Einleitende Worte
Ich schreibe „Iqamat-e-Din“ als zweiten Teil jener Reihe von Gedankengängen, die in meiner Schrift veröffentlicht wurde, die 1978 erstmals unter dem Titel „Bangladeschische islamische Bewegung“ erschien und seit der dritten Auflage von 1981 den Titel „Islamische Einheit, islamische Bewegung“ trägt. Im ersten Teil wurde dargelegt, dass der Islam in Bangladesch durch Allahs Gnade auf vielfältige Weise ausreichend gedient wird. Durch eine kurze Erläuterung des gewaltigen Dienstes am Din des Islam, der durch Madrasas, Moscheen, Khanqahs, religiöse Ansprachen, Tabligh, islamische Literatur und dergleichen geleistet wird, wurde nachgewiesen, dass jede Art dieses Dienstes äußerst wichtig ist; erst das Zusammenwirken aller Dienste vermehrt die Würde des Islam, und es ist die Pflicht jedes muslimischen Dieners des Din, diese Dienste als gegenseitig ergänzend zu betrachten.
Von denjenigen, die nur ihren eigenen religiösen Dienst für wertvoll halten und den Dienst anderer nicht würdigen, geht die Gefahr aus, dass unter der Umma Spaltung und Feindschaft entstehen. Jeder sollte die Auffassung haben, dass wir alle dem einen großen Din in unterschiedlichen Formen und auf unterschiedliche Weise dienen. Ebenso sollte jeder aufrichtig im Herzen bewahren, dass alle genannten Dienste in ihrem jeweiligen Bereich wertvoll und notwendig sind. Wenn jeder den Dienst aller anderen als wertvoll anerkennt, werden unter den islamischen Kräften des Landes Einheit und Liebe entstehen, und die Würde des Din wird weiter zunehmen.
Der Dienst, der durch Furqania-Madrasas und Maktabs geleistet wird, kann durch große Madrasas nicht erbracht werden. Die Gelehrten, die in Alia- und Qawmi-Madrasas herangebildet werden, können unmöglich durch die Tabligh Jamaat hervorgebracht werden. Andererseits ist es unrealistisch, dass die unzähligen Menschen das wenige Licht des Din, das sie durch Tabligh erhalten, durch die Madrasas bekommen könnten. Die gebildete Gesellschaft erlangt durch islamische Literatur Wissen über den Islam. Doch durch die religiösen Redner erwerben auch ungebildete Menschen Wissen über den Islam und Begeisterung für ihn. Gerade weil es Madrasas, religiöse Ansprachen und Tabligh gibt, sind die Moscheen belebt. Wenn man all diese Aspekte berücksichtigt, wird man jede Art des Dienstes für wertvoll halten.
In dem Buch „Islamische Einheit, islamische Bewegung“ wurde hauptsächlich der Dienst am Din behandelt und besonderer Nachdruck auf die Einheit der Diener des Din gelegt. Auch ein praktischer Vorschlag dazu, welche Gestalt islamische Einheit annehmen könnte, wurde unterbreitet. Über Iqamat-e-Din wurde in jener Schrift jedoch keine ausführliche Erörterung gegeben. Die Verantwortung für Iqamat-e-Din wurde dort nur andeutungsweise erwähnt. Weil eine ausführliche Erörterung von Iqamat-e-Din notwendig war, wurde es erforderlich, noch ein weiteres Buch zu schreiben. Daher ist dieses Buch eine Ergänzung jenes Buches, und ich hoffe, dass sein Anliegen denjenigen, die jenes Buch gelesen haben, deutlicher verständlich sein wird.
In dem Buch „Iqamat-e-Din“ wird ein Thema behandelt, mit dem sich selbst die Diener des Din nur sehr wenig befassen. Um das Thema daher verständlich darzustellen, habe ich anhand von Beispielen aus verschiedenen religiösen Diensten zu zeigen versucht, dass zwischen dem Dienst am Din und Iqamat-e-Din ein Unterschied besteht. Ich habe mich nach Kräften bemüht, nichts zu sagen, was die Diener von Allahs Din verärgern könnte. Sollte dennoch eine solche Äußerung darin verblieben sein, werde ich sie, wenn man mich darauf hinweist, in der nächsten Auflage korrigieren, so Allah will.
Gegenstand dieses Buches
Die Bedeutung des Wortes „Din“
Erste Bedeutung: Vergeltung oder Gegenleistung
Zweite Bedeutung: Gehorsam
Dritte Bedeutung: Vorschrift oder Methode des Gehorsams
Vierte Bedeutung: Recht, Staat und Gesellschaftsordnung
Die umfassende Bedeutung des Dīn
Das Leben des Gesandten Allahs (s.a.w.) selbst ist das praktische Beispiel für die islamische Religion
‘„Iqāmat ad-Dīn“’ Bedeutung
Der Zustand des Dīn al-Ḥaqq in Bangladesch
Wenn der Din des Haqq etabliert ist, was geschieht mit dem Bātil?
Die Verantwortung für die Etablierung des Din
Hat der Gesandte (s.a.w.) mehr getan, als ihm aufgetragen war?
Die zeitlose Vorgehensweise der islamischen Bewegung
Die islamische Bewegung und das Kader-System
Warum ist der Konflikt zwischen Haqq und Bātil unvermeidlich?
Warum kommt es im Zusammenhang mit religiösem Dienst nicht zu diesem Konflikt?
Warum sind nicht alle ehrwürdigen Ulama bei der „Etablierung des Din“ aktiv?
Das alleinige Maß für den Din ist der Gesandte Allahs (s.a.w.)
Warum haben die großen Gelehrten des indischen Subkontinents keine Bewegung zur Etablierung des Din ins Leben gerufen?
Die Bedeutung gemeinschaftlicher Anstrengungen
Die Merkmale der zur Etablierung des Din gegründeten Gemeinschaft
Gibt es in Bangladesch eine solche Gemeinschaft?
Jamaat-e-Islami und Maulana Maududi (r.h.)
Das Rechtsgutachten gegen die Jamaat
Das Rechtsgutachten gegen Maulana Maududi (r.h.)
Im Dienste der ehrenwerten Ulema und Mashayikh
Im vorliegenden Buch verwendete koranische Fachbegriffe
Für diejenigen Fachbegriffe, deren Bedeutung modernen gebildeten Menschen möglicherweise nicht bekannt ist und deren Unkenntnis die Aussage des Buches unklar erscheinen lassen könnte, werden kurze Definitionen gegeben:
1. Din-Gehorsam – die durch den Gesandten übermittelte Lebensordnung zum Zweck des Gehorsams gegenüber Allah.
2. Iqamat-Etablierung, Aufrichtung, Errichtung.
3. Iqamat ad-Din-die von Allah gesandte Ordnung in die Praxis umzusetzen oder zu etablieren.
4. Haqq-Wahrheit, vernunftgemäß, unwiderlegbar.
5. Din al-Haqq-der wahre Din – das heißt jener Din, dessen Wahrheit unwiderlegbar und vernünftig begründet ist.
6. Batil – falsch, unwahr, widerlegbar, eine unvernünftige Ordnung oder ein unwahres Lebenssystem.
7. Batil-Din – eine falsche Religion oder eine unvernünftige Form des Gehorsams.
8. Khidmat – Dienst, Unterstützung, Arbeit.
9. Khidmat-e-Din – Dienst am Islam oder Arbeit zur Förderung des Din.
10. Khadim-e-Din – Diener und Unterstützer des Islam.
11. Ilm – Wissen, das Allah dem Propheten übermittelt hat und im Koran und in den Hadithen enthalten ist.
12. Ulama – Gelehrte, die im Koran und in den Hadithen bewandert sind; die Einzahl lautet Alim.
13. Fitna – Hindernis, Prüfung, im Zweifel stecken zu bleiben – alle Hindernisse, Prüfungen und Zweifel, die beim Beschreiten des Weges Allahs auftreten, sind Fitna.
14. Wahy– Eingebung, Mitteilung, Offenbarung, Inspiration usw. Die Art und Weise, wie die Botschaft von Allah zu den Menschen übermittelt wird.
15. Hidaya– Rechtleitung, Führung auf den richtigen Weg.
16. Uswa– Vorbild, nachahmenswert, befolgungswürdig.
17. Uswatun Hasana– schönstes Vorbild, vortrefflichstes Vorbild.
18. Meyar– Maßstab, Richtwert.
19. Jamaʿat– Gruppe, Organisation.
20. Fatwa– Entscheidung, Erklärung, Bekanntgabe einer Meinung, Verbreitung eines Kommentars.
بِسْمِ اللَّهِ الرَّحْمَٰنِ الرَّحِيمِ
‘Dīn’ – Erläuterung des Wortes
Wenn die Iqāmat ad-Dīn erörtert werden soll, ist zunächst im Licht des Heiligen Korans eine korrekte Erklärung des Wortes „Dīn“ erforderlich. Das Wort Dīn hat mehrere Bedeutungen. Im erhabenen Koran wird dieses Wort in verschiedenen Bedeutungen verwendet. Wenn ein Wort mehrere Bedeutungen hat, sind nicht alle Bedeutungen an jeder Stelle zulässig, und dieselbe Bedeutung kann nicht überall angenommen werden. Welche Bedeutung das Wort an einer bestimmten Stelle hat, lässt sich erst aus dem vollständigen Satz erkennen. Es gibt keine Möglichkeit, die Bedeutung des Wortes richtig zu verstehen, wenn man es von dem Satz trennt, in dem es verwendet wird.
Einige Bedeutungen des Wortes Dīn werden im Heiligen Koran deutlich erläutert:
Erstens: Vergeltung, Gegenleistung, Ausgleich und Ähnliches.
Zweitens: Gehorsam, Ṭāʿa oder das Befolgen eines Gebots.
Drittens: die Ordnung des Gehorsams (Niẓām at-Ṭāʿa) oder die Regel des Gehorsams.
Viertens: das Gesetz oder die Staatsordnung, nach deren Gesetz der Staat geführt wird; damit ist auch die Gesellschaftsordnung gemeint.
Aus einigen Versen des Heiligen Korans lassen sich diese verschiedenen Bedeutungen des Wortes Dīn äußerst klar erkennen.
Eins: Erste Bedeutung: Vergeltung oder Gegenleistung
مَالِكِ يَوْمِ الدِّينِ (Sure al-Fātiha) Bedeutung: „Der Herrscher über den Tag der Vergeltung.“
كَلَّا بَلْ تُكَذِّبُونَ بِالدِّينِ „Nein, keineswegs! Vielmehr haltet ihr die Vergeltung für eine Lüge.“ – (Sure al-Infitar)
In solchen Versen bedeutet Din Vergeltung, Erwiderung, Gegenleistung und Ähnliches. Gemeint ist hier die Vergeltung, die den Menschen im Jenseits für ihre Taten zuteilwerden wird.
Zwei: Zweite Bedeutung: Gehorsam
أَفَغَيْرَ دِينِ اللَّهِ يَبْغُونَ وَلَهُ أَسْلَمَ مَن فِي السَّمَاوَاتِ وَالْأَرْضِ طَوْعًا وَكَرْهًا وَإِلَيْهِ يُرْجَعُونَ Bedeutung: „Suchen diese etwa etwas anderes als Allahs Gehorsam? Obwohl alles, was in den Himmeln und auf der Erde ist, sich Ihm unterwirft.“ – (Sure Āl ʿImrān: 83)
Hier wird das Wort „Din“ im Sinne von Unterwerfung oder Gehorsam verwendet. دانEine Bedeutung des Wortes اطاع oder „Gehorsam leistete“. Daraus folgt, dass دِينِ bedeutet اطاعة oder Gehorsam.
إِنَّا أَنزَلْنَا إِلَيْكَ الْكِتَابَ بِالْحَقِّ فَاعْبُدِ اللَّهَ مُخْلِصًا لَّهُ الدِّينَ
Bedeutung: „Diene Ihm, indem du deine Hingabe an Allah ausschließlich Ihm widmest.“ – (Sure az-Zumar: 2)
Das bedeutet: Diene Allah auf eine Weise, dass Er allein dein Herr und derjenige ist, dem Gehorsam gebührt.
وَقَاتِلُوهُمْ حَتَّىٰ لَا تَكُونَ فِتْنَةٌ وَيَكُونَ الدِّينُ لِلَّهِ ۖ
Bedeutung: „Kämpft gegen sie, bis es keine Fitna mehr gibt und der Gehorsam allein Allah vorbehalten bleibt.“ – (Sure al-Baqara: 193)
Hier bedeutet Fitna eine islamfeindliche Kraft, die Hindernisse auf dem Weg des Gehorsams gegenüber Allah errichtet. Mit der Anweisung zum Dschihad wird hier gesagt, dass du die gegnerische Kraft so weit zurückdrängen sollst, dass niemand jemanden daran hindern kann, Allah zu gehorchen.
Diese drei Verse wurden beispielhaft angeführt. Im Koran gibt es viele Verse dieser Art. Aus je drei Versen dieser drei Arten lässt sich verstehen, dass Gehorsam die Hauptbedeutung des Wortes Din ist.
Drittens: Die dritte Bedeutung – die Vorschrift oder Methode des Gehorsams
إِنَّ الدِّينَ عِندَ اللَّهِ الْإِسْلَامُ
Bedeutung: „Gewiss, bei Allah ist der Islam die einzige Ordnung des Gehorsams (Lebensordnung).“ – (Sure Al Imran: 19)
وَمَن يَبْتَغِ غَيْرَ الْإِسْلَامِ دِينًا فَلَن يُقْبَلَ مِنْهُ
Bedeutung: Von jedem, der eine andere Ordnung des Gehorsams als den Islam wählt, wird sie nicht angenommen. – (Sure Al Imran: 85)
Das heißt, die Ordnung des Gehorsams gegenüber Allah ist bei Allah einzig und allein der Islam.
شَرَعَ لَكُم مِّنَ الدِّينِ مَا وَصَّىٰ بِهِ نُوحًا وَالَّذِي أَوْحَيْنَا إِلَيْكَ وَمَا وَصَّيْنَا بِهِ إِبْرَاهِيمَ وَمُوسَىٰ وَعِيسَىٰ ۖ أَنْ أَقِيمُوا الدِّينَ وَلَا تَتَفَرَّقُوا فِيهِ
Bedeutung: „Er hat euch die Ordnung des Gehorsams vorgeschrieben, die Er auch Nuh (a.s.) aufgetragen hat und die Wir dir offenbart haben und die Ibrahim (a.s.), Musa (a.s.) und Isa (a.s.) aufgetragen wurde: Richtet die Lebensordnung auf und seid in dieser Angelegenheit nicht uneinig.“ (Sure Asch-Schura: 13)
Das heißt, Allah, der Erhabene, hat allen Propheten befohlen, Seine Ordnung des Gehorsams aufzurichten.
هُوَ الَّذِي أَرْسَلَ رَسُولَهُ بِالْهُدَىٰ وَدِينِ الْحَقِّ لِيُظْهِرَهُ عَلَى الدِّينِ كُلِّهِ
Bedeutung: „Er ist es, der Seinen Gesandten mit der Rechtleitung und der einzig wahren Ordnung der Hingabe entsandt hat, damit er sie über alle anderen Ordnungen der Hingabe siegen lässt.“ (Sure as-Saff: 9)
الْيَوْمَ أَكْمَلْتُ لَكُمْ دِينَكُمْ
Bedeutung: „Heute habe Ich eure Ordnung (Lebensordnung) vervollkommnet.“ (Sure al-Māʾida: 3)
Das heißt: Ich habe eure Lebensordnung vervollkommnet, damit ihr im Leben ausschließlich der Ordnung der Hingabe an Allah folgen könnt und in keinem Bereich etwas aus einer anderen Ordnung übernehmen müsst.
Vier: Vierte Bedeutung: das Gesetz, die Staats- und Gesellschaftsordnung
وَقَالَ فِرْعَوْنُ ذَرُونِي أَقْتُلْ مُوسَىٰ وَلْيَدْعُ رَبَّهُ ۖ إِنِّي أَخَافُ أَن يُبَدِّلَ دِينَكُمْ أَوْ أَن يُظْهِرَ فِي الْأَرْضِ الْفَسَادَ
Bedeutung: „Pharao sagte: Lasst mich, ich werde Musa töten. Er soll seinen Rabb anrufen und sehen. Ich befürchte, dass er euer Gesetz und eure Staatsordnung verändern oder zumindest im Land Unordnung stiften wird.“ (Sure Ghāfir: 26)
ۖ مَا كَانَ لِيَأْخُذَ أَخَاهُ فِي دِينِ الْمَلِكِ
Bedeutung: „Nach dem Gesetz des Königs darf kein anderer festgenommen werden. Das heißt, derjenige, der gestohlen hat, muss festgenommen werden. Nach dem Gesetz des Landes darf anstelle des Schuldigen kein anderer festgenommen werden.“ – (Sure Yusuf: 76)
وَلَا تَأْخُذْكُم بِهِمَا رَأْفَةٌ فِي دِينِ اللَّهِ إِن كُنتُمْ تُؤْمِنُونَ بِاللَّهِ وَالْيَوْمِ الْآخِرِ
Bedeutung: „Wenn ihr gläubig seid, soll in euren Herzen, wenn es um Allahs Gesetz geht, kein Mitleid mit ihnen aufkommen (bei der Vollstreckung der Strafe für Unzucht).“ – (Sure an-Nur: 2)
Aus den verschiedenen Bedeutungen, die das Wort Din in diesen wenigen Versen hat, scheint grundsätzlich der Gehorsam besonders betont zu werden. In einem Vers wird das Wort Din in einem verbalen Sinn verwendet, wodurch die Bedeutung des Gehorsams noch deutlicher wird:
قَاتِلُوا الَّذِينَ لَا يُؤْمِنُونَ بِاللَّهِ وَلَا بِالْيَوْمِ الْآخِرِ وَلَا يُحَرِّمُونَ مَا حَرَّمَ اللَّهُ وَرَسُولُهُ وَلَا يَدِينُونَ دِينَ الْحَقِّ
Bedeutung: „Kämpft gegen diejenigen, die nicht an Allah und den Jüngsten Tag glauben, das, was Allah verboten hat, nicht als verboten ansehen und dem Din Allahs nicht gehorchen.“ – (Sure at-Tauba: 29)
Aus diesen wenigen Versen des Heiligen Qur’an ist im Zusammenhang mit der Erklärung des Wortes Din deutlich geworden, dass der Kern der von Allah durch den Propheten gesandten Ordnung und Methode für ein richtiges Leben der Menschen im Diesseits im Gehorsam gegenüber Allah besteht.
Die umfassende Reichweite des Din
Die Lebensordnung des Islam, die als Regel für den Gehorsam gegenüber Allah herabgesandt wurde, ist für alle Bereiche und Seiten des menschlichen Lebens geschaffen worden. Allah, der Erhabene, hat selbst die islamische Lebensordnung verfasst, damit die Menschen in allen persönlichen, familiären, staatlichen, gesellschaftlichen und internationalen Angelegenheiten ausschließlich Allah auf die richtige Weise gehorchen können. Die Fähigkeit, eine Lebensordnung zu schaffen, die für alle Länder, alle Zeiten und alle Völker geeignet ist, kann niemand außer Allah besitzen.
Der Gesandte (s.a.w.) wurde beauftragt, der Menschheit ein wahrheitsgetreues Beispiel dafür vorzulegen, wie diese von Allah verfasste Lebensordnung im wirklichen Leben befolgt werden kann. Im Heiligen Quran hat Allah, der Erhabene, selbst verkündet, dass
لَّقَدْ كَانَ لَكُمْ فِي رَسُولِ اللَّهِ أُسْوَةٌ حَسَنَةٌ لِّمَن كَانَ يَرْجُو اللَّهَ وَالْيَوْمَ الْآخِرَ وَذَكَرَ اللَّهَ كَثِيرًا
Das heißt: „Für diejenigen unter euch, die auf Allahs Wohlgefallen und die Erlösung am Jüngsten Tag hoffen, gibt es im Gesandten (s.a.w.) ein vortreffliches Vorbild.“ – (Sure al-Ahzab: 21)
Das heißt: Das vortrefflichste Beispiel eines Lebens als Mensch auf dieser Welt findet sich im Leben des Gesandten (s.a.w.).
Die Bedeutung der Kalima Tayyiba, durch deren Annahme man in den Islam eintritt, bringt zum Ausdruck, dass Allahs Gehorsam alle Lebensbereiche umfasst.
لآ اِلَهَ اِلّا اللّهُ مُحَمَّدٌ رَسُوُل اللّهِ„Es gibt keinen Ilah außer Allah, und Muhammad (s.a.w.) ist Allahs Gesandter.“ Diese Worte sind kein Zauberspruch, durch dessen bloße Aussprache man bei Allah als Muslim gilt. Wenn man die Bedeutung der Kalima nicht versteht und nicht an ihre eigentliche Bedeutung glaubt, kann der Anspruch auf den Glauben nicht erfüllt werden.
Durch die Kalima Tayyiba werden in Wirklichkeit die Grundprinzipien des menschlichen Lebens verkündet. Wer diese Kalima annimmt, akzeptiert in Wirklichkeit zwei Grundsätze, die notwendig sind, damit er sein ganzes Leben nach der von Allah gegebenen Ordnung führt.
„Lā ilāha illā llāh“ verkündet, dass wir niemandem außer Allah gehorchen werden – das heißt, dass wir niemandes Wort gegen Allahs Gebot befolgen werden. Dies ist das erste Prinzip oder die erste Richtlinie. Im Hadith wird dies ausdrücklich gesagt:
لاطاعة لمخلؤق فى معصية الخالق„Niemandem unter den Geschöpfen darf gehorcht werden, wenn dadurch dem Schöpfer ungehorsam ist.“ Das heißt: Niemandes Gebot entgegen dem Gehorsam gegenüber Allah werden wir befolgen – dies ist das erste Prinzip.
Im zweiten Teil der Kalima Tayyiba, in den Worten „Muhammadur Rasulullah (s.a.w.s.)“, wird das zweite Prinzip verkündet. Sein wesentlicher Inhalt lautet: „Wir werden Allahs Gebot ausschließlich nach der praktischen Anleitung befolgen, die der Gesandte vorgelebt hat, also nach dieser Methode (Tariqa). Außer vom Gesandten Allahs werden wir von niemandem die Art und Weise lernen, Allah zu gehorchen und Ihm zu dienen.“
Auf diese Weise kommt durch die Kalima der Entschluss zum Ausdruck, im Leben nach Allahs Geboten und der Tariqa des Gesandten (s.a.w.s.) zu leben. Diese Entscheidung in allen Angelegenheiten des Lebens umzusetzen, ist die Forderung der Kalima. Durch diese Kalima wird jederzeit und unter allen Umständen der Wille bekundet, dieses Prinzip in Worten und Taten, in Gedanken und in der Wirklichkeit einzuhalten. Nur diejenigen, die die Kalima auf diese Weise verstehen und annehmen, sind im eigentlichen Sinne Muslime. Selbst wenn ein Muslim aufgrund der Schwäche des Nafs oder durch die Täuschung des Satans Allahs Gebote oder dem Gesandten nicht gehorcht, muss er aufrichtig anerkennen, dass der Gehorsam gegenüber Allahs Geboten und dem Gesandten die Pflicht eines Muslims und die Forderung der Kalima ist – sofern er vor Allah als gläubig und muslimisch gelten möchte. Wenn jemand, der den Islam auf diese Weise angenommen hat, eine Handlung begeht, die Allahs Geboten oder der Tariqa des Gesandten (s.a.w.s.) widerspricht, muss er gewiss bereuen, auf Vergebung hoffen und den Entschluss fassen, dieses Unrecht nicht wieder zu begehen.
Das Leben des Gesandten Allahs (s.a.w.s.) ist das praktische Vorbild für die Religion des Islam
Wie umfassend die Religion des Islam ist, lässt sich schon am praktischen Leben des Letzten Propheten (s.a.w.s.) klar erkennen. Alles, was er tat, tat er als Gesandter Allahs. Während er in der Moschee das Gebet leitete, war er ebenso der Gesandte, wie bei der Wahrnehmung sämtlicher Aufgaben der Staatsführung in Medina. Auch auf dem Schlachtfeld war er der Gesandte. Mit anderen Worten: Alles, was er tat, und alles, was er sagte, tat und sagte er als Gesandter. Ebenso wie er in religiösen Angelegenheiten als Gesandter seine Verantwortung wahrnahm, regelte er auch Handel und Geschäft, Politik, Wirtschaft, Kriegsführung und dergleichen als Gesandter. Daher ist sein gesamtes Leben ein islamisches Leben und gehört zur Religion Allahs beziehungsweise zum Gehorsam gegenüber Allah. Das heißt: So umfassend das Leben des Gesandten war, so umfassend ist auch die Religion des Islam. Den Gesandten in jeder Lage vollständig zu befolgen, ist die Pflicht eines muslimischen Lebens. Ein islamisches Leben entsteht nicht dadurch, dass man dem Gesandten nur in religiösen Angelegenheiten folgt.
Diejenigen, die trotz ihres Anspruchs, Muslime zu sein, den Gesandten nur in religiösen Angelegenheiten als vorbildlichen Führer anerkennen, aber in Politik, Wirtschaft, Handel und Geschäft sowie in anderen Bereichen Menschen zu ihren Führern machen, deren Grundsätze und Charakter dem Gesandten entgegengesetzt sind, handeln gerade entgegen der Kalima. Darüber hinaus sind solche Menschen nicht bereit, Allah in allen Lebensbereichen als ihren Herrn anzuerkennen, und auch nicht bereit, den Gesandten (s.a.w.s.) in allen Angelegenheiten als ihren Führer anzunehmen.
Manche Menschen sprechen sich dagegen aus, „den Islam in das politische Feld hineinzuziehen“. Sie betrachten den Islam wie andere Religionen als eine Religion, die lediglich aus bestimmten Ritualen und Zeremonien besteht. Sie wollen über Allah und den Gesandten (s.a.w.s.) den „Paragraphen 144“ verhängen, damit man Allah und dem Gesandten außerhalb der Moschee nicht gehorchen muss. In Wirklichkeit sind sie nicht bereit, den Islam selbst anzunehmen, auch wenn einige von ihnen bestimmte religiöse Handlungen verrichten. Vielleicht haben sie keine Vorstellung von der umfassenden Bedeutung des Islam. Solche Menschen werden als „Säkularisten“ bezeichnet.
