Im Namen Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen
Vorwort
Alhamdulillah. „Die Lebensgeschichten der Gefährten des Gesandten (Band 3)“ wird veröffentlicht. Ich hatte vor, es schon früher zu veröffentlichen, doch dazu kam es nicht. Aus verschiedenen Gründen hat sich die Veröffentlichung verzögert. In diesem Band werden die Lebensgeschichten von zwanzig Gefährten aus den Reihen der Ansar vorgestellt. Wie in den beiden vorangegangenen Bänden habe ich auch hier versucht, in knapper Form die Persönlichkeit und die Taten dieser großen Gefährten darzustellen. Von Anfang an hatten wir den Lesern gegenüber versprochen, die Persönlichkeit der edlen Gefährten des Propheten, möge Allah mit ihnen zufrieden sein, in knapper Form vorzustellen. Wir haben versucht, dieses Versprechen einzuhalten. Doch kein einziges der hier vorgetragenen Worte stammt von uns selbst. Alles wurde zuverlässigen Quellen entnommen.
Nachdem „Die Lebensgeschichten (Band 1 und Band 2)“ die Leser erreicht hatten, haben viele darum gebeten, ausführlicher zu schreiben. Verschiedene Menschen gaben unterschiedliche Ratschläge. Doch es war uns nicht möglich, irgendeinen dieser Ratschläge anzunehmen. Wir sind der Meinung, dass andere ihren Wunsch erfüllen werden. Über die Taten der edlen Gefährten gibt es vieles zu schreiben.
Denjenigen, die auf vielfältige Weise dazu beigetragen haben, dass ich diese Schreibweise fortsetzen konnte, bin ich dankbar. Professor A. K. M. Nazir Ahmad, dem Direktor des Bangladesh Islamic Centre, der mich fortwährend berät und beim Schreiben unterstützt, spreche ich meinen besonderen Dank aus. Ich bete darum, dass Allah, der Erhabene, ihm den besten Lohn gewähren möge.
Abschließend gestehe ich demütig ein: Sollten sich in diesem Buch Fehler oder Unstimmigkeiten finden oder irgendwo auch nur der geringste Anschein von Respektlosigkeit gegenüber den edlen Gefährten zum Ausdruck gekommen sein, so sind dies alles meine eigenen Mängel. Ich bitte die wohlwollenden Leser, mich darauf aufmerksam zu machen.
Möge Allah, der Erhabene, dieses bescheidene Bemühen von mir als den geringsten Dienst an der Religion annehmen. Amin.
1. September 1993
13. Rabi al-awwal 1414
Muhammad Abdul Mabud
Assistenzprofessor,
Fachbereich Arabistik, Universität Dhaka,
Dhaka-1000.
Vorstellung der Ansar von Medina
Das arabische Wort „al-Ansar“ ist ein Plural. Im Singular bedeutet „Nasir“: Helfer. Die Muslime dort, die den Gesandten Allahs nach seiner Auswanderung von Mekka nach Medina willkommen hießen und ihm halfen, wurden „Ansar“ genannt. Im Wesentlichen waren sie die Angehörigen der medinensischen Stämme Aus und Chazradsch.
Die Bewohner Arabiens wurden in der Antike in drei Hauptgruppen eingeteilt: 1. al-Arab al-Baida, 2. al-Arab al-Ariba, 3. al-Arab al-Mustariba. Die Stämme, die nach der Flut des Propheten Noah in Arabien die Herrschaft errichteten und schließlich verschwanden, wurden „Baida“ genannt. Zu ihnen gehörten die Völker Ad, Thamud, Amalika, Tasam und Dschadis. Die anderen Stämme, die zur gleichen Zeit wie die Baida lebten und nach ihnen die Herrschaft über Arabien erlangten, wurden „Ariba“ genannt. Kachtan, Saba, Himjar und Main waren Zweige dieser Gruppe. Als „Mustariba“ bezeichnete man jene Stämme, die von dem Propheten Ismael abstammten und ursprünglich in den nördlichen Gebieten Arabiens lebten.
Die verbreitete Auffassung über die Ansar von Medina lautet, dass sie Nachkommen der al-Arab al-Ariba seien. Aus diesem Grund führen die arabischen Genealogen ihre Abstammungslinie bis zu Kachtan ibn Abir zurück, der als Erbe der al-Arab al-Ariba gilt. Hinsichtlich Kachtans teilen sich die Genealogen jedoch in zwei Gruppen. Die einen sagen, Kachtan selbst sei der Begründer eines unabhängigen Stammes gewesen. Die andere Gruppe betrachtet ihn dagegen nicht als Begründer eines gesonderten Stammeszweigs. Sie hält Kachtan für einen Nachkommen von Nabit ibn Ismael. Kalbi und einige Jemeniten vertraten diese Ansicht. Sie betrachteten den Propheten Ismael als den Stammvater ganz Arabiens. (Sira des Ibn Hischam, 1/7) Masudi sagt jedoch, es sei nicht richtig, dass die Jemeniten Kachtan für einen Nachkommen Nabits hielten. Vielmehr betrachteten sie Kachtan als einen Nachkommen Abirs. (Kitab at-Tanbih wal-Aschraf, 81)
Wie dem auch sei: Kachtan war der Begründer eines eigenständigen Stammes und einer eigenständigen Herrschaft. Seine Nachkommen waren im Jemen lange Zeit an der Macht.
Die arabischen Historiker betrachten die Ansar als Nachkommen Kachtans. Daher beginnen sie die Geschichte der Ansar mit der Zeit Kachtans. In diesem Geschlecht lebte ein Mann namens Abdi Schams. Sein Beiname war „Saba“. Er gilt als Begründer des sabäischen Königreichs im Jemen. Er hatte zwei Söhne namens Himjar und Kahl an. Vor seinem Tod rief er seine beiden Söhne, die Angehörigen der königlichen Familie und die hohen Beamten des Reiches zu sich und hinterließ ihnen folgende Anweisung: „Gebt meinem älteren Sohn Himjar den rechten Teil des Reiches und meinem jüngeren Sohn Kahl an den linken Teil.“ Da man für die rechte Hand Schwert, Peitsche und Schreibfeder und für die linke Hand Zügel, Schild und Ähnliches benötigt, beschlossen alle, dass Himjar König werden und Kahl für die Verteidigung des Reiches verantwortlich sein sollte. So wurde Himjar König. Danach gelangten sie generationenweise in den Besitz des Thrones, während die Nachkommen Kahl ans weiterhin die Verteidigung des Reiches übernahmen.
Zur Zeit des Königs al-Harith ar-Ra’is übte Amr al-Muzaiqiya weiterhin dieses Amt aus. Amrs Frau Turaifa bint Dschabr war eine „Kahina“, also eine Wahrsagerin. Eines Nachts träumte sie, dass eine dichte, schwarze Wolke den gesamten Jemen umhüllte. Durch die Blitze und das unerträgliche Dröhnen des Donners erzitterte die ganze Umgebung. Wo immer ein Blitz einschlug, wurde alles in Trümmer verwandelt. Sie erwachte voller Angst, erzählte Amr den Traum und sagte: „Nun gibt es keinen Ausweg mehr.“ Amr fragte: „Was sollen wir jetzt tun?“ Sie antwortete: „Wir müssen den Jemen sehr bald verlassen und an einen anderen Ort ziehen.“
Amr besaß großen Reichtum, Vieh und andere Güter. Er konnte nicht einfach plötzlich irgendwohin aufbrechen. Außerdem stellte sich die Frage, was er den Menschen sagen sollte. Deshalb ersann er einen Plan. Er sagte zu seinem ältesten Sohn Tha’laba: „Ich werde dir vor den Leuten einen Befehl zu einer Aufgabe geben, und du wirst so tun, als würdest du ihn nicht befolgen. Wenn ich dich zurechtweise, gibst du mir eine Ohrfeige.“ Zu Tha’laba sagte er: „Ich werde dir vor den Leuten einen Befehl zu einer Aufgabe geben, und du wirst so tun, als würdest du ihn nicht befolgen. Wenn ich dich zurechtweise, gibst du mir eine Ohrfeige.“ Tha’laba sagte: „Wie könnte ich so etwas tun?“ Amr antwortete: „Das Gute liegt gerade darin.“
Gemäß dem Plan lud Amr die führenden Männer zu einem Essen ein. Als alle anwesend waren, befahl er Tha’laba eine Aufgabe, doch dieser weigerte sich, sie auszuführen. Als Amr die Hand erhob, um ihn zu schlagen, gab Tha’laba seinem Vater kräftig eine Ohrfeige. Amr rief: „Eine solche Beleidigung!“ Tha’labas Bruder erhob sich, um ihn zu schlagen. Amr hielt ihn zurück und sagte: „Lass ihn. Ich werde meinen Besitz verkaufen und an einen anderen Ort ziehen. Für diese Unverschämtheit werde ich ihm nicht einen einzigen Heller geben.“ Auf diese Weise verkaufte Amr seine Güter zu hohen Preisen und verließ mit seiner Familie den Jemen. Danach brach der Damm von Arim, und der gesamte Jemen wurde überschwemmt und in Trümmer verwandelt.
Amr verließ Marib, fand zunächst in Akka Zuflucht und forderte seine drei Söhne Harith, Malik und Haritha auf, weiterzuziehen. Noch bevor sie zurückkehrten, starb Amr, und sein ältester Sohn „Tha’labat al-Anqa“ trat seine Nachfolge an. Später wanderten sie auch aus Akka aus und zerstreuten sich über verschiedene Gebiete Arabiens. So ließen sich in Mekka im Hidschas die Chuza’a, in Syrien die Ghassan und in Yasrib (Medina) Aus und Chazradsch nieder. Auf diese Weise endete das „Erste Saba“ genannte sabäische Königreich. Von jener Zeit an verbreitete sich das arabische Sprichwort „Tafarraqu ayadi Saba“ – „Sie zerstreuten sich wie die Macht der Sabäer“.
Manche haben die Ansicht geäußert, dies sei eine erfundene Geschichte.
Andere wiederum bezeichneten die Ansar als Nachkommen Nabits. Sie sind der Auffassung, dass die Geschichte der Ansar mit der Zeit Nabits beginnt. Demnach würden die Ansar zu den al-Arab al-Mustariba gehören.
Auf Arabisch heißt er Nabit, auf Hebräisch Nayabut. In der Tora wird er unter den Söhnen des Propheten Ismael erwähnt. Er wird als der älteste Sohn des Propheten Ismael bezeichnet. Die arabischen Historiker haben ihn nur sehr kurz beschrieben. Tabari sagte: „Allah ließ durch Nabit und Qaidar die Nachkommenschaft der Araber anwachsen.“ (Tabari, 1/352) Ibn Hischam schrieb in seiner Sira: „Nach dem Propheten Ismael ging die Verantwortung für die Betreuung der Kaaba auf seinen Sohn Nabit über.“ (Sira des Ibn Hischam, 1/63) Aus dieser Überlieferung lässt sich erkennen, dass Nabit in Mekka lebte und die Verantwortung für die Betreuung der von Abraham und Ismael errichteten Kaaba übernahm. Darüber hinaus ist nichts Weiteres über ihn bekannt.
Mekka war ein trockenes, bergiges Gebiet. Deshalb ließen sich nach Nabits Tod seine eigenen Kinder und die Kinder seiner Brüder in verschiedenen Gebieten Arabiens nieder. Nabits Nachkommen errichteten ihre Wohnsitze im Nordwesten Arabiens. Die Nachkommen Qaidars blieben jedoch weiterhin in Mekka. Als Mudad ibn Hami später die Herrschaft über Mekka an sich riss, verließen sie Mekka und ließen sich in Gebieten wie Kazima, Ghumar, Dschiqunda und Scha’schamim nieder.
Wie bereits erwähnt, hatten sich Nabits Nachkommen im nördlichen Gebiet des Hidschas niedergelassen. Dort gründeten sie vierhundert Jahre vor der Geburt des Propheten Jesus ein Königreich namens „Anbat“. Im zweiten vorchristlichen Jahrhundert wurde dieses nabatäische Reich sehr mächtig und rottete das Reich von Saba aus Nordarabien aus. Im Jahr 62 v. Chr. bestieg Harith den Thron. Er war der mächtigste König dieses Reiches. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass diese Nabatäer bis zur ersten Hälfte des zweiten christlichen Jahrhunderts mit großer Macht herrschten.
Von den Nachkommen der Anbat gibt es einen weiteren Zweig. Dieser ließ sich in einer unbekannten Epoche im Jemen nieder. Es handelt sich um den Stamm Azd oder Asad. Sie waren Nachkommen von Nabit ibn Malik. Vermutlich gelangten diese Menschen zur Zeit der Ansiedlung der Ismaeliten im Jemen oder danach dorthin. Sie lebten in Marib. Als ihre Bevölkerungszahl im Laufe der Zeit zunahm, waren sie wegen des Mangels und anderer Schwierigkeiten gezwungen, Marib zu verlassen. Als sie Marib verließen, war ihr Anführer Amr ibn Amir. In der Geschichte ist er unter dem Namen „Muzaiqiya“ bekannt. Im Grunde war er der Stammvater der gesamten Gemeinschaft der Ansar und der Ghassaniden. Die Geschichte der Ansar lässt sich seit seiner Zeit deutlich verfolgen.
Amr zog zunächst gemeinsam mit Malik ibn Jaman und dem Stamm Azd aus Marib fort. Seine Nachkommen lebten viele Zeitalter hindurch in verschiedenen Gebieten Arabiens. Zu einem bestimmten Zeitpunkt der Geschichte ließen sich die Nachkommen dieses Amr in Yasrib und seiner Umgebung nieder. Sie waren die Vorfahren der berühmten Stämme Aus und Chazradsch von Medina.
Wie viele Überlieferungen auch über die alte Geschichte der Ansar verbreitet sein mögen, tatsächlich gehen alle Stämme der Ansar von Medina auf zwei Männer namens Aus und Chazradsch zurück. Ihr Vater hieß Haritha und ihre Mutter Qaila bint Amr ibn Dschafna. Sie hatten noch einen Bruder namens Adi, dessen Nachkommen ebenfalls in Medina lebten. Über Chazradsch ist nicht viel bekannt. Über Aus weiß man jedoch, dass er ein Redner und Dichter war. Einige von ihm überlieferte tiefsinnige Aussprüche sind erhalten geblieben. Die Nachkommen von Aus, Chazradsch und Adi vermehrten sich in Yasrib und teilten sich in verschiedene Unterstämme. Diese waren:
Adi: Es gibt keinen eigenständigen Stammeszweig, der nach ihm benannt ist. Viele meinen, seine Kinder hätten sich mit Aus und Chazradsch vereinigt. Denn in Arabien werden die Neffen aufgrund des Ruhmes ihres Onkels als dessen Nachkommen bekannt. (Usd al-Ghaba, 5/204)
Aus: Er hatte einen Sohn namens Malik. Dieser Malik hatte fünf Söhne, von denen jeder der Stammvater eines eigenen Stammeszweigs war: Amr ibn Malik, Auf ibn Malik, Murra ibn Malik, Imru al-Qais ibn Malik und Dschascham ibn Malik.
Chazradsch: Chazradsch hatte fünf Söhne: Amr, Auf, Dschascham, Ka’b und Harith. Alle Zweige des Banu Nadschdsch ar, des Stammes der Mutter von Abd al-Muttalib, dem Großvater des Gesandten Allahs, waren Nachkommen von Amr ibn Chazradsch.
Noch vor der Ankunft der Vorfahren der Ansar in Medina hatten sich dort bereits Juden niedergelassen. Nach Ansicht mancher kamen sie zur Zeit des Propheten Salomo, nach Ansicht anderer erst nach der Zerstörung Jerusalems durch Nebukadnezar nach Arabien und errichteten ihre Herrschaft in Yasrib und dessen Umgebung. Später kamen die Vorfahren von Aus und Chazradsch, bauten Festungen und Häuser und begannen dort zu leben. Sie schlossen mit den Juden einen Sicherheitsvertrag. Als ihre Zahl jedoch im Laufe der Zeit zunahm, wurden die Juden von Furcht ergriffen, die sich später in Feindschaft verwandelte.
Die Angehörigen der Stämme Aus und Chazradsch lebten zunächst im selben Gebiet von Yasrib. Als die Macht der Juden später etwas geschwächt war, breiteten sie sich über die gesamten tiefer und höher gelegenen Gebiete aus und gründeten voneinander getrennte Siedlungsbereiche.
Die beiden Stämme Aus und Chazradsch lebten lange Zeit in Eintracht miteinander. Doch irgendwann entstand Feindschaft zwischen ihnen, und sie wurden in immer neue, schreckliche Kriege verwickelt. Wenn der Islam nicht erschienen wäre, wären sie vielleicht von der Erde verschwunden. Der Verfasser des Werkes „Chulasat al-Wafa“ sagt: „Danach wurden so viele Kriege zwischen ihnen geführt, dass man von keiner anderen Gemeinschaft noch von mehr und länger andauernden Kriegen gehört hat.“ Diese Kriege begannen mit der Schlacht von Samir und endeten mit der Schlacht von Bu’ath. Die Schlacht von Bu’ath fand fünf Jahre vor der Auswanderung des Gesandten Allahs nach Medina statt. Wie viele Kriege zwischen diesen beiden Schlachten stattfanden, ist nicht bekannt. In der Geschichte werden nur die großen Schlachten erwähnt. (Al-Kamil fi at-Tarich, 1/503)
Die frühen religiösen Überzeugungen der Ansar
Wenn die Ansar Nachkommen von Nabît ibn Ismâʿîl sind, dann war auch ihr ursprünglicher Glaube derselbe wie der von Ismâʿîl (a.s.) und seinen Kindern. Als ʿAmr ibn Luhayy später in Arabien den Götzendienst einführte, begannen auch sie, wie die übrigen Ismâʿîliten, Götzen zu verehren. Über die religiösen Überzeugungen der Vorfahren der Ansar während ihres Aufenthalts im Jemen liegen kaum Informationen vor. Über ihre Verhältnisse ist jedoch seit ihrer Ansiedlung in Yathrib im Großen und Ganzen einiges bekannt. Der vierte Nachkomme des Stammvaters des Stammes Chazradsch war an-Naddschâr. Er war der Stammvater der Banû an-Naddschâr. In der Geschichte wird sein ursprünglicher Name als „Taym al-Lât“ angegeben. (at-Tabarî 1/1085) Später wurde er jedoch in „Taymullâh“ geändert. Ibn Hischâm erwähnt diesen Namen in seiner Sîra. Wahrscheinlich erfolgte diese Änderung nach der Annahme des Islams durch die Ansar. Für solche Namensänderungen gibt es noch weitere Beispiele. Die „Banû Samma“ der Dschâhilîya-Zeit führten in der islamischen Zeit den Namen „Banû Sumayya“. Diesen Namen gab ihnen der Gesandte Allahs selbst (s.a.w.). (Usud al-Gâba 5/179) Wie bei Stämmen wurden auch die Namen vieler Einzelpersonen geändert.
Wie dem auch sei, aus dem Namen „Taym al-Lât“ lässt sich schließen, dass die Ansar die Göttin Lât verehrten. Einige Stämme der Ansar bezeichneten sich als „Awsullâh“. Möglicherweise hieß dies früher „Aws al-Lât“. Arabische Historiker bezeichnen Manât als die Göttin der Ansar. Diese Manât war die Göttin der Nabatäer. Im Koran wird sie in der Sûra an-Nadschm erwähnt. Im „Muʿdscham al-Buldân“ heißt es, Manât sei die älteste Göttin der Nachkommen Ismâʿîls. (8/167) Danach begann die Verehrung der Lât. (7/310) Auch die Angehörigen der Stämme Aws, Chazradsch und Ghassân verehrten Manât. (at-Tabaqât 1/106) Darüber hinaus waren auch andere arabische Stämme, etwa Hudhayl, Chuzâʿa, Azd Schanûʾa und Banû Kâʿb, ihre Verehrer.
Es trifft nicht zu, dass die Bewohner Yathribs nur Lât und Manât verehrten oder dass kein anderer arabischer Stamm diese beiden Göttinnen verehrte. Vielmehr verehrten die Bewohner Yathribs neben Lât und Manât noch viele andere kleine und große Götter, ebenso wie auch andere arabische Stämme Lât und Manât verehrten.
Der Historiker at-Tabarî erwähnt im Zusammenhang mit der Auswanderung des Gesandten Allahs (s.a.w.) eine Begebenheit. Einmal musste ʿAlî (r.a.) einige Nächte im Haus einer muslimischen Frau in Qubâ bei Medina verbringen. Während dieser Zeit hörte er jede Nacht das Geräusch, wie eine Tür geöffnet wurde. Die Frau öffnete die Tür und trug einige Dinge von draußen ins Haus. Sie war eine Witwe. Eines Tages fragte ʿAlî (r.a.) sie, warum die Tür jede Nacht auf diese Weise geöffnet werde. Sie antwortete: „Ich bin eine mittellose Waise.“ Deshalb zerbricht Sahl ibn Hunayf nachts die Götzenbilder seines Stammes und bringt mir heimlich deren Holz als Brennmaterial. (at-Tabarî 3/1244) Daraus ist ersichtlich, dass sich in den Häusern der Bewohner Yathribs zahlreiche Götzenbilder aus Holz befanden.
ʿAmr ibn Dschamûh war ein hoch angesehener Mann der Banû Salama. Nachdem Muʿâdh ibn Dschabal (r.a.) Muslim geworden war, nahm er das hölzerne Götzenbild namens „Manât des ʿAmr“ nachts heimlich aus dem Haus, trug es fort und warf es weit entfernt weg. ʿAmr hob es jedoch wieder auf und brachte es zurück. Auf diese Weise besaßen angesehene Männer in ihren Häusern eigene Götzenbilder. Außerdem hatte fast jeder Stamm einen Tempel für die Verehrung von Götzen. Yâqût al-Hamawî sagte: Kein anderer Stamm verehrte die Göttin Manât so sehr wie die beiden Stämme Aws und Chazradsch. (Muʿdscham al-Buldân 8/168)
Unter den Stämmen Aws und Chazradsch gab es einige Menschen, die keine Götzen verehrten. Sie glaubten an den einen Gott. Viele von ihnen waren durch die Juden Medinas und Chaybars beeinflusst. Andere wiederum folgten der Religion der Hanîfen. Über die religiösen Überzeugungen der Ansar sagte Ibn Hischâm: „Aws und Chazradsch waren Götzendiener. Sie verehrten Götzen. Sie wussten nichts von Paradies, Hölle, Auferstehung, Versammlung, Erweckung, Schrift, Erlaubtem und Verbotenem. (Sîra 1/304)“ Dies war die allgemeine Lage.
Der Beginn des Islams unter den Ansar
In der vorislamischen Zeit standen die Ansar mit Mekka in Verbindung. Sie kamen zu Anlässen wie Haddsch, Umra sowie Handel und Geschäftsverkehr dorthin. Wegen ihrer inneren Stammeskriege und der Feindschaft der Juden kamen sie in der Hoffnung nach Mekka, dort Unterstützung und Hilfe zu erhalten. Darüber hinaus hatten die Angehörigen der Stämme Aus und Chazradsch aus verschiedenen Gründen enge Beziehungen zu den Bewohnern Mekkas. Zwischen den Menschen Mekkas und Medinas bestanden auch Verwandtschaftsbeziehungen und Bündnisse.
Es wird berichtet, dass Suwaid ibn Samit unter den Bewohnern Medinas als Erster die Einladung zum Islam vom Gesandten Allahs (s.a.w.) erhielt und das Glück hatte, den Heiligen Koran aus seinem Mund zu hören. Er war ein angesehener Mann aus dem Stamm Amr ibn Auf in Medina. Schon in jener vorislamischen Zeit verliehen ihm die Araber den Beinamen „Kamil“. Als er nach Mekka kam, traf er den Gesandten Allahs (s.a.w.). Nachdem er von ihm die Einladung zum Islam gehört hatte, sagte er: „Bei mir befindet sich beinahe dasselbe, was sich bei dir befindet.“ Der Gesandte (s.a.w.) fragte: „Was hast du?“ Er antwortete: „Die Sahifa des Luqman.“ Als der Gesandte (s.a.w.) darum bat, etwas daraus zu hören, trug er ihm einen Teil vor. Der Gesandte (s.a.w.) sagte erfreut: „Bei mir befindet sich etwas Besseres als dies, nämlich der Koran.“ Nachdem er den Koran gehört hatte, war er tief beeindruckt. Nach Ibn Hischam kam es dazu, dass „er sich nicht vom Islam fernhielt“. Als er nach Medina zurückkehrte, wurde er von den Chazradschiten getötet. Die Angehörigen des Stammes Amr ibn Auf sind der Ansicht, dass er als Muslim starb. Dies geschah vor dem Krieg von Bu’ath. (Siehe: Sira ibn Hischam, 1/16.)
Danach kam Abu al-Maisar Anas ibn Rafi zusammen mit einigen Männern des Stammes Abd al-Aschhal nach Mekka. Ihr Ziel war es, mit den Quraisch ein Bündnis zu schließen. Zu dieser Gruppe gehörte auch Iyas ibn Mu’adh. Als der Gesandte (s.a.w.) von ihrer Anwesenheit in Mekka erfuhr, traf er sie und lud sie zum Islam ein. Iyas war noch jung. Nachdem er den Koran aus dem Mund des Gesandten Allahs (s.a.w.) gehört hatte, sagte er zu seinen Gefährten: „Das, wozu ihr gekommen seid, ist weniger gut als dies.“ Nach seiner Rückkehr nach Medina starb er. Durch diese kurze Begegnung mit dem Gesandten Allahs (s.a.w.) hatte er den Islam so weit verstanden, dass er in den letzten Augenblicken seines Lebens nur den Takbir aussprach und die Menschen Allahs Lob und Preis hören ließ. Die Angehörigen seines Stammes waren der Ansicht, dass er Muslim gewesen sei. (Musnad, 5/427.)
Unter den Historikern besteht Uneinigkeit darüber, wer unter den Bewohnern Medinas der erste Muslim war. Die Namen, die verschiedene Historiker in diesem Zusammenhang erwähnen, sind: Rafi ibn Malik az-Zurqi, Mu’adh ibn Afra, As’ad ibn Zurara, Dhakwan ibn Adi, Dschabir ibn Abdullah (r.a.) und andere. (Siehe: Tabaqat, 1/146; Zarqani, 1/361.)
Tatsächlich begann die Verbreitung und Ausbreitung des Islam unter den Ansar von Medina mit der ersten Bay’a von Aqaba. Als Aqaba bezeichnet man einen Abschnitt eines Berges. Mit Aqaba ist hier der Bergabschnitt gemeint, der an die Dschamrat Aqaba in Mina grenzt. An diesem Ort wurde den aus Medina gekommenen Ansar in drei Etappen der Treueid abgenommen. Die erste erfolgte im elften Jahr der Prophetenschaft. Damals nahmen insgesamt sechs, nach anderer Auffassung acht Männer den Islam an, leisteten dem Gesandten Allahs (s.a.w.) den Treueid und kehrten nach Medina zurück. Dies war die erste Bay’a von Aqaba. In der Folge begann man in den Häusern Medinas über den Islam und den edlen Propheten (s.a.w.) zu sprechen. Im folgenden Jahr versammelten sich während der Haddsch-Saison zwölf Männer dort. Fünf von ihnen waren bereits zuvor dabei gewesen, sieben waren neu hinzugekommen. Sie alle leisteten dem Gesandten Allahs (s.a.w.) den Treueid. Dies war die zweite Bay’a von Aqaba. Sie baten den Gesandten Allahs darum, jemanden zu ihnen zu schicken, der sie im Koran unterrichten sollte. Daraufhin sandte er Mus’ab ibn Umair (r.a.). Dieser lehrte die Muslime Medinas den Koran und verbreitete den Islam. Dadurch breitete sich der Islam in Medina schnell und umfassend aus.
Im dreizehnten Jahr der Prophetenschaft trafen sich dann während der Haddsch-Saison erneut siebzig, nach anderer Auffassung dreiundsiebzig Männer und zwei Frauen mit dem Gesandten Allahs (s.a.w.) bei Aqaba und leisteten ihm den Treueid. Dies war die dritte oder letzte Bay’a von Aqaba. Wenn man allgemein von der Bay’a von Aqaba spricht, ist gewöhnlich diese gemeint. Dieser Treueid wurde hinsichtlich der grundlegenden Glaubensinhalte und Werke des Islam, des Dschihad gegen die Ungläubigen sowie zum Schutz und zur Unterstützung des Erhabenen Propheten abgelegt, falls er nach Medina auswandern sollte. Nach der Bay’a ernannte der Gesandte (s.a.w.) zwölf Männer aus ihrer Mitte zu Naqibs oder Vertretern. Sie kehrten alle zurück und schufen den Weg und die Voraussetzungen für die Auswanderung des Gesandten Allahs (s.a.w.) nach Medina.
An dieser dritten oder letzten Aqaba nahmen 72 beziehungsweise 75 Männer teil. Unter ihnen waren elf Angehörige des Stammes Aus und insgesamt 64 Angehörige des Stammes Chazradsch, darunter zwei Frauen. (Sira ibn Hischam, 1/249–255.)
Die Ansar versäumten nichts bei der Unterstützung und Hilfe für den Islam. Durch ihre beispiellosen Opfer und ihre Hilfe erhöhten sie Ansehen und Würde des Islam. Die Geschichte ist erfüllt von Berichten über ihren Mut und ihre Opferbereitschaft. An der Schlacht von Badr nahmen 230 Ansar teil. Von ihnen gehörten 170 dem Stamm Chazradsch an, während die übrigen Ansar dem Stamm Aus angehörten. Von den insgesamt 70 Kamelen, die in dieser Schlacht eingesetzt wurden, spendete Hadhrat Sa’d ibn Ubada al-Chazradschi allein 20 Kamele. Von den vierzehn Gefährten, die in der Schlacht von Badr den Märtyrertod erlitten, waren acht Ansar. An der Schlacht von Uhud nahmen zahlreiche Ansar teil; von den siebzig (70) Märtyrern waren sechsundsechzig (66) Ansar. Manche von ihnen hatten siebzig Wunden am Körper. Auch unter den Märtyrern von Bi’r Ma’una befand sich eine beträchtliche Zahl von Ansar. (Enzyklopädie der islamischen Welt, Band 1, „Ansar“.)
Die Opfer und Entbehrungen der Ansar für den Islam lassen sich nicht in wenigen Worten schildern. Sie widmeten dem Islam alles, einschließlich ihres Lebens und ihres Besitzes. Für die aus Medina eingetroffenen Muhadschirun teilten sie ihren Besitz und ihre Häuser. Die Beispiele für Aufrichtigkeit und Großzügigkeit, die sie gaben, sind in der Menschheitsgeschichte nur schwer wiederzufinden. Deshalb hegte der Gesandte Allahs (s.a.w.) tiefe Liebe zu ihnen. Er betrachtete ihren Beitrag, ihre Opfer und ihre Hingabe mit der ihnen gebührenden Wertschätzung. Durch seine Worte und Taten erkannte er diesen Beitrag an. Er erklärte die Liebe zu den Ansar zu einem Teil des Glaubens. Er sagte, dass niemand, der an Allah und das Jenseits glaubt, den Ansar feindselig gegenüberstehen kann. Die Abneigung gegenüber den Ansar bezeichnete er als eine Eigenschaft und Wesensart der Heuchler. Er betete darum, dass Allah den Ansar und ihren Nachkommen Seine Barmherzigkeit schenke. In Zufriedenheit mit ihnen schied er aus dieser Welt.
Im Heiligen Koran kommt das Wort Ansar an mehreren Stellen vor. Unter anderem beziehen sich Teile der Verse 100 und 117 der Sure at-Tauba unmittelbar auf die muslimischen Ansar von Medina. Allah sagt:
1. „Und die Vorausgeeilten, die ersten der Auswanderer und der Ansar, und diejenigen, die ihnen in rechtschaffener Weise folgen – Allah ist mit ihnen zufrieden, und sie sind mit Ihm zufrieden. Und Er hat für sie Gärten bereitet, unter denen Bäche fließen; ewig werden sie darin verweilen. Das ist der großartige Erfolg.“ (At-Tauba 9:100.)
2. „Allah hat sich dem Propheten in Barmherzigkeit zugewandt sowie den Auswanderern und den Ansar, die ihm in der schweren Stunde folgten, als die Herzen einer Gruppe von ihnen beinahe abgewichen wären. Dann wandte Er sich ihnen wieder in Barmherzigkeit zu. Gewiss, Er ist ihnen gegenüber gütig und barmherzig.“ (At-Tauba 9:117.)
Außerdem wird in vielen weiteren Koranversen, teils direkt und teils indirekt, auf den Mut der Ansar hingewiesen. So heißt es beispielsweise in Vers 9 der Sure al-Haschr:
„Und diejenigen, die vor ihnen in Medina ansässig waren und den Glauben angenommen hatten, lieben diejenigen, die zu ihnen ausgewandert sind. Sie empfinden in ihren Herzen keinen Neid wegen dessen, was ihnen gegeben wurde, und sie geben ihnen den Vorzug vor sich selbst, auch wenn sie selbst in Bedrängnis sind. Und diejenigen, die vor ihrer eigenen Habsucht bewahrt werden, das sind die Erfolgreichen.“
As’ad ibn Zurara (r.a.)
Abū Umāma Asʿad, auch als Asʿad al-Chair bekannt, stammte aus dem Zweig an-Najjār des Chazradsch-Stammes von Medina. Sein Vater war Zurāra ibn ʿAdas. (Al-Isāba 1/34; Usud al-Gāba 1/71) Über das Jahr und Datum seiner Geburt ist nichts bekannt.
Vor der Berufung des ehrwürdigen Gesandten Allahs zum Propheten war die gesamte Arabische Halbinsel in die Finsternis von Unglauben und Irreleitung gehüllt. Dennoch gab es einige Menschen, die entsprechend der Forderung ihrer reinen Natur oder Fitra dem Tauhīd beziehungsweise dem Glauben an die Einheit Gottes anhingen. Asʿad ibn Zurāra war einer von ihnen. (At-Tabaqāt 1/146)
Auch in vorislamischer Zeit pflegten die Bewohner von Yathrib (Medina) nach Mekka zu reisen, um in ihren Streitigkeiten die Unterstützung der Quraisch zu gewinnen und eine Entscheidung herbeizuführen. Außerdem gingen sie dorthin, um Hadsch und ʿUmra zu vollziehen. Danach ging in Mekka der Islam auf. Zu dieser Zeit hatte der ehrwürdige Gesandte Allahs bereits mehrere Jahre seines prophetischen Lebens verbracht. Neben dem Aufruf der Bewohner Mekkas zum Islam verkündete er den Menschen auch bei verschiedenen Festen, Märkten und Handelsplätzen in großem Umfang die Wahrheit. Ebenso bemühte er sich weiterhin darum, den von außerhalb Mekkas kommenden Menschen heimlich die Botschaft des Qurʾān zu übermitteln. Ibn al-Athīr berichtet über al-Wāqidī: Zu jener Zeit gingen Asʿad ibn Zurāra und Dhakwān ibn ʿAbd al-Qais zu dem Quraisch-Führer ʿUtba ibn Rabīʿa in Mekka, um einen eigenen Streit beizulegen. Bei diesem ʿUtba trafen sie den Gesandten Allahs. Der ehrwürdige Gesandte Allahs legte ihnen den Aufruf zum Islam dar und rezitierte ihnen einige Verse aus dem heiligen Qurʾān. Bei dieser Begegnung nahmen beide den Islam an. Sie gingen nicht wieder zu ʿUtba, sondern kehrten direkt nach Medina zurück. So waren sie beide die ersten Muslime, die nach Medina kamen. Dies geschah vor dem ersten Treueid von al-ʿAqaba im zehnten Jahr der Prophetie. (Usud al-Gāba 1/71; Al-Isāba 1/34; Hayāt as-Sahāba 1/86)
Allerdings berichtet Ibn al-Athīr unter Berufung auf Ibn Ishāq, Asʿad ibn Zurāra sei einer jener Männer gewesen, die im zehnten Jahr der Prophetie am ersten Treueid von al-ʿAqaba teilnahmen und den Islam annahmen. Danach sei er auch beim zweiten und dritten Treueid anwesend gewesen, die im elften beziehungsweise zwölften Jahr der Prophetie stattfanden. Daher sei er ein vollständiger ʿAqabī gewesen. (Usud al-Gāba 1/71)
An dieser Stelle sei erwähnt, dass unter den Experten der Sīra große Meinungsverschiedenheit darüber besteht, wer der erste Muslim von Medina war. Ibn Hischām berichtet, Suwaid ibn Sāmit sei zum Hadsch oder zur ʿUmra nach Mekka gegangen und dort mit dem Gesandten Allahs zusammengetroffen. Die Bewohner Yathribs verliehen ihm den Beinamen „Kāmil“. Die Araber jener Zeit gaben einem Menschen, der mit allen guten Eigenschaften ausgestattet war – mit Tapferkeit, Mut, dichterischer Begabung, vornehmer Abstammung, Ansehen und Einfluss, kurzum mit jeder Tugend –, den Beinamen „Kāmil“. Unter den Bewohnern Medinas war Suwaid der Erste, dem das Glück zuteilwurde, den Aufruf des Gesandten Allahs zu empfangen und den Qurʾān zu hören. Ibn Hischām sagt, dass er sich nach diesem Aufruf nicht vom Islam fernhielt. (Sīrat Ibn Hischām 1/426–427) Doch unmittelbar danach wurde er getötet. Wie dem auch sei: Obwohl Suwaid der erste Muslim war, erhielt er nicht die Gelegenheit, nach Medina zurückzukehren und dort mit dem islamischen Aufruf zu beginnen. Vermutlich waren Asʿad und Dhakwān die ersten beiden Männer, die in Medina mit der Verkündigung des Islam begannen.
Nach seiner Ankunft in Medina traf er als Erstes Abū al-Haitham und teilte ihm seinen neuen Glauben mit. Abū al-Haitham rief sofort aus: „Auch ich glaube gemeinsam mit dir an seine Gesandtschaft.“ (At-Tabaqāt 1/146) Manche haben diesen Abū al-Haitham für den ersten Muslim von Medina gehalten.
Im zehnten Jahr der Prophetie kamen die Bewohner Yathribs wie jedes Jahr zum Hadsch nach Mekka. Sechs von ihnen trafen sich nach dem Hadsch heimlich am Ort Mina bei al-ʿAqaba mit dem Gesandten Allahs und leisteten ihm den Treueid. Asʿad gehörte zu diesen sechs. Im folgenden Jahr kamen die Bewohner Yathribs erneut zur Hadsch-Saison nach Mekka. Zwölf Männer trafen sich heimlich bei al-ʿAqaba mit dem Gesandten Allahs und leisteten ihm den Treueid. Auch Asʿad gehörte zu diesen zwölf. (Sīrat Ibn Hischām 1/429, 431, 433, 435, 436, 437) Nachdem sich nach diesem Treueid die Aussichten für die Verkündigung und den Aufruf zum Islam in Medina deutlich verbessert hatten, baten sie den Gesandten Allahs um einen Lehrer, der sie den Qurʾān und die Religion lehren sollte. Ihrem Wunsch entsprechend entsandte der Gesandte Allahs Musʿab ibn ʿUmair – Allahs Wohlgefallen sei auf ihm – als Daʿī oder Verkünder nach Yathrib. Bis Musʿab nach Medina kam, leitete Asʿad ibn Zurāra dort das Gebet. Danach wurde Musʿab zum Imām. Nach Ansicht mancher blieb jedoch Asʿad mit der Leitung des Gebets betraut, bis Sālim, der Freigelassene Abū Hudhaifas, in Medina eintraf. Musʿab erteilte ihnen lediglich Qurʾān-Unterricht. In Medina verrichteten sie das Gebet mit dem Gesicht in Richtung Bayt al-Maqdis. (Ansāb al-Aschrāf 1/239, 266) Asʿad gewährte dem ehrwürdigen Musʿab in seinem Haus in Medina Gastfreundschaft. (At-Tabaqāt 3/483)
Nachdem der ehrwürdige Musʿab nach Medina gekommen war, begann Asʿad ibn Zurāra gemeinsam mit ihm in großem Umfang mit der Tätigkeit des Aufrufs. Sie gingen in verschiedene Gebiete Medinas und riefen die Menschen einzeln oder in Gruppen zum Islam auf. Ibn Ishāq berichtet: Eines Tages brach Asʿad ibn Zurāra mit Musʿab ibn ʿUmair in Richtung Banū ʿAbd al-Aschhal und Banū Zāfir auf. Sie betraten einen Garten der Banū Zāfir und setzten sich an der Mauer neben einem Brunnen namens Maʿraq nieder. Menschen versammelten sich um sie. Saʿd ibn Muʿādh und Usaid ibn Hudair waren die Anführer der Banū ʿAbd al-Aschhal. Damals waren sie noch Götzendiener. Saʿd war ein Cousin mütterlicherseits Asʿads. Als Saʿd von der Ankunft Asʿads und Musʿabs erfuhr, sagte er zu Usaid: „Usaid, geh zu diesen beiden Männern. Sie sind in unser Gebiet gekommen und machen unsere schwachen Leute zu Narren. Geh und verbiete ihnen dies. Wenn mein Cousin Asʿad nicht bei ihnen wäre, müssten wir dich nicht schicken; ich selbst würde sie vertreiben.“ Usaid ging mit einem Speer in der Hand auf sie zu. Als Asʿad ihn sah, sagte er zu Musʿab: „Dieser Mann ist einer der Anführer seines Stammes und zu dir gekommen.“ Der ehrwürdige Musʿab sprach mit ihm. Durch Allahs Willen wurde Usaid noch bei dieser Zusammenkunft Muslim. (Hayāt as-Sahāba 1/187–190)
Durch die gemeinsamen Bemühungen Asʿads und Musʿabs breitete sich der Islam in Medina so weit aus, dass bereits ein Jahr später, im zwölften Jahr der Prophetie, in der Hadsch-Saison eine Gruppe von dreiundsiebzig – nach anderer Auffassung fünfundsiebzig – Männern und Frauen sich erneut heimlich am Ort Mina bei al-ʿAqaba mit dem Gesandten Allahs traf. Unter den Experten der Sīra besteht Uneinigkeit darüber, wer bei diesem dritten und letzten Treueid von al-ʿAqaba als Erster dem Gesandten Allahs die Hand reichte und den Treueid leistete. Einer Auffassung zufolge war dieser glückliche Mann Asʿad. (Al-Isāba 1/34; Ansāb al-Aschrāf 1/254; Usud al-Gāba 1/71)
Von ʿAbdullāh ibn Abī Bakr wird überliefert: Nach dem Treueid sagte der Gesandte Allahs: „Wählt aus eurer Mitte zwölf Naqīb, die wie die Jünger Jesu für ihre jeweiligen Stämme Garanten und Verantwortliche sein sollen.“ Asʿad stimmte zu und sagte: „Ja, o Gesandter Allahs.“ Der Gesandte Allahs sagte: „Du wirst der Naqīb deines Stammes sein.“ Danach verkündete er die Namen der anderen Naqīb. (Tārīch al-Islām wa Tabaqāt al-Maschāhīr wa al-Aʿlām 1/182) Auf diese Weise wurde er zum vom Gesandten Allahs bestimmten Naqīb der Banū Najjār. Nach Ibn Mundah und Abū Nuʿaim war er jedoch der Naqīb der Banū Sāʿida. Ibn al-Athīr sagt, dies sei lediglich ihre Vermutung. In Wirklichkeit sei er der Naqīb seines eigenen Stammes, der Banū Najjār, gewesen. Als er starb, baten die Angehörigen der Banū Najjār den Gesandten Allahs: „O Gesandter Allahs, Asʿad ist gestorben; er war unser Naqīb. Bestimme nun einen anderen Naqīb für uns.“ Der Gesandte Allahs antwortete: „Ihr seid mein Stamm mütterlicherseits. Ich selbst bin euer Naqīb.“ Dies war eine große Ehre für die Banū Najjār. (Usud al-Gāba 1/71–72) Der Gesandte Allahs ernannte ihn nicht nur zum Naqīb, sondern erklärte ihn auch zum Naqīb al-Nuqabā, dem obersten Verantwortlichen. (Ansāb al-Aschrāf 1/254) Ibn al-Athīr sagt, dass Asʿad unter den Teilnehmern von al-ʿAqaba – außer Jābir ibn ʿAbdullāh – der Jüngste war. (Usud al-Gāba 1/71; Al-Isāba 1/34)
Nach dem dritten Treueid von al-ʿAqaba kehrte er mit der Last einer gewaltigen Verantwortung auf seinen Schultern nach Medina zurück. Was machte es schon, dass er noch jung war? Sein Eifer und seine Begeisterung für den Glauben waren außerordentlich stark. Er richtete in Medina das Gebet in der Gemeinschaft ein und organisierte als Erster in Medina mit vierzig Betern das Freitagsgebet. Immer wenn sie mit vierzig Betern zum Freitagsgebet aufbrachen und den Gebetsruf hörten, sprach er für Abū Umāma Asʿad ibn Zurāra Istighfār und Bittgebete. Eines Tages fragte ich: „Vater, warum betest du jedes Mal, wenn du den Gebetsruf hörst, auf diese Weise für ihn?“ Er antwortete: „Mein Sohn, noch bevor der Gesandte Allahs nach Medina kam, versammelte er uns als Erster bei dem Ort Naqī al-Khadimāt, nahe dem Berg von Banū Baidāʾ, der Hazm an-Nabīt genannt wird, und verrichtete mit uns das Freitagsgebet. Wir waren vierzig.“ (Usud al-Gāba 1/71; Al-Isāba 1/34; Sīrat Ibn Hischām 1/435; Ansāb al-Aschrāf 1/243; Hayāt as-Sahāba 3/387) Darüber, wer in Medina als Erster das Freitagsgebet einrichtete, besteht Meinungsverschiedenheit.
Nachdem der ehrwürdige Gesandte Allahs in Medina eingetroffen war, wohnte er zwar im Haus von Abū Ayyūb al-Ansārī – Allahs Wohlgefallen sei auf ihm –, doch sein Kamel wurde bei Asʿad zu Gast. (At-Tabaqāt 1/160) In dem ersten Augenblick, als der Gesandte Allahs in Medina eintraf, kniete sich das Kamel als Erstes nieder. Das Land, das später für die Moschee und die Wohnstätte des Gesandten Allahs ausgewählt wurde, gehörte zwei Waisenjungen namens Sahl und Suhail. Ihr Vormund war Asʿad ibn Zurāra. (Al-Buchārī; Hayāt as-Sahāba 1/343) Der Gesandte Allahs fragte Asʿad, den Vormund der beiden Jungen, nach dem Preis des Grundstücks. Die beiden Jungen riefen sofort: „Wir erbitten seinen Preis nur von Allah.“ Da der Gesandte Allahs das Grundstück nicht kostenlos annehmen wollte, bezahlte Abū Bakr – Allahs Wohlgefallen sei auf ihm – den Preis. In manchen Überlieferungen heißt es jedoch, Asʿad ibn Zurāra habe den beiden Waisen als Gegenleistung für dieses Grundstück einen Garten in Banū Baidāʾ geschenkt. (Az-Zurqānī 1/422)
Al-Balādhurī berichtet, dass Asʿad ibn Zurāra dem Gesandten Allahs, während dieser nach seiner Ankunft in Medina im Haus Abū Ayyūbs wohnte, abwechselnd jede zweite Nacht Essen schickte. In der Nacht, in der das Essen aus Asʿads Haus kam, fragte er: „Ist Asʿads Schale gekommen?“ Man antwortete: „Ja.“ Er sagte: „Dann bringt sie her.“ Der überliefernde Gefährte sagt: Daran erkannten wir, dass ihm das Essen des Gesandten Allahs besonders lieb war. (Ansāb al-Aschrāf 1/267) Al-Wāqidī überliefert von ʿĀʾischa – Allahs Wohlgefallen sei auf ihr: Nachdem der Gesandte Allahs im Haus Abū Ayyūbs in Medina eingezogen war, fragte er eines Tages: „Abū Ayyūb, hast du ein Bett?“ Es sei erwähnt, dass die Quraisch in Mekka daran gewöhnt waren, in Betten zu schlafen. Abū Ayyūb sagte: „Nein.“ Dies erfuhr Asʿad ibn Zurāra. Daraufhin schickte er ein Bett mit einer Säule und kunstvoll verzierten Beinen. Der Gesandte Allahs schlief darauf. Danach, als der Gesandte Allahs in mein Zimmer kam, schlief er auf demselben Bett, das meine Mutter mir gegeben hatte. (Ansāb al-Aschrāf 1/525)
Nach seiner Auswanderung von Mekka nach Medina wohnte Talha ibn ʿUbaidallāh im Haus Asʿads. Überliefert wird auch, dass Hamza in seinem Haus wohnte. (Sīrat Ibn Hischām 1/477–478)
Zu jener Zeit war der Bau der Prophetenmoschee im Gang. Im Monat Schawwāl des ersten Jahres nach der Hidschra ereilte ihn der Ruf ins Jenseits. Er erkrankte an einer Krankheit des Kehlkopfs namens „Dschabha“. Der ehrwürdige Gesandte Allahs behandelte die betroffene Stelle eigenhändig mit Wärme und legte ihm die Hand auf den Kopf; doch es zeigte sich keine Besserung. Er starb. Nach al-Wāqidī starb er im neunten Monat nach der Hidschra. Der Gesandte Allahs war über seinen Tod sehr betrübt. Er sagte: „Nun werden die Juden sagen: ‚Wenn er ein Prophet gewesen wäre, wäre sein Gefährte nicht gestorben.‘ Doch kann ich etwa den Tod verhindern?“ Der ehrwürdige Gesandte Allahs leitete sein Totengebet und bestattete ihn auf dem Friedhof Baqīʿ von Medina. (Sīrat Ibn Hischām 1/507; Usud al-Gāba 1/71; Al-Isāba 1/34; Ansāb al-Aschrāf 1/243)
Es wird gesagt, dass dies der erste Todesfall nach der Auswanderung des Gesandten Allahs nach Medina war. Außerdem wird vermutet, dass der Gesandte Allahs bei dieser Gelegenheit erstmals ein Totengebet verrichtete. Nach der Auffassung der Ansār war Asʿad der erste Muslim, der im Baqīʿ bestattet wurde; nach der Auffassung der Muhādschirūn war es ʿUthmān ibn Mazʿūn. (Al-Isāba 1/34)
Bei seinem Tod hinterließ der ehrwürdige Asʿad zwei Töchter in der Obhut des Gesandten Allahs. Der Gesandte Allahs kümmerte sich sein ganzes Leben lang um sie. Er legte ihnen goldene Armreifen an, die mit Perlen besetzt waren. Eine der Töchter verheiratete er mit Sahl ibn Hunayf; aus dieser Ehe wurde Abū Umāma ibn Sahl geboren. (Ansāb al-Aschrāf 1/243; Al-Isāba 1/34)
Abū al-Haitham ibn at-Tayyihān (r.a.)
Unter dem Beinamen Abū l-Haytham ist er in der Geschichte bekannt. Über seinen eigentlichen Namen und darüber, welchem Stamm er entstammte, bestehen unterschiedliche Auffassungen. Nach einer Meinung war „ʿAbdullāh“ sein eigentlicher Name, nach einer anderen „Mālik“. Letzterer Auffassung schlossen sich Mūsā ibn ʿUqba, Ibn Saʿd, Muḥammad ibn Isḥāq, Abū Maʿshar und Muḥammad ibn ʿUmar an. Ebenso gibt es unterschiedliche Auffassungen über seinen Stamm und den Namen seines Vaters. Einer Meinung zufolge war sein Vater Bālī ibn ʿAmr ibn al-Ḥāf ibn Quḍāʿa. Demnach wurde er al-Balābī genannt. Dies ist die Auffassung Ibn Saʿds. Ibn Isḥāq und ʿAbdullāh ibn Muḥammad ibn ʿAmāra al-Anṣārī widersprachen ihr. Ibn Isḥāq sagte: Der Name Abū l-Haythams, der an der Schlacht von Badr teilnahm, war Mālik, und der Name seines Bruders war ʿAtīq. Beide waren Söhne von Ṭayyihān. ʿAbdullāh ibn Muḥammad al-Anṣārī hingegen sagte, Abū l-Haytham stamme vom Stamm der Aws ab. Seine Mutter war Laylā bint ʿAtīq. Dies ist die Auffassung der Mehrheit. (Ṭabaqāt 3447, al-Iṣāba 4/212, Sīrat Ibn Hishām 1/433) Die genaue Zeit seiner Geburt ist nicht bekannt.
Abū l-Haytham nahm durch seinen Freund Asʿad ibn Zurāra den Islam an. Einer Überlieferung zufolge gingen Asʿad ibn Zurāra und Dhakwān ibn ʿAbd Qays in Mekka zu ʿUtba ibn Rabīʿa. Dort hörten sie von der Einladung des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, trafen ihn heimlich und nahmen den Islam an. Nach seiner Rückkehr nach Medina traf Asʿad Abū l-Haytham und erzählte ihm von seiner eigenen Annahme des Islam sowie vom Gesandten Allahs und seiner Einladung. Ibn Saʿd sagt, dass Asʿad und Abū l-Haytham bereits in vorislamischer Zeit in Yathrib für den Tauḥīd, also den Glauben an die Einheit Allahs, eingetreten waren. Als Abū l-Haytham aus dem Mund seines Freundes Zurāra vom Gesandten Allahs und seiner Einladung hörte, sagte er ohne jedes Zögern: „Anā ashhadu maʿaka annahu rasūlullāh – Auch ich bezeuge mit dir, dass er gewiss der Gesandte Allahs ist.“ So wurde er durch seinen Freund Zurāra Muslim.
Beim folgenden Ḥaddsch, als acht – nach einer anderen Auffassung sechs – Bewohner Yathribs den Gesandten Allahs in Mekka heimlich trafen und ihm den Treueid leisteten, gehörte auch Abū l-Haytham zu ihnen. In der Geschichte wird dieser Treueid auch der erste Treueid von al-ʿAqaba genannt. Einer Überlieferung zufolge war Abū l-Haytham jedoch bei diesem Treueid nicht anwesend. (Ṭabaqāt 1/218–219) Nach dieser Auffassung nahm Asʿad beim ersten Treueid von al-ʿAqaba den Islam an und lud nach seiner Rückkehr nach Medina Abū l-Haytham zum Islam ein. Aufgrund dieser Einladung nahm Abū l-Haytham den Islam an. Ein Jahr später traf er sich mit zwölf Männern und im darauffolgenden Jahr mit dreiundsiebzig – nach anderer Auffassung fünfundsiebzig – Männern bei al-ʿAqaba erneut mit dem Gesandten Allahs. So erlangte er die Ehre, an allen Treueiden von al-ʿAqaba teilzunehmen. (Ṭabaqāt 1/22, Sīrat Ibn Hishām 1/433)
Einer Überlieferung zufolge streckte Abū l-Haytham beim letzten Treueid von al-ʿAqaba als Erster seine Hand aus, um dem Gesandten Allahs den Treueid zu leisten. Mūsā ibn ʿUqba überlieferte dies von Imām az-Zuhrī. Allerdings bestehen in dieser Angelegenheit erhebliche Meinungsverschiedenheiten. (Sīrat Ibn Hishām 1/447, Ansāb al-Ashrāf 1/254)
Als die Bewohner Medinas beim dritten Treueid von al-ʿAqaba den Gesandten Allahs nach Medina einluden, gehörte Abū l-Haytham zu den Männern, die im Namen der Mekkaner und der Medinenser Ansprachen hielten. Dies überlieferte at-Ṭabarānī von ʿUrwa. Während Abū l-Haytham ibn Ṭayyihān dem Gesandten Allahs den Treueid leistete, sagte er: „O Gesandter Allahs! Wir haben Verträge mit anderen Leuten. Kann es etwa geschehen, dass wir diese Verträge brechen, gegen sie kämpfen und du anschließend zu deinem eigenen Stamm zurückkehrst?“ Der Gesandte Allahs lächelte leicht und sagte: „Die Forderung nach eurem Blut wird meine eigene Forderung nach Blut sein, und euer Blutvergießen wird mein eigenes Blutvergießen sein.“ Das heißt: Zwischen mir und euch wird es keinen Unterschied geben. Abū l-Haytham war über diese Worte des Gesandten Allahs erfreut und sagte zu seinen Gefährten: „O meine Stammesangehörigen! Dieser Mann ist der Gesandte Allahs. Ich bezeuge, dass er gewiss wahrhaftig ist. Heute befindet er sich im Heiligtum von Mekka sicher unter seinen Verwandten. Wisst, dass, wenn ihr ihn von hier fortführt und zu euch nehmt, alle Araber ihre Pfeile aus einem einzigen Bogen auf euch abschießen werden. Das heißt, ihr werdet zum allgemeinen Ziel des Morgens werden. Wenn ihr bereit seid, auf Allahs Weg Dschihad zu führen und Leben, Besitz und Kinder hinzugeben, dann ladet ihn in euer Land ein. Denn er ist wahrhaftig der Gesandte Allahs. Wenn ihr später Reue fürchtet, dann bedenkt dies gut.“ Nach dieser Ansprache Abū l-Haythams sagten seine Gefährten: „Was immer Allah und Sein Gesandter uns gegeben haben, nehmen wir an. O Gesandter Allahs! Was immer du von uns verlangt hast, geben wir dir. Abū l-Haytham, tritt ein wenig zurück; wir wollen dem Gesandten Allahs den Treueid leisten.“ Abū l-Haytham sagte: „Ich werde als Erster den Treueid leisten.“ Nach seinem Treueid leisteten die anderen einer nach dem anderen den Treueid. (Ḥayāt aṣ-Ṣaḥāba 1/247–248, Sīrat Ibn Hishām 1/442) Nach diesem Treueid verkündete der ehrwürdige Gesandte Allahs die Namen von zwölf Naqībs, also Verantwortlichen. Aus dem Stamm der Aws wurden Abū l-Haytham, Usayd ibn Ḥuḍayr und Saʿd ibn Khaythama – diese drei – zu Naqībs ernannt. (Ansāb al-Ashrāf 1/252)
Nach seiner Auswanderung nach Medina stiftete der ehrwürdige Gesandte Allahs zwischen Abū l-Haytham und dem berühmten Auswanderer ʿUthmān ibn Maẓʿūn eine Muʾākhāt, also eine brüderliche Verbindung. (Ansāb al-Ashrāf 1/271, al-Iṣāba 4/212)
Er nahm an allen Kriegen teil, die zu Lebzeiten des Gesandten Allahs stattfanden, darunter Badr, Uḥud und der Grabenkampf. In Uḥud erlitt sein Bruder ʿAtīq ibn Ṭayyihān durch die Hand von ʿIkrima ibn Abī Dschahl den Märtyrertod. (Ansāb 1/329) Ibn Saʿd sagt: Nachdem der ehrwürdige ʿAbdullāh ibn Rawāḥa in Muʾta den Märtyrertod erlitten hatte, schickte der ehrwürdige Gesandte Allahs Abū l-Haytham als Dattelmesser nach Khaybar. Nach dem Ableben des Gesandten Allahs äußerte auch der ehrwürdige Abū Bakr den Wunsch, ihn in diesem Amt zu belassen; doch er weigerte sich, es anzunehmen. (Ṭabaqāt 3/448)
Er starb im Jahr 20 nach der Hidschra während des Kalifats des ehrwürdigen Kalifen ʿUmar. Einer Überlieferung zufolge soll er im Jahr 37 nach der Hidschra, vor der Schlacht von Ṣiffīn, gestorben sein. Imām al-Aṣmaʿī überlieferte eine Aussage. Er sagte: „Ich fragte die Angehörigen des Stammes Abū l-Haythams nach seinem Tod. Sie sagten, er sei zu Lebzeiten des Gesandten Allahs gestorben.“ Ebenso haben viele seinen Tod im Jahr 21 nach der Hidschra angegeben, während manche sagten, er habe in Ṣiffīn auf der Seite des ehrwürdigen ʿAlī gekämpft. Einige gingen noch weiter und sagten, er habe in Ṣiffīn auf der Seite von ʿAlī gekämpft und sei dort als Märtyrer gefallen. (Ansāb 1/240, Sīrat Ibn Hishām 1/433) Der Historiker al-Wāqidī erklärte ausdrücklich, die Überlieferung über seine Teilnahme an Ṣiffīn sei völlig unbegründet. Demgegenüber wurde sein Tod im Jahr 20 nach der Hidschra von hochrangigen Hadithgelehrten wie Imām az-Zuhrī, Ṣāliḥ ibn Kaysān und al-Ḥākim überliefert. Daher kann eine zweifelhafte Überlieferung gegenüber dieser Aussage nicht angenommen werden. (Siyar al-Anṣār 2)
In den Hadithwerken finden sich einige von Abū l-Haytham überlieferte Hadithe, doch ihre Authentizität steht nicht außer Zweifel. Ibn Ḥadschar al-ʿAsqalānī sagte: „Alle Hadithe, die von Abū l-Haytham überliefert werden, sind zweifelhaft. Es findet sich keine einzige Überlieferungskette, durch die die Echtheit auch nur eines dieser Hadithe nachgewiesen werden könnte.“ Der Grund dafür sei, dass er sehr früh verstorben sei. (al-Iṣāba 4/213)
Al-Haytham ibn Naṣr al-Aslamī, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm, sagte: „Ich diente dem Gesandten Allahs, Allahs Segen und Friede seien auf ihm. Abū l-Haytham ibn Ṭayyihān besaß einen Brunnen namens ‚Jāsim‘. Das Wasser dieses Brunnens war süß. Ich pflegte für den Gesandten Allahs Wasser aus diesem Brunnen zu holen. Eines Tages kam der ehrwürdige Gesandte Allahs an einem heißen Tag zusammen mit Abū Bakr, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm, zum Haus Abū l-Haythams und fragte: ‚Gibt es kaltes Wasser?‘ Abū l-Haytham brachte einen Eimer eiskalten Wassers, mischte es mit Ziegenmilch und gab es dem Gesandten Allahs zu trinken. Dann sagte er: ‚O Gesandter Allahs! Wir haben einen kühlen Unterstand (ʿArīsch). Ruh dich in dieser Mittagszeit ein wenig dort aus.‘ Abū l-Haytham bespritzte den Unterstand mit Wasser. Der Gesandte Allahs betrat ihn zusammen mit Abū Bakr. Abū l-Haytham brachte ihnen verschiedene Datteln und eine mit Sārīd gefüllte Schüssel, eine wohlschmeckende Speise. Der Überlieferer Haytham ibn Naṣr sagte: Der Gesandte Allahs, Abū Bakr und wir alle aßen und tranken davon. Als die Gebetszeit kam, verrichtete er mit uns im Haus Abū l-Haythams das Gemeinschaftsgebet. Beim Gemeinschaftsgebet stand Abū l-Haythams Frau hinter mir. Nach dem Gebet kehrte er wieder zum Unterstand zurück und verrichtete dort die zwei Rakʿa nach dem Pflichtgebet des Zuhr.“ (Ansāb al-Ashrāf 1/535)
Eines Tages ging der ehrwürdige Gesandte Allahs entgegen seiner Gewohnheit zu einer Zeit hinaus, zu der er gewöhnlich nicht das Haus verließ. Nach einiger Zeit kam auch Abū Bakr. Der Gesandte Allahs fragte: „Abū Bakr, was führt dich zu dieser ungewöhnlichen Zeit hinaus?“ Er antwortete: „Ich wollte dich treffen.“ Inzwischen kam auch ʿUmar. Der Gesandte Allahs stellte ihm dieselbe Frage. ʿUmar antwortete: „O Gesandter Allahs, der Hunger hat mich hierhergetrieben.“ Der Gesandte Allahs sagte: „Auch ich bin hungrig.“ Die drei gingen gemeinsam zum Haus Abū l-Haythams. Er besaß einen Dattelhain und eine Ziegenherde, hatte jedoch keine Diener. Er erledigte alle Arbeiten selbst. Zu jener Zeit war er nicht zu Hause. Auf ihren Ruf hin sagte seine Frau, er sei gegangen, um Wasser zu holen. Nach kurzer Zeit sahen sie ihn mit einem mit Wasser gefüllten Wasserschlauch zurückkehren. Als er den Gesandten Allahs sah, stellte er den Schlauch auf den Boden, umarmte ihn und sagte voller Gefühl: „Mögen meine Eltern für dich geopfert sein!“ Dann führte er alle in den Garten und breitete etwas zum Sitzen aus. Er ließ sie Platz nehmen, schnitt eine Traube Datteln ab und brachte sie herbei. Der Gesandte Allahs sagte: „Hättest du doch reife Datteln gebracht!“ Er antwortete: „Hier sind alle Arten, unreife und reife; nimm, was dir beliebt.“ Der Gesandte Allahs aß einige Datteln und trank anschließend Wasser. Dieses Wasser war sehr klar und wohlschmeckend. Nach dem Essen und Trinken sagte der Gesandte Allahs: „Seht, wie viele Gaben Allahs es gibt: Schatten, vorzügliche Datteln und kaltes Wasser. Bei Allah, am Tag der Auferstehung wird über all dies Rechenschaft verlangt werden.“ Abū l-Haytham ließ die geehrten Gäste im Garten sitzen, ging nach Hause und bereitete eine Mahlzeit. Er schlachtete eine kleine Ziege, briet sie und setzte sie den Gästen vor. Nach dem Essen fragte ihn der Gesandte Allahs: „Habt ihr keinen Diener?“ Er antwortete: „Nein.“ Der Gesandte Allahs sagte: „Wenn ein Kriegsgefangener in meine Hand gelangt, dann komm zu mir.“ Zu jener Zeit kamen zwei Kriegsgefangene in die Hand des Gesandten Allahs. Er sagte Abū l-Haytham, er solle einen von beiden auswählen. Abū l-Haytham überließ die Auswahl dem Gesandten Allahs. Dieser übergab ihm einen der beiden und sagte: „Behandle ihn gut.“ Abū l-Haytham kam mit dem Sklaven nach Hause und erzählte seiner Frau vom Rat des Gesandten Allahs. Seine Frau war äußerst klug. Sie sagte: „Wenn du dem Befehl des Gesandten Allahs Folge leisten willst, dann lass ihn frei.“ Ihrem Rat folgend ließ er den Sklaven frei. Als der Gesandte Allahs von dieser Tat erfuhr, freute er sich sehr und lobte beide. (at-Tirmidhī 391) Auch im Werk Kanz al-ʿUmmāl wird dieses Ereignis überliefert. Imām Muslim und Imām Mālik überlieferten es in gekürzter Form. Der Ḥāfiẓ al-Mundhirī sagte, dieses Ereignis sei sowohl über Abū l-Haytham als auch über Abū Ayyūb al-Anṣārī überliefert worden. (Ḥayāt aṣ-Ṣaḥāba 1/310)
Abū l-Haytham wurde gefragt: „Worauf habt ihr bei al-ʿAqaba den Treueid geleistet?“ Er antwortete: „Wir leisteten dem Gesandten Allahs genau den Treueid, den die Kinder Israels Mūsā, Allahs Friede sei auf ihm, geleistet hatten.“ (Ansāb al-Ashrāf 1/240)
Usaid ibn Hudair (r.a.)
