Islam

Warum heißt es Islam?

Jede der verschiedenen Religionen auf der Welt wurde nach einer bestimmten Person benannt oder nach dem Volk, in dessen Mitte sie entstanden ist. So wurde die christliche Religion nach ihrem Verkünder, dem ehrwürdigen Isa (Friede sei mit ihm), benannt. Die buddhistische Lehre erhielt ihren Namen nach ihrem Begründer, Mahatma Buddha. Ebenso wurde die zoroastrische Religion nach ihrem Begründer Zarathustra benannt. Die jüdische Religion wiederum entstand inmitten einer besonderen Gruppe namens Juda. Auch die übrigen Religionen der Welt wurden auf diese Weise benannt. Hinsichtlich seines Namens weist der Islam jedoch eine außergewöhnliche Besonderheit auf. Sein Name ist mit keiner bestimmten Person oder Volksgruppe verbunden. Vielmehr erkennen wir in der Bedeutung des Wortes „Islam“ eine besondere Eigenschaft, und eben diese Eigenschaft kommt in diesem Namen zum Ausdruck. Schon aus dem Namen wird deutlich, dass der Islam nicht die Erfindung eines einzelnen Menschen ist und dass diese Religion nicht auf ein bestimmtes Volk beschränkt ist. Der Islam ist nicht das Eigentum einer bestimmten Person, eines bestimmten Landes oder Volkes. Sein Ziel ist es, die Eigenschaften des Islam in den Menschen hervorzubringen. In jeder Epoche und in jedem Volk gab es aufrichtige und rechtschaffene Menschen, in denen diese Eigenschaften zu finden waren; sie waren Muslime. Menschen dieser Art gibt es auch heute und wird es auch in Zukunft geben.

Die Bedeutung des Wortes Islam

In der arabischen Sprache bedeutet „Islam“ Gehorsam und Unterwerfung. Da das Ziel dieser Religion darin besteht, Allah gegenüber gehorsam zu sein und sich Ihm zu unterwerfen, wurde sie „Islam“ genannt.

Die Bedeutung des Islam

Jeder kann sehen, dass der Mond, die Sonne, die Sterne und alles, was in der Welt erschaffen wurde, nach einem unveränderlichen Gesetz funktioniert. Es gibt keine Möglichkeit für auch nur die geringste Abweichung von diesem Gesetz. Die Welt bewegt sich mit einer bestimmten Geschwindigkeit auf einer bestimmten Bahn. Die für ihre Bewegung festgelegte Zeit, Geschwindigkeit und Bahn ändern sich niemals. Wasser und Luft, Wärme und Licht – alles wirkt unter einem vollkommenen Gesetz. Auch die unbelebte Materie sowie die Welt der Pflanzen und der Tiere haben ihre eigenen Gesetze. Gemäß diesen Gesetzen werden sie geboren, wachsen heran, vergehen, leben und sterben. Wenn wir den Zustand des Menschen betrachten, sehen wir, dass auch er einem besonderen Naturgesetz unterworfen ist. Gemäß einem bestimmten biologischen Gesetz wird er geboren, atmet, nimmt Wasser, Nahrung, Wärme und Licht in sich auf und lebt. Der Schlag seines Herzens, der Blutkreislauf in seinem Körper und seine Atmung vollziehen sich nach demselben festgelegten Gesetz. Sein Gehirn, sein Magen, seine Venen und Adern, seine Muskeln, seine Hände, Füße, Zunge, Ohren und Nase – kurz gesagt, jedes einzelne Organ seines Körpers funktioniert nach derselben Weise, die für jedes von ihnen festgelegt wurde.

Das mächtige Gesetz, dem alles unterworfen ist – vom größten Stern des Weltalls bis hin zum kleinsten Teilchen –, ist die Schöpfung eines allmächtigen Gesetzgebers. Die gesamte Schöpfung und jeder Bestandteil der Schöpfung erkennt die Oberhoheit dieses Gesetzgebers an, und alle halten sich an die von Ihm gegebenen Regeln. Ich habe bereits gesagt, dass Islam die Bezeichnung für den Gehorsam gegenüber Allah, dem Erhabenen, dem Herrn der Welt, und für die völlige Hingabe an Ihn ist. In diesem Sinne ist daher die Religion der gesamten Schöpfung der Islam. Der Mond, die Sonne, die Sterne, die Pflanzen, die Steine und die Tiere – sie alle sind Muslime! Der Mensch, der Allah nicht kennt, Ihn leugnet, außer Allah jemand anderen anbetet oder Allah in Seiner Herrschaft einen Teilhaber zur Seite stellt, ist seiner natürlichen Beschaffenheit nach ebenfalls Muslim, denn sein ganzes Leben und sein Tod folgen Allahs Gesetz. Jedes seiner Glieder und jedes Teilchen seines Körpers folgt dem Islam, denn seine Entstehung, sein Wachstum und seine Bewegung unterliegen vollständig den von Allah gegebenen Regeln. Auch die Zunge, mit der er aus Unwissenheit Worte des Schirk und des Kufr spricht, ist ihrer natürlichen Beschaffenheit nach Muslim. Auch der Kopf, den er gewaltsam vor jemand anderem als Allah beugt, ist von Geburt an Muslim; und auch das Herz, in dem er aus Unwissenheit Achtung und Liebe für andere hegt, ist seiner ursprünglichen Natur nach Muslim. Sie alle sind Allahs Gesetz gehorsam, und all ihre Handlungen vollziehen sich gemäß diesem Gesetz.

Betrachten wir die Sache nun noch aus einem anderen Blickwinkel.

Die Existenz des Menschen im Spiel der Natur hat zwei Seiten. Einerseits ist er, wie die übrigen Geschöpfe, an die bestimmten Gesetzmäßigkeiten der lebendigen Welt gebunden. Er muss sich an diese Gesetzmäßigkeiten halten. Andererseits besitzt er die Fähigkeit zu erkennen und zu denken, zu verstehen und zu einer bestimmten Entscheidung zu gelangen. Nach seinem eigenen Ermessen folgt er einer bestimmten Auffassung und lehnt eine andere ab; eine bestimmte Methode zieht er vor, eine andere hingegen nicht. Im Bereich des Lebens und Handelns stellt er manchmal freiwillig bestimmte Regeln und Grundsätze auf, manchmal übernimmt er die von anderen aufgestellten Regeln und Grundsätze. In dieser Hinsicht unterliegt er nicht wie die übrigen geschaffenen Dinge denselben starren Gesetzmäßigkeiten; vielmehr wurden ihm Freiheit des eigenen Denkens, der eigenen Meinung und des eigenen Handelns gegeben.

Im menschlichen Leben besitzen diese beiden Seiten jeweils eine eigenständige Existenz. Hinsichtlich des ersten Merkmals ist der Mensch ebenso wie alle anderen Dinge der Welt von Geburt an Muslim, und gemäß dem zuvor Gesagten ist er gezwungen, Muslim zu sein. Hinsichtlich des zweiten Merkmals besitzt er sowohl die Fähigkeit, Muslim zu sein, als auch die Fähigkeit, es nicht zu sein; unter dem Einfluss dieser Entscheidungsfähigkeit hat sich die Menschheit in zwei Gruppen geteilt.

Die eine Gruppe von Menschen besteht aus jenen, die ihren Schöpfer erkannt, Ihn allein als ihren Herrn und Besitzer anerkannt und auch in den Bereichen, in denen ihnen die Entscheidungsfähigkeit gegeben wurde, den Weg gewählt haben, sich an Sein festgelegtes Gesetz zu halten. Sie sind vollkommene Muslime geworden. Ihr Islam ist vollkommen geworden, denn ihr ganzes Leben ist Allah vollständig hingegeben. Ohne es zu wissen und zu verstehen, hatten sie sich Seinen Regeln unterworfen; nun haben sie bewusst ebenfalls den Weg Seines Gehorsams eingeschlagen. Unwillentlich waren sie den Weg des Gehorsams gegenüber Allah gegangen, und freiwillig haben sie nun ebenfalls diesen Weg gewählt. Jetzt sind sie wahrhaftige Besitzer von Wissen geworden, denn sie haben Allah erkannt, der ihnen die Fähigkeit zu wissen und zu lernen gegeben hat. Nun sind sie auch zu einem richtigen Urteils- und Beurteilungsvermögen gelangt, denn nachdem sie nachgedacht und verstanden haben, haben sie sich für den Gehorsam gegenüber Allah entschieden – Ihm, der ihnen die Fähigkeit gegeben hat, nachzudenken, zu verstehen und richtige Entscheidungen zu treffen. Ihre Zungen sind wahrhaftig geworden, denn sie haben die Anerkennung jener Herrschaft verkündet, die ihnen die Fähigkeit zu sprechen gegeben hat. Nun ist ihr gesamtes Leben vollkommen auf der Wahrheit gegründet, denn sowohl willentlich als auch unwillentlich folgen sie dem Gesetz Allahs. Sie stehen mit der gesamten Schöpfung in Freundschaft, denn auch sie dienen Demjenigen, Dem alle Dinge der Schöpfung dienen. Auf Erden sind sie Allahs Kalifen (Stellvertreter); nun gehört ihnen die ganze Welt, und sie gehören Allah.

Die Bedeutung des Kufr

Jener Mensch, von dem oben die Rede war, hat eine andere Gruppe von Menschen als Gegenüber. Auch er wurde als Muslim geboren und blieb sein ganzes Leben lang, ohne zu wissen und zu verstehen, Muslim. Doch indem er seine Fähigkeit zu Wissen und Vernunft einsetzte, erkannte er Allah nicht und weigerte sich innerhalb des Bereichs seiner Entscheidungsfreiheit, Allah zu gehorchen. Ein solcher Mensch ist ein Kāfir. Die ursprüngliche Bedeutung des Wortes „Kufr“ ist, etwas zu bedecken oder zu verbergen. Ein solcher Mensch wird „Kāfir“ (Verberger) genannt, weil er seine eigene natürliche Veranlagung mit dem Schleier der Unwissenheit bedeckt hat. Er wurde mit einer islamischen natürlichen Veranlagung geboren. Sein ganzer Körper und jedes einzelne seiner Körperteile funktionieren entsprechend dieser islamischen Veranlagung, doch die natürliche Veranlagung der gesamten Welt um ihn herum und seine eigene natürliche Veranlagung sind seinem Blick entschwunden. Er hat gegen diese Veranlagung gedacht und versucht, ihr entgegenzuhandeln.

Nun ist klar geworden, in welch großer Verirrung der Mensch versunken ist, der ein Kāfir ist.

Die Schädlichkeit des Kufr

„Kufr“ ist eine Form von Unwissenheit, ja, Kufr ist die eigentliche Unwissenheit. Was könnte größere Unwissenheit sein, als dass ein Mensch Allah nicht erkennt und unwissend bleibt? Ein Mensch sieht Tag und Nacht, wie diese gewaltige Werkstatt der Schöpfung in Betrieb ist, weiß aber nicht, wer der Schöpfer und Lenker dieser Werkstatt ist. Wer ist der Handwerker, der aus Kohle, Eisen, Kalzium, Natrium und einigen weiteren Stoffen unzählige unvergleichliche Geschöpfe wie den Menschen ins Dasein gebracht hat? Der Mensch blickt überall auf der Welt umher und sieht Dinge und Vorgänge, in denen sich wunderbare Zeichen der Vollkommenheit verschiedener Zweige von Ingenieurwissenschaft, Mathematik, Chemie und Wissenschaft und Erkenntnis finden; doch er weiß nicht, welches Wesen, ausgestattet mit außergewöhnlichem, grenzenlosem Wissen und Wissenschaft, diese Vorgänge der Schöpfung lenkt. Man sollte darüber nachdenken: Wenn der Mensch nicht einmal von den Grundlagen des Wissens Kenntnis hat, wie sollen sich vor seinen Augen die Tore wahrer Erkenntnis öffnen? Wie viel er auch nachdenken und forschen mag, er wird in keiner Richtung einen geraden, richtigen und verlässlichen Weg finden, denn am Anfang und am Ende all seiner Bemühungen wird sich auf jeder Stufe die Dunkelheit der Unwissenheit zeigen.

Kufr ist Unrecht, ja, dieses Kufr ist das größte Unrecht überhaupt. Was bedeutet Unrecht? Unrecht bedeutet, einer Sache gewaltsam eine Handlung abzuverlangen, die ihrer angeborenen Natur widerspricht. Es wurde bereits dargelegt, dass alles, was es auf der Welt gibt, Allahs Befehl folgt und seine angeborene Natur (Fitrah) „Islam“ ist, das heißt, der Gehorsam gegenüber Allahs Gesetz. Der Körper des Menschen und jedes seiner Teile sind mit dieser Natur geboren. Gewiss hat Allah dem Menschen eine gewisse Freiheit gegeben, diese Dinge zu lenken; doch die Forderung der angeborenen Natur jeder Sache besteht darin, dass sie gemäß Allahs Willen eingesetzt wird. Wer jedoch Kufr begeht, setzt sie für etwas ein, das ihrer Natur widerspricht. In seinem Herzen hegt er die Erhabenheit, Liebe und Furcht gegenüber einem anderen, obwohl die Natur seines Herzens verlangt, dass er darin ausschließlich Allahs Erhabenheit, Liebe und Furcht hegt. Seine Glieder und alles, was auf der Welt seiner Herrschaft untersteht, setzt er für Ziele ein, die Allahs Willen widersprechen, obwohl ihre Natur verlangt, dass man ihnen Handlungen gemäß Allahs Gesetz abverlangt. Wie könnte jemand, der auf diese Weise in jedem Augenblick seines Lebens fortwährend jeder Sache, ja sogar seiner eigenen Existenz, Unrecht zufügt, ein größerer Unrechtstäter sein?

„Kufr“ ist nicht nur Unrecht, sondern auch Rebellion, Undankbarkeit und Treulosigkeit. Betrachten wir, was der Mensch sein Eigen nennen kann. Hat er sein eigenes Gehirn selbst erschaffen, oder hat Allah es erschaffen? Ist der Mensch oder Allah der Schöpfer seines Herzens, seiner Augen, seiner Zunge, seiner Hände und Füße und all seiner Glieder – von allem? Ist der Mensch oder Allah der Schöpfer all dessen, was ihn umgibt, derjenige, der diese Dinge für die Bedürfnisse und den Nutzen des Menschen geschaffen und ihm die Kraft gegeben hat, sie zu gebrauchen? Jeder wird sagen: Es sind Allahs Dinge; Er hat sie erschaffen, Er ist der Eigentümer von allem, und als eine Gabe Allahs hat der Mensch Herrschaft über diese Dinge erlangt. Wenn dies die eigentliche Sachlage ist, wer könnte dann ein größerer Rebell sein als derjenige, der das von Allah gegebene Gehirn dazu benutzt, entgegen Allahs Willen zu denken? Allah hat ihm Augen, Zunge, Hände und Füße und noch vieles andere geschenkt, und all dies hat er für Handlungen verwendet, die Allahs Wohlgefallen und Willen widersprechen. Wenn ein Diener vom Brot seines Herrn isst und dennoch etwas tut, das dessen Vertrauen verletzt, wird ihn jeder einen Treulosen nennen. Wenn ein Staatsbeamter die ihm von der Regierung verliehene Macht gegen die Regierung einsetzt, wird er als Rebell bezeichnet. Wenn jemand seinen wohltätigen Freund betrügt, wird ihn jeder ohne Zögern undankbar nennen. Doch wie groß ist in Wirklichkeit der Verrat und die Undankbarkeit des Menschen gegenüber dem Menschen? Woher gibt ein Mensch einem anderen Menschen Nahrung? Es ist doch Nahrung, die Allah gegeben hat. Woher kommt die Macht, die eine Regierung ihren Beamten überträgt? Allah hat ihr doch die Kraft zur Verwaltung des Staates gegeben. Woher hat ein Wohltäter die Möglichkeit, einem anderen zu helfen? Alles ist doch eine Gabe Allahs. Wer hat die größte Pflicht gegenüber den Menschen – die Elternliebe in die Herzen der Eltern gelegt? Wer hat der Brust der Mutter die Brüste gegeben? Wer hat im Herzen des Vaters eine solche Gesinnung geschaffen, dass er mit Freude den Ertrag seiner schweren Arbeit für ein untätiges Stück Fleisch hingibt und seine Zeit, sein Geld und seinen Komfort für dessen Versorgung, Erziehung und Bildung opfert? Wenn derjenige, der der wahre Wohltäter des Menschen, der eigentliche König und der größte Versorger aller ist, Allah, vom Menschen verleugnet wird, wenn der Mensch Ihn nicht als Allah anerkennt, Seine Dienerschaft zurückweist und sich von Seinem Gehorsam abwendet – was könnte eine schwerwiegendere Rebellion, Undankbarkeit und Treulosigkeit sein?

Man kann keinesfalls annehmen, dass der Mensch Allah durch Kufr irgendeinen Schaden zufügen könnte. Dessen Reich so gewaltig und riesig ist, dass wir selbst mit dem größten Teleskop noch nicht feststellen konnten, wo sein Anfang und wo sein Ende liegt; dessen Macht so überwältigend ist, dass auf sein Zeichen unsere Erde, die Sonne, der Mars und noch Milliarden von Planeten und Trabanten sich wie Bälle im Kreis bewegen; dessen Reichtum so unerschöpflich ist, dass niemand an der Herrschaft über die gesamte Schöpfung Anteil hat; der so vollkommen und unabhängig ist, dass alles von Ihm abhängig ist, Er aber von niemandem abhängig ist – besitzt der Mensch überhaupt eine solche Existenz, dass er diesem König durch Anerkennung oder Nichtanerkennung irgendeinen Schaden zufügen könnte? Auf dem Weg von Kufr und Rebellion kann der Mensch Ihm keinen Schaden zufügen; vielmehr öffnet er damit nur selbst den Weg zu seinem eigenen Untergang.

Das unausweichliche Ergebnis von Kufr und Ungehorsam ist, dass der Mensch dadurch für immer erfolglos und verzweifelt wird. Ein solcher Mensch wird niemals den leichten Weg zur Erkenntnis finden, denn wer seinen eigenen Schöpfer nicht kennt, kann unmöglich irgendeine andere Sache wirklich erkennen. Sein Verstand wird stets auf einem krummen Weg gelenkt, weil er sich bei der Erkenntnis seines Schöpfers irrt und daher auch keine andere Sache richtig verstehen kann. In jeder Handlung seines Lebens sind Misserfolge auf Misserfolge unausweichlich. Sein moralisches Empfinden, seine Kultur, seine Gesellschaftsordnung, seine Art, seinen Lebensunterhalt zu erwerben, sein Regierungs- und Verwaltungssystem und seine Politik – kurz, alle Tätigkeiten seines Lebens – müssen auf den Weg der Verderbnis gelenkt werden. Er wird auf der Erde Unordnung stiften, Morde und Blutvergießen begehen, die Rechte anderer an sich reißen sowie Unrecht und Unterdrückung verüben. Durch schlechte Neigungen, Unrecht, Frevel und Schlechtigkeit wird er sein eigenes Leben bitter und freudlos machen. Wenn er dann diese Welt verlässt und die Welt des Jenseits erreicht, werden die Dinge, denen er sein ganzes Leben lang Unrecht zugefügt hat, gegen ihn Klage erheben. Sein Gehirn, sein Herz, seine Augen, seine Ohren, seine Hände und Füße – kurz, all seine Glieder – werden vor Allahs Gericht Anklage erheben und sagen: Dieser Allah-trotzende Unrechtstäter hat uns auf dem Weg seiner Rebellion gewaltsam zu Handlungen gezwungen. Alles, womit er auf der Erde in Ungehorsam verfuhr, was er auf verbotene Weise erwarb und auf verbotene Weise ausgab, alles, was er sich durch Ungehorsam gewaltsam angeeignet und auf dem Weg seiner Rebellion eingesetzt hat, wird vor Ihm als Kläger erscheinen. Und Allah, der wahrhaft gerechte Richter, wird an jenem Tag dem Rebellen zur Vergeltung des an den Unterdrückten begangenen Unrechts eine beschämende Strafe auferlegen.

Die Wohltaten des Islam

Damit ist der Schaden des Kufr dargelegt. Nun wollen wir sehen, welchen Nutzen man erlangt, wenn man den Weg des Islam einschlägt.

Aus der obigen Darstellung ist bekannt geworden, dass sich überall in dieser Welt unzählige Zeichen der Herrschaft Allahs finden. Dass diese gewaltige Werkstatt der Schöpfung nach einer vollkommenen Ordnung und einem unveränderlichen Gesetz betrieben wird, bezeugt, dass ihr Schöpfer und Lenker ein allmächtiger Herrscher ist, in dessen Ordnung niemand ungehorsam bleiben kann. Wie die gesamte Schöpfung ist auch die Natur des Menschen auf seinen Gehorsam ausgerichtet. Daher gehorcht der Mensch Ihm Tag und Nacht unbewusst, denn er kann nicht leben, wenn er entgegen den Gesetzmäßigkeiten seiner Natur handelt.

Allah hat dem Menschen jedoch durch die Fähigkeit, Wissen zu erwerben, die Kraft zum Denken und Verstehen sowie die Fähigkeit, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden, ein gewisses Maß an Freiheit des Willens und der Wahl gegeben. Gerade in dieser Freiheit liegt die Prüfung des Menschen: die Prüfung seines Wissens, seiner Vernunft und seiner Fähigkeit zur Unterscheidung. Dazu kommt die Prüfung, wie er die ihm gewährte Freiheit nutzt. In dieser Prüfung wurde der Mensch nicht gezwungen, eine bestimmte Methode zu wählen, denn Zwang würde den Zweck der Prüfung vereiteln. Jeder kann verstehen, dass eine Prüfung nicht sinnvoll ist, wenn man den Prüfling nach dem Austeilen der Fragen zwingt, eine bestimmte Art von Antwort zu geben. Seine wirkliche Befähigung wird sich erst dann erweisen, wenn ihm die Freiheit gegeben wird, jede Art von Antwort vorzulegen. Gibt er die richtige Antwort, wird er Erfolg haben und vor ihm werden sich die Türen zu weiterem Aufstieg öffnen. Gibt er jedoch die falsche Antwort, wird er durchfallen und sich wegen seiner Unfähigkeit selbst den Weg zu seiner Weiterentwicklung versperren. Ebenso hat Allah dem Menschen in dieser Prüfung die Freiheit gegeben, jeden beliebigen Weg einzuschlagen.

Hier kann man nun von einem Menschen sprechen, der weder seine eigene noch die der Schöpfung innewohnende Natur erkannt hat, sich bei der Erkenntnis des Wesens und der Eigenschaften des Schöpfers geirrt hat und mit Hilfe der ihm gewährten Freiheit des freien Denkens den Weg des Ungehorsams und der Widersetzlichkeit eingeschlagen hat. Dieser Mensch ist in der Prüfung seines Wissens, seiner Vernunft, seiner Unterscheidungsfähigkeit und seines Pflichtbewusstseins gescheitert. Er hat selbst bewiesen, dass er in jeder Hinsicht ein Mensch von niedrigster Stufe ist. Daher erwartet ihn das oben beschriebene Ende.

Auf der anderen Seite steht ein anderer Mensch, der diese Prüfung bestanden hat. Er hat Allah durch den richtigen Gebrauch von Wissen und Vernunft erkannt und anerkannt, obwohl er nicht gezwungen war, diesen Weg einzuschlagen. Bei der Unterscheidung zwischen Gut und Böse hat er sich nicht geirrt, sondern durch seine freie Wahl den guten Weg gewählt, obwohl er die Freiheit hatte, den bösen Weg einzuschlagen. Er hat seine eigene ursprüngliche Natur erkannt, Allah erkannt und trotz der Freiheit zum Ungehorsam den Weg des Gehorsams gegenüber Allah eingeschlagen. Er hat seine Vernunft auf den richtigen Weg gelenkt. Weil er mit seinen Augen das Richtige gesehen, mit seinen Ohren das Richtige gehört und durch den Gebrauch seines Verstandes die richtige Entscheidung getroffen hat, wurde er in der Prüfung des Erfolgs und der Ehre teilhaftig. Indem er die Wahrheit erkannte, bewies er, dass er nach der Wahrheit strebt, und indem er sein Haupt vor der Wahrheit neigte, zeigte er, dass er die Wahrheit verehrt.

Es besteht kein Zweifel daran, dass jeder, in dem sich diese Eigenschaften vereinen, sowohl in dieser Welt als auch im Jenseits Erfolg haben wird.

Ein solcher Mensch wird auf jedem Gebiet des Wissens und der Vernunft den richtigen Weg einschlagen, denn wer das Wesen Allahs erkannt und Seine Eigenschaften kennengelernt hat, hat alles erkannt, vom Anfang bis zum Ende des Wissens. Ein solcher Mensch kann niemals den Weg der Verirrung beschreiten, denn schon am Anfang hat er sich der Wahrheit zugewandt und auch sein endgültiges Ziel mit voller Überzeugung erkannt. Danach wird er durch philosophisches Denken und Forschen versuchen, die Geheimnisse der Schöpfung zu ergründen, doch er wird niemals wie ein ungläubiger Philosoph in den Wirren von Zweifeln und Misstrauen versinken. Mithilfe der Wissenschaft wird er versuchen, die Naturgesetze zu verstehen und die verborgenen Schätze der Schöpfung ans Licht zu bringen. Er wird alle Kräfte erforschen und kennenlernen, die Allah in der Welt und im menschlichen Körper erschaffen hat. Er wird nach den besten Wegen suchen, alle Stoffe nutzbar zu machen, die sich auf der Erde und im Himmel befinden; doch seine Hingabe an Allah wird ihn bei jedem Schritt vom Missbrauch der Wissenschaft zurückhalten. In verwirrende Gedanken wie diese wird er niemals versinken: „Ich bin der Eigentümer all dieser Dinge, ich habe die Natur besiegt, ich werde das Wissen zu meinem eigenen Vorteil nutzen, Zerstörung und Verwüstung über die Welt bringen und durch Plünderung und Mord die Herrschaft meiner Macht über die ganze Welt errichten.“ Das ist das Handeln eines ungläubigen Wissenschaftlers. Je größere wissenschaftliche Leistungen ein muslimischer Wissenschaftler erzielt, desto stärker wird sein Glaube an Allah und desto mehr wird er zu einem dankbaren Diener Allahs. Seine Haltung wird sein: „Aus der Kraft, die mein Herr mir gegeben, und aus der Weise, in der Er mein Wissen vermehrt hat, will ich versuchen, mir selbst und allen Menschen auf der Welt Nutzen zu bringen.“ Dies ist der richtige Weg, seine Dankbarkeit zum Ausdruck zu bringen.

Ebenso wird der Muslim in Geschichte, Wirtschaft, Politik, Recht und den anderen Zweigen des Wissens den Ungläubigen hinsichtlich seiner Forschung und Tätigkeit nicht hinter sich lassen; doch die Sichtweisen der beiden werden unterschiedlich sein. Der Muslim wird jedes Wissen mit einer richtigen Sichtweise studieren, ein klares Ziel vor Augen haben und zu einer richtigen Schlussfolgerung gelangen. Aus der Prüfung der vergangenen Tage der Menschheit wird er in der Geschichte Lehren ziehen, die richtigen Ursachen für den Aufstieg und Niedergang der Völker herausfinden und nach den nützlichen Seiten ihrer Zivilisation und Kultur forschen. Durch die Erörterung der in der Geschichte überlieferten Zustände rechtschaffener Menschen wird er Nutzen ziehen. Er wird sich vor den Ursachen hüten, durch die viele Völker der Vergangenheit zugrunde gegangen sind. Auf wirtschaftlichem Gebiet wird er neuartige Wege des Erwerbs und der Ausgabe von Geld suchen, durch die allen Menschen Nutzen entstehen kann; nicht der Nutzen eines Einzelnen und der Schaden unzähliger Menschen wird sein Ziel sein. Auf politischem Gebiet wird seine ganze Aufmerksamkeit darauf gerichtet sein, ein Ziel zu erreichen, durch das in der Welt das Reich des Friedens, der Gerechtigkeit, der Wahrhaftigkeit und des Edelmuts errichtet werden kann. Keine Person und keine Gruppe soll Allahs Diener zu ihren eigenen Dienern machen können; die Herrschaft und die gesamte Macht sollen als ein von Allah anvertrautes Gut betrachtet und zum Wohl der Diener Allahs eingesetzt werden. Auf dem Gebiet des Rechts wird er darauf achten, dass die rechtmäßigen Rechte der Menschen in Gerechtigkeit und Billigkeit verwirklicht werden und niemand in irgendeiner Weise Unrecht erleidet.

Im Charakter eines Muslims werden Gottesfurcht, Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit zu finden sein. Mit der Überzeugung, dass Allah der Eigentümer von allem ist, wird er auf dieser Welt leben. Alles, was sich in meinem Besitz und im Besitz der Menschen auf dieser Welt befindet, ist eine Gabe Allahs. Ich selbst bin nicht Eigentümer irgendeines Dinges, nicht einmal meines eigenen Körpers und seiner Kräfte. Alles ist Allahs anvertrautes Gut, und die mir gewährte Freiheit, aus diesem anvertrauten Gut auszugeben, gemäß Allahs Willen zu gebrauchen – das ist meine Pflicht. Eines Tages wird Allah, der Erhabene, dieses anvertraute Gut von mir zurücknehmen, und an jenem Tag werde ich über jedes einzelne Ding Rechenschaft ablegen müssen.

Der Charakter eines Menschen, der mit dieser Überzeugung lebt, lässt sich leicht erkennen. Er wird sein Herz von schlechten Gedanken freihalten, seinen Verstand vor Gedanken an böse Taten bewahren, seine Ohren davor schützen, unsittliche Gespräche anzuhören, und seine Augen davor hüten, jemanden mit bösem Blick anzusehen. Lieber wird er fasten, als seinen Bauch mit Verbotenem zu füllen. Niemals wird er seine Hand erheben, um Unrecht zu tun. Niemals wird er seine Füße auf den Weg des Unrechts setzen. Selbst wenn ihm der Kopf abgeschlagen würde, würde er ihn nicht vor der Lüge beugen. Auf dem Weg des Unrechts und der Unwahrheit wird er kein Verlangen und kein Bedürfnis befriedigen. In ihm werden sich Aufrichtigkeit und Edelmut vereinen. Wahrheit und Gerechtigkeit wird er mehr lieben als alles in der Welt, und um ihretwillen wird er alle seine Interessen und Herzenswünsche, ja sogar sein eigenes Ich, opfern. Unrecht und Ungerechtigkeit wird er am meisten hassen und sich weder aus Angst vor einem Schaden noch aus Gier nach einem Vorteil dazu bewegen lassen, sie zu unterstützen. Auch den Erfolg in dieser Welt können nur Menschen dieser Art erlangen.

Wer außer vor Allah vor niemandem sein Haupt beugt und seine Hand vor niemandem außer Allah ausstreckt – wer könnte ehrenwürdiger und vornehmer sein als er? Wie könnte Schande an ihn herankommen?

Wer in seinem Herzen nur Allah fürchtet und von niemandem außer Allah eine Belohnung oder Gabe erwartet – wer könnte stärker sein als er? Welche Macht könnte ihn vom Weg der Wahrheit und Gerechtigkeit abbringen, und welcher Reichtum könnte seinen Glauben kaufen?

Wer kein Sklave des Wohllebens ist, sich nicht der Knechtschaft seiner Begierden unterwirft, kein zügelloses und gieriges Leben führt, mit dem durch ehrliche eigene Arbeit erworbenen Verdienst zufrieden ist, einen Berg unrechtmäßig erworbenen Vermögens, der vor ihm aufgetürmt wird, verächtlich zurückweist und den größten Reichtum des Menschen – Frieden und Zufriedenheit – erlangt hat: Wer könnte in dieser Welt reicher und vermögender sein als er?

Wer die Rechte jedes Menschen anerkennt und niemanden um sein rechtmäßiges Recht bringt, jedem Menschen mit Güte begegnet und niemandem Böses tut, vielmehr das Wohlergehen aller anstrebt, ohne dafür eine Gegenleistung zu verlangen – wer könnte ein größerer Freund und allseits beliebter sein als er? Die Herzen der Menschen neigen sich von selbst ihm zu, und jeder Mensch fühlt sich verpflichtet, ihn mit Achtung und Zuneigung zu sich zu nehmen.

Niemand auf der Welt kann vertrauenswürdiger sein als er, denn er vergeudet kein anvertrautes Gut und wendet sich nicht vom Weg der Gerechtigkeit ab. Er hält seine Versprechen und zeigt Aufrichtigkeit in seinem Verhalten. Ob jemand ihn sieht oder nicht – Allah sieht alles; mit dieser Überzeugung tut er alles in Treue und Aufrichtigkeit. Wer wird die Vertrauenswürdigkeit eines solchen Menschen infrage stellen? Wer würde ihm nicht vertrauen?

Wenn man den Charakter eines Muslims richtig verstanden hat, kann man überzeugt sein, dass ein Muslim auf dieser Welt niemals gedemütigt und besiegt sein oder der Diener fremder Befehle bleiben kann. Er wird immer siegreich und führend sein, denn keine Macht kann die Eigenschaften besiegen, die der Islam in ihm hervorgebracht hat.

Wenn er auf diese Weise sein Leben auf der Erde in Ehre und Ansehen verbringt und dann vor seinen Herrn tritt, werden sich Allahs unendliche Gnade und Barmherzigkeit über ihn ergießen, denn er hat das ihm von Allah anvertraute Gut vollständig rechtmäßig verwaltet und die Prüfung, der Allah ihn unterzogen hat, mit Auszeichnung und vollkommenem Erfolg bestanden. Dies ist der ewige Erfolg, dessen Verlauf sich von dieser Welt bis zum Leben im Jenseits erstreckt und niemals abreißt.

Dies ist der Islam – die natürliche Religion des Menschen. Diese Ordnung ist nicht auf die Grenzen irgendeiner Nation oder eines Landes beschränkt. Zu allen Zeiten, unter allen Völkern und in allen Ländern waren die gottesfürchtigen und wahrhaftigen Menschen, die vergangen sind, Anhänger des Islam; ihre Religion und ihr Vorbild waren der Islam. Sie waren Muslime – vielleicht hieß diese Religion in ihrer Sprache Islam oder trug einen anderen Namen.

 

Glaube und Gehorsam

Die Notwendigkeit von Wissen und Überzeugung für den Gehorsam

Aus der Erörterung des vorigen Kapitels ist bekannt geworden, dass der Gehorsam gegenüber Allah Islam genannt wird. Nun werde ich sagen, dass der Mensch Allah, den Erhabenen, solange nicht gehorsam sein kann, bis er bestimmtes Wissen erlangt und dieses Wissen den Rang voller Überzeugung erreicht.

Als Erstes benötigt der Mensch volle Überzeugung von Allahs Existenz. Denn wenn er nicht davon überzeugt ist, dass Allah existiert, wie könnte er Ihm gegenüber Gehorsam zeigen?

Gleichzeitig ist Wissen über Allahs Eigenschaften erforderlich. Wenn ein Mensch nicht weiß, dass Allah einzig ist und keinen Teilhaber an Seiner Herrschaft hat, wie kann er sich dann vor der Gefahr bewahren, sich vor anderen zu verbeugen und sie um etwas zu bitten? Wer nicht an die Wahrheit glaubt, dass Allah alles sieht, alles hört und über alles Bescheid weiß, wie kann er sich dann von Allahs Ungehorsam fernhalten? Wenn man über diese Dinge ruhig nachdenkt, versteht man, dass im Menschen, solange er kein richtiges Wissen über Allahs Eigenschaften besitzt, nicht die Eigenschaften entstehen können, die unerlässlich sind, um in seinen Gedanken, seinem Verhalten und seinen Taten den einfachen und geraden Weg des Islam zu gehen. Auch dieses Wissen darf nicht auf den Bereich des bloßen Kennens beschränkt bleiben. Vielmehr muss es mit voller Überzeugung fest im Herzen verwurzelt werden, damit der Geist des Menschen vor Gedanken, die ihm widersprechen, und sein Leben vor Handlungen, die seinem Wissen entgegenstehen, bewahrt bleiben können.

Danach muss der Mensch außerdem wissen, was der richtige Weg ist, sein Leben gemäß Allahs Willen zu führen: Welche Handlungen Allah liebt und die er ausführen soll und welche Dinge Allah missbilligt, von denen er sich fernhalten soll. Zu diesem Zweck ist es für den Menschen unerlässlich, sich umfassend mit Allahs Gesetz und Seinen Vorschriften vertraut zu machen. Er muss voll davon überzeugt sein, dass Allahs Wohlgefallen nur dadurch erlangt werden kann, dass man diesem Gesetz und diesen Vorschriften folgt. Denn wenn ihm dieses Wissen von Anfang an fehlt, wem wird er dann gehorchen? Und wenn Wissen vorhanden ist, aber keine volle Überzeugung – oder wenn er die Vorstellung hegt, dass neben diesem Gesetz und diesen Vorschriften noch ein anderes Gesetz und andere Vorschriften fehlerloser sein könnten –, wie könnte er ihnen dann richtig folgen?