Es ist äußerst erstaunlich, dass sogar eine bestimmte Gruppe von Menschen, die in der Gesellschaft als streng religiös bekannt sind, wie die Säkularisten spricht. Durch Gebet, Fasten, die Pilgerfahrt, die Zakāt, das Verrichten von Tasbīḥ und die Rezitation des Korans befolgen sie den Islam. Doch sie halten es nicht einmal für notwendig, auch in Angelegenheiten wie Recht und Justiz, Handel und Gewerbe, Industrie und Fabriken sowie der Staatsführung Allahs Koran und die Sunna des Gesandten (s.) zu befolgen. Denn auch sie sind sich der umfassenden Bedeutung der Religion nicht bewusst. Insofern kann man auch sie als säkular bezeichnen. Denn auch sie wollen den Islam auf den religiösen Bereich beschränken.
Diese religiösen Menschen betrachten den Islam als eine Religion, die frei von Politik ist. Wenn der Gesandte (s.) für sie ein vollkommenes Vorbild des Menschen wäre, könnten sie einen solchen Fehler keinesfalls begehen. Es ist jedoch nicht möglich, sich aus dem politischen Feld herauszuhalten. Bei Wahlen muss man zwangsläufig eine Seite unterstützen; außerdem gibt es bei verschiedenen nationalen Fragen keine Möglichkeit, sich einer Stellungnahme zu entziehen. Für diejenigen, die trotz ihrer Religiosität auf dem politischen Feld nicht für den Islam arbeiten, ist es durchaus möglich, bei Wahlen und in nationalen Fragen den irreligiösen politischen Parteien in die Hände zu fallen. Dies beweist, dass die eine Gruppe an eine „säkularistische Politik“ glaubt und die andere an eine „von der Politik unabhängige Religion“. Aus der Sicht der vom Gesandten (s.) überbrachten Religion des Islam befinden sich beide Gruppen auf dem falschen Weg.
“Die Bedeutung der Etablierung der Religion”Bedeutung
اقامةDas Wort hat im Arabischen mehrere Synonyme:
نصب –تاسيس- انشاه- رفع
رفعbedeutet: nach oben heben, aufrichten, emporheben.
انشاهbedeutet: erschaffen, ins Dasein bringen, errichten.
تاسيسbedeutet: etablieren, eine Institution errichten.
نصب bedeutet: aufstellen oder errichten – wie etwa einen Pfosten.
Die leicht verständliche Bedeutung des Wortes Ikāmat ist: errichten, in Gang setzen, aufrichten, ins Dasein bringen, etablieren und Ähnliches.
Im edlen Koran اقيموا الصلوة wird diese Aussage vielfach verwendet. Sie bedeutet: „Richte das Gebet auf.“ اقامة الصلوة (Ikāmat aṣ-Ṣalāt) bedeutet: „Führe das Gebet ein.“ Vor dem Pflichtgebet spricht der Mu’adhdhin die Iqāma oder den Takbīr. Gegen Ende wird gesagt: قد قد قامة الصلوة قد Das bedeutet: Das Gebet ist aufgerichtet worden oder hat begonnen.
Das Erlernen der Regeln des Gebets, das Erlernen des Gebets oder das Halten einer Predigt über das Gebet wird nicht als Ikāmat aṣ-Ṣalāt bezeichnet. Tatsächlich bedeutet Ikāmat aṣ-Ṣalāt, dass das Gebet eingeführt worden ist. Wenn das Gebet im Leben einer Person aufgerichtet ist, bedeutet das, dass sie regelmäßig, pünktlich, in der Gemeinschaft und auf korrekte Weise betet. Wenn das Gebet in einem Wohnviertel aufgerichtet ist, bedeutet das, dass es in der Moschee des Viertels etabliert ist, dort die fünf täglichen Gebete in Gemeinschaft verrichtet werden und sich die meisten Bewohner des Viertels an der Gemeinschaft beteiligen.
Dass Bangladesch errichtet worden ist, bedeutet, dass in Wirklichkeit ein Staat namens Bangladesch als unabhängiger Staat gegründet wurde. Dass eine Fabrik errichtet worden ist, bedeutet, dass die Fabrik in Betrieb genommen wurde. Ebenso bedeutet die Errichtung der Religion des Islams im Land, dass alle Angelegenheiten und Tätigkeiten der Regierung und der Bevölkerung gemäß dem Koran und den Hadithen geführt werden.
„Ikāmat ad-Dīn“ ist ein Begriff, dessen Bedeutung auf Bengali auf verschiedene Weise ausgedrückt werden kann. „Die Religion Allahs errichten“ oder „die Religion des Islams errichten“ kann eine einfache Übersetzung davon sein. Fügt man zu einer der Bezeichnungen „islamischer Staat“, „islamische Herrschaft“, „islamische Gesellschaft“, „Nizām-e-Islām“ und ähnlichen den Ausdruck „errichten“ hinzu, wird damit die Bedeutung des Begriffs „Ikāmat ad-Dīn“ ausgedrückt.
Um das Wesen von Ikāmat ad-Dīn richtig zu verstehen, ist ein praktisches Beispiel erforderlich. Wenn wir das Beispiel unserer geliebten Heimat Bangladesch betrachten, wird die Angelegenheit verständlicher. Jeder muss zugeben, dass in Bangladesch weder das Gesetz des Korans noch das Vorbild des Gesandten errichtet ist. Dieses Land ist kein islamischer Staat. Auch die Regierung ist keine islamische. Der Handel und das Gewerbe des Landes, Banken und Versicherungen, Gerichte und Strafrecht, Bildung und Kultur, Politik und Wirtschaft, die Innen- und Außenpolitik und all dies werden nicht durch islamische Vorschriften gelenkt. Dennoch besteht all dies und funktioniert. Daher stellt sich ganz natürlich die Frage: Nach welchem Vorbild, welchen Grundsätzen oder welchen Vorschriften werden der Staat, die Regierung und alles Übrige im Land geführt?
In der koranischen Terminologie wird die islamische Rechtsordnung (دين الحق) genannt. Das heißt: Allah zu gehorchen ist der „einzige wahre“ Weg. Keine Gesellschaft kann bestehen, wenn die Menschen einander nicht gehorchen. Die Forderung des Islams lautet, dass أَلَا لَهُ الْخَلْقُ وَالْأَمْرُ „Wisset: Er hat die Schöpfung erschaffen, und Ihm allein steht das Befehlen zu. – (Sure al-Aʿrāf: 54) Das bedeutet, dass es die Pflicht aller ist, einzig Allah zu gehorchen. Frieden und Ordnung in der menschlichen Gesellschaft beruhen ausschließlich auf dem vollkommenen Gehorsam gegenüber einem einzigen Herrn.
Außer Allah kann niemand vollkommen selbstlos sein. Und niemand ist fehlerlos. Nur Er kann zum Wohl aller eine wahre und richtige Ordnung geben. Daher ist die von Ihm offenbarte Ordnung – der Dīn al-Islām – die einzige Wahrheit (الحق). Alles, was dem Dīn al-Haqq entgegengesetzt ist, ist unwahr, falsch und schädlich. Jede Art von Gehorsam, die dem Gehorsam gegenüber Allah entgegensteht, ist „Dīn al-Bāṭil“ oder falscher Gehorsam. Der Fachbegriff für das Gegenteil von al-Haqq ist al-Bāṭil.
Nach der oben dargelegten Erklärung ist die in Bangladesch bestehende Gesellschafts- und Staatsordnung Dīn al-Bāṭil. Wo der Dīn al-Haqq nicht errichtet ist, ist alles, was dort gilt, zwangsläufig al-Bāṭil. Demnach sind auch die kapitalistische Gesellschaftsordnung, der säkulare Staat und die säkulare Regierung, die sozialistische und die kommunistische Ordnung usw. allesamt „Dīn al-Bāṭil“.
Allah sagt:
ادْخُلُوا فِي السِّلْمِ كَافَّةً وَلَا تَتَّبِعُوا خُطُوَاتِ الشَّيْطَانِ ۚ
Das bedeutet: „Tretet vollständig in den Islam ein und folgt nicht den Fußstapfen Satans.“ – (Sure al-Baqara: 208)
Allah will sagen, dass man, wenn man den Islam annimmt, ihn vollständig annehmen muss. Es bringt Mir keinen Nutzen, dass ihr den Islam annehmt. Wenn ihr nach eurem eigenen Gefallen einen Teil des Islam annehmt und den anderen Teil aufgebt, habt ihr den Islam nicht angenommen. Wenn ihr Mir gehorchen wollt, erkennt Mich in allen Bereichen als euren Herrn an. Wo immer ihr den Islam beiseitelasst, werdet ihr zu Anhängern Satans.
Wenn jemand daher den Islam im religiösen Bereich befolgt, auf dem politischen Feld jedoch säkular ist und im Wirtschaftsbereich Sozialist oder Kapitalist ist, wird man erkennen, dass er den Islam nicht vollständig angenommen hat. Obwohl in der Verfassung Bangladeschs Bismillah und das Vertrauen auf Allah erwähnt werden, ist Bangladesch kein islamischer Staat. Denn der Dīn al-Haqq gilt in diesem Land nicht. Was hier gilt, ist schon nach gewöhnlicher Logik Dīn al-Bāṭil; diese Ordnung besteht bereits seit der britischen Herrschaft. Dīn al-Bāṭil ist hier seit zweihundert Jahren siegreich.
Der Zustand des Dīn al-Haqq in Bangladesch
Wo der Dīn al-Bāṭil etabliert und siegreich ist, wie ist dort natürlicherweise der Zustand des Dīn al-Haqq? Der Dīn al-Haqq steht dort unter der Herrschaft des Dīn al-Bāṭil. Das heißt: In Bangladesch ist vom Dīn al-Haqq nur so viel übrig, wie der Dīn al-Bāṭil erlaubt hat. In Kraft ist vom Dīn al-Haqq nur so viel, wie der Dīn al-Bāṭil nicht beanstandet. Das heißt: Der Islam besteht in diesem Land nur in dem Maß fort, in dem der Bāṭil ihn nicht behindert.
Eine Gesellschafts- und Staatsordnung des Bāṭil kann den vollständigen Islam niemals zu dulden bereit sein. Die Machthaber der Gesellschaft des Bāṭil dulden vom Islam nur so viel, wie dadurch kein Schaden für den Dīn al-Bāṭil entsteht. Wenn der Bāṭil durch die islamischen Dienste, die in Bangladesch geleistet werden, beunruhigt wäre, würde er sie nicht dulden. Da von Moscheen, Madrasas, Khānqāhs, Wāʿẓ und Tablīgh keine Gefahr des Umsturzes der Gesellschaft des Bāṭil ausgeht, werden diese islamischen Tätigkeiten nicht behindert. Das heißt: Sie bestehen nur fort, weil es vonseiten des Bāṭil keinen Einwand gegen sie gibt. Zwischen diesen Tätigkeiten und dem Bāṭil gibt es keinen Zusammenstoß oder Konflikt.
Schon eine kurze Erörterung wird deutlich machen, in welchem Zustand sich der Dīn al-Islām in Bangladesch befindet. Der Islam ist die einzige vollständige Lebensordnung. Wenn man den Islam mit einem gewaltigen Gebäude vergleicht, dann sind Kalima, Gebet, Fasten, Hadsch und Zakāt lediglich das Fundament dieses gewaltigen Gebäudes. Der Gesandte Allahs (sallallāhu ʿalaihi wa sallam) sagte genau dies:بنئ السلام على خمسDas heißt: Durch diese fünf Dinge – Kalima, Gebet und so weiter – wird lediglich das Fundament der islamischen Lebensordnung errichtet. Dieses Fundament allein ist nicht der gesamte Islam. Selbst in der Gemeinschaft der Gelehrten haben heute nicht alle eine richtige Vorstellung vom großartigen Bau des Islam. In Bangladesch existiert vom gesamten Gebäude des Islam überhaupt nichts. Betrachten wir zunächst nur den Zustand des Fundaments, um zu sehen, wie beklagenswert der Zustand des Dīn al-Haqq in Bangladesch ist:
Viele Muslime, die als fromm gelten, wissen nicht, dass die Kalima Tayyiba die Grundsätze für Denken und Handeln im gesamten Leben festlegt und dass die Annahme der Kalima das Versprechen bedeutet, Allah und dem Gesandten während des gesamten Lebens zu gehorchen. Nirgendwo in Schule, College oder Universität wird diese umfassende Bedeutung der Kalima gelehrt. Wenn die gebildete Gesellschaft die Bedeutung der Kalima nicht kennt, wessen Schuld ist das dann? Sind nicht die Regierung des Landes und das Bildungssystem dafür verantwortlich?
Die erste richtige Lehre des Dīn al-Islām ist die Kalima Tayyiba. Wenn es keine Möglichkeit gibt, den Grundsatz zu erlernen, nach dem man sein ganzes Leben führen muss, wie soll der Mensch dann den Islam in seinem Leben praktizieren?
Danach ist das Gebet das zweite Fundament. Allah, der Erhabene, hat den Muslimen die fünf täglichen Gebete in Gemeinschaft zur Pflicht gemacht. Farḍ bedeutet eine unbedingt zu erfüllende Pflicht oder eine unerlässliche Verantwortung. Allah hat dem Gebet den Rang einer Farḍ-Pflicht gegeben. Doch welchen Stellenwert hat das Gebet in unserer Gesellschaft? Im Allgemeinen befindet sich das Gebet in diesem Land im Zustand des Mubāḥ. Das heißt: Wenn man es verrichtet, entsteht kein Schaden, und wenn man es nicht verrichtet, ist es ebenfalls kein Vergehen. In manchen Fällen gilt das Gebet als Makrūh oder unerwünscht. Der Bote geht zur Gemeinschaft und verrichtet das Gebet, und der Offizier, der nicht betet, ärgert sich darüber. An manchen Orten ist das Gebet Ḥarām oder verboten. Während des Dienstes ist man gezwungen, das Gebet zu versäumen. Unter der Herrschaft des Dīn al-Bāṭil ist ein solcher Umgang mit der von Allah gegebenen Anordnung über das Gebet nur natürlich. Wäre der Dīn al-Haqq in diesem Land etabliert, würde das Gebet gerade als Farḍ gewürdigt. Es würden Vorkehrungen getroffen, damit überall jeder das Gebet ordnungsgemäß verrichten kann. Die Verantwortlichen würden selbst ordnungsgemäß beten, und im Leben der Betenden wäre tatsächlich zu sehen, dass das Gebet dazu erzieht, das Leben nach den Grundsätzen der Kalima zu führen.
Wie ist der Zustand des Fastens in der Gesellschaft? Auch dieses Fundament des Islam befindet sich, ebenso wie das Gebet, im Zustand des „Mubāḥ“ – obwohl Allah, der Erhabene, das Fasten im Monat Ramadan zur Pflicht gemacht hat. Wenn der Dīn al-Haqq etabliert wäre, würde in der Gesellschaft ein solches Umfeld geschaffen, dass es keinem Muslim möglich wäre, tagsüber durch das Aufhängen eines Vorhangs an der Tür eines Hotels scheinheilig zu essen.
Das Ziel des Fastens ist die moralische Vervollkommnung; gegenwärtig hat diese Moral in der Gesellschaft keinerlei Wert. Es scheint die eigentliche Aufgabe der Führer und Verantwortlichen des Landes zu sein, jede Möglichkeit und Bequemlichkeit zur Unterwerfung unter die eigenen Triebe zu schaffen. Die Unterdrückung der Triebe und die Stärkung der Kraft des Gewissens gehören zu den wichtigsten Zielen des Fastens. Der Mensch wurde mit der Fähigkeit geschaffen, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden. Deshalb ist das Fasten notwendig, um den Menschen zu einem gewissenhaften Wesen zu formen. Für den Dīn al-Bāṭil jedoch sind materielles Glück und die Verehrung der Triebe das Wichtigste. Daher wird eine gewisse schauspielerische Zurschaustellung zum „Schutz der Heiligkeit des Ramadan“ betrieben.
Nun wollen wir den Zustand des Haddsch betrachten. Allahs Anweisung an diejenigen, die den Haddsch verrichten sollen, lautet, dass sie nach Mekka reisen und den Haddsch vollziehen müssen. Doch dieses Gebot Allahs steht unter der Herrschaft der falschen Ordnung. Wenn die falsche Ordnung keine Erlaubnis erteilt, kann man nicht zum Haddsch reisen. Wenn die Ordnung des Din al-Haqq im Land etabliert wäre, würden diejenigen, die die Möglichkeit haben, den Haddsch zu vollziehen, von staatlicher Seite dazu aufgefordert werden.
Der Zustand der Zakat ist noch beklagenswerter. Tatsächlich ist das Zakat-System im Islam eine Regelung der sozialen Sicherheit (social security). Für diejenigen, deren Einkommen unter ihrem Bedarf liegt und die aus irgendeinem Grund bedürftig und verschuldet geworden sind, besteht die Aufgabe einer islamischen Regierung darin, von den zur Zahlung der Zakat Verpflichteten das Zakat-Geld einzuziehen und es den zum Empfang der Zakat Berechtigten zukommen zu lassen. Die Zakat ist nicht wie andere Steuern. Es ist nicht erlaubt, Zakat-Geld für beliebige staatliche Zwecke auszugeben. Außerhalb der acht im Koran genannten Ausgabenkategorien hat die Regierung kein Recht, Zakat-Geld auszugeben. Wenn das Zakat-System ordnungsgemäß eingeführt wird, können Betteln und Arbeitslosigkeit in der Gesellschaft nicht fortbestehen.
Doch weil der Din al-Haqq nicht verwirklicht ist, hat selbst eine so großartige Ordnung wie die Zakat den Eindruck entstehen lassen, sie sei eine Schande des Islam. Nach der Art und Weise, wie die Zakat in der gegenwärtigen falschen Gesellschaftsordnung praktiziert wird, könnte man meinen, sie sei ein Almosen, das die Reichen den Armen aus Gnade geben. In Wirklichkeit ist die Zakat im Islam eine von Allah den Reichen auferlegte Pflicht und ein von Allah den Armen zugewiesenes Recht. Wenn die islamische Regierung die Zakat einzieht und ihre ordnungsgemäße Verteilung sicherstellt, können die Berechtigten sie mit großer Würde erhalten. Gegenwärtig erhalten diejenigen, die Zakat bekommen, sie auf beschämende Weise als Gunst der Geber.
Allein aus der Notlage, in der sich hier die fünf Grundpfeiler des Islam befinden, lässt sich ermessen, welchen Stellenwert die gesamte islamische Lebensordnung hier hat. Wie hoch auch immer der Din al-Haqq in den Herzen aller vom islamischen Ideal Überzeugten geschätzt werden mag – in Wirklichkeit können nur Menschen, denen der Islam am Herzen liegt, erkennen, dass in diesem Land unter der falschen Ordnung lediglich der Name des Islam fortbesteht.
Dass der Islam überhaupt noch besteht, ist ein besonderer Verdienst der religiösen Medresen. Wenn es diese Medresen nicht gäbe, würde keinerlei Beschäftigung mit dem Koran und den Hadithen stattfinden. Ohne die Unterstützung der muslimischen Bevölkerung wäre die Existenz dieser Medresen unmöglich. Dass unter der falschen Ordnung überhaupt noch so viel davon erhalten geblieben ist, ist ein großes Glück.
Was geschieht mit der falschen Ordnung, wenn Din al-Haqq etabliert ist??
Wo die falsche Ordnung etabliert ist, ist Din al-Haqq ebenso gezwungen, unter der falschen Ordnung zu bestehen; wenn dagegen Din al-Haqq etabliert ist, muss sich die falsche Ordnung dem Wahren unterordnen. Allah hat nicht befohlen, die falsche Ordnung zu beseitigen. Er hat angeordnet, das Wahre zum Sieg zu führen. Wenn das Wahre siegt, wird der falschen Ordnung nur so weit das Recht und die Möglichkeit zugestanden, fortzubestehen, wie dies für das Wahre nicht schädlich ist. So besteht Din al-Haqq gegenwärtig nur so weit fort, wie die falsche Ordnung nichts dagegen einzuwenden hat oder wie sein Fortbestehen der falschen Ordnung keinen Schaden zufügt.
Wenn Din al-Haqq etabliert ist, wird die falsche Religion nicht beseitigt werden. Denjenigen, die eine andere Religion praktizieren wollen, darf man dies nicht verwehren. Tempel, Kirchen und dergleichen müssen geschützt werden. Denn die Anwendung von Zwang in religiösen Angelegenheiten ist im Koran verboten. Religion ist eine Angelegenheit des Herzens. Wenn man jemanden dazu zwingt, den Islam anzunehmen, wird innerlich weiterhin Auflehnung bestehen. Auf das Herz kann kein Zwang ausgeübt werden. Daher ist es im islamischen Staat notwendig, die Religionsfreiheit zu wahren.
Wenn jedoch Christen oder Juden im islamischen Staat die Erlaubnis zum Zinsgeschäft verlangen oder im Namen der Kultur öffentlich Obszönität und Nacktheit einführen wollen, wird der islamische Staat dies nicht gestatten. Da dies das wirtschaftliche System und das moralische Umfeld des Islam schädigen würde, kann es nicht geduldet werden.
Die Würde, die Allah dem Menschen als einem Wesen von hoher moralischer Gesinnung verleihen möchte, ist nur unter der Herrschaft der Din al-Haqq möglich. Anstatt die tierischen Neigungen im Menschen zu kontrollieren, wurden vonseiten der Din al-Batil seltsame materialistische Philosophien geschaffen, um ihnen noch mehr Vorschub zu leisten. Infolgedessen zeigt der Mensch einen Charakter, der niedriger und abscheulicher ist als der eines Tieres.
Wenn die Din al-Haqq siegreich ist, wird es möglich sein, die von Allah gegebenen Vorschriften praktisch anzuwenden, um den Menschen zur Würde eines wahrhaftigen Menschen zu erheben. Der Prophet der gesamten Menschheit war damals in der Lage, durch die Din al-Haqq die unzivilisierteste und niederträchtigste menschliche Gesellschaft der Welt in die vorbildlichste und zivilisierteste Gesellschaft der Geschichte zu verwandeln.
Die Verantwortung für die Aufrichtung der Din
Wer trägt die Verantwortung dafür, die Din aufzurichten? Allah hat den Gesandten genau mit dieser Verantwortung entsandt. In drei Suren des edlen Korans wird dies beispielsweise in klaren Worten verkündet:
هُوَ الَّذِي أَرْسَلَ رَسُولَهُ بِالْهُدَىٰ وَدِينِ الْحَقِّ لِيُظْهِرَهُ عَلَى الدِّينِ كُلِّهِ
„Er ist es, der Seinen Gesandten mit der Rechtleitung und der einzigen wahren Religion entsandt hat, damit Er sie über alle anderen Religionen siegen lasse.“ (Sure at-Tauba: 33, Sure al-Fath: 28, Sure as-Saff: 9)
Aber galt diese Verantwortung nur für den Gesandten? Waren diejenigen, die an den Gesandten glaubten, etwa der Meinung, dass die bloße Erfüllung des Gebets, des Fastens und einiger anderer religiöser Pflichten für die Errettung ausreiche? Koran und Hadithe bezeugen, dass jeder Gläubige sich mit Leib und Besitz vollständig an der Erfüllung der „Verantwortung für die Aufrichtung der Din“ des Gesandten Allahs beteiligen musste. Der Gesandte Allahs (s.) brach mit eintausend Männern, die unter der Führung des Gesandten (s.) in der Moschee von Medina am Gemeinschaftsgebet teilgenommen hatten, zum Kampf von Uhud auf. Nachdem sie ein Stück Weg zurückgelegt hatten, kehrten dreihundert Männer unter der Führung von Abdullah ibn Ubayy zurück, ohne am Kampf teilzunehmen. Allah erklärte sie zu Heuchlern. Im Kampf von Tabuk wurden drei Gefährten, weil sie nicht rechtzeitig aufgebrochen waren, auf Anweisung des Gesandten von der muslimischen Gemeinschaft abgesondert, obwohl sie weiterhin beabsichtigt hatten, später aufzubrechen. Sogar ihren Frauen und Kindern wurde befohlen, nicht mit ihnen zu sprechen. Nachdem sie in diesem Zustand fünfzig lange Tage lang bereut hatten, vergab Allah ihnen.
Daraus geht zweifellos hervor, dass die vollständige Beteiligung an der Aufgabe des Gesandten eine unabdingbare Forderung des Glaubens ist. Somit wird klar, dass die Verantwortung für die Errichtung des Dīn auf jedem Muslim ruht. Wenn man sich nicht an dieser erhabenen Aufgabe des Gesandten beteiligt, wozu war dann überhaupt der Glaube notwendig? Im Qur’an wurde durch den Mund des Gesandten verkündet:
فَاتَّقُوا اللَّهَ وَأَطِيعُونِ
Bedeutung: „Fürchtet Mich und gehorcht Mir.“ (Sure asch-Schuʿarāʾ: 150)
Das heißt, nur durch den vollständigen Gehorsam gegenüber dem Gesandten ist der Gehorsam gegenüber Allah möglich.
Alle Gebote Allahs können erst dann tatsächlich in der menschlichen Gesellschaft umgesetzt werden, wenn der Dīn der Wahrheit errichtet ist. Kein einziges Farḍ erlangt unter der Herrschaft des Dīn der Falschheit den Rang eines Farḍ. Ohne die Errichtung des Dīn kann kein einziges Verbot aus der Gesellschaft beseitigt werden. Daher war alles, was der Gesandte Allahs (s.a.w.) an Pflichten errichten konnte, erst durch die Errichtung des Dīn möglich. Hätte er den Dīn nicht errichten können, hätte er keine einzige Pflicht in der Gesellschaft durchsetzen können. Folglich ist die Verantwortung für die Errichtung des Dīn das größte aller Farḍ. Wenn man diese Verantwortung missachtet, ist es nicht möglich, irgendein Farḍ – etwa Gebet, Fasten, Hadsch oder Zakāt – in der Gesellschaft ordnungsgemäß zu errichten. Ebenso können Schlechtigkeit und Unrecht nicht aus der Gesellschaft beseitigt werden, ohne den Dīn zu errichten.
Dann bleibt keine andere Möglichkeit, als anzuerkennen, dass die Verantwortung für die Errichtung des Dīn (Farḍ der Errichtung des Dīn) jedem Muslim als Pflicht obliegt. Das heißt: Der Versuch, den Dīn zu errichten oder zum Sieg zu führen, ist eine „individuelle Pflicht“ (Farḍ ʿayn). Sobald der Dīn jedoch siegreich geworden ist, obliegt die Verantwortung, ihn aufrechtzuerhalten, der Regierung, die den islamischen Staat leitet. Dann wird dies für die gewöhnlichen Muslime zu einer „kollektiven Pflicht“ (Farḍ kifāya). Die Verantwortung, den Dīn der Falschheit zu besiegen und den Dīn der Wahrheit zum Sieg zu führen, ist jedoch zweifellos eine „individuelle Pflicht“. Wenn man den Gesandten Allahs (s.a.w.) als اسوة حسنة (vorzüglichstes Vorbild) und die edlen Gefährten als nachahmenswürdig betrachtet, bleibt einem nichts anderes übrig, als dies anzuerkennen.