Der bekannte ansarische Gefährte Usaid war ein Nachkomme des Clans Banu Abd al-Aschhal aus dem traditionsreichen Stamm der Aus in Medina. (Ansab al-Aschraf 1/240) In verschiedenen Sira-Werken finden sich mehrere Kunyas beziehungsweise Beinamen von ihm. So wird berichtet, dass der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, ihn nach dem Namen seines Sohnes Yahya Abu Yahya und auch Abu Isa nannte. (Usd al-Ghaba 1/92) Außerdem sind die Namen Abu Atik, Abu Hudair und Abu Amr überliefert. (Siehe Siyar al-Ansar 1/228; Usd al-Ghaba 1/92; Ansab al-Aschraf 1/240; al-Alam 1/330)
Sein Vater hieß Hudair ibn Simak und seine Mutter Umm Usaid bint Uskun. Hudair war ein Rais, also ein Anführer, des Stammes Aus. Alle Kriege, die in vorislamischer Zeit zwischen den seit jeher verfeindeten Stämmen Aus und Chazradsch in Medina geführt wurden, leitete Hudair. Er war der bedeutendste Reiter des Stammes Aus und besaß außerdem eine starke Festung. (Usd al-Ghaba 1/92) Der letzte und größte blutige Krieg zwischen Aus und Chazradsch war der Krieg von Buath. Auch in diesem Krieg war Hudair der Heerführer; der Befehlshaber des gegnerischen Stammes Chazradsch war Amr ibn Nuʿman ar-Rudschaila. Beide führten ihre Truppen mit großer Geschicklichkeit. Schließlich stand der Stamm Aus kurz vor der Niederlage. Daraufhin trat Hudair selbst in den Kampf ein. Der Heerführer der Chazradsch, Amr, wurde getötet, und der Stamm Aus siegte. Dieser Krieg fand fünf Jahre vor der Auswanderung des Gesandten Allahs nach Medina statt. (Siyar al-Ansar 1/228)
Drei Jahre nach dem Ende des erwähnten Krieges von Buath fand in Mekka der Treueschwur von Aqaba statt. Auf Bitte der neu zum Islam übergetretenen Bewohner Medinas sandte der edle Gesandte Allahs, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, Musab ibn Umair nach Medina, damit er dort den Islam verkünde. Usaid hatte den Islam zu jener Zeit noch nicht angenommen. Er nahm ihn in Medina durch Musab ibn Umair an, und zwar vor Muadh ibn Dschabal. Nach Ansicht mancher nahm er den Islam erst nach der letzten Aqaba an, also nachdem 73 beziehungsweise 75 Bewohner Medinas an dem Ort namens Aqaba in Mekka dem Gesandten Allahs den Treueschwur geleistet hatten. Das ist jedoch nicht richtig. Denn in den Sira-Werken wird durch zuverlässige Überlieferungen bestätigt, dass er an dieser letzten Aqaba teilnahm und vom Gesandten Allahs zum Naqib, also zum Verantwortlichen, der Banu Abd al-Aschhal ernannt wurde. (Usd al-Ghaba 1/92; Tarich al-Islam wa-Tabaqat al-Maschahir wal-Alam 1/181; al-Alam 1/310; al-Isaba 1/49)
Über den Übertritt des edlen Usaid zum Islam berichten die Sira-Werke eine erstaunliche Geschichte. Musab ibn Umair war in Medina Gast bei Asad ibn Zurara und lehrte im Stamm Banu Dschafar den Menschen den Koran. Die Siedlung der Banu Dschafar lag in der Nähe des Stammes Abd al-Aschhal. Eines Tages erfuhren Sad ibn Muadh und Usaid ibn Hudair, dass Musab in einem Garten saß und den Muslimen den Koranunterricht erteilte. Sad sagte zu Usaid: „Geh dorthin und sage ihm, er solle künftig nicht mehr in die Umgebung unseres Viertels kommen.“ Dabei war Asad ein Vetter von Sad. Auf Sads Geheiß ging Usaid zum Garten, um den Islam eigenhändig auszurotten. Als Asad ihn kommen sah, sagte er zu Musab: „Sehen Sie, da kommt jemand zu Ihnen. Er ist der Anführer seines Stammes; machen Sie ihn zum Muslim.“
Usaid sagte in äußerst hitzigem Ton: „Warum führt ihr unsere schwachen Leute auf diese Weise in die Irre? Wenn ihr Gutes wollt, dann verschwindet augenblicklich von hier!“ Musab, ein beim Gesandten Allahs ausgebildeter Daʿi, sagte mit einem Lächeln und ganz ruhig: „Setz dich und höre mir ein wenig zu. Wenn du es gut findest, nimm es an; wenn nicht, werde ich aufhören und gehen.“ Usaid sagte: „Das ist wirklich ein höchst vernünftiges und gerechtes Wort.“ Durch Musabs höfliches Verhalten verrauchte Usaids Zorn, und er setzte sich. Musab erklärte ihm die wesentlichen Lehren des Islam und rezitierte ihm einige Koranverse. Während Musab weiterrezitierte, veränderte sich Usaids Gesicht allmählich. Schließlich war er zutiefst ergriffen. Unwillkürlich entfuhr ihm: „Wie kann man in diese Religion eintreten?“ Musab antwortete: „Zuerst musst du dich waschen, saubere Kleidung anziehen und die Kalima sprechen. Danach musst du das Gebet verrichten.“ Noch bevor Musab zu Ende gesprochen hatte, verließ Usaid den Ort. Als er kurze Zeit später zurückkam, waren seine Haare nass und er trug saubere Kleidung. Dann legte er seine Hand in Musabs Hand und sprach: „Aschhadu an la ilaha illallah wa aschhadu anna Muhammadan abduhu wa rasuluhu – ich bezeuge, dass es keine Gottheit außer Allah gibt und dass Muhammad Sein Diener und Gesandter ist.“ Danach erhob er sich aus der Versammlung und sagte beim Weggehen: „Ich gehe nun und schicke die anderen Anführer her. Ihr werdet auch sie zu Muslimen machen.“ (Hayat as-Sahaba 1/188–189; Siyar al-Ansar 1/229)
Usaid stand auf und ging direkt zu Sad ibn Muadh. Als die bei Sad sitzenden Leute ihn kommen sahen, sagten sie zueinander: „Er kommt, aber sein Gesicht hat sich verändert. Als er ging, war er äußerst aufgebracht; nun sieht er ruhig, gelassen und fröhlich aus.“ Usaid beschloss, seine Klugheit einzusetzen. Sein Wunsch war, dass auch Sad aus Musabs Mund das hörte, was er selbst gehört hatte. Wenn er jedoch direkt verkündet hätte: „Ich bin Muslim geworden, folge auch du mir“, wäre Sad vielleicht über Usaid hergefallen. Deshalb wollte er Sad ebenfalls zu Musab bringen. Musab war Gast bei Asad ibn Zurara. Um Sad aufzubringen, sagte Usaid: „Ich habe gehört, dass die Leute der Banu Haritha ausgezogen sind, um Asad ibn Zurara zu töten. Sie wissen doch sehr wohl, dass er dein Vetter ist.“
Sad geriet in Zorn. Sofort nahm er einen Pfeil und eilte zu Musab und Asad. Dort fand er keinerlei Lärm oder Streit vor, sondern im Gegenteil eine friedliche Atmosphäre: Musab rezitierte den Menschen den Koran vor, und sie hörten aufmerksam zu. Sad erkannte die List seines Freundes Usaid. Auch er hörte Musab aufmerksam zu und erklärte noch an Ort und Stelle seinen Übertritt zum Islam. (Sira des Ibn Hischam 1/436–437; Ridschal hawla ar-Rasul 460–461)
Einige Zeit nach Usaids Übertritt zum Islam wanderte der edle Gesandte Allahs nach Medina aus. Er begründete zwischen Usaid und dem bekannten muhajirischen Gefährten Zaid ibn Haritha eine religiöse Bruderschaft. (Usd al-Ghaba 1/92; al-Isaba 1/49)
Er nahm an allen Kriegen teil, die zu Lebzeiten des Gesandten Allahs, von Uhud an, stattfanden. (Al-Alam 1/330) Hinsichtlich seiner Teilnahme an der Schlacht von Badr besteht Uneinigkeit. Nach Waqidi, Ibn Ishaq und Ibn al-Kalbi nahm er nicht an Badr teil; manche Sira-Gelehrte vertreten jedoch eine andere Ansicht. (Usd al-Ghaba 1/92; Ansab al-Aschraf 1/240; Tabaqat 3/605) Ibn Sad sagt, dass neben einigen angesehenen Gefährten auch mehrere Naqib-Gefährten wie Usaid nicht an Badr teilnahmen. Baladhuri berichtet: Der edle Gesandte Allahs brach nach Badr auf, doch einige seiner Gefährten blieben zurück. Sie hatten nicht damit gerechnet, dass es zum Krieg mit den Quraisch kommen würde. Einer dieser zurückgebliebenen Gefährten war Usaid. Als der Gesandte Allahs nach dem Ende der Schlacht nach Medina zurückkehrte, eilte Usaid zu ihm, beglückwünschte ihn zum Sieg Allahs über den Feind und äußerte sein Bedauern darüber, nicht selbst teilgenommen zu haben. Zur Entschuldigung sagte er: „Ich dachte, es handle sich um die Handelskarawane der Quraisch und dass du nicht gegen sie kämpfen würdest. Wenn ich gewusst hätte, dass sie Feinde sind und es zu einem Zusammenstoß mit dir kommen würde, wäre ich niemals zurückgeblieben.“ Der edle Gesandte Allahs glaubte ihm. Auch Ibn Sad berichtet dasselbe. (Ansab al-Aschraf 1/288; Tabaqat 3/605)
Er nahm an der Schlacht von Uhud teil. Vor dieser Schlacht wurde in Medina eine Gruppe unter der Führung von Sad ibn Muadh, Usaid ibn Hudair und Sad ibn Ubada zum Schutz des Gesandten Allahs eingesetzt. Sie bewachten die ganze Nacht seine Tür. (Ansab al-Aschraf 1/314) Als im entscheidenden Augenblick der Schlacht fast alle Gefährten den Gesandten Allahs zerstreut verlassen hatten, blieb Usaid mit einigen wenigen Gefährten standhaft bei ihm. In dieser Schlacht erlitt er an sieben Körperstellen schwere Verletzungen. (Al-Isaba 1/49; al-Alam 1/330) Als die Angehörigen der in Uhud Gefallenen weinten, sagte der edle Gesandte Allahs: „Heute gibt es niemanden, der um Hamza weint.“ Sad und Usaid kehrten daraufhin zu ihrem Stamm zurück und forderten dessen Frauen auf, um Hamza zu klagen. (Sira des Ibn Hischam 2/99)
Am Tag von Uhud trug Usaid das Banner der Banu Aus. Während des heftigen Kampfes hielten einige muslimische Soldaten irrtümlich ihre eigenen Kämpfer für Ungläubige und griffen sie an. Usaid wurde versehentlich von Abu Barda ibn Niyar verletzt. Ebenso versetzte Abu Dschana, der ihn nicht erkannte, Abu Barda zwei Schwertschläge. Der edle Gesandte Allahs sagte über sie: „Auch wenn jemand von euch auf diese Weise getötet wird, wird er ein Märtyrer sein.“ (Ansab al-Aschraf 1/318, 322)
Er nahm an der Grabenschlacht teil. Auch zehn Tage nach deren Ende blieb Medina von den Muslimen umzingelt. Das heidnische Heer aus Mekka streifte nachts auf der Suche nach den muslimischen Anführern umher. Usaid verteidigte damals mit zweihundert Männern den Graben. Nach dem Ende der Grabenschlacht begannen die Leute des Stammes Ghatafan ausgiebig zu plündern. Der edle Gesandte Allahs ließ ihre Anführer Amir ibn Tufail und Zaid nach Medina rufen. Sie kamen nach Medina und sagten gemeinsam, eine Einigung sei möglich, wenn man ihnen einen Teil der in Medina erzeugten Früchte überlasse. Usaid stand in der Nähe. Mit seinem Speer klopfte er beiden auf den Kopf und rief: „Ihr Schakale, verschwindet von hier!“ Amir wurde darüber sehr zornig und fragte: „Wer bist du?“ – „Usaid ibn Hudair.“ – „Der Sohn von Qatib?“ (Qatib war der Beiname von Usaids Vater Hudair.) – „Ja.“ – „Dein Vater war besser als du.“ Sofort donnerte Usaid: „Niemals! Ich bin besser als ihr alle und besser als mein Vater, denn er war ein Ungläubiger.“ (Siyar al-Ansar 1/230)
Wahrscheinlich ist genau dieses Ereignis gemeint, das at-Tabarani von Ibn Abbas überliefert. Zwei Männer namens Amir ibn Tufail und Arbad ibn Qais erschienen beim Gesandten Allahs in Medina. Amir wandte sich an ihn: „Muhammad, was wirst du mir geben, wenn ich den Islam annehme?“ Der Gesandte Allahs antwortete: „Du erhältst dasselbe wie alle Muslime. Wie ihnen obliegt auch dir dieselbe Verantwortung.“ Amir sagte: „Wenn ich Muslim werde, wirst du mir dann nach dir die Herrschaft übertragen?“ Der Gesandte Allahs sagte: „Weder du noch jemand aus deinem Stamm wird sie erhalten. Du kannst jedoch Anführer einer Reitertruppe werden.“ Nach weiteren Gesprächen standen sie auf und gingen. Danach schmiedeten sie den Plan, den Gesandten Allahs zu töten. Ihr Plan wurde ihm offenbart, und sie flohen. Muadh und Usaid verfolgten sie. Schließlich rief Usaid ihnen zu: „Ihr Feinde Allahs, Allahs Fluch sei über euch!“ Unterwegs kamen beide durch einen Unglücksfall ums Leben. (Hayat as-Sahaba 3/548–549)
Vor dem Vertrag von Hudaibiyya sandte der Quraisch-Anführer Abu Sufyan einen Mann nach Medina, um den Gesandten Allahs zu töten. Er hatte einen kleinen Dolch an der Hüfte verborgen und gelangte, während er nach dem Gesandten Allahs fragte, zur Moschee der Banu Abd al-Aschhal. Der edle Gesandte Allahs erkannte ihn schon an seinem Gesicht und sagte: „Dieser Mann ist gekommen, um zu täuschen.“ Als der Mann sich mit Tötungsabsicht dem Gesandten Allahs näherte, packte Usaid ihn am Lendentuch und zog daran. Sofort fiel der Dolch aus seinem Gürtel. Der Mann erkannte, dass es nun kein Entkommen mehr gab. Damit er nicht fliehen konnte, hielt Usaid sein Gewand am Hals sehr fest. (Siyar al-Ansar 1/230)
Im sechsten Jahr nach der Hidschra fand der Feldzug gegen die Banu Mustaliq statt. Nach der Schlacht kam es an einem Brunnen wegen eines unbedeutenden Vorfalls beim Tränken von Kamelen und Pferden zu einem kleinen Streit zwischen einem Muhadschir und einem Ansari. Der Heuchler Abdullah ibn Ubay versuchte erfolglos, diesen Streit weiter anzufachen. Zu den Ansar sagte er: „Ihr habt ihnen erlaubt, in eurem Land zu bleiben, und euer Vermögen unter ihnen verteilt. Bei Allah, wenn ihr das nicht getan hättet, wären sie anderswohin gegangen. Wenn wir nach Medina zurückkehren, werden wir, die Vornehmen, diese Niedrigen gewiss vertreiben.“ Zaid ibn Arqam hörte seine Worte und informierte den Gesandten Allahs. Der edle Gesandte war sehr betrübt.
Danach kam Usaid, um den Gesandten Allahs zu besuchen. Der Gesandte Allahs fragte ihn:
„Hast du gehört, was euer Freund gesagt hat?“
„O Gesandter Allahs, welcher Freund?“
„Abdullah ibn Ubay.“
„Was hat er gesagt?“
„Er sagte, dass sie, wenn sie nach Medina zurückkehren, die Niedrigen vertreiben würden.“
Usaid sagte: „O Gesandter Allahs, bei Allah, so Allah will, wirst du ihn vertreiben. Bei Allah, er ist der Niedrige, während du geehrt und siegreich bist.“ (Sira des Ibn Hischam 1/1292)
Usaid sagte außerdem: „O Gesandter Allahs, sei ihm gegenüber etwas nachsichtig. Allah hat uns gemeinsam mit dir hierhergeführt. Seine Stammesangehörigen hatten für ihn eine Krone anfertigen lassen, um ihn zum König von Medina zu machen und sie ihm aufs Haupt zu setzen. Nun muss er mit eigenen Augen sehen, wie ihm sein Reich genommen wurde.“ (Ridschal hawla ar-Rasul 463)
In einer Überlieferung heißt es: Als Usaid von der obigen Äußerung Abdullah ibn Ubayys erfuhr, sagte er: „O Gesandter Allahs, erlaube mir, den Mann zu töten, der unter den Menschen Unruhe stiftet.“ Der Gesandte Allahs fragte: „Würdest du ihn töten, wenn ich es anordnete?“ Usaid antwortete: „Ja. Wenn du es erlaubst, werde ich seinen Kopf mit dem Schwert abschlagen.“ Der Gesandte Allahs ließ ihn sich setzen und beruhigte ihn. (Hayat as-Sahaba 1/474)
Auf dieser Reise zum Feldzug gegen die Banu Mustaliq war Aischa, Allahs Wohlgefallen sei auf ihr, die Reisebegleiterin des Gesandten Allahs. Auf dem Rückweg nach Medina verleumdeten die Heuchler Aischa wegen eines Vorfalls fälschlich. In den Sira-Werken ist dies als Ifk, die erfundene Anschuldigung, bekannt. Auch einige arglose Muslime ließen sich durch die Verleumdungen der Heuchler irreführen. Schließlich ließ Allah, der Erhabene, Koranverse herabkommen und enthüllte die Wahrheit.
Als die Angelegenheit ihren Höhepunkt erreicht hatte, kam Usaid eines Tages zum Gesandten Allahs und sagte: „O Gesandter Allahs, wenn Leute des Stammes Aus dir Leid zufügen, werden wir es verhindern. Wenn aber Leute unseres Bruderstammes Chazradsch dir Leid zufügen, dann befiehl es uns. Bei Allah, sie verdienen den Tod.“ Der Anführer der Chazradsch, Sad ibn Ubada, protestierte sofort: „Weil ich aus dem Stamm Chazradsch bin, kannst du so sprechen. Wäre ich aus deinem eigenen Stamm, könntest du es nicht sagen.“ Usaid donnerte sogleich: „Bei Allah, du hast gelogen. Du bist ein Heuchler und streitest deshalb zugunsten der Heuchler.“ (Sira des Ibn Hischam 1/300)
In der Schlacht von Chaibar griff Amir, der Onkel von Salama ibn Akwa, einen Juden an. Sein Schwertschlag ging jedoch daneben, er selbst wurde verletzt und starb. Viele, darunter der edle Usaid, meinten, weil er durch den eigenen Schlag gestorben sei – was einer Art Selbstmord gleichkomme –, seien alle seine guten Taten zunichtegeworden. Salama berichtete dies dem Gesandten Allahs. Dieser sagte: „Diejenigen, die so gesprochen haben, liegen falsch. Er wird doppelten Lohn erhalten.“ (Muslim 2/96)
Beim Feldzug zur Eroberung Mekkas war der edle Gesandte Allahs zusammen mit den Muhadschirun und Ansar. Seine Gruppe befand sich ganz hinten; er war zwischen Abu Bakr und Usaid. Während der Feldzüge von Hunain und Tabuk befand sich das Banner des Stammes Aus in Usaids Hand.
Am Tag der Versammlung in der Saqifa der Banu Saida, als nach dem Tod des edlen Gesandten Allahs eine Gruppe der Ansar unter der Führung von Sad ibn Ubada den Vorrang der Ansar bei der Kalifatswürde beanspruchte, verbreitete sich diese Nachricht in Medina. Streit und Diskussionen begannen. Usaid war einer der Anführer des Ansar-Stammes Aus und spielte bei der Bewältigung dieser schwierigen Lage eine wichtige Rolle. (Usd al-Ghaba 1/92) Er erhob sich und sagte zu den Ansar: „Ihr wisst, dass der Gesandte Allahs einer der Muhadschirun war. Auch sein Kalif sollte aus den Muhadschirun kommen. Wir waren die Ansar, die Helfer des Gesandten Allahs.“ Zu Sad ibn Muadh sagte er: „Auch heute sollten wir die Ansar des Kalifen des Gesandten Allahs sein.“ (Ridschal hawla ar-Rasul 462)
Schließlich sagte er zu den Leuten seines eigenen Stammes Aus: „Der Stamm Chazradsch will Sad ibn Ubada zum Kalifen machen und die Führung an sich reißen. Wenn sie heute Erfolg haben, werden sie für immer Vorrang über euch gewinnen und euch niemals mehr einen Anteil am Kalifat geben. Meiner Meinung nach sollten wir Abu Bakr den Treueid leisten.“ Danach forderte er alle auf, Abu Bakr den Treueid zu leisten. Durch diese Entscheidung des Stammes Aus wurde die Macht der Anhänger Sad ibn Ubadas geschwächt. (Siyar al-Ansar 231)
Als Abu Bakrs Lebensabend näherkam und er darüber beraten wollte, wem er nach seinem Tod die Verantwortung des Kalifats übertragen solle, gehörte auch Usaid zu den bedeutenden Gefährten, deren Meinung und Rat er – unter Muhadschirun und Ansar – einholte. Als Abu Bakr ihn nach seiner Meinung über Umar fragte, sagte er: „Ich halte ihn für geeignet, nach dir die Verantwortung des Kalifats zu übernehmen. Sein Inneres ist besser als sein Äußeres. Niemand ist für diese Aufgabe fähiger als er.“ (Hayat as-Sahaba 2/26) Im Jahr 16 nach der Hidschra reiste er mit dem Kalifen Umar von Medina nach Bayt al-Maqdis. (Usd al-Ghaba 1/92)
Im Schaaban des Jahres 20 nach der Hidschra, nach einer anderen Ansicht im Jahr 21, starb er in Medina. Der Kalif Umar trug seine Bahre auf der Schulter, verrichtete das Totengebet und ließ ihn auf dem Friedhof Baqi beisetzen. (Ansab al-Aschraf 1/240; Tabaqat 3/506; Schadharat adh-Dhahab fi Achbar man Dhahab 1/31)
Vor seinem Tod hatte er Umar testamentarisch gebeten, sein bewegliches und unbewegliches Vermögen selbst zu übernehmen und alle seine Schulden zu begleichen. Nach seinem Tod rief Umar die Gläubiger zusammen und brachte sie dazu, sich darauf zu einigen, jährlich eintausend Dirham entgegenzunehmen. Auf diese Weise wurden innerhalb von vier Jahren durch den Verkauf der Früchte des Gartens alle Schulden getilgt und sein gesamtes Vermögen bewahrt. Umar pflegte zu sagen: „Ich will die Kinder meines Bruders nicht bedürftig sehen.“ (Tabaqat 3/606; Usd al-Ghaba 1/93)
Usaids Ehefrau starb noch zu Lebzeiten des Gesandten Allahs. (Siyar al-Ansar 1/231) Von Aischa wird überliefert, dass sie sagte: „Einmal kehrten wir von der Haddsch oder der Umra nach Medina zurück. In Dhul-Hulaifa wurden wir empfangen, und die Familien der Ansar trafen mit ihren Angehörigen zusammen. Dort erhielt Usaid die Nachricht vom Tod seiner Frau. Er bedeckte seinen Kopf mit einem Tuch und begann zu weinen. Ich sagte: ‚Möge Allah dir vergeben! Du bist ein Gefährte des Gesandten Allahs und hast den Islam früh angenommen – und nun weinst du so um eine Frau?‘ Aischa sagte: Darauf nahm er das Tuch vom Kopf und sagte: ‚Du hast die Wahrheit gesprochen. Nach Sad ibn Muadh sollten wir um niemanden mehr weinen.‘“ (Hayat as-Sahaba 2/595; Musnad Ahmad 2/352)
Wahrscheinlich hatte Usaid nur einen Sohn, der Yahya hieß. In Sahih al-Buchari wird er im Kapitel „Das Herabkommen der Sakina und der Engel beim Rezitieren des Korans“ erwähnt.
Er leistete einen großen Beitrag zur Verbreitung des Korans und der Hadithe. Er überlieferte viele Hadithe unmittelbar vom Gesandten Allahs. Hochangesehene Gefährten wie Aischa, Abu Said al-Chudri, Anas ibn Malik, Abu Laila al-Ansari und Kab ibn Malik überlieferten von ihm gehörte Hadithe. In Sahih al-Buchari und Sahih Muslim sind insgesamt 18 Hadithe von ihm überliefert. (Al-Alam 1/330; al-Isaba 1/49)
Usaids Vater war ein hochangesehener Mann seines Stammes. Ibn Sad sagt: „Nach seinem Vater wurde auch er sowohl in der islamischen als auch in der vorislamischen Zeit zu einem äußerst vornehmen und angesehenen Mann. Er galt als kluger und besonnener Mann des Stammes. Diese Eigenschaften vereinigten sich in Usaid.“ Außerdem war er ein geschickter Bogenschütze und Läufer. Im damaligen Arabien wurde jemand, der diese drei Eigenschaften besaß, mit dem Beinamen „Kamil“ geehrt. (Tabaqat 3/604; al-Alam 1/330; Usd al-Ghaba 1/92)
Nach seinem Übertritt zum Islam machte er in der geistigen Läuterung solche Fortschritte, dass alle Schleier vor seinen Augen entfernt wurden. Außerdem konnte er mit sehr schöner Stimme rezitieren. (Usd al-Ghaba 1/92) Eines Nachts rezitierte er den Koran. In seiner Nähe war ein Pferd angebunden. Das Pferd begann zu springen; sobald er die Rezitation unterbrach, blieb es stehen, und sobald er wieder begann, fing es erneut an zu springen. Sein Sohn Yahya lag in der Nähe. Usaid bekam Angst, weil er befürchtete, der Junge könne von den Hufen des Pferdes zertreten werden, wenn dies so weiterginge. Beim dritten Mal ging er hinaus und sah am Himmel eine schattenartige Hülle, in deren Mitte gleichsam das Licht einer Lampe leuchtete. Seine Rezitation war inzwischen beendet. Als er zum Himmel blickte, verschwand das Licht. Am Morgen berichtete er dem Gesandten Allahs davon. Dieser sagte: „Die Engel waren gekommen, um der Koranrezitation zuzuhören. Wenn du bis zum Morgen weiterrezitiert hättest, hätten die Menschen sie bei Tageslicht sehen können.“ (Hayat as-Sahaba 3/543; Usd al-Ghaba 1/93; Sahih al-Buchari 2/750)
Er erblickte mit eigenen Augen die wirkliche Gestalt der Sakina, der inneren Ruhe. Er war ein Mann, vor dem beim Gehen ein Nur, ein Licht, herging. Buchari berichtet: In einer dunklen Nacht kamen Abbad ibn Bischr und Usaid ibn Hudair vom Gesandten Allahs. Aus den Stäben in ihren Händen strahlte Licht, das ihren Weg erhellte. Als sie sich trennten und in verschiedene Richtungen gingen, teilte sich auch das Licht und ging mit jedem von ihnen. (Schadharat adh-Dhahab 1/31; Hayat as-Sahaba 3/611)
Usaid sagte: „Eines Tages erwähnte ich beim Gesandten Allahs eine bedürftige Familie der Ansar. Sie waren sehr arm, und die meisten Familienmitglieder waren Frauen. Nachdem er mir zugehört hatte, sagte der Gesandte Allahs: ‚Du bist zu einer Zeit gekommen, in der alles, was ich besaß, bereits den Menschen gegeben worden ist. Wenn du hörst, dass wieder etwas in meine Hände gelangt ist, erinnere mich an diese Familie.‘ Einige Tage später kamen Dinge aus Chaibar. Er gab den Ansar reichlich, insbesondere jener Familie gab er eine große Menge. Ich sagte: ‚O Prophet Allahs, möge Allah dich aufs Beste belohnen.‘ Der Gesandte Allahs sagte: ‚O Ansar, möge Allah euch aufs Beste vergelten. Meine langjährige Erfahrung mit euch ist, dass ihr sehr verzeihend und geduldig seid. Nach meinem Tod werden die Menschen euch übergehen und sich selbst den Vorrang geben. Übt Geduld, bis ihr mir begegnet. Unser Treffpunkt wird das Hawd sein.‘“
Usaid sagte: „Danach starb der Gesandte Allahs, und nach Abu Bakr übernahm Umar die Verantwortung des Kalifats. Einmal verteilte er unter den Bewohnern Medinas Beute. Für mich schickte er ein Gewand, doch es war zu kurz. Ich saß in der Moschee, als ich einen quraischitischen jungen Mann sah, der ein langes Gewand trug, das meinem ähnelte. Es war so lang, dass es über den Boden schleifte. Da erzählte ich meinem Begleiter die obigen Worte des Gesandten Allahs und sagte: ‚Der Gesandte Allahs hat wirklich die Wahrheit gesprochen.‘ Der Mann lief zu Umar und berichtete ihm, was ich gesagt hatte. Umar kam eilig herbei; ich betete gerade. Umar sagte: ‚Usaid, beende dein Gebet.‘ Danach fragte er: ‚Was hast du gesagt?‘ Ich berichtete ihm, was ich gesehen und gesagt hatte. Er sagte: ‚Möge Allah dir vergeben. Dieses Gewand hatte ich für den und den geschickt. Er ist ein Ansari, einer, der in Aqaba den Treueid leistete, und ein Mudschahid von Badr und Uhud. Von ihm hat dieser quraischitische junge Mann das Gewand gekauft. Glaubst du etwa, dass die Worte des Gesandten Allahs über die Ansar in meiner Zeit in Erfüllung gehen werden?‘ Usaid sagte: ‚Bei Allah, o Befehlshaber der Gläubigen, ich glaube nicht, dass dies in deiner Zeit geschehen kann.‘“ (Hayat as-Sahaba 1/402–403; Suwar min Hayat as-Sahaba 3/36–39)
Die Mutter der Gläubigen, Aischa, sagte: „Usaid war ein vortrefflicher Mensch.“ Er pflegte zu sagen: „Wenn ich dauerhaft in einem dieser drei Zustände bleiben könnte, wäre ich gewiss ein Bewohner des Paradieses und hätte daran keinen Zweifel. Diese drei Zustände sind: 1. Wenn ich selbst den Koran rezitiere oder jemand anderem beim Rezitieren zuhöre. 2. Wenn ich die Ansprache des Gesandten Allahs höre. 3. Wenn ich an einem Totengebet teilnehme. Wenn ich an einem Totengebet teilnehme, frage ich meine Seele: Was habe ich sie tun lassen, und wie wird ihr Ende sein?“ (Al-Isaba 1/49; Hayat as-Sahaba 3/41–42)
Al-Hakim überliefert über Abu Laila: Usaid war ein rechtschaffener, fröhlicher und humorvoller Mensch. Eines Tages brachte er in der Versammlung des Gesandten Allahs die Leute mit verschiedenen Worten zum Lachen. Der Gesandte Allahs versetzte ihm scherzhaft einen leichten Schlag auf die Hüfte. Sofort sagte Usaid: „Du hast mir Schmerzen zugefügt.“ Der Gesandte Allahs sagte: „Nimm dafür Vergeltung.“ Usaid antwortete: „O Gesandter Allahs, ich trug kein Gewand, du aber trägst eines.“ Der Gesandte Allahs zog sein Gewand aus, worauf Usaid ihn sogleich umarmte und ihm wiederholt die Seite küsste. Danach sagte er: „O Gesandter Allahs, mögen meine Eltern für dich geopfert werden. Dies hatte ich mir gewünscht.“ (Hayat as-Sahaba 2/330–331)
Der edle Gesandte Allahs sagte: „Abu Ubaida ibn al-Dscharrāh, Muadh ibn Dschabal, Usaid ibn Hudair und Muadh ibn Amr – wie vortrefflich sind diese Männer!“ (Al-Isaba 1/92) In einer anderen Überlieferung sagte der Gesandte Allahs: „Niʿma ar-radschulu Usaid – was für ein guter Mann ist Usaid!“ (Tabaqat 3/603) Aischa sagte: „Niemand erreichte unter den Ansar drei Männer an Rang. Alle drei gehörten zu den Banu Abd al-Aschhal: Muadh ibn Dschabal, Usaid ibn Hudair und Abbad ibn Bischr.“ (Al-Isaba 1/49) Aus all diesen Gründen pflegte Abu Bakr as-Siddiq Usaid nachts besonders zu ehren und niemandem den Vorzug vor ihm zu geben. (Usd al-Ghaba 1/92)
ʿUbāda ibn aṣ-Ṣāmit (Allah möge mit ihm zufrieden sein)
Abu al-Walid ʿUbada war ein Sohn des Zweigs Banū Salim aus dem berühmten Stamm der Chazradsch von Medina. Er wurde im Jahr 586 n. Chr., 38 Jahre vor der Hidschra, in Yathrib geboren. (Al-Aʿlām 4/30) Sein Vater war Sāmit ibn Qais und seine Mutter Qurrat al-ʿAin. Sie war die Tochter von ʿUbada ibn Nadla ibn Mālik ibn Adschlān. Sie gab ihrem Sohn nach seinem Vater den Namen ʿUbada. (Usd al-Ghāba 3/106) Die Ehefrau von ʿUbadas Bruder Aus ibn Sāmit war Chawla bint Thaʿlaba. Sie war jene Frau, zu deren Angelegenheit die Verse über den Zihār in der Sure al-Mudschādila offenbart wurden. (Ansāb al-Aschrāf 1/251)
Die Siedlung der Banū Salim lag westlich von Medina, in einem felsigen Gebiet nahe Qubā. Dort besaßen sie mehrere Festungen, die man „ʿUtum Qawāqil“ nannte. Daraus lässt sich schließen, dass ʿUbadas Haus außerhalb des Zentrums von Medina lag.
Als ʿUbada gerade in die Jugend eingetreten war, trat der Islam in Mekka hervor. Er gehörte zu der kleinen Zahl glücklicher Menschen, die auf den ersten Ruf des Islam sofort antworteten. Als beim ersten Treueid von al-ʿAqaba sechs Bewohner Medinas dem Gesandten Allahs, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden, die Hand reichten und den Treueid leisteten, war er einer von ihnen. Viele Historiker bezeichnen diesen Treueid allerdings nicht als den Treueid von al-ʿAqaba; ihrer Ansicht nach gab es nur zwei Treueide von al-ʿAqaba. Wie dem auch sei, er erlangte auch die Ehre, am zweiten und dritten Treueid von al-ʿAqaba teilzunehmen. Nach Ansicht vieler nahm er beim zweiten Treueid zusammen mit zwölf anderen den Islam an. Beim dritten, dem letzten Treueid von al-ʿAqaba, war er einer der zwölf vom Gesandten Allahs, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden, bestimmten Naqīb (Verantwortlichen). Er wurde zum Naqīb der Banū Qawāqil ernannt. (Usd al-Ghāba 3/106; Bulūgh al-Amānī – Scharh Musnad Ahmad 22/275; Fath al-Bārī 7/172; at-Tabaqāt 3/546) Erwähnenswert ist, dass die Banū ʿAmr ibn ʿAuf ibn Chazradsch seit alter Zeit unter dem Namen Qawāqil bekannt waren. Das Wort „Qawqala“ bezeichnet eine besondere Art des Umhergehens. Der Grund für diese Bezeichnung war folgender: Wenn jemand bei ihnen Schutz suchte, gaben sie ihm einen Pfeil in die Hand und sagten: „Geh, nun zieh umher, wohin du in Yathrib möchtest.“ (Ibn Hischām 1/431)
ʿUbadas Leben war voller Lebenskraft. Nachdem er den Islam angenommen hatte und aus Mekka zurückgekehrt war, führte er als Erstes seine Mutter zum Islam. In Medina hatte er einen engen Freund namens Kaʿb ibn ʿUdschra. Dieser war damals noch Nichtmuslim, und in seinem Haus befand sich ein großes Götzenbild. ʿUbada beschäftigte ständig die Frage, wie dieses Haus vom Schirk befreit werden könne. Eines Tages drang er bei passender Gelegenheit in das Haus ein und zertrümmerte das Götzenbild. Schließlich nahm Kaʿb durch Allahs Willen den Islam an.
Als der ehrwürdige Gesandte Allahs, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden, Medina erreichte, stiftete er zwischen den Muhādschirūn und den Ansār eine Muʾāchāt, eine brüderliche Verbindung. Abu Marsad al-Ghanawī wurde ʿubadas Glaubensbruder. (Usd al-Ghāba 3/106; al-Isāba 2/268; Ansāb al-Aschrāf 1/270) Abu Marsad war einer der Muslime aus der Frühzeit des Islam und ein Halīf, also ein Vertragspartner, von Hamza, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm.
ʿUbada nahm an allen Schlachten teil, darunter Badr, Uhud und der Grabenkrieg, und kämpfte an der Seite des Gesandten Allahs, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden. (Usd al-Ghāba 3/106) Nach der Schlacht von Badr entstand unter den Mudschāhidūn eine geringfügige Meinungsverschiedenheit über die Aufteilung der Beute. Daraufhin wurden mehrere Verse am Anfang der Sure al-Anfāl offenbart, und der Streit fand sein Ende. Ibn Hischām sagt, dass ʿUbada auf die betreffenden Verse der Sure al-Anfāl angesprochen wurde und antwortete: „Diese Verse wurden über uns, die Kämpfer von Badr, offenbart. Am Tag von Badr waren wir über die Anfāl uneinig geworden. Als sich dadurch unser Charakter verschlechterte, nahm Allah sie uns aus der Hand und übergab sie dem Gesandten Allahs, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden. Er verteilte sie gleichmäßig unter uns.“ (Sīrat Ibn Hischām 1/66)
Zur Zeit dieser Schlacht von Badr erhob der jüdische Stamm Banū Qainuqāʿ von Medina auf das Zeichen des Heuchlers ʿAbdullah ibn Ubayy hin eine Rebellion gegen den Gesandten Allahs, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden. Mit ʿUbadas Stamm, den Banū ʿAuf, bestand schon lange ein Bündnis. Ebenso bestand ein Bündnis mit dem Heuchler ʿAbdullah ibn Ubayy ibn Salūl. Als der ehrwürdige Gesandte Allahs wegen ihrer Rebellion den Dschihad gegen sie ausrief, eilte ʿUbada zu ihm und erklärte öffentlich die Aufkündigung des Bündnisses mit ihnen: „Ich sage mich von allen Beziehungen zu ihnen los und erkläre mich von ihnen frei. Allah, Seinen Gesandten und die Gläubigen aber nehme ich zu meinen Freunden.“ ʿAbdullah ibn Ubayy ibn Salūl blieb dagegen bei seiner bisherigen Haltung. Nach der Niederschlagung der Rebellion wurde beschlossen, sie aus Medina zu vertreiben. Der Gesandte Allahs, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden, übertrug ʿUbada die Durchführung dieser Vertreibung. Aus diesem Anlass wurden die Verse 51 bis 58 der Sure al-Māʾida offenbart. In diesen Versen wird ʿUbada offenkundig gelobt und der Heuchler ʿAbdullah ibn Ubayy getadelt. (Sīrat Ibn Hischām 2/49) Am Treueid von ar-Ridwān im sechsten Jahr nach der Hidschra nahm er teil. (Musnad Ahmad 5/319) Auch am Feldzug gegen Banū al-Mustaliq beziehungsweise al-Muraisiʿ, der im sechsten Jahr nach der Hidschra stattfand, nahm er teil. In diesem Feldzug tötete ein Mann aus seiner Gruppe irrtümlich einen anderen muslimischen Mudschāhid, weil er ihn für einen Feind hielt. (Sīrat Ibn Hischām 2/290)
Während des Kalifats von Abu Bakr as-Siddīq, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm, nahm ʿUbada an mehreren der Feldzüge teil, die in Syrien durchgeführt wurden. Während des Kalifats von al-Fārūq al-Aʿzam führte ʿAmr ibn al-ʿĀs einen Feldzug nach Ägypten. Da er lange Zeit keinen endgültigen Sieg erringen konnte, bat er den Kalifen in Medina um zusätzliche Hilfe. Kalif ʿUmar, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm, entsandte ein zusätzliches Heer von viertausend – nach anderer Auffassung zehntausend – Soldaten. ʿUbada war der Befehlshaber eines Viertels dieses Heeres. (Al-Isāba 2/268) In einem weiteren Brief schrieb der Kalif an ʿAmr ibn al-ʿĀs, jeder dieser Offiziere sei so viel wert wie tausend Soldaten. Nachdem dieses Verstärkungsheer Ägypten erreicht hatte, versammelte ʿAmr ibn al-ʿĀs alle Soldaten und hielt eine feurige Ansprache. Nach deren Ende rief er ʿUbada und sagte: „Gib mir deinen Speer.“ Er nahm den Speer, löste den Turban von seinem eigenen Kopf und band ihn an die Spitze des Speers. Als er ihn anschließend ʿUbada überreichte, sagte er: „Dies ist das Zeichen beziehungsweise die Fahne des Befehlshabers. Heute bist du der Befehlshaber.“ Durch Allahs Willen fiel die Stadt bereits beim ersten Angriff.
ʿUbada bekleidete zu verschiedenen Zeiten drei äußerst wichtige Verwaltungsämter im islamischen Kalifat: 1. Beamter für die Sadaqa; 2. Richter von Palästina; 3. Statthalter von Hims.
Gegen Ende seines Lebens ernannte der ehrwürdige Gesandte Allahs, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden, in verschiedenen Regionen Arabiens ʿĀmilū as-Sadaqa, also Einnehmer der Zakāt. Auch ʿUbada ernannte er für eine Region. Bei seiner Abreise ermahnte ihn der Gesandte Allahs: „Fürchte Allah. Lass nicht zu, dass am Tag der Auferstehung sogar ein Vierbeiner mit einer Beschwerde gegen dich erscheint.“ (Usd al-Ghāba 3/106)
Während des Kalifats von ʿUmar, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm, wurde er einmal zum Richter von Palästina ernannt. Damals stand diese Region unter der Herrschaft von Muʿāwiya, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm. Einmal entstand zwischen den beiden in einer Angelegenheit ein Streit, und schließlich gebrauchte Muʿāwiya ihm gegenüber einige harte Worte. Auch er erwiderte Muʿāwiya: „Künftig werde ich nicht dort sein, wo du bist.“ Er ging nach Medina. Als Kalif ʿUmar ihn nach dem Grund seiner Rückkehr fragte, erzählte er ihm den ganzen Vorfall. Nachdem ʿUmar alles angehört hatte, sagte er: „Kehre wieder an deinen Platz zurück. Dieses Land ist für Menschen wie dich geeignet. Möge Allah auch den Ort segnen, an dem du und Menschen deinesgleichen nicht sind.“ Danach schrieb er dem Befehlshaber Muʿāwiya, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm: „Ich habe ʿUbada von deiner Autorität unabhängig gemacht.“ (Usd al-Ghāba 3/106) Dieses Amt in der Gerichtsbarkeit Palästinas wurde zuerst ʿUbada übertragen. Imam al-Auzāʿī sagte: „ʿUbada war der erste Richter Palästinas.“ (Usd al-Ghāba 3/106)
Als Abu ʿUbaida, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm, Befehlshaber von Syrien war, ernannte er ʿUbada ibn as-Sāmit zu seinem Stellvertreter in Hims. Während seines Aufenthalts in Hims eroberte er Lādhiqiyya. Bei diesem Feldzug wandte er eine neue militärische Technik an. Er ließ so große Gruben ausheben, dass sich darin ein Reiter mitsamt seinem Pferd ganz leicht verstecken konnte. (Futūh al-Buldān 139)
Der ehrwürdige ʿUbada lebte bis zu seinem Lebensende in Syrien, dem Großsyrien. Über das Jahr und den Ort seines Todes bestehen unterschiedliche Auffassungen. Im Jahr 34 nach der Hidschra beziehungsweise 654 n. Chr. starb er im Alter von 72 Jahren in Ramla oder, nach anderer Auffassung, in Bayt al-Maqdis. Ibn ʿAsākir erwähnt in ʿUbadas Biografie einige Ereignisse zwischen ihm und Muʿāwiya, aus denen man schließen könnte, dass er auch während des Kalifats von Muʿāwiya noch lebte. Deshalb meinen manche, er habe bis zum Jahr 45 nach der Hidschra gelebt. Ibn al-Athīr sagt, die frühere Auffassung sei die richtige. (At-Tabaqāt 3/546; al-Isāba 2/269; Usd al-Ghāba 3/107; Ansāb al-Aschrāf 1/251)
Vor seinem Tod wurde er krank. Viele Menschen kamen und gingen, um ihn ein letztes Mal zu sehen. Auch Schaddād ibn Aus kam mit einigen Leuten. Er fragte: „Wie geht es dir?“ ʿUbada antwortete: „Durch Allahs Gnade geht es mir gut.“ Kurz vor seinem Tod kam sein Sohn und bat ihn um ein Vermächtnis. Er sagte: „Hilf mir, mich aufzurichten.“ Dann sagte er: „Mein Sohn, halte fest am Glauben an die Vorherbestimmung; andernfalls liegt im Glauben kein Gutes.“ (Musnad Ahmad 5/317; Bulūgh al-Amānī – Scharh Musnad Ahmad 22/276)
Zu dieser Zeit kam sein Schüler Sanābihī. Als er den letzten Zustand seines geliebten Lehrers sah, begann er zu weinen. ʿUbada verbot ihm zu weinen und sagte: „Ich bin unter allen Umständen zufrieden. Warum weinst du? Wenn du von mir ein Zeugnis verlangst, werde ich es ablegen. Wenn ich für jemanden Fürsprache einlegen darf, werde ich es für dich tun.“ Danach sagte er: „Alle Hadithe des Gesandten Allahs, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden, die ich bewahrt hatte, habe ich euch übermittelt. Ein Hadith ist jedoch noch übrig; den werde ich jetzt überliefern. Ich habe ihn bisher niemandem überliefert. Ich hörte den Gesandten Allahs sagen: Wer bezeugt, dass es keinen Gott außer Allah gibt und dass Muhammad der Gesandte Allahs ist, dem wird Allah das Feuer der Hölle verbieten.“ (Bulūgh al-Amānī 22/276) Unmittelbar nach der Überlieferung dieses Hadiths tat er seinen letzten Atemzug. Damals herrschte das Kalifat von ʿUthmān.
Über seinen Begräbnisort gibt es unterschiedliche Auffassungen. Ibn Saʿd schreibt, dass er in Ramla bestattet wurde. Nach einer anderen Überlieferung ist die heilige Erde von Bayt al-Maqdis seine letzte Ruhestätte, und sein Grab ist dort bis heute bekannt. Imam al-Buchārī nennt Palästina als seinen Begräbnisort. Tatsächlich war Palästina damals eine Provinz, und die beiden genannten Orte waren zwei verschiedene Bezirke dieser Provinz. Der Verfasser des Werkes al-Aʿlām, az-Ziriklī, sagt, dass er in Qibrys in Syrien starb. Bis heute besteht dort sein Grab als von Menschen besuchter Wallfahrtsort. Vonseiten des Kalifen ʿUmar, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm, war er dort Statthalter. (Al-Aʿlām 4/30)
Als ʿUbadas Todesabend näher rückte, ließ er alle Diener, Nachbarn und Verwandten herbeirufen. Als alle anwesend waren, sagte er: „Dieser heutige Tag ist mein letzter Tag in dieser Welt, und die kommende Nacht ist die erste Nacht meines Jenseits. Wenn ich euch jemals mit meiner Hand oder meiner Zunge irgendeinen Schmerz zugefügt habe, dann fordert jetzt an mir Vergeltung, Qisās. Ich stelle mich euch zur Verfügung.“ Sie sagten: „Du bist unser Vater und unser Lehrer.“ Der Überlieferer sagt: „Er hatte niemals einen Diener mit einem schlechten Wort beleidigt.“ Danach gab er ihnen sein Vermächtnis: „Wenn ich sterbe, soll niemand weinen. Vollzieht gründlich die Gebetswaschung, geht in die Moschee und verrichtet das Gebet. Nach dem Gebet betet für ʿUbada und für euch selbst. Denn Allah hat gesagt: ‚Sucht Hilfe bei Allah durch Geduld und das Gebet.‘ (Sure al-Baqara 45, 153) Begrabt mich sehr bald.“ (Hayāt as-Sahāba 3/46)
Von den fünf ansārischen Männern, die zu Lebzeiten des Gesandten Allahs den gesamten Koran auswendig lernten, war ʿUbada einer. Er war einer der gebildeten und angesehenen Gefährten und besaß besondere Sachkenntnis in der Wissenschaft der Koranrezitation. Zu Lebzeiten des ehrwürdigen Gesandten Allahs war er in Medina mit der Leitung der ersten Madrasa für Koranrezitation betraut, die für die Gefährten der Suffa eingerichtet worden war. Die hoch angesehenen und ehrenvollen Gefährten der Suffa lernten bei ihm. In dieser Madrasa wurde neben dem Koranunterricht auch das Schreiben gelehrt. Viele Menschen verließen diese Madrasa, nachdem sie dort Koranrezitation und Schreiben gelernt hatten. (Usd al-Ghāba 3/106; Musnad Ahmad 5/315)
Für einige der Schüler, die an dieser Madrasa studierten, sorgte er auch für Unterkunft und Verpflegung. Ein Mann wohnte in seinem Haus und nahm dort gemeinsam mit ihm das Abendessen ein. Als der Mann wieder abreiste, schenkte er ʿUbada einen ausgezeichneten Bogen. ʿUbada berichtete dem Gesandten Allahs davon. Der Gesandte Allahs verbot ihm, den Bogen anzunehmen. (Musnad Ahmad 5/324; Hayāt as-Sahāba 3/230) Kalif ʿUmar schickte ihn später, damit er die Muslime in Syrien im korrekten Lesen des Korans unterrichte.
Bei der Überlieferung von Hadithen führte er einige besondere Formulierungen ein. Die Gefährten seiner Zeit, die Hadithe überlieferten, pflegten zu sagen: „Ich hörte dies vom Gesandten Allahs.“ Manche verwendeten zusätzliche Worte, die später zu einem Bestandteil der Hadithüberlieferung wurden. Auch ʿUbada führte solche Formulierungen ein. Wenn er beispielsweise einen Hadith überlieferte, sagte er: „Der Gesandte Allahs sagte dies mir persönlich ins Gesicht. Ich sage nicht, dass dieser oder jener mir diesen Hadith überliefert hat.“
Ebenso hielt er einmal bei einer Versammlung eine Ansprache. Als er darin einen Hadith überlieferte, äußerte Muʿāwiya, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm, unter den Zuhörern ein gewisses Zweifeln an dessen Echtheit. Darauf sagte ʿUbada: „Ich bezeuge, dass ich dies vom Gesandten Allahs gehört habe.“
Er überlieferte die Hadithe des Gesandten Allahs unter allen Umständen und an jedem Ort. Bei Predigtversammlungen, in Zusammenkünften des Wissenserwerbs und sogar, wenn er gelegentlich eine Kirche betrat, ließ er auch dort die heiligen Worte des Gesandten Allahs die Ohren der Christen erreichen.
Die Zahl der von ʿUbada überlieferten Hadithe beträgt etwa 181. Sechs davon sind von beiden Hadithgelehrten, al-Buchārī und Muslim, übereinstimmend überliefert. (Al-Aʿlām 4/30) Viele bedeutende Gefährten und Tābiʿūn überlieferten diese Hadithe von ihm. Zu den Gefährten zählen Anas ibn Mālik, Dschābir ibn ʿAbdullah, Abu Umāma, Salama ibn al-Muhabbaq, Mahmūd ibn ar-Rabīʿ, al-Miqdām ibn Maʿdīkarib, Rāfiʿa ibn Rāfiʿ, Aus ibn ʿAbdullah ath-Thaqafī und Schurahbīl ibn Hasana. Zu den Tābiʿūn zählen besonders ʿAbd ar-Rahmān ibn ʿUsaila as-Sanādschī, Hittān ibn ʿAbdullah ar-Raqāschī, Abu al-Aschʿath as-Saghānī, Dschubair ibn Nadīr, Dschunāda ibn Abi Umaiyya, al-Aswad ibn Thaʿlaba, ʿAtā ibn Abi Yasār, Abu Muslim al-Chaulānī und Abu Idrīs al-Chaulānī. (Usd al-Ghāba 3/106)
Auch in der Rechtswissenschaft war er äußerst bewandert. Die Gefährten ehrten sein Wissen. Chālid ibn Maʿdān sagte: „Unter den Gefährten des Gesandten Allahs in Syrien gibt es keinen größeren Rechtsgelehrten und keinen zuverlässigeren Menschen als ʿUbada und Schaddād ibn Aus.“ (Hayāt as-Sahāba 3/62)
Muʿāwiya, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm, erwähnte in einer Ansprache die Pest von ʿAmwās. Er sagte: „Ich habe diese Angelegenheit mit ʿUbada besprochen. Was er gesagt hat, ist richtig. Nutzt sein Wissen, denn er ist ein größerer Rechtsgelehrter als ich.“ Dschunāda ging zu ʿUbada, um ihn zu besuchen, und berichtete anschließend: „ʿUbada hatte ein tiefes Verständnis von Allahs Religion erlangt.“ (Al-Isāba 2/268; Siyar al-Ansār 2/56)
Die Wahrheit gegenüber einem Herrscher offen auszusprechen, war eines der herausragenden Merkmale seines Charakters. Diese Pflicht erfüllte er mit großem Eifer. Als er nach Syrien kam, sah er, dass beim Kauf und Verkauf die Vorschriften der Scharia verletzt wurden. Er hielt eine so feurige Ansprache, dass in der gesamten Versammlung große Aufregung entstand. Auch Muʿāwiya war anwesend. Er rief: „Der ehrwürdige Gesandte Allahs hat ʿUbada dies nicht gesagt.“ Da entflammte ʿUbadas Glaubenseifer. Er sagte: „Ich habe keinen Wunsch, mit Muʿāwiya zusammenzubleiben. Ich bezeuge, dass der Gesandte Allahs mir dies gesagt hat.“ (Usd al-Ghāba 3/107; Musnad Ahmad 5/319)
Das genannte Ereignis fand während des Kalifats von ʿUmar, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm, statt. Während der Zeit des Kalifen ʿUthmān schrieb der Befehlshaber Muʿāwiya jedoch an den Kalifen: „ʿUbada hat die gesamte Lage in Syrien aus dem Gleichgewicht gebracht. Entweder lässt du ihn nach Medina rufen, oder ich selbst verlasse Syrien.“ Darauf wies der Führer der Gläubigen ihn an, ʿUbada nach Medina zu schicken. Nach dem Befehl des Kalifen ging ʿUbada direkt von Syrien nach Medina. Als er den Kalifen erreichte, sprach dieser gerade mit einem Muhādschir. Vor dem Haus des Kalifen hatten sich viele Menschen versammelt. ʿUbada trat ein und setzte sich schweigend in eine Ecke. Sobald der Kalif den Blick hob, sah er ihn. Er fragte: „Was ist geschehen?“ Sofort stand ʿUbada auf und begann zu den versammelten Menschen zu sprechen: „Der Gesandte Allahs hat gesagt: Nach mir werden die Herrscher das Gute in Schlechtes und das Schlechte in Gutes verwandeln; doch Gehorsam in einer ungerechten Angelegenheit ist nicht zulässig. Befasst euch niemals mit sündhaften Handlungen.“ (Musnad Ahmad 5/319)
Während seiner Worte versuchte Abu Huraira, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm, etwas zu sagen. ʿUbada fuhr ihn an: „Ihr wart nicht dabei, als wir dem Gesandten Allahs den Treueid leisteten.“ (Also mischt euch nicht grundlos ein.) „Wir leisteten dem Gesandten Allahs unter folgenden Bedingungen den Treueid: Wir würden ihm unter allen Umständen gehorchen, in Zeiten des Wohlstands wie der Not finanzielle Hilfe leisten, die Menschen zum Guten auffordern und sie vom Schlechten abhalten. Wir würden uns nicht davor fürchten, die Wahrheit zu sagen. Wenn der Gesandte Allahs nach Yathrib käme, würden wir ihm helfen. Wir würden ihn mit unserem Leben, unserem Besitz und unseren Kindern schützen. Und in Bezug auf Allah würden wir den Tadel keines Tadelnden fürchten. Für all diese Taten wurde uns das Paradies als Lohn versprochen. Es ist unsere Pflicht, alle diese Versprechen vollständig zu erfüllen. Wer sie nicht erfüllt, trägt dafür selbst die Verantwortung.“ (Ansāb al-Aschrāf 1/253; Musnad Ahmad 5/325; auch Imam al-Buchārī und Imam Muslim überlieferten diesen Hadith.)
ʿUbada erfüllte die Pflicht des Amr bi-l-Maʿrūf, des Aufrufens zum Guten, jederzeit, sogar während er unterwegs war. Einmal war er auf dem Weg und sah ʿAbdullah ibn ʿAbbād az-Zarqī Vögel jagen. Er nahm ihm den Vogel aus der Hand und ließ ihn in die Luft fliegen. Zu ihm sagte er: „Dieser Ort gehört zum Schutzbezirk; hier ist die Jagd verboten.“ (Musnad Ahmad 5/317)
ʿUbada empfand eine tiefe Liebe zum ehrwürdigen Gesandten Allahs. Nach der ersten Begegnung ging er noch zweimal nach Mekka, traf ihn dort und leistete ihm den Treueid. Nach der Ankunft des ehrwürdigen Gesandten Allahs in Medina gab es kein Ereignis und keinen Krieg, an dem teilzunehmen ihm nicht vergönnt gewesen wäre. Deshalb war auch er dem Gesandten Allahs besonders lieb. Als er einmal erkrankte, kam der Gesandte Allahs, um ihn zu besuchen. Einige Ansār begleiteten ihn. Der Gesandte Allahs fragte: „Wisst ihr, wer ein Märtyrer ist?“ Alle schwiegen. ʿUbada sagte zu seiner Frau: „Stütze mich ein wenig auf ein Kissen, damit ich sitzen kann.“ Nachdem er sich aufgerichtet hatte, beantwortete er die Frage des Gesandten Allahs: „Wer nach seinem Eintritt in den Islam auswandert und danach im Kampf getötet wird, an Cholera stirbt oder ertrinkt, sowie eine Frau, die bei der Geburt ihres Kindes stirbt – all dies gilt als Märtyrertum.“ (Musnad Ahmad 5/317) Solange er krank war, besuchte ihn der Gesandte Allahs morgens und abends. In dieser Zeit lehrte er ihn ein Bittgebet und sagte: „Gabriel hat es mich gelehrt.“ (Musnad Ahmad 5/323)
Im Werk Hayāt as-Sahāba findet sich eine Überlieferung über die Ehefrau ʿUbadas. Eines Tages besuchte der Gesandte Allahs die Tochter von Milhān und setzte sich, an etwas gelehnt, nieder. Dann begann er zu lachen. Als sie nach dem Grund seines Lachens fragte, sagte er: „Einige Menschen aus meiner Gemeinschaft werden auf Allahs Weg das Meer überqueren.“ Sie bat: „O Gesandter Allahs, bitte für mich, dass auch ich zu ihnen gehören darf.“ Der Gesandte Allahs betete: „O Allah, mache sie zu einer von ihnen.“ Dann lachte er erneut. Als sie wieder fragte, gab er dieselbe Antwort. Auch diesmal bat sie wie zuvor um ein Bittgebet. Nun sagte er: „Du wirst zu den ersten von ihnen gehören, nicht aber zu den späteren.“ Anas sagt: Diese Frau heiratete ʿUbada. Später überquerte sie zusammen mit Qārazas, der Ehefrau von Muʿāwiya ibn Abi Sufyān, auf einem Feldzug das Meer. Danach fiel sie vom Rücken des Reittiers und starb. (Hayāt as-Sahāba 1/592)
ʿUthmān ibn Sāuda sagte: „Ich sah ʿUbada ibn as-Sāmit, wie er seine Brust an die Wand der Moschee im Wadi Dschahannam lehnte und weinte. Ich sagte: ‚Abu al-Walid, warum weinst du so?‘ Er antwortete: ‚Dies ist der Ort, von dem uns der Gesandte Allahs gesagt hat, dass er die Hölle gesehen habe.‘“ (Hayāt as-Sahāba 2/626)
Sufyān ibn ʿUjaina fasste die Persönlichkeit und den Rang ʿUbadas, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm, mit sehr wenigen Worten so zusammen: „ʿUbada ist ein ʿAqabī, ein Uhudī, ein Badrī, ein Schadscharī und darüber hinaus ein Naqīb.“ (Bulūgh al-Amānī – Scharh Musnad Ahmad 22/275) Ja, tatsächlich war er Mitglied des Treueids von al-ʿAqaba und Kämpfer von Badr und Uhud. Er war auch Mitglied des Treueids von asch-Schadschar beziehungsweise des Treueids von ar-Ridwān, der während des Friedensvertrags von Hudaibiyya geleistet wurde. Darüber hinaus war er einer der zwölf Naqībs von Medina.
Dschābir ibn ʿAbdallāh (ra)
Über seinen Namen sowie seine Kunya oder seinen Beinamen bestehen unterschiedliche Auffassungen. Genannt werden: Abu ʿAbdillah, Abu ʿAbdirrahman und Abu Muhammad. Ibn al-Athir hielt die erste Variante für die zutreffendste. (Usud al-Ghaba 1/257, al-Isaba 1/213, Tahdhib al-Asma wa-l-Lughat 1/144) Sein Vater war ʿAbdullah ibn ʿAmr und seine Mutter Nasiba bint ʿUqba. Über ihren gemeinsamen Vorfahren Haram ibn Kaʿb treffen sich die Linien beider Eltern. Die Nachkommen Salamas, eines Vorfahren aus Jabirs väterlicher Linie, lebten in Medina bis zur Harra und zur Moschee al-Qiblatain. Der Stamm Banu Haram, dem Jabir selbst angehörte, siedelte jedoch zwischen dem Friedhof und einer kleinen Moschee. Sein Vater ʿAbdullah ibn ʿAmr war einer der bei der letzten ʿAqaba eingesetzten Naqibs. (Tabaqat 3/620, 661; Usud al-Ghaba 1/256)
Jabirs Großvater ʿAmr war das Oberhaupt oder der Anführer seiner Familie. Der Brunnen namens ʿAin al-Arzaq, den Marwan ibn al-Hakam während des Kalifats von Muʿawiya, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm, instand setzte, gehörte ihm. Neben mehreren Festungen der Banu Salama standen auch weitere Festungen in der Nähe von Jabir ibn ʿAtiq unter seiner Herrschaft. Nach ʿAmrs Tod erbte sein Sohn ʿAbdullah diese Besitztümer. Dessen Sohn Jabir wurde in Medina im Jahr 34 nach dem Jahr des Elefanten, entsprechend 611, nach anderer Ansicht 607 n. Chr., geboren. (Al-Aʿlam 2/92, Siyar al-Ansar 1/294)
Jabir nahm gemeinsam mit seinem Vater ʿAbdullah am Treueid bei der letzten ʿAqaba teil. Möglicherweise nahm er bei diesem Treueid oder schon zuvor in Medina unter Musʿab ibn ʿUmair den Islam an. Nach dem Treueid ernannte der Gesandte, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, seinen Vater zum Naqib beziehungsweise Verantwortlichen der Banu Salama. Jabir sagte: „Ich war der Jüngste bei dieser ʿAqaba.“ Nach Ibn Saʿd war er damals achtzehn oder neunzehn Jahre alt. Ibn al-Athir sagt, Jabir sei damals noch ein bloßer Knabe gewesen. (Ansab al-Aschraf 1/248, 249, 252; Tabaqat 3/561; Usud al-Ghaba 1/257; Tabaqat al-Maschahir wa-l-Aʿlam 1/181)
Jabir nahm an allen Feldzügen des Gesandten, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, außer an Badr und Uhud teil. Über seine Teilnahme an Badr und Uhud sind sich die Kenner der Sira uneinig. Ibn ʿAsakir überlieferte in seinem Tarih eine Aussage, wonach Jabir sagte: „Am Tag von Badr trug ich für meinen Vater Wasser in einer Schale.“ Muhammad ibn Saʿd berichtete Muhammad ibn ʿUmar diese Überlieferung. Dieser sagte: „Das ist lediglich eine unbegründete Vorstellung der Iraker.“ Er bestritt Jabirs Teilnahme an Badr. Außerdem sagte Jabir selbst: „Ich nahm weder an Badr noch an Uhud teil. Mein Vater hielt mich davon ab. Von keinem anderen Feldzug als diesen beiden blieb ich jemals zurück.“ (Tarih ibn ʿAsakir 3/386; Usud al-Ghaba 1/257; Tahdhib al-Asma wa-l-Lughat 1/143; Tadhkirat al-Huffaz 143)
Jabir nahm nicht an der Schlacht von Uhud teil. Der Grund dafür geht aus folgender Überlieferung hervor. Ibn Hischam sagte: „Hamra al-Asad“ ist ein Ort, der acht oder neun Meilen von Medina entfernt liegt. Die Quraisch zogen sich von Uhud zurück und versammelten sich dort. Dies geschah am achten oder neunten Schawwal des dritten Hidschra-Jahres. Als der Gesandte, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, davon erfuhr, rief er aus: „Alle außer denen, die an Uhud teilgenommen haben, sollen zur Verfolgung der Feinde aufbrechen.“ Die Menschen brachen auf, sogar die Verwundeten von Uhud. So wurden sie zahlreich.