Danach muss der Mensch noch wissen, welches der richtige Weg ist, gemäß Allahs Willen zu leben: Welche Handlungen Allah liebt und die er tun soll, und welche Dinge Allah nicht liebt und von denen er sich fernhalten soll. Zu diesem Zweck ist es für den Menschen unerlässlich, Allahs Gesetz und Seine Vorschriften vollständig kennenzulernen. Er muss fest davon überzeugt sein, dass Allahs Wohlgefallen nur dadurch erlangt werden kann, dass man diesem Gesetz und diesen Vorschriften folgt. Denn wem soll er gehorchen, wenn ihm von vornherein das Wissen fehlt? Und selbst wenn Wissen vorhanden ist, aber keine vollständige Überzeugung – oder wenn er den Gedanken hegt, dass neben diesem Gesetz und diesen Vorschriften noch ein anderes, vollkommeneres Gesetz und andere, vollkommenere Vorschriften existieren könnten –, wie kann er ihnen dann richtig folgen?

Der Mensch muss ferner wissen, welche Folgen es hat, einen Weg einzuschlagen, der Allahs Willen widerspricht, und den von Ihm gewünschten Vorschriften nicht zu gehorchen. Und welche Belohnung gibt es dafür, Seinem Befehl zu folgen? Zu diesem Zweck muss er unbedingt Wissen und Überzeugung hinsichtlich des Lebens im Jenseits, des Erscheinens vor Allahs Gericht, der Gewissheit über die Bestrafung des Ungehorsams und über die Belohnung des Gehorsams besitzen. Wer über das Leben im Jenseits nicht Bescheid weiß, dem erscheinen sowohl Gehorsam als auch Ungehorsam als nutzlos. Seiner Vorstellung nach ist am Ende die Lage dessen, der gehorcht, und die Lage dessen, der nicht gehorcht, dieselbe. Denn beide werden sich in Erde auflösen. Wie kann man von ihm erwarten, dass er bereit ist, die Pflichten und Mühen des Gehorsams zu ertragen und sich von Sünden zurückzuhalten, durch die er in dieser Welt keinen Schaden befürchten muss? Wer eine solche Vorstellung hegt, kann sich niemals Allahs Gesetz unterwerfen. Ebenso ist es einem Menschen, der zwar Wissen über das Leben im Jenseits und das Erscheinen vor Allahs Gericht besitzt, aber nicht davon überzeugt ist, unmöglich, im Gehorsam standhaft zu bleiben. Denn mit Zweifel und Unentschlossenheit kann der Mensch in keiner Sache zu einer festen Haltung gelangen. Eine Handlung kann der Mensch erst dann mit Hingabe ausführen, wenn er davon überzeugt ist, dass sie nützlich ist. Ebenso kann er erst dann den festen Entschluss fassen, eine andere Handlung zu unterlassen, wenn er vollständig davon überzeugt ist, dass sie schädlich ist. Daraus wird deutlich, dass für die Befolgung einer bestimmten Lebensweise nicht nur Wissen über ihre Folgen und Ergebnisse unerlässlich ist, sondern dass dieses Wissen auch den Rang einer festen Überzeugung erreichen muss.

Das Wesen des Īmān

Das, was wir in der obigen Darstellung als Wissen und Überzeugung bezeichnet haben, wird Īmān genannt. Īmān bedeutet, zu wissen und anzunehmen. Wer Allahs Einheit, Seine wahren Eigenschaften, Sein Gesetz sowie Seine Belohnung und Bestrafung kennt und in seinem Herzen davon überzeugt ist, wird Mu’min genannt. Die Folge des Īmān ist, dass er den Menschen zu einem Muslim, das heißt zu einem Allah ergebenen und Ihm gehorsamen Menschen, macht.

Aus dieser Darstellung des Īmān lässt sich leicht verstehen, dass kein Mensch ohne Īmān Muslim werden kann. Das Verhältnis zwischen Islam und Īmān ist genau wie das Verhältnis zwischen einem Samen und einem Baum. Ohne Samen kann kein Baum entstehen. Es kann allerdings geschehen, dass ein Samen in die Erde gesät wird und der Baum wegen eines schlechten Bodens oder ungünstiger Witterung schwach oder missgebildet heranwächst. Ebenso ist es unmöglich, dass ein Mensch Muslim wird, wenn ihm von Anfang an der Īmān fehlt. Es ist jedoch durchaus möglich, dass sich im Herzen eines Menschen Īmān befindet, er aber wegen der Schwäche seiner Wünsche oder unter dem Einfluss einer verdorbenen Erziehung und schlechter Gesellschaft kein vollkommener und gefestigter Muslim werden konnte.

Wenn man die gesamte Menschheit unter dem Gesichtspunkt von Īmān und Islam betrachtet, kann man sie in vier Gruppen einteilen:

Erstens: diejenigen, die Īmān besitzen und deren Īmān sie Allahs Geboten und Verboten vollkommen gehorsam macht. Von den Dingen, die Allah nicht liebt, halten sie sich so fern, wie ein Mensch den Kontakt mit Feuer meidet. Was Allah liebt, das tun sie mit ebenso großem Eifer, wie ein Mensch eifrig arbeitet, um Reichtum zu erwerben. Sie sind die wahren Muslime.

Zweitens: diejenigen, die Īmān besitzen, deren Īmān jedoch nicht so stark ist, dass er sie Allah vollständig gehorsam machen würde. Obwohl sie Menschen einer etwas niedrigeren Stufe sind, sind sie dennoch Muslime. Auch wenn sie ungehorsam sind, bleiben sie Muslime. Wenn sie ungehorsam handeln, werden sie entsprechend dem Ausmaß ihrer eigenen Vergehen bestraft werden müssen; doch obwohl sie Sünder sind, sind sie keine Rebellen. Denn sie erkennen den König als König an und akzeptieren Sein Gesetz als Gesetz.

Drittens: diejenigen, die keinen Iman haben, aber öffentlich Handlungen vollziehen, die dem Gesetz Allahs zu entsprechen scheinen. In Wirklichkeit sind sie Aufständische; ihre offenbaren guten Taten sind in Wahrheit weder Gehorsam gegenüber Allah noch Befolgung Seiner Gebote, daher kann man sich nicht auf sie verlassen. Man kann sie mit jener Gruppe von Menschen vergleichen, die den König nicht als König anerkennen und sein Gesetz nicht als Gesetz gelten lassen. Selbst wenn ihr Verhalten nicht gegen das Gesetz verstößt, kann man sie dennoch nicht als dem König treu und als Befolger seines Gesetzes bezeichnen. Sie werden gewiss zu den Aufständischen gezählt.

Viertens: diejenigen, die keinen Iman haben und zudem in ihrem Verhalten schlechte und frevelhafte Menschen sind. Sie sind die Menschen der niedrigsten Stufe, denn sie sind sowohl Aufständische als auch Stifter von Unordnung. Aus dieser Einteilung der Menschheit wird deutlich, dass der Erfolg des Menschen in Wahrheit allein vom Iman abhängt. Der Islam, ob vollständig oder unvollständig, entsteht allein aus dem Samen des Iman. Wo kein Iman vorhanden ist, tritt Kufr an seine Stelle – die Auflehnung gegen Allah –, sei sie nun stärker oder schwächer ausgeprägt.

Mittel zum Erwerb von Wissen

Die Notwendigkeit des Iman für den Gehorsam ist nun erwiesen. Die Frage lautet jetzt: Welches Mittel gibt es, um Wissen über Allahs Eigenschaften, über die von Ihm bevorzugten Gesetze und über das Leben im Jenseits zu erlangen – Wissen, auf das man vertrauensvoll bauen kann?

Es wurde bereits gesagt, dass sich überall die Zeichen von Allahs schöpferischem Wirken ausbreiten. All diese Zeichen bezeugen, dass diese Welt das Werk ein und desselben Schöpfers ist und dass Er allein sie lenkt. In diesen Zeichen zeigt sich der Glanz sämtlicher Eigenschaften Allahs, des Erhabenen: Seine Weisheit, Sein Wissen, Seine Macht, Seine Barmherzigkeit, Seine Herrschaft und Sein Zorn – kurz gesagt, es gibt keine Seiner Eigenschaften, die sich nicht in Seinen Werken widerspiegeln würde. Doch der menschliche Verstand und die menschlichen Fähigkeiten irren immer wieder, wenn sie versuchen, all dies zu sehen und zu verstehen. Diese Zeichen befinden sich vor unseren Augen. Dennoch behaupten manche, es gebe zwei Götter, andere sagen, es gebe drei Götter, und wieder andere glauben an unzählige Götter; manche zersplittern sogar Allahs Herrschaft in Stücke. Sie glauben an verschiedene Götter für den Regen, den Wind und das Feuer. Kurz gesagt, ihre Auffassung ist, dass jede Kraft ihren eigenen Gott habe und dass über all diesen Göttern wiederum ein oberster Gott stehe. Beim Versuch, ihre Existenz und ihre Eigenschaften zu begreifen, ist der menschliche Verstand vielfach getäuscht worden. Eine ausführliche Darstellung davon ist hier nicht möglich.

Auch über das Leben im Jenseits hegt der Mensch vielerlei irrige Vorstellungen. Manche sagen, der Mensch werde nach dem Tod zu Erde zerfallen und danach gebe es kein weiteres Leben. Andere sagen, der Mensch werde in dieser Welt immer wieder geboren werden und für seine eigenen Taten bestraft oder belohnt werden.

Das Gesetz, dessen Befolgung für ein Leben gemäß Allahs Willen unbedingt erforderlich ist, allein mit dem eigenen Verstand zu bestimmen, ist noch schwieriger.

„Selbst wenn ein Mensch über einen gesunden Verstand und eine hohe Bildung verfügt, kann er nach vielen Jahren des Prüfens, Nachdenkens und Forschens in diesen Angelegenheiten nur bis zu einer bestimmten Grenze zu einem Urteil gelangen. Unter solchen Umständen wird in ihm nicht die volle Überzeugung entstehen, dass er die Wahrheit vollständig erkannt hat. Hätte man den Menschen allerdings ohne jede Wegweisung sich selbst überlassen, wäre sein Verstand und sein Wissen vollkommen auf die Probe gestellt worden. In diesem Fall wären diejenigen erfolgreich gewesen, die durch eigene Anstrengung und eigene Fähigkeiten den Weg der Wahrheit und Gerechtigkeit gefunden hätten; diejenigen aber, die ihn nicht gefunden hätten, wären gescheitert. Doch Allah, der Erhabene, hat Seine Diener keiner derart schwierigen Prüfung unterworfen! In Seiner eigenen Barmherzigkeit hat Er aus den Menschen Menschen hervorgebracht, denen Er ein unfehlbares Wissen über Seine Eigenschaften gegeben hat. Er hat sie außerdem die Methode gelehrt, durch die die Menschen in dieser Welt gemäß Allahs Willen leben können. Mit dem richtigen Wissen über das Leben im Jenseits hat Er ihnen aufgetragen, dieses Wissen an andere Menschen weiterzugeben. Diese sind Allahs Propheten. Das Mittel, dessen Allah sich bedient hat, um ihnen Wissen zu geben, heißt Wahy, und das Buch, in dem ihnen dieses Wissen gegeben wurde, wird Allahs Buch und Allahs Wort genannt. Nun besteht die Prüfung des Verstandes und der Fähigkeiten des Menschen darin, ob er an diese Propheten glaubt, indem er ihr heiliges Leben betrachtet und ihre erhabene Lehre prüft. Die Wahrheitssuchenden und Wahrhaftigen werden die Prüfung bestehen, indem sie die Botschaft der Wahrheit und die Lehre aufrichtiger Menschen annehmen; wenn sie sie jedoch nicht annehmen, wird sich zeigen, dass ihnen die Fähigkeit fehlt, Wahrheit und Gerechtigkeit zu erkennen und anzunehmen. Diese Ablehnung wird sie die Prüfung nicht bestehen lassen, und über das Leben im Jenseits werden sie niemals ein richtiges Wissen erlangen können.“

Īmān bil-Ghaib

Wenn jemand über eine bestimmte Sache keinerlei Wissen besitzt, sucht er einen kundigen Menschen auf und handelt nach dessen Anweisungen. Wenn jemand krank ist, behandelt er sich nicht selbst, sondern geht zu einem Arzt. Nachdem er erfahren hat, dass der Arzt ein entsprechendes Zeugnis besitzt, über Erfahrung verfügt, unter seiner Behandlung viele Patienten gesund geworden sind und noch vieles andere über ihn gehört hat, gewinnt er das Vertrauen, dass der Arzt die für seine Behandlung erforderliche Befähigung besitzt. Die Medikamente, deren Anwendung der Arzt ihm vorschreibt, verwendet er aufgrund dieses Vertrauens entsprechend, und die von ihm untersagten Dinge meidet er. Ebenso vertraut ein Mensch in Rechtsangelegenheiten einem Rechtsanwalt und folgt ihm. Im Bereich der Bildung vertraut er einem Lehrer und richtet sich nach ihm. Wenn er irgendwohin reisen muss und den Weg nicht kennt, vertraut er einem ortskundigen Menschen und folgt dem von ihm gezeigten Weg. Kurz gesagt: Bei jeder Angelegenheit der Welt vertraut der Mensch zur Erlangung von Kenntnis und Wissen einem erfahrenen Menschen und ist verpflichtet, ihm zu folgen. Dies nennt man Īmān bil-Ghaib.

Īmān bil-Ghaib bedeutet, dass man das, was den Menschen unbekannt ist, von einem kundigen Menschen erfährt und darauf Vertrauen setzt. Über Allahs Wesen und Eigenschaften weiß der Mensch nichts. Auch weiß niemand, dass Seine Engel gemäß Seinem Befehl handeln und den Menschen von allen Seiten umgeben. Niemand weiß, auf welche Weise man gemäß Allahs Willen leben soll. Der wahre Zustand des Lebens im Jenseits ist allen unbekannt. All dieses Wissen muss der Mensch von einer Person erlangen, deren Vertrauenswürdigkeit, Wahrhaftigkeit, Aufrichtigkeit, Gottesfurcht, reines und frommes Leben sowie gelehrte Ausführungen in ihm die Überzeugung wecken, dass das, was sie sagt, fehlerlos ist und all ihre Worte des Vertrauens würdig sind. Dies nennt man Īmān bil-Ghaib. Īmān bil-Ghaib ist für den Gehorsam gegenüber Allah und das Handeln gemäß Seinem Willen unerlässlich, denn außer durch einen Propheten ist es dem Menschen unmöglich, richtiges Wissen zu erlangen, und ohne richtiges Wissen ist es ebenfalls unmöglich, den Weg des Islam richtig zu beschreiten.

 

Das Prophetentum

Im vorangegangenen Kapitel wurden drei Dinge erörtert:

Erstens: Für den Gehorsam gegenüber Allah ist ein fehlerloses Wissen über Allahs Wesen und Eigenschaften, über die von Ihm gewählte Lebensordnung sowie über die Belohnung für gute Taten und die Vergeltung für böse Taten im Jenseits erforderlich. Dieses Wissen muss so weit vertieft werden, dass daraus vollkommene Überzeugung beziehungsweise Īmān entsteht.

Zweitens: Allah hat die Menschen nicht einer so schwierigen Prüfung unterzogen, dass sie dieses Wissen aus eigener Anstrengung erlangen müssten. Vielmehr hat Er aus ihrer Mitte Seine auserwählten Diener – diejenigen, die Propheten genannt werden – durch die Offenbarung mit diesem Wissen ausgestattet und ihnen befohlen, dieses Wissen den anderen Dienern zu übermitteln.

Drittens: Die einzige Pflicht des gewöhnlichen Menschen besteht darin, Allahs wahren Propheten zu erkennen. Sobald er die Wahrheit erkannt hat, dass dieser oder jener Mensch tatsächlich Allahs Prophet ist, besteht seine unerlässliche Pflicht darin, an jede von ihm übermittelte Lehre zu glauben, jedem seiner Gebote zu gehorchen und nach der von ihm befolgten Methode zu leben.

Nun will ich zuallererst über das Wesen des Prophetentums sprechen und darüber, wie man einen Propheten erkennen kann.

Das Wesen des Prophetentums

Alles, was der Mensch auf der Welt benötigt, hat Allah selbst für ihn bereitgestellt. Wenn ein Kind geboren wird, wird es mit unzähligen Dingen auf die Welt geschickt. Augen zum Sehen, Ohren zum Hören, eine Nase zum Riechen und Atmen, eine über den ganzen Körper verteilte Haut mit dem Empfindungssinn der Berührung, Füße zum Gehen, Hände zum Arbeiten, ein Gehirn zum Denken sowie unzählige weitere Dinge, die entsprechend all seinen möglichen Bedürfnissen bereits im Voraus zu seinem kleinen Körper hinzugefügt wurden. Kaum hat es die Welt betreten, sieht es außerdem all die zum Leben notwendigen Mittel vor sich, deren Zahl sich nicht ermessen lässt. Es gibt Luft, Licht, Wasser und Erde; in der Brust der Mutter ist bereits Milch gespeichert; Eltern und Angehörige – ja, sogar im Herzen anderer Menschen – wurden für das Kind Zuneigung, Liebe und Mitgefühl verankert, durch die es aufgezogen wird. Je größer es wird, desto mehr findet es jede Art von Dingen, die seine Bedürfnisse befriedigen, als würden die Kräfte der Erde und des Himmels allesamt zu seiner Versorgung und seinem Dienst wirken.

Gehen wir nun noch ein wenig weiter. Dem Menschen wurden alle Fähigkeiten gegeben, die erforderlich sind, um die Angelegenheiten der Welt zu bewältigen. Körperliche Kraft, Verstand, Auffassungsgabe, Ausdrucksfähigkeit und noch viele andere Fähigkeiten sind bei den Menschen in unterschiedlichem Maß vorhanden. Doch hier zeigt sich eine ganz besondere Ordnung Allahs. Er hat nicht allen Menschen genau dieselben Fähigkeiten verliehen. Wäre es so, wäre niemand auf jemand anderen angewiesen und niemand würde sich auch nur im Geringsten um jemand anderen kümmern. Deshalb hat Allah entsprechend den gemeinsamen Bedürfnissen aller Menschen zwar alle Arten von Fähigkeiten unter ihnen entstehen lassen; die Art und Weise ist jedoch folgende: Dem einen Menschen wurde eine bestimmte Fähigkeit in größerem Maß gegeben, während einem anderen eine andere Fähigkeit verliehen wurde. Manche besitzen mehr Kraft für körperliche Arbeit als andere. Manche Menschen sind von Geburt an mit besonderen künstlerischen Fähigkeiten oder Begabungen für bestimmte Berufe ausgestattet, die bei anderen nicht zu finden sind. Manche verfügen über mehr Talent und geistige Kraft als andere. Aufgrund ihrer angeborenen Eigenschaften werden manche zu Heerführern, während andere eine besondere Befähigung zur Führung besitzen. Manche werden mit außergewöhnlicher Beredsamkeit geboren, andere mit einer natürlichen Begabung für das Schreiben. Es gibt auch Menschen, deren Verstand sich von Geburt an besonders stark der Mathematik zuwendet und die schwierige Fragen mühelos lösen, an deren Lösung der Verstand anderer nicht einmal heranreicht. Wieder andere werden mit der Fähigkeit geboren, vielerlei immer neue Dinge zu erfinden, und die Welt blickt mit staunendem Verwundern auf ihre Erfindungsgabe. Manche Menschen verfügen über ein so einzigartiges Rechtsverständnis, dass sie die komplizierten Zusammenhänge des Rechts, deren Entschlüsselung anderen trotz jahrelanger Bemühungen nicht verständlich wird, ganz von selbst erfassen. Dies ist eine Gabe Allahs. Kein Mensch kann eine solche Fähigkeit aus eigener Anstrengung in sich selbst hervorbringen. Auch durch Bildung und Ausbildung werden diese Dinge nicht geschaffen. In Wirklichkeit handelt es sich um angeborene Fähigkeiten, und Allah verleiht sie aufgrund Seines eigenen Wissens, wem Er will.

Wenn man auch über diese Gabe Allahs nachdenkt, wird man feststellen, dass die Fähigkeiten, die für die Entwicklung der menschlichen Kultur besonders benötigt werden, den Menschen in größerem Maß verliehen werden; was weniger benötigt wird, wird ihnen auch in geringerem Maß verliehen. Gewöhnliche Soldaten werden in großer Zahl geboren. Bauern, Töpfer, Schmiede und Menschen für viele andere Tätigkeiten werden unzählige geboren; Menschen jedoch, die außergewöhnliche geistige Fähigkeiten in Wissenschaft und Wissen sowie Befähigung zu Politik und Heerführung besitzen, werden seltener geboren. Menschen mit außergewöhnlicher Begabung, Geschicklichkeit und Talent für eine bestimmte Tätigkeit werden noch seltener geboren. Denn ihre großartigen Leistungen decken über viele nachfolgende Jahrhunderte hinweg den Bedarf an Menschen, die ihnen an Wissen und Begabung ähnlich sind.

Nun muss man bedenken, dass es für den Erfolg des irdischen Lebens der Menschen nicht ausreicht, dass unter ihnen Ingenieure, Mathematiker, Wissenschaftler, Rechtsexperten, Politikwissenschaftler, Ökonomen und Menschen mit Fähigkeiten auf verschiedenen anderen Gebieten geboren werden. Es bedarf einer noch bedeutenderen Klasse von Menschen, die den Menschen den richtigen Weg zu Allah weisen können. Die anderen Menschen können lediglich wissen, was es für die Menschen auf der Welt gibt und auf welche Weise es genutzt werden kann; doch es muss auch jemanden geben, der ihnen sagt: Wozu wurde der Mensch selbst erschaffen? Wer hat den Menschen all die Dinge der Welt gegeben? Und was sind der Wille und das Ziel dieses Gebers? Denn nur indem der Mensch auf der Welt nach Seinem Willen lebt, kann er sicheren und ewigen Erfolg erlangen. Dies ist das eigentliche und wichtigste Bedürfnis des Menschen. Der menschliche Verstand kann nicht akzeptieren, dass Allah, der für die Befriedigung selbst unserer kleinsten Bedürfnisse alle Vorkehrungen getroffen hat, dieses wichtige Bedürfnis unbefriedigt gelassen haben sollte. Nein, das ist unter keinen Umständen möglich. So wie Allah Menschen mit besonderen Fähigkeiten für bestimmte Künste, Wissenschaften und Wissensgebiete erschaffen hat, so hat Er auch Menschen erschaffen, die über die höchste Fähigkeit verfügten, Allah zu erkennen. Aus Seinem eigenen Werk gab Er ihnen die Kenntnis Seiner Gebote – in Bezug auf Religion (Dīn), Verhalten (Achlāq) und Lebensweise (Scharīʿa) – und beauftragte sie damit, die anderen Menschen in diesen Dingen zu unterrichten. In unserer Sprache werden all diese Menschen Propheten, Gesandte oder Paighambare genannt.

Die Erkennungsmerkmale eines Propheten

So wie Menschen mit Fähigkeiten auf den Gebieten von Wissenschaft, Wissen und Kunst mit ganz besonderen Begabungen und einer besonderen Veranlagung geboren werden, so wird auch ein Prophet mit einer besonderen Veranlagung geboren.

Schon beim Hören der Worte eines Dichters, der mit einer angeborenen Begabung ausgestattet ist, können wir erkennen, dass er mit einer besonderen Befähigung geboren wurde, denn kein anderer kann selbst nach großer Anstrengung Gedichte von gleicher Art vortragen. Ebenso wird die eindeutige Eigenart von Rednern, Schriftstellern, Erfindern und Führern mit angeborener Begabung durch ihre jeweiligen Werke sichtbar, denn jeder von ihnen zeigt auf seinem eigenen Tätigkeitsgebiet eine außergewöhnliche Befähigung, die bei anderen nicht zu beobachten ist. Ebenso verhält es sich mit dem Propheten. Sein Geist ist fähig, über solche Probleme nachzudenken, an die der Geist anderer nicht einmal heranzureichen vermag. Er kann durch seine Worte verschiedene Themen erhellen, was anderen nicht möglich ist. Sein Blick dringt von selbst in die Tiefen jener feinen Dinge vor, zu denen der Blick anderer selbst nach jahrelangem Nachdenken und Forschen nicht vorzudringen vermag. Was immer er sagt, nimmt unser Verstand an, und unser Herz erkennt dessen Wahrheit. Die Wahrheit jeder einzelnen seiner Aussagen wird durch die unendlichen Prüfungen und Untersuchungen der Welt sowie durch die grenzenlosen Erfahrungen der Schöpfung erwiesen. Würden wir selbst versuchen, etwas Ähnliches zu sagen, wäre unser Scheitern gewiss. Sein Wesen und seine Natur sind so makellos und geläutert, dass er in jeder Angelegenheit einen wahrhaftigen, einfachen und edlen Weg einschlägt. Niemals äußert er eine Unwahrheit und begeht keine unehrliche Tat. Stets lehrt er Frömmigkeit und gute Werke und zeigt selbst, wie das, was er anderen rät, in die Tat umgesetzt wird. In seinem Leben findet sich kein einziges Beispiel dafür, dass er selbst das Gegenteil von dem tut, was er sagt. In seinen Worten und Taten findet sich keine Spur persönlicher Interessen; zum Wohl anderer nimmt er Belastungen auf sich, doch um seines eigenen Vorteils willen fügt er anderen keinen Schaden zu. Sein ganzes Leben wird zum Vorbild für Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit, Edelmut, Reinheit, hochstehendes Denken und eine erhabene Menschlichkeit, und selbst bei gründlichster Untersuchung findet sich darin kein Mangel und keine Abweichung. Dass dieser Mann ein wahrer Prophet Allahs ist, lässt sich gerade an diesen Eigenschaften deutlich erkennen.

Der Gehorsam gegenüber dem Propheten

Sobald man eine bestimmte Person als wahren Propheten Allahs erkannt hat, wird es unerlässlich, ihre Worte anzunehmen, ihren Gehorsam anzuerkennen und dem von ihr aufgezeigten Weg zu folgen. Jemanden als Propheten anzuerkennen, aber seinen Anweisungen nicht zu gehorchen, ist vollkommen unvernünftig. Eine bestimmte Person als Propheten anzuerkennen bedeutet, anzuerkennen, dass alles, was sie gesagt hat, von Allah stammt und dass alles, was sie getan hat, gemäß Allahs Willen und Ratschluss geschieht. Was danach gegen ihn gesagt oder getan wird, richtet sich gegen Allah. Und was Allah widerspricht, kann niemals wahr sein. Deshalb wird es nach der Anerkennung einer Person als Prophet von selbst zur zwingenden Pflicht, ihre Worte ohne Widerspruch anzunehmen. Ob die Vernünftigkeit und der Nutzen ihrer Worte verständlich sind oder nicht: Man muss sich ihren Geboten und Verboten beugen. Die Botschaft, die vom Propheten übermittelt wird, muss allein deshalb, weil sie die Botschaft des Propheten ist, als wahr, gehaltvoll und vernünftig angenommen werden. Wenn jemand die Vernünftigkeit einer seiner Anweisungen nicht begreift, bedeutet das nicht, dass sie einen Mangel enthält; vielmehr bedeutet es, dass sein eigenes Verständnis in irgendeiner Hinsicht fehlerhaft ist.

Es ist offensichtlich, dass jemand, der mit einer bestimmten Kunst oder Wissenschaft nicht vollständig vertraut ist, ihre feinsten Einzelheiten nicht erfassen kann. Wenn er jedoch allein mit der Begründung, dass er die Worte eines Fachmanns nicht versteht, verspricht, dessen Worte nicht anzunehmen, wird er sich als großer Narr erweisen. Bei jeder Tätigkeit in der Welt werden Fachleute benötigt. Nachdem man einen Fachmann anerkannt hat, muss man volles Vertrauen in ihn setzen und darf sich nicht in seine Arbeit einmischen, denn niemand kann in allen Angelegenheiten Fachmann sein. Kein Mensch kann alle Dinge der Welt gleichermaßen verstehen. Zu jedem Zweck muss man mit vollständigem Wissen und großer Vorsicht nach einem Fachmann suchen; und sobald die volle Überzeugung entstanden ist, dass eine bestimmte Person für den betreffenden Zweck der beste Fachmann ist, besteht die einzige Pflicht darin, sich ganz auf sie zu verlassen. Sich in ihre Arbeit einzumischen und bei jedem ihrer Worte zu sagen: »Erkläre es mir zuerst, sonst werde ich es nicht annehmen«, ist keine vernünftige, sondern ganz einfach eine törichte Handlung. Wenn man nach der Beauftragung eines Anwalts mit der Führung eines Rechtsstreits solchen Ärger verursacht, wird er einen aus seinem Büro hinauswerfen. Wenn man zu einem Arzt zur Behandlung geht und für jede seiner Anweisungen Beweise und Belege verlangt, wird er die Behandlung abbrechen. Im Bereich der Religion verhält es sich genauso. Jeder muss Wissen über Allah erlangen. Jeder möchte wissen, nach welcher Methode man sein Leben gemäß Allahs Willen und Ratschluss führen kann. Doch niemand besitzt aus eigener Kraft einen richtigen Weg, dies zu erfahren. Daher ist es die Pflicht eines jeden, nach einem wahren Propheten Allahs zu suchen. Bei dieser Suche muss man mit größter Vorsicht und mit Wissen und Verstand vorgehen. Denn wenn man außer einem echten Propheten irgendeinen anderen Menschen als Propheten anerkennt, wird dieser einen ganz selbstverständlich auf einen falschen Weg führen. Wenn jedoch nach zahlreichen Prüfungen und Untersuchungen die Überzeugung entsteht, dass der Betreffende ein wahrer Prophet Allahs ist, dann ist es für alle unerlässlich, volles Vertrauen in ihn zu setzen und jeder seiner Anweisungen zu gehorchen.

Die Notwendigkeit, an die Propheten zu glauben

Wenn erkannt worden ist, dass der Weg, den Allahs Prophet weist, der richtige und gerade Weg des Islam ist, wird ohne Weiteres verständlich, dass es für jeden Menschen eine zwingende Pflicht ist, an den Propheten zu glauben, ihm zu gehorchen und dem von ihm aufgezeigten Weg zu folgen. Wer den vom Propheten aufgezeigten Weg verlässt und nach eigenem Verstand einen anderen Weg erfindet, ist zweifellos irregeführt.

In dieser Angelegenheit beschreiten die Menschen viele verschiedene Wege des Irrtums. Eine Gruppe erkennt die Wahrhaftigkeit des Propheten an, glaubt jedoch nicht wirklich an ihn und gehorcht ebenso wenig seinen Anweisungen. Diese Menschen sind nicht nur Ungläubige, sondern auch töricht; denn nachdem sie den Propheten als wahren Propheten anerkannt haben, bedeutet es, seinen Anweisungen nicht zu folgen, bewusst und wissentlich der Lüge zu gehorchen. Es ist eine offenkundige Wahrheit, dass es keine größere Torheit geben kann als diese.

Manche sagen wiederum: Wir brauchen den Propheten nicht zu gehorchen. Mit unserem eigenen Verstand können wir den Weg der Wahrheit erkennen. Auch das ist ein verhängnisvoller Irrweg. Durch das Studium der Mathematik lässt sich sicher erkennen, dass von einem Punkt zu einem anderen nur eine einzige gerade Linie gezogen werden kann. Jede weitere Linie, die man zieht, wird entweder gekrümmt sein oder den anderen Punkt nicht erreichen. Für den Weg der Wahrheit, der in der islamischen Terminologie „Sirat al-Mustaqim“ (der gerade, richtige Weg) genannt wird, gilt dasselbe Prinzip. Dieser Weg beginnt beim Menschen und führt zu Allah; nach dem oben genannten mathematischen Grundsatz kann es nur einen solchen Weg geben. Alle anderen Wege sind entweder krumm oder führen nicht zu Allah. Daher ist außer dem einfachen und geraden Weg, den der Prophet gewiesen hat, kein anderer Weg der „Sirat al-Mustaqim“. Wer den vom Propheten gewiesenen Weg verlässt und selbst nach einem Weg sucht, muss eine von zwei möglichen Folgen erfahren. Entweder findet er überhaupt keinen Weg, der ihn zu Allah führt, oder, falls er einen findet, wird es ein verwinkelter und langer Weg sein. Statt einer geraden Linie wird es eine gekrümmte Linie sein. Im Hinblick auf die erste Folge ist sein Untergang unausweichlich; und auch im Hinblick auf die zweite Folge besteht kein Zweifel daran, dass seine Torheit erwiesen ist. Selbst ein dummes und unwissendes Tier verlässt beim Wechsel von einem Ort zu einem anderen den krummen Weg und geht auf dem geraden Weg. Was soll man von jemandem sagen, dem ein rechtschaffener Diener Allahs den geraden Weg gezeigt hat, wenn er zu ihm sagt: „Nein, ich werde nicht auf dem von dir gezeigten Weg gehen. Ich werde selbst, indem ich auf einem krummen Weg immer wieder stolpere, mein Ziel suchen“?

Jeder kann diesen allgemeinen Irrtum auf den ersten Blick verstehen; bei genauerem Nachdenken wird jedoch noch deutlicher, dass für denjenigen, der sich weigert, an den Propheten zu glauben, weder ein krummer noch ein gerader Weg zur Nähe Allahs offensteht. Der Grund dafür ist, dass im Verstand dessen, der sich weigert, die Worte eines aufrichtigen und wahrhaftigen Menschen anzunehmen, gewiss eine solche Verzerrung vorhanden ist, unter deren Einfluss er sich vom Weg der Wahrheit abwendet. Vielleicht liegt ein Fehler in seinem Verständnis vor, oder seine Natur ist so verdorben, dass sie nicht bereit ist, irgendeine wahrhaftige und gute Sache anzuerkennen. Vielleicht hängt er der blinden Nachahmung seiner Vorfahren an und ist nicht bereit, irgendeine negative Kritik an dem zu hören, was seit jeher als Brauch überliefert wurde. Oder vielleicht ist er zum Sklaven seiner eigenen Neigungen geworden und weigert sich deshalb, die Lehre des Propheten anzunehmen, weil er nach ihrer Annahme keine Freiheit mehr hätte, sündhafte und verbotene Handlungen zu begehen. Diese Ursachen sind von solcher Art, dass bereits das Vorliegen einer einzigen von ihnen bei einem Menschen es ihm unmöglich macht, den Weg Allahs zu finden. Wenn andererseits keine dieser Ursachen bei einem Menschen vorhanden ist, ist es ebenfalls unmöglich, dass ein wahrheitsliebender, unschuldiger und rechtschaffener Mensch sich weigert, die Lehre eines wahrhaftigen Propheten anzunehmen.

Das Wichtigste aber ist, dass der Prophet von Allah gesandt wurde und Allah selbst befohlen hat, an ihn zu glauben und ihm zu gehorchen. Wer nicht an den Propheten glaubt, begeht Auflehnung gegen Allah selbst. Ein Mensch, der Untertan eines Königs ist, muss demjenigen gehorchen, den der König zu seinem Statthalter ernannt hat. Wenn er dem vom König eingesetzten Statthalter den Gehorsam verweigert, bedeutet das eine Rebellion gegen den König. Die Herrschaft anzuerkennen, aber den von ihr eingesetzten Statthalter nicht anzuerkennen, ist ein völliger Widerspruch. Für Allah und Seinen gesandten Propheten gilt dasselbe Prinzip. Allah ist der wahre König aller Menschen. Jeder Mensch ist verpflichtet, denjenigen als Propheten anzuerkennen, den Er zur Leitung der Menschen gesandt und dessen Gehorsam Er ihnen befohlen hat, alle anderen Formen des Gehorsams aufzugeben und ausschließlich Seinem Weg zu folgen. Wer sich von Seiner Gefolgschaft abwendet, ist gewiss ein Kafir. Ob er an Allah glaubt oder nicht, spielt dabei keine Rolle.

Eine kurze Geschichte des Prophetentums

Nun will ich darlegen, wie die Reihe des Prophetentums unter der Menschheit begann, wie sie sich allmählich zur höchsten Stufe der Entwicklung erhob und durch den letzten und größten Propheten ihren Abschluss fand.

Es ist bekannt, dass Allah zuerst nur einen einzigen Menschen erschuf und aus diesem Menschen dessen Gefährtin erschuf. Danach vergingen viele Jahrhunderte. Die Nachkommen dieses ersten Menschen bedeckten die ganze Erde. Alle Menschen, die heute auf der Welt leben, sind Kinder des zuerst erschaffenen Menschenpaares. Die religiösen und geschichtlichen Überlieferungen aller Völker bezeugen, dass die Menschheit mit einem einzigen Menschen begonnen hat. Durch die wissenschaftliche Erforschung des Ursprungs des Menschen wurde kein Beweis gefunden, dass an verschiedenen Orten der Welt voneinander unabhängige Menschen erschaffen worden wären. Vielmehr vermuten die meisten Wissenschaftler, dass zuerst nur ein einziger Mensch auf der Welt entstanden ist und dass alle Menschen, die heute überall auf der Welt zu sehen sind, Nachkommen dieses einen Menschen sind.

