz der Kaaba
Nachdem Abd al-Muttalib und seine Gefährten diese Bittgebete gesprochen hatten, gingen sie auf den Berg. Am folgenden Tag rückte Abraha vor, um in Mekka einzudringen. Doch sein besonderer Elefant namens Mahmud, der an der Spitze aller marschierte, setzte sich plötzlich hin. Man schlug ihn heftig, fügte ihm an den Augen und am Rücken Wunden zu und verstümmelte ihn. Doch er rührte sich überhaupt nicht. Wenn man ihn nach Osten, Süden oder Norden lenkte, lief er davon. Sobald man ihn jedoch in Richtung Mekka lenkte, setzte er sich hin und wollte unter keinen Umständen weiter vorwärtsgehen. Inzwischen kamen vom Roten Meer her Scharen von Vögeln, die kleine Steine in ihren Schnäbeln und Krallen trugen, und begannen, sie auf Abrahās Heer zu schleudern. Auf wessen Körper auch immer ein solcher Stein fiel, dessen Körper begann zu zerfallen. Muhammad ibn Ishaq und Ikrima sagen, dass bei jedem, den ein Stein traf, die Haut zu jucken begann. Die juckende Stelle wurde aufgerissen, und das Fleisch fiel herab. Nach einer anderen Überlieferung von Ibn Abbas flossen Fleisch und Blut wie Wasser heraus, und die Knochen traten hervor. Abrahas eigener Zustand war ebenso. Das Fleisch seines Körpers begann in Stücke zu zerfallen. Wo immer ein Stück herabfiel, quollen von dort Eiter und Blut hervor. In diesem Aufruhr und Durcheinander flohen sie in Richtung Jemen. Sie machten Nufail ibn Habib aus Chasch’am ausfindig, den sie von dort mitgebracht hatten, um ihnen den Weg zu zeigen, und sagten zu ihm: Zeige uns nun den Weg zurück. Er lehnte entschieden ab und sagte: „(Arabisch*****)Wo gibt es jetzt noch einen Ort zur Flucht, wenn Allah euch von hinten verfolgt? Der Schamlose (Abraha) ist nun besiegt und kein Sieger.“
Während dieser Flucht begannen sie überall zu Boden zu stürzen und zu sterben. Ata ibn Yasar sagt, dass nicht alle sofort starben. Einige starben dort, und andere fielen während der Flucht unterwegs zu Boden und starben. Abraha starb, nachdem er Chasch’am erreicht hatte. (Allah der Erhabene ließ es nicht bei dieser Bestrafung der Abessinier bewenden. Vielmehr beseitigte Er innerhalb von drei oder vier Jahren die Herrschaft der Abessinier im Jemen für immer. Aus der Geschichte ist bekannt, dass ihre Macht im Jemen nach dem Ereignis mit dem Elefanten vollständig zerschlagen war. An verschiedenen Orten erhoben sich jemenitische Stammesführer und erklärten den Aufstand. Daraufhin bat ein jemenitischer Stammesführer namens Sayf ibn Dhī Yazan den Iran um militärische Unterstützung. Aus dem Iran trafen auf sechs Schiffen lediglich eintausend Soldaten ein. Das war ausreichend, um die abessinische Herrschaft zu beseitigen. Dies geschah im Jahr 475 n. Chr. – Der Verfasser.)
Dieses Ereignis ereignete sich an einem Ort namens Muhassir, nahe dem Tal von Muhassab zwischen Muzdalifa und Mina. In der von Imam Dschafar as-Sadiq von seinem Vater, Imam al-Baqir, und dieser von Dschabir ibn Abdullah überlieferten Schilderung der Abschiedswallfahrt des Propheten Muhammad (Allahs Segen und Heil seien auf ihm), wie sie in Sahih Muslim und bei Abu Dawud überliefert wird, heißt es, dass der Gesandte Allahs (Allahs Segen und Heil seien auf ihm), als er von Muzdalifa nach Mina zog, im Tal von Muhassir sein Tempo beschleunigte. Imam Nawawi sagt in seinem Kommentar, dass sich hier das Ereignis der Leute des Elefanten zugetragen habe. Deshalb ist es Sunna, diesen Ort schnell zu durchqueren. Imam Malik überliefert in der Muwatta, dass der Prophet (Allahs Segen und Heil seien auf ihm) sagte: „Ganz Muzdalifa ist ein Ort des Aufenthalts; haltet euch jedoch nicht im Tal von Muhassir auf.“
Zeugnisse dieses Ereignisses in der arabischen Literatur
In dem von Muhammad ibn Ishaq zitierten Gedicht Nufayl ibn Habibs schildert er dieses Ereignis aus eigener Anschauung:(Arabisch********)
O Rudaina! Ach, wenn du doch sehen könntest! Doch du wirst nicht sehen können, was wir nahe dem Tal von Muhassab gesehen haben.
(Arabisch******)
Ich dankte Allah, als ich die Vögel sah, und fürchtete, dass die Steine auf uns herabfallen könnten.
(Arabisch*******)
Alle unter ihnen suchten nach Nufail, als hätte er bei den Abessiniern Schulden gehabt.
Es war ein gewaltiges Ereignis, das in ganz Arabien Berühmtheit erlangte und über das die Dichter Gedichte verfassten. Aus diesen Gedichten wird unmissverständlich deutlich, dass alle dieses Ereignis als ein wundersames Wirken der Macht Allahs bezeichneten. Niemand deutete auch nur andeutungsweise an, dass jene Götzen, die in der Kaaba verehrt wurden, daran irgendeinen Anteil gehabt hätten. Beispielsweise sagt Abdullah ibn Aizibara:
(Arabisch ******)
Sie waren sechzigtausend, die nicht in ihr eigenes Land zurückkehren konnten. Und nachdem sie nicht zurückgekehrt waren, lebte ihr Kranker (Abraha) noch.
(Arabisch *******)
Vor ihnen lebten hier die ʿAd und die Jurhum. Und Allah ist über Seine Diener gegenwärtig; Er hat sie fest verankert.
Abu Qubais ibn Aslat sagt:
(Arabisch*******)
Erhebt euch, dient eurem Herrn und streicht über die Ecken des Hauses Allahs zwischen den Bergen von Mekka und Mina.
(Arabisch********)Als die Hilfe des Herrn des Thrones zu euch gelangte, trieb das Heer jenes Königs diese Leute derart in die Flucht, dass einige am Boden liegen blieben und andere durch Steinwürfe getötet wurden.
Einige wichtige Überlieferungen hierzu
Darüber hinaus berichten Umm Hāni und Zubair ibn al-Awwām, Allahs Wohlgefallen sei auf ihnen, dass der Prophet, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, gesagt habe: „Die Quraisch haben zehn Jahre lang – nach anderer Auffassung sieben Jahre lang – niemanden außer Allah, dem Einen ohne Teilhaber, angebetet.“ Die Überlieferung von Umm Hāni wurde von Imām al-Buchārī in seinem Geschichtswerk sowie von at-Tabarānī, al-Hākim, Ibn Mardūya und al-Baihaqī in ihren jeweiligen Hadith-Werken aufgezeichnet. Die Überlieferung von Zubair, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm, wird von at-Tabarānī, Ibn Mardūya und Ibn Asāf angeführt. Unterstützung findet sie in der mursal Überlieferung von Saʿīd ibn al-Musayyib, die al-Chatīb al-Bagdādī in seinem Geschichtswerk aufgezeichnet hat.
Die Geburt des Propheten, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm
Das Jahr, in dem sich dieses Ereignis ereignete, nannten die Araber ʿĀm al-Fīl, das Jahr des Elefanten. In eben diesem Jahr wurde der Prophet, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, geboren. Die Hadith-Gelehrten und Historiker sind sich in dieser Frage nahezu einig, dass sich das erwähnte Ereignis im Monat Muharram ereignete und der Prophet, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, im Monat Rabīʿ al-Awwal geboren wurde. Nach Ansicht der meisten wurde er fünfzig Tage nach dem Elefantenereignis geboren.
Warum wird dieses Ereignis im Koran nur kurz erwähnt?
Wenn man angesichts der oben dargelegten ausführlichen historischen Darstellung über die Sure al-Fīl nachdenkt, wird deutlich, warum in dieser Sure so kurz lediglich die Strafe Allahs über die Leute des Elefanten erwähnt wird. Das Ereignis lag keineswegs lange zurück. Alle Kinder von Mekka kannten es. Im Allgemeinen wussten auch die Araber davon. Das gesamte arabische Volk sagte, dass nicht irgendeine Gottheit das Kaʿba-Haus vor dem Angriff Abrahas geschützt habe. Vielmehr hatte Allah, der Erhabene, es geschützt, nachdem die Oberhäupter der Quraisch Ihn um Hilfe gebeten hatten. Die Quraisch waren durch dieses Ereignis mehrere Jahre lang so tief beeindruckt, dass sie niemanden außer Allah anbeteten. Deshalb bestand keine Notwendigkeit, es in der Sure al-Fīl ausführlich zu erwähnen. Es wurde vielmehr als ausreichend erachtet, an dieses Ereignis zu erinnern, damit insbesondere die Quraisch und allgemein die Araber in ihrem Inneren darüber nachdenken konnten, dass das, wozu der Prophet Muhammad, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, aufruft, nichts anderes ist, als alle Gottheiten aufzugeben und allein Allah, den Erhabenen, anzubeten. Außerdem sollten sie bedenken, dass auch sie der Strafe gegenüberstehen würden, die die Leute des Elefanten zerschmettert hatte, wenn sie versuchen sollten, diesen Aufruf zur Wahrheit durch Gewalt und Zwang zum Schweigen zu bringen. (Sure as-Saff, Anmerkung 8)
Das Christentum nach dem Erscheinen des Siegels der Propheten
[Aufgrund dessen, dass sie Träger der himmlischen Schriften waren, hätten sowohl die Juden als auch die Christen dem Islam sehr nahe sein müssen. Denn im Grunde war auch ihre Religion der Islam. Insbesondere hätte die Beziehung der Christen zum letzten Propheten Muhammad (s.a.w.) aus zwei Gründen enger sein müssen. Erstens: Durch die Sendung des Propheten Muhammad (s.a.w.) wäre das von Hadhrat Isa (a.s.) hinterlassene Werk vollendet worden. Zweitens: Die Prophezeiung über das Erscheinen des letzten Propheten war in den religiösen Schriften der Christen in weit größerem Umfang vorhanden als in denen der Juden. Viele, die davon wussten, erwarteten das Kommen des letzten Propheten. Der berühmte christliche Gelehrte Waraqah ibn Nawfal war einer von ihnen. Bemerkenswert ist, dass sich zwischen dem letzten Propheten und den Christen einige Ereignisse ereigneten, aufgrund derer die Haltung der Christen gegenüber dem letzten Propheten und den Muslimen anders hätte sein müssen. Doch das Judentum der Juden und das Christentum der Christen schufen gegenüber den Muslimen eine Kluft, die allmählich gewaltige Ausmaße annahm. Als Antwort auf die erhabene Behandlung durch die Muslime hegten sie äußersten Groll. Dieser Groll verwandelte sich in die Kreuzzüge. Nach diesen Kreuzzügen wurde die weltweite Politik der Christen, zusammen mit den Juden, gegenüber der islamischen Gemeinschaft zutiefst verabscheuungswürdig. – [Die Herausgeber]
Das Bekenntnis Waraqah ibn Nawfals zur Wahrheit des Prophetentums (Aus historischen Quellen ist bekannt, dass der Priester Bahira den Propheten (s.a.w.) bereits vor Waraqah ibn Nawfal während dessen Reise nach Syrien sah und in ihm die Zeichen eines Propheten erkannte. Ibn Khaldun sagt dazu: Als der Prophet (s.a.w.) zwölf Jahre alt wurde, reiste er mit Abu Talib nach Syrien. Der Priester Bahira erkannte in ihm die Zeichen des Prophetentums, rief seine Landsleute zu sich und setzte sie über das Prophetentum Muhammads (s.a.w.) in Kenntnis. Dies ist in den Biographien überliefert und allgemein bekannt. Ein zweites Mal reiste er mit dem Sklaven Maysarah und den Waren der ehrwürdigen Mutter der Gläubigen, Hadhrat Khadijah al-Kubra bint Khuwaylid ibn Asad ibn Abd al-Uzza, nach Syrien. Als er am Priester Nestor vorbeikam, erkannte dieser in ihm die Zeichen des Prophetentums und berichtete Maysarah davon. Nach seiner Rückkehr erzählte Maysarah Hadhrat Khadijah (r.a.) alles. Nachdem sie dies gehört hatte, unterbreitete Khadijah, möge Allah mit ihr zufrieden sein, Muhammad (s.a.w.) den Vorschlag, sie zu heiraten. – Ibn Khaldun, Urdu-Übersetzung, Band 1, S. 36; Übersetzer: Allamah Hakim Ahmad Hasan Osmani. Ob dieser Überlieferung nach Maßgabe historischer Forschung irgendein Wert beigemessen wird oder nicht: Wenn jemand angesichts des Antlitzes und der eindrucksvollen Persönlichkeit des ehrwürdigen Propheten (s.a.w.) zu dem Urteil gelangt, dass der Prophet, dessen Kommen in den alten Schriften angekündigt wird, eben dieser Prophet ist, so besteht darin kein Anlass zum Erstaunen. Und dass zwei christliche Priester (Bahira und Nestor), die den ehrwürdigen Propheten (s.a.w.) in seiner Kindheit sahen, in ihm die Zeichen des Prophetentums erkannten, ist für die Christen gewiss ein Beweis von irgendeinem Grad an Unwiderlegbarkeit. Wenn die Christen die Überlieferung, dass ihre beiden Priester in Muhammad (s.a.w.) die Zeichen des Prophetentums erkannten, als wahr anerkennen, dann sollten sie auch anerkennen, dass der Prophet, dem künftig die Offenbarung zuteilwerden sollte, von irgendeinem Propheten keinerlei Unterweisung in den Aufgaben des Prophetentums benötigt haben konnte. Die irrige Argumentation, die die Christen auf Grundlage der Überlieferung über den Priester Bahira aufgebaut haben, widerlegte Maulana Maududi folgendermaßen: Unter den zeitgenössischen Feinden des Propheten (s.a.w.) behauptete niemand, dass er als Kind, als er den Priester Bahira traf, all dies von ihm gelernt habe. Ebenso behauptete niemand, dass er in seiner Jugend, als er zu Handelszwecken ins Ausland reiste, dieses Wissen von christlichen Priestern und jüdischen Rabbinern erworben habe. Denn sie kannten die Umstände seiner Reisen von Anfang bis Ende. Er reiste auch nicht allein, sondern Hunderte von Menschen aus seiner eigenen Stadt bezeichneten sie als Lügner. Jeder Einwohner von Mekka fragte sie: Wenn dieser Mann im Alter von zwölf oder dreizehn Jahren bei Bahira all dieses Wissen erworben hatte oder im Alter von fünfundzwanzig Jahren, als er begann, zu Handelszwecken ins Ausland zu reisen, damit begonnen hatte, dieses Wissen zu erwerben, warum habt ihr dann bis zu seinem vierzigsten Lebensjahr all dies geheim gehalten? Schließlich lebte er nicht irgendwo anders, sondern unter uns. – [Die Herausgeber]