Jabir kam zum Gesandten Allahs und sagte: „O Gesandter Allahs! Gestern wurde ich daran gehindert, am Dschihad teilzunehmen. Mein Vater hielt mich zurück. Er ließ mich zur Betreuung meiner sieben Schwestern zurück und sagte zu mir: ‚Mein Sohn, es wäre weder für dich noch für mich richtig, sie zurückzulassen, ohne dass ein Mann bei ihnen bleibt. Und ich kann dich bei meinem eigenen Aufbruch zum Dschihad mit dem Gesandten Allahs nicht mir selbst vorziehen.‘“ Jabir sagte: „Daraufhin erlaubte mir der Gesandte, in den Krieg zu ziehen.“ (Ansab al-Aschraf 1/338; Sira ibn Hischam 2/207)
Wie viele Feldzüge Jabir außer Badr und Uhud mit dem Gesandten Allahs unternahm, ist unter den Historikern umstritten. In manchen Überlieferungen sind es neunzehn, in anderen achtzehn und in wieder anderen siebzehn Feldzüge. (Al-Aʿlam 2/92; Usud al-Ghaba 1/257; al-Isaba 1/313; Tahdhib al-Asma 1/143)
Jabirs Vater ʿAbdullah nahm an der Schlacht von Uhud teil und fiel als Märtyrer. Jabir sagte: „In der Nacht vor der Schlacht von Uhud rief mich mein Vater und sagte: ‚Ich möchte mich in den Reihen jener Gefährten des Gesandten Allahs sehen, die als Erste den Märtyrertod erlangen. Nach dem Gesandten Allahs lasse ich niemanden zurück, der mir lieber ist als du. Ich habe einige Schulden; du sollst sie begleichen. Ich empfehle dir außerdem, deine Schwestern gut zu behandeln.‘“ Jabir sagte: „Am Morgen war mein Vater der erste Märtyrer.“ (Hayat as-Sahaba 3/593) Ein Ungläubiger namens Sufyan ibn ʿAbdi Schams as-Sulami tötete Jabirs Vater ʿAbdullah. (Ansab al-Aschraf 1/333)
Die Ungläubigen töteten Jabirs Vater ʿAbdullah, schnitten ihm die Glieder ab und verstümmelten ihn. Deshalb wurden die abgetrennten Körperteile in einem Tuch gesammelt. Als Jabir die Leiche sehen wollte, versuchten die Menschen, ihn davon abzuhalten; doch der Gesandte Allahs erlaubte es ihm. Seine Tante stand daneben. Beim Anblick ihres Bruders stieß sie einen Schrei aus. Der Gesandte Allahs fragte: „Wer ist das?“ Die Menschen sagten: „Die Schwester ʿAbdullahs.“ Er sagte: „Ob ihr weint oder nicht – solange ihr die Leiche nicht hebt, werden die Engel sie mit ihren Flügeln beschatten.“ (Muslim 2/346; Buchari 2/584; Tabaqat 3/561)
Jabirs Schwestern schickten ein Kamel, um die Leiche ihres Vaters von Uhud zu holen. Sie wollten ihn auf dem Friedhof der Banu Salama bestatten. Als Jabir gerade Vorbereitungen traf, die Leiche seines Vaters zu holen, erfuhr der Gesandte Allahs davon und sagte: „Er soll dort bestattet werden, wo auch seine übrigen gefallenen Brüder bestattet wurden.“ So wurde er gemeinsam mit den anderen Märtyrern von Uhud am Rand von Uhud beigesetzt. (Tabaqat 3/562)
In einer Überlieferung heißt es, Jabir habe gesagt: „Ich kam zum Grab, in dem mein Vater als Märtyrer von Uhud bestattet worden war. Die Leiche war mit einem Tuch bedeckt. Ich entfernte das Tuch und begann, sein Gesicht zu küssen. Der Gesandte Allahs sah dies, verbot es mir aber nicht.“ (Tabaqat 3/561) Weiter sagte er: „Ich weinte. Der Gesandte Allahs fragte mich: ‚Warum weinst du? Bist du nicht zufrieden damit, dass ʿAischa deine Mutter und ich dein Vater bin?‘ Danach strich er mit der Hand über meinen Kopf. Heute sind alle Haare meines Kopfes weiß geworden, doch an der Stelle, an der die Hand des Gesandten Allahs mich berührt hatte, sind sie noch schwarz.“ (Tarih ibn ʿAsakir 3/386)
Über die Bestattung seines Vaters sagte Jabir: „Ich bestattete ihn mit einem anderen Märtyrer in einem Grab. Doch damit war mein Herz nicht zufrieden. Nach sechs Monaten öffnete ich das Grab und holte die Leiche heraus. Ich stellte fest, dass die Erde den Körper – außer dem Ohr – überhaupt nicht verändert hatte. Die Leiche war so unversehrt, als wäre sie erst an diesem Tag bestattet worden.“ (Tabaqat 3/562; Tahdhib al-Asma 1/143; Hayat as-Sahaba 3/592)
Jabir sagte: „Vierzig Jahre später ließ Muʿawiya bei Uhud einen Brunnen ausheben. Dabei wurde zusammen mit einigen dort bestatteten Märtyrern auch die Leiche meines Vaters herausgeholt; sie war vollkommen unversehrt.“ (Hayat as-Sahaba 3/593) Einer Überlieferung zufolge erweckte Allah, als Jabirs Vater bei Uhud den Märtyrertod erlangte, ihn wieder zum Leben und fragte: „ʿAbdullah, was wünschst du?“ Er antwortete: „Ich möchte zur Welt zurückkehren und erneut den Märtyrertod erlangen.“ (Tahdhib al-Asma 1/143)
Jabirs Vater war verschuldet. Nach seinem Tod geriet Jabir wegen all dieser Schulden in Schwierigkeiten. Die Sorge, wie er sie begleichen sollte, beunruhigte ihn sehr. Er besaß nur zwei Gärten, doch selbst deren gesamte Ernte reichte zur Til
Abu Ayyub al-Ansari (r.a.)
Sein Name war Khalid, sein Beiname Abu Ayyub. Sein Vater war Zayd ibn Kulayb al-Najjari al-Khazraji. Manche erwähnen ihn wegen seiner Verbindung zu Malik ibn al-Najjar auch als „al-Maliki“ und wegen der Zugehörigkeit der Ansar zu den „Azdi“ als „al-Azdi“. (Daira-i Ma’arif-i Islamiyya, Urdu 1/742.) Seine Mutter war Hind bint Sa’d. (Usd al-Ghaba 2/80.) Nach Ibn Sa’d jedoch Zahra bint Sa’d. (Tabaqat 3/484.) „Zahra“ war die Cousine väterlicherseits von Abu Ayyubs Vater. Abu Ayyub wurde vierzig Jahre des „Jahres des Elefanten“, also einunddreißig Jahre vor der Hidschra, in Yathrib geboren. In der Geschichte ist er unter seinem Beinamen „Abu Ayyub“ bekannt. (Daira-i Ma’arif-i Islamiyya, Urdu 1/742.) Der Stamm der Najjar war einer der vornehmsten Stämme Yathribs. Seine Vornehmheit wurde noch dadurch vermehrt, dass er der Stamm der Verwandten mütterlicherseits des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, war. Abu Ayyub war das Oberhaupt beziehungsweise der Anführer dieses angesehenen Najjar-Stammes.
Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, rief in Mekka weiterhin zum Islam auf. Die widrigen Umstände in Mekka verschlechterten sich wegen des islamischen Aufrufs von Tag zu Tag. Inzwischen hatte sich der islamische Aufruf auch in Yathrib verbreitet. Im zehnten Jahr der Prophetenschaft nahmen sechs Menschen, im elften Jahr zwölf Menschen und im zwölften Jahr dreiundsiebzig, nach anderer Auffassung fünfundsiebzig Einwohner Yathribs, also Madinas, die anlässlich der Hadsch nach Mekka gekommen waren, den Islam an, indem sie dem Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, die Hand reichten, und sprachen ein Gelübde. In der Geschichte sind diese als das erste, zweite und dritte Gelübde von Aqaba bekannt. Abu Ayyub war beim letzten dieser Gelübde anwesend und kehrte nach Yathrib zurück, nachdem er dem Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, den Treueeid geleistet hatte. (Usd al-Ghaba 2/80; Tabaqat 3/484.) Er konnte nicht zur Ruhe kommen, bevor er die große Wahrheit, nach der er gesucht hatte, anderen mitgeteilt hatte. Seinen nahen Verwandten, Freunden und Familienangehörigen unterbreitete er den Aufruf zum Islam. Bald führte er auch seine Frau zu seiner Religion.
Da bei den Gelübden von Aqaba zahlreiche Menschen aus Madina den Islam angenommen hatten und durch die Bemühungen Mus’ab ibn Umairs, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm, des vom Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, nach Madina entsandten Vertreters, verbreitete sich der islamische Aufruf dort sehr schnell. Unterdessen begannen auf Anweisung des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, viele verfolgte Muslime heimlich von Mekka nach Madina auszuwandern. Der edle Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, blieb jedoch weiterhin unter den feindseligen Umständen der Quraisch in Mekka. Schließlich brach auch er im dreizehnten Jahr der Prophetenschaft auf Befehl Allahs nach Madina auf.
Die Bewohner Madinas warteten voller Ungeduld auf die Ankunft des Propheten. Eine Gruppe der Ansar – Abu Ayyub war einer von ihnen – ging regelmäßig jeden Morgen zu einem Ort namens Harra, vier oder fünf Meilen von Madina entfernt, und wartete bis zum Mittag, während sie aufmerksam auf den möglichen Ankunftsweg des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, blickte. Dann kehrte sie zurück. Eines Tages waren sie gerade auf dem Rückweg, als ein Jude den Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, aus großer Entfernung erblickte und ihnen die frohe Botschaft überbrachte. Die Ansar eilten bewaffnet herbei, um den großen Propheten willkommen zu heißen. Banu Najjar waren unter ihnen die eifrigsten.
Im Dorf Quba am Rand von Madina blieb der edle Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, einige Tage. Danach beschloss er, in die eigentliche Stadt Madina weiterzuziehen. Der Tag, an dem er von Quba nach Madina aufbrach, war der ruhmreichste und segensreichste Tag in der Geschichte Madinas. Die Angehörigen aller Ansar-Stämme Madinas, darunter Banu Najjar, standen an beiden Seiten seines Weges in Reihen, während die Stammesoberhäupter an den Türen ihrer Häuser warteten. Verschleierte Mädchen waren aus den Häusern auf die Straße gekommen, und abessinische Sklaven zeigten voller Freude militärische Kunststücke. Die kleinen Jungen und Mädchen von Banu Najjar sangen gemeinsam das Willkommenslied „Tala’al Badru Alayna“. Unter solch prachtvollem und heiligem Empfang betrat der große Prophet Madina.
Jeder Einwohner Madinas wartete voller Ungeduld darauf zu sehen, wem die Ehre zuteilwerden würde, den großen Propheten zu beherbergen. Er zog weiter, und die Menschen der verschiedenen benachbarten Stämme kamen ihm entgegen, begrüßten ihn mit „Ahlan, Sahlan wa Marhaban“ und anderen Willkommensworten und luden ihn ein, in ihren Häusern Gast zu sein. Doch Allah, der Erhabene, hatte das Haus Abu Ayyubs für die Gastfreundschaft gegenüber dem großen Propheten bestimmt. Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, sagte denjenigen, die seiner Kamelstute den Weg versperrten, wiederholt: „Lasst ihren Weg frei; sie ist angewiesen worden.“ (Usd al-Ghaba 2/80.) Imam Malik sagt, dass damals beim Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, der Zustand der Offenbarung gegenwärtig war. Er wartete auf die Offenbarung, um den Ort seines Abstiegs zu bestimmen. (Siyar-i Ansar, Urdu 1/110.)
Während die Kamelstute weiterging, setzte sie sich schließlich an einem Ort unter den Banu Malik ibn Najjar nieder, später an der Tür der Prophetenmoschee. Dann blickte sie etwas nach beiden Seiten, stand wieder auf, ging ein wenig hin und her, kehrte an den ersten Ort zurück und setzte sich erneut. Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, stieg ab. Ganz in der Nähe lag das Haus Abu Ayyubs. (Usd al-Ghaba 2/81.) Abu Ayyub trat vor und sagte: „Mein Haus ist ganz in der Nähe. Wenn du es erlaubst, kann ich die Sachen vom Rücken des Reittiers abladen.“ Die Menge derer, die den Gesandten Allahs in ihrem Haus bewirten wollten, hatte sich noch immer nicht verringert. Jeder wünschte von Herzen, dass der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, sein Gast würde. Schließlich losten die Menschen untereinander, und der Name Abu Ayyubs fiel. So erhielt Abu Ayyub die Gelegenheit, die höchste Ehre der Gastfreundschaft gegenüber dem großen Propheten zu erlangen. (Siyar-i Ansar 1/111.)
Der edle Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, blieb ungefähr sechs Monate im Haus Abu Ayyubs, bis die Moschee und seine daran angrenzende Wohnung fertiggestellt waren. Mit großer Liebe und Demut erfüllte Abu Ayyub die Pflicht der Gastfreundschaft. Sein Haus hatte zwei Stockwerke, doch das Dach war sehr schlicht. Abu Ayyub bestimmte das obere Stockwerk für den Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm. Der Gesandte Allahs zog jedoch aus Rücksicht auf seine eigene Bequemlichkeit und die der Besucher das Erdgeschoss vor. So vergingen die Tage. Eines Tages zerbrach im oberen Stockwerk zufällig ein Wasserkrug, und das Wasser lief aus. Das Dach war sehr einfach. Abu Ayyub und seine Frau Ummu Ayyub wurden von der Angst und Sorge ergriffen, dass das Wasser nach unten laufen und dem Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, Unannehmlichkeiten bereiten könnte. Sie besaßen nur eine einzige Decke. Um das Wasser aufzusaugen, legten sie diese auf das Wasser. Sofort gingen sie nach unten, baten den Gesandten Allahs, nach oben zu gehen, und erklärten, dass sie selbst nach unten ziehen wollten. (Usd al-Ghaba 2/81.)
Diese Unannehmlichkeit allein wäre für sie gewiss nicht schwerwiegend gewesen. Doch sie wurden von einer anderen Furcht erfasst. Das intensive Gefühl „Wir sind oben, während der Überbringer der Offenbarung unten ist“ versetzte sie in große Unruhe. Eine ganze Nacht konnten sie nicht schlafen. Mann und Frau verbrachten sie zusammengeduckt in einer Ecke des Hauses, kaum wach. Am Morgen trat Abu Ayyub zum Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, und berichtete ihm vom Geschehen der vergangenen Nacht und von ihren Empfindungen. Der edle Gesandte Allahs erwies ihren Gefühlen Achtung, nahm ihre Bitte an und ging nach oben. (Sirat Ibn Hisham 1/498; Hayat as-Sahaba 2/328–329.)
Nach dem Tod Abu Ayyubs ging dieses Haus in den Besitz seines freigelassenen Sklaven Aflah über. Als die Wände des Hauses einstürzten und es zu verwahrlosen drohte, kaufte Mughirah ibn Abd ar-Rahman ibn Harith ibn Hisham es von ihm für tausend Dinar und ließ es instand setzen. Aflah verteilte dieses Geld unter den Armen und Bedürftigen Madinas. (Sirat Ibn Hisham 1/498, Anmerkung 3.)
Während der edle Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, im Haus Abu Ayyubs wohnte, schickten gewöhnlich die Ansar abwechselnd oder Abu Ayyub selbst ihm Speisen. Was nach dem Essen übrig blieb, ließ er Abu Ayyub bringen. Abu Ayyub betrachtete die Fingerabdrücke des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, auf dem Teller und aß stets von der Seite, von der der Gesandte gegessen hatte. Eines Tages jedoch berührte der Gesandte die Speise nicht und ließ alles zurückschicken. Zögernd und verlegen trat Abu Ayyub zu ihm und fragte nach dem Grund, warum er nichts gegessen habe. Er sagte: „In der Speise war Knoblauch. Ich mag keinen Knoblauch. Ihr aber könnt davon essen.“ Abu Ayyub sagte: „Was du nicht magst, werde auch ich nicht mögen.“ (Muslim 2/198; Sirat Ibn Hisham 1/499; Usd al-Ghaba 2/81.)
Nach der Hidschra versammelte der edle Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, im Haus Anas’ die Ansar und die Muhadschirun und begründete zwischen jeweils einem Muhadschir und einem Ansari entsprechend ihren Eigenschaften, ihrer gesellschaftlichen Stellung, ihren Neigungen und ihrer Wesensart eine Muwachat, also eine religiöse Bruderschaft. Abu Ayyub wurde mit Mus’ab ibn Umair al-Quraischi, dem ersten Prediger des Islam in Yathrib, als Bruder verbunden. (Tabaqat 3/484.) Mus’ab war ein tatkräftiger und begeisterter Gefährte. Auf dem Weg des islamischen Aufrufs hatte er viele schwere Prüfungen zu bestehen. Vor der Auswanderung des Gesandten Allahs nach Madina schickte er ihn als ersten Da’i, als Prediger, dorthin. Die Bedeutung der brüderlichen Verbindung mit Abu Ayyub lag darin, dass auch in Abu Ayyub eine Begeisterung und Tatkraft wie bei Mus’ab vorhanden war. Die späteren Ereignisse seines Lebens bestätigten dies.
An allen Schlachten und Feldzügen, darunter Badr, Uhud, der Grabenschlacht und dem Treueeid von Ridwan, nahm Abu Ayyub gemeinsam mit dem Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, teil. (Usd al-Ghaba 2/80; al-Isaba 1/405.) Wahrhaftig hatte er sein Leben und sein Vermögen Allah, dem Herrn der Welten, verkauft. Nach dem Tod des edlen Gesandten Allahs nahm er trotz unzähliger Mühen und Leiden an jedem Krieg teil, der in der Zeit der Kalifen stattfand. Tag und Nacht, öffentlich und im Verborgenen, lautete sein ständiger Wahlspruch das Wort Allahs: „Zieht aus, leicht oder schwer beladen.“ (At-Tauba 9:41.) Das heißt: allein oder in der Gruppe, voller Tatkraft oder erschöpft, in Jugend und Alter, in Wohlstand und Armut – kurz, unter allen Umständen. (Fath al-Qadir 2/263.) Er pflegte zu sagen: „Ich habe mich stets als leicht und schwer zugleich empfunden.“ (Hayat as-Sahaba 1/457–458; Tabaqat 3/485.)
Nur ein einziges Mal nach dem Tod des Gesandten Allahs war er nicht aus seinem Haus ausgezogen. In jenem Krieg ernannte der Kalif einen jungen Mann zum Heerführer, mit dessen Führung Abu Ayyub nicht zufrieden sein konnte. Nach Ansicht der Sira-Gelehrten war dieser Heerführer Yazid ibn Mu’awiya, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm. Doch lange konnte er nicht zu Hause bleiben. Er schwankte in Zweifel und innerem Konflikt und wurde von Reue gequält. Schon nach kurzer Zeit fasste er einen Entschluss und sagte zu sich selbst: „Wer mein Befehlshaber ist, was kümmert mich das?“ Ohne nach diesem Gedanken auch nur einen Augenblick zu verlieren, verließ er sofort das Haus. Als Soldat in der islamischen Armee zu leben und unter ihrem Banner für die Würde des Islam zu kämpfen, betrachtete er als die größte Errungenschaft seines Lebens. (Rijal hawla ar-Rasul 406; Hayat as-Sahaba 1/458.) Für den Dschihad bereiste er die drei Kontinente Asien, Afrika und Europa. (Daira-i Ma’arif-i Islamiyya 1/743.)
Als im Jahr 35 nach der Hidschra Uthman, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm, von den Aufständischen belagert wurde, befand sich Abu Ayyub in Madina. In jener schweren Zeit leitete er gelegentlich das Gebet in der Prophetenmoschee. Während des Konflikts zwischen Ali und Mu’awiya, Allahs Wohlgefallen sei auf beiden, stellte er sich ohne Zögern auf die Seite Alis, denn nach seiner Auffassung war Ali der Imam und die Muslime hatten ihm den Treueeid geleistet. (Rijal hawla ar-Rasul 407.) Nach Ibn al-Athir nahm er an allen Kriegen an der Seite Alis teil. (Usd al-Ghaba 2/81.) Mas’udi berichtet in seinem Werk Murudsch adh-Dhahab, dass Abu Ayyub im Jahr 36 nach der Hidschra an Alis Seite an der Kamelschlacht teilnahm. Ibn Abd al-Barr bestätigt Mas’udis Aussage in seinem Werk al-Isti’ab. Es ist jedoch nicht bekannt, dass ein Historiker vor Mas’udi, dem Historiker des vierten Jahrhunderts nach der Hidschra, von Abu Ayyubs Teilnahme an der Kamelschlacht berichtet hätte. Er nahm an der Schlacht von Nahrawan gegen die Charidschiten teil. Vor der Schlacht gehörte Abu Ayyub zu denen, die eine Einigung mit den Charidschiten zu erreichen suchten. Er begleitete Ali nach Mada’in. Ali hatte großes Vertrauen in ihn. Als der Sitz des Kalifats von Madina nach Kufa verlegt wurde, ließ Ali ihn als seinen Stellvertreter in Madina zurück. Abu Ayyub übte damals in Madina das Amt des Befehlshabers aus. (Siyar-i Ansar 1/111; Daira-i Ma’arif-i Islamiyya, Urdu 1/743.)
Zur Zeit des Märtyrertodes Alis befand sich Abu Ayyub in Madina. Danach übernahm Mu’awiya, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm, die Verantwortung des Kalifats. Abu Ayyub war kein Mensch, der nach weltlichen Dingen strebte. Sein einziger Wunsch war ein kleiner Platz auf dem Feld des Dschihad und in den Reihen der Mudschahidin. Im Jahr 42 nach der Hidschra nahmen die Feldzüge der Muslime gegen die byzantinischen Römer zu. In dieser Zeit nahm er unter dem Kommando Abd ar-Rahmans, des Sohnes Khalid ibn al-Walids, am Dschihad teil. Er war damals fünfundsiebzig Jahre alt. Im selben Jahr reiste er nach Ägypten, um an einem Seekrieg teilzunehmen.
Der edle Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, hatte den Sieg über Konstantinopel, die Festung der byzantinischen Römer, vorausgesagt. Die muslimischen Befehlshaber waren stets gespannt darauf zu sehen, durch wessen Hand dieser Sieg vollbracht werden würde. Im Jahr 52, nach anderer Auffassung 49, erklärte Mu’awiya, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm, den Römern den Dschihad. Er übertrug seinem Sohn Yazid das Kommando und befahl ihm, Konstantinopel zu belagern. In diesem Heer schloss sich Abu Ayyub neben angesehenen Gefährten wie Ibn Umar, Ibn Abbas und Ibn az-Zubair als einfacher Soldat an.
Aus verschiedenen Gebieten des muslimischen Kalifats, darunter Ägypten und Syrien, schlossen sich unterschiedliche Heereseinheiten diesem Feldzug an. Befehlshaber der ägyptischen Einheit war der dortige Gouverneur und berühmte Gefährte Uqba ibn Amir al-Dschuhani. Außerdem kamen zwei Einheiten unter dem Kommando von Fudala ibn Ubaid und Abd ar-Rahman ibn Khalid ibn al-Walid hinzu.
Die Römer trafen umfassende Kriegsvorbereitungen und rückten vor, um gegen das muslimische Heer zu kämpfen. Auch die Muslime waren gut vorbereitet. Ihre Zahl war ungefähr ebenso groß wie die des Feindes. Die Begeisterung und der Eifer unter den muslimischen Soldaten waren so groß, dass bisweilen ein einziger muslimischer Soldat gegen eine ganze Reihe von Römern kämpfte. Ein muslimischer Soldat durchbrach einmal allein die Reihen der Römer und drang in ihre Mitte ein. Als die anderen Muslime seinen Wagemut sahen, riefen sie einstimmig den Koranvers: „Werft euch nicht mit euren eigenen Händen ins Verderben.“ (Al-Baqara 2:195.) Als Abu Ayyub dies hörte, trat er vor und sagte: „Versteht ihr diesen Vers etwa so? Dieser Vers wurde doch im Zusammenhang mit den Absichten und dem Verhalten der Ansar in Handel und Geschäft offenbart. Einmal sagten die Ansar: ‚Wir müssen in diesem Jahr den Schaden ausgleichen, der uns im vergangenen Jahr durch die Teilnahme am Dschihad im Handel entstanden ist.‘ In diesem Zusammenhang wurde der Vers offenbart. Seine Bedeutung ist: Das Verderben liegt nicht im Dschihad, sondern darin, den Dschihad aufzugeben und sich mit dem Sammeln von zusätzlichem Vermögen zu beschäftigen.“ (Siyar-i Ansar 1/112; Hayat as-Sahaba 1/470–471, 458–459; Tabaqat 3/484–485.)
Auf dieser Reise des Feldzugs gegen Konstantinopel brach eine Seuche aus. Viele Mudschahidin starben daran. Auch Abu Ayyub wurde befallen. Er lag im Sterben. Yazid ibn Mu’awiya, der Befehlshaber des muslimischen Heeres, kam ein letztes Mal zu ihm. Er fragte: „Abu Ayyub, hast du einen Wunsch? Ich werde versuchen, deinen letzten Wunsch zu erfüllen.“ Doch was konnte ein Mensch, der alles im Tausch für das Paradies verkauft hatte, in dieser vergänglichen Welt noch wünschen? Was er in seinem letzten Augenblick von Yazid erhoffte, hätte kein Mensch sich vorstellen können. Ruhig sagte er: „Wenn ich sterbe, setzt meinen Leichnam auf ein Pferd, bringt ihn so weit wie möglich in das Gebiet des Feindes und begrabt ihn am äußersten Ende. Treibt das muslimische Heer auf diesem Weg schnell voran, damit die Hufe ihrer Pferde mein Grab berühren und ich erkennen kann, dass sie die Hilfe und den Erfolg erlangt haben, die sie suchen.“ (Rijal hawla ar-Rasul 407; al-Isaba 1/405.)
Nach Abu Ayyubs Tod wurde sein letzter Wunsch erfüllt. Eines Nachts nahm das muslimische Heer bewaffnet seinen Leichnam auf und begrub ihn unmittelbar an der Stadtmauer Konstantinopels, des heutigen Istanbul. Alle Mitglieder des muslimischen Heeres nahmen an seinem Totengebet teil. Aus Sorge, die Ungläubigen könnten sein Grab schänden, ließ Yazid es dem Erdboden gleichmachen. Am nächsten Morgen fragten die Römer die muslimischen Mudschahidin: „Ihr schient gestern Nacht sehr beschäftigt gewesen zu sein. Was ist geschehen?“ Sie antworteten: „Ein hochgeehrter Gefährte unseres Propheten ist gestorben, und wir waren mit seiner Beerdigung beschäftigt. Ihr wisst, wo er begraben wurde. Wenn sein Grab geschändet wird, dann wisst: Nirgendwo im gewaltigen islamischen Kalifat werden eure Glocken mehr erklingen.“ (Siyar-i Ansar 1/113.) Das Grab des edlen Abu Ayyub nahe Istanbul ist bis heute für Menschen aller Herkunft und Religion ein Wallfahrtsort. In Zeiten von Hungersnot und Dürre versammelten sich die Römer in seiner Nähe, flehten Allah um Barmherzigkeit an und baten um Wasser. (Daira-i Ma’arif-i Islamiyya 1/745; Usd al-Ghaba 2/82.)
Über das Todesjahr Abu Ayyubs besteht Uneinigkeit. Ibn al-Athir führt in Usd al-Ghaba (2/81) drei Auffassungen an: die Jahre 50, 51 und 52 nach der Hidschra. Er bemerkt jedoch, dass die Mehrheit das Jahr 52 vertritt. Ibn Asakir nennt nach einer seiner Auffassungen das Jahr 55. Bei seinem Tod war Abu Ayyub ungefähr achtzig Jahre alt.
In den Hadith- und Sira-Werken finden sich zahlreiche Berichte über die Vorzüge und die hohe Stellung Abu Ayyubs. Viele Ereignisse aus seinem Leben sind bekannt, die äußerst lehrreich sind. In diesem kurzen Aufsatz ist es nicht möglich, sie ausführlich darzustellen.
Ibn Abbas berichtet: „An einem äußerst heißen Tag ging Abu Bakr genau zur Mittagszeit aus seinem Haus in Richtung Moschee. Umar sah ihn und fragte:
– Warum bist du zu dieser ungewöhnlichen Zeit herausgekommen?
– Was soll ich tun? Unerträglicher Hunger hat mich herausgetrieben.
– Bei Allah, mir geht es genauso.“ Noch bevor die beiden ihr Gespräch beendet hatten, kam der edle Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, zu ihnen und sagte:
– Was ist los? Warum seid ihr zu dieser Zeit hier?
– Der Hunger hat uns aus unseren Häusern getrieben.
Der Gesandte Allahs sagte: „Bei Dem, in Dessen Hand mein Leben liegt, auch ich konnte wegen des Hungers nicht zu Hause bleiben. Kommt mit mir.“
Die drei gingen miteinander und erreichten das Tor des Hauses Abu Ayyubs. Abu Ayyub pflegte jeden Tag Essen für den edlen Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, bereitzuhalten. Wenn dieser sich verspätete oder nicht aß, teilten die Angehörigen seines Hauses es untereinander auf. Als Ummu Ayyub, die Frau Abu Ayyubs, die Stimmen der drei hörte, kam sie heraus und sagte:
– Der Gesandte Allahs und seine beiden Gefährten, ahlan wa sahlan!
– Wo ist Abu Ayyub?
Abu Ayyub arbeitete ganz in der Nähe in seinem Dattelhain. Als er die Stimme des Gesandten Allahs hörte, eilte er herbei und sagte:
– O Gesandter Allahs, gewöhnlich kommst du nicht zu dieser Zeit.
– Du hast recht.
Abu Ayyub lief in den Garten, schnitt einen Bund trockener, reifer und unreifer Datteln ab und brachte ihn. Der Gesandte Allahs sagte: „Ich wollte nicht, dass du ihn abschneidest.“
– Iss einige trockene, reife und unreife Datteln davon – das ist mein innigster Wunsch. Ich werde sofort eine Ziege für euch schlachten.
Der Gesandte Allahs sagte: „Wenn du schlachtest, dann schlachte keine milchgebende Ziege.“
Abu Ayyub schlachtete eine Ziege, die keine Milch gab. Er sagte zu seiner Frau: „Brate das Fleisch und backe Brot. Du kannst doch gut Brot backen.“ Abu Ayyub begann, die Hälfte der Ziege zu kochen. Als alles fertig war, brachte er es dem Gesandten Allahs und seinen beiden Gefährten.
Der Gesandte Allahs nahm ein Stück Fleisch, legte es auf ein Stück Brot und sagte:
– Abu Ayyub, bring dieses Stück schnell zu Fatima. Seit langer Zeit hat sie eine solche Speise nicht mehr gesehen.
Alle aßen sich satt. Danach sagte der Gesandte Allahs: „Brot, Fleisch, Datteln, reife und halbreife Datteln.“ Seine Augen füllten sich mit Tränen. Dann sagte er: „Bei Dem, in Dessen Hand mein Leben liegt! Über diese Gabe werdet ihr am Tag der Auferstehung befragt werden. Wenn ihr eine solche Gabe erhaltet, beginnt mit ‚Bismillah‘ zu essen, und wenn ihr satt seid, sagt: ‚Alhamdulillah alladhi aschba’ana wa an’ama alayna fa afdala.‘“
Als der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, sich verabschiedete, sagte er zu Abu Ayyub:
– Komm morgen zu mir.
Am nächsten Tag erschien Abu Ayyub beim Gesandten Allahs. Dieser übergab ihm ein kleines Sklavenmädchen und sagte: „Abu Ayyub, behandle sie gut. Solange sie bei uns war, haben wir an ihr nichts als Gutes gesehen.“
Abu Ayyub kehrte mit dem Mädchen nach Hause zurück. Seine Frau fragte:
– Vater des Ayyub, wem gehört dieses Mädchen?
– Der Gesandte Allahs hat sie uns geschenkt.
„Der Geber ist großartig, und auch das Geschenk ist ehrenvoll“, bemerkte seine Frau.
– Der Gesandte Allahs hat mir befohlen, sie gut zu behandeln.
– Wie wirst du diesen Befehl umsetzen?
– Es gibt keinen besseren Weg, den Befehl des Gesandten Allahs umzusetzen, als sie freizulassen.
– Du hast die richtige Rechtleitung erhalten. Du bist ein Mensch, dem Allah geholfen hat.
Daraufhin ließen sie das Mädchen frei. (Suwar min Hayat as-Sahaba 1/124–130; Hayat as-Sahaba 1/308–310.)
In der Nacht, in der der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, zum ersten Mal mit der Mutter der Gläubigen Safiyya bint Huyayy die Ehe vollzog, stand Abu Ayyub heimlich die ganze Nacht mit einem Schwert ohne Scheide an der Tür des Gesandten Allahs. Im Morgengrauen trat der Gesandte heraus und sah Abu Ayyub. Abu Ayyub sagte: „O Gesandter Allahs, du hast ihren Vater, ihren Bruder und ihren Ehemann getötet. Deshalb fühlte ich mich nicht sicher, dich allein zu lassen.“ Der Gesandte Allahs lachte, als er dies hörte, und sprach ein Bittgebet für ihn. (Ansab al-Aschraf 1/443; Hayat as-Sahaba 2/663.)
Sein Ansehen unter den Gefährten war so groß, dass andere Gefährten ihn zu verschiedenen Rechtsfragen befragten. Bedeutende Gefährten wie Ibn Abbas, Ibn Umar, al-Bara ibn Azib, Anas ibn Malik, Abu Umama, Zayd ibn Khalid al-Dschuhani, al-Miqdam ibn Ma’di Karib, Dschabir ibn Samura und Abd Allah ibn Yazid al-Khatami überlieferten Hadithe über ihn. Auch bedeutende Tabi’un wie Sa’id ibn al-Musayyib, Urwa ibn az-Zubair, Salim ibn Abd Allah, Ata ibn Yasar, Ata ibn Yazid al-Laythi, Abu Salama und Abd ar-Rahman ibn Abi Layla waren seine Schüler. Sie alle überlieferten Hadithe von ihm. (Usd al-Ghaba 2/81; al-Isaba 1/405.)
Abu Ayyub war der Mittelpunkt der Gefährten. Wenn unter ihnen bei einer Frage eine Meinungsverschiedenheit auftrat, eilten alle zu ihm. Einmal entstand zwischen Ibn Abbas und al-Miswar ibn Makhrama ein Streit darüber, ob man beim Ganzkörperbad wegen Dschanaba im Ihram-Zustand den Kopf mit der Hand reiben dürfe. Sie schickten Abd Allah ibn Husain zu Abu Ayyub, damit er die Angelegenheit kläre. Als Abd Allah eintraf, badete Abu Ayyub gerade. Nachdem er den Grund für Abd Allahs Kommen erfahren hatte, streckte er den Kopf heraus, rieb ihn und sagte: „Sieh, so pflegte der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, sich zu waschen.“ (Bukhari 1/248.)
Während der Herrschaft des Fürsten Mu’awiya, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm, als Uqba ibn Amir al-Dschuhani Gouverneur von Ägypten war, reiste Abu Ayyub zweimal nach Ägypten. Die erste Reise unternahm er auf der Suche nach einem Hadith. Er hatte gehört, dass Uqba einen Hadith vom Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, überliefere. Um diesen einzigen Hadith aus Uqbas Mund zu hören, legte er den langen Weg von Madina bis Ägypten zurück. Nach seiner Ankunft in Ägypten ging er zum Haus Maslama ibn Makhlads. Maslama begrüßte ihn herzlich. Abu Ayyub sagte zu ihm: „Zeig mir bitte das Haus Uqbas.“ Dort angekommen, sagte er zu Uqba: „Ich möchte dich etwas fragen. Von den Gefährten des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, die damals anwesend waren, leben außer dir und mir heute keine mehr. Was hast du den Gesandten Allahs über die ‚Satr al-Muslim‘, die Wahrung der Scham und der Geheimnisse eines Muslims, sagen hören?“ Uqba antwortete: „Ich hörte den Gesandten Allahs sagen: ‚Wer in dieser Welt die verborgene Angelegenheit eines Gläubigen bedeckt, dessen Fehler wird Allah am Tag der Auferstehung bedecken.‘“ Kaum hatte Abu Ayyub dies gehört, machte er sich auf den Weg nach Madina. Er hielt nicht einmal an, um eine Ruhepause einzulegen. Später überlieferte er diesen Hadith auf diese Weise. (Hayat as-Sahaba 3/198; Musnad Imam Ahmad 4/154.)
Abu Ayyub hatte ein so starkes Verlangen danach, Wissen zu erwerben und zu verbreiten, dass er selbst auf dem Sterbebett nicht davon abließ. Nach seinem Tod wurden durch eine allgemeine Bekanntmachung zwei Hadithe unter den Menschen verbreitet. (Musnad Ahmad 5/414.)
Abu Ayyub war ein Bewahrer des Korans. Ibn Sa’d berichtet: „Zur Zeit des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, sammelten fünf Männer unter den Ansar den Koran: Mu’adh ibn Dschabal, Ubada ibn Samit, Ubayy ibn Ka’b, Abu Ayyub und Abu Darda.“ Während des Kalifats des zweiten Kalifen Umar schrieb Yazid ibn Abi Sufyan, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm, an den Kalifen: „Die Bewohner Syriens lesen den Koran auf unterschiedliche Weise. Schicke dorthin einige gelehrte Lehrer, die ihnen den Koran richtig beibringen können.“ Nach Erhalt dieses Briefes ließ Umar die genannten fünf Männer kommen und sagte zu ihnen: „Eure Brüder in Syrien haben mich um Hilfe beim Lehren des Korans gebeten. Helft mir dabei, indem wenigstens drei von euch dorthin gehen. Wenn ihr wollt, könnt ihr auch alle teilnehmen.“ Sie entsprachen der Bitte des Kalifen. Sie sagten: „Abu Ayyub ist durch sein Alter geschwächt, und Ubayy ibn Ka’b ist krank.“ Darauf bereiteten sich die übrigen drei zum Aufbruch vor. (Hayat as-Sahaba 3/195.)
In den Sira-Werken wird erwähnt, dass von Abu Ayyub einhundertfünfzig Hadithe überliefert wurden. Der Verfasser von Jala al-Qulub nennt jedoch die Zahl von 210 Hadithen. Fünf davon sind in den beiden Sahih-Werken übereinstimmend überliefert. Imam Ahmad sammelte in Band fünf seines Musnad auf den Seiten 412 bis 423 insgesamt 112 Hadithe und auf den Seiten 113–114 noch weitere von ihm überlieferte Hadithe. (Daira-i Ma’arif-i Islamiyya, Urdu 1/745.)
Im Charakter Abu Ayyubs waren besonders drei Eigenschaften ausgeprägt: 1. tiefe Liebe zum Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm; 2. Glaubenseifer und Begeisterung; 3. Wahrhaftigkeit. Er liebte den Gesandten Allahs so tief, dass er sich nach dessen Tod zum gesegneten Grab begab und dort verweilte.
Ein Beweis für seinen Glaubenseifer und seine Standhaftigkeit ist, dass er in keiner einzigen Schlacht fehlte, die zur Zeit des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, stattfand. Und noch am Ende seines Lebens, im Alter von achtzig Jahren, überquerte er auf dem Weg nach Ägypten das Römische Meer und begab sich in die Nähe der Stadtmauer Istanbuls, um die Verantwortung des islamischen Aufrufs zu erfüllen.
Aus Furcht vor keinem Menschen und keinem Staat hielt er sich jemals davon ab, die Wahrheit zu sagen. Einmal verspätete sich der Gouverneur Ägyptens, Uqba ibn Amir al-Dschuhani, der ein Gefährte war, aus einem bestimmten Grund etwas mit der Leitung des Abendgebets. Abu Ayyub stand auf und rief: „Ma hadhihis-salatu ya Uqba – Uqba, was für ein Gebet ist das?“ Uqba sagte: „Ich wurde durch eine Angelegenheit aufgehalten und habe mich deshalb verspätet.“ Abu Ayyub sagte: „Du bist ein Gefährte des Gesandten Allahs. Durch dieses Verhalten könnten die Menschen annehmen, der Gesandte Allahs habe das Gebet zu dieser Zeit verrichtet, obwohl er sehr nachdrücklich dazu aufforderte, das Abendgebet früh zu verrichten.“ (Musnad Ahmad 5/417.)
Die islamischen Vorschriften befolgte er selbst vollständig und erwartete dieselbe Befolgung auch von anderen. Sobald er bei jemandem auch nur eine geringfügige Abweichung bemerkte, korrigierte er sie. Einmal tötete Abd ar-Rahman, der Sohn Khalid ibn al-Walids, in einer Schlacht vier Gefangene, nachdem er ihnen Hände und Füße gefesselt hatte. Als Abu Ayyub davon erfuhr, sagte er zu ihm: „Der Gesandte Allahs hat verboten, Menschen auf diese Weise wie Tiere zu töten. Ich selbst würde nicht einmal ein Huhn auf diese Art schlachten.“ (Musnad Ahmad 5/422.)
Während eines Krieges gegen die Römer befanden sich auf einem Schiff unter der Aufsicht eines Offiziers zahlreiche Kriegsgefangene. Eines Tages sah Abu Ayyub, wie eine Gefangene verzweifelt weinte. Er fragte nach dem Grund ihres Weinens. Die Menschen sagten: „Sie wurde von ihrem Kind getrennt.“ Abu Ayyub nahm den Jungen an der Hand und führte ihn zu seiner Mutter zurück. Der Offizier beschwerte sich beim Befehlshaber über Abu Ayyub. Auf die Frage des Befehlshabers antwortete Abu Ayyub: „Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, hat verboten, Menschen solches Leid zuzufügen.“ (Musnad Ahmad 5/412.)
Er reiste nach Syrien und Ägypten. Dort sah er, dass die Toiletten mit der Ausrichtung zur Qibla gebaut waren. Immer wieder sagte er nur: „Was soll ich sagen? Hier sind die Toiletten zur Qibla ausgerichtet, obwohl der Gesandte Allahs dies verboten hat.“ (Musnad Ahmad 5/412.)
Salim ibn Abd Allah ibn Umar berichtet: „Zu Lebzeiten meines Vaters, Abd Allah ibn Umar, fand einmal in unserem Haus eine Hochzeitsfeier statt. Mein Vater lud neben anderen auch Abu Ayyub ein. Die Wände unseres Hauses wurden mit schönen grünen Tüchern bedeckt. Kaum war Abu Ayyub eingetroffen, hob er den Kopf und schaute sich einmal um. Dann sagte er ernst: ‚Abd Allah, habt ihr die Wände bedeckt?‘ Salim sagt: Mein Vater antwortete beschämt: ‚Abu Ayyub, die Frauen haben uns überwältigt.‘ Abu Ayyub sagte: ‚Bei allen anderen befürchte ich dies. Bei dir jedoch hatte ich eine solche Befürchtung nicht. Ich werde dein Haus nicht betreten und auch nichts essen.‘“ (Hayat as-Sahaba 2/305.)
Wie vorzüglich Abu Ayyubs Charakter war, zeigt sich auch im Ereignis der Ifk, der Verleumdung der Mutter der Gläubigen Aischa, Allahs Wohlgefallen sei auf ihr. Seine Haltung in dieser Angelegenheit war äußerst vorbildlich. Eines Tages sagte seine Frau zu ihm: „Abu Ayyub, hast du gehört, was die Menschen über Aischa erzählen?“ Er antwortete: „Ja, ich habe es gehört. Es ist eine offenkundige Lüge. Ummu Ayyub, könntest du so etwas tun?“ Sie sagte: „Bei Allah, niemals könnte ich so etwas tun.“ Abu Ayyub sagte: „Wie könnte Aischa, die besser ist als du, so etwas tun?“ (Sirat Ibn Hisham 2/302.)
Während des Krieges um Konstantinopel lud ihn eines Tages ein muslimischer Soldat auf sein Schiff zum Essen ein. Abu Ayyub kam und sagte: „Ihr habt mich eingeladen, doch ich faste heute. Ich hatte keine andere Möglichkeit, als eurer Einladung zu folgen, denn ich hörte den Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, sagen: ‚Ein Muslim hat gegenüber seinem muslimischen Bruder sechs Rechte. Wer eines davon unterlässt, lässt ein Recht unerfüllt: 1. Wenn er ihn trifft, muss er ihn grüßen. 2. Wenn er ihn einlädt, muss er die Einladung annehmen. 3. Wenn er niest und „Alhamdulillah“ sagt, muss man ihm mit „Yarhamukallah“ antworten. 4. Wenn er krank ist, muss man ihn besuchen. 5. Wenn er stirbt, muss man an seinem Totengebet teilnehmen. 6. Wenn er um Rat bittet, muss man ihm Rat geben.‘“ (Hayat as-Sahaba 2/505.)
Abu Ayyub war von äußerst schamhafter Natur. Selbst beim Waschen am Brunnen spannte er ringsum Tücher auf, um sich abzuschirmen. (Bukhari 1/248.)
Gegenüber den ungläubigen Heuchlern war er äußerst streng. Diese Strenge zeigte sich zu verschiedenen Zeiten auf unterschiedliche Weise. Damals kamen die Heuchler Madinas in die Moschee, hörten den Gesprächen der Muslime zu und machten sich außerhalb der Moschee über deren Religion lustig. Eines Tages versammelten sich einige Heuchler in der Prophetenmoschee. Während sie eng beieinanderstanden und leise miteinander berieten, bemerkte sie der Gesandte Allahs. Er befahl, sie aus der Moschee zu entfernen. Sofort eilte Abu Ayyub herbei, packte Amr ibn Qays am Bein und zog ihn aus der Moschee. Während er ihn am Bein hinter sich herzog, schrie dieser: „Abu Ayyub, führst du mich etwa so aus dem Mirbad der Banu Tha’laba hinaus?“ (An der Stelle der Moschee hatte sich früher ein Viehpferch für Kamele und Ziegen befunden.) Danach stürzte sich Abu Ayyub auf Rafi ibn Wadi’a, wickelte ihm den Umhang um den Hals, zog ihn unter Schlägen und Tritten aus der Moschee und sagte: „Verschwinde, verdorbener Heuchler! Geh den Weg zurück, auf dem du gekommen bist.“ (Sirat Ibn Hisham 1/528.)
Weil Abu Ayyub und seine Frau den Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, aufnahmen und ihm mit ihrem Leben dienten, erlangten sie bei den Angehörigen des Prophetenhauses im Besonderen und bei allen Muslimen im Allgemeinen eine herausragende Stellung. Als Ibn Abbas, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm, während des Kalifats Alis Gouverneur von Basra war, reiste Abu Ayyub einmal dorthin. Ibn Abbas sagte zu ihm: „Ich möchte heute für dich mein Haus genauso räumen, wie du einst dein Haus für den Gesandten Allahs geräumt hast.“ Darauf brachte er alle Mitglieder seiner Familie an einen anderen Ort und überließ Abu Ayyub das Haus mitsamt seiner gesamten Ausstattung. (Hayat as-Sahaba 1/405.)
Nach dem Tod des Gesandten Allahs wurden die Unterhaltszahlungen der Gefährten entsprechend ihrem früheren Dienst und Opfer festgesetzt. Abu Ayyub erhielt zunächst 4.000 Dirham. Ali erhöhte den Betrag auf 20.000. Für die Bewirtschaftung seines Landes waren zunächst acht Sklaven eingesetzt; Ali, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm, erhöhte ihre Zahl auf vierzig.
Der Name der gesegneten Ehefrau Abu Ayyubs war Ummu Hasan bint Zayd. Sie war eine vornehme Ansari-Frau. Nach Ibn Sa’ds Bericht wurde ihr einziger Sohn Abd ar-Rahman geboren.
Obwohl das Leben Abu Ayyubs, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm, auf den Schlachtfeldern vergangen war und er kaum Zeit gefunden hatte, sein Schwert von der Schulter zu nehmen und sich auszuruhen, war dieses Leben dennoch friedlich wie die sanfte, kühle Morgenluft. Denn er hatte aus dem Mund des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, gehört: „Wenn du betest, dann bete so, als wäre es dein letztes Gebet. Sprich niemals ein Wort, für das du später Rechenschaft ablegen musst. Hoffe niemals darauf, etwas von dem zu erhalten, was sich in den Händen der Menschen befindet.“ Seine Zunge wurde in keinem Streit und keiner Auseinandersetzung je ungezügelt. Keine Begierde konnte jemals sein Herz beherrschen. Wie ein frommer Diener und wie jemand, der diese Welt jeden Augenblick verlassen wird, verbrachte er sein ganzes Leben. (Rijal hawla ar-Rasul 408.)
Saʿd ibn Muʿādh (r.a.)
Sein eigentlicher Name war Saʿd, sein Beiname Abū ʿAmr und sein Ehrentitel Sayyid al-Aws. Er stammte aus dem Zweig ʿAbd al-Aschhal des berühmten medinensischen Stammes Aws. Sein Vater hieß Muʿādh ibn Nuʿmān, seine Mutter Kabsha, beziehungsweise – nach einer anderen Überlieferung – Qubaischa bint Rāfiʿ. Sie war die Cousine des berühmten Gefährten Abū Saʿīd al-Chudrī. Sein Vater Muʿādh starb bereits in der Dschāhilīya. Seine Mutter Kabsha nahm jedoch nach der Hidschra den Islam an und lebte noch lange nach Saʿds Tod. Unter allen Zweigen des Stammes Aws war ʿAbd al-Aschhal der vornehmste; die Führung lag erblich in seinen Händen. Saʿd war zu seiner Zeit ein bedeutender Führer. (Siehe: Sīrat Ibn Hischām 2/252; Usud al-Ghāba 2/296; Ṭabaqāt 3/420; Tahdhīb at-Tahdhīb 3/481.) Über sein Geburtsjahr sind kaum Informationen überliefert.
Obwohl der Einfluss des Islams in Medina nach dem ersten Treueid von al-ʿAqaba allmählich zunahm, war er in Wirklichkeit eng mit der Persönlichkeit von Musʿab ibn ʿUmair verbunden. Nach dem Treueid von al-ʿAqaba sandte der edle Gesandte Allahs Musʿab auf Bitten der Bewohner Medinas als Dāʿī des Islams, als seinen Verkünder, nach Medina. In der Geschichte des Islams gilt er als erfolgreicher Dāʿī. Durch unermüdliche Bemühungen brachte er die Botschaft des Islams zu den Ohren jedes Menschen in Medina. Als Musʿab nach Medina kam und begann, zum Islam einzuladen, war Saʿd ibn Muʿādh ein entschiedener Leugner. Dieser Zustand dauerte jedoch nicht lange. Schon bald folgte auch er der Einladung Musʿabs. Ibn Ishāq schildert die Geschichte seiner Annahme des Islams folgendermaßen:
Eines Tages ging Asʿad ibn Zurāra in Begleitung des vom Gesandten Allahs entsandten Dāʿī Musʿab ibn ʿUmair zu den Stämmen Banū ʿAbd al-Aschhal und Banū Dschafar, um zur Religion einzuladen. Sie setzten sich auf eine Mauer neben einem Brunnen namens Marāq. Einige Menschen, die bereits den Islam angenommen hatten, versammelten sich bei ihnen. Saʿd ibn Muʿādh und Usaid ibn Hudair waren damals beide Anführer des Stammes Banū ʿAbd al-Aschhal. Noch waren sie Muschrikūn, also Götzendiener. Erwähnenswert ist, dass Saʿd der Cousin mütterlicherseits von Asʿad ibn Zurāra war.
Wie dem auch sei, die Nachricht gelangte zu Saʿd und Usaid. Sofort sagte Saʿd zu Usaid: „Möge dein Vater zugrunde gehen! Geh augenblicklich zu diesen beiden Männern. Sie sind über unsere Häuser hergefallen, um unsere schwachen Leute zu täuschen. Vertreibe sie und verbiete ihnen, diesen Weg zu betreten. Wenn bei jenem zweiten Mann nicht mein Cousin Asʿad ibn Zurāra wäre, hätte ich dich nicht geschickt; ich würde selbst gehen. Es wäre jedoch nicht angemessen, dass ich vor ihm erscheine.“ Usaid ging bewaffnet zu ihnen. Das Ergebnis war das Gegenteil. Während er sie vertreiben wollte, ließ er sich selbst von ihren Worten beeinflussen und nahm den Islam an. Er sagte zu Musʿab und Asʿad: „Ich habe hinter mir einen Mann zurückgelassen. Wenn er euch zuhört, wird kein einziger Mann seines Stammes von euch fernbleiben. Ich werde Saʿd ibn Muʿādh sofort zu euch schicken.“ Damit wandte er sich seinem Stamm zu.
Saʿd saß gerade bei einer Versammlung seines Stammes. Als er Usaid zurückkommen sah, sagte er: „Bei Allah, ich schwöre, Usaid kommt mit einem anderen Gesicht zu euch zurück, als er hingegangen ist.“ Als Usaid näher kam, fragte Saʿd: „Was hast du getan?“ Usaid antwortete: „Ich habe mit den beiden gesprochen und bei ihnen nichts wirklich Schlechtes gesehen. Dennoch habe ich ihnen verboten, hierherzukommen. Sie sagten auch: Es soll so sein, wie ihr es für richtig haltet. Allerdings habe ich gehört, dass die Leute von Banū Hāritha ausgezogen sind, um Asʿad ibn Zurāra zu töten. Sie wissen doch, dass Asʿad dein Cousin ist.“
Sofort stand Saʿd erregt auf, nahm seinen Speer und eilte auf die beiden zu. Als er näher kam und sah, dass sie völlig ruhig und gelassen dasaßen, verstand er, dass Usaid ihn getäuscht und dazu bringen wollte, ihnen zuzuhören. Während er beide beschimpfte, sagte er zu Asʿad: „Hör zu, Abū Usāma! Wenn zwischen dir und mir keine Verwandtschaft bestünde, würde ich nicht so viel sagen. Du kommst in unser Haus und tust dort Dinge, die wir nicht billigen.“ Als Asʿad Saʿd kommen sah, sagte er zu Musʿab: „Musʿab, zu dir kommt ein Stammesführer. Wenn dieser Mann deine Worte annimmt, wird kein einziger Angehöriger seines Stammes von dir fernbleiben können.“
Musʿab sagte in sehr freundlichem Ton zu Saʿd: „Willst du dich nicht kurz setzen und mir zuhören? Wenn dir meine Worte gefallen und du sie gut findest, wirst du ihnen folgen; wenn sie dir nicht gefallen, werden wir gehen.“ Saʿd sagte: „Das ist sehr gerecht.“ Er stellte seinen Speer in den Boden und setzte sich. Musʿab trug ihm ruhig und besonnen die Botschaft des Islams vor und rezitierte ihm den Qurʾān. Musʿab und Asʿad berichteten beide: „Noch bevor Saʿd ein Wort sprach, bemerkten wir nach der Darlegung des Islams bereits das Leuchten des Islams in seinem Gesicht.“ Nachdem Saʿd die Einladung zum Islam gehört hatte, fragte er sie: „Was muss man tun, um diesen euren Islam, diese Religion, anzunehmen?“ Sie antworteten: „Man muss sich waschen und reinigen, sich kleiden, dann das Glaubensbekenntnis sprechen und zwei Rakʿa Gebet verrichten.“ Saʿd tat dies. Danach nahm er seinen Speer und ging gemeinsam mit Usaid zur Versammlung seines Stammes.
Als die Stammesleute sie zurückkommen sahen, sagten sie zueinander: „Saʿd hat nicht mehr das Gesicht, mit dem er fortging. Er sieht ganz anders aus.“ Saʿd trat zu ihnen und sagte: „O Leute des Stammes ʿAbd al-Aschhal! Wie beurteilt ihr mein Verhalten in verschiedenen Angelegenheiten?“ Sie antworteten einstimmig: „Du bist unser Führer, derjenige unter uns mit der besten Meinung und unser vertrauenswürdiger Naqīb, unser Verantwortlicher.“ Saʿd sagte: „Dann ist es mir verboten, mit irgendeinem eurer Männer oder Frauen zu sprechen, solange ihr nicht an Allah und Seinen Gesandten glaubt.“
Asʿad und Musʿab sagten: „Bei Allah, noch bevor der Abend kam, hatten alle Männer und Frauen von Banū ʿAbd al-Aschhal den Islam angenommen.“ Nach Saʿds Annahme des Islams blieben Asʿad und Musʿab in seinem Haus und luden weiterhin zum Islam ein. Daher gab es vor der Auswanderung des Gesandten Allahs nach Medina kein Haus und keinen Stamm dort, in dem nicht wenigstens ein oder zwei Menschen den Islam angenommen hatten. Danach begannen Saʿd ibn Muʿādh und Usaid ibn Hudair gemeinsam, die Götzen von Banū ʿAbd al-Aschhal zu zerbrechen. (Siehe: Ṭabaqāt 3/420–421; Sīrat Ibn Hischām 1/435, 437, 479; al-Bidāya 3/152; Usud al-Ghāba 3/296; Hayāt as-Sahāba 1/187–190.)
Saʿds Beitrag zur Einladung zum Islam und zu seiner Verbreitung in Medina war einzigartig. Kein anderer Gefährte kann sich in diesem Ruhm mit ihm messen. Denn dass durch die Annahme des Islams eines einzigen Menschen ein ganzer Stamm den Islam annahm, ist außer bei ihm nirgends in dieser Weise überliefert. Deshalb sagte der Gesandte: „Das beste Haus unter den Ansār ist das Haus von Banū Nadschdschār; danach kommt ʿAbd al-Aschhal.“ Die Annahme des Islams durch Saʿd und seinen Stamm ereignete sich zwischen dem ersten und dem zweiten Treueid von al-ʿAqaba.
Ibn ʿAsākir überliefert von al-Buchārī und al-Kalbī folgende Begebenheit: Nach der Auswanderung des Gesandten aus Mekka hatten die Quraisch keine Nachricht mehr von ihm. Sie saßen in ihrem Beratungsgebäude neben der Kaʿba. Da hörten sie plötzlich von der Richtung des Berges Abū Qubais die Stimme eines Mannes, der ein Gedicht vortrug. Ein Teil davon lautete: „Wenn die beiden Saʿd den Islam annehmen, wird Muhammad vor der Furcht seiner Gegner sicher sein. O Saʿd von Aws, o Saʿd von Chazradsch! Werdet zu Beschützern Muhammads!“ Dazu kamen noch einige weitere Verse. Als die Quraisch dieses Gedicht hörten, verstanden sie, dass die beiden Saʿd, die in den Stämmen Aws und Chazradsch die Helfer des Gesandten waren, Saʿd ibn Muʿādh und Saʿd ibn ʿUbāda waren. (Tahdhīb Ibn ʿAsākir 6/89.)
Einige Zeit nach seiner Annahme des Islams ging Saʿd zur ʿUmra nach Mekka. Der bedeutende Quraisch-Führer Umayya ibn خلف war sein enger Freund. Saʿd stieg in seinem Haus ab; wenn Umayya nach Medina kam, wohnte er ebenfalls bei Saʿd. Saʿd sagte zu ihm: „Sag mir Bescheid, wenn der Haram, also die Umgebung der Kaʿba, menschenleer ist.“ Gegen Mittag ging Umayya mit ihm zum Haram. Unterwegs begegneten sie Abū Dschahl. Dieser fragte Umayya: „Wer ist dieser Mann?“ Umayya antwortete: „Saʿd ibn Muʿādh.“ Abū Dschahl sagte: „Es ist wirklich erstaunlich, dass du einem Abtrünnigen Unterkunft gewährst und als sein Helfer ungehindert mit ihm in Mekka umhergehst. Wenn du nicht bei ihm wärst, wäre es für ihn schwer, zu seinem Haus zurückzukehren.“ Die Ungläubigen bezeichneten diejenigen, die den Islam annahmen, als Abtrünnige.
Saʿd richtete sofort eine Herausforderung an Abū Dschahl: „Versuche nur, mich aufzuhalten. Ich werde dir den Weg nach Medina versperren.“ Umayya sagte: „Saʿd, Abū al-Hakam, also Abū Dschahl, ist ein bedeutender Führer Mekkas. Sprich in seiner Gegenwart leise.“ Saʿd sagte: „Lass uns gehen. Ich habe den Gesandten sagen hören, dass die Muslime euch töten werden.“ Abū Dschahl fragte: „Werden sie nach Mekka kommen und uns töten?“ Saʿd antwortete: „Das weiß ich nicht.“
Im Rabīʿ al-awwal des zweiten Jahres nach der Hidschra brach der Gesandte auf, um eine Karawane von hundert Männern unter der Führung des Quraisch-Führers Umayya ibn خلف zu suchen. In der Geschichte ist dieser Feldzug als der Feldzug von Buwāṭ bekannt. Nach einer Überlieferung ließ der Gesandte Saʿd ibn Muʿādh als seinen Stellvertreter in Medina zurück. (Ansāb al-Aschrāf 1/287.)
Der edle Gesandte Allahs stiftete mit Abū ʿUbaida ibn al-Dscharrāh – nach einer anderen Überlieferung mit Saʿd ibn Abī Waqqās – eine Bruderschaft. (Ṭabaqāt 3/421; Sīrat Ibn Hischām 1/505.)
Nach dem Feldzug von Buwāṭ im zweiten Jahr nach der Hidschra stand die historische Schlacht von Badr bevor. Die Zeit war gekommen, dass Saʿds Vorhersage sich erfüllte. Die Quraisch von Mekka begannen, einen Angriff auf Medina vorzubereiten. Als der edle Gesandte davon erfuhr, zog er in Richtung Badr. Unterwegs erfuhr er die neuesten Bewegungen der Quraisch-Armee und setzte sich mit den Muhādschirūn und Ansār zur Beratung zusammen. Unter den Muhādschirūn äußerten Abū Bakr, ʿUmar, al-Miqdād und andere Gefährten ihre Meinung. Danach wandte sich der Gesandte an die Ansār und sagte: „O Leute, gebt mir euren Rat.“ Sofort stand Saʿd ibn Muʿādh auf und sagte: „O Gesandter Allahs, meinst du vielleicht uns?“ Der Gesandte sagte: „Ja.“
Saʿd sagte: „Wir haben an dich geglaubt, dich als wahrhaftig erkannt und bezeugt, dass alles, was du gebracht hast, wahr ist. Wir haben gelobt, auf dich zu hören und dir zu gehorchen. O Gesandter Allahs, tu, was du willst; wir sind mit dir. Bei Dem, Der dich mit der Wahrheit gesandt hat: Wenn du uns befiehlst, ins Meer zu springen, werden wir hineinspringen, und keiner von uns wird zurückbleiben. Wenn du uns morgen dem Feind entgegenführst, wird uns das nicht missfallen. Im Krieg sind wir geduldig und im Kampf gegen den Feind vollkommen wahrhaftig. Allah wird dir von uns ein Verhalten zeigen, das deine Augen erfreut. Zieh im Vertrauen auf Allah mit uns voran.“
Er sagte weiter: „Wir werden nicht wie jene sein, die zu Mose sagten: ,Geh du und dein Herr und kämpft gegen den Feind; wir bleiben hier sitzen.‘ Vielmehr sagen wir: ,Geh du und dein Herr, wir werden euch folgen.‘ Vielleicht bist du mit einem bestimmten Ziel aufgebrochen, Allah aber hat etwas anderes bestimmt. Sieh, was Allah durch dich geschehen lässt.“ Die Historiker sagen, dass Allah zur Bestätigung dieser Worte Saʿds den fünften Vers der Sura al-Anfāl offenbarte. Der Gesandte freute sich außerordentlich über Saʿds Rede. Bei der Aufstellung der Truppen übergab er Saʿd das Banner des Stammes Aws. Nach einer anderen Überlieferung trug Saʿd in dieser Schlacht das Banner aller Ansār. (Siehe: Sīrat Ibn Hischām 1/613, 615; Usud al-Ghāba 2/299; Ṭabaqāt 3/421; al-Bidāya 3/262; Hayāt as-Sahāba 1/415.)
Ibn Ishāq berichtet, dass Saʿd ibn Muʿādh kurz vor Beginn der Schlacht von Badr sagte: „O Prophet Allahs! Warum errichten wir nicht für dich ein ʿArīsch, ein Zelt, und stellen dort eine Truppe auf? Wir werden gegen den Feind kämpfen. Wenn Allah uns ehrt und uns den Sieg schenkt, ist unsere Hoffnung erfüllt. Sollte jedoch etwas anderes geschehen, wirst du dich mit dieser Truppe den Menschen anschließen, die wir in Medina zurückgelassen haben. O Prophet Allahs! Unsere Liebe zu den Menschen, die in Medina zurückgeblieben sind, ist nicht geringer als unsere Liebe zu dir. Wenn sie gewusst hätten, dass du in den Kampf verwickelt werden würdest, wären sie nicht zurückgeblieben. Allah wird dich durch sie schützen. Sie werden dir guten Rat geben und gemeinsam mit dir gegen den Feind kämpfen.“
Für diese Worte lobte der Gesandte Saʿd und sprach ein Bittgebet für ihn. So wurde für den Gesandten in der Nähe des Schlachtfeldes ein ʿArīsch errichtet, von dem aus er die Schlacht von Badr leitete. (Al-Bidāya 3/268; Sīrat Ibn Hischām 1/620.)