Nachdem man die Verantwortung für die Errichtung des Dīn als das größte aller Farḍ verstanden hat, kann niemand damit zufrieden sein, lediglich einige wertvolle Dienste für den Islam zu leisten. Etwas anderes gilt natürlich für diejenigen, denen jedes Bewusstsein für diese Verantwortung fehlt. Allah, der Erhabene, der allein das Heil gewährt, kennt ihren Zustand, und gewiss wird Er niemandem Unrecht tun. Doch für diejenigen, denen Allah die Fähigkeit verliehen hat, die Verantwortung für die Errichtung des Dīn (das Farīḍa) zu verstehen, ist es nicht natürlich, diese Angelegenheit zu vernachlässigen. Sie können sich unmöglich damit zufriedengeben, dass durch Madrasas, Chānqāhs und Tablīgh nur ein gewisses Maß an Diensten für den Dīn geleistet wird.
Niemand kann leugnen, dass durch Madrasas, Predigten, Chānqāhs und Tablīgh bedeutende Dienste für den Dīn geleistet werden. Diese Dienste sind für die Errichtung des Dīn besonders hilfreich. Doch durch diese Dienste allein kann der Dīn nicht von selbst errichtet werden. Die Vorgehensweise bei der Errichtung des Dīn (Tarīqa-yi kār) und das Aktionsprogramm beschränken sich nicht nur auf solche Dienste. Das Streben nach der Errichtung des Dīn nimmt ganz natürlich die Form einer revolutionären Bewegung an. Deshalb wird dieses Streben auch als islamische Bewegung oder „Dschihād fī sabīlillāh“ bezeichnet.
Hat der Gesandte (s.) mehr getan, als zu seiner Verantwortung gehörte??
Der letzte und universale Prophet (s.) führte einen langen Kampf gegen das Falsche, ertrug selbst äußerste Verfolgung und brachte auch die ehrwürdigen Gefährten dazu, unbeschreibliche Verluste an Leib und Besitz auf sich zu nehmen. Nachdem in den ersten dreizehn Jahren der von Allahs Gesandtem (s.) geleiteten islamischen Bewegung eine Gruppe fähiger Mitstreiter herangebildet worden war, begann in Medina die Ära des Sieges. Auch dieser Sieg benötigte acht Jahre, um sich zu festigen. Die gesamte arabische Macht versuchte unter der Führung der Quraisch wiederholt, den islamischen Staat in Medina zu vernichten. Infolge des Vertrags von Hudaybiyya gegen Ende des sechsten Jahres der Hidschra wurden die Angriffe der Quraisch eingestellt, und durch die Eroberung Mekkas im Ramadan des achten Jahres der Hidschra wurde die islamische Revolution gefestigt.
Auch nach dem Sieg des Islam in ganz Arabien musste der Gesandte (s.) zahlreiche Maßnahmen ergreifen, um den islamischen Staat vor Angriffen des Persischen und des Römischen Reiches zu schützen. Die Herrscher aller umliegenden Staaten lud er dazu ein, den Islam anzunehmen, und forderte sie für den Fall, dass sie diese Einladung nicht annahmen, dazu auf, die Oberhoheit des islamischen Staates anzuerkennen.
Man könnte fragen: Hat er irgendeine Arbeit verrichtet, die über die Verantwortung hinausging, die Allah dem Gesandten für die Religion des Islam übertragen hatte? Er verrichtete unzählige politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Arbeiten: Er errichtete einen islamischen Staat, führte Kriege zu dessen Schutz, bildete zur Leitung dieses Staates eine Regierung, setzte anstelle der geltenden Gesetze des Landes die Gesetze des Qurans in Kraft, errichtete ein gerechtes Justizwesen und erließ wirtschaftliche Regelungen, durch die niemand von der von Allah gewährten Versorgung ausgeschlossen blieb. Hat er diese Arbeiten etwa nicht gerade als islamische Verantwortung ausgeführt?
Allahs Gesandter ist selbst das Vorbild der Religion des Islam. Wenn er diese Arbeiten selbst als Verantwortung der Religion ausgeführt hat, wird dann die Vernachlässigung ihrer Bedeutung nicht der Religiosität schaden? Es ist erstaunlich, dass gerade unter Berufung auf die Religiosität diese Verantwortungen der Religion missachtet werden. Die religiöse Verantwortung, das Falsche zu besiegen und die Religion der Wahrheit zum Sieg zu führen, ist die eigentliche Aufgabe; und Gebet, Fasten, Gedenken Allahs und dergleichen sind notwendig, um für diese Aufgabe geeignet zu werden. Wenn selbst religiöse Menschen das nicht verstehen, wer wird dann die Verantwortung übernehmen, die Religion des Islam zum Sieg zu führen?
Diejenigen, die in den Madrasas Wissen über Quran und Hadith vermitteln, diejenigen, die in den Chānaqāhs die Unterweisung in der Religion erteilen, diejenigen, die auf Predigtversammlungen das Licht der Religion unter den Menschen verbreiten, und diejenigen, die durch Tabligh den Menschen die Sorge um das Jenseits lehren – sie sind doch die wahren Diener und Bannerträger der Religion. Daher besitzen gerade sie am meisten die Fähigkeit, die Verantwortung der Iqamat ad-Din zu verstehen. Wie sollten diejenigen, die der Religion nicht einmal den geringsten Dienst erweisen, die schwere Verantwortung der Iqamat ad-Din des Gesandten (s.) empfinden?
Daher richte ich an alle aufrichtigen Diener der Religion, die mit ihren verschiedenen Diensten für die Religion beschäftigt sind, die flehentliche Bitte: Denken Sie mit offenem Herzen über diese Verantwortung der Iqamat ad-Din nach. Falls ich etwas falsch verstanden habe, helfen Sie mir bitte, meine falsche Auffassung durch Argumente aus Quran, Hadith und dem Leben des Gesandten (s.) zu beseitigen. Wir alle müssen vor Allah erscheinen. Das Wichtigste ist, dass wir uns dort nicht schämen müssen.
Gewöhnlich beruft man sich als Entschuldigung dafür, diese Verantwortung nicht zu übernehmen, auf einige große religiöse Persönlichkeiten und sagt: Haben sie diese Verantwortung etwa nicht verstanden? Werden sie dafür, dass sie sie nicht übernommen haben, im Jenseits nicht gerettet werden? Niemand vermag diejenigen zur Einsicht zu bringen, die nach solchen Entschuldigungen suchen. Wenn Allahs Gesandter das Vorbild war, muss man versuchen, gerade ihm zu folgen. Einen anderen Gelehrten, frommen Ältesten oder religiösen Menschen dem Gesandten gegenüber als Beweis anzuführen, ist völlig ungerecht.
Jeder von uns wird am Tag des Gerichts im Jenseits Rechenschaft über seine eigenen Taten ablegen müssen. Das fadenscheinige Argument „Weil irgendein großer Gelehrter die Verantwortung für Ikāmat ad-Dīn nicht übernommen hat, hielt auch ich es nicht für nötig, sie zu übernehmen“ wird dort nichts nützen. Dort wird nur die Frage gestellt werden, ob dem Gesandten (s) richtig gefolgt wurde. Davon wird die Errettung abhängen. Es wird keinerlei Möglichkeit geben, dieser Frage unter Berufung auf irgendeinen Gelehrten auszuweichen.
Die immerwährende Methode der islamischen Bewegung
Es stimmt, dass das detaillierte Programm der islamischen Bewegung in jedem Land entsprechend den inneren Verhältnissen dieses Landes ausgearbeitet wird. Doch die grundlegende Methode der Bewegung ist in allen Ländern und zu allen Zeiten dieselbe. Es handelt sich um eine beständige Methode, der sogar die Propheten und Gesandten Allahs folgen mussten. Dies ist die einzig natürliche Methode, um irgendeine Ideologie in der Welt zu etablieren. Ihre kurze Darstellung lautet wie folgt:
Erstens: Wie vollkommen eine Ideologie auch sein mag, sie kann sich nicht von selbst in der Gesellschaft etablieren. Es muss eine Gruppe von Führungskräften und Aktivisten herangebildet werden, die in der Lage ist, diese Ideologie in den verschiedenen Bereichen von Gesellschaft und Staat praktisch zu verwirklichen.
Zweitens: Eine solche Gruppe geeigneter Führungskräfte und Aktivisten fällt nicht vom Himmel. Sie muss aus der menschlichen Gesellschaft heraus organisiert und herangebildet werden. Die Leiter der ideologischen Bewegung organisieren sie und formen durch ein besonderes Programm ihren Geist, ihren Verstand und ihren Charakter entsprechend dieser Ideologie.
Drittens: Da in jeder Gesellschaft eine bestimmte Ordnung besteht und die einflussreichen gesellschaftlichen Gruppen (die politische, wirtschaftliche, religiöse und soziale Führung) durch deren Aufrechterhaltung ihre Interessen sichern, leisten sie jeder Bewegung für eine neue Ideologie mit aller Kraft Widerstand. Dieser Konflikt zwischen den Aktivisten der islamischen Bewegung und den etablierten Interessen zeigte sich im Leben jedes Propheten. Dieser Konflikt ist äußerst natürlich und notwendig. Gerade dieser Konflikt ist die echte Prüfung für die Aktivisten. Diejenigen, die trotz des Entzugs gesellschaftlicher Vorteile und trotz Gefängnis, Unterdrückung und Verfolgung durch die etablierten Interessen an der Bewegung festhalten, erweisen sich als würdig für diese Ideologie. Ohne diese natürliche Prüfung gibt es keine andere Möglichkeit, geeignete Menschen auszuwählen.
Viertens: Diese immerwährende Methode zur Heranbildung einer geeigneten Führung und Aktivistengruppe der Bewegung erfordert selbstverständlich Zeit. Sie kann keineswegs plötzlich innerhalb kurzer Zeit verwirklicht werden. Deshalb musste der Weltprophet während einer langen, dreizehnjährigen Phase der Persönlichkeitsbildung bis zur Hidschra nach Medina mit den etablierten Interessen in Konflikt stehen. Die Gefolgschaft des Propheten musste durch die Hidschra ihre letzte Prüfung ablegen. Diejenigen, die um des Islam willen gezwungen waren, auf diese Weise ihre Häuser, Verwandten, ihren Besitz und ihre Heimat zu verlassen, bewiesen, dass der Sieg der Religion des Islam durch ihre Hände möglich war. Denn sie konnten alles Weltliche um der Ideologie willen opfern. Daher ist es ganz natürlich, dass es durch die Bewegung einige Zeit dauert, eine Gruppe aufopferungsvoller und uneigennütziger Aktivisten heranzubilden.
Fünftens: Erst nach dem Durchlaufen dieser Phase der Persönlichkeitsbildung kann sich die Möglichkeit zur Gestaltung der Gesellschaft ergeben. Die Phase der Persönlichkeitsbildung kann auch als Kampfzeit bezeichnet werden. Wenn irgendwo Menschen, die in der Kampfzeit herangebildet wurden, die Herrschaft übertragen wird, beginnt die Siegesphase der Bewegung, und dann wird die Gestaltung der Gesellschaft möglich. Nach der Hidschra erhielt der Gesandte (s) in Medina genau diese Möglichkeit.
Solange die Führung nicht in die Hände von Menschen gelangt, die zur Verwirklichung des Ideals geeignet sind, kann dieses Ideal nicht verwirklicht werden. Wie kann der Islam durch jene verwirklicht werden, die ihn nicht kennen oder ihn zwar kennen, aber in ihrem eigenen Leben nicht befolgen? Wer es nicht schafft, den Islam in seinem persönlichen Leben zu verwirklichen, besitzt nicht einmal die Befähigung, der Gesellschaft im Dienste des Islam zu dienen.
Sechstens: Zwischen dem Dienst am Islam und der islamischen Bewegung besteht ein deutlicher Unterschied. Ein Konflikt zwischen der islamischen Bewegung und den bestehenden Machthabern sowie den etablierten Interessen ist unvermeidlich. Mit denjenigen Diensten am Islam, die die etablierten Interessen nicht beunruhigen, geraten diese jedoch nicht in Konflikt. Solche Dienste am Islam können die islamische Bewegung indirekt und auf verschiedenen Ebenen unterstützen. Solange jedoch keine Befürchtung besteht, dass diese Dienste am Islam die bestehende Gesellschaftsordnung verändern könnten, behindern die etablierten Interessen sie nicht. Wenn die etablierten Interessen hinsichtlich einer Einladung oder eines Programms zu der Auffassung gelangen, dass dadurch eine gesellschaftliche Kraft gegen die von ihnen gelenkte Gesellschafts- und Staatsordnung aufgebaut wird, dulden sie eine solche Bewegung natürlich nicht. Eine wahrhaft umfassende islamische Bewegung ist ihrem Wesen nach revolutionär. Die revolutionäre Methode und das Programm zur Gestaltung des Individuums, der Gesellschaft und des Staates auf der Grundlage der Dienerschaft gegenüber Allah und der Führung durch den Gesandten (s.a.w.) sind die wichtigste Sunna der Propheten. Das Ziel der islamischen Bewegung ist die Veränderung einer Gesellschaftsordnung, die Allah und dem Gesandten (s.a.w.) nicht gehorcht. Diese Bewegung wird in der Sprache des Heiligen Quran „Dschihad fi سبيلillah“ genannt.
Siebtens: Selbst wenn die islamische Bewegung trotz eines langen Zeitalters des Kampfes mit der richtigen Methode und dem richtigen Programm und trotz ihrer Fähigkeit, eine zur Verwirklichung des Islam geeignete Führung und Gefolgschaft hervorzubringen, kann am Ende dennoch ein Zeitalter des Sieges ausbleiben. Sobald eine Gemeinschaft gläubiger und rechtschaffener Menschen hervorgebracht worden ist, ist zwar die erste Voraussetzung für den Sieg des Islam erfüllt. Wenn jedoch in der Gesellschaft, in der versucht wird, die islamischen Vorschriften zu verwirklichen, die Mehrheit der Bevölkerung dem Ideal aktiv feindlich gegenübersteht, ist ein Sieg nicht möglich. Warum waren die von Rasulullah (s.a.w.) ausgebildete Führung und Gefolgschaft in der Lage, in Medina den Islam zu verwirklichen, in Mekka jedoch nicht? Der Sieg blieb dort aus, weil die Bevölkerung von Mekka dem Islam aktiv feindlich gegenüberstand. Daraus geht hervor, dass der Islam nicht einer islamfeindlichen Bevölkerung auferlegt werden kann. Allah der Erhabene zwingt der unwilligen Bevölkerung nicht die große Gnade Seiner Religion auf.
Viele Gesandte Allahs konnten aus diesem Grund die Religion des Islam nicht zum Sieg führen. Das war kein Versagen ihrerseits. Wer könnte geeigneter sein als sie? In Mekka war zwar die Voraussetzung erfüllt, dass Menschen hervorgebracht worden waren, die zur Verwirklichung des Islam geeignet waren; die Voraussetzung, dass die Bevölkerung nicht dagegenstand, war dort jedoch nicht erfüllt. Da diese zweite Voraussetzung in Medina erfüllt war, konnte der Islam den Sieg erringen.
Besonders zu beachten ist, dass es die Aufgabe der islamischen Bewegung ist, sich um die Erfüllung der ersten Voraussetzung zu bemühen – das heißt, durch die Auseinandersetzung mit den Kräften des Falschen eine Gruppe revolutionärer Mudschahedin aus der Gesellschaft hervorzubringen. Wenn diese Voraussetzung erfüllt ist und auch die zweite Voraussetzung vorliegt, hat Allah der Erhabene die Verantwortung dafür, dieser Mudschahedin-Gruppe die Führung zu geben, in Seine eigene Hand genommen. Auf welche Weise und zu welchem Zeitpunkt Er Macht verleihen wird, hängt von den Umständen ab. Es liegt allein bei Allah, sie auf den Sitz der Macht zu bringen. Der Versuch, durch irgendeine ungewöhnliche und verschlagene Methode Führung zu erlangen, kann nicht die richtige Vorgehensweise der islamischen Bewegung sein.
وَعَدَ اللَّهُ الَّذِينَ آمَنُوا مِنكُمْ وَعَمِلُوا الصَّالِحَاتِ لَيَسْتَخْلِفَنَّهُمْ فِي الْأَرْضِ
Bedeutung: Allah hat denjenigen unter euch, die gläubig sind und rechtschaffene Werke tun, versprochen, ihnen die Statthalterschaft auf der Erde zu verleihen. – (Sure an-Nur: 55)
Wenn das Ziel, den Islam zu verwirklichen, erreicht werden könnte, indem man die oben genannte Vorgehensweise nicht befolgte und auf irgendeine Weise Macht erlangte, dann hätte der Gesandte (s.a.w.) sicherlich erwogen, die Macht anzunehmen und den Islam auf diesem Wege zu verwirklichen, als die Führer von Mekka ihn aufforderten, die Einladung zum Islam aufzugeben und die Königsherrschaft anzunehmen. Wenn eine Gesellschaftsordnung verändert und eine neue Ordnung eingeführt werden soll, muss gerade aus dieser Gesellschaft eine Gruppe selbstloser Menschen hervorgebracht werden, die zur Verwirklichung des neuen Ideals geeignet ist. Noch bemerkenswerter ist, dass solche Menschen in einer nichtislamischen Gesellschaft nur durch die islamische Bewegung gewonnen werden können. Denn es ist unnatürlich, aus irgendeinem weltlichen Interesse heraus gegen die bestehende Gesellschaftsordnung vorzugehen. Diejenigen, die sich über die Hindernisse und die Unterdrückung der etablierten Interessen hinwegsetzen und voranschreiten, sind für das neue Ideal geeignet. Nur im Zeitalter des Kampfes ist es möglich, solche Menschen auszuwählen. Im Zeitalter des Sieges können sich auch opportunistische Menschen vom Ideal angezogen fühlen. Dann ist es äußerst schwierig, die selbstlosen Träger des Ideals auszuwählen. Deshalb wird die ideologische Bewegung nach dem Sieg nach und nach durch selbstsüchtige Menschen geschädigt.
Die Islamische Bewegung und das Kadersystem
Um irgendeine Ideologie in der Praxis zu verwirklichen, müssen Führungskräfte und Mitarbeiter herangebildet werden, die in dieser Ideologie in Geist, Verstand und Charakter gefestigt sind. Wenn die Führung der zu diesem Zweck gegründeten Organisation nicht durch ideologische Eigenschaften und Fähigkeiten, sondern lediglich durch politischen Einfluss und finanzielle Stärke bestimmt wird, kann eine solche Organisation diese Ideologie niemals verwirklichen. Daher ist eine auf einer Ideologie beruhende Bewegung gezwungen, irgendeine Form eines Kadersystems einzuführen, um geeignete Führungskräfte und Mitarbeiter heranzubilden.
Wenn man an einer Madrasa, einer Schule oder einem College alle Schüler in dieselbe Klasse aufnimmt und ihnen Aufgaben auf demselben Niveau gibt, kann der Zweck der Bildung ebenso wenig erreicht werden, wie das Ziel der Bildung von Geist, Verstand und Charakter erreicht werden kann, wenn man Menschen aller Art in einer Organisation als gleichwertig behandelt. Daher ist eine natürliche, stufenweise Ordnung erforderlich: zunächst Unterstützer, dann Mitarbeiter und schließlich Mitglieder, die Verantwortung übernehmen. Eine solche Methode wird Kadersystem genannt.
Wer meint, dass es in der Organisation des Gesandten Allahs kein Kadersystem gegeben habe, irrt sich gewaltig. Die äußerste Feindschaft, der man sich vonseiten der etablierten Interessen ausgesetzt sah, nachdem man dem Gesandten den Glauben geschenkt hatte, führte von selbst zur Herausbildung eines Kadersystems. Damals konnte leicht festgestellt werden, wer trotz Unterdrückung und Verfolgung nicht bereit war, den Gesandten zu verlassen, und wer nicht den Mut hatte, sich den Gefahren auszusetzen.
Solange die Islamische Bewegung in der muslimischen Gesellschaft gegenwärtig nicht mit einer derart schwierigen Lage konfrontiert ist, muss das Kadersystem künstlich eingeführt werden. Das eigentliche Kadersystem wird sich jedoch erst herausbilden, wenn der Konflikt mit den Kräften des Falschen offen zutage tritt. Vor der Entstehung dieser Lage ist eine Einteilung in Klassen wie an Colleges und Universitäten erforderlich, um den unterschiedlichen Grad der Aktivität in der Islamischen Bewegung und das unterschiedliche Maß festzustellen, in dem jemand bereit ist, sein Leben und seinen Besitz zu opfern. Denn in der gegenwärtigen muslimischen Gesellschaft beanspruchen alle, Muslime zu sein. Unter ihnen ist vielleicht selbst ein sehr gottesfürchtiger Mensch für die Islamische Bewegung überhaupt nicht geeignet. Vielleicht ist ein guter Hadith-Gelehrter nicht bereit, auf dem Feld der Bewegung voranzuschreiten. Selbst ein fähiger Imam einer Moschee ist möglicherweise nicht bereit, gegen das Falsche ins Feld zu ziehen. Dadurch, dass man solche Menschen in der Organisation der Islamischen Bewegung als Mitglieder anerkennt, kann die Arbeit zur Errichtung der Religion nicht vorangebracht werden. Gerade deshalb kann das Ziel, Menschen heranzubilden, ohne ein Kadersystem nicht erreicht werden.
Trotz der Anwendung dieses Kadersystems können sich beim äußersten Zusammenstoß zwischen dem Wahren und dem Falschen einige führende Personen als schwach erweisen und zurückfallen, während einige zurückgebliebene Personen voranschreiten können. Erst dann wird das Kadersystem sein natürliches Niveau erreichen.
Warum ist der Zusammenstoß zwischen dem Wahren und dem Falschen unvermeidlich??
Alle Propheten und Gesandten, die auf die Welt kamen, erfüllten die Aufgabe, die Religion der Wahrheit zu errichten. In einem Land, in dem die Religion der Wahrheit nicht errichtet war, war gewiss das Falsche errichtet. Wenn man versucht, die Wahrheit zu errichten, ist es nur natürlich, dass vonseiten des Falschen Widerstand kommt. Denn das Wahre und das Falsche können nicht gleichzeitig bestehen. Nur Adam und Sulayman waren keinem Widerstand ausgesetzt. Zur Zeit Adams gab es keinen einzigen Menschen – wer hätte Widerstand leisten sollen? Und Sulayman war der Verwalter des von seinem Vater Dawud errichteten islamischen Staates; daher gab es keine Kraft des Falschen, die ihm hätte Widerstand leisten können.
Im Bereich der Wahrheit wird in der ersten Erklärung, die durch die Kalima Tayyiba verkündet wird, vor dem Bekenntnis Allahs als Ilah mit „la ilaha“ alles Nichtige zurückgewiesen. Weil in der Gesellschaft nichtige Mächte bestehen, die Anspruch darauf erheben, Ilah, Herr oder Befehlshaber zu sein, ist es notwendig, zunächst das Nichtige zurückzuweisen. Es ist sinnlos, das Nichtige im Herzen und im Verstand bestehen zu lassen und zugleich die Wahrheit anzuerkennen. Deshalb werden zunächst mit „la ilaha“ alle nichtigen Ilahs zurückgewiesen und mit „illallah“ allein Allah als Ilah angenommen.
فَمَن يَكْفُرْ بِالطَّاغُوتِ وَيُؤْمِن بِاللَّهِ فَقَدِ اسْتَمْسَكَ بِالْعُرْوَةِ الْوُثْقَىٰ
Bedeutung: „Wer den Taghut verleugnet und an Allah glaubt, der hat gewiss das feste Seil ergriffen.“ – (Sure al-Baqara: 256, Ayat al-Kursi)
Taghut bedeutet eine gegen Allah rebellierende Macht. Der Kafir leugnet Allah lediglich. Der Taghut jedoch hindert die Menschen daran, Allah zu dienen, und zwingt sie, statt Allah ihm zu gehorchen. Weil der Pharao ein solcher Taghut war, sagte Allah, als Er Musa zum Pharao sandte:
اذْهَبْ إِلَىٰ فِرْعَوْنَ إِنَّهُ طَغَىٰ
„Geh zum Pharao, denn er ist wahrlich rebellisch geworden.“ – (Sure an-Nazi’at: 17)
Die gegen den Islam gerichtete Macht ist kurz gesagt der Taghut. Im Din wird gegenüber den nichtigen Mächten der Aufstand erklärt, indem gesagt wird: „la ilaha“ – wir erkennen keinen Befehlshaber an. Erst nachdem alle anderen Autoritäten zurückgewiesen worden sind, kann man mit „illallah“ Allah als den einzigen Ilah anerkennen. Somit ist das erste Wort des Islam bereits der Aufstand gegen das Nichtige. Deshalb hat jeder Prophet, der mit der Botschaft der Kalima kam, den Taghut beziehungsweise das Nichtige ganz selbstverständlich als seinen Feind betrachtet.
Alle, die Allah der Erhabene zu Propheten und Gesandten erwählt hat, waren in ihren jeweiligen Ländern aufgrund ihrer Rechtschaffenheit, ihres Glaubens, ihrer Wahrhaftigkeit und all ihrer anderen menschlichen Tugenden angesehen. Auch der letzte Prophet wurde bis zur Verkündung der Botschaft des Din der Wahrheit als al-Amin und as-Sadiq gepriesen. Dochأَنِ اعْبُدُوا اللَّهَ وَاجْتَنِبُوا الطَّاغُوتَ nachdem er mit den Worten „Dient Allah und meidet den Taghut.“ – (Sure an-Nahl: 36) zur Botschaft aufgerufen hatte, konnte der Konflikt zwischen dem Propheten und dem Taghut nicht ausbleiben.
Schon beim Hören der Botschaft des Propheten verstanden Nimrod, Pharao und Abu Dschahl, dass der Prophet das Gesetz, nach dem sie das Land regierten, und die Ordnung, nach der sie die Gesellschaft führten, ändern und ein neues System einführen wollte. Pharao sagte ausdrücklich: إِنِّي أَخَافُ أَن يُبَدِّلَ دِينَكُمْ„Ich fürchte, dass (Musa) eure Religion verändern wird.“ – (Sure al-Mu’min: 26)
Diejenigen, die ein Land regieren, gestalten die Gesetze so, dass die Interessen der herrschenden Klasse gewahrt bleiben. Es werden solche Gesetze und eine solche Wirtschaftsordnung aufrechterhalten, die geeignet sind, das Volk auszubeuten und die Vorherrschaft der herrschenden Gruppe zu bewahren. Das ist ein charakteristisches Merkmal von Menschen geschaffener Gesetzgebung. Daher liegt es im Interesse der Herrschenden, die bestehende Gesellschafts- und Staatsordnung aufrechtzuerhalten. Deshalb nennt man sie etablierte Interessen. Das heißt: Als etablierte Interessen bezeichnet man diejenigen, deren Interessen durch die Aufrechterhaltung der bestehenden Ordnung gesichert bleiben (Vested Interest).