Nachdem der Prophet (s.a.w.) nach seiner ersten Begegnung mit dem Engel in der Höhle Hira völlig erschrocken und zitternd nach Hause gekommen war, tröstete ihn zunächst Hadhrat Khadijah (r.a.). Danach nahm sie ihn zu seinem Cousin Waraqah ibn Nawfal mit. Waraqah hatte im Zeitalter der Unwissenheit das Christentum angenommen. Er schrieb das Evangelium in arabischer und hebräischer Sprache. Er war hochbetagt und blind geworden. Hadhrat Khadijah (r.a.) sagte zu ihm: „Lieber Bruder, hören Sie, was Ihrem Neffen widerfahren ist.“
Waraqah sagte zum ehrwürdigen Propheten (s.a.w.): „Mein Neffe, erzählen Sie, was Sie gesehen haben.“
Der Prophet (s.a.w.) berichtete, was er gesehen hatte. Waraqah sagte: „Das ist der Namus (der Engel, der die Offenbarung bringt), den Allah, der Erhabene, zu Hadhrat Musa (a.s.) herabgesandt hat. O wenn ich doch während Ihrer prophetischen Sendung stark wäre und bis zu der Zeit lebte, in der Ihr Volk Sie vertreiben wird!“
Der Prophet (s.a.w.) sagte: „Werden diese Leute mich vertreiben?“
Waraqah sagte: „Gewiss. Noch nie ist jemandem, der etwas gebracht hat wie das, was Sie gebracht haben, nicht Feindschaft entgegengebracht worden. Wenn ich bis zu jener Zeit lebe, werde ich Sie mit all meiner Kraft unterstützen.“
Doch schon wenige Tage später starb Waraqah. – Hitni war ein hochbetagter Einwohner Mekkas. Er hatte den Propheten seit dessen Kindheit gesehen und aufgrund einer fünfzehnjährigen engen Verwandtschaft sein Leben noch unmittelbarer und eingehender beobachtet. Als er von diesem Ereignis hörte, hielt er es nicht für eine Einflüsterung oder eine Einbildung des Geistes. Vielmehr sagte er sofort: „Das ist jener Namus, den Allah, der Erhabene, zu Musa (a.s.) herabgesandt hat.“ Das bedeutet, dass der Prophet Muhammad (s.a.w.) in seinen Augen eine so hoch angesehene Persönlichkeit war, dass es keineswegs erstaunlich war, wenn er mit der Würde des Prophetentums ausgezeichnet wurde. (Sure al-Buruj, Anmerkung 4)
Die erste Hidschra der Muslime in ein christliches Land
Als die Lage in Mekka unerträglich wurde, sagte der Prophet (s.a.w.) im Radschab des fünften Jahres der Prophetenschaft:(Arabisch ******)
Es wäre gut für euch, auszuziehen und nach Abessinien zu gehen. Dort herrscht ein König, unter dem niemandem Unrecht getan wird. Es ist ein Land des Guten. Bleibt dort, bis Allah dieses Unglück von euch nimmt. – Der Prophet (s.a.w.) äußerte sich mit großer Aufgeschlossenheit lobend über das christliche Königreich Abessiniens. Angesichts der Gerechtigkeit seines Herrschers hätte allein dieses Ereignis der Hidschra der Muslime dorthin genügt, damit die Beziehungen zwischen Muslimen und Christen freundschaftlich und stark hätten werden können. Bedauerlicherweise errichteten sie jedoch eine Mauer der Feindschaft. – Die Herausgeber
Auf diese Anweisung des Propheten (s.a.w.) hin reisten zunächst elf Männer und vier Frauen nach Abessinien ab. Die Quraischiten verfolgten sie bis zur Meeresküste. Doch glücklicherweise fanden sie rechtzeitig Schiffe im Hafen von Shuʿaiba. So entgingen sie der Gefangennahme. Einige Monate später wanderten weitere Menschen aus. Schließlich versammelten sich in Abessinien dreiundsiebzig Männer, elf Frauen und sieben Nicht-Quraischiten. In Mekka blieben nur vierzig Menschen beim Propheten (s.a.w.). (Sure al-ʿAlaq, Einleitung)
Die Wahrhaftigkeit des christlichen Königs von Abessinien
Der Hergang der Hidschra wird später ausführlich geschildert werden. Hier sei lediglich so viel gesagt: Als die diplomatischen Vertreter der Götzendiener aus Mekka den muslimischen Auswanderern nachsetzten, am Hof ihre Beschwerden gegen sie vorbrachten und Einwände gegen die Prophetenschaft des Propheten (s.a.w.) und seine Botschaft erhoben, bat der christliche König an-Nadschaschi Dschafar (r.a.), ihm einen Teil der dem Propheten offenbarten Offenbarung vorzutragen. Dschafar (r.a.) trug den Anfang der Sure Maryam vor, in dem es um Yahya (a.s.) und Isa (a.s.) ging. an-Nadschaschi hörte zu und weinte, bis sein Bart nass wurde. Als Dschafar (r.a.) seine Rezitation beendet hatte, sagte an-Nadschaschi: „Diese Offenbarung und das, was Isa (a.s.) gebracht hat, stammen aus derselben Quelle.“ (Der König, vor dessen Hof die muslimischen Auswanderer aus Mekka erschienen, erkannte die Wahrheit des Glaubens und der Sichtweise der Muslime an. Auch die Lehren des Propheten (s.a.w.) nahm er als wahr an. In dieser Hinsicht stand die Sichtweise des Königs an-Nadschaschi dem Islam am nächsten. Später, als der Prophet (s.a.w.) verschiedenen Königen und Herrschern durch Briefe den Islam verkündete, sandte er einen solchen Brief auch an den König von Abessinien. Dieser nahm die Einladung des edlen Propheten (s.a.w.) an und schickte als Antwort einen Brief. – Rahmatul-lil-Alamin, Qadi Salman Mansur Puri, Band 1, S. 209–212 – Die Herausgeber.) (Sure al-Furqan, Anmerkung 12)
Diese diplomatische Delegation aus Mekka bestach die religiösen Führer am Königshof und gewann sie für ihre Seite. Am folgenden Tag stellte Amr ibn al-As am Hof folgende Frage:
Ruft sie herbei und fragt sie, was ihre Auffassung und ihr Glaube in Bezug auf Isa ibn Maryam sind.
An-Nadschaschi ließ die Auswanderer erneut zu sich rufen. Dann legte er ihnen die von ʿAmr ibn al-ʿĀs vorgebrachte Frage vor. Daraufhin erhob sich Hadhrat Dschaʿfar ibn Abī Tālib und sagte ohne jedes Zögern:
(Arabisch *******)
Als An-Nadschaschi dies hörte, hob er einen Grashalm vom Boden auf und sagte: „Bei Allah, das, was du gesagt hast, geht über diesen Grashalm nicht hinaus, was Hadhrat ʿĪsā betrifft.“ (Sure al-Maryam, Einleitung)
Die besondere Haltung der Muslime gegenüber Abessinien
In Abū Dāwūd und im Musnad von Ahmad ist eine Aussage des Propheten (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) überliefert, in der er für Abessinien folgenden Grundsatz festlegte –(Arabisch**********) In einer anderen Überlieferung (Arabisch ********) heißt es: Solange die Abessinier euch unbehelligt lassen, sollt auch ihr sie unbehelligt lassen.
Es scheint, dass gemäß dieser Anweisung während der Zeit der rechtgeleiteten Kalifen keine Maßnahme gegen Abessinien ergriffen wurde. Die Bedeutung dieser Anweisung lag vermutlich darin, dass man die Zuflucht, die die Abessinier den Muslimen in ihrer Not gewährt hatten, respektieren und in diesem Bewusstsein nicht als Erster gegen sie vorgehen sollte, damit die Welt nicht zu der irrigen Auffassung gelangte, die Muslime seien ein undankbares Volk. Es ist noch ein weiterer Grund erkennbar. Angesichts der geografischen Lage Abessiniens und seiner Geschichte war der Prophet (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) zu der Auffassung gelangt, dass freundschaftliche Beziehungen zu Abessinien zur Verteidigung des Hedschas, des geografischen Zentrums des Islams, notwendig seien. Aus diesem Grund ordnete er möglicherweise an, dass die islamische Botschaft dieses Land auf friedlichem Wege erreichen und man sich so weit wie möglich von Krieg und Feindseligkeiten fernhalten sollte. (Sure al-Maryam, Einleitung)
Das Verhalten des Muqawqis von Ägypten
Nach dem Vertrag von Hudaibiya richtete der Prophet, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, an die Herrscher der umliegenden Gebiete (der Verfasser von „Rahmatul-lil-Alamin“ berichtet, dass der Prophet (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) am 1. Muharram des siebten Jahres nach der Hidschra Briefe an verschiedene Herrscher schrieb und sie durch Gesandte überbringen ließ). Die meisten von ihnen waren Christen, und auch ihre Reaktionen waren gut. Der König von Abessinien, der Nadschaschi Aschama ibn Abdschar, nahm den Islam an. Der Herrscher von Bahrain, al-Mundhir ibn Sāwā, nahm den Islam an, und die meisten seiner Untertanen wurden Muslime. Die Herrscher von Oman, Dschaifar und ʿAbd, die Söhne al-Dschulandas, unterwarfen sich nach reiflicher Überlegung ebenfalls dem Islam. Der Statthalter von Damaskus, al-Mundhir ibn al-Hārith ibn Abī Schamir, geriet beim Lesen des Briefes des Propheten (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) in große Wut, entließ den Gesandten jedoch, nachdem er sich später beherrscht hatte, mit Geschenken. Der Herrscher von al-Yamāma, Hawza ibn ʿAlī, verlangte die Hälfte des islamischen Staates. Doch schon kurze Zeit später starb er. In Jerusalem war Herakleios unter dem Kaiser von Konstantinopel als Herrscher eingesetzt. Nachdem er den Brief des Propheten (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) erhalten hatte, berief er einen großen Hofrat ein. Er sorgte umfassend dafür, die notwendigen Informationen über den Propheten (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) zu sammeln. Zufällig befand sich Abū Sufyān damals aus geschäftlichen Gründen dort. Herakleios ließ Abū Sufyān vor sich rufen und stellte ihm verschiedene Fragen über den Propheten (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm)), um sich ein Bild davon machen zu können, ob er ein Prophet sei. Schließlich wandte er sich an Abū Sufyān und schilderte ihm seine eigene Reaktion folgendermaßen:
Diese Zeichen des verheißenen Propheten sind uns genannt worden. Ich dachte, dass ein Prophet erscheinen würde, aber ich hätte nicht gedacht, dass er aus Arabien kommen würde. Abu Sufyan, wenn du die richtigen Antworten gegeben hast, wird er eines Tages gewiss über diesen Ort herrschen, an dem ich sitze (Syrien und Bait al-Maqdis). Wie schön wäre es, wenn ich zu ihm gelangen und das Glück haben könnte, seine Füße zu waschen. – Rahmatullil-Alamin, 1. Band, S. 206–224) Farwa bin Amr al-Chuza’i war Statthalter in der syrischen Region unter dem römischen Kaiser. Er nahm den Islam an. Der Kaiser ließ ihn zu sich rufen und forderte ihn auf, den Islam aufzugeben. Als er sich weigerte, wurde er als Märtyrer getötet. – Die beiden Herausgeber.) Einer derjenigen, an die er Briefe sandte, war der römische Herrscher von Alexandria, der Patriarch. Die Araber nannten ihn Muqauqis. Als Hadib bin Abi Balta’a (r.a.) mit dem Brief des Propheten (s.a.w.) zu ihm kam, nahm er als Antwort auf den Brief den Islam nicht an, empfing jedoch den Überbringer freundlich. In seiner Antwort sagte er: „Ich weiß, dass noch ein Prophet kommen wird. Doch ich vermute, dass er aus Syrien erscheinen wird. Dennoch habe ich deinen Gesandten herzlich empfangen und schicke dir zwei junge Frauen. Sie stammen aus einer vornehmen koptischen Familie.“ – Ibn Sa’d
Eine dieser beiden jungen Frauen war Sirin und die andere Maria al-Qibtiyya. (Die Christen nannten Hadhrat Maryam Maria.)