Als die Quraisch-Armee in dieser Schlacht besiegt wurde und um ihr Leben floh, verfolgten die muslimischen Kämpfer sie und begannen, sie einen nach dem anderen gefangen zu nehmen. Der edle Gesandte befand sich damals im ʿArīsch. Aus Sorge, dass ein plötzlicher Gegenangriff gegen ihn erfolgen könnte, stellte sich Saʿd ibn Muʿādh mit einigen weiteren Kämpfern der Ansār bewaffnet an die Tür des ʿArīsch und hielt Wache. Als der Gesandte einen Ausdruck des Unmuts auf Saʿds Gesicht bemerkte, sagte er: „Saʿd, offenbar gefällt dir nicht, was die Leute tun.“ Saʿd antwortete: „Ja. Dies ist unser erster Zusammenstoß mit den Götzendienern. Ich ziehe es vor, ihre Männer zu töten, statt sie am Leben zu lassen.“ (Sīrat Ibn Hischām 1/628.) Nach einer Überlieferung tötete er in dieser Schlacht ʿAmr ibn ʿUbaidullāh; auch einer seiner Sklaven nahm daran teil. (Ansāb al-Aschrāf 1/297, 479.)
Auch an der Schlacht von Uhud nahm er teil. In dieser Schlacht war er mit der Bewachung der Stellung des Gesandten beauftragt. Zu Beginn wollte der Gesandte die Ungläubigen innerhalb Medinas abwehren. Auch der Heuchler ʿAbdullāh ibn Ubayy ibn Salūl vertrat diese Ansicht. Einige junge Kämpfer jedoch, die sich leidenschaftlich nach dem Märtyrertod sehnten, bestanden darauf, außerhalb Medinas zu kämpfen. Da sie in der Mehrheit waren, folgte der Gesandte ihrer Meinung und ging ins Innere seines Hauses, um sich für den Kampf zu rüsten. Saʿd ibn Muʿādh und Usaid ibn Hudair sagten damals: „Ihr habt den Gesandten gezwungen, Medina zu verlassen, obwohl die Offenbarung vom Himmel auf ihn herabkommt. Ihr solltet eure Meinung zurücknehmen und die Angelegenheit vollständig dem Gesandten Allahs überlassen.“
Als der Gesandte anschließend mit Schwert, Schild, Rüstung und weiterer Kriegsausrüstung aus dem Haus trat, bereuten alle ihre Haltung. Einstimmig sagten sie: „Wir wollten uns dir nicht widersetzen. Dein Befehl ist für uns verbindlich.“ Der Gesandte sagte: „Jetzt kann ich nichts mehr tun. Wenn ein Prophet seine Waffen angelegt hat, ist die Entscheidung zum Kampf getroffen; es gibt keinen Weg, davon zurückzutreten.“ (Ṭabaqāt 2/26.)
Am Fuß des Berges Uhud begann die Schlacht. Zunächst siegte die muslimische Armee, doch schließlich musste sie sich dem heftigen Angriff des Gegners beugen und zurückweichen. Eine schwere Katastrophe ereignete sich. Der edle Gesandte blieb in dieser Stunde standhaft und fest. Saʿd ibn Muʿādh war einer der fünfzehn Männer, die standhaft an seiner Seite blieben. In dieser Schlacht von Uhud fiel sein Bruder ʿAmr ibn Muʿādh als Märtyrer. (Ṭabaqāt 2/30; Ansāb al-Aschrāf 1/318, 329.)
Nach der Schlacht von Uhud kam der edle Gesandte eines Tages an den Stämmen Banū ʿAbd al-Aschhal und Dschufar vorbei. Er hörte, wie die Mädchen dieser beiden Stämme um ihre in Uhud gefallenen Männer weinten und klagten. Die Augen des barmherzigen Propheten füllten sich mit Tränen, und auch er weinte. Dann sagte er: „Aber um Hamza weint niemand.“ Als Saʿd ibn Muʿādh und Usaid ibn Hudair zu ihrem Stamm Banū ʿAbd al-Aschhal zurückkehrten und dies hörten, befahlen sie den Frauen ihres Stammes: „Geht zum Haus des Gesandten Allahs und trauert um seinen Onkel Hamza.“ (Sīrat Ibn Hischām 2/99.)
Kaʿb ibn Asad, der Führer des jüdischen Stammes Banū Quraiza in Medina, hatte im Namen seines Stammes einen Bündnisvertrag mit dem Gesandten Allahs geschlossen. Während der Grabenschlacht brach er diesen Vertrag auf Anstiftung und durch die schlechten Ratschläge des Führers der Banū Nadīr, Huyayy ibn Achtab, und begann, gegen die Muslime zu intrigieren. Diese Nachricht gelangte zum Gesandten und zu den Muslimen. Um die Wahrheit der Angelegenheit zu prüfen, entsandte der Gesandte Saʿd ibn Muʿādh im Namen des Stammes Aws und Saʿd ibn ʿUbāda im Namen des Stammes Chazradsch. Mit ihnen gingen auch ʿAbdullāh ibn Rawāha und Chawwāt ibn Dschubair. Sie gingen zu Banū Quraiza und erkannten durch Gespräche und eigene Beobachtung, dass die Angelegenheit tatsächlich stimmte. Nach ihrer Rückkehr legten sie dem Gesandten ihren Untersuchungsbericht vor. (Sīrat Ibn Hischām 2/221.)
In verschiedenen Büchern werden viele Begebenheiten über Saʿds Entschlossenheit berichtet. Eine davon überliefern al-Balādhurī und Ibn al-Athīr. Der Gesandte beriet mit al-Hārith ibn ʿAuf und ʿUyaina ibn Hisn, den Führern des Stammes Ghatafān, über einen Friedensvertrag unter der Bedingung, dass von ihrer Seite keine Gefahr für Medina ausgehen solle und sie im Gegenzug ein Drittel der in Medina erzeugten Ernte erhalten würden. Im fünften Jahr nach der Hidschra herrschte während des Lärms der Grabenschlacht große Not in Medina. Der edle Gesandte beriet Saʿd ibn Muʿādh und Saʿd ibn ʿUbāda über diesen Vertrag. Beide sagten: „O Gesandter Allahs, wenn dies dein Wunsch ist, werden wir es tun. Wenn es Allahs Befehl ist, muss es ohnehin befolgt werden. Tust du dies aber wegen uns?“ Er sagte: „Ja, ich tue es wegen euch. Ich habe gesehen, dass ganz Arabien gegen euch steht. Ich wollte wenigstens dadurch ihre Feindschaft für eine Weile beenden.“
Darauf sagte Saʿd ibn Muʿādh: „O Gesandter Allahs! Sie und wir waren einst gemeinsam Götzendiener. Keiner von uns betete Allah an oder kannte Ihn. Selbst damals hofften sie nicht, auch nur eine unserer Datteln zu essen, außer im Handel oder als Gast. Heute haben wir den Islam angenommen, und Allah hat uns durch den Islam und durch dich geehrt. Und nun sollen wir ihnen einen Teil unseres Besitzes geben? Wir brauchen keinen solchen Vertrag. Bis Allah zwischen uns und ihnen endgültig entscheidet, werden wir ihnen nichts außer dem Schwert geben.“ Der Gesandte nahm seine Meinung an. (Al-Bidāya 4/104; Ansāb al-Aschrāf 1/346–347.)
Der Beginn der Schlacht stand unmittelbar bevor. Saʿd legte seine Rüstung an, nahm den Speer in die Hand und ging zum Schlachtfeld. Unterwegs saß seine Mutter bei der Mutter der Gläubigen, ʿĀischa, im Fort der Banū Hāritha. Sie sah, wie ihr Sohn beim Gehen einen Vers vortrug. Eine Zeile lautete: „Wenn die festgesetzte Zeit eintritt, warum sollte man sich noch über den Tod beklagen?“ Seine Mutter rief: „Mein Sohn! Du bist zurückgeblieben, geh schnell!“ Die Hand, in der Saʿd den Speer hielt, ragte aus der Rüstung heraus. Darauf deutete ʿĀischa und sagte: „Mutter von Saʿd, sieh, wie kurz seine Rüstung ist.“
Sobald er das Schlachtfeld erreichte, schoss Hibbān ibn ʿAbd Manāf einen Pfeil auf ihn. In manchen Überlieferungen werden anstelle Hibbāns Abū Usāma oder Chafādsch ibn ʿĀsim genannt. Der Pfeil traf seine Hand und verursachte eine schwere Wunde. Hibbān rief aus Freude: „Ich bin der Sohn von ʿĀriqa!“ Als der Gesandte – nach anderer Überlieferung Saʿd – dies hörte, sagte er: „Möge Allah dein Gesicht in der Hölle in Schweiß tauchen.“ ʿĀriqa bedeutet Schweiß. (Siehe: Sīrat Ibn Hischām 2/226–228; Usud al-Ghāba 2/296.)
Damals war in der Prophetenmoschee ein Lager zur Pflege und Behandlung der im Krieg Verwundeten eingerichtet worden. Wahrscheinlich wurde dieses Lager nach der Schlacht von Uhud gegründet und befand sich nahe der Kammer des Gesandten Allahs. Eine fromme, fürsorgliche Frau namens Rufayda aus dem Stamm Aslam war eine Pflegerin dieses Lagers. Sie versorgte und behandelte die Verwundeten und war in der Pflege und Wundbehandlung erfahren. Als Saʿd ibn Muʿādh in der Grabenschlacht verwundet wurde, befahl der Gesandte: „Bringt Saʿd in Rufaydas Zelt. So kann ich mich aus der Nähe um ihn kümmern.“ (Sīrat Ibn Hischām 2/239; Usud al-Ghāba 2/297; Dāʾirat al-Maʿārif al-Islāmiyya, Urdu, 11/33.)
Der edle Gesandte besuchte täglich dieses Lager und kümmerte sich um den kranken Saʿd. Saʿd war über sein Leben verzweifelt und sprach daher folgendes Bittgebet: „O Allah! Wenn der Kampf mit den Quraisch noch andauert, dann lass mich leben, denn ich sehne mich danach, gegen sie zu kämpfen. Sie haben Deinen Gesandten verletzt, ihn verleugnet und ihn aus seiner Heimat Mekka vertrieben. Wenn jedoch die Zeit gekommen ist, dass der Kampf endet, dann schenke mir durch diese Wunde das Martyrium. Lass mich nicht sterben, bevor mein Herz in Bezug auf Banū Quraiza Ruhe gefunden hat.“ (Sīrat Ibn Hischām 2/227; Usud al-Ghāba 2/296; Buchārī 2/591.) Allah nahm den letzten Teil seines Bittgebets an.
Nach dem Rückzug der Quraisch und ihrer Verbündeten aus der Grabenschlacht beschloss der Gesandte, den jüdischen Stamm Banū Quraiza, die Quelle allen Unheils in Medina, zu bestrafen, da sie den Vertrag gebrochen und Verrat begangen hatten. Seit alter Zeit bestand zwischen Banū Quraiza und dem Stamm Aws in Medina ein Bündnis. Als der Gesandte beschloss, sie zu bestrafen, sagten die Leute des Stammes Aws: „O Gesandter Allahs! Sie waren unsere Verbündeten gegen unseren rivalisierenden Stamm Chazradsch. Du weißt doch, wie du zuvor gegen Banū Qainuqā, die Verbündeten unserer Brüder vom Stamm Chazradsch, vorgegangen bist.“ Auch der Anführer der Heuchler, ʿAbdullāh ibn Ubayy ibn Salūl, äußerte sich ähnlich. In Wirklichkeit befürchteten sie eine harte Strafe für Banū Quraiza.
Der Gesandte sagte: „O Leute des Stammes Aws! Wärt ihr zufrieden, wenn jemand aus eurem Stamm über sie entscheidet?“ Sie antworteten: „Ja, wir wären zufrieden.“ Der Gesandte sagte: „Saʿd ibn Muʿādh wird über sie richten.“ So ernannte der Gesandte Saʿd zum Richter über das Schicksal der Banū Quraiza. Saʿd war zu dieser Zeit schwer verwundet und sehr krank. Die Leute des Stammes Aws legten einen Sattel auf ein Kamel, setzten Saʿd darauf und brachten ihn zum Gesandten. Sie sagten zu Saʿd: „Abū ʿAmr, behandle deine Verbündeten ein wenig freundlich. Wahrscheinlich hat dich der Gesandte deshalb zum Richter ernannt.“ Als sie zu weit gingen, sagte Saʿd: „Bei der Umsetzung des Befehls Allahs fürchtet Saʿd nicht im Geringsten den Tadel irgendeines Tadlers.“
Als Saʿd beim Gesandten eintraf, sagte dieser zu den um ihn sitzenden Ansār und Muhādschirūn: „Qūmū ilā sayyidikum – steht zu Ehren eures Führers auf.“ Als die Leute aus Saʿds Stamm erneut darum baten, im Urteil etwas nachsichtig zu sein, sagte er: „In dieser Angelegenheit solltet ihr eurem Bund und Vertrag mit Allah folgen.“ Dann sagte der Gesandte zu Saʿd: „Diese Leute warten auf dein Urteil.“ Saʿd sagte: „Ich verkünde mein Urteil: Diejenigen unter ihnen, die zum Kämpfen geeignet sind, sollen getötet, ihre Frauen und Kinder zu Sklaven gemacht und ihr Besitz verteilt werden.“ Als der Gesandte dieses Urteil hörte, sagte er: „Du hast dasselbe Urteil gefällt, das Allah über den sieben Himmeln gefällt hat.“ (Sīrat Ibn Hischām 2/239–240; Usud al-Ghāba 2/297; al-Isāba 2/38.)
Nach der Vollstreckung von Saʿds Urteil über Banū Quraiza lebte er nur noch kurze Zeit. Eines Tages legte der Gesandte selbst eine warme Kompresse auf seine Wunde. Darauf hörte die Blutung auf, und die Wunde schwoll an. Plötzlich platzte sie eines Tages auf, und Blut strömte heftig heraus. Ibn ʿAbbās berichtet: Als das Blut aus Saʿds Wunde zu fließen begann, eilte der Gesandte herbei, nahm Saʿds Kopf auf seinen Schoß, und Saʿds Blut benetzte das Gesicht und den Bart des Gesandten. Der Gesandte bedeckte Saʿds Körper mit einem weißen Tuch. Es war so kurz, dass beim Bedecken des Kopfes die Füße und beim Bedecken der Füße der Kopf unbedeckt blieb. Saʿd war ein kräftiger, hellhäutiger Mann.
Der Gesandte sprach darauf für Saʿd das Bittgebet: „O Allah! Saʿd hat auf Deinem Weg Dschihād geführt, an Deinen Propheten geglaubt und ist seinem Weg gefolgt. Nimm seine Seele auf die beste Weise an.“ Als Saʿd dieses Bittgebet hörte, öffnete er die Augen und sagte: „Der Friede sei mit dir, o Gesandter Allahs. Ich bezeuge, dass du der Gesandte Allahs bist.“ (Ṭabaqāt 3/426; Hayāt as-Sahāba 2/457.)
Saʿd starb. Ibn Ishāq berichtet: Nachdem Saʿd ibn Muʿādh seinen letzten Atemzug getan hatte, kam Dschibrīl nachts mit einem seidenen Turban auf dem Kopf zum Gesandten Allahs und sagte: „O Muhammad! Wer ist dieser Verstorbene, für den alle Tore des Himmels geöffnet wurden und wegen dem der Thron erbebt ist?“ Der Gesandte eilte, sein Gewand hochziehend, zu Saʿd und sah, dass er verstorben war. (Ṭabaqāt 3/432; Sīrat Ibn Hischām 2/250–251.)
Der Gesandte saß mit Saʿds Kopf auf seinem Schoß da, während noch immer Blut aus Saʿds Hand floss. Von allen Seiten kamen Menschen herbeigeeilt. Abū Bakr kam herbei, sah den Leichnam und schrie auf. Der Gesandte verbot ihm dies. ʿUmar weinte und sprach: „Wir gehören Allah, und zu Ihm kehren wir zurück.“ Im ganzen Zelt erscholl Weinen. Saʿds unglückliche Mutter begann unter Tränen ein Gedicht vorzutragen. ʿUmar verbot ihr, das Gedicht zu lesen, doch der Gesandte sagte: „Lass sie es vortragen. Andere Klageweiber sprechen die Unwahrheit; Saʿds Mutter aber sagt die Wahrheit.“ (Sīrat Ibn Hischām 2/252; Ṭabaqāt 3/228–229.)
Nach Saʿds Tod ging der edle Gesandte zu dessen Haus. Die Gefährten begleiteten ihn. Er ging so schnell, dass die Gefährten ihm kaum folgen konnten. Einer sagte: „Warum gehst du so schnell? Wir sind völlig erschöpft.“ Der Gesandte sagte: „Ich fürchte, dass die Engel ihn vor uns waschen und liegen lassen, wie sie es bei Hanzala getan haben.“ (Hayāt as-Sahāba 3/545.)
Der Gesandte ging mit Saʿds Totengebet zum Friedhof; auch die Heuchler waren dabei. Der Leichnam erschien ihnen leicht. Daher sagten die Heuchler: „Einen so leichten Leichnam haben wir noch nie gesehen. Vielleicht ist dies die Folge seines Urteils über Banū Quraiza.“ Als diese Worte den Gesandten erreichten, sagte er: „Bei Dem, in Dessen Hand mein Leben liegt! Die Engel tragen seine Bahre.“ Von Ibn ʿUmar wird berichtet, dass der Gesandte weiter sagte: „Dieser Saʿd ist wahrlich ein sehr rechtschaffener Diener. Seinetwegen erbebte Allahs Thron, die Tore des Himmels wurden geöffnet, und an seinem Totengebet nahmen siebzigtausend Engel teil, die zuvor niemals auf die Erde gekommen waren.“ (Ṭabaqāt 3/430; Usud al-Ghāba 2/297; Sīrat Ibn Hischām 2/251.)
Ibn Ishāq überliefert von Dschābir: „Bei Saʿds Beisetzung waren wir beim Gesandten Allahs. Zuerst sprach er einmal laut ,Subhānallāh‘. Die Menschen sprachen es gemeinsam mit ihm. Dann rief er den Takbīr, und die Menschen riefen ebenfalls den Takbīr. Sie fragten: ,O Gesandter Allahs, warum hast du auf diese Weise Tasbīh gesprochen?‘ Er antwortete: ,Das Grab dieses rechtschaffenen Mannes war sehr eng geworden. Danach hat Allah es weit gemacht.‘“ (Ṭabaqāt 3/432; Sīrat Ibn Hischām 2/251–252.)
Nach der Beisetzung Saʿds wirkte der edle Gesandte zutiefst traurig. Unaufhörlich liefen ihm Tränen aus den Augen. Der Verfasser von al-Istīʿāb sagt: „Saʿd starb im fünften Jahr nach der Hidschra, einen Monat nach der Grabenschlacht und einige Nächte nach dem Ereignis mit Banū Quraiza.“ (Anmerkung: al-Isāba 2/28.)
Er wurde auf dem Friedhof al-Baqīʿ in Medina beigesetzt. Bei seinem Tod war er 73 Jahre alt. (Al-Aʿlām 3/139.) Ibn Ishāq zählt ihn zu den Märtyrern von Banū ʿAbd al-Aschhal, die in der Grabenschlacht gefallen waren. (Sīrat Ibn Hischām 2/252.)
Der Tod Saʿds war ein außergewöhnliches Ereignis in der Geschichte des Islams. Wegen seines Beitrags zum Dienst am Islam und wegen seines Glaubenseifers wurde er als der „Abū Bakr der Ansār“ angesehen. Im Zusammenhang mit dem Vorfall der Ifk, der falschen Beschuldigung gegen ʿĀischa, sagte der Gesandte eines Tages zornig: „Dieser Feind Allahs, ʿAbdullāh ibn Ubayy, der Anführer der Heuchler, hat mir großen Kummer bereitet. Gibt es unter euch jemanden, der dies vergelten kann?“ Sofort stand Saʿd auf und sagte: „Wenn er aus dem Stamm Aws ist, sagt es mir, und wir werden seinen Hals abschlagen. Wenn er aber zu unseren Brüdern vom Stamm Chazradsch gehört, dann befiehlt es uns, und wir werden euren Befehl ausführen.“ (Schahīrat an-Nisāʾ fī al-ʿĀlam al-Islāmī, S. 59.)
Wie bedeutend sein Tod war, zeigt sich daran, dass Engel an seinem Totengebet teilnahmen und Allahs Thron erbebte. Daher sagte ein ansarischer Dichter stolz: „Wir haben niemals gehört, dass Allahs Thron beim Tod eines Sterblichen erbebte, außer beim Tod von Saʿd Abū ʿAmr.“ Ebenso erwies Hassān ibn Thābit, der Hofdichter des Gesandten, Saʿd in vielen Gedichten seine Ehre und beklagte ihn. (Sīrat Ibn Hischām 2/252, 269–272.)
Saʿd war ein hellhäutiger, großgewachsener und ansehnlicher Mann. Bei seinem Tod hinterließ er zwei Söhne namens ʿAmr und ʿAbdullāh. Beide hatten die Ehre, am Treueid von ar-Ridwān teilzunehmen. Ihre Mutter Hind bint Sammāk war ebenfalls eine geehrte Gefährtin des Gesandten Allahs. (Ṭabaqāt 420, 433.)
Saʿd starb bereits in der frühen Zeit des Islams in Medina. Nur fünf Jahre lang hatte er das Glück, die Gesellschaft des Gesandten Allahs zu genießen. In dieser kurzen Zeit mag er viele Hadithe gehört haben; da die Überlieferung von Hadithen jedoch erst nach dem Tod des Gesandten begann, wurden seine Überlieferungen nicht verbreitet. In Sahīh al-Buchārī findet sich jedoch eine Überlieferung von ʿAbdullāh ibn Masʿūd über Saʿds ʿUmra. Außerdem überlieferte Anas von ihm einen Hadith im Zusammenhang mit dem Märtyrertod von Saʿd ibn Rabīʿ in Uhud. Auch dieser ist in al-Buchārī enthalten. (Tahdhīb at-Tahdhīb 3/482.)
Was seinen moralischen Charakter betrifft, war Saʿd ibn Muʿādh ein Mann von höchstem Rang. ʿĀischa sagte: „Nach dem Gesandten Allahs gibt es unter Banū ʿAbd al-Aschhal niemanden, der besser ist als drei Männer: Saʿd ibn Muʿādh, Usaid ibn Hudair und ʿAbbād ibn Bischar.“ (Al-Isāba 2/97.) Saʿd selbst sagte: „Ich bin ein gewöhnlicher Mensch, doch in drei Dingen habe ich den Rang erreicht, den man erreichen sollte: 1. Alles, was ich aus dem Mund des Gesandten Allahs höre, glaube ich als von Allah kommend. 2. Während des Gebets kommt mir kein anderer Gedanke. 3. Wenn ich bei der Beerdigung eines Verstorbenen anwesend bin, beschäftigt mich nichts außer der Frage der Engel Munkar und Nakīr.“ (Anmerkung: al-Istīʿāb; al-Isāba 2/33; Tahdhīb at-Tahdhīb 3/482.)
Ein Hadith zeigt, welch großes Vertrauen der edle Gesandte in Saʿds Taten hatte. Von ʿĀischa wird überliefert, dass der Gesandte sagte: „Es gibt gewiss einen Druck des Grabes. Wenn jemand davon verschont geblieben ist, dann Saʿd ibn Muʿādh.“ (Sīrat Ibn Hischām 2/252; Ṭabaqāt 3/252, 432. Auch Imām Ahmad und al-Baihaqī überlieferten diesen Hadith.)
Chālid ibn al-Walīd nahm den König von Kinda, Uqāzdir, gefangen und brachte ihn nach Medina. Als die Gefährten dessen kostbare Kleidung sahen – nach anderer Überlieferung ein Gewand, das dem Gesandten geschenkt worden war –, waren sie überwältigt. Der Gesandte sagte angesichts ihres Erstaunens: „Wundert ihr euch darüber? Die Taschentücher von Saʿd ibn Muʿādh im Paradies werden schöner sein als dieses.“ (Ansāb al-Aschrāf 1/383; Ṭabaqāt 3/436; Usud al-Ghāba 2/297; Ibn Hischām 2/526; Sahīh al-Buchārī 1/536.)
Abū Saʿīd al-Chudrī sagte: „Ich gehörte zu denen, die Saʿds Grab auf dem Friedhof al-Baqīʿ aushoben. Während wir die Erde aus dem Grab gruben, rochen wir den Duft von Moschus.“ Schurahbīl ibn Hasana sagte: „Ein Mann nahm eine Handvoll Erde aus Saʿds Grab und bewahrte sie in seinem Haus auf. Nach einiger Zeit stellte er fest, dass es keine gewöhnliche Erde war, sondern Moschus.“ (Ṭabaqāt 3/431; Hayāt as-Sahāba 3/595.)
Saʿd ibn ʿUbāda (r.a.)
Sein eigentlicher Name war Saʿd; seine Beinamen waren Abū Qais und Abū Thābit. Der erste war bekannter. (Usud al-Ghāba, 2/283.) Sein Ehrentitel war Sayyid al-Chazradsch. Er stammte aus dem Zweig Sāʿida des berühmten medinensischen Stammes Chazradsch. Sein Vater hieß ʿUbāda ibn Dulaim und seine Mutter ʿUmra bint Masʿūd. ʿUmra war eine Sahābiyya und starb im fünften Jahr nach der Hidschra. Saʿd befand sich damals außerhalb Medinas, um gemeinsam mit dem Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, am Feldzug nach Dūmat al-Dschandal teilzunehmen. Nach seiner Rückkehr nach Medina besuchte der Gesandte Allahs das Grab seiner Mutter und sprach ein Bittgebet für sie. (Tabaqāt, 3/614; al-Isāba, 2/30.)
Saʿds angesehener Großvater Dulaim war der bedeutendste Anführer des Stammes Chazradsch. Außerdem war er für seine gemeinnützigen Werke in Medina bekannt. Er begründete im Wesentlichen das Ansehen und den Ruhm des Hauses Sāʿida. Er war ein Götzendiener und verehrte die Göttin Manāt. Ihr Standbild befand sich an einem Ort namens Musallal in der Nähe von Mekka. Jedes Jahr opferte er dort zehn Kamele. Nach seinem Tod setzte ʿUbāda diese Tradition fort, und danach Saʿd, bis er den Islam annahm. In islamischer Zeit opferte Saʿds Sohn Qais, der Familientradition folgend, die Kamele im Bereich der Kaaba. Einmal baten Abū ʿUbaida und ʿUmar, Allah möge mit ihnen zufrieden sein, Qais, davon abzulassen; doch Qais schenkte ihren Worten keinerlei Beachtung. Sie beschwerten sich beim Gesandten Allahs über ihn. Da sagte der Gesandte Allahs: „Qais ist der Sohn einer freigebigen Familie.“ (Al-Istīʿāb, Anmerkung zu al-Isāba, 2/37.)
Saʿds Vater ʿUbāda war ein würdiger Nachfolger seines Vaters. Er führte sein Leben ebenso wie dieser und festigte damit für seinen Sohn Saʿd den Rang der Macht und Führung. Er erzog seinen Sohn planmäßig. Saʿd erhielt bereits im vorislamischen Arabien den Beinamen „Kāmil“, der Vollkommene. Denn er gehörte zu den wenigen Menschen im damaligen Arabien, die Arabisch schreiben konnten. Seine arabische Schrift war ausgezeichnet. Außerdem war er einer der besten Schwimmer und geschicktesten Bogenschützen seiner Zeit. Die Araber verliehen den Titel „Kāmil“ nur solchen Männern, die diese Fähigkeiten in besonderem Maße beherrschten. (Siehe Tahdhīb at-Tahdhīb, 3/475; al-Isāba, 2/30; Tabaqāt, 3/613.)
Saʿd nahm beim letzten Treueid von al-ʿAqaba den Islam an. Der Gesandte Allahs ernannte ihn zum Naqīb, also zum Verantwortlichen, des Stammes Banū Sāʿida. (Ansāb al-Aschrāf, 1/250; Usud al-Ghāba, 2/283.) Er wurde zu den hochrangigen Gefährten gezählt. In Sahīh al-Buchārī heißt es über ihn: „Wa kāna dhā qidamin fil-islām“ – „Er war im Islam ein Mann ersten Ranges.“
Aufgrund der Art und Weise, wie der letzte Treueid von al-ʿAqaba zustande kam, der Zahl der Ansār, die daran teilnahmen, und der wichtigen Bedingungen, unter denen er geleistet wurde, konnte die Angelegenheit nicht verborgen bleiben, obwohl sie im Schutz der Nacht geheim stattgefunden hatte. Die Quraisch waren wegen des Gesandten Allahs äußerst besorgt und beobachteten ihn ständig aufmerksam. Genau zu der Stunde, in der der Gesandte Allahs von den aus Medina kommenden Menschen bei al-ʿAqaba den Treueid entgegennahm, soll jemand auf dem Berg Dschabal Abū Qubais in Mekka gestanden und laut gerufen haben: „Seht! Wenn Saʿd Muslim wird, wird Muhammad völlig furchtlos werden.“ (Siehe Usud al-Ghāba, 2/284; al-Istīʿāb; al-Isāba, 2/37.)
Obwohl dieser Ruf die Quraisch erreichte, schenkten sie ihm zunächst keine besondere Beachtung. Wenn sie den Namen Saʿd hörten, dachten sie an Männer namens Saʿd aus den Stämmen Qadāʿa und Tamīm. In der folgenden Nacht hörte man von demselben Berg einige Verse eines Gedichts. Darin wurden Saʿds Name und seine Herkunft eindeutig genannt. Die Quraisch gerieten in große Bestürzung. Um die Angelegenheit zu untersuchen, versammelten sie sich im Dār an-Nadwa, ihrem Beratungshaus. Sie sprachen mit ʿAbdullāh ibn Ubayy ibn Salūl, dem Anführer des medinensischen Stammes Aus; doch dieser erklärte, von der Sache überhaupt nichts zu wissen. Die Quraisch setzten überall Spione ein und kehrten anschließend in ihre Häuser zurück. Die muslimischen Bewohner Medinas machten sich über den Weg von Yazdsch auf den Heimweg.
Ibn Ishāq berichtet das Ereignis folgendermaßen: „Nachdem die Naqībs in der Nacht von al-ʿAqaba den Treueid in der Hand des Gesandten Allahs geleistet hatten, gingen sie auseinander. Einige verließen Mekka und machten sich auf den Weg in ihre Heimat. Unterdessen verbreitete sich die Nachricht vom Treueid unter den Menschen. Nach ihren Nachforschungen erkannten die Quraisch, dass die Sache wahr war. Sie zogen aus, um die Teilnehmer am Treueid festzunehmen, und fanden Saʿd ibn ʿUbāda und al-Mundhir ibn ʿUmar. Al-Mundhir ibn ʿUmar konnte jedoch entkommen. Saʿd hatte langes Haar. Sie packten ihn an den Haaren und schleiften ihn fort.
Saʿd sagte: ‚Bei Allah, ich bin in ihrer Hand gefangen.‘ Einige Männer der Quraisch kamen zu mir. Als ich unter ihnen einen strahlenden, gut aussehenden jungen Mann sah, dachte ich: Wenn es in diesem Volk überhaupt etwas Gutes gibt, dann vielleicht bei diesem Mann. Er war Suhail ibn ʿAmr. Doch er zerstörte meine Hoffnung, trat auf mich zu und schlug mir mit großer Wucht ins Gesicht. Da sagte ich mir: Bei Allah, von keinem anderen Angehörigen dieses Volkes ist nun noch Gutes zu erwarten.
Einer fragte: ‚Hast du die Religion Muhammads angenommen?‘ Ich antwortete: ‚Ja, ich habe sie angenommen.‘ Darauf banden sie mich fest mit einem Seil. Einer stieß mich gegen den Oberschenkel und fragte: ‚Hast du mit einem der Quraisch einen Schutzvertrag?‘ Ich sagte: ‚Ja. Wenn Mutʿim ibn ʿAdī und al-Hārith ibn Umayya in unser Gebiet kommen, gewähre ich ihnen Schutz.‘ Er sagte: ‚Möge dein Vater zugrunde gehen! Ruf sie bald laut bei ihrem Namen um Hilfe.‘ Ich tat es.
Der Mann eilte zu den beiden und sagte: ‚Der Mann, den einige Quraisch gefangen genommen, geschlagen und beleidigt haben, ruft euch beide bei eurem Namen. Er behauptet, mit euch ein Schutzbündnis zu haben.‘ Sie fragten: ‚Wer ist der Mann?‘ Er antwortete: ‚Saʿd ibn ʿUbāda.‘ Sie sagten: ‚Er hat die Wahrheit gesprochen.‘ Darauf kamen Mutʿim ibn ʿAdī und al-Hārith ibn Umayya eilig herbei, befreiten mich aus ihren Händen und wiesen mir den Weg nach Medina.“
Dieser Mutʿim ibn ʿAdī war ein äußerst vornehmer und angesehener Mann von Mekka. In der Frühzeit des Islam half er dem Gesandten Allahs dort auf vielfältige Weise. Derjenige, der ihm die Nachricht überbrachte, war Abū al-Bachtarī ibn Hischām.
Als Saʿd auf diese Weise gefangen genommen worden war, entstand im nach Medina ziehenden Zug der Ansār große Aufregung. In einer Beratung beschlossen sie, trotz der Lebensgefahr nach Mekka zurückzukehren und nach Saʿd zu suchen. Inzwischen sahen sie Saʿd zurückkehren. Sie nahmen ihn mit und schlugen gemeinsam den geraden Weg nach Medina ein. (Siehe Tārīch Ibn ʿAsākir, 6/85–86; Ansāb al-Aschrāf, 1/254–255; Sīrat Ibn Hischām, 1/150–151; Tabaqāt, 1/150.)
Über die Gefangennahme Saʿds verfasste der Dichter der Quraisch, Darrār ibn al-Chattāb ibn Mirdās, ein Gedicht. Der Dichter Hassān ibn Thābit schrieb darauf eine lange Antwort. Darin pries er Saʿd und tadelte die Quraisch. Teile dieser Gedichte wurden in verschiedenen Werken, unter anderem in Ansāb al-Aschrāf und der Sīra Ibn Hischāms, überliefert. (Siehe Ansāb al-Aschrāf, 1/255; Sīrat Ibn Hischām, 1/150–151.)
Einige Monate nach diesem Ereignis wanderte der Gesandte Allahs von Mekka nach Medina aus. Aus diesem Anlass erfüllte eine Welle der Freude jede Straße und jeden Winkel Medinas. Kaum war er im Haus Abū Aiyūbs angekommen, begannen Geschenke einzutreffen. Saʿd schickte aus seinem Haus ein großes Gefäß mit Sarīd und ʿUrāq. (Tabaqāt, 1/161.)
Einige Monate nach der Hidschra nahm die islamische Bewegung immer entschlossenere Formen an. Im zwölften Monat nach der Hidschra, im Monat Safar, zog der Gesandte Allahs mit einer kleinen Truppe in Richtung Mekka bis zu einem Ort namens al-Abwā, um die Bewegungen der Quraisch zu beobachten. Dieser Feldzug wird auch der Feldzug von Waddān genannt. An dieser Truppe nahm kein Ansār-Mudschāhid teil. Der Gesandte Allahs blieb damals fünfzehn Nächte außerhalb Medinas und setzte Saʿd ibn ʿUbāda als seinen Stellvertreter in Medina ein. (Ansāb al-Aschrāf, 1/287; Tabaqāt, 1/3.)
Im zweiten Jahr nach der Hidschra fand die geschichtliche Schlacht von Badr statt. Über Saʿds Teilnahme daran besteht unter den Sīra-Forschern große Uneinigkeit. Yaʿqūb ibn Sufyān, Mūsā ibn ʿUqba, Chalīfa ibn Chayyāt, al-Wāqidī, al-Madāʾinī, Ibn al-Kalbī und andere Sīra-Gelehrte führten ihn als Teilnehmer von Badr an. Abū Ahmad erklärte in seinem Werk al-Kunā, dass Saʿd gemeinsam mit dem Gesandten Allahs an Badr teilgenommen habe. (Siehe Usud al-Ghāba, 2/283; al-Istīʿāb; al-Isāba, 2/36; Tārīch Ibn ʿAsākir, 6/84–85.)
Ibn Ishāq dagegen erwähnte ihn nicht unter den Kämpfern von Badr. Ibn Saʿd und al-Balādhurī berichten: Saʿd bereitete sich darauf vor, nach Badr zu ziehen. Doch kurz vor dem Aufbruch wurde er von einem Hund gebissen und konnte deshalb nicht mitziehen. Der Gesandte Allahs sagte über ihn: „Obwohl Saʿd bei Badr nicht anwesend war, hatte er doch den aufrichtigen Wunsch, dorthin zu gehen.“ Nach manchen Überlieferungen erhielt er sogar einen Anteil an der Beute von Badr. Ibn ʿAsākir erklärt jedoch, dies sei weder allgemein anerkannt noch sicher belegt. (Siehe Taqrīb at-Tahdhīb, 1/288; Usud al-Ghāba, 2/283; al-Isāba, 2/30; Tārīch Ibn ʿAsākir, 6/84–85.)
Imam al-Buchārī und Imam Muslim bemühten sich, Saʿds Teilnahme an Badr zu belegen. Richtig ist jedoch, dass er nicht an Badr teilnahm. Dies ist auch die Ansicht des Gelehrten Ibn Hadschar al-ʿAsqalānī. Er leitete seine Auffassung sehr fein aus dem Wortlaut Imām Muslims ab. (Siehe Fath al-Bārī, 5/224.)
Die Schlacht von Badr war die erste und zugleich berühmteste Schlacht im Leben des Gesandten Allahs. Zwar hatten zuvor vier Ghazwa und vier Sarīya stattgefunden, doch an ihnen hatte kein ansārischer Kämpfer teilgenommen. Dafür kann es mehrere Gründe gegeben haben. Einer könnte darin liegen, dass die Ansār beim Treueid von al-ʿAqaba lediglich versprochen hatten, diejenigen abzuwehren, die Medina angreifen würden. Für einen Konflikt außerhalb Medinas war ihre Rolle dort nicht ausdrücklich festgelegt worden. Ein weiterer Grund könnte gewesen sein, dass der Gesandte Allahs zunächst nicht die ursprünglichen Bewohner Medinas zu offenen Feinden der Quraisch machen wollte.
Als der Gesandte Allahs daher eine so wichtige Entscheidung wie den Aufbruch nach Badr treffen wollte, hielt er es für notwendig, die Ansār zu beraten und ihre Meinung einzuholen. Die Menschen aus allen Stämmen Medinas wurden zu einer Versammlung gerufen. Dort kam die Frage des Krieges zur Sprache. Abū Bakr, Allah möge mit ihm zufrieden sein, erhob sich und trug seine Meinung vor. ʿUmar erhob sich ebenfalls, um etwas zu sagen, doch der Gesandte Allahs sah ihn nicht an. Auch Saʿd ibn ʿUbāda war bei dieser Versammlung anwesend. Er verstand, dass der Gesandte Allahs ihre Meinung hören wollte, und sagte:
„O Gesandter Allahs! Bei dem Herrn, in dessen Hand mein Leben liegt: Wenn du uns befiehlst, ins Meer zu ziehen, werden wir es durchqueren und es überwältigen. Und wenn du uns befiehlst, über trockenes Land zu ziehen, werden wir unsere Kamele bis nach Barka al-Ghimād im Jemen treiben.“ (Sahīh Muslim, 2/84; al-Bidāya, 3/263; Kanz al-ʿUmmāl, 5/273; Hayāt as-Sahāba, 1/424.)
Saʿd ibn ar-Rabīʿ (r.a.)
Saʿd ibn ar-Rabīʿ al-Anṣārī war ein Angehöriger des Zweigs Banū al-Ḥārith des in Medina ansässigen Stammes Chazradsch. al-Haytham erwähnt: „Abū Rabīʿ“ war seine Kunya beziehungsweise sein Beiname. Sein Vater war ar-Rabīʿ, seine Mutter Ḥuzaila bint ʿInbāʾ. Die Sīra-Fachleute äußern sich nicht zu seinem Geburtsjahr. (Ansāb al-Aschrāf 1/244, Ṭabaqāt 3/522, Usud al-Ghāba 2/277)
Über den Zeitpunkt, zu dem Saʿd ibn ar-Rabīʿ den Islam annahm, gibt es unterschiedliche Auffassungen. Abū Nuʿaym überliefert in seinem Werk Dalāʾil von ʿAqīl ibn Abī Ṭālib und az-Zuhrī, dass Saʿd beim ersten ʿAqaba-Treffen einer der sechs Bewohner von Yathrib war, die in Mekka in die Hand des Gesandten Allahs – Allahs Segen und Friede seien auf ihm – den Islam annahmen und den Treueid leisteten. Diese sechs Männer waren: 1. Asʿad ibn Zurāra, 2. Abū al-Haytham ibn at-Tayyihān, 3. ʿAbdullāh ibn Rawāḥa, 4. Saʿd ibn ar-Rabīʿ, 5. an-Nuʿmān ibn Ḥāritha und 6. ʿUbāda ibn aṣ-Ṣāmit. (Ḥayāt aṣ-Ṣaḥāba 1/105) Andererseits lassen manche Überlieferungen erkennen, dass er zu den zwölf Teilnehmern des zweiten ʿAqaba-Treffens gehörte. Bei diesem zweiten ʿAqaba-Treffen nahm er den Islam an. Beim dritten ʿAqaba-Treffen schloss er sich den dreiundsiebzig beziehungsweise nach anderer Auffassung fünfundsiebzig Männern an. Der edle Gesandte Allahs – Allahs Segen und Friede seien auf ihm – ernannte ihn und ʿAbdullāh ibn Rawāḥa zu den gemeinsamen Naqīb, also Verantwortlichen, ihres Stammes Banū al-Ḥārith ibn al-Chazradsch. (Tārīch al-Islām wa-Ṭabaqāt al-Maschāhīr wa-l-Aʿlām 1/181, Ṭabaqāt 2/522, Usud al-Ghāba 2/227)
Ibn Hischām berichtet: An dem Tag, an dem der edle Gesandte Allahs – Allahs Segen und Friede seien auf ihm – von Qubāʾ nach Medina kam, empfingen ihn die Menschen aller Schichten Medinas. Er zog durch die verschiedenen Stämme, deren Angehörige den Weg seines Reittiers versperrten und ihn baten, bei ihnen abzusteigen. Als er durch das Gebiet der Banū al-Ḥārith ibn al-Chazradsch zog, trat Saʿd ibn ar-Rabīʿ gemeinsam mit Chāridscha ibn Zaid, ʿAbdullāh ibn Rawāḥa und einigen weiteren Angehörigen der Banū al-Ḥāritha vor das Reittier des Gesandten Allahs – Allahs Segen und Friede seien auf ihm – und sagte: „O Gesandter Allahs! Komm zu uns, zu unserer Stärke, unseren Ausrüstungen und unseren Verteidigungsmitteln!“ Das heißt: Wir besitzen die Fähigkeit, dir ehrenvollen Schutz zu gewähren. Der Gesandte Allahs – Allahs Segen und Friede seien auf ihm – sagte: „Lasst den Weg für mein Reittier frei. Es ist von Allah angewiesen worden.“ Da traten sie alle vom Weg zurück. (Sīrat Ibn Hischām 1/495)
Az-Zuhrī und Muḥammad ibn Isḥāq sagen: Der Gesandte Allahs – Allahs Segen und Friede seien auf ihm – stiftete eine Bruderschaft zwischen Saʿd ibn ar-Rabīʿ und ʿAbd ar-Raḥmān ibn ʿAuf. Die Hingabe und Aufrichtigkeit, die Saʿd diesem ausgewanderten Bruder entgegenbrachte, findet in der Geschichte der Welt ihresgleichen nicht. Die übrigen Ansār teilten jeweils die Hälfte ihres Vermögens, ihrer Grundstücke und ihres Landbesitzes mit ihren ausgewanderten Glaubensbrüdern. Saʿd jedoch bot seinem Glaubensbruder zusätzlich zu seinem Vermögen an, eine seiner Ehefrauen zu scheiden und sie ihm zur Heirat zu geben. ʿAbd ar-Raḥmān war damals zwar mittellos und besitzlos, doch sein Herz war außerordentlich großzügig. Er lehnte alle Angebote Saʿds ab. Von Anas ibn ʿAuf wird hierzu überliefert: Saʿd nahm seinen Glaubensbruder mit zu sich nach Hause, und sie aßen gemeinsam. Dann sagte er: „Bei Allah, du bist mein Bruder. Du hast keine Ehefrau, ich aber habe zwei Ehefrauen. Ich werde mich von einer von ihnen scheiden lassen, und du wirst sie heiraten.“ ʿAbd ar-Raḥmān sagte: „Bei Allah, niemals!“ Saʿd sagte: „Komm mit in meinen Garten; wir werden ihn hälftig teilen.“ ʿAbd ar-Raḥmān sagte: „Nein. Möge Allah deine Kinder und deinen Besitz segnen und mehren. Ich benötige nichts davon. Zeige mir nur den Weg zum Markt.“ (al-Iṣāba 3/26, Usud al-Ghāba 2/278, Ṭabaqāt 3/523)
Der edle Saʿd nahm an der Schlacht von Badr teil. In dieser Schlacht tötete er Rifāʿa ibn Rifāʿa aus den Banū Machzūm. (Sīrat Ibn Hischām 1/711, Ṭabaqāt 3/523)
Kurz vor der Schlacht von Uḥud begannen die Quraisch von Mekka umfangreiche Vorbereitungen. Mit einem Brief, der über diese Kriegsvorbereitungen berichtete, schickte al-ʿAbbās ibn ʿAbd al-Muṭṭalib, der Onkel des Gesandten Allahs – Allahs Segen und Friede seien auf ihm –, heimlich von Mekka aus eine Nachricht nach Medina an den Gesandten Allahs – Allahs Segen und Friede seien auf ihm. In dem Brief schilderte er ihre Vorbereitungen und schrieb außerdem: „Wenn sie über euch herfallen, dann tut, was ihr für richtig haltet, und bereitet euch darauf vor.“ Ein Mann aus den Banū Ghifār übergab den Brief in Qubāʾ äußerst zuverlässig dem Gesandten Allahs – Allahs Segen und Friede seien auf ihm. Dieser ließ ihn zunächst Ubayy ibn Kaʿb vorlesen und befahl ihm, den Inhalt geheim zu halten. Danach kam er zu Saʿd ibn ar-Rabīʿ und informierte auch ihn darüber. Auch ihm befahl er, die Angelegenheit niemandem mitzuteilen. Nachdem der Gesandte Allahs – Allahs Segen und Friede seien auf ihm – gegangen war, fragte Saʿds Ehefrau ihn: „Was hat der Gesandte Allahs – Allahs Segen und Friede seien auf ihm – dir gesagt?“ Saʿd erwiderte: „Mögest du zugrunde gehen! Warum musst du das hören?“ Seine Frau sagte: „Ich habe alles gehört“, und erzählte ihm daraufhin den gesamten Inhalt. Saʿd sprach „Innā lillāh“ und sagte: „Wie ich sehe, hast du unser Gespräch heimlich belauscht.“ Saʿd begab sich gemeinsam mit seiner Frau zum Gesandten Allahs – Allahs Segen und Friede seien auf ihm –, berichtete ihm den gesamten Vorfall und sagte: „O Gesandter Allahs! Ich fürchte, dass sich die Nachricht verbreiten könnte und du annehmen wirst, ich hätte sie verbreitet.“ Der Gesandte Allahs – Allahs Segen und Friede seien auf ihm – sagte: „Lass die Angelegenheit auf sich beruhen.“ (Ansāb al-Aschrāf 1/313–314)
Er nahm an der im dritten Jahr nach der Hidschra stattfindenden Schlacht von Uḥud teil, kämpfte äußerst tapfer und erlitt den Märtyrertod. Eine Gruppe feindlicher Kämpfer überwältigte und tötete ihn. (al-Aʿlām 3/134, Usud al-Ghāba 2/277, Ansāb al-Aschrāf 1/330) Sein Körper wies insgesamt zwölf Verletzungen durch Pfeile und Speere auf. Als er schwer verwundet auf dem Schlachtfeld lag, kam Mālik ibn Duchs chān zu ihm und fragte: „Weißt du, dass Muḥammad – Allahs Segen und Friede seien auf ihm – angeblich getötet worden ist?“ Saʿd antwortete: „Selbst wenn er getötet worden wäre: Allah ist ewig lebendig und kennt keinen Tod. Kämpfe für deine Religion. Muḥammad – Allahs Segen und Friede seien auf ihm – hat die Aufgabe, die Botschaft seines Herrn und die Vorschriften der Religion zu übermitteln, vollständig erfüllt.“ (Ansāb al-Aschrāf 1/327, Ṭabaqāt 3/523)
Nach der Schlacht von Uḥud sagte der edle Gesandte Allahs – Allahs Segen und Friede seien auf ihm –: „Soll jemand nach Saʿd ibn ar-Rabīʿ sehen?“ Ein Mann sagte: „Ich gehe.“ Al-Zurqānī berichtet: Der Mann ging zwischen den am Boden liegenden Leichen umher und rief laut den Namen Saʿds. Er erhielt keine Antwort. Als er jedoch schrie: „Der Gesandte Allahs – Allahs Segen und Friede seien auf ihm – hat mich geschickt, um nach dir zu suchen“, erklang eine schwache Stimme: „Ich bin unter den Toten.“ Es waren die letzten Augenblicke seines Lebens. Sein Atem wurde schwach, und er konnte seine Zunge kaum noch bewegen. Nach einer anderen Überlieferung rief Saʿd selbst den Mann, als dieser nach ihm suchte. Wie dem auch sei, Saʿd sagte in diesem Zustand zu ihm: „Überbringe dem Gesandten Allahs – Allahs Segen und Friede seien auf ihm – meinen Friedensgruß und sage ihm, dass ich zwölf Verletzungen erlitten habe. Ich habe auch meinen Mörder getötet. Und sage den Ansār: Wenn der Gesandte Allahs – Allahs Segen und Friede seien auf ihm – unglücklicherweise getötet wird und auch nur einer von euch lebend zurückkehrt, dann werdet ihr Allah nicht ins Angesicht schauen können. Denn in der Nacht von ʿAqaba, in Laylat al-ʿAqaba, habt ihr geschworen, euer Leben für den Gesandten Allahs – Allahs Segen und Friede seien auf ihm – zu opfern.“ In einigen Überlieferungen wird dieser Mann als Ubayy ibn Kaʿb bezeichnet. Während er dort stand, verließ Saʿds reine Seele seinen vergänglichen Körper. (Ṭabaqāt 3/523–524, al-Istīʿāb 2/34, Tahdhīb al-Asmāʾ wa-l-Lughāt 1/210, al-Iṣāba 2/27)
Als Ubayy ibn Kaʿb zurückkehrte und dem Gesandten Allahs – Allahs Segen und Friede seien auf ihm – Saʿds letzte Worte überbrachte, sagte dieser: „Möge Allah ihm Barmherzigkeit erweisen. Im Leben wie im Tod hat er Allah und Seinem Gesandten guten Rat gegeben.“ (Usud al-Ghāba 277) Saʿd wurde zusammen mit dem anderen Märtyrer Ibn Zaid auf dem Feld von Uḥud in demselben Grab beigesetzt. Chāridscha war mit Saʿd väterlicherseits verwandt und sein Onkel.
Nach Saʿds Tod nahm sein Bruder gemäß der vorislamischen Sitte seinen gesamten Besitz an sich. Saʿd hinterließ eine schwangere Ehefrau und zwei Töchter. Der Vers über das Erbrecht war damals noch nicht offenbart worden. Jābir ibn ʿAbdullāh berichtet: Eines Tages kam Saʿds Ehefrau nach seinem Tod mit ihren beiden Töchtern zum Gesandten Allahs – Allahs Segen und Friede seien auf ihm – und sagte: „O Gesandter Allahs! Dies sind Saʿds Töchter. Ihr Vater erlitt bei Uḥud den Märtyrertod. Ihr Onkel hat jedoch den gesamten Besitz an sich genommen und ihnen nichts gegeben. Wie sollen sie ohne Vermögen heiraten?“ Der Gesandte Allahs – Allahs Segen und Friede seien auf ihm – sagte: „Allah der Erhabene wird über sie entscheiden.“ Daraufhin wurde aus dem elften Vers der Sura an-Nisāʾ folgender Teil offenbart: „Wenn es nur zwei oder mehr Töchter sind, dann gehören ihnen zwei Drittel des hinterlassenen Vermögens.“
Nach der Offenbarung dieses Verses rief der edle Gesandte Allahs – Allahs Segen und Friede seien auf ihm – den Onkel der beiden Mädchen und wies ihn an: „Gib zwei Drittel des von Saʿd hinterlassenen Vermögens seinen beiden Töchtern und ein Achtel ihrer Mutter; den Rest nimm du.“ (al-Iṣāba 2/27, Ṭabaqāt 3/524, Usud al-Ghāba 2/278, Tahdhīb al-Asmāʾ wa-l-Lughāt 1/210; außerdem überlieferten Imām Aḥmad, Abū Dāwūd, at-Tirmidhī und Ibn Māǧa diesen Hadith.)
Als der edle Gesandte Allahs – Allahs Segen und Friede seien auf ihm – diese Entscheidung zugunsten von Saʿds Töchtern und Ehefrau traf, war der Erbanteil eines Kindes im Mutterleib noch nicht festgelegt. Erst lange nach diesem Ereignis wurde die Bestimmung über das Erbe eines ungeborenen Kindes erlassen. Das Kind in Saʿds Ehefrau wurde geboren. Man gab ihr den Namen Umm Saʿd bint Saʿd, und später wurde sie die Ehefrau von Zaid ibn Thābit. Während der Amtszeit des Kalifen ʿUmar – Allah sei mit ihm zufrieden – sagte Zaid zu seiner Frau: „Wenn du möchtest, kannst du mit dem Befehlshaber der Gläubigen über das Erbe deines Vaters sprechen. Gegenwärtig lässt er den Kindern im Mutterleib ihren Erbanteil zukommen.“ Umm Saʿd sagte: „Ich werde von meinen Schwestern nichts verlangen.“ (Ansāb al-Aschrāf 1/338)
Im vorislamischen Arabien, als das Schreiben nur wenig verbreitet war, konnte der edle Saʿd schreiben. (Ṭabaqāt 3/522, Tahdhīb al-Asmāʾ 1/210) Da er der Sohn eines Stammesführers war, erhielt er besondere Bildungschancen und lernte auch das Schreiben. Einige Hadithe, die er aus dem Mund des edlen Gesandten Allahs – Allahs Segen und Friede seien auf ihm – gehört hatte, lernte er auswendig. (Usud al-Ghāba 2/278)
Sein Glaubenseifer und seine starke Liebe zum Gesandten Allahs – Allahs Segen und Friede seien auf ihm – zeigten sich in seinem Treueid bei ʿAqaba, in der Schlacht von Uḥud und in seinem vor seinem Tod hinterlassenen Vermächtnis.
Aus all diesen Gründen genoss der edle Saʿd bei den Gefährten eine besondere Stellung und hohes Ansehen. Als eine seiner Töchter einmal zu Abū Bakr – Allah sei mit ihm zufrieden – kam, breitete er sein eigenes Gewand aus, damit sie darauf sitzen konnte. Als ʿUmar – Allah sei mit ihm zufrieden – dies sah, fragte er: „Wessen Tochter ist sie?“ Der Kalif antwortete: „Sie ist die Tochter jenes Mannes, der besser war als du und ich.“ Er fragte erneut: „Weshalb besitzt sie einen solchen Rang?“ Er antwortete: „Er ist zu Lebzeiten des Gesandten Allahs – Allahs Segen und Friede seien auf ihm – ins Paradies gelangt, während du und ich noch hier zurückgeblieben sind.“ (al-Iṣāba 2/27)
Abū Bakr az-Zubairī berichtet: Ein Mann ging zum Kalifen Abū Bakr und sah, wie dieser ein kleines Mädchen, die Tochter Saʿd ibn ar-Rabīʿs, an seine Brust drückte, ihr den Speichel abwischte und sie küsste. Der Mann fragte: „Wer ist dieses Mädchen?“ Er antwortete: „Sie ist die Tochter eines Mannes, der besser war als du und ich. Dies ist die Tochter Saʿd ibn ar-Rabīʿs. Er war der Naqīb von ʿAqaba, ein Kämpfer von Badr und ein Märtyrer von Uḥud.“ (Sīrat Ibn Hischām 2/95)
‘Abdullah ibn Rawaha (r.a.)
Sein Name war ʿAbdullah. Über seine Kunya beziehungsweise seinen Beinamen besteht Uneinigkeit: Abu Muhammad, Abu Rawaha oder Abu ʿAmr. „Schāʿiru Rasūlillāh“ – „der Dichter des Gesandten Allahs“ – war sein Ehrentitel. Er stammte aus dem Zweig Banū al-Hārith des medinensischen Stammes Chazradsch. Sein Vater war Rawaha ibn Thaʿlaba, seine Mutter Kabsha bint Wāqid. Die Sahābiyya ʿAmra bint Rawaha war seine Schwester, und der Dichter und Sahābi Nuʿmān ibn Baschīr war sein Neffe. Über den Zeitpunkt seiner Geburt ist in der Geschichte nichts überliefert. Sowohl in der vorislamischen Zeit als auch im Islam war er ein hoch angesehener Mann. (Tabakāt 3/525; al-Aʿlām 4/217; Tahdhīb al-Asmāʾ wa-l-Lughāt 1/265)
Beim dritten al-ʿAqaba-Treffen nahm er gemeinsam mit siebzig (70) Bewohnern Medinas teil und leistete dem Gesandten Allahs den Treueid. Zusammen mit Saʿd ibn ar-Rabīʿ wurde auch er zum Naqīb (Verantwortlichen) der Banū al-Hāritha bestimmt. (Sīrat Ibn Hischām 1/443, 458; Tabakāt 3/526; Ansāb al-Aschrāf 1/252; Tārīch al-Islām wa-Tabakāt al-Maschāhīr 1/181)
Wahrscheinlich war er jedoch bereits vor diesem dritten al-ʿAqaba-Treffen Muslim geworden. Einige Überlieferungen berichten, dass er beim ersten al-ʿAqaba-Treffen zusammen mit sechs Männern den Islam annahm und dem Gesandten Allahs den Treueid leistete. (Hayāt as-Sahāba 1/105)
Nach seinem Übertritt widmete er sich in Medina der Verkündigung und Einladung zum Islam. Der Gesandte Allahs wanderte von Mekka aus und kam in Qubā an. An dem Tag, an dem er von Qubā aus zum ersten Mal Medina betrat, liefen ʿAbdullah ibn Rawaha, Saʿd ibn ar-Rabīʿ und Chāridscha ibn Zaid zusammen mit den Angehörigen ihres Stammes Banū al-Hāritha vor der Kamelstute des Gesandten Allahs her, versperrten ihr den Weg und baten ihn höflich, in ihrem Stammesgebiet abzusteigen. Der edle Gesandte Allahs sagte zu ihnen: „Gebt den Weg der Kamelstute frei. Sie geht nach Allahs Anweisung; sie wird dort Halt machen, wo Allah es will.“ Sie gaben den Weg frei. (Sīrat Ibn Hischām 1/495) Der edle Gesandte Allahs stiftete zwischen ihm und al-Miqdād ibn al-Aswad al-Kindī ein Bruderbund.
Er nahm an jeder Unternehmung teil: an Badr, Uhud, am Graben, an Hudaybiyya, Chaibar und an der ʿUmrat al-Qadāʾ. Nur an der im vierten Hidschra-Jahr stattfindenden Unternehmung „Badr as-Sughrā“ konnte er nicht teilnehmen. Der Gesandte Allahs ließ ihn in Medina als seinen Stellvertreter zurück. (Tabakāt 3/526; Sīrat Ibn Hischām 1/458) Erwähnenswert ist, dass der Quraisch-Führer Abū Sufyān ibn Harb bei der Rückkehr von Uhud erklärte: „In genau einem Jahr werde ich euch bei Badr as-Sughrā wieder gegenüberstehen.“ Der Gesandte Allahs und die Muslime nahmen diese Herausforderung an und erschienen zur festgesetzten Zeit dort. Die Quraisch waren jedoch nicht in der Lage, ihr Versprechen einzuhalten. Bei diesem Badr as-Sughrā wartete der Gesandte mit seinem Heer acht Tage. Dies geschah im Monat Dhū l-Qaʿda des vierten Hidschra-Jahres. (Ansāb al-Aschrāf 1/339–340)
Zu Beginn der Schlacht von Badr forderte der tapfere Quraisch ʿUtba ibn Rabīʿa, begleitet von seinem Bruder Schaiba ibn Rabīʿa und seinem Sohn al-Walīd ibn ʿUtba, das muslimische Heer zum Zweikampf heraus. Auf seinen Ruf traten aus den Reihen der Muslime als Erste ʿAwf, Muʿawwidh und ʿAbdullah ibn Rawaha vor. ʿUtba fragte sie: „Wer seid ihr?“ Sie antworteten: „Eine Gruppe der Ansār.“ ʿUtba sagte: „Wir wollen nicht gegen euch kämpfen.“ (Sīrat Ibn Hischām 1/625)
Nachdem die frohe Nachricht vom Sieg bei Badr eingetroffen war, schickte der edle Gesandte Allahs Männer in die Umgebung Medinas. ʿAbdullah ibn Rawaha sandte er in die höher gelegenen Gegenden Medinas. (Sīrat Ibn Hischām 1/642)
Nach der Schlacht von Badr bat der Gesandte Allahs die Sahāba um ihre Meinung über die Quraisch, die sich in muslimischer Gefangenschaft befanden. Verschiedene Menschen äußerten verschiedene Ansichten. ʿAbdullah ibn Rawaha sagte: „O Gesandter Allahs, man soll sie in einem Tal sammeln, das mit viel Brennholz gefüllt ist, und sie dort hineinwerfen. Dann werde ich selbst dieses Holz anzünden und sie verbrennen.“ (Hayāt as-Sahāba 2/42)
Während der Grabenschlacht rezitierte der edle Gesandte Allahs wiederholt ein von ʿAbdullah ibn Rawaha verfasstes Gedicht. Ein Teil davon lautet:
„O Allah, ohne Deine Hilfe hätten wir keine Rechtleitung gefunden,
wir hätten keine Zakāt entrichtet und kein Gebet verrichtet.
Sende Ruhe auf uns herab
und festige uns im Kampf.
Wenn diejenigen, die uns Unrecht getan haben,
Unheil stiften, werden wir es zurückweisen.“ (Siyar al-Ansār 2/59)
Während dieser Grabenschlacht brach Kaʿb ibn Asad, der Anführer des jüdischen Stammes Banū Qurayza in Medina, den mit dem Gesandten Allahs geschlossenen Vertrag und begann heimliche Verschwörungen. Die Nachricht erreichte den Gesandten Allahs. Um ihre Wahrheit zu überprüfen, schickte er einige Männer zu Kaʿb; unter ihnen befand sich auch ʿAbdullah ibn Rawaha. (Sīrat Ibn Hischām 2/221; Asahh as-Siyar 190)
In den Sīra-Werken wird während der Grabenschlacht auch von einem Wunder des Gesandten Allahs berichtet, das mit dem Namen ʿAbdullah ibn Rawahas verbunden ist. Kurz zusammengefasst lautet der Bericht so: Die Nichte ʿAbdullah ibn Rawahas, also die Schwester von Nuʿmān ibn Baschīr, erzählt: Eines Tages rief mich meine Mutter ʿAmra bint Rawaha und band einige Datteln in mein Gewand. Sie sagte: „Bring diese deinem Vater Baschīr und deinem Onkel ʿAbdullah ibn Rawaha; sie werden sie zum Mittag essen.“ Ich ging damit am Gesandten Allahs vorbei und suchte meinen Vater und meinen Onkel. Der Gesandte rief mich, als er mich sah: „Mädchen, komm her! Was hast du bei dir?“ Ich antwortete: „Datteln. Meine Mutter hat sie für das Mittagessen meines Vaters Baschīr ibn Saʿd und meines Onkels ʿAbdullah geschickt.“ Er sagte: „Gib sie mir.“ Ich schüttete die Datteln in beide Hände des Gesandten Allahs, doch seine Hände wurden nicht voll. Er ließ ein Tuch ausbreiten und die Datteln darauf verteilen. Dann sagte er zu einem Mann neben sich: „Geh und rufe die Leute des Grabens zum Mittagessen.“ Nach diesem Aufruf kamen alle und begannen zu essen. Sie aßen, während die Datteln weiterhin verstreut liegen blieben. (Sīrat Ibn Hischām 2/118; Hayāt as-Sahāba 3/631)
Im sechsten Hidschra-Jahr nahm ʿAbdullah auch am Vertrag von Hudaybiyya und am Treueid von Ridwān teil.