In unserer Sprache wird dieser erste Mensch der Welt Adam genannt. Vom Namen Adam leitet sich das Wort Adami ab, und dieses Wort ist ein Synonym für Insan oder Mensch! Allah hatte zuerst Hazrat Adam, Allahs Friede sei mit ihm, zu Seinem Propheten bestimmt und ihm befohlen, seine Kinder und Nachkommen den Islam zu lehren, damit er ihnen sage: Euer Gott und der Gott der ganzen Welt ist Einer. Betet nur Ihn an, unterwerft euch nur Ihm, bittet nur Ihn um Hilfe und führt auf der Erde gemäß Seinem Willen und Seinem Wohlgefallen ein Leben in Aufrichtigkeit und Gerechtigkeit. Wenn ihr auf diese Weise lebt, werdet ihr die ersehnte Belohnung erhalten; wenn ihr euch jedoch von Seinem Gehorsam abwendet, wird euch die härteste Strafe zuteilwerden.

Unter den Nachkommen Hazrat Adams, Allahs Friede sei mit ihm, folgten diejenigen, die rechtschaffen waren, weiterhin dem einfachen Weg, den ihr Vater gewiesen hatte; die schlechten Menschen jedoch verließen diesen Weg. Nach und nach entstanden alle Arten von Frevel. Einige begannen, den Mond, die Sonne und die Sterne anzubeten, andere begannen, Pflanzen, Tiere, Flüsse und Berge zu verehren. Manche glaubten, dass für Luft, Wasser, Feuer, Krankheit, Gesundheit und Kraft sowie für die anderen nützlichen Mittel und Kräfte der Natur jeweils eigene Götter zuständig seien und dass man jeden von ihnen anbeten müsse, damit jeder Gott erfreut werde und ihnen gnädig sei. So entstanden aus Unwissenheit verschiedene Formen von Schirk (Beigesellung) und Butparasti (Götzendienst), und dadurch gingen zahllose Religionen hervor. Dies geschah in jener Zeit, als sich die Nachkommen Hazrat Adams, Allahs Friede sei mit ihm, über verschiedene Teile der Welt ausgebreitet hatten. Überall auf der Erde waren verschiedene Völker entstanden. Jedes Volk hatte eine neue Religion geschaffen, und die Bräuche und Sitten jedes Volkes waren eigenständig geworden. Die Ordnung, die Hazrat Adam, Allahs Friede sei mit ihm, seinen Nachkommen vorgelegt hatte, vergaßen die Menschen zusammen mit dem Vergessen Allahs ebenfalls. Sie begannen, ihren eigenen Neigungen zu dienen. Jede Art ungerechter Sitte entstand, und jede Art von Vorstellungen der Unwissenheit breitete sich überall aus. Bei der Unterscheidung zwischen Gut und Böse irrten die Menschen. Vieles Unrecht hielten sie für gut, und viele gute Taten hielten sie für schlecht.

Allah, der Erhabene, begann, in jedes Volk Seine Propheten zu entsenden. Zuerst lehrte der Prophet Adam (Friede sei mit ihm) die Menschen; auch die anderen Propheten begannen, den Menschen dieselbe Lehre zu vermitteln. Sie erinnerten ihre jeweiligen Völker an die Lehre, die sie vergessen hatten. Sie lehrten die Menschen, den einen Allah anzubeten, und wandten sie vom Weg des Schirks und des Götzendienstes ab. Indem sie die Bräuche der Dschahiliyya beseitigten, wiesen sie ihnen den Weg, ihr Leben nach Allahs Willen und Ratschluss zu führen, und indem sie die fehlerlosen Gebote erläuterten, führten sie sie auf den Weg des Gehorsams gegenüber Ihm. Hindustan, China, Iran, Irak, Ägypten, Afrika und Europa – kurz gesagt: Es gibt kein Land auf der Welt, in das nicht ein Prophet von Allah gesandt worden wäre. Die Religion all dieser Propheten war eine und dieselbe; in unserer eigenen Sprache nennen wir sie Islam. Allerdings unterschieden sich ihre Lehrmethoden und Lebensordnungen teilweise voneinander. Der Schwerpunkt lag jeweils darauf, die Formen der Dschahiliyya zu beseitigen, die sich unter dem jeweiligen Volk ausgebreitet hatten. Je weiter eine bestimmte irrige Vorstellung verbreitet war, desto größere Aufmerksamkeit wurde zunächst ihrer Bekämpfung gewidmet; in der Anfangszeit wurden den Menschen daher einfache Lehren und einfache Gebote gegeben. Als sie Schritt für Schritt auf dem Weg des Fortschritts voranschritten, wurden auch ihre Lehre und die zu befolgenden Gebote immer umfassender. Diese Verschiedenheit der Lehren und Gebote beschränkte sich lediglich auf ihre äußere Form; ihr wesentlicher Inhalt war bei allen derselbe: auf der Ebene des Glaubens der Tauhid, im Handeln Aufrichtigkeit und Ordnung sowie das feste Vertrauen auf Vergeltung und Strafe im Jenseits – darin bestand ihr eigentlicher Kern.

Auch gegenüber den Propheten haben sich die Menschen auf vielerlei merkwürdige Weise verhalten. Zunächst behandelten sie sie schlecht, missachteten ihre Ermahnungen, vertrieben manche aus ihrem Land und töteten andere. Manche von ihnen verkündeten den Menschen ihr ganzes Leben lang die Lehre und gewannen dabei mit großer Mühe kaum zehn oder fünfzehn Anhänger. Doch diese von Allah auserwählten Diener erfüllten stets unbeirrt ihre Pflicht. Schließlich begann ihre Lehre, Einfluss auf die Menschen auszuüben, und große Völker bekannten sich zu ihrem Gehorsam. Danach nahm die Neigung der Menschen zur Irreleitung (Gumrah) erneut eine andere Gestalt an. Nach dem Tod der Propheten vergaßen ihre Gemeinschaften deren Lehre. Sie mischten ihren Schriften Vorstellungen aller Art aus eigener Erfindung bei. Sie nahmen neue Formen der Anbetung an; manche Gruppen begannen sogar, die Propheten selbst anzubeten. Einige erklärten ihren Propheten zur Inkarnation Allahs (das heißt, Allah selbst sei in menschlicher Gestalt erschienen), andere machten ihren Propheten zu einem Teilhaber Allahs. Kurz gesagt, die Menschen begannen sich so willkürlich zu verhalten, dass sie gerade jene Propheten, die die Götzen zerstört hatten, selbst zu Götzen machten. Auch die Lebensordnung (Scharia), die der Prophet seiner Gemeinschaft hinterlassen hatte, verfälschten sie allmählich. Sie vermischten sie mit allen möglichen aus Unwissenheit entstandenen Bräuchen, fügten zahlreiche Geschichten und falsche Überlieferungen hinzu und führten von Menschen erlassene Gesetze zusammen mit den von den Propheten vorgezeigten Geboten ein. So gab es nach einigen Jahrhunderten keinen Weg mehr festzustellen, wie die ursprüngliche Lehre und Ordnung der Propheten ausgesehen hatte und was die späteren Menschen ihr beigemischt und dadurch verfälscht hatten. Die Lebensgeschichten der Propheten wurden so vollständig mit falschen und erdichteten Berichten überlagert, dass keine zuverlässige Geschichte ihres Lebens mehr auffindbar ist. Dennoch war das gesamte Wirken der Propheten nicht vergeblich. Trotz aller Verfälschungen und Veränderungen ist in jedem Volk bis heute ein Teil der Wahrheit erhalten geblieben. Die Vorstellung von Allahs Existenz und vom Jenseits hat sich in irgendeiner Form unter allen Völkern verbreitet. Einige Grundsätze der Aufrichtigkeit, der Wahrheit und eines moralischen Lebens haben allgemein Anerkennung in der ganzen Welt gefunden. Zugleich hatten die Propheten der verschiedenen Völker jedes einzelne Volk bis zu einem bestimmten Entwicklungsstand so vorbereitet, dass der Welt die Lehre einer allgemeinen Religion vorgelegt werden konnte, die von allen Menschen ohne Unterschied angenommen werden konnte.

Wie ich bereits gesagt habe, kamen zu Beginn in jedes Volk jeweils eigene Propheten, und die Lehre jedes Einzelnen war auf sein eigenes Volk beschränkt. Der Grund dafür war, dass damals alle Völker voneinander getrennt waren. Es gab nur sehr wenig Austausch zwischen ihnen. Tatsächlich war jedes Volk auf sein eigenes Land beschränkt. Unter solchen Umständen war es äußerst schwierig, eine gemeinsame allgemeine Lehre für alle Völker zu verkünden. Außerdem unterschieden sich die Verhältnisse der verschiedenen Völker voneinander. Damals hatten sich Vorstellungen der Dschahiliyya in hohem Maß verbreitet. Infolgedessen nahm die daraus entstandene Verformung des sittlichen Bewusstseins und des Verhaltens an jedem Ort eine eigene Gestalt an. Deshalb war es für Allahs Propheten unerlässlich, jedem Volk eine gesonderte Lehre und Rechtleitung zu vermitteln: schrittweise irreführende Vorstellungen auszurotten und richtige Vorstellungen zu verbreiten, nach und nach die Lebensweise der Dschahiliyya zu beseitigen und den Gehorsam gegenüber der vortrefflichsten Ordnung zu lehren – und die Menschen so zu unterrichten, wie man Kinder erzieht. Wie viele tausend Jahre vergingen, während die Völker der Welt auf diese Weise erzogen wurden, weiß allein Allah. Schließlich begann die Menschheit, ihre Kindheit zu überschreiten und die Stufe der Reife zu erreichen. Mit dem Fortschritt von Handel, Industrie und Baukunst entstanden Beziehungen zwischen den Völkern. Von China und Japan bis in die entlegensten Gebiete Europas und Afrikas entwickelten sich Schifffahrt und Reisen auf dem Landweg. Die meisten Völker entwickelten Alphabete, und das Lesen und Schreiben kam in Gebrauch. Wissen und Wissenschaft breiteten sich aus, und zwischen den Völkern begann ein Austausch von Gedanken und Erkenntnissen. Große Eroberer wurden geboren; sie errichteten große Reiche und vereinigten verschiedene Länder und Völker in einer politischen Ordnung. So begannen die Entfernung und die Unterschiede, die anfangs zwischen den verschiedenen Völkern der Menschheit bestanden hatten, allmählich abzunehmen, und die Möglichkeit entstand, der ganzen Welt dieselbe Lehre des Islam und dieselbe Lebensordnung (Scharia) zu verkünden. Vor zweieinhalbtausend Jahren war die Menschheit bereits so weit fortgeschritten, dass sie selbst das Bedürfnis nach einer allgemeinen Lebensordnung empfand. Obwohl der Buddhismus keine vollständige religiöse Ordnung darstellte und in ihm nur einige Grundsätze des sittlichen Charakters zusammengetragen waren, breitete er sich dennoch von Hindustan aus einerseits bis nach Japan und in die Mongolei und andererseits bis nach Afghanistan und Buchara aus. Die Verkünder dieser Religion bereisten viele weit entfernte Länder. Einige Jahrhunderte später entstand die christliche Religion. Obwohl Jesus (Friede sei mit ihm) mit der Lehre des Islam gekommen war, wurde nach seinem Hinscheiden eine verfälschte Religion unter dem Namen Christentum geschaffen, und die Christen verbreiteten diese Religion von Iran ausgehend in weit entfernte Länder Afrikas und Europas. Tatsächlich empfand die Welt damals das Bedürfnis nach einer allgemeinen Religion für die Menschheit mit großer Dringlichkeit und war darauf so weit vorbereitet, dass die Menschen, als sie keine vollständige und fehlerlose Lebensordnung fanden, begannen, unreife und unvollständige Religionen unter den verschiedenen Völkern zu verbreiten.

Die Prophetenschaft von Muhammad (s. a.)

Es kam eine Zeit, in der Allah, der Erhabene, für die ganze Welt und alle Völker der Menschheit einen Propheten, nämlich Muhammad (s. a.), im arabischen Land zur Welt kommen ließ, ihm die vollständige Lehre und die umfassende Ordnung des Islam verlieh und ihn mit der großen Aufgabe betraute, diese in der ganzen Welt zu verkünden.

Wenn man die Geografie der Welt betrachtet, wird auf den ersten Blick deutlich, dass es auf der Erde für die Sendung von Propheten in der ganzen Welt keinen geeigneteren Ort als Arabien geben konnte. Dieses Land liegt genau im Zentrum der Kontinente Asien und Afrika. Auch Europa liegt von hier aus sehr nahe. Besonders damals lebten die zivilisierten Völker Europas im Süden Europas, und dieser Teil war von Arabien aus ebenso nahe wie Hindustan.

Wenn man außerdem die Weltgeschichte jener Zeit studiert, wird man erkennen, dass es damals für diese Prophetenschaft kein geeigneteres Volk als das arabische Volk gab. Alle anderen großen Völker waren zu jener Zeit im Kampf um die Errichtung ihrer jeweiligen Vorherrschaft auf der Welt müde geworden. Die Araber hingegen besaßen damals noch die Frische der Jugend. Mit dem Fortschritt der Zivilisation waren in die Lebensweise der anderen Völker vielfältige Entstellungen eingedrungen; auf das arabische Volk hatte der Einfluss einer solchen Zivilisation jedoch noch nicht eingewirkt, sodass es bequemlich, genussliebend und von niederem Charakter hätte werden können. Im sechsten Jahrhundert der christlichen Zeitrechnung war Arabien völlig frei vom verderblichen Einfluss der zivilisationsstolzen Völker jener Epoche. In den Arabern waren die menschlichen Tugenden in dem Maß vorhanden, wie sie in einem Volk vorhanden sein können, das noch nicht vom Hauch der Zivilisation berührt worden ist. Sie waren tapfer, furchtlos und edelherzig; sie hielten ihre Versprechen und liebten unabhängiges Denken und ein unabhängiges Leben; die Unterwerfung unter ein anderes Volk akzeptierten sie nicht. Um ihre eigene Ehre zu bewahren, zögerten sie nicht, ihr Leben zu opfern. Sie führten ein äußerst einfaches Leben und hatten keinerlei Neigung zu Luxus und Vergnügen. Zweifellos gab es unter ihnen verschiedene Arten von Untaten, deren Darstellung später folgen wird; der Grund für diese Untaten war jedoch, dass in ihrem Land seit zweieinhalbtausend Jahren kein Prophet erschienen war und unter ihnen kein Reformer gekommen war, der die Befähigung zur moralischen und kulturellen Erziehung besessen hätte. Infolge eines unabhängigen Lebens über viele Jahrhunderte hinweg in der rauen, dürren Wüste hatten sich Unwissenheit und Vorstellungen der Dschahiliyya unter ihnen ausgebreitet, und sie waren durch ihre aus Unwissenheit hervorgegangene Lebensweise so hart und tief verwurzelt geworden, dass es keinem gewöhnlichen Menschen möglich gewesen wäre, sie zu wahren Menschen zu machen. Zugleich war in ihnen jedoch eine solche Fähigkeit angesammelt, dass sie, wenn ein genialer Mensch zur Reform ihres Lebens voranging und sie durch die Weisung auf ein großes Ziel erweckte, nicht davor zurückgeschreckt hätten, für die Erreichung dieses Ziels die ganze Welt umzukehren. Für die Verbreitung der Lehre des Propheten für die ganze Welt war ein solches jugendlich begeistertes und starkes Volk erforderlich.

Als Nächstes ist auch die arabische Sprache bemerkenswert. Wenn man die arabische Sprache studiert und ihre literarischen Schätze kennenlernt, kann man leicht verstehen, dass es für den Ausdruck hoher Gedanken und dafür, durch die Darstellung der feinen Geheimnisse der Süße der Erkenntnis Allahs auf das menschliche Herz einzuwirken, keine geeignetere Sprache als diese geben kann. In dieser Sprache lassen sich durch kurze, knappe Worte oder Sätze gewaltige Gedanken ausdrücken, und ihre Ausdrucksweise ist so kraftvoll, dass sie wie ein Pfeil oder Speer das menschliche Herz durchbohrt. Die Süße dieser Sprache lässt Honig in die Ohren des Menschen strömen. Ihre süßen Klangwellen versetzen das menschliche Herz unbemerkt in einen Rausch des Rhythmus. Für das Tragen eines großartigen Buches wie des Qurans war eine solche Sprache erforderlich.

Hierin zeigt sich die umfassende Weisheit Allahs des Erhabenen: Für die Entsendung Seines letzten Propheten für die ganze Welt hatte Er gerade das arabische Land auserwählt. Wie unvergleichlich die reine Persönlichkeit war, die Allah der Erhabene für diese erhabenste Aufgabe auserwählt hatte, das werde ich nun darlegen.

Beweise für die Prophetenschaft Muhammads

Lassen wir unseren Blick vierzehnhundert Jahre zurückschweifen. Damals gab es auf der Welt weder ein Telegrafensystem noch Telefone, weder Eisenbahnen noch Druckereien, weder Zeitungen und Zeitschriften noch Bücher, und auch keine Möglichkeiten und Bequemlichkeiten für Auslandsreisen, wie wir sie heute sehen. Um von einem Land in ein anderes zu gelangen, musste man mehrere Monate unterwegs sein. Unter diesen Umständen war Arabien von allen anderen Ländern der Welt abgeschnitten. In seiner Umgebung lagen Iran, die Türkei und Ägypten, wo in gewissem Maß Wissenschaft und Gelehrsamkeit gepflegt wurden. Doch ein gewaltiges Meer aus Sand hielt Arabien von diesen Ländern getrennt. Arabische Händler reisten monatelang auf Kamelen in diese Länder, um Handel zu treiben, doch ihre Beziehungen beschränkten sich ausschließlich auf den Kauf und Verkauf von Waren. Im arabischen Land gab es damals noch keinerlei hoch entwickelte Zivilisation; dort gab es weder Schulen noch Bibliotheken, und unter den Bewohnern wurde auch nicht das Lesen und Schreiben gepflegt. Im ganzen Land gab es nur eine geringe Zahl von Menschen, die einigermaßen lesen und schreiben konnten, doch auch das reichte nicht aus, um Kenntnis von der Wissenschaft jener Zeit zu erlangen. Eine gut organisierte Regierung gab es dort nicht. Es gab keine Gesetze und keine Rechtsordnung. Jeder Stamm übte in seinem eigenen Gebiet eine willkürliche Herrschaft aus. Im ganzen Land kam es ungehindert zu zahlreichen Raubzügen. Mord und Krieg waren dort alltägliche Erscheinungen. Das menschliche Leben hatte dort keinen Wert: Wer irgendeine Macht über jemanden ausüben konnte, tötete ihn und bemächtigte sich seines Eigentums. Unter ihnen gab es keinen Sinn für Moral und keinen Kontakt mit Zivilisation. Untaten, Trunksucht und Glücksspiel waren ganz gewöhnliche Dinge. Sie scheuten sich nicht, voreinander nackt zu sein. Ja, sogar die arabischen Frauen umschritten die Kaaba nackt. In ihrem Leben gab es keinen Unterschied zwischen dem Verbotenen und dem Erlaubten. Die Freiheit der Araber war so weit über jedes Maß hinausgegangen, dass sie nicht bereit waren, irgendeine Regel, irgendein Gesetz oder irgendeine moralische Ordnung zu befolgen; die Gefolgschaft gegenüber irgendeinem Führer konnten sie nicht akzeptieren. Die Unwissenheit der Araber hatte eine derart extreme Gestalt angenommen, dass sie Steinstatuen anbeteten. Wenn sie unterwegs ein schönes Stück Stein fanden, hoben sie es auf, stellten es vor sich hin und beteten es an. Der Kopf, der sich nicht bereit zeigte, sich vor irgendjemandem zu beugen, neigte sich vor einem winzigen Stein, und man glaubte, dass eben dieser Stein all ihre Wünsche erfüllen könne.

Unter solchen Umständen erschien in einem solchen Volk ein Mensch. Schon in seiner Kindheit wurde ihm der liebevolle Schutz seiner Eltern und Großeltern entzogen. Auch die wenige Bildung, die unter den damaligen Verhältnissen möglich war, wurde ihm nicht zuteil. Als er herangewachsen war, hütete er mit den arabischen Jungen Ziegen. In seiner Jugend widmete er sich dem Handel. Sein Umgang, seine Gesellschaft und alles, was er tat, geschah mit jenen Arabern, deren Zustand bereits beschrieben wurde. Er besaß keinerlei Bildung und verstand nicht einmal ein wenig zu lesen und zu schreiben; dennoch waren sein Verhalten, sein Charakter und seine Denkweise von allen anderen verschieden. Er sprach niemals eine Lüge, äußerte gegenüber niemandem böse Worte; anstelle harter Worte strömte Honig aus seinem Mund, und unter seinem Einfluss waren die Menschen von ihm bezaubert und kamen zu ihm. Nicht einmal einen einzigen Pfennig nahm er jemandem unrechtmäßig ab. Von seiner Vertrauenswürdigkeit beeindruckt, übergaben ihm die Menschen ihr äußerst wertvolles Eigentum zur Aufbewahrung, und er bewahrte jedes Eigentum so gewissenhaft wie sein eigenes Leben. Sein ganzes Volk war von seiner Ehrlichkeit beeindruckt und nannte ihn „al-Amīn“. Sein Schamgefühl war so ausgeprägt, dass ihn seit seiner Kindheit niemand je unbekleidet gesehen hatte. Er war so tugendhaft, dass er trotz seiner Erziehung in einem lasterhaften und verderbten Volk jede Art von schlechtem und unschicklichem Verhalten verabscheute; in jeder seiner Handlungen zeigte sich Reinheit. Wegen der Reinheit seiner Gedanken empfand er tiefen Schmerz in seinem Herzen, wenn er in seinem eigenen Volk Plünderung, Raub und Blutvergießen sah, und in Zeiten des Kampfes bemühte er sich, Frieden zu stiften. Sein empfindsames Herz nahm Anteil am Leid und Schmerz jedes Menschen. Er half Waisen und Witwen, gab den Hungrigen zu essen und lud Reisende gastfreundlich in sein Haus ein, um sie zu bewirten. Er fügte niemandem Leid zu, sondern nahm selbst Leid um anderer willen auf sich. Er besaß unfehlbare Erkenntnis und verabscheute den Götzendienst, obwohl er unter einem Götzen anbetenden Volk lebte. Niemals beugte er sein Haupt vor irgendeinem Geschöpf. Aus seinem Herzen erhob sich von selbst die Stimme: Unter allem, was auf Erden und im Himmel zu sehen ist, gibt es niemanden, der Anbetung verdient. Sein Herz sprach von selbst: Allah kann nur Einer sein, und Er ist einzig und allein. Inmitten eines barbarischen Volkes erschien diese große Persönlichkeit – wie ein leuchtender Diamant inmitten eines Steinhaufens, wie eine strahlende Flamme inmitten tiefster Finsternis.

Nachdem er nahezu vierzig Jahre lang ein solch reines, makelloses und erhabenes Leben geführt hatte, ertrug er die ringsum immer dichter werdende Finsternis nicht mehr. Sein Herz sehnte sich nach Befreiung aus dem schrecklichen Meer der Unwissenheit, der Sittenlosigkeit, der Sünde, der Verderbtheit, des Schirk und des Götzendienstes, denn nichts dort entsprach seiner Gesinnung. Schließlich zog er sich fern von den Menschen in eine Berghöhle zurück und verbrachte dort Tag um Tag in einer Welt der Einsamkeit und des Friedens. Durch wiederholtes Fasten reinigte er seine Seele, sein Herz und seinen Verstand immer weiter. Dort dachte er nach, sann und versank in Meditation; er suchte nach einem neuen Licht, dessen Fackel er tragen könnte, um die ihn umgebende dichte Finsternis zu vertreiben. Er suchte nach einer Quelle der Kraft, mit der er diese verdorbene Welt zerschlagen und die schöne, reine Ordnung der Menschlichkeit errichten konnte.

Mitten in dieser Versunkenheit in die Meditation trat eine gewaltige geistige Veränderung in seinem Leben ein. Das Licht, nach dem sein Wesen so lange gesucht hatte, erschien plötzlich als strahlender Lichtstrahl in seinem Herzen. Plötzlich kam eine solche Kraft in sein Inneres, deren Wirkung er niemals zuvor empfunden hatte. Er verließ die einsame Umgebung der Berghöhle, trat vor die Menschen und kam zu seinem eigenen Volk. Er verkündete ihnen: „Die steinernen Götzen besitzen keine Macht; gebt ihre Anbetung auf. Der Mond, die Sonne, die Erde und alle Kräfte des Himmels sind Schöpfungen des einen Allah, des Erhabenen. Er allein ist der Schöpfer von euch allen, Er allein ist der Versorger; Leben und Tod, alles steht unter Seiner Ordnung. Betet unter Ausschluss aller anderen allein Ihn an und bittet allein Ihn um die Erfüllung eurer Wünsche. Gebt Diebstahl, Raub, Plünderung, Trunksucht, Glücksspiel, Betrug – all diese Sünden, die ihr begeht und die dem Willen Allahs widersprechen – und jedes dieser Übel auf. Sprecht die Wahrheit, übt Gerechtigkeit, tötet niemanden und nehmt niemandem sein Eigentum. Was immer ihr nehmt, nehmt es auf dem Weg der Wahrheit; was immer ihr gebt, gebt es auf dem Weg der Wahrheit. Ihr alle seid Menschen, und alle Menschen sind einander gleich. Die Vorzüglichkeit und Würde des Menschen – seine Sharāfa – liegen weder in seiner Abstammung noch in Hautfarbe, Gestalt oder Besitz. Gottesfurcht, gute Taten und ein reines Leben sind die Zeichen der Würde eines Menschen. Wer Allah fürchtet und ein rechtschaffenes und reines Leben führt, ist ein Mensch höchsten Ranges. Wer anders handelt, besitzt keinerlei Ruhm. Nach dem Tod müsst ihr alle vor eurem Schöpfer erscheinen, vor dem wahrhaft gerechten Richter am Tag des endgültigen Gerichts. Dort werden weder Fürsprache noch Bestechung zählen. Dort wird nicht nach der Vornehmheit der Abstammung gefragt werden. Dort wird nur über Glauben und gute Taten abgerechnet werden. Wessen Besitz diese Güter sein werden, dessen Wohnstätte wird das Paradies sein; wer nichts davon besitzt, für den sind Verzweiflung und die Strafe der Hölle bestimmt.“

Das unwissende Volk der damaligen Araber misshandelte und quälte diesen frommen Menschen allein deshalb, weil er die Bräuche verurteilt hatte, die seit den Zeiten ihrer Väter und Großväter bestanden, und eine Lehre verkündete, die der von ihren Vorfahren befolgten Lebensweise widersprach. Aus diesem Grund begannen sie, ihn mit unaussprechlichen Schimpfworten zu beleidigen, machten sein Leben durch ständiges Bewerfen mit Steinen unerträglich und schmiedeten Pläne, ihn zu töten. Nicht nur einen oder zwei Tage, sondern dreizehn Jahre lang setzten sie ihn fortwährend schwersten Qualen aus. Schließlich musste er die vertraute Umgebung seiner Heimat verlassen und in ein fremdes Land ziehen. Doch auch dort, wo er nach seiner Flucht Zuflucht gefunden hatte, bedrängten sie ihn noch mehrere Jahre lang.

Warum ertrug er all dieses Leid, diese Mühsal und diese Verfolgung? Sein einziges Ziel war, sein Volk auf den einfachen und geraden Weg der Wahrheit zu führen. Sein Volk war bereit, ihn mit der Würde eines Königs auszuzeichnen und ihm Berge von Reichtümern zu Füßen zu legen. Es wollte lediglich verhindern, dass er die Wahrheit verkündete. Doch er blieb unbeirrt und hielt ohne Zögern an seinem Ziel fest, ohne sich von all ihren Verlockungen abbringen zu lassen. Kann man sich in irgendeinem Menschen ein edleres Herz und größere Aufrichtigkeit vorstellen als in demjenigen, der nicht um seines eigenen Vorteils willen, sondern zum Wohl anderer fortwährend Leid, Mühsal und Verfolgung erträgt? Gerade jene, deren Wohl er anstrebt, verletzen ihn, indem sie ihn mit Steinen bewerfen, und dennoch wünscht er ihnen als Antwort nur Gutes. Nicht nur Menschen, sogar Engel sind angesichts eines solchen Beispiels von Aufrichtigkeit tief beeindruckt.

Besonders ist zu beachten, welch gewaltige Revolution in diesem Menschen vor sich ging, als er aus der Berghöhle mit der Botschaft der Wahrheit vor die menschliche Gesellschaft trat. Die Botschaft, die er den Menschen zu verkünden begann, war so klar und fließend und nach den Maßstäben von Sprache und Literatur so erhaben und kunstvoll, dass weder vor ihm noch nach ihm jemals jemand etwas Derartiges gesprochen hatte. Die Araber waren stolz auf ihre Dichtkunst, Beredsamkeit und sprachliche Klarheit. Vor dem Volk Arabiens forderte er es heraus, eine einzige Sure wie eine Sure des heiligen Kalām vorzulegen; doch angesichts dieser Herausforderung beugten sich alle Häupter. Die Sprache dieses besonderen Kalām, des Heiligen Qur’an, war jedoch nicht dieselbe erhabene Sprache wie die seiner gewöhnlichen Gespräche und Reden. Noch heute erkennen wir einen deutlichen Unterschied, wenn wir diesen Kalām mit seinen anderen eigenen Aussprüchen vergleichen.

Dieser Mann – dieser des Lesens und Schreibens unkundige Mann aus der arabischen Wüste – begann, tiefgründige philosophische Worte auszusprechen, wie sie vor ihm kein Mensch gesprochen hatte und bis heute nach ihm niemand in gleicher Weise sprechen konnte; ja, bis zu seinem vierzigsten Lebensjahr hatte niemand solche Worte aus seinem Mund gehört.

Dieser ummī, also ungebildete, Mann hinterließ für das sittliche und gesellschaftliche Leben, für Wirtschaft, Politik und alle anderen Bereiche des menschlichen Lebens solche Bestimmungen, dass große Gelehrte und Wissende erst nach vielen Jahren des Nachdenkens und Forschens sowie nach lebenslangen Prüfungen und Erfahrungen mit großer Mühe einen Teil ihrer tiefen Bedeutung erfassen können. Und je weiter die menschlichen Erfahrungen und Erprobungen der Welt voranschreiten, desto deutlicher wird ihre tiefe Bedeutung für die Menschen. Mehr als dreizehnhundert Jahre sind vergangen; doch noch heute wird in den von ihm erlassenen Bestimmungen kein Bedarf an einer Änderung empfunden. Die von Menschen geschaffenen Gesetzeswerke der Welt wurden inzwischen tausendfach entworfen und wieder verworfen; bei jeder Prüfung erwiesen sich diese Bestimmungen als gescheitert, und jedes Mal mussten sie verändert werden. Doch keine einzige Bestimmung des Gesetzes, das dieser ungebildete Wüstenbewohner den Menschen ohne die Hilfe irgendeines anderen vorlegte, musste geändert werden.

Innerhalb der 23 Jahre seines Prophetentums machte er durch den Einfluss seines eigenen liebenswerten Charakters, seiner Wahrhaftigkeit, seiner Größe und seiner erhabenen Lehre aus Feinden Freunde und aus Rivalen Helfer. Große Mächte stellten sich gegen ihn, mussten sich letztlich geschlagen geben und sich ihm zu Füßen unterwerfen. Obwohl er siegte, nahm er an keinem Feind Rache für dessen Feindschaft und behandelte niemanden hart. Selbst den Mann, der seinen eigenen Onkel getötet, dessen Herz herausgerissen und es zerkaut hatte, verschonte er, nachdem er über ihn gesiegt hatte. Auch jene, die ihn mit Steinen beworfen und aus seiner Heimat vertrieben hatten, vergab er, als sie in seine Gewalt gerieten. Er betrog niemanden und brach niemals ein Versprechen. Auch im Kampf zeigte er keinerlei Grausamkeit; nicht einmal sein erbittertster Feind konnte ihn je der Ungerechtigkeit oder Unterdrückung beschuldigen. Durch den Einfluss dieser unvergleichlichen Wahrhaftigkeit gewann er schließlich die Herzen ganz Arabiens. Die Araber, deren Zustand in der obigen Darstellung geschildert wurde, befreite er durch seine eigene Lehre und Rechtleitung von Barbarei und Unwissenheit und machte sie zu einer hoch angesehenen, kultivierten Nation. Die Araber, die sich keinem Gesetz unterwerfen wollten, machte er so gesetzestreu, dass die Weltgeschichte kein gesetzestreueres Volk gesehen hatte. Die Araber, in denen keinerlei Neigung zum Gehorsam gegenüber anderen vorhanden gewesen war, machte er zu Untertanen eines gewaltigen Reiches. Selbst jene Menschen, die niemals den geringsten Hauch von moralischem Bewusstsein verspürt hatten, formte er zu Menschen von solch sittlichem Charakter, dass die Welt heute bei der Betrachtung ihres Zustands staunend und bewundernd dasteht. Die Araber, die damals unter den Völkern der Welt den niedrigsten Rang einnahmen, wurden unter dem Einfluss dieses einzigen Mannes innerhalb von dreiundzwanzig Jahren so mächtig, dass sie die Throne der mächtigen Herrscher Irans, Roms und Ägyptens umstürzten. Sie brachten der Welt Zivilisation, Kultur, sittliches Leben und die Lehre von der Menschlichkeit; mit der einen Lehre und der einen Scharia des Islam breiteten sie sich bis in die schönsten Gebiete Asiens, Europas und Afrikas aus.

So weit also reichte der Einfluss des Islam auf das arabische Volk. Noch erstaunlicher wirkte der Einfluss des ungebildeten arabischen Propheten auf die ganze Welt. Er bewirkte in den überall auf der Welt verbreiteten Denkweisen, Verhaltensformen und Gesetzesordnungen eine beispiellose Revolution. Selbst wenn man von denen absieht, die seine Führung annahmen, ist es erstaunlich, dass auch jene, die sich weigerten, seine Autorität anzuerkennen, sich ihm widersetzten und ihm feindlich gegenüberstanden, seinem Einfluss nicht entgingen. Die Welt hatte die Lehre des Tauhīd vergessen; er erinnerte die Menschen wieder an diese Lehre. Und er verkündete die Wahrheit mit solcher Kraft, dass heute sogar die Religionen der Götzenverehrer und Polytheisten gezwungen sind, den Tauhīd anzuerkennen. Er hinterließ den Menschen eine so kraftvolle sittliche Lehre, dass die von ihm festgelegten Grundsätze heute in der weltweit verbreiteten Morallehre immer mehr Raum gewinnen. Die Grundsätze, die er auf den Gebieten des Rechts, der Politik, der Zivilisation und der sozialen Wirtschaft festlegte, sind so sehr auf der Wahrheit gegründet und für alle Zeiten anwendbar, dass selbst seine gegnerischen Kritiker stillschweigend daraus Material übernommen haben und noch immer übernehmen.

Wie ich bereits gesagt habe, wurde dieser außergewöhnliche Mann inmitten eines unwissenden Volkes, in einem völlig finsteren Land, geboren. Bis zu seinem vierzigsten Lebensjahr übte er außer dem Hüten von Tieren und dem Handel keinen anderen Beruf aus. Er erhielt keinerlei Bildung oder Ausbildung. Es ist ein Grund zum Nachdenken: Woher kam nach seinem vierzigsten Lebensjahr plötzlich diese derartige Vollkommenheit? Woher kam die außergewöhnliche Fülle seines Wissens? Woher erhielt er diese gewaltige Kraft? Ein einziger Mensch – bald ein außergewöhnlicher Feldherr, bald ein Richter von unvergleichlichem Wissen, bald ein überaus mächtiger Gesetzgeber, bald ein unübertroffener Philosoph, bald ein unvergleichlicher Reformer des sittlichen und kulturellen Lebens und bald wieder ein Führer von erstaunlicher politischer Weisheit! Trotz der vielfältigen Geschäftigkeit seines Lebens verbrachte er nachts Stunde um Stunde im Gottesdienst für Allah, erfüllte die Rechte seiner Ehefrau und seiner Kinder und kümmerte sich um arme und hilfsbedürftige Menschen. Obwohl er die Herrschaft und Leitung eines gewaltigen Reiches erlangt hatte, lebte er wie ein Armer; er schlief auf einer Matte, trug grobe Kleidung und aß wie ein Bedürftiger. Ja, manchmal vergingen seine Tage sogar in Fasten oder mit nur sehr wenig Nahrung.

Wenn er angesichts einer solch erstaunlichen, übermenschlichen Vollkommenheit behauptet hätte, ein übermenschliches Wesen zu sein, hätte niemand diesen Anspruch zurückweisen können. Doch was sagte er stattdessen? Er beanspruchte diese Vollkommenheit nicht als sein eigenes Verdienst, sondern sagte stets:

Ich besitze nichts, was ich mein Eigen nennen könnte; Allah ist der Eigentümer von allem, und von Allah habe ich dies alles erhalten. Die Botschaft, die ich verkünde und derengleichen alle Menschen zu verkünden gescheitert sind, ist nicht meine eigene Botschaft und kein Werk meines Verstandes. Dies ist Allahs Wort, und Ihm allein gebührt dafür das gesamte Lob. Auch all meine Taten wurden nicht durch meine eigene Fähigkeit vollbracht, sondern ausschließlich auf Allahs Anweisung hin. So, wie ich von Allah eine Eingebung empfange, handle und spreche ich.