Wann immer ein Prophet zum Dienst an Allah aufrief, erkannten diese etablierten Interessen, dass dies ihren Interessen zuwiderlief. Deshalb hielten sie es für notwendig, Widerstand zu leisten. Nicht nur politische und wirtschaftliche Kräfte, sondern auch gesellschaftliche und religiöse Interessen duldeten die Propheten nicht. Der Vater Ibrahims (a. s.), Azar, war ein religiöser Führer. Am Hof Nimrods bekleidete er die Stellung eines königlichen Oberpriesters. Durch das Geschäft mit der Religion lebte er unter Nimrod bequem. Der Aufruf Ibrahims (a. s.) traf daher die religiösen etablierten Interessen Azars. Der letzte Prophet hatte gehofft, dass die Gelehrten und Pirs der Juden und Christen – in der Sprache des Korans die Ahbar und Ruhban – seine Botschaft vielleicht ohne Weiteres annehmen würden. Denn mit Allah, dem Jenseits, den Propheten, der Offenbarung und Ähnlichem waren sie bereits vertraut. Doch es zeigte sich, dass, als es zwischen dem Gesandten (s. a. w.) und den politischen, wirtschaftlichen und etablierten Interessen von Mekka zum Konflikt kam, auch die religiösen Interessen jener Ahbar und Ruhban sie dazu zwangen, gerade mit Abu Dschahl und dessen Leuten zusammenzuarbeiten. Auf diese Weise ist der Konflikt zwischen Wahrheit und Falschheit unvermeidlich, und alle Arten etablierter Interessen schließen sich gegen die Wahrheit zusammen und leisten Widerstand.
Manche könnten fragen, warum es in einem mehrheitlich muslimischen Land zu einem solchen Konflikt zwischen der islamischen Bewegung und muslimischen Herrschern kommt. Nur weil jemand den Namen Muslim trägt, wird er nicht zu einem wirklichen Anhänger des Islam. Yazid war ebenfalls ein muslimischer Herrscher. Doch Yazid konnte Imam Husain (r. a.), den Träger des islamischen Ideals, nicht dulden. In diesem Land gibt es viele atheistische, säkulare, kommunistische und sozialistische Führer und Parteien, die sich nur dem Namen nach muslimisch nennen und erbitterte Feinde der islamischen Bewegung sind.
Der eigentliche Sachverhalt ist: Sobald diejenigen, die von den Vorteilen der etablierten Interessen profitieren, erkennen, dass die Gesetze und die Gesellschaftsordnung, die nach einem Sieg der islamischen Bewegung eingeführt würden, ihre gegenwärtig etablierten Interessen beeinträchtigen würden, werden sie zu Feinden dieser Bewegung.
Die falschen Kräfte, die den Weg zur Errichtung der wahren Religion behindern, sind von zweierlei Art. Die wichtigste falsche Kraft ist die staatliche, an der Macht befindliche Kraft. Diejenigen, in deren Händen die Staatsmacht liegt, können die Bewegung zur Errichtung der Religion unter keinen Umständen dulden. Sie wissen sehr wohl, dass in einer nichtislamischen Gesellschaft unter der Führung der Machthaber oder der herrschenden Partei keine islamische Gesellschaftsordnung eingeführt werden kann. Im Interesse ihrer eigenen Existenz in einem islamischen Staat sind sie Gegner der islamischen Bewegung.
In der Gesellschaft gibt es noch eine weitere Art von Kräften, die zwar unmittelbar zu den falschen Kräften zählen, im Konflikt zwischen Wahrheit und Falschheit jedoch nicht aktiv für die Wahrheit eintreten. Direkt oder indirekt arbeiten sie mit der Falschheit zusammen. Diejenigen, die auf dem Feld nicht aktiv gegen die Falschheit vorgehen, können in diesem Konflikt letztlich nicht neutral bleiben. Selbst wenn sie Diener der Religion sind, werden sie dazu gezwungen, eine solche Rolle einzunehmen. Wer nicht den Mut hat, die Verantwortung für die Errichtung der Religion zu übernehmen, erweist sich irgendwann als Helfer der Falschheit.
Warum kommt es nicht zu diesem Konflikt mit religiösen Diensten??
In einem Land, in dem der Dīn al-Ḥaqq nicht etabliert ist, werden die etablierten Interessen gewiss Widerstand leisten, wenn die Arbeit der Iqāmat ad-Dīn oder eine islamische Bewegung betrieben wird. Es ist nur natürlich, dass die islamische Bewegung als schädlich und anstößig für die falsche Religion betrachtet wird. Wenn die etablierten Interessen irgendeinen islamischen Dienst nicht als gefährlich ansehen, muss man verstehen, dass dieser Dienst, so wertvoll er auch sein mag, keine Bewegung zur Iqāmat ad-Dīn ist.
Die Madrassas leisten zweifellos einen großen Dienst für den Dīn. Doch die etablierten Interessen glauben nicht, dass die Daʿwa und das Programm der Madrassas die Regierung und Gesellschaftsordnung der Falschheit stürzen werden. Die größte Madrassa der Welt befindet sich in Deoband, Indien. Die etablierten Interessen betrachten sie nicht als schädlich für die indische Regierung. Im März 1980 fand anlässlich des hundertjährigen Bestehens der Deoband-Madrassa eine große internationale Konferenz statt. Indiens Premierministerin Indira Gandhi hielt auf dieser Konferenz eine Rede. Die Regierung Indira Gandhis betrachtete die Daʿwa und das Programm der Deoband-Madrassa in keiner Weise als schädlich für die Gesellschafts- und Staatsordnung dieses Landes.
Als Erbringer eines großen Dienstes für den Dīn ist die muslimische Gemeinschaft Deoband ebenso wie allen kleinen und großen Madrassas unseres Landes zu Dank verpflichtet. Kein Muslim kann die Bedeutung dieses Dienstes leugnen. Diese Madrassas sind gewiss eine Unterstützung der islamischen Bewegung. Viele für die Bewegung geeignete Gelehrte sind aus diesen Madrassas hervorgegangen. Doch die Madrassas selbst führen nicht unmittelbar die Bewegung zur Iqāmat ad-Dīn.
Ebenso erweist die Tabligh Jamaat dem Dīn einen großen Dienst. Diese Jamaat führt überall auf der Welt eine große Zahl von Menschen Allah, dem Gesandten und dem Jenseits zu. Das Zentrum dieser Jamaat befindet sich in Delhi, Indien. Der Amir dieser weltweiten Jamaat ist indischer Staatsbürger. Doch keine Regierung irgendeines Landes betrachtet diese Jamaat als schädlich für sich. Nicht einmal in China und Russland hat man sie daran gehindert, tätig zu werden. Dass durch diese großartige Jamaat sogar in kommunistischen Ländern die Botschaft von Kalima und Gebet sowie die Daʿwa zu Allah, dem Gesandten und dem Jenseits übermittelt werden kann, ist eine höchst erfreuliche Sache. Es ist ungerecht, dies als einen unbedeutenden Dienst zu betrachten.
Doch so groß der Dienst für den Dīn durch die Tabligh auch sein mag, in der Daʿwa und im Programm dieser Jamaat gibt es keinen Plan zur Iqāmat ad-Dīn. Diese Jamaat muss auch in Ländern mit muslimischen Minderheiten, ja sogar in kommunistischen Ländern, tätig sein. Daher nimmt diese Jamaat nur so viele Möglichkeiten wahr, dem Dīn zu dienen, wie es möglich ist, ohne einen Konflikt mit der Falschheit einzugehen.
Mir war es vergönnt, viereinhalb Jahre lang mit ganzer Hingabe in dieser Jamaat zu arbeiten. Unmittelbar nach meiner M.-A.-Prüfung blieb ich während drei Chillas (vier Monate) ununterbrochen bei dieser Jamaat; in dieser Zeit empfand ich den Eifer und die Inspiration, mein Leben dem Islam zu widmen. Daher war meine Liebe zur Tabligh Jamaat in meinem Leben ganz selbstverständlich tief und dauerhaft.
Alle führenden Persönlichkeiten der Tabligh Jamaat in Bangladesch liebe ich von ganzem Herzen. Denn dadurch, dass ich mehrere Jahre gemeinsam mit ihnen in einer Jamaat gearbeitet habe, hatte ich persönlich die Gelegenheit, eine zutreffende Vorstellung von ihrer Aufrichtigkeit und Hingabe zu gewinnen. Einige von ihnen verehre ich in meinem Herzen als Lehrer – etwa Seine Eminenz Maulana Abdul Aziz, den ehemaligen Amir der Tabligh Jamaat in Bangladesch. Einer ist ein von mir hochverehrter religiöser Mentor, von dem ich die Inspiration erhielt, mein Leben dem Islam zu widmen – etwa Ingenieur Abdul Muqit, mein Bruder. Unter den führenden Persönlichkeiten gab es mehrere, die ich als enge Mitarbeiter und geliebte Freunde gewinnen durfte.
An meine verehrten Lehrer, Mentoren und Freunde richte ich mit großer Herzlichkeit und eindringlicher Bitte den Appell, dafür zu sorgen, dass unter den Muslimen dieses Landes niemand ein falsches Verständnis von dieser großartigen, unter ihrer Führung geleiteten Jamaat hervorruft. Manche verkünden, die Arbeit der Tabligh Jamaat sei genau dieselbe wie die von Allahs Gesandtem, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, geleitete islamische Bewegung. In den Madrassas unserer Zeit werden zwar der Koran und die Hadithe gelehrt. Dennoch darf niemand aufgrund dessen, dass der Gesandte, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, durch eine solche Arbeit der Tabligh Jamaat einen großen Dienst für den Dīn geleistet hätte, den Eindruck entstehen lassen, der Gesandte, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, habe seine Verantwortung für die Iqāmat ad-Dīn mit genau diesem begrenzten Programm erfüllt.
Wenn die Tabligh Jamaat genau das Programm jener schwierigen und kampferfüllten Bewegung zur Durchsetzung des Islams angenommen hätte, die Allahs Gesandter (s.) geleitet und durch deren Programm er den Din tatsächlich etabliert hat, hätte sie nicht in allen Ländern ungehindert und ohne jede Auseinandersetzung mit dem Falschen arbeiten können. Für das von dieser Jamaat angenommene Programm zur Erfüllung der grundlegenden Pflicht, die elementaren Lehren des Din in der ganzen Welt zu verbreiten, ist das gegenwärtige Programm richtig, wenn man Auseinandersetzungen vermeiden will. Doch jeder muss verstehen, dass dieses Programm keineswegs ausreicht, um Allahs Din in der Welt zum Sieg zu führen und zu etablieren. Wenn der Eindruck entsteht, die Daʿwa und das Programm seien die Bewegung des Gesandten (s.), besteht die Gefahr, dass diese Jamaat dem Din mehr Schaden zufügt, als sie ihm durch ihre Dienste nützt. Aus dem Verhalten derjenigen, bei denen sich diese falsche Vorstellung gebildet hat, lässt sich die Art und das Ausmaß dieses Schadens abschätzen.
Bei denjenigen, die das Programm der Tabligh Jamaat mit seinen sechs Grundsätzen und ihre Arbeitsweise (Tarīqa-yi kār) für der religiösen Daʿwa des Gesandten (s.) während seines mekkanischen Lebens entsprechend halten und hoffen, dass durch diese begrenzte Arbeit Allahs Din auf Allahs Erde etabliert werden wird, ist es nur natürlich, dass sich einige falsche Vorstellungen bilden:
Erstens: Zunächst werden sie den Islam als auf den religiösen Bereich beschränkt betrachten. Sie werden keinen Bedarf an den Vorschriften sehen, die der Islam für alle Lebensbereiche erlassen hat. Die Wirtschaft, das Recht und die Politik des Islams werden ihnen unnötig erscheinen.
Zweitens: Sie werden die Bewegung zur Errichtung eines islamischen Staates und einer islamischen Regierung für eine weltliche Angelegenheit halten und diejenigen, die diese Arbeit leisten, für machtgierig halten.
Drittens: Die Vorstellung, den Din unter Vermeidung einer Auseinandersetzung mit dem Falschen zu etablieren, wird in ihnen eine Haltung hervorbringen, aufgrund derer sie mit demjenigen Teil des Islams zufrieden sein werden, gegen den das Falsche keine Einwände erhebt.
Viertens: Infolge dieser Vorstellung werden sie alle anderen Arten des Dienstes am Din geringachten. Nur die Tabligh-Arbeit wird ihnen als Arbeit für den Din erscheinen, und sie werden nicht einmal die Fähigkeit besitzen, den Wert anderer religiöser Dienste zu erkennen.
Fünftens: Bei Wahlen werden solche Menschen keine Einwände dagegen haben, auch Personen zu wählen, die dem Islam feindlich gegenüberstehen. Vielmehr werden sie diejenigen ablehnen, die Politik betreiben und die Einführung der islamischen Gesetze fordern. Weil sie Politik im Namen des Islams für verwerflich halten, werden sie bei Wahlen gerade denjenigen ihre Stimme geben, die überhaupt nicht über den Islam sprechen.
Sechstens: Sie könnten auch zu der Vorstellung gelangen, dass die Tabligh Jamaat versucht, den Islam auf eine so vortreffliche Weise zu etablieren, dass die Feinde des Islams davon überhaupt nichts bemerken. Es könnte ihnen scheinen, dass mit einer derart großartigen Weisheit gearbeitet wird, dass die Gegner des Islams keinerlei Möglichkeit finden, Widerstand zu leisten.
Wenn man zu einer solchen Auffassung gelangt, wie verhängnisvoll ist das doch! War Allah, der Erhabene, etwa nicht in der Lage, den Propheten eine solche Weisheit zu lehren, dass sie wie die Tabligh-Bewegung ohne jeden Widerstand hätten wirken können? Haben die Propheten all diese Ungerechtigkeit und Unterdrückung etwa umsonst ertragen?
Man könnte sagen, dass die Propheten nur deshalb auf Widerstand stießen, weil sie unter den Ungläubigen zur Daʿwa aufriefen. Da die Tabligh-Bewegung jedoch nur unter Muslimen wirkt, gibt es keinen Widerstand. Warum sollte vom Bātil Widerstand kommen, wenn man sich bemüht, die Muslime persönlich zu guten Muslimen zu machen
? Wenn man jedoch mit der Daʿwa und einem Programm zur Veränderung der Gesetze, der Staatsführung und der Gesellschaftsordnung des Landes arbeitet, wird die sich muslimisch nennende Herrscherklasse ebenso Widerstand leisten wie die Nichtmuslime.
Aus all diesen Befürchtungen heraus sah ich mich gezwungen, den Verantwortlichen der Tabligh Jamaat so vieles vorzutragen. Die Tabligh Jamaat ist keine Bewegung zur Iqamat ad-Din. Diese Gemeinschaft ist eine weltweite Bewegung zum unschätzbar wertvollen Dienst am Din. Diese Auffassung von Tabligh halte ich für richtig. Es wäre für die islamische Lebensordnung äußerst schädlich, die Daʿwa und das Programm der Tabligh-Bewegung für ebenso umfassend zu halten wie die islamische Bewegung des Gesandten (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm). Dies würde dazu führen, dass man den Propheten der gesamten Welt lediglich als einen religiösen Führer betrachtet. Möge Allah, der Erhabene, die muslimische Gemeinschaft vor solchen falschen Vorstellungen bewahren.
An der großen weltweiten Tabligh-Ijtema, die jedes Jahr auf einem weitläufigen Gelände in Tongi stattfindet, versammeln sich zu unterschiedlichen Zeiten fünfzehn bis fünfundzwanzig Lakh Menschen. Das ist wahrhaftig ermutigend. Auch ich nehme daran teil und erfreue mich beim Anblick dieser Liebe zur Religion des Islam unter den Muslimen.
Wenn sich auch nur ein Zehntel dieser Menschen mit der Daʿwa und einem Programm versammeln würde, den Din des Bātil zu beseitigen und den Din al-Haqq zu etablieren, würden die Regierung dieses Landes und die etablierten Interessen in Unruhe geraten. Die säkularen und sozialistischen Kreise würden in den Zeitungen und Zeitschriften eine umfassende Hetzkampagne gegen sie beginnen.
Im Februar 1981 haben die Versammlung und der Marsch von gerade einmal fünfzehn- bis zwanzigtausend Aktivisten einer islamischen Studentenorganisation in Dhaka in allen islamfeindlichen Kreisen ein ungewöhnliches Beben ausgelöst. Dabei ist diese Organisation keine politische Partei. Gerade weil sie von der Iqamat ad-Din spricht und die Studentenschaft zur Errichtung eines islamischen Staates anspornt, sind die etablierten Interessen so beunruhigt.
Alle Kräfte des Bātil und alle islamfeindlichen Kreise wissen sehr genau, dass Tabligh lediglich eine rein religiöse Gemeinschaft ist und sich nicht mit Politik, Staat und Regierung befasst. Daher gibt es keinen Grund, sich ihretwegen Gedanken zu machen, und keinen Anlass, beunruhigt zu sein.
Aus genau diesem Grund fürchten die Kräfte des Falschen auch nicht die Versammlungen von Millionen Muslimen bei den Urs und Mahfilen der Pir Sahibs. Bei diesen Mahfilen wird durch Wāʿẓ, Talqīn und Dhikr gewiss dem Islam gedient. Da es dort jedoch kein Programm für die Iqāmat ad-Dīn gibt, ist das islamfeindliche Lager nicht beunruhigt.
Um diese Tatsache zu verdeutlichen, habe ich beispielhaft die Madrasas, die Tabligh und die Khanqahs erwähnt. Zwischen der Khidmat ad-Dīn und den Kräften des Falschen kommt es zu keinem Konflikt. Dieser Konflikt entsteht ausschließlich mit der Daʿwa und dem Programm der Iqāmat ad-Dīn. Das haben die Lebensgeschichten aller Propheten als wahr erwiesen.
Aus der Erörterung der Propheten und Gesandten im Heiligen Koran geht hervor, dass die jeweils herrschenden Mächte und die religiösen etablierten Interessen keinen einzigen Propheten dulden konnten. Außer Hazrat Adam (a. s.) und Hazrat Sulayman (a. s.) gerieten alle Propheten mit den Kräften des Falschen in Konflikt. Wenn selbst die Propheten wegen ihrer Arbeit für das Programm der Iqāmat ad-Dīn mit dem Falschen in Konflikt geraten mussten, wie kann es dann für die Umma eines Propheten möglich sein, den Islam zu etablieren, ohne diesem Konflikt auszuweichen?
Diejenigen, die es für Hikma halten, einem Konflikt mit dem Falschen auszuweichen, sollten sich fragen, warum Allah, der Erhabene, den Propheten und Gesandten diese Hikma nicht gelehrt hat. Wer dafür arbeiten möchte, Allahs Din zum Sieg zu verhelfen, kann nicht einmal daran denken, diesem Konflikt auszuweichen. Er kann gewiss einem oder mehreren Bereichen des Din dienen, und dieser Dienst kann auch die Iqāmat ad-Dīn unterstützen. Doch diese Arbeit kann nicht unmittelbar die Arbeit der Iqāmat ad-Dīn sein. Durch diesen begrenzten Dienst wird der Din nicht etabliert werden. Für die Etablierung des Din ist unbedingt ein gesondertes Programm erforderlich.
Warum sind nicht alle ehrwürdigen Ulema “in der „Iqāmat ad-Dīn“” aktiv??
Es stimmt, dass es in Bangladesch mehrere Hunderttausend ehrwürdige Ulema gibt. Sie sind mit verschiedenen Arten der Khidmat ad-Dīn beschäftigt. Die Frage, warum sie entsprechend den Erfordernissen der Iqāmat ad-Dīn nicht in der islamischen Bewegung aktiv werden, ist durchaus berechtigt. Durch meinen langjährigen engen Kontakt mit der Gelehrtengesellschaft habe ich nach der Antwort auf diese Frage gesucht. Allah allein kennt den wahren Grund. Doch diese Frage ist so relevant, dass die muslimische Bevölkerung ohne eine Antwort darauf die Bedeutung der islamischen Bewegung nicht richtig verstehen kann. Ich möchte hier das Ergebnis meiner bescheidenen Beobachtungen darlegen.
Erstens: Die Madrasas unseres Landes werden durch Spenden der Bevölkerung finanziert. Auch diejenigen Madrasas, die staatliche Unterstützung erhalten, bekommen nur sehr wenig. Die armen Lehrer der Madrasas müssen zudem Zeit und Mühe darauf verwenden, die finanziellen Probleme der Madrasas zu lösen. Fast alle, die an eine Madrasa kommen, sind Kinder armer Menschen. Da es den Armen nicht möglich ist, ihre Kinder kostenlos oder mit geringen Kosten an Schulen und Hochschulen lernen zu lassen, ist die Madrasa ihre einzige Möglichkeit. Die Madrasa beschafft auch die Bücher und Lehrmaterialien für die Schüler. In den meisten Fällen muss sie sogar für die Verpflegung und Unterbringung der Schüler sorgen.
Während der muslimischen Herrschaft trug der Staat die Kosten der Bildung. Auch heute übernimmt der Staat den größten Teil der Kosten der allgemeinen Bildung (Schulen, Hochschulen und Universitäten). Die Madrasa-Bildung bildet jedoch eine Ausnahme. Dass die Madrasas auf der Grundlage von Spenden der Bevölkerung überhaupt fortbestehen, ist bereits eine große Gnade Allahs. Unter diesen Umständen ist es unmöglich, Allah für das zu danken, was durch die Madrasas vom Koran und Hadith bewahrt wird. Daher kann die Qualität der Bildung an den Madrasas nicht das Niveau erreichen, das sie erreichen sollte. Folglich gibt es nur wenige Gelehrte von hohem Niveau.
Zweitens: Da von einer Madrasa-Ausbildung keine Hoffnung auf weltlichen Aufstieg besteht, schicken wohlhabende Menschen ihre Söhne überhaupt nicht auf eine Madrasa. Auch die Armen schicken ihre begabten Söhne größtenteils auf gewöhnliche Schulen. Daher kommen vergleichsweise nur wenige gute Schüler in die Madrasas. Und diejenigen, die kommen, wenden sich unter dem Druck der Welt den Hochschulen zu, noch bevor sie die Madrasa abschließen oder sogar ohne sie zu beenden.
Drittens: Unter den gegenwärtigen Umständen studieren alle, die eine Madrasa besuchen, aus Liebe zum Islam dort. Sie wissen, dass sie in der Welt keine Möglichkeit haben werden, etwas Bedeutendes zu erreichen. Sie nehmen von vornherein an, dass ihnen außer der Tätigkeit als Imam einer Moschee, als Lehrer an einer Madrasa, höchstens als Arabisch- oder Diniyat-Lehrer an einer Schule oder als Kadi für Nikah und Ähnlichem nichts Größeres beschieden sein wird.
Wer unter dieser seelischen Verfassung gezwungen ist, an einer Madrasa zu studieren, hofft nur auf das Jenseits. Er muss sich damit begnügen, als Imam einer Moschee und als Mudarris einer Madrasa dem Din zu dienen. Außerdem wecken das Umfeld der Madrasa und die Zukunftsaussichten dieses Lebens in den Schülern nicht den Entschluss, etwas Bedeutendes für das Land und die Nation zu leisten.
Nach dem Abschluss der Madrasa tritt das Problem des Lebensunterhalts für arme Gelehrte besonders deutlich hervor. Es gibt nur sehr wenige Gelehrte, die neben der Erfüllung ihrer jeweiligen religiösen Tätigkeit (Imamat oder Lehrtätigkeit) genügend Zeit für die islamische Bewegung aufbringen und größere organisatorische Verantwortung übernehmen können.
Viertens: Es gibt noch einen weiteren wichtigen Grund dafür, dass die islamische Bewegung bei vielen Gelehrten nicht die ihr gebührende Bedeutung erhält. In der Madrasa-Ausbildung gibt es keine Einrichtung, den Islam als revolutionäre Bewegung zu lehren. Der Islam wird lediglich als religiöse Bildung vermittelt. Bis heute wird in den Madrasas keine islamische Bildung aus der Perspektive angeboten, wie der Gesandte Allahs die menschliche Gesellschaft veränderte, wie der Koran die Bewegung des Gesandten Allahs 23 Jahre lang leitete und was aus dem Koran und dem Leben des Gesandten Allahs (Hadith) getan werden muss, um den Islam in der heutigen Zeit zu verwirklichen. Daher lernen sie den Islam nur als eine Religion kennen. Durch die Madrasa-Ausbildung entsteht kein Verständnis für die islamische Bewegung. Aus diesem Grund entsteht auch kein Verantwortungsbewusstsein für die Verwirklichung des Din.
Wie können die Schüler mehr lernen, als die Lehrer der Madrasa ihnen über den Islam vermitteln? Doch dass die begabten Schüler der Madrasa die islamische Bewegung des Landes verstehen können, verdanken sie einer Bildung außerhalb der Madrasa. Da die Schüler der Madrasa, sobald sie eine Perspektive der Bewegung erhalten, sich im Vergleich zu modern ausgebildeten Schülern viel schneller der Bewegung zuwenden, hätten die Gelehrten, wenn der Islam in den Madrasas als vollständige Gesellschaftsordnung gelehrt würde, in allen Bereichen nationaler Angelegenheiten islamische Führung übernehmen können.
Fünftens: Der wahrscheinlich wichtigste Grund ist das fehlende richtige Verständnis dafür, den Gesandten Allahs als höchstes Vorbild anzuerkennen. Die Verwirklichung des Din sollte eigentlich als das eigentliche Lebensprogramm der Gelehrtenschaft gelten. Warum ist es aber nicht dazu gekommen? Meiner Ansicht nach liegt der Hauptgrund darin, dass der Gesandte Allahs nicht als Uswatun Hasana anerkannt wird. Auch für diesen Mangel gibt es einen Grund. In der muslimischen Gesellschaft ist eine schwere Krankheit aufgetreten: Jeder, der wegen irgendeines großen Dienstes am Din verehrt wird, erhält beinahe den Rang eines Uswatun Hasana oder höchsten Vorbilds. Sobald jemand als Buzurg anerkannt wird, meint man offenbar, er sei an die Stelle des Gesandten getreten oder ihm zumindest nahegekommen. Wenn man daher einen Gelehrten oder Pir als Vorbild des Islam verehren will, beginnt man, ihn an die Stelle des Gesandten zu setzen.