Nach Abū Rāfiʿ wurde der Jude Usair ibn Rāzim zum Herrscher von Chaibar ernannt. Als Feind des Islam war er der geeignete Nachfolger. Er zog unter dem Stamm der Ghatafān umher und brachte sie zur Rebellion. Als der edle Gesandte Allahs davon erfuhr, schickte er ʿAbdullah im Ramadan des sechsten Hidschra-Jahres mit einer Gruppe von dreißig Männern nach Chaibar. Heimlich sammelte ʿAbdullah alle Informationen über Usair ibn Rāzim und teilte sie dem Gesandten Allahs mit. Der Gesandte stellte anschließend ein dreißigköpfiges Heer unter ʿAbdullahs Führung und befahl, Usair zu töten. (Ansāb al-Aschrāf 1/378)
ʿAbdullah ibn Rawaha traf Usair und sagte: „Wenn du mir Sicherheit zusicherst, möchte ich dir etwas sagen.“ Usair gab ihm diese Zusicherung. ʿAbdullah sagte: „Der Gesandte Allahs hat mich zu dir geschickt. Er möchte dich zum Anführer von Chaibar machen. Du musst jedoch einmal nach Medina kommen.“ Usair ließ sich täuschen und setzte sich mit dreißig Juden zusammen mit ʿAbdullahs Truppe in Bewegung. Unterwegs bestimmte ʿAbdullah für jeden Juden einen Muslim, der ihn beobachten sollte. Dadurch wurde Usair misstrauisch und versuchte umzukehren. Wegen ihres Betrugs und ihrer Täuschung griffen die muslimischen Kämpfer sehr schnell an und töteten sie alle. Nach diesem Ereignis wurde die aufkommende Rebellion in Chaibar unterdrückt. (Sīrat Ibn Hischām 2/618; Siyar al-Ansār 2/60)
Später schickte der Gesandte Allahs ʿAbdullah erneut nach Chaibar, diesmal als Prüfer der dort erzeugten Datteln. Einige Menschen beschwerten sich beim Gesandten über ʿAbdullahs Strenge. Schließlich wollten sie ihm sogar ein Bestechungsgeschenk geben. Ibn Rawaha sagte zu ihnen: „O Feinde Allahs! Wollt ihr mich dazu bringen, Verbotenes zu essen? Ich bin im Auftrag meines geliebten Menschen gekommen. In meinen Augen seid ihr verhasster als Affen und Schweine. Mein Hass auf euch und meine Liebe zu ihm werden mich jedoch nicht dazu bringen, euch auch nur das geringste Unrecht zuzufügen.“ Darauf sagten sie: „Auf einer solchen Gerechtigkeit beruhen Himmel und Erde.“ (Hayāt as-Sahāba 2/108; al-Bidāya 4/199)
Gemäß dem Vertrag von Hudaybiyya vollzog der Gesandte im folgenden Jahr, dem siebten Hidschra-Jahr, die im Vorjahr aufgeschobene ʿUmra. Sie wird „ʿUmrat al-Qadāʾ“ oder Ersatz-ʿUmra genannt. Auf dieser Reise, als der edle Gesandte Allahs Mekka betrat und vom Rücken seines Kamels aus den Schwarzen Stein küsste, hielt ʿAbdullah das Zügel seines Reittiers und rezitierte ein selbstverfasstes Gedicht. Der Sinn eines Teils lautet:
„Ihr Söhne der Ungläubigen! Weicht von seinem Weg, macht den Weg frei. Denn alles Gute ist mit ihm. Wir haben euch aufgrund der Auslegung des Qurʾān bekämpft, wie wir euch wegen seiner Offenbarung bekämpft haben. Wir haben euch so geschlagen, dass eure Köpfe von euren Körpern getrennt wurden. Ein Freund hat seinen Freund vergessen. Mein Herr, ich glaube an seine Worte.“ (Tabakāt 3/526; al-Isāba 2/307)
Einmal fuhr ʿUmar ihn tadelnd an: „Im Schutzbezirk Allahs und vor dem Gesandten Allahs trägst du solche Gedichte vor?“ Der Gesandte beruhigte ihn und sagte: „O ʿUmar, ich höre seine Worte. Bei Allah, seine Worte wirken auf die Ungläubigen stärker als Pfeile und Speere.“ (al-Isāba 2/307) Er sagte zu ʿAbdullah: „Sprich vielmehr: ‚Lā ilāha illā llāhu wahdahu, nasara ʿabdahu wa-aʿazza jundahu wa-hazama l-ahzāba wahdahu‘ – Es gibt keinen Gott außer dem einen Allah. Er hat Seinem Diener geholfen, Seine Armee gestärkt und die verbündeten Heere allein besiegt.“
ʿAbdullah ibn Rawaha rezitierte diese Worte, und die versammelte muslimische Menge sprach sie mit ihm gemeinsam. So hallte ihr Ruf durch die Täler von Mekka. (Siyar al-Ansār 2/61)
Im Monat Dschumādā al-awwal des achten Hidschra-Jahres fand die Schlacht von Muʾta statt. Der Gesandte Allahs schickte durch einen Boten einen Brief an den Herrscher von Bosra. Unterwegs wurde der Bote an einem Ort namens Muʾta von einem Gassānī getötet. Die Tötung des Boten war im Grunde eine Kriegserklärung. Nachdem der Gesandte davon erfahren hatte, schickte er unter der Führung von Zaid ibn Hāritha ein Heer von dreitausend Soldaten nach Muʾta. Vor dem Aufbruch sagte der edle Gesandte: „Zaid wird der Anführer dieses Heeres sein. Wenn er getötet wird, wird Dschaʿfar ibn Abī Tālib sein Nachfolger. Nach Dschaʿfar wird ʿAbdullah ibn Rawaha folgen. Wenn auch er getötet wird, sollen die Muslime durch Beratung ihren Anführer bestimmen.“
Als das Heer Medina verließ, ging der edle Gesandte bis zur Sanīyyat al-Wadāʿ mit und verabschiedete es. Beim Abschied sagten die Bewohner Medinas: „Bleibt sicher und kehrt siegreich zurück.“ ʿAbdullah ibn Rawaha begann zu weinen. Die Menschen fragten: „Warum weinst du?“ Er antwortete: „Ich weine nicht aus Liebe zu dieser Welt.“ Dann rezitierte er den Vers 71 der Sura Maryam: „Jeder von euch wird es überqueren müssen. Dies ist eine unabwendbare Entscheidung deines Herrn.“ Danach sagte er: „Werde ich diese Brücke überqueren können?“ Die Menschen trösteten ihn: „Allah wird dich wieder mit dem Gesandten Allahs vereinen.“ Darauf rezitierte er ein selbstverfasstes Gedicht. Sein Sinn lautet: „Doch ich erbitte Vergebung vom Allerbarmer und wünsche mir einen Hieb des Schwertes, der das Herz durchdringt, oder einen Stoß des Speers, der Leber und Eingeweide erreicht, damit der Vorübergehende an meinem Grab sagt: ‚O Allah, was für ein guter Kämpfer und Glaubenskämpfer war er!‘“ (Sīrat Ibn Hischām 2/74, 377; Hayāt as-Sahāba 1/529–530)
Einigen Überlieferungen zufolge verließen Zaid und Dschaʿfar mit ihrem Heer Medina am Morgen. Zufällig war es ein Freitag. ʿAbdullah sagte: „Ich werde das Freitagsgebet mit dem Gesandten Allahs verrichten und dann aufbrechen.“ Nachdem er gebetet hatte, sah ihn der Gesandte nach dem Gebet und fragte: „Warum bist du heute Morgen nicht mit deinen Gefährten aufgebrochen?“ ʿAbdullah antwortete: „Ich wollte mit Ihnen das Freitagsgebet verrichten und mich ihnen danach anschließen.“ Der Gesandte sagte: „Selbst wenn du alles auf der Welt ausgeben würdest, könntest du nicht den gleichen Lohn wie sie für ihren Aufbruch am Morgen erlangen.“ (Hayāt as-Sahāba 1/463)
Als sie von Medina den schamischen Ort Maʿān erreichten, erfuhren sie, dass der römische Kaiser Herakleios mit hunderttausend römischen Soldaten am Ort Māb im Gebiet Balqāʾ lagerte. Weitere hunderttausend Männer verschiedener Stämme – darunter Lachm, Djudhām, Qain, Bahra und Bali – hatten sich ihnen angeschlossen. Nachdem sie davon erfahren hatten, berieten sie sich zwei Tage lang in Maʿān. Einige muslimische Soldaten meinten: „Wir sollten den Gesandten über die Zahl und die Vorbereitungen des Feindes informieren. Dann wird er uns mit zusätzlichen Soldaten unterstützen oder uns einen anderen Befehl geben, und wir werden entsprechend handeln.“
Da hielt ʿAbdullah ibn Rawaha eine feurige Ansprache an die Soldaten: „O Menschen, ihr wollt dem Feind nun nicht entgegentreten, obwohl ihr doch mit dem Ziel ausgezogen seid, das Martyrium zu erlangen. Wir werden nicht aufgrund von Zahl, Stärke oder Überlegenheit gegen den Feind kämpfen. Wir werden kraft des Din kämpfen, durch den Allah uns geehrt hat. Stürzt euch vorwärts! Vor euch liegen zwei gute Möglichkeiten: Entweder werdet ihr siegen oder das Martyrium erlangen.“ Die Soldaten stimmten ihm zu und sagten: „Bei Allah, Ibn Rawaha hat die Wahrheit gesprochen.“ Sie legten all ihre Zweifel ab und rückten vor. Auch ʿAbdullah ibn Rawaha ging mit ihnen und rezitierte dabei ein selbstverfasstes Gedicht. (Sīrat Ibn Hischām 2/375; Asahh as-Siyar 280)
Sie verließen Maʿān, erreichten Muʾta und schlugen dort ihr Lager auf. Hier kam es zu einem blutigen und ungleichen Kampf mit den Nichtmuslimen. In der Geschichte ist dieser Kampf als Schlacht von Muʾta bekannt. Das muslimische Heer zählte nur dreitausend Mann, während die Zahl der feindlichen Truppen unermesslich war. (Siyar al-Ansār 2/62)
Ein heftiger Kampf begann. Der Heerführer Zaid ibn Hāritha fiel auf dem Schlachtfeld als Märtyrer. Dschaʿfar nahm seine Fahne auf. Nach kurzer Zeit erlitt auch er das Martyrium. Nun nahm ʿAbdullah ibn Rawaha das Banner und rückte vor. Er saß auf einem Pferd. Als er im Begriff war abzusteigen, kam ein wenig Zögern über ihn. Er schüttelte alle Zweifel ab und begann für sich selbst ein Gedicht zu rezitieren. Ein Teil davon lautet:
„O meine Seele! Ich habe geschworen, dass du hinabsteigen musst. Du wirst freiwillig hinabsteigen oder dazu gezwungen werden. Die Schreie und das Weinen der Menschen erheben sich. Was ist mit dir, dass du das Paradies noch immer verschmähst? Seit wie vielen Tagen hoffst du schon auf dieses Paradies? Du bist nichts weiter als ein Tropfen Wasser aus einem alten, löchrigen Schlauch. O meine Seele, selbst wenn du heute nicht stirbst, wirst du eines Tages sterben; hier wird das Bad des Todes erhitzt. Was du dir gewünscht hast, ist dir nun gegeben worden. Wenn du dem Weg deiner beiden Gefährten folgst, wirst du rechtgeleitet sein.“
Während er dieses Gedicht rezitierte, stieg er vom Pferd. Da kam einer seiner Cousins mit einem Stück Knochen, an dem Fleisch war, und gab es ihm. Kaum hatte er daran geleckt, da erklang der Lärm des heftigen Kampfes. „Du lebst noch immer!“, sagte er, warf den Knochen fort, ergriff sein Schwert und stürzte sich in den Kampf. Ein Soldat der Gegenseite schoss einen Pfeil mit solcher Wucht ab, dass unter den Muslimen Panik entstand. Ein Pfeil drang in seinen Körper ein. Blutüberströmt rief er seine Gefährten. Sie eilten herbei, umringten ihn und stürzten sich auf das feindliche Heer. Inzwischen sank er in den Tod. Wahrlich, wir gehören Allah, und zu Ihm kehren wir zurück. (Tabakāt 3/529; Sīrat Ibn Hischām 2/379; Hayāt as-Sahāba 1/533; Siyar al-Ansār 2/63; Ansāb al-Aschrāf 1/380, 244)
Während seines Aufenthalts in Muʾta rezitierte er eines Nachts, vor seinem Martyrium, ein ergreifendes Gedicht. Als Zaid ibn Arqam es hörte, begann er zu weinen. ʿAbdullah hob seine Peitsche über Zaids Kopf und sagte: „Was ist mit dir? Wenn Allah mir das Martyrium schenkt, werdet ihr beruhigt zurückkehren.“ (al-Isāba 2/307)
Der edle Gesandte Allahs erhielt durch die Offenbarung Nachricht von jedem Augenblick in Muʾta und berichtete den in Medina anwesenden Menschen davon. In Sahīh al-Buchārī wird von Anas überliefert, dass der Gesandte noch vor dem Eintreffen der Nachricht von Muʾta in Medina das Martyrium von Zaid, Dschaʿfar und ʿAbdullah ankündigte. Er sagte: „Zaid nahm die Fahne und fiel als Märtyrer. Dann nahm Dschaʿfar sie, und auch er fiel als Märtyrer. Danach nahm ʿAbdullah sie, und auch er fiel als Märtyrer.“ Während er dies sagte, liefen Tränen aus seinen Augen. (Asahh as-Siyar 281)
In einigen Überlieferungen heißt es, dass der Gesandte nach der Mitteilung vom Martyrium Zaids und Dschaʿfars eine Weile schwieg. Dadurch wurden die Gesichter der Ansār bleich; sie vermuteten, dass ʿAbdullah etwas Unangenehmes zugestoßen sei. Dann sagte der Gesandte: „Danach nahm ʿAbdullah ibn Rawaha die Fahne, kämpfte und fiel als Märtyrer.“ Er sagte außerdem: „Alle drei wurden im Paradies zu mir gebracht. Ich sah sie auf goldenen Lagern liegen. Doch ʿAbdullahs Lager war etwas schräg im Vergleich zu den Lagern seiner beiden Gefährten.“ Ich fragte: „Warum ist das so?“ Es wurde gesagt: „Die beiden anderen stürzten sich ohne Zögern vor, während ʿAbdullahs Herz einen Augenblick schwankte. Danach stürzte auch er sich vor.“ (Sīrat Ibn Hischām 2/380)
Als die Nachricht vom Tod der drei Heerführer von Muʾta den Gesandten Allahs erreichte, stand er auf, schilderte ihre Taten und sprach dieses Bittgebet: „O Allah, vergib Zaid!“ Dies sagte er dreimal. Danach sagte er: „O Allah, vergib Dschaʿfar und ʿAbdullah ibn Rawaha.“ (Hayāt as-Sahāba 3/344)
Vor seinem Aufbruch nach Muʾta wurde er einmal in Medina während einer Krankheit bewusstlos. Seine Schwester ʿAmra begann daraufhin nach arabischer Sitte auf verschiedene Weise zu klagen. Als er wieder zu Bewusstsein kam, sagte er zu ihr: „Alles, was du über mich in übertriebener Weise gesagt hast, wurde mir bestätigt.“ Deshalb übten sich bei seinem Tod alle gemäß seiner Anweisung in Geduld. In Sahīh al-Buchārī heißt es, dass bei seinem Tod weder geweint noch geklagt wurde. (Usd al-Ghāba 3/147–159; Sīrat Ibn Hischām 2/380)
Als er nach Muʾta aufbrach, hatte er eine Ehefrau und Kinder. Der Verfasser von Usd al-Ghāba sagt jedoch, dass er getötet wurde und keine Kinder hinterließ. (Usd al-Ghāba 3/159; Siyar al-Ansār 2/265)
Im Werk al-Istīʿāb wird eine Geschichte über die Ehefrau ʿAbdullah ibn Rawahas erzählt. Bei einem besonderen Anlass sagte sie zu ihm: „Wenn du dich im Zustand der Reinheit befindest, rezitiere mir etwas aus dem Qurʾān.“ ʿAbdullah griff daraufhin zu einer List und rezitierte ein Gedicht. Ein Teil davon lautet:
„Ich bezeuge, dass Allahs Versprechen wahr ist,
dass die Ungläubigen ihren Aufenthaltsort in der Hölle haben,
dass der Thron über dem Wasser war,
dass über dem Thron der Herr der Welten war
und dass Seine mächtigen Engel diesen Thron tragen.“
Seine Frau war im Qurʾān nicht bewandert. Deshalb glaubte sie, ʿAbdullah habe aus dem Qurʾān rezitiert. Sie sagte: „Allah ist wahrhaftig; meine Augen haben sich geirrt. Ich beschuldige dich ohne Grund.“ ʿAbdullah hatte diese Ausrede benutzt, um nach dem Verkehr mit einer Sklavin dem Zorn seiner Frau zu entgehen. Als er dem Gesandten Allahs am nächsten Morgen davon berichtete, lachte dieser. (al-Istīʿāb 1/362; Hayāt as-Sahāba 3/15)
Neben militärischer Begabung besaß der edle ʿAbdullah ibn Rawaha viele weitere Fähigkeiten. Deshalb ehrte ihn der Gesandte Allahs. In jenem vorislamischen Arabien gehörte ʿAbdullah zu den wenigen Menschen, die Arabisch schreiben konnten. Nach seinem Übertritt ernannte ihn der Gesandte zum eigenen Kātib (Schreiber). Wann und wie er das Schreiben gelernt hatte, ist historisch nicht überliefert.
Er war einer der berühmten Dichter des damaligen Arabien. Dr. ʿUmar Farrūch sagt: „Als der Islam in Medina staatliche Macht erlangte, wurden die arabischen Götzendiener noch beunruhigter. Die heidnischen Dichter von Mekka, besonders ʿAbdullah ibn az-Zibaʿrī, Kaʿb ibn Zuhair und Abū Sufyān ibn al-Hārith, verfassten Gedichte, in denen sie den Gesandten Allahs und den Islam tadelten und verleumdeten. In Medina traten ihnen Hassān ibn Thābit, ʿAbdullah ibn Rawaha und Kaʿb ibn Mālik entgegen, gaben ihnen eine angemessene Antwort und zeigten die Schönheit des Islam. Bis zur Eroberung Mekkas dauerte dieser dichterische Krieg zwischen beiden Seiten an. ʿAbdullah war einer der guten Dichter seiner Zeit, ein Dichter von gleicher Bedeutung wie Hassān und Kaʿb. In der vorislamischen Zeit wetteiferte er mit dem Dichter Qais ibn al-Chutaim in spöttischen und satirischen Gedichten. In der islamischen Zeit verfasste er Gedichte zum Lob des Gesandten sowie als Antwort und Tadel der polytheistischen Dichter.“ (Tārīch al-Adab al-ʿArabī 1/258, 261, 262)
Dschurdschī Zaidān sagt: „Unter den heidnischen Dichtern Mekkas, die Gedichte gegen die Muslime verfassten, waren ʿAbdullah ibn az-Zibaʿrī, Abū Sufyān ibn al-Hārith und ʿAmr ibn al-ʿĀs die bekanntesten. Eines Tages sagte der Prophet: ‚Was hält diejenigen, die den Gesandten Allahs mit ihren Waffen unterstützt haben, davon ab, ihn mit ihren Zungen zu unterstützen?‘ Nach diesen Worten stellten sich drei Dichter gegen die genannten Dichter: Hassān, Kaʿb und ʿAbdullah. Der Gesandte war der Ansicht, dass die Gedichte dieser drei Dichter unter den Feinden eine starke Wirkung hervorriefen. Er sagte: ‚Diese drei Dichter sind für die Quraisch wirksamer als die Spitze eines Pfeils.‘“ (Tārīch Ādāb al-Lugha al-ʿArabiyya 1/191)
Der Dichter Hassān griff die Abstammung und das Blut der Quraisch an. Der Dichter Kaʿb schilderte ihre Kriege und ihre Vergangenheit und stellte ihre Fehler heraus. ʿAbdullah ibn Rawaha hingegen tadelte und verfluchte sie wegen ihres Unglaubens. (Usd al-Ghāba 4/248) Abū l-Faradsch al-Isfahānī sagt: „Hassān und Kaʿb verfassten wie die gegnerischen Quraisch-Dichter Gedichte über Kriege, Kämpfe und ruhmreiche Taten und erwähnten darin die verschiedenen Fehler der Quraisch. ʿAbdullah ibn Rawaha dagegen verfluchte und tadelte sie wegen ihres Unglaubens. Bis die Quraisch den Islam annahmen, waren die Gedichte der beiden Erstgenannten für sie schmerzhafter als die Gedichte ʿAbdullahs. Als sie jedoch den Islam annahmen und seine Bedeutung verstanden, erwiesen sich ʿAbdullahs Gedichte für sie als die wirkungsvollsten und schmerzlichsten.“ (Kitāb al-Aghānī 4/136)
ʿAbdullah war ein Naturdichter und verstand sich darauf, Gedichte aus dem Stegreif zu verfassen. Der edle Zubair ibn al-ʿAwwām sagte: „Ich habe niemanden gesehen, der im spontanen Dichten geschickter war als ʿAbdullah.“ (Tahdhīb al-Asmāʾ wa-l-Lughāt 1/265) Eines Tages befand er sich in der Prophetenmoschee. Der edle Gesandte saß dort bereits mit einigen Sahāba. Er rief ʿAbdullah zu sich und sagte: „Trage jetzt etwas über die Polytheisten vor.“ ʿAbdullah rezitierte einige Gedichte. Nachdem er sie gehört hatte, lächelte der Gesandte leicht und sagte: „Möge Allah dich festigen.“ (al-Istīʿāb 1/362; Tabakāt 3/528; al-Isāba 2/307)
Abū Huraira sagte bei Ermahnungen: „Euer Bruder ʿAbdullah ibn Rawaha pflegte unanständige Worte zu sprechen.“ Danach rezitierte er eines von ʿAbdullahs Gedichten. Imam Ahmad nahm dieses Gedicht in seinen Musnad auf. (al-Fath ar-Rabbānī, Scharh Musnad Ahmad 22/287)
Alle Gedichte ʿAbdullah ibn Rawahas sind im Laufe der Zeit verloren gegangen. Doch noch heute sind etwa fünfzig Verse in verschiedenen Büchern über Sīra und Geschichte erhalten. Die meisten finden sich in der Sīra Ibn Hischāms. (Dāʾirat al-Maʿārif al-Islāmiyya, Urdu, 12/780)
Als die Verse 224–226 der Sura asch-Schuʿarāʾ offenbart wurden – „Den Dichtern folgen die Verirrten. Siehst du nicht, dass sie verwirrt in jedem Tal umherstreifen und sagen, was sie nicht tun?“ – erschraken Hassān, ʿAbdullah und Kaʿb so sehr, dass sie weinend zum Gesandten Allahs eilten. Sie sagten: „O Gesandter Allahs, Allah wusste doch bei der Offenbarung dieses Verses, dass wir Dichter sind.“ Darauf rezitierte der Gesandte den folgenden Teil: „Außer denen, die glauben, gute Werke tun, Allah häufig gedenken und sich nach erlittenem Unrecht verteidigen“, und sagte: „Das seid ihr.“ (al-Isāba 2/307; Tabakāt 3/528; Hayāt as-Sahāba 3/77, 172)
Von ʿAbdullah ibn Rawaha sind einige Hadithe überliefert. Er selbst überlieferte sie vom Gesandten Allahs und von Bilāl. Von ihm überlieferten Ibn ʿAbbās, Usāma ibn Zaid, Anas ibn Mālik, Nuʿmān ibn Baschīr und Abū Huraira. (al-Isāba 2/306)
ʿAbdullah ibn Rawaha war ein weltentsagender ʿĀbid und ein Mensch, der Allah ständig gedachte. Abū ad-Dardāʾ sagte: „Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an ihn denke. Wenn er mit mir zusammentraf, sagte er: ‚Komm, lass uns eine Weile Muslime sein.‘ Dann setzte er sich und begann mit dem Dhikr. Wenn der Dhikr beendet war, sagte er: ‚Dies war eine Versammlung des Glaubens.‘“ (Usd al-Ghāba 3/157)
Anas ibn Mālik sagte: Wenn ein Sahābi zusammen mit ʿAbdullah ibn Rawaha den Gesandten Allahs traf, sagte dieser: „Kommt, lasst uns eine Zeit lang glauben.“ Eines Tages wurde ein Mann über diese Worte sehr zornig. Er ging direkt zum Gesandten und sagte: „O Gesandter Allahs, siehst du nicht, dass Ibn Rawaha deinen Glauben aufgibt und den Glauben für kurze Zeit bevorzugt?“ Der Gesandte sagte: „Möge Allah Ibn Rawaha barmherzig sein. Er liebt Versammlungen, um die sich sogar die Engel rühmen.“ Einmal widersprach ein Mann einem solchen Aufruf und sagte: „Sind wir etwa keine Gläubigen?“ Er antwortete: „Doch, wir sind Gläubige. Aber wir werden Allahs gedenken, und dadurch wird unser Glaube zunehmen.“ (al-Fath ar-Rabbānī 22/286; Hayāt as-Sahāba 3/15)
Seine Ehefrau berichtet, dass er jedes Mal, wenn er das Haus verließ, zwei Gebetseinheiten verrichtete. Wenn er nach Hause zurückkehrte, tat er dasselbe. Darin wurde er niemals nachlässig. (al-Isāba 2/307; Hayāt as-Sahāba 3/148)
Auf einer Reise war es einmal so heiß, dass die Menschen ihre Hände über den Kopf hielten, um sich vor der Hitze der Sonne zu schützen. Wer fastet bei einer solchen Hitze? Doch selbst unter diesen Umständen fasteten nur der edle Gesandte Allahs und ʿAbdullah ibn Rawaha. (Sahīh al-Buchārī 1/261; Muslim 1/357; Hayāt as-Sahāba 1/479; Tahdhīb al-Asmāʾ wa-l-Lughāt 1/265)
Seine Anziehung zum Dschihād war unwiderstehlich. An keiner der Schlachten von Badr bis Muʾta fehlte er. Die Gelehrten der Ridschāl-Wissenschaft (der biografischen Lexika) sagen: „ʿAbdullah zog als Erster in den Kampf und kehrte als Letzter nach Hause zurück.“ (al-Isāba 2/307)
Die Gebote und Verbote des edlen Gesandten befolgte er buchstäblich. Ein Ereignis belegt dies deutlich. Einmal hielt der edle Gesandte in der Moschee eine Chutba (Ansprache), während Ibn Rawaha auf dem Weg zur Moschee war. Als er sich auf der Straße außerhalb der Moschee befand, hörte er den Gesandten sagen: „Setzt euch jeder an seinen Platz.“ Sobald diese Anweisung Ibn Rawahas Ohren erreichte, setzte er sich dort hin. Nachdem der Gesandte seine Ansprache beendet hatte, berichtete ihm jemand davon. Er sagte: „Möge Allah in ihm das Verlangen nach dem Gehorsam gegenüber Allah und Seinem Gesandten noch vermehren.“ (al-Isāba 2/306; Hayāt as-Sahāba 2/356)
So wie der edle ʿAbdullah ibn Rawaha den Gesandten Allahs innig liebte, so liebte auch der Gesandte ihn. Einmal wurde ʿAbdullah krank und verlor das Bewusstsein. Der Gesandte besuchte ihn und sprach: „O Allah, wenn seine Todesstunde nahe ist, dann lass ihn leicht sterben; andernfalls heile ihn.“ (al-Isāba 2/306)
Usāma ibn Zaid berichtet: Als Saʿd ibn ʿUbāda erkrankte, brach der Gesandte auf, um ihn zu besuchen. Er ließ mich hinter sich auf dem Reittier sitzen. ʿAbdullah ibn Ubayy saß mit einigen Männern seines Stammes im Schatten seiner Festung Muzāhim. Der Gesandte hielt es für unhöflich, schweigend an ihnen vorbeizugehen. Deshalb stieg er vom Reittier, grüßte sie und setzte sich eine Weile. Danach rezitierte er einige Qurʾān-Verse und lud sie alle zum Islam ein. Bis dahin hatte ʿAbdullah ibn Ubayy geschwiegen. Als der Gesandte seine Worte beendet hatte, sagte er: „Wenn das, was du sagst, wahr ist, dann geh nach Hause und bleib dort sitzen. Wenn jemand zu dir kommt, dann erzähle ihm so viel du kannst. Störe niemanden, indem du so unerwünscht in einer Versammlung erscheinst.“ Unter den anwesenden Muslimen befand sich auch ʿAbdullah ibn Rawaha. Er rief laut: „O Gesandter Allahs, höre niemals auf ihn! Komm zu uns! Komm in unsere Versammlungen, von Haus zu Haus. Genau das wünschen wir. Durch dein Kommen hat Allah uns geehrt und uns Rechtleitung geschenkt.“ (Sīrat Ibn Hischām 1/587; Hayāt as-Sahāba 2/509)
Eines Tages legte ʿAbdullah seinen Kopf in den Schoß seiner Frau und begann zu weinen. Als sie das sah, begann auch sie zu weinen. Er fragte: „Warum weinst du?“ Sie antwortete: „Ich weine, weil ich dich weinen sehe.“ Darauf rezitierte er den Vers 71 der Sura Maryam und sagte: „Ich weine, weil ich mich an diesen Vers erinnere. Ich weiß nicht, ob ich vor der Hölle gerettet werde.“ (Hayāt as-Sahāba 3/45)
Die Rolle ʿAbdullahs beim Übertritt des berühmten Ansār-Sahābi Abū ad-Dardāʾ zum Islam ist besonders erwähnenswert. In der vorislamischen Zeit bestand zwischen beiden eine enge Beziehung. Auch nach ʿAbdullahs Übertritt blieb Abū ad-Dardāʾ Götzendiener. In seinem Haus befand sich ein großer Götze. Eines Tages verließ Abū ad-Dardāʾ das Haus, während ʿAbdullah auf einem anderen Weg gerade hineinging. Er fragte Abū ad-Dardāʾs Frau: „Wo ist Abū ad-Dardāʾ?“ Sie antwortete: „Er ist gerade hinausgegangen.“ ʿAbdullah betrat den Raum des Götzen, nahm einen dort liegenden Hammer und zerschmetterte ihn. Als Abū ad-Dardāʾs Frau das Geräusch hörte, eilte sie herbei. ʿAbdullah war inzwischen gegangen. Aus Angst schlug sie die Hände über dem Kopf zusammen und begann zu weinen. Als Abū ad-Dardāʾ zurückkehrte und von ihr alles erfahren hatte, wurde er zunächst sehr zornig. Im nächsten Augenblick dachte er jedoch: Wenn der Götze irgendeine Macht besäße, hätte er sich selbst schützen können. Nach dieser Erkenntnis ging er zusammen mit ʿAbdullah zum Gesandten Allahs und bekannte sich zum Islam. (Hayāt as-Sahāba 1/332–333)
Einmal tadelte der Dichter Hassān ibn Thābit in einem Gedicht Safwān ibn al-Muʿattal und dessen Stamm. Safwān geriet in Zorn, schlug den Dichter, band seine beiden Hände an seinen Hals und brachte ihn in das Dorf der Banū al-Hārith. ʿAbdullah ibn Rawaha befreite ihn und informierte den Gesandten Allahs über den Vorfall. Er brachte beide zum Gesandten, der ihren Streit schlichtete. (Sīrat Ibn Hischām 2/305)
Wegen der oben genannten Eigenschaften sagte der Gesandte Allahs zu seinem Lob: „Niʿma r-radschulu ʿAbdullāhu ibn Rawāha“ – „Was für ein guter Mann ʿAbdullah ibn Rawaha ist!“ (al-Isāba 2/306)
Abu Talha al-Ansari (r.a.)
Sein Name war Zaid, sein Beiname Abu Talha. Unter diesem Namen ist er in der Geschichte bekannt. Er wurde 36 Jahre vor der Hidschra, im Jahr 585 n. Chr., in Yathrib geboren. (Al-Aʿlām 3/98) Sein Vater war Sahl ibn al-Aswad ibn Haram, ein Nachkomme der Banū Dschazīla. Seine Mutter war ʿUbāda bint Mālik. In der vorislamischen Dschāhilīya genoss die Familie Abu Talhas in Yathrib hohes Ansehen. Auch zwischen seiner väterlichen und mütterlichen Verwandtschaft bestanden Beziehungen. Die Siedlung seiner Familie lag westlich der heutigen Prophetenmoschee. Zu seiner Zeit war er das Oberhaupt beziehungsweise der Führer seiner Familie. (Ansāb al-Aschrāf 1/42; al-Istīʿāb 4/113; Tahdhīb al-Asmāʾ 1/445)
In seinem vorislamischen Leben war er, wie die meisten Araber, Götzendiener. Auch seine Trinkgelage waren ausgesprochen prächtig; regelmäßig versammelte man sich dort zum geselligen Beisammensein. In jener Dschāhilīya gehörte er zu den wenigen tapferen Bogenschützen Yathribs. (Buchārī 2/664; al-Aʿlām 3/98)
Als Abu Talha ein junger Mann von etwa zwanzig oder zweiundzwanzig Jahren war, empfing der edle Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, in Mekka die Berufung zum Propheten. In den ersten Jahren hatte dies in Yathrib kaum Auswirkungen, doch in den folgenden Jahren nahm sein Einfluss allmählich zu. Einige Jahre vor der Auswanderung des Gesandten Allahs nach Medina schickte er Musʿab ibn ʿUmair von Mekka dorthin, um den Islam zu verkünden. Durch ihn nahm eine vornehme Frau aus Medina, Umm Sulaim, den Islam an. Aufgrund ihrer Bemühungen gab Abu Talha später den Götzendienst auf, wurde Muslim und heiratete sie.
Wenn man die verschiedenen Überlieferungen darüber prüft, wann Abu Talha Muslim wurde, ergeben sich zwei Auffassungen. Nach der einen nahm er vor der Auswanderung des Gesandten Allahs nach Medina durch Musʿab ibn ʿUmair den Islam an und ging mit ihm zur Hadsch nach Mekka. Bei der letzten ʿAqaba-Huldigung schwor er zusammen mit dreiundsiebzig, nach anderer Auffassung fünfundsiebzig Männern dem Gesandten Allahs die Treue. Von den zwölf Anführern oder Verantwortlichen, die der Gesandte Allahs unter den Anwesenden bestimmte, war Abu Talha einer. Nach der anderen Auffassung wurde Abu Talha erst nach der Ankunft des Gesandten Allahs in Medina Muslim. Die erste Auffassung ist jedoch am bekanntesten und wird von den meisten Sīra-Gelehrten überliefert. (Tārīkh al-Islām wa-Ṭabaqāt al-Maschāhīr wa-l-Aʿlām 2/119; Schadharāt adh-Dhahab 1/40; Usud al-Ghāba 5/234)
Zwischen Abu Talhas Annahme des Islam und seiner Heirat mit Umm Sulaim besteht ein Zusammenhang. Umm Sulaim war die geehrte Mutter des berühmten Gefährten Anas ibn Mālik, des Dieners des edlen Gesandten Allahs. Anas’ Vater Mālik war ihr Ehemann aus der Zeit vor dem Islam. Als Umm Sulaim Muslimin wurde, verließ Mālik aus Trauer und Zorn Frau und Kind und ging nach Syrien, wo er starb. Danach hielt Abu Talha um Umm Sulaims Hand an. Hier werden einige Überlieferungen zu dieser Heirat angeführt.
Von Anas wird überliefert: Abu Talha machte Umm Sulaim einen Heiratsantrag. Umm Sulaim sagte: »Es ziemt sich für mich nicht, einen Götzendiener zu heiraten. Abu Talha, siehst du denn nicht, dass diese eure Götzen, die ihr verehrt, dort bei jenem hergestellt werden? Wenn man Feuer an sie legt, verbrennen sie.« Nachdem Abu Talha dies gehört hatte, stand er auf und ging. Doch in seinem Inneren entstand ein Gedanke, und er konnte überhaupt nicht schlafen.
In einer anderen Überlieferung heißt es, Umm Sulaim habe gesagt: »Gegen deinen Antrag habe ich eigentlich nichts einzuwenden. Das Problem ist nur, dass du ein Ungläubiger und ich eine muslimische Frau bin. Wenn du den Islam annimmst, gibt es kein Problem. Deine Annahme des Islam soll dann meine Brautgabe sein; mehr wünsche ich nicht.« Abu Talha nahm den Islam an und heiratete Umm Sulaim. Thābit sagte: »Von einer besseren Brautgabe als der Umm Sulaims haben wir nie gehört. Ihre Brautgabe war der Islam.« Ibn ʿAsākir sagt, dass at-Tabarānī, Abu Nuʿaim und Ibn Durastawaih dies ebenfalls überliefert haben. (Tārīkh Ibn ʿAsākir 6/5)
ʿUrwa, Mūsā ibn ʿUqba, der Gelehrte adh-Dhahabī, Ibn al-ʿImād al-Hanbalī, Ibn al-Athīr und andere Historiker sagen, dies habe sich vor der Auswanderung des Gesandten Allahs nach Medina ereignet. Denn Abu Talha schwor ihm in ʿAqaba die Treue und wurde zum Anführer bestimmt.
Ibn ʿAsākir sagt: Die Überlieferungen über Abu Talhas Heirat mit Umm Sulaim erwecken den Eindruck, dass er erst nach der Auswanderung des Gesandten Allahs nach Medina Muslim wurde. Hierzu fand er eine von al-Hāfiz und al-Baihaqī überlieferte Nachricht von Naḍr ibn Anas. Naḍr berichtet: Eines Tages sagte Mālik, der Vater des Anas, zu seiner Frau Umm Sulaim: »Dieser Mann – der Gesandte Allahs – hat offenbar den Wein verboten.« Dann ließ er Frau und Kind zurück, ging nach Syrien und starb dort.
Darauf hielt Abu Talha um Umm Sulaims Hand an. Sie sagte: »Hör zu, Abu Talha, einen Mann wie dich kann man nicht zurückweisen. Aber du bist Ungläubiger und ich bin Muslimin. Genau darin liegt das Problem; diese Ehe kann nicht stattfinden.« Abu Talha fragte: »Willst du Gold oder Silber?« Umm Sulaim antwortete: »Nein, das will ich nicht. Ich will nur, dass du Muslim wirst.« Abu Talha fragte: »Wer kann mir dabei helfen?« Sie sagte: »Der Gesandte Allahs.«
Abu Talha ging zum Gesandten Allahs, der gerade mit seinen Gefährten zusammensaß. Als er ihn kommen sah, sagte er: »Abu Talha kommt; das Licht des Islam ist auf seiner Stirn zu erkennen.« Abu Talha kam und berichtete dem Gesandten Allahs, was Umm Sulaim gesagt hatte. So nahm Abu Talha den Islam an und heiratete Umm Sulaim. (Tārīkh Ibn ʿAsākir 6/5; Hayāt as-Sahāba 1/196)
Nachdem der Gesandte Allahs nach Medina gekommen war, stiftete er eine religiöse Brüdergemeinschaft zwischen den Auswanderern aus Mekka und den Ansār aus Medina. Auch darüber, wer Abu Talhas Bruder wurde, gibt es verschiedene Auffassungen. Nach der Meinung der Mehrheit der Sīra-Autoren wurde seine Bruderschaft mit dem berühmten quraischitischen Auswanderer Abu ʿUbaida ibn al-Dscharrāh – Allahs Wohlgefallen auf ihm – geschlossen. Dieser Abu ʿUbaida hatte vom Gesandten Allahs neben dem Titel »Vertrauenswürdiger dieser Gemeinschaft« auch die frohe Botschaft vom Paradies erhalten. Ibn ʿAsākir sagt, der edle Gesandte Allahs habe Abu Talha und Bilāl an den Händen genommen und ihre Bruderschaft begründet. (Tārīkh Ibn ʿAsākir 6/9) Ibn Saʿd führt hierzu eine Überlieferung von ʿĀsim ibn ʿUmar an: Der Gesandte Allahs stiftete die Brüderschaft zwischen Abu Talha und al-Arqam ibn al-Arqam al-Machzūmī. (Ṭabaqāt 3/505)
Abu Talha nahm an allen Schlachten und Feldzügen teil, darunter Badr, Uhud und der Grabenkampf. Auf dem Schlachtfeld pflegte er oft folgenden Vers zu rezitieren: »Ich bin Abu Talha, mein Name ist Zaid; jeden Tag trägt meine Waffe eine Beute davon.« (Tahdhīb al-Asmāʾ 1/445; Tārīkh Ibn ʿAsākir 5/4)
Badr war die erste Schlacht der islamischen Geschichte. Abu Talha nahm mit größtem Eifer daran teil. Ibn Saʿd erwähnt ihn in seiner Ṭabaqāt in der Liste der Gefährten von Badr. Er sagte: »In Badr fiel mir das Schwert aus der Hand, während ich schläfrig war – nicht einmal, sondern dreimal.« Dazu sagte Allah: »Und gedenkt, als Er euch zur Beruhigung von Ihm Schläfrigkeit überkommen ließ.« (Sure al-Anfāl 11) (Tārīkh Ibn ʿAsākir 6/6) Es sei erwähnt, dass das muslimische Heer auf dem Schlachtfeld von Badr kurze Zeit in Schläfrigkeit versank. Dadurch verschwanden seine Müdigkeit und Furcht.
In der Schlacht von Uhud gab er ein leuchtendes Beispiel für die Opferbereitschaft zum Schutz des Propheten Allahs. Er gehörte in dieser Schlacht zu den Bogenschützen. (Ansāb al-Aschrāf 1/125) In einer Phase des heftigen Kampfes wurde das muslimische Heer zerstreut und zurückgedrängt. Einige wenige Kämpfer, darunter Abu Talha, setzten ihr Leben aufs Spiel, um den Gesandten Allahs zu umringen und die Angriffe des Feindes abzuwehren.
An diesem Tag schoss Abu Talha, während er den Gesandten Allahs hinter sich abschirmte, auf die Feinde. Wenn er einen Pfeil abschoss, hob der Gesandte Allahs leicht den Kopf, um zu sehen, wo er niederfiel. Abu Talha drückte ihm die Hand auf die Brust und sagte: »O Gesandter Allahs, setzt euch! Bleibt so, damit euch kein Pfeil trifft.« Sobald er den Kopf etwas hob, stellte sich Abu Talha rasch wieder schützend vor ihn. An jenem Tag sagte er auch: »Meine Brust wird direkt vor deiner Brust sein.« Schließlich sagte er zum Gesandten Allahs: »Ich bin ein starker und tapferer Mann. Sag mir, was du brauchst.« Während er auf die Brust der Feinde schoss, summte er einen Vers: »Möge mein Leben deinem Leben geopfert sein; möge mein Gesicht ein Schild für dein Gesicht sein.«
Abu Talha war ein kräftiger und tapferer Mann. In dieser Schlacht von Uhud zerbrach er zwei oder, nach anderer Auffassung, drei Bögen. Durch die Heftigkeit des Kampfes wurden seine beiden Hände taub. Trotzdem stieß er nicht ein einziges Mal einen Schmerzenslaut aus, denn sein einziger Gedanke war damals der Schutz und die Sicherheit des Gesandten Allahs. (Usud al-Ghāba 5/234; Tārīkh Ibn ʿAsākir 6/7; Ṭabaqāt 3/507; Buchārī, Kitāb al-Maghāzī)
Auch an der Schlacht von Chaibar nahm Abu Talha teil. Während dieser Schlacht standen sein Kamel und das Kamel des Gesandten Allahs sehr nahe beieinander. Der Gesandte Allahs bestimmte Abu Talha zum Ausrufer, der die Erklärung des Verbots von Eselfleisch verkünden sollte. (Musnad Ahmad 3/121)
Auf der Rückkehr von diesem Feldzug ritten der edle Gesandte Allahs und Safiyya auf einem Kamel. Als sie in die Nähe Medinas kamen, stolperte das Kamel und beide Reiter fielen zu Boden. Abu Talha sprang sofort von seinem Kamel, eilte zum Gesandten Allahs und sagte: »O Gesandter Allahs, möge ich für dich geopfert werden! Hast du Schaden erlitten?« Er antwortete: »Nein. Kümmere dich aber um die Frau.« Abu Talha bedeckte sein Gesicht mit einem Tuch, ging zu Safiyya, richtete die Sänfte des Kamels her und setzte sie wieder hinein. (Musnad Ahmad 3/180)
Auch in der Schlacht von Hunain zeigte er außergewöhnliche Tapferkeit. In dieser Schlacht tötete er allein zwanzig, nach anderer Auffassung einundzwanzig Ungläubige. Der Gesandte Allahs hatte verkündet: Wer einen Ungläubigen tötet, soll Eigentümer aller Dinge des Getöteten sein. An diesem Tag erhielt Abu Talha die Ausrüstung von einundzwanzig Männern. Diese Schlacht, die im achten Jahr der Hidschra stattfand, war die letzte Schlacht im Leben des Gesandten Allahs. (Tārīkh al-Islām wa-Ṭabaqāt al-Maschāhīr 2/119; Tārīkh Ibn ʿAsākir 6/7; Usud al-Ghāba 5/235)
Während dieser Schlacht kam er lachend zum Gesandten Allahs und sagte: »O Gesandter Allahs, Umm Sulaim hat einen Dolch in der Hand. Hast du ihn gesehen?« Der Gesandte Allahs fragte: »Umm Sulaim, was willst du mit diesem Dolch tun?« Sie antwortete: »Wenn sich ein Götzendiener mir nähert, werde ich ihm damit den Bauch aufschlitzen.« Darüber lachte der Gesandte Allahs. (Sīrat Ibn Hischām 2/446–447; Hayāt as-Sahāba 1/597)
Bei der Abschiedswallfahrt war Abu Talha beim Gesandten Allahs. In Mina ließ der Gesandte Allahs sein Haar scheren. Die abgeschnittenen Haare der rechten Seite verteilte er einzeln oder zu zweit unter den neben ihm sitzenden Gefährten; alle Haare der linken Seite schenkte er jedoch Abu Talha. (Tārīkh Ibn ʿAsākir 6/7) Auch Imām Muslim hat dies überliefert.
In Medina pflegten gegen Ende des Lebens des edlen Gesandten Allahs gewöhnlich zwei Männer Gräber auszuheben. Unter den Auswanderern war es Abu ʿUbaida ibn al-Dscharrāh; er hob die Gräber nach der Art der Mekkaner aus. Unter den Ansār war es Abu Talha; er hob sie nach der Art der Medinenser aus. Nach dem Tod des edlen Gesandten Allahs berieten sich die Gefährten in der Prophetenmoschee über Bestattung und Leichentuch. Die Frage stellte sich, wer das Grab ausheben und nach welcher Methode es angelegt werden sollte. Die beiden genannten Männer waren zu jener Zeit nicht anwesend. ʿAbbās – Allahs Wohlgefallen auf ihm – schickte gleichzeitig Boten zu beiden, um sie zu holen. Es wurde beschlossen, dass derjenige, der zuerst einträfe, diese Ehre erhalten sollte. Nachdem die Boten fortgeschickt worden waren, beteten ʿAbbās und die anwesenden Gefährten: »O Allah, bestimme einen dieser beiden für das Grab deines Propheten.« Nach kurzer Zeit kehrte der Bote, der Abu Talha gesucht hatte, mit ihm zurück. Abu Talha hob daraufhin das Grab des Gesandten Allahs nach der medinesischen Art aus. (Ansāb al-Aschrāf 1/573; Asahh as-Siyar 587)
Nach dem Tod des edlen Gesandten Allahs verließen viele Gefährten Medina und ließen sich in Syrien nieder. Auch Abu Talha gehörte zu den Bewohnern dieses Landes. Doch immer, wenn ihn Kummer und Sorge bedrückten, legte er den mehr als einen Monat dauernden weiten Weg zurück, besuchte das heilige Grab des Gesandten Allahs und erlangte seelische Ruhe. (Tārīkh Ibn ʿAsākir 6/4)
Während der Kalifenzeit Abu Bakrs – Allahs Wohlgefallen auf ihm – hielt sich Abu Talha größtenteils in Syrien auf. Auch während des größten Teils der Kalifenzeit des großen Fārūq, ʿUmar, blieb er dort. Als ʿUmar nach Bayt al-Maqdis reiste, war Abu Talha in Syrien. Von Anas wird überliefert: ʿUmar ibn al-Chattāb war nach Syrien aufgebrochen. Abu Talha und Abu ʿUbaida ibn al-Dscharrāh kamen ihm entgegen und sagten: »Bei dir befinden sich ausgewählte Gefährten des Gesandten Allahs, während wir hinter uns ein loderndes Feuer zurückgelassen haben.« Damit meinten sie die Seuche der Pest. »Kehre nach Medina zurück, ohne diesmal Syrien zu betreten.« ʿUmar kehrte um und vollendete im folgenden Jahr diese aufgeschobene Reise. (Tārīkh Ibn ʿAsākir 6/4)
In der letzten Zeit ʿUmars – Allahs Wohlgefallen auf ihm – befand sich Abu Talha in Medina. Der Kalif ʿUmar hatte großes Vertrauen in seine Persönlichkeit und seinen Rang. Als ʿUmar am Leben verzweifelte, bestimmte er sechs angesehene und allgemein anerkannte Männer für die Wahl des nächsten Kalifen. Danach rief er Abu Talha und sagte: »Durch euch hat Allah die Ehre und Würde des Islam aufgerichtet. Nach meinem Tod sollst du fünfzig Ansār mitnehmen und die Tätigkeit dieser sechs Männer überwachen. Wenn vier von ihnen sich einer Meinung anschließen und zwei widersprechen, dann schlagt diesen beiden den Kopf ab. Wenn sie sich in zwei gleiche Gruppen teilen, dann tötet die Gruppe, in der ʿAbd ar-Rahmān ibn ʿAuf nicht ist. Wenn sie innerhalb von drei Tagen zu keiner Entscheidung kommen, dann trennt ihnen allen die Köpfe vom Leib. Bis nach meinem Tod ein neuer Kalif gewählt ist, sollst du der vorläufige Kalif sein.« (Kanz al-ʿUmmāl 3/156–157; Hayāt as-Sahāba 2/34)
Im Haus von al-Miswar ibn Machrama versammelten sich die sechs Männer. Abu Talha stand mit seinen Gefährten als Sicherheitswache an der Tür. Die Banū Hāschim hatten sich von Anfang an gegen diese Beratung gestellt, weil sie ʿAlī – Allahs Wohlgefallen auf ihm – zum Kalifen machen wollten. ʿAbbās sagte damals heimlich zu ʿAlī: »Überlasse deine Angelegenheit nicht diesen Leuten. Entscheide selbst.« ʿAlī gab eine Antwort. Abu Talha stand daneben und hörte dieses Gespräch. Als ʿAlī plötzlich seinen Blick auf ihn richtete, schien er etwas zu überlegen. Abu Talha verstand dies und sagte: »Abū l-Hasan, es gibt keinen Grund zur Furcht.«
Eines Tages fand die geheime Beratung der sechs Männer statt, während Abu Talha mit seinen Leuten an der Tür stand. Da kamen ʿAmr ibn al-ʿĀs und al-Mughīra ibn Schuʿba und setzten sich an die Tür. Abu Talha sagte ihnen nichts Besonderes. Saʿd ibn Abī Waqqās jedoch war ein sehr entschlossener Mann und konnte die Haltung der beiden nicht ertragen. Er hob Kieselsteine auf, warf sie nach ihnen und sagte: »Sie sind nach Medina gekommen, um zu verbreiten, dass auch sie Mitglieder der Schūrā gewesen seien.« ʿAmr und al-Mughīra wurden darüber zornig und begannen zu streiten. Abu Talha sagte verärgert: »Ich befürchte, dass ihr euch in einen solchen nutzlosen Streit verstrickt und die eigentliche Angelegenheit vernachlässigt. Bei Dem, der ʿUmar den Tod gegeben hat: Ich werde euch nicht länger als drei Tage Zeit lassen.«
Nachdem die Wahl des Kalifen beendet war, sagte Abu Talha: »Mehr als die Befürchtung, dass diese sechs Männer um das Kalifat wetteifern könnten, fürchtete ich, dass sie sich dieser Verantwortung entziehen würden. Denn nach ʿUmars Tod entstand in jedem Haus ein Mangel an Religion und weltlichen Dingen.« (Hayāt as-Sahāba 2/473)
Nach der Wahl des Kalifen zog sich Abu Talha völlig zurück und verbrachte den Rest seines Lebens ganz der Anbetung Allahs gewidmet. Umm Sulaim – Allahs Wohlgefallen auf ihr – gebar Abu Talha mehrere Kinder, doch keines von ihnen lebte lange. Einer seiner Söhne hieß Abu ʿUmair. Als Kind besaß er einen kleinen Vogel, der starb. Eines Tages ging der Gesandte Allahs zu ihnen nach Hause und sah ihn sehr traurig. Als man ihm den Grund erklärte, dichtete der Gesandte Allahs zu seinem Trost: »O Abū ʿUmair, was hat dein kleiner Vogel gemacht?« (Hayāt as-Sahāba 2/570; al-Istīʿāb)
Ein anderer Sohn Abu Talhas starb nach einiger Krankheit. Während der Junge krank war, ging Abu Talha eines Tages in die Prophetenmoschee, und währenddessen starb der Junge. Umm Sulaim wartete nicht auf den Vater, sondern bestattete ihn und wies die Leute im Haus an, Abu Talha nichts von der Bestattung und dem Leichentuch zu sagen. Abu Talha kehrte später mit mehreren Gästen aus der Moschee zurück. Er fragte: »Wie geht es dem Jungen?« Die Mutter antwortete: »Besser als zuvor.« Abu Talha sprach mit den Gästen. Das Essen wurde gebracht, und alle aßen gemeinsam. Nachdem die Gäste gegangen waren, kam Abu Talha in den inneren Teil des Hauses. In der Nacht lagen die Eheleute zusammen und hatten ehelichen Verkehr. Gegen Ende der Nacht berichtete Umm Sulaim vom Tod des Sohnes und von seiner Bestattung und sagte: »Er war bei uns ein anvertrautes Gut Allahs. Er hat dieses anvertraute Gut zurückgenommen. Wer könnte dagegen etwas einzuwenden haben?« Abu Talha sagte: »Wir gehören Allah, und zu Ihm kehren wir zurück«, war jedoch etwas ungehalten darüber, dass man ihm die Nachricht verborgen hatte.
Am nächsten Morgen berichtete Abu Talha dem Gesandten Allahs davon. Dieser sagte: »Möge Allah eure vergangene Nacht segnen.« In eben jener Nacht wurde Umm Sulaim schwanger. Nach der Geburt dieses Kindes schickte sie es durch Anas zum Gesandten Allahs. Er kaute eine Dattel, legte sie dem Kind in den Mund, und das Kind bewegte den Mund und saugte ein wenig daran. Da sagte er: »Seht, die Ansār haben eine natürliche Vorliebe für Datteln.« Er gab dem Kind den Namen ʿAbdullah. Durch den Segen des heiligen Speichels des Gesandten Allahs erlangte dieser Sohn später unter den jungen Ansār in jeder Hinsicht herausragende Stellung. Durch ʿAbdullah setzte sich die Nachkommenschaft Abu Talhas fort. Er hatte zwei Söhne namens Ishāq und ʿUbaidullah; Ishāq hatte einen Sohn namens Yahyā. Alle waren bedeutende Hadith-Gelehrte ihrer Zeit. (Musnad Ahmad 3/257; Tārīkh Ibn ʿAsākir 6/6; auch Buchārī und Muslim überliefern diese Begebenheit in verschiedenen Fassungen.)
Über das Todesjahr Abu Talhas besteht Meinungsverschiedenheit. Imām an-Nawawī sagt: »Er starb im Jahr 32 oder 34 nach der Hidschra im Alter von siebzig Jahren in Medina.« Die meisten Sīra-Gelehrten sagen, dass er in Medina starb. Abu Zurʿa ad-Dimaschqī dagegen sagte, er sei in Syrien gestorben. Andere sagten, er sei auf einem Feldzug über das Meer gestorben. Von Abu Zurʿa ad-Dimaschqī wird überliefert, Abu Talha habe nach dem Tod des Gesandten Allahs vierzig Jahre lang ununterbrochen gefastet. Diese Überlieferung widerspricht dem oben genannten Todesjahr. Denn wenn er im Jahr 32 oder 34 starb, kann er nach dem Tod des Gesandten Allahs unmöglich vierzig Jahre lang gefastet haben. Diejenigen, die sagen, er sei in Medina gestorben, berichten außerdem, dass der Kalif ʿUthmān – Allahs Wohlgefallen auf ihm – sein Totengebet leitete. (Tahdhīb al-Asmāʾ wa-l-Lughāt 1/445–446)
Die Bewohner Basras sagen, dass er am Ende seines Lebens zu einem Feldzug über das Meer aufbrach und unterwegs starb. Nach dieser Auffassung starb er im Jahr 51 nach der Hidschra. In verschiedenen Büchern findet sich ein erstaunlicher Bericht über diesen Dschihad Abu Talhas. Eines Tages rezitierte er die Sure at-Tauba. Als er zu dem Vers kam: »Zieht aus, leicht oder schwer« – das heißt, zieht in den Kampf, ob ihr in leichter oder schwerer Verfassung seid (Vers 41) –, wurde in ihm ein gewaltiger Wunsch nach dem Dschihad geweckt. Er sagte zu seiner Familie: »Allah hat den Dschihad sowohl den Jungen als auch den Alten zur Pflicht gemacht. Ich will zum Dschihad aufbrechen; bereitet meine Reise vor.« Dies wiederholte er zweimal.
Er war bereits alt und durch ständiges Fasten schwach und abgemagert. Seine Familie sagte: »Möge Allah sich deiner erbarmen. Du hast an allen Schlachten zur Zeit des Gesandten Allahs teilgenommen und auch in der Zeit Abu Bakrs und ʿUmars ununterbrochen am Dschihad mitgewirkt. Hast du noch immer Verlangen nach dem Dschihad? Bleib zu Hause; wir ziehen an deiner Stelle aus.« Wer kann denjenigen zurückhalten, den das unbezwingbare Verlangen nach dem Märtyrertod vorwärtsdrängt? Er sagte: »Tut, was ich sage.« Trotz ihres großen Widerwillens bereiteten sie seine Reise vor.
Dieser siebzigjährige Greis verließ sich im Namen Allahs sein Haus. Das muslimische Heer war bereit. Der Feldzug führte über das Meer. Abu Talha bestieg das Schiff und fuhr voran, voller Erwartung, wann er den feindlichen Truppen gegenüberstehen würde. Da kam sein Tod. Er starb. Auf dem Meer war nirgends ein Stück Land zu sehen. Starker Wind und aufgewühlte See trieben das Schiff einem unbekannten Ziel entgegen. Sieben Tage lag der Leichnam dieses gläubigen Mudschāhids auf dem Deck. Schließlich fand man eine unbekannte Insel und bestattete ihn dort. Obwohl so viele Tage vergangen waren, war sein Körper weder verwest noch auch nur geringfügig verändert. (Ṭabaqāt 3/507; Tārīkh Ibn ʿAsākir 6/7; Tārīkh al-Islām wa-Ṭabaqāt al-Maschāhīr 2/120; Usud al-Ghāba 5/235; Ansāb al-Aschrāf 1/242)
Bei der Überlieferung von Hadithen war Abu Talha äußerst vorsichtig. In den von ihm überlieferten Hadithen ging es um verschiedene Rechtsfragen oder um Krieg und Auseinandersetzungen. Obwohl er lange Zeit die Ehre genossen hatte, den Gesandten Allahs zu begleiten, ist von ihm keine Überlieferung über die Vorzüglichkeit bestimmter Taten bekannt. Die Gesamtzahl der von ihm überlieferten Hadithe beträgt 92. Buchārī und Muslim überlieferten jeweils einen Hadith von ihm. Eine Gruppe von Gefährten, darunter ʿAbdullah ibn ʿAbbās und Anas ibn Mālik, sowie eine Gruppe bedeutender Tābiʿūn hörten Hadithe von ihm und überlieferten sie weiter. (Tahdhīb al-Asmāʾ 1/445; Tārīkh Ibn ʿAsākir 6/4)
Einige Schüler und Verehrer Abu Talhas besuchten ihn einmal während seiner Krankheit. Sie sahen, dass an der Tür ein Vorhang mit Bildern hing, und blickten einander an. Schließlich fasste sich Zaid ibn Chālid ein Herz und sagte: »Gestern hast du doch einen Hadith über das Verbot von Bildern überliefert.« Abu Talha sagte zu ʿUbaidullah al-Chaulānī: »Ja, das habe ich getan. Ich sagte aber auch, dass Bilder auf Stoff nicht unter dieses Verbot fallen.« (Musnad 4/28)
Eines Tages aß Abu Talha zusammen mit Ubayy ibn Kaʿb und Anas ibn Mālik. Nach dem Essen bat Anas um Wasser für die Gebetswaschung. Abu Talha und Ubayy sagten beide: »Hast du wegen des Fleischessens vielleicht an die Gebetswaschung gedacht?« Anas antwortete: »Ja.« Abu Talha sagte: »Ihr esst gute, reine Dinge und vollzieht danach die Gebetswaschung, obwohl der Gesandte Allahs dies nicht tat.« (Musnad 4/3)
Eines Tages hielt Abu Talha ein freiwilliges Fasten. Zufällig schneite es an jenem Tag. Er nahm einige Schneestücke in die Hand und aß sie. Als die Leute sagten: »Du isst doch während des Fastens«, antwortete er: »Das ist ein Segen; man sollte ihn sich aneignen. Es ist weder Nahrung noch ein Getränk.« (Musnad 3/279; Tārīkh Ibn ʿAsākir 6/10)
Abu Talha besaß Liebe zur Dichtkunst und dichterische Begabung. Er verfasste Gedichte und rezitierte sie. Während heftiger Kämpfe pflegte er Verse vor sich hin zu summen. In verschiedenen Sīra-Werken wurden einige seiner Verse gesammelt. (Siehe al-Isāba 4/113; Tārīkh Ibn ʿAsākir 6/7; al-Istīʿāb)
Das größte Merkmal im Charakter Abu Talhas war Hubb ar-Rasūl – seine tiefe Liebe zum Gesandten Allahs. Selbst wenn seine Gefährten auf dem Schlachtfeld durch heftige Angriffe des Feindes zerstreut waren, stand er unter Einsatz seines Lebens zum Schutz des Gesandten Allahs fest. Er schirmte ihn mit seinem ganzen Körper ab. Aus Sorge, dass den geliebten Propheten auch nur ein Kratzer treffen könnte, nahm er die Schläge von Pfeilen und Speeren auf seine eigene Brust. Daran lässt sich die Tiefe seiner Liebe einigermaßen ermessen. Gewöhnlich begleitete er den Gesandten Allahs auf allen Feldzügen, und ihre beiden Kamele liefen fast nebeneinander.
Einmal verbreitete sich in Medina die Furcht vor einem feindlichen Angriff. Der edle Gesandte Allahs nahm Abu Talhas Pferd namens Mandūr und ritt in die Richtung, aus der ein Angriff erwartet wurde. Auch Abu Talha folgte ihm aus Sorge um seine Sicherheit. Doch kaum war er dort angekommen, kehrte der Gesandte Allahs bereits zurück und traf unterwegs Abu Talha. Er sagte zu ihm: »Dort ist nichts. Dein Pferd ist sehr schnell.«
Seine tiefe Liebe zum edlen Gesandten Allahs zeigte sich auch in ganz kleinen Dingen. Wenn etwas in sein Haus gelangte, schickte er einen Teil davon zum Haus des Gesandten Allahs. Einmal brachte Anas ein Kaninchen. Abu Talha schlachtete es und schickte ein Hinterbein zum Haus des Propheten. Ein anderes Mal schickte Abu Talhas Frau Umm Sulaim eine Schale Datteln. Der Gesandte Allahs verteilte die Datteln unter seinen reinen Ehefrauen und den übrigen Gefährten. (Musnad 3/125, 171)
Während der letzten Krankheit, an der der edle Gesandte Allahs starb, besuchte Abu Talha ihn eines Tages. Der Gesandte Allahs sagte zu ihm: »Übermittle deinem Volk, den Ansār, meinen Friedensgruß. Denn sie halten sich von dem fern, was nicht erlaubt und nicht angemessen ist, und sie zeigen Geduld.« (Hayāt as-Sahāba 1/401)
Abu Talha berichtete: »Eines Tages ging ich zum Gesandten Allahs. Auf seiner Haut und in seinem Gesicht sah ich einen Zustand, wie ich ihn zuvor noch nie gesehen hatte. Ich sagte: O Gesandter Allahs, in einem solchen Zustand habe ich dich noch nie gesehen. Er sagte: ›Abu Talha, warum sollte es nicht so sein? Gerade ist Dschibrīl hinausgegangen. Er brachte mir eine frohe Botschaft von meinem Herrn. Er sagte: Allah hat mich zu dir gesandt, um dir die frohe Botschaft zu überbringen, dass Allah und Seine Engel zehnmal Segen und Frieden über jeden Angehörigen deiner Gemeinschaft senden, der einmal Segen und Frieden über dich spricht.‹« (Usud al-Ghāba 5/235)
Ahmad und an-Nasāʾī überliefern den Hadith in einer anderen Fassung. Darin heißt es, Dschibrīl habe gesagt: »Wer aus deiner Gemeinschaft Segen und Frieden über dich spricht, dem schreibt Allah zehn gute Taten gut, vergibt ihm zehn Sünden und erhöht ihn um zehn Rangstufen.« (Hayāt as-Sahāba 3/313)
Vor dem Verbot des Weines trank Abu Talha eines Tages einen aus Datteln hergestellten Wein namens Fadīch. Da kam ein Mann und meldete, dass der Wein verboten worden sei. Sofort sagte Abu Talha zu Anas: »Zerschlage dieses Weingefäß.« Anas führte den Befehl aus. (Buchārī 2/107)
Als dieser Vers aus der Sure Āl ʿImrān offenbart wurde: »Ihr werdet die Frömmigkeit nicht erlangen, ehe ihr nicht von dem spendet, was ihr liebt«, brachten die Ansār alles Wertvolle, das sie besaßen, zum Gesandten Allahs und spendeten es auf Allahs Weg. Abu Talha kam zum Gesandten Allahs und stiftete sein großes Grundstück namens Bairuhā als fromme Stiftung auf Allahs Weg. Dort befand sich ein Brunnen, dessen Wasser wohlschmeckend war und das der Gesandte Allahs besonders gern trank. Der Gesandte Allahs freute sich sehr über diese Spende Abu Talhas. (Schadharāt adh-Dhahab 1/40; Tārīkh Ibn ʿAsākir 6/8; Hayāt as-Sahāba 2/157)
Von ʿAbdullah ibn Abī Bakr wird überliefert: Eines Tages stand Abu Talha neben der Mauer seines Gartens im Gebet. Da flog ein kleiner Vogel hin und her und suchte nach einem Ausgang, fand aber wegen der dichten Dattelpalmen keinen. Abu Talha beobachtete dies eine Weile während des Gebets. Danach wusste er nicht mehr, wie viele Gebetseinheiten er verrichtet hatte. Er dachte: »Dieser Besitz hat mich in Versuchung geführt.« Nach dem Gebet eilte er zum Gesandten Allahs und sagte: »O Gesandter Allahs, ich spende all dies. Verwende diesen Besitz auf Allahs Weg.« Der Gesandte Allahs sagte: »Verteile ihn unter deinen nahen Verwandten.« Unter denen, an die er ihn entsprechend dieser Anweisung verteilte, waren auch Hassān ibn Thābit und Ubayy ibn Kaʿb. (Tārīkh Ibn ʿAsākir 6/8; Hayāt as-Sahāba 3/97; Musnad Ahmad 3/141)
Einmal kam ein Mann nach Medina, der keine Unterkunft und keine Nahrung hatte. Der Gesandte Allahs verkündete: »Wer diesen Mann als Gast aufnimmt, dem wird Allah barmherzig sein.« Abu Talha sagte sofort: »Ich nehme ihn mit.« Zu Hause gab es außer dem Essen für die kleinen Kinder nichts Zusätzliches. Abu Talha sagte zu seiner Frau: »Bring die Kinder irgendwie zum Einschlafen. Dann stell dem Gast das Essen hin und lösche unter irgendeinem Vorwand die Lampe. In der Dunkelheit werden wir so tun, als äßen wir, und nur den Mund bewegen; der Gast aber soll sich allein satt essen.« Gesagt, getan. Die Eheleute ließen den Gast zufrieden essen, während sie selbst mit ihren Kindern hungrig blieben.