Auf dem Rückweg aus Ägypten trug Hadhrat Hatib beiden den Islam vor, und beide nahmen den Islam an. Als sie dem Propheten (s.a.w.) vorgestellt wurden, wurde Sirin in den Besitz von Hadhrat Hassan bin Thabit gegeben, während Hadhrat Maria (r.a.) in den heiligen inneren Bereich des Hauses des Propheten (s.a.w.) aufgenommen wurde. Im 8. Jahr der Hidschra gebar sie dort in ihrem gesegneten Schoß den Sohn des Gesandten (s.a.w.), Hadhrat Ibrahim. – (Al-Istia’b, Al-Isaba) (Sure al-Maryam, Einleitung)
Der Prophet (s.a.w.) und die Christen von Nadschran
Im neunten Jahr der Hidschra kam eine christliche Delegation aus Nadschran zum Propheten (s.a.w.). Nadschran liegt zwischen dem Hedschas und Jemen. Zu jener Zeit gab es in dieser Region dreiundsiebzig Ortschaften, und es heißt, dass sich unter ihnen einhundertzwanzigtausend kampffähige Männer befanden. Alle Einwohner waren Christen und standen unter der Führung von drei Anführern. Einer wurde Aqib genannt und genoss den Rang des Oberhaupts der Gemeinschaft. Der zweite wurde Sayyid genannt; er kümmerte sich um die politischen und kulturellen Angelegenheiten. Der dritte war der Usquf (Bischof), dessen Aufgabe die religiöse Führung war. Nach der Eroberung Mekkas war im gesamten arabischen Volk die Überzeugung entstanden, dass die Zukunft des Landes nun in den Händen des Propheten Muhammad (s.a.w.) lag. Daher begannen aus den verschiedenen Teilen des Landes Delegationen zum Propheten zu kommen. Drei Anführer aus Nadschran trafen mit vierzig Vertretern in Medina ein. (Bei dieser Gelegenheit trug der Prophet (s.a.w.) den Vertretern die im Koran dargelegte Lehre von der Einheit Gottes vor. Bei der Darstellung der Abfolge des Prophetentums widerlegte er die Erhebung Hadhrat Isas (a.s.) auf den Rang der Gottheit sowie die anderen irrigen Glaubensvorstellungen der Christen. Einige Mitglieder der Delegation wurden von dieser Einladung beeinflusst, doch die Starrsinnigkeit der Bischöfe und Priester erwies sich als Hindernis. Schließlich forderte der Prophet (s.a.w.) sie auf Allahs Befehl zur Mubahala auf und sagte: Wenn ihr volles Vertrauen in die Wahrheit eures Glaubens habt, dann lasst uns gemeinsam zu Allah beten und sagen: Allahs Fluch soll über denjenigen unter uns kommen, der lügt. Doch keiner von ihnen war dazu bereit. Dadurch wurde neben den aufrichtigen Mitgliedern der Delegation auch der breiten christlichen und nichtchristlichen Öffentlichkeit klar, dass die christlichen Führer von Nadschran an eine Glaubenslehre festhielten, an die sie selbst nicht glaubten.
Schließlich verfasste der Prophet (s.a.w.) auf Bitten der Bewohner Nadschrans eine Vertragsurkunde und sandte sie ihnen zu. Im folgenden Abschnitt werden wir sie aufzeichnen. – Die beiden Herausgeber) (Rasail wa Masail, 1. Band, S. 290)
Anhang
Zwei weitere Punkte stehen mit diesem Kapitel in Zusammenhang. Erstens: Im Konflikt zwischen Rom und Iran galt die moralische Unterstützung der Muslime den Christen. Zweitens: In Tabuk waren die Muslime gezwungen, zu den Waffen gegen die Christen zu greifen.
Eine ausführliche Darstellung des Konflikts zwischen Rom und Iran findet sich in dem Aufsatz mit dem Titel „Die Prophezeiung vom Sieg Roms“. (Prophezeiung, 1. Band.) Eine Darstellung des Feldzugs nach Tabuk findet sich im dritten Band.)
Die weitreichenden Verbindungen der Araber zu verschiedenen Ländern
Wenn man die Wirtschaftsgeschichte Arabiens in vorislamischer Zeit und seine Beziehungen zur Außenwelt betrachtet, lässt sich erkennen, dass Arabien kein von der Welt abgesondertes Land war, dessen Bewohner mit der Welt jenseits ihrer Täler und Wüsten nicht vertraut gewesen wären.
Die Errichtung bedeutender Handelszentren
Aus den verfügbaren Angaben der alten Geschichte geht hervor, dass der gesamte Handel, der damals zwischen China, Indien und anderen Ländern des Ostens sowie Ostafrika auf der einen Seite und Ägypten, Syrien, Kleinasien, Griechenland und Rom auf der anderen Seite betrieben wurde, über Arabien verlief. Dieser Handel nahm drei große Routen. Die erste war die Hauptroute aus Iran, die über den Irak und Syrien führte. Die zweite war der Seeweg über den Persischen Golf. Auf diesem Weg wurden alle Waren an der Ostküste Arabiens ausgeladen und gelangten dann über Dumat al-Dschandal oder Tadmor (Palmyra) weiter. Die dritte war der Seeweg über den Indischen Ozean. Die auf diesem Weg beförderten Waren verliefen über Hadramaut und Jemen. An allen drei Routen lagen Siedlungen der Araber. Die Araber kauften die Waren auf der einen Seite ein und verkauften sie auf der anderen. Auch das Transportgeschäft (Carrying Trade) betrieben sie. Von den Händlern, die durch ihr Gebiet zogen, erhoben sie hohe Abgaben und übernahmen dafür die Verantwortung, sie sicher hindurchzuführen. Auf diese Weise standen sie in enger Verbindung mit dem internationalen Handel. In der Tora findet sich ein Hinweis auf die Handelsaktivitäten der Kinder Israels um 1700 v. Chr. Bereits fünfzehn Jahrhunderte vor Jesus (a.s.) wurde in Midian und Dedan im nördlichen Hedschas Handel betrieben, der danach noch mehrere Jahrhunderte fortbestand. Zur Zeit Salomos (a.s.) und Davids (a.s.) (100 v. Chr.) zogen der sabäische Stamm des Jemen und danach der himyaritische Stamm in den ersten Jahrhunderten n. Chr. zu Handelszwecken umher. Zur Zeit des Messias (a.s.) kamen die Juden aus Palästina nach Arabien und ließen sich unter anderem in Chaibar, Wadi al-Qura (dem heutigen al-Ula), Tayma und Tabuk nieder. Ihre religiösen, kulturellen und Handelsbeziehungen zu den Juden in Syrien und Ägypten blieben bestehen. Den größten Teil des Getreides und Weins aus Syrien und Ägypten importierten die Juden. Ab dem fünften Jahrhundert begannen die Quraisch, sich wirksam am Außenhandel zu beteiligen. Bis zur Zeit des Propheten (s.a.w.) unterhielten sie weitreichende Handelsbeziehungen einerseits mit Jemen und Abessinien und andererseits mit dem Irak, Ägypten und Syrien. Der größte Teil des Handels Irans mit Jemen im Osten Arabiens verlief von Hira über Yamama (das heutige Riad), dann durch das Gebiet der Banu Tamim nach Nadschran und weiter nach Jemen.
Politische und kulturelle Beziehungen
Neben diesen Handelsbeziehungen unterhielten die Araber auch in politischer und kultureller Hinsicht enge Beziehungen zu den benachbarten zivilisierten Ländern. Im sechsten Jahrhundert v. Chr. hatte Naboridus, der König von Babylon, in Tayma im nördlichen Hedschas seine Sommerhauptstadt errichtet. Wie hätte es möglich sein sollen, dass die Bewohner des Hedschas mit der wirtschaftlichen und politischen Verwaltung Babylons nicht vertraut waren? Vom dritten Jahrhundert v. Chr. bis zur Zeit des Propheten (s.a.w.) bestanden zunächst der nabatäische Staat von Petra, danach der syrische Staat von Tadmor (Palmyra) und anschließend die arabischen Staaten von Hira und Ghassan fortlaufend vom Irak bis zur Grenze Ägyptens sowie von den Grenzen des Hedschas und Nadschds bis zu den Grenzen Algeriens und Syriens. Diese Staaten unterhielten einerseits enge politische, kulturelle und wirtschaftliche Beziehungen zu Griechenland und Rom und andererseits zu Iran. Darüber hinaus pflegten auch die im Inneren Arabiens ansässigen Stämme auf der Grundlage verwandtschaftlicher Beziehungen weitreichende Kontakte zu ihnen. Die Ansar von Medina und die Herrscher von Ghassan stammten vom selben Geschlecht ab und standen in gegenseitiger Verbindung. Zur Zeit des Propheten (s.a.w.) verkehrte sein bedeutender Dichter, Hassan ibn Thabit (r.a.), bei den Herrschern von Ghassan. Die Quraisch unterhielten gute Beziehungen zu den Fürsten von Hira. Sie erlernten sogar bei ihnen die Schrift; die Schrift, die sie aus Hira übernahmen, wurde später als kufische Schrift bekannt.
Außerdem gab es in allen Teilen Arabiens bei den großen Scheichs, vornehmen Familien und bekannten Händlern zahlreiche Sklaven und Sklavinnen aus Rom, Griechenland und Iran. Die Kriegsgefangenen, die in den Kriegen zwischen Iran und Rom auf beiden Seiten versklavt wurden und deren man nicht mehr bedurfte, wurden auf den offenen Märkten verkauft. Arabien war ein großer Markt für diese Ware. Unter diesen Sklaven befanden sich viele hochgebildete und kultivierte Menschen. Zu ihnen gehörten auch Menschen aus den Bereichen Handwerk, Handel und verschiedenen Berufen. Die Scheichs und Händler Arabiens ließen von ihnen zahlreiche Arbeiten verrichten. In Mekka, Taif, Yathrib und anderen Städten im Zentrum des Landes gab es eine große Zahl von Sklaven, die ihren Herren als geschickte Arbeitskräfte wertvolle Dienste leisteten.