Schon ein Beispiel wird die Sache leicht verständlich machen. In einer schwierigen Zeit auf dem indischen Subkontinent führte Hazrat Maulana Qasim (Allah sei ihm barmherzig) in Deoband eine Bewegung für islamische Bildung an; sein damaliger Dienst war gewiss sehr wertvoll. Die gesamte muslimische Gemeinschaft ist ihm dafür dankbar. Es ist auch natürlich, ihm tiefe Verehrung entgegenzubringen. Wenn jedoch jemand meint, es könne keinen größeren Dienst am Din geben als den, den er geleistet hat, und deshalb die Gründung einer Madrasa nach seinem Vorbild zum Ziel seines Lebens macht, dann hat diese Person Hazrat Nanatwi (Allah sei ihm barmherzig) den Rang eines Uswatun Hasana verliehen. War der Gesandte Allahs etwa in die Welt gekommen, um eine Madrasa zu gründen? Warum wird nicht die Aufgabe, die er vollbrachte, um Allahs vollständigen Din in der Gesellschaft zum Sieg zu verhelfen, zum Lebensziel gemacht? Wenn man den Gesandten Allahs in allen Lebensbereichen als höchstes Vorbild ansehen würde, würde man den Dienst aller übrigen Diener des Din lediglich als einen Teil des umfassenden Dienstes des Gesandten betrachten.
Warum erscheint uns nicht alles, was der Gesandte Allahs (s) gemeinsam mit den ehrwürdigen Gefährten (r) für die Religion getan hat, als eine für uns unbedingt zu erfüllende Pflicht? Was Hadhrat Abd al-Qadir al-Dschilani (r) getan hat, umfasst nicht alles, was der Gesandte getan hat. Wenn er als Maßstab des Vorbilds betrachtet wird, wie kann dann der Gesandte noch der Maßstab sein? Der Maßstab des Vorbilds, den der Gesandte (s) gezeigt hat, ist der einzige Standard beziehungsweise Maßstab. Jeder muss denjenigen in dem Maß achten, in dem er diesen Maßstab erreicht. Doch allen muss klar sein, dass niemand den Rang des Gesandten erreichen kann und niemandem ein Ehrenplatz auf der gleichen Rangstufe wie dem Gesandten eingeräumt werden darf.
Der einzige Maßstab für die Religion ist der Gesandte
Allah, der Erhabene, hat ausschließlich den Gesandten (s) zum Uswatun hasana, also zum Maßstab der Religion, gemacht. Die ehrwürdigen Gefährten haben den Gesandten am meisten nachgeahmt; gerade deshalb sind sie in Bezug auf den Gehorsam gegenüber dem Gesandten (اطاعة رسول) diesbezüglich das beste Vorbild. Doch obwohl der Gesandte selbst das Vorbild ist, besitzen die ehrwürdigen Gefährten als solche nicht den gleichen Rang wie der Gesandte. Nicht einmal alle Gefährten haben den gleichen Rang. Auch die vier Kalifen haben nicht alle den gleichen Rang. Daher ist der einzige Maßstab der Religion (معيار) der Gesandte, und alle müssen bestrebt sein, ausschließlich dem Gesandten zu folgen.
Warum folgen wir den ehrwürdigen Gefährten? Nicht um ihnen an sich zu folgen, sondern wir folgen ihnen gerade mit dem Ziel, dem Gesandten (s) zu folgen. Sie haben das beste Vorbild darin gegeben, dem Gesandten (s) zu folgen. Daher müssen wir ihnen gerade um des Folgens des Gesandten willen folgen. Denn in Bezug auf (اتباع الرسول) beziehungsweise hinsichtlich des Gehorsams gegenüber und der Befolgung des Gesandten sind die ehrwürdigen Gefährten das beste Vorbild. Doch es ist äußerst wichtig zu verstehen, dass die ehrwürdigen Gefährten nicht in dem Sinne den gleichen Rang haben können, in dem der Gesandte (s) ein Vorbild oder Uswa ist.
Um den Unterschied zwischen dem Gesandten und den ehrwürdigen Gefährten zu verdeutlichen, kann ein einfaches Beispiel angeführt werden. Um festzustellen, ob Gold rein oder unrein ist und, falls es unrein ist, in welchem Maß, kann man es durch Reiben an einer bestimmten Art von Stein prüfen. Dieser Stein wird Prüfstein genannt. Der Prüfstein ist ein Maßstab oder ein Kriterium, auf Arabisch (معيار) genannt. Selbst wenn man durch das Reiben am Prüfstein feststellt, dass ein Stück Gold vollkommen reines Gold ist, kann dieses Stück deshalb nicht als Prüfstein bezeichnet werden. Gold kann kein Prüfstein sein. Ebenso ist der Gesandte Allahs allein der Prüfstein. Erst durch die Prüfung an diesem Prüfstein kann man erkennen, dass die Gefährten reines Gold sind; deshalb sind sie selbst jedoch keine Prüfsteine.
Obwohl die Gemeinschaft der ehrwürdigen Gefährten insgesamt lauter war, besitzen nicht alle als Einzelpersonen den gleichen Rang. Die rechtgeleiteten Kalifen haben einen höheren Rang als alle übrigen Gefährten. Wie wurde dieses Mehr oder Weniger an Rang bestimmt? Alle müssen anerkennen, dass der einzige Maßstab für diese Bestimmung der Gesandte (s) ist. Der Maßstab dafür, Hadhrat Abu Bakr (r) als vorzüglicher gegenüber Hadhrat Umar (r) anzuerkennen, ist allein der Gesandte. Diese Rangordnung wurde durch die Prüfung am Prüfstein des Gesandten ermittelt.
Ein weiterer Vergleich macht diesen Unterschied noch deutlicher. Warum wird Hadhrat Muawiya (r), obwohl er ein Gefährte war, nicht zu den rechtgeleiteten Kalifen gezählt? Wie wurde Hadhrat Umar ibn Abd al-Aziz (r) durch die Bezeichnung „der zweite Umar“ ein Rang verliehen, der dem der rechtgeleiteten Kalifen am nächsten kommt, obwohl er kein Gefährte war? Nach welchem Maßstab wurde bei diesen beiden ein solcher Unterschied gemacht? Zweifellos lässt sich sagen, dass die Umma zu dieser Entscheidung gelangte, indem sie nach dem Maßstab des Gesandten urteilte.
Diese Argumente beweisen mit großer Nachdrücklichkeit, dass der Gesandte Allahs (s) der einzige ideale Maßstab und der einzige Prüfstein ist. Durch die Beurteilung an diesem Prüfstein wird bestimmt, welchen Rang ein Mensch unter den Menschen erlangen kann. Wenn neben dem Gesandten auch ein anderer Mensch als Prüfstein betrachtet und als Maßstab angesehen wird, wird diese Person gewiss einen niedrigeren Rang als der Gesandte haben. Allah, der Erhabene, hat uns außer dem Gesandten keinen Menschen niedrigeren Ranges als Uswa oder Vorbild anzunehmen befohlen.
Es ist bedauerlich, dass einer religiösen bedeutenden Persönlichkeit in der Praxis eine Stellung eingeräumt wird, die allein dem Gesandten zusteht, obwohl man grundsätzlich nicht anerkennt, dass Allah der Erhabene dem Gesandten (s.a.w.s.) als einzigem Uswa Hasana eine solche herausragende Stellung verliehen hat.
Da der Gesandte durch die Offenbarung geleitet wird, ist er fehlerlos; kein anderer Mensch kann in gleicher Weise fehlerlos sein. Wie man den Gesandten blind gehorchen muss, so darf man niemand anderem gehorchen. Die Befolgung der Anweisung des Gesandten ist eine Forderung des Glaubens, unabhängig davon, ob man ihre Begründung versteht oder nicht; die Anweisung irgendeines anderen kann niemals einen solchen Rang haben. Wie der Gesandte (s.a.w.s.) über jeder Kritik steht, so steht niemand sonst über jeder Kritik. So wie Allah den bedingungslosen Gehorsam gegenüber dem Gesandten angeordnet hat, hat Er dies für niemand anderen angeordnet.
Wie bedeutend eine religiöse Persönlichkeit auch sein mag: Wenn man glaubt, sie sei fehlerlos, ihr blind gehorcht und sie für über jede Kritik erhaben hält, dann wird ihr tatsächlich eine Stellung eingeräumt, die der des Gesandten gleichkommt. Hinsichtlich des Ranges kann jedoch niemand dem Gesandten gleichkommen.
Die grundlegenden Fundamente der Religion des Islam sind Tawhid und Risalat. Hinsichtlich des Wesens und der Eigenschaften Allahs ist niemand mit Allah vergleichbar. Ebenso kann aufgrund seiner Leitung durch die Offenbarung niemand so fehlerlos sein wie der Gesandte. Deshalb muss man dem Gesandten blind gehorchen, darf aber niemand anderem in gleicher Weise gehorchen. Das heißt: Als Uswa Hasana ist der Gesandte einzigartig. Niemand sonst kann diese Stellung erlangen. Durch die Kalima Tayyiba bezeugen wir in diesem Sinne Tawhid und Risalat.
Wenn man den Gesandten als einziges Vorbild ansehen und die vollständige Befolgung seines Lebens als Ziel des islamischen Lebens betrachten würde, dann würde man den Kampf für die Etablierung des Dīn, also den Jihad fi sabilillah, unbedingt als Pflicht ansehen. Es wäre nicht schwer zu verstehen, dass man dem Gesandten nicht wirklich folgt, wenn man sich nicht darum bemüht, das islamische Recht einzuführen oder einen islamischen Staat zu errichten.
Gerade weil man neben dem Gesandten (s.a.w.s.) große Gelehrte, Pīre oder Gottesfreunde zu Vorbildern nimmt, halten manche den Dienst am Dīn durch eine Madrasa für ausreichend, andere glauben, ihre religiöse Verantwortung bereits durch Predigten erfüllt zu haben, und wieder andere sind mit dem Imamat zufrieden. Wenn sie den Gesandten (s.a.w.s.) als einziges Vorbild ansehen würden, wären sie trotz dieses begrenzten Dienstes darum besorgt, den Dīn zum Sieg zu verhelfen. Wenn die verantwortlichen Murabbis der Tabligh Jamaat die Bewegung des Gesandten (s.a.w.s.) zur Etablierung des Dīn als eigentliches Vorbild ansehen, werden sie das von ihrem Gründer, Hazrat Maulana Ilyas (r.a.), verfasste Programm der sechs Usul als einen anfänglichen Dienst betrachten. Dann würden sie nicht das gegenwärtige Programm der Tabligh Jamaat genau als die vom Gesandten geführte Bewegung ansehen. Wenn der Gesandte (s.a.w.s.) jedoch nicht als höchstes Vorbild vor Augen steht, kann man Hazrat Maulana Ilyas (r.a.) selbst zum Vorbild nehmen und sein verfasstes Programm für das endgültige Programm des Islam halten.
Um die Stellung des Gesandten (s.a.w.s.) als „Uswa Hasana“ richtig zu verstehen, kann ein weiteres Beispiel besonders hilfreich sein. Für den Lehrstoff der Studenten an Colleges, Universitäten und Madrasas wird ein Lehrplan oder Nisab erstellt; aus diesem werden die Fragen für die Abschlussprüfung zusammengestellt. Wenn die Studenten diesen Lehrplan nicht aufmerksam beachten, nicht darauf achten, dass die Lehrer den gesamten Lehrplan unterrichten, und der Lehrplan nicht vollständig gelernt wird, besteht keinerlei Hoffnung, die Prüfung zu bestehen. Wie viel Achtung die Studenten ihrem Lehrer auch entgegenbringen mögen: Solange Teile des Lehrplans noch nicht gelernt sind, werden sie niemals ein gutes Prüfungsergebnis erzielen. Wenn ein Lehrer nur den einfachen Teil des Lehrplans unterrichtet und den schwierigen Teil auslässt, kann man selbst bei einem noch so guten Studenten kein gutes Prüfungsergebnis erwarten.
Allah der Erhabene hat das gesamte Leben des Gesandten (s.a.w.s.) als Lehrplan für den Erfolg in der Prüfung des Jenseits gegeben. Nach dem Tod werden dem Menschen bereits im Grab Fragen gemäß diesem Lehrplan gestellt. Niemand wird gefragt werden, ob er Hazrat Abu Bakr (r.a.), Imam Abu Hanifa (r.a.) oder Hazrat Abd al-Qadir al-Jilani (r.a.) nachgeahmt oder befolgt hat.
Wenn man den Gesandten Allahs mit einem Lehrplan vergleicht, kann man alle religiösen Persönlichkeiten, angefangen bei den ehrwürdigen Gefährten, mit Lehrern oder Ustadhs vergleichen. Von den ehrwürdigen Gefährten lernen wir insbesondere das Leben des Gesandten Allahs kennen. Gerade um den Lehrplan des Gesandten Allahs zu erlernen, müssen wir die Gefährten als die besten Ustadhs betrachten. Um dem Gesandten Allahs in allen Lebensbereichen zu folgen, müssen wir den Imamen der Fiqh folgen. So wie man alle weltlichen Dinge von einem Lehrer lernen muss, braucht man auch einen Lehrer, wenn man das religiöse Leben erlernen möchte. Wie auch immer dieser Lehrer genannt wird – ob der eine Amir einer religiösen Gemeinschaft und der andere Scheich oder Pir genannt wird –, in Wirklichkeit sind sie alle Ustadhs. Von ihnen müssen wir versuchen, den vollständigen Lehrplan des Lebens des Gesandten Allahs zu erlernen. Es mag sein, dass es nicht möglich ist, den gesamten Lehrplan bei ein und demselben Ustadh zu lernen. Wenn wir den Gesandten Allahs als den Lehrplan betrachten, müssen wir, nachdem wir bei diesem Ustadh den Teil des Lehrplans gelernt haben, der bei ihm erlernbar ist, für das Erlernen des übrigen Lehrplans nach weiteren Ustadhs suchen. Wenn wir einen einzelnen Ustadh selbst als den Lehrplan betrachten und das, was er lehrt, für ausreichend halten, werden wir bei der Abschlussprüfung im Jenseits in Schwierigkeiten geraten.
Das ist der eigentliche Grund dafür, dass man trotz der vielen Gelehrten, Pirs und Diener der Religion im Land der Errichtung der Religion nicht die gebührende Bedeutung beimisst. Man hält es für ausreichend, den Ustadhs zu folgen, statt den Gesandten Allahs als den Lehrplan anzunehmen. Wenn dieser große Irrtum überwunden wird, werden alle in der Lage sein, ihre Verantwortung für die Errichtung der Religion zu erkennen.
Warum führten die großen Gelehrten des indischen Subkontinents keine Bewegung zur Errichtung der Religion an??
Wenn man die kurze Geschichte von der Zeit, als die Engländer den Muslimen die Herrschaft über den indischen Subkontinent entrissen, bis zur Gegenwart – einen Zeitraum von ungefähr zweihundertfünfzig Jahren – betrachtet, wird die Antwort auf diese Frage leicht verständlich. Viele messen dieser Geschichte keine Bedeutung bei. Wenn die heute so zersplittert lebende Gemeinschaft der Gelehrten diese Geschichte kennt, kann sie über ihre eigenen Pflichten nachdenken. Deshalb analysiere ich in äußerster Kürze einige wichtige Ereignisse aus den Seiten einer langen Geschichte.
Nachdem die englische Herrschaft auf dem indisch-pakistanisch-bengalischen Subkontinent begonnen hatte und die Unterdrückung und Verfolgung der Muslime auf allen Gebieten immer stärker geworden war, gewann unter den ihrer Herrschaft beraubten Muslimen eine große Bewegung zur erneuten Errichtung eines islamischen Staates an Popularität. Auf den revolutionären islamischen Gedanken von Schah Waliullah Dehlawi (r.) aufbauend, wurde unter der Führung von Maulana Sayyid Ahmad Barelwi (r.) und Maulana Schah Ismail Dehlawi (r.) durch die Tahriq-e-Mudschahidîn (Mudschahed-Bewegung) in der Nordwestlichen Grenzprovinz ein unabhängiger Staat errichtet. Auch aus dem weit entfernten Bengalen beteiligten sich viele Mudschaheden an dieser Bewegung. Im Jahr 1831 fielen die beiden großen Mudschahed-Führer in einer blutigen Schlacht an einem Ort namens Balakot, zwischen Punjab und der Grenzprovinz, als Märtyrer. Nachdem ihre Mudschahed-Truppe der vereinten Macht der Engländer und Sikhs unterlegen war, konnte dieser islamische Staat nicht weiterbestehen.
Die beiden großen Mudschahed-Führer, die als die beiden Märtyrer von Balakot bekannt sind, hatten unter den Muslimen ein so tiefes Bewusstsein für die islamische Bewegung und die Errichtung der Religion geschaffen, dass selbst unter den Muslimen, die in der englischen Armee dienten, die Niederlage von Balakot heftige Reaktionen hervorrief. Unter ihnen begann der Aufstand gegen die Engländer zu schwelen und nahm 1857 die Gestalt einer Sepoy-Meuterei an. Da bei dieser Rebellion die muslimischen Sepoys die führende Rolle spielten, erhob sich das imperialistische England wie ein Schwert gegen die Muslime.
Damals erlebten die Muslime ihre schlimmsten Zeiten. Mit der Unterstützung der Hindus und Sikhs des Subkontinents wurde die englische Herrschaft immer stärker. Die Engländer förderten auf allen Gebieten die Nichtmuslime und legten die Muslime in die Fesseln einer doppelten Sklaverei. Die politische Unterwerfung unter die Engländer und die wirtschaftliche Knechtschaft unter Hindus und Sikhs schufen ein dauerhaftes und festes System, um die muslimische Nation für immer niederzuhalten.
Als die besiegte, geschwächte und unterdrückte muslimische Nation ratlos war, begann Sir Sayyid Ahmad mit der Aligarh-Bildungsbewegung, mit dem großen Ziel, die Muslime unter englischer Herrschaft auf den Gebieten der Bildung, der Beschäftigung, des Handels und anderen Bereichen neben den Hindus und Sikhs voranzubringen. Aus fürsorglicher Sorge darum, dass die Muslime durch das Erlernen der englischen Sprache und eine Haltung des Ausgleichs gegenüber den Engländern wieder auf eigenen Füßen stehen könnten, schlug er diesen Weg ein. Obwohl diese Haltung der Niederlage aus islamischer Sicht anstößig war, unternahm er diesen Schritt mit größter Aufrichtigkeit. Aufgrund dieser Haltung der Niederlage begann er sogar, den Koran auf eine Weise auszulegen, die die wahrhaftigen Gelehrten beunruhigte. Infolge dessen begann die Deoband-Bewegung.
Unter der Führung von Hazrat Maulana Qasim Nanutavi (rahimahullah) wurde Darul Uloom Deoband im Anschluss an die Gedanken von Maulana Shah Waliullah Dehlawi mit dem erhabenen Ziel gegründet, den Islam durch die richtige Lehre des Korans und der Hadithe zu bewahren. Die unzähligen Madrasas auf dem gesamten indischen Subkontinent sind heute die Früchte eben jener Bewegung.
Die Aligarh-Bewegung schuf statt einer Haltung des Kampfes gegen die Engländer eine Haltung der Zusammenarbeit mit ihnen. Die Deoband-Bewegung hingegen bemühte sich, die rebellische Haltung gegen die englische Versklavung aufrechtzuerhalten. Doch nach der Niederlage von Balakot und dem Scheitern des Sepoy-Aufstands war es den Muslimen nicht mehr möglich, allein gegen die Engländer aufzustehen.
Als die Engländer nach dem Ende des Ersten Weltkriegs im Jahr 1918 Maßnahmen ergriffen, um das muslimische Kalifat der Türkei abzuschaffen, erwachte unter den Muslimen des indischen Subkontinents erneut eine Bewegung zur Bewahrung des Kalifats. Diese als Khilafat-Bewegung bekannte Bewegung begann unter der Führung der Muslime, und Deoband spielte darin eine äußerst bedeutende Rolle.
Die von Herrn Gandhi geführte Unabhängigkeitsbewegung des Kongresses arbeitete bei dieser Gelegenheit mit der gegen die Engländer gerichteten Khilafat-Bewegung zusammen und kam Deoband nahe. Doch auch die Khilafat-Bewegung scheiterte. Infolgedessen wurde die unter der Führung Deobands gegründete gesamtindische Gelehrtenorganisation Jamiat Ulama-e-Hind noch englandfeindlicher. Die Ulama-e-Hind glaubten aufrichtig, dass die Muslime keinerlei Fortschritt machen und auch kein islamischer Staat errichtet werden könne, solange die Engländer nicht aus Indien vertrieben seien. Sie glaubten, dass es den Muslimen nicht möglich sei, das Land durch eigene Anstrengungen von den Engländern zu befreien. Daher bemühten sich die Ulama-e-Hind gemeinsam mit der unter der Führung Gandhis und Nehrus geführten Unabhängigkeitsbewegung darum, die Engländer zu vertreiben.
Andererseits machten die bitteren Erfahrungen der infolge der Aligarh-Bewegung entstandenen modernen, gebildeten Muslime sie ganz natürlich zu Hindufeinden. Sie sahen, dass die in englischer Bildung fortgeschrittene hinduistische Gemeinschaft die Staatsstellen, Handel und Gewerbe sowie alle Arten von Berufen besetzt und sich derart festgesetzt hatte, dass die Muslime trotz ihrer Bildung nirgendwo eine Anstellung erhielten. Die Engländer hatten den Hindus ein Monopolrecht eingeräumt. Als die Muslime nun auf allen Gebieten ihren Anteil beanspruchen wollten, versuchten die Hindus überall, sie an den Rand zu drängen. Dieses Verhalten der Hindus bei Anstellungen, im Handel und in verschiedenen Berufen musste die modernen, gebildeten Muslime ganz natürlich zu Hindufeinden machen. Mit den Ulama gab es in dieser Hinsicht jedoch keinen Konflikt mit den Hindus. Dass bei einer Unabhängigkeit des Landes unter hinduistischer Führung überall eine hinduistische Vorherrschaft entstehen würde, konnten die modernen gebildeten Kreise aufgrund ihrer praktischen Erfahrungen erkennen; der Kreis der Ulama konnte dies jedoch nicht verstehen. Denn auf dem Gebiet der muslimischen Gesellschaft, in dem die Ulama tätig waren, gab es keinen Interessenkonflikt mit den Hindus, und nirgends kam es zu einem Anlass für einen Wettbewerb der Ulama mit den Hindus.
Die gebildete muslimische Gesellschaft empfand zutiefst, dass die Muslime selbst bei einer Unabhängigkeit des Landes unter der Führung des Kongresses Sklaven der Hindus bleiben würden. Die Pakistan-Bewegung entstand aus diesem Empfinden. Unter der Führung von Herrn Muhammad Ali Jinnah forderte die Muslim League, dass in den Gebieten mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit ein eigener Staat der Muslime entstehen müsse. Diese Forderung löste unter der muslimischen Gesellschaft, die unter der Herrschaft der Engländer und Hindus niedergedrückt worden war, ein neues Erwachen aus. Herr Jinnah erlangte bei den Muslimen den Rang eines Quaid-e-Azam (größter Führer).
Beunruhigt durch diese separate Bewegung der Muslime forderte der Kongress, dass alle Menschen in Indien unabhängig von ihrer Religion als eine indische Nation eine einzige Nation bildeten. Es sei keineswegs richtig, diese große Nation auf der Grundlage der Religion zu spalten. Gegen diese säkulare Auffassung des Kongresses forderte die Muslim League, dass der Islam das Ideal der Muslime sei und der Islam nicht nur eine Religion darstelle. Daher seien die Muslime auf der Grundlage der islamischen Lebensordnung eine eigene Nation. Demnach gebe es in Indien zwei Nationen. Die an das islamische Ideal glaubende muslimische Nation könne sich nicht gemeinsam mit den Anhängern dieses Ideals zu einer einzigen Nation verbinden. Diese Auffassung wurde als Zwei-Nationen-Theorie berühmt.
Als es auf diese Weise zum Konflikt zwischen der Ein-Nationen-Theorie des Kongresses und der Zwei-Nationen-Theorie der Muslim League kam, stellte sich die Ulama-e-Hind auf die Seite des Kongresses. Der Führer der Ulama-e-Hind, Hazrat Maulana Husain Ahmad Madani (rahimahullah), versuchte in einer berühmten Rede, die er 1938 in der Shahi-Moschee von Lahore hielt, zu beweisen, dass die Ein-Nationen-Theorie dem Islam nicht widerspreche. Diese Rede wurde unter dem Titel „Muttahida Qawmiyat aur Islam“ (Ein-Nationen-Theorie und Islam) als Broschüre veröffentlicht. 1939 widerlegte Maulana Maududi (rahimahullah) sämtliche Argumente dieser Rede und bewies mit überzeugenden Belegen aus dem Koran, den Hadithen und der Geschichte der Frühzeit des Islam, dass die Ein-Nationen-Theorie des Kongresses der islamischen Nationalität vollständig widerspricht. Sein Buch wurde unter dem Titel „Masa’il-e Qawmiyat“ (Das Problem der Nationalität) veröffentlicht; die Übersetzung dieses Buches ins Bengalische trägt den Titel „Islam und Nationalismus“.
Infolge dieser Auseinandersetzung über die nationale Zugehörigkeit führte die Kongressbewegung zur Erlangung der Unabhängigkeit bei gleichzeitiger Bewahrung der Einheit Indiens und die Bewegung der Muslimliga zur Errichtung eines eigenen unabhängigen Staates der Muslime auf dem politischen Feld zu äußerster Verbitterung. Besonders die muslimische gebildete Gesellschaft wurde gegenüber den Ulema-e-Hind, die den Kongress unterstützten, äußerst aufgebracht. Diese Reaktion zeigte sich auch unter den Ulema. Obwohl die meisten Gelehrten Deobands sich dem Kongress anschlossen, gründeten zahlreiche Gelehrte unter der Führung von Maulana Sabbir Ahmad Usmani (r.) und Maulana Mufti Muhammad Shafi (r.) 1943 zugunsten der Pakistanbewegung unter dem Namen Jamiat Ulema-e-Islam eine Gegenorganisation der Gelehrten und unterstützten die Muslimliga. Viele Gelehrte, darunter Maulana Zafar Ahmad Usmani (r.), Maulana Shamsul Haq Faridpuri (r.), Maulana Mufti Din Muhammad Khan (r.), der Pir Sahib von Sharsina und der Pir Sahib von Phulphura, unterstützten die Pakistanbewegung aktiv. Auch Hazrat Maulana Ashraf Ali Thanwi (r.) unterstützte die Muslimliga.