Wie könnte man einen derart wahrhaftigen Menschen nicht als Allahs Propheten anerkennen? Er besaß eine solche Vollkommenheit, dass sich von Anbeginn der Welt bis heute kein Mensch wie er finden lässt; doch seine Wahrhaftigkeit war so außergewöhnlich, dass er auf diese Vollkommenheit in keiner Weise stolz war. Für diese Vollkommenheit wollte er keinerlei Lob erlangen. Vielmehr schrieb er alles Lob ausdrücklich Dem zu, der ihm alles geschenkt hatte. Wie könnte man ihn nicht als wahr anerkennen? Wenn er selbst seine gesamte Vortrefflichkeit Allah zuschrieb, warum sollten wir dann sagen: Nein, all dies ist das Werk deines eigenen Verstandes? Nur ein Lügner versucht, die Verdienste anderer sich selbst zuzuschreiben. Doch dieser Mensch versuchte nicht, jene Verdienste für sich zu beanspruchen, die er ohne Weiteres als seine eigenen hätte ausgeben können, deren Gründe niemand kannte und durch deren Zurschaustellung er einen übermenschlichen Rang hätte beanspruchen können, ohne dass jemand dies zurückgewiesen hätte. Wer könnte also wahrhaftiger sein als er?

Dieser Mensch – dieser Mann von außergewöhnlichen Verdiensten – war unser Führer, der Prophet der ganzen Welt, Hadhrat Muhammad Mustafa (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm). Seine eigene Wahrhaftigkeit ist der unumstößliche Beweis für sein Prophetentum. Seine ruhmreichen Taten, sein Charakter und die Ereignisse seines reinen Lebens sind allesamt durch die Geschichte belegt. Wer mit reinem Herzen, aufrichtigem Wahrheitsstreben und einem Sinn für Gerechtigkeit seine Lebensgeschichte liest, dessen Herz wird von selbst bezeugen, dass er zweifellos Allahs Prophet ist. Die Botschaft, die er verkündete, ist der Koran, den auch wir lesen. Wer dieses unvergleichliche Buch mit offenem Herzen liest und in sich aufnimmt, muss anerkennen, dass es gewiss ein von Allah gesandtes Buch ist und dass kein Mensch die Fähigkeit besitzt, ein solches Buch zu verfassen.

Das Ende des Prophetentums

Es ist notwendig zu wissen, dass es in unserer Zeit außer der Lehre von Hadhrat Muhammad Mustafa (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) und dem Heiligen Koran kein anderes Mittel gibt, durch das man die wahre, einfache und richtige Führung des Islam erkennen kann. Muhammad (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) ist Allahs Prophet für die gesamte Menschheit. Mit ihm ist die Reihe der Propheten abgeschlossen worden. Alles, wodurch Allah die Menschen rechtleiten will, hat Er durch Seinen letzten Propheten übermittelt. Wer nun die Wahrheit sucht und Allahs ergebenen Diener werden möchte, dessen unerlässliche Pflicht ist es, an Allahs letzten Propheten zu glauben, seine Lehre anzunehmen und dem von ihm gewiesenen Weg zu folgen.

Beweise für das Ende des Prophetentums

Die Bedeutung des Prophetentums wurde bereits erläutert. Wenn man jene Ausführungen versteht und über sie nachdenkt, wird man leicht erkennen, dass nicht täglich ein Prophet erscheint und dass es nicht notwendig ist, dass in jedem Volk jederzeit ein Prophet auftritt. Das Leben eines Propheten ist in Wahrheit das Leben seiner Lehre und seiner Rechtleitung. Solange seine Lehre und seine Rechtleitung lebendig bleiben, bleibt auch er lebendig. Die früheren Propheten sind gestorben, weil die Menschen auf der Welt die Lehren, die sie gebracht hatten, verfälscht haben. Keines der Bücher, die sie gebracht hatten, ist heute noch unverfälscht erhalten. Ihre Anhänger können heute nicht einmal behaupten, dass das ursprüngliche Buch, das ihr Prophet ihnen gegeben hat, bei ihnen vorhanden sei; sie selbst haben den von ihrem Propheten gewiesenen Weg in Vergessenheit geraten lassen! Von keinem der früheren Propheten lässt sich heute irgendwo eine fehlerfreie und zuverlässige Darstellung finden. Mit Gewissheit kann man heute nicht sagen, in welcher Zeit er geboren wurde, welche Werke er vollbrachte, wie er lebte, welche Handlungen er lehrte und von welchen Handlungen er die Menschen abhalten wollte. Auf diese Weise ist ihr wahrer Tod eingetreten.

Demgegenüber ist Hadhrat Muhammad (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) noch heute lebendig, weil seine Lehre und seine Rechtleitung noch immer lebendig sind. Der Koran, den er überbracht hat, ist bis heute zusammen mit seinem ursprünglichen Wortbestand unverfälscht erhalten; nirgendwo hat sich auch nur ein Buchstabe, ein Punkt oder ein Vokalzeichen verändert. Seine Lebensgeschichte, seine Aussprüche und seine Taten sind allesamt bewahrt worden. Auch nach dreizehn Jahrhunderten finden wir seine Darstellung in der Geschichte noch immer so deutlich, als hätten wir ihn mit eigenen Augen gesehen. Die Lebensgeschichte keiner anderen Persönlichkeit ist in der Weltgeschichte so unverfälscht bewahrt worden wie die des Hadhrat (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm). In jeder Handlung unseres Lebens und in jedem Augenblick können wir aus dem Leben des Hadhrat (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) lernen. Gerade das beweist, dass nach Hadhrat (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) kein weiterer Prophet erforderlich ist.

Nach dem Auftreten eines Propheten kann es nur drei Gründe für das Auftreten eines weiteren Propheten geben:

Erstens: wenn die Lehre und Rechtleitung eines früheren Propheten ausgelöscht worden ist und es notwendig wird, sie erneut darzulegen; zweitens: wenn die Lehre eines früheren Propheten unvollständig ist und einer Korrektur oder Ergänzung bedarf; drittens: wenn die Lehre eines früheren Propheten auf ein bestimmtes Volk beschränkt ist und für ein anderes Volk oder andere Völker ein weiterer Prophet erforderlich wird.

Keiner der drei genannten Gründe kann heute zutreffen, denn:

Erstens: Die Lehre und Rechtleitung von Hazrat Muhammad (s.a.w.) sind bis heute lebendig geblieben, und die Quellen, aus denen sich jederzeit erkennen lässt, was die Religion des ehrwürdigen Propheten war, welche Lebensweise er eingeführt hatte und welche Praktiken er abzuschaffen und zu verhindern suchte, sind vollständig bewahrt. Da seine Lehre und Rechtleitung bis heute nicht ausgelöscht worden sind, besteht keine Notwendigkeit, dass ein neuer Prophet kommt, um sie erneut darzulegen.

Zweitens: Durch Hazrat Muhammad (s.a.w.) ist der Welt die vollständige Lehre des Islam vermittelt worden. Nun besteht darin weder die Notwendigkeit, etwas hinzuzufügen oder wegzunehmen, noch enthält sie irgendeinen Mangel, zu dessen Behebung ein weiterer Prophet kommen müsste. Somit besteht der zweite Grund nicht.

Drittens: Hazrat Muhammad (s.a.w.) wurde nicht zu einem bestimmten Volk gesandt, sondern als Prophet für die ganze Welt, und seine Lehre ist für die gesamte Menschheit ausreichend. Daher besteht nun keine Notwendigkeit, dass für ein bestimmtes Volk ein eigener Prophet kommt. Somit ist auch der dritte Grund in diesem Fall hinfällig.

Aus diesen Gründen wird Hazrat Muhammad (s.a.w.) „Khatam an-Nabiyyin“ genannt, das heißt: derjenige, mit dem die Reihe der Propheten abgeschlossen ist. Nun besteht auf der Welt keine Notwendigkeit mehr für das Erscheinen eines neuen Propheten; erforderlich sind vielmehr Menschen, die selbst dem Weg von Hazrat Muhammad (s.a.w.) folgen und andere auf diesem Weg führen; die seine Lehrtradition verstehen, danach handeln und auf der Grundlage des Gesetzes und der Ordnung, die Hazrat Muhammad (s.a.w.) der Welt gebracht hat, einen Staat errichten.

 

Darlegung des Glaubens

Bevor wir weiter voranschreiten, muss einmal überprüft werden, was in den vorangegangenen Kapiteln gesagt wurde:

Erstens: Obwohl Islam die Unterwerfung unter Allah und den Gehorsam gegenüber Seinen Geboten bedeutet, kann zuverlässiges Wissen über Allahs Wesen und Eigenschaften, die Art, entsprechend Seinem Willen und Seiner Absicht zu leben, sowie die Belohnung und Bestrafung im Jenseits nur durch Allahs Propheten erlangt werden. Daher besteht Islam gemäß seiner richtigen Definition darin, an die Lehren des Propheten zu glauben und Allahs Dienerschaft in der von ihm gezeigten Weise anzuerkennen. Wer den Weg des Propheten verwirft und behauptet, Allah unmittelbar zu gehorchen und Seinen Geboten zu folgen, ist kein Muslim.

Zweitens: Früher wurden für verschiedene Völker verschiedene Propheten entsandt, und innerhalb desselben Volkes erschienen fortlaufend nacheinander Propheten. Damals bedeutete „Islam“ für jedes Volk die Religion, die insbesondere der Prophet oder die Propheten dieses Volkes gelehrt hatten. Obwohl das Wesen des Islam in jedem Land und zu jeder Zeit dasselbe war, unterschieden sich die Scharia, das heißt die Methoden der Gesetzgebung und der gottesdienstlichen Handlungen. Deshalb war es für ein Volk nicht verpflichtend, dem Propheten eines anderen Volkes zu folgen, obwohl es verpflichtend war, an alle Propheten zu glauben.

Drittens: Als Hazrat Muhammad Mustafa (s.a.w.) als Prophet in die Welt gesandt wurde, wurde durch ihn die Lehre des Islam vollendet, und eine einheitliche Scharia für die gesamte Welt wurde herabgesandt; die von ihm gebrachte Scharia wurde für alle Zeiten gültig. Die von allen Propheten vor dem Erscheinen Hazrat Muhammads (s.a.w.) eingeführten Scharias wurden aufgehoben. Danach wird bis zum Tag der Auferstehung weder ein Prophet kommen noch eine neue Scharia von Allah, dem Erhabenen, herabgesandt werden. Daher bedeutet Islam heute ausschließlich den Gehorsam gegenüber Hazrat Muhammad (s.a.w.). Islam besteht darin, sein Prophetentum anzuerkennen, aufgrund des Glaubens an ihn seiner übermittelten Lehre zu folgen und all seine Gebote als Allahs Gebote anzusehen und ihnen zu gehorchen. Und es wird niemand von Allah kommen, dessen Befolgung eine notwendige Voraussetzung dafür wäre, Muslim zu sein und dessen Ablehnung einen Menschen zum Ungläubigen machen würde.

Was Hazrat Muhammad (s.a.w.) die Menschen lehrte, woran sie glauben sollten, und welchen hohen Rang ein Mensch erlangen kann, wenn er dies annimmt – davon werde ich nun sprechen.

Der Glaube an Allah

Die erste und wichtigste Lehre Hazrat Muhammads (s.a.w.) lautet:

        اللّهُ اِلّا اِلَهَ لآ

„Es gibt keine Gottheit außer Allah.“

Dieses Kalima ist das Fundament des Islam – durch es wird der Unterschied zwischen einem Kafir, einem Polytheisten, einem Atheisten und einem Muslim bestimmt. Durch die Anerkennung oder Ablehnung dieses Kalimas entsteht ein gewaltiger Unterschied zwischen einem Menschen und einem anderen. Seine Anhänger werden zu einer Nation, während diejenigen, die es zurückweisen, eine von ihnen unabhängige Nation bilden. Seine Anhänger erlangen von dieser Welt bis ins Jenseits Fortschritt, Erfolg und Ehre; das Schicksal derjenigen, die es zurückweisen, besteht hingegen aus Misserfolg, Erniedrigung und Niedergang.

Ein solch kurzer Ausspruch kann allein dadurch, dass man ihn mit dem Mund ausspricht, keinen derart gewaltigen Unterschied zwischen den Menschen hervorbringen. Wenn man zehn Millionen Mal mit dem Mund „Chinin, Chinin“ sagt, es aber nicht einnimmt, kann die Malaria ebenso wenig verschwinden; ebenso kann das bloße Aussprechen von „لا إله إلا الله“ keinen Nutzen bringen, wenn man nicht versteht, was es bedeutet, welche große Sache man durch das Aussprechen dieser wenigen Worte anerkennt und welche große Verantwortung man dadurch auf sich nimmt. Ein wirklicher Unterschied kann erst entstehen, wenn die Bedeutung von „لا إله إلا الله“ im Herzen offenbar wird, vollkommene Überzeugung von ihrer Bedeutung entsteht, der Geist sich vollständig von allen ihr widersprechenden Glaubensvorstellungen befreit und der Glaube an dieses Kalima auf Glauben und Verstand mindestens ebenso großen Einfluss ausübt wie der Glaube an die brennende Kraft des Feuers und die tödliche Wirkung des Giftes. So wie der Glaube an die Natur des Feuers den Menschen vom Berühren des Feuers fernhält und der Glaube an die Natur des Giftes ihn davor bewahrt, Gift zu trinken, so wird der Glaube an dieses Kalima „لا إله إلا الله“ in allen Bereichen des Glaubens und Handelns den Menschen von Schirk, Kufr, Atheismus und selbst den kleinsten Formen sonstiger Frevel abhalten.

Die Bedeutung von „لا إله إلا الله“

Zuerst muss man verstehen, was mit „Ilah“ gemeint ist. In der arabischen Sprache bedeutet das Wort „Ilah“: derjenige, der der Anbetung würdig ist; das heißt, ein Wesen von Überlegenheit, Ruhm und Erhabenheit, das der Verehrung würdig ist und vor dem man in Dienstbarkeit und Anbetung sein Haupt neigen kann. In der Bedeutung des Wortes „Ilah“ liegt auch, dass er Besitzer unendlicher Macht sein wird – einer Macht, deren Erfassung die Grenzen menschlichen Wissens und Verstandes überschreitet. Zur Bedeutung des Wortes „Ilah“ gehört ferner, dass er selbst von niemandem abhängig sein wird, während alle anderen in sämtlichen Angelegenheiten ihres Lebens von ihm abhängig sein und gezwungen sein werden, ihn um Hilfe anzuflehen. Im Wort „Ilah“ ist auch die Bedeutung des Geheimnisvollen enthalten. Das heißt, nur derjenige kann „Ilah“ genannt werden, dessen Macht von einem Schleier des Geheimnisses umgeben ist. Im Persischen wird „Khoda“, im Hindi „Devata“ und im Englischen „Gott“ in einer annähernd gleichen Bedeutung verwendet; auch in den übrigen Sprachen der Welt gibt es besondere Wörter mit derselben Bedeutung.

Das Wort „Allah“ ist der Eigenname („Ism-e Zat“) des einen, ohnegleichen Allah, der grundlegende Name, der auf das eigentliche Wesen hinweist. Die wörtliche Übersetzung des Ausdrucks „لا إله إلا الله“ lautet: Es gibt keinen Ilah außer jenem besonderen Wesen, dessen Name Allah ist. Seine Bedeutung ist, dass es in der gesamten Schöpfung außer Allah kein anderes Wesen gibt, das der Anbetung würdig sein könnte. Außer ihm gibt es niemanden, der diese Würdigkeit besitzt und vor dem man in Anbetung, Dienstbarkeit und Gehorsam sein Haupt neigt. Er allein ist der Besitzer und Gesetzgeber der gesamten Welt; alles ist von ihm abhängig, und alle sind gezwungen, nur von ihm Hilfe zu erbitten. Er ist der menschlichen Wahrnehmung verborgen, und wenn der Mensch versucht, seine Existenz zu erfassen, kehren Wissen und Verstand erfolglos zurück.

Die eigentliche Bedeutung von „لا إله إلا الله“

Oben wurde lediglich die wörtliche Bedeutung des Ausdrucks „لا إله إلا الله“ analysiert. Nun wollen wir seine richtige Bedeutung eingehend betrachten.

Aus den ältesten Informationen der Menschheitsgeschichte, die uns überliefert sind, und aus den Überresten der ältesten Völker, die wir entdeckt haben, lässt sich erkennen, dass die Menschen jeder Epoche irgendeinen Khoda anerkannt und irgendeine Art der Anbetung praktiziert haben. Auch unter allen Völkern, die es heute auf der Welt gibt – mögen sie von ganz ursprünglicher oder von hochentwickelter Art sein –, findet sich die gemeinsame Eigenschaft, dass sie ein bestimmtes Wesen als Khoda anerkennen und es angebetet haben. Daraus wird ersichtlich, dass die Vorstellung eines Khoda der menschlichen Natur innewohnt. Im Menschen gibt es etwas, das ihn dazu gebracht hat, jemanden als Khoda anzuerkennen und ihn anzubeten.

Danach stellt sich die Frage: Was ist dieses besondere Ding im Menschen? Jeder Mensch kann die Antwort von selbst erkennen, wenn er seine eigene Existenz und den Zustand aller Menschen betrachtet.

Tatsächlich ist der Mensch als Diener erschaffen worden. Seinem Wesen nach ist er abhängig, schwach und bedürftig. Die unzähligen Dinge, die er zur Erhaltung seiner Existenz benötigt, unterliegen nicht der Herrschaft seiner Macht. Manchmal gelangen sie von selbst in seine Hände, und manchmal wird er ihrer beraubt.

Es gibt viele Dinge, die für ihn von Nutzen sind. Er möchte sie erlangen; doch manchmal gelangen diese Dinge in seine Hände und manchmal nicht, denn eine unabhängige Fähigkeit, sie zu erlangen, besitzt er überhaupt nicht.

Andererseits gibt es viele Dinge, die ihm Schaden zufügen, die die Arbeit seines ganzen Lebens im Augenblick zunichtemachen, all seine Hoffnungen und Wünsche in den Staub werfen und ihn Krankheit und Tod ausliefern. Er möchte all diese schädlichen Dinge vernichten; manchmal werden sie vernichtet und manchmal nicht. Dadurch erkennt er, dass er keinerlei Macht darüber besitzt, ob diese Dinge kommen oder ausbleiben, verschwinden oder fortbestehen.

Es gibt vieles, dessen Pracht und Größe den Menschen mit Furcht erfüllt. Das Bild von Bergen, Flüssen und schrecklichen wilden Tieren tritt vor seine Augen. Er sieht die unverhüllte Gewalt von Stürmen, Überschwemmungen und Erdbeben. Einer nach dem anderen ziehen das Grollen der Wolken, die dichte Dunkelheit, das Brüllen des Donners, das Aufleuchten der Blitze und der Anblick strömenden Regens vor seinen Augen vorüber. Er sieht, wie groß, wie mächtig und wie majestätisch all diese Dinge sind und wie schwach und unbedeutend er selbst im Vergleich dazu ist.

Wenn der Mensch diese verschiedenen Naturerscheinungen und die unterschiedlichen Beweise seiner eigenen Bedürftigkeit vor Augen sieht, erwacht in seinem Herzen ganz von selbst das Gefühl seiner eigenen Knechtschaft (Anbetung), Abhängigkeit und Schwäche, und zugleich mit diesem Gefühl entsteht die Vorstellung von Allah. Die Vorstellung von Dem, durch dessen Handzeichen diese gewaltigen Kräfte gelenkt werden, erwacht in seinem Geist. Das Gefühl Seiner Macht macht den Menschen demütig und bescheiden und zwingt ihn, nur Ihn um Hilfe zu bitten. Das Gefühl Seiner wohltätigen Macht zwingt den Menschen, zur Befreiung von der Not seine Hände vor Ihm auszustrecken. Das Gefühl Seiner schädigenden Macht bewegt den Menschen dazu, Seine Furcht im Herzen zu bewahren und sich darum zu bemühen, Seinem Zorn zu entgehen.

Die niedrigste Stufe der Unwissenheit ist erreicht, wenn die Menschen diese Herrlichkeiten und Kräfte unmittelbar wahrnehmen, ihre nützliche oder schädliche Wirkung sehen und dennoch meinen, sie selbst seien Götter; dann beginnen sie, Tiere, Berge und Flüsse anzubeten. Sie beten die Erde, das Feuer, den Regen, den Wind, den Mond, die Sonne und noch viele andere Kräfte an.

Wenn dieses Maß an Unwissenheit etwas geringer ist und ein wenig Licht des Wissens erlangt wird, erkennt man, dass diese Dinge ebenso wie der Mensch abhängig sind. Wie große Tiere sterben wie unbedeutende Mücken und Fliegen; die Wasser gewaltiger Flüsse steigen und sinken und trocknen aus; der Mensch selbst fällt Berge. Dass die Erde reich an Früchten und Blüten wird, liegt nicht in ihrer eigenen Macht; wenn das Wasser ihr nicht hilft, wird die Erde trocken und unfruchtbar. Auch das Wasser kann nicht nach eigenem Willen handeln, sondern ist vom Wind abhängig. Auch der Wind steht nicht unter seiner eigenen Macht; sein Nutzen und sein Schaden hängen von anderen nützlichen Kräften ab. Der Mond, die Sonne und die Sterne bewegen sich gemäß einer bestimmten Ordnung. Außerhalb dieser Ordnung können sie nicht im Geringsten von ihrer Bahn abweichen. Wenn der Mensch dies alles sieht und hört, wendet sich sein Geist einer unsichtbaren, geheimnisumwobenen Befreiung zu. Dann beginnt er zu denken, dass sich hinter diesen sichtbaren Dingen verborgene geheimnisvolle Kräfte befinden, die sie lenken, und dass alles diesen Kräften unterworfen ist. Hieraus entstand die Vorstellung von vielen Göttern und Gottheiten. In diesem Zustand nahm der Mensch die Existenz gesonderter Götter für das Licht, den Wind, das Wasser, die Krankheit, die Gesundheit und viele andere Dinge an. Er fertigte ihre eingebildeten Abbilder an und fährt fort, sie anzubeten.

Wenn dann immer mehr Licht des Wissens zu ihm gelangt, erkennt der Mensch, dass die Welt nach einem mächtigen Gesetz und einer großartigen Ordnung verwaltet wird. Welche Regelmäßigkeit und Ordnung herrscht in der Bewegung der Luft, im Kommen des Regens, im Umlauf der Planeten und Satelliten und im Wechsel der Jahreszeiten! Wenn ein Muschrik diese Harmonie des Universums betrachtet und sieht, wie unzählige Kräfte zusammenwirken, muss auch er anerkennen, dass über all den kleinen Göttern die souveräne Herrschaft eines höchsten Gottes steht; denn wären diese verschiedenen Götter voneinander unabhängig und selbstständig und würde jeder überall nach eigenem Willen handeln, wäre diese gewaltige Weltmaschine ins Chaos gestürzt. Diesen höchsten Gott nennt er „Allah“, „den Höchsten“, „den Gott der Götter“ und noch vieles andere. Bei der Anbetung stellt er Ihm jedoch auch die kleinen Götter zur Seite. Er stellt sich vor, Allahs Herrschaft verlaufe wie die Herrschaft irdischer Könige. So wie ein König auf der Welt regiert und viele Minister, vertraute Gefolgsleute, Statthalter und verantwortliche Beamte hat, so gibt es über diese Schöpfung einen höchsten Gott und viele kleine Götter, die Ihm unterstehen. Solange diese kleinen Götter nicht zufriedengestellt sind, kann man nicht zum höchsten Gott gelangen. Betet sie daher ebenfalls an, fleht sie an, fürchtet ihren Unmut, macht sie zu Mittlern, die euch zum höchsten Gott führen, und haltet sie durch Opfergaben und Gelübde zufrieden.

Wenn der Mensch auf dem Gebiet des Wissens weiter fortschreitet, nimmt die Zahl der Götter immer mehr ab. Wenn er jeden einzelnen der Götter betrachtet, die unwissende Menschen erschaffen haben, erkennt er, dass dieser gar kein Gott ist. Er ist ein Diener wie wir und noch hilfloser als wir. So werden diese eingebildeten Götter einer nach dem anderen aufgegeben, bis am Ende nur ein einziger Gott übrig bleibt. Doch auch hinsichtlich dieses einen Gottes zeigen sich in den Vorstellungen der Menschen große Spuren von Unwissenheit. Einer glaubt, Gott besitze wie wir einen Körper aus Fleisch und Blut und sitze an einem bestimmten Ort, von wo aus Er Seine Göttlichkeit ausübe. Ein anderer meint, Gott lebe wie ein Mensch mit Frau, Söhnen und Töchtern und habe wie ein Mensch eine Nachkommenschaft. Wieder ein anderer vermutet, Gott nehme die Gestalt eines Menschen auf der Erde an und steige auf die Erde herab. Manche sagen, Gott habe die Weltmaschine in Gang gesetzt, sitze nun untätig da und verbringe irgendwo in Bequemlichkeit und Wohlleben Seine Tage. Nach der Vorstellung mancher sei die Fürsprache der Seelen frommer und ehrwürdiger Menschen bei Gott unerlässlich und ohne sie könne dort nichts geschehen. Einer entwirft sich in seiner Vorstellung eine bestimmte Gestalt Allahs und empfindet es als unbedingt notwendig, diese Gestalt zur Anbetung vor sich aufzustellen. Trotz des Glaubens an den Tauhid bleiben solche vielfältigen falschen Vorstellungen in den Herzen der Menschen verwurzelt, wodurch sie in Schirk oder Kufr versinken. All dies ist eine Folge der Unwissenheit.

An oberster Stelle steht die Aussage „La ilaha illallah“. Dies ist jenes Wissen, das Allah, der Erhabene, den Menschen in jedem Zeitalter durch Seine Propheten übermittelt hat. Als Erstes gab Er dieses Wissen Adam (a.s.) und ließ ihn damit auf die Erde herabkommen. Nach Adam (a.s.) empfingen dieses Wissen Nuh (a.s.), Ibrahim (a.s.), Musa (a.s.) und alle übrigen Propheten. Und zuletzt kam mit eben diesem Wissen Muhammad (s.a.w.) auf die Erde. In diesem fehlerlosen Wissen gibt es keine Spur von Unwissenheit. In die Formen von Schirk, Götzendienst und Kufr, die ich oben beschrieben habe, sind die Menschen nur deshalb geraten, weil sie sich von der Lehre der Propheten abwandten und sich auf ihre eigene Wahrnehmung und ihren Verstand verließen. Nun werde ich die tiefere Bedeutung dieser kurzen Aussage untersuchen.

Erstens: Die wichtigste Frage, die zunächst zu betrachten ist, betrifft die Vorstellung von Allah. Wenn wir unseren Blick auf dieses grenzenlose Universum richten und über seinen ursprünglichen Aufbau und sein Ende nachdenken, gerät unser Geist in Staunen und Verwirrung. Seine Bewegung begann in einem unbekannten Zeitalter und schreitet einem unbekannten Zeitalter entgegen. In ihm sind unzählige, endlose Schöpfungen entstanden, und weitere entstehen fortwährend. Die Eigenschaften der Natur sind so erstaunlich, dass der menschliche Verstand bei ihrem Begreifen in Staunen und Verwirrung gerät. Diese gewaltige Schöpfung kann nur von Dem verwaltet werden, Der selbst keiner Begrenzung unterliegt, Der ewig lebendig ist, Der niemanden braucht, Der unabhängig, allmächtig und Besitzer souveräner Macht ist, allwissend ist und das Wissen über alle Dinge besitzt, sodass Ihm nichts verborgen bleiben kann. Er ist derjenige, Der über alle siegt und dessen Befehl niemand widersprechen kann, Der unendliche Macht besitzt und von Dem aus eigener Kraft die Mittel zum Leben und zum Unterhalt alle Lebewesen der Schöpfung erreichen, Der frei ist von jedem Mangel, Fehler, jeder Schwäche und jedem Makel und in dessen Wirken niemand eingreifen kann.

Zweitens: Es ist notwendig, dass diese Eigenschaften der Herrschaft Allahs auf ein einziges Wesen beschränkt sind. Es ist unmöglich, dass all diese Eigenschaften in gleicher Weise mehreren Wesen zukommen, denn es kann nur einen geben, Der über alle siegt und Besitzer souveräner Macht ist. Ebenso ist es unmöglich, diese Eigenschaften aufzuteilen und auf viele Götter zu verteilen. Denn wenn ein Gott souveräne Macht besäße, ein anderer allwissend wäre und ein weiterer Leben schenkte, wäre jeder Gott auf den anderen angewiesen, und wenn sie nicht miteinander zusammenwirkten, würde diese Schöpfung im selben Augenblick zugrunde gehen. Auch kann es nicht sein, dass diese Eigenschaften von einem zum anderen übertragen werden, das heißt, dass eine Eigenschaft einmal in einem Gott und ein anderes Mal in einem anderen Gott vorhanden ist. Denn ein Gott, der nicht die Macht besitzt, sich selbst am Leben zu erhalten, kann unmöglich der gesamten Schöpfung Leben schenken; und ein Gott, der seine eigene Göttlichkeit nicht bewahren kann, kann unmöglich über eine so große und gewaltige Schöpfung herrschen. Je mehr daher das Licht des Wissens zunimmt, desto stärker wird im Herzen die Überzeugung entstehen, dass sich die Eigenschaften Allahs notwendigerweise nur in einem einzigen Wesen vereinen können.

Drittens: Mit der vollständigen und fehlerlosen Vorstellung von Allahs Herrschaft vor Augen kann man über die gesamte Schöpfung nachdenken. In keinem der Dinge, die in den Blick fallen oder in den Bereich unseres Wissens gelangen, findet sich die Vereinigung dieser Eigenschaften. Alles in der Welt ist auf anderes angewiesen und wird von anderem gelenkt; alles wird geboren, verändert sich, stirbt und lebt. Nichts kann in unverändertem Zustand dauerhaft bestehen. Niemand besitzt die Fähigkeit, nach eigenem Belieben irgendetwas zu tun. Niemand vermag auch nur um Haaresbreite das Gesetz zu überschreiten, das über allem in Kraft ist. Nicht einmal den geringsten Abglanz Allahs kann man in ihnen erkennen. Keines von ihnen hat auch nur den geringsten Anteil an Allahs Wirken. Das ist die Bedeutung von La ilaha.

Viertens: Nachdem man die Herrschaft Allahs über sämtliche Dinge des Universums verneint hat, muss man anerkennen, dass über allem ein einziges, unabhängiges Wesen steht. Nur Er besitzt alle Eigenschaften der Herrschaft, und außer Ihm gibt es keinen Allah. Das ist die Bedeutung von illallah.

Dies ist das beste aller Kenntnisse. Je mehr man forscht und Untersuchungen anstellt, desto deutlicher wird, dass hier der Anfang des Wissens liegt und auch seine äußerste Grenze hierauf beschränkt ist. Ob Physik, Chemie, Astronomie, Geologie, Biologie oder Anthropologie – kurz gesagt: Welchen Weg zur Erforschung der Geheimnisse des Universums man auch einschlägt, während man dort forschend voranschreitet, wird sich die Wahrheit von Lā ilāha illā Allāh immer weiter offenbaren und die Überzeugung davon stetig wachsen. Bei jedem Schritt der wissenschaftlichen Forschung wird man empfinden, dass alles in der Schöpfung sinnlos wird, sobald man diese erste und wichtigste Wahrheit leugnet.

Der Einfluss des Glaubens an den Tawhid im menschlichen Leben

Hier lege ich dar, welchen Einfluss das Bekenntnis zu „Lā ilāha illā Allāh“ auf das menschliche Leben hat und warum derjenige, der dieses Glaubensbekenntnis verleugnet, in dieser Welt und im Jenseits scheitert.

Erstens: Ein Mensch, der an dieses Glaubensbekenntnis glaubt, kann niemals eine enge Sichtweise haben. Er glaubt an einen Allah, der der Schöpfer von Erde und Himmel, der Herrscher über Osten und Westen und der Erhalter der gesamten Welt ist. Nach einem solchen Glauben kann ihm nichts in der gesamten Schöpfung als von ihm selbst völlig getrennt erscheinen. Wie sein eigenes Wesen betrachtet er alles darin als der Herrschaft dieses Eigentümers und der Hoheit desselben Königs unterworfen. Sein Mitgefühl, seine Liebe und sein Dienst beschränken sich nicht auf einen bestimmten Bereich. So wie Allahs Herrschaft unendlich und grenzenlos ist, wird auch seine Sichtweise frei von jeder Begrenzung. Eine solche Sichtweise kann nicht in jemandem vorhanden sein, der die Existenz vieler kleiner Götter anerkennt, deren Eigenschaften zugleich wie beim Menschen begrenzt und von Mängeln und Fehlern geprägt sind, oder in jemandem, der die Existenz Gottes von vornherein nicht anerkennt.

Zweitens: Dieses Glaubensbekenntnis weckt im Menschen ein Höchstmaß an Selbstachtung und Würde. Wer daran glaubt, weiß, dass allein Allah der Eigentümer aller Macht ist. Außer Ihm kann niemand einem Menschen Gutes oder Schlechtes zufügen; niemand kann ihm das Leben geben oder ihn töten. Dieses Wissen und diese Überzeugung befreien ihn vom Einfluss jeder Macht außer Allah und machen ihn selbstständig und furchtlos. Sein Haupt beugt sich vor keinem Geschöpf; seine Hand streckt sich niemandem entgegen. In seinem Herzen findet die Vorherrschaft der Überlegenheit irgendeines anderen keinen Platz. Keine andere Überzeugung als der Glaube an den Tawhid bringt diese Eigenschaften hervor. Das notwendige Wesen von Schirk, Kufr und Atheismus besteht darin, dass der Mensch unter ihrem Einfluss vor den Geschöpfen niederbeugt. Er hält sie für die Besitzer von Gut und Böse, trägt Furcht vor ihnen im Herzen und erwartet von ihnen etwas.

Drittens: Zusammen mit Selbstachtung schafft dieses Glaubensbekenntnis im Menschen auch Demut. Wer dieses Glaubensbekenntnis bezeugt, kann niemals hochmütig und überheblich sein. Der Stolz auf Macht, Besitz oder Fähigkeiten findet niemals Platz in seinem Herzen, denn er weiß, dass alles, was er besitzt, eine Gabe Allahs ist und dass Er, so wie Er die Macht hat, alles zu geben, auch die Macht besitzt, alles zu nehmen. Im Gegensatz dazu gibt es Menschen, die hochmütig werden, nachdem sie irgendeinen weltlichen Erfolg errungen haben. Denn sie meinen, dieser Erfolg sei das Ergebnis ihrer eigenen Fähigkeiten. So ist die Entstehung von Hochmut zusammen mit Schirk und Kufr unvermeidlich, weil der Muschrik und der Kāfir glauben, dass sie zu ihren angebeteten vielen Göttern und Gottheiten eine besondere Beziehung haben, die anderen nicht zuteilwird.

Viertens: Wer an dieses Glaubensbekenntnis glaubt, weiß sehr wohl, dass es außer der Läuterung der Seele und guten Taten keinen anderen Weg zu seiner Rettung und seinem Erfolg gibt. Denn er glaubt an einen Allah, der unabhängig ist, zu niemandem eine besondere Beziehung hat, vollkommen gerecht richtet und dessen Herrschaft durch niemandes Einmischung oder Einfluss beeinträchtigt werden kann. Die Muschrikūn und Kāfirūn hingegen müssen ihr Leben ständig auf falsche Hoffnungen gestützt führen. Manche von ihnen meinen, der Sohn Gottes selbst werde für ihre Sünden büßen. Andere meinen, sie seien Gottes Begünstigte und könnten daher nicht bestraft werden. Manche glauben, ihre Frommen würden bei Allah für sie Fürsprache einlegen. Wieder andere bringen den Gottheiten Opfergaben dar und meinen, dadurch die Freiheit erhalten zu haben, auf der Erde alles zu tun. Solche falschen Überzeugungen ziehen sie ständig in einen Kreislauf von Sünde und Missetat und halten sie, weil sie sich auf diese falschen Überzeugungen verlassen, von der Läuterung der Seele und guten Taten ab. Über den Atheisten lässt sich sagen, dass er von Anfang an nicht an ein mächtiges Wesen glaubt, vor dem er für gute und schlechte Taten Rechenschaft ablegen müsste. Daher hält er sich in dieser Welt für frei, alles zu tun, was er will. Bei solchen Menschen wird das Verlangen ihres Herzens zu ihrem Gott, und sie werden zu Sklaven ihrer Sinnlichkeit.

Fünftens: Wer dieses Glaubensbekenntnis bezeugt, wird unter keinen Umständen verzweifelt oder gebrochen. Er glaubt an einen Allah, dem alle Schätze von Himmel und Erde gehören, dessen Größe und Gnade grenzenlos und dessen Macht unendlich ist. Der Glaube schenkt ihm außergewöhnliche Ruhe und Sicherheit und erfüllt sein Herz mit Hoffnung. Er mag von allen Türen dieser Welt abgewiesen zurückkehren, nichts mag zu ihm gelangen, und er mag alle Mittel und Wege einen nach dem anderen verlieren; dennoch verliert er unter keinen Umständen sein Vertrauen auf den einen Allah und nimmt gerade dadurch mit neuer Hoffnung im Herzen neue Anstrengungen auf. Außer durch den Glauben an den einen Allah kann diese Ruhe des Herzens durch keine andere Überzeugung erlangt werden. Die Herzen der Muschrikūn, Kāfirūn und Atheisten sind klein; sie müssen sich auf begrenzte Kräfte stützen. Daher umgibt sie auf dem Weg der Bedrängnis schnell die Verzweiflung, und manchmal sehen sie sich in einem solchen Zustand gezwungen, den Weg des Selbstmords einzuschlagen.