Besondere wirtschaftliche Verhältnisse
Daneben muss noch ein weiterer Aspekt der Wirtschaftsgeschichte Arabiens betrachtet werden. Arabien war zu keiner Zeit hinsichtlich der Nahrungsmittelversorgung autark, und es entwickelte sich auch keine Industrie, durch die die Bedürfnisse der Menschen hätten gedeckt werden können. Nahrungsmittel wurden stets von außen eingeführt, und auch die meisten Erzeugnisse des Handwerks und der Industrie, sogar die Kleidung, wurden von außerhalb importiert. Zur Zeit nahe der Sendung des Propheten (saw) lag dieses Importgeschäft größtenteils in den Händen zweier Gruppen. Die eine waren die Quraisch und die Banū Thaqīf, die zweite die Juden. Sie importierten jedoch Waren und verkauften sie nur im Großhandel. Es gehörte nicht zu ihrer Aufgabe, in den kleinen Siedlungen im Landesinneren und unter den Stämmen als Hausierer Waren zu verkaufen. Auch die Stammesangehörigen waren nicht bereit hinzunehmen, dass diese Leute den gesamten Gewinn aus dem Handel einstrichen und ihren eigenen Leuten in diesem Monopolhandel keinerlei Gelegenheit blieb. Daher verkauften diese Großhändler im Landesinneren Waren im Wert von Millionen an die Einzelhändler, und ein beträchtlicher Teil der Waren wurde auf Kredit verkauft. (Tafhīm al-Qurʾān, Sure at-Taḥrīm, Anmerkung 2)
Ein Bild der politischen Verhältnisse
Wie waren die politischen Verhältnisse im Land zur Zeit, als der Prophet Muhammad (saw) zum Propheten berufen wurde? Welchen Weg schlug er unter diesen Umständen ein? Die Geschichte bezeugt, dass Arabien damals von allen Seiten von tyrannischen Staaten umgeben war. Auch im Inneren des Landes hatte der Imperialismus der Nachbarvölker seinen Einfluss ausgedehnt. Einige Zeit vor der Geburt des Propheten (saw) rückte das abessinische Heer sogar bis zu der Stadt vor, in der er geboren wurde. Jemen, die fruchtbarste Provinz Arabiens, geriet zunächst unter die Herrschaft der Abessinier und später der Perser. Die südliche und östliche Küste Arabiens stand unter persischem Einfluss. Der persische Einfluss hatte sich bis an die Grenzen des Nadschd ausgebreitet. Im Norden bestand der Einfluss des Römischen Reiches bis nach Aqaba und Maʿan, ja sogar bis nach Tabuk. Die beiden Nachbarstaaten hielten die arabischen Stämme im Interesse ihrer eigenen Ziele in gegenseitigen Streitigkeiten und Kämpfen gefangen. Auf diese Weise dehnten sie ihren Einfluss im Inneren Arabiens aus. Der Kaiser von Konstantinopel mischte sich zu verschiedenen Zeiten in die Angelegenheiten kleiner Stadtstaaten wie Mekka ein. Jede Großmacht wollte das arabische Volk unter ihre Kontrolle bringen. Denn obwohl das Land dieses Volkes unfruchtbar war, war das Volk selbst keineswegs unfruchtbar. Für die Eroberung der Welt konnten aus diesem Volk die besten Krieger gewonnen werden. (Sure Āl ʿImrān, Anmerkung 29)
Die Botschaft der Sīra
[Ansprache des Maulana, gehalten am 22. Oktober 1975 bei einer von der Studentenvertretung der Punjab-Universität auf dem neuen Campus dieser Universität einberufenen Versammlung.]
Sehr geehrter Herr Vizekanzler, Herr Vorsitzender der Studentenvertretung, liebe Studentinnen und Studenten!
Ich bin zu dieser heutigen Versammlung eingeladen worden, um einige Worte über die Botschaft der Sīra des Propheten Muhammad (saw) zu sagen. Wenn man diese Frage am Prüfstein der Vernunft erörtert, stellt sich zunächst die Frage: Warum die Botschaft aus dem Leben nur eines Propheten? Warum nicht die Botschaft eines anderen? Es ist notwendig, zunächst ausschließlich die Sīra Sayyidunā Muhammads (saw) unter den Lebensgeschichten der Propheten zu erörtern, weil wir gewiss sind, dass wir nicht im Leben irgendeines Wegweisers aus der alten oder der modernen Zeit, sondern allein im Leben eines Propheten Rechtleitung und den Weg finden können. Nicht im Leben eines anderen Propheten oder religiösen Führers, sondern gerade im Lebenslauf des Propheten Muhammad (saw) können wir jene richtige und vollkommene Rechtleitung erlangen, deren wir in Wahrheit bedürfen.
Die Notwendigkeit der Rechtleitung von Allah, dem Erhabenen
Es gibt keine Möglichkeit, diese Wahrheit zu leugnen: Allah, der Erhabene, ist die einzige Quelle des Wissens. Er allein hat das Weltall und den Menschen erschaffen. Wer außer Ihm könnte Wissen über die tiefsten Geheimnisse der Welt und über die eigene Natur des Menschen sowie deren Wesen besitzen? Nur der Schöpfer kann Seine Schöpfung kennen; die Schöpfung kann nur so viel wissen, wie ihr Schöpfer ihr offenbart. Die Schöpfung verfügt über kein eigenes Mittel, durch das sie das wahre Wesen der Dinge erkennen könnte.
In dieser Angelegenheit sollte man zwei Dinge klar voneinander unterscheiden, damit in der Erörterung keine Verwirrung entsteht. Das eine sind jene Erkenntnisse, die ihr mithilfe eurer Sinne erlangen könnt. Daraus zu denken und zu forschen, zu schlussfolgern, zu prüfen, zu beobachten und Entdeckungen zu machen – das ist eure Verantwortung. Untersucht und erforscht alles, was ihr in eurer Umgebung vorfindet. Erlangt Kenntnis von den in ihnen wirkenden Kräften. Erkennt die Naturgesetze und Ordnungen, die in ihnen wirksam sind. Schreitet dann auf dem Weg des Fortschritts voran. Doch euer Schöpfer hat euch in dieser Hinsicht nicht allein gelassen. In den verschiedenen Epochen der Geschichte hat Er euch auf verborgene Weise nach und nach mit der von Ihm erschaffenen Welt vertraut gemacht. Er hat immer neue Tore zu neuen Erkenntnissen geöffnet. Bisweilen hat Er manchen Menschen auf dem Weg der Eingebung Hinweise gegeben, durch die sie etwas Neues entdecken oder ein neues Prinzip beziehungsweise eine neue Methode erkennen konnten. Dennoch fällt all dies in den Bereich des menschlichen Wissens, für das weder ein Prophet noch ein himmlisches Buch erforderlich ist. Die Mittel und Wege, die benötigten Erkenntnisse zu erlangen, sind dem Menschen ebenfalls gegeben worden. Die zweite Art von Dingen ist jedoch das, was jenseits unserer sinnlichen Wahrnehmung liegt. Es befindet sich völlig außerhalb unserer Reichweite. Wir können es weder messen noch durch unser eigenes Wissen erkennen. Wenn ein Philosoph oder Wissenschaftler dazu eine Ansicht vorträgt, tut er dies lediglich auf der Grundlage von Vermutungen und Spekulationen. Das kann nicht Wissen genannt werden. Dies sind endgültige Tatsachen, bei denen selbst diejenigen, die solche umstrittenen Theorien aufstellen, deren Grenzen nicht mit Gewissheit festlegen können. Wären ihnen die Grenzen ihres Wissens bekannt, könnten sie selbst weder daran glauben noch andere dazu auffordern, daran zu glauben.
Die Notwendigkeit, den Propheten zu folgen
Wenn man nun Erkenntnis von der oben genannten zweiten Art erlangt, kann dies nur auf Allahs, des Erhabenen, Anweisung hin geschehen. Denn Er kennt alle Wahrheiten und Tatsachen. Das Mittel, durch das Allah, der Erhabene, dem Menschen diese Erkenntnis vermittelt, ist die Offenbarung, die ausschließlich den Propheten herabgesandt wird. Allah, der Erhabene, hat bis heute niemals so gehandelt, dass Er ein Buch drucken ließ, es jedem Menschen in die Hand gab und ihnen sagte: »Lest dieses Buch und erfahrt daraus, was das tiefste Wesen von euch und der Welt ist. Erfahrt außerdem, wie ihr euer Verhalten in dieser Welt gemäß dieser Erkenntnis ausrichten sollt.« Vielmehr hat Er stets die Propheten als Vermittler eingesetzt, um diese Erkenntnis zu den Menschen zu bringen, damit sie sich nicht damit begnügen, ihnen dieses Wissen zu lehren, sondern es ihnen erklären, selbst danach handeln, ihre Widersacher zur Rechtleitung zu führen versuchen und diejenigen, die diese Erkenntnis annehmen, zu einer Gesellschaft zusammenschließen, in deren jeder Lebensbereich sich eben diese Erkenntnis widerspiegelt.
Aus dieser kurzen Darstellung wird deutlich, dass wir für die Rechtleitung auf die Lebensweise nur eines Propheten angewiesen sind. Wenn ein Nichtprophet keinem Propheten folgt, kann er, selbst wenn er ein noch so großer Gelehrter und Kenner ist, nicht unser Wegweiser sein. Denn er besitzt keine wahre Erkenntnis, und wer nicht über wahre Erkenntnis verfügt, kann uns keine wahre und richtige Lebensordnung geben.
Der Grund, weshalb wir von anderen Propheten außer Muhammad (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) keine Rechtleitung erhalten
Nun stellt sich die Frage: Warum versuchen wir unter denjenigen, von denen wir wissen, dass sie Propheten waren, und den religiösen Führern, bei denen man annehmen könnte, dass sie möglicherweise Propheten waren, nur aus der Lebensgeschichte des Propheten Muhammad (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) eine Botschaft zu gewinnen? Geschieht dies aus Engstirnigkeit, oder gibt es dafür einen vernünftigen Grund?
Ich möchte sagen, dass es dafür einen äußerst berechtigten Grund gibt. Obwohl wir die im Koran erwähnten Propheten mit Gewissheit als Propheten kennen und anerkennen, ist von keinem von ihnen eine zuverlässige Quelle überliefert, in der seine Lehren und sein Leben aufgezeichnet wären, sodass wir ihm folgen könnten. Noah (a.s.), Abraham (a.s.), Isaak (a.s.), Josef (a.s.), Mose (a.s.) und Jesus (a.s.) waren zweifellos Propheten. An sie alle glauben wir. Doch kein von ihnen offenbartes Buch existiert heute in bewahrter Form, aus dem wir Rechtleitung schöpfen könnten. Auch die Lebensgeschichte keines von ihnen ist uns auf eine derart bewahrte und zuverlässige Weise überliefert, dass wir sie in den verschiedenen Bereichen unseres persönlichen und gemeinschaftlichen Lebens als unsere Wegweiser annehmen könnten. Wer etwas über die Lehren und Lebensgeschichten dieser Propheten schreiben wollte, könnte nicht mehr als einige Seiten schreiben, und selbst das nur mithilfe des Korans. Denn außer dem Koran gibt es über sie kein weiteres maßgebliches Material oder Beweismittel.
Die Schriften der jüdischen Religion und die Lage ihrer Propheten
Über Mose (a.s.), die nach ihm kommenden Propheten und ihre Lehren wird gesagt, dies alles stehe im Alten Testament der Bibel. Doch betrachten Sie die Bibel unter historischem Gesichtspunkt. Sie ging zur Zeit der Zerstörung Jerusalems im sechsten Jahrhundert v. Chr. verloren. Zusammen mit ihr gingen auch die Schriften der anderen Propheten verloren, die vor jener Zeit gelebt hatten. Im fünften Jahrhundert v. Chr., als die Israeliten aus ihrer Gefangenschaft in Babylon befreit wurden, stellte Esra (a.s.) mithilfe anderer Gelehrter die Lebensgeschichte Mose (a.s.) und die Geschichte der Kinder Israels zusammen. Darin fügte er bei passender Gelegenheit jene Verse ein, die in seinen Besitz und in den Besitz seiner Helfer gelangt waren. Danach sammelten verschiedene Personen – ich weiß nicht, wer sie waren – vom vierten bis zum zweiten Jahrhundert v. Chr. die Schriften jener Propheten, die mehrere Jahrhunderte vor ihnen gelebt hatten. Ich weiß nicht, auf welche Quellen sie sich dabei stützten. So schrieb beispielsweise dreihundert Jahre vor Jesus (a.s.) irgendeine Person im Namen des Propheten Jona (a.s.) ein Buch und fügte es in die Bibel ein. Dabei war Jona im achten Jahrhundert v. Chr. ein Prophet gewesen. Die Psalmen (Zabur) wurden fünfhundert Jahre nach dem Tod Davids (a.s.) niedergeschrieben; neben den Gedichten Davids (a.s.) wurden darin auch Gedichte von hundert anderen Dichtern aufgenommen. Ich weiß nicht, aus welcher Quelle diese Angaben zu den Verfassern der Psalmen gelangten. Salomo (a.s.) starb 933 Jahre vor Jesus (a.s.), und seine Sprichwörter wurden 250 Jahre vor Jesus (a.s.) niedergeschrieben. Darin wurden auch die Aussprüche vieler anderer Weiser aufgenommen.