So spalteten sich die ehrenwerten Gelehrten: Die einen unterstützten die Auffassung des Kongresses von einem ungeteilten Indien, während die anderen für die Teilung Indiens und die Errichtung Pakistans eintraten. Die daraus entstandene Verbitterung führte dazu, dass die Muslimliga vonseiten der Ulema-e-Hind als Gegner der Unabhängigkeit und als Agenten der Engländer bezeichnet wurde.
Welche Haltung ich damals als studentischer Aktivist der Pakistanbewegung auch gegenüber den Ulema-e-Hind eingenommen haben mochte – nachdem ich später alle Ereignisse aus der Sicht eines unparteiischen Historikers geprüft hatte, gelangte ich zu dem Schluss, dass die Ulema-e-Hind aus wohlbegründeten Gründen nicht daran glaubten, dass die Führer der Muslimliga einen islamischen Staat errichten könnten. Deshalb hielten sie es nicht für klug, das Land zu teilen und die muslimische Nation auf zwei Länder aufzuteilen. Andererseits hatten sie aus wohlbegründeten Gründen keine Vorstellung davon, dass die Auffassung des Kongresses von einem ungeteilten Indien für die Muslime verhängnisvoll war. Auch bei aller Aufrichtigkeit sind politische Entscheidungen nicht vor Fehlern gefeit. Ich kann nicht glauben, dass ein Mann wie Maulana Madani (r.) trotz seines Wissens um den Schaden für den Islam und die Muslime aus irgendeinem weltlichen Interesse heraus hätte handeln können. Ich besitze nicht den Mut, die Aufrichtigkeit solcher Menschen anzuzweifeln. Ein Irrtum ist eine Sache, und aus böser Absicht zu handeln eine andere.
Als die Gelehrten des Subkontinents gespalten waren und die eine Gruppe als Unterstützer des Kongresses und die andere als Unterstützer der Muslimliga auftrat, legte Maulana Maududi durch seine monatlich erscheinende Zeitschrift „Tarjuman al-Quran“ eine dritte Sichtweise vor, die beide Gruppen der ehrenwerten Gelehrten zufriedenstellte. Das Buch des Maulana über den Nationalismus nutzten die der Muslimliga nahestehenden Gelehrten als eine starke Waffe gegen die Lehre von der Einheitsnation Maulana Madanis (r.). Doch ein Vortrag Maulana Maududis aus dem Jahr 1940 an der Aligarh-Universität mit dem Titel „Wie wird eine islamische Regierung errichtet?“ (der ins Bengalische übersetzte Titel des Buches lautet „Der Weg zur islamischen Revolution“) erzürnte die Kreise der Muslimliga zutiefst. In diesem Vortrag bewies er argumentativ, dass die Bewegung zur Bildung eines eigenen unabhängigen Staates der Muslime auf der Grundlage der Zwei-Nationen-Theorie zwar völlig richtig und uneingeschränkt unterstützenswert sei, die Muslime jedoch selbst nach der Errichtung eines muslimischen Staates keineswegs eine islamische Herrschaft oder Regierung errichten könnten. Bei seiner Analyse der Bewegung des ehrwürdigen Propheten (s.) erkannte er, dass die Führung der Muslimliga mangels eines Programms zur Heranbildung von Führungspersönlichkeiten und Aktivisten, die den Islam kennen und in ihrem eigenen Leben befolgen, nicht nur unfähig sein würde, einen islamischen Staat zu errichten; vielmehr würde sie, falls sie versuchen sollte, den Islam zu etablieren, die Hinrichtung des Anführers dieser Bewegung für notwendig halten. Genau vierzehn Jahre nach diesem Vortrag erwies sich seine Einschätzung tatsächlich als richtig. 1953 wurde während der Herrschaft der Muslimliga unter einem Vorwand seine Hinrichtung angeordnet.
Nachdem Maulana Maududis Buch gegen die Lehre von der Einheitsnation Maulana Madanis (r.) veröffentlicht worden war, ergingen aus Deoband fortwährend Fatwas gegen Maulana Maududi. Je nachdrücklicher Maulana Maududi schrieb, dass es den Muslimen keinesfalls zustehe, den Kongress zu unterstützen, desto mehr Fatwas wurden erlassen. So wurde Maulana Maududi einerseits zum Ziel der Fatwas der den Kongress unterstützenden ehrenwerten Gelehrten, andererseits wurde er auch in den Kreisen der Muslimliga missbilligt. Bis zur Errichtung Pakistans äußerten sich die Führer der Muslimliga allerdings nicht gegen ihn, da einige Schriften Maulana Maududis für die Pakistanbewegung äußerst hilfreich gewesen waren. Doch unmittelbar nachdem er nach der Errichtung Pakistans 1948 die Forderung nach der Ausarbeitung einer islamischen Verfassung erhoben hatte, wurde er als Gegner Pakistans verhaftet und ohne Gerichtsverfahren im Gefängnis festgehalten.
Obwohl Maulana Maududi die Pakistanbewegung durch seine kraftvollen und bedeutendsten Schriften zugunsten der Zwei-Nationen-Theorie gestärkt hatte, trat er der Muslimliga nicht bei. Nach dem bereits erwähnten Vortrag in Aligarh im Jahr 1940 unterbreitete er den Führern der Muslimliga ein ganzes Jahr lang über seine monatliche Zeitschrift Vorschläge für bestimmte Programme, ohne die Pakistan nicht in einen islamischen Staat verwandelt werden könne. Da die Führer der Liga darauf nicht reagierten, begann er im August 1941 mit 75 aus verschiedenen Provinzen des Subkontinents nach Lahore gekommenen Männern auf der Grundlage dieser Programme mit dem Aufbau der „Jamaat-e Islami“. Gerade aufgrund dieser vorbereitenden Arbeiten zur Errichtung eines islamischen Staates gewann die Bewegung für eine islamische Verfassung nach der Gründung Pakistans trotz des heftigen Widerstands der Regierung der Muslimliga so sehr an Stärke.
Nach dem Märtyrertod von Sayyid Ahmad Barelwi (r.) und Shah Ismail Shahid (r.) auf dem Schlachtfeld von Balakot im Jahr 1831 fiel der von ihnen gegründete islamische Staat. Ich habe hier versucht, einen kurzen Überblick darüber zu geben, welche Zustände danach ein ganzes Jahrhundert lang unter den Muslimen herrschten. Daraus lässt sich erahnen, warum innerhalb von hundert Jahren keine weitere Bewegung zur Etablierung der Religion entstehen konnte. Als die Unabhängigkeitsbewegung gegen die Engländer stärker wurde und die Muslime wieder erwachten und die Kraft erlangten, die Errichtung eines unabhängigen muslimischen Staates zu fordern, entstanden die Voraussetzungen für den Aufbau einer Bewegung zur Etablierung der Religion. Der Traum von der Errichtung eines islamischen Staates regte sich erneut in den Herzen der Muslime. Wenn die großen Gelehrten jener Zeit nicht den Führern des Kongresses und der Muslimliga gefolgt wären, sondern die Bewegung zur Errichtung eines islamischen Staates hätten führen können, wäre die Geschichte des Subkontinents vielleicht anders verlaufen. Das erhabene Ziel, Pakistan zu einem islamischen Staat zu gestalten, wäre vielleicht verwirklicht worden. Es war das Unglück der Muslime des Subkontinents, dass die ehrenwerten Gelehrten im geeigneten Augenblick nicht dazu in der Lage waren, zum „Iqamat-e-Din“ aufzurufen.
Diesen Aufruf sprach Maulana Maududi im Jahr 1941 aus. Damals war er erst 38 Jahre alt. Zu jener Zeit waren jedoch fast alle großen Gelehrten entweder in den Kongress oder in die Muslimliga gespalten. Keiner dieser beiden Wege wurde allerdings unter islamischer Führung beschritten. Daraus scheint hervorzugehen, dass unter den damaligen politischen Verhältnissen für die Ulema-e-Hind die Erlangung der Freiheit von den Engländern das vorrangige Ziel war. Für die der Liga nahestehenden Gelehrten hingegen war die Teilung des Landes und die Errichtung eines unabhängigen muslimischen Staates das eigentliche Ziel. Sie hatten nicht die Stellung, diese beiden Ziele unter ihrer eigenen Führung zu verwirklichen. Daher mussten sie den Führern des Kongresses und der Muslimliga folgen.
Um aus jener bitteren Erfahrung der Geschichte die richtige Lehre zu ziehen, muss die Gelehrtenschaft Bangladeschs gründlich und besonnen nachdenken. Die Zeit ist gekommen zu erkennen, dass es die Forderung des Din ist, durch die Verkündigung und das Programm der Iqaamat-e-Deen eine Bewegung zur Umwandlung dieses Landes in einen islamischen Staat zu führen. Bei weiterer Verzögerung besteht die Gefahr ewiger Knechtschaft wie in Buchara oder aber, in eine Notlage wie Afghanistan zu geraten. Möge Allah dies verhüten! Sollte ein solcher Zustand eintreten, ist zweifelhaft, ob den Gelehrten auch nur die gegenwärtigen Möglichkeiten zum Dienst am Din erhalten blieben.
Die Bedeutung gemeinsamer Bemühungen
Niemand kann die Aufgabe der Iqaamat-e-Deen allein erfüllen. Selbst ein Prophet konnte trotz all seiner Fähigkeiten den Din nicht allein zum Sieg führen. Natürlich musste der Prophet zunächst allein beginnen. Doch jener Prophet, dessen Ruf keine Menschen erhörten und der keine Gelegenheit erhielt, in organisierter Gemeinschaft zu wirken, konnte den Din nicht zum Sieg führen.
Die Aufgabe, eine Gesellschaftsordnung zu verändern und diese Gesellschaft neu aufzubauen, ist so schwierig und komplex, dass dieses große Ziel ohne die vereinten Anstrengungen einer ausreichend großen Gruppe von Menschen keineswegs erreicht werden kann. Deshalb rief jeder Prophet die Menschen, sobald er sie zur Annahme der Dienerschaft Allahs aufrief, zugleich dazu auf, ihm zu gehorchen und seine Gefährten bei der Erfüllung der Verantwortung der Iqaamat-e-Deen zu werden.
Das bedeutet: „Fürchtet Allah und gehorcht mir.“ Jeder Prophet verkündete diesen Aufruf. Denn ohne den Gehorsam einer Gruppe von Menschen ist es nicht möglich, den Din zum Sieg zu führen.
Aus diesem Grund hat die Jamaat im Islam eine so große Bedeutung. Durch die Anweisung, täglich die fünf Gebete gemeinsam zu verrichten, wurde dafür gesorgt, dass die Bedeutung eines Lebens in Gemeinschaft tief empfunden wird. Ja, ein Leben in der Jamaat wurde für den Gehorsam gegenüber dem Islam verpflichtend gemacht. Wer von der Jamaat getrennt ist, vor dem wird im Hadith mit den Worten gewarnt, dass der Satan denjenigen, der von der Jamaat getrennt ist, in seine Gewalt bringt, wie der Wolf das vom Schafrudel getrennte Schaf packt und fortträgt.
Selbst wenn während einer Reise nur zwei Menschen gemeinsam unterwegs sind, hat der Gesandte (s) angeordnet, einen von ihnen als Amir anzuerkennen und sich gemäß der Ordnung der Jamaat zu verhalten. Ein islamisches Leben ist ohne Jamaat nicht möglich, und ohne einen Amir kann es keine Jamaat geben. Dies beweist, dass ein Muslim entweder Amir (Befehlshaber) oder Ma’mur (Befehlsausführender) sein muss. Ebenso muss er beim gemeinschaftlichen Gebet entweder Imam oder Muqtadi sein. Wenn jemand weder Imam noch Muqtadi ist, muss man verstehen, dass er sich der Gebetsgemeinschaft nicht angeschlossen hat. Gleichermaßen hat jemand, der sich keiner religiösen Jamaat angeschlossen hat, überhaupt kein Programm für ein richtiges islamisches Leben angenommen. In diesem Zustand wird er sich vor den Täuschungen des Nafs und des Satans nicht bewahren können.
Zur Zeit des edlen Propheten (s) galten nur diejenigen als Muslime, die sich der Jamaat des Propheten anschlossen und ihm oder seinem Stellvertreter die Bay’a leisteten. Wer außerhalb dieser Jamaat blieb, wurde überhaupt nicht als Muslim angesehen. Diese Jamaat war die einzige Jamaat des Din, also al-Jamaat. Heute kann keine einzelne Jamaat den Rang von al-Jamaat beanspruchen. Alle Jamaat-Gruppen, die auf Grundlage des Vorbilds des Gesandten entstehen können, gelten gemeinsam als al-Jamaat. Wer sich jedoch überhaupt keiner religiösen Jamaat angeschlossen hat, befindet sich hinsichtlich seines Iman keineswegs in einer sicheren Lage.
Kein Gelehrter kann die Bedeutung der Dschamaat im Islam leugnen. Selbst wenn es nur dem Dienst an Allahs Din dient, bleibt nach Maßgabe der Hadithe keine andere Möglichkeit, als den Beitritt zu einer Dschamaat zumindest als wajib anzuerkennen. Daher muss sich jeder bewusste Muslim einer Dschamaat oder einer anderen anschließen. Wenn ihm keine der bestehenden Dschamaaten zusagt, sollte er versuchen, eine neue Dschamaat zu gründen. Eine Sache ist jedoch äußerst wichtig: Es ist die Pflicht aller, sich darum zu bemühen, jede religiöse Dschamaat gründlich kennenzulernen. Man muss sich jeder Dschamaat persönlich nähern und versuchen, sich bei den Verantwortlichen dieser Dschamaat zu informieren. Es ist völlig unvernünftig, aufgrund von Gerede oder durch die Propaganda von Gegnern einer Dschamaat verwirrt eine Entscheidung in dieser Angelegenheit zu treffen. Ein Richter, der sein Urteil fällt, nachdem er nur die Klage des Klägers angehört, ohne die Aussage des Angeklagten aufzunehmen, ist nicht geeignet, Richter zu sein. Deshalb muss man eine Dschamaat aus nächster Nähe kennenlernen, bevor man sich ein Urteil über sie bildet.
Die Brüder der Tabligh-Dschamaat erklären dies sehr schön. Sie sagen: Wenn ihr richtig wissen wollt, wie die Tabligh-Dschamaat ist, dann widmet der Dschamaat wenigstens einige Tage und bleibt bei ihr. Diese Aussage der Tabligh-Brüder ist sehr vernünftig. Dieses Argument gilt jedoch für jede Dschamaat. Wenn auch die Tabligh-Brüder andere Dschamaaten kennenlernen möchten, müssen auch sie dieser Dschamaat etwas Zeit widmen, um sie kennenzulernen. Wie sollte man die Fähigkeit erlangen, andere Dschamaaten zu vergleichen, wenn man nur die Arbeit der Tabligh macht?
Wenn ich nicht die Möglichkeit gehabt hätte, in der Tabligh-Dschamaat zu arbeiten, hätte ich mir aus der Ferne keine richtige Vorstellung von ihr machen können. Auf diese Weise erhielt ich auch die Gelegenheit, die Tamaddun-Madschlis kennenzulernen. Durch diese Madschlis gewann ich meine erste Vorstellung davon, dass der Islam eine ideologische Bewegung ist. Drei Jahre lang arbeitete ich gleichzeitig in der Tabligh-Dschamaat und in der Tamaddun-Madschlis. In der einen erhielt ich die Möglichkeit, die religiöse Seite des Islam zu pflegen, und in der anderen erhielt ich einen Hinweis auf die gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Seite des Islam. Als ich die Gelegenheit bekam, die Dschamaat-e-Islami kennenzulernen, fand ich dort alle Seiten des Islam in einer einzigen Dschamaat und trat ihr bei. Natürlich erkenne ich den Beitrag der Tabligh und der Tamaddun-Madschlis von ganzem Herzen an. Ohne das Glück, auf diese Weise vergleichen zu können, hätte ich auch in der Dschamaat, in der ich arbeite, keine Zufriedenheit empfinden können.
Ich sage nicht, dass jeder diejenige von den wenigen Dschamaaten, die ich kennenzulernen Gelegenheit hatte und der ich mich zuletzt angeschlossen habe, annehmen müsse. Meine Aussage ist vielmehr, dass bewusste Muslime sich darum bemühen sollten, alle religiösen Dschamaaten gründlich kennenzulernen. Wer sie vergleichend beurteilt und dort arbeitet, wo sie ihm am besten gefällt, wird größere Zufriedenheit empfinden. Durch den Vergleich wird er außerdem in der Lage sein, den religiösen Dienst jeder Dschamaat anzuerkennen. Eine Dschamaat stärker zu bevorzugen bedeutet nicht, dass man die anderen Dschamaaten für schlecht halten muss. Auch wenn man eine als „besser“ anerkennt, sollte man die andere zumindest als „gut“ betrachten. Nur weil man eine bevorzugt, ist es keineswegs notwendig, alle anderen für schlecht zu halten.
Merkmale der zur Verwirklichung des Din gegründeten Dschamaat
Jede Organisation, jede Dschamaat und jede Einrichtung hat ein bestimmtes Ziel. Dementsprechend gibt es dort gewöhnlich einen Plan, Menschen für dieses Ziel auszubilden. So werden beispielsweise Madrasas gegründet, um Gelehrte auszubilden. Je nach Art der Gelehrten, die man ausbilden möchte, wird ein entsprechender Lehrplan erstellt. Diejenigen, die Hochschulen gründen, wollen Menschen mit einem anderen Ziel als dem einer Madrasa ausbilden; deshalb ist auch ihr Lehrplan anders. Das Programm der Chankahs zur Ausbildung gottesfürchtiger Menschen bringt Menschen dieser entsprechenden Art hervor. Auf der Grundlage der sechs Usul der Tabligh-Dschamaat und durch die Tschilla-Methode werden Menschen jener Art ausgebildet, die durch dieses Programm hervorgebracht werden kann. Diese Dschamaat bemüht sich darum, dass die Menschen nicht im weltlichen Leben aufgehen, sondern mit dem Ziel, das ewige Leben im Jenseits aufzubauen, gelegentlich für einige Tage Abstand von ihren Häusern und Berufen nehmen und Zeit für die Arbeit der Tabligh aufwenden. Menschen auf das Jenseits auszurichten, ist zweifellos ein religiöser Dienst.
Eine Organisation jedoch, die das nichtige Gesellschaftssystem verändern und die Gesellschaft nach Allahs Ordnung und dem Vorbild des Gesandten gestalten will, muss ein Programm haben, das diesem gewaltigen Ziel entspricht. Eine solche Dschamaat weist mehrere Merkmale auf:
Erstens: Die Daʿwa dieser Dschamaat darf sich nicht nur auf einige Teile oder Aspekte des Islam richten. So umfassend der Islam ist, so umfassend wird auch die Daʿwa dieser Dschamaat sein. Ihre Daʿwa wird sich auf die ausschließliche Dienerschaft gegenüber Allah und den Gehorsam gegenüber dem Gesandten in allen Lebensbereichen erstrecken. Diese Dschamaat wird weiterhin dazu aufrufen, Allah im persönlichen, gesellschaftlichen und staatlichen Leben als den alleinigen Gebieter und den Gesandten (s.) als den alleinigen vorbildlichen Führer anzuerkennen.
Zweitens: Diese Dschamaat wird sich bemühen, der menschlichen Gesellschaft die vollständige Lehre des Islam darzulegen. Sie wird alle Anstrengungen unternehmen, den gesamten Heiligen Quran zu verstehen. Von Iman, Islam, Taqwa und Ihsan sowie Gebet, Fasten, Hadsch, Zakat, Dhikr und Tahadschud bis hin zum Familienleben, politischen Leben, wirtschaftlichen Leben und allen übrigen Bereichen des individuellen und gesellschaftlichen Lebens wird sie sich nach Kräften bemühen, sämtliche Lehren des Islam in der Gesellschaft umfassend zu verbreiten.
Drittens: Um den vollständigen Din des Islam zum Sieg zu führen, wird diese Dschamaat naturgemäß versuchen, Menschen in diese Organisation aufzunehmen, um personelle Kräfte zu gewinnen. Alle, die einer solchen Organisation beitreten, werden dies in der Überzeugung tun, dass das Ziel der Dschamaat das Ziel ihres eigenen Lebens ist. Sie werden versuchen, die Menschen für dieses erhabene Ziel zu gewinnen, und weiterhin durch persönliche Daʿwa Menschen für die Dschamaat gewinnen.
Viertens: Diese Dschamaat wird besondere Maßnahmen ergreifen, um unter denen, die ihr beitreten, die erforderlichen Fähigkeiten, den erforderlichen Charakter und die erforderlichen Eigenschaften für die Erfüllung der schwierigen Verantwortung der Iqamat ad-Din zu entwickeln. Durch jede mögliche Form von Tarbija beziehungsweise Ausbildung wird sie eine qualifizierte Schar von Mitarbeitern heranbilden.
Fünftens: Dadurch, dass diese Organisation mit dem Aufruf zur Sieghaftmachung des Islam Menschen gewinnt, müssen die bestehenden Regierungen und sämtliche etablierten Interessen (politische, wirtschaftliche, gesellschaftliche und religiöse) gegen sie aufmerksam werden. Das nichtige System oder die nichtige Religion wird eine solche Dschamaat als Gefahr für sich betrachten.
Daher werden sie mit aller Kraft versuchen, den Fortschritt dieser Dschamaat auf jede mögliche Weise aufzuhalten. Die Regierung und andere islamfeindliche Parteien werden sich gegen die Führer und Mitarbeiter einer solchen Dschamaat zusammenschließen und Propaganda betreiben, um die Bevölkerung in die Irre zu führen. Damit die Stärke dieser Organisation nicht zunimmt, werden sie die Führer und Mitarbeiter nötigenfalls ohne Gerichtsverfahren durch falsche Anklagen in ein Netz hineinziehen und ins Gefängnis schicken. Auf diese Weise werden sich sämtliche etablierten Interessen mit jeder Form der Unterdrückung gegen die Sieghaftmachung des Islam wenden.
Wenn etablierte Interessen eine Organisation trotz ihres Charakters als islamische Dschamaat dulden und nichts gegen sie unternehmen, muss man daraus schließen, dass diese Dschamaat zwar große Dienste für den Islam leistet, aber nicht mit einem Programm der Iqamat ad-Din arbeitet. Wenn etablierte Interessen oder die bestehende Regierung eine Dschamaat nicht als ihren Feind betrachten, muss man verstehen, dass diese Dschamaat kein Programm zur Errichtung der wahren Religion hat.
Sechstens: Dieser Widerstand der nichtigen Kräfte und der etablierten Interessen ist für die islamische Bewegung äußerst nützlich. Aufgrund dieses Widerstands wagen es feige und ängstliche Menschen nicht, zu dieser Bewegung zu kommen. Auch diejenigen, denen die Interessen dieser Welt am wichtigsten sind, betreten diesen Weg nicht. Dieser Weg erfordert selbstlose, mutige, kämpferische Menschen mit dschihadischer Gesinnung; genau solche Menschen schließen sich dieser Organisation an. Nur diejenigen bleiben hier bestehen, die niemanden außer Allah fürchten. Dieser Weg ist von solcher Art, dass Allah, der Erhabene, jeden prüft, der ihn betritt.
Bedeutung: „Meinen die Menschen, dass sie in Ruhe gelassen werden, sobald sie sagen: ‚Wir haben Iman verinnerlicht‘, und dass sie nicht geprüft werden? Doch auch diejenigen vor ihnen wurden geprüft.“ (Sure al-Ankabut: 2–3)
Nur weil es zur Zeit des Gesandten (s.a.w.) eine Bewegung zur Etablierung der Religion gab, mussten die edlen Gefährten so viele Prüfungen durchstehen. Wenn heute eine Jamaat diese Aufgabe übernimmt, wird auch sie Prüfungen durchstehen müssen. Ohne diese Prüfungen ist es nicht möglich, Menschen zu gewinnen, die geeignet sind, den Islam zu etablieren.
Siebtens: Ein weiteres Merkmal der Bewegung zur Etablierung der Religion besteht darin, dass niemand in dieser Organisation nach einem anderen Maßstab als Ikhlas, Taqwa sowie Opferbereitschaft und Hingabe für die Bewegung als Führer eingesetzt wird. Parteien, deren eigentliches Ziel die Eroberung der Macht ist, nehmen Führer anderer Parteien aus politischen Gründen in ihre eigenen Reihen als Führer auf. In einer Organisation zur Etablierung der Religion kann niemand als „fertiger“ Führer aufgenommen werden. Denn jemanden zum Führer zu machen, der nach Führung verlangt, widerspricht den islamischen Prinzipien.
Deshalb kann es in dieser Organisation keinen Wettbewerb um die Führung geben. Auch ein Führungskonflikt ist hier unmöglich. Niemandem steht ein Weg offen, einer solchen Organisation mit dem Ziel beizutreten, Führer zu werden. Wenn jedoch eine führende und qualifizierte Person einer Partei sich dieser Organisation aufrichtig anschließt, führen ihr Verhalten und ihre Arbeitsweise sie rasch in eine Führungsposition. Denn die Verantwortlichen einer solchen Organisation sind eifrig bemüht, qualifizierteren Personen Verantwortung zu übertragen, sobald sie diese finden.
Niemand in einer solchen Organisation versucht, Führer zu werden. Vielmehr werden Personen, die für eine Führungsposition geeignet sind, gebeten, die Führung zu übernehmen. Niemand wird allein aufgrund seines Ruhms, seines Geldes oder seiner akademischen Abschlüsse zum Führer gemacht. Die Führung wird nach den Maßstäben von Idealen und Charakter ausgewählt.
Achtens: Eine wahrhaft islamische Jamaat benutzt keine bestimmte Persönlichkeit als Mittel, um Menschen für die Bewegung zu gewinnen. Für eine zur Etablierung der Religion gegründete Jamaat ist das islamische Ideal die eigentliche Anziehungskraft. Menschen für dieses Ideal zu gewinnen, ist ihr besonderes Merkmal. Mittelpunkt und Grundlage der Organisation des Propheten ist die Persönlichkeit des Propheten. Außer dem Propheten sollte keine andere Persönlichkeit die Grundlage der Organisation bilden. Wenn eine Organisation um eine bestimmte Persönlichkeit herum aufgebaut wird, kann ihre Existenz nach dem Tod dieser Person nicht fortbestehen. Wenn jedoch das Ideal die eigentliche Grundlage der Organisation ist, gefährdet der Tod ihres Gründers nicht deren Existenz.