Am Morgen ging Abu Talha zum Gesandten Allahs. Dieser rezitierte ihm den Vers: »Sie geben ihnen den Vorzug vor sich selbst, auch wenn sie selbst dringend bedürftig sind.« (Sure al-Haschr 9) Danach sagte er zu Abu Talha: »Allah hat euer Verhalten in jener Nacht gegenüber dem Gast sehr geliebt.« (Muslim 2/198; Hayāt as-Sahāba 2/160–161)
Aufrichtigkeit und Ernsthaftigkeit waren besondere Eigenschaften Abu Talhas. Von Ruhm und Zurschaustellung hielt er sich stets fern. Als er das Grundstück Bairuhā spendete, schwor er dem Gesandten Allahs: »Wenn ich dies hätte geheim halten können, hätte ich es niemals bekannt gemacht.« (Musnad 3/115)
Abu Talha besaß eine kräftige Stimme. Anas – Allahs Wohlgefallen auf ihm – sagte: »Der Gesandte Allahs pflegte zu sagen: Die laute Stimme Abu Talhas unter den Soldaten ist besser als die Stimme einer ganzen Gruppe von Soldaten.« Nach einer anderen Überlieferung: »besser als tausend Menschen«. In einer weiteren Überlieferung heißt es: »Für die Götzendiener ist der Schrei Abu Talhas furchterregender als der einer ganzen Gruppe von Soldaten.« (Tārīkh al-Islām wa-Ṭabaqāt al-Maschāhīr 2/119; Tārīkh Ibn ʿAsākir 6/7; Usud al-Ghāba 5/235)
Der edle Gesandte Allahs sprach ein Bittgebet für die Familie Abu Talhas. (Tārīkh Ibn ʿAsākir 6/9) Anas – Allahs Wohlgefallen auf ihm – sagte: »Nach dem Tod des Gesandten Allahs fastete Abu Talha das ganze Jahr über. Außer an den beiden Festtagen ließ er das Fasten niemals aus. Zu Lebzeiten des Gesandten Allahs hatte er wegen seiner ständigen Beschäftigung mit dem Dschihad nicht fasten können.« (Tahdhīb al-Asmāʾ 1/246)
Ibn Hadschar deutete in seinem Werk al-Isāba auf die Ehre und den hohen Rang Abu Talhas hin, indem er sagte, Abu Talha sei einer der hochrangigen und angesehenen Gefährten gewesen.
Abū Masʿūd al-Badrī (Allahs Wohlgefallen sei mit ihm)
Abū Masʿūd ist sein Beiname, und unter diesem Namen ist er in der Geschichte bekannt. Sein eigentlicher Name war ʿUqba, und der Name seines Vaters war ʿAmr ibn Thaʿlaba. Er nahm am letzten Treueid von al-ʿAqaba teil und nahm dort den Islam an. Al-Wāqidī sagt: Abū Masʿūd nahm an al-ʿAqaba teil, war jedoch bei Badr abwesend. Muḥammad ibn Isḥāq sagt: Unter den Teilnehmern an al-ʿAqaba war er der Jüngste. (Ansāb al-Ashrāf- 1/245; Sīrat Ibn Hischām- 1/459; Usud al-Ghāba- 5/296) Dies hat er ausdrücklich erwähnt.
Er nahm gemeinsam mit dem Gesandten Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) an Uhud und an allen später gegen die Ungläubigen geführten Schlachten teil. Hinsichtlich seiner Teilnahme an der Schlacht von Badr bestehen unter den Sīra-Gelehrten jedoch erhebliche Meinungsverschiedenheiten. Nach der Mehrheitsmeinung nahm er an Badr teil, weshalb er al-Badrī genannt wird. Imām al-Buchārī erklärte mit großer Entschiedenheit, dass er an Badr teilgenommen habe. Als Beleg dafür führte er in seinem Ṣaḥīḥ mehrere Hadithe an. Dazu gehört ein von Bashīr ibn Abū Masʿūd überlieferter Hadith. Darin heißt es: Als al-Mughīra das ʿAṣr-Gebet verspätet verrichtete, erhob Abū Masʿūd ʿUqba ibn ʿAmr dagegen Einspruch. Dieser Abū Masʿūd war der Großvater mütterlicherseits von Zayd ibn al-Ḥasan und hatte an Badr teilgenommen. Abū ʿUtba ibn Sallām und Muslim erwähnten in ihrem Werk al-Kunā seine Teilnahme an Badr. Ibn al-Barqī sagt: Ibn Isḥāq erwähnte ihn nicht unter den Teilnehmern von Badr. At-Ṭabarānī sagt: Die Bewohner von Kufa behaupten, dass er an Badr teilgenommen habe. Die Bewohner von Medina führen ihn jedoch nicht unter den Teilnehmern von Badr auf. Ibn Saʿd überlieferte von al-Wāqidī. Dieser sagte: Unter unseren Gefährten besteht kein Meinungsunterschied darüber, dass Abū Masʿūd nicht an Badr teilgenommen hat. Er lebte in Badr, und deshalb wurde er al-Badrī genannt. (Al-Iṣāba- 2/490, 491; Sīrat Ibn Hischām- 1/459; Usud al-Ghāba- 5/296)
Abū Masʿūd blieb bis zum Ende der prophetischen Zeit und während der Herrschaft der ersten drei Kalifen in Medina. Irgendwann in seinem Leben wohnte er einige Zeit am Wasser von Badr. Während des Kalifats von ʿAlī verließ er Medina, zog nach Kufa und ließ sich dort in einem eigenen Haus nieder. (Al-Iṣāba- 4/252; Ansāb al-Ashrāf- 1/245)
Über die Rolle Abū Masʿūds während des Konflikts zwischen ʿAlī (Allahs Wohlgefallen sei mit ihm) und Muʿāwiya (Allahs Wohlgefallen sei mit ihm) gibt es widersprüchliche Berichte. Nach einem Bericht gehörte er zu den Vertrauten Muʿāwiyas (Allahs Wohlgefallen sei mit ihm). Als Muʿāwiya (Allahs Wohlgefallen sei mit ihm) in die Schlacht von Ṣiffīn zog, setzte er ihn in Kufa als seinen Stellvertreter ein. Bis zu seiner Rückkehr übte Abū Masʿūd das Amt des Statthalters von Kufa aus. (Al-Iṣāba- 2/491) Nach einem anderen Bericht hingegen war er ein Gefährte ʿAlīs (Allahs Wohlgefallen sei mit ihm). Während der Zeit ʿAlīs ging er nach Kufa, und als ʿAlī (Allahs Wohlgefallen sei mit ihm) nach Ṣiffīn aufbrach, übertrug er ihm die Statthalterschaft über Kufa. (Ansāb al-Ashrāf- 1/245; al-Aʿlām- 4/241) Der letztgenannte Bericht ist der richtige. Denn zur Zeit der Schlacht von Ṣiffīn stand Kufa unter der Herrschaft ʿAlīs (Allahs Wohlgefallen sei mit ihm), nicht unter der Herrschaft Muʿāwiyas (Allahs Wohlgefallen sei mit ihm).
Über das Todesjahr und den Sterbeort Abū Masʿūds bestehen Meinungsverschiedenheiten. Einige sagen, dass er nach der Schlacht von Ṣiffīn von Kufa in seine Heimat Medina zurückkehrte und dort starb. Andere sagen, dass er in Kufa starb. (Al-Iṣāba- 2/491; al-Aʿlām- 4/241)
Auch hinsichtlich seines Todesjahres gibt es unterschiedliche Angaben. Die Jahre 41 und 42 nach der Hidschra werden als sein Todesjahr genannt. Andere sagen, er sei im Jahr 60 nach der Hidschra, gegen Ende des Kalifats Muʿāwiyas (Allahs Wohlgefallen sei mit ihm), gestorben. (Usud al-Ghāba- 5/296) Sicher ist jedoch, dass er während der Statthalterschaft von al-Mughīra ibn Schuʿba (Allahs Wohlgefallen sei mit ihm) in Kufa noch lebte. Dies war unzweifelhaft nach dem Jahr 40 nach der Hidschra. (Al-Iṣāba- 2/491)
Von einem Sohn und einer Tochter Abū Masʿūds ist Näheres bekannt. Der Sohn hieß Bashīr, und die Tochter war die Ehefrau von Imām al-Ḥasan (Allahs Wohlgefallen sei mit ihm). Von ihr wurde Zayd ibn al-Ḥasan geboren. Bashīr wurde zu Lebzeiten des Gesandten Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) oder kurze Zeit danach geboren.
Abū Masʿūd (Allahs Wohlgefallen sei mit ihm) erfüllte die Aufgabe der Verbreitung und Weitergabe der Hadithe des Gesandten Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) mit größter Ernsthaftigkeit. Er wird der dritten Schicht beziehungsweise Stufe der überliefernden Gefährten zugerechnet. In verschiedenen Hadith-Werken finden sich 102 von ihm überlieferte Hadithe. (Al-Aʿlām- 4/241) Zu den bekannten Tābiʿūn, die von ihm Hadithe überlieferten, gehören: Bashīr, ʿAbdallāh ibn Yazīd al-Khuṯamī, Abū Wāʾil, ʿAlqama, Qays ibn Abī Ḥāzim, ʿAbd ar-Raḥmān ibn Yazīd an-Nakhaʿī, Yazīd ibn Schuraik, Muḥammad ibn ʿAbdallāh ibn Zayd ibn ʿAbd Rabbihi al-Anṣārī und andere.
Die Befolgung der Lebensweise des Gesandten Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) und das Gebieten des Guten waren die wichtigsten Charakterzüge Abū Masʿūds. Die Gebote und Verbote des Gesandten Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) befolgte er mit größter Ehrfurcht. Einmal schlug er einen seiner Sklaven. Da ertönte hinter ihm eine Stimme: „Abū Masʿūd! Denke einen Augenblick nach. Derjenige Allah, der dir Macht über ihn gegeben hat, hätte ihm auch Macht über dich geben können.“ Die Stimme gehörte dem Gesandten Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm). Abū Masʿūd war zutiefst beeindruckt. In diesem Augenblick schwor er, künftig nie wieder einen Sklaven zu schlagen. Und er ließ diesen Sklaven frei. (Musnad- 5/273, 274)
Auch bei der Erfüllung der Pflicht, das Gute zu gebieten, war er niemals nachlässig. Dabei nahm er auf niemanden Rücksicht, ob groß oder klein. Ḥaḍrat al-Mughīra ibn Schuʿba (Allahs Wohlgefallen sei mit ihm) war damals Statthalter von Kufa. Eines Tages leitete er das ʿAṣr-Gebet etwas verspätet. Sofort erhob Abū Masʿūd Einspruch. Er sagte: „Ihr wisst, dass der Gesandte Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) die fünf täglichen Gebete zu den von Gabriel angegebenen Zeiten verrichtete und sagte: So ist es mir befohlen worden.“ (Buchārī- 2/571)
Er selbst folgte der Sunna des Gesandten Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) genau. Eines Tages fragte er die Menschen: „Wisst ihr, wie der Gesandte Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) das Gebet verrichtete?“ Dann verrichtete er das Gebet und zeigte es ihnen. (Musnad- 5/122)
In der Gebetsgemeinschaft Schulter an Schulter zu stehen, gehört zur Sunna des Gesandten Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm). Als er sah, dass die Menschen dies nicht vollständig befolgten, sagte er: „Der Nutzen dieses engen Stehens bestand darin, dass sie vereint waren. Nun steht ihr weit voneinander entfernt; deshalb sind die Streitigkeiten entstanden.“
Ḥaḍrat Abū Masʿūd (Allahs Wohlgefallen sei mit ihm) wird nicht zu den Gefährten gezählt, die als Muftis bekannt waren. Gelegentlich erteilte er jedoch Fatwas. Ibn ʿAbd al-Barr überlieferte in seinem Werk Jāmiʿ al-ʿIlm (2/166) von Ibn Sīrīn. Dieser sagte: Der Kalif ʿUmar sagte einmal zu Abū Masʿūd: „Ist mir nicht mitgeteilt worden, dass du Fatwas erteilst? Überlass die Hitze der Fatwa demjenigen, der ihre Kälte gespürt hat“ – das heißt: dem Befehlshaber. „Du aber bist kein Befehlshaber.“ (Ḥayāt aṣ-Ṣaḥāba- 2/253)
Abū Qatāda al-Anṣārī (Allahs Wohlgefallen sei mit ihm)
Hazrat Abu Qatada war ein Angehöriger des Zweigs Banu Sulayma des berühmten medinensischen Stammes Chazradsch. Über seinen eigentlichen Namen besteht Uneinigkeit. Einige sagten: al-Harith; andere: Amr. Nach al-Kalbi und Ibn Ishaq lautete er an-Nu’man. Am bekanntesten ist jedoch al-Harith. In der Geschichte ist er unter seinem Beinamen Abu Qatada bekannt. Sein Vater war Rab’i ibn Baldama und seine Mutter Kabsha bint Mutahhir. Auch sie stammte aus dem Zweig Sawad ibn Ghanam der Banu Sulayma des Stammes Chazradsch. Er wurde im Jahr 604 n. Chr., achtzehn Jahre vor der Hidschra des Gesandten Allahs – Allah segne ihn und schenke ihm Frieden – nach Medina, in Medina geboren. (Usud al-Ghaba 5/274; al-Isaba 4/158; al-A’lam 2/154.) Ka’b ibn Malik al-Ansari, der wegen seiner Nichtteilnahme am Feldzug von Tabuk bestraft und später von Allah, dem Erhabenen, vergeben wurde, war sein Cousin. Auch er boykottierte Ka’b damals wie alle anderen. (Hayat as-Sahaba 1/467)
Irgendwann nach dem letzten Treffen von Aqaba nahm er den Islam an. Über seine Teilnahme an der Schlacht von Badr sind sich die Sira-Gelehrten uneinig. Viele bezeichneten ihn als einen Badr-Kämpfer. Doch weder Musa ibn Uqba noch Ibn Ishaq erwähnen seinen Namen in der Liste der Badr-Kämpfer. An allen späteren Schlachten, einschließlich Uhud, nahm er an der Seite des Gesandten Allahs – Allah segne ihn und schenke ihm Frieden – teil. (Al-Isaba 4/158; Usud al-Ghaba 5/274.)
Im Monat Rabi al-awwal des sechsten Hidschra-Jahres wurde der Feldzug von Dhu Qarad oder al-Ghaba durchgeführt. In diesem Feldzug bewies er außerordentlichen Mut. Die Kamele des edlen Gesandten Allahs – Allah segne ihn und schenke ihm Frieden – weideten in einem Weiler namens Dhu Qarad. Sein Sklave Rabah war mit der Betreuung der Kamele beauftragt. Einige Männer des Stammes Ghatafan töteten die Hirten und raubten die Kamele. Als der berühmte Gefährte Salama ibn al-Akwa davon erfuhr, stellte er sich nach arabischer Gewohnheit auf einen Berggipfel, wandte sich Medina zu und rief dreimal den Warnruf vor einem feindlichen Angriff: „Ya Sabahah!“ Gleichzeitig schickte er Rabah eilig zum Gesandten Allahs und nahm selbst die Verfolgung der ghatafanischen Räuber auf. Der edle Gesandte Allahs sandte ihm schnell drei Reiter zu Hilfe und brach hinter ihnen selbst auf. Salama ibn al-Akwa wartete auf Unterstützung aus Medina. Nach kurzer Zeit sah er Abu Qatada al-Ansari, al-Akhram al-Asadi und hinter ihnen al-Miqdad al-Kindi, die ihre Pferde mit Windeseile herantrieben. Beim Anblick dieser Reiter versuchten die Ghatafan-Leute zu fliehen und ließen die Kamele zurück. Doch al-Akhram al-Asadi verspürte damals ein starkes Verlangen nach dem Märtyrertod. Er missachtete Salamas Verbot und nahm die Verfolgung der Ghatafan-Leute auf. Schließlich kam es zwischen ihm und dem Ghatafan-Mann Abd ar-Rahman zu einem Handgemenge, und al-Akhram erlitt den Märtyrertod. Abd ar-Rahman versuchte, mit al-Akhrams Pferd zu fliehen. Da kam Abu Qatada an und tötete Abd ar-Rahman mit einem Stoß seines Speers. (Al-Kamil fi at-Tarikh 2/198–191; al-Isaba 4/158; Hayat as-Sahaba 1/561; Sahih Muslim 2/101.)
Nach einer anderen Überlieferung hieß der Mann, den Abu Qatada in der Schlacht von Dhu Qarad tötete, Habib ibn Uyayna ibn Hisn. Nachdem er Habib getötet hatte, bedeckte er die Leiche mit seinem eigenen Umhang und drang weiter hinter den Feind vor. Als die hinter ihm Zurückgebliebenen sahen, dass eine Leiche mit Abu Qatadas Umhang bedeckt war, glaubten sie, es müsse Abu Qatadas Leiche sein. Sofort riefen sie: „Wir gehören Allah, und zu Ihm kehren wir zurück.“ Sie sagten zueinander: „Abu Qatada ist getötet worden.“ Als der Gesandte Allahs davon hörte, sagte er: „Nicht Abu Qatada, sondern die Leiche des Mannes, der durch Abu Qatadas Hand getötet wurde. Er hat ihn getötet und mit seinem eigenen Umhang bedeckt zurückgelassen, damit ihr erkennen könnt, dass dieser der Täter war.“ Das Pferd Abu Qatadas hieß in dieser Schlacht Hazwa. (Sira Ibn Hischam 2/284.)
Abu Qatada berichtet: Als ich am Tag von Dhu Qarad nach Ende des Feldzugs den Gesandten Allahs – Allah segne ihn und schenke ihm Frieden – traf, sah er mich an und sprach ein Bittgebet: „O Allah, segne sein Haar und seine Haut und mache sein Gesicht erfolgreich.“ Ich sagte: „O Gesandter Allahs, möge Allah auch dein Gesicht erfolgreich machen!“ (Usud al-Ghaba 5/275.) Als der Gesandte Allahs an diesem Tag von seinem Heldenmut und seiner Tapferkeit hörte, bemerkte er: „Abu Qatada ist heute unser bester Reiter.“ (Al-Kamil fi at-Tarikh 2/191; al-Isaba 4/158.)
Auf der Reise zum Waffenstillstand von Hudaybiyya war Abu Qatada ebenfalls beim Gesandten Allahs. Auf der Rückreise geschah es eines Tages, dass der Gesandte und seine Reisegefährten das Morgengebet verschliefen. Wie und wann der Gesandte Allahs dieses versäumte Gebet nachholte, ist durch einen von Abu Qatada überlieferten Hadith bekannt. (Hayat as-Sahaba 3/29.)
Im siebten oder achten Hidschra-Jahr entsandte der Gesandte Allahs unter dem Kommando Abu Qatadas eine Truppe in Richtung Idam. Idam ist der Name eines Ortes oder eines Berges an der Straße von Medina nach Syrien. Nachdem sie das Tal von Idam erreicht hatten, zog Amir ibn al-Adbat al-Aschdschai an ihnen vorbei. Er grüßte Abu Qatada und die Mitglieder seiner Truppe. Dennoch tötete der Angehörige dieser Truppe, Muhallim ibn Dschaththama ibn Qais, ihn wegen einer früheren Feindschaft und nahm ihm sein Kamel und seine übrigen Sachen weg. Als sie zum Gesandten Allahs kamen und ihm von dem Vorfall berichteten, wurde der 94. Vers der Sure an-Nisa offenbart. (Ansab al-Aschraf 1/381; Hayat as-Sahaba 2/389.)
„O ihr, die ihr glaubt! Wenn ihr auf Allahs Weg auszieht, dann prüft genau und sagt zu demjenigen, der euch den Friedensgruß entbietet, nicht im Verlangen nach den Gütern des diesseitigen Lebens: Du bist kein Gläubiger. Bei Allah gibt es reichlich Beute. So wart ihr zuvor, doch Allah erwies euch Gnade. Darum prüft genau. Allah ist dessen, was ihr tut, wohl kundig.“ (Sure an-Nisa 4:94.)
Im Scha’ban des achten Hidschra-Jahres entsandte der Gesandte Allahs eine fünfzehn Mann starke Truppe in Richtung des Ortes Chadra bei Nadschd. Abu Qatada war der Befehlshaber dieser Truppe. Dort lebte der Stamm Ghatafan, ein räuberischer Stamm und erbitterter Feind der Muslime. Ziel war ein Überraschungsangriff auf sie. Deshalb marschierten sie die ganze Nacht und verbargen sich am Tag irgendwo. Auf diese Weise gelangten sie plötzlich zum Stamm Ghatafan. Auch dieser war sehr tapfer. Sofort versammelten sich viele Menschen, und der Kampf begann. Abu Qatada sagte zu seinen Gefährten: „Tötet nur diejenigen, die gegen euch kämpfen. Es besteht keine Notwendigkeit, alle zu verfolgen.“ Dank dieser Vorgehensweise war die Schlacht rasch beendet. Nach nur fünfzehn Tagen kehrten sie mit reichlicher Beute nach Medina zurück. Die Beute umfasste zweihundert Kamele, zweitausend Ziegen und zahlreiche Gefangene. Ein Fünftel der Beute wurde abgesondert, der Rest unter ihnen verteilt.
Einige Zeit später entsandte der Gesandte Allahs im Ramadan eine Gruppe von acht Männern in Richtung Batn Aqhām. Auch ihr Anführer war Abu Qatada. Batn Aqhām liegt zwischen Dhu Chaschab und Dhu Marwa, drei Tagesmärsche von Medina in Richtung Mekka. Der Gesandte Allahs hatte beschlossen, einen Feldzug gegen Mekka zu führen. Damit die Menschen dies keinesfalls bemerkten, sandte er diese Gruppe aus. Im Grunde tat er dies, um die Aufmerksamkeit der Menschen in eine andere Richtung zu lenken. Als die Gruppe Dhu Chaschab erreichte, erfuhr sie, dass der Gesandte Allahs bereits in Richtung Mekka aufgebrochen war. Deshalb schloss sie sich an dem Ort Suqayya der Armee des Gesandten Allahs an. (At-Tabaqat, Kapitel über die Feldzüge, S. 91.)
Nach der Eroberung Mekkas wurde der Feldzug von Hunain durchgeführt. Der Kampf war dort so heftig, dass selbst viele große Helden unter den Muslimen zum Rückzug gezwungen wurden. Abu Qatada bewies in dieser Schlacht außergewöhnliche Tapferkeit. An einer Stelle kämpften ein muslimischer und ein polytheistischer Soldat im Nahkampf miteinander. Ein zweiter Mann bereitete sich darauf vor, den muslimischen Soldaten von hinten anzugreifen. Abu Qatada bemerkte dies. Er schlich sich heran und versetzte dem Mann von hinten einen Schwerthieb auf die Schulter. Ein Arm des Mannes fiel ab; doch unvermutet schlang er seinen anderen Arm um Abu Qatadas Hals. Der Mann war sehr stark. Er drückte Abu Qatada so heftig, dass dieser beinahe sein Leben verlor. Während die beiden miteinander rangen, wurde der Mann durch den starken Blutverlust schwach. Diese Gelegenheit nutzte Abu Qatada, um ihm einen weiteren Hieb zu versetzen. Der Mann stürzte zu Boden.
Während Abu Qatada damit beschäftigt war, den Mann zu töten, kam ein muslimischer Soldat aus Mekka dort vorbei. Er nahm die gesamte Ausrüstung und alle Sachen des Getöteten an sich und ging weiter. Danach brach unter dem muslimischen Heer große Furcht aus. Die Menschen flohen vom Schlachtfeld, jeder in eine andere Richtung. Auch Abu Qatada ging in eine Richtung. Unterwegs traf er Umar – Allahs Wohlgefallen sei auf ihm. Abu Qatada fragte ihn: „Was ist geschehen?“ Umar antwortete: „Es ist Allahs Wille.“ Inzwischen überwanden die Muslime ihre Schwäche, gingen zum Gegenangriff über und errangen die Oberhand auf dem Schlachtfeld.
Abu Qatada berichtet: „Der Kampf war beendet, und auch wir ruhten uns aus. Da verkündete der Gesandte Allahs: ‚Wer einen Menschen tötet, dem gehört das zurückgelassene Eigentum des Getöteten.‘ Ich sagte: ‚O Gesandter Allahs, ich habe einen bewaffneten und ausgerüsteten Mann getötet. Während ich mit seiner Tötung beschäftigt war, nahm jemand seine Sachen an sich. Ich kenne ihn nicht.‘ Da sagte jener Mann aus Mekka: ‚O Gesandter Allahs, er sagt die Wahrheit. Die Sachen des Getöteten sind bei mir. Bitte überrede ihn, sie mir zu überlassen.‘ Sofort erhob Abu Bakr – Allahs Wohlgefallen sei auf ihm – seine Stimme: ‚Bei Allah, der Gesandte Allahs wird ihn nicht überreden. Ein Löwe Allahs hat auf Allahs Weg gekämpft, und du willst dir sein zustehendes Eigentum aneignen? Gib dem Mann die Sachen des Getöteten.‘ Da sagte der Gesandte Allahs: ‚Abu Bakr hat die Wahrheit gesagt. Gib ihm seine Beute zurück.‘“ Abu Qatada sagt: „Ich verkaufte diese Sachen und kaufte mit dem Geld ungefähr zehn Dattelpalmen. Dies war mein erster Erwerb von Eigentum nach meinem Eintritt in den Islam.“ (Sira Ibn Hischam 2/448–449; Hayat as-Sahaba 2/90–91; Musnad 5/306.)
Über die Tätigkeiten Abu Qatadas in der Zeit der Kalifen nach dem Tod des Gesandten Allahs finden sich keine ausführlichen Angaben. Als Umar – Allahs Wohlgefallen sei auf ihm – von den Aufständischen in seinem Haus in Medina belagert wurde, war gerade die Pilgerzeit. Eines Tages ging Abu Qatada mit einem anderen Mann zum Kalifen Umar und bat um Erlaubnis zur Pilgerfahrt. Er erlaubte es ihnen. Darauf fragten sie den Kalifen: „Wenn diese Aufständischen siegen, wem sollen wir uns anschließen?“ Der Kalif antwortete: „Der Mehrheit der Gemeinschaft.“ Sie fragten erneut: „Wenn aber gerade diese Mehrheit über dich siegt, bei wem sollen wir dann bleiben?“ Er antwortete: „Bei der Mehrheit, wer immer sie auch sein mag.“ (Hayat as-Sahaba 2/126.)
Ali – Allahs Wohlgefallen sei auf ihm – ernannte ihn einmal zum Statthalter von Mekka. Später setzte er an seiner Stelle Qutham ibn Abbas ein. Im 36. Hidschra-Jahr fand die Kamelschlacht statt, und im darauffolgenden Jahr die Schlacht von Siffin. Abu Qatada schloss sich in beiden Schlachten der Seite Alis an. (Al-A’lam 2/154; al-Isaba 4/158.) Im 38. Hidschra-Jahr erhoben die Charidschiten die Fahne des Aufstands. In dem Heer, mit dem Ali gegen sie auszog, war Abu Qatada Offizier der Infanterie.
Über das Todesjahr Abu Qatadas besteht große Uneinigkeit. Nach Ansicht der Bewohner Kufas starb er im Jahr 38 in Kufa, und Ali verrichtete sein Totengebet mit sieben Takbiren. Imam asch-Scha’bi sagte: nicht mit sieben, sondern mit sechs Takbiren. Hasan ibn Uthman sagte, er sei im Jahr 40 gestorben. Al-Waqidi sagte, er sei im Jahr 54 im Alter von 72 Jahren in Medina gestorben. Andere sagten, er sei nicht 72, sondern 70 Jahre alt geworden. Imam al-Bukhari erwähnt in seinem Werk al-Awsat Abu Qatadas Namen unter denen, die zwischen dem 50. und 60. Hidschra-Jahr starben. Außerdem sagte er, dass Marwan, als er im Auftrag Muawiyas – Allahs Wohlgefallen sei auf ihm – Statthalter von Medina war, Abu Qatada einmal zu sich rufen ließ und dieser sich mit Marwan traf. Eine weitere Überlieferung bestätigt dies. Als Muawiya nach Medina kam, besuchten ihn Menschen aus allen Schichten. Da ließ er Abu Qatada rufen und sagte: „Alle Menschen haben mich besucht, außer euch Ansar.“ Aus diesen Überlieferungen geht eindeutig hervor, dass Abu Qatada nach dem 40. Hidschra-Jahr starb. (Siehe: al-Isaba 4/159; al-A’lam 2/154; Usud al-Ghaba 5/275.)
Über die körperliche Gestalt Abu Qatadas ist nicht viel bekannt. Er trug jedoch schulterlanges Haar, das Hamiyya genannt wurde. Von Zeit zu Zeit kämmte er es. Einmal sah der edle Gesandte Allahs, dass sein Haar ungepflegt und zerzaust war, und sagte: „Bring es etwas in Ordnung. Wenn jemand sein Haar wachsen lässt, soll er es auch pflegen. Andernfalls: Welchen Nutzen hat es, es wachsen zu lassen?“
Er hatte vier Söhne: Abdullah, Ma’bad, Abd ar-Rahman und Thabit. Der Letztgenannte war der Sohn einer Sklavin. Seine Frau hieß Salafa bint Bara ibn Ma’rur ibn Sachr und stammte aus einer vornehmen Familie der Sulayma. Auch sie war eine Sahabiyya, also eine weibliche Gefährtin, und ihr Vater Bara ibn Ma’rur ibn Sachr war ebenfalls ein berühmter Gefährte.
Hazrat Abu Qatada war keineswegs gleichgültig gegenüber der Aufgabe, den Koran und die Hadithe zu verbreiten. Bei der Überlieferung von Hadithen war er äußerst vorsichtig. Nachdem er vom Gesandten Allahs den Hadith über „Kizb ala’r-Rasul“, also die Lüge über den Gesandten, gehört hatte, übte er bei der Überlieferung von Hadithen große Vorsicht. (Musnad 5/292.)
Eines Tages wurden in einer Versammlung der Tabi’un Hadithe besprochen. Jeder sagte: „Der Gesandte Allahs hat dies gesagt, der Gesandte Allahs hat jenes gesagt.“ Als Abu Qatada diese Gespräche hörte, sagte er: „Ihr Elenden, was kommt da aus euren Mündern? Der Gesandte Allahs hat die Höllenstrafe für diejenigen angekündigt, die falsche Hadithe überliefern.“ (Musnad 5/310.)
Trotz dieser großen Vorsicht beträgt die Zahl der von ihm überlieferten Hadithe 170 (einhundertundsiebzig). Zu den Überlieferern von ihm gehörten sowohl hervorragende Gefährten als auch hervorragende Tabi’un, darunter Anas ibn Malik, Dschabir ibn Abdullah, Abu Muhammad Nafi, sein freigelassener Sklave, Sa’id ibn Ka’b ibn Malik, Kabsha bint Ka’b ibn Malik, Abdullah ibn Rabah, Ata ibn Yasar, Abu Salama ibn Abd ar-Rahman ibn Auf, Umar ibn Sulaym az-Zurqi, Abdullah ibn Ma’bad, Muhammad ibn Sirin und Sa’id ibn al-Musayyib. Alle genannten Personen waren leuchtende Sterne der Hadith-Wissenschaft.
In Abu Qatada hatte sich die islamische Brüderlichkeit auf höchster Stufe entwickelt. Einmal wurde vor den Gesandten Allahs zur Verrichtung des Totengebets die Leiche eines Ansari gebracht. Der Gesandte fragte zunächst, ob der Verstorbene Schulden habe. Die Leute sagten, er habe zwei Dinar Schulden. Er fragte erneut, ob der Mann Vermögen hinterlassen habe. Sie sagten: Nein, er habe nichts hinterlassen. Da sagte der Gesandte Allahs: „Verrichtet ihr das Gebet für ihn.“ Abu Qatada bat: „O Gesandter Allahs, wenn ich seine Schulden begleiche, wirst du dann das Gebet für ihn leiten?“ Er sagte: „Ja.“ Abu Qatada beglich die Schulden des Mannes und informierte den Gesandten. Darauf kam der Gesandte Allahs und verrichtete das Totengebet. (Musnad 5/29, 203.)
Ein Muslim war Abu Qatada etwas schuldig. Wenn Abu Qatada zu ihm ging, um die Schuld einzufordern, versteckte sich der Mann. Eines Tages ging Abu Qatada zu seinem Haus und erfuhr von dessen Sohn, dass der Mann gerade aß. Er rief laut: „Komm heraus! Heute habe ich es herausgefunden. Heute wird Verstecken nichts nützen.“ Als der Mann herauskam, fragte Abu Qatada ihn nach dem Grund seines Versteckens. Der Mann sagte: „Die Wahrheit ist, dass ich sehr arm bin. Ich besitze überhaupt nichts und muss außerdem die Last meiner Familie tragen.“ Abu Qatada fragte: „Befindest du dich wirklich in einer solchen Notlage?“ Er antwortete: „Ja.“ Abu Qatadas Augen füllten sich mit Tränen, und er erließ ihm seine Schuld. (Musnad 5/308.)
Während des Kalifats Abu Bakrs – Allahs Wohlgefallen sei auf ihm – kam es zu den Ridda-Kriegen. In einer Phase dieses Krieges entsandte der Kalif Khalid ibn al-Walid gegen Malik ibn Nuwaira al-Yarbu’i. Malik ibn Nuwaira hatte den Islam angenommen. Dennoch tötete Khalid ihn, aus welchem Grund auch immer. Abu Qatada war darüber so empört, dass er beim Kalifen vorstellig wurde und sagte: „Ich bin nicht bereit, unter Khalids Führung zu bleiben. Er hat das Blut eines Muslims vergossen.“
Selbst bei geringfügigen Dingen erinnerte er die Menschen an die richtige Glaubensüberzeugung. Einmal stand er auf einem Dach. Da begann ein Meteor zu erscheinen, und die Menschen blickten zu ihm hinauf. Er wandte sich an sie und sagte: „Es ist verboten, ihn ausgiebig zu betrachten.“ (Musnad 5/299.)
Hazrat Abu Qatada hatte das Glück, den Gesandten Allahs ständig zu begleiten und ihm zu dienen. Auf einer Reise war er einmal der Gefährte des Gesandten Allahs. Der Gesandte sagte zu den Gefährten: „Sucht nach Wasser, sonst werdet ihr am Morgen durstig aufwachen.“ Die Leute machten sich auf die Suche nach Wasser. Hazrat Abu Qatada aber blieb beim Gesandten Allahs. Der Gesandte ritt auf einem Kamel. Wenn er im Schlaf zur Seite sank, ging Abu Qatada auf diese Seite und stützte ihn mit seiner Hand. Einmal drohte der Gesandte sogar herunterzufallen, doch Abu Qatada hielt ihn schnell mit der Hand fest. Der Gesandte öffnete die Augen und fragte: „Wer ist da?“ Er antwortete: „Abu Qatada.“ Der Gesandte fragte erneut: „Seit wann bist du bei mir?“ Er antwortete: „Seit dem Abend.“ Da sprach der Gesandte Allahs ein Bittgebet für ihn: „O Allah, beschütze Abu Qatada, wie er mich die ganze Nacht beschützt hat.“ (Musnad 5/298; Hayat as-Sahaba 3/347; al-Isaba 4/159.)
Einmal wurde Hazrat Abu Qatada Zeuge eines Wunders des Gesandten Allahs. Abu Nu’aym überliefert in seinem Werk ad-Dala’il (S. 144) von Ibn Mas’ud: „Wir befanden uns auf einer Reise beim Gesandten Allahs. Während einer Rast fragte er: ‚Habt ihr Wasser bei euch?‘ Wir sagten: ‚Ja, ich habe etwas Wasser in einem Gefäß.‘ Er sagte: ‚Bring es her.‘ Ich brachte das Gefäß mit Wasser. Er sagte: ‚Nehmt davon Wasser und verrichtet alle die Gebetswaschung.‘ Nach der Waschung blieb im Gefäß ungefähr ein Schluck Wasser. Der Gesandte Allahs sagte: ‚Abu Qatada, bewahre dieses Wasser gut auf. Bald wird es eine Nachricht darüber geben.‘ Allmählich setzte die starke Mittagshitze ein. Der Gesandte trat vor seine Gefährten. Alle sagten: ‚Nein, ihr werdet nicht verdursten.‘ Dann ließ er Abu Qatada rufen und ihn das Wassergefäß bringen. Abu Qatada sagt: ‚Ich brachte das Gefäß. Der Gesandte sagte: Bring meinen Becher.‘ Der Becher wurde gebracht. Er goss nach und nach Wasser aus dem Gefäß in den Becher und gab den Menschen zu trinken. Um den Gesandten Allahs drängten sich die Menschen, um Wasser zu trinken. Es entstand ein großes Gedränge. Der Gesandte sagte: ‚Seid ruhig und benehmt euch anständig; alle werden trinken können.‘ Abu Qatada sagt: ‚Als alle außer dem Gesandten und mir getrunken hatten, sagte er: Abu Qatada, nun trink du. Ich sagte: Trink du zuerst. Er sagte: Derjenige, der einer Gemeinschaft zu trinken gibt, trinkt zuletzt. Danach trank ich, und zuletzt trank der Gesandte Allahs. Obwohl alle getrunken hatten, blieb genau die gleiche Menge Wasser im Gefäß zurück.‘ Der Überlieferer sagt: An jenem Tag waren es dreihundert Menschen. Nach einer anderen Überlieferung waren es siebenhundert.“ (Hayat as-Sahaba 3/620–621.)
Von Natur aus war er sanftmütig und gegenüber allen Lebewesen äußerst barmherzig. Einmal ging er zum Haus seines Sohnes. Die Schwiegertochter hatte Wasser für die Gebetswaschung bereitgestellt. Eine Katze begann daraus zu trinken. Hazrat Abu Qatada – Allahs Wohlgefallen sei auf ihm – verscheuchte die Katze nicht, sondern neigte das Gefäß noch etwas stärker zu ihr, damit sie besser trinken konnte. Seine Schwiegertochter beobachtete dies. Er sagte zu ihr: „Daran ist nichts Verwunderliches. Der Gesandte Allahs hat gesagt: Der Speichel der Katze ist nicht unrein, denn sie gehört zu den Tieren, die in den Häusern umhergehen.“ (Musnad 5/303.)
Die Jagd war sein besonderes Hobby. Einmal war er mit dem edlen Gesandten Allahs unterwegs. Während einer Rast zog er mit einigen Gefährten auf die Jagd. Die Gegend war bergig. Er pflegte sehr schnell auf Berge zu steigen und erklomm den Berg mit seinen Gefährten. Dort sahen sie ein Tier. Abu Qatada ging etwas näher, betrachtete es genau und fragte seine Gefährten: „Sagt mir, was ist das für ein Tier?“ Sie sagten: „Wir können es nicht genau sagen.“ Er sagte: „Es ist ein Wildesel.“ Als Abu Qatada den Berg bestieg, hatte er seine Peitsche vergessen. Er bat seine Gefährten, sie zu holen. Sie befanden sich jedoch im Ihram und halfen daher in keiner Weise bei der Jagd. Schließlich verfolgte und tötete Abu Qatada das Tier selbst mit einem Speer. Danach bat er seine Gefährten, ihm beim Hinauftragen zu helfen; keiner half ihm. Schließlich hob er es allein hinauf, bereitete das Fleisch zu und kochte es. Doch die Gefährten zögerten, davon zu essen. Einige aßen das Fleisch, andere weigerten sich.
Abu Qatada sagte: „Gut, ich werde den Gesandten Allahs fragen und euch in kurzer Zeit Bescheid geben.“ Er traf den Gesandten Allahs und schilderte ihm den Vorfall. Der Gesandte sagte: „Was spricht dagegen, es zu essen? Allah hat es euch doch geschickt. Wenn etwas übrig bleibt, bringt mir etwas davon.“ Als das Fleisch vor ihn gebracht wurde, sagte der Gesandte Allahs zu den Gefährten: „Esst.“ (Fath al-Bari 9/528.)
Er war von sehr geselliger Natur und hatte deshalb eine Gruppe von Freunden. Auf der Reise nach Hudaybiyya war er beim Gesandten Allahs. Er zog mit seinen Freunden scherzend und lachend des Weges. Auch Abu Muhammad gehörte zu seinem Freundeskreis. (Musnad 5/295, 301.)
Einmal ging Hazrat Abu Qatada – Allahs Wohlgefallen sei auf ihm – mit einem Umhang aus Adani-Stoff zum Hof von Hazrat Muawiya – Allahs Wohlgefallen sei auf ihm. Dort saß Abdullah ibn Mas’ada. Zufällig fiel Abu Qatadas Umhang auf Abdullah. Abdullah warf ihn äußerst zornig von sich. Abu Qatada sagte: „Bei Allah! Ich habe die Brust seines Vaters mit meinem Speer abgewehrt – an jenem Tag, als er die Umgebung von Medina angriff.“ Als Abdullah dies hörte, schwieg er. (Ansab al-Aschraf 1/349.) Es sei angemerkt, dass Abu Qatada auf den Feldzug von Dhu Qarad anspielte. Auch der Vater dieses Abdullah gehörte zu den ghatafanischen Räubern.
Abū Saʿīd al-Chudrī (r.a.)
Sein Name war Saʿd, sein Beiname Abū Saʿīd. Weil er aus dem Stamm Chudra stammte, wurde er al-Chudārī oder al-Chudrī genannt. Sein Vater Mālik ibn Sinān war einer der Märtyrer von Uhud. Als der ehrwürdige Gesandte Allahs bei dieser Schlacht verletzt wurde, saugte er das heilige Blut des Gesandten aus der Wunde und schluckte es. Darauf bemerkte der Gesandte: „Das Höllenfeuer wird denjenigen nicht berühren, dessen Blut mit meinem Blut vermischt ist.“ (Sīrat Ibn Hišām 2/80; Tadhkirat al-Huffāẓ 1/44) Seine Mutter Unaysa bint Abī Hāritha war die Tochter von Banū ʿAdī ibn an-Najjār. Sein Großvater Sinān war das Oberhaupt des Viertels. Er war der Herr einer Festung und ein Richter aus vorislamischer Zeit.
Der erste Ehemann seiner Mutter war ein Mann namens ʿAmmān aus dem Stamm der Aws. Er starb. Vor der Ankunft des Gesandten Allahs in Medina nahm sie Mālik ibn Sinān als ihren zweiten Ehemann. Ihr Sohn Abū Saʿīd wurde zehn Jahre vor der Hidschra, im Jahr 613 n. Chr., in Yathrib geboren. (Al-Iṣāba 4/88; al-Aʿlām 3/138) Der berühmte Badr-Kämpfer unter den Gefährten, Qatāda ibn Nuʿmān – dessen Auge in der Schlacht von Uhud verletzt wurde und durch den Segen des Bittgebets des Gesandten Allahs wieder heilte –, war Abū Saʿīds Halbbruder. Als Qatāda im Jahr 23 nach der Hidschra starb, ließ Abū Saʿīd ihn ins Grab hinab und bestattete ihn. (Ansāb al-Ašrāf 1/242; Usd al-Gāba 5/211)
Mit dem Treueid von ʿAqaba begann im Wesentlichen die Verbreitung des Islams in Medina. Viele Bewohner Medinas widmeten sich damals der islamischen Einladung und Verkündigung. Zu dieser Zeit nahm Mālik ibn Sinān den Islam an. Wie der Ehemann wurde auch seine Frau Muslimin. So wuchs Abū Saʿīd im Schoß muslimischer Eltern auf.
Bereits im ersten Jahr der Hidschra begann der Bau der Prophetenmoschee. Abū Saʿīd beteiligte sich an diesem Bau. Insgesamt nahm er an zwölf Schlachten gemeinsam mit dem ehrwürdigen Gesandten Allahs teil. (Tahdhīb al-Asmāʾ 2/237; al-Aʿlām 3/138) Wegen seines jungen Alters konnte er nicht an der Schlacht von Badr teilnehmen. Zur Zeit der Schlacht von Uhud war er dreizehn Jahre alt. Vor der Schlacht ging er mit seinem Vater zum Gesandten Allahs. Der Gesandte betrachtete ihn vom Kopf bis zu den Füßen und schickte ihn mit den Worten zurück, er sei noch nicht alt genug für den Kampf. Darauf ergriff sein Vater Mālik die Hand des Gesandten und sagte: „Was macht es schon, dass mein Sohn jung ist? Seine beiden Arme sind stark wie die eines erwachsenen Mannes.“ Dennoch erlaubte der Gesandte ihm nicht, in den Krieg zu ziehen. (Al-Iṣāba 2/35; Ansāb al-Ašrāf 1/330)
In dieser Schlacht von Uhud wurde das ehrwürdige Gesicht des Gesandten Allahs verletzt und mit Blut bedeckt. Mālik ibn Sinān trank dieses Blut. Der Gesandte bemerkte: „Wenn jemand einen Mann sehen möchte, dessen Blut mit meinem Blut vermischt ist, so soll er Mālik ibn Sinān anschauen.“ Danach kämpfte Mālik wie ein Held und starb als Märtyrer.
Abū Saʿīds Vater war kein wohlhabender Mann. Daher sah sich Abū Saʿīd nach dem Tod seines Vaters gewaltigen Schwierigkeiten gegenüber. Wegen Armut und Hunger verbrachte er bisweilen seine Tage mit einem Stein, den er sich um den Bauch band. Eines Tages hatte er sich aus starkem Hunger einen Stein um den Bauch gebunden. Da sagte seine Frau – nach einer anderen Überlieferung seine Mutter oder seine Sklavin – zu ihm: „Geh zum Propheten und bitte ihn um etwas. So-und-so kam und bat um Hilfe, und er gab ihm etwas.“ Abū Saʿīd berichtet: Als ich zum Gesandten Allahs ging, hielt er gerade eine Ansprache und sagte: „Wer sich selbst für unabhängig oder reich hält, den macht Allah reich. Und wer davon Abstand nimmt, mich um etwas zu bitten, ist mir lieber als derjenige, der mich bittet.“ Als ich dies hörte, bat ich um nichts. Ich kehrte nach Hause zurück. Danach begann Allah, unseren Lebensunterhalt zu segnen und zu mehren. Schließlich kannte ich unter den Ansar kein Haus, das wohlhabender gewesen wäre als unseres. (Musnad 3/449; Hayāt as-Sahāba 2/257)
Er nahm an den Schlachten am Graben und gegen Banū al-Muṣṭaliq teil. In einer Überlieferung des Werkes Usd al-Gāba heißt es jedoch: „Abū Saʿīd sagte: Am Tag des Grabens nahm mich mein Vater an der Hand zum Gesandten Allahs und sagte: ‚O Gesandter Allahs, seine Knochen sind sehr kräftig.‘ Trotzdem erlaubte er mir nicht, in den Kampf zu ziehen, und schickte mich zurück. Weiter sagte er: ‚Ich nahm gemeinsam mit dem Gesandten Allahs an der Schlacht gegen Banū al-Muṣṭaliq teil.‘“ Al-Wāqidī sagte: „Damals war Abū Saʿīd fünfzehn Jahre alt.“ (Usd al-Gāba 5/211; Ansāb al-Ašrāf 1/334)
Imām Aḥmad überliefert von Abū Saʿīd al-Chudārī. Er sagte: Am Tag des Grabens sagten wir: „O Gesandter Allahs, unsere Seelen sind uns schon bis zum Hals gestiegen. Gibt es ein Bittgebet, das wir sprechen können?“ Er sagte: „Ja. Sprecht: Allāhumma ustur ʿawrātinā wa āmin rawʿātinā – O Allah, bedecke unsere verborgenen Dinge und schenke unseren Ängsten Sicherheit.“ (Hayāt as-Sahāba 1/488)
Er nahm am Treueid unter dem Baum, dem Treueid von Riḍwān, teil. (Šajarat adh-Dhahab 1/81; Tadhkirat al-Huffāẓ 1/44) Im Monat Ṣafar des achten Jahres nach der Hidschra zog eine Truppe unter dem Befehl von ʿAbdullah ibn Ġālib al-Laythī nach Fidak. Auch er gehörte dieser Truppe an. ʿAbdullah ermahnte die Soldaten, sich nicht voneinander zu trennen. Zu diesem Zweck stiftete er unter den Mitgliedern der Truppe brüderliche Verbundenheit. Auch für Abū Saʿīd begründete er eine solche Bruderschaft mit einem angesehenen Gefährten.
Im Rabīʿ ath-Thānī des neunten Jahres nach der Hidschra wurde ʿArqama ibn Mukharrag mit einer kleinen Truppe auf einen Feldzug geschickt. Abū Saʿīd war eines ihrer Mitglieder. (Musnad 3/270; Hayāt as-Sahāba 2/67)
Neben den genannten Schlachten wird in den Sīra-Werken auch von seiner Teilnahme an der Eroberung Mekkas sowie an den Feldzügen von Hunayn, Tabūk, Awṭās und anderen berichtet. Nach einer Überlieferung von Ṣaḥīḥ al-Buchārī hatte er die Ehre, insgesamt an zwölf Schlachten teilzunehmen, die zu Lebzeiten des Gesandten Allahs stattfanden. Er berichtete über die große Not und Hungersnot der Muslime während des Feldzugs von Tabūk. Als der Gesandte bei Hunayn den größten Teil der Beute den Neubekehrten aus Mekka schenkte, um ihre Herzen zu gewinnen, waren viele Ansar aus Medina etwas gekränkt. Abū Saʿīd überlieferte den Bericht über dieses Ereignis. (Hayāt as-Sahāba 1/397–398; 3/625)
Von ihm wird überliefert: „Wir zogen im Ramadan gemeinsam mit dem Gesandten Allahs in den Krieg. Einige von uns fasteten, andere fasteten nicht. Keiner von ihnen empfand deswegen Neid gegenüber dem anderen. Jeder wusste, dass derjenige, der sich für dazu fähig hielt, fasten sollte, und dass dies besser für ihn war. Wer sich hingegen für schwach und unfähig hielt, sollte nicht fasten, und auch dies war besser für ihn.“ (Hayāt as-Sahāba 1/479)
Einmal schickte der ehrwürdige Gesandte Allahs sie auf einen kleinen Feldzug. Die Truppe bestand aus insgesamt dreißig Männern, und ihr Anführer war Abū Saʿīd. Unterwegs schlugen sie an einem Ort ihr Lager auf. In der Nähe lag eine Siedlung. Sie sagten deren Bewohnern: „Wir sind eure Gäste.“ Doch diese weigerten sich eindeutig, die Gäste zu bewirten. Zufällig wurde am selben Tag der Anführer der Siedlung von einem Skorpion gestochen. Verschiedene Menschen versuchten verschiedene Heilmittel, aber nichts half. Jemand riet ihnen: „Geht zu diesen Gästen; vielleicht kennt einer von ihnen ein Heilmittel.“ Sie gingen zu ihnen und berichteten, was geschehen war. Abū Saʿīd sagte: „Ich kann Beschwörungen und Heilgebete sprechen, aber als Entgelt müsst ihr dreißig Ziegen geben.“ Sie stimmten zu. Abū Saʿīd ging mit ihnen, rezitierte die Sura Muḥammad und spuckte ein wenig auf die Stichstelle. Darauf wurde der Mann vollständig gesund. Die Gefährten nahmen die dreißig Ziegen und machten sich auf den Weg nach Medina. Sie waren unsicher, ob es richtig sei, die Ziegen auf diese Weise anzunehmen. Schließlich beschlossen sie, dem Gesandten Allahs davon zu berichten. Sobald sie Medina erreichten, erzählten sie ihm den ganzen Vorfall. Nachdem er alles gehört hatte, lächelte er leicht und sagte: „Woher wusstet ihr, dass diese Sura als Heilgebet wirkt? Ihr habt richtig gehandelt. Teilt die Ziegen unter euch auf und vergesst nicht, mir ebenfalls einen Anteil zu geben.“ (Ṣaḥīḥ al-Buchārī 1/251)
Nach dem Tod des ehrwürdigen Gesandten Allahs blieb Abū Saʿīd in Medina. Unter den Kalifen ʿUmar und ʿUthmān war er mit der Aufgabe der Rechtsauskunft betraut. Ibn Saʿd überliefert über Ziyād ibn Mīnā: Ibn ʿAbbās, Ibn ʿUmar, Abū Saʿīd al-Chudārī, Abū Huraira, ʿAbdullah ʿAmr ibn al-ʿĀṣ, Jābir ibn ʿAbdullah und andere Gefährten des Gesandten erteilten in Medina von der Ermordung ʿUthmāns bis zu ihrem eigenen Tod Rechtsauskünfte und überlieferten die Hadithe des Gesandten Allahs. (Hayāt as-Sahāba 3/255)
Zur Zeit ʿAlīs nahm er an der Schlacht von Nahrawān gegen die Chāriǧiten teil. Er sagte damals: „Ich halte es für notwendiger, gegen die Chāriǧiten zu kämpfen als gegen die Türken.“ (Musnad 3/33, 56) Als Imām al-Ḥusayn beschloss, Medina zu verlassen und nach Kufa zu gehen, riet Abū Saʿīd ihm wie viele andere Gefährten, von diesem Entschluss Abstand zu nehmen. (As-Suyūṭī: Tārīkh al-Chulafāʾ)
Als Umm Salama im Jahr 59 nach der Hidschra starb, nahm Abū Saʿīd an ihrem Totengebet teil. (Ansāb al-Ašrāf 1/432) Im Jahr 61 nach der Hidschra erhoben sich die Bewohner des Hidschāz gegen Yazīd und leisteten ʿAbdullah ibn az-Zubayr ibn al-ʿAwwām, dem Sohn des Cousins des Gesandten Allahs, den Treueid. Zu denjenigen, die diesen Treueid leisteten, gehörte auch Abū Saʿīd.
Im Jahr 63 nach der Hidschra verweigerten die Bewohner Medinas, der Stadt der Auswanderung, Yazīd den Gehorsam. Sie leisteten dem Sohn des „von den Engeln Gewaschenen“, Ḥanẓala, nämlich ʿAbdullah, den Treueid und erklärten ihn zu ihrem Anführer. Yazīds Heer griff Medina an und besiegte die Bewohner. ʿAbdullah kämpfte tapfer gegen Yazīds Truppen und starb als Märtyrer. Das siegreiche Heer Yazīds begann daraufhin in Medina ein grausames Blutbad mit Tötungen, Plünderungen, Vergewaltigungen und Zerstörungen. Die damals noch lebenden Gefährten waren zutiefst erschüttert, als sie sahen, wie die heilige und geehrte Stadt Medina, das Heiligtum des Gesandten Allahs, entehrt und geschändet wurde. Auch Abū Saʿīd konnte diesen Anblick nicht ertragen und verbarg sich in einer Höhle auf einem Berg. Doch auch dorthin gelangte ein Soldat auf der Suche nach ihm und hob sein Schwert, um ihn zu töten. Zunächst hob Abū Saʿīd sein Schwert, um ihn einzuschüchtern. Als der Soldat jedoch weiter auf ihn zukam, legte er sein Schwert auf den Boden und rezitierte den 28. Vers der Sura al-Māʾida: „Wenn du deine Hand nach mir ausstreckst, um mich zu töten, werde ich meine Hand nicht nach dir ausstrecken, um dich zu töten. Denn ich fürchte Allah, den Herrn der Welten.“
Der Soldat blieb stehen und fragte: „Bei Allah, sag mir, wer bist du?“ Er antwortete: „Ich bin Abū Saʿīd al-Chudārī.“ – „Bist du ein Gefährte des Gesandten Allahs?“ – „Ja.“ Darauf verließ der Soldat die Höhle. (Al-Iṣāba 3/55) Abū Saʿīd kehrte aus der Höhle nach Hause zurück. Man verhörte ihn auf verschiedene Weise und nahm ihn gefangen. Schließlich war er unter starkem Druck gezwungen, Yazīd den Treueid zu leisten.
Als ʿAbdullah ibn ʿUmar davon erfuhr, ging er zu ihm und sagte: „Ich habe gehört, dass du angeblich zwei Anführern den Treueid beziehungsweise den Gehorsamseid geleistet hast.“ Er antwortete: „Ja. Zuerst leistete ich ʿAbdullah ibn az-Zubayr den Treueid und nach meiner Gefangennahme Yazīd.“ Ibn ʿUmar sagte: „Genau das hatte ich befürchtet.“ Abū Saʿīd erwiderte: „Was hätte ich denn tun sollen? Ich hörte den Gesandten Allahs sagen: Jeder Mensch sollte jeden Morgen und jeden Abend unter der Herrschaft irgendeines Anführers verbringen.“ Darauf sagte Ibn ʿUmar: „Wie dem auch sei, ich billige es nicht, zwei Anführern den Treueid zu leisten.“ (Musnad 3/29–30)
Nach den meisten Überlieferungen wurde er 74 Jahre alt. Al-ʿAllāma adh-Dhahabī schrieb jedoch, dass er im Alter von 86 Jahren starb, und dies sei die richtige Ansicht. (Siehe: Tadhkirat al-Huffāẓ 1/37; Tahdhīb al-Asmāʾ wa-l-Luġāt 2/237; al-Aʿlām 3/138; Šajarat adh-Dhahab 1/81; Usd al-Gāba 5/211)
Abū Saʿīd hatte zwei Ehefrauen. Die eine hieß Zaynab bint Kaʿb ibn ʿAjra. Einige sagten, sie sei eine Gefährtin gewesen. Die zweite war unter dem Namen Umm ʿAbdullah bint ʿAbdullah bekannt. Seine Kinder hießen ʿAbdurraḥmān, Ḥamza und Saʿīd.
Abū Saʿīd war eines der Mitglieder der Ahl as-Suffa. Er war der bedeutendste Rechtsgelehrte seiner Zeit. Bei einem Qāriʾ lernte er die Rezitation des Korans. Während seiner Studienzeit gab es mehrere Lehrkreise der Ansar. Dort unterrichteten gelehrte Männer der Ansar. Abū Saʿīds Studienzeit fiel in die frühe Zeit des Islams. Damals konnten die Menschen nicht einmal genügend Kleidung sammeln, um ihren Körper angemessen zu bedecken. In den Lehrkreisen setzten sie sich heimlich hintereinander, sodass einer den anderen verdeckte. Eines Tages kam der ehrwürdige Gesandte Allahs zu einem solchen Lehrkreis. Als man ihn sah, verstummte die Rezitation des Qāriʾ. Der Gesandte forderte alle auf, sich im Kreis zu setzen, und setzte sich selbst zu ihnen. Von allen Anwesenden kannte der Gesandte an jenem Tag nur Abū Saʿīd. (Musnad 3/63; Hayāt as-Sahāba 3/204)
Das Wissen über Hadith und Fiqh erwarb er unmittelbar vom Gesandten Allahs und von anderen Gefährten. Er hörte Hadithe von den vier rechtgeleiteten Kalifen und von Zayd ibn Thābit. Er hatte unzählige Hadithe auswendig gelernt. Die Zahl der von ihm überlieferten Hadithe beträgt insgesamt 1170. Er war ein Hadith-Gelehrter unter denjenigen, die besonders viele Hadithe überlieferten. Von seinen Hadithen sind 43 beziehungsweise nach anderer Zählung 46 bei al-Buchārī und Muslim gemeinsam überliefert; al-Buchārī allein überlieferte 16 und Muslim allein 52 Hadithe.
Einige der berühmten Gefährten und Tābiʿūn, die von ihm Hadithe hörten und überlieferten, sind: Zayd ibn Thābit, ʿAbdullah ibn ʿAbbās, Anas ibn Mālik, Ibn ʿUmar, Ibn az-Zubayr, Jābir, Abū Qatāda, Ibn ʿAmr, Maḥmūd ibn Labīd, Abū at-Tufayl, Abū Umāma ibn Sahl, Saʿīd ibn al-Musayyib, Ṭāriq ibn Šihāb, ʿAṭāʾ, Mujāhid, Abū ʿUthmān an-Nahdī, ʿUbayd ibn ʿUmayr, ʿIyāḍ ibn Abī Sarḥ, Busr ibn Saʿīd, Abū Nudba und Ibn Sīrīn. (Siehe: Al-Iṣāba 2/35; Tadhkirat al-Huffāẓ 1/44; Tahdhīb al-Asmāʾ wa-l-Luġāt 2/237; al-Aʿlām 3/138)
Sein Lehrkreis war stets voller Schüler. Wer eine Frage stellen wollte, musste lange warten, bis er Gelegenheit dazu bekam. (Musnad 3/35) Auch außerhalb der Unterrichtszeiten konnten die Menschen jederzeit zu ihm kommen und ihn nach verschiedenen Rechtsfragen fragen. Er antwortete ihnen. Einmal sagte Ibn ʿAbbās zu seinem Sohn ʿAlī und seinem Diener ʿIkrima: „Geht und hört euch bei Abū Saʿīd Hadithe an.“ Als sie ankamen, war Abū Saʿīd gerade in einem Garten. Er setzte sich zu ihnen und überlieferte ihnen Hadithe. (Musnad 3/90–91)
Zusammen mit der Überlieferung eines Hadiths schilderte er auch, unter welchen Umständen er diesen Hadith gehört hatte. ʿAbdullah ibn ʿUmar hörte einmal einen Hadith von einem Mann, der ihn über Abū Saʿīd überlieferte. Ibn ʿUmar ging mit diesem Mann zu Abū Saʿīd und fragte: „Hat dieser Mann den betreffenden Hadith von dir gehört? Und hast du ihn aus dem Mund des Gesandten Allahs gehört?“ Er antwortete: „Meine beiden Augen haben es gesehen, und meine beiden Ohren haben es gehört.“ (Musnad 3/4)
Einmal gefiel einem Schüler namens Quzʿa ein Hadith sehr. Er fragte ihn: „Hast du diesen Hadith aus dem Mund des Gesandten Allahs gehört?“ Über diese Frage wurde er etwas ärgerlich und sagte: „Überliefere ich etwa etwas, ohne es gehört zu haben? Ja, ich habe es gehört.“ (Musnad 3/91)
Bei der Überlieferung jener Hadithe, bei deren Wortlaut aus dem Mund des Gesandten Allahs er sich nicht sicher war, ging er äußerst vorsichtig vor. Einmal überlieferte er einen Hadith, erwähnte aber nicht den Namen des Gesandten Allahs. Ein Mann fragte: „Ist dieser Hadith vom Gesandten Allahs überliefert?“ Er antwortete: „Das weiß ich ebenso.“
Abū Saʿīd hieß seine Schüler entsprechend dem Rat des ehrwürdigen Gesandten Allahs herzlich willkommen. Imām at-Tirmidhī überliefert von Abū Hārūn: Wenn wir zu Abū Saʿīd kamen, sagte er: „Willkommen im Zeichen des Vermächtnisses des Gesandten Allahs.“ Der Prophet sagte: „Die Menschen werden euch folgen. Manche werden aus verschiedenen Gegenden zu euch kommen, um tiefes Wissen über die Religion zu erwerben. Wenn sie zu euch kommen, so gebt ihnen guten Rat.“ In einer anderen Überlieferung heißt es: „Lehrt sie und sagt: Willkommen, willkommen, kommt näher.“ (Hayāt as-Sahāba 3/202; Kanz al-ʿUmmāl 5/243)
Abū Saʿīd überlieferte ferner: „Der Gesandte Allahs befahl uns, ihnen – den Schülern – in unseren Versammlungen einen Platz zu geben und sie Hadithe zu lehren. Denn ihr seid unsere späteren Stellvertreter und unsere späteren Hadith-Gelehrten.“ Zu seinen Schülern sagte er außerdem: „Wenn du etwas nicht verstehst, frage immer wieder, bis du es verstanden hast. Denn dass du meine Versammlung verstehend verlässt, ist mir lieber, als dass du sie verlässt, ohne verstanden zu haben.“ (Hayāt as-Sahāba 3/203; Kanz al-ʿUmmāl 5/243)
Er schrieb den Schülern keine Hadithe auf. At-Tabarānī überliefert von Abū Naḍra: Ich sagte zu Abū Saʿīd: „Schreib uns Hadithe auf.“ Er sagte: „Wir werden niemals aufschreiben und die Hadithe niemals zu einem zweiten Koran machen. Nehmt vielmehr von uns so an, wie wir vom Gesandten Allahs angenommen haben.“ (Hayāt as-Sahāba 3/217)
Ḥanẓala ibn Abī Sufyān al-Jumaḥī überlieferte von seinen Lehrern. Sie sagten: „Niemand verstand die Ereignisse aus dem Leben des Gesandten Allahs besser als Abū Saʿīd al-Chudārī.“ (Tahdhīb al-Asmāʾ wa-l-Luġāt 2/237)
Er war außerordentlich wahrhaftig. Er sagte: „Ich hörte den Gesandten Allahs eindringlich zur Wahrhaftigkeit auffordern. Ach, wenn ich das nur nicht gehört hätte!“ (Musnad 3/5) Als einmal über den Hadith von der Wahrhaftigkeit gesprochen wurde, begann er zu weinen. Dann sagte er: „Diesen Hadith habe ich gewiss gehört; doch danach wird überhaupt nicht gehandelt.“ (Musnad 3/61, 71)
Während der Herrschaft des Fürsten Muʿāwiya verbreiteten sich viele Neuerungen. Abū Saʿīd legte eine lange Reise zurück, ging zu Muʿāwiya und machte ihn eine nach der anderen auf alle Neuerungen aufmerksam. (Musnad 3/84) Einmal sprach er mit Muʿāwiya über die Ansar. Er sagte: „Der Gesandte Allahs befahl uns, gegenüber Schwierigkeiten geduldig zu sein.“ Muʿāwiya sagte darauf: „Dann seid geduldig.“ (Musnad 3/89)
Einmal saß Abū Saʿīd am Hof des umayyadischen Kalifen Marwān und überlieferte ihm Hadithe des Gesandten Allahs über die Vorzüge und den Rang der Gefährten. Marwān wollte dies nicht glauben. Bei dieser Sitzung waren auch Zayd ibn Thābit und Rāfiʿ ibn Khadīǧ anwesend. Zuerst nahm Abū Saʿīd die beiden als Zeugen. Dann sagte er: „Warum sollten sie denn etwas sagen? Der eine fürchtet, vom Amt der Almosenverwaltung abgesetzt zu werden, und der andere fürchtet, dass ihm durch ein bloßes Zeichen von dir die Führung seines Stammes entzogen wird.“ Nach diesen deutlichen Worten wollte Marwān ihn mit einer Peitsche schlagen lassen. Darauf bestätigten die beiden Männer die Wahrheit seiner Aussage. (Musnad 3/23)
Ebenso ließ Marwān an einem Festtag die Kanzel hinausbringen und hielt vor dem Gebet die Predigt. Ein Mann erhob sich und protestierte, dass beide Handlungen Neuerungen seien, die der Sunna widersprächen. Marwān sagte: „Die frühere Vorgehensweise ist aufgegeben worden.“ Abū Saʿīd war anwesend und sagte: „Wie dem auch sei, der Mann hat seine Pflicht erfüllt. Ich hörte den Gesandten Allahs sagen: Wenn jemand eine schlechte Handlung sieht, soll er sie mit seiner Hand verhindern. Wenn er dazu nicht in der Lage ist, soll er mit seinem Mund dagegen protestieren. Wenn auch dies nicht möglich ist, soll er sie wenigstens im Herzen ablehnen.“ (Musnad 3/10)
Sein Eifer, das Gute zu gebieten, war so stark, dass Marwān einmal mit Abū Huraira zusammensaß. Da wurde vor ihnen ein Leichnam vorbeigetragen, und Abū Saʿīd befand sich bei dem Leichenzug. Marwān stand beim Anblick des Leichnams nicht auf. Abū Saʿīd sagte zu ihm: „Fürst, steh zum Totengebet auf, denn der Gesandte Allahs pflegte aufzustehen.“ Darauf erhob sich Marwān. (Musnad 3/47, 97) Nach Ibn Saʿd war dieses Totengebet das der Mutter der Gläubigen, Ḥafṣa. (Ansāb al-Ašrāf 1/428)
Als Musʿab ibn ʿUmair Statthalter von Medina war, fragte er einmal am Tag des Festes des Fastenbrechens: „Wie pflegte der Gesandte Allahs beim Gebet und bei der Predigt vorzugehen?“ Abū Saʿīd sagte: „Der Gesandte Allahs leitete das Gebet vor der Predigt.“ Musʿab handelte entsprechend seiner Aussage. (Musnad 3/4)
Einmal wollte Šahr ibn Ḥawšab den Berg Ṭūr besuchen. Er kam, um Abū Saʿīd zu treffen. Abū Saʿīd sagte zu ihm, dass eine Reise zu einem heiligen Ort außer zu den drei Moscheen verboten worden sei. Ibn Abī Saʿṣa liebte die Wildnis sehr. Abū Saʿīd sagte zu ihm: „Rufe dort so laut zum Gebet, dass im ganzen Wald der Klang des Takbīr widerhallt.“ (Musnad 3/95; 4/93)
Seine Schwester pflegte ununterbrochen zu fasten, ohne etwas zu essen oder zu trinken. Der Gesandte Allahs verbot diese Art des Fastens. Auch Abū Saʿīd versuchte stets, sie davon abzuhalten.