Kurz gesagt: Keine Überlieferungskette irgendeines biblischen Buches reicht bis zu den Propheten zurück, denen diese Bücher zugeschrieben werden. Außerdem gingen die in hebräischer Sprache verfassten biblischen Schriften bei der zweiten Zerstörung Jerusalems im Jahr 70 n. Chr. verloren. Nur ihre Übersetzung ins Griechische blieb erhalten. Diese Übersetzung wurde in der Zeit von 258 v. Chr. bis zum ersten Jahrhundert v. Chr. angefertigt. Im zweiten Jahrhundert n. Chr. stellten jüdische Gelehrte aus allen hebräischen Bibelhandschriften, die noch übrig geblieben waren, eine Fassung zusammen. Das älteste erhaltene Buch davon stammt aus dem Jahr 916 n. Chr. Eine andere hebräische Bibel existiert nicht. Auch die hebräischen Schriftrollen, die in den Höhlen von Qumran nahe dem Toten Meer gefunden wurden, stammen höchstens aus dem zweiten und ersten Jahrhundert v. Chr. Darin finden sich nur einige verstreute Abschnitte der Bibel. Die bei den Samaritanern verbreitete Sammlung der fünf ersten Bücher der Bibel ist in ihrer ältesten erhaltenen Handschrift aus dem elften Jahrhundert n. Chr. Die im dritten und zweiten Jahrhundert v. Chr. angefertigte griechische Übersetzung enthielt zahllose Fehler und Mängel. Aus ihr wurde im zweiten und dritten Jahrhundert n. Chr. eine Übersetzung ins Lateinische angefertigt. Nach welchem Maßstab können diese Materialien und Quellen über das Leben und die Lehren Mose (a.s.) und der nach ihm gekommenen Propheten als authentisch bezeichnet werden?
Außerdem finden sich unter den Juden einige grundlegende Überlieferungen, die von Generation zu Generation weitergegeben wurden und als mündliches Gesetz (Oral Law) bezeichnet werden. Dreizehn- bis vierzehnhundert Jahre lang blieben sie ungeschrieben. Am Ende des zweiten und zu Beginn des dritten Jahrhunderts n. Chr. gab Rabbi Jehuda ben Schamun ihnen unter dem Namen Mischna eine schriftliche Form. Jüdische Gelehrte in Palästina verfassten im dritten Jahrhundert n. Chr. einen Kommentar dazu unter dem Namen Halacha, und Gelehrte in Babylonien im fünften Jahrhundert n. Chr. unter dem Namen Haggada. Die Gesamtheit dieser drei Schriften wird Talmud genannt. Keine ihrer Überlieferungen besitzt eine Überlieferungskette, anhand derer man erkennen könnte, von welchen Personen sie an welche anderen Personen überliefert wurden.
Die Schriften der christlichen Religion Jesu (a.s.) und ihre Überlieferungslage
Auch die Überlieferung von Jesu (a.s.) Leben und Lehren ist von ähnlicher Art. Das ursprüngliche Evangelium, das von Allah durch Offenbarung herabgesandt worden war, trug Jesus (a.s.) den Menschen mündlich vor. Auch seine Jünger gaben es mündlich an andere weiter, und dabei vermischten sich die Lebensumstände des Propheten mit den Versen des Evangeliums. Zu Lebzeiten Jesu (a.s.) und auch danach wurde nichts davon niedergeschrieben. Die Niederschrift erfolgte durch jene Christen, deren Sprache Griechisch war. Die Sprache Jesu (a.s.) war jedoch Syrisch oder Aramäisch. Auch seine Jünger sprachen diese Sprache. Viele griechischsprachige Verfasser hörten diese Berichte auf Aramäisch und schrieben sie auf Griechisch nieder. Kein von diesen Verfassern geschriebenes Werk wurde vor dem Jahr 70 n. Chr. verfasst. Keiner von ihnen überlieferte für irgendein Ereignis oder eine Aussage Jesu (a.s.) eine Überlieferungskette, aus der hervorgehen könnte, von wem sie welche Worte gehört hatten. Zudem sind auch die von ihnen verfassten Werke nicht erhalten. Tausende griechischsprachige Handschriften des Neuen Testaments wurden zusammengetragen, doch keine einzige davon stammt aus der Zeit vor dem vierten Jahrhundert n. Chr. Vielmehr stammen die meisten aus dem elften bis vierten Jahrhundert n. Chr. In Ägypten wurden einige auf Papyrus geschriebene verstreute Fragmente gefunden. Auch keines davon ist älter als das dritte Jahrhundert. Wer die Übersetzung aus dem Griechischen ins Lateinische wann und wo anfertigte, lässt sich nicht feststellen. Im vierten Jahrhundert wurden diese Schriften auf Anweisung des Papstes erneut überprüft. Danach wurde im sechzehnten Jahrhundert eine neue Übersetzung aus dem Griechischen ins Lateinische angefertigt, während man die früheren verwarf. Die Übersetzung der vier Evangelien aus dem Griechischen ins Syrische wurde vermutlich um 200 n. Chr. angefertigt. Doch auch die älteste heute davon erhaltene Handschrift stammt aus dem vierten Jahrhundert. Das erhaltene Buch, das im fünften Jahrhundert handschriftlich verfasst wurde, ist erheblich anders. Auch unter den Übersetzungen aus dem Syrischen ins Arabische stammt keine aus der Zeit vor dem achten Jahrhundert. Bemerkenswert ist, dass nahezu siebzig Evangelien verfasst wurden, von denen die christlichen Führer jedoch nur vier anerkannten und die übrigen verwarfen. Ich weiß nicht, weshalb die einen anerkannt und die anderen verworfen wurden. Kann die auf der Grundlage solcher Quellen und Materialien verfasste Lebensgeschichte Jesu (a.s.) und seine Lehren in irgendeinem Maß als authentisch anerkannt werden?
Die Überlieferung von Zarathustras Leben und Lehren
Auch die Lage der übrigen religiösen Führer ist nicht anders. Nehmen wir zum Beispiel Zarathustra (Zoroaster), dessen genaues Geburtsjahr bis heute unbekannt ist. Höchstens lässt sich sagen, dass er zweihundertfünfzig Jahre vor Alexanders Eroberung Irans lebte, also fünfeinhalb Jahrhunderte vor Jesus Christus (a.s.). Sein Buch Abenta ist heute nicht mehr in der ursprünglichen Sprache erhalten, und auch die Sprache, in der es niedergeschrieben oder mündlich überliefert wurde, ist inzwischen ausgestorben. Im neunten christlichen Jahrhundert wurden Teile davon mit Erläuterungen in neun Bänden übersetzt. Die ersten beiden Bände gingen jedoch verloren, und der älteste heute erhaltene Band stammt aus der Mitte des dreizehnten Jahrhunderts. Dies ist der Zustand des von Zarathustra vorgelegten Buches. Was nun seine eigene Lebensgeschichte betrifft, so weiß ich darüber nicht mehr, als dass er im Alter von vierzig Jahren mit der Verkündigung begann. Zwei Jahre später nahm König Guschtasp seine Lehre an, und seine Religion wurde zur Staatsreligion. Im Alter von siebenundsiebzig Jahren starb er. Je mehr Zeit nach seinem Tod verging, desto mehr absonderliche Geschichten und Erzählungen über ihn wurden verfasst. Keine von ihnen kann als historisch معتبر angesehen werden.
Die Lage des Buddhismus
Unter den berühmten religiösen Persönlichkeiten der Welt ist Buddha eine solche. Wie bei Zarathustra lässt sich auch über ihn vermuten, dass er vielleicht ein Prophet war. Er legte jedoch überhaupt kein Buch vor. Auch seine Anhänger haben niemals behauptet, dass er ein Buch gebracht habe. Auch seine Anhänger haben niemals behauptet, dass er ein Buch gebracht habe. Auch seine Anhänger haben niemals behauptet, dass er ein Buch gebracht habe. Hundert Jahre nach seinem Tod begann man, seine Aussagen und Lebensumstände zusammenzutragen. Diese Arbeit dauerte mehrere Jahrhunderte an. Doch in keines der Werke, die als grundlegende Schriften des Buddhismus gelten, wurde eine Überlieferungskette aufgenommen, anhand derer man feststellen könnte, aus welcher Quelle diejenigen, die Buddhas Lebensumstände, Worte und Lehren zusammentrugen, diese erhalten hatten. Nur die Lebensgeschichte und die Lehren des Propheten Muhammad (s.a.w.) sind bewahrt geblieben.
Daraus wird ersichtlich, dass wir, wenn wir uns an andere Propheten und religiöse Führer wenden, kein zuverlässiges Mittel finden, durch das wir aus ihren Lehren und Lebensgeschichten mit Gewissheit und fester Überzeugung Rechtleitung erhalten könnten. Danach bleibt uns kein anderer Weg, als uns an einen Propheten zu wenden, der uns ein zuverlässiges, über jede Verfälschung und Vermischung erhabenes Buch hinterlassen hat und dessen ausführliche Lebensumstände, Worte und Lehren uns durch zuverlässige Überlieferungen erreicht haben, sodass wir daraus Rechtleitung gewinnen können. Eine solche Persönlichkeit ist in der gesamten Geschichte der Welt einzig und allein die heilige Person des Propheten Muhammad (s.a.w.).
Der vollständig bewahrte Qur’an, das Buch Allahs
Der Prophet Muhammad (s.a.w.) legte ein Buch, den Qur’an, mit der ausdrücklichen Behauptung vor, dass es das Wort Allahs sei, das auf ihn herabgesandt worden war. Wenn wir dieses Buch untersuchen, erkennen wir mit Gewissheit, dass keinerlei Vermischung darin stattgefunden hat. Kein Wort des Propheten (s.a.w.) wurde ihm selbst eingefügt. Vielmehr wurden seine Worte völlig eigenständig bewahrt. Wie bei der Bibel wurden weder die Lebensumstände und Handlungen seines Lebens noch die Geschichte Arabiens und die Ereignisse, die sich während der Herabsendung des Qur’an ereigneten, mit diesem Wort Allahs vermischt oder ihm hinzugefügt. In diesem reinen Wort Allahs (Word of God) wurde kein einziges Wort irgendeines anderen außer Allah eingefügt. Kein einziges seiner Wörter wurde ausgelassen. Es ist von der Zeit des Gesandten Allahs (s.a.w.) bis in unsere Zeit unverändert überliefert worden.
Von dem Zeitpunkt an, zu dem dieses Buch begann, auf den Propheten (s.a.w.) herabgesandt zu werden, ließ er es niederschreiben. Wann immer eine Offenbarung herabgesandt wurde, rief er sogleich einen Schreiber zu sich und ließ sie von ihm aufschreiben. Danach wurde sie ihm noch einmal vorgelesen, und sobald er überzeugt war, dass der Schreiber sie richtig niedergeschrieben hatte, bewahrte er sie an einem sicheren Ort auf. Bei jeder herabgesandten Offenbarung teilte er dem Schreiber mit, in welcher Sure und vor welchem oder nach welchem Vers sie eingefügt werden sollte. Auf diese Weise ordnete er den Qur’an fortlaufend, bis er schließlich vollständig war.
Seit Beginn des Islam war hinsichtlich des Gebets angeordnet, dass darin der Qur’an rezitiert werden solle. Deshalb begannen die ehrenwerten Gefährten (r.a.) den Qur’an unmittelbar nach seiner Herabsendung auswendig zu lernen. Viele von ihnen lernten den gesamten Qur’an auswendig, und eine noch größere Zahl bewahrte mehr oder weniger große Teile davon in ihrem Gedächtnis. Außerdem schrieben diejenigen unter den verschiedenen Gefährten, die lesen und schreiben konnten, selbst verschiedene Teile des Qur’an auf. Auf diese Weise war der Qur’an bereits zu Lebzeiten des Propheten (s.a.w.) auf vier Arten bewahrt:
Erstens: Er ließ es selbst von den Offenbarungsschreibern vollständig niederschreiben.
Zweitens: Viele Sahāba bewahrten den gesamten Koran mit jedem einzelnen Wort auswendig.
Drittens: Unter den Sahāba (möge Allah mit ihnen zufrieden sein) gab es niemanden, der nicht irgendeinen Teil des Korans, sei er klein oder groß, auswendig bewahrt hätte.