Sechstens: Der Glaube an dieses Glaubensbekenntnis erzeugt im Menschen festen Entschluss, hohe Ziele, Ausdauer und eine gewaltige Kraft des Vertrauens auf Allah. Wenn er auf dem Weg voranschreitet, eine große Tat zu vollbringen, um Allahs Wohlgefallen zu erlangen, trägt er im Herzen die Überzeugung, dass die Macht des Königs der Erde und des Himmels hinter ihm steht. Diese Vorstellung verleiht ihm die Festigkeit eines Berges, und selbst wenn sich alle Krisen, Gefahren und gegnerischen Kräfte der Welt gegen ihn vereinen, können sie ihn nicht von seinem Entschluss abbringen. Woher sollten Schirk, Kufr und Atheismus Kraft schöpfen?

Siebtens: Dieses Glaubensbekenntnis macht den Menschen tapfer. Tatsächlich machen zwei Dinge den Menschen feige: einerseits die Liebe zu Besitz, Leben und Kindern, andererseits die Vorstellung, dass es außer Allah eine andere Macht gebe, die den Menschen sterben lassen könne, und dass der Mensch durch eigene Anstrengung den Tod abwehren könne. Der Glaube an „Lā ilāha illallāh“ beseitigt diese beiden Dinge aus dem Herzen. Das erste verschwindet, weil derjenige, der dieses Glaubensbekenntnis anerkennt, allein Allah als den Besitzer seines Besitzes, seines Lebens und aller Dinge betrachtet und bereit ist, um Allahs Wohlgefallen willen alles zu opfern. Auch die zweite Vorstellung bleibt nicht in seinem Herzen bestehen, denn nach der Auffassung desjenigen, der „Lā ilāha illallāh“ anerkennt, besitzt weder der Mensch noch ein Tier, eine Kanone, ein Schwert, ein Stock oder ein Stein die Macht, ein Leben zu nehmen. Der alleinige Inhaber dieser Macht ist Allah, und bevor der Zeitpunkt eintritt, den Er für den Tod bestimmt hat, können selbst alle Kräfte der Welt vereint niemandem das Leben nehmen. Deshalb kann niemand auf der Welt tapferer und mutiger sein als derjenige, der an Allah glaubt. Der Glanz blanker Schwerter, das Feuer der Kanonen, Bombenangriffe und die Attacken gewaltiger Armeen erweisen sich für ihn allesamt als wirkungslos. Wenn er auf Allahs Weg zum Kampf voranschreitet, ist er fähig, eine Armee abzuwehren, die zehnmal stärker ist als er. Woher sollten polytheistische Ungläubige und Atheisten diese Kraft erhalten? Für sie ist das Leben der kostbarste Besitz, und sie meinen, der Feind bringe den Tod; wenn man den Feind beseitigen könne, könne man auch den Tod beseitigen.

Achtens: Der Glaube an „Lā ilāha illallāh“ erzeugt im Menschen eine würdige Haltung der Zufriedenheit, Genügsamkeit und einzigartigen Abhängigkeit von Allah und beseitigt aus seinem Herzen die unerwünschten Haltungen von Gier, Begehrlichkeit, Neid und Feindschaft. Die unerlaubte und verwerfliche Vorstellung, Erfolg zu erlangen, findet in seinem Herzen überhaupt keinen Zugang. Er glaubt, dass Versorgung und Lebensunterhalt allein in Allahs Hand liegen: Er gibt, wem Er will, mehr, und wem Er will, weniger. Ehre, Macht, Ruhm und Herrschaft liegen in Allahs Verfügungsgewalt; nach Seinem Ermessen gewährt Er sie, wem Er will, in dem Maß, wie Er will. Unsere Pflicht ist es, innerhalb unserer jeweiligen Grenzen auf erlaubte Weise weiter danach zu streben. Erfolg und Misserfolg hängen von Allahs Gnade ab. Wenn Er geben will, kann keine Macht der Welt Ihn daran hindern, und wenn Er nicht geben will, kann keine Macht Ihn dazu zwingen. Die Polytheisten, Ungläubigen und Atheisten hingegen betrachten ihren Erfolg und Misserfolg als abhängig von ihren eigenen Anstrengungen sowie von der Unterstützung oder dem Widerstand weltlicher Kräfte und bleiben gerade deshalb Sklaven der Verlockung und des Neides. Daher scheuen sie sich nicht, um Erfolg zu erlangen, Bestechung, Schmeichelei, Verschwörung und jede Art niederträchtiger Mittel einzusetzen. Beim Erfolg anderer verbrennen sie in Neid und Rachsucht und lassen keine Anstrengung unversucht, um sie herabzusetzen und zu verachten.

Neuntens: Das Wichtigste ist, dass der Glaube an „Lā ilāha illallāh“ den Menschen zu einem Befolger von Allahs Gesetz macht. Derjenige, der an dieses Glaubensbekenntnis glaubt, ist überzeugt, dass Allah das Offenkundige und das Verborgene kennt und uns näher ist als unsere Halsschlagader. Wenn wir in der Dunkelheit der Nacht, in völliger Einsamkeit und Abgeschiedenheit, eine Sünde begehen, weiß Er davon. Wenn tief in unserem Herzen ein schlechter Wunsch entsteht, gelangt auch davon Kenntnis zu Allah. Was wir vor allen anderen verbergen können, können wir vor Allah nicht verbergen. Selbst wenn wir allen Menschen entkommen können, vermögen wir uns außerhalb von Allahs Reich nicht zu verstecken. Selbst wenn wir allen anderen entkommen, können wir Allahs Hand nicht entkommen. Je stärker diese Überzeugung ist, desto gehorsamer wird der Mensch gegenüber Allahs Geboten und Verboten sein. Was Allah verboten hat, wird er nicht einmal in seine Nähe kommen lassen. Und was Er ihm zu tun befohlen hat, wird er auch in Einsamkeit und Dunkelheit erfüllen. Denn er weiß, dass hinter ihm ein Polizist steht, der ihn unter keinen Umständen jemals allein lassen wird, und dass er ein Gericht fürchtet, dessen Haftbefehl er nirgendwo entkommen kann. Deshalb besteht die erste und wichtigste Bedingung dafür, Muslim zu sein, darin, an „Lā ilāha illallāh“ zu glauben. Wie bereits gesagt wurde, bedeutet Muslim, ein Allah ergebener Diener zu sein; ebenso ist es unmöglich, Allah ergeben zu sein, solange der Mensch nicht überzeugt ist, dass es außer Allah keine andere Gottheit gibt.

Das Wichtigste und Grundlegendste in den Lehren des edlen Propheten Muhammad (Friede sei mit ihm) ist der Glaube an Allah. Er ist das Zentrum und die Grundlage des Islam sowie die Quelle seiner Kraft. Alle anderen Glaubensinhalte, Gebote und Bestimmungen des Islam beruhen auf ihm und beziehen ihre Kraft aus demselben Zentrum. Wenn man diesen Glauben an Allah ausklammert, bleibt vom Islam nichts übrig.

Der Glaube an Allahs Engel

Nach dem Glauben an Allah hat der edle Prophet (Friede sei mit ihm) uns angewiesen, an die Existenz der Engel zu glauben. Der wichtigste Nutzen seiner Lehre besteht darin, dass der Glaube an den Tauhid dadurch vor allen Gefahren und möglichen Formen des Schirk bewahrt bleibt.

Oben wurde gesagt, dass die Polytheisten in ihrer Vorstellung von der Gottheit zwei Arten von Geschöpfen zu Teilhabern gemacht haben. Die eine dieser beiden Arten besitzt eine reale Existenz und ist sichtbar, etwa der Mond, die Sonne, die Sterne, das Feuer, das Wasser und bestimmte große Persönlichkeiten. Die zweite Art besteht aus Geschöpfen, denen keine reale Existenz zukommt, die unsichtbar sind und von hinten alle Kräfte der Schöpfung lenken, wie man glaubt: Der eine lenkt den Wind, der andere sorgt für den Regen, und ein weiterer spendet Licht. Die erstgenannte Art von Geschöpfen befindet sich unmittelbar vor den Augen der Menschen. Die Aussage „Lā ilāha illallāh“ beweist, dass sie keinen Anteil an Allahs Herrschaft besitzen. Die zweite Art von Geschöpfen ist den menschlichen Augen verborgen und von Geheimnissen umhüllt; bei den Polytheisten zeigt sich eine besonders starke Neigung, an sie zu glauben. Sie betrachten diese Dinge als Götter, als Gottheiten oder als Kinder und Nachkommen Gottes. Sie fertigen von ihnen erdachte Bilder an, stellen sie vor sich auf und bringen ihnen zahlreiche Opfergaben und Gaben dar. Um daher die Vorstellung von Allahs Einheit von dieser zweiten Art des Schirk freizuhalten, wurde eine eigenständige Glaubenslehre dargelegt.

Hadhrat Muhammad Mustafa (Allahs Segen und Friede seien auf ihm) hat uns mitgeteilt, dass jene geheimnisvollen, leuchtenden Wesen, die die Menschen Götter, Gottheiten und Söhne und Töchter Gottes nennen, in Wirklichkeit Allahs Engel sind. Sie haben keinerlei Anteil an Allahs Herrschaft. Sie alle gehorchen Allahs Befehl und sind so gehorsam, dass sie nicht im Geringsten von Allahs Gebot abweichen können. Allah verwaltet durch sie Sein Reich, und sie handeln genau nach Allahs Befehl. Aus eigenem Willen und mit eigener unabhängiger Macht können sie nichts tun. Aus eigener Macht können sie Allah keinen Plan vorlegen. Auch haben sie nicht die Macht, bei Allah für irgendjemanden Fürsprache einzulegen. Sie zu verehren und sie um Hilfe anzuflehen, ist für den Menschen erniedrigend; denn am Tag der Urewigkeit beziehungsweise der Schöpfung hatte Allah der Erhabene sie dazu verpflichtet, sich vor Hadhrat Adam (Friede sei auf ihm) niederzuwerfen, und Adam (Friede sei auf ihm) mehr Wissen gegeben als ihnen. Welche größere Erniedrigung könnte es für den Menschen geben, als sich vor den Engeln niederzuwerfen, die sich vor dem Menschen niedergeworfen hatten, und gerade sie um Hilfe anzuflehen?

Einerseits hat Hadhrat Muhammad (Allahs Segen und Friede seien auf ihm) uns verboten, die Engel zu verehren und sie Allah als Teilhaber beizugesellen. Er hat uns außerdem gesagt, dass die Engel von Allah dem Erhabenen auserwählte Geschöpfe sind. Sie sind von jeder Art Sünde frei. Ihre Natur ist so beschaffen, dass sie Allahs Befehle nicht missachten können. Sie sind unablässig mit Allahs Dienst und Anbetung beschäftigt. Durch einen auserwählten Engel unter ihnen übermittelt Allah der Erhabene Seinen Propheten die Offenbarung; sein Name ist Dschibril (Friede sei auf ihm). Durch Dschibril (Friede sei auf ihm) wurden Hadhrat Muhammad Mustafa (Allahs Segen und Friede seien auf ihm) die Verse des Korans offenbart. Eine Gruppe dieser Engel ist uns jederzeit eng verbunden. Sie prüfen in jedem Augenblick unsere guten und schlechten Handlungen; jede gute und schlechte Tat unseres Lebens wird aufgezeichnet. Wenn wir nach dem Tod vor Allah erscheinen, werden sie unser Tatenbuch vorlegen, und wir werden sehen, dass alles, was wir unser ganzes Leben hindurch heimlich und öffentlich an guten und schlechten Taten begangen haben, aufgezeichnet ist.

Das Wesen der Engel ist uns nicht mitgeteilt worden. Uns wurden lediglich ihre Eigenschaften genannt. Uns wurde befohlen, an ihre Existenz zu glauben. Wir haben keine Möglichkeit zu erkennen, wie sie beschaffen sind und wie nicht. Daher ist es bloße Torheit, sich mit dem eigenen Verstand irgendwelche erfundenen Vorstellungen über ihr Wesen zu bilden! Ihre Existenz zu leugnen, ist hingegen Unglaube. Denn niemand besitzt einen Beweis, der eine Leugnung rechtfertigen würde, und eine solche Leugnung bedeutet, Hadhrat Muhammad (Allahs Segen und Friede seien auf ihm) der Lüge zu bezichtigen. Wir glauben nur deshalb an ihre Existenz, weil der wahrhaftige Gesandte Allahs, der Erhabene, uns über ihre Existenz unterrichtet hat.

Der Glaube an die Bücher Allahs

Das Dritte, woran durch Hadhrat Muhammad (Allahs Segen und Friede seien auf ihm) zu glauben wir gelehrt wurden, sind die Bücher Allahs, die Er auf Seine Propheten herabgesandt hat.

So wie Allah der Erhabene den Koran auf Hadhrat Muhammad (Allahs Segen und Friede seien auf ihm) herabgesandt hat, so hatte Er auch den früheren Gesandten, die vor ihm vergangen sind, Seine Bücher übermittelt. Einige dieser Bücher sind uns namentlich genannt worden, etwa die Suhuf Ibrahim (die Schriften Abrahams), die Hadhrat Ibrahim (Friede sei auf ihm) übermittelt wurden, die Tora, die Hadhrat Musa (Friede sei auf ihm) gegeben wurde, den Zabur, der Hadhrat Dawud (Friede sei auf ihm) offenbart wurde, und das Evangelium, das Hadhrat Isa (Friede sei auf ihm) übermittelt wurde. Darüber hinaus kamen weitere Bücher zu verschiedenen Propheten, doch ihre Namen wurden uns nicht genannt. Deshalb können wir über kein anderes religiöses Buch mit Gewissheit sagen, dass es von Allah stammt; ebenso wenig können wir sagen, dass es nicht von Allah stammt. Wir glauben jedoch, dass jedes Buch, das von Allah kam, vollkommen wahr war.

Von den Büchern, die uns genannt wurden, existieren die Suhuf Ibrahim überhaupt nicht mehr auf der Welt. Die Tora, der Zabur und das Evangelium sind bei Juden und Christen zwar vorhanden, doch im Heiligen Koran wird uns mitgeteilt, dass die Menschen in diesen Büchern Allahs Worte verändert und viele eigene Aussagen mit ihnen vermischt haben. Christen und Juden erkennen selbst an, dass die ursprünglichen Bücher nicht mehr vorhanden sind, sondern nur ihre Übersetzungen existieren; auch diese wurden über Jahrhunderte hinweg überarbeitet und verändert, und dies geschieht noch immer. Liest man diese Bücher, wird klar, dass sie viele Aussagen enthalten, die niemals von Allah stammen können. Daher sind die heute vorhandenen Bücher nicht genau Allahs Bücher; in ihnen haben sich Allahs Wort und Menschenwort vermischt, und es gibt keine Möglichkeit zu erkennen, was Allahs Wort und was Menschenwort ist. Der Befehl, der uns hinsichtlich des Glaubens an die früheren Bücher gegeben wurde, bedeutet daher lediglich Folgendes: Allah der Erhabene hat schon vor dem Edlen Koran Seine Gebote durch Seine Propheten zu jedem Volk der Welt gesandt, und dieselben Bücher waren von demselben Allah, von Dem der Koran gekommen ist, mit Seinen Geboten gekommen. Der Koran ist kein neues oder beispielloses Buch; vielmehr wurde er gesandt, um jene frühere Lehre wiederzubeleben, die die Menschen vergangener Zeiten empfangen, dann zugrunde gerichtet oder verändert oder mit von Menschen erdachten Aussagen vermischt hatten.

Der Heilige Koran ist Allahs abschließendes Buch. In mancher Hinsicht unterscheidet er sich von den früheren Büchern:

Erstens: Die ursprünglichen Schriften der meisten Bücher, die früher offenbart worden waren, sind von der Welt verschwunden; erhalten geblieben sind nur ihre Übersetzungen. Die Worte jedoch, aus denen der Koran offenbart wurde, sind bis heute vollständig unverändert erhalten. Nicht ein einziger Buchstabe, ja nicht einmal ein Punkt davon, ist verändert worden.

Zweitens: In den früheren Büchern haben die Menschen ihr eigenes Wort mit dem Wort Allahs vermischt. Im selben Buch finden sich das Wort Allahs, nationale Geschichte, Schilderungen des Lebens großer und frommer Menschen, Erklärungen sowie Erörterungen von Rechtsfragen, die von den Gesetzesgelehrten entwickelt wurden; all dies ist derart miteinander vermischt, dass es nicht möglich ist, das Wort Allahs daraus gesondert herauszufiltern. Im Koran hingegen finden wir ausschließlich das Wort Allahs, und nicht die geringste Äußerung irgendeines anderen ist darin vermischt worden. Tafsir, Hadithe, Fiqh, die Sira des Gesandten, die Sira der Gefährten und die Geschichte – alles, was die Muslime über den Islam geschrieben haben, ist in verschiedenen, vom Koran getrennten Büchern niedergelegt. Nicht ein einziges Wort davon konnte in den Koran selbst hineingemischt werden.

Drittens: Unter den Büchern, die bei den verschiedenen Völkern der Welt vorhanden sind, gibt es kein einziges, bei dem sich durch historische Belege nachweisen ließe, dass es tatsächlich durch den Propheten offenbart wurde, dem es zugeschrieben wird. Vielmehr gibt es religiöse Bücher, bei denen von Anfang an nicht bekannt war, in welcher Zeit und welchem Propheten sie offenbart wurden. Über den Koran hingegen gibt es so starke historische Beweise, dass niemand seine Verbindung mit dem ehrwürdigen Muhammad (s.a.w.) bezweifeln kann. Sogar über seine Verse ist genau bekannt, welcher Vers wann und wo offenbart wurde.

Viertens: Die Sprachen, in denen die früheren Bücher offenbart wurden, sind im Laufe langer Zeit zu toten Sprachen geworden. In der heutigen Welt gibt es nirgendwo mehr Menschen, die diese Sprachen sprechen, und nur sehr wenige, die sie verstehen. Selbst wenn man ein solches Buch unverfälscht und fehlerlos vorfände, wäre es dennoch nicht möglich, seine Vorschriften richtig zu verstehen und ihnen zu folgen. Die Sprache hingegen, in der der Koran offenbart wurde, ist eine lebendige Sprache. Noch heute sprechen Hunderte Millionen Menschen diese Sprache, und Hunderte Millionen Menschen kennen und verstehen sie. Die Vermittlung seiner Lehren ist überall auf der Welt lebendig. Jeder kann diese Sprache erlernen. Wenn jemand keine Gelegenheit hat, diese Sprache zu lernen, kann er überall Menschen finden, die in der Lage sind, ihm die Bedeutung des Koran zu erklären.

Fünftens: Anhand der in den religiösen Büchern der verschiedenen Völker enthaltenen Gebote erkennt man, dass sie lediglich zur Erfüllung der Bedürfnisse einer bestimmten Zeit unter Berücksichtigung der damaligen Verhältnisse offenbart wurden; heute besteht für sie entweder kein Bedarf mehr, oder es ist nicht möglich, nach ihnen zu handeln. Dadurch wird eine Wahrheit deutlich: Diese Bücher waren jeweils für verschiedene Völker bestimmt. Keines von ihnen war für die ganze Welt bestimmt. Auch für das Volk, für das ein solches Buch gekommen war, galt es nicht zu allen Zeiten; vielmehr war es für eine bestimmte Epoche bestimmt. Wenn man nun den Koran betrachtet, sieht man, dass sich dieses Buch überall allgemein an die Menschen richtet. Beim Betrachten irgendeiner seiner Aussagen entsteht nicht einmal der Verdacht, dass sie an ein bestimmtes Volk gerichtet sei. Ebenso können die Vorschriften dieses Buches zu allen Zeiten und überall umgesetzt werden. Daraus wird bewiesen, dass der Koran zu allen Zeiten für die ganze Welt notwendig ist.

Sechstens: In jedem der früheren Bücher wurden gute Taten und Gerechtigkeit erwähnt und die Grundsätze von Charakter, Moral, Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit gelehrt. Es stimmt, dass in jedem dieser Bücher dazu aufgefordert wurde, gemäß dem Willen und Wohlgefallen Allahs zu leben; doch kein Buch enthielt die Gesamtheit aller Tugenden, ohne etwas auszulassen. Die Tugenden, die in den früheren Büchern einzeln beschrieben worden waren, sind nur im Koran alle zusammengeführt worden, und auch das, was in den früheren Büchern ausgelassen worden war, ist in dieses Buch aufgenommen worden.

Aufgrund menschlicher Eingriffe und Verfälschungen sind in alle religiösen Bücher Aussagen hineingemischt worden, die der tatsächlichen Wahrheit und der Vernunft widersprechen und auf Unrecht und Unterdrückung beruhen. Dadurch wurden der Glaube und das Handeln der Menschen verdorben. In vielen Büchern finden sich sogar obszöne und unmoralische Aussagen. Der Koran ist von all diesen Verfälschungen frei. Er enthält keine Aussage, die der Vernunft widerspricht und durch stichhaltige Beweise und Prüfungen als falsch erwiesen werden könnte. Keine seiner Anordnungen ist von Ungerechtigkeit berührt, keine seiner Aussagen kann die Menschen in die Irre führen, und in ihm findet sich nicht die geringste Spur von Obszönität oder Unmoral. Der gesamte Koran ist von Anfang bis Ende erfüllt von erhabener Kenntnis und Wissenschaft, geistiger Bildung, der Lehre von der Gerechtigkeit, der Führung auf den rechten Weg sowie den besten Vorschriften und Gesetzen.

Aufgrund der oben genannten Eigenschaften wurde den Völkern der ganzen Welt geboten, an den Koran zu glauben und unter Verzicht auf alle anderen Bücher ausschließlich diesem Buch zu folgen. Denn alles, was der Mensch an Rechtleitung benötigt, um gemäß dem Willen und Wohlgefallen Allahs zu leben, ist darin vollständig und fehlerlos dargelegt. Nach der Offenbarung dieses Buches besteht kein Bedarf mehr an einem anderen Buch.

Nachdem man nun den Unterschied zwischen dem Koran und den anderen Büchern kennt, kann jeder verstehen, wie unterschiedlich der Glaube an die anderen Bücher Allahs im Vergleich zum Glauben an den Koran sein muss. Der Glaube an die früheren Bücher bleibt auf die Anerkennung ihrer Wahrhaftigkeit beschränkt; das heißt, man muss glauben, dass auch diese Bücher von Allah kamen, auf der Wahrheit beruhten und demselben Zweck dienten, zu dem der Koran offenbart wurde. Der Glaube an den Koran muss hingegen darin bestehen, dass er Allahs reines Wort und Träger der vollkommenen Wahrheit ist, dass jedes seiner Worte bewahrt wurde, jede seiner Aussagen wahr ist und die Befolgung jedes seiner Gebote verpflichtend ist. Alles, was dem Koran widerspricht, muss zurückgewiesen werden.

Der Glaube an Allahs Gesandte

Nach den Büchern wurde uns auch geboten, an alle Gesandten Allahs zu glauben.

Im vorigen Kapitel wurde gesagt, dass zu allen Völkern der Welt Gesandte Allahs kamen und dass auch sie dieselbe Lehre verkündeten, für die der letzte Gesandte, Hazrat Muhammad (s), in die Welt gesandt wurde. In dieser Hinsicht gehörten alle Gesandten Allahs derselben Kategorie an. Wenn jemand einen bestimmten Gesandten unter ihnen der Lüge bezichtigt, erklärt er dadurch alle für Lügner. Ebenso wird es für ihn notwendig, die Wahrhaftigkeit aller anzuerkennen, wenn er die Wahrhaftigkeit eines einzigen Gesandten anerkennt. Man kann sich dies an folgendem Beispiel vorstellen: Zehn Menschen sagen dasselbe. Erkennt man einen von ihnen als wahrhaftig an, so erkennt man dadurch von selbst auch die übrigen neun als wahrhaftig an. Nennt man einen von ihnen einen Lügner, bedeutet dies, dass man die von ihnen gemeinsam geäußerte Aussage für falsch erklärt. Dadurch werden alle zehn zu Lügnern erklärt. Deshalb ist es im Islam unerlässlich, an alle Gesandten zu glauben. Wer nicht an einen der Gesandten glaubt, wird zum Ungläubigen; daran ändert auch sein Glaube an die übrigen Gesandten nichts.

In den Hadithen wird berichtet, dass die Zahl der Propheten, die zu den verschiedenen Völkern der Welt gesandt wurden, einhundertvierundzwanzigtausend betrug. Wenn man bedenkt, wie lange Menschen diese Welt bewohnen und wie viele Völker aus der Welt verschwunden sind, wird verständlich, dass diese Zahl nicht besonders groß ist. Von diesen einhundertvierundzwanzigtausend Propheten ist es unerlässlich, eindeutig an diejenigen zu glauben, deren Namen uns im Koran genannt wurden. Über die übrigen wurde uns nur die Vorstellung vermittelt, dass jeder, der von Allah zur Rechtleitung Seiner Diener gesandt wurde, aufrichtig und wahrhaftig war. Wir glauben an alle Propheten, die nach Hindustan, China, Iran, Ägypten, Afrika, Europa und in andere Länder der Welt gekommen sein mögen; doch können wir über keine bestimmte Person sagen, dass sie ein Prophet war, ebenso wenig können wir sagen, dass sie kein Prophet war. Denn über sie wurde uns nichts mitgeteilt. Gegen die Menschen, die von den Anhängern verschiedener Religionen als ihre Wegweiser anerkannt werden, dürfen wir allerdings nichts sagen. Es ist durchaus möglich, dass einige von ihnen tatsächlich Propheten waren und ihre Anhänger später die von ihnen verkündete Religion verfälschten, so wie die Anhänger von Hazrat Musa (a) und Hazrat Isa (a) sie verfälscht haben. Daher werden wir unsere Meinung über die Religion und die Bräuche dieser Menschen äußern; gegenüber den Wegweisern aber werden wir schweigen, damit wir nicht unwissentlich eine unangebrachte Aussage über einen Gesandten machen und uns dadurch schuldig machen.

Wie Hazrat Muhammad (s) waren auch die anderen Propheten wahrhaftige Gesandte Allahs; auch sie waren von Allah gesandt worden, auch sie hatten den einfachen und geraden Weg des Islam gezeigt, und uns wurde geboten, an sie alle zu glauben. In dieser Hinsicht gibt es keinen Unterschied zwischen Hazrat Muhammad (s) und ihnen. Obwohl sie somit in jeder Hinsicht derselben Rangstufe angehörten, bestehen zwischen Hazrat Muhammad (s) und den anderen Gesandten in drei Punkten Unterschiede.

Erstens waren die früheren Propheten für bestimmte Völker und bestimmte Zeiten gekommen, während Hazrat Muhammad (s) als Prophet für die ganze Welt und für alle Zeiten gesandt wurde. Im vorigen Kapitel haben wir dies ausführlich erörtert.

Zweitens ist die Lehre der früheren Propheten entweder vollständig aus der Welt verschwunden oder, soweit etwas davon erhalten blieb, nicht in ihrer ursprünglichen Gestalt bewahrt worden. So findet man heute nirgendwo auf der Welt eine zutreffende Lebensgeschichte von ihnen; vielmehr haben sich unzählige Erzählungen damit vermischt. Deshalb ist es selbst für jemanden, der ihrem Weg folgen möchte, nicht möglich, dies zu tun. Dagegen sind die Lehre Hazrat Muhammads (s), sein heiliges Leben, seine mündlichen Anweisungen, seine befolgte Lebensweise, sein sittliches Leben, sein Charakter und seine guten Taten – mit einem Wort: alles in seinem Leben – auf der Welt vollständig bewahrt worden. Deshalb ist unter allen Gesandten tatsächlich nur Hazrat Muhammad (s) der einzige lebendige Gesandte, und nur ihm kann man folgen.

Drittens war die Lehre des Islam, die durch die früheren Propheten vermittelt worden war, nicht vollständig. Nach jedem Propheten kam ein anderer Prophet, der seine Gebote, Gesetze und Rechtleitung korrigierte und ergänzte, und diese Entwicklung der Korrektur und Vervollkommnung setzte sich fort. Deshalb bewahrte Allah, der Erhabene, die Lehren dieser Propheten nach dem Vergehen ihrer Zeit nicht; denn nach jeder vollständigen Lehre bestand kein Bedarf mehr an der unvollständigen vorherigen Lehre. Schließlich wurde durch Hazrat Muhammad (s. a. w.) eine Lehre des Islam vermittelt, die in jeder Hinsicht vollständig ist. Die Scharia aller Propheten vor ihm war von selbst aufgehoben, denn es widerspricht der Vernunft, das Vollständige aufzugeben und dem Unvollständigen zu folgen. Wer Hazrat Muhammad (s. a. w.) gehorcht, gehorcht in Wirklichkeit allen Propheten. Der Grund dafür ist, dass alles Nützliche, was in den Lehren aller Propheten enthalten war, auch in der Lehre Hazrat Muhammads (s. a. w.) vorhanden ist. Wer dagegen seinen Gehorsam aufgibt und sich einem früheren Propheten anschließt, wird vielerlei Nutzen beraubt, denn die später hinzugekommenen nützlichen Anweisungen waren in den früheren Lehren nicht enthalten.

Aus den oben genannten Gründen ist es für die Menschen auf der ganzen Welt eine unumgängliche Pflicht, einzig Hazrat Muhammad (s. a. w.) zu gehorchen. Für das Muslimsein ist es für den Menschen in dreierlei Hinsicht äußerst wichtig, an Hazrat Muhammad (s. a. w.) zu glauben.

Erstens ist er der wahrhaftige Gesandte Allahs.

Zweitens ist seine Rechtleitung in jeder Hinsicht vollständig. Sie weist keinerlei Unvollständigkeit auf und ist frei von jeder Art von Fehler und Abweichung.

Drittens ist er der letzte Gesandte Allahs. Nach ihm wird bis zum Qiyamat kein Prophet mehr zu irgendeinem Volk kommen. Danach wird niemals eine Person erscheinen, deren Anerkennung für das Muslimsein als Voraussetzung gilt oder deren Ablehnung dazu führen würde, dass jemand zum Ungläubigen wird.

Der Glaube an das Jenseits

Das fünfte, woran Hazrat Muhammad (s. a. w.) uns zu glauben befohlen hat, ist das Jenseits. Was in Bezug auf das Jenseits unbedingt geglaubt werden muss, ist Folgendes:

Erstens: Eines Tages wird Allah, der Erhabene, das gesamte Universum und alle darin befindlichen Geschöpfe vernichten. Dieser Tag wird Qiyamat genannt.

Zweitens: Ihnen allen wird neues Leben gegeben, und sie werden alle vor Allah erscheinen. Dies wird „Hasch˓r“ genannt.

Drittens: Das Verzeichnis der Taten, die alle Menschen in ihrem irdischen Leben begangen haben, wird Allahs Gericht vorgelegt.

Viertens: Allah, der Erhabene, wird die guten und schlechten Taten jedes Einzelnen abwiegen. Wenn nach Allahs Maßstab die guten Taten eines Menschen seine schlechten Taten überwiegen, wird Er ihm vergeben; wenn jedoch seine schlechten Taten schwerer wiegen, wird Er ihm die angemessene Strafe auferlegen.

Fünftens: Diejenigen, denen Allah Vergebung gewährt, werden ins Paradies eingehen, und diejenigen, über die eine Strafe verhängt wird, werden in die Dschahannam eingehen.

Die Notwendigkeit des Glaubens an das Jenseits

So, wie Muhammad (Friede sei mit ihm) die Vorstellung vom Jenseits dargelegt hat, hatten auch die früheren Propheten sie dargelegt, und in jeder Epoche war sie eine unabdingbare Voraussetzung dafür, Muslim zu sein. Jeden, der das Jenseits leugnete oder Zweifel daran äußerte, bezeichneten alle Propheten als Kafir, denn ohne diese Vorstellung wird es völlig sinnlos, an Allah, Seine offenbarten Bücher und Seine Gesandten zu glauben, und das gesamte Leben des Menschen wird verdorben. Wenn man gründlich darüber nachdenkt, kann man diese Aussage leicht verstehen. Wenn jemandem eine Handlung aufgetragen wird, stellt sich ihm zuerst die Frage: Welchen Nutzen werde ich davon haben, wenn ich sie tue, und welchen Schaden werde ich erleiden, wenn ich sie nicht tue? Warum stellt sich diese Frage? Der Mensch hält eine Handlung, die keinen Nutzen bringt, für sinnlos und erfolglos. Wenn jemand davon überzeugt ist, dass eine Handlung keinen Nutzen bringen wird, wird er sich niemals dazu bereitfinden, sie auszuführen. Ebenso wird niemand bereit sein, von einer Handlung Abstand zu nehmen, wenn er davon überzeugt ist, dass sie keinen Schaden verursachen wird. Bei Zweifeln verhält es sich genauso. Wenn jemand Zweifel am Nutzen einer Handlung hat, kann er sich ihr keinesfalls mit ganzer Aufmerksamkeit widmen. Wenn er Zweifel daran hat, ob eine Handlung schädlich ist, wird er sich nicht besonders bemühen, sie zu vermeiden. Schon ein Blick auf die Kinder liefert dafür den Beweis. Warum greifen Kinder ins Feuer? Der Grund ist, dass sie nicht davon überzeugt sind, dass Feuer verbrennt. Und warum wollen sie sich vom Lernen fernhalten? Der Grund ist, dass die Wohltaten, von denen ihre Älteren ihnen zu erklären versuchen, dass sie daraus hervorgehen, sie nicht überzeugen. Aus demselben Grund hält jemand, der nicht an das Jenseits glaubt, den Glauben an Allah und das Leben nach Seinem Willen für nutzlos. Für ihn bringt der Gehorsam gegenüber Allah ebenso wenig Nutzen, wie der Ungehorsam Ihm gegenüber Schaden bringt. Wie sollte er den Geboten gehorchen können, die Allah durch Seinen Gesandten und Sein Buch erlassen hat? Selbst wenn man annimmt, dass er Allah anerkannt hat, ist seine Anerkennung völlig sinnlos, denn er wird Allahs gegebenem Gesetz nicht gehorchen und nicht nach Seinem Willen leben.

Damit ist die Angelegenheit noch nicht beendet. Wenn man noch gründlicher darüber nachdenkt, wird klar, dass die Anerkennung oder Leugnung des Jenseits einen entscheidenden Einfluss auf das Leben des Menschen ausübt. Wie ich bereits gesagt habe, liegt es in der Natur des Menschen, bei jeder Entscheidung für oder gegen eine Handlung Nutzen und Schaden abzuwägen. Nun richtet ein Mensch seinen Blick ausschließlich auf den Nutzen und Schaden dieser Welt. Bei ihm wird sich niemals eine Neigung zu einer guten Tat zeigen, von der er in dieser Welt keinen Nutzen erwartet; ebenso wird er sich von keiner Handlung zurückhalten, von der keine Gefahr eines diesseitigen Schadens ausgeht. Demgegenüber steht ein anderer Mensch, der auf die endgültigen Folgen der Handlungen blickt. Den Nutzen und Schaden dieser Welt hält er für vergänglich. Er wird den Weg der guten Taten beschreiten und den Weg der schlechten Taten meiden, indem er den dauerhaften Nutzen und Schaden des Jenseits abwägt, selbst wenn ihm aus der guten Tat der größtmögliche Schaden erwächst und aus der schlechten Tat die größten Vorteile winken. Man sollte darüber nachdenken, wie gewaltig der Unterschied zwischen diesen beiden Menschen ist. Für den einen ist eine gute Tat das, was er in diesem vergänglichen Leben erlangen kann: etwa etwas Geld, etwas Land, vielleicht eine Stellung, Ruhm, Ansehen und den Beifall der Menschen; vielleicht die Befriedigung eines Verlangens, die Erfüllung eines Wunsches oder etwas Genuss und Befriedigung. Nach seiner Vorstellung ist eine schlechte Tat das, was in diesem Leben eine schlimme Folge hat oder deren Eintreten befürchten lässt: etwa der Verlust von Vermögen oder des Lebens, eine Gesundheitsschädigung, eine staatliche Strafe, irgendein Leid oder eine unerwünschte Lage. Für den anderen hingegen ist eine gute Tat das, womit Allah zufrieden ist, und eine schlechte Tat das, womit Allah unzufrieden ist. Wenn ihm eine gute Tat in dieser Welt keinen Nutzen, sondern sogar Schaden bringt, betrachtet er sie dennoch als gute Tat und ist davon überzeugt, dass er für diese gute Tat letztlich seinen ewigen Lohn von Allah erhalten wird. Wenn ihm eine schlechte Tat keinen Schaden zufügt und er keinen Schaden zu befürchten hat, sondern sich daraus nur Vorteile ergeben, betrachtet er sie dennoch als schlechte Tat und ist davon überzeugt, dass er letztlich der Strafe nicht entkommen wird, selbst wenn er in diesem kurzen diesseitigen Leben der Bestrafung entgeht und einige Zeit seinen Spaß hat.