Gibt es in Bangladesch eine solche Jamaat?
Für diejenigen, die die Verantwortung für die Etablierung der Religion wirklich empfinden, ist diese Frage äußerst wichtig. Es muss gründlich bedacht werden, ob man vor Allah Rechenschaft ablegen muss, wenn man unter dem Vorwand, keine in jeder Hinsicht ansprechende und vollständige Jamaat zu finden, die Arbeit zur Etablierung der Religion unterlässt. Ebenso wie es falsch ist, allein zu beten, statt sich der Gemeinschaft anzuschließen, nur weil man den Imam der Moschee nicht mag, ist es auch ein großer Fehler, ohne eine Jamaat zu leben, weil man keine ideale Jamaat gefunden hat.
Wenn Sie geeignet sind, Imam zu werden, und regelmäßig in die Moschee gehen und das Gemeinschaftsgebet verrichten, können die Betenden den ungeeigneten Imam absetzen und Sie selbst zum Imam machen. Dann wird die Moschee durch einen geeigneten Imam noch stärker belebt werden. Ebenso können Sie sich der Jamaat anschließen, deren Ziel der Etablierung der Religion Sie vergleichsweise bevorzugen, und versuchen, sie weiter zu verbessern. Wenn Sie selbst in der Lage sind, eine Jamaat zu gründen, dann tun Sie genau das. Doch man muss anerkennen, dass es ohne eine Jamaat für niemanden möglich ist, die Verantwortung für die Etablierung der Religion zu erfüllen.
Einmal stellte sich auch in meinem Herzen in großer Deutlichkeit die Frage, mit welcher Jamaat ich diese Arbeit verrichten sollte. Wie ich bereits gesagt habe, liebe ich die beiden Organisationen noch immer, in denen ich gleichzeitig tätig war. Doch als mein Gewissen eine andere Jamaat für die Iqāmat ad-Dīn als geeigneter erachtete, begann ich, in jener Jamaat zu arbeiten. Diese Angelegenheit hängt vollständig vom Gewissen jedes Einzelnen ab. Jeder muss auf der Grundlage seines Wissens über den Dīn, seines Verantwortungsbewusstseins für die Iqāmat und des Islams selbst über diese Frage entscheiden. Nicht jeder muss mit der Entscheidung, zu der ich gelangt bin, mit mir übereinstimmen. Doch jeder trägt die Verantwortung, eine geeignete Jamaat auszuwählen, indem er sie an den Eigenschaften misst, die für die Iqāmat ad-Dīn erforderlich sind.
Die Verantwortung für die Iqāmat ad-Dīn ist keine so geringfügige Angelegenheit, dass man einer Jamaat plötzlich und unüberlegt beitreten könnte, ohne sie gründlich zu vergleichen und zu prüfen. Bei der Auswahl muss man darauf achten, ob die Jamaat, der man beitreten will, über eine für die Iqāmat ad-Dīn geeignete Daʿwa und ein entsprechendes Programm verfügt, in welchem Maß sie dafür sorgt, geeignete Menschen für die Iqāmat auszubilden, und in welchem Umfang sie die für die Iqāmat erforderlichen Eigenschaften besitzt. Nach dem Maß an Wissen, Verstand und Gewissen, das Allah, der Erhabene, mir gegeben hat, habe ich für das Ziel der Iqāmat keine Jamaat gefunden, die der Jamaat-e-Islami überlegen wäre. Ich bemühe mich nach Kräften, diese Jamaat weiterzuentwickeln und die Mängel und Fehler, die in ihr bestehen, zu beseitigen. Denn nach meiner Einschätzung ist die Jamaat der ehrenwerten Gefährten die einzig vorbildliche Jamaat. Wenn ich die Jamaat-e-Islami an jener Jamaat messe, stelle ich in ihr viele Mängel und Fehler fest. Ich bitte Allah um Hilfe, damit ich nicht so kleinmütig werde, mich im Vergleich zu den anderen Jamaats des Landes am Vorrang der Jamaat-e-Islami zu erfreuen. Wenn diese Jamaat die große Verantwortung der Iqāmat ad-Dīn übernehmen will, muss sie die Jamaat der ehrenwerten Gefährten als Vorbild betrachten und alles daransetzen, dieses Niveau zu erreichen, soweit dies möglich ist. Es gibt keinen Anlass zur Selbstzufriedenheit, nur weil man sich mit einer der bestehenden Parteien vergleicht.
Mit aufrichtigem religiösem Eifer erkläre ich, dass ich es als verpflichtend ansehen würde, diese Jamaat zu verlassen und jener Organisation beizutreten, falls ich eine Organisation fände, die für die Aufrichtung von Allahs Dīn in diesem Land noch geeigneter wäre als die Jamaat-e-Islami. Denn die Iqāmat ad-Dīn ist mein Ziel. Ich bin überzeugt, dass es meine Pflicht ist, mich jener Jamaat anzuschließen, durch die dieses große Ziel mit größerer Wahrscheinlichkeit und Hoffnung erreicht werden kann.
Die Jamaat-e-Islami und Maulana Maududi (r.)
Ob man der Jamaat-e-Islami zum Zweck der Iqāmat ad-Dīn beitreten sollte, muss der Beitretende selbst abwägen. Der Gründer dieser Jamaat war Maulana Sayyid Abul Aʿla Maududi (r.). Obwohl er nicht mehr unter den Lebenden weilt und verschiedene Aussagen über ihn verbreitet sind, möchte ich daher einige notwendige Worte über das Verhältnis des Verstorbenen zur heutigen Jamaat-e-Islami vortragen:
Erstens: Maulana Sayyid Abul Aʿla Maududi (r.) hat sein ganzes Leben lang darauf bestanden, dass niemand außer Allahs Gesandtem (s.) blind befolgt werden sollte. Nur der Gesandte ist durch die Offenbarung geleitet und daher unfehlbar. Niemand sonst steht über dem Irrtum.
Daher bin ich nicht bereit, irgendeine Aussage Maulana Abul Aʿla Maududis (r.) anzunehmen, ohne sie am Prüfstein des Gesandten zu prüfen. Was von seiner Meinung mir im Licht des Qurʾān und der Sunna annehmbar erscheint, davon nehme ich so viel an. Dies ist das Prinzip der Jamaat-e-Islami.
Als er 1941 zum Amir der Jamaat gewählt wurde, gab er folgende Erklärung ab:
„Abschließend möchte ich eine Sache klarstellen. In Bezug auf Fiqh und Ilm al-Kalam habe ich eine eigene Methode. Ich habe sie auf Grundlage meiner persönlichen Nachforschungen und Forschungen entwickelt. Diejenigen, die in den vergangenen acht Jahren den ‚Tarjuman-ul-Qur’an‘ gelesen haben, wissen dies sehr wohl. Gegenwärtig wurde ich in das Amt des Amir dieser Jamaat eingesetzt. Daher muss ich klar sagen, dass alles, was ich bisher über Fiqh und Kalam geschrieben habe, und alles, was ich künftig schreiben oder sagen werde, nicht als Entscheidung des Amirs der Jamaat-e-Islami gelten wird, sondern als meine persönliche Meinung. Ich möchte mein persönliches Urteil in diesen Fragen den anderen Gelehrten und Forschern der Jamaat nicht aufzwingen, und ich möchte auch nicht, dass mir seitens der Jamaat solche Beschränkungen auferlegt werden, durch die mir im Bereich des Wissens die Freiheit genommen wird, zu forschen und meine Meinung zu äußern. Ich weise die Mitglieder der Jamaat (Arkān) bei Allah an: Keiner von euch soll meine Aussagen über die Wissenschaften des Fiqh und Kalam anderen gegenüber als Beweis vorbringen. Ebenso soll niemand meine persönlichen Handlungen – die ich nach eigener Untersuchung und Forschung für zulässig erachtet habe – als Beweis heranziehen und ihnen nicht bloß deshalb, weil ich sie getan habe, ohne eigene Prüfung folgen. In dieser Hinsicht besitzt jeder vollkommene Freiheit. Diejenigen, die über Wissen verfügen, sollen gemäß ihrer eigenen Forschung und Untersuchung handeln; diejenigen aber, die nicht über Wissen verfügen, sollen gemäß der Forschung und Untersuchung derjenigen handeln, denen sie in Fragen des Wissens vertrauen. Darüber hinaus steht jedem die Freiheit zu, in dieser Frage eine entgegengesetzte Meinung zu vertreten und seine eigene Ansicht zu äußern. Wir können alle, obwohl wir in kleinen und nebensächlichen Fragen unterschiedliche Auffassungen vertreten, einander Argumente und Beweise vorlegen und in Diskussionen eintreten, dennoch derselben Jamaat angehören – so wie es die ehrwürdigen Sahaba, möge Allah mit ihnen zufrieden sein, taten.“
Zweitens: In der Jamaat-e-Islami gibt es Anhänger der hanafitischen Madhhab und der Ahl al-Hadith. Dieser Jamaat können Menschen jeder Madhhab der Ahl as-Sunna wa-l-Dschama’a beitreten. Die Jamaat-e-Islami verpflichtet als Jamaat niemanden, der Fiqh einer bestimmten Madhhab zu folgen. Diejenigen, die der Jamaat beitreten, folgen ihrer jeweiligen Madhhab. Mawlana Maududi war Anhänger der hanafitischen Madhhab. Doch innerhalb der Jamaat gibt es auch Anhänger der Ahl al-Hadith.
Drittens: Jeder in der Jamaat besitzt die vollständige Freiheit, aus den Büchern aller früheren und heutigen Autoren über den Islam selbstständig Ansichten zu übernehmen. Beim Erwerb von Wissen aus klassischen und modernen Tafsir-Werken, Hadith-Sammlungen, Fiqh-Werken und dergleichen hat jeder das Recht, unabhängig seine eigene Auffassung festzulegen. Gerade weil Mawlana Maududi der Gedankenfreiheit eine so große Bedeutung beigemessen hat, besteht keine Gefahr, ihm blind zu folgen.
Viertens: Die Jamaat-e-Islami betrachtet Mawlana Maududi nicht als Imam in Fiqh oder in den Glaubenslehren. Es gehört auch nicht zu den Grundsätzen der Jamaat, seinem Idschtihad zu folgen. Für die Jamaat-e-Islami besitzt Mawlana Maududi aus drei Gründen eine besondere Stellung.
(a) In unserer Zeit hat Mawlana Maududi durch seine Schriften, in denen er den Islam als die einzige vollständige Lebensordnung darstellt, der Religion des Islam ihren richtigen Stellenwert wiedergegeben. Durch die große Zahl seiner Bücher und Schriften haben die Menschen zu verstehen gelernt, dass die in der Gesellschaft verbreitete falsche Vorstellung, der Islam sei auf den religiösen Bereich beschränkt, unzutreffend ist. Auf diesem Subkontinent war diese umfassende Vorstellung vom Islam nicht in solcher Klarheit vorhanden. Er allein hat den Menschen des Subkontinents deutlich vermittelt, dass es zu den Forderungen des Islam gehört, in allen Bereichen des persönlichen und gesellschaftlichen Lebens Allah zu dienen und dem Propheten zu gehorchen. Er hat auf höchst anschauliche Weise dargelegt, dass der Qur’an und die Sunna die einzige richtige und umfassende Rechtleitung für das gesamte menschliche Leben sind.
(b) Mawlana Maududi hat mit großer Nachdrücklichkeit dargelegt, dass es die wichtigste Pflicht eines Muslims ist, die Religion des Islam in der menschlichen Gesellschaft praktisch zu verwirklichen. Darüber hinaus war er in diesem Jahrhundert der Erste, der auf dem Subkontinent zum Aufbau der Religion aufrief und einen gemeinschaftlich organisierten Kampf gegen das Falsche führte. Diejenigen, die diesem Aufruf zur Verwirklichung der Religion gefolgt sind und ihm weiterhin folgen, halten es angesichts der Bedeutung dieser Bewegung für eine Pflicht, sich in einer Jamaat zu organisieren.
Gerade weil er zu einer solchen Bewegung aufgerufen hat, um den Islam zum Sieg zu führen, ist der Islam heute auf dem gesamten Subkontinent zu einer revolutionären Bewegung geworden. Selbst unter modern gebildeten Menschen und Studenten hat der Ruf des islamischen Erwachens Widerhall gefunden.
(c) Das Organisationstalent, das Mawlana Maududi bei der wissenschaftlich fundierten und systematischen Organisation der Muslime gezeigt hat, ist in unserer Zeit beispiellos. Um die Muslime angesichts der starken Organisationen der Anhänger des Falschen in der modernen Zeit in eine disziplinierte Kraft zu verwandeln, gab er ihnen eine Organisationsstruktur und Arbeitsmethoden. Deshalb besteht trotz seines Fortgangs aus dieser Welt keine Gefahr, dass die Organisation in irgendeiner Hinsicht geschwächt wird.
Die Jamaat-e-Islami betrachtet Maulana Maududi (rahimahullah) weder als einen Übermenschen noch als ein Wesen, das blinde Verehrung hervorrufen könnte. Obwohl sich in ihm infolge seines lebenslangen Bemühens, die Übertreibung der Verehrung im religiösen Bereich zu beenden, trotz seiner zahlreichen seltenen Eigenschaften viele besondere Vorzüge vereinigten, hat die Jamaat dem Maulana keinerlei übermäßige Verehrung oder besondere Auszeichnung zuteilwerden lassen.
Allerdings haben die gebildeten Kreise der Welt Maulana Maududi (rahimahullah) uneingeschränkt als den bedeutendsten islamischen Denker, Schriftsteller und Mujahid dieser Zeit sowie als die entschlossenste Persönlichkeit im Widerstand gegen die moderne Jahiliyyah oder gegen islamfeindliche Ideologien anerkannt. Dennoch hielt es die Jamaat-e-Islami nicht für notwendig, die Persönlichkeit des Maulana vor den Menschen hervorzuheben, um die islamische Bewegung voranzubringen. Der Maulana war in dieser Angelegenheit so wachsam, dass er die Feier seines Geburtstages nicht erlaubte. Auch nach seinem Tod wird auf dem Subkontinent weder sein Geburtstag noch sein Todestag begangen. Dabei besteht die Jamaat-e-Islami in Bangladesch, Indien, Pakistan und Sri Lanka als offene Organisation. Doch nirgendwo wird die Persönlichkeit Maulana Maududis (rahimahullah) herausgestellt.
Maulana Maududi (rahimahullah) analysierte die Probleme der modernen Zeit und die verschiedenen von Menschen entwickelten Lösungen, wies im Licht des Korans und der Hadithe deutlich auf die Mängel dieser Lösungen hin und legte die islamische Lösung mit solcher Sachkunde dar, dass es für moderne gebildete Menschen wie uns leichter wurde, den Islam zu verstehen. Deshalb wird es in der modernen Zeit zunehmend unmöglich, eine islamische Bewegung ohne die von Maulana Maududi (rahimahullah) verfasste islamische Literatur zu führen. Daher ist die Jamaat-e-Islami darauf angewiesen, aus seinen Büchern Nutzen zu ziehen. Wenn es das Ziel gewesen wäre, Maulana Maududi (rahimahullah) zu propagieren, dann wären sein Geburtstag und sein Todestag gewiss begangen worden.
Der Weltprophet, den Maulana Maududi (rahimahullah) als den einzigen Führer lehrte, dem man in allen Lebensbereichen folgen soll, ist der eigentliche Führer der Jamaat-e-Islami. Als Maulana Maududi (rahimahullah) Amir der Jamaat war, wurde ihm niemals übermäßige Verehrung entgegengebracht. Seine wahre Würde kann allein Allah, der Erhabene, verleihen. Die Jamaat hat keine Verantwortung dafür übernommen, seine Stellung in der Welt zu erhöhen.
Fünftens: Fast sieben Jahre lang hatte ich Gelegenheit, mit bedeutenden islamischen Denkern und angesehenen Gelehrten aus vielen Ländern der Welt, einschließlich der arabischen Welt, zusammenzutreffen. Ich fand, dass sie alle Maulana Maududi (rahimahullah) zutiefst verehrten. Alle haben Maulana Maududi (rahimahullah) als den bedeutendsten islamischen Denker dieser Zeit anerkannt. Außerhalb Pakistans, Indiens und Bengalens hat keine islamische Persönlichkeit Einwände gegen die Schriften des Maulana erhoben. Dabei ist seine Literatur umfassend ins Arabische und Englische übersetzt worden.
Aus der Tatsache, dass auch die großen islamischen Denker der Welt in der Literatur Maulana Maududis (rahimahullah) dieselbe Darstellung des Islam lasen, ist bei mir der Eindruck entstanden, dass einige Gelehrte unseres Landes, die gegen Maulana Maududi (rahimahullah) Fatwas erlassen haben, seine Literatur wahrscheinlich nicht gründlich gelesen haben.
Im Zusammenhang mit der Bewegung für ein ungeteiltes Indien beziehungsweise für Pakistan widersprachen Maulana Maududis entschiedene islamische politische Gedanken in den dreißiger und vierziger Jahren dieses Jahrhunderts den politischen Vorstellungen vieler bedeutender Gelehrter. Von ihrer Seite aus wurden diese Fatwas verbreitet. Daher scheint es, dass die Fatwas aus politischen Gründen erlassen wurden. Für diese Fatwas lässt sich keine solide religiöse Grundlage finden.
Fatwas gegen die Jamaat
Die Jamaat verschwendet keine Zeit damit, sich mit jenen zu streiten, die Fatwas gegen die Jamaat-e Islami erlassen und verbreiten. Diejenigen Fatwas, die von Menschen verbreitet werden, die nicht gegen die Kräfte des Falschen kämpfen, keinen Konflikt mit der modernen Dschāhilīya haben, kein Programm zur Errichtung der Religion besitzen und sich nicht gemeinschaftlich dafür einsetzen, den Islam zum Sieg zu führen, genießen bei bewussten Muslimen keinerlei Bedeutung. Vielleicht besteht ihre Absicht darin, durch diese Fatwas jene Menschen von der Jamaat fernzuhalten, die den Verbreitern dieser Fatwas blind ergeben sind.
Die Jamaat erkennt ihre religiösen Dienste an und hegt keinerlei Feindschaft gegen sie. Im Hinblick auf die islamische Bewegung betrachtet sie sie nicht als Gegner. Die Gegner der Jamaat sind die säkularistischen, sozialistischen und engstirnig-nationalistischen Bewegungen. In dem Konflikt zwischen der Religion der Wahrheit und der Religion des Falschen, der im Land stattfindet, werden jene Fatwas natürlich zugunsten des Falschen eingesetzt. Dennoch ist die Jamaat wegen dieser Fatwas nicht beunruhigt, denn sie will weder etwas gegen diejenigen unternehmen, die diese Fatwas erlassen, noch etwas gegen sie sagen. Die Jamaat betrachtet sie nicht als gegnerische Kräfte. Sie führt keinen Kampf gegen sie.
Aus dem Inhalt dieser Fatwas geht hervor, dass die Fatwa-Erlasser bestimmte Aussagen aus den Büchern von Maulana Maududi (r.) für anstößig halten und es für notwendig erachten, die Fatwa auch gegen die Jamaat zu richten, weil er deren Gründer ist. Wie ich bereits gesagt habe, ist es unvernünftig, jede Aussage von Maulana Maududi (r.) als Stellungnahme der Jamaat zu betrachten. Wenn überhaupt eine Fatwa erlassen werden soll, dann sollte sie gegen den Verfasser und nicht gegen die Jamaat gerichtet sein.
Es ist nicht notwendig, dass jeder mit allen Aussagen in den von Maulana Maududi verfassten Büchern übereinstimmt. Wenn daher unter den ehrenwerten Ulema diejenigen, die in seinen Schriften Fehler sehen, diese auf wissenschaftlicher Grundlage und anhand von Argumenten aus Koran und Hadith kritisieren, werden auch die Mitglieder der Jamaat von ihrem Wissen profitieren. Fehler im Bereich des Idschtihad können jedem unterlaufen. Wenn qualifizierte Gelehrte diese Fehler aufzeigen, werden sie der Religion einen großen Dienst erweisen. Allerdings ist diese Aufgabe sehr schwierig. Wenn man es dagegen für einfacher hält, eine Fatwa zu erlassen, ohne diese Aufgabe zu übernehmen, erhöht dies nicht das Ansehen der Fatwa-Erlasser. Wo der Kampf zwischen Wahrheit und Falschheit stattfindet, wird eine solche Fatwa zur Unterstützung des Falschen.
Wenn die Fatwa-Verfasser zum Zweck der Erfüllung der großen Verantwortung der Errichtung der Religion eine religiöse Jamaat gründen, die der Jamaat-e Islami überlegen ist, und Mitarbeiter wie wir zu der Überzeugung gelangen, dass wir das Ziel, mit dem wir der Jamaat beigetreten sind – nämlich den Islam zu etablieren –, durch den Beitritt zu ihrer Jamaat besser erreichen können, dann würden wir nicht im Geringsten zögern, diese Jamaat zu verlassen und zu ihrer Jamaat überzugehen. Wenn jedoch diejenigen, die kein Programm zur Errichtung der Religion haben, ihre Pflicht dadurch als erfüllt betrachten, dass sie Fatwas gegen die Jamaat erlassen, verlieren sie auch in den Augen ihrer bewussten Anhänger, Gefolgsleute und Schüler an Ansehen.
Da das Erlassen solcher Fatwas keine wirkliche Diensterweisung für den Islam darstellt, sondern sie dadurch in die Reihe der Gegner der islamischen Bewegung aufgenommen werden, können wir über Diener der Religion wie sie nichts weiter sagen, als zu beten, dass Allah, der Erhabene, ihnen die Fähigkeit schenke, dies zu erkennen. Erst im Gericht des Jenseits wird endgültig offenbar werden, wer auf der Seite der Wahrheit gewirkt hat und wer dem Falschen Beistand leistete.
Ich ersuche die Fatwa-Verfasser, die von der Jamaat-e Islami unternommenen Bemühungen um die Errichtung der Religion eingehend und sachgerecht zu prüfen. Ich bitte sie, die Fähigkeiten, die Allah, der Erhabene, ihnen verliehen hat, nicht für negative, sondern für positive Tätigkeiten zugunsten des Islam einzusetzen. Wenn sie jedoch in der Absicht, die Jamaat-e Islami zu verbessern, auf Fehler und Mängel jeglicher Art hinweisen, wird die Jamaat ihnen für diesen großen Dienst dankbar sein. Diejenigen, die sich mit aufrichtigem Mitgefühl um eine solche Verbesserung bemühen, sprechen nicht in der Sprache einer Fatwa.
Maulana Maududi (r.) betreffende Fatwa
Maulana Saiyid Abul A’la Maududi (r.) hat über den Islam mehr als hundert große und kleine Bücher verfasst, darunter eine Tafsir des Heiligen Qur’an und eine Biografie des Gesandten Allahs (s.). Seine zahllosen Leserinnen und Leser sind im In- und Ausland verbreitet. Bei jemandem, der so viel geschrieben hat, ist es nicht ungewöhnlich, dass sich in seinen Schriften Fehler und Mängel finden. Wenn diejenigen, die sich der Pflege des Wissens widmen, seine Schriften auf der Grundlage von Argumenten und Beweisen kritisieren, wird dies der Religion gewiss Nutzen und Dienst erweisen. Auch ich habe großen Nutzen daraus gezogen, einige Schriften von Gelehrten des Subkontinents zu diesem Thema zu lesen.
Doch einige wenige Personen haben Zitate aus seinen verschiedenen Schriften derart entstellt ausgelegt, dass jeder Leser, der sowohl das Originalbuch als auch die Schriften der Kritiker liest, gezwungen sein wird anzuerkennen, dass zwischen der eigentlichen Aussage des Autors und der Kritik keinerlei Übereinstimmung besteht. Aus der Sprache mancher Kritiker tritt ihre Feindseligkeit offen zutage.
Diejenigen, die blind oppositionell und feindselig sind, verwenden nicht eine Sprache, die zur Korrektur geeignet wäre, sondern das Mittel der Fatwa – manche ihrer Äußerungen erreichen sogar das Niveau niederer Beschimpfungen. Nur wenn diejenigen, die nach der Wahrheit suchen, versuchen, das Originalbuch zu lesen, können sie ein Urteil fällen. Wenn diejenigen, die das Originalbuch nicht gelesen haben, allein aufgrund der Schrift eines Kritikers zu einem Urteil gelangen, wird ihm gewiss Unrecht getan. Ein Richter, der ein Urteil fällt, nachdem er nur die Beschwerde des Klägers angehört hat, ohne die Aussage des Angeklagten aufzunehmen, kann niemals als gerechter Richter bezeichnet werden.
Ich akzeptiere eine Aussage nicht allein deshalb als richtig, weil Maulana Maududi sie geschrieben hat. Die Aussagen, die er mit Belegen aus Qur’an und Sunna vorträgt, akzeptiere ich erst, nachdem ich sie mit meiner Vernunft und meinem Verstand geprüft habe. Daher zögere ich nicht, die Worte derjenigen anzunehmen, die ihn auf der Grundlage von Belegen und Argumenten kritisieren. Denn ich halte Maulana Maududi (r.) nicht für fehlerlos. Doch diejenigen, die in der Sprache einer Fatwa sprechen, halte ich nicht für beachtenswert, weil ihr Ziel offenbar eher darin besteht, die Menschen irrezuführen, als die Fehler des Maulana zu korrigieren.
Einige Gelehrte Bangladeschs haben gegen das Buch „Khilafat und Mulukiyyat“ von Maulana Maududi (r.) entschiedene Einwände erhoben. Unter ihnen halte ich die von Hazrat Maulana Shamsul Haq Faridpuri (r.) verfasste Schrift „Fehlerkorrektur“ unbedingt für lesenswert. Maulana Faridpuri (r.) liebte Maulana Maududi (r.) sehr und war auch mir gegenüber sehr liebevoll. Da ich eng mit ihm verkehrte, wusste ich, dass er erhebliche Einwände gegen „Khilafat und Mulukiyyat“ hatte. Er griff Maulana Maudis Absicht nicht an und hielt ihn auch nicht für einen Gegner der ehrwürdigen Gefährten. Einige der Historiker, auf die sich Maulana Maududi (r.) beim Verfassen von „Khilafat und Mulukiyyat“ berief, hielt Maulana Faridpuri für Schiiten; er war überzeugt, dass der Autor gerade deshalb zu falschen Schlussfolgerungen gelangt sei, weil er die Ansichten schiitischer Historiker übernommen habe.