Viertens: Zahlreiche gebildete Sahāba schrieben aus eigener Initiative den Koran nieder und lasen ihn dem Gesandten Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) vor, um sich von seiner Fehlerlosigkeit zu überzeugen.
Daher ist es eine unwiderlegbare historische Tatsache, dass der Koran, den wir heute besitzen, Buchstabe für Buchstabe genau dasselbe ist, was der Prophet Muhammad (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) als das Wort Allahs verkündet hatte. Nach dem Tod des Propheten sammelte sein erster Kalif, Hadhrat Abu Bakr as-Siddiq (möge Allah mit ihm zufrieden sein), alle Hafiz sowie die schriftlich festgehaltenen Teile und ließ den vollständigen Koran in Buchform niederschreiben. Während der Zeit Hadhrat Uthmans (möge Allah mit ihm zufrieden sein) wurden sämtliche Exemplare offiziell an die zentralen Orte der islamischen Welt gesandt. Zwei dieser Abschriften existieren noch heute auf der Welt – eine in Istanbul und die zweite in Taschkent. Wer möchte, kann irgendeine gedruckte Ausgabe des Heiligen Korans nehmen und sie damit vergleichen. Er wird keinen Unterschied feststellen. Und wie könnte es überhaupt einen Unterschied geben, wenn es von der Zeit des Propheten (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) bis heute durch ununterbrochene Überlieferung Millionen und Abermillionen von Hafiz gegeben hat? Würde auch nur ein Wort verändert, würden diese Hafiz den Fehler sofort erkennen. Im letzten Teil des vergangenen Jahrhunderts trug ein Institut an der Universität München 42.000 handgeschriebene und gedruckte Exemplare des Heiligen Korans aus jeder Epoche und aus verschiedenen Teilen der islamischen Welt zusammen. Fünfzig Jahre lang wurde daran geforscht. In dem schließlich vorgelegten Bericht hieß es, dass es in diesen Schriften außer Schreibfehlern keine weiteren Unterschiede gebe. Diese Korane stammten aus dem Zeitraum vom ersten bis zum vierzehnten islamischen Jahrhundert und waren aus allen Teilen der Welt zusammengetragen worden. Bedauerlicherweise wurde das Institut während des Zweiten Weltkriegs durch die Bombardierung Deutschlands zerstört. Das Ergebnis seiner Forschung ist jedoch nicht aus der Welt verschwunden.
Eine weitere bemerkenswerte Tatsache über den Koran ist, dass die Sprache, in der er offenbart wurde, eine lebendige Sprache ist. Vom Irak bis Marokko verwenden etwa 120 Millionen Menschen Arabisch als Muttersprache, und Milliarden von Menschen in der nichtarabischen Welt lesen und lehren es. Die Grammatik, die Wörterbücher, die Aussprache seiner Wörter und seine idiomatischen Ausdrucksweisen sind im Arabischen heute noch genauso wie vor vierzehnhundert Jahren. Noch heute kann jeder gebildete Araber den Koran lesen und ihn genauso verstehen, wie ihn die Araber vor vierzehnhundert Jahren verstanden.
Dies ist ein bedeutendes Merkmal des Propheten Muhammad (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm), das kein anderer Prophet oder religiöse Führer außer ihm besaß. Das Buch, das ihm von Allah, dem Erhabenen, zur Rechtleitung der Menschheit offenbart wurde, ist in seiner ursprünglichen Sprache und mit seinen ursprünglichen Worten unverändert erhalten.
Die vollständige Verlässlichkeit der Sira und Sunna des Gesandten
Wenn man sein zweites besonderes Merkmal betrachtet, zeigt sich, dass er unter allen Propheten und religiösen Führern in dieser Hinsicht einzigartig ist. Dieses Merkmal besteht darin, dass ebenso wie das ihm offenbarte Buch auch seine Sira bewahrt worden ist, aus der wir für jeden Lebensbereich Anleitung gewinnen können. Eine große Zahl jener Menschen, die ihn von seiner Kindheit bis zu den letzten Augenblicken seines Lebens gesehen, seinen Lebensumständen und seinen Handlungen beigewohnt, seine Worte und Ansprachen gehört und ihn Befehle erteilen oder etwas verbieten gehört hatten, prägte sich all dies tief ein und überlieferte es den nachfolgenden Generationen. Nach Ansicht einiger Fachleute gab es hunderttausend solcher Menschen, die Berichte über Ereignisse, die sie mit eigenen Augen gesehen und mit eigenen Ohren gehört hatten, bis zu den nachfolgenden Generationen überlieferten. Der Prophet (s.a.w.s.) ließ bestimmte Gebote und Vorschriften niederschreiben und gab sie einigen Menschen oder sandte sie ihnen zu; die Menschen späterer Zeiten erhielten diese Aufzeichnungen. Unter den Sahaba gab es mindestens sechs Personen, die Hadithe niederschrieben und sie dem Propheten (s.a.w.s.) vorlegten, damit sich darin kein Fehler einschleichen konnte. Diese schriftlichen Überlieferungen gelangten zu späteren Generationen. Nach dem Tod des edlen Propheten (s.a.w.s.) trugen mindestens fünfzig Sahaba die Lebensumstände und Handlungen des Propheten sowie seine Worte schriftlich zusammen, und diese Wissensschätze gelangten auch in die Hände jener, die sich mit der Sammlung und Zusammenstellung der Hadithe befassten. Danach erreichte, wie ich soeben sagte, die Zahl der Sahaba, die mündliche Überlieferungen über die Sira weitergaben, bis zu hunderttausend. Auch das ist keineswegs erstaunlich. Denn beim Abschiedspilgerfahrt, die der Prophet (s.a.w.s.) vollzog, waren einhundertvierzigtausend Menschen anwesend. Eine so gewaltige Zahl von Menschen sah ihn den Haddsch vollziehen, lernte von ihm die Regeln und die Verfahrensweise des Haddsch und hörte die Ansprache, die er während dieses Haddsch hielt. Wie wäre es möglich, dass so viele Menschen, nachdem sie zu diesem wichtigen Zeitpunkt gemeinsam mit dem Propheten den Haddsch vollzogen und in ihre Regionen zurückgekehrt waren, dort nicht von ihren Verwandten, Freunden und Nachbarn nach einem Bericht über diese Pilgerfahrt gefragt worden wären und diese nicht die Regeln und die Verfahrensweise des Haddsch von ihnen erfahren hätten? Daraus kann man ermessen, mit welchem Eifer die Menschen nach dem Abschied einer so großen Persönlichkeit wie des Propheten (s.a.w.s.) aus dieser Welt von jenen, die ihn gesehen und seine Anweisungen gehört hatten, nach seinen Lebensumständen und Taten, seinen Worten, Anweisungen und seiner Rechtleitung gefragt haben müssen.
Bei den Überlieferungen, die von den ehrwürdigen Sahaba (r.a.) an die nachfolgenden Generationen gelangten, wurde von Anfang an folgendes Verfahren angewandt: Wer dem Propheten (s.a.w.s.) ein Wort zuschrieb, musste angeben, von wem er dieses Wort gehört hatte und von wem wiederum diese Person es vor ihm in ununterbrochener Folge gehört hatte. Auf diese Weise wurde die gesamte Überlieferungskette bis zum Propheten (s.a.w.s.) überprüft, damit die Gewissheit erlangt werden konnte, dass das Wort tatsächlich vom Propheten (s.a.w.s.) überliefert worden war. Wenn nicht alle Glieder der Überlieferungskette festgestellt werden konnten, entstand Zweifel an ihrer Echtheit. Wenn die Überlieferungskette zwar bis zum Propheten (s.a.w.s.) reichte, aber einer der Überlieferer in der Mitte als nicht vertrauenswürdig galt, konnte eine solche Überlieferung nicht angenommen werden. Wenn Sie darüber ein wenig nachdenken, werden Sie erkennen, dass die Biografie keines Menschen auf der Welt auf diese Weise zusammengestellt worden ist. Dieses Merkmal besitzt einzig der Prophet Muhammad (s.a.w.s.): Kein Wort über ihn wurde ohne Überlieferungskette akzeptiert. Bei der Überlieferungskette wurde nicht nur geprüft, ob die Kette eines Hadith bis zum Propheten reichte, sondern auch, ob alle daran beteiligten Überlieferer zuverlässig waren. Zu diesem Zweck wurden die Lebensläufe der Überlieferer bis ins kleinste Detail untersucht, und zu diesem Thema wurden ausführliche Werke verfasst. Daraus ist bekannt, wer zuverlässig war und wer nicht, wie der Charakter und das Verhalten jedes Einzelnen waren, wer ein starkes Gedächtnis besaß und wer nicht, wer die Person getroffen hatte, von der er die Überlieferung übernahm, und wer eine Überlieferung in ihrem Namen niederschrieb, ohne sie getroffen zu haben. Auf diese Weise wurden so umfassende Informationen über die Überlieferer gesammelt, dass wir noch heute bei jedem einzelnen Hadith feststellen können, ob er über eine zuverlässige oder eine unzuverlässige Quelle überliefert wurde. Lässt sich in der Menschheitsgeschichte ein zweiter Mensch finden, dessen Lebensgeschichte auf derart zuverlässigen Quellen beruht? Gibt es ein Beispiel dafür, dass zur Feststellung der Wahrheit der Lebensgeschichte eines Menschen Werke über das Leben Tausender von Personen verfasst wurden, die etwas über ihn überliefert hatten? Die christlichen und jüdischen Gelehrten der heutigen Zeit haben ihre ganze Kraft darauf verwendet, die Zuverlässigkeit der Hadithe zweifelhaft erscheinen zu lassen. Der eigentliche Grund dafür ist nichts anderes als der Groll darüber, dass es hinsichtlich ihrer heiligen Schriften und der Lebensgeschichten ihrer religiösen Führer überhaupt keine Überlieferungsketten gibt. Gerade wegen dieses schmerzlichen Umstands haben sie bei ihrer Kritik am Islam, am Koran und am Propheten Muhammad (s.a.w.s.) die intellektuelle Redlichkeit aufgegeben.
Jeder Aspekt des Lebens des Propheten Muhammad (s.a.w.s.) war bekannt und wohlvertraut.
Es ist nicht das einzige besondere Merkmal der Sira des Propheten (s.a.w.s.), dass sie uns durch äußerst zuverlässige Quellen überliefert worden ist; ein weiteres besonderes Merkmal besteht darin, dass über jeden Aspekt seines Lebens so ausführliche Einzelheiten vorliegen, wie man sie über das Leben keiner anderen Person findet. Wie seine Familie beschaffen war, wie sein Leben vor dem Prophetentum aussah, wie er zum Propheten berufen wurde, wie die Offenbarung auf ihn herabkam, wie er die islamische Botschaft verbreitete, wie er Widerstand und Hindernisse bewältigte, wie er seine Gefährten erzog, wie er mit seiner Familie lebte, wie sein Verhalten gegenüber seinen Frauen und Kindern war, wie er mit Freunden und Feinden umging, welche moralischen Lehren er vermittelte, wozu er durch seinen eigenen Charakter aufforderte, welche Handlungen er verbot, welche Handlungen er sah, ohne sie zu verbieten, und welche Handlungen er sah und verbot – all dies ist in den Hadith- und Sira-Werken bis ins kleinste Detail überliefert. Er war auch ein militärischer Befehlshaber, und wir finden ausführliche Berichte über alle Kriege und militärischen Unternehmungen, die unter seiner Führung stattfanden. Er war außerdem Richter, und wir können die vollständigen Verfahrensberichte aller Fälle einsehen, die ihm vorgelegt wurden. Wir erfahren auch, welches Urteil er in den einzelnen Fällen fällte. Er ging auch auf den Markt und beobachtete, wie die Menschen kauften und verkauften. Wenn er ein falsches Verhalten sah, verbot er es, und wenn er sah, dass etwas richtig ausgeführt wurde, billigte er es. Kurz gesagt, es gibt keinen Lebensbereich, für den er nicht ausführliche Anleitung gegeben hätte.
Deshalb sagen wir ohne Voreingenommenheit, in voller Kenntnis und Überzeugung, dass der Prophet Muhammad (s.a.w.s.) unter allen Propheten und religiösen Führern die einzige Persönlichkeit ist, an die sich die gesamte Menschheit um Rechtleitung und Führung wenden kann. Denn das von ihm überbrachte Buch ist einschließlich seiner ursprünglichen Wortlaute bewahrt worden, und die für die Rechtleitung unerlässlichen ausführlichen Einzelheiten seiner Sira sind uns durch zuverlässige Quellen überliefert worden.
Nun ist zu beachten, welche Botschaft und welche Rechtleitung seine heilige Sira uns vermittelt.