Unter dem Einfluss dieser beiden unterschiedlichen Vorstellungen beschreiten die Menschen zwei unterschiedliche Wege. Für jemanden, der keine Überzeugung vom Jenseits besitzt, ist es völlig unmöglich, auch nur einen Schritt auf dem Weg des Islam voranzugehen. Der Islam sagt: „Gib den Armen um Allahs willen Zakat.“ Er erwidert: Wenn ich Zakat gebe, wird mein Besitz weniger. Ich werde von meinem Geld Zinsen nehmen und aufgrund des Zinsurteils sogar den letzten Pfennig aus ihren Häusern pfänden lassen. Der Islam sagt: „Sprich immer die Wahrheit und halte dich von der Lüge fern, selbst wenn die Wahrheit dir noch so sehr schadet und die Lüge dir noch so großen Nutzen bringt.“ Er erwidert: Was soll ich mit einer solchen Wahrheit anfangen, durch die ich nur Schaden und keinen Nutzen habe? Und warum sollte ich mich von einer solchen Lüge fernhalten, die mir Nutzen bringt und bei der ich nicht einmal einen schlechten Ruf befürchten muss? Während er allein einen Weg entlanggeht, fällt sein Blick auf einen äußerst wertvollen Gegenstand. Sofort sagt der Islam zu ihm: „Dieser Gegenstand gehört dir nicht; du darfst ihn unter keinen Umständen an dich nehmen.“ Er erwidert: Warum sollte ich etwas liegen lassen, das von selbst zu mir gekommen ist? Hier ist doch niemand, der mich sieht und die Polizei benachrichtigt, vor Gericht gegen mich aussagt oder mich bei den Leuten in Verruf bringt. Warum sollte ich also nicht von dem gefundenen Geld profitieren? Jemand hinterlegt heimlich einige Dinge bei ihm und stirbt. Da sagt der Islam zu ihm: „Veruntreue das anvertraute Gut nicht; bringe den Besitz zu den Kindern und Angehörigen des Eigentümers.“ Er ruft: Warum? Für den Besitz des Verstorbenen, der sich in meinem Besitz befindet, gibt es keinen Zeugen, und seine Kinder und Angehörigen wissen ebenfalls nichts davon. Wenn ich ihn ohne Furcht vor irgendeinem Gesetz und ohne Angst vor einem schlechten Ruf leicht veruntreuen kann, warum sollte ich es dann nicht tun? Kurz gesagt: Auf jedem Schritt des Lebens wird der Islam ihm einen bestimmten Weg zu gehen gebieten, während er den genau entgegengesetzten Weg einschlagen wird. Denn im Islam wird der Wert und die Bedeutung jeder Sache unter Berücksichtigung ihrer dauerhaften Folgen im Jenseits bestimmt; dieser Mensch hingegen richtet seinen Blick in jeder Angelegenheit auf die Folgen, die er in diesem vergänglichen diesseitigen Leben erlangen kann. Nun wird klar verständlich, warum der Mensch ohne den Glauben an das Jenseits kein Muslim werden kann. Ganz abgesehen davon, Muslim zu werden: Tatsächlich sinkt der Mensch durch die Leugnung des Jenseits von der Menschlichkeit hinab und gelangt auf eine Stufe, die noch niedriger ist als die der Tiere.

Die Wahrheit des Glaubens an das Jenseits

Nachdem wir die Notwendigkeit und den Nutzen des Glaubens an das Jenseits erörtert haben, möchte ich nun kurz sagen, dass Ihnen auch unter dem Gesichtspunkt der Vernunft verständlich wird, dass die Darlegung, die Hazrat Muhammad (s.a.w.) uns über den Glauben an das Jenseits gegeben hat, wahr ist. Obwohl unser Glaube nicht auf bloßer Vernunft, sondern vor allem auf vollkommenem Vertrauen in den Gesandten Allahs (s.a.w.) beruht, erscheint uns dieser Glaube bei näherer Betrachtung unter allen Glaubensvorstellungen über das Jenseits als der vernünftigste.

In der Welt sind hinsichtlich des Jenseits drei verschiedene Glaubensvorstellungen verbreitet:

Die Auffassung einer Gruppe ist, dass der Mensch nach dem Tod zugrunde geht. Danach gibt es kein weiteres Leben. Dies ist der Glaube der Atheisten, die behaupten, Wissenschaftler zu sein.

Die zweite Gruppe sagt, dass der Mensch immer wieder in dieser Welt einen Körper annimmt und geboren wird, um die Folgen seiner eigenen Taten zu erfahren. Wenn er schlechte Taten begangen hat, wird er im nächsten Leben als irgendein Tier wie ein Hund oder eine Katze wiederkehren, oder als Baum geboren werden, oder die Gestalt eines Menschen einer niedrigeren Stufe annehmen. Wenn er jedoch gute Taten vollbracht hat, wird er eine höhere Stufe des Lebens erreichen. In manchen materialistisch geprägten Religionen ist eine solche Vorstellung verbreitet.

Die dritte Gruppe glaubt an den Tag der Auferstehung, die Wiederbelebung, das Erscheinen vor Allahs Gericht sowie an die Vergeltung und Belohnung für die begangenen Taten. Dies ist der gemeinsame Glaube aller Propheten.

Betrachten wir nun den ersten Glauben. Ihre Aussage lautet: „Wir haben niemanden gesehen, der nach seinem Tod wieder lebendig wurde. Vielmehr sehen wir, dass der Mensch nach dem Tod in der Erde vergeht. Daher gibt es nach dem Tod kein weiteres Leben.“ Wenn man jedoch darüber nachdenkt, erkennt man, dass diese Aussage jeder Vernunft entbehrt. Da niemand gesehen hat, wie jemand nach seinem Tod wieder lebendig wurde, kann man höchstens sagen: „Wir wissen nicht, was nach dem Tod geschehen wird.“ Welche Beweise können für die darüber hinausgehende Behauptung vorgelegt werden, dass wir wissen, nach dem Tod werde nichts geschehen? Ein Dorfbewohner, der niemals ein Flugzeug gesehen hat, kann sagen: „Ich weiß nicht, was ein Flugzeug ist.“ Wenn er aber sagt: „Ich weiß, dass es so etwas wie ein Flugzeug überhaupt nicht gibt“, werden vernünftige Menschen ihn einen Dummkopf nennen. Denn etwas Bestimmtes nicht gesehen zu haben, kann nicht bedeuten, dass es dieses überhaupt nicht gibt. Selbst wenn nicht ein einzelner Mensch, sondern alle Menschen auf der ganzen Welt eine bestimmte Sache nicht gesehen hätten, könnte man dennoch nicht behaupten, dass diese Sache nicht existiert oder überhaupt nicht existieren kann.

Betrachten wir anschließend den zweiten Glauben. Nach dieser Auffassung lebt ein bestimmter Mensch sein gegenwärtiges Leben als Mensch, weil er in einem früheren Leben, als er ein Tier war, gute Taten vollbracht hatte; und ein Tier, das sein gegenwärtiges Leben als Tier verbringt, hatte in einem früheren Leben als Mensch gelebt und schlechte Taten begangen. Mit anderen Worten: Dass ein Mensch zu einem Tier oder einem Baum wird, ist in Wirklichkeit die Folge der Taten aus einem früheren Leben.

Nun stellt sich die Frage: Was war zuerst da? Wenn man sagt, dass der Mensch als Erstes da war, muss man annehmen, dass vor ihm entweder ein Tier oder ein Baum existierte; andernfalls stellt sich die Frage: Als Gegenleistung für welche gute Tat erhielt der Mensch seine Gestalt? Wenn man sagt, dass zuerst ein Tier oder ein Baum da war, muss man annehmen, dass vor ihm der Mensch existierte; andernfalls stellt sich die Frage: Als Strafe für welche schlechte Tat erhielt der Baum oder das Tier seine Gestalt? Kurz gesagt: Die Anhänger dieses Glaubens können die ursprüngliche Gestalt der Schöpfung nicht richtig bestimmen, denn für sie ist es unerlässlich, vor jeder Gestalt eine andere Gestalt anzunehmen, damit die spätere Gestalt als Folge der Taten einer Schöpfung mit der vorherigen Gestalt betrachtet werden kann. Dieser Glaube widerspricht unmittelbar der Vernunft.

Betrachten wir nun den dritten Glauben. Zunächst wird darin gesagt: Eines Tages wird die Qiyamat kommen, und Allah selbst wird diese Seine Werkstatt zerschlagen und auslöschen und an ihrer Stelle eine andere, höhere und vollkommenere Werkstatt errichten. Dies ist eine Sache, an deren Wahrheit kein Zweifel und kein Anlass zum Zweifel besteht. Je mehr man über diese Werkstatt der Welt nachdenkt, desto mehr Beweise findet man dafür, dass sie keine dauerhafte Werkstatt ist; denn alle Kräfte, die in ihr wirken, sind begrenzt, und ihr Ende ist eines Tages gewiss. Daher sind sich alle Wissenschaftler darin einig, dass die Sonne eines Tages erkalten und ihr Licht verlieren wird, dass es zwischen den Planeten und ihren Trabanten zu Zusammenstößen kommen und die Welt zerstört werden wird.

Die zweite Aussage lautet: „Dem Menschen wird ein zweites Mal Leben gegeben werden.“ Ist auch das möglich? Wenn es unmöglich wäre, wie wäre dann das Leben möglich geworden, das der Mensch gegenwärtig genießt? Offensichtlich kann Allah, der den Menschen in dieser Welt erschaffen hat, ihn auch in einer anderen Welt erneut erschaffen.

Der dritte Punkt lautet: „Alles, was der Mensch in seinem Leben auf dieser Welt getan hat, ist aufgezeichnet und wird am Tag des Hāschr vorgelegt werden.“ Auch in dieser Welt erhalten wir heute einen Beweis dafür. Früher war die verbreitete Vorstellung, dass jeder Laut, der aus dem Mund eines Menschen hervorgeht, in der Luft einige Wellen erzeugt und sich dann verflüchtigt. Heute aber wissen wir, dass jeder Laut auf seinem Weg auf verschiedenen Dingen Spuren hinterlässt. Dieser Laut kann erneut hervorgebracht werden. Auf diesem Prinzip beruht natürlich die Erfindung der Schallplatte.

Daraus wird verständlich, dass sich auf allem, was in unseren Bewegungsbereich gelangt, die Spuren unserer Bewegungen einprägen. Aus diesem Zustand lässt sich mit voller Überzeugung erkennen, dass unser vollständiges Tatenregister aufbewahrt ist und erneut vorgelegt werden kann.

Der vierte Punkt lautet: „Allah wird am Tag des Hāschr ein Gericht einrichten und gemäß der Gerechtigkeit über die Belohnung und Bestrafung unserer guten und schlechten Taten entscheiden.“ Wer kann dies für unmöglich erklären? Welche Aussage darin widerspricht der Vernunft? Die Vernunft verlangt geradezu, dass Allah in Seinem gerechten Gericht über alles nach den Maßstäben der Gerechtigkeit entscheiden wird. Wir sehen, dass ein Mensch Gutes tut, dafür aber in dieser Welt keinen Nutzen erhält. Ein anderer tut Böses, erleidet dafür jedoch keinen Schaden. Nicht nur das, sondern wir sehen Tausende solcher Beispiele: Einzelne tun fortwährend Gutes, doch gerade dadurch erleiden sie Schaden. Umgekehrt genießt ein anderer das Leben, obwohl er Böses tut. Wenn man all diese Ereignisse betrachtet, verlangt die Vernunft, dass an irgendeinem Ort die guten Taten des tugendhaften Menschen und die schlechten Taten des Übeltäters ihre Vergeltung finden müssen.

Das Letzte sind Jannah und Jahannam. Ihre Existenz ist nicht unmöglich. Allah, der den Mond, die Sonne, den Mars und die Erde erschaffen konnte – warum sollte Er letztlich nicht Jannah und Jahannam erschaffen können? Wenn Er ein Gericht einrichten und über die Belohnung und Bestrafung der guten und schlechten Taten der Menschen entscheiden wird, ist es auch notwendig, einen Ort festzulegen, an dem diejenigen, die Belohnung verdienen, besondere Ehre, Glück und Behaglichkeit erhalten, und an dem diejenigen, die Strafe verdienen, Demütigung, Leid und Schmerz erfahren.

Wenn man über diese Dinge nachdenkt, wird die Vernunft von selbst erklären, dass von allen Vorstellungen über das Schicksal der Menschen auf dieser Welt diese Vorstellung die vernünftigste ist und nichts in ihr unvernünftig oder unmöglich ist.

Da der wahrhaftige Prophet Allahs, Hazrat Muhammad (s.a.s.), dies als wahr verkündet hat und all dies zu unserem Wohl ist, besteht die kluge Haltung darin, daran zu glauben und dies nicht ohne Beweisgrund anzuzweifeln.

Kalima Tayyiba

Das Fundament des Islam ist auf den zuvor erwähnten fünf Glaubensüberzeugungen errichtet. Der Kern dieser fünf Glaubensüberzeugungen liegt in einem einzigen Glaubensbekenntnis: (…………………)

Wenn ein Mensch „La ilaha illallah“ sagt, weist er alle falschen Gottheiten zurück und verspricht, ausschließlich Allah zu dienen. Wenn er ferner „Muhammadur Rasulullah“ sagt, erkennt er die Wahrheit an, dass Hazrat Muhammad (s.a.s.) Allahs Gesandter ist. Mit der Anerkennung der Wahrheit des Gesandtenamtes wird es zur unerlässlichen Pflicht, an alles zu glauben, was Hazrat Muhammad (s.a.s.) über Allahs Wesen und Eigenschaften, die Engel, die himmlischen Bücher, die Propheten und das Jenseits gelehrt hat, und dem von ihm gewiesenen Weg der Anbetung und des Gehorsams gegenüber Allah zu folgen.

 

Gottesverehrung

Im vorigen Kapitel wurde gesagt, dass Hazrat Muhammad (s.a.s.) gelehrt hat, an fünf Dinge zu glauben:

Erstens: an den einen Allah, der keinen Teilhaber hat.

Zweitens: an die Engel Allahs.

Drittens: an die Bücher Allahs, insbesondere an den Heiligen Koran.

Viertens: an Allahs Gesandten, insbesondere an Seinen letzten Gesandten, Hazrat Muhammad (s.a.).

Fünftens: an das Leben im Jenseits.

Das ist das Fundament des Islam. Sobald jemand an diese fünf Dinge glaubt, gehört er zur Gemeinschaft der Muslime, aber dadurch ist er noch kein vollkommener Muslim geworden. Ein Mensch kann erst dann ein vollkommener Muslim sein, wenn er den von Hazrat Muhammad (s.a.) vonseiten Allahs überbrachten Geboten gehorcht, denn mit dem Glauben wird der Gehorsam zu einer unerlässlichen Pflicht, und eben dieser Gehorsam wird Islam genannt. Man kann sich vorstellen, dass ein Mensch anerkennt, dass Allah allein sein Ilah ist. Das bedeutet, dass Er allein sein Herr ist und er Sein Diener, dass Er allein sein Gebieter ist und er Ihm gehorsam ist. Wenn er, nachdem er diesen Herrn und Gebieter anerkannt hat, ungehorsam ist, rebelliert er selbst gegen sein eigenes Bekenntnis und wird schuldig. Er hat ferner anerkannt, dass der Heilige Koran Allahs Buch ist. Das bedeutet, dass er alles, was im Heiligen Koran steht, als Allahs Gebot anerkannt hat. Nun ist es seine unerlässliche Pflicht, jedes seiner Worte anzunehmen und sich jedem seiner Gebote zu unterwerfen. Er hat auch anerkannt, dass Hazrat Muhammad (s.a.) Allahs Gesandter ist. Tatsächlich wird damit anerkannt, dass Hazrat Muhammad (s.a.) alles, was er zu tun geboten und was er verboten hat, vonseiten Allahs geboten beziehungsweise verboten hat. Nach diesem Bekenntnis ist es für ihn Pflicht geworden, Hazrat Muhammad (s.a.) zu gehorchen. Ein Mensch wird also erst dann ein vollkommener „Muslim“ sein, wenn sein Handeln seinem Glauben entspricht; je größer der Unterschied zwischen seinem Glauben und seinem Handeln ist, desto unvollkommener ist sein Glaube.

Nun werde ich darlegen, welche Lebensweise Hazrat Muhammad (s.a.) uns gemäß Allahs Willen und Wohlgefallen gelehrt hat, welche Handlungen zu tun er geboten und welche er verboten hat. In diesem Zusammenhang sind zunächst jene Formen der Anbetung zu nennen, die uns zur Pflicht gemacht wurden.

Die Bedeutung der Anbetung

Tatsächlich bedeutet Anbetung Dienstbarkeit oder Knechtschaft. Der Mensch ist ein Diener. Allah ist der Ma’bud (der Angebetete) des Menschen. Alles, was der Diener aus Gehorsam gegenüber seinem Ma’bud tut, ist Anbetung. Wir sprechen mit Menschen; in unserem Gespräch halten wir uns von Lüge, übler Nachrede und Unanständigkeit fern, weil Allah dies verboten hat; stets sprechen wir von Wahrheit, Gerechtigkeit, Aufrichtigkeit und Reinheit, weil Allah diese Dinge liebt. Wie sehr unsere Gespräche auch mit weltlichen Angelegenheiten verbunden sein mögen, so werden sie doch zu unserer Anbetung. Wir wickeln mit Menschen Geldgeschäfte ab, kaufen und verkaufen Waren auf dem Markt, leben in unserem Haus mit unseren Eltern und Geschwistern zusammen und verkehren mit unseren Freunden und geliebten Menschen. Wenn wir uns in all diesen Angelegenheiten des Lebens an Allahs Gebote, Verbote und Gesetze halten, wenn wir gemäß Allahs Anordnung die Rechte anderer wahren und, weil Allah es verboten hat, davon absehen, anderen ihre Rechte zu nehmen, dann muss man sagen, dass unser ganzes Leben in Allahs Anbetung verbracht wurde. Ich half den Armen, gab einem Hungrigen zu essen, pflegte einen Kranken und hatte bei diesen Tätigkeiten statt persönlicher Interessen, Ehre und Ruhm allein Allahs Wohlgefallen vor Augen. In diesem Fall werden all diese meine Handlungen als Anbetung gelten. Ein Mensch betreibt Handel, arbeitet in einem Gewerbe oder verrichtet körperliche Arbeit und tut dies in Gottesfurcht, mit vollkommener Zuverlässigkeit und Glaubenstreue; er erwirbt einen erlaubten Lebensunterhalt und hält sich vom Verbotenen fern. Sein Erwerb des Lebensunterhalts wird damit Teil der Anbetung Allahs sein. Obwohl er für seinen Lebensunterhalt arbeitet, wird dies dennoch als Anbetung gelten. Kurz gesagt: Im weltlichen Leben muss man in jedem Augenblick und in jeder Angelegenheit Gottesfurcht haben, Allahs Wohlgefallen zum Ziel machen, Seine gegebenen Vorschriften befolgen, jeden Gewinn zurückweisen, der durch Ungehorsam gegenüber Ihm erlangt wird, und einen Verlust hinnehmen, der durch den Gehorsam gegenüber Ihm entsteht oder dessen Entstehung zu befürchten ist. Das ist die Anbetung Allahs. Selbst Essen, Kleidung, Gehen, Kommen, Schlafen, Wachen und Gespräche – alles gehört in einem solchen Leben zur Anbetung.

Das ist die wahre Bedeutung der Anbetung. Das eigentliche Ziel des Islam besteht darin, den Muslim zu einem an solche Anbetung gewöhnten Diener zu machen. Zu diesem Zweck wurden im Islam bestimmte Formen der Anbetung zur Pflicht gemacht, durch die der Mensch für diese umfassendste Anbetung vorbereitet wird. Man muss sich außerdem bewusst sein, dass diese Formen der Anbetung als Trainingskurs zur Vorbereitung auf die umfassendere Anbetung festgelegt wurden. Je besser jemand dieses Training absolviert, desto besser wird er die umfassendere und wahre Anbetung vollbringen können. Aus diesem Grund werden diese besonderen Formen der Anbetung als Fard al-Ain bezeichnet und als Arkān ad-Dīn, das heißt als die Säulen der Religion, beschrieben. So wie ein Gebäude auf mehreren Säulen steht, so ruht auch das Gebäude des islamischen Lebens auf diesen Säulen. Wenn diese Säulen zum Einsturz gebracht werden, wird das Gebäude des Islam selbst zerstört.

Salāt

Unter diesen Pflichten ist die erste Pflicht die Salāt. Was ist die Salāt? Die Salāt besteht darin, dass ein Muslim das, woran er geglaubt hat, fünfmal am Tag in Worten und Taten wiederholt. Der Muslim steht im Morgengrauen auf und erscheint, nachdem er sich zunächst rein gewaschen hat, vor dem erhabenen Herrn. Vor Ihm stehend, sitzend, sich verbeugend und den Kopf auf den Boden legend, bekennt er sich zu seiner Dienerschaft, bittet Ihn um Hilfe, erneuert seinen Gehorsamsschwur, wiederholt immer wieder sein Verlangen, Sein Wohlgefallen zu erlangen und Seinem Zorn zu entgehen, und wiederholt die Lehren Seines Buches. Er bezeugt die Wahrhaftigkeit Seines Gesandten und erinnert sich an den Tag, an dem er vor Seinem Gericht erscheinen muss, um Rechenschaft abzulegen. So beginnt sein Tag. Einige Stunden widmet er sich seiner Arbeit; dann erinnert ihn der Gebetsrufer zur Zeit des Zuhr-Gebets daran, einige Minuten lang diese Lehren zu wiederholen, damit er sie niemals vergisst und gegenüber dem erhabenen Herrn unachtsam wird. Er steht auf, erneuert seinen Īmān und kehrt dann zu den Angelegenheiten und Geschäften dieser Welt zurück. Einige Stunden später ergeht zur Zeit des Asr-Gebets erneut der Ruf an ihn, und wieder erneuert er seinen Īmān. Dann kommt das Maghrib-Gebet, und die Nacht beginnt. Durch das Gebet, mit dem er im Morgengrauen aufsteht, soll er jene Lehre nicht vergessen und keinen Fehler begehen. Einige Stunden später kommt die Zeit des Ischā-Gebets, und unmittelbar danach kommt die Zeit des Schlafes. Nun wird ihm zum letzten Mal die gesamte Lehre des Īmān in Erinnerung gerufen, denn dies ist die Zeit der Ruhe. Wenn er während des Trubels des Tages keine Gelegenheit hatte, sich völlig zu konzentrieren, kann er sich zu dieser Zeit ungestört und mit ruhigem Herzen konzentrieren.

Diese Handlung stärkt fünfmal täglich das Fundament des Islams im Muslim. Die Salāt bereitet die Muslime auf jene umfassendere Form der Anbetung vor, deren Bedeutung ich soeben erläutert habe. Die Salāt erneuert all ihre Glaubensüberzeugungen; auf ihr beruhen die Reinheit ihrer Seele, die Erhebung ihres Geistes, die Lauterkeit ihres Charakters und die Verbesserung ihrer Taten. Schon beim Nachdenken wird klar, warum beim Wuḍūʾ genau die vom Gesandten Allahs (s) überlieferte Methode befolgt wird und warum wir in der Salāt alles ausführen, was er gelehrt hat. Der Grund ist, dass wir den Gehorsam gegenüber Hazrat Muhammad (s) als Pflicht betrachten. Warum liest niemand absichtlich etwas Falsches aus dem Koran vor? Weil jeder davon überzeugt ist, dass er das Wort Allahs ist. Wenn man in der Salāt nicht das leise Vorgetragene liest oder etwas anderes liest, muss man dann irgendjemanden fürchten? Kein Mensch hört es doch. Daraus wird ersichtlich, dass jeder Betende selbst erkannt hat, dass Allah auch alles hört, was ich leise vortrage, und dass Ihm auch meine verborgenen Handlungen nicht unbekannt sind. Wer bringt den Muslim dort zur Salāt, wo niemand ihn sieht? Der Grund dafür ist der Glaube, dass Allah mich sieht. Was zieht einen Menschen dazu, zur Zeit der Salāt selbst die dringendste Arbeit liegen zu lassen und sich zur Salāt zu begeben? Es ist das Gefühl in seinem Herzen, dass Allah ihm die Salāt zur Pflicht gemacht hat. Was zwingt den Muslim an einem kalten Wintermorgen, in der Mittagshitze des Sommers und während der abendlichen Gespräche jeden Tag zur Zeit des Maghrib-Gebets, die Salāt zu verrichten? Was könnte es anderes sein als Pflichtgefühl? Warum fürchtet man sich davor, die Salāt nicht zu verrichten oder sie wissentlich falsch zu verrichten? Weil sich in seinem Herzen die Furcht vor Allah befindet und er weiß, dass er eines Tages vor Seinem Gericht erscheinen muss. Nun stellt sich die Frage: Welches Training könnte besser als die Salāt dazu geeignet sein, einen vollkommen zu einem wahrhaftigen Muslim zu machen? Welche bessere Unterweisung könnte es für Muslime geben als diese, die im Herzen des Menschen mehrmals täglich das Gedenken an Allah, die Furcht vor Ihm, die Überzeugung von Seiner ständigen Gegenwart und den Glauben an das Erscheinen vor Seinem Gericht erweckt, ihn mehrmals täglich dazu anspornt, verpflichtend dem Weg des Gesandten Allahs (s) zu folgen, und ihn vom Morgen bis zur Nacht alle paar Stunden darin üben lässt, seine Pflichten zu erfüllen? Von einem solchen Menschen kann man erwarten, dass er, wenn er nach der Salāt seinen weltlichen Geschäften nachgeht, auch dort Allah fürchten und Sein Gesetz befolgen wird und dass er sich, sobald die Möglichkeit zu einer Sünde auftaucht, daran erinnert, dass Allah ihn sieht. Wenn jemand nach einem solchen Training auf hoher Stufe keine Furcht vor Allah besitzt und nicht davon ablässt, Seinen Anweisungen zuwiderzuhandeln und einen entgegengesetzten Weg einzuschlagen, dann ist dies nicht ein Fehler der Salāt, sondern beweist vielmehr die Schuld des Betreffenden selbst.

Weiter ist zu bedenken, dass Allah nachdrücklich dazu aufgefordert hat, die Salāt in der Gemeinschaft zu verrichten, und insbesondere vorgeschrieben hat, einmal in der Woche das Jumuʿa-Gebet in der Gemeinschaft zu verrichten. Dadurch entstehen unter den Muslimen Einigkeit und Brüderlichkeit. Gemeinsam bilden sie einen starken Bund. Wenn sie gemeinsam Allah anbeten und zusammen aufstehen und zusammensitzen, entsteht unter ihnen ganz von selbst eine Verbindung, ein Gefühl der Brüderlichkeit erwacht; anschließend entwickelt dies in ihnen die Bereitschaft, demselben Anführer zu gehorchen, und lehrt sie Ordnung und Disziplin. Dadurch erwachen unter ihnen gegenseitige Anteilnahme, Mitgefühl und das Gefühl gemeinsamer Interessen. Reiche und Arme, Große und Kleine, hochrangige Beamte und ihre Diener stehen gemeinsam in einer Reihe; es gibt keine hohen und niedrigen Kasten.

Dies sind einige der zahlreichen Wohltaten der Salāt. Allah zieht keinen Nutzen aus der Salāt; vielmehr liegt darin der Nutzen des Betenden. Allah hat die Salāt zum Wohl der Menschen zur Pflicht gemacht. Wenn jemand die Salāt nicht verrichtet, liegt Sein Missfallen nicht darin begründet, dass jener Allah dadurch Schaden zufügt, sondern darin, dass er sich selbst dadurch schadet. Welch gewaltige Kraft hat Allah durch die Salāt gegeben, während die Menschen den Weg meiden, sie aufzunehmen. Mit dem Mund wird Allahs Herrschaft, der Gehorsam gegenüber dem Gesandten und die Abrechnung im Jenseits anerkannt, doch im Handeln wird die höchste Pflicht, die Allah und Sein Gesandter festgelegt haben, missachtet – welch große Schande ist das! Hinter einem solchen Verhalten können zwei Gründe stehen: Entweder erkennt jemand die Salāt nicht als Pflicht an, oder er meidet sie, obwohl er weiß, dass sie Pflicht ist. Wenn die unbedingt zu erfüllende Pflicht geleugnet wird, werden dadurch in der Praxis sowohl dem Koran als auch dem Gesandten Allahs (s) Lügen zugeschrieben und ein falscher Anspruch auf den Glauben an sie erhoben. Wenn jemand sie jedoch als Pflicht anerkennt und dennoch versucht, ihr auszuweichen, erweist er sich als völlig ungeeignet, Vertrauen zu verdienen, und man kann sich in keiner Angelegenheit dieser Welt auf ihn verlassen. Wenn er sich bei der Erfüllung seiner Pflicht gegenüber Allah unehrlich zeigt, kann man dann erwarten, dass er sich bei der Erfüllung seiner Pflichten gegenüber den Menschen nicht unehrlich zeigen wird?

Ṣaum

Die zweite Pflicht ist das Sawm. Was ist das Sawm? Die Lehre, an die uns das Salat täglich fünfmal erinnert, hält uns das Sawm einmal im Jahr einen ganzen Monat lang jeden Augenblick vor Augen. Wenn der Ramadan kommt, verzichten die Muslime von der Morgendämmerung bis zum Abend auf Essen und Trinken. Zur Zeit des Suhur aßen und tranken sie noch; sobald der Adhan ertönt, halten sie ihre Hände zurück. Wie verlockend die Speisen vor ihnen auch sein mögen, wie groß Hunger und Durst auch werden und wie sehr das Herz auch versucht sein mag – bis zum Abend können sie nichts essen. Es geht nicht nur darum, dass sie nicht vor den Augen der Menschen essen; selbst an einem Ort, an dem niemand zu sehen ist, können sie keinen Tropfen Wasser und keinen Bissen Nahrung hinunterschlucken. Dieses Verbot gilt bis zu einer festgesetzten Zeit. Sobald der Maghrib-Adhan ertönt, wenden sie sich unverzüglich dem Iftar zu. Danach können sie die ganze Nacht hindurch angstfrei und ungehindert essen, was immer sie möchten. Überlegen wir: Was ist dies? Darin liegen die Gottesfurcht, die Überzeugung der Muslime von Allahs allgegenwärtiger Gegenwart, der Glaube an das Leben im Jenseits und an Allahs Gericht, der strenge Gehorsam gegenüber dem Koran und dem Gesandten (S), sowie ein starkes Gefühl für die unbedingt zu erfüllenden Pflichten. Darin liegt die Erziehung zu geduldigem Bemühen und zum Umgang mit Schwierigkeiten. Außerdem enthält es die Fähigkeit, die eigenen Neigungen um Allahs Wohlgefallen willen zu widerstehen und sie zu zügeln. Jedes Jahr kommt der Ramadan, und dieses Sawm lehrt die Muslime während ganzer 30 Tage und bemüht sich, diese Eigenschaften in ihnen hervorzubringen, damit sie vollkommen und in jeder Hinsicht Muslime werden können – Eigenschaften, die ein Muslim in seinem eigenen Leben verwirklichen muss.

Ferner ist zu beachten, dass Allah Ta’ala allen Muslimen das Sawm im selben Monat zur Pflicht gemacht hat, damit sie nicht getrennt voneinander fasten, sondern alle gemeinsam fasten. Darin liegen noch unzählige weitere Wohltaten. Das gesamte islamische Gemeinwesen betrachtet diesen einen Monat als den Monat der Heiligkeit. Die gesamte muslimische Welt wird dann von Glauben, Gottesfurcht, Gehorsam gegenüber Seinem Gebot, reinem und laut erem Verhalten und guten Taten erfüllt. In dieser Zeit wird jede Art von Verderbnis unterdrückt und zu guten Taten ermutigt. Die Guten helfen einander, gute Taten zu vollbringen. Die Schlechten schämen sich, schlechte Taten zu begehen. Unter den Reichen entsteht der Antrieb, den Armen zu helfen. Vermögen wird auf Allahs Weg ausgegeben. Alle Muslime kehren in denselben Zustand zurück, und in diesem gemeinsamen Zustand empfinden sie, dass alle Muslime einer einzigen Gemeinschaft angehören. Dies ist ein wirksamer Weg, Brüderlichkeit, Mitgefühl und innere Einheit unter ihnen zu begründen.

Dies dient unserem eigenen Wohl. Allah hat keinen Nutzen davon, uns hungern zu lassen. Zu unserem eigenen Wohl hat Er uns das Sawm zur Pflicht gemacht. Wer sich ohne triftigen Grund dieser Pflicht entzieht, tut sich selbst Unrecht. Diejenigen, die an den Tagen des Ramadan öffentlich essen und trinken, folgen der schändlichsten Vorgehensweise. Sie verkünden dadurch faktisch, dass sie nicht zur muslimischen Gemeinschaft gehören, dass ihnen die Gebote und Verbote des Islam gleichgültig sind und dass sie sich öffentlich vom Weg des Gehorsams gegenüber Demjenigen abwenden, den sie als Allah anerkennen. Kann man dann von Menschen, die sich von ihrer eigenen Gemeinschaft absondern, die sich nicht im Geringsten schämen, gegen ihren Schöpfer und Ernährer zu rebellieren, und die das von dem höchsten Führer ihrer Religion festgelegte Gesetz öffentlich verletzen, Zuverlässigkeit, gutes Verhalten, Treue, Pflichtbewusstsein und Gesetzestreue erwarten?

Zakat

Die dritte Pflicht ist Zakat. Allah Ta’ala hat jedem wohlhabenden Muslim zur Pflicht gemacht, dass er, wenn er mindestens vierzig Taka besitzt und dieses Vermögen ein volles Jahr lang angespart war, davon einen Taka einem armen Verwandten, einem Bedürftigen, einem Bedürftigen (Miskin), einem Neubekehrten zum Islam, einem Reisenden oder einem Schuldner gibt.

Auf diese Weise hat Allah Ta’ala im Vermögen der Wohlhabenden für die Armen einen Anteil von mindestens zweieinhalb Prozent festgelegt. Gibt jemand mehr als diesen Anteil, so gilt dies als freiwillige Gunst, und ihm wird dafür ein noch größerer Lohn zuteil.

Der Anteil, der hierfür gegeben wird, gelangt nicht zu Allah. Er ist auf nichts von uns angewiesen; vielmehr sagt Er: Wenn ihr eurem armen Bruder um meinetwillen bereitwillig etwas gebt, dann ist es, als hättet ihr es Mir gegeben. Von meiner Seite werde ich euch dafür vielfach vergelten. Die Bedingung ist jedoch, dass ihr von ihm keine Dankbarkeit als Gegenleistung für eure Gunst verlangt. Ihr dürft ihn weder beschimpfen noch verachten und keine Dankbarkeit von ihm erwarten. Ihr dürft auch nicht versuchen, dass die Menschen über eure Spende sprechen oder euch als einen überaus großzügigen Herrn loben. Wenn ihr euer Herz von all diesen unreinen Vorstellungen freihalten könnt und nur um meines Wohlgefallens willen den Armen einen Anteil eures Vermögens gebt, dann werde ich euch aus meinem unendlichen Reichtum einen Anteil geben, der niemals enden wird.

So wie Allah Ta’ala uns Salat und Sawm zur Pflicht gemacht hat, hat Er auch Zakat zur Pflicht gemacht. Zakat ist eine große Säule des Islam. Sie wird deshalb als Säule bezeichnet, weil sie unter den Muslimen die Kraft zu Opfer und Selbstaufopferung hervorbringt und die Fehler von Selbstsucht, Geiz, Engstirnigkeit und Vermögensverehrung beseitigt. Ein habgieriger und geiziger Mensch, der den Reichtum verehrt und bereit ist, für Geld sein Leben hinzugeben, ist für keine Sache des Islam von Nutzen. Nur wer das durch seine körperliche Arbeit erworbene Vermögen auf Allahs Befehl ohne jedes eigennützige Verlangen opfern kann, kann den einfachen und geraden Weg des Islam beschreiten. Zakat gewöhnt die Muslime an dieses Opfer und verleiht ihnen die Fähigkeit, dass sie, wann immer es nötig ist, ihr Vermögen auf Allahs Weg auszugeben, nicht an ihrem Besitz festhalten, sondern ihn mit offenem Herzen ausgeben.

Der weltliche Nutzen der Zakāt besteht darin, dass die Muslime einander dadurch helfen. Kein Muslim wird ohne Kleidung, ohne Nahrung, erniedrigt oder vernachlässigt bleiben. Die Wohlhabenden werden sich so um die Armen kümmern, dass diese nicht bettelnd umherziehen müssen. Niemand wird sein Vermögen nur für den eigenen Luxus, Komfort und persönlichen Pomp verschwenden, sondern sich daran erinnern, dass die Waisen, Witwen und Bedürftigen seines Volkes ein Recht darauf haben. Auch jene Jungen und Mädchen haben daran ein Recht, die Allah mit Begabung und Verstand in die Welt kommen ließ, die aber wegen ihrer Armut keine Bildung erlangen können. Ebenso haben jene ein Recht darauf, die wegen Krankheit und Arbeitsunfähigkeit keiner Arbeit nachgehen können. Wer nicht bereit ist, diese Rechte anzuerkennen, ist ein Unterdrücker. Einer wird Sack um Sack mit Geld füllen, in prächtigen Gebäuden Komfort und Luxus genießen und in einem Wagen luxuriöse Ausflüge unternehmen, während Tausende Angehörige seines Volkes für zwei Handvoll Reis bettelnd umherziehen und Tausende arbeitsfähige Menschen arbeitslos durch die Straßen wandern – welche größere Unterdrückung könnte es geben? Der Islam ist ein Feind dieser Art von Selbstsucht. Die Zivilisation der Ungläubigen lehrt sie, alles Vermögen, das in ihre Hände gelangt, anzuhäufen und durch Darlehen auf Zinsbasis auch das von den Menschen in ihrer Umgebung erwirtschaftete Geld in ihre eigenen Hände zu ziehen. Dagegen lehrt die Religion Islam die Muslime, dass sie, wenn Allah ihnen mehr Vermögen gibt, als sie benötigen, es nicht anhäufen, sondern damit ihren anderen Brüdern helfen sollen, damit deren Bedürfnisse gedeckt werden und auch sie wie die Wohlhabenden zu Erwerbsfähigen gemacht werden.

Hadsch

Die vierte Pflicht ist der Hadsch. Im Leben eines Muslims ist es nur einmal verpflichtend, den Hadsch zu vollziehen. Und auch dann nur für denjenigen, der die Kosten der Reise bis nach Mekka zu tragen vermag.

Dort, wo sich heute das ehrwürdige Mekka befindet, hatte der Prophet Ibrahim (a.) vor mehreren tausend Jahren zur Anbetung Allahs ein kleines Haus errichtet. Als Anerkennung für seine Aufrichtigkeit und seine Liebe nahm Allah dieses Haus als Sein eigenes Haus an und wies uns an, uns bei der Anbetung diesem Haus zuzuwenden. Außerdem wies Er an, dass jeder dazu fähige Muslim, wo immer auf der Welt er auch leben mag, wenigstens einmal im Leben mit eben solcher Liebe kommen soll, um dieses Haus zu besuchen und es zu umschreiten, so wie Sein geliebter Diener Ibrahim (a.) dieses Haus zu umschreiten pflegte. Er wies ferner an, dass derjenige, der zu Seinem Haus kommt, sein Herz reinigen, seine persönlichen Begierden bezwingen, sich von Mord, Unheil und obszönen Reden fernhalten und mit ebenjener Ehrfurcht, Hingabe und Demut vor seinen Herrn treten soll, mit der man vor Ihm erscheinen muss. Er soll sich vorstellen, dass er vor jenem König erscheinen wird, der über Erde und Himmel herrscht und vor dem alle Menschen bedürftig sind. Wenn man sich dort in solcher Demut mit gereinigtem Herzen zur Anbetung einfindet, wird Er sie mit Seiner Gnade reich beschenken.

Unter einem besonderen Gesichtspunkt betrachtet, ist der Hadsch die wichtigste Form der Anbetung. Wenn im Herzen eines Menschen nicht die Liebe zu Allah wäre, wie könnte er dann seine eigenen Geschäfte aufgeben, sich von der Gesellschaft seiner Lieben und Freunde trennen und die Mühen einer so langen Reise auf sich nehmen? Wenn ein Mensch diese Reise antritt, betrachtet er sie nicht als eine gewöhnliche Reise. Auf dieser Reise ist seine Aufmerksamkeit in höchstem Maße auf Allah gerichtet. In seinem Herzen bleibt kein Raum für Zweifel und Unentschlossenheit. Je näher er der Kaaba kommt, desto stärker brennt in seinem Herzen die Flamme der Liebe. Unheil und Ungehorsam beginnt er von selbst in seinem Herzen zu verabscheuen. Wegen seiner vergangenen Verfehlungen erwacht in ihm ein Gefühl der Scham. Für die Zukunft bittet er Allah um die Befähigung zum Gehorsam. Er erfährt den Geschmack der Anbetung und des Gedenkens an Allah. Seine Niederwerfungen in der Gegenwart Allahs werden immer länger, und sein Herz möchte vor Ihm den Kopf gar nicht mehr aus der Niederwerfung erheben. Beim Lesen des Korans erfüllt eine neue Freude sein Herz, und beim Fasten empfindet er eine ganz neue innere Regung. Wenn er den Boden des Hidschas betritt, steigen vor dem inneren Auge alle Bilder aus der Frühgeschichte des Islam auf.

Überall sieht er die Spuren von Menschen, die Allah liebten und sich um Seinetwillen opferten. Jedes Sandkorn dort legt Zeugnis von der Herrlichkeit und dem Ruhm des Islam ab, und jeder Kiesel verkündet: Dies ist das Land, in dem der Islam geboren wurde und von dem aus Allahs Botschaft verkündet wurde. Auf diese Weise wird das Herz des Muslims mit der Liebe zu Allah und der Zuneigung zum Islam erfüllt, und von dort kehrt er mit einem so tiefen Eindruck zurück, der bis zu seinem Tod niemals verblasst.

Allah hat im Hadsch neben den religiösen auch unzählige weltliche Wohltaten angelegt. Im Zusammenhang mit dem Hadsch wurde Mekka zu einem Zentrum für die Muslime der ganzen Welt gemacht. Aus jedem Winkel der Welt versammeln sich die Gedenkenden Allahs zur selben Zeit dort und begegnen einander. Untereinander werden islamische Aufrichtigkeit und Zuneigung gefestigt, und in den Herzen aller verankert sich die Vorstellung, dass die Muslime, aus welchem Land sie auch stammen und in welchem Volk sie auch geboren sein mögen, untereinander Brüder und Angehörige desselben Volkes sind. Deshalb ist der Hadsch einerseits die Anbetung Allahs, andererseits eine Versammlung der Muslime der ganzen Welt und das beste Mittel zur Schaffung einer starken Brüderlichkeit unter den Muslimen – eben das ist der Hadsch.

Die Unterstützung des Islam

Die letzte Pflicht, die uns von Allah auferlegt wurde, ist die Unterstützung des Islams (Himāyat-e Islām). Obwohl diese Pflicht nicht zu den Säulen des Islams gehört, ist sie dennoch unter den islamischen Pflichten von äußerst großer Bedeutung. Im Edlen Koran und in den ehrwürdigen Hadithen wird ihr besondere Bedeutung beigemessen.

Was die Unterstützung des Islams bedeutet und warum sie zur Pflicht gemacht wurde, lässt sich anhand eines Beispiels sehr leicht verstehen. Nehmen wir an, ich bin mit einem Menschen befreundet, doch in jeder Hinsicht zeigt sich, dass er kein Mitgefühl für mich hat. Mein Wohl und mein Wehe sind ihm völlig gleichgültig. Was mir schaden oder nützen könnte, tut er ohne zu zögern um seines eigenen Vorteils willen. Bei einer Sache, die mir nützt, enthält er sich nur deshalb der Hilfe, weil sie ihm selbst keinen Vorteil bringt. Wenn ich in Not gerate, hilft er mir nicht; sieht er, dass mir irgendwo Schaden zugefügt wird, beteiligt er sich selbst an denjenigen, die mir schaden, oder hört zumindest schweigend zu, wenn über meinen Schaden gesprochen wird. Wenn meine Feinde etwas gegen mich unternehmen, schließt er sich ihnen an oder bemüht sich zumindest nicht im Geringsten, mich vor ihrem Unrecht zu bewahren. Würde ich einen solchen Menschen wirklich als meinen Freund betrachten? Alle werden sagen: Niemals. Denn das ist lediglich ein mündliches Bekenntnis zur Freundschaft; in Wirklichkeit trägt er kein Gefühl der Freundschaft im Herzen. Freundschaft bedeutet, dass ein Mensch demjenigen, den er zum Freund hat, Liebe und Aufrichtigkeit entgegenbringt. Er wird mitfühlend sein und ihm Gutes wünschen. Er wird ihm gegenüber seinen Feinden helfen und es nicht dulden, dass er verleumdet wird. Fehlen diese Eigenschaften in ihm, ist er ein Heuchler. Sein Anspruch auf Freundschaft ist eine Lüge.

Nach diesem Beispiel lässt sich verstehen, welche Pflichten jemand übernimmt, wenn er behauptet, Muslim zu sein. Muslim zu sein bedeutet: In demjenigen, der Muslim ist, müssen islamischer Eifer, ein auf dem Glauben beruhendes Ehrgefühl, Liebe zum Islam und aufrichtige gute Wünsche für die muslimischen Brüder vorhanden sein. Selbst wenn er mit weltlichen Angelegenheiten beschäftigt ist, müssen das Wohlergehen des Islams und das Wohl der Muslime stets vor seinen Augen stehen. Um seines persönlichen Vorteils willen oder um einem persönlichen Schaden zu entgehen, wird er nichts tun, was dem Islam schadet und dem Wohl der Muslime entgegensteht. Mit Herz, Leben und Vermögen wird er sich an jeder Sache beteiligen, die dem Islam und den Muslimen nützt, und sich von jeder Sache fernhalten, die dem Islam und den Muslimen schadet. Die Ehre seiner Dīn und seiner religiösen Gemeinschaft wird er als seine eigene Ehre betrachten. So wie er seine eigene Erniedrigung nicht ertragen kann, wird er ebenso wenig die Erniedrigung des Islams und der Gläubigen des Islams dulden. So wie er seinen Feinden nicht helfen würde, die gegen ihn selbst vorgehen, wird er auch den Feinden des Islams und der Muslime nicht helfen. So wie er bereit ist, für sein Vermögen, sein Leben und seine Ehre jedes Opfer zu bringen, wird er ebenso bereit sein, für den Islam und die muslimische Gemeinschaft jedes Opfer zu bringen. Wer behauptet, Muslim zu sein, muss all diese Eigenschaften in sich vereinen; andernfalls wird er zu den Heuchlern gezählt. Sein Handeln wird sein mündliches Bekenntnis als Lüge erweisen.

Ein Bereich dieser Unterstützung des Islams wird in der Sprache der Scharia „Dschihad“ genannt. Die wörtliche Bedeutung von Dschihad besteht darin, seine letzte Kraft für eine Sache einzusetzen. In diesem Sinne betreibt auch derjenige Dschihad, der mit seinem Vermögen, seinen Worten, seiner Feder und seinen Händen und Füßen danach strebt, Allahs Wort zu erhöhen. Das Wort „Dschihad“ wird für jenen Krieg verwendet, der frei von allen weltlichen Zielen ausschließlich um Allahs willen gegen die Feinde des Islams geführt wird. In der Scharia wird dieser Dschihad als Fard kifāya bezeichnet. Das bedeutet, dass es sich um eine Pflicht handelt, die zwar allen Muslimen auferlegt ist, deren Erfüllung durch eine Gemeinschaft jedoch die übrigen von dieser Verantwortung entbindet. Wird allerdings ein islamisches Land angegriffen, wird der Dschihad unter diesen Umständen für alle Bewohner dieses Landes ebenso zu einer individuellen Pflicht (Fard ʿain) wie Salāt und Sawm, also zu einer unbedingt zu erfüllenden Pflicht. Wenn sie nicht die Kraft haben, dem Feind entgegenzutreten, wird es für jeden Muslim in den benachbarten Ländern zur Pflicht, ihnen mit seinem Leben und seinem Vermögen zu helfen. Kann der Angriff des Feindes selbst mit ihrer Hilfe nicht abgewehrt werden, wird es für die Muslime der ganzen Welt ebenso wie Salāt und Sawm zu einer unbedingt zu erfüllenden Pflicht, ihnen beizustehen. Wenn auch nur ein einziger Mensch bei der Erfüllung dieser zwingenden Pflicht zurückbleibt, macht er sich schuldig. Unter solchen Umständen ist die Bedeutung des Dschihad sogar größer als die von Salāt und Sawm. Denn dies ist die Zeit, in der der Īmān auf die Probe gestellt wird. Wer in einem Augenblick der Gefahr nicht für den Islam und die Muslime Partei ergreift, bei dessen Īmān bleibt Anlass zu Zweifel. Was nützt dann Salāt, und welchen Nutzen hat Sawm? Und wenn zu dieser Zeit ein Unglücklicher den Feinden gegen den Islam und die Muslime beisteht, ist er gewiss ein Heuchler; seine Salāt und sein Sawm, seine Zakāt und sein Haddsch – alles ist bedeutungslos.

Dīn und Scharia

Alles, was ich bisher gesagt habe, betraf den Dīn. Nun werde ich über die Scharia des ehrwürdigen Muhammad (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) sprechen. Doch zunächst müssen wir wissen: Was ist die Scharia, und worin besteht der Unterschied zwischen Scharia und Dīn?

Der Unterschied zwischen Dīn und Scharia

In den vorherigen Kapiteln wurde gesagt, dass alle Propheten die Lehre des Islams gebracht haben. Der Dīn des Islams besteht darin, gemäß der Lehre der wahren Gesandten Allahs an Allahs Wesen, Seine Eigenschaften sowie an die Belohnung und Bestrafung im Jenseits zu glauben, Allahs Bücher anzuerkennen, alle selbst erdachten Wege zu verlassen und allein den von Allahs Büchern vorgeschriebenen Weg als Wahrheit zu erkennen, Allahs Propheten zu gehorchen und alles andere aufzugeben, um nur ihnen zu folgen. In der Anbetung darf niemand außer Allah zum Teilhaber genommen werden. Dieser Glaube und diese Anbetung werden Dīn genannt und sind in die Lehren aller Propheten eingeschlossen.

Außerdem gibt es noch etwas, nämlich die Scharia. Die Art und Weise der gottesdienstlichen Handlungen, gesellschaftliche Bräuche, die Vorschriften für gegenseitige Geschäfte und die Pflege von Beziehungen, die Grenzen des Erlaubten und Verbotenen sowie des Zulässigen und Unzulässigen und anderes gehören zur Scharia. In Bezug auf diese Vorschriften hatte Allah, der Erhabene, am Anfang unter Berücksichtigung der Verhältnisse verschiedener Völker durch Seine Propheten verschiedene Scharias gesandt, damit jedes Volk gesondert durch die Lehre von gutem Verhalten, Zivilisation und edlem Charakter daran gewöhnt und darauf vorbereitet werde, einem umfassenderen Gesetz zu gehorchen. Als diese Aufgabe, die Menschen heranzubilden, vollendet war, sandte Allah, der Erhabene, Hadhrat Muhammad (s) mit jener umfassenderen Ordnung, deren jede einzelne Bestimmung für die ganze Welt gilt. Die Religion blieb nun dieselbe, die die früheren Propheten gelehrt hatten, doch alle früheren Scharias wurden aufgehoben. An ihre Stelle trat eine Scharia, in der für alle Menschen die Art und Weise der gottesdienstlichen Handlungen, gesellschaftliche Bräuche, Gesetze über den gegenseitigen Austausch und Verkehr sowie die Grenzen des Erlaubten und Verbotenen gemeinsam festgelegt sind.

Die Quellen zur Kenntnis der Vorschriften der Scharia

Für das Verständnis der Grundsätze und Vorschriften der Scharia Muhammads stehen uns zwei Quellen zur Verfügung. Die erste ist der edle Koran, die zweite der Hadith. Über den edlen Koran weiß jeder, dass er das Wort Allahs ist und jedes seiner Worte von Allah stammt. Mit Hadith sind jene Überlieferungen gemeint, die vom ehrwürdigen Gesandten (s) zu uns gelangt sind. Das gesamte Leben des Gesandten Allahs (s) war eine Erklärung des Korans. Von der Zeit an, da er Prophet wurde, bis zu seinem Tod vergingen dreiundzwanzig Jahre, in denen jeder Augenblick seines Lebens der Aufgabe gewidmet war, die Menschen zu unterrichten und ihnen Rechtleitung zu geben, und durch seine Worte und Taten lehrte er sie, entsprechend Allahs Willen und Wohlgefallen zu leben. Während dieses arbeitsreichen Lebens hörten seine männlichen und weiblichen Gefährten, seine Verwandten und seine Ehefrauen aufmerksam jedes seiner Worte, beobachteten jede seiner Handlungen und holten, wann immer ein Problem vor sie trat, bei ihm Anweisungen über die Vorschriften der Scharia ein. Bisweilen sagte er: „Tu diese Handlung und tu jene Handlung nicht.“ Diejenigen, die anwesend waren, prägten sich seine Anweisungen sorgfältig ein. Bisweilen führte er eine Handlung auf eine bestimmte Weise aus. Diejenigen, die es sahen, behielten es im Gedächtnis und teilten auch denjenigen, die es nicht gesehen hatten, mit, dass der ehrwürdige Prophet (s) diese Handlung auf jene Weise ausgeführt hatte. Bisweilen verrichtete jemand vor dem ehrwürdigen Gesandten (s) eine Handlung; er schwieg entweder dazu, billigte sie oder untersagte sie. Auch solche Aussagen und Vorkommnisse bewahrten die Menschen. Ebenso hörten die Menschen von seinen männlichen und weiblichen Gefährten verschiedene Aussagen: Einige prägten sie sich ein, andere schrieben sie auf. Auch den Namen dessen, von dem sie die betreffende Aussage erhalten hatten, merkten sie sich. Nach und nach wurden diese Überlieferungen in Buchform gesammelt. So entstand eine umfangreiche Hadith-Sammlung. Unter den Hadith-Sammlern gelten die von Imam Malik (r), Imam Buchari (r), Imam Muslim (r), Imam Tirmidhi (r), Imam Abu Dawud (r), Imam Nasai (r) und Imam Ibn Madschah (r) zusammengestellten Hadith-Bücher als äußerst zuverlässig.

Fiqh

Nachdem die religiösen Gelehrten über die Vorschriften des Korans und des Hadith nachgedacht und sie erforscht hatten, hielten sie die Gesetze zur Erleichterung für die einfachen Menschen ausführlich schriftlich fest. Die von ihnen verfassten Werke werden Fiqh genannt. Da nicht jeder Mensch alle feinen Bedeutungen des edlen Korans verstehen kann und nicht jeder in der Hadith-Wissenschaft so bewandert ist, dass er die Vorschriften der Scharia selbst verstehen könnte, haben die religiösen Gelehrten über Jahre hinweg unter großen Anstrengungen nachgedacht und geforscht und die Wissenschaft des Fiqh ausgearbeitet. Die Muslime der Welt werden ihnen diese segensreiche Arbeit niemals vergelten können. Dank ihrer Mühe befolgen heute Millionen und Abermillionen Muslime die Scharia, ohne irgendwelche Schwierigkeiten auf sich nehmen zu müssen, und es fällt ihnen nicht schwer, die Vorschriften Allahs und des Gesandten zu verstehen.

Zu Beginn hatten viele religiöse Gelehrte die Wissenschaft des Fiqh nach ihren jeweils eigenen Methoden ausgearbeitet; schließlich fanden jedoch vier Schulen des Fiqh weltweit Anerkennung, und heute folgen die Muslime der Welt überwiegend ihnen:

Erstens: das von Imam Abu Hanifa (r) ausgearbeitete Fiqh. Bei seiner Ausarbeitung wurde Imam Abu Hanifa (r) von einigen bedeutenden Gelehrten unterstützt, darunter Imam Abu Yusuf (r), Imam Muhammad (r) und Imam Zufar (r). Es wird hanafitisches Fiqh genannt.

Zweitens: das von Imam Malik (r) ausgearbeitete Fiqh. Es wird malikitisches Fiqh genannt.

Drittens: der von Imam asch-Schāfiʿī (r) verfasste Fiqh. Er wird schafiitischer Fiqh genannt.

Viertens: der von Imam Ahmad ibn Hanbal (r) verfasste Fiqh. Er wird hanbalitischer Fiqh genannt.

Diese vier Arten des Fiqh wurden innerhalb von zweihundert Jahren nach dem Gesandten Allahs (s) verfasst. Die darin feststellbaren gegenseitigen Unterschiede sind völlig natürlich. Wenn verschiedene Menschen eine Angelegenheit erforschen oder versuchen, ihre Bedeutung zu erfassen, unterscheiden sich ihre Forschungen und Auffassungen voneinander. Alle diese Rechtsgelehrten waren jedoch aufrichtig auf der Suche nach der Wahrheit, von guten Absichten geleitet und wahre Förderer des Wohls der Muslime. Deshalb haben alle Muslime diese vier Arten des Fiqh als wahrheitsgemäß anerkannt.

Man muss sich allerdings darüber im Klaren sein, dass man in ein und derselben Angelegenheit nur einer einzigen Rechtsschule folgen kann; es ist nicht möglich, vier verschiedenen Rechtsschulen zu folgen. Daher sind die meisten Gelehrten der Ansicht, dass die Muslime einer dieser vier Rechtsschulen folgen müssen. Daneben gibt es eine weitere Gruppe von Gelehrten, die sagt, dass es nicht notwendig sei, einer bestimmten Rechtsschule zu folgen. Gelehrte sollten die Vorschriften des Qurʾān und des Hadith aufrichtig verstehen; diejenigen jedoch, die keine Gelehrten sind, haben die Pflicht, einem Gelehrten ihres Vertrauens zu folgen. Diese werden Ahl al-Hadith genannt. Auch sie halten ebenso wie die oben genannten vier Gruppen an der Wahrheit fest.

Tasawwuf

Der Fiqh bezieht sich auf die äußerlich sichtbaren Handlungen des Menschen. Ein Beispiel dafür ist die Frage, ob ich eine Handlung genau so und nach genau der Methode ausführe, wie sie mir vorgeschrieben wurde. Wenn ich sie korrekt ausgeführt habe, hat der Fiqh nichts über den Zustand meines Herzens zu sagen. Dasjenige, was sich auf den Zustand des Herzens bezieht, wird Tasawwuf¹ genannt. Wenn jemand beispielsweise das Salat-Gebet verrichtet, achtet der Fiqh lediglich darauf, ob er die Gebetswaschung ordnungsgemäß vorgenommen hat, ob er sich mit dem Gesicht zur Qibla gestellt hat, ob er alle unerlässlichen Bedingungen des Salat erfüllt hat, ob er alles rezitiert hat, was während des Salat zu rezitieren ist, und ob er zur vorgeschriebenen Zeit die vorgeschriebene Anzahl von Rakʿa verrichtet hat. Wenn alle diese Bedingungen erfüllt sind, ist sein Salat aus der Sicht des Fiqh vollständig. Der Tasawwuf hingegen betrachtet in diesem Fall den Zustand seines Herzens während dieser Anbetung: War er Allah mit voller Aufmerksamkeit zugewandt? War sein Herz von weltlichen Gedanken frei? Sind durch das Salat in seinem Herzen Gottesfurcht, die Überzeugung von Allahs Gegenwärtigkeit und Seiner alles umfassenden Wahrnehmung sowie das Verlangen entstanden, ausschließlich Sein Wohlgefallen zu erlangen? In welchem Maß hat dieses Salat seine Seele geläutert? In welchem Maß hat es seinen Charakter verbessert? In welchem Maß hat es ihn zu einem wahrhaft frommen und rechtschaffenen Muslim gemacht? In dem Maß, in dem ein Mensch auf dem Weg zum eigentlichen Ziel des Salat Vollkommenheit erlangt, gewinnt das Salat aus der Sicht des Tasawwuf an Vollkommenheit. Und in dem Maß, in dem er diesbezüglich Mängel aufweist, wird auch sein Salat als entsprechend mangelhaft betrachtet. Ebenso betrachtet der Fiqh bei allen Vorschriften der Scharia lediglich, ob die jeweilige Anordnung genau in der vorgeschriebenen Weise befolgt wurde. Der Tasawwuf hingegen betrachtet, wie viel Aufrichtigkeit, gute Absicht und echte Haltung des Gehorsams bei der Befolgung dieser Anordnung vorhanden waren.

An einem Beispiel lässt sich der Unterschied zwischen diesen beiden erkennen. Wenn eine bestimmte Person jemandem begegnet, betrachtet sie ihn unter zwei Gesichtspunkten. Der erste ist: Ist der Mann vollständig und gesund? Ist er nicht blind, einäugig oder lahm? Ist er ansehnlich oder hässlich? Trägt er gute Kleidung oder schmutzige, abgetragene Kleidung? Der zweite ist: Wie ist sein Charakter, wie sind sein Wesen und seine Gewohnheiten, welcher Art sind seine Kenntnisse und sein Verstand? Ist er gelehrt oder unwissend, rechtschaffen oder schlecht? Der erste Blick ist der Blick des Fiqh, der zweite der Blick des Tasawwuf. Wenn jemand versucht, eine Person zur Freundschaft auszuwählen, muss er beide Seiten ihrer Persönlichkeit prüfen. Er wird wünschen, dass sowohl ihr Inneres als auch ihr Äußeres schön sind. Ebenso muss man in dem für den Islam vorgesehenen erstrebenswerten Leben den Vorschriften der Scharia sowohl hinsichtlich des äußeren als auch des inneren Glaubens gehorchen. Ein Mensch, der äußerlich Gehorsam zeigt, dem aber die lebendige innere Hingabe fehlt, gleicht einem Verstorbenen mit schönem Gesicht. Wer dagegen in seinen Handlungen über alle Schönheit verfügt, aber den äußeren Gehorsam nicht richtig erfüllt, gleicht einem Menschen, der äußerst vornehm und rechtschaffen, körperlich jedoch hässlich und verkrüppelt ist.

An diesem Beispiel lässt sich das gegenseitige Verhältnis von Fiqh und Tasawwuf verstehen. Bedauerlicherweise wurde in späteren Zeiten, in denen aufgrund der Verderbnis von Wissen und Charakter vielfältige Missstände entstanden, auch die reine Gestalt des Tasawwuf entstellt. Menschen übernahmen aus den Lehren islamfeindlicher Philosophien, die aus den Werken irregeleiteter Völker stammten, und führten sie unter dem Namen Tasawwuf in den Islam ein. Viele unterschiedliche Glaubensvorstellungen und Verhaltensweisen, die im Qurʾān und im Hadith keinerlei Grundlage haben, verbreiteten sie unter dem Namen Tasawwuf. Solche Menschen machten sich nach und nach vom Gehorsam gegenüber der Scharia frei. Ihrer Ansicht nach besteht zwischen Tasawwuf und der Scharia keinerlei Verbindung. Hier herrsche eine ganz andere Welt. Warum sollten die Sufis Gesetzen, Regeln und Verfahrensweisen folgen müssen? Unwissende Sufis vertreten solche Ansichten; in Wirklichkeit beruhen ihre Vorstellungen jedoch auf einem völligen Irrtum. Im Islam gibt es keinen Tasawwuf, der nicht mit den Vorschriften der Scharia verbunden wäre. Kein Sufi hat das Recht, vom Gehorsam gegenüber Salat, Sawm, Hajj und Zakat befreit zu sein. Hinsichtlich des moralischen Verantwortungsbewusstseins im gesellschaftlichen Leben, des Charakters, des gegenseitigen Umgangs, der Rechte und Pflichten sowie der Grenzen des Erlaubten und Verbotenen hat kein Sufi das Recht, den von Allah und dem Gesandten vorgeschriebenen Regeln zuwiderzuhandeln. Wer dem Gesandten Allahs (s) nicht richtig gehorcht und nicht seinem vorgeschriebenen Weg folgt, ist nicht würdig, sich als muslimischer Sufi zu bezeichnen. In Wirklichkeit ist Tasawwuf die wahre Liebe zu Allah und Seinem Gesandten, und die Forderung der Liebe besteht darin, dass niemand auch nur um das geringste Maß von Allahs Vorschriften und vom Gehorsam gegenüber Seinem Gesandten abweicht. Der islamische Tasawwuf ist nichts von der Scharia Unabhängiges; vielmehr bedeutet Tasawwuf, die Vorschriften der Scharia mit größter Aufrichtigkeit und guter Absicht zu befolgen und im Inneren die Liebe zu Allah und die Gottesfurcht zu erwecken.

 

Die Vorschriften der Scharia

In diesem letzten Kapitel werde ich über die Grundsätze der Scharia und ihre einzelnen besonderen Vorschriften sprechen. Daraus wird verständlich werden, wie die islamische Scharia den menschlichen Geist dazu bringt, sich einer gesunden und schönen Ordnung zu unterwerfen, und wie erkenntnisreich diese Vorschriften sind.

Die Grundsätze der Scharia

Jeder kann, wenn er über seine eigene Lage nachdenkt, erkennen, dass er mit vielfältigen Kräften auf die Welt gekommen ist und dass jede einzelne Kraft in ihm verlangt, richtig eingesetzt zu werden. Dazu gehören Verstand, Wille, Verlangen, Sprachvermögen, Sehkraft, Hörvermögen, Geschmacksinn, die Fähigkeit, Hände und Füße zu bewegen, Abneigung und Zorn, Zuneigung und Anziehung, Furcht und Verlockung; doch nichts davon ist zwecklos. All dies wurde gegeben, um die Bedürfnisse des Menschen zu erfüllen. Vom richtigen Gebrauch der Kräfte, die Allah den Menschen auf der Welt verliehen hat, hängen ihr irdisches Leben und ihr Erfolg ab.

Außerdem wird man erkennen, dass den Menschen вместе mit den Kräften, die ihnen gegeben wurden, auch die Mittel zu ihrer Nutzung gegeben worden sind. An erster Stelle steht der menschliche Körper; in ihm sind alle notwendigen Organe vorhanden. Danach gibt es die sie umgebende Welt, in der bereits unzählige Mittel jeder Art geschaffen sind. Zum Beistand des Menschen sind seine Mitmenschen vorhanden. Zu seinem Dienst gibt es Tiere, Pflanzen, Bodenschätze, Erde und Wasser, Luft, Wärme und Licht sowie unzählige weitere Dinge. Allah hat all dies erschaffen, damit der Mensch es nutzt und daraus Hilfe für sein Leben erhält.

Betrachten wir nun noch eine weitere Seite. Die Kräfte, die dem Menschen gegeben wurden, wurden zu seinem Nutzen gegeben, nicht zu seinem Schaden. Die richtige Art, sie einzusetzen, besteht daher darin, ausschließlich Nutzen daraus zu ziehen und jede Möglichkeit eines Schadens auszuschließen oder den Schaden, falls er dennoch eintritt, so weit wie möglich zu begrenzen. Es wäre vernunftwidrig, sie auf andere Weise zu gebrauchen. Wenn jemand selbst etwas tut, wodurch er sich schadet, ist das zweifellos falsch. Wenn jemand seine eigenen Kräfte so einsetzt, dass andere dadurch geschädigt werden, ist auch das falsch. Wenn jemand durch den Missbrauch einer Kraft die von Allah gegebenen Mittel und Ressourcen verschwendet, handelt er ebenfalls falsch. Die Vernunft eines jeden Menschen wird bezeugen, dass jede Art von Schaden vermieden werden muss und nur dann hingenommen werden darf, wenn es in keiner Weise möglich ist, ihn zu vermeiden, oder wenn sich daraus die Möglichkeit eines größeren Nutzens ergibt.

Gehen wir nun noch einen Schritt weiter. Auf der Welt gibt es zwei Arten von Menschen. Die einen setzen einige ihrer Kräfte absichtlich so ein, dass eine dieser Kräfte einer anderen ihrer eigenen Kräfte schadet oder andere dadurch geschädigt werden. Oder sie missbrauchen die ihnen gegebenen Mittel und Ressourcen, obwohl diese Dinge ihnen ausschließlich zum Nutzen und nicht zur Verschwendung gegeben worden waren. Die andere Gruppe tut dies nicht absichtlich, macht aber aus Unwissenheit Fehler. Die Angehörigen der ersten Gruppe sind Übeltäter, und zu ihrer Kontrolle werden Gesetze und Vorschriften benötigt. Für die andere Gruppe, die aus Unwissenheit Fehler macht, ist ein Bildungssystem erforderlich, durch das sie die richtige und fehlerfreie Art erkennen kann, ihre eigenen Kräfte einzusetzen.

In der Scharia, die Allah durch seinen Propheten gesandt hat, ist diesem Bedürfnis Rechnung getragen worden. Sie bezweckt keineswegs, irgendeine Fähigkeit der Menschen zu zerstören, irgendein natürliches Verlangen zu unterdrücken oder ihre Empfindungen und Gefühle auszulöschen. Die Scharia sagt dem Menschen niemals: Verzichte auf die Welt, verbringe dein Leben fastend und nackt in den Bergen und Wäldern, verleugne die Forderungen deiner Seele und stürze dich in Selbstkasteiung, erkläre dir allen Komfort und alle Freuden des Lebens für verboten. Die Scharia lehrt dies niemals. Dies ist die von Allah geschaffene Scharia, und Allah hat diese Welt zum Wohl und zur Bequemlichkeit des Menschen erschaffen. Wie könntet ihr also diese Werkstatt zerstören wollen? Keine Kraft im Menschen hat Er zwecklos oder ohne Notwendigkeit verliehen. Nichts, das sich nicht nutzen ließe, hat Er irgendwo auf Erden oder im Himmel erschaffen. Er will vielmehr, dass diese Werkstatt der Welt mit voller Kraft weiterläuft, dass der Mensch jede seiner Kräfte vollständig nutzt, aus jedem Ding der Welt den größtmöglichen Nutzen zieht und alle Arten von Mitteln und Ressourcen, die auf Erden und im Himmel bestimmt sind, richtig gebraucht; und dass er durch Unwissenheit und Übeltat, wie oben beschrieben, weder sich selbst noch anderen Schaden zufügt.

Allah hat in der Scharia alle Bestimmungen zu diesem Zweck erlassen. Alles, was für den Menschen schädlich ist, ist in der Scharia haram (verboten), und alles, was nützlich ist, ist halal (erlaubt). Jede Handlung, durch die ein Mensch sich selbst oder anderen Schaden zufügt, ist in der Scharia verboten. Alles, was für ihn nützlich ist und keinem anderen schadet, ist ihm in der Scharia zu tun erlaubt. Alle ihre Bestimmungen beruhen auf diesem Grundsatz: Die Menschen auf der Welt sollen all ihre Wünsche und Bedürfnisse erfüllen und das Recht haben, jede Anstrengung zu ihrem eigenen Wohl zu unternehmen; zugleich aber sollen sie aus diesem Recht in einer Weise Nutzen ziehen, dass sie aus Unwissenheit oder Bosheit nicht die Rechte anderer verletzen. Darüber hinaus sollen sie anderen so weit wie möglich helfen und sie unterstützen. Bei Handlungen, die einerseits Nutzen und andererseits möglichen Schaden mit sich bringen, besteht der Grundsatz der Scharia darin, zum Erreichen des größeren Nutzens den geringeren Schaden in Kauf zu nehmen und zum Schutz vor dem größeren Schaden auf den geringeren Nutzen zu verzichten.

Da nicht jeder Mensch in jedem Zeitalter gleichermaßen wissen kann, in welchem Maß eine Sache oder eine Handlung nützlich oder schädlich ist, hat Allah, der alle Geheimnisse der Schöpfung kennt, den Menschen für ein vollkommenes Leben eine fehlerlose Ordnung gegeben. Viele nützliche Aspekte dieser Ordnung waren bis vor mehreren Jahrhunderten noch außerhalb des menschlichen Verständnishorizonts; doch der gegenwärtige Fortschritt der Bildung hat jene Geheimnisse enthüllt. Ihre zahlreichen nützlichen Seiten verstehen die Menschen noch immer nicht vollständig; doch je weiter der Fortschritt des Wissens voranschreitet, desto mehr werden sich diese Geheimnisse den Menschen offenbaren. Diejenigen, die sich auf ihr eigenes schwaches und unausgereiftes Wissen und ihren Verstand verlassen, sind, nachdem sie Jahrhunderte lang in Irrtümern und Fehlvorstellungen versunken waren, schließlich gezwungen, irgendeine Bestimmung dieser Scharia anzunehmen. Diejenigen jedoch, die sich auf den Gesandten Allahs verlassen haben, sind vor den Schäden des Äußerlichen und der Unwissenheit bewahrt geblieben; denn unabhängig davon, ob sie ihre nützlichen Seiten kannten oder nicht, haben sie sich in jedem Fall aus Glauben an den Gesandten Allahs einem Gesetz unterworfen, das auf richtigem und fehlerlosem Wissen beruht.

Die vier Arten von Rechten

In der islamischen Scharia sind vier Arten von Rechten des Menschen festgelegt.

Erstens: die Rechte Allahs;

Zweitens: die Rechte des Menschen an seinem eigenen Körper und Geist;

Drittens: die Rechte der übrigen Diener Allahs, und

Viertens: die Rechte jener Dinge, die Allah dem Menschen zur Nutzung und zum Erlangen von Nutzen überlassen hat.

Es ist die Pflicht eines wahrhaftigen Muslims, diese vier Arten von Rechten zu verstehen und sie richtig zu nutzen. In der Scharia werden diese Rechte einzeln dargelegt und Methoden zu ihrer Erfüllung festgelegt, durch die gleichzeitig die Rechte aller erfüllt und die Rechte niemandes nach Möglichkeit verletzt werden.

Das Recht Allahs

Das Recht Allahs besteht darin, dass der Mensch allein Ihn als „Ilah“ anerkennt und Ihm niemanden beigesellt. Wie bereits gesagt, wird dieses Recht erfüllt, sobald man an das Glaubensbekenntnis „La ilaha illallah“ glaubt.