Die Sprache, die Maulana Faridpuri (r.) in seiner Kritik des Buches „Khilafat und Mulukiyyat“ verwendet hat, zeigt, dass er keine Feindseligkeit im Herzen trug und aufrichtig schrieb. Dies wird bereits durch den Titel „Fehlerkorrektur“ deutlich. Er schrieb nicht mit dem Ziel, die Menschen irrezuführen. Wo immer er in den Schriften Maulana Maududis einen Fehler zu erkennen glaubte, versuchte er, ihn zu korrigieren. Allerdings finden sich an einigen Stellen des Buches Aussagen, die nicht zur gewöhnlich höflichen Ausdrucksweise Maulana Faridpuris (r.) passen. Allah allein weiß, ob diese Worte von anderen hinzugefügt wurden. Der Herausgeber des Buches hat gleich zu Beginn äußerst unhöfliche Äußerungen einiger Gelehrter hinzugefügt. Daher besteht der Verdacht, dass nicht alle Aussagen des Buches von Maulana Faridpuri stammen.
Ich bitte diejenigen, die gerecht urteilen und nach der Wahrheit suchen wollen, „Khilafat und Mulukiyyat“ zusammen mit der von Maulana Faridpuri (r.) verfassten „Fehlerkorrektur“ zu lesen und miteinander zu vergleichen. Die Einwände, die in der „Fehlerkorrektur“ erhoben wurden, werden ebenfalls im letzten Teil des Originalbuches beantwortet. Nachdem man das Buch gelesen hat, genügt es, jene Aussagen nicht anzunehmen, bei denen der Leser den Eindruck gewinnt, Maulana Maududi (r.) habe sich geirrt. Nicht jede Aussage eines Autors muss richtig sein.
Es ist jedoch äußerst bedauerlich, dass einige Kritiker aufgrund dessen, was im Buch „Khilafat und Mulukiyyat“ über Hazrat Muawiya (r.) erörtert wird, zu beweisen versucht haben, Maulana Maududi (r.) sei ein Verunglimpfer und Beleidiger der ehrwürdigen Gefährten gewesen. Die feindselige Sprache ihrer Schriften erweckt den Eindruck, Maulana Maududi habe das Buch angeblich mit dem alleinigen Ziel verfasst, Hass gegenüber den Gefährten zu erzeugen. Ob sie jedoch gelesen haben, mit welch überschwänglichem und gefühlvollem Lob die ehrwürdigen Gefährten in der Tafsir des Maulana mit dem Titel „Tafhim al-Qur’an“ und in seinen anderen Büchern gemäß der Glaubenslehre von Ahl as-Sunna wa-l-Dschama’a bedacht werden, weiß ich nicht. Das im Buch „Khilafat und Mulukiyyat“ behandelte Thema steht mit einigen schmerzlichen Ereignissen der islamischen Geschichte in Verbindung, sodass es für jeden, der zu diesem Thema die Feder ergreift, unmöglich ist, zugleich zu beweisen, dass sowohl Hazrat Ali (r.) als auch Hazrat Muawiya (r.) auf der richtigen Grundlage handelten. Gemäß der Glaubenslehre von Ahl as-Sunna wa-l-Dschama’a gehört Hazrat Ali (r.) zu den rechtgeleiteten Kalifen. Hazrat Muawiya (r.) erkannte das Kalifat Hazrat Alis (r.) nicht an. Wie können beide unter diesen Umständen denselben Rang innehaben?
Maulana Faridpuri (Allah erbarme sich seiner) hat versucht, Hazrat Muawiya (Allah erbarme sich seiner) als einen weitaus geeigneteren Kalifen als Hazrat Ali (möge Allah mit ihm zufrieden sein) darzustellen. Er behauptete, sämtliche gegen Hazrat Muawiya (Allah erbarme sich seiner) erhobenen Vorwürfe seien völlig falsch. Dennoch bleibt die große Frage, warum die muslimische Umma Hazrat Muawiya (Allah erbarme sich seiner) nicht zu den rechtgeleiteten Kalifen zählt.
Obwohl Hazrat Muawiya (Allah erbarme sich seiner) ein Gefährte war, zählt Ahl as-Sunna wa-l-Dschama’a ihn nicht zu den rechtgeleiteten Kalifen. Man nennt ihn nicht Kalif, sondern Amir Muawiya (Allah erbarme sich seiner). Dafür gibt es sicherlich einen Grund. Obwohl man anerkennt, dass Hazrat Muawiya (Allah erbarme sich seiner) dem Islam große Dienste geleistet hat, haben Historiker seine Politik im Hinblick auf die Grundsätze und Ideale des islamischen Kalifats als nicht richtig beurteilt. Alle, die versucht haben, Argumente zugunsten Hazrat Muawiyas (Allah erbarme sich seiner) vorzubringen, waren gezwungen, den rechtgeleiteten Kalifen Hazrat Ali (Allah erbarme sich seiner) für schuldig zu erklären. Daher ist diese Geschichte derart problematisch, dass es gewissermaßen unmöglich ist, diese beiden als Träger desselben Ranges zu betrachten.
Daher sollte man aus einem unvermeidlichen historischen Anlass zwar die Aussagen derjenigen, die dieses Thema erörtern, zur Kenntnis nehmen, sie aber nicht unnötig unter der Allgemeinheit verbreiten. Wenn Menschen, die keine Historiker sind, darüber streiten, besteht die Gefahr, dass Fitna entsteht.
Bei der Erörterung der Grundprinzipien der islamischen Staatsordnung bezeichnete Maulana Maududi (Allah erbarme sich seiner) den Koran, die Sunna und den Idschma als Quellen des Rechts. Idschma bedeutet einhelliges Urteil. Wer anerkennt, dass die Übereinstimmung der Gelehrten der Umma Muhammads in einer Angelegenheit ein Beweis beziehungsweise eine rechtliche Autorität der Scharia ist, für den besteht kein Grund zu bezweifeln, dass er den Idschma der Gefährten als einen noch höherwertigen Beweis betrachtet.
Auf der 1950 unter dem Vorsitz von Allama Sayyid Sulayman Nadwi (Allah erbarme sich seiner) in Karatschi abgehaltenen Konferenz von 31 bedeutenden Gelehrten verschiedener Richtungen, auf der die 22 Grundsätze der islamischen Staatsordnung verkündet wurden, spielte Maulana Maududi (Allah erbarme sich seiner) eine würdige Rolle. Unter den 31 bedeutendsten Maulanas des damaligen Pakistan nahm Maulana Maududi (Allah erbarme sich seiner) eine herausragende Stellung ein. Wer gegen eine solche Persönlichkeit eine Fatwa erlässt, schädigt damit nur sein eigenes Ansehen. Es ist zweifellos eine religiöse Pflicht, die Aussagen Maulana Maududis (Allah erbarme sich seiner) mit Argumenten zu widerlegen. Ich bitte jedoch alle Beteiligten zu prüfen, ob die Verbreitung von Fatwas der Religion tatsächlich irgendeinen Nutzen bringt.
Ich glaube, es ist nicht unangebracht, hier noch eine weitere Sache zu erwähnen. Einige Gelehrte aus Pakistan, Indien und Bangladesch haben sich zweifellos abfällig über Maulana Maududi (Allah erbarme sich seiner) geäußert. Doch die bedeutendsten Ulema und islamischen Denker der Welt erkennen Maulana Maududi (Allah erbarme sich seiner) als einen der herausragendsten Gelehrten der heutigen Welt und als einen großen Experten des Islam an. Seine Tafsir und seine anderen Bücher wurden in vierzig Sprachen übersetzt, und durch sie erreicht das Licht des Islam Millionen von Menschen. Daher werden einige wenige Menschen dieses Landes das Licht weder durch Fatwas zum Erlöschen bringen noch es unterdrücken können. Ich bin überzeugt, dass sie die Bücher Maulana Maududis (Allah erbarme sich seiner) gern gelesen hätten, wenn sie sie aufmerksam gelesen hätten.
Im Dienst der geehrten Ulema und Maschāyich
Ich hege tiefen Respekt gegenüber den geehrten Ulema und Maschāyich. Denn sie sind die Erben des Propheten. Bei ihnen findet man das Wissen über den Koran und die Sunna. Für ungebildete Menschen gibt es überhaupt keinen anderen Weg, religiöses Wissen und religiöse Praxis zu erlernen, als sich an sie zu wenden. Auch modern Gebildete haben keine andere Möglichkeit, als die Hilfe der Ulema und Maschāyich in Anspruch zu nehmen, wenn sie richtiges Wissen über den Islam erlangen und dem Gesandten folgen wollen. Ein umfassendes Wissen über die Religion muss man aus dem Koran und den Hadithen gewinnen; dass englischsprachig Gebildete sowie Absolventen von Hochschulen und Universitäten ohne die Hilfe derjenigen, die auf diesem Gebiet sachkundig sind, keine Möglichkeit dazu haben, bezeuge ich selbst.
Ich hatte nicht das Glück, an einer Qawmi- oder Alia-Madrasa zu studieren, um tiefgründiges Wissen aus dem Koran, den Hadithen und der Fiqh zu erwerben. Das wenige Wissen, das Allah, der Erhabene, mir geschenkt hat, erhielt ich durch die Vermittlung rechtschaffener Gelehrter und Scheichs. Da ich auf besonderen Wunsch meines gelehrten Vaters bis zum B.A. Arabisch als eines meiner Hauptfächer studieren musste, habe ich mit den bescheidenen Kenntnissen der arabischen Sprache, die ich dadurch erworben hatte, einige Studien über den Islam unternommen. Schon während meiner Schulzeit bekam ich Gelegenheit, die ins Bengalische übersetzten Bücher von Hazrat Maulana Ashraf Ali Thanwi (r.h.) zu lesen. Als ich 1938 Schüler der achten Klasse war, wurde ich als regelmäßiger Leser der Monatszeitschrift „Neyamat“ tief von den überzeugenden Ansprachen Hazrat Thanwis (r.h.) beeindruckt. So entwickelte sich durch meine Tätigkeit als Übersetzer der Schriften Hazrat Thanwis (r.h.) eine enge Beziehung zu Hazrat Maulana Shamsul Haq Faridpuri (r.h.).
Einige Monate vor meiner M.A.-Prüfung im Jahr 1950 wurde ich durch die Tabligh Jamaat beeinflusst und begab mich nach der Prüfung auf drei Chillas. Da ich Gelegenheit bekam, in diesem Land gemeinsam mit Hazrat Maulana Abdul Aziz, dem Amir der Tabligh Jamaat, eine Chilla zu absolvieren, und anlässlich der Chilla der Tabligh Jamaat nach Hindustan reiste, wurde ich durch die Gesellschaft vieler qualifizierter Gelehrter dazu inspiriert, mein Leben dem Weg der Religion zu widmen. Durch die von Allah, dem Erhabenen, geschenkte Fähigkeit, viereinhalb Jahre lang regelmäßig in der Tabligh Jamaat zu arbeiten, entstand in meinem Leben die Überzeugung, dass die Religion des Islam die einzige Mission oder das einzige Ziel im Leben eines Muslims sein sollte.
Durch meine Verbindung mit der Tamaddun Majlis im Jahr 1952 erhielt ich die Gelegenheit, den Islam als eine revolutionäre Bewegung zu verstehen. Damals begann ich, mich mit dem Islam auch unter dem Gesichtspunkt zu beschäftigen, dass das Leben des Gesandten Allahs (s.a.w.) nicht nur auf den religiösen Bereich beschränkt war, sondern dass der Gesandte auch im gesellschaftlichen, staatlichen und wirtschaftlichen Leben eine Revolution bewirkt hatte. Durch die Tamaddun Majlis erhielt ich zum ersten Mal Gelegenheit, einige Bücher von Maulana Maududi (r.h.) auf Bengalisch und Englisch zu lesen.
Danach arbeitete ich noch zwei Jahre lang mit voller Hingabe in der Tabligh Jamaat und der Tamaddun Majlis. Indem ich gleichzeitig in diesen beiden Organisationen tätig war, erhielt ich Gelegenheit, die Bücher und Schriften beider Seiten gründlich zu lesen. Damals erkannte ich, dass es für mich unerlässlich war, wegen der religiösen und spirituellen Seite des Islam in der Tabligh Jamaat zu bleiben, während es mir ebenso unmöglich war, wegen der politischen, wirtschaftlichen und anderen Seiten des Islam die Tamaddun Majlis zu verlassen. Nachdem ich den Islam von ganzem Herzen als eine vollständige Lebensordnung angenommen hatte, fand ich die Nahrung für meinen dürstenden Geist weder allein in der Tabligh Jamaat noch allein in der Tamaddun Majlis. Daher versuchte ich, durch die Verbindung beider die vollständige Form des Islam zu erlangen.
Damals fand in der Lalbagh-Shahi-Moschee die große monatliche Versammlung der Tabligh Jamaat statt. Auch ich musste dort Reden halten. Als Hazrat Maulana Shamsul Haq Faridpuri (r.h.) meine Vorträge über die sechs Usul hörte, die ich auf der Bühne der Tabligh Jamaat hielt, bemerkte er gegenüber ihm nahestehenden Personen über mich: „Dieser Mann kann sich mit dem Programm der Tabligh Jamaat nicht zufriedengeben.“ Als ich ihn später nach meinem Beitritt zur Jamaat-e-Islami besuchte, sagte er vor vielen Anwesenden, die dies bezeugen konnten: „Habe ich nicht gesagt, dass die Tabligh Jamaat ihn nicht zurückhalten können würde?“ Als ich seine Worte hörte, erkannte ich, dass sich selbst während meiner Vorträge auf der Bühne der Tabligh Jamaat vielleicht der Ton der islamischen Revolution der Tamaddun Majlis in meinen Worten zeigte. Deshalb hatte ein so gelehrter Mann dies erahnen können. Da er mich wegen meines Beitritts zur Jamaat-e-Islami ermutigte, wurde ich darin noch bestärkt.
Im Vorwort zu meinem 1968 auf Englisch verfassten Buch „A Guide to Islamic Movement“ (Ein Wegweiser zur islamischen Bewegung) schrieb ich: „Von meinem Vater hatte ich den Islam lediglich als eine Religion verstanden. Durch die Schriften Hazrat Maulana Thanwis (r.h.) und die Gesellschaft Maulana Faridpuris (r.h.) erkannte ich, dass der Islam eine große Mission ist und dass es eine Forderung des Glaubens ist, sein Leben ihr zu widmen. Nachdem ich zur Jamaat-e-Islami gekommen war, erkannte ich, dass der Islam eine revolutionäre Bewegung ist, durch die das Streben nach der Errichtung der göttlichen Ordnung auf Allahs Erde die größte Pflicht im Leben eines Gläubigen darstellt. Nun erkenne ich dankbar an, dass Hazrat Thanwi, die Tabligh Jamaat, die Tamaddun Majlis und die Jamaat-e-Islami mich aufeinanderfolgenden Stufen dazu angeregt haben, ein wahrer Muslim zu werden. In der Jamaat-e-Islami erhielt ich die Gelegenheit, die Gestalt des vollständigen Islam ausführlich kennenzulernen.“
Außerhalb der Jamaat-e-Islami unterhielt ich Beziehungen zu einigen großen Gelehrten, von denen ich viel Licht über verschiedene Aspekte der Religion erhielt. Da sie mir Zuneigung entgegenbrachten, gaben sie mir die Gelegenheit, auch in kurzer Zeit großen Nutzen aus ihrer Unterweisung zu ziehen. Durch Hazrat Maulana Shamsul Haq Faridpuri (r.h.) hatte ich das Glück, einem großen Gelehrten wie Hazrat Maulana Nur Muhammad Azmi (r.h.) eng verbunden zu werden. In ganz Bangladesch habe ich niemanden mit einem so weiten Herzen wie diese beiden Männer gefunden – weder in ihrer Achtung vor jeder Art religiösen Dienstes und allen religiösen Organisationen noch in ihrer großzügigen Haltung gegenüber allen Menschen. Zwar hatte ich nicht mit anderen die Möglichkeit, so viel Zeit in enger Gemeinschaft zu verbringen wie mit diesen beiden, doch lernte ich von ihnen vieles Wertvolle über die anderen. Besonders erwähnenswert sind:
Hazrat Maulana Saiyid Mahmud Mustafa al-Madani, der Märtyrer (r.h.)
Hazrat Maulana Muhammad Akram Khan (möge Allah ihm barmherzig sein)
Hazrat Maulana Abdullahil Kafi al-Quraishi (möge Allah ihm barmherzig sein)
Hazrat Maulana Atahar Ali (möge Allah ihm barmherzig sein)
Hazrat Maulana Mufti Dini Muhammad Khan (möge Allah ihm barmherzig sein)
Hazrat Maulana Mufti Sayyid Amimul Ihsan (möge Allah ihm barmherzig sein)
Ich hatte das Glück, mit zahlreichen Gelehrten aus Pakistan, Hindustan und Bangladesch, die der Jamaat-e-Islami angehörten, in engen Kontakt zu kommen. Die Bücher vieler islamischer Denker innerhalb und außerhalb der Jamaat wurden für mich zu einer Wegzehrung in meinem religiösen Leben.
Mit dieser Erörterung möchte ich lediglich zum Ausdruck bringen, dass es für zahllose modern gebildete Menschen wie uns keinen anderen Weg gibt, Wissen und Praxis des Islam zu erlernen, als die Hilfe der Gelehrten und Scheichs in Anspruch zu nehmen. Durch Allahs Gnade sind heute an Schulen, Colleges und Universitäten sogar die Studenten durch die Bücher von Maulana Maududi (möge Allah ihm barmherzig sein) und anderen angesehenen Gelehrten zum Islam hingezogen worden. In dem Bildungssystem, durch das Menschen mit einer dem islamischen Wissen und der islamischen Praxis entgegengesetzten Gesinnung, Denkweise und Haltung hervorgebracht werden, haben gerade jene islamischen Schriften ein solch ermutigendes Erwachen bewirkt, die von den Gelehrten verfasst wurden.
Es besteht kein Zweifel daran, dass der größte Teil der Bücher, deren sich die studentischen und nichtstudentischen Aktivisten der islamischen Bewegung bedienen, um die verschiedenen Aspekte der islamischen Lebensordnung zu verstehen und den Heiligen Koran im Licht der islamischen Bewegung des Gesandten zu begreifen, von Maulana Maududi (möge Allah ihm barmherzig sein) verfasst wurde. Auch aus den auf Grundlage von Koran und Hadith verfassten Büchern anderer früherer und heutiger Gelehrter, die auf Bengali erhältlich sind, erwerben sie beträchtliches Wissen. Da es jedoch keinen Weg gibt, ohne die Schriften Maulana Maududis (möge Allah ihm barmherzig sein) auszukommen, lesen alle notgedrungen seine Bücher. Wenn jemand anderes über eine umfangreiche islamische Literatur verfügte und seine Schriften eine starke Bewegung gegen islamfeindliche Ansichten und Wege hätten aufbauen können, hätten viele modern gebildete Menschen wie wir diesen Weg auch ohne die Schriften Maulana Maududis (möge Allah ihm barmherzig sein) beschreiten können.
O verehrte Ulema und Mashāyikh, können Sie noch den Namen einer solchen Persönlichkeit nennen, deren Schriften uns die islamische Lebensordnung in einer für unsere Zeit geeigneten Sprache ausführlich vermitteln können? Welche Vorstellung könnten sich die gebildeten Aktivisten der Islamischen Bewegung von einem Gelehrten machen, wenn er unter diesen Umständen eine Fatwa gegen Mawlānā Mawdūdī (Allah sei ihm barmherzig) erlässt? Wenn eine religiöse Persönlichkeit sagt: „Ich mag Mawdūdīs Islam nicht“, stellt sich den Aktivisten ganz natürlich die Frage: Dass Mawdūdī (Allah sei ihm barmherzig) sich bemüht hat, den Islam zu verstehen, ist in seinen Schriften doch deutlich zu erkennen. Doch niemand hatte Gelegenheit festzustellen, ob derjenige, der dies sagt, eine gute Erklärung des Islams vorgelegt hat. Kann eine solche Erklärung dieser Person in den Herzen der Tausenden von Aktivisten auf dem Feld etwa ein positives Ansehen verschaffen? Wenn er den richtigen Islam hätte darlegen und beweisen können, dass er fähig sei, sich vor dem „falschen Islam Mawdūdīs“ zu schützen, dann hätten diejenigen, die für den Islam gegen das Falsche kämpfen, ihn selbst als ihren Führer angenommen und es nicht für nötig gehalten, die Bücher Mawlānā Mawdūdīs (Allah sei ihm barmherzig) zu lesen.
Ich richte in größter Demut an alle aufrichtigen Ulema und Mashāyikh die Bitte: Nehmen Sie sich bitte etwas Zeit und Mühe und lesen Sie Mawlānā Mawdūdīs (Allah sei ihm barmherzig) in sechs Bänden verfasstes Tafsīr „Tafhīm al-Qurʾān“ sowie die siebenbändige Sammlung „Rasāʾil wa Masāʾil“, in der die zahllosen Fragen der Menschen unserer Zeit beantwortet werden. Treffen Sie nicht allein aufgrund der Äußerungen anderer ein Urteil, sondern prüfen Sie selbst und entscheiden Sie. Das ist eine gewaltige Verantwortung. Vor Allah werden wir alle Rechenschaft ablegen müssen.
Wie viele gewaltige Fitnas gegen den Islam haben sich heute in Bangladesch erhoben! Säkularismus, sprachbasierter Nationalismus, Sozialismus und andere Kräfte sind mit großer Macht daran beteiligt, von diesem Land aus die islamischen Ideale zu beseitigen. Wer auf dem tatsächlichen Feld wie viel für den Islam tut, um diesen Fitnas entgegenzutreten, kann die gesamte Bevölkerung des Landes sehen. Wen die ant islamischen Kräfte als ihre eigentlichen Feinde betrachten, sehen Sie alle. Haben diejenigen, die sich auf dem Feld, an Hochschulen und Universitäten sowie anderswo der Islamischen Bewegung widmen und gegen die sich Säkularisten und Sozialisten gemeinsam wenden, nicht das Recht auf Ihre Hilfe, Ihr Mitgefühl und Ihre Unterstützung?
Geht das Vorgehen derjenigen, die keine Bewegung gegen die Feinde des Islams führen, sondern die Islamische Bewegung als „Mawdūdī-Fitna“ mit einer Fatwa belegen, nicht indirekt zugunsten der Feinde des Islams? Wenn man wirklich um den Islam besorgt ist, ist es nur natürlich, die auf dem Feld tätigen islamischen Aktivisten zu unterstützen. Wenn jemand der Auffassung ist, dass bestimmte Aussagen in den Büchern Mawlānā Mawdūdīs (Allah sei ihm barmherzig) nicht mit Qurʾān und Hadith übereinstimmen, soll er diese Fehler mit Beweisen aufzeigen. Dadurch würde dem Islam ein großer Dienst erwiesen, und die Aktivisten der Islamischen Bewegung wären solchen Ulema und Mashāyikh dankbar. Wenn man sich jedoch dieser Mühe nicht unterzieht und versucht, seine Verantwortung allein durch das Erlassen einer Fatwa zu erfüllen, wie können dann die Verfasser solcher Fatwas bei bewusst denkenden Menschen Ansehen erlangen?
O Ulema und Mashāyikh, ich richte an Sie die inständige Bitte, über eine Angelegenheit besonders nachzudenken und sie abzuwägen. Sie haben gewiss bemerkt, wie säkulare, indienfreundliche und sozialistische Parteien in meiner geliebten Heimat Bangladesch mit ausländischer Unterstützung versuchen, die Macht zu ergreifen. Auch unter der Studentenschaft verfügen diese Parteien über zahlreiche Organisationen. Ihnen ist ebenfalls nicht unbekannt, welchen Kampf die Jamaat-e Islami auf dem größeren Feld und die Islami Chhatra Shibir unter den Studenten gegen diese islamfeindlichen Kräfte führt. Überlegen Sie selbst, welche Pflicht diejenigen haben sollten, die den Islam lieben. Ist es unter diesen Umständen nicht eine religiöse Pflicht, der Jamaat-e Islami Hilfe und Unterstützung zu leisten? Wenn die islamfeindlichen Kräfte infolge der Nichterfüllung dieser Pflicht siegen sollten, ist es noch nicht zu spät, darüber nachzudenken, ob Ihnen dann noch die Möglichkeit bleiben wird, Ihre gegenwärtigen religiösen Dienste zu leisten.
Abschließend möchte ich darum bitten: Helfen Sie uns dabei, alle Aussagen in den von Mawlānā Mawdūdī (Allah sei ihm barmherzig) verfassten Büchern zu kennzeichnen, die nach Ihrer Auffassung der Ahl as-Sunna wa-l-Jamāʿa widersprechen. Wir glauben, dass wir der Ahl as-Sunna wa-l-Jamāʿa angehören. Sollten seine Bücher in dieser Hinsicht Fehler enthalten, werden wir sie daher keinesfalls akzeptieren. Auch in dieser Angelegenheit möchte ich die Aufmerksamkeit aller auf einen Punkt lenken. Manche führen einzelne Aussagen Mawlānā Mawdūdīs (Allah sei ihm barmherzig) getrennt vom Inhalt des Originalwerks und ohne ihren Zusammenhang auf eine Weise an, die Verwirrung hervorruft. Daher ist es nicht sicher, aufgrund einzelner, vom Originalwerk losgelöster Aussagen ein Urteil zu fällen, ohne das Originalwerk selbst einzusehen.
Ich stehe in umfassendem Kontakt mit unzähligen modern gebildeten Menschen. Die meisten von ihnen verfügen über keine gute Kenntnis der Gelehrtenschaft. In Gesprächen mit ihnen erkläre ich ihnen, dass das Wissen über die Religion von der Gelehrtenschaft erworben werden muss. Wenn ihnen gegenüber keine Achtung empfunden wird, woher soll man dann religiöses Wissen erhalten? Damit die Gelehrtenschaft bei modern gebildeten Menschen als achtungswürdig gilt, muss sie die Fehler Mawlānā Mawdūdīs (Allah sei ihm barmherzig) nicht in der Sprache einer Fatwa kritisieren, sondern sie mit der Absicht der Korrektur aufzeigen. Gebildete Menschen, die sich für den Islam interessieren, finden in den Büchern Mawlānā Mawdūdīs ihre wichtigste Grundlage. Wenn Fatwas dazu führen, dass diese Menschen in ihren Herzen Geringschätzung gegenüber den Ulema und Mashāyikh entwickeln, wird dem Islam großer Schaden zugefügt. Wenn Sie ihnen seine Fehler jedoch in einer von aufrichtiger Anteilnahme geprägten Sprache aufzeigen, wird ihre Achtung vor Ihnen noch wachsen.
— Ende —