Seine Botschaft gilt der gesamten Menschheit.
Das Erste, was uns an seiner Botschaft auffällt, ist, dass er den Menschen ungeachtet ihrer Verschiedenheit in Hautfarbe, Abstammung, Sprache und Heimat als Menschen anspricht und Grundsätze darlegt, die der gesamten Menschheit zum Wohl gereichen. Wer diese Grundsätze annimmt, wird Muslim und Mitglied einer weltumspannenden muslimischen Umma, sei er schwarz oder weiß, aus dem Osten oder dem Westen, Araber oder Nichtaraber. Wo immer ein Mensch lebt, in welchem Land, welchem Volk und welcher Familie er auch geboren sein mag, welche Sprache er auch sprechen und welche Hautfarbe er auch haben mag – die Botschaft des Propheten Muhammad (Segen und Frieden seien auf ihm) gilt auch ihm. Wenn er die von ihm dargelegten Grundsätze annimmt, wird er mit gleichen Rechten in die muslimische Umma aufgenommen. In dieser Umma gibt es keine Unterscheidung und keine Rangordnung, keine Unterschiede aufgrund von Abstammung oder Klasse und keine sprachlichen, ethnischen oder geografischen Unterschiede, die einen Menschen nach der Einheit des Glaubens vom anderen trennen.
Das beste Heilmittel gegen Rassen- und Abstammungsfanatismus
Wenn Sie darüber nachdenken, werden Sie erkennen, welch große Gunst die Menschheit durch den Propheten Muhammad, den Araber (Segen und Frieden seien auf ihm), erlangt hat. Was den Menschen am meisten zugrunde gerichtet hat, ist diese unter ihnen etablierte Unterscheidung. An manchen Orten wurden sie als unrein und unberührbar behandelt. Sie wurden der Rechte beraubt, die ein Brahmane genießt. Anderswo wurden sie als Menschen betrachtet, die es verdienten, ausgerottet zu werden, weil sie in Australien und Amerika zu einer Zeit geboren worden waren, als die Fremden sie von ihrem Land vertreiben wollten. Mancherorts wurden sie gefangen genommen und zu Sklaven gemacht, und man ließ sie wie Tiere arbeiten. Denn sie waren in Afrika geboren, und man ließ sie wie Tiere arbeiten. Denn sie waren in Afrika geboren und ihre Hautfarbe war schwarz. Kurz gesagt: Die Unterschiede nach Volk, Heimat, Abstammung, Rasse und Sprache waren für die Menschheit von alters her bis heute die Ursache großer Gefahren. Auf dieser Grundlage wurden Kriege geführt. Auf dieser Grundlage hat ein Land das andere besetzt. Ein Volk hat ein anderes ausgeplündert und viele Abstammungen vollständig ausgelöscht. Der Prophet Muhammad (Segen und Frieden seien auf ihm) hat gegen diese Krankheit ein Heilmittel angewandt, dessen Wirksamkeit sogar die Feinde des Islam anerkennen. Es besteht darin, dass niemand einen solchen Erfolg bei der Überwindung der Unterschiede von Rasse, Abstammung und Heimat erreicht hat wie der Islam.
Als Malcolm X, der berühmte Anführer der in Amerika lebenden Menschen afrikanischer Herkunft und einstige Wortführer der extremen Feindseligkeit der Schwarzen gegenüber den Weißen, nach seiner Annahme des Islam zur Pilgerfahrt aufbrach und sah, dass Menschen aller Abstammungen, Hautfarben, Länder und Sprachen aus Osten und Westen, Norden und Süden zur Hadsch kamen, dass alle dieselbe Art von Ihram-Kleidung trugen, alle mit derselben Stimme „Labbayka, Labbayka“ riefen, gemeinsam die Umkreisung vollzogen und im selben Gebet hinter demselben Imam beteten, rief er aus: „Die einzige richtige Lösung für das Problem von Rasse und Abstammung ist genau dies – nicht das, was wir all diese Jahre getan haben.“ Dieser arme Mann wurde zwar von Unterdrückern getötet, doch seine veröffentlichte Autobiografie ist noch vorhanden. Aus ihr erfahren wir, wie tief er von der Hadsch beeindruckt war.
Die Hadsch ist nur eine der gottesdienstlichen Handlungen des Islam. Wenn jemand mit offenen Augen die Lehren des Islam als Ganzes betrachtet, kann er nirgends mit dem Finger auf eine Stelle zeigen und behaupten, diese Lehre diene den Interessen eines bestimmten Volkes, Stammes, einer bestimmten Abstammung oder Klasse. Die gesamte Religion bezeugt vielmehr, dass sie für die ganze Menschheit bestimmt ist und dass in ihrer Sicht alle Menschen gleich sind, die ihre Grundsätze anerkennen und sich der von ihr geschaffenen weltumspannenden Bruderschaft anschließen. Sie behandelt auch Nichtmuslime nicht auf eine Weise, wie die Weißen die Schwarzen behandelt haben oder wie imperialistische Mächte die Nichtkommunisten unter ihrer Herrschaft und sogar unerwünschte Mitglieder der eigenen Partei behandelt haben.
Nun müssen wir sehen, welches jene Grundprinzip war, das der Prophet Muhammad, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, zum Wohl der Menschheit darlegte, und was darin enthalten ist, das nicht nur das Wohl der Menschheit gewährleistet, sondern auch die gesamte Menschheit durch ein gemeinsames Band zu einer Umma verbinden kann.
Die umfassendste Vorstellung von der Einheit Allahs
Der wichtigste Inhalt dieses Grundprinzips ist, die Wahdaniyyat oder Einheit Allahs, des Erhabenen, anzuerkennen. Nicht nur in dem Sinne, dass Allah existiert, und auch nicht bloß in dem Sinne, dass Allah einer ist. Vielmehr in dem Sinne, dass Allah, der Erhabene, allein der Schöpfer, Eigentümer, Lenker und Herrscher dieses Universums ist. In der gesamten Schöpfung gibt es niemanden außer Ihm, der das Recht und die Befugnis zur Herrschaft besitzt, der das Recht hätte, etwas zu gebieten oder zu verbieten, durch dessen Verbot etwas verboten und durch dessen Erlaubnis etwas erlaubt würde. Dieses Recht und diese Befugnis besitzt niemand außer Allah. Denn allein derjenige, der Schöpfer, Eigentümer und Herr ist, hat das Recht, Seinen Dienern in der von Ihm erschaffenen Welt zu befehlen, was immer Er will, und ihnen zu verbieten, was immer Er will. Die Botschaft des Islam lautet: Erkennt Allah, den Erhabenen, in diesem Sinne an. Erkennt Ihn so an, dass wir niemandes Diener außer Ihm sind, dass niemand das Recht hat, uns entgegen Seinem Gesetz Befehle zu erteilen, dass unser Haupt nicht dafür erschaffen wurde, sich vor jemand anderem als Ihm zu beugen, und dass unser Leben und unser Tod Seiner alleinigen Verfügung unterstehen. Wenn Er will, kann Er uns den Tod geben; solange Er will, kann Er uns am Leben erhalten. Wenn der Tod von Ihm kommt, gibt es auf der Welt keine Macht, die uns retten könnte. Und wenn Er uns am Leben erhalten will, kann keine Macht der Welt uns vernichten. Dies ist die islamische Vorstellung von Allah.
Dieser Vorstellung zufolge ist die gesamte Schöpfung von der Erde bis zum Himmel Allah ergeben und gehorsam, und auch die Aufgabe des Menschen, der in dieser Schöpfung lebt, besteht darin, Allah ergeben und gehorsam zu bleiben. Wenn er sich als frei und eigenmächtig versteht oder jemand anderem außer Allah Gehorsam leistet, gerät die gesamte Ordnung seines Lebens in Widerspruch zur Ordnung der Welt. Mit anderen Worten: Versuchen Sie es so zu verstehen: Die gesamte Weltordnung bewegt sich unter Allahs Gebot, und niemand kann diese wahrhaftige Tatsache verändern. Wenn wir nun dem Gebot eines anderen außer Allah folgen oder nach unserem eigenen Wunsch in irgendeine Richtung gehen, bedeutet das, dass unser gesamtes Lebensgefährt in die entgegengesetzte Richtung zu dem Gefährt der Weltordnung fährt. Dadurch herrscht zwischen uns und der Weltordnung ein andauernder Konflikt.
Betrachten Sie die Sache auch von einer anderen Seite: Nach der islamischen Vorstellung besteht die richtige Lebensweise des Menschen einzig darin, Allah zu gehorchen. Denn er ist ein Geschöpf, und Allah ist sein Schöpfer. Als Geschöpf ist es für ihn ebenso falsch, sich als frei und eigenmächtig zu verstehen, wie es falsch ist, jemand anderem außer dem Schöpfer zu dienen und zu gehorchen. Welchen dieser beiden Wege er auch einschlägt, er wird mit der Wahrheit kollidieren, und die bitteren Folgen des Konflikts mit der Wahrheit muss derjenige selbst tragen, der den Konflikt verursacht; der Wahrheit entsteht dadurch kein Schaden.
Der Aufruf zur Anbetung Allahs
Der Aufruf des Propheten Muhammad (صلى الله عليه وسلم) lautet: Beende diesen Konflikt. Die Ordnung und die Lebensweise deines Lebens sollten der Ordnung des gesamten Weltenherrn entsprechen. Spiele weder selbst den Gesetzgeber, noch erkenne das Recht eines anderen an, auf Allahs Erde den Dienern Allahs sein Gesetz aufzuerlegen. Das Gesetz des Schöpfers des Universums ist das einzig wahrhaftige Gesetz; alle anderen Gesetze sind irrig und nichtig.
Der Aufruf zum Gehorsam gegenüber dem Gesandten
Nachdem wir bis hierher gelangt sind, tritt vor uns die zweite Stufe des Aufrufs des Propheten Muhammad (صلى الله عليه وسلم). Sie besteht in seiner unmissverständlichen Erklärung: Ich bin Allahs Prophet, und Er hat Sein Gesetz für die Menschheit durch mich gesandt. Ich selbst unterstehe diesem Gesetz. Auch ich habe keinerlei Befugnis, daran etwas zu ändern. Mir wurde nur befohlen, es zu befolgen. Auch habe ich nicht das Recht, von mir aus etwas Neues zu schaffen. Dieser Koran ist ein Gesetz, das von Allah zu mir herabgesandt wurde. Meine Sunna ist ein Gesetz, das ich auf Allahs Anweisung hin in Kraft setze. Vor diesem Gesetz beuge zuerst ich selbst als Erster mein Haupt(Arabisch****)Danach rufe ich alle Menschen dazu auf, den Gehorsam gegenüber den Gesetzen anderer aufzugeben und diesem Gesetz zu gehorchen.
Nach Allah ist Allahs Gesandter derjenige, dem Gehorsam zu leisten ist
Niemand soll den Zweifel hegen, wie der Gesandte Allahs (صلى الله عليه وسلم) selbst seiner eigenen Sunna gehorchen könne, wenn diese Sunna doch aus seinen eigenen Worten und Taten besteht. Die tatsächliche Sachlage ist, dass ebenso wie der Koran von Allah stammt, auch das, was er als Gesandter anordnete, was zu tun er untersagte oder welche Verfahrensweise er festlegte, von Allah stammte. Dies nennt man die Sunna des Gesandten, und er selbst befolgte sie auf dieselbe Weise, wie ihre Befolgung für alle Gläubigen verpflichtend war. Dies wird völlig klar in Situationen, in denen die ehrwürdigen Gefährten, Allahs Wohlgefallen sei auf ihnen, den Propheten (صلى الله عليه وسلم) zu einer Angelegenheit fragten: „O Gesandter Allahs! Sagen Sie dies auf Allahs Geheiß, oder ist dies Ihre eigene Ansicht?“ Der Prophet antwortete: „Nicht auf Allahs Geheiß, sondern dies ist meine eigene Ansicht.“ Nachdem die ehrwürdigen Gefährten dies erfahren hatten, stimmten sie der Ansicht des Propheten nicht zu, sondern unterbreiteten ihre eigenen Vorschläge. Daraufhin gab der Prophet seine Ansicht auf und nahm ihren Vorschlag an. Ebenso wurde dies deutlich, wenn der Prophet (صلى الله عليه وسلم) sich mit den Gefährten beriet. Diese Beratung beweist, dass in dieser Angelegenheit keine Anweisung von Allah ergangen war. Denn wenn es Allahs Gebot gegeben hätte, wäre dort überhaupt keine Frage einer Beratung aufgekommen. Solches ereignete sich im Leben des Propheten (صلى الله عليه وسلم) viele Male; eine ausführliche Darstellung davon finden wir in den Hadithen. Vielmehr sagen die ehrwürdigen Gefährten (möge Allah mit ihnen zufrieden sein): „Wir haben niemanden gesehen, der sich mehr beraten hätte als den Propheten (صلى الله عليه وسلم).“ Wenn Sie darüber nachdenken, werden Sie verstehen, dass auch dies zur Sunna des Propheten gehörte: In Angelegenheiten, zu denen es keine Anweisung Allahs gibt, muss man sich beraten. Nicht einmal Allahs Gesandter – geschweige denn irgendein anderer Herrscher – hat seine eigene Ansicht als für andere verbindlich erklärt. Auf diese Weise schulte der Prophet (صلى الله عليه وسلم) die Umma darin, auf der Grundlage von Beratung zu handeln, und zeigte den Menschen, dass man in Angelegenheiten, zu denen es eine Anweisung Allahs gibt, diese ohne jedes Zögern befolgen muss. Wo es jedoch keine Anweisung Allahs gibt, soll man das Recht auf eine freie eigene Meinung furchtlos ausüben.