Das zweite Recht Allahs besteht darin, die von Ihm kommende Rechtleitung mit voller Aufrichtigkeit anzunehmen. Dieses Recht wird erfüllt, sobald man an „Muhammadur Rasulullah“ glaubt. Eine ausführliche Darstellung davon habe ich bereits gegeben.

Das dritte Recht Allahs ist der Gehorsam gegenüber Seinen Geboten. Dieses Recht wird dadurch erfüllt, dass man Allahs Gesetz befolgt, wie es in Seinem Buch und in der Sunna Seines Gesandten festgelegt ist. Darauf habe ich bereits hingewiesen.

Das vierte Recht Allahs ist, Ihm zu dienen. Die Pflichten, die den Menschen zu diesem Zweck auferlegt wurden, sind in einem früheren Kapitel dargelegt worden. Da dieses Recht über allen anderen Rechten steht, müssen bei seiner Erfüllung die übrigen Rechte in größerem oder geringerem Maß geopfert werden: Bei der Erfüllung von Pflichten wie Salat und Saum opfert der Mensch beispielsweise viele Rechte seines eigenen Körpers und seiner Seele. Für die Salat steht der Mensch sehr früh auf und vollzieht die Gebetswaschung mit kaltem Wasser. Mehrmals am Tag und in der Nacht verzichtet er auf die Freude an notwendigen Tätigkeiten und an der Erholung. Den ganzen Ramadan hindurch nimmt er die Mühe auf sich, Hunger und Durst sowie sinnliche Begierden zu unterdrücken; bei der Entrichtung der Zakat opfert er aus Liebe zu Allah seine Liebe zum Geld. Beim Haddsch muss er die Mühen der Reise und finanzielle Opfer auf sich nehmen. Im Dschihad opfert er sein Vermögen und sein Leben. So müssen bei der Erfüllung des Rechts Allahs in größerem oder geringerem Maß auch die Rechte anderer geopfert werden. Zum Beispiel muss ein Diener während der Salat die Arbeit seines Herrn verlassen, um seinem eigentlichen Herrn zu dienen. Während des Haddsch muss ein Mensch alle Arten von Geschäften und Tätigkeiten aufgeben und nach dem ehrwürdigen Mekka reisen; an der Erfüllung dieser Pflicht sind die Rechte vieler weiterer Menschen beteiligt. Im Dschihad nimmt der Mensch allein für Allah Leben und gibt sein eigenes Leben. Um das Recht Allahs zu erfüllen, muss der Mensch auf vieles verzichten, was seiner Verfügung unterliegt, etwa auf die Opferung von Tieren und auf die Ausgabe von Geld.

Allah, der Erhabene, hat hinsichtlich Seines Rechts bestimmte Grenzen festgelegt. Dadurch ist es nicht nötig, zur Erfüllung dieses Rechts mehr von den Rechten anderer zu opfern, als unbedingt erforderlich ist. Nehmen wir als Beispiel die Salat. Für die Verrichtung der von Allah vorgeschriebenen Salat wurden alle möglichen Erleichterungen vorgesehen. Wenn kein Wasser für die Gebetswaschung zu finden ist oder jemand krank ist, kann er Tayammum vollziehen. Auf einer Reise muss man die Salat verkürzt verrichten. Wer krank ist, kann die Salat im Sitzen oder im Liegen verrichten; auch die bei der Salat zu rezitierenden Texte sind nicht so umfangreich, dass die Salat einer Gebetszeit mehr als einige Minuten dauern müsste. In Zeiten der Muße kann der Mensch, wenn er möchte, in der Salat eine vollständige Sure wie die Sure al-Baqara rezitieren; in Zeiten starker beruflicher Beanspruchung jedoch wurde die Verrichtung eines langen Gebets untersagt. Wenn jemand außer den Pflichtgebeten freiwillige Salat verrichten möchte, erfreut das Allah, doch Er will nicht, dass jemand sich selbst den Nachtschlaf und die Tagesruhe verbietet, seine Zeit für den Lebensunterhalt ausschließlich mit der Verrichtung von Salat verbringt oder die Rechte der Diener Allahs verletzt, indem er ständig Salat verrichtet.

Auch beim Saum wurden alle möglichen Erleichterungen vorgesehen. Im ganzen Jahr wurde das Fasten nur für einen Monat zur Pflicht gemacht; auch dieses kann während einer Reise oder im Krankheitsfall nachgeholt werden. Wenn der Fastende krank wird und Lebensgefahr besteht, darf er das Fasten brechen. Es ist nicht angemessen, auch nur eine Minute länger zu fasten als die für den Saum festgelegte Zeit.

Bis zum Ende der Suhur-Zeit ist Essen und Trinken erlaubt. Sobald die Zeit des Iftar eintritt, ist jedoch angeordnet, das Sawm unverzüglich zu brechen. Wenn jemand neben dem verpflichtenden Sawm freiwillig fastet, wird Allah darüber sehr erfreut sein. Allah will jedoch nicht, dass jemand ununterbrochen fastet und sich dadurch so sehr schwächt, dass er zu keiner Arbeit mehr fähig ist.

Auch für die Zakat hat Allah einen Mindestsatz festgelegt und sie nur denjenigen zur Pflicht gemacht, die Vermögen in Höhe des festgelegten Nisab besitzen. Wenn jemand auf Allahs Weg mehr Sadaqa und Khairat gibt, wird dies Allahs Wohlgefallen erlangen. Allah will jedoch nicht, dass jemand die Rechte seiner selbst und seiner Angehörigen opfert, alles für Sadaqa und Khairat ausgibt und schließlich selbst mittellos dasitzt. Beim Spenden wurde uns aufgetragen, Maß zu halten.

Dann stellt sich die Frage des Hajj. Zunächst ist der Hajj nur für diejenigen verpflichtend, die in der Lage sind, die Reisekosten zu tragen und die körperlichen Mühen auf sich zu nehmen. Der größte Vorzug dabei ist außerdem, dass man ihn im ganzen Leben nur einmal zu einem passenden Zeitpunkt vollziehen muss. Wenn unterwegs irgendwo Kämpfe stattfinden oder die Gefahr einer Lebensbedrohung besteht, kann der Entschluss zum Hajj aufgeschoben werden. Zugleich gilt die Erlaubnis der Eltern für den Hajj als unerlässlich, damit die alten Eltern durch die Abwesenheit ihres Sohnes keinen Kummer erleiden. Aus diesen Bestimmungen wird deutlich, wie sehr Allah bei Seinen eigenen Rechten die Rechte anderer berücksichtigt hat.

Um Allahs Recht zu erfüllen, müssen die Rechte der Menschen während des Jihad am stärksten geopfert werden, denn dann muss der Mensch sein eigenes Vermögen und Leben auf Allahs Weg hingeben und auch das Vermögen und Leben anderer opfern. Doch bereits zuvor wurde gesagt, dass es zum Grundsatz des Islam gehört, einen geringeren Schaden hinzunehmen, um einem größeren Schaden zu entgehen. Wenn man dies als Maßstab anlegt, wird verständlich, dass ein größerer Schaden als der Verlust einiger Hundert, einiger Tausend oder sogar einiger Hunderttausend Leben der Sieg der Lüge über die Wahrheit ist, die Niederlage von Allahs Din gegenüber Kufr, Shirk und Atheismus sowie die Ausbreitung von Irreführung und Sittenlosigkeit auf der Erde. Um diesem großen Schaden zu entgehen, hat Allah den Muslimen befohlen, den geringeren Verlust an Leben und Vermögen um Seines Wohlgefallens willen hinzunehmen. Zugleich wurde ihnen jedoch gesagt, dass nicht mehr Blut vergossen werden darf, als unvermeidlich ist. Es wurde verboten, alte Menschen, Kinder, Frauen, Verwundete und Kranke anzugreifen. Gekämpft werden darf nur gegen diejenigen, die zur Unterstützung der Lüge das Schwert erhoben haben. Es ist verboten, im Land des Feindes ohne Grund Zerstörung anzurichten, und nach dem Sieg ist ein gerechter Umgang mit dem Feind vorgeschrieben. Wenn mit dem Feind in einer Angelegenheit ein Vertrag geschlossen wurde, muss er eingehalten werden. Sobald sie von der Feindschaft gegen die Wahrheit ablassen, muss der Kampf beendet werden. Aus diesen Bestimmungen wird deutlich, dass es zur Erfüllung von Allahs Recht nicht als erlaubt gilt, mehr von den Menschenrechten zu opfern, als unvermeidlich ist.

Die eigenen Rechte

Nun wollen wir die zweite Art von Rechten erörtern, nämlich die Rechte des eigenen Körpers und der eigenen Seele.

Vielleicht werden viele darüber erstaunt sein, dass der Mensch, obwohl er alle anderen verschont, gerade sich selbst Unrecht zufügt. Das ist tatsächlich eine erstaunliche Aussage. Denn offensichtlich empfindet jeder Mensch, dass er sein eigenes Wesen am meisten liebt, und vermutlich würde niemand zugeben, dass er sich selbst feindlich gegenübersteht. Doch wenn man die Sache ein wenig bedenkt, wird jeder ihre Wahrheit erkennen können.

Eine große Schwäche des Menschen besteht darin, dass er zum Sklaven wird, sobald irgendeine sinnliche Begierde ihn überwältigt, und dass er, um diese Begierde zu befriedigen, wissentlich oder unwissentlich sich selbst großen Schaden zufügt. Man sieht, wie manche Menschen der Trunksucht verfallen: Sie laufen ihr besessen hinterher und nehmen den Schaden an ihrer Gesundheit, den Verlust ihres Vermögens, den Verlust ihres Ansehens – kurz gesagt, jeden Schaden – in Kauf. Ein anderer ist wiederum ein Vielfraß; er isst bedenkenlos jede Art von Nahrung und zerstört dadurch sein eigenes Leben. Ein dritter wird vielleicht zum Sklaven sexueller Begierde und befriedigt sein Verlangen fortwährend auf eine Weise, deren unausweichliche Folge sein eigener Untergang ist. Ein vierter strebt vielleicht nach geistiger Vervollkommnung: Er missachtet alle Bedürfnisse des Lebens, unterdrückt alle Wünsche seines Herzens, weigert sich, die Bedürfnisse des Körpers zu befriedigen, heiratet nicht, enthält sich des Essens und Trinkens, sieht keine Notwendigkeit, Kleidung zu tragen, ist sogar nicht bereit zu atmen und verbringt sein Leben in Wäldern, Dschungeln und Bergen; er meint, diese Welt sei nicht für ihn geschaffen. Ich habe lediglich zur Veranschaulichung einige Beispiele für Extremisten unter den Menschen angeführt. Unzählige Formen einer solchen extremistischen Haltung sehen wir Tag und Nacht um uns herum.

Das Ziel der islamischen Scharia ist das Wohlergehen des Menschen. Daher warnt sie den Menschen: „Du hast ein Recht auf dich selbst.“

Die Scharia hält den Menschen von allem fern, was ihm schadet, etwa von allen berauschenden Substanzen wie Wein, Palmwein und Opium. Die Scharia hat dem Menschen Schweinefleisch, das Fleisch wilder und giftiger Tiere, unreine Tiere, verendete Tiere und dergleichen verboten, weil diese Dinge äußerst schädliche Auswirkungen auf die Gesundheit, den Charakter, die geistigen Fähigkeiten und die seelische Kraft des Menschen haben. Stattdessen hat die Scharia dem Menschen reine und zuträgliche Dinge erlaubt und ihm aufgetragen, sich dieser reinen Nahrung nicht zu enthalten, denn er hat ein Recht auf seinen Körper.

Die Scharia hält ihn davon ab, nackt zu sein, und weist ihn an, die Kleidung zu tragen, die Allah zur Verschönerung seines Körpers vorgeschrieben hat, und die Körperteile zu bedecken, deren Entblößung als schamlos gilt.

Die Scharia hat ihm den Erwerb seines Lebensunterhalts vorgeschrieben und ihm geraten, nicht untätig sitzen zu bleiben, nicht um Almosen zu bitten und nicht vor Hunger zu sterben, sondern die Kräfte, die Allah ihm gegeben hat, zu nutzen und auf erlaubte Weise all die Mittel zu erlangen, die Er auf Erden und im Himmel zu seiner Versorgung und seinem Wohlbefinden geschaffen hat.

Die Scharia hat dem Menschen verboten, seine sinnlichen Begierden zu unterdrücken, und ihm geboten, zu heiraten, um seine Begierden auf erlaubte Weise zu erfüllen.

Die Scharia hat dem Menschen verboten, die Forderungen seiner Seele zu verleugnen, und ihm aufgetragen, sich nicht selbst den Genuss eines bequemen und angenehmen Lebens zu verbieten. Wenn er nach geistiger Vervollkommnung, der Nähe zu Allah und der Erlösung im Jenseits strebt, muss er deshalb nicht der Welt entsagen. Vielmehr soll er, während er in dieser Welt vollkommen und fest im weltlichen Leben verwurzelt ist, Allah gedenken, sich aus Furcht vor Seinem Ungehorsam davon fernhalten und Seinen festgelegten Gesetzen gehorchen. Dies ist der Weg zum vollständigen Erfolg in dieser Welt und im Jenseits.

Die Leugnung der Bedürfnisse der Seele ist in der Scharia verboten worden. Dem Menschen wurde darin aufgetragen, zu erkennen, dass sein Besitz und sein Leben Allahs Eigentum sind. Dieses anvertraute Gut wurde ihm gegeben, damit er es bis zu der von Allah bestimmten Zeit nutzt – nicht, damit er es missbraucht.

Die Rechte der Diener

Die Scharia hat einerseits angeordnet, die Rechte des menschlichen Körpers und der Seele zu erfüllen, andererseits aber die einschränkende Bedingung auferlegt, dass man bei der Erfüllung dieser Rechte keine Methode anwenden darf, durch die in die Rechte anderer eingegriffen wird; denn wenn man auf diese Weise die Bedürfnisse der eigenen Wünsche und Notwendigkeiten befriedigen will, wird auch die eigene Seele des Menschen verdorben und den anderen in jeder Hinsicht Schaden zugefügt. Darüber hinaus wurden Diebstahl, Raub, Bestechung, Betrug, Wucher, Fälschung und andere derartige Verfehlungen für haram erklärt, denn auch wenn der Einzelne durch diese Wege einen gewissen Gewinn erzielt, wird dieser in Wirklichkeit nur auf Kosten anderer erlangt. Lüge, üble Nachrede, Verleumdung und falsche Beschuldigungen wurden ebenfalls verboten, denn diese Handlungen sind für andere schädlich. Glücksspiel, Lotterien und dergleichen wurden für haram erklärt, weil dabei Einzelne auf Kosten des Schadens gewinnen, den Tausende von Menschen erleiden. Täuschung, betrügerische Geschäftstransaktionen und Geschäfte dieser Art wurden ebenfalls für haram erklärt, weil dabei mit Sicherheit die Möglichkeit besteht, dass eine bestimmte Partei geschädigt wird. Mord sowie Streit und Zank wurden verboten, denn niemand hat das Recht, um des Gewinns oder der Erfüllung eines persönlichen Wunsches willen einem anderen das Leben zu nehmen oder ihm Leid zuzufügen. Unzucht, Ehebruch und abnorme sexuelle Beziehungen wurden für haram erklärt, denn solche Handlungen schädigen einerseits die Gesundheit und den Charakter des Einzelnen; andererseits breiten sich dadurch im Körper der gesamten Gesellschaft Schamlosigkeit und Charakterlosigkeit aus, hässliche Krankheiten entstehen, die körperliche Gestalt wird entstellt, Streit und Zwietracht entstehen und die menschlichen Beziehungen werden deformiert. Vor allem aber werden dadurch die Bande der Zivilisation und Kultur der Nation zerrissen.

Damit der Mensch bei der Wahrnehmung seiner eigenen Rechte und der Rechte seines Geistes nicht die Rechte anderer zerstört, hat die islamische Scharia die oben genannten Kontrollmaßnahmen vorgesehen. Für den Fortschritt und das Wohlergehen der menschlichen Zivilisation reicht eine solche Regelung jedoch nicht aus, die lediglich verhindert, dass der Einzelne anderen Schaden zufügt; vielmehr ist es notwendig, zwischen den Menschen solche gegenseitigen Beziehungen zu schaffen, dass sie einander bei guten und nützlichen Handlungen unterstützen können. Zu diesem Zweck gebe ich hier lediglich eine kurze Darstellung der Gesetze, die die Scharia erlassen hat.

Die menschlichen Beziehungen beginnen mit der Familie. Daher wollen wir zuerst unsere Aufmerksamkeit darauf richten. Die Familie besteht aus Ehemann, Ehefrau und Kindern. Nach der islamischen Lebensordnung obliegt es den Männern, den Lebensunterhalt zu verdienen, die Bedürfnisse der Familie zu erfüllen und für den Schutz der Ehefrau sowie der Söhne und Töchter zu sorgen. Die Pflicht der Ehefrau besteht darin, mit dem Geld, das der Mann verdient und nach Hause bringt, den Haushalt in jeder Hinsicht zu führen, sich um das größtmögliche Wohlbefinden des Ehemanns und der Kinder zu bemühen und die Kinder zu erziehen. Die Pflicht der Kinder besteht darin, ihren Eltern zu gehorchen, ihnen mit Anstand zu begegnen und sie in ihrem Alter zu versorgen. Für eine ordnungsgemäße Führung der Familie hat der Islam eine besondere Regelung getroffen. Eine ihrer Bestimmungen ist, dass der Ehemann oder Vater zum Leiter und Oberhaupt des Hauses bestimmt wird; denn ebenso wie die Verwaltung einer Stadt ohne einen Leiter nicht ordnungsgemäß funktionieren kann und eine Schule ohne einen Schulleiter nicht geführt werden kann, kann auch die Familienführung ohne einen bestimmten Leiter nicht ordnungsgemäß funktionieren. In einer Familie, in der jeder nach seinem eigenen Willen handelt, werden zwangsläufig Unordnung und Misswirtschaft herrschen. Dort kann es weder Behaglichkeit noch Freude geben. Geht der Ehemann in die eine Richtung, wird die Ehefrau in die andere gehen, und ihre Kinder werden ins Verderben geraten. Um diese Unordnung zu beseitigen, ist es unerlässlich, dass jede Familie einen Leiter hat, und diese Aufgabe kann dem Mann übertragen werden, denn dieser Mann trägt die Verantwortung für die Versorgung und den Schutz der übrigen Bewohner des Hauses. Die zweite Regelung besteht darin, dass der Frau befohlen wurde, nachdem dem Mann die gesamte Last der äußeren Arbeiten auferlegt worden ist, das Haus nicht ohne Notwendigkeit zu verlassen. Sie wurde von den Arbeiten außerhalb des Hauses entlastet, damit sie in Ruhe ihre inneren Pflichten erfüllen kann und die Erziehung der Kinder nicht beeinträchtigt wird. Damit ist nicht gemeint, dass es Frauen grundsätzlich verboten sei, nach draußen zu gehen. Wenn es notwendig ist, dürfen sie hinausgehen; das Ziel der Scharia besteht jedoch darin, dass ihr eigentliches Pflichtfeld das Haus sein soll und ihre gesamte Kraft darauf verwendet werden soll, das häusliche Leben ordnungsgemäß und schön zu gestalten.

Durch Blutsverwandtschaft und eheliche Beziehungen erweitert sich die Familie. Um unter den Menschen, die innerhalb der Familie miteinander verbunden sind, geordnete Beziehungen zu bewahren und sie zu gegenseitigen Helfern zu machen, hat die Scharia verschiedene weise Regelungen festgelegt. Einige dieser Regelungen sollen hier beschrieben werden:

Erstens: Die Eheschließung zwischen Männern und Frauen, die von Natur aus in engster Verbindung miteinander leben müssen, wurde für haram erklärt, zum Beispiel zwischen Mutter und Sohn, Vater und Tochter, Stiefvater und der von dessen früherem Ehemann gezeugten Tochter seiner Ehefrau (Stieftochter), Stiefmutter und Stiefsohn, Bruder und Schwester, Onkel väterlicherseits und Nichte, Tante väterlicherseits und Neffe, Onkel mütterlicherseits und Nichte, Tante mütterlicherseits und Neffe, Schwiegermutter und Schwiegersohn sowie Schwiegervater und Schwiegertochter. Zu den zahlreichen Wohltaten des Verbots dieser ehelichen Beziehungen gehört, dass die gegenseitigen Beziehungen dieser Männer und Frauen äußerst rein bleiben und sie sich in aufrichtiger Zuneigung ungehindert miteinander vermischen können.

Zweitens: Die eheliche Beziehung zwischen den übrigen verwandten Frauen und Männern außerhalb der oben genannten verbotenen Beziehungen wurde erlaubt, damit ihre gegenseitige Beziehung noch stärker werden kann. Unter Menschen, die mit dem Wesen und Verhalten des jeweils anderen vertraut sind, sind eheliche Beziehungen erfolgreicher. Beziehungen zwischen unbekannten Familien führen in vielen Fällen zu Verbitterung. Daher legt der Islam ehelichen Beziehungen zwischen verwandten Familien größeren Wert bei als solchen zwischen unbekannten Familien.

Drittens: Unter den miteinander verwandten Familien gibt es Menschen jeder Art – Arme und Reiche, Wohlhabende und Bedürftige. Nach der islamischen Ordnung hat jeder Mensch gegenüber seinen Verwandten die größten Pflichten und Ansprüche. In der Terminologie der Scharia wird dies „Silat ar-Rahim“ genannt, und die Scharia legt darauf besonderen Nachdruck. Untreue gegenüber den Verwandten (undankbares Verhalten) wird „Qat’ ar-Rahim“ genannt und gilt im Islam als schwere Sünde. Wenn ein naher Verwandter arm wird oder in Schwierigkeiten gerät, ist es die Pflicht des wohlhabenden Verwandten, ihm zu helfen. Auch bei Sadaqa und Almosen werden insbesondere die Ansprüche der Verwandten anerkannt.

Viertens: Auch die Gesetze zum Erbrecht sind so kodifiziert worden, dass das Vermögen eines Menschen, wenn er stirbt und etwas hinterlässt – sei es wenig oder viel –, nicht an einer einzigen Stelle konzentriert bleibt, sondern seine Verwandten daraus unterschiedlich große Anteile erhalten. Söhne, Töchter, Ehefrauen, Ehemänner, Mütter, Väter, Brüder und Schwestern sind die nächsten Angehörigen eines Menschen. Daher wurden ihre Anteile beim Erbe zuerst festgelegt. Sind sie nicht vorhanden, erhält derjenige Anteil, der unter den übrigen Verwandten der nächste ist. So wird das von einem Menschen nach seinem Tod hinterlassene Vermögen unter zahlreichen Verwandten aufgeteilt. Dieses Gesetz des Islam ist in der Welt ohnegleichen, und heute folgen auch andere Völker ihm; doch leider verstoßen Muslime aus eigener Unwissenheit und Unvernunft vielerorts gegen dieses Gesetz. Besonders die Sitte, Frauen ihren zustehenden Anteil vorzuenthalten, hat sich in Bangladesch und Hindustan stark verbreitet, obwohl dies ein großes Unrecht und ein Verstoß gegen die eindeutige Anweisung des Korans ist.

Nach der Familie entstehen die Beziehungen des Menschen zu seinen Freunden, Nachbarn, den Bewohnern derselben Stadt oder desselben Dorfes und den Bewohnern seines Viertels, mit denen er in irgendeiner Weise geschäftlich oder gemeinschaftlich zu tun hat. Nach den Vorschriften des Islam muss man mit ihnen allen wahrhaftig, gerecht und ehrlich umgehen; niemandem darf man Leid zufügen und niemandes Herz darf man verletzen. Man muss sich von Obszönität und üblen Worten fernhalten. Man muss einander helfen. Man muss Kranke pflegen und, wenn jemand stirbt, an seinem Totengebet teilnehmen. Wenn jemand von einem Unglück betroffen ist, muss man ihm Mitgefühl zeigen. Armen Bittstellern und hilflosen Menschen muss man heimlich helfen. Waisen und Witwen muss man betreuen. Dem Hungrigen muss man Nahrung reichen, dem Unbekleideten Kleidung geben und Arbeitslosen bei der Suche nach einer Beschäftigung helfen. Wenn Allah einem Reichtum gegeben hat, darf man ihn nicht für den eigenen Luxus und Komfort verschwenden. Das Verbot, goldene und silberne Gefäße und Schmuck zu verwenden, seidene Kleidung zu tragen sowie Geld für eigene Zerstreuungen und sinnlosen Luxus zu verschwenden, beruht auf dem islamischen Grundsatz, dass niemand das Geld, mit dem der Lebensunterhalt von Tausenden von Allahs Dienern bestritten werden könnte, ausschließlich für den eigenen Komfort ausgeben soll. Geld, mit dem der Lebensunterhalt vieler Menschen hätte gesichert werden können, als Schmuck am Körper eines Einzelnen zu hängen, als kostbares Gefäß auf seinem Tisch zu prangen, als wertvoller Teppich in seinem Haus zu liegen oder im Feuer zu verbrennen – das ist eine Form von Unrecht. Der Islam will niemandem seinen Besitz wegnehmen. Was jemand erwirbt oder durch Erbschaft erhält, bleibt sein Eigentum. Der Islam gewährt jedem das volle Recht, seinen eigenen Besitz zu genießen. Auch dass die von Allah gewährten Gaben sich in seiner Kleidung, seinem Haus und außerhalb davon zeigen, ist im Islam erlaubt. Das Ziel der islamischen Lehre ist jedoch, dass jeder ein einfaches, bescheidenes und maßvolles Leben führt, seine Bedürfnisse nicht ins Grenzenlose steigert und neben sich selbst auch die Rechte seiner Freunde, Angehörigen, Nachbarn, Landsleute, der übrigen Angehörigen der Gemeinschaft und der Allgemeinheit berücksichtigt.

Nachdem wir diesen engeren Bereich überschritten haben, wollen wir nun den größeren Bereich betrachten. Dieser größere Bereich umfasst die Muslime der ganzen Welt. Für ihn hat der Islam solche Gesetze und Vorschriften festgelegt, durch die die Muslime einander beim Wohlergehen unterstützen können und die Wege, auf denen unter ihnen Unrecht entstehen kann, möglichst versperrt werden. Beispielsweise möchte ich hier auf einige davon hinweisen.

Erstens: Zur Bewahrung des nationalen Charakters wurde vorgeschrieben, dass Frauen und Männer, zwischen denen keine Ehebeziehung verboten ist, nicht ungezwungen miteinander verkehren sollen. Frauen sollen einen eigenen gesellschaftlichen Lebensbereich haben und Männer ebenfalls einen eigenen. Frauen sollen sich vor allem den Pflichten des häuslichen Lebens widmen. Wenn sie hinausgehen müssen, sollen sie nicht herausgeputzt hinausgehen, sondern in schlichter Kleidung und den ganzen Körper gut bedeckt. Wenn sich eine zwingende Notwendigkeit ergibt, Gesicht und Hände unbedeckt zu lassen, sollen sie dies nur tun, um diese Notwendigkeit zu erfüllen. Zugleich wurde den Männern befohlen, ihren Blick gegenüber fremden Frauen zu zügeln. Wenn ihnen plötzlich eine Frau ins Blickfeld gerät, sollen sie den Blick abwenden. Der Versuch, sie ein zweites Mal anzusehen, ist unrecht, und der Versuch, mit ihr Bekanntschaft zu schließen, ist noch unrechtmäßiger. Jeder Mann und jede Frau hat die Pflicht, den eigenen Charakter zu bewahren, die Grenzen der Ehe, die Allah zur Befriedigung des natürlichen Verlangens vorgeschrieben hat, nicht zu überschreiten und keinen solchen Wunsch im Herzen zu hegen.

Zweitens: Ebenfalls zur Bewahrung des nationalen Charakters wurde vorgeschrieben, dass kein Mann den Bereich zwischen Knien und Nabel und keine Frau vor irgendeiner Person außer ihrem Ehemann einen anderen Körperteil als Gesicht und Hände unbedeckt zeigen darf, wie nah diese Person ihr auch verwandt sein mag. In der Terminologie der Scharia wird dies als ʿAwra bezeichnet, und diesen Körperbereich zu bedecken ist für Männer und Frauen gleichermaßen verpflichtend. Das Ziel des Islam ist es, im Menschen Schamhaftigkeit zu wecken und die Verbreitung von Schamlosigkeit zu verhindern, deren Folge Charakterlosigkeit sein kann.

Drittens: Der Islam billigt keine Formen der Freizeitunterhaltung und des Vergnügens, durch die der Charakter verfällt, schlechte Wünsche entstehen und Zeit, Gesundheit und Geld verschwendet werden. Freizeitunterhaltung ist zweifellos notwendig, um die Lebenskraft des Menschen zu beleben und ihn zu Tätigkeit anzuspornen; doch sie muss so beschaffen sein, dass sie die Seele erfrischt und das Herz nicht noch stärker verdirbt und herabsetzt. Wenn sich Tausende von Menschen versammeln und ihre Zeit damit vergeuden, die Untaten und schamlosen Verhaltensweisen erfundener Übeltäter zu besprechen, mag dies zunächst unterhaltsam sein, doch dadurch werden der nationale Charakter und die Wesensart verdorben.

Viertens: Zur nationalen Einheit und zum Wohlergehen werden die Muslime ermahnt, sich vor Streit untereinander zu hüten, die Bildung verschiedener Gruppen zu vermeiden und, wenn in einer Angelegenheit Meinungsverschiedenheiten entstehen, mit aufrichtiger Absicht zu versuchen, sie anhand des Korans und der Hadithe zu klären. Wenn auch dadurch keine Einigung erzielt wird, sollen sie nicht gegeneinander kämpfen, sondern die Entscheidung darüber Allah überlassen. Bei Arbeiten zum Wohle der Gemeinschaft sollen sie einander unterstützen, den führenden Persönlichkeiten des Volkes gehorchen, sich von den Urhebern von Streit fernhalten, ihre eigene Tatkraft nicht durch gegenseitige Kämpfe vergeuden und keine Schande über die Gemeinschaft bringen.

Fünftens: Den Muslimen ist es uneingeschränkt erlaubt, von nichtmuslimischen Völkern Wissen und Wissenschaft zu erwerben und ihre praktische Anwendung zu erlernen; ihnen ist jedoch verboten, sie in ihrer Lebensweise nachzuahmen. Ein Volk ahmt ein anderes nur dann nach, wenn es seine eigene Minderwertigkeit und Schwäche erkennt. Dies ist die niedrigste Stufe der Knechtschaft. Es ist die offenkundige Erklärung des eigenen Niedergangs und der eigenen Niederlage, und als letzte Folge davon geht die Kultur des nachahmenden Volkes zugrunde. Aus diesem Grund hat der ehrwürdige Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, die Nachahmung der Lebensweise anderer Völker streng verboten. Selbst ein Mensch mit gesundem Menschenverstand kann verstehen, dass die Stärke eines Volkes nicht aus seiner Kleidung oder seiner Lebensweise hervorgeht, sondern aus seinem Wissen, seiner Disziplin und seinem Tatendrang. Wenn man Stärke erlangen will, muss man das annehmen, wodurch andere Völker Stärke erlangt haben. Man darf jedoch nichts von dem annehmen, wodurch Völker in die Knechtschaft geraten und schließlich in einem anderen Volk aufgehen und ihre eigene nationale Existenz verlieren.

Im Umgang mit Nichtmuslimen wird den Muslimen weder Intoleranz noch Engstirnigkeit gelehrt. Es ist verboten, ihre religiösen Führer zu verleumden oder ihre Religion zu beleidigen. Es ist ihnen untersagt, mit ihnen nutzlose Streitigkeiten zu führen. Wenn sie mit uns friedliche und auf Ausgleich gerichtete Beziehungen pflegen und nicht in unsere Rechte eingreifen, sind auch wir angewiesen, mit ihnen Frieden zu halten, freundschaftliche Beziehungen zu unterhalten und gerecht mit ihnen umzugehen. Die islamische Scharia verlangt von uns, dass wir auf alle zugehen und ihnen menschliches Mitgefühl und gutes Benehmen entgegenbringen. Schlechtes Benehmen, Unterdrückung und Engstirnigkeit widersprechen der Würde der Muslime. Der Muslim wurde in diese Welt gesandt, damit er das vorzüglichste Vorbild an vollkommener, schöner Charakterbildung, Edelmut und Aufrichtigkeit sei und durch seine eigenen Grundsätze die Herzen anderer Völker gewinne.

Die Rechte der Geschöpfe Allahs

Nun will ich kurz über das vierte Recht sprechen. Allah hat dem Menschen die Verfügungsgewalt über Seine zahllosen Geschöpfe verliehen. Der Mensch hat sie durch seine eigenen Kräfte unterworfen, nutzt sie und zieht daraus Nutzen. Als bestes Geschöpf Allahs wurde ihm umfassende Verfügung über sie gewährt. Zugleich haben sie Rechte gegenüber dem Menschen, nämlich dass er sie nicht sinnlos missbraucht, ihnen nicht ohne Not schadet und sie nicht verletzt. Er soll ihnen nur in dem Maß Schaden zufügen, wie es zu seinem eigenen Nutzen unbedingt erforderlich ist, und sie auf die bestmögliche Weise gebrauchen.

Die Scharia hat hierzu zahlreiche Bestimmungen erlassen. Beispielsweise ist es erlaubt, Tiere zu töten, um sich vor ihrem Schaden zu schützen oder sie als Nahrung zu verwenden; es ist jedoch verboten, sie ohne Not zum Spiel oder zur Unterhaltung zu töten. Für das Töten eines Tieres zur Gewinnung von Nahrung wurde die Methode der rituellen Schlachtung festgelegt. Dies ist die beste Methode, um das hochwertigste Fleisch eines Tieres zu erhalten. Andere Methoden sind zwar schmerzhaft, führen aber zur Verschwendung wertvoller Bestandteile des Fleisches. Die übrigen Methoden, durch die sich die nützlichen Bestandteile des Fleisches erhalten lassen, sind noch schmerzhafter als die rituelle Schlachtung. Der Islam will beide Arten vermeiden. Im Islam gilt es als äußerst verwerflich (makruh), ein Tier unter Schmerzen und grausam zu töten. Giftige und räuberische Tiere dürfen getötet werden, weil das menschliche Leben wertvoller ist als ihr Leben; es ist jedoch nicht erlaubt, sie unter Schmerzen zu töten.

Es ist verboten, Nutz- und Lasttiere hungern zu lassen, ihnen übermäßige Arbeit abzuverlangen und sie grausam zu schlagen. Auch das Fangen von Vögeln und ihre Haltung in Käfigen gilt als makruh. Ganz zu schweigen von Tieren: Selbst das Fällen von Bäumen und Sträuchern ohne Not wird im Islam nicht gebilligt. Jeder darf ihre Früchte und Blüten genießen; niemand hat jedoch das Recht, sie zu verderben. Auch Bäume und Sträucher besitzen Leben; der Islam erlaubt keine sinnlose Verschwendung, nicht einmal bei leblosen Dingen. Sogar übermäßiger Wasserverbrauch ist verboten worden.

Eine universelle und dauerhafte Ordnung

Dies ist eine zusammengefasste Darstellung der von Allah durch den ehrwürdigen Muhammad, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, für die ganze Welt und für alle Zeiten gesandten Scharia. Abgesehen von einigen Angelegenheiten in Bezug auf religiöse Glaubensüberzeugungen und religiöse Programme gibt es in dieser Scharia keinen Unterschied zwischen den verschiedenen Menschen. Glaubensrichtungen und Rechtsordnungen, die aufgrund von Abstammung, Land und Hautfarbe Unterschiede zwischen den Menschen schaffen, können niemals universell sein; denn ein Angehöriger eines Volkes kann nicht als Angehöriger eines anderen Volkes gelten, und die Menschen der ganzen Welt können sich nicht in nur einem einzigen Land niederlassen. Außerdem können die schwarze Hautfarbe der Menschen aus Abessinien, die gelbe Hautfarbe der Chinesen und die weiße Hautfarbe der Europäer nicht verändert werden. Deshalb müssen solche Religionen und Gesellschaftsordnungen auf ein bestimmtes Volk begrenzt bleiben. Im Gegensatz zu diesen Religionen und Gesellschaftsordnungen ist die islamische Scharia eine universelle Ordnung. Jeder Mensch, der an das Glaubensbekenntnis „Lā ilāha illā llāh, Muḥammadun rasūlu llāh“ glaubt, kann mit allen Rechten in die Gemeinschaft der Muslime eintreten; dort gibt es keinerlei Unterschiede aufgrund von Volkszugehörigkeit, Sprache, Land oder Hautfarbe.

Darüber hinaus ist diese Scharia eine ewige Ordnung. Ihre Gesetze sind nicht auf den in einem bestimmten Volk und in einer bestimmten Epoche geltenden Bräuchen und Traditionen aufgebaut, sondern diese Scharia ist auf dem Fundament der Grundsätze jener Natur errichtet, auf deren Grundlage der Mensch erschaffen wurde. Da diese menschliche Natur zu allen Zeiten und unter allen Umständen fortbesteht, werden auch die auf ihren Grundsätzen errichteten Gesetze zu allen Zeiten und unter allen Umständen gleichermaßen Bestand haben.

— Ende —