Er folgte der Sunna des Gesandten Allahs vollständig. Abū Huraira leitete einmal in einer Moschee das Gebet. Einmal wurde er krank oder konnte aus einem anderen Grund nicht kommen. An seiner Stelle leitete Abū Saʿīd das Gebet. Die Menschen waren mit seiner Gebetsweise teilweise nicht einverstanden. Er stellte sich neben die Kanzel und erklärte: „Ich habe das Gebet genau so geleitet, wie ich den Gesandten Allahs beten sah. Wenn ihr mir nun widersprecht, macht mir das nichts aus.“
Er war geduldig. Einmal schmerzte sein Fuß, und er lag mit übereinandergeschlagenen Beinen da. Sein Bruder kam, schlug plötzlich mit der Hand auf diesen Fuß und verstärkte dadurch den Schmerz. Abū Saʿīd sagte ganz sanft: „Hast du mir Schmerzen bereitet? Du wusstest doch, dass mein Fuß schmerzt.“ Sein Bruder sagte: „Ja, ich wusste es. Doch der Gesandte Allahs hat verboten, so zu liegen.“
Einfachheit war eine der herausragenden Eigenschaften seines Charakters. Einmal wurde er zu einem Totengebet gerufen. Er kam etwas verspätet als Letzter. Die Menschen warteten sitzend auf ihn. Als sie ihn sahen, standen alle auf und machten ihm Platz. Er sagte: „Das ist nicht richtig. Man soll sich auf einen freien Platz setzen.“ Damit setzte er sich an eine freie Stelle.
Er hatte einen Schüler namens Abū Salama, der ein Tābiʿī war. Zwischen ihnen bestand eine ausgezeichnete freundschaftliche Beziehung. Einmal rief Abū Salama nach ihm. Abū Saʿīd kam, in seinen Umhang gehüllt, nach draußen. Abū Salama sagte: „Gehen wir ein wenig bis zum Garten; ich möchte mit dir über etwas sprechen.“ Abū Saʿīd ging mit ihm.
Er kümmerte sich um Waisenkinder. Layth und Sulaymān ibn ʿAmr waren seine Pflegekinder. Er ging mit einem Stock in der Hand umher. Er bevorzugte leichte und dünne Stöcke. Er richtete einen Palmzweig gerade und machte daraus einen Stock. Auch darin folgte er dem Gesandten Allahs. (Musnad 3/65)
Anas sagte: „Zwanzig junge Männer aus den Ansar standen ständig im Dienst des Gesandten Allahs. Wann immer er etwas benötigte, schickte er einen von ihnen. ʿAbdurraḥmān ibn ʿAwf sagte: Vier oder fünf Gefährten verließen niemals die Tür des Hauses des Gesandten Allahs. Abū Saʿīd sagte: Wir hielten uns abwechselnd beim Gesandten Allahs auf.“ (Hayāt as-Sahāba 2/687)
Einmal wurde er zu einer Hochzeitsfeier eingeladen. Als er eintraf, sah er, dass verschiedenartige Speisen zubereitet worden waren. Er sagte zu den Bewohnern des Hauses: „Wisst ihr nicht, dass der Gesandte Allahs an einem Tag, an dem er mittags aß, nachts hungrig blieb, und wenn er morgens frühstückte, mittags nichts aß?“ (Hayāt as-Sahāba 2/308)
In der Schlacht von Ṣiffīn zog ʿAbdullah ibn ʿAmr ibn al-ʿĀṣ gemeinsam mit seinem Vater ʿAmr ibn al-ʿĀṣ gegen ʿAlī ins Schlachtfeld. Deshalb sprach al-Ḥasan ibn ʿAlī viele Jahre nicht mit ihm. Als Abū Saʿīd davon erfuhr, ging er mit ʿAbdullah zu al-Ḥasan, beseitigte die Entfremdung zwischen den beiden und stellte ihre Eintracht und Freundschaft wieder her. (Hayāt as-Sahāba 2/434)
Muʿādh ibn Dschabal (r.a.)
Sein Name war Muʿadh, sein Beiname Abu ʿAbdir-Rahman und sein Ehrentitel „Imam der Rechtsgelehrten, Schatzkammer der Gelehrten und Rabbani der Herzen“. Er stammte aus dem Zweig ʿUdayy ibn Saʿd des medinensischen Stammes Chazradsch. Manche erwähnen ihn als Angehörigen des Zweigs Salama ibn Saʿd. Muhammad ibn Ishaq sagte, dass er in Wirklichkeit zum Stamm Banu Qudaʿa gehörte und ʿUdayy ibn Saʿd der Name des Stammes gewesen sei. Die Angehörigen dieses Stammes beanspruchten ihn jedoch als einen der Ihren. (Ansab al-Aschraf 1/247, al-Isaba 4/427, Sira ibn Hischam 1/464, Usud al-Ghaba 4/376.) Er wurde im Jahr 603 n. Chr., zwanzig Jahre vor der Hidschra, in Yathrib (Medina) geboren. (Al-Aʿlam 8/166.)
Der Vorfahr seiner Linie, Saʿd ibn ʿAli, hatte zwei Söhne: Salama und ʿUdayy. Die Nachkommen Salamas wurden Banu Salama genannt. Aus dieser Linie gingen berühmte Gefährten wie Abu Qatada, Dschabir ibn ʿAbdillah, Kaʿb ibn Malik und ʿAbdullah ibn ʿAmr ibn Haram hervor. Neben den Genannten waren viele weitere bedeutende Persönlichkeiten mit dieser Linie verbunden. In der Linie von Salamas Bruder ʿUdayy lebte jedoch zur Zeit der Auswanderung des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, nach Medina nur ein einziger Mann: Muʿadh. Mit seinem Tod im Jahr 18 oder 19 nach der Hidschra erlosch diese Linie für immer.
Im Werk Kitab al-Ansab bezeichnet Imam Samʿani Husain ibn Muhammad ibn Tahir als Angehörigen der Nachkommenschaft ʿUdayys. Diese Angabe ist jedoch nicht richtig. Zuverlässige Überlieferungen beweisen, dass in der Frühzeit des Islam zwei Männer aus dieser Familie lebten: Muʿadh ibn Dschabal und sein Sohn ʿAbdur-Rahman. Beide starben während der Seuche von ʿAmwas in Syrien. (Usud al-Ghaba 4/376.)
Die Wohnstätten der Banu ʿUdayy lagen neben ihrer verwandten Gruppe, den Banu Salama, unweit der Moschee al-Qiblatain. Auch das Haus von Muʿadh befand sich dort.
Muʿadhs Vater war Dschabal ibn ʿAmr, seine Mutter Hind bint Sahl al-Dschuhaniyya. Der Gefährte von Badr, ʿAbdullah ibn al-Dschadd, war sein Halbbruder mütterlicherseits. (Tabaqat 3/571, 583.) Muʿadhs Sohn hieß ʿAbdur-Rahman; deshalb wurde Muʿadh Abu ʿAbdir-Rahman genannt. (Tabaqat 3/583.)
Als Muʿadh im zwölften Jahr der Prophetie durch Musʿab ibn ʿUmair, den der Gesandte Allahs von Mekka nach Medina entsandt hatte, den Islam annahm, war er achtzehn Jahre alt. (Usud al-Ghaba 4/376.) In der folgenden Pilgersaison machte sich Musʿab ibn ʿUmair nach Mekka auf. Eine Gruppe neu zum Islam bekehrter Muslime aus Medina und auch einige Götzendiener begleiteten ihn zur Pilgerfahrt. Auch Muʿadh gehörte zu dieser Karawane. In al-ʿAqaba bei Mekka trafen sie heimlich den Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, und leisteten ihm den Treueid. Dies war der dritte beziehungsweise letzte Treueid von al-ʿAqaba. Nachdem diese Gruppe nach Mekka zurückgekehrt war, verbreitete sich der Ruf zum Islam in den Häusern Medinas.
Als der junge Muʿadh aus Mekka zurückkehrte, war sein Herz von Glaubenseifer erfüllt. Dass sich in irgendeinem Haus ein Götzenbild befand, war für ihn nun unerträglich. Nach seiner Rückkehr beschlossen er und einige andere junge Männer, Medina offen oder heimlich von den Götzen zu befreien. Durch diese Bewegung gab ʿAmr ibn al-Dschamuh die Götzenverehrung auf und nahm den Islam an.
ʿAmr ibn al-Dschamuh war ein hochgeachteter Führer des Stammes Banu Salama in Medina. Wie die anderen Führer besaß auch er ein geliebtes hölzernes Götzenbild. Es hieß Manat. ʿAmr verehrte und ehrte dieses Bild außerordentlich. Sorgfältig parfümierte er es und bedeckte es stets mit einem seidenen Tuch.
Eines Nachts nahmen die jungen Männer, die aus Mekka zurückgekehrt waren, das Götzenbild heimlich weg und warfen es in eine Grube, in der die Banu Salama ihren Abfall entsorgten. Ibn Ishaq nennt drei dieser eifrigen jungen Männer: Muʿadh ibn Dschabal, ʿAbdullah ibn Unais und Salama ibn Ghanama. (Sira ibn Hischam 1/699.)
Als ʿAmr ibn al-Dschamuh am Morgen erwachte und das Götzenbild nicht an seinem Platz fand, begann er, danach zu suchen. Schließlich sah er es kopfüber auf einem Abfallhaufen liegen und rief mit schmerzerfüllter Stimme: „Verderben über euch! Wer hat in der vergangenen Nacht unserem Gott so etwas angetan?“ Er hob das Bild heraus, wusch und säuberte es, parfümierte es und stellte es wieder an seinen Platz. Dann sagte er zu ihm: „O Manat, wenn ich nur wüsste, wer dir so etwas angetan hat!“
In der folgenden Nacht geschah dasselbe erneut. Am Morgen fand ʿAmr das Bild in einer anderen Grube, wusch es und stellte es wie zuvor auf. In der nächsten Nacht wiederholte sich der Vorfall. Wieder hob er es auf und stellte es an seinen Platz. Diesmal hängte er jedoch ein Schwert an die Schulter des Götzenbildes und sagte: „Bei Allah! Ich weiß nicht, wer dir das antut. Du aber hast sie gesehen. O Manat, wenn du irgendeine Macht besitzt, dann verteidige dich gegen sie. Hier ist ein Schwert für dich.“
In der Nacht kamen die jungen Männer wieder. Sie nahmen das Schwert von der Schulter des Bildes, banden es an einen toten Hund und warfen den Hund samt dem Götzenbild in eine schmutzige Grube. Als ʿAmr am Morgen kam und das Bild in diesem Zustand vorfand, trug er ein Gedicht über es vor. Die erste Zeile lautete: „Bei Allah! Wenn du wirklich ein Gott wärst, würdest du nicht zusammen mit einem Hund in einer Grube liegen.“ (Sira ibn Hischam 1/453–454.)
So wurde ʿAmr ibn al-Dschamuh der Götzenverehrung überdrüssig und suchte Zuflucht im kühlen Schatten des Islam. (Siehe: Suwar min hayat as-sahaba 7/122–126; Hayat as-sahaba 1/230; Sira ibn Hischam 1/452, 453, 699.)
Kurz nach Muʿadhs Annahme des Islam wanderte der edle Gesandte Allahs nach Medina aus. Danach nahm Muʿadh an allen Schlachten teil, darunter Uhud und al-Chandaq. (Tabaqat 3/584; al-Aʿlam 8/166.)
Zu Lebzeiten des Gesandten Allahs lernte Muʿadh den gesamten erhabenen Qurʾan auswendig. Er gehörte zu den sechs Männern, die zu Lebzeiten des edlen Gesandten den Qurʾan sammelten und bewahrten. (Al-Aʿlam 8/166.)
Als zu Lebzeiten des Gesandten Allahs im Viertel der Banu Salama eine Moschee errichtet wurde, wurde Muʿadh zu ihrem Imam ernannt. Eines Tages rezitierte er im ʿIscha-Gebet die Sure al-Baqara. Unter den Betenden hinter ihm war ein Feldarbeiter, der von seiner Arbeit erschöpft war. Noch bevor Muʿadh sein Gebet beendet hatte, verließ dieser Mann das Gebet. Als Muʿadh davon erfuhr, sagte er: „Er ist ein Heuchler.“ Der Mann beklagte sich beim Gesandten Allahs über Muʿadh. Der Gesandte Allahs rief Muʿadh und sagte: „Muʿadh, willst du die Menschen einer Prüfung aussetzen?“ Dann sagte er: „Rezitiere kurze Suren, denn hinter dir beten auch alte, schwache und beschäftigte Menschen. Du solltest sie alle berücksichtigen.“ (Buchari 1/98.)
Im neunten Jahr nach der Hidschra war der edle Gesandte Allahs gerade vom Feldzug nach Tabuk nach Medina zurückgekehrt. Im Ramadan traf der Gesandte des Herrschers des himyaritischen Stammes im Jemen in Medina ein und berichtete, dass die Bewohner des Jemen den Islam angenommen hätten. Daraufhin ernannte der Gesandte Allahs Muʿadh ibn Dschabal zum Statthalter dort.
Vor seiner Ernennung waren Muʿadhs gesamten Besitztümer wegen seiner Schulden verkauft worden. Dschabir ibn ʿAbdillah sagte: „Hinsichtlich Aussehen, Charakter und Freigebigkeit war Muʿadh einer der besten Menschen. Wegen seiner großzügigen Hand war er hoch verschuldet. Als die Gläubiger begannen, ihre Forderungen einzutreiben, versteckte er sich einige Tage in seinem Haus. Sie baten den Gesandten Allahs, ihre Forderungen für sie einzutreiben. Der Gesandte Allahs ließ Muʿadh rufen. Die Gläubiger kamen und sagten: ‚O Gesandter Allahs, treibe unsere Forderungen von Muʿadh ein.‘ Der Gesandte Allahs sah Muʿadhs Not und sagte zu den Gläubigern: ‚Allah wird demjenigen Barmherzigkeit erweisen, der auf seine Forderung verzichtet.‘ Einige Gläubiger ließen daraufhin ihre Forderungen fallen, andere weigerten sich jedoch. Da sagte der Gesandte Allahs: ‚Muʿadh, sei geduldig.‘ Danach verteilte er Muʿadhs gesamten Besitz unter den Gläubigern. Dennoch waren nicht alle Schulden beglichen. Er sagte zu ihnen: ‚Mehr als dies werdet ihr nicht erhalten; nehmt, was hier ist.‘
Muʿadh kehrte mit leeren Händen aus der Gegenwart des Gesandten Allahs zu den Banu Salama zurück. Einer sagte zu ihm: ‚Abu ʿAbdir-Rahman, warum hast du den Gesandten Allahs nicht um Hilfe gebeten? Heute bist du völlig mittellos.‘ Muʿadh antwortete: ‚Bitten liegt nicht in meinem Wesen.‘ Der Gesandte Allahs erinnerte sich an Muʿadh. Am nächsten Tag ließ er ihn rufen und teilte ihm mit, dass er ihn zum Statthalter im Jemen ernennen werde. Er sagte: ‚Es ist zu hoffen, dass Allah deinen Verlust ersetzt und dir die Begleichung deiner Schulden ermöglicht.‘ (Usud al-Ghaba 4/377; Tadhkirat al-Huffaz 1/21; Tabaqat 3/584.)
Obwohl der Gesandte Allahs vollkommen davon überzeugt war, dass Muʿadh für das Amt des Statthalters geeignet war, hielt er es für angebracht, ihn vor seiner Entsendung in den Jemen zu prüfen. Er rief ihn und fragte: „Wie wirst du entscheiden?“
„Nach dem Buch Allahs.“
„Was wirst du tun, wenn du eine Angelegenheit vorfindest, deren Lösung du im Qurʾan nicht findest?“
„Ich werde nach der Sunna des Gesandten Allahs entscheiden.“
„Was wirst du tun, wenn du mit einer Angelegenheit konfrontiert wirst, deren Lösung du weder im Qurʾan noch in der Sunna findest?“
„Ich werde selbstständig Idschtihad betreiben und entscheiden.“
Muʿadh bestand die Prüfung. Der Gesandte Allahs war mit seiner Antwort zufrieden und sagte: „Alles Lob gebührt Allah, der dem Gesandten Seines Gesandten die Fähigkeit verliehen hat, mit der Sein Gesandter zufrieden ist.“ (Al-Istiʿab; Randbemerkung zu al-Isaba 4/458; Tabaqat 2/147–148.)
Nach der Prüfung Muʿadhs schrieb der Gesandte Allahs einen Brief an die Bewohner des Jemen, in dem Muʿadhs Stellung und Rang deutlich wurden. Er schrieb: „Ich habe euch den Besten meiner Familie und meines Hauses gesandt.“ Außerdem schrieb er: „Behandelt Muʿadh und die anderen Menschen gut. Hinterlegt bei ihm die Gelder der Sadaqa und der Dschizya. Ich ernenne Muʿadh ibn Dschabal zum Statthalter über alle Bewohner des Jemen. Haltet ihn zufrieden und lasst nicht zu, dass er über euch unzufrieden wird.“
Nachdem alle Vorbereitungen für die Reise abgeschlossen waren, kam Muʿadh zum Gesandten Allahs. Auch andere Menschen waren dort. Der edle Gesandte Allahs begleitete ihn ein Stück und verabschiedete ihn. Muʿadh ritt auf einem Kamel, während der Gesandte Allahs neben ihm zu Fuß ging. Sie unterhielten sich. Der Gesandte Allahs sagte: „Muʿadh, deine Verantwortung ist groß. Wenn dir jemand ein Geschenk gibt, darfst du es annehmen; ich erlaube dir, es anzunehmen.“ Im Augenblick des Abschieds sagte er: „Vielleicht wirst du mich nicht mehr wiedersehen. Danach wirst du nach Medina zurückkehren und an meiner Stelle mein Grab und meine Moschee besuchen.“ Muʿadh begann sofort zu weinen. Der Gesandte Allahs sagte: „Weine nicht. Weinen ist eine Handlung des Satans. Geh, möge Allah dich vor jeder Art von Unheil und Not schützen.“ Danach ließ er Muʿadh ziehen. Muʿadh blickte mit schwerem Herzen nach Medina und sagte: „Die Gottesfürchtigen sind mir die nächsten Menschen, ganz gleich, wer sie sind und wo sie sich befinden.“ (Hayat as-sahaba 2/336.)
Muʿadh blieb nur zwei Jahre im Jemen. Im neunten Jahr nach der Hidschra ging er als Statthalter dorthin, und im elften Jahr kehrte er freiwillig nach Medina zurück. Einige Zeit nach Muʿadhs Reise in den Jemen starb der Gesandte Allahs, und Abu Bakr wurde Kalif. Abu Bakr entsandte ʿUmar zur Leitung der Pilgerfahrt nach Mekka. Auch Muʿadh kam mit seinem Gefolge unmittelbar aus dem Jemen nach Mekka. In Mina trafen sich die beiden, tauschten Grüße aus und umarmten sich. Als ʿUmar Muʿadh mit zahlreichen Sklaven und seinem Gefolge sah, fragte er:
„Abu ʿAbdir-Rahman, was ist das?“
„Das gehört mir. Ich habe es erworben.“
„Wie hast du es erworben?“
„Die Menschen haben es mir geschenkt.“
„Du wirst Abu Bakr davon berichten und ihm alles übergeben. Wenn er dir etwas gibt, nimm es an.“
„Ich werde dir nicht gehorchen. Die Menschen haben es mir geschenkt; soll ich es Abu Bakr übergeben?“
ʿUmar kehrte nach Medina zurück und riet dem Kalifen, Muʿadh so viel zu geben, wie er zum Lebensunterhalt benötige, und den Rest in die Staatskasse zu legen. Abu Bakr antwortete: „Der Gesandte Allahs selbst hat ihn zum Statthalter ernannt. Wenn er es selbst einzahlen will und es zu mir bringt, werde ich es annehmen. Andernfalls werde ich nicht einmal einen einzigen Groschen annehmen.“
Als ʿUmar diese Antwort hörte, ging er erneut zu Muʿadh und forderte ihn wieder auf, das Vermögen abzuliefern. Muʿadh sagte: „Der Gesandte Allahs schickte mich nur deshalb in den Jemen, damit ich dort meinen Verlust ausgleichen konnte. Ich werde nichts abgeben.“ ʿUmar stand schweigend auf und ging. Er blieb jedoch bei seiner Ansicht.
Muʿadh hatte ʿUmar zunächst zurückgewiesen, stimmte ihm aber schließlich durch eine unsichtbare Hilfe zu. In der Nacht schlief er ein. Am Morgen ging er direkt zu ʿUmar und sagte: „Ich habe keine andere Möglichkeit, als dir zu gehorchen. In der Nacht sah ich im Traum, dass man mich in Richtung Hölle zog, während du mich zurückhieltest.“ Einer anderen Überlieferung zufolge ertrank Muʿadh im Wasser und ʿUmar rettete ihn.
Daraufhin erschien Muʿadh mit allen Sklaven beim Kalifen Abu Bakr, schilderte den gesamten Vorgang und sagte: „Ich bringe alles, was ich besitze, hierher.“ Abu Bakr sagte: „Ich nehme von dir nichts an. Ich schenke dir alles als Gabe, denn ich hörte den Gesandten Allahs sagen: ‚Es ist zu hoffen, dass Allah deinen Verlust ersetzt.‘“ Einer anderen Überlieferung zufolge nahm Abu Bakr einen Teil des Vermögens, beglich damit Muʿadhs übrige Schulden und schenkte ihm den Rest. ʿUmar sagte zu Muʿadh: „Behalte nun alles bei dir. Jetzt hast du die Erlaubnis.“
Muʿadh kehrte mit den Sklaven nach Hause zurück. Er betete mit ihnen in der Gemeinschaft. Nach dem Friedensgruß fragte er sie: „Für wen habt ihr gebetet?“ Sie antworteten: „Für Allah.“ Muʿadh sagte: „Dann seid ihr frei; ihr gehört Ihm allein.“ (Tabaqat 3/586–588; Hayat as-sahaba 152–154.)
Der Gesandte Allahs entsandte Muʿadh in den Jemen. Einerseits war er dort Statthalter, andererseits war er für die Einladung zum Islam und die religiöse Unterweisung verantwortlich. Neben dem Richteramt erfüllte er auch religiöse Aufgaben. Er lehrte die Menschen den Qurʾan und unterrichtete sie in den islamischen Vorschriften.
Während seines Aufenthalts im Jemen kam einmal eine Frau aus dem Stamm Hawlan zu ihm. Sie hatte zwölf Söhne, und selbst der jüngste trug bereits einen Bart. Daran kann man erkennen, wie alt die Frau gewesen sein muss. Sie hatte ihren Mann allein zu Hause gelassen und alle zwölf Söhne mitgebracht. Zwei Söhne halfen ihr, indem sie ihre beiden Arme hielten. Die Frau fragte Muʿadh:
„Wer hat dich entsandt?“
„Der Gesandte Allahs.“
„Bist du also der auserwählte Vertreter des Gesandten Allahs? Ich möchte dir einige Fragen stellen.“
„Frag.“
„Wie groß ist das Recht des Ehemannes gegenüber seiner Frau?“
„Sie soll Allah so weit wie möglich fürchten und ihm gehorchen.“
„Bei Allah, antworte mir genau.“
„Bist du damit nicht zufrieden?“
„Der Vater meiner Söhne ist alt geworden. Wie kann ich sein Recht erfüllen?“
„Du kannst dich dieser Pflicht nicht entziehen. Selbst wenn sein Körper durch Lepra zerfiele, Blut und Eiter aus ihm flössen und du diese Wunden mit deinem Mund aussaugtest, hättest du sein Recht noch nicht vollständig erfüllt.“ (Musnad 5/239; Sira ibn Hischam 2/590–590; Siyar al-Ansar 2/166.)
Der edle Gesandte Allahs teilte den gesamten Jemen in fünf Gebiete: Sanʿa, Kindah, Hadramaut, Dschanad und Chubayb. Die Hauptstadt des Jemen war Dschanad, und dort lebte Muʿadh. Er war der Erbauer der Freitagsmoschee von Dschanad. (Schadharat adh-Dhahab 1/30.) In den übrigen vier Gebieten wurden folgende Personen als Statthalter eingesetzt: in Sanʿa Chalid ibn Saʿid, in Kindah Muhadschir ibn Abi Umaiyya, in Hadramaut Ziyad ibn Labid und in Chubayb sowie im Küstengebiet Abu Musa al-Aschʿari. Diese Männer erhoben in ihren Gebieten Sadaqa, Dschizya und andere Abgaben und schickten sie an Muʿadh. Muʿadh trug die vollständige Verantwortung für die Staatskasse. (Schadharat adh-Dhahab 1/30.)
Muʿadh besuchte zu verschiedenen Zeiten die Gebiete der ihm unterstellten Statthalter und beaufsichtigte ihre Urteile und Entscheidungen. Wenn es nötig war, verhandelte er selbst Fälle. Einmal besuchte er das Gebiet Abu Musas und entschied dort einen Rechtsfall. Auf diesen Reisen wohnte er in einem Zelt. Auch bei Abu Musa wurde für ihn ein Zelt errichtet, und beide wohnten nebeneinander. (Buchari 2/633.)
Als der edle Gesandte Allahs Muʿadh in den Jemen entsandte, gab er ihm eine schriftliche Anweisung. Darin wurden die Vorschriften über Kriegsbeute, das Fünftel, Sadaqa, Dschizya und andere Angelegenheiten ausführlich erläutert. Muʿadh handelte stets danach.
Einmal kam ein Mann mit einer Herde Kühe. Es waren dreißig Kühe. Der Gesandte Allahs hatte angeordnet, bei dreißig Kühen ein Kalb als Abgabe zu nehmen. Muʿadh sagte deshalb: „Ich werde vom Gesandten Allahs nichts annehmen, ohne Gewissheit zu haben, denn in dieser Angelegenheit hat er mir nichts gesagt.“ Dies zeigt, dass die Statthalter des Gesandten Allahs keine unterdrückerischen Herrscher wie die anderen Herrscher der Welt waren. Sie erinnerten sich stets an das Verhältnis zwischen Beschützer und Beschütztem, das der Islam verkündet hatte. Die Pflichten, die die Scharia dem Verantwortlichen auferlegte, erfüllten sie streng.
Auch bei Urteilen und Entscheidungen achteten sie darauf, dass die Rechte der Menschen nicht verletzt wurden. In ihren Gerichten siegten stets Wahrheit und Aufrichtigkeit. Ein Jude starb und hinterließ einen einzigen Bruder als Erben. Dieser war ebenfalls Muslim geworden. Der Fall wurde vor Muʿadhs Gericht gebracht, und er sprach dem Bruder das Erbe zu. (Musnad 5/230.)
Muʿadh war von frühester Jugend an äußerst klug. Nachdem der Gesandte Allahs nach Medina gekommen war, schloss er sich ihm an. Innerhalb kurzer Zeit entwickelte er sich durch den Segen der prophetischen Lehre zu einem herausragenden Beispiel islamischer Bildung und wurde zu den bedeutenden Gefährten gezählt.
Der edle Gesandte Allahs liebte ihn so sehr, dass er ihm häufig erlaubte, hinter ihm auf dem Reittier zu sitzen, und ihn dabei in verschiedenen Bereichen des Wissens und der Erkenntnis unterrichtete. Einmal saß Muʿadh hinter ihm. Der Gesandte Allahs rief: „Muʿadh!“ Er antwortete: „Zu deinen Diensten, o Gesandter Allahs!“ Der Gesandte Allahs rief ihn nochmals, und Muʿadh antwortete mit größtem Anstand und Respekt. So rief der Gesandte Allahs ihn dreimal, und jedes Mal antwortete Muʿadh. Dann sagte er: „Wer das Glaubensbekenntnis der Einheit aufrichtig spricht, dem macht Allah das Höllenfeuer verboten.“ Muʿadh fragte: „O Gesandter Allahs, soll ich diese frohe Nachricht den Menschen mitteilen?“ Er sagte: „Nein, denn sonst würden sie das Handeln aufgeben.“ (Buchari 1/24.)
Die Zuneigung des Gesandten Allahs zu Muʿadh war so groß, dass er, wenn Muʿadh selbst keine Frage stellte, zu ihm sagte: „Warum fragst du mich nichts, obwohl du mich allein angetroffen hast?“
Einmal ritt Muʿadh mit dem Gesandten Allahs auf einem Maultier. Der Gesandte Allahs berührte sanft den Rücken des Maultiers mit der Peitsche und sagte: „Weißt du, welches Recht Allah gegenüber Seinen Dienern hat?“ Muʿadh antwortete: „Allah und Sein Gesandter wissen es am besten.“ Der Gesandte Allahs sagte: „Dass der Diener Ihm dient und Ihm nichts beigesellt.“ Nach einer Weile fragte er erneut: „Weißt du, welches Recht die Diener gegenüber Allah haben?“ Muʿadh sagte: „Allah und Sein Gesandter wissen es am besten.“ Er sagte: „Dass Er sie ins Paradies eintreten lässt.“ (Musnad 5/238.)
Auf diese Weise wurde Muʿadh stets durch die Zuneigung und Fürsorge des Gesandten Allahs geehrt. Bei jeder Gelegenheit erhielt er die Möglichkeit, von ihm zu lernen. Einmal sah der Gesandte Allahs ihn an der Tür warten und lehrte ihn etwas. Ein anderes Mal sagte er: „Soll ich dir von einem Tor des Paradieses erzählen?“ Muʿadh sagte: „Ja.“ Er sagte: „Sprich: ‚Es gibt keine Macht und keine Kraft außer durch Allah.‘“ (Musnad 5/238.)
Auf einer Reise war Muʿadh ein Gefährte des Gesandten Allahs. Eines Morgens, als die Soldaten auf ihr Ziel zumarschierten, saß Muʿadh beim Gesandten Allahs. Er bat: „O Gesandter Allahs, lehre mich eine Tat, die mich ins Paradies führt und mich vom Höllenfeuer fernhält.“ Der Gesandte Allahs sagte: „Du hast nach einer gewichtigen Sache gefragt. Doch sie ist demjenigen leicht, dem Allah Erfolg und Fähigkeit verleiht: Du sollst Allah nichts beigesellen, Ihm dienen, das Gebet verrichten, die Zakat entrichten, im Ramadan fasten und die Pilgerfahrt vollziehen.“ Dann sagte er: „Es gibt mehrere Tore des Guten. Ich nenne sie dir, so höre: Das Fasten, das ein Schutzschild ist; die Sadaqa, die das Feuer der Sünde wie Wasser löscht; und das Gebet, das in verschiedenen Teilen der Nacht verrichtet wird.“ Danach rezitierte er den Vers: „Ihre Seiten meiden die Schlafstätten; sie rufen ihren Herrn in Furcht und Hoffnung an und geben von dem aus, womit Wir sie versorgt haben.“ (Sure as-Sadschda 16.)
Er sagte weiter: „Ich spreche zu dir über den Kopf, die Säule und den Gipfel des Islam. Sein Kopf und seine Säule sind das Gebet, und sein Gipfel ist der Dschihad.“ Dann sagte er: „Die Grundlage all dessen ist eine einzige Sache: die Zunge.“ Er streckte seine Zunge heraus, berührte sie mit der Hand und sagte: „Halte diese unter Kontrolle.“ Muʿadh fragte: „Werden wir für alles zur Rechenschaft gezogen, was wir sagen?“ Er sagte: „Möge deine Mutter dich verlieren, Muʿadh! Werden die Menschen denn wegen etwas anderem als ihrer Zunge mit dem Gesicht in die Hölle geworfen?“ (Musnad 5/231.)
Einmal gab der Gesandte Allahs Muʿadh zehn Ratschläge: 1. Geselle Allah nichts bei, selbst wenn jemand dich deshalb tötet oder verbrennt. 2. Füge deinen Eltern keinen Schmerz zu, selbst wenn sie dich von deinen Kindern und deinem Besitz trennen. 3. Unterlasse niemals absichtlich ein Pflichtgebet; wer dies tut, von dem zieht Allah Seine Schutzverantwortung zurück. 4. Trinke keinen Wein, denn er ist die Wurzel aller Schändlichkeiten. 5. Begeh keine Sünde, denn Allahs Zorn wird dem Sünder gegenüber berechtigt. 6. Fliehe nicht vom Schlachtfeld, selbst wenn alle Soldaten blutüberströmt und mit Staub bedeckt sind und in großer Zahl sterben. 7. Bleibe standhaft, wenn eine Seuche ausbricht. 8. Behandle deine Kinder gut. 9. Lehre sie stets Anstand und gutes Benehmen. 10. Lehre sie die Gottesfurcht.
Der edle Gesandte Allahs ermahnte Muʿadh außerdem zu fünf Dingen und sagte: „Wer diese Taten verrichtet, dessen Bürge wird Allah.“ Sie sind: einen Kranken besuchen, einer Beerdigung folgen, zum Dschihad ausziehen, zum Herrscher gehen, um ihn zu fürchten oder zu ehren, und ruhig zu Hause bleiben, sodass man selbst sicher ist und die Menschen vor einem sicher sind.
Der Gesandte Allahs lehrte ihn Moral mit den Worten: „Muʿadh, begehe nach einer schlechten Tat eine gute Tat; die gute Tat tilgt die schlechte. Und begegne den Menschen mit dem besten Charakter.“ (Musnad 5/238.) Er lehrte ihn auch: „Hüte dich vor dem Bittgebet des Unterdrückten, denn zwischen seinem Bittgebet und Allah besteht kein Hindernis.“ (Buchari.) Als er Muʿadh zum Statthalter des Jemen ernannte, sagte er: „Muʿadh, hüte dich vor Luxus und Wohlleben, denn ein Diener Allahs kann niemals ein Liebhaber von Bequemlichkeit und Luxus sein.“ (Musnad 5/243.)
Über das soziale Leben lehrte er ihn: „Der Wolf unter den Menschen ist der Satan. Wie der Wolf das Schaf ergreift, das sich von der Herde entfernt, so gewinnt der Satan Macht über den Menschen, der sich von der Gemeinschaft trennt. Hütet euch! Trennt euch niemals. Haltet euch stets an die Gemeinschaft.“ (Musnad 5/243.) Über die Einladung zum Islam sagte er: „Muʿadh, wenn du auch nur einen einzigen Götzendiener zum Muslim machen kannst, ist das für dich besser als alles, was es auf der Welt gibt.“ (Musnad 5/238.)
Eine solche reine Gesinnung und erhabene Bildung hatte Muʿadh erworben. Deshalb betrachtete der große Gefährte Ibn Masʿud ihn nicht bloß als einen einzelnen Menschen, sondern als eine ganze Gemeinschaft. Er sagte: „Muʿadh war eine aufrechte, Allah ergebene Gemeinschaft. Er gehörte niemals zu den Götzendienern.“ Farwa al-Aschdschai sagte zu ihm: „Allah hat doch etwas Derartiges nur über Ibrahim gesagt.“ Ibn Masʿud wiederholte seine Aussage. Farwa schwieg, als er Ibn Masʿud unbeirrt bei seinen Worten sah. Dann fragte Ibn Masʿud ihn: „Weißt du, was ‚Umma‘ bedeutet und wer ein ‚Qanit‘ ist?“ Farwa antwortete: „Allah weiß es am besten.“ Er sagte: „Eine Umma ist derjenige, der das Gute kennt und dem man folgen kann. Ein Qanit ist ein Allah gehorsamer Mensch.“ In diesem Sinne war Muʿadh tatsächlich ein Lehrer des Guten und Allah und Seinem Gesandten gehorsam. (Al-Istiʿab; al-Isaba 4/361; Tahdhib al-Asma 2/100.)
Während der Regierungszeit des zweiten Kalifen ʿUmar nahm der Schura-Rat seine eigentliche vollständige Form an. Schon in der Zeit des ersten Kalifen war jedoch eine Struktur dafür geschaffen worden. Nach Ibn Saʿds Überlieferung gehörte Muʿadh zu den Männern, mit denen Abu Bakr sich in wichtigen Angelegenheiten des Kalifats beriet. Auch unter ʿUmar war Muʿadh Mitglied, als der Schura-Rat regelmäßig tagte. (Kanz al-ʿUmmal 134.)
Während ʿUmars Kalifat schrieb Yazid ibn Abi Sufyan, der Statthalter Syriens, an den Kalifen und bat um Männer, die den Qurʾan lehren sollten. Der Kalif rief fünf Männer, die zu Lebzeiten des Gesandten Allahs den Qurʾan gesammelt hatten: Muʿadh ibn Dschabal, ʿUbada ibn as-Samit, Abu Ayyub al-Ansari, Ubayy ibn Kaʿb und Abu Darda. Er sagte zu ihnen: „Unsere Brüder in Syrien bitten um Männer, die ihnen den Qurʾan und die Religion lehren. Helft mir in dieser Angelegenheit, indem drei von euch gehen. Ihr könnt die drei auch durch das Los bestimmen; andernfalls werde ich sie auswählen.“ Sie sagten: „Warum das Los? Abu Ayyub ist ein alter Mann und Ubayy ist krank. Wir drei bleiben übrig.“ ʿUmar befahl ihnen, nach Hims, Damaskus und Palästina zu gehen. Muʿadh ging nach Palästina. (Suwar min hayat as-sahaba 7/132–134.)
Aus verschiedenen Ereignissen wird deutlich, dass Muʿadh bereits zur Zeit des ersten Kalifen Abu Bakr nach Syrien ging, um wichtige staatliche Aufgaben zu übernehmen. Als ʿUmar das Kalifat antrat, kämpfte Muʿadh an einer syrischen Front. Von dort schrieben er und Abu ʿUbaida dem Kalifen einen Brief, in dem sie zu Gleichheit und Gerechtigkeit rieten. Während ʿUmars Kalifat breitete sich die Welle der islamischen Eroberungen über Syrien aus. Auch Muʿadh zeigte auf dem Schlachtfeld als Soldat größten Mut und außergewöhnliche Tapferkeit.
Durch die Lehre und Erziehung des edlen Gesandten Allahs entwickelten sich in Muʿadh vielfältige Fähigkeiten. Er war zugleich Rechtsgelehrter der Scharia, Mitglied des Schura-Rates, Lehrer des Qurʾans und der Hadithe, Statthalter, Gesandter, mutiger Befehlshaber, siegreicher Kämpfer und Einnehmer der Zakat.
Als ihm eine diplomatische Aufgabe übertragen wurde, erfüllte er sie äußerst geschickt. Bei Fahl in Syrien wurden Kriegsvorbereitungen getroffen, als die römische Armee einen Friedensvorschlag machte. Der Befehlshaber Abu ʿUbaida wählte Muʿadh für die Verhandlungen aus. Muʿadh ging in das Lager der Römer. Dort sah er, dass der Hof prächtig geschmückt war. Ein Zelt war aufgeschlagen, dessen Inneres mit goldbestickten Teppichen ausgelegt war. Muʿadh blieb vor dem Zelt stehen, ohne einzutreten. Ein christlicher Soldat trat vor und sagte: „Ich halte dein Pferd; geh hinein.“ Muʿadh antwortete: „Ich sitze nicht auf einem Lager, das durch die Beraubung armer Menschen geschaffen wurde.“ Damit setzte er sich auf den Boden.
Die Christen entschuldigten sich: „Wir wollten dich ehren, doch du hast unsere Ehre missachtet.“ Muʿadh erhob sich auf die Knie und sagte: „Ich brauche eine solche Ehre nicht. Wenn es die Gewohnheit von Sklaven ist, auf dem Boden zu sitzen, wer wäre dann ein größerer Diener Allahs als ich?“ Die Römer waren über sein unabhängiges und furchtloses Auftreten erstaunt. Einer fragte sogar: „Gibt es unter den Muslimen jemanden, der größer ist als du?“ Er antwortete: „Ich suche Zuflucht bei Allah! Ich bin einer ihrer geringsten Männer.“
Nach einiger Zeit sagte Muʿadh zum Dolmetscher: „Sag den Römern: Wenn sie über etwas verhandeln wollen, werden wir uns setzen; andernfalls gehen wir.“ Die Verhandlungen begannen. Die Römer fragten: „Warum wurde unser Land angegriffen? Abessinien liegt doch Arabien sehr nahe, der persische Kaiser ist gestorben und das Reich steht unter der Herrschaft einer Frau. Warum seid ihr an all diesen Ländern vorbei gerade gegen uns gezogen? Unser Kaiser ist der Kaiser aller Kaiser, und wir sind so zahlreich wie die Sterne des Himmels und der Sand der Erde.“
Muʿadh antwortete: „Die Kurzfassung dessen, was wir euch sagen wollen, lautet: Nehmt den Islam an, betet in Richtung unserer Gebetsrichtung, lasst den Wein und das Schweinefleisch. Wenn ihr dies tut, seid ihr unsere Brüder. Wenn ihr den Islam nicht annehmen wollt, zahlt die Dschizya. Wenn ihr auch das verweigert, erklären wir euch den Krieg. Selbst wenn eure Zahl den Sternen des Himmels und dem Sand der Erde gliche, würde uns das nicht im Geringsten beunruhigen.
Ihr seid stolz darauf, dass euer Großkönig über euer Leben und euer Vermögen nach Belieben verfügt. Unser König jedoch darf sich uns in keiner Hinsicht vorziehen. Wenn er Unzucht begeht, wird er ausgepeitscht; wenn er stiehlt, wird ihm die Hand abgehauen. Er lebt nicht verborgen und hält sich nicht für größer als wir. Auch an Reichtum ist er uns nicht überlegen.“
Die Römer hörten aufmerksam zu und waren von den islamischen Lehren und der Rede von Gleichheit erstaunt. Sie schlugen vor: „Wir überlassen euch das gesamte Gebiet von Balqa sowie den Teil von Dun, der an euer Gebiet grenzt. Verlasst unser Land und zieht nach Persien.“ Da dies keine Angelegenheit des Handels war, gab Muʿadh eine ablehnende Antwort und verließ den Ort. (Siyar al-Ansar 2/169–171.)
Die Kriegsvorbereitungen begannen. In diesem Krieg erhielt Muʿadh ein wichtiges Amt. Abu ʿUbaida ernannte ihn zum Befehlshaber der rechten Flanke. Im Jahr 15 nach der Hidschra fand die Schlacht von Yarmuk statt, eine äußerst schwere Schlacht. Auch dort wurde Muʿadh die Verantwortung für die rechte Flanke übertragen. Der Angriff des Feindes war so heftig, dass die rechte Flanke der Muslime vom Hauptheer abgeschnitten wurde. Muʿadh zeigte in dieser Lage große Standhaftigkeit und Geistesruhe. Er sprang vom Pferd und rief: „Ich werde zu Fuß kämpfen. Wenn ein tapferer Krieger diesem Pferd gerecht werden kann, soll er es nehmen.“ Auch sein Sohn befand sich auf dem Schlachtfeld. Er rief: „Ich werde diesem Pferd gerecht werden!“ Dann drangen Vater und Sohn gemeinsam durch die Reihen der römischen Armee vor und kämpften so tapfer, dass das zerstreute muslimische Heer seine feste Stellung wiedererlangte.
Während der Regierungszeit des Fürsten der Gläubigen, ʿUmar, war Abu ʿUbaida der Befehlshaber des gesamten muslimischen Heeres in Syrien. Im Jahr 18 nach der Hidschra brach dort eine schwere Pest aus. In der Geschichte ist diese Seuche als die Pest von ʿAmwas bekannt. ʿAmwas ist der Name eines Dorfes zwischen Ramla und Bayt al-Maqdis. Der Befehlshaber Abu ʿUbaida und viele muslimische Soldaten erkrankten und starben. Vor seinem Tod bestimmte Abu ʿUbaida Muʿadh zu seinem Nachfolger. Muʿadh leitete Abu ʿUbaidas Totengebet und stieg mit den anderen in das Grab hinab, um ihn beizusetzen. Bei dieser Gelegenheit hielt er eine bewegende Ansprache. Nach Abu ʿUbaidas Tod übernahm er einige Zeit das Kommando. (Hayat as-sahaba 1/48; al-Istiʿab; al-Isaba 4/357, 359.)
Als sich die Seuche immer stärker ausbreitete, wurden die Menschen von Angst erfasst. ʿAmr ibn al-ʿAs sagte: „Wir sollten diesen Ort verlassen und an einen anderen ziehen. Dies ist keine Krankheit, sondern ein Feuer.“ Muʿadh war über diese Worte sehr verärgert. Er hielt eine Ansprache an alle und kritisierte darin auch ʿAmr. Dann sagte er: „Diese Seuche ist kein Unglück von Allah, sondern Seine Barmherzigkeit und das Bittgebet Seines Propheten. Ich hörte den Gesandten Allahs sagen: Die Muslime werden nach Syrien auswandern, und Syrien wird unter die islamische Fahne kommen. Dort wird eine Krankheit auftreten, die wie ein Geschwür Wunden am Körper hervorbringt. Wer daran stirbt, wird Märtyrer sein; all seine Taten werden gereinigt werden. O Allah, wenn ich dies tatsächlich aus dem Mund des Gesandten Allahs gehört habe, dann sende diese Barmherzigkeit auch in mein Haus und gib mir einen ausreichenden Anteil davon.“ (Usud al-Ghaba 4/377; Hayat as-sahaba 2/581–582.)
Nach der Ansprache ging er zu seinem Sohn ʿAbdur-Rahman. Sein Bittgebet war bereits erhört worden: Er sah, dass sein Sohn erkrankt war. Als der Sohn seinen Vater sah, rezitierte er den Qurʾanvers: „Die Wahrheit kommt von deinem Herrn; gehöre daher keinesfalls zu den Zweifelnden.“ Der Vater antwortete: „Du wirst mich, so Allah will, unter den Geduldigen finden.“ ʿAbdur-Rahman starb. Noch vor dem Tod des Sohnes starben auch Muʿadhs beiden Ehefrauen an derselben Krankheit. Nun war Muʿadh allein. Zur bestimmten Zeit wurde auch er an dieser Barmherzigkeit Allahs beteiligt. An seinem rechten Zeigefinger entstand ein Geschwür. Er war darüber sehr glücklich und sagte, der gesamte Besitz der Welt sei im Vergleich dazu wertlos. Wegen der starken Schmerzen verlor er wiederholt das Bewusstsein. Wenn er zu sich kam, sagte er: „O Allah, lass mich meinen Schmerz um Deinetwillen lieben; Du weißt wohl, wie sehr ich Dich liebe.“
In der Nacht, in der Muʿadh seinen letzten Atemzug tat, war er äußerst unruhig. Immer wieder fragte er: „Ist es schon Morgen?“ Die Menschen antworteten: „Noch nicht.“ Als man ihm schließlich sagte, dass der Morgen gekommen sei, sagte er: „Ich suche Zuflucht bei Allah vor einer Nacht, deren Morgen zur Hölle führt. Willkommen, Tod, willkommen! Du bist zu einem Freund gekommen, der völlig mittellos und bedürftig ist. O mein Gott, Du weißt, wie sehr ich Dich liebe. Heute setze ich große Hoffnung auf Dich. Ich habe mir die Welt und ein langes Leben niemals gewünscht, um sie mit dem Pflanzen von Bäumen und dem Graben von Flüssen zu verbringen. Wenn ich sie mir wünschte, dann nur, um in großer Hitze den Durst der Menschen zu stillen, Freigebigkeit und Wohltätigkeit zu verbreiten und in den Versammlungen des Gedenkens mit den Gelehrten zu sitzen.“ (Hayat as-sahaba 3/162; Tahdhib al-Asma 1/30.)
Kurz vor seinem Tod brach er in Tränen aus. Die Menschen trösteten ihn und sagten: „Du bist ein Gefährte des Gesandten Allahs, ein Mann hohen Ranges und großer Vorzüge. Warum weinst du?“ Er antwortete: „Ich habe weder Angst vor dem Tod noch Trauer darüber, die Welt zu verlassen. Doch der Tod hat zwei Hände, und ich weiß nicht, in welcher seiner Hände ich sein werde. Aus dieser Furcht weine ich.“ In diesem Zustand verließ seine reine Seele den Körper. (Usud al-Ghaba 4/378; Siyar al-Ansar 2/174–175.)
Hanzala ibn Abi Amir (r.a.)
Sein Name war Hanzala; seine Beinamen und Ehrentitel waren „Ghasil al-Mala’ika“ und Taqi. Er gehörte zum Zweig Amr ibn Auf des Stammes Aus in Medina. Sein Vater hieß Abu Amir Amr, nach anderer Auffassung Abd Amr; der Name seiner Mutter ist nicht bekannt. Bekannt ist lediglich, dass sie die Schwester des Heuchlers und Anführers des Stammes Chazradsch, Abdullah ibn Ubayy, war. Über Hanzalas Geburt und Jugend liegen kaum Informationen vor.
Hanzalas Vater Abu Amir war ein angesehener und einflussreicher Mann des Stammes Aus. Als Anhänger der hanifischen Religion im Zeitalter der Dschahiliyya glaubte er an Prophetentum, Gesandtschaft, Auferstehung und Ähnliches. Dieser religiöse Glaube führte ihn zur „Ruhbaniyya“ (Askese); er gab jede weltliche Führungsrolle auf und erlangte religiöse Autorität. In einer Phase seines Lebens legte er ein ockerfarbenes Gewand an und zog sich in die Einsamkeit zurück. Deshalb wurde er als „Rahib“ (Asket) bekannt. (Al-Isaba, 1/361)
Inzwischen erhielt der edle Gesandte Allahs (s.a.w.) die Prophetenschaft, wanderte von Mekka nach Medina aus und legte dort den Grundstein für das islamische Kalifat. Dadurch nahm der Einfluss sowohl Abu Amirs als auch Abdullah ibn Ubayys ab. Abdullah ibn Ubayy nahm eine heuchlerische, doppelzüngige Haltung ein und blieb in Medina wohnen. Abu Amir jedoch konnte diese Situation nicht ebenso geduldig ertragen. Er verließ Medina, ging nach Mekka und ließ sich dort nieder. In der Schlacht von Uhud schloss er sich dem Heer der Quraisch an und zog mit ihm zum Angriff auf Medina. Deshalb bezeichnete ihn der edle Gesandte Allahs (s.a.w.) als „Fasiq“.
Nach der Schlacht kehrte er nach Mekka zurück und blieb dort. Als Mekka im achten Jahr der Hidschra von den Muslimen erobert wurde, wurde Allahs Erde für ihn erneut eng. Er verließ Mekka, gelangte an den Hof des byzantinischen Kaisers Herakleios und starb dort im zehnten Jahr der Hidschra.
Dies war also der äußerste Zustand des Unglaubens Abu Amirs. Demgegenüber ist auch der höchste Grad der Glaubensfestigkeit seines Sohnes, Hanzala, bemerkenswert. Nachdem er den Islam angenommen hatte, sagte er: „O Gesandter Allahs! Wenn du es befiehlst, würde ich meinen Vater Abu Amir töten.“ Doch der Gesandte (s.a.w.) gewährte ihm diese Bitte nicht. Auch Abdullah (r.a.), der Sohn des Anführers der Heuchler, Abdullah ibn Ubayy, hatte in Bezug auf seinen Vater eine ähnliche Bitte vorgebracht; der Gesandte (s.a.w.) hielt auch ihn auf dieselbe Weise davon ab.
Hanzala nahm nicht an der Schlacht von Badr teil. Der Grund dafür ist nicht bekannt. An der Schlacht von Uhud nahm er jedoch teil. Sie war zugleich der erste und letzte Kampf seines islamischen Lebens.
Er lag zu Hause bei seiner Frau. Da hörte er plötzlich die Stimme eines Ausrufers: „Jetzt muss zum Dschihad aufgebrochen werden.“ Als er den Ruf zum Dschihad hörte, vergaß er das Bad zur „Taharat“ (Reinheit). In diesem ungereinigten Zustand erschien er mit einem gezogenen Schwert auf dem Feld von Uhud. Die Schlacht begann. Er trat in ein Duell mit dem Quraisch-Führer Abu Sufyan ibn Harb ein. Gerade als er ihn überwältigen und mit dem Schwert zuschlagen wollte, bemerkte Schaddad ibn al-Aswad al-Laythi dies aus der Nähe, stürzte sich rasch auf Hanzala und trennte ihm mit einem einzigen Schwertstreich den Kopf vom Körper. Inna lillahi wa inna ilayhi radschi’un. Manche sagen, Abu Sufyan und Schaddad hätten ihn gemeinsam getötet. Der Verfasser von „Rawd al-Unuf“ hingegen nennt Nafi ibn Abi Nu’aim, den Mawla von Dschawna ibn Scha’ub, als Hanzalas Mörder. (Sira ibn Hischam, 2/75, 123)
In der Schlacht von Badr war Abu Sufyans Sohn Hanzala durch die Hand des muslimischen Heeres getötet worden. Deshalb sagte er nach der Tötung dieses Hanzala bei Uhud: „Hanzala für Hanzala.“
Hanzala (r.a.) wurde im Zustand der rituellen Unreinheit zum Märtyrer. Nach seinem Märtyrertod wuschen ihn die Engel. Als der edle Gesandte Allahs (s.a.w.) dies sah, sagte er zu den Gefährten: „Fragt seine Frau, was geschehen ist.“ Hischam ibn Urwa überlieferte: Der Gesandte (s.a.w.) fragte Hanzalas Frau: „Was ist mit Hanzala geschehen?“ Sie antwortete: „Hanzala war unrein. Ich hatte gerade erst einen Teil seines Kopfes gewaschen, als er den Ruf zum Dschihad hörte. Er ging hinaus, ohne das Bad zu vollenden, und wurde zum Märtyrer.“ Darauf sagte der Gesandte (s.a.w.): „Deshalb habe ich die Engel gesehen, wie sie ihn wuschen.“ (Al-Isti’ab, Anmerkungen zu Al-Isaba, 1/281; Hayat as-Sahaba, 3/544) Von hier an erhielt er den Beinamen „Ghasil al-Mala’ika“ (der von den Engeln Gewaschene).
Hanzala hinterließ bei seinem Tod einen Sohn namens Abdullah. Dieser Abdullah wurde nach der Ankunft des edlen Gesandten Allahs (s.a.w.) in Medina geboren und war beim Tod des Gesandten Allahs (s.a.w.) erst sieben oder acht Jahre alt. Im Erwachsenenalter erwies er sich als würdiger Nachfolger seines Vaters. Aus Protest gegen die schändlichen Taten des umayyadischen Herrschers Yazid ibn Muawiya verweigerte er das ihm geleistete „Bai’a“ (Treuegelöbnis) und bekundete Abdullah ibn az-Zubair (r.a.) seine Treue. Yazids Heer griff Medina an. Abdullah stellte sich den Angreifern äußerst mutig selbst als Befehlshaber entgegen und führte die Bewohner Medinas an. Zahlreiche Bewohner Medinas wurden zu Märtyrern. Einer nach dem anderen fielen Abdullahs acht Söhne im Kampf gegen Yazids Heer als Märtyrer. Abdullah sah dieses herzzerreißende Schauspiel mit eigenen Augen. Schließlich rückte er selbst vor. In dem blutbefleckten Gewand seines in Uhud gefallenen Vaters stürzte er sich auf den Feind und wurde ebenfalls zum Märtyrer. Dies geschah im Monat Dhu l-Hiddscha des Jahres 63 nach der Hidschra.
Hanzalas Vater war ein „Fasiq“. Doch Hanzala, der Sohn dieses „Fasiq“, erhielt den Beinamen „Taqi“ (gottesfürchtig). Dies beweist, welch vorzüglichen Charakter er besaß. Ibn Asakir berichtet: Als der Kalif Umar die Unterhaltszahlungen für die Menschen festsetzte, bestimmte er für Hanzalas Sohn Abdullah zweitausend Dirham. Talha nahm seinen Neffen an der Hand und brachte ihn zum Kalifen. Der Kalif setzte für ihn einen etwas geringeren Betrag fest. Talha sagte: „O Amir al-Mu’minin! Du hast diesem Ansari mehr gegeben als meinem Neffen?“ Der Kalif antwortete: „Ja. Denn ich sah in Uhud, wie sein Vater Hanzala unter der Rüstung verschwand, so wie ein Kamel verschwindet.“ (Hayat as-Sahaba, 2/218)
Einmal sprachen die beiden Ansar-Stämme Aus und Chazradsch über ihren Ruhm und ihre Ehre. Sie nannten die herausragenden Söhne ihrer jeweiligen Stämme. Als Erstes erwähnte der Stamm Aus den gesegneten Namen Hanzala ibn Abi Amir. Von Anas (r.a.) wird überliefert: Einmal sagte das Volk des Stammes Aus stolz: „Wir haben Hanzala, den die Engel gewaschen haben; Asim ibn Thabit, dessen Körper Allah durch Bienen und Hornissen vor den Händen der Götzendiener bewahrte; Chuzaima ibn Thabit, dessen alleinige Zeugenaussage dem Zeugnis zweier Personen gleichkommt; und Sa’d ibn Ubada, bei dessen Tod Allahs Thron erbebte.“
(Siehe: Al-Isaba, 1/361; Al-Isti’ab, Anmerkungen zu Al-Isaba, 1/280–282; Sira ibn Hischam, 2/75, 123)
Ubayy ibn Ka’b al-Ansari (r.a.)
Sein Name war Ubayy, seine Beinamen Abu al-Mundhir und Abu at-Tufayl. (Al-Aʿlām, 1/78; Al-Isāba, 1/19.) Sayyid al-Qurrāʾ, Sayyid al-Anṣār und andere waren seine Ehrentitel. Er stammte aus dem Zweig an-Najjār des medinensischen Stammes Chazradsch. Sein Vater hieß Kaʿb ibn Qays, seine Mutter Suhayla. Sie war die Tochter von Banū ʿAdī ibn an-Najjār und die Tante des berühmten Gefährten Abū Ṭalḥa al-Anṣārī. Somit war Ubayy ein Cousin väterlicherseits von Abū Ṭalḥa. Den Beinamen Abū al-Mundhir verlieh ihm der Gesandte Allahs selbst; den zweiten Beinamen Abū at-Tufayl gab ihm ʿUmar nach dessen Sohn Tufayl. Sein genaues Geburtsjahr und Geburtsdatum sind nicht bekannt.
Über Ubayys frühes Leben ist nur wenig bekannt. Nach einer Überlieferung von Anas ibn Mālik weiß man jedoch, dass er vor dem Islam dem Weintrinken verfallen war. Er gehörte zu den wichtigen Teilnehmern an den Trinkgelagen Abū Ṭalḥas. Man betrachtete ihn als einen der bedeutendsten jüdischen Religionsgelehrten Medinas. Auch in den alten himmlischen Schriften besaß er große Kenntnisse. Obwohl Lesen und Schreiben in jener Zeit wenig verbreitet waren, konnte er beides. Deshalb diente er nach seinem Übertritt zum Islam als Sekretär des Gesandten Allahs und wurde zu einem der Schreiber des Qurʾān. (Al-Aʿlām, 1/78.)
Die Juden besaßen in Medina beträchtlichen religiösen Einfluss. Die Kenntnisse, die Ubayy in seinem vorislamischen Leben aus der Tora und anderen religiösen Schriften erworben hatte, zogen ihn im Wesentlichen zum Islam. Er gehörte zu den Medinensern, die nach Mekka gingen und beim letzten ʿAqaba-Treffen dem Gesandten Allahs den Treueid leisteten. Damit begann sein islamisches Leben. (Al-Isāba, 1/19.)
Nach der Hidschra stiftete der Gesandte Allahs zwischen Ubayy und dem Gefährten Saʿīd ibn Zayd, einem Mitglied der ʿAshara Mubashshara, eine Muʾāchāt- beziehungsweise Bruderschaftsbeziehung. (Sīrat Ibn Hishām, 2/505.) Nach al-Balādhurī wurde seine Bruderschaft mit Ṭalḥa ibn ʿUbaydullāh begründet. (Ansāb al-Ashrāf, 1/271.) Nach seiner Ankunft in Medina wohnte der Gesandte Allahs als Gast im Haus von Abū Ayyūb al-Anṣārī. Einer Überlieferung zufolge blieb seine Kamelstute jedoch vor dem Haus von Ubayy ibn Kaʿb stehen. (Ansāb al-Ashrāf, 1/267.)
Ubayy nahm an jedem Feldzug teil, den der Gesandte Allahs während seines Lebens von Badr bis zum Feldzug nach Tāʾif führte. (Al-Isāba, 1/19; Al-Aʿlām, 1/78.) Nachdem die Quraisch bei Badr besiegt worden waren und nach Mekka zurückkehrten, begannen sie eifrig Vorbereitungen für ihre Rache. Kurz vor der Schlacht von Uhud schickte der in Mekka lebende Onkel des Gesandten Allahs, al-ʿAbbās ibn ʿAbd al-Muṭṭalib, heimlich durch einen Mann aus dem Stamm Banū Ghifār einen Brief an den Gesandten Allahs. Darin informierte er ihn über alle Bewegungen der Quraisch. Der Mann übergab den Brief in Qubāʾ am Stadtrand von Medina. Der Gesandte Allahs ließ sich den Brief dort von Ubayy ibn Kaʿb vorlesen und befahl, seinen Inhalt geheim zu halten. (Ansāb al-Ashrāf, 1/314.) In dieser Schlacht von Uhud wurde Ubayy von einem Pfeil des Feindes verwundet. Der Gesandte Allahs schickte einen Arzt zu ihm. Dieser öffnete seine Ader und behandelte die Wunde mit Wärme.
Nach dem Ende der Schlacht von Uhud ordnete der Gesandte Allahs an, nach den Verwundeten und Gefallenen zu suchen. Schließlich sagte er: „Soll nicht einer von euch nach Saʿd ibn Rabīʿ sehen?“ Ein ansarischer Gefährte fand ihn schwer verwundet zwischen den Leichen der Märtyrer. Nach einigen Überlieferungen war dieser ansarische Gefährte Ubayy ibn Kaʿb. (Ḥayāt aṣ-Ṣaḥāba, 2/95.)
Kurz vor der Grabenschlacht schickte der Quraisch-Führer Abū Sufyān durch Abū Usāma al-Dschuschamī einen Brief an den Gesandten Allahs. Auch diesen Brief ließ der Gesandte Allahs von Ubayy vorlesen. (Ansāb al-Ashrāf, 1/370.) Ebenso entsandte der Gesandte Allahs im Radschab des zweiten islamischen Jahres unter der Führung von ʿAbdullāh ibn Dschahsch al-Asadī eine Truppe nach Nachla. Vor ihrem Aufbruch gab er ʿAbdullāh einen versiegelten Brief und sagte: „Öffne und lies diesen Brief, nachdem du zwei Nächte hintereinander marschiert bist, und handle nach seinen Anweisungen.“ Diesen Brief ließ der Gesandte Allahs von Ubayy schreiben. (Ansāb al-Ashrāf, 1/371.)
Als im neunten Jahr der Hidschra die Zakāt verpflichtend wurde, ernannte der Gesandte Allahs in verschiedenen Regionen Arabiens Zakāt-Eintreiber. Ubayy schickte er zu den Stämmen Balī, ʿAdhrāʾ und Banū Saʿd, um dort die Zakāt einzusammeln. Er erfüllte diese Aufgabe mit großer Gottesfurcht und Aufrichtigkeit. Einmal kam er in eine Siedlung, um die Zakāt einzusammeln. Nach der üblichen Regel brachte ein Mann seinen gesamten Viehbestand vor Ubayy, damit dieser auswählen konnte, was er nehmen wollte. Ubayy nahm aus der Kamelherde ein zweijähriges Jungtier. Der Zakāt-Pflichtige sagte: „Was soll man mit einem so kleinen Tier anfangen? Es gibt noch keine Milch und eignet sich auch nicht zum Reiten. Wenn du etwas nehmen willst, dann nimm diese kräftige, wohlgenährte Kamelstute.“ Ubayy erwiderte: „Das kann ich nicht tun. Ich kann nichts tun, was dem Befehl des Gesandten Allahs widerspricht. Medina ist von hier nicht allzu weit entfernt. Komm mit mir, und wir legen die Angelegenheit dem Gesandten Allahs vor. Was er sagt, danach werden wir handeln.“ Der Mann stimmte zu und kam mit seiner Kamelstute nach Medina. Nachdem der Gesandte Allahs ihre Worte gehört hatte, sagte er: „Wenn dies dein Wunsch ist, dann gib die Kamelstute; sie wird angenommen werden. Möge Allah dir dafür vergelten.“ Der Mann übergab sie zufrieden und kehrte nach Hause zurück. (Musnad, 5/142; Kanz al-ʿUmmāl, 3/309; Ḥayāt aṣ-Ṣaḥāba, 1/151.)
Nach dem Tod des Gesandten Allahs übernahm Abū Bakr das Kalifat. In dieser Zeit begann die bedeutende Arbeit der Sammlung und Zusammenstellung des edlen Qurʾān. Ubayy war der Leiter der Gruppe von Gefährten, der diese Aufgabe übertragen wurde. Er rezitierte die Qurʾān-Worte, während die anderen sie niederschrieben. Alle Mitglieder dieser Gruppe waren hochrangige Gelehrte. Deshalb kam es bisweilen zu Diskussionen und Auseinandersetzungen über einzelne Verse. Als der 127. Vers der Sura at-Tawba geschrieben wurde, sagten die anderen Mitglieder der Gruppe, dieser Vers sei der zuletzt offenbarte. Ubayy sagte: „Nein. Nach diesem Vers lehrte mich der Gesandte Allahs noch zwei weitere Verse. Der 128. Vers der Sura at-Tawba war der zuletzt offenbarte.“ (Musnad, 5/134.)
Nach dem Tod Abū Bakrs wurde ʿUmar sein Nachfolger. Während seines Kalifats führte er zahlreiche Maßnahmen zum Wohl der Allgemeinheit und viele Reformen ein. Der Schūrā-Rat war eine davon. Dieser Rat wurde aus angesehenen Muhādschirūn und Anṣār gebildet. Als Vertreter des Stammes Chazradsch war Ubayy Mitglied dieses Rates. (Kanz al-ʿUmmāl, 3/13.)
Während der gesamten Regierungszeit ʿUmars lebte Ubayy dauerhaft in Medina. Die meiste Zeit widmete er dem Studium und der Unterweisung. Wenn der Schūrā-Rat zusammentrat oder eine wichtige Angelegenheit aufkam, nahm der Kalif ʿUmar seine Argumente und seinen Rat an. Während des gesamten Kalifats ʿUmars bekleidete Ubayy das Amt des Iftāʾ. Ein anderes Amt übernahm er nicht. Einmal fragte er ʿUmar: „Warum ernennst du mich nicht zum Statthalter irgendeines Ortes?“ ʿUmar antwortete: „Ich möchte nicht sehen, dass deine Religion durch das Diesseits verdorben wird.“ (Kanz al-ʿUmmāl, 3/123.) Als ʿUmar das Tarāwīḥ-Gebet in Gemeinschaft einführte, ernannte er Ubayy zum Imām. (Buchārī, Kitāb Ṣalāt at-Tarāwīḥ.) ʿUmar ehrte ihn, fürchtete ihn aber auch. Er bat ihn um Fatwas.
Ubayy begleitete den Kalifen ʿUmar auf dessen Reise nach Bayt al-Maqdis. Er war auch bei der historischen Ansprache des Kalifen in Dschābiya anwesend. Den Vertrag, den ʿUmar mit den Bewohnern von Bayt al-Maqdis schloss, schrieb Ubayy nieder. (Al-Aʿlām, 1/78; Ṣifat aṣ-Ṣafwa, 1/188.)
Nach ʿUmar, während des Kalifats ʿUthmāns, breiteten sich in den verschiedenen Gebieten des Kalifats unterschiedliche Rezitationsweisen und Aussprachen des edlen Qurʾān aus. Der Kalif ʿUthmān wurde darüber besorgt und beschloss, diese Unterschiede zu beseitigen. Er ließ die besten Qurrāʾ zu sich kommen und hörte sich ihre Rezitationen einzeln an. Bei Ubayy ibn Kaʿb, ʿAbdullāh ibn ʿAbbās und Muʿādh ibn Dschabal stellte er jeweils gewisse Unterschiede in der Aussprache fest. Danach sagte er: „Ich möchte alle Muslime auf einen Qurʾān mit einheitlicher Aussprache einigen.“
Damals gab es unter den Quraisch und den Anṣār zwölf Männer, die den gesamten Qurʾān beherrschten. Der Kalif ʿUthmān übertrug diesen zwölf Männern diese verantwortungsvolle Aufgabe und ernannte Ubayy ibn Kaʿb zum Vorsitzenden dieses Ausschusses. Ubayy rezitierte die Wörter, und Zayd ibn Thābit schrieb sie nieder. Der Qurʾān, der heute auf der Erde vorhanden ist, ist im Wesentlichen eine Abschrift der Lesart Ubayys. (Kanz al-ʿUmmāl, 1/282–283.)
Über das Todesjahr Ubayys bestehen große Meinungsverschiedenheiten. Nach der bekanntesten Auffassung starb er während des Kalifats ʿUthmāns im Jahr 39 nach der Hidschra an einem Freitag. ʿUthmān leitete sein Totengebet, und er wurde in Medina beigesetzt. Nach Haytham ibn ʿAdī und anderen starb er bereits im Jahr 19 in Medina. Nach al-Wāqidī, Muḥammad ibn ʿAbdullāh und anderen starb er im Jahr 22. (Tadhkirat al-Ḥuffāẓ, 1/17; Shadharāt adh-Dhahab, 1/31.) Da jedoch aus verschiedenen Überlieferungen hervorgeht, dass er während des Kalifats ʿUthmāns an verschiedenen Unternehmungen beteiligt war, scheint die Auffassung, dass er im Jahr 39 starb, richtig zu sein.
Die genaue Zahl seiner Kinder ist nicht bekannt. Die Namen der bekannten Kinder sind: 1. Tufayl, 2. Muḥammad, 3. Rabīʿ und 4. Umm ʿUmar. Die beiden Erstgenannten wurden noch zu Lebzeiten des Gesandten Allahs geboren. Der Beiname seiner Ehefrau war Umm Tufayl. Sie war eine Ṣaḥābiyya; ihr Name findet sich auch in den Verzeichnissen der Frauen unter den Überlieferinnen von Hadithen.
Ubayy war von mittlerer Größe und schlanker, zierlicher Statur. Sein Teint war hell und leuchtend. Im Alter wurde sein Haar weiß, doch färbte er es nicht. (Al-Isāba, 1/19; Al-Aʿlām, 1/78; Tadhkirat al-Ḥuffāẓ, 1/17.) Er war etwas komfortliebend. Zu Hause saß er auf einem Polster. An der Wand seines Hauses hatte er einen Spiegel angebracht und kämmte sich regelmäßig mit dem Gesicht zu diesem Spiegel. Er war etwas rauer Natur und wurde gewöhnlich zornig, sobald er etwas hörte, das seiner Art widersprach. Auch ʿUmar hatte eine ähnliche Wesensart. Deshalb kam es zwischen den beiden gelegentlich zu Streitigkeiten. Verschiedene Überlieferungen berichten von zahlreichen solchen Auseinandersetzungen.
Einmal lehrte Ubayy einem Mann einen Vers. Als ʿUmar dessen Rezitation hörte, fragte er ihn: „Von wem hast du diese Lesart gelernt?“ Der Mann nannte Ubayy. Darauf ging ʿUmar mit ihm zu Ubayys Haus und erkundigte sich nach dem Vers. Ubayy sagte: „So habe ich ihn aus dem Mund des Gesandten Allahs gelernt.“ ʿUmar fragte zur weiteren Bestätigung: „Hast du ihn wirklich aus dem Mund des Gesandten Allahs gelernt?“ Ubayy antwortete: „Ja.“ Als ʿUmar die Frage wiederholte, wurde Ubayy zornig und sagte: „Bei Allah! Allah hat diesen Vers durch Gabriel in das Herz Muhammads hinabgesandt. Er hielt es nicht für nötig, darüber al-Chaṭṭāb und dessen Sohn zu konsultieren.“ Darauf hielt sich ʿUmar die Ohren zu und verließ sein Haus, während er den Takbīr sprach. (Kanz al-ʿUmmāl, 1/287.)
Von al-Ḥasan wird überliefert, dass ʿUmar ibn al-Chaṭṭāb mit Ubayys Rezitation eines Verses nicht übereinstimmte. Ubayy sagte zu ihm: „Während du auf dem Markt von Baqīʿ mit Kaufen und Verkaufen beschäftigt warst, hörte ich diesen Vers vom Gesandten Allahs.“ ʿUmar sagte: „Du hast die Wahrheit gesprochen. Ich wollte nur prüfen, wer die Wahrheit sagt.“
In einer anderen Überlieferung heißt es: Als Ubayy den 107. Vers der Sura al-Māʾida rezitierte, sagte ʿUmar: „Du lügst.“ Ubayy erwiderte: „Du bist ein größerer Lügner.“ Ein Mann sagte: „Du hast den Führer der Gläubigen einen Lügner genannt?“ Ubayy antwortete: „Ich ehre den Führer der Gläubigen mehr als dich; doch ich habe ihn in Bezug auf die Bestätigung des Buches Allahs einen Lügner genannt. Das heißt: Ich habe ihn hinsichtlich seiner Ablehnung des Buches Allahs nicht als wahrhaftig anerkannt.“ (Kanz al-ʿUmmāl, 1/285; Ḥayāt aṣ-Ṣaḥāba, 1/74.)
Einmal brachte Abū ad-Dardā eine große Gruppe von Bewohnern Syriens nach Medina, damit sie den Qurʾān lernten. Sie lernten bei Ubayy. Eines Tages rezitierte einer von ihnen vor ʿUmar den Qurʾān. ʿUmar wies ihn auf seinen Fehler hin. Der Mann sagte: „So hat mich Ubayy gelehrt.“ ʿUmar schickte einen Mann mit ihm und sagte: „Geh und hole Ubayy.“ Als sie zu Ubayys Haus kamen, sahen sie ihn, wie er ein Kamel fütterte. Sie sagten: „Der Führer der Gläubigen hat dich gerufen.“ Er fragte: „Weshalb?“ Sie erzählten ihm den Vorfall. Er wurde sehr zornig und sagte: „Werdet ihr denn nicht aufhören?“ Aus Zorn lief er mit dem Futter in der Hand zu ʿUmar.
ʿUmar hörte den Vers sowohl von Ubayy als auch von Zayd ibn Thābit. Ihre Lesarten wichen etwas voneinander ab, und ʿUmar bestätigte die Lesart Zayds. Da wurde Ubayy zornig und sagte: „Bei Allah, ʿUmar! Du weißt sehr wohl, dass ich mich im Inneren beim Gesandten Allahs aufhielt, während du draußen standest. Und heute behandelst du mich so! Bei Allah, wenn du willst, werde ich zu Hause sitzen, mit niemandem mehr sprechen und niemanden mehr den Qurʾān lehren, solange ich lebe.“ ʿUmar sagte: „Nein, tu das nicht. Lehre weiterhin eifrig das Wissen, das Allah dir gegeben hat.“ (Kanz al-ʿUmmāl, 1/285.)
Anas ibn Malik (r.a.)
Anas ibn Malik war ein berühmter Gefährte, Diener des Gesandten, Imam, Mufti, Lehrer des Qurans, Hadith-Gelehrter, angesehener Überlieferer, Ansari, Khazradschi und Madani. Seine Kunyas waren Abu Thumama und Abu Hamza. „Diener des Gesandten Allahs“ war sein Beiname. (Da’ira-i-Ma’arif Islamia 3/402; Tadhkirat al-Huffaz 1/44.) Anas sagte: „Ich pflückte eine Gemüsesorte namens Hamza. Als der Gesandte Allahs das sah, rief er mich liebevoll: ‚O Abu Hamza!‘ Seit jenem Tag wurde dies meine Kunya beziehungsweise mein Rufname.“ (Tarikh Ibn ‘Asakir 3/141.) Er wurde im Jahr 612 n. Chr., zehn Jahre vor der Hidschra, in Yathrib geboren, und zwar im Zweig Banu Nadschdschār des berühmten Stammes der Khazradsch. (Al-Isaba 1/71; Al-A’lam 1/365.) Dieser Stamm war der angesehenste unter den Ansar. Anas’ Vater war Malik ibn an-Nadr, seine Mutter Umm Sulaim Sahla bint Milhan al-Ansariyya. Umm Sulaim war die Tante mütterlicherseits des Gesandten Allahs. Die Abstammung der Mutter des Großvaters des Gesandten Allahs, Abd al-Muttalib – Salma bint ‘Amr –, verbindet sich über ‘Amir ibn Ghanam mit der mütterlichen Linie des Anas. (Usd al-Ghaba 1/127; Asahhus-Siyab 606.) Über den eigentlichen Namen Umm Sulaims bestehen unterschiedliche Auffassungen, etwa Sahla, Rumaila, Rumaisa, Sulaika und al-Faisa. (Sira Ibn Hischam 2/340.)
Anas’ Onkel Anas ibn an-Nadr fiel als Märtyrer in der Schlacht von Uhud. Die Ungläubigen hatten seinen Körper verstümmelt, indem sie ihn zerstückelten. An seinem Körper wurden insgesamt achtzig Verletzungsspuren gefunden. Außer einer seiner Schwestern konnte niemand die Leiche identifizieren. Anas sagte: „Ich wurde nach meinem Onkel Anas benannt.“ (Sira Ibn Hischam 2/83; Hayat as-Sahaba 1/504–505.) Anas’ mütterlicher Onkel Haram ibn Milhan erlitt bei dem tragischen Ereignis von Bi’r Ma’una den Märtyrertod. (Da’ira-i-Ma’arif Islamiyya 3/402.)
Als Anas acht oder neun Jahre alt war, nahm seine Mutter den Islam an. Aus Zorn und Hass zog sein Vater daraufhin nach Scham und starb dort als Ungläubiger. Seine Mutter heiratete Abu Talha zum zweiten Mal. Abu Talha war ein wohlhabender Mann aus dem Stamm der Khazradsch. Seine Mutter nahm den jungen Anas mit in das Haus Abu Talhas, wo er aufwuchs.
Anas berichtete über die Heirat seiner Mutter mit Abu Talha: Als Abu Talha Umm Sulaim einen Heiratsantrag machte, war er noch kein Muslim. Umm Sulaim sagte: „Abu Talha, weißt du nicht, dass der Gott, den du anbetest, aus Erde gemacht ist?“ Er antwortete: „Ja, das weiß ich.“ Umm Sulaim sagte weiter: „Schämst du dich nicht, einen Baum anzubeten? Wenn du den Islam annimmst, habe ich nichts dagegen, dich zu heiraten, und ich werde auch keine Brautgabe von dir verlangen.“ Abu Talha erhob sich mit den Worten: „Ich werde darüber nachdenken.“ Später kam er zurück und sprach: „Ich bezeuge, dass es keinen Gott außer Allah gibt und dass Muhammad der Gesandte Allahs ist.“ Darauf rief Umm Sulaim ihren Sohn Anas und sagte: „Anas, vollziehe die Eheschließung mit Abu Talha.“ So verheiratete Anas seine Mutter mit Abu Talha. (Hayat as-Sahaba 1/195–196.)
Vor dem Verbot des Weins wurden im Haus Abu Talhas Trinkgelage veranstaltet. Der junge Anas war dort für das Ausschenken zuständig und gewöhnte sich selbst an den Wein. Niemand hielt diesen Jungen vom Trinken ab. (Musnad 3/181.) Als Anas acht oder neun Jahre alt war, begann in Medina die Verkündigung des Islam. Der Stamm Banu Nadschdschār gehörte zu den ersten, die den Islam annahmen. Die meisten Angehörigen dieses Hauses waren bereits vor der Ankunft des Gesandten Allahs in Medina Muslime geworden. Auch Anas’ Mutter Umm Sulaim nahm schon vor dem dritten Treffen bei al-‘Aqaba den Islam an. Wie bereits erwähnt, verließ ihr Ehemann, der Vater des Anas, nach ihrem Übertritt seine Frau und sein Kind und zog nach Scham. Die verlassene Umm Sulaim erklärte sich bereit, Abu Talha zu heiraten, unter der Bedingung, dass auch er Muslim werde. Durch ihre Bemühungen nahm Abu Talha den Islam an, ging nach Mekka, nahm am dritten Treffen bei al-‘Aqaba teil und erlangte die Ehre, dem Gesandten Allahs den Treueid zu leisten. So wurde das Haus des Anas vom Licht des Glaubens erhellt. Seine selige Mutter Umm Sulaim war ein Leuchtfeuer des Islam, und ihr Ehemann ein hingebungsvoller Diener der Religion. In einer solchen Obhut wuchs Anas auf.
Als Anas zehn Jahre alt war, kam der edle Gesandte Allahs nach Medina. Obwohl Anas noch jung war, war er voller Begeisterung. Als der Gesandte Allahs von Quba nach Medina kam, stand Anas mit gleichaltrigen Kindern am Weg und sang Begrüßungslieder. Sie liefen umher und verkündeten den Bewohnern Medinas von Haus zu Haus: „Der Gesandte Allahs ist gekommen, Muhammad ist gekommen!“ Als sich die Menge einmal etwas von der Seite des Gesandten Allahs entfernte, konnte Anas sein gesegnetes Gesicht betrachten und wurde mit der Würde eines Gefährten geehrt.
Nach der bekanntesten Auffassung war Anas zehn Jahre alt, als der edle Gesandte Allahs nach Medina kam. Nachdem der Gesandte Allahs etwas zur Ruhe gekommen war, nahm seine Mutter ihn eines Tages an der Hand und brachte ihn zum Gesandten Allahs. Anas sagte darüber: „Meine Mutter nahm mich an der Hand, brachte mich zum Gesandten Allahs und sagte: ‚O Gesandter Allahs! Jeder Mann und jede Frau unter den Ansar hat dir irgendein Geschenk gemacht. Ich kann dir nichts Vergleichbares geben. Ich habe diesen Sohn; er kann schreiben, ist aber noch nicht erwachsen. Nimm ihn an. Er wird dir dienen.‘ Von jenem Tag an diente ich dem Gesandten Allahs zehn Jahre lang. Während dieser Zeit schlug er mich niemals, beschimpfte mich nicht, tadelte mich nicht und zeigte mir nie ein finsteres Gesicht. Als Erstes gab er mir folgenden Rat: ‚Mein Sohn, bewahre mein Geheimnis. Dann wirst du gläubig sein.‘ Wenn meine Mutter oder die Ehefrauen des Gesandten Allahs mich je nach seinen Geheimnissen fragten, sagte ich nichts. Ich gab keines seiner Geheimnisse preis.“ In einigen Überlieferungen heißt es allerdings, dass Abu Talha ihn zum Gesandten Allahs gebracht habe. (Tarikh Ibn ‘Asakir 3/141; Ansab al-Aschraf 1/506; Al-Isaba 1/71.)
Anas erfüllte bis zum letzten Lebenstag des Gesandten Allahs fast zehn Jahre lang äußerst gewissenhaft die Aufgabe, ihm zu dienen. Darauf war er sehr stolz. Noch vor dem Morgengebet erschien er im Dienst des Gesandten Allahs und kehrte mittags nach Hause zurück. Nach kurzer Zeit kam er wieder und kehrte nach dem Nachmittagsgebet erneut heim. In Anas’ Wohnviertel gab es eine Moschee, in der die Betenden auf ihn warteten. Sobald sie ihn sahen, stellten sie sich zum Nachmittagsgebet auf. (Musnad Ahmad 3/222.) Auch außerhalb dieser Zeiten war er stets bereit, jeden Auftrag des Gesandten Allahs auszuführen, und antwortete immer, wenn dieser ihn rief.
Eines Tages hatte Anas die notwendigen Aufgaben für den Gesandten Allahs erledigt und war mittags auf dem Heimweg. Unterwegs sah er gleichaltrige Jungen spielen. Das Spiel gefiel ihm, und er blieb stehen, um zuzusehen. Nach einiger Zeit sah er den Gesandten Allahs auf sie zukommen. Dieser grüßte zunächst die Jungen, nahm dann Anas’ Hand und schickte ihn mit einem Auftrag fort. Danach blieb er im Schatten einer Mauer stehen und wartete auf ihn. Als Anas zurückkehrte, ging der Gesandte Allahs nach Hause, und Anas machte sich ebenfalls auf den Heimweg. Weil er sich verspätet hatte, fragte seine Mutter, warum er so spät komme. Er antwortete: „Ich war wegen einer geheimen Angelegenheit des Gesandten Allahs unterwegs; deshalb habe ich mich verspätet.“ Die Mutter dachte, ihr Sohn verberge vielleicht die Wahrheit, und fragte: „Was für eine Angelegenheit?“ Anas antwortete: „Es ist ein Geheimnis, das ich niemandem sagen darf.“ Seine Mutter sagte: „Dann bewahre es als Geheimnis und verrate es niemandem.“ Anas bewahrte dieses Geheimnis sein ganzes Leben lang. Als sein herausragender Schüler Thabit ihn einmal danach fragte, sagte er: „Wenn ich es jemandem erzählen würde, würde ich es dir erzählen. Aber ich werde es niemandem sagen.“ (Al-Fath ar-Rabbani ma‘a Bulugh al-Amani 22/204; Hayat as-Sahaba 1/343; 2/503.)
Anas war stets beim Gesandten Allahs – zu Hause und auf Reisen, drinnen und draußen. Für ihn war kein besonderer Ort und keine bestimmte Zeit festgelegt. Vor der Offenbarung der Verse über den Hidschab ging er frei im Haus des Gesandten Allahs ein und aus. Anas sagte: „Ich kam in das Haus des Gesandten Allahs und ging auch zu den Reinen Ehefrauen im inneren Bereich. Eines Tages wollte ich gerade eintreten, da rief der Gesandte Allahs: ‚Anas, tritt zurück! Der Vers über den Hidschab ist offenbart worden.‘“ (Ansab al-Aschraf 1/464.) Anas sagte ferner: „An dem Tag, an dem ich geschlechtsreif wurde, teilte ich es dem Gesandten Allahs mit. Er sagte: ‚Von nun an darfst du Frauen nicht ohne Erlaubnis aufsuchen.‘ Anas sagte: „Kein Tag in meinem Leben war so schwer wie jener.“ (Tarikh Ibn ‘Asakir 3/144.)
Eines Tages sagte der Gesandte Allahs vor dem Morgengebet: „Ich beabsichtige heute zu fasten. Bring mir etwas zu essen.“ Anas brachte eilends einige Datteln und Wasser. Der Gesandte Allahs nahm damit das Frühmahl ein und bereitete sich auf das Morgengebet vor. (Musnad 3/197.) Al-Waqidi sagte: „Anas gehörte zu den Dienern des Gesandten Allahs, die sich niemals weit von seiner Tür entfernten.“ Abu Huraira sagte: „Ich dachte, Anas sei der Sklave des Gesandten Allahs.“ (Ansab al-Aschraf 1/485.)
Abu Darda (r.a.)
Sein Beiname war Abū ad-Dardā. Dieser Name geht auf den Namen seiner Tochter Dardā zurück, und unter diesem Namen ist er in der Geschichte bekannt. Über seinen eigentlichen Namen bestehen unterschiedliche Auffassungen: ʿĀmir oder ʿUwaimir. Nach al-Asmaʿī hieß er ʿĀmir, doch die Menschen nannten ihn ʿUwaimir; dies ist die bekannteste Auffassung. Manche sagten, ʿUwaimir sei sein Beiname gewesen. Auch über den Namen seines Vaters gibt es verschiedene Angaben, darunter Mālik, ʿĀmir, Thaʿlaba, ʿAbdullāh und Zaid. Seine Mutter soll Muḥabbaba oder Wāqida geheißen haben. Er stammte aus dem Zweig Bal-Hārith des bekannten medinensischen Stammes Chazradsch und war ungefähr gleich alt wie der Gesandte Allahs oder nur wenig jünger.
Er war einer der bedeutendsten Gelehrten, Reiter und Richter Arabiens. Vor seiner Annahme des Islams war er ein erfolgreicher Kaufmann in Medina. Danach gab er alles auf und widmete sich ganz der Anbetung Allahs. Er sagte selbst: „Vor dem Empfang der Prophetenschaft durch den Gesandten Allahs war ich Kaufmann. Als dann der Islam kam, versuchte ich, Handel und Anbetung miteinander zu verbinden. Doch beides ließ sich nicht vereinbaren. Deshalb gab ich den Handel auf und widmete mich der Anbetung.“ Schließlich empfand er eine starke Abneigung gegen den Handel. Er sagte oft, selbst wenn er vor der Prophetenmoschee ein Geschäft besäße, täglich vierzig Dinar Gewinn machte, diesen als Almosen spendete und dadurch kein Gemeinschaftsgebet versäumte, würde er einen solchen Handel dennoch nicht mögen. Als man ihn nach dem Grund fragte, antwortete er: aus Furcht vor der schweren Abrechnung am Tag des Jüngsten Gerichts.
Nach seiner Annahme des Islams erlangte er unter den Gefährten besondere Berühmtheit durch Tapferkeit, Gottesfurcht und seine Abkehr von weltlichem Luxus. Der Gesandte Allahs bestätigte seine Weisheit und seine Reitkunst. Er sagte: „ʿUwaimir ist der Weise meiner Gemeinschaft“ und: „Wie vortrefflich ist der Reiter ʿUwaimir!“ Viele seiner weisen Aussprüche sind in verschiedenen Büchern überliefert. Daher sagte Imam Ibn al-Dschazarī über ihn: „Er gehörte zu den weisen Gelehrten.“
Über den Zeitpunkt seiner Islamannahme gibt es unterschiedliche Berichte. Saʿīd ibn ʿAbd al-ʿAzīz sagte, er habe am Tag der Schlacht von Badr den Islam angenommen; andere sagten, dies sei erst nach Badr geschehen. Nach einer weiteren Überlieferung war er der Letzte seiner Familie, der den Islam annahm, wurde aber später ein guter Muslim. Obwohl er so klug war, wartete er bis zum zweiten Jahr nach der Hidschra. Seine Annahme des Islams erfolgte nicht aus bloßer Nachahmung, sondern nach reiflicher Überlegung und bewusster Prüfung. Wegen dieses einen Jahres, das er versäumt hatte, empfand er sein ganzes Leben lang Reue. Er sagte oft: „Die Knechtschaft unter einer Begierde für einen Augenblick bringt lang andauernde Reue hervor.“
In der vorislamischen Zeit verband ihn mit dem berühmten Märtyrer und Gefährten ʿAbdullāh ibn Rawāḥa eine enge Freundschaft und brüderliche Beziehung. ʿAbdullāh nahm früh den Islam an, während Abū ad-Dardā am Götzendienst festhielt. Dennoch blieb ihre Freundschaft bestehen, und ʿAbdullāh bemühte sich unermüdlich, ihn zum Islam einzuladen. Schließlich nahm Abū ad-Dardā durch seine Bemühungen den Islam an.
Die Bücher berichten, dass Abū ad-Dardā eines Morgens zu seinem Götzen ging, der im besten Zimmer des Hauses stand. Er ehrte ihn, salbte ihn mit dem besten Duftöl aus seinem großen Geschäft und bedeckte ihn mit einem kostbaren seidenen Gewand, das ihm ein Händler aus Jemen geschenkt hatte. Danach ging er zu seinem Geschäft. Unterwegs sah er, wie die Gefährten Muḥammads in großer Zahl von Badr zurückkehrten und die Gefangenen der Quraisch vor ihnen hergeführt wurden. Ein junger Mann aus dem Stamm Chazradsch berichtete ihm, dass ʿAbdullāh ibn Rawāḥa in Badr tapfer gekämpft habe und sicher nach Medina zurückgekehrt sei.
Währenddessen ging ʿAbdullāh zum Haus seines Bruders Abū ad-Dardā. Dessen Frau saß dort und kämmte ihr Haar. Nachdem sie ihn begrüßt hatte, fragte er nach Abū ad-Dardā. Sie sagte, er sei gerade hinausgegangen, und beschäftigte sich dann mit einer anderen Arbeit. ʿAbdullāh nahm einen Hammer, ging in das Zimmer des Götzen und zerschlug ihn, während er ein Gedicht über die Nichtigkeit der Götzen rezitierte. Es endete mit den Worten: „Seid gewarnt! Alles, was außer Allah angerufen wird, ist nichtig und wertlos.“ Die Frau schrie: „O Ibn Rawāḥa, du hast mich zugrunde gerichtet!“ ʿAbdullāh antwortete nicht und ging hinaus, als sei nichts geschehen.
Als Abū ad-Dardā heimkehrte, fand er seine Frau weinend. Zunächst geriet er in heftige Erregung. Dann dachte er tief nach und sagte zu sich: „Wenn dieser Götze wirklich irgendeinen Nutzen besäße, hätte er sich selbst geschützt.“ Danach ging er gemeinsam mit ʿAbdullāh ibn Rawāḥa zum Gesandten Allahs und nahm den Islam an. Der Gesandte Allahs begründete außerdem seine religiöse Bruderschaft mit Salmān al-Fārisī.
Während Badr war Abū ad-Dardā noch Nichtmuslim und nahm deshalb nicht an der Schlacht teil. In der Schlacht von Uhud war er Muslim und spielte als Reiter eine bedeutende Rolle. Der Gesandte Allahs befahl ihm einmal, eine feindliche Reitergruppe zurückzutreiben; allein vertrieb er sie. Darauf sagte der Gesandte Allahs: „Wie vortrefflich ist der Reiter ʿUwaimir!“ An allen weiteren Schlachten und Feldzügen nahm er ebenfalls teil, auch wenn Einzelheiten über seine Rolle nicht überliefert sind.
Nach dem Tod des Gesandten Allahs blieb Abū ad-Dardā während des Kalifats Abū Bakrs in Medina. Unter dem Kalifat ʿUmars zog er nach Syrien und ließ sich dauerhaft in Damaskus nieder. Als Gründe werden genannt, dass ihn die Erinnerungen an den Gesandten Allahs in Medina schmerzten, dass er die Verbreitung des islamischen Wissens als Pflicht der Erben des Propheten erkannte und dass er gehört hatte, die Lampe des Glaubens werde in den Zeiten der Versuchung in Syrien bewahrt.
Eine bekannte Überlieferung berichtet, dass ʿUmar ihm die Ausreise nur unter der Bedingung erlaubte, ein öffentliches Amt zu übernehmen. Abū ad-Dardā wollte kein Herrscher sein, erklärte sich aber bereit, den Menschen Koran und Hadith zu lehren und sie im Gebet zu führen. Deshalb ging er nach Damaskus. Dort widmete er den größten Teil seiner Zeit dem Unterricht in Koran und Hadith, der Erziehung zu den Regeln der Scharia und der Anbetung. Obwohl in Syrien bei vielen Gefährten Spuren von Wohlstand sichtbar wurden, bewahrte Abū ad-Dardā ein völlig schlichtes und ungekünsteltes Leben.
Während des Kalifats ʿUthmāns ernannte Muʿāwiya ibn Abī Sufyān ihn zum Richter von Damaskus. Wenn Muʿāwiya verreiste, setzte er Abū ad-Dardā als seinen Stellvertreter ein. Es war das erste Richteramt von Damaskus.
Abū ad-Dardā hatte zwei Ehefrauen: Umm ad-Dardā al-Kubrā, Chazrāʾ bint Abī Ḥadrad al-Aslamī, eine berühmte Gefährtin, kluge Rechtsgelehrte und große Gottesdienerin, sowie Umm ad-Dardā as-Sughrā, Hazīma al-Waṣṣābiya, die keine Gefährtin war. Er hatte mehrere Kinder, darunter Bilāl, Yazīd, Dardā und Nusaiba. Sein Sohn Bilāl war als Bilāl Abū Muḥammad ad-Dimaschqī bekannt und später Richter von Damaskus. Seine Tochter Dardā heiratete den berühmten Nachfolger Ṣafwān ibn ʿAbdullāh al-Quraschī. Als Yazīd ibn Muʿāwiya um ihre Hand anhielt, lehnte Abū ad-Dardā ab und verheiratete sie stattdessen mit einem einfachen, frommen Muslim. Er erklärte, er fürchte um ihre Religion, wenn sie inmitten von Dienern und großem Besitz leben würde.
Über sein Todesjahr gibt es unterschiedliche Angaben: 31, 32, 33 oder 34 nach der Hidschra. Nach der bekanntesten Auffassung starb er im Jahr 32 nach der Hidschra, entsprechend 652 n. Chr., in Damaskus. Er wurde nahe dem Bāb aṣ-Ṣaghīr begraben; auch seine Ehefrau Umm ad-Dardā soll neben ihm beigesetzt worden sein.
Seine letzten Augenblicke waren von großer Furcht vor Allah geprägt. Er weinte heftig. Als seine Frau ihn fragte, warum er als Gefährte des Gesandten Allahs so weine, antwortete er: „Warum sollte ich nicht weinen? Allah weiß am besten, wie ich gerettet werden kann.“ Er rief seinen Sohn Bilāl und sagte ihm, dass auch er eines Tages in eine solche Lage kommen werde und sich darauf vorbereiten müsse. Als der Tod näher kam, nahmen seine Unruhe und sein Weinen zu. Er bat darum, ihm die Worte des Glaubens einzuflüstern, sprach sie nach und starb.
Abū ad-Dardā gehörte zu den gelehrten Gefährten. Die Gefährten ehrten ihn hoch. ʿAbdullāh ibn ʿUmar sagte, man solle über die beiden tätigen Gelehrten Muʿādh und Abū ad-Dardā sprechen. Muʿādh ibn Dschabal empfahl vor seinem Tod, nach ihm bei Abū ad-Dardā, Salmān, Ibn Masʿūd und ʿAbdullāh ibn Salām Wissen zu suchen. Abū Dharr al-Ghifārī sagte zu ihm: „Unter der Erde und unter dem Himmel gibt es keinen Gelehrteren als dich.“
Wegen seines umfangreichen Wissens kamen wissbegierige Schüler aus vielen Gegenden zu seinem Lehrkreis. Er ermutigte die Menschen zum Erwerb von Wissen und sagte: „Seid entweder Gelehrte, Lernende, Menschen, die die Gelehrten lieben, oder ihre Anhänger. Seid nichts Fünftes, sonst geht ihr zugrunde.“ Das Fünfte sei der Neuerer in der Religion. Er sagte auch, eine Stunde des Nachdenkens sei besser als eine ganze Nacht der Anbetung.
Nach dem Morgengebet setzte er sich in der Hauptmoschee zum Unterricht. Die Schüler saßen um ihn, stellten Fragen und erhielten Antworten. Sein wichtigstes Fach war der Unterricht im Koran. Er gehörte zu denjenigen, die den gesamten Koran zu Lebzeiten des Gesandten Allahs auswendig gelernt und gesammelt hatten. In Damaskus wurde sein Lehrzentrum zu einer der bedeutendsten Koran-Schulen. Er teilte die Schüler in Gruppen ein, setzte für jede Gruppe einen Koranrezitator ein und beaufsichtigte den Unterricht. Es sollen bis zu 1.600 Schüler aus diesem Zentrum hervorgegangen sein.
Auch in der Hadithwissenschaft war er bedeutend. Viele Gefährten und zahlreiche gelehrte Nachfolger überlieferten von ihm. Die Zahl der von ihm überlieferten Hadithe wird mit 179 angegeben; davon finden sich dreizehn im Ṣaḥīḥ al-Buchārī und acht im Ṣaḥīḥ Muslim. Auch in der Rechtswissenschaft besaß er eine herausragende Stellung. Er war bekannt für seine Frömmigkeit, Wahrhaftigkeit, Bescheidenheit, Freigebigkeit und Gastfreundschaft.
Er mied Streit, Aufruhr und übermäßige Geselligkeit. Er sagte, man solle sich von den Versammlungen auf den Märkten fernhalten, da sie zu Spiel und unnützem Zeitvertreib führten. Zugleich war er freundlich, lächelte oft und begegnete den Menschen heiter. Er pflanzte in eigener Hand Bäume im Hof der Moschee und verrichtete einfache Arbeiten selbst. Niemand, der zu ihm kam, sollte ohne Versorgung oder Wegzehrung fortgehen.
Er war äußerst genügsam und betrachtete diese Welt als die Unterkunft eines Reisenden. Er sagte, Armut, Krankheit und Tod seien ihm lieb: den Tod wegen der Begegnung mit seinem Herrn, die Armut wegen der Demut vor Ihm und die Krankheit als Sühne für die Sünden. Er pflegte häufig Allahs zu gedenken, nach jedem Pflichtgebet dreiunddreißigmal den Tasbīḥ, dreiunddreißigmal den Taḥmīd und vierunddreißigmal den Takbīr zu sprechen. Er ermahnte die Menschen, Allah in Zeiten des Wohlstands zu gedenken, damit Allah ihnen in Zeiten der Not beistehe.
Sein ganzes Leben war dem Lehren und Verbreiten des Buches Allahs und der Sunna des Propheten gewidmet. Bis zu seinem letzten Augenblick bewahrte er den Eifer, Hadithe weiterzugeben. In verschiedenen Büchern sind viele seiner weisen Aussprüche, seiner Gottesfurcht, seiner Askese, seiner Aufrichtigkeit und seiner Liebe zum Gesandten Allahs überliefert. Seine Vorzüge sind so zahlreich, dass sie in einem kurzen Artikel nicht vollständig dargestellt werden können.وَلِمَنْ خَافَ مَقَامَ رَبِّهِ جَنَّتَانِWerden darin auch der Ehebrecher und der Dieb eingeschlossen sein? Er antwortete: Wenn er Furcht vor seinem Herrn hätte, wie könnte er dann Ehebruch begehen oder stehlen?
In der Sure الْقَلَمِ wird über einen Ungläubigen gesagt: عُتُلٍّ بَعْدَ ذَٰلِكَ زَنِيمٍ Über die Bedeutung des Wortes „ʿutull“ haben die Koranexegeten verschiedene Aussagen gemacht. Abū ad-Dardā gab ihm eine umfassende Bedeutung. Er sagte: Einen Menschen mit großem Bauch und kräftigem Hals, der übermäßig isst und trinkt, Vermögen anhäuft und äußerst geizig ist, nennt man „ʿutull“.
Ebenso kommt in der Sure aṭ-Ṭāriq السَّرَائِرُ das Wort vor. Auch diesem Wort gab Abū ad-Dardā eine besondere Bedeutung.
Nachdem die geehrten Gefährten dem Lehren und Dienen am Wort Allahs, dem erhabenen Koran, große Bedeutung beigemessen hatten, widmeten sie sich besonders der Verbreitung und Weitergabe der Hadithe des Gesandten Allahs. Abū ad-Dardā erfüllte diese Aufgabe in vorbildlicher Weise. Bei der Überlieferung von Hadithen hatte er eine besondere Ausdrucksweise. At-Tabarānī überliefert von Idrīs al-Chawlānī, der sagte: „Ich sah Abū ad-Dardā. Wenn er einen Hadith des Gesandten Allahs überliefert hatte, sagte er: ‚So oder so ähnlich oder in dieser Bedeutung.‘“
Ibn ʿAsākir berichtet von Ibrāhīm ibn ʿAbd ar-Raḥmān ibn ʿAwf: Der Kalif ʿUmar ließ einige bedeutende Gefährten zu sich rufen, darunter ʿAbdullāh ibn Ḥudhaifa, Abū ad-Dardā, Abū Dharr und ʿUqba ibn ʿĀmir. Als sie erschienen, fragte er: „Was ist das, was ihr im Namen der Hadithe des Gesandten Allahs verbreitet?“ Sie fragten: „Verbietest du uns, sie zu verbreiten?“ ʿUmar antwortete: „Nein. Doch bleibt bei mir. Ich werde von euch annehmen oder zurückweisen; darin wissen wir mehr.“
Einmal überlieferte Abū ad-Dardā Saʿdān ibn Ṭalḥa einen Hadith. In der Moschee von Damaskus befand sich damals auch der freigelassene Diener des Gesandten Allahs, Thawbān. Um sich zu vergewissern, fragte Saʿdān ihn nach diesem Hadith. Thawbān sagte: „Abū ad-Dardā hat die Wahrheit gesprochen. Auch ich war damals beim Gesandten Allahs anwesend.“
Muʿādh ibn Dschabal überlieferte kurz vor seinem Tod einen Hadith und sagte, wer dafür einen Zeugen brauche, solle ʿUwaimir, also Abū ad-Dardā, fragen. Die Menschen gingen zu ihm. Nachdem er den Hadith gehört hatte, sagte er: „Mein Bruder Muʿādh hat die Wahrheit gesprochen.“
Die geehrten Gefährten pflegten, wenn sie einander trafen, über die Hadithe des Gesandten Allahs zu sprechen. Bei einer Zusammenkunft waren Abū ad-Dardā, ʿUbāda ibn aṣ-Ṣāmit, al-Ḥārith al-Kindī und al-Miqdād ibn Maʿdīkarib anwesend. Abū ad-Dardā fragte ʿUbāda, ob der Gesandte Allahs während jener Schlacht etwas über den fünften Teil der Beute gesagt habe. ʿUbāda erinnerte sich daran und schilderte den gesamten Vorgang.
Das gesamte Leben Abū ad-Dardās verging mit dem Lehren und Verbreiten des Wortes Allahs und der prophetischen Hadithe. Kurz vor seinem Tod versammelte er die verschiedenen Bevölkerungsschichten der Stadt und hinterließ ihnen als letzte Ermahnung, das Gebet ordnungsgemäß zu verrichten. Den größten Teil seines Hadithwissens hatte er unmittelbar vom Gesandten Allahs erhalten. Nach dessen Tod überlieferte er auch einige Hadithe von Zaid ibn Thābit und ʿĀʾischa.
Der Kreis seiner Schüler und derjenigen, die von ihm Hadithe überlieferten, war nicht sehr groß. Bedeutende Gefährten wie Anas ibn Mālik, Fuḍāla ibn ʿUbaid, Abū Umāma, ʿAbdullāh ibn ʿUmar, ʿAbdullāh ibn ʿAbbās und Umm ad-Dardā überlieferten von ihm. Zahlreiche berühmte Gelehrte unter den Nachfolgern erwarben bei ihm Hadithwissen und überlieferten durch ihn. Zu ihnen gehörten Saʿīd ibn al-Musayyib, Bilāl ibn Abī ad-Dardā, ʿAlqama ibn Qais, Abū Murra, der Freigelassene von Umm Hāniʾ, Abū Idrīs al-Chawlānī, Dschubair ibn Nufair, Suwaid ibn Ghafala, Zaid ibn Wahb, Maʿdān ibn Abī Ṭalḥa, Abū Ḥabība at-Tāʾī, Abū aṣ-Ṣafār al-Ḥimyarī, Abū Salama ibn ʿAbd ar-Raḥmān, Ṣafwān ibn ʿAbdullāh und weitere.
Die Zahl der von Abū ad-Dardā überlieferten Hadithe, die in den verschiedenen Hadithwerken zu finden sind, beträgt 179. Davon wurden dreizehn im Ṣaḥīḥ al-Buchārī und acht im Ṣaḥīḥ Muslim aufgenommen.
Auch in der Rechtswissenschaft besaß er eine besondere Stellung. Menschen kamen aus weit entfernten Gegenden zu ihm, um Rechtsfragen zu erfragen. Ein Mann reiste eigens von Kufa nach Damaskus, um eine Frage zu klären. Er hatte zunächst nicht heiraten wollen, heiratete jedoch auf Drängen seiner Mutter. Nachdem zwischen ihm und seiner Frau eine tiefe Liebe entstanden war, verlangte die Mutter erneut, dass er sich von seiner Frau scheiden lasse. Er wollte dies nicht. Abū ad-Dardā sagte zu ihm: „Ich werde dir nicht ausdrücklich befehlen, die Beziehung zu deiner Mutter oder zu deiner Frau abzubrechen. Ich werde dir weder die Scheidung befehlen noch den Ungehorsam gegenüber deiner Mutter erlauben. Wenn du willst, kannst du dich scheiden lassen; du kannst aber auch in deinem jetzigen Zustand bleiben. Vergiss jedoch nicht, dass der Gesandte Allahs die Mutter als eines der Tore zum Paradies bezeichnet hat.“
Abū ad-Dardā war von Natur aus ehrlich und wahrhaftig. Die islamische Lehre ließ diese Eigenschaften noch heller und klarer hervortreten. Abū Dharr al-Ghifārī, der für seine offene und unabhängige Art bekannt war, sagte zu ihm, selbst wenn er den Gesandten Allahs nicht getroffen oder erst nach dessen Tod den Islam angenommen hätte, würde er dennoch zu den rechtschaffenen Muslimen gehören. Dies war ein großes Zeugnis für die Reinheit seines Charakters.
Aus Furcht vor Allah bebte sein Körper. Einmal sagte er auf der Kanzel: „Ich fürchte den Tag, an dem Allah mich fragen wird: Hast du nach deinem Wissen gehandelt? Dann wird jeder Vers des Korans lebendig vor mir stehen und mich fragen, wie viel ich von Allahs Anweisungen befolgt habe. Die gebietenden Verse werden gegen mich Zeugnis ablegen und sagen: Er hat nichts davon getan. Dann wird gefragt werden: Wie weit hast du dich von den Verboten ferngehalten? Die verbietenden Verse werden sagen: Er hat nichts davon unterlassen. O ihr Menschen, werde ich an jenem Tag gerettet sein?“
Er fürchtete stets das Jenseits. Er sagte: „Wenn ihr wüsstet, was nach dem Tod geschieht, könntet ihr nicht mehr zufrieden essen und trinken und würdet kein Haus betreten, um euch vor der Sonne zu schützen. Vielmehr würdet ihr hinausgehen, euch auf die Brust schlagen und weinen.“ Er hielt sich von Aufruhr und Streit fern, war bescheiden, gastfreundlich und freigebig und betrachtete den Besitz dieser Welt als eine vorübergehende Last.
In der Anbetung hielt er neben den fünf Pflichtgebeten und dem nächtlichen Gebet drei Dinge besonders streng ein: Er fastete jeden Monat drei Tage, verrichtete das Witr-Gebet und betete sowohl zu Hause als auch auf Reisen das Duḥā-Gebet. Nach jedem Pflichtgebet sprach er dreiunddreißigmal den Tasbīḥ, dreiunddreißigmal den Taḥmīd und vierunddreißigmal den Takbīr. Er sagte, hundertmal den Takbīr zu sprechen sei ihm lieber als hundert Dinar zu spenden.
Er lehrte, in Zeiten des Wohlstands Allah zu gedenken, damit Allah den Menschen in Zeiten der Not gedenke. Er sagte, man solle über das Ende jeder weltlichen Sache nachdenken. Er lehrte den Menschen auch, sowohl das Sprechen als auch das Schweigen zu lernen, mehr zuzuhören als unnötig zu reden und sich von den Marktversammlungen fernzuhalten.
Er blieb freundlich und lächelte häufig. Seine Frau hielt sein häufiges Lächeln manchmal für unvereinbar mit seiner Würde, doch er erwiderte, der Gesandte Allahs habe beim Sprechen ebenfalls sanft gelächelt. Er war schlicht und ungekünstelt, pflanzte eigenhändig Bäume im Hof der Moschee und verrichtete einfache Arbeiten selbst. Er war außerordentlich gastfreundlich und versorgte seine Gäste trotz eigener Bedürftigkeit. Wenn ein Gast abreisen wollte, gab er ihm Wegzehrung mit.
Sein Herz war weich und großzügig. Er hasste es, jemanden zu beschimpfen. Als er einmal Menschen sah, die einen Mann beschimpften, sagte er: „Wenn jemand in einen Brunnen fällt, sollte man ihn herausziehen. Beschimpfen bringt keinen Nutzen. Seid vielmehr dankbar, dass Allah euch vor dieser Sünde bewahrt hat.“ Als man ihn fragte, ob er den Mann für schlecht halte, antwortete er: „An sich ist in ihm kein Übel; nur diese Tat ist schlecht. Wenn er sie aufgibt, ist er wieder mein Bruder.“
Er pflegte enge Freundschaften, besonders mit seinem religiösen Bruder Salmān al-Fārisī. Als zwei Besucher aus Syrien Salmān in Madaʾin aufsuchten und ihm Grüße von Abū ad-Dardā überbrachten, sagte Salmān: „Was könnte ein besseres Geschenk sein als der Friedensgruß?“ Abū ad-Dardā pflegte auch für seine vielen religiösen Freunde zu beten. Seine Frau berichtete, dass er in seinen Gebeten für 360 Freunde auf Allahs Weg bat.
Er liebte den Gesandten Allahs innig. Zu dessen Lebzeiten schlief er nachts vor seiner Tür, damit der Gesandte Allahs ihn bei Bedarf wecken und mit einer Aufgabe betrauen konnte. Viele eindrucksvolle Berichte über seine Gottesfurcht, seine Askese, seine Wahrhaftigkeit, seine Liebe zum Wissen und seine Abkehr vom weltlichen Luxus sind in den Büchern überliefert. Seine Vorzüge und Tugenden sind so zahlreich, dass sie in einem kurzen Aufsatz nicht vollständig wiedergegeben werden können.
Hazrat Hudhaifa ibn al-Yaman (r.a.)
Sein eigentlicher Name war Hudhaifa, sein Beiname Abu ʿAbdillah und sein Ehrentitel „Sahib as-Sirr“. Er stammte aus dem Zweig ʿAbs des Stammes Ghatafan. Deshalb wurde er auch al-ʿAbsī genannt. Sein Vater hieß Husail, nach anderer Auffassung Hasal ibn Dschabir. Seine Mutter war Rabah bint Kaʿb ibn ʿAdī ibn ʿAbd al-Aschhal, die Tochter des Zweiges ʿAbd al-Aschhal des medinensischen Ansar-Stammes Aus. Ibn Hadschar sagte: „Dieser Hudhaifa war einer der herausragendsten Gefährten.“ (Al-Isaba 1/317; Al-Istiʿab, Randbemerkungen zu Al-Isaba 1/277.)
Hudhaifas Vater Husail gehörte ursprünglich zum Stamm Banū ʿAbs in Mekka. In vorislamischer Zeit tötete er einen Mann aus seinem Stamm, floh deshalb aus Mekka und suchte in Yathrib Zuflucht. Dort schloss er zunächst ein Bündnis mit dem Stamm Banū ʿAbd al-Aschhal und ging später eine Heiratsverbindung mit ihm ein, woraufhin er dort blieb. Die ursprüngliche Abstammung der Ansar-Stämme von Medina führte im Wesentlichen auf den Jemen zurück. Da Husail eine Frau aus diesem Stamm heiratete, bezeichneten die Angehörigen seines Stammes ihn als „al-Yaman“. Daher wurde sein Sohn Hudhaifa ibn al-Yaman genannt. (Siehe: Schadscharat adh-Dhahab 1/44; Al-Isaba 1/317; Tahdhib at-Tahdhib 2/193.) Aus der Ehe al-Yamans mit einer Frau aus dem Stamm ʿAbd al-Aschhal gingen folgende Kinder hervor: 1. Hudhaifa, 2. Saʿd, 3. Safwan, 4. Mudlidsch und 5. Layla. In der Geschichte sind sie als die Nachkommen al-Yamans bekannt.
Allmählich verschwanden die Hindernisse und Ängste, die al-Yaman an der Einreise nach Mekka gehindert hatten. Bisweilen reiste er zwischen Mekka und Yathrib hin und her, hielt sich jedoch überwiegend in Yathrib auf. Unterdessen begann der ehrwürdige Gesandte Allahs, in Mekka zum Islam aufzurufen. Schließlich erschien Hudhaifas Vater al-Yaman mit elf Männern aus Banū ʿAbs beim Gesandten Allahs und nahm den Islam an. Der ehrwürdige Gesandte Allahs war zu diesem Zeitpunkt noch nicht von Mekka nach Medina ausgewandert. Somit war Hudhaifa seiner Herkunft nach ein Mekkaner, wurde jedoch in Medina geboren und wuchs dort auf. (Suwar min hayat as-sahaba 4/122.)
Hudhaifas Vater al-Yaman nahm in der frühen Zeit des Islams in Mekka den Islam an. Zusammen mit ihm nahm auch seine Mutter den Islam an. So wuchs Hudhaifa im Schoß muslimischer Eltern auf und wurde Muslim, noch bevor er das Glück hatte, den ehrwürdigen Gesandten Allahs zu sehen. Unter den Geschwistern waren nur er und Safwan dieser Ehre teilhaftig. Nach seinem Übertritt zum Islam erwachte in ihm der Wunsch, den Gesandten wenigstens einmal zu sehen. Dieser Wunsch wurde von Tag zu Tag stärker. Immer wieder fragte er diejenigen, die den Gesandten gesehen hatten, nach seinem Aussehen, seinen Gesichtszügen, seinen Eigenschaften und seinem Wesen.
Schließlich erschien er eines Tages tatsächlich beim Gesandten Allahs in Mekka und fragte ihn nach seiner Meinung über Hidschra und Nusra. Der Gesandte gab ihm die freie Wahl zwischen beiden. Hudhaifa sagte: „Der Gesandte Allahs gab mir die Freiheit, zwischen Hidschra und Nusra – dem Aufenthalt unter den Auswanderern oder unter den Ansar – zu wählen. Ich wählte die Nusra.“ (Usud al-Ghaba 1/394; Tahdhib at-Tahdhib 2/193; Al-Isaba 1/318.) In einer anderen Überlieferung heißt es: Bei ihrer ersten Begegnung in Mekka fragte er: „O Gesandter Allahs, bin ich ein Muhadschir oder ein Ansari?“ Der Gesandte antwortete: „Du kannst eines von beiden wählen.“ Er sagte: „O Gesandter Allahs, ich werde ein Ansari sein.“ (Suwar min hayat as-sahaba 4/123–124.)
Nachdem der ehrwürdige Gesandte Allahs von Mekka nach Medina gekommen war, führte er die Einrichtung der Muʾakhāt, der religiösen Bruderschaft, ein. Er erklärte Hudhaifa und ʿAmmar ibn Yasir zu Brüdern im Glauben. (Sira Ibn Hischam 1/506.)
Hudhaifa nahm nicht an der Schlacht von Badr teil. Ibn Saʿd führt ihn unter den Gefährten auf, die nicht an Badr teilgenommen hatten. (Tarikh Ibn ʿAsakir 1/94.) Über den Grund, weshalb Hudhaifa und sein Vater nicht an dieser Schlacht teilnahmen, berichtete er selbst: „Nichts hinderte mich daran, an Badr teilzunehmen. Doch als ich damals mit meinem Vater außerhalb von Medina auf dem Weg zurück in unsere Heimat war, versperrten uns die ungläubigen Quraisch den Weg und fragten: ‚Wohin wollt ihr?‘ Wir sagten: ‚Nach Medina.‘ Sie erwiderten: ‚Ihr wollt also gewiss zu Muhammad?‘ Wir sagten: ‚Wir gehen lediglich nach Medina und haben kein anderes Ziel.‘ Schließlich ließen sie uns weiterziehen, jedoch unter der Bedingung, dass wir Muhammad in Medina in keiner Weise im Kampf gegen die Quraisch unterstützen würden. Nachdem wir ihnen entkommen waren, erreichten wir Medina, erzählten dem Gesandten Allahs von unserem Versprechen gegenüber den Quraisch und fragten: ‚Was sollen wir nun tun?‘ Er sagte: ‚Haltet euer Versprechen. Wir aber werden Allah um den Sieg über sie bitten.‘“ (Tarikh al-Islam von adh-Dhahabi 2/153; Sahih Muslim 2/89; Tahdhib at-Tahdhib 2/193; Al-Isaba 1/317.)
Hudhaifa nahm zusammen mit seinem Vater an der Schlacht von Uhud teil. Er kämpfte mit großer Tapferkeit und kehrte sicher nach Medina zurück. Sein greiser Vater jedoch erlitt den Märtyrertod – und zwar durch die Hand muslimischer Soldaten. Die Begebenheit war folgende:
Während der Schlacht von Uhud waren sein Vater al-Yaman und Thabit ibn Waqsch bereits alt geworden. Vor der Schlacht brachte man die Frauen und Kinder in eine sichere Festung und stellte die beiden Greise zu deren Schutz ab. Als die Schlacht heftiger wurde, sagte al-Yaman zu seinem Gefährten Thabit: „Möge dein Vater zugrunde gehen! Worauf warten wir noch? Wie das kurze Leben eines durstigen Esels neigt sich auch unser aller Leben dem Ende zu. Wir werden höchstens noch heute oder morgen leben. Sollten wir nicht die Schwerter nehmen und zum Gesandten Allahs gehen? Vielleicht schenkt Allah uns gemeinsam mit Seinem Propheten den Märtyrertod.“ Beide verließen daraufhin mit gezückten Schwertern die Festung.
Währenddessen begann das polytheistische Heer an einem Abschnitt der Schlacht, nachdem es besiegt worden war, um sein Leben zu fliehen. Da schrie ein niederträchtiger Teufel: „Seht, die Muslime sind gekommen!“ Daraufhin wandte sich ein Teil des polytheistischen Heeres um und stieß mit einer muslimischen Einheit zusammen. Al-Yaman und Thabit gerieten mitten in das heftige Getümmel beider Seiten. Thabit fiel durch die Hand der Polytheisten als Märtyrer. Hudhaifas Vater al-Yaman jedoch wurde von Muslimen getötet. Dies geschah, weil man ihn nicht erkannte und die Kämpfer von der Heftigkeit des Gefechts erfasst waren. Als Hudhaifa aus einiger Entfernung den schrecklichen Anblick seines Vaters sah, schrie er: „Mein Vater, mein Vater!“ Doch niemand hörte seinen Ruf; im Lärm der Schlacht ging er unter. Inzwischen war der Greis unter den Schlägen der Schwerter seiner eigenen Gefährten zusammengebrochen. Als Hudhaifa sicher wusste, dass sein Vater tot war, sprach er nur: „Möge Allah uns alle vergeben. Er ist der Barmherzigste.“
Als der ehrwürdige Gesandte Allahs Hudhaifa die Diya, das Blutgeld, für seinen Vater geben wollte, sagte er: „Mein Vater hatte sich nach dem Märtyrertod gesehnt, und er hat ihn erlangt. O Allah, sei mein Zeuge: Ich schenke sein Blutgeld den Muslimen.“ Der Gesandte Allahs freute sich sehr. (Siehe: Sahih al-Bukhari 2/581; Sira Ibn Hischam 2/87; Hayat as-Sahaba 1/519; Suwar min hayat as-sahaba 4/125–127.)
Hudhaifa spielte in der Schlacht am Graben eine bedeutende Rolle. Die Quraisch rückten mit solcher Entschlossenheit vor, dass sich in Medina Angst und Schrecken ausbreiteten. Weit in alle Richtungen waren Kämpfer des quraischitischen Heeres verteilt. Der Gesandte Allahs richtete ein Bittgebet an Allah und ließ zugleich zur Verteidigung Medinas einen Graben ausheben. Eines Nachts ereignete sich ein außergewöhnliches Geschehen, das nichts anderes als eine unsichtbare Hilfe für die Muslime war. Die Quraisch hatten in den Gärten rings um Medina ihr Lager aufgeschlagen. Plötzlich erhob sich ein so heftiger Wind, dass die Seile rissen, die Zelte zerfetzt wurden, die Töpfe umkippten und eine bis in die Knochen dringende Kälte einsetzte. Abu Sufyan sagte: „Es gibt keinen Ausweg mehr; wir müssen sofort aufbrechen.“ (At-Tabaqat 2/50.)
Der ehrwürdige Gesandte Allahs war wegen des quraischitischen Heeres zutiefst besorgt. In jener schrecklichen, stürmischen Nacht wollte er Hudhaifas Kraft und Erfahrung nutzen. Bevor er eine Entscheidung traf, wollte er jemanden in der Dunkelheit in das Innere des quraischitischen Lagers schicken, um Nachrichten über sie zu sammeln. Für diesen kühnen Auftrag wählte er schließlich Hudhaifa aus. Über diesen Einsatz finden sich in den Sira-Werken verschiedene Überlieferungen.
Nach einer Überlieferung sagte der Gesandte zu seinen Gefährten: „Wenn jemand Nachrichten von den Polytheisten bringen kann, dem verkünde ich am Tag der Auferstehung die frohe Botschaft meiner Gesellschaft.“ Es war bitterkalt, zudem herrschte ein starker Wind. Niemand wagte sich vor. Der Gesandte wiederholte seine Worte dreimal, erhielt jedoch keinerlei Antwort. Beim vierten Mal rief er Hudhaifa beim Namen und sagte: „Geh und bringe Nachrichten.“ Da er ihn namentlich aufgerufen hatte, blieb Hudhaifa nichts anderes übrig, als den Befehl auszuführen.
Quellenangaben
1. Ibn Hischam: as-Sīra,
2. Ibn Saʿd: at-Tabaqāt,
3. Ibn al-Athīr:
– Usud al-Gāba,
– Tadjrīd asmāʾ as-sahāba,
– al-Kāmil fī t-tārīch,
4. Ibn ʿAsākir: at-Tārīch al-kabīr,
5. Ibn Hadschar:
– al-Isāba,
– Taqrīb at-Tahdhīb,
– Lisān al-Mīzān,
6. Balādhurī: Ansāb al-aschrāf,
7. Ibn al-ʿImād al-Hanbalī: Schadharat adh-dhahab fī man dhahab,
8. Muhyī ad-Dīn an-Nawawī: Tahdhīb al-asmāʾ wa-l-lugāt,
9. Abū l-Faradsch al-Isfahānī: Kitāb al-Agānī,
10. Ibn al-Dschauzī: Sifat as-Safwa,
11. adh-Dhahabī:
– Tadhkirat al-huffāz,
– Tārīch al-Islām wa-t-tabaqāt,
– al-Maschāhīr wa-l-aʿlām,
12. Yāqūt al-Hamawī: Muʿdscham al-buldān,
13. al-Qurtubī: al-Istīʿāb (Randglossen zu al-Isāba),
14. Schāh Walīullāh: Fiqh ʿUmar (Urdu),
15. Muhammad ʿAlī as-Sābūnī: at-Tibyān fī ʿulūm al-Qurʾān,
16. az-Ziriklī: al-Aʿlām,
17. Yūsuf Kandahlawī, Maulānā: Hayāt as-sahāba (Arabisch),
18. Chālid Muhammad Chālid: Ridschāl haul ar-Rasūl,
19. Dr. Rafāt al-Bāschā: Suwar min hayāt as-sahāba,
20. ʿAbd ar-Raʾūf, Maulānā: Asahh as-siyar,
21. Saʿīd Ansārī, Maulānā: Siyar-e Ansār,
22. Dr. ʿUmar Farrūch: Tarīch al-adab al-ʿarabī,
23. Dschurdschī Zaidān: Tarīch ādāb al-luga al-ʿarabiyya,
24. Imam Ahmad: al-Musnad,
25. Dāʾira-ye Maʿārif Islāmiyya (Urdu),
26. Muhammad Chidrī Bek: Tarīch al-umma al-islāmiyya,
27. ʿAbd ar-Rahmān al-Bannā: al-Fath ar-Rabbānī (Scharh al-Musnad),
28. Verschiedene Hadith-Werke.