Die wahre Charta der Freiheit
Dies ist eine solche Charta der Freiheit für die Menschheit, wie sie außer Dīn al-Ḥaqq niemand der Menschheit geschenkt hat. Der Diener Allahs soll ausschließlich Diener des einen Allah sein. Er soll nicht der Diener irgendeines anderen sein, ja nicht einmal der Diener des Gesandten Allahs. Diese Charta hat den Menschen von der Anbetung, Knechtschaft und Unterwerfung unter alle anderen außer dem einen Allah befreit und die Vergöttlichung des Menschen beziehungsweise die Herrschaft und Autorität des Menschen über den Menschen für immer beendet.
Zu den größten Gnaden, die diese Botschaft den Menschen geschenkt hat, gehört außerdem die Vorrangstellung eines Gesetzes, zu dessen Aufhebung, Verfälschung oder Änderung weder irgendein König, Diktator oder demokratisches Parlament noch irgendeine Nation, die den Islam angenommen hat, berechtigt ist. Dieses Gesetz schenkt den Menschen ewige Maßstäbe für Gut und Böse (Permanent values), die nicht so verändert werden können, dass das Gute zum Bösen und das Böse zum Guten wird.
Die Vorstellung von der Rechenschaft vor Allah
Das Dritte, was der Prophet Muhammad (s.a.w.s.) die Menschen gelehrt hat, ist, dass du vor Allah Rechenschaft ablegen musst. Du bist nicht wie ein zügelloses Tier in der Welt freigelassen worden, damit du tun kannst, was dir beliebt, nach eigenem Gutdünken auf irgendwelchen Feldern und in irgendwelchen Gärten umherweidest und niemand da ist, der dich zur Rechenschaft zieht. Vielmehr musst du über jedes deiner Worte und über die Handlungen deines gesamten selbstbestimmten Lebens deinem Schöpfer und Herrn Rechenschaft ablegen. Nach dem Tod musst du wieder zum Leben erweckt werden und vor deinem Herrn erscheinen, um befragt zu werden. Dies ist eine gewaltige moralische Kraft. Wenn sie im Gewissen eines Menschen festen Platz gewinnt, wird sein Zustand so sein, als wäre ihm ständig ein Wächter beigegeben, der ihn vor jeder Neigung zum Bösen warnt und ihn bei jedem Schritt zurückhält. Ob es draußen eine Polizei gibt, die ihn festnimmt, und eine Regierung, die ihn bestraft, oder nicht – in seinem Inneren wird ein unerbittlicher Kritiker sitzen, und aus Furcht, von ihm ertappt zu werden, wird er niemals Allah ungehorsam sein können, weder in der Einsamkeit noch im Wald, in tiefer Dunkelheit oder an irgendeinem menschenleeren Ort. Es gibt keine bessere Methode, den Menschen moralisch zu bessern und in ihm einen gefestigten Charakter zu entwickeln. Ganz gleich, mit welcher anderen Methode du den Charakter zu bilden versuchst: Du wirst nicht weiter gelangen als zu der Auffassung, dass gute Taten im irdischen Leben nützlich und schlechte Taten schädlich seien und Ehrlichkeit ein edles Prinzip sei. Das bedeutet, dass man schlechte Taten und Unehrlichkeit grundsätzlich bedenkenlos begehen kann, wenn sie nützlich sind und keinerlei Gefahr eines Schadens besteht. Die Folge dieser Sichtweise ist, dass gerade diejenigen, die sich in ihrem persönlichen Leben ehrlich verhalten, im nationalen Verhalten zu äußerster Unehrlichkeit, Betrug, Plünderung, Unterdrückung und Tyrannei neigen. Ja, selbst in ihrem persönlichen Leben sind sie in manchen Dingen ehrlich, in anderen jedoch äußerst unehrlich. Ihr werdet sehen, dass sie einerseits im Geschäftsverkehr ehrlich und in ihrem Benehmen höflich sind, andererseits aber Alkohol trinken, Unzucht treiben und spielen und äußerst charakterlos, verdorben und schändlich sind. Sie sagen, das Privatleben des Menschen sei eine Sache und das gesellschaftliche beziehungsweise öffentliche Leben (Public Life) eine andere. Wenn man ihnen einen Fehler in ihrem Privatleben vorhält, antworten sie sofort: „Kümmere dich um deine eigenen Angelegenheiten.“
Das genaue Gegenteil davon ist der Glaube an das Jenseits. Er besagt, dass eine Sünde immer eine Sünde bleibt, ganz gleich, ob sie im irdischen Leben Nutzen bringt oder Schaden verursacht. Im Leben eines Menschen, der das Bewusstsein der Rechenschaft vor Allah in sich trägt, können die beiden Bereiche des persönlichen und des gesellschaftlichen Lebens nicht voneinander getrennt werden. Wenn er sich der Ehrlichkeit verpflichtet, dann nicht deshalb, weil sie ein gutes Prinzip wäre. Vielmehr wird die Ehrlichkeit Teil seines Wesens, und er kann sich gar nicht vorstellen, dass es ihm jemals möglich sein könnte, unehrlich zu sein. Sein Glaube lehrt ihn, dass er, wenn er unehrlich handelt, unter das Niveau eines Tieres sinken wird. Wie es im Koran heißt:(Arabisch******)
Wir haben den Menschen in der schönsten Gestalt erschaffen. Danach haben Wir ihn in den niedrigsten der niedrigen Zustände zurückfallen lassen.
Auf diese Weise erlangte die Menschheit unter der Führung des Propheten Muhammad (s.a.w.s.) nicht nur ein unveränderliches Gesetz mit ewigen moralischen Maßstäben, sondern auch eine Grundlage für den persönlichen und nationalen Charakter sowie das Verhalten, die vollkommen fest und unerschütterlich ist. Dieses Gesetz ist nicht davon abhängig, dass eine Regierung, eine Polizei oder ein Gericht vorhanden ist, damit du auf dem rechten Weg bleiben kannst; andernfalls müsstest du ein Verbrecher sein.
Der Gebrauch von Charakter und Tugend im weltlichen Leben statt Weltentsagung
Die Botschaft des Propheten Muhammad (s. a.) vermittelt uns noch eine wichtige Lehre. Diese lautet: Charakter und Tugend sind nicht für die abgeschiedenen Zellen der Weltentsagenden bestimmt und nicht für die Klausen der Derwische, sondern sollen in allen Bereichen des weltlichen Lebens zur Geltung kommen. Die geistige und sittliche Vervollkommnung, die die Welt bei den Armen und Derwischen sucht, stellte der Gesandte Allahs (s. a.) auf den staatlichen Thron und den Richterstuhl. Er lehrte, im Handel und Geschäftsleben mit Gottesfurcht und Redlichkeit zu arbeiten, und lehrte Polizei und Soldaten Gottesfurcht und Taqwa. Er beseitigte die irrige Vorstellung der Menschen, ein Gottesfreund könne nur jemand sein, der die Welt aufgibt und unablässig Allah anruft. Er sagte: Gottesfreundschaft bedeutet dies nicht; vielmehr besteht wahre Gottesfreundschaft darin, dass ein Mensch als Herrscher, Richter, Heerführer, Polizeibeamter, Kaufmann, Industrieller und in allen anderen Lebensbereichen ein ganz und gar weltlich tätiger Mensch sein mag, dabei aber in jedem Augenblick Gottesfurcht sowie Aufrichtigkeit und Vertrauenswürdigkeit unter Beweis stellt, gerade dort, wo sein Glaube einer Feuerprobe ausgesetzt ist. Auf diese Weise holte er Charakter und Spiritualität aus der Abgeschiedenheit der Weltentsagung heraus und führte sie in Wirtschaft und Gesellschaft, in Politik und Rechtsprechung sowie auf die Felder von Krieg und Frieden. Danach errichtete er an all diesen Orten die Herrschaft eines tugendhaften und geläuterten Charakters.
Die segensreichen Auswirkungen der Rechtleitung des Propheten (s. a.)
Dies war die großartige Wirkung seiner Rechtleitung und Wegweisung,(Arabisch***)dass er jene, die zu Beginn der Prophetie Räuber gewesen waren, in einem Zustand zurückließ, in dem sie zu vertrauenswürdigen Menschen und zu Beschützern von Leben, Besitz und Ehre der Menschen geworden waren. Jene, die er als Räuber fremden Eigentums vorgefunden hatte, ließ er als Menschen zurück, die Rechte gewährten, Rechte schützten und andere dazu anspornten, die Rechte ihrer Mitmenschen zu achten. Vor ihm kannte die Welt nur Herrscher, die ihre Untertanen durch Unterdrückung und Gewalt niederhielten, in himmelhohen Palästen lebten und ihre Macht und Herrschaft ausübten. Der Prophet Muhammad (s. a.) machte eben diese Welt mit Herrschern bekannt, die sich auf Märkten und in den Basaren wie gewöhnliche Menschen bewegten und die Herzen der Menschen durch Gerechtigkeit, Rechtschaffenheit und faire Rechtsprechung gewannen. Vor ihm kannte die Welt nur Soldaten, die beim Einmarsch in ein Land überall Menschen töteten, Ortschaften in Brand setzten und die Ehre und Keuschheit der Frauen des besiegten Volkes verletzten. Er machte dieselbe Welt wiederum mit einem Heer bekannt, das beim siegreichen Einzug in eine Stadt niemanden außer den feindlichen Soldaten antastete und sogar die von der besiegten Stadt erhobenen Steuern zurückgab. Die Geschichte der Menschheit ist voller Berichte über die Eroberung verschiedener Länder und Städte. Doch für die Eroberung Mekkas findet sich in der Geschichte kein vergleichbares Beispiel. In eben jene Stadt, deren Bewohner den Propheten Muhammad (s. a.) dreizehn Jahre lang unterdrückt und misshandelt hatten, zog er als Sieger mit so tief gesenktem Haupt ein, dass es Allah zugewandt war. Seine Stirn berührte beinahe die Sänfte des Kamels, und in seinem Verhalten war nicht die geringste Spur von Stolz oder Hochmut. Als jene Menschen, die ihn dreizehn Jahre lang misshandelt und verfolgt, den Gesandten zur Auswanderung gezwungen und danach noch acht Jahre gegen ihn Krieg geführt hatten, besiegt vor ihn traten und um Gnade flehten, sagte der Prophet Muhammad (s. a.) statt Rache zu nehmen:(Arabisch*****)Heute wird euch nichts vorgeworfen. Geht, ihr seid freigelassen.
Wenn jemand die Wirkung ermessen möchte, die das Vorbild des Propheten Muhammad (s. a.) auf die muslimische Umma ausgeübt hat, soll er einen Blick in die Geschichte werfen. Er wird sehen, wie sich die Muslime verhielten, als sie als Sieger in Spanien einzogen, und wie sich die Christen verhielten, als sie über sie siegten. Während der Kreuzzüge, als die Christen in Bayt al-Maqdis einzogen, wird er sehen, wie sie mit den Muslimen umgingen, und wie sich die Muslime gegenüber den Christen verhielten, als sie Bayt al-Maqdis von ihnen zurückeroberten.
Die Sira des edlen Propheten (s. a.) ist ein solch gewaltiges Meer, dass sie in keinem Buch vollständig erfasst werden kann. Auch in einem einzigen Vortrag lässt sie sich nicht annähernd umfassend behandeln. Dennoch habe ich, so kurz wie möglich, einige ihrer bemerkenswerten Seiten beleuchtet. Glückselig sind jene, die durch diese einzige Rechtleitung Führung für ihren Lebensweg erlangen werden.(Arabisch*****